Henrich Steffens Was ich erlebte Henrich Steffens. Gemälde von C. A. Lorentzen Vorwort des Herausgebers Wir sind es gewohnt, die Wende des achtzehnten Jahrhunderts als die Zeit zu erfassen und zu lieben, in der Goethe und Schiller, Novalis und Hölderlin, Kleist und Jean Paul den deutschen Geist wie auf Flügeln in die Gefilde der Unendlichkeit erhoben. Als die gültigen und bleibenden Zeugnisse einer mächtigen geistigen Bewegung sehen wir ihre Schöpfungen, verbunden mit denen vieler anderer, in die Geschichte eingegangen, während sich die großen zeitgeschichtlichen Gärungen und Entwicklungen, die im einzelnen das Gesicht der Epoche bildeten, meistens vor unseren Blicken verschleiern. Die leuchtenden Gedanken in der Philosophie und Wissenschaft dieser Zeit, die Werke der Künste und der Dichtung beschäftigen uns Heutige aber weniger deshalb, weil ein einmalig Gewordenes, das unsere Erkenntnis reizte, als weil ein Bleibendes in ihnen hervortritt, das unser Leben mitumschließt: die bei gewaltigen Erschütterungen zutage tretende Gemeinkraft unseres Volkes; wir suchen diese als Verbindung von geistigem Erkennen, künstlerischem Schaffen und politisch-staatlichem Wirken gerade in der Epoche unserer Geschichte, die nicht nur wir, sondern alle Völker neben uns als vorbildliche Leistung der deutschen Seele ansehen. Menschen von einem unheimlich entwickelten Spürsinn haben oft eine nicht minder großartige Bedeutung als jene schöpferischen Genien. Der Beobachter eines Zeitalters in allen seinen Erscheinungen und Verflechtungen kann selber Zeugnis seiner Größe werden, wenn die Erschütterungen des Grundes, die Strömungen des Geistes unabgelenkt durch ihn hindurchfluten und in seinem Innern auf ein von der Natur mit der feinsten Zartheit für das Aufnehmen der Schwingungen ausgestattetes Gemüt treffen. Es bildet sich dann in ihm ein besonderes Kraftfeld, gemischt aus eigener Gestaltung des Erfahrenen und aus genauer Beobachtung; und es bedeutet für die Spätergeborenen gleichermaßen etwas als Vermächtnis einer geistig großartigen Epoche, wie eines in Aufnahme, Ablehnung, Unterscheidung und Bewahrung geübten Herzens. Henrich Steffens' (1773–1845) selbstgeschriebene Erfahrungshinterlassenschaft »Was ich erlebte« (1840–1843 erstmalig in zehn Bänden erschienen) zeigt in einem beispielhaften Grade und Umfange diese Eigenschaften. Abseits von dem Schauplatz der eigentlichen geistigen Schlachten des achtzehnten Jahrhunderts geboren, in Norwegen, aber als Sohn eines Holsteiners, kam er mit naturwüchsiger Bereitschaft und voll glühender Erwartung nach Deutschland. Er wurde nicht enttäuscht. Schon mit dreiundzwanzig Jahren Dozent für Naturgeschichte an der Universität in Kiel, später in Jena, Halle, Breslau und Berlin, wurde er Schüler des bedeutenden Geologen Werner und einer der treuesten Jünger Schellings und erarbeitete sich mit unverbildetem Sinn für die Einsgestalt in der Natur und mit christlichem Willen, alles Geschaffene als Ausfluß eines ewigen Formgesetzes zu verehren, eine Ansicht über Natur und Mensch, die er in seinen beiden Hauptwerken, den »Grundzügen der philosophischen Naturwissenschaft« (1806) und der »Anthropologie« (1822), niederlegte. Hierin verband sich als gültiger Beweis für deren Gleichgerichtetheit Gefühlschristentum mit den spekulativen Kräften des deutschen Idealismus. Wir betrachten diese Werke als Zeugnisse einer in wunderbarer Weise auf eine Alldurchdringung des Kosmos mit sämtlichen Seelen- und Vernunftkräften vorbereiteten und von Bildungsmächten weitergeleiteten Seele – sie haben aber Steffens' Erdenleben nicht aus den mancher seiner Zeitgenossen herausgehoben. Das Besondere an ihm ist vielmehr seine Glücksgöttin, die ihn wirklich das Geistige mit dem Politischen, das Spekulative mit dem Kämpferischen zusammenwerfen und in eins erfahren ließ: sein mitreißender Einsatz in den Befreiungskriegen 1813 und 1814, sein soldatisches Gewissen, das ihn für die geliebte Sache, für die Existenz des von ihm verfochtenen Geistes auch das Schwert schärfen und es schließlich selbst ergreifen ließ. Im Märzmonat 1813 stand Steffens als preußischer Universitätslehrer in Breslau vor seinen Zuhörern und hielt jene entflammende Rede an die herbeiströmende Jugend, die ihres unmißverständlichen Charakters wegen die Demarche des französischen Gesandten bei dem Staatskanzler von Hardenberg veranlaßte. Wenige Tage darauf wurde der »Aufruf an mein Volk« erlassen. Es mag zu Recht oder zu Unrecht geschehen sein, daß Steffens' rednerische Tat in dem Strudel der in der Folge eintretenden gewaltigeren Ereignisse untertauchte und nicht die von ihm erhoffte Rühmung fand; wie dem auch sei: Zeichen wie die Verleihung des Eisernen Kreuzes sprechen dafür, daß Friedrich Wilhelm III. eine Dankesschuld begleichen wollte, die ihm am Herzen lag. Jedenfalls gehört Steffens in eine Reihe mit Stein, Scharnhorst, Blücher und Gneisenau, hat er doch, wenn auch nicht gradmäßig, so doch artmäßig in der gleichen Weise für Preußen-Deutschland unter vollem Einsatz der Person gekämpft. Die Romantik von Jena, die nationale Erneuerung Preußens und die Kämpfe um eine religiös begründete Staatsauffassung nach dem Kriege sind die entscheidenden geistigen Wesenheiten, die Steffens miterlebte, in sich aufnahm und mit dem wunderbar zarten und zugleich bestimmten Instrument seiner Sprache der Nachwelt übermittelte. Die politischen Begebenheiten in den Freiheitskriegen wirken in der Steffensschen Schilderung – und diese Erkenntnis macht sie so besonders wertvoll – als eine der Einwirkung von Seiten eines mächtigen Feindes wie einer vorübergehenden Lähmung im Inneren still und unablässig vom Grunde her entgegenwirkende Bewegung eines im Metaphysischen verankerten Volkskörpers, dessen Zukunft ständig von geistigen Impulsen angestoßen und gestaltet wird. Sinnbildliche Namen hierfür sind in Steffens' Rückschau Gneisenau, Stein, Schleiermacher, Wilhelm von Humboldt, Scharnhorst und Blücher; sie stellen die nach außen erkennbaren, in die Breite wirkenden gleichen Entladungen jener völkischen Energie dar, die sich, ins Innere gewendet, in Goethe, Fichte und Schelling anschickte, die Weltherrschaft für den deutschen Geist zu erobern. Denn alle Taten der Führer und Helden als ein geistig Gemeinsames mit denen der Dichter und Denker zu sehen, blieb dieser rein gestimmten Seele ein unumstößliches Erleben. Der Greis schrieb seinen Lebensrückblick am Ende seines Lebens; er bedauerte es, daß sich kein großes welthaltiges Gedicht wie etwa Dantes Commedia aus ihm heraus hatte vollenden wollen; Steffens hat aber – so scheint es uns heute – die ihm von der Natur gestellte Aufgabe nicht besser erledigen können als mit Hilfe seines durch die Strenge des Philosophen auf das Zusammenschauen eingestellten Blickes, der uns in seinem Vermächtnis die eindrucksstärkste Bildersammlung aus einer großartigen Epoche der deutschen Geschichte geschenkt hat. Aus der Art des Gegenstandes ergab sich für den Herausgeber die besondere Verpflichtung, das Werk »Was ich erlebte« in der Anlage als Ganzes zu erhalten, aber das aus ihm auszuscheiden, was unter der veränderten Blicklage zu sehr auf Einzelheiten eingeht oder ein durch die Geschichte bewiesenes irriges Urteil des Verfassers verrät. Die zehn Bände des ursprünglichen Werkes wurden insofern als Einheit in sich erhalten, als sie von dem Herausgeber gleichsam komprimiert und mit überleitendem (im Satz unterschiedenem) Bericht versehen wurden, so daß der Fluß des Steffensschen Lebens gewahrt blieb und der Leser ohne Unterbrechungen dem Gang der Geistes- und Wissenschaftsgeschichte in Deutschland von den achtziger Jahren des achtzehnten Jahrhunderts bis zur Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. und ihren wesentlichen politischen Zeitgeschehnissen folgen kann. Vor allem sind die geistigen Grundrichtungen des Mannes und des Werkes rein mitgeteilt. Willi A. Koch Erste Jugendzeit in Norwegen und Helsingör Wenn man auf dem rechten Ufer der Elbe, an jener Stelle, wo ihre Mündung sich zum Meere weitet, von Brunsbüttelkoog aus zwei Stunden ostwärts durch Heiden und Marschen wandert, kommt man in das kleine Städtchen Wilster. Darin lebte in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts der ehr- und achtbare Bürger und Branntweinbrenner Hinrich Steffens. Der hatte das Unglück, daß sein Vater ein reicher Kaufmann in derselben Stadt gewesen, dem man einstens sein Silbergerät körbeweis aus dem Hause weggetragen hatte, weil er trotz seines Reichtums bankrott gemacht. Der einzige Sohn dieses verarmten Kaufmanns hatte daraufhin in der Heimatstadt keinerlei Zukunft mehr für sich ersehen können und war aus niedersächsischem Mut, Stolz, Scham und Ehrgefühl nach der holländischen Kolonie Surinam ausgewandert. Dort brachte er es zwar zu Arbeit und Verdienst und nach einiger Zeit auch zu dem Ehebunde mit der holländischen Mejuffrouw van Leuwen; aber der Halt in dem heißen Lande Südamerikas war nicht fest. Der bald eingetretene Tod der Frau und die Sehnsucht nach Holstein bewogen ihn, noch ehe es ihm gelungen, ein wirkliches Vermögen zu erwerben, mit seinem Sohn Hinrich wieder nach Wilster zurückzukehren. Dort widmete er sich dann der ehrenwerten und achtbaren Hantierung der Branntweinbrennerei. Hinrich der Sohn hatte Lust, Eifer und Talente. Es war die Zeit, da man sich von einem scheinbar geringen und kümmerlichen Handwerk als Chirurg zu einer geachteten Stellung emporarbeiten konnte. Hinrich ging diesen Weg. Er brachte es bald zum Kompaniearzte bei den Truppen des dänischen Königs, der seit den zwanziger Jahren seine Hand auch auf die holsteinischen Besitztümer des Herzogs von Gottorp gelegt hatte und nun zu Norwegen und Dänemark alles Land bis nach Lauenburg an der Elbe besaß. Da ihn die dänische Kompanie aber bald nicht mehr brauchte, weil der Friede glücklich dem Lande erhalten geblieben war, kehrte Hinrich nicht mehr nach Wilster zurück, sondern ging nach Kopenhagen. Er verwandte sein kleines Vermögen auf seine weitere Ausbildung. Die klassischen Werke der Mediziner und der Chirurgen kaufte er sich und studierte sie; er las auch die Bücher der Physiker und der Philosophen und, weil er ein aufgeschlossener und geselliger Mensch war, auch die Dichter, die von der Strömung der bildungsbeflissenen Aufklärung damals nach dem Norden getragen wurden. Das große alte botanische Foliowerk – Tabermontani Kräuterbuch – mit seinen ungefügen Holzschnitten stand auf seinem Bücherbord, und er kannte genau und studierte mit besonderem Fleiße Krügers Naturlehre, die eingehend von des Engländers Isaac Newton Gravitationslehre unterrichtete. Aber auch des Leipziger Fabeldichters Gellert Poesien las er und des berühmten Schweizer Arztes Albrecht von Haller beschreibende Lehrgedichte und moralisierende Verse. Und er besaß auch des großen Klopstock gepriesenes Lobgedicht auf den göttlichen Erlöser und seine gefühlsseligen Oden. Und dazu die galanten Chansons des Hamburger gelehrten Kaufherrn Friedrich von Hagedorn. Diese Junggesellenzeit war wohl die bequemste im Leben des Amtsarztes Hinrich Steffens. Bald holte er sich aus Odsherred, einer fruchtbaren Gegend im nordöstlichen Seeland, aus einer der angesehensten Familien des Landes, von dem Gutsbesitzer Bang, die Tochter als Frau in sein Haus. Jetzt mußten die nicht sehr großen Einkünfte für alltäglichere und praktischere Dinge verwendet werden als für die Vergrößerung der Bibliothek. Die beiden blieben nicht lange allein; bald stellte sich das erste Kind ein, ein Mädchen; es starb aber kurz nach der Geburt. Und als darauf ein Söhnchen geboren wurde und der Bezirksarzt Steffens bei der Regierung Ansehen gewann, erhielt er seine Versetzung nach Stavanger. Das ist auf der Landkarte die Nasenspitze des in die Nordsee hineinspringenden Tigers Skandinavien. Dort bekam das Paar am 2. Mai 1773 seinen zweiten Sohn. Die Eltern nannten ihn Henrich; so hieß der Vater, der an der Wiege stand; so hieß des Vaters Vater, der aus Surinam nach Wilster heimgekehrt war, und so hatte auch der Urgroßvater geheißen, der Kaufmann und reich gewesen war. Jetzt wurde wiederum ein Abkömmling der Familie Steffens auf den Namen Henrich getauft; und der sollte einmal den Namen berühmt machen. Der Meerbusen, an dessen Ufer die Stadt Stavanger zwischen nackten Felsen liegt, und die Inseln in der Nähe des Strandes waren in altersgrauer Zeit Schauplätze bedeutender Taten nordischer Helden. Als die Eltern diesen Ort wieder verlassen mußten und noch weiter nordwärts, nach Trondheim zogen, war der kleine Henrich vier Jahre alt. Aus ihrem Hause, das offen nach dem Trondheimer Fjord zu lag, hatten die Geschwister Steffens – zwei Brüder und zwei Schwestern waren noch zu den beiden ältesten Jungen dazugekommen – einen guten Blick auf die alte Inselfestung Munkholmen. Und wenn sie durch die Stadt gingen, so trafen sie auf die Olufskirche, in der Norwegens Könige seit alters gekrönt worden waren, und gespenstisch tauchten die alten dicken Mauern mit den dunklen Fenstern der Kirche vor den Blicken der Kinder auf. Im Jahre 1779 wurde der Vater nach Helsingör versetzt. Hier, am schmalen Sunde, der Seeland von Schweden trennt, begann für die beiden Ältesten das bewußte Erleben. Wenn die Knaben nicht in der dürftigen Stube sitzen mußten, die sich öffentliche Schule nannte und in der ein griesgrämiger und ungeduldiger Alter ihnen mürrisch ein paar Deklinationsübungen beibrachte, dann lag die weite Welt der See vor ihren Augen. Wilde Fischerbuben waren ihre Spielgenossen. Es wurde gebadet und geschwommen, Klagen über körperliche Mißhandlungen durch andere Jungen wurden nicht angenommen, Vater Steffens wollte Kameradschaft mit den Kindern der anderen Stände in Sonne, Luft und Wasser. Er war ein Bewunderer des Franzosen Jean Jacques Rousseau und seiner freien, naturwüchsigen Erziehung. Das hinderte aber nicht, daß kleine Unarten mit schmerzhaften Züchtigungen geahndet wurden. Leider wurden die Eltern mit den Jahren bedrückt. Die Praxis des Vaters warf kaum den hinlänglichen Verdienst für Ernährung und Kleidung der kinderreichen Familie ab. Und wenn sich der Vater durch die angesehene Familie seiner Frau einmal zurückgesetzt oder vernachlässigt glaubte, konnte er in einer vorübergehenden gereizten Stimmung Wohl auch die Mutter kränken. Doch wurde das herrschende liebevolle Verhältnis bald wiederhergestellt. Helsingör hatte damals keinen Hafen, alle Schiffe mußten auf der offenen Reede ankern. Durch die Meerenge des Mittelländischen Meeres mag eine viel größere Anzahl Schiffe durchgehen, aber Gibraltar und Ceuta liegen vier Meilen auseinander, und die durchgehenden Schiffe verlieren sich in diesen weiten Räumen. Der Sund ist nur eine halbe Meile breit, nach Schweden zu seicht, so daß die durchgehenden Schiffe genötigt sind, sich näher an das seeländische Ufer zu halten. Hier, nicht dichtgedrängt, wie in den großen Häfen von Bordeaux und Marseille, oder auf der Themse bei London, auf der Elbe bei Hamburg, vielmehr in freien Räumen ankernd, liegen sie da. Jenseits erheben sich die hohen Ufer der schwedischen Küste. Gegen Südwesten liegt frei und stolz die Insel Hven, jener berühmte Sitz des unsterblichen Tycho Brahe mit den Ruinen des Schlosses und des Observatoriums Uranienburg. Ein schöner ruhiger Sommertag schenkte uns von unsern Fenstern aus einen reizenden Anblick. Die Sonne erhob sich des Morgens über die schwedischen Hügel; Helsingborg Die auf dem gegenüberliegenden Ufer des Sundes liegende schwedische Stadt. lag dann, obwohl die Häuser erkennbar, doch im Dunkeln. Die Sonne spielte auf den leichtbewegten Wellen; gerade vor uns ankerte in majestätischer Ruhe die Königliche Fregatte als Wachtschiff, die Masten ragten stolz in die Höhe, der lange schmale Wimpel hing von dem mittlern größten Mast herunter; die dänische Flagge fiel in Falten um die Stange. Wir erkannten die Matrosen, die sich auf dem Verdeck bewegten. Rund um dieses Wachtschiff herum lagen Schiffe jeder Größe und aller Völker ebenso ruhig auf der wenig bewegten Wasserfläche; der durchsichtige Morgenduft warf einen leichten Schleier über das Ganze. Allmählich regte sich auf allen Schiffen Mannschaft, es war eine Stille, eine verhängnisvolle Ruhe, die das mannigfaltigste Leben zauberhaft festhielt und band. Dann tönten von allen Schiffen die Morgenglocken und mittendrin ließ sich der Kanonendonner der Königlichen Fregatte als Morgengruß hören. Wir sahen den Blitz früher, als wir den Schuß hörten; der Rauch drängte sich hervor, bog sich teilweise in kreisförmigen Ringen, die sich oft verlängerten und krümmten, ohne zu zerreißen, indem sie in der Luft fortgetrieben wurden. Es war etwas so Großartiges und doch so Anmutiges, etwas so Stilles und doch so mannigfach Bewegtes, eine solche Einheit und doch zugleich eine solche Fülle; es war wie ein Morgen der Völker, der aufging und auf den sonnenbeglänzten Wellen ein heiteres Spiel trieb. Jedesmal, wenn ich später die Sonne heiter aufgehen sah von Hügeln über eine flache Gegend, vom hohen Gebirg über ganze Landschaften, war es mir, als entdeckte ich die Schiffe mit ihren Masten in dem Morgennebel, ich glaubte die Glocken zu hören, ich lauerte auf den Schuß. Den Tag über war alles auf den Schiffen beweglich, Boote kamen und gingen, und wenn wir, nach der Schule gehend, durch die Stadt wanderten, sahen wir die fremden Reisenden, Franzosen, Engländer, Russen, Spanier, Portugiesen, Nord- und Südamerikaner, die, während die Schiffe vorübergehend auf der Reede verweilten, die Stadt nur auf kurze Zeit besuchten. Auf der Reede kamen und gingen die Schiffe, je nachdem der herrschende Wind es erlaubte. Durch mäßigen Wind fortgetrieben, ganz mit schwellenden Segeln bedeckt, traten die Schiffe bei Hven hervor und näherten sich immer mehr und mehr dem Sunde, während andere Schiffe die Anker lichteten – nicht selten hörten wir das taktvolle Schreien der Mannschaft – die Segel wurden ausgespannt, die Schiffe setzten sich in Bewegung und verschwanden nach dem Kattegat zu. Einige Male, wenn auch nicht häufig, gingen mächtige große Kriegsschiffe vorbei; kleine Eskaders, russische, schwedische, dänische, englische, sehr selten französische. Die Königliche Fregatte, die als Wachtschiff uns imponierte, erschien dann neben den mächtigen Zwei- und Dreideckern unbedeutend und klein. Wenn sie aus dem Kattegat erschienen, oder nach Norden segelnd, die Festung vorbei passierten, ward diese mit Kanonenschüssen begrüßt, und die Festung antwortete auf dieselbe Weise. So bewegten sich die Völker durch würdige Repräsentanten vor unsern Augen und erschienen handeltreibend, selten kriegerisch. Gegen Abend bei der sinkenden Sonne glänzte Hven in hellem Sonnenlichte. Die schwedische Küste lag vor uns; wir konnten die Häuser in dem dicht am Ufer liegenden Helsingborg unterscheiden, durch mäßige Fernrohre die Fenster zählen; die Sonne vergoldete die Spitzen der Masten, und während sie sank, ließen sich die Abendglocken aus den Schiffen hören, der Kanonenschuß, als Abendgruß, erscholl von der Königlichen Fregatte, der Rauch wirbelte über die Meeresfläche, und alles versank in Dunkelheit und Ruhe. Es geschah wohl, daß durch konträren Wind, der lange anhielt, mehrere hundert Schiffe sich anhäuften. Wenn dieser sich nun änderte und günstig ward, entstand auf allen diesen Schiffen eine lebhafte Bewegung. Nach wenigen Augenblicken waren die Tausende von Masten mit schwellenden Segeln belastet, und im gedrängten Gewimmel segelte die mächtige Flotte ab und verlor sich in der Ferne. Plötzlich war dann der eben belebte Sund von allen Schiffen entblößt, das Wasser bewegte sich in ruhiger Einsamkeit. Ein oder ein paar Schiffe, die auf der weiten Fläche zurückblieben, ließen die plötzlich eintretende Stille erst recht wahrnehmen. Wir Knaben hatten auf der Stube eine Flaggenkarte. Bei einer so lebhaften Aufforderung waren uns diese Flaggen, und selbst die öfter wechselnden derselben Nation, bald bekannt. Aber bald wetteiferten wir darin, die Schiffe verschiedener Völker aus dem bloßen Bau ohne Hilfe der Flagge zu erkennen, sowie aus der weiten Ferne die Gattung der Schiffe zu unterscheiden. So lebten wir in lebhafter Verbindung mit allen Handelsstädten der ganzen Erde. Landkarten lagen auf den Tischen umher, und wenn wir erkannt hatten, zu welchem Volke das Schiff gehörte, verfolgten wir den Weg, den es gehen mußte, wenn es nach der Ostsee segelte oder wieder heimkehrte. Während ich in der Schule die neun Kreise Deutschlands und die Anzahl von Kurfürsten-, Herzog- und Bistümern, Grafschaften und freien Ritterschaften mit Mühe im Gedächtnis zu behalten suchte, ohne daß es mir jemals gelang, versetzte die lebendige Phantasie mich hier in die verschiedensten Gegenden der Erde. Ich lebte in den Handelsstädten, ich besuchte alle Küsten, ich sah das Gedränge der Schiffe in den Häfen, ich durchschnitt mit den segelnden Schiffen das Meer, und daß unter solchen Verhältnissen Reisebeschreibungen in den freien Stunden unsere Hauptlektüre ausmachten, war natürlich. Wenn ein aufgeweckter Knabe in London oder Paris frühzeitig einen Blick in die bunten Verhältnisse werfen mag und in jungen Jahren in dieser Hinsicht schon gewitzigt erscheint; wenn in südlichen Gegenden eine üppige glühende Natur das Kind in seine betäubende Mitte hineinzieht; wenn in Rom die Kunst und die Erinnerung an eine große verschwundene Vergangenheit einen tiefen Eindruck auf einen begabten Knaben machen muß: so trat mir hier das mannigfaltigste Bild der lebendigsten Gegenwart aller Völker entgegen; nahe genug, um bestimmt erkannt und unterschieden, entfernt genug, um nicht in einem kleinen Maßstabe aufgefaßt zu werden. Ein jedes Schiff hat seine eigentümliche Geschichte, sein besonderes Geschick. Es ist ein eigenes, belebtes Wesen, und die Personen, die es bewohnen, die es leiten und bewegen, verwandeln sich in ein Individuum. Dieses fliegt von Ort zu Ort; in den Häfen ruhend, teilen sich die Personen: eine innere Unruhe der Zerstreuung ergreift das größere Individuum; wie der Mensch selbst, wird es von den bunten wechselnden Gegenständen einer ihm neuen Welt ergriffen, die aus mehreren voneinander getrennten Seelen zu bestehen scheint, die, hierhin und dorthin gelockt, von den verschiedenen Begierden gefangen sind, die keinen Mittelpunkt zu finden vermögen. Wird nun die Seele der Seelen zur Tat aufgefordert, zur Einheit gemeinschaftlicher Anstrengung, dann verschwindet die Zerstreuung, und das Zersplitterte geht in der Einheit des Individuums auf. Zuweilen war es uns vergönnt, dieses oder jenes Schiff zu besteigen. Wir erfuhren, wo es herkam und wo es hinging; wir waren bald mit allen Räumen des Schiffs bekannt; wir lernten die Masten, das Takelwerk, die Segel kennen und machten uns die technischen Ausdrücke eigen. Daß solche Schiffe für uns ein besonderes Interesse hatten, versteht sich von selbst. Wir hatten mit der Mannschaft mehrerer, die länger auf der Reede blieben, Bekanntschaft gemacht. Die Teilnahme der lebhaften Knaben an allem, was sie sahen und hörten, erweckte die Neigung der Mannschaft, und ich weiß wohl, daß ich mit der heftigsten Begierde einen vertraulichen Umgang mit diesen Menschen, die so plötzlich erschienen waren und so bald wieder verschwinden sollten, herbeizuführen suchte. Es gelang mir nicht selten. Mit diesen Menschen nun segelte ich fort; sie begleitete ich auf ihrer ganzen Fahrt, wo sie landen, welche Häfen sie besuchen würden, suchte ich genau zu erforschen. Die Natur ihrer Ladungen blieb mir nicht unbekannt; wo diese abgesetzt werden sollten, gegen welche Ware sie vertauscht wurden, erschien mir wichtig, und ich merkte mir, was gesagt wurde, äußerst genau. So entstand ein immer lebendigeres Bild von dem Handelsverkehr, der alle Länder der Erde miteinander verbindet, eine lebhafte dichterische Vorstellung von der Art und Weise, wie die verschiedenen Bedürfnisse sich durchkreuzen, in großen, ich darf sagen, kühnen und freien Umrissen, ohne jene kleinen beschränkenden eigennützigen Rücksichten, die, erkannt, den großen freien Blick verdüstern, ja zerstören müßten. Besonders war es uns wichtig, genauere Bekanntschaft mit den Schiffen der Ostindischen Kompanie zu machen. Gewöhnlich erwarteten wir ihre Ankunft, die schon durch das Gerücht angekündigt war, mit großer Ungeduld. Wir ließen dem Vater keine Ruhe, oder wandten uns zudringlich an die Freunde des Hauses, um, wenn es möglich war, diese Schiffe zu besuchen. Es gelang uns wenigstens, wie ich mich erinnere, einmal, und wir wußten schnell und mit dem den Kindern eigenen Instinkt, den mitteilsamsten und freundlichsten Mann zu entdecken, um zu erfahren, ob das Schiff von der dänischen Besitzung Friedrich Nagor bei Kalkutta, oder von Trankebar bei Madras, oder von Kanton kam; dann mußten sie uns ausführlich von der Pracht der mächtigen Hauptstadt der Ostindischen Kompanie erzählen, von den Wundern der Gegend, von den seltsamen Tieren, von den rätselhaften Bewohnern, und wenn sie auch, um die Aufmerksamkeit der Knaben zu fesseln, manches erdichten mochten, so hörten wir doch treuherzig zu, und was einem Reisenden in fernen Landen und auf dem weiten Ozean begegnen kann, erfuhren wir unmittelbar aus dem Munde derer, die es selbst erlebt hatten. Ich erinnere mich noch aus diesen Mitteilungen an manches, besonders an eben dieses, daß ich bald aus dem Tone der Erzählung lernte, das wirklich Erlebte von dem Erdichteten zu unterscheiden. Gefahren, die sie überstanden hatten, Stürme, mit welchen sie gekämpft, schwebten mir vor, als hätte ich sie selbst erlebt, und die größeren bedenklichen Ereignisse des Lebens traten gewaltsam in das stille Treiben des Familienkreises hinein. Auch Schiffersmärchen mancherlei Art wurden mir bekannt, und obgleich meine ganze Erziehung den unbedingten Glauben an dergleichen vernichtet hatte, ruhte doch ein poetisches Element in dem Innersten meiner Seele, durch welches ich mit Gewalt in eine wunderbare Welt hineingezogen wurde, die, durch verständige Reflexionen vernichtet, sich dennoch in einer anderen dunkleren verborgenen Region, die über aller Reflexion schwebte, mit geheimem Schauer verknüpft, fortdauernd zu behaupten wußte. Jenes seltsame märchenhafte Seeleben, welches jetzt durch zum Teil berühmt gewordene englische und französische Schriftsteller als ein neues pikantes Element der Unterhaltung sich in die Literatur hineindrängt, erfüllte die Phantasie des Knaben; denn auch von den partiellen Seekriegen, von den Angriffen der Kaper, ja selbst der Seeräuber erfuhr ich manches. Ich lernte Schiffe kennen, die aufgebracht und wieder ausgelöst waren, kurz, das ganze Leben der Seefahrer in allen seinen Modifikationen ward von dem Knaben erforscht und bildete den Grundton seiner Vorstellungen. Die Robinsonaden waren damals eine Hauptbeschäftigung der Zeit, Campes Robinson Krusoe war ein allgemein beliebtes Kinderbuch, und wir waren von dieser Schrift hingerissen. So träumten wir uns als Seefahrer den Großen Ozean zu durchschneiden, immer neue Länder zu besuchen, neue Völker, neue Sitten kennenzulernen; vor allem unbekannte Inseln zu entdecken, schien uns ein beneidenswertes Los. Aber die Gefahren des Seelebens sollten uns auch unmittelbar nahetreten. Da die Schiffe im Sunde lagen, in mäßigem Grunde ankerten, waren sie allen Winden, und besonders den Nordwest- und Nordstürmen, die aus dem Kattegat hereinbrausten, ausgesetzt. Ich habe orkanartige Stürme der Art erlebt. Aus den Fenstern sahen wir dann das dicht vor uns liegende Meer furchtbar empört, die Wolken senkten sich, während die schäumenden Wellen hoch in die Luft hineinspritzten. Alle Schiffe hoben die Anker. Mit wenigen Segeln versehen, mit fast nackten Masten in die Wellen versunken und wieder aus diesen auftauchend, fuhren die Schiffe hierhin und dorthin in verhängnisvoller Unordnung untereinander. Das ganze heiter ruhende Gewimmel hatte sich dann plötzlich in ein schreckenerregendes Gewühl verwandelt. In furchtbarer Eile jagten Schiffe unseren Augen vorüber, verschwanden hinter den häuserhohen Wellen und erschienen in großer Entfernung wieder. Die schiefe Richtung der kahlen Masten, die wir allein erkannten, zeigte dem Zuschauer die so gefährlich erscheinende Neigung des Schiffes. Ich habe in einem solchen wütenden Sturme, unsern Fenstern gerade gegenüber, die Masten einer Brigg verschwinden sehen. Das ganze Schiff war umgestürzt. Kurz darauf erkannten wir den Kiel, der nach oben schwamm. Stumm hatte das Meer die ganze Mannschaft in seiner Tiefe begraben. Keiner trat aus den empörten Wellen wieder hervor. Später erfuhren wir, daß in der Kajüte ein Vater, sein Kind umarmend, beide als Leichen gefunden wurden. Einst strandete bei einem ähnlichen Sturme ein Schiff dicht an unserem Hause. Die Mannschaft rettete sich, ein Teil derselben in unsern Garten. Mein Vater nahm diese auf, verpflegte sie, aber wir konnten uns nicht mit ihnen unterhalten, denn es waren Engländer. Das Wrack des Schiffes lag monatelang vor uns. Auch ich sollte persönlich die Gefahren des Meeres kennenlernen. Ich ging mit einem Aufseher der Zuckerraffinerie, der mir sehr geneigt war, mich von der Reinigung und Kristallisation des Zuckers unterrichtete und mit dem ich sehr vertraut geworden war, im stürmischen Wetter am Ufer. Ein hölzernes Bollwerk hielt den erhöhten lockern Sand der Küste zusammen und bildete Vorsprünge. Das Meer peitschte gegen dieses Bollwerk an. In einer Art von knabenhaftem Übermut balancierte ich auf den glatten und nassen Balken; mein Begleiter warnte mich, aber es war zu spät. Ich stürzte, den Kopf nach unten, in die brausenden Wellen. Betäubt, bekleidet, von den Wellen ergriffen, konnte ich nicht zum Schwimmen kommen, ich verlor bald die Besinnung. Die Wogen warfen mich bald gegen das Land und trugen mich wieder fort. Einigemal soll dieses geschehen sein, bevor es meinem erschrockenen Freunde gelang, als ich dem Bollwerk gewaltsam zugeschleudert wurde, meinen Arm zu ergreifen und mich ans Land zu werfen. Ich war vollkommen leblos und erhielt erst ein paar Stunden nachher mein volles Bewußtsein. Ich erfuhr, daß, als mein Freund um Hilfe rief, Menschen herbeieilten, mich in das Haus brachten, wo die erschrockene Magd – die Eltern waren glücklicherweise abwesend – alle jene törichten, ja schädlichen Versuche anstellte, die damals als Rettungsmittel unter dem Volke galten. Man stellte mich auf den Kopf, rüttelte, rollte mich; aber einem gesunden Knaben kann man in dieser Art schon etwas bieten, und ich erholte mich, allen angewandten Mitteln zum Trotz. Dieses lebendige Seeleben hat den Grund zu einer Naturansicht gelegt, die das Fundament meines ganzen zukünftigen Lebens ward. * Jegliche Regung der Andacht, ein jedes religiöse Gefühl verdanke ich meiner Mutter; recht inniglich muß ich sie den guten Engel meines Lebens nennen. Sie war es im tiefsten Sinne des Wortes, und wenn je, selbst im späteren Alter, das strafende Gewissen sich aus der Verworrenheit und den Verirrungen des Lebens erhob, so stellte es zu jeder Zeit mir ihre wehmütig sorgende Gestalt vor die Seele, wie sie, durch die Sprache einer höhern Welt seit früher Kindheit mit mir verbunden, dann warnend winkte. Ich lebte damals jene anmutige Zeit der Jugend, in welcher ein dämmerndes Bewußtsein über das, was die frühere Kindheit unbewußt glaubt und dunkel fühlt, aufzugehen anfängt, ohne demselben seine Heiligkeit zu rauben. Die Welt und was sie mir Ergötzliches darbot, berührte mich stark, aber vorübergehend, ich konnte mich in den kindlichen Genüssen bis zum Übermaß berauschen, und dann schien alles Höhere in dem Taumel, der mich ergriff, vergessen und verschwunden, aber ich erwachte schnell aus diesem Rausche, der mich augenblicklich betäubte, ohne den inneren, tieferen Kern meines geistigen Lebens zu vergiften. Und der Mittelpunkt aller Liebe – meine Mutter – wie konnte ich an sie denken, ohne tief bewegt zu werden! Ein Gefühl, aus hoher, grenzenloser Achtung, unbeschränkter Hingebung und zartem Mitleiden gemischt, ergriff mich, wenn ich sie sah – ich konnte mich nach ihrem Anblick wie nach dem einer Geliebten sehnen. Jede Bewegung, die leise Sprache der Kranken, ihre unbedeutendsten Worte übten über mich eine hinreißende Kraft aus, und die sanfteste Ermahnung, wenn sie von ihr kam, vermochte den heftigsten Zorn des Knaben zu bändigen. Ich war schon in der frühesten Kindheit zum Geistlichen bestimmt worden, und ich betrachtete mich gern als einen zukünftigen Prediger. Die Talente, welche man mir zutraute, das innere Sinnen, meine Neigung zur einsamen Beschäftigung, schienen diese Bestimmung so natürlich zu fordern, daß nie ein Zweifel darüber entstand. Nur als das heftige, bewegliche, nach außen stiebende Wesen sich immer bedenklicher zu entwickeln anfing, erzeugte diese Verwandlung des sonst so zurückgezogenen Knaben die Sorge der Mutter. Diese Lebhaftigkeit schien ihr mit dem Ernste eines zukünftigen Geistlichen in Widerspruch. Ich selbst bekam das oft zu hören, und von der geliebten Mutter geäußert, erregte es meine Aufmerksamkeit, aber ich begriff es nicht. Wenn ich in meine stille, einsame, innere Welt versunken war, dann schien ich mir selbst ein anderer zu sein, was mich vorher äußerlich bewegt hatte, war verschwunden, und da solche plötzliche Aufwallungen, in der damaligen, wenn auch nicht schuldlosen, doch friedlichen Zeit meines Lebens, keineswegs störend in die Welt eingriffen, in welcher ich mich bewegte, so glaubte ich vorwurfsfrei dazustehen. Wenn aber daraus die kindische Freude, die gesellige Aufregung mich erfaßte und ich mich ihr ganz und ungebunden hingab, schien mir dieses wieder so natürlich, daß ich es mir ebensowenig vorzuwerfen vermochte. Ich wußte recht gut, was eigentlich Tadel verdiente. Grade in dieser Zeit meiner Kindheit entstand unter einigen, älteren, christlich gesinnten Bürgern die Sorge, daß mit den Perücken der Geistlichen auch das Christentum verschwinden würde; man tadelte einen jungen Geistlichen heftig, der sich unterstanden hatte, in einem Familienkreise zu tanzen, und sah in diesen Zeichen der Zeit etwas höchst Bedenkliches und Drohendes. Der Vater, welcher überhaupt, im damaligen Sinne, aufgeklärt war, rühmte solche Versuche, die äußere Manier der Frömmigkeit zu bekämpfen, ebensosehr, wie sie von andern getadelt wurden, und obgleich die Aufklärung meines Vaters mir manche geheime Sorge machte, neigte ich mich doch, von einem angebornen Widerwillen gegen jede äußere, nichtige, aus einer inneren Lüge entsprungene Form getrieben, zu dem jüngeren Geschlechte, und selbst die Mutter konnte in der natürlichen Veränderung der Kleidung oder in der unschuldigen Lust eines sonst redlichen und frommen Predigers nichts Tadelnswertes finden. Ich ahnte damals noch nicht, daß wenige Jahre später dieser Haß gegen die äußere Manier, ihre abstoßende Förmlichkeit und angelernte Salbung – dieser Pharisäismus der Geistlichkeit, der in meiner Jugend so grell hervortrat, auch da noch, als die neueren Ansichten zu herrschen anfingen – ein Hauptmotiv für mich werden sollte, dem geistlichen Stande zu entsagen. In der Tat ist der Haß gegen alles Kastenwesen, gegen jeden Formalismus eigentümlicher Richtungen, wenn sie sich fixieren und sich in sich abschließen wollen, wenn sie dem lebendigen, liebevollen Wechselverhältnisse mit allen übrigen Richtungen des Lebens zu entsagen suchen, noch heute in mir ebenso stark, als er es damals war. Ein früh erwachtes, deutliches Bewußtsein überzeugte mich, daß eine solche Abschließung stets mit einer Vernichtung der edelsten Keime, welche Gott uns zur Entwicklung anvertraute, unvermeidlich verknüpft ist. Aber wie lebhaft der Knabe sich auch nach außen hin bewegen mochte, nie war sein Gemüt inniger, wahrer von der Heiligkeit des Glaubens durchdrungen als in jener Zeit, die ihm noch immer als die friedlichste, fröhlichste, als das Paradies seines Lebens vorschwebt. Die Mutter ahnte den nahen Tod und lebte nur noch für ihr höheres Leben; mir erschien sie als ein schon jenem Dasein geweihter Engel, der uns bald verlassen würde, zugleich aber dringend ermahnte, an den Tod zu denken, für den Augenblick zu leben, der uns allen bevorsteht, ihr aber so nahe war. Ich erinnere mich an zwei heftige und bedenkliche Anfälle ihrer Krankheit, die uns in Angst setzten – da öffnete sich das stille Heiligtum der Krankenstube, an welche die Kranke, Leidende wochenlang und für uns unzugänglich gefesselt war. Wir Kinder mußten uns alle um das Krankenbett stellen, ich ein Gebet vorlesen; der Vater, tief bewegt, lehnte sich an das Bette, die Mutter richtete sich in die Höhe, und die Kinder schluchzten. Aber wie eine tröstende Stimme aus einer seligen Welt klang dann, was sie von der nahe bevorstehenden Erlösung sprach, von der Freudigkeit, mit welcher sie dem Tode entgegensehe, und der Zuversicht, mit welcher sie uns, die Kinder, der Obhut Gottes anvertraute. Sie wandte sich, das letzteremal an mich – wie es später in ihrer Sterbestunde geschah – sie weihte mich dem Dienste des Herrn, sie sprach den Segen über mich. Die grundlose Liebe zu meiner Mutter, die mit mir herangewachsen war, erhöhte den Eindruck einer solchen Rede – laut weinend stürzte ich auf die Knie, ich wünschte mit der Mutter zu sterben – und dennoch durchdrang mich in diesem schmerzlichen Augenblicke ein seliges, ja freudiges Gefühl, und als ich die Mutter verließ, fühlte ich mich wie geweiht. Von dieser Zeit an wurde ich, auch als die gefährlichen Symptome der Krankheit nachgelassen hatten, öfters allein in die Stube der Mutter geführt. Was soll ich von diesen Stunden sagen, die mich mit der Mutter in eine so innige Verbindung brachten, daß sie erst mit ihrem Tode aufhörten. Womit wir die Zeit zubrachten – es war nicht Gebet, nicht Belehrung, und doch beides; ihr schönes, liebevolles Vertrauen löste auch mir die Zunge, so daß ich zu sprechen wagte, ihr mitteilte, was ich gelernt hatte, was mich vorzüglich ansprach, sowie die Zweifel, welche mich quälten. Ich erinnere mich nicht, meine Mutter je in einer überspannten Stimmung gesehen zu haben – jene Seelenangst, in welche der Reuige versinken soll, kannte sie nicht oder hatte sie längst überstanden; alles, was sie sprach, war Friede und Freudigkeit, und selbst das in religiöser Hinsicht nicht ganz glückliche Verhältnis zu meinem Vater, wurde auf eine so zarte und schonende Weise berührt, daß sie dadurch den geheimen Zwiespalt, welcher sich in meiner Seele erhoben hatte, beschwichtigte, nie verstärkte. Wir lasen manches zusammen, Gebete, Andachtsbücher: viele sprachen mich wenig an – aber Stillings Jugend Die autobiographische Schrift »Heinrich Stillings Jugend«, Berlin 1777, von dem pietistischen Schriftsteller, Jugendfreund Goethes und späteren Augenarzte Johann Heinrich Jung, genannt Stilling, 1740–1817, gehörte zu den meistgelesenen Büchern im letzten Viertel des achtzehnten Jahrhunderts. Goethe charakterisiert Jung-Stilling in »Dichtung und Wahrheit«, Teil II, Buch 9. lernte ich in diesen Stunden kennen, nicht leicht konnte eine Schrift für mich wichtiger sein, und auch Fénelons François de Salignac de la Motte-Fénelon, 1651–1715, Erzbischof von Cambrai, schrieb zum Zwecke des Jugendunterrichts sein außerordentlich erfolgreiches Werk »Les aventures de Télémaque« , Paris 1699, worin er Muster der Weisheit und der Erziehung aufstellte. tiefer Geist trat mir, wie ein höherer Genius, dessen Bedeutung ich mehr ahnte, als begriff, entgegen. So war das Christentum die innerste Angelegenheit meines Lebens geworden. Ich erinnere mich, daß ich in Stunden, wenn meine Seele ganz in dem aufgegangen war, was mich durchdrang, meinen Brüdern fremd, seltsam vorkam, daß sie es Verstellung nannten – und dann wieder nicht begreifen konnten, wie ich in andern Stunden so ganz das fröhliche, unbefangene Kind zu sein imstande war. Aber ich war in beiden Lagen durchaus glücklich, und auch die Religion wurde mir jetzt der Gegenstand eines ernsthaften Studiums. Ich habe in dieser Zeit die ganze Bibel durchgelesen; die Beschäftigung mit dem Neuen Testamente in der Schule, obgleich sie meine Kenntnis der griechischen Sprache nicht sonderlich förderte, lenkte meine Aufmerksamkeit doch fortdauernd auf einen Gegenstand, der mir schon so wichtig geworden war. Ich suchte mir die Hauptlehren des Christentums anschaulich zu machen und arbeitete lange an einem dogmatischen Lehrbuche, – freilich war ich während dieser Arbeit Lehrer und Schüler zugleich. Das einzige, was ich aus dieser glücklichen Zeit eines mannigfaltigen, inneren Lebens übrig behalten habe – ist der Anfang einer Kirchengeschichte, die, wie Stolbergs, Friedrich Leopold Graf zu Stolberg, 1750-1619, schrieb die erste Kirchengeschichte vom katholischen Standpunkte aus. mit Adam beginnen und in der gegenwärtigen Zeit endigen sollte. Meine Quellen waren außer der Bibel eine dänische Übersetzung des Josephus Flavius Josephus, 37-97, Verfasser des mit apologetischer Tendenz geschriebenen Werkes »Der Jüdische Krieg«. und Bastholms Geschichte des jüdischen Volkes. Zu Steffens Studentenzeit Schloßprediger in Kopenhagen, ein rationalistischer Gelehrter und Theologe. Auch die Kirche, die Predigten wurden mir nun wichtig; zwar nicht diejenigen, denen ich zuweilen in der Domkirche gezwungen beiwohnen mußte. – Beiwohnen – sage ich, denn ich erinnere mich nicht, daß ich eine einzige angehört hätte, und nur selten blieb ich während der Predigt in der Kirche. So strenge die Schulzucht, so locker war die Aufsicht über uns Schüler während des Gottesdienstes. Wir mußten uns einfinden und singen; der Kantor, mit dem wir sonst fast in keiner Verbindung standen, als daß er in Nebenstunden Unterricht im Singen, der immer mit Nachlässigkeit betrieben wurde, und einmal wöchentlich in der deutschen Sprache erteilte, hatte deshalb keine Gewalt über uns, und seine seltsame Gestalt, seine bizarren Manieren machten ihn lächerlich. Wenn die Predigt anging, schlichen wir davon, um auf dem Kirchhofe zu spielen. Eine Kirche, die einer Landgemeinde gehört, liegt in einer entfernten Vorstadt von Roeskilde. Ich hörte den Prediger derselben rühmen, und begierig zu erfahren, ob sein Vortrag meine Aufmerksamkeit fesseln könnte, besuchte ich die Kirche. Wie sehr fühlte ich mich gleich zum erstenmal angezogen, als ich die freundlichen Züge des Redners erblickte: es war ein Mann von mittlern Jahren, der mit dem offnen, klaren Antlitz frei um sich schaute; seine Stimme klang hell und deutlich, seine Gebete waren kurz. Schon als Kind erkältete mich das Anhören langer Gebete, die kein Ende nehmen wollten; das dürre Register irdischer Bedürfnisse, dem Herrn vorgehalten, erschien mir zweckwidrig, die sichtbare äußere Anstrengung der laut Betenden, eine Wärme zu erkünsteln, die nicht unwillkürlich aus dem innersten Herzen hervorquoll, ängstigte, ja peinigte mich. Ich kannte das Gebet, denn ich lebte in jener glücklichen Zeit der Unschuld, welcher es so natürlich ist; aber nie konnte ich laut beten, nie die Worte eines Gebetes künstlich setzen – es war des Herzens innigste Sehnsucht, die den liebenden Vater, des Ohnmächtigen ängstliches Flehen, das des Mächtigen Schutz suchte; es quoll unmittelbar, ohne klare Worte und mir dennoch unendlich deutlich, aus den innersten Tiefen eines bewegten Daseins hervor und fand unmittelbar Erhörung. Ja, ich darf es sagen, ich betete in jener fröhlichen Kindheit nie, ohne erhört zu werden. Aber ich wollte mir auch keine Güter der Erde erflehen: wie etwas wunderbar Herrliches lag Welt und Zukunft vor mir, und in der Gegenwart fand ich mich so überschwenglich beglückt, wie von einem anmutigen Zauber umfangen. Erhalte meinen Glauben rein, konnte ich, nicht ohne Angst, flehen, wenn Gespräche mit dem Vater bedenkliche Zweifel in mir erregten, die dennoch nur einen vorübergehenden Eindruck hinterließen. Wohl konnte in meinen Gebeten der Wunsch liegen, daß Gott mich zu einem berühmten Manne machen möchte, dessen Name genannt und gepriesen würde; aber an meinen Fleiß, an meine Mühe sah ich seine Erfüllung gebunden und wünschte auch nicht, daß es anders wäre, denn in dieser Mühe lag ja der Quell eines unsäglichen Genusses. Meine Gebete waren nichts anderes als der unwillkürliche Ausfluß des dankenden Gefühls, welches mich überzeugte, daß ich erhört war, ehe ich flehte. Freudig ergriff es mich daher, als ich nun hörte, wie der Prediger in einfachen Worten Gott anrief, daß er den Zuhörern jene stille, sinnende Aufmerksamkeit, jenes von dem Irdischen abgewandte, reinigende Einkehren in sich selbst schenken möchte, damit jedes Gemüt, wie das Gotteshaus, welches uns umfing, ein gereinigter Tempel des Herrn würde, in welchem sein heiliges und erlösendes Wort tiefen und fruchtbaren Boden fände. Ich fühlte die Wirkung dieses Gebetes in meinem Innern; ich verschlang jedes Wort des Redners und verließ die Kirche, von einer Seligkeit durchdrungen, wie ich sie jetzt zum erstenmal kennenlernte. Aber ein kurzes Nachsinnen verdrängte bald jene freudige Stimmung, und ich fühlte mich von einer großen Angst ergriffen. Ich hatte meiner Mutter versprochen, ihr die Predigt wiederholen zu wollen; ich war überzeugt, daß das, was mir bei Schriften, welche ich durchlas und deren Inhalt mir klar wurde, gelungen war, mir auch bei Predigten, die ich hörte, gelingen müßte – und nun nahm ich mit Schrecken wahr, daß der hinreißende Eindruck der Rede gänzlich ihren Inhalt überwältigt hatte. Lange streifte ich auf den Feldern herum, besann mich vergebens – das Ganze stand klar vor meiner Seele, wie ein wunderbares Bild, dessen Nähe mich beglückte, ohne daß ich die einzelnen Züge zu unterscheiden vermochte – und so erschien ich weinend vor der Mutter, um ihr das Seltsame zu erzählen, was mir begegnet war, und wie ich verzweifelte, jemals eine Predigt wiederholen zu können. »Nimm dir's nur vor, Henrich«, sagte die gütige Mutter, »denke recht lebhaft daran, daß du die Predigt nicht bloß für dich, sondern auch für deine arme, kranke Mutter hörst, die leider keine Kirche besuchen darf, und es wird schon gelingen.« Ihr Zureden tröstete mich. Der Kantor erlaubte mir leicht, aus der Domkirche wegbleiben zu dürfen, da ich doch nur stillschweigend dasaß und aus Mangel an Stimme nicht mitsingen konnte. Jeder Sonntag traf mich nun der Kanzel des geliebten Predigers gegenüber: mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit hörte ich seinem Vortrage zu und vergaß bei keiner Periode, daß ich sie der armen, kranken Mutter, wie einen Segen, in das Haus bringen sollte. Jetzt glaubte ich meiner Sache gewiß zu sein; wenn die Predigt zu Ende war, ging ich einsam in den Feldern herum, suchte mir den Inhalt, den Zusammenhang ins Gedächtnis zurückzurufen, und eilte, erfüllt von dem, was ich vernommen, was ich mir angeeignet hatte, zur Mutter. Die Geschwister erschienen, und meine Rede quoll, fast jedesmal ohne Anstoß, aus der überfließenden Seele hervor. Selige Augenblicke, wenn ich die Tränen der Rührung und der Freude in den Augen der liebenden, glücklichen Mutter sah! Oh, daß ihr nie aus meiner Seele verschwunden wäret – mit welcher ungetrübten Freude würde ich mich ihrer dann jetzt erinnern. Lange setzte ich diese Beschäftigung fort, die mich so sehr beglückte, bis einst die Mutter mir sagte: du hast nun so lange Predigten gehört, dir den Zusammenhang gemerkt, solltest du nicht endlich imstande sein, selbst eine Predigt auszuarbeiten? Ich erschrak, als ich diese Worte hörte: gewohnt, nur das aufzufassen, was ich vernahm, war mir der Gedanke, daß ich selbst eine Predigt verfassen könnte, nie eingefallen, ja, ich würde vor einer solchen Vorstellung, wie vor einer Vermessenheit, zurückgebebt sein. Mir schien, seit ich den geliebten Prediger kannte, sein Amt so heilig, seine Bestimmung so erhaben, und so herrlich das Ziel, wenn es meinem angestrengtesten Fleiße gelingen könnte, in ferner Zukunft, so wie er, das geheiligte Evangelium den Menschen zu verkündigen. Zwar träumte ich mich oft in diese Zeit hinein, ich sah mich auf der Kanzel – was ich überkommen, verband sich mit dem, was ich selbst gedacht hatte, und meine Reden, mehr angeschaut, als gedacht, ergriffen mich selbst und die erträumten Zuhörer. Aber diese Träume, wie so viele andere, die als weissagende Blüten den halbschlummernden Knaben auf dem einsamen Lager begrüßten – dufteten, entfalteten sich in der stillen Nacht und verwelkten, wenn die Reflexion des Tages ihm die dürre Wirklichkeit und ihre Schranken naherückte. – Jetzt sah ich mich durch die Mutter aufgefordert, und mehr bedurfte es freilich nicht, um alle Bedenken zu heben; denn was glaubt die Jugend nicht unternehmen, nicht wagen zu können? Ich weiß mich auf keine dieser Predigten zu erinnern; die Mutter schien mit ihnen zufrieden; doch wagte ich es nur selten, ich glaube etwa drei- bis viermal, ihr selbstverfertigte Predigten vorzutragen. Obgleich die Prediger der Domkirche nicht des Knaben Aufmerksamkeit fesseln konnten, so war ihm dennoch diese Kirche in vieler Rücksicht wichtig. Das große, mächtige Gebäude enthielt so vieles, was die Phantasie in lebhafte Bewegung setzte. Die Denkmäler der Könige, die Überlieferungen von den großen Gerichten Gottes, welche das Land erschüttert und ganze Geschlechter ausgerottet haben, kurz alles, was hier, in diesen mächtigen Räumen, das stumme Zeugnis seiner Gewalt ablegte, verband sich mit der gottesdienstlichen Feierlichkeit, die für mich immer etwas Ergreifendes hatte. An gewissen Tagen der Woche mußte ein Schüler, morgens früh um sechs Uhr, zwischen die immer offenen eisernen Gittertüren des großen Chores treten und laut ein Gebet lesen. Es war mir immer angenehm, wenn die Reihe mich traf, und oft übernahm ich dieses Gebet für andere Schüler, die, besonders im Winter, sich scheuten, so früh aufzustehen. Ein Kirchendiener begleitete mich, schloß den Chor auf, zündete an einem Kandelaber die Lichter an, und ich trat in die geöffnete Gittertüre. Der Chor war um einige Stufen erhöht, ich blickte in die langen Gänge hinab, welche noch in nächtliches Dunkel gehüllt lagen. Nur hier und da saß ein Andächtiger, wohlverwahrt gegen die Kälte, vor sich ein Licht; mir war es dann, wenn ich die finstern Massen übersah, als ob die begrabenen mächtigen Gestalten mir naheträten, als erblickte ich das offene, dunkle Grab der ganzen Vergangenheit des Geschlechtes vor mir, welches stumm, nicht das Leben, das mich sonst umgab, vielmehr das Grauen des Unterganges verschwundener Zeiten kundtat. Der Eindruck war völlig phantastisch. Wenn ich aber das Gebet mit heller, lauter Stimme in die Dunkelheit hineinschallen ließ, dann ergriffen mich die einfachen Worte tief; oft war die Stimme unsicher, sie klang wie eine fremde, die mir warnend zurief; Tränen der Reue, der Sehnsucht, der zweifelnden Hoffnung strömten die Wangen herab, und viele Tage hindurch konnte ich diesen Eindruck nicht überwinden, der mich mit langer, ernster Wehmut durchdrang. In dieser Kirche lernte ich auch die Wirkung des christlichen Liedes kennen. Schon in Helsingör war das neunjährige Kind bewegt und erschüttert, wenn es, als Chorknabe in der Reihe der Singenden, selbst stumm, die Leichen zum Grabe begleitete, und die traurigen Töne des ernst mahnenden Liedes: »Wer weiß, wie nahe mir mein Ende«, sich hören ließen. Aber hier zuerst trat die Gewalt des Liedes mir entgegen und machte einen Eindruck auf mich, der nie ganz verschwand, und jetzt, wo ich mich dem hohen Alter nähere, seine ganze frühere Gewalt wieder erlangt hat. In Dänemark wurde in meiner Kindheit die Ausbildung in der Musik völlig vernachlässigt. Die Mutter hatte in ihrer Jugend Klavier gespielt, aber in unserem Hause war kein Instrument zu finden, nur der eine Bruder besaß eine mittelmäßige, völlig unausgebildete Stimme, die Mutter sang zuweilen, kaum vernehmlich, ein geistliches Lied, und es tönte wie ein Seufzer, der mich zwar ergriff, aber die Gewalt des Gesanges kaum ahnen ließ. Noch bis in viel spätere Jahre blieb dieser Genuß, der so vielen Menschen vergönnt ist, mir völlig fremd. Es war daher natürlich, daß die meisten Kirchenlieder von mir gar nicht beachtet wurden, die längeren mich vielmehr ermüdeten. Wie mich aber zum erstenmal der Kirchengesang mit seiner ganzen, geheimnisvollen Gewalt durchdrang, das will ich jetzt erzählen. Der Frühling war sehr zeitig gekommen. An einem schönen heitern Ostermorgen, ehe ich nach der Kirche ging, hatte ich, mich einsam wegschleichend, voll Freude einen Blick in die heitere Gegend geworfen und die ersten Blüten, als bekannte Freunde, jubelnd begrüßt. Von diesem frischen Frühlingsgefühl beseligt, heiter und glücklich, von dem Sonnenlichte schuldloser Freude durchwärmt, selbst in diesem reinen Augenblick einer Frühlingsblüte ähnlich, trat ich in den Chor, als mächtig von der Orgel her das Lied tönte: »Er ist erstanden, frohe Mär, versöhnt ist unser Gott und Herr, der Himmel ist mir offen,« nach der bekannten Melodie: »Wie hell glänzt uns der Morgenstern.« Als ich diese mächtige Melodie, die, wohl ein Jahrtausend hindurch, so viele wechselnde Geschlechter durchbebt, erwärmt, erschüttert hat, vernahm, da war es, als würde die Macht der Musik mir nun plötzlich kundgetan, als hätte das heitere Frühlingsgefühl seine tiefe, ernste Bedeutung erhalten. Er ist erstanden, tönte es mir aus Himmel, Erde und Meer, aus Wald und Flur, und aus den verborgensten Tiefen der bewegten Seele entgegen. Ich habe keine Worte für die Fülle der Seligkeit, die in dieser Gewißheit lag, wie sie mich durch unsichtbare Flügel in eine höhere Welt erhob, wie alles sich in Freude und inneres Jauchzen verwandelte, und wie auf den Wellen der Töne mein ganzes Wesen, melodisch durchzittert, in den Himmel hineinschwamm, der mir als geöffnet verkündigt wurde. »Nun aber ist Christus auferstanden von den Toten, und der Erstling geworden unter denen, die da schlafen. Sintemal durch einen Menschen der Tod und durch einen Menschen die Auferstehung der Toten kommt. Denn gleichwie sie in Adam alle sterben, also werden sie in Christo alle lebendig gemacht werden.« Diese Worte, von der Kanzel verkündigt durch den geliebten Prediger, in dessen Kirche ich eilte, während die Töne des Liedes meine Seele füllten, erhielten nun für mich eine unergründliche Feierlichkeit. Der Ostertag erschien mir als der größte Festtag der Natur, der Geschichte und eines jeden Menschen. In diesem unentwickelten Gefühl lag eine Tiefe, die mir in der Erinnerung lange Jahre hindurch vorschwebte. Ich suchte es oft in späteren Zeiten des verworrenen Treibens hervorzurufen; es leuchtete mir aber wie ein wunderbar Bekanntes, mir Befreundetes entgegen, das mir jetzt unbekannt, entfremdet worden war. Aber vor allem war mir das Abendmahl das tiefste Mysterium des Christentums, noch ehe ich es genoß. Dieses bedeutendste und höchste Sakrament wurde in der großen Domkirche mit besonderer Stille und Feierlichkeit begangen. Unten saßen die vorbereiteten Gäste, die Geschlechter getrennt, in stilles Gebet versunken. Der Altar ist mit einem niedrigen Gitter umgeben und vor diesem eine Erhöhung zum Knien. Die Anzahl, die auf einmal hier knien kann, ist der ganzen Gemeinde bekannt. Ruhig erheben sich die Männer, ordnen sich kniend um den Altar, die Prediger teilen Brot und Wein, von einem zum andern fortschreitend, aus, sie erheben sich – und man sieht nie eine zweite Reihe hervortreten, bevor die erste sich ruhig niedergelassen hat. Ich hatte oft mit der Mutter von diesem tiefsten Geheimnis des Glaubens gesprochen. Daß ich selbst noch nicht zu diesem Genusse reif geworden, steigerte das Gefühl seiner Unergründlichkeit in mir. Wohl schlich manchmal, wenn ich im kindlichen Sinne das Wunderbare, was dem Genießenden gereicht werden sollte, erwog, ein leiser Zweifel, wie ein furchtsamer, scheuer, lauernder Begleiter der Andacht, sich in meine Seele; aber er erhöhte nur meine Verehrung, denn jeder Zweifel, kaum geahnt, verwandelte sich in Angst. Das Gefühl, als wollte eine geheime, nächtliche Gewalt mir das höchste Gut entreißen, gab diesem einen größern Wert, so daß ich mit ängstlichem Streben das Heilige festzuhalten suchte, was ich zu verlieren fürchtete. Wenn ich nun aber die Gäste des Heiligen Mahles sich von dem Altar erheben sah, während ich den Sitz der Knaben in der Nähe einnahm und grübelnd nachsann, welcher wunderbare Genuß ihnen geworden war – dann konnte ich mit einer forschenden Begierde, die aus Zweifel, Angst und grundloser Verehrung zusammengesetzt war, die ernsthaft Sinnenden verfolgen, wenn sie an mir leisen Schrittes vorübergingen. Wie unendlich näher trat mir aber dieses Heiligtum, wenn es die geliebte Mutter genoß. Einmal, als ihre Krankheit bedenklich ward, wurde es ihr im Hause gereicht. Die Zeit der Vorbereitung hatte ich mit ihr zugebracht, mein Herz war zerrissen, die drohende Gefahr hatte dann ein so innerlich wehmütiges, mein ganzes Wesen durchdringendes Gefühl erregt, daß die Andacht des Knaben selbst nicht die gewöhnliche Reinheit der Anschauung festzuhalten vermochte. Wie schrecklich erschien mir der Augenblick, wenn der Prediger mit den geweihten Gefäßen in die Krankenstube trat. Es war aber fortdauernd der innigste Wunsch der Mutter, das Abendmahl mit der Gemeinde in der Kirche zu genießen. Doch mußte sich vieles vereinigen, damit dieser Wunsch erfüllt werden konnte. Es war nur in der mildesten Sommerzeit, nur bei heiterem Wetter, nur in den kurzen, schnell vorübergehenden Augenblicken, wenn sie sich einmal vorzüglich wohl befand, möglich. Ich erinnere mich, dieses mir selbst so wichtige Ereignis zweimal erlebt zu haben. Wenn die blasse Gestalt, die mir so teuer, die mir alles war, mit schwankenden Schritten, von freundlichen Frauen unterstützt, sich dem Altar näherte, wenn ich, der jeden geheimen Zug des geliebten Antlitzes kannte und zu deuten wußte, das Gesicht wie verklärt sah, wenn aus den großen, schönen, sonst matten Augen die Freudigkeit des Himmels strahlte, und sie nun hinkniete – dann war es, als hätte mein Wesen sich mit dem ihrigen verschmolzen. Ich zitterte, als träte mir ein Heiliges entgegen, dessen Nähe ich kaum ertragen konnte, wenn der Prediger sich der kranken Mutter näherte, wenn ihr das geweihte Brot gereicht wurde und die geweihten Tropfen über die blassen Lippen flossen: dann strömten die Tränen mir aus den Augen, ich glaubte selbst das Heiligtum genossen zu haben, und hatte keine Ruhe, bis ich der Mutter weinend in die Arme stürzte, damit sie – die Gesegnete – mich segnen möchte. Nach solchen Momenten mußte ich die Einsamkeit suchen; nicht die trübe Einsamkeit der Kammer, die vielmehr, welche mich in die Mitte der Natur versetzte. Ein einsamer Platz, nahe bei der Stadt, wo bedeutende, mit hohem Grase bedeckte Wälle, die einzelne mächtige Buchen trugen, mit Schilf bewachsene Moräste einschließen, war mir vorzüglich lieb. Selten sah ich hier, und nur aus der Ferne, Menschen: aber dicht hinter den Bäumen erhob sich der majestätische Dom mit seinen Türmen, vor mir lagen die versunkenen Wohnungen der Helden, deren Denkmäler die Kirche bewahrte, und über dem Grabe der Geschichte drängte sich das frische Leben der Natur; Blumen blickten aus der Fülle der Gräser hervor, Bäume, die erst keimen konnten, nachdem, was der Mensch baute, lange zerstört war, ragten riesenhaft in die blaue Luft hinein, und Insekten spielten zwischen Pflanzen und Schilf. Ich begrüßte die emsigen Käfer, die bunten Schmetterlinge, das kriechende Gewürm, die Blumen als Bekannte, und das Gefühl, daß dieses Leben in seinen wechselnden Formen mir nicht fremd war, erfüllte mich mit reiner Lust. Noch erinnere ich mich lebhaft des erschütternden Augenblicks, als ich, nach der letzten Abendmahlsfeier meiner Mutter in der Kirche, von ihr im Hause, nach einem stillen Gebet gesegnet, entlassen worden war – und mich hier auf dem Schauplatz so vieler einsamer Freuden befand. Diesmal war eine innere Furcht, ein peinliches Vorgefühl von dem nahen Tode meiner Mutter, mein Begleiter in die Einsamkeit. Sie war sehr erschöpft nach Hause gekommen und einer Ohnmacht nahe; die Augen blickten mich so wunderbar, so todverkündend an, daß ich ein geheimes Entsetzen nicht überwältigen konnte. Zum erstenmal ergriff mich eine innere Angst, als stünde ich allein mit der Mutter, die mich bald verlassen würde, in der Welt. Jetzt erst fühlte ich es recht schmerzlich, wie Vater und Brüder so gar keinen Teil nahmen an dem, was mir so teuer war. Ich fühlte mich so verlassen, ich sehnte mich nach einem Knaben, der meine Gefühle, mein Streben, meine Sehnsucht teilte. Ich träumte mir es so herrlich, wenn ein solcher Knabe, ebenso einsam, ebenso durchglüht wie ich, zu mir träte und seine Klagen laut werden ließe – wie wir uns dann verstehen, alles mitteilen und so selig sein würden. Mit solcher Gewalt ergriff dieses Gefühl mich erst in späteren Jahren wieder. Jedesmal, wenn es sich zu nähern drohte, suchte ich ihm zu entfliehen – denn ein Grauen der fürchterlichsten Verlassenheit durchzitterte mich dann, als würde ich von kalter Todeshand erfaßt. Damals warf ich mich laut weinend in das hohe Gras: Erhalte meinen Glauben rein, rief ich, ängstlich ringend im Gebet; da sah ich mich wieder in den Dom versetzt, die blasse Mutter näherte sich dem Altar, und ich genoß, mit ihr verschmolzen, den Leib und das Blut des Heilands. Ich scheue mich, diesen Moment ausführlich zu schildern. Zu sehr müßte ich befürchten, daß die Ansicht des Alters Gefühle so innerlicher Art in der Erinnerung anders auffassen möchte, als sie damals den Knaben durchdrangen. Nur das ist gewiß, es war einer der seligsten, gewiß der reinste Augenblick meines ganzen Lebens. Denn, was mich damals durchdrang, war die ganze Fülle eines ungeteilten Daseins, jede Gestalt der Natur war mir ein geoffenbartes Wort, dessen innerer Sinn mir bekannt schien, auch ohne daß ich es in einen Begriff zu fassen vermochte, jedes bedeutende Wort gewann eine Gestalt. Er, der geliebte Heiland, der Mittelpunkt des Lebens und der Liebe, strömte durch alle Adern der Natur, sprach durch jede Form zu mir und gestaltete sich durch alle meine Gedanken; er war es, er selbst, denn das kindliche Gemüt versteht es am innigsten, daß der Gegenstand der Liebe persönlich sein müsse. Mein Christentum hatte nichts von der Manier irgendeiner Schule, ja ein frühzeitig erwachtes Gefühl stieß diese, wo sie sich vernehmen ließ, zurück, und ohne äußere Verbindung bildete sich das religiöse Gefühl in mir aus, an der Seite einer Mutter, deren geheimster Trost die Liebe des Heilands war. Entfernt von allen solchen, die uns eine gewisse Art des Ausdrucks lehren konnten, waren die Gebete Mitteilungen natürlicher Äußerungen eines wahren innern Lebens. Auch stellten wir keine Vergleichungen an. Jenes Gefühl der Einsamkeit, welches mich eben deswegen mit Entsetzen erfüllte, weil es mir neu war, ergriff mich sonst nie. Meine Brüder konnten fromm sein, wenn die Mutter betete; wenn sie über meine ernsthafte Beschäftigung mit der Religion spotteten, so kränkte mich dieses nur vorübergehend, und die kindliche unbefangene Fröhlichkeit ließ bald jeden Vorwurf der Art verstummen. Auch fiel es mir nie ein, mich für vorzüglicher zu halten; ich glaubte einfach, daß solche Betrachtungen sich für einen zukünftigen Prediger ziemten. Knabenjahre in Kopenhagen Als Henrich zwölf Jahre alt geworden, wurde der Stab des Husarenregimentes, bei dem der Vater angestellt war, nach der kleinen Stadt Roeskilde versetzt. Das ist die alte Residenz der dänischen Könige; ihrer dreißig ruhen in der Krypta des Domes, neben ihnen der große Geschichtsschreiber Saxogrammaticus und andere berühmte Männer aus der Geschichte des Dänenvolkes. Mit Sorgen hatten die Eltern Steffens Helsingör wieder verlassen; denn die Kleinstadt würde kaum Ersatz bieten für die Einnahmen der Privatpraxis wie an diesem größeren Orte. Die Ahnung bewahrheitete sich, und der Vater betrieb deshalb mit Nachdruck die Versetzung nach Kopenhagen und zu einem anderen Regimente. Die ältesten Kinder waren schon verständig genug, um an den Nöten der Eltern teilzunehmen; sie freuten sich mit ihnen auf das sorgenfreiere Leben in der Hauptstadt. Aber der starke Hauch geschichtlicher Größe, der sie aus Roeskilde angeweht, blieb ihnen ihr Leben lang eine liebe Erinnerung. Für die beiden Ältesten gab es in Kopenhagen einen Privatlehrer, einen Norweger in mittleren Jahren. Der wurde mit Recht bald mit den Leistungen Henrichs unzufrieden; diesen beschäftigten zu sehr die Schönheit der großen Stadt, das bunte Leben auf den Straßen, der Hof, die Equipagen, und vor allem das Theater, als daß er Sinn und Aufmerksamkeit auf lateinische und griechische Grammatik hätte richten mögen. An einem einzigen Gange in das Schauspiel – der arme geisteskranke König Christian VII. saß auch, von seinen Wärtern bewacht, im Parkett – mußte der Knabe zwar für zwei Jahre genug haben. Aber die junge Seele machte zum ersten Male Bekanntschaft mit der Welt der Form, und dieser Eindruck war so groß wie das Seeleben in Helsingör und die Vergangenheit von Roeskilde. Der älteste Bruder war zum Offizier bestimmt; er nahm nicht an den Privatstunden teil, die Henrich mit seinem jüngeren Bruder nun drei Jahre lang von einem alten Kandidaten hinnehmen mußte, der die Knaben, die nach Jungensart zum Spott über die Dürftigkeit ihres Präzeptors aufgelegt waren, immer wieder durch seine Unbedeutendheit entwaffnete. Von den lebenden Sprachen wurde nur das Deutsche täglich zwei Stunden geübt, der Rest galt der griechischen und lateinischen Syntax, also dem trockensten und zugleich wirkungsträchtigsten Lehrstoffe für das Leben. Da der Vater Steffens ein geborener Deutscher So bezeichnet Steffens selber, I, 216, die Abstammung seines Vaters. – Steffens hat einen holsteinischen Vater und eine dänische Mutter, also väterlicherseits niedersächsisches und holländisches (von der Mutter des Vaters), mütterlicherseits dänisches Blut. Der Vater seines Vaters wurde als Holsteiner innerhalb der alten Reichsgrenze geboren. Sein Vater vererbte ihm als dänischer Beamter die dänische Staatsangehörigkeit. Niemals war Steffens – wie es gelegentlich in Literaturgeschichten steht – Norweger, weil er in Stavanger geboren ist. war, wurde öfters beschlossen, es solle im Hause nur deutsch gesprochen werden. Die Sprache der Mutter, das Dänische, arbeitete zwar in der Stille ihres gesetzlichen Anspruches dagegen, aber, als die Eltern Roeskilde verließen, las Henrich deutsche Bücher schon mit Leichtigkeit, Von da an gab es Augenblicke, wo die Allgemeinbildung des Vaters den Kindern wieder zunutze kam: der Knabe zog sich aus der väterlichen Bibliothek die Fabeln Gellerts und gewann sie lieb, während sich eine Abneigung schon damals gegen den die Muse ihm zu absichtlich kommandierenden Klopstock in ihm einzunisten begann. In den Jahren der Entwicklung des Knaben zum Jüngling pflegt sich bei feineren Naturen die Neigung zur Einsamkeit einzustellen. Kopenhagen ist eine Meeresstadt; aber es gibt darin einen alten schönen Garten, der das von einem Graben geschützte Schloß Rosenburg umgibt. Der war an Nachmittagen und bei klarem Wetter das Ziel der spazierenden Kopenhagener, aber an Vormittagen lag er still und verlassen da; die Sonne spiegelte sich in der glatten Fläche seines Teiches, die Blätter rauschten, und die Stimmen der Vögel klangen. Und wenn ein einzelner Mensch in Eile vorüberging, war es oft, als träte das menschliche Treiben in allen seinen verworrenen Richtungen dämmernd in die eröffnete Naturtiefe zurück. Dieser stille Park sah in den Vormittagsstunden oft einen jungen, merkwürdig aufmerksamen Beobachter: einen lang aufgeschossenen Knaben, der stundenlang in ihm verweilen konnte, um Pflanzen und Tiere zu beobachten, der die Erscheinungen der Jahreszeiten studierte und sein Gefühl ganz davon gefangennehmen ließ; und den die Gesetzlichkeit einer unbekannten und trotzdem offenbaren Naturkraft so stark anzog, daß sie ihn sein ganzes Leben lang nicht mehr aus ihrem Banne lassen sollte. Buffons Naturgeschichte George Louis Leclerc, Graf von Buffon, 1707-1788, Schöpfer einer ersten umfassend-modernen Naturgeschichte: » Histoire naturelle générale et particulière «, Paris 1749-89, 36 Teile. in der alten Hallerschen Übersetzung fiel mir in die Hände; ich erhielt sie aus der Leihbibliothek, und da solche Schriften wohl nur selten gesucht wurden, konnte ich ohne Schwierigkeit die Anleihe immer erneuern. Es war die alte schöne Quartausgabe, die mich schon durch ihre Form anzog und Ehrfurcht erregte. Buffon hatte ich noch nie nennen hören, desto bekannter war mir Haller. Albrecht von Haller, 1708 bis 1777, Arzt, Anatom, Botaniker, Physiologe und Dichter. Als Arzt hat er hauptsächlich durch die Begründung hirnphysiologischer Experimente Schule gemacht. Mein Vater verehrte ihn als einen der größten Geister seiner Zeit, als Naturforscher, Arzt, als Philosoph und Dichter. In allem, was er vornahm, einer der ersten seiner Zeit, war er einer der umfassendsten aller Zeiten. Mein Vater besaß seine Physiologie im Auszuge. Ich hatte vergebens versucht, mich in diese Schrift hineinzuarbeiten, mir fehlten die anatomischen Kenntnisse noch. Wie imponierend aber mußte mir der noch unbekannte Buffon entgegentreten, den ein Geist wie Haller zu einer so umfassenden Bearbeitung wählen konnte. Ich fing diese Schrift mit der gespanntesten Erwartung zu lesen an; ich glaubte nichts gleichgültig vorübergehen lassen zu dürfen. Der Titel ließ mich hoffen, daß mir diese Schrift einigermaßen verständlich sein würde, und gewissenhaft las ich mit der angestrengtesten Aufmerksamkeit selbst die Einleitung, welche die Art des Studiums und die Behandlung der Naturgeschichte enthielt. Die Jugend schrickt vor nichts zurück; ich traute mir es zu, das Geschick, die Fähigkeiten, die vorausgesetzt wurden, in vollem Maße zu erlangen. Ja eben die Schwierigkeiten zogen mich an; und da ich wohl einsah, daß ein so umfassendes Studium ein ganzes Leben forderte, war der Entschluß, mich diesem ganz zu weihen, von jetzt an unabänderlich gefaßt. Freilich hatte ich mich viel mit den Gebirgen in der Phantasie beschäftigt, eine Neigung und zwar eine sehr bestimmte, die Bestandteile der Gebirgsarten und Fossilien genauer kennenzulernen, erwachte so frühzeitig, daß ich den Anfang nicht zu finden weiß; aber diese Neigung wurde zu wenig unterstützt. Ich mußte mich mit den wenigen Steinarten beschäftigen, die mir zufällig in die Hände fielen, im ganzen aber lagen nur die großen imponierenden Massen, wie sie aus der Erinnerung meiner Kindheit mir vorschwebten, vor mir. Ich hatte zwar von großen Überschwemmungen, von Erdbeben und vulkanischen Eruptionen gehört. Der Schrecken, welcher durch das Erdbeben von Lissabon erregt wurde, war noch im frischen Andenken, als die schauderhafte Erschütterung Kalabriens i. J. 1787 ganz Europa entsetzte. Damals hörte ich nun, wie die Erde sich spaltete, Gebirge einstürzten, Städte zertrümmert wurden und Tausende von Menschen ums Leben kamen. Aber so groß auch der Eindruck war, den solche Ereignisse machen mußten, so blieb er doch für mich ohne geistigen Erfolg; alles lag noch auseinander gerissen, es waren Notizen ohne Zusammenhang, mit denen ich wenig oder gar nichts anzufangen wüßte. Durch Buffons leichte und gefällige Darstellung, durch die geistreiche Fülle, mit welcher er teils in der kurzen vorangehenden Darstellung, besonders aber in den spätern, ausführlicheren Belegen vieler Behauptungen, die mannigfaltigsten und überraschendsten Erscheinungen in Zusammenhang brachte, erfuhr ich zuerst, daß diese Gebirge, deren Massen meiner Phantasie vorschwebten, ein geheimes Geschick verbargen, daß Erdbeben, vulkanische Ausbrüche und Überschwemmungen, wie sie jetzt noch stattfinden, nur die gebändigten Reste einer furchtbaren Bewegung genannt werden konnten, die gewaltsam, wild und mit Zerstörungen wechselnd, die Oberfläche der Erde im großen verändert hatte, daß die Jahrtausende der Geschichte, verglichen mit jener Vergangenheit der Erdbildung, nur als eine kurze Gegenwart betrachtet werden konnten. Im Raume hatte ich mich bis jetzt nur bewegt, ein ruhiges, festbegründetes Dasein trug alle meine Anschauungen, in der Natur wie in der Geschichte hatte alles sein abgeschlossenes Maß; und die bestimmt umgrenzten Gestalten in der Natur, wie die gemäßigten Hoffnungen und Wünsche in der Geschichte, bewegten sich untereinander nach einem stillen Gesetze, welches obzwar nicht gekannt, dennoch das gesicherte Dasein trug und ordnete. Wenn wir auch vom Kriege hörten, von verlorenen und gewonnenen Schlachten, wenn der Siebenjährige Krieg, wie das Lissaboner Erdbeben im Hintergrunde unserer frühesten Erinnerungen lagen, wenn der nordamerikanische Krieg, wie das Erdbeben in Kalabrien, selbst zu den Ereignissen der Zeit gehörten, in welcher wir lebten, so vermochte doch die Ruhe, die um uns herrschte, jene Ereignisse nicht in eine gefährliche oder drohende Nähe zu rücken. Daß die flache Gegend, die wir bewohnten, erschüttert, daß die bürgerliche Ordnung, die uns umfing, zerstört werden könnte, war eine Furcht, die wir nicht kannten. Selbst solche Naturerscheinungen, die auf dem Festlande Europas drohend hervortreten, ganze Gegenden in Schrecken versetzen und vorübergehend eine andere Gestalt geben, wie die gewaltigen Überschwemmungen mächtiger Flüsse, sind dem ruhigen Lande unbekannt. Seeland kennt nur Bäche; mächtige Flüsse sah ich zuerst in Deutschland. Dem ruhigen Lande war wie den gemäßigten Einwohnern eine jede gewaltsame Bewegung fremd. Jetzt durch Buffons geistreiche Darstellung lernte ich nun zuerst eine gewaltsame Zeit kennen, eine gärende Bildung der Oberfläche der Erde in sich selbst, Massen, wie ganze Länder, die sich hoben und senkten, sich bildeten und wieder zerstört wurden, um andern Bildungen Platz zu machen. Daß die Erde ganze zerstörte Geschlechter der Tiere und Pflanzen in sich verbarg, wurde mir jetzt erst bekannt. Noch hielt man die Idee fest, daß die Versteinerungen von Tieren und Pflanzen herrührten, wie diejenigen, die jetzt leben, Ich lernte, daß Millionen solcher Tiere von einerlei Art, in ihrer Versteinerung zusammengehäuft, ganze Gebirgsmassen ausmachten. Wenn nun auch solche Versteinerungen, die in überraschender Menge vorkamen, wie die Ammonshörner, die durch ihre oft gewaltige Größe, wie durch ihre fremdartige Gestalt in Erstaunen setzten, sich in der jetzigen Schöpfung nicht wieder erkennen ließen, so bedachte man, daß das Meer noch in seinen Tiefen Geheimnisse einschlösse, die uns unzugänglich schienen, und hielt die Ansicht, als wenn eine anders gebildete lebendige Welt untergegangen wäre, wo sie sich etwa aufdrängen wollte, fast gewaltsam zurück. Es war dieselbe Erde, mit denselben Geschöpfen, die wir jetzt kennen, welche die Vergangenheit der Natur bildete, nur daß sie in heftigere Bewegung versetzt war. Diese Welt mit ihren Gebirgsmassen und lebendigen Gestalten war gegeben, und wenn Buffon z. B. auch die Erde als einen Sonnensplitter durch einen Kometenstoß von der Sonne losreißen und in das Universum hineinschleudern ließ, damit sie sich um die Sonne, die sie geboren hatte, bewegen sollte, so fand doch zwischen dieser Epoche der Entstehung und der gegenwärtigen Ordnung der Dinge im ganzen ein Sprung statt, der durch nichts ausgefüllt wurde. Die von der Sonne getrennte Erde wurde gleich in ihrem gegenwärtigen Zustande aufgefaßt, und die Vergangenheit unseres Planeten unterschied sich von der Gegenwart nur durch die Gewaltsamkeit ihrer Bewegung. Zwar war die Geologie, als ich mit Buffon bekannt wurde, weiter gerückt, aber diese Wissenschaft in ihrem damaligen Zustande war mir unbekannt. Was ich von der Physik wie von der Geologie erfuhr, gehörte noch immer der ersten Hälfte, der Mitte des Jahrhunderts zu. Krügers Vielleicht meint Steffens des aus Rügen stammenden, in Stockholm lebenden Johan Fredrik Kryger, 1707-77, dreibändige » Naturlig theologie «, 1744-53. Naturlehre und Buffons Theorie der Erde bildeten das einzige Fundament der Kenntnisse, die ich in der Einsamkeit meiner Studien erwarb, und so war ich in wissenschaftlicher Rücksicht in der Tat, als wäre ich dreißig Jahre älter, zu betrachten. Krüger, den ich seit einigen Jahren schon sehr genau kannte, machte mir den Buffon verständlicher, und durch diesen erhielt jener eine tiefere, umfassendere, lebendigere Bedeutung. Aber diese innere Bewegung der Erde in sich selber, die gewaltsamen Prozesse bemächtigten sich meiner auf eine wahrhaft erschütternde Weise. Es war etwas Schmerzhaftes mit dieser inneren Bewegung verbunden; ich blickte in die inneren Flächen der Insel mit einer fast zerstörenden Sehnsucht hinein. Die Gebirge, die sich in meiner Phantasie erhoben, bildeten und zertrümmerten, schienen mir zu meinem Dasein zu gehören; es war, als fehlte mir ein wesentlicher Teil desselben, und es gab Momente, in welchen diese Empfindung mich auf eine peinliche Weise ergriff. Ich erinnere mich noch, wie einige Versteinerungen, die mein Vater erhalten hatte und mir schenkte, mich fortdauernd beschäftigten. Erst später lernte ich sie benennen, es waren zufälligerweise solche, die uns tierische Formen vorführen, welche der gegenwärtigen Zeit völlig fremd sind. Es waren Belemniten, Orthozeratiten und Ammoniten. Ich vermochte nicht, das Bild dieser Versteinerungen aus meiner Seele zu verdrängen. Ein Belemnit lag in einem harten mergelartigen Kalkstein, dessen eine Fläche poliert war, so daß man im Durchschnitt die Konkamerationen Abteilungen, Kammern. derselben erkannte. Auf die nämliche Weise war in seiner Kalkmasse der Orthozeratit durchgeschnitten. Je länger ich nun diese beiden Versteinerungen mit den Ammoniten verglich, desto deutlicher ward es mir, daß sie zusammen gehörten, daß eine Veränderung der Bildung einen Übergang aus der einen Form in die andere vermittelte. Die spitz zulaufenden Konkamerationen des Belemniten, deren hohle Kegel wie Tüten ineinandersteckten, so daß die Spitzen sich fast berührten, erhielten bei den Orthozeratiten eine flache Wölbung, als wären jene Spitzen in sich zusammengesunken und abgerundet. Ich erkannte, wie dadurch der größere Raum zwischen zwei Wölbungen entstehen mußte; auch blieb es mir nicht verborgen, daß der Ammonit ein schneckenförmig gekrümmter und in sich gewundener Orthozeratit genannt werden konnte. So erkannte ich auch die Röhre, die durch alle Konkamerationen hindurchging. Man verzeihe es mir, daß ich diese, wenn man will, triviale Auseinandersetzung nicht unterdrückt habe. Es ist so selten, daß ein Mensch aus seinen früheren Erinnerungen Momente zu finden weiß, die wie historische Krisen fruchtbare und erfolgreiche Epochen erzeugen. Meine Seele war erfüllt von mannigfaltigen Anschauungen; Gebirgsmassen türmten sich vor mir auf, aber die Substanzen, aus welchen sie bestanden, waren mir unbekannt. Quarz, Kalk, Glimmer, Feuersteine, Feldspat – das letzte Fossil, ohne daß ich es zu nennen wußte – waren mir wohlbekannt, aber ich fühlte nur zu sehr den Mangel an Kenntnis der Substanzen. Versteinerungen gaben mir eine Kunde von einer unter den Trümmern zusammengestürzter Berge in dem Schlamme gewaltig bewegter Meere verhüllten, mit präzipitierten Jäh herabgestürzten. Resten begrabenen Tierwelt; und nun sollten die ersten Reste, die ich auf solche Weise kennenlernte, ihrer Struktur nach sich auch wechselseitig erläutern. Es war zum ersten Male mir gelungen, einen solchen innern Zusammenhang scheinbar getrennter tierischer Gestalten zu erkennen. Die Verwandtschaft, die den Einteilungen der Tiere und Pflanzen zugrunde lag, ging mehr von der Auffassung einzelner Kennzeichen aus. Was die verwandten Formen im ganzen innerlich verband, blieb verborgen und nur auf eine unbestimmte Weise Gegenstand des Gefühls. Hier trat, und zwar aus einer rätselhaften Urwelt, eine Metamorphose hervor, welche die Formen in ihrer Totalität ergriffen hatte. Diese Klarheit des Zusammenhanges, die mir nicht aus der heiteren, mir innerlich, wie es schien, mehr befreundeten Welt, die mich umgab, vielmehr aus der dunkeln Vergangenheit entgegentrat, enthielt eine solche Fülle hoffnungsvoller Träume einer geistigen Zukunft, daß ich wohl sagen darf, sie bezeichnete ein Ereignis in dem Gange meiner inneren, einsamen, geistigen Entwicklung; es war mir, als wäre es mir zum ersten Male gelungen, eine, wenn auch noch so kurze, so doch in sich geschlossene und verständliche Periode in dem unendlichen reichen Texte der Natur zu lesen. Daß dieses durch eigene Forschung erkannt wurde, daß der Zusammenhang dieser Tiere mit den größeren Kreisen des Tierlebens, die mir unbekannt waren, mir hoffnungsvoll entgegentrat, vergrößerte meine Freude. Das Bewußtsein, auf solche Weise im Besitz von Versteinerungen zu sein, die mir durch meinen Buffon so wichtig und bedeutend geworden waren, überwältigte mich so, daß ich in Tränen ausbrach, die ich gar nicht zu stillen wußte. Ich erinnere mich noch, wie die Magd und meine Brüder mich überraschten, wie ich einsam dasaß, die Versteinerungen anstarrend, die vor mir lagen, wie sie verwundert fragten, was in diesen Steinen so Besonderes wäre, daß sie mich so betrübt machen konnten. Sie glaubten ernsthaft, daß es mit mir nicht richtig sei. Ich vermochte es nicht, mich darüber zu äußern, wie sollte ich mich ihnen begreiflich machen? Die Magd hatte dieses Ereignis besorgt der kranken Mutter mitgeteilt. Sie schien in der Tat zu glauben, daß mein einsames Grübeln und Lesen in Büchern, die mit dem Unterrichte nichts gemein hatten, mich verrückt machen möchte. Seit wir nach Kopenhagen gekommen waren, hatte die Krankheit meiner Mutter schnell zugenommen. Sie verließ das Bette nie, und wir sahen ihrem Tode entgegen. Die Zerstreuung, in welcher ich die ersten Monate zubrachte, die Ruhe, die für meine Mutter so notwendig war, hatte das innige Verhältnis, welches zwischen uns stattfand, ich muß es leider bekennen, wenn nicht gestört, doch zurückgedrängt. Die überhandnehmende Lust zur Naturwissenschaft, die verbotene Frucht der Erkenntnis, die mit der ersten wissenschaftlichen Reflexion uns dargeboten und mit geheimer und unendlicher Lust genossen wird, drohte mich aus meinem stillen Paradiese des Naturlebens herauszutreiben. Ich ward nach langer Zeit wieder einmal zum Krankenbette meiner Mutter gerufen. Wir sahen sie zwar alle Tage, wenn wir zum Morgengebet versammelt waren, aber die vertrauten Unterhaltungen, die mich in Roeskilde beglückten, fanden in Kopenhagen nicht mehr statt. Zwar begleitete mich die Erinnerung an diese fortdauernd, die Gestalt der Mutter schwebte mir immer vor, und je mehr sie sich dem Grabe näherte, desto verklärter erschien sie mir. Aber die tiefe Innigkeit des religiösen Gefühls, wie es mich in der engeren Umgebung der stillen Stadt durchdrang, war leider verschwunden. Ich fühlte keine Reue darüber, denn eine rastlose geistige Tätigkeit war an die Stelle getreten, und ich glaubte in dieser alles zu besitzen, was mich früher bewegte. Jetzt nun forderte meine Mutter mich auf, ihr die Gegenstände zu bringen, die mich so heftig erschüttert hatten, und ihr begreiflich zu machen, wodurch sie einen so heftigen Eindruck auf mich gemacht hätten. Mir war das sehr angenehm. Es geschah mit der größten Lebhaftigkeit, und die Mutter schien den Eindruck sehr wohl zu begreifen. Aber etwas Fremdartiges hatte meine Darstellung für sie, wodurch sie von allem Früheren abwich. Von der Natur im großen war die Rede, von den Tatsachen, die von gewaltigen Umwälzungen, die auf der Oberfläche der Erde stattgefunden hatten, zeugten. Ich erzählte, wie diese Versteinerungen Reste von Tieren der Vergangenheit enthielten, die inmitten der Zerstörungen sich gebildet hatten, und wie aus dieser verworrenen Zeit denn die drei Formen, die zufällig in meine Hände gekommen waren, ein stilles Gesetz der fortschreitenden Bildung zeigten, wie ich durch eine Betrachtung der Gegenstände diese entdeckt, und wie diese Entdeckung mich erschüttert hätte. Aber es war nur von der Natur die Rede, von der Gewalt, mit welcher diese inmitten der scheinbaren Zerstörung und Unordnung ein stilles Gesetz der Bildung festzuhalten und zu verfolgen vermochte, welches innerhalb so enger Grenzen zuerst erkannt, mich weiterführen mußte und mir einen unendlichen zukünftigen Genuß versprach. Früher würde eine solche Darstellung eine unmittelbare religiöse Wendung genommen und meine Mutter mit meiner Beschäftigung versöhnt haben. Jetzt mochte sie in ihrer immer mehr von der Erde abgezogenen Gesinnung eine Ahnung davon haben, daß ein neues fremdes Moment der geistigen Bildung mich ergriffen habe, daß dieses drohte, mich von dem Wege, den sie als den einzig wahren erkannte, abzulenken. Ihre Krankheit war schmerzlos; die immer zunehmende Schwäche der Auszehrung vermochte keine heftige Krise hervorzurufen. Still und ruhig nahmen die Kräfte ab, und sorgfältig wurde alles von ihr entfernt gehalten, was einer irdischen Sorge ähnlich sah, »Henrich«, sagte sie mit einer schwachen Stimme, die mich ergriff, »wie kannst du etwas so Wundervolles erfahren, ja so tief davon ergriffen werden, ohne an den Herrn zu denken, der Himmel und Erde bewegt hat, der die Steine zusammenrollt wie ein Tuch, aber sich am tiefsten offenbart in der innersten Bewegung der Seele in sich selber, in der Reue des bekehrten sündhaften Gemüts.« Sie warnte mich vor einer Beschäftigung, die mich von dem einzig wahren Ziele abzulenken drohte; sie beschwor mich, nicht zu vergessen, wozu ich von meiner Kindheit an bestimmt war, und als sie mich durch die Rede erschüttert sah, suchte sie mich zwar dadurch zu ermuntern, daß sie mich auf die stille gesetzmäßige Ordnung der Schöpfung als auf eine Offenbarung Gottes aufmerksam machte; aber diese betrachtend zu verfolgen, meinte sie, wäre das Geschäft der Naturforscher; »du aber bist bestimmt, sein unmittelbares Wort an die Menschen zu verkünden.« Sie sprach ruhig und mit schwacher Stimme. Die tiefe Gewalt, die sie von früher Kindheit an auf mich ausgeübt hatte, trat mächtig hervor, und ich verließ sie in großer Unruhe. Dieser Moment eines innern Widerspruchs, den ich selbst erlebt habe und jahrelang nicht zu unterdrücken vermochte, trat mir später mit geschichtlicher Bedeutung entgegen, als ich Pascals Leben und Schriften kennenlernte. Eine Neigung, den Gegensatz nicht abzuweisen, sondern zu lösen, blieb, mit klarerem oder dunklerem Bewußtsein, die stille Aufgabe meines Lebens und ist es noch. Damals aber vermochte nichts den mächtig gewordenen Trieb zu unterdrücken. Buffon hatte die Beschäftigung bezeichnet, die meine eigentümlichste war, ich durfte, ich konnte sie nicht abweisen. Aber auch bei ihm war es die Mannigfaltigkeit der Gegenstände, die Welt der Betrachtung, die er mir aufschloß, durch welche ich angezogen wurde; keineswegs seine Hypothesen, seine Erklärungen, diese schienen mir dürftig, und seine Darstellung der frühern von Whiston, Burnet, Woodward, Leibniz, konnten mich ebensowenig befriedigen. Ich wollte keine Erklärung, ich bedurfte ihrer nicht, ja wo die Erscheinungen einseitig hingezogen wurden in die Richtung der Hypothesen, fühlte ich mich eingeengt und auf eine unangenehme Weise gestört. Buffons Betrachtungen über die Menschen, über ihre Entwicklung, über die Rassen, machten wohl nicht einen so gewaltigen Eindruck auf mich wie seine Theorie der Erde, aber die Darstellung zog mich freundlicher an; der unmittelbare gedankenvolle Zusammenhang, der sich durch das Leben ausspricht, übt eine geheime Gewalt auf die Darstellung aus. Manches scheint sich von selbst zu verstehen, und die breite ausführlichere Behandlung führt uns, wie unvermerkt, von einem Gegenstande zum andern und läßt bei dem größten Detail der Untersuchung das lebendige Ganze nicht aus dem Auge verlieren. Vor allem begründete Buffon frühzeitig eine Ansicht, durch welche ich in allen menschlichen Verhältnissen die verborgene Macht der Natur erkannte und festhielt. Mit dieser ursprünglich und von Kindheit an befreundet, hatte ihre Herrschaft für mich nichts Abstoßendes, und der auf die Spitze getriebene Gegensatz zwischen Freiheit und Notwendigkeit, wie er erst durch eine lange Reihe von inneren Erfahrungen reif wird, war mir völlig unbekannt; ich hatte mich der Natur völlig hingegeben, und so herrschte ich durch sie, mit ihr, und fühlte mich frei. * Nach der Konfirmation hatte ich noch bis zu der Zeit, wo ich unter die Zahl der Studenten aufgenommen werden sollte, anderthalb Jahre. Auch diese Zeit war reich an inneren Ereignissen. Unter den Büchern, die ich aus der Bibliothek erhielt, war auch ein kleines Bündchen, betitelt »Goethes sämtliche Werke, siebenter Band«. Ich nenne diese Schrift so, weil mir Goethes Name völlig unbekannt war und der Titel mich wenig anzog. Als ich aber zu lesen anfing, konnte ich nicht wieder aufhören. Das Bändchen enthält bekanntlich Goethes Faust und zwar das Fragment, welches mit der Szene endigt, wo Gretchen, gequält von dem zuflüsternden bösen Geist, im Dome kniet. Ich habe in den »Vier Norwegern« Eine Novellensammlung von Steffens aus dem Jahre 1828 in sechs Bänden versucht, den Eindruck darzustellen, den dieses Goethesche Werk auf ein unbefangenes jugendliches Gemüt machen mußte. Mich ergriff es auf eine bis dahin mir selbst ganz fremde Weise. Die Sprache selbst schien mir einen Klang zu haben, den ich bis jetzt nie vernommen hatte, eine geheime Macht, einen Zauber zu besitzen, den ich noch nicht kannte. Zwar waren mir die tieferen Schmerzen des angemessenen Wissens noch fremd, jeder Tag brachte mir Neues, und dieses ward mit Freuden aufgenommen und genossen, und die Unruhe, mit welcher ich in diese heranwachsende Masse Ordnung zu bringen suchte, hatte mit jener inneren verzehrenden Qual nichts gemein. Dennoch war es, als ahnte ich die Schmerzen, die keinem geistig bewegten Gemüt lange fremd bleiben können. Als hätte ich die Alraunwurzel schon verletzend gehoben, als hätte ich ihren klagenden Ton vernommen. Manches, ja alles hatte für mich einen wunderbaren, geheimnisvollen Reiz. Immer von neuem wurde ich von der seltsamen Sprache angezogen, die mir wie wunderbare Geistermusik aus dem Innersten, Verborgensten der Seele wieder heraustönte. Der geheime Schmerz, der kaum geahnt in der Freude des Wissens ruht, ward ein geheimer Stachel, der die Lust erhöhte, nicht hemmte. Viele Stellen habe ich wie unwillkürlich in meinem Gedächtnis aufbewahrt, sie waren nicht zu verdrängen. Gretchens Kummer und Wehklagen erschienen mir als die tiefsten des ganzen Daseins. Ein geheimes Grauen verband sich mit einer unendlichen Lust. Diese innere Bewegung erfuhr keiner. Ein neuer Grundton meines ganzen Daseins war angeschlagen und bebte leise, in gewaltigen Schwingungen in meinem Innern nach. Noch immer gibt es Stellen im Faust, die, wenn sie mir unwillkürlich entgegentreten, mich überwältigen und mit der Macht eines ganzen Lebens ergreifen. Es war die innerste, die erste, tiefste Erschütterung des jugendlichen Gemüts, die mannigfach variiert angeschlagen wurde und als ein geheimer Klagegesang eines schuldbewußten Daseins immer wieder von neuem aus dem Innersten sich hören ließ. Daß aber Goethes Faust meiner ganzen religiösen Gesinnung eine Wendung gab, die von der bisherigen unschuldigen sehr verschieden war, ist leicht einzusehen. Früher erwuchs alle Poesie aus einem unschuldigen kindlich naiven Glauben; sie bildete sich als eine irdische Blüte der Andacht, ein Gebet war der Hauch, war der Blumenduft, in welchem die sinnliche Farbenpracht erblaßte und mit dem Bewußtsein der Seligkeit hinstarb. Ich konnte beten, ja das Gebet war mir ein Bedürfnis. Jetzt war mir das Gebet schon fremd geworden, nur eine innere Angst preßte es in vorübergehenden reuigen Momenten hervor, es ward immer seltener und die Neigung trat hervor, die Religion aus der Poesie zu fassen, sie selbst als eine tiefe Dichtung des menschlichen Daseins von neuem zu erzeugen, nachdem sie in ihrer ursprünglichen Gestalt verschwunden war. Freilich war mir diese Absicht nicht klar, aber daß alle religiöse Gesinnung schwankend geworden war, unbestimmt dunkel und heimlich zwischen Wahrheit und Dichtung schwebte, das ist nur zu gewiß. * Noch einen wichtigen Moment meines Lebens muß ich berühren, es war der, welcher die neuere Geschichte in allen ihren Richtungen umschuf, ganz Europa, man kann sagen allmählich das ganze Menschengeschlecht mehr oder weniger ergriff, es war die Revolution. Ich war sechzehn Jahr alt. Mein Vater kam begeistert nach Hause, er rief seine Söhne zu sich, wir sahen ihm die innere Bewegung an und erwarteten gespannt, was er uns berichten würde. »Kinder«, sagte er, »ihr seid zu beneiden, welch eine schöne glückliche Zeit liegt vor euch! Wenn es euch nicht gelingt, euch eine freie unabhängige Stellung zu erringen, so liegt die Schuld an euch. Alle einengende Verhältnisse des Standes, der Armut werden verschwinden, der Geringste wird mit dem bisher Mächtigsten den gleichen Kampf, mit gleichen Waffen, auf dem gleichen Boden beginnen. Daß ich jung wäre, wie ihr! Aber meine Kräfte sind gelähmt, mich haben allenthalben unsinnige Schranken gehemmt, die für euch nicht sein werden. Elende, stumpfsinnige Knaben werde ich euch schelten, wenn die mächtige Begeisterung der Zeit euch nicht zu ergreifen vermag.« Die Rührung, indem er so sprach, ergriff ihn mächtig, heftig weinend brauchte er einige Zeit, sich zu fassen. Wir in unserer geselligen Einsamkeit hatten nichts erfahren von den Bewegungen, die in Paris eine nahe Krise vorbereiteten. Wir staunten den Vater an und erwarteten in der größten Spannung, was er uns berichten würde; und nun erzählte er uns mit beflügelten Worten, aus welchen die innere Erschütterung sprach, die ernsten Szenen im Palais Royal, die ungeheuere Begeisterung, die das Volk ergriffen hatte, wie sie gegen alle Schranken der bestehenden Gewalt anstürmte, daß sie bald zusammenstürzen würden, endlich die Erstürmung der Bastille und die Befreiung langjähriger Opfer der Despotie. Es war eine wunderbare Zeit, es war nicht bloß eine französische, es war eine europäische Revolution, sie war da, sie faßte Wurzel in Millionen Gemütern, klar sehende Große erkannten die allgemeine Gewalt, ja verehrten sie; ein Strafgericht war über die vermodernde Zeit ergangen, ein Sieg über verkümmerte nichtige Verhältnisse war entschieden errungen. Die Revolution war in allen freien Gemütern von Europa schon da, auch wo sie nicht ausbrach. Der erste Moment der Begeisterung in der Geschichte, selbst wenn er unheilschwanger eine furchtbare Zukunft entwickelt, hat etwas Reines, ja Heiliges, was nie vergessen werden darf. Mich ergriff eine grenzenlose Hoffnung, meine ganze Zukunft, so schien es mir, war in einen andern, frischen, neuen Boden gepflanzt. Kurz darauf brachte uns der Vater die Schrift eines Livländers Schulz über die ersten Tage der Revolution, die er erlebt hatte. Das weltgeschichtliche Ereignis in seiner ganzen großen Bedeutung hatte auch ihn ergriffen; die lebhafteste Begeisterung ging wie ein flammendes Schwert durch die ganze Schrift; von dem Augenblicke an, wo Camille Desmoulins im Palais Royal auf den Tisch sprang und dem heftig bewegten Volke verkündete, daß Necker, den sie damals ihren Vater nannten, sie verließe, bis zur Befreiung der Gefangenen aus der Bastille habe ich die erschütternden Szenen, die in dieser kurzen Zeitepoche sich drängten, mit erlebt. Die größten mächtigsten Entschlüsse durchdrangen, hoben, entflammten mich; unbestimmt zwar schwebten sie mir vor, aber, ich darf es sagen, sie waren rein. Von dieser Zeit an las ich täglich die Zeitungen; alle Stadien der Revolution habe ich, obgleich in der Ferne, mit durchlebt. Mein ganzes Dasein hatte von nun an eine neue Richtung erhalten, welche die frühere nicht ausschloß, ihr vielmehr eine höhere Bedeutung zu erteilen schien. Aber der stille Grund des religiösen Glaubens trat immer mehr zurück. Wie die in Kopenhagen herrschende Stimmung meine Teilnahme an der Revolution steigern mußte, wird die Folge zeigen. So trat ich, ein innerlich bewegtes, ja begeistertes Kind der Zeit, aus der stillen Einsamkeit meiner ersten Jugend heraus. Universitäts- und Wanderjahre Diese Jugend war durch das zarte, aber starke Wesen der Mutter behütet gewesen. Die Mutter starb, oder vielmehr: sie verlöschte wie ein Licht, als Henrich sechzehn Jahre zählte. Die verklärten Züge, die schönen Augen, denen das Erlöschen eine sonst nie gekannte Bewegung verlieh, prägten sich den Zurückgelassenen wie eine stille Mahnung ein, es läge in dem Momente des Sterbens das eigentliche Leben, in jenem Vordunkel des Grabes die durchsichtigste, hellste Wahrheit. Was ist der Mensch? Niemals wich von Henrich die Todesstunde seiner Mutter; ein Kern religiöser Gesinnung erhielt durch sie sein ganzes Leben Beständigkeit und Kraft. Nach dem Tode der Mutter zerfiel die Familie. Beide Schwestern kamen nach Odsherred zu Verwandten der Mutter. Der älteste Bruder zog ins Kadettenhaus. Der Vater, durch den Tod der Mutter mit der Familie noch mehr gespannt, von Schulden gedrückt, suchte außerhalb des Hauses Ablenkung und Zerstreuung. Drei Brüder blieben mit einer alten Magd allein. Der Tag der Prüfung, der über Henrichs Eintritt in die Universität entscheiden sollte, kam heran. Examiniert würde im Lateinischen, im Griechischen und, für Theologen, im Hebräischen, in Geschichte und, seltsam genug, in Astronomie. Beide Brüder Steffens bestanden ehrenvoll. Als Henrich sein Studium begann, ruhte auf der Universität von Kopenhagen ein tiefer Schlaf. Die Professoren trugen ihre einmal ausgearbeiteten Hefte vor, die Studenten hörten sie oder hörten sie wohl meistens nicht. Mit einem Feuereifer warf sich Henrich auf die Arbeit: wie ein befreiter Sturzbach brachen lange gestaute Kräfte in ihm los. Nach einem Jahre bestand er glänzend das philologische Vorexamen. Mit Begierde nahm er bald die Studien wieder auf, die er schon während seiner Schülerjahre getrieben hatte: Anatomie, Chemie und Naturgeschichte. Um Anatomie und Chemie zu lernen, mußte der Student seine Zuflucht zur chirurgischen Akademie nehmen; denn Lehrstühle für diese Fächer bestanden noch nicht. Den Unterricht in der Zoologie und der Mineralogie betrieb eine Privatgesellschaft. Henrich war achtzehn Jahre alt, da wurde sein Vater zu einem Regiment nach Rendsburg in Holstein versetzt. Beide Brüder, außer dem Jüngsten, Die drei Brüder haben sich später jeder in seinem Berufe ausgezeichnet: der Älteste starb 1817 als Professor der Militärakademie in Kopenhagen; der zweite Bruder wurde, wie der Vater, Regimentsarzt in Trondheim und starb 1807; der jüngste Bruder – als Henrich studierte, noch Schüler – brachte es als dänischer Offizier bis zum Major und Gouverneur der dänischen Besitzungen in Afrika, wo er 1821 starb, – Die ältere Schwester heiratete den Bürgermeister von Trondheim, die jüngste einen Pfarrer in Odensee. Aus den Ehen von drei Brüdern Steffens entsprang nur ein Sohn, der in Henrichs Familie von seinem siebenten Jahre an erzogen und später Arzt in Norwegen wurde. waren bereits versorgt; der Älteste, zum Lehrer an der Artilleriekadetten-Akademie bestimmt, war bereits seit zwei Jahren Offizier; nun wurde auch der zweite Bruder, nachdem er seine erste Universitätsprüfung bestanden, ohne in seinem Fache die geringste Kenntnis zu besitzen, in seinem sechzehnten Lebensjahre Kompaniechirurgus. Eine solche Anstellung wurde selbst als eine Schule betrachtet, in der er sich praktisch ausbilden sollte. * Ich war nun völlig verlassen und einsam. Auch mein ältester Bruder war, ehe er die Lehrerstelle antrat, auf einige Zeit nach Rendsburg versetzt. Den jüngern Bruder, den Arzt, sah ich selten. Er wohnte in der Kaserne, seine Neigungen, seine Wünsche waren mir fremd, seine Studien und sein Umgang trennten uns noch mehr. Ich war für den ersten Moment ganz auf die Hilfe des Onkels hingewiesen, aber hier trat nun der immer gefürchtete, jetzt unvermeidliche Moment der entschiedenen Erklärung von meiner Seite hervor. Professor Bang Bruder von Steffens' Mutter, der als Arzt das Vertrauen der bedeutendsten Familien genoß und sich mit Recht als das Haupt der Familie ansah; ein Mann von großer Herzensgüte, aber »in gewissen, besonders religiösen Beziehungen beschränkt«. hatte mit voller Überzeugung vorausgesetzt, daß ich Theologie studieren würde. Ich hatte aber entschieden beschlossen, mich nur den Naturwissenschaften zu widmen. Mein Onkel war in der Tat zu rechtfertigen. Was man, von meiner frühsten Kindheit an, von mir wußte, konnte die Überzeugung begründen, daß ich sowohl durch Neigung als durch Talent zum Prediger geboren wäre. Die Leichtigkeit, mit der ich die Sprache behandelte, sowohl schriftlich als mündlich, hatte frühzeitig die Aufmerksamkeit der Eltern und Verwandten auf sich gezogen. Schon in Norwegen, als wir von Trondheim aus einen verwandten Prediger besuchten, in meinem sechsten Jahre etwa, schrieb mein Vater eine kurze Predigt nieder; ich mußte sie auswendig lernen; es ward ein Schemel auf die Kanzel der Kirche gesetzt, und der Knabe sagte die Predigt her. Die Eltern, die Verwandten und die Dienstboten waren gegenwärtig, und der Zauberer Merlin, als er sich zu der Wiege aufrichtete und eine Rede hielt, konnte keine größere Aufmerksamkeit erregen als ich, indem ich die auswendig gelernte Predigt hersagte. So galt es für völlig ausgemacht, daß ich als Prediger Glück und Ansehen erwerben würde; auch würde in diesem Falle unter den Brüdern meiner Mutter der Professor Bang nicht der einzige gewesen sein, der mich unterstützte. Es war aber meine Neigung zur Naturwissenschaft nicht allein, die mich schlechterdings davon abhielt. Die damals herrschende Dogmatik war mir durchaus zuwider. Sie enthielt eine unverträgliche rohe Mischung von starrer Orthodoxie und plattem Rationalismus, die sich wechselseitig zerstörten. Jene ließ man stehen, ohne an sie zu glauben, diesen nahm man an, ohne ihn zu begründen. Ich war von jeher unfähig, einen äußerlich aufgetragenen wissenschaftlichen Gegenstand zu behandeln, innerlich in fortdauernder Gärung, drängten sich mir Aufgaben auf, die gelöst werden mußten. Von diesen ergriffen, war ich der größten Entsagung fähig. Die mühsamste Untersuchung, die trockenste Beschäftigung, hatte sie nur irgendeine Beziehung zu einer solchen Aufgabe, erhielt dann einen Reiz, der meinen Freunden oft unbegreiflich erschien. Sie trauten dem fortdauernd beweglichen, von jedem Gegenstande leicht aufgeregten enthusiastischen Jünglinge die Beharrlichkeit nicht zu. Oft äußerte ich mich heftig gegen die Preisschriften, sie könnten, behauptete ich in meinem einseitigen Eifer, nie einen bedeutenden Wert haben. Ich kannte keinen andern Preis als die durch die Lösung eigener Aufgaben errungene Selbstbefriedigung. Der religiöse Glaube war nicht etwa verschwunden, er ruhte als ein verborgener Schatz meiner Kindheit im Hintergründe des Bewußtseins. Aber er durfte nicht hervorgehoben, nicht ein Gegenstand der Reflexion werden. Jede geistige Beschäftigung bewegte sich frei und ungehemmt nach allen Richtungen, ohne die religiöse Grundlage zu berühren, und so blieb diese ungefährdet. Auch störte mich in dem Moment mannigfaltig aufgeregter Leidenschaften die Manier des mehr gut gesitteten als sittlich guten äußeren Betragens, welches von den Geistlichen gefordert wurde. Es lag überhaupt, bei aller Milde, ja Weichheit meiner Gesinnung, etwas Wildes, Ungebändigtes in meinem Benehmen, und neben der größten Fügsamkeit ein unüberwindlicher Trotz und unbeugsame Halsstarrigkeit. Als ich dem Onkel erklärte, daß ich mich nur der Naturwissenschaft widmen wollte, war er außer sich. »Du besitzest nichts«, sagte er, »und willst den reichen, vornehmen Herrn spielen. Du mußt erst wissen, wie du Wohnung, Nahrung und Kleidung erhältst. Wie sie in der Welt fortkommen kann, weiß die arme Jugend gar nicht, das muß sie von alten, erfahrenen Leuten erst lernen.« Diese sogenannte Erfahrung hörte ich nun oft nennen. Sie ward mir von allen Verwandten und älteren Freunden aufgedrungen und war mir unter allen Dingen in der Welt das Unbegreiflichste. Die realste Wirklichkeit eines unüberwindlichen wissenschaftlichen Triebes bildete mein innerstes Dasein, und jetzt wurde mir diese Wirklichkeit selbst, durch welche alles andere im Leben für mich Bestand erhielt, abgeleugnet. Ich sollte ursprünglich nichts sein, und erst durch die sogenannte Erfahrung in der Zukunft etwas werden. Dies wollte mir keineswegs einleuchten, ich vermochte es nicht, mich zu diesem abstrakten Idealismus der Erfahrenen zu erheben. Es war, das sehe ich ein, ein Kampf um mein innerstes Dasein, den ich durchzukämpfen hatte. Daß mein Onkel auf keine Weise auch nur einen Begriff hatte von einem solchen Rechte einer ursprünglichen Persönlichkeit, daß er durchaus nicht geneigt war, es anzuerkennen, das sah ich wohl ein. Es blieb mir nichts anderes übrig, als ihn durch Fleiß, Eifer und durch die Hoffnung, die ausgezeichnete Männer von mir hegten, allmählich zu der Überzeugung zu bringen, daß mein Unternehmen nicht so töricht wäre, als es ihm schiene. Doch diese Hoffnung konnte nur in einer fernen Zukunft erfüllt werden, und bis dahin mußte ich leben. Meine Studien aber setzten eben ein sorgenloses Leben voraus, und ich bedurfte in der Tat, so jung ich war, nicht die Erfahrung meines guten Verwandten, um einzusehen, daß ich mich in einem Kreise bewegte, aus dem ich mich nicht herausfinden konnte. Auch wäre mein Schicksal ohne Zweifel sehr hart gewesen, ich würde es geteilt haben mit so vielen Jünglingen, die zu einem ähnlichen Kampfe aufgefordert, zugrunde gehen, wenn nicht Bang, wie sehr er sich auch durch mich gekränkt fühlen mußte, wie entschieden er mich auch seine Unzufriedenheit merken ließ, sich dennoch entschlossen hätte, das Versprechen, welches er der sterbenden Schwester gegeben, zu erfüllen. Von jetzt an gehörte ich zu seiner Familie; ich aß in seinem Hause, und selbst außerdem wurde ich vielfältig von ihm unterstützt. Seine Stiefsöhne wurden meine Freunde, und ich gehörte einem Kreise junger Männer zu, die, auch wenn sie äußerlich günstiger gestellt waren und nicht, wie ich, so ganz ins Blaue hineinstudierten, doch alle geistig bewegt, einem Höheren und Ungewöhnlicheren nachstrebten. Ich selbst behalf mich äußerlich, wie ich konnte. Ich manudozierte Die Studierenden, die sich in den ersten Prüfungen auf der Universität ausgezeichnet hatten, wurden »Manudukteure«, d. h. sie bereiteten Jüngere auf die bevorstehenden Prüfungen vor. die Studierenden, gab den Pharmazeuten Unterricht in den ersten Elementen der Chemie, gab Stunden, arbeitete für einige Journale, schriftstellerte sogar, machte kleine Schulden, weil mein Verhältnis zu Bang nicht unbekannt war. Oft war ich meiner Ansicht nach reich, am häufigsten hatte ich nichts, denn eine jede Summe, die ich erhielt, wurde in Büchern, in Naturalien angelegt, öfters wohl auch den geselligen Freuden geopfert; ich lebte bei dem allem völlig sorglos und wahrhaft glücklich. Die kleinen Verlegenheiten, in die ich nicht selten geriet, quälten mich nur vorübergehend. So verfloß die Zeit vom Herbste 1792 bis zum Frühlinge 1794 von meinem neunzehnten bis zum einundzwanzigsien Jahre, eine Zeit, an die ich immer, so kurz sie war, mit großer Freude zurückdenke. * Aber das Ziel, welches ich ungeduldig zu erreichen strebte, war: Shakespeare zu lesen und womöglich zu fassen. Schon in meiner Kindheit hatte ich ihn als einen zwar monströsen, gigantischen, aber zu gleicher Zeit tiefen und höchst bedeutenden Geist nennen hören. Man kannte ihn in Deutschland nur aus Wielands und Eschenburgs Übersetzungen. Daß ich zuerst nach Hamlet griff, wird ein jeder begreifen, wenn er sich erinnert, was mir Goethe und sein Wilhelm Meister waren. Die Mühe, die es mir kostete, dieses großartige Drama durchzuarbeiten, machte mich mit einer jeden Stelle genau bekannt, und welchen Eindruck Hamlet auf mich machen mußte, ist leicht einzusehen. Ist doch diese Gestalt eine wahrhaft prophetische, ja, ich möchte sagen, ergriffen von einem inneren Kampfe, scheint sie mehr deutsch, als englisch, mehr aus der gegenwärtigen Zeit, als aus der früheren, wo sie entstand, entsprungen zu sein. War es eine Ahnung dieser prophetischen Bedeutung, die den Shakespeare dazu brachte, Hamlet und seinen genauesten Freund als frühere Wittenbergsche Studenten darzustellen? Ein jeder geistig bewegte junge Mann in Deutschland sah sich, wie Hamlet, unwiderstehlich von einer inneren Aufgabe ergriffen, die sein ganzes Leben in Anspruch nahm und als deren Opfer nicht wenige gefallen sind; daher ward Hamlet auch zuerst in Deutschland verstanden; und ich vertiefte mich, wie so viele andere, in diese inneren Kämpfe, als hätte ich sie selber erlebt. Wenn ich nun, was mich ergriff, mit wenigen Worten bezeichnen soll, so wird dieses den Lesern am ersten klar aus der Art, wie ich Shakespeare neben Goethe, der mich schon in fast bewußtlosen Knabenjahren beschäftigt hatte, auffaßte. Ich habe es so oft erlebt, daß man selbst da, wo ich als Dichter hervortrat und bestimmte Persönlichkeiten unter ganz bestimmten Verhältnissen sich äußern ließ, dennoch diese Äußerungen, als wären sie in einer rein philosophischen Betrachtung ausgesprochen, aufgenommen und beurteilt hat; daß aus der öffentlichen Kritik, selbst der vorzüglichsten Geister, der Sinn für einen absichtlich gewählten eigentümlichen Standpunkt so ganz in der Allgemeinheit leerer Abstraktionen verschwunden ist, als wäre er nie dagewesen. Diese Erfahrung macht es notwendig, eine Bemerkung hier zu machen, die freilich ebenso trivial wie überflüssig scheint; diese nämlich: daß hier keineswegs von einer objektiven Beurteilung der zwei größten Dichter der neueren Zeit die Rede ist, sondern nur von dem Eindruck, den beide auf mich machten; so wie der eine aus der reichen Erinnerung einer vergangenen Zeit mächtig hervortrat, und selbst durch die Vergleichung mir bedeutender ward, während der andere mir eine neue Welt eröffnete. Es kommt mir bei dieser Darstellung ein Fragment zustatten, welches zwar vor mehreren Jahren verlorenging, mir aber doch öfters wieder in die Hände fiel und daher dem Inhalte nach im Gedächtnisse geblieben ist. Beide, das erkannte ich wohl, schlossen grundlose Tiefen des menschlichen Gemüts auf; war ich doch schon selbst seit Jahren in diejenige hineingezogen, die mir Goethe eröffnete, ohne einen Grund finden zu können. Aber die Gegenstände, welche die Gemüter innerlich in Bewegung setzten, hatten bei Shakespeare ein ganz anderes Verhältnis zur Persönlichkeit als bei Goethe. Bei dem letzteren war es mehr der Zwiespalt einer Seele, die sich von der Welt verlassen fühlte, oder das Fragment derselben, welches ihm geblieben war, in eine engere, freilich unendlich reiche Persönlichkeit hineinzog und ausbildete; selbst in Götz von Berlichingen und Egmont schien mir dieses der Fall zu sein. Aber eben diese engere Umgrenzung gab dem Ganzen eine anmutigere Form, ein leichter Überschauliches und Abgeschlossenes, und es lag ohne allen Zweifel in dieser Ansicht die Überraschung, mit welcher ich das bekannte Urteil von Novalis über Goethe zuerst vernahm. »Der Goethesche Philosoph oder Denker. Mit der Bildung und Fertigkeit des Denkers wächst die Freiheit. (Freiheit und Liebe ist eins.) Die Mannigfaltigkeit der Methoden nimmt zu – am Ende weiß der Denker aus jedem alles zu machen. Der Philosoph wird zum Dichter. Dichter ist nur der höchste Grad des Denkers oder Empfinders usw.« Denn nichts überrascht uns so sehr, wie eine plötzliche Bestätigung dessen, was wir lange, wenn auch nicht klar, mit uns herumgetragen haben. Bei Shakespeare hingegen bewegte sich immer eine große, mächtige, sichtbare und unsichtbare Welt in und mit den Personen; alle schienen zu leben, zu denken, zu handeln aus einem gewaltsam bewegten Volke, sowie zugleich aus einer tiefen Geisterwelt, aus welcher sie herauftauchten, so daß dadurch das in einem größeren Ganzen verborgene Geheimnis der Leidenschaften den Personen ein großartiges Gepräge aufdrückte. Eine jede Stimmung, in welche mich solche geistige Aufregung versetzte, hatte etwas Gewaltsames, was mich innerlich erschütterte, und es ist mir begreiflich, wie ich den Freunden so erschien, als lebte ich in einer beständigen Spannung, die mich aufreiben müßte. Mehrere mochten diese heftige Bewegung selbst als eine durch äußere Reizmittel hervorgerufene, einige wohl sogar als eine affektierte beurteilen. Es war, möchte ich behaupten, etwas Vulkanisches in meinem Wesen, wenn dieses Wort da gebraucht werden kann, wo die hervorbrechende Flamme so gewaltsam, wie sie erschien, doch mehr anzog, als zurückstieß, mehr erwärmte, als verbrannte, mehr anregte, als aufregte. – Wenn dieses Urteil über meine eigene Jugend dem Leser zu günstig scheinen sollte, und mehreren vielleicht einem unschicklichen Selbstruhme zu ähnlich, so darf man nicht vergessen, daß hier von nichts Erworbenem die Rede ist, vielmehr von einer hohen Gunst der Natur, das heißt, mit einfacheren und einfältigeren Worten: von einer göttlichen Gnade, die mich fortdauernd und fast bis in mein hohes Alter hinein begleitete und selbst nach den heftigsten inneren Kämpfen immer von neuem mit Zuversicht erfüllte und erheiterte. Ich kann mich auf die Art, wie ich den Freunden erschien, von denen noch mehrere leben, berufen. Ich konnte damals, wenn ich dem Arzt, selbst völlig gesund, meinen Puls hinreichte, als ein Fieberkranker erscheinen, aber eben deswegen, weil diese heftige Äußerung zur Eigentümlichkeit meiner Natur gehörte, enthielt sie nichts Aufreibendes, und ich befand mich niemals gesunder, ja niemals glücklicher, als wenn ich in einer Aufregung lebte, die den Freunden gewaltsam, ja vielleicht gefährlich erschien, während sie doch nur die völlig ungezwungene, ja unwiderstehliche Äußerung einer gesunden Natur war. Eben deswegen arbeitete ich immer am besten nüchtern, und ein jedes Reizmittel, z.B. reizende Speisen, Weine, ein aufregendes Gespräch, eine Rede, in welcher ich, was mich innerlich bewegte, wie unwillkürlich preisgab, erschöpften mich immer auf einige Zeit und hemmten die geistige Produktion. Was nun einer solchen Natur Shakespeare werden mußte, ist leicht einzusehen; allerdings waren die Personen seiner Dramen tief im Innern bewegte Gemüter, die das Innerste, Verborgenste aufschlossen; aber was sie in Bewegung setzte, war nichts Vereinzelndes, die Leidenschaften selbst, die sich enthüllten, waren mit der Geschichte des Volkes, waren durch die Geheimnisse der Geisterwelt geschwängert; und wenn Goethe mich reizte, den Geheimnissen der Welt in den stillen Tiefen des ringenden Bewußtseins nachzuforschen, so forderte mich Shakespeare auf, diesen Kampf als einen solchen zu betrachten, den ich mit den kämpfenden Völkern in der Geschichte, ja mit den unsichtbaren Geistern, die in der Natur verschlossen ruhen, teilen mußte, um sie in ihrer tiefsten Bedeutung zu fassen. Diese beiden großen Dichter, die mich mit der ganzen Gewalt des mächtigen Genius an sich gezogen hatten, fachten aber den bedenklichen Kampf im Innern an, versöhnten ihn nicht. Und so, indem ein inneres, geistiges Leben, in welchem die Wirklichkeit aufging, mich gefangenhielt, schienen mir zwar die Gefahren des Kampfes selbst einen unwiderstehlichen Reiz zu haben, aber immer heftiger ward die Sehnsucht nach dem Frieden. Und oft genug rief ich mit Falstaff: »Ich wollt', es wäre Abendzeit und alles wäre aus.« * Ein Schriftsteller, der mich in dieser Zeit mehr, wie billig, beschäftigte, war Rousseau, den ich zwar früher kannte, der mich aber, als ich die Heloise, den Emil und die beiden bekannten politischen Schriften, dann seine Konfessionen, mit wahrer Leidenschaft hintereinander las, in eine bizarre Vereinzelung hineinzog, aus welcher ich mich dennoch, nach einer kurzen kranken Zeit, wieder zu retten suchte. Wichtiger war mir die Bekanntschaft eines jungen Mannes, der einen großen Einfluß auf mich ausübte und mich zuerst in die lebendig bewegte Mitte des geistig strebenden Deutschlands versetzte: es war Rist, ein Enkel des bekannten geistlichen Liederdichters Johann Rist. Er kam von Jena zurück, wo er Fichte gehört hatte. Ich gehörte von jetzt an einem Kreise von jungen Männern zu, die mehr oder weniger Fichte anhingen, aber doch auf eine völlig selbständige Weise. Zwar lernte ich nur Rist persönlich kennen, begrüßte, für jetzt nur vorübergehend, den als Philosophen berühmt gewordenen Berger, trat erst später mit Thaden und mit dem älteren, durch seine Schriften bekannt gewordenen Hülsen in persönliche Verbindung sowie mit dem jetzigen Bürgermeister in Bremen, Schmidt. Gries, der berühmte Übersetzer, den ich in Jena später kennenlernte, gehörte zu diesem Kreise, sowie der allgemeinbekannte Philosoph Herbart, den ich nie persönlich kennenlernte. Auf den Universitäten in Deutschland bildete sich eine Vereinigung von geistig bewegten tüchtigen Männern, die auf eine kräftige Weise, von großen Entschlüssen durchdrungen, sich für ein bedeutendes Leben auszubilden suchten. Der edle Greis Hensler äußerte sich einst über diesen Gegenstand auf eine Weise, die mir unvergeßlich geblieben ist. »Wie wichtig«, sagte er, »müssen die deutschen Universitäten uns erscheinen, wenn wir sehen, wie aus ihrer Mitte die kühnen Männer hervorgehen, die, mit klarer Übersicht der Verhältnisse, und von großen Ideen geleitet, der versunkenen Vergangenheit, der unverständigen Gewalt oft mit Erfolg entgegenzutreten wagen. Schon werden viele Fürsten in Deutschland und kleine Höfe durch sie geleitet und veredelt.« Freilich hatte eine ähnliche Ansicht der deutschen Universität sich mir schon längst aufgedrängt: aber rührend war es mir, von dem gelehrten Greise, der sich sonst immer über naturwissenschaftliche Gegenstände mit mir zu unterhalten pflegte, diese Anerkennung eines jugendlich frischen Lebens zu vernehmen. Die frühere Sturm- und Drangperiode, die allerdings auch ein edleres Streben in sich schloß, hatte doch, ihrer herben Form nach, etwas dem rohen Burschenleben Verwandtes. Während dieser Zeit trat die Jugend in einer starken Opposition gegen die sozialen Verhältnisse hervor. Ein unklares Ideal schwebte dem Jünglinge als das innerste Wesen seines Daseins vor. Aber indem er es für unerreichbar erklärte, vernichtete er in der Tat sein eigenes Dasein, indem er es als ein nicht darzustellendes aufzufassen suchte. So in einem inneren Widerspruche mit sich selbst und der Gesellschaft entstand ein Zynismus des Betragens, der, obgleich er einen andern Ursprung hatte, dennoch dem des gewöhnlichen Studentenlebens verwandt war und sich auch wohl gelegentlich mit ihm verbinden mochte. Das unerreichbare Ideal nahm nach der Verschiedenheit der Gesinnung einen doppelten Charakter an, kam aber nie über die Verneinung der Wirklichkeit hinaus. Es war einerseits der Trotz, der in allen bestimmten Einrichtungen des Staates und der Geselligkeit ein Unwürdiges erblickte, dem man sich nicht unterwerfen dürfe, während dasjenige, was an die Stelle treten sollte, dennoch ein völlig Gestaltloses blieb; andererseits eine weichliche Sentimentalität, der man sich ergab, indem man das nie zu verwirklichende Ideal wie ein dunkles Traumbild bald erweitert als menschliche Glückseligkeit umfaßte, bald enger als Gegenstand der Liebe zu erkennen wähnte. Es war natürlich, daß dieser Widerspruch sich nicht zu erhalten vermochte. Der Trotzige mußte sich der Gesellschaft fügen, und die Opposition verwandelte sich nicht selten in eine spießbürgerliche Nachgiebigkeit. Der Sentimentale übertrug zwar sein Traumbild auf irgendein Mädchen, aber Amt und Ehe vernichteten schnell genug alle Ideale der Jugend. Indessen darf man keineswegs glauben, daß dadurch, daß der Widerspruch unaufgelöst in so vielen Gemütern vernichtet ward, er selbst aufgehört hatte, seine Lösung zu suchen. Er war kein willkürlicher, vielmehr mußte man ihn einen geschichtlich notwendigen nennen. Er entstand, indem der religiöse Mittelpunkt aus dem Leben verschwunden war, indem der Glaube sich von den Elementen der allgemeinen Kultur getrennt hatte und selbst durch diese Trennung in verschiedenen Richtungen zerfiel: so daß er teils in der unbestimmten Sentimentalität der Brüdergemeinde, teils in dem harten Trotze der Pietisten, teils in der starren Orthodoxie der Schriftgelehrten auseinanderfiel, nirgends aber die wahre Wirklichkeit, die nur in der Einheit dieser auseinandergefallenen Momente lebendig wird, darzustellen vermochte. Aber der auch von der Religion ausgeschiedene Staat stellte sich in denselben Momenten der Trennung dar; die starre Form der überlieferten Rechtsverhältnisse ward, wie die Orthodoxie, festgehalten, obgleich sie den Verhältnissen des sich unaufhaltsam entwickelnden Lebens nicht entsprach. In allen Richtungen des Staates äußerte sich eine Sehnsucht nach einer inneren Übereinstimmung aller Lebensmomente, und sie suchte bald ihre Verwirklichung dadurch herbeizuführen, daß sie eine wohlwollende Gesinnung in den Gemütern nährte, die auf eine allgemeine Glückseligkeit hinstreben sollte, bald mit wachsender Ungeduld eine Veränderung hemmender Institutionen forderte. In Deutschland entsagte diese Bewegung niemals ihrem ideellen Charakter. Man kann behaupten, daß Goethe derjenige war, der diese getrennten Momente der Opposition zuerst vereinigte, indem er sie mit großer Genialität in ihren Extremen ausbildete, die sentimentale Richtung durch Werther, die trotzige in Götz darstellte. In der Tat hatten diese Extreme in ihrem tragischen Untergange schon die entgegengesetzten Elemente in sich aufgenommen, und wenn Goethe durch die Anmut und Tiefe seiner Darstellung eines Daseins, welches noch in einem Kampfe mit der Wirklichkeit begriffen, dennoch eine geordnete Entwicklung desselben anerkannte, so war Schiller dazu berufen, der ideellen Seite einen wesentlichen Inhalt zu geben. Es ist merkwürdig, daß Goethe mit großem Zorne die Richtung betrachtete, die durch eine wilde Opposition gegen alle geselligen Verhältnisse in Schillers »Räubern« sich geltend machte; Goethe ging wirklich von der Sentimentalität aus, nicht als von einem Ursprünglichen, sondern als von einem Fremdartigen, welches er abzuweisen hatte, oder vielmehr, welches durch eine reiche, in sich sichere Naturwirklichkeit assimiliert werden sollte. Bei Schiller war dagegen die Sentimentalität das Ursprüngliche; er hatte den wilden Trotz, als ein Fremdartiges, sich anzueignen gewußt, und aus der Gleichsetzung beider entstand jenes moderne sittliche Rittertum, welches den edleren Teil der akademischen Jugend tiefer noch als die Goethesche reiche Naturpoesie ergriff. Die modernen Staaten haben bestimmte Stadien zu durchlaufen, die man Entwicklungsstufen nennen kann, indem sie aus organische Weise verbunden, in- und miteinander sind und sich wechselseitig fördern. Es sind lebendige Assimilationsprozesse, die sich untereinander bedingen; der Staat hat mit einer sinnlichen Wirklichkeit zu kämpfen, die sich teils als seine eigene geschichtliche Vergangenheit darstellt, teils als eine sich gleichbleibende, nie in sich zu verändernde Natur. Der letzteren muß er sich hingeben, wenn er sie beherrschen will; die erstere muß sich ihm fügen, denn sie enthält die Momente seiner inneren Entwickelung. Ergreift sich der Staat in dem Bewußtsein seiner eigentümlichen Herrschaft über die Natur und seiner gesunden geschichtlichen Entwickelung, so hat er auch eine eigene, seiner Lebensfunktion entsprechende Kultur. Das materielle Interesse stellt die gesunde Assimilationsstufe dar; der Staat, als solcher, ist zugleich ein Volk, eine Nation; es bildet sich ein Nationalgefühl, welches alle Bürger durchdringt, ein gemeinschaftlicher Lebenshauch, der sie leitet, formiert, so daß eine jede Persönlichkeit sich durch ihn befreit, nicht gehemmt fühlt. Daß eine solche Kultur ein gesundes Leben erlangt hat, daß sie sich in einer in sich geschlossenen Form gefunden hat, erkennt sie nur durch eine nationale Poesie. Es gibt kein wahres Volk ohne diese; ihr aber fehlt die tiefste Bedeutung, wenn sie nicht aus einem nationalen Leben entsprungen ist. Aber ebenso gewiß ist es, daß keine Philosophie ohne Poesie eine sichere Form erhalten kann. Wie diese die getrennten Momente des sinnlichen Daseins zur lebendigen organischen Einheit steigert, in welcher das Geschiedene erst eine volkstümliche Wirklichkeit erhält, so ist die Philosophie die höhere Einheit der Poesie und des sinnlichen Daseins selber. Friedrich Wilhelm Joseph Schelling. Gemälde von Friedrich Tieck In Deutschland, wie es sich in den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts gestaltete, war Schiller der eigentlich populäre Dichter (freilich nur der Gebildeten). Goethes tiefer, dichterischer Natursinn war den meisten, selbst unter seinen Verehrern, ein Geheimnis. Es war in der Tat eine nationale Poesie, die mit Schiller sich regte, und sie verwirklichte sich in den edelsten Gemütern durch ein sittlich nationales Rittertum, welches nicht bloß in einem leeren, halsstarrigen Trotze sich festhielt, vielmehr zur entschiedenen Tat sich aufgefordert und reif fand. Der philosophisch starke, sich selbst fassende Ausdruck dieser Tat war Fichte, der sich zu Schiller verhielt wie Schelling zu Goethe. Jenes Verhältnis von Schiller zu Fichte, wie es sich jahrelang erhielt und eine immer bedeutendere nationale, wenn gleich innere, Epoche bildete, die in die inneren großen Ereignisse tiefer eingriff, als man glaubt, wird uns später beschäftigen. Durch Rist und die mit ihm verbündeten Freunde trat die erste Morgenröte der Vereinigung der Spekulation mit der Poesie mir entgegen. Als Fichte hervortrat, schrie man über die abstruse Grübelei, die den jungen Mann von aller Wirklichkeit entfernte, die ihn verlockte, sich mit leeren metaphysischen Spitzfindigkeiten zu beschäftigen, ihn einem innern, nie zu schlichtenden Zwiespalt, ja wohl sogar dem Wahnsinn preisgab. Und dennoch ist es gewiß, daß eben aus der Fichteschen Schule junge Männer hervorgingen, die mit einem wahrhaft praktischen Sinne eine große Begeisterung verbanden. Der Begriff persönlicher Unabhängigkeit ward jetzt nicht so aufgefaßt, als solle man sich von der Welt trennen und in leerer Tatenlosigkeit klagend verharren; die Freiheit erkannten die jungen Männer in der aus der Selbstbestimmung hervorgehenden Tat; diese aber verwirklichte sich nicht dadurch, daß sie sich über bestehende Verhältnisse in leeren Klagen äußerte; dadurch vielmehr, daß sie das Gegebene anerkannte, aber auch zu beherrschen wußte. Fichte hat wenige Philosophen gebildet, aber viele tüchtig gesinnte Menschen. Als ein solcher erschien mir nun Rist, und daß die großen Entschlüsse, die ihn durchdrangen, aus einem ganz andern Boden entsprangen, daß sie durch ganz andere Verhältnisse genährt wurden als diejenigen, die, wenn sie auch mehr in die Ferne traten, so wie sie in Kopenhagen entstanden waren, doch noch immer mich in Bewegung setzten, gab ihnen einen ganz eigentümlichen Reiz. Jetzt erst, schien es mir, verließ ich das Schiff, welches ohne sichern Grund aus einem stets bewegten Meere herumgeworfen wurde, und landete in Deutschland. Wenn Spinoza wie ein alttestamentarischer Prophet mir das Christentum des Erkennens in dunkeln Weissagungen verkündete, so fühlte ich jetzt, daß eine neue irdische Heimat, nach welcher ich mich schon frühzeitig hingezogen fühlte, aus welcher ich eigentlich hervorzuwachsen bestimmt war, sich mir geheimnisvoll und still zubereitete. – Diese jugendliche Freundschaft, die mir gleichsam ein neues Vaterland eröffnete, die mir für alles, was ich wollte, neue Ausdrücke gab, ist mir viel wichtiger geworden, als mein noch lebender Freund selbst wissen oder ahnen kann. So lieb mir mancher meiner jungen Freunde, so teuer, ja wichtig mir selbst Köster Bekannter von Steffens, Prediger, ein höchst origineller, hypochondrischer Humorist. und Mackensen Jugendfreund von Steffens, Philosoph und Literarhistoriker, später Privatdozent in Kiel. waren, so fehlte mir noch derjenige, der mein ganzes Dasein in Anspruch nähme und mit allem, was sich Besseres und Edleres in mir regte, von innen heraus auf einen anderen Boden versetzte. Rist besaß fast alles, möchte ich sagen, was mir fehlte; wenn ich fast fortdauernd aufgeregt und innerlich bewegt war, so erschien er ruhig und gehalten. Es fehlte mir zu der Zeit, als ich seine Bekanntschaft machte, nicht an Einnahme, aber dennoch immer an Geld, wenn ich es am nötigsten brauchte. Mancherlei Gegenstände lockten mich; eine nicht selten leidenschaftliche Teilnahme an der vorübergehenden Not der Freunde verleitete mich zu unnötigen Ausgaben. Die Einnahme, über welche Rist disponieren konnte, war kaum größer als die meinige, aber dennoch konnte er immer über die nötigen Summen gebieten, und wenn die Verhältnisse es forderten, mit Anstand sie opfern. Sein ganzes Äußere erregte Teilnahme und Achtung, und ich fand mich durch seine Zuneigung, durch seine Freundschaft zugleich beglückt und geehrt. Es war die Zeit, in welcher Goethe und Schiller das bedeutende Bündnis schlossen, welches für die deutsche Literatur so wichtig ward. Die Horen Die »Horen« erschienen seit 1795 und brachten von Goethe unter anderem die »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter« und die ersten Teile des »Benvenuto Cellini«. traten damals hervor, und die vorherrschende Anmut der Sprache, das Geistreiche der Behandlung wichtiger Gegenstände, die große, allgemein entschiedene Autorität der Herausgeber nahm die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch und erweckte bei der besseren Jugend eine Teilnahme und eine Hoffnung, wie sie keine Zeitschrift seit langer Zeit erregt hatte. Schillers Aufsätze in den Horen über Anmut und Würde, über das Sentimentale und Naive usw., Goethes Unterhaltungen der Ausgewanderten und das berühmte Märchen, Wilhelm v. Humboldts Untersuchungen wurden mit großem Interesse gelesen, selbständig aufgefaßt, und gaben Veranlassung zu mancherlei neuen Ansichten, die teils in Übereinstimmung, teils selbst in entschiedenem Gegensatz gegen das uns sonst Mitgeteilte und Verehrte entstanden waren und ausgeführt wurden. Eine jede geistig bedeutende Epoche meines Lebens hat in der Erinnerung eine bestimmte Physiognomie, diese stellt dann in ungeteilter Einheit das ganze Dasein mit seiner inneren und äußeren Umgebung dar. Die Epoche, die ich mit Rist verlebte, die neue Welt, die er mir eröffnete, erscheint mir nun durchaus heiter und anmutig, wie ein schöner, wolkenloser, sonniger Frühlingstag. Obgleich in unserer allseitigen Richtung die Politik uns nicht fremd blieb, so hatte sie doch nur ein sekundäres Interesse für uns, und was wir gemeinschaftlich suchten und hoffnungsvoll von der Zukunft erwarteten, hatte eine tiefere geistige Bedeutung. Nebst den Horen war uns Schillers Musenalmanache Ein Jahrbuch, von dem Schiller fünf Bände (für die Jahre 1796-1800) herausgab. bedeutend und wichtig. Die Xenien Im Oktober 1796 erschien Schillers »Musenalmanach für das Jahr 1797« mit Goethes und Schillers Xenien (der »Xenienalmanach«). lernte ich damals zuerst kennen, wenigstens damals zuerst ihrem umfassenden Inhalt nach verstehen, und der innere Kampf, der in der deutschen Literatur stattfand und nach allen Richtungen der Wissenschaft und Kunst eine neue Zeit vorbereitete, ward mir jetzt erst völlig klar. Ich sah ein altes, in hergebrachten Formen Erstarrtes sich mir abschälen, vertrocknet und verwelkt hinfallen, um einer neuen Gestaltung Platz zu machen; und es war mir eine wichtige Aufgabe, mich in diesen neuen Verhältnissen geistig zu orientieren und zu erfahren, ob die Aufgaben, die mich beschäftigten und die sich von meiner frühesten Kindheit an in der Einsamkeit ausgebildet hatten, auf irgendeine Weise einen selbständigen Platz in dieser neuen Geburt der Zeit erhalten konnten. Damals lernte ich Jean Paul kennen, und zwar »Die unsichtbare Loge« und »Hesperus«. Jean Pauls erste Romane von 1795 und 1796. Ein allseitig erregtes Gemüt mußte durch diese Schriften hingerissen werden. Dieses willkürliche Antippen an die mannigfaltigsten Verhältnisse des Lebens und Erkennens, um ihnen eine ebenso willkürliche Bedeutung in zufällig herbeigeführten und schnell verschwindenden Zuständen des Lebens zu geben, sprach den jungen Mann an, der ebenfalls allenthalben ein Bedeutungsvolles, Ahnungsvolles zu suchen geneigt war. Seine Gedichte Gemeint: die Dichtungen. gewährten daher immer einen scheinbar geistigen Genuß, wenn auch niemals eine Befriedigung, da die Mittel, welche er benutzte, einem jeden mit den Wissenschaften beschäftigten und in mancherlei menschliche Verhältnisse verstrickten Jüngling zu Gebote standen. So ward dieser fast unvermeidlich zur Nachahmung gelockt, und nicht Jünglinge allein, sondern auch gebildetere Frauen gefielen sich in einer Jean-Paulisierenden Korrespondenz. Ich ergriff diese Anregung, wie eine jede, mit großer Heftigkeit, aber sie dauerte nur kurze Zeit; befriedigen konnte sie mich durchaus nicht. Denn wenn auch dieses willkürliche Zusammenwürfeln von momentanen Ansichten und barocken Witzen zuweilen zu einem tieferen Gedanken führte, so trug doch dieser selbst das Hinfällige seiner Entstehung an sich und konnte nirgends Wurzel fassen. So fiel mir besonders im »Hesperus« auf, wie Emanuel und Klotilde, das Erhabene wie das Schöne, so durchaus gespensterhaft erschien. Emanuel mußte, um erhaben zu sein, das einsame Gebirge besteigen, von Gipfel zu Gipfel schreiten, nicht einmal das helle Auge in den sternenklaren Himmel, vielmehr die Nase in den Nebel hineinstecken, um so ein Unbestimmtes, nebelhaft Zerfließendes mehr zu riechen als zu schauen. Die Schönheit aber hüllte sich in einen so zarten Körper ein, daß er durch die leiseste Berührung zerfloß und das ganze Dasein in einem Seufzer verhauchte. Die mir so wichtige, eben in dieser Zeit erfolgende Epoche meiner geistigen Bildung rief mich bald von dieser gaukelnden Traumwelt ab, ja erzeugte eine einseitige Feindseligkeit gegen einen Dichter, der, so reich begabt, in seiner abgeschlossenen Eigentümlichkeit doch eine nicht geringe Bedeutung hatte. Ich kam tief erschüttert nach Kiel. Aber das Leben behauptet sein Recht, und die Keime der Entwicklung entfalten sich innerlich frisch; die Schmerzen der Teilnahme vermögen sie nicht zu unterdrücken. * Bewegende, auch für die unruhige Zeit eines geistigen Werdens außergewöhnliche Umstände haben die Studienjahre von Steffens begleitet. Der wenig Bemittelte war auf Verdienst angewiesen; das Studium der Naturkunde galt als ein großer Luxus. Für ein kleines Entgelt wurde ein naturwissenschaftlich Gebildeter von einer Gesellschaft für Naturgeschichte in Kopenhagen gesucht, der an der Nordwestküste Norwegens Mollusken sammeln und die Struktur des Gebirges erforschen sollte. Henrich meldete sich dazu und erhielt den Auftrag. Das Jahr 1794 ging darüber hin; einsame glückliche Tage in den Fjorden wechselten mit grämlichem Mißmut über den ungenügenden wissenschaftlichen Ertrag der Reise: es fehlte an Hilfsmitteln zur Unterscheidung der Funde, es fehlte auch vor allem an der notwendigen Vorbildung für eine solche Aufgabe. Eine innere Krise bereitete sich vor. Eine Art wilder Naturanschauung, die Geschichtliches und Physisches zusammenfaßte, das All zwar als in einer üppigen Produktion begriffen erkannte, aber als eine Art Ungeheuer erfaßte, das jedes eben noch Erzeugte als ein Unwürdiges sofort beiseite warf, um mit einem Neuen denselben vernichtenden Prozeß vorzunehmen, erregte Zweifelsucht und Skepsis in der Seele und führte zu einer wahren Verzweiflung, die jede Produktion lähmte. Sie fand zwar in einer ausbrechenden Krankheit Entladung, ließ aber den abwegigen Plan reifen, die Expedition abzubrechen, nach Hamburg zu fahren, Kaufmann zu werden und von dem Ertrag der Bücher und der kleinen Sammlung, die Freunde in Kopenhagen verkaufen sollten, fürs erste zu leben. War es ein Blick des Geistes in das Chaos des Daseins? Ohne Geld und Beschäftigung lebte der ausgewanderte Student ein halbes Jahr bei Menschen, die ihn nichts angingen, in der großen Stadt Hamburg. Versuche zum Unterhalt scheiterten; eine Hauslehrerstelle wurde ausgeschlagen. Drückende Not und Krankheit schrieben schließlich das letzte vor, was in dieser Lage möglich war: einen Brief an den Vater nach Rendsburg. Dieser lebte im höchsten Grade gedrückt. Er hatte mit seinen Gläubigern ein Abkommen getroffen und mußte ihnen einen Teil seiner Einkünfte überlassen. Aber er hatte keine andere Antwort auf den Brief des Sohnes als rückhaltlose Liebe: »Ich teile den letzten Bissen Brot mit Dir; eile hierher, ich sehne mich, Dich zu sehn« – das waren seine Worte. In einer jeden deutschen Stadt finden sich einzelne Menschen, die an der geistigen Bewegung der Zeit Anteil nehmen: Pfarrer, Ärzte, Lehrer, wohl auch der eine oder andere Beamte. Rendsburg war ein solcher Ort, wenn er auch unter dänischer Obrigkeit stand. Henrichs jüngster Bruder, der damals in der gleichen Garnison wie sein Vater lag, trieb ein ausgedehntes geschichtliches Studium und ließ sich auch durch den Spott seiner Kameraden, die ihn »den gelehrten Unteroffizier« zu nennen pflegten, nicht von seinen Neigungen abbringen. Jetzt kam dieser jüngste Bruder dem älteren wie ein Bote des Himmels vor. Nichts verbindet Menschen rascher und inniger als gemeinsame Arbeit. Und wenn zudem eine angeborene Blutsgemeinschaft den Grund dazu hergibt, so kann diese Verbindung unsäglich fruchtbar werden. Auf die erschlaffende Zeit in Hamburg folgte bei Henrich eine Periode höchster Anstrengung und Konzentration. Das Bedürfnis einer geistigen Verknüpfung der Gegenstände, die Idee einer lebendigen Einheit des Daseins, instinktmäßig in seinem Empfinden vorgebildet, traten aus dem verborgenen Grunde, wohin sie die Schärfe des Zweifels verbannt hatte, lebendig wieder hervor und erzeugten eine innere Gewißheit und Wahrheit, die den scheinbar herabgekommenen, verunglückten Studenten mit Befriedigung und Freude erfüllten. Das Glück des Zusammenseins mit dem geliebten Bruder bescherte neue Arbeits- und Entschlußkraft. Bald gelang es Henrich, sich nach Kiel an die dortige Universität durchzudrängen. Fürs erste gab es dort eine Reihe von Familien, deren Kindern man Unterricht in der Naturkunde geben konnte; und der Professor Fabrizius, der das Reisen liebte, war froh, daß ein junger Mann erschien, der an seiner Stelle Vorträge über Naturgeschichte auch vor den Studenten übernehmen konnte. Eine Klausurarbeit, die man immerhin verlangte, über die Generationstheorie – ein Hauptthema der Zeit – brachte die Erlaubnis, an der Universität lesen zu dürfen. Die erste deutsche Schrift: »Über die Mineralogie und das mineralogische Studium« findet Anerkennung, und am 8. April 1797 wird Steffens vor der philosophischen Fakultät feierlich zum Doktor erhoben. Nachdem die Schwierigkeiten überwunden, der Weg wieder frei war, zeigte es sich, daß die schwere Krise im einundzwanzigsten Lebensjahr notwendig, ja, daß sie naturbedingt war. Der Geist war gereift, und die Erfahrungsfülle, die die norwegische Reise geschenkt hatte, war nicht umsonst. Der Finanzminister Dänemarks, Ernst Heinrich Graf von Schimmelmann, war ein ausgezeichneter, höchst merkwürdiger Mann. In einer von gewissenhaftester Pflichterfüllung bestimmten Tätigkeit hatte er, der eine dürftige Gestalt sein eigen nannte, stark schielte und dadurch etwas Linkisches, Schüchternes in seinem Aussehen hatte, sich das rein Menschliche wie einen unverwüstlichen Schatz in seinem Innern bewahrt. Niemals gab es einen Staatsmann, der tiefer von der Überzeugung durchdrungen war, daß, wenn der Staatsmann seine ganze Tätigkeit der Ordnung drängender gegenwärtiger Verhältnisse opfern muß, dennoch der eigentliche Wert seiner Bemühungen, nämlich dasjenige, wodurch die geordneten Verhältnisse selbst sich zu einer lebendigen Entwicklung steigern: die Zukunft des Staates, ein Geistiges sei. Durch den Weltbürgersinn dieses Grafen hatte schon der Dichter Friedrich Schiller auf drei Jahre ein jährliches Geschenk von tausend Talern erhalten. Nun verdankte auch Steffens diesem Manne, der als Direktor der Fonds ad pios usus die bedeutendsten Reisestipendien verteilte, die Möglichkeit, für seine Weiterbildung eine größere Reise antreten zu können. Die Freude des Begünstigten war grenzenlos. Es ging nach Seeland, um in Fünen die dort verheiratete Schwester zu besuchen; weiter nach Kiel und Hamburg, wo die trüben Tage von früher vergessen wurden. Und als Henrich nun einen lange gehegten Wunsch erfüllt sah, als Europa vor ihm lag, war Deutschland das Nächste und Wichtigste, was ihn ganz in Anspruch nahm. Sorgenfrei, heiter und voller Hoffnung, konnte er seine Schritte lenken, wohin er wollte. Eine bestimmte Ahnung einer neuen Zeit, die anfing: alte Autoritäten, die stürzten; neue, die die Gemüter heftig bewegten, fesselten sein Sinnen und Trachten. Goethe und die Philosophie – bewegten sie nicht die gärende Zeit nach allen Richtungen? Ist es erstaunlich, daß auch der von den geistigen Strömungen Ergriffene dort die frische Zukunft suchte, wo sie am stärksten ins Leben trat? In der Herzmitte deutschen Geistes, in Jena? Im Frühjahr 1789 bricht Henrich Steffens zusammen mit dem Botaniker Hornemann von Hamburg nach Thüringen auf. Über Braunschweig geht die Reise in den Harz; Wolfenbüttels, Halberstadts und Quedlinburgs Türme kommen in Sicht und greifen dem Fremden aus dem Norden wie liebe Mahnmale ans Herz: dort sieht er in Gedanken Lessing in seiner Bibliothek wühlen, hier tönen wetteifernde Gesänge eines anakreontischen Schäferlebens aus dem Hause des alten Gleim, und da, in der letzten Stadt, steht dicht an dem romanischen Dome das Geburtshaus Klopstocks. Im Harz und im Thüringer Walde werden geognostische Wanderungen gemacht, in Meiningen eine lustige Bekanntschaft mit dem Herzoge geschlossen, in Ilmenau das Bergwerk besucht, bei dessen Ausbau Goethes Tätigkeit praktisch in Erscheinung trat. In dem reizenden Tale der Schwarza aber machte der Reisende für einige Tage halt. In einem einfachen Gasthofe, vor dessen Fenstern die Bäume flüsterten, die Vögel sangen und die Schwarza rauschte, studierte er – muß er sich doch in dem anspruchsvollen Kreise in Jena unterrichtet zeigen – den ersten Band des »Athenäums«, das die Brüder Schlegel gerade als Manifest der romantischen Schule herausgegeben hatten, und dazu die »Wissenschaftslehre« des berühmten Professors Fichte. Jener mächtige Geist der Einheit des ganzen Daseins, der wie ein frischer Lebensstrom alle Wissenschaften zusammenzufassen suchte, Dichtung, Kunst und alle bedeutenden Lebensverhältnisse umschlang, war es gerade, den der Ankömmling suchte, dem er sich verwandt fühlte und dem er angehören wollte; und es waren besonders die Fragmente von Novalis, »Blütenstaub« betitelt, die ihn fortdauernd beschäftigten. Bündnis mit der Romantik: Jena-Freiberg-Dresden Professor Batsch Botaniker in Jena. brachte mich als Gast in den Klub der Professoren, und hier näherte sich mir ein kleiner freundlicher Mann, der mich gastfrei in sein Haus einlud; es war der Buchhändler Frommann. Er hatte, irre ich nicht, kurz vor meiner Ankunft sein Etablissement in Züllichau aufgehoben, um in dem Mittelpunkt einer bedeutenden literarischen Tätigkeit in Jena zu leben. Es war offenbar mehr ein geistiges Bedürfnis, genährt durch einen früheren Umgang mit Berliner Gelehrten, als eine eigentliche Finanzspekulation, die ihn herzog. Dieses höhere geistige Interesse ging ebensosehr von seiner Frau, einer gebornen Bohn aus. Die große Freundlichkeit dieser Familie, das lebhafte Interesse für die geistigen Angelegenheiten des Tages zog mich unwiderstehlich an, und ich trat schnell in ein vertrautes Verhältnis mit Mann und Frau. Die nordische Lebensweise, die durch die Frau in diesem Hause herrschte, war mir auch sehr angenehm. Gries war ein Hausfreund der Familie, und ich erfuhr bald, daß Goethe, wenn er von Weimar kam, nicht selten die Abende bei Frommann zuzubringen pflegte. Indessen war A. W. Schlegel mit seiner geistreichen Frau angekommen, ebenso Schelling, der in dem großen öffentlichen Hörsaal sich durch eine Probevorlesung habilitieren sollte. Schelling war von Leipzig gekommen und eben, wie ich hörte, von einer bedeutenden Krankheit genesen. Professoren und Studenten waren in dem großen Hörsaal versammelt. Schelling betrat das Katheder, er hatte ein jugendliches Ansehen, er war zwei Jahr jünger als ich und nun der erste von den bedenkenden Männern, deren Bekanntschaft ich sehnsuchtsvoll zu machen suchte; er hatte in der Art, wie er erschien, etwas sehr Bestimmtes, ja Trotziges, breite Backenknochen, die Schläfen traten stark auseinander, die Stirn war hoch, das Gesicht energisch zusammengefaßt, die Nase etwas aufwärts geworfen, in den großen klaren Augen lag eine geistig gebietende Macht. Als er zu sprechen anfing, schien er nur wenige Augenblicke befangen. Der Gegenstand seiner Rede war derjenige, der damals seine ganze Seele erfüllte. Er sprach von der Idee einer Naturphilosophie, von der Notwendigkeit, die Natur aus ihrer Einheit zu fassen, von dem Licht, welches sich über alle Gegenstände werfen würde, wenn man sie aus dem Standpunkt der Einheit der Vernunft zu betrachten wagte. Er riß mich ganz hin, und ich eilte den Tag darauf, ihn zu besuchen. Der Galvanismus Luigi Galvani, 1737-1798, Professor der Anatomie an der Universität Bologna, hatte im Jahre 1789 beobachtet, daß Froschschenkel, welche mittels kupferner Häkchen an einem eisernen Geländer aufgehängt waren, zuckten, sobald sie das Geländer berührten, Galvani erklärte die Erscheinung durch die von ihm angenommene tierische Elektrizität. Die Versuche Galvanis erregten allgemeines Aufsehen und wurden überall wiederholt, bis Alexander Volta nachwies, daß die beobachtete Elektrizität in dem Kontakt der beiden Metalle ihren Ursprung habe. – Unter »Galvanismus« versteht man die zwischen je zwei metallischen Leitern, auch durch Berührung von Metallen und leitenden Flüssigkeiten wirkende elektromotorische Kraft. beschäftigte damals alle Naturforscher; der große Moment, in welchem Elektrizität und chemischer Prozeß, in einer höhern Einheit verbunden, sich wechselseitig zu erklären schienen, trat eben mächtig hervor. Auch mich hatte dieser Moment mit großer Gewalt ergriffen. Schelling nahm mich nicht bloß freundlich, sondern mit Freude auf. Ich war der erste Naturforscher von Fach, der sich unbedingt und mit Begeisterung an ihn anschloß. Unter diesen hatte er bis jetzt fast nur Gegner gefunden, und zwar solche, die ihn gar nicht zu verstehen schienen. Das mündliche Gespräch ist unbeschreiblich reich. Ich kannte seine Schriften, Schelling hatte damals bereits veröffentlicht: »Ideen zu einer Philosophie der Natur«, 1797, und »Von der Weltseele, eine Hypothese der höheren Physik«, 1798; die Lektüre dieser beiden Werke »war der entscheidende Wendepunkt in meinem Leben und hat mein ganzes Dasein elastisch gehoben«, bekannte Steffens. ich teilte, wenn auch nicht in allem, seine Ansichten, ich erwartete, wie er selber, von seiner Unternehmung einen großartigen Umschwung, nicht der Naturwissenschaft allein. Ich konnte den Besuch nicht verlängern, der junge Dozent war mit seinen Vorträgen beschäftigt. Aber die wenigen Augenblicke waren so reich gewesen, daß sie sich für mich in der Erinnerung zu Stunden ausdehnten. Es war durch die Übereinstimmung mit Schelling eine Zuversicht entstanden, die, ich will es bekennen, fast an Übermut grenzte. Zwar war er jünger als ich, aber unterstützt durch eine mächtige Natur, erzogen unter den günstigsten Verhältnissen, hatte er frühzeitig einen großen Ruf erworben und stand mutig und drohend dem ganzen Heer einer ohnmächtig werdenden Zeit gegenüber, deren Heerführer selbst, zwar polternd und schimpfend, aber dennoch furchtsam und scheu sich zurückzuziehen anfingen. Ich erinnere mich nicht genau, ob damals schon Röschlaub Andreas Röschlaub, Arzt und Vertreter der Heilmethode des Engländers John Brown, die er Schelling weitergab. und Eschenmayer Karl August von Eschenmayer, Arzt und Schüler Schellings, der dessen Transzendentallehre mit einer religiös verfärbten Medizin verband. sich ihm genähert hatten. Der letztere hatte eben einen Versuch, die Gesetze des Magnetismus a priori zu entwickeln, herausgegeben; aber diese Schrift war fast ganz im Kantschen Sinne geschrieben und hatte mit der Schellingschen Ansicht wenig gemein. Von ahnungsvoller Tiefe hingegen erschien uns beiden Franz Baader, Franz Baader, 1765-1814, romantischer Philosoph und Theosoph, Professor in München. dessen Beiträge zur Elementarphilosophie schon früher als Schellings naturphilosophische Schriften gedruckt, und besonders das pythagoräische Weltquadrat, welches, irre ich nicht, soeben erschienen war. Aber Baader war aus den dunklen Gegenden des Mystizismus hervorgetreten; Schelling hingegen aus der hellen Region der wissenschaftlichen Reflexion der Zeit. Die Nacht des Mystizismus erhielt ihr Licht aus den entfernten Sternen, deren Bewegung uns unbekannt war, die nur im Dunkeln leuchten, nicht erhellen konnten. Aber die Sonne einer frühern Spekulation, seit der alten griechischen Zeit untergegangen, ging durch Schelling wieder auf und versprach einen schönen geistigen Tag. Ich erwachte an diesem hellen Morgen rüstig und mutig und wußte, daß ich mich dem Jüngern hingeben, meine Hingebung offen und unbefangen bekennen dürfte, ohne Furcht, mich selber zu verlieren. Ich ging von Schelling zu Fichte, der eben seine Vorlesungen über die Bestimmung des Menschen eröffnete. Dieser kurze, stämmige Mann mit seinen schneidenden, gebietenden Zügen imponierte mir, ich kann es nicht leugnen, als ich ihn das erstemal sah. Seine Sprache selbst hatte eine schneidende Schärfe; schon bekannt mit den Schwächen seiner Zuhörer, suchte er auf jede Weise sich ihnen verständlich zu machen. Er gab sich alle mögliche Mühe, das, was er sagte, zu beweisen; aber dennoch schien seine Rede gebietend zu sein, als wollte er durch einen Befehl, dem man unbedingten Gehorsam leisten müsse, einen jeden Zweifel entfernen. – »Meine Herren«, sprach er, »fassen Sie sich zusammen, gehen Sie in sich ein, es ist hier von keinem Äußern die Rede, sondern lediglich von uns selbst.« – Die Zuhörer schienen so aufgefordert, wirklich in sich zu gehen. Einige veränderten die Stellung und richteten sich auf, andere sanken in sich zusammen und schlugen die Augen nieder; offenbar aber erwarteten alle mit großer Spannung, was nun auf diese Aufforderung folgen solle. – »Meine Herren«, fuhr darauf Fichte fort, »denken Sie die Wand«, – ich sah es, die Zuhörer dachten wirklich die Wand und es schien ihnen allen zu gelingen. – »Haben Sie die Wand gedacht?« fragte Fichte. »Nun, meine Herren, so denken Sie denjenigen, der die Wand gedacht hat.« – Es war seltsam, wie jetzt offenbar eine Verwirrung und Verlegenheit zu entstehen schien. Viele der Zuhörer schienen in der Tat denjenigen, der die Wand gedacht hatte, nirgends entdecken zu können, und ich begriff nun, wie es wohl geschehen könnte, daß junge Männer, die über den ersten Versuch zur Spekulation auf eine so bedenkliche Weise stolperten, bei ihren ferneren Bemühungen in eine sehr gefährliche Gemütsstimmung geraten konnten, Fichtes Vortrag war vortrefflich, bestimmt, klar, und ich wurde ganz von dem Gegenstande hingerissen und mußte gestehen, daß ich nie eine ähnliche Vorlesung gehört hatte. Ein Aufsatz, den ich in der naturforschenden Gesellschaft über den Oxydations- und Desoxydationsprozeß Der chemische Prozeß der Vereinigung des Sauerstoffs mit einem anderen Körper ist eine Oxydation. der Erde vortrug, ist in Schellings Zeitschrift für spekulative Physik und später in einer Sammlung meiner frühern Schriften unter dem Titel: »Alt und Neu, Breslau 1821« abgedruckt worden. Der Hauptgedanke hat in der Tat einigen spekulativen Wert. Es liegt ihm die Ansicht zugrunde, daß der vegetative Desoxydationsprozeß, durch welchen die rohen Elemente der Erde für das Leben gewonnen werden, nicht bloß in Beziehung auf die Vegetation selbst, sondern auch für die ganze Erde als ein belebender betrachtet werden muß; und was die Darstellung betrifft, darf man nicht vergessen, daß ich noch nicht Freiberg besucht hatte und mit der Wernerschen Geognosie Abraham Gottlob Werner, 1750–1817, Lehrer an der Bergakademie in Freiberg; ein Mann, der als Begründer der wissenschaftlich geordneten Mineralogie gilt und auf viele Naturforscher seiner Zeit starken Einfluß hatte – darunter auch auf Novalis. Siehe Seite 144ff. so gut wie unbekannt war, Schelling war für diesen Aufsatz sehr eingenommen. Einige Fragmente, die ich niedergeschrieben hatte, wurden zufällig A. W. Schlegel bekannt, und er lud mich zur Teilnahme an dem Athenäum ein. Ich habe nichts für diese Zeitschrift geliefert, wie ich denn selten in meinem Leben Aufträgen der Art Genüge leistete. Fast alles, was ich habe drucken lassen, war das Produkt eines inneren Vorganges, der nur zufällig und höchst selten mit äußeren Aufforderungen zusammenfiel. Ich war nun allmählich mit mehreren Familien bekanntgeworden. A. W. Schlegel und seine bedeutende und höchst geistreiche Frau, sowie die liebliche Tochter gehörten zu meinem angenehmsten Umgange. August Wilhelm Schlegel, geboren 1767 in Hannover, der Mitbegründer der romantischen Schule und ausgezeichnete Shakespeare-Übersetzer, hatte im Juli 1796 Caroline Böhmer geheiratet, die aus ihrer ersten Ehe eine Tochter Auguste hatte. Im gleichen Jahre bereits war das Paar nach Jena gezogen. . Durch sie lernte ich auch den Justizrat Hufeland, den Mitredakteur der Allgemeinen Literaturzeitung Die damals bekannteste Literaturzeitung Deutschlands. kennen, der mich gastfrei und freundlich aufnahm. Er, Schlegel und Frommann bildeten den Kreis, in welchem ich fast täglich lebte. Gries Johann Diederich Gries, 1775-1842, Freund der Brüder Schlegel, Übersetzer Tassos, Ariosts und Calderons. erschien nur bei Frommann; auch ihn besuchte ich häufig und war nun ein lebhaft teilnehmendes Mitglied des engern Kreises, von welchem eine große, die ganze Literatur umgestaltende Tätigkeit ausging. In diesem Kreise unterhielt man sich fast ausschließlich von literarischen Gegenständen, von Streitigkeiten der Schriftsteller, von den Verhältnissen zu den Gegnern, und ich fand mich plötzlich, obgleich ich mich noch nicht als Schriftsteller hervorwagte, auf den Kampfplatz versetzt und sah wohl ein, daß ich früher oder später in den öffentlichen Streit Er ging in dieser Zeit hauptsächlich um die Gewinnung eines Einflusses von Schelling und August Wilhelm Schlegel auf die Jenaische Literaturzeitung, deren Herausgeber die Schule der Romantiker nicht aufkommen lassen wollten. verwickelt werden müßte. Ich war in beständiger Produktivität, ja fortdauernd in einer Art wissenschaftlicher Begeisterung. Ideen drängten sich, aber mir fehlte noch die besonnene Ruhe, die zur Ausarbeitung nötig ist. Ich studierte, experimentierte, und ward in den Zauberkreis neuer Gedanken immer gewaltiger hineingezogen. Schelling trug die Naturphilosophie nach einem Entwurfe vor, der gedruckt und bogenweise den Zuhörern mitgeteilt wurde. Ich besuchte diese Vorlesungen, und eine jede Stunde gab mir neue Aufgaben, und mit jedem Tage ward mir der Aufenthalt in Jena wichtiger. Novalis (Friedrich von Hardenberg). Gemälde von Fritz Gareis. Zuweilen fiel es mir ein, daß ich nun plötzlich und fast ohne Übergang in die Mitte der gärenden Elemente einer neuen Zeit versetzt war und daß die Häupter derselben Fichte, Schelling, die Brüder Schlegel, Novalis und Tieck. mit Sicherheit auf meine Teilnahme rechneten. Bis jetzt hatte ich doch fortdauernd in einer tiefen wissenschaftlichen Einsamkeit gelebt. Über dasjenige, was mir innerlich das Bedeutendste war, konnte ich mich nicht mitteilen; selbst der geistreiche Mackensen Vgl. Seite 64, Anmerkung 2. war, durch willkürliche Beschränkung auf Kants Kritik, mir fremd. Ich erinnere mich, wie er einst von Kant sagte: »Er erscheine ihm als ein höherer Geist, der mit einer übermenschlichen Klarheit in die Schranken des menschlichen Bewußtseins hineinschaute.« Daß er von einem so hohen Standpunkte aus sich selbst auf eine so dürftige Weise innerhalb der Grenzen der Sinnlichkeit fesseln ließ, war mir unbegreiflich. »Er kommt mir«, antwortete ich, »eher wie ein gefallener Geist vor, den die ursprünglichen Erinnerungen, die er unklar erhalten hat und nicht abzuweisen vermag, fortdauernd quälen, ohne ihn zu befriedigen.« Ich erinnere mich genau, wie Mackensen auf eine Weise in Zorn geriet, die mich fast erschreckte, um so mehr, da solche leidenschaftliche Äußerungen, wie ich sie jetzt hörte, dem besonnenen und ruhigen Manne fremd waren und nie zu entfahren pflegten. Von jetzt an wußte ich, daß er mich nie verstehen würde, wenn ich versuchen wollte, ihm mitzuteilen, was mich unablässig beschäftigte, und nie mehr abzuweisen, das Problem meines Lebens geworden war. Ich verschloß nun dieses tief in mein Innerstes, doch erschrak ich heftig, als sein Tod mir bekannt ward. Ich fühlte es, daß ein bedeutendes geistiges Bündnis auf immer zerrissen war; sein Verlust war mir schmerzlich. Wie ganz anders trat mir meine jetzige Umgebung entgegen; was mich einsam beschäftigte, war Aufgabe bedeutender Männer geworden, war laut geworden in der Literatur und rang nach einer geschichtlichen Bedeutung. In diesen mächtigen Strom einer gewaltigen Entwicklung war auch ich hineingerissen und stand nicht mehr allein. Diejenigen Männer, die mich in meiner Einsamkeit beschäftigt hatten, nach deren, wenn auch nur entfernten Bekanntschaft ich mich so lange gesehnt hatte, waren nun in meine Nähe getreten. Der stille Monolog hatte sich in ein lebhaftes Gespräch verwandelt; fremde und eigene Aufgaben wurden von mir und den Freunden aufgestellt und gemeinschaftlich gelöst; oft erschien mir alles als ein Mitgeteiltes, als eine Gabe, die ich mit dankbarer Freude empfing, und dann doch wieder, als wäre alles mein innerstes Eigentum, rein aus der eigensten Betrachtung entsprungen. Schelling stand mir unter allen am nächsten, und eben die entgegengesetzte Richtung unserer Bildung mußte die wechselseitige Anziehung verstärken. Er war von der Philosophie zur Natur fortgeschritten; ich lernte jetzt seine früheren philosophischen Schriften kennen und erstaunte über die Sicherheit und klare Energie, mit welcher er schon in früher Jugend die tiefsten Probleme der Spekulation, die seit so langer Zeit der Geschichte fremd geworden waren, ergriff und behandelte. Er war kaum 20 Jahre alt, als er seine Schrift: »Das Ich als Prinzip der Philosophie« ausarbeitete; der geistige Schatz, der Jahrhunderte verborgen war, der von einer sich beschränkenden Zeit verworfen und verkannt wurde, gehört ihm zu; er war berufen, ihn zu heben. Es gab Augenblicke, in welchen ich über die Macht seiner Gegenwart erschrak; denn ich war durch Neigung und äußere Verhältnisse früh nach der Natur hingezogen; ich war durch Gegenstände genährt, und der geistige Assimilationsprozeß verbarg sich in der stillen Entwicklung und äußerte sich lange mir in Träumen und Ahnungen, von dem Bewußtsein abgewandt. Durch Spinoza ward ich aus dem Schlafe gerüttelt, aber durch Schelling zuerst in Tätigkeit gesetzt. Natur und Geschichte hatten eine andere Bedeutung erhalten, Klänge aus der Vergangenheit, Ereignisse und Lehren, Poesie und Kunst verrieten mir Geheimnisse, die ich früher nicht ahnte; selbst die geselligen Verhältnisse, die Personen der nächsten Umgebung, erhielten einen fremden Glanz und schienen mir aus der bis dahin verborgenen Welt hervorzutreten, die sich wunderbar für mich aufzuschließen versprach. – Ja es war eine Zeit warmer, reicher Begeisterung, und ich war gewiß nicht der einzige Enthusiast dieser Tage, aber den Fremden, aus fernen Gegenden mit Gewalt Herbeigezogenen mußten diese Tage mit ihrem plötzlichen Licht mächtiger aufregen, heftiger bewegen. * Ich muß noch von einem in der Tat bedeutenden und seltsamen Menschen reden, dessen wunderbar verworrener Geist, in welchem Dunkelheit und scharfsinnige Klarheit dicht nebeneinander lagen, mich viel beschäftigte und anzog. Es war Ritter, Der Physiker Johann Wilhelm Ritter, 1776-1810, Gelehrter von genialer Intuition, von den Zeitgenossen halb verkannt, sein bedeutendstes Werk: »Fragmente aus dem Nachlaß eines jungen Physikers«, 1810. ein junger Naturforscher und völliger Autodidakt. Er war ein Schlesier, ursprünglich Pharmazeut und zuletzt Provisor in Liegnitz. Ein unruhiger wissenschaftlicher Trieb zog ihn nach Jena hin, wo er in großer Armut lebte. Professor Scherer fing damals an, sein allgemeines Journal der Chemie herauszugeben, und Ritter war ihm ein wichtiger und tätiger Mitarbeiter und ernährte sich dadurch kümmerlich. Auch ihn hatte die geistige Aufregung der Zeit ergriffen; er war ein junger Mann von großem Talent, in der Chemie, auch in der Geschichte derselben wohl bewandert, und Kenntnisse, die ihm etwa noch fehlten, erwarb er sich mit Leichtigkeit. Als ich in Jena ankam, hatte er eben eine Schrift: »Der Beweis, daß ein beständiger Galvanismus den Lebensprozeß begleite«, vollendet. Diese Schrift war mit großem Scharfsinn ausgearbeitet. Der Mangel an früherer wissenschaftlicher Bildung zeigte sich besonders durch einen harten unbehilflichen Stil, aber die Schrift machte mit Recht Aufsehen, und dennoch, obgleich die Versuche scharfsinnig gewählt waren und sich wechselseitig unterstützten, schwebte über der scheinbaren Bestimmtheit der Abfassung eine Dunkelheit, die auf keine Weise zu verkennen war. Schon der Ausdruck auf dem Titel bezeichnet die Unklarheit, mit welcher er sein Thema aufgefaßt hatte. Denn wie ein Prozeß, der nicht selbst ein lebendiger ist, neben dem Lebensprozeß einhergehen könne, läßt sich doch auf keine Weise begreiflich machen. Mit dem Galvanismus beschäftigte er sich ganz besonders und ausschließlich. Eine Schrift von einer englischen Dame, Mrs. Fulharne, über die Fällung der Metallauflösung durcheinander zog in Jena besonders die Aufmerksamkeit auf sich. Ihre wirklich genauen und scharfsinnigen Versuche ließen die Tätigkeit des Galvanismus in diesem chemischen Prozeß ahnen. Lichtenbergs Vermutung, daß die Trennung des Wassers in Wasserstoff und Sauerstoff eine Trennung der Elektrizitäten sei, schlug selbst wie ein elektrischer Funke in die Entwicklung der Naturphilosophie hinein. Und überhaupt schienen Ritters Entdeckungen und Versuche für die Entwicklung der spekulativen Naturwissenschaft von Wichtigkeit. In der Tat gelang es ihm, noch ehe Voltas große Entdeckungen in Deutschland bekannt waren, vor diesem großen Naturforscher oder wenigstens gleichzeitig mit ihm, die chemische Tätigkeit der einfachen galvanischen Kette zu beweisen. Auf eine solche Weise war die emsige Beschäftigung dieses grübelnden seltsamen Menschen denjenigen, die sich für die Naturphilosophie interessierten, keineswegs gleichgültig. In Jena hatten schon junge Männer von Einsicht und Talent, besonders junge Ärzte, die ihre Studien vollendet, sich an den Schelling angeschlossen. Für diesen war nun Ritter wichtig, auch ich schloß mich an ihn an, und dennoch war etwas in ihm, was mich fortdauernd abstieß. Er selbst mochte es fühlen, daß er der bessern Gesellschaft nicht zugehöre; er ward nicht ausgeschlossen, er schloß sich selbst aus. Es lag etwas Feindseliges in seinem ganzen Gemüt. Schelling, der ihm anfänglich freundlich entgegenkam, mußte sich doch zuletzt von ihm trennen. Wer Schellings ganze Art, die Natur zu betrachten, und wie sie lebendig aus seinen umfassenden Spekulationen entsprungen war, kannte, dem konnte die Ursprünglichkeit seiner Ideen nie zweifelhaft sein. Selbst wo sie durch Rittersche Experimente angeregt wurden, gehörten sie doch ihm zu. Das wollte Ritter nicht gelten lassen. Es war ihm gelungen, eine Menge junger Leute um sich zu versammeln, und er versuchte schon damals, eine Partei gegen Schelling zu bilden. Er sprach gern, ausführlich und mit großer Leichtigkeit. Angeregt durch die geistige Entwicklung in Jena, konnte er ganz bestimmte chemische Prozesse, Kristallisationen und Niederschläge aller Art, galvanische und elektrische Erscheinungen auf eine solche Weise mit dunklen Träumen, die einen Anklang von abgelauschten spekulativen Ideen enthielten, zusammenrühren, daß daraus eine Mixtur seltsamer Art entstand. – Junge Männer, welche die strenge Zucht einer philosophischen Schule und der anstrengende Zusammenhang der Reflexionen nicht ansprach, fanden sich durch solche Anspielungen, die ihnen mühelos eine große Menge von Ideen zu geben schienen, wie erleichtert, und hörten ihm gern zu. Überhaupt war es damals schwer, die übermütig erwachte Produktionskraft zu zähmen. Es war seltsam, welchen Eindruck die Naturphilosophie bei ihrer ersten Verkündigung machte. Denn so heftig auch die empirischen Physiker gegen sie auftraten, so vermochten sie doch nicht, sie in den Prinzipien zu widerlegen, noch weniger den Einfluß zu schwächen, den die neue Lehre besonders auf die Medizin ausübte. Wir werden Gelegenheit haben, später davon zu reden; hier bemerke ich nur, daß die geistige Wahrheit, einmal mit Sicherheit und Klarheit ausgesprochen, eine Gewalt ausübt, die sich nicht leicht abweisen läßt. Über die Gegner war eine wahre Angst gekommen. Geistreiche junge Männer ergriff die scheinbare Befreiung von der strengen Gewalt der geordneten Erscheinung mit einer übermütigen Begeisterung. Die beschränkteren Empiriker, die, was ihnen jetzt mitgeteilt wurde, auf keine Weise auch nicht als leichtes Phantasiespiel zu handhaben wußten, schlossen sich an fragmentarische Äußerungen an, die wie eine Art geistiger Hauch über den widerstrebenden Gegenständen schwebten, ohne sie zu durchdringen. Diese waren es vorzüglich, welche Ritter liebten, wie später Novalis. Ritters Hauptverdienst für die damalige Stufe der Entwicklung der Physik bestand besonders darin, die Froschschenkel als Elektroskop Ein Apparat, mittels dessen man das Vorhandensein von Elektrizität erkennen kann. zu benutzen, und obgleich er diese Richtung mit einer Breite verfolgte, die zuletzt fast unausstehlich ward, so möchte es doch wohl von Wichtigkeit sein, seine Untersuchungen mit den neueren zu vergleichen. Zwar ist der Froschschenkel als Elektroskop durch den Elektromagnetismus und die Galvanometer neuerer Zeit überflüssig geworden, aber dennoch möchten seine Untersuchungen manches enthalten, was auch jetzt nicht ohne Bedeutung wäre. Ritter lebte mit sich selbst in einem innern Zwiespalt, in einer geistigen Verwirrung, die immer mehr überhand nahm und für seine bürgerliche wie für seine wissenschaftliche Stellung die unglücklichsten Folgen hatte. Diese verbitterte sein Dasein, isolierte ihn immer mehr; er verlor sich in Träume, die seine Untersuchungen unsicher machten, daher er sich selbst nie aus der Dunkelheit herauszuarbeiten vermochte. Von den jungen Männern, die sich damals an ihn anschlossen, haben viele einen bedeutenden Ruf erworben. Es ist ihnen gelungen, indem sie von der Macht der immer reicher werdenden Entwicklung der empirischen Wissenschaften ergriffen wurden, sich aus der früheren Dunkelheit herauszuarbeiten, und viele werden sich der Gewalt, die er ausübte, kaum erinnern. * Eines Abends wurde ich zu Frommann eingeladen; Goethe wurde erwartet. Mit welcher Spannung ich dem Abend entgegensah, begreift ein jeder, der es weiß, was mir Goethe von meiner Kindheit an geworden war. Meine genaue Bekanntschaft mit Goethes Schriften hatte in der Schlegelschen Familie einiges Aufsehen gemacht. Man wünschte einst zu hören, wie Goethe sich in dem Munde eines Nordländers ausnehmen würde. Ich wurde aufgefordert, einen Teil von Faust, wie er damals in dem ersten Fragment erschienen war, vorzulesen. Das Buch war nicht gleich zu finden, und ich rezitierte den ersten Monolog aus dem Kopfe. Ich fragte, ob ich noch weitergehen sollte, und hätte in der Tat den größten Teil des Fragments ohne Hilfe des Buchs hersagen können. Die Frau war entzückt, und es ward beschlossen, mich baldmöglichst dem großen Dichter vorzustellen. Nun war aber Frommann dem guten Willen meiner Freundin zuvorgekommen. Es ist eine eigene Empfindung, wenn man zum ersten Male einem Mann vorgestellt wird, der einen großen und entschiedenen Einfluß auf unser Leben gehabt hat. Ein solcher Moment bildet eine wahre Epoche, und mir war es, als ich zu Frommann hinging, als stünde mir ein verhängnisvolles Ereignis bevor. Goethe erschien. Es ist einem jeden bekannt, der ihn jemals gesehen hat, wie seine edle Gestalt, seine Art sich darzustellen, sein mächtiges Auge und das wahrhaft Vornehme seiner ganzen Gestaltung, die Ruhe, mit welcher er erschien, während eine reiche Welt sich sichtbar in ihm bewegte, auch demjenigen imponierte und überraschte, der die Größe seiner Schriften durch die Gestalt ausgedrückt zu sehen erwartete. Ich mußte, als ich ihn zuerst erblickte, mich schnell abwenden, denn mir traten unwillkürlich Tränen in die Augen. Es war mir, als sähe ich Egmont, der sich als Oranien, Tasso, der sich als Antonio darstellte. In der Gesellschaft war ein Herr von Stackelberg aus Livland, dessen schöne und anmutige Frau mir sehr gefiel; er ward zugleich mit mir Goethen vorgestellt. Die Selbsttäuschung, als müßte Goethe eine Ahnung haben von alle dem, was er mir geworden war, ist zu natürlich; er aber unterhielt sich den ganzen Abend mit dem Herrn von Stackelberg. Es gelang mir nicht einen Augenblick, die Aufmerksamkeit auf mich zu ziehen. Goethe war noch in seinen besten Jahren. Die vornehme Ruhe, mit welcher er sich bewegte, fing an, mir beschwerlich zu fallen, ja mich zu erbittern; ich war stumm, verlegen und fühlte mich verletzt. Ich erinnerte mich der vielen Geschichten, die man von seinem Stolz und seiner kalten Herablassung erzählt hatte, und ging in einer Stimmung nach Hause, die unerträglich war. Es schien mir, als wäre nun jede Annäherung unmöglich geworden. Der Nordländer ist von Natur bei solchen Gelegenheiten leicht verletzbar, und ich habe bis in den späteren Jahren mit einer widerwärtigen Empfindlichkeit zu kämpfen gehabt, die mich nicht selten unglücklich machte. Bekanntlich hat mein Freund Oehlenschläger Adam Oehlenschläger, 1799-1850, der dänische Gesinnungsgenosse der Romantiker, Schauspieler, Dichter, dänischer Etatsrat und spätere Gönner Hebbels, bereiste Deutschland und besuchte auch Goethe. Väterlich von diesem aufgenommen, sagte er Goethe auf ewig Lebewohl, als er ihm sein rührseliges Künstlerdrama »Coreggio« nicht selbst vorlesen durfte. einen Auftritt mit Goethe erlebt, der diesen in große Verlegenheit setzen mußte. Ich verbarg glücklicherweise meine Empfindlichkeit und wiederholte, nach Hause gehend, fortdauernd Philinens Worte: »Wenn ich dich liebhabe, was geht es dich an«, aber was mich durchdrang, war ein vernichtendes Gefühl, ein schwarzer Schatten, der sich breit und finster über meine Vergangenheit warf. Ich mußte mich mitteilen und eilte den Tag darauf zu Schlegel. Die Frau erschrak, als sie mich sah, so lebhaft drückte sich die Erbitterung aus. Es verdroß sie, daß Frommann ihr zuvorgekommen war, und sie versicherte, daß eine zweite Zusammenkunft mit Goethe, die sie zu veranlassen versprach, diese Stimmung schnell vernichten würde. Hiergegen trat nun aber meine nordische Halsstarrigkeit auf. Eben je höher ich ihn achtete, je entschiedener ich mein Leben ihm hingegeben hatte, desto unmöglicher fand ich es, mich ihm zum zweitenmal vorstellen zu lassen. Fest erklärte ich, daß ich von Goethe erwarte, daß er mich aufsuche; keine Überredung half. Freundlich wurde ich eines Abends von Schlegels eingeladen; gütig, wie sie gegen mich gesinnt waren, wollten sie mich überraschen. Goethe war da, ohne daß sie mich es wissen ließen. Ich erfuhr es aber, kehrte um, und erschien nicht in der Gesellschaft. Es vergingen einige Wochen, und ich gab mir alle Mühe, mich durch Studien zu zerstreuen. Oft gelang es mir, aber auch dann verfolgte mich ein quälendes Gefühl, als hätte mich ein großes Unglück getroffen. Die Familie des berühmten Anatomen Loder gehörte auch zu denen, die mich freundlich aufgenommen hatten. Sein Geburtstag nahte, und man wünschte diesen Tag durch ein Schauspiel zu feiern; man wählte den »Schauspieler wider Willen«, Louis François Archambault, 1742-1812, Schauspieler und Theaterdichter zu Paris, schrieb 1775 » La tête de campagne« ou »L'intendant comédien malgré lui «, wonach Kotzebue 1803 seinen »Schauspieler wider Willen« verfaßte. und meine große Beweglichkeit erweckte die Vermutung, daß ich wohl fähig wäre, die Hauptrolle zu übernehmen. Sonderbar genug, vier Jahre früher in Kopenhagen, als ich mit Leidenschaft für das Schauspiel lebte, traute man mir in Borups Während seiner Kopenhagener Studentenzeit hatte Steffens einer dramatischen Vereinigung mit Namen »Borups Selskab« angehört und einige Male bei Aufführungen mitgespielt. Gesellschaft keine große Fähigkeit zu, und dennoch fand ich das Vertrauen, welches man mir hier zeigte, sehr natürlich. Das Theater war errichtet; wiederholte Proben fanden statt; ich war nicht bloß der Hauptschauspieler, sondern auch Regisseur. Seltsam traten nun die alten Bühnenerinnerungen hervor. Gebildete Frauen hatten Rollen übernommen. Die Hauptrolle enthält bekanntlich eine Menge deklamatorische Stellen aus verschiedenen Dramen; die in dem Stück vorkommenden waren meist veraltet und unbedeutend. Ich vertauschte sie mit übertrieben deklamatorischen Stellen aus Ifflandschen und Schillerschen Stücken. Von Schiller hatte ich, soviel ich mich erinnere, einen Monolog aus Fiesko gewählt, in welchem der verzweifelte Held ausruft: »Hätte ich das Weltall zwischen diesen meinen Zähnen, ich wollte es zerkauen, bis es aussähe, scheußlich wie mein Schmerz!« Eine andere Stelle war aus Kabale und Liebe genommen, wo der verzweifelnde Held sich in der Hölle findet, mit dem tyrannischen Fürsten Rad an Rad geflochten, grinsend, Zähne fletschend.– Die Tage der Proben gingen vorüber; wir waren zur Generalprobe versammelt: da trat auf einmal Goethe herein. Er hatte freundlich, wie er bei solchen Gelegenheiten immer war, versprochen, die Generalprobe zu leiten; mir hatte man es verborgen gehalten. Nachdem er die Frauen begrüßt hatte, ging er auf mich zu, sprach mich freundlich und gütig als einen Bekannten an. »Ich habe«, sagte er, »lange erwartet, Sie einmal in Weimar bei mir zu sehen; ich habe vieles mit Ihnen zu sprechen, Ihnen vieles mitzuteilen. Wenn diese Tage verflossen sind, werden Sie mich, wie ich hoffe, begleiten.« Wer war glücklicher wie ich. Es war mir, als wäre ich jetzt erst heimisch geworden in Jena. Ich jubelte, und der frohe Jubel einer übermütigen Stimmung ergoß sich in mein Spiel. Hier und da gab Goethe einen guten Rat, und mir schwebten auf eine wunderbar heitere Weise die dramatischen Auftritte in Wilhelm Meister vor der Seele, die sich nun hier durch den großen Verfasser zu verwirklichen schienen. Als ich die Stellen aus den Schillerschen Stücken deklamiert hatte, trat Goethe freundlich auf mich zu. »Wählen Sie doch«, sagte er, »andere Stücke; unsern guten Freund Schiller wollen wir doch lieber aus dem Spiele lassen.« – Es war seltsam, daß weder ich, noch die Mitspieler etwas Anstößiges bei dieser Wahl gefunden hatten. Einfluß auf sie hatten wohl zum Teil die Urteile der Gebrüder Schlegel über Schiller, die nicht selten hart waren. Dennoch konnte ich mit Wahrheit die erste Veranlassung zu dieser Wahl als Entschuldigung anführen. Ich hatte nämlich diese doch offenbar extravaganten Stellen auf dem Hamburger Theater von einem Schauspieler Herzberg oder Herzfeld auf die übertriebenste Weise darstellen sehen und ahmte ihm nach. Indessen erbot ich mich auf der Stelle, Kotzebue zu wählen statt Schiller; man brauchte da nicht lange zu suchen. Die Geburtstagsfeierlichkeit ging vorüber, das Stück ward wenigstens ohne Anstoß gespielt, und ich hatte mir, was mir in Kopenhagen nicht gelingen wollte, sogar einen Ruf als Schauspieler erworben. Den Tag darauf hielt, der Verabredung gemäß, Goethe vor meiner Wohnung; ich eilte mit meinem Mantelsack hinunter und fuhr nun an Goethes Seite nach Weimar. Ich war dort einige Tage sein Gast. Goethes naturwissenschaftliche Beschäftigungen waren mir bis dahin nur sehr unvollkommen bekannt. Ich hatte zwar die Beiträge zur Optik gelesen, war aber zu sehr an die strenge mathematische Behandlung der Optik gewöhnt, um in der Art, wie Goethe seinen Gegenstand behandelte, einen großen Gewinn für die Wissenschaft zu erwarten. Auch hatte ich diesen ganzen Teil der Physik noch nicht selbständig behandelt. Nach der Art, wie ich in der physikalischen Schule gebildet war, wußte ich für jetzt nichts mit diesen Untersuchungen anzufangen, obgleich eine lebendige Betrachtung der Tätigkeit des Lichts mich überzeugte, daß die tiefere Auffassung derselben zur Begründung einer Naturphilosophie im höchsten Grade wichtig wäre. Die kleine Schrift über die Metamorphose der Pflanzen hatte einen viel tieferen Eindruck auf mich gemacht. Die wechselnden Pulsschläge der Tiere sah ich hier Gestalt gewinnen, und was im Blut nie ruhende Bewegung ist, ward durch die wechselnde Systole und Diastole Zusammenziehung und Trennung. lebendig fortschreitende Entwicklung. Seine Knochenlehre war mir durchaus unbekannt. Goethe war im höchsten Grade mitteilsam; es war ihm darum zu tun, junge Naturforscher für seine Ansichten zu gewinnen. Die paar Tage verflossen in einer beständig fortdauernden naturwissenschaftlichen Unterhaltung. Ich lernte nun Goethe von einer mir bis dahin unbekannten Seite kennen. Das tiefe Naturgefühl, die lebendige schöpferische Macht, die durch alle seine Gedichte hindurchging, über alle seine Darstellungen ein helles Licht ergoß, rang nach Bewußtsein; Pflanzen und Tiere und das allbelebende Licht, welches als ein Ding unter den andern Dingen, zusammengesetzt wie diese, sich in Farben verteilen ließ und so nur in ein äußeres Verhältnis zu allem Lebendigen treten konnte, erschienen hier zwar nicht in einer bewußten Einheit, aber ein tiefer geistiger Instinkt faßte sie dennoch zusammen. Wer mein Leben und meine Neigung mit einiger Teilnahme verfolgt hat, wird einsehen, wie bedeutend mir diese Zeit sein mußte. Was ich zu erringen strebte, alle Richtungen meines Daseins schien er zu kennen, und der Schatz, den ich unruhig suchte, schien ihm ein, von einer günstigen Natur geschenkter Besitz zu sein. Ich verlebte diese kurze Zeit wie in einem Taumel, und hielt mich nun für entschieden überzeugt, daß eine lebendige Naturanschauung, die ich als die Quelle der echten Dichtkunst betrachtete und die so heitere und bedeutungsvolle Früchte getragen hatte, auf immer für die Geschichte gewonnen wäre. Mein ganzes früheres Leben schien mir eine dunkle Prophezeiung, deren Erfüllung nahe lag, und voll Begeisterung eilte ich nach Jena zurück, um Schelling mitzuteilen, was ich entdeckt zu haben glaubte. Er war aber schon mit allem bekannter als ich. Ob er schon damals in eine persönliche Berührung mit Goethe gekommen war oder nicht, vermag ich mich nur dunkel zu erinnern und kann es nicht entscheiden. Bei der fortdauernden geistigen Anregung, die noch nicht zur starren Schule kristallisiert war, vielmehr lebendig und beweglich, geschwängert mit Natur- und geschichtlichen Ereignissen, auch in der Poesie und Kunst ein wichtiges tiefes Element des Daseins erkannte, mußte eine jede bedeutende Erscheinung die lebhafteste Teilnahme erregen. Zwar galt Schiller neben Goethe den Gebrüdern Schlegel nicht viel. Wenn dieser vergöttert wurde, wenn eine tiefe Absichtlichkeit in Wilhelm Meister mit scharfsinniger Kunst nachgewiesen wurde, so daß diese Dichtung als ein geschichtliches Ereignis neben das größte und wichtigste der Zeit gestellt, In der von ihm und seinem Bruder August Wilhelm herausgegebenen Zeitschrift »Athenäum« (1, 2) hatte Friedrich Schlegel diesen Roman als »schlechthin neues und einziges Buch«, als Beispiel einer neuen Gattung der Poesie, eben der »romantischen« Dichtung, gepriesen. als ein entschiedener Wendepunkt für die dichterische Ansicht des Lebens hervorgehoben wurde, so ward Schiller gelegentlich getadelt und offenbar mit einseitiger Härte behandelt. Ich konnte diese Ansicht nicht teilen. Die freie ritterliche Gesinnung, die in seinen Dichtungen herrschte, hatte einen entschiedenen Einfluß auf mich, und mich sprach der redliche Ernst in seinen größeren Dramen sehr an. Ich vermochte nie der Ansicht zu huldigen, die mit dem Leben ein fortdauerndes ironisches Spiel zu treiben suchte. Der göttliche Leichtsinn, der das Tiefste im Leben hervorhob, mit allen Farben der glutvollsten Dichtung ausmalte, um sich lächelnd auf einen vermeintlich höhern Standpunkt zu erheben, Wie es Friedrich Schlegel bewußt zur Manier seiner Kritik erhob, um seine Freiheit niemals zu verlassen. und sich an einer Verehrung, die als Knechtschaft erschien, durch eine Mischung von Spott, die sich in sie hineinmischte, zu rächen suchte, konnte mir niemals Religion werden. Eine heilige Erinnerung aus meiner frühesten Kindheit, die zwar zurückgedrängt, aber nie verschwunden war, bildete eine sichere Grundlage, die, wenn auch noch so verborgen, alles trug. Und obgleich ich Schiller niemals mit Goethe gleichstellen konnte, obgleich ich selbst eine gewisse Beschränktheit in seinen Dichtungen zu erkennen glaubte, schien doch alles, was er schrieb, durch die klare und reine Vornehmheit seiner Gesinnung gehoben und verklärt. Ja ich glaubte Schätze der Dichtkunst zu erkennen, die nur so durch die edelmütige Ritterlichkeit der Ansicht an das Tageslicht gefördert werden konnten. Indessen war der Tadel, der Schiller traf und den ich oft genug hörte, nicht ohne Einfluß. Ich war zu plötzlich aus meiner geistigen Einsamkeit herausgerissen, aus einer Umgebung, neben der ich mir auch etwas zu sein dünkte, in die Mitte solcher Männer versetzt, die nach der Herrschaft über die Literatur rangen, sie zum Teil ausübten und nach meiner Überzeugung zu besitzen verdienten. Diese erlangten durch die bloße Autorität schon eine große Gewalt über mich, und wo ich eine abweichende Ansicht im Innern festhielt, schwieg ich wenigstens. Schiller hatte schon seit Jahren an seinem großen Drama »Wallenstein« gearbeitet. »Wallensteins Lager« war schon auf die Bühne gebracht, und es ist hinlänglich bekannt, wie lebhaft Goethe auch an der Aufführung teilnahm. Es war, irre ich nicht, die erste ans Licht tretende schöne Frucht des freundlichen Bündnisses zwischen diesen beiden großen Dichtern. Goethe fand in den bunten und wechselnden Szenen dieses Vorspiels eine günstige Gelegenheit zu einer Darstellung, die wir eine dramatische Komposition, einer musikalischen ähnlich, nennen könnten, und dieses bunte Vorspiel hinterließ einen überaus wohltätigen und klaren Eindruck. Der tragische Moment, welcher den Untergang des Helden des großen Dramas ahnen läßt, blickt durch das Spiel der Personen verhängnisvoll hindurch. Es war in der Tat eine in ihrer Art vollendete Darstellung. Auch auf die Umgebung war viel Fleiß verwandt; die Dekorationen waren nicht bloß anständig, sondern schön. Doch war die Zeit noch nicht gekommen, in welcher der Rahmen das Bild verschlingt. Alles war in einer heitern Übereinstimmung, und die Familien in Jena versäumten nicht leicht irgendeine Vorstellung. Die gebildeten Einwohner betrachteten in der Tat diese dramatische Unternehmung als ein bedeutendes Ereignis, welches aus ihrer Mitte hervorgegangen, der dramatischen Kunst eine höhere Bedeutung geben müßte und durch welches Stadt und Universität gehoben und verklärt würden. Jetzt war nun »Piccolomini«, der erste Teil des großen Dramas, fertig, einstudiert und sollte zum erstenmal aufgeführt werden. Die Spannung, mit welcher man dieser Aufführung entgegensah, war merkwürdig. Die Familien der Professoren sorgten mit der größten Mühe schon bei der ersten Nachricht von der bevorstehenden Aufführung für Plätze. Man hörte in der ganzen Stadt von nichts anderem sprechen. Frauen und Töchter intrigierten gegeneinander, um sich wechselseitig zu verdrängen; wer einen Platz erhalten hatte, pries sich glücklich. Es entstanden aber auch Feindschaften, die später nicht ohne Folgen waren. Ich fuhr mit Justizrat Hufeland und Loder, beider Frauen waren mit und Loders schöne Tochter. So waren wir sechs in eine Kutsche zusammengequetscht, stiegen in dem »Elefanten« ab und eilten in das Schauspielhaus. Schlegels geistreiche Frau war zu Hause geblieben, ebenso Schelling, der mit seinen Vorträgen anhaltend beschäftigt war. Ich hatte in Schillers Loge einen Platz gefunden und machte unter so interessanten Verhältnissen seine persönliche Bekanntschaft. Von diesem Drama hier zu reden, wäre überflüssig. Die Stimmung, in welcher das ganze Publikum war, teilte sich einem jeden mit. Das weitläufige Drama, in welchem nichts abgeschlossen ist, alles mehr oder weniger Andeutung, mit seinen langen Reden, fesselte dennoch die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf die lebhafteste Weise. Auf die Aufführung war große Mühe verwandt, das Zusammenspielen war vortrefflich; nie fand in dieser Rücksicht irgendeine noch so leise Störung statt; alle Schauspieler gaben sich, das war klar, die größte Mühe; die längsten Reden wurden in einem Fluß hergesagt; ein jeder wollte Ehre einernten. Und in der Tat, in dieser Rücksicht konnten die Verhältnisse nicht günstiger sein. Der große Dichter, dem die dramatische Kunst ein wichtiges Geschäft war, stand an der Spitze; seine ansehnliche Stellung im Lande gab ihm eine Gewalt über das Theaterpersonal, die selten oder nie stattfand. Aber die Schauspieler fürchteten nicht bloß den Mächtigen, sie verehrten auch den Kundigen; sie waren sich bewußt, daß, wer sich in Weimars Schule fleißig ausgebildet hatte, der hatte einen entschiedenen Ruf auf allen deutschen Bühnen erlangt, und wenn Verhältnisse es wünschenswert machen sollten, Weimar zu verlassen, so würde es ihm nie an einer vorteilhaften Anstellung fehlen. Begeisterung für eine Kunst, die durch Goethes warme Teilnahme gehoben wurde, verband sich mit dem eigenen Vorteil, um aus den Schauspielern alles zu machen, was durch eine so seltene günstige Vereinigung der Mittel möglich war. Auf die heutige Darstellung mußte nun der Enthusiasmus des Publikums, die Spannung aller Zuschauer anregend zurückwirken. Der Eindruck, den alles dieses auf mich machte, erinnerte mich lebhaft an den Abend in Wilhelm Meister, als »Hamlet« zum erstenmal aufgeführt wurde. Und dennoch war ich in einer ganz seltsamen Verlegenheit. Man weiß, mit welcher Leidenschaft ich in Kopenhagen an den dramatischen Vorstellungen teilnahm. »Piccolomini« war das erste große Stück, welches ich in Weimar sah. Ich brachte die übertriebensten Vorstellungen von dem, was die Weimarer Bühne unter Goethes Anleitung leisten müßte, mit. Und nun war ich genötigt, mir zu gestehen, daß das Spiel freier, natürlicher, die Talente der Schauspieler und Schauspielerinnen in Kopenhagen hervorragender waren als hier. Ich hatte Schröder Friedrich Ludwig Schröder, 1744-1816, vor Iffland einer der gefeiertsten deutschen Schauspieler, wirkte in Hamburg und Wien und erwarb sich besonderes Verdienst durch sein Eintreten für Shakespeare auf der deutschen Bühne. gesehen und erwartete freilich nicht, seinesgleichen hier zu finden; auch stand er, als ich die Hamburger Bühne kennenlernte, unter seinen Mitspielenden fast allein. Aber was ein im Hintergrund ordnender mächtiger Geist in Weimar leistete, das schien mir durch das mächtige Spiel, welches die Umgebung beherrschte, in Hamburg stattzufinden. Ich suche immer ein vorzügliches Drama, wenn es irgend möglich ist, zu lesen, ehe ich die Aufführung sehe. Das Lesen ist doch eine Aufführung, und es muß ein unfähiger Mensch sein, dem diese nicht besser gelingt als die gewöhnliche. Nur ein großer Schauspieler, der selbst Dichter ist, vermag es, geheime Schönheiten und Tiefen eines Dramas aufzuschließen, die uns selbst beim Lesen verborgen geblieben sind. Bei einem solchen stillen Schauspiel gestalten sich die Personen, und wenn wir nun bei einer öffentlichen Aufführung eine wenig entsprechende Gestalt des Helden erblicken, so ist der Eindruck doch nur vorübergehend, die edlere, die uns beim stillen Lesen entgegentrat, erscheint schnell wieder. – Ganz anders ist es, wenn wir ein Drama zuerst durch eine öffentliche Darstellung kennenlernen. Mir wenigstens prägen sich dann die Gestalten der Hauptpersonen so unauslöschlich ein, daß ich sie nie völlig loswerden kann. So verfolgt mich noch immer der lange hagere unglückliche Graff als Wallenstein. Er hatte sich unsägliche Mühe gegeben; die Rolle bewundernswürdig memoriert; die Diktion war vortrefflich. Keine einzige Stelle erweckte den unangenehmen Mißton, der so unvermeidlich entsteht, wenn man merkt, daß der Schauspieler etwas ausdrückt, was er nicht versteht, und dennoch war Gestalt, Bewegung, Spiel geradezu hölzern. Es war mir, als sagte er eine ihm durch Goethe und Schiller eingetrichterte Lektion auf eine allerdings bewunderungswürdige Weise her. Selbst als ich später den unübertrefflichen Fleck als Wallenstein sah, ging immer der unglückliche Graff als sein Doppelgänger und Gespenst neben ihm her. Ebenso wollte mir Vohß als Max keineswegs ganz gefallen; nur die Jagemann, jung, blühend, lebendig, wie sie war, entzückte mich als Thekla. Nun aber saß Schiller selbst neben mir und war mit allem nicht allein zufrieden, sondern überaus glücklich. »Durch eine solche Aufführung«, sagte er, »lernt man erst sein eigenes Stück kennen; es erscheint veredelt durch die Darstellung, es ist, so ausgesprochen, besser als ich es schrieb.« Besonders erstaunte ich über den Beifall, den er einer Schauspielerin zollte, welche die Rolle der Terzky spielte. Allerdings war eine gewisse Lebendigkeit, selbst Leidenschaftlichkeit in ihrem Spiel, und in dem heftigsten Fluß der Rede stockte sie nie; insofern war die Rolle richtig aufgefaßt, aber es herrschte etwas so Geringes, Gemeines in Gestalt, Bewegung und Aussprache, daß sie mir in meiner innersten Seele zuwider war: und dennoch war Schiller entzückt. Wie Schiller, der Hochdeutsche, die platte Berliner Aussprache auch nur dulden konnte, war mir völlig unbegreiflich. Selbst Goethe, der ab und zu in die Loge hineintrat, schien mit der Aufführung gut zufrieden, obgleich er sich nicht enthusiastisch äußerte wie Schiller. Abgesehen von der Absicht; die er wohl haben konnte, den Dichter nicht in seiner Zufriedenheit zu stören, ist es schon begreiflich, daß Goethe, nach so vielfältigen mühsamen Proben, zuletzt selbst in eine Art von Bewunderung geraten konnte, wenn er entdeckte, wieviel man mit einem widerstrebenden Stoff und einem Material, das nun einmal nicht besser war, zu erreichen vermochte. Wir fuhren gleich nach Beendigung des Stückes nach Jena, und obgleich es sehr spät war, versammelten sich doch noch einige bei der Frau Professor Schlegel, die zurückgeblieben war. Sie forderte nun und zwar mit der Entschiedenheit, die ihr eigen war, ein bestimmtes Urteil über das Drama; und hier zeigte es sich nun, wie der erste Eindruck, den ein neues, im großen Sinne aufgefaßtes und angelegtes Stück unmittelbar hinterläßt, sich selbst durch die schärfste Kritik nicht sogleich verdrängen läßt. Auf den deutschen Universitäten bildet sich fast unvermeidlich eine stagnierende Masse durch früher selbst verdienstvolle, aber allmählich veraltete Lehrer. Die Verhältnisse, die diese damals ausbildeten, sind zwar zurückgedrängt, denn jetzt versetzt die große und rasche Bewegung in der Geschichte und in der Wissenschaft einen jeden in eine fortdauernde Spannung; selbst die jugendliche Begeisterung hat einen tieferen Grund, und es ist fast unmöglich geworden, was uns einst durchdrang, selbst in den spätesten Jahren völlig bedeutungslos aufzufassen. Freilich, was bloß Masse war, bleibt es, auch noch so sehr herumgeworfen und äußerlich geschüttelt, und versteht es, seine ursprüngliche Ruhe wiederzugewinnen. Nun darf man nicht vergessen, daß in Jena eine Begeisterung, durch welche die ganze deutsche Literatur einen neuen Aufschwung erhielt, eben in dem ersten Moment frischer jugendlicher Ausbildung war, als ich das Glück hatte, den lebendigsten Entwicklungspunkt zu erleben. Jena hatte noch von früheren Zeiten her verdienstvolle Lehrer; Paulus und Griesbach, in der theologischen Fakultät, hatten einen großen und verdienten Ruf; Justizrat Hufeland galt für einen tüchtigen Juristen; Hufeland, Gruner und Starke hoben die medizinische Fakultät; Batsch war ein ausgezeichneter Botaniker; Schütz und Eichstädt waren berühmte Philologen. Mehrere von diesen verdienten Männern, mit ihren bestimmten Fächern beschäftigt, die ihren Ruf begründeten, mischten sich gar nicht in die Streitigkeiten, die sich in der Literatur erhoben; obgleich die Neuerungen ihnen unzugänglich, sehr bedenklich fremd, ja wenn sie sahen, wie die Jugend ergriffen wurde, beschwerlich werden mußten. Andere hingegen, teils durch ihre literarischen Verhältnisse, wie Schütz und der Jurist Hufeland, als Redaktoren der »Allgemeinen Literaturzeitung«, teils durch die eigene polemische Natur, wie Gruner, veranlaßt, äußerten die Unzufriedenheit entschiedener, Schütz und der Jurist Hufeland aber mit großer Vorsicht; denn der ältere Schlegel war in den letzteren Jahren der bedeutendste Rezensent im ästhetischen Fache, hatte dadurch den Ruf der »Literaturzeitung« gehoben, und man fürchtete ihn als Gegner. Aber eine bald stillere, bald lautere Opposition der älteren Lehrer gegen Fichte, Schelling und A.W. Schlegel gestaltete sich dennoch durch die Majorität der älteren Professoren. Nur Paulus, dessen seltsame, jetzt gottlob veraltete Exegese damals den Blütepunkt des Ansehens erreicht hatte, schloß sich entschieden an Fichte an. Die Gegner suchten nun den drei angefeindeten Männern das Leben möglichst sauer zu machen; aber der Schutz von oben, und die entschieden offensive Stellung, die von den genannten neueren Professoren angenommen wurde, machte sie gleichgültig gegen diese mehr oder weniger verborgenen Angriffe. Es entstand Geklatsch aller Art, welches sorgfältig verbreitet wurde. Ich habe es vergessen, und es erschien mir auch damals zu gleichgültig und gering; ich achtete kaum darauf, obgleich mein Landsmann, der theologische Kandidat Malte Müller, mit allem Gerede der Art sehr genau bekannt war und mir es zutrug. Was diese Zeit in Jena so erfreulich machte, war die Einigkeit, welche unter den Urhebern einer so wichtigen Umgestaltung in der Literatur herrschte. Wie bei einer jeden organischen Entwicklung die verschiedensten Bildungen kaum unterscheidbar von einem gemeinschaftlichen Punkte ausgehen – nur freilich so, daß die abweichenden Bildungen ihre innere Einigkeit nicht aufheben –, so glaubten auch alle damals durchaus ein gemeinsames Werk zu treiben, und es entstand ein Bündnis der Geister, welches im höchsten Grade bedeutend wirken mußte. Fichte und Schelling hatten ihre Differenz wohl begriffen, aber noch nicht ausgesprochen. Indessen sahen sie sich nicht häufig, und Fichte, obgleich er glauben mochte, daß Schelling, spekulativ betrachtet von einem ähnlichen Standpunkt des Bewußtseins, wie er selber, ausging, konnte doch an der Schellingschen Naturphilosophie keine Freude finden, ja sie mußte demjenigen, der Licht und Luft a priori konstruierte, und zwar nicht als ein solches, was seine Bedeutung in sich selber hatte, sondern als daseiend, damit die verschiedenen Ichheiten sich sahen und hörten, als von dem Bewußtsein postulierte und nur als Postulat zu duldende Formen des Daseins betrachtet, zuwider sein. So lag hier allerdings eine Differenz, ja eine feindliche Scheidung, ursprünglich verborgen. Da aber Fichte sich lediglich auf dem ethischen und mit diesem verbundenen rechtlichen Gebiet bewegte, so gingen beide, Fichte und Schelling, eine Zeitlang nebeneinander und stritten nicht, weil sie sich nicht berührten. Es war der übriggebliebene Rest der Kantschen Trennung zwischen praktischer und theoretischer Philosophie, eine Trennung, die freilich von keinem von beiden anerkannt wurde, die aber dennoch ihre Macht auszuüben schien. Aber nicht allein die in Jena Anwesenden, auch die Abwesenden gehörten zu den Verbündeten, die nach außen und der herrschenden Literatur gegenüber in gleichem Sinne tätig waren. Berlin ward zwar damals als der Sitz des plattesten gemeinen Verstandes betrachtet und von uns allen geringgeschätzt. Die Allgemeine deutsche Bibliothek von Nicolai, die Berliner Monatsschrift, durch Biester redigiert, wurden als die Stapelplätze des gemeinsten Räsonnements angesehen; aber dennoch waren auch hier wichtige Verbündete. Unter diesen blieb mir doch damals noch Schleiermacher am meisten fremd. Mehr einen unmittelbaren Eindruck machte Tieck als Dichter auf mich. Es ist bekannt, wie sehr der dichterische Sinn in Deutschland gesunken war, so daß Tiecks erste Schriften nicht allein gar keinen Eindruck machten, und (wie der Verleger, Nicolai der Jüngere, behauptete,) sogar als Makulatur sich auf seinen Niederlagen aufhäuften. Die Gebrüder Schlegel waren die ersten, die auf das reiche und durchaus selbständige Talent dieses Dichters aufmerksam machten, und es ist in der Tat unbegreiflich, wie es möglich war, daß die anmutige Sprache, die Frische der poetischen Anschauung so ganz den Eindruck verfehlen konnten. Herrschten doch in den Volksmärchen ein so tiefer Ton der kindlichen Naivität der Vorzeit, eine solche Kindlichkeit des Daseins, solche heitere Klänge aus der verborgensten Herrlichkeit der deutschen Sprache, daß dieser Ton, einmal laut geworden, diese Klänge, einmal angeschlagen, niemals mehr aus der Sprache verschwinden konnten. In der Tat waren es diese scheinbar naiven, mit kindlichen Tönen unbefangen spielenden Märchen, die zuerst an die verborgene Bedeutung einer vergangenen dichterischen Zeit erinnerten. So wie Tiecks Übersetzung des »Don Quijote«, die schon begonnen war, auch nach einer Zeit hinwies, die zwar nicht unbekannt war, aber deren dichterischer Reichtum verborgen blieb. A. W. Schlegels Proben einer Übersetzung und Beurteilung von »Romeo und Julia«, sein Aufsatz über Dante, die Unterhaltungen, die sich an solche Arbeiten knüpften, riefen Sinn und Gedanken von der engeren Literatur der Gegenwart und ihren kleinlichen Beschäftigungen ab, und wir gewöhnten uns, einen größeren Maßstab für die Poesie anzulegen; wir fingen an einzusehen, daß der Sinn für die eigentliche Dichtkunst, die, einst ein wesentliches Moment des Daseins, Kunst, Wissenschaft und Staat durchdrungen hatte, verlorengegangen war und wieder belebt werden mußte. Auch für die Kunst ward der Sinn erweckt; noch kannte ich sie nur in der Ahnung. Lessings Laokoon konnte mir nur Gedanken, aber keine Gegenstände geben. Jetzt erfuhr ich, wie Winckelmann der erste war, der auf eine bedeutende Weise die plastische Kunst der Alten hervorgehoben und belebt hatte. Ich las seine Schriften, und schon die klassische Sprache, die wunderbar und fremdartig durch Größe und Einfachheit für die Zeit, in welcher seine Schriften erschienen, hervorleuchtete, riß mich hin. Der Zustand, in welchen ich versetzt wurde, als ich Winckelmann las, mag einige Ähnlichkeit mit dem gehabt haben, in welchen ihn selbst in der kleinen Stadt, in welcher er lebte, die plastische Kunst der Alten anzog und in Bewegung setzte. Noch hatte ich so gut wie nichts gesehen, das Auge war für die Kunst geschlossen; was mir Goethe mit Freundlichkeit zeigte, konnte nur für das schon geöffnete Auge einen Wert haben. Ich seufzte, indem ich mit nordischer Redlichkeit bekannte, daß mir der Sinn für die Kunst, wie ich befürchten mußte, fehle, und dennoch durchdrang mich das Bewußtsein, daß dieser Mangel ein geistig wesentlicher war. Ich fand mich in eine andere höhere Welt versetzt, und was in dieser lebte und sich bewegte, durfte mir nicht fremd sein. Wie Himmel und Erde, Gebirge und Meer, Pflanzen und Tiere mich in der Natur sinnlich umgaben, so mußten auch alle Gestalten der geistigen Welt, in der ich zu atmen anfing, vor mir liegen und mir verwandt sein. Ich vermochte es nicht zu begreifen, wie einige sich noch so beharrlich verbargen, und ich hatte nicht gelernt, einen Enthusiasmus zu affektieren, den ich nicht empfand. Goethe tröstete mich. Ich hatte die Hoffnung nicht aufgegeben, Italien zu sehen, aber er stellte die nächste Hoffnung auf Dresden. »Dort«, sagte er, »werden Sie Kunstschätze finden, die für Sie eine Vorschule bilden werden.« Die Redlichkeit, mit welcher ich nach den Genüssen der Kunst, wie nach einem mir unbekannten Gute, mich sehnte, schien ihm zu gefallen. Aber auch die Musik war mir noch verschlossen. Einzelne Melodien rissen mich hin, bewegten mich aufs allertiefste: aber die große Welt der Töne verwirrte mich nur, ja wenn eine einzelne Gestaltung, ein eigentümlicher Gesang sich hervorhob und mich momentan ergriff, so war der Eindruck von dem größeren mir verworrenen Ganzen verschwunden, und ich vermochte nicht, ihn wieder zu finden. Ein betäubender, verworrener, erschöpfender Eindruck blieb zurück, wenn ich Haydn oder Mozart gehört hatte, und ich konnte die Begeisterung, die um mich herrschte, nicht begreifen. Aber alles, was ich noch nicht verstand, war angeregt. Es war nicht eine kalte Reflexion, es war ein neues, warmes, glühendes Leben, welches mich in Bewegung setzte, und selbst, was mir Qualen zubereitete, ward Stachel und Sporn der Lust, die mich durchdrang. Während nun auf eine solche Weise das Leben um mich herum so reich sich gestaltete, ging auch im größeren Kreise die Wirkung von Jena aus und verbreitete sich mehr und weniger über alle Zweige der Literatur. Die Brownsche Vgl. Seite 74 Anmerkung 2. Lehre in der Medizin, die einen Urgegensatz der Erregung und der Erregbarkeit auffaßte und mit Scharfsinn hervorhob, hatte einige der berühmtesten Ärzte für sich gewonnen, und sie lag der Spekulation so nahe, daß sie notwendig einige deutsche Ärzte zu dieser hindrängen mußte. Unter diesen zeichnete sich besonders Röschlaub aus. Mehrere andere Ärzte, die später hervortraten, ließen es nicht an Beifallsäußerungen fehlen. Irre ich nicht, so hörte ich schon damals die Namen: Eschenmaier, Windischmann und Görres nennen. Wenn nun auf eine solche Weise die Naturphilosophie vorzüglich die Ärzte in Anspruch zu nehmen anfing, so schien auch Fichte, der schon seit mehreren Jahren in Jena lehrte, wie Gegenstand der heftigsten Angriffe, so auch der Bewunderung zu sein. Während dieses Winters machte besonders der später berühmt gewordene Brief von Jacobi Vom 3. März 1799; er erschien im gleichen Jahre gedruckt in Hamburg. vieles Aufsehen. Er enthielt jene wunderbare Mischung von Bewunderung und Widerstreben, die Jacobi allenthalben bezeichnete, wo von eigentlicher Spekulation die Rede war. Die wunderbare Ansicht, daß man sie kennen und verehren müsse, ja daß sie wohl auch dazu tauglich sei, manchen Äußerungen einen Hauch von Geistreichigkeit mitzuteilen, daß man sich ihr aber nicht zu sehr hingeben, am allerwenigsten sie konsequent ausbilden dürfe, herrschte in diesem Briefe vor. Die berühmte Stelle, in welcher er das Recht der sittlichen Persönlichkeiten dem Formalismus des Sittengesetzes gegenüber in Anspruch nahm, machte damals einen tiefen Eindruck. Ich führe sie hier an, sie ist in ihrer Art klassisch: »Ja ich bin«, heißt es, »der Atheist und Gottlose, der dem Willen, der nichts will, zuwider – lügen will, wie Desdemona sterbend log; lügen und betrügen will, wie der für Orest sich darstellende Pylades; morden will, wie Timoleon; Gesetz und Eid brechen, wie Epaminondas, wie Johann de Witt; Selbstmord beschließen, wie Otho; Tempelraub begehen, wie David – ja Ähren ausraufen am Sabbat, auch nur darum, weil mich hungert, und das Gesetz um des Menschen willen gemacht ist, der Mensch nicht um des Gesetzes willen. Denn mit der heiligsten Gewißheit, die ich in mir habe, weiß ich, daß das privilegium aggratiandi solcher Verbrechen wider den reinen Buchstaben des absolut allgemeinen Vernunftgesetzes das eigentliche Majestätsrecht des Menschen, das Siegel seiner Würde, seiner göttlichen Natur ist.« Dieser Brief, wegen des Verfassers schwacher Augen auf grünes Papier geschrieben, zirkulierte, und ward von uns allen in demselben Sinne gelesen, als er geschrieben war. Er ward gelobt und hart getadelt, obgleich die Zeit noch nicht gekommen war, in welcher Jacobi, der von seinem einseitigen Standpunkte sich an allem, was bedeutend in der Philosophie erschien, zu reiben suchte und es nicht vergessen konnte, daß er eine lange Zeit hindurch als ein einzelnes Exemplar dem gewöhnlichen Philosophen gegenüberstand und durch geistreiche Winke das Urteil leitete oder zu leiten vermeinte, Friedrich Heinrich Jacobis Stellung innerhalb der philosophischen Strömungen seiner Zeit wird hier nicht gerecht gewürdigt. Jacobi wollte die Wirklichkeit vor der Spekulation retten und kämpfte deshalb gegen Spinoza wie gegen Fichte; »Spinozismus ist Atheismus« und »Idealismus ist Nihilismus« sind zwei seiner bezeichnenden Äußerungen. Gegenstand heftiger Angriffe ward. Was diese glückliche Zeit in Jena vorzugsweise auszeichnete, war der Fleiß und Ernst, der in allen herrschte; die Überzeugung, daß man, um den Gegnern entgegenzutreten, sie auf ihrem eigenen Boden bekämpfen müsse, daß man nicht bloß mit leeren Allgemeinheiten, mit geistreichen Wendungen sich begnügen dürfe, daß ein Kampf bedeutungslos werden müßte, wenn er nicht durch Einsicht und Kenntnisse nachhaltig wäre, durchdrang einen jeden. Diejenigen, die an die Spitze der Zeit traten, hatten sich schon von allen Seiten durch tüchtige Werke ausgezeichnet; sie hatten sich, wie auch Lessing, als er in strenger Opposition gegen die herrschende Literatur hervortrat, ein Bürgerrecht und einen bedeutenden Besitz in der literarischen Welt erworben; es waren Männer, die da wußten, was sie wollten, die einen eigenen bestimmten Zweck hatten, den sie unablässig verfolgten, und wenn die Kritik hart und schneidend die Gegner traf, so war es die Macht der in sich abgeschlossenen Gedanken, die Gewalt der eigentümlichen positiven Ansichten, die, gehegt und gepflegt, heranwuchsen und sich, jeden Widerstand überwältigend, Platz machten. Wohl herrschte in diesem Kampfe nicht selten Übermut, aber es war nicht bloß das armselige Jucken der Oberhaut, das sich durch Reiben an anderen Linderung verschaffen will und sich in Äußerungen ergießt, die nur einen augenblicklichen, schnell verschwindenden Einfluß hervorrufen. Es war nicht eine blasierte Zeit, die sich stimulieren mußte, um aus der leeren Kraftlosigkeit irgendeinen vorübergehenden scheinbar lebendigen Effekt hervorzulocken: es war eine kraftvolle, jugendliche, die in allen Richtungen des Daseins die Spuren des alles vereinigenden Geistes erkannte; es war ein sprudelndes, ja übermütiges Leben, nicht die krampfhaften Zuckungen eines Sterbenden. Man beschuldigte die Verbündeten, besonders die Gebrüder Schlegel, daß sie nach Paradoxen jagten: aber mußte nicht alles, was aus einem Großen und Ganzen ausging, denjenigen fremd, unverständlich, paradox erscheinen, die in der zersplitterten Vereinzelung des Lebens sich mit einem geistlosen Detail begnügten? Ich fühlte es, wie der alte Spinoza sich zu regen und zu bewegen anfing; wie jene ruhende Notwendigkeit sich in ihrer ursprünglichen Freiheit ergriff, wie die Substanz nicht bloß sich erkannte, sondern auch in ihrem Erkennen tätig ward und eine Welt lebendig zu erzeugen anfing. Auch mich ergriff jene Zeit in allen Richtungen mit einer unendlichen Gewalt; die reiche Natur drängte sich an mich und suchte Verständigung. Alte Zeiten wurden neu, längst verstorbene Geister fingen ein Gespräch an, und wenn manches nur halb gehört, ja falsch verstanden wurde, so verschwanden doch die nicht, die sich mir einmal genähert hatten, an die ich mich mit Vertrauen wenden konnte, die dem Zweifler eine genügende Antwort zu geben vermochten. Wunderbar aber war es, wie alle Äußerungen um mich her, selbst wo sie anscheinend feindselig gegen die Religion auftraten, mir niemals so erschienen; vielmehr war es mir, als müßte meine früheste Jugend, ja Kindheit zurückkehren, als läge in dem, was ich jetzt suchte, die frische, blühende und heitere Natur verborgen, die mich in meiner Kindheit entzückte, als müßten auch bei mir alte Zeiten jung werden. Es ruhte eine tiefe Erinnerung an die stille Hingebung der Religion hinter dem zuversichtlichen Streben, und als die in sich selbst ruhende Substanz das Antlitz erhob, um sich blickte und zu sprechen anfing, war es mir, als spräche hinter den Konstruktionen der Vernunft ein Höheres, als blickte hinter den bunten, ja fast betäubenden Blüten der Poesie aller Blumen schönste Blume, als regte sich in der großen, alles tragisch vernichtenden und wieder zum neuen Leben hervorrufenden Geschichte ein Geist, der mächtiger war als sie, und sie mit ihren Staaten, Wissenschaft und Kunst und uns selber, die wir jugendlich und zuversichtlich uns in Gedanken und großen Entwürfen ergingen, trieb und in Bewegung setzte. Wenn ich mich in diese Zeit versetze, so erkenne ich eine seltsame Ähnlichkeit zwischen ihr und dem stillen Leben in Roeskilde. Was mich damals besaß und beherrschte, hoffte ich jetzt als eigenen Besitz zu erlangen. Wurde es doch ausgesprochen als das Letzte, als das Ziel aller Reflexionen: daß diese sich in ihrem eigenen Anfangspunkte erkennen und in dem ruhigen Reichtum des ursprünglichen gesunden Sinnes sich selbst in ihrer tiefsten Bedeutung wiederfinden würden. Indessen näherte sich die Zeit meiner notwendigen Abreise von Jena. Ich mußte nach Freiberg reisen; ich durfte mich nicht länger als ein halbes Jahr in Jena aufhalten, und so angenehm und anregend mein Umgang hier war, so sah ich doch ein, daß ich hier die Ruhe nicht würde finden können, die für selbständige Produktionen notwendig war. Ich hatte beschlossen, über Berlin zu reisen; ich wollte aber auch nur die Stadt kennenlernen. Aber ein bedeutendes Ereignis fand noch statt, ehe ich Jena verließ. Vom sächsischen Hofe aus und durch den Theologen Reinhard ward, wie bekannt, Fichte als Atheist angeklagt. Nach einigen Tagen wurden die Studierenden von dem Prorektor (Loder) vorgeladen; er hatte als Prorektor den Auftrag, sie über die Lage der Sachen im Sinne des Hofes zu belehren und ihnen klarzumachen, wie Fichte selbst durch die Schritte, die er getan hatte, seine Entlassung herbeigeführt. Dieses Ereignis ward mir in mehr als einer Rücksicht höchst wichtig; zwar sah ich Fichte nicht oft, meine Studien, mein ganzes Denken entfernte mich vielmehr von ihm, aber er war mir lieb und teuer, und die Strenge seines sittlichen Gefühls, wie es Grundlage seiner ganzen Philosophie geworden war, erwarb ihm meine hohe Achtung, Man ward, wenn man mit ihm zusammen war, leicht aufgefordert, mit ihm über seine Philosophie zu reden, ja ihm heftig zu widersprechen. Gegen die Härte seiner formellen, absoluten, sittlichen Wahrheit hatte ich viel einzuwenden; noch früher als der erwähnte Brief von Jacobi angekommen war, hatte ich mit ihm einen heftigen Streit, denn das Fiat justitia, pereat mundus , Gerechtigkeit geschehe, möge auch die Welt untergehen! der absolute Sieg formeller Sittlichkeit, war mir grauenhaft. Als ich hörte, wie er den Satz: man dürfe unter keiner Bedingung eine Unwahrheit sagen, behauptete, wagte ich es, ihm folgendes Verhältnis entgegenzustellen: Eine Wöchnerin ist gefährlich krank, das Kind, sterbend, liegt in einer anderen Stube; die Ärzte haben entschieden erklärt, daß eine jede Erschütterung ihr das Leben kosten wird. Das Kind stirbt – ich sitze am Krankenlager meiner Frau, sie fragt nach dem Befinden des eben gestorbenen Kindes: die Wahrheit würde sie töten; soll ich sie sagen? – »Sie soll«, antwortete Fichte, »mit ihrer Frage abgewiesen werden.« – »Das heißt«, erwiderte ich, »auf das bestimmteste sagen: ihr Kind sei tot. Ich würde lügen«, rief ich bestimmt, und Tränen traten mir in die Augen, weil ich mich einer solchen Szene, die ich erlebt hatte, erinnerte, »und ich nenne ganz entschieden diese Lüge eine Wahrheit, meine Wahrheit.« – »Deine Wahrheit?« rief Fichte entrüstet, »eine solche, die dem einzelnen Menschen gehört, gibt es gar nicht; sie hat über dich, du nicht über sie zu gebieten. Stirbt die Frau an der Wahrheit, so soll sie sterben.« Ich sah die absolute Unmöglichkeit ein, mich mit ihm zu verständigen; ihm klarzumachen, daß die absolute formelle Lieblosigkeit die tiefste Lüge des persönlichen Daseins wäre, würde mir doch unmöglich sein. Fichte selbst war bei aller scheinbaren Härte seiner Lehre der gütigste Mensch; ich war überzeugt, daß er unter den angegebenen Verhältnissen selbst lügen würde, und schwieg. Und dennoch habe ich Gelegenheit gehabt, in viel späteren Jahren meine damals ausgesprochene Ansicht mit einer Konsequenz ausführen zu sehen, die mich höchst bedenklich machte. Ich hatte nun das Seltsame erlebt, einen Mann, den ich achtete und liebte, als Atheisten angeklagt und von seinem Lehramte vertrieben zu sehen. Den Anlaß bot Fichtes Aufsatz »Über den Grund unseres Glaubens an eine göttliche Weltordnung« von 1789. Was, wenn ich es als ein längst verflossenes Ereignis früherer Jahrhunderte vernahm, mich erschütterte, geschah jetzt unter meinen Augen, ja in dem engen Kreise meiner nächsten Umgebung. Da erwachte alle frühere Erinnerung meiner Kindheit, und ich fragte mich selbst, ob der Vorwurf, der den geachteten Philosophen traf, völlig grundlos wäre oder nicht? Daß die Fichtesche Lehre die konsequent durchgeführte Kantische war, sah ich wohl ein. Die Gegenstände des sichern Erkennens gab nur die Erscheinung; die Philosophie aber suchte die Wahrheit. Das sittliche Gefühl und sein Ausdruck, das Gewissen, war ebensowohl wie Zeit, Raum und Kategorie eine nie abzuweisende Tatsache des Bewußtseins, nur mit dem bedeutenden Unterschiede, daß der Inhalt des Gewissens nicht eine Erscheinung, vielmehr ein An-Sich genannt werden mußte. Zwar konnte man von der Sittlichkeit nicht behaupten, daß sie sei in dem Sinne, in welchem Gegenstände sind, sie blieb vielmehr ein Sollen, ein ewig sich erneuerndes Postulat; aber als solches war sie keine Erscheinung, sondern ein An-Sich, ja offenbar das einzige und absolute. Dieses schlechthin Wahre kommt uns nicht von außen, es ist nur als eigene Tat. Ich erinnere mich, wie Fichte in einem engen vertrauten Kreise uns die Entstehung seiner Philosophie erzählte und wie ihn der Urgedanke derselben plötzlich überraschte und ergriff. Lange hatte ihm vorgeschwebt, wie ja die Wahrheit in der Einheit des Gedankens und des Gegenstandes läge; er hatte erkannt, daß diese Einheit innerhalb der Sinnlichkeit niemals gefunden werden konnte, und, wo sie hervortrat, wie in der Mathematik, erzeugte sie nur einen starren unlebendigen Formalismus, dem Leben, der Tat völlig entfremdet. Da überraschte ihn plötzlich der Gedanke, daß die Tat, mit welcher das Selbstbewußtsein sich selber ergreift und festhält, doch offenbar ein Erkennen sei. Das Ich erkennt sich als erzeugt durch sich selber, das denkende und das gedachte Ich, Erkennen und Gegenstand des Erkennens, sind eins, und von diesem Punkte der Einheit, nicht von einer zerstreuenden Betrachtung, die Zeit und Raum und Kategorien sich geben läßt, geht alles Erkennen aus. Wenn du nun, fragt er sich, diesen ersten Akt des Selbsterkennens, der in allem Denken und Tun der Menschen vorausgesetzt wird, der, in den zersplitterten Meinungen und Handlungen verborgen liegt, rein für sich heraushöbest und in seiner reinen Konsequenz verfolgtest, müßte nicht in ihm, aber lebendig tätig und erzeugend, dieselbe Gewißheit sich entdecken und darstellen lassen, die wir in der Mathematik besitzen? Dieser Gedanke ergriff ihn mit einer solchen Klarheit, Macht und Zuversicht, daß er den Versuch, das Ich als Prinzip der Philosophie aufzustellen, wie bezwungen von dem in ihm mächtig gewordenen Geiste nicht aufgeben konnte. So entstand der Entwurf einer Wissenschaftslehre und diese selbst. In den Buchhändlerankündigungen dieser Schriften ward es ausgesprochen, daß die Wissenschaftslehre für die Philosophie das werden sollte, was Euklid für die Mathematik war. Ich glaube nicht, daß diese Äußerung jemals, als von ihm selbst ausgesprochen, laut geworden ist: aber nachdem ich jene Geschichte der Entstehung seiner Philosophie vernommen hatte, halte ich mich für überzeugt, daß dieser in den Anzeigen geäußerte Gedanke durch ihn selbst veranlaßt war und seine ersten Hoffnungen am reinsten ausdrückte. Wenn man Fichtes Bildung aus der Kantischen Philosophie heraus bedenkt, so kann man nicht daran zweifeln, daß das absolute Sittengesetz die reine Voraussetzung, das Leitende und Ordnende der erzeugenden Selbsttat des Ichs sein und daß dieses ihm während der Entwicklung seiner Philosophie immer klarer werden mußte. Freilich, wie das Sittengesetz, welches nur ein Postulat war, das nur eine Bedeutung hätte, indem es sich zu verwirklichen suchte, ohne selbst wirklich zu sein, dazu käme, das Ordnende, eine Denktätigkeit zu sein, die doch nur ihre Bedeutung hätte, insofern die innere Übereinstimmung mit ihr selbst eine Selbsttat wäre, blieb völlig unbegreiflich. Aus dieser Unbegreiflichkeit entsprangen erst alle Begriffe. Und so hatte Fichte ein heiliges Geheimnis, welches unerklärbar seiner Philosophie zugrunde lag, ein Geheimnis, welches durchaus unzugänglich und prädikatlos war; und es mußte ihm vor allem wichtig sein, alle Prädikate, durch welche er in die Sphäre des Erkennbaren und Erklärbaren hineingezogen wurde, von diesem verborgenen Grunde auszuscheiden. Das war Fichtes Gott. Ich erkannte dies sehr wohl, und die Beschuldigung des Atheismus, wie sie jetzt Fichte traf, war mir ein trauriges Zeichen der armseligen Oberflächlichkeit der Zeit; vielmehr der Gott, den man mehr fürchtete als anbetete und liebte und nicht einmal fürchtete, sondern in eine ferne Unendlichkeit hineinschob, wo er sich hinter Gesetzen verbarg, denen er sich, wie uns, unterworfen hatte, kam mir neben dem erhabenen geheimnisvollen Gott der Sittlichkeit unbedeutend und kümmerlich vor. – Und dennoch sagte ich mir, im stillen grübelnd: das ist nicht der Gott deiner Kindheit, den du verloren hast und den du suchst. Aber es war nicht bloß diese Ahnung eines tieferen göttlichen Daseins, die mich von Fichte trennte, auch in einer anderen Richtung ward er mir jetzt entschieden entfremdet. Wohl war mir die Trennung der theoretischen von der praktischen Philosophie durch Kant, die zugestandene Unwahrheit der ersteren, die leere Allgemeinheit der letzteren in der innersten Seele zuwider; aber die Welt behielt doch nicht allein, dem Mechanismus der Kategorien unterworfen, eine sinnliche, sondern auch teleologisch betrachtet, eine höhere, wenn auch verborgene Wirklichkeit. Durch Fichte ging auch diese rein verloren. Es war mir nach meiner Art seltsam zumute, wenn ich mir seine Anschauungsweise dachte; er mußte keinen Baum, kein Tier, am allerwenigsten eine reiche Gegend jemals lebendig aufgefaßt haben. Daß nicht allein in den menschlichen Gedanken und Taten, sondern auch in jener reichen Fülle von Bildungen, Entwicklungen und Gestalten das eigentliche innerste, geistige Mysterium unseres Daseins verborgen läge und erkannt werden müßte, schien ihm völlig fremd geblieben zu sein. Was Kant noch als Erscheinung gelten ließ, ward ihm eine bloße Negation, alles nämlich, was nicht das Ich wäre, und an welchem sich das Ich erst manifestieren sollte. Die Erscheinung blieb, und zwar in ihrer ganzen Härte, aber bloß um sich abweisen, dann beherrschen und in ein Ich durch das Ich verwandeln zu lassen. Der Knecht eines unbegreiflichen Gesetzes verwandelt sich in den Titan der Selbstbestimmung und in den Schöpfer Himmels und der Erden. Eine solche Philosophie war mir nun völlig fremd, und je genauer ich sie kennenlernte, desto mehr mußte ich sie von mir abweisen. Die Schellingsche Identitätslehre, die Einheit des Subjekts und Objekts schlechthin angenommen, wie sie das ganze Dasein umfaßt, lag mir, wie ich durch Spinoza gebildet war, natürlich näher. * Ich trennte mich nicht ohne Schmerzen von Jena, und obgleich meine Verbindung mit den bedeutenden Männern in dieser Stadt zu innig war, um durch die Entfernung aufgehoben zu werden, fühlte ich doch, wieviel ich verlor. Ich reiste über Weimar, ich besuchte Goethe, der mich mit ermunternden Worten entließ, obgleich ich einige Verlegenheit in seinem Benehmen zu spüren glaubte. Er schien mit der Rolle, die ich in der Fichteschen Sache gespielt hatte, Steffens hatte eine Bittschrift für Fichtes Verbleiben an der Universität entworfen. nicht unbekannt zu sein, und der Hof selbst fand sich offenbar in einer unangenehmen Klemme; auf der einen Seite durch die freie ungehemmte Entwicklung des wissenschaftlichen Geistes, deren allgemein anerkannter und gepriesener Beförderer er war, aufgefordert, ja wohl auch innerlich geneigt, den Philosophen zu schützen; andererseits durch die höchst bedenkliche Beschuldigung, die der Herzog, seine Umgebung, ja selbst Goethe in ihrem eigentlichen Unwert nicht zu durchschauen vermochten. – Durch die dringende Aufforderung aller sächsischen Höfe geängstigt und gequält, ließ man zwar Fichte fallen, 1799 wurde Fichte aus Jena entlassen und veröffentlichte zu seiner Verteidigung die »Appellation an das Publikum«; er ging von Jena aus nach Berlin. aber eine gewisse Scham vermochte man doch nicht zu unterdrücken. Fichte der Jüngere Der Sohn des Philosophen, Immanuel Hermann Fichte, veröffentlichte 1830 »Fichtes Leben und literarischer Briefwechsel«. hat die Stellen aus Goethes Erinnerungen aus seinem Leben, und andere briefliche Äußerungen, aus welchen die Verlegenheit des Weimarischen Hofes klar wird, und besonders die innere Qual, die Goethe empfand, klar genug dargestellt. Als ich Goethe verließ, schwebten mir die Verhältnisse, aus welchen ich mich jetzt losgerissen hatte, lebhaft vor Augen; eine dunkle Ahnung, als wenn die dort eben aufgeschlossene Blüte im Begriff wäre, die bunten Blätter und die Düfte allen Winden preiszugeben, befiel mich mit unendlicher Wehmut. * Freundlich empfing uns nun Freiberg keineswegs. Das öde Gebirge erschien höchst traurig. Wir Steffens wurde auf der Reise von seinem Kieler Bekannten Möller begleitet. fuhren unter dem Gestänge durch, welches einförmig knarrend sich hin und her bewegte. Die Grube Himmelfahrt samt Abraham lag links am Wege, und eine Glocke zeigte in einförmigen Pausen den Umschwung des oberen Rades an. Es war, als wenn die Bergkobolde ihren geheimen Spuk schon trieben. Wir schwiegen beide still, als wir durch die Straßen hineinfuhren. Die Notwendigkeit, uns hier länger aufhalten zu müssen, war uns keineswegs erfreulich. Als wir nun aber den Gasthof verlassen und in einer recht freundlichen Wohnung, obgleich von schlechten armen Häusern umgeben, uns eingerichtet hatten, stumpfte sich das erste unangenehme Gefühl bald ab. Die uns neue Beschäftigung, die vor uns lag, das Hineinsteigen in die Gruben, die unterirdische Betriebsamkeit, die hier seit Jahrhunderten in so großartigem Sinne stattgefunden hatte, erregte unsere Neugierde, und wir eilten, die Bekanntschaft der beiden, für uns bedeutendsten Männer der Stadt zu machen. Wir besuchten den Berghauptmann von Charpentier und den Bergrat Werner. Ich war diesen Männern nicht ganz unbekannt. Die kleine Schrift »Über die Mineralogie und das mineralogische Studium« hatte in Freiberg einige Aufmerksamkeit erregt. Freiberg stand als Akademie damals in der höchsten Blüte. Werner ward in ganz Europa unbestritten als der erste Mineralog, ja als der neue Stifter und Begründer dieser Wissenschaft betrachtet. Keiner konnte sich damals mit ihm als Oryktognosten messen, selbst Linné besaß nie eine allgemeinere Autorität in der Botanik, als Werner in der Oryktognosie. Die Wissenschaft von der Klassifizierung und Beschreibung der Mineralien. In der Geognosie hatten die Neptunisten den entschiedenen Sieg über die Vulkanisten Die Neptunisten lehrten irrtümlich, alle Gesteine seien durch Absatz im Wasser entstanden (außer den Produkten tätiger Vulkane); ihr Hauptvertreter war Werner. Die Vulkanisten schrieben dem Einfluß der Glut des Erdinnern den bedeutendsten Anteil an der Entstehung der Gesteine und Gebirge zu (Hutton, L. v. Buch). errungen. Von Huttons Erhebungstheorie war kaum die Rede. Aus allen Gegenden Europas und Amerikas strömten die Mineralogen nach Freiberg. – Humboldt, L. v. Buch, Esmark, der Norweger, Elhyar, der spanische Mexikaner, Andrada, der brasilianische Portugiese, waren wenige Jahre früher dagewesen. Zu meiner Zeit fand ich dort noch den Irländer Mitchel, der in England schon einen bedeutenden Ruf in seinem Fache besaß; Jameson, den Schottländer, dessen Verdienste um die Geognosie seit seiner Reise durch Schottland allgemein geschätzt wurden. Unter denen, die später als berühmte Mineralogen genannt wurden und die sich zu meiner Zeit in Freiberg aufhielten, waren D'Aubuisson, der Franzose, Mohs und Herder. Ein Sohn Johann Gottfried Herders. Werner war noch in der Blüte seiner Jahre, neunundvierzig Jahre alt. Er war eine höchst ausgezeichnete Persönlichkeit und nahm mich schon bei meinem ersten Besuche ganz für sich ein. Er war von mittlerer Größe, breitschultrig, sein rundes freundliches Gesicht versprach zwar beim ersten Anblick nicht viel, und dennoch beherrschte er auf eine entschiedene Weise einen jeden, wenn er zu sprechen anfing. Sein Auge ward dann feurig, die Züge schienen sich zu beleben; seine Stimme hatte durch die Höhe etwas Schneidendes, aber jedes Wort war überlegt; eine besonnene Klarheit und die entschiedenste Bestimmtheit seiner Ansichten sprach sich in allem, was er sagte, aus. Damit verband sich aber eine so seltene Güte, daß er unwiderstehlich alle Herzen gewann. Werner litt anhaltend an einer Unterleibskrankheit; er war dabei sehr ängstlich und um seine Gesundheit besorgt. Er kleidete sich sehr warm; der Magen war immer mit einem Tierfell bedeckt, und wenn er an Magenschmerzen litt, fügte er eine erwärmte Blechplatte hinzu. Das Klima in Freiberg ist freilich rauh, aber doch erschrak ich nicht wenig, wenn ich im Juli-Monat zu ihm hereintrat und den Ofen warm fand. Er war in allem bis zur Pedanterie pünktlich. Mit den Zuhörern, die er vorzüglich lieb hatte, pflegte er nach solchen Gegenden, die sich irgend durch eine geognostische Merkwürdigkeit auszeichneten, in seiner Equipage hinzufahren. Er bestimmte dann ganz genau die Zeit der Abfahrt, man durfte um keine Minute zu früh oder zu spät kommen. Kam man zu früh, so saß er nicht selten bei der Arbeit, sah den Hereintretenden bedenklich an, und dann auf die Uhr; kam man zu spät, wenn auch nur um einige Minuten, so ward man in Verlegenheit gesetzt, wenn man ihn selbst in ziemlich warmen Tagen mit Rock, Überrock und Pelz auf der Treppe wartend fand. Da mich das Glück, ihn auf solchen kleinen Touren zu begleiten, eine Zeitlang fast jede Woche traf, so sorgte ich ängstlich dafür, daß meine Uhr genau mit seiner übereinstimmend ging. Ich liebte diesen seltsamen und ausgezeichneten Mann unbeschreiblich. Ich selbst litt nicht selten am Magenkrampf, vergaß aber die Krankheit durchaus, wenn die Schmerzen vorüber waren, und an sorgfältige Diät oder streng geordnete Lebensweise dachte ich nie. Werner aber war wegen meiner Gesundheit in beständiger Sorge und unerschöpflich in Ratschlägen, wie ich meine Lebensweise einrichten solle. Aus Achtung gegen ihn war ich freilich äußerlich aufmerksam, hörte aber dennoch nur mit halbem Ohre zu. Ich erlebte einen Auftritt, der mich und alle seine Zuhörer einmal in große Verlegenheit setzte. Bekanntlich war Werners Edelsteinsammlung berühmt, und die Kristallisationssuite gehörte zu den vollständigsten in Europa. In seiner Vorlesung zirkulierte eine Schublade mit Spinellen. Ein jeder, wie er Werner kannte, suchte die Schublade mit der größten Sorgfalt und langsam zu bewegen, damit keine Unordnung entstand. Keiner wagte, jemals mit der Hand in die Schublade hineinzulangen. Unglücklicherweise stieß einer unvorsichtig an die Schublade, während sie herumging. Sie neigte sich; die Kristalle wurden untereinander geworfen; es schien, als könnten sie sogar herausgeworfen werden. Es war ein ängstlicher Auftritt. Man weiß, wie großen Wert selbst die kleinsten Exemplare haben können, wie mühsam, ja fast unmöglich es ist, alle Kristalle, wenn sie auf dem Boden zerstreut liegen, sich zwischen den Ritzen der Dielen versteckt haben, vollständig wieder aufzufinden. Werner erblaßte, schwieg. Das Unglück war nicht geschehen. Die Zuhörer schoben sorgfältig die Schublade von sich, daß sie sicher in der Mitte des Tisches stehenblieb, und wir saßen da, wohl eine halbe Viertelstunde ängstlich harrend, bevor Werner sich so erholt hatte, daß er sprechen konnte. »Nehmen Sie es mir nicht übel«, sagte er, »daß ich so erschrocken bin; der Verlust, der entstehen konnte, wäre unersetzlich.« Er erzählte uns nun, wie einige Jahre früher eine Schublade mit Edelsteinen wirklich bei einer solchen Gelegenheit umgeworfen ward, wie die Zuhörer unbescheiden genug waren, dazubleiben, um bei dem Aufsuchen der kleinen Kristalle behilflich zu sein. Bekanntlich war Werner der erste, der dartat, daß der Rubin und Saphir zu einer Gattung gehörten. »Ich besaß«, erzählte er uns nun, »einen dreifarbigen Saphir, der oben weiß, in der Mitte rubinrot, unten indigoblau war. Es war das einzige Exemplar in der Welt. Das Stück war groß, ist aber bei dieser Gelegenheit verschwunden, und wenn Sie es irgendwo entdecken, so können Sie Beschlag darauf legen, denn es ist bestimmt das mir geraubte Exemplar.« Die Vorlesung ward abgebrochen. Werner blieb ein paar Tage unsichtbar; er konnte sich von dem Schrecken nur langsam wieder erholen. Werners großes Hauptverdienst um die Oryktognosie beruhte vorzüglich auf der scharfen Auffassung der zartesten Unterschiede. In seinem ganzen Wesen drückte sich eine mit Ängstlichkeit gepaarte Bestimmtheit aus, mit welcher er sie erkannte und darstellte. Eine jede Unklarheit beunruhigte ihn. Er zwang seine Zuhörer fast, die unmerklichsten Nuancen in den Farbenmischungen der Fossilien mit möglichster Entschiedenheit zu erkennen. Alle Kennzeichen derselben waren höchst genau klassifiziert, und eine jede Abweichung von der durch ihn streng bestimmten Ordnung, ein jedes schwankende Auffassen ängstigte, ja verletzte ihn. Obgleich er zur Bestimmung der Kristalle keine mathematische Formeln benutzte, waren seine Beschreibungen derselben dennoch zu seiner Zeit durch die einfachsten Mittel die genauesten und klarsten. Die kristallinische Struktur der Fossilien ward von ihm zuerst erkannt, und die Zahl der Durchgänge der Blätter, wie er sie nannte, und ihre Stellung gegeneinander enthielt schon den Keim der Ansicht von einer bestimmten Grundform sämtlicher Kristallisationen eigentümlicher Gattungen, die später so wichtig ward. In der Oryktognosie konnte Werner einen jeden Schritt seiner Schüler verfolgen, eine jede Unbestimmtheit und Unklarheit tadelnd hervorheben und seinen Schülern zu der Sicherheit Anleitung geben, die ihm selber eigen war. In der Geognosie Alter Ausdruck für den Teil der Geologie, der sich mit dem Aufbau der Erdkruste, den Formationen und ihrer Verbreitung beschäftigt. hingegen mußte er diese sich mehr selbst überlassen. Aber, wer nach seiner Anleitung eine Gebirgsreise antrat, erhielt ein äußerst genaues Schema, nach welchem er alle Beobachtungen anstellen mußte. Eine jede, auch die geringste Abweichung, eine jede Vernachlässigung irgendeines Teils der Vorschriften wurde streng getadelt. Wollte man von seinem Unterricht irgendeinen Nutzen haben, so mußte man sich ihm ganz und unbedingt hingeben; denn das Ganze war so innerlich ineinander verkettet, die verschiedenen Richtungen der Bestimmung in der Oryktognosie, der Beobachtung in der Geognosie waren so eng miteinander verbunden, daß die Verrückung irgendeiner alle anderen unsicher und schwankend machte. Eine zweite, auf eine solche Weise sicher in sich abgeschlossene Persönlichkeit habe ich vor und nach ihm nie kennengelernt. Und in der Tat, eben darauf beruhte die unbedingte Herrschaft, die er in seiner Wissenschaft ausübte und die er erst in seinen letzten Jahren, gewiß nicht ohne Schmerzen, schwanken sah. Werner hatte mich sehr freundlich aufgenommen, und ich gewann immer mehr seine Zuneigung, obgleich ich in meiner genannten ersten Schrift hier und da von seiner Ansicht abwich. Er sah wohl ein, wie wenig schwache und abstrakte Einwürfe der Art ein so fest in sich geschlossenes Gebäude, wie das seinige, zu treffen oder zu erschüttern vermochten. – Charpentier war Werners Gegner. Obgleich Werner sich auch mit den praktischen Teilen des Bergbaues beschäftigte, so war und blieb doch die Mineralogie sein eigentliches Hauptfach. Charpentier hingegen war schon durch seine Stellung als Berghauptmann sowie durch frühere Beschäftigung und Neigung vorzüglich praktischer Bergmann. Seine Verdienste in dieser Rücksicht sind allgemein bekannt. Er hatte das große vorzügliche Amalgamationswerk zu Halsbrück angelegt und im Hüttenwesen wie im Bergbau große Verbesserungen eingeführt. Doch liebte er auch besonders geognostische Untersuchungen, und seine Beobachtungen über das Vorkommen des Basalts in den großen Schneegruben des Riesengebirges, die vorzüglich die Aufmerksamkeit der Geognosten auf diese Erscheinung hinlenkten, sind bekannt. Sie erschienen zwar erst einige Jahre nachher, nachdem ich Freiberg verlassen hatte, waren aber viele Jahre früher angestellt, und seine Ansicht über dieses seltene Vorkommen war schon bekannt. Im ganzen war er kein Freund einer entschiedenen, alle geognostische Erfahrungen unter einem Gesichtspunkt zusammenfassenden Theorie; er hielt dafür, daß die geognostischen Beobachtungen noch nicht den Grad der Reife erhalten hätten, der uns zur Aufstellung einer solchen Theorie berechtigte. Er war geneigt, große Gasexpansionen im Innern der Erde anzunehmen und diesen einen bedeutenden Einfluß auf die Bildung der Gebirgsmassen zuzuschreiben, während Werner alles aus mechanischen und chemischen Niederschlägen und aus mächtigen Fluten zu erklären suchte. So standen diese Männer sich wissenschaftlich als Gegner gegenüber; sie sahen sich wahrscheinlich nur, wenn sie in Geschäften zusammenkamen. Einige Äußerungen in meiner kleinen Schrift stimmten mit Charpentiers Ansicht überein und hatten seinen Beifall gefunden; so fand ich ebenfalls in seinem Hause und in seiner Familie eine günstige Aufnahme. Diese war sehr ausgezeichnet durch Geist sowie durch Talente und allseitige Bildung. Eine Tochter war mit dem General Thielemann verheiratet, einem der fähigsten und tüchtigsten Offiziere der sächsischen Armee; eine zweite war die Gemahlin des Dr . Reinhard, der als gelehrter Theologe, als berühmter Kanzelredner, als Oberhaupt der protestantischen Kirche in Sachsen großes Ansehen und im ganzen Lande eine allgemeine Verehrung genoß. Diese verdienten Männer lernte ich gar nicht kennen, aber die Frauen, die sich ihrer Stellung bewußt waren und mit freundlicher Würde erschienen, besuchten öfters ihre Eltern. Eine dritte unverheiratete, Karoline, war durch ihre mannigfaltigen Kenntnisse, durch ihre Talente und reifes Urteil ausgezeichnet. Sie war eine sehr gewandte Klavierspielerin. Die jüngste Tochter, Julie, schön, weich, mit einem wehmütigen Ausdruck, zog mich vorzüglich an, denn sie war die Braut Hardenbergs (Novalis). Ich sehnte mich nach der Bekanntschaft dieses merkwürdigen originellen Dichters, dessen ätherisch-phantastisches Wesen und tiefe blitzähnliche Äußerungen mir merkwürdig vorkamen und mich anzogen. Eine Familie, in welcher, durch feine Sitte veredelt, soviel geistig Anregendes mir entgegenkam, hatte ich bis jetzt noch nicht kennengelernt, und eine Aufforderung, in ihrer Mitte zu erscheinen, die oft an uns erging, war uns jedesmal höchst angenehm, denn auch mein Freund Möller wurde gern in dem gastfreien Hause gesehen. Wenn nun Charpentier und Werner uns die bedeutendsten Männer waren, so erweiterte sich doch zugleich auch unser Umgang mit den vorzüglichsten Männern des Auslandes, die durch Werners großen Ruf hierher gezogen waren. Das Leben in Freiberg hatte nun für mich durch die neue Welt, die sich mir aufschloß, einen großen Reiz. Wir verschafften uns ein Bergmannshabit, in welchem wir fleißig die Gruben befuhren. Werner hatte uns geraten, mit »Himmelfahrt samt Abraham«, jener Grube, deren knarrendes Gestänge und melancholisches Glockengeläut uns bei unserer ersten Ankunft nach Freiberg so trübe stimmte, deswegen den Anfang zu machen, weil die Gangverhältnisse dort die einfachsten waren. Wir fuhren ein paarmal wöchentlich an, und die Grubenwelt ergriff mich tief. Die unterirdische Welt, die dunkle Nacht in den Stollen und Gezeugstrecken hatten für mich etwas unbeschreiblich Anziehendes. Allerdings kostete es uns nicht geringe Mühe, in der Dunkelheit, von den Grubenlampen spärlich erleuchtet, die Gangmasse und die Fossilien, aus welcher sie zusammengesetzt war, durch Feuchtigkeit und Schmutz bedeckt, zu unterscheiden. Schwieriger noch war es uns, ja im Anfange schien es fast unmöglich, die Richtung der Gänge, in denen wir uns durch den Kompaß orientierten, zu verfolgen und es uns klarzumachen, wie sie sich durchkreuzten, scharten und schleppten. Wenn wir die senkrechte Leiter herunterstiegen, wenn das Blau des Himmels durch die Öffnung allmählich verschwand, wenn das große Rad, durch welches das Tageswasser in Bewegung gesetzt wurde, in dem engen Felsenraum neben uns seinen Umschwung machte, das Anschlagen der Glocke einen jeden Umschwung bezeichnete, während um uns herum und über uns die Tropfen still rauschend, unablässig herunterfielen, so war uns im Anfang seltsam und wunderlich zumut. Nach und nach fingen wir nun auch an, die entfernteren Gruben zu befahren, – »Beschert Glück«, »Himmelsfürst«, »Kurprinz«, mit ihren reichen Erzen. Der Fremde, der die Akademie besuchte, erhielt unmittelbar von dem Kurfürsten die Erlaubnis, alle Gruben im Erzgebirge, mit Ausnahme der Arsenik- und Kobaltgruben in Annaberg und Schneeberg, zu befahren. Gewaltig ward meine Phantasie angeregt, als ich nun nach und nach den großen Umfang und den mächtigen, weltumfassenden inneren Zusammenhang der unterirdischen Werke, die, viele Meilen einnehmend, Freiberg umgaben, überschaute. Seit fünfhundert Jahren war das Innere des Gebirges allenthalben durchwühlt, die mannigfaltigen Gänge, die in allen Richtungen das Gebirge durchzogen, aufgeschlossen, nicht wenige völlig abgebaut. Die Schächte führten senkrecht oder sich mehr oder weniger neigend auf die mannigfaltigsten Punkte in die Tiefe. Seitwärts von den Schächten drang man in die Gangmasse hinein und baute sie über und unter sich ab. In bestimmten Tiefen von gleichem Niveau wurden die verschiedenen Gruben durch die horizontal laufenden Stollen, die zu Tage ausliefen, miteinander in Verbindung gebracht. Mit einer kleinen Neigung angelegt, dienen sie dazu, das Tageswasser aus den Gruben zu führen, die Erze auf eine leichtere Weise als durch die Schachtöffnung herauszubringen und einen frischen Luftwechsel hervorzurufen. Je tiefer diese Stollenverbindung stattfindet, desto vorteilhafter ist sie. Ich habe diese allgemein bekannten Verhältnisse deswegen hier erwähnt, weil sie mächtig auf meine Phantasie wirkten. Wenn Tausende von Jahren verschwunden sind, was würde unsere Zeit hinterlassen? fragte ich, was verglichen werden könnte mit den Riesenwerken vergangener Geschlechter, mit den Resten der Zyklopenbaue, mit Susa und Palmyra, mit den griechischen und römischen Ruinen, Wegen und Wasserleitungen? Unsere leichtgebauten Städte würden kaum eine Spur hinterlassen, unsere Paläste zusammenstürzen, unsere größten Fabriken, wandelbar wie die Unternehmungen, die sie hervorriefen, würden schnell verschwinden. Hier und da würden die Mauern einer Kirche des Mittelalters die Sage von einer herrlichen Baukunst unterhalten, alles übrige, was die neuere Zeit leistete, wird in die unübersehbare Masse des Geschriebenen und Gedruckten hineintauchen, ja aus diesem Abgrunde ebenso trübe hervorblicken wie die Sagen und Mythen der Vorwelt aus der bloßen mündlichen Tradition. Wenn nun ein Forscher auf den öden Stätten früher blühender Staaten forschend herumwandelt, wenn irgendein Zufall den Zutritt zu einem tiefen Stollen eröffnet, wenn kühne Männer den Mut haben, immer tiefer und tiefer hineinzudringen, wenn Öffnungen von verschiedenen Richtungen her den Zutritt erlauben, so daß der große Zusammenhang der unterirdischen Werke, wenn auch sich nicht unmittelbar verfolgen, so doch erkennen läßt: dann werden ihm unterirdische Baue, riesenhaft wie die alten, entgegentreten, und es schien mir, als hätte durch den mächtigen Bergbau unsere Zeit allein ein Monument gewaltiger Art hinterlassen, welches sich mit den Resten einer großen Vergangenheit messen könnte. Je genauer nun ich den Freiberger Bergbau kennenlernte, desto wichtiger ward mir der ganze Zusammenhang des Bergwesens. Der Bergbau hatte den Mineralogen mit den wichtigsten Erfahrungen bereichert, während er doch eigentlich bestimmt war, mächtig in die Verhältnisse des Staates einzugreifen. Die Bergleute selbst interessierten mich nicht weniger als die Nützlichkeit und staatswirtschaftliche Bedeutung ihrer Arbeit. Mit großer Teilnahme besuchte ich ihre Hütten. Es ist ein gutmütiges, friedliches Völkchen, aber freilich von einer unterirdischen Phantasie, von irgend etwas Dichterischem, was ihrem mühsamen Geschäft eine höhere Bedeutung geben könnte, spürte ich nur wenig. Die drückende Armut, die unaufhörliche Sorge für die nächste Zukunft erlaubt weder der Lust noch dem Schmerz, weder der Hoffnung noch der Furcht, sich dichterisch heiter oder trübe zu gestalten. Ich hatte bei Köhler ein Privatissimum über die Administration des Bergwesens und über den Bergbau selber, insofern er mir wichtig war, angenommen. Er fügte sich meinem Wunsche, als ich ihn ersuchte, mir die jetzt herrschende Administration in ihrer geschichtlichen Entstehung vorzutragen. In dieser Rücksicht ist eben die Organisation des sächsischen Bergwesens höchst merkwürdig. Sie hat sich naturgemäß und ruhig entwickelt, so wie das Bedürfnis allmählich stieg. Es war das erstemal, daß ich mit klarer Übersicht die Geschichte eines bestimmten praktischen Gegenstandes verfolgte, und diese freiwillige Beschränkung auf einen ganz in sich abgeschlossenen Gegenstand schien mir unerwartete Aufschlüsse auch über andere Richtungen der Entwicklung des Geschlechts zu versprechen. Aber das Resultat dieser Geschichte des Bergwesens hinterließ einen trüben, ja tragischen Eindruck. Im dreizehnten Jahrhundert fing der Bergbau an. Sagen von dem unermeßlichen Reichtum an gediegenem Metall und edlen Erzen bilden den Vorgrund dieser Geschichte. In den offenen Spalten der Gebirge haben die ältesten Massen, die sich bildeten, die Wände auf beiden Seiten überzogen. Spätere Bildungen riefen einen neuen Überzug hervor, und je öfter diese Bildungen sich wiederholten, die oft ganz verschiedene Massen waren, desto mehr verengerten sich die Spalten. So haben sich in der geognostischen Urzeit die Gangmassen, wie Werner glaubte, von oben gefüllt. Meist aber blieb ein enger Raum in der sogenannten oberen Teufe wohl längere Zeit unangefüllt. Chemische Verwandlungen der alten Gangmassen, die diesen Raum umschlossen, fanden nun hier statt. Die Kristalle ragten von den Wänden in die Höhle hinein; jene wurden durch neue Produkte überzogen; verschiedene Erze und Fossilien entstanden allmählich hier, und es ist höchst interessant, die Anhäufung dieser Bildungen zu verfolgen. Nicht allein in den Gängen selbst, sondern auch in den einzelnen Handstücken der Museen kann man den mannigfaltigsten Wechsel der Prozesse, die Richtung, in welcher die kristallinischen Niederschläge sich abgesetzt haben, und die Verschränkung der mannigfaltigen Bildungen untereinander erkennen. Hier schoß nun das gediegene Silber in zarten, verschlungenen Haaren, zackenartig, baumförmig, oft in dicken derben Massen an. Hier bildeten sich die edelsten Erze, dem Bergmann ohne viele Mühe zugänglich, und so, daß sie durch die einfachsten, wenig kostspieligen Hüttenprozesse in reiner Metallform gewonnen werden konnten. Dieser Reichtum der oberen Teufe war verschwunden. Mit immer wachsender Anstrengung, mit immer größeren Kosten wurde das unedlere, schwerer zu behandelnde Erz gewonnen; und so wuchs mit der Armut des Gebirges Anstrengung und Aufwand immer mehr. Ich hörte nun von Zubuße, wiedererstattetem Verlag Wieder herausgekommenen Auflagen. und wenig von wahrem Gewinn reden. Die Zubuße wuchs, der wiedererstattende Verlag ward seltener, und reinen Gewinn brachten nur wenige Gruben. Es war mir rührend und zugleich schmerzlich, wenn ich sah, wie man den geringsten Schimmer von Hoffnung bei irgendeinem neuen Bau leidenschaftlich ergriff. Ich erinnere mich nie während meines Aufenthaltes, daß sie erfüllt wurde. Ich kenne die gegenwärtige Lage des sächsischen Bergbaues nicht. Ich denke mir, daß die so schnell heranwachsende Gewerbtätigkeit des Erzgebirges auf eine wohltätige Weise dem im ganzen wenig lohnenden Bergbau immer mehr und mehr Hände abziehen wird. Auf mich machte dieses fortdauernde Sinken des Bergbaues, und eben am meisten um Freiberg herum, einen höchst trüben Eindruck. Es gibt keinen drückenderen Anblick, als wenn, von mächtigen Halden umgeben, das taube Gestein um die Grubenmündungen, immer wachsende Hügel bildend, sich anhäuft. Nicht bloß die Wälder sind in der Gegend dieser Halden verschwunden, sie dulden in ihrer Nähe keine freudige Vegetation, selbst der Graswuchs ist kümmerlich; über die kahlen Höhen, die langgedehnt Flächen bilden, pfeift der Wind. Man sieht nichts als tote Halden und die einzeln stehenden traurigen Hütten, die schuppenähnlich über den Gruben aufgebaut sind. * Es war gegen Ende August, als wir auf Mietpferden durch den Grillenburger Wald ritten, um über Tharandt Dresden zu erreichen. Der Abend näherte sich, wir dachten in Tharandt zu übernachten. Als wir das Dorf Hartha erreicht hatten, sahen wir mehrere Wege vor uns. Möller, der immer tiefer von der Philosophie ergriffen wurde, hatte ein Gespräch über Kants Kritik der teleologischen Urteilskraft angefangen. Seine Äußerungen waren jederzeit bedeutend und geistreich. Wir achteten nicht auf den Weg und verfolgten instinktmäßig den breitesten. Das Dorf lag hinter uns; wir waren im tiefen Gespräch versunken. Die Dunkelheit nahm zu; wir ritten im langsamen Schritt und merkten jetzt erst, als es fast völlig dunkel war, daß wir uns verirrt hatten und auf einen Holzweg geraten waren. Wir versuchten umzukehren, einen breiteren Weg aufzusuchen, und nachdem wir lange hin und her geritten, entdeckten wir eine einsame Wohnung, auf einem offenen Platz im Walde liegend, wahrscheinlich zu Hinter-Gersdorf gehörend. Es kostete uns Mühe, die Leute aufzuwecken, die in ihrem Schlafe gestört, sich polternd vernehmen ließen. Es gelang uns zuletzt, einen der Einwohner zu bewegen, uns den Weg nach Tharandt zu zeigen. Mit einer Laterne schritt er vor uns her, quer durch den Wald, über unwegsame Holzstraßen, und es verging wohl eine volle Stunde, ehe wir in das Weißeritztal hinabkamen. »Sie können sich hier nicht irren«, sagte unser Begleiter, »reiten Sie über den Fluß, auf der anderen Seite führt der Weg nach Tharandt. In weniger als einer Viertelstunde werden Sie dasein.« – Wir aber, die wir die Lage von Tharandt nicht kannten, verfolgten einen breiten Weg, der aus dem Tal führte, und verirrten uns zum zweiten Male. Wir kamen tief in der Nacht nach Höckendorf, wo wir, damit die müden Pferde sich erholen konnten, zwar abstiegen, uns aber scheuten, das Lager zwischen einer Menge von Fuhrleuten einzunehmen. Den Tag darauf erreichten wir Tharandt und eilten nach Dresden. So von Nachtwachen erschöpft, dennoch von der anmutigen Gegend zwischen Tharandt und Dresden, von der Stadt selbst, die von der Morgensonne beleuchtet war, entzückt, nachdem wir uns gestärkt, mehr Wein als gewöhnlich des Vormittags getrunken hatten, eilten wir nach der Galerie. Die hohen Säle, dicht mit Gemälden besetzt, hatten etwas Imposantes; die Fremden, teils einzeln, teils in Gruppen verteilt, bewegten sich still und feierlich in den weiten Räumen. Da ich eine übertriebene Vorstellung von einem jeden Gemälde hatte, welches Kunstwert genug besaß, um in einer so berühmten Galerie aufgenommen zu werden, so überraschte mich die Menge derselben fast. Der alte Riedel führte uns herum, und wir sollten nun seine Belehrung mit Aufmerksamkeit verfolgen. Wir hatten nicht bedacht, daß zur stillen Betrachtung der Gemälde eine innere Ruhe und Nüchternheit gehört, die wir nun gar nicht besaßen. Für mich schwankten und bewegten die bunten Bilder sich untereinander; ebenso chaotisch und verworren mischten sich die Namen der Maler, die ich, obgleich sie mir wohl zum Teil bekannt waren, doch meistenteils zum erstenmal nennen hörte. Wir hatten schon eine für mich unendlich lange Zeit in der äußeren, mit den Reichtümern der niederländischen Schule besetzten Galerie zugebracht und traten in die innere, wo die Bilder der italienischen Schule hingen. Hier war es nun, wo ich erwartete, und zwar seit meiner frühen Jugend, die großen Kunstgegenstände zu sehen, die durch den Ruhm von Jahrhunderten verherrlicht waren. Mit der Poesie war ich seit meiner frühesten Kindheit vertraut; was der Dichter darzustellen sucht, war mir innerlich gegeben, und die Mittel der Darstellung, selbst wenn diese die vorzüglichste war, selbst wenn sie mir unerreichbar schien, waren mir nicht fremd. Hier aber sollte sich eine neue Welt für mich aufschließen durch einen neuen Sinn, den ich mir kaum zutraute. Diese Vorstellungen bewegten sich dunkel und verworren vor meiner Seele, ohne daß ich sie festzuhalten oder zu ordnen vermochte. Furchtbar schläfrig und ermüdet, suchte ich mich gewaltsam zusammenzufassen, aber es gelang mir nicht. Die Gestalten der Bilder schwebten mir halb wie Visionen vor, schienen sich zu bewegen, aus dem Rahmen zu treten, sich mit den Fremden, die hin und her gingen, zu vermischen. Dazwischen tönte mir die einförmige Belehrung des Begleiters, die ich mir merken sollte, seltsam in die Ohren. Ein ängstliches Bewußtsein, daß dieser wunderliche Zustand einem jeden, der mich sah, in die Augen fallen müßte, quälte mich, und in dieser Lage brachte ich eine Zeit zu, die mir unendlich dünkte. Da traten wir vor ein großes Bild. Es stand unten, war uns also näher gerückt, denn es wurde kopiert. Eine weibliche Gestalt schwebte aus den Wolken hervor und trug ein wunderbares Kind. Der Moment überraschte mich, die seltsame Spannung, in der ich war, hatte den höchsten Gipfel erreicht, ich vergaß, wo ich war. Ein tiefes Gefühl durchdrang mich, und ich brach in Tränen aus, die unaufhaltsam flossen. Der alte Riedel war überrascht; es war, als wenn dieses gewaltsam hervorbrechende Gefühl mich plötzlich aus diesem traumähnlichen Zustande herausriß und mir das volle Bewußtsein wiedergab. Ich blickte um mich, ich sah, wie ich Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit geworden war, ich suchte mich zu fassen und erfuhr nun, daß das Bild, welches mich so heftig in Bewegung gesetzt hatte, das berühmteste der Galerie, daß es Raffaels Madonna war. Der Durchgang durch die Galerie war nun fast zu Ende, und ich dankte Gott, als wir wieder auf der Straße waren. Halb taumelnd erreichten wir das Gasthaus; ich hörte kaum Möllers Vorwürfe und versank in einen tiefen Schlaf. Die bunten Bilder beunruhigten mich noch im Schlafe; aber über alle herrschte, wie eine göttliche Erscheinung, die Madonna. Als ich durch den Schlaf gestärkt wieder erwachte, war ich vollkommen nüchtern, und eine dunkle Erinnerung von allem, was ich in der Nacht und in der Galerie erlebt hatte, ängstigte und quälte mich. Es ist bekannt, daß mit der wiedererwachten tieferen Poesie auch die katholische Religion eine eigene und tiefere Bedeutung erhalten hat. Das Mittelalter mit seiner Kraft ward hervorgehoben und wohl auch höhergestellt als eine Zeit, die, berufen zu großen, mächtigen Taten, diesen gegenüber selbst ohnmächtig, sich in leeren Abstraktionen verlor, in wenigen oberflächlichen Begriffen, die, an die Stelle eines mächtigen reichen Naturgrundes getreten, Staaten wie Wissenschaften aus sich heraus entwickeln und gestalten sollten. Mir selbst war diese Bewegung der Zeit keineswegs fremd. Auch mir erschien diese Zeit der großen Kämpfe, der herrlichen Gesänge, der tiefen Andacht bewunderungswürdig, und neben der Armut der Gegenwart überschwenglich reich. Besonders wurde die Madonna als die göttliche Frau mit aller Illusion der Dichtkunst verehrt, und nachdem Tieck, August Wilhelm Schlegel und Novalis ihr die poetische Weihe erteilt hatten, sah man alle jungen Dichter vor dem Altar der Madonna knien. Diese Zeit entwickelte sich zwar in der ganzen Übertreibung erst später, aber sie keimte schon damals, und ich konnte mich wohl in dem Sinne der überschwenglichen Jugend als einen Geweihten betrachten, dem die Madonna erschienen war. Indessen wuchs der Umfang der neuen Richtung, die sich nach allen Seiten ausbreitete und alle Momente der Wissenschaften wie der Poesie in Anspruch nahm. Der Unterschied zwischen der antiken und modernen, zwischen der klassischen und romantischen Zeit, der immer entschiedener bei Beurteilung der Werke der alten und neuen Zeit zugrunde gelegt wurde, der in unsern Tagen selbst eine europäische Bedeutung erhalten hat, wie er durch Friedrich Schlegel in seiner Schrift »Die Poesie der Griechen und Römer« zuerst umfangreich und bedeutend ausgesprochen wurde, ward immer herrschender und fing an, sich als eine geschichtliche Anschauung auszubilden. In dieser Unterscheidung zweier großer geschichtlicher Epochen, in dem Sinne für die Eigentümlichkeit beider lag ein Reichtum von Anschauungen und damit gegebenen Bestimmungen, die seit der Zeit klarer oder dunkler sich, man möchte sagen, bei einem jeden, der sich mit diesem Gegenstand beschäftigte, zu entwickeln anfingen. Für mich konzentrierte sich dieser Unterschied gleich anfänglich durch das überwiegende Moment der Persönlichkeit als solcher in der modernen Poesie, und wichtig für meine innere Gesinnung ward schon damals diese Ansicht dadurch, daß ich sie als eine Folge des Christentums betrachtete, daß der Grund gelegt wurde zu einer Betrachtungsweise der Geschichte, die bestimmt war, mein ganzes Leben in Anspruch zu nehmen und ihren Einfluß auch auf die Art, wie ich die Natur auffaßte, zu äußern. Sie mußte um so erfolgreicher erscheinen, je lebendiger das Interesse für die Poesie des Mittelalters wuchs, je weiter sie zurückging. Zu den großen Verdiensten, die sich Tieck erworben hat, gehört nun auch dieses, daß er es vorzüglich war, der die allgemeine Aufmerksamkeit der Zeit auf die Dichterwerke der ältesten germanischen Vergangenheit hinlenkte. Es ist bekannt, welches große Aufsehen Goethes Abhandlung »Über deutsche Art und Kunst« »Von deutscher Baukunst, von Goethe« erschien in: »Von Deutscher Art und Kunst, Einige fliegende Blätter. Hamburg, 1773« – und war die Programmschrift für die Kunstauffassung des Sturms und Drangs. erregte, indem er den Straßburger Münster zuerst von dem verdeckenden Schutt, der ihn für das verblendete Auge verbarg, befreite und dem besseren erwachten Sinne vorführte. Dieser Aufsatz und »Götz von Berlichingen« hatten freilich zuerst das Geschlecht aus der beschränkten Selbstgenügsamkeit herausgerissen und nach einer Welt tiefsinniger Kunst und mächtiger persönlicher Kraft einer vergangenen Zeit, die man geringschätzen zu können und für immer beseitigt glaubte, auf eine nie mehr abzuweisende Art hingelenkt. Aber dieser Versuch stand noch immer vereinzelt da, als ein Fremdes, mit welchem man nichts anzufangen wußte. Seit Bodmer Johann Jakob Bodmer, 1698-1783, der deutschschweizerische Dichter und Kritiker, hatte durch seine Ausgabe von »Chriemhildens Rache und die Klage«, Zürich 1757, die Aufmerksamkeit auf das Nibelungenlied hingelenkt. hatte man das Nibelungenlied und wohl auch andere Werke der ältesten deutschen Poesie zum Gegenstand gelehrter Untersuchungen gemacht, aber ein allgemeineres geistiges Interesse ward dadurch nicht erweckt und der lebendige Sinn für diese Dichtungen nicht aufgeschlossen. Mit Tieck war ich noch nicht in genauere persönliche Verbindung getreten; über diesen Gegenstand hatte er sich noch nicht öffentlich vernehmen lassen; aber dennoch ging von ihm schon damals, von seinen lehrreichen persönlichen Mitteilungen das lebhafte Interesse aus, welches immer mächtiger um sich griff. Ich hörte nun von einer alten mächtigen Dichtkunst reden, von einem Epos, dessen hohe tragische Bedeutung und künstlerischer Wert sich neben die Produkte der klassischen Zeit stellen dürfe; ich hörte von Parzival reden und von den tiefen religiösen Mysterien, die im Titurel verborgen lägen. Mir war seltsam zumute, als diese mir so unbekannte Welt mir entgegentrat, als ich vernahm, daß die ältesten und bedeutendsten Klänge germanischer Dichtkunst nach meinem Vaterlande hinwiesen und ihre Verwandtschaft mit den alten skandinavischen Götter- und Heldensagen nicht verleugnen könnten. Was ich erfuhr, war freilich nur fragmentarisch. In einer ganz anderen Richtung mit Anstrengung beschäftigt, stand diese Welt mir noch fern, aber sie näherte sich mir, wenn auch nur aus der Ferne. Es war ein Ereignis, welches aus dem Leben um mich her hervortrat, den Gesichtskreis des ganzen geistigen Daseins erweiterte, und was ich, wenn auch nur gesprächsweise und durch jugendliche Mitgenossen unvollständig genug erfuhr, lag wie ein reicher Schatz vor mir, der in irgendeiner Zukunft gewonnen werden sollte und auch jetzt unvermeidlich einen großen Einfluß auf die Gegenstände ausübte, die ich mit aller Kraft geistig zu beherrschen suchte, ohne daß sie, selbst in der größten Einzelheit behandelt, mich aus der allgemeinen Einheit des ganzen Daseins herauszureißen vermochten. Und während nun so Poesie und Kunst immer reicher und mächtiger sich an mich herandrängten, während selbst Bonapartes Rückkunft aus Ägypten, sein Sieg bei Marengo, seine Macht, die sich in Paris immer mehr ausbildete, in der lebendigen Gegenwart mir eine gewaltige Persönlichkeit naherückte, die aus der verworrenen Gärung der Zeit, den merkwürdigsten, den mächtigsten der Vergangenheit vergleichbar, sich hervorhob, erlebte ich auch in dem engen Kreise des geistigen Bündnisses manches, was mich tief bewegte. Es ward mir immer klarer, daß ein innerer Zwiespalt die Männer trennte, die ursprünglich so eng verbunden waren. Ja diese Trennung leuchtete mir am klarsten ein in der Zeit, wo man das Bündnis nach außen noch als ein festes betrachten konnte. Ich lernte jetzt erst Tiecks Originalität genauer kennen. Ich las seinen Abdallah und William Lowell. Die finstere Ansicht des Lebens, die in diesen beiden Schriften herrscht, zog mich wechselweise an und stieß mich zurück. Obgleich die letzte Schrift besonders die steigende Verwirrung eines immer mehr in sich zerrissenen Gemütes mit ermüdender Breite darstellt, so überraschte mich dennoch die Naturtiefe des Schmerzes, die hier laut ward und in immer wechselnden Variationen einen nächtlichen Abgrund des Daseins schaudervoll eröffnete. Und diese Schriften verfaßte Tieck, als er zweiundzwanzig Jahre alt war. Es war eine neue tragische Gestalt, die hier zum erstenmal hervortrat und in immer erneuerter Darstellung seitdem die Poesie bis in unsere Tage beherrscht hat. Die schmerzhaften Töne, die durch Tieck aus den dunkelsten Tiefen des Gemütes hervorbrachen, hat keiner wie er anzuschlagen gewußt. In Golo in Tiecks Genoveva »Leben und Tod der heiligen Genoveva«, 1799, eine Nachbildung des alten Volksbuches. erkannte ich Abdallah und William Lowell wieder. Durch Hoffmann Ernst Theodor Amadeus Hoffmann, 1776-1822. ward diese Gestalt schon verzerrt; das Barocke trat an die Stelle des wahren Schmerzes; diese Verzerrung wanderte über die Grenze nach Frankreich und bildete sich dort durch Dichter, die sich Romantiker nannten und in neueren Zeiten mehrere Jahre hindurch von da aus wiederum nach Deutschland zurückwirkten, zur wahren abschreckenden Karikatur aus. Ich erkannte es wohl, daß in der inneren Verfinsterung des Gemütes, wie sie von Tieck aufgefaßt wurde, eine Art Naturfatalismus vorherrscht: aber die leicht bewegliche phantastische Art, mit welcher er sein Thema behandelte, verbarg wenigstens die unüberwindliche Naturbestimmtheit, die in den späteren Darstellungen das Prinzip der sittlichen Freiheit vernichtete. Man sah, wie diese tragischen Personen sich einem träumerischen Wahne, der sie verlockte, willenlos hingaben. Besonders ergriff mich das Märchen von Tieck »Der blonde Ekbert«. Eine Zaubermusik scheint diese leicht beflügelte Darstellung melodisch lockend zu begleiten, bis sie, in Wahnsinn verkehrt, verklingt. Ich kann es nicht leugnen, daß diese Richtung der Tieckschen Poesie ein fast gefährlicher Moment meines Daseins geworden ist und doch zugleich mehr als irgendeine andere dazu gedient hat, mich vor der Tiefe der menschlichen sittlichen Verirrung warnend abzuschrecken. Tage und Nächte verlebte ich, von grauenhaften Träumen verfolgt. Ich habe es nie dahin gebracht, was auf eine solche Weise mit fast frevelhaftem Grauen in das Innerste des Gemütes hineinwühlte, wie später Tiecks Liebeszauber, mit künstlerischer Gleichgültigkeit und ruhiger Objektivität betrachten zu können. Denn eine ähnliche dunkle Verlockung ruhte in meinem Innersten, und die dämonischen Kräfte, die sich hinter Übermut und Leichtsinn verbargen, traten lockend hervor, waren nur durch anstrengende wiederholte Arbeit zu verscheuchen. Meine glückliche Natur überwand freilich solche Momente, und eine Neigung, geistigen, ja systematischen Zusammenhang in meine Ansicht hineinzubilden, erwachte nach solchen trüben und träumerischen Stimmungen nur um desto stärker und frischer. Das Leben in Freiberg bildete mit meinem Dresdener Aufenthalte einen merkwürdigen Gegensatz. Dort verstummte Kunst und Poesie, die bestimmten Gegenstände, die mich beschäftigten, riefen in allen Richtungen ein bestimmtes Denken hervor. Nicht bloß mit Mineralogie und Bergwesen beschäftigte ich mich hier. Die wichtige Entdeckung der Voltaschen Säule setzte alle Physiker in Bewegung. Ich hatte eine nicht unbedeutende Summe aus Dänemark erhalten; ich setzte sie in Laubtaler um, und konnte schon eine ziemlich bedeutende Säule aufbauen. Ich experimentierte vom Morgen bis zum Abend mit der Säule. Einige Entdeckungen, die jetzt freilich unbedeutend geworden sind, machten mir viele Freude. Das Ammoniak zerlegte ich durch die Säule zuerst; ja es ist mir jetzt recht seltsam, wenn ich in einer Geschichte der galvanischen Entdeckungen für die »Allgemeine Literatur-Zeitung« mich als den ersten genannt finde, der den Phosphor durch die Säule entzündete. Die Sache war neu und interessierte jedermann, nicht bloß die Physiker. Charpentier und Werner besuchten mich. Meine Stube war zu gewissen Stunden fast immer mit Neugierigen gefüllt. Auch Damen beehrten mich mit ihrem Besuche. Ich lernte bei meinem Besuch in Jena Friedrich Schlegel kennen, der sich bei seinem Bruder aufhielt. Er war in jeder Rücksicht ein merkwürdiger Mann, schlank gebaut, seine Gesichtszüge regelmäßig schön und im höchsten Grade geistreich. Er hatte in seinem Äußeren etwas Ruhiges, fast Phlegmatisches. Wenn er tief sinnend in seinem Stuhle saß und einen Gedanken ausspann, pflegte er mit dem Daumen und Zeigefinger die Stirne zu umfassen, bewegte diese beiden Finger langsam gegeneinander bis zwischen die Augen, dann ebenso langsam über die schöne, zierlich geformte Nase, endlich je tiefer er in die Entwicklung des Gedankens fortschritt, die genannten Finger, jetzt vereinigt, über die Nasenspitze heraus, in einer langen geraden Linie in der Luft. Er sprach dabei langsam und bedächtig und konnte mich manchmal zur Verzweiflung bringen. Wenn ich nun mit Lebhaftigkeit auf und nieder schreitend seinen Gedankengang unterbrach, so blieb er ruhig sitzen. Später hat Tieck Der Bruder des Dichters, der Maler Friedrich Tieck. eine Karikatur entworfen, wo Schlegel tief sinnend, die Finger in der Luft vor der Nase gehalten, vor sich hinschauend dasitzt, während ich, Hände und Füße heftig bewegend, die Nase in die Luft erhebe. Ich schloß mich bald sehr innig an Friedrich Schlegel an, obgleich ich jetzt schon fühlte, daß unsere Ansichten im Innersten verschieden waren, und doch vergaß ich es jeden Augenblick; denn es ist höchst merkwürdig, wie man in den abgeleiteten Resultaten, von den entgegengesetztesten Prinzipien ausgehend, zusammentreffen kann. Fr. Schlegel lebte ganz in der Geschichte. Die Natur war ihm völlig fremd, selbst der Sinn für schöne Gegenden schien den beiden Brüdern zu fehlen. Solche Beschränktheiten selbst der ausgezeichnetsten Männer hatten für mich von jeher etwas Auffallendes, ja Rätselhaftes. So fehlte Lessing wie W. von Humboldt bekanntlich der Sinn für Musik ganz und gar. Es gab nicht leicht einen Menschen, der so anregend durch seine Persönlichkeit zu wirken vermochte wie Friedrich Schlegel. Er faßte einen jeden Gegenstand, der ihm mitgeteilt wurde, auf eine tiefe und bedeutende Weise auf. So konnte er zwar auch mit Leichtigkeit auf meine naturphilosophischen Ideen eingehen, aber alle seine Schriften beweisen, daß er von einer lebendigen Naturansicht nicht produktiv auszugehen vermochte. Sein Witz war unerschöpflich und treffend. Auch gehörte er zu denen, die den Witz zu schätzen wissen. In dieser Rücksicht war ihm Chamfort Sébastien Roch Nicolas Chamfort, 1741-1794, französischer Dramatiker und Aphoristiker, ein tiefer, aber verdüsterter Geist; » Pensées, maximes, anecdotes «, Dresden 1803. sogar bedeutend. Meine Ansichten über die Bedeutung des Witzes bildeten sich bei mir zwar erst nach Jahren aus, aber der Grund dazu ward vorzüglich durch den Wert gelegt, den Friedrich Schlegel dem Witze beimaß, sowohl in Schriften, als in Gesprächen. Ich machte später die Erfahrung, daß eben die scharfsinnigsten Männer zugleich die witzigsten waren; ja daß der tiefste Witz, der daher selten begriffen wird, eben derjenige ist, der aus dem tiefsten Scharfsinn entspringt. So waren Shakespeare, so unter den Männern, mit welchen ich lebte, Goethe, die Gebrüder Schlegel, Tieck, Schleiermacher, Wolf zugleich durch Scharfsinn und Witz ausgezeichnet. Und der Witz gab dem Scharfsinn, dieser jenem seine Bedeutung. Wer unterschied Zeiten und Verhältnisse schärfer und schneidender, als Talleyrand, und wer war witziger, als er? Friedrich Schlegel nun konnte sich an einem jeden neuen bedeutenden Witze höchlich erfreuen, ja wenn dieser ihn selbst auch noch so verletzend traf. Der flache Witz war ihm im höchsten Grade zuwider. Und er sagte, daß man den Umfang und die Tiefe einer geistigen Persönlichkeit am sichersten beurteilen könne aus der Art des Witzes, die ihn zu ergötzen pflegte. Als einen solchen, der den historischen Schatz echter Witze vermehrte, nannte er unter anderen Kant in seiner Anthropologie. Und in der Tat nicht bloß in dieser Schrift, in der ganzen Methode seiner Philosophie ist der Witz vorherrschend. Man weiß, welche überwiegende Rolle der Sprachwitz der Synonyme in seinen scharfsinnigsten Unterscheidungen spielt. Der Witz ist seiner Bedeutung nach durchaus poetisch. Daß die Poesie durch meine Freunde (um einen bekannten und oft wiederholten Ausdruck von Friedrich Schlegel zu benutzen) bis zur Religion getrieben, ja an die Stelle derselben gesetzt wurde, war mir nur zu einleuchtend. Daher die absolute Vornehmheit der Ironie. Ich darf hier nicht vergessen, was ich in einer anderen Beziehung Friedrich Schlegel verdanke. Eine wissenschaftliche Richtung, die freilich von A. W. Schlegel ernsthafter verfolgt wurde, der ihr Gründer und Schöpfer genannt werden muß, trat mir doch zuerst durch den jüngeren Bruder anregend entgegen. Er machte mich auf Georg Forsters Übersetzung von Kalidasas Sakuntala aufmerksam. Diese Übersetzung ist zwar nur aus dem Englischen, aber die wunderlich neue, bunte, unendlich zarte, phantastische Welt, die erste Kunde von einer so reichen, geistigen Blüte, die sich in einem unbekannten Lande gebildet hatte und zugrunde gegangen war, ergriff mich mit wunderbarer Gewalt. Es war eben in jener Zeit, als die Untersuchungen der Engländer in Kalkutta, besonders des William Jones, William Jones, 1746-94, einer der Begründer des Sanskritstudiums und der vergleichenden Sprachwissenschaft. anfingen, für die deutsche Literatur so äußerst wichtig zu werden, ja einen neuen bedeutenden Zweig derselben zu begründen. Wirft man nun einen Blick auf den großen Umfang und inneren Reichtum der Bestrebungen der damaligen Zeit, so wird man gestehen müssen, daß kaum irgendein Jahrhundert großartiger anfing als das neunzehnte. Was früher bedeutend in einer ruhigen Entwicklung zu sein schien, konnte doch dem Einflusse des allgemeinen Umschwungs nicht entgehen. Geister, die in allen Wissenschaften ihren Gegenständen gegenüber eine freiere Richtung annahmen, traten in ein Bündnis; ja was sie geistig bildete, schien, aus einer Verabredung einander völlig unbekannter und fremder Persönlichkeiten entstanden, eine den Verbundenen selber verborgene Übereinkunft vorauszusetzen und auf ein gemeinschaftliches großes Ziel hinzuarbeiten. In einer so reichen Zeit erschien Goethe erst recht in seiner tiefen Bedeutung. Der Dichter war allem, was sich entwickelte, zugleich verwandt. Wenn Wolf Der berühmte Philologe Friedrich August Wolf, 1759-1824, Professor in Halle, seit 1807 in Berlin, vertrat in seinen » Prolegomena ad Homerum «, 1795, die Lehre, jedes Epos Homers stamme von mehreren Verfassern, die nacheinander daran tätig gewesen seien. in Halle eine neue freie Bahn in der Behandlung alter Schriftsteller brach und eine tiefere Kritik begründete: wenn er an das alte Epos der Griechen die Hand legte und den wunderbaren grauen Homer zerteilte, so schien der neue Dichter, der ein ganzes poetisches Leben aus der Tiefe hervorzog, mit der wärmsten Teilnahme sich an diese Untersuchungen anzuschließen. Wenn Gries sich mit den italienischen Dichtern, wenn A.W. Schlegel und Tieck sich mit Shakespeare und mit den spanischen Dichtern, besonders Cervantes und Calderon, beschäftigten, so unterstützten, so erweiterten sie nur Studien des allumfassenden Dichters. Wenn die Letztgenannten den tiefen Geist germanischer und skandinavischer Vorzeit immer anregender aufschlossen, so war Goethe derjenige, der diese Zeit zuerst in ihrer Eigentümlichkeit aufgefaßt hatte, und er verfolgte mit der Teilnahme eines verwandten Geistes den erweiterten Weg, der immer neue Schätze, die sie aus einer immer ferner liegenden Vergangenheit hervorhob, darbot. Aber auch Forschungen, deren Bedeutung den geschichtlich aufgeregten Geistern verborgen waren, beschäftigten ihn schon früher. Er gehörte, wie der Dichterwelt, so den Geistern zu, die sich der Naturwissenschaft widmen. Aber was alle diese Forschungen gemeinschaftlich umschlang, ja ihnen eine gemeinschaftliche Bedeutung mitteilte, die tiefe Quelle, aus welcher sie hervorsprangen, die geistige Freiheit, mit welcher sie sich äußerten, die geistige Einheit, die selbst bei der Differenz der Prinzipien in ihnen mächtig war, die Philosophie nämlich, zog ihn an; er vermochte es nicht, ihre Gewalt abzuweisen, wenn sie ihm auch, ihrem eigentlichen Inhalt nach, fremd blieb. In Jena lernte ich nun auch Novalis kennen. Ich hatte viel von ihm sprechen hören. Es war kaum ein Mensch, nach dessen persönlicher Bekanntschaft ich mich wärmer sehnte. Ich traf ihn zuerst bei Friedrich Schlegel, in dessen Armen er ein paar Jahre danach verschied. Sein Äußeres erinnerte dem ersten Eindruck nach an jene frommen Christen, die sich auf eine schlichte Weise darstellen. Sein Anzug selbst schien diesen ersten Eindruck zu unterstützen; denn dieser war höchst einfach und ließ keine Vermutung seiner adligen Herkunft aufkommen. Er war lang, schlank, und eine hektische Konstitution sprach sich nur zu deutlich aus. Sein Gesicht schwebt mir vor als dunkel gefärbt und brünett. Seine feinen Lippen, zuweilen ironisch lächelnd, für gewöhnlich ernst, zeigten die größte Milde und Freundlichkeit. Aber vor allem lag in seinen tiefen Augen eine ätherische Glut. Er war ganz Dichter. Das ganze Dasein löste sich für ihn in eine tiefe Mythe auf. Gestalten waren ihm beweglich wie die Worte, und die sinnliche Wirklichkeit blickte aus der mythischen Welt, in welcher er lebte, bald dunkler, bald klarer hervor. Man kann ihn nicht einen Mystiker im gewöhnlichen Sinne nennen; denn diese suchen hinter der Sinnlichkeit, von welcher sie sich gefangen fühlen, ein tieferes Geheimnis, in welchem ihre Freiheit und geistige Wirklichkeit verborgen liegt. Ihm war diese geheime Stätte die ursprüngliche klare Heimat; von dieser aus blickte er in die sinnliche Welt und ihre Verhältnisse hinein. Die ursprüngliche Mythe, die zu seinem Wesen gehörte, schloß ihm selbst das Verständnis der Philosophie, aller Wissenschaften, der Künste und der bedeutendsten geistigen Persönlichkeiten auf. Daher war die wunderbare Anmut seiner Sprache, die Melodie seines Stils nichts Erlerntes, sondern ihm eben das Natürlichste; daher bewegte er sich mit gleicher Leichtigkeit in der Wissenschaft wie in der Poesie, und die tiefsten, ja schärfsten Gedanken konnten ihre Verwandtschaft mit dem Märchen ebensowenig verleugnen wie das bunteste, scheinbar willkürlichste Märchen seine wenn auch verborgene spekulative Absichtlichkeit. Die Lehrlinge zu Sais und Heinrich von Ofterdingen Zwei hinterlassene Romanfragmente des Dichters. mußten einen tiefen Eindruck hervorbringen und schienen, seinem ätherischen Geiste ähnlich, das Geheimnis, welches die Philosophie durch strenge Methode zu enthüllen suchte, ursprünglich zu besitzen. Daher durfte er sich über alle Gegenstände zwanglos äußern, und wenn er selbst behauptete, der Philosoph solle zwar eine Methode besitzen, aber erst dann lehren, wenn er sie beherrschte und aus ihr heraus, nicht durch sie, darzustellen vermöchte, so spricht er sein eigenes Wesen in der Tat am klarsten und deutlichsten aus. Er konnte, besonders in größeren Gesellschaften oder in Gegenwart von Fremden, lange stillschweigend, in Nachdenken versunken, dasitzen. Ein zartes Gefühl schien ihm die Gegenwart verschlossener und innerlich entfremdeter Naturen zu verraten; nur wo ihm verwandte Geister entgegenkamen, gab er sich ganz hin. Dann aber sprach er gern und ausführlich und erschien im höchsten Grade lehrhaft. Alte Männer, die ein bedeutendes Leben geführt haben, in welchem sie vielfältig einwirkten, wenn die Epoche ihrer Tätigkeit verschwunden ist und, was sie getan und erlebt haben, als eine halbverschollene Vergangenheit der in anderen Richtungen bewegten Gegenwart erscheint, lieben es, über die frühere Zeit, die eigene Tat, ausführlich zu reden, und ist der Erzähler ein geistig Bedeutender, so hören wir ihm gern zu. Die Vergangenheit scheint, wieder erlebt, ihre eigenste Bedeutung zu enthüllen, ja die lebendige Gegenwart selber durch sie ein tieferes Verständnis zu erhalten. So aus einer tiefen Vergangenheit des Geistes, aus einer ursprünglichen, welche sich in der tätigen Gegenwart nur unklar zu äußern vermag, heraus schien Novalis zu sprechen wie zu schreiben. Ich sah ihn in Jena nur wenige Tage, in Freiberg, wo er seine Braut, die Tochter des Berghauptmanns von Charpentier, besuchte, nur einige Wochen, dann, schon bedenklich erkrankt, in Dresden. Ich verließ ihn mit der bestimmten Ahnung, ihn nie wieder zu sehen. Wenige Menschen hinterließen mir für mein ganzes Leben einen so tiefen Eindruck. Wenn ich ihm gern zuhörte, so nahm auch er einen freundlichen Anteil an den Ansichten und Ideen, die mich bewegten. Meine geschichtliche Ansicht der Natur schien auch ihm wichtig und für die Zukunft vielversprechend. Was ich von ihm las, was ich von ihm vernahm, mit ihm erlebte, begleitete den Gesang meines Lebens wie eine akkompagnierende Musik, oft wie ein wundersames Echo aus fernen Gebirgen, welches, was in meinem tiefsten Inneren ruhte und was ich kaum auszusprechen wagte, mir laut und geistig reicher wiedergab. Ich habe später Menschen kennengelernt, die ganz von ihm beherrscht wurden: Männer, die sich durchaus einem praktischen Leben weihten, empirische Naturforscher aller Art, die das geistige Geheimnis des Daseins hochhielten und den verborgenen Schatz in seinen Schriften aufgehoben glaubten. Wie wundersame, vielversprechende Orakelsprüche klangen ihnen die dichterisch-religiösen Gedanken von Novalis, und sie fanden in seinen Äußerungen eine Stärkung, fast wie der fromme Christ in der Bibel. In der Tat war Novalis im tiefsten Sinne Christ und religiös. Es ist bekannt, daß Lieder von ihm herrühren, die zu den herrlichsten gehören, welche die christliche Kirche kennt. Seine Neigung zum Katholizismus war, wie bekannt, sehr ausgesprochen, ja keiner hat vielleicht mehr als er die Jugend zur katholischen Religion hingelockt. Später erschien in seinen gesamten Schriften eine Verteidigung der Jesuiten, und dennoch möchte ich behaupten, daß er die innere sittliche Freiheit, das geheime Band einer höheren Entstehung derselben, welches die gereinigte Gesinnung mit Gott verknüpft, den Begriff der Gnade und der Gerechtigkeit durch den Glauben, das eigentlichste Lebenselement der protestantischen Kirche, rein bewahrte. Denn die ganze mythisch katholische Welt war ihm eine zur sittlich-geistigen Religion gesteigerte, nur innerlich sich bewegende und sich gestaltende Poesie. Aber die betäubende Gewalt der Dichtung überwältigte die sekundären Geister, und sie gingen unter in der bunten Welt, die er mit Sicherheit beherrschte. Mir war in religiöser Rücksicht Novalis wichtig wie keiner. Der tiefe Ernst des Glaubens, wie er meine Kindheit durchdrang, fing an, sich zu regen und immer mächtiger alle geistige Untersuchung zu tragen als den schon gegebenen festen Grund des zu Begründenden. Und hier, in Dresden, traf ich nun Tieck mit seiner Familie. Er hatte sich da niedergelassen, und auch Friedrich Schlegel hielt sich bei seiner Schwester auf, die an einen sächsischen Hofbeamten, Ernst, verheiratet war. Tieck war von meinem Alter, und also achtundzwanzig Jahre. Schlank gebaut, schön, mit Augen, deren geistige Gewalt und wunderbare Klarheit selbst das Alter bis jetzt nicht zu besiegen vermochte. In allen seinen Bewegungen herrschte eine große Anmut, ja Zierlichkeit; seine Sprache entsprach seiner körperlichen Erscheinung völlig. Er schreibt kaum schöner, als er spricht. Es ist nicht allein die große Klarheit, mit welcher er die Gegenstände behandelt, die uns hinreißt, es ist auch die Anmut und klangvolle Rundung der Sprache, die eine unwiderstehliche Gewalt ausübt. Es gibt nicht leicht eine Persönlichkeit, die mächtiger wäre als seine. Ich habe ihn kaum jemals heftig gesehen. Seine Gespräche faßten den Gegenstand mit ruhiger Objektivität auf, behandelten ihn umsichtig und doch mit einem zurückhaltenden Enthusiasmus, durch welchen die Darstellung selbst eine innere Wärme erhielt, die mehr aus dem Gegenstande, aus seiner lebendigen, geistigen Bedeutung, als aus ihm zu entspringen schien. Er selbst hat mir erzählt, daß, wenn er in höheren Kreisen das geistig und dichterisch Bedeutendste mit vornehmer Geringschätzung behandeln sah, wenn man besonders das Vorzüglichste, wodurch Goethe sich auszeichnete, verächtlich besprach, er sich wohl plötzlich wie verwandelt fühlte. Ein innerer heftiger Ingrimm ergriff ihn, wie er versicherte, daß er erblaßte; aber er schwieg, wo ich, wie ich es gestehen muß, unbesonnen mich geäußert haben würde. Ich habe seine erklärtesten Feinde ihm gegenüber gesehen, jedesmal von seiner siegreichen Persönlichkeit überwunden; ja ich darf behaupten, daß diese, so leicht zugänglich, sich so liebenswürdig hingebend, ebenso großen Einfluß auf die Zeit ausgeübt hat wie seine Schriften. Was er mir geworden ist, kann ich nach einer innigen, verwandtschaftlichen Verbindung, in einer langen Reihe von Jahren, unter den verschiedensten Verhältnissen, selbst nachdem wir über das Wichtigste verschieden dachten und uns entfernt fühlten, kaum auf eine klare Weise darstellen. Wenn er über Gegenstände, mit denen er vertraut war, wenn er über Dichter, die er verehrte, wie Goethe, Shakespeare, wohl auch über Holberg, sprach, so teilte er alle seine Ideen unbefangen und freigebig mit. Seine schriftstellerische Tätigkeit und wie reich und umfassend er als Dichter auf seine Zeit einwirkte, ist neulich auf eine so meisterhafte Weise auseinandergesetzt, daß ich auf diese Darstellung hinweisen kann. Sie ist in dem Aufsatz über Tieck von Braniß, welcher der zweiten Auflage der Victoria Accorombona beigefügt ist, enthalten. Aber viele jüngere Dichter sind durch die Spolien seiner Gespräche bereichert und haben ihn nie genannt; ja viele haben sich ihm feindlich gegenübergestellt, und wenn ihre Angriffe eine leise Ahnung von Geist enthielten, so entsprang diese aus dem geraubten Schatze, den sie freilich nicht in seinem Reichtum zu benutzen verstanden. Von mir muß ich das Geständnis ablegen, daß mehrere Ansichten, die ich auch wohl öffentlich aussprach, mir ihrem Ursprünge nach zweifelhaft geworden sind. Ich weiß nicht, ob ich sie mir selber oder seinen reichhaltigen Gesprächen verdanke. Als die Krankheit ihm noch nicht die volle Beweglichkeit seines Körpers geraubt hatte, war seine wechselnde und reiche Mimik ebenso bewunderungswürdig wie die Flexibilität seiner Sprache. Er würde, wenn er aufgetreten wäre, der größte Schauspieler seiner Zeit gewesen sein; und selbst jetzt in seinem hohen Alter, wenn er von Gicht gelähmt auf dem Stuhle sitzt, wenn er mit der in ganz Europa bekanntgewordenen Virtuosität ein Drama vorträgt, ist es mir, als wäre die Schauspielerkunst in ihrer höchsten Bedeutung, während sie auf der Bühne nur noch ein zweifelhaftes und schwaches Dasein fristet, an diesen Stuhl des alten Mannes gefesselt. Es war der Geburtstag seiner Frau. Tieck war besonders heiter gestimmt und wollte zur Feier des Tages ein Schauspiel, und zwar allein alle Rollen darstellen. Aber dieses sollte erst erfunden werden. Er forderte mich auf, ein Thema zu geben, und ich schlug ihm vor, ein Stück zu erfinden und darzustellen, in welchem der Liebhaber und ein Orang-Utan die nämliche Person wäre. Ich konnte freilich bei der damaligen Richtung seiner Laune keine günstigere Wahl treffen. Tieck entfernte sich etwa eine halbe Stunde. Die Zuschauer – die Familie und wenige Freunde – nahmen sitzend die eine Hälfte der Stube ein, die andere stellte die Bühne vor. Es ist mir nicht vergönnt, den Witz wiederzugeben, der mit der Leichtigkeit des Augenblicks hervortrat und die ganze Darstellung durchdrang. Unsre Lustspieldichter könnten sich glücklich schätzen, wenn es ihnen gegeben wäre, in einem ganzen Lustspiele einen solchen Reichtum des Witzes zu entfalten, wie sich hier in einem jeden Auftritt entwickelte, Man kann sich denken, wie das Stück endigt, die Tochter sträubte sich, gab endlich nach, und der Liebhaber verwandelte sich in der Tat, nachdem die Ehe geschlossen war, aber auf eine Weise, die dem Vater nicht angenehm war. Er gab indessen nach, konnte aber die frühere Vorstellung nicht sobald loswerden und nannte unwillkürlich seinen aufgedrungenen Schwiegersohn noch immer Herr Orang-Utan. Ich hatte nie etwas Ähnliches gesehen. Alle Personen standen lebhaft vor uns. Der Fluß des Gesprächs ward nie unterbrochen; mit der Schnelligkeit der Gedanken waren die Personen verwandelt und vervielfältigt. Es war keinem Zweifel unterworfen, daß Tieck damals, in seiner Jugend, der größte Schauspieler seiner Zeit war. So lebte ich nun mit Tieck und Friedrich Schlegel einige Monate lang, und wir sahen uns alle Tage. Was mir diese Zeit geworden, ist schwer zu sagen; denn der geistige Einfluß eines so bedeutenden Mannes läßt sich nicht als etwas Vereinzeltes oder Gesondertes darstellen; er bildet nicht ein bloß Mitgeteiltes: er wirkt anregend auf die eigenste Natur. Wir fühlen uns nicht gefesselt durch ihn, wie durch etwas Fremdes, welches uns hinzugefügt wird. Was hervorgerufen wird, entspringt aus uns selbst, und je mächtiger der Einfluß ist, desto freier und selbständiger fühlen wir uns. Die Kunst schloß sich mir in dieser Gesellschaft reicher auf; ich lernte das Ursprüngliche von dem Abgeleiteten, das Einfache von dem Manierierten, die Natur der Kunst von der Einseitigkeit der Schule unterscheiden. Die großen Dichterepochen der Italiener, der Spanier, der Engländer und der germanischen Vergangenheit traten mir nahe, ja ich ward in ihre Mitte versetzt durch einen ihnen verwandten Geist. Ich erlebte diese blühenden Zeiten, ich genoß die bedeutende Vergangenheit, als wäre sie eine reiche Gegenwart, und sah einem jeden Tage mit Freuden entgegen. Universitätslehrer in Kopenhagen und Halle 1802 – 1807 Die Wende des Jahrhunderts erlebte Steffens in dem stillen Orte Tharandt bei Dresden. Eine reiche Zeit fleißiger Studien, angenehmer Zerstreuungen und schöner Hoffnungen fand ihre Vollendung in einer Reihe bedeutender Bekanntschaften. Runge malte hier, der tiefe und fromme Künstler, der die Kunst ganz im religiösen Sinne auffaßte und den gleichgestimmten Steffens mit seinen Ansichten zu fesseln verstand. Der Kapellmeister Friedrichs des Großen, Johann Friedrich Reichardt, wohnte nach Jahren der Reise, die er in Italien, Paris und London zugebracht hatte, in der Nähe, in Halle, auf dem Giebichenstein. Als ihn die Ungnade von Friedrichs Nachfolger, Friedrich Wilhelm II., wegen anscheinender revolutionsfreundlicher Ansichten getroffen hatte, war er aus Berlin weggezogen und saß jetzt als Salinendirektor in Halle. Sein Stiefsohn aus der ersten Ehe seiner Frau, die eine geborene Alberti aus Altona war, hatte mit dem Dichter Ludwig Tieck zusammen in Berlin das Friedrichs-Gymnasium besucht und brachte nun, zudem als Tieck nun auch in Halle studierte, eine Schar junger, interessierter Menschen ins Haus. Novalis und Friedrich Schlegel gingen bald aus und ein, und manche ernste oder frohe Stunde romantischer Geselligkeit wurde auf dem Giebichenstein gefeiert. Nun gewann die siebzehnjährige Tochter Reichardts die Liebe Steffens'. Als die Studienzeit in Tharandt zu Ende ging, gab es für diesen zwar einen schmerzhaft bewegten Abschied von den Freunden in Jena, Freiberg und Dresden; aber Steffens blieb hinfort nicht nur wie mit unsichtbaren Banden an den Geist dieser Plätze gefesselt, sondern er ließ auch in Giebichenstein die Braut zurück. Nach einem Jahre, ward beschlossen, sollte der Bräutigam wiederkommen und die Verlobte als Frau mit sich nach Kopenhagen nehmen. Graf Schimmelmann empfing den Zurückgekehrten mit derselben Güte, die diesen bereits vor seiner Abreise vor fünf Jahren beglückt hatte. Jetzt stand ein Mann vor dem Minister, der mit seinen dreißig Jahren schon Bedeutendes für die Zukunft versprach. Als Doktor einer dänischen Universität hatte er das Recht, Vorlesungen zu halten: Philosophie und Erforschung der Erdoberfläche sollten die Themen sein. Die Gebirge Norwegens waren in ihrer geologischen Beschaffenheit noch völlig unbekannt. Viele Dänen würden später als Beamte dort zu tun haben. Der Plan, diese erdkundlich zu unterrichten, gefiel dem Minister. Zur ersten Vorlesung eilten vier- bis fünfhundert Menschen herbei. Steffens hatte freilich nicht die Erdkunde, sondern die Philosophie als Thema gewählt. Dies lag ihm mehr am Herzen, aber es war unklug von ihm. Er rechnete in seiner Jugend noch nicht mit dem Neide. Es war ein hervorquellender Strom, der die Zuhörer umspülte und sie begeisterte. Solche leidenschaftlichen Töne hatte Kopenhagen noch nie gehört. Das war ein Abgesandter aus dem Reiche, ein Schüler Schellings und Fichtes, der da redete; ein Mann, der Goethe verstanden zu haben glaubte und von dem edlen und freien Schwung des lebendigen deutschen Geistes seinen Hörern etwas vermittelte. In der zweiten Stunde saßen Professoren, Beamte, Gelehrte, Ärzte und viele Leute aus der Stadt, die im stillen von mancherlei Zweifeln gequält worden waren, unter den Zuhörern. Was Steffens vortrug, war nicht eine kalte Lehre, sondern eine Gesinnung. Der Gegenstand bekam unter den Worten des Redners etwas Heiliges. Aber dies war auch die äußerste Grenze dessen, was die berufsmäßigen Hüter der religiösen Einrichtungen des Staates sich von einem Außenseiter gefallen lassen konnten. Sie protestierten, und zwar zuerst durch Verleumdung. Schimmelmann schickte seinen Schützling auf eine geologische Forschungsreise durch Schonen, Seeland, Holstein und Mecklenburg, auf der »der Naturphilosoph« praktische Möglichkeiten zur Verbesserung der Bodenausnützung erkunden sollte, um dadurch seine Nützlichkeit für den Staat zu beweisen. In diesen Monaten hatte aber die Macht des korsischen Eroberers sich bereits wie ein dunkles, unheildrohendes Verhängnis zwischen die dänischen Besitzungen im Norden und das für Steffens so teure Preußen geworfen. Die französische Armee hatte ganz Hannover besetzt, Gerüchte über Straßensperrungen beschleunigten den Entschluß, die Braut heimzuholen. Am 4. September 1803 konnte in Halle die Hochzeit stattfinden. Steffens reiste mit seiner jungen Frau über Berlin nach Kopenhagen zurück. Nun lagen zwar die Ergebnisse der geologischen Untersuchungen der Behörde vor; Steffens hatte den Gipsbruch von Segeberg genau studiert, er hatte auch die Oldesloer Saline auf ihre Gewinnsteigerung hin untersucht. Aber die Behörde machte von der Ausbeute keinen Gebrauch. Die Ansicht, daß jener, der sie angestellt, ein Phantast sei, hatte sich bereits unüberwindlich bei ihr festgesetzt. Ein beschränkter Doktrinär, der Graf Reventlow, war der zuständige Minister in dieser Sache. Steffens konnte seine Vorlesungen zwar fortführen, aber die Widerstände der Mißgestimmten und der Neider mehrten sich. Kein Wunder, daß oft der Wunsch in Steffens' Seele entstand, Kopenhagen zu verlassen und sich in dem Lande, das, seine geistige Heimat von früh an, nun auch seine zweite wirkliche geworden war, sich einen Wirkungskreis zu suchen; war doch nun auch das Schicksal einer geliebten Frau – und bald auch das eines Kindes – an das eigene geknüpft. Da trug sich im Märzmonat des Jahres 1804 in Berlin der Kabinettsrat Beyme mit der Absicht, der Universität Halle durch Berufung jüngerer und bereits bekannter Gelehrter neuen Glanz und Ruhm zu verschaffen. Er wandte sich durch Vermittlung des berühmten Anatoms Reil auch an Steffens in Kopenhagen und ließ bei diesem anfragen, ob er die Naturphilosophie, die Physiologie und die Mineralogie in Vorlesungen an der Universität Halle vertreten könne. Steffens bejahte aufs freudigste die Anfrage. Sie traf gerade mit der Geburt seines ersten Kindes zusammen, und es schien, als würde die Vorsehung ein ungetrübtes Glück für die Familie in Bereitschaft haben. Aber – wie oft dämpft sie doch unser Begehren – der Gewinn des einen Glückes mußte mit dem Verlust des andern erkauft werden: zwar traf die Berufung nach Halle ein, aber das Kind starb zum tiefen Schmerze der Eltern schon nach wenigen Wochen. Die Trauer bei dem Verlust eines Kindes gehört gewiß zu dem Tiefsten, das ein Mensch empfinden kann. Der Ausdruck, daß Mann und Weib eins sind, findet, ausgedehnt auf das Kind, seine volle und unergründliche Bedeutung; und nur die Ahnung, daß der Tod eine Entwicklung ist, trägt den Keim der Hoffnung in das durch Trauer verdüsterte Gemüt der Eltern. Deutsche Freunde erwarteten das Paar und nahmen es herzlich auf; den Schwiegereltern brachte der Mann ein Jahr nach der Hochzeit die geliebte Tochter in die gleiche Stadt, nach Halle zurück. * Es war nun freilich diese Opposition der empirischen Physik, die in meiner nächsten Umgebung stattfand, nicht sehr bedeutend. Aber man glaube nicht, daß ich ihre große Gewalt im ganzen verkannte. Mir selbst war noch keineswegs das Verhältnis der Naturphilosophie zur Physik des Tages völlig klar geworden. Ich mochte wohl glauben, in jener eine ars inveniendi Eine Kunst des Findens. zu besitzen, die einen realen Einfluß auf die Entwicklung der Physik und auf die Art der Behandlung physischer Gegenstände auszuüben vermochte. Ich sah noch nicht mit völliger Klarheit ein, daß die Naturphilosophie und die empirische Physik, schon durch ihre Prinzipien geschieden, sich jede auf ihre Weise und voneinander getrennt entwickeln müssen; daß sie zwei durchaus verschiedene Wissenschaften bildeten; daß eine jede Einmischung der Philosophie in die Physik nur störend wäre; daß diese Störung gefährlich sein würde, wenn sie nicht, wie freilich ein unbefangener Sinn bald entdecken mußte, eben von den tüchtigsten, klarsten und strengsten Naturforschern, und zwar ganz entschieden, abgewiesen würde. Die Naturphilosophie ist der Empirie gegenüber eine durchaus ideale Wissenschaft, und zwar eben deswegen, weil ihre Realität in dem All liegt. Der Einfluß daher, welchen die Philosophie auf eine jede empirische Wissenschaft ausübt, ist notwendig in der Partikularität der Entwicklung der letzteren unscheinbar. Ja, dieses gilt nicht bloß von der empirischen Physik, sondern auch von der Geschichtsforschung. Alle Empirie geht von dem gegebenen Zusammenhang der Dinge und ihrem Verhältnis aus; selbst wo sie auf die Entdeckung allgemeiner Gesetze gerichtet ist, sind diese in ihrer Äußerung durch ganz bestimmte sinnliche Verhältnisse bedingt, und ihr Wert hängt eben von der strengen Auffassung dieser Bedingungen ab. Was jenseit derselben liegt, darf für den Naturforscher keine Bedeutung haben. War nun diese Trennung beider Wissenschaften mir selbst nicht klar, wie konnte ich erwarten, daß sie den Naturforschern einleuchten sollte? Und dennoch begriff ich sehr wohl, daß diese meine entschiedenen Gegner sein würden und daß sie mit der ganzen Gewalt der gesetzmäßigen Wirklichkeit gegen mich auftreten müßten. Meine Zuversicht war indessen so groß, meine innere Überzeugung so fest, ich fand mich durch die Begeisterung der mich umgebenden Jugend so gehoben, daß weder die anerkannte Macht der Gegner noch die mir wohlbekannten Schwierigkeiten der Ausbildung der Wissenschaft mich irremachen oder stören konnten. Ich wurde durch eine Verbindung von Männern, die, zufällig in drei Fakultäten verteilt und so in den verschiedensten Richtungen tätig, die wahrhaft lebendige Zukunft der sonst stagnierenden Universität darstellten, unterstützt und gefördert. Wolf, Vgl. Seite 138 Anmerkung 2. , der Philolog, stand in der Blüte seines Rufes, und seine Schule hatte die mächtigste Entwicklung erreicht. Seine tiefbegründete Gelehrsamkeit, seine scharfe Kritik, die Zuversicht und Sicherheit, mit welcher er hervortrat, wohl auch sein beißender, nicht selten schonungsloser Witz, imponierten, und neben ihm gab es in seinem Fache, wenigstens in Halle, keinen, der eine andere, am wenigsten entgegengesetzte Meinung, zu äußern wagte. Er bildete die absolute Autorität in seinem Fache; man fürchtete ihn. Die Jugend wird selten in einer Richtung geistig aufgeregt, ohne zugleich für andere Richtungen empfänglich zu werden; und Wolfs bedeutendste Schüler wurden meine fleißigsten Zuhörer. In der medizinischen Fakultät stand Reil Johann Christian Reil, geboren 1758, starb 1813 in Halle als Direktor der preußischen Lazarette; er war ein bedeutender Anatom des Gehirns und der Nerven, verdient um die Physiologie der Lebenserscheinungen und der Fieberlehre; »Erkenntnis und Heilung der Fieber«, Halle 1799. fast ebenso bedeutend da, als Wolf in der philosophischen. Auch er hatte, wie dieser, in der ganzen literarischen Welt einen entschiedenen Ruf erlangt. Meckel, der Ältere, der berühmte Anatom, war kurz vor meiner Ankunft gestorben; sein Sohn, der später einen so großen Namen erlangte, Johann Friedrich Meckel der Jüngere, 1781-1833, Professor in Halle, einer der bedeutendsten Lehrer und Forscher der normalen, vergleichenden und pathologischen Anatomie und Begründer eines nach ihm benannten anatomischen Museums; »Handbuch der pathologischen Anatomie«, 1812. war noch in seiner Entwicklung begriffen und reiste mit Koreff nach Paris. Spengler, der unermüdet arbeitsame und kenntnisreiche Mann, der für die Geschichte der Medizin, wie für die Botanik, bis in sein höchstes Alter rastlos Material anhäufte, konnte auf die Studierenden keinen großen Einfluß ausüben; doch begünstigte auch er naturphilosophische Ansichten. Reil, fortdauernd mit fast riesenhaften Plänen beschäftigt, in der Wissenschaft wie im Leben, hatte zwar in Halle, wie bei den höchsten Berliner Behörden, mächtige Gegner zu bekämpfen, aber er beherrschte sie ganz. Als praktischer Arzt hatte er die größte Autorität in Halle wie in der ganzen Umgegend, und obgleich seine entschiedene Weise die verzärtelten Patienten oft zurückschreckte, so kannte man doch, wenn die Krankheit eine gefährliche Richtung nahm, keine Hilfe als seine. Sein Einfluß hatte mich nach Halle berufen; er blieb mir, solange er lebte, unveränderlich treu, und obgleich seine Bildung, seine scharf ausgeprägte Eigentümlichkeit und seine ganze wissenschaftliche wie praktische Beschäftigung ihm nicht erlaubten, sich in die Grübeleien der Naturphilosophie einzulassen, so hatte er doch Sinn genug, um einzusehen, daß das Leben lebendig aufgefaßt werden müßte. Er wies die jungen Ärzte an mich, und durch ihn herrschte unter diesen, wie kaum jemals, ein wissenschaftlicher Geist, der desto heilsamer war, weil das philosophische Studium zwar einen freieren Blick auf das Eigentümliche warf, aber auch durch ihn, ich darf es sagen, wie durch mich, von einem jeden voreiligen und störenden Einfluß abhielt. Ich glaube nicht, daß man behaupten kann, es hätten sich, während Reil und ich auf die Bildung der Studierenden in Halle wirkten, einseitig theoretisierende Ärzte gebildet. Jene Hypothesen, die in unseren Tagen die Arzneikunde an relative und einseitige Prinzipien knüpfen, erhielten erst ihre Gewalt, nachdem eine umsichtige, spekulative Philosophie, welche die Eigentümlichkeit mit geistiger Freiheit auffaßt und ihr Recht widerfahren läßt, aus dem medizinischen Studium verschwunden war. Mir war aber die Verbindung mit Reil im höchsten Grade wichtig. Ich nahm, solange ich mit ihm zusammenlebte, den innigsten Teil an allen seinen Untersuchungen. Friedrich Schleiermacher. Gipsbüste von Christian Rauch. Aber ich sollte hier einen Mann treffen, der von neuem Epoche in meinem Leben machte. Es war Schleiermacher, Friedrich Ernst Daniel Schleiermacher, 1768-1834, in Breslau geboren, im Geiste der Herrnhuter Brüdergemeine und ihrer Lehre erzogen, daß sich die Versöhnung von Gott und Mensch im lebendigen Glauben des Einzelnen ständig erneue; der führende Theologe seiner Zeit. 1796 Prediger an der Charité in Berlin, hatte er 1799 in den berühmten »Reden über die Religion« – den Romantikern nahe – die Quelle der Religion im Gemüt gefunden, Religion als schlechthinniges Abhängigkeitsgefühl dem Unendlichen gegenüber bezeichnet. Er kam 1804 als Professor nach Halle. der zugleich mit mir, oder wenige Wochen nachher, als Professor extraordinarius nach Halle berufen ward. Schleiermacher war bekanntlich (denn viele haben ihn noch gekannt und erinnern sich seiner) klein von Wuchs, etwas verwachsen, doch so, daß es ihn kaum entstellte. In allen seinen Bewegungen war er lebhaft, seine Gesichtszüge höchst bedeutend. Etwas Scharfes in seinem Blick mochte vielleicht zurückstoßend wirken. Er schien in der Tat einen jeden zu durchschauen. Er war einige Jahre älter als ich. Sein Gesicht war länglich, alle Gesichtszüge scharf bezeichnet, die Lippen streng geschlossen, das Kinn hervortretend, das Auge lebhaft und feurig, der Blick fortdauernd ernsthaft, zusammengefaßt und besonnen. Ich sah ihn in den mannigfaltigsten wechselnden Verhältnissen des Lebens, tief nachsinnend und spielend, scherzhaft, mild und erzürnt, von Freude wie durch Schmerz bewegt: fortdauernd schien eine unveränderliche Ruhe, größer, mächtiger als die vorübergehende Bewegung, sein Gemüt zu beherrschen. Und dennoch war nichts Starres in dieser Ruhe. Eine leise Ironie spielte in seinen Augen, eine innige Teilnahme bewegte ihn innerlich, und eine fast kindliche Güte drang durch die sichtbare Ruhe hindurch. Die herrschende Besonnenheit hatte seine Sinne auf eine bewundernswürdige Weise verstärkt. Während er im lebhaftesten Gespräch begriffen war, entging ihm nichts. Er sah alles, was um ihn her vorging, er hörte alles, selbst das leise Gespräch anderer. Die Kunst hat seine Gesichtszüge auf eine bewundernswürdige Weise verewigt. Rauchs Büste ist eins der größten Meisterstücke der Kunst, und wer mit ihm so innig gelebt hat wie ich, kann fast erschrecken, wenn er sie betrachtet. Es ist mir oft, noch in diesem Augenblick, als wäre er da, in meiner Nähe, als wollte er die streng verschlossenen Lippen zum bedeutenden Gespräch öffnen. Wir schlossen uns ganz und unbedingt aneinander, und ich habe es nie auf eine entschiedenere Weise erfahren, daß eine unbedingte Hingebung die Selbständigkeit fördert, nicht unterdrückt. So hatten mich Goethe, Schelling, Tieck ganz gewonnen wie jetzt Schleiermacher. Was man seinen Spinozismus zu nennen beliebte, war eben dasjenige, was mich am meisten anzog, weil er nicht in der Form einer Naturnotwendigkeit, vielmehr als die lebendigste Quelle der unbedingten Freiheit erschien. Seine Kritik der Sittenlehre »Grundlinien einer Kritik aller bisherigen Sittenlehre«, 1803. war schon seit einem Jahre gedruckt. Allerdings war seine Darstellung dialektisch-negativ, aber die Realität eines Positiven, Allumfassenden, alle Negation in der Einheit Verklärenden, durchdrang ihn. Und durch meinen Freund Twesten August Detlev Christian Twesten, 1789-1876, Oberkonsistorialrat in Berlin. ist es bekannt geworden, wie sehr er in meine naturwissenschaftlichen Ansichten einging, wenigstens insofern diese in der größern Allgemeinheit sich aussprachen. Wir lebten aufs innigste miteinander verbunden, wir teilten Ansichten, Gedanken, ja Neigungen. In der Reichardtschen Familie lebte Schleiermacher wie ich; Spaziergänge, Lustpartien, Gesellschaften waren gemeinschaftlich; unsere besten Zuhörer, diejenigen, denen es Ernst war, gehörten uns beiden zu. Seine ethischen Vorträge und meine philosophischen schienen den Zuhörern aufs innigste verbunden, sie ergänzten sich. Aber auch wir tauschten, was wir wußten, wechselseitig ein, und wenn Schleiermacher meine physikalischen Vorträge hörte, so schloß er mir die griechische Philosophie auf, und durch ihn lernte ich Plato kennen. Es kann hier, wo ich meine persönliche Beziehung zu ihm darzustellen habe, nicht meine Absicht sein, seine höchst bedeutende, in der Theologie eine neue Zukunft der Wissenschaften entwickelnde Stellung zu beurteilen, mir fehlen die Kenntnisse, die dazu nötig sind, wenn auch hier der richtige Ort wäre. Aber was sein Umgang und, mit diesem verbunden, seine Schriften mir geworden, wie tief sie in den Entwicklungsgang meines eigenen Lebens eingedrungen sind, vermag ich mir selbst kaum klarzumachen, noch weniger darzustellen. Je tiefer, ernster, ja religiöser Schleiermacher Leben und Wissenschaft betrachtete, desto entschiedener wies er, wie in wissenschaftlichen Darstellungen so auch im Leben, alles zurück, was ihm nichtig und wertlos erschien. Ja er liebte es wohl damals noch, mit diesen Formen ein leichtes Spiel zu treiben. Viele, oft entstellte Gerüchte liefen in der Stadt herum und wurden auch wohl weiterverbreitet. Man erzählte sich, wie der Professor der Theologie in einer kurzen grünen Jacke, hellen Beinkleidern, und eine Blechbüchse über die Schulter tragend, botanisieren ging. Im Frühling 1806 reiste ich mit Schleiermacher, seiner Schwester (welche später an Moritz Arndt verheiratet) und Herrn v. Voß nach Berlin. Der Frühling war reizend und Berlin im höchsten Grade bewegt. Humboldt Alexander von Humboldt, 1769-1859, hatte von 1799-1804 die tropischen Länder Amerikas bereist und beschäftigte sich zu dieser Zeit mit der Ordnung seiner Sammlungen. ein Jahr früher aus Südamerika zurückgekehrt, hielt sich jetzt in Berlin auf. Zwei Gartenhäuser von gleicher Gestalt lagen hinter dem weitläufigen, jetzt fast ganz mit Häusern besetzten Garten des Georgeschen Hauses in der Friedrichstraße, von Bäumen umgeben. In dem einen wohnte Humboldt, in dem andern Johannes Müller. Berlin fanden wir in einer großen Gärung, man kann sagen, es war der Glanzpunkt der Stadt vor ihrem furchtbaren Unglück. Mich zogen die Gelehrten, die dort ein allgemeines Interesse erregten, zunächst an. Daß ich Johannes Müller Johannes von Müller, 1752-1809, der Geschichtsschreiber der Schweiz, war damals Sekretär der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Seine »Geschichte schweizerischer Eidgenossenschaft« in 5 Bänden, 1780-1805, begründete seine Berühmtheit. jetzt kennenlernte, betrachtete ich als ein vorzüglich glückliches Ereignis. Seine Schweizer-Geschichte kannte ich und hatte sie mit der größten Teilnahme gelesen. Die Gründlichkeit seiner Studien hatte in mir Achtung, der Geist, der durch seine Darstellung hindurchblickte, Bewunderung erregt. Seit den Toggenburger Streitigkeiten schien ein nagender Wurm in dem Innersten des kühnen einfachen Volkes verborgen, lange nur wie ein Stachel, der alle Kräfte belebte, die rasche Entwicklung des Volkes steigerte, bis zum wunderbaren Blütepunkt der Macht, die sich in dem gewaltigen Kampf gegen Karl den Kühnen entfaltete und den tragischen Untergang der mächtigsten und glänzendsten Persönlichkeit seiner Zeit herbeiführte. Aber am grauenhaftesten erschien es mir, daß der Untergang die Sieger wie die Besiegten traf. Durch die verpestete Gesinnung waren diese der lauernden Politik Ludwigs XI. preisgegeben, und die dunkle Nacht, die sich hinter die Verhältnisse aller geschichtlichen Völker verbirgt, ergriff mich, als ich Johannes Müller las, zuerst auf eine seitdem unvertilgbare Weise. Dieser Geschichtsforscher war lehrhaft und seine Bekanntschaft mir auch für meine Studien wichtig. Es waren einige Versuche, die Geschichte naturphilosophisch zu konstruieren, erschienen, die seinen Unwillen im höchsten Grade erregt hatten. Als Kritiker hat er streng seinen Zorn in einigen Rezensionen in der Jenaer Literaturzeitung ausgesprochen. Obgleich ich nun seine mehr künstlerische als spekulativ forschende Art sehr wohl erkannte, ja seine völlige Unfähigkeit, sich von der Vereinzelung der Forschung, geistig betrachtet, loszureißen, einsah, so mußte ich ihm dennoch in vielen Äußerungen beistimmen, und sein Kampf gegen eine vorlaute Spekulation trat mir warnend entgegen. Am wichtigsten aber war mir die Bekanntschaft mit Alexander von Humboldt. Ich hatte schon lange das bewundernswürdige Talent dieses Naturforschers anerkannt. Seine unterirdische Flora, seine geognostischen Untersuchungen, die zuerst auf eine allgemeine Gleichförmigkeit in der Schichtung der älteren Gebirge aufmerksam machten, eine Ansicht, die, wenngleich in ihrer ursprünglichen Gestalt einseitig hervortretend, dennoch als der erste lebendige Anstoß, aus welchem sich eine neue Geognosie entwickelte, betrachtet werden muß; seine ausführliche Schrift über die gereizten Muskel- und Nervenfasern, die sich unmittelbar an die Erscheinungen anknüpfte, die durch Volta eine neue Physik schufen, in deren unvollendeter Bearbeitung die Naturwissenschaft unserer Tage noch begriffen ist; seine eudiometrischen Messungen des Sauerstoffgehaltes der atmosphärischen Luft. Versuche, die freilich zu einem Resultat führten, welches verworfen werden mußte, aber dennoch dazu beitrugen, das Richtigere zu entwickeln: – alle diese Arbeiten, der bewegliche Geist, der mit Leichtigkeit alle die wichtigsten Probleme seiner Zeit ergriff, ihre geschichtliche Bedeutung erkannte und in rastlose Tätigkeit versetzte, ließen mich in diesem Mann einen der ersten und bedeutendsten Geister seiner Zeit erkennen. Einige blinde enthusiastische Äußerungen jüngerer Naturphilosophen hatten mich in eine schiefe Stellung zu ihm versetzt. Ob sie ihm, unbedeutend und vorübergehend, wie sie waren, bekannt wurden, wußte ich nicht, ja ich weiß es bis zu diesem Augenblick noch nicht: aber je entschiedener ich ein jedes Talent, welches ich selbst nicht besitze, achte, je williger ich mich ihm hingebe und unterwerfe, desto mehr ängstigte mich meine dadurch hervorgerufene Stellung gegen ihn. Doch diese Angst dauerte nur kurze Zeit. Ich sah Humboldt fast täglich. Seine Gespräche waren im höchsten Grade lehrreich; der unermeßliche Reichtum der Beobachtungen, die, nach allen Richtungen der Naturwissenschaft ausgedehnt, alle Naturverhältnisse einer bedeutenden, bis jetzt unbekannten, ja unzugänglichen Region eines ganzen Weltteils mächtig umfaßten und dadurch die Notwendigkeit, die ganze Erde auf ähnliche Weise zu betrachten, unvermeidlich hervorriefen, überwältigten mich fast. Ich sah den Schöpfer der physikalischen Geographie vor mir, den Mann, der noch jetzt in seinem hohen Alter jene vereinzelten Früchte beschränkter Untersuchungen in das die ganze Erde umfassende Feld einer großartigen Kombination hineinziehend, die Wissenschaft lehrreich erweitert, die er begründet hat. Es lebte noch nie ein Gelehrter, welcher so wenig vor der unendlichen Mannigfaltigkeit der Gegenstände, die sich ihm zur Untersuchung darboten, zu erschrecken Ursache hatte, wie Humboldt. Alles, was er ergriff, gehört ihm auf immer zu, steht ihm in jedem Moment zu Gebote; gelehrte Notizen aller Zeiten wie die mannigfaltigsten Naturerscheinungen der ganzen Erde. Ich wohnte bei meinem Verleger und Freunde, Reimer, damals in der Kochstraße, sehr weit von Humboldt entfernt. Humboldt begleitete mich aus einer Gesellschaft in großer Entfernung von unsern beiderseitigen Wohnungen; er folgte mir bis in die Kochstraße, ich ihm von da bis nach seiner Wohnung, er mir wiederum zurück; ein großer Teil der Nacht verschwand, und er zwang mich durch Güte, ihn nicht noch einmal zu begleiten, was meine Absicht war. Hätte ich das Glück gehabt, diese Bekanntschaft in einer ruhigen Zeit zu machen, sie würde mich noch tiefer und ausschließender ergriffen haben, aber auch so machte sie Epoche in meinem Leben. In den Kreisen, in welchen ich lebte, äußerte sich der Nationalenthusiasmus, wie er aus den reinsten Quellen entsprang. Ich, der als ein Fremder die Verhältnisse Deutschlands zu Frankreich aus einem allgemeinen Gesichtspunkt betrachtet hatte, der ich, zwar mit den diplomatischen Verhandlungen wenig bekannt, dennoch die Resultate mit immer steigender Furcht verfolgt hatte, war, sowie die Gefahr sich Preußen nahte, keineswegs hoffnungsvoll wie viele meiner Freunde gewesen; aber bestimmt schwebten mir die drohenden Verhältnisse nicht vor. Ob es Preußen gelingen würde, sich noch einige Jahre durchzuwinden, war mir nicht klar, und die tätige Gegenwart, in welcher ich lebte, war so heiter, daß sie die unbestimmt drohende Zukunft für mich verbarg. Mein Haß gegen die Richtung, in welcher Frankreich sich geistig ausgebildet hatte und politisch seine mit Vernichtung aller deutschen Nationalität drohende Gewalt entwickelte, war auf die entschiedenste Weise ausgesprochen. Was mir als Deutschlands höchste Bedeutung erschien, was mich aus meinem Vaterlande hierher gebracht hatte, meines innersten Lebens mächtiger Trieb, ward von Frankreich innerlich geringgeschätzt, äußerlich bekämpft. Mir war der Schatz, den ich bewahrte, ein Heiligtum; die Keime, die ich entwickeln wollte, trugen meiner Überzeugung nach die Verheißung einer geschichtlichen Zukunft in sich. Diese war, wie ich mit Entschiedenheit voraussetzte, den drohenden Feinden zwar der innern Bedeutung nach unbekannt und verborgen; aber eine geheime Ahnung von der geistigen Macht, die bestimmt war, was sie als das Höchste schätzten, als ein Untergeordnetes zu behandeln und nur so zu dulden, durchdrang die französische Revolution; und was sie vernichten, in Deutschland zertreten wollten, war eben mein Heiligtum. Diesen Haß gegen das französische Volk verbarg ich nicht, ich äußerte ihn nicht allein in Gesprächen, sondern auch in meinen Vorträgen heftig, ja einseitig. Es war mir darum zu tun, ihn fortzupflanzen und von der geistigen Bewegung aus ein Heer gegen die Feinde zu bewaffnen. Ein solches Heer nahm nun freilich wenig Rücksicht auf die politischen Verhältnisse. Der Kampf selbst war noch mehr ein innerer als äußerer; nach der damaligen Lage war es eine Gesinnung, welche die Gewalt, die der Feind in unserem Innersten behauptete, niederkämpfen wollte. Sie kannte, wie die deutsche Literatur, keinen Unterschied der Staaten, sie war notwendig eine allgemeine deutsche, nicht eine preußische. Damit der preußische Staat mir als ein geheiligtes Vaterland erschien, mußte er selbst in Gefahr geraten, es mußte mir klar werden, daß mein Heiligtum an seine Rettung geknüpft war. Und wie konnte dieses mir verborgen bleiben? Schon vor unserer Abreise nach Berlin durch die Gespräche mit Schleiermacher war ich auf eine solche Weise für Preußen gewonnen, und die Begeisterung, die mich in Berlin ergriff, entschied meine Gesinnung auf immer. Die Frühlingstage waren äußerst heiter und anmutig, die Bäume unter den Linden entfalteten ihr erstes Grün, hier versammelten sich in der Mittagsstunde die bedeutendsten Männer. Wenn eine allgemeine Bewegung in den Gemütern herrscht, wenn dasjenige, was Familien und beschränkte Kreise bisher sondert, zurückgedrängt wird von einem allgemeinen mächtigen Interesse, dann sinken die Schranken, durch welche wir uns getrennt und einander fremd erschienen, man wird vertraut, ohne sich früher gekannt zu haben. Ich begrüßte unter den Lustwandelnden Männer, die ich kaum vorübergehend in Gesellschaften gesehen hatte, und sie traten mir, als wären wir alte Freunde, vertraulich entgegen. Preußens Lage war eine seltsame; Hannover war von preußischen Heeren besetzt; Bereits im Jahre 1801 hatte Preußen auf Aufforderung Napoleons, der England damit treffen wollte, Hannover durch preußische Truppen besetzen lassen müssen; bis zum Jahre 1810, in dem Napoleon die nördliche Hälfte Hannovers zu dem französischen Departement Elbmündung, den südlichen endgültig zu dem Königreich Westfalen schlug, wechselten mehrere Male die Besatzungsarmeen in Hannover. die Hannoveraner haßten die Preußen in diesem Augenblick fast heftiger noch als die Franzosen; denn bei ihnen waren nicht bloß Soldaten einquartiert, sondern auch das feindliche Heer in die innersten geschichtlichen Verhältnisse eingreifender Administratoren. Man erwartete die Kriegserklärung Englands. Rußland zürnte; Österreich, in seinem gefährlichen Kampfe von Preußen hilflos gelassen, 1805, im dritten Koalitionskrieg gegen Frankreich, blieb Preußen neutral. war erbittert; der Staat schien unvermeidlich an Frankreich verkauft: und eben in diesem Augenblick regte sich jene Macht, die bestimmt war, Frankreich zu bekämpfen und zu besiegen. Alles, was edel und geistig vornehm in Preußen war, erschien zugleich aufs innigste mit England verbunden, eben als dieses Land im Begriff war, uns den Krieg zu erklären. Wenn die engen Familienkreise, in welchen wir leben und von welchen aus unsere Tätigkeit ins Leben tritt, von den größeren Staatsverhältnissen getragen und gesichert werden, dann bilden die Bewegungen des Staates, seine Stellung gegen andere Staaten, eine Macht, die uns beherrscht; sie tritt als ein Gebietendes der Geschichte und zugleich mit der gesetzmäßigen unveränderlichen Gewalt der Natur hervor. Werden aber die Staaten selbst von solchen Verhältnissen ergriffen, so daß sie unsern eigenen unbestimmt schwankenden, mit unaufgelösten Widersprüchen kämpfenden Entschlüssen ähnlich werden, dann verlieren sie notwendig die gebietende Gewalt und treten in eine Art vertraulicher Nähe, und wir glauben noch, das beherrschen zu können, was uns auf eine solche Weise innerlich verwandt erscheint. So geschah es denn, daß ich zum ersten Male in meinem Leben zu ahnen anfing, daß auch ich zu einer politischen Tätigkeit aufgefordert werden könnte. Bis jetzt war ich zwar nicht gleichgültig gegen die politischen Verhältnisse Europas, ich war auf dem Wege gewesen, Jakobiner zu werden; eine politische Gesinnung, wie sie sich nun gebildet hatte, stand selbst mit meinen übrigen wissenschaftlichen Ansichten in einer innigen Verbindung: aber alles war Doktrin, Theorie, Prinzip, Zukunft; von einer politischen Gegenwart, die mich zur Tätigkeit auffordern sollte, hatte ich bis dahin keine Ahnung. Das aber, wodurch diese lebendig ward, war ein Widerspruch, der sich in der Lage des zum Kampf aufgeforderten Staates verbarg und der mir, wie so vielen, verhängnisvoll entgegentrat. Die Gewalt, die wir die gesetzgebende nennen könnten, weil sie die allgemein herrschende Gesinnung aussprach und die lebendigste Quelle der Begeisterung war, rührte sich nur noch wie Quellen, die keinen Ausfluß haben, vom Gebirge bedeckt, im Innern. Es war die kriegerisch nationale Gesinnung als das keimende Lebensprinzip des Volkes. Sie erschien aber leider nur als die für eine unbestimmte Zukunft gesetzgebende, jetzt zurückgedrängte Gewalt; die ausübende war von ihr noch geschieden. Zwar war das kühne, entschlossene, kriegerische Moment auch dieser ausübenden Gewalt nicht fremd, aber es war in eine Form hineingezwängt, die früher mächtig, jetzt alle höhere Bedeutung verloren hatte; diese exekutive Gewalt war die militärisch-garnisonartige, die sich aus den Invalidenreminiszenzen einer vergangenen Zeit nährte. Die nationalkriegerische Gesinnung, die nicht laut werden durfte, spannte sich durch den äußern Druck immer mächtiger, immer elastischer, und es entwickelte sich ein stilles Bewußtsein, daß der volkstümlich-kriegerische Sinn auch das Militärische durchdringen und neu beleben müßte, wenn der Staat aus der jetzt abgelebten Form durch eine neue lebendige regeneriert werden sollte. Ein jeder wahre preußische Bürger fing jetzt an einzusehen, daß alle höheren geistigen wie materiellen Interessen lediglich an eine kriegerische Gesinnung geknüpft waren. Mir ward es von jetzt an, ich möchte sagen, ein Axiom meines bürgerlichen Lebens, das mir Heiligste, daß Deutschland im eminentesten Sinne nur durch den preußischen Staat als solchen gerettet werden könne. Und ich darf es sagen, es gab von jetzt an keinen treueren preußischen Untertanen, der mehr bereit gewesen wäre, sein ganzes Dasein dem Staate zu opfern, als ich. Man kann wohl sagen, es gab in Preußen noch vor der unglücklichen Schlacht ein mächtiges geheimes Bündnis, obgleich keiner es genannt hatte, keiner sich mit deutlichem Bewußtsein als Mitglied desselben erkannte: diesem gehörte ich zu. Der Sommer Des Jahres 1806. verging in Halle in immer wachsender Spannung, und doch schien keiner zu ahnen, daß die Gegend, in welcher wir wohnten, ein Kriegsschauplatz sein würde; das preußische Heer würde, glaubten wir, wie in dem früheren Kriege am Rhein erscheinen; der kriegerische Ruf der Armee tröstete die meisten, und wenn auch der Kampf zu unserm Nachteil ausfiele, würde zwar, glaubten wir, der Staat einen tief zu betrauernden Verlust erleiden und in eine gefährliche Abhängigkeit von dem mächtigen Frankreich geraten, doch ohne daß die engeren, bürgerlichen Verhältnisse zerstört würden. Das Beispiel Österreichs Durch seine Niederlage bei Austerlitz. schreckte nicht; denn der Preuße war gewohnt, seinem Heere einen zu entschiedenen Vorzug vor dem österreichischen zuzugestehen. Wir konnten uns nicht denken, daß eine Universität in ihrer Tätigkeit gestört werden sollte. Die Zahl meiner Zuhörer war gewachsen. Ich trug diesen Sommer zum erstenmal die Experimentalphysik vor. Schleiermachers und meine Zuhörer zeigten eine große Anhänglichkeit, und so wenig ließen wir uns durch den bevorstehenden Krieg stören, daß vielmehr die innerlich bewegte und gehobene Gesinnung auch den wissenschaftlichen Sinn zu beleben und zu steigern schien. Als der Herbst nahte, rückte das Heer vor. Bei meinem Schwiegervater in Giebichenstein wohnten Generale, die mir aus früherer Zeit bekannt waren. Es waren einige von denen, die später, von den Schrecken des Krieges überwältigt, die verderblichste und tadelnswerteste Gesinnung gezeigt haben; und ich will es bekennen, die Sprache, die sie führten, erschreckte mich. Es war nicht jene gesunde Begeisterung, die aus der frischen Fülle des Gemüts hervorquillt; es war der beschränkte Übermut, welcher abgelebten, im langen Frieden verrosteten, ohne höheren kriegerischen Sinn überlieferten militärischen Formen eine zauberische Gewalt zuschrieb; ein Mut, wie der von Shakespeare geschilderte der Engländer auf dem Schlachtfelde von Agincourt, würde die Gefahr der Lage nicht verkannt haben. Keiner schien eine Ahnung von der furchtbaren Gewalt eines tapfern Heeres zu haben, welches alle Verhältnisse der Kriegführung wie der ganzen Geschichte gewaltsam umgestaltet hatte, welches durch Siege, wie die neuere Geschichte sie nicht gekannt, gehoben war und jetzt, aus der inneren Aufregung eines ganzen Volkes entsprungen, sich uns Vernichtung drohend entgegenwälzte. Das Gespenst des Siebenjährigen Krieges, meinten sie, würde den Feind mit unheimlichem Entsetzen ergreifen, und er würde bei dem Anblick einer preußischen Wachtparade fliehen. Der preußische Soldat, der knechtische Mietling, genoß unter dem Volke keine Achtung. Die Furcht vor Strafe kämpfte allein mit der vor den Gefahren des Krieges, kein großes nationales Interesse durchdrang ihn. Die Truppen, die sich in der Gegend von Halle versammelt hatten, zogen schnell vorwärts; die Gerüchte von der Annäherung des Feindes, der durch Thüringen gedrungen war, bestätigten sich immer mehr, und es entstand die Gewißheit, daß der Kampfplatz in unserer Nähe sein würde. Viele Studierende waren während der Ferien in der Stadt geblieben, viele neue waren angekommen, kein Universitätslehrer hatte gewagt, die Stadt zu verlassen. In dieser herrschte einige Tage hindurch eine angstvolle Stille. Da rückte der Herzog von Württemberg, der mit seinem Armeekorps die Reserve bildete, in Halle ein. Von jetzt an waren alle Einwohner von der Gewalt des verhängnisvollen Kampfes ergriffen. Es ist ein eigenes, banges Gefühl, sich einer fremden Macht leidend und tatenlos hingeben zu müssen. Noch waren wir beschützt durch ein eigenes Heer, aber, selbst untätig, sollten wir nur dulden, was dieses über uns verhängte. Die stille Ruhe und Ordnung der eigenen Tätigkeit war aufgehoben; mit einem Gefühl innerer, gespannter Angst bewegten sich Männer und Frauen auf der Straße. Ich hatte die Bekanntschaft eines feingebildeten und mit glühendem Haß gegen die Franzosen durchdrungenen hannoverschen Diplomaten gemacht, der mich sehr anzog. Wir gingen durch die Straßen miteinander, und einige Kavallerieeskadrons zogen in stolzer Haltung vorüber. »Wenn sie uns so erscheinen«, sagte er, »entsteht nicht fast notwendig der Glaube, daß sie siegen müssen?« Und in der Tat, dieses Gefühl schien vorübergehend alle Einwohner für den Augenblick zu trösten, obgleich die geheime Furcht vor größern Gefahren alle durchdrang. Daß eine große Schlacht bevorstand, war durch die Stellung der preußischen und französischen Heere entschieden; man lauerte in banger Erwartung auf Nachrichten. Da erscholl zuerst unbestimmt, dann immer gewisser, zuletzt in den Zeitungen, die Nachricht von dem unglücklichen Gefecht bei Saalfeld. Am 10. Oktober 1806. Prinz Louis Ferdinand war geblieben. Dieser durch seine Genialität ausgezeichnete Prinz bildete ein Hauptmoment der kriegerischen Begeisterung. Die Tollkühnheit, mit welcher er sich dem Feinde entgegengestürzt und ein Gefecht gesucht hatte, erfüllte uns mit einer bangen Ahnung. Hatte er verzweiflungsvoll den Tod gesucht, um nicht Zeuge einer erwarteten allgemeinen Niederlage zu sein? In unheilschwangeren Zeiten wird ein jedes äußere Ereignis innerlich durchlebt. Die Verzweiflung, die, wie wir vermuteten, Prinz Louis Ferdinand und seine Schar in den Tod gestürzt hatte, ergriff uns selber. Von dem Marsch des feindlichen Heeres vernahmen wir immer mehr. Der unglückliche 14. Oktober näherte sich; unruhig wogte das Volk in den Straßen, die Truppen hatten die Umgegend besetzt. Plötzlich erscholl die Nachricht von einer großen Schlacht. Es war eben im Laufe des unglücklichen Tages. Die Schlacht wäre völlig verloren, raunte man sich zu. Wie diese Nachricht uns erreichen konnte, schien bei der Entfernung des Schlachtfeldes völlig unbegreiflich; denn daß in der Gegend von Auerstedt gekämpft wurde, war freilich bekannt. Doch diese niederschlagende Nachricht, die ein jeder nur furchtsam seinem Freunde vertraute, ward später von einer tröstlichen, allgemein verbreiteten verdrängt. Wir hätten, hieß es, einen entschiedenen Sieg erkämpft; das Volk jubelte, eine vorübergehende Freude ergriff auch meine Freunde. Ich aber wollte soviel als möglich zur Gewißheit gelangen. Ich lief, so schnell als ich vermochte, auf dem Wege nach Merseburg entlang; hier ungefähr auf der Hälfte des Weges erhebt sich die Gegend, und das Salzsteingebirge fällt rechts, nach der Lauchstädter Ebene, schroff ab. Ich legte mich mit dem Ohr an die Erde, ich hörte deutlich die Kanonade aus der Ferne, ich vernahm mit Bestimmtheit, wie sie sich nach Nordwest entfernte und immer schwächer klang. Bei der bekannten Stellung der Heere deutete diese Richtung der sich entfernenden Kanonade auf die Flucht des preußischen Heeres. Ich wagte es kaum, den vertrautesten Freunden meine Angst mitzuteilen. Aber sie übertäubte alle Siegesnachrichten, die ich noch immer vernahm. Diese erhielten sich noch den Tag nach der Schlacht. An diesem Tage ward ein französischer Gefangener durch Halle geführt, es war der erste Feind, den wir sahen. Wie er in diese Gegend gekommen war, ob es ein einzelner Versprengter war oder ob er in einem Gefecht in der Nähe gefangen wurde, blieb uns völlig unbekannt; aber seine Erscheinung erregte eine ungeheure Gärung im Volke. Schreiend und jubelnd umringte man ihn; die Soldaten, die ihn fortführten, hatten Mühe, ihn gegen die Angriffe des Volkes zu beschützen; es schien in der Tat, als glaubte man durch diesen einen Gefangenen einen bedeutenden Vorteil über den Feind errungen zu haben. Es ist, meiner Meinung nach, unrecht, den Auftritten des bürgerlichen Lebens, wenn es durch kriegerische Ereignisse gedrängt wird, so wenig Aufmerksamkeit zu erzeigen. Das Kriegsspiel der neueren Zeit hat in seinen harten Formen alle Poesie verdrängt, aber die in vielen tausend Gemütern aufgeregten Leidenschaften des bedrängten Volkes, der schnelle Übergang von Furcht zu Hoffnung und umgekehrt, wechseln, gewaltsam erregt und wieder unterdrückt; beide schranken- und formlos, lassen Erscheinungen des verborgensten Lebens an das Licht treten und haben, sollten wir glauben, selbst eine geschichtliche Bedeutung. Im Vertrauen erfuhr ich am Abend des 15. Oktobers durch jenen hannoverschen Diplomaten, daß ein französisches Armeekorps den Weg nach Halle eingeschlagen hatte, und da ich mich überzeugt hielt, daß die Auerstedter Schlacht verloren war, sah ich ein, daß man die Hallesche Reserve angreifen würde. Meine kleine Wohnung, in welche ich mich aus der größern zurückgezogen hatte, war ein Eckhaus an dem Paradeplatz, dem Bibliothekgebäude gegenüber. Ich sah über die Moritzburg und über Passendorf hinweg nach den ostwestlichen Höhen hin, die den Horizont begrenzten. In der Erwartung des Krieges erblickte ich den Sommer hindurch und ohne alle äußere Gründe, dennoch träumend und wachend, feindliche Heere, die über die Höhen vordrangen und sich auf der Ebene bewegten. Morgens früh den 16. Oktober glaubte ich Schüsse zu hören; ich eilte an das Fenster, sah in nebliger Ferne jenseits der langen Brücke, die über die Saale führt, nach Passendorf zu, eine unruhige Bewegung, die mich überzeugte, daß hier ein Plänkeln stattfände. Die gewaltsame Spannung und doch zugleich unbestimmte und grenzenlose Angst, in welcher wir die letzten Tage durchlebt hatten, erzeugte fast eine Beruhigung, indem nun ein bestimmtes Ereignis und eine Art Entscheidung hervortrat. Meine Frau hatte in diesen Tagen das Kind entwöhnt, sie war völlig rüstig und gesund, und als sie nicht mehr an der Anwesenheit der Feinde in jener Gegend zweifeln konnte, schien sie in der Tat mehr neugierig als furchtsam. Schon sehr früh kam Schleiermacher, von seiner Schwester, der vertrauten Freundin meiner Frau, und von einem Freunde begleitet, zu mir. Es war Gaß (später mein Kollege bei der Universität in Breslau), der das Armeekorps, welches er als Feldprediger begleiten sollte, suchte und in Halle bestimmtere Befehle erwartete. Sie waren gekommen, um von unserer Wohnung aus Zeugen des kriegerischen Schauspiels zu sein. Bald aber sahen wir ein, daß wir eine viel klarere Übersicht gewinnen würden, wenn wir jenseits des Platzes nach dem Freimaurergarten gingen. Über eine auf einem nach der Saale schroff abfallenden Felsen angelegte Mauer übersahen wir vollkommen die ganze Ebene. Mehrere Beamte und Professoren standen hier, einzelne Truppenabteilungen der Preußen bewegten sich über die lange Brücke. Wir sahen die Angriffe, das wechselseitige Hin- und Herschießen, das vereinzelte persönliche Zusammenstoßen der Reiter, und alles schien natürlich im Anfange dem unkundigen Zuschauer, der nur einzelne Angriffe sah, unentschieden. So wunderbar verblendet durch die siegreichen Nachrichten, so fest vertrauend auf die siegende Bedeutung eines preußischen Heeres, waren die meisten, daß sie eben in diesem Angriffe der Franzosen einen Sieg sahen. »Die armen Franzosen«, sprach ein Kollege, »ich möchte sie fast bedauern; es ist, das ist klar, ein zersprengtes Korps; in dem Rücken von unserer siegreichen Armee verfolgt, jetzt von unsern tapfern Reserven angegriffen, werden die Armen vor unseren Augen eine entsetzliche Niederlage erleiden.« Doch lange dauerte leider diese Täuschung nicht. Die Feinde drängten sich in größeren Massen heran, die Unsern zogen sich zurück; selbst an den Saaleufern nahe bei den Mauern, an welche wir uns lehnten, sahen wir einzelne Preußen ängstlich fliehen, und voll Schreck eilte nun ein jeder von uns seiner Wohnung zu. Meine Wohnung, in einer entfernten, wenig besuchten Gegend der Stadt, ward sowohl von meinen Freunden als von mir selbst als eine gefährliche betrachtet; wir waren entschlossen, die Zeit des ersten Anfalls und der größten Gefahr in der Schleiermacherschen Wohnung, in der Mitte der Stadt, zuzubringen. Wir eilten, um aus unserm Hause das Kind abzuholen. Der Prediger Gaß führte Schleiermachers Schwester, dieser meine Frau, ich ging neben der Frau, die das Kind trug. Aber während des Aufenthaltes in unserm Hause war eine unter den drohenden Verhältnissen nur zu lange Zeit verflossen. Wir mußten die ganze lange Ulrichstraße in möglichster Eile durchschreiten. In der Stadt selbst wurde geschossen, aber in den Straßen herrschte sonst eine große Stille. Kein Mensch ward gesehen, alle Häuser waren verschlossen, nur an einem Orte sah ich einige Arbeiter ein lockendes Aushängeschild in großer Eile herabreißen. Die Kinderfrau war selbst Mutter, sie wünschte fortzukommen, sie zitterte und vermochte kaum das Kind zu tragen. Ich warf den sächsischen Kindermantel über die Schultern, nahm das Kind und eilte fort. Als wir da ankamen, wo die erweiterte Straße, einen kleinen Platz bildend, sich nach dem großen Marktplatz eröffnet, sahen wir nun plötzlich die Gefahr, die wir zu bestehen hatten. Der Rückzug des Reservekorps ging quer durch die Stadt; der ganze Marktplatz war mit Kanonen und Munitionswagen der Fliehenden bedeckt, eine Menge Krieger suchten in Eile diese fortzubringen; aus den Straßen, die von der Saale nach dem Marktplatz führten, hörten wir Schüsse fallen, und wir sollten die Richtung der Flucht der sich drängenden, fliehenden Masse in einem rechten Winkel durchschneiden. Wie wir durchkamen, und zwar alle unbeschädigt, weiß ich nicht. Ein solcher Moment der größten Gefahr konzentriert alle Kraft für die eigene Rettung, verwandelt das Bewußtsein in einen mächtigen, blinden Instinkt, und man hat, von den drohenden Verhältnissen, die uns dicht umgeben, fortdauernd gedrängt und geängstigt, kein Auge für die größeren. Wir hatten den Marktplatz wirklich glücklich durchschritten. Ich war nahe bei der Merkerstraße, in welcher Schleiermacher wohnte. Diese hat eine gemeinschaftliche Ecke mit der damaligen Galg-, jetzigen Leipziger Straße, durch welche die Verfolgung vorzüglich stattfand. Hier, wo eine rettende Straße vor mir lag, sah ich mich einen Augenblick um. Ich war erstaunt, als ich den Platz leer fand, Munitionswagen und Kanonen waren sämtlich wie durch einen Zauber verschwunden, aber aus den nach der Saale führenden Straßen drängten sich die Feinde in großen Massen; einzelne Preußen flohen ängstlich, und eine allgemeine Gewehrsalve der Feinde fiel nach der Richtung der Flucht, die Kugeln zischten an meinen Ohren vorüber. Ich war zwar nur wenige Schritte von der schützenden Straße, die von der Flucht abführte, entfernt, dennoch fürchtete ich einen Augenblick, von den verfolgenden Feinden mit dem Kinde abgeschnitten zu werden. Als wir durch die Häuser der Straße geschützt waren, sahen wir die kleinen wilden Männer der Bernadotteschen Avantgarde (die sogenannte Schwefelbande) dicht neben uns vorbeilaufen, aber ihre ganze Aufmerksamkeit war nach den fliehenden Preußen gerichtet. Wir erreichten das Haus; in der Straße war alles still und leer, das verschlossene Haus ward eilig geöffnet und wieder geschlossen, und wir waren fürs erste gerettet. Doch die Ruhe dauerte nicht lange. Die Straße lag dem Zuge der Verfolgung zu nahe; einzelne Krieger, Infanteristen und Kavalleristen, verteilten sich plündernd in die nächsten Straßen. Der Überfall traf uns, die wir im Frieden erzogen waren, zu unvorbereitet, und wir wußten uns nicht zu benehmen. Die Straße ist schmal, in das gegenüberliegende Haus waren plündernde Soldaten eingedrungen, die eilig nahmen, was sie vorfanden, aber offenbar selbst in Furcht waren und sich, wie man uns aus dem Fenster über die Straße zurief, eilig entfernten. Jetzt ward auch an unsere Tür geklopft. Es waren drei bis vier Kavalleristen, die Einlaß forderten; wir achteten nicht darauf. Sie riefen uns zu, daß sie zufrieden sein würden mit ein paar Gläser Wein durchs Fenster gereicht: törichterweise wurde beschlossen, ihren Wunsch zu erfüllen; aber keiner wollte die zugestandene Gabe den Kriegern reichen; ich bot mich dazu an. Das Fenster wurde geöffnet, und was wir, bei einiger Erfahrung, hätten voraussehen können, geschah. Einer der Reiter hielt mir eine Pistole vor den Kopf und drohte, mich zu erschießen, wenn wir nicht die Haustür öffneten. Diese Forderung wurde erfüllt, die Räuber stürzten herein, ich mußte meine Uhr fürs erste hergeben, Geld hatte ich nicht in der Tasche. Bei Schleiermacher ward Wäsche und etwas Geld in der Eile zusammengerafft, auf dem offenen Pulte lag das Reisegeld des Feldpredigers Gaß, zwischen Papieren. Sie wühlten in diesen und entdeckten unbegreiflicherweise die Summe nicht, sie wurde gerettet. Und von jetzt an hatten wir Ruhe und konnten uns besinnen. Daß das preußische Heer nicht bloß geschlagen, sondern zersprengt war, mußte uns einleuchten, und Stadt und Universität waren auf unbestimmte Zeit in der Gewalt der Feinde; unser ganzes zukünftiges Leben war auf eine furchtbare Weise verwandelt. Kein noch so wohlerwogener Entschluß der Vergangenheit hatte für die nächste Zukunft irgendeine Bedeutung. Aber noch war die nahe Gefahr, in der wir lebten, zu groß, um einen umfassenden Blick auf das, was uns bevorstand, zu werfen. Die Verfolgung durch die Stadt war vorüber, einzelne Menschen erschienen wieder auf der Straße, von den Feinden erblickte man in der Stadt selbst keine, und ich wagte es, nachmittag meine eigene Wohnung aufzusuchen, um zu sehen, was dort etwa geschehen war. Ich ging durch einige Straßen, die nach der Saale führten. Wenige Menschen schlichen ängstlich, doch nur zu den nächsten Nachbarn. Kleine Gruppen bildeten sich furchtsam, leise redend. Gerüchte von grauenhaften Mißhandlungen in den Vorstädten wurden laut, und auf den Straßen lagen hier und da die Leichen erschossener preußischer Soldaten, noch in voller Uniform. Bei einem sah ich sogar noch das Gewehr neben ihm liegen. In meiner Wohnung war kein Feind gewesen. Ich konnte nun, was ich an Geld besaß, noch retten, was von einigem Wert war, so sorgfältig wie möglich verbergen oder dem freundlichen Wirt anvertrauen. Die Nacht indes brachten wir nicht bei Schleiermacher zu. Wir wurden sämtlich von dem Buchdrucker Schimmelpfennig eingeladen. Mehrere Freunde waren da. In demselben Hause wohnte der taube Professor Hofbauer; dieser, im Hinterhause wohnend, hatte von allem, was geschehen war, nichts erfahren. Daß wir in der Gewalt der Feinde waren, mußten wir ihm jetzt mit lauter Stimme zurufen und waren Zeugen seines Entsetzens. Es ist merkwürdig, wie eine plötzlich drohende Gefahr, die alle Einwohner einer Stadt auf gleiche Weise trifft, eine Stimmung hervorruft, die so ganz von der gewöhnlichen abweicht. Wie die Verzweiflung einen eigenen schneidenden Witz hat, einen Humor fürchterlicher Art, erkannte unter allen Shakespeare am tiefsten. Der furchtbare Untergang des Landes, die, wie es schien, rettungslose Zertrümmerung alles dessen, was uns heilig und teuer war, schwebte uns als eine dunkle Masse der mannigfaltigsten düsteren Vorstellungen vor der Seele; die Bande freundlicher, heiterer Verbindung der Familien untereinander waren zerrissen, und die unmittelbar Vereinigten konnten sich mitteilen; die nächsten Straßen und ihr Schicksal waren wie durch einen Abgrund voneinander getrennt. Dunkle Gerüchte von furchtbaren Greueln, wie die finstere Phantasie sie ausmalte, hatten diejenigen von der Gesellschaft, die sich auf die Straße wagten, vernommen, und die Nacht, die wir zusammen verlebten, erschien uns gefährlich. Denn in jedem Augenblick glaubten wir Brand, Plünderung und den grauenhaftesten Mißhandlungen ausgesetzt zu sein. Besonders zum Schutze der Frauen hatten wir uns hier vereinigt. Ein jeder war entschlossen, sein Leben zu wagen, aber die Waffen, über die wir etwa zu gebieten hatten, waren freilich keineswegs hinreichend. Wir wollten die Nacht wachend und uns unterhaltend zubringen. Hofbauer besaß, wie wir wußten, einen besonders mit den besten Rheinweinen versorgten Keller. Es war bekannt, daß er diesen sehr schonte. Wir stellten ihm aber vor, daß der Keller kaum der Aufmerksamkeit der Feinde entgehen würde, überredeten ihn, eine Anzahl Flaschen herzugeben, und brachten die Nacht in wilder Laune zu. Gegen Morgen schlief, auf Stühlen verteilt, die ganze Gesellschaft ein. Die Nacht war völlig ruhig vergangen, und wir erfuhren, wie grundlos unsere Angst gewesen war. Die plündernde Schwefelbande gehörte zur Avantgarde, sie mußte das wegziehende Korps verfolgen und verschwand schnell aus der ganzen Gegend. Bernadottes geordnete Truppen besetzten die Stadt, und man mußte die Zucht rühmen, die in seinem Korps herrschte. Die nächsten Tage steigerten die Angst und Spannung der Einwohner, und es ruhte wie eine Gewitterschwüle auf der ganzen Stadt. Die Truppen durchzogen die Stadt noch fortdauernd. Wir vernahmen aber, daß Napoleon selbst mit der Garde ankommen würde. Beunruhigende Gerüchte versicherten, daß Napoleon auf die Stadt, besonders aber auf die Universität zürnte. In der Tat hatten wir manches zu befürchten. Die Studierenden waren im höchsten Grade aufgeregt, man versicherte, daß einige sehr große Lust hätten, das Recht, nur auf den breiten Steinen gehen zu können, selbst gegen die feindlichen Offiziere zu behaupten, und Universitätslehrer pflegen in corpore nicht sehr fähig zu sein, in bedenklichen und gefahrvollen Zeiten die zweckmäßigsten Polizeiverfügungen zu erlassen. Ich ging mit Schleiermacher zu dem damaligen Prorektor Maaß, ihn zu bitten, eine Versammlung aller oder einiger Mitglieder des Konziliums zusammenzubringen, um die notwendig zu treffenden Maßregeln zu verabreden. Aber ich hörte mit Erstaunen, daß er eine solche Maßregel als eine gar zu gefährliche betrachtete und meinte, die Feinde würden in einer solchen Versammlung eine Verschwörung erkennen. Persönlich konnte dieser Mann freilich dem Feinde nicht imponieren; er war mager, kümmerlich gestaltet, hatte keinen Bedienten, und die bei ihm einquartierten Soldaten haben, wie man versichert, ihn gezwungen, ihre Stiefeln zu putzen. Wenige der Professoren wagten sich aus ihrer Wohnung, wenige besprachen sich miteinander in kurzen, angstvollen Augenblicken, während sich die Studierenden in größeren und kleineren Haufen, nicht selten lärmend, auf der Straße herumtrieben. Napoleon kam. Er bezog die Wohnung des Professors Meckel, eines der angesehensten Häuser der Stadt, auf einem Platz (dem großen Berlin). Die Garde, in Parade aufgestellt, machte einen imponierenden Eindruck. Napoleon ritt an den Gliedern vorüber und hielt, wie man versicherte, eine belobende Anrede an diese, seine geschätzten Truppen. Daß er gegen die Preußen besonders erbittert war, wußten wir. Halle war die erste preußische Stadt, die er besetzte, und während seine Truppen die fliehende Armee verfolgten, beschloß er, hier einige Tage auszuruhen. Ich war mit meiner Familie noch in der Schleiermacherschen Wohnung. Dort war ein Beamter des kaiserlichen Kriegsbüros einquartiert, der natürlich die besten Stuben einnahm, so daß sich Schleiermacher mit seiner Schwester und seinem Freunde Gaß sowie ich mit Frau und Kind schlecht genug behelfen mußten. Keiner zog sich in dieser Zeit aus, keiner hatte in der Nacht ein bequemes Lager, nur erschöpft und ermüdet schliefen wir wenige Stunden. Der Einquartierte, dessen Name mir nicht mehr erinnerlich ist, war höflich, ja verbindlich. Er versuchte es oft, ein Gespräch mit uns anzuknüpfen, und zwar ein in mancher Rücksicht bedenkliches; ja, da wir uns immer vorsichtig und zurückhaltend äußerten, wagte er es, Schleiermacher aufzufordern, einen Brief aufzusetzen, dessen Inhalt ein Angriff auf den preußischen Hof und die Regierung und die Hoffnung, welche die Einwohner auf die heilbringende Herrschaft des Kaisers gründeten, sein sollte. Daß ein Mann von Schleiermachers allgemein bekannter starker Gesinnung genötigt war, eine solche Zumutung mit Entrüstung abzuweisen, entsetzte mich. Doch ist es begreiflich, daß wir nicht ohne Sorgen waren. Der Beamte blieb aber höflich wie bisher. Einst sprach er unbefangen von dem grenzenlosen Ehrgeiz des Kaisers. Es wäre, meinte er, seine Absicht, das römische Kaisertum des Mittelalters, welches ja ursprünglich von Frankreich ausgegangen war, wieder zu begründen; wäre dieses ihm gelungen, dann würde er in einem langen Frieden das Glück der von ihm besiegten Völker befördern und pflegen. Die anerkannte Kultur der Großen Nation würde alle Völker des Kontinents vereinigen, und es gäbe danach keine Gewalt mehr, die ihn bedrohen und den beglückenden Frieden stören könnte. Eine grenzenlose Erbitterung, ein leider in diesem Augenblick hoffnungsloser Haß drohte fast laut zu werden, indem wir von einem deutschen Mann in deutscher Rede eine so verruchte Sprache hörten. Wir verließen das Haus nicht, wir vermieden es, soviel wir konnten, die verhaßten Feinde zu sehen. Napoleon blieb, irre ich nicht, drei Tage in Halle. Am zweiten Tage ritt er in glänzender Begleitung der Marschälle und Generale durch die Straße, in welcher wir wohnten. Der einquartierte Beamte forderte uns auf, den Zug zu betrachten. Schleiermacher und ich schlugen es aus, und nur nach wiederholten Bitten warfen wir einen flüchtigen Blick auf die Straße. Dieser war nicht hinreichend, um die Personen zu unterscheiden. Ich sah nur die etwas phantastische Kleidung Murats. Napoleon habe ich nie gesehen. Der Beamte zeigte uns alle Personen und schien unsere tiefe Verehrung und Bewunderung vorauszusetzen. Am zweiten Tage des Aufenthaltes des Kaisers in dieser Stadt stürzte ein Studierender in grenzenloser Angst in unsere Wohnung, Zum erstenmal in meinem Leben sah ich wirklich, wie der verzweiflungsvolle Schreck die Haare in die Höhe richtete. Die Stimmung, die unter uns herrschte, konnte solch einen Schreck selbst in der drohendsten Gefahr nicht aufkommen lassen. Je mehr alle äußere Aussicht und Hilfe verschwand, je drohender die Verhältnisse um uns herum wurden, desto mehr stärkte sich, aller äußern Unwahrscheinlichkeit zum Trotz, die innere Zuversicht, die feste Überzeugung, daß das Heilige und Große, wie es in Deutschland keimte, die göttliche Macht, die in der Geschichte waltete, ein so herrliches Gut sein mußte, daß der rohe Fußtritt siegreicher Heere es nie vernichten konnte. In diesem Sinne wagte ich es auszusprechen, was von diesem Augenblick an auch das leitende Prinzip meiner ganzen Gesinnung wurde, solange die Franzosen das Land besetzt hielten. Die Schlacht von Jena, behauptete ich eben in diesen Tagen der Hoffnungslosigkeit, wäre der erste Sieg über Napoleon; denn er hatte die mit ihm im Bunde stehende Schwäche vernichtet und von jetzt an in allen Preußen die innere großartige Erbitterung hervorgerufen, die sich endlich bewaffnen und siegen mußte. Die Gewißheit, daß ich seinen Sturz erleben wurde, verließ mich nie. Unter so allgemein drohenden Verhältnissen zeigen die Frauen nicht selten einen entschiedenen Mut, und obgleich der Zustand, in welchem der junge Mann erschien, eine furchtbare Nachricht erwarten ließ, war meine Frau doch über diese den Mann entstellende Angst empört, »Pfui«, rief sie aus, »so darf ein mutiger deutscher Jüngling am wenigsten in einer Zeit, wie diese, erscheinen.« Nur mit Mühe gelang es ihm, uns das zu berichten, was ihn so sehr in Schrecken gesetzt hatte. Eine Deputation der Professoren, soviel ich mich erinnere aus dem Prorektor Niemeyer und Schmalz bestehend, hatte bei dem Kaiser um Audienz nachgesucht und sie erhalten. – Sie hatten den Professor Froriep als denjenigen, der sich am gewandtesten in der französischen Sprache ausdrücken konnte, mitgenommen. Während die Deputierten bei Napoleon waren, hatten sich eine Anzahl Studierende auf dem Platz versammelt, und als jene hervortraten, hatte Schmalz eine Anrede an die Studierenden gehalten, auf welche ein lauter Ausruf der letzteren erfolgte; es blieb ungewiß, ob es die Absicht war, Beifall oder Unzufriedenheit zu äußern. Während Napoleon mit seiner glänzenden Umgebung in der Stadt herumritt, hatten die Studierenden sich unbefangen zugedrängt, ohne ihn zu begrüßen. Das ungenierte Wesen deutscher Burschen, die es nicht gelernt hatten, einem siegreichen Feinde demütig und knechtisch eine erheuchelte Ehrfurcht zu bezeigen, mußte ihm unangenehm sein, ja bedenklich erscheinen. Ein Studierender, den er angesprochen, hatte ihn, gewiß mehr aus Verlegenheit als aus Geringschätzung, Monsieur genannt. Nun sollte Napoleon sich auch geäußert haben über die feindliche Stimmung, die auf der Universität schon vor seiner Ankunft geherrscht habe. Er wollte wissen, daß mehrere Studierende sich gegen ihn bewaffnet hätten. In der Tat fand aber eine solche Gesinnung unter den Studierenden, die später eine so große und mächtige Bedeutung erhielt, noch gar nicht statt. Zwei adlige Jünglinge, die wahrscheinlich zwischen dem Entschluß, Militärdienst zu nehmen oder fortzustudieren, schwankten, waren der Armee gefolgt. Napoleon aber mochte glauben, daß die auf der Universität vereinigte Menge deutscher Jünglinge aus den besten Familien, eine, wenn auch nicht gefährliche, doch beschwerliche Aufregung im Rücken seines Heeres veranlassen könnte. Unbekannt mit der Einrichtung der deutschen Universitäten, meinte er, daß die Studierenden in sogenannten Kollegien unter Aufsicht zusammenlebten, und zürnte, daß man sie hier nicht in diese eingesperrt habe. Jetzt hob er nun die Universität auf und forderte, daß die Studierenden sämtlich Halle verlassen und zu ihren Eltern zurückkehren sollten. Daß viele Studierende dadurch in die größte Not gerieten, war natürlich; aber eine Furcht ergriff mehrere mit Entsetzen, und besonders schien der unglückliche junge Mensch von dieser durchdrungen zu sein. Man glaubte nämlich, daß die französischen Krieger, wenn die Studierenden zur Stadt herausgetrieben wären, die auf den Landstraßen waffenlos Herumirrenden ermorden würden. Das große Haus, welches Schleiermacher bewohnte, war stark mit Einquartierung belegt. Gegen Morgen, während eines unruhigen Schlafes, vernahmen wir eine Bewegung im Hause, ein unruhiges Aufundniederlaufen auf den Treppen, ein lautes Gerede im Hofe, die Tritte der Pferde in dem Stalle. Als wir erwachten, war die Stadt leer. Die Truppen hatten sich entfernt, die Studierenden wurden noch im Verlaufe des Tages aus der Stadt getrieben. Wir, die Lehrer, blieben in der wüsten, öden Stadt zurück: unser Amt, unsere Tätigkeit war vernichtet, unsere zukünftige Stellung noch unbestimmt. Wenige ältere Studierende wagten es noch, in der Stadt zu bleiben. Zu diesen gehörten: Herr v. Varnhagen, v. Marwitz, der Bremer Müller und wenige andere. Schleiermachers wie meine Lage war nun freilich bedenklich genug. Unser Gehalt war mit dem 1. November fällig und das von vergangenen Monaten völlig aufgezehrt. Die Vorlesungen aber, die eben anfangen sollten, hatten ein bedeutendes Honorar schon jetzt in unsere Hände gebracht. Ich hatte in meinem Besitz über 80 Louisdor. Daß ich, nach meiner Gesinnung, und da ich die Auszahlung des Gehalts erwartete, an keine Geldverlegenheit dachte, ist begreiflich. Nun aber meldeten sich alle meine Zuhörer, und ich mußte mich glücklich schätzen, daß ich die Summe nicht angerührt hatte und einen jeden zufriedenstellen konnte. Ich behielt etwa 10 Rkr. übrig, und Schleiermacher auch nicht mehr. Durch Freunde aus der Ferne irgend etwas zu erhalten, war vors erste unmöglich. Die französischen Heere hatten sich gegen Osten und Norden immer weiter verbreitet, der Krieg schnitt uns von Verwandten und Freunden völlig ab. Wir entschlossen uns nun, die kleine Summe, über die wir zu gebieten hatten, vereint zu benutzen und eine gemeinschaftliche Wirtschaft zu führen. Schleiermacher bezog meine kleine beschränkte Wohnung. Meine Frau mit ihrem Kinde und Schleiermachers Schwester bewohnten eine kleine enge Kammer, die an eine größere Stube grenzte; ebenso schlief ich mit meinem Freunde in einer ähnlichen Kammer, und ein jeder verfolgte seine Studien und Arbeiten in einer gemeinschaftlichen Stube. In einer Ecke meines Studierzimmers hat Schleiermacher seine Schrift über den ersten Brief Pauli an Timotheus ausgearbeitet. Wir lebten in der größten Dürftigkeit, sahen wenige Menschen, verließen fast nie das Haus, und als das Geld ausging, verkaufte ich mein Silberzeug. * Man darf aber nicht glauben, daß unsere wissenschaftlichen Studien ruhten. Unsere Unterhaltungen waren meist spekulativer Art. Blanc und Marwitz regten sie vorzüglich an; wir erlebten nicht selten Abende, an welchen des Landes und unsere eigene Not ganz verschwunden schien, und wie mein Verhältnis in dieser Zeit zu Schleiermacher werden mußte, kann man sich leicht denken. Endlich wurde die Verbindung mit Berlin einerseits und mit Kopenhagen andererseits eröffnet. Summen von Verlegern und Freunden liefen ein, und der nächsten Not war abgeholfen. Jetzt wurden nun die Schritte, die wir zu tun hatten, reiflich erwogen. Wir hatten für die nächste Nahrung zu sorgen und für eine wissenschaftliche Beschäftigung. Schleiermacher beschloß, mit großer Entsagung noch einige Zeit in Halle zu verweilen, weil er hier in entschiedener Einsamkeit und mit geringeren Kosten einige schriftstellerische Arbeiten vollenden konnte. Für mich erschloß sich aber eine andere Aussicht, die ich glaubte, nicht ganz aufgeben zu dürfen. Meine dänischen Freunde waren um mich im höchsten Grade besorgt. Mein Jugendfreund Mynster bewies es auf eine tätige Weise. Mein jüngster Bruder war mit den Truppen, die der Prinzregent Friedrich VI. war 1784 zum Mitregenten des geistesschwachen Königs Christian VII. erklärt worden. zur Behauptung einer bewaffneten Neutralität versammelt hatte, in Kiel. Über meine Lage entsetzt, eilte er zum Regenten, und der wohlwollende Herr, obgleich mit meiner Tätigkeit, wie sie früher in Dänemark stattgefunden hatte, keineswegs zufrieden, ohne allen Zweifel ebenfalls von Teilnahme an meinem Schicksal bewegt, antwortete kurz, aber gütig: »Lassen Sie ihn kommen, es ist ein guter Kopf, wir können ihn wohl brauchen.« Erst nachdem mein Bruder den Kronprinzen gesprochen hatte, wandte er sich an Schimmelmann. Auch der Regent hatte meinetwegen an ihn geschrieben, und ich erhielt kurz nacheinander, zuerst von meinem Bruder und dann von dem Grafen, Nachricht. Dieser Schritt meines Bruders, die Antwort des Prinzregenten, das Schreiben des Grafen Schimmelmann versetzten mich in eine große Unruhe. Die Teilnahme an Preußen, die mit jeder traurigen Nachricht, die wir erhielten, inniger und wärmer ward, hatte mich bis jetzt weniger an die eigene Not denken lassen, die ich ohnehin mit allen meinen Kollegen teilte. Nie war ich entschlossener gewesen, mein Schicksal an das Preußens anzuschließen, als eben jetzt. Ich sah mich, wie sich von selbst versteht, noch immer als einen preußischen Beamten an; ich konnte dem verhaßten Feinde das Recht nicht zugestehen, die Universität aufzuheben, die Professoren zu entlassen. Die Universitätslehrer hatten die Verpflichtung, sich jetzt mehr als je dem Feinde gegenüber als preußische Beamte zu behaupten, wenn sie auch durch die Gewalttat des Feindes mit ihren Familien in eine noch so bedenkliche Lage versetzt waren: dann aber war es mir nur zu klar, daß ich auf eine unbestimmte Zeit alle Subsistenzmittel verloren hatte; nur zu wahrscheinlich, daß der siegreiche Feind die Provinzen diesseits der Elbe niemals zurückgeben werde; ungewiß, ob der König von Preußen, wenn der unglückliche Krieg beendet war, die Universität von Halle mit dem sämtlichen Personal derselben nach geschlossenem Frieden anderswohin verlegen würde. Ich war erst seit ein paar Jahren preußischer Untertan; es war nicht wahrscheinlich, daß man selbst dann bei einer abermaligen Berufung mich den älteren Untertanen vorziehen würde; und mir war es nicht unbekannt, daß ich, besonders unter den Naturforschern, viele einflußreiche Gegner hatte. Aber was ich in Deutschland suchte, was mich von meinem Vaterlande trennte, hatte für mich einen großen, tiefen, ja oft religiösen Wert: und jetzt, da der Kampf ernsthaft ward, sollte ich den Kampfplatz in dem bedenklichsten Augenblick verlassen? Dieses schien mir auf jeden Fall unwürdig. Indem ich nun aber mit Schleiermacher alle Verhältnisse genau erwog, sah ich ein, daß ich die Aussicht zur Tätigkeit in meinem Vaterlande, die vor mir lag, nicht unbedingt abweisen durfte. Ich hoffte, daß es mir gelingen würde, den Prinzregenten dafür zu stimmen, mich so lange in dem Dienst meines Königs bleiben zu lassen, bis er mich aus diesem, ohne eine Veranlassung von meiner Seite, etwa zu entlassen sich entschließen würde. In diesem Sinne schrieb ich an den Minister v. Massow. Den preußischen Minister der Universitäten. Ich erklärte, daß ich mich noch immer als Professor bei der durch die Gewalttat des Feindes zersprengten Universität betrachte, stellte ihm aber vor, daß mir in Halle alle Mittel, meine Familie zu ernähren, fehlten, und ersuchte ihn, mir einen Urlaub zu erteilen, um nach meinem Vaterlande zurückzureisen. Diesen erhielt ich. Der Tag kam heran, der für meine Audienz bei dem Prinzregenten In Kiel. bestimmt war. In dem großen Vorsaal, in welchem ich einige Zeit verweilen mußte, fand ich einige Adjutanten. Durch meine Brüder waren sie mir bekannt. Sie hatten die günstigen Urteile des Prinzregenten über mich gehört und kamen mir höchst freundlich entgegen. Herr v. B., der Generaladjutant, erneuerte mit scheinbarer Innigkeit eine frühere Bekanntschaft; Herr v. H, berührte, wie es schien, mit Wohlgefallen entfernte Familienverhältnisse. Ich erschien, ehe ich hereintrat, als ein Begünstigter des Prinzregenten. Ein höherer Beamter wird entlassen, die Tür eröffnet, ich trete hinein. Es war das erstemal, daß ich mit dem Prinzregenten in persönliche Berührung kam. Er hatte in seiner Person etwas Auffallendes. Er war mager, blaß, Haar und Augenbrauen blendend weiß, dennoch waren die Gesichtszüge die bedeutenden des alten Königsstammes; man erkannte den Herrscher und gewann den rein menschlich Gesinnten lieb. Ich verneigte mich tief. »Es ist mir lieb«, sagte der Prinzregent, »daß Sie wieder zu uns kommen; Sie sind ein guter Kopf, wir werden Sie brauchen können: aber Vorlesungen dürfen Sie nicht halten.« Weder Graf Schimmelmann noch mein Bruder hatten mich einen solchen Empfang ahnen lassen. »Ich bedaure«, antwortete ich darauf, »Ew. Königliche Hoheit, daß ich dann mich als aus meinem Vaterlande, aus dem Dienste ausgeschieden betrachten muß.« Diese erste Anrede erschütterte mich so, daß ich mich ganz vergaß, mich verneigte und gegen alle Sitte, Miene machte, mich stillschweigend zu entfernen. Da äußerte sich die persönliche Güte des Prinzregenten. »Sind Sie so kurz angebunden?« sagte er, »wir können doch miteinander sprechen.« Ich blieb stehen. »Ich kann Sie nicht lesen lassen«, fuhr er fort, »Sie machen mir meine Untertanen verrückt.« »Königliche Hoheit«, erwiderte ich, »mir ist das unglückliche Ereignis welches man benutzt hat, um mir in Ihren Augen zu schaden, bekannt. Als Steffens im Winter 1803 in Kopenhagen durch seine naturphilosophischen Vorlesungen Aufsehen erregte, hatte sich auch ein Geisteskranker zwischen seine Hörer gesetzt und später im Irrenhaus, offensichtlich unter dem verwirrenden Eindruck des Gehörten, öfters den Namen von Steffens ausgerufen; man hatte infolge dieses Vorfalles in Steffens einen gefährlichen Neuerer sehen wollen und durch allerlei Gerede sein Weggehen von Kopenhagen mitveranlaßt. Auf dieses Ereignis bezieht sich die Äußerung des Prinzregenten. Eine jede anstrengende Wissenschaft kann einzelnen geistesschwachen Menschen gefährlich werden«, fuhr ich fort; – »wie viele haben durch das mathematische Studium, durch Bibellesen, den Verstand verloren; ja selbst die vortrefflichen Vorlesungen des Professors Moldenhauer haben so unglücklich auf die Geistestätigkeit eines jungen Mannes eingewirkt.« Dieser hatte einen bedeutenden Einfluß, und ich konnte voraussetzen, daß sein Urteil über mich mir schädlich geworden war. Der Prinzregent lachte und schien mich zu verstehen. »Aber, warum wollen Sie lesen?« fuhr er fort, »Sie können ja in Ihrer Wissenschaft Schriften ausarbeiten; bei uns ist Preßfreiheit, und wenn Ihre Schriften nichts gegen den Staat, die Religion und die guten Sitten enthalten, so wird Ihnen kein Mensch Hindernisse in den Weg legen.« Ich suchte ihm nun darzutun, wie ich mir das Talent, mündliche Vorträge zu halten und dadurch die Jugend zu gewinnen, ganz vorzüglich zutraute; wie eben der lebhafte Beifall, den ich in Kopenhagen, wie später in Halle, gewonnen hatte, mir die Verpflichtung auflegte, eine Laufbahn nicht aufzugeben, die ich so glücklich begonnen hatte. Eben die Erfolge, die meine Gegner zu fürchten schienen, waren mir eine Aufforderung, den Wirkungskreis festzuhalten. Zwar glaubte ich eine sonstige amtliche Stellung gewissenhaft übernehmen zu können: aber für eine solche Stellung waren viele da, ich könnte, um in diese Masse zu treten, die mir verliehene Gabe nicht aufgeben; »und dann«, fuhr ich fort, indem der Prinzregent mich mit großer Geduld und Güte sprechen ließ, »habe ich als Promovierter aus einer einheimischen Universität das Recht erworben, Vorträge zu halten und erscheine also als ein Bestrafter. Dulde ich, daß mir dieses Recht genommen wird, so lege ich damit das Geständnis eines Vergehens ab: und ich sollte, was mir als ein Heiliges dünkte, in eine so schiefe Stellung bringen?« Es scheint, als wenn der Prinzregent diese Äußerung mißverstanden hatte, wie spätere Ereignisse beweisen. Auch jetzt schien er verdrießlich. Der Gang des Gesprächs ist mir nicht vollkommen erinnerlich; aber es schloß auf eine Weise, die mir das höchste Mißfallen des Prinzen zuzog. Er äußerte mit Heftigkeit, daß ich ja gezwungen werden könne, dänische Dienste anzunehmen, weil ich dänische Reisestipendien genossen habe. Ich wagte es nun, und sehe auch jetzt nicht ein, wie ich es hätte umgehen können, den Prinzen daran zu erinnern, daß ich mich, wie meine Pflicht es gebot, eingestellt und ein dänisches Amt angenommen, daß ich nicht heimlich entwichen, sondern in Gnaden entlassen wäre, »und jetzt, Ihre Königliche Hoheit«, so schloß ich, »bin ich Königlich Preußischer Professor, habe keine Entlassung, sondern nur Urlaub erhalten und habe vor meiner Abreise die Erklärung abgegeben, daß ich, selbst wenn in meinem Vaterlande die glänzendsten Aussichten für mich sich eröffneten, in der gegenwärtigen bedenklichen Lage des Landes keineswegs meine Dienstverhältnisse verlassen würde.« Schon im Verlauf des Gesprächs hatte ich früher dasselbe gesagt. Der Prinzregent äußerte sich auf eine mich kränkende Weise über die preußische Armee und fragte mich spöttisch, ob ich etwa, um das Land zu retten, preußischer Soldat werden wolle. Am Schluß des Gespräches war er sehr laut geworden und entließ mich erzürnt. Als ich die Tür öffnete, um herauszutreten, sah ich, wie die Adjutanten sich eilig entfernten. Sie hatten, das war klar, als das Gespräch lauter ward, gelauscht. Ein jeder trat so weit von mir zurück wie möglich, keiner grüßte mich, und ich ward auch von diesen Herren sehr ungnädig entlassen.   Den Sommer 1807 nach dieser verunglückten Unterredung über lebte Steffens mit seiner Familie auf Gütern bei holsteinischen Freunden; Bemühungen um eine Anstellung mißglückten. Im Herbst ging die Familie nach Hamburg. Der Kaufmann Sieveking war als bedeutender Handelsherr, der auch öffentliche Ämter bekleidete, Mittelpunkt eines bedeutsamen Kreises gewesen; seine Frau war die Enkelin des Philosophen Reimarus, des Verfassers der durch Lessing herausgegebenen »Wolfenbütteler Fragmente«.   Sieveking war seit mehreren Jahren gestorben, aber der Gesellschaftskreis hatte dieselbe, ich darf wohl sagen, geschichtliche Bedeutung behalten; und die Frau war mit ihren in blühender Gesundheit heranwachsenden Kindern die Zierde desselben. Nie habe ich eine Frau gekannt, die mich so ganz beherrschte, deren stets milde Gegenwart dennoch eine unwiderstehliche Gewalt über mich ausübte. Von ihrer frühesten Jugend an hatte sie in der großartigsten Umgebung gelebt. Alle geschichtlichen Bewegungen Europas, geistige wie politische und kommerzielle, umgaben sie durch würdige Repräsentanten, die in ihrer Nähe erschienen. Zwar war die religiöse Überzeugung, die in diesem Kreise herrschte, nicht die meinige. Die Ansicht, die mit Reimarus anfing und mit Strauß David Friedrich Strauß, 1808-1874, der Verfasser des »Lebens Jesu, kritisch bearbeitet«, 1835, zu dessen von Dogmatismus freier Haltung sich Steffens im Gegensatz befindet. in unsern Tagen den höchsten Gipfel erreicht hat, bildete, wenn auch weniger entwickelt, doch die Grundlage ihrer Religiosität, und dennoch herrschte in diesem Kreise eine Pietät, ja eine Andacht, die ich mit voller Überzeugung eine christliche nennen muß. Das mannigfaltig wechselnde Leben, durch die bedeutendsten Persönlichkeiten der Zeit gehoben, hatte eine feine, im edelsten Sinne vornehme Darstellung der Geselligkeit, eine Sicherheit in jeder Äußerung, ein anmutiges Maß, welches niemals überschritten wurde, erzeugt, und eben dasjenige, was am waffenlosesten zu sein scheint, die weibliche Zartheit, erschien hier als das Gebietende. Es war eine wunderbare Vereinigung bürgerlicher unbefangener Vertraulichkeit, durch welche die freimütigsten Geständnisse hervorgelockt wurden, mit den sichersten Formen der höheren Kreise, die den Umgang stets anregte und zugleich mäßigte. Die unbeschreibliche Güte dieser herrlichen Frau mußte einen jeden hinreißen; sie schien für andere mehr zu leben als für sich selbst; eine jede fremde Sorge trug sie als die eigene, und das Bedenkliche meiner Lage lastete auf ihr wie auf mir. Nie werde ich den zarten Sinn vergessen, mit welchem sie als Freundin den Gast behandelte. In der Hamburger Klassenlotterie war für die letzte Ziehung eine bedeutende Menge großer Gewinne zurückgeblieben. Als die Ziehung zu Ende war, sagte sie: »Kinder, ich hatte voll Hoffnung ein Los für euch genommen, doch ihr habt kein Glück.« Mit den übrigen Gliedern der Familie lebte ich auf einem vertrauten Fuße. Der Greis Reimarus Reimarus beschäftigte sich in seinem Alter mit der Erforschung der Kunsttriebe der Tiere. zog mich sehr an, und ich versetzte mich gern auf den Standpunkt der Naturwissenschaft, in welchem er sich bewegte, der jetzt zwar als ein veralteter erschien, mich aber mit allem Zauber jugendlich glücklicher Erinnerung umgab. Seine Frau ist selbst in der deutschen Literatur nicht unbekannt geblieben. Sie war in ihrem hohen Alter rüstig, ihre Gesichtsbildung hatte etwas Strenges, und sie besaß jenen bedeutenden körperlichen Umfang, der bei den Frauen in Hamburg wie in Holstein im höheren Alter nicht selten ist; ihre Behauptungen waren schneidend, ihre Ansichten, in der Richtung der sogenannten Philosophie des achtzehnten Jahrhunderts ausgebildet, entschieden, und ihre Urteile über Menschen, mit deren Benehmen sie unzufrieden war, fielen hart aus. Mich schonte sie nicht und fand auch genug an mir zu tadeln; was sie von meinen philosophischen Ansichten gelegentlich erfuhr, erschien ihr unverständlich und daher verwerflich. Daß ich meine Familie durch einen tadelnswerten Streit mit dem dänischen Regenten in eine so bedenkliche Stellung versetzte, erschien ihr töricht und auf keine Weise zu entschuldigen. In meiner damaligen Stimmung war ich nun keineswegs geneigt, Äußerungen der Art stillschweigend zu dulden. Ich erinnere mich, einmal ihr entschieden entgegengetreten zu sein. »Es kann«, sagte ich, »unmöglich Ihr Ernst sein, das zu vertreten, was Sie gegen mich behaupten.« Sie hatte nämlich zugegeben, daß der Mann jedes Opfer seiner Überzeugung bringen dürfe, wenn er allein für sich zu sorgen habe: anders aber verhielte es sich, wenn das Schicksal der Frau und der Kinder von seinem Benehmen abhängig wäre. »Sie, meine Gnädige«, äußerte ich, »die Korrespondentin des kühnen Lessing, sollten zugeben, daß eine Frau die Grundpfeiler der männlichen Überzeugung erschüttern dürfe? Sie sollten es lobenswert finden, wenn die Mütter die tapfern Söhne zurückhielten von einem gefährlichen Kampfe für das Vaterland? Sie schätzen die Würde Ihres Geschlechts zu hoch, stellen diese zu entschieden in ihrer Reinheit dar und würden selbst, wie in einem bedenklichen Kampfe die spartanische Mutter, so auch als Frau den Mann ermuntern, mit ihr das Elend zu wählen, wo es einem Kampfe für seine Überzeugung galt. Die Verachtung gegen einen Mann, der sich einer in seinen Augen schlechten Sache verkaufte, um sich zu erhalten, würde Ihnen furchtbarer erscheinen als Armut und Verfolgung.« Was mich schnell bei diesem Streit versöhnte, war die wirkliche Güte, mit welcher sie eine solche harte Erwiderung duldete und, obgleich sie in der Familie eine anerkannte Herrschaft ausübte, mir als Gast eine freiere Sprache erlaubte. Im Sievekingschen Hause erschien auch der Graf Wallmoden, der die unglückliche Kapitulation im Jahre 1803 an der Elbe schloß; mit ihm der Erbprinz von Lippe-Bückeburg und die Schwester des Freiherrn vom Stein. Ich habe nicht leicht eine Frau gesehen, in deren Gesichtszügen sich mehr eine imponierende echt adlige Gesinnung aussprach. Die Lage dieser bedeutenden Personen war im höchsten Grade bedenklich, ihre Länder in feindlicher Gewalt, ihr Eigentum in Gefahr. Bernadotte hielt Hamburg besetzt, und sein Benehmen ward im ganzen gelobt. Desto mehr ward Bourrienne Der französische Gesandte in Hamburg. getadelt. Napoleon, behauptete man, dem er beschwerlich war, wollte ihn von seiner Person entfernen, zugleich aber, da er vieles wußte, was der Kaiser nicht durfte bekannt werden lassen, sein Stillschweigen erkaufen. Es war leicht vorauszusehen, daß durch die Kontinentalsperre die ausgedehnteste Schmuggelei einer Handelsstadt wie Hamburg notwendig ward, wenn nicht alle Handelsverhältnisse zerstört werden sollten. Diese wurde nun durch eine Übereinkunft mit Bourrienne befördert; alle bedeutenden Handelshäuser standen mit ihm in Verbindung, und er mußte durch bedeutende Summen erkauft werden. Seine Finanzen waren bekanntlich im höchsten Grade zerrüttet, und er soll, nachdem kaum einige Monate seines Aufenthalts in Hamburg verflossen waren, über eine Million Franken nach Frankreich geschickt haben. Bernadotte, wurde erzählt, habe sich bei einer öffentlichen Tafel über dieses verächtliche Benehmen streng und unverhohlen in Bourriennes Gegenwart geäußert. Hamburg war damals natürlich in einer sehr unangenehmen Lage; mehrere der größten und reichsten Handelsherren würden sich zurückgezogen haben, wenn ihre Entfernung nicht den sichern Ruin der Stadt herbeigeführt hätte. Besonders waren die bedeutenden Summen, die in der Bank lagen, gefährdet, aber aller Kredit der Handelsstadt wäre verschwunden, wenn man sich die Kapitalien, die hier ruhten, hätte auszahlen lassen. Jerome Sillem war damals schon mit dem russischen Hofe durch bedeutende Finanzangelegenheiten verbunden; er dachte wohl an die Möglichkeit, wenn Hamburg lange in französischer Gewalt blieb, wenn die Kontinentalsperre fortdauerte, Hamburg zu verlassen und alle seine bedeutenden Kapitalien nach Petersburg hinzuziehen. Aber die Liebe zu seiner Vaterstadt hielt ihn noch immer von diesem Entschluß zurück. In den geselligen Verhältnissen der großen Handelshäuser merkte man zwar keine Veränderung; bei der Tafel herrschte der nämliche Luxus: aber ein innerer Wurm zehrte an diesem äußern Glanz, und die Häuser, die mir bekannt waren, Sillem, Hamburry und Sieveking, verbargen es nicht, daß sie jährlich bedeutende Verluste erlitten. Philipp Otto Runge Philipp Otto Runge ist 1777 in Wolgast geboren, er lebte seit 1804 in Hamburg. Sein Bruder Daniel gab seine »Hinterlassenen Schriften« im Jahre 1840 heraus. – Er ist der Schöpfer eines reichen, von außergewöhnlicher Intuition zeugenden, romantischen Werkes auf dem Gebiete der Malerei, der Porträtkunst und des allegorisierenden Stiles. Durch seine Verbindung mit Tieck trat er auch als Schöpfer von Märchendichtungen (»Van dem Machendelboom« und »Vom Fischer un syner Fru«) hervor. Er starb 1810. war, als er bei meinem früheren wie späteren Aufenthalte in Hamburg in dem vertrautesten Umgange mit mir lebte, dreißig Jahre alt. Seine erste Bekanntschaft hatte ich mehrere Jahre früher in Dresden gemacht, wo er in dem genauesten Umgange mit Tieck lebte. Dieser nur zu früh gestorbene Künstler erregte zu seiner Zeit eine große Teilnahme, und da das Andenken an ihn durch die Herausgabe seiner hinterlassenen Schriften erneuert ist, so halte ich mich um so mehr verpflichtet, das Bild dieses in vieler Rücksicht merkwürdigen Mannes zu geben, wie es mir erschien und so gut ich es zu entwerfen vermag. Das seinen Schriften vorgedruckte Bildnis ist nach dem Ölgemälde, welches er selbst gemalt hat, und man kann es ein ziemlich gelungenes nennen. Er war von mittlerer Größe, schlank gebaut, zeichnete sich aber besonders durch einen starken Knochenbau aus, den man an den Händen und Füßen, aber auch im Gesicht erkannte. Seine Gesichtszüge waren dessenungeachtet höchst einnehmend und bedeutend; jeder, der ihn sah, ahnte in ihm eine phantasiereiche Dichternatur. Seine großen, lebendig sinnenden Augen waren gewöhnlich nach innen gekehrt und hatten eine unbeschreiblich anziehende Gewalt. Seine dicht geschlossenen Lippen waren ungemein zart, und aus den leisesten Bewegungen derselben sprach sich etwas Sinniges und Geistreiches aus. Er war in Gesellschaft unbekannter Menschen still und verschlossen; im vertrauten Kreise aber gab er sich gern und willig hin. Er lebte in Hamburg als glücklicher Ehemann, und ich brauche dieses Verhältnis nur kurz zu erwähnen. Die Briefe an seine Frau, vor und nach seiner Ehe, wie viele Briefe an seine Freunde, die jetzt gedruckt sind, enthüllen uns die Tiefe der mit allen seinen künstlerischen und dichterischen Gedanken innig verbundenen Neigung. Es gibt wenige Menschen, die sich so ganz als Fremdlinge auf der Erde darstellen wie er. Alle seine Gedanken, dichterische wie künstlerische, bewegten sich in einer höhern geistigen Welt, in welcher er lebte, und aus welcher jede Äußerung entsprang. Wenn junge Männer nicht selten sich bemühen, einem in allen äußeren Rücksichten gefesselten sinnlichen Dasein äußerlich eine höhere Bedeutung zu geben, das Gemeinste und Geringste mit hohen, aber leeren Worten zu übertünchen – ein Versuch, der immer auf eine widerwärtige Weise mißlingt –, so erschien Runge hingegen mit einer unbefangenen und ungesuchten Wahrheit. Er suchte nie Worte, ich hörte nie einen Menschen sprechen, der mit großer Tiefe so einfach sich äußerte wie er; gewöhnliche Menschen übersahen ihn ganz, aber die wärmste Neigung eines jeden Menschen, der ihm einmal nahegetreten war, erwarb er sich auf immer. Es entstand fast unvermeidlich ein Gefühl in seinen Freunden, durch welches sie gezwungen wurden, ihm tätig zu dienen, alles in seiner Umgebung so zu ordnen, daß das innere, in der Erscheinung fremde Dasein in allen Richtungen sich frei entwickeln und äußern konnte. Dieses, daß, wer ihm nahetrat, ihm dienen mußte, gestaltete sich deswegen als eine unvermeidliche Forderung, weil die verschiedenen Richtungen seiner Arbeiten weit auseinander lagen und dennoch so durchaus von einem einigenden Lebensprinzip durchdrungen waren, daß seine Freunde mit der gespanntesten Erwartung der reichen, lebendigen Gestalt entgegensahen, deren Geburt angekündigt war und die nun erscheinen mußte. Dieses erkannten seine Freunde, seine Familie, vor allen der Herausgeber seiner hinterlassenen Schriften, sein Bruder, der ganz für ihn lebte und sich opferte. Wenn Runge unter seinen Freunden saß, erschien er im wahrsten Sinne kindlich. Die geringsten, gewöhnlichsten Ereignisse erhielten einen dichterischen Anstrich, und das Unbedeutendste erschien ihm märchenhaft. Ich habe auf diese Weise Abende erlebt, durch die Unterhaltung, die von ihm ausging, so seltsam gehoben, daß, wäre es möglich, sie, wie sie waren, darzustellen, eine Dichtung zum Vorschein kommen würde, die zu den vorzüglichsten gerechnet werden müßte, die jemals erschienen sind. Das Phantasiereiche und Kindliche in der plattdeutschen Sprache trat dann mit einem unwiderstehlichen Zauber hervor; die beiden in der deutschen dichterischen Literatur allgemein bekannten und geschätzten Märchen hörte ich an solchen Abenden von ihm erzählen, als sie noch nicht gedruckt, ja noch nicht aufgeschrieben waren; und sie erschienen da um so bedeutender, weil sie nicht isoliert etwa als ein verfertigtes vorgelesenes Gedicht fremdartig in eine prosaische Welt hineintraten, weil wir vielmehr sämtlich als Kinder von dem wunderbaren Grauen des Lebens ergriffen waren, so daß die Märchen uns fast wie das Natürlichste, die gewöhnliche Reflexion aber als etwas Unwahres und Nichtiges erschien. So sehr auch Novalis durch Bildung und Ansichten des Lebens von Runge verschieden war, so wurde ich doch immer an jenen erinnert. Novalis lebte in einer reichen Mythenwelt, wie sie sich geschichtlich gestaltet hatte, er lebte forschend, grübelnd, bildend in ihr und sprach aus ihr heraus. Hier aber glaubte ich das Mythen erzeugende Organ inmitten einer kalt reflektierten Zeit unmittelbar wahrzunehmen. In der Tat: es war merkwürdig, wenn man nun neben dieser rein phantastischen Richtung seines Geistes die Schärfe der Auffassung bestimmter Gegenstände, denen er in allen ihren Beziehungen nachforschte und sie zu verfolgen suchte, wahrnahm. Als Maler war ihm die Natur und Bedeutung der Farben höchst wichtig, aber obgleich auch diese in einer tiefern, fast mystischen Bedeutung aufgefaßt wurden, so vergaß er doch keineswegs die durchaus äußeren, für das Technische wichtigen Verhältnisse. Es wäre in der Tat wünschenswert, wenn die Untersuchungen, die er anstellte, die Versuche, durch welche er den Farben Dauer zu erteilen unternahm, selbst wenn sie nicht ganz gelungen waren, allgemeiner bekannt wurden. Da in den letzten Dezennien die Malerkunst wieder aufzuleben anfängt, nachdem sie fast verlorengegangen oder mit untergeordneten Gegenständen beschäftigt und in untergeordneten einseitigen Manieren gefesselt war, ist es mit Bedauern bemerkt worden, wie schnell mehrere der vorzüglichsten Bilder der neuesten Zeit nachgedunkelt sind. Die Kunst, welche die Alten so wohl verstanden, der Frische und dem Glanze der Farben in ihren Bildern Dauer zu verschaffen, scheint in der Tat verschwunden oder wenigen Malern nur noch wie durch einen Zufall eigen zu sein. Auf diesen Gegenstand war Runges Aufmerksamkeit sorgfältig gerichtet. Was Albrecht Dürer und vorzüglich Leonardo da Vinci über die Farben geschrieben hatten, war ihm wohlbekannt. Einen alten chemischen Laboranten in Altona, der sich viel mit Versuchen in der Farbenchemie beschäftigte und im Besitz bestimmter Geheimnisse zu sein glaubte, hatte er persönlich kennengelernt. Seine Geheimnisse gab dieser nicht für eigene Erfindungen, vielmehr für Überlieferungen aus, und Runge verschmähte es nicht, sich mit ihm einzulassen. Das große lebhafte Interesse, welches er zeigte, erwarb ihm das Vertrauen des alten Adepten. Runge selbst stellte eine Menge Versuche an. Inwiefern diese Arbeiten zu irgendeinem bedeutenden Resultate führten, ist mir unbekannt geblieben. Die Schwierigkeit bleibt immer, daß das entscheidende Urteil erst nach einer bedeutenden Länge von Zeit gefällt werden kann. Aber mit welcher Strenge und Schärfe der Beobachtung er einen bestimmten Gegenstand behandelte, beweist seine Schrift: »Die Farbenkugel«, in welcher er die Verhältnisse aller Mischungen der Farben zueinander in ihrer vollständigen Verwandtschaft zu konstruieren und eine Ableitung der Harmonie in der Zusammenstellung derselben nachzuweisen suchte. Diese Schrift, streng auf ihren Gegenstand beschränkt, ist als ein Muster einer in sich ganz abgeschlossenen Untersuchung, selbst für die Naturwissenschaft, zu betrachten. Obgleich nun diese Arbeit in ihrer Abgeschlossenheit ebenso abgesondert von der großen, künstlerisch-dichterischen Unternehmung Runges wie von der theoretisierenden Physik daliegt, einem vollendeten Faktum ähnlich, so ist doch die Betrachtung desselben für einen jeden, der Runge richtig schätzen will, von großer Bedeutung. Es gibt keinen Künstler der neueren Zeit, der sich so unbedingt seiner reichen Phantasie hingab, und bei dem ersten Anblicke scheinen seine Produkte mehr einem willkürlichen Traume ähnlich, in welchem alle bestimmten Gestalten sich durch unsichere Verwandlungen in das Gestaltlose hineintauchen und zu verschwinden drohen. Wenn wir nun aber sehen, wie dieser scheinbar träumerische Künstler mit der kältesten Besonnenheit einen verwickelten Gegenstand in allen seinen Beziehungen zu umfassen vermag, dürfen wir dann voraussetzen, daß er in seinen Darstellungen alle Besinnung verloren hat? Muß man nicht vielmehr glauben, daß die wunderbare Freiheit soviel wagt, weil sie von einer besonnenen Zuversicht sicher getragen wird? Daß sich eine verhüllte, tiefe Absichtlichkeit in dem scheinbar willkürlichen Spiel verbirgt? Seine Produkte mögen uns rätselhaft erscheinen, aber die Rätsel sind sinnvoll, sie stoßen nicht zurück, sie ziehen uns vielmehr an, und wir können sie nicht verlassen, ohne mit aller Anstrengung ihre Lösung zu versuchen. So erfreulich das Wiederaufleben der Kunst in unseren Tagen ist, so gern wir die Bewunderung der bedeutenden Talente, die zum Vorschein gekommen sind, teilen: so müssen wir doch gestehen, daß eine so tief geistig bewegte Zeit wie die unsere eine neue, ihr zugehörige eigentümliche Kunst fordert. Was wir besitzen, ist mehr oder weniger Wiederholung des Dagewesenen; von dieser Überzeugung war Runge durchdrungen und in dieser Hinsicht recht eigentlich ein Kind der lebendigen neuen Zeit, die hervortrat; in seiner reinen Ursprünglichkeit dem Tiefsten, was damals laut wurde und sich wechselseitig verständigte, gleich. Alle Kunst ist Mythe, ja diese findet ihre reine, vollendete Darstellung erst in der Kunst. Allerdings hat eine jede Religion, auch die wahrste und heiligste, ihre mythische Seite, aber keine, auch nicht die verirrte, entspringt aus der Mythe. In der Religion bewegen sich alle Momente des Daseins, und in dieser lebendigen Einheit aller geht sie einer höheren, über das bloß sinnliche Dasein hinausreichenden Entwicklung entgegen: aber sie will, ja sie soll sich auch sinnlich darstellen, sie soll innerhalb der sinnlichen Entwicklungsstufe, auf welcher wir leben, eine vollendete Gestaltung erhalten, sie soll irdischer Natur, d. h. Kunst werden. In dieser Richtung bleibt das Dasein zwar, wie jede historische Erscheinung, wo es eine wahre Bedeutung behält, wo es also als eine Verklärung der Geschichte erscheint, in seiner Quelle religiös. Die Religion ist das Gewissen der Kunst wie jeder irdischen Tat. Die Richtung gegen die Kunst aber ist in der Bewegung der erscheinenden Geschichte als eine besondere befangen, nicht eine Bewegung des ganzen Daseins wie die Religion; sie ist Poesie, Mythe. So ist in der lebendigen Zeit des Katholizismus auch die christliche Religion dichterisch geworden, und diese Dichtung hat ihre Vollendung gefunden in einer mythischen Kunst. Das Christentum hat nicht angefangen mit einer Mythe; wer diese Behauptung aufstellt, verkennt durchaus seinen göttlichen Ursprung. Eine bestimmte irdische Entwicklungsstufe aber schloß mit einer solchen, wie mit einer bestimmten Bildung der Wissenschaft, des Volkslebens, des Staates. Wir haben recht, wenn wir die tiefe göttliche Absichtlichkeit, die sich in diesen Bildungen verbarg, bewundern: aber sie bilden sämtlich unsere Vergangenheit, die nicht verdrängt, wohl aber einer höhern reicheren Metamorphose entgegengeführt werden und in dieser selbst eine tiefere Bedeutung erhalten soll. Runge hat sich selbst über seine Ansicht einer neuen Kunst geäußert, und diese Äußerungen liegen uns jetzt in aller Ausführlichkeit vor. So aber, wie sie da sind, waren sie nicht für das Publikum bestimmt, es war vielmehr eine innere tiefe Aufgabe, die Verständnis, Lösung und Mitteilung bei den nächsten Freunden suchte. Der Reichtum, der in diesem Anfange einer neuen Kunst lag, stimmte mit der geistigen Bewegung der ganzen Zeit überein. Der Keim der neuen Entwicklung schloß den Menschen nicht als ein isoliertes, leibliches, sinnliches Gebilde in sich, vielmehr ihn selbst mit seiner Welt; alle Naturgebilde sollten den Menschen mit seinen inneren Kämpfen und Siegen darstellen, und der Mensch sollte wiederum ganz Natur sein. Ich selbst gehörte zu denen, die, als die hinterlassenen Schriften erschienen, die große Ausführlichkeit zu tadeln geneigt waren. Je mehr ich mich aber mit diesen Schriften beschäftigte, desto entschiedener trat die Überzeugung hervor, daß nichts fehlen dürfe. Wer würde es wagen, an diese Konfessionen die abkürzende Hand zu legen? Die Arabesken, mit welchen er anfing, enthielten den lebendigen Keim einer neuen Kunst; in einem solchen Keim aber liegt ein überschwenglicher Trieb der Bildung, eine reiche, aber unbestimmte Zukunft, die geweissagt, angedeutet, aber nicht dargestellt werden kann. Die Tageszeiten, wie sie zuerst erschienen, zeigten in ihrer Komposition etwas Architektonisches; das Beweglichste erhält dadurch einen ruhenden Charakter und wird plastisch, und alle drei Richtungen der Kunst treten in diesem Anfange in ihrer Einheit hervor. Die tiefe Absichtlichkeit, die in den Darstellungen sich ausspricht, ist leicht zu entdecken. Der heiße Tag, der kühle Abend, die träumerische Nacht, alle diese Darstellungen sprechen uns in ihrer Eigentümlichkeit unmittelbar an; aber der tiefe, verborgene Sinn, durch welchen die Bilder sich in Schriften reichen Inhalts verwandeln, Gestalten Worte und die bedeutungsvollsten Worte Gestalten werden, treten erst nach einem langen Studium dem Betrachtenden entgegen. Der Ausdruck »Symbol« wäre hier ein schwacher und schiefer; in diesem nämlich liegt immer etwas von äußerer Beziehung zwischen Gestalt und Wort; es fällt keinem ein, die Worte Symbole der Gedanken zu nennen, und wie das treffende Wort der reinste Ausdruck der Gedanken, so sind in diesen Darstellungen die Gestalten die reinsten Ausdrücke der Worte. Ich habe oben unter den Tageszeiten die Darstellung des Morgens nicht genannt. Runge war mit dieser nicht zufrieden. Eine spätere in sich klarere Darstellung schickte er mir in einer Zeichnung kurz vor seinem Tode. Es ist das einzige Bild, welches auch als Ölgemälde ausgeführt wurde. In diesem treten auch die Farben in ihrer mythischen Bedeutung hervor. Das Gemälde ist in dem Besitze des Bruders, und wenn es als Ölgemälde nicht verglichen werden kann mit den Werken großer Meister, so darf man nicht vergessen, daß diese Werke die künstlerische Vollendung einer vergangenen Zeit, das Gemälde meines Freundes aber der erste unvollkommene Anfang einer neuen Kunst ist. Die für mich entworfene Zeichnung, die ich als einen großen Schatz bewahre, ist in Hamburg lithographiert. Das, worauf ich bei dieser aufmerksam machen will, ist der Gegensatz zwischen der Morgenröte und einem auf dem Rücken liegenden, spielenden Kinde. Die natürliche Lage des Kindes, wodurch es sich von allen Tieren unterscheidet, ist, daß es auf dem Rücken liegt; daß sich bei den neugebornen Tieren so früh das Gehen entwickelt, beweist eben, daß sie der Vormundschaft der Natur noch nicht entrückt sind. Das hilflose Kind, welches man bedauert, ist aber von der Natur losgesprochen; es ist in eine höhere Welt versetzt, es ist geboren, von den Armen der Liebe getragen zu werden. Wenn das nackte Kind gegen das Ende des ersten Jahres, von aller Bedeckung entblößt, frei und spielend auf dem Rücken liegt, dann gibt es keinen heiligern Ausdruck der Morgenröte als der in dieser Gestaltung ausgesprochen wird. Das Kind ist schon durch das Säugen mit den Armen vertraut; Organe, die tätig sind, sind schon durch die Tat der Reflexion entronnen, und wenn ein Kind sich zuviel mit der Betrachtung der Hände und Finger beschäftigt, so kann man fast eine Krankheit voraussetzen. Die Beine und Füße dagegen bleiben in den ersten Monaten untätig; sie erscheinen fast als dem Kinde nicht zugehörig; eine innere Ahnung aber zieht die Aufmerksamkeit auf diese Glieder, wie später auf andere Kinder, in welchen der Keim gegenseitiger Entwicklung derselben Stufe sich ahnungsvoll ausspricht. Die Betrachtung geht nun in eine lebhafte Bewegung über. Das Kind rührt die unteren Glieder fortdauernd spielend und kann nicht müde werden, es zu tun; das Kriechen oder Gehen ist als Gegenwart in dieser Bewegung gar nicht gegeben; es scheinen diese beiden Bewegungen sogar noch immer unmöglich: und dennoch scheinen sie in einer Gegenwart, welche die bestimmte Tätigkeit ausschließt, ein dunkles Bewußtsein des zukünftigen Kriechens und Gehens, die Vorübungen, ich möchte sagen, die Studien einer spätern Tätigkeit zu verbergen. Das Kind kann nicht sprechen, das Lallen enthält ebensowenig die Elemente der Sprache wie das Spielen mit den Füßen die Elemente des Gehens. Was ist nun dieses jubelnde Lallen, das gar nicht aufhören will? Es ist die noch geschlossene, aber schwellende Knospe der Sprache. – Eine jede Mutter, die so das spielende Kind betrachtet, trägt einen Himmel der Zuversicht und der Hoffnung in sich. So als ein mit den Füßen spielendes, mit der Zunge lallendes Kind, aber auch mit der Prunklosigkeit der Entwicklung des Kindes und von der reichen Hoffnung erfüllt, muß man jene Rungeschen Anfänge der Kunst betrachten. Das Spielen zwischen Kindern und Blumen, die sich wechselseitig verständigen, soll einen Tag der Kunst herbeiführen, stellt ihn aber noch nicht dar; daß jedoch dieses scheinbar nutzlose Spiel nicht ein leeres sei, das beweist die tiefe Absichtlichkeit, die in ihm verborgen liegt wie in dem Organismus des Kindes. Meine Bekanntschaft und innige Verbindung mit Runge rief zuerst die Bedeutung einer neuen Kunst, einer neuen Poesie, die ich erwartete, hervor; sie schwebt mir noch immer wie eine zukünftige, lebendige Hoffnung vor der Seele, obgleich die ersten Töne der Poesie, welche die künstlerische Vollendung der Mythe verkündigen und beleben sollten, mit der Tieckschen Märchenwelt ebenfalls in ihrem kindlichen Lallen verklangen. – Runge war dem Tode geweiht; die hektische Konstitution sprach sich entschieden aus, die roten FIecken auf den Wangen verkündigten die Annäherung der letzten Stunden, und ein tief wehmütiges Gefühl durchdrang mich, als ich mich zuletzt von ihm trennte. Helfer in Preußens Not Durch die harten Bestimmungen des Tilsiter Friedens nahm der Sieger Napoleon dem preußischen Könige alle seine Länder westlich der Elbe und gab sie seinem jüngsten Bruder Jérôme. Die preußischen Städte Stendal, Magdeburg, Halle und das anhaltische Dessau wurden Grenzorte des neuen »Königreiches Westfalen«, das sich zwischen die französischen Verbündeten am Rhein und den Rest Preußens schob. Westfalen mußte zum Rheinbunde ein Kontingent von fünfundzwanzigtausend Mann stellen, und die zwei Millionen Einwohner, die nun zu Westfalen gehörten, hatten schwere Lasten aufzubringen. Die Staatsausgaben überstiegen die Einnahmen um das Dreifache. In Kassel regierte der König Hieronymus von Napoleons Gnaden, Diese Gnade war wetterwendisch und ungewiß. Jérômes Regierung drückte schwer die Gemüter seiner Untertanen, die sich als Deutsche plötzlich als Angehörige dieses Attrappenstaates einer unsicheren Zukunft ausgeliefert sahen. Von ängstlichen Ahnungen erfüllt lag das Land, als im Frühling des Jahres 1808 eine Reisekutsche den Professor Steffens von Lübeck, wo er auf dem Gute des Herrn von Rumohr einen stillen Winter bei Studien und politischen Gesprächen zugebracht hatte, wieder nach Halle und in ein Amt zurückbringen mußte, das nun dem westfälischen Minister Johannes von Müller unterstand. * Die unbestimmte Angst, die mich zu befallen pflegt, wenn ich nach einer langen Abwesenheit in die alte Wohnung zurückkehre und mich zwischen meinen Büchern und Papieren wiederfinde, befiel mich dieses Mal im höchsten Grade. Schon auf der Reise, die von dem schönsten Wetter begünstigt war, ward meine Frau, wie ich, immer stiller und ängstlicher, je mehr wir uns Halle näherten. Die Masse der Häuser, je deutlicher sie hervortraten, erschien mir düster, und ihre verhängnisvolle Stille drohend und finster. Die ersten Tage steigerten die Angst, die sich nicht verdrängen ließ. So mag ein reicher Besitzer, der durch eine Feuersbrunst alle seine Reichtümer verloren hat, nach der Brandstätte zurückkehren, um die kümmerlichen Reste in der ausgebrannten Asche zwischen den Ruinen zusammenzusuchen; und nicht bloß eine Brandstätte fand ich: die ganze Gegend, in welcher das Haus lag, hatte sich verwandelt; böse Geister waren da eingezogen, wo mir die Stätte früherer Tätigkeit geweiht schien; und wo mit frischer Jugend ein kühnes Leben in früherer Zeit quellend mir entgegentrat, da schien jetzt alles matt, durch Kummer abgestumpft, die Gesinnung schwankend, während die Gewalt der Feinde, die mit dem Untergange drohten, mächtiger ward, das äußere Leben nach ihrer Art gestaltete und das innere verpestete. Das Reichardtsche Haus stand noch in einer Art von Verwüstung da; Reichardt hatte bei dem neuen westfälischen Hofe eine Stelle erhalten und war mit seiner Familie nach Kassel gezogen; er dirigierte die Oper; die Verfolgung von seiten Napoleons hatte aufgehört, aber man wollte ihn in der Nähe unter Aufsicht halten. In Paris hatte man Reichardt für den Verfasser einer gegen Napoleon gerichteten, anonym erschienenen Schrift gehalten. Zu seinem Glücke fand er dort alte Freunde, die ihn warnten und beschützten. Bülow, von Magdeburg aus dahin versetzt, war westfälischer Finanzminister; Johannes von Müller war Staatsrat und verwaltete das Departement des Unterrichts. Reinhard Karl Friedrich Graf von Reinhard, 1761-1837, war von Geburt Württemberger, trat aber in französische diplomatische Dienste, war Gesandter in den Hansestädten und bei der Regierung Jérômes in Kassel, eine politisch einflußreiche Persönlichkeit, die auch mit Goethe im Briefwechsel stand. war der den Regenten kontrollierende, ja in gewissen Verhältnissen gebietende Gesandte, von dem mächtigen Bruder ihm zur Leitung und Beaufsichtigung hingeschickt. – Wolf hatte Halle verlassen und war nach Berlin gezogen, wo schon der Gedanke an die Errichtung einer Universität in der Hauptstadt sich immer entschiedener auszusprechen anfing. Man glaubte einzusehen, daß das unterdrückte Preußen jetzt nicht mehr durch Waffen, sondern durch Geist sich heben ließ, und dieser, zur Erfrischung und Erneuerung des Staats berufen, schien sich immer bedeutender in sich zu fassen. Wilhelm von Humboldt, Niebuhr, Schleiermacher, Graf Dohna 1808-10 preußischer Minister des Innern. können wir wohl als die Hauptpersonen nennen, die diesen Gedanken pflegten und bis zur Ausführung reifen ließen. Schleiermacher war noch eine Zeitlang in Halle, und zwar noch in meiner Wohnung geblieben; ich fand sie so, wie er sie mit meiner Schwester verlassen hatte, und wieviel ich durch seine Abwesenheit entbehrte, fühlte ich eben dadurch noch tiefer. Reil war aber noch da, und ich fing an zu hoffen, daß er die gesunkene Universität nicht verlassen würde, so groß auch seine Neigung dazu sein mochte; denn seine bürgerliche Stellung sowohl als seine große Praxis schienen ihn hier festzuhalten. Reil und Blanc waren nun in der Tat die einzigen, die aus der alten Zeit mir übriggeblieben waren, und an diese schloß ich mich mit voller Seele an. Man darf indes keineswegs glauben, daß die vaterländische Gesinnung bei den Professoren erloschen war; jede angeordnete Feierlichkeit ward nur unwillig begangen. Es gab vielleicht keine Stadt in dem Königreiche Westfalen, die bei allen Bürgern eine treuere Anhänglichkeit an das Königliche Haus in seinem Unglücke zeigte als Halle. Ein paar Männer wurden (ich habe nicht erfahren können, ob mit Recht), als Spione betrachtet und allgemein geflohen. – Im Juli 1810 starb Preußens Königin. Nie erschienen mir aber die Einwohner der Stadt in einem schöneren Lichte als damals. Es war eine Bewegung in der Stadt, nur mit derjenigen zu vergleichen, die in den ersten Tagen der Überwältigung durch die Feinde stattfand. Der Schmerz malte sich auf allen Gesichtern; die tiefste Trauer herrschte in allen Häusern, und ein Gefühl schien einen jeden zu durchdringen, als wäre die letzte schwache Hoffnung mit dem Leben der angebeteten hohen Frau entwichen. Selbst die Feinde schienen diese Gefühle zu ehren, aber sie ahnten nicht, welche feindselige Gesinnungen sich in jedem Gemüte zusammendrängten und an die Stelle des betäubenden Schmerzes traten. Allgemein schrieb man den Tod der Königin der unglücklichen Lage des Landes zu; »der Feind,« sagte man sich, »habe die Schutzgöttin des Volkes getötet,« und ein Gefühl der Rache und ein wenn auch nicht ausgesprochener Schwur, das Andenken an sie durch unerschütterliche Anhänglichkeit zu ehren, stärkte die volkstümliche Gesinnung, die eine jede Gelegenheit ergreifen wollte, das verhaßte Joch abzuwerfen. Die Königin blieb nach ihrem Tode, was sie in ihrem Leben war, die Heldin eines Kampfes, der selbst, nachdem er sich in das Innerste der Gemüter hineingezogen hatte, nicht aufhörte, sich vielmehr für den ersten günstigen Augenblick stärkte. Johannes v. Müller war der Chef aller westfälischen Universitäten. Er hatte sich, wie man behauptet, von den furchtbaren Ereignissen des Krieges überwältigt, nach einer Audienz bei dem Kaiser Napoleon schwach gezeigt, aber als er sich besann, entzog er sich dennoch dem Einflusse der nahen und drückenden Gewalt der Feinde. Er verließ Berlin, um sich auf der Universität Tübingen als Professor zu verbergen, ward aber auf der Reise, man kann wohl sagen, aufgegriffen und als Staatsrat nach Kassel geschleppt. Gewiß war ihm diese glanzvolle Beförderung, die ihn an die Spitze aller wissenschaftlichen Institute des neuen Königreichs stellte, keineswegs angenehm. Wie er war, konnte er sich die trotzige Gesinnung, die erfordert wurde, um eine solche Stelle zu bekleiden, keineswegs zutrauen, und daß kein Beamter eine unangenehmere Stellung einnehmen würde als er, ließ sich voraussehen. In der Tat erfuhren wir auch, daß er nie so entschieden, als erfordert wurde, sich zeigte; und ein Gelehrter in Göttingen, der berühmte Heyne, Christian Gottlob Heyne, 1729-1812, Philologe und Archäologe von bedeutendem Rufe. trat, freilich durch seine Zelebrität wie durch sein hohes Alter – er war der Senior aller deutschen literarischen Notabilitäten – beschützt, viel trotziger und kühner hervor. Man fürchtete Göttingen; denn es war die einzige Universität, die man schätzte, alle übrigen waren den Franzosen unbekannt, und Heynes entschiedene Opposition ward, wie wir erfuhren, dieser Universität bei vielen Gelegenheiten nützlich. Der neue König Jérôme beehrte die Universität der Stadt Halle mit seinem Besuch. Er ward von mehreren Generalen und Beamten und unter diesen von seinem Staatsrat Johannes v. Müller begleitet. Ich war erst entschlossen, unter den Professoren, die sich ihm vorstellen sollten, nicht zu erscheinen, konnte aber der Lust nicht widerstehen, diesen Menschen, der aus einem völlig unbedeutenden und nichtigen frühern Leben, nachdem er seine Frau verstoßen hatte, um eine deutsche Prinzessin zu heiraten, durch die bloße Willkür seines Bruders ein deutscher König geworden war, in Augenschein zu nehmen. Das sämtliche Korps der Professoren und die Beamten der Stadt waren bei Niemeyer August Hermann Niemeyer, 1754-1828, protestantischer Theolog und Pädagoge in Halle, Direktor der Franckeschen Stiftungen, 1807 von den Franzosen nach Frankreich geführt, kehrte 1808 zurück und wurde Kanzler der Universität Halle. versammelt. Der Torweg, den der König passieren mußte, um in die für ihn bestimmten Gemächer einzutreten, war mit Blumen bestreut; geputzte Mädchen aus der Stadt waren dort bereit, ihn mit Gedichten zu empfangen: und ich gestehe, daß mich diese für seinen Empfang bestimmten Feierlichkeiten empörten. Während wir ziemlich eng zusammengedrängt auf die Ankunft Jérômes warteten, wurde allerlei gesprochen. Manche Professoren äußerten sich dreist genug; ich schwieg, ja, ich ward von einer Scham ergriffen, mich hier zu finden, die mich niederdrückte. Meine Erbitterung gegen den ganzen Auftritt wie gegen mich selbst war sichtbar, meine nie verhehlte Gesinnung allgemein bekannt. Der König kam. Es dauerte noch eine lange Zeit, bevor die verschiedenen Klassen der Versammelten zur Audienz vorgelassen wurden. Der damalige Unterpräfekt, in die Staatsuniform gekleidet, den Klapphut unter dem Arm, stand dicht an der Türe, die eröffnet werden sollte, als derjenige, der mit seinen Untergebenen zuerst vorgelassen zu werden erwartete und forderte. Wir hatten uns bescheiden zurückgezogen. Die Türe ward eröffnet, einer der vornehmen Begleiter des Königs, ob ein Hofmarschall oder Kammerherr oder Adjutant, weiß ich jetzt nicht und wußte es kaum damals, trat herein. Der Präfekt hatte schon einen Schritt vorwärts getan, ward aber aufgehalten. Der König wollte zuerst die Gelehrten empfangen. Es ist bekanntlich eine Sitte in Frankreich, der das Geistige repräsentierenden Korporation den Vorrang zu geben. Die religiöse hatte nach der Revolution den ihr gebührenden Vorzug verloren. Wir traten ein. In der Mitte seiner Umgebung stand der König da, eine wahrhaft kümmerliche Gestalt; eine nichtssagende Physiognomie; jugendliche Gesichtszüge, durch Ausschweifungen entstellt, seine Augen matt, seine Haltung unsicher; man erkannte den Mann, der kein eigenes Dasein hatte und es fühlte, daß er, von andern getragen, in sich völlig bedeutungslos war. In einer kurzen Anrede versicherte er uns, daß er die Wissenschaften ganz vorzüglich liebe und diese und die Universität beschützen werde. Aber eine Gestalt hatte mich in der Umgebung des Königs mit tiefer Wehmut ergriffen; es war Johannes v. Müller. Er war stark, breit, in seiner Haltung etwas ungeschickt, seine Gesichtszüge, obgleich bedeutend, doch nichts weniger als schön. Wie ich zu bemerken glaubte, schien er höchst verlegen, als schämte er sich. In der steifen, von breiten Goldtressen starrenden Staatsratsuniform sah er dem Schweizer eines Hotels nur gar zu ähnlich, und ich vermißte den Portierstab. Nach der Audienz stattete ich dem Staatsrat Johannes v. Müller einen Besuch ab. Es waren mehr als drei Jahre verflossen, seit ich seine Bekanntschaft in einer Zeit voll großer, kühner Entschlüsse und glänzender Hoffnungen gemacht hatte, und nun sahen wir uns so wieder. Beide der nämlichen feindlichen Gewalt, wie es schien, rettungslos hingegeben, waren wir insofern uns gleich; es war das grenzenlose Unglück, welches uns gleich machte. Daß die Verschiedenheit unserer Stellung, seine als meine höchste Behörde, meine als sein Untergebener, dem tiefen, gleichmachenden Unglücke gegenüber keine Bedeutung hatte, war natürlich. Unser Gespräch drehte sich um jene kühne Zeit und um die furchtbare Gegenwart. Ihm war alle Hoffnung verschwunden, er war innerlich ganz in sich zerfallen und verbarg es nicht; und, wie natürlich, in seiner Umgebung konnte er die Stätte nicht entdecken, die eine zukünftige Hoffnung festhielt und zur Tat auszubilden versprach. In dieser war ich heimisch, wie der Erfolg meiner Darstellung zeigen wird. Er warnte mich, er hatte mancherlei von meinen unvorsichtigen Äußerungen gehört, er schien gefährliche, geheime Verbindungen zu ahnen, doch nicht zu kennen. »Ich kann keinen schützen,« sagte er, »ich bin genötigt, stillschweigend den Untergang der Unbesonnenen zu dulden.« Als ich etwa eine halbe Stunde bei ihm zugebracht hatte, reichte er mir wehmütig die Hand; die Tränen standen ihm in den Augen. »Sie müssen sich entfernen,« sprach er, »ein zu langes Gespräch könnte verdächtig erscheinen.« Das war der Mann, der die große Vergangenheit mächtiger germanischer Gesinnungen bewahrt und ausgesprochen hatte! Eine Erfahrung, wie diese, war mir schrecklich. Es war mir grauenhaft hart, die Verehrung, die ich für ihn hatte, in Mitleid verwandeln zu müssen. Johannes von Müller starb bereits – ein innerlich Gebrochener – am 29. Mai 1809. * In den Jahren 1808 und 1809 fing Schelling schon an, sich mehr mit der Begründung einer höheren und lebendigeren Ansicht der Philosophie zu beschäftigen, und hatte die weitere Bearbeitung der Naturphilosophie mir allein überlassen. Ich kann sagen: mir allein; denn die von Oken Lorenz Oken, 1779-1851, Naturforscher, Arzt und romantischer Philosoph; »Grundriß der Naturphilosophie«, 1802. gegründete Schule konnte durchaus nicht als eine naturphilosophische im eigentlichen Sinne betrachtet werden. Einige spekulative Ideen an die Spitze gestellt, um als Leiter für eine sinnliche Betrachtung der Natur zu dienen, hören in ihrer Fortschreitung auf, Philosophie zu sein. Diese nämlich will im Sinnlichen durchaus nur ein Geistiges erkennen, und durch diese Richtung des Sinnlichen selbst von ihrer Erscheinung ab wird sie erst, was sie ihrem Wesen nach sein soll. Aber dennoch beweist eben Oken, wie erfolgreich eine lebendige Auffassung der Natur für die Betrachtung der Organismen sein kann. Sie riß ihn los von einer Vereinzelung der Untersuchungen; sie zeigte ihm umfassendere Beziehungen, wo der gewöhnliche Beobachter nur Beschränkteres sah. Sein Talent, diese aufzufassen und zu benutzen, ist in der Tat bewundernswürdig, und es gibt keinen Physiologen, der mehr als er auf eine bedeutendere Ausbildung der Anatomie und Physiologie, selbst bei solchen, die sich nicht äußerlich ihm anschlossen, gewirkt hat. Auch seine Gegner waren, wenn sie ihn bestritten, gezwungen, sich auf einen umfassenderen Standpunkt als den bis dahin gewöhnlichen zu stellen; und es ist bekannt, wie viele ausgezeichnete Männer in dieser Richtung aus seiner Schule hervorgegangen sind. Ganz anders verhielt es sich mit mir. Je mehr ich das Verhältnis meiner Bemühungen jetzt im stillen erwog, desto klarer ward es mir, daß alles, was ich wollte und wonach ich strebte, dasselbe war, was mich in meiner frühesten Jugend in Bewegung setzte, was ich in den Erinnerungen aus meinen keimenden ersten Jünglingsjahren durch das Bild eines allmählich reifenden Knaben hervorzuheben gesucht, als mich das allgemeine Naturleben hinriß und in Bewegung setzte; und daß, selbst in meinen frühesten Jahren, dieser Trieb, seiner Natur nach, eine religiöse Wurzel hatte. Allerdings entstanden schon frühzeitig Zweifel mancherlei Art; vorzüglich dadurch genährt, daß die damals herrschende teleologische Ansicht der Naturbetrachtung mir so wenig genügte und als gottselige Betrachtungen aufgefaßt zu nichtig erschien. Aber die Unruhe, die dadurch entstand und mich zwischen einer bloß sinnlichen Klarheit, die mich hinriß, ohne mich zu befriedigen, und einer dunklen Ahnung, die mich festhielt, ohne sich irgendwie gestalten zu können, schwanken ließ, bewies am deutlichsten, daß ich durch die naturwissenschaftlichen Forschungen doch nur, der tiefsten Bedeutung nach, eine religiöse Aufgabe lösen wollte. Wenn ich nun sagen soll, was ich Schelling verdankte, und zwar so, daß es nicht ein Geliehenes war, sondern ein Ursprüngliches aus meiner eigensten Natur Entsprungenes genannt werden mußte, so glaube ich diese mir verliehene Gabe am deutlichsten zu bezeichnen, wenn ich sie als ein anschauendes Erkennen des ganzen Daseins, als eine Organisation auffasse. So wie in einer jeden organischen Gestalt ein jedes, selbst das geringste Gebilde, nur in seiner Einheit mit dem Ganzen begriffen werden kann, so war mir das Universum, selbst geschichtlich aufgefaßt, eine organische Entwicklung geworden, aber eine solche, die erst durch das höchste Gebilde, durch den Menschen, ihre Vollendung erhielt. Dadurch nun war allerdings eine Teleologie entstanden, die, tiefer begründet, die Stelle der früher verschmähten ersetzte. Denn als ein sich organisch Entwickelndes kann das Dasein nur dann begriffen werden, wenn die Zukunft der Entwicklung schon als eine vollendete uns vorschwebt, und nur in dieser abgeschlossenen Vollendung betrachtet, erhalten die früheren Momente eine lebendige Bedeutung. Dieses sich Entwickelnde, Natur und Geschichte auf gleiche Weise Umfassende und Belebende war mir nun zwar, indem ich es immer tiefer mir anzueignen suchte, während meiner einsamen Betrachtungen in der unglücklichen Zeit eine göttliche Offenbarung; und oft war es mir, als sähe ich die Hoffnung erfüllt, die mich zehn bis zwölf Jahre früher, als ich Schellings Schriften zuerst las, so lebendig durchdrang; als wäre die starrgebietende spinozistische Substanz, der Wille, der sich selbst in seiner Vollendung vernichtet, wirklich ein im ganzen wie in einer jeden Form fortdauernd wollender geworden. Über diese Auffassung eines persönlichen Gottes, den wir uns nur durch eine völlige Hingebung aneignen können, ward noch von der spekulativen Selbstsucht der freien Bestimmung eines konstruierenden Bewußtseins, welches durch die Spekulation sich in seiner Notwendigkeit ergriff, gefesselt. Es war noch immer jene Gewalt der Konstruktion, die selbst meinen Gott festhielt, als wäre er durch mich gebannt und durch die strengen Gesetze meines Denkens gezwungen worden, mir seine innersten Ratschläge und Gedanken, fast wider seinen Willen, kund zu tun. Gegen die Ansicht, als wäre der sich entwickelnde Gott doch nichts anderes als das sich entwickelnde Bewußtsein selbst, als liege daher in diesem allein wie alle Wahrheit so auch jeder lebendige Keim einer geistigen Zukunft, sträubte sich zwar ein religiöses Gefühl, welches niemals ganz verschwand; weil ich selbst in Momenten, in welchen ich mir ein Titan zu sein dünkte, doch nicht aufhören konnte, zugleich ein Kind zu sein. Auf diesem Standpunkte hatte ich mich schon jahrelang bewegt, auf welchem ich einsehen lernte, daß die Philosophie da anfing, wo die unauflöslichen Widersprüche eines sinnlichen Verstandes ihre Lösung suchten durch einen rein geistigen. So ward ich nun auf einen höheren Standpunkt geführt, auf welchem der frühere Kampf zwischen Verstand und Spekulation sich mit tieferer Bedeutung wiederholte. Das, was ich durch eine Selbstbestimmung des Bewußtseins erringen zu können wähnte, sollte sich als Vollendung einer noch nicht abgeschlossenen Entwicklung, also als ein noch nicht Erkanntes, als ein Gegebenes darstellen, und noch einmal sollte ich mich über die Tätigkeit des bloß sich selbst bestimmenden Denkens erheben und die Freiheit desselben durch eine innere unbedingte Hingebung erlangen. Aber dasjenige zu opfern, was wir mit der größten Anstrengung als einen großen Schatz erworben zu haben meinen, fällt dem Menschen schwer. Das Geständnis sollte ich ablegen, daß ich mit dem ganzen Dasein, welches sich in mir bewegte, zwar meine ganze geistige Bedeutung von einem Lebendigen erhielt, daß dieses nicht als ein abgetrenntes Fragment von dem Ganzen betrachtet werden konnte, weil sonst die Entwicklung aufhörte eine lebendige und organische zu sein, daß daher auch alles wahre Erkennen in mir nur aus diesem lebendigen Ganzen entspringen konnte: daß aber dennoch mein ganzes geistiges Wesen und seine Wahrheit nur als das Moment einer Entwicklung begriffen werden konnte, dessen inneres, immanentes Prinzip in mir tätig war, ohne in seiner Vollendung von mir zur Wirklichkeit gebracht werden zu können. Ich war nie innerlich von dieser zukünftigen Wirklichkeit getrennt; ich habe es nie vermocht, mich mit der Konsequenz der Möglichkeit zu begnügen; und die Täuschung, als könnte jene in dieser aufgehen, konnte nicht lange dauern: und doch ward es mir schwer, sie aufzugeben. Das Starre eines allumfassenden in sich abgeschlossenen Denkens fesselte noch immer meinen Gott, selbst als die lebendigen Pulse eines höheren Lebens die Fesseln der Konstruktion zu zersprengen drohten. Man wird jene Epoche einer keimenden religiösen Ansicht, die sich dennoch nicht von der Konsequenz eines bloßen Denksystems loszureißen wagte, in den Grundzügen Steffens' »Grundzüge der philosophischen Naturwissenschaft« erschienen 1806. erkennen; aber besonders ist in dieser Rücksicht eine kleine Schrift »Über die Idee der Universitäten« mir selbst beim Wiederdurchlesen merkwürdig geworden. Dort erscheint der alles Wissen tragende Glaube offenbar als die Grundlage und zugleich als die geheiligte Quelle des Daseins, Christus als derjenige, in und mit welchem Gott sich offenbart, selbst Gott: aber dennoch wird der Glaube durch ein alles umfassendes Wissen bedingt, und der persönliche Heiland verschwimmt in jenem von der Spekulation geforderten Ideal der Menschheit, wie es von Kant zuerst rein, aber auch redlich aufgestellt und seiner Persönlichkeit nach psychologisch erklärt wurde; wie es sich erhalten hat, bis es in unsern Tagen sich in ein durch Denkkünste zugeschnittenes Idol verwandelte, in dessen vollendeter Gestalt der Denkkünstler sich selbst anbetet. Eine beschränktere Beschäftigung, die mir wichtig ward, muß ich hier ihrer Entstehung nach erwähnen. In der glücklichen Zeit der Universität erschien in Halle der zu seiner Zeit so berühmt gewordene Gall. Franz Joseph Gall, 1758-1828, der Begründer der modernen Phrenologie, dessen Wiener Vorlesungen über seine Schädellehre vom Kaiser als religionsfeindlich verboten wurden. 1807 ließ er sich in Paris als Arzt nieder; »Philosophisch-medizinische Untersuchungen über Natur und Kunst im gesunden und kranken Zustande des Menschen«, 1791. Er hatte Vorlesungen in Berlin gehalten, dort großes Aufsehen erregt und viele Anhänger und Gegner gefunden. Gall war eine sehr ausgezeichnete Persönlichkeit, und seine esoterische Lehre von der Schädelbildung und ihrem Einfluß auf die Talente wie selbst auf die Gesinnungen der Menschen war, wie bekannt, gegründet auf eine Ansicht der Gehirnbildung als aus dem Rückenmark hervorgehend, die so, wie sie sich durch ihn zuerst aussprach, eine wissenschaftliche Bedeutung erhielt. Gall gehörte zu den Menschen, die in einseitigen sinnlichen Beobachtungen und ihren Kombinationen eine große Sicherheit des Erkennens zu finden vermeinten. Ich habe wenige Menschen gekannt, die sich so wenig durch Zweifel irgendeiner Art stören ließen. Er schien keine Ahnung von der Möglichkeit solcher Zweifel zu haben und trat mit einer Zuversicht auf, die bewundernswürdig war. Wo er hinkam, drängte sich nicht bloß die Menge solcher Menschen zu ihm, die manchmal, beunruhigt durch Probleme, die sie nicht abweisen können, nicht eine innere, selbsterrungene, vielmehr eine bequem mitgeteilte Überzeugung suchen, sondern auch die bedeutendsten Männer. Es ist schwer, sich eine Vorstellung zu machen von der Bewegung, die damals entstand. Ein so bequemes und feststehendes Kennzeichen wie die Erhebung des Hirnschädels hier oder dort zu besitzen, um aus dieser die Talente und Neigungen der Menschen zu erkennen, war den meisten sehr anlockend. Das freie sittliche Urteil über andere Menschen ist ein so tiefes, daß es immer im Hintergrunde für die Erscheinung ein tiefer zu Bestimmendes zurückläßt, wenn wir über andere richten wollen, wie wenn der Richterspruch uns selbst trifft. Daß das sittliche Urteil seinen Abschluß nicht in der Erscheinung finden kann, sondern höher liegt als diese, hatte schon Kant mit großer Entschiedenheit und ethischer Klarheit nachgewiesen. Auch liegt diese Ansicht so tief in dem Bewußtsein eines jeden nicht ganz sittlich versunkenen Menschen, daß sie sich nie ganz verdrängen läßt. Und dennoch möchte der Mensch gern auch hier zum Abschluß kommen, und wenn es ihm gelänge, sichere Abzeichen für unwiderstehliche Neigungen der Menschen zu finden, die sich nicht wie die Gesichtszüge veränderten, so würde er wohl glauben, sich wenigstens vorläufig beruhigen zu können. Die nach Gall numerierten Hirnschädel gehörten damals, wie die beliebten Schriftsteller, zum Ameublement der Häuser; ja man fand sie auf den Toiletten der Damen. Anstatt die Werke eines Schriftstellers zu lesen, die Kompositionen eines Musikers zu hören, war man schon geneigt, wenn es möglich war, die persönliche Bekanntschaft des Gelehrten oder des Künstlers zu machen, seine Stirnbildung zu untersuchen, und wenn ihm etwa das Organ fehlte, welches als Grundlage des für sein Werk notwendigen Talentes betrachtet wurde, von vornherein dieses als ein nichtiges zu beurteilen. Die Mütter befühlten den Kopf ihrer Kinder, voll Besorgnis, einen zukünftigen Dieb oder Mörder zu entdecken. Glücklicherweise waren diese Erhebungen selbst meistens unklar. Über die Organe der Mordsucht und des Diebsinnes schlüpfte die leichte Hand der Mutter hinweg und erkannte sie nicht. Dahingegen, erhob sich unter den Fingern der liebenden Mutter das Organ irgendeines zukünftigen Talentes, so fühlte sie schon durch die betastende Hand den Hügel, auf dessen glanzvoller Höhe die Zukunft den geliebten Knaben als Gelehrten, als Künstler, als mächtigen Gesetzgeber oder als Held hinstellen würde. Jetzt werden sich wenige Gipsschädel der Art mit Gallschen Nummern in den Familien vorfinden; oder man muß sie unter alten verbrauchten Möbeln staubbedeckt in den Bodenkammern aufsuchen. Phrenologen findet man nur noch wie eine Art Sekte in England, vorzüglich in Schottland, kaum in Frankreich. Gall trat in dem großen Saal eines Gasthauses auf, von Tier- und Menschenschädeln umgeben. Seine Vorträge sprachen seine innige Überzeugung aus, und er äußerte sich mit der Leichtigkeit der Konversation. Sie imponierten, und die Vergleichung der Menschenschädel mit den Tierschädeln hatte etwas Überraschendes. So wurden die Schädel berüchtigter Diebe mit denen der Elstern oder der Raben, die gefährlichen Mörder mit denen der Tiger und Löwen verglichen. Eine schauderhafte, in dem Irrtume verborgene Wahrheit drängte sich selbst dem tiefer Denkenden auf, und was die Flacheren und Seichteren befriedigte, vermochte wenigstens die geistig Tieferen zu beunruhigen. Einen Auftritt muß ich hier noch darstellen, der für mich etwas Überraschendes und zugleich Ergötzliches hatte. Goethe war von Weimar herübergekommen, und zwar um Gall zu hören. Er war auch in Halle oft mein Zuhörer gewesen, aber unsichtbar. Wolf hatte mir sein Auditorium überlassen; das Katheder war vor der Türe, durch welche er es zu besteigen pflegte, angebracht. In der angrenzenden Stube, dicht an dieser verschlossenen Tür, saß nun Goethe, ohne daß ich es wußte. Wie meine Ansichten ihn interessierten, wie er sich von mir bald angezogen, bald zurückgestoßen fühlte, weiß man aus seinen eigenen Äußerungen. Je mehr ich mich selbständig entwickelte, je entschiedener die Resultate eigener Probleme sich dartaten, desto heftiger mußten solche Schwingungen wechselnder Abneigung und Zuneigung entstehen. Daß Goethe auf eine solche Weise öfter mein Zuhörer gewesen war, erfuhr ich durch Wolf und seine Tochter, die für mich etwas sehr interessant Anziehendes hatte. Ich wünschte nun Goethe als Zuhörer (wenn auch nicht als meinen) zu sehen. Das äußerlich passive Hinhorchen der Menschen ist mir immer interessant. Die stille, erwartungsvolle Aufmerksamkeit, das intensive, in sich hineingedrängte Aufhorchen einiger Zuhörer ist dann, wenn wir es unbemerkt und genau betrachten, höchst lehrreich. Die geistlose Hingebung einiger, die nur von fremden Gedanken leben, läßt sich dann nicht selten auf eine auffallende Weise von der innern gärenden lebendigen Entwicklung, die sich in der scheinbar passiven Aufmerksamkeit verbirgt, unterscheiden. Goethe saß nun unter den Zuschauern auf eine höchst imponierende Weise. Selbst die stille Aufmerksamkeit hatte etwas Gebietendes, und die Ruhe in den unveränderten Gesichtszügen konnte dennoch das steigende Interesse an der Entwicklung des Vortrages nicht verbergen. Rechts neben ihm saß Wolf und links Reichardt. Gall beschäftigte sich eben mit der Darstellung der Organe verschiedener Talente, und bei seiner unbefangenen Art, sich zu äußern, scheute er sich nicht, die Exemplare zur Bestätigung seiner Lehre unter seinen Zuschauern zu wählen. Er sprach zuerst von solchen Schädeln, die keine in einer Richtung ausgezeichnete Erhebung darstellten, wohl aber ein schönes, bedeutendes Ebenmaß aller; und ein lehrreiches Exemplar eines solchen Gebildes erkannte man, wenn man den Kopf des großen Dichters betrachtete, der seine Vorträge mit seiner Gegenwart beehrte. Das ganze Auditorium sah Goethe an. Er blieb ruhig, ein kaum bemerkbares vorübergehendes Mißvergnügen verlor sich in einem unterdrückten ironischen Lächeln, aber die stille, unbewegliche imponierende Ruhe seiner Gesichtszüge ward dadurch nicht gestört. Er kam darauf zur Darstellung des Tonsinnes. Mein Schwiegervater hatte es bequem. Die Erhebung, die dieses Organ andeutet, liegt nach den Schläfen zu. In der Tat, bei Reichardt war es auf eine auffallende Weise ausgebildet; auch mußte es, nachdem es an den Schädeln und, irre ich nicht, durch Kupferstiche von großen Komponisten nachgewiesen war, bei Reichardt sehr in die Augen fallen. Denn er hatte eine vollständige Glatze; nur einige dünne Haare waren hinten übriggeblieben. Den kahlen Kopf pflegte er nur durch Puder und Pomade zu schützen, und als Gall nach diesem ausgezeichneten Exemplar hinwies, stellte er in der Tat einen für diese Vortrage ausdrücklich präparierten Schädel dar. Endlich kam die Reihe an Wolf. Bekanntlich sitzt das Organ des Sprachsinnes nach Gall über den Augen nach der Nasenwurzel zu; es ist eben so entschieden, daß Wolf dieses Organ auf eine auffallende Weise ausgebildet besaß. Aber Wolf trug Brillen; als nun Gall anfing, das Organ des Sprachsinnes an den Schädelknochen zu demonstrieren, konnte Wolf wohl erwarten, daß er seinen Schädel wie Goethes und Reichardts benutzen würde. Nun war es recht ergötzlich zu sehen, wie der große Philolog der Absicht des Schädellehrers entgegenkam. Er nahm mit großer Ruhe die Brille ab, wandte das Gesicht nach allen Seiten und ward so momentan in einen Schädelknochen in der Hand des Demonstrators verwandelt, der mehr durch ihn als durch die Person, die ihn noch trug, in Bewegung gesetzt und allen Zuschauern gezeigt wurde. Obgleich dieser ganze Auftritt etwas Komisches und Ergötzliches hatte, so verfehlte doch Gall seine Absicht keineswegs. Die schlagende Bestätigung, die seine Lehre durch so auffallende Persönlichkeiten erhielt, wirkte offenbar mit großer Gewalt auf alle Zuschauer. Als Gall seine Vorträge geschlossen hatte, lud ich die gesamten Zuhörer ein, einigen öffentlichen Vorträgen, die ich in dem nämlichen Lokale über die Schädellehre halten würde, beizuwohnen. Ich glaubte keineswegs, daß diese populäre und allgemein bewunderte Schädellehre, so wie sie hier dargestellt wurde, von der Wichtigkeit wäre, daß sie irgendeine ernsthafte wissenschaftliche Widerlegung verdiene. Die Schwächen, die sich in der Gallschen Darstellung kund taten, waren so auffallend, daß die tiefer liegende Wahrheit gar nicht zum Vorschein kam. Die Physiognomie, meinte ich, ließe sich durch andere Organe viel leichter entwickeln, weil die Modelle mit größerer Leichtigkeit anzuschaffen wären; ich hätte, behauptete ich, die Physiognomie der lange getragenen Hüte, vor allem der Handschuhe, schon längst bemerkt. Nun könnte ein jeder alte Handschuhe, die eben am besten wären, je länger dieselbe Person sie getragen hätte, in Menge und offenbar leichter als den Schädel hergeben. Die zerstörenden Hände des Mörders, die produzierenden des Künstlers, die still und behutsam ergreifenden Finger der Diebe müßten sich offenbar mit Entschiedenheit hervorheben lassen, besonders weil sie sich durch eine unbestimmbare große Menge von Erfahrungen ermitteln ließen. Wie außer den Gesichtszügen auch die Art, wie man geht, steht, sitzt, sich trägt, einen Ausdruck der Lebensart, des Betragens zu geben vermag, ist einem jeden bekannt. Es kommt in Tiecks Cevennen eine Stelle vor, die, so leicht hingeworfen und ironisch sie auch ist, über die Füße und den Gang höchst interessante Bemerkungen enthält. Die Neigung, die Handschriften mit den Bildnissen zu verbinden, die jetzt immer mehr überhand nimmt, beweist, wie sehr das Interesse für die Physiognomie ausgezeichneter Persönlichkeiten in ihren beiden, ich möchte sagen: tiefsten Richtungen zunimmt. Ich selbst hatte in einer frühern Epoche meines Lebens, und zwar einige Jahre hintereinander, nämlich während der Zeit meines Aufenthalts in Halle, sowohl vor als nach dem Kriege einen instinktartigen Trieb, mich mit Physiognomie und Witterung zu beschäftigen. Beide haben etwas miteinander Verwandtes; denn sowohl in der Physiognomie wie in der Witterung findet man eine durch keine Reflexion festzuhaltende und zu scheidende Mischung des Unveränderlichen und Feststehenden, hier der Gegend wie dort der Persönlichkeit, mit einer Unzahl von beweglichen Oszillationen in langsameren, länger dauernden und immer schnelleren Epochen bis zu den kürzesten, ja augenblicklichen; und in jedem Moment der Beobachtung müssen alle diese Schwingungen mit dem feststehenden Charakter der Gegend und Persönlichkeit zugleich aufgefaßt werden. Eben deswegen ist aber auch diese Auffassung eine durchaus instinktartige und visionäre. Ich habe es aber erfahren, wie dieser Instinkt in der Tat in einem jeden Menschen ruht und sich entwickelt, wenn man sich ihm unbefangen überläßt; wie sich ein instinktartiges Geschick, ohne daß man sich irgendwie Rechenschaft davon abzulegen weiß, allmählich ausbildet: wie aber der Zauber, durch welchen eine gewisse Sicherheit der Weissagung hervorzutreten vermag, plötzlich verschwindet, sowie er genannt wird. Das Wort vertreibt ihn. Fast alle Bauernregeln für die Witterung sind falsch. Einer meiner Freunde, der verstorbene Professor Brandes, der sich eine Zeitlang mit der wissenschaftlichen Beobachtung der Barometer und Temperaturveränderungen beschäftigte, wie diese sich in den verschiedenen Gegenden durch langjährige Beobachtungen übersehen und bestimmen ließen, hatte, von mir aufgefordert, die Güte, die Resultate seiner genauen Untersuchungen mit den gewöhnlichen Bauernprophezeiungen zu vergleichen. Von allen diesen fand er nur eine bestätigt, nämlich den Nachwinter, den wir einige Tage hindurch bald gelinder, bald strenger, bald schneller vorübergehend, bald länger dauernd, in der ersten Hälfte des Maimonats erwarten können. Und dennoch werden wir nicht selten auch durch die Erfüllung solcher Weissagungen überrascht. Ich hatte, während ich mich so einem bewußtlosen Instinkt hingab, in der Tat die Fertigkeit erworben, die Witterung der nächsten Zeit vorauszusagen und aus dem Gange, aus den Gesichtszügen, aus der Sprache unbekannter Personen ihren Stand und ihre Beschäftigung zu bestimmen. Ich liebte es, mit einer Art von Kühnheit bei Lustpartien die bevorstehende Witterung des Tages zu prophezeien, und zwar zu einer Zeit, wo Daniels Hygrometer noch gar nicht erfunden war. Ich erinnere mich, daß ich besonders einen österreichischen Arzt, der mit Gall nach Halle gekommen war, durch meine Wetterprophezeiungen in Erstaunen setzte, und oft hatte ich Freunde ergötzt, indem ich, aus dem Fenster blickend, die Vorübergehenden betrachtete, ihren Stand bestimmte und in den Freunden die Überzeugung hervorrief, ihn richtig beurteilt zu haben. Eben je unbekannter uns ein Mensch ist, je unbefangener wir seine Persönlichkeit auffassen, desto sicherer wird der Instinkt; seine Äußerung ist freilich oft sehr beschränkt und dennoch, man kann sagen, in seiner Sicherheit unergründlich. Unwillkürlich gibt sich ein jeder Mensch diesem Instinkt hin, und in allen Verhältnissen des Lebens, in den unbedeutendsten des täglichen Umganges wie in den größten und mächtigsten, durch welche das Schicksal der Völker bestimmt wird, spielt dieser nie zu verdrängende Trieb physiognomischer Vorurteile eine unvertilgbare Rolle. Ja man kann den nie zu verdrängenden physiognomischen Richterspruch das allen über Menschen gefällten Urteilen zugrunde liegende Vorurteil par excellence nennen. Diese erst reine Äußerung des Instinktes wird in den ersten Monaten ihrer Entstehung hier wie bei der Beurteilung der Witterung durch eine Unzahl von Verhältnissen, die aus einer Masse von Erfahrungen entstanden sind, getrübt. Ich habe Menschen gekannt, deren Bekanntschaft ich unerwartet machte, die auf irgendeine bestimmte Weise durch entschieden einseitige Beschränktheit sowohl als durch mannigfaltige auffallende Vorzüge einen starken Eindruck auf mich machten, der etwas Entschiedenes hatte. Trat ich nun mit diesen durch gesellige oder Amtsverhältnisse in eine nähere und länger dauernde Verbindung, so suchte ich wohl den ersten Eindruck wieder hervorzurufen; es gelang mir nie. Auf eine ähnliche Weise versuchte ich wohl auch, nachdem ich mich länger in großen Städten aufgehalten, den Eindruck zu erneuern, den sie beim ersten Eintritt auf mich gemacht. Es gelang mir ebensowenig. Wenige Menschen machen solche Veränderungen ihrer Ansichten des Lebens zum Gegenstand einer reiflichen Betrachtung. Aber sie beweisen die Gewalt, welche die Seele über die äußere Natur ausübt, wie diese in ihrer unermeßlichen Gewalt der Erscheinung sich dennoch in ein Gegenbild der veränderlichen Subjektivität verwandelt, und wir lernen den tiefen Abgrund einer innern Erfahrung der Menschen kennen, durch welche in verschiedenen Epochen der Geschichte die ganze unendliche Natur den wechselnden Geschlechtern der Menschen anders erschien; wir können uns in diese veränderte, hinter uns liegende Vergangenheit kaum hineindenken. Und doch bleibt das Leitende ein Permanentes; die Macht des ersten von allen Rücksichten getrennten Urteils, selbst in alle späteren unsicheren Schwankungen hineingetaucht, verschwindet nie; sie bildet die mittlere Temperatur der persönlichen Atmosphäre, die uns beherrscht, sowie wir in sie hineintreten, obgleich kein einziger wirklicher Moment der wechselseitigen Berührung ihm entspricht, ja die meisten mit dieser Grundtemperatur in schreiendem Widerspruche stehen. Alle Sympathien und Antipathien beruhen auf diesem unmittelbaren Grundelement der tiefen psychischen Anziehung und Zurückstoßung. Die Äußerungen kindlicher Seelen, die oft überraschenden Urteile der Unschuld beruhen auf der exakteren Äußerung dieser permanenten Grundtemperatur aller persönlichen Berührung. Die Frauen besitzen die beneidenswerte Fähigkeit, diesen tieferen Grundcharakter der Physiognomie in allen Schwankungen zu erkennen und festzuhalten, weit häufiger wie die Männer. Diese werden zu oft durch eine Reflexion, die dem Vorübergehenden einen zu großen Wert zuschreibt, irre geleitet. Daher glauben wir oft, daß die Frauen sich geirrt haben, wo die Zukunft ihnen recht gibt. Das Nihil admirari des Horaz, jener oft bewunderte Ausdruck der getöteten Bewunderung, der Ausdruck der stumpfesten Blasiertheit, zeigt nur auf die völlige beschränkte Abhängigkeit des in die mannigfaltigen Richtungen des Lebens hineingezogenen Grundtons der Person hin. Es ist dem Urteil über das Klima einer Gegend ähnlich, wenn dieses zusammengesetzt wird aus einer Unzahl vereinzelter, täglich sich wiederholender Wetterbeobachtungen. Männer, welche auf diese Weise die Menschen beurteilen, mögen seltener betrogen werden und haben doch viel häufiger unrecht als das oft betrogene kindliche Gemüt. Der echte Dichter ist der beglückte Mensch, der diesen tieferen Grundton menschlicher Eigentümlichkeit in seinem reinen Klange durch alle Mißtöne wechselseitiger Berührung begleitet, in begründeten Antipathien wie Sympathien. Daher zwingt er die Menschen, selbst wo die Verstellung sich mit schauderhafter Virtuosität ausspricht, ihr Inneres zu enthüllen, und daher vermag er durch wenige Züge Personen hinzustellen, deren tiefe Physiognomie mit einem stehenden sichern Typus die geistige Bedeutung ausspricht. Die Malerei besonders beruht auf der Physiognomie, und wir können den großen Maler als den eigentlich dazu berufenen Meister bezeichnen. Diese Vorlesungen Galls hatten indessen einen für die Wissenschaft heilsameren Erfolg; sie waren es vorzüglich, die Reil dazu vermochten, seine Untersuchungen über das Gehirn und Nervensystem wieder aufzunehmen. * Die heitere und auch zugleich großartige Zeit einer geistigen Verbindung bedeutender Naturen, wie sie das neue Jahrhundert eröffnete, trug zwar wie alle solche Verbindungen, je geschichtlich bedeutender sie sind, desto gewisser, den Keim des Auseinanderfallens und inneren Streites in sich, und ich habe nicht versäumt, diesen Keim inmitten des heitern Lebens anzudeuten. Novalis war tot, Friedrich Schlegel war katholisch geworden, heftige Streitigkeiten und Kämpfe hatten Fichte und Schelling getrennt. Gegner, die sich anfänglich durch die Macht einer neuen Geistesregung überrascht und überwältigt fanden, hatten wieder Mut gefaßt; die Selbständigkeit des Denkens und die Sucht, Neues zu schaffen, hatte eine Mannigfaltigkeit der wissenschaftlichen Formen erzeugt, die täglich immer mehr und mehr zunahm. Wenn auch in diesen Formen bedeutende Eigentümlichkeiten sich aussprachen, so lag doch ein Prinzip der Vereinzelung, der wechselseitigen Entfremdung mehr oder weniger in allem verborgen. Oken, Wagner unter den Naturphilosophen; Krause, Bouterweck, Fries und mehrere unter den abstrakteren Philosophen erfanden jeder für sich andere Darstellungsweisen der Wissenschaft; und obgleich sie dem Einflusse des mächtigen Geistes, der Spekulation nicht entgehen konnten, vielmehr von ihm fortgerissen wurden, nahm man doch die Vereinzelung, selbst der Prinzipien, wahr, ja die wechselseitige Ausschließung ward desto entschiedener, da das Absolute die Aufgabe der Zeit geworden war, und ein jeder entweder ein solches in seiner Form darzustellen oder die doch jetzt notwendigerweise absolut gewordene Beschränkung des Absoluten darzutun bemüht war. Auch die alten Kantianer wagten sich jetzt hervor und fanden hier und da Beifall. Ein Bündnis der verschiedenartigsten Ansichten vereinigte sich um Jakobi. Die von ihm behauptete Unvermeidlichkeit einer gefährlichen und verwerflichen Philosophie, gegen welche nur ein unbestimmtes und dennoch sich selbst befriedigendes Gefühl den einzig möglichen Ausweg darbot, erlaubte und lockte zu dieser Anschließung, und sie erwarb sich eine, wenn auch vorübergehende Gewalt: bis Schellings berühmte Schrift gegen Jakobi erschien, die freilich, hervorgerufen durch nie zu entschuldigende Angriffe, den Tadel einer schonungslosen Härte erzeugte, aber dennoch als eines der wichtigsten und tiefsten Werke seines Verfassers betrachtet werden muß. Schelling selbst hatte sich, wie nicht leicht ein Philosoph vor seiner Zeit, unter den Augen des Publikums entwickelt. Je größer die Zahl seiner Anhänger ward, desto entschiedener trat sein Streben, die Spekulation immer tiefer zu begründen, hervor. Er unterscheidet sich, man möchte sagen, fast von allen Philosophen irgendeines Zeitalters dadurch, daß er, nachdem er das Tiefste ausgesprochen hatte und einen Einfluß auf sein Zeitalter ausgeübt, der nie mehr verschwinden konnte, nicht wie andere mit einem fertigen System hervortrat, welches, ein für allemal abgeschlossen, sich in sich runden soll; ein System, welches, wie sonst in der Geschichte der Philosophie, in dieser Vollendung nicht seine Bestätigung, sondern seinen Tod findet. Er war im wahrsten Sinne Philosoph, schon deswegen, weil er ein fortschreitendes, inneres spekulatives Leben führte und, während man ihn von allen Seiten zu bekämpfen suchte, den bedeutendsten Kampf mit sich selbst zu bestehen hatte. Der Aufsatz über das Wesen der menschlichen Freiheit, in seinen philosophischen Schriften, erschien 1809 und mußte freilich diejenigen überraschen, die durch den Abschluß eines absoluten, doch zuletzt logischen Denksystems die Philosophie für immer begründet wähnten. Mir war dieser Aufsatz desto wichtiger, ja, er verband mich noch inniger mit Schelling, je entschiedener die Ansicht einer die Entwicklung der Natur und des Menschengeschlechts zugleich umfassenden Geschichte mir das Höchste geworden war, was die Spekulation zu erreichen vermochte. Daß diese Ansicht meiner ersten Schrift (die Beiträge zur innern Naturgeschichte der Erde) zugrunde lag, hatte schon kurz nach dem Erscheinen derselben Friedrich Schlegel ausgesprochen. Daß der Zwiespalt, der die Menschen von der Natur, untereinander und in sich selbst trennte, seiner Wahrheit nach nicht bloß ein logischer sein konnte, mußte mir, der ich im Vollen lebte, in und mit der allumfassenden Geschichte dachte und forschte, einleuchtend sein. Daß die Freiheit als solche nicht in der Notwendigkeit eines abstrakten Denkens begriffen werden konnte, war mir, je mehr die alte Erinnerung eines frühern religiösen Lebens in mir erwachte, an und für sich klar. Ein Denken, welches sich bloß in seiner innern abstrakten Konsequenz bewegte, zog mich nicht an, und während ich die Bestrebungen der berühmten Professoren der Zeit, ein Absolutes als abstrakten Denkprozeß, aufzufassen glaubte, gestaltete sich dennoch in mir alles anders. Ich bin eine durchaus praktische Natur; ein produktionsloses Denken in seiner unwirklichen, vermeintlichen Sicherheit hatte für mich keinen Wert, und so fand ich mich durch den Schellingschen Aufsatz, der, wie einem jeden einleuchten mußte, wenn er ihn mit Aufmerksamkeit betrachtete, der bedeutende Anfang einer neuen spekulativen Entwicklung war, keineswegs gestört, sondern gefördert. Ich habe es eingesehen, daß ich von der spätern Stufe seiner spekulativen Entwicklung ausging, mit ihr innerlich vereinigt war, noch ehe er sich ausgesprochen hatte. Von mir war unentwickelt vorausgesetzt, was er ein langes Leben hindurch zu begründen gesucht hat. Von Hegel kannte ich nichts anderes, als seine Aufsätze im Journal der kritischen Philosophie, sein System war noch nicht öffentlich erschienen, als ich Halle verließ. Waren nun unter den Häuptern der Philosophie so bedeutende Streitigkeiten entstanden, so war es natürlich, daß der Einfluß da, wo die Macht der Spekulation in der Wirklichkeit sich aussprechen sollte, immer mehr und mehr abnahm. Ein Zweig der Literatur hatte sich indessen in immer entschiedenerer Nationalität ausgebildet; nachdem Tieck auf die Poesie des Mittelalters aufmerksam gemacht hatte, steigerte sich die Lust und Freude an dieser schönen Zeit. Das Studium der alten deutschen Sprache wuchs immer mehr; von der Hagen gab das Nibelungenlied heraus; Tieck eine Sammlung von Minneliedern; das Wunderhorn, durch Brentano und v. Arnim herausgegeben, erschien. Alte Volksgesänge wurden gesammelt; durch Wilhelm Grimm ward man auf die alten skandinavischen Volkslieder aufmerksam gemacht, seine Sammlung von Märchen fand in allen Familien Eingang; und die wachsende Lust an dieser tiefen nationalen Erinnerung, die zwar niemals ganz erloschen war, jetzt aber allgemeine Teilnahme erregte, hat sich seit der Zeit immer mehr und mehr verbreitet; in allen Ländern des kultivierten Europas hat sich in dieser Richtung eine eigene Literatur gebildet, die immer merkwürdiger, immer reicher wird. Ein Land gab es zwar, welches die Erinnerung an seine Vergangenheit nie ganz aufgegeben hatte, weil es fortdauernd in und aus seiner Vergangenheit heraus lebte und alle Momente seines nationalen Daseins aus dieser herausgestaltete, das war das englische Land und Volk, welches sich dadurch von den übrigen Völkern auf eine merkwürdige Weise unterschied. Und doch ist auch hier die neuerwachte Lust an der Vergangenheit, wie sie in Deutschland hervortrat, nicht ohne Einfluß geblieben. Es ist kaum möglich, den Erfolg dieses bedeutenden Zurückblickens der Gegenwart in die früheren Zeiten nach allen Richtungen zu verfolgen. Selbst geschichtliche Forschungen sind dadurch neu erweckt und belebt, und wenn auch diese sich in ein mannigfaltig zersplittertes und vereinzeltes Detail verloren haben, wenn das unbestimmte dichterische Gefühl nur wie ein Hauch die tote Masse der zerstreuten Untersuchungen überzieht, ohne sie zu durchdringen und zu beleben, so wird doch der genaue Forscher den Keim des Lebens in den scheinbar toten Fragmenten erkennen, und wie die dichterischen Gefühle sich nach großartiger geschichtlicher Gestaltung sehnen. Diese Richtung der damaligen deutschen Literatur, die sich teils in Sammlungen, teils in eigenen Dichtungen, die mehr oder weniger ein altes nationales Gepräge trugen, aussprach, erschien mir nicht selten als der traurige Schwanengesang des deutschen Volkes, dem ich wehmütig, aber doch gern zuhörte. Ich trat nun auch mit einigen deutschen Männern, die sich auf die genannte Weise beschäftigten, in persönliche Berührung; doch bevor ich diese darstelle, werde ich mich mit dem Verhältnis der Familie meiner Frau genauer beschäftigen müssen. * So glänzend das äußere Verhältnis erschien, unter welchem mein Schwiegervater in Kassel angestellt war, Vgl. Seite 203. so freute ich mich doch, als ich erfuhr, daß es aufgelöst sei. Er wurde nach dem südlichen Deutschland und nach Wien geschickt, anscheinend, um Sänger und Sängerinnen für die Oper in Kassel aufzusuchen und anzuwerben; in der Tat aber durch die Veranstaltung seiner Freunde, um ihn zu entfernen. Reichardt war nicht geeignet, mit der gehörigen Vorsicht in der Nähe des westfälischen Hofes zu leben. Ich bin zwar durchaus nicht mit den Verhältnissen bekannt, in welchen er dort lebte, aber daß er Feinde hatte, erfuhr ich wohl. Als er bei der Annäherung der Franzosen Halle verließ, blieb seine Familie in Berlin; er selbst zog mit der Armee nach Preußen. Seinem Freunde, dem General Grafen von Kalkreuth ward die Verteidigung der Festung Danzig aufgetragen, und Reichardt war bei dieser äußerst tätig gewesen. Die Anstrengungen zogen ihm die erste Krankheit zu, die der rüstige Mann während seines ganzen übrigen Lebens behielt und die später seinen Tod veranlaßte. Amtliche Kollisionen mit dem westfälischen Hofe und den Behörden, dadurch entstandene Kränkungen, unbesonnene Äußerungen, die dem Beleidigten entfuhren, erweckten Feindschaft, und die alten Beschuldigungen, die nicht verhehlte preußische Gesinnung machten seine Lage immer bedenklicher. Er reiste nach dem südlichen Deutschland, um nicht wiederzukehren, und seine Frau und Töchter zogen nach Giebichenstein. Das verwüstete Haus, der verfallene Garten bot nur einen sehr traurigen Aufenthalt dar; und auch hier trat mir nun die düstere Ruine eines früheren heiteren Daseins entgegen. Als ich die größere Wohnung in der Stadt bezog, hatte ich Platz genug für die Familie meiner Frau. Sie verließ Giebichenstein und zog bei mir ein. Meine Schwiegermutter war bis in ihr höheres Alter eine durch das Glück verzogene Frau. Durch ihre Schönheit in ihrer Vaterstadt Hamburg berühmt, unter den Augen ausgezeichneter Freunde ihres früh verstorbenen Vaters erzogen, ward sie sehr jung an den Dichter Hensler d. J. verheiratet. Er war Syndikus der Stadt Stade, starb nach wenigen Jahren und hinterließ zwei Töchter und einen Sohn, der die Universität verließ und als französischer Offizier die früheren Kriege in den Pyrenäen und später die Kriege Napoleons mitmachte. Die beiden Töchter leben noch und sind in Berlin verheiratet. Die junge Witwe heiratete Reichardt, der als Witwer selbst zwei Töchter mitbrachte; und meine Frau ist die älteste Tochter aus dieser neuen Ehe. Meine Schwiegermutter war gewohnt, bei der Kindererziehung, bei der Haushaltung von Schwestern unterstützt zu werden. Sie lebte fortdauernd in bequemer Ruhe, alles Unangenehme wurde ihr verschwiegen. Die mannigfaltigen Verdrießlichkeiten und Verwicklungen, in welche Reichardt nicht selten geriet, wußte er seiner Frau meist zu verbergen. Selbst wenn er von Gläubigern gequält ward, lebte sie völlig sorglos. Ein Sohn ertrank als Gymnasiast in Magdeburg beim Schlittschuhlaufen, aber selbst diese Todesart, die so erschütternd war, wußte man zu verheimlichen; man ließ den Sohn erkranken, die Krankheit zunehmen und zuletzt in einer mildern Form den Tod herbeiführen. Erst mehrere Jahre später erfuhr sie, wie sie das Kind verloren hatte. In Giebichenstein lebte sie in einer langen Reihe von Jahren einer Fürstin gleich, von gesunden Kindern umgeben, in einer für einen Privatmann großartigen Geselligkeit und verließ das Haus fast nie. Halle war ihr nur wenig bekannt; sie besuchte zuweilen, doch sehr selten, Freundinnen in der Stadt, aber dann fuhr sie herein und wieder heraus, ihre einzige Bewegung bestand in Spaziergängen in dem reizenden Garten. Obgleich innerlich heftig, hatte sie sich doch durch diese Lebensart eine äußere Ruhe ausgebildet, die etwas Würdevolles hatte. Bis zu ihrem höchsten Alter imponierte die schlanke Gestalt jedesmal, wenn sie erschien. Ein solches Dasein, indem es sich so bequem und behaglich gestaltete und trotz der wechselnden Geselligkeit einen permanenten Zustand gründete, rief notwendigerweise eine große Wertschätzung der Umgebung hervor. Wenn wir kleine Partien auf der Saale und in der anmutigen Umgegend arrangierten, war sie jederzeit unzufrieden; sie konnte nicht begreifen, wie wir außerhalb des Gartens irgendeine Freude finden konnten. Allerdings war dieser sehr anmutig. Reichardt hatte seinem Kutscher und seinem Bedienten Unterricht geben lassen im Waldhornblasen, seine Töchter bildeten zusammen Gesangchöre, die in ihrer einfachen Weise großen Eindruck machten. Nicht allein um das Klavier versammelt hörte man sie gern singen. Wenn oft an schönen lauen und stillen Sommerabenden die alten wehmütigen lyrischen deutschen Gesänge, von dem Waldhorn begleitet, in dem stillen Garten erklangen, war der Eindruck hinreißend. Der Garten war einfach, ohne alle Ziererei; eine Fülle einheimischer und nordamerikanischer Bäume zierten ihn; ansteigende Höhen und kleine Täler gaben ihm eine erwünschte Mannigfaltigkeit; die Ebene, die sich dem Hause anschloß, ruhige Bequemlichkeit; der in dieser sanften Umgebung mächtige Reilsberg erhob sich dicht hinter dem Garten. Der Küchengarten war von dem anmutigen Park abgesondert in einem Winkel angelegt. Es durfte in diesem Garten kein Schuß fallen; alle Säugetiere und Vögel, die ihn betraten, waren geschützt; Hasen knapperten an den Kräutern, ein Volk Rebhühner brütete ungestört in dem Küchengarten, eine große Schar von Nachtigallen nistete in den Gebüschen; eine stille, friedliche, idyllische Ruhe herrschte auf dieser geweihten Stätte, und es war, als sollte hier das unruhige und unstete Leben des Besitzers eine versöhnende Vermittlung finden. Meine Schwiegermutter hatte, als die gehuldigte Herrscherin dieser schönen Besitzung, viele Jahre in stiller Ruhe verlebt. Allerdings hatte sie mit Reichardt einige Reisen gemacht; sie war mit ihm in London und in Paris gewesen, aber auch da wußte er sie in eine ruhige Umgebung zu versetzen. Sie lebte in der Mitte angenehmer Familien, die sie gastlich aufnahmen, während er sich unter Künstlern und Großen herumtrieb und ein unruhiges und bewegtes Leben führte. Als sie in Paris lebten, war die Revolution noch nicht ausgebrochen. Nun kann man sich denken, wie unvorbereitet diese Frau in eine stürmische Zeit hereingerissen wurde, in welcher sie aller gewohnten Bequemlichkeit beraubt war. Zwar suchten die Töchter alles soviel wie möglich um die geliebte Mutter zu ordnen und ihr hilfreich zu sein, immer war es aber nicht möglich. In meinem Hause lebte sie zwar beschränkt, aber doch auf ihre gewohnte Weise ruhig. Wenn sie aber irgendeinen Besuch abstatten, etwa gar nach dem Hause oder Garten in Giebichenstein sehen wollte, so stand ihr jetzt keine Equipage zu Gebote. Ich führte sie und habe noch nie eine ungeschicktere und ängstlichere Fußgängerin gekannt. In einer langen Reihe von Jahren wohnte sie bei Halle, und dennoch waren ihr die Straßen der Stadt vollkommen unbekannt. Mit sehr kleinen furchtsamen Schritten ging sie fort; ein jedes Wagengerassel, selbst in der Ferne, setzte sie in Schrecken; und als sie einigemal durch die Straße gegangen war, in der ich wohnte, konnte sie, sowie wir nur aus der Türe traten, lange Klagen anstimmen über die bedenkliche Lage, in welche sie geraten würde, wenn sie in der Ferne eine Gosse erreichte, welche die Straße durchschnitt und die überschritten werden müßte. Daß meine gute Schwiegermutter in jeder äußern Angelegenheit völlig ratlos war, ist begreiflich, und dennoch liebte sie es, versuchsweise gegen einen jeden Rat zu opponieren, dem sie sich doch zuletzt fügen mußte. Sie hatte in einem ungewöhnlich hohen Alter einen Knaben geboren, der damals sechs Jahre alt war. Sie selbst war rüstig und gesund und, wie ihr Mann, nie krank gewesen; sie hatte eine Menge gesunder Kinder geboren, aber an der Seite des Mannes, von Schwestern unterstützt, fand sich alles, Erziehung und Pflege, wie von selbst. Jetzt, obgleich von Schwiegersöhnen und Töchtern beherrscht, war sie von einer grenzenlosen Ängstlichkeit ergriffen. Wir stellten ihr vor, daß der Knabe eine Schule besuchen müsse, diese lag in derselben Straße, wenige Häuser von uns entfernt; die Mutter verzweifelte, wenn sie bedachte, daß der sechsjährige Knabe einige Stunden hindurch unter fremder Aufsicht sein solle. Voll Angst sah sie ihn über die Straße gehen und weinte, als er verschwand. Die älteste Stieftochter war die durch ihre Liederkompositionen bekannte Luise Reichardt; sie war schlank gebaut, und sie würde geistreich schön genannt worden sein, wenn das Gesicht nicht durch Pockennarben verunstaltet gewesen wäre. Dennoch zog sie von allen Töchtern des Hauses, die sich alle durch Schönheit auszeichneten, die größte Aufmerksamkeit auf sich, so wie sie auch im Hause eine große Gewalt ausübte. Sie hatte große innere Kämpfe zu bestehen, und so geneigt man auch nicht selten ist, ein leidenvolles weibliches Dasein mit einer Art hochmütiger Ironie zu betrachten, so war es doch nicht leicht möglich, ihr eine große Teilnahme zu versagen. Die bedeutendsten Männer, selbst die verschiedensten Naturen, schenkten ihr die größte Aufmerksamkeit. Sie fand sich allgemein geehrt und geachtet. Es ist nicht zu leugnen, daß sie von dem Vater die Herrschaft geerbt hatte, die sich unter den Verhältnissen, in welchen sie lebte, mit dem steigenden Alter mehr und mehr entwickeln mußte. Aber dennoch lag in ihrer Gesinnung so viel Güte und Zartheit, daß man sich ihrer Herrschaft williger unterwarf, als unter solchen Verhältnissen zu geschehen pflegt. Wie sehr sie innere Kämpfe zu bestehen hatte, sprach sich auch durch das ruhige Wesen aus, durch welches sie offenbar eine ursprünglich rasch bewegliche, ja heftige Natur überwunden hatte. Sie war in der Art, wie sie sich darstellte, still, ruhig, sprach leise, ihre Stimme hatte selbst im Sprechen etwas klangvoll Anmutiges; sie sang schön und trug die Lieder ihres Vaters und die eigenen mit außerordentlicher Zartheit vor. Das musikalische Talent war den Reichardtschen Töchtern mehr oder weniger angeboren; auch gute Stimmen besaßen sie alle: Luise war die einzige, die dieses Talent des Gesanges wie der Komposition ernsthaft ausbildete. Die von ihr komponierten Lieder hatten etwas durchaus Eigentümliches und waren keineswegs als Nachklänge der väterlichen zu betrachten, und daß sie vorzüglich Lieder der jüngeren Dichter, wie der Vater die Goetheschen, komponierte, war natürlich. So wählte sie die von Tieck, Arnim und Brentano, Dichter, die mit der Familie vertraut waren. Viele ihrer Kompositionen fanden durch ihre eigentümliche Tiefe einen allgemeinen Eingang und sind populärer geworden als die Reichardtschen; wahre Volksgesänge, so daß man sie wohl, ihrer großen Zartheit ungeachtet, auf den Straßen von Dienst- und Bauernmädchen singen hörte, und selbst jetzt sind sie kaum ganz vergessen. So die Melodie zu dem Tieckschen Liede: »Geliebter, wo zaudert dein irrender Fuß?« und die von dem Brentanoschen: »In Sevilla, in Sevilla usw.« Ich vergesse nie den gewaltigen Eindruck, den Luise auf mich machte, wenn sie uns in einer waldigen Gegend folgte und, von einfachen Akkorden der Harfe begleitet, Brentanos wunderschönes Lied: »Durch den Wald mit raschen Schritten« nach der eigenen Melodie sang. Die Waldeinsamkeit mit ihrem wunderbaren Zauber ergriff mich, wenn ich sie hörte, und wie eine Waldfee saß sie da, welche die Macht hatte, alle Geheimnisse des Waldes laut werden zu lassen. Sie war es, die zuerst mein nordisch verschlossenes Ohr für den Zauber des Gesanges aufschloß und mir eine reiche Welt bis dahin unbekannter Genüsse schenkte, die noch immer für mich da ist, die mich, je älter ich werde, desto tiefer, ja heiliger an sich zieht, das Innerste des Daseins in seinen Tiefen löst und das Verborgenste meines Wesens mächtig verkündet und dennoch verhüllt. Das Verhältnis zu ihren Schwestern war ein verschiedenes, obgleich sie alle mehr oder weniger beherrschte; für die jüngeren erschien sie als Erzieherin. Meine Frau aber, gegen welche sie die Autorität einer Lehrerin ausüben wollte, stand ihr doch im Alter zu nahe, und es entsprang daraus eine Opposition, die wohl in früheren Zeiten und vor meiner Bekanntschaft mit der Familie heftiger gewesen sein mag. Nach meiner Verheiratung war diese fast ganz verschwunden. Durch Reichardt und Luise ward ich mit einigen Dichtern, vorzüglich der neuern Zeit, bekannt. Unter diesen nenne ich Achim v. Arnim, der sich vor dem Kriege und in der schönsten Zeit meines Lebens viel in Giebichenstein aufhielt und mit Reichardt und seiner Familie in sehr freundschaftlichem Verhältnisse lebte. Er war eine edle, echt vornehme Gestalt; er sprach wenig, erschien durchaus ruhig, ja zurückhaltend, und dennoch war sein mildes Wesen so anziehend, daß er in jeder Rücksicht Vertrauen erwarb. Er hatte sich zuerst mit einer Art von Leidenschaftlichkeit der Physik gewidmet, und in Gilberts Annalen stehen einige Aufsätze von ihm, die damals Aufmerksamkeit erregten. Als ich ihn kennenlernte, hatte er zwar selbst diese Studien ganz aufgegeben, verfolgte aber doch die Entdeckungen mit einiger Teilnahme. Er war ganz Dichter geworden. Wenn die geistige Freiheit, die Schelling verkündigt hatte, selbst in der strengern Wissenschaft eine unglückliche Neigung, durch Vereinzelung Selbständigkeit zu erringen, erzeugte, so daß die großartige Einheit, die die verschiedenartigsten Geister verklären, in der scheinbaren Trennung vereinigen sollte, zu verschwinden schien, so mußte dieses noch mehr in der Poesie stattfinden. In der poetischen Literatur gestaltete sich ein Verhältnis, welches auf eine merkwürdige Weise von dem in der philosophischen abwich. In dieser konnte man zwar nicht leugnen, daß Kant den eigentlichen Grund zu einer neuen Schule gelegt hatte, daß die Entdeckung, daß alle sichtbaren Dinge sich nach bestimmten Denkgesetzen um die unwandelbare Sonne des Bewußtseins bewegten, eine Umwandlung der Denkweise selbst erzeugt hatte, die, das ganze Geschlecht ergreifend, für alle Zukunft der Philosophie ebenso entscheidend war wie die Ansicht des Copernikus für die Physik: aber dennoch ward Kant durch seine Nachfolger verdrängt, und die sogenannten Kantianer spielten in der immer mächtiger werdenden philosophischen Bewegung eine untergeordnete Rolle. Es war notwendig so; denn die Kantische Darstellung, obgleich sie nicht aufhörte, Grundlage einer höhern Entwicklung zu sein, erschien dennoch, fest gehalten, als eine Hemmung, die überwunden werden mußte. Anders war es in der Poesie. Daß Goethe eine neue Zeit schuf, ward allgemein zugestanden; die Opposition, welche die früheren Schranken der Dichtkunst festhalten wollte, war durch Schlegel und Tieck zurückgedrängt und immer mehr als eine untergeordnete betrachtet. Alle jugendlichen Dichter schienen sich um Goethe zu vereinigen, und wenn es als ein geistig Dürftiges betrachtet wurde, für einen Anhänger Kants zu gelten, so galt es dahingegen für geistig vornehm, Goethe zu verehren. Es bildete sich eine Art Geniekultus um ihn, welcher sich einen esoterischen Charakter aneignen wollte und der den Grund legte zu der unerschütterlichen europäischen Zelebrität, die dieser mächtige Geist zu einer Zeit, wo keine geistige Eigentümlichkeit mehr eine allgemeine Anerkennung erhalten zu können schien, mit einer Einstimmigkeit erwarb, die in ihrer Art einzig ist. So groß nun auch diese Verehrung war, so fest gegründet der Kultus schien, der, durch keinen Zweifel gestört, sich immer stärker entwickelte, so muß man doch behaupten, daß, wie Kant den jüngeren Philosophen, so Goethe den jüngeren Dichtern eine Vergangenheit war, über welche sie kaum zu ihrem Vorteil heraustraten. Goethe hatte die ursprüngliche schöpferische Gewalt des dichterischen Geistes nicht bloß behauptet als eine Lehre, sondern entwickelt als eine Tat; wenn es auch ungerecht, ja töricht wäre, zu behaupten, daß eine ursprüngliche schöpferische Phantasie früheren Dichtern fehlte, so trat diese doch nicht in ihrer Selbständigkeit hervor. Noch bevor diese sich in sich selbst gefaßt, sich selbst erkannt hatte, unterlag sie den Fesseln einer Überlieferung äußerlich aufgedrungener Gesetze, die ihr nicht erlaubten, eine sichere Eigentümlichkeit zuversichtlich auszubilden. Unsicher schwankend, erhielt die Ansicht dessen, was erlaubt und nicht erlaubt war, keinen sichern lebendigen Mittelpunkt, aus welchem es hervorquoll, und das von Rechts wegen Gebotene vermochte sich nicht zur eigenen freiwilligen Tat zu verklären. Das ist es, was für immer Goethes Glück und Genie bezeichnet: daß das Maß selbst, als ein innerlich gegebenes, ja überliefertes, nicht aufgehoben, wohl aber als ein aus dem eigensten Leben Entsprungenes erschien. Eine jede Schöpfung entsteht nur durch ihr Maß, und in der Entwicklung der Zeit ist dieses als ein Vergangenes zugleich ein Zukünftiges; was als ein rein Zukünftiges ohne Vergangenheit hervortritt, verliert sich im Maßlosen und erhält nie die Sicherheit einer bleibenden Schöpfung. Die kühnste, herrlichste menschliche Gestalt ist, was sie ist, eben nur als Entwicklung eines früheren Geschlechtes. Jetzt nun sollte eine Schöpfung mit dem Maßlosen anfangen; der schöpferische Wille, der sich früher nicht frei zu bewegen vermochte, weil er durch fremde Gebote gefesselt war, erkannte sich jetzt noch weniger, weil er sich keinen Geboten unterwarf. Eine Schöpfung suchte man, aber fand sie nicht, und selbst, wo sie teilweise gelang, ward sie zerstört, weil sie ihr eigenes Maß nicht gelten ließ. Selbst Tiecks mannigfaltige und reiche frühere Produktionen verloren sich mehr oder weniger in diesem schrankenlosen Streben. Wieviel Schönes ist dadurch in seinen früheren Dramen begraben. Erst langsam gewann in einer allerdings reichen Mannigfaltigkeit, aber dennoch in engeren Grenzen der edle Geist des Dichters das rechte Maß der Darstellung. Unter denen, die eine wahrhaft tiefe, dichterisch vornehme Natur besaßen, muß ich auf jede Weise Achim v. Arnim nennen. Alle seine Dichtungen verbinden Eigentümlichkeit der Gestalten und Ereignisse mit tiefer Auffassung. Ja man darf es nicht leugnen, daß er ursprüngliche Persönlichkeiten mit einer großen Sicherheit darzustellen und mit Klarheit zu schildern vermochte. Es gibt einfache Erzählungen von ihm, die mit ihrem scheinbar beschränkten Inhalt eine große Zartheit verbinden. In den rohesten Gestalten verbirgt sich eine Welt von Ahnungen und Gefühlen, durch welche sie eine große Bedeutung erhalten. So erinnere ich mich einer Erzählung, in welcher das Tabakkollegium Friedrich Wilhelm I. den Hauptinhalt bildet und die ich zu den vorzüglichsten ihrer Art in der deutschen Literatur rechne. Sie ist völlig in sich abgerundet und klar; die Personen treten alle in bestimmter Eigentümlichkeit hervor, und sie beweist, wie sehr Arnim es in seiner Gewalt hatte, Vollendetes zu liefern, wenn er sich zu beschränken gewußt hätte; denn er war eine nicht bloß geliehene, aus der Zeit und ihrer Bewegung zusammengeronnene, er war eine wirklich edle, gediegene, ursprüngliche Natur. Selbst unter seinen größeren Werken gibt es kaum eins, welches nicht diese Vorzüge auf eine glänzende Weise dartut, und dennoch haben alle seine Schriften nur einen geringen Eindruck hinterlassen. Sie scheinen alle ein geschichtliches Gespräch eingeleitet zu haben, welches, noch immer unverständlich, sich im Fortgange mehr zusammenfassen müßte, um auf irgendeine Weise lehrreich zu werden und durch ein bleibendes Interesse zu fesseln. Denn er rang danach, das Undarstellbare darzustellen. Es scheint ihm ein Bedürfnis, was in bestimmter Form als Gedanke, Gestalt, Tat oder Ereignis hervortrat, so lange zu verfolgen, bis der Gedanke in überschwenglichem Gefühl, die Tat in verworrenem Entschluß, die Gestalt in formlosem Leben, das Ereignis in seiner eigenen dunklen Ankunft zerrann, so daß ein Chaos von Gefühlen, Entschlüssen, unsicheren Gestalten und verworren ineinander verflochtenen Ereignissen sich mischten, die zuletzt in einen gemeinschaftlichen Hauch sich verloren, in welchem sich das anfänglich Unterscheidbare kaum mehr erkennen ließ. Mein persönlicher Umgang mit Arnim fand früher und noch vor dem Kriege statt. Ich habe ihn damals nicht erwähnt, weil er noch nicht als ästhetischer Schriftsteller bedeutend hervorgetreten war. Nur jene wunderlichen Lieder, die man nicht gedankenlos nennen kann, obgleich sie selten wirklich einen Gedanken enthielten, weil nämlich dieser nicht etwa vergebens gesucht wurde wie in den gewöhnlich seichten Gedichten der Dichter, vielmehr einen wirklich vorschwebenden zerfließen zu lassen suchte, waren mir bekannt, und diese wurden mir durch Reichardts und Luisens Kompositionen interessant. Ein zweiter allgemein bekannter Mann trat mir aber eben in der traurigen Zeit näher. Es war Clemens Brentano. Er gehört zu den ersten Bekanntschaften, die ich in Jena machte, ein hart abgewiesener Angriff auf einen meiner Freunde hätte mir fast bedenkliche Händel zuziehen können, und er fiel mir eben bei dieser Gelegenheit sehr auf. Seine Figur, seine Sprache, seine wunderliche, regellose, reiche Phantasie, die etwas durchaus Eigentümliches und Seltsames hatte, zog mich fast auf eine unheimliche Weise an, und in einer Zeit, in welcher offenbar in allen Richtungen meines Daseins ein neues Leben anfing, welches in düster nordischer Einsamkeit und Ernst sich nicht zu entwickeln vermochte, obgleich es mich durch dunkle Regungen beunruhigte, mußten mir die Sprünge eines so seltsamen Wesens, welches, als wäre es von allen den Übrigen getrennt, sich wie zwecklos, aber aus einer eigenen Quelle bewegte, ein merkwürdiges Rätsel werden. Ich traf in Jena zuweilen mit ihm zusammen, sein ganz eigentümlicher Witz reizte mich, aber wie dieser aus dem Moment geboren und für diesen allein bestimmt schien, verschwand er auch mit ihm und hinterließ keinen bleibenden Eindruck. Dennoch hatte seine Erscheinung jedesmal einen neuen Reiz für mich. Es war mir fast, als erwartete ich hinter den fremdartigen Äußerungen des seltsamen, damals noch sehr jungen Mannes unerwartete Aufschlüsse, obgleich immer von neuem meine Erwartung völlig getäuscht ward. Arnim und Brentano sowie Görres hatten ein inniges Bündnis geschlossen, und sie gehörten in der Tat zusammen. Was die Revolution als äußeres Naturereignis, was die Fichtesche Philosophie als innere absolute Tat, das wollte dieses Bündnis als reine, wild spielende Phantasie entwickeln. Görres konnte sein frühes jugendliches Anschließen an die französische Revolution nicht vergessen, und sein ganzes phantastisches Streben nahm später eine politische Richtung. Arnim konnte dem tiefen gemütlichen Sinnen, wie es aus einer inneren Persönlichkeit hervorquoll, nie entsagen, und seine Phantasie behielt fortdauernd dieses edle, sinnende, in sich versunkene Gepräge. Brentano blieb durchaus und schlechthin ein phantastischer Revolutionär; sein Motto, konnte man sagen, war das Robespierres, als dieser sagte: »Ihr wollt eine Konstitution haben, ich will euch erst die rechte Revolution geben.« Unter der Jugend der ersten Jahre des Jahrhunderts war natürlich bei der völligen Umgestaltung der Ansichten des Lebens und der Wissenschaft eine unruhige Bewegung entstanden. Die Masse derselben hatte nur eine fremde, von außen ihr zukommende Aufgabe zu lösen, nur wenige eine eigene. Diese, innerlich mit sich selbst beschäftigt, wurden durch die gesteigerte Menge unreifer Versuche, durch die immer breiter werdende leere und lärmende Polemik, trübe und verworren aus den traurigen Ruinen des zertrümmerten Volkes heraustönend, gestört und suchten sich in die innere stille Selbstbesinnung zurückzuziehen. Die meisten aber, die nur aus der momentanen Strahlenbrechung der Zeit, einem glänzenden Regenbogen ähnlich, dessen Ruhepunkt auf der Erde nur täuschend dem geblendeten Auge vorschwebt, aber nie erreicht werden kann, zusammengeronnen waren, bildeten die wütenden Progressisten. Auch Brentano gehörte zu diesen. Mit dem buntesten Wechsel mannigfaltiger Witzeleien griff er das Philistertum an: aber dennoch unterschied er sich wesentlich von allen übrigen; denn er war der Einzige, der mit Bestimmtheit zu wissen schien, daß er nichts wollte. Es war in ihm eine rein phantastische Dialektik, durch welche die spätere Bestimmung nicht der vorhergehenden einen tiefern Sinn mitteilte, vielmehr diese vernichtete; ein ironisch spielender Kronos, der seine eigenen Kinder verschlang. Dadurch ward er, weniger durch seine Schriften, die sich in ihrer eigenen Verwirrung verloren und gestaltlos wie ohne Ergebnis blieben, als durch seine Persönlichkeit, die jedem verfliegenden Momente eine Bedeutung zu geben schien, der mehr äußerlich als innerlich bewegten Jugend, besonders hier und da den Frauen sehr gefährlich. Und doch hatte auch Brentano, dieser überschwengliche Dilettant, der alles mit einer leichten und reichen Phantasie trieb, den man als den Urheber der fliegenden Geistreichigkeit betrachten kann, wie sie seit der Zeit nie verschwand, und der die Sprache, um mit Shakespeare zu reden, in einen Handschuh verwandelte, der sich mit Leichtigkeit umkehren ließ, wie es noch immer in unserer Literatur herrschend ist – in dieser Zeit durch die Verbindung mit den Freunden eine Beschäftigung erhalten, die nicht ohne Bedeutung war: »Des Knaben Wunderhorn,« eine Sammlung alter deutscher Lieder, bekanntlich ein sehr verdienstvolles Werk. Es ward von Arnim und Brentano herausgegeben. »Trost Einsamkeit,« eine Zeitschrift, deren einzelne Blätter »Zeitung für Einsiedler« genannt wurden, war ohne Vergleich reichhaltiger, inhalts- und geistreicher als irgendeine der gegenwärtigen. Es erschienen freilich, soviel mir bekannt, nur siebenunddreißig Nummern, in diesen manches phantastisch wildes Gewächs, besonders von Brentano, wie seine »Geschichte des Bärenhäuters,« aber auch von Arnim, und man kann nicht leugnen, daß dieses wüste Streben beim Lesen ein unerquickliches Gefühl hinterließ. Dennoch fand man auch Aufsätze, die von Bedeutung waren. Der Urheber einer neuen Wissenschaft, der deutschen Grammatik, aus ihren frühesten geschichtlichen Elementen entwickelt, der gründlichste aller Forscher alter germanischer Lebens- und Rechtsverhältnisse, Jakob Grimm, trat in dieser Zeitschrift zuerst hervor. Tieck lieferte Beiträge. Altdeutsche Gedichte wurden, mit Leichtigkeit behandelt, zugänglich gemacht; Übersetzungen aus alten Geschichtsschreibern waren vortrefflich. Aber schon hier zeigte sich auch das üppig wuchernde Unkraut, welches dadurch genährt wurde, daß die Jugend gelernt hatte, die Sprache mit einer großen Leichtigkeit zu behandeln. Unter den jüngeren Männern, die auf diese Weise das alte Germanien durch die verklungenen Sagen und Gedichte neu zu beleben suchten, zeichneten sich die Gebrüder Grimm vorzüglich durch ein ernsthaftes, geregeltes, für das ganze Leben festgehaltenes Studium aus. Wilhelm Grimm hatte sich schon in Kassel mit der Übersetzung alter dänischer Gedichte beschäftigt. Sie wurden mir, während Reichardt sich in Kassel aufhielt, durch Luise zum Durchsehen und zur Korrektur zugeschickt. Ein Herzübel hatte ihn nach Halle gebracht, um Reil zu konsultieren. Er mietete sich in dem von mir bewohnten Hause ein, deren Besitzerin Reils Schwester war, und ich sah ihn fast ein Jahr lang täglich. Sein stilles, ruhiges und mildes Wesen zog mich an. Er übersetzte Peder Syvs Kampenlieder (Kiämpe-Wiiser) aus dem Dänischen, und es freute mich, daß ich ihm bei manchen zweifelhaften Stellen behilflich sein konnte. Seine Beschäftigung hatte für mich etwas sehr Anziehendes, und es war mir angenehm, durch freundliches Zusammenleben und täglichen lehrreichen Umgangs durch die stille Beschäftigung und durch das gründliche Forschen eines liebreichen jungen Mannes mit einer Richtung der Literatur, die so weit von meinen eigenen Studien entfernt lag und die schon seit meinem ersten reichen Aufenthalt in Deutschland mir so bedeutend erschien, auf die bequemste Weise bekannt zu werden. Wilhelm Grimm war mit Brentano zugleich da, und natürlich bildete die alte deutsche Poesie den Hauptgegenstand unserer Gespräche. Allerdings hatten Männer von hohem Rufe sich mit den Überresten der alten deutschen Poesie früher beschäftigt. Ich nenne nur Leibniz, Bodmer, Lessing, aber alles blieb fragmentarisch; die wichtigsten Schätze blieben in den Bibliotheken verborgen, der große Zusammenhang aller nordischen Mythen und Sagen war unbekannt, und als das Nibelungengedicht durch Müller Christoph Heinrich Müller (Myller), ein Schüler Bodmers aus Zürich, gab in den Jahren 1782-85 eine Sammlung deutscher Gedichte aus dem 12. bis 14. Jahrhundert heraus, darunter die erste Gesamtausgabe des Nibelungenliedes, einen Mischtext aus zwei Handschriften. gedruckt wurde, erregte es kaum einige Teilnahme. Seit August Wilhelm Schlegel und vorzüglich Tieck das Interesse für dieses Studium lebhaft anzuregen wußten, war es zu bewundern, mit welcher Schnelligkeit es sich allenthalben verbreitete. Früher nur halb gekannte oder ganz unbekannte Schätze entdeckte man in den Bibliotheken, und es entstand eine Bewegung in der literarischen Welt, die verglichen werden kann mit derjenigen, die in Italien sich äußerte, als die griechischen Manuskripte aus der klassischen Zeit dahin strömten. Das große Verdienst, welches sich damals besonders von der Hagen Friedrich Heinrich von der Hagen bekam 1818 das erste germanistische Ordinariat in Breslau; seine Erneuerung des Nibelungenliedes wurde von den Brüdern Grimm jedoch abgelehnt. erwarb, indem er vorzüglich dazu beitrug, das Nibelungenlied und die Gedichte und Sagen, die sich an dieses anschlossen, zu bearbeiten und zugänglicher zu machen, indem er zugleich auf den innern Zusammenhang der ältesten deutschen Dichtkunst mit den skandinavischen Mythen aufmerksam machte, ist allgemein bekannt. Daß dieses Studium zuerst vorzüglich mit dem reichen Inhalte so vieler neuer Schätze, die den Forscher fast überwältigen, sich beschäftigen mußte, war sehr natürlich. Die strengere Form der Untersuchung, die grammatische wie die historische, konnte, wie sich's von selbst versteht, nur ein Produkt immer sorgfältigerer Forschungen werden. Wie lange die Gelehrten Europas in den Schätzen der griechischen Literatur wühlten, ist allgemein bekannt; Jahrhunderte verflossen, bevor sie, von dem Reichtume überwältigt, das fast unübersehbare Material auch in formeller Rücksicht zu beherrschen vermochten. Man muß daher erstaunen, wenn man bedenkt, wie bald die strengere Forschung einen sichern Boden binnen einer Zeit von einigen dreißig Jahren gefunden hat. Diese Wissenschaft, die neben der des klassischen Altertums ein wesentliches Element der geistigen Bildung geworden ist, ward dadurch noch wichtiger, daß sie sich mit der Ausbildung der Sprachlehre aller indogermanischen Stämme verband und der Geschichte eine Aufgabe lieferte, deren Lösung vielleicht die tiefste ist, die ihr jemals gegeben wurde. So war eine geistige Bewegung der Zeit, die mir fremd schien, mir durch bedeutende Repräsentanten nahegetreten, und doppelt wichtig erschien sie mir, weil sie in ihrer tiefsten Wurzel deutsch war, weil Deutschland, wie es aus der uralten, noch zum Teil verschlossenen dunklen Vergangenheit mir nahetrat, mir immer bedeutender ward, und selbst meine eigenen Studien, so fremd sie schienen, dennoch aus der alten Quelle deutschen Geistes entsprangen und eine Verwandtschaft der fremdartigsten Bestrebungen des einen , in allen seinen Richtungen bewegten Lebens kund taten und erkennen ließen. * Unter den mächtigeren Staaten in Europa ist Preußen der jüngste, nicht allein durch die mächtige Persönlichkeit des Großen Kurfürsten und mehrerer seiner Nachfolger, sondern auch als das besondere Resultat mancherlei innerer wie äußerer Verhältnisse, die in der geschichtlichen Entwicklung der europäischen Kultur hervortraten und dieser eine bestimmte Richtung gaben, zu dem geworden, was er ist. Ohne eine bedeutende Persönlichkeit treten zwar solche bildende Verhältnisse nie in die Erscheinung hinein, aber die Person ist selbst der lebendig gewordene Ausdruck derselben. Die geschichtlich gewordene Entwicklung Preußens beruhte auf einer durch Jahrhunderte vorbereiteten Veränderung fast aller Lebensmomente des Staates, die seit dem Anfang der Reformation still und langsam hervortraten. Das Verhältnis der Stände zueinander war, so lange die katholische Hierarchie Europa beherrschte, so genau mit der Kirche verbunden, daß diese in der Art ihrer äußern Erscheinung nicht zusammenstürzen konnte, ohne jene mit in den Sturz hineinzuziehen. Zwar hatte schon in Deutschland der Kampf gegen die Hierarchie früher seinen Anfang genommen; Fürsten hatten sich vereinigt, die Macht der Städte war gewachsen, eine von der Kirche abgesonderte Gelehrsamkeit hatte sich gebildet: aber dennoch war der Kampf, der hier anfing, mehr als hundertundfünfzig Jahre hindurch ein zerstörender, nicht ein bildender. Zwei protestantische Staaten traten durch einen konzentrierten Kampf hervor: England nämlich und Holland. Aber die Macht dieser neuen Staaten war durch ihre Lage nach dem Meere hingewiesen. So stürzten der Handel und der Weltbesitz Spaniens und Portugals zusammen; die Gewalt des Papstes, welche die außereuropäische Erdhälfte unter die katholischen Mächte geteilt hatte, verlor alle Bedeutung, und ein System friedlicher Kolonisation trat durch die protestantischen Staaten an die Stelle der gewaltsamen und grausamen Eroberung Spaniens und Portugals. Zwar wollen wir keineswegs leugnen, daß in diesen Versuchen friedlicher Niederlassungen die selbstsüchtige Eroberungssucht lauerte und noch bis in unsere Tage ihre Herrschaft behauptet; aber eine Umkehrung der Prinzipien hatte stattgefunden. Die katholischen Eroberungen sowohl der Spanier in Südamerika wie der Portugiesen in Indien hatten einen durchaus alttestamentarischen Charakter. Man legte es auf eine vollkommen kanaanitische Vernichtung der Völker an. Am reinsten tritt dieser Gegensatz zwischen dem katholischen Vernichtungssystem und der kolonisierenden, friedlichen Besitznahme in Amerika hervor, wenn man Süd- mit Nordamerika, Pizarro mit Penn William Penn, 1644-1718, der im Jahre 1882 den Staat Pennsylvanien, in dem Glaubensfreiheit herrschen und jeder Unterschied der Stände verschwinden sollte, gründete – im Gegensatz zu dem grausamen Spanier Franzisco Pizarro, der Peru für die spanische Krone eroberte. vergleicht. Auf dem Festlande in Europa aber war Preußen bestimmt, die staatenbildende Gewalt des Protestantismus in der Geschichte zum Vorschein zu bringen. Daher waren der Große Kurfürst und Wilhelm von Oranien nicht bloß politisch Verbündete durch die äußere Macht der Verhältnisse, sondern auch persönlich Verbrüderte durch eine innere Gesinnung, die sich immer großartiger entwickeln sollte. Der bildende Kampf der Geschichte umfaßt notwendigerweise alle Lebensmomente der Staaten zugleich. Eine jede Stufe der Entwicklung in ihrer besonderen Art schließt eine Zukunft in sich, die erst später zum Vorschein kommen soll. Die erste Stufe wird überwiegend durch den äußeren Kampf dargestellt; die siegreichen Waffen scheinen da das Schicksal der Staaten zu entscheiden. Die Kirche war durch den Protestantismus in die Gewalt der Fürsten gekommen; der Geist, der früher den Fürsten und dem Adel gegenüber viele Jahrhunderte hindurch durch die Kirche repräsentiert wurde, war in der Tat der Geist der damaligen Zeit. Sie hatte an die Stelle der Religion der inneren Erkenntnis und der freien Liebe eine Mythe erzeugt, die alle Geister beherrschte und sich, wie jede geschichtliche Mythe, in eine großartige Kunst begrub. Wo der Protestantismus Macht gewann, da war jene geistige Einheit der Kirche verschwunden, sie konnte sich nur durch den Schutz der Fürsten und der durch diese mächtig gewordenen Geschlechter erhalten; Fürst und Adel erhielten nun, solange die religiösen Kriege dauerten, eine überwiegend einseitige Gewalt. Die Repräsentanten der geistigen Elemente der Zeit, die sich durch die kirchliche Hierarchie früherer Zeiten gestärkt hatten, waren ohnmächtig geworden. In der Folge der Jahrhunderte bildete sich der Gegensatz von Glauben und Wissen, von Kirche und Universität immer entschiedener aus; sie bekämpften sich wechselseitig und waren der äußern Gewalt übergeben. Wenn man von der legitimen Bedeutung des Adels spricht, scheint man zu vergessen, daß er sich echt geschichtlich nur ausgebildet hat einer geistigen selbständigen Macht gegenüber, und daß, wo diese verschwindet, seine eigene, ursprüngliche, echt geschichtliche Bedeutung notwendig sich aufhebt. Aber in dem nämlichen Grade, in welchem die von dem religiösen Punkte sich trennende Wissenschaft sich der äußeren Gewalt unterwirft, wird auch der von den übrigen Volksständen sich trennende Adel sich den Fürsten unterwerfen müssen. Diese äußeren Krisen bildeten die ersten Elemente der Gründung des preußischen Staates. Sie fing mit den glücklichen Kämpfen an; der Staat selbst erhielt seine europäische Bedeutung durch die Siege Friedrichs des Großen. Aber während dieser Kämpfe entwickelte sich in Preußen die innere Organisation des Staates mit einer Konsequenz wie in keinem anderen Lande. König, Adel, Militär besaßen zwar die überwiegende Macht, aber ein strenger Formalismus des Rechts und der Administration, eine Hierarchie der Beamten, wie sie in keinem Staate bis jetzt sich ausgebildet hatte, ward von seiner eigenen Konsequenz gefangen und genötigt, alle Stufen einer fast logisch dialektischen Metamorphose durchzulaufen. Friedrich der Große hat dadurch auch eine so mächtige geschichtliche Bedeutung erhalten, weil er berufen war, die erste Stufe der kriegerischen Begründung abzuschließen und die zweite einer innern Administration für eine lange Zukunft zu befestigen. Seine Größe beruhte darauf, daß er auch in geistiger Rücksicht der Repräsentant seiner Zeit war. Das von dem Glauben getrennte Wissen war mächtig geworden; seinen Vereinigungspunkt, der freilich nie zur wahren Einheit gelangen konnte, hatte es nicht aus der tiefen religiösen Bewegung deutscher Protestanten erhalten; das Wissen, welches nur von sich selber wußte, war aus dem in sich verfallenen Katholizismus in Frankreich entstanden. Der Kampf zwischen Katholiken und Hugenotten war dort politische Intrige geworden, und daher mußten die letzteren unterliegen, denn für diesen Kampf waren sie ihrer Natur nach zu schwach. Aber dieses von dem Glauben getrennte Wissen war notwendig propagandistisch; es war herrschender europäischer Verstand geworden, und wo eine höhere Bildung innerlich für das Erkennen wie äußerlich für das Handeln mannigfaltige Verhältnisse des Lebens überschauen, leiten, ordnen soll, war dieser Verstand notwendig der herrschende. Die Religion, von diesem getrennt, hatte sich, äußerlich ohnmächtig, in das Gefühl verloren und sich in das mehr ahnende als bestimmt erkennende und handelnde Gemüt des Volkes zurückgezogen. Sie erschien notwendig beschränkt und unfähig, das Interesse des Staates und der Wissenschaft zu lenken und zu beherrschen. Durch diese Macht des Verstandes und seine Trennung von der Religion ward Frankreich mächtig und beherrschte Europa. Diese Macht konnte nur auf ihrem eigenen Boden bekämpft, mit ihren eigenen Waffen besiegt werden. Daher müssen wir Friedrich den Großen loben; denn der ist allein ein echter König, der seine Zeit begreift und dadurch beherrscht. Er konnte es wagen, den Ansichten eines glaubenleeren Wissens, die, wo sie aus der inneren Gesinnung des Volkes erwuchsen, notwendig zur Revolution führen mußten, unbedenklich zu huldigen, denn sie gaben ihm nur den abstrakten Schematismus zur Anordnung der Verhältnisse eines Volkes, welches den tieferen Grund des Glaubens nie ganz aufzugeben vermochte. In dem bisher betrachteten Sinne kann man nun aber sagen, Paris hatte die Stelle von Rom eingenommen; die Masse des Verstandes hatte sich über den Ruinen der gefallenen Kirche aufgebaut. Deutschland war wie der übrige Kontinent von dieser neuen Macht unterjocht, die vornehme Welt unterwarf sich immer entschiedener. Die Revolution bewies, daß diese Richtung in Frankreich eine aus dem innersten Dasein des Volkes entsprungene war: während sie, wie viele Anhänger sie sich auch erwarb, wie überwiegend sie auch in der Literatur wie in den höheren geselligen Kreisen hervortrat, doch immer eine fremde Herrschaft blieb, die Deutschland abzuwerfen aufgefordert war. Noch hat diese fremde Herrschaft eine so große Gewalt, noch wird, wo man Staatsverhältnisse, innere wie äußere, beurteilt, die Macht des glaubenleeren Wissens so hoch gehalten, die stille Gewalt des bildenden Geistes so wenig erkannt, daß man es in vielen Kreisen achselzuckend als eine bejammernswürdige Pedanterie eines Gelehrten betrachten wird, wenn ich zu behaupten wage, daß die Spekulation, die eben in der zurückgedrängten und wenig geachteten deutschen Literatur unter Friedrich dem Zweiten durch Kant hervortrat, sowie die Poesie, die Goethe schuf, und der Einfluß eines tiefen Geistes wie Lessing die ersten Momente eines inneren Kampfes des deutschen Volkes gegen Frankreich enthielt. Es war ein Wissen, welches mit allem Reichtum seiner Entwicklung sich dem Glauben zuwandte, ohne ihn zu erkennen. Ich darf diese Darstellung hier nicht weiter ausdehnen. Preußen ging dem dritten Moment seines Daseins entgegen. Es war berufen, seine geistige Aufgabe zu fassen, aber diese war nicht preußisch, sondern deutsch. Hier in Deutschland haben wir so viele Jahrhunderte hindurch die Völker eines Volksstammes während der heftigsten äußeren Kämpfe, wie in Griechenland, in geistiger Einheit verbunden gesehen. Nie gelang es, selbst während der tiefsten religiösen Trennung, diese allein geistige Herrschaft zu überwinden. Durch Kriegsheere und Administration war Preußen auf eine herbe Weise in Gefahr, in seiner Vereinzelung zu erstarren. Der Staat sollte lernen, daß er auch in seiner Selbständigkeit nicht teilweise, sondern ganz deutsch sein müßte, wenn er seine Bedeutung, sein Ansehen, seinen Einfluß behalten wollte; daher die harte Prüfung. Die Gründung der Universität in Berlin ist in der Tat eine der merkwürdigsten geschichtlichen Ereignisse unserer Tage. Vergleichen wir, was damals geschah, mit dem, wozu die Regierung sich etwa entschlossen haben würde, wenn man sie wenige Jahre früher auf die dürftige Lage der Universität in Halle aufmerksam gemacht hätte, so muß man in der Tat in Erstaunen geraten. Diese Universität war in den letzten Jahren vor allen übrigen begünstigt: und dennoch waren die dortigen Institute in einer so dürftigen Lage, die keineswegs den damaligen wissenschaftlichen Bedürfnissen entsprach; und doch würden die Vorschläge einer zeitgemäßen Erweiterung derselben entschieden abgeschlagen worden sein, wenn man gewagt hätte, sie vorzutragen. Jetzt, nachdem der Staat halb zerstört erschien, nachdem alle Hilfsmittel verschwunden waren, ein Teil der reichsten Provinzen in feindlicher Gewalt, und das innerlich zerrüttete Land einer traurigen Zukunft entgegensah, war man einer Anstrengung fähig, die man kurz vorher nach einem zehnjährigen Frieden für schlechthin unmöglich erklärt haben würde. Wodurch entstand diese mächtige, großartige Tat? Es war die Überzeugung, daß das geschlagene Preußen berufen war, vor allem in Deutschland einen Adel und Bürgerschaft, militärische und administrative Institutionen auf gleiche Weise durchdringenden Mittelpunkt zu bilden; es war die innere Zuversicht, mit welcher man diesen Ruf freudig anerkannte und an seine Erfüllung die schönsten Hoffnungen knüpfte. In der Tat, die Gesinnung, die damals in Berlin während des härtesten Druckes herrschte, war bewundernswürdig. Die Hauptstadt war von feindlichen Truppen besetzt, der König hielt sich an der fernen russischen Grenze auf, und dennoch war die Stadt, das Land nur äußerlich beherrscht, eine sehr geringe Minorität des Landes innerlich unterjocht. Die Feinde hatten Festungen eingenommen, die Armee war geschlagen und dem übermächtigen Sieger gegenüber so gut wie waffenlos: aber ein inneres, dem Feinde unsichtbares Heer hatte sich an die Stelle des äußeren gebildet, zog sich immer dichter zusammen, und man kann behaupten, der Feind erlitt täglich Niederlagen, die freilich nicht laut wurden. Der Sieger ahnte sie kaum, und ihre Erfolge blieben ihm verborgen. Männer wie Schleiermacher, alle bedeutenden Geister waren ohne Verabredung in einem inneren Bunde; das ganze Bewußtsein der Einwohner der Hauptstadt schien sich aller äußeren Unwahrscheinlichkeit zum Trotz auf den bevorstehenden Kampf vorzubereiten. Niemals waren Volk und König inniger verbunden; die erbitterte Armee lauerte auf den Augenblick, der ihr erlauben würde, die Schmach der Niederlage zu vertilgen. Als der Krieg anfing, der noch ungewisse Kampf begann, ward Land und Heer wie von einem ahnungsvollen Schrecken ergriffen. Die Armee vermochte sich nicht wieder zu sammeln, die Festungen öffneten die Tore, fast ohne belagert zu sein; erst auf der entferntesten östlichen Grenze bei Eylau, bei Friedland, war dieses Schrecken völlig verschwunden; und der besonnene Mut, mit welchem hier gekämpft wurde, die hartnäckige Tapferkeit, mit welcher Danzig und Graudenz verteidigt wurden, hätte den Feind belehren sollen, daß im Heere die alte Kühnheit, der alte deutsche Mut wieder entstanden war. Aber von hier aus nahm er alle Einwohner in Anspruch, ein jeder Preuße war innerlich bewaffnet. Eine Ansicht des Lebens fing an sich auszubilden, die alle Momente desselben durchdrang, und während der kriegerische Geist und die strenge militärische Ordnung die von dem Feinde, man kann sagen, unbesonnen geduldeten Reste des Heeres in sich stärkte und über seine sichtbaren Grenzen hinaus ein verborgenes schuf, das in jedem Augenblick bereit war, sich zu waffnen und sich an jenes anzuschließen, während die Sicherheit und Virtuosität die gewöhnlichen Hilfsmittel für zukünftige große Erfolge zu konzentrieren vermochte, wurde der stille prophetische Ruf, der eine großartige Vereinigung weissagte, von allen Preußen vernommen. Seine mächtige Bedeutung blieb aber dem Feinde, obgleich er im Lande lebte und herrschte, verborgen. Damals trat Fichte als derjenige hervor, der mit so bewundernswürdiger Kühnheit unter den Augen der Sieger deutsche Freiheit verkündigte. Damals stärkte mit gleicher Kühnheit Schleiermacher die innere Gesinnung, die von Rechts wegen, wo für Altar und Herd gekämpft wurde, eine religiöse Bedeutung hatte. Beide waren im eigentlichsten Sinne deutsche Volksredner. Es wird schwer sein, die Deutschen für eine bestimmte oberflächliche, auf den Eindruck des Augenblicks berechnete politische Kombination zu gewinnen. Selbst wo sie sich wie in den vielen neueren Kammerverhandlungen äußern will, erscheint sie ohnmächtig und ungeschickt. Der Franzose wird, wenn man ihn für solche Zwecke in Bewegung setzt, durch keine tieferen Zweifel gestört. Er vergißt Vergangenes und Zukünftiges; das Ziel, was ihm eben vorschwebt, ist ihm alles, und jedes Mittel, es zu erreichen, steht ihm zu Gebote. Der Deutsche kann die Lebensmomente so isoliert nicht ergreifen; mannigfaltige Zweifel quälen ihn, und der günstige Augenblick ist verschwunden, bevor er zu irgendeinem Entschluß gekommen ist. Nur eine tiefere Gesinnung, die das ganze Leben in seinem Innersten bewegt, bildet den scheinbar verhüllten Mittelpunkt der innigsten Vereinigung. Daher glänzt Deutschland selten durch prunkende Erfolge, deren Bedeutungen verfliegen, wie sie entstanden sind. Langsam, scheinbar schlummernd regt sich der innere Geist: aber der Augenblick seiner Tätigkeit ruft Ereignisse hervor, die für Jahrhunderte ihre Bedeutung erhalten. So war Deutschland berufen, die Reformation zu begründen; und die Aufgabe, die Revolution zu besiegen, ist seit dem Befreiungskriege diesem Volke geworden und geht noch immer durch eine lange Reihe von Jahren ihrer Lösung entgegen. Die Anlage der Universität fand im großartigsten Sinne statt. Die mannigfaltigsten Stimmen der bedeutendsten Gelehrten wurden gehört, und W. von Humboldt leitete die erste Anlage ein; auf die Stimmen solcher Männer wie Wolf und Schleiermacher, später Reil, ward geachtet. Alle wissenschaftlichen Institute wurden nach einem großartigen zeitgemäßen Plane entworfen, die vorhandenen Sammlungen der Universität übergeben; man berief die ausgezeichnetsten Gelehrten, und ein jeder nahm gern den Ruf an. Nur in Beziehung auf die Spekulation herrschte ein bedeutendes Schwanken. Im Anfange war es die Absicht, geflissentlich ein philosophisches Chaos hervorzurufen: welches einen merkwürdigen Gegensatz gegen die spätere, selbst von den Behörden unterstützte strenge Schule bildete. Die Bedeutung der Spekulation für die deutsche Bildung ward zugestanden und erkannt, aber nicht anerkannt. Besonders schien man der Naturphilosophie keineswegs günstig. Daß ich den heißesten Wunsch hatte, nach Berlin versetzt zu werden, versteht sich wohl von selbst; auch glaubte ich auf eine solche Anstellung hoffen zu können. Ich betrachtete mich, wie auf einen gefährlichen Vorposten gestellt, und glaubte erwarten zu dürfen, daß man mich abrufen würde. Indessen zeigten sich immer mehr Schwierigkeiten. Es dauerte lange, ehe ich alle Hoffnung aufgab und zu der Überzeugung kam, daß man mich in Berlin nicht haben wolle. Der Entschluß, in allem Ernst eine Naturphilosophie als eine selbständige Wissenschaft auszubilden, den Grund zu legen zu einer lebendig geistigen Auffassung der Natur, ward als etwas Törichtes betrachtet. Obgleich dieser Entschluß, der mir vorschwebte, der immer klarer werdende Inhalt meines Lebens war, so stand ich doch zu isoliert da: die Philosophen bewegten sich in einer von der Natur abgewandten Abstraktion; die Naturforscher hielten eine jede übersinnliche Auffassung des Sinnlichen für einen Wahn, der nicht streng genug abgewiesen werden könnte. Der Tod meiner Kinder, Das einzige Kind, das am Leben blieb, war die im Januar 1806 geborene Tochter Clara. die immer drückender werdende finanzielle Lage, meine völlig gehemmte Wirksamkeit als Universitätslehrer verdüsterten meine Stimmung immer mehr, als alle Hoffnung, gerettet zu werden, verschwunden war. Und leider wurde die Gefahr, in welche ich durch Ereignisse, die später erwähnt werden sollen, hineingerissen wurde, täglich größer. Professor Sternberg in Marburg war füsiliert, und an die Stelle der glänzenden Hoffnungen trat die düstere Aussicht auf ein unnütz vergeudetes Leben und einen gewaltsamen Tod mir entgegen. * Man pflegt nicht selten den Herrschern und überhaupt den höheren Klassen vorzuwerfen, daß sie die Gesinnungen des Volkes und die drohenden Verhältnisse, die oft zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Ländern der bestehenden Ordnung, und, mit dieser ihrer eigenen Existenz, Gefahr bringen, nicht erkennen und dadurch in dem entscheidenden Moment überrascht und besiegt werden. Napoleon aber war unter dem Volke geboren und erzogen; er selbst hatte an Volksumtrieben teilgenommen und was man mit dem Volke unternehmen, wie man es entflammen könne, erfahren. Freilich, solche Erfahrungen von Unternehmungen, die teils gegen ihn stattfanden, teils von ihm selbst geleitet wurden, kannte er bis jetzt nur in Frankreich und Italien, und er selbst war ein geborner Italiener, in Frankreich unter der Revolution erzogen. Die widerstrebende Volksgesinnung äußert sich ganz anders in südlichen als in nördlichen Ländern. Sie organisiert dort leichter Aufstände, weil das Leben überhaupt leichter sich bewegt und umwandelt. Das fortdauernd gegen Napoleon kämpfende Spanien konnte ihm daher keine neuen Erfahrungen bringen. In Norddeutschland ist das Leben an den mühsamen Erwerb geknüpft; was eine Familie mit unausgesetzter Aufmerksamkeit und steter sorgsamer Anstrengung erlangt hat, muß sie ängstlich zusammenhalten. Das ganze Leben in Gegenden, die nichts schenken, denen alles mühsam abgerungen werden muß, ist ein künstliches, und eine jede plötzliche Veränderung droht nicht bloß mit einem vorübergehenden Mangel, vielmehr mit der höchsten, ja mit vernichtender Armut. Ein Nordländer kann nicht sein Haus verlassen und sich in Wäldern aufhalten; ein Guerillakrieg von irgendeinem Erfolg ist in den flachen Ländern unmöglich, und wenn der Deutsche es wagen wollte, während der kurzen Sommermonate mit der Familie Städte und Dörfer zu verlassen und sich in sumpfige Gegenden oder wo Gebirge sind, in unzugängliche Schluchten zurückzuziehen, so schwebt ihm der drohende Winter vor den Augen, der ihm eine Zuflucht nach den Städten und Dörfern notwendig macht. Die industriöse Tätigkeit der Nordländer wird als ein Vorzug, ja mit Recht als die Grundlage einer höhern geistigen Entwicklung betrachtet. Der Mensch wird durch den mühsamen Erwerb von der Natur losgesprochen; was ihn erhält, ist das Erzeugnis der eigenen bewußten Tat, und das Bewußtsein, einmal in Tätigkeit gesetzt, findet keine Ruhe und ergreift immer höhere Probleme, immer höhere Gegenstände, die es durchdringen, erkennen, geistig beherrschen will. So sind die nördlichen Staaten schon aus einem ursprünglichen Verhältnisse zur Natur, die beherrscht werden muß, auf ganz anderen Grundlagen entstanden und erbaut als die südlichen; wenn sie überwältigt werden, ist ein kühnes Auflehnen gegen die fremde Gewalt fast unmöglich. Man entschließt sich, das Verlorene aufzugeben, die harten Anforderungen des Siegers zu dulden, aber nur, um mit desto größerer sorgsamer Emsigkeit das Gerettete zusammenzuhalten und für eine dürftige Existenz zu retten. Ja die Behörden finden sich verpflichtet, diese erhaltende Gesinnung der einzelnen Bürger zu unterstützen; selbst der Feind erkennt die Notwendigkeit, Maß und Ordnung in seinen Forderungen eintreten zu lassen, wenn er seine eigene Existenz in dem besetzten Lande retten will. An die Stelle des Naturreichtums, der in südlichen Ländern die feindliche Armee und das auswandernde Volk, wenn auch dürftig, erhält, zeigt sich in den nördlichen Ländern als ein Unsichtbares die ordnende Tätigkeit, der zusammenhaltende Fleiß, der die Gewalt einer zweiten Natur besitzt; und wie ein Heer sich selbst vernichten würde, wenn es das unreife Korn fruchtbarer Felder im Lande zerstörte, so muß es die Sorgfalt der Familie für die eigene Existenz in allen Richtungen des Lebens als den fruchtbaren Boden betrachten, der ihm allein eine erwünschte Ernte zu bringen vermag. Diese Erfahrung mag dazu beigetragen haben, Napoleon in Beziehung auf Preußen zu täuschen, und selbst während der Restauration war man kaum von einer größern Blindheit geschlagen. Allerdings war das Volk nicht geneigt, die noch so bedrohte bürgerliche Existenz unbesonnen aufs Spiel zu setzen; denn sie sahen jenseits des mühsamen ruhigen Fleißes keine mögliche Rettung, aber die still sich stärkende Gesinnung, die sich stillschweigend nährte, lauerte nur auf ein Ereignis, welches sie mit Sicherheit erwartete. Die leichte Beweglichkeit südlicher Länder ruft eine größere Fügsamkeit in veränderten Verhältnissen hervor. Ein Volk, welches leicht zum Aufruhr geneigt ist, wird eben nach einigen mißlungenen Versuchen am sichersten unterworfen. Der stille Zorn hingegen, der die Vergangenheit als ein Heiligtum bewahrt, Altar und Herd in immer sicherer Verborgenheit schützt, bereitet sich Tag und Nacht zu dem entscheidenden Kampfe; und die scheinbare Selbstsucht der Familie nährt im geheimen die entschlossenste Aufopferung. Napoleon war an einen solchen stillen und verborgenen Widerstand nicht gewöhnt. Eine feile Literatur diente ihm, und man sah vielleicht nie entschiedener, wie wenig diese ein Ausdruck allgemeiner Gesinnung ist, als damals. Die Besten schwiegen, und wo sie sprachen, wurden sie nicht verstanden. Zwar haßte Napoleon die deutsche Literatur. »Die deutschen Gelehrten«, äußerte er, »mischen in alles die Politik, selbst in die Grammatik und Mathematik«, aber er verachtete sie. Als er den Buchhändler Palm totschießen ließ, Johann Philipp Palm, geboren am 18. Dezember 1766 in Schorndorf, ist einer der politischen Märtyrer der deutschen Geschichte. Er besaß als Buchhändler die Steinsche Buchhandlung in Nürnberg, in deren Verlag 1806 die anonyme Schrift »Deutschland in seiner tiefsten Erniedrigung« erschien, die den Despotismus Napoleons geißelte. Ein Exemplar davon kam französischen Offizieren in die Hände. Palm wurde verhaftet und, weil er den Autor nicht verriet, am 26. August 1806 in Braunau am Inn erschossen. glaubte er wohl den Rücken seiner Armee gefährdet, aber kaum ließ er sich davon abhalten, ähnliche Beispiele der Strenge zu wiederholen, weil er die öffentliche Meinung der Deutschen fürchtete. Er hatte gewiß keine Ahnung von der Tiefe der Erbitterung und von der gefährlichen Stimmung, die durch diese Mordtat hervorgerufen wurde. Der Fehler, der bei Palms Ermordung stattfand, war die große Öffentlichkeit und das Aufsehen Erregende dieser Exekution; eben weil Napoleon dem ganzen Lande Schrecken einflößen wollte, mißlang seine Absicht, und der allgemeine Zorn vertrat, je weiter man von dem Schauplatze entfernt war, desto entschiedener die Stelle der Furcht. Erfolgreicher waren einzelne stille Ermordungen, die ohne allen Grund an unbedeutenden Menschen der geringern Klasse ausgeübt wurden. Wenn es der Geheimen Polizei der Armee in einer langen Zeit nicht gelungen war, Spuren feindseliger Gesinnung zu entdecken, ergriff man ohne Bedenken irgendeinen Menschen aus den geringeren Klassen, freilich solche, die sich herumtrieben und als Durchwandernde in der Gegend fremd waren. Wirklich sollen auf diese Weise einige erschossen worden sein. Diese venetianische Justiz, eben je unerwarteter sie ausgeübt wurde, je unmöglicher es war, den Grund derselben zu entdecken, war nur auf die nächste Umgebung berechnet, hier aber von großem Erfolg. In der Tat gab es Gegenden, selbst im nördlichen Deutschland, wo alte Freunde gegeneinander mißtrauisch wurden, wo furchtsame Menschen allenthalben gefährliche Männer, die einerseits zum Aufstand locken wollten, und andererseits lauernde Angeber zu erblicken glaubten. Diese Furcht hatte dennoch keinen Einfluß auf die Gesinnung, in den Städten am wenigsten; in keiner Stadt des Königreichs Westfalen aber weniger als in Halle. Ein ganzes Jahr verging, ohne daß irgendein Strahl von Hoffnung in unsere trübe Lage fiel. Die kühnen Spanier, die allein den Kampf gegen Napoleon mit Entschlossenheit fortsetzten und seine Heere beschäftigten, gaben uns einen schwachen Trost, aber dennoch blieb der Druck der nämliche. Durch Halle ging eine französische Militärstraße, wir sahen die feindlichen Truppen sich fortdauernd hin- und herbewegen, in allen Häusern kannte man die schwere Last der Einquartierung; Berthier, der schon durch den Titel, den er erhielt, als Fürst von Neufchatel, die herbsten Erinnerungen erwecken mußte, war im Besitz der Domäne Giebichenstein, einer der mächtigsten und größten im Lande. Der König von Preußen residierte noch immer in weiter Entfernung, erst in Memel, dann in Königsberg. Alle Nachrichten, die wir von da erhielten, waren im höchsten Grade trübe. Meine erste Einweihung in die geheimeren Unternehmungen geschah auf eine bedeutende Weise. Ich erhielt mit meinem Freunde Blanc die Aufforderung, nach Dessau zu reisen, und als wir zur bestimmten Zeit im Gasthofe abstiegen, fanden wir dort mehrere Freunde aus Berlin: Schleiermacher, Reimer mit einem Verwandten, und Herrn von Lützow, den jetzigen Generalleutnant. Der Kaiser Napoleon war in Erfurt, wo er, wie die bekannten Lebensbilder aus dem Befreiungskriege melden, den Kaiser von Rußland, die Könige von Bayern, Sachsen, Westfalen und Württemberg, die Großherzöge von Baden und Würzburg, 42 Fürsten und Prinzen, 26 Staatsminister, ein Halbes Hundert Generale – und den Schauspieler Talma François Joseph Talma, 1763-1826, großer französischer Schauspieler, Darsteller tragischer Rollen, ein Meister der pathetisch-erhabenen Geste, von Napoleon bewundert. – um sich versammelt hatte. Dieses unermeßliche Festgepränge, welches mit dem Jahrestage der Auerstedter Schlacht, dem 14. Oktober 1808 endigte, barg hinter sich einen Entschluß, der die Zukunft von ganz Europa umändern sollte. Ohne allen Zweifel war es Napoleons Absicht, dem russischen Kaiser durch die Versammlung unterwürfiger Fürsten zu imponieren; in der Tat: durch sie trat jene Erzählung, die in den nordisch-mythischen Geschichten mit dichterischer Übertreibung vorkommt, die Erzählung von Etzels Hochzeit mit Kriemhilde zu Wien, mitten aus dem prosaisch-europäischen Leben hervor. Daß Kaiser Alexander in diesem Augenblick sich nicht mit Erfolg von Napoleon trennen zu können glaubte, darf angenommen werden; daß ein kühner Eroberer, dessen Erfolge bis zu diesem Augenblick eine phantastische Größe erlangt hatten, seinen Plan willkürlicher Teilung aller europäischer Länder fassen und an sein Gelingen glauben konnte, ist sehr wahrscheinlich. Der russische Kaiser glaubte nicht, sich zurückziehen zu können, daß er aber jemals daran gedacht hat, verbunden mit Napoleon, die Teilung ernstlich vorzunehmen, darf wohl bezweifelt werden. Nachrichten von diesem Plane mögen durch den hannoverschen Gesandten Hardenberg, durch Stadion 1805-09 österreichischer Minister des Auswärtigen, tatkräftiger Mitbegründer der dritten Koalition gegen Napoleon. nach London und Berlin gekommen sein. Was ich damals erfuhr, war höchst dunkel und unbestimmt. Selbst ein bevorstehendes Bündnis zwischen Rußland und Frankreich schwebte nur wie eine dunkel gefürchtete zukünftige Möglichkeit mir vor. So viel erinnere ich mich entschieden, daß von da an Stadion als ein bedeutender Mann, auf welchen die Deutschgesinnten große Hoffnungen setzten, erschien; daß die Versammlung in Erfurt, die Gegenwart des russischen Kaisers daselbst gefährliche Pläne verbarg, die Preußens Existenz bedrohten. Was mir am wichtigsten schien, war aber, daß der geheime Widerstand gegen Napoleon nicht bloß unter dem Volke und durch dessen, wie es schien, wenig bedeutende zerstreute Anführer, sondern auch durch eine stille Verbrüderung noch immer mächtiger europäischer Staaten unterhalten wurde. Preußen kannte die Gefahr, die mit seiner Vernichtung drohte. Wenn Österreich sich auch noch nicht zu erklären wagte, so war doch eine bedeutende Partei tätig und unablässig beschäftigt, Deutschlands Untergang zu verhindern, und das gewaltige England bot alle Mittel auf, die Gefahr von Deutschland abzuwenden und den Widerstand zu unterhalten und zu ermuntern. Diese, wenngleich unklare Übersicht über eine bevorstehende dunkle Zukunft und über die Mittel, ihr entgegenzutreten, versetzten mich in eine große innere Spannung. Wie auch der Erfolg sein mochte: das sah ich ein, daß ein jeder auf seine Weise tätig sein müsse, und wenn auch die Tat der Gegenwart und ihre Erfolge mir dunkel waren wie die zukünftige Gefahr, so erwartete ich doch mit unerschütterlicher Zuversicht, die mich niemals verließ, Napoleons Untergang. Die Absicht der Zusammenkunft war nun keine positive, nur das erfuhr ich, daß eine Menge treu Verbündeter allenthalben zerstreut war, um auf eine jede Bewegung des französischen Heeres aufmerksam zu sein. Dieser Auftrag ward auch uns, und ein jeder sollte, unterstützt von zuverlässigen und treuen Männern, die er mit Vorsicht an sich zog und in Tätigkeit setzte, die allgemeine Absicht zu fördern suchen. Während wir uns darüber berieten, waren Männer fortdauernd als Boten ausgesandt, um uns Nachrichten von Erfurt und der Umgegend so eilig als möglich zu bringen. Wir wurden so auf die mannigfaltigste Weise aufgeregt; Berichte liefen ein von Verdächtigen, die durch die Franzosen aufgehoben waren; selbst unsere Zusammenkunft schien bedroht, wenigstens wir, die wir in den besetzten Gegenden wohnten, wenn wir zurückkehrten. Da erfuhren wir nun ein Ereignis, welches mich ganz besonders überraschte und erschreckte. Ich glaubte nämlich, daß Baron von Rumohr Bei ihm hatte sich Steffens vor der Rückkehr nach Halle aufgehalten. sich ruhig auf seinen Gütern in Holstein aufhalte; wie erschrak ich, als ich nun erfuhr, daß er einer großen Gefahr kaum entgangen war. Sein Franzosenhaß war mir zwar bekannt, aber auf welche Weise er den Franzosen verdächtig geworden war, ist mir bis jetzt noch unbekannt. Er hielt sich bei einem Verwandten, dem Herrn von Münchhausen, auf einem Gute nicht weit von Erfurt auf. Plötzlich erfuhr man, daß französische Gendarmen sich dem Hause näherten, um ihn aufzuheben. Kaum gelang es seiner Schwester, der Frau des Hauses, ihn durch eine Hintertür zu entfernen, als die Gendarmen ins Haus traten; wenige Minuten nach seiner Entfernung konnte man ihnen versichern, daß von Rumohr abgereist wäre. Mit wenigen Mitteln versehen, setzte er indessen seine Flucht fort und entkam glücklich nach Böhmen. In Prag traf ihn Reichardt, mein Schwiegervater. Von dieser Menge verworrener und aufregender Ereignisse umgeben, bemerkte ich, daß irgendein dunkles Geheimnis meine Berliner Freunde beunruhigte. Sie suchten es uns offenbar zu verbergen, und es ward mir erst später bekannt. Zwei Männer, – ich erfuhr weder ihren Stand noch ihre Namen, – hatten den verzweifelten Entschluß gefaßt, in Erfurt Napoleon zu ermorden. Daß meine Freunde diese Tat nicht bloß mit Entsetzen, sondern mit Abscheu betrachteten, brauche ich wohl kaum zu versichern. Mich ergriff, als ich es vernahm, ein Grauen. Daß ein schwarzes Verbrechen die Stelle Napoleons einnehmen sollte, war mir furchtbar, er, der Sieger, erschien mir wie eine Wohltat aus Gottes gütiger Hand; er war bestimmt, die gelähmte Kraft zu stärken, krankhafte Ohnmacht zu vernichten, Treue gegen die Fürsten, Anhänglichkeit an das Vaterland, ja alles Heilige und Teure zu retten und zu beleben. Wenn ein Verbrechen ihn tötete, dann waren alle meine schönsten Hoffnungen begraben, und selbst, wenn die Ermordung, was sehr unwahrscheinlich war, für die Gegenwart günstige Erfolge herbeizuführen schien, würde ich alle Erwartungen für die Zukunft aufgegeben haben, ja auf immer von dem mir so teuren Deutschland getrennt geblieben sein. Aber ich rechnete mit einiger Zuversicht auf das Mißlingen dieser Tat, und bald erfuhren wir, wie die Unternehmung abgelaufen war. Zwei Männer traten eilig herein und fielen einem jeden sogleich auf. Perücken verbargen die Haare, und falsche Bärte, Striche über das Gesicht gezogen, entstellten die Gesichtszüge; es war nicht möglich, auf eine künstliche Weise die Aufmerksamkeit der Polizei entschiedener auf sich zu ziehen, und es schien mir fast ein Wunder, daß sie glücklich zu uns gelangt waren. Sie hätten, erzählten sie, den letzten Tag der Versammlung in Erfurt abgewartet. Dieser Tag, der Jahrestag der Schlacht von Auerstedt, war zu einer Besichtigung des Schlachtfeldes bestimmt. Die beiden Männer lauerten, wie sie erzählten, mit gespannten Büchsen in einem Gebüsch; auch kam ihnen Napoleon wirklich auf Schußweite nahe, aber auf der ihnen zugewandten Seite ritt Kaiser Alexander neben ihm und diente ihm als Schutz. Die Männer entfernten sich bald wieder, und wir atmeten, freier. Jetzt trennten wir uns, und ein jeder kehrte nach seiner Heimat zurück. Endlich erscholl die Nachricht von dem Kriege zwischen Frankreich und Österreich. April 1809 Die großartigen Vorbereitungen, die in Österreich getroffen wurden, der allgemeine warme Enthusiasmus, der alle Einwohner entflammte, die mächtig ausgedehnte Bewaffnung der Landwehr neben der Armee erregten die lebendigste Hoffnung für mich nach der Ansicht, die mich ganz beherrschte, durch ein tief schmerzhaftes Gefühl niedergedrückt. Wer, was ich innerlich wie äußerlich erlebt hatte, und wie ich es erlebte, erwogen hat, wird einsehen, daß ich den gesunden Mittelpunkt deutscher Entwicklung nur von Preußen aus erwarten konnte. Hier ruhte, meiner innersten Überzeugung nach, hinter der finstersten Nacht die zu erwartende Morgenröte. Die ganze Zukunft Deutschlands erhielt, wie ich überzeugt war, eine schiefe Richtung, wenn sie vorbereitet wurde durch einen Staat, dessen italienische, magyarische und slawische Elemente eine in diese seltsame Verbindung hereingezogene deutsche Nationalität enthielten. Doppelt schmerzhaft war mir daher die Geduld, mit welcher Preußen jetzt seine Unterwerfung tragen mußte: aber dennoch kämpfte in dem mächtig bewegten Österreich ein deutsches Element; und jetzt fing auch in der Gegend, in welcher ich lebte, die geheime Tätigkeit, die im stillen vorbereitet war und in welche meine Gesinnung mich verflochten hatte, an, sich zu äußern. Mit Martin, einem hessischen Beamten, dessen Bekanntschaft ich in Hamburg gemacht hatte, blieb ich in fortdauernder, wenn auch äußerst vorsichtiger Korrespondenz. Durch Schleiermacher erhielt ich Nachrichten über die Stimmung in Berlin. Seine eigene und Fichtes Tätigkeit erschien mir wichtig. Was man durch Schleiermacher von mir erfahren hatte, mochte wohl die Vorstellung hervorrufen, daß ich auf irgendeine Weise für geheime Unternehmungen, die jetzt zur Unterstützung des österreichischen Kampfes tätig wurden, brauchbar werden könnte. Bei mir erschien nun ein vormaliger preußischer Offizier, Herr von Hirschfeld, ein kleiner, rüstiger, beweglicher Mann von etwa 30 Jahren, von einem höchst entschiedenen tollkühnen Aussehen. Durch ihn erfuhr ich, wie mehrere preußische Offiziere jetzt allenthalben beschäftigt waren, die schlummernde feindliche Gesinnung der Einwohner der früher preußischen, jetzt westfälischen Provinzen zu erwecken. In Berlin ward ein geheimes Komitee gebildet, welches eine fortdauernde Aufsicht über die Verteilung der französischen Truppen, ihre Zahl und Bewegungen führte und auch die herrschende Stimmung in den verschiedenen Provinzen untersuchte. Das Komitee hatte die Absicht, eine jede günstige Gelegenheit zu benutzen, und als Österreich sich zum Kriege vorbereitete, nahm seine Tätigkeit zu. Graf Chassot hatte die Leitung des Komitees. Als von Hirschfeld bei mir erschien, brachte er mir von dem Grafen ein Schreiben, in welchem ich aufgefordert wurde – wie er sich nach dem damals allgemein beliebten Ausdruck äußerte – die Intelligenz des Herrn von Hirschfeld zu sein. Eine Zeitlang war der Gegenstand unserer Unterhaltung, insofern er sich auf unsere Tätigkeit bezog, nur auf die Märsche der Franzosen und die Verteilung ihrer Truppen gerichtet. Meine Aufmerksamkeit wurde jetzt auf einen Gegenstand gezogen, der mir freilich durchaus fremd war, und es kostete mir nicht wenig Mühe, mich damit vertraut zu machen. Ich mußte mich mit den verschiedenen Waffengattungen der Franzosen, mit den Namen der Heerführer, mit Benennung und Uniform der Regimenter bekannt machen; mußte auch auf die Durchmärsche der Truppen durch Halle achten, zu erfahren suchen, wo sie herkämen und wo sie hingingen. Ich will nicht leugnen, daß die ganze geheime Sache und die Gefahr, die mit ihr verknüpft war, für mich einen gefährlichen Reiz enthielt. Oft aber erschienen mir die Absichten des Herrn von Hirschfeld höchst unbesonnen, und ich war genötigt, seinetwegen eine gefahrvolle Korrespondenz mit dem Grafen Chassot zu unterhalten, wenn mein Rat, von irgendeinem tollkühnen Streiche abzustehen, nichts half; sie ward auf eine Weise geführt, die mich den größten Gefahren aussetzte. Die Personen aus den geringeren Klassen, die als Boten benutzt wurden, besaßen zwar das Vertrauen des Komitees, aber mir waren sie unbekannt, und oft hatte ich Grund, wenn auch nicht an ihrer Redlichkeit, so doch an ihrer Klugheit zu zweifeln. Die Art, wie diese Briefe geschrieben wurden, stellten mich keineswegs sicher. Ich habe früher davon gesprochen, wie man Briefe schrieb scheinbar gleichgültigen Inhalts, die Zeilen aber wurden mit einem Papier bedeckt, in welchem längliche Streifen ausgeschnitten waren; wenn man dieses Papier auf den Brief legte, traten einzelne Perioden hervor, die aus dem Zusammenhange gerissen, unter sich in Verbindung traten und die Nachricht, die gegeben werden sollte, oder den Auftrag, den man erteilen wollte, enthielten. Die Schwierigkeit, einen solchen Brief zu schreiben, war so groß, die vollkommen ungenierte Hineinfügung der bedeutenden Worte in einen anderen Zusammenhang eine so große Aufgabe, daß der Versuch selten gelang. Ich war überhaupt verdächtig, erhielt nicht selten von der Polizei eröffnete Briefe und, wenn mir Schreiben durch Boten aus Berlin geschickt wurden, mußten sie, wenn sie in die Hände der Polizei gerieten, doppelt verdächtig erscheinen. Ich warnte, und man brauchte jetzt unsichtbare Tinte, die zwischen den Zeilen eines gleichgültigen Briefes Nachrichten oder Aufträge verzeichneten. Diese Tinte trat durch irgendein Reagens, meist durch Schwefelwasserstoff hervor, aber dadurch ward die Gefahr eher gesteigert als abgewandt. In den unsichtbaren Zeilen äußerte man sich unverhohlener; je gleichgültiger der Brief war, desto verdächtiger mußte er erscheinen, und daß die französische geheime Polizei mit der Verfertigung unsichtbarer Tinte und mit den Reagenzien, die sie sichtbar machten, vollständig bekannt war, mußte ich mit Sicherheit voraussetzen. Einst kam Graf Chassot selbst nach Halle. Fast zu gleicher Zeit erhielt ich die Nachricht von der Dörnbergschen bevorstehenden Insurrektion und von Schills Erscheinen an der Elbe. E. Vermutlich der preußische Staatsmann und Rechtsgelehrte Johann Albrecht Friedrich Eichhorn, 1779-1856, 1810 Syndikus der Universität Berlin, 1813 mit der Errichtung der preußischen Landwehr beauftragt, während des Krieges in der Zentralregierung für die befreiten Provinzen, 1815 zur Regelung der Ansprüche Frankreichs nach Paris berufen, Retter vieler deutscher Kulturgüter, 1817 Mitglied des Staatsrates, 1831 im Ministerium des Auswärtigen Beseitiger der Hindernisse des allgemeinen Zollvereins und 1840 Staatsminister. war Schleiermachers vertrauter inniger Freund; er war mit den geheimen Unternehmungen bekannt, man mußte ihn wohl als das ordnende und alle Verhältnisse überschauende Prinzip derselben betrachten. Auch der Besonnenste und Kühlste durfte wohl bei dem Ausbruche des Krieges voraussetzen, daß ein kühner Entschluß Preußen zur Teilnahme an demselben reizen konnte. – Diesen Entschluß wo möglich zu befördern, mußte eben die bedeutendsten Männer reizen. Scharnhorst und Gneisenau standen im Hintergrunde, leiteten das Ganze und suchten auf die Umgebung des Königs, ja auf ihn selbst einen Einfluß zu gewinnen; aber auch eine bedeutende Bewegung in den eroberten Provinzen konnte die Sache befördern. E. war nach Hessen gereist, um sich mit den dortigen Verhältnissen bekannt zu machen; zwei Tage vor dem Ausbruch der dortigen Insurrektion hatte er mit Dörnberg ein geheimes Gespräch in Kassel. E. war schon früher bei mir gewesen; der traurige Zustand des Landes war der einzige Gegenstand unseres Gespräches, und er wagte es, wie ich, die Hoffnung auf eine nahe Befreiung festzuhalten. Jetzt erschien er wieder, als eine naheliegende Hoffnung verschwunden war; und so lernte ich den Mann kennen, der berufen war, eines der großartigsten Ereignisse der deutschen Geschichte zu ordnen und zu leiten, die schwierigsten Verhältnisse zu lenken und im hohen Maße ein Werk, welches Deutschlands Zukunft auf immer eine unveränderliche Richtung gab, zu fördern. E. bekleidet jetzt eine der höchsten Stellen im Staate. Als die Nachricht von Schills Ankunft an der Elbe nach Halle kam, geriet die ganze Stadt in die lebhafteste Bewegung. Schills Namen hörte man von allen Lippen; seine frühere Tätigkeit während des Krieges hatte ihn zum Manne des Volkes gemacht, und mancherlei Hoffnungen von einem bevorstehenden Befreiungskriege wurden lebendig. Viele glaubten, es würde jetzt eine Kriegserklärung erfolgen, der König, der in allen Herzen noch immer der unsrige war, würde sich mit dem Kaiser von Österreich verbinden; und in der Tat würde ein wahrer Volkskrieg entstanden sein, hätte Preußen sich damals erklärt. Ich war von Schills Zug und von der Beschaffenheit desselben teils durch von Hirschfeld teils durch unmittelbare Nachrichten aus Berlin wohlunterrichtet und teilte diese Hoffnung keineswegs. Wenige Tage vorher erfuhr ich aus Kassel, wie der Dörnbergsche Aufstand in seiner Entstehung unterdrückt war. Auch mit den Vorbereitungen zu diesem Kampfe war ich durch Martin bekannt geworden. Der Oberst von Dörnberg ward von jenem innern Kampf ergriffen, der, so rein der gefaßte Entschluß auch sein mochte, bei einem so durchaus redlichen und wahrhaften Manne nie ganz zu unterdrücken war, der aber hier durch besondere Verhältnisse erschwert wurde. Er hielt indessen den großen Entschluß, zur Befreiung seines Vaterlandes tätig zu sein, fest; durch Verrat war aber das bis dahin bewahrte Geheimnis kundgeworden. Die Truppen in der Stadt, auf die er sich verlassen zu können glaubte, wurden schwankend, die heranrückenden bewaffneten Bauern wurden irregeführt, und besonders beklagte sich von Dörnberg über Martin, der ihn in dem bedeutendsten und entschiedensten Augenblicke im Stiche ließ. Es gelang dem Obersten, noch zur rechten Zeit verkleidet zu entfliehen. Noch am zweiten Tage war er in Gefahr, ergriffen zu werden. Er ward erkannt und rettete sich nur durch seine Geistesgegenwart. Diese traurige Nachricht hatte ich schon erhalten, als Schills Nähe angekündigt wurde. Proklamationen wurden, nachdem seine Truppen über die Elbe geschritten waren, allenthalben angeschlagen. Man forderte die kampffähige Jugend auf, sich an die Truppen anzuschließen; man wandte sich mit Wärme an die deutsche Gesinnung. »Ihr werdet«, so hieß es, »zwar kein Handgeld erhalten, dagegen aber als Männer von Ehre behandelt werden. Alle entehrenden körperlichen Strafen sind unter uns verschwunden, und wir rechnen auf die ehrenhafte deutsche Gesinnung.« Wer von dem Zuge genauer unterrichtet war und von Schills Stellung – und das waren wohl nicht so ganz wenige und eben diejenigen, die auf eine Menge der geringeren Leute einen bestimmten Einfluß ausübten –, fand sich, wie rein und deutsch seine Gesinnung auch war, verpflichtet, zu warnen. Der größte Teil der Einwohner erwartete aber das Wort des Königs und blieb bis dahin still. Daß die Zahl der eigentlichen Lumpen nicht gering war, versteht sich von selbst; diese Feigen, vielleicht im geheimen selbst mit dem Feinde Verbündeten, werden nur da mit fortgetrieben, wo der entschiedene Strom der mächtigen Begeisterung sie mit sich reißt. Unter diesen Umständen war es nun höchst traurig, wahrzunehmen, wie die tapfere Schar der Schillschen Truppen das Land durchzog, ohne daß irgend jemand sich an sie anschloß. Das lose Gesindel, welches sich hier und da andrängte, begründete keine Hoffnung, und Schills Betragen unter diesen Verhältnissen stand in einem seltsamen Widerspruche mit seinem öffentlich angeschlagenen Aufruf, besonders dann, wenn begeisterte junge Leute, die sich an ihn wandten, wie wir sehen werden, abgewiesen wurden. Eine Schwadron Kavalleristen, angeführt von dem Rittmeister Brunnow, kam nach Halle. Schills Truppen gehörten zu den schönsten und tüchtigsten des preußischen Heeres. Man sah es ihnen an, daß einer für alle und alle für einen da waren. Die ruhige schöne militärische Haltung, die zuversichtliche Bewegung, mit welcher sie durch die Straßen fortschritten, einem Leibe ähnlich, dessen Glieder nicht durch äußeren Zwang, sondern durch ein inneres Lebensprinzip auf eine anmutige und sichere Weise geleitet werden, wirkte wunderbar auf das Volk. Man jauchzte den kühnen Kriegern zu, aber es war nur zu sichtbar, daß hinter diesem Jubel eine ängstliche Empfindung sich vordrängte. Einer der Offiziere der Schwadron, Herr von R., hatte einen Auftrag an mich. Er ließ mich wissen, daß er mich zu sprechen wünsche, und wir trafen uns zu einer bestimmten Stunde in dem wenig besuchten Botanischen Garten. Ich hielt es doch für notwendig, meiner Sicherheit wegen eine solche Zusammenkunft soviel wie möglich geheimzuhalten. Seine Frage an mich hatte ich erwartet und mich auf die Antwort unter schweren Kämpfen vorbereitet. Allerdings hatte die Erscheinung Schills an der Elbe auf mich einen großen Eindruck gemacht; die Versuchung, entschieden hervorzutreten und die Studierenden aufzufordern, sich zu bewaffnen, wie sie es vermochten, und sich an Schill anzuschließen, trat mir lockend entgegen, aber seine Lage war mir bekannt. Ich wußte, daß in Schills Nähe besonnene Männer angekommen waren, die ihn gewarnt hatten, daß er selbst den Entschluß gefaßt, mit seinen Truppen allein den gefährlichen Kampf zu bestehen, und daß die Frage, die an mich erging, nur ein letzter Versuch war, auf dessen Mißlingen man rechnete, ja es wohl wünschte. Von R. fragte mich, ob er auf ein entschiedenes Anschließen von der Mehrheit der Studierenden rechnen könne. Ich stellte ihm vor, daß ein solches Anschließen nur dann möglich wäre, wenn man über die Absichten Schills vollkommen im klaren wäre. Allgemein erwartete das Volk, daß die preußische Armee den Schillschen Truppen folgen würde, und wenn es sich in dieser Erwartung getäuscht sähe, würde keiner, auch kein Student, folgen. Glaubt Schill, fuhr ich fort, es wagen zu können, gerade auf Kassel loszugehen, dann halte ich es für möglich, auch dort den Aufstand wieder zu erneuern, die Truppenanzahl ist in Hessen nur gering, und ein zuverlässiger Freund ist schon nach Hessen geeilt, um die Kunde von Schills Übergang über die Elbe dort hinzubringen. In diesem Falle und wenn das Vorrücken gegen Kassel schnell und plötzlich stattfände, wenn man erfahren sollte, daß Kassel wirklich überrumpelt wäre, würde eine allgemeine Bewegung auch wohl hier stattfinden und die Jugend, von dem Strome der Begeisterung hingerissen, kaum auf den Rat des besonnenen Alters achten; sollte aber, wie ich gehört hatte, Schill die Absicht haben, mit seinem Zuge nach Norden vorzudringen, um auf die englischen Schiffe in der Ostsee sich zu retten, so würde er ohne allen Zweifel selbst so gewissenhaft sein, ein jedes Anschließen kampflustiger Männer abzuweisen. In der Tat habe ich es später bedauert, daß Schill nicht gewagt hatte, gerade auf Kassel loszugehen. Die Schlacht bei Eckmühl, das Vorrücken des siegenden Kaisers nach Wien hatte freilich eine jede keimende Hoffnung im nördlichen Deutschland zerstört; die westfälische Regierung hatte es nicht unterlassen, diesen entscheidenden Sieg in den Städten des Landes durch Anschläge an den Straßenecken zu verkündigen, und daß dadurch ein allgemeiner Schrecken bei der Erscheinung der Schillschen Truppen entstand, war natürlich; würde man doch selbst ein Vorrücken der ganzen preußischen Armee in diesem Augenblicke kaum gebilligt haben. Aber wenige Tage später geriet Napoleon selbst durch die verlorene Schlacht bei Aspern in eine höchst bedenkliche Lage. Die Berichte von dieser Schlacht und ihren Erfolgen kamen durch Böhmen schnell nach dem nördlichen Deutschland. Eine allgemeine Bewaffnung daselbst mußte von Preußen aus unterstützt werden; alle Gegenden waren fast von französischen Truppen entblößt. Leicht errungene Siege über diese in ihren zerstreuten Standquartieren würden den Mut und die Zuversicht des bewaffneten Volkes, welches gewohnt ist, bei solchen Gelegenheiten kleine Erfolge einem großen bedeutenden Siege gleichzuschätzen, gestärkt haben. Napoleon vermochte damals kaum eine bedeutende Truppenmasse nach so entfernten Gegenden hinzuschicken. Wer weiß, wie weit sich der Strom der Begeisterung verbreitet haben würde, wenn er erst die engeren Ufer überstieg. Unter solchen Verhältnissen konnte der König von Preußen seine eigenen alten Untertanen und das nördliche Deutschland nicht preisgeben. Wenn diese Bewegung allgemein, der König von Westfalen aus seiner Hauptstadt vertrieben worden wäre, würde Napoleon, eben besiegt, genötigt sein, das Heer zu teilen, und die Wahrscheinlichkeit, es durch den gemeinschaftlichen Volkskampf der Österreicher und Preußen zu schlagen, lag nahe. Später grübelte ich oft über diese verschwundene Hoffnung und hatte Gelegenheit genug, Gott zu danken, daß sie nicht in Erfüllung gegangen. Die rohen Elemente einer zerstörenden Volksbewegung waren seit zwanzig Jahren genährt; das siegende Volk würde in wilder Bewegung sich erhoben und das in sich zerrissene Deutschland eine Revolution furchtbarer Art erlebt haben. Während dieser Zeit war alle gewöhnliche Ordnung in meinem Hause aufgelöst, und obgleich die Frauen von unserem geheimen Treiben nicht unterrichtet waren, mußten sie es doch ahnen; denn alle Augenblicke ward ich zu einem geheimen Gespräch abgerufen. Männer kamen und gingen, und eben das Geheimnisvolle vergrößerte die Angst. Stuhr und von Willisen Studierende in Halle, Schüler von Steffens. entschlossen sich, Schill aufzusuchen. Von Brunnow hatte nach einem kurzen Aufenthalte in Halle sich durch das Ulrichstor entfernt, zog auf der Chaussee nach Magdeburg zu und hielt bei einer großen Breyhan-Brauerei, in einiger Entfernung von Halle, an. Hier fand ihn Stuhr, ohne sogleich vorgelassen werden zu können. Er mußte eine kurze Zeit im Vorzimmer warten, während Brunnow ein eifriges Gespräch mit einigen Männern aus der Gegend unterhielt. Im Vorzimmer befanden sich zwanzig bis dreißig Personen, teils junge Gärtner, teils junge Bauernburschen, hauptsächlich aber Jäger, alle von den naheliegenden adligen Gütern. Sie wünschten sämtlich den Zug mitzumachen. Mit großer Ruhe und ebenso entschiedenem Ernste weigerte sich Brunnow, irgendeinen in seine Schar aufzunehmen. Es war klar, daß Schill selbst und seine Offiziere einsahen, wie ihr ganzer Plan mißlungen war. Es blieb ihnen nichts übrig, als die braven Truppen, wenn es möglich wäre, für zukünftige Kämpfe zu retten. Zurückgehen nach Berlin konnten sie nicht mehr; denn der König wäre genötigt gewesen, strenge gegen sie zu verfahren, nach dem was geschehen war. Es war nicht Furcht vor den gefährlichen Kämpfen, die sie erwarten mußten, vielmehr die Überzeugung, daß sie nun als Aufrührer ihrem Könige gegenüberstanden, was ihre Unternehmung lähmte und ihnen selbst das Herz brach. Mit einer glänzenden Hoffnung fing der Zug an, jetzt waren sie in ihrem Vaterlande geächtet, nur durch eine wohl zu entschuldigende Täuschung, nicht durch verbrecherische Gesinnung. Wahre Verbrecher wären sie aber geworden, wenn sie nun noch Teilnehmer für ihre Tat an sich gelockt hätten. Stuhr, der jetzt die ganze Stellung des kleinen Heeres einsah, bewunderte die ruhige Haltung des Kriegers. Er wies alle zurück, und als Stuhl vorgelassen wurde, bemühte sich Brunnow, etwa eine Viertelstunde lang, auf eine kurze und bündige Weise, ohne sich auf weitläufige Auseinandersetzung einzulassen, ihm abzuraten. Seine Ehre, äußerte er, und sein Gewissen erlaubten es ihm nicht, ihn in seine Schar aufzunehmen. Er könne ja, meinte Brunnow, noch einige Tage warten und später, vielleicht unter günstigeren Umständen, sich anschließen. Stuhr kam bald nach Halle zurück; wir sahen ein, daß alle Hoffnung, die durch Schill erregt wurde, verschwunden war, und diese verwandelte sich von jetzt an nur in eine schmerzhafte Teilnahme für den kühnen Helden und seine mutige Schar. Von Willisen hatte ebenfalls Schill aufgesucht. Als er ihn sprach und die ganze Lage erfuhr, war er entschlossen, ihm nicht zu folgen, setzte seine Gründe auseinander und erklärte seine Absicht entschieden. Man hatte aber erfahren, daß mehrere Tausend westfälische Truppen sich in der Nähe von Magdeburg versammelt hatten, um Schill anzugreifen. Sie durften in ihrer damaligen Lage die Gegner nicht zählen. Nur zwei Wege standen ihm offen, beide gleich glorreich, beide als ermunterndes Beispiel für die Zukunft gleich wichtig; sie mußten sterben oder sich durchschlagen. Sie erwarteten den Tag darauf eine Schlacht. Willisen war preußischer Offizier; vor dem Tage der Schlacht konnte er sich nicht zurückziehen. »Ich halte meinen Entschluß fest«, sagte er, »ich trenne mich von euch; denn meine Überzeugung ist nicht leichtsinnig erworben, aber an der bevorstehenden Gefahr muß ich teilnehmen.« Der Tag kam, das Gefecht bei Dodendorf fand statt, und Willisen focht mit. In Spannung und Unruhe verlebte ich die Tage. Der Bericht von Napoleons Sieg bei Eckmühl war an den Straßenecken angeschlagen; daneben las man die Steckbriefe, durch welche die Anführer des hessischen Aufstandes verfolgt wurden. Die Todesstrafe war verhängt über einen jeden, der sie beherbergen, verbergen oder ihre Flucht zu fördern wagte. Einige Freunde brachten den Abend bei mir zu. Meine Schwiegermutter und Schwägerin und noch einige Freundinnen waren da. Der einzige Gegenstand, der unsere Seele erfüllte, bildete auch den Inhalt der Gespräche. Ich wurde herausgerufen; es war jemand da, der mich sprechen wollte; es war Martin; er war in dem Steckbriefe als Hauptverräter genannt und bezeichnet. Ich war nicht sehr überrascht; denn ich hatte vermutet, daß er seine Zuflucht zu mir nehmen würde. Vier andere Anführer des Aufstandes wie er waren in Passendorf im Gasthofe zurückgeblieben. Er wünschte bei mir die Nacht zuzubringen und hoffte durch mich für sich und seine Freunde Gelegenheit zu finden, sich über die westfälische Grenze nach Dessau zu retten; von da wollten sie nach Berlin reisen, wo sie sich noch am sichersten glaubten. Ein Entschluß mußte bald gefaßt werden, jede Stunde brachte augenscheinliche Gefahr. Ich schickte eilig zum Bruder meines Schwagers Steltzer. Dieser war Procureur du Roi , der vermöge seiner Stellung verpflichtet war, die Fliehenden, wo er sie fand, gefangenzunehmen und die etwa mit diesen Verbündeten zur Rechenschaft zu ziehen. Sein Bruder war als Beamter bei der westfälischen Unterpräfektur angestellt. Aber ich wußte, wie sehr ich mich auf ihn verlassen durfte. Er hatte schon bei meinem ersten Auftreten in Halle mir eine persönliche Zuneigung gezeigt, die ich nie vergessen werde. Er war mit meinen geheimen Verbindungen bekannt und auch seiner Gesinnung nach geneigt, alles zu wagen. Sein Schwager war Bartels, der Pächter von Giebichenstein, dieser ansehnlichen Domäne. Ich erschrak fast, als Steltzer herbeieilte und mir vorschlug, Bartels aufzufordern, den Wagen zur Flucht der Verfolgten herzugeben. Ich bedachte seine Lage und wie er bei einer nicht ganz unwahrscheinlichen Entdeckung seinen Besitz, seinen Reichtum in Gefahr brachte und nicht so schnell fliehen konnte wie ich etwa. Er eilte nach Giebichenstein, auf meine Einwendungen wollte er nicht hören, er war der Gesinnung unseres beiderseitigen vertrauten Freundes völlig gewiß. Des Morgens früh, die Sonne war noch nicht aufgegangen, schritt ich mit Martin durch die stillen Straßen. Als wir über die lange Saalebrücke nach Passendorf gingen, erblickten wir zwei Männer, die uns entgegenkamen. Der stillschweigende, geängstigte Martin begrüßte sie; ich war erstaunt, ja nicht ohne Furcht. Mit wenigen traurig klingenden Worten wurde der Gruß erwidert; auf mich warfen die Fußgänger einen ängstlichen Blick. »Wo geht ihr hin?« fragte Martin, »mein Begleiter ist ein Freund, der meine Flucht nach Berlin fördern will.« – »Wir wollen suchen, Böhmen zu erreichen«, ward geantwortet; »Gott geleite euch«, sagte Martin, und die beiden Reisenden gingen stillschweigend weiter. Es waren zwei durch Steckbriefe verfolgte Teilnehmer der Insurrektion, und dieses Begegnen der Verbündeten, dieses verhängnisvolle Verschwinden in entgegengesetzter Richtung, diese trostlose Trennung nach einem kurzen Gruß erschien mir, ich gestehe es, furchtbar, ja unheimlich. In Passendorf fand ich die mit Martin entflohenen Anführer. Über einsame Felder und auf Fußsteigen fortschreitend erreichten wir Giebichenstein. Bartels erwartete uns. Ein willkommenes Frühstück, eilig genossen, stärkte die Fliehenden; der Wagen hielt vor der Tür, die Fliehenden bestiegen ihn, und der Kutscher meines Freundes in seiner Livree saß auf dem Bocke. Es schien gewagt und war dennoch auf jeden Fall das Sicherste. Wurde der Wagen angehalten, so konnte der Eigentümer desselben doch nicht verborgen bleiben, und die bekannte Livree schützte gegen eine Untersuchung. Die Fliehenden kamen glücklich nach Dessau, und Martin hielt sich in Berlin lange bei meinem Freunde Reimer auf. Willisen trat in österreichische Dienste und konnte noch, wie von Varnhagen und von Marwitz gegen Napoleon kämpfend, an der Schlacht bei Wagram teilnehmen. Johannes von Müller war tot. Leist, Professor in Göttingen, war sein Nachfolger, konnte aber das Vertrauen, welches Müller besaß, nie erlangen. Die Universitäten glaubten sich preisgegeben, und die Zukunft erschien immer düsterer, denn nach allen Seiten hin trat deutlicher der zerrüttete Zustand des Landes hervor. Den Bergwerken drohte der Ruin, die Forsten wurden verwüstet, die Landbesitzer, durch neue Auflagen, die das in der papiernen Konstitution versprochene höchste Maß bei weitem überstiegen, gedrückt, verarmten; die Gehälter der Beamten wurden durch erzwungene Anleihen verkürzt, Steuern wurden eingeführt, deren Hebung, wie die Erfahrung schnell lehrte, unmöglich war. Ich erinnere mich, daß eine solche Steuer, deren Bestand bezweifelt wurde, dennoch durch die Furcht der Einwohner eine ziemlich beträchtliche Summe einbrachte. Wer es vermochte, beeilte sich zu zahlen, man glaubte sich verdächtig zu machen, wenn man es wagte, sich einer Exekution auszusetzen. Alle öffentlichen Fonds fingen an unsicher zu werden, selbst die der wohltätigen Institute. In Halle nahm die Armut auf eine schreckliche Weise zu. Die Salinen, eine Hauptquelle des Einkommens vieler Einwohner, brachten nichts ein, durch die fortdauernden Durchmärsche wurden die Einwohner fast ausgeplündert. Unter der preußischen Regierung hatte das hier im Frieden garnisonierende Regiment wesentlich zum Wohlstande der Stadt beigetragen. Die Universität war tief gesunken, und die Anzahl der Studierenden nahm fortdauernd ab. Halle war schon unter Preußen keine eigentlich wohlhabende Stadt gewesen; durch die Leichtigkeit, mit welcher man hier, besonders in den Vorstädten, das Bürgerrecht erhielt, wuchs zwar die Zahl der Einwohner, aber keineswegs auf eine vorteilhafte Weise. Vagabunden und loses Gesindel drängte sich hier zusammen. Man ward von Schauder ergriffen, wenn man die Masse dieser Menschen in der Vorstadt Neumarkt oder auf dem sogenannten Strohhof die Straßen anfüllen sah. Man behauptete, daß sich hier Banden bildeten, die vorzüglich den Leipziger Messen gefährlich würden. Jetzt ward die Verarmung allgemein, eine Untersuchung wurde damals angestellt, aber das Resultat war so trostlos, daß ein Versuch, die Armen auf irgendeine gründliche Weise zu unterstützen, den völligen Ruin der Stadt herbeigeführt haben würde. Sonderte man die Einwohner in Klassen, um zu erfahren, wie groß die Anzahl solcher wäre, die ganz von Unterstützung leben müßten, die teilweise Hilfe bedurften, die nichts beizutragen vermochten, so blieb die Minorität derer, auf welche die ganze Last der Unterstützung fiel, so klein, daß ihre gänzliche Verarmung unvermeidlich schien. Dieser entsetzliche Zustand lähmte alle Kräfte, und man fing an, mit stumpfer Gleichgültigkeit der düstern Zukunft, der völligen Auflösung und dem Untergange der Stadt entgegenzusehen. Aber im Hintergrunde dieser verzweiflungsvollen Ergebung lauerte die Wut. Mit einem wahren Ingrimm sah man die Macht Napoleons wachsen, vernahm man seine Vermählung mit der Kaisertochter, erfuhr man die Erweiterung des französischen Reiches durch Westfalen und über Hamburg hinaus, die das eben entstandene Königreich willkürlich verkürzte. Das Kontinentalsystem vernichtete allen Handel und hemmte den freien Umsatz der Waren, wie die immer zunehmende polizeiliche Aufsicht die des gewichtigen geistigen Wortes. In dieser unglücklichen Zeit machte ich eine bedeutende Bekanntschaft. Es war Heinrich von Krosigk; ich habe diesem merkwürdigen Manne vor vielen Jahren ein kleines Denkmal in der Brockhausschen Zeitschrift, den »Zeitgenossen«, gesetzt. Krosigk gehörte zu den ältesten und früher mächtigsten Familien der Gegend. Er war unter mehreren Brüdern der älteste und Stammhalter seines Geschlechts. Das schöne Gut, welches er bewohnte, Poplitz, liegt in einer anmutigen Gegend in der Nähe von Alsleben; er hatte eine imponierende Gestalt, schlank, rüstig; er erschien ernst und strenge, und die Festigkeit seiner Gesinnung sprach sich entschieden aus, ja er konnte dem Fremden wohl sogar zurückstoßend erscheinen, den Zudringlichen wußte er fernzuhalten; man überzeugte sich bald von der Unbeugsamkeit seiner einmal festbegründeten Überzeugung, ja die Gesinnung, die sich der Überzeugung willig hingab, ward von ihm so hoch geachtet, daß er Märtyrer jeder Art, so wenig er auch ihre Meinung teilte, jederzeit bewunderte und verteidigte. Er hatte seinen ruhigen Landsitz verlassen, um an dem Kampfe 1806 teilzunehmen, und jetzt lebte er wieder zurückgezogen in Poplitz. Dort war er als eifriger Landmann fortdauernd tätig; die Übereilung, mit welcher man anfing, das alte Verhältnis der Bauern zu den Gutsbesitzern aufzulösen, billigte er keineswegs. Die Verwandlung der pflichtigen Arbeiter in heimatlose Tagelöhner, die ohne Anhänglichkeit und Treue einem schutzlosen unsichern Dasein preisgegeben waren, schien ihm nicht günstig: er ließ eine Reihe Häuser bauen, den Kolonistenhausern ähnlich, an ein jedes Haus schloß sich ein kleiner Garten und, irre ich nicht, ein kleines Feld für den Kartoffelbau. Treue Tagelöhner, die mehrere Jahre hindurch seine Zufriedenheit erworben hatten, bezogen diese Häuser und konnten ihrer Zukunft und dem hohen Alter getrost entgegensehen. So entstand ein Verhältnis, dem alten zurückgedrängten ähnlich, aus den neuen Elementen der Zeit naturgemäß entwickelt. Ich habe mit den vertrautesten Freunden oft mehrere Tage bei ihm zugebracht. Ein baumreicher Park hinter dem Schlosse zeichnete sich freilich nicht durch viele Anlagen aus. Er war vielmehr fast durchaus im natürlichen Zustande; nur bequeme Wege durchschnitten die Waldung, vorzugsweise reizend aber war ein großer ebener Platz, der sich tief in den Wald hineinzog; das frischeste Grün verschönerte ihn. Der Park war zugleich ein Tiergarten; Hirsche und Rehe belebten den Wald, und das wenige Wild, welches für die Tafel geschossen wurde, durfte nur durch ihn selbst erlegt werden. Die schönsten Pferde liefen frei in dem Garten herum, die ausgezeichnetsten Gestalten von Schweizer Vieh weideten auf dem Platze; Hirsche, Rehe, Pferde, Ochsen, Kühe und Schafe lagerten gemeinschaftlich vor uns, und ich erinnere mich nie, ein solches Gemisch ausgezeichneter Herden vereinigt gesehen zu haben. Die bestimmte Art, mit welcher er gegen die französische Besatzung auftrat, hatte auf die Bewohner des Guts einen großen Einfluß. In der ersten Zeit kamen häufig die gequälten Bauern und beklagten sich über die Mißhandlungen der Einquartierung, später hörte man keine solche Klagen; desto häufiger wurden die der Franzosen. Er selbst behandelte die bei ihm wohnenden Offiziere mit höflicher Kälte; bei der Tafel ward für sie der schlechteste Wein hingesetzt, die Freunde tranken bei solchen Gelegenheiten die ganz ausgezeichneten seines Kellers erst später. Wenn jene sich beklagten, fragte er kurz: »Sie sind doch nicht beleidigt? Ich bin zu einer jeden Genugtuung bereit.« Ein paar geladene Pistolen lagen auf dem Tische und ganz allgemein hieß Krosigk » le mauvais Baron «. * Als ich die Gegend verlassen und in einer so bedeutenden Entfernung von Städten leben sollte, die mir in der Erinnerung so teuer waren, konnte ich der Lust, die noch übriggebliebenen Freunde in Jena zu besuchen, vor allem aber den jetzt 62jährigen Goethe zu sehen, nicht widerstehen. Schon zwei Jahre früher, im Winter 1809, hatte ich meinen lieben Freund Frommann mit meiner Familie besucht. Er und seine Frau hatten uns mit liebenswürdiger Gastfreundschaft aufgenommen. Wir brachten die letzten Tage des Jahres in seinem Hause zu, und die paar Wochen, die wir hier verlebten, bleiben mir unvergeßlich; dennoch fühlte ich nie klarer das Tragische meines Lebens. Wie unbeschreiblich reich war meine Jugend in Jena gewesen, und der fröhliche Mittelpunkt der geselligen Verhältnisse bildete sich durch diese liebenswürdige Familie. Hier erschien, und zwar gern, Goethe, hier sah ich die Schlegel, Tieck, später Schelling; und Gries war Hausfreund. Es war mir, als wäre ich auf die bedeutende Walstätte ritterlicher, siegreicher, geistiger Kämpfer versetzt. Die Morgenröte des neuen Jahrhunderts, die auch mir einen hoffnungsvollen Tag verkündete, ging hier auf: jetzt wurden früher zum Stillschweigen gebrachte Feinde täglich lauter; damals verbündete Freunde hatten sich getrennt, und mit dem zerstörten nationalen Boden waren auch alle Folgen der ritterlichen Siege auf immer verschwunden. Von allen früheren Freunden erschien nur noch Gries in diesem Hause. Dieser lebte in dem nun einsamen Jena ganz auf die frühere Weise. Er war einige Zeit in Heidelberg und, irre ich nicht, in Stuttgart gewesen, aber die Sehnsucht zog ihn nach Jena zurück. Diese Stadt war seine Heimat geworden; hier lebte er ganz nach der alten gewohnten Art, bezog die frühere Wohnung, und als ich in die zierliche Stube hineintrat, erschrak ich heftig; denn Schränke, Tische, Stühle, Büsten standen gerade wie zehn Jahre früher, dieselbe Magd begrüßte mich, und der kleine Dichter mit dem gelben Teint und den schwarzen Augen saß noch da. Er und seine Umgebung erschienen mir fast wie einbalsamierte Leichen aus einer schönen lebendigen Zeit. Seine Taubheit hatte sehr zugenommen, man mußte ihm stark in die Ohren rufen, wenn man verstanden sein wollte; nur für die Musik hatte er noch ein Ohr. Diese hatte er von jeher mit Leidenschaft getrieben, und es war begreiflich, daß er auch bei Frommann die musikalische Unterhaltung einer jeden andern vorzog. Dennoch erschien er in den freundschaftlichen Kreisen sehr heiter. Die Fertigkeit, kleine Gedichte mit Leichtigkeit hinzuwerfen, besaß der Dichter, der uns Tasso, Ariost, Bojardo, Calderon, meisterhaft übersetzt, zu schenken vermochte, im hohen Grade, und ich erstaunte, als am Weihnachtsabend eine große Masse von Bonbons, die an die ganze Gesellschaft verteilt wurden, gereimte Devisen enthielten, von welchen viele in der Tat sehr gelungen waren. Obgleich nun in dieser Umgebung das ganze Gewicht des Unterganges schöner Zeiten auf mir lastete, so war es doch natürlich, daß die freundliche Gesellschaft mich erheiterte und daß ich gern mich der Hoffnung besserer Zeiten hingab. In Halle, wo ich unter Freunden lebte, und zwar in einem fortdauernden, wenn auch versteckten Kriege, pflegte ich meinem Hasse Worte zu geben. Hier erschraken meine Freunde, wenn ich mich nach gewohnter Weise äußerte. Die Lage des Herzogs von Weimar war freilich eine bedenkliche. Die Herzogin hatte sich in den Tagen der Flucht, als sie während der Abwesenheit des Herzogs im feindlichen Heere den erbitterten Napoleon empfangen mußte, auf eine so würdige Weise benommen, daß sie dem heftigen Sieger imponierte und ihm wider seinen Willen Achtung abzwang. Der Herzog selbst war dem Kaiser verdächtig, und sein Adjutant, der jetzige General der Infanterie von Müffling, von dem er sich nicht trennen wollte, war sein Minister. Das Land war von geheimen Spionen belauert, und es war begreiflich, daß man eine jede Äußerung, welche die Regierung kompromittieren konnte, selbst durch strenge Maßregeln zu unterdrücken suchte. Ich sah dieses sehr wohl ein und richtete mich gern während meines Aufenthaltes nach dem Wunsche meiner Freunde. Desto mehr wurde ich durch die Gewalt, welche Goethe über alle Urteile der Umgebung, in welcher ich lebte, ausübte, in Verlegenheit gesetzt. Erwägt man, wie dieser große Geist schon lange in Weimar mit Recht als der mächtigste in Deutschland verehrt ward, wie die heftige geistige Bewegung, in welche ich hineingerissen wurde, um ihn wogte und brauste, ohne seine ursprüngliche eigentümliche Natur zu ändern, wie, nachdem die Kämpfe in seiner Nähe aufgehört hatten und nur noch in zerstreuten kleinen Gefechten in der Ferne vernommen wurden, während er, der unveränderlich stehenblieb, das fortdauernde, ja immer heller leuchtende Licht in der dunklen Nacht des geistigen Vaterlandes blieb, so kann man sich freilich nicht wundern über die Herrschaft, welche er über alle diejenigen ausübte, die in seiner Nähe lebten. Später hat sich diese Autorität immer mehr und mehr verbreitet, ja ihre Herrschaft nahm in demselben Maße zu, in welchem seine Lebensansicht durch das Alter und durch die ursprüngliche Beschränkung, die sich immer entschiedener ausbildete, an Umfang und Beweglichkeit abnahm. Der schaffende Genius erlahmte nicht, zog sich aber in sich hinein und ward immer mehr eine Vergangenheit, die abschloß, als eine unbestimmte Zukunft, die sich aufschließt. Selbst was die neue Zeit und die Gegenwart, was besonders die alle Momente des menschlichen Daseins ergreifende Spekulation des deutschen Volkes ihm aufdrang, verlor sich in der Gestaltung seines innern Lebens, und was eine Zukunft für alle mächtigen Geister der Zeit war, schien bestimmt, durch ihn die eigene Vergangenheit zu enträtseln. Er ist, in diesem tiefsten Sinne, satt an Jahren gestorben. Er hatte die Aufgabe, das eigene Leben bis zu dem letzten Moment nicht mehr, wie es werden sollte, sondern wie es geworden war, zu bewahren, und als die Pulsadern verknöcherten, als die Gliedmaßen sich schwer bewegten, als die Zunge gelähmt, ja als er fast als ein abgeschiedener Geist unter Gräbern zu wandeln schien, blieb er noch die edle Gestalt, die in ihrer Vergangenheit eine noch nicht enträtselte Zukunft verschloß. Sein Tod selbst war das innerste Selbstgespräch. Er hatte sich stolz von der wechselseitigen Verständigung mit der Zeit abgeschlossen, er wandte sich an keinen der Lebenden, um sich mit ihm zu verständigen; wir aber, die wir lebten und strebten, wurden gezwungen, auf die letzten Äußerungen des verschwindenden Geheimnisses zu lauschen, bis es verstummte. Nun mußte ich es erleben, daß immer größer die Zahl derer ward, die, weil sie zur Ruhe zu kommen wünschten, mit ihm abzuschließen geneigt waren. Und besonders in dem Kreise, in welchem ich in Jena lebte, galt Goethes Autorität so unbedingt wie die Bibel bei frommen Christen. Ein jeder Streit, der stattfand, war für immer beendigt, wenn man sich auf irgendeine Äußerung Goethes besinnen konnte, und ich ward durch diese alles eigene Denken ausschließende Herrschaft zuletzt so empört, daß ich einmal in Verzweiflung ausrief: »Bleibt mir mit dem von – Goethe vom Leibe.« Die Heftigkeit, mit der ich dieses aussprach, und der Schrecken, welcher mich unmittelbar ergriff, ergötzte die Freunde. Ich lernte in Jena zuerst einen einst berühmten deutschen Dichter, Zacharias Werner, Zacharias Werner (1768-1823), in Königsberg geboren, lebte, bevor er zum Katholizismus übertrat, in einem Gemisch von Halbwahn und Mystik; er ist der Begründer der sogenannten »Schicksalsdramen«. kennen. Ich muß gestehen, daß seine Werke mich nie sehr angezogen haben. »Die Söhne des Tales,« »Das Kreuz an der Ostsee,« sprachen mich wenig an; sie schienen mir einem seichten Wasser ähnlich, welches durch eine künstliche Wellenbewegung eine erlogene Tiefe vorzuspiegeln bemüht war. Seine Gestalt hatte etwas unangenehm Auffallendes. Lang, dürr, etwas schlotterig in seinem Gange, ungelenk in allen seinen Bewegungen, erschien sein mageres Gesicht und seine gewaltige Nase fast zurückschreckend. Er war nach Weimar gereist, um einige Dramen dort auf die Bühne zu bringen, und zum Besuche nach Jena gekommen. Er kam eben von Genf, wo er in Coppet einige Zeit mit der Staël-Holstein zugebracht hatte. Mehrere meiner Freunde, der Bildhauer Tieck, Vgl. Seite 135. Friedrich Schlegel, Oehlenschläger Vgl. Seite 86. mit Werner und der berühmte Geschichtschreiber Sismondi Jean Charles Léonard Simonde de Sismondi, 1773-1842, lebte in Genf, als Volkswirt und Geschichtschreiber bedeutend. hielten sich damals in Coppet auf. Ich habe später oft genug von dem geselligen Leben meiner Freunde dort reden gehört, und was ich jetzt erfuhr, hatte allerdings für mich ein großes Interesse. Werner erzählte etwas langsam, aber nicht schlecht. Nun aber griff er in die Tasche, hob eine Masse schmutziger zerknitterter Oktavblättchen hervor, welche eine Anzahl Sonette enthielten, die er verfertigt hatte und die er uns auf eine höchst ungeschickte und falsche Weise vordeklamierte. Ich muß mir die Antipathie gegen ihn als einseitig vorwerfen. Er hatte in der Tat ein eigenes Talent, welches man anerkennen muß; was ihn verdarb, war, wie ich glaube, der fanatische Traum, der ihn wähnen ließ, er sei eigentlich ein Prophet, zur Verkündigung überschwenglicher Dinge berufen. Nun hatte er aber weder die feste Gesinnung noch die zuversichtliche Überzeugung, die auch dann, wenn sie mit großer Beschränktheit verbunden ist, Bewunderung, ja selbst bei den Besseren Achtung zu erwecken vermag. Unglücklicherweise war er auch durchaus von dem gegenwärtigen Moment abhängig und buhlte fortdauernd nach dem Beifall der Umgebung. Goethe war nach Jena gekommen, ich sah ihn nach sieben Jahren zum ersten Male wieder, und seine Gegenwart ergriff mich tief. Er begleitete mich nach der Mineraliensammlung, die noch immer unter der Direktion des Professor Lenz bedeutende Schätze in sich schloß. Ich war für mein Handbuch der Mineralogie dort täglich mehrere Stunden beschäftigt. Goethe war bekanntlich ein geognostischer Dilettant, seine wiederholten Reisen nach Karlsbad verlockten ihn zu mancherlei Untersuchungen, und unsere Unterredung schweifte bald von der Mineralogie nach anderen naturwissenschaftlichen Gegenständen hin. Einige optische Untersuchungen wurden behandelt, seine Ansichten von der Metamorphose der Knochen beschäftigten uns, und er beklagte sich mit Heftigkeit über die Art, wie einige Naturforscher sein Vertrauen mißbraucht und mitgeteilte Entdeckungen, ohne ihn zu nennen, als eigene bekanntgemacht hatten. Ich war ganz in die frühere schöne Zeit versetzt. Goethe ward immer heiterer, liebenswürdiger, und ich genoß ein Glück, welches mir seit langen Jahren fremd geworden war. Goethe lud mich und meine Frau mit der Frommannschen Familie nach Weimar ein. Wir fanden bei der Tafel, außer Goethes Frau, Meyer Heinrich Meyer, Goethes Schweizer Freund aus Italien, lebte seit 1791 in Weimar. und Riemer, Friedrich Wilhelm Riemer, seit 1803 der Lehrer von Goethes Sohn August und Goethes wissenschaftlicher Mitarbeiter. nur Werner. Goethe war sehr heiter, das Gespräch drehte sich um mancherlei Gegenstände, und die unbefangenen geistreichen Äußerungen des berühmten Wirtes erheiterten uns alle. Auch mit den Frauen wußte er sich auf liebenswürdige Weise zu unterhalten. Endlich wandte er sich an Werner, der bis jetzt wenig teil an den Gesprächen genommen hatte. »Nun Werner,« sagte er auf seine ruhige, doch fast gebieterische Weise: »haben Sie nichts, womit Sie uns unterhalten, keine Gedichte, die Sie uns vorlesen können?« Werner griff eilig in die Tasche, und die zerknitterten schmutzigen Papiere lagen in solcher Menge vor ihm, daß ich erschrak und diese Aufforderung Goethes, die das unbefangene und interessante Gespräch völlig zu unterdrücken drohte, keineswegs billigte. Werner fing nun an, eine Unzahl von Sonetten uns auf seine abscheuliche Weise vorzudeklamieren. Endlich zog doch eines meine Aufmerksamkeit auf sich. Der Inhalt des Sonetts war der köstliche Anblick des vollen Mondes, wie er in dem klaren italienischen Himmel schwamm. Er verglich ihn mit einer Hostie. Dieser schiefe Vergleich empörte mich, und auch auf Goethe machte er einen widerwärtigen Eindruck; er wandte sich an mich. »Nun Steffens,« fragte er, äußerlich ruhig, indem er einen geheimen Ingrimm zu verbergen suchte, »was sagen Sie dazu?« »Herr Werner,« antwortete ich, »hatte vor einigen Tagen die Güte, mir ein Sonett vorzulesen, in welchem er sich darüber beklagte, daß er zu spät, zu alt nach Italien gekommen wäre, ich glaube einzusehen, daß er recht hat. Ich bin zu sehr Naturforscher, um eine solche Umtauschung zu wünschen. Das geheimnisvolle Symbol unserer Religion hat ebensoviel durch einen solchen falschen Vergleich verloren wie der Mond.« Goethe ließ sich nun völlig gehen und sprach sich in eine Heftigkeit hinein, wie ich sie nie erlebt hatte. »Ich hasse,« rief er, »diese schiefe Religiosität, glauben Sie nicht, daß ich sie irgendwie unterstützen werde; auf der Bühne soll sie sich, in welcher Gestalt sie auch erscheint, wenigstens hier nie hören lassen.« Nachdem er auf diese Weise sich eine Zeitlang und immer lauter ausgesprochen hatte, beruhigte er sich. »Sie haben mir meine Mahlzeit verdorben,« sagte er ernsthaft, »Sie wissen ja, daß solche Ungereimtheiten mir unausstehlich sind; Sie haben mich verlockt, zu vergessen, was ich den Damen schuldig bin.« – Er faßte sich nun ganz, wandte sich entschuldigend zu den Frauen, fing ein gleichgültiges Gespräch an, erhob sich aber bald, entfernte sich, und man sah es ihm wohl an, daß er tief verletzt war und in der Einsamkeit Beruhigung suchte. Werner war wie vernichtet. Goethe, diese imponierende Gestalt, jetzt schon im hohen Alter, schien durch seine ruhige gebietende Gegenwart die ganze Bedeutung seines gewaltigen Daseins in einen mächtigen Moment zusammenzufassen; er war damals 62 Jahre alt. Die bevorstehende Trennung erschütterte mich, aber der ernsthafte Mann gebot Ruhe; mein Schmerz war stumm, ich verneigte mich und verließ ihn. Er lebte nachher noch fast 20 Jahre, aber ich sah ihn damals zum letztenmal. * Noch stand mir eine in mancherlei Rücksicht für mich wichtige Reise bevor. Es war notwendig, daß ich von Halle aus, in den Angelegenheiten meiner neuen Anstellung, nach Berlin reiste. Es war der berühmte heiße Sommer, der noch nicht vergessen und durch seinen mächtigen Kometen auf eine so merkwürdige Weise verewigt ist. Auf eine Weise von der trockenen Hitze angegriffen, die mir fast die Besinnung zu rauben drohte, kam ich nach Berlin und wohnte bei Reimer. Wie ganz anders fand ich Berlin jetzt als fünf Jahre früher in den Tagen der frischen und damals hoffnungsvollen Begeisterung? Zwar dasjenige Institut, welches mir das nächste war, die Universität, wurde mit Hoffnungen errichtet, die in der Tat groß waren. In dem glänzendsten Teile der Stadt, ausgezeichnet unter den mächtigen Gebäuden, die sich hier wie in keiner andern Stadt zusammendrängen, liegt das Gebäude der Universität, als sollte es durch diese Lage die hohe Bedeutung wissenschaftlicher Bildung für den Staat andeuten, der, äußerlich dem Druck und der Schmach unterliegend, dennoch den innersten Kern eines zukünftigen frischen, ja mächtigen Lebens in sich bewahrte. Die naturwissenschaftlichen Institute hatten schon vom Anfange an einen Reichtum und ein Ansehen, welches auf die zukünftige große Bedeutung derselben hinwies. Am 23. Dezember 1809 ward die Königliche Kabinettsordre, welche die Errichtung der Universität befahl, unterzeichnet. Den 9. September 1810 ward sie feierlich eröffnet. Männer von großem Ruf glänzten schon bei der ersten Errichtung in allen Fakultäten: Schleiermacher vor allem in der theologischen. Es gibt keinen, der wie er die Gesinnung der Einwohner hob und regelte und in allen Klassen eine nationale, eine religiöse, eine tiefere geistige Ansicht verbreitete. Berlin ward durch ihn wie umgewandelt und würde sich nach Verlauf einiger Jahre in seiner frühern Oberflächlichkeit selbst kaum wieder erkannt haben. Was ihm den großen Einfluß verschaffte, war dieses: daß er Christ war im edlen Sinne, fester unerschütterlicher Bürger, in der bedenklichsten Zeit kühn mit den Kühnsten verbunden, rein Mensch in der tiefsten Bedeutung des Wortes, und doch als Gelehrter streng, klar, entschieden. Die Kinder strömten zu seinem Unterricht, Frauen und Männer aus allen Klassen hingen ihm an. Sein Entschluß, sich für das schmachvoll gedrückte Vaterland zu opfern, hatte damals eine ansteckende Gewalt und unterhielt die kühne Gesinnung, die entschlossen war, nicht bloß bessere Zeiten untätig zu erwarten, sondern auch, wo sich die Gelegenheit darbot, durch die Tat herbeizuführen. Sein mächtiger, frischer, stets fröhlicher Geist war einem kühnen Heere gleich in der trübsten Zeit. Denn die Kräfte, die er in Bewegung setzte, waren keine vereinzelten, beschränkter Art, es waren die tiefsten und edelsten des ganzen Menschen in der höchsten, alle durchdringenden Einheit. So fand ich meinen Freund, als er eine Laufbahn anfing, deren Wert zu schätzen nur derjenige vermag, der sie anzuerkennen weiß. Savigny, von Landshut nach Berlin berufen, hob die juridische Fakultät. Schon damals der Begründer einer neuen Juristenschule, die trotz aller Angriffe immer mächtiger wurde. Reils Name und Zelebrität verschaffte der medizinischen Fakultät einen ausgezeichneten Ruf, und bei einer neuerrichteten Universität konnte keine Akquisition glücklicher sein. Unternehmend wie er war, fortdauernd mit großen Plänen beschäftigt, duldete er in seiner Nähe keine müßige Ruhe, und selbst, wo man ihn heftig bekämpfte, ward der Kampf für die heranwachsende Universität heilsam. Auch durch Hufelands Verdienste gewann die Fakultät an Glanz. Unter den Philosophen war Fichte, wenn er auch viele Gegner fand und finden mußte, doch von großem Einfluß. Seine Gesinnung, ja selbst seine abgeschlossene scharfe Eigentümlichkeit bildete einen festen Haltpunkt, und durch seine rücksichtslose nationale Kühnheit gewann er viele Menschen, von denen er wissenschaftlich getrennt war; ja er hatte schon den Grund gelegt zu einer Ansicht des Lebens, die in einer schwankenden Zeit, wie die damalige, eine große geschichtliche Bedeutung erhielt. Die Verwirrung, in welche die religiöse und wissenschaftliche wie die bürgerliche Existenz geraten war, mußte einen jeden zu der Einsicht führen, wie notwendig es war, sich vor allem in sich zu fassen und zu bestimmen, und der Mann, welcher berufen war, einen großen, alles leitenden Gedanken kühn hervorzuheben als den absolut gebietenden, mußte als ein Herrscher anerkannt werden, auch wo er nicht verstanden ward. Fichtes schon lautgewordene Stellung gegen Schelling, die Art, wie er sich über mich und selbst in einem an mich gerichteten Briefe geäußert hatte, die Einsicht, daß wir uns durchaus fremd waren und daß ich mit meinem innigen Naturleben nie von ihm verstanden werden konnte, hielt mich von ihm entfernt. Böckh und Bekker waren als Philologen berufen. Es ist bekannt, wie sehr der letztere durch seine tiefen stillen Studien die Wissenschaft gefördert hat, wieviel der erstere, der schon damals als Philolog einen großen Ruf erlangt hatte, indem er das Leben und Denken der Griechen mit ihrer Sprache zugleich auffaßte, dazu beitrug, das Studium der alten Welt in ihrer schönsten Blüte zu beleben und zu fördern. Den 15. Oktober 1810 fingen die ersten Vorlesungen an. Noch nie war eine Universität gleich von ihrer ersten Stiftung an glanzvoller hervorgetreten, noch nie die Idee der Begründung eines großen wissenschaftlichen Instituts großartiger aufgefaßt. Man hat mit Recht in der Geschichte die Stiftung der Universität Göttingen im Anfange des vorigen Jahrhunderts als die gelungenste Unternehmung ihrer Art genannt, und von Münchhausen Der Minister des Königs Georg II. August von England-Hannover, auf dessen Einfluß die Gründung der Göttinger Universität im Jahre 1737 zurückging. ist nach Verdienst dadurch unsterblich geworden. Aber die Aufgabe war in einer ruhigen, mit sich selber zufriedenen Zeit eine viel einfachere. Die ausgezeichneten Gelehrten waren in anerkanntem und wenig bestrittenem Besitz ihres einmal erworbenen Rufs, die Wahl der Lehrer also weniger schwierig. Ein reiches Land bot in einer im ganzen friedlichen Zeit ohne Schwierigkeit die Mittel dar, und der König von England, als Herrscher des Landes, stand als der große Beschützer und Gönner im Hintergrunde. In Berlin aber trat ein Institut mit überraschendem Glanz hervor, als alle Stützen des Staates eingestürzt schienen, und aus einer unsäglichen Armut floß wunderbarerweise die reiche Quelle der Bildung derselben. Ich habe nie eine Klage vernommen über die Summen, die so durch eine große Anstrengung errungen und angewandt wurden. Bei der gewaltsamen Auflösung so vieler Verhältnisse, bei der Notwendigkeit, manches ganz von neuem mit Beseitigung früherer zum Teil zerstörter Zustände anzufangen, bei der in vielen Richtungen sich hervordrängenden Not, die schnelle Hilfe forderte, war es zu natürlich, daß man bei den Kundigen Rat suchte. Hardenberg Der preußische Staatskanzler. berief Deputierte aus den verschiedenen Provinzen, die eine Art Reichsstände bildeten, um mit ihnen sich zu beraten. Ich hörte die Namen: Graf Dohna, von Schuckmann, von Altenstein, Niebuhr, Stägemann, Scharrnweber, von Bärensprung und viele andere nennen. Mein Freund, der Regierungsrat von Raumer, der Bruder meines zukünftigen Schwagers, stand eben damals in der höchsten Gunst bei Hardenberg und erlebte den Blütepunkt seines in der Tat mächtigen Einflusses. Was die Verwirrung, wie sie mir erschien, vermehrte, war nun auch die Macht freierer Ansichten, die sich aufdrängten und nicht abzuweisen waren. In diesem Sinne hatte Stein schon manches getan, um den verschiedenen Ständen eine selbständigere Stellung zu verschaffen. Die Städteordnung z. B. entwickelte einen selbständigen Bürgerstand, der die eigenen Angelegenheiten mit einer Freiheit leitete, die man selbst in konstitutionellen Staaten wie in Frankreich bis zu diesem Augenblicke nicht kennt. Da entstand die Aufgabe, einen freien Bauernstand ebenfalls zu schaffen. Die Ablösung der Bauern ward jetzt eine Notwendigkeit, die sich nicht mehr abweisen ließ. Daß solche Unternehmung, die man schnell und entschieden einzuführen suchte, wohl auch mit der Hoffnung, dadurch die Bauern selbst für große Opfer und eine entschiedene nationale Gesinnung zu gewinnen, stattfand, ist wenigstens zu vermuten. In geordneten friedlichen Zeiten hat ein jeder seinen bestimmten Standpunkt, von welchem aus er auf eine gebietende Weise tätig sein kann. Reichen seine Fähigkeiten und Einsichten weiter, und über die Grenzen seines Amtes, so kann er zwar durch heilsame Vorschläge nützlich werden, aber die Annahme, Beurteilung und Ausführung derselben muß er andern, höhern Behörden überlassen, und er weiß es. Es ist wohl möglich, daß er durch solche Ratschläge sich selbst den Weg zu einem höheren Wirkungskreise bahnen kann, aber es wird ihm nie einfallen, sich eine größere Gewalt zuzuschreiben oder anzumaßen, als er innerhalb seiner Schranken wirklich besitzt. Anders verhält es sich, wenn im Staate neue durchgreifende Einrichtungen getroffen und diese schnell ausgeführt werden, sollen. Für diese passen die bestimmten Grenzen der Stellungen nicht immer; denjenigen, die man für die Fähigeren hält, muß man eine größere Gewalt gestatten; jenseits der niedergerissenen Schranken liegt aber eine Unbestimmtheit, die weder durch die höheren Behörden noch durch die mächtiger gewordenen Beamten abgegrenzt werden kann. So erzeugt sich unvermeidlich ein Grenzenloses, und ein jeder, der eine feste Überzeugung erlangt hat, will sie auch in ihrem ganzen Umfange verwirklichen. Das Chaos solcher wechselseitiger Kämpfe lag jetzt vor mir, und die Lage Preußens schien mir bei dieser innern Verwirrung die trostloseste zu sein. Schon bei den geschichtlichen Darstellungen verworrener Epochen werden wir nicht selten in unseren Urteilen irregeleitet. Innere Streitigkeiten, Niederlagen, Hungersnot, ansteckende Krankheiten bilden dann in der Erzählung einen solchen grauenhaften Knäuel vernichtender Unglücksfälle, daß man alle Bürger des Staats wie von einer faulenden Gärung ergriffen glaubt. Alles, was erzählt wird, kann wahr sein, aber es wird einseitig in der Darstellung hervorgehoben und zusammengedrängt. Was in verschiedenen Zeiten stattfindet, was in einzelnen Gegenden herrscht, wird in einem Moment der Zeit und in einem engen Raume vereinigt; die lichten Punkte des Lebens, die sich auch in den unglücklichen Zeiten erhalten, werden verdrängt, ja der Geschichtschreiber hält nicht selten sein Werk dann am meisten für gelungen, wenn diese gar nicht zum Vorschein kommen. Hat man nun das Glück, einen aus dem Volksleben in allen seinen Richtungen lebendig erzeugten großen Dichter zu besitzen, so erstaunt man über den grellen Gegensatz seiner Darstellung mit den gründlichsten der Geschichtsforscher der nämlichen Zeit. Man vergleiche die Geschichtsbücher Spaniens aus der Lebensepoche des Cervantes mit dem allgemeinen Leben in diesem Lande, wie es im Don Quichotte dargestellt wird. Während meines Aufenthaltes in Berlin sah ich von außen nur in die Verwirrung hinein. Den Faden eines leitenden Prinzips, wie er wohl von Hardenberg festgehalten wurde, vermochte ich nicht zu entdecken. Alle Hoffnungen, die mir aus den engeren Schranken des Lebens entgegentraten, drohten zu verschwinden; um so mehr, da nicht allein diejenigen, die im freieren Sinne die Verhältnisse des Staates auffaßten, an seine Fortdauer und zukünftige wachsende Selbständigkeit glaubten und für diese lebten und tätig waren, sich untereinander bekämpften, sondern auch sich insgesamt angegriffen sahen von einer mächtigen Opposition, die den Staat in seiner alten Form mehr oder weniger festzuhalten bemüht war. Die Ansicht des Staates, die sich jetzt bei mir entwickelte, bildete den schroffsten Gegensatz mit der früheren jugendlichen, die sich den Staats- wie den Naturverhältnissen mit instinktmäßiger Zuversicht hingab. Wo Zweifel entstehen, ist die eigene geistige Tätigkeit unvermeidlich, und obgleich es mir nie einfiel, mich in das Detail der Geschichte zu verlieren, so konnte ich allgemeinere und umfassendere Betrachtungen über die Verhältnisse der Staaten zueinander und ihre innere Einrichtung nicht mehr vermeiden. Durch meinen Freund von Raumer hatte ich das Glück, dem Staatskanzler Grafen Hardenberg vorgestellt zu werden. Ich ward zur Tafel geladen und erwähne dieses hier, weil ich ihm später nähertreten durfte. Es ist nicht meine Absicht, ein Urteil über ihn zu fällen, ich besitze die genauen Kenntnisse, die mich dazu berechtigen könnten, keineswegs. Seine Persönlichkeit aber hatte etwas durchaus Anziehendes; er war, wie bekannt, selbst in seinem höheren Alter ein ausgezeichnet schöner Mann. Unter den höheren Staatsbeamten, deren persönliche Bekanntschaft ich zu machen das Glück gehabt habe, zeichnete er sich durch einen vornehmen Anstand im edelsten Sinne aus. Jene ruhige Sicherheit, die ihn nie, selbst in den bedenklichsten Momenten verließ, die offene, freimütige Art seiner Mitteilung, gleich weit von einer unschicklichen Vertraulichkeit und von einer kränkenden Herablassung entfernt, zeichnete ihn aus. Als ich dem Fürsten Metternich vor einigen Jahren persönlich vorgestellt zu werden das Glück hatte, erinnerte er mich auf eine überraschende Weise durch sein freies sicheres Betragen wie selbst durch seine Gestalt an Hardenberg. Graf Neidhard von Gneisenau. Nach der Natur gezeichnet von Franz Krüger. Lithographie von Schall. Ich war in der Mitte des Juli 1811 von Berlin nach Halle zurückgekehrt. Gneisenau muß damals eben, und vielleicht wenige Tage vorher, aus Schlesien nach Berlin gekommen sein. Ich hatte ihn noch nicht kennengelernt. Alle geheimen Unternehmungen schienen aufgegeben zu sein; ich sah erwartungsvoll einer bedeutenden Zukunft entgegen, ohne einzusehen, wie sie sich gestalten konnte. Da erschien von Boltenstern, ein Offizier der preußischen Garde, mit einem bedeutenden Auftrage bei mir. Alles war in dieser Zeit äußerlich ruhig, und seine Gegenwart in Halle konnte um so weniger Verdacht erregen, da seine Frau die Tochter eines Gutsbesitzers in der Gegend war. Gneisenau hatte ihn gesandt, und ich trat jetzt zum ersten Male, ohne ihn persönlich zu kennen, in Verbindung mit diesem merkwürdigen und ausgezeichneten Manne. Was von Boltenstern mir mitteilte, setzte mich in die heftigste Bewegung, und ich ward jetzt auf eine viel bedeutendere Weise als bisher zu einer entschiedenen Tätigkeit aufgefordert. Die Lebensbilder aus dem Befreiungskriege haben die eigenhändigen Briefe Gneisenaus an den Grafen Münster aus dieser Zeit bekanntgemacht. Ich erfuhr durch Boltenstern nur ganz im allgemeinen, wie gespannt die Stellung Preußens gegen Napoleon in diesem Augenblicke war, daß man sich entschieden über die noch fortdauernde Besetzung der Festungen, die dem Friedenstraktat zufolge schon längst hätten geräumt sein müssen, beklagte. Zwar hatte Preußen sich verpflichtet, ein Heer von nur 40 000 Mann zu halten, aber durch Scharnhorsts Fürsorge war ein weit größeres Heer kampffertig. Die kampffähigen Männer wurden einexerziert, dann entlassen, ihre Waffen wurden für sie aufbewahrt, und sie waren jederzeit bereit, sich zu stellen. Aus den Lebensbildern sehe ich, daß die Zahl der Männer, die schnell ein kämpfendes Heer gebildet haben würde, 12 4000 Mann betrug. Es kam jetzt darauf an, so genaue Nachrichten wie möglich von der Bewegung der französischen Truppen, von ihren Standquartieren, ihrer Anzahl, von den Anführern und Waffengattungen einzuziehen. Dann sollte ich mit großer Vorsicht mich an zuverlässige Freunde wenden, mit diesen ein möglichst vollständiges Verzeichnis solcher Männer verfertigen, die sich mit Wahrscheinlichkeit entschließen würden, in dem entscheidenden Moment für das Vaterland zu kämpfen, und die fähig wären, die eigene Gesinnung in größeren oder geringeren Kreisen zu beleben. Die vorzüglichste Tätigkeit der Freunde wäre endlich besonders darauf zu richten, daß sie sich in Kenntnis setzten von der Menge der Waffen und des Pulvers, die sich im Privatbesitz der Einwohner befänden. Wir müßten dann versuchen, diese zerstreuten Massen ohne Aufsehen an bestimmten zweckmäßigen Orten zu vereinigen. Von England dürften wir zwar bedeutende Lieferungen erwarten, aber die eigene Tätigkeit wäre durchaus notwendig. Ich stellte Boltenstern vor, wie mir als einem Gelehrten die Fähigkeit fehle, ein so wichtiges Geschäft zu leiten, welches militärische Kenntnisse und bedeutendes praktisches Geschick voraussetzte. Ich schlug Krosigk vor. »Ich bin an Sie geschickt,« erwiderte Boltenstern, der als preußischer Offizier gewohnt war, dem gegebenen Auftrage strenge Folge zu leisten. »Was Sie in dieser Sache tun wollen, müssen Sie verantworten.« Ich war über das in mich gesetzte Vertrauen erstaunt, aber auch erfreut. Ich konnte nicht behaupten, daß ich bis jetzt irgend etwas von Bedeutung ausgerichtet hätte. Meine bisherige Teilnahme an den Unternehmungen war in der Tat meist passiv; ich hatte das Geheimnis sorgfältig bewahrt, hatte die Ausführung einiger törichter Pläne verhindert und die Verbindung zwischen Kassel und Berlin einige Male befördert, das war alles. Ich vereinigte mich nun mit Blanc und mit einem jungen Manne B., auf dessen redliche Gesinnung wir uns verlassen konnten; besonders aber stimmten alle in meinen Vorschlag überein, Krosigk zu gewinnen und ihm die obere Leitung des Ganzen anzuvertrauen. Zu den wichtigsten Verbündeten gehörte aber von Harthausen, der auf die umsichtigste Weise tätig war, die Gesinnung der Bauern und der Bürger zu erforschen wußte und durch wenige junge Männer, besonders durch den jüngern Merkel, auf die Studierenden einwirkte. Harthausen hatte schon früher eine Gesellschaft gebildet, die sich ein paarmal wöchentlich versammelte, um Schießübungen anzustellen; besonders übten wir uns im Pistolenschießen. Diese Übungen hatten schon seit fast einem Jahre stattgefunden, und damit sie eine weitere Ausdehnung erhielten, schlossen wir uns an die Jagdgesellschaften der Umgegend an. Diese Übungen und unsere Verbindungen mit einigen eifrigen Jägern kamen uns jetzt zustatten. Einige bedeutende Gutsbesitzer und reiche Pächter in der Umgegend waren teils durch ihre Gesinnung uns bekannt geworden, teils konnten wir sie jetzt gewinnen, und diese Verbindungen waren uns desto wichtiger, weil ihr Einfluß aus das Landvolk ein entschiedener war. In der Tat waren diese Unternehmungen im stillen schon ziemlich weit gediehen; alles Unruhige und Leidenschaftliche der früheren war verschwunden. In Halle war der persönliche Einfluß Harthausens besonders wichtig; in der Umgegend die umsichtige Tätigkeit Krosigks. Von Harthausen unterhielt von Halle aus beständige Verbindungen mit Westfalen. In dem ganzen Umfange dieses Königreichs wurden die genauesten Nachrichten von den Bewegungen der französischen Truppen eingesammelt und nach Berlin geschickt, und wir konnten uns um so leichter der Aufmerksamkeit der Feinde entziehen, da alles völlig ruhig blieb und keine törichten Pläne wilder Art, wie früher, die unsrigen durchkreuzten. Gneisenaus Korrespondenz mit dem Grafen Münster, wie sie öffentlich bekanntgeworden ist, insofern sie die feindliche Stimmung des preußischen Hofes, die auch uns in Tätigkeit setzte, betraf, reicht bis in den November 1811. Auffallend ist mir die Hoffnung gewesen, daß die Stimmung des Hofes nicht wanken würde; offenbar hat Gneisenau mehr seine Hoffnungen und die feste Gesinnung seiner Freunde als die wirkliche Lage der Verhältnisse dem Minister mitgeteilt. Er befürchtete wohl, die Bemühungen der Engländer, deren mächtige und schnelle Beihilfe so notwendig war, dadurch zu hemmen. Uns ward wenigstens schon gegen Ende August geraten, alles vorläufig ruhen zu lassen. Die Differenzen, wurde uns gemeldet, die zwischen dem preußischen und französischen Hofe stattfanden, wären ausgeglichen, und wenn unsere Tätigkeit für die Zukunft nötig sein sollte, würden wir es erfahren. Ich hatte als Vorläufer eines jeden öffentlichen Aufstandes teils die Gegenwart eines, wenn auch geringen, Truppenkorps, um welches als einen festen Kern sich der Aufstand ordnen könnte, teils eine königliche Erklärung, welche den dem Königreich Westfalen geleisteten Eid aufhob, als durchaus notwendig hervorgehoben; bis diese Bedingung erfüllt war, fühlten wir Verbündeten uns verpflichtet, den äußerlichen Frieden aufrechtzuerhalten und jede laute Äußerung der Unzufriedenheit nicht zu nähren, vielmehr soviel wie möglich zu unterdrücken. * Schon der Besuch bei Goethe hatte einen Abschied bedeutet; denn im Frühjahr bereits hatte Steffens zum Wintersemester 1811 einen Ruf nach Breslau erhalten. Dort, in der vorm Feinde geschützten, von Österreich umschlungenen Provinz wollten weitblickende Männer in Preußen neben Berlin eine zweite Hochburg jenes Geistes errichten, der – nach den Worten des Ministers vom Stein – einmal die Franzosen aus Deutschland vertreiben sollte. Abgesehen von diesen politischen Umständen, die eine Übersiedlung nach Breslau verlockend machten, erschien aber die Aussicht, in Schlesien leben zu müssen, nicht gerade begehrenswert. Die schlesische Bevölkerung galt im Vergleich zu den reinlicheren, ordnungsfanatischen Altpreußen als halbslawisch, die Wohnverhältnisse waren mißlich, der kulturelle Stand der ganzen Provinz – von Mitteldeutschland oder von Berlin aus betrachtet – schien dürftig-provinziell. Nun sollten diese Verhältnisse aber gerade durch die Schaffung einer Universität in der Hauptstadt beseitigt werden. Da aber die Institute erst eingerichtet, Lehrmittel erst beschafft werden mußten, gingen die meisten Professoren nicht gerade leichten Herzens in ihr neues Amt. Auch standen die Studenten aus Frankfurt an der Oder, die in erster Linie die Hörerschaft bilden sollten, in dem Geruch betont rohen Benehmens. Jedoch: der Ruf war ergangen und angenommen, die Übersiedlung im Reisewagen – im geheimen hatte man sich bis zur sächsischen Grenze mit ein paar geladenen Pistolen versehen – verlief glücklich; bald nach der Ankunft fand die feierliche Eröffnung der Universität in einer alten prächtigen Barockaula statt. Der Historiker Raumer, der Philologe Heindorf und der Naturwissenschaftler Steffens bildeten einen Stamm von akademisch angesehenen Lehrern unter den Gelehrten der jungen Hochschule. Steffens hatte in Halle zuletzt Experimentalphysik vorgetragen. Nun wurde in Breslau in einem ehemaligen Jesuitenstift das physikalische Institut der Universität eingerichtet, und der Professor zog mit seiner Familie in die Beletage. So nahte das Schicksalsjahr 1812. Es gibt im menschlichen Dasein keinen Zufall: Es traf Henrich Steffens in der Herzmitte der politischen Erhebungen. Erhebung in Breslau. Eintritt in das Heer. Teilnahme an den Befreiungskriegen. Während die Universität sich gestaltete, während ich langsam, aber nicht ohne Hoffnung, die Keime der geistigen Bewegung, die in den jugendlichen Gemütern im Anfange des Jahrhunderts sich zu entwickeln anfingen, freilich unter sehr ungünstigen Verhältnissen, zu beleben suchte, erschien das äußere Schicksal der Völker immer dunkler; die Ströme jener Barbaren der Überkultur ergossen sich in ihrer östlichen Richtung über ganz Europa. Zwar war ich der unmittelbaren Herrschaft der eingedrungenen Feinde entgangen, aber die mittelbare trat immer gewaltiger und verhängnisvoll drohender hervor. Nichts konnte in gesunder Entwicklung gedeihen, solange diese über uns schwebte und sich steigerte. In Breslau vernahm man vieles von den Verwüstungen während des Krieges, viele erinnerten sich grauenhafter Erzählungen von dem rohen, ja grausamen Benehmen der süddeutschen Truppen, die in französischen Diensten dem Feinde gefolgt waren. Besonders klagte man über die württembergischen und badischen Truppen. So waren deutsche Gemüter durch den Einfluß der französischen Herrschaft dem eigenen Vaterlande entfremdet und verwildert, und jetzt kam die grauenhafte Zeit, wo ein preußisches Heer, mit dem französischen verbunden, für den völligen Untergang des eigenen Landes kämpfen sollte. 1812 . Was ich bis dahin erlebt hatte, der schwere Druck meines Aufenthaltes in Halle, schien mir kaum beachtenswert, mit diesem verhängnisvollen Verhältnisse verglichen. Wenn, dachte ich, die Krieger Preußens, wie wir es an den Süddeutschen erlebt hatten, sich als Krieger des großen Heeres betrachteten, wenn sie es für einen Vorzug hielten, an dem Siegestaumel der Feinde teilzunehmen, würde das Volk nicht in seinem innersten Keim verpestet, würde die Gesinnung, die feste, bis dahin unerschütterliche, die durch die wachsende Würde und Selbständigkeit des eignen Landes seit Jahrhunderten getragen und gepflegt war, nicht untergraben? Damals in der dunkelsten mitternächtlichen Stunde des hoffnungslos hinsinkenden Deutschlands entstand ein stilles, geheimes Bündnis der edelsten Geister, ein Bündnis, welches man so lange, vorzüglich durch treulose französische Politik, zu verhindern gewußt hatte: das Bündnis zwischen Österreich und Preußen. Beide hingewiesen zu einer gemeinschaftlichen innern Vereinigung mit dem echt uraltgermanischen England. Was zu dieser Zeit in den unglücklichsten Momenten die edelsten Männer in allen drei Reichen so tief bewegte und innerlich miteinander verband, war das Kind einer gewaltigen Zukunft, welches, noch im stillen Wachstum begriffen, seine mächtige, bedeutende Jugend erwartete. Möchten diejenigen, die das jetzige Schicksal der drei Länder zu leiten vermögen, sich fortdauernd an jenes stille Bündnis, äußerlich scheinbar so ohnmächtig, und dennoch ein paar Jahre später so riesenhaft gewaltig hervortretend, erinnern; sie würden es einsehen, daß die Zeit des höchsten Drucks, der verzweiflungsvolle Moment des drohenden Unterganges und die schnell darauf folgende glänzende Befreiung, abgesehen von den großartigen äußeren Erfolgen, innerlich eine Weissagung für zukünftige Jahrhunderte in sich schließen. Wenn auch die vielfältigen Geschäfte, die Einrichtung des Lokals, Anschaffung der Instrumente, Teilnahme an den Einrichtungen und Verhandlungen des Universitätsbaues, Vorlesungen über Physik und Philosophie und die Fortsetzung des mineralogischen Handbuchs, mich anstrengend in Anspruch nahmen, so verfolgte ich dennoch die politische Stellung Preußens mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit. Das unglückliche Schicksal meiner Freunde ängstigte mich fortdauernd, im geheimen warf ich mir vor, daß ich in Sicherheit die Zeit zubrächte, während sie litten, und ihre Leiden hingen nur zu genau mit denen des Vaterlandes zusammen. Die drohende Lage des Landes zog die Aufmerksamkeit von den Privatverhältnissen ab; hier in Breslau, wo ich nicht auf solche Art tätig sein konnte wie in Halle, vernahm ich wenig aus Berlin. Meine Freunde in Halle waren in die Gewalt des Feindes geraten, und während die äußeren Verhältnisse sich immer drohender gestalteten, erfuhr ich nichts von der geheimen Gesinnung der bedeutenden Männer, die in Verbindung mit England und Österreich auf eine so kühne Weise tätig waren. Oft fragte ich mich, als das Gerücht, daß Preußen und Österreich, wie die übrigen deutschen Reiche, in Verbindung mit Napoleon Rußland bekämpfen würden, immer lauter wurde: was unternehmen jetzt jene kühnen Männer, deren entschiedene Gesinnung auch mich in eine gefahrvolle Tätigkeit hineinriß? Haben Gneisenau, Chasot, Eichhorn, Vgl. Seite 267, Anmerkung 1. Schleiermacher jetzt alle Hoffnung aufgegeben, oder sind sie noch in dieser drohenden Lage, die selbst den preußischen Krieger dem Tyrannen preisgibt, im alten Sinne tätig? Meine ganze Ansicht von Deutschland und seiner geschichtlichen Bedeutung war mir durch eine lange Reihe von Jahren eine Lebensfrage geworden, meine genaueren Freunde teilten meine Gesinnung, ja waren durch diese zum Teil in die Gewalt des Feindes geraten, und es gab Momente, wo ich mit innerem Entsetzen ihr Leben bedroht glaubte. Ein eigenes Verhältnis setzte mich in Kenntnis von der geheimen Stellung zweier Mächte gegeneinander, die in meiner damaligen Stimmung mir nicht gleichgültig sein konnte. Ich hatte dieses Verhältnis auf keine Weise herbeigeführt, es drängte sich mir auf, und ich konnte es nicht abweisen. Was ich auf diesem Wege erfuhr, ängstigte mich in hohem Grade; ich sah es ein, wie alle Mächte eben in diesem bedenklichen Momente, als der grenzenlose Ehrgeiz Napoleons und der Siegestaumel seines Heeres die Freiheit des ganzen europäischen Kontinents bedrohten, unsicher schwankten, oder vielmehr jede Hoffnung, die Selbständigkeit ihrer Reiche zu erhalten, aufgegeben hatten, und wo noch eine leise Spur der Hoffnung aufzutauchen anfing, ward sie durch das gesteigerte wechselseitige Mißtrauen erstickt. Vor mir schwebte der Geist, der mich aus meinem fernen Vaterlande gerufen hatte, in meiner Erinnerung traten mit erschreckender Klarheit die schönen Tage hervor, die ich als ein einsamer Fußwanderer in dem Thüringer Gebirge zubrachte, wo ich noch schwelgte in dem Genuß des anziehenden fürstlichen, bürgerlichen, amtlichen, häuslichen Lebens der noch glücklichen kleinen Staaten, als ich aber auch das drohende Unheil aus der Ferne heranrücken sah und schon damals die zurückweichende Gewalt Deutschlands, die ahnungsvoll eine verderbliche Zukunft erkannte, wie von Schrecken gelähmt fand. Ich durchlebte die Momente des kurzen siegreichen Daseins eines erneuerten Geistes, an dessen Kämpfen und Siegen ich auf eine lebendige Weise teilnehmen durfte. Alle die tragischen Momente eines deutschen Lebens schwebten mir vor; jetzt war nun der gefürchtete Augenblick da, die geistig Verbündeten waren unter sich in einen lähmenden Kampf geraten, und die Bewaffneten der unterjochten Völker kämpften für den Tyrannen, der sie zertrat. Aber meine Tätigkeit, der Kampfplatz, auf den ich gestellt war, war der geistige; hier konnte, hier durfte ich nicht zweifeln, der Glaube an den Sieg, von dem Mittelpunkte dieses Daseins aus, war ein religiöser geworden, der mit fester Zuversicht aller äußeren Wahrscheinlichkeit Trotz zu bieten vermochte, und in diesem Sinne sollte ich nun hier in einer fremden Umgebung, nicht, wie in der glücklicheren Zeit, von Freunden und Zuhörern unterstützt, den bedenklichen Kampf wagen. Jetzt fühlte ich es, wie ich allein stand, nicht erwarten durfte, verstanden zu werden. Die nahe Not hatte zwar alle Gemüter ergriffen. Was sie zu retten suchten und jetzt zu erretten verzweifelten, war mir zwar auch wichtig, enthielt aber keine Ahnung von dem, wofür ich stritt, wofür ich zu leben und zu kämpfen berufen war. Die schweren Gedanken, die mich in dieser Lage ergriffen, wurden nur mühsam durch vielfältige äußere Geschäfte zurückgedrängt, durch die Freundschaft vieler achtbarer Männer, aber doch nur scheinbar überwunden. Und selbst die heitere Erfahrung mancherlei lobenswerter Beschäftigungen des geistreichen Volks konnte mich nur vorübergehend trösten; die geistige Sonne, die mich leitete, schien untergegangen, und in den innersten Tiefen meines Daseins herrschte ein tragisches mitternächtliches Dunkel. Gerhard David von Scharnhorst. Gemälde von Friedrich Bury Da erhielt ich, so verlassen ich war, auf einmal und auf eine unerwartete Weise eine Stütze von außen. Durch die viel besprochenen Lebensbilder aus dem Befreiungskriege haben Briefe der merkwürdigen, bedeutenden Männer (Graf Münster Kabinettsminister für Hannover am Londoner Hofe. in England, Staatskanzler von Hardenberg, von Scharnhorst, Gneisenau, Dörenberg in Preußen, Stadion, Nugent, Graf Laval Nugent, 1777-1862, österreichischer Feldmarschall. Hardenberg in Österreich, Stein, damals in Rußland) uns mit der Stimmung derselben in der grauenhaftesten Zeit bekannt gemacht, und wie sie zwar, als nun die erklärte Unterwerfung unter Napoleon rein ausgesprochen schien, für einen Augenblick wie betäubt dastanden, schnell sich aber wieder zusammenfanden und die Sache, für welche sie lebten und zu sterben entschlossen waren, keineswegs aufgaben. Aus der öffentlichen und offiziellen Tätigkeit des Staats mußten die obengenannten Preußen sich zwar zurückziehen, aber von diesem getrennt lebte das Bündnis, welches sie unter sich und mit den auswärtigen Freunden geschlossen, noch mächtig fort. Plötzlich; – ich glaube mit Sicherheit die Zeit aus der Erinnerung angeben zu können – erschienen in den letzten Tagen des Aprils 1812 Gneisenau, Chassot, Adolf, Graf von Chassot, 1763-1813, preußischer Offizier, leidenschaftlicher Patriot, Leiter des Tugendbundes nach 1807, 1812 Führer der deutschrussischen Legion. Justus Gruner, Polizeipräsident von Berlin. Moritz Arndt und später Blücher in Breslau. Bei der Unruhe, die damals im Volke herrschte, war man über die Ankunft dieser Männer erstaunt; irre ich nicht, so war selbst die Polizei bedenklich und schenkte, obgleich auf eine höchst behutsame Weise, diesen Männern eine ganz besondere Aufmerksamkeit. Wahrscheinlich waren es meine nur wenig erfolgreichen Unternehmungen in Halle, die mir das Glück verschafften, in diesem Augenblick von den bedeutenden Männern aufgesucht zu werden. Jetzt zum erstenmal trat ich nun in unmittelbare Berührung mit den Männern, deren mächtige Stellung im Staate, mit einer unerschütterlichen Gesinnung verbunden, mir immer als eine feste Stütze vorgeschwebt hatte. Mein bisheriges Verhältnis, vor allem zu Gneisenau und Chassot, war mir zwar höchst wichtig, das Vertrauen, welches ich zu ihnen gefaßt hatte, war ein ganz entschiedenes und nicht zu erschütterndes, aber dennoch war es nur auf einen schwankenden Grund gebaut, und die Mittel, auf welche sie ihre Hoffnung zu gründen schienen, waren mir nur höchst unvollkommen bekannt. Sie brachten während ihres damaligen Aufenthalts in Breslau die meisten Abende in meinem Hause zu; ich mußte Anstalten treffen, um einen jeden andern möglichen Besuch zu verhindern. Einigemal, wo auch die Entfernung meiner Familie gewünscht wurde, versammelten wir uns in dem Schillingschen Weinhause und blieben bis gegen Mitternacht zusammen; hinter der öffentlichen Schenkstube ward uns eine kleine Kammer angewiesen, wo wir bei verschlossenen Türen saßen. Man kann sich leicht denken, daß diese Zusammenkünfte ein Gegenstand der allgemeinen Gespräche der Stadt wurden und daß ich den Einwohnern in einem bis dahin fremden Lichte erschien. Der Polizeipräsident Streit sagte mir eines Tages: er wisse es wohl, daß sich bei mir ein kleines Koblenz gebildet habe; er wollte an die Versammlung der emigrierten französischen Prinzen und an ihre extravaganten Anhänger der ersten Zeiten der Revolution erinnern. Sollte es eine polizeiliche Warnung sein? Ich vermutete es, lachte aber und verbat mir die Vergleichung. * Gneisenau lernte ich jetzt erst persönlich kennen. Er war, wie bekannt, ein schöner Mann, dessen ruhiges und sicheres Einherschreiten schon den ritterlichen Helden verkündete, sein Blick deutete auf Klarheit. Ich sah nie eine ähnliche Mischung von edlem Stolz und echter Demut, von Zuversicht und Bescheidenheit. Wie die übrigen größten und bedeutendsten deutschen Helden war auch er mehr durch das Leben als durch Studien gebildet, aber durch seine Achtung für eine jede Art höherer geistiger Bildung, durch die freundliche Aufforderung, ihn über Verhältnisse aufzuklären, die ihm unbekannt waren, durch das unverstellte Geständnis seiner Unkunde zeigte er sich nicht allein noch liebenswürdiger, sondern zugleich achtungswerter; denn nie erschien die ihm angeborne Größe imponierender als in eben solchen Momenten. Ihm fehlte die leichte Beweglichkeit des Geistes, der schnelle Witz, die ironische Schärfe, welche damals viele der bedeutendsten und höchst verdienstvollen höheren Befehlshaber auszeichneten, aber auch nicht selten bei geselligen Berührungen zurückstoßend wirkten. Es schien wohl, als wenn die Keckheit, die auf dem Schlachtfelde als die höchste Tugend glänzt, der Meinung dieser Männer nach sich auch in geistigen Behauptungen bewähren müßte, als gelte ein schnelles und entschiedenes Urteil ebensoviel wie das Kommandowort vor der Front. Viele von diesen hatten im höhern Alter, durch Talent unterstützt, zu erlangen gesucht, was doch nur ein früherer Unterricht mit übersichtlicher Sicherheit und Klarheit zu geben vermag. Einige hatten auf Universitäten studiert, die tüchtige kriegerische Neigung aber hatte ihre Studien, halbvollendet, unterbrochen. Gestehen mußte man, daß ihnen, da sie manches erlebt hatten, was dem einsam auf seiner Stube eingeschlossenen Gelehrten verborgen blieb, ein treffendes Urteil gebührte über vieles, dann nämlich, wenn das Geistige an das äußere Leben und seine Verhältnisse angrenzte. Ein befehlshaberischer Ton, wo ein bedachtsam untersuchender hingehörte, zeigte sich hier und da schon bei den höhern Befehlshabern in dem unglücklichen Jahre 1806. Diese Zeit hatte einen jeden kühnen Mann auf sich selbst gewiesen; die innere Kraft, die später so hell glänzte, stärkte sich in dieser Zeit, die eigene Macht, der eigene Gedanke erhielt jene große Gewalt, die im Kriege den Sieg errang. Nicht leicht hatte irgendein Mensch eine solche Gelegenheit, sich in mannigfach wechselnden Verhältnissen durch das innere Leben auszubilden, wie damals der kühne, begabte preußische Offizier. Aber dadurch entstand auch eine Entschiedenheit, die nicht immer die treffendste war, und das schnelle befehlshaberisch gesprochene Urteil eines geistreichen Kriegers erschien nicht selten um so glänzender und imponierender, je schiefer es war. Ich habe nicht selten das Glück gehabt, bedeutende Männer in meinem Leben zu treffen, aber nie bedauerte ich so oft, ein Gespräch plötzlich abbrechen zu müssen, dessen Fortsetzung mir höchst wünschenswert schien, wie bei Gneisenau. Denn nie hörte ich aus seinem Munde ein unverständiges Wort, ja die stille Demut seines Wesens hatte etwas unwiderstehlich Gebietendes an sich, auch in geistiger Rücksicht, so daß das Unverständige in seiner Nähe sich nicht auszusprechen wagte. Ein jeder ahnte das tiefsinnige Gemüt, welches, indem es sich äußern wollte, mehr an das dachte, was ihm fehlte, als an den großen Schatz von Erfahrungen, die er, von den größten Gedanken durchdrungen, mit Europas Schicksal fortdauernd beschäftigt, während er in tätigem Bündnis mit den edelsten und großartigsten Männern lebte, sich erworben hatte. Es war etwas Fürstliches in seiner Gestalt, in seiner Art sich darzustellen und sich zu äußern. Eben wenn er am demütigsten war, schien er sich mit bewußtloser Sicherheit herabzulassen; er war der ritterlichste, freigebigste Held, den ich jemals sah, und wer das Glück hatte, sein Interesse zu erwecken, konnte auf seine fortdauernde tätige Teilnahme in einer jeden unangenehmen Lage mit Sicherheit rechnen. Ich denke mit Freuden daran, wie ich sein Wohlwollen und seine freundliche Teilnahme von dem Augenblick an, wo er in meine Wohnung trat, fortdauernd genossen habe. Die vielen Beweise seiner Güte gegen mich, wenn ich oft Stunden in seiner oder er in meiner Wohnung zubrachte, schweben mir in traurig heiterer Erinnerung vor; kein Mann ist mir je teurer gewesen. Wenige Tage vor seinem plötzlichen, erschütternden Tode trat er im hohen Alter noch fest und rüstig einherschreitend in meine Wohnung. Die Cholera erschien mir erst drohend, als sie in ihrem verwüstenden Fortschreiten ein solches Opfer zu ergreifen wagte. Gneisenau wurde am 24. August 1831 in Posen von der Cholera dahingerafft. Ganz anders erschien Justus Gruner, ein Mann, welcher damals eine sehr bedeutende und einflußreiche Rolle spielte, dessen Andenken sich aber nicht so erhalten hat wie das der Männer der kriegerischen Taten. Er war mager und höchst beweglich, seine feurigen Augen, sein etwas blasses Gesicht zeigten Spuren von der lebendigen Sinnlichkeit eines Mannes, der viele innere leidenschaftliche Kämpfe durchgemacht hatte, wohl auch in diesen zuweilen unterlag. Er hatte einen starken Haarwuchs, die Haare waren brennend rot, er sprach mit großer Leichtigkeit, gern und geistreich. Wenn er ganz in das Gespräch verloren schien, bemerkte er dennoch alles, was um ihn vorging, fixierte auf einmal die einzelnen in der Umgebung und schien sie zu durchschauen, wußte nach kurzem Umgang, wozu sie zu brauchen waren und inwiefern man ihnen trauen konnte. Er hatte ein natürliches Talent für die Intrige, aber diese ward durch ihren Gebrauch in der damaligen Zeit veredelt, ja durch ihn gehoben. Als Polizeipräsident in Berlin war seine Wirksamkeit, durch seine Stellung begünstigt, im höchsten Grade ausgedehnt. Die geheime Tätigkeit gegen den Feind war damals wichtiger als die öffentliche Polizei, und dennoch wurde diese, wie behauptet wird, niemals besser verwaltet. Justus Gruner verstand es, eine Unzahl von Geschäften zugleich zu betreiben, er schien sich einem jeden ganz hinzugeben, und die Feinde konnten wohl eine Zeitlang glauben, daß er, der sich eben ihnen durch seine polizeiliche Aufmerksamkeit bemerkbar machte, ganz für dieses äußere Geschäft lebte, aber dennoch war es nur die Maske, die er annahm, um mit seinen geheimen Fäden ganz Deutschland zu umspinnen. Kein Preuße war in der unglücklichen Zeit seinem Vaterlande treuer; seine Unternehmungen brachten ihn fortdauernd in große Gefahr, und so sicher er seine Werkzeuge durchschaute, so war er dennoch bei der großen Zahl derselben alle Augenblicke dem Verrat ausgesetzt. Es war in der Tat bewundernswert, daß er einige Jahre hindurch die täuschende Rolle dem Feinde gegenüber spielen konnte. Irre ich nicht, so hatte er, als die Aufmerksamkeit der Feinde rege ward, einige Zeit vor seiner Abreise nach Breslau seine Stelle als Polizeipräsident aufgegeben. Er hieß, wie der damalige Obrist von Gneisenau, der auch zum Scheine aus dem Militärdienste getreten war, Staatsrat. Gruner war frühzeitig für eine vaterländische Gesinnung erzogen; er war in der Umgebung des großen Deutschen Justus Möser erwachsen und in seiner Kindheit und Jugend Gegenstand seiner väterlichen Zuneigung gewesen; nach ihm wurde er in der Taufe genannt. Im näheren Umgange und wo er sich offen äußern zu können glaubte, war er bequem, ja liebenswürdig, und seine Gespräche waren unterhaltend, lebendig und geistreich. Später unter ganz anderen Verhältnissen trat ich mit ihm in eine nähere Berührung. Daß er sich aber viele Feinde zuzog, war bei seiner Tätigkeit sehr natürlich. Chassot war durchaus ein Ritter, eine rüstige Gestalt, der sich mit aller Zuversicht einer echt vornehmen Natur bewegte. Ich habe seiner schon früher gedacht. Es ist bekannt, daß er in Berlin in einem Duell einen französischen Offizier, der sich an einem öffentlichen Orte beleidigend über die preußischen Krieger geäußert hatte, erschoß. Er war ein Vertrauter jener bedeutenden Männer, die sich vereinigt hatten, um die Sache Deutschlands, die damals so trostlos schien, auf jede Weise aufrechtzuerhalten, und gehörte im schönsten Sinne zu der großen Zahl der preußischen Krieger, die nicht mehr alles Heil von Parade und Manöver erwarteten, die den Wert der nationalen sittlichen Gesinnung und der geistigen Kraft einsahen und selbst von beiden durchdrungen und gehoben waren; aber auch unter diesen zeichnete er sich durch eine völlige Hinopferung seines ganzen Daseins aus. Er erlebte zwar die erste Morgenröte des hervorbrechenden schönen Tages, diesen selbst aber nicht. Als er an der Spitze der deutschen Legion aus Rußland nach Preußen vordringen wollte, starb er. Es ist bekannt, welchen mächtigen Eindruck Arndts Schriften in den Jahren 1805 und 1806 in Deutschland machten; während andere Schriftsteller sich untätig zurückzogen, furchtsam verstummten, ja wohl hie und da umschlugen, blieb er mit mächtig treuer Gesinnung unverändert derselbe. Die laute Kriegstrompete, die mächtiger als alles durch die Presse erscholl, verstummte in den unglücklichen Jahren des Druckes keineswegs. Hilferufend ertönte sie, wo nur eine Spur von Hoffnung einer hilfreichen Gesinnung zu erwarten war. Daß dieser Mann Aufsehen erregen mußte, war begreiflich; er war bestimmt, die Gemüter in Bewegung zu setzen, durch Wort und starke Lehre das Volk zu stählen; die nationale Gesinnung, wo sie in irgendeinem Gemüte noch schlummerte, sollte durch ihn erweckt, in Tätigkeit gesetzt, bewaffnet werden. Er selbst stellte sich ganz als der biedere deutsche Mann des Volkes dar, und mit dem Ausdruck der derben kühnen Gesinnung verband sich ein inneres geistiges Nachsinnen, ja der in sich versenkte trübe Blick des besorgten Hausvaters, der die bedenkliche Lage der Familie sich nicht verbirgt, während er unablässig für sie tätig bleibt. Mir ward er von jetzt an ein treuer Freund. Daß die Lage des Landes, die drohenden Verhältnisse, welche den lange geahnten Untergang herbeiführen zu müssen schienen, sowie die schwache Hoffnung, irgendwo hier oder da eine Rettung zu finden, den Gegenstand aller unserer Gespräche ausmachten, versteht sich von selbst. Ich kam mir wie ein Offizier vor, der bis jetzt von demselben Geist, der in Hohen und Niedern lebte, getrieben, aus einem Vorpostendienst, der das Ganze der geheimen feindlichen Unternehmung nicht überschauen ließ, in dem Hauptquartier ankam und an dem Vertrauen der Heerführer teilnehmen durfte. Zwar war dieser Moment der allerunglücklichste; unsere Truppen waren aus dem Felde geschlagen, ja waffenlos gemacht, während ein bedeutender Teil derselben gefangen in dem feindlichen Heere dienen mußte. Ich lernte jetzt jenes Bündnis, welches noch immer fest zusammenhielt, kennen, ich hörte Münsters und Stadions Namen. So völlig von aller äußern Stütze entblößt, hielten wir dennoch die Hoffnung fest. Die Korrespondenz hörte nicht auf, besonders war uns in dieser Zeit Österreichs Gesinnung am wichtigsten. England glaubten wir trauen zu können, und dennoch gestehe ich, daß das englische Volk und seine Repräsentanten keineswegs mit der Energie, mit dem lebhaften Interesse sich des unterdrückten Kontinents annahmen, welches ihre Stellung zu fordern schien. Aus allem, was ich erfuhr, blickte die beengte Lage des Grafen Münster hervor. Als Familiensache des Königlichen Hauses, des Kurfürsten von Hannover, ward die Hilfe für Deutschland zwar eifrig betrieben, aber eben als eine solche konnte sie nur mit Scheu und ängstlicher Vorsicht sich hervorwagen. Mit Österreich verhielt es sich anders; es schien äußerlich sogar mit Frankreich verbunden; aber daß dieses Bündnis ebenso gefährlich, ja für die Zukunft gefährlicher noch als der zweifelhafteste Kampf werden müßte, sah man in Wien sowohl wie in Berlin ein. Die Redlichgesinnten, aber Furchtsameren, die hinter einem jeden Widerstande den völlig unvermeidlichen Untergang erblickten, konnten sich doch nicht verbergen, daß sie durch das Bündnis mit Frankreich dem selbst freiwillig erwählten Untergange entschieden entgegengingen, während sie durch Widerstand, der doch immer ehrenvoller war, einem kühn hervorgerufenen und nicht so gewissen unterlagen. Wer ist so unkundig in der Geschichte, daß er nicht aus dieser gelernt hätte, wie diejenigen Völker, die in dem kühnen Widerstande beharrten bis zum letzten Augenblick, selbst wenn sie vernichtet schienen, einen Keim der Wiedergeburt in sich bewahrten, während das furchtsam sich ergebende Volk, einen hektischen Krankheitsstoff innerlich aufnehmend, sich am sichersten glaubt, wenn es dem Tode am nächsten ist und, von einer furchtbaren Täuschung ergriffen, in der immer wachsenden Erschöpfung die kranke Hoffnung mit dem letzten Reste des atmenden Organs aushaucht. Es ist hier nicht von denen die Rede, die eine wirkliche französische Partei bildeten, die in der absoluten hohlen Nichtigkeit eines leeren Hoflebens von jeher Franzosen waren und durch die Unterjochung äußere Vorteile mit Leichtigkeit ergriffen, weil sie keine inneren Güter zu verlieren hatten. Ich hörte wohl solche nennen, sie mußten wohl da sein, aber meine Natur wie meine Stellung hielten sie von mir fern; ich habe, ich darf es gewissenhaft versichern, keinen solchen gekannt, und man wird mich daher entschuldigen, wenn ich keinen nenne. Aber viele, die in diesem Augenblick dem Bündnisse mit Napoleon das Wort sprachen, mußten dennoch, eben je unvermeidlicher es wurde, im Innern durch ein nie zu verdrängendes Gewissen beunruhigt werden; je drohender sein Zug durch Deutschland nach Rußland erschien, je wahrscheinlicher ihnen der Sieg eines kampfgewohnten, durch jahrelange Triumphe unbesiegbaren Heeres ward, desto demütigender mußte ihnen die eigene Lage entgegentreten. Ein jeder errungene Sieg des Feindes mußte sie als ein neues furchtbares Unglück strafend vernichten. Sie hatten dazu beigetragen, diesen Moment herbeizuführen, den sie, wenn auch mit noch so schwachen Mitteln, zu hemmen berufen waren; wären sie kämpfend untergegangen, indem sie die Hemmung der Fortschritte des Feindes auch nur einen kurzen Augenblick veranlaßt hätten, sie stünden rein da, für sich selber; während ein jeder auch noch so kleine Vorteil, den der Tyrann aus ihrem Beitritte zog, sie laut als Verräter ausrief. Darauf rechneten diejenigen, die den Widerstand nie aufgaben, in Berlin wie in Wien. Je fester das Bündnis äußerlich ward, desto zweifelhafter, unsicherer, schwankender innerlich. Und es gab in der Tat Momente eben in dieser Zeit, wo das äußerlich Unmögliche wahrscheinlich ward und das mächtige Bündnis in sich zu zerfallen schien. * Alle Menschen lebten in dieser Zeit in jener wunderbaren innern Aufregung, die dann entsteht, wenn große Erwartungen eine bestehende peinliche Lage zu verändern und zu verbessern versprechen, ohne daß der Augenblick gekommen ist, der zur entschiedenen Tätigkeit auffordert. Wenn die große Masse des Volks auch geneigt ist, das Bestehende als ein Unveränderliches zu behandeln, sorglos von einem Tage zum andern lebt und plötzlich, als träte etwas völlig Unerwartetes hervor, sich von dem überraschen läßt, was bei einer selbst kurzen und oberflächlichen Betrachtung auch von den Unkundigsten sich voraussehen ließ: so verhält es sich doch anders, wenn die geistig Umsichtigeren das gewaltig Herannahende, schon lange dunkel Geahnte in seinen erschütternden Folgen übersehen; eine einmal entstandene Erregung wächst dann in ungeheurem Maße, nicht in einem einfachen Verhältnis, sondern wie die physisch eingepflanzte Bewegung nach dem Quadrat der Zeiten und der Geschwindigkeiten, immer in sich gesteigert, in jedem Moment mit sich selber multipliziert. Das 29. Bulletin Napoleons war erschienen; jeder behutsame Ausdruck in diesem suchte vergebens die grenzenlose Niederlage zu verbergen; in den tieferen Gemütern regte sich eine Ahnung von einer wundervollen tatenreichen Zukunft mit ihren Hoffnungen und geheimen Grauen; es klang zuerst wie eine ferne, halbverständliche Stimme aus dem Innersten der zerstreuten Seelen hervor; etwas Unglaubliches schien die ferne Stimme zu verkündigen. Selbst wer bis dahin geglaubt hatte, daß die bis zur Besinnungslosigkeit gesteigerte Ehrsucht in dem verwüsteten grenzenlosen Lande ihre Schranken finden würde, konnte an das Entsetzliche des Unterganges eines siegreichen Heeres nicht glauben, welches seit fünfzehn Jahren mit steigender Gewalt erst Bewunderung, dann ahnungsvolle Furcht, dann furchtsamen Schrecken, endlich lähmendes Entsetzen über Völker und ihre Herrscher verbreitet hatte und nun so plötzlich von der göttlichen Rache getroffen war. An ein Ereignis sollte man glauben, welches (in der Geschichte einzig) an Wunder die Siege übertraf. Aber das Wunder war da, unwidersprechliche Nachrichten häuften sich, die ferne Stimme näherte sich, das dunkle, schicksalschwangere Wort klang klarer, zuletzt als ein lauter, mahnender Aufruf. Da überströmten die stark hervorbrechenden Wogen die Ufer der vereinzelten Gemüter, da brausten die überströmenden Fluten immer gewaltiger, da regte sich der lange verborgene und zurückgetretene Keim des bessern Sinnes, der König und Vaterland mit Treue und Liebe umfaßt, selbst in den Trägsten, und was in dem Besten, oft zweifelhaft und schwankend, wie der Glaube an die göttliche Liebe in den frommen Seelen, unter Kämpfen mancherlei Art festgehalten wird, das ward jetzt, in diesem Moment der Wunder zur zuversichtlichen Tat gesteigert selbst in den stumpfsten Seelen; jeder erwartete einen großen Augenblick und schien für ihn gewaffnet. Und doch war der Moment der Tat noch nicht da, aber sie war schon reif im Innern vieler tausend Gemüter, und die zurückgehaltene Gewalt, die alle bewegte, schwoll elastisch an, den Tag sehnsuchtsvoll erwartend, der die innere Tat zu einer äußern gestalten würde. Napoleon war, hieß es, heimlich allein, nur von einem seiner Heerführer begleitet, Tag und Nacht in einem Schlitten durch Schlesien geeilt; ein Postmeister, irre ich nicht, in Haynau, hatte ihn erkannt. In Breslau war alles in Bewegung; die gewöhnliche Sorge für den Tag und seine stille Beschäftigung war selbst in dem häuslichen Gemache dem großen Ereignis gegenüber, welches wie ein innerer Aufruf mahnend aus einem jeden herausklang, zurückgewichen. Auf den Straßen wogte es von Menschen, die sich zuflüsterten, ein jeder erwartete den Befehl zur bestimmten Tat, und alle blickten sich an, als müßte der Befehlshaber, der sie zusammenrufen, bewaffnen, ordnen sollte, nun plötzlich erscheinen. Da ward zuerst die Sorge für die Sicherheit des Königs laut. Werden die Reste der französischen Armee, welche die geheime Gesinnung kannten, um die Sicherheit des Rückzuges zu decken, in dem von ihnen besetzten Berlin sich Gewalttätigkeiten gegen seine geheiligte Person erlauben? Jetzt zuerst trat jene geheim bewahrte Treue, die den rechten Mittelpunkt aller zukünftigen Tat gefunden hatte, wie sie mächtig während des Krieges heranschwoll, wie sie während des langen Leidens still im Innersten, oft denen, die sie pflegten, unbemerkbar, sich erhielt, hervor, und alles, wozu ein jeder bereit war, hatte sein göttliches Siegel erhalten. Herr B. v. L., von dieser allgemeinen Stimmung tief ergriffen, wandte sich unmittelbar an den König. Er mahnte ihn, Berlin zu verlassen und nach Breslau zu kommen. Hier in dem neutralen, von dem Feinde nicht besetzten Gebiete würde er von treuen Untertanen umgeben, die ihr Leben für ihn zu wagen bereit waren, sicherer sein als in Berlin, wo er auf eine bedenkliche Weise in der Gewalt der Feinde war. In seinem engeren Kreise fand man doch diesen Schritt, der selbst in einer Zeit, in welcher auch der Ruhigere wohl geneigt war, das Ungewöhnliche zu wagen, etwas bedenklich. Wenige Tage nach dem Abgange des Schreibens ward B. v. L. in der Nacht von Gendarmen aufgehoben, nach Berlin gebracht und dort in die Hansvogtei gesetzt. Die unschickliche Ermahnung eines einzelnen, Unberufenen, sollte nicht herbeiführen, was das Resultat der reifen Beratungen derer sein müsse, denen der König sich selbst anzuvertrauen sich entschließen wollte. So rein auch die Gesinnung des B. v. L. sein mochte, so sah man es doch ein, daß, eben in diesem Augenblicke der allgemeinen grenzenlosen Aufregung, ein jedes Hervordrängen der einzelnen, selbst der Besten, als ein gefahrdrohendes Übel um sich greifen und die jetzt so notwendige Ordnung zerstören konnte. Eben in solchen dunkeln, tief bewegten Zeiten, in welchen man deutlich erkannte, daß in der ordnenden Gewalt des Herrschers alles Heil zu suchen, war man geneigt, sich still einer Macht zu unterwerfen, welche man jetzt erneuert, kräftig und unabhängig hervortreten sah. Kurze Zeit darauf kam B. v. L. zurück; in einer glänzenden Abendgesellschaft, die er gab und der ich beiwohnte, versprach der Staatskanzler zu erscheinen; nachdem wir einige Zeit vergebens auf ihn gewartet hatten, kam ein Brief, höflich und voll Anerkennung, durch welchen er sein Nichterscheinen mit dringenden Geschäften entschuldigte. In diesem Augenblick fühlte ich mich, obgleich ich die Morgenröte des langersehnten Tages freudig begrüßte, dennoch innerlich sehr verlassen. »Sechs lange leidensvolle Jahre hast du zugebracht, auf diesen Moment als auf den seligsten deines Lebens harrend: und nun bist du hier in einer entlegenen Stadt, der Strom der mächtigen Ereignisse wird diese Gegend nicht berühren; gegen Westen, in der Mitte des bewegten Deutschlands wird die Kraft des erwachten Volkes sich vereinigen, wird der Kampfplatz der großen Männer sein, deren Vertrauen und Wohlwollen dich in den Tagen des Leidens aufrecht hielt und erhob. Du wirst hier tatenlos in unglücklicher Muße, was Großes geschieht durch deine Freunde, wie ferne Märchen dir erzählen lassen müssen.« So klagte ich und war in dem großen Augenblick dennoch selbstsüchtig nur zu geneigt, über die Vorsicht zu murren. Da ward das Gerücht, daß das, was B. v. L. wünschte und kühn auszusprechen wagte, wahrscheinlich schon in Berlin beschlossen war, immer lauter; Befehle kamen, ein jedes disponible Lokal für die den König nach Breslau begleitenden hohen Beamten in Beschlag zu nehmen. Selbst an mich kam eine solche Aufforderung. Das Lokal für das physikalische Kabinett und für meine Wohnung war völlig eingerichtet, der begonnene Apparat in den dazu bestimmten Sälen aufgestellt; in dem mir übergebenen Auditorium trug ich schon die Experimentalphysik seit einigen Wochen vor: als ich aufgefordert wurde, das Gebäude zur Disposition zu stellen. Ich glaubte entschieden gegen dieses Ansinnen protestieren zu müssen; ich glaubte nicht, daß der König, der friedlich in die Hauptstadt seiner Provinz einzog, die Lehrer von ihren Lehrstühlen, die er ihnen angewiesen hatte, vertreiben würde. Ich wandte mich an Herrn v. Schuckmann und blieb ruhig, wo ich war. Jetzt sah ich ein, wie unbegründet meine Klagen wären. Gott hatte mich hingestellt, da, wo ich allein in dem Brennpunkte des größten geschichtlichen Ereignisses einer der merkwürdigsten Epochen des menschlichen Geschlechts überhaupt erleben und tätig sein konnte. Wie? – davon hatte ich noch keine Ahnung. Der König kam, die königlichen Kinder begleiteten ihn, Hardenberg war an seiner Seite, die höchsten Beamten, eine Menge Generäle drängten sich hier zusammen; schon war das Gerücht von General Yorcks erster, großer, alles aufregender Kriegstat Die Konvention von Tauroggen mit dem russischen General Diebitsch vom 30. Dezember 1812. laut geworden; der Krieg war erklärt, obgleich noch keine Kriegserklärung da war. Eine unermeßliche Menge Männer, vorzüglich Jünglinge, strömten nach Breslau; alle Häuser waren angefüllt, auf den Straßen wimmelte es; Scharnhorst war da, Gneisenau wurde erwartet; die hereinbrausenden Wogen einer mächtigen Zukunft hatten alle Gemüter ergriffen; nur ein Gedanke erfüllte die zusammengedrängte Menge, alles übrige, Beschäftigung, Liebe, Zuneigung, waren nur da, insofern sie sich diesem Gedanken unterwarfen, ihm dienstbar wurden. Und dennoch schwebte über diesem Gedanken selbst ein geheimnisvolles, ja grauenhaftes Dunkel. Der König hatte General Yorcks glänzende Tat mißbilligt; über ihm schien dem äußern Anscheine nach eine gefährliche Anklage zu schweben. Der französische, seiner Gesinnung nach allgemein geschätzte Gesandte St. Marsan begleitete den König nach Breslau. Noch schien es zweifelhaft, ob man den General Yorck fallen lassen, der allgemeinen, mächtigen Begeisterung Trotz bietend, und Napoleon sich in die Arme werfend Rußland bekämpfen wollte, oder ob man entschlossen sei, mit Rußland vereinigt Napoleon den Krieg zu erklären. * Unter der Unzahl der angekommenen Fremden war der Hauptmann Boltenstern, der, durch Gneisenau nach Halle geschickt, unsere politische geheime Tätigkeit von neuem belebte. Er gehörte zu den Schülern Scharnhorsts, d. h. zu den jüngeren Offizieren, von welchen sein berühmter Lehrer sowohl als Gneisenau in dem bevorstehenden Kriege viel erwarteten. Ich fand bei ihm mehrere Offiziere, seine Freunde, und der einzig mögliche Gegenstand unserer Gespräche war natürlich der bevorstehende Krieg. Hier nun erfuhr ich, daß in der den Tag darauf erscheinenden Zeitung der königliche Aufruf zur freiwilligen Bewaffnung erscheinen würde. Die ganze preußische Jugend erwartete ihn; aber auch in diesem (eine Abschrift ward vorgelesen) war der Feind nicht genannt, und bei den beunruhigenden Gerüchten ward vieles hin und her gesprochen über die lähmende Wirkung, die wir von diesem Stillschweigen befürchteten. Gespannt, freudig erregt und dennoch zugleich beunruhigt, verließ ich nach Mitternacht die Gesellschaft. Ich brachte die Nacht in wilden, unruhigen Träumen zu und erwachte, um mich so viel wie möglich für einen Vortrag über Naturphilosophie vorzubereiten, der um acht Uhr stattfinden sollte. Indessen ging, was ich erfahren hatte, mir durch den Kopf, und plötzlich – meine Familie hatte ich, wie gewöhnlich, noch nicht gesprochen – ergriff mich ein Gedanke: »es steht ja«, dachte ich, »bei dir, den Krieg zu erklären, deine Stellung erlaubt es dir, und was der Hof beschließen wird, wenn es geschehen ist, kann dir gleichgültig sein.« Ich zweifelte gar nicht an dem Entschluß des Königs, sich mit Rußland zu verbinden. Daß man unmöglich die Jugend auffordern konnte, für Frankreich zu kämpfen, war mir völlig klar: man konnte aber mir verborgene und, ich gestehe es, unbegreifliche Gründe haben, den Feind, welcher freilich nach dem Aufrufe völlig enttäuscht sein müßte, hinzuhalten. »Es kann geschehen«, erwog ich, »daß man, um die noch nicht ausgesprochene Stellung gegen den Feind zu behaupten, deinen Schritt öffentlich mißbilligt, ja bestraft. Du wirst dann wahrscheinlich ins Gefängnis gebracht, vielleicht nach einer Festung geschickt.« Wie unbedeutend erschien mir dieses in einer solchen Zeit, Daß ich jedoch nach kurzem wieder entlassen würde, verstand sich, wie ich glaubte, von selbst. Mein Hörsaal war nicht stark besetzt, die Studierenden hatten keinen rechten Begriff von der Naturphilosophie, und die Begeisterung einer frühern Zeit war verschwunden; außerdem entleerte die gewaltsame Aufregung der Zeit alle Hörsäle. Ich war schon in meiner neuen Amtswohnung eingerichtet, der Hörsaal war in dieser, in dem Flügel, in welchem der physikalische Apparat stand und wo meine Studierstube lag. Einen zweiten Vortrag über die physikalische Geographie sollte ich von 11 bis 12 Uhr halten. Der erste naturphilosophische fand vor den wenigen versammelten Zuhörern statt, und ich glaube nicht, daß irgend jemand ahnte, was mich innerlich bewegte. Der Gegenstand, den ich behandelte, hatte mich seit vielen Jahren innerlich beschäftigt, ja wenn ich kämpfte, so war es, um für ihn freien Platz zu gewinnen. Als ich den Vortrag geschlossen hatte, wandte ich mich noch an die wenigen Versammelten und sprach sie folgendermaßen an: »Meine Herren, ich sollte um elf Uhr einen zweiten Vortrag halten, ich werde die Zeit aber benutzen, um über einen Gegenstand mit Ihnen zu sprechen, der wichtiger ist. Der Aufruf Sr. Majestät an die Jugend, sich freiwillig zu bewaffnen, ist erschienen oder wird noch heute an Sie ergehen. Dieser wird Gegenstand meiner Rede sein. Machen Sie meinen Entschluß allenthalben bekannt. Ob die übrigen Vorträge in dieser Stunde versäumt werden, ist gleichgültig. Ich erwarte so viele, als der Raum zu fassen vermag.« Die Bewegung in der Stadt war grenzenlos, alles wogte hin und her, jeder wollte etwas erlauschen, irgend etwas vernehmen, welches der immer stärker heranwachsenden Gärung eine bestimmte Richtung geben konnte; Unbekannte sprachen sich an und standen sich Rede, die vielen Tausende, die aus allen Gegenden nach Breslau strömten, wogten mit den aufgeregten Einwohnern auf den erfüllten Straßen, drängten sich zwischen heranziehenden Truppen, Munitionswagen, Kanonen, Ladungen von Waffen aller Art; ein ausgesprochenes Wort, wenn es irgendeine Beziehung auf die Angelegenheiten des Staates hatte, ward urplötzlich und wie mit gewaltiger, lauter Stimme von allen gehört. Noch waren die zwei dazwischenliegenden Stunden kaum zur Hälfte verflossen, als eilig und mit heftiger Aufregung eine große Masse meiner Wohnung zuströmte. Der Hörsaal war gedrängt voll. In den Fenstern standen viele, die Türe konnte nicht geschlossen werden, auf dem Korridor, auf der Treppe, selbst auf der Straße bis in bedeutender Entfernung von meinem Hause wimmelte es von Menschen. Es dauerte lange, ehe ich den Weg zu meinem Katheder fand. Noch hatte ich an diesem Tage meine Frau nicht gesehen. Mein Schwiegervater, der mit Frau und Tochter nach Breslau gekommen war, wohnte eine Treppe höher bei v. Raumer, die Schwiegermutter bei uns. Das Zuströmen der ungeheuren Menge Menschen war ihnen unbegreiflich; sie mochten wohl eine unbestimmte Ahnung von meinem Entschluß haben. Meine Frau wagte sich nicht heraus; durch die zu Erkundigungen abgesandte Magd ließ ich sie auf eine spätere Stunde vertrösten; dann, versprach ich, sollte sie alles erfahren. Ich hatte diese zwei Stunden in einem seltsamen Zustande zugebracht; was ich sagen wollte, regte mein ganzes innerstes Dasein auf; ich sollte jetzt und unter solchen Verhältnissen aussprechen, was fünf Jahre hindurch zentnerschwer auf meinem Gemüte gelastet hatte; ich sollte der erste sein, der nun öffentlich laut aussprach, wie jetzt der Rettungstag von Deutschland, ja von ganz Europa da war; die innere Bewegung war grenzenlos. Vergebens suchte ich Ordnung in meine Gedanken zu bringen, aber Geister schienen mir zuzuflüstern, mir Beistand zu versprechen, ich sehnte mich nach dem Ende dieser quälenden Einsamkeit; nur ein Gedanke trat vorherrschend hervor: »Wie oft hast du dich beklagt«, sagte ich mir, »daß du hier in diese Ecke von Deutschland hingeschleudert wurdest: und sie ist jetzt der alles ergreifende, begeisternde Mittelpunkt geworden; hier fängt eine neue Epoche in der Geschichte an, und was diese wogende Menschenmenge bewegt, darfst du aussprechen.« Tränen stürzten mir aus den Augen, ich fiel auf die Knie, ein Gebet beruhigte mich. So trat ich unter die Menge und bestieg mein Katheder. Was ich sprach, ich weiß es nicht, selbst wenn man mich nach dem Schlusse der Rede gefragt hätte, ich würde keine Rechenschaft davon ablegen können. Es war das drückende Gefühl unglücklich verlebter Jahre, welches jetzt Worte fand; es war das warme Gefühl der zusammengepreßten Menge, welches auf meiner Zunge ruhte. Nichts Fremdes verkündete ich. Was ich sagte, war die stille Rede aller, und sie machte eben deswegen wie ein Echo aus der eigenen Seele eines jeden einen tiefen Eindruck. Daß ich, indem ich die Jugend so aufforderte, zugleich meinen Entschluß erklärte, mit ihnen den Kampf zu teilen, versteht sich von selbst. Nach geschlossener Rede eilte ich zu meiner Familie, um sie zu beruhigen; dann nach wenigen Minuten stand ich wieder in der einsamen Stube. »Das ist nun getan«, sprach ich und fühlte mich erleichtert, als wäre eine schwere Last mir von der Brust gewälzt. Aber eine neue Sorge drängte sich mir auf. »Jetzt«, sagte ich mir, »nach dieser Stunde, ist deine ganze Stellung im Leben verändert, du bist durch dein Versprechen ein Krieger geworden, und wie soll der Entschluß ausgeführt werden? was muß nun weiter geschehen?« Ich konnte mir keine deutliche Vorstellung davon machen. Ich hatte mich keinem anvertraut, ich stand völlig ratlos da. Plötzlich ging mir ein Licht auf. »Zu ihm mußt du eilen, er, wenn irgendeiner, wird deine Tat billigen, er wird dir am besten sagen, was du zu tun hast.« Schon ergriff ich den Hut, um fortzugehen, als Deputierte der Studierenden erschienen. Sie forderten mich auf, die Rede in einem größeren Lokale zu wiederholen; sie schlugen den Fechtsaal, der wohl 500 bis 600 Zuhörer fassen konnte, vor, und ich mußte, obgleich ungern, das Versprechen geben. Es brannte mir unter den Sohlen, aber ich konnte nicht fort. Nun strömte die Masse der Müßigen in meine Stube herein: mir schmeichelten diese Besuche keineswegs; hätte ich ihnen nur das Wort aus dem Munde genommen, dann hätten sie es für sich behalten, als ihr heiligstes Eigentum, mir nur für die kurze Stunde anvertraut. Noch waren diese Besuche nicht verschwunden, fast eine unglückliche Stunde war verflossen, als Professor Augusti, der damalige Rektor der Universität, erschien. Er habe, sagte er, etwas äußerst Wichtiges mit mir allein zu sprechen. Obgleich diese Anrede mich gewissermaßen beunruhigte, war ich doch zufrieden, als ich meine Stube von der lästigen Menge der Besucher befreit sah. Augusti gehörte zu meinem nähern Umgange, wir lebten im freundschaftlichsten Verhältnis. »Ich komme«, sagte er mir in einem feierlichen Tone, »von dem Staatskanzler.« St. Marsan, der französische Gesandte, war, als er das laute Gerücht von meiner Rede vernommen hatte, zum Staatskanzler geeilt. Wenige Tage nachher teilte mir dieser selbst den Inhalt des Gesprächs mit. »Sagen Sie mir«, hatte er geäußert, »was das zu bedeuten hat? Wir glauben mit Ihnen in Frieden zu leben, ja, wir betrachten Sie als unsere Bundesgenossen, und nun wagt es ein Universitätslehrer unter den Augen des Königs uns den Krieg zu erklären!« – Hardenberg antwortete dem wohlwollenden Freunde, dessen bedenkliche Stellung er auf jede Weise zu schonen suchte, folgendermaßen: »Die Gesinnung des Volks, der Jugend, kann Ihnen kein Geheimnis sein; die Rede konnten wir nicht verhindern; daß sie gehalten wurde, erfuhren wir erst, als sie geendigt war. Der König desavouiert sie. Fordern Sie Genugtuung, die soll Ihnen werden. Aber wir dürfen Ihnen nicht verheimlichen, daß ein jeder Schritt gegen den übereilten Redner ihn in einen Märtyrer verwandeln und eine Bewegung erregen wird, die uns in große Verlegenheit setzen würde und die wir schwerlich zu hemmen vermögen.« Mich ließ der Staatskanzler durch den Rektor wissen, wie er vernommen, daß ich, dazu aufgefordert, morgen die Rede zu wiederholen dächte. Er wollte nun zwar meine individuelle Überzeugung zu äußern mich nicht hindern, bäte mich aber, Napoleons Namen nicht zu nennen. Aus einer Art von Instinkt hatte ich dieses auch in der ersten Rede vermieden. Ich befürchtete, daß die Nennung des Namens die Rede der großartigen nationalen Objektivität berauben und mich zu unschicklichen, leidenschaftlichen Äußerungen verleiten könnte. Mein Freund entfernte sich, und endlich konnte ich noch zu Scharnhorst eilen. Obrist v. Boyen (jetzt Kriegsminister), einer der Wichtigsten, Tätigsten und Umsichtigsten der stillen Verbrüderung, war eben angekommen und besuchte seinen Freund; ich trat herein, und kaum erblickte mich Scharnhorst, als er auf mich zueilte, mich umarmte und in tiefer Bewegung ausrief: »Steffens, ich wünsche Ihnen Glück! Sie wissen nicht, was Sie getan haben!« – Es war mein schönster Ruhm. Ich sah es ein, daß ich, ein vierzigjähriger, still grübelnder Gelehrter, ein ungeschickter Krieger sein würde; aber mitgehen mußte ich, wenn dieser Moment irgendeine Bedeutung haben sollte. Scharnhorst hatte ich kurz vorher kennengelernt; er zeigte, wie Ältere, die sich seiner noch erinnern, wissen werden, sich keineswegs als ein Offizier der preußischen Parade. Dieser große Mann, dem Preußen so unendlich viel verdankt, sah gewissermaßen einem Gelehrten in Uniform ähnlich; wenn man neben ihm auf dem Sofa saß, war sein ruhiges Gespräch derart, daß ich fortdauernd an einen berühmten Gelehrten erinnert wurde. Seine Stellung war dann eine höchst bequeme, ja gekrümmte, und er äußerte sich wie ein sinnender Mann, der ganz von seinem Gegenstande erfüllt ist. Dieser war immer ein bedeutender, und obgleich er langsam und ruhig sprach, zog er dennoch unwiderstehlich an und gewann nach kurzer Zeit nicht allein das Interesse, sondern auch das unwandelbare Vertrauen der Zuhörer, ja beherrschte sie so durchaus, daß selbst der leidenschaftlichste Mensch, wenn er auch völlig entgegengesetzter Meinung war, gezwungen wurde, den Gang der Entwicklung seiner Rede mit stillschweigender Aufmerksamkeit zu verfolgen. Der Gegner sah sich wider seinen Willen genötigt, die Oberflächlichkeit der eigenen Ansicht neben der Gründlichkeit und Umsicht der seinigen anzuerkennen, und wenn er auch unwillig widerstrebte und halsstarrig die eigene Meinung beizuhalten beschloß, so wagte er doch kaum sein Widerstreben zu äußern. Man erzählt von einem päpstlichen Gesandten, welcher aus Rom nach Paris geschickt war, um mit Napoleon zu unterhandeln, zu einer Zeit, wo dieser an den Papst Forderungen ergehen ließ, die derselbe durchaus abzuweisen beschlossen hatte, daß der Gesandte durch die Standhaftigkeit seiner Opposition den Kaiser völlig zur Verzweiflung brachte. Endlich verließ Napoleon erzürnt das Gemach und befahl dem Gesandten, dazubleiben, bis er wiederkäme. Er verschloß die Türe, kehrte erst gegen Abend zurück und glaubte nun den Gesandten durch Langeweile und Hunger hinlänglich mürbe gemacht zu haben. Als aber nach einer kurzen Entschuldigung das Gespräch wieder anfangen sollte, hub der Geistliche, ohne auf die Entschuldigung etwas zu erwidern, ganz ruhig da an, wo die Unterhaltung abgebrochen war, und in demselben Sinne, als hätte gar keine Unterbrechung stattgefunden. Ganz auf ähnliche Weise, aber unendlich großartiger zeigte sich Scharnhorst. Was er gegen Napoleon nach reiflicher Überlegung beschlossen hatte, gab er nie auf; die ruhige Beharrlichkeit seiner Gesinnung beherrschte den geheimen Kampf, selbst wenn er zu unterliegen schien; die siegenden Gegner wußten es und fürchteten ihn am meisten, wenn sie ihn scheinbar überwunden hatten. So war ich einst bei Laon, von den Höhen vor der Stadt aus, Zeuge des Kampfes eines russischen Karrees, welches heftig angegriffen wurde. Es gelang den Feinden nicht, irgendwie die fest zusammenhaltende Masse zu trennen. Jetzt dehnte sie sich mehr und mehr als ein dichtes unzertrennliches Ganzes in die Länge, wie in Schlangenwindungen bog sie sich hin und her, fortdauernd die Gestalt verändernd, aber eine jede Bewegung, die oft einem Rückzuge ähnlich sah, vermehrte die widerstrebende Dichtigkeit der Masse, anstatt sie lockerer zu machen. In dieser Beharrlichkeit einer großen geschichtlichen Gesinnung schien das zukünftige Schicksal Preußens inmitten der unglücklichsten Verhältnisse, gesichert für einen nahenden Augenblick, zu ruhen; es war die letzte geistige Festung, die sich nie ergab; der Kommandant kannte die immer wachsenden Gefahren des Angriffs von innen und außen, aber auch die Stärke seiner Befestigung wie die unüberwindliche Treue derer, die er in Tätigkeit setzte, deren ganzes Dasein er beherrschte und lenkte, die er nicht als ein verzehrendes Feuer, vielmehr als ein durchdringendes Lebenslicht fortdauernd zu erwärmen und zu begeistern wußte. So fand der Krieg gegen Frankreich während der, wie man glauben sollte, vollständigen Unterjochung fortdauernd statt. Das Volk bewaffnete sich in allen Gegenden unter den Augen der Feinde, und Scharnhorst, welcher das Gewissen des Volkes repräsentierte, erschütterte es am tiefsten, als es sich bis zum Bündnis mit dem Feinde herabgesunken sah. So spricht das Gewissen immer lauter in den besseren Menschen, je tiefer sie sinken; und der größte Fall ruft die tiefste Reue, aber auch die entschiedenste Kraft eines erneuerten Lebens hervor. Wenige kannten Scharnhorsts Tätigkeit; sie äußerte sich im Verborgenen, nicht wie ein Furchtsames, sondern wie ein unendlich Starkes, Unüberwindliches, und alle die berühmten Befehlshaber und besseren Krieger blickten nach ihm wie nach dem unwandelbaren, lebendigen Mittelpunkt hin. So reichte das zusammengedrängte Lebensprinzip selbst über Preußens Grenze weit in die mächtigsten europäischen Staaten hinein, und die verräterischen, mit dem Feinde verbundenen einheimischen Gegner in England wie in Österreich, selbst wenn sie ihn nicht kannten, ahnten eine solche Gestalt, die für sie eine unüberwindliche war und gegen welche sie nichts vermochten. Es war rührend, die tiefe Anhänglichkeit, die grenzenlose Verehrung wahrzunehmen, die sich jederzeit äußerte, wenn von Scharnhorst die Rede war; selbst die Trotzigsten, alles, was hervortrat, mit humoristischer Kritik Vernichtenden, verstummten, ja schienen sich zu verwandeln. Neben diesem großen Manne saß ich nun in dem aufgeregtesten Momente meines Lebens, damit er meine nächsten Schritte lenken sollte. Die Neigung, nicht allein sich freiwillig zum Kampfe zu stellen, sondern das Prinzip der Freiwilligkeit in den Truppenkorps, die man bildete, festzuhalten, hatte sich schon entschieden ausgesprochen. Jahn war nach Breslau gekommen, um dort den Grund zu legen zur Bildung freiwilliger Korps, die den kleinen Krieg auf eine selbständige Weise führen sollten. Der Ursprung dieser kriegerischen Richtung war sehr tief in der Eigentümlichkeit der damaligen Zeit begründet, ja sie bildete ein so wesentliches Element derselben, daß derjenige, der wie ich nicht geneigt war, sich anzuschließen, dennoch ihre große Bedeutsamkeit anerkennen, ja sie zu verehren gezwungen war. Der Entschluß, in eins der Detachements, die dem stehenden Heere untergeordnet waren, einzutreten, schwebte mir freilich von dem ersten Augenblicke an instinktmäßig vor; ich freute mich, als General Scharnhorst diesen Gedanken unterstützte. »Wir könnten«, sagte er, »Sie zwar sogleich in einem Hauptquartier anstellen, wo Sie eine mit Ihrem frühern Leben mehr übereinstimmende Tätigkeit finden würden: es ist aber gut, daß Sie den Dienst von unten an kennenlernen; auch zweckmäßig, daß Sie wenigstens im Anfange des Krieges in der Mitte der Jugend leben, die Sie begeistert haben.« Scharnhorst konnte, wie sich von selbst versteht, über die Art meiner Tätigkeit gebieten, und ich ward von ihm aufgefordert, mich sogleich mit einer Bittschrift an Se. Majestät zu wenden, in welcher ich um Urlaub und um die königliche Erlaubnis, den Krieg auf eine Weise, wie es Se. Majestät bestimmen würden, mitmachen zu dürfen, ersuchte. Ich war nun beruhigt, und die gewaltige Aufregung hatte sich in eine bestimmte und geordnete Tat verwandelt. Das Gesuch überreichte ich den Tag darauf dem damaligen Flügeladjutanten des Königs, Herrn v. Thiele, dem jetzigen Generalleutnant und Staatsminister, und ich erinnere mich noch immer mit Freude an die Freundlichkeit, mit welcher ich von dem trefflichen Manne empfangen wurde, dessen Wohlwollen und Güte mir in meinem hohen Alter eine Stütze geworden ist, dessen Vertrauen mich beglückt. Einige Tage später erhielt ich ein königliches allergnädigstes Schreiben folgenden Inhalts: »Ich bezeige Ihnen mein ganzes Wohlwollen darüber, daß Sie nicht nur die Zuhörer Ihrer Vorlesungen bei der Universität ermuntert haben, sich jetzt der Beschützung des Vaterlandes gegen die äußere Gefahr zu widmen, sondern sich selbst auch diesem rühmlichen Zwecke hingeben. Indem ich Sie zu diesem Ende von Ihrem gegenwärtigen Amte bis dahin beurlaube, daß die Umstände Ihnen gestatten, dasselbe wieder anzutreten, wünsche ich aufrichtig, daß das Beispiel, mit welchem Sie den Jünglingen in der ernstesten Ausübung der Pflichten fürs Vaterland vorangehen wollen, wirksam beitragen möge, sie zur freudigen Erfüllung derselben anzufeuern. Breslau, den 16. Februar 1813 Friedrich Wilhelm.« Ich verlebte die wenigen Tage, die verliefen, bis ich das königliche Schreiben erhielt, wie begreiflich, in großer Unruhe. Die Vorlesungen hatten aufgehört, und ich war den unbestimmten Vorstellungen von meiner zukünftigen Tätigkeit preisgegeben. Ich brachte diese Zeit desto unangenehmer zu, da ich den Schritt, den ich getan hatte, noch immer vor meiner Familie geheim hielt. Nur meinem Schwiegervater hatte ich mich ganz anvertraut, er billigte alles und erkannte die Notwendigkeit, nach dem, was geschehen war, den Krieg mitzumachen. Indessen wurde ich den ganzen Tag von Studierenden bestürmt, nicht allein von Breslauern sondern auch von Berlinern, ja von Gymnasiasten und Jünglingen jedes Standes. Ich konnte nur ihre Namen aufzeichnen und sie auf die zu erwartende königliche Antwort vertrösten. In der Tat überstieg schon jetzt die Zahl der sich Meldenden die für die einzelnen Detachements bestimmte so weit, daß ich schon dadurch bei der Unbestimmtheit meiner künftigen Stellung in Verlegenheit geriet. Es vergingen einige Tage, und ich war über meine eigene Lage noch in Ungewißheit, als ich folgendes allerhöchstes königliches Schreiben erhielt: »Mit Bezug auf meine Antwort vom 16. d. M. will ich Ihnen hierdurch die Erlaubnis erteilen, bei derjenigen Truppenabteilung, welche Sie sich zur Dienstleistung gewählt haben, die Offiziersuniform zu tragen, wonach Sie auch Offiziersdienste verrichten, bis Ich anderweite Veranlassung erhalte, Sie vom Volontär zum wirklichen Offizier zu befördern, und können Sie Ihre Ansprüche auf diese Begünstigung bei dem Kommandeur des Gardejäger-Bataillons durch gegenwärtiges Schreiben rechtfertigen. Breslau, den 20. Februar 1813. Friedrich Wilhelm.« Gleichzeitig erging an den Generalmajor v. Scharnhorst folgendes Schreiben, welches noch in meinem Besitze ist: »Auf Ihr Schreiben vom 18. d. M. habe Ich dem Professor Steffens erlaubt, als Volontär die Offiziersuniform derjenigen Abteilung zu tragen, bei welcher er Dienste leisten will, und da er nach Ihrer Anzeige das Jäger-Detachement des Gardejäger-Bataillons gewählt hat, so habe ich Major v. Jagow darauf aufmerksam gemacht, daß ihm der Steffens bei der Formation des Detachements gute Dienste würde leisten können, und ihm dabei empfohlen, sich seiner dazu zu bedienen. Breslau, den 20. Februar 1813. Friedrich Wilhelm.« Nun hatte allerdings meine Tätigkeit eine völlig bestimmte Richtung. Hauptmann v. Boltenstern, von Halle aus mein vertrauter Freund, ward mein Kompaniechef, und vorläufig lernte ich durch einen dazu von mir bezahlten Sergeanten der Kompanie das Gewehrexerzitium. Hierbei fand ein lächerliches Ereignis statt. Weil alles überfüllt war, wurde jeder nur schickliche Raum benutzt, um die freiwillige wie sonst eingerufene Mannschaft einzuexerzieren. Der Hof meiner Wohnung ward ebenfalls dazu benutzt. Eine alte Frau, die allerlei Dienstleistungen bei meiner Familie hatte, sah eines Tages, wie der Unteroffizier die ungeschickten jungen Leute wohl zuweilen ungeduldig bei den Schultern faßte, in den Rücken stieß, um die Brust vorzudrängen, den Bauch zurückstieß, wohl auch mit geballter Faust unter das Kinn fuhr, um den Kopf in die Höhe zu richten. Sie hatte gehört, daß ich auch Unterricht im Exerzieren hatte, und stürzte heulend zu meiner Frau herein in der Voraussetzung, daß ich mich einer ähnlichen Behandlung unterwerfen müßte. Das war nun freilich nicht der Fall. Mein Sergeant war überaus höflich, ich will aber doch keineswegs behaupten, daß ich zu den besten Rekruten gehörte. Dieser Einübung konnte ich indes nur eine kurze Zeit widmen, mein Hauptgeschäft war noch immer ein ganz anderes. In meinem Büro fanden die weitläufigsten und verwickeltsten Geschäfte statt; über einen jeden sich meldenden Freiwilligen mußte ein Protokoll aufgenommen weiden, damit man über seine persönlichen Verhältnisse gelegentlich Auskunft geben könne. Mehrere Tausend Freiwillige kamen zu mir, viele Generäle, die für die Detachements ihrer Regimenter Freiwillige zu erhalten wünschten, beehrten mich mit ihrem Besuche, und ich hatte genug zu tun, um die jungen Leute, die alle in den Garde-Detachements dienen wollten, nur einigermaßen gleichartig zu verteilen, indem ich sie zu überreden suchte, sich an andere Bataillone anzuschließen, da die Garde-Detachements bald alle die gesetzmäßige Zahl erreicht hätten. Ich erhielt als begünstigende Ausnahme die Erlaubnis, diese Zahl (irre ich nicht von zweihundert) um fünfzig zu überschreiten. Ich betrachtete es als ein vorzüglich glückliches Verhältnis der großartigen Zeit, in welcher wir lebten, daß die mehrgebildete Jugend aus höheren Ständen sich unter die Geringeren mischte; diese fühlten sich dadurch geehrt, und ein sittlich bildendes Element mußte, wie ich hoffte, wenn auch langsam in die Masse der Krieger eindringen und diese heben. Wir behaupteten daher: ein jeder, der sich uns anschließen wolle, müsse wollene Litzen tragen wie die übrige Mannschaft der Kompanie und überhaupt während des ganzen Krieges sich ihr gleichstellen. Der Andrang war so groß, daß wir keineswegs fürchteten, dadurch eine geringere Zahl zu erhalten. Die edelsten Jünglinge unterstützten unsere Ansicht und billigten sie laut. Es war eine scheinbar kleinliche Sache, aber für die damalige ausgesprochene Gesinnung keineswegs eine gleichgültige. Ein freundschaftlicher Kampf anderer Art fand nun statt. Das Lützowsche Korps bildete sich in Breslau und ganz in meiner Nähe. Jahn bewohnte den Goldenen Zepter, einen Gasthof in der nämlichen Straße, wo ich wohnte; wenige Häuser von mir entfernt war das Jahnsche Werbehaus sowie meine Wohnung für die Detachements. Es war natürlich, daß ein solches Freikorps etwas sehr Anziehendes für die Jugend hatte; das dichterisch Kühne konnte sich, wie man voraussetzte, hier entschiedener äußern; es war die feurige Lyrik des Krieges, wie sie auch später in Körners Gedichten erschien und in allen Gegenden Deutschlands die Gemüter erregte. Gewiß, es war seine herrliche, durch seine sittliche Freiheit den ganzen Krieg veredelnde und stärkende Gesinnung, welche durch die Bildung dieses Korps und seine späteren Taten laut wurde. Eine Ahnung von einer Gesinnung, die sich zukünftig mächtiger ausbilden würde, war schon in mir entstanden; Äußerungen über die zukünftige Gestaltung Deutschlands hatte ich vernommen, die mir bedenklich schienen, doppelt bedenklich, weil sie nicht selten von den edelsten, kräftigsten und kühnsten Männern geäußert wurden. Eben diese Ahnung brachte mich dazu, mich entschlossen an das zu halten, was ich die legitime Masse des Krieges nennen möchte. Schiller hatte als Dichter einen mächtigen Einfluß, durch ihn lebten die Erinnerungen an frühere Kriegeszeiten, vor allem an den Dreißigjährigen Krieg wieder auf. Es ist bekannt, wie oft man Holks wilder Jagd Heinrich, Graf von Holk, im Dreißigjährigen Kriege Reiterführer Wallensteins, stellte ein Kürassierregiment »Die Holkschen Jäger« zusammen, das sich besonders in der Schlacht bei Lützen bewährte. gedachte, aber, obgleich ich den Wert dieses freiern Elements nicht verkannte, vielmehr hoch schätzte, glaubte ich doch, daß mein Alter wie meine Stellung mir gebot, einer entgegengesetzten Richtung zu huldigen und mich dahin zu wenden, wo die großen geordneten Massen, von trefflichen Heerführern geleitet, über das verhängnisvolle Schicksal der Völker zu entscheiden hatten; erkannte ich in den Freikorps die leichte Lyrik des Krieges, so sollte sich hier das großartige Epos desselben entwickeln. Es war mir nicht schwer, der Jugend begreiflich zu machen, daß sie in dem großen Heere dienend den bedeutendsten Ereignissen näher trat. Es war eine hier zum ersten Male ausgesprochene Gesinnung, die für mein ganzes zukünftiges Leben wichtig ward und es noch ist. Sie hätte über die Stellung, die ich später als Schriftsteller einnahm, meine Gegner belehren können. Aber bevor ich noch selbst ausgerüstet und uniformiert in die Reihen der Krieger trat, drängte sich mir ein anderes Geschäft auf. Ich mußte nämlich für die Bekleidung der Freiwilligen des Detachements Sorge tragen. Dieses wäre mir nun ohne die Unterstützung von S., meinem Landsmanne, Eines Dänen, der sich gleichfalls freiwillig gemeldet hatte und sich in Steffens Werbebüro vortrefflich bewährte. völlig unmöglich gewesen. Die dazu nötigen Summen erhielten wir durch die freiwilligen Beiträge, die aus Breslau und aus allen Gegenden Preußens noch zuströmten. Es ist bekannt, wie der Wetteifer, sich durch reichliche Gaben auszuzeichnen, in diesen Augenblicken der Begeisterung keine Grenzen kannte. Der Geizige griff seine ängstlich zusammengehäuften Schätze an, wer aber keine Summen zu bieten hatte, verkaufte Edelsteine, Gold- und Silbergeräte, und wie die Mütter die zärtlich geliebten Söhne, die bis jetzt mit ängstlicher Sorge gepflegt wurden, nicht selten selbst bewaffneten und in den Krieg sendeten, so erschienen auch alle Menschen gehoben und geheiligt. Geringe und gemeine Gesinnungen, die sonst in den Formen, in welchen die Gesellschaft sie wohl zu schonen pflegte, sich unbefangen äußerten, wagten sich in diesen schönen Tagen kaum hervor. Ausgezeichnete Beamte stellten sich, als verstände es sich von selbst, in die Reihen der Gemeinen; Höhergestellte schienen willig sich den Befehlen sonst Untergeordneter zu unterwerfen, wenn diese, durch früheren Dienst dazu befähigt, ihnen vorgesetzt wurden. Das Geben und Empfangen, das Schenken und Geschenktes Annehmen schien seine sonstige Bedeutung völlig verloren zu haben. Gewiß, wer diesen Sturm einer mächtigen nationalen Gesinnung erlebt hat, sah, was nach einer jahrhundertlangen, im Frieden herrschend gewordenen philisterhaften Spießbürgerlichkeit unglaublich und märchenhaft erscheinen mußte. Freilich war das sonst Erstarrte, jetzt flüssig Gewordene nicht rein, und wie die gewaltigen Fluten, wenn sie von den hohen Gebirgen herunterrauschen, das Wasser durch aufgewühlte Erde verdunkeln und trüben, kam auch hier das Innerste, ja auch das Unreinste der menschlichen Seele aufgewühlt zum Vorschein; aber das Härteste ward zertrümmert, die sonst unüberwindlichsten Massen wurden beweglich gemacht und mußten der Richtung des Stromes, die alles beherrschte, dienstbar werden. Der Staatskanzler hatte dem Hofrat Heun, sonst als Romanschriftsteller unter dem Namen Clauren bekannt, das Einsammeln, Verteilen, Berechnen und die öffentliche Bekanntmachung dieser Geldbeiträge übertragen, und an ihn wandte ich mich, wenn ich die Handwerker bezahlen mußte, nie vergebens. Einige Beiträge wurden unmittelbar an mich ausgezahlt, und ich war, kamen Summen von einigen tausend Talern, wenn auch nur auf kurze Zeit, in meine Hände, mitten in der großen Geschäftigkeit, die mir keine Ruhe gönnte, dennoch von einer gewaltigen Ängstlichkeit ergriffen. Denn unter allen Verhältnissen des Lebens suchte ich bis jetzt auf jede Weise anvertraute öffentliche Gelder von mir entfernt zu halten. Im Besitze derselben fühlte ich jederzeit eine unglaubliche Unruhe. Man hatte armen Freiwilligen anfänglich Geld gegeben, um selbst die Ausrüstung zu besorgen, wo es denn zuweilen geschah, daß nicht ganz unbedeutende geschenkte Summen, im fröhlichen Jubel zum Besten des Vaterlandes vertrunken, verschwanden. Ich hatte gleich von vornherein beschlossen, nur Kleidungsstücke, Waffen und überhaupt, was zur Equipierung gehörte, unmittelbar den Freiwilligen zu übergeben. Handwerker arbeiteten daher Tag und Nacht, und mein damaliger Bataillonschef, der jetzige General von Jagow, machte mir den Vorschlag, fünfzig der schönsten jungen Männer eiligst zu uniformieren und Sr. Majestät vorzustellen. Ich würde, ich gestehe es, eine so lobenswerte Aufmerksamkeit nicht gehabt haben. In einer unglaublich kurzen Zeit waren diese Männer equipiert; ich erhielt die königliche Erlaubnis, sie vorzustellen, und sie nahmen sich in der Tat gut aus. Der König empfing uns in seinem Palast, und zu den Merkwürdigkeiten gehört es, daß unter diesen Freiwilligen der sonst auch als Dichter bekannte Hofrat Bürde drei Söhne, alle schön und gut gewachsene Jünglinge, stellte, welche alle drei unter den übrigen hervorragten. Bürde war sonst Sekretär des Staatsministers Grafen von Haugwitz gewesen und dem Könige nicht unbekannt; wie mußte es ihm angenehm auffallen, alle Söhne des Dichters hier dem Dienste des Vaterlands geweiht zu sehen. Der Bataillonschef war allein zugegen und ich in Zivilkleidung, weil meine Uniform noch nicht fertig war. Se. Majestät wandte sich mit einer höchst gnädigen Anrede an diese erste Präsentation der preußischen Freiwilligen und äußerte sich darauf gegen mich in Worten, die mir ewig unvergeßlich sein werden. Diese Audienz wurde schnell bekannt; ich konnte, als ich von dem Könige entlassen war, nicht gleich in meiner Wohnung erscheinen und war erstaunt, als ich zurückkehrend eine Menge Equipagen vor meinem Hause halten sah. Es waren bedeutende Männer aus der Begleitung des Königs und mehrere Generäle, die mich mit ihrem Besuch beehrten, um mir Glück zu wünschen. In der Tat mußte die Auszeichnung, die mir in diesen Tagen in einer so großen Bewegung zuteil ward, überraschen; die glücklichen Folgen für meine zukünftige Lage schienen den freundlich gesinnten Besuchenden entschieden: aber es gibt keinen Menschen, der unfähiger ist, solche Verhältnisse zu benutzen, als ich. Es ist nur zu natürlich, daß ein Gelehrter, der in dem Verlaufe des Krieges nur unbedeutende Dienste leisten konnte, vergessen wurde und daß das Andenken an ihn mit dem Sturme der Begeisterung, der jenem großen Kampfe voranging und in welchem er gehört zu werden das Glück hatte, unbemerkt vorüberrauschte. Daher wurde meine Anrede an die Studierenden, so große Bewegung sie auch in der überfüllten Stadt hervorrief, nirgends öffentlich erwähnt. Ich achtete es nicht, oder richtiger, ich dachte nicht daran. Nun war auch in Paris durch den Gesandten der Krieg erklärt. Die kühne Tat des General Yorck wurde gebilligt, er selbst von dem Könige gelobt wie von dem Augenblicke an, als seine Tat bekannt ward, vom Volke bewundert und mit Entzücken begrüßt. Durch ihn war das begeisterte Preußen bewaffnet und das Heer organisiert. Von allen Seiten zogen sich die Truppen zusammen, als plötzlich ein Gerücht sich zu verbreiten anfing, welches wohl geeignet war, die begeisterte Jugend, die den Augenblick, der ihr erlaubte, sich mit den gehaßten Franzosen einzulassen, mit steigender Ungeduld erwartete, mit Entsetzen zu erfüllen. Man fing, hieß es, höhern Orts an, vor der freien Gesinnung der Jugend sich zu fürchten; die fast demagogische Stimmung, die in dem Landsturmgedicht herrschte, betrachtete man als eine höchst gefährliche, und sie wurde entschieden gemißbilligt. Um nun die Folgen, die sehr drohend schienen, abzuwehren, wollte man die Freiwilligen nicht gegen Napoleon, sondern nach Polen schicken. Dort, wo man natürlich Unruhen erwartete, sollten sie für die Sicherheit im Rücken der Armee Sorge tragen. Ist ein solcher Vorschlag wirklich laut geworden, hat er vorübergehend Beifall gefunden, so sah man doch wohl bald ein, daß Schritte wie diejenigen, die schon getan waren, sich keineswegs wieder aufheben ließen. – Das Detachement war nach dem Städtchen Lissa verlegt; Boltenstern und ich waren im Schlosse einquartiert, und das Kriegsleben hatte seinen Anfang genommen. Vor dem Abmarsch des Blücherschen mit dem von Wittgenstein vereinigten Armeekorps nach der Elbe fand noch eine glänzende Revue statt, und ich sollte nun zum zweitenmal mich als preußischer Offizier zeigen. Glücklicherweise war es das letztemal, daß ich zu Dienstleistungen der Art während des Krieges in Anspruch genommen wurde. Auch war meine ganze Bekleidung gar nicht für glänzende militärische Aufzüge eingerichtet. Bekanntlich ist die Offiziersuniform der Gardejäger sehr teuer. Ein goldenes Achselband hing über der Schulter, der Stern des Schwarzen Adlers zierte den Tschako. Ich hatte vorläufig mir weder einen Tschako noch das Achselband so wenig wie die teure Schärpe angeschafft. Ich trug den ganzen Krieg hindurch die bescheidene Mütze zur Uniform, nachdem ein Papptschako mit dem Wachstuchüberzug auf einem der ersten Märsche durch einen starken Regen vernichtet worden war. Die schmerzhafte Trennung von der Familie hatte also stattgefunden, und wir zogen aus, dem Feinde entgegen, der mit so bewundernswürdiger Schnelligkeit nach einer fast vernichtenden Niederlage uns gefährlich gerüstet entgegenschritt. Indem ich nun die Erzählung dessen, was ich im Kriege 1813 und 1814 erlebte, dem Titel meiner Schrift getreu, aus der Erinnerung niederschreibe, muß ich einige Worte über das, was der Leser zu erwarten hat, vorausschicken. Was mich ganz durchdrang, was ich nie aus dem Sinne verlor, war die große Absicht des Krieges: daß in diesem Kriege die Rede war von einem Kampfe nicht bloß der Herrscher, sondern der Völker, daß ein Krieg anfing, der nicht allein ein Gleichgewicht der Staaten, eine schwebende Mitte aufrecht halten sollte. Das Gleichgewicht war längst verschwunden. War doch Frankreichs Herrschaft über den Kontinent seit dem Dreißigjährigen Kriege nur zu entschieden, und die späteren Kämpfe, wenn man die Friedrichs II. ausnimmt, glichen einem Gespenst, welches schon lange verschwunden war. Ein geistig unterworfenes Volk kann nie den äußeren Angriff mit wahrem geschichtlichem Erfolge fortsetzen; die errungenen Siege sind nur Täuschungen, und so ungünstig auch die Ereignisse, welche die letzten Tage der glanzvollen Regierung Ludwigs XIV. trübten, zu sein schienen, so schwach Frankreich erschien unter Ludwig XV., so blieben doch die Franzosen die Herrscher von Europa. Deutschland zumal schien das eigene Denken sogar aufgegeben zu haben, und es galt in diesem unglücklichen Lande für eine Ehre, ein ungeschickter Nachahmer der Franzosen zu sein. An den Höfen stand der nichtigste aus Frankreich entwichene Abenteurer hoch, und Friseure, Tänzer, Gesindel allerlei Art konnten in den höhern Kreisen Glück machen, wenn sie sich herabließen, Ehrenstellen unter den deutschen Barbaren anzunehmen. Noch nie hatte man ein Beispiel in der Geschichte erlebt, einer solchen knechtischen Entwürdigung zu vergleichen; einer freiwilligen demütigen Unterwerfung, die in der Tat auf eine geringere Stufe geistiger Fähigkeit zu deuten schien. Erst als der Druck des mit Recht über seine Knechte siegenden Feindes entschieden war, als die Anstalten getroffen wurden, jeden keimenden nationalen Gedanken, jede Ahnung eigentümlicher bürgerlicher Freiheit in dem Innersten der Seelen zu ersticken, fing das Ursprüngliche des Volks, dem Untergange nahe, an, elastisch den Druck durch einen Gegendruck zu erwidern. Der Krieg war nicht ein solcher, welcher äußerlich von einem Herrscher geboten, durch unwillige Mannschaft ausgekämpft wurde: er war schon von einem jeden ehrenwerten Manne beschlossen, er fand von den vielen Tausenden statt, nachdem ein jeder ihn selbständig erklärt hatte. Wie die innern sittlichen Kämpfe eines jeden Menschen lange unsicher hin und her schwanken, daß der Kämpfende zweifelhaft bleibt, wo er sich hinwenden soll, und die Feinde heimisch sind in dem eigenen Lager, bis der Punkt kommt, wo sich ihm die Frage aufdrängt, ob er noch sittlich zu retten sei oder sich aufgeben soll? – wie dann der entscheidende Gegensatz hervortritt und er den früher verräterisch täuschenden Feind in jeder verführerischen Maske zu ahnen fähig wird: so war der Moment des großen reinen Gegensatzes jetzt hervorgetreten; die Frage, die an einen jeden erging, war streng, klar, entschieden, die Antwort mußte aber ebenso sein. Es ist bekannt, daß ein großer Teil von Deutschland noch mit Napoleon verbunden war, daß noch immer von Frankreich verlockt und beherrscht wie während des unseligen Dreißigjährigen Krieges Deutsche gegen Deutsche kämpften: aber wie ganz anders stand die Sache jetzt. Was in den verhängnisvoll dunkeln, innerlich verworrenen Verhältnissen des zerrütteten Deutschen Reichs nie zur Klarheit kommen konnte, das trat jetzt mit schneidender Entschiedenheit hervor; der Gegensatz zwischen Frankreich und Deutschland war nicht mehr zweifelhaft. Napoleons geschichtliche Größe beruht eben darauf, daß er nicht allein äußerlich durch seine Eroberungen, sondern auch innerlich in einem jeden Gemüte Täuschungen, die sich seit mehreren Jahrhunderten gehäuft hatten, zerstreute und einen jeden Deutschen zwang, sich zu fragen, ob er sich völlig aufgeben oder erhalten wollte. Diese sittlich, ja religiös bürgerliche Wiedergeburt würde freilich, selbst wenn die Wehen glücklich überstanden wären, nicht eine absolut reinigende sein. Aber eine nationale Umwandlung hatte stattgefunden, und bei einem jeden zukünftigen Schwanken mußte die ursprüngliche Frage in ihrer enttäuschenden Klarheit hervortreten, sie war nicht mehr abzuweisen. Es ist merkwürdig, das Verhältnis der in dem engsten und geringsten Kreise eingeschlossenen Tat zu der großen Absicht, die sie belebt, in solchen Momenten zu beobachten. Der Leser weiß, was mir Deutschland war, und wie ein Glaube an seine geistige Macht, eine Ahnung von der innern Größe des Volkes von meiner frühesten Jugend, ja ich darf sagen, von meiner Kindheit an mich ergriffen hat. Daß der Moment, in welchem ich einen Krieg laut verkündigen durfte, dessen äußere Kämpfe für mich nur eine Bedeutung hatten, insofern sie belebt wurden von dem, was mich innerlich erfüllte, oft in einem schreienden Widerspruche stand mit dem, was ich um mich her vernahm und was ich, in die engsten Kreise einer unbedeutenden Tätigkeit gebannt, auszuführen gezwungen war, ist begreiflich. Aber ich sah es ein: die unmittelbare Tat muß alles Überschwengliche zurückdrängen, und wie in einer Organisation alle Funktionen dem einen und selbst die Verdauung dem Denken dienstbar ist, wenn auch in ihr keine Spur des geistigen Prozesses wahrgenommen wird, so schwebte auch über meiner Umgebung der Geist, der uns alle belebte, wie in unmittelbarer Nähe; um so mehr, da die blühende, auch geistig aufgeregte Jugend mich umgab, erheiterte, ja nicht selten in trüben Stunden ermunterte. Während unsers langweiligen Aufenthalts (mit Exerzieren und sonstigen kleinen Kriegsübungen ausgefüllt) in Lissa und unseres Marsches durch Schlesien und die Lausitz nach Dresden begeisterten uns die kühnen Züge des von Tettenborn nach Hamburg, des Dörenberg nach Lüneburg, In Dresden fand ich Stein mit Moritz Arndt Ernst Moritz Arndt hatte im Auftrage des deutschen Komitees in Petersburg im Jahre 1812 den »Katechismus für den deutschen Kriegs- und Wehrmann« verfaßt, durch den er – wie in seinen patriotischen Kriegsliedern – den Haß gegen Napoleon schürte; nach der Kriegserklärung kehrte er mit dem Freiherrn vom Stein nach Preußen zurück. und konnte mehrere Tage, von dem kleinen Dienst befreit, dort zubringen. Hier trat ich dem großen Deutschen zuerst näher. Wer ihn gekannt hat, weiß, wie man ihm entschieden entgegentreten mußte, sollte man nicht von ihm sich durchaus überwältigen lassen; aber der Kampf, den ich doch manchmal hier zu bestehen hatte, war auf einem Felde, auf welchem ich mein ganzes Leben hindurch eingeübt war. Ich kannte meine Waffen, ihre Wirkung, und wußte sie zu brauchen; der Kampf war ein freundschaftlicher, aber doch nicht selten harter, und ich war keineswegs geneigt, nachzugeben; und je entschiedener der Streit ward, desto klarer schien es mir, als wenn der Baron vom Stein eine Lust daran fände, ihn hervorzurufen. Er, der mächtige Mann der unmittelbaren Tat, der den Augenblick, wie er ihm vorlag, ergriff, durchschaute und zu beherrschen wußte, war oder äußerte sich wenigstens als ein Feind der Spekulation und griff mich als einen spekulativ Konstruierenden geradezu schonungslos und mit Härte an, als wollte er den Versuch anstellen, ob ich ihn zu bekämpfen wagte. Sein Angriff war mir eine Herausforderung, und ich nahm sie an. Ich ward einigemal in Dresden zur Tafel geladen; nur Moritz Arndt und ich waren die Gäste, »Eure Konstruktionen a priori «, sagte er, »sind leere Worte, armseliges Schulgeschwätz und recht eigentlich dazu gemacht, alle Taten zu lähmen.« – »Exzellenz«, antwortete ich, »wenn ich auch a priori konstruiere, was ich keineswegs zugebe, so hätte doch diese vermeintliche Konstruktion eine praktische Richtung, ich würde sonst nicht das Glück haben, in diesem Augenblick in diesem Kleide Ihnen gegenüberzustehen. Aber die Bemühung, alles, was man innerlich erfährt, alles, was man wahrhaft erlebt, als das, was es ist, nicht bloß, was es scheint, in geistiger Einheit zu erkennen, ist nicht eine willkürliche Geburt von diesem oder jenem, es ist eine wahrhaft deutsche, und wenn mein großer Lehrer und Freund Schelling die tiefe nationale Richtung beherrscht, so ist es, weil er wie alle Herrscher aus ihr hervorgegangen ist.« – »Ja«, antwortete Stein, »das weiß ich wohl, daß die deutsche Jugend von dieser leeren spekulativen Krankheit angesteckt ist; der Deutsche hat einen unglücklichen Hang zur Grübelei, daher begreift er die Gegenwart nicht und ist von jeher eine sichere Beute seiner schlaueren und gewandteren Feinde geworden,« – »Exzellenz«, antwortete ich, »zwar hat die Jugend auf eine erfreuliche Weise sich in Masse erhoben, dennoch ist eine nicht geringe Zahl zu Hause geblieben. Ich möchte eine Wette darauf wagen, daß kein einziger Angesteckter unter diesen ist. Wer ist kühner hervorgetreten, wer hat das Volk entschiedener entflammt, als es galt, den Feind mit geistigen Waffen zu bekämpfen, als die zwei spekulativ grübelnden Deutschen Fichte und Schleiermacher? Das a priori -Konstruieren, fuhr ich fort, findet oft da statt, wo man es eben bekämpft, und Ew. Exzellenz haben ein zu großartig tätiges Leben geführt, als daß Ihnen viele Zeit bleiben sollte, sich um unsere Grübeleien zu bekümmern; doch selbst unpraktisch scheint es mir, eine Geistesrichtung zu übersehen, die, wie Sie bekennen und beklagen, ein wesentliches Element der Nation ist.« Ich erschrak fast über die etwas derbe Freimütigkeit, mit der ich mich geäußert hatte. Stein polterte und tat zornig, lachte aber dabei auf. »Am Ende«, rief er aus, »bin ich selbst ein unpraktischer Grübler, der sich über das Grübeln in unnütze Grübeleien verliert.« Ich aber schien eben durch diese unbefangene Art mich zu äußern bei ihm gewonnen zu haben, und nie war es mir notwendiger, die große Zukunft in ihrer mächtigen Bedeutung zu überschauen, als damals, wo meine Beschäftigung selbst mich keineswegs stärkte oder ermunterte. Baron v. Stein fing in Dresden, wie bekannt, seine großartige Beschäftigung als Generaladministrator aller von Napoleon beherrschten deutschen Länder, die wir dem mächtigen Feinde abzugewinnen hofften, an, und zwar nach Prinzipien, die er selbst entworfen hatte. * Ich sollte von jetzt an den ganzen Krieg hindurch in Blüchers Nähe sein und bleiben. Gewiß, es gibt nicht leicht etwas Schwierigeres als ein richtiges Urteil über diesen seltsamen Mann, der so unvergeßlich bleiben wird wie der Krieg selbst, der doch auf eine ausgezeichnete Weise durch seinen Namen bezeichnet wird. Er ist so oft genannt, so vielfältig und von allen Seiten geschildert, daß man jederzeit in Gefahr gerät, wenn man ihn in seiner Persönlichkeit darstellen will, Äußerungen vorzubringen, die zu Trivialitäten geworden sind; und sein Leben, wie es von unserm berühmten Biographen Varnhagen v. Ense beschrieben wurde, ist von aller Welt gelesen und verdient es. Blücher war in jeder Rücksicht eine inkorrekte Erscheinung, und es war eben diese Inkorrektheit, die seine Größe bildete. Er stellte das völlig Inkommensurable des wunderbaren Krieges dar, und eben daher ist es bei einer oberflächlichen Betrachtung seinen einseitigen Lobrednern ebenso leicht, durch ihn alle die übrigen ausgezeichneten Helden des Krieges in Schatten zu stellen, wie seinen Gegnern, ihn als ein leeres Phantom zu betrachten. Der strenge Sittenrichter wird manches an ihm zu tadeln finden, und dennoch bildete eben er den intensiven moralischen Mittelpunkt des ganzen Krieges. Man kann ihn dem kühnen Napoleon gegenüber, der eine neue Kriegsführung bildete, nicht einen großen, besonnenen Feldherrn nennen, und dennoch hat er als ein solcher und mit Recht einen unsterblichen Ruhm erworben. In seiner Rede ließ er sich unbefangen gehen, und man glaubte den rohen, ungebildeten Husarenoffizier zu hören: und dennoch brach eben seine Rede, die Sprache auf eine wunderbare Weise beherrschend, in bedeutenden Augenblicken so gewaltsam hervor wie die keines Feldherrn der neuern Zeit. Er war eben der Mann des Augenblicks, des gegenwärtigen Moments, aber als solcher von grundloser Tiefe. Die Art, wie ihn der Moment ergriff, war schnell und stark, und so konnte er, fast bis zur Verzweiflung gebracht, in kurzen Momenten alles als verloren betrachten, aber diese Verzweiflung war ein kurz vorübergehender, schnell verschwindender Zustand, dazu da, dem festen Entschlusse seines Lebens eine größere Energie mitzuteilen. Dieser Entschluß war aber Napoleons Vernichtung; der entschiedene Haß gegen diesen Tyrannen war mit der zum Instinkt gewordenen Überzeugung, er sei zu seiner Vernichtung berufen, aufs engste verschmolzen, und so handelte er mit der Sicherheit des Instinkts. Eben daher bildete er den reinsten Gegensatz gegen Napoleon. Wenn dieser jede Phase der Revolution berechnend benutzte und von früher Jugend an die Umgebung und die nächsten Verhältnisse erst im engen, dann in immer weitern und weitern Kreisen zu beherrschen verstand, wie er der wilden, nach allen Richtungen sich ergießenden Überschwemmung der heranschwellenden Revolution die bestimmte Richtung eines mächtigen Stromes zu geben wußte, die alle Spuren freier und eigentümlicher Nationalität aus der Geschichte zu vernichten drohte: so trat Blücher nicht als ein Mann der ehrgeizigen Reflektion, vielmehr als eine mächtige Natur mit jugendlicher Begeisterung in seinem siebenzigsten Jahre hervor. Er schien dazu berufen, in dem mächtigen Epos einer großen Zeit den dichterischen Umschwung zu bezeichnen, der bestimmt war, die Nichtigkeit der mächtigsten Überlegung und Reflektion, welche die Geschichte sah, zu verkündigen. Aber wie schief würde man die Zeit auffassen, wie unrichtig sie beurteilen, wenn man den Kampf und seine glänzenden Resultate als das Produkt einer wilden Begeisterung darstellen wollte. Blücher ist durchaus nicht als ein Einzelner zu verstehen. Er ward beherrscht, und doch war es seine wirkliche, eigentümliche Größe, daß er durch seine mächtige Persönlichkeit die Momente einer lang erwogenen, durch die bedeutendsten Männer und durch die Gunst geschichtlicher Ereignisse reifgewordenen Tat bis zu einer Begeisterung zu steigern wußte, die sich dem ganzen Heere mitteilte. Napoleon war eine Gestalt des Entsetzens besonders für die Großen und Mächtigen geworden. Als die Revolution auf ihrem Gipfel war, und zwar bei einem Volke, dem die höheren Stände sich geistig untergeordnet hatten, glaubten sie – und nicht mit Unrecht – die Axt über die halbverweste Wurzel eines verfallenen Daseins geschwungen zu erblicken. Solange die Revolution sich in sich selbst zu vernichten schien, lebte noch eine trübe Hoffnung, die sich nicht auf das Bewußtsein der eigenen Kraft, vielmehr auf die wachsende Ohnmacht des Feindes gründete. Aber diese Hoffnung verschwand, als die Revolution selber eine Gestalt gewann, die als ein mahnender, verhängnisvoller Geist dem ganzen verfallenen Dasein mit Vernichtung drohte. Eine abergläubische Furcht hatte sich aller derer bemeistert, die, französisch gebildet, durch die Franzosen entwaffnet und gefesselt, ihr ganzes Dasein von der Gnade des Mannes erwarteten, der sie so innerlich wie äußerlich beherrschte. Daß in dem seit Jahrhunderten getäuschten, verführten und gedrückten Volke noch ein selbständiges Deutschland lebe, glaubten diese Männer nicht. Seit mehreren Generationen galt es ihnen als das Vornehmste und Geistreichste, mißlungene und ungeschickte Nachahmer eines fremden Volkes zu sein. Wer im deutschen Sinne lebte, handelte, sprach, der erschien, wie damals der gläubige Christ, als ein Abergläubischer, Beschränkter, der in der herrschenden Gesellschaft nicht zu dulden war. Diese Deutschland verleugnende Gesinnung, diese innere, mit dem Feinde verbundene Knechtschaft, die seit langen Zeiten und in den verschiedensten Richtungen genährt war, konnte nicht so schnell verschwinden. Die durch sie schon Unterworfenen drängten sich um die Könige, sie konnten den Glauben nicht fassen, daß der Geist, der nicht bloß mit äußeren Waffen körperlich stritt, sondern innerlich alle Seelen beherrschte, jemals sterben könne. Selbst als er dem großen göttlichen Gerichte in Rußland unterlag, glaubten sie ihn noch mächtig. Und während des ganzen Krieges, selbst als die siegreichen Heere sich Paris näherten, suchten diese Knechte, in abergläubischer Furcht befangen, einen Einfluß auf die Entschlüsse der Fürsten zu gewinnen. Jener Geist war ihnen unsterblich, und der Versuch, seine Herrschaft zu vernichten, schien ihnen ein Frevel, der sich furchtbar rächen würde. Diesen Knechten gegenüber erwachte Deutschland; nach außen ohnmächtig und gedrückt, war es sich selber treuer als seit Jahrhunderten. Und was in so vielen Gemütern, ihnen selbst ein Geheimnis, schlummerte, gestaltete sich zum klaren Bewußtsein, zum engen, besonnenen Bündnis durch die großartigen Persönlichkeiten, die aus einer solchen mächtig keimenden Zeit sich entwickelten. Ich habe dieses Bündnis, wie es mir aus der Ferne entgegentrat und wie es durch die Korrespondenz in den Lebensbildern aus dem Befreiungskriege öffentlich geworden ist, früher erwähnt, und man irrt sich, wenn man glaubt, daß seine verborgene Tätigkeit aufhörte oder überflüssig geworden wäre durch Preußens Bündnis mit Rußland oder durch die Kriegserklärung gegen Frankreich. Der Einfluß des dunklen Aberglaubens der höhern Stände verzögerte, wie man weiß, die Verbündung mit Österreich, ja machte sie bis auf den letzten Augenblick zweifelhaft. Das erwarteten die edeln verbündeten deutschen Männer und waren darauf gefaßt, diesem geheimen Feinde im eigenen Heere auf eine entschiedene Weise entgegenzutreten. Blücher war seit seinem kühnen Kampfe in Lübeck, während so viele Befehlshaber, von einem dunkeln panischen Schrecken ergriffen, flohen, als er tapfer kämpfend unterlag, durch seine wunderbar mächtige Persönlichkeit der Mann des Volks. Eine unerklärbare, unbestimmte, aber tiefe Hoffnung knüpfte sich an seinen Namen. Diese wußten die Verbündeten zu nähren; die besonnenste Überlegung erkannte die edle Flamme der Begeisterung als ein Element, welches, wenn es fehlte, alle Künste der Diplomatik und Politik, alle kriegerische Virtuosität nutzlos machen würde: aber ebenso nutzlos wäre eine grenzenlose, ungeordnete Begeisterung. Die notwendige Zucht, die innerlich lebendig artikulierte Organisation setzte sich selbst voraus, sie mußte schon da sein, wenn sie tätig sein sollte, sie konnte aus einer zerstreuten Begeisterung nicht erzeugt werden. Diese artikulierende Zucht aber gehörte dem bis dahin nur zu sehr verschmähten preußischen Heere an; der gekränkte Krieger fühlte doppelt die Schmach des Landes, und der Gebildetere und Tüchtige war mehr als jeder andere Bürger befähigt, sich an die Spitze zu stellen; so entwickelte sich ein Heer, dessen Elementarorgane, schon seit länger als einem Jahrhundert gebildet durch den Ruf früherer Taten, welche die Stärke seiner Kindheit und Jugend verkündigten, zwar bis zum Tode erkranken, aber nicht sterben konnten und, wieder aufgelebt, durch die großen Gefahren des Landes, durch die Hoffnung einer Befreiung, gereinigt durch die gefährliche Krankheit, dem in sich erstarkten Volke einen festen, elastischen Boden für die erwachte Begeisterung geben konnten. Alles, was in solchen Momenten in der Geschichte sich Großes erzeugen soll, muß sich in einer mächtigen Persönlichkeit zuerst gestalten. Diese ist, wenn man will, als Vereinzeltes nichts, und dennoch würde es sehr unrecht sein, wenn man einer solchen Persönlichkeit, weil sie nicht allein gedacht werden kann, die innere eigene Größe absprechen wollte. Blücher war ein solcher Mann, ein Greis, in welchem die alten Erinnerungen des preußischen Heeres ebensowohl als die flammende Begeisterung der Gegenwart lebten. Mitten in den dunkeln Augenblicken, welche die Schmach auf das Heer und das tiefste Elend auf das Volk warf, glänzte er nicht durch die Kunst des Krieges, wohl aber durch den rücksichtslosen Mut, der, durch das erworbene militärische Geschick unterstützt, einen flammenden Haß erzeugte. Als alles gestürzt schien, war er die noch nicht niedergeworfene, noch wehende Fahne des Heeres: er wußte, daß er getragen werden müßte, um völlig zu sein, was er allein sein konnte, und trat jetzt als die dichterische Gestalt der bedeutendsten Zeit hervor, einem Märchen ähnlich, an dessen Möglichkeit die nächste Vergangenheit nicht hätte glauben können. Die Armee, die sich um ihn versammelte, sowie die höchst bedeutenden Männer, die ganz in seinem Sinne tätig waren, hoben ihn zwar, aber wie der Kopf des entschlossenen Mannes nach langer Krankheit sich hebt; das geheime Bündnis, welches nah und fern durch Staatsmänner und Krieger sich gebildet hatte, gestaltete sich in dieser Vereinigung als eine persönliche Macht, die der im Verborgenen schleichenden, den Feind stärkenden Intrige Trotz bieten könnte. Es war die Gesamtmacht des Volks, wie sie unaufhaltsam die Vernichtung des Feindes forderte und von keiner Übereinkunft irgendeiner Art etwas wissen wollte. Ein jeder Vorschlag, der den Napoleon irgend als eine Macht stehenlassen wollte, äußerte sich immer leiser, furchtsamer, und wo er laut ward, – er wagte sich selbst in den späteren glänzenden Momenten des Krieges, wenn irgendeine vorübergehende Wolke den hellen Tag der Siege trübte, obgleich immer scheuer hervor – wurde er von den Momenten der vernichtenden Begeisterung überrannt; das war das » Vorwärts «, welches als die vollendete Gestalt in den langjährigen Seiten des Drucks, in sich lebendig, stark durch politische Weisheit und kriegerische Kunst, mächtig hervortrat, und Deutschlands edelster selbständiger Geist war ihre Seele. * Am 16. Oktober des Morgens früh, wieder bei dem schönsten und hellsten Wetter, befand ich mich in der Mitte des Hauptquartiers in der Nähe des Dorfes Lindenthal; hinter uns lag ein Wald, vor uns eine große Ebene, nach Möckern zu standen die Feinde, gegen welche wir anrückten. Die Schlacht nahm ihren Anfang, wir waren mitten im heftigsten Gewehrfeuer, als Gneisenau mir den Auftrag gab, den Kronprinzen von Schweden, Bernadotte, den ehemaligen französischen Marschall. der irgendwo in der Nähe von Halle sich aufhielt, aufzusuchen und ihn dringend aufzufordern, so schnell wie möglich mit seinen Schweden vorzurücken. Es kostete mich viele Mühe, ihn zu finden, keiner wußte, wo er war; erst in der Nacht fand ich ihn in Landsberg, in einem ziemlich schlechten Hause, von schwedischen Offizieren umgeben, und ward zu ihm geführt. In einer wüsten, fast leeren Stube lag er auf Matratzen, die auf den Fußboden hingelegt waren; das dunkle Gesicht des Gascogners mit der mächtigen Nase und das stark zurückgehende Kinn stachen ab gegen die weiße Bettwäsche und die mit Spitzen besetzte Nachtmütze. Gneisenau hatte mich genau von den Stellungen beider Armeen in Kenntnis gesetzt und wie man den Feind, der seine besten Truppen, unter diesen die kaiserliche Garde, von Napoleon selbst angeführt, nach Möckern zurückdrängte, wo der Hauptangriff stattfinden müßte. Um in meinem Berichte vollkommen klar zu sein, teilte ich ihn seinem schwedischen Adjutanten in meiner Muttersprache mit, und dieser dem Kronprinzen. Er hörte mit großer Aufmerksamkeit zu, richtete sich in seinem Bette auf und hielt einen langen, lebhaften Vortrag, den ich freilich nur teilweise verstand; der schwedische Offizier hörte mit vieler Aufmerksamkeit zu. Als dieser Vortrag geschlossen war, gab er mir das Versprechen, sogleich mit seinen Truppen auszubrechen, und ich ward entlassen. Ich hatte jetzt den mir von Gneisenau erteilten zweiten Auftrag auszuführen: ich sollte mich unter die schwedischen Truppen verfügen; er rechnete darauf, daß meine verwandte Sprache einigen Eindruck machen würde; man schien im Hauptquartier vorauszusetzen, daß der französische Feldherr, der jetzige Kronprinz, keine Neigung hatte, sich in Schlachten einzulassen, die seinen Landsleuten mit einer höchst gefährlichen Niederlage drohten. Gneisenau schien vorauszusetzen, daß es mir gelingen würde, die Truppen selbst zu begeistern; ich sollte sie an ihren großen König Gustav Adolf erinnern und an die damalige Leipziger Schlacht, die bestimmt war, jetzt ebenso durch unsern Feldherrn über Deutschlands Schicksal zu entscheiden wie damals durch den großen schwedischen Helden. Ich erfuhr später, daß der Major von Hedeman nach mir zum Kronprinzen geschickt ward, um das Vorrücken seiner Truppen zu beschleunigen. Ich fand aber, indem ich mich die Nacht hindurch und gegen Morgen in den verschiedenen Standquartieren der schwedischen Truppen herumtrieb, bald mit den Offizieren sprach, bald mich unter die Gemeinen mischte, daß der Befehl zum Aufbruch mir schon vorangeeilt war. Fast allenthalben waren die Truppen im Begriff, aufzubrechen, und ich konnte mich nur vorübergehend mit ihnen unterhalten; doch war dieses nicht immer der Fall. Ich fand Offiziere, die müßig dasaßen und, nachdem sie alle Vorbereitungen getroffen hatten, nur noch den letzten Befehl erwarteten. Mit diesen konnte ich mich nun in längere Gespräche einlassen, und ich entdeckte bald, daß dieser Krieg für die Schweden kein nationales Interesse hatte. Sie konnten nicht einsehen, warum sie sich in einen Kampf einlassen sollten für eine Sache, die ihr nicht gefährdetes Land so wenig anging. Für das arme Schweden wäre, meinten sie, das Opfer zu groß, und dennoch verlor sich die kleine Mannschaft, die es liefern konnte, in der großen Masse aller Völker, die jetzt gegen Napoleon bewaffnet waren. Ich suchte ihnen begreiflich zu machen, wie der Ruhm und das Talent ihres Feldherrn nicht bloß seine eigenen Truppen beherrschten, vielmehr einen bestimmten Einfluß auf die Operationen des ganzen Heeres ausübten. Ich weiß nicht, ob ich mich dieser Wendung meiner Rede rühmen darf, wenigstens war sie keineswegs aufrichtig; der deutsche Sinn sträubte sich gegen einen jeden bedeutenden Einfluß des französischen Feldherrn, und wir hielten uns für überzeugt, daß wir dem General von Bülow den Sieg bei Dennewitz allein zu verdanken hatten. Auch darf ich mich nicht rühmen, die Schweden sonderlich begeistert zu haben. Die Elemente der Begeisterung waren nicht in ihnen vorhanden, und selbst die Erinnerung an den Schauplatz der jetzigen Schlacht und die dort errungenen Siege des Gustav Adolf rührten sie wenig; denn eben damals fing der Tadel gegen diesen König an in Schweden laut zu werden und sprach sich wenigstens hier und da mehrere Jahre hindurch immer lauter aus. Einige Gemeine, mit denen ich nach der Entfernung der Offiziere zu sprechen Gelegenheit hatte, gefielen mir freilich desto mehr; auf diese machten die vaterländischen Töne einen starken Eindruck, und sie waren über die Vertraulichkeit, mit welcher der fremde Offizier sich mit ihnen einließ, erstaunt. Gegen Mittag waren alle Schweden in vollem Marsch, und da ich erfuhr, daß dieser Tag ein Rasttag sein würde, gönnte ich meinem erschöpften Pferde einige Ruhe. Es war schon dunkel, als ich in der Nähe von Möckern auf einer Anhöhe preußische Truppen erblickte. Hier nun erfuhr ich den Verlauf der Schlacht, die ohne allen Zweifel die hartnäckigste und furchtbarste des ganzen Krieges war. General von Yorck war nicht selten bedenklich, ja schwankend, ehe er sich zu einem Angriff entschloß; fand dieser aber einmal statt, so wagte er alles. Kein General der Armee übte einen größeren Einfluß über die Mannschaft aus, obgleich keiner strenger war als er; aber er besaß den echten Ton, um sie zu gewinnen. Der Tag vor Möckern hatte offenbar auf den darauf folgenden großen Sieg bei Leipzig entscheidenden Einfluß gehabt, der Kampf fand gegen Napoleon, der selbst die Schlacht lieferte, und gegen seine besten Truppen statt. Oft war der Sieg zweifelhaft; die vorrückende und kämpfende Mannschaft stürzte hin: immer wurde neue vorgeführt und der Sieg am Ende durch die letzte Reserve errungen. Ich traf eine Abteilung des kleinen Restes des Yorckschen Korps in einer sehr ernsthaften Stimmung; ein Abendgebet fand statt, und so wichtig der Sieg auch war, so rief dennoch der große Verlust eine stille, trübe Stimmung hervor. Hier, dem Napoleon und seinen ausgezeichnetsten Truppen gegenüber, wollte der preußische Offizier die Schmach früherer Zeiten rächen, und sie stürzten sich mit Wut in die Mitte der Feinde. Nach der Schlacht blieb das schlesische Heer, indem es den Kern seiner Truppen zum Teil verloren hatte, einige Zeit untätig. Die schnell eingerichteten und ausgedehnten Spitäler in Halle und nachher in Leipzig konnten die Menge der Verwundeten nicht fassen. Auch ich erlitt an diesem Tage einen schweren Verlust: mein Freund Krosigk, der die Entrüstung vieler Jahre in diesen harten Kampf hineintrug, fiel bei Möckern, und ich erfuhr jetzt seinen Tod. Die stille, schmerzhafte Stimmung um mich her, die Erinnerung des furchtbaren Tages, die den Rest der Tapferen noch zu überwältigen schien, riß mich auch hin; es war ein Gefühl, aus Bewunderung, aus noch in diesem Augenblick zurückgedrängter Hoffnung und aus Trauer seltsam gemischt. Es setzte das Innerste der Seele in lebendige Bewegung und konnte sich selbst nur durch ernsthafte religiöse Betrachtung fassen. Es ist überraschend, wenn man den preußischen Bericht von der Schlacht bei Möckern, wie er aus dem Blücherschen Hauptquartier erschien, liest. Er umfaßt nur wenige Zeilen und läßt die großen Erfolge und die ewig denkwürdige Tapferkeit gar nicht ahnen. An dem zweiten Ruhetag zwischen dieser und der großen Leipziger Schlacht fand eine Kavallerieattacke vom General Wassiltschikoff statt, die mit Recht gepriesen wurde: aber der weitläufige Bericht stach doch seltsam gegen die Wortkargheit des früheren ab; man hatte zwar die Absicht, die Taten der Preußen nur kurz zu berühren, die verbündeten Russen bei jeder Gelegenheit hervorzuheben, aber dieser Entschluß erschien doch hier in einem zu grellen Extrem. * Hier sei es mir erlaubt, die Heldentaten, die nicht auf dem Felde im offenen Kampfe, sondern still, oft unbemerkbar in der Mitte der Verwundeten stattfanden, zu erwähnen. Es waren nicht die Wunden, welche dieses Schlachtfeld eines furchtbaren Kampfes so erschrecklich machten; ein tötender Geist regte sich allenthalben in den Spitälern, der Typhus verpestete sie sämtlich in allen Gegenden hinter der Armee. Ich erinnere mich zweier heldenmütiger Männer in Breslau, die als Opfer fielen; beide meine Freunde, Klose und Menzel. Der letzte suchte mich in Breslau in den Tagen der größten Bewegung auf. Er brachte mir eine namhafte Summe. »Ich kann nicht«, sagte er, »Breslau verlassen, mein Amt, ja die Gefahren, die meiner warten, fordern meine Anwesenheit; aber ein Opfer muß ich auch jetzt bringen und werde nur ruhig, wenn es angenommen wird. Nehmen Sie diese kleine Summe, aber ich beschwöre Sie, verwenden Sie solche für sich selbst. Indem ich sie überreiche, bitte ich Sie, daß es ein Geheimnis bleibe zwischen uns.« Seine Bitte war so dringend, der Beweggrund so edel, ich konnte sie nicht abschlagen, aber jetzt, so viele Jahre nach seinem Tode, glaube ich ihn nennen, ihm ein kleines Denkmal errichten zu müssen. In Berlin starb an dem Typhus der Spitäler, Grapengießer, der Arzt meiner Verwandten; seine Krankheit ward einem bedeutenderen Manne nur zu gefährlich. Mein unvergeßlicher Freund Reil, dieser große Arzt, besuchte ihn; in wilden Phantasien stürzte Grapengießer ihm entgegen und umarmte ihn, Reil schauderte zurück, der Todesengel schritt über sein Grab, und ein weissagendes Gefühl der Gefahr durchzuckte ihn. Es war um die Zeit der großen Leipziger Schlacht, wo der Typhus am furchtbarsten herrschte. Reil wollte sich durch seine keimende Krankheit nicht abhalten lassen, er übernahm die Direktion der beiden Spitäler in Halle und Leipzig; er schonte sich nicht, sondern eilte nach der letzten Stadt. Die Macht des festen Entschlusses, die ununterbrochene Anstrengung schien eine Zeitlang die Krankheit zu besiegen. Er besuchte fast täglich die beiden Spitäler in Leipzig und Halle, und in diesem grauenhaften Kriege, der hinter der Armee in schleichender Gestalt ausbrach, fiel nun einer der größten Feldherrn des Landes auf diesem verhängnisvoll dunklen Schlachtfelde. * Mir war die Gegend des Blücherschen Hauptquartiers angezeigt, und ich ritt in der erhaltenen Richtung im Dunkeln über die Felder. Nach einiger Zeit sträubte sich mein Pferd, ich wußte nicht warum; ich ließ den Burschen absteigen, er fand eine Leiche. Ich durchkreuzte das Schlachtfeld und hatte Mühe, weiterzukommen; denn die Leichen häuften sich. Das Pferd, gezwungen fortzuschreiten, hörte schon nach kurzer Zeit auf zu stutzen; ich erfuhr die Gegenwart eines Toten nur dadurch, daß das Pferd dem Leichnam ruhig auszuweichen suchte. Mir aber war grauenhaft zumute; in immer gedrängteren Haufen umringten mich die Geister der Gefallenen, und unwillkürlich sah ich sie in der Mitte der harrenden Familien, die ängstlich jeden ihrer Schritte in den großen Kampf verfolgten. Vor mir leuchteten die Biwakfeuer, aber ich hatte die Richtung verloren und blieb ungewiß, ob dort feindliche oder freundliche Truppen lagen; doch ich ritt gerade auf das Feuer los. In der nächtlichen Stimmung, die mich ergriffen hatte, in der ich wie mit Geistern kämpfte, schienen mir lebendige Menschen, mochten sie Freunde oder Feinde sein, willkommen. So erreichte ich eine breite Chaussee und erkannte die russischen Truppen, und am Biwakfeuer erblickte ich hier und da völlig nackte Männer, die in der Beleuchtung sich riesenhaft ausnahmen. Sie waren mit einem seltsamen Reinigungsprozeß beschäftigt. Die Hemden hatten sie ausgezogen, um sie über den Flammen gewaltsam zusammenzuwinden; der Druck und die Hitze sollte eine Bevölkerung vernichten, die ihnen doch trotz der Gewohnheit beschwerlich schien. Ich wandte mich an einige, um über die Gegend, wo Blücher zu finden wäre, Nachricht einzuziehen, sie verstanden mich nicht, ich ritt indessen getrost weiter. Die russischen Biwakfeuer hörten auf, ich ward von einer Wache angerufen, antwortete und ritt fort, ohne durch sie aufgehalten zu werden, da hörte ich hinter mir eine Stimme, die mich anrief. Ich kehrte um und vernahm nun die laute Frage: wo wollen Sie hin? erfuhr jetzt, daß ich, wenn ich wenige Schritte weiter ritt, das qui vive! vernehmen würde und eben im Begriff war, in das französische Lager hinzureiten. Es war tief in der Nacht, unsere Pferde waren völlig erschöpft, wir beide, mein Bursche, wie ich selbst, ermüdet, und ich nahm den Vorschlag, die Zeit bis zum Tagesanbruch in der Gesellschaft einiger russischer Artillerieoffiziere zuzubringen, mit Freuden an. Sie umgaben eine Kanone. Der Hunger machte uns eine kleine Mahlzeit sehr willkommen. In der Nähe hörten wir das Plänkeln der äußersten Vorposten und schliefen dennoch ruhig ein. Am frühen Morgen weckten uns als Morgengruß der Feinde einzelne Kanonenschüsse, die Kugeln flogen in großem Bogen über uns weg. Die Trauer des Abends und die wilden Träume der Nacht verschwanden mit dem anbrechenden Tage, und die große Bedeutung desselben trat mir mächtig entgegen. Die Richtung, die ich jetzt zu nehmen hatte, war mir bekannt geworden, allenthalben sah ich die russischen Krieger, wie sie sich um die Biwakfeuer dehnten und streckten; je weiter ich fortschritt, desto mehr fand ich sie in geordneten Haufen, sich zu dem bevorstehenden Kampfe vorbereitend. In dem Dorfe Mockau hatte das Blüchersche Hauptquartier übernachtet. Wie ich hinkam, schliefen noch alle. Man würde sich irren, wenn man glaubte, daß in Blüchers Umgebung an diesem Morgen irgendeine Unruhe oder große Eile wahrzunehmen war. Obgleich ein so großer Kampf vor kurzem stattgefunden, obgleich man voraussah, daß dieser Tag ein entscheidender für den ganzen Krieg werden müßte, so war doch davon in der Umgebung des Feldherrn nichts zu spüren. Man stand auf, kleidete sich langsam und bedächtig an, die wenigen Gefäße, die man aufbringen konnte, wanderten nach dem Brunnen, um, von einem zur Reinigung benutzt, schnell von dem Bedienten eines andern ergriffen zu werden; die Fenster wurden geöffnet und an die Wand gelehnt, um als Spiegel zu dienen; der Kaffee wurde in wenigen Tassen herumgereicht; einer trank aus der Unter-, der andere aus der Obertasse. Verwirrungen und Störungen, die manchmal vorkamen, wurden benutzt, um den Gesprächen eine heitere Wendung zu geben, und diese berührten fast gar nicht den großen Gegenstand, der uns so nahe lag. Man unterhielt sich mit vollkommen gleichgültigen, wohl auch lustigen Erinnerungen; ein witziger Einfall ward mit Freuden begrüßt; man konnte glauben, hier eine Anzahl Männer zu sehen, die auf einer belustigenden Reise sich an den mancherlei Verlegenheiten eines zufälligen dürftigen Nachtquartiers ergötzen. Wir rückten an diesem Morgen nicht so ganz früh aus, Blücher hatte sich dem Korps des Generals Langeron angeschlossen, und wir fanden dieses im Begriff, über die Parthe zu setzen. Jenseits dieses Flusses erhebt sich die Gegend, und hier genossen wir ein erstaunenswertes Schauspiel. Auf dem langen Höhenzug erblickten wir in der Ferne die große Armee, die heranrückte; die Kolonnen nahmen schon den ganzen Höhenzug ein; es waren die Völker, die verbündet dem mächtigen Manne, welcher nun so lange Jahre hindurch den Kontinent beherrschte und durch Schrecken gelähmt hatte, zum Kampf entgegenzogen. Am entferntesten östlichen Horizont tauchten die Kolonnen auf; ruhig bewegten sich alle Waffengattungen nacheinander, hier und da sah man die Waffen in der Morgenröte glänzen; die Entfernung war groß genug, um das ganze Heer als eine Erscheinung im Traume vorüberschweben zu lassen, um den ganzen endlosen Zug zu überblicken, bis er im entferntesten Westen untertauchte. Immer kamen neue Scharen im Osten zum Vorschein, immer verschwanden die Vordersten im fernen Westen, während der Zug sich ununterbrochen fortbewegte. Man konnte glauben, ein auswanderndes Volk zu erblicken. So mochten zur Zeit der Völkerwanderung die germanischen Stämme erschienen sein, als sie die deutschen Gaue überschwemmten. Der Anblick ergriff uns alle mit großer Gewalt. Lange blieben wir voll Erstaunen stehen, ihn zu genießen; hier war es, wo Müffling der bevorstehenden Schlacht den Namen gab, er nannte sie die große Völkerschlacht; diese Benennung hat sich erhalten, ja sie ist geschichtlich geworden. Wir hielten auf einer Ebene viele Stunden lang. Die Truppen waren nach allen Richtungen versandt; General Yorck kämpfte vor Leipzig mit dem Reste seiner tapfern Scharen; wir hörten rund um uns das Getümmel heftiger Gefechte, aber wir erblickten sie nicht, hielten vielmehr hier ruhig einen großen Teil des Tages, während Adjutanten nach den verschiedenen fechtenden Korps versandt wurden und uns alle Augenblicke Nachrichten brachten von dem Stande der Schlacht auf den verschiedenen Punkten. Mehr als dreihunderttausend Männer standen hier dem Feinde gegenüber; hundertundsiebzigtausend kämpfende Feinde traten diesen entgegen. Die Gegend, die wir einnahmen, bildete eine große lichte Ebene. Vor uns lag in der Ferne Leipzig; es war für uns ein seltsamer Tag, während wir so mitten in die Schlacht versetzt die größte Ruhe genossen. Aber die Stunden verflossen fast unbemerkt, die Nachrichten, die sich drängten, erhielten uns in fortdauernder Spannung. Bei Möckern hatte der Feind mit seinen besten, sieggewohnten Truppen das Blüchersche Korps angegriffen; er betrachtete es mit Recht als das Zentrum der moralischen Macht im ganzen Heere. Napoleon selbst führte seine Scharen an, gewiß mit der Zuversicht, über diese gefährlichsten Feinde einen Sieg zu erringen, der lähmend auf die zahllosen Scharen wirken würde, die zum Angriff ihm entgegengezogen. Jetzt trat er mit einem halbentmutigten Heere der großen Übermacht des Feindes gegenüber; aber noch war sein mächtiger Geist gewaltig genug, um die sinkende Kraft seines Heeres von neuem zu stärken. Er wußte, was es galt; seine Krieger kämpften, als erwarteten sie den Sieg. Auf einzelnen Punkten wenigstens blieb der Erfolg lange zweifelhaft, und ich mußte den Helden bewundern, welcher jetzt in einem kaum zweifelhaften Kampfe um sein großes, erstaunenswertes Dasein mit entschlossenem Mute stritt. Dieser Tag, wieder ein heller und schöner, der uns alle Wechselfälle einer welthistorischen Schlacht und zugleich die Ruhe der Betrachtung gönnte, bot uns noch ein überraschenderes Schauspiel dar. Über die Ebene, in schöner Rüstung, rückte in ruhiger Ordnung eine Schar fremder Kavallerie auf uns zu, die wir, ohne von Truppen in der Nähe umgeben zu sein, ruhig erwarteten. Ohne Zweifel war Blücher von ihrer Ankunft unterrichtet. Es war sächsische Kavallerie, die sich vom Feinde getrennt hatte und zu uns überging. Wunderbar und seltsam, echt dramatisch im höhern Sinne, war dieser Auftritt, der fast auf eine festliche Weise, ohne irgendeine Störung, vor uns stattfand. Die Reiter hielten ruhig, entschlossen, und dennoch, wie es mir schien, niedergeschlagen, in unserer Nähe still; der Anführer trennte sich von den übrigen und näherte sich unserm Feldherrn, der ihn in würdiger Haltung erwartete. Sie hätten, versicherte der sächsische Offizier, lange den Augenblick erwartet, in welchem sie sich aus der unnatürlichen Lage herausreißen könnten, die sie zwang, gegen ihr eigenes Volk zu kämpfen; jetzt erst war es ihnen gelungen. Doch baten sie um Schonung; sie wünschten nicht, in dieser Schlacht zu fechten. Ihr unglücklicher König sei in Leipzig, er bewohne ein Haus auf dem großen Markt in der Mitte der Stadt, die jetzt bald in unserer Gewalt sein würde. Blücher redete sie kurz aber freundlich an, gewährte ihre Bitte, und ihnen wurde eine Stellung hinter dem fechtenden Heere angewiesen. Auf ihrem Marsch verfolgte ich sie lange mit inniger Teilnahme, ich konnte mir das drückende Gefühl ihrer Lage vorstellen. Aber mir war es, wenn ich die Ereignisse des Tages von dem Augenblicke an, als wir den gewaltigen Zug der verbündeten Heere anrücken sahen, bis hierher überschaute, als wäre eine Szene aus einem Shakespeareschen Drama plötzlich großartig in die wirkliche Geschichte hineingedrängt, und die Größe der Erscheinung überwältigte mich. Bisher hatte ich an den Gefahren der Schlacht keinen Anteil genommen; jetzt wandte sich Blücher an mich; denn alle seine übrigen Adjutanten waren entfernt. »Herr Professor«, sagte er, »suchen Sie eilig den General Langeron auf und bringen Sie ihm die Order, das Dorf zu stürmen; er darf keine Hilfe durch andere Truppen erwarten, aber der Feind muß hinausgeworfen werden.« Ich eilte fort, über die Richtung, die ich zu nehmen hatte, konnte ich nicht zweifelhaft sein. In Schönefeld hatte Langeron lange mit wechselndem Glücke gefochten, bald war er, bald der Feind im Besitz des Dorfes. Die Flammen des brennenden Dorfes zeigten mir den Weg. Ich fand den General Langeron zwischen den letzten Häusern des Dorfes, einen ernsthaften Mann, von strengem, gebietendem Äußern. Die Feinde hatten das Dorf von neuem größtenteils in Besitz genommen; dicht vor uns fochten, von den Flammen umgeben, die Russen hartnäckig; es war ein seltsames und doch großes Schauspiel, Freunde und Feinde von dem wütenden Feuer beleuchtet, im hartnäckigen Kampfe. Ich überbrachte ihm die Order, er antwortete verdrießlich: »Meine Truppen haben stundenlang gekämpft, sie sind zusammengeschmolzen, ermüdet und erschöpft, ohne eine Unterstützung vermag ich den hartnäckigen Feind nicht zurückzuwerfen.« Ich mußte ihm sagen, daß er keine Unterstützung zu erwarten hätte und daß dennoch die Order ganz bestimmt laute. Er besann sich einen Augenblick und gab Befehl zum Sturme. Von allen Seiten sammelte sich die Mannschaft, die jetzt nicht in das Gefecht verwickelt war, im Sturmschritt eilte sie vorwärts, ein lautes Geschrei begleitete den wilden Anlauf; der Feind konnte ihn nicht aufhalten, und der Stand der Schlacht war wohl jetzt auch auf anderen Punkten so ganz zum Nachteile des Feindes, daß er sich nicht hier zu behaupten vermochte. Mit dem General nahm ich teil an diesem Gefecht, und als das Dorf in unserer Gewalt war und wir den gänzlichen Abzug der Feinde, der keinen neuen Angriff erwarten ließ, entdeckten, eilte ich, um den Bericht zu überbringen. Hier hatte ich nun ein bedeutendes Gefecht mit allen Gefahren kennengelernt, aber mein Auftrag war so bestimmt, der Moment des Angriffs so mächtig, der Augenblick des Kampfes so entscheidend und kurz, daß das Bewußtsein der Gefahren, die ich erlebt hatte, mir erst klar ward, nachdem ich in Sicherheit war. Als ich den Bericht überbrachte, war der Erfolg dem General Blücher schon bekannt, ja ihm klarer als selbst dem Langeron im Anfange, weil jener von seinem Standpunkte aus den entschiedenen Rückzug bestimmter übersehen konnte. Ich war nun wieder auf demselben ruhigen Platz, den wir den ganzen Tag hindurch behauptet hatten. Die Berichte von dem großen Erfolge des Tages wurden immer häufiger, der Abend näherte sich, und wir rückten langsam auf Leipzig zu. Da vernahmen wir vor uns ein lautes Geschrei wie von Tausenden: die Nachricht kam, daß unsere Truppen in die Vorstadt von Leipzig eindrangen, daß dort auf den Straßen zwischen den Häusern, in den Gärten heftig mit dem zurückweichenden, aber doch noch zugleich hartnäckig kämpfenden Feinde gefochten würde. Wir setzten uns in Bewegung und erreichten bald unsere kämpfenden Truppen. Ich erhielt den Befehl, mich an den General Wassiltschikoff, der bestimmt war, die fliehenden Feinde mit seiner Kavallerie zu verfolgen, anzuschließen. Aus der ungeheuren Verwirrung der zerstreuten Gefechte ritt ich der Anweisung zufolge nach Schkeuditz, wo ich die Stadt angefüllt von russischen Truppen, die an der Schlacht dieses Tages teilgenommen, vorfand und bis zur Betäubung mit Erzählungen von einzelnen Gefechten, die deutschredende russische Offiziere mitgemacht hatten, überhäuft wurde. Hier erfuhr ich, daß ein Däne, tapfer fechtend, den Tod fand. Man nannte ihn mir, und ich hörte mit Erstaunen den Namen Örsted. Es war der dritte und jüngere Bruder meiner berühmten Landsleute. Dieser, wenn auch nicht ausgezeichnet wie die beiden anderen, war mir dennoch sehr lieb. Seine Lage war in Dänemark eine etwas unsichere, und obgleich ich es nicht wußte, konnte ich es doch begreifen, daß er eine jede Gelegenheit, selbst außer seinem Vaterlande sein Glück zu machen, ergreifen würde. Hier zu hören, daß er in der russischen Armee angestellt war, setzte mich zwar in Erstaunen, und daß diese Nachricht mit der seines Todes unmittelbar verknüpft war, erschütterte mich. Er hatte es bis zum Major gebracht, als er fiel. Er war, wie man mir versicherte, von seinen Kameraden sehr geliebt, und daß es mein Freund war, konnte ich nicht bezweifeln; denn die Offiziere hatten von ihm selbst erfahren, wie ausgezeichnet seine Brüder und wie der eine schon damals als Physiker berühmt war. Es ist ein eigenes Gefühl, wenn die ganze Seele von den mannigfaltigsten und mächtigsten Vorstellungen ergriffen ist, sich dann durch rein menschliche Teilnahme in den engen Kreis eines freundschaftlichen Lebens versetzt zu sehen und, was die Erinnerung an ein früheres stilles Leben uns aufdrängt, nicht abweisen zu können. Jeden Augenblick erwarteten wir Nachrichten von der Flucht der Feinde. Wassiltschikoff zog am frühen Morgen von Schkeuditz nach Markranstädt und übernachtete zwischen dem 19. und 20. Oktober in der Gegend von Lützen. Zwischen dieser Stadt und Weißenfels erreichten wir die letzten fliehenden Feinde und erfuhren nun die großen, uns fast unglaublichen Resultate der Leipziger Schlacht. Hier erlebte ich, was mir eben mein Anschließen an die Russen so angenehm machte, die merkwürdige Virtuosität der Kosaken im Rücken eines fliehenden Heeres. Durch eine weite Ebene lief die Chaussee nach Weißenfels fort; vor uns sahen wir die letzten französischen Truppen, die sich doch ziemlich geordnet hatten, auf eiliger Flucht. Es war ein etwas nebliger Morgen, und zwischen uns und dem fliehenden Feinde war die Gegend leer; wir entdeckten von allen Seiten Kosaken, einzeln, in kleinen Haufen, die sich schnell in größere vereinigten und plötzlich auf die Feinde losstürmten. Diese bestanden aus Truppen, die, wahrscheinlich ermüdet und erschöpft, den übrigen nicht folgen konnten. In den Raum, der diese Truppen von den zusammenhängenden, sich zurückziehenden Massen trennte, drängten sich die Kosaken hinein. Wie durch einen Zauber wurden die abgetrennten Truppen umzingelt und von der Armee abgeschnitten. Die feindliche Arrieregarde hielt einen Augenblick, machte dann gegen uns Front und, ohne vorzuschreiten, begann sie ein ziemlich heftiges Gewehrfeuer. Der Raum zwischen uns und dem Feinde war zu groß, uns erreichten die Schüsse nicht. Die Kosaken aber mit ihren Gefangenen waren wie durch einen Zauber verschwunden; hier und da entdeckten wir rechts und links durch den Nebel einzelne, die den Feind aufmerksam beobachteten. Der eilig auf der Flucht begriffene Feind konnte nach einer Gewehrsalve nicht eine zweite wagen, schnell kehrte er uns wieder den Rücken, um sich den Fliehenden anzuschließen. Noch öfter erlebten wir dieses Schauspiel: das plötzliche Erscheinen der Kosaken, das Abschneiden zurückgebliebener Truppenkorps der Feinde, den erfolglosen Angriff, der, als er in einem schnell vorübergehenden Moment gerüstet dastand, keinen Gegenstand fand. General Wassiltschikoff machte auf dem kurzen Wege von Lützen nach Weißenfels auf diese Weise zweitausend Gefangene, ohne daß wir irgendein Gefecht zu bestehen hatten; die gedrängten Haufen eilten fort, und als wir die Vorstadt von Weißenfels erreichten, hielten die Franzosen die Stadt besetzt. Wir sahen, wie sie beschäftigt waren, auf einer schon fertigen Schiffbrücke über die Saale zu setzen. Aber viele Gefangene fielen auch hier in unsere Hände. Plötzlich erschien Blücher mit seiner Umgebung. Ich schloß mich nun ihm an, und wir bestiegen die Höhen hinter der Stadt, die parallel mit dem Fluß laufen. Die Feinde hatten noch Zeit, die schwimmende Brücke an sich zu ziehen, stellten sich jenseits des Flusses uns gegenüber, und wir hatten auf den Höhen eine ziemlich starke Kanonade auszuhalten. Der Nebel hatte sich verzogen, die Schiffbrücke, die von unserer Seite erbaut wurde, erreichte schnell das jenseitige Ufer, und der Feind, der jetzt in großer Unordnung floh, konnte das Landen unserer Truppen nicht hindern. Die Angriffe auf ihn fanden nicht hier allein statt. Von mehreren Seiten bedroht, beschleunigte er seine Flucht, und als wir den Weg von Weißenfels nach Freiburg verfolgten, sahen wir die furchtbaren Spuren der unter den Feinden entstandenen Verwirrung. Was ich hier erblickte, ist mir unvergeßlich geblieben. Waffen, die weggeworfen waren, um die Flucht zu erleichtern, Kanonen, Munitionswagen, selbst Reisewagen zierlicher Art, die man wahrscheinlich verlassen hatte, weil die erschöpften Pferde sie nicht weiterziehen konnten, waren auf der Chaussee, auf den Feldern zusammengedrängt, soweit das Auge in der Richtung der Flucht reichte. Oft schien der Weg für uns völlig gesperrt, und wir mußten bedeutende Umwege machen. Die Feinde selbst waren aber völlig verschwunden; ich wenigstens sah keinen einzigen. Als wir Freiburg erreichten, erfuhren wir, daß Napoleon sich einige Stunden hier aufgehalten hatte; man will ihn durch ein Fenster erblickt haben, wie er den Kopf auf den Arm gestützt wie in dumpfe Verzweiflung versunken dasaß, ihm gegenüber Berthier in einer gleichen Stellung. Beide, versicherte man, blieben stumm; Offiziere, die hereintraten, wurden durch eine Handbewegung stillschweigend abgewiesen. Die Einwohner waren voll von Anekdoten, die eine völlige Mutlosigkeit des fliehenden Heeres bewiesen. In der Voraussetzung, daß Napoleon bei Erfurt, wenn auch nur auf kurze Zeit, eine Position suchen würde, hatte Blücher sich entschlossen, die unmittelbare Verfolgung aufzugeben, über Langensalza nach Eisenach zu gehen und ihm auf diese Weise die Flucht abzuschneiden. Diese Voraussetzung traf nicht ein. Napoleons Verlust bei Leipzig war so groß, daß er erst jenseit des Rheins Sicherheit finden konnte. Ich will nichts von den einförmigen Märschen erwähnen, die ohne irgendein Interesse stattfanden; nur die Tage, die wir auf unserm Zuge zwischen Eisenach und Fulda zubrachten, sind uns deswegen wichtig geworden, weil wir hier die schauderhaften Folgen der großen Niederlage der Feinde erlebten. Die schnelle Flucht hatte einen großen Teil der französischen Truppen völlig erschöpft; wir fanden allenthalben einzelne Franzosen in dem jämmerlichsten Zustande zwischen den Gebüschen, mehrere dem Tode nahe; es schien, als hätten sich die großen Spitäler, die der Feind in Erfurt angelegt hatte, zum Teil entleert, und diese Gruppen hilfloser, meist sterbender Menschen entdeckten wir immer häufiger. Oft war es mir, als betrachteten sie es als ein größeres Unglück, von uns entdeckt zu werden, obgleich wir ihnen Hilfe boten, als in stiller Einsamkeit durch Hunger und Erschöpfung zwischen den Gebüschen zu sterben. Ich gestehe, daß ich wünschte, weit entfernt zu sein, daß dieser Jammer mir entsetzlicher vorkam als die größte Niederlage in dem heftigsten Kampfe. Von Blücher, wahrscheinlich durch Gneisenau veranlaßt, erhielt ich einen sehr angenehmen Auftrag. Westfalen war von Truppen fast entblößt, unsere hatten diese Gegend noch nicht erreicht, und die zurückgebliebenen französischen waren, wie man voraussetzen konnte, nur in geringer Anzahl da und in einer bedenklichen Stellung. Die Provinz hatte bekanntlich von jeher eine große Anhänglichkeit an Preußen gezeigt. Nirgends war der Feind gehaßter. Mein Auftrag war nun, wo etwa feindliche Korps sich noch vorfanden, die Einwohner zu bewaffnen; man setzte mit Grund voraus, daß die einfache Aufforderung hinlänglich wäre und daß die Feinde, sowie eine Gärung im Lande entstand, eilen würden, es zu verlassen; ich sollte dann alle Zeichen der Knechtschaft vernichten, sollte allenthalben den preußischen Adler in den Städten anschlagen und ein provisorisches Gouvernement einrichten. Das letztere war freilich nur scheinbar; denn der Mann, dem es gebührte, diese Stelle einzunehmen, war da, und zwar auf eine entschiedene Weise. Er kannte seine Stellung und die ganze Provinz ihn und seine Verdienste. Es war der Präsident v. Vinke. Ein so ansehnliches Geschäft war mir natürlich äußerst angenehm, und Blüchers Wohlwollen gegen mich, Gneisenaus freundliche Gesinnung konnten sich auf keine Weise unzweideutiger äußern. Ich verließ diesen, um nach Marburg zu reiten. Meine Armee, mit welcher ich Westfalen einnehmen sollte, bestand aus zwei Landwehrmännern. Der dritte war verschwunden; er hatte sich für krank erklärt, was der Arzt nicht zugeben wollte, und wo er hingekommen ist, habe ich nie erfahren. Als ich es im Hauptquartier meldete, scheint man gar nicht darauf geachtet zu haben. Mein Bursche bildete den Generalstab, und so gerüstet fing ich den weiten Marsch an, von Gießen nach einer Provinz, die, wie vorausgesetzt wurde, noch in feindlicher Gewalt war. Als ich ziemlich spätabends nach Marburg kam, war die Stadt völlig ohne Militär. Ich stieg in einem Gasthofe ab, wo meine Ankunft großes Aufsehen erregte; denn ich war der erste, der von der siegreichen Armee in diese Stadt kam; es war mir wunderbar zumute, als ich unter solchen Verhältnissen allein und mir selbst überlassen unter den Hessen erschien. Man wird sich meiner geheimen Verbindungen mit den rebellierenden Hessen noch erinnern, auch ward in Marburg der Professor Sternberg und Emmerich erschossen. Ich erfuhr durch den Wirt, dem ich, als ich mich nannte, schon bekannt war und der mich mit großem Enthusiasmus empfing, daß ganz in der Nähe ein Teil der Professoren der Universität versammelt war. Es war ein Klubabend. Ich eilte nach dem Orte hin und trat in die Mitte meiner Kollegen, die erst erstaunt schienen, mich aber, als ich mich nannte, mit großem Jubel empfingen. Ich gestehe, der Empfang erschütterte mich, wenn ich bedachte, wie meine Erscheinung ihnen die erste Morgenröte der Befreiung verkündigte. Ein jeder erinnerte sich der sieben traurigen Jahre, die er verlebt hatte, ein jeder erwartete von der nahen Zukunft das Beste; viele Erzählungen wurden vernommen als Belege von der Unfähigkeit, von der Armseligkeit des jetzt vertriebenen Königs, von der Schlechtigkeit seiner Regierung, unter welcher einige kenntnisreiche und wohlmeinende Männer nichts auszurichten vermochten; die tiefe Anhänglichkeit des Volks an seinen alten Herrscher ward mit Rührung erwähnt. Der lange unterdrückte Haß konnte sich unbefangen aussprechen. Es war schon ziemlich spät des Abends, als die Türe eilig geöffnet wurde und ich erfuhr, daß meine Ankunft in der ganzen Stadt schnell bekanntgeworden war und daß die Einwohner beschlossen hatten, mich in meiner Wohnung feierlich zu begrüßen. Ich verließ eilig die Versammlung, um sie zu empfangen. Da hörte ich von Ferne das Gemurmel des herandrängenden Volkes, ich sah in der tiefen Dunkelheit den geröteten Himmel und entdeckte einen Fackelzug, der sich nahte. Die Bewegung des Volkshaufens, der diesen Zug dicht umgab, äußerte sich auf eine laute, ja lärmende Weise. Als er anfing, sich vor dem Hause aufzustellen, fiel es mir ein, wie unschicklich es sei, eine solche Ehrenbezeigung als für mich bestimmt anzunehmen. Ich eilte hinunter, ließ mir von dem Wirt ein Glas mit Wein füllen und drängte mich in den Haufen, der einen, wenn auch nur engen, Kreis um mich zu bilden suchte. Hier forderte ich, so laut ich konnte, Aufmerksamkeit und Stillschweigen. Es war mir merkwürdig, wie nun das laute Getümmel, der Jubel und das Geschrei erst in den engeren, dann in immer weiteren und weiteren Kreisen in dem dunkeln, von Fackeln erhellten Raume verstummte und sich endlich, kaum vernehmbar, in weiter Ferne verlor. Da schwenkte ich das Glas und rief mit lautester Stimme: »Der alte Herrscher (eure Treue gegen ihn hat euch unter allen deutschen Völkern einen Ehrenplatz erworben) der Kurfürst soll leben, hoch!« – und leerte das Glas. Jetzt entstand ein grenzenloser Tumult, ich glaubte zu hören, wie er aus dem tiefsten Innern erklang, wie er die stillen Seufzer und Klagen aushauchte, wie er mit dem Haß gegen die Fremden, mit der Liebe und Zuneigung zum eigenen Fürsten geschwängert war; der Moment ergriff mich, mein Leben in und mit Deutschland, meine Teilnahme für das hessische Volk schwebte mir vor, und ich glaubte mich wie durch eine geheime Gewalt in den verborgensten Tiefen mit den vergangenen und zukünftigen Schicksalen des Landes verbündet. Da forderte ich abermals ein Stillschweigen. Der Kreis vergrößerte sich, die Fackeln erhellten ihn, allmählich entstand eine wunderbare Stille, und ich sprach. Das war nun kein Auftrag wie in Gießen: was der Moment hervorgerufen hatte, sprach sich mit aller Gewalt aus; ich erzählte, wie ich schon kurz nach der unglücklichen Schlacht mit vielen der Besten unter dem hessischen Volke, ohne daß wir uns persönlich kannten, aber durch gleiche Gesinnung im geheimen Bunde lebte; wie ich später mit tiefer Teilnahme die gerechten unwilligen Bewegungen des Volks verfolgt hatte; mit welcher Trauer ich Hoffnungen, welche sich in einem bedeutenden Augenblicke aussprachen, verschwinden sah; die Macht der Erinnerung durchdrang mich; ich weiß es, meine Rede war gewaltig; denn sie war durchdrungen und gehoben von den inneren Kräften meines ganzen durchlebten Daseins. »Und jetzt seid ihr frei«, sagte ich, »und die wogende Menge, die sich nun jubelnd um mich drängt, wird sich plötzlich in ein tapferes Heer verwandeln; die Väter werden ihre Söhne in den Kampf schicken, den sie selbst mit mächtiger Begeisterung fordern; die Mütter werden sie ausrüsten; kein Opfer wird verschmäht werden; die akademische Jugend wird die Hörsäle verlassen, um gestärkt durch eine frische Gesinnung zu den stillen Studien zurückzukehren. Ich begrüße eure Kämpfe und die Siege, die ein solches Volk und eine solche Gesinnung verdient und erringen wird.« Der Jubel, der jetzt entstand, war grenzenlos, und ich zog mich zurück. Deputierte der Bürgerschaft und später Abgeordnete der Studierenden traten in meine Stube ein und sprachen von dem großen Eindrucke der Rede. »Die Bürgerschaft fände sich«, wie sie sagten, »durch meine Rede geehrt, und die Zukunft würde zeigen, daß ich mich in meiner ihnen so schmeichelhaften Voraussetzung nicht getäuscht habe.« Ähnlich klang die Versicherung der Abgeordneten der Studierenden. Sie selbst und viele ihrer Kollegen hatten schon beschlossen, sich als Freiwillige zu stellen. In der Tat erfuhr ich später, daß eine bedeutende Zahl der Studierenden an dem Kriege teilnahm. Professor Niemeier meldete sich als Freiwilliger. Die ganze Nacht hindurch wogte die Volksmasse auf den Straßen. Ich hörte die lauten Gespräche, das fortdauernde Toben der bald größeren, bald kleineren Haufen, die sich hier und da versammelten. Ich durchschritt das hessische Gebiet, kam durch Corbach und über Brilon durch das reizende Gebirge und erreichte Arnsberg. Hier sollte nun meine Tätigkeit beginnen. Alle jubelten, als sie den ersten preußischen Offizier sahen. Kurz nach meiner Ankunft fand ein feierlicher Empfang statt; geputzte Jungfrauen der Stadt brachten mir Kränze, und ein Lied ward mir überreicht. Man kann sich denken, wie ein solches Bewillkommen mich rührte, aber ich sollte nun erfahren, daß ich in dieser Stadt auf eine höchst vorteilhafte Weise bekannt war. Der Leser wird sich vielleicht erinnern, wie ich in Jugendjahren auf einer Fußreise nach Frankfurt in Bamberg geehrt wurde, wie dort, als ich die Stadt verließ, zwei Jünglinge sich mir anschlossen, mich nach Freiberg und Dresden begleiteten und wie ich damals in heiterer jugendlicher Begeisterung ambulante naturphilosophische Vorträge den aufmerksam lauschenden Jünglingen hielt. Der eine, der sich durch seine bedeutende körperliche Größe auszeichnete, hieß Sauer; seine treue, kindliche Anhänglichkeit machte mir ihn sehr teuer. Er war aus Arnsberg gebürtig und hatte sich dort als Arzt niedergelassen. Unsere fröhliche Reise bildete einen Glanzpunkt seines Lebens, und ich erfuhr auf die rührendste Weise, welch einen dauernden Einfluß das warme Leben eines Lehrers auf eine empfängliche Jugend auszuüben vermag; er ward, wie man versicherte, nie müde, von dieser Reise, die einen bedeutenden Wendepunkt in seinem Leben bildete, zu reden, und vorteilhafter konnte ich nie in seiner Umgebung erscheinen. Sauer hatte die ganze Stadt, in der er als beliebter Arzt sich die Zuneigung und Achtung aller Einwohner erworben, in Trauer versetzt, als er kurz vor meiner Ankunft in seinen besten Jahren starb. So war ich nun nicht allein als der erste preußische Offizier nach der Befreiung eine allgemein ersehnte Gestalt der treuen Stadt, sondern auch als Mensch durch die freundlichen Lobsprüche eines geliebten Mannes der Gegenstand der allgemeinen Zuneigung der Einwohner geworden. Der Tod, welcher mir die Freude raubte, diesen dankbaren Mann zu begrüßen, den ich hier zu treffen gar nicht erwartete, erschütterte mich zwar tief, aber das ganze Verhältnis war doch auch für meinen Auftrag günstig. Da sollte ich nun erfahren, wie wenig man sich auf die vorliegenden günstigsten Verhältnisse verlassen darf. Die bedeutende Rolle, die ich hier zu spielen hatte, fing auf eine für mich so viel versprechende Weise an, daß ich zu den größten Hoffnungen berechtigt war. Die Bewohner der ersten Stadt, die ich betrat, waren nicht allein für die Sache, die ich repräsentierte, sondern auch für meine Person auf eine unerwartete Weise gewonnen. Die Bewegung von hier aus würde, wie ich hoffen durfte, sich schnell über ganz Westfalen verbreiten; eine Proklamation war schon geschrieben, um gedruckt und an allen Straßenecken angeschlagen zu werden. Da erfuhr ich, daß das Armeekorps des Generals Borstel anrückte. Gegen Abend am zweiten Tage kam es an, und ich war plötzlich aus einem Volontäroffizier, der mit wichtigen Aufträgen erschien, in einen bloßen, völlig ohnmächtigen Sekonde-Leutnant verwandelt. Mein ganzes Leben und meine Tätigkeit nahmen von jetzt an einige Monate hindurch eine andere Wendung. Als ich die Ankunft des Generals Borstel dem v. Oppen meldete, erhielt ich den Auftrag, während der noch immer herrschenden Waffenruhe in Westfalen zu bleiben, um dort die Bewaffnung der Landwehr zu beschleunigen. Dieses Geschäft war nun ein völlig ruhiges, nur von mancherlei kleinen Reisen unterbrochen. Endlich erhielt ich nun auch den Befehl, mich zur Armee zu begeben, und ich leugne nicht, daß mir die Trennung von Düsseldorf schwer ward. Bei Deutz setzte ich über den Rhein und blieb einen Tag in Köln. Es war ein ziemlich kalter Januartag, und ich ließ mich nach dem Dome führen, wo ich den ganzen Tag, bis es dunkel ward, zubrachte. Ich ließ mir die Kirche aufschließen und verlor mich ganz in der Größe des Anblicks. Über den Eindruck, den der Dom auf mich machte, fand ich Gelegenheit, mich in der »Gegenwärtigen Zeit« Henrich Steffens: »Die gegenwärtige Zeit und wie sie geworden, mit besonderer Rücksicht auf Deutschland. Zwei Teile, Berlin 1817«: ein geschichtsphilosophisches Werk, das die Entwicklung des deutschen Volkes und seiner beiden größten Staaten als Produkt von germanischer Art und christlicher Gesinnung darstellt. zu äußern. Was man da liest, ward fast ganz, wie es gedruckt ist, unmittelbar nach dem Anblick des Domes in Köln niedergeschrieben; es war nicht der Dom allein, es war die ganze damalige Zeit in allen ihren Richtungen, die mich überwältigte. Als ich in den Chor eintrat, ergriff mich die einfache Größe der Erscheinung, und ich mußte mir gestehen, daß mich jetzt ohne allen Zweifel das erhabenste Menschenwerk umfing. Es war mir in der Tat zumute, als wäre ich der gegenwärtigen Zeit entrückt und in eine lichtere, tiefere, erhabene versetzt, als wäre es den Deutschen gelungen, das verborgene Mysterium aller Künste in ihrer göttlichen Einheit zu offenbaren; eine mannigfaltige Welt wechselnder Gestalten wuchs in die schlanken Säulen hinein, quoll aus diesen hervor, und das mächtige Gewölbe, von den Säulen getragen, dehnte sich zum Himmelsgewölbe einer eigenen Welt aus. Die Gestalten rissen sich von der dunklen Masse los und traten durch blendende Farben mit der Sonne in den beweglichsten Bund, die Orgeltöne schlugen mächtig in diese Zauberwelt hinein, und ich begriff es, wie der Sinn, der so Tiefes und Großes darzustellen vermochte, wie ein geheimes Echo aus der bewegten Brust in Strömen der heiligsten Andacht sich wieder ergoß. Das riesenhaft unvollendete Gebäude Der Kölner Dom, 1248 begonnen, wurde in einer 600 Jahre langen Bauperiode aufgeführt: von 1499 bis 1868 stand nur der südliche der beiden Türme und ebenso nur Teile der heutigen Schiffe. schloß sich an den vollendeten Chor an, und selbst das Unfertige schien als solches von hoher, geheimer Bedeutung; denn es lag als die unbestimmte Zukunft, einer umgekehrten Ruine gleich, durch welche das Rätsel der germanischen Nachwelt, nicht der Fall einer Vorwelt angedeutet wird. So erschien hier die Geschichte in ihrem Strome durch die Zeiten; die Größe der Vergangenheit umfing mich; der gewaltige Eindruck, der mich gefangennahm und festhielt, stellte eine reiche, ja heilige Gegenwart dar, und die Genien einer fernen Zukunft schwebten über den unfertigen Ruinen. Unsichtbar verbargen sie sich Jahrhunderte hindurch in dem riesenhaften Gemäuer; daß sie aus diesem wieder hervortreten und das große Werk der Zukunft als ein lichtes Tagewerk beginnen würden, konnte ich freilich damals nicht ahnen. In Koblenz lernte ich zuerst Görres persönlich kennen. Dieser merkwürdige, geistreiche Mann, der von dem wilden Jakobinismus seiner frühern Jugend bis zu dem starrsten Katholizismus äußerlich wie innerlich so mancherlei tiefe Töne anschlug, er war eben beschäftigt mit einer Zeitschrift, die doch, wenn man sich in die Zeit zurückdenkt, zu den merkwürdigsten gerechnet werden muß, die jemals erschienen. Man kann mit vollem Rechte behaupten, daß vor und nach ihr niemals ein Blatt eine ähnliche Wirkung hervorgerufen hat. Es bildete zu seiner Zeit eine eigene, selbständige Macht und wirkte, nachdem die Feinde aus dem Lande vertrieben waren, wie ein eigenes Heer. Von 1814 bis 1816 gab Görres – der Vorkämpfer im besetzten Rheinland gegen Frankreich und hervorragende Wiedererwecker nationaler Gesinnung – den »Rheinischen Merkur« heraus, die »fünfte Großmacht wider Napoleon«. Ich brachte die wenigen Tage ganz mit ihm zu; verwandte Studien hatten uns miteinander verbunden, und ich gestehe, seine Persönlichkeit war mir auffallend. Ich erwartete nicht, den bis zum Extreme blonden Nordländer in ihm zu finden; er sprach nicht so gewandt, wie seine flammende Feder vermuten ließ, und die wunderliche Welt der schnell entstehenden, schnell verschwindenden, sich stets verwandelnden und sich übereinander wälzenden Bilder, die sich wie im Traume drängten und mit einer wunderbaren Leichtigkeit seiner Feder entflossen, schien doch seine Zunge nicht beherrschen zu können. Ich war überrascht, als er mich tadelte, daß ich den Krieg mitmachte. »Der Gelehrte«, meinte er, »wäre verpflichtet, sich für sein geistiges Werk zu erhalten.« Mir aber ward unsere Verschiedenheit eben durch diese Ansicht klar. Die Feder war seine Waffe, weniger die meinige; als Kind der Anschauung mußte ich redend und kämpfend mich unmittelbar darstellen und mit meiner Person zahlen. Ich verließ Koblenz und ritt durch das Moseltal nach Trier. Hier fand ich den Befehl, vorrückende und zur Armee marschierende Truppen abzuwarten und an diese mich anzuschließen. Es war verboten, allein oder mit wenigen durch das feindliche Land zu ziehen; dem Volke, welches jetzt den eigenen Boden zu verteidigen hatte, war nicht zu trauen, und einzelne oder wenige vereinigt waren schon verschwunden. Ich hielt mich also einige Tage in Trier auf, und hatte mich Köln in die glänzendste Epoche des Mittelalters versetzt, so trat mir hier, wie nirgends in ganz Deutschland, die massenhaft große germanische Römerzeit entgegen. Die römischen Kasernen, noch mehr die Bäder in der Nähe der Stadt, vor allem die kolossale Porta zeigten mir auffallend den Gegensatz zwischen dem noch in seinem Hinsterben riesenhaften Rom und dem blühenden christlichen Mittelalter. Wenn in diesem letztern der Stein sich für ein buntes Leben eröffnete, daß eine eigene bewegte Welt aus den Massen hervorquoll, so begrub sich vielmehr in jenem eine riesenhafte geschichtliche Macht in die Massen, die Gestalten erstarrten in den Quadern, und keine mögliche Ankunft sprach sich aus diesen aus; das vergangene Dasein war auf immer verstummt; der unerbittliche Tod sprach uns in seiner Erstarrung an. Dort in Köln aber war es ein Scheintod, die Pulse stockten, aber wir erwarteten immer, sie wieder schlagen zu hören, wir lauschten auf den erneuerten Atemzug und erwarteten den Augenblick, in welchem die tief schlummernde Gestalt die Augen eröffnen würde. So bedeutungsvoll angeregt, brachte ich etwa eine Woche in Trier zu; bis an die Grenze Deutschlands blieb ich in friedlicher innerer Beschäftigung: da erschien Graf Haak mit einem Regiment Kürassiere, ich schloß mich ihm an, und der Winterfeldzug des Jahres 1814 in Frankreich nahm mich ganz in Anspruch. * Wir standen vor Paris. Die Stellung der Truppen ist mir unbekannt; die Hügel von Pantin und Montmartre verbargen die Stadt ganz; selbst die Blücherschen Korps fochten in der Ferne. Vor uns lagen nun diese Hügel, hinter uns sahen wir den Turm von St. Denis, das Hauptquartier war auf einer weiten Ebene versammelt, und lange vernahm ich von der Schlacht und von den Bewegungen in Paris gar nichts. Ich hatte den Tag vorher in großer Spannung einen beschwerlichen Marsch gehabt, hatte die Nacht schlaflos zugebracht, und als wir hier stundenlang von den Truppen getrennt auf der Wiese hielten, ohne etwas zu erfahren, steigerte sich die Ungeduld bis aufs höchste, stumpfte sich dann in sich selber ab, und mich ergriff in diesem wichtigen Moment eine unwiderstehliche, höchst verdrießliche Schläfrigkeit. Unsere Pferde waren weiter zurückgeblieben. Ich hüllte mich in meinen Mantel ein und verfiel in einen tiefen Schlaf. Als ich erwachte, fand ich mich ganz allein; auf der ganzen weiten Ebene entdeckte ich keinen Menschen, um mich herum fand ich Kanonenkugeln, welche die Erde aufgewühlt hatten; ich wußte nicht, wo ich mich hinbegeben sollte. Es dauerte lange, ehe ich das Hauptquartier wiederfand. Es hatte sich rechts näher an den Montmartre gezogen. Ich vernahm nun, daß die Generäle den Platz verlassen hatten, weil der Feind ihre Gegenwart entdeckt hatte und die Kanonenschüsse immer heftiger wurden. Zwar fand die Kanonade auch früher statt; sie steigerte sich später, vermochte aber meinen Schlaf nicht zu stören. Wäre ich von einer der um mich herliegenden Kugeln getroffen worden, ich glaube, ich wäre schlafend aus der Welt geschieden. Jetzt wurden die Nachrichten von den Fortschritten unserer Armee immer häufiger, die aus andern Berichten hinlänglich bekannten gesteigerten Unruhen in Paris, die erst versuchte und dann wieder aufgegebene Verteidigung der Stadt erscholl immer entschiedener; noch suchten die Franzosen sich auf dem naheliegenden Montmartre zu verteidigen. Es war wieder ein sehr schöner Frühlingsabend; Gneisenau stand, von wenigen Offizieren umgeben, auf der Ebene. Da erschien ein französischer Offizier. Es war Bourgoing, ein Sohn des auch als Schriftsteller bekannten spanisch-französischen Gesandten; er überbrachte die Nachricht von dem geschlossenen Waffenstillstand. Während er seinen Bericht abstattete, schlug eine Granate in unserer Nähe in einen Munitionswagen ein. Die Trainknechte zerhieben eilig die Stränge und entfernten sich im Galopp, Bourgoing sah etwas bedenklich um sich, Gneisenau entfernte sich langsam, die Granate platzte, eine heftige Explosion fand statt, die Trümmer flogen in großen Bogen über unsere Köpfe weg, und Gneisenau setzte das Gespräch mit größter Ruhe fort. Ich erhielt von dem General den Auftrag, den auf dem Abhange des Montmartre fechtenden russischen Truppen die Nachricht von dem abgeschlossenen Waffenstillstande zu überbringen. Da, wo ich den Berg bestieg und die fechtende Avantgarde traf, war dieser mit dichtem Gebüsche bewachsen, und es dauerte einige Zeit, ehe es gelang, die vereinzelten Tirailleurs aus dem Gefechte zurückzurufen. Da aber nun auch die Feinde sich zurückzogen, so hörte der Angriff hier wie auf allen andern Punkten auf, und eine wunderbare Ruhe trat allenthalben ein. Ich bestieg den Berg, die Russen hatten die Stadt eingenommen, und wenige Minuten später erschien Gneisenau. Cuvier Der Baron von Cuvier, 1769-1832, war gleich berühmt als vergleichender Anatom, Zoologe und als Begründer der wissenschaftlichen Paläontologie. Er war der erste, der aus den in den Steinbrüchen des Montmartre gefundenen Resten von Knochen die Skelette ausgestorbener Tiere rekonstruierte, wodurch es gelang, wieder wichtige Schlüsse auf die Entwicklung der Erdoberfläche zu ziehen. Mit Alexander Brongniart zusammen bereiste er das Pariser Becken und veröffentlichte die epochemachende Schrift: » Sur la géographie minéralogique du bassin de Paris «, worin er zuerst die See- und Küstenwasserbildungen zu unterscheiden lehrte. – Cuvier starb als Staatsrat, Sekretär der Akademie der Wissenschaften und Pair von Frankreich. und Brongniart hatten in den letzten Jahren ihre in der Geognosie epochemachenden geognostischen Untersuchungen bekanntgemacht, und ich glaubte mit dem Montmartre, seiner Umgebung und seiner Lage sehr wohl bekannt zu sein. Ich ersuchte den General, mich zum Führer anzunehmen. Daß wir vor Begierde brannten, Paris in seinem ganzen Umkreise zu unsern Füßen liegen zu sehen, war natürlich. Gneisenau, heiter gestimmt, gewährte mir freundlich meine Bitte. Ich führte ihn und seine Umgebung durch eine Straße, die aber gerade vor uns durch Häuser abgesperrt war; »da liegt Paris, das ist entschieden«, sagte ich, als Gneisenau sich an mich wandte und lächelnd ein langsam fragendes »nun« aussprach. Ein großer Torweg lag links vor uns, wir befanden uns auf einem Kirchhofe. Eine niedrige Mauer begrenzte ihn, und vor uns lag in der schönsten Abendbeleuchtung die große Stadt, die wir erobert hatten, und ich stand neben Gneisenau. Ich faltete still die Hände; ein Gebet schwebte stumm auf meinen Lippen, es war der größte, ja der heiligste Moment, den ich erlebt habe; die ganze inhaltschwere Zeit, seit ich in Halle durch Boltenstern, obgleich aus der Ferne, in die erste geheime Verbindung mit Gneisenau trat, die stillen, vertrauten Zusammenkünfte in Breslau, der Ausbruch des Krieges in dieser Stadt mit seiner mächtigen Begeisterung, der ganze Feldzug mit seinen verworrenen Ereignissen und glänzenden Siegen schwebten vor mir. Paris, und mit dieser Stadt der mächtige Riese, der Europa erschüttert hatte, lagen ohnmächtig zu unseren Füßen. Ich sah nichts als die mächtige Stadt, die jahrhundertelang Europa beherrscht, alle herrschenden Gedanken gefangengenommen und gefesselt hatte; bis jetzt konnte sie sich mit Recht die große Stadt, die Hauptstadt der Geschichte und der Kultur der Völker nennen. Ich sah nichts als diese Stadt, und der heiter gestimmte Held, wie er siegreich verklärt dastand, schien mir die edle Gestalt, der Genius des Krieges, uns der rettende, dem gestürzten Riesen der richtende zu sein. Ich blickte noch weiter um mich her und in mich hinein, ich erlebte die Zeit, als ich noch im vorigen Jahrhundert zuerst freudig begeistert mit jugendlicher Hoffnung die deutschen Gaue begrüßte, aber inmitten des freundlichen Genusses das drohende Gewitter erkannte, welches von Ferne aufzog, langsam sich näherte, zerschmetternd unter uns einschlug, – und nun still sich zerstreute und die Sonne und den heitern Himmel uns wiedergab. Der klare, schöne Abend war selbst das treueste Bild des schönen Traumes, der mich gefangenhielt. Ich war in einem Hause mit General Gneisenau einquartiert, und gegen Mittag erschien er mit seiner liebenswürdigen Verlegenheit in meiner Stube; ich sah es ihm an, daß er mir etwas zu sagen hatte, was, wie er befürchtete, mir unangenehm sein würde. Erst sprach er von manchem hin und her, von Szenen aus dem Feldzuge, mit Anerkennung von dem wenigen, was ich geleistet hatte, und suchte mich offenbar in eine heitere Stimmung zu versetzen. Endlich konnte er mir doch das Unangenehme nicht verbergen. »Lieber Steffens«, sagte er, »heute nachmittag findet der feierliche Einzug des Kaisers und des Königs von Preußen in Paris statt; die Truppen, die am wenigsten durch den Feldzug gelitten haben, werden sie begleiten, und die Offiziere erscheinen sämtlich in Paradeuniform.« Ich unterbrach ihn schnell und zwar laut auflachend: »Ich kann«, sagte ich, »freilich nicht dabei sein; zur Parade bin ich nicht eingerichtet.« Ich versicherte ihn, daß ich diesen Übelstand nicht einmal bereuen könnte. Ich würde mich still in Paris einschleichen, um nicht als ein Schmutzfleck der stattlichen Garde zu erscheinen. Einer meiner Freunde aus Schlesien, der jetzige Oberregierungsrat Häckel war mit mir in gleicher Lage; er war lange von uns getrennt gewesen, weil er, vom Nervenfieber ergriffen, irgendwo zurückblieb. In den letzten Tagen des Feldzuges erschien er wieder, trug aber noch immer starke Spuren der langsamen Genesung und war bürgerlich gekleidet. »Wir wollen«, sagte ich, »auf gut Glück nach Paris hineinreiten; ich liebe es, mich in einer großen Stadt zu verirren; ich möchte eine Wette darauf eingehen, wir finden irgendeinen uns bekannten Deutschen, der uns zurechtweist.« Er nahm meinen Vorschlag, der ihm pikant schien, an, und wir warteten den Augenblick ab, als die Generäle, die Offiziere und die Truppen in ihrem Paradeanzuge das Städtchen verlassen hatten. Wir ritten darauf, ohne irgendeine Erkundigung einzuziehen, einen sehr steilen, holprigen Weg nach Faubourg Montmartre hinunter; die Straßen der Vorstadt waren menschenleer, nur hier und da entdeckten wir einzelne Personen, die forteilten, und wir glaubten uns nicht zu irren, wenn wir derselben Richtung folgten. So erreichten wir den Boulevard eben in dem Augenblick, als uns zur Linken in einer ziemlichen Entfernung Kaiser und König mit den Truppen bei den prächtigen Häusern langsam und feierlich vorbeizogen. Eine unübersehbare Menschenmasse war in den Nebenstraßen zusammengedrängt; man hatte Mühe, durch Militär den Platz für die Sieger zu gewinnen; alle Fenster der prachtvollen Wohnungen waren mit jauchzenden Zuschauern besetzt; die Damen in den elegantesten Anzügen; weiße Schnupftücher wehten aus den Fenstern, ein Lilienregen fiel aus allen Stockwerken auf die siegreichen Feinde, Die weiße Lilie ist das Symbol der Bourbonen, die nach der Ära der französischen Revolution und Napoleons mit Ludwig XVIII. wieder auf den Thron kamen. auf der Straße erschienen alle wohlgekleideten Herren mit weißen Kokarden; man sollte glauben, ein siegreiches französisches Heer hätte einen gefährlichen Feind vernichtet und zöge jetzt triumphierend in die Stadt ein: und in diesem Augenblick ging der Held, der den ganzen europäischen Kontinent bezwungen hatte, der erstaunliche Mann, welcher Frankreich zum Herrn aller Völker machen wollte, wie einst Julius Cäsar, von wenigen Truppen begleitet, von den Einwohnern verlassen, seiner Vernichtung entgegen! Ich gestehe es, in diesem Augenblick erschienen mir die Pariser verächtlich. So wurde Napoleon doch noch nirgends in Deutschland empfangen! In Berlin empfing ihn der stille verbissene Ingrimm. Wir eilten stillschweigend über den Boulevard; ich fühlte mich, indem ich mich in die Seele der Pariser hineindachte, wie tief beschämt; ich konnte diesem unwürdigen Schauspiele gegenüber die Freude unseres Triumphes nicht fühlen, und es war mir, als müßte ich, von der Scham der Einwohner durchdrungen, schüchtern in den menschenleeren Straßen des Boulevard mich verbergen. Hier faßte ich mich, erwog alle Verhältnisse und betrachtete das Schauspiel ans einem milderen, gerechteren Gesichtspunkte. Hatten wir doch erklärt, daß wir nur Napoleon, nicht das französische Volk bekämpften; aber jener hatte viele Feinde, und als seine Eroberungssucht immer grenzenloser ward, als er die kampffähige Masse des ganzen Landes in Anspruch nahm und es völlig erschöpfte, wuchs die Zahl seiner Gegner. Viele Tausende hielten sich für überzeugt, daß nur die Rückkehr zur alten Dynastie, zum alten, geschichtlich gesetzmäßigen Anstande das Land retten könnte, und hatten die alte Treue durch alle Greuel der Revolution, bei allem Glanz der Siege der großen Armee unerschütterlich festgehalten. Als Napoleon den Emigranten die Rückkehr erlaubte, benutzten viele Tausende diese Erlaubnis; die alte väterliche Heimat zog sie an, aber sie änderten ihre Gesinnungen nicht. Über alles drückend war ihnen die napoleonische Herrschaft, der Gipfel der ihnen verhaßten Revolution. Diese Franzosen waren jetzt mit uns die Sieger; das Land war in seiner Selbständigkeit gesichert, die verdrängte Dynastie würde, das hoffte man mit Zuversicht, wieder zurückkehren; wie viele hatten für diese, jetzt in Paris versammelt, teils in gefahrvolle Konspirationen verflochten, teils verzweiflungsvoll in der Vendée kämpfend, Im Jahre 1793 hatten sich in der Vendée die royalistischen Landbewohner gegen die Conventsregierung erhoben. das Leben gewagt. Diese durften sich wohl, wie wir, befreit glauben, und sie drängten sich jetzt alle nach dem Boulevard. Die bei weitem größere Zahl der Einwohner, welche die Schmach des Landes, des sonst siegreichen Heeres fühlten, die den jetzt gestürzten Helden mit Teilnahme in seinem letzten, verzweiflungsvollen Kampfe begleiteten, die sich durch den König, von einer fremden Macht ihnen aufgedrungen, tief verletzt fühlen mußten, verbargen sich und ihren Gram in den Häusern; wir fanden die Straßen leer; denn die größere Zahl der Einwohner erschien an diesem Trauertage nicht, während die bei weitem kleinere, leichtsinnig jubelnd, die grauenhafte Niederlage als einen Sieg begrüßend, die nahe Umgegend und die Fenster aller Häuser erfüllte. Ein teilnehmendes Gefühl der Trauer und des Schmerzes erfüllte auch mich, als wir stillschweigend durch die Straßen irrten. Die Richtung, die wir nahmen, war eine durchaus absichtslose; wir hatten aber eben die Gegend und das Théâtre italien erreicht, als ein bescheidener junger Mann uns deutsch anredete. »Darf ich wohl fragen«, sagte er, »ob Professor Steffens der Armee nach Paris gefolgt ist?« »Siehst du«, sagte ich zu meinem Freunde, der doch zu glauben anfing, daß dieses abenteuerliche Hineinreiten in Paris uns in Verlegenheit setzen werde, »daß ich recht hatte?« Der junge Mann war ein Leipziger Kandidat oder Doktor der Medizin, der sich in Paris aufhielt, um unter Cuvier die komparative Anatomie zu studieren. Er folgte uns, verschaffte uns eine wenigstens provisorische Nachtherberge in irgendeinem nahen Hotel und blieb bei uns. Durch den jungen Mann erfuhr ich nun, daß Cuvier seinen Zuhörern erzählte, ich hätte die Wissenschaft und alle Studien aufgegeben und wäre Soldat geworden. Cuvier gehörte zu den ersten, die ich besuchte. Ich ward von ihm mit großer Höflichkeit aufgenommen, und nach einigen Gesprächen bemerkte ich bald, daß er von einer Furcht ergriffen war, die mich in Erstaunen setzte. Zuletzt sprach er sich vollkommen und unumwunden aus. Man glaubte, ich hätte den Auftrag, die Sammlungen im Jardin des plantes zu plündern. »Diese Plünderung«, sagte ich, »wäre der napoleonischen in Rom keineswegs zu vergleichen; dort war es allerdings ein Raub, dessen Gegenstand sonst unter kultivierten Völkern als außerhalb des Krieges und seinen Folgen liegend betrachtet wird, aber es war doch der Staat, den man beraubte: hier aber wäre es, als dränge man, von den siegreichen Fürsten dazu beordert, in Raffaels Künstlerwerkstätte ein und entrisse ihm seine eigenen Werke. Die Schätze der hiesigen Sammlungen sind nicht bloß zufällig zusammengeraffte oder für Geld erstandene, sie sind zugleich, geordnet und zubereitet, wie wir sie finden, Geisteswerke der französischen Naturforscher. Geraten sie durch Raub in fremde Hände, so verlieren sie ihre lebendige Bedeutung; der Räuber ist nicht nur ein sittlich beschimpfter, er würdigt sich auch, will er die Sammlung benützen, zum bloßen Kommentator der französischen Gelehrten herab. So tief sind die deutschen Gelehrten nicht gesunken. Sie werden«, fuhr ich lächelnd fort, »zwar eine Unbequemlichkeit erleben, und in dieser Beziehung möchte ich Sie und die Direktoren der Sammlungen bedauern. Die Zahl der gewöhnlichen Besucher wird über alles Maß zunehmen; nicht allein die Offiziere, eine große Menge der Gemeinen selbst sind gebildete Männer, die den Jardin des plantes und seine durch das Genie der Gelehrten des Landes gehobenen und verklärten Schätze sehr wohl zu würdigen wissen. Sie werden indessen diese Krieger bescheiden, lehrbegierig zwar, aber schüchtern finden, indem sie sich den Männern nähern, die sie hoch achten und verehren.« Cuvier war offenbar beruhigt. In seiner Freude ergriff er die Sammlung der in den Annalen der Akademie einzeln abgedruckten Abhandlungen über die Umgegend von Paris und überreichte sie mir als Geschenk. Er erbot sich, mich, soweit die Zeit es erlaubte, in den Sammlungen für die komparative Anatomie durch einen zusammenhängenden Vortrag zu orientieren. Es war nicht eine bloß leere Versicherung, sondern sein völliger Ernst. Zwar kannte ich noch nicht meine zukünftige Stellung in der Armee, sah aber wohl ein, daß man keine Ansprüche an mich machen, am wenigsten mich in meinen Studien stören würde. Cuvier ruhte nicht, bis Tage und Stunden festgesetzt waren. Ich verdanke diesem großen Forscher sehr viel; sein Vortrag war ungemein klar, die Geduld, die er dem Unkundigen, der ihn oft mit lästigen Fragen unterbrach, zeigte, unerschöpflich. In der Tat war die Menge der Untersuchungen, die durch ihn selbst und durch seine Schüler angestellt wurden und über welche es mir vergönnt war, mir eine allgemeine Übersicht zu erwerben, so unermeßlich, daß das, was gedruckt werden konnte, zu dem mehr oder weniger schon Erforschten sich wie ein Minimum verhielt, und darin lag der große Wert des Unterrichts. Die Kenntnisse, die man sich hier erwarb, konnte man sich durch keine Schriften verschaffen. Was Cuviers ausgezeichneter Freundlichkeit gegen mich einen höheren Wert gab, war, daß meine ganze Unterhaltung mit ihm sowie seine Vorträge in deutscher Sprache stattfanden. Noch lag unser Verhältnis zum französischen Volke unentschieden vor mir. Es war noch in den ersten Tagen. Alle zusammengeraubten Kunstschätze boten sich den Siegern zum Genusse dar, und ich eilte nach den Sammlungen des Louvre. Hier fand ich nun, wie bei Cuvier, Beweise der Angst, welche die Einwohner ergriffen hatte, die aber bereits wieder verschwunden war. Die Versicherungen des Kaisers wie des Königs hatten die Pariser völlig beruhigt. Als ich in den Saal der antiken Statuen trat, erblickte ich die Gruppe des Laokoon, die Statuen des belvederischen Apoll und der Mediceischen Venus eingemauert; diese Mauerumgebungen standen frei in dem großen Saale und man war eben im Begriff, sie zu zerstören. Einzelne Köpfe der Laokoontischen Gruppe traten aus der umhüllenden Steinmasse hervor; der Apoll zeigte nur erst sein Stolz gebietendes Antlitz; die Venus war bis zur Hälfte entblößt, und ich erblickte sie, wie sie nicht den leichten Wellen, sondern den gestaltlosen rohen Massen entstieg. Und hier trat nun der Schluß des Krieges, das Resultat unserer Siege mir, wie so vielen, fast verletzend entgegen. Zwar erwartete, ja wünschte ich eine milde Schonung der überwundenen Feinde in ihrer glänzenden Hauptstadt; zwar würde meine Gesinnung, wäre es in der Verwirrung unserer damaligen Lage möglich gewesen, sie laut zu verkündigen, eben der Milde wegen hart getadelt worden sein; am aller entschiedensten in dem Heere, mit welchem ich in Paris einrückte. Als ich nun aber die Schonung, die ich wünschte, in eine Huldigung verwandelt sah, als die siegreichen Regenten sich selber, als beherrschten sie Barbaren, der Hauptstadt gegenüberstellten; als ich sah, wie diese noch immer als die Hauptstadt der Welt betrachtet wurde: da war es mir, als erblickte ich Attila vor Rom; da ergriff mich eine tiefe Wehmut, die sich bis zum Ingrimm steigerte. Ich sah es, wie unsere Stärke eben in ihrem heiligsten Urgrunde verletzt wurde, deshalb auch gelähmt erschien und sich in knechtische Unterwerfung verkehrte. Hätten die Pariser dieses früher auch nur geahnt, sie hätten recht gehabt, als sie uns jubelnd empfingen. Wie fern lag uns noch der wahre Sieg. Ein Abend in der Großen Oper während der ersten Tage unseres Aufenthaltes war besonders merkwürdig. Es war mir gelungen, einen Platz ganz vorn am Orchester zu erlangen; ich lehnte mich an die Barriere, die dieses von dem Parterre trennte, und sah mit Lust, wie Parterre und Logen des ansehnlichen Amphitheaters sich allmählich füllten. Ich betrat zum erstenmal ein französisches Theater. Der Eindruck war doch mächtig. Ein Gemurmel, welches sich erst in engeren Kreisen, dann in immer größeren vernehmen ließ, überzeugte mich, daß dieser Abend nicht bloß durch die Darstellung einer Oper, sondern auch sonst auf andere Weise höchst interessant werden sollte. Die entgegengesetzten Parteien hatten diesen Abend für Demonstrationen nationaler Gesinnung bestimmt; im Orchester, gerade vor mir, saß Spontini, und vor ihm lagen zu meinem Erstaunen die Noten zu zwei Opern; sie waren beide noch nicht aufgeschlagen, ich konnte die Titel lesen. Die eine Oper war » Le triomphe de Trajan «, die zweite Spontinis »Vestalin«. Ich glaubte hier schon die Vorbereitung zu den beiderseitigen Demonstrationen zu erkennen und irrte mich nicht. Endlich ward die Bewegung immer lauter. Ein Teil des Publikums forderte den Triumph des Trajans, ein anderer die Vestalin. Wie ich später hörte, war die erste Forderung von dem napoleonisch gesinnten Personal der Großen Oper ausgegangen; das Publikum schien geteilt, die entgegengesetzten Forderungen schwankten hin und her und wuchsen bis zur Betäubung. In Tiecks »Gestiefeltem Kater« wird das mitspielende Publikum über das im Stücke aufgeführte Stück zum heftigen Zorn hingerissen; dann erscheint ein Besänftiger; aus der»Zauberflöte« wird die Arie »In diesen heil'gen Hallen kennt man die Rache nicht« usw. gesungen, und das Publikum beruhigt sich nicht allein, sondern bricht auch in heftige Beifallsbezeigungen aus. Diese Szene ward nun durch das zum Drama verwandelte Parterre und durch die mitspielenden Logen hier wiederholt. Das Lied » Vive Henri quatre « aus der »Jagd« ward gespielt; viele Zuhörer stimmten ein, allenthalben ward geklatscht, man glaubte das Publikum beruhigt, der Vorhang ward aufgezogen, die Sänger der Vestalin traten hervor: aber plötzlich erscholl nun ein furchtbares Geschrei, jene mußten sich zurückziehen, der Vorhang fiel, und der Kampf fing auf die nämliche betäubende Weise von neuem an. Jetzt erschienen nun auch Männer in der Königlichen Loge, Leitern wurden hereingebracht und bestiegen, und der Kaiserliche Adler, der über der Loge angebracht war, wurde unter einem fürchterlichen Gemisch von Zischen, Schreien und Beifallsäußerungen abgenommen. Mehr als eine Stunde verging unter dem Wechsel von laut gewordenen entgegengesetzten Forderungen und vorübergehender Besänftigung, wenn man das Lied anstimmte. Endlich, während einer kleinen Pause, rief jemand, daß man eine Deputation an den Kaiser Alexander senden wolle und daß man hoffe, das Publikum würde mit seiner Bestimmung zufrieden sein. Während dieser Zeit schwiegen zwar die Forderungen der entgegengesetzten Parteien, aber fast drohender noch schien die zurückgedrängte Bewegung, und der gedämpfte Laut, der durch so viele tausend heftige, vereinzelte Gespräche entstand, erklang wie das Brausen eines gewaltigen Sturmes, der sich immer drohender näherte. Die an den Kaiser Abgesandten erschienen wieder. Als sie sich über die Loge lehnten und erkannt wurden, entstand plötzlich eine große Stille. Der Kaiser, welcher, wie es schien, eine jede Gelegenheit ergriff, um dem Pariser Volk seine Hochachtung zu bezeigen, ließ antworten, daß er sich in diesen Kampf nicht mischen wolle; eine jede Wahl des ihm schätzbaren Publikums wäre ihm recht. Jetzt erhob sich, da der Kaiser selbst den Kampf zu billigen schien, das Geschrei noch viel wilder. Es gab Augenblicke, wo ich erwartete, daß die Parteien sich wechselseitig körperlich angreifen würden, daß dieses dramatische Vorspiel, welches ohnehin als ein solches viel zu lange gedauert hatte, sich in eine Tragödie von mehreren Akten verwandeln würde. Ich glaubte mich in den Saal des Nibelungenkampfs versetzt und sah schon das vergossene Blut und den gefährlichen tödlichen Ausgang. Währenddessen eilte man ängstlich wieder zum Kaiser. Dieser wählte die Vestalin; das Publikum unterwarf sich dem kaiserlichen Entschluß; das Stück fing an, aber die Mitternachtstunde näherte sich. Es war merkwürdig, wie schnell die aufgeregten Massen beruhigt waren; alle schenkten der Darstellung die größte Aufmerksamkeit. Man hätte glauben sollen, Männer und Frauen zu sehen, die eben die stille ruhige Beschäftigung beseitigt hatten, die ihre Familien mitbrachten, um einen ergötzlichen Abend zu genießen. Selbst zwischen den Akten blieb alles ruhig. Ein großes Ballett folgte nach der Oper, die zahllose Menge der Menschen trennte sich ohne irgendeine bedeutende Aufregung; es war tief in der Nacht, als ich nach Hause kam. Das heftige Vorspiel erschien mir nach der ruhig genossenen Darstellung wie ein wilder Traum. * Durch Deutschland eilte ich nun, obgleich ich mich an einigen Orten ein paar Tage aufhielt, durch meinen Kurierpaß begünstigt, weiter. Ich konnte mich in Heidelberg nicht entschließen, den mürrischen Voß Johann Heinrich Voß lebte seit 1805 in Heidelberg, beschattet von dem literarischen Kampf gegen die Romantiker. aufzusuchen, aber ich verlebte einige sehr schöne Tage mit Paulus. Heinrich Eberhard Gottlob Paulus, 1761-1851, als Theologe Wortführer der rationalistischen Richtung, 1789 als Professor in Jena bereits mit Steffens befreundet, war seit 1811 Dozent an der Universität Heidelberg. Zu Jena, in jener heitern Zeit, war ich oft in seinem Hause gewesen. Seine schon damals als Kind mir höchst interessante Tochter war nun zur blühenden Jungfrau herangewachsen. Auch Thibaut, Anton Friedrich Justus Thibaut, 1772-1840, 1802 Rechtslehrer an der Universität Jena, 1806 in Heidelberg; »Über die Notwendigkeit des allgemeinen bürgerlichen Rechts für Deutschland«. mein Jugendfreund aus Kiel, und seine Frau, die Tochter des Professors Ehlers, nahmen mich mit jener herzlichen Freude auf, mit welcher man Menschen entgegenkommt, die uns an eine heitere jugendliche Zeit erinnern. Thibauts großer Ruf als Jurist war schon begründet; und wir erinnerten uns an die schöne Aussicht, die leider nicht erfüllt wurde, als Kollegen in Halle zusammenzuleben. Er hatte, als ich nach Halle berufen ward, ebenfalls einen Ruf dahin erhalten, machte aber, was ich auch nicht billigen konnte, zu viele Forderungen und Schwierigkeiten, so daß die Unterhandlungen abgebrochen wurden. Thibaut hatte seine Neigung zur Musik, die ich aus unserem früheren Zusammenleben schon kannte, festgehalten. Der musikalische Hauskreis, der später so berühmt wurde, Thibaut veröffentlichte ein Werk: »Über Reinheit der Tonkunst.« fing schon an sich zu bilden, und ich verlebte einen sehr anmutigen musikalischen Abend, der mir doppelt lieb war, da ich einen solchen, seit ich Breslau verließ, völlig hatte entbehren müssen. Die Tage brachte ich nun mit Freunden in Deutschlands reizendster Gegend zu; ich war mit Thibaut und seiner Familie fast einen ganzen Tag auf dem schönen Schloßberg in der schönsten Jahreszeit. Mir war es, als begrüßte mich Deutschlands lieblicher Genius; die früheste Zeit meines Lebens unter Deutschen in Kiel verband sich mit der letzten, die ich erlebte; das Gefühl eines tiefen Friedens, wie es sich aus der heiteren Gegend und aus den freundlichen Menschen in meiner Nähe aussprach, umfing mich; meine eigene Familie, die ich in wenig Tagen sehen sollte, begrüßte mich; das durchlebte Jahr schwebte mir wie ein dunkler Traum vor, und ich feierte den Frieden wie einen Frühlingstag einer freundlichen Zukunft, von der schönsten Natur getragen, durch treue Freundschaft erheitert. Nichts störte die wunderbare Windstille, die keine Ahnung zukünftiger Stürme aufkommen ließ. Ich eilte durch das Neckartal nach Würzburg; hier brachte ich einen Tag mit einem Arzt, Herrn v. Schellhammer zu, den ich bei meinem ersten Aufenthalt in Berlin kennengelernt hatte. Das in meiner Jugend mir so wichtig gewordene Bamberg und an diesem Arte Marcus Berühmter Arzt und Vertreter der Brownschen Theorie. begrüßten mich. Man wird sich erinnern, daß ich in früheren Jahren in Jena, aus einer einseitigen Laune, die mich beherrschte, Jean Paul, der damals sich in Weimar aufhielt, absichtlich vermied: jetzt beschloß ich, ihn aufzusuchen. Als er einen preußischen Offizier bei sich eintreten sah, schien er etwas überrascht; als ich mich aber nannte, empfing er mich auf seine enthusiastische Weise. In seinem Hause blieb ich einige Stunden, und diese waren kaum verflossen, als wir so vertraut waren, als hätten wir Jahre miteinander verlebt. Seine geistreiche Frau war ebenso offen und mitteilsam wie er. Er trat mir völlig so entgegen, wie ich ihn mir dachte, nur seine Gestalt überraschte. Man hätte hier eher einen magern blassen Menschen erwartet als den wohlbeleibten Herrn, der doch einem Brauer oder Bäcker zu ähnlich sah. Jean Paul ist als eine vollkommen eigentümliche Natur trotz seiner Bizarrerie doch in der deutschen Literatur unsterblich, und treffender ist nichts über ihn gesagt, als was die Xenie enthielt, die man als das bleibende Motto seines literarischen Lebens betrachten kann: »Hieltest du deinen Reichtum nur halb so zu Rate, wie jener Seine Armut, du wär'st unsrer Bewunderung wert.« Aus Goethe-Schillers Xenienalmanach; der zum Vergleich Herangezogene ist der »prosaische Reimer« Wieland. Wir verließen die Frau, und er führte mich nach einem Kasino, wo wir die angeseheneren Männer der Stadt versammelt fanden. Die Rolle, die ich im Kriege spielte, hatte doch einige Aufmerksamkeit erregt; man drängte sich um mich. Ich war etwas ermüdet und zog mich aus dem Gedränge zurück. Aber damit war mir freilich wenig geholfen. Jean Paul war am wenigsten liebenswürdig, wenn er sich in einen philosophischen Streit einließ. Seine ganze Philosophie bestand aus einer Reihe von fixen Ideen, die er mit großer Hartnäckigkeit verteidigte. Er hatte sich Herder zum spekulativen Abgott ausersehen, und obgleich ich selbst die vielfachen Verdienste dieses Schriftstellers schätzte, so enthielt doch seine Philosophie eine so in die Quere gezogene Ansicht, daß sie, von einem zweiten willkürlich aufgenommen und noch mehr verzerrt, völlig unausstehlich werden mußte. Da hier an ein Zurechtstellen gar nicht zu denken war, so verhielt ich mich völlig leidend. Der Monolog fing an, mich zu ergötzen. Wenn er erschöpft schien, reizte ich ihn durch irgendeinen Einwurf, und er sprach dann im unaufhaltsamen Fluß weiter; es war aber merkwürdig, wie aus dem zähen Strome, der sich fortwälzte, manchmal reizende Genien unerwartet auftauchten, sich leicht schwebend anmutig bewegten, dann plötzlich in den Strom untertauchten und unsichtbar fortgewälzt wurden. Wir verließen den Klub, und Jean Paul brachte den Abend mit mir in meinem Gasthofe zu und verließ mich erst, als ich nach Mitternacht meinen stoßenden Kurierwagen bestieg. Er hinterließ mir doch das Bild eines geistig bedeutenden Mannes. Ich begriff indessen wohl, daß er, worüber mehrere meiner Freunde, die mit ihm jahrelang zusammenlebten, klagten, beschwerlich werden konnte. Ich hatte ihn, ich gestehe es, liebgewonnen und freute mich, seine Bekanntschaft gemacht zu haben. * Die deutsche Jugend hatte für ihr Vaterland gekämpft, aber dieses war nicht ein in sich geordnetes, der Staat nicht ein kraftvoll bewegtes Ganzes, so daß er aus seiner innersten Einheit einen mächtigen Widerstand entwickelte und, nachdem er das Widerstreitende vernichtet hatte, sich gesund und erfrischt in das ursprüngliche Leben zurückzog. Ein anderes Deutschland, so mußte ein jeder glauben, nicht das frühere, welches verschwunden war, solle sich aus dem Kampfe entwickeln und gestalten. Die Jugend war nicht ohne höhere Aufforderung in den Kampf gegangen; der Krieg war ein gemeinschaftlicher aller Deutschen. »Wo ist nun«, fragte man, » das Deutschland, dem der gemeinschaftliche Kampf galt?« Dasjenige, wofür man sein Leben wagt, erfüllt uns eben durch eine positive Realität; wenn es auch früher mehr als ein Ersehntes denn als ein Wirkliches da war, so tritt es doch, und zwar notwendig, nach dem Kampfe als eine Macht hervor; und zwar als eine politische, die sich nicht abweisen läßt. Alle jungen Krieger, und zwar die vorzüglichsten, durch Geist und Kraft am meisten ausgezeichneten, wurden notwendig Politiker. »Wo ist das Deutschland«, fragten sie, »für welches zu kämpfen wir aufgefordert wurden? Es lebt in unserm Innern. Zeigt uns, wo wir es finden, oder wir sind genötigt, es selbst zu suchen.« Leider war jene alte ehemalige Behandlung des Volks, wenn man es benutzen will, bei den Regierenden noch nicht verschwunden. Man rief Erwartungen hervor, die man nicht zu erfüllen beabsichtigte, und unterstützte, nährte eine regellose Gesinnung, die man zwar nicht unterdrücken, aber ordnen und beherrschen sollte. Wie im Feldzuge aller Augen auf den Kampfplatz gerichtet waren, so lebte ein jeder jetzt in Wien, wo der Kongreß das zukünftige Schicksal Deutschlands wie Europas beriet. Wir waren noch wie in einem halben Kriegszustande; die großen Heere, nicht bloß unsere eigenen, sondern auch die russischen, kehrten langsam zurück, und alle Gemüter waren in heftiger Bewegung. Wie natürlich, ja notwendig folgte aus diesen Verhältnissen eine Aufregung der Jugend; sie war es sich bewußt, daß sie selbst dazu beigetragen hatte, Deutschland den Sieg zu erringen, der die ruhige Beratung möglich machte. Die öffentliche Stimme überschätzte ihre Teilnahme an dem Siege. Da erschien Napoleon wieder. Es war doch eine erstaunliche Tat, als fast ganz Frankreich sich wieder erhob, die ihm aufgedrungene Dynastie wie ein vorübergehender Traum verschwand und der, wie man glaubte, völlig vernichtete Held den ruhig beratenden Regenten gegenüber drohend wieder erschien. Es ist nicht zu leugnen, daß das Ansehen des Kongresses in den Augen des Volkes erschüttert wurde, und wäre dem Napoleon Frankreich entgegengetreten wie bei seiner Rückkehr aus Ägypten, hätte man sich ihm völlig hingegeben wie damals, kaum wäre der zweite Kampf gegen ihn so kurz, kaum der zweite Sieg so schnell errungen gewesen. Obgleich aber alles ihm zuströmte, so war die Hingebung doch keinesweges unbedingt. Frankreich glaubte einen Augenblick erlebt zu haben, wo es die Freiheit der Revolution wieder erlangen könnte, ohne den Irrtümern derselben zu unterliegen; und während das Volk die kühne Tat des Helden bewunderte, schlich sich der Gedanke ein, daß, wenn es ihn brauchte, er doch auch jetzt die Unterstützung des Volkes nicht entbehren könnte. Man legte ihm Forderungen vor, die er nicht abweisen durfte. Man wollte zwar durch ihn siegreich dem bewaffneten Europa gegenübertreten, aber die bedeutendsten Männer wollten dann den Sieger selbst beherrschen. So war seine ganze Lage zweifelhaft und beengt. Wie ganz anders erschien dieses unerwartete Ereignis in Deutschland. Zwar lauerte auch hier eine Stimme, die für die Zukunft drohend werden konnte. Jetzt verstummte sie ganz. Napoleon war besiegt, und noch war der Jubel des Sieges nicht verklungen. Mit der Zuversicht des siegreichen Kampfes versammelte man sich schnell, und in Deutschland erneuerten sich die Tage des Februars des vorigen Jahres. Eine jede Bedenklichkeit verschwand, jeder keimende Wunsch verstummte, und die Jugend eilte wie früher dem erneuerten Kampfe entgegen. Ich glaubte zwar, das Anerbieten, an dem Kriege wieder teilzunehmen, erneuern zu müssen, sah aber wohl voraus, daß es der König nicht annehmen werde. Ich erhielt denn auch eine gnädige Antwort, in welcher es hieß: daß die Gefahr jetzt nicht so drohend schiene wie früher; man dürfe jetzt nicht einen Lehrer von seinem Lehrstuhl entfernen. Indessen ward ich dennoch auf eine Weise in Tätigkeit gesetzt, die mich an die frühere Zeit einigermaßen erinnerte. Zwar war die Stadt nicht auf eine solche Weise aufgeregt als damals, da der König in unserer Mitte war und ganz Preußen sich in Breslau konzentrierte. Um die Beiträge zur Ausrüstung der Freiwilligen zusammenzubringen, mußte man schon seine Zuflucht zu denjenigen Mitteln nehmen, die gewöhnlich in den Friedenszeiten benutzt werden. Der Weimarer Sänger Ehlers, der damals in seiner Blüte war, gab ein Konzert zum Besten der bedürftigen Freiwilligen. Ich kann nicht ohne Wehmut an diese Zeit denken, wenn ich mich seiner traurigen Lage in seinem Alter erinnere. Er wandte sich noch vor wenigen Jahren an mich, und ich vermochte nicht, etwas für ihn auszurichten. Die Gräfin Schaffgotsch hatte die Güte, Ehlers und mich zu unterstützen. Es erschien eine öffentliche Aufforderung, an dem Konzerte teilzunehmen, und die Summe, die zusammen kam, war sehr bedeutend. Viele benutzten die Gelegenheit, um ansehnliche Beiträge zu geben; die Gräfin entschloß sich, mit mir an der Kasse zu sitzen. Ich muß hierbei doch eines Ereignisses gedenken, welches die erste und am höchsten gestellte Dame Schlesiens in eine ihr unerwartete Lage versetzte. Russische Truppen, die kaum die Grenzen ihres Landes erreicht hatten, kehrten zurück, und ein russischer General war mit seinem Korps am Tage des Konzerts in Breslau eingerückt. Die Aula der Universität war ganz gefüllt, als ein Adjutant erschien und für seinen General auf eine gebieterische Weise einen der ersten Plätze forderte. Ich sah es der Gräfin an, in welche Verlegenheit sie geriet, als ihr der trotzige Russe gegenüberstand. Ich nahm das Wort und suchte auf eine höfliche Weise, ihm die Lage deutlich zu machen; die Absicht des Konzerts ward ihm mitgeteilt, und wie die angesehensten Einwohner der großen Stadt mit bedeutenden Beiträgen die Plätze, die sie einnahmen, erworben hätten. Der Adjutant entfernte sich zornig. Kurz darauf erschien der General selbst, offenbar sehr aufgeregt, stellte sich uns gegenüber und forderte gebieterisch einen Platz, wie er sich für ihn und seinen Rang gezieme. Ich gestehe, ich hatte Mühe, meinen Zorn zu unterdrücken. Der General bot für seinen Platz nur den gewöhnlichen Beitrag. Endlich stand ich auf und sagte: »Exzellenz, ich habe nur über einen Platz zu gebieten, der Ihnen wahrscheinlich anständig sein wird«, und ersuchte ihn, mir zu folgen. Wir gingen durch den gefüllten Saal, wo wir uns nur mit Mühe durchdrängen konnten, bis ich den Platz erreichte, den meine Frau einnahm. »Frau«, sagte ich, »du wirst deinen Platz räumen müssen, der Herr General wünscht ihn einzunehmen.« Jetzt schien ihm erst ein Licht über das Verhältnis aufzugehen; er entschuldigte sich und zog sich willig zurück, um in dem großen Gedränge einen Platz zu finden. Einige Ähnlichkeit hatte nun zwar mein Geschäft mit dem früheren, aber wie ganz anders erschien jetzt alles. Ich war ein ruhiger Bürger, der von seiner stillen Stube auf die Berichte lauerte; und als nun das Gerücht von der Schlacht bei Ligny, von Blüchers persönlicher Gefahr erscholl, als der klassische Bericht von dem Siege bei Belle Alliance zu uns gelangte; – es ist einer der meisterhaftesten Kriegsberichte der neueren Zeit, aus Gneisenaus Feder geflossen; – als die Kirchen zum feierlichen Gottesdienst eröffnet wurden, als auf allen Straßen sich das jubelnde Volk bewegte, war auch ich zum Dank und lebhafter Freude gestimmt: aber dennoch schlich sich, ich darf es nicht leugnen, ein drückendes Gefühl in meine Seele. Wie glücklich wäre ich gewesen, wenn ich an den Gefahren und an dem Siege dieser Tage hätte teilnehmen dürfen. Leben nach dem Kriege als Gelehrter und Schriftsteller in Breslau und Berlin Ich hatte die Einsicht erlangt, daß die Naturphilosophie eine eigene selbständige Wissenschaft sei, die sich in sich selber ausbilden müsse, abhängig und doch zugleich unabhängig von aller sinnlichen Forschung. So würde ohne die sinnliche Anschauung auch die notwendige Form der Auffassung derselben als Mathematik nie da sein, und dennoch bildete sich diese, so wie sie da ist, in innerer selbständiger Form aus, unabhängig von jeder sinnlichen Anschauung. Nun ist ebenso eine günstige Auffassung, Wahrnehmung, wenn man will, Erfahrung des Naturlebens eine nie abzuweisende Voraussetzung einer jeden möglichen Naturphilosophie. Beide, jede geistige Erfahrung und ihre Form, verhalten sich nicht etwa so, daß man die erste die Ursache, die zweite die Wirkung nennen darf; sie sind vielmehr beide in- und miteinander. Diese geistige Erfahrung dämmert in einer jeden gewissenhaften Forschung und sucht ihre Form, so wie ja auch in einer jeden der sinnlichen Anschauung ganz unterworfenen Forschung ein mathematisches Verhältnis dämmert, welches nur langsam reif wird und sich zu einem festen Gesetz zu steigern vermag. Meine Absicht war nun nicht, mich in das Detail sinnlicher Naturforschung zu vertiefen, vielmehr in der fortschreitenden Wissenschaft auf die geistigen Momente zu lauschen, die allmählich hervortraten und ein gemeinschaftliches Verständnis suchten. Man hat mir es seltsamerweise vorgeworfen, daß ich mich fähig glaubte, in allen Fächern der unendlich reichen Naturwissenschaft ein Meister zu sein oder zu werden. Man könnte auf diese Weise auch den Mathematiker beschuldigen, daß er mit dem Virtuosen in der beobachtenden Astronomie, in der Experimentalphysik, in der Chemie, in der physikalischen Geographie, ja in einer jeden Richtung der Naturforschung und des menschlichen Lebens, insofern die erworbene Erfahrung für die mathematische Bestimmung reif wird, zu wetteifern und ihnen den Rang abzulaufen strebe. Ich bin in allen Fächern der Naturwissenschaft der immer lauschende, aufmerksame, lernbegierige und, ich darf es sagen, dankbare und seine Lehrer verehrende Schüler gewesen, und jetzt, da die äußeren Verhältnisse des Landes mir zukünftige Ruhe und Muße versprachen, wagte ich es zu hoffen, daß ich auf die wahre hohe Schule der fortschreitenden Naturwissenschaft, nach Berlin, versetzt werden sollte. Ich hatte schon einige 40 Jahre zurückgelegt, es war die höchste Zeit. Aber man wollte mich nicht; denn ich war schon dem Greisenalter nahe, als ich nach Berlin berufen wurde, Erst im April des Jahres 1832 wurde Steffens durch Verwendung des damaligen Kronprinzen Friedrich Wilhelm IV. nach Berlin berufen. Man glaube nicht, daß ich mit meiner Stellung zu den Naturforschern unbekannt bin. Die Naturforscher wollen keine Philosophie, sie leugnen ganz entschieden die Steigerung der Naturforschung zur Spekulation, und selbst wenn eine jugendliche Ahnung sie, wie sie meinen, in dieser Rücksicht täuschte, weisen sie diese ab, wenn sie von der unaufhaltsam fortschreitenden Arbeit ergriffen werden; diese wird immer vereinzelter, bestimmter, und die lohnende Hoffnung neuer Entdeckungen ist so anziehend, daß sie den reiferen Mann ganz in Anspruch nimmt. Aber der absolute abstrakte Philosoph will ebensowenig die Naturforschung; man hört ihn zuweilen mit einiger Herablassung versichern: die Naturforscher suchen doch eigentlich auch, indem sie dem Gesetzlichen nachforschen, ein vernünftiges Erkennen; aber das vornehme Kopfnicken, dieser Gruß aus der Ferne und von der Höhe herab kann freilich kein vertrauliches Gespräch einleiten. Schelling hatte zwar den nicht mehr zu verdrängenden Grund zur Naturphilosophie gelegt, aber er schwieg und bewegte sich später in einer anderen Richtung, die freilich lohnender war und von seinem großen Geiste gewaltiger beherrscht werden konnte. Viele der Jüngeren waren berühmte Zoologen, Botaniker, Mineralogen und Geognosten geworden, und wenn die Spekulation der Jugend sich hervorwagte, so erschien doch nur ein völlig abstraktes, formelles Netz, in welchem man die Natur einfangen wollte; nicht der lebendige Geist, der von innen heraus mächtig hervorquillt und sich selber zu fassen strebt. Ich kann nicht behaupten, daß ich ihm, wie man zu sagen pflegt, Treue geschworen hätte, denn er beherrschte mich ganz; man kann nicht von Treue sprechen, wo eine Trennung unmöglich ist. * Während ich um mich her das wilde Geschrei nach einer Freiheit hörte, die für mich keinen Sinn hatte, während man laut nach Gleichheit schrie, da, wo ich eine reiche Mannigfaltigkeit verschiedener Formen suchte, während man, wütend aufgeregt, Rechte forderte, die einen jeden den andern feindlich gegenüberstellten, da ich mich nach Liebe sehnte, die nur in wechselseitiger Hingebung gedeiht, fing ich an, meiner Jugend Träume zu begreifen. Die stille Neigung, die das Kind schon einsam in die Natur hineinzog, das wunderbar reiche Gespräch, welches unbegriffen und doch verstanden, wie das Flüstern der Blätter in dem mächtigen Walde, mich ergriff, hatte seine höchste Deutung erhalten. Wie nennst du, fragte ich, jenes weissagende Prinzip, welches eine geordnete lebendige Zukunft in sich trägt? Es war mir, als schwebte meine Kindheit vor mir, als hatte ich das Wort erkannt und könnte es nicht wiederfinden, als hatte die herrliche Mutter mir es ins Ohr geflüstert, als hätte ich es ganz leise dicht an dem Ohr vernommen, aber als klänge es jetzt mächtig und laut aus meinem Innersten wieder hervor; es war der Glaube des Kindes. Damals, leise vernommen, erhielt es innerlich eine große Kraft; jetzt trat es mir laut verkündigend entgegen: aber das innere Echo hallte von dem erstarrten Gebirge zurück und vermochte nicht, es in Bewegung zu setzen. In meiner Kindheit begriff man nicht, wie das laute, leidenschaftlich bewegte Kind zugleich ganz in unklarem Sinnen verloren die stille Einsamkeit suchte: jetzt stand, was damals unbegriffen dennoch ein ganzes Leben als sein inneres Selbstverständnis in Anspruch nahm, mit seinem ganzen Reichtum und Klarheit vor mir: ich erkannte es. Mich durchdrang eine wunderbare Freude, wenn ich es erforschte; der Schatz bot sich mir selber an, und dennoch vermochte ich nicht, mir ihn anzueignen. Ich sah es, ich erlebte es, es fing ein Wendepunkt in meinem ganzen Dasein an; ich hörte eine Stimme, die mir zurief: Du sollst wieder Kind werden! Ich hörte sie, aber sie hatte keine Macht über mich. Nur wo sie mir, wie die Pflanzen und Tiere in meiner Kindheit, als ein anderes, als ein Fremdes, als eine liebliche Natur entgegentrat, zog sie mich an, daß ich von ihr nicht lassen konnte. Diesen Zustand meiner innern Entwicklung, wie er mich in meiner Kindheit und Jugend bewegte, habe ich aus früheren Epochen meines Lebens anzudeuten gesucht. Das Hauptresultat meiner Ansicht, insofern diese meine Lehre formte, war nun folgendes: der Staat könne nicht in der Zeit als Staat entstehen; was nicht den Keim einer lebendigen Organisation in sich trage, könne einen solchen auch niemals aus irgendeiner Einrichtung erhalten. Diesen organischen und organisierenden Keim müsse man im ganzen Staate und in einem jeden Bürger desselben vorfinden, und damit der Staat sich entwickele, müsse er schon von vornherein als ein im ganzen und auch in jedem Punkte Lebendiges betrachtet werden. Der Staat, davon hatte ich mich überzeugt, sei durch das tierische Leben vorgebildet; wie in dem Embryo alle Organe schon da sind und sich in- und miteinander entwickeln und keines hinzugefügt werden kann von außen her: so ist auch mit dem Keime, wo dieser sich als ein lebendiger Staat verwirklichen soll, niemals ein bloß allgemeines, welches so oder so sich formen läßt, vielmehr jederzeit mit dem Staate die bestimmte Form desselben gegeben. Dieser Staat ist also ein bestimmt gestalteter und ebenso wie durch das tierische Leben, so auch durch das vegetative vorgebildet, insofern es nämlich in der Zeit die verschiedenen Stadien der Entwicklung durchlauft. Zwar hängt das Gedeihen des Staats, wie das Gedeihen des wachsenden Lebens überhaupt, von Verhältnissen ab, die außer ihm zu liegen scheinen, und der Staat ist insofern durch die zahmen Tiere und Pflanzen vorgebildet, die wir vorzugsweise die kulturfähigen zu nennen pflegen: diese Tiere und Pflanzen aber sind solche, die zu einem bestimmten geschichtlichen Zweck vervielfältigt und in ihrer bestimmten Form gefördert werden sollen. So wie es nun unmöglich ist, eine Tierheit oder Pflanzlichkeit überhaupt, die sich willkürlich gestalten ließe, zugrunde zu legen, vielmehr die Tierheit so wie die Pflanzlichkeit sich schon in wirklichen Tieren und Pflanzen, Ochsen, Schafen, Pferden bis zu den Hunden herab, in Getreidearten, Gemüsen, Waldbäumen, die ihre unabänderliche Form haben, darstellen, über welche wir nichts vermögen: so sind ebenso entschieden die bestimmten kulturfähigen Momente des Staats gegeben; diese nenne ich die Bürger; und weil hier eine jede Person die nämliche Bedeutung hat, die wir bei der Gattung der Tiere und Pflanzen vorfinden, so beruht eine jede Entwickelung des Staates darauf, daß wir die Persönlichkeit der Bürger erstens erkennen, dann, wie wir sie eben erkannt haben, pflegen. Der Mensch ist, wie das Tier, ein sinnliches Wesen. Die Form seiner Sinnlichkeit ist bedingt durch eine unabänderliche Gestaltung seines Leibes; keiner kann den sinnlichen Verstand der Menschen auf eine andere Gestalt übertragen. So ist eine ganz unabänderliche Gestalt die notwendige Trägerin der menschlichen Freiheit, des Verstandes sowie der Sittlichkeit. Was dieses Unabänderliche entwickelt, offenbart die Freiheit, ja sie setzt die Gestalt in freie Tätigkeit, und wenn wir willkürlich über die Gestalt gebieten wollen, werden wir in Knechte verwandelt, wie eine jede sinnliche Ausschweifung, ein jedes unregelmäßige Dasein uns beweist. Wir sind nur geistig frei, insofern die Natur und ihre Gewalt von uns unbedingt anerkannt wird. Mens sana in corpore sano . Nun ist die Frage diese: ist der Mensch, geistig betrachtet, nur als Gattung da wie die Tiere und Pflanzen? so daß wir, wie bei diesen, nur auf die Gattung zu sehen und die nämliche Form unter die nämlichen Bedingungen der Pflege zu stellen haben, damit sie gedeihen? Also, wie der Kosmopolit, wenn er jener abstrakten Ansicht huldigt, behaupten müßte, daß eine allgemeine Menschheit an die Stelle der organischen Einheit aller Menschen, oder wie der Volkstümliche, von demselben Standpunkt aus, behaupten müßte, daß eine allgemeine Deutschheit an die Stelle der organischen Einheit aller Deutschen zu setzen sei? Nun ist allerdings unsere Behauptung diese, daß ein jedes menschliche Individuum seine unüberwindliche Gestaltung habe, daß diese, eine geistige und geschichtliche eines jeden Menschen, aber sein Heiligstes sei, das Pfund der Heiligen Schrift, das, wozu er nicht von Menschen, auch nicht durch sich selber, sondern von Gott berufen ist. Diese Gabe kann er willkürlich gebrauchen und mißbrauchen, den Staat fördern oder unterdrücken, wie der Gärtner die bestimmte Pflanze, die seiner Obhut übertragen ist; ihre Form kann er aber niemals ändern. Da nun der Mensch, als Individuum in den Staat gesetzt, zugleich sein eigener Pfleger ist, so findet er in sich, und zwar ein jeder, je reiner er sich prüft, ein ihm Anvertrautes, welches, seiner innersten Natur nach, nicht entstanden ist in den Erscheinungen der sinnlichen Welt, nicht bedingt ist durch Natur oder geschichtliche Verhältnisse. Allerdings kommt diese bestimmte Gabe, dieser lebendige Keim nur in einer durch die göttliche Leitung der Geschichte bedingten Umgebung zum Vorschein, und sie würde gar nicht erscheinen können, wenn sie nicht von dieser genau so geordneten Natur, von dieser so geordneten Geschichte getragen würde; daß du lebst in diesem südlichen oder nördlichen Lande, daß du geboren und erzogen bist in einer armen oder reichen, vornehmen oder geringen Familie, daß du zur bestimmten Tätigkeit berufen bist, in diesem oder jenem gebildeten oder rohen Staate, hängt ebensowenig von dir ab wie dein göttlicher Beruf: aber dieser letztere ist nicht dazu da, daß er sich in der Unbestimmtheit der Umgebung verlieren soll, vielmehr dazu, seine eigenste Gestalt, sein inneres, besonderes Dasein zu behaupten. Nun behaupte ich: das Wesen eines Staates ist eben dieses, daß ein Volk in und mit der freien Gestaltung aller seiner Bürger sich entwickelt. Allerdings hängt diese Entwicklung nicht ab von dem Gutdünken des Menschen, sie steht in einer höhern Hand; und wie zuviel Trockenheit oder Feuchtigkeit, zuviel Kälte oder Wärme den Pflanzenwuchs hemmt und selbst, als zehrende Insektenwelt, die unbändige Begierde auf lange Zeit den Samen der Zukunft zu vernichten scheint: so trifft der strafende Gott Völker und Fürsten, daß sie in der eigenen Verwirrung zugrunde gehen. Aber selbst dieser Untergang ist nur scheinbar. Auf den durch Ungewitter verwüsteten Feldern scheint jeder Keim für die Zukunft verloren, in dem zerrütteten Staate jede Hoffnung verschwunden; aber wie dort hier und da ein einzelnes Samenkorn sich dem drohenden Verhängnis entzieht, wie hier und da ein Keim unbemerkt die ersten Stufen der Entwicklung trägt: so bewahrt in stiller Zurückgezogenheit, ja selbst in scheinbarem Untergange der Mann, der seinen Beruf erkannte, nicht bloß in der harten Verschlossenheit des Samens, sondern auch in der unbemerkten Entwicklung der Familie die lebendige Zukunft des Staates; und dieses gilt, wie in der verwüsteten Gegend von einer jeden Pflanzenform, mag sie als mächtiger Baum oder als unscheinbarer Grashalm gestaltet sein, so von dem geringsten Bürger sowohl als von dem Mächtigen und Großen, ja von dem Fürsten. Wenn daher eine freudige Zeit in der Geschichte hervortritt, so tritt auch der Staat, an seine Vergangenheit geknüpft, in seiner früheren Entwicklung wieder hervor, wie die verwüstete Gegend sich mit allerlei Gewächs bedeckt. Nur daß in der Geschichte alle Gestalten eine Gesamtgestalt darstellen, von einer gemeinsamen Entwicklung ergriffen, die bestimmt ist, die sich offenbarende, leitende Liebe Gottes immer herrlicher zu enthüllen. So bewahrt allerdings ein jeder Mensch die Stätte der göttlichen Freiheit in seinem Innersten, in seinem Beruf; und nachdem ich das Gedeihen derselben erkannt hatte, da, wo in einer innern Einfachheit des Lebens, in der Tätigkeit des Mannes, der die unwandelbaren Keime des Berufs in sich trug, in der Entwicklung der stillen Familien, die im Einklange mit den gegebenen Verhältnissen, nicht gestört durch die Verwirrung der Zeit, sich anmutig vor meinen Augen darstellte, hatte sich der stille Naturgenuß meiner Kindheit und Jugend, die Idylle meines frühern Lebens zur Geschichte gesteigert, und meine frische zuversichtliche Hoffnung begrüßte den Frühling jetzt wie damals, hier wie dort. So war mir der Staat eine höhere Natur geworden, eine in sich geschlossene Organisation, deren zukünftige höhere Reife in und mit anderen lebendigen Staaten mir als göttlicher Zweck vorschwebte. Im Jahre 1817 unternahm Steffens eine Reise nach Karlsbad; die Zahl der Badegäste aus Preußen war groß: auch der König weilte gerade unter ihnen. Die Reise ging weiter nach Landshut; hierher war seit dem Jahre 1800 die niederbayrische Landesuniversität von Ingolstadt aus verlegt worden, bis sie im Jahre 1826 nach München kam. Aber eine für mich höchst wichtige Bekanntschaft, die bei meiner damaligen Stimmung geeignet war, ein wichtiges Moment in der Entwicklung meines Lebens zu bilden, machte mir den kurzen Aufenthalt von wenigen Tagen in Landshut auf immer unvergeßlich. Ich lernte hier den theologischen Professor, später Bischof in Regensburg, Sailer, kennen. Seine Übersetzung von Thomas a Kempis Nachfolge Christi, war mir schon seit längerer Zeit in meinen besten Stunden ein teures Buch geworden. Wir schlossen uns innig aneinander; er verleugnete seine Gesinnung nicht, aber er drängte sich nie auf. Was mich zum Katholiken machte, wenn ich mit ihm sprach, machte ihn in meinen Augen zum Protestanten, und nie trat mir die Einheit des Christentums in allen seinen Formen inniger, tiefer entgegen; seine offene, unbefangene Freundlichkeit übte eine recht eigentliche religiöse Gewalt über mich aus, und mir war es, wenn ich ihn sah, wenn ich ihn sprechen hörte, als würden mir alle jene sonst lästigen Zeremonien, alles Nebelwerk des Katholizismus durchsichtig, daß ich den reinen innersten Herzenskern desselben entdeckte. Mein Reisegefährte ward durch seine Nähe erbaut, und wenn wir untereinander waren, galten unsere Gespräche jederzeit dem Gegenstande, der uns innerlich in Bewegung setzte. Aber Salier wußte den ernsthaftesten Gesprächen eine durchaus freie Bedeutung zu geben. Sie traten völlig natürlich hervor, sie nahmen bald eine rein menschliche, bald eine streng wissenschaftliche, dann selbst andächtige Wendung; immer aber drang das stille Element reiner christlicher Hingebung durch alle Gegenstände hindurch, und eine gläubige Zuversicht, eine unsägliche, liebevolle Freundlichkeit und Milde leuchteten aus allem hervor, was er sprach und äußerte. Traten andere hinzu, so nahm zwar die Unterhaltung eine andere Wendung, er ging in die fröhliche Richtung der Gespräche unbefangen ein. Leichte Scherze vernahm er gern und erwiderte sie, aber mir war es doch, als leuchtete das heilige Licht der ernsteren Stunden über alle diejenigen, die ihm nahe waren, nicht als ein beschwerliches blendendes, vielmehr als ein Lebenslicht, welches bewußtlos fast alle Äußerungen leitete, ja freier entwickelte, nicht hemmte oder fesselte. Sailer gehörte nicht zu den sogenannten Geistreichen. Tiefe überraschende Ideen hörte ich von ihm nie, aber der stille Friede, die reine Liebe, des Glaubens grenzenlose Macht gaben dem einfachsten Ausdruck eine wunderbar tiefe Bedeutung. Wir besuchten ihn wenige Stunden nach unserer Ankunft, und von da an trennte er sich den ganzen Tag über gar nicht von uns. Am frühen Morgen erschien er in unserem Gasthofe; begleitete uns bei allen Besuchen, horchte aufmerksam und mit einer Art kindlicher Neugierde, die unbeschreiblich liebenswürdig war, wenn Fuchs Ein in Landshut lebender Naturforscher. mir neu entdeckte Fossilien zeigte, mir die Resultate seiner Analysen erzählte, mir seinen genauen, für die Kristalle bestimmten Winkelmesser oder seinen verbesserten Lampenapparat zeigte. Wir waren, irre ich nicht, bei dem Professor Zimmermann zum Mittag eingeladen, und Sailer nicht. Als wir ihm aber unser Bedauern äußerten, mehrere Stunden von ihm getrennt zu sein, erwiderte er mit kindlicher Unbefangenheit: »Ich begleite euch, ich weiß, daß ich meinem guten Freunde willkommen bin.« Als unsere Abreise bestimmt war, erschien er früh, frühstückte mit uns, begleitete uns mit Stahl Mathematiker; Steffens' Reisebegleiter. an den Wagen, und mir war es, als hätte ein segnender Geist, dessen leise Töne wie eine höhere Atmosphäre mich umsäuselten und mir liebevolle bedeutende Worte zuflüsterten, mich nun verlassen. Was ein begleitender Engel zu bedeuten hatte, ward mir durch seine Nähe klar. Aber diese Universität blieb mir auch aus andern Gründen bedeutend. Ich hatte in Berlin schon 1811 Savigny kennen und schätzen gelernt; die Geschwister seiner Frau, Friedrich Karl von Savigny, 1779-1881, der bedeutende Begründer der Historischen Rechtsschule, welche entgegen der aus der Aufklärung erwachsenen Naturrechtslehre das geschichtlich Gewachsene alles Rechts betonte, war mit Kunigunde Brentano verheiratet. Clemens und Bettina waren mir schon früher bekannt und nahegetreten. Er war während meiner Abwesenheit im Kriege mit seiner Familie nach Breslau geflüchtet und erschien mit dieser in der traurigen Zeit als ein ermunternder Gast in meinem Hause. Ich hatte ihn eben kurz vor meiner Abreise nach Karlsbad wiedergesehen und erinnerte mich der Jahre, die er in Landshut zugebracht. Aber auch Schelling, nachdem er erst Jena, dann Würzburg verlassen hatte, brachte einige Jahre in Landshut zu und war erst vor kurzem von hier nach München berufen. So bedeutende Männer hoben zu der Zeit die Landshuter Universität, irre ich nicht, so war schon von der Verlegung derselben nach München die Rede. Von Landshut fuhr Steffens weiter nach München. Wir besuchten sogleich Schelling. Ich hatte ihn seit vierzehn Jahren nicht gesehen. Von dem nämlichen Standpunkte ausgehend, hatten wir uns doch wissenschaftlich in sehr verschiedenen Richtungen bewegt. Die Differenz unseres ganzen Lebens hatte sich entschiedener ausgesprochen; seine ursprünglich sprachliche und urgeschichtliche Richtung hatte der Fichteschen Abstraktion gegenüber sich der Natur zugewandt, aber je tiefer er sie auffaßte, desto klarer mußte es ihm doch werden, daß es in ihr Momente gab, die sich nicht durchschauen, nicht in der Klarheit, die er forderte, auffassen ließen. Die Natur ließ sich zwar als ein für die durchdringende Vernunft Abgeschlossenes, in dieser Abgeschlossenheit Vernünftiges begreifen, und er hat die großen ewigen Naturformen, die zugleich die vernünftigen sind, für alle Zeiten bestimmt. Aber je tiefer Schelling untersuchte, desto unreifer erschien ihm die Naturwissenschaft eben da, wo sie ihm am wichtigsten war, da, wo sie von dem Anorganischen zum Lebendigen überging, wo sie sich auf einen gleichen Standpunkt mit der Spekulation zu stellen schien, wo die anorganische Physik in Physiologie sich verwandeln wollte. Schelling steht dadurch unter allen in der Geschichte der Philosophie hervortretenden Meistern aller Zeiten einzig und mit keinem vergleichbar da, daß, wie er der erste war, der die in der Zeit verlorene Kunst der Philosophie wieder belebte und den Standpunkt, von welchem aus sie allein möglich war, verkündigte, er sich auch unter unseren Augen entwickelte. Die Momente dieser Entwicklung zu verfolgen, in ihrem Wesen aufzufassen, in ihrer grandiosen Metamorphose zu betrachten, ist allerdings eine Aufgabe, für welche die in sich zerrissene Philosophie unserer Tage noch nicht reif ist. Es gehört dazu eine Hingebung, der wenige fähig sind, eine Hingebung, die mächtig, wie sie sein muß, dennoch nicht eine beschränkte werden darf, die ihn vielmehr in der Mitte einer geistigen Umgebung, in dem harten Kampfe, in welchem er sich bildete und aus welchem er sich hervorhob, zu fassen und zu begreifen vermag. Es war natürlich, ja notwendig, daß Schelling einen Standpunkt suchte, eine Welt, in welcher der göttliche Entschluß noch immer als Selbstbestimmung sich verwirklicht, die Notwendigkeit der Natur ihren freien Ursprung noch immer festhält. Daher fand er sich zur Mythologie hingedrängt, alle seine früheren Studien hatten dieses Fundament vorbereitet, es war seine ursprüngliche Heimat. In ihr lag noch die Bestimmtheit der Natur als aus einem freien Entschluß entsprungen und dieser als durch ein Naturdasein verwirklicht. Nur hier entdecken wir die blühende Mannigfaltigkeit eines heiteren Lebens, welches aller späteren Geschichte zugrunde liegt. Aber ist die Geschichte hier Natur geworden, so muß sie notwendig, geistig aufgefaßt, geschichtlich werden, sie muß sich als göttliche Tat zur wahren Religion steigern, die Natur und Geschichte zugleich umfaßt und aus göttlicher Kausalität alles Dasein erklärt. In den letzten Jahren des vorigen Jahrhunderts und bis zu Anfang des jetzigen hatte sich durch Claudius und Lavater im Hintergrunde eine geistige Prophezeihung, und am bedeutendsten, wenn auch dunkel, durch Hamann ein tieferer spekulativ-religiöser Sinn in der gebildeten Welt gezeigt. Es entstanden gesellige Kreise, die es liebten, ihren Gesprächen und Briefen einen platonischen Anstrich zu geben. Auch Frauen nahmen an dieser geistigen Beschäftigung teil; sie gehörten sämtlich zu den höheren Klassen der Gesellschaft. Frauen der verschiedensten Art waren unter sich und mit den geistreichsten Männern verbunden. Sophie la Laroche, Goethes Schwester, die Fürstin Galizin, Jacobis Schwester (Lene), waren die ausgezeichnetsten Mitglieder dieses Kreises. Durch die Fürstin Galizin stand Hemsterhuys Franz Hemsterhuys, 1721-1790, holländischer Philosoph und Mystiker. Er entwarf ein ästhetisch-pantheistisches Weltbild, in welchem die Weltseele alle Dinge zur Einheit führt und welches im Begriffe der Schönheit gipfelt. Hemsterhuys übte mit diesen Gedanken Einfluß auf Herder, Jacobi und die pietistisch gestimmten Kreise der deutschen Romantik. mit ihnen in Verbindung. Aber den eigentlichsten, lebendigsten Mittelpunkt bildete Jacobi. Vgl. auch S. 104. Dieser liebte es, geistreiche Frauen um sich zu versammeln und anzuregen; suchte er doch in seinem Roman »Woldemar« eine Art, ohne allen Zweifel höchst unschuldiger, Bigamie als annehmlich und von hoher geistiger Bedeutung darzustellen. Eine rein platonische Ehe neben der physischen erschien hier und da als ein Zeichen höherer Bildung. Diese seltsame Grille trat in der Wirklichkeit hervor, selbst in meiner Nähe. Doch besaßen die eigentlichen Frauen selten Entsagung genug, um die doppelte eheliche Verbindung der Männer – (eine für eine höhere Sphäre, die nicht aus dieser Welt war, und eine zweite nur zur Fortpflanzung des Geschlechts) gehörig zu schätzen, auch schienen sie dem Dinge nicht recht zu trauen. Man kann in der Tat behaupten, daß hier ein, wenn auch mißlungener Versuch sich zeigte, eine platonische Akademie zu bilden, wie die frühere florentinische. Daß Goethe in diesen Kreisen mehr bewundert als verehrt wurde, war begreiflich; daß innerhalb derselben sich heftige Antagonismen entwickelten, war zu erwarten; Friedrich Stolbergs Übergang zum Katholizismus bildete ein Ereignis in diesen Kreisen, obgleich die Art, wie die Fürstin Galizin sich an Hamann anschloß, es wenigstens begreiflich machen konnte. Der merkwürdige Brief der Gräfin Bernstorff an Goethe Gräfin Auguste von Bernstorff, Goethes niegesehene Jugendfreundin Auguste von Stolberg, hatte nach vierzigjähriger Schreibpause am 15. Oktober 1822 an Goethe einen Brief gerichtet, in dem sie ihn im Sinne der pietistischen Erweckungsbestrebungen zu »retten« suchte und ihn bat, »abzulassen von allem, was die Welt Kleines, Eitles, Irdisches und nicht Gutes hat, – Ihren Blick zum Ewigen zu wenden«. – Goethe antwortete in freundlicher Gelassenheit: »Bleibt uns nur das Ewige jeden Augenblick gegenwärtig, so leiden wir nicht an der vergänglichen Zeit.« gehörte diesem Kreise zu. Man versteht, glaube ich, die Darstellungsweise Jacobis nicht ganz, wenn man sie nicht gesprächsweise in den Zusammenkünften entstehen sieht. So entsprang die Erzählung von Lessings Spinozismus. Betrachtet man diese Verbindung, wie sie am Rhein und zum Teil um Goethe her entstand, so sieht man, wie sie keineswegs durch eine Verabredung oder willkürlich sich gebildet hat. Viele gehörten ihr zu, ohne jemals miteinander in Berührung zu kommen. Einige Frauen bewunderten, was andere mit Entsetzen erfüllte. Wie in den Gesprächen und Briefen, so fand man auch in den Schriften mancherlei Anspielungen. Es war ein Hauch heiterer Anmut, der die Geselligkeit belebte. In diesen Kreisen galt nun Jacobi besonders als der Liebenswürdige. Goethe stand ans der Ferne bald mit dieser, bald mit jener Persönlichkeit in Verbindung. Er trat einmal in Düsseldorf in die Mitte des Kreises, und es zeigte sich bald, wie wenig er ihm zugehörte. Wie man in der anständigen Gesellschaft nie bis zur zudringlichen Entscheidung irgendeinen Gegenstand hervorheben und verfolgen darf, so war ein jeder entschiedene Mann, der eine bestimmte Aufgabe für das Leben hatte, wenn auch durch die feine Sitte, die das Geistreichste nicht ausschloß, vielmehr anerkennend und bewundernd in sich aufnahm, angelockt, dennoch genötigt, sich zurückzuziehen. Ich kannte diesen Kreis, den ich in früher Jugend schon vorfand, wie er sich in den siebziger Jahren zu entwickeln angefangen hatte, der sich gegen das Ende des Jahrhunderts vielleicht am dichtesten zusammenzog und gestaltete, sich dann später wie ein leichtes Wolkengebilde ausdehnte und verzog, nur aus der Ferne. Einzelne bedeutende Frauen allerdings, die an jene Zeit und ihre Blüte zurückdachten, wurden mir später sehr lieb. Es lag in dieser Erinnerung eine keimende Sehnsucht nach Religiosität, eine dunkle Ahnung von Spekulation und eine Neigung zur Dichtung und Kunst, die sich nach dem Höchsten sehnte, ohne jedoch zu seinem Besitze zu gelangen. Einige geistig freiere Frauen behielten ihr ganzes Leben hindurch ein anmutiges Gleichmaß, eine gewisse selbständige Beweglichkeit, die selbst dem höhern Alter eine große Liebenswürdigkeit mitteilte. Ich zähle zu diesen besonders die zwar kränkliche, aber durch starken und reichen Geist noch immer tief bewegte Gräfin R., geb. v. D. Andere suchten sich im Alter durch eine bestimmte religiöse Richtung zu beruhigen. Die treffliche Witwe Sieweking stand mit diesen Kreisen in mannigfaltiger Berührung, erschien aber mit großer Selbständigkeit in ihrer Mitte. Soviel ist gewiß, sie fanden den eigentlichen Boden ihrer Ausbildung im nordwestlichen Deutschland. Preußen war noch geistig zu wenig beweglich, zu ungeschickt, der Nicolaismus Der Rationalismus (Verstandeskult) um den Berliner Aufklärer Nicolai. beherrschte die Hauptstadt; Sachsen war zu pedantisch, Gottsched ließ sich nicht verdrängen. Was ich hier habe darstellen wollen, sind die vielen leichten Anspielungen auf Spekulation und Religiosität, welche die ganze Gesellschaft als eine solche verbanden, eine wechselseitige Zuneigung, ja Anerkennung und Bewunderung auch da hervorriefen, wo die vereinzelten Mitglieder das Gleichmaß der Vereinigung keineswegs festzuhalten vermochten. Es lag in diesen Verbindungen in der Tat mehr, als die ausgezeichnetsten weiblichen Mitglieder der Gesellschaft sich anzueignen oder ihre Schriftsteller in irgendeiner Form darzustellen vermochten. Jacobi nun bildete den eigentlichen allverehrten Herrscher dieser Kreise, er war gelehrt genug, um als ein gebildeter Philosoph zu erscheinen. Er war ein schlanker feiner Mann; er muß in seiner Jugend schön gewesen sein. Er erschien mir mehr als ein angenehmer Mann der höhern Gesellschaft denn als ein Gelehrter; sein Anstand hatte etwas Vornehmes, fast Diplomatisches, seine Gesichtszüge waren höchst bedeutend; eine Grazie, möchte man sagen, begleitete alle seine Bewegungen. Sein Anzug war sehr sorgfältig und zierlich; es schien fast, als widmete er ihm für sein Alter und seine Beschäftigung eine zu große Aufmerksamkeit. Er empfing mich, als ich hineintrat, in der Tat mit Freuden, und ich näherte mich ihm mit einer wehmütigen Rührung, die ich nicht zu verdrängen vermochte. Es war, ich gestehe es, Mitleid, aber doch auch Achtung, die sie hervorriefen: ein edler Geist hat die Leiden der Zeit und ihre Krankheiten tragen müssen, sagte ich mir. Am Schluß muß ich noch, ehe ich München verlasse, einer sehr interessanten Bekanntschaft gedenken. Ich lernte hier Franz Baader 1765-1841, katholischer Philosoph, der in seinem Nachsinnen über das Verhältnis von Gott und Welt auf die mystischen Gedankengänge Jakob Böhmes zurückging und sich in manchem mit dem späten Schelling berührt, daneben für den Bergbau bedeutend. »Beiträge zur dynamischen Philosophie«, 1809. zuerst persönlich kennen. Er stand so wunderbar von allen übrigen Einwohnern gesondert, so seltsam isoliert, daß auch die Betrachtung über ihn sich billig von den übrigen trennt. Im südlichen Deutschland hatte eine mystische Schule sich hier und da, wahrscheinlich von alten Zeiten her, erhalten; sie schloß sich, seit Mesmer auftrat, dem Magnetismus an, und ihre Mitglieder reichten bis an den obern Rhein und in die nördliche Schweiz hinein. Wenn ich nicht irre, standen sie auch mit den Mystikern des südlichen Frankreichs, mit St. Martin usw. in Verbindung, und Fr. Baader war in seiner Jugend mit einem gewissen Eckartshausen in Berührung gewesen. Unter allen jenen Mystikern war er der genialste und tiefste; er gab immer nur kleine Schriften von wenigen Bogen heraus, früher noch als die Schellingschen naturphilosophischen Schriften erschienen die tiefsinnigen »Beiträge zur Elementarphilosophie«; das später gedruckte »Pythagoräische Weltquadrat« bewegte uns tief. Unter seinen bedeutendsten kleinern Piecen ist eine, »Der Blitz, Vater des Lichts.« Dieser Titel könnte als Motto aller seiner Schriften gelten. Ich war schon, ehe ich nach München kam, mit ihm in Korrespondenz, und höchst begierig, ihn persönlich kennenzulernen. Als ich mich in meiner Jugend in Freiberg aufhielt, lernte ich eine Dame kennen, die wegen ihrer großen Schönheit in ihrer Jugend berühmt war. Sie hatte eine warme Neigung für Baader während seines Aufenthalts in dieser Stadt gefaßt und gestand mit liebenswürdiger Offenherzigkeit, daß sie nie einen interessanteren Mann gekannt hätte! Sie behauptete, ich sähe ihm, wie sie sich schmeichelhaft äußerte, ähnlich, und diese Ähnlichkeit, die demjenigen, der uns zusammen sah, gar nicht auffallen konnte, ward die Einleitung zu einer mir sehr angenehmen Bekanntschaft. Freilich zehn Jahre später. Ich besuchte Franz Baader. Er war eben im Begriff auszugehen; seine Gestalt überraschte mich, denn ich hatte ihn nicht so erwartet. Er war ziemlich schlank, höchst beweglich, und sein Gesicht hatte etwas Durchgearbeitetes, daß man beim ersten Anblick vermuten konnte, einen Weltmann vor sich zu sehen, der vieles durchlebt hatte. Diese Vermutung verschwand freilich, wenn man ihn genauer betrachtete. Er empfing mich, als ich mich nannte, mit Freuden und schlug gleich vor, einen Spaziergang zu machen. Gegenstände des Gesprächs waren bald gefunden. Tiefsinnige Äußerungen wechselten ohne alle Übergänge mit sprudelnden Witzen; er sprach unaufhörlich, und wenn ein Gegenstand ihn ergriff, blieb er mitten im Gewühl der Straße stehen und fing ziemlich laut einen mehr zusammenhängenden Vortrag an. Die Vorübergehenden schienen ihn zu kennen, und sein Betragen erregte gar keine Aufmerksamkeit. Seine oft glänzenden Witze traten so überraschend hervor, wurden so schnell von andern verdrängt, der Tiefsinn so plötzlich von spielenden Einfällen überwältigt, daß mich dieses bunte Gewühl zuletzt völlig betäubte. Ein Einfall blieb mir, während die knallenden Raketen des geistigen Feuerwerks rund um mich her zerplatzten – es war die Rede von Goethe, »Ja«, sagte er, »dieser Dichter ist in der Tat die Gluckhenne der Zeit, aber sie hat Enteneier ausgebrütet, die junge Brut schwimmt, und die Henne steht ängstlich, scheltend und gackelnd am Ufer.« Später, als ich ihn in München traf, ließ er Einfälle der Art in den Stadtblättern drucken. Diese schnitt er aus und trug sie in der Westentasche, um sie Freunden vorzulesen. Als ich 1837 in München war, war ich noch nicht dazugekommen, ihn aufzusuchen, er aber suchte mich auf. Wie er in meine Stube trat und meine Frau, Tochter und mich selbst kaum begrüßt hatte, griff er sogleich in die Tasche und brachte eine Menge Papierstücke hervor, auf welche seine Witze gedruckt waren; nur einer davon ist mir erinnerlich. Die Cholera hatte Rom in Schrecken gesetzt und der Papst sich in die Engelsburg eingeschlossen. »Was wird aus der katholischen Kirche werden«, so lautete der Witz, »der Papst hat sich selbst exkommuniziert.« Überhaupt war in seinen spätern Jahren sein Verhältnis zur Kirche ein seltsam verändertes. Als ich ihn 1817 in München traf, dachte er an nichts als an eine große kirchliche Union. Die ultramagnetische Krise seines Lebens hatte, irre ich nicht, sich überlebt. Während derselben war er mit den Heerscharen der bösen Geister bekannt geworden und hatte ihre Namen kennengelernt durch magnetische Experimente, die mir schauderhaft erschienen; jetzt war er ganz mit der Union der drei Kirchen (der katholischen, protestantischen und griechischen) beschäftigt. Die katholische und protestantische Kirche, behauptete er, bildeten einen starren Gegensatz, der sich immer steigere. Das mystische Dreieck, die Formel einer Vereinigung entstünde nur durch das Hinzutreten der griechischen Kirche. Er glaubte den Kaiser Alexander dafür zu interessieren. Fr. Baader verband sich mit dem Herrn v. Sturdza und beschloß, eine Reise nach Rußland zu machen und für die Sache zu wirken. Wie wenig er aber die äußeren Verhältnisse dort kannte, tat diese Reise recht auffallend dar. Er hätte in der Tat ebensogut nach einem ihm völlig fremden, mächtigen Lande, ohne mit irgendeinem Menschen dort in Verbindung zu stehen, hinreisen können, um dort den Thron zu stürzen, wie nach Rußland, um die Christen griechischen Glaubens zu bewegen, sich mit Protestanten und Katholiken zu verbinden. Zum Glück beschloß er, ohne allen Zweifel gewarnt, in Riga umzukehren. Er war später ein heftiger Gegner der Katholiken und stellte so die Wahrheit seiner Behauptung, daß, wenn die Union aller drei Kirchen nicht gelänge, die gegnerische Spannung der westlichen gegeneinander sich notwendig steigern müsse, durch seine eigene Person dar. Es war seltsam genug, daß der Vorschlag zu einer Union, welche die tiefste und bedeutendste Einheit aller Völker, ja wäre sie echter Art, nicht allein den äußeren, wohl früher von den Philosophen gepredigten, sondern auch den inneren ewigen Frieden in sich schließen würde, von einem Manne ausgehen sollte, dessen innere Zerrissenheit ihn selbst in seinen letzten Tagen an die jüngste deutsche Literatur anschloß, die nichts weniger als einen solchen Frieden suchte, erwartete oder nur wünschte. Fr. Baader, unfertig, wie er in jeder Rücksicht war, gehörte doch in der Tat zu den merkwürdigen Männern seiner Zeit und ward wohl von den wenigsten begriffen. In den Briefen, die ich von ihm besitze, schrieb er einst: »Ich finde mich berufen, das deutsche Volk auf ihren größten und tiefsten Mann aufmerksam zu machen; ich lebe, um die Herrlichkeit des großen Görlitzer Schusters Jakob Böhme zu verkündigen.« Ohne allen Zweifel gab es wenige Menschen, die Jakob Böhmes Schriften so wie die der Mystiker genauer kannten als er, und dennoch ist er im hohen Alter gestorben, ohne irgendein bedeutendes Wort über die ersteren gesagt zu haben. Über Nürnberg geht die Reise nach Breslau zurück. Einen großen geistigen Genuß gewährten mir wie die Kirchen in Nürnberg so auch die Kunstschätze dieser Stadt, in Verbindung mit den in München aufbewahrten. Was mich in dieser Stadt überraschte, waren die Meisterstücke von Rubens, der doch in Dresden etwas dürftig repräsentiert wird; noch reicher und bedeutender sollte er mir später in Wien entgegentreten. In Augsburg machte die mächtige Maximilianstraße einen tiefen Eindruck auf mich; nur wurde dieser fast verwischt durch die Menschenleere. Diese Straße war offenbar nicht entstanden, weil man breite Straßen bauen und durch sie imponieren wollte wie in Berlin, wo sie erst einigermaßen erträglich werden, indem sie sich jetzt nach und nach zu füllen anfangen. Das Gewühl einer Handelsstadt von europäischer Bedeutung machte diese Breite notwendig. Das Augsburger Rathaus, die altdeutschen Bilder von Wohlgemuth und Schön, der schöne Springbrunnen versetzten mich in die heitere Zeit meiner jugendlichen Wanderungen. Aber vor allem war mir doch Nürnberg teuer und angenehm. Ich begreife, wie Künstler und Dichter sich zu dieser Stadt hingezogen fühlen: aber, wie Goethe das Straßburger Münster, so hat doch Tieck auf seiner Wanderung als Schüler zuerst Nürnberg entdeckt. Im nördlichen Deutschland haben alle Reste des deutschen Altertums etwas traurig Runenhaftes; glauben doch viele sogenannte Kenner, dieses Düstere gehöre so wesentlich dem Altertum zu, daß man denjenigen mitleidig als einen Unkundigen betrachtet, der glaubte, irgend etwas Heiteres sei ein echt Altertümliches; Nürnberg dahingegen erschien mir jederzeit freundlich anmutig mit seinen Kirchen und Plätzen, wie ein Freund, dem man sich gern anvertraut. Die alten Bürgerfamilien erinnerten mich an die achtzigjährige Verwandte meiner Kindheit, die noch immer lustig und mitteilsam mich mit Erzählungen aus der Jugend ihrer neunzigjährigen Mutter zu ergötzen wußte. Alle Welt weiß, was in Nürnberg zu suchen ist, mir ist es dadurch nicht weniger teuer geworden. * Da ich zwanzig Jahre hintereinander mit wenigen Ausnahmen jährlich mehrere Wochen im Riesengebirge zubrachte, so habe ich es öfters durchwandert. Die Koppe Schneekoppe. habe ich fünfzehnmal bestiegen, oft in Begleitung der Studierenden, die bei mir Geognosie hörten. Einst auf einer solchen Gebirgswanderung erreichten wir die Koppe einige Stunden nach Sonnenaufgang – unter meinen Begleitern sind mir noch erinnerlich der Professor v. d. Hagen, und der Sohn des Feldmarschalls Grafen Yorck. Während wir den steilen Weg, der von dem Koppenplan zur Koppe führt, hinaufstiegen, sank der Nebel allmählich immer tiefer, die Kapelle, die Koppenhöhe mit einer Menge Menschen, die dort versammelt waren, lagen im hellen Sonnenschein; indem wir höherstiegen, sank auch der Nebel vor und unter uns; die Sonne warf unsern Schatten auf diesen, und da sahen wir unsere Köpfe von einem großen Regenbogenkreis umgeben. Diese Erscheinung der buntgefärbten Schatten ist nicht unbekannt, aber nach den Beschreibungen, die mir zukamen, muß eine so vollkommene Ausbildung des Phänomens wie diejenige, die hier stattfand, doch äußerst selten sein. Alle Regenbogenfarben des Kreises waren blendend entwickelt, ja ein zweiter umgekehrter, wenn auch weniger deutlicher Kreis entstand um den ersten. Wenn nun mehrere sich dicht aneinanderschlossen und umarmten, so vereinigten sich die einzelnen Kreise in einen gemeinschaftlichen, der mit seinem farbigen Schein eine Gruppe von drei bis vier Köpfen zu umfassen vermochte. Ich bin überzeugt, daß die Heiligenscheine der Maler dem Anblick solcher Kreise ihre Entstehung zu verdanken haben. Während wir nun so, mit unsern verklärten Schatten sehr zufrieden, als selige Geister erschienen, traten uns die Gäste auf der Kuppe ganz anders entgegen. Am Fuße der Koppe bewegte sich der Nebel unruhig, bald in dichteren, bald in dünneren Massen, mit dem Luftstrom aus dem böhmischen Aupengrunde über den Koppenplan nach dem ebenfalls steil herabfallenden schlesischen Melzergrund zu. Die Schatten der Menschen, die sich um die Kapelle herumbewegten, fielen dunkel und farblos, gewöhnlich riesenhaft verlängert, auf diese beweglichen Wolken. Diese Gestalten nun verwandelten sich wie im wilden Traum. Arme und Beine verlängerten und verkürzten sich, die Nase wuchs zu einer grauenhaften Länge, und da die Schatten sich mit dem Wolkenstrom nach dem Melzergrund zu bewegten, hatte es nicht selten den Anschein, als stürzten sich unselige Geister in den Abgrund hinab. Es ist nicht möglich, eine Erscheinung zu erleben, die der Entstehung einer Mythe näher wäre; mir ist sie unvergeßlich geblieben.   Eine tiefe Sehnsucht nach dem Lande seiner Kindheit ergriff damals Henrich Steffens. Seine Stellung als Gelehrter war gefestigt, die ersten fünfzig Jahre seines Wirkens und Schaffens waren reich an Ergebnissen. Dreißig Jahre waren vergangen, seitdem er sein Geburtsland nicht wiedergesehen hatte. Nun sehnte er sich nach den norwegischen Gebirgen, es drängte ihn, die unvollkommenen Ergebnisse seiner ersten Studienreise zu verbessern. Im Frühjahr 1824 reiste er mit seinem Neffen Holst nach Schweden. Ein halbes Jahr wurde das Land durchwandert, Upsala und Stockholm wurden besucht, dann ging es nach Kristiania weiter und von da nach Hedemarken, wo die ältere Schwester nach zwanzigjähriger Trennung wieder begrüßt wurde. In Dänemark empfing ihn Friedrich VI. nun nicht mehr als Mitregent, sondern als König. Henrichs beide älteren Brüder hatten in seinem Dienste gewirkt und waren darin gestorben; der jüngste stand als dänischer Gouverneur in Guinea. Die Familie hatte einen guten Klang am dänischen Hofe. Das Herz des einstmaligen dänischen Untertans schloß sich auf, und Steffens fand Worte, die dem Könige zu gefallen schienen. Frühere Spannungen lösten sich, und Steffens schied mit der wiedergewonnenen Freundschaft des Herrschers. Aber noch schönere Beweise einer heftigen Zuneigung, die ihm sein einstiges Heimatland entgegenbrachte, beglückten ihn: der Erbprinz Christian lud ihn auf sein Schloß Sorgenfrei ein, er verbrachte glückliche Tage mit ihm in Hamburg, und im Jahre 1840 erreichte den Professor Steffens und seine Frau in Berlin eine Staatseinladung zu den Krönungsfeierlichkeiten nach Kopenhagen. Dieses Glück erschien als eine Verherrlichung seiner Kindheit und Jugend, als ein erfüllender Abschluß vergangener Zeiten und Träume.   Schon vor der Reise nach Norwegen war ich mit dem Feldmarschall Grafen Yorck in ein für mich interessantes Verhältnis getreten. Ich habe mein vorübergehendes Zusammentreffen mit ihm im Kriege schon erwähnt. Einst beehrte er mich mit seinem Besuche, und der Grund desselben überraschte mich sehr. Graf Yorck hatte in seinem ganzen Leben etwas seine glänzende Laufbahn Begleitendes, Verhängnisvolles, obgleich er bis zu der höchsten militärischen Stufe im Staate stieg und den größten militärischen Ruf erwarb, den ein Krieger überhaupt in unsern Tagen zu erlangen vermag. Hier ist nicht der Ort, eine Lebensbeschreibung des Grafen zu liefern, selbst wenn ich es vermöchte. Seine nicht seltenen Mitteilungen waren zu kurz abgebrochen und wenig zusammenhängend, und meine Berührungen mit ihm betrafen fast ausschließlich seine Familie. Als seine Stellung im Leben immer glänzender ward, war es natürlich, daß auch sein Name ihm als ein Bedeutendes erschien; ein Geschlecht in der Geschichte für alle Zeiten zu begründen, dessen Stifter er war, erschien ihm wichtig, ja bildete die ihn ganz beherrschende Absicht seiner letzten Jahre. Aber in dieser Rücksicht hatte er in seiner Familie ein wunderbares Unglück. In seiner Ehe hatte er eine Menge Kinder erhalten, wenn ich nicht irre, neun; sechs waren gestorben. Der jetzt gealterte Held hatte sich aus dem Kriegsdienst zurückgezogen und machte bekanntlich den Feldzug von 1815 nicht mit. Er hatte noch zwei Söhne und eine Tochter; der älteste Sohn hatte eben das Alter erreicht, um in den Kriegsdienst treten zu können. Es ist keinem Zweifel unterworfen, daß der alte General, so wichtig es ihm auch war, ein Geschlecht zu begründen, doch beide Söhne dem Vaterlande geopfert hätte. Der zweite hatte die Jahre noch nicht erreicht. Als die siegreichen Preußen nach der Schlacht bei Belle-Alliance Paris besetzten, fanden einige Gefechte in der Umgegend statt; der junge Graf Yorck stand bei den Husaren, und bei einem kleinen Gefecht zwischen Paris und Versailles ward er mit einer geringen Mannschaft von einer weit überlegenen angefallen, seine Mannschaft auseinandergejagt, und der junge Offizier fiel in feindliche Gewalt; er aber glaubte, wie erzählt wird, daß ein Sohn des großen Grafen Yorck nicht als französischer Gefangener leben dürfe; er wehrte sich verzweiflungsvoll bis zu dem letzten Augenblick und fiel. Jetzt ruhte nun die ganze Hoffnung des zu begründenden Geschlechts auf dem zweiten Sohne, und die Sorge des Vaters brachte diesen zu mir. Der Graf übertrug mir die unbedingte Aufsicht über seinen Sohn. Ich sollte ihm zwar nicht Unterricht geben, wohl aber diesen leiten und die Lehrer bestimmen, bis er zur Universität reif sei. Ich gestehe, daß, so ehrenvoll das Vertrauen mir war, ein so wichtiges Geschäft mir doch bedenklich schien. Ich hatte nie gern die Aufsicht über Knaben und mein ganzes Leben hindurch, selbst als Jüngling unter andern nur auf solche junge Männer anregend gewirkt, die der Selbstbestimmung fähig waren. Doch fand ich mich durch das Vertrauen eines so großen Mannes so geehrt, daß ich mich verpflichtet glaubte, der Aufforderung zu genügen. Mehrere Jahre hindurch sah ich nun den jungen Grafen täglich in meinem Hause, und der besorgte Vater erschien oft bei mir, so wie ich wiederholt aufgefordert wurde, ihn auf seinem Gute Klein-Öls zu besuchen. Wenn von irgendeinem Manne, kann man wohl mit Recht vom Grafen Yorck sagen, er sei durch das Leben gebildet. Das einzige, was er einer Schule verdankte, war die praktisch-militärische Ausbildung; daher behielt auch diese eine Herrschaft über sein Urteil als Krieger, und er ließ nur hier und innerhalb der Grenzen der praktischen Ausübung eine Schule gelten. Alles, was ihm außerhalb dieser zu liegen schien, hatte in seinen Augen nur geringen Wert, und der umsichtig gebildete Generalstab, wie er sich während des Krieges und nach dem Kriege gestaltete, hatte manchen harten Angriff von ihm zu dulden. Alles, was einen Entschluß im Kriege erst herbeiführen sollte, fand ihn gewöhnlich unentschlossen und besorgt; alle Beratschlagungen des Generalstabes waren ihm bedenklich, und er gehörte fortdauernd zu den Unzufriedenen. Aber diesen schwankenden Zustand trug er allein oder mit wenigen Freunden. Die Armee erblickte ihn nie so. Denn war der Entschluß gefaßt, war die bestimmte Kriegstat unvermeidlich, dann standen ihm alle Mittel zu Gebote, er beherrschte alle ihm gegebenen Verhältnisse und war bei einem jeden Schritte fest und unerschütterlich. So erschien er unter den Truppen. Daher hat nicht leicht ein preußischer Feldherr der neuern Zeit eine größere Gewalt über seine Umgebung ausgeübt als er. Er war unerbittlich streng und hart; wenn er einen Entschluß gefaßt hatte, nie zu beugen. Aber eben die unabweichbare Notwendigkeit, die seine Befehle einer Naturgewalt gleichstellte, erweckte das feste Vertrauen. Wo man weiß, daß man sich fügen muß, da scheint dasjenige, was geboten wird, wie das Naturgesetz zu unserem Wesen zu gehören. Wir unterwerfen uns diesem und fühlen uns dennoch durch die Unterwerfung frei. So bildet sich jene tiefe, innige Einheit des Gehorsams und der stolzen Freiheit, so entsteht nicht knechtische Schwäche, sondern feste, starke Selbständigkeit – eine Einheit, die freilich den zuchtlosen Schwätzern unserer Tage völlig unbegreiflich ist. Es ist bekannt, wie entschieden und stark diese stolze, kriegerische Gesinnung bei den Yorckschen Truppen vorherrschte; so ward die große Tat möglich, die dem ganzen Kriege seinen Ursprung gab, wie das Gepräge, welches er trug. Seit Friedrich II. hat kein deutscher General einen größern Einfluß auf seine Truppen gehabt. Er konnte ihnen alles bieten, sie gehörten ihm unbedingt. Seine Gesichtszüge sprachen die eiserne Gesinnung aus und hatten etwas Finsteres und Gebietendes. Dieses machte bei dem ersten Empfang besonders einen imponierenden Eindruck, um so mehr, da er die Gewohnheit hatte, bei einem zwar äußerlich höflichen, aber doch zugleich zurückhaltenden Benehmen mit einem durchbohrenden Blick, den er durchaus in seiner Gewalt hatte, einen jeden jungen Mann, der ihm zuerst nahe trat, zu prüfen. Ich habe es gesehen, wie er jüngere Offiziere auf diese Weise in eine große Verlegenheit setzte. Es war schwer, ihm zu gefallen, und ich habe Männer gesehen, die, wie mutig sie sonst sein mochten, durch seinen Empfang in eine unangenehme Lage versetzt wurden. Wer sich aber zu benehmen wußte, der konnte schnell seine Gunst erwerben. Wenn er in die Stadt kam, erschien er öfter in meinen Abendgesellschaften und ließ sich dann vollkommen unbefangen gehen; selbst die Studenten, die dort nicht selten erschienen, überwanden dann schnell die Scheu vor dem grauen Helden, obgleich seine Äußerungen meist hart und tadelnd waren und er selten seine Zufriedenheit mit den Zuständen des Staats oder der Wissenschaft äußerte; aber die Urteile waren gewöhnlich so allgemein, daß sie die Anwesenden nicht trafen, und eine scherzhafte Ironie stumpfte die Spitze ab; er konnte dann, obgleich seinem Charakter nie entsagend, höchst liebenswürdig sein. Wer ihn zu behandeln wußte, konnte ihn und zwar desto leichter, je entschiedener man ihm entgegentrat, gewissermaßen beherrschen, und meine Stellung war glücklicherweise so völlig unabhängig, daß ich mich nicht erinnere, persönlich irgendeine mir unangenehme Berührung mit ihm erlebt zu haben. Einige der Offiziere, die zu seiner nächsten Umgebung gehörten, übten scheinbar eine große Gewalt über ihn aus, aber im Hintergrunde blieb der unerschütterliche eigene Wille, der sich nicht immer auf gleiche Weise gestaltete. Daher hatte der Sohn eine schwere Aufgabe, und ich ward, zwar in einem viel engern Verhältnisse, an Friedrichs II. Schicksal in seiner Jugend, seinem Vater gegenüber, erinnert, wenigstens glaubte ich es nun begreifen zu können. – Mit dem Alter wuchs der Wunsch, was mich innerlich erfüllte auszusprechen, immer mehr. Es gibt Männer, die diesen Wunsch entschieden tadeln und mir ihn nicht selten zum Vorwurf machten; es sollte, behaupteten sie, da ich nun einmal ein Gelehrter wäre, gar nicht von mir die Rede sein, sondern nur von dem Gegenstand, den ich behandelte. Ich glaubte aber zu bemerken, daß diese so hart getadelte Subjektivität, wenn von dem Höchsten die Rede war, selten oder nie verschwände, daß sie sehr oft die Miene des Gegenstandes annähme und dann auf eine für die Wissenschaft gefährliche Weise täusche. Die zugestandene freimütige Subjektivität hat wenigstens den Vorzug, daß sie das eigene Urteil über sich hervorruft und frei erhält; kann sie doch in einem weiteren Kreise nur bei Menschen verdrängt werden, die, zu wissenschaftlichen Herrschern im größten Sinne für alle Zeiten berufen, nur nach Verlauf von Jahrhunderten erscheinen. Ich bekenne, eine solche Persönlichkeit allein in Schelling erkannt zu haben, aber eben deswegen hat er einen fortdauernden, harten, mächtigen innern und äußern Kampf mit einer andern Subjektivität, die er nie ganz zu beherrschen vermag, mit der seiner Zeit. Wie sehr diese ihm von dem ersten Augenblick seines Hervortretens sich entgegengestellt hat, ist allgemein bekannt; sie verfolgt ihn unablässig und immer leidenschaftlicher. Das Gute ist zwar aus diesen Angriffen hervorgegangen, daß man in ihnen keine Spur von dem edeln Zorn großartiger Gemüter, wohl aber die blinde Wut solcher Naturen erkennt, die sich innerlich überwunden fühlen. Aber nicht bloß äußerlich hat er diesen Kampf zu bestehen, sein ganzes Leben war ein fortdauerndes Bemühen, innerlich nicht die Subjektivität zu verdrängen, wohl aber zu veredeln, daß sie nicht bloß das Vergängliche einer zeitlichen Gegenwart, sondern ein Bleibendes für die Geschichte werden mußte. Er wollte nicht durch starre Formen die Geister binden, nicht durch tote Permanenz, durch widerwärtige Sprachnormen die Geister fesseln, vielmehr eine frische, freie, reiche, in sich geordnete geistige Entwicklung fördern. Ich bin dagegen ganz entgegengesetzter Natur, und es war wohl eben dieser Gegensatz, der uns in früher Jugend und jetzt als Greise wechselseitig anzog und miteinander verband. Mich beherrschte die Natur, die Wirklichkeit da, wo sie das Höchste andeutete. Ich suchte in allem Erkennen ihre Ruhe und ringe nur nach ihr; was ihr ursprünglich gegeben war, ist Gegenstand meines Strebens, und wer es nicht in diesem unablässigen Streben in den mancherlei Andeutungen immer als dasselbe erkennt, der hat mich nicht gefaßt, wie das innerste Zeugnis meines Bewußtseins mich mir selber darstellt. Wenn ich ein stolzes Wort und auch zugleich ein demütigendes über mich selber aussprechen darf, so möchte ich die Behauptung wagen, daß ein Gedicht, wie Dantes großes, mein ganzes Leben hindurch sich hervorarbeiten wollte, aber nicht zur Vollendung gelangte. Wer will den geheimen Zug geistiger Reinheit durch alle meine zerstreuten Schriften verfolgen? Eben da, wo diese am mächtigsten angedeutet ist, verklingt sie in einer ungenügenden Form; mir wenigstens genügte keine, und niemand fühlt es tiefer als ich, daß meine Darstellung eine mir durch die Natur aufgedrungene Aufgabe nicht so in sich gerundet zu fassen vermochte, daß sie für die Geschichte auf immer gewonnen wäre: und dennoch gewann mir das Ursprüngliche, Unwillkürliche, was, glaube ich, sich nie verdrängen ließ, viele Gemüter, und ich muß bekennen, daß, wenn mein schriftstellerisches Gewissen in stiller Selbstbetrachtung laut ward, ich mehr über den Beifall als über den Tadel mich zu wundern hatte. Besonders ging ein Gedanke, der sich nicht abweisen ließ, durch mein ganzes Leben, der allem seine höchste Wahrheit verlieh. Durch die Religion erhielten alle Begriffe ihre höchste Bestätigung als sittlich religiöse Taten. Daher die fast krankhafte Neigung, mit der ich viel zu kämpfen hatte, mein Inneres da zu enthüllen, ja eine Beichte abzulegen, wo es weder passend noch schicklich war. Ein Ausweg schien mir die Dichtung. Ich lebte mit meinem Verleger in einem vertrauten freundlichen Verhältnis, und als er mir vorschlug, eine Novelle auszuarbeiten, ward es mir auf einmal klar, daß hier ja eine Form vorlag, die mir eine Freiheit gab, durch welche ich vieles darstellen, manches enthüllen könnte auf eine Weise, die keine andere Form erlaubte; aber auch hier gab meine ursprüngliche Natur dem Werke eine Gestalt, die keine gewöhnliche war, Walseth und Leith »Die Familien Walseth und Leith. Ein Cyklus von Novellen von Henrich Steffens.« Drei Bande, Breslau 1827: eine Folge von Rahmenerzählungen, die von längeren Gesprächen unterbrochen werden und sich in der Form an Goethes »Unterhaltungen deutscher Ausgewanderter« anschließen. entstand nicht als eine Novelle, sondern als ein Zyklus von Novellen. Ich erhielt nun ein mir bis dahin völlig fremdes Publikum. Ich war auch in Beziehung auf meine geistige Beschäftigung und durch die ganze Art meines Lebens, durch die Neigung zur Geselligkeit von jeher mit geistreichen Frauen in Verbindung, und eine große Menge der ausgezeichnetsten Schriftstellerinnen sind mir nähergetreten. Freilich fielen mir auch viele der geringem Sorte nicht wenig beschwerlich. Obgleich ich nun nicht zu denen gehöre, die es wünschenswert finden, wenn der Einfluß der Frauen in der Kirche und in der Literatur noch mehr wachsen sollte, als schon geschehen ist: so darf ich doch ebensowenig verschweigen, daß der Umgang mit ausgezeichneten Frauen mir ein wesentliches Bildungsmittel gewesen ist: daß ich diesen vieles verdanke. Ich glaube nicht, daß ein Gelehrter, der von Frauenumgang ausgeschlossen bleibt, Menschen und Leben auf eine richtige Weise aufzufassen vermag. Selbst die Art, wie geistreiche Frauen das Leben und manche wissenschaftliche Richtung in sich aufnehmen, ist wichtig, ihre Ansichten in ihrer Eigentümlichkeit sind oft lehrreich und anregend, und so darf auch ich nicht vergessen, was ich den Stunden, die ich mit den beiden so berühmt gewordenen Frauen Rahel v. Varnhagen und Bettina v. Arnim verlebte, zu verdanken habe. Clemens Brentano, Bettinas Bruder, war einer meiner ersten Bekannten in Deutschland; Achim v. Arnim lernte ich mehrere Jahre vor meiner Verheiratung bei meinem Schwiegervater kennen, und als eben verheiratet erschien er mit seiner Frau Bettina Brentano, die »Goethes Briefwechsel mit einem Kinde« veröffentlichte. 1811 in Halle. Es gab vorübergehende Epochen in meinem Leben, in denen mein Umgang mit ihr nicht ohne geistige Bedeutung war. Ihre reiche, höchst eigentümliche, seltsame, aber zügellose Phantasie riß mich hin, ich konnte mich ihr dann völlig hingeben, wir gelangten gemeinschaftlich in wunderbare Regionen, und ich erwachte aus einem solchen Gespräch wie aus einem leichten anmutigen Traum. Blitzähnliche Gedanken fuhren während des Traumes durch meine Seele, wanden sich aus den mancherlei wechselnden bunten Gestalten hervor und erhielten sich wohl auch in der permanenten Form des Begriffs nach dem Erwachen. Seit sie Schriftstellerin geworden, haben diese geistigen Mitteilungen aufgehört; unsere Lebensansichten sind zu abweichend. Was als Traum einen Reiz für mich hatte, vermochte ich als ein geschichtliches Erwachen nicht festzuhalten: aber wie genußreich mir jene früheren Stunden gewesen sind, habe ich nicht vergessen. Unter den Schriftstellerinnen, die mir sonst bekannt wurden, nenne ich die Frau des de la Motte Fouqué. Der Dichter der »Undine« hatte sich 1803 in zweiter Ehe mit der Schriftstellerin Karoline von Rochow vermählt. Den Mann hatte ich kurz nach dem Kriege kennengelernt. Er hatte die Gewohnheit, schnell eine vertraute Stellung einzunehmen, und als ich ihn einst in einer größern Gesellschaft bei meinem Freunde H. Meyer Arzt in Berlin. zum ersten Male sah, zog er mich während eines Gesprächs über allerlei Gegenstände nach einem Fenster hin. Eine meiner Äußerungen gefiel ihm, und ich ward nicht wenig überrascht, als ich ihn ausrufen hörte: »Steffens, dies ist wie aus meiner Seele gesprochen, wir müssen näher miteinander bekannt werden«; er umarmte mich und begrüßte mich mit einem vertraulichen Du. Und so hatte ich schon tief in den fünfziger Jahren auf alte jugendliche Weise plötzlich einen vertrauten Freund erhalten. Ich habe nie ohne Wehmut an die letzte traurige Lebenszeit dieses Dichters, der doch einst einen bedeutenden Ruf erlangt hatte, denken können. Seine erste Frau schenkte mir das Vertrauen, in schriftstellerischen Angelegenheiten sich an mich zu wenden. Unglücklicherweise blieb ich mit ihrer Tätigkeit in dieser Richtung völlig unbekannt und habe mir in der Tat hierin eine Rücksichtslosigkeit vorzuwerfen, die ich kaum zu verteidigen vermag. In den ersten Jahren in Berlin lebte ich in näherem geselligen Umgang nicht allein mit Rahel und Bettina, sondern auch mit der unglücklichen Stieglitz. Charlotte Stieglitz, geborene Willhöft, hatte sechzehnjährig geheiratet, wurde in der Ehe unglücklich, gab sich 1834 selber den Tod, um dadurch ihrem Gatten zu einer Sensation und zu literarischem Ruhm zu verhelfen. Sie war öfter in meinem Hause und schien geneigt, mir ein immer größeres Vertrauen zu schenken. Sie war anmutig und höchst liebenswürdig; meiner Überzeugung nach war sie geboren, eine schlichte häusliche Frau zu sein; und hätte sie ihre übrigen Talente auf eine naturgemäße und unbefangene Weise mit der anmutigen Erscheinung verbunden, so würde sie zu den lieblichsten, ja innerhalb ihrer naturgemäßen Grenzen zu den bedeutenderen Frauen gehört haben; eine verschwimmende dichterische Richtung der Zeit hatte sie völlig fanatisch irregeleitet. Sie wollte nicht einen Poeten, sondern die Poesie heiraten, und bis diese ihr persönlich erschien, blieb sie unglücklich und fühlte sich von aller Welt verlassen. Kurz vor der schrecklichen Katastrophe war es, als wenn ihr eine Beichte, die sie zu drücken schien, auf den Lippen schwebte. Wie bedauerte ich, daß sie nicht abgelegt wurde! Eine Badereise, von der sie mit getäuschten Hoffnungen zurückkam, schien sie zur Verzweiflung gebracht zu haben. Ich habe es, wie früher öfter auch hier, auf die traurigste Weise erlebt, wie Gedanken und Vorstellungen, mit welchen Männer ein mehr oder weniger gefährliches Spiel treiben, in den weiblichen Seelen sich nur zu ernsthaft fixieren und in einer verzehrenden Gestalt ihr ganzes Wesen verschlingen. So werden Frauen am leichtesten religiös-fanatisch, und die grauenhaftesten Ausschweifungen des religiösen Wahnsinnes zeigten sich öfters bei diesen. Allerdings war der Selbstmord von merkwürdigen Umständen begleitet. Die unglückliche Frau hatte sich des Abends in der Abwesenheit des Mannes erdolcht. Sie hatte die Dienstmagd zu entfernen gewußt, und alle Anstalten, um dem Tode einen heitern, ja schönen Anstrich zu erteilen, waren mit vieler Besonnenheit getroffen. Sie hatte mit eigenen Händen ihr Bett reinlich zubereitet; in weißem festlichem Gewande legte sie sich hin; ein Dolch, der zum tragischen Spiel von den verirrten Eheleuten oft gebraucht wurde, endete ihr Leben; der Stoß war offenbar mit fester Hand geführt, er war tief und sicher tötend; sie hatte nach dem Stoß alles getan, um die Verblutung völlig nach innen zu leiten, hatte den Dolch aus der Wunde gezogen und den unglaublichen Mut gehabt, diese, solange ihr die Kraft übrigblieb, zu verstopfen. Nur wenige Blutstropfen fanden sich vor. So lag die junge schöne Leiche festlich geschmückt im reinlichen Bette; so sah ich sie früh am andern Morgen. Das Bild wird nie aus meinem Gedächtnis verschwinden. Ich erschrak aber nicht wenig, als ich die Äußerung der hinzuströmenden Freunde um mich her laut werden hörte. Der traurige Selbstmord ward als eine weibliche Römertat bewundert. – Kann eine Tat, die wohl begreiflich ist, aus dem ganzen Leben einer frühern geschichtlichen Epoche willkürlich in eine spätere, ganz anders gestaltete versetzt werden? Und muß, was von allen Lebensverhältnissen getragen wird und seine Bedeutung erhält, in einer christlichen Zeit nicht völlig bedeutungslos, krankhaft, ja wahnsinnig erscheinen? Es ist bekannt, daß der Wahnsinn die Besonnenheit nicht ausschließt, nicht selten sind die Beispiele von verständiger Vorbereitung zu einer wahnsinnigen Tat; ja der Seelenkranke zeigt oft Beweise von bewunderungswürdigem Scharfsinn; der Verstand verschwindet nicht, er wird dann mit allen seinen Kräften von der starren Richtung des Wahnsinns in Anspruch genommen. Es ist oft die Frage gewesen, inwiefern die höchste geistige Entwicklung des Geschlechts dem weiblichen Teil desselben zugänglich sein solle oder nicht. Diese Frage zu beantworten ist nicht schwierig. Die Frauen auszuschließen von dem, wozu nicht selten die Eigentümlichkeit ihrer Person sie drängt, und gewaltiger oft als die Männer, wäre höchst tadelnswert wie eine jede aus abstrakter Reflexion entstandene Ausschließung. Wenn man fragt, ob die Frauen einen bedeutenden Einfluß auf die Bildung der Gesellschaft gehabt haben, so wäre es höchst töricht, es leugnen zu wollen: aber dieser wichtige Einfluß beschränkt sich auf die Familie und den geselligen Umgang. Durch den letztern wird der Familienkreis erweitert und Männer wie Frauen in diesen hineingezogen. Die stille Gewalt der weiblichen Persönlichkeit wird dann ihrer Natur gemäß entwickelt, das Geheimnis der Weiblichkeit, das Höchste, Tiefste und Unergründlichste, erscheint, ohne verraten zu werden. Mir ist eine Sängerin nicht allein bekannt, sie ist mir eine der liebsten und trefflichsten der Frauen, Weib und Mutter im edelsten Sinne. Eine kurze Zeit nur erschien sie auf der Bühne, und ihre Kunst wie ihre gewaltige, herrliche Stimme riß jedermann hin. Wenn sie hervortreten sollte, war ihr ganzes Wesen ergriffen, sie trennte sich dann von dem Manne, von den Freunden, schloß sich ein und lebte ganz in dem Spiel und in den Tönen, allen andern menschlichen Verhältnissen völlig entrissen. Sie erschien zu einer Zeit, wo sie mit den glänzendsten Talenten wetteifern mußte. Derjenige, der sich einer großartigen Darstellung hinzugeben vermochte, ward von ihrem Spiele hingerissen, und die Töne klangen wie aus einer höhern Welt, wenn sie durch Gluck oder Beethoven ihren Inhalt erhielten. Diese Frau, so mächtig begabt, schien die Gewalt nicht zu kennen, die sie ausübte. Jedesmal, wenn sie die Bühne betrat, ward sie von einer unermeßlichen Angst ergriffen; die ersten Töne zitterten, bis die Gewalt der großartigen Darstellung sie völlig hinriß und sie aus der Menge der horchenden Zuschauer hinweg und in die stille Einsamkeit des Gemachs versetzte. Dann brach die Gewalt des Spiels und des Gesanges hervor, als wäre es die Dichtung selbst, die ihre innere Bedeutung mächtig aussprach; aber was die besten Zuschauer in Entzücken setzte, bedrohte ihr Leben. Sie verstummte nach kurzer Zeit und lebt jetzt als stille Hausmutter und Weib, von mir geschätzt und geliebt wie ihr Mann, der mein naher Verwandter und mein teurer Freund ist und mir in eigenen Momenten meines Lebens auf eine schöne Weise geistig nahetrat. Hätten meine Novellen für mich keine andern Früchte getragen, als daß sie mir die nähere Bekanntschaft vieler geistreicher Frauen erwarben, ich würde ihre Herausgabe segnen. * Es wird in diesem Schlußteile meiner Schrift oft von dem, was man schlecht genug Toleranz genannt hat, die Rede sein. So tadelnswert nun diese Benennung ist, so hat sie doch ihren Grund; denn das Negative, die Intoleranz, ist dasjenige, von dem man ausgeht, und sie ist nicht weniger heftig in unseren Tagen, als sie es in den Zeiten der heftigsten Verfolgung war, weil sie sich nach innen geworfen hat und eine geistige geworden ist. Eine heitere Gunst des Geschicks hat mich in jeder Epoche meines Daseins vor der Gewalt dieser Kritik gerettet; ich habe mich nie mit einem bloßen Sein des Denkens begnügen können, denn wo ich dieses hinrichtete, behielt ein fröhliches Dasein, welches sich von dem Denken nie trennen ließ, sein ewiges Recht; ich war gezwungen, wo ich stritt, jederzeit zugleich anzuerkennen. Man wird es nicht so ansehen, als betrachtete ich diese mir verliehene Gabe als einen sittlichen Vorzug: es würde sich schlecht zu dem Nachfolgenden passen. Meine Natur zwingt mich, dasjenige, was ich anerkennen muß, als geistig zu meinem Wesen gehörig zu betrachten, mich nie von ihm zu trennen, daher sind Haß und Neid – ich darf es mit der vollsten Wahrheit behaupten – mir mein ganzes Leben hindurch fremd geblieben, und von der Rache kann ich mir, obgleich in Skandinavien geboren, als eine eigene Tat keinen Begriff machen. Man hat mir sogar vorgeworfen, daß in diesen Erinnerungen aus meinem Leben zu wenig skandalöse Chronik vorkomme. Ich habe Tadelnswertes genug erlebt, aber ich besitze nicht ingrimmige Gesinnung genug, um es mit Freude und dann mit Erfolg darzustellen. Diese mir durch die göttliche Gnade mitgeteilte Gunst meiner Natur erstreckte sich nicht allein über solche Persönlichkeiten, mit welchen ich während eines mannigfaltig wechselnden Lebens in nähere Berührung kam. Ich hasse keinen Menschen. Das höchst unangenehme und quälende widerwärtige Gefühl des Neides überflog mich wohl manchmal, und ich darf nicht behaupten, daß es mir ganz unbekannt ist, weil ich nach menschlicher Art mich wohl überschätzte und mich auf eine tadelnswerte Weise mit anderen verglich: aber dies Gefühl ging bald vorüber, und ich darf mit Wahrheit behaupten, daß ich keinen Menschen beneide. Aber diese unwiderstehliche Neigung des Anerkennens dehnte sich auf alle Persönlichkeiten aus, eine jede war eine mir geschenkte, innerlich mir zugehörige; ich suchte in ihr eine Einheit des Daseins, in welcher sie durch ihre tiefste Eigentümlichkeit zwar von mir getrennt schien, aber eben als innerlich mit mir verbündet, je strenger die äußere Trennung, das in sich Abgeschlossene der fremden Persönlichkeit hervortrat; und dieser Standpunkt der Betrachtung, von welchem aus die ganze Geschichte (nicht bloß die verworrene Gegenwart, in welcher ich lebe) mir entgegentrat, ließ sich nur festhalten, wenn das gesamte menschliche Geschlecht sich in eine große Organisation verwandelte, deren Gesamtentwicklung ich durch alle dunklen Partien der Geschichte zu verfolgen gezwungen war. Aber eine solche Entwicklung war nur möglich, indem ich einen Gesichtspunkt der Persönlichkeiten zum Grunde legte, der mir die Annahme ihrer Unsterblichkeit aufdrang. Eine jede Person ward daher recht eigentlich anerkannt als eine nur aus sich selber begreifliche, daher für jede menschliche Betrachtung ursprüngliche. Bis ich diese Stelle gefunden hatte, blieb mein Urteil ein unsicheres; erst mit dieser fing meine Kritik an, ja, wenn ich sie erreicht hatte, schien mir eine Kritik überflüssig, sie fiel von selbst weg, weil das entschiedene Hervorheben des Ursprünglichen allem Sekundären seinen Wert raubte. Aber nicht allein die Geschichte forderte diese Anerkennung, alles Lebendige war ebenso, selbst in seiner endlichen Form nicht aus einem andern, sondern nur aus sich selber zu begreifen; daher erschien mir die bis dahin herrschende ideologische Ansicht als eine durchaus verwerfliche; daß irgend etwas seine eigentliche Bedeutung erhielt, indem es nur für einen andern und nichts an sich wäre, war mir durchaus unbegreiflich. Es hatte nur ein geistiges Dasein, indem es nicht für diesen oder jenen, sondern für das Ganze daseiend zugleich für sich selbst und aus sich selbst eine Bedeutung erhielt. Das herrschende Prinzip, das innerste, blieb aber das kosmische. Wir werden bei einer jeden Betrachtung rein aus uns selber hinaus verwiesen, der Masse und ihren Gesetzen unterworfen, einer äußern Unendlichkeit preisgegeben. Diese offenbart nur eine Gesetzmäßigkeit, deren Gesetz fortdauernd verborgen bleibt. Wenn wir von einer uns fremden Unendlichkeit abhängig sind, ja in ihr untergehen, werden alle Dinge nicht in sich, sondern nur in ihren äußeren Verhältnissen gegeneinander erkannt, und die scharfe Auffassung dieser Verhältnisse, die exakte Physik, bildete die strenge mathematische Logik; die einzig mögliche wissenschaftliche Konsequenz für die Naturbetrachtung war die Mathematik. Aber dieser mathematischen Richtung der Physik gegenüber erhielt die Betrachtung der Organisation, die alle Mathematik ausschließt, in der Geschichte einen immer größern Umfang; der Begriff organischer Einheit aller lebendigen Formen wird immer mächtiger und verspricht neben der Gravitationslehre die ihr gebührende geschichtliche Stelle einzunehmen. Diese Ansicht des allumfassenden Lebens war es, die meine Jugend, ja meine Kindheit beherrschte. Was ein nicht zu durchdringendes Gefühl ahnungs- und sehnsuchtsvoll suchte, war nicht irgendeine bloß äußerliche Beziehung der Natur, sondern jene innere geistige Einheit in allem; daher war mir das Geringste so lieb, daher war mir das kleinste Gras eben in seiner bestimmten Form so viel wert und trat mit dem unbedeutendsten Insekt in ein inneres, ich möchte sagen persönliches Verhältnis. Dunkel schwebte mir dieses bei allen meinen Studien vor, und indem ich fremde Ansichten aufnahm und teilte, kehrte ich dennoch immer von neuem zu dem zurück, was freilich lange nur freie Phantasie, eine mehr dichterische als wissenschaftliche Bedeutung hatte. Was Schelling mir ward, ist bekannt, ja ein Hauptthema meiner Lebenserinnerungen ist eben dieser Trieb, der mich zu Schelling führte, und meinem Leben seine eigene Bedeutung gab. Mir aber ist das, was ich Naturphilosophie nenne, nichts anderes als die Überzeugung, daß eine organische Konsequenz sich in der Geschichte ausbilden will, eine solche, die in allem, was Gegenstand der Forschung ist, ein Eigenes, sich aus sich selbst Entwickelndes anerkennt und durch diese Anerkennung erst seine Bedeutung für das Ganze zu fassen vermag. Daß ich der Kirche mich hingab, aus welcher meine erste kindliche, völlig reflektionslose Religiosität entsprang, ward der erste Akt einer Pietät, der offenbar religiöser Art war. Wenn die protestantische Kirche die Behauptung, daß sie und der rechte Glaube überhaupt alle Tradition ausschließe, in ihrer ganzen Konsequenz hervorheben will, so gerät sie durch ihren Kampf gegen die katholische offenbar in einen innern Widerspruch. Es gibt Ansichten, die sich in den Protestantismus mit einer Art von religiöser Notwendigkeit hineindrängen, die sich nicht unmittelbar aus der Heiligen Schrift beweisen lassen, und die, wenn auch aus noch so früher Zeit, in der Tat traditioneller Natur sind. Ein unterrichteter und frommer Theolog machte mich auf die Kindertaufe aufmerksam, die nirgends in der Heiligen Schrift vorkommt und dennoch durch eine aus dem Innersten des Christentums hervorgehende Notwendigkeit geboten ist. Aber wie die Kirche das bewußtlose Kind in ihr gesegnetes Reich aufnimmt, so hat die Zeit, in welcher wir geboren wurden, die Familie, in deren liebender Mitte wir erzogen sind, wie das Volk, dem wir zugehören, den Gang unserer Entwicklung vor allem reflektierenden Bewußtsein schon bestimmt. Daß diese bewußtlose Bestimmtheit zu ihrem Ursprunge zurückkehrend eine reinigende Krise der Entwicklung herbeizuführen vermag, das beweist das Geschlecht im ganzen, die Entstehung der Reformation, ja im tiefsten göttlichen Sinne die Entwicklung der Religion der Liebe aus der des Gesetzes, der neuen Zeit der ganzen Geschichte aus der der alten durch den Heiland selber. Ich aber trug das geistige Geheimnis meines ganzen Lebens in mir, ein jeder Fortschritt wurzelte in der Kindheit, ja es waren die frühesten Keime, die sich immer mehr entwickelten. So verdrängte die gänzliche Hingebung nicht das geheimnisvolle Dasein der frühesten Zeit; und daß ich wieder Lutheraner ward, war keine Wahl, sondern der innere Entwicklungsgang meines in der Naturobjektivität ruhenden und aus dieser hervortretenden Lebensganges. Nun war, als ich mich der Kirche anschloß, diese, wie sie mir aus meiner Kindheit erschien, in Gefahr. Die Union ward nicht in der religiösen Bestimmtheit, die den König leitete, von den Behörden aufgefaßt, denen er die Ausführung zu übertragen von den Verhältnissen gezwungen war. Am 27. September 1817 hatte Friedrich Wilhelm III. in einem Aufruf an die Vertreter der lutherischen und der reformierten Kirchen die Union beider vorgeschlagen; die Synode der Berliner Geistlichen unter Schleiermacher erklärte sofort ihren Beitritt, die Kirchen in Nassau, Baden und Hessen folgten in den nächsten Jahren. Eine mächtige Gegenbewegung machte sich allerdings in Preußen geltend, als der König 1822 die verschiedenen konfessionellen Kirchenordnungen durch Aufstellung einer »Unionsagende« beseitigen wollte. 1852 wurde – als Folge davon – die Zusammensetzung des Evangelischen Oberkirchenrates in Berlin aus Mitgliedern beider Bekenntnisse festgesetzt, – Steffens erklärte sich für die lutherische Gemeinde. Ihm waren die geschichtlich gewordenen symbolischen Bücher ein heiliger Schatz der Kirche, alle Geistlichen sollten auf diese verpflichtet werden. Die Zeit der Synoden war aber verschwunden; eine administrative Behörde hatte das Element der Kirche in sich aufgenommen, aber vermochte sich nicht mit dieser, wie es notwendig war, innerlich zu verbinden. Diese Trennung im Innern der Behörden pflanzte sich in der Union fort, und eine Gewalt, die einen innern Zwiespalt in sich selbst trug, konnte nicht nach außen als eine versöhnende erscheinen. Indem die Aufforderung zur Union laut ward, sprach sie zwar aus, was schon in vielen, dem Christentum zugewandten Gemütern vorherrschte: aber eben als die unierte Kirche sich gestalten wollte, mußte die Bestimmtheit zweier sich geschichtlich fortbildender kirchlicher Formen wieder klarer als bisher hervortreten. Was unter den Theologen ein Kampf dogmatischer Lehren war, erschien in den auseinandergefallenen Gemeinden deutlicher als ein traditionelles Heiligtum. Der König in seiner wahrhaft christlichen Pietät ehrte dieses, es stand denjenigen Gemeinden, die sich in der bisherigen noch immer gesetzlichen Geltung der Trennung beider Kirchen erhalten wollten, frei, in dieser zu beharren. Und in der Tat nichts läßt sich weniger durch ein Gebot einführen als eine kirchliche Union. Sie kann nur ausgesprochen werden, wo sie schon ist. Daß ich mich am meisten nach Berlin sehnte, ist begreiflich, und daß dieser Wunsch, den ich so lange Jahre hindurch genährt hatte, endlich in meinem 59. Jahre (im April 1832) erfüllt wurde, verdanke ich allein der hohen Gnade des Kronprinzen und seiner kräftigen Verwendung. Das Ministerium hatte die Absicht, mich solange wie möglich entfernt zu halten, zu klar geäußert; ich konnte kaum irren, wenn ich annahm, daß es nur unwillig nachgab. Freilich ist es wohl möglich, daß die hohe Behörde meine Anwesenheit in der Mitte der lutherischen Gemeinde beschwerlich fand; hatte sie meine Lage genau gekannt, so würde dieses Motiv, welches ihren Entschluß, da nachzugeben, wo ein festgehaltener Widerstand ihr doch bedenklich ward, wahrscheinlich verschwunden sein. Die Gemeinden schlossen sich immer mehr und mehr in sich ab. Ich verließ Breslau und kam in Berlin den 14. April 1812 an. Ich hatte fast ein Dritteil meines ganzen Lebens in jener Stadt gewohnt; hatte dort viele Freunde gewonnen, die mir in den Religionsstreitigkeiten treu geblieben waren, und verließ die Stadt und die engere freundliche Umgebung, die durch die lange Gewohnheit des Lebens eine große Gewalt über mich erhalten hatte, nicht ohne Wehmut. Und doch war ich in der langen Zeit keineswegs in Schlesien heimisch geworden. Ich durste nicht hoffen, daß die Echtester mir, wie dem Garve, Christian Garve, 1742-1798, Professor der Philosophie in Leipzig und Breslau, Aufklärungsdenker mit volkstümlicher Ausdrucksweise. dem Manso, Johann Kaspar Manso, 1760-1828, Philologe, Übersetzer und Schriftsteller, Gymnasialprofessor in Breslau. so ein durch Gesinnung hervorgerufenes Bürgerrecht zugestanden hätten. Soviel Lobenswertes ich in der Provinz fand, so war der durch Geschichte und Verhältnisse erzeugte, in vieler Rücksicht so rühmliche, aber enge Provinzialismus doch nicht in Übereinstimmung mit meiner Natur zu bringen. Meine Phantasie, meine Wissenschaft in ihrer empirischen wie spekulativen Richtung, mein ganzer Sinn versetzte mich in die Mitte der bewegten Hauptstadt, und ich lebte in Breslau wie in einer Verbannung. Allerdings waren die Verhältnisse in Berlin mir keineswegs günstig. Während der zwanzig Jahre halte sich hier eine wissenschaftliche Richtung ausgebildet, die mir, ich wußte es, feindlich gegenüberstand, Berlin war von jeher eine kritische Stadt, eine jede höhere Bildung befolgte diese Richtung. Das nihil admirari ist nirgends so entschieden ausgebildet wie hier: eine jede geistvolle Produktivität, ein jeder geistig anziehende Genuß wird vorläufig abgewiesen; man findet in der Hingebung etwas Knechtisches, der Selbständigkeit des Mannes Unwürdiges; und selbst eine beschränkende Religiosität, wo sie erwacht, wird ausschließend doktrinär, richtend. Hegel konnte vielleicht in ganz Deutschland keine Stadt finden, die ihm für die Ausbildung seines Systems günstiger war. Ein allgemein kritischer Sinn hebt die selbständige Stellung vor allen hervor; der Genuß, der aus einer mittelbar bewundernden Hingebung entspringt, stumpft sie dahingegen ab, und der Gegensatz zwischen Wien und Berlin ist eben, indem man beide Städte in dieser Beziehung miteinander verglich, sprichwörtlich geworden. Die Herrschaft über die Geister, die Berlin seit Friedrich II. Regierung zu erringen anfing, die allerdings während einer traurigen Mittelepoche nach dem Tode des großen Königs erschlaffte, ja ganz unterzugehen schien, gründet sich auf diese Eigentümlichkeit. Sosehr dieses geistige Übergewicht Berlins besonders im südlichen Deutschland angefeindet wird, so liegt doch in der Art dieser Anfeindung selbst die unwillige Anerkennung verborgen; aber eben daher findet eine Duldung untergeordneter Art hier in einem höhern Grade statt als in irgendeiner andern größern Stadt Europas. Das stark hervortretende Bewußtsein des eigenen Wertes gibt den sichern Maßstab des Urteils in jeder Richtung. Nicht allein bei der Universität, ebenso bei den verschiedenen Behörden hat sich diese schlechthin richtende Gesinnung hart ausgebildet, und wie die preußischen Beamten in den der Monarchie in neueren Zeiten hinzugefügten Provinzen erschienen sind, ist allgemein bekannt. Eine solche entschiedene Sicherheit des Urteils ist weit von einer eigentlichen Anerkennung entfernt. Sie sieht auf eine fremde Eigentümlichkeit, die jenseit des richtenden Maßstabes liegt, mit einer Art Mitleid herab; ihre Ohnmacht ist evident, und so läßt man sie in ihrer Schwäche gewähren. Aber ein solches Übergewicht des kritischen, eine solche nationale Zentralisation des Geistes ist in der tiefern geschichtlichen Entwicklung dennoch nur relativ. In dem Fortgange des Geschlechtes liegen die Quellen der fortdauernden Produktion, und die Kritik würde allen Sinn verlieren, wenn sie versiegten. Das eben macht Berlin so interessant. Wie stille Gemeinden bilden sich hier enge geistige Kreise ganz eigentümlicher Art, der, wie es scheint, alles verschlingenden Kritik gegenüber. Sie sind in sich gesichert, denn der Feind glaubt gar nicht an ihre eigentliche positive Existenz. Die Gründe, aus welchen sie hervorquellen, sind ihm unbekannt, und er ahnt nicht, wie stark bewaffnet und mächtig sie werden können. Es ist in der Tat auffallend, in welcher beständigen fruchtbaren geistigen Gärung Berlin dadurch erhalten wird. Während Paris sich ein halbes Jahrhundert hindurch von wenigen politischen Begriffen, bald so, bald anders modifiziert, bewegen ließ und alle vorübergehende Ordnung aus einem praktischen Geschick, mit welchem ein Gegebenes mit Präzision aufgenommen und exakt bestimmt ward, entsprang, regte sich bei uns die innerste geistige Mannigfaltigkeit in großer Freiheit und Bedeutung, unter einer, wie es schien, alles unterdrückenden Zucht eines starren, anscheinend unüberwindlichen Formalismus. Die militärische Disziplin der Hegelschen Philosophie vermochte diese Freiheit des Geistes ebensowenig zu unterdrücken, wie die Wachtparade den lebendigen freien kriegerischen Sinn. Dadurch erhält Berlin für denjenigen, der sich in diese Stadt innerlich hineingelebt hat, einen so großen, ja unwiderstehlichen Reiz. Die Natur der Umgebung hat nichts Lockendes, die mannigfaltigen Quellen äußerer Belustigungen und die leichte Zugänglichkeit zu mancherlei zerstreuenden Genüssen bieten sich nirgends dürftiger dar als in Berlin. Erst in der neuesten Zeit scheint ein äußerlich bewegteres Leben sich gestalten zu wollen: aber die Stadt hat ihren lazedämonischen Charakter unter den europäischen Hauptstädten nie ganz verloren. Nur dadurch ist sie auf eine bedeutende Weise davon verschieden, daß sie bei ihrer strengen äußern Kälte eine innere atheniensische Glut bewahrt.   Im Jahre 1817 machte Steffens mit seiner Frau und seiner Tochter Clara eine Reise nach Tirol und Wien.   Unsere Reise nach den Tiroler Alpen führte uns erst nach dem reizenden heitern Tegernsee; dann fuhren wir längs dem Achensee und kamen in das großartige herrliche Inntal hinab, brachten einen Tag in Innsbruck zu, durchzogen das Pinzgauer Tal, besuchten Gastein und von da Salzburg. Nachdem wir auf solche Weise langsam fortschreitend, hier und da uns aufhaltend, in der Mitte der hohen Alpen gelebt hatten und nun sahen, wie bei Hallein die Gebirge auseinandertraten, befiel uns ein Gefühl, welches ich zwar von früher kannte, was mich aber nie so gewaltig beherrscht hatte. Der Eindruck der großen mächtigen Gebirgsnatur, der reiche Wechsel der Gebirge und Gegenstände, die Einwohner, die uns sowohl gefielen und in deren Mitte wir lebten, hatten uns in der kurzen Zeit eine eigene Heimat gebildet. Wir fühlten uns in dieser schon sicher, die scheinbar wilden Gebirge umgaben uns so milde, und wenigstens jetzt, als wir aus ihrer Mitte heraustraten, schwebten uns die mächtigsten Wasserfälle wie rieselnde Bäche vor der Seele. Wir wurden in den weiten Ebenen stumm, ein trauriges Gefühl beschlich uns, und es war uns, als drängte, indem die Gebirge voneinander wichen, eine unruhige Welt, aus welcher wir geflohen waren, gegen die wir uns gesichert fühlten, stürmisch und drohend auf uns ein. Es dauerte lange, ehe wir dieses Gefühl zu überwältigen vermochten. Und selbst das herrliche Salzburg, dessen Reiz wohlbekannt ist, vermochte uns nicht zu beruhigen. Hier wurden wir auch in der Tat plötzlich von ganz anderen Empfindungen durchdrungen, und das Unruhige, Stürmische und Verhängnisvolle der Geschichte wechselte plötzlich mit der stolzen Sicherheit der Gebirgsnatur. Aber indem wir uns an der schönen Natur erfreuten, während wir die Merkwürdigkeiten der Stadt sahen, sollte uns ein anderes Ereignis entgegentreten. Auf der Straße wimmelte es von Menschen, und als wir näher traten, entdeckten wir eine Menge von Auswanderern, Männer, Weiber und Kinder, die mit Kleiderbündeln und Packen aller Art beladen waren; Alte und Junge, einige stark und rüstig, die stattlich einherschritten, andere mit Lumpen bedeckt. Wagen hoch bepackt und Karren daneben. Neugierig näherten wir uns; wir sahen, wie die auswandernden Scharen teilnehmend, während sie auf der Straße rasteten, umringt wurden, wie die Ärmeren hier und da Gaben erhielten, und erfuhren nun, daß es die protestantischen Bewohner des Zillertales waren, die, durch die Verfolgungen der katholischen Geistlichkeit verdrängt, von dem Könige von Preußen aufgenommen wurden und sich im Riesengebirge niederlassen durften. Wunderliche Gedanken durchkreuzten sich. Ich dachte an die freilich viel grausamere Vertreibung der Protestanten aus Salzburg am Anfang des vorigen Jahrhunderts, und unwillkürlich drängte sich mir auch die Erinnerung an die Auswanderung der Lutheraner aus Schlesien auf. Die ganze Verwirrung der Gegenwart, innere wie äußere, trat an die Stelle der heitern Gebirgseinsamkeit, die mich eine Zeitlang umfangen und in süße Ruhe gewiegt hatte. Seit dem Anfang des Jahrhunderts kannte ich viele der deutschen Künstler, unter diesen die ausgezeichnetsten, die eine Zierde unserer Zeit sind, aber auch jüngere hoffnungsvolle; ich lebte mit diesen, ich nahm teil an ihrem Streben und freute mich über ihre Fortschritte, selbst wenn sie mir nicht völlig gelungen schienen, wenn sie mehr Reminiszenzen aus einer früheren Zeit als ursprüngliche Produktionen waren, mehr nach einer Vergangenheit hinwiesen, als auf eine Zukunft deuteten. So lebte ich eine lange Zeit durch Thorwaldsen, Rumohr Felix von Rumohr, 1785-1843, Zeichner und Radierer, machte ausgedehnte Kunstreisen nach Italien, lebte dann in Dresden, schrieb unter anderem »Drei Reisen nach Italien«, 1832. und mehrere junge Männer fast ganz wie in der Mitte der italienischen Künstler, vorzüglich der römischen. Ich kannte ihre Verhältnisse und ihre mancherlei Streitigkeiten wie die Arbeiten, mit welchen sie beschäftigt waren. Einer war mir besonders, ohne daß ich ihn persönlich kennengelernt hatte, lieb und teuer geworden, es war Cornelius; Peter, Ritter von Cornelius, 1783-1867, einer der Wiedererwecker der deutschen bildenden Kunst, Schöpfer bedeutender Fresken in Florenz, München und Berlin, 1841 nach Berlin als Direktor der Akademie berufen. ihm näherzutreten, war lange mein Wunsch gewesen, auch ich war ihm auf dieselbe Weise bekannt geworden, und es freute mich, ihn in München zu finden. Wir hatten schon seine bewundernswürdigen Kompositionen in der Glyptothek gesehen und genossen, als wir ihn in der Ludwigskirche an dem großen Altarblatt, das Jüngste Gericht, arbeitend fanden und ich ihn und sein Freskogemälde zugleich vor mir sah. Das große Werk riß mich hin und der Urheber desselben nicht weniger. Denn die offene und freimütige Weise, mit welcher er mich aufnahm, daß es mir nach wenigen Minuten war, als hätte ich ihn lange gekannt, bleibt mir unvergeßlich wie die fröhlichen Stunden, die ich in seinem Hause zubrachte, indem ich in meinem Greisenalter mit jugendlicher Begeisterung eine neue Freundschaft schloß. Der Reichtum, die Tiefe, die Einfachheit und Klarheit seiner großartigen Kompositionen geben ihm doch eine wahrhaft geschichtliche Bedeutung, die nicht bloß für die Gegenwart gilt; man darf behaupten, daß er durch die unerschöpfliche Quelle seiner Produktionen in die Mitte der bedeutungsvollsten Künstler der Vergangenheit, zugleich nach einer reichen Zukunft hinweisend, getreten ist und unter den am meisten Gefeierten seinen Platz behaupten wird. Daß ich diesen Freund in meine Nähe bekommen und Zeuge seiner immer neuen Erzeugnisse sein würde, konnte ich damals nicht ahnen. Es war fast unvermeidlich, daß ich von dem frischen Künstlerleben in München hingerissen wurde. Die Stadt entstand von neuem; aus allen Ländern Europas strömten die Reisenden hinzu. Auch ich war aus der ruhigen Gewohnheit des Lebens herausgerissen; ausgezeichnete Künstler waren mir aus frühern Zeiten her, wenn auch nicht persönlich, bekannt, so Olivier Woldemar Friedrich von Olivier, 1791-1859, romantischer Maler, 1813 Lützowscher Jäger. und Schnorr. Julius Schnorr von Carolsfeld, 1794-1872, wandte sich als Maler ganz der romantischen Richtung zu; er malte 1827 im Münchner Neuen Königsbau Fresken zum Nibelungenlied. In der Werkstatt des leider verstorbenen Stiegelmeier Bildhauer aus dem Münchener Kreis. sahen wir in die Grube auf den glücklich vollendeten Guß von Thorwaldsens Kaiser Maximilian herab; wir besuchten Schwanthalers Ludwig Schwanthaler, 1802-1848, Bildhauer in München, Schöpfer der Plastiken an der Nordseite der Walhalla, der Bavaria und einer Reihe anderer bekannter Denkmäler in deutschen Städten. Werkstatt, Schnorr führte uns zu seinen Fresken im Schlosse; wir trafen Ziebland, Georg Friedrich Ziebland, l800-1873, Architekt, Erbauer der Bonifatius-Basilika in München. beschäftigt mit seinem großartigen Bau; wir besuchten täglich, freundlich von Olivier begleitet, abwechselnd die Glyptothek und die Pinakothek; die Gebrüder Boisseré und ihre berühmte Sammlung, Aus der Sammlung altdeutscher Gemälde, von den Brüdern Boissere seit 1804 in Köln geschaffen, wurde der Grundstock der alten Pinakothek gelegt. die leider durch Mißverständnisse mancherlei Art für Berlin verlorenging, waren mir schon aus Heidelberg bekannt. Künstler und ihre Werke, neue wie alte, umfingen mich mit einer solchen Gewalt, daß der schlummernde Sinn aufgeweckt und ich unter den veredelten Gestalten der Kunst heimisch ward. Dazu trug die gemeinschaftliche Begeisterung der Künstler bei. Wenn ich nun aber das Künstlerleben in München mit dem in Berlin vergleichen wollte, so darf ich nicht vergessen, daß ich hier lebe und wohne; ich darf nicht vergessen, was meine Freunde Rauch, Christian Daniel Rauch, 1777-1857, der Begründer der modernen Porträtstudie, Schöpfer der Standbildnisse der Freiheitskämpfer. Tieck, Bruder des Dichters, Maler und Zeichner des romantischen Kreises. Hensel, Wilhelm Hensel, 1794-1861, Historienmaler, Freiwilliger 1813. in dessen Haus und Familie ich meine schönsten und genußreichsten Stunden, von Musik und Malerkunst getragen, verbringe, was mir Begas, Karl Vegas, 1794-1854, Historien- und Porträtmaler. Wach, Wilhelm Karl Wach, 1787 bis 1854, religiöser Maler und Porträtist, Freiwilliger 1813. wie die Bildhauer Wichmann, Ludwig Wilhelm Wichmann, 1784-1859, Bildhauer in Berlin. Drake Fr. Joh. Heinrich Drake, 1805-1882, Bildhauer berühmter Figuren in Berlin, von Thorwaldsen beeinflußt. und Kiß August Kiß, 1802-1865, Bildhauer, Schöpfer der sechs Statuen des Wilhelmplatzes in Berlin. geworden sind. Aber was von den Reisenden heftig aufgesucht wird, was sich dem Müßigen mit Gewalt aufdrängt, das sieht der ruhig Wohnende allmählich entstehen; manches entgeht seiner Aufmerksamkeit. Alles, als gehörte es zum täglichen Leben, macht einen geringern Eindruck, und wenn die Gewalt einer neuen Erscheinung uns hinreißt, so tritt diese isoliert hervor und wird nicht von einer reichen Umgebung unterstützt und gehoben wie da, wo uns alles neu ist. Wir reisten von München nach Landshut, trafen unterwegs einen Reisewagen, und ich glaubte Schelling und seine Frau zu sehen. Als wir nach der genannten Stadt kamen, lag das Fremdenbuch eröffnet vor uns, der zuletzt Eingeschriebene war Schelling. Er hatte die Nacht hier zugebracht, wir waren an ihm vorbeigefahren. Wir reisten nun über Regensburg, besuchten das noch unvollendete stolze Gebäude, welches aus der Gestalt des atheniensischen Parthenons sich in ein nordisches Walhalla verwandelt hatte. Unsere Fahrt ging teilweise längs der Donau über Passau und Linz durch Deutschlands reizendste Gegenden nach Wien. Hier verweilten wir ein paar Wochen und brachten diese zu, als wären wir Wiener. Ich sah Wien zum ersten Male, und die Stadt machte durch die weitläufigen Vorstädte, als wir, durch das Glacis fahrend, uns dem Burgtore näherten, einen sehr imposanten Eindruck. Die gebietende und stolze Physiognomie der Stadt überraschte mich; die Festung mit ihren engen Straßen bildet eine Kaiser- und Adelsburg, die sich von der bürgerlichen Stadt vornehm abscheidet und wie von einem Mittelpunkt aus sie unter Zucht hält und beherrscht. Wie ganz anders erscheint Berlin, wo alle Elemente bunter und gleichförmiger untereinander gemischt sind. Diese Physiognomie von Wien steht in einem starken Kontrast mit der dortigen gutmütigen und unbefangenen Lebensweise der Einwohner. In Berlin verhält sich alles umgekehrt. Ich vergesse nie die militärische Strenge, den kalten Ernst, der mir fast drohend entgegentrat, als ich zum eisten Male in die offene, wie es schien arglose Stadt hineintrat und ihre Straßen durchwanderte. Wir gaben uns ganz der Natur und der Kunst hin, ergötzten uns in der Mitte des Volkes und brachten fast alle Abende im Theater zu. Es ist eine schöne Sitte der ersten Wiener Familien, daß sie den Fremden ihre Logen anbieten und diesen ganz überlassen; so ist man allein und ungeniert. Es war mir fast, als säße ich mit meiner Familie in dem Extrawagen auf der Landstraße. Es tat mir leid, Wien zu verlassen.   * Im Jahre 1840 reiste Steffens zu den Krönungsfeierlichkeiten Christians VIII. nach Kopenhagen. Er konnte auch an der Versammlung der nordischen Naturforscher teilnehmen, und bei der Eröffnungssitzung sprach er wieder über sein geliebtes Thema, über »Das Verhältnis der Naturphilosophie zur allgemeinen Naturwissenschaft«. Die nordische Reise war überreich an Eindrücken und Begegnungen und wohl geeignet, den alternden Mann zu erfreuen und zu erheitern.   Ich war nun täglich mit Thorwaldsen zusammen. Eine ausgezeichnete Dame, die Baronesse Stampe, hatte sich ganz seiner Pflege gewidmet, und wenn ich die Art, wie meine Landsleute ihn empfangen hatten, erwog, die Art, wie ihn der König ehrte, dann trat mir mein altes liebes Vaterland entgegen, und ich konnte nicht glauben, daß ein Volk, welches sich seinen ausgezeichneten Männern so hingab und diese auf so würdige Weise anzuerkennen verstand, das ordnende Lebensprinzip des Staats dem Götzen des Tages preisgeben sollte. Mit Thorwaldsen zu leben und von seinen Werken umgeben zu sein, ist dasselbe, man kann sie nicht von ihm trennen. Das durch ihn in plastischer antiker Darstellung hervortretende Christentum hat die größte Blüte der alten Welt für das Heiligste der neuen Bildung gewonnen, hat den Tempel in Kirche verwandelt, das strenge Gesetz der plastischen Kunst in die lebendige organische Zeit versetzt und den zu scharf gehaltenen Gegensatz zwischen dem Klassischen und Romantischen in eine höhere Einheit gebracht. Thorwaldsen ward allerdings, woraus die Engländer stolz sein können, durch diese zuerst unerkannt, aber er ward durch die Deutschen, dem französischen Canova Antonio Canova, 1757-1822, der große italienische Bildhauer des Klassizismus, der den entscheidenden Schritt von den barocken Stilnachklängen zu seinen formvollendeten, ruhigen Marmorplastiken tat. gegenüber, geschätzt und in die europäische Kunstgeschichte eingebürgert. Wir besitzen eine bedeutende plastische Kunstschule hier im Lande; Rauch, Tieck, Wichmann, Drake, Kiß, stellen Meister dar, die in Europa geehrt sind: aber ich gestehe, ich bedaure es, daß es kein Land gibt, welches so ganz Thorwaldsens Kunstschätze entbehrt wie Preußen. Ich glaube hier eine nationale Einseitigkeit zu entdecken, die mir allenthalben schmerzlich entgegentritt, die ich wohl meinem kleinen Vaterland verzeihe, aber in Preußen am wenigsten zu finden glaubte. Allenthalben in Deutschland, wo Thorwaldsen in seinem Greisenalter erschien, ist man ihm mit lebhaftem Enthusiasmus entgegengekommen. Einem Kinde gleich, mit rührender Naivität, empfing er eine jede Verehrung und gab sich der Umgebung gern, willig und anspruchslos hin. Aber ein stolzes Bewußtsein der mächtigen Bedeutung seines Daseins durchdrang ihn, und er hatte das Recht, es als ein würdiges Ziel zu betrachten, daß er nicht bloß durch seine Werke, sondern auch durch seine Person verewigt wurde. Das Volk hat sich verherrlicht, als es ihm entgegenkam. Alle Kunstschätze, die er besaß, eigne und fremde Werke, hat er seinem Vaterlande geweiht. Man verzeihe es mir, wenn ich befürchte, daß, wenigstens für die nächste Zukunft, Thorwaldsen seinem geschichtlichen Rufe geschadet hat, indem er die stolzen Denkmäler seines Lebens außerhalb des großen Stroms der Geschichte im hohen Norden hinstellte. Die Frauenkirche in Kopenhagen stellt doch den ersten großen Gedanken einer echt christlichen Kirche vollendet dar, und nur die Lage hat bis jetzt verhindert, daß dieses große Werk in seiner bewunderungswürdigen Erhabenheit nicht mehr geschätzt und besprochen wird. Alle Hauptzüge der christlichen Offenbarung treten mit wahrhaft ergreifender Einfachheit und Klarheit hervor. Viele der plastischen Werke sind einzeln, wie sie in Rom entstanden, bewundert worden; mir ist aber bis jetzt keine bedeutende Äußerung über den ganzen Zusammenhang, in welchem die ganze christliche Offenbarung und Lehre uns hier ergreift, bekanntgeworden. Ein Giebelfeld deutet den Inhalt des Gebäudes an, es stellt Johannes den Täufer mit seinen Jüngern dar; die Vorhalle der Kirche durch eine Reihe von Reliefs den Heiland wundertätig, lehrend, tröstend auf eine göttliche Weise. Wenn man in die Kirche hineintritt, sieht man auf beiden Seiten die Apostel, klassische erhabene Meisterwerke. Ich finde mich verpflichtet, eine keineswegs allgemein bekannte Anekdote aus Thorwaldsens Künstlerleben hier zu erwähnen. Der Baumeister, dessen Werk durch den großen Bildhauer erst seine rechte Bedeutung erhalten hat, baute Nischen für Statuen der Apostel; aber es war keineswegs Thorwaldsens Absicht, daß diese auf eine solche Weise halb verborgen zurücktreten sollten; er wollte sie frei hinstellen, daß sie die ganze Kirche durch ihre Gestalten verherrlichten, Man hatte ihm genau das Maß der Nischen zugesandt, durch welche sie ihrer Größe nach kleiner, durch ihre Umgebung gedrückt erscheinen würden. Thorwaldsen ließ sich in keinen Streit ein: als aber die Statuen nach Kopenhagen kamen, entdeckte man mit Schrecken, daß sie größer waren, als die Nischen; man war genötigt, diese wieder auszufüllen und die Statuen frei hinzustellen. »Mein Werk ist«, sagte er, »nach allen Seiten hin künstlerisch ausgearbeitet und will so sich darstellen.« Keiner, der hereintritt, kann leugnen, daß dadurch die ganze Kirche ihre eigentümliche, hohe, gedankenvolle Bedeutung erhält und durch ihre große, klare Einfachheit uns auf göttliche Weise anspricht. Es ist der Friede, die Ruhe des in sich abgeschlossenen Christentums, welches uns umfängt. So gebietet der große Künstler, und man muß sich seinen Befehlen fügen. Vor dem Altar sehen wir einen Engel, der das Taufbecken hält, mit bewundernswürdiger Zartheit ausgeführt, und statt Altarbild schwebt vorgebeugt der segnende Heiland, dessen Erhabenheit, strafender Ernst und göttliche Milde oft bewundert worden. Hinter dem Altar läuft unter dem elliptischen Gewölbe in einem Halbkreise eine Reihe von Reliefs, welche die Hauptmomente der Leidensgeschichte tief, klar und einfach darstellen. In diesem Zauberkreis versetzt, trägt der Heiland das Ganze. Allerdings überrascht uns zuerst die leidenschaftslose Ruhe der Plastik, aber wenn wir uns der Betrachtung hingeben, ist es, als rührten sich die Statuen, und ein heiliger, versöhnender und erwärmender Friede umfängt, trägt, tröstet uns, daß wir, obgleich in den Armen des kalten Marmors, in denen der warmen, zarten, göttlichen Liebe zu ruhen wähnen. Nie sah die Geschichte ein ähnliches, nicht einmal von ferne geahntes, noch weniger gedachtes und ausgeführtes Werk.   Das gleiche Jahr 1840 brachte Preußen einen neuen Herrscher. Friedrich Wilhelm IV., derselbe, der als Kronprinz bereits seine besondere Aufmerksamkeit Steffens zugewandt hatte, als er von Breslau aus mit ihm seine schlesische Reise unternahm, bestieg den Königsthron, Steffens beschreibt seinen Einzug in Berlin.   Die Fenster in den Straßen, durch welche der König einziehen sollte, wurden für große Summen vermietet. Zwei Familien hatten sich vereinigt, wir nahmen ein Fenster ein, ich sah, wie die ganze Bevölkerung in Berlin zusammenströmte; die wenigen Bewaffneten, die sich sehen ließen, waren nur da, um Unglück zu verhüten, um das Volk, wo Gefahr drohte, gegen sich selber zu schützen. – Mir war diese Erscheinung wohl bedeutend. Es war derselbe Fürst, welcher, als ich 20 Jahre früher zuerst das Glück hatte, ihm nahezutreten, alle Polizei zurückwies, während das Volk auf ihn von allen Seiten zudrängte. So habe ich ihn kennengelernt, so ist er geblieben. Wo er in der Mitte seines Volks lebt, da lebt das wechselseitige Vertrauen zugleich; er zweifelt nie daran. – Er kennt wohl die Verhältnisse, wie sie sich verworren um ihn her entwickeln, aber die Verwirrung entspringt nach seiner Überzeugung nur aus Mißverständnissen. Man muß sich wechselseitig verständigen, nicht durch Zorn und Ungestüm die Verwirrung steigern. – Ich darf es verkündigen; denn ich habe es erlebt. – Eine treue Umgebung hat Mühe gehabt, ihn zu überzeugen, daß man, wie damals bei dem Gedränge, das Volk gegen sich selbst schützen müsse. Und mir war es, als träten die Krieger, die ich vor 40 Jahren zuerst bei großen Revuen begrüßte, als das bedeutungsvolle Symbol des preußischen Staats jetzt aus der Mitte der frei sich bewegenden Bürger zum eigenen Schutze hervor. In der Mitte dieser Bürger, welche die alten Signaturen ihrer Gewerbe hervorgehoben hatten, erschien nun das herrliche Königspaar, dessen eheliches Verhältnis ein Muster für das Land ist. Es ist bekannt und wird in der Geschichte nicht vergessen werden, welch eine bedeutende und reiche Epoche mit dem Jahre 1840 hervortrat; reich, nicht sowohl an Ereignissen wie an Andeutungen einer viel bedeutenden Zukunft. In den langen Friedensjahren war die lebendige Nationalität, die sich in mächtiger Gesinnung ausdrückt, zurückgedrängt worden, und ein zerstörender, abstrakter Kosmopolitismus, der sich in neuen Staatsschöpfungen doktrinärer Art gefiel, war an die Stelle getreten. Eine gefahrdrohende Krise, eben aus dieser die lebendige Geschichte ermüdenden und erschlaffenden Richtung, trat mit der Julirevolution in Frankreich hervor; nicht ohne Schuld einer unglücklichen Dynastie, die durch eine dreißigjährige Erfahrung noch nicht gelernt hatte, die Zeit zu verstehen, die sie zu beherrschen bestimmt war. Die Julirevolution in Paris vom 27. bis 29. Juli 1830 machte der bourbonischen Herrschaft mit dem Sturze Karls X. ein Ende und erhob den »Bürgerkönig« Louis Philipp von Orleans auf den Thron. Alle Keime einer doktrinären sogenannten konstitutionellen Anarchie, die in Deutschland schlummerten, regten sich drohend; ein Erzeugnis allseitiger Nennungen, allseitiger Schuld. Fünfzehn Jahre waren verflossen, seit der große Kampf völlig ausgekämpft war. Wer wahrhaft an Deutschland hing, der hatte gehofft, daß nach einer so tiefen Erschütterung es sich in sich, d. h. in seiner eigentümlichen geschichtlichen Entwicklung, zusammenfassen und gestalten würde; daß es begreifen würde, wie es eine eigene tiefe Aufgabe zu lösen hatte, nicht eine fremde. Aber eben als ich erwartete, daß das Deutschland, welches seine Vergangenheit begriff, welches mich von meiner frühen Jugend an angezogen, für welches ich gelebt, gedacht, gestritten hatte, wieder aufleben sollte, sah ich mit tiefem Kummer, wie es nicht der inhaltsschweren Vergangenheit und den Keimen der festen Treue des wechselseitigen Vertrauens, der religiösen Liebe sich zuwandte, vielmehr den schwankenden Meinungen der Zeit und den leeren Verirrungen eines feindlichen Volkes, welches, wie es früher mit seinen Waffen, so jetzt mit seinen Meinungen uns zu unterstützen strebte. Zehn Jahre vergingen in dieser stets wachsenden Furcht. Alles, was durch den herrschenden Ton in der Literatur, und diese unterstützend, in den Gemütern drohend schlummerte, regte sich immer mehr; meine ganze Hoffnung ruhte in dem, was ich von einem Fürsten erwartete, dem nahezutreten mir vergönnt war. Ich sah es ein, daß der rechte Krieg gegen Frankreich, derjenige, – durch welchen es innerlich überwunden werden sollte, damit Deutschland in frischer Eigentümlichkeit innerlich aus einer Vergangenheit, nicht bloß äußerlich aus fliegenden Gedanken des Tages sich erhebe und die Stellung als leitendes Prinzip für das Festland einnehme, die ihm gebühre, – an die fürstliche Persönlichkeit geknüpft war, der ich Treue geschworen hatte. Deutschland ist – das war meine durch ein langes Leben tief begründete Überzeugung – berufen, alle kultivierten Völker des Festlandes zu befreien, nicht dadurch, daß es seine Eigentümlichkeit fremden Völkern aufzudringen suchte, vielmehr dadurch, daß es ein jedes Volk nach sich selbst und nach seiner besonderen Geschichte hinwies. Nur so konnte ein tieferes Verständnis möglich werden, und Völker, zu eigener Persönlichkeit heranwachsend, konnten jenes wechselseitige Gespräch anfangen, welches die Mißverständnisse der Zeit lösen wird und auf dessen Herannahen alle tieferen Geister der Zeit warten. So wie in Europa, Deutschland, so trat in Deutschland mir Preußen entgegen als dasjenige Land, welches als der befreiende Mittelpunkt hervortreten sollte. In der ganzen Geschichte dieses Staates ruhten alle Keime einer neuen Entwicklung, Der Große Kurfürst, der recht eigentlich die preußische Monarchie begründete, war berufen, diese zu beleben; er blieb dem deutschen Sinne treu, als jene bedeutende chaotische Mischung von Anarchie einer Volksmasse, Absolutismus des Hofes, Unglaube und verfolgender barbarischer Fanatismus, betrügerische Diplomatik und von dieser unterstützte, zerstörende Waffentat sich in Paris erhob, das ganze Festland betäubte, durch die Fronde ihren gärenden Mittelpunkt erreichte und schwankend zwischen Anarchie und Despotismus die giftige Blüte durch die Epoche Ludwigs XIV. zuerst, dann in tief erschütternder Form durch die Revolution und Napoleon aufschloß. Es war die Epoche, die an die Stelle eines Papstes einen christlichen Kalifen setzen sollte, damit man einsehe, wie selbst eine nichtige Aftergeburt der Geschichte doch nur durch einen tiefern, der Sinnlichkeit unterliegenden Grund einen vorübergehenden Glanz erhalten konnte. Dieser Absolutismus, der Paris an die Stelle des in sich gesunkenen Roms versetzte, erzeugte die Revolution und mit dieser seinen eigenen Untergang. Aber die innere, betäubende Herrschaft, die in der auflösenden Gärung ruhte, hatte eine pestartige Krankheit über das ganze Festland erzeugt; die Religion, die sittliche Gesinnung, die Sprache war angesteckt, und diese Pest herrscht in Europa noch. Frankreich soll nicht bloß äußerlich, sondern innerlich überwunden werden. Nur wenn wir geheilt sind, wird das Deutschland entstehen, dem ich mich geweiht habe, und was mir Schelling war in meiner Jugend in wissenschaftlicher, das ward mir in geschichtlicher Rücksicht die fürstliche Person, an welche ich mich anschloß in meinem Alter. Er bestieg den Thron; im Lager erzogen, mußte er als Kind noch mit seinem Vater nach den äußersten Grenzen des Reiches fliehen; er erlebte in früher Jugend den großen, siegreichen Kampf in der Mitte der Kämpfenden; sein ganzes Kindesleben und seine jugendlichen Jahre haben es ihn gelehrt, wie die rettungsloseste Lage eine Verheißung in sich einschließt, wenn sie ein göttliches Recht festhält. Er trat jetzt hervor. Wie er öffentlich erschien, in der alten Hauptstadt des Königreichs, wie er aus der Mitte des erwachten bürgerlichen Bewußtseins emporstieg, Preußen als das eigene, ihm von Gott angewiesene Reich zu beherrschen, ist uns allen in frischem Andenken. Eben in dieser Zeit zeigten sich politische Verhältnisse, die uns mit dem wichtigsten Kampfe, den wir noch zu bestehen haben, bedrohten. Wer war es, der damals das deutsche nationale Bewußtsein im innern, mächtigen Mittelpunkt vereinigte, daß es laut ward und die lange vermißte Sprache sich wiederfand? Er war es. Welche bedeutende Stellung Preußen damals einnahm, ist einem jeden bekannt. – Am Rhein ruhte ein altes Denkmal deutscher Größe Der Kölner Dom; am 4. September 1842 legte Friedlich Wilhelm IV. nach einer bedeutenden Ansprache, in der er ganz Deutschland zur Vollendung des Domes aufforderte, den Grundstein zum Weiterbau. in seiner Art das kolossalste und zugleich das kunstreichste, welches die ganze Geschichte des Geschlechts jemals sah. Als Deutschland seine eigentliche geschichtliche Bedeutung zu verkennen anfing, erlahmten die Hände, verstummte der kunstreiche Geist, und unvollendet liegt das große Werk da. Aber es hat seinen kühnen, die Zeit beherrschenden Sinn für alle Zeiten ausgesprochen. Wir sollen den Bau aufnehmen und erneuern, nicht so wie er durch die Erlahmung der Zeit stockte, aber im frisch erneuerten Sinne. Was ein erkranktes Leben erfrischen will, muß selbst lebendig sein; es soll nicht bloß sich passiv hingeben, es soll die alte, in sich erkrankte Zeit über sich selbst aufklären, daß sie neu erstehe. Das wirklich Belebende einer neuen Zeit ist nur konservativ, indem es zugleich progressiv ist. Hier nun an diesem Gebäude, als an dem unvergänglichen Symbol für ganz Deutschland, trat der Fürst hervor; nicht bloß von den vielen Tausenden, die, hingerissen seine Worte hörten, ward er vernommen; was von geschichtlich deutlicher Erinnerung tief schlummernd in völliger Bewußtlosigkeit versunken, von den herumirrenden Begriffen des Tages betäubt, in den Millionen Gemütern des deutschen Volkes ruhte, vernahm den Ruf. Seit der Zeit der Kreuzzüge war keine ähnliche Stimme, welche die Geschichte in sich erbeben machte, und an der nämlichen Stelle, vernommen. Verwöhnt, weil ich das Glück hatte, soviel Großes unmittelbar zu erleben, beweinte ich meine Abwesenheit wie die von Belle-Alliance. Die Rede verstummte, die große Erhebung der Gemüter mit ihnen, alles verbarg sich in die Wolken der verwirrenden Gegenwart. Aber wir wissen, daß der Tag nahe ist; und die düstern verdunkelnden Wolken machen uns nicht irre. * So bin ich bereit, das Leben zu verlassen, wie ich früher mein Vaterland verließ. Die um mich herrschende Verwirrung stört mich nicht, und meine jugendliche Hoffnung liegt vor mir; sie ist nicht eine abstrakte, von mir getrennte: sie ist im vollsten Sinne meine . Henrich Steffens. Plakette von Thorwaldsen.