Hermann Stehr Der Heiligenhof Paul List Verlag Leipzig * Vollständige Ausgabe in einem Band Umschlag von Prof. Walter Buhe 283.-292. Auflage der Gesamtausgabe Alle Rechte, besonders die des Nachdrucks, der Übersetzung, Dramatisierung, Verfilmung und Radioverbreitung, vorbehalten * Printed in Germany Copyright 1926 by Horen-Verlag G.m.b.H., Berlin Druck der Spamer A,-G. in Leipzig Erstes Buch Erstes Kapitel Das westfälische Münsterland wirft gegen den Rhein hin eine Woge niedriger Hügel auf. Es sieht aus, als hätte sich vor undenklich langen Zeilen aus der weiten Fruchtebene eine weit zerstreute Herde riesenhafter Rinder aufgemacht, um zur Tränke an den Fluß zu wandern. Aber unterwegs, so nahe am Ziel, noch ehe die ersten in die Wasser des Rheines niedersteigen konnten, wurde die unabsehbare Schar von der Weltallsmüdigkeit überfallen. Sie legten sich nieder, eigentlich nur, um ein wenig zu rasten. Allein ihr Schlaf ging unmerklich in die große Erdenruhe über, die nur einmal im Jahre ein- und ausatmet, im Frühjahr und Herbst. Die Köpfe der Urweltskühe sanken in den Boden, ihre weitausladenden Hörner vermorschten, und nur ihre unförmigen Leiber ragen noch als Hügel aus dem ebenen Lande. Ihr Fleisch ist zu Erde geworden, ihre Gerippe versteinerten. Gras wuchs auf ihnen, kleine Wälder trieben ihr Wurzelwerk in sie, und endlich kamen die Menschen und siedelten sich auf ihnen an. Es ist die Gegend zwischen Emmerich und Wesel. Die Leute, die dort wohnen, gehören zwar zur Rheinprovinz, aber sie müssen doch noch dem westfälischen Volksstamme zugerechnet werden. Ihre Siedlungen sind schon zu geschlossenen Ortschaften zusammengerückt. Doch stehen noch genug einsame Höfe auf den langgestreckten Höhen und in den weiten, flachen Mulden. Nicht weiter als drei gute Fahrstunden vom Rhein standen zwei stattliche Bauernburgen, jede auf einer Kuppe gelegen, einander in einer Entfernung gegenüber, daß man von dem Hoftor aus bei klarem, sichtigem Wetter die Beschaffenheit der Kleidung und die Haarfarbe der Leute des anderen Anwesens erkennen konnte. Den Ton einer kräftigen männlichen Stimme hörte man nur als einen ungefähren Laut, während auch nicht allzu lauter weiblicher Gesang in stiller Luft noch deutlich wahrzunehmen war. Aber es klang ja selten um die breiten, massigen Schobendächer. Wie mit dem angehaltenen Atem des Mißtrauens und verheimlichter Scheelsucht lagen die Höfe einander gegenüber und hüteten peinlich die Grenze der Feldfluren, obwohl drunten in dem Tälchen, wo sie sich hätten berühren können, der Weg lief, der aus dem Dorf zum Rheine hinausführte und sie schied. Darum war es unmöglich, daß ein Grenzstein nächtlicher Zeit sich in den fremden Acker verirren konnte. Kröpfige Weiden und da und dort eine Eiche, regellos zu beiden Seiten des schmalen Straßenbandes, hüteten außerdem die Gemarkung der beiden Besitztümer. Es war nicht eigentlich Feindseligkeit, durch die die beiden Höfe seit Menschengedenken geschieden waren. Nein, und doch machte jeder aus dem Sintlingerhofe, dem nach Norden gegen Emmerich zu gelegenen, einen weiten Bogen um den Hügel herum, auf dem seit Jahrhunderten das Bauerngeschlecht der Brindeisener hauste, wenn er wegen eines Handels an dem anderen Gehöft vorbei mußte. Diese gegenseitige Scheu wie vor etwas gefährlich Unedlem schien nicht nur den Familien im Blute zu liegen, sie war in die Grundfesten der Wände eingemauert, floß aus dem Euter der Kühe, wurde bewußtlos alle Frühjahr mit dem Samen in die Furchen der Felder gestreut, und kaum, daß das neue Gesinde die zweite Bäcke Brot hatte verzehren helfen, wurde es innerlich von diesem Strome blinder Zwietracht auseinander gerissen. Die beiden Familien waren getrennt wie gewisse Tiergattungen, die nie beieinander leben können, oder wie Pflanzenarten, die an den gegenseitigen Ausdünstungen zugrunde gehen. Nun gab es auch keinen größeren Gegensatz als einen Brindeisener und einen Sintlinger. Der erstere, lang, eher etwas überwüchsig, schleppte in einem knorrig-knochigen Leibe langsam seine drohende Schweigsamkeit umher, die von fast eisweißem Blondhaar unter einem Langschädel immer kühl gehalten und von stahlblauen Trotzaugen behütet wurde. Die Sintlinger mußten in frühester Zeit durch eine Ausheirat einen solch kräftigen wallonischen Stoß erhalten haben, daß sie aussahen, als seien sie über dem Rhein her aus Brabant eingewandert. Eher unter Mittelmaß, klein und zäh wie ein Wurfholz, scharf wie ein Messer, immer lärmend wie eine rollende Trommel, tobten diese braunen, unheiligen Menschen nicht nur in den Furchen ihrer Äcker, sondern in der ganzen Gegend umher, unbekümmert um die Verletzungen, durch die allein sie den Nächsten nahetraten, gleichgültig aber auch gegen die fast verächtliche Scheu, mit denen man ihnen allenthalben begegnete. Die Gegnerschaft der beiden Familien war im weitesten Umkreise sprichwörtlich geworden und verführte jedes Glied der entzweiten Geschlechter dazu, die Abneigung gegen alle Gepflogenheiten des anderen Hofes wie ein ehrwürdiges Vermächtnis sich von Kindheit an einzuprägen. Und doch vermied man es peinlich, durch Händel die Kluft zu verwischen, durch die man getrennt war. Höchstens duldete man es mit verächtlichem Lächeln, wenn die Kuhhirten beim herbstlichen Weidegange sich Schmähreime zusangen oder mit den Peitschen aneinandergerieten. Jedes hatte eine andere Sonne, eine andere Luft, einen anderen Gott. Selbst das Aufblühen und Verwelken der Generationen gehorchte an jedem Orte einem anderen Rhythmus. Die Hochzeitslieder auf dem einen klangen in das Schweigen der ergrauten Ehe auf dem anderen Hofe; während die eine Bäuerin das erste Taufbett schüttete, schnitt die andere ihr Sterbehemd zu. Nie blühten die Männer zur selben Zeit; nie tanzte die Jugend auf den beiden Höfen zugleich den flatternden Hoffnungen entgegen. Wenn auf dem Brindeisenerhügel das Leben an vollen Tischen saß und sang, stieg der Tod vom Kirchhof her zum Sintlingerhause hinauf, setzte sich auf die Schwelle und schnitt sich sein Pfeiflein zurecht. So ist es wohl möglich, daß neben der Verschiedenheit der Rasse die Fremdheit der Lebensalter den Grund für die Fremdheit der Familien bildete. In der ganzen Umgegend führten auch der Sintlinger- und der Brindeisenerhof den Namen die Fremdhöfe, und es wurde sogar behauptet, daß sich der Rauch der Feueressen fliehe, und wenn sich die Tiere der Getrennten zufällig vermischten, entstehe unweigerlich eine Mißgeburt. Nicht das Säuseln der Weiden und Eichen, die im Tale ihre Felder schieden, vermochte ihren Träumen das Ahnen friedlicher Anwandlungen zu bringen; vergeblich wogten die Fruchtweiten in derselben Sonne über die Hügel; umsonst rief die Kirchenglocke des Dorfes aus dem Baumversteck herauf. Auch das rührt keinen, wenn an ganz versunkenen Abenden in der Richtung nach dem Rheine hin jenes große erdrückende Schweigen in der Höhe anhob, das über jedem gewaltigen Strome lautlos am Himmel mitgeht, und das betrachtsamen Gemütern den Gedanken an die Ewigkeit nahebringen kann. Höchstens daß vielleicht ein junger Bursche von drüben, ein Eisgrauer von hüben, der auf der Bank unter den Hoftorlinden eine solch geheimnisvolle Einkehr erlitt, unter schweren Atemzügen aufstand, einen Augenblick flutend geworden, gegen die Erde sann und dann den Kopf schüttelte. »Ja, wir können ihnen doch nicht nachlaufen«, murmelte er dann, »sie weichen uns ja überall aus. Da ist halt schon von jeher nichts zu machen.« Damit ging er schlafen. Und die Höfe konnten nicht zusammenkommen, weil das Tal zwischen ihnen lag, und die Menschen blieben getrennt, weil eine Kluft zwischen ihnen gerissen war, die sie weder begriffen noch verschuldeten. Über das Verschulden waren allerdings viele Bewohner des Dorfes Hemsterhus, zu dem die beiden Bauernburgen gehörten, anderer Meinung. Die Fremdhöfe waren die entlegensten, aber bedeutendsten Anwesen der kleinen Gemeinde, deren Kern aus einer geringen Anzahl bescheidener Dächer unter Baumkronen bestand und, wenn man so sagen will, weiter ins Land hinein lag. Deswegen lieferte das Geschick der beiden reichen Familien den hauptsächlichsten Stoff zu den Geschichten, die durch die winterlichen Kunkelabende liefen. Man erzählte sich, auf dem Sintlingerhofe habe einst ein wolfswilder Bauer gesessen, der tolle Jakob, ein Ausbund, dem Recht und Gesetz nicht mehr als der Schmutz an seinen Stiefeln gegolten hätte. Als es einst wochenlang regnete und das Korn auf den Halmen zu faulen anfing, ergrimmte er so, daß er hinaus an einen Kreuzweg ging und unter Lästerungen den Kruzifixus mit Steinen bombardierte. Die brennenden Jungfrauen roch er auf Meilenweite, und weil zu der Zeit auf dem Brindeisenerhofe eine Bäuerin aus und ein wirtschaftete, der die Tugend auch nicht allzu fest auf den Leib geschneidert war, lauerte er ihr in Abwesenheit ihres Mannes eines Abends auf und vergewaltigte sie. Beim Nachhausekommen hörte der Brindeisener von dem Vorfalle, riß seinem Weibe in der folgenden Nacht das Hemd vom Leibe, band sie nackt auf einen Stier und jagte das Tier mit Peitschenhieben in die Finsternis hinaus. Als aber nach der Ernte die Scheuern bis unter den First vollgestopft waren, schickte er seinen Knecht und ließ in einer Sturmnacht den Hof des Nachbarn an den vier Ecken anzünden, daß alles bis auf die Grundmauern niederbrannte. Keine Klaue und kein Schwanz, kein Quirl und kein Knopf konnten gerettet werden. Dem tollen Jakob aber fraß diese wilde Vergeltung jede Schandtat aus dem Leibe. Ehe der Morgen kam, war er ein anderer geworden, ließ die Brandstelle von dem Hemsterhuser Pfarrer einsegnen und ging dann an die Neuaufrichtung seines eingeäscherten Hofes. Auf das Dach des Wohnhauses ließ er ein kleines Türmchen mit einer Glocke setzen. Solange der Übeltäter lebte, läutete er getreulich alle Tagzeiten und ist auch bei der dünnen Stimme in den Lüften eines ehrlichen Todes gestorben. Im Laufe der Zeit verirrten sich die Sintlinger aber wieder in die alte Wildheit. Der Glockenstrick zerfiel, die Stiege zu dem Türmchen stürzte ein, und der Zugang wurde mit Brettern vernagelt. Von nun an war das Glöckchen sich selbst überlassen, und es ging die Sage, daß es jedesmal zu tönen anfange, wenn dem Hofe ein Unglück bevorstehe. So erzählte das Volk. Aber es ist nicht gewiß, daß sich diese Ereignisse, und vor allem so, wie sie als Geschichten von Mund zu Mund getragen wurden, abgespielt haben. Es kann sehr wohl möglich sein, daß die Leute sie erfunden haben, um sich die unausrottbare Fremdheit der beiden Bauerngeschlechter zu erklären. Doch die Hemsterhuser gingen noch weiter. Manch einer wollte in hellen Nächten, ja sogar mitten am hellen, lichten Tage etwas wie ein kleines Kind erblickt haben, das nackt, taumelnd, aber wirbelnd schnell um den Sintlingerhof getrieben wurde und in der Gegend nach dem Rheine hin verschwand, als werde es in die Luft geblasen. Aber diese Art von Hellsichtigen entstammte nicht dem besonnenen Teile der Bewohner, sondern jener Gilde von Menschen, die von Natur aus auf irgendeine Weise im Geiste zu kurz gekommen sind. Zuletzt gingen diese Gesichte in einem Menschen um, den als kleines Kind der Hemsterhuser Stellmacher eines Morgens auf seiner Haustürschwelle gefunden hatte. Der kinderlose alte Mann nahm sich des armen Wurmes an, dessen sich wohl landfahrende Leute auf diese Art entledigt hatten, gab ihm den Namen Josef Niemand und setzte mit seinem betagten Weibe alles daran, einen brauchbaren Menschen aus ihm zu machen. Aber all ihre Mühe war umsonst. Je älter der arme Niemand wurde, desto tiefer wuchs er in tausend absonderliche Grillen und Seltsamkeiten hinein. So behauptete er, das Wachsen der Finger- und Zehennägel als Sausen in seinem Körper zu spüren, lief allen Vögeln nach, um ihren Gesang zu belauschen, weil er vorgab, sie zu verstehen; redete zu den Bäumen wie zu den Menschen; horchte oft nächtelang auf die Sprache des Windes und betrachtete die Wandelgestalten der Wolken, als seien es tiefsinnige Bilder. Obwohl alle über derartige Propheten lachten, war es doch unleugbar, daß das Volk fest daran glaubte, ein Kind aus dem Sintlingerhofe werde einst die getrennten Familien zusammenbringen, aber dabei selber den Tod finden. Zweites Kapitel Den Hemsterhuser Alb, so wurde Josef Niemand von allen genannt, hatte sein außerweltliches Gaukeln an dem Totenbette seiner Pflegeeltern spurlos vorbei bis gegen das dreißigste Jahr getragen. Längst war das kleine Haus des Stellmachers, in dem er sein scheues Leben geführt hatte, vermorscht und zusammengebrochen, und Niemand streifte als Vagabund herum, ohne doch weiter als nach Brederode und Querhoven zu kommen. Aus uneingestandener Furcht duldeten ihn die Bauern zur Nacht in einem Winkel des Stalles und am Tage in einer Ecke der Gesindestube. In dieser Zeit kam Andreas Sintlinger mit kaum zwanzig Jahren in den Besitz des Hofes. Seinen Großvater hatte das Glöckchen unversehens früh abgerufen. Er war während der Ernte tot zusammengebrochen, als er sich eben in Wut auf einen widersetzlichen Knecht hatte stürzen wollen, und seinen Vater hatte die Trunkenheit auf nächtlicher Heimfahrt in einen tiefen Ziegeleitümpel gehetzt, wo er ertrank. Andreas trat die Herrschaft auf dem Sintlingerhofe ganz im Sinne seiner Ahnen an. Am ersten Tage seiner Bauernschaft versammelte er das Gesinde und ließ die lange Feuerleiter über das hohe Schobendach hinauflegen. Dann ergriff er eine Stange, stieg bis an das Türmchen und stieß lachend die Glocke an, daß sie bestürzt und blechern über die Hügel hin schrie. Nun habe sie ihr Sprüchlein gemeckert, meinte er übermütig, und werde ihn jetzt wohl verschonen. Darauf setzte er sich mit seinen Leuten in die große Stube, ließ Gericht um Gericht auftragen und zechte und sang bis tief in die Nacht hinein. Der tolle Jakob Sintlinger schien mit ihm wieder in den Hof gezogen zu sein. Wo einem Mädchen das Schürzenband locker saß, fand er sich als erster in der Dämmerung ein. Kein Schabernack gelang ohne ihn, jedem Spott lieh er seinen Witz. Auf den Festen war er der Anführer der Ausschreitungen, stiftete mit größtem Geschick Zerwürfnisse und ersäufte dann hohnlachend die übereilten Feindschaften in Strömen von Wein. Aber seine Tollheiten waren durch einen Zug der Ritterlichkeit verschönt, und was an anderen als Gemeinheit wirkte, erhielt durch sein Wesen das Aussehen leichtsinniger Verwegenheit. Nie verbrüderte er sich mit Trotteln, und wenn er von einem Zechgelage im Kreise handwerksmäßiger Saufbrüder aufstand, kam es vor, daß er ihnen den Rest seines Glases ins Gesicht goß und lachend davonging. Trotz dieser unaufhörlichen Explosionen, mit denen er geladen war, vernachlässigte er seine Wirtschaft nicht im mindesten. Sein kleiner Körper besaß die Unzerstörbarkeit einer stählernen Maschine. Offenbar brauchte er die Zügellosigkeit so notwendig wie andere Menschen die Ruhe, um sich von seiner Arbeit zu erholen. Kam er gegen Morgen nach Hause, so erhob er sich nach drei Stunden Schlaf so frisch, als habe er einen ganzen Tag lang geschnarcht. Kaum konnten die Furchen hinterher, wenn er pflügte; das Korn sank schon vom Pfiff seiner Sense, und einmal, als ein in der ganzen Gegend berühmter Mäher bei einem Wettschneiden schon nach einer Stunde zwei Mannslängen hinter Andreas zurückblieb, wäre es um den kleinen Teufel bei einem Haar geschehen gewesen; denn plötzlich stürzte sich der riesenhafte Kerl, dem es ebensosehr um den verwetteten Taler als um den verlorenen Ruhm und den reichlichen Spott zu tun war, wie von Sinnen hinterrücks auf den Sintlinger, und wäre der nicht im letzten Augenblicke auf die Seite geflogen wie ein geschlagener Ball, so hätte ihn des anderen Sense ohne Besehen dem Totengräber vor die Tür geschoben. Die Zuschauer packten den Wütenden, und als er sich ausgeschäumt hatte, steckte ihm Andreas eine Wurst in die rechte Hosentasche und sagte, es sei ein gutes Kalbfleisch drin, die andere in die linke und versicherte, sie sei von einem ausgewachsenen Schöps, drückte ihm zwei Taler in die Hand und gestand, daß es bei der Wette nicht mit rechten Dingen zugegangen sei, weil er, der Sintlinger, des anderen Sense verstohlen mit Gimpelfett eingerieben hätte. Solche liebenswürdige Streiche pflanzte er immer wieder neben den Bocksbart ärgerlicher Ausschweifungen, und die Bauernschaft der Umgegend wußte nie recht, wie sie sich zu dem Tollkopf stellen sollte: sie schwollen vor Entrüstung, strömten vor Entzücken über und schütteten sich vor Lachen aus. Insbesondere die Mädchen sahen in einem Gefühl, das aus Grauen, Bedauern und Verlangen gemischt war, aus den Fenstern, wenn der verwegene Wildfang auf seinem Gefährt durch ein Dorf raste. Aber er saß geborgen hinter seinen Pferdeschwänzen und hielt offenbar mehr von Schürzen und Scherzen als von Herzen. Bis er einst durch Brederode kam, einen Ort, etwa eine halbe Wegestunde von Hemsterhus. Dort sah er an einem Frühlingsmorgen die schöne Johanna Klim, die Tochter des Vorstehers von Brederode, auf der Wiese neben dem Wege beim Bleichen der Leinwand. Sie ging neben der grauweißen langen Bahn hin und überbrauste aus einer Gießkanne das Gewebe, an dem sie an den Winterabenden hatte spinnen helfen. Der mailiche Sonnenwind fuhr dann und wann gegen den tausendfältig zerteilten Wasserstrahl und stäubte ihn in silbrig schimmernden Tropfen um das blonde, zierliche Mädchen, daß sie mehr einer himmlischen Erscheinung im verklärten Licht als einem Menschen glich. Kaum hatte das Andreas Sintlinger einmal gesehen, da riß er die Pferde zurück und wartete mit angehaltenem Atem, bis das Schimmern wieder um die Jungfrau sprühte, dann stieg er wie im Traume vom Wagen, band die Pferde an einen Baum und saß und starrte verzückt auf das Wunder, das unversehens in seinem Leben aufgegangen war. Als das Mädchen das rätselhafte Betragen des tollen Menschen gewahrte, entsank ihrer Hand vor Schrecken die Kanne, denn es konnte doch immer sein, daß er, noch taumelig von durchzechter Nacht, am Graben sitze und auf einen Schabernack sinne, den er ihr antun könne. Aber sie faßte sich doch in dem Gedanken, daß sie niemals gegen den jungen Bauer, auch im geheimen nicht, etwas Böses gesprochen habe, ergriff die Kanne, überschaute scheinbar ruhig ihre Arbeit und schritt den Rain hin furchtlos auf ihn zu, um über den Weg in den väterlichen Hof zu kommen. Als sie sich ihm näherte, pflückte er eilig einige Blumen, erhob sich und ging ihr entgegen. Schon in einiger Entfernung sah sie, daß das Feuer in seinen tiefbraunen, großen Augen und das rote Lodern über das ganze Gesicht hin von einer anderen Art Trunkenheit herrühre und bedauerte doppelt ihre Vermessenheit. Schon standen sie Blick in Blick einander gegenüber. Sie sah, wie der Mann, von einem inneren Sturm geschüttelt, am ganzen Körper bebte, die Blümchen bittend ihr hinreichte und hörte ihn unverständliche Worte durcheinanderstammeln. In höchster Verwirrung wollte das Mädchen an ihm vorbeischlüpfen. Da zuckte eine jähe Wildheit durch den Sintlinger, daß er augenblicks gleich einem Eisenpfahl in die Erde gerammt vor ihr stand. Mit leidenschaftlicher Entschiedenheit bat er sie um die Erlaubnis, ihr die Blumen an die Brust stecken zu dürfen. Wenn sie sich dem widersetze, so könne er sie ja nicht zwingen. Aber er werde dann geradeswegs in Karriere mit seinem Gespann in den Steinbruch jagen, der hinter Brederode hart neben der Straße in den Hügel getrieben sei. Wenn Andreas auch nicht blaß bis in die Zähne geworden wäre, sie wußte bestimmt, daß er in seiner Verwegenheit Wort gehalten hätte, und duldete, worum er sie bat. Am ganzen Leibe zitternd, in halber Ohnmacht fühlte sie noch, wie er ihre Hand mit heißen Küssen bedeckte. Dann war der Weg frei, und der Sintlinger fuhr, auf einmal aller Geschäfte ledig, in jubelndem Galopp nach Hemsterhus zurück. Als er außer Sehweite war, nestelte wohl Johanna die Blümchen wieder los und verbarg sie in einem Holzstoß. Am Abend aber holte das Mädchen sie verstohlen hervor und legte sie unter ihr Kopfkissen, weil sie meinte, daß es unedel sei, ein gegebenes Versprechen nicht zu halten. Denn sie war eine jener seltenen göttlich-gütigen Seelen, die von den Spielen auf der himmlischen Wiese hinter des Herrgotts Rücken in das irdische Leben geschlüpft sind und darum frei auch von jenem Makel im Lichte gehen, den nach der Meinung vieler Christen jeder Mensch als Lehnsnachfolger in der Schuld und Sünde seiner Ahnen zu tragen hat. Solche Menschen werden nur von der Rücksicht auf die Not anderer geführt und wissen um ihre Güte durch nichts als die Erschütterungen über die Leiden des Nächsten. Dies und die Tatsache, daß die Liebe in der Sehnsucht nach Erfüllungen besteht, die unserem Wesen versagt sind, band das stillste, reinste Mädchen so fest an Andreas Sintlinger, der nur aus fessellosem Brausen zusammengebraut schien, daß der alte Klim in Brederode nach dem ersten Schrecken über das Schicksal seines geliebten einzigen Kindes begann, die Weisheit seines eigenen langen Lebens aufzutrennen und um und um zu wenden, damit er herausbekäme, wo der Fehler stecke, für den er also gestraft würde. Indes er bei diesem Geschäft in allerlei innere Nöte geriet und seiner Tochter voll Kummer ins Gewissen redete, erreichte er doch weiter nichts, als die Ratlosigkeit über die unbegreifliche Fügung bei ihr zu vermehren, daß sie sich unlöslich an einen Menschen gefesselt fühlte, der noch vor Tagen als ein bunter, wilder Schrecken an ihrem Leben fern vorübergezogen war. Geheime Zusammenkünfte, vor denen sie schluchzend bebte und die sie dann doch selig betäubt gewährte, banden sie immer fester an den unterirdischen Sturm ihrer verbotenen Liebe, zumal Andreas plötzlich der zarteste, hingebendste Mann geworden war und sie immer tiefer in den Taumel einer Verklärung hineinriß, der über ihn gekommen war. Endlich erlahmte der Widerstand des alten Klim, und kaum ein Jahr, nachdem er Johanna bei der Bleiche auf der Wiese gesehen hatte, führte sie Sintlinger als Weib auf seinen Hof nach Hemsterhus. Das Lodern war aus seinem Blick geschwunden, in seinem Gesicht zuckte es nicht mehr von Unbändigkeiten. Wie friedvolle, glückliche Kinder saßen die Neuvermählten unter der Hochzeitsgesellschaft, die aus dem Staunen gar nicht herauskam, daß so schnell aus einem zügellosen Burschen ein solch gemessen-freundlicher Mann geworden war. Denn auch die Mißtrauischen bemerkten keine übertriebene Süßlichkeit an Andreas, wodurch sich am leichtesten die nur mühsam unterdrückte Wildheit verrät. Ja, er hatte sogar auf Bitten Johannas in den Brindeisenerhof eine Einladung ergehen lassen, um nach dem Wunsche seiner Liebsten die Hand zur Überbrückung der Kluft zu bieten, die die beiden Familien trennte, und war auch nicht aufgebraust, als die Gäste aus dem anderen Fremdhofe ausblieben. Denn die erwachsene Tochter lag dort in einer gefährlichen Krankheit, und Anton Brindeisener hatte nicht nur ein ansehnliches Hochzeitsgebinde, sondern auch eine Entschuldigung gesandt, aus deren Worten man den guten Willen zur Beilegung der unnatürlichen Feindseligkeit herauslesen konnte. Auf Betreiben der Braut packte man von den besten Gerichten einen Henkelkorb voll, legte auch eine Flasche Wein dazu und schickte es zu Brindeisener hinüber, damit er mit den Seinen auf diese Weise an der Hochzeit teilnehme. Andreas Sintlinger willigte in guter Laune in alles ein, und als man ihm nach einiger Zeit meldete, sein Nachbar stehe auf dem anderen Hügel vor dem Hoftor und halte ein Glas in den Händen, goß er sich lachend auch sein eigenes voll, eilte hinaus, schrie einen Trinkgruß hinüber und leerte seinen Becher in einem Zuge, während auch der andere Bauer mit seinem Wein fröhlich Bescheid tat. Ein Teil der Hochzeitsgesellschaft war dem Bräutigam gefolgt und begleitete die Zeremonie des Verbrüderungstrunkes mit lautem, frohem Beifall. Eben trat auch die Abendsonne aus dem Gewölk und goß über das schöne Bild ihr rötliches Licht, als bekräftige der Himmel selber die gute Absicht der lang Getrennten. Wohl fiel in der ersten Nacht, die Johanna unter dem Dache der Sintlinger schlief, ein toller Sturm über den Hof her, daß die Linden am Tor alle Gewalt zusammennehmen mußten, ihm nicht zu erliegen, aber der Hellseher aus Hemsterhus, der wieder einmal die nächtliche Jagd des Kindes um das Gehöft bemerkt haben wollte, der scheue, tölpische Alleshorcher, schlich vergeblich um die Mauern und lauschte in den Lärm des Windes. Das Glöckchen hing lautlos in dem Turme und schlief. * Nun fahren sich ja Bauern die Freundschaft nie in Fudern ins Haus, und bei Brindeisener und Sintlinger war zudem noch ein besonders eigentümlicher Fall. Bei allem guten Willen saß eben jeder doch zu tief in ererbten Schatten, die, ein wenig grämlich, erst jede entgegenkommende Gebärde, jedes aufgeschlossene Wort umspielten, ehe sie diese guten Boten hinaus, dem anderen entgegenließen. Das Leben drehte sie auch in dieser Zeit ihres guten Willens in gar zu entfernten Gegenden des Daseins. Denn die Krankheit drückte Brindeiseners Tochter immer tiefer in die Kissen und goß heimlich in jede Medizin ihr schleichendes Gift, daß alle Heilmittel zu ebenso vielen Fördernissen des Leidens wurden und das arme Wesen den Atem wie eine Not und den Herzschlag wie einen Schmerz erduldete. So kostete es die Brindeisenerschen fast Überwindung, über diese schwarze Mauer, von der sie eingeschlossen waren, freundlich in die lichten Lustgärten hinüberzugrüßen, durch die der junge Sintlinger mit seiner noch jüngeren Frau wandelte. Deren Hof lag nun in dauernder Sonne, und hatte ihn früher ein atemloser, gepeitschter Fleiß bis tief in die Nacht mit seinem Lärm erschüttert, so ging die Geschäftigkeit jetzt mit hellen Lauten durch den Tag, sah am Feierabend zufrieden aus abendroten Fenstern und horchte in sternhellen Nächten auf das Schwelgen, das über dem fernen, großen Strome hoch am Himmel mitzog. Das Gesinde neckte sich wohl spöttisch über die Verwandlung, die es durch den andern an sich wahrnahm, und traf solch ein Stich einen Rohen, so verfiel der auch zum Beweise seiner Gleichgültigkeit gegen den neuen Geist in das alte Sintlingersche Toben; aber dann durfte die junge Bäuerin bloß über den Hof gehen und ihr gütiges Gesicht ihm zukehren, so schimpfte der Aufbrausende zwar noch weiter, aber wie zur Entschuldigung plötzlich nur noch über die Leine, die sich im Rade verfangen hatte, oder auf das Roß, das beim Anschirren kälberte, und lenkte darauf in ruhiger Achtsamkeit das Gefährt zum Tore hinaus, als sei er es von Kindesbeinen an gewöhnt, jedes Schimpfwort mit den Zähnen zu zerbeißen, ehe es über die Lippen kommt. Am tiefsten steckte natürlich der Bauer selbst in dem lichten Zauber, den Johanna auf seinen Hof gebracht hatte. Noch wie am ersten Tage, da er sie auf der Wiese zu Brederode gesehen hatte, war ihre Gestalt von einem Schimmer umgeben. Die Stuben glänzten von verborgenen Verheißungen; seine Besitzung erschien ihm wie ein neues Anwesen, die ganze Gegend verwandelt; seine Schrankenlosigkeit hatte sich auf sein Inneres geschlagen. Er erwartete Außergewöhnliches, das er nicht begriff, und Wunderbares, dem er nur durch leidenschaftliches Ahnen nahekam. Hörte er seine Frau in der Nacht neben sich atmen, so ging dies Senken und Heben bald durch das ganze Haus, wurde zum Wogen, mit dem die Finsternis draußen über der Welt ruhte, ja, es war ihm, als werde er davon selbst auf und nieder an irgendeinen geheimnisvollen Ort getragen, und am anderen Morgen wachte er mit dem Erstaunen auf, sich nur in seinem Zimmer zu finden. An den Abenden, da er mit Johanna vor dem Hoftor auf dem Bänklein unter den Eichen saß und auf die stillen und reinen Geschichten aus ihrer Kindheit lauschte, sah er Märchen um sich spielen, die als kostbare Unerreichbarkeiten vorbeizogen. Drittes Kapitel Das Wunderlichste widerfuhr ihm aber eines Morgens. Er mähte eine Wiese, die am Ende seiner Wirtschaft neben dem Walde hinzog, der über einen Hügel herab durch eine sanfte Senke und noch ein gutes Stück die andere Anhöhe hinaufrauschte. Die Vögel sangen so laut, daß ihr Lied das leise Brausen der Wipfel übertönte; der Lerchenjubel lag wie eine tönende Wolke über den Feldern, und Andreas gab sich so stürmisch dem Takt hin, in dem er seine Sense durch das betaute Gras zog, daß ihm war, als schaukele es ihn über die Erde. Plötzlich verstummten die Vögel, der Wald stand läubleinstill, irgendwas riß ihm die Sense zurück; er schrak aus dem Taumel auf und starrte in ein Schweigen, das wie entsetzt den Atem anhielt. Im nächsten Augenblick wußte er, seine Frau sei gestorben. Dies denken, die Sense von sich schleudern und in wahnwitziger Angst quer durch die Felder rennen, war eins. Als er in die Stube stürmte und seine Frau still und fröhlich am Butterfaß hantieren sah, faßte er sie um den Leib, schwenkte sie durch die Luft und jubelte und lachte, daß die anwesende Magd vor Verlegenheit sich hinausdrückte. Doch wie es solche Überschwenglichkeit treibt, sie hat die Schuhe, in denen sie wie von Sinnen trabt, von der Enttäuschung gekauft, und Andreas Sintlinger hatte kaum seine Johanna neben ihr Butterfaß gestellt, stand die Welt, die er in dem Gedanken an ihren Verlust eben in kläglichem Zusammenbruch gesehen hatte, gemächlich wie immer, drehte sich durch die Sonne, ließ die Flüsse laufen, als sei das, worum er in diesem Aufruhr der Angst gezittert, dies Sonnenscheinwesen, seine Johanna, nicht mehr als die Fliege, die ihm über die Hand lief, und es kam ihm vor, er wäre eben wie einer gewesen, der auf der Spitze einer aufgeblasenen Papiertüte getanzt hätte, in der Meinung, es sei ein Berg. Eine Weile saß er auf der Bank, die an der Wand entlang lief, schaute bestürzt, mißtrauisch, voll schmerzlichsten Staunens auf seine Frau und wurde immer blasser im Gesicht, je tiefer er in diese Ernüchterung versank. Aber ehe ihm die Seele von solchen Wirbelwassern bis an den Rand der Augen vollaufen konnte, sprang er jäh auf, schüttelte sich lachend und ging mit einem schrillen Pfiff auf den Lippen über die Schwelle. Von nun an kam es öfter vor, daß der Schleier vor des Andreas Augen zerriß. Seine wundersamen Erwartungen, die ihm bisher als das Sicherste und Natürlichste erschienen waren, kamen ihm erst zweifelhaft, dann gewagt vor und sanken endlich wie ferne belichtete Wölkchen immer mehr ins Erblassen, immer tiefer, bis sie ganz unter dem Horizont seiner Seele verschwunden waren. Doch dauerte dieses geheime Abwelken einer unsichtbaren, herrlichen Ernte mehr als ein Jahr, und Johanna fühlte es, bald wie einen fliegenden Frost bei wärmster Sonne, bald wie ein Verfinstern mitten ins Licht, und sah es auch oft wie eine kalkige Helle durch schlaflose Nächte ziehen. Als er im Herbst von einem Markt nicht, wie es seine Gewohnheit geworden war, um den Abend zurückkehrte, sondern den folgenden und nächsten Tag ausblieb und auch am dritten Morgen sein Bett noch leer stand, wußte die Frau, daß die wilden Wirbel des Sintlingerschen Blutes wieder über ihrem Andreas zusammengeschlagen waren. Doch das sagte sie sich nicht so, als ob man sich die Kleider vom Leibe reißt, sie erkannte das wie ein Mensch, der in die dunkelste Wand seines verdämmernden Hauses einen Nagel schlägt, um das kostbarste Heiligenbild seiner Andacht in der kommenden Finsternis sich nicht zu verlegen, sondern immer sicher vor Augen zu haben. Als sie darum acht Tage darauf in der Morgenfrühe des Sonntags ein wüstes Männersingen vom Dorfe her immer näher rücken hörte, trat sie vor das Hoftor und sah den Weg hin, der zwischen Weiden und Eichen sich von Hemsterhus im Grunde an den Sintlingerhof heranwand. Das Bild, das sich ihr im nächsten Augenblick bot, war kein tröstliches: der Brettwagen voll schreiender Rülpser, die bei jedem Stoß durcheinandertaumelten, und ihr Andreas auf dem Sitz vorn, ohne Kopfbedeckung, mit wehenden Haaren und ruhelos kreisender Peitsche. Er fuhr wie ein Satan. An der Stelle, wo der Zufahrtsweg zum Hofe von der Straße der geköpften Weiden und Eichen abbog, kippte der Wagen, und die Säufer klunkerten und kleckten plump und ungefüge über die Bretter in den Graben. Den letzten, der sich noch halb oben gehalten hatte, schob der junge Bauer schnell zu den anderen und peitschte dann seine Pferde hohnlachend den Hügel herauf, daß sie mit fliegenden Flanken und schäumend vor ihr hielten. Der Sintlinger lachte noch immer, warf Peitsche und Leine weg, fiel seinem Weibe in die Arme, riß sich los, lief durch das Tor, den Hof quer ins Haus, daß Johanna ihm nicht zu folgen vermochte, und stand erst im Schlafzimmer still. Dort traf sie ihn am letzten, gellen Gelächter würgend. Er schüttelte sich vor Vergnügen und rief fortwährend: »Wundervoll! Wundervoll!« Aber sein Gesicht war fahl, und Tränen liefen ihm über die Wangen. Dann sank er auf sein Lager, und Johanna streichelte seine klebrige Schläfe, besänftigte mit ihren kühlen Händen die Stirn und wischte die Schleimblasen mit einem Tuche fort, die das stürmische, wunde Röcheln seines Atems ihm vor den Mund trieb. Sie entkleidete ihn dann während des Schlafes so behutsam, daß er nicht erwachte, sondern nur einigemal mit taumelnden Händen um sich langte, wie bittend und dankend gegen die sanfte Güte, die er durch den Dunst der Trunkenheit um sich fühlte. Dann legte sie ihm die Arbeitstracht auf den Stuhl neben das Bett, damit er beim Aufwachen den Rückfall in seine Wüstheit nicht als Wirklichkeit, sondern als einen bösen Traum empfinde und an dem Zutrauen keinen Schaden leide, den Weg durch reine Tage fortzuwandeln. Doch alle Vorsicht der lieben Seele half nichts. Nach lichten, sicheren Wochen verschwand er wieder unvermutet in dem Abgrund, den er in sich herumtrug, und in den Nächten, die Johanna einsam und grübelnd in ihrem Bett lag, sah sie den Widerschein des Feuers aus dem Ofen in allerhand fratzenhaften Gesichtern an der Wand entlang huschen, rang gar oft weinend gegen tiefe Mutlosigkeit und erlag doch nicht selten dem Gedanken, daß der Sturm, der in ihrer Hochzeitsnacht die Hoflinden zum Brechen gepeinigt hatte, nicht ohne Bedeutung gewesen sei. Trotzdem lief das alles nur gleich schwarzem Gewölk durch ihre Seele, und es kam ihr gar nicht die Versuchung zu einem bitteren Wort oder einem scheelen Blick, wenn ihr Mann lallend und schwimmenden Auges in die Stube stolperte. Höchstens bebten ihre Hände unmerklich, wenn sie ihm Stock und Mütze abnahm und an den Rechen neben den langen Uhrkasten hing. »Immer noch kein gutes Wetter, Andreas?« fragte sie dann lächelnd und strich dem Vertriebenen die Haare aus dem Gesicht, daß ihn die mitleidsvolle Liebkosung wie ein Schlag erschreckte und in irgendeinen Winkel trieb, wo ihn sein Weib, wenn er den Rausch ausgeschlafen hatte, in schmerzvollem, stummem Brüten traf, die Ellbogen auf die Knie gestützt, den Kopf zwischen den heraufgestoßenen Achseln zur Erde hängend. Dann saß sie schweigend eine Weile neben ihm und sann, wie dem Gebeugten zu helfen sei. Aber ob sie sich auch anstrengte, etwas recht Erquickendes und Starkes zu seinem Wohle zu finden, ihrer einfachen Kinderseele fiel immer das gleiche ein: Sie löste seine zusammengekrampften Hände, hob sein Gesicht zu sich herauf, küßte ihm die Stirn und sagte: »Sei nur nicht verzweifelt, Andreas! Einmal gelingt dir's doch.« Darauf schob sie ihren Arm unter den seinen und führte den bestürzt Lächelnden wieder in das weiße Licht ihres Lebens. Und doch, immer kamen neue Nächte, in denen sie allein unter den Linden vor dem Hoftor sitzen mußte, während ihr Mann draußen auf seinem Taumelkahn in Strudeln fuhr, die sie durch nichts anderes kannte als durch das Schwarze, das in ihr aufging, wenn sie daran dachte. Oft waren nur Sternennächte. Der Mond lag zerschlagen in einem Winkel hinter der Welt oder hing verfinstert am Himmel. Nichts hatte einen Schatten. Die schwarzen Schemen der Dinge, diese verzerrte Wiederholung ihres Wesens, durch die sie unserem Auge und unserer Seele erst begreiflich werden, waren aufgelöst in gleichförmige Dunkelheit, in der sie wie losgerissen schwankten, als würde alles Leben ziellos umhergewirbelt. Sie hörte den leise wehenden, furchtsamen Schlaf der Weiden unten am Grenzwege, die Rinder, die mit den Ketten rasselten und dann und wann einen brünstigen dumpfen Laut ausstießen; die Stundenschläge der Turmuhr im Dorfe, die in der Luft verklangen. Alles das jagte sie manchmal von ihrem Sitz auf und trieb sie ein Stück vom Hofe ins Feld, daß nichts mehr um sie war als die Nacht und über ihr die Sterne, die auch seit Ewigkeiten bebten, zuckten und fieberten in rotem, grünem und leichenblassem Scheine. »Warum das alles? Warum?« fragte die junge Frau dann, ging zurück auf ihr Bänklein, sann lange ringend und warf sich zuletzt wohl an den Stamm der Linde, ihn wie eine Ertrinkende umklammernd, weil ihre Güte wund war, aber doch nicht anklagen konnte. In solchen Nächten fürchtete sie das eine mit rätselhafter Angst, daß zu allem noch das Glöckchen im Turme anfangen könne zu tönen, und sie flüchtete in ihr Bett und zog die Decke um die Ohren, damit sie nichts höre. Aber einmal blieb ihr auch das nicht erspart. Spät in der Nacht fuhr sie aus der Flucht ihres Schlafes ins Erwachen. Anfangs sah sie nichts. Als sie aber eine Weile ihre Augen dringend ins Dunkel neben ihrem Bette geschickt hatte, stand ihr Mann vor ihr. Um seine Gestalt floß es wie Schwelen, wie Lichtdunst, der aus faulendem Holz spielt. Das hat er von dem Schein der Sterne, dachte Johanna noch traumverwirrt und fühlte einen kochenden Strom von ihm in sie übergehen. In einem Taumel, der aus Angst und Glück, aus Furcht und barmherziger Güte gemischt war, zog sie ihn mit bebendem Arme zu sich herein, und die beiden schmolzen in solch heißen dunklen Wogen ineinander, wie noch keine gewesen, von denen sie je getragen worden waren. In diesem Augenblicke berührte sie jene geheimnisvolle Hand, auf deren Wink ein neues Leben in die Leiber der Frauen sinkt, und als sie dann lag, wurden die Wirbel, von denen sie durchs Augenlose geführt worden war, immer, immer schwächer und klangen am Ende hoch und leise wie kleine Glockentöne im grenzenlosen Räume. Als Johanna das hörte, meinte sie, die Klänge rührten aus dem Türmchen auf dem Dach, sprang von ihrem Lager ans Fenster, brach die Hände nach unten und starrte durch stumme Tränen lange auf die Finsternis draußen, in die mählich am fernsten Horizont der Tag wie mit dem Licht erloschener Augen tauchte. Die Kühle klärte endlich ihre fliegenden Gedanken. Sie raffte sich zusammen und lauschte gespannt auf das hohe Pinken, das ihr soeben noch geklungen hatte; aber sie hörte nur die Linden leise dem Morgen entgegenrauschen. Sonst nichts, und was über sie hingegangen, erschien ihr wie der undeutliche, warme Taumel eines Traumes. Beschämt über ihr abergläubisches Erschrecken, suchte sie wieder ihr Lager auf und lächelte auch, daß alles nur Täuschung gewesen sei. Der tiefe Morgenschlaf löschte es vollends aus, und beim Erwachen lagen die Vorgänge der Nacht nur noch als wollustvolle Erschöpfung in der jungen Bäuerin. Seitdem diese Verwandlung mit ihr vorgegangen war, verloren sich die Verdunkelungen des Kummers ganz aus Johanna. Ihre blauen Augen bekamen einen vertieften Glanz und gingen mit aufgelöstem Blick immer in unendliche Fernen, ohne jeden Harm, voll seligen Erwartens. Der Schimmer, der wohl in manchen finsteren Wochen erloschen schien, blühte voller um sie. Ihre Güte war sonst fast von unwirklicher Zartheit gewesen. Jetzt rückte diese vorherrschende Seite ihres Wesens immer weiter in mütterliche Sommersonne hinein. Und Andreas wurde bei dem Anblick seiner verwandelten Frau oft von Scheu und Zagen erfaßt, von einem fernen Glänzen überlichtet, wie in den Zeiten seiner ersten Liebe. Dann sprang er nicht wie sonst mitten im Aufladen vom Fuder, ließ nicht den Pflug auf der halben Furche stehen, um jäh auf seine Taumelbahn hinauszueilen. Er stahl sich heimlich wie ein Dieb in den Lärm bodenloser Wege. Er ging gleichsam nur noch auf den Zehen durch den Sumpf. Eine heimliche Furcht, von der er nie sprach, die er sich nie eingestand, hinderte ihn auch, wie sonst in voller Trunkenheit sein Haus wieder zu betreten, und wenn es nicht anders ging, schlief er in einem verborgenen Gehölz oder an einem abseitigen Hange erst seinen Rausch aus und begrüßte dann freundlich und aufgeräumt seine Frau, als kehre er von einem glücklich beendeten Geschäft zurück. Johanna gab ihm nie von der leisen Betrübnis zu schmecken, die dies Schleichen seiner Gier ihr verursachte. Sie zog ihn immer in den Schimmer ihrer Erwartung herein, in dem sie bis in die späte Nacht wie in einem Heiligenschein saß, schier endlos nähte und leise Lieder ihrer Kindheit sang. * An einem Frühlingsabend, schon im tieferen Dämmern, als sich der letzte Lichtfunke von dem Turmknopf der Hemsterhuser Kirche matt ins Dunkel sinken ließ, standen in der Wohnstube des Brindeisenerhofes die alte Bäuerin, ihre erwachsene Tochter, jene, die am Sintlingerschen Hochzeitstage hatte mit schwerer Krankheit ringen müssen, und der kleine Peter, ein vierjähriger Knabe, der sehr späte Nachzügler der Brindeisenerschen Ehe, am Fenster und sahen schweigend zu, wie der, Abend aus den Tälern langsam an den Hügeln heraufkroch. Die Weiden und Eichen standen schon wie vergessene Heufuder grau und unförmig am Grenzwege drunten. Die Straße schwelte blaß und schien in dem ungewissen Lichte wie ein graues Band zu schwanken. Der Sintlingerhof lag bald auch im Dämmern. Eben wollte die Bäuerin diese kurze Ruhe- und Einkehrpause beenden und legte streichelnd ihre große Hand, schon halb zum Gehen gewendet, dem kleinen Peter auf den weißblonden Kopf, da flammte in dem anderen Fremdhofe drüben ein Licht auf, erlosch, kaum entzündet, zuckte wieder auf und verging abermals. »Das ist mir ein sauberer Anzünder«, sagte Frau Brindeisener lächelnd. »Wenn schon die Streichhölzer verhudelt sein müssen, so kann man sie doch gleich wegwerfen. Da erspart man sich die Müh', und es bleibt desto besser finster.« Aber endlich flammte das Licht sicher, doch nicht, um ruhig an einer Stelle zu stehen. Es begann zu jagen. Bald flackte es an dem einen Fenster auf, bald am andern, tauchte jetzt tiefer in die Stube hinein, lief an der ganzen Fensterreihe hin und schien sich dann wie im Kreise zu drehen. »Die Sintlingerschen sind schon komische Leute«, sagte die Tochter, denn sie meinte, es tanze jemand mit dem Lichte durch die Stube. Die Mutter erwiderte aber nichts mehr, sondern öffnete das Fenster und beugte sich lauschend hinaus. »Seid mal ganz stille«, sagte sie hastig. Man hörte einen Wagen eilig rasseln, das Klappern von Pferdehufen. Dann flog das Hoftor krachend auf, und ein Gefährt stürzte sich wie wahnsinnig den steilen Hügel herunter, stob in Karriere die Straße nach Hemsterhus und verschwand als brausender Schatten. Die Bäuerin kam zögernd, in seltsamer Steifheit wieder zum Fenster herein, nickte bekümmert und setzte sich dann auf einen Stuhl, als seien ihr die Knie weich geworden, und sagte nach kurzem, starrem Sinnen, mit einer dunklen Stimme, mehr wie zu sich: »Da ist was nicht richtig drüben! – Na ja – freilich –« Und als sie wieder hinausblickte, wirbelte etwas wie ein rotes Kleid den Sintlingerhügel herunter, sprang quer über die Straße und keuchte mitten über die Felder auf den Brindeisenerhof zu. »Es ist ein Weibsbild von drüben«, sagte die Bäuerin und erhob sich. An der Stubentür traf sie mit der Magd zusammen, die atemlos und vielfach von Weinen geschüttelt meldete, daß ihre Frau die schwere Stunde habe. Der Sintlinger sei von Sinnen gekommen, zitternd an der Wand hingeschlagen und wie gehetzt aus dem Hofe über alle Berge geflohen, und die Frau bäte, ihr in der Not beizustehen. Frau Brindeisener schlug ohne Zögern und wortlos ein Tuch um den Kopf und folgte der eilig Davongehenden. Die Tochter, ein lang aufgeschossenes, bleiches Wesen, und der kleine Peter blieben am offenen Fenster und horchten beklommen hinaus in die Nacht. Da war es dem Knaben nach langem, als pfeife jemand in der Ferne hoch und angstvoll, und er sah furchtsam auf seine Schwester, was das sei. Die aber schloß zitternd das Fenster und begann leise zu weinen. Gegen Morgen wagte sich der von Mitleiden und Liebe davongetriebene Andreas nach Hause. Vorsichtig führte er das Pferd den Hügel hinauf; möglichst geräuschlos öffnete und schloß er das Tor. Doch beherrschte ihn immer noch eine derartige Aufregung, daß er nicht wagte, den herbeigeeilten alten Knecht nach dem Ergehen seiner Frau zu fragen. Er nahm ihm nur die Laterne aus der Hand und leuchtete über sein Gesicht. Da erkannte er aus dem schalkhaften, etwas spöttischen Schmunzeln des Dienstboten den glücklichen Ausgang der Gefahr, warf vor Freuden die Laterne aufs Pflaster, daß das Licht unter den klirrenden Glasscherben erlosch, und schlich behutsam dem Hause zu. Das Dunkel des Flures und der Wohnstube wogte von dem Sturm seines Gemütes um ihn, und jubelnd sagte er fortwährend zu sich: »Ein Sintlinger! Ein Sintlinger!« So kam er ins Schlafzimmer, das vom Licht der verhangenen Lampe wie von erschöpftem Zittern erfüllt war. Die Hebamme erhob sich von ihrem Stuhl im Dunkeln, wo sie geschlafen hatte, und bedeutete ihn durch hastige Gebärden, sich ruhig zu verhalten, da die junge Mutter im Schlaf liege. Denn sie erklärte sich die unsichere Haltung des Bauern und seine großen, leuchtenden Augen in dem blassen Gesicht falsch, trat geräuschlos auf ihn zu und tuschelte ihm ins Ohr, daß alles glücklich, wenn auch nicht leicht, überwunden sei. Mit einem Mädchen schere es sich eben wie mit einem Knaben. Die Hauptsache wäre, daß alles richtig sei, und sie gratuliere ihm zur ersten Vaterschaft. Nun verstand er, warum der alte Zenker, der Knecht, so spöttisch gelächelt hatte. Eine leise Enttäuschung kam in ihm auf. Er nickte der Hebamme stumm zu und hing seine Mütze an eine Stuhllehne. Dann stand er in schmerzlicher Unentschlossenheit da und wußte nicht, ob er hinausgehen oder dableiben sollte. Es fiel ihm ein, daß er die ganze Nacht herumkutschiert sei, hügelauf, hügelab, durch Dörfer, an Wäldern vorbei, lange öde Chausseen hin, in steinigen Hohlwegen, und das alles wegen eines Mädchens. Aber durch die Schatten seiner Bitternis sah er das wehe, bleiche Gesicht seines schönen Weibes, hörte ihr schmerzvolles Wimmern und wurde von barmherziger Liebe überwältigt. Er trat an ihr Bett und betrachtete die eingefallenen Züge der Erschöpften; aber auf das Wesen, das neben ihr lag, vermochte er keinen Blick zu werfen. Doch Johanna schlief nicht. Unter den Lidern hervor betrachtete sie ihren Mann, war wohl glücklich, daß nicht der Dunst von Wirtsstuben um ihn liege, sog den Duft der Wälder und Felder, den er mit hereingebracht hatte, sehnsüchtig ein und wurde doch bis ins Herz hinein von seiner einseitigen Zärtlichkeit erschüttert, die ihre gesteigerte, hilflose Empfindsamkeit wie einen Vorwurf traf. Still und groß quollen Tränen durch ihre Wimpern und rollten die Wangen hinab. Dann streckte sie ihm ihre Hand hin und sagte bittend: »Andreas, sei nicht böse auf unser Kind, ich kann nicht dafür.« Da schmolz sein unbeständiges, schrankenloses Herz ganz in Weichheit. Ohne Rücksicht auf die Hebamme kniete er neben das Bett, küßte seiner Frau immer wieder die blutleeren Lippen, versicherte sie seiner Freude und war bemüht, durch Liebkosungen ihren Verdacht zu zerstreuen. Er ließ sich auch das Kind reichen und drückte einen zaghaften Kuß auf die Stirn des unwirklich kleinen, rotfleckigen Wesens. Doch als er droben in der Stube, wo man ihm das Lager aufgeschlagen hatte, allein war, brachte er es nicht über sich, Licht anzuzünden, sich zu entkleiden und ins Bett zu legen. Er rückte sich einen Stuhl ans Fenster und starrte unverwandt in die Finsternis, ohne doch in dem Wirbel seiner widerstreitenden Seele einen Untergrund zu finden. Tief am Morgen fand ihn die Magd, die ihn wecken sollte, am Fensterbrett zusammengesunken in festem Schlaf. Viertes Kapitel Dabei blieb es denn auch monatelang, es mag sein, vielleicht bis gegen das Jahr hin. Andreas bewegte sich, Hand in Hand, in zärtlicher Liebe mit seiner Frau durch die Tage und trug, ohne es zu verleugnen, aber auch ohne es hervorzukehren, geheim jene Friedlosigkeit in sich, die jede enttäuschende Erfüllung unserer Seele als Erbteil zurückläßt, auch wenn wir sie überwunden haben. Er war zu klug, zu wenig in seiner Tiefe von der dumpfen Enge des bäuerlichen Wesens befangen, als daß er für immer die gekränkte Eitelkeit, die Vaterschaft eines Mädchens und nicht die eines Knaben erhalten zu haben, als den Grund der Beklommenheit und Unruhe eindeutig in sich geduldet hätte. Und doch kam er zu seinem Kinde, dem nach dem Willen der Mutter der Name Helene gegeben worden war, in kein anderes Verhältnis als das erzwungener, unbeholfener Spielerei, belangloser Zärtlichkeit und oberflächlicher Liebkosungen. Er befand sich wohl in der Lage eines Menschen, der in den Stürmen eines wilden, langen Winters sich nach der vollen Erlösung seiner gebundenen Kräfte sehnt und dann durch einen dürftigen Frühling um die besten Hoffnungen betrogen wird. Seine Tollheit, die ihn abermals in der Ehe überfallen hatte, fühlte er immer deutlicher nur als die Ungeduld eines Mannes, der an eine Mauer schlägt, daß sie ein breites Tor zu unbegreiflichen Seligkeiten auftue. Nun hatte es sich erschlossen und nichts als dies zarte, blonde Kind war ihm geschenkt worden, das in einer Welt schwebte, in die zu dringen es sich nicht der Mühe lohnte. Vielleicht litt er neben dieser Maßlosigkeit seines Wesens nur an der Unfähigkeit zum stillen, glückväterlichen Gefühle. Aber es ist ja vergeblich, eine Menschenseele bis auf den letzten Tropfen ausschöpfen zu wollen. Genug, das Vertrauen in die Berechtigung seiner bisherigen Lebensführung wurde so erschüttert, daß ihn auch seine Ausschweifungen langweilten, daß sein Übermut zur leeren Gewohnheit und seine bunten Spaße zur Grimasse wurden. So trieb er sich mißmutig, verdunkelt durch die Gassen seines alten Lebens; nein, auch einsam, ganz einsam; als Gefährten nur ein hohes, unbegreifliches Verlangen. Ja einsam, denn die Liebe ist ein zu unpersönliches, ein Allgefühl, als daß es über die Stürme der Umarmungen hinaus bis in die Sanddünen unseres alltäglichen Lebens die Seele der Welteinsamkeit entreißen könnte. Kaum brennt das Feuer unseres Auges wieder schwächer, so ist das Wesen, dem unsere Liebe gilt, schon wieder in die Fremdheit seines eigenen Lebens entrückt, uns unerreichbar. Und wenn Andreas seine Frau immer draußen gesehen hatte, gleichsam über die letzten Berge seiner Welt wandernd, jetzt, seitdem sie mit dem Kinde auf dem Arm durch jene stillen Verklärungen ging, war sie ihm ferner als sonst. Da halfen die ungeteilten Gemeinsamkeiten ihrer Arbeit und Sorge nichts, alle Zärtlichkeiten waren vergebens. Wenn er seine Arme öffnete und sie freigab, entglitt sie ihm nach den Gesetzen eines unergründlichen Zaubers. Hörte er, über den Hof schreitend, Johanna mit der Kleinen kosend reden, so klang ihm die Stimme wie aus einem anderen Leben. Sah er an Abenden von der Bank aus, wo er ruhend saß, sie, das Kind im Arm wiegend, vor sich durch die Stube gehen, so hätte er die Hand heben mögen, um weiße Schleier aus der Luft zu streichen, durch die sie gleicherweise verhüllt und verschönt wurde. Dabei bemerkte er, daß sein Weib oft bis ins Schmerzen von ihrem Mutterglück erfaßt wurde. Dann mußte sie das Gesicht des Mädchens, das sie bohrend, nein beschwörend lange betrachtet hatte, endlich mit der Hand bedecken und aufschluchzend hinausgehen, als übersteige es Menschenkraft, so viel Lieblichkeit lange zu betrachten. Ja, manchmal schien es ihm gar, sein Weib entzöge ihm sein Kind. Dann schlich er sich zur Wiege, wenn Johanna das Melken im Stall beaufsichtigte oder sonstwie beschäftigt war, schickte das Kindermädchen unter einem Vorwand auch hinaus und versenkte sich in den Anblick des Kindes, um wenigstens etwas von den Wundern zu ergründen, die seine Frau so bis in die Seele ergriffen. Aber das kleine Wesen lag still und weiß in den Kissen, die Wänglein rötlich überhaucht, die Stirn von seidenen Löckchen umspielt und richtete mit einem seligen Horchen im Gesicht ihre Augen regungslos und weit offen über sich. Kaum ein Zucken ging über ihre Lider, wenn er an die Wiege trat oder sich rührte. Nichts von der Leidenschaft eines Blickes zuckte in dem Blau ihrer Sterne, über denen ein bernsteingelber Schimmer, wie der Widerschein unsichtbarer, goldblühender Büsche lag. Tief, klar und einsam waren diese Augen, bis auf den letzten Grund hell wie das Wasser ruhiger Teiche in der Heide, die nichts sind als Spiegel des Lichtes. Sobald er aber zu dem Kinde sprach, schrak es von dem Klang seiner Stimme, wie unter einem Schmerz, zusammen, schlug mit den Händchen, als wehre es ihn ab, und begann zu schreien. Dann schlich er davon und war bei seiner einsamen Arbeit bemüht, sich diese seltenen, seltsamen Augen seines Kindes vorzustellen, aber es gelang ihm nichts anderes, als zu einem Gefühl ferner, rätselhafter Ergriffenheit zu kommen. An einem Abend trat er in den Hausflur und hörte Johannas Stimme wieder zu dem Kinde reden. Geräuschlos drückte er die Tür auf und trat in die Stube, die leer war, und das letzte Licht des Tages lag schräg und grau darin. Seine Frau stand versunken über die Wiege gebeugt. Sie fuhr immer nahe über dem Gesicht Lenchens mit der Hand durch die Luft, als necke sie das Kind mit dem Hauch der Bewegung, und rief jedesmal seinen Namen, aber nicht kosend, nicht in seliger Hingenommenheit, nein mit einer dringend schmerzvoll-ratlosen Stimme, wie man jemand lockt, der auf unerreichbar fernen Hügeln wandert. Und ein graues Umklammern, ja sogar etwas wie Furcht kamen über Andreas, daß er beklommen fragte: »Was machst du denn, Johanna?« Da schrak sein Weib herum, und er sah, daß ihr Gesicht von Tränen überströmt war. Aber sie faßte sich schnell, fuhr mit der Schürze über die Augen und antwortete hoch aufatmend, wie aus der Verschollenheit ihres Glückes auftauchend: »Ach, Andreas, ich spiel' mit dem Kinde. Es ist zu schön, zu schön!« Dann ergriff sie seine Hand und zog ihn aus der Stube zum Hofe hinaus. Dort stand sie und sprach von dem Himmel, den abendlichen Hügeln, die um sie lagen, von Hemsterhus und ihrer Heimat. Sie redete schnell, überstürzt und frierend, und er fühlte, wie sie am ganzen Leibe bebte. Irgend etwas Geheimes, das ihn und das Kind betraf, bedrängte ihre Seele. Aber Andreas hätte sich in den Jahren der Gemeinschaft mit seinem Weibe schon so viel von der linden Art ihres Wesens erworben, daß er nach einigem vergeblichen Drängen, den Grund ihrer großen Erregung zu erfahren, abließ, den rechten Arm um ihre Schultern schlang und sie auf dem Umweg hinter den Scheuern durch den Blumengarten in die Stube zurückführte. Johanna dankte ihm für die ritterliche Zurückhaltung durch stilles, warmes Anschmiegen, und ihre Worte bekamen wieder den ruhigen Unterton. Doch an der Tür, hinter der das Kind lag, löste sie sich aus seinem Umfangen in einer Weise, die ihn bat, nicht mit einzutreten. So, als ob sie vertröstend zu ihm spräche: Laß gut sein, drückte sie ihm die Hand und glitt in die Stube, und der Sintlinger trat zurück und streifte lange in den Ställen, durch Schuppen und über Dachböden umher. Sein Denken tappte währenddessen leidenschaftlich in dem Halbdunkel, das auch um sein Inneres lag, und strengte sich an, die Geheimnisse zu begreifen, durch die Frauen von der Mutterschaft verwandelt werden. Und doch mußte er immer wieder stehenbleiben, aus diesen allgemeinen Erwägungen wie von erdichteten Ausflüchten zu sich zurückspringen und fragen: »Warum nimmt sie mich nicht mit zu ihrem Kinde? Warum?« Zuletzt sagte er das auf dem Schüttboden zu sich. Er stand neben dem großen Kornhaufen und rührte sinnend mit der Spitze seiner Stiefel darin. Dann ging er, hob die Fenster der Dachluken und band sie fest, damit der Wind über die Körner streiche; denn es herrschte eine warme, muffige Stickluft. Als er mit dieser Arbeit zu Ende gekommen war, trat er vor dem Hinuntergehen noch einmal an jene Luke, von der aus man den breiten Strom der Hügel bis weit über, Hemsterhus hinaus übersehen konnte. Aber die immer niedriger gehenden Bodenwellen lagen schon tief in den Abendschatten, daß sie wie grauschwarze, undeutlich geschiedene Wolken aussahen, die regungslos auf der Erde lagen. Am Himmel stand stumm und zerflossen, wie ihr Spiegelbild, dasselbe Gewölk. Dazwischen hing dichte, aschfarbene Dämmerung bis an den Horizont hin, wo die Finsternis der Höhe und der Tiefe zusammenstießen. Dort, aber so weit, daß es aussah, als sei das schon jenseits der Welt, bebte die letzte Tageshelle, ein winziger, mattblauer Fleck. Wie die Augen meines Kindes, dachte der junge Bauer selbstvergessen und erschrak dabei so seltsam, als sei er an allem, an der doppelten Finsternis und dem machtlosen, stumpfen Fünkchen Licht darin schuld. Da er aufsah, war auch das erloschen, und die Dunkelheit hatte sich in Nacht verwandelt. Seit diesem Abend wagte er nicht mehr, sich allein an die Wiege seines Kindes zu schleichen, und fing das Kleine zu weinen an, nicht so reißend, wie es die Art der Kinder ist, nein, mit fast melodischem Schweben des silbernen Stimmchens, mehr ein Singen des Leides, denn ein Weinen, und die Händchen des Mädchens taumelten um das Köpfchen, so wurde das Gesicht Andreas' immer einen Ton blasser, und endlich mußte er hinausgehen. Wie oft auch fühlte Johanna in dieser Zeit mitten in der Nacht seine Hand über ihr Gesicht tasten, und wenn sie ihn fragte, was es gäbe, drehte er sich unter einem erleichterten Atemzuge wieder auf seine Traumseite und antwortete: »Ach, da ist es ja gut.« Oder sie hörte ihn aus dem Schlaf wie stürzend durchs Fenster fortspringend, die Schlösser aller Türen und die Wirbel aller Fenster untersuchen und dann unter ärgerlichem Murmeln über Störungen wieder unter die Decke kriechen. Beim Dreschen ließ er die Pferde oft so antreiben, daß die Maschine heulend das Getriebe in sich hineinfraß und das Schüttelwerk wie rasender Trommelwirbel ging. Er aber lehnte an der Tennenwand und verschlang den Lärm der wie vom Fieber geschüttelten Maschine bleichen Gesichts mit dem Glanz einer förmlichen Gier im Auge. Man sagt, dieser Zustand des Sintlingers habe an drei Wochen gedauert, und die Leute einfacher Dörfer beobachten gut. Nach dem Besuch der Hemsterhuser Schenke hörte das eigentümliche Gehaben des jungen Bauern auf, und jenes rätselhafte Leben begann auf dem Sintlingerhofe, das das Bauerngut und seine Besitzer in so hohen Ruf brachte. In dieser entscheidenden Nacht war Andreas von halbem Verzagen und lockender Gegenwehr wieder einmal heimlich den Hügel hinunter fortgeführt worden und saß in dem einzigen Gasthause des Dorfes unter lustiger Kumpanei. Erst sprangen fröhliche Neckereien in der Runde, man vergnügte sich über die Tölpel der Umgegend, erzählte Schwanke und löste den Riegel von mancher verborgenen Torheit, und der Sintlinger gebärdete sich ausgelassener als sonst, das Schellenwerk seiner witzigen Einfälle, treffenden Bosheiten und komischen Anekdoten stand nicht still, und neben ihm taten sich besonders zwei in sprühenden Nutzlosigkeiten hervor, der dicke Müller von Querhoven, mehr ein Faß denn ein Mann, mit einem unförmlichen Kopf und einem Fuder brandroter Haare darauf, und der Fürstlich Arenbergsche Förster, eine richtige, endlos lange Lärmstange. Und nach Stunden geriet die ganze Gesellschaft in das laute, leere Gedalber der Trunkenheit. Aber je unbesonnener die anderen ihre Stimmen immer tiefer in die Glut des Rausches neigten, desto ferner wurde Andreas, desto kühler, bleicher und schweigsamer. Der Wirt sagt, ein Glas Schnaps sei schuld gewesen. Ein Hemsterhuser Kleinbauer, ein geduldeter Mitläufer, hatte, um sich bei den Gewaltigen der Zechgenossen in Gunst zu setzen, eine Runde Wacholderbranntwein auffahren lassen, jenen wasserklaren Schnaps, der so stark ist, daß er im halben Schlund schon zu brennender Lust wird. Des Bieres überdrüssig, begrüßten alle den Einfall mit lautem Hallo, und der lange Förster erhob sich, um dem Getränk eine spaßhafte Grabrede zu halten. Während aber die anderen, die Hand am Glase, alle scherzhaften Einfälle des Trinkredners schon im voraus mit Gelächter belohnten und ungeduldig auf das Kommende paßten, die Spende hinter ihrer Zunge zu beerdigen, stierte der Sintlinger mit wachsendem Schauder auf den kleinen, blanken Spiegel des Branntweines, der, von dem Lichtdunst der Decklampe gelb überlaufen, in dem Glase lag und unter den Erschütterungen des Tisches fortwährend zitterte. Die Augen des jungen Bauern waren wie abwesend; er war stumm und rührte sich nicht. Auch als die anderen am Schluß der Ansprache aufsprangen und unter Getöse den Schnaps in den Schlund kippten, saß der Sintlinger regungslos mit vorgebeugtem Kopfe, und da man endlich spöttisch auf ihn eindrang, erhob er sich geräuschlos und sah die Runde, einen um den anderen, wortlos, mit einem solchen Ausdruck leidvollen Staunens im bleichen Gesichte an, daß alle vor Bedrücktheit verstummten. Die Zunächstsitzenden erhoben sich auf seinen Wink wie unter einem Bann. Andreas neigte grüßend den Kopf und ging schweigend hinaus. Zu Hause traf er sein Weib noch wach. Beim Scheine einer kleinen Lampe kniete sie, die Arme über das Bettchen geworfen, das Gesicht in die Kissen gedrückt, an der Wiege. Als er leise eintrat, hob sie erschöpft den Kopf und musterte ihren Mann auf eine dringende, schmerzvolle Art. Der hängte seine Mütze an den Rechen und umfaßte mit einem langen Blick sein Weib. Und während er so stand und hinsah, wurde Johanna, die Wiege mit dem Kinde und die ganze Ecke der Stube in verklärtes Licht getaucht. Dort hinein ging er wie auf einer Brücke, die hoch über finstere Luft gespannt ist. Als er bei der Wiege angekommen war, erhob sich die Bäuerin, nahm das Mädchen aus der Wiege und legte es ihm in die Arme, und Andreas redete mit einer so weichen Stimme zu dem Kinde, daß es seine blicklosen Augen öffnete und das erstemal lächelnd nach seinem Gesicht langte. »Woher weißt du, daß unser Kind blind ist?« fragte Johanna plötzlich und senkte dabei die Augen. Der Sintlinger fuhr ihr streichelnd über den Scheitel und schloß sie erschüttert in die Arme. Wenn sich Johanna die ob auch wunderlich ergreifende, aber kurze Art überlegte, mit der ihr Mann die Erkenntnis des Geschickes seines Kindes aufgenommen hatte, erschrak sie. Denn sie, die ihn in den Launen seines veränderlichen Willens so gut übersah und dem Kindhaften seines Wesens durch engelgleiche Güte so gerecht wurde, wußte doch nichts von den Überraschungen und Übertreibungen, durch die er sich überhaupt am Leben erhalten konnte. In der sicheren Luft bäuerlicher Tage erlitt er Peinen wie ein Erstickender. Er glich einem Wanderer, der nur dadurch glaubt vorwärts zu kommen, daß er fortwährend in Abgründe springt. Sein lasterhaftes Toben, sein berserkerhafter Fleiß, die Verzückungen seiner jähen Liebe, alles waren solche Abgründe gewesen, in die er sich in der Meinung gestürzt hatte, auf einem Gipfel, hoch und ferne, in einem Leben wieder aufzutauchen, das von den gewohnten Formen seiner Vergangenheit nicht eine Spur mehr enthielt. Und immer erwachte er doch aus seinem Taumel zu dem gewohnten, trägen Gang seiner Beschäftigung, die er mit dem verbissenen Zorn seines Herzens trieb, bis ihn wieder die graue Luft fast erwürgte. Das Leben seines Kindes aber, um das er Monate ratlos verborgene Kreise gezogen hatte, angewidert von der Ödigkeit seines Lasters, überwältigt von der ewig gleichen Süße seiner Ehe, ungläubig blinzelnd, von Ahnungen ins Dunkel verlockt, von unbegreiflicher Ergriffenheit bedrückt, durch das seltsame Gebaren seiner Frau aufs neue angestachelt, all dieses marternde Zwielicht, durch das er tappend gegangen war, hatte sein Wesen in solche unterirdische Spannung versetzt, daß die geheimnisvolle, blitzartige Erkenntnis von dem grausen Wunder, in das sein Kind hineingeboren war; wie ein Sprengschuß wirkte. Durch Finsternis hatte es ihn augenblicklich in hohem Bogen in die unbegreifliche Helle geschleudert, die von den blicklosen Augen seines Kindes ausging. Als er wieder auf die Erde fiel, fand er sich nicht mehr in seinem gewohnten Leben, sondern wie auf einem unbekannten Eiland mitten im Ozean. Daher war auch plötzlich alles in ihm verändert. Am zeitigen Morgen, noch ehe sein Weib erwachte, klang das dünne, schwebende Stimmchen Helenens auf, zart wie der Laut des ersten Frühvogels. Da sprang Andreas mit einem vorsichtigen Satze so aus dem Bette, als habe er die ganze Nacht hindurch nur auf diesen Ruf gelauert, eilte an das kleine Bett und beugte sich mit stürmischer Hingabe darüber, daß ein Erschrecken über das Gesicht des Kindes lief. Seine Händchen fuhren auseinander, und die Augen schlössen sich. Sowie der Sintlinger aber wieder kosend und weich seine Stimme über die Wangen der Kleinen streichen ließ, öffneten sich die Lider. Die Augen blühten in stiller Klarheit auf und standen regungslos wie horchende Spiegel. Es war das Sehen eines Lauschens in ihnen, ein umgekehrter Blick, so, als breite sich die Welt nicht draußen vor ihnen aus, als zöge alles durch die Tiefen ihres Innern vorüber. Und wenn er redete, erwachte nicht das Sehfeuer in ihnen, kein glückhaftes Zucken des Verstehens, keine von den wandelbaren Lichtwolken kam und schwand durch das Firmament der Iris. Auf dem Grunde erwachte ein Leuchten von einer so seligen Schönheit, als ergieße sich in ihre Gründe der Schimmer, der nach dem Glauben der Frommen von den Toren Gottes ausgeht. Nein, dieses, sein Kind war nicht blind, es war auf eine andere, geheimnisvollere Art sehend als die gewöhnlichen Menschen. Wir schauen mit Hilfe der Dinge in die Welt, in diesen Augen schimmerte klar das Licht, das wir anderen mühsam und dunkel durch die Formen der Wesen ahnen. Je länger sich Andreas in sie versenkte, desto mehr wurde er von ihnen gefesselt. Sie entrückten ihn in eine andere Welt, und endlich ertrug er es nicht mehr, in sie zu schauen. Es geschah ihm, was er an Johanna nicht begriffen hatte: er mußte die Hand über sie decken. Dann litt es ihn nicht mehr in der Stube und im Hofe. Geräuschlos und mit fliegenden Händen kleidete er sich an und rettete sich weit ins Feld hinaus. Als nach dem Erwachen sein Weib das Lager neben sich leer und schon fast ausgekühlt fand, glaubte sie nichts anderes, Andreas sei von dem Unglück des Kindes vor Anbruch des Tages aus dem Bett gerissen und zum Haus hinaus auf eine neue Wanderung von Schenke zu Schenke getrieben worden. So rückte der Tag bis hinter den Mittag. Da entschloß sie sich endlich, den alten Knecht ins Mitwissen zu ziehen. Der tröstete sie mit einem spöttischen Lächeln und meinte, es sei nicht schlimm, er habe den Bauer in der ersten Frühe den Hügel in der Richtung nach dem Walde hinuntergehen und vom Dachfenster aus, wo er gestanden und sich angezogen habe, im Felde verschwinden sehen. Vielleicht, wie er grinsend hinzufügte, sei wieder das Treiben über ihn gekommen, und da würde weiter nichts Schlimmes heraushängen. Seine Treue und sein natürlicher Takt hinderten den Menschen, nach dem Grunde des Wirbels zu fragen, der über seinen Herrn gekommen war. Er schlug seine Mütze spaßend aufs Knie, daß eine dicke Wolke Staub herausplatzte, und machte sich ohne Umstände auf die Suche. Er war an den fünf Gebreiten, die sich von der Brindeisenerschen Grenze quer hinzogen, vorübergegangen und hatte die letzte Bodenwelle, die Hohe Kippe, erreicht, von der aus er die große, muldige Wiese übersehen konnte, die sich am Walde hinzog, nur vom Hemsterhuser Wege durchschnürt. Da bemerkte er einen Mann in dem herbstkurzen Grase, nicht allzuweit von dem Saum des Waldes. Er lag hingestreckt und sah, den Oberkörper auf die Ellbogen gestützt, unverwandt und regungslos in den blaßblauen Himmel hinauf, an dem in unendlicher Höhe fortwährend einige weiße Wölkchen träumend zergingen und wieder entstanden. Vorsichtig, immer den Mann im Auge behaltend, stieg er den sanften Abhang auf den Hemsterhuser Weg hinunter, der hier die Höhe erklomm und durch den Wald dem Rheine zu zog. »Heda!« schrie er endlich dem Unbekannten zu und winkte freundlich mit seiner Mütze. Der Ruf traf den Liegenden wie ein Stoß, rollte ihn zusammen und warf ihn dann in ein paar flüchtigen Sätzen durch das Buschwerk in den Wald, aus dem er nicht wieder zum Vorschein kam. Der Knecht streifte wohl eine Stunde unter den Stämmen umher, spähte fleißig aus und rief, wenn er irgendwo ein verdächtiges Geräusch hörte, den Namen des Bauern. Doch als er auf dem Rückwege wieder den Hemsterhuser Weg überschritten hatte und auf der Hohen Kippe sich umdrehte, sah er den Unbekannten in derselben Stellung im Grase liegen und versunken gegen den Himmel starren, als habe er sich nicht vom Flecke gerührt, sondern, unsichtbar gemacht, in diesem närrischen Treiben fortwährend verharrt. Nun kam es ihm vor, als sei der seltsame Mann wirklich niemand als der Sintlinger, aber eine unerklärliche Scheu, fast ein ehrfürchtiger Schauer hielt ihn ab, noch einmal mit lautem Rufen gegen ihn loszufahren. Zu Hause angekommen, verschwieg er, auch der Bäuerin gegenüber, das Erlebnis, sprach nur von seinem zwecklosen Umherstreifen und trödelte sich mit Gemurmel, das den Ton von Trost und Entschuldigung hatte, von Johanna weg zu seiner Arbeit. Das arme Weib beendete nun kummervoll den Tag und gab sich redlich Mühe, wieder einmal mit der Unabänderlichkeit ihres Geschicks fertig zu werden, ohne das Bild Andreas' durch Vorwürfe oder Klagen zu versehren. Doch als sie endlich im Bett lag, glaubte sie in hoher Ferne schwach und dumpf die mitleidslosen Stöße eines Webstuhls zu vernehmen. Mit jedem dieser brummenden, zerflossenen Laute schien die Finsternis um sie schwärzer und dichter zu werden. In ihrer Beklemmung tastete sie nach der Wiege, schwang sie vorsichtig und begann ganz leise und hoch ein Schlummerlied zu singen. Dabei dachte sie fortwährend: Mein Kind ist blind, mein Kind ist blind, und konnte ihre Tränen nicht mehr erhalten. Der letzte Ton des Liedes schwebte noch zwischen ihren bebenden Lippen wie der Stiel einer blassen Blume, die sie im Begriff stand fallen zu lassen, da hörte sie ihren Mann heimkehren. Wenn es ihr Herz nicht erlauscht hätte, ihr Ohr würde es nicht erraten haben. So achtsam wurde die Tür bewegt, so gleichmäßig, fast schonend strichen lange Schritte durch den Flur. Nun trat er in die Wohnstube und ging leise bis in deren Mitte. Dort blieb er stehen. Sie hörte ihn laut und stürmisch ein paarmal atmen, wie es jemand vor einem bedeutsamen Vorhaben befällt. Obwohl Johanna nun wußte, daß er nicht trunken sei, ging ihr Herz plötzlich wie ein fallendes Blatt vor der tieferen Sorge, den Mann regiere die wache Wut. Und wirklich. Schon ging die Tür lautlos, stand lauernd still, und vor der Öffnung, die als finstere Schlucht sich aus der Nacht heranschob, sah sie langsam das blasse Gesicht ihres Mannes auftauchen und witternd, wie vor dem Anspringen, eine Weile stillhalten. Sie kam entsetzt in die Höh und mußte ihren erschlaffenden Körper mit versteiften Armen stützen. Da, wie wußte sie nicht, lag der Sintlinger an ihrer Brust und schnürte seine Arme wie Seile um sie und atmete erstickt und kochendheiß an ihrem Halse hin. Er sprach stoßend und endlos, aber sie verstand nichts als den seligen Wirbel, von dem sie durch seine Worte aus ihrem Verzagen emporgerissen und fortgetragen wurde. Auf einmal löste er die Arme, bettete sein Weib behutsam aufs Lager, entkleidete sich schweigend und legte sich nieder. Obwohl Johanna nicht nach ihm hinsah, spürte sie doch, daß er auf dem Rücken lag und mit weiten Augen in die Nacht starrte. Nach langem sagte er erschüttert und fast unhörbar: »Ich habe kein Kind, ich habe einen Engel.« Dann drehte er sich um und schlief ein. Fünftes Kapitel Von nun an betrugen sich die beiden Menschen nicht anders, als seien sie von einem tiefen Strom ergriffen und weit von ihrem alten Leben in ein neues Dasein getragen worden. Besonders der Sintlinger ging wie von schwerem Segen durchglänzt dahin. Er hütete das Geheimnis, von dem sein Kind eingesponnen war, als sorge er, daß der Zauber ihres Lebens von dem Wissen und den Worten der Menschen gestört werden könne. Die Umgebung erfuhr nichts von dem Zustande der kleinen Helene als die große Milde, die nach dieser Fügung sich des Sintlingers bemächtigte, den heiteren Ernst seines Fleißes und die fast scheue Zärtlichkeit, mit der er seine Frau umgab. Er bewegte sich in den Gesetzen der neuen Erde, die das Schicksal seines Kindes ihm unter die Füße geschoben hatte, als sei neben seinen Schritten nie ein Halm Taumellolch oder ein Stengel Bocksbart gewachsen, sondern als hätten sogar jene Steine noch ein tröstliches Lied gesungen, über die er gestolpert war. Allerhand Gerüchte brauten durch das Dorf, die, bald in Bosheit, bald in Schadenfreude, an dem Grunde herumtasteten, durch den sein Leben aus den alten Brauseangeln gehoben worden war. Man redete von einem blutigen Streit, in den er von der Trunkenheit gerissen worden war; von einem Vergehen an einem zarten Mädchen; einem wucherischen Geschäft, dessen verderbliche Folgen er hart vor der Gefängnistür unter einem Sack voll Gold begraben habe, und wollte gar von ehelichem Streit und einem nächtlichen Entweichen der entsetzten Bäuerin wissen. Der Sintlinger ließ diese schmutzigen Wolken des Argwohns ruhig um seinen Hof spielen, ging sicher und voll freundlicher Würde seinem Geschäft nach und gab sich dem Zuge seines neuen Wesens hin. Alte, gebrechliche Leute, Kinder, die zu schwere Lasten trugen, lud er von der Straße auf seinen Wagen und fuhr sie wohl gar, oft genug auf Umwegen, bis vor die Türen ihrer Häuser. Selbst dem Glöckchenhorcher aus Hemsterhus, jenem einfältigen Menschen, der durch die Geschwätzigkeit über unirdische Gesichte, die er gehabt haben wollte, so viel zur Schädigung des Sintlingerschen Rufes beigetragen hatte, erwies er ohne einen Schatten von Überwindung Gutes. Ja, als an einem regnerischen Herbsttage der halbsinnige Mensch, in zerschlissener Kleidung, frierend vom langen Bettelgange auf grundlosen Wegen, ermattet an das Hoftor klopfte, wies er ihn nicht ab, sondern schob den alten Knecht unsanft zur Seite, der eben darüber her war, den ärgerlichen Trottel mit einem kräftigen Schupfer über den Hügel hinunter neben die Kropfweiden zu spedieren. Liebevoll zog er den furchtsam Ächzenden ins Haus, stopfte ihm eine tüchtige, warme Mahlzeit in den Leib und ließ ihm außerdem aus einem alten Anzuge und allerhand Wäsche ein gewichtiges Bündel schnüren. Kein Bittender, und mochten es notorische Trinker oder professionelle Sonnenbrüder sein, ging unbeschenkt vom Hofe, kein Unglücklicher blieb ohne Hilfe. Und schoß der Sintlinger auch in der Art seines Wohltuns oft übers Ziel, so wurde er doch nur von seinem leidenschaftlichen Wesen fortgerissen, das eben alle Handlungen so leicht ins Maßlose trieb. Doch haftete ihm keine Spur krankhafter Empfindsamkeit, ungesunder Schwärmerei oder pietistischer Frömmelei an. Offenbar lenkte ihn nichts als die Ergriffenheit eines Menschen, der mit seiner Güte Ernst macht. Sein Weib aber brauchte sich gar nicht zu ändern. Sie ging leise wie immer auf fernen, lichten Wegen durchs Leben, wohl manchmal mit einer leichten Wolke um die Stirn, doch gelassen und tüchtig, besonnen und sanft. Und kehrte ihr Mann von einem Geschäft seiner Nächstenliebe gar zu jagend heim, daß ihm sein Feuer das Gesicht mit fast hektisch roten Flecken von innen her betupfte, dann strich sie ihm die Haare über die Stirn hinauf wie in den Tagen der Entgleisungen durch den Rausch, als sagte sie wie damals: Laß nur gut sein, Andreas, es gelingt dir schon noch, und lächelte ermunternd und glättend seinen Überschwang wieder ins sichere Gleis. In jener Zeit war es auch, daß irgend jemand die Sintlingersche Bauernburg auf dem Hügel den Heiligenhof nannte. Mag dieser Name immerhin ursprünglich einer scheelen Seele von der Spottlust eingegeben sein und deswegen im Anfang allein dem Mund der Leute schmackhaft geworden sein, gemach bedienten sich seiner auch Ernste und Bedachtsame, vor allem, als man erfuhr, warum sich das Leben des Hofes in solch ernste Schönheit gewendet hatte. Denn seit das blinde Mädchen auf die Füße gekommen war, konnten der Bauer und die Bäuerin ihren Zustand nicht mehr verheimlichen. Nun nahm es jeder wahr, daß das arme Kind, in tiefe Nacht gesperrt, umhertappte. Das Herz der ganzen Gegend erschrak bei dieser Nachricht, und alle Eltern nahmen die Gesundheit ihrer Kinder nicht mehr achtlos als Notwendigkeit hin, sondern kamen sich unverdient beschenkt vor. Nur Nichtswürdige besaßen den bösen Mut, in dem Schicksal des Kindes die Strafe für die vielen Verirrungen des Geschlechts und das tolle Treiben Andreas Sintlingers zu sehen. Die meisten waren von der seltsamen Kraft ergriffen, mit der die beiden das Unglück ertrugen und weise für ihr Leben ausnützten. Es ergab sich von selbst, daß unter den vielen Bewegten genug Tätige sich fanden, die gedrungen wurden, nach dem Heiligenhofe ungebeten Rat und Hilfe zu tragen. Und wie es die Art des Volkes, vor allem der Landleute, ist, verfielen sie nicht auf den naheliegenden Gedanken, den Sintlingerschen Eheleuten zur Kunst eines Arztes zu raten, sondern bestürmten sie mit dem Angebot von allerhand verborgenen Heilweisen. Da sollte das weiße Häutchen, das unter der harten Schale des Habichteies sitzt, dem Mädchen sicher den Blick ins Licht öffnen, weil dieser Vogel der einzige ist, der, ohne zu erblinden, sein ganzes Leben so nahe der Sonne verweilen kann. Kluge Frauen rückten mit siebenerlei Kräutern an, sprachen uralte Gebete über das Kind, beschworen es unter seltsamen Gesten und verbannten das Übel in den abnehmenden Mond, den Wirbelwind oder das fließende Wasser, damit es nicht mehr zurückfinde. Selbst ein Pfarrer aus einem weitab liegenden armen Heidedorfe schickte ein Fläschchen seines unfehlbar wirkenden Augenheilwassers. Manch einen trieb auch die bloße Neugier auf den Sintlingerhof. Diese Übereifrigen schwemmten sich in einer Flut törichter Redeweisen durch die Stuben, begafften alles mit beißenden Augen und wichen nicht eher von der Stelle, bis sie sich aus dem Kaffeekruge der Bäuerin den Leib tüchtig durchwärmt hatten. Anfangs tat die ehrliche Teilnahme so vieler würdiger Menschen dem Vater und der Mutter in der Seele wohl. Sie genossen mit heimlichem Stolz das Erstaunen der Fremden über das engelreine Gesicht Helenens, über das Rätsel der klaren und doch gebundenen Augen und das glockenhelle Stimmchen des Kindes, das von weiterher als aus den Fernen der Brust zu tönen schien. Von ihrem verschwiegenen Glauben an eine möglichst hohe Berufung durch das Wunder, das an ihrem Kinde geschehen war, sagten sie nichts. Mit gebührendem Dank nahmen sie alle Mittel entgegen und stellten dann heimlich die Mixturen ungebraucht zur Seite. Als aber der Schwarm der Eckensteher des Mitleids über die Schwelle strömte, verbargen sie das Kind und fertigten die leeren Zungenschläger immer kürzer ab. In jene Zeit fiel der Besuch des alten Klim aus Brederode. Den gebrechlichen Mann hatte der tiefe Kummer über das abermalige große Unglück seiner vielgeprüften Tochter von dem Krankenlager getrieben. In Betten gepackt, fuhr er durch den rauhen Vorfrühlingstag auf den Heiligenhof. Da überzeugte er sich denn, daß das Gerücht von der Blindheit seines Enkelkindes leider grause Wahrheit sei. Zugleich spürte er aus den Worten und mehr noch aus dem veränderten Wesen seines Schwiegersohnes ein ihm völlig unbegreifliches Genügen in dem Geschick. Trotz aller behutsamen, von weither kreisenden Fragen brachte er aus Andreas nichts als eine Reihe fatalistischer Floskeln heraus, unter denen dieser den wahren Grund seiner Hingabe an die schwere Fügung verbarg. In Wahrheit fürchtete der Sintlinger instinktiv, den Zauber zu zerbrechen, durch den er aus den dunkeln Strudeln seines Blutes in eine hohe, außergewöhnliche Welt gehoben worden war. Darum schwieg er beharrlich in allerhand ausweichenden Worten, und als der Greis, wie von einem hellen Blitz in seine fast todesklare Seele getroffen,, endlich mit der Frage auf ihn eindrang, ob denn das Leben des unschuldigen Kindes etwa nur der Besen sein sollte, mit dem er seine Stuben rein halte, wurde der Sintlinger blaß und verließ bebend die Stube. Johanna verstummte auch und sah durch ratlose Tränen ihren Vater an, der über so viel unchristliche Verirrung außer sich geriet, weil er wahrnahm, daß auch seine Tochter ergeben an dieser Untat teilhatte. »Ich will heim«, sagte er zum Schluß mit abgeschlagenem Atem, richtete sich mühsam an seinem Stock auf, sah noch einmal entsetzt umher und verließ, jede Unterstützung ablehnend, das Haus. Doch der Zorn des Greises und seine Frage, die wie ein Stoß gegen seine Brust gefahren war, stürzten den Sintlinger nicht tiefer in unentwirrbare Zweifel und Unruhe. Nicht lange nach dem Weggange des Alten trat er in die Stube, nahm seiner Frau das Kind vom Arme, schwang es im Licht des Fensters hoch über sich und sah ihm von unten lange ins Gesicht. Unter einem herzhaften Kuß stellte er Helene dann auf die Diele und blickte ihr nach, wie sie mit zierlich-schwebenden Schrittchen an der Hand Johannas dahinging. »Wie?« rief er plötzlich in seiner alten Art, zerhackt und laut. »Wie? Soll ich mich empören, daß das Kind so ist, wie es ist? Wenn es keinen Sinn hat, warum gab es mir Gott so? Eine schöne Art Glauben und steinerne Augen! Nicht? Da war am Ende alles, was in den Nächten über mich gekommen ist, auch nur ein so glänzender, spinnwebiger Zufall. Nein, nein!« Er setzte mit einem Schlag beteuernd die Faust auf seine Brust und ging hohnlachend an die Arbeit. In diesem Glauben verharrte er, auch als der Hemsterhuser Pfarrer Ardelt, wohl vom alten Klim geschoben, auf dem Heiligenhofe unter dem Vorwand erschien, den Sintlinger für eine Beisteuer zur Ausmalung des alten Kirchleins zu interessieren. Andreas und seine Frau saßen und hörten aufmerksam den beweglichen Worten zu, mit denen der Priester die vielen verborgenen Mängel des Gotteshauses schilderte. Auch die versteckten Vorwürfe der Unkirchlichkeit nahm der Bauer gleichmütig hin und trommelte als Antwort nur leicht mit den Fingern auf der Tischplatte. Als sich aber der Pfarrer im Anschluß daran geschickt dem Unglück zuwandte, das über das Ehepaar gekommen war, und bald in die Rolle eines Bußpredigers verfiel, riß Sintlinger die Hand vom Tische. In seinem Auge flackte es auf. Bleichen Gesichts und steif neigte er sich vor, als wolle er etwas erwidern, faßte sich aber, stand lächelnd auf und trug des Pfarrers Hut und Stock auf den Flur. Dann erschien eine Magd und meldete, daß die Sachen des geistlichen Herrn schon draußen seien. Am andern Tage aber schickte der Sintlinger einen ansehnlichen Beitrag in den Pfarrhof. Niemandes Atem, keines andern Menschen Gedanken als die seines Weibes, und die eigentlich auch nur in einer gewissen Ferne, duldete Andreas auf dem Wege, den er sich selber zum Verwundern beschritten hatte. Nicht lange darauf rückte es ihm doch die Füße weg. An einem Abende kam er mit einem Fuder Grünfutter vom Felde heim und hörte über den Hof hin die Mägde davon sprechen, daß der Hemsterhuser Narr dagewesen sei. Er habe sich in die Stube zu dem schlafenden Kinde geschlichen, ein rotes Läppchen aus der Tasche gezogen und es unter Tränen und Verwünschungen über den geschlossenen Augen des Kindes in kleine Fetzen zerrissen. Eine Magd hatte durch das offene Fenster vom Garten her den Vorgang angesehen, aber aus Furcht vor dem unheimlichen Menschen nicht einzuschreiten gewagt. Als die Bäuerin in der Stube erschienen sei, habe sie den Glöckchenhorcher in einer Ecke lehnend gefunden, das Gesicht von verzweifeltem Schmerz entstellt, die Augen starr auf das Kind geheftet. Auf ihren Anruf sei es gewesen, als tauche er langsam aus einem Traume auf. Doch kaum habe er die Bäuerin erkannt, so sei sein Weinen und Wehklagen von neuem angegangen. Nur durch gütliches Zureden sei es gelungen, ihn vom Hofe zu bringen, und nun sitze er drunten am Grenzwege und höre nicht auf, fortwährend die roten Zeugfetzen einzugraben und herauszuscharren. Der Sintlinger warf den Pferden die Leine über den Rücken, ging unter die Hoftorlinden und erspähte sogleich den Glöckchenhorcher. Der Mensch kauerte zusammengeduckt im Graben und wühlte noch immer in der Erde, mehr ein graues Tier, ein riesenhafter Maulwurf. Der Bauer erblickte genau die Sehnenstränge des langen, dünnen Halses, und in der tiefen Rinne zwischen ihnen floß der Haarschopf in einem mageren Schwänzchen bis unter den Rockkragen: vielleicht über den ganzen Rücken hinunter, sann der Bauer, und der Kerl ist überhaupt kein Mensch. So fiel den Sintlinger nach all den Aufregungen der letzten Wochen etwas wie ein Grauen an, als wühle der tölpische Alb da drunten an den Grundfesten des Hügels, auf dem sein Hof stand, und ließ er ihn gewähren, so brach eines Tages unversehens alles über seinem Kopfe zusammen und begrub ihn unter den Trümmern. Jäh, ein schreckensheißer Traum, zuckte das in ihm auf. Er mußte die Mütze abnehmen, denn im Augenblick wußte er nicht, was zu machen sei. Endlich überkam ihn die Wut. Er richtete sich auf und schleuderte einen solch gellen Ruf nach ihm, daß der Halbsinnige, wie von einem Geißelhieb getroffen, aufflog und in langen, fahrigen Sätzen nach Hemsterhus davonlief. In derselben Nacht sprang der Sintlinger plötzlich aus dem Bett, riß ein Pferd aus dem Stalle und galoppierte hinaus in die Finsternis. Wie damals, als das Kind geboren wurde, hörte Johanna die Hufe des Pferdes über den Hügel hinunterwirbeln und, schwächer und schwächer, sich in der Ferne verlieren. Als sie im grauen Morgen erwachte, lag ihr Mann totenblaß in den Kissen. Sein Gesicht war eingefallen, sah zerpflügt aus, trug aber die Züge gesammelten, wenn auch schmerzvollen Ernstes, und sein Atem ging ruhig. Er lag wie ein übermüdeter Kämpfer, und manchmal zuckte es über seine Stirn, als müsse er das Brennen geheimer Wunden verbeißen. Ein Weib weiß nichts von den grauen Tieren der Luft, mit denen ein Mann ringen muß, wenn er auf dem Wege bleiben will, auf den ihn ein hohes Erwarten gestellt hat. Wonach er in Unrast immer langen muß, das trägt sie als unerworbene Sicherheit in der Seele. Deshalb glaubte auch Johanna, ihr Mann sei von dem Erscheinen und seltsamen Gebaren des Glöckchenhorchers, gerade wie sie, nicht anders als ein Kind erschreckt und von allerhand ahnungsvoller Sorge in die Nacht getrieben worden. Aber sie traf mit diesen Gedanken nur sehr äußerlich die Not, die über Andreas gekommen war, und erschrak tiefer als je vorher in ihrem Leben, als er erwachte. Er fuhr jäh auf, sah sich wie fremd in seinem Zimmer um und schaute dann sein Weib lange und düster an. Darauf hub er an zu reden. Ohne Einleitung, mitten aus den Wirbeln sprach er von dem Unsinn des Lebens, wenn man denken müsse, daß Menschen nichts als Fangbälle seien, die der Zufall bald so, bald so schlage; daß sich alle Mühe nicht lohne, weder im Guten noch im Bösen, daß es besser sei, gleich dem Hemsterhuser Narren umherzutölpeln, gäbe es etwas wie eine solch bestialische Macht, die es fertig bringt, Eltern dadurch zu strafen, daß sie ein unschuldiges Kind ins Unglück stoße. Das ertrage er nicht einen Tag länger. Hier müsse alles ins reine gebracht werden. Morgen in der Frühe werde nach Münster zu einem großen Doktor gefahren. Der müsse sagen, ob es sich bei seinem Kinde nur um einen gemeinen Faustschlag ins Gesicht handle. Was dann zu geschehen habe, das wisse er und sei entschlossen, nicht einen Augenblick mit dem zu zögern, was sich einzig darauf gehöre. Sie solle alles vorbereiten!. Dann berührte er mit seinen Lippen leicht die bleiche Stirn seines Weibes und sprang von seinem Lager auf. Alle diese Vorgänge liefen nicht etwa mit dem alten Sintlingerschen Toben durch den Hof; sie ereigneten sich unter gemessenen und ruhigen Formen, daß nicht einmal das Gesinde etwas von dem Sturme merkte, der den Bauern erfaßt hatte. Wie jeden Morgen trat er auch an diesem Tage um die gleiche Zeit auf den Hof, rückte die Mütze nach hinten und ließ seine aufmerksamen Augen rundum wandern. Er tat es mit absichtlicher Gemächlichkeit. Wenn ihm auch das leise Pfeifen nicht gelingen wollte, das sich sonst von selbst zwischen die Lippen geschoben hatte, machte er doch immerhin den Eindruck eines Mannes, der gewohnt ist, sich vor dem tätigen Zugreifen mit einem Blick auf seinen geordneten Wohlstand anzuregen. Dann rief er den alten Knecht zu sich, der eben, mit einer hölzernen Futterschwinge in den Armen, gebückt aus dem niedrigen Aftertürchen der Scheune heraustrat. Der ungefüge Dienstmann nickte nur auf den Anruf zum Zeichen des Verständnisses seinem Herrn zu und trug dann in unbeschleunigt langen Schritten seinen Hafer in den Pferdestall. Andreas bewegte sich indessen langsam dem Hoftor zu. Dort fand sich der Knecht zu ihm, und ohne ein Wort schlugen beide den Weg ins Feld ein. Der Sintlinger ging mit zu Boden gekehrtem Gesicht, die Hände auf dem Rücken. In mäßigen Wogen zog das Land vom Hofhügel dem Walde zu, der im Schmuck des jungen Eichenlaubes als rötlichgrüne Wolke bald aus der Erde herauswuchs, bald in sie zurücksank, je nachdem die beiden schweigsamen Männer über eine Erhöhung oder durch eine Senke schritten. Auf der höchsten Bodenwelle, der Hohen Kippe, dem Ort, von wo aus man fast das ganze Sintlingersche Gut übersehen konnte, machte Andreas halt und begann dem Knecht Anweisungen über die Arbeiten zu geben, die in der nächsten Zeit notwendig waren. Er sprach ruhig, sogar mit einer Art kalter Beiläufigkeit. Selbst als er, nur wie von ungefähr, sich in Erwägungen über den Verlauf der Ernte, ja sogar den Verkauf des erwarteten Getreides verlor, geschah das so ungezwungen, so ganz in spielerischer Vollendung der tatsächlichen Aufträge, daß der ergraute Dienstbote nichts Verwunderliches darin fand, warum sein Herr über diese ferne Zeit sich schon jetzt Sorgen mache. »Du mußt wissen«, sagte der Sintlinger am Ende, »ich verreise morgen nach dem Münsterischen hinüber. Es kann eine Woche dauern, auch länger. Frau und Kind gehen mit, und kehre ich nicht am selben Tage mit ihnen wieder zurück, so hat das weiter nichts zu bedeuten. Verstanden? Indessen führst du alles, als ob ich hinter dir stände. Dem übrigen Gesinde, besonders den Weibsbildern, brauchst du davon nichts unter die Nase zu binden. Die machen aus einem Balg eine Katze und aus einer Katze eine Kuh.« Plötzlich schwieg er. Das letzte Wort wurde ihm förmlich aus dem Munde gerissen. Er reichte dem Knecht die Hand hin, in die dieser einschlug, und kehrte sich hastig um, der langen Wiese zu, die im Schmuck ihrer Maiblumen wie ein breiter goldener Strom von dem Walde her durch die geneigte Mulde sich dem Grenzwege zuwalzte. Dann schluckte er den Gesamtanblick seines wohlbestellten, fruchtreichen Gutes hastig und leidenschaftlich in seine braunen Augen, die sich davon zum Bersten mit tieferer Finsternis füllten, und schritt fast laufend dem Hofe zu, daß der Knecht kaum zu folgen vermochte. Dort begann er sofort einen Rundgang durch alle Gebäude. Das Mittagessen schlang er hastig hinunter. Er warf die Bissen, ohne zu kauen, in den Schlund, sah an Weib und Kind achtlos vorbei und stöberte dann wieder bis in den Abend hinein ruhelos treppauf und treppab, durch Böden, Ställe, Schuppen und Scheunen. Vor dem Schlafengehen war er verschwunden; nach langem Suchen fand ihn Johanna in dem kleinen Garten, der nach dem Rheine zu lag. Es war schon Nacht, aber nur halbe Finsternis; denn der Sichelmond schielte eben bleich über die Hügel herein. Als die Bäuerin geräuschlos das Gartentörchen geöffnet und ein paar auf den Zehen schwebende Schritte den Weg zur Laube hin getan hatte, die an der Giebelwand des Stallgebäudes stand, mußte sie vor Bestürzung stehenbleiben. Sie hörte da etwas, was sie nie für möglich gehalten hätte. Die Stimme ihres Mannes tönte in der Laube ganz leise, ganz versunken, so wie Menschen aus einem fernen Traum, aus verjährtem Sonnenschein singen. Freilich sprach er die Worte mehr gedehnt und gedankenvoll wägend: »Hätt' ich nun drei Wünsche, Drei Wünsche alsoviel. Die sollt' ich gehen wünschen: Drei Rosen auf einem Stiel.« Es war die erste von den zwei Strophen eines Liedes, das in jener Gegend sehr junge Leute singen, wenn sie im ersten Verwundern des Lebens und der Liebe stehen. Johanna wurde davon so im Halse gewürgt, daß sie einen unbedacht lauten Schritt tat. Da trat ihr Mann auch schon über die Schwelle der Laube zu ihr heraus und sagte: »Gut, ich komme schon.« Ergriff ihre Hand und führte sie ins Haus. * Am andern Morgen, lang vor Tag, wurde aufgebrochen. Der Sintlinger nahm auf dem erhöhten Kutschersitz des Jagdwagens Platz, der alte Knecht und Johanna setzten das Kind zwischen sich. Es wimmerte leise und schlaftrunken. Als das Gefährt vorsichtig den Hügel hinuntersank und dann in reißendem Rollen dem schlanken Trabe der Gäule nachlief, verstummte Helene. Ihr Gesichtchen nahm den Ausdruck furchtsam gespannter Erwartung an, und sie zog Arme und Beine an den Körper. Der Sintlinger saß ohne sich zu rühren, ließ die Peitsche pfeifend über die Köpfe der Pferde sausen, wenn sie in mäßigeres Tempo fallen wollten, kehrte sich nicht um, sondern sah stumm und gereckt fortwährend geradeaus. Johanna konnte ohne Empfindung eines gewissen Grauens nicht auf ihn sehen. Er kam ihr unheimlich, fremd vor, fast wie einer, der seine Seele gewaltsam aus sich herausgedrängt hat und nun erstorben hinter ihr herjagt, sie wieder einzuholen, koste es, was es wolle. Nach zweistündiger scharfer Fahrt hatte man den Bahnstrang erreicht, der von Bocholt herunterkommt. Schweigsam wurde die Übersiedlung auf den Zug bewerkstelligt. Dann trat der Bauer noch einmal rasch an den Knecht heran, der auf dem Bock Platz genommen hatte und sich eben nach der Peitsche neigte, um zurückzufahren. »Du weißt noch alles, was ich dir gesagt habe?« fragte er und sah ihn drohend an. Der Alte nickte nur, lüftete den Hut und ließ die Pferde traben. Andreas sprang auf den Zug und zog sich sogleich wieder in seine innere Ferne zurück, in der er fast auf der ganzen Fahrt verweilte. Kein Disput über die Wahl des Arztes, über dessen mutmaßliche Diagnose und die sich daranschließenden möglichen Maßnahmen, kein Versuch, einander wenigstens durch den Klang der Worte zu Hilfe zu kommen. Johanna machte ein paarmal einen Anlauf, durch Reden der Beklommenheit ihres Herzens zu entrinnen. Der Sintlinger schloß jedesmal als Antwort nur die Augen, lehnte sich zurück und schüttelte abwehrend dm Kopf. Wie man ein gespanntes Pistol, immer den Finger am Abzug, mit sich herumträgt, so verwahrte er seinen unabwendbaren Vorsatz hinter einem Schweigen, das auch ohne jede Freundlichkeit gegen sich war. Ein kühles, mitleidsloses Warten war es, das ihn mitten im Licht in Dunkel und Drohen einhüllte, aber ein Drohen nur gegen ein Unbegreifliches, das im Leeren, wie hinter dem Himmel, auf ihn lauerte. Gegen sein Weib hin wirkte die verfinsterte Abgeschlossenheit als unausgesprochene Versicherung tiefer Liebe. Nur der Bahnhofstrubel erst in Wesel und dann in Dorsten vermochte auf Augenblicke dem Sintlinger etwas von dem alten Wesen zurückzugeben. Dann lief er mitten in den Strom der ab- und zuhastenden Reisenden, schob sich absichtlich in zusammenballende Knäuel, teilte mit den Ellenbogen Püffe und Stöße aus, schreckte Andringende durch das Lodern seiner Augen aus dem Wege und sog aus den Gesichtern der Entgegenkommenden so viel von unruhiger Hoffnung, lachender Entschlossenheit und sorglosen Übermutes, daß seine Wangen sich röteten. Johanna saß mit Helene auf der Bank vor dem Wartesaal und sah dem Treiben ihres Mannes leidvoll zu. Er beruhigte sie zwar bei der Rückkehr mit der Ausrede, daß er sich habe nach der Abfahrt des Zuges erkundigen müssen, verlor aber schon beim Sprechen jeden Anflug erborgter Fröhlichkeit, und als sie im Zuge saßen, kroch er wieder ganz in seine innere Ferne zurück. Einmal nur während der Fahrt wurde er aus dieser Vertriebenheit ins Dunkel herausgelockt. Hinter Haltern war es. Der Zug schien, knatternd und keuchend, in der eintönigen Ebene auf derselben Stelle stehenzubleiben, als fresse er sich mit seinen Rädern in den Boden. Hügel tauchten in großer Ferne auf. Erst schielten sie, klein und furchtsam, über den Horizont, als wagten sie sich wegen des Räderlärmes nicht heran. Auf einmal jedoch setzten sie sich alle in Bewegung und wanderten ruckend, aber lautlos, immer näher heran. Jeder schwenkte auf seinem Rücken einzelne Bäume gleich grünen Fahnen, und endlich war der Zug von ihnen umringt. Sein Brausen, das ihn ganz einhüllte, klaffte auch manchmal im Winde auseinander, und man hörte, daß die ganze Maienluft da draußen zum Bersten mit Lerchenliedern gefüllt war. Krähen gingen durch die junge Saat. Doch man sah nur ihre Köpfe wie kleine, schwarze Kugeln wackelnd über die grüne Fläche rollen. Hoch am Himmel stand ein Schwarm weißer Wölkchen, die unbeweglich auf die Erde herunterlauschten. Die Umgebung trug so ganz die Züge seiner Hemsterhuser Heimat, daß Andreas einen Augenblick seiner inneren Finsternis entzogen wurde. Er machte Johanna darauf aufmerksam. Sie sahen beide hinaus, und während sie schauten, kam ein glühendes Fieber über die hohen Wölkchen. Sie begannen reißend schnell in den Himmel zurückzufallen, wurden kleiner und kleiner und waren spurlos verschwunden, ehe die beiden ein zweites Mal mit den Augen gezwinkt hatten. Dieser Vorgang ereignete sich so unvermutet, daß der Bauer und die Bäuerin tief Atem holten. Johanna lächelte unwillkürlich. Der Sintlinger aber saß mit traumdunklen Augen da, und als sein Weib ihn fragte, was es gäbe, antwortete er, sich vergessend: »So wie die Wolken ... wenn's schon sein müßte, das Sterben wäre schön.« Da erkannte sein Weib, an welchem Abgrund ihr Mann mit sehenden Augen stand, beherrschte sich aber und gab sich den Anschein, als ahne sie noch immer nichts von seiner inneren Verfassung. Sie bat nur in eindringlicher Güte, ihr mit solchen Worten nicht mehr wehe zu tun. Dabei legte sie nach ihrer Gewohnheit die Hand auf seine und sagte: »Nicht wahr, Andreas, so was sagst du nie mehr? Denn wer die Nacht durchaus will, den überfällt sie unvermutet mitten im hellen Tage.« Im stillen nahm sie sich vor, ihren Mann nicht mehr aus den Augen zu lassen. Nun rollte der Zug durch die langweilige Münstersche Fruchtebene. Sümpfe mit ihrem dichten Buschwerk traten bis hart an den Bahnstrang, und endlich erschien am fernen Horizont die alte Bischofsstadt. Als der Sintlinger sie schwarz und zackig aus der rötlichen Abendluft auftauchen sah, flog ein Zug grimmiger Feindseligkeit über sein Gesicht. Er murmelte etwas und sah zur Seite. Sie nahmen nicht weit vom Romberger Hof in einem kleinen Hotel Wohnung, in dem die Bauern bei ihrem Besuch der Hauptstadt abzusteigen pflegten und dessen Name dem Sintlinger von seinem Vater her bekannt war. Wie der Bauer während der ganzen Fahrt an seinem Weib und Kinde vorübergesehen hatte, wohl um durch den Anblick seiner liebsten Menschen nicht von dem verborgenen Entschluß abgebracht zu werden, so behandelte er sie auch jetzt gelassen, aber aus der Ferne, führte sie nach einem einfachen Imbiß auf das angewiesene Zimmer und ging dann, um einen Arzt ausfindig zu machen, der vertrauenswürdig genug war, über den Zustand seines Kindes und damit über sein eigenes Leben zu entscheiden. Das Glück führte ihn günstig, und nach manchem Hin- und Widerlaufen stand er in der Ägidistraße vor dem hohen, prächtigen Hause jenes großen Doktors, der nach seiner gewalttätigen Einbildung in der alten Bischofsstadt leben mußte. Das vornehme Gebäude gehörte dem Doktor Flöreck, einem in jener Zeit weit über Westfalen hinaus berühmten Augenarzt, der von einem thüringischen Fürsten wegen einer beispiellos kühnen Operation an einer Prinzessin den Professorentitel erhalten hatte. Der Sintlinger drang mit dem Ungestüm seines leidenschaftlichen Naturells an den letzten Patienten vorbei durch das Wartezimmer in den Sprechraum des Professors und brachte, plötzlich von tiefem Bangen erfaßt, sein Anliegen in einer Art schmerzlichen Trotzes vor. Doktor Flöreck, ein überaus schlanker, schweigsamer Mensch, nickte nachsichtig lächelnd über das Betragen und die Weise der Erzählung Andreas', und als der Bauer geendet hatte und nun bebend mit verdunkelten Augen in dem bleichen Gesicht dastand, schaute er ernst über den kleinen, sehnigen Mann hin, trat an ein Fenster und sah hinaus auf das abendliche Treiben der Straße. Dann ging er an seinen Schreibtisch, nahm einige Zettel auf, las sie gedankenvoll und händigte dem Sintlinger endlich eine Karte mit dem Bemerken aus, sich morgen früh um acht Uhr mit der Kranken hier einzufinden und das Kärtchen dem Fräulein am kleinen Tisch im Vorzimmer zu übergeben. Als Andreas nach Hause kam, saß Johanna, die fortwährend in Unruhe nach ihm ausgeschaut hatte, mit Helene in der dunkeln Stube am Fenster. Das Kind horchte mit großen, ängstlichen Augen in den Lärm, der von überallher um das Haus wogte, und da nun die Glocken alle zu läuten anfingen, grub es sich weinend in die Mutter hinein. Am andern Morgen überfielen den Sintlinger im Wartezimmer des Doktors seine Verfinsterungen wieder tiefer. Denn als er ankam, war der lange, schmale Raum, der nur durch ein einziges, wenn auch hohes Fenster Licht erhielt, von Menschen fast voll, und es herrschte eine beklemmende Stille, wie sie das schmerzvolle Hoffen vieler Halbverzagten hervorbringt. Der Sintlinger wurde mit den Seinen ziemlich weitab vom Eingang zum Ordinationszimmer gewiesen und nahm sein Kind wie schützend zwischen sich und seine Frau: Er verhielt sich den Anwesenden gegenüber in einer Art feindseliger Ablehnung und saß mit zur Erde gekehrtem Gesicht da. Doch wenn er sich aufrichtete, kam es immerhin vor, daß er wider Willen auf die Umhersitzenden einen Blick werfen mußte. Manche saßen, wie zum Aufspringen bereit, zusammengebogen auf der äußersten Stuhlkante und tasteten mit zitternder Hand von Zeit zu Zeit an der schwarzen Binde umher, die über ihren Augen lag. Andre hielten sich unbeweglich in der steifen Haltung der schon völlig Erblindeten auf ihrem Sitz und fühlten manchmal, von plötzlicher Furcht überfallen, nach ihrem Begleiter, der gleichgültig neben ihnen Platz genommen hatte. Er sah in Augen, die wie tote Milchkugeln in den Höhlen standen, und wieder andere hingen gleich blutigen Blasen zwischen den Lidern. Am liebsten hätte er das Gesicht seines Kindes mit den Händen zugedeckt, um zu verhindern, daß die Verheerung, von der alle befallen waren, auf die klaren Sterne Helenens überspringe. Da hörte er im Sprechzimmer eine Tür gehen, erhob sich mit einem Ruck und gab Johanna ein Zeichen, das Kind auf den Arm zu nehmen. Über die anderen alle, die Zusammengesunkenen und die stier Dasitzenden, kam auch gespanntes Aufrecken, wie über Angeklagte vor der Urteilsverkündigung. Einige wandten, beleidigt durch das laute Auffahren, mißbilligend ihr Gesicht gegen Andreas. Der aber achtete nicht auf sie, sondern bewegte sich mit langsamen, festen Schritten gegen den Eingang zum Sprechzimmer. Jetzt, da er auf seinen Füßen stand, war er der Gewalt dieser zerschundenen Leben entrückt, und die Gewißheit beseelte ihn, daß jetzt nur noch der Doktor zu überwinden sei. Dann war ihm sein Kind und mit ihm alles gerettet. Da hieß es nur auf der Hut sein, um keine Geste, keine Miene, nicht die leise Beschattung des Blickes zu verlieren, mit der sich Ärzte vor den Patienten heimlich ihre Überzeugung gestehen. Professor Flöreck öffnete die Tür, um damit das Zeichen zum Beginn der Ordination zu geben, und der Sintlinger schritt, ohne sich um die Berechtigung dazu Gedanken zu machen, über die Schwelle. Das Ordnungsfräulein wollte den Bauern zurückhalten, weil noch zwei Patienten vorgemerkt waren. Andreas wandte sich nur mit drohendem Gesicht um, hörte an ihren erklärenden Worten vorüber, sagte über die Achsel: »Schon gut!« und schloß stark die Tür hinter sich, ohne von dem Gelächter und den Rufen des Unwillens im Wartezimmer Notiz zu nehmen. Doktor Flöreck überging mit schonendem Lächeln diese ungewohnte Szene, ließ seinen Blick verwundert von der gütig stillen Frau zu dem flackernd dunklen Mann gehen und traf derweil alle Vorbereitungen zu der Untersuchung. Der Sintlinger rückte mit seinem Stuhl an die Wand und verfolgte mit den schwarzen Augen, die wie die Mündungen zweier Flintenläufe in dem überwachten Gesicht standen, alle Vorgänge. Sein gewalttätiger Wille stellte die Aufmerksamkeit so ausschließlich auf den entscheidenden Moment ein, daß die informierenden Fragen des Arztes über das Alter der kleinen Patientin, mögliche Unfälle, mutmaßlichen Eintritt des Sehunvermögens und mehrere andere fast wie ein belangloses Geräusch fern von ihm hinhuschten. Plötzlich änderte sich die Klangfarbe der Stimme des Doktors. Jede Strenge wich aus ihr, das ohnehin weiche Organ wurde noch klingender. Die Worte hörten sich wie ein heiteres Spiel an. So redete er zu der kleinen Helene, und schon nach wenigen Augenblicken war sie von der sanften Gewalt des Mannes so hingenommen, daß jede Scheu von ihr wich. Sie ließ sich bei den Händchen fassen, duldete glücklich, daß ihr der Professor das Haar und die Wangen streichelte, und war endlich so weit, wie sie der kluge Arzt haben wollte. Sie fühlte die Berührung der fremden Hände wie eigene Gebärden und kam seinen Absichten wie eigenen Wünschen entgegen. Ohne Laut ertrug sie jeden Druck auf die Augen, bewegte sie nach seinem Gebot, schloß, öffnete sie und hielt in froher Erwartung still, während er mit dem Spiegel alle Winkel der geheimnisvollen Klarheit ihrer verschlossenen Augen durchsuchte. Nirgend entdeckte er eine Verletzung, nirgend eine krankhafte Veränderung. Die Iris war ungetrübt, die Linse hing wie ein makelloser Tropfen Tau vor den göttlichen Finsternissen der Netzhaut. Selbst die Anpassungsfähigkeit der Pupille war in beschränktem Maße vorhanden. Der Sintlinger saß wie zum Stoß vorgeneigt, hatte das Sitzbrett des Stuhls mit beiden Händen krampfhaft gepackt und verfolgte so drohenden Blickes alle Bewegungen des Arztes, als mache er sich bereit, auf ihn zu stürzen. Er wußte nicht, wo er war. Alles, was er sah, ereignete sich hinter grauen Schleiern. Da bemerkte er endlich, daß der Professor sich aufrichtete, gedankenvollen Schrittes an den Schreibtisch trat, sinnend umhergriff und dann, wie er es gestern getan hatte, ans Fenster ging und auf die Straße starrte. »Gut, jetzt kommt es«, dachte der Sintlinger und war, ohne zu wissen, was er tat, aufgesprungen. »Herr Doktor«, stotterte er, daß es klang, als wühle er mit seiner Zunge in Geröll, das den Mund erfüllte. Der Professor, an alle Formen menschlicher Verzweiflung gewöhnt, drehte sich um und sah, die Finger der Rechten am Kinn, den Sintlinger an. Der bebte wie ein gespanntes Seil im Sturm. Doch der Doktor kehrte sich nicht daran. Er sprach mit milder Stimme von den Grenzen menschlichen Wissens, den Geheimnissen des Menschenleibes, den unerschlossenen Wundern und Launen der Natur und bekannte, daß ihm ein Fall wie dieser, wo bei völliger Intaktheit des äußeren und inneren Auges das Sehvermögen sich auf eine gewisse Lichtempfindlichkeit beschränke, noch nie vorgekommen sei. Alles, was er tun könne, bestehe in dem Rat, in Geduld zu warten, daß die Natur den Schleier, den sie auf so verborgenem Wege vor dieses Kind gehangen, geheimnisvoll wieder wegziehe. Dem Sintlinger war es, als höre er himmlische Stimmen zu sich sprechen. Um sich zu halten, daß er nicht hinlaufe und dem Mann vor die Füße falle, schloß er die Hände wie Zangen ineinander, lächelte wie irr und wußte nicht, daß ihm Tränen über die Wangen liefen. Der Arzt meinte die Äußerungen tiefster Verzweiflung zu sehen, trat an den Sintlinger heran, legte seine Hand auf dessen Achsel und sprach ihm noch weiter Fassung und Trost zu. Der Bauer hörte vor innerem Jubel nicht, was der Doktor sprach, und nickte zu allem nur mechanisch, auch als der Doktor bat, seinem Assistenten eine kurze Inaugenscheinnahme dieses phänomenalen Falles zu gestatten. Kaum war aber der Professor hinter der nächsten Tür verschwunden, so raffte Andreas schnell eine Menge Goldstücke aus dem Beutel, warf sie auf den Schreibtisch und zog seine nutzlos widerstrebende Frau ans dem Zimmer. Lachend sprang er die Treppe hinunter und nahm an der Tür seinem etwas betreten nachfolgenden Weibe die kleine Helene vom Arm. Dann trat er wie im Triumph auf die Straße. Von oben rief ihm der Arzt irgend etwas nach, und auch der Kopf seines Gehilfen erschien am Fenster. Der Sintlinger hörte wohl seinen Namen rufen, kehrte sich aber nicht einmal um, lüftete bloß den Hut und strebte, wie trunken vor großem Glück, seinem Absteigequartier zu. Sechstes Kapitel Nach diesen geheimen Stürmen nistete sich das lichte Leben wieder in alle Räume des Sintlingerschen Hofes ein. Nicht, daß in den Tagen des Kampfes, der den Bauern und seine Frau nach Münster getrieben hatte, etwas von der finsteren Gemütsart oder jachen Härte früherer Zeit über die Bewohner des nördlichen Hügels unversehens hergefallen wäre, nein, aber die Liebe war doch verschleiert, die Güte etwas dumpfer, und die Armen und Bresthaften erhielten in diesen Tagen die Gaben wie aus der verschatteten Luke einer Mauer schweigend in die Hand gelegt. Jetzt gab es zu dem Stück Brot wieder wie früher einen herzlichen Blick, in den Napf Suppe einen guten Wunsch, hinterher auf den Weg einen tröstlichen Zuspruch und die Vermahnung, in der Not ja nicht an dem Hügel vorüberzugehen. Besonders tat sich in dieser Verbrüderung mit all den Türpochern der Bauer selbst hervor. Von keiner krankhaften Verzerrung der Gestalt wurde er abgestoßen, von keiner Entstellung zum Ekel gereizt, und niemals trieb ihn einer jener Habsüchtigen in Zorn, die von einem halben Dutzend Krankheiten gepeinigt erscheinen, solange sie unter des Gebers Augen stehen, aber lustig und guter Dinge sind, sobald sie sich unbeachtet wissen. Ja, eigentlich, je widernatürlicher und hoffnungsloser der Zustand eines Armen war, desto lebendiger nahm Andreas Anteil. Er ließ sich mit diesen Beladenen am liebsten in ein Gespräch ein, wie sie früher gewesen, auf welche Weise die Plage über sie gekommen und wie ihnen nun die Welt und ihr Leben erschienen, nicht anders, als seien der Schmerz und die Pein der rechte Weg zu geheimen Erkenntnissen. Und gar manchmal, nach solch einer Zwiesprache, stand der Bauer, in stummes Sinnen verloren, lange auf einem Fleck oder ging tagelang mit entgleisten Augen umher und tat seine Arbeit wie im Traume. Seine Frau aber nahm er nie in diese verborgenen Umgänge seiner Seele mit, sondern schob sie wie streichelnd von sich, als seien die Ausblicke von solchen Wegen nichts für die Augen seines Weibes. Eines Tages traf sie ihn draußen auf dem Felde an dem Rande eines steilen Abhangs neben einem Haufen Lesesteine stehen, versunken und ganz allein. Von Zeit zu Zeit bückte er sich, ergriff einen der runden Kiesel und ließ ihn durch das kurze Gras in die Wiese hinunterrollen. Immer, wenn der Stein ohne Anhalten bergab lief, schneller und schneller, und dann zwischen dem Rasen zur Ruhe kam, erhellte sich sein Gesicht, als bedeute das den Aufschluß eines kostbaren Geheimnisses. »Ich versteh dich nicht«, sagte Johanna. »Das glaub' ich schon, Klimchen, freilich«, antwortete er. »Aber der Stein, sag' ich dir, weiß mehr wie alle Doktoren und Pfarrer zusammen.« Und als sie in ihn drang, ihr zu sagen, wie das gemeint sei, nahm er ihr Gesicht in beide Hände, sah ihr lange und ernst in die Augen und schüttelte statt aller Antwort nur lächelnd mit dem Kopfe. Ein anderes Mal gingen beide abends vom Felde heim. Der Sintlinger hatte seinen stillen Tag und schritt mit dem besonnten Schweigen, das er sich angewöhnt hatte, neben seinem Weibe hin. Sie versuchte dies und jenes, um ein Gespräch in Gang zu bringen, aber mehr als ein zustimmendes oder ablehnendes Wort oder gar nur ein verweilender Blick seines Auges war ihm nicht abzugewinnen. Überdem fing eine dunkle Wolke, die sich immer mehr verfinstert hatte, erst zögernd und dann immer heftiger an, ihr Wasser auf die beiden herunterzuschütten. Johanna beschleunigte bei den ersten Tropfen ihren Gang und sprang endlich mit lautem Lachen in den Schutz eines am Wege stehenden Baumes. Der Sintlinger aber blieb in dem strömenden Regen stehen, schaute mit einer Art Andacht hinauf in das Geflitter der fallenden Tropfen und war durch nichts zu bewegen, neben sie unter das Dach der Äste zu kommen. Nach Zeiten langer Dürre haben freilich Bauern eine Art frommer Ehrfurcht vor dem Regen und treten wohl gar aus der Stube hinaus in den Guß des Himmels, um den Segen gleichsam mit der Haut einzuschlürfen. Doch dieser Genuß hielt den Sintlinger nicht draußen in der Nässe. In seinen Augen kam dasselbe glückvolle Feuer auf, das seinen Blick bei dem Spiel mit den Steinen so seltsam tief entzündet hatte. Als träufe eine Offenbarung auf ihn nieder, so beobachtete er, wie die Tropfen über seinen Handrücken liefen und von der Spitze der Finger zur Erde sanken. Endlich sprang er zu seinem Weibe unter das Laubdach, faßte sie schnell um und rieb ihr seine nasse Wange ins Gesicht. Johanna ging wohl auf den Spaß ein, merkte aber, daß Andreas damit nur ihrer Frage nach dem Sinn seines befremdlichen Handelns aus dem Wege gehen wollte. Als sie sich deswegen freigemacht hatte, fragte sie ihn doch, ob etwa der Regen auch so pastor- und doktorklug sei, wie die Steine gewesen seien. Denn sie gedachte vielleicht mit dem Schalk hinter sein geheimes Treiben kommen zu können. Aber dem Sintlinger fiel es sogleich wie ein Vorhang übers Gesicht, und er antwortete voll leidenschaftlichen Ernstes: »Genau so, Johanna! Ich sage dir, da hat dir's Sachen, daß man vor Staunen nicht Worte findet.« Mehr sagte er nicht. Plötzlich unterbrach er sich wie ertappt und zog sie schweigend auf dem Wege weiter, weil es zu regnen aufgehört haue. Johanna empfand wohl, daß ihres Mannes seltsame Art mit Gedanken zusammenhing, die um Helene kreisten. Doch auf welche Weise ihn noch Unruhe plagen konnte, nachdem der Münstersche Doktor die tröstliche Versicherung gegeben hatte, daß das Leiden der Blindheit eines Tages von ihrem Töchterchen weichen werde wie der Schlaf von einem Ruhenden oder der Rauch über dem Dach eines Hauses, verstand sie nicht. Das hatte der Doktor doch gesagt. Was in aller Welt trieb da ihren Andreas in der Stille und zermahlte gar manche seiner Nächte? Und Johanna fuhr fort, ihrem Mann in alle Heimlichkeiten seiner absonderlichen Unruhe mit dem Wittern ihrer Seele zu folgen, um wenigstens den Zipfel einer Sicherheit zu erhaschen. Ihr Ahnen mußte immer an der Tür seiner verborgenen Sorge umkehren, zurückgeschoben von einer Güte, die manchmal wie Barmherzigkeit schmeckte. Und wenn Andreas recht in sich hineingebohrt hatte wie ein Teich, der sich mit stillen Wirbeln fortwährend selber verschlingt, blühte er entweder in seine alte lachend tolle Heiterkeit auf, faßte Helene unter den Achseln und tanzte singend durch die Stube oder hob sich das Kind behutsam auf den Arm, trug es ins sonnenbeschienene Gras des Gartens und wurde nicht müde, neben ihm zu sitzen und versunken den blonden Scheitel des Mädchens zu streicheln: je nachdem der Strom, der ihn trug, sein Sinnen ins Lichte oder Dunkle geführt hatte; denn daß neben der Vaterliebe noch ein Tieferes das Herz ihres Mannes zu solch leidenschaftlichen Verschlingungen mit dem Leben seines Kindes führte, merkte sie an etwas, das oft wie eine Fernenluft um Andreas und ihr Mädchen stand. Johanna sah die Augen ihres Mannes und verstand deren Blick nicht, hörte sein Herz gehen und wußte nicht recht, was es schlug, fühlte den Atem seiner Seele und sah das Geisterland nicht, über das er hinstrich. Siebentes Kapitel   1 Zu jener Zeit hörte eine Magd mehrere Nächte hintereinander ein ruheloses Traben vorsichtiger Schritte von ferne rund um den Sintlingerhof taumeln, und wenn es, nach ihrer Meinung, stundenlang gedauert hatte, so hörte es auf, bald nach Hemsterhus, bald nach Brederode, bald nach dem Rhein oder dem Brindeisenerhügel hin zu, stand eine Weile still und fing dann mit abgetriebenem Atem an, machtlos klägliche Laute auszustoßen, so, als blase etwa jemand in eine zersprungene Hupe, immer leiser, immer schmerzlicher, immer ferner. Die Knechte lachten sie zwar aus und meinten zynisch, sie habe vielleicht ihren eigenen Kuckuck schreien hören. Aber in der folgenden Nacht schlug es erst laut gegen das große Hoftor und dann an das Aftertürchen nach dem Blumengarten, so polternd, daß die beiden Hofhunde wütend zu bellen anfingen, die Knechte von ihren Betten sprangen und unter reichlichem Gefluch mit irgendeinem eilig errafften Knüttel gegen den unbekannten Störenfried vorrückten. Sie meinten ihn wie ein langes Bündel vor ihrem Lauf lautlos in weiten Bogen davonstreichen zu sehen, keuchten eine Strecke hinter ihm drein und kehrten, von der kühlen Nachtluft ganz wach geworden, mit den halben Zweifeln ins Bett zurück, ob ihnen nicht vielleicht am Ende nur ihre eigene Einbildung ein Schnippchen geschlagen habe. Einer der Knechte aber, der diese nächtliche Schelmenjagd mitgelaufen war, behauptete, nachdem er es tagelang in seinem Kopf gewälzt hatte, es sei nicht eine Person gewesen, der sie im Dunkeln Dampf gemacht hätten, sondern, wenn man ihn zwänge, so sei er bereit, es zu beschwören, er habe zwei Gestalten gesehen, eine männliche und eine weibliche. Der Mann, niemand anderes als der Hemsterhuser Alb, sei davongesprungen wie ein riesiger Grashupfer, und immer hinter ihm, gleich einem grauen erloschenen Irrwisch, habe sich ein Weibsbild, stumm und huschend, davongemacht. Nun hatte sich in jener Zeit wirklich in den Wäldern um Brederode und Hemsterhus eine vagabundierende Frauensperson eingefunden, die, ganz menschenscheu, in den einsamsten Dickichten sich aufhielt, über Tag auf den Blößen nach Beeren, Wurzeln und Pilzen ausging und beim Herannahen von Menschen, fauchend wie eine Katze, davonlief. Einige wollten sie näher gesehen haben und beschrieben sie, kielkröpfig, tiermäßig blöde und häßlich, als eine Hexe. Andere behaupteten, noch nie so etwas Schönes, aber auch so Wildteufelsmäßiges von Frauenzimmer in ihrem Leben vor Augen gehabt zu haben als diese Landstreicherin, nur gaben auch sie zu, daß sie sicher nicht mehr Verstand habe wie eine Wagenrunge und keine Sprache besitze, sondern nur gurre wie eine Taube und schrille wie ein Eichhorn. Nicht lange nach diesen Vorfällen trug irgendein Bettler die Nachricht auf den Sintlingerhof, der Niemand-Alb habe in der ganzen Gegend das Gerücht ausgestreut, daß er vor Andreas Sintlinger nicht mehr seines Lebens sicher sei. Der Bauer binde ihn auf hexenhafte Weise, locke ihn in die Nähe seines Hofes und verfolge ihn dann nächtelang durchs Feld. Und wenn er sich nicht davonmache, so sei es um ihn geschehen. Seit zweimal vierundzwanzig Stunden sei er denn auch tatsächlich aus der Gegend verschwunden. Wahrscheinlich habe ihn das Weibsbild aus der Gegend gelockt. Ein Brederoder Fuhrmann, der zweimal in der Woche zu Dingden im Westfälischen auf dem Bahnhof Langholz ablud, behauptete, ihn zwei Tage später, mit dem »Mensche«, an einem Waldrand getroffen zu haben. Sie hätten voreinander gesessen, sich angestaunt wie Heiligenbilder und wären dann, lachend und weinend in einem, wie besessen nach entgegengesetzten Richtungen davongerannt, aber nur, um das Spiel mit Voreinandersitzen und verzückt Anstaunen wieder von vorn zu beginnen. Als man dem Bauer diese Nachricht überbrachte, brach er in schallendes Gelächter aus. Doch mitten in diesem Tollen der Heiterkeit war es, als verschlucke er sich. Das Lachen wurde ihm plötzlich wie aus dem Halse gerissen. Er verfärbte sich, und das verlorene Leuchten kam in seinen Augen auf. So stand er eine Weile, schüttelte kaum merklich mit dem Kopf, ließ ein ungläubiges Lächeln um seinen Mund spielen, schnippte dann mit den Fingern und schritt weiter. Diesen selben Nachmittag aber ließ er das Pferd aus dem Stalle führen, auf dem er in der Nacht nach dem Erscheinen des Hemsterhuser Albes umhergeirrt war. Der alte Knecht mußte es striegeln, ihm die Mähne kämmen und den Sattel und das Zaumzeug anlegen, den es in jenen finsteren Stunden getragen hatte. Dann hieß der Bauer den alten Knecht das schöne, mutige Tier besteigen und gab den Befehl, es möglichst weit von hier, nach Bocholt, Haltern oder wohin er wolle, auch nach Wesel, wenn es ihm gerade einfiele, auf dem Markt an irgendwen um jeden Preis loszuschlagen und nur darauf zu denken, daß es unter keinen Umständen in die hiesige Gegend zurückkäme. Der bejahrte Knecht, dessen Stolz und Liebe gerade dies seltene Tier bildete, sprang, da er wußte, daß Widerspruch bei dem Sintlinger nichts nutzte, wütend in den Sattel, hieb zornerfüllt auf das Pferd ein und flog ohne Gruß durchs Tor, den Hügel hinunter. Als der Hufschlag nicht mehr lauter aus der Ferne klang, wie wenn man die Nägel der Finger gegeneinander knacken läßt, ergriff der Bauer eine Schaufel und begab sich hinaus an jene Stelle des Waldes, wo er einst gelegen und im Anblick des Herbsthimmels um das Verständnis des Wunders gerungen hatte, in das sein Leben durch das Schicksal seines Kindes eingeschlossen war. Dort hob er mit vier tiefen Stichen ein Stück Rasen aus dem Boden und trug es vorsichtig hinunter an den Grenzweg. Er erweiterte die Grube, in die der Niemand-Alb einmal die roten Läppchen verscharrt hatte, setzte den kleinen Rasenranft hinein, trat alles gut fest und reinigte den Fleck so von der übergequollenen Erde, daß kein Mensch eine Veränderung wahrnahm oder im mindesten daran zweifeln konnte, das Gras habe seit jeher an diesem Orte gezweigt. Am Abend saß er auf der Hoftorbank und träumte in den laulichen Maiabend hinein. Johanna meinte nun nicht anders, ihr Mann sei wieder von geheimer Furcht vor dem Glöckchenhorcher erfüllt und zu diesen Maßnahmen von dem Bestreben geführt worden, die Wege zu verwischen, auf denen die verderbliche Macht dieses Halbsinnigen sich in sein Schicksal einschleichen könne. Jedenfalls hielt sie die Zeit für ungemein günstig, vielleicht etwas die Tür zu seinen geheimen Gedanken zu lüften und ihn so dieser gefahrvollen Seeleneinsamkeit zu entreißen. Nach Beendigung ihrer abendlichen Beschäftigung fand sie sich deshalb bei ihm ein und begann, neben ihm Platz nehmend, nach einigem Hin und her über das Wetter, die Wirtschaft, den Viehstand und die Dienstboten, kleine Geschichten von Leuten zu erzählen, die dadurch in Not geraten waren, daß ihr Leben die verderblichen Kreise höllischer Menschen berührt hatte. Der Sintlinger spürte gar bald, wo sein Weib hinauswollte. Er ließ sie aber ruhig reden, ja, rupfte nicht einmal an manch einer Entgleisung, und die liebe bedrängte Frau wußte so nicht genau, ob er sich für ihre Erzählungen interessiere, oder ob seine aufgeschlossenen Sinne nur dem Verschwinden des Tages hingegeben waren, der mit dem Licht einblinzelnder Augen und einem Brausen wie leiser Harfenton über das Gewoge der Hügel davonzog. Als sie geendet, hob er langsam den Blick aus dem eindunkelnden Himmel und sagte: »Du irrst«; nichts weiter sprach er und versank wieder in Schweigen. Nach einer Weile merkte sie, wie er sich bückte und etwas von sich warf. »Na, was habe ich aus meiner Hand fallen lassen?« fragte er. »Ein Stein, ein Gras, irgendwas. Ich kann's nicht wissen vor dem Dunkel«, antwortete Johanna. »...und was ich denk' und was mir ist, willst du doch wissen. Nicht, Weiblein? Und ist doch noch viel dunkler drum herum wie da der Abend um uns.« »Vielleicht, wenn du mir etwas davon sagtest, wär's nimmer so dunkel. – Du, Andreas!« sprach Johanna sehr dringend. Der Sintlinger antwortete nicht gleich, sondern nahm seine Hände zwischen die Knie und verfiel in Brüten. Endlich schüttelte er abwehrend den Kopf, richtete sich auf und strich seinem Weibe milde über die Stirn. »O nein«, sagte er dabei, »der Vogel, der auf dem hohen Baum nicht schwindlig werden will, muß droben ausgebrütet sein. – Aber so viel will ich dir sagen: Es gibt viel Helle, die von keinem Licht, und viel Duft, der von keiner Blume kommt. Und viele Berge stehen ganz ohne Erde in uns. – Jawohl. Deswegen wird es auch Seelen geben, die ohne Augen sehen können. Man kann vielleicht auch Wagen, ohne die Arme zu erheben, und jemand treiben, ohne aufzustehen. Der Niemand weiß das, weil er ein Narr ist, und ich, weil ich mich vertauschen kann, das heißt, trotzdem ich keiner bin.« Johanna wurde bei diesen seltsamen Worten von schwerer Angst befallen, denn ihr Mann sprach ja fast, wie er es früher oft im Rausch getan hatte. Der Sintlinger spürte, wie sie bebte, und sagte mit mildem Verweisen: »Siehst du, Johanna, kaum daß du auf meine Schwelle trittst, stolperst du, und da willst du in mein Haus. Nein, nein! Ich bitt' dich, schleich mir nicht immer mit deiner Furcht nach, versprich mir's! Einmal, wenn's nicht mehr anders geht, will ich schon reden. Aber besser ist, du hörst nichts.« Sein Weib hatte ihren Kopf, die Hände vors Gesicht geschlagen, auf seine Knie gelegt. Er streichelte ihren Rücken entlang, während er sprach, und fühlte das leise Zucken verhaltenen Weinens. Da schwieg er, und als es ganz still war in ihrem Leibe, sprach er begütigend: »Ich meinte vorhin, du irrst. Damit wollte ich sagen, du irrst, wenn du glaubst, ich hätte aus Furcht vor dem Niemand-Alb das mit dem Pferde und dem Loch am Grenzwege getan. Ganz und gar nicht. Aber ich will nicht immerfort erinnert werden, daß ich einmal so dumm war, mich von einem Narren ins Bockshorn jagen zu lassen. – Und nun komm schlafen. Es ist schon spät.« Der Sintlinger hob Johanna von seinen Knien auf. Drüben auf dem Brindeisenerhügel verriegelte man eben das Hoftor. Der grobe, tiefe Baß des Bauern ertönte in einem mißmutigen Gespräch mit einem Zweiten, der nie antwortete. Das Trappen schwerer Schaftstiefelschritte irrte schlaftrunken über die Krappensteine des Hofes und vertorkelte sich in einem Winkel hinter dem Knarren einer Tür. Darauf war nichts mehr wach als atemlose Finsternis. Der Sintlinger sagte plötzlich bedrückt: »Das war der alte Brindeisener.« Dann gingen beide ins Haus. Im Flur ließ Johanna den Arm ihres Mannes fahren und eilte unter dem Vorgeben, das vergessene Kopftuch holen zu müssen, noch einmal vor das Tor. Dort stand sie erst und lauschte, ob der Sintlinger ihr folge. Aber sie hörte ihn geruhig die Stubentür öffnen und schließen. Da breitete sie die Arme in die Nacht, umschlang den Stamm der Linde und begann stumm zu weinen.   2 In diesen Zustand ihrer Seele fiel die Heimkehr des alten Knechtes. Er war widerstrebend, eigentlich in offenem Zorn, mit dem Pferde zu Markt geritten. Bedrückt kehrte er zurück, ohne Sattel, ohne Zaum, nur mit einem Stock, den er sich aus einem Strauch am Wege geschnitten hatte, das bare Geld im Beutel, ganz nach dem Befehl des Sintlingers. Aber was er über die seltsamen Vorkommnisse zu berichten hatte, die nach dem Verkauf des Pferdes eingetreten waren, rechtfertigten nicht nur seine Beklommenheit, die ihm wie ein Faustschlag im Nacken saß, sondern war wirklich geeignet, ein zaghaft gewordenes Herz in Verwirrung zu läuten. Er hatte sich mit dem Verkauf des Pferdes, das war die Erzählung des alten Knechtes, überhaupt von Anfang an geschert. Nur in Wesel, auf einem kleinen Plätzchen am Ende der Stadt, sei so etwas wie ein Pferdemarkt gewesen. Allein es war dies eigentlich auch nur ein Stelldichein der ärgsten Krippensetzer, Kollerhunde und Senkbäuche der Umgegend, und an der Halfter jedes Gaules hingen immer zwei Gauner, der Besitzer und der Käufer, beides Händler, die sich unter Aufbietung aller Verschlagenheit bemühten, einen Nichtsahnenden anzulocken und mit dem Schlagwerk ihrer Zungen so lange zu bearbeiten, bis er eine Ziege von einem Pferde nicht mehr unterscheiden konnte. Kaum daß der alte Knecht durch den Schwärm der halben und ganzen Halunken und Klepper einmal mit seinem Braunen rund um den Platz gezogen war, hatte er heraus, in was für eine Küche er gekommen sei, schwang sich in den Sattel und stob möglichst unauffällig aus der Stadt. Aber dieser Aufenthalt von kaum einer halben Stunde auf dem Markt in Wesel hatte genügt, ihn und seinen Braunen bei allen Roßkämmen des Umkreises anzumelden, und wo immer er nur eintrat, empfing man ihn mit dem gleichen Achselzucken, dichtete man seinem Tier dieselben Fehler an und behandelte ihn dergestalt, daß er am Ende wirklich nicht mehr wußte, ob er sein Pferd zu Recht am Zügel führe oder gestohlen habe. Zuletzt habe wahrhaftig die ganze Gegend nach Lug und Betrug gestunken, und es bemächtigte sich seiner ein solcher Grimm, daß er einen Tag lang nur immer geradezu geritten sei, um aus der Bande dieser Halswürger wieder heraus und zu ehrlichen Christenmenschen zu kommen. Am Abend dieses selben Tages, es war der vierte nach seinem Auszug aus dem Sintlingerhofe, ritt er mißmutig in ein kleines Städtchen ein, und neben ihm ging ein freundlicher, wohlgekleideter Mann, halb Herr, halb Bauer. Der sah immer verstohlen auf den schönen Gaul und dann auf die Seite, als ob nichts gewesen sei, und der Knecht dachte bei sich, das sei auch einer von den vielen, die das Pferd mit den Augen kaufen und mit dem Verlangen bezahlen, und fing ärgerlich an, alle Unkosten zusammenzurechnen, die er bis jetzt gehabt. Wie er so Posten um Posten aufeinanderlegt und eben zu dem Entschluß kommt, mag daraus werden, was wolle, nur noch einen Tag sein Pferd aller Welt feilzuhalten, klopfte der Fremde, der sich immer neben ihm gehalten hatte, dem Pferd auf die Backe. So kamen sie ins Geplauder. Aus dem Reden wurde ein Handel und aus dem Handel ein Geschäft, und ehe der Glöckner zum Abendläuten über den Markt ging, saßen sie am Fenster des Gasthauses und stießen über dem geschlichteten Handel geruhig ihre Schöpplein zusammen. Der Knecht trug die geforderten siebenhundert Mark bei Heller und Pfennig im Sack, und der Hausdiener hielt draußen den Braunen für den neuen Herrn bereit, der ihn diese Nacht noch nach Hause reiten wollte, nur zwei Stunden von da. Kinder fanden sich ein, ein ganzer Schwarm, und bewunderten das schöne, fremde Tier. Auch Männer und Weiber unterbrachen den Vorübergang und stellten sich zu kurzem, wohligem Gaffen hin. Plötzlich stand da mitten unter all den Leuten ein Kerl, dürr und lang wie eine Erntegabel, angezogen wie eine Krautscheuche, mit einem Kopf nicht größer als eine Gänsebirne, und verschlang mit seinen unruhigen, brennenden Affenaugen fast den Gaul. In diesem Augenblicke wird der Hausdiener von irgendwem in den Gasthof gerufen. Er bindet das Pferd an den Baum und geht davon. Auf einmal entsteht ein Gegille und ein Geschreie unter der Menge. Ehe es jemand verhindern kann, hat der lange Vagabund das Pferd vom Baum gerissen und ist gragelig wie ein Frosch, aber doch flinker wie eine Katze, im Sattel. Dann prescht er wie ein Wahnsinniger über den Markt, und ehe die beiden, wenn auch wie geworfene Steine durch die Tür geflogen, im Nu draußen sind, ist er fort. Sie können nichts ausrichten, als hinterherlaufen wie die übrigen, und sehen den Dieb schon die Straße hinunter aufs freie Feld zu reiten. Es schmeißt den Kerl hin und her, daß man meint, jetzt und jetzt muß er herunterfallen. Aber er bleibt wie angebunden oben und ist, wie mit Teufelsöl geschmiert, im nächsten Augenblicke um die Ecke verschwunden. Das war die Erzählung des alten Knechtes, und als er geendet hatte, da sah er auf die Bäuerin und den Bauern, merkte an dem schnellen Atem des Weibes, ihrem Erblassen, dem Ducken des Blickes und dem leisen Lächeln, das des Sintlingers Mund umspielte, daß beide, so gut wie er, wußten, wer den Braunen auf Nimmerwiedersehen in den Abend hinausgeritten habe. Darum überlegte er, daß es besser sei, die ganze Geschichte mit Schweigen zu verscharren, schluckte auch seinerseits den Namen hinunter, der ihm schon die Zunge kitzelte, und trödelte sich dann nach alter Gewohnheit umständlich zur Tür hinaus. Aber der Tischler soll noch geboren werden, der einen Kasten zu machen weiß, in den man Schatten sperren könnte. Und je mehr sich jedes bemühte, vor dem andern den harmlos Gleichgültigen zu spielen, um so lauter schrie es das ganze Sintlingerhaus voll, alle Flure hin, durch Ställe und Böden, um den Hof her, sauste in den Kronen der Bäume und schwirrte mit den Vogelflügeln ums Dach: Der Niemand-Narr hat den Braunen gestohlen. Am tiefsten erregte es Johanna. Aus dem unteren Schacht ihrer Vergangenheit stieg die Erinnerung an den tollen Sturm während ihrer Hochzeitsnacht; aus dunkeln Gründen überlief sie das Zittern, unter dem sie nach der Empfängnis Helenens den Unglückslaut des Glöckchens gehört hatte; sie erlitt noch einmal die Qualen, unter denen sie die Erkenntnis der Blindheit ihres Kindes hatte zugeben müssen. Und wenn sie das seltsame Gebaren dieses Wahnbetörten an der Wiege ihres Kindes, sein rätselhaftes Verschwinden aus der Gegend und dieses Vereiteln der geheimen Absichten ihres Mannes zu seiner Abwehr überlegte, so empfand sie ihr und ihres Mannes Schicksal von dem Fangarm einer höllischen Macht umschnürt und zermarterte ihr Denken, diese Gefahr abzuwenden oder dieses Drohen aus dem Dunkel als Einbildung, als einen Hexenschuß ins Hirn, zu begreifen. Es war umsonst. Nicht lange und sie hörte in den Nachten fortwährend die Hufschläge eines Reiters um den Hof irren, erst in ganz fernen Kreisen, dann immer näher, und endlich vernahm sie oft das Stampfen und Schnauben eines Rosses so deutlich, als ritte der Niemand-Alb an ihrem Bett vorbei, mitten durch die Schlafstube; und wenn er zum Fenster hinausgebraust war, und sie sah seine langen, baumelnden Beine in die Luft hinauf verschwinden, lag sie erst ein wenig und erholte sich von der Beklemmung der Angst; dann fühlte sie vorsichtig um sich oder machte Licht, sich zu überzeugen, ob ihr Mann und ihr Kind von demselben Gesicht wie sie gepeinigt worden seien und noch heil in ihren Betten lägen. Einmal nahm sich Johanna doch ein Herz, und als es gegen die zwölfte Stunde wieder mit dem Traben anfing und so zunahm, daß sie es wie Sand an die Scheiben fliegen hörte, stand sie leise auf, schlich sich in die Gesindestube, zog dort schnell einen Rock und eine Jacke über, bezeichnete sich mit drei Kreuzen und begann dann durch den pechfinsteren Flur gegen die Haustür hin zu tappen. Sie war entschlossen, dem Unhold entgegenzutreten und, konnte es nicht anders sein, mit ihrem Leben den Zorn dieser unterirdischen Mächte zu brechen. Das Herz schlug ihr, als wolle es zum Halse heraus; aber sie faßte sich, drehte den Schlüssel, der zu ihrem Erstaunen nicht schloß, und trat auf den Hof hinaus. Aber kaum, daß sie ins Freie trat, hörte das Reiten um die Mauern auf, als wäre es aus der Luft geblasen. Die Nacht bewegte lautlos ihre dunklen Tücher um die Dächer, und Johanna war durch das plötzliche Verstummen des gespenstigen Getöses so betroffen, daß sie weder rechts noch links, noch vorn oder hinten unterscheiden konnte. Deswegen begann sie auf gut Glück um sich zu greifen. Dabei kam sie einer dunklen Gestalt immer näher, die regungslos neben ihr im Finstern stand und drohend ihr entgegenwuchs. Sie wollte schnell sagen: »Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, wer bist du?«, brachte aber nichts über die Lippen als das angstvolle Pfeifen eines sterbenden Hasen und begann zu wanken. Starke Arme fingen die Sinkende auf, und als sie sich erholt hatte, stand der alte Knecht neben ihr. Von dem erfuhr sie, daß auch er Nacht um Nacht das Reiten des Albes vernähme, und wie sie eben heruntergekommen sei, um dem Unwesen ein Ende zu machen. Sie nahm ihm das Versprechen ab, über seine Wahrnehmung zu schweigen, und ging ins Bett zurück.   3 Seit dieser Nacht stand es in Johanna fest, daß sie nicht länger mehr zögern dürfe, einen Ausweg aus diesem unerträglich gewordenen Zustande zu finden. Da sie aber in diesem Bestreben sich die Seele schon ins pure Taumeln hinein abgemüht hatte, ohne je das fernste Blinzen einer Rettung zu erspähen, sah sie ein, daß es das geratenste wäre, ihren Kummer einer weisen, verschwiegenen Seele zu Rat und Hilfe anzuvertrauen. Nur wie man im Vorübergehen achtlos einen Zaun streift, berührte sie die Möglichkeit, sich dem Pfarrer Ardelt von Hemsterhus zu entdecken; zog aber schon bald die Fühlfäden ihrer Seele zurück und warf sich dem Plan in den Arm, zu ihrem Vater zu gehen und rückhaltlos all ihre Not und Furcht vor ihm auszubreiten. Von jenem Tage an, da der alte Klim, um an seinem Zorn nicht zu ersticken, so schnell aus dem Sintlingerhofe gegangen war, weil seine Kinder nichts zur Heilung ihres blinden Mädchens hatten tun wollen, war der Greis, ohne je wieder einen Fuß nach Hemsterhus zu rühren, in seinem Austraghause zu Brederode geblieben und lebte, soviel man hören konnte, nur dem Dienst der Erinnerung an seine gestorbene Frau. Ohne Zorn, aber scheinbar auch ohne Liebe, aufrecht und still, trug er den Gedanken des unversöhnlichen Abscheidens von seinen Kindern. Dies abgewandte, nur in der unerratenen Tiefe schmerzvoll bewegte Greisenantlitz erschien jetzt vor Johannas suchenden Augen, und erschüttert von der Gleichgültigkeit ihres eigenen Herzens, erkannte sie nicht nur das Unrecht, den nächsten Menschen vor der zugeschlagenen Tür ihres Schicksals solange stehen gelassen zu haben, sondern sah auch ein, daß es höchste Zeit sei, aus den Schätzen dieser heimziehenden Seele so viel Segen wie möglich in ihr Dasein zu leiten. Deswegen wartete sie einen Tag ab, an dem ihr Mann in Geschäften vom Morgen bis zum Abend in der Kreisstadt gehalten wurde. Auf den Sintlingerschen Feldern, die an Brederode grenzten, waren diesen Tag die Saaten von Hederich und Disteln zu reinigen, und Johanna wußte es einzurichten, ohne daß die Mägde es merkten, ihren Vater zu besuchen. Sie ließ nämlich im halben Nachmittag die Arbeit abbrechen und schickte die Dienstboten, die Tragtücher mit Disteln vollgepackt, nach Hause. Die Bäuerin selbst wollte, wie sie vorgab, auf dem Umweg über die Rheinhügel auf dem Fahrwege nachkommen. Kaum aber waren die Mägde mit ihren hohen Distelhucken hinter dem ersten Bodenstoß ruckend untergetaucht, so raffte Johanna ihren Rock herauf und lief den Abhang hinunter nach Brederode zu. Als sie drunten im Buchengrund im Schutz der Bäume angelangt war, sprang sie gar geradezu, als jage jemand mit der Peitsche hinter ihr her. So war sie bald im Hause des Vaters. Der saß am Tisch, das blaue Sacktuch und die silberne Schnupftabakdose neben dem Buch, und las in einem Heiligenspiegel. Als Johanna unvermutet eintrat, hob der Greis den Kopf, erkannte sie, fuhr in der Verwirrung mit dem Finger aufs Blatt, um das letzte Wort festzuhalten, und nahm die Brille von den Augen. Die Bäuerin hatte an der Tür einen Augenblick in Scham und Liebe gestutzt; als sie jedoch die Greisenhand mit der Brille bebend durch die Luft sinken sah, ergriff sie das so, weil das aussah, als winke ihr der Vater ein letztes Mal mit verwelkter Hand schon aus dem Grabe. Da wurde das sonst so gefaßte Weib ganz von ihrer Beherrschtheit verlassen, und mit einem Lachen, das sich mehr wie ein leiser Schrei anhörte, stürzte sie dem Greis an die Brust. Der merkte sofort, an welchem Kraut ihr Leben kaute, und als die ersten Erschütterungen vorüber waren, setzten sich die beiden auf die Bank, und die Tochter schüttete vor ihrem Vater alles aus, was sie bedrängt und verfolgt hatte, doch nicht so, als ob sie mit Schmerzen an dem Los trage oder schwächlich um Verzeihung bitte. Nein, wie es sie in Wahrheit umklammerte, aus der Sorge um ihren Mann heraus, sprach sie von allem, was sich seit dem Weggange des Greises auf dem Sintlingerhügel zugetragen hatte: von dem Erscheinen des Hemsterhuser Albes und seiner Läppchenscharrerei, der Irrnacht ihres Mannes, der Fahrt nach Münster, vom Verschwinden des Niemand-Narren aus der Gegend und seinem gespenstischen Auftreten vier Tage später so weit im Lande drin bei dem Verkauf des Pferdes. In allem redete sie die Wahrheit, nur damit wich sie von den Tatsachen ab, daß sie ihren Mann als bedrückt, furchtsam und verirrt schilderte, nicht verzweifelt, doch wie einer, dem der Rat eines klugen, guten Mannes fehle, damit er sich auf seinem Wege wieder sicher fühle. Der alte Klim hörte sich das alles in herzlichem Mitgehen an und pries die Fügung, daß er vor dem Verschwinden ihnen doch noch einmal nützlich sein könne. Es wurde alles für den nächsten Sonntag besprochen. An dem wollte der Alte etwas wie ein Fest feiern, natürlich nur für sie und sich. Da sollte alles, soviel an ihm liege, aus der Welt geschafft werden. Unter dem Gespräch der so lange getrennt Gewesenen stand der Abend unversehens wie ein Dieb draußen und schielte durchs Fenster, ehe die beiden ganz ans Ende gekommen waren, und Johanna mußte davongehen, um vor dem Eintreffen ihres Mannes schon auf dem Hofe zu sein. Ungesehen war sie hereingeschlüpft, unbemerkt von dem neuen Bauer ging sie auch von ihrem Vater. Sie jagte förmlich die Raine hinauf. Ihr war plötzlich leicht zum Tanzen, und als sie aus dem Buchengrunde heraustrat, stieg gerade die letzte Lerche singend zu den vom Abendrot glühend geränderten Wolken empor, die regungslos in dem vertieften Himmel lagen. Sie nahm das als ein günstiges Zeichen und vergaß sich so vor Glück, daß sie sich bückte, eine Handvoll Blumen pflückte und mit den Blüten nach dem Liebe in der Luft warf. Indessen wurde noch denselben Abend in diesen Wein hochgehender Hoffnungen mehr als ein Quentchen eines Wassers gegossen, das ihre sonst so sichere Seele wieder in Wirbel versetzte. Der Sintlinger hatte unterwegs von dem Postboten einen Brief des Mannes erhalten, an den durch den alten Knecht der Braune verkauft worden war. Diesem Schreiben lag das Blatt einer Zeitung bei, in der ein Bericht über den Erfolg der polizeilichen Nachforschungen nach dem Verbleib des gestohlenen Pferdes enthalten war. Holzfäller des Freiherrlich Deckertschen Forstes hatten auf dem morgendlichen Gange nach ihrer Arbeitsstätte mitten im Walde das schwache Wiehern eines Pferdes vernommen. Als sie dem Laute nachgingen, fanden sie hinter einer Dickung an einen Baum angebunden das Roß, das der Unbekannte an jenem Abend aus dem Städtchen geritten hatte. Es trug noch dm Sattel, das Zaumzeug und alle Zubehör, mit dem es beim Verkauf versehen gewesen war, befand sich aber in einem solchen Zustande des Elends, stand abgemagert, mit schlotternden Beinen und herabhängendem Kopfe da, daß es auf den Zuruf der mitleidigen Männer kaum die Augen rühren konnte. Vor Schwäche vermochte es selbst nicht mehr zu kauen. Auf dem Wege aus dem Walde brach es zusammen und verendete. Der Bericht fügte noch hinzu, daß der mutmaßliche Dieb aller Wahrscheinlichkeit nach ein Artist sei, den der Direktor eines reisenden Zirkus wegen Anzeichen geistiger Störung in jener Zeit entlassen habe. Im Anschluß an diese Nachricht beruhigte der Sintlinger sein Weib mit milden und eindringlichen Worten, aus denen hervorging, daß er nicht nur um ihre Angst, sondern sogar um ihren und des Knechtes Versuch zur Vertreibung der eingebildeten Mitternachtsritte wußte. Er legte ihr nahe, wie Menschen allein durch Seelenschwäche unter die Räder solcher Geisterwagen kämen, sonst aber ungestört auf dem Wege fortwandelten, der ihnen vorgeschrieben sei. Allein, anstatt dem Zuspruch ihres Mannes nachzugeben, brachte es Johanna nicht fertig, die Tatsache dieser wiederholten nächtlichen Beunruhigungen als Wahn aus ihrem Gedächtnis zu wischen, einmal, weil nach ihrer Meinung für deren Wirklichkeit das Zeugnis des alten Knechtes sprach, zum andern, weil sie sich dann ganz ins Pfadlose gestoßen sah. Denn, wenn nicht vom Einfluß dieses albischen Niemand, woher rührte dann die Angst und Furcht in ihr und diese Verwandlung des Sintlingers, aus dem jede Wallung des Aufbrausens, jede Möglichkeit einer Entgleisung in seine früheren Fehler so ganz in versonnener Stille untergegangen war, daß er ihr oft als ein unbegreiflicher, unbekannter Mann erschien. In der Nacht, die dem Besuch bei dem alten Klim voranging, träumte Johanna von einem Menschen, den sie auf allen Wegen der Welt im Dunkel laufen sah. Er eilte durch die Dörfer und Städte der Erde und versuchte die Häuser aufzuschließen, aber er besaß einen Schlüssel, der nirgends paßte. Sie kannte den Mann nicht, trotzdem sie alle Stunden des Schlafes im Traume hinter ihm her war, denn wenn sie ihm so nahe war, daß es ihr gelingen mußte, sein Gesicht zu sehen, wandte er sich ab und schlug einen anderen Weg ein. Beim Erwachen versank wohl die Deutlichkeit ihres Traumerlebnisses, aber der Schmerz, den seltenen Mann nicht erkannt zu haben, war im Wachen womöglich noch stärker geworden. Darum ging sie, um sich zu sammeln, hinter den Hof und vertiefte sich in den Anblick des Himmels. Sie stieg mit ihren Blicken von Wolke zu Wolke, immer höher hinauf und gelangte in jene Tiefe des blauen Weltallsabgrundes, wo selbst die reinsten Wolken verzagen. Wenn sie sich ja einmal hinwagen, müssen sie sofort verschmachten. Dort, ganz, ganz hoch, hörte Johanna ein Brausen gehen; aber sie vernahm es mit jenem geheimnisvollen Gehör, das den Menschen sonst nur im Traum erschlossen wird. Ein ganz leises Rauschen ging über allem Gewölk in diesen unendlichen Fernen, und man hörte es ihm an, daß es seit Ewigkeit da oben hinstrich. Doch das war nicht das Seltsamste. Was die Bäuerin am lebendigsten hinnahm, bestand darin, daß auf irgendeine Weise in dem leisen Brausen die Unruhe des Mannes enthalten war, dessen Schlüssel in kein Schloß der Welt paßte. Während sie einen Augenblick den aussichtslosen Versuch machte, dem Zusammenhang zwischen ihrem Traum und diesem geheimnisvollen Höhenlaut nahezukommen, stand plötzlich ihr Mann neben ihr und erinnerte sie lächelnd an die Fahrt zu ihrem Vater. Auf diese alltäglichen Worte hin sah der Sintlinger sein Weib zusammenzucken und erbleichen. Dann schloß sie ein wenig die Augen und ging mit ihm ins Wohnzimmer zurück. Sie fuhren nicht die Straße durch Hemsterhus, sondern der Bauer lenkte des Kindes halber um den Hof herum und kutschierte in gemächlicher Fahrt hügelauf, hügelab durch die Felder, und die kleine Blinde saß in die Arme ihrer Mutter zurückgelehnt und genoß mit verklärtem Gesichtchen das Vorüberstreichen des weichen Julilichtes. Sank der Wagen einen Abhang hinab, so kam in ihre Mienen ein glückliches Fürchten, als ginge es in die freie Luft hinein. Fuhren sie an Bäumen vorüber, so fragte das Kind, wer so groß und regungslos am Wege stehe. Und als sie in den Buchengrund einbogen, den kleinen Wald, der schon zu dem früher Klimschen Gute gehörte, erstaunte Helene, wie man eine so hohe, weite Stube zu machen imstande sei, daß man darin fahren könne. Der Sintlinger wurde des Verwunderns über sein Kind nicht müde, auf das alles ihm Vertraute und Bekannte in einer Art wirkte, daß er hinter den Dingen einen neuen Sinn, ein anderes Leben wandeln sah, und er hielt oft an, etwa mit ihr dem leisen Laut nachzuhorchen, den ein schwacher Luftzug durch die Ährenfelder trieb, oder mit dem Kinde das hohe Vorüberhuschen eines Vogelliedes zu kosten. Und wenn er dann zu Helene sprach, klang seine Stimme noch vertiefter, als von dem Staunen und der väterlichen Liebe her. Dieser Ton kam aus einem solchen lichten Abgrunde, daß Johanna sich zurücklehnen und ihrem Mann unbeobachtet ins Gesicht schauen mußte. Auf einmal war es ihr, als spreche nicht ihr Mann, sondern als höre sie das milde Brausen über den Wolken tönen, und der Mann saß neben ihr, der einen Schlüssel besaß, der in kein Schloß der Welt paßte. Da überfiel sie ein Schreck, was werden sollte, wenn der Sintlinger in das Haus ihres Vaters trete und mit diesem Ton zu reden anfinge. Sie faßte darum sofort in die Leine und bat ihren Mann, umzukehren, denn ihr sei plötzlich unwohl geworden. Johannas Gesicht war wirklich sehr blaß. Ein paar Schritte auch nur, und das Haus des Alten trat unter ihnen hinter den Obstbäumen hervor. Deswegen trieb er die Pferde etwas an. Der Greis guckte hinter dem Fenster dem schnellen Herannahen des Gefährtes zu. Er schwankte, ob er den Besuch draußen an der Tür empfange oder sich in der Stube überraschen lasse, brachte es nicht ins reine, ergriff den Stock, ließ ihn fahren, setzte das Käppchen auf, hing es wieder hin, ging zur Tür, beugte sich ans Fenster und saß, als der Sintlinger rasch von draußen hereintrat, fast verlegen am Tisch. Peitsche und Hut in der Rechten, mit steifen Armen die Tür weit in die Stube haltend, blieb der junge Bauer auf der Schwelle stehen, rief dem Greis einen ungezwungenen, heitern Gruß zu und unterrichtete ihn mit einer kurzen Bemerkung von dem Unwohlsein seiner Frau. Dann eilte er unter einem Nicken des Kopfes wieder hinaus zu seinem Gefährt. Er spannte es mit Hilfe eines Knechtes aus, den der neue Bauer sofort hergesandt hatte, ließ die Tiere dann in den Stall führen und stand aus Höflichkeit noch eine Weile plaudernd bei dem neuen Besitzer. Auf dem Gange in das Beihaus seines Schwiegervaters wählte er in einer Art schalkhafter Neckerei den Weg durch das kleine Torpförtchen. An der Giebelwand des Wohnhauses stand scheinbar noch derselbe Holzstoß, in den seine Johanna jenen Blumenstrauß verborgen hatte, den er ihr im ersten Liebesrausch an die Brust gesteckt hatte. Im Vorbeigehen streifte er die Stirnseite der Scheiter und lächelte dabei. Beim Eintritt in des Schwiegervaters Stube fand er die blasse Schwäche schon ganz aus dem Gesicht Johannas gewischt. Der Greis rief ihm aus der Nebenstube spaßhaft zu, daß es mit dem Unwohlsein seiner Tochter nichts auf sich gehabt habe. Sie strahlte vor Freude, als sich Helene dem Großvater so ganz ohne Scheu hingegeben hatte, und lief beglückt hinter den beiden drein, die ohne Aufhören durch alle Stuben wanderten. Der Alte erstaunte im stillen über den sicheren, unerschrockenen Schritt der kleinen Blinden, über das feine Gefühl, mit dem sie den Gegenständen auswich, über ihre Klugheit und Fröhlichkeit, am allermeisten aber über den Ausdruck ihres Auges, wenn sie es bei seinen Worten horchend zu ihm heraufkehrte, verschloß aber jede Bemerkung in sich, die mit dem betrüblichen Zustand seines Enkelkindes auch nur von fern in Beziehung stand. Anfangs war Helene überhaupt der Mittelpunkt, und besonders der Alte und Johanna schoben, wenn das Gespräch eine andere Wendung nehmen wollte, immer wieder die Kleine in den Vordergrund der Unterhaltung, als ob sie, gleich zwei Verschworenen, fürchteten, durch eine Unvorsichtigkeit ihren Plan zu verraten. Der Sintlinger aber gab sich ohne jede Beschränkung ganz dem Frohgefühl hin, das ihn beherrschte. Er tanzte sogar mit Helene singend durch die Stuben, und die Bäuerin nahm wahr, daß seine Stimme nichts mehr von dem Klang besaß, der sie auf der Herfahrt so erschüttert hatte. Seine Worte hörten sich im Gegenteil manchmal an, als seien sie noch aus der wilden Zeit in ihm zurückgeblieben: sie hatten den Ton von Erzkugeln, die mit kurzem Wurf an ein Metallbecken geschleudert werden. In diesem schnellen, schneidigen Aufzucken der Rede ihres Mannes lag etwas ungemein Tröstliches für die junge Frau. Eine bunte Woge Jugend ergoß sich daraus über sie. Fast in einer Art seligen Taumels drängte ihr Herz aus den Schatten und Bedrängnissen der Gegenwart in das Licht ihrer schönsten Zeit, aber ohne daß sie mit einem Worte jener Tage gedachte. Nur sprach sie beflügelter, ging schwebender, lachte klingender und begriff im geheimen nicht, wozu und warum sie ihren Vater um Hilfe hatte anrufen können. Der alte Klim aber, endlich müde von dem Stubenlauf mit Helene, saß in seinem Lehnstuhle und legte sinnend die Dose von einer Hand in die andere. Er war im Anblick der Heiterkeit des Sintlingers und seiner Tochter eher geneigt, dem eignen Zweifel an der dauernden Sicherheit der ernsten Lebensführung seines Schwiegersohnes recht zu geben, als an dessen Kummer und die Ratlosigkeit zu glauben, von dem ihm seine Tochter gesprochen hatte. »Ach, ihr Kinder, nu da, da!« rief er im Laufe des Tages öfters aus dem fröhlichen Spott seiner alten, weisen Seele heraus und lächelte kopfschüttelnd über die beiden, die unglücklich sein sollten und in ihrer scheinbar unbeschwerten Fröhlichkeit durchaus beneidenswert aussahen, und wenn er sich nicht täuschte, fuhr seine Tochter bei jedem Räuspern, das klang, als hole er zu gewichtigen Worten aus, mit einem beschwichtigenden Blicke über ihn. Deswegen beschloß auch der Greis bei sich, es der Führung des Zufalls oder, noch besser, den beiden zu überlassen, ob an einen Schatten gerührt werde, der vielleicht nur in der Einbildung seiner Tochter bestand. Das Mittagessen ging vorüber. Die leichte Buntheit sank von allen ab. Der neue Bauer und sein Weib, schrotbrave, umgängliche Menschen, kamen zu kurzem Geplausch und entfernten sich wieder. Helene verlangte zu schlafen und wurde im Nebenzimmer untergebracht. Der alte Klim nickte in seinem Lehnstuhl ein. Der Sintlinger begab sich wieder zu dem neuen Bauer und trat mit ihm einen Versehgang durch die Viehställe an. Johanna aber ging unter die Haselstauden am Abhang, ein Stück vom Hause weg, an ihren Kinderträumeplatz. Dort setzte sie sich in den tiefen Schatten der runden, öligen Blätter, zog wie als Kind die Beine hoch herauf, stützte die Ellenbogen auf die Knie und versank in ein träumerisches Anschauen der Wiese, auf der sie der Sintlinger beim Bleichen getroffen hatte. »Nein, nein!« sagte sie nach langem mit glücklich lächelndem Wehren; aber da war ihr Kopf schon auf die Arme gesunken, und sie schlief.   4 Der Schlaf der Greise ist göttlicher als der der Menschen in der mittleren, stärksten Zeit des Lebens; denn während diese auch in den Stunden der Ruhe nicht ganz aus den Banden ihrer Pläne entlassen werden und nach dem Erwachen ohne Zögern den Anschluß an ihr Tagwerk finden, hängt der Traum, dieses Dämmergewölk der Ewigkeit, noch eine Weile um das erwachte Auge der Alten, daß sie vor den gewohnten Bildern ihrer Umgebung staunen, als seien es Erscheinungen einer fremden Welt, ja, daß es wohl vorkommen mag, eine solch still gewanderte Seele meint, der Durchgang des Schlafes sei ihr unversehens zum Tor des Todes geworden, und was sie Liebes auf Erden verlassen, begrüße sie nun schon verklärt im Himmel. Als der alte Klim erwachte, lag sein Witwerheim, das weiß getünchte Stübchen mit der dunkelgrünen Girlande unter der Decke, in dem etwas verschütteten Licht des übervollen Nachmittags, und in dieser Helle bebte der Abglanz unruhiger, weißer Wolken. Ein Wogen lag um den Greis. Die Wände schienen nichts Festes zu sein. Sie schwankten wie Laken, an denen ein gemächlicher Wind herumbauscht, die Girlande baumelte wie ein richtiges Laubgewinde, und dem Bauer war es nicht anders, er schwebe wallend durch die Höhe über die Erde, in einem fliegenden Leinwandzelt, und vor den Fenstern, die irgendwie darin saßen, sah er sonnenbeschienenes Gewölk vorüberquellen. »Ja, so wird's einmal gehen«, sann der Greis in halbem Traum und Wachen und ließ zu stillem Nachkosten des schönen Gesichtes seine Augen abermals zusinken. Als er sie wieder öffnete, hatte sich das Erwachen vollendet, und er erkannte seine Stube, wie sie immer war. Auf der Bank, die um zwei Seiten des Zimmers lief, kauerte sein blindes Enkelkind in aufmerksam hingebender Haltung, und neben ihr saß der Sintlinger, den Ellbogen auf das Fensterbrett und den Kopf so in die Hand gestützt, daß er das Gesicht seines Töchterchens gut betrachten konnte. Jetzt sah der Alte, wie Helene sich zurückbog und die Händchen in das Licht hielt, gerade als sei der schimmernde Strahl der Sonne nicht ein flüchtiges Zittern durch die Luft, sondern ein Wasserböglein, das ihr die gehöhlten Händchen mit prickelnder Wärme füllte. Was wir mit den Augen begreifen, umfaßte sie mit dem weit stumpferen Sinne des Gefühls. Als säße unsichtbar unter jedem Fingerspitzchen ein lichthungriges Auge und trinke den Sonnenstrahl. So auch wie einen schlürfenden Mund hielt Helene jede Hand ins Licht, und ihr Gesicht hatte den Ausdruck erfüllter Verklärung, nicht anders, als sei sie ein sehender Mensch, der im Segen einer stillen Helle steht. Als der Sintlinger diese geheimnisvolle Art zu schauen an Helene beobachtete, war er mit eins wieder in dem staunenden Gefühl eines tiefen Lebens und Webens, das hinter den gewohnten Formen und Vorgängen der Welt einem Ziele zueilt, das vielleicht tiefer und herrlicher ist, als es wir Sehmenschen je erfahren können. Der junge Bauer beugte sich noch weiter vor, um womöglich in den Augen seines Kindes etwas zu entdecken, an dem sein Ahnen sich weiter in den Zauber hineinzutasten vermöge. Er bekam dabei jenen Zug des Kummers und Schmerzes ins Gesicht, der sich in die Stirn und um den Mund der Menschen gräbt, denen tiefes Nachdenken ungewöhnliche Mühe macht. Der alte Klim aber, der alles dies beobachtet hatte, mißverstand den Ausdruck in dem Gesicht seines Schwiegersohnes und meinte, nun habe den Sintlinger der Gram über das Unglück seines Kindes gepackt, den er bisher unter buntem Lärmen so geschickt und tapfer verborgen gehalten habe. Er erinnerte sich seines Versprechens an Johanna, meinte, nun sei der rechte Augenblick zum Eingreifen gekommen, setzte sich räuspernd auf, und als Andreas deswegen von seinem Betrachten herumfuhr und den Greis fragend ansah, nickte der ihm tröstend zu und sagte herzlich: »Laß gut sein, Andreas!« »Oh, es ist gut, unbegreiflich gut«, antwortete der junge Bauer in aufgelöster Art. »Aber es wird noch immer besser werden, man darf da nicht verzagen. Ja. Mit dem Verzagen ist's wie mit dem Aufladen: je mehr man aufladet, desto stärker muß der Wagen sein.« Helene ließ bei des Greises ruhiger Art zu reden davon ab, die Sonnenstrahlen mit den Händen zu fangen, suchte tastend nach dem Tisch, rutschte das kleine Stückchen die Bank hin und setzte sich lauschend zurecht. »Lenlein denkt, es setzt eine Geschichte«, sagte der Sintlinger lächelnd und fuhr dabei seinem Kinde kosend über die Locken. »Da hat sie nu freilich recht«, sprach der alte Klim weiter. »Denn es ist eine lange, lange Geschichte, die ich gedreht habe, wenn ich dahier in dem Stuhle gesessen bin. Wohl, wohl, liebes Helenlein! Ja, ja. – Aber wenn man so als Mensch Gottes Ratschlüsse begreifen will, da ist man nicht anders wie eine Fliege, die in der Nacht aufwacht und aus der Stube möchte. Immerfort fliegt sie gegen die Wand, bis sie sich taumelig gestoßen hat, und daneben, vielleicht nicht drei Handbreit weiter, steht das Fenster auf. Bei so was, mein Lieber, soll man in Ruhe das Fenster suchen. Na, und bei Menschen ist's außerdem auch noch ein wenig anders: man soll nicht mehr Verzagen aufpacken, als man tragen kann.« Der Sintlinger hatte sich währenddessen wieder zum Fenster gewandt und hinausgesehen. »Sieh mich mal an, Sintlinger, du«, sagte der Greis liebevoll dringend, denn er glaubte, sein Schwiegersohn verberge aus Schmerz sein Gesicht. »Red' du ruhig, Klim-Vater. Wenn ich die Augen wegdreh', seh' ich dich eigentlich besser als anders.« Unter diesen Worten des Sintlingers war seine Frau eingetreten. Als sie den tiefen Klang seiner Stimme hörte, verschwand sogleich der Ausdruck wohliger Verschlafenheit von ihrem Gesicht. Leise, wie sie eingetreten war, verharrte sie auf der Schwelle, sah von einem zum andern und erfaßte die Situation. Ihr Vater deutete auf ihren Mann und machte ihr Zeichen, sich geräuschlos irgendwohin zu drücken und vor allem zu schweigen. Doch da drehte sich der Sintlinger schon um. »Ach, da bist du ja auch«, sagte er lächelnd. »Nicht? – Es ist eine Schande. Bis jetzt habe ich unter den Haseln geschlafen«, antwortete sie und setzte sich dabei an den Tisch. »Er will mir nicht antworten«, platzte der Greis heraus, »nicht einmal ansehen will er mich.« Der junge Bauer lächelte und sagte zu seinem Weibe: »Wenn ich ein Licht in der Laterne stecken habe, wozu brauche ich da ein zweites anzuzünden?« Dabei deutete er mit freundlichem Spott und steifem Daumen über die Achsel nach dem Alten. »Ich versteh' dich nicht, Andreas, wie du's meinst«, antwortete Johanna und streifte mit einem Blick ihren Vater, der ihr ermunternd zunickte. »Nu ja, ja«, sagte der Sintlinger, lang ausatmend, und erhob sich von seinem Fensterplatz. »Komm, Lenlein, wir werden uns das Wetter ansehen.« Die beiden sahen ihn ruhig und aufrecht durch die Tür gehen und schauten dann einander ratlos an. »Er ist richtig einirdisch geworden«, sagte der alte Klim, »Hanna, er gibt Antworten wie ein Haus. Die Stimme hat er auch verloren, hast du gehört, wie er red't?« Seine Tochter saß am Tisch, zupfte an ihren Fingern und konnte kaum die Tränen bezwingen. Auch der Greis kam ins Starren. Aber mit einem riß er sich auf: »Nein, nein, er ist wirklich in eine schwarze Mühle geraten. Aber da heißt's anklopfen, und wenn's nicht anders ist, andonnern, und das gleich. – Heute – jetze – denn ich kaue sozusagen an den letzten Halmen. Da ist nichts aufzuschieben. Herr, du meine Güte!« Johanna gab ihrem Vater recht, rief nach der Wirtschafterin und schickte die alte Frau ihrem Manne nach, sie solle ihm das Kind abnehmen und ihn hereinschicken. Noch während sie eifrig miteinander berieten, wie an den Armen heranzukommen sei, trat der Sintlinger wieder ein. Johanna erhob sich und sah zum Fenster hinaus. Der Greis wog aus Verlegenheit mit zur Decke gerichteten Augen die Dose in der Rechten. Es herrschte eine bedrückte Stimmung. Andreas setzte sich auf die Bank, faltete die Hände zwischen den Knien und sah ruhig zur Erde. Dann sagte er versonnen: »Ihr hättet mich sollen nicht 'reinrufen. Es wäre besser gewesen. Denn nun ist's möglich, daß ihr 'rauslaufen müßt. Aber vielleicht soll es endlich so sein!« »Lieber Andreas«, sagte der alte Klim nun, »das mein' ich eben auch. Sieh, wie ich vorhin aufwachte, wußte ich eigentlich nicht gleich, bin ich gestorben oder lebe ich noch. Na, und wenn ich fort sollte und ich wüßte, du hättest dein Unglück immer noch nicht verwunden, da kannst du mir glauben, ich fände im Grabe keine Ruhe. – Andreas, man muß sich fassen! Schüttel du ruhig den Kopf. Mich alten Mann machst du nicht irre. Wie der Köhlerhof abbrannte, stand der Bauer mitten im Korn und pfiff. Das kenn' ich alles! Man kann auch aus Angst pfeifen. Siehst du, und ungefähr auf dem Flecke stehst du.« Johanna war auf ihren Stuhl zurückgekehrt. Der Sintlinger stützte den Ellenbogen auf den freien Fensterplatz und bedeckte mit der Hand seine Augen. »Red' weiter«, sagte er so, da der Alte, eine Pause machte. »Nun, ich meine, wie mir Johanna gesagt hat, der Münstersche Doktor spricht, daß das mit Helene nicht immer dauern wird. Da soll man sich doch nicht ins Finstere hineinwühlen, sondern alles Gott dem Herrn anheimstellen, sich aus der Prüfung einen Stecken schneiden, daß man leichter fortkommt, und nicht eine Rute zum Selbstpeinigen. Unser Herrgott hat den alten Tobias blind und wieder sehend gemacht. Er wird's bei dem Kinde auch fertigbringen, verlaß dich drauf.« Während der letzten Worte war der Sintlinger aufgesprungen und mit allen Zeichen der Ungeduld durch die Stube gegangen. Jetzt, als der Greis geendet hatte, trat er an ihn heran, legte ihm die Hand auf die Achsel und sagte mit beherrschter Bewegung: »Lieber Vater, wir verstehen uns ganz und gar nicht. Ich kann keinem Bettler und Landläufer nichts Böses tun. Was sollt' ich da dir was wegnehmen. Laß gut sein. Sorge dich um mich nicht. Ich geh' und bestell's Einspannen, und wir scheiden in Frieden. Die Furche, die ich 'nausgeackert habe, geht woanders hin. Adje. Komm, Johanna, und hol' das Kind.« Der junge Bauer trug eine leuchtende Blässe im Gesicht, und seine Augen brannten in tiefem Feuer. »Gib mir deine Hand, Andreas«, sagte der alte Klim ergriffen. Der Sintlinger tat es. »Leb wohl«, sprach er. Der Greis schüttelte den Kopf. »Nein, so mein' ich das nicht«, redete er, »wir sind doch Männer und können in Ruhe miteinander uns besprechen. Du tust mir nicht weh. Geh. Geh, setz' dich und sag', was du auf der Seele hast. Da wollen wir sehen, wer im Rechte ist.« Auch sein Weib drang liebreich in ihn, sich nicht zu verschließen. So ging er zögernd auf seinen Platz und saß und schüttelte den Kopf. Danach wartete er noch etwas, wobei er sein Gesicht abgekehrt hielt und auf die offene Tür ins Nebenzimmer sah, als sollte irgendwer durch sie hereintreten. Das dauerte lange. Unvermutet fing er dann an zu reden. Anfangs wußten die beiden eigentlich nicht, daß es die Stimme des Sintlingers sei. Johanna vernahm erschreckt den Laut des Sausens über allen Wolken, und dem Greise waren die Worte unkenntlich und unerklärlich wie das eigene Reden in einem nächtlichen Traum, das man wohl hört, doch weder hindern kann noch versteht. »Der Sperber frißt den Sperling, der Sperling den Käfer, der Käfer das Blatt. Keines tut unrecht, denn es muß leben, und was stärker ist, hat Gewalt, und was Gewalt hat, herrscht. So geht es auch in uns. Der stärkere Gedanke frißt den schwächeren auf. Auf die Art nimmt unsere Gewalt zu, und was uns sonst wie mit Stricken gebunden hat, peinigt bald nicht mehr schlimmer wie eine Mücke, die gegen das Auge fliegt. Alles, was du sagst, Vater, mir zum Tröste, ist längst in mir aufgefressen, auch Trost selber. Denn wer Trost braucht, ist unglücklich, ich aber bin es nicht. Früher bin ich über die Straßen getanzt, durch die Schenken und in den Sälen. Jetzt tanze ich in mir. Niemand merkt was. Aber ich komm immer tiefer und weiß erst jetzt, wo die Welt anfängt.« So sprach der junge Bauer. Allmählich waren die beiden aus dem Taumel gekommen, von dem sie durch diese unerwarteten Worte eingesponnen worden waren, und saßen und wagten einander nicht anzusehen. Der Sintlinger aber hatte die Ellenbogen auf die Knie gestemmt und die Hände vor die Augen gedrückt. So zusammengekrümmt saß er und atmete, da er aufgehört hatte zu sprechen, langsam und tief, als schlafe er. »Aber das Kind«, sagte der alte Klim, weil er nicht recht wußte, was der Sintlinger meinte. »Auch des Kindes halber nicht«, antwortete Andreas in derselben wie schlafwandelnden Art, ohne seine Haltung zu ändern. »Wenn jemand einen Trost brauchte, bin ich es nicht, sondern Gott.« »Aber es ist blind«, warf der Alte ratlos ein. »Wenn es blind wäre, ja, um so mehr brauchte Gott einen Trost, wie jemand, dem eine Torheit oder etwas Unrechtes passiert ist.« »Andreas«, rief Johanna ringend. Der alte Klim hatte die Hände ineinandergekrampft und sah aus totblassem Gesicht verzweifelt ins Leere. »Na ja«, antwortete der Sintlinger seinem Weibe, »sei schon gut. Wenn es wäre. Aber es ist ja gar nicht blind. Es braucht sie bloß nicht, es sieht über die Augen hinaus. Du hast doch gemerkt, Johanna, daß unser Mädchen den Baum am Wege gesehen hat und den Wald und die Vögel in der Luft. Nicht? Antworte mir.« »Ja, freilich, aber doch nicht mit den Augen.« »Und womit denn?« Johanna lehnte sich schmerzvoll zurück, zog die Achseln in die Höhe und sagte: »Ach Gott, das weiß der Himmel!« »Na, womit also, Vater? Sag' du's!« Der Greis gab keine Antwort. Er hatte das Kinn auf die Faust gestützt und sah finster auf den Tisch. »Nun, ich will's euch sagen. Mit der Seele. – So, damit sehen wir alle. Die Augen sind nur ein Umweg. Und was wir in der Seele sehn, ist ein anders, als die Welt in unsern Augen. Deswegen gibt es hinter der Augenwelt noch eine Welt. Und jedes Ding ist doppelt. Und während ich lebe, lebe ich zugleich hier und wie hinter fernen Büschen ... und aus jener Seite des Daseins sieht mein Kind auf die Welt, auf mich, auf dich, Johanna, und auf dich, Vater. Und deswegen möchte ich singen, wenn sie einen ansieht, und das Leben ist einem gelungen. Keine Unruhe peinigt mehr.« Der Sintlinger war, ohne es zu wissen, aufgestanden, und als seine strömenden Worte wie an ihrer eigenen Überfülle leiser, immer leiser geworden waren, machte er einige bewußtlose Schritte gegen die Tür des Nebenraums.– Das war zu viel. Der alte Klim fuhr jetzt auf, setzte seine Dose hörbar auf den Tisch und sagte höhnisch lachend: »Haha. Ja. Gut. Und was hat der Doktor gesagt? Der Doktor hat doch auch Gedanken! Wie?« Die ganze alte Abneigung, der unterdrückte Widerwille gegen den »Räuber« und »Peiniger« seines einzigen Kindes überschlug sich in dem Hochbejahrten, der durch seinen Schwiegersohn seine tiefsten Lebenssicherheiten bedroht sah. »Jetzt frage ich , und du wirst antworten!« setzte der Greis noch bebend hinzu und stieß einigemal den steifen Zeigefinger auf den Tisch. Der Sintlinger fuhr aus seiner Verzückung auf und stutzte über den ungewöhnlichen Ton des Alten. »Der Doktor?« fragte er ruhig und kalt. »Jawohl, der Doktor«, wiederholte Klim streitbar. »Der Doktor? – ist ein Narr«, antwortete der junge Bauer endlich wegwerfend und lehnte sich leicht gegen den Türpfosten. »Aber Andreas, du bist doch selbst gesprungen, als er sagte, unser Lenlein wird wieder sehend«, damit mischte sich Johanna dazwischen. »Da war ich eben auch närrisch, Liebe«, antwortete der Sintlinger lächelnd. »So, und da meinst du, weil es dir so in deinen tollen Kopf paßt, hat der Doktor unrecht, und dein Kind soll lebenslang blind bleiben!« rief Klim immer erregter. Aus des Sintlingers Auge fuhr ein Blitz. Aber er bezwang sich und sagte ruhig: »Lieber Alter! Es ist ja gar nicht blind. Es ist mehr als sehend, niemand macht doch ein rundes Rad viereckig. So. Sela! Komm, Johanna! Mit der Kartoffelmaschine kann man nicht dreschen.« »Ja, freilich nicht, haha«, erwiderte der Greis höhnisch, »und ein Wagen ohne Langgurt fällt auseinander. Und dir fehlt die Langgurt, Sintlinger, die Lebenslanggurt, der Glaube!« Andreas achtete nicht auf die Worte des Alten; mit einem reißenden Ruck verließ er seinen Platz an der Nebenzimmertür und ging federnd durch die Stube, seine Sachen zusammenzusuchen. Er sah am Topfschrank nach, neben dem Uhrkasten, auf der Bank, unter der Bank, summte wie singend immerfort vor sich hin: »Wo? – Wo? – Wo?« pfiff manchmal leise auf, hustete lachend durch zusammengeschlagene Zähne kurze Stößlein, kriegte bebende Hände, schluckte an seinem Atem wie an brühheißer Suppe und konnte sich endlich nicht mehr halten. Er blieb mitten in der Stube stehen, warf jetzt an dem alten Klim einen Blick wie ein funkelndes Messer vorbei und fragte stechend: »Wie?« und fuhr dann mit loderndem Auge über sein Weib hin. Aber beide wagten keinen Laut mehr. Der Greis hatte mit einer Hand die Tischplatte ergriffen, mit der anderen umklammerte er die Dose und starrte ungläubig und etwas stumpf auf den Sintlinger. Johanna sah flehend auf ihn. Der junge Bauer war jagend einen steilen Berg hinaufgeprescht. »Wie?« fragte er den Greis abermals ins Gesicht und brach dann in Gelächter aus, das dauerte, bis er aschfahl im Gesicht war und das Glänzen von Tränen in den Augen hatte. »Du denkst, alter Mann, ich Hab' eine Narrentrommel als Schädel. Sonst würdest du nicht wagen, mit mir wie mit einem Kinde zu sprechen«, sagte er dann dumpf. »Ich habe meine Pflicht als Christ«, antwortete der Alte kalt, »dem Irrenden recht zu raten.« Wieder brach der Sintlinger in schallendes Gelächter aus. Darauf war es totenstill in der Stube. »Ich habe meinen Christenglauben, meinen kostbaren Christenglauben ...« stotterte der Greis. Da schlug die Uhr. Der Sintlinger sprang hinzu, hielt den Perpendikel an und faßte die Gewichte, als sei er im Begriff, die Uhr herunterzureißen und im großen Bogen fortzuschleudern. »Um Gottes willen, was ist denn plötzlich in dich gefahren, Andreas?« schrie sein Weib auf. »Laß gut sein«, sagte er, sie beruhigend, und sah unverwandt, die Lippen aufeinandergeschraubt, mit fressenden Augen den Greis an. Endlich sprach er unnatürlich leise nach dem alten Klim hin: »Du, mit deinem Christenglauben, du, du: wenn ich einen Stein hebe und aus der Hand lasse, fällt er 'runter ... nicht ...?« Der Greis neigte den Kopf und schwieg. »Ja, und wenn der Regen aus der Wolke tritt, muß er zur Erde fallen. – Was? – Oder könnte etwa die Wolke am Himmel stehenbleiben, wenn der Wind geht? – Oder der Stein von selber wieder in die Luft fliegen und das Wasser bergauf laufen?« Er ließ die Uhrgewichtsketten los und näherte sich dem alten Klim einen Schritt. »He, du, wenn das sein könnte, wenn das ein einziges Mal bloß sein könnte, da dürften wir auf einmal nicht mehr sicher auf Tag und Nacht rechnen und auf Sommer und Winter, und die Sterne am Himmel wären unsicher wie die Ziegel auf dem Dache.« Der Atem ging wie ein Sturm durch den Sintlinger, und da er jetzt schwieg und den Kopf tief auf die Brust senkte, wurde der wie von reißendem Wogengange auf und nieder gehoben. Johanna stürzte der Gedanke, ihren Mann habe der Wahn gepackt, betäubend wie ein Schlag in den Kopf. Sie erhob sich taumelnd, um zu ihm zu eilen. »Bleib du, liebes Weib, sitzen«, begann er aufs neue in eiserner Ruhe. »Es geht weder um meinen noch um deinen Kragen. – Aber dem Irrenden muß recht geraten werden. Nicht, Klim-Vater? War es nicht so? – Nun, und meinst du etwa, es hätte jemand in oder außer der Welt die Gewalt, den losgelassenen Stein nicht fallen und die Wolken nicht fliegen zu lassen, wenn der Wind geht? – Ein einziger?« Da schnellte der Greis empor wie ein dürrer Baum, den ein Erdstoß heraufgeschleudert. »Sintlinger«, schrie er beschwörend, »... du ...! Denke, was du sprichst! Es ist ein Gott im Himmel!« Doch nun kam ein strahlendes Lächeln in das Gesicht Andreas'. »Jawohl«, setzte er scharf ein, »auch Gott nicht. Nicht ein Stäubchen kann er daran ändern! – Nichts! – Haha. – Oder wenn er's täte, wäre er wie ein Mensch, der sich selber das Leben nimmt. Das seht ihr alle nicht ein, du nicht, der Pfarrer nicht und der Münstersche Doktor erst recht nicht. – Johanna, wenn uns das Schicksal in unserer Helene einen Engel geschickt hat, wird es nicht wieder einen Menschen daraus machen mit Augen, wie wir haben. Ist gar nicht möglich. Oder erst müssen die Steine von selber in die Luft fliegen, und der Herrgott muß sich aus dem Staube machen.« Johanna sank betäubt zu Boden. Der Greis griff auf dem Tisch umher, seine Lippen flogen, aber sie erhaschten kein Wort. Der Sintlinger setzte die Uhr wieder in Gang und sagte: »So, und nun kann die Uhr wieder gehen. Denn jetzt ist richtige Zeit.« Dann beugte er sich zu seinem Weibe, nahm ihren Kopf in beide flachen Hände, hob ihn zu sich herauf und fragte gütig: »Du, Hannlein, magst du mich so noch? Liebes Weib, du?« »Stoß ihn von dir!« schrie plötzlich der Greis angstvoll. »Sag'?« flüsterte der Sintlinger. »Es ist ein Teufel, Johanna! Bleib bei mir!« rief der Alte beschwörend. »Willst du bei ihm oder bei mir sein? Tu, was du mußt. Ich rechne es dir nicht als Schande«, redete der junge Bauer in stiller Güte weiter. Da schloß das arme Weib ihre verzweifelten Augen und umschlang seinen Hals. So hob sie der Sintlinger auf, führte sie die Stube hin und half ihr in die Sachen. Dann trat er an den Alten, der kalkweiß und regungslos immer noch auf derselben Stelle stand. »Warum hast du mich nicht gehen lassen, Vater?« sprach er ruhig. »Ich habe dich gebeten. Also, adje!« Damit streckte er ihm die Hand hin. Klim führte einen kraftlosen Stoß nach ihm und sank fallend, mit abgewandtem Gesicht, in den Lehnstuhl. »So gib wenigstens deiner Tochter die Hand«, sagte Andreas. Doch der Greis blieb abgekehrt sitzen und sagte mit vor Haß erstickter Stimme: »'raus! Alle 'raus!« Und als sich hinter den beiden die Tür geschlossen hatte, drehte er zäh den Kopf, sah lange mit weit aufgerissenen Augen verständnislos ins Leere und murmelte wie im Traume: »Du Aas ... Du Aas ... Gott verzeih mir meine Sünde.« Dann sank er auf den Tisch und begann zu schluchzen.   5 In der Nacht nach dem Weggange der Sintlingerschen Familie hörte die alte Beschließerin den greisen Bauer weinen, nicht rasselnd, wie sich der Schmerz mühsam aus bejahrten Seelen losringt, sondern hoch, hilflos, fast singend, wie einsame Kinder weinen. Die Frau, ein erprobtes altes Hausmöbel noch aus Klims kurzer Ehezeit her, hatte der schnelleren Hilfe halber ihr Bett in der dem Schlafzimmer des Witwers benachbarten Kammer aufgestellt, deren Tür nur angelehnt war. Wie die Alte das machtlose Weinen erlauschte, meinte sie anfangs, der Nachtwind streiche seufzend durch den Schornstein. Da es sich aber wiederholte, ging sie mit einem Licht und erhellte das Gesicht ihres Herrn. Aber er schlief fest. Er lag milde und blaß in den Kissen und sah aus wie im Wachen. Der quälerische Traum mußte ihn beim Herannahen der Kerzenhelle verlassen haben. Nur ein Zug tiefen, fast verzweiflungsvollen Kummers war zurückgeblieben, und ohne Erschütterung liefen aus den äußeren Augenwinkeln Tränen über seine gefurchten Wangen, nicht in Tropfen, in ununterbrochenen lautlosen Bächen. Sie tupfte ihm vorsichtig das Gesicht rein und duckte sich wieder ins Bett. Aber noch stundenlang lag die treue Seele zwischen halbem Schlaf und halbem Lauschen und litt an jener seltsam beklemmenden Stille, die das Horchen eines Menschen in der Finsternis der Nacht selber erzeugt. Nur konnte sie sich des traumhaften Zweifels nicht erwehren, ob nicht doch der alte Klim unter der Maske des Schlafes sich in diesem bedrückenden Wachen sehnend erschöpfte, und ihr war, als sehe sie ihn aufgereckt im Bett sitzen, die welken Hände verschlungen und die Augen wie saugend auf die Tür geheftet. Aber endlich sank ihr die graue Haube des Schlafes über den Kopf. Sie hörte noch undeutlich, wie durch eine dicke Mauer hindurch, den alten Bauer rufen: »Hanna, komm 'rein. Komm du ruhig 'rein. Dich Hab' ich nicht gemeint, Hanna, du!« Dann ging alles in dem geisterhaft leisen Sausen unter, mit dem die Träume in unsere Seele einziehen. Als sie die Augen aufschlug, platzten die Hahnenschreie schon laut in die helle Frühe. Überall spielte das Sensenwetzen in der Luft. Hatte sie jemand gerufen? Doch jetzt, da sie in Schlaftrunkenheit die Kleider untereinander warf, erkannte sie, daß sie sich selbst, vom Innern her, mit diesem Rufen wachgerüttelt hatte. Vom Schlafzimmer des Bauern war kein Laut zu vernehmen. Notdürftig angezogen, auf den Zehen trat sie hinein. Das Bett war leer. Die Tür in die Wohnstube stand ritzweit auf. Ebenso leise ging sie weiter. Hier traf sie den alten Klim schon in seinem Sonntagsstaat, fix und fertig angezogen, von den gewichsten Langschäftern bis zur sorgfältig gebundenen schwarzen Seidenhalsbinde. Er saß aufrecht am Tisch, wie Reisende, die im Wartesaal eines Bahnhofes schon stundenlang auf den Abfahrtsruf lauern. Die Mütze neben sich, den einen Ann auf die Tischplatte gestützt, den Stock in der Rechten, saß er. Sein zerfurchtes Gesicht war fahl und unverrückt, wie suchend, gegen die Diele gerichtet. Er hatte das Hereintreten seiner Wirtschafterin offenbar nicht gehört, denn er rührte sich nicht in seiner Haltung und schien aufzupassen, ob nicht etwas aus dem Boden springen wollte. Die alte Frau war von dem ungewohnten Anblick so betroffen, daß sie nicht wagte, ihren Herrn anzurufen. Plötzlich schüttelte der Greis ungläubig den Kopf und sagte leise vor sich hin: »Trine ... Trine ... Wagner Trine ... steh auf ...!« Es waren dieselben Worte, die die Wirtschafterin im Schlaf vernommen und dann für einen Weckruf ihres eigenen Willens gehalten hatte. »Hier bin ich ja schon, Klim-Vater!« antwortete die alte Frau zaghaft, denn sie fürchtete aus einem Grunde, den sie nicht ermaß, der Greis werde bei ihren Worten zusammenbrechen oder so zu weinen anfangen, wie er es in der Nacht getan hatte. Aber Klim veränderte seine Haltung nicht, sondern hob nur den Kopf und sah an Trine vorbei. Seine Augen standen still und hatten einen Blick, als habe jemand aus großer Ferne zu ihm gesprochen. »Warum läßt du mich so lange rufen?« sagte er dann abgeschlagen und monoton. »Geh und ruf den Bauer. Ich muß in die Stadt fahren, und das gleich.« Darauf ließ er wieder den Kopf sinken. Trine bestürmte ihn mit Fragen, was es gäbe, ob er sich krank fühle, und ob es nicht besser wäre, sich auszuziehen, ins Bett zu kriechen und ein Schweißmittel zu nehmen. Der greise Bauer achtete auf keines ihrer Worte und sah fortwährend zu Boden. Als sie zu reden aufgehört hatte, schaute er sie lächelnd an und sagte sanft und bittend: »Es hat nichts, Liebe. Geh und tu, was ich dir gesagt habe.« Er lehnte das Frühstück ab, saß aufrecht wie im Aufspringen da und trieb mit leisen Worten zur Eile an. In einer halben Stunde brauste der Bauer mit dem Wagen vor die Tür, und Klim schritt entschlossen durch die Tür. In den Polstern des Wagens faßte er krampfhaft den Griff seines Stockes mit beiden Händen und schloß die Augen. Die Pferde zogen an und stoben davon. Das Rollen der Räder polterte und rasselte um ihn. Der alte Bauer lag in der Ecke des Wagens immerfort mit eingesunkenen Augen. Als der alte Klim die Augen aufschlug, war die Stadt vor ihm. Sie lag im Lichte des Morgens bunt und strahlend im Grün. Aber des Greises verdüsterte Augen sahen sie wie ein graues Phantom, das in einem unhörbaren Winde schwankte. Die Hufe der Pferde klangen nun hell auf dem Pflaster. Der Wagen hielt vor dem Einkehrhause. Der alte Bauer war wieder in sein dumpfes Selbstgespräch verfallen. Immerfort die Lippen bewegend, als würden sie vom Fieber durchbrodelt, bemühte er sich, vom Wagen zu kommen. Er merkte es nicht, daß der junge Bauer ihm half und auf ihn einredete, wohin er wolle, wie lange sein Geschäft dauern würde, und ob er nicht mit ihm gehen solle. Klim schüttelte den Kopf, bemühte sich zu lächeln und redete in sich hinein: »Das blinde Kind... das blinde Kind...« So ging er mit fallenden Schritten die Straße hinunter und taumelte manchmal wie ein halb Trunkener. Als der junge Bauer das sah, warf er dem Hausknecht die Leine zu und folgte dem Greise in einiger Entfernung, um bei der Hand zu sein, wenn ihm etwas zustieße. Aber je tiefer Klim in die Stadt kam, desto sicherer wurde sein Gang. Auf dem mit Linden besetzten kleinen Marktplatz ruckte er sich plötzlich in die Höhe und trat, steif auseinander geschraubt, mit starren Schritten in das Haus eines bekannten Notars. Jetzt wußte der junge Bauer, der Klang welcher Glocken den alten Klim so ins Unkenntliche verwandelt hatte. Der Sicherheit halber las er nochmals das Schild neben der Haustür: Doktor Mende, Rechtsanwalt und Notar. »Na ja«, sann er vor sich hin, »den einen kehrt der Schmerz dem Totengräber vor die Füße, den andern das Glück. Ja, und gestern waren sie noch alle froh wie Kirmesgäste. Aber den reifen Apfel darf nur ein Kind anrühren, so fällt er.« Bedrückt kehrte er dann ins Gasthaus zurück. Der Greis saß indessen in dem Zimmer des Notars, das, nur von einem Fenster erhellt, zur Hälfte im Dunkeln lag. Wie gestern nach dem Aufwachen im Lehnstuhl, hatte er die Empfindung, hoch über der Erde durch Gewölk zu schweben. Der hochbejahrte Rechtsanwalt, der ihm sein Leben lang die wenigen Rechtshändel, in die er ohne Zutun verwickelt worden war, geschlichtet hatte, saß auf dem halb herumgewendeten Schreibstuhl vor ihm und gespäßelte, wie es seine Art war, ohne Aufhören mit zermergelter Stimme auf ihn ein. Klim sah ihn tief unter sich sitzen, und es klang, als rede er von der Straße herauf. Mit Kopfnicken und -schütteln und manchem vieldeutigen Flickwort half sich der Bauer in seiner unbehaglichen Situation, damit der andere nicht merke, wie es um ihn stehe. Vor dem einen war ihm nur bange: daß Mende jetzt zu reden aufhören und nach seinem Begehr fragen könne. Der Schweiß trat dem Greise auf die Stirn. Da auf einmal senkte sich alles. Die Stubenwände rückten aus den grauen Wogen auf ihn zu. Alles wurde zum Schneiden deutlich um ihn. Das Brausen in seinem Kopfe hörte auch auf, und es war kalt, klar und still in ihm wie an einem Hartwintermorgen. Mit fester Stimme schnitt er den Redestrom des Unermüdlichen mitten durch und verlangte die Aushändigung des niedergelegten Testamentes. »Ein Kodizill, hmhm, Alterchen, ein Kodizill«, spottete lächelnd der Notar, »kann mir's denken, freilich. Die Henne läßt das Scharren nicht. Und nun soll das Häufchen auch noch untergebracht werden. Mir ist das ganz gleich. Aber Sie sollten die letzten Jahre wenigstens auch einmal an sich denken, nicht immer an andere.« Unter diesen Worten war Mende aufgestanden, hatte den Schreibtisch aufgeschlossen und kramte darin herum. Der Bauer saß steif und dachte: »Jetzt verscharr' ich das Glück meiner Tochter. Nun muß alles bergunter gehen, es ist kein Halten mehr.« Mit übermenschlicher Anstrengung hielt er sich aufrecht, doch kaum fühlte er das Dokument in den Händen, als ein Zittern an seinem Körper zu rütteln begann. Alles in der Stube hüpfte. Nur eine Stelle an der Wand, ihm schräg gegenüber, von der Größe eines Schrankes, war still, er konnte genau die kleinen schwarzgrauen Rauten auf dem grünen Untergrund der Tapete unterscheiden. »Ich will nur einen Augenblick an jene Stelle der Wand treten«, sann er bei sich, »dann werd' ich das Testament zerreißen.« Er erhob sich mühsam vom Stuhle und lächelte Herrn Mende verschmitzt an. Das heißt, er glaubte es zu tun. In Wahrheit war sein Gesicht schmerzvoll verzerrt. »Was machen Sie denn?« fragte der Notar erschreckt. »Die Beine sind mir eingeschlafen«, antwortete Klim unter großer Anstrengung. Er hatte nur noch zwei Schritte bis zur Wand. – Allein plötzlich sah er die Mauer mit einem Knirschen von oben bis unten auseinander reißen, das ihm wie ein Messerschnitt schmerzend durch seinen Körper ging. – Er taumelte und sank mit einem Aufschrei zu Boden. Seine Augen standen weit auf. Die Lippen bewegten sich fortwährend lautlos, als bete er, und sein welkes Gesicht lächelte verzweifelt. So kam er in sein Haus zurück und wurde ins Bett gebracht. Seine Wirtschafterin wollte sogleich nach Hemsterhus auf den Sintlingerhof schicken, aber er verbat es sich, weil es nur ein Übergang sei. Zwei Tage und zwei Nächte lag dann der Bauer und schaute unausgesetzt nach der Tür, als ob er jemand erwarte. Kein Mensch erfuhr, wen seine Augen herbeiwünschten. Am dritten Morgen war etwas in ihm überwunden. Er wurde aufgeräumt, setzte sich im Bett auf und verlangte zu essen. Im halben Nachmittage ließ er sich ankleiden und ging am Arm der Wirtin hinaus auf das Bänklein vor dem Hause. Dort saß er, die Hände im Schoß gefaltet, in der Sonne und sah hinüber auf die Wiese, von wo der Sintlinger einst sein einziges Kind fortgelockt hatte. Der Greis ließ die Augen einsinken und gab sich dem lautlosen, strahlenden Auseinanderfluten hin, das die ganze Welt erfüllte. Als er sie wieder hob, sah er nicht allzuweit durch eine Ährengasse rüstigen Schrittes eine Bäuerin den Hügel herunter auf ihn zukommen. Sie hatte den Rock geschürzt, das rote Tuch tief in die Stirn gezogen und trug eine blanke Sichel in der Rechten. Im Gehen streifte ihre Linke durch die Ähren. Nun war sie in der Wiese. Plötzlich blieb sie stehen, sah lange zu ihm herüber, nickte ihm freundlich zu, beugte sich und brach eine weiße Blume. Mit der kam sie über die Straße, geradeswegs auf ihn zu. Er sah sie doch immer genauer, das rote Tuch, den geschürzten Rock, die Sichel, und konnte sich nicht mehr täuschen, daß es die junge Frau des Bauern war, dem er sein Gut verkauft hatte. Aber er brachte es vor einem seligen Grauen nicht über sich, gerade in ihr beschattetes Gesicht zu sehen, denn es war ihm, wenn er das täte, dann sehe er das Antlitz seines längst verstorbenen Weibes. Sein Herz begann zu flattern, und er senkte in verschämter Freude sein Gesicht. Jetzt hörte er ihren Rock neben sich rauschen. Nun stand sie bei ihm, und er fühlte, wie sie ihm den kühlen Stengel einer Blume zwischen die Finger schob. Da brauste es um ihn, und dem Greis vergingen die Sinne. Als die Wirtin nach ihrem Herrn sehen wollte, saß er entseelt auf dem Bänklein. Ein seliges Lächeln lag auf dem Gesicht des Toten, und die Finger seiner Rechten waren noch immer gestellt, als hielten sie eine Blume. Achtes Kapitel Johanna war in den vier Tagen, die zwischen der Brederoder Unterredung und dem Ableben des alten Klim lagen, zwar nicht zu einer Klärung ihrer schwer umdrängten Seele gekommen, hatte sich aber an der unzerbrechlichen Ruhe ihres Mannes bis an die Höhe ihres alten Vertrauens herangeschoben und hielt ihren sehnlichsten Wunsch für erfüllbar, daß die Zeit nicht nur die wilden Gespenster aus dem Kopf ihres Mannes vertreiben, sondern auch die Kluft überbrücken werde, die sich zwischen ihrem Vater und allen aufgetan hatte, welche auf dem Sintlingerhofe lebten. Vor allem beruhigte sie der geheime Vorsatz, bei dem ersten freundlichen Anzeichen, das aus dem Brederoder Auszugshause gegen ihren Hügel herüberschimmern würde, sich aufzumachen und mit Liebe jene Aussöhnung herbeizuführen, die der Hartnäckigkeit der Männer nicht gelungen war. Am Abend des Tages, der dem alten Klim den Atem für immer lächelnd aus der Brust gelockt hatte, lehnten die beiden am Zaun des kleinen Blumengartens hinter der Scheuer und sahen durch das glasige Verfinstern die endlose Reihe der Getreidepuppen wie eine Prozession Vermummter über die Hügel schwanken. Da stand unvermutet Trine, die alte Wirtschafterin, wie lautlos von dem Dunkel hergetragen, neben den beiden. Das Kopftuch war ihr in den Nacken gefallen, die schweißverklebten Haare hingen über die Stirn. Sie rang nach Worten, brachte es aber zu nichts als zu einem Strom von Tränen und hob endlich ihre gerungenen Hände zur Höhe. »Komm herein, Trine«, sagte der Sintlinger, nahm sie am Ärmel und führte die Alte, die leise zu schluchzen fortfuhr, über den verdunkelten Hof in die große Gesindestube. Sie war leer, denn die ermüdeten Dienstleute hatten schon die Kammern aufgesucht oder saßen auf der Bank unter den Torlinden. Der Bauer setzte die Greisin hinter den Tisch, und während er die kleine Schirmlampe anzündete, kam auch Johanna herein. Weiß wie Papier, steif, lautlos ging sie über die Diele, nahm neben Trine Platz und sah unverwandt auf ihre Hände, die gefaltet auf dem Schoß lagen. Andreas schloß die Tür zum Schlafzimmer, wo Helene in ihrem Bettchen ruhte, und sagte dann: »Na, Trine, jetzt erzähl', wie's gekommen ist.« Er stellte sich den beiden Frauen gegenüber an die andere Seite des Tisches, stützte die Hand mit eingeknickten Fingern auf die Platte und sah aufmerksam die greise Wirtschafterin an. Die taumelte erst mit halben Worten durch eine Reihe unzusammenhängender Ausrufe und Beteuerungen, und als sie auf diese Weise die Last ihres Schmerzes etwas erleichtert hatte, gelang es ihr nach und nach, sich in der Erinnerung zurechtzufinden, und sie erzählte umständlich, sogar bis auf jeden Blick und halben Seufzer, genau die Not, von der der Greis durch seine letzten Tage gehetzt worden war. Johanna bewegte keine Fiber und tat scheinbar keinen Atemzug. Nur bei der Erzählung von der stummen Sehnsucht, mit der ihr Vater immerfort wartend auf die Tür geschaut hatte, entfuhr ihr ein fast tierischer Laut von Weh. Dann saß sie wieder regungslos, ohne jede Träne. Sie sank nur mehr und mehr in sich zusammen und rutschte endlich lautlos unter den Tisch, als sie die Beschreibung des Glanzes hörte, mit dem ihr Vater aus dem Leben geblendet worden war. Den Bemühungen der beiden gelang es, sie der Ohnmacht zu entreißen, und als sie die Augen aufschlug, traten ihr die ersten Tränen hervor. Sie flossen still, ohne Schluchzen über ihre blassen Wangen und an dem geschlossenen, verfärbten Mund vorbei. So sah Johanna ihren Mann mit Blicken an, die fast wie verzehrend sich in sein Tiefstes hineingruben, bis der verzweifelte Schmerz ihres Gesichtes in ein solches Grauen verwandelt wurde, daß sie den Anblick ihres Mannes nicht mehr aushielt. Sie schloß die Augen und kehrte sich auf der Bank, wohin man sie gelegt hatte, gegen die Wand. So verharrte sie lange mit Atemzügen, die klangen, als würde ihr Leib aus allen Fugen gerissen. Endlich wandte sie sich wieder herum. »Du kannst heute nicht hier bleiben«, sagte der Sintlinger. Sie schüttelte den Kopf. Dann wartete der Bauer ernst auf Antwort. Aber sie sah an ihm vorbei zur Decke und schwieg. »Hm, hm«, sprach er nach einigem Sinnen. »Du mußt zur Totenwache hinüber, ich weiß ... ich weiß alles.« Und ohne auf eine Erwiderung zu warten, ging er und schirrte die Pferde an, und der alte Knecht kutschierte die Frauen den Hügel hinunter durch die schummerig schwere Sommernacht nach Brederode hinüber. * Drei Tage und zwei Nächte blieb Johanna bei ihrem toten Vater und rang mit sich. Manchmal überfiel es sie, Andreas hat meinen Vater ins Grab gestoßen. Dann fühlte sie das Grauen wie ein Frosthäutchen über ihre Augen laufen, und ihr Blick wurde aus dem Kopf herausgedreht. Ihre Füße ergriffen die Flucht, und sie fand sich, aus einem Kreisen aufwachend, tief in den Haseln des Abhangs oder an einem Baum im Felde. Manchmal auch hatte sie die Empfindung, nicht selbst zu reden, zu sehen, zu denken, zu gehen und zu ruhen. Es war ihr, als bediene sich eine Gewalt, deren Wesen und Absicht nicht zu erforschen war, ihres Willens und Lebens. Denn die Unterredung zwischen ihrem Vater und Andreas, die sie und ihn hatte von den Schatten befreien sollen, war zu einem Weg geworden, der sie nur tiefer in Finsternisse geführt hatte. Aus diesen Verfinsterungen eilte sie an die Bahre des Toten, sank unter stillem Weinen in die Knie und fragte den Gestorbenen, ob sie oder Andreas ihn aus der Welt gestoßen habe, ob er ihr zürne. Sie könne doch nicht dafür, und er möge ihr doch wenigstens aus der Ewigkeit helfen, daß sie nicht verzagen müsse. Aber wenn sie sich von solch leidenschaftlichen Klagen erhob und dem Toten ins Gesicht sah, überkam sie Scham, daß sie seine Ruhe gestört hatte. Denn die Schönheit, in die sich der Greis hinübergeträumt hatte, blühte noch auf seinem Antlitz, und er lag nicht da wie ein Gestorbener, sondern wie einer, der sich auf das Ruhebett gestreckt hat, um bei geschlossenen Augen den tiefen Sinn einer wundersamen Geschichte nachzugenießen, die eben vor seinen Ohren verklungen ist. So beruhigte sich das peinvolle Flackern ihres Gemütes immer von neuem. Aber wenn sie im Begriff war, ihre Füße auf den Weg nach dem Heiligenhof zu stellen, wurde sie von innen her in Verzagen und heimliches Grauen zurückgewendet. Als am Abend des dritten Tages der Sintlinger in Brederode erschien, weil am nächsten Morgen die Beerdigung stattfinden sollte, traf er sein Weib entgegen einer geheimen Befürchtung zwar nicht mehr von so schweren Schatten umschanzt, wie sie ihn verlassen hatte, allein ihr Blick trieb sich noch immer verstört in den Augen umher, sie sah ihn furchtsam von der Seite an, und während die beiden das tagelange Fortbleiben Johannas wie etwas ganz Selbstverständliches behandelten und über den Stand der Hauswirtschaft, das Ergehen Helenens und den Fortgang der Ernte redeten, fühlte er, wie sie den Klang seiner Stimme schmerzvoll lange in ihrem Ohre wog, auf sein Ausschreiten achtete und fast vorwurfsvoll die Ruhe prüfte, mit der er unter den Bäumen neben ihr der Schwelle des Trauerhauses zuschritt. So traten sie miteinander in die nur von einem Nachtlicht erhellte Stube, wo der alte Klim aufgebahrt lag. Johanna begann sogleich leise zu weinen, bewegte die Lippen und besprengte den Toten mit Weihwasser. Plötzlich fragte sie mit verschleierter Stimme: »Wo wird mein Vater jetzt sein?« und wendete ihr blasses, bebendes Gesicht zu ihm auf. Sie sah, wie ihr Mann die Lippen rührte, aber er antwortete nicht, sondern schaute sie nur in tiefen Gedanken an und legte zum Abschied die Hand auf die kalte Stirn des Gestorbenen. Dabei sagte er die unbegreiflichen Worte: »Das Meer hat sich zurückgezogen.« Dann stiegen sie schweigend ihrem Hofe zu. Vielleicht dachte der Sintlinger bei sich: Sie ist wie ein Mensch, der, in einem weiten Walde plötzlich von der Furcht überfallen, nach allen Richtungen rennt. Wenn ich nun zu rufen anfange, um sie auf meinen rechten Weg zu leiten, wer weiß, verkehrt ihre Angst den Klang meiner Stimme so, daß sie darin nur eine neue Gefahr wittert, und anstatt sich zu mir zu finden, nur noch tiefer in die Irre läuft. So oder ähnlich muß sich doch der Sintlinger gefaßt haben. Denn weder an diesem Abend rührte er mit einem erhellenden Wort an ihre Seele, noch kam er ihr am folgenden Morgen anders zu Hilfe als nur durch die Tatsache seiner unzerbrechlichen Sicherheit. Fest und frei, ernst, aber ganz unbewölkt stand er neben ihr vor dem offenen Grabe, dem Hemsterhuser Pfarrer gegenüber, der mit orgelnder Stimme die Responsorien betete. Die weinerliche Glocke der kleinen Brederoder Filialkirche ließ unausgesetzt ihr Geläut in die graue Luft irren, und die Hügel zogen rundum erschöpft in trostlosen Weiten. Johanna hatte die Hände unter der Brust gefaltet und hob den Blick nicht von dem Erdwall, der um das Grab herum aufgehäuft war. Es sah aus, als bemühe sie sich, mit den Augen den Sinn ihres Schicksals aus dem Boden zu wühlen. In dieser Stellung verharrte sie auch während der Leichenrede des Pfarrers, der damit begann, von der Fülle des hohen Sommers, von der Trauer des Himmels und dem jähen Aufschrecken der Sonne aus dem Gewölk zu sprechen. Dann redete er von der reifen Frucht eines Menschenlebens, das der Tod hier ruhig eingeerntet habe. Deswegen zieme es allen, die noch von dem festen Glauben an den Lohn durch die jenseitigen Ewigkeitsfreuden erfüllt seien, voll von, wenn auch schmerzlicher, Freude zu sein. Denn wenn es für unser schwaches Begreifen hier auf Erden eine Sicherheit gäbe, so sei es die, daß dem Verstorbenen, der ihm selbst ein Freund, ja fast ein väterlicher Bruder gewesen, die Pforte der Seligkeit sich willig und weit erschlossen habe. Die rot behaarten, großen Hände des Geistlichen zitterten, sooft er sie segnend erhob oder ausstreckte, und mehreremal stockte seine Stimme sogar vor Rührung. Da und dort wimmerte es leise aus dem Grabgeleit. Die Männer machten finstere Gesichter, weil sie nicht weinen wollten. Johanna stand tief gebückt, und ihre Tränen flossen lautlos. Unauffällig streifte sie den Sintlinger mit einem Blick, um sich zu überzeugen, ob auch ihn die Trauer ergriffen habe. Allein er hatte noch mit keiner Gebärde seine aufrechte Haltung versehrt. Wenn auch blassen Gesichtes, sah er geraden Auges wie in große Fernen. Mit heimlichem Erschauern kehrte sie wieder in ihren Schmerz zurück. Ja, aus ihrer Haltung sprach sogar etwas wie Hoffnungslosigkeit. Der Pfarrer hatte eine Pause eintreten lassen und schickte, die Fortsetzung überdenkend, seine Blicke rundum. Es ist wahrscheinlich, daß ihn der Sintlinger, der steif und ungerührt dastand, kränkte, vielleicht wurde er auch nur von der Eitelkeit so vieler Grabredner erfaßt, die den Wert ihrer oratorischen Leistungen nur in der Wildheit der Trauer suchen, die sie entfesseln. Unvermittelt begann er über das Los jener Beklagenswerten zu sprechen, die in der Verblendung des Stolzes die Schicksale des Lebens nicht auf sich nehmen, sondern, um der Reue über ihre Sünden zu entgehen, an dem Wesen Gottes sich vergreifen, mit aberwitzigen Gedanken und allerhand frechen Deutungen der ewigen Fügung. Aber damit begnügte er sich nicht. Einmal in Schwung geraten, trieb es ihn immer tiefer in das düstere Kreisen, und er schilderte mit allen Farben fanatischer, ausschweifender Phantasie das Ende der Gottlosen. Der Sintlinger aber schnitt plötzlich mit einem Hustenstoß, der wie Hohngelächter klang, diesen heidnischen Tumult mitten durch, so daß der Pfarrer verstummte, als sei ihm ein Stein in den Mund geflogen. Der Heiligenbauer achtete aber nicht auf die Wirkung seiner Entrüstung: er neigte sich zu seinem Weibe, flüsterte ihr gütig etwas ins Ohr und berührte beschwichtigend ihre Achsel mit der Hand, Johanna wandte ihm das zuckende, überströmte Gesicht zu und sah ihn betrübt an. Und in der Meinung, sein Weib sei deswegen von der Verzweiflung so überwältigt, weil sie glaubte, er setze sich aus Feindseligkeit über den Tod ihres Vaters hinweg, beugte er sich nieder, brach einige rote Blumen neben seinen Füßen und warf sie dem Toten statt der Erde auf den Sarg. Doch Johanna war so im Taumel ihres Schmerzes, daß sie diese Handlung ihres Mannes gar nicht zu bemerken schien; sie griff mit stumpfen Fingern in der frischen Erde herum und warf sie auf den Sarg. Dabei sagte sie fast laut und wie drohend: »Gott gebe dir die ewige Ruhe.« Als das Grabgeleit zu den beiden herzutrat, um mit den üblichen kurzen Worten ihnen das Beileid auszudrücken, war ihr Gemüt noch immer so verstört, daß sie offenbar nicht ganz begriff, was alle diese Leute damit bezweckten, ihre Hand zu ergreifen und auf sie einzureden. Sie sah auf die Menschen, die vor ihr standen, nicht anders als ein Läufer, der unvermutet vor einer Mauer steht; eine dumpfe Ratlosigkeit war in ihrem Blick. Der Sintlinger wußte überall die Prozedur abzukürzen, und so gelang es ihm immerhin ziemlich schnell, sich mit Johanna durch die Menge dem Ausgang zuzuwinden. Freilich mußte er seine Frau mehr tragen, denn kaum daß ihr ein neuer Zuspruch wie gewaltsam den Kopf gehoben hatte, sank ihr Gesicht wieder zur Erde, und es war, als hänge ihr Leben davon ab, etwas zwischen den Füßen der anderen zu finden. Schon standen sie nur etwa sechs Schritt von dem zerbröckelnden Torbogen entfernt, der sich über dem Kirchhofsausgang wölbte, und außer einigen Kleinbauern aus Hemsterhus war nur noch der Brindeisener und seine Familie zu überwinden. Sie lehnten ziemlich zusammengedrückt in dem Mauerwinkel hinter dem Tore, Anton Brindeisener, obwohl leicht gekrümmt, mit dem Kopf fast die Ziegel des Tordächleins berührend, mehr einer riesigen Pyramide ungefügiger Menschenknochen ähnlich, mit unerbittlich kalten Augen unter einer vorgebauten Kastenstirn, das Herannahen des Sintlingerschen Ehepaares belauernd, und, von der hohen Mauer seines Rückens fast verdeckt, sein Weib, mit ihrem großen, ebenen Gesicht und einer schmerzvollen Scheelsucht im Auge, daneben Amalie, ihre Tochter, jene, die am Hochzeitstage der Sintlingerschen im Todesringen gelegen hatte, noch immer blaß, mager, krank. Etwas wie glückliche Furcht strahlte immer leidenschaftlicher aus den großen, hektisch blanken Augen des Mädchens, da sie den Sintlinger seine vor Trauer wie schlafwandelnde Frau gegen den Ausgang auf sie zuführen sah. Ja, sie geriet förmlich in Verwirrung, lächelte und weinte in einem und begann schon nickend ihre Zustimmung zu bezeugen; als ihr Vater kaum begonnen hatte, mit dem unwirschen Baß den Bedauerungs- und Trostspruch herzusagen. Allein plötzlich geschah etwas Ungewöhnliches. Johanna fuhr aus der versunkenen Gebücktheit auf, sah entsetzt dem Brindeisener ins Gesicht, riß sich von ihrem Manne los und eilte die Stufen hinunter dem Wege zu. Andreas vermochte sie nicht zurückzurufen, entschuldigte ihr Betragen mit ihrer Aufregung und folgte ihr schnell. Neuntes Kapitel Johanna war tatsächlich unter die Räder von Geisterwagen geraten, vor denen sie der Sintlinger so früh gewarnt hatte. Sie besaß keine Gewalt mehr über ihre Gemütskräfte, die in heillose Unordnung geraten waren. Der Tod ihres Vaters hatte eine Kluft neben ihr aufgerissen, von der sie durch ihre Furcht überzeugt war, daß ihr und der Ihrigen Leben darin untergehen mußte. Gerüchte über ihre Enterbung zugunsten Helenens, die wahrscheinlich durch den Notar, wenn auch nur aus Schwatzhaftigkeit, in die Gegend gestreut worden waren und, mißverstanden und aufgebauscht, wochenlang von Haus zu Haus liefen, beluden ihr Herz aufs neue mit der marternden Gewißheit, daß ihr Vater, wenn nicht mit abgeneigter Seele, so doch ohne jedes Vertrauen auf einen guten Ausgang ihres Lebens in den Tod abgeschieden war. Und als nach Ablauf von drei Wochen die Testamentseröffnung alle Gerüchte Lügen strafte, kam sie von ihrer Angst doch nicht los. Sie ließ wohl den größten Teil vom Hausrate ihres Vaters auf den Heiligenhof führen und verteilte ihn auf die vielen Räume, wie um in alle Stuben, in jeden Winkel einen Hauch und Klang des Segens ihrer Jugend, von Vater und Mutter zu pflanzen und damit das Verderben zu vertreiben, das auf dem Hügel umging. Aus dem gleichen Grunde nahm sie die alte Wirtschafterin ihres Vaters auf den Hof und betraute sie mit der Wartung Helenens. Sie selbst aber lief fast jeden Morgen hinter dem Rücken ihres Mannes in der Frühe in die Hemsterhuser Kirche, drückte sich in den dunkelsten Winkel und sah während der ganzen Messe kaum einmal von dem Buche auf, aus dem sie wie als Kind wahllos alles, am liebsten aber jene Gebete bebend in sich hineinsog, in denen von der Niedrigkeit, Schlechtigkeit und Verderbnis der Menschennatur die Rede war. Und immer, wenn sie sich so ganz zerstört und niedergetreten hatte, fühlte sie das Drohen nicht mehr so finster über sich und dem Scheitel der Ihrigen. Einmal, beim Lesen eines »Gebets für unsere Feinde«, trat aus dem großen Taumel, mit dem ihr Inneres angefüllt war, die Erinnerung an die Art, wie sie am Begräbnis ihres Vaters sich von dem Brindeisener und seiner Familie losgerissen hatte und über die Friedhofsstufen hinabgeeilt war. Sie sah das kalte Gesicht des riesigen, alten Bauern, seine verschlossene Stirn, seine weißblauen, kühlen Augen plötzlich so grell vor sich, daß sie die Überzeugung gewann, durch ihr Betragen die Feindseligkeit der Bewohner des andern Fremdhofes aufs neue erregt zu haben, und wenn sie nichts zu ihrer Versöhnung tue, werde der oberflächlich verscharrte Haß auf dem Nachbarhügel wieder ausbrechen und die Gefahr vermehren, von der sie ihre Familie umlauert sah. Noch an demselben Tage, ehe der Sintlinger vom Felde heimgekehrt war, machte sie sich unter dem Schutze des Abends auf den Weg nach dem Brindeisenerhofe. Ein paar verlaufene Gänse gaben den Vorwand zu ihrem Besuch ab. Aber als sie der alten Bäuerin am Fenster gegenübersaß, ihre trockene wie brüchige Stimme hörte, ihre gütigen Scheelsuchtsaugen sah, brachte sie es nicht über sich, von ihrer Verfehlung auf dem Kirchhofe zu sprechen. Mit Gewalt zwang sie sich zur Freundlichkeit und behandelte die Nähe der Höfe wie eine Nähe der beiden Familien, gedachte jedes gleichzeitigen Heraustretens vor das Hoftor wie einer Begrüßung und redete von den gemeinsamen Arbeiten in der Wirtschaft wie von der Erledigung einträchtig beratener Pläne. Brindeisener trat auf Augenblicke zu den plaudernden Frauen, hörte ihnen mit halbzugekniffenen Augen wie in spöttischer Belustigung zu, der älteste Sohn ging schwer und lang ein paarmal durchs Zimmer, stand und horchte und machte sich beim Herumwenden Johannas eilig und betreten davon. Auf allen Stiegen polterten ungefügige Schritte, das ganze Gehöft war wie von dem dumpfen Getöse einer plumpen Maschine erfüllt; alles war freudlos und ernst. Nur der kleine Peter, jetzt schon ein siebenjähriger straffer und weißköpfiger Junge, jener, der am Tage der Geburt Helenens den hohen Notschrei Johannas mit angehört hatte, war der einzige Klang, das einzige Licht in diesem schweigsamen, düsteren Hofe. Die Sintlingerin hatte sich jetzt erhoben und ging langsam neben der alten Bäuerin der Tür zu. Da sprang er lachend über die Schwelle und zog hinter sich einen jungen Hund nach, der sich spielend in eine Schnur festgebissen hatte, die er knurrend hin und her schüttelte. Als er Johannas ansichtig wurde, verstummte er sofort und versteckte sich hinter den Rock seiner Mutter. Er war nicht zu einem Gruß zu bewegen, sondern bohrte beide Hände wie zum Schutz mit steifen Armen tief in seine Hosentaschen; aber während die Brindeisenerin sofort von seinem Lobe beglückt überzufließen begann, sah er ganz verwundert Johanna ins Gesicht, so wie Kinder Gestalten anstaunen, von denen sie im Märchen gehört haben. Unter der Haustür zupfte er die Brindeisenerin am Rock, zog sie zu sich herab und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Die Bäuerin hielt ihm den Mund zu, schob ihn ins Haus zurück und lächelte Johanna bedeutsam an. Beim Überschreiten des Hofes erzählte sie der Sintlingerin das Anliegen des Kleinen. Er hatte wissen wollen, ob Johanna jetzt nach Hause fliegen werde. Denn seit er an jenem Abend ihren gellen Ruf in der Luft gehört hatte, dessen Bedeutung er nicht begreifen konnte, hielt er die Sintlingerin für ein Wunderwesen, das, wie es ihr gerade in den Sinn komme, bald als Mensch auf der Erde gehen und bald als Vogel in der Luft fliegen könne. Kopfschüttelnd stieg Johanna über den Brindeisenerhügel hinab und dachte bei sich: O ja, das Kind hat schon recht, es nimmt einen wohl manchmal und führt einen durch die Luft, wohin man nicht will. Am Grenzwege unten fühlte sie plötzlich ein warmes Kinderhändchen in ihrer herabhängenden Rechten. Als sie, aus ihren Gedanken aufschreckend, neben sich hinsah, stand Peter bei ihr und schaute sie in sehnsuchtsvollem Glück an. Ehe sie aber etwas zu ihm sprechen konnte, stürmte er lachend zurück, bis er sich in Sicherheit gebracht hatte. Dann drehte er sich um und rief jubelnd so lange ihren Namen, bis sie unter dem Tore des Heiligenhofes verschwand. »Sintlingerin! Sint–liiing–er–rinn!« sang der kleine Brindeisener über das kleine Tälchen zwischen den beiden Fremdhöfen. Der Grenzweg floß wie ein lautloser, gelblicher Bach durch das Eindunkeln. Die Weiden standen wie gebückte Bürdenträger, die ein wenig ruhen, am Grabenrande. Die riesigen Torlinden des Sintlingerhofes glichen schon finsterem Gewölk. Dorthinein sah der kleine Peter Johanna verschwinden und dachte mit glücklichem Gruseln, jetzt sei sie wieder ein Vogel geworden und in die Himmelsluft geflogen. Da wurde sein Singen immer leiser, und zuletzt trug er es wie einen klingenden Schimmer nur noch in sich. Vor dem Einschlafen tappte er noch einmal wie trunken auf und griff sich zum Dachfenster, denn er schlief mit seiner Schwester in der Kammer. »Was machst du denn wieder für Dummheiten?« fragte sie und schlief sofort weiter. Peter aber öffnete das Fensterchen und guckte in den Himmel hinauf. Die Sterne irrten wie Glühwürmer in dichten Schwärmen durch die Höhe, und der weiße Ballon des Mondes schwankte leicht im Winde. »Sintlingerin«, sagte der Kleine in leiser Sehnsucht hinaus und sah den Namen als ein weißes Band aus seinem Munde in die Höhe rauchen, denn es war schon Herbst. Da hielt es Peter für gewiß, er habe der Bäuerin einen silbernen Faden in den Himmel geblasen, davon sie sich zu ihm finden konnte, wenn sie wollte, und beglückt fühlte er sich durch die Dunkelheit der Kammer am Lager seiner Schwester vorbei in sein Bett zurück. * Allein der Sintlingerin gereichte dieser Besuch auf dem Brindeisenerhofe nur zu neuem Schaden. Da sie nicht den Mut zum Bekenntnis ihrer Verfehlung auf dem Kirchhofe gefunden, aber doch auch die Bitte um Verzeihung nicht unterlassen hatte – ihre ganze freundliche, liebenswürdige Art mußte doch von den Brindeisenern als Werbung einer Schuldbewußten aufgefaßt werden –, so litt sie gleicherweise unter beiden, unter der mißglückten Unterlassung und der halben Ausführung. Sie konnte nur mit Beklemmung an den Brindeisenerhof mit seinen vielen dämmrigen Winkeln, unholden Ecken, drohenden Schattenstiegen und der grauen Wohnstube denken, als habe sie sich mit dem Besuch allein schon etwas angetan, was nicht wieder gutzumachen war, und ob sie auch den Vorsatz, nie wieder einen Fuß in den anderen Fremdhof zu setzen, in sich aufrichtete, es nutzte nichts. Sie hörte sich mit der Stimme des kleinen Peter immerfort hinübergelockt. Die klang so jubelnd, als sei es ausgeschlossen, daß sie dauernd zu widerstehen imstande sei. Der Gedanke an die schicksalsmächtige Verflechtung und die Sage von dem schreckhaften Ausgang der beiden Familien tat das seine, dieses ungewisse Blaken der Furcht so zu vertiefen, daß sie einmal bis hart an die Wirbelschwelle des Wahnes geführt wurde. An jenem Tage schritt sie durch den langen, Halbdunkeln Korridor des zweiten Stockwerks des Sintlingerschen Wohnhauses. Nur die beiden Stiegenmündungen, die eine vom Hausflur, die andere vom Boden aus, hauchten ein schwaches Licht in den breiten Gang. Die Türen zu den Stuben steckten rechts und links wie finstere Schränke in der Wand. Und da Johanna den Korridor hinuntersah, wie immer umnebelt von dem unausgesetzten Sieden ihrer Lebenssorge, bemerkte sie drei Türen von ihr entfernt nach der Treppe zum unteren Flur hin einen Schatten aus der Mauer treten. Er kam aus der Wand heraus, leicht und mühelos, wie ein Mensch durch die Tür sein Zimmer verläßt, und trug sich aufrecht, ohne Schritte, auf sie zu, gegen die Bodentreppe hin, doch so, als ob er an ihr vorüber wolle. Johanna dachte, es sei ihr eigener Schatten, obwohl sie nicht begreifen konnte, wie der in dem dunklen Flur überhaupt möglich sei, trat aber doch, da er unhörbar immer näher an sie heranglitt, hart an die Wand, ja, drückte sich nicht nur mit dem Rücken flach daran, sondern legte sogar die Hände an den kalten Putz und zog die Füße so zurück, daß sie zur Not auf den Zehen stand. Kaum hatte sie sich so gesichert, als das schwarze, hohe, lautlose Wandeln auch schon nahe bei ihr war. Entsetzt starrte Johanna auf die Halluzinationen ihres überreizten Gemütes und merkte nicht, daß der Sintlinger vor sich hinsinnend die Stiege vom Hausflur her heraufstieg. Als er auf dem Treppenabsatz, wo sich die Wendung der Stiege vollzog, angekommen war, erblickte er sein Weib wie an die Wand genagelt, blaß, regungslos. Sie starrte verzweifelt etwas an, was vor ihr stehen mußte. Mit zwei leisen Sätzen war er auf dem Gange. Keine Seele außer ihr befand sich oben, kein Verhuschen flüchtender Schritte, kein Knacken der Tür war zu hören. Da rief er ihren Namen, und plötzlich, wie ein Bild von der Wand fällt, löste sie sich von der Mauer, und wenn er nicht hinzugesprungen wäre, es hätte sie lang hin auf die Diele geschmettert. So konnte er sie noch in den Armen auffangen. Doch kaum begann er ihr über dies hartnäckige Schmerzversenken liebenswürdige Vorwürfe zu machen und sie gütig auszuschelten, da fing sie an zu röcheln und versuchte mit Gewalt, sich aus seinen Armen zu winden und ihm zu Füßen zu stürzen. Andreas raffte das arme Weib zusammen, drückte mit dem Ellbogen die nächste Tür auf und rettete sie so vor der Neugier des Gesindes. Vom unteren Flur flog schon eilig ein Weiberrock lauschend über die Treppe herauf. Der Sintlinger stieß die Tür schnell mit dem Fuß ins Schloß und legte Johanna auf das Sofa. Kaum aber hatte er sie losgelassen, sank sie vor ihm in die Knie und bat inständig unter Schluchzen: »Andreas, lieber Andreas, sei nicht böse, ich bitte dich, nimm mir's nicht übel ... Ich war auf dem Brindeisenerhofe.« Er hatte Mühe, sie zu beruhigen. Anfangs gebrauchte er Redewendungen, die zur Besänftigung Erregter gang und gäbe sind: vom Unrecht, eintönig im Schmerz zu wühlen, vom guten Willen als einzigem Retter und was sich in der Eile leicht darbot, und spürte doch, daß er mit diesen Worten nichts erreiche, obwohl ihre Brust leiser ging und ihre Tränen zu versiegen begannen. Die Hand vor das Gesicht gepreßt, gegen die Sofalehne gekehrt, hörte Johanna den Zuspruch des Sintlingers an, der halb auf dem Sitze Platz genommen hatte und ihre Linke streichelnd in den Händen hielt. Sie wühlte sich immer tiefer in den Sofawinkel, als suche sie Schutz vor seinen Worten. Endlich wandte sie sich um, sah ihn flehend an und sagte, das Haupt schüttelnd, nichts als dies: »Lieber Mann!« vorwurfsvoll, fast bitter, als wollte sie sagen: Ich bin dein Weib, und du redest wie zu einer Freundin. Der Sintlinger schwieg betroffen und sah sie forschend an. Johanna nahm seinen Blick in großen Augen auf und nickte ihm bestätigend zu. »Ich bin einsam«, sprach sie sehr leise, »ganz einsam, Andreas, und weiß mir keinen Rat mehr. Ich bringe meinen Vater nicht unter die Erde ... und Helene, unser Kind, nicht ins Leben hinein ... ich weiß nicht! Ich weiß nicht!! ... Und deine und meine Tür hält jemand von draußen zu, daß wir wie gefangen sind ...« Kopfschüttelnd brach sie ab, kehrte sich wieder gegen die Sofalehne und sprach unverständlich weiter. Der Sintlinger sah, daß er falsch gehandelt hatte, seine Frau der Kraft ihrer Natur zu überlassen. Er bat sie, alles, was sie bedrückte, doch laut zu sagen, damit er ihr wenigstens antworten könne. »Johanna, sieh, wenn du so liegst und leise redest, kann ich dir ja nicht helfen«, sprach er dringend. Da warf sie sich plötzlich wieder herum und fragte ihn fast schreiend: »Jawohl, und was sollte das heißen: das Meer hat sich zurückgezogen, was du zu dem Vater sprachst, als wir am Tage vor dem Begräbnis an seiner Bahre standen drüben in Brederode?« »Liebe, liebe Johanna«, sagte der Sintlinger nach einigem Sinnen. »Weißt du, das war nichts weiter. So, als wenn jemand etwa sagte: das ist ein guter Weg oder eine schöne Blume,« »Und wer hat dir die Ruhe gegeben! Du! Überall. Am Sarge, am Grabe, nachher, auf dem Wege, im Haufe, bei der Arbeit ... wer?« Der Sintlinger sah sein Weib überlegend an. »Und deine Ruhe lag in einer tieferen Grube als meine?« fuhr Johanna stoßend zu reden fort, als ihr Mann nicht gleich antwortete. »Warum meinst du das?« fragte Andreas leise. »Lieber Mann, ich mach dir keine Vorwürfe!« sprach Johanna, umschlang seinen Hals, zog ihn zu sich nieder und küßte ihn inbrünstig. Als sie ihn freigelassen hatte, strich er ihr das Haar aus dem Gesicht und sagte: »Weiblein, du bist ein Kind. Der Tod ist etwas, worüber die Menschen keine Gewalt haben. Der ist ganz im Dunkeln, ganz in der Welttiefe angebunden. Wenn es Zeit ist mit einem Menschen, löst er sich los, tritt ins Haus und kommt über ihn. Weißt du, Weib, das ist nicht so, man kann solches bloß nicht anders sprechen, man muß ein Maler sein, der ein Bild malt. – Ach, Johanna, Leben und Tod! Nein, nein. Sei ruhig, ich habe deinen Vater nicht getötet.« »Aber warum hast du gesagt: Das Meer hat sich zurückgezogen?« fragte die Bäuerin ratlos. Der Sintlinger überlegte eine Weile, und dann, sie ernst ansehend, fragte er entgegen: »Willst du stark sein und nicht erschrecken?« Johanna erblaßte noch mehr und nickte zustimmend. Die beiden befanden sich in derselben Stube, in der der Sintlinger die Nacht nach der Geburt Helenens zugebracht hatte. In dem einfensterigen Räume stand außer einem Bett, einem Schrank und einigen Rohrstühlen noch ein einfaches Stehpult, an dem der Bauer die wenigen Schreibarbeiten erledigte, die notwendig waren. Während er sich diesem primitiven Möbel näherte, es aufschloß und darin suchte, sagte er zu seinem Weibe erklärend: »Denk' ja nicht, daß in den Wochen mein Kopf eine Tenne gewesen ist, auf der es nicht gedroschen hat. Aber wie das mit dem Sinnen immer so kommt. Wenn man worfeln will, scheint es dann, als hätte man stundenlang nur in die Spreu geschlagen. Nicht? – Siehst du, und doch wußte ich, daß ich mit meinen Gedanken nicht bloß Schalen gerührt hatte. Aber wenn ich mein Sinnen wissen wollte, war's weg. Deswegen habe ich mich drübergemacht und aufgeschrieben, was ich ... nicht eigentlich ich, sondern Helene mir gebracht hat. Allein davon erzähl' ich ein andermal.« Mit einem Blatt Papier in der Hand kehrte er zurück, setzte sich zu Füßen Johannas und sah sie ein klein wenig betreten an, sogar mit einem Hauch von Selbstverspottung im Gesicht. Sein Weib aber achtete nicht auf seine Verlegenheit; sie hatte den Kopf in die Hand gestützt und betrachtete das Blumenmuster des Sofabezuges. »Ich weiß schon«, begann der Sintlinger zu sprechen, »alle Leute haben eine große Angst vor dem Tode. Ich hab's auch gehabt, und das nicht wenig. Vielleicht war es bloß dies, das mich jahrelang so herumgetrieben hat. Auch meinen Vater und Großvater. Alle Sintlinger. Siehst du, und doch ist eine solche Angst eine reine Torheit. Dann lebt das Leben bloß vom Tode. Außerdem, wer vor dem Tode Furcht hat, muß sich auch vor dem Leben fürchten. Auf die Weise stirbt man immerfort. Der ein Jahr lang, ein anderer vierzig oder achtzig Jahre. Ist's nicht so, Johanna? Wenn man sich's recht überlegt?« Die Sintlingerin bog langsam ihren Kopf und sah ihren Mann schwer versonnen an. Der aber fuhr zu reden fort: »So kann's nicht sein. Denn da wäre die Freude der Eltern über die Geburt eines Kindes der reine Torsinn.« Johanna nickte ihm zu. Ihre Augen tauchten sich in dunklen Schimmer und starrten dann wieder aufs Sofamuster. Andreas, der bisher frei gesprochen hatte, überlas nun, was auf dem Papier geschrieben stand, die Lektüre mit Kopfnicken begleitend. Darauf fuhr er zu reden fort: »Das hab' ich mir alles überlegt. Und es ist falsch. Die Menschen sagen: Ich lebe und sterbe, ganz so wie sie sagen: Ich grabe oder ich fahre. Das Graben und Fahren hat so viel und so wenig mit ihnen zu tun wie das Leben und Sterben. Der Mensch ist nicht mehr, wenn er fährt und gräbt, und nicht weniger, wenn er damit aufhört. Auf dieselbe Art verhält es sich mit dem Leben und Sterben. Das ist wie das Feuer, das nicht aufhört, ob auch das Holz in Asche zerfällt, durch das es sich gezeigt hat.« Johanna fuhr leise aber heftig auf, packte beschwörend seinen Arm und hatte einen Ausdruck im Gesicht und in den Augen wie ein Kind, das man über einen Abgrund in die freie Luft hält. »Und brennt das Feuer nie wieder, das aufgehört hat zu brennen?« fragte sie atemlos. »Sind Menschen für immer tot, wenn sie gestorben sind?« »Ach, liebste Johanna«, antwortete der Sintlinger. »Ich habe deinem Vater Blumen ins Grab nachgeworfen. Ich hätt's nicht getan, wenn's so wäre. Glaub's mir. Ich kann meine Hand nicht von meinem Körper schleudern. Und der Tod reißt uns nicht aus der Welt. Weiblein, mit dir, allen Menschen und mit mir ist das so: Ich weiß, daß ich schlafe, wache, jung und alt bin, arbeite und ruhe, lebe und sterbe. Deswegen muß etwas in mir sein, das weder schläft noch wacht, das Jugend und Alter nicht kennt, keine Arbeit und Ruhe, nicht Leben und nicht Tod.« »Aber was dann?« fragte Johanna angstvoll. »Werde nur ganz still. Dann bist du wie einer, der durch ein hohes Fenster die ganze Welt übersieht«, antwortete der Sintlinger leise und berührte leicht ihren Scheitel. Weil er aber bemerkte, daß sie seinen Worten nachsann, ging er auf leisen Sohlen, schloß geräuschlos das Blatt mit den Aufzeichnungen ins Schreibpult und verließ unhörbar das Zimmer. Nach langer Zeit schreckte die Bäuerin auf und fragte: »Aber die Brindeisenerleute, wenn sie uns doch schaden?« Da sah sie, daß sie allein war. Und sie begriff den Vorgang mit dem Schatten nicht, und nicht, wie sie in dies Zimmer gekommen sei. Die Worte ihres Mannes und alles war wie ein Traum, den sie nicht fassen konnte. Sie erhob sich und trat ans Schreibpult und berührte es mit den Händen. Doch die Unwirklichkeit wich nicht von ihr. Und da sie zum Fenster hinaussah, erblickte sie die ganze Erde von dem unergründlichen Traum erfüllt, der von den Reden ihres Mannes herrührte. Die Hügel waren allenthalben von dem weißen Gespinst des Altweibersommers überzogen. Die schrägen Sonnenstrahlen verfingen sich darin und liefen zitternd darüber hin, daß über das ganze hügelwellige Land ein Beben kam, so als sei es ein Meer, das sich fast unmerklich im Lichte rührt. Bis in die Tiefe des fernen Horizonts reichte dies Silberspielen. Sie riß das Fenster auf und schrie seinen Namen über die Hügel in das grenzenlose Verlieren: »Sintlinger? – Sintlinger!! –« Doch während sie, mit brünstigem Insichhineinsinken, im Zurückneigen leiser und leiser rief, nahm ihre Stimme den Klang jener des kleinen Peter Brindeisener an, da er im Abenddämmern sehnsüchtig ihren Namen durch das Tal über den Grenzweg hatte flattern lassen, und es war Johanna, als komme das Locken in den Fremdhof aus ihrem eigenen Leibe. Zehntes Kapitel Den ganzen Winter wurde Johanna so durch Dunkelheiten gewirbelt und fand keine dauernde Rettung. Kaum dämmerte über ihrer Seele, aber nur einem heranschweifenden Vogelzuge gleich, ein freundlich gutes Bild aus geborgenen Tagen, so wurde sie hinterrücks wieder in alle grauen Verschlingungen gezerrt. Dann war ihr Vater wieder an ihr und ihrem Manne gestorben, es gab eigentlich weder Leben noch Tod, sondern nur das uferlose Dasein ihres Mannes. Helene war kaum ihr Kind, sondern ein geheimnisvolles, gespensterhaftes Wesen, der ganze Sintlingerhof mit all seinen Insassen hing auf dem Hügel wie über einem Abgrunde. Die Tage sausten wie unhörbare Hammerschläge auf sie herab und zerpochten ihre Sicherheiten. Sie stand oft um ein Uhr nachts auf, erleuchtete alle Stuben und begann so leidenschaftlich zu arbeiten, daß ihr Fleiß wie die verzweifelte Gegenwehr eines Unterliegenden aussah; kehrte und räumte in allen dunklen Bodenkammern von früh bis abends; saß mit entgleisten Augen hinterm Tisch und sputete sich mit zitternden Händen bei der Näharbeit, ohne einen Stich fertigzubringen; lief wohl gar mit Helene durch den Schnee weit ins Feld hinaus, aber nicht auf dem Wege, sondern einer unsichtbaren Hasenspur nach kreuz und quer, so als wolle sie mit dem Kinde für immer davongehen, und hielt sich dann wieder tagelang ängstlich von ihm fern, als fürchte sie es wie eine Gefahr. Der Sintlinger aber wagte nie mehr, ihr zum Troste die unendliche Weite zu zeigen, in die er durch die Augen seines blinden Kindes gestiegen war. Ob sie ihn auch oft mit fremden Blicken maß und zusammenschrak, wenn er sie anredete, nie wurde er an dem Leben irre, zu dem ihn das Schicksal innerlich überwunden hatte, und erlahmte nicht, gütig um sein Weib zu sein und zu hoffen, daß nach vielen Nöten die Schatten von ihr fallen mußten und sie in das Licht eingehen würde, das hinter dem Spiegel der Augen ihres Kindes leuchtete. Sicher aus jener Zeit stammt ein großer Teil der Blätter, die zusammen ein schmächtiges Bündel ausmachen und als spärliche Meilensteine des seltensten Weges durch eine hohe Welt übriggeblieben sind, den je ein Mann gegangen ist. Wohl im Hinblick auf die vielen verborgenen Kirchengänge seiner Frau schrieb der Heiligenbauer ein Tagebuchblatt, das in unserer Art sich auszudrücken unter Wahrung der kräftigen Bildlichkeit lautet: »Wer glaubt, Menschen hätten Bußwerke, Reue und Selbstpeinigung notwendig, um gerecht zu werden, der gleicht einem Bleicher, der das Wasser peitscht, um es zu reinigen. Der schmutzigste Tümpel wird von selbst klar, wenn er in sich zur Ruhe kommt.« Doch niemals störte er mehr diesen Prozeß der »Selbstheiligung«, wie er ihn auf einem Blatte nennt, durch jähes Zugreifen oder gar mit einer Art Schulmeisterei. Allein gegen das Frühjahr hin nahm der Zustand Johannas Formen an, als sei sie halb aus der Welt und ihrem Leben hinausgesprungen, und der Sintlinger beugte sich oft zum Fenster hinaus und hielt Umschau über das Hügelgewoge, das grün um seinen Hof quoll, ob nicht irgendwo der Schimmer einer Rettung zu erspähen sei. Manchmal war es so schlimm mit Johanna, daß er fürchten mußte, der Geist seines armen Weibes schweife schon in ziellosem Gaukeln hinter Irrwänden. Ein Maitag brachte endlich die Erlösung, und zwar aus einer Gegend, in die zu schauen dem Sintlinger nicht eingefallen war. Am Morgen jenes Tages, der ihr die Errettung von allen zerwühlten und zersonnenen Verwirrungen bringen sollte, fuhr der alte Zenker mit dem Ochsenjungen Wendelin in den Wald, um eine Fuhre Durchhiebsholz zu holen. Der Junge leitete das Gespann den Wirtschaftsweg bergan, und der Alte folgte an der Seite des Sintlingers dem Wagen in gemächlichem Gange. Die beiden Männer sprachen über Wirtschaftsangelegenheiten und kamen so von selbst auf den beklagenswerten Zustand der Bäuerin. Eigentlich spielte sich Zenker in den Disput darüber, um nur einmal all den Kummer loszuwerden, von dem er im geheimen gepeinigt wurde. Nach der Weise einfacher Seelen redete er in kargen Worten von den vielen Absonderlichkeiten, die seit Monaten seine sonst so sanftsichere Herrin beherrschten, erregte den Sintlinger aber nicht mehr, als daß ein Schatten seine Augen trübte, ein starrer Blick sich auf ein Nu in die Höhe verlor oder eine Schwere seine Schritte verlangsamte. Auch als Zenker erzählte, er habe sie eines Abends auf dem prügelfinsteren Boden unter dem vernagelten Glockentürmchen stehen und mit Augen hinaufstarren sehen, die, bei seiner Seele, wie ein Schwefelholz nach dem Entzünden förmlich grün geraucht hätten, schloß der Heiligenbauer nur die Augen und strich mit der Hand seine Stirn nach hinten, als rücke er wegen der Hitze den Hut auf den Nacken zu. Unter diesem Gespräch waren sie bis zur Hälfte der Entfernung nach der »Hohen Kippe« gekommen, an jene Stelle, wo der Weg, einer schwachen Einmuldung folgend, sich eine Strecke leicht senkte, und übersahen einen Teil des Abhanges, der von der Hügelwölbung ihnen bisher verdeckt worden war. Da erblickten sie unter dem Feldbirnbaum Johanna mit Helene unbeweglich und so versunken am Raine sitzen, daß sie nicht einmal von dem Gepolter des herannahenden Bretterwagens getroffen worden war. Der alte Dienstmann warf dem Sintlinger einen trauervoll verständigen Blick zu. Der Bauer blieb plötzlich wie an der Brust gepackt stehen und rief, sich vergessend, gepreßt aus: »Wahrhaftig, wenn man wüßte, daß es einen Nutzen hätte, ich ließ alles hier, wie es steht und wächst, liegen, nähme mir das Weib auf den einen und das Kind auf den andern Arm und lief in alle Welt hinaus.« Dann kam er wieder zu sich, lächelte eigentümlich und wiederholte kopfnickend: »Wenn es einen Sinn hätte.« Und nach einigem Nachdenken setzte er noch hinzu: »Aber mit uns Menschen ist es wohl nicht anders als mit jedem Baume: Er wächst von innen her und verdorrt auch so.« Dann gab er dem Alten Anweisungen über den Lageplatz des zu ladenden Holzes, schickte ihn allein dem Gefährt nach und näherte sich seinem Weibe, das unbewegt und teilnahmslos dem Wagen nachstarrte. Der Alte hatte bald den Wagen eingeholt und fuhr in einer schnelleren Gangart der Höhe zu. Denn dieses schmerzvolle Heraustreten des Bauers aus seiner gewohnten hartnäckigen Überlegenheit hatte den Graukopf erst recht schrecklich verwirrt, und er suchte in der Furcht vor einer Katastrophe den schwatzhaften Jungen so bald als möglich aus der Nähe der beiden zu bringen. Auf der »Hohen Kippe« angelangt, knallte er einige Male in die lichtsatte Mailuft, winkte mit der Peitsche aufmunternd dem Bauer zu und trieb dann das Gespann im Trabe dem Hemsterhuser Wege zu, mit dem vereint der Wirtschaftsweg durch eine breite Einsattlung dem Walde zuzog. Dieser dehnte sich in einem weiten Bogen von den Fürstlich Ahrenbergschen Forsten von Querhoven über die Hügel herüber, bald seine Grenze nach den Kuppen zu zurückschiebend, bald in Gründen weiter in die Felder laufend, und bildete in der Flurbreite Hemsterhusens den besonderen Stolz der beiden Fremdhöfe. Denn mit diesem ausgedehnten Waldbesitz waren die Brindeisener und Sintlinger von jeher aus der übrigen Bauernschaft etwas herausgehoben. Der Hemsterhuser Weg bildete nicht die Grenze der Fremdhofwälder, sondern lief ganz auf dem Sintlingerschen Gebiet, doch so, daß dessen größter Teil sich rechts neben der Straße bis an die Brederoder Bauernbüsche heranzog. Eichen, nun in der Maienröte der jungen Belaubung, bildeten den Hauptbestand, da und dort zitterte die schwingblätterige Krone einer Espe, stumpfgrüne Kiefernkegel drängten sich an verschiedenen Stellen durch, und hin und wieder lag eine Birke mit schwebendem Geäst über dem anderen Geblätter in der Höhe. Unnötig breit schob sich der Weg unter weit ausragendem Eichengeäst über den Hügel hinauf, mit halbverfallenen Anschlägen und alten Löchern, bald eine einzige Sandwuhle, bald nur eine Felsrippe. Der Wagen schlug und stieß, aber der alte Zenker lag mit den Ellbogen auf seinen gespreizten Knien, hielt zum Herabfallen lässig die Zügel in der Linken, die Peitsche in der Rechten, stierte sich mit großen Augen durch seine tiefe Kümmernis verloren in die Welt, ließ dann und wann ein achtloses »Hott« und »Hü« aus dem Munde fallen und richtete nur manchmal seine grau überbuschten Augen sichernd nach der rechten Seite, wo in weiten Abständen schnurgerade Rasenwege in den Wald hineinfuhren. »Zwei«, sagte er zu sich, als sie wieder an ein solches verwildertes Buschsträßlein kamen. »Drei«, erwiderte der Ochsenjunge und hustete. »Zwei«, behauptete Zenker zerstreut und maß den Jungen mit einem solch drohenden Verdutzen, daß der Halbwüchsling abstieg, an das Hinterrad ging und den alten Schmutz aus den Felgen trat. Von diesem sicheren Platze aus behauptete und verteidigte nun der Ochsenjunge seine Behauptung weiter, was ihm einige kräftige Lümmelehrungen, aber doch die Genugtuung einbrachte, daß der alte Zenker knurrend das Gefährt wendete, die Straße zurückfuhr und in den zweiten Abweg hineinlenkte. Je weiter das Gespann nun im Wald vordrang, desto enger wurde der Weg. Die tiefhängenden Zweige peitschten den Alten fortwährend in das Gesicht, daß er endlich abstieg, dem Jungen die Zügel reichte und, die Hand auf die Runge gelegt, gedankenvoll hinter dem Wagen herging. Plötzlich wurden die Pferde unruhig, schnoben, wirbelten mit den Ohren, peitschten die Schwänze rechts und links an die Weichen und wollten nicht weiter. Eine Fliegenwolke, grün und blau schillernd, mit dem metallischen Summen unzähliger, winziger Rädchen, schwankte über dem verschatteten Wege geil auf und nieder. Manchmal verschwand das Geziefer durch das Gezweig in den Wald, drang aber bald wieder brausend über den Weg und summte sich zur geschlossenen Wolke zusammen. Der Schwarm rückte bald tiefer hin, bald stob er um die Köpfe der Pferde. Der alte Wirtschafter hatte wohl des Jungen Manöver gesehen, doch nur achtlos, wie schräghin aus seinem Taumelsinnen heraus; aber kein Schreien, kein liebenswürdiges Zupfen, kein wilder Hieb durch die Fliegenwolke brachte das Gespann vorwärts. Nun griff er in die Angelegenheit und gebot dem Jungen, den Sitz zu verlassen und die Pferde an den Köpfen schonend vorwärts zu bringen. Der Öchsner hatte bei der Geburt einen geheimen Einguß des Neinteufels bekommen, leugnete alles, was Zenker sagte, und meinte, daß die Fliegen nur von dem nahen Buchteiche rührten, und wenn man ihn gelassen hätte, wäre er ganz schön vorwärts gekommen. Trotzdem folgte er doch pünktlich wie immer, stieg vom Wagen, streichelte den Pferden die Mähnen zurecht, klopfte sie den Hals herauf und hatte die Aufregung der Tiere bald so weit überwunden, daß er sie mit schmeichelndem »Holla, holla!« an der Halfter weiterziehen konnte. Aber nur ein paar Schritte folgten sie widerstrebend. Da spritzte das Fliegengeschmeiß schon wieder durch das Gezweig über den Weg, die Pferde verdrehten die Augen, daß das Weiße hervorkam, schnoben, daß der Schaum flog, und machten Miene, auf den Hinterbeinen stehend, den Wagen zurückzuschieben und ins Geschirr zu fallen. Der Junge hing emporgerissen an ihrem Kopfe und schrie, vor Wut fast weinend, fortwährend: »Ihr Satane! Ihr Satane!« Der alte Zenker griff endlich ein und brachte alles wieder ins reine, führte die Tiere ein paar Schritte zurück, und obwohl für ihn kein Grund vorhanden war, den Überlegenen zu spielen, tat er so als ob er es gleich gesagt hätte, daß die Nähe des Wassers nicht schuld an dem Getolle der Fliegen sein könne, weil der Buchteich ja über dem Hügel drüben, gut eine halbe Stunde entfernt fei, sondern es müsse hierherum irgendein Aas im Walde liegen, ein Reh, das der Fuchs geschlagen habe, oder etwas Ähnliches. Und während er die noch immer bebenden Pferde hielt, machte sich der Junge auf die Suche. Eben begannen die Fliegen wieder durch den Wald zu sickern, und der Öchsner folgte, dann und wann um sich schlagend, der flimmernd sausenden Spur, die sie in die Luft über ihm zogen, tiefer hinein. Nicht lange, und er stand vor einer dicht umbuschten, kleinen Blöße, auf der die Sonne lag, bog das Gesträuch auseinander und hob den Körper hinein. Aber schon nach einem Blicke würgte er sich springend heraus und rannte mit dem entsetzten Ruf: »Ein Toter! Ein Toter!« zurück. Sein Gesicht war schreckensblaß, seine Lippen zitterten. Er riß an dem Alten herum, schluckte und stotterte nur immer dasselbe, beschwor ihn, sofort umzukehren und brachte es erst einige Schritt hinter dem Wege fertig, zu melden, es liege eine nackte Leiche im Walde. Und irgendwer sei noch dabei. Er habe zwei unheimliche Augen nach sich hinstarren sehen. Der Alte klatschte noch einigemal die Pferde, schüttelte den Kopf und musterte den entsetzten Boten. Als er sich überzeugt hatte, daß es nicht Sch...angst bei dem Jungen sei, hieß er ihn von hinten anpacken. Sie schoben den Wagen eine Strecke zurück und banden die Pferde an einen Baum. Darauf ergriff Zenker einen Knüttel, befahl dem Jungen, auch etwas zur Verteidigung aufzuraffen und machte sich auf den Weg zur Blöße. Als der Graukopf einen Blick durch das Geäst geworfen hatte, wäre er am liebsten auch davongelaufen, wenn es nur wegen des Jungen gegangen wäre. Denn nicht nur, daß er des Burschen Nachricht bestätigt fand: um den Toten schwelte ein aberwitziges Grauen. Er sah die Leiche eines etwa fünfunddreißigjährigen Mannes, die mit eingesunkenem Rücken, halb in die Knie gehockt, so auf der Brust lag, daß der idiotisch kleine Kopf in den moderweichen Boden eingesunken war. Die Hände faßten krallend in den Rasen, die Beine waren auseinander geworfen. Es sah aus, als sei der Unbekannte mitten in wahnsinnigem Wirbeltanz von dem Schwindel des Todes erfaßt und zu Boden geschmettert worden. Man konnte auch meinen, der rätselhafte Mensch sei von einem der Bäume herabgesprungen und habe sich dabei das Genick gebrochen. Sein Körper war brandmager wie der Leib eines abgetriebenen, verhungerten Hundes. Offenbar handelte es sich um einen Landstreicher. Aber warum hätte der Mensch vor seinem Tode tanzen, wozu auf einen Baum klettern sollen, und das vollkommen nackt? Allein, konnte er nicht doch einem Mörder zum Opfer gefallen sein? Der alte Zenker war nicht imstande, den Anblick der grotesken Leiche solange auszuhalten. Er hatte das Gesträuch wieder zusammenfließen lassen und stand in erschrecktem Sinnen da. »Jetzte haut's wieder, Schaffer«, flüsterte der Ochsenjunge ihm zu. »Was?« fragte Zenker wie betäubt und hörte im selben Augenblick die Fliegen über sich mit wütendem Summen durchs Geblätter prasseln. »Es haut wieder. Sehn Sie bloß, Schaffer!« sagte der Junge und drängte sich durchs Gezweig. Wahrhaftig! ein breiter Buchenzweig fuhr wuchtend immer auf die Leiche, ruhte eine Weile und wurde dann langsam von jemand zurückgezogen, der gegenüber im Gesträuch verborgen war. »Wer ist da drüben?« Der alte Zenker hatte gefaßt fragen wollen, aber es wurde ein rauher Schrei, der fast seinen Hals zerriß. Am Laut seiner Stimme kehrte ihm die ruhige Besinnung zurück, er sah, hörte und nahm alles überklar wahr. Der Buchenast fiel auf den Toten, als sei er von dem Schrei der unsichtbaren Hand entrissen worden. Etwas Graues wuchs in dem Gebüsch gegenüber in die Höhe. Jeden Moment konnte es sich hervorstürzen, gerade auf sie zu. Da erkannte Zenker an der Art, wie der Tote einseitig an den Boden gedrückt und überhaupt schlenkernd auf die Erde zerstreut lag, in dem Unbekannten plötzlich den Menschen, der ihm voriges Jahr den Braunen davongeritten hatte. »Das ist ja der Niemand-Alb!« sagte der Alte und wußte nicht, warum er eine Freude darüber empfand. Er vergaß ganz das unsichtbare Gegenüber, drückte die Äste vollends zur Seite und war im Begriff, sich der Leiche zu nähern. Kaum aber hatte er einen Schritt aus dem Gebüsch heraus getan, so mußte er stehenbleiben, denn aus dem Grün drüben tauchte langsam ein wirklich furchtbares Frauengesicht; fahlweiß, vor Verzweiflung wie irr, totenkopfmager, mit großen blauen Augen, die wie Stahlbuckeln unter einer hohen Stirn durch zerzaustes, lohblondes Haar funkelten, schön, aber tierisch wild und verzweifelt zum Entsetzen. Das war ja das wahnsinnige Mensch, mit dem der Niemand-Alb im vergangenen Frühjahr verschwunden war. Der alte Wirtschafter spürte, wenn er noch einen Schritt vorwärts tat, sprang das tolle Weibsbild heraus wie eine wilde Katze und biß ihm die Gurgel durch. Er trat durch das Gebüsch zurück, winkte dein Jungen, nahm ihn bei der Hand und ging zum Wagen zurück. Der Bursche hatte sich indessen so in die Hand bekommen, daß der alte Zenker ihm die Aufsicht über das Gespann ruhig überlassen konnte. Er durfte die Pferde vom Baume losbinden, auf dem Sitzbrett Platz nehmen und hatte die Erlaubnis, wenn es ihm ungeheuer würde, auf den Hemsterhuser Weg zu fahren. Der alte Wirtschafter machte sich auf, um den Sintlinger herbeizuholen. Die Mütze in der Rechten, ging er eilig den verrasten, überhangenen Weg hin und hörte schon bald den Ochsenjungen hinter sich singen und laut mit der Peitsche knallen. Elftes Kapitel Unter allerlei Gedanken, die regellos wie windzerblasener Maiblumensamen in dem Kopfe des alten Zenker herumstoben, kam er aus dem Walde und durch die Einsattlung auf den Wirtschaftsweg. Im Emporsteigen gegen die »Hohe Kippe« war er mit sich unzufrieden, daß er ungeachtet des Fauchens dieses irren Weibes nicht die Leiche des Niemand-Narren die paar Schritte durch den Wald auf Brederoder Gebiet geschleift und damit alle Schererei und alles müßige Gerede der Leute von dem Sintlingerhofe ferngehalten hatte. Als er auf der »Hohen Kippe« angelangt war, duckte er sich und blickte vorsichtig nach dem Feldbirnbaum hinunter. Da sah er noch immer den Bauer, Johanna und die blinde Helene. Die Frau saß nicht mehr, sondern stand neben dem Sintlinger, der mit erhobenem Arm in die Richtung nach Querhoven wies, das mit nichts zu sehen war als mit dem kümmerlichen Rauche seiner Hütten über dem Föhrenwalde, in den sein oberer Teil eingewühlt lag. Indes er das beobachtete, überlegte er, wie es anzustellen sei, dem Bauer allein die Nachricht von dem unerwünschten Waldfunde zu überbringen, denn ob er auch durch ein Ahnen in die Nähe der frohen Hoffnung kam, das Ende des Niemand-Albes könne für die verzagte Bäuerin zu einer Heimkehr in ihr altes Wesen werden, er getraute sich doch nicht, geradeswegs hinunterzustürzen, weil er als alter Junggeselle zu sehr die unvermuteten Quersprünge fürchtete, der nun schon jede Frau unterworfen ist. Wie gut auch, sann er, daß ich den Jungen nicht geschickt habe. Er hätte den beiden die Nachricht wie mit dem Prügel an den Kopf geschlagen. Als Zenker wieder hinsah, wendete sich die Bäuerin eben mit Helene zur Heimkehr, der Sintlinger blieb stehen und fuhr fort, in die waldige Ferne zu starren. Der alte Wirtschafter erhob sich, und sobald Johanna hinter der Hügelwölbung langsam wandelnd zu versinken begann, lief er, so schnell ihn die alten Beine zu tragen vermochten, hinab auf den Bauer zu. Sein Atem wollte nicht mit. Abgehetzt kam er bei dem Sintlinger an, der sich bei dem Gepolter der schweren Stiefel umgedreht hatte, und überbrachte, durch die ungewohnte Eile überwältigt, die Erzählung von dem toten Narren stoßend und wirr wie in großer Angst vor. »Wenn es auch nur wahr wäre«, sagte der Bauer mit einem Erhellen im Gesicht und wendete sich um. Die Bäuerin mußte wohl auch den lauten Ruf des alten Dienstmannes in der stillen Luft gehört haben. Sie war zurückgekehrt und stand halb über den Hügel gehoben mitten im Wege und richtete ihr blasses Gesicht fragend auf die zwei. Der Sintlinger schrie ihr zu, daß weiter nichts vorgefallen sei, daß es sich nur mit dem Wagen geschert habe, und sie solle in Ruhe nach Hause gehen, er komme gleich nach. Zögernd tauchte ihr Kopf wieder unter, und die beiden stiegen empor, dem Walde zu. Als sie die »Hohe Kippe« hinter sich gebracht hatten, fing der Sintlinger plötzlich an, wie wahnsinnig zu laufen. Der Junge, der noch immer von Zeit zu Zeit sang und mit der Peitsche knallte, war aus dem Walde heraus bis an den Hemsterhuser Weg gefahren. Er rief dem Bauer zu, das Weib sei toll geworden und gehe wie wütend um; aber der Sintlinger hörte nicht auf ihn, sondern rannte vorbei. »Auf der Blöße an der Brederoder Grenze ist er!« schrie ihm der Junge nach, hörte jedoch schon nichts mehr als das Schnellen und Klatschen der Zweige, die hinter dem Davoneilenden zusammenschlugen. Zenker folgte mit reißendem Atem in langem Abstande seinem Herrn. »Ist er schon hier durch?« fragte er mehr mit den Augen als den abgetriebenen Worten zu dem Jungen hinauf und schob sich fast taumelnd an dem Gefährt vorüber und traf den Sintlinger auf einem Baumstumpf vor der Strauchumwallung sitzen, hinter der der Tote lag. Als der abgepreschte Alte näher kam, kehrte ihm der Bauer ein erblaßtes, verfinstertes Gesicht zu. »Nu, habe ich nicht recht gehabt?« fragte flüsternd der Dienstmann in der Meinung, der Sintlinger habe sich schon von der Richtigkeit seiner Annahme überzeugt und ruhe von dem ersten Schrecken aus. Aber der Bauer antwortete nicht, sondern stand schweigend auf, bog die Büsche auseinander und trat an die Leiche. Zenker folgte ihm und überprüfte noch einmal den Entseelten. »Bist du ganz sicher«, fragte nach langem Betrachten der Sintlinger, »daß das der Mensch ist, der den Braunen davongeritten hat? Sieh dir ihn genau an!« Zenker lächelte über die unnötige Frage und antwortete: »Ach, das sehn Sie ja selber, und das müßte jedes Hemsterhuser Kind erkennen.« »Was denn?« fragte der Bauer. »Nu, daß das der Niemand-Alb und weiter kein anderer ist«, erwiderte Zenker. »Der Niemand-Narr?« fragte der Sintlinger ironisch gedehnt, den Kopf schüttelnd, und trat an den Kopf der Leiche. In diesem Augenblick tauchte aus des Sintlingers Erinnerung das Bild des Albes, das er vom Hoftor aus vor einem Jahr gesehen hatte, als der Halbsinnige am Grenzwege kauerte und die roten Läppchen einscharrte und ausgrub. Es stimmte: genau so grotesk und wirr wie diese Leiche hatte der Narr dort unten gehockt. Es war der gleiche lange, dünne Hals, der eigentlich nur aus zwei Sehnensträngen bestand, zwischen denen eine Rinne sich nach dem Rücken zu verlief. Aber wo war der rotbraune Haarschopf und das magere Schwänzchen, das er hatte die Halsfurche hinunterfließen sehen, daß dem Bauer damals der Gedanke angekommen war, dies sei kein Mensch, sondern ein Tier? Dieser Unbekannte trug einen schwarzbraunen Haarschopf, der sich scharf wie eine Perücke von der bläulichweißen Haut des Halses abhob. Nein, das war nicht die Leiche des Hemsterhuser Albes. Der Sintlinger ließ sich aber seine Gedanken nicht anmerken, sondern suchte mit den Augen den Rasenplatz der Blöße ab und fragte: »Kleider habt ihr nicht gefunden?« Zenker schüttelte nur mit dem Kopfe. »Vielleicht liegen sie bei dem Weibsbild. Wo ist sie denn?« fragte der Bauer. »Da drüben hinter dem Hirscholderstrauche. Aber ich rate Ihnen, Bauer, sie hat den Teufel. Nehmen Sie sich in acht«, sagte Zenker und ging hinter dem Sintlinger her, der durch das Gebüsch zurücktrat, um von außen herum an den Platz zu kommen, denn die Blöße war eng, und er hätte müssen über die Leiche schreiten. Als sie den kleinen Bogen durch den Wald machten, ertönte von fern Menschengespräch, schnell vorübergerissen, eine höhere und eine tiefere Stimme. Dem Sintlinger stieß es den Kopf herauf, er horchte und zuckte ein wenig zusammen. »Geh mal hin und sieh, wer es ist«, sagte er zu dem Wirtschafter. »Und wenn es die Frau hergetrieben hat, halt sie zurück.« Zenker eilte, so schnell er konnte, davon. Fern um die Seele des Sintlingers war ein spukhaft zehrendes Verdämmern. Er wußte, daß eigentlich er hätte seinem Weibe entgegengehen und sie zurückhalten sollen. Trotzdem wurde er, wie ein Nachtwandler vom hinsinkenden Mondlicht, weitergezogen. »Jetzt muß es sich erfüllen«, sagte er mit eindorrenden Lippen und stand im nächsten Augenblick vor der Irren, die diese wahnwitzige Totenwacht hielt. Aber nun war alle Wildheit aus ihr geschwunden. Der schlanke, ausgezehrte Leib lag wie schmerzvoll unter den Baum geflossen. Sein Ebenmaß war noch durch die grauen, schmutzstarrenden Lumpen wahrzunehmen, die ihn bedeckten. Der Kopf, von dem fahlgelben Züngeln verwirrter Haare umzuckt, lehnte zurückgesunken, erschöpft am Stamme. Die Augen starrten verzweifelt, wie unter die Stirn genagelt, durchs Geblätter zum Maihimmel, voll von einer ausgebrannten Anklage. Die Fliegenwolke stob immer von dem Toten sausend auf und wurde, summend, wieder von ihm angezogen. Und jedesmal, wenn so die Leiche aus ihrer Erstarrung zu erwachen und sich mit leisem Stöhnen zu rühren schien, verdunkelte ein tierdumpfer Schmerz das Gesicht der Irren, und aus den weiten Augen liefen Tränen in den Mund, der sie gierig wie einen Labetrunk verschluckte. Auf dem Schoße hielt sie eine alte Schildmütze, krampfhaft mit beiden Händen gefaßt, wie ihre letzte Kostbarkeit. Der Sintlinger vergaß vor diesem erschütternden Anblick seine eigene Lebensnot; er dachte nicht daran, was diese Irre für ihn bedeutete. Nur ein grenzenloses Mitleid erfüllte ihn. »Du«, sagte er mit gütiger Stimme, »du Weib, wer hat dir denn deinen Mann genommen?« Die Irre rührte sich nicht. »Nicht wahr, du hast den Niemand gern gehabt?« fragte er mit noch größerer Liebe. Obwohl sie offenbar die Worte nicht verstand, wurde sie von den Lauten der Güte wie von körperlichem Kosen berührt. Es strahlte ein Leuchten über ihre Züge. Unter leisem, innigem Wimmern hob sie die Mütze an die Brust und küßte inbrünstig die leere Luft. Da hörte der Sintlinger die Stimme des alten Knechtes rufen: »Frau! – Frau!! Sind Sie um Gottes willen schön gebeten! – Bleiben Sie hier! – Nicht hingehen!« Die dringenden Rufe taumelten hinter einem rauschenden Laufen drein, das sich rasch näherte. Auch die Irrsinnige mußte von dem Rufe des Knechtes getroffen worden sein, denn sie hob den Kopf, streckte ihn wie ein sicherndes Tier vor sich und bemerkte jetzt erst den vor ihr stehenden Bauer. Da ging plötzlich eine rasende Wildheit in der Verrückten auf. Sie ließ sich auf die Arme nieder, ihre Augen funkelten wieder wie blaue Stahlbuckeln. Unter leisem Knurren, mit entblößten Zahnen ging sie kriechend auf ihn los. Unwillkürlich wich der Sintlinger einen Schritt zurück. Da wurde er von seiner Frau gesehen, die im Heranlaufen in die Nähe des Gebüsches gekommen war. Sie rief schrill seinen Namen: »Andreas!«, und er sah sie bleichen Gesichtes heranstürmen. Mit eins wich der seltsame Taumel von ihm, und er sprang auf Johanna zu, um sie im letzten Augenblick zurückzuhalten. Aber sie glitt an ihm vorüber und wand sich durch das Gebüsch vor die Leiche. Nach einem Starren sank sie dort in die Knie, und als er neben sie trat, sah er sie mit gefalteten Händen halblaut in unendlichem Glück gegen die Erde sprechen wie in erlöstem Gebet. »... Nun hast du mir doch geholfen ... mein lieber Vater«, sagte sie hauchend. »Jetzt weiß ich, daß es gut war, daß du gestorben bist. Ich danke dir. Du hast den Alb aus der Welt gerissen. Nun wird alles gut werden, wie es früher gewesen ist.« Dann ließ sich die Bäuerin von ihrem Manne aufheben und davonführen. Als sie zu dem Strauche kamen, wo die Irre gekauert hatte, war die Stelle leer. Sie sahen sie wie ein graues Gespenst durch den Wald eilen und hinter den Bäumen verschwinden. Die alte Schildmütze lag im Grase. Johanna wendete sie mit einem Zweige um und um. »Dieselbe Mütze«, murmelte sie, »die er trug, als er sich zu unserem Kinde geschlichen hatte.« »Was sagst du, Johanna?« fragte sie der Bauer. Da flog sie ihm mit dem jubelnden Schrei an den Hals: »Andreas, der Niemand-Alb ist tot!« Der Sintlinger sah ein, daß er ihren Glauben nicht zerstören dürfe; denn wenn er ihr seine Überzeugung gestanden hätte, daß die Leiche in dem Strauchhause hinter ihnen nicht die des Halbsinnigen aus Hemsterhus sei, so wäre das Schlimmste für ihren Geist, wenn nicht gar für ihr Leben zu befürchten gewesen. Darum streichelte er ihr den Scheitel, beglückte sie mit allerhand tröstlich aufmunternden Worten und hielt sie in den Armen, bis sie ihren Schmerz und ihr Glück ausgeweint hatte. Zwölftes Kapitel In Hemsterhus einigte man sich schnell, daß die Leiche aus dem Sintlingerschen Walde das trübselige Übrigbleibsel des Niemand-Narren sei. Bei genauerer Untersuchung hatte man zwar am Halse des Toten in der Kehlgegend einige blaue, länglich verlaufende Streifen entdeckt, die Würgemalen nicht unähnlich waren. Aber da über die Persönlichkeit des Entseelten nur eine Stimme herrschte, spielte die Todesursache keine Rolle. Man atmete im Gegenteil erleichtert auf, daß die Gemeinde der Sorge für den Narren ledig sei. Früher oder später hätte sich seine Unterbringung in einer Irren- oder Idiotenanstalt als notwendig herausgestellt, und durch Jahrzehnte wäre dann dieser Unnütze dem Dorfsäckel schwergefallen. Die Leiche befand sich auch schon in einem Zustand weit fortgeschrittener Verwesung. Das Ortsgericht entschloß sich aus diesen Gründen schnell, und schon in der Abenddämmerung desselben Tages, an dem der Tote gefunden worden war, wurde er an der Mauer des Hemsterhuser Kirchhofs gleich neben der Selbstmörderecke verscharrt. Nach kurzer Zeit schichtete der Totengräber über der Stelle einen richtigen Grabhügel und stellte am Kopfende sogar eine Art Denkmal auf, einen vierkantigen Sandstein, der etwa eine Handlänge aus dem Boden ragte und auf der oberen Seite ein gemeißeltes Kreuz, wie ein Grenzstein, an der Stirnseite aber die Anfangsbuchstaben des Narren, ein I und N, trug. Auf Fragen nach der guten Seele, die hinter dem jämmerlich abgeschiedenen Narren auf diese wahrhaft christliche Weise die Tür zur Ewigkeit zugemacht hatte, schob der Totengräber Wachsmann eine ganze Weile ein geheimnistuerisches Lächeln im Gesicht herum, nannte aber dann ruhig die Heiligenhofbäuerin und fügte regelmäßig hinzu, daß es nun auch für die bösen Zungen an der Zeit sei, dem armen Albe sein bißchen Seligkeit zu gönnen. Es ist nicht sicher ausgemacht, ob er von Johanna zu dieser Mahnung beauftragt war, aber man geht nicht fehl in der Annahme, daß es der Sintlingerin sehnlichsten Wunsch bildete, mit diesem Totenstein dem vagen Gerede über den Tod des Glöckchenhorchers ein Ende zu bereiten und auch vielleicht sich selbst sichtbar die Warnung vor Augen zu stellen, nie mehr den dunklen, unterirdischen Wogen ihr Leben anzuvertrauen, die in der Tiefe jeder Seele wer weiß welchem Ziele zuwandern. Freilich gelang der Bäuerin das eine wie das andere nicht so ohne weiteres. Eine lange Zeit gingen die Flausenschützen von Hemsterhus und den umliegenden Ortschaften noch leidenschaftlich auf die Jagd nach neuen Geschichten über den geheimnisvollen Tod des Niemand-Narren, zogen in Zweifel, daß der Beerdigte überhaupt der Alb sei, begegneten dem echten Niemand bald in der Querhovener Sägemühle, bald im Forste von Dingden, sahen die Irre, die so treue Totenwacht bei der Leiche gehalten hatte, nächtlicherweile am Grabe kauern, ließen sie von dem Gericht eingefangen und wegen des Mordes angeklagt sein. Ja, sie überhitzten ihre Einbildungskraft so, daß es eine Weile gleich heißer Flugasche von Haus zu Haus getragen wurde, der Sintlinger, der Heiligenhofbauer, habe den Narren erwürgt und ihm dann zur Sühne für die Blutschuld durch sein Weib den seltsamen Denkstein setzen lassen. Und immer, wenn so eine neue Wolke an den Heiligenhof heranschwelte, wurde Johanna wieder ein Stück ins Dunkel zurückgescheucht, dem sie entrissen worden war, und dem Sintlinger fiel es nicht leicht, sie bei ihrer neuen Hoffnung zu halten. Er bemühte sich um die Beruhigung seines Weibes nicht so, daß er die Schwätzer in den Dörfern durch Zorn und Verächtlichmachung ins Unrecht setzte (er nannte sie wohl einmal ein faules, feiges Geschmeiß, weil er sah, daß die noch innerlich wunde Johanna litt), sondern indem er ihr riet, die Ohren zu schließen und ungestört an jene Sicherheiten zu glauben, die von selbst aus ihrer Brust wüchsen. Es kam denn auch so, wie er es sich gewünscht hatte. In einer Nacht wurde er aus tiefem Schlaf gerüttelt. Beim Auffahren stand zu seinem Verwundern Johanna vollständig angekleidet neben ihm, geheimnisvoll aufgeregt, mit Augen, so leuchtend, als wollten sie aus dem Kopfe rollen. Er solle sogleich aufstehen und mit ihr hinter den Hof hinausgehen, da werde er etwas hören und sehen, was er nicht für möglich halte. Nur halb angekleidet stand er bald darauf neben Johanna hinter den Scheuern, wo man insbesondere über das Hügelgewoge von Brederode und Hemsterhus einen freien Ausblick hatte. Der späte Mond hing wie im Herabgleiten unsicher am Himmel, ein Blechschild, mit weichendem Nagel achtlos an eine schräge Wand geheftet. Die Ränder seiner verdunsenen, gelben Scheibe waren verwischt und gingen in ein fahles, dunstiges Rauchen über, das den ganzen Himmel füllte und auch noch die Rücken der Hügel und das Gewölk erreichte, das um den ganzen Horizont so tief gelagert war, daß es das Gleiten der Hügel bis in die Unendlichkeit des Himmels fortsetzte. Jedes leise Wogen in diesen dunstigen Hügelhaufen lief als schwaches Pulsen auch durch die Hügelwellen der Erde und schien sie mit jedem traumhaften Schlag weiter hinauszutragen. Der Sintlinger kämpfte gewaltsam gegen die Schlaftrunkenheit, und obwohl er all dieses wahrnahm, hielt er es nur für eine Wirkung seines traumumnebelten Geistes, mochte aber seine Frau weder fragen, was daran Ungewöhnliches sei, nach mit einer spöttischen Bemerkung ihr wehtun. Sie hatte sich auch mit Absicht etwas entfernt von ihm aufgestellt, und er sah durch das Schummern der Nacht so weit die Umrisse ihrer Gestalt, daß er erkennen konnte, wie sie, förmlich in die Luft hinausgeschmiegt, mit allen Sinnen in die Weite horchte. Aus den finsteren Tälern sauste es leise wie von fortschleichenden Wassern. Von der Scheune, die in schwarzer Plumpheit unmittelbar vor ihm lag, ging jener dumpfe, eintönige Laut aus, der nur mit den Augen hörbar ist. Plötzlich sah er seine Frau aufschnellen, abwehrende Bewegungen machen und ihn zugleich zu sich heranwinken; zwischenhinein sprach sie aufgeregt und dringend durcheinander: »Sei still! – Komm her! – Hör' doch! – Hörst du nichts?« – Nun war er dicht an ihrer Seite. Ganz wach geworden. Aber er sah doch nichts als das traumhafte Fortgleiten der Hügel in dem blachgelben Monddunst. »Was gibt's denn bloß, Johanna?« fragte er sie endlich. Aber sie wandte ihm nur schnell das Gesicht zu, daß er ihre Augen feucht schimmern sah, und erfaßte statt aller Antwort seine Hand. Als sich die Finger der beiden ineinander flochten, geschah etwas Sonderbares. Der Sintlinger sah alles rundumher in intensiveres Glasten getaucht. Von lebhafterem Schwunge erfaßt, glitten die Hügel schneller hinaus, und über und mit ihnen schwamm ein ganz schwaches Klingen in der hohen Luft davon, immer leiser, immer verhauchter, bis es zuletzt nur noch im Lichtzittern des fernsten Horizontes ein Weilchen stand und lautlos erlosch. Dann war es still, in die tiefste Seele hinein, ganz still. »Jetzt wird sie nie mehr läuten, unsere Glocke. Jetzt hat ihr der gute Himmel für immer den Klang ausgesogen«, sagte die Sintlingerin erschüttert. »Andreas, jetzt sind wir wirklich gerettet. Gott sei Dank! Gott sei Dank!« Der Sintlinger schaute unwillkürlich auf und sah die Glocke wahrhaftig schwarz und entseelt im Türmchen über dem Dachfirst hängen. Seine Frau huschte hüpfend ins Haus, und ihr »Gott sei Dank« klang wie ganz junges Auflachen. Er mußte selber staunend lächeln und folgte ihr. Zweites Buch Erstes Kapitel Nun stand der Heiligenhof so licht wie in den ersten Tagen der jungen Sintlingerschen Ehe auf seinem Hügel, sah mit blinkenden Fenstern den Wald um Querhoven verdämmern, schaute weit über Hemsterhus hinaus bis ins graue Rauchen der fernen Heide, merkte an Abenden wieder achtsamer auf das leise Wehen der Weiden am Grenzwege und brauste dann oft aus den Kronen der Torlinden ganz unbändig über das Gewoge des unruhig pilgernden Landes umher, weil er die Freude hinausschreien mußte, daß die Finsternisse keine Macht mehr über ihn hatten, die mondenlang bis in seine heimlichsten Winkel geflossen waren. Die Bäuerin schrak nicht mehr wie bisher von einem Stoß gegen die Brust in den Morgen; sie wurde wie in guten Tagen von früh ab schon in eine sicher-gelinde Hand genommen. Denn ein Abglanz der glücklichen Nacht schimmerte immerfort in ihrer Seele, jener mondhellen Nachmitternachtsstunde, da das Land rundher und mit ihm das Läuten des Unglücksglöckchens aus der Welt hinausgewandert war. Nichts drohte ihr mehr. Aber ehe das Licht unbestritten über ihr blühen konnte, war ihr und dem Sintlinger noch eine Prüfung vorbehalten. Denn manchmal streifte doch noch ein leises Erschauern an ihr hin. Wenn sie in dem Sintlingerschen Wohnhause auf den oberen Flur an die Stelle kam, wo der Schatten an ihr vorübergewandert war, geschah es manchmal, daß sie in dem Bewurf der Mauer die traumhaften Umrisse einer Männergestalt auftauchen und ungewiß vergehen sah. Sie war nicht imstande anzugeben, ob der Mann, dessen verhauchtes Schattenbild sie erblickte, groß oder klein gewesen sei, noch was er sonst für Eigentümlichkeiten an sich gehabt habe. Sie wußte auch unmittelbar danach nicht genau zu sagen, ob diese Männergestalt in die Wand zurückgesunken oder in das Dunkel des Flures geglitten oder ob es nicht vielmehr nur eine Selbstberückung ihrer eigenen Gedanken gewesen sei. Und indes sie instinktiv ihre Stirn mit der Hand glättete, wie um solche Spinnweben aus den Kehrecken ihres Hirns zu wischen, horchte sie trotzdem mit großen Augen in das Dämmern des langen Flures und der gewundenen Stiegen, als sei es gleichwohl möglich, von einem geheimnisvollen Laut in Schrecken versetzt zu werden. Dann lächelte sie zwar über ihre »Einbildigkeit«, entfernte sich aber doch mit gemäßigtem Flüchten aus dem letzten verdunkelnden Kreisen, das an diesem Orte ihr Gemüt befiel. Solcherlei Schattenschaum streifte öfter an der Heiligenhofbäuerin hin, und obgleich sie die Unerschrockenheit besaß, ihn nicht schwerer in sich wiegen zu lassen, wie etwa die einzige verdunkelte Wolke in der Sommerhöhe bedeutet, die von einem verbrausten Gewitter am Himmel zurückgeblieben ist, sie kam doch von einer leisen, aber immerwährenden Beklemmung nicht los. Unter allen merkte scheinbar nur der alte Zenker etwas von dieser Unruhe, welche um die Bäuerin her war, und das deswegen, weil der Alte genötigt war, sich einer Bresthaftigkeit hinzugeben, die ihm eigentlich seit dem Laufen um den toten Alb im Walde anhing. Er ging mit reißendem Atem umher, zwang nur die halbe Arbeit und mußte noch dazu manche Zeit versitzen, weil ihm das »Geprudel«, wie er sein Schaffen ingrimmig schimpfte, das Herz kollerig trieb, sich in die Beine schlug und seine Lippen blau anlaufen ließ. Dieses Mißvergnügen mit sich schärfte seine Augen auch für alle Fehler und Nöte seiner Umgebung, und so hatte er es denn von den Winkeln und Ecken her, in die er zum Verschnaufen kroch, gar bald heraus, daß seiner Herrin irgendwas nachlaufe. Und da ihm der tote Alb gleichsam aus dem Grabe heraus einen solch tüchtigen Pack auf den Rücken gehängt hatte, wähnte er, der verkrochene Narr habe vor seinem endgültigen Abschiede auch der Bäuerin irgendeinen Span eingehauen. Darum aber, eigentlich nur, um auf den Strauch zu schlagen, sann er nach, wie hinter das Geheimnis zu kommen sei, das der Sintlingerin manchmal den Mund so zusammenschraubte. Nicht lange, und es lief ihm eine Gelegenheit dazu zwischen die Finger. Als er nämlich einst vom Felde heimkehrend in dem Augenblicke von unbezwinglicher Schwäche befallen wurde, da er durch das Tor in den Hof getreten war, setzte er sich auf eine umgekippte Radwer und hustete und riß sich seinen Atem wieder in Ordnung. Während er so mehr gekrümmt kauerte als ruhte, trat die Bäuerin aus der Wohnungstür und wollte quer über den Hof in den Kuhstall. Er rief sie an, wartete mit erschrockenen Handbewegungen und ging dann, so gut er es eben fertigbrachte, geradeaus den gepflasterten Hof bis zum großen Düngerhaufen, wobei er wie betend die Lippen bewegte und mit den Fingern der rechten Hand Kreuzzeichen gegen die Erde hin machte, als streue er Salz neben sich. Das tat er, um sie zum Reden zu bringen. Die Bäuerin betrachtete lächelnd die seltsame Manipulation des Alten, und als sie erfuhr, daß er angeblich einen fliegenden Schatten bespreche, um den es nicht geheuer sei, gab sie ihm einen verweisenden Schlag auf die Schulter und sagte, er solle lieber einige Tage ins Bett kriechen und sich nicht rühren, so würden ihm die Raupen von selber aus dem Kopfe laufen. Dann setzte sie ihren Weg fort, ohne sich um den verderblichen Strich zu kehren, den Zenker als die Spur bezeichnet hatte, auf der das Verdunkeln über den Hof gewieselt sei. Aber trotzdem hatte der Alte das leichte Erbleichen gemerkt, das über das Gesicht seiner Herrin gehuscht war, und wußte nun, daß ihn sein Verdacht richtig geleitet hatte. Es vergingen auch keine zwei Tage, so erzählte ihm die Sintlingerin von den seltsamen Umrissen, die auf dem oberen Flur aus der Wand tauchten und wieder versänken. Zenker hörte so ernst und mitgenommen zu und verharrte dann noch lange in kopfschüttelndem, vielsagendem Schweigen, daß Johanna auch die erste furchtbare Berückung nicht verschwieg, von der die jetzigen Schattenbilder wohl nichts als ein Rückstand in ihrer Erinnerung seien, die sich von selbst verlieren würden. Ja, ja, antwortete der Alte, das sei schon möglich, vielmehr wahrscheinlich. Aber wenn es sich noch einmal zeigen sollte, täte sie gut, darauf zu merken, ob der Mann, der aus der Wand heraussinke, groß oder klein sei. Denn ihm sei in den dreißig Jahren, während denen er auf dem Sintlingerhof zu Hause sei, auch schon mancherlei vorgekommen, worüber man zu Fremden ja schweigen müsse. Aber der Bäuerin gegenüber »sich auf das Maul zu treten«, halte er durchaus für unnötig, vor allem auch deswegen, weil, wie er sehe, sie auch ein Mensch sei, an den solcherlei Fug habe. Sie brauche dem Herrn ja nichts davon zu vermelden, denn man wisse, daß er es bloß mit dem Lachen kriege, allein er habe es erfahren, der wilde Jakob Sintlinger, der einst der Brindeisenerin übers Hemd geraten sei, treibe noch immer von Zeit zu Zeit sein Gewese. Er tue zwar keinem Menschen mehr etwas zuleide, wenn man ihm seine Wege lasse, und sähe sie ihn den Flur herkommen und die Treppe hinunter nach der Haustür zu verschwinden, so habe es überhaupt weiter nichts zu bedeuten. Dann triebe es ihn bloß in den Brindeisenerhof hinüber, wo er zur Strafe immer noch den Versuch machen müsse, ob es ihm gelinge, irgend jemand in dem anderen Fremdhofe zu seiner alten Lebenshitze zu verführen. Der alte Wirtschafter hätte noch einen Spreukorb Geistergeschichten ausgeschüttet, wenn nicht der Sintlinger in der Nähe aufgetaucht wäre. So trödelte sich der Graukopf unauffällig davon, und die Bäuerin redete ihrem Andreas von der hartnäckigen »Gauze« des guten Alten. Der Sintlinger merkte auch offenbar nicht das mindeste davon, daß die beiden wieder einmal in dem Geistertopf kramten, und so hatte Johanna Muße, alles in sich zu schlichten und achtsam die Erzählung des alten Zenker hin und her zu wenden. Da aber all solche Sachen aus Luft in Luft gebacken sind, wie man allgemein glaubt, rührte die Bäuerin mit gelassenem Finger das neue Spukgericht des alten Dienstmannes wohl um und um, machte es damit aber nicht genießbarer und auch nicht unwahrscheinlicher, sondern gewöhnte sich, ohne es zu wollen, nur einen schärferen Blick an, den sie überall, wohin sie ging, kühl vorauflaufen ließ, insbesondere wenn sie den oberen Flur betreten mußte. Der Geist des tollen Jakob Sintlinger aber schien die üble Nachrede des alten Wirtschafters übelgenommen zu haben. Er war weg, wie man ein Stäubchen aus der Hand bläst, und die Bäuerin begann sich und Zenker heimlich zu verlachen. Aber vielleicht ist die Besorgnis verderblicher, wenn sie aus dem Bewußtsein tiefer in die Seele, in jene Gebiete unseres Innern gesunken ist, wo die entlassenen Gewalten des Geistes noch lange ein geheimnisvolles Leben führen, möglicherweise auch nie verschwinden. Jedenfalls war Johanna ihre leise Beklemmung nicht losgeworden, nachdem sie sie lächelnd beiseitegeschoben hatte. Das sollte sie bald erfahren. Sie vernahm einmal hinter einer der Türen des oberen Flures gedämpftes Gemurmel von Männerstimmen, die geheimen Rat zu halten schienen. Ihr erster Gedanke war, allerdings nicht ganz ehrlich, wen Andreas wohl bei sich in der Schreibstube haben könne. Sie rief laut den Namen ihres Mannes und trat zugleich auf die Tür zu, hinter der das gedämpfte Raunen erklungen war. Doch nicht nur, daß ihr der Laut der eigenen Stimme schallos vor die Füße fiel. Als sie den Türdrücker in die Hand nahm, um sich durch den Augenschein zu überzeugen, klang das Murmeln im nächsten Räume auf und zog so die Frau, die immer noch darauf bestand, sich dem Aberglauben nicht hinzugeben, von Tür zu Tür, stets tiefer in den dämmerigen Flur hin bis an die Bodenstiege heran und, unausgesetzt von dem unterdrückten Geraun eines, drohenden Männerrates gelockt, ja benebelt, wurde sie über die steile Treppe hinaufgeleitet und stand endlich vor einer Kammertür, an der sie verzweifelt rüttelte. In diesem Augenblicke zerbrach der gespenstige Wirbel, und Johanna trat, um sich zu fassen, an das Dachfenster und sah hinaus. Sie stand an jener Giebelseite des Wohnhauses, die nach dem Brindeisenerhof zu lag, und sie konnte in das andere Gehöft wie in eine offene Kiste schauen. Der alte Anton Brindeisener fuhr eben auf einem zweispännigen Brettwagen durchs Tor und bog dann auf den Weg, der quer durch den Garten hin ins Feld hinausführte. Er hielt den Peitschenstecken still zwischen den Knien, und seine Tochter saß blaß, krank und verdrückt neben ihm. Jetzt gingen die Räder unhörbar in dem verrasten Gartenwege, und Johanna vernahm genau die grobe, unwirsche Brummelstimme des Bauern, der, wie er es eben nicht anders konnte, nörgelnd an dem bleichen Mädchen herumzankte. Auf einmal war die Stimme Brindeiseners dieselbe, die die Bäuerin soeben verheimlicht hinter den Türen ihres eigenen Hauses gehört hatte, und sie mußte die ganze Stärke ihres besonnenen Willens zusammennehmen, um nicht Hals über Kopf die Stiegen hinunterzuflüchten. Dieser Vorgang, über den Johanna nicht Herr zu werden imstande war, bereitete der Erzählung des alten Imker in ihr ein wenig den Boden, der tolle Jakob Sintlinger müsse zur Strafe für seine wilden Laster immer noch den Versuch machen, jemand aus dem Brindeisenerhofe zu der Hitze seines Lebens zu verführen. Aber es mußte erst noch eine an sich unbedeutende Episode hinzukommen, daß sie dieser Glaube wie eine Tatsache packte. Sie saß an einem Nachmittage in der Wohnstube allein am offenen Fenster und nähte. Alle waren auf dem Felde über den letzten Fudern Heu her. Die alte Trine aus Brederode spielte mit Helene in dem Obstgarten, dessen Baumkronen sich bis ins halbe Fenster heraufhoben. Ein ganz linder Wind rührte sich fast unmerklich in den Bäumen, und das Lichte auf der Diele vor der Bäuerin wankte davon so schwach, als würde die Sonne am Himmel von sanften Händen hin und her geschaukelt. Von Zeit zu Zeit klang Helenens Lachen auf, und es hörte sich immer an, als würde eine Handvoll kleiner Silberschellen in die Sommerluft hinaufgeworfen. Johanna erhob sich glücklich lächelnd, um zu erkunden, mit welchem Spiel die Kinderfrau des Mädchens Freude immer aufs neue entfesselte. Da sah sie die alte Trine die grünen, noch winzigen Falläpfelchen aus dem Grase auflesen. Das waren Kühlein, und Helene hielt ihre gewölbten Händchen hin, das sollte der Stall sein. Unter allerhand neckischem Gespräch und drolligen Schwierigkeiten sprangen die Kühlein in das Fingerställchen, und sooft ein Kälbchen kam und auch mit hineinwollte, war es so dumm und ungeschickt, daneben zu hopsen auf den Arm oder an die Brust des Kindes, wofür es auf das unbändigste ausgelacht wurde. So spielten sich die beiden durch den ganzen Garten, immer weiter fort von dem Fenster, und das Lachen des Mädchens klang leiser und leiser. Nun waren sie wohl an der niedrigen Mauer angelangt, die den Garten vom Felde schied. Denn Johanna hörte, wie Trine das alte Weidelied der Hirten sang, und schloß daraus, daß die Apfelkühe jetzt auf der Mauer ins Feld getrieben würden. Als die Greisin ausgesungen hatte, versuchte Helene das Gesetzlein nachzuahmen, und weil sie zaghaft war, gelang es ihr zuerst nicht zum besten. Aber als sie endlich das einfache Liedchen der Alten beherrschte, schien es plötzlich ein ganz anderer Gesang geworden zu sein. Fast nicht mehr ein Menschensingen. – Johanna ließ die Näharbeit sinken und lauschte in ihrer Freude recht eigen, um herauszubekommen, wie das Lied denn eigentlich klinge. »So wie Frühvögel manchmal ganz hoch in der Luft singen, daß man sie nicht sehen und meinen kann, das Licht mache von selber solche Musik«, sagte, die Bäuerin zu sich, und immer, wenn sie in der Naht fortfahren wollte, setzte das Kind von neuem zu seinem Liedchen ein, daß sie wieder horchen mußte. Indes die Heiligenhofbäuerin so wie verzaubert saß und auf alles vergaß, was um sie her vorging, kam jemand vorsichtig mit kurzen jagenden Schritten den Hausflur her. Sobald das Lied Helenens verstummte, zogen sich die Schritte zurück; begann das Kind von neuem zu singen, rafften sie sich wieder auf und drangen weiter im Flur gegen die Tür vor. Schon hörte man den Sand auf der Schwelle knirschen, und aufgeregter Atem schnob durch das Schlüsselloch. Mit eins aber flog die Tür auf, daß sie gegen den Uhrkasten krachte, und der kleine Peter Brindeisener stand auf der Schwelle, verdutzt und frech, aufs leidenschaftlichste ergriffen, rot vor Scham und doch mit ein paar Augen, heiß wie Stichflammen. Er sah im ersten Augenblick die Bäuerin nicht, suchte offenbar auch die Sängerin des Liedes, von dem er angelockt worden war, hielt sich mit beiden Händen am Türpfosten fest und überflackerte so, furchtsam in die Stube geneigt, in einem Nu den ganzen Raum. Da gewahrte er die Sintlingerin, die, erschrocken über den unvermuteten Einbruch, es zu nichts als zu einem verwunderten Blick brachte. Sie sehen, umschwenken, zurückfahren, daß sein blonder Haarschopf wie ein weißes Fähnchen aufzuckte, und durchs Haus davonrennen, war eins. Als Johanna laufend das Hoftor erreichte, sauste er schon über den Grenzweg. Er lief wie wahnsinnig, wie geschleudert und brach, als er beim Zurückblicken die Sintlingerin unterm Tor sah, in ein gewürgtes Lachen aus, das der Bäuerin häßlich, wie böser Hohn klang. Dieser freche Triumphlaut und der ganze Vorgang griffen Johanna in einer verderblichen Weise ins Gemüt. Sie rief Helene sofort aus dem Garten herein und gab es schonend der alten Trine auf, das Kind wohl in acht zu nehmen. Denn wenn die Gegend auch nicht von Rangen wimmele, so tue man doch gut, das Lenlein so zu behüten, als spiele Bosheit und Arglist immerfort in ihrer Nähe herum. Jetzt fraß sich die Tatsache in ihr fester und fester, der Schatten des oberen Flures sei wirklich nach des alten Zenkers Meinung der Nest des wilden Geistes, mit dem sich der tolle Sintlinger hinter seinem verfallenen Grabe herumtreibe und bestrebt sei, den Fluch zu vollenden, den sein Leben nicht ganz erfüllen konnte. Ihr war, als sei der Schatten durch die Dachluke in den Brindeisenerhof hinübergeflogen und habe dort den Peter aufgerührt und hergetrieben. Ja, wenn Johanna sich die Augen des Kleinen vorstellte und seine Stimme in sich nachklingen ließ, so war es ihr, als stecke in dem Burschen etwas wie eine ausgewachsene Tücke. Natürlich gehört das Leben auf einem einsamen Hofe und die Anfälligkeit eines genesenden Gemütes dazu, das eben erst bis in seine Grundfesten erschüttert worden war, um das Ineinandergreifen solch spukhafter Möglichkeiten als eine einfache Tatsache zu empfinden. Das, was sie in ihrer Jugend so oft erzählen gehört hatte, daß die Bauern der beiden Fremdhöfe auch nach ihrem Tode noch fortfahren müßten, als Geister in der Luft miteinander zu ringen, glaubte sie nun erfahren zu haben. In stillen Augenblicken hörte die Heiligenhofbäuerin sogar ein gedankenleises Mahlen in den Lüften, und sie sann, wie diesem neuen Drohen des Geschickes zu entgehen sei, oder ob nicht wenigstens der Partei der Sintlingerschen Familiengeister nachträglich zu Hilfe geeilt werden könne, um sie im Luftkampf überlegen zu machen. In ihrer guten Seele war nicht der Ansatz zu einer Faser des Bösen, und deswegen geriet sie auf den Gedanken, dadurch den Sintlingerhof von allen Schatten der Vergangenheit zu befreien, daß die verstorbenen Bauern nachträglich gesegnet und ihre Geister damit in ein heilbringendes Licht hinaufgehoben werden müßten. Zweites Kapitel Das ließ sich auf keine andere Weise tun, als daß die Bäuerin so verfuhr, wie sie dem toten Glöckchenhorcher das albische Handwerk gelegt hatte, daß man dem tollen Jakob und seiner Geistersippe einen tüchtigen, heiligen Denkstein setzte und damit ihre gefährliche Unruhe für immer unter die Erde drücke. Als Johanna dem alten Zenker von dieser Absicht sprach, glänzten dem Graukopf sogleich die Augen wie geputzte Laternenscheiben, hinter denen das Licht angesteckt wird, und er war der Meinung, daß damit etwas geschaffen würde, was das Wohl des Hofes schon seit langem gefordert hätte. »Und neben die Linden, nicht weit vom Tore, muß der Stein hinkommen«, meinte der Alte. »Wenn was Böses den Hübel 'rauf will, stößt es gleich am Tore gegen das Kreuze und fällt über den Abschuß hinunter auf den Grenzweg. Und will was Meschantes aus der Luft her an den Linden 'runter, kann es nicht weiter. Es bleibt in den Kronen stecken und muß sich da ausrasen.« So schweifte der Knecht das Lob des Denksteines bis auf den letzten Tropfen aus. Am Ende aber geriet er sich mit verlegenem Finger in die Haare, kratzte den ganzen grauen Schopf durch und meinte, daß das, was besprochen, ja ganz schön sei, allein, machen werde es sich doch nicht lassen, denn in aller Welt sei der Bauer zu so was nicht zu bringen. Wenn es ausnehmend gut ginge, würde ihm das Lachen aufhocken, und damit hätten sie von vornherein einen Rechen mit abgebrochenem Stiel in der Hand, und das ganze teufelsmäßige Erbe der Sintlinger müßte eben in der Luft liegenbleiben. Die Befürchtungen des Alten trafen nicht zu. Der Sintlinger hatte sich in diesen Wochen still auf ganz abseitigen Wegen gehalten. Ohne sich vor Johanna mit Absicht zu verheimlichen, blieb er doch gern in der Abgeschiedenheit, zu der ihn die gesteigerte Tätigkeit nötigte, seit sich der alte Wirtschafter wegen der Kränklichkeit von jeder energischen Arbeit fernhalten mußte. Der Bauer schraubte sich zum Platzen scharf in die Zange des Fleißes: überwachte selbst unermüdlich das Einzeln der Rübenpflanzen, trieb das Gespann übers Kartoffelfeld, walzte die zu geile Kornsaat ein und riß sich mit ungeduldigen Schritten jeden gemächlichen Atemzug aus dem Munde. Bei alledem sah man einen immer tieferen Frieden in seinem Gesicht glänzen, und oft kam es seinem Weibe vor, er sei nicht zu erreichen, obwohl sie Seite an Seite mit ihm hinter dem Tisch saß, durchs Feld ging oder im Hofe schaffte. Auch als Johanna zu ihm von der Errichtung des Denksteines sprach, fiel er nicht aus der hohen Weite herab, in der er lebte. »Für wen soll denn der Stein?« fragte er ruhig und sah sie so klar an, daß sie verwirrt wurde. »Nun, für die Sintlinger alle«, antwortete sie errötend. Er nickte sinnend und setzte gedankenvoll fort: »... damit sie unten bleiben, meinst du, nicht? Ja, ich verstehe. So etwa, wie du es mit dem Albe gemacht hast. Hm, hm.« Mit diesen Worten gab er zu verstehen, daß ihm trotz seiner Abseitigkeit der Spukhandel zwischen ihr und dem Graukopf nicht verborgen geblieben sei. Und als Johanna zu ihrer Rechtfertigung von den Berückungen zu erzählen begann, ließ sie Andreas zwar einen Teil auspacken, bekam aber ein immer lustigeres Gesicht und faßte sein Weib endlich am Arme. »Liebe Johanna«, sagte er, »die meisten Menschen jagen sich die Mücken mit der Hand. Du schmeißt mit Steinen danach. Wenn's hilft, meinetwegen. Ich bin zwar auch ein Sintlinger. Aber ich denke, so weit hab' ich's noch nicht getrieben, daß du dich vor mir fürchten mußt, und schaden kann mir ja so ein Stein auch nicht.« Nach diesen Worten sprang dem Bauer doch das Lachen aus dem Munde, das Zenker prophezeit hatte, und klang dazu noch so spöttisch, daß die Bäuerin wirklich glaubte, ihr sei auf diese lustige Weise endgültig alles aus der Hand geschlagen, und sie wandte sich ab und sah bedrückt ins Weite. Dem Sintlinger aber war es wirklich nur um den Spaß zu tun gewesen. Er strich ihr darum liebevoll an der Wange hin, hob ihr mit dem Kinn das Gesicht und sagte: »Nein, nein, Johanna, mußt einen Scherz verstehen. Deinen Denkstein sollst du schon haben ... Was willst du noch sagen?« Doch die Bäuerin hatte keinen Drang, noch etwas zu erwidern. Sie drückte ihm die Hand, und sie trennten sich, ein jedes zu seiner Arbeit. * Der Steinmetz in der Stadt, dem die Herstellung des Sintlingersteines übertragen wurde, nannte sich Bildhauer, weil er in seiner Jugend einen rasch mißlungenen Versuch zu künstlerischer Ausbildung unternommen hatte. Seitdem war er ein verpfuschter Handwerker, der zur Ausführung aller Aufträge die doppelte Zeit brauchte, weil er sich vor Inangriffnahme einer Arbeit erst mit einem wilden Wespenschwarme ausschweifender Einbildungen herumschlagen mußte. Vielleicht stürzte er sich auch nur aus Eitelkeit in dieses innere Brodeln, um die Not »des echten Künstlers« zu kosten und die Kunden von der Anschlägigkeit seines Kopfes zu überzeugen. Für den Heiligenhof gebar er zunächst Rotunden mit Weltkugeln, sitzende und fliegende Genien auf einer Kuppel, Säulenhallen mit Freitreppen, symbolische Figuren, die bald mit ausgelöschten Fackeln, bald mit Sanduhren hantierten und in allen Stellungen des Nachdenkens und schwermütiger Prophetie gedacht waren. Mit diesem bunten Plänegeräusch drehte er sich hartnäckig vor dem Sintlinger und seinem Weibe, obwohl ihm gleich gesagt worden war, daß es sich nur um ein einfaches Postament mit einem Kreuz handle. Als er endlich sich aus seiner eitlen Beneblung faßte und den Auftrag verstehen konnte, war er tief enttäuscht, kriegte ein graues Gesicht und ging feindselig davon, als halte er diese Arbeit unter seiner Würde. Damit pflegte indes immer seine fördersame Arbeit zu beginnen, und es stand zu erwarten, daß nun in kurzem die Hoffnung der Sintlingerin erfüllt werden würde. Der Bauer zog sich immer mehr von dieser Angelegenheit zurück und überließ es seinem Weibe und dem alten Zenker, den »Bildhauer« immer wieder anzufeuern. Es gab auch nichts mehr als diesen mechanischen Antrieb, womit dem Werk genützt werden konnte, nachdem durch den Sintlinger der einfache Wortlaut der Widmung festgestellt und mit nicht großer Mühe der Entschluß bei Johanna durchgesetzt worden war, wegen der üblen Nachrede der Leute von der kirchlichen Weihe des Denkmals abzusehen. Nach der Versicherung des Bildhauers rückte die Arbeit im Galopp vorwärts, und schon gab er die Anweisung, mit der Aushebung der vermessenen Grundgrube zu beginnen. Allein so nahe vor der Vollendung wälzte sich eine Störung in die Werkstätte des Steinmetzen, für die er nicht verantwortlich war. Sie verzögerte nicht nur die Aufstellung des Denksteines, sie rührte von Ereignissen her, die auch in das Leben des Sintlingers auf die merkwürdigste Weise eingriffen. In jene Zeit fiel die schreckensvolle Unruhe, von der ganz Deutschland durch ein furchtbares Grubenunglück im Ruhrrevier versetzt wurde. Die lässige Handhabung der Berieselung des Kohlenstaubes hatte auf der Zeche »Gotthilf« in Gelsenkirchen einen Grubenbrand hervorgerufen, der sich mit unheimlicher Schnelligkeit verbreitet und mit seinen Rauchschwaden einen großen Teil der Stollen der letzten Sohle erfüllt hatte, daß mehr als hundert Bergarbeiter, von der Außenwelt abgeschnitten, dem sicheren Tode überliefert schienen. Ganz Deutschland fuhr in lähmendem Schrecken zusammen, und hart drang dieses Ereignis auf die bäuerliche Bevölkerung, vor allem auf jene ein, die, wie die Bewohner von Hemsterhus und Umgegend, der Herdstelle des Unglücks so nahe waren. Die Erde, der vertraute, sichere Boden alles Lebens, erschien gar manchem nun als eine trügerischtückische Decke, unter der sich unvorstellbare Drohungen zusammenballten, Gewitter der Tiefe hinliefen, wo sich geräuschlos Gräber bereiteten, die jeden Augenblick aufgähnen und an Menschen sich vollschlucken konnten. Und weil diese Erschütterung noch dazu in Wochen vor der Ernte fiel, in der den Bauer im Anblick des reifenden Getreides immer eine lebhaftere Empfindsamkeit um das Wohl und Wehe seines Lebens packt, belud sich jede dunkle Wolke, die aufstieg, mit größerer Gefahr, schrie jeder Wind unheimlicher, lastete jede stille Hitze unheilvoller als je vorher. Diese Angst, die jeder vor dem anderen verheimlichte und doch nicht verbergen konnte, wurde noch vermehrt, als die Nachricht wie ein Sensenreiter durch die Dörfer stob, daß es bei der Bergung der Opfer der Grubenkatastrophe zu wilden Auftritten nicht nur der Angehörigen, sondern der Belegschaft von anderen Gruben gekommen war, die die Verwaltung der geizvollen Vernachlässigung der Sicherheitsmaßregeln zieh. Die verzweifelten Weiber hatten wie ein schreiender Orkan getobt, Türen und Fenster der Zechenhäuser mit Steinen bombardiert und so auch endlich die Bergleute zu Gewalttaten mit fortgerissen, die anfangs drohend und düster, aber gehalten und besonnen in der Rettung ihrer armen Genossen Aufmerksamkeit und Kraft erschöpft hatten. Jetzt aber, als man den Schmerzausbrauch der Witwen und Waisen durch ein starkes Polizeiaufgebot unnötig zusammengedrückt hatte und beim ersten Überschreiten der Ordnung sogar die Flinten hatte losgehen lassen, war die dumpfe Betäubung der Männer dem hellen Aufruhr gewichen. Auf den Hilferuf der Grubenbesitzer war das Militär der nächsten Garnison herangezogen worden und hatte die aufsässigen Bergleute mit einer Salve auseinander gesprengt, wobei drei Tote und eine größere Anzahl Verwundeter auf dem Platze geblieben waren. Diese Maßregel der Dämpfung schlug in das Gegenteil um. Wie ein Flugfeuer beim Sturm verbreitete sich die Auflehnung über alle Zechen des Ruhrgebietes, als hätten all die schwarzen Tausende nur einen Mund, um Rache zu schwören, einen Arm zum Losschlagen und einen Kopf, auf Vernichtung oder Demütigung ihrer Feinde zu sinnen. Das regellose Marodieren, in das alle Widersetzlichkeit aufsässiger Arbeiter sich bald am Anfange sonst immer verliert, die unbändigen Ausbrüche eigenwilliger Roheit und Zerstörungswut wurden von einem überlegenen Willen unbeirrbarer Umsicht und ruhiger Entschlossenheit unterdrückt und schufen sich wie von selbst in den einheitlichen Geist eines wohldisziplinierten Heeres um. Der Mann, der das Wunder der Zusammenfassung dieser wilden Masse zustande gebracht hatte, gehörte keiner Partei an und war auf kein Programm eingeschworen. Nach der Meinung der einen war er ein Bergmann, der aus dem belgischen Kohlenrevier den bedrängten deutschen Arbeitsgenossen zu Hilfe geeilt war, andere wiesen nach, er sei ein davongelaufener Volksschullehrer aus Schlesien, der wegen Unglauben und Widersetzlichkeit gegen seine Behörde des Amtes verlustig gegangen sei. Überall, wo die Wut der Bergleute zum offenen Kampf drängte, erschien er und verhalf den vom Zorn Berauschten zur Besinnung ihres Rechtes und zum ruhigen Vertrauen auf ihre Forderungen. Die Bedrückten verwandelten sich unter dem Einfluß seines Wortes in mutige Soldaten der Armut, die Zaghaften lebten von seinem Feuer, und die Böswilligen hielt die Reinheit seiner Begeisterung im Zaume. »Herr de Favre, der ungekrönte König der Bergleute«, »Der Volksschullehrer Faber, Gegenpapst und Gegenkaiser«, das waren so die Überschriften aus den Zeitungen, die über das Wirken und die Persönlichkeit des seltenen Mannes berichteten. Und wie alle Menschen, die von der gewohnten Form des Lebens beträchtlich abweichen, wurde er sofort ein Gegenstand der Legende, so daß es den Fernstehenden unmöglich war, sich von ihm eine richtige Vorstellung zu bilden. Es hieß, er sei klein, kalt und dämonisch wie Bonaparte, blaß und unschön wie er, und keiner vermöge der Unergründlichkeit seines Auges und dem stürmischen Feuer seines Willens zu widerstehen. Andere beschrieben ihn als einen Mann von ungewöhnlicher Größe, mager wie ein Trappist, mit einem wallenden Bart und der gütigen Sanftmut eines Franziskaners. Aber es blieb keine Zeit, sich die Gestalt des Mannes einzuprägen, der unaufhaltsam gleich einem geborenen Heerführer und träumerisch entrückt wie ein Gottesstreiter der Rechtlosen aus dem Dunkel aufgetaucht war. Denn die Ereignisse überstürzten sich. Faber oder de Favre hatte in der Nähe von Herne eine Bergarbeiterversammlung unter freiem Himmel zusammengerufen. Hier nun brach die Katastrophe über ihn herein. Wie bei allen Explosionen einer Volksmenge wußte nachträglich niemand recht zu sagen, welches die Veranlassung dazu gewesen, und auch über den Verlauf des Tumults herrschten die widersprechendsten Ansichten. Nach der Meinung der Polizei soll sich de Favre oder Faber leidenschaftliche Aufreizungen zum Widerstand gegen die Staatsgesetze haben zuschulden kommen lassen, nach Aussage der sozialdemokratischen Führer habe er sich nur wie immer in seine bekannten erdentrückten Phrasen verstiegen. »Männer, Menschen«, so soll er gerufen haben, »ihr alle seid so ewig und göttlich wie der Himmel mit allen Wundern über euch. Ihr besitzt die Macht der Unwiderstehlichkeit wie er, wenn ihr innerlich die wahre Gerechtigkeit einer schuldfreien Seele aufrichtet und sie zu einem geschlossenen Strome vereinigt. Dann werdet ihr die widersacherischen Reichen überwinden, so wahr sich meine Hand an meinem Arm schwenkt. Nichts kann euch widerstehen. Könige sind dann wie der Atem eures Mundes, den ihr von euch blast, und selbst Gott vermögt ihr zu zwingen.« Bei diesen Worten entstand ein rasendes Durcheinanderschreien von »Bravo«, »Majestätsbeleidigung«, »Gotteslästerung«, »Ruhe«, »Im Namen des Gesetzes«, »Hunde« und ähnlichem. Der Menschenhaufe wurde ein Knäuel, der sich selber schoß, stach und prügelte. Und als sich die Wildheit nach einer Weile auf diese Art selber aufgefressen hatte, war Faber wie von der Erde verschluckt. Ein großer Teil seiner Zuhörer machte mit der Polizei gemeinsame Sache und brach unter Verwünschungen zu seiner Verfolgung auf. Im Handumdrehen verkehrte sich die Begeisterung für den rätselhaften Mann in Haß gegen ihn. Gerüchte über allerhand Ehrlosigkeiten, ja verbrecherische Handlungen verdunkelten die Luft um die unbekannte Spur seiner Flucht. Telephon und Telegraph läuteten durch die ganze Provinz, und die verfolgenden Gendarmen kamen Tag und Nacht nicht von ihren Gäulen. Man hetzte ihn wie einen Mörder und Räuber. Hemsterhus und alle Ortschaften seiner nahen und weiteren Umgebung gerieten in heftige Unruhe, denn es verbreitete sich das Gerücht, der »Held von Herne« habe auf der Flucht nach der heimatlichen belgischen Grenze den Weg durch die westfälische Ebene genommen und, von den vielen Forsten um Hemsterhus begünstigt, könne es nicht fehlen, daß der »Königs- und Gottesfeind« mit seinem geringen Anhange nirgends als hier durchkommen müsse. Man stellte sich unter Faber einen bestialischen Menschen vor, dem aus allen Taschen Schieß- und Stichwaffen sahen, der von Lasterhaftigkeit funkelte, in dessen Nähe die Höfe von selbst Feuer fingen. Deshalb war man in allen Dörfern während dieser zwei, drei Tage nach dem Herner Tumult in einer fortwährenden Aufregung der Furcht. Jeder schlecht gekleidete Fremde, den man sonst ruhig die Häuser und Höfe abklopfen ließ, war sofort verdächtig. Die Jugend schrie, die Weiber rannten vors Tor, die Männer tauchten mit einem errafften Prügel im Hintergrunde auf, und wenn der gutmütige Landfahrer oder erschrockene Händler sich ausgewiesen hatte und schleunigst davongegangen war, behauptete man hinterher, es sei doch der Teufelsbergmann, der »zwanzigfache Mörder« gewesen, schnoberte jedes Kornfeld durch, ließ keinen Hohlweg aus und schoß sogar auf Sträucher, die in der Ferne wie ein Mann mit krummem Rücken am Graben kauerten oder geduckt durch die Felder zu laufen schienen. Die Luft bebte in allen Richtungen von Erschütterungen durch Schüsse, die man eigentlich nur zur eigenen Beruhigung abfeuerte; alle Wälder sahen aus, als wimmelten sie von Gesindel; jeder Weg trug Male verdächtiger Fußtritte; ja, den Überängstlichen war gar der Schatten unheimlich, der draußen neben einem einsamen Baume lag, und die verborgenen Winkel ihrer eigenen Häuser hockten drohend im Dunkel. Der Sintlingerhof sah freier in diese allgemeine Aufregung hinein, wenn es auch den Frauenzimmern des Hübels oft genug gruselig durch den Kopf flatterte und den Knechten die Hälse langzog. Dem Bauern und seinem Weibe schien es kaum an den Stiefelsohlen zu schaben. Sie traten zwar manchmal, besonders in den letzten Tagen, als die ganze Gegend von der Verfolgung des flüchtigen Bergmannes Faber aufgeregt wurde und das Rumoren alle Dörfer rundum aufpleuderte, vor den Hof hinaus, hörten da einen Flintenschuß aufplatzen, dort einen Pfiff vergellen und woanders einen Zuruf in der Luft wie Gähnen verhauchen. Aber dem Sintlinger lief über den Tumult der allgemeinen Furcht nur ein halb spöttisches, halb betrachtsames Lächeln durchs Gesicht: »Als ob man die toten Bergleute lebendig schießen könnte, tun die Leute alle, oder als könnte man mit Preschen den Totengräber zwingen, die Leichen wieder warm aus dem Grabe zu scharren, so laufen die Menschen umher. Ach Gott, und den armen Schelm, der die Bergleute aufgeredet hat, den sollen sie doch in Ruhe lassen. Der fürchtet sich jetzt selber vor sich am meisten, denn sonst wäre er doch nicht davongelaufen«, so redete der Sintlinger, nachdem er eine Weile sich umgeschaut hatte, und schritt dann wieder dem Hofe zu, und auch in Johanna verfing sich das Erschrecken nicht tiefer als in der Sorge über die Verzögerung der Aufstellung des Sintlingersteines. Die Boten, die sich nach dem Fortschritt der Arbeit erkundigen, und die Fuhrwerke, die dies und das fertige Stück auf den Heiligenhof führen sollten, kehrten unverrichtetersache und leer von dem Steinmetzen zurück, weil der aufgeregte Meister nicht zu Hause angetroffen wurde. Die Neuigkeiten und die allgemeine Erregung wirbelten ihn fortwährend in der Umgegend umher, und traf man ihn ja einmal im Hause an, so antwortete er nach der Meinung der Knechte nicht anders wie »ein Markt voll Narren«. Trotzdem – wie es möglich geworden war, begriff keiner – knarrte eines Tages der ausgesandte Wagen mit dem fertigen Denkmal auf dem Grenzwege von Hemsterhus her gegen den Sintlingerhügel. Es war gerade der dritte Tag nach dem Herner großen Tumult und dem spurlosen Entweichen Fabers. Der Sintlinger saß an dem offenen Fenster und las die Zeitung, als eine Magd mit der Meldung hereinkam, der Wagen mit den Steinen stehe drunten am Zufahrtswege, und der Bildhauer lasse fragen, wie es der Bauer halte mit dem Heraufschaffen der schweren Werkstücke, denn auf einmal würden es die Pferde nicht den Hügel heraufbringen. Andreas las eben die Schilderung des Herner Krawalles und horchte kaum auf die Worte der Magd. »Was?« fragte er zerstreut, als sie ausgeredet hatte, und ließ dann den Auftrag noch einmal ausrichten, hörte aber ebensowenig darauf, sondern fuhr fort, sogar noch die Rede Fabers zu lesen, die am Ende im Auszüge wiedergegeben war. Als er bis zu den Worten kam, in denen Faber behauptet hatte, daß der Mensch die Macht habe, selbst Gott zu zwingen, brach er in ein lautes Gelächter aus, zerknitterte zornig die Zeitung in seinen Fäusten und rief überlustig: »Der Narr! Der ausgemachte Narr!« Dann schritt er an der Seite der Magd zur Tür hinaus den Flur hin über den Hof, als habe er die Absicht, die Anfahrt der Denkmalssteine zu leiten. Am Hoftor stutzte er aber und sagte, der alte Zenker solle die Angelegenheit regeln, kehrte um und verließ durch das Gartenpförtchen den Hof, ohne sich weiter um die Zurufe zu kümmern, mit denen ihn bald darauf sein herbeigeeiltes Weib verfolgte. Als Johanna hinter den Hof lief, sah sie ihn nach dem Buchengrund zu mit ungewöhnlich schnellen Schritten schon weit im Felde untertauchen. Drittes Kapitel So blieb es. Auch als der Sintlinger nach Hause zurückgekehrt war, beherrschte ihn eine Versunkenheit und Gefangenheit, die ihn selbst nicht verließ, da ihn Johanna vor das Hoftor hinausführte und ihm den Sintlingerstein neben den Torlinden zeigte, mit seinem sauberen Unterbau, dem gefälligen Kreuze und dem geschmackvollen Eisengitter. Er nickte zustimmend, aber zerstreut, freute sich, daß Johannas Wunsch endlich in Erfüllung gegangen sei, und las dann die Widmung auf der vorderen Fläche des Unterbaues: »Dem Andenken der früheren Besitzer des Hofes gewidmet«, halblaut leer und gedankenlos, nickte bedeutsam dazu, sah Helene groß in die Augen und verlor sich von ihrer Seite, von einem Winde entführt, der in seinem Innern aufgesprungen war und sich nicht regieren ließ. Vielleicht hatte ihn der Schreck eines Menschen ergriffen, der, auf einer todeinsamen Insel lebend, plötzlich menschlich-brüderliche Laute neben sich aufklingen hört und im ersten Zusammenfahren zweifelhaft ist: hat der Laut einer fremden oder der eigenen Stimme sein Ohr getroffen. In dieser Gegend der Welt, in der er mit Helene allein zu leben glaubte, vor der den alten Klim das Grausen in den Tod und sein Weib hart an den Rand des Irrwerdens getrieben hatte, dort atmete also dieser verrückte Herner Bergmann und redete Worte, die allem widersprachen, was ihn seine Schicksalsschläge bis jetzt gelehrt hatten. Der Mensch redete diesen Wahnsinn vor Hunderten wie seine sicherste Wahrheit. Wenn der von dorther so sprechen konnte, war es unmöglich, daß seine eigene Überzeugung vom Wesen Gottes und des Menschen die einzige Berechtigung hatte. Jene Ansicht nämlich, daß das ganze Weltall von unzerbrechlicher Gesetzmäßigkeit, die zugleich Gerechtigkeit sein muß, regiert wird, eine unbedingte Gewalt auch Gott gegenüber besitzt und nicht die geringste göttliche Willkür zuläßt. Dieser Unbekannte wohnte wie der Sintlinger in derselben Weite, fern von allen Lehrmeinungen der andern Menschen, und war imstande, solch offenbaren Wahnsinn auszusprechen, wie der, daß die Seele eines Menschen Macht über Gott besitze. Wie? Dann hatte er sein Lenlein so gemacht, wie es jetzt war! Dann war er , der Sintlinger , entweder ein Scheusal, das nicht zu leben verdiente, oder ein solch heiliger Mensch, daß er sich vor sich selber fürchten mußte. Das erstere, wenn, wie alle glaubten, Helene wirklich blind war, das andere, wenn sie nach seiner Ansicht schon im diesseitigen Leben tiefer in die außerirdische Macht hineingerückt sei. Mit diesen Gedanken schlug sich der Sintlinger auf das leidenschaftlichste und wurde es nicht gewahr, daß man das Tor und den Denkstein am andern Tage mit Girlanden aus Tannenreisig schmückte, daß aus dem Mittagessen eine festliche Mahlzeit geworden war und das Gesinde in feiertäglichen Gewändern umhersaß. Johanna spürte wohl, daß ihr Andreas in der Seele leidenschaftlich mit jemand haderte, und meinte nach einigem Schwanken, seine unbegreifliche Art sei nichts als die von Güte nicht ganz bezwungene Abneigung gegen das »Steinschmeißen«, wie er die Aufstellung des Denksteins genannt hatte. Doch als er während der Mahlzeit sich an ihr Ohr neigte, sie aufforderte, ihn doch einmal genau anzusehen, und dann fragte, ob er wahrhaftig wie ein Narr aussähe, da verließ sie diese Bekümmernis. Sie beruhigte sich damit, daß ihn eben wieder seine Eigenart regiere, die entweder eine Folge seiner früheren Wildheit oder ein Erbteil des Sintlingerschen Blutes war, und störte ihn weiter nicht in seinem absonderlichen Gehabe. Der Sintlinger streifte noch einige Zeit durch Haus und Gehöft, wobei er oft stehenblieb oder erregt mit jemand Unsichtbarem sprach, und war dann verschwunden. Auch als gegen Abend das Gesinde begann, in seiner Art die Einweihung des Sintlingersteines zu feiern, ließ sich der Bauer nicht sehen. In seinem unbekannten Versteck duldete er es, daß über den ganzen Heiligenhof sogar ein wirklicher Tumult kam, so als ob mit dem Denkmal nicht die verderbliche Macht der tollen Sintlinger gebrochen worden wäre, sondern so, als seien die wilden Fremdbauern zu neuem Regieren aus den Gräbern gelockt worden. Und seltsamerweise war der alte Zenker der Anstifter und Anführer der ausgelassenen Springprozession, die bis tief in die Nacht lärmend umherschwärmte. Aus seinem Beutel war das Faß Bier gekrochen, das wie von ungefähr sich auf dem Sägebock hinter der Scheuer einfand. Auf sein Geheiß hatte sich im Schütze der Dämmerung sein Schwestersohn aus Querhoven mit der Harmonika durch den Wald in den Hof geschmuggelt. Erst schnellte wie ein Hochzeitspeitschenschlag da und dort ein lautes Gelächter auf. Das Mädchenkichern stachelte überall leise an der Lust. Nicht lange, und es schnippte, pfiff, schäkerte und jauchzte überall aus den Pferdeställen, dem Milchkeller, der Siedekammer, unterm Schuppen und im Flur. Und als gar unvermutet die Harmonika melodisch aufwieherte, überstürzten Knechte und Mägde die Abendarbeit, und bald fegten alle singend und tanzend über den ebenen Wiesenplan hinter den Scheuern. Vergeblich machte Johanna einigemal den Versuch, das Überbrausen der Vergnügtheit einzudämmen. Doch anstatt sich ihrer Beschwichtigung zu fügen, ließ man sie hochleben, kreiste sie armverschlungen ein und hüpfte nach dem Takt der Harmonika um sie herum, daß die Bäuerin sich schnell dem fessellosen Schäumen entzog und sich auf das Vorbänklein rettete. Dort setzte sie sich und schaute in das Dämmern des Abends hinaus. Der Grenzweg drunten war kaum mehr zu erkennen, und der Brindeisenerhof sah im Schatten nicht wie ein Gebäude, sondern wie eine Schwarzbuschkuschel aus, die unhörbar auf dem Hügel schwankte. Wenn ein Freudenschrei des Sintlingerschen Gesindes an ihn prallte, wachte er mit einem schwachen, mürrischen Widerklang auf und versank dann aufs neue in das finstere Insichgekehrtsein. Irgendwer mußte neben dem Wohnhaus im Garten sein. Und Johanna mühte sich, herauszubekommen, wer es sei; aber sie sah nur in dem Schatten sich schwärzere Schatten bewegen, formlos, unhörbar, wie bei Nacht das Wild um einen Waldsaum spielt. Einmal glaubte sie wohl das leise Aufkrähen der Stimme Peters zu vernehmen, und hinterher war es, als rumpele gedämpft das Brummen der Stimme des alten Brindeisener darein. Allein, der laute Freudenbetrieb der Dienstleute nahm ihre Aufmerksamkeit dann wieder so gefangen, daß sie, ohne es zu wissen, die Melodien mitsummte, die der Harmonikaspieler endlos seilerte. Bald taumelte das Lachen, Singen und Musikwerken in die ährenfahle Nacht hinaus, als wolle es in das Feld auswandern, dann tauchte der Jubel wieder in der Ferne auf und wurde immer herzhafter und ungebundener wieder an den Hof herangesogen. Die Bäuerin überließ sich diesem Hin- und Herschwenken des fröhlichen Getöses, und nach einer Weile erschien es ihr wie eine frohe Verheißung der Zukunft. Dieses Fortsinken des Lachens und Singens ins Feld hinaus war wie eine Ernte des Glücks, als schwankten immerfort hochgeladene Fuder der Freude von draußen aus der Welt in ihren Hof herein. »Warum könnt's nicht wahr sein«, sann die Bäuerin, »daß dieser Stein da drüben meine Kummerwand für immer durchgeschlagen hat?« Als sich Johanna umdrehte, sah sie zum Erstaunen ihren Mann neben sich sitzen und Helene, die er an den Achseln zwischen seinen gespreizten Knien hielt. »Ach, du bist's?« fragte sie endlich, erleichtert aufatmend. Der Sintlinger nickte nur schweigend. »Warum hast du denn Helene nicht schlafen lassen?« fragte sie nach einer Pause weiter. Der Sintlinger bog seinen Kopf auf die Seite und fragte: »Hast du's gehört? Sie schießen noch immer.« Johanna bemühte sich, etwas wahrzunehmen, aber es war unmöglich. Allein Helene erklärte: Ja, es böllere in allen Hübeln, und auch Männer könnte man laufen sehen, wenn man sich inwendig ganz ruhig hinsetze. Die Bäuerin sagte mit schelmischem Spott: »Nein, so was, Lenlein!« und streichelte ihm die Wange. In diesem Augenblick kreischte aus dem Tanzhaufen hinter der Scheuer eine Magd schrill auf. Der Sintlinger sagte: »Ich denke, es ist Zeit, Feierabend zu machen. Deswegen komme ich heraus.« Plötzlich ruf die Blinde: »Dort!« und streckte die Hand in der Richtung des Waldes aus, der von Querhoven herüberzog. »Was ist denn dort, Kind?« fragte der Sintlinger das Mädchen und nahm es schützend in die Arme. »Sie ist übermüdet«, sprach Johanna, »wir wollen hineingehen«, stand auf und nahm Helene bei der Hand. Aber das Kind entzog sich ihr heftig und jagte mit weinerlicher Hartnäckigkeit, daß sie nicht müde sei, sondern sie sehe einen Mann. Der Bauer berührte beschwichtigend die Hand seiner Frau und sagte dann ernst: »Also einen Mann sieht das Kind.« »Ja«, antwortete Helene sehr bestimmt, »dort«, und sie zeigte nach derselben Richtung wie vorhin. Es konnte ja nicht anders sein, daß die Wahrnehmungen Helenes Sinnestäuschungen infolge überreizter Nerven waren. Aber es fügte sich seltsam; als der Sintlinger und die Sintlingerin mit gemachter Aufmerksamkeit zur Beruhigung des Kindes Umschau hielten, kam der alte Zenker, vornübergebeugt und unsicher hinter der Schuppenecke vor. Ein Handwenden lang stutzte er gegen das Torbänklein hin, dann trat er an der Hügelwand gegen den Brindeisenerhof heran und sah angestrengt hinunter. »Siehst du, Lenlein hat recht. Da ist ja der Mann!« sagte der Sintlinger launig zu seiner Frau. »Aber ich denke, nun ist es wirklich Schlafenszeit, sonst schüttet uns der Alte noch um.« Er reichte Helene in die Arme seines Weibes und erhob sich. In diesem Augenblick schrie Zenker in sinnloser Wut auf: »Wirst du 'numergehn? Wirst du wohl gleich, Brindeisener – Vieh, du!« Ehe der Bauer hinzuspringen konnte, hatte der Wirtschafter einen großen Stein aufgerafft und den Abhang hinuntergeschleudert. Da war der Bauer auch schon bei dem Wütenden: »Bist du des Teufels, Zenker!« rief er und rüttelte ihn am Arme. Der Alte drehte sich herum und glotzte ihn verständnislos an, und als jetzt das Schmerzgeheul einer Knabenstimme schrill aufklang, nickte er sogar zufrieden und lachte übers ganze Gesicht. »Zenker, du hast den Jungen getroffen, du!« sagte der Bauer lauter und packte ihn fester am Arme, daß er zur Besinnung komme. Von drüben brüllte jetzt der alte Brindeisener auf, dumpf krachend, als trommle jemand auf eine große leere Holzkiste. Aber man hörte nur einzelne Worte: »... Teufel ... Bande ... entzweischlagen ...« Johanna nahm Helene auf die Arme und eilte in den Hof. Das Harmonikaleiern riß mitten entzwei, und das Gesinde drängte eilig heran. Als sie hörten, um was sich das »Brindeisenergeschimpfe« handle, traten alle, Knechte wie Mägde, auf die Seite des alten Zenker und erklärten: »Dem Rangen«, womit sie den kleinen Peter Brindeisener meinten, »sei recht geschehen, und wäre ihm auch der Schädel eingeschmissen worden.« Denn den ganzen Abend sei er um den Hof »herumgespioniert«, und habe man ihn da weggejagt, so hätte in der nächsten Minute sein weißer Haarschopf woanders auf der Lauer gelegen. Aber der alte Wirtschafter wehrte nun ihre Anerkennung ab. Der trunkene Wirbel war schon vollkommen aus ihm herausgeblasen. Er sah betreten vor sich nieder und sagte mit bekümmerter Stimme: »'s is nich recht, ihr Leute, 's is nich recht. Nee, nee !« Der alte Brindeisener hatte sich auch ausgeschüttet. Man hörte ihn krachend einen Torflügel herumschlagen. Ehe er aber den anderen nachdonnern ließ, brüllte er noch einmal mit der ganzen Kraft der Lunge durch die Nacht: »Verfluchtes, verfluchtes Sintlingerpack.« Dann schmetterte der andere Flügel ein, und der schwere Sperrbalken rasselte herunter. Das Sintlingergesinde brach in lautes Hohngelächter aus, und der Bauer hatte Mühe, sie zu beschwichtigen und in den Hof zu stopfen. Der alte Zenker blieb an der Stelle stehen, von wo er den Stein geschleudert hatte. Als der Sintlinger wieder zu ihm trat, faßte er seine Hand und drückte sie übermäßig. »Du hast recht, Bauer«, sagte er mit dumpfer Bissigkeit, »ganz recht. Mich regiert's, ich leugne nichts mehr – ich bin ein alter Esel geworden«, und nach dieser Einleitung ließ er sich in eine lange Erzählung ein, deren Sinn darin bestand, daß er durch das Albpreschen »tontal, durchaus verschlagen habe«, die »Plauze«, die Beine, der Kopf, alles tontal. Und wenn er sich nicht eine Weile auf die Seite mache und sich aussitze und sattfletsche, dann mache es ihn stille und lege ihn auf den Rücken. Es wäre ja jetzt alles in Ordnung auf dem Hofe, man habe den Sintlingerstein und brauche ihn nicht mehr. Er wolle auf ein paar Wochen zu seiner Schwester nach Querhoven hinüber, und sein Neffe könne indessen für ihn auf dem Hofe eintreten. Der Bursche greife die Arbeit so leicht und sicher wie seine Harmonika. Es sei Zenkerblut, und er werde sich keine Unehre machen mit seinem Verwandten. Der Sintlinger hielt standhaft aus. Als er aber sah, daß der Alte von neuem zur Abhandlung einer anderen Frage ausholte, sagte er, daß man das besser morgen bei Tage besprechen könne, jetzt sei es vernünftig, man gehe schlafen. Damit nahm er den Graukopf bei der Hand und zog ihn dem Hofe zu. Am Torpförtchen aber riß sich der Alte mit dem Bedeuten los, daß er noch etwas zu tun habe. Der Sintlinger verschwand im Hause. Viertes Kapitel Der Bauer ging nicht gleich zu Bett, sondern schloß die Tür zum Schlafzimmer, setzte sich auf die Wandbank des Wohnzimmers hinter den Tisch und überließ sich seinen Gedanken. Nicht lange, und er hörte den alten Zenker sich zur Ruhe begeben; das Tor knarrte, der Haustürschlüssel kreischte, vorsichtige Schritte kamen den Flur her, polterten gegen die ersten Treppenstufen und verloren sich die Stiege hinauf unter den Boden. Da fiel die Müdigkeit auch den Bauer an, und er begann seine Kleider abzulegen. Er zog den Rock aus und legte ihn neben sich, knöpfte die Weste auf und drückte sie auf den Rock. Er drückte sie ein-, zweimal fest, als wäre etwas in dem Kleidungsstück, das sich gegen ihn wehre. Ja, endlich preßte er die Hände so leidenschaftlich auf die widerspenstigen Sachen, daß er sogar seinen Körper vornüber neigte. Aber unvermutet mußte er sich aufrichten; denn ein seltsamer Gedanke bedrängte ihn, so seltsam und unsinnig, als habe er ihn nicht aus seinem Kopf, sondern als sei er aus den Kleidern in seine Seele gestiegen. »'s ist ja Unsinn!« sagte der Sintlinger zu sich und sah sich in der dunklen Stube um. »'s ist ja lächerlich!« wiederholte er, aber schon leiser, und mußte trotz der Gegenwehr diesen törichten Einfall wieder sinnen: »Helene hat ja gar nicht den alten Zenker gesehen. – Sie sah ja auf den Querhovener Wald, und Zenker kam von der entgegengesetzten Seite hinter der Scheuer vor.« Aber der Sintlinger achtete auf diese Absurdität seines Innern nicht weiter, vollendete das Auskleiden und ging mit einem spöttischen Lächeln ganz erfüllt in die Schlafkammer. Beim Überschreiten der Schwelle sann er sogar höhnisch weiter: »Vielleicht will er mir noch weismachen, das Kind habe den fortgelaufenen Faber-Narren gesehen, haha!« Doch mitten in seinem Spott hinein war es, als spräche deutlich eine Stimme: »Jawohl! Geh du nur an das Bett Helenens, und wenn du in der Finsternis ihr Gesicht wahrnehmen kannst, dann ist alles wahr.« Zugleich spürte der Bauer das graue Wanken in seinen Kopf ziehen, das dem tiefen Schlaf vorauszugehen pflegt. Deswegen dachte er bei sich, der Traum hauche ihn schon bei offenen Augen an, ließ sich aber doch an das Bett seines Kindes führen, und merkwürdig, als er seine Hand tastend an dem Seitenbrett des Bettes hinschob, zerriß plötzlich das Schummergewölk traumhafter Anwandlung und machte einer grellen Klarheit, fast Überwachheit Platz. Noch konnte der Sintlinger überlegen, daß diese Zustände wahrscheinlich die Folge der vielfältigen Aufregungen des Tages und des leidenschaftlichen Kampfes mit den Gedanken des Herner Rebellen seien, aber da beugte er sich auch schon wie gestoßen über das Lager Helenens und richtete seine Blicke unausgesetzt in der Richtung durch die Nacht, von woher der stille Atem seines Kindes kam. Es blieb finster. Nicht einmal das weiße Kissen, geschweige die Umrisse des kindlichen Kopfes waren wahrzunehmen. »Na also!« sagte der Sintlinger enttäuscht zu sich. »Da haben wir's. Gehn wir nun schlafen.« Aber auf einmal hörte er, daß die Atemzüge Helenens schneller und schneller wurden, unruhig und unregelmäßig. Darauf fing sie an, sich zu wälzen, und stieß ein gähnendes Seufzen aus. Und dann geschah das für ihn Unbegreifliche. Er sah nämlich die Augen Helenens unter sich, nicht in ihrer Farbe und der deutlichen Wölbung der Augäpfel. Sie schwebten mit dem Ungewissen hauchenden Lichte ganz ferner Sterne in der Finsternis, bewegten sich wie suchend hin und her, erloschen, wenn die Lider über sie sanken, und standen dann wieder lange still in einem rätselhaft dunstigen Leuchten. Der Sintlinger wußte nichts von der Eigentümlichkeit mancher Menschenaugen, die Helle, die sie am Tage in sich aufgesogen haben, im Dunkel wieder auszustrahlen, sondern nahm es als den sichtbaren Beweis der geheimnisvollen Sehkraft seines Kindes, der ihm jetzt eben geschenkt worden war, da er im geheimen sich zweifelvoll mit den Behauptungen des flüchtigen Rebellen geschlagen hatte. Er fühlte eine fast körperliche Hand an der Schulter, die ihn sanft zurückschob und zur Tür hinaus in die Wohnstube drückte. Ein Schimmernebel von glückvollem Jubel wogte um seinen Kopf. Mit fliegenden Händen zog er sich wieder an, und als er leise die Wohnstube hinging, war es ihm, als öffnete sich die Tür von selbst. Die Haustür tat sich auch geräuschlos auf, und bald stand er draußen unter den Hoftorlinden in der verwaschenen Sternenhelle der Nacht. Eben fuhren die Glockenschläge der Hemsterhuser Turmuhr schon ermattet, aber klar durch die hohe Luft über ihm und fielen fern zur Erde. Sie schossen rasend schnell herunter und zerschellten wie an Steinen, so daß der Bauer noch sekundenlang ihre Klangscherben nach allen Seiten tönend durch die Luft sausen oder mehr spritzen hörte. Mit wachsten Sinnen befand sich der Sintlinger wie mitten in dem spukhaften Weben eines Traumes. Langsam trat er an den Rand des Hofhübels und sah angestrengt auf den Grenzweg hinunter, um herauszubekommen, wo die Töne eigentlich aufschlugen. Längst war die Glocke verstummt, aber er konnte nicht ablassen, hinunterzustarren. Es war ganz still. Nur sein Blut hörte er leise picken. Aber nein! Das waren ja Schritte! Er trat so hart an den Rand des Abhangs, daß er sich an dem Stamm eines Baumes halten mußte, um nicht abzugleiten. Ohne Zweifel! Es kam jemand sprungweise den Grenzweg von Hemsterhus her, immer einige aufgepeitschte Sätze, dann schwere durcheinandertaumelnde Schritte höchster Erschöpfung. »Der Mann, den Helene gesehen hat!« blitzte es dem Sintlinger durch die Seele, und er drängte sein Hirn mit einer solchen Gewalt in die Ohren und in den Blick, daß ihn die Augäpfel von der Anstrengung des Sehens schmerzten. Wie durch ein Wunder konnte er die fahle, verschummerte Straße unterscheiden, und bald darauf sah er wirklich den Schatten eines Mannes sich von dem Schatten eines Baumes lösen und unschlüssig einen Moment auf der Mitte des Weges schwanken. »Holla!« schrie der Sintlinger törichterweise hinunter. Da schoß der Mensch schnell wie der Schatten eines Nachtvogels nach dem Walde zu davon, und seine springenden Schritte klangen schwächer und schwächer. Rasch überlegte der Sintlinger, ob er den Abhang hinunter ihm nacheile oder den großen Bogen, den der Grenzweg eines Hügelvorsprungs wegen machen mußte, abschneide und über die »Hohe Kippe« renne. Er zog den Fuß zurück, den er instinktiv schon zum Schritte vorgeschoben hatte, und lief in weiten Sätzen den Hügel hinauf. »Und wenn ich bis zum Teiche laufen soll«, sagte der Bauer, und um dem Flüchtling zuvorzukommen, stürzte er sich, als würde er geschleudert, quer über die Wiese hin, wo die Waldstraße mit dem Grenzweg sich vereinigte. Schon war er an der Wegkreuzung und spähte, an seinem Atem reißend, bald nach dem Walde hin, den er als eine finstere Wolke ins Nachtdunkel hineinschwanken sah, bald vigilierten seine Blicke den Grenzweg entlang, der sich aus dem verengten Tälchen wie aus einem riesigen Loche hervorwand. Nichts zu erlugen! Alles still wie gefallenes Laub. Er wartete noch eine Weile und ging dann über den Weg in die Wiese hinein, aber aus keinem anderen Grunde, als um sich niederzusetzen und die Aufregung etwas loszuwerden. Denn mitten in der Wiese war eine Quelle, die einen kleinen Tümpel ins Gras gedrückt hatte, mit dem sie vor dem Weglaufen in der Nähe eines Gesträuchhaufens stand und sich blank und schwarz umsah. Dort wollte sich der Sintlinger ins Gras legen, seine Gedanken ordnen und die Straße drüben im Auge behalten, wenn ja noch jemand käme. »Das wär' mir einer!« sann er im Hingehen. »Will Gott zwingen und läuft durch Tage und Nächte wie unsinnig vor Gendarmen und Bauernknütteln davon.« Mit einem verächtlichen Lächeln setzte er sich unter den Strauch, langte einen Zweig in die Hand und begann im Weitersinnen die Blätter davon abzustreifen. Allein, es war doch kein rechtes Sinnen, sondern ein traumhaftes Umsichgreifen schwanker Gedankenverbindungen, das in seinem Kopfe hin und her wogte. Ohne den geringsten Grund brachte er den Herner Rebell, den Mann, den Lenchen gesehen haben wollte, und jenen Straßenläufer, dessen Schritte er auf dem Grenzweg gehört hatte, auf eine Person und fühlte sich dabei in einer ahnungsvollen Schicksalsverknüpfung, wie sie nur den Tatsachen eigen ist, die der Traum in unsere Seele stellt, so als liefen alle Wege seines vergangenen Lebens zu diesem Ereignis heran und holten sich aus ihm die Kraft zukünftiger Richtung. Aber mitten in diesem Tiefversinken fiel ihn der Zweifel an, ob er sich nicht überhaupt mit dem Männerlaufen auf dem Grenzwege geirrt habe, und ob es nicht töricht sei, den Bemerkungen seines Kindes soviel Wichtigkeit und vor allem diese Deutung beizulegen. Der Sintlinger ließ den Zweig aus der Hand fahren, daß er klatschend in das Geblätter zurückschnellte, und überlegte sich, daß vielleicht alles, was sein Denken berücke, nur die Folge jener halluzinatorischen Überempfindlichkeit sei, von der er auf allen nächtlichen Streifereien seit jeher geplagt wurde, und beschloß, die aussichtslose Verfolgung eines wahrscheinlich bloß eingebildeten Mannes aufzugeben und nach Hause zu gehen. Ehe er sich aber erhob, horchte er noch einmal auf das Quellchen vor sich, das leise pinkte, als klinke jemand vorsichtig eine winzige unterirdische Tür auf, dann schluckte es an verfangenen Wellchen, und manchmal ging gar ein schwaches Blasen von ihm aus, mit dem es durch das Gras raschelte. »Vielleicht hat alles denselben Lebenshauch wie wir Menschen«, sann er, »der Stein, die Pflanze, der Boden, das Wasser«, ließ sich auf seine Hände nieder und beugte sich horchend ganz nahe an die Quelle heran. Aber er mußte schreckhaft zurückfahren. Denn da lag ja ein Mann lang im Grase wie niedergestoßen, den Kopf nahe am Tümpel, aus dem er wohl hatte trinken wollen. In diesem Augenblick mußte ihm die Besinnung geschwunden sein, denn das Gesicht lag schlaff auf die Seite gesunken, die Arme matt in die Halme gestemmt. Er lag regungslos, und sein Atem strich ab und zu leise, aber hörbar durchs Gras. »Das ist ja der Niemand-Alb«, zuckte es als greller Glast durch den Bauern, »was soll das bedeuten? Da ist ja mein Weib, mein Kind, mein Hof, alles verloren, ich selber.« Der Sintlinger saß im ersten Anprall einer unbeherrschbaren, sinnlosen Furcht strack aufrecht und vermochte sich nicht zu rühren. Aber schon im nächsten Moment hatte er sich wieder in der Hand. »Was wollen Sie denn hier?« rief er laut. Der Fremde rührte sich nicht. »He! Sie! Stehen Sie auf!« Er packte ihn an der Schulter und rüttelte ihn. Der Unbekannte stieß ein tiefes, langes Stöhnen aus, kam aber nicht zu sich. »Das ist ja nur ein Betrunkener!« lachte der Sintlinger endlich spöttisch auf, gab ihm einen derben Schlag auf den Rücken und rief anfeuernd: »Also hopp! Los, Alter!« Da ging ein langsames, schweres Zusammenraffen durch den großen Körper des Daliegenden. Taumelnd und unsicher kam er zur Höhe, setzte sich auf und verharrte dann mit zurückgesunkenem Kopf eine Weile, wie um sich von der Anstrengung des Emporrichtens zu erholen. Der Sintlinger konnte in dem Sternenlicht die Züge seines Gesichts nicht recht erkennen. Er sah bloß eine fast zu hohe, mächtige Stirn, wie eine blasse, zerfurchte Knochenwand, eingesunkene Wangen, einen langen, verwühlten Vollbart und darein einen schmerzvoll gepreßten Mund gegraben. Jetzt hob der Fremde den Kopf aus dem Nacken und starrte nach allen Seiten suchend ins Dunkel. Er bemerkte jedoch den unter dem Strauche sitzenden Bauer nicht, bewegte müde das Haupt und sagte fast unhörbar im Anklingen an einen ihm unbekannten Dialekt zu sich: »Nein – nein. – – Es war nichts ... Ich werde noch ein wenig schlafen ... schlafen ... schlafen, bloß schlafen ...« Dann ließ er sich mit einem schmerzvollen Atemzuge wieder zusammensinken. »Faber ...« sagte der Sintlinger ergriffen und unsicher. Der Fremde bewegte zustimmend den Kopf und sagte: »Ja, ja ... 's ist gut. Ich weiß, daß du da bist. Aber laß mich jetzt. Schlaf du, schlaf. Du hast's nötig.« Der Bauer konnte aus diesen rätselhaften Worten weder erkennen, ob der Unbekannte wirklich Faber sei oder irgendein Fremder, den ein geheimer Gram durch die Nacht trieb, noch auch, ob seine Worte an ihn gerichtet waren oder das Selbstgespräch eines Übermüdeten seien. Ohne diese Möglichkeiten in sich zu einer klaren Einsicht zu schlichten, handelte der Sintlinger nach dem Drange, der ihn bewegte, seit er des Herner Bergmanns unbegreifliche Worte über Gott gelesen hatte, und nahm den Wunsch, mit dem seltsamen Manne darüber streiten zu können, für dessen Erfüllung. Deswegen sagte der Bauer nach einer Pause. »Aber du bist fortgelaufen.« Der Fremde antwortete aus dem Halbschlaf: »Das weißt du ja, daß ich dich aus Menschenmitleid habe laufen lassen.« »Aus Schwäche bist du fortgerannt, aus Feigheit«, sagte der Sintlinger, der zu ahnen begann, daß der Fremde nach der Art Halbträumender mit sich als einer anderen Person redete. »Ganz recht, ganz recht«, entgegnete der Unbekannte, »wegen der Schwachheit der anderen. Denn du bist stark genug, fremdes Unrecht zu tragen. Sei aber jetzt still, schlafe und gräme dich nicht fortwährend.« Nun war der Sintlinger sicher, daß der Flüchtling kein anderer als Faber sein könne. »Mensch«, sagte er deshalb, »Mensch, das ist eine Lüge in deinen eigenen Hals hinein. Du hast Angst vor deinem Tode.« Auf diese Worte schrak der Fremde aus seinem Schummern auf, sprang mit einem Satze auf die Füße und sah sich hastig atmend um. »Das kann ich nicht sein«, sagte er murmelnd zu sich. Dann sprach er lauter: »Ist jemand da, so melde er sich.« Seine Stimme hatte sich verwandelt, sie war voll ergreifender Sicherheit. Der Sintlinger erhob sich etwas betroffen und trat aus dem Schatten des Strauches heraus, einen Schritt ihm entgegen. »Hier bin ich«, sagte er dabei. »So, so«, sprach Faber ruhig und maß ihn durch das Dunkel. »Wer bist du?« »Ein Bauer.« »Aus der Gegend?« »Ja, hierherum zu Hause. Und du? – Bist du nicht der Bergmann aus Herne, der die Leute aufredet und dann fortläuft?« »Und deswegen verfolgst du mich und lauerst mir in der Nacht auf?« antwortete Faber ausweichend mit gütigem Verweisen. »Nicht jeder, der läuft, läuft vor sich. Ich habe keine Angst. Aber mir tun die leid, die mich verfolgen, und ich muß sie davor bewahren, unrecht an mir zu tun.« »Fällt mir gar nicht ein, daß ich dich fangen wollte«, erwiderte der Sintlinger, von etwas Abgründigem in den Worten, noch mehr in der Stimme Fabers angeschüttert und doch zugleich durch einen Stolz des Fremden verletzend beiseitegeschoben, daß er sich mit seinem alten, schneidigen, fast verächtlichen Aufbäumen dagegen wehrte. Aber Faber überhörte das beleidigende Losfahren des Bauern vollkommen und antwortete ruhig: »Also, wenn du mir nichts antun willst, dann geh und laß mich allein. Ich bin müde von der Jagd nach mir und will einen Augenblick schlafen. – Laß mich! Wenn es Zeit ist, werde ich tun, was notwendig ist. Gute Nacht, Mann!« Während der letzten Worte hatte sich Faber wieder niedergelassen und auf dem Boden ausgestreckt. Den Nachtgruß rief er dem Bauer schon im Liegen zu. Dann schob er den Arm als Kissen unter den Kopf und kümmerte sich um den Sintlinger nicht mehr. »Wenn du nicht mehr wolltest, als in der Nacht auf der Wiese zu schlafen, so hattest du doch nicht nötig, tausend Leute aufzurühren!« rief der Heiligenbauer höhnisch. Der Fremde schwieg. »Geh! Du!« rief er von neuem grimmig. »Ja, jetzt ist dir der Mund zugewachsen! Wo ist denn deine Gewalt, du Prahler, mit der du Gott zwingen kannst, wenn du in der Not nichts kriegst als – Schneiderbeine.« Faber erwiderte noch kein Wort auf den Schimpf, und der Bauer geriet immer mehr ins Unrecht. Und je mehr er das empfand, um so heftiger übermannte ihn sein ungebändigtes Temperament. Aber er erreichte mit seinen Angriffen doch nichts, als daß er selbst immer haltloser und unsicherer wurde, während des anderen Macht wuchs. Bald befand er sich in einer Art Notwehr, weil er fühlte, wenn der Mann aufstand und davonging, ohne daß er ein entscheidendes Wort zu ihm geredet hatte, dann war er ganz gewiß gezwungen, ihm nachzufolgen und zu bleiben, bis er zu ihm gesprochen hatte. Es kam eine förmliche Angst über den Bauer, daß er nicht mehr Herr seiner klaren Überlegung blieb. Seine Worte fuhren über seine Lippen, als blase er Feuer. Er lüftete schon die Verschnürung geheimster Überzeugungen und gab den Schimmer und die Luft manches versteckten Winkels aus seinem Leben preis. Faber trat trotzdem mit keiner Gebärde aus seinem Schlafzustand heraus, strömte aber immer fühlbarer ein rätselhaft hohes Mitgehen aus, das den Sintlinger in immer neues Bekennen führte. Unter Widerstreben und in Bedrängnis, den »Streifer« dennoch ins Unrecht zu setzen, ließ der Heiligenbauer Hülle um Hülle seines Lebens fallen und näherte sich der tiefsten Umwandlung seines Daseins, dem Geheimnis, das durch sein Kind über ihn gekommen war. Das aber wollte er sich nicht entreißen lassen, konnte jedoch nicht verhindern, daß er an diese Erneuerung seiner ganzen Welt heranstreifte, indem er von einem Blick sprach, der hinter alle Wesen zu dringen imstande sei. Bei diesen Worten schnellte Faber unvermutet wieder in die Höhe und bestärkte den Sintlinger damit in der Annahme, daß er die ganze Zeit über sich nur schlafend gestellt hatte. Das Emporrichten des großen Mannes war so machtvoll, und er sah dann in einer so ungeheuerlichen Art nach ihm hin, daß der Heiligenbauer, sich plötzlich in seinen eigenen Worten nicht mehr zurechtfindend, verstummte. »Mein Lieber«, sagte Faber über ein kleines Sinnen hin leise, »du bist ein großes Stück vorwärtsgekommen. Gewiß. Aber hüte dich. Denn du hast eine Natur, daß du am Ende in eine Not und Irre geraten wirst, die größer ist als die, aus der du gekommen bist.« »Warum?« fragte der Sintlinger mit furchtsamer Ironie. Faber wiegte verneinend sein Prophetenhaupt, und als der Heiligenbauer in ihn drang, es ihm ruhig zu sagen, denn er sei kein Zwirnfaden, den man mit zwei Fingern auseinander reißen könne, gab ihm der Faber einen Bescheid, den der Sintlinger für vollkommen töricht hielt. Er sagte etwa: es könne nicht fehlen, daß es ihn am Ende in einer furchtbaren Mühle wirbeln werde, weil er überall, wohin ihn das Sinnen führe, sich immer selbst mitnehme, sogar zu seinem Gott hinein. Besonders die Sätze, mit denen er endete, sprachen allem Hohn, was der Sintlinger bis jetzt gehört hatte. Faber sagte: »Das Wissen um das Denken hat mehr Seelen zerstört, als Schwerter seit jeher Menschen erschlugen. Wer weiß, ohne es zu denken, und fühlt, ohne es zu fühlen, allein jener denkt und fühlt das ewig Denkens- und Fühlenswürdige. Das Wissen des Denkens gleicht dem Blick, der eine Kugel von außen sieht. Das Denken ohne Bewußtsein erlebt die Bewegungen des Weltalls und das Gefühl, das sich nicht kennt, die Empfindungen Gottes.« Dies schien dem Bauer eine ausbündige Verrücktheit zu sein. Überhaupt endete diese Unterredung in einer so grotesken Weise, daß davon alles Schwere und Tiefgreifende vorher in die Unwahrscheinlichkeit eines bloßen Traumerlebnisses getaucht wurde. Denn der Laut von Fabers Stimme klang noch in der stillen Nachtluft, da ertönte aus der Ferne des Sintlingerschen Waldes ganz schwach das Traben von Pferdehufen und kam schnell näher. Dem noch eben so überlegenen Gottbezwinger riß das Geräusch den Kopf herum und stürzte ihn unversehens in die alte Angst. Er begann zu zittern, sein Atem pfiff, vergeblich rang er nach Festigkeit, wie es dem Heiligenbauer schien. Plötzlich streckte er beide Hände wie um Hilfe flehend nach ihm aus und stotterte: »Bauer... Bauer... Menschenbruder... hörst du... da kommen sie schon wieder... Bauer!...« Vor diesem jammervollen Zusammenbruch bemächtigte sich des Sintlingers die alte beißende Ironie. Er riß seinen Geldbeutel aus der Tasche und drückte ihn dem Flüchtlinge mit den spöttischen Worten in die Hand: »Ja, ja. Lauf, was du kannst, armer Schelm! Und da nimm noch eine Wegzehrung zu deinem Gott mit.« In diesem Augenblicke prallten die Hufschläge, die er vorhin vernommen hatte, eben laut ins Freie. Faber sprang mit einem Heuschreckensatz auf und lief geduckt dem Walde zu, in dem sich bald leises Knacken eilig weiterwand und erlosch. Drüben an der Straße klapperte es eilig stolpernd herbei, stutzte an der Wegkreuzung einen Augenblick und trabte dann schnell weiter. Das Pferd schnob; der unförmliche Schattenballen seines Leibes wogte vorüber; einigemal zuckte ein schwaches Schimmern, vermutlich vom Helme des Gendarmen, auf. Dann verloren sich die Hufschläge in dem finsteren Tunnel des Tälchens nach Hemsterhus und waren bald hinter dem Vorsprung des Sintlingerhübels im Nachtschweigen untergegangen. Den Bauer aber fiel plötzlich ein Lachen an über den Herner Rebellen, der wie ein Riese aus der Nacht getaucht, dann so kläglich davongelaufen war, und über den Gendarmen, der ihn so töricht verfolgt hatte. Fünftes Kapitel Der Sintlinger traf am anderen Morgen den alten Zenker nach manchem vergeblichen Suchen in der Siedekammer, wo er auf der Siedelade saß und mit grauem, versunkenem Gesicht auf einen Haufen alten Plunders sah, der vor seinen Füßen auf dem Boden lag: ein Paar rötliche, knochenharte Langschäfter, eine ausgediente Stalljacke, ein zerwundenes Halstuch und einiges Riemzeug. Beim Eintreten des Herrn hob der Schaffer den Kopf und nickte ihm zum Gruß spöttisch lächelnd entgegen: »Ja, ja, lach nur, Bauer! Mit Fetzen fängt das Leben an, mit Fetzen hört es auf. Unmächtig bin ich auf den Sintlingerhübel gekommen, unmächtig steige ich wieder 'nunter. Es dreht sich alles. Was grau angefangen hat, muß grau aufhören. Das darf wohl nicht anders sein bei unsereinem! Aber dazwischen war's doch manchmal schön und licht, nicht, Bauer?« »Da willst du also richtig fort?« fragte der Sintlinger. »Ob ich will, das springt auf einem anderen Stein«, antwortete Henker. »Es tut mich von selber 'naus.« Damit rückte er auf der Siedelade ein Stück hin, und der Sintlinger setzte sich neben ihn. So sprachen denn die beiden den Entschluß des Alten durch, daß er bei seiner Querhovener Schwester sich ein paar Wochen und, wenn's sein müßte, Monate, mit Sitzen und Liegen in Wärme und Ruhe von seinem Schaden erhole; man streifte plaudernd in diese und jene Gegend der Vergangenheit, und der Heiligenbauer zerstreute die Wolken, die dem treuen Dienstmann die Entfernung vom Hofe wie einen Abschied für immer erscheinen ließen, und sagte ihm so viel Liebes und Tröstliches, daß Zenker wieder Mut faßte. »Nein, nein!« rief der Alte endlich lachend aus, »so meinte ich's eigentlich auch nicht. Los werdet ihr mich alten Brockenierer und Knurrer nicht ganz. Darauf verspitzt euch nur nicht. Eh der Winter kommt, brumm ich schon wieder durchs Haus.« Dann verhandelten sie noch über den Schwestersohn, den Gottlieb Meixner, und Zenker lobte ihn mit kargen Worten als einen fleißigen, verläßlichen und brauchbaren Burschen, dem das einzige von seinem Vater und seinem Onkel, dem Prahl-Meixner, anhänge, daß er manchmal sozusagen ein verrücktes Trillern kriege. Aber dann brauche man ihm bloß die Kandare zwischen die Zähne zu reißen, auf einen derben Rucker nur, so fielen die bunten Meixnerfetzen ab, und das Zenkerblut käme wieder obenauf. Ja, es sei schon seltsam, meinte der Sintlinger, was so Väter Kindern mitzuspielen imstande seien, wenn die sich nicht selber einen Tisch aufzustellen wüßten mit eigenem Essen darauf. Da stoße ihnen sonst jedes Gericht auf, an denen sich Vater und Großvater je einmal den Magen verdorben habe. Ob es mit dem Meixner-Elis – er hieß Elias – noch lange dauern werde? Damit meinte er den einzigen Querhovener Großbauern. O ja, antwortete Zenker, wisse denn der Bauer nicht, daß es ihm jetzt wieder ganz besonders gut ginge, und ganz Querhoven stinke vom Meixnerhofe her Sonntag und Woche nach Braten und Wein, und der Prahl-Elis fahre, daß den Pferden die Hufeisen in den Schwänzen hängenblieben. Denn im Vorjahr sei der kreuzlahme Bruder der Frau gestorben, der kranke Geizkragen, dem eigentlich von Rechts wegen der ganze Hof und alles gehört habe. Nun ständen die Talerkisten fortwährend auf, und wo sich Meixner nur bücke, falle ihm Geld aus der Tasche. Die beiden redeten über den wirren Großbauer von Querhoven noch manches hin und her und kamen so auf Umwegen wieder auf den Fortzug des alten Wirtschafters, dessen Umstände sie dann ganz genau festlegten. »Gut, da wär' also alles abgemacht«, sagte der Sintlinger am Ende und erhob sich. »Der Gottlieb kutschiert dich gegen Abend hinüber und bringt sich bald auf dem Rückwege seine Sachen mit, und dein Lohn geht weiter. Merk' dir's, Zenker, du gehörst zu uns!« Er versetzte dem Alten einen herzlichen Schlag auf die Schulter und verließ ihn schnell, denn er sah, wie der gute Graukopf, von Rührung übermannt, fahl dastand und in Wut auf seinen Zahnstummeln herumbiß, um das Wasser nicht aus den Augen zu lassen. »Gottlieb ist auf der Hinterwiese«, rief er dem Sintlinger in grimmiger Gepreßtheit noch nach. Dann packte er die alten Langschäfter, hieb sie krachend neben der Siedelade auf den Boden und sagte: »Die Knochen zerschlag' ich dem, der an unsern Herrn 'ran will.« Als der Heiligenbauer auf der Waldwiese anlangte, lag der größte Teil schon niedergemäht, in Schwaden, und der Bursche ließ die Sense noch immer tanzen, als habe er sie eben erst in die Hand genommen. Schlechte Mäher stehen steif und rupfen mit der Sense an dem Gras herum wie eine alte zahnlose Kuh. Der gute Mäher überläßt sich eigentlich mehr diesem Schnittmesser an dem langen Stiel. Er tut nichts hinzu. Nach kurzer Zeit wird die Sense von dem Sausen gepackt, das in ihr ruht. Dieser Schwung geht in den Mahder über, daß er mehr wie ein Vogel mit ausgebreiteten Flügeln über die Wiese wogt. Der Sintlinger näherte sich dem Burschen, ohne von ihm gesehen zu werden. Jetzt, da er bei ihm stand, berührte er von hinten seine Schulter, und Meixner riß die Sense aus dem Schwung und stellte sie lächelnd mit dem Stiel auf die Erde. »Na, wird's auf dem Sintlingerhof gehen, Meixner?« fragte der Bauer. »Wegen mir schon«, antwortete Gottlieb lächelnd. »Aber Harmonikaspielen macht sich schon leichter, was?« »Eins ums andere, wie's kommt.« »Und wenn das Mutterbändel nun zerreißt?« fragte lächelnd der Sintlinger, weil Gottlieb sein Leben noch nicht aus Querhoven herausgekommen war. »Na, da denk' ich, bleiben meine Hosen schon trocken«, antwortete Gottlieb schlagfertig. Nach dieser fröhlichen Einleitung kamen die beiden wegen des Lohnes überein. Der Bursche erhielt sein Handgeld und wurde davon verständigt, daß er heute schon antreten könne. Meixner war kurz, klar, mit einer Neigung zu spöttischer Verstecktheit. Auch beim Ernst flog ein komisches Jucken durch sein sehr großes, hügelig unregelmäßiges Gesicht. Besonders seltsam waren die Augen. Von Geburt etwas schielend, lagen sie in tiefen, übergeräumigen Höhlen, klein, dunkel, voll jagender Unruhe. Damit musterte er den Heiligenbauer, von dem er schon so viel gehört hatte, jedesmal, wenn der Sintlinger den forschenden Blick von ihm abwandte. Dann schössen die Augen mit stechendem Zupacken vor und sprangen sofort, wieder in Schüchternheit verfallend, zurück, wenn ihn der Heiligenbauer ansah. Im allgemeinen gefiel Meixner dem Bauer, und dies seltsame Gehaben im Gesicht erklärte er sich mit den verborgenen Wirbeln, von denen der alte Zenker gesprochen hatte. Es wird sich schon alles fügen, dachte er, und wenn nicht, so sind wir ja nicht verheiratet. »Passiert ist sonst nichts?« fragte der Sintlinger am Ende und überschaute mit heimlichem Staunen den Ort, wo sich vor Stunden erst das Erlebnis mit Faber abgespielt hatte. »Passiert?« Gottlieb kehrte ihm etwas verdutzt das Gesicht zu. »Na ja, ich meine bloß so«, sagte der Bauer lächelnd, nickte zum Gruß und schritt der Straße zu. Dort ging er unauffällig eine kleine Strecke nach dem Walde zu und suchte nach, den Spuren des Landreiters, der in der Nacht vorübergetrabt war. Aber in dem zermahlenen Staube hatten diesen Morgen schon so viele Gefährte die Bandspuren ihrer Räder und Huflöcher der Pferde eingegraben, daß nichts zu entdecken war. »Von der Erde verschwunden«, sann der Sintlinger, »so soll's auch bleiben.« Dann kehrte er sich um und ging langsam auf dem Hemsterhuser Wege seinem Gehöft zu. Und während er säumig vorwärts kam, ließ er in läßlichem Erinnern seine Gedanken in die Nacht zurücksinken und konnte sich eines bitteren Gefühls gegen sich plötzlich nicht erwehren, so, als habe er unedel gegen Faber gehandelt, ja sogar in der bösen Härte seiner früheren Zeit. Aus diesem Verlieren weckte ihn der Knall einer Peitsche, und als er den Kopf hob, sah er sich mitten auf dem Grenzwege hart vor zwei Pferdemäulern stehen, die ihm den warmen Brodem ins Gesicht bliesen. Zugleich erscholl ein rumpelnd-tiefes Gelächter und spöttisches »Holla!« Der Sintlinger sprang zur Seite und erkannte den alten Brindeisener, der, wie ein riesiger Haufen Klobenholz auf seinem Bretterwagen hockte, und dahinter gewahrte er den kleinen Peter. Schnell gefaßt trat er mit einem Lächeln an den Wagen, um gleich über den ärgerlichen Handel zu reden, der gestern abend von seinem Gesinde ohne sein Zutun angerichtet worden war. Die Männer hatten sich kurz die Hände gereicht, und obwohl aus den Augen des alten Fremdbauern nicht einen Augenblick das hämische Bohren wich, beruhigte er das Bedauern des Sintlingers mit achtlos gleichgültigen Worten, doch so, als lohne es sich weder zu zürnen noch zu verzeihen. Da sei ja weiter nichts zu reden, meinte er, aus einem Steinbruch fallen eben grobe Brocken, und ein Luder stinke halt schon. Das sei einmal nicht anders auf der Welt. Dabei knurrte er wieder sein höhnisch-gutmütiges Gelächter, sah mit Geringschätzung auf den kleinen Sintlinger herab und bemühte sich nicht im geringsten, seinen Nachbar ausdrücklich von dieser beleidigenden Entschuldigung auszuschließen. Alles, was er zur Abschwächung seiner Worte tat, bestand in der zornigen Aufwallung gegen seinen Jungen, der eigentlich an diesem neuerlichen Hofzank allein die Schuld trage. Denn das könne man ihm glauben, geschickt sei er zu dem Spionieren von niemand worden. Er sei nur immer von einem unnötigen Schweifen und Herumlugen besessen, treibe allerhand unnötiges Gehaben, schwätze, singe, springe, quirle umher und mache alles, nur nicht, was ihm befohlen werde. Und wenn er sich wieder einmal drüben um den Hof drücke, so solle man dem Rangen mit der Peitsche Beine machen. Der kleine Peter hatte sich während der Strafpredigt seines Vaters unauffällig immer weiter auf dem Brette gegen das hintere Ende des Wagens fortgeschoben und wartete offenbar nur auf den Moment, in dem der alte Bauer versuchen würde, seinem Groll einen handgreiflichen Abschluß zu geben. Der eine Fuß des Knaben stand schon fluchtbereit auf der Hemmschraube, und seine Hände saßen zum Abspringen gefaßt mit entschlossenem Griff am Rande des Seitenbretts, auf dem er gelockert saß. Seine großen, weißblauen Augen, von zurückgehaltenen Tränen noch glänzender gemacht, gingen ungeduckt zwischen seinem Vater und dem Sintlinger hin und her und ruhten mit erstauntem Verwundern immer ein wenig länger auf dem tiefen, ruhigen Gesicht des Heiligenbauern. Der Junge hatte ein freies, sympathisches Wesen, sogar jetzt, da ihn ein furchtvolles Lauern beherrschte. Als darum der Brindeisener das böse Brummen seiner Strafpredigt beendet hatte, trat der Sintlinger an den Jungen heran, strich ihm einmal über den blonden Scheitel und tröstete ihn gütig, denn gar so schlimm werde es von seinem Vater ja wohl nicht gemeint sein. Die unerwartete, ihm ungewohnte Güte erschütterte den Knaben so, daß er die Hand des Heiligenbauern mit beiden Händen ergriff und leidenschaftlich preßte. Der Brindeisener aber, der das sah, lachte rauh auf, versetzte den Pferden plötzlich einen tüchtigen Hieb und murmelte, schnell davonfahrend, allerhand Verächtliches über »solch Sintlingersches Gefimper« vor sich hin. Der Heiligenbauer stieg kopfschüttelnd über soviel dumpfes, hartes Leben zu seinem Hofe hinauf. * Am Nachmittag desselben Tages lud der alte Zenker seine Habseligkeiten auf, nahm Abschied von allen auf dem Sintlingerhofe und ließ sich von seinem Neffen hinüber nach Querhoven fahren. Er hatte versprechen müssen, wenn es ginge, manchmal herüberzukommen und sich so zu pflegen, daß er vor dem Einwintern wieder seine alte Stelle einnehmen könne. In der Nacht dieses Tages drückte sich der Sintlinger immer vergeblich bald auf dies, bald aufs andere Ohr und konnte nicht schlafen. Jetzt hörte er es leise die Bodenstiege herabkommen. Nun stand es draußen in der Stube, und es war ihm, als stecke er hinter der Tür und lausche selber mit ruhlosen Ohren auf seine eigene Schlaflosigkeit. Er zündete Licht an und sah nach Johanna und nach Helene, weil er glaubte, sie lägen mit wachen Augen und spähten in die Nacht. Aber um seines Weibes Mund spielte ein halbes Traumlächeln, und das Mädchen schlief verklärt wie atemlos. Er löschte das Licht wieder aus und grub den Kopf tief in die Kissen. Es nutzte nichts. Das unbegreifliche Horchen ließ nicht ab von ihm. Endlich merkte er, wie der Wind sich aufmachte, seufzend um die Ecken strich und dann mit leisem Brausen in den Bäumen des Gartens wühlte. Jetzt glaubte er, würde es ihn wohlig auslöschen. Aber plötzlich hörte er, wie am Hoftor gerüttelt und gleich darauf einigemal wie mit der Faust gegen Holz geschlagen wurde. Geräuschlos wand er sich aus dem Bett, zog sich notdürftig an und ging durch die Haustür über den Hof. Das Tor war geschlossen. Kein Laut rührte sich, und doch schien es ihm, jemand stehe draußen und warte mit bebenden Knien und zitternden Kinnladen, daß man öffne und ihn hereinlasse. »Wer ist denn draußen?« fragte er gedämpft. Es antwortete nicht, und als er das Türchen öffnete und vor sich hinlangte, griff er in die leere Nacht. Das war so schmerzhaft, daß er behutsam die kleine Tür wieder schloß und in die Stube zurückkehrte. Dort setzte er sich im Finstern hinter den Tisch und war ganz erschüttert. Auf einmal, ohne daß er wußte, wie ihm geschah, legte er die Hände vors Gesicht, beugte sich auf das Sitzbrett und sagte: »Alles ist wahr. Ich brauch' keine Sorge zu haben. Ich hab' recht. Ich allein ... nicht du. Faber, und du ... wahrhaftig nicht ... wahrhaftig nicht! ...« Stundenlang rang er mit dem Riesenschatten des Herner Flüchtlings, bis ein Licht um ihn aufging, eine stille, grenzenlose Helle, in die sich sein Schlaf verlor. Am anderen Morgen fand ihn Johanna, die Arme auf den Tisch gelegt, im tiefen Traum. Als sie ihn weckte, hob er das überwachte, blasse Gesicht und sah sie so an, als werde er zu einem Bekenntnis gedrängt. Aber da sie ihn fragte, was es gäbe, stand er auf und kleidete sich rasch vollends an. Dann ergriff er ihre Hände und führte sie schweigend aus dem Hause über den Hof, tief ins Feld hinaus. Als nichts mehr um sie war wie das frühleise Rauschen der Ähren neben und der blasse Lichthimmel über ihnen, stand er still und schickte sich zum Reden an. Doch er brachte nichts über die Lippen, als daß er jubelnd ein paarmal ihren Namen rief: »Johanna, Johanna!« Dann mußte er schweigen und schloß sie erschüttert in seine Arme. Und nachdem er sich etwas gefaßt hatte, bat er sie, zurück in den Hof zu gehen und sich nicht zu besorgen. Er sei nichts als glücklich, wirklich glücklich, und sie sei auch darin, sie und alle Sintlinger. Das erstemal in ihrem Leben sah Johanna etwas wie den Glanz hervordrängender Tränen in seinen Augen und verließ ihn mit dem Verwundern, daß so schnell das alte, unbegreiflich leidenschaftliche Herz ihres Andreas wieder erweckt worden war. Beim Zurückwenden sah sie seinen besonnten Scheitel in den Ähren, so als schwebe eine schwarzgoldene Kugel über die fahle Getreideweite. Wie groß sein Glück war, geht aus einer Stelle seiner Tagebuchblätter hervor, die nur in dieser Zeit des angespannten Ringens entstanden sein kann, aus dem Kampf mit Faber in einer glanzvollen Lebenshöhe alles neu wiederzufinden, was die unerhörbaren Räder des Schicksals auf dem Sintlingerhofe Wundersames zurechtgemahlen hatten. Auch jener, der nicht die geringste Kenntnis der Ereignisse jenes Lebensabschnittes besäße, würde fühlen, daß den Bauer eine neue, höhere Woge seines Geschickes erfaßt habe. Für den aber, der seine Tage am Pulsgelenk hält, tut sich ein Ausblick in jene nur dämmernd erleuchteten Gebiete auf, wo, gleichsam hinter dem Rücken des Daseins, die irdischen Kräfte der Menschen gegeneinander abgewogen werden. Durch den bloßen Vorübergang des Riesenschatten Fabers war ein neuer Geist über den Heiligenbauer gekommen, der ihn wider Willen in die Gewalt des Mannes zog, den er einen Überwundenen nannte. So ganz anders auch im Wortfall nimmt sich diese Eintragung aus. Die Sätze lauten: »Wird ein Mensch geboren, so fängt im selben Augenblick ein Zweigeläut an. Eine Glocke läutet unten, eine oben; eine gleichsam in der Erde, eine, wie die Leute sagen, im Himmel. Dieses doppelte Geläut hört nicht auf, solange wir leben. Und je nachdem der Mensch mehr die Glocke von droben oder von drunten hört, ist er gut oder böse, groß oder klein, geht es mit ihm bergauf oder bergab. Manche Menschen aber verüben in der Mitte ihres Lebens mit ihren Geschäften oder mit ihren Leidenschaften, ja, manche gar bloß mit ihren Gedanken einen solchen Lärm, daß sie der Klang der beiden Glocken nicht erreichen kann. Solche stecken mitten in der größten Not, von der ein Mensch hier auf Erden befallen werden kann. Sie haben den Weg verloren. Wenn sie in den Spiegel sehen, erscheint ihnen ein fremdes Gesicht. Denn sie verstehen nicht mehr ihren eigenen Handel, wenn sie etwas tun, ihr Eigenwort, wenn sie etwas reden, und ihre eigenen Gedanken, wenn sie sinnen. Das ist der Acker, auf dem Narren wachsen, als wären es Weise. Verlaufene wollen dann andere führen, und die unter die Räder geraten sind, beeilen sich um gute Ratschläge für Gestrauchelte. Denn es gibt wahrhaftig Leute, die durch alle Arbeit in ihrem Glück es zu nichts bringen, als sich wie ein Räuber im Dunkel fortwährend selber anzufallen und auszuplündern. Die sind auch wie Bergwässer, die immerfort stürzen müssen, wenn sie am Leben bleiben wollen. Lenlein, ich bin auf dem rechten Wege, ich bin auf deinem Wege! Lenlein, ich hör' es läuten! Aus der Höhe hör' ich es läuten...!« * In dieser Sonnenluft schaffte der Heiligenbauer an seiner Ernte und konnte nicht Mühe genug kriegen. Wenn die Knechte und Mägde am Abend wie betäubt vor Müdigkeit dem letzten Fuder nachgingen, erwischte der Sintlinger bei der Heimkehr noch sein Kind und schwang es und spielte mit ihm durch den Garten. Von Hemsterhus hörte er nicht mehr als den Laut der Turmglocke, und an der Welt interessierte ihn nur das Wetter. So kam es, daß sein lichtbenebeltes Auge auch nicht nach einer Seite sah, wo sich ein Vorgang abspielte, der seiner Sicherheit mindestens übel aufgestoßen hätte, wenn er bis auf den Sintlingerhügel gedrungen wäre. Etwa drei Wochen nach des Heiligenbauers nächtlichem Abenteuer auf der Wiese stand in den Zeitungen die Nachricht, daß der spurlos verschwundene Führer der Herner Rebellen, der steckbrieflich verfolgte Faber, sich von selbst in Neustadt , einer kleinen zwischen Koburg und Sonneberg liegenden Stadt Thüringens, dem Gericht gestellt habe. Freilich hatten alle Zeitungen diese Notiz mit kleinem Druck in dem unauffälligsten, verstecktesten Winkel ihres Blattes gebracht, weil inzwischen das ganze lärmende Lügengebäude über Faber zusammengebrochen war. Einen Monat später tauchte nur kurz die Nachricht auf. Faber sei unter Anrechnung der Untersuchungshaft wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses zu drei Wochen Gefängnis verurteilt worden. Indessen hatte der Sommerwind Feierabend auf dem Felde bekommen. Er brauchte die Uhren nicht mehr zu schaukeln, weil ihnen das langsame Reifen zu eintönig wird. Er hatte nicht mehr nötig, die Halme aufzutreiben, wenn sie müde von dem Tragen der immer schwereren Ähre sich auf die Erde lagern wollen. Er streicht müßig umher, pfeift sich leise eins und spielt höchstens achtlos mit den Schwingeln der letzten Haferfelder oder jagt die Vögel durch die Luft, daß ihnen die ersten Wandergedanken kommen. Um die vielen Dörfer, die man vom Heiligenhofe aus sehen konnte, schwebte ein rötlich-blauer Hauch; denn das Heidekraut blühte. Es war, als sei ein milder, rötlicher Abendschein auf die Erde gesunken und habe dort Wurzel geschlagen, die Straßen sahen aus wie goldene Bänder, die aus dem Himmel geflattert waren. Die Wälder sangen bei stehender Luft, und das Licht spielte mit klarem Verwundern über diese späte Schönheit um alles, und Bäume, Häuser und Menschen glänzten so, daß man gar nicht daran dachte, sie könnten einen Schatten haben. Das waren die Tage, in denen Faber das Gefängnis der kleinen thüringischen Stadt verließ. Der Inspektor händigte ihm einen Zehrpfennig aus und stellte dafür die Forderung, daß der befreite Häftling nach dieser unangenehmen Erfahrung sich nicht mehr um das Leben anderer und die Einrichtungen des Staates kümmere, zu deren Besorgung die Behörden eingesetzt seien, sondern auf dem geradesten Wege in die Heimat zu einer nützlichen Beschäftigung zurückkehre. »Vor allem«, sagte der Gefangenenaufseher, »werde er im Laufe des Tages von einem der Polizisten noch in der Umgebung betroffen, so könne er nicht dafür gutstehen, daß er gefaßt und per Schub nach Schlesien befördert werde.« Faber sah ihm während des Sprechens unverwandt mit seinen großen, tiefen Augen ins Gesicht, daß der Mann den Blick endlich nicht aushalten konnte und seine klugen, wohlmeinenden Worte wie eine Torheit empfand. Er drehte sich verwirrt weg, und Faber wanderte still lächelnd zur Stadt hinaus. An den letzten Häusern traf er ein armes Mädchen, das in die Schule wollte. Dem schenkte er erst den Zehrpfennig aus dem Gefängnis und überließ sich dann einem wohligen, säumigen Wandeln. Nachdem er so eine Weile unter den vergilbenden Ahornen der Chaussee hingegangen war, kam er aus tiefen Gedanken zu sich und sah nach der Richtung, in der sein Schatten neben ihm auf der Erde lag. Er erstreckte sich rechter Hand in den Graben und zeigte auf eine Wiese, die sich zwischen Stoppelfeldern nach einem Wäldchen hinwand, das blau in der Ferne stand, und daneben in der Weite blitzte der Turmknopf einer Dorfkirche golden über das Feldergrün. Faber folgte seinem Schatten, übersprang den Graben und schritt mit dem langen, feierlichen Gange seiner großen Füße die Wiese hinauf. Denn wer in seinem Herzen daheim ist, dem erscheinen alle Orte der Erde gleich gut. Sechstes Kapitel Die meisten Eltern sind deswegen zur Erziehung ihrer Kinder so ungeeignet, weil ihre Erinnerung an die Frühzeit des eigenen Lebens nicht mehr den Schwung und Märchenduft, nicht die ahnungsvolle, engelhaft tiefe Verwunderung des erwachenden Geistes, sondern nur die törichten und rüpelhaften Entgleisungen jener Epoche umfaßt, und die damit in dem allgemeinen Strom der gedankenlosen Überzeugung sich geborgen sieht, als sei das junge Menschenwesen nur ein tölpisches, unvernünftiges Tierlein, das, seinen eigenen Instinkten überlassen, notgedrungen sich in Abwegen verstricken und in Verirrungen enden müsse. Darum besteht die Weisheit der meisten darin, daß sie die Enttäuschungen und trüben Erfahrungen ihres Lebens in ein System bringen, mit dessen Hilfe sie das bunte Schweifen der Jugend bändigen. Die wenigsten Erwachsenen haben eine Ahnung von der beseligenden Zucht, die die Kinder auf sie ausüben, und daß die Welt längst in der Enge nützlicher Klugheit, vorsorgender Furcht und ängstlicher Vertrauenslosigkeit erstickt wäre, wenn nicht die Seelen der Unmündigen immer wieder auf der Erde das Reich göttlicher Weiten sähen und die Menschen durch alle Wände der Welt in himmlische Luft führten. Der Heiligenbauer war durch sein Wesen und die Ereignisse seines Lebens von der Gefahr der anderen bewahrt, sein Lenlein durch die Ungerechtigkeiten zu läutern, die die Vergangenheit an ihm verübt hatte. Denn dieses Kind, das nach der Meinung der übrigen im Glück zu kurz gekommen war, hatte ihm ja gerade die Erfüllung früher, fast vergessener heimlicher Süchte gebracht, aus dem Dasein der großen Menge entrückt zu werden, in welchem, Schwäche, Narretei und Bosheit die verborgenen Grundlagen der Menschentugend bilden. Nun ihre geheimnisvolle Sehkraft noch zuletzt den Riesenschatten Fabers zum Kampf und, wie er sicher glaubte, Sieg in sein Leben hereingezogen hatte, war die letzte Wolke vor der Erfüllung seiner tiefsten Sehnsucht geschwunden. Er sah sich auf eine so hohe, sonnige Ebene gehoben, daß man kaum die Welt der Menschen drunten erkennen und keines ihrer Worte hören konnte. Deswegen bestand die Sorge um das Wohl seines Kindes in nichts anderem, als alles zu vermeiden, was sie aus dem Gebiete ihres eigenen, wundersamen Geistes treiben konnte. Zweierlei sollte nach des Sintlingers Wunsch von Helene ferngehalten werden: das Wissen um ihre »sogenannte äußere Blindheit«, wie sich der Bauer ausdrückte, und das Wissen vom Tode des Menschen und jeder Kreatur. Denn der Heiligenbauer hatte es an sich, dem alten Klim und seiner Frau erfahren, in welche Nöte das Menschenleben durch diese doppelte Erkenntnis geführt werden konnte, und er gedachte sie auf eine Zeit hinauszuschieben, die leichter mit dieser zwiefachen Beschwerung fertig wurde. Es sollte auf jeden Fall vermieden werden, daß das Kind plump und früh in eine Lebensnot gestoßen werde, deren Folgen sich nicht ermessen ließen. Mit diesen Erwägungen sah er sich im Einvernehmen mit seiner Frau und der alten Trine, der im großen und ganzen die Führung des Kindes überlassen blieb. Dies alte Menschenwesen stammte wie die meisten guten Dienstboten der Umgegend aus Querhoven; denn das arme, waldversteckte Dörflein besaß durchaus die Kraft, wohlgebildete Kinder in großer Menge ins Leben zu rufen. Aber damit war eigentlich auch seine Gewalt erschöpft. Es gelang ihm auch noch, mit dem gedrückten Rauch der vielen kleinen Hütten, mit dem leisen Gräsergeigen seiner unzähligen winzigen Wasserfädlein und dem unaufhörlichen Waldgebrause, das um das Dorf stand, die Kinder frühzeitig mit bunten, wunderhaften Dünsten zu erfüllen. Ihnen jedoch den Tisch nahrhaft zu bestellen und sich sonst ihres Leibes tüchtig anzunehmen, gelang dem heimlichen Dorfgewese sehr schlecht. Deswegen auch war unter den Kindern die Sitte oder Unsitte, wie man es nennen will, eingerissen, nach Tagen, Wochen und, wenn's hoch kam, wenigen Jahren sich sehr schnell über die Waldwipfel wieder in die Himmelsheimat davonzustehlen. Und wen das Leben gar nicht losließ, der mußte eben sehen, daß er gleich nach der Schulzeit aus dem Dorfe fand, wollte er nicht mit den Zähnen Stroh mahlen wie eine Armenziege und sich mit Luft zudecken, wenn ihn fror. Da stoben denn alle Jahre im Frühlinge die Jungen und Mädchen aus Querhoven heraus in die umliegenden Dörfer und Städte und nahmen nicht mehr mit als ein Pflanzensämlein, einen Hoffnungskranz, mit dem sie flohen, und das Kerngehäuse ihres Wesens mit Lebenszähigkeit, Menschen- und Gottestreue und einem Glauben angefüllt, der so tief und kraus war, daß sich kein Querhovener je in seinem langen Leben ganz darin zurechtfand. Dazu steckten jedem, der von dem Walddörflein bloß bebrütet worden war, an irgendeiner Stelle seiner Seele Widerhaken über Widerhaken, und wessen Willen darauf bestand, in dieser Gegend mit einem Querhovener zu ackern, der mußte es bald aufgeben. Deswegen ging im ganzen Lande die Sage, die Querhovener suppten mit dem Stiele, schnitten mit der Gabel und gabelten mit dem Löffel. Das erste Wort, das die Kinder sprächen, sei » Nein « und das zweite »Gerade nicht«. Trotzdem war es für einen Dienstboten schon Empfehlung genug, wenn er aus Querhoven stammte, denn eher pickt sich die Henne den eigenen Kopf auf, ehe ein Querhovener auch nur ein Ei stiehlt, hieß es. Die übrigen Knechte und Mägde aber, denen die Tüchtigkeit der Leute aus dem Walddorfe ein Dorn im Auge war, behaupteten: Was selbst ein Esel fallen lasse, das hebe noch ein Querhovener auf. Alle diese guten Eigenschaften besaß die alte Trine, als sie kaum nach der Schulzeit von der Not aus der ärmlichen Vaterhütte in den Dienst anderer getrieben wurde. Von Widerborsten aber und allerhand bitterem Gemengsel war in ihrem Wesen auch nicht das geringste zu spüren. Ob es in ihrer frühen Jugend einst anders gewesen war, das wußte sie selber nicht; denn vielleicht durch das Leben und die Lehren ihrer Eltern, vielleicht am meisten durch ihre Art war sie dazu gebracht worden, ihre eigenen Hoffnungen und Wünsche nie anders denn als machtlos gaukelnde Schmetterlinge zu betrachten, die von dem Luftzug des Gefährts, auf dem das Leben ihrer Herrschaft davonzog, aufgewirbelt, eine Strecke mitgenommen wurden und sich dann irgendwohin verloren, ohne ihr nahegekommen zu sein. Der Anhauch langer Jahre hatte dieses selbstlose Aufgehen in den Bedürfnissen der anderen unbemerkt zum Inhalt und Glück ihres Daseins gemacht, so daß sie nur auf dem Umwege über die Wünsche derer, denen sie diente, die Welt ermaß und für ihr eigenes Wohl sorgte. Auf diese Weise war sie sogar um ihren eigenen Namen gekommen. Solange sie in Brederode bei dem Gemeindevorsteher diente, hieß sie die alte Klim-Trine, und nun sie auf dem Heiligenhof Unterschlupf gefunden hatte, fiel es keinem Menschen ein, sie anders als die Sintlinger-Trine zu nennen. Diesem und jenem Spaßbäcker kam's wohl bei, sie manchmal bei ihrem eigenen Namen Katharine Wagner zu rufen. Aber dann ging die Alte davon, als gelte es ihr gar nicht. Nach wenigen Schritten drehte sie sich nach dem Sprecher um, sah ihm spöttisch lächelnd, wie wegen einer schalen Narretei, ins Gesicht und nannte ihn einen »dummen Alb« oder noch etwas Derberes. Um solcher Eigenschaften halber war sie von Johanna auf den Hof zu der kleinen Helene genommen worden. Möglich, daß die Heiligenhofbäuerin es auch getan hatte, um einen letzten Klang und Hauch ihrer eigenen Jugend von Vater und Mutter um sich zu haben und das Lenlein die verborgenen, gesicherten Beglückungen eines gut und gläubig umfriedeten Lebens genießen zu lassen, die sie selbst in den unfaßlichen Veränderungen ihres Schicksals immer tiefer in ihre Brust zurückzudrängen genötigt war. Johanna vertraute das Kind denselben Händen an, von denen sie durch ihre Jugend geführt worden war, denn nach dem frühen Ableben der Klimbäuerin hatte die alte Trine Mutterstelle bei ihr vertreten. Niemand als die alte Trine, wäre so geeignet gewesen, der kleinen Helene in der Zeit ihrer geheimnisvollen, so entrückten Kindheit Gespielin und Leiterin zu sein. Denn nachdem die greisende Frau sich von dem Schrecken und Mitleid über das Gebrechen des zarten Mädchens erholt hatte, verstand sie es durch die Weisheit ihrer Güte und Liebe, sich ganz in die Luft zu versetzen, die das Kind atmete, und zu vollbringen, was der Sintlinger wünschte, ihm die bittere Erkenntnis seiner Blindheit fernzuhalten. Sie nannte alle Empfindungen durch Tasten und Gefühl Sehen und verwandelte danach die Kindermärchen, die sie Helene bis tief in die Nacht erzählte, von Schneewittchen, den sieben Geißlein, Rotkäppchen, den Haseljungfrauen und dem Däumling. So wurde das Kind nicht unglücklich und unzufrieden in seiner Welt, die ganz erfüllt war von jenen leisen, unaussprechlichen Wellen, denen auch sehende Menschen, aber nur in seltenen Hochmomenten, nahekommen. In des Sintlingers Aufzeichnungen findet sich eine einzige kurze Frage, die nach dem wunderwürdigen Wesen seines Kindes greift. Sie lautet: »Wer ist imstande, einen Engel zu führen? Nur sein eigener Flügel.« Sonst nichts, obwohl den Heiligenbauer gerade das Geheimste, Verborgenste ergriff und so lange beunruhigte, bis es ihm gelang, auch auf das Unsagbare wenigstens wie durch den Spalt einer geschlossenen Tür einen Blick zu werfen. Nur an dem Beben seiner sonst so festen Schriftzüge, an dem Taumel, der die unbeholfenen Buchstaben etwas durcheinander schob, spürt man die Ergriffenheit des fast furchthaft beglückten Vaters über die unfaßbare Entwicklung seines geblendeten Töchterchens. Wir wissen ja, daß die Sinne nur Werkzeuge, nicht Meister des Menschen sind, und doch, wenn wir die Urteile der meisten hören, scheint der Glaube fast aller es für ausgemacht zu halten, daß das Instrument den Musiker spiele, der Meißel den Bildhauer regiert und der Pflug den Bauer lenkt. Nur die Werke höchster Geister nötigen diese Leute ausnahmsweise, das Hereinragen göttlicher Kräfte in die Welt des menschlichen Daseins für denkbar zu halten. Allein, wer aufmerksam und unbeirrt auf sein Leben acht gibt, muß hundertmal an dem gewöhnlichsten Tage über die Wunder erstaunen, die sich um ihn, vor allem in ihm ereignen. Nicht gemeint ist das unerklärliche Rätsel des Denkens überhaupt, die Auferstehung der äußeren Welt in unserm Innern und die Ordnung alles Daseins, die wir nur durch unsere Seele erfahren. Wir werden manchmal von Gesichten heimgesucht, durch die wir uns nur als Fenster empfinden, aus denen die unaussprechliche Sehkraft eines außerirdischen Wesens in dieses Leben blickt. Man sitzt oder liegt mit geschlossenen Augen wach in einem finstern Zimmer. Die Tür steht auf, und wir hören den Wind durch alle Räume des Hauses streichen. Da wird die Haustür drunten geöffnet. Irgend jemand kommt die Treppe herauf, den Flur her auf die Stube zu, in der wir uns aufhalten. Seine Schritte klingen wie verhaltene Wut, wie unterdrückter Grimm. Und plötzlich steht er auf der Schwelle, zehn, zwölf Schritte von uns, doch unsichtbar. Nur ein Ballen und Drücken geht von ihm aus. Es ist in der Finsternis ein noch Finstereres und wirkt gleich einem beklemmenden Griff, der uns umfaßt und zusammenpreßt. Denn von der Art und Wesenheit eines Menschen erfahren wir durch die sichtbaren Gebärden und seine Gestalt nur eine sehr unvollkommene Vorstellung. Das mit dem Auge wahrgenommene Spiel zufälliger Regungen muß in der Tiefe unseres Wesens, in ein Schauen umgesetzt werden, wofür die Sprache keine Worte, der Geist keine Bilder und die Welt nur Sinnzeichen besitzt. Auf Grund von Kräften, die uns wohl immer ein Rätsel bleiben werden, sind wir imstande, die Lieblichkeit einer Landschaft auch bei Nacht wahrzunehmen. Uns packt das Grausen der Öde, auch wenn wir nichts zu sehen vermögen. Felswände wälzen Beklemmungen auf uns, Abgründe jagen uns Schrecken ein, und wir spüren an dem schwebend hohen Flug über uns die Endlosigkeit einer Ebene. Die geheimste Süßigkeit des Blumenduftes können wir nur geschlossenen Auges bis in die Tiefe auskosten. Das unergründliche Meer übt in der Dunkelheit seine stärksten Wirkungen. Wasser klingen ihren geheimsten Zauber im tiefen Waldesschatten am vernehmlichsten und ergreifendsten in die Seele. Die abgründischen Klarheiten eines großen Geistes überzeugen uns erst ganz, wenn wir die Lider über die unruhige Sehleidenschaft der Augen gezogen haben, und nur so vermögen wir die unsagbaren Verkündigungen großer Musik uns zu eigen zu machen. Wirklich, man könnte durch diese Tatsachen zu der Überzeugung sich gedrängt fühlen, daß die Augen diese Welt zwar sichtbar machen, zugleich aber in dem Wirbel der bunten Bilder uns um ihren tiefsten Sinn betrügen. Sicher aber ist die Welt der Blinden nicht weniger vielfältig als die Erde der Sehenden, nur daß die Menschen mit umnachteten Augen alles auf eine andere, innerlichere Weise empfangen als diese; denn die kleine Helene erkannte die Metalle an dem verschiedenen Geschmack, den sie in ihrer Nähe auf der Zunge empfand. Von dem Eisen sagte sie, daß es säuerlich schmecke, das Kupfer war ihr zuwider durch eine bitterliche Schärfe, das Blei erkannte sie an seiner fettigen Dumpfheit, das Gold liebte sie wegen seiner warmen, blumenhaften Fülle, und dem Silber war sie vor allem zugetan, weil es einen klaren, kühlen Duft wie frische Luft oder eben gequollenes Wasser besaß. Die Farbe der Blumen nahm sie an dem Geruch wahr, den sie ausströmten, und mit einem Tastgefühl, dem die Kraft des Sehens in den Fingerspitzen selbst auf gewisse Entfernungen innewohnte, genoß sie die Gestalt der Pflanzen. Einmal saß sie mit der alten Trine zur Frühjahrszeit im Buchengrunde zwischen Brederode und Hemsterhus. Es war sonnenstill. Die silberstämmigen Bäume standen geräuschlos wie verzaubert und hielten auf Millionen Zweiglein die goldroten, zum Brechen geschwollenen Knospen ins Licht, damit es sie vollends öffne. Die betagte Frau erzählte dem Kinde wieder einmal von dem Dornröschen, das seit Jahren in dem Rosenbusch im Schlafe lag und gar nicht erwachen konnte. Die Greisin erzählte, wie Helene es liebte, alles recht gruselig und schlimm. Aber während das Lenlein sonst dabei ein vom Fürchten blasses, eingezogenes Gesichtlein und überwölkte Augen bekam, hörte sie diesmal all das Beklemmende mit leichter Heiterkeit an, streichelte sanft das junge Gras mit den Händen und brach endlich in ein beglücktes Gelächter aus, ließ sich rücklings ins Grün fallen und kicherte immer von neuem los und vermochte nicht, sich zu halten. Da aber Helene zuletzt merkte, daß Trine der Meinung war, sie lache sie wegen der Ungeschicklichkeit des Erzählens aus, sagte sie, es wäre ihr heut nicht möglich, sich schön zu fürchten, weil die Bäume über ihr fortwährend so lustig lächelten und nicht aufhörten, wohin sie auch sehen möge. Trine blickte in den goldenen Schimmer der knospenden Buchenkronen und empfand nun auch die Heiterkeit der ins Leben stürmenden Bäume, die das Kind in der tiefen Seele gewahr geworden war, und fuhr ihm liebkosend und verwundert durch die Haare. Dazu sagte sie zärtlich: »Wart' nur, du liebes, böses Sintlingergeistlein, das sag' ich dem Vater.« Wie das Lenlein von dem seelenleisen Gelächter der erwachenden Buchen berührt wurde, so empfand sie auch den Zug weißer, hoher Wölkchen als eine schelmische Freude, die fern, entrückt über die Erde wandelte. Das Nahen des Gewitters wirkte als das Heranschleichen einer schreckhaft-beklemmenden Dämonie. Der klare Tageshimmel versetzte ihre Seele in eine heitere Unermeßlichkeit, und das bestirnte Firmament der Nacht fühlte sie als eine unergründlich milde Macht über sich wachen. Sie erkannte die Menschen aus dem Klang der Stimm«, dem Fluß der Rede nicht nur nach Größe, Gestalt und Alter, sondern empfing durch die stärkere Entwicklung eines geheimen Sinnes, der bei sehenden Menschen nur schwach als Sympathie und Antipathie vorhanden ist, ein untrüglich klares Wissen von der Beschaffenheit ihres Charakters, dieser inneren Gestalt des Menschen, und überraschte ihre Umgebung oft durch die Erkenntnis der Physiognomie sonderbarer Leute. Die alte Trine hatte recht. Wie ein Geistlein wandelte das Sintlingermädchen mit Schritten durch den Heiligenhof, als schwebe sie von unsichtbaren Flügeln getragen dahin. Das Geräusch ihrer Fortbewegung schien nicht von ihr erzeugt, sondern eilte gleichsam hinter ihr her, wie das hörbare Erschrecken der Erde, die von ihrem Fuß berührt wurde. Es war, als sei sie schon vor ihrer Geburt zur Welt gekommen, so wenig paßte ihr Wesen sich der gewohnten Entwicklung der Kinder an, so fern und jenseits vom Leben der anderen war ihr Dasein, so unwirklich und ergreifend klang ihre Stimme, ein solch unfaßlicher Schimmer schwebte um ihre Gestalt, ein solch unbegreifliches Licht strahlte aus ihren unirdisch-stillen, klaren Augen. Siebentes Kapitel Das Gesinde des Heiligenhofes ging mit stumpfem Staunen und leerem Verwundern um das seltene Kind herum und hielt sich von ihm immer etwas fern, als handle es sich da doch um ein Wesen, das nicht ganz auf der Erde heimisch war. Unverständliche Aufschlüsse, wie sie in der Erinnerung an vergessene Träume liegen, benebelten und erhellten gleicherweise das Hirn der Dienstleute, sobald sie sich ins klare kommen wollten, ob Helene nun wirklich blind oder nicht viel eher noch mehr als sehend sei und so das Auge nicht brauche, wie etwa die Taube das Horn der Ziege entraten könne, weil sie Flügel besitzt. Und das Leben dieser einfachen, erdgebundenen Menschen bekam von diesem Duft aus einer anderen Welt, der um das Lenlein schwang, selbst einen fremden, sonderlichen Geschmack, bereicherte sich mit ahnungsvollen Möglichkeiten und sog Bedeutsamkeiten um den ganzen Sintlingerhof, die jedem von ihnen einen Stich ins merkwürdig Unterschiedene verliehen. Und darum wurde es ihnen leicht, sich plumper, zudringlicher Neugier zu enthalten und dem schattengefangenen Kinde die Überzeugung nicht zu stören, daß seinem Leben nicht alles beschieden sei, was die anderen besitzen. Denn mit der schmerzhaften Entscheidung des Mangels mußte sich, das ahnten sie zwar wohl nicht, auch der Schimmer verflüchtigen, den sie von dem Traum und Wunder Helenens selbst empfingen. »Wie das Lenlein sehen«, wurde zur Bezeichnung für Tasten unter dem Gesinde, aber man gebrauchte diesen Ausdruck auch für gelegentliche Begegnisse, die gespensterhaft, unerklärlich aus dem eigenen Dasein aufzuckten. Ohne daß einer es wußte, verwandelten sich alle in der Nähe des Kindes und traten durch Seiten ihres Wesens mit ihm in Verbindung, die ihnen selbst verborgen waren und im Verkehr mit andern Menschen sich nie erhellten. Der einzige außer der alten Trine, der sich mit dem Kinde ohne jede Scheu zu schaffen machte, war der Platzhalter des abwesenden Wirtschafters, sein Neffe, der Querhovener Meixner-Gottlieb. Sie ließ sich von ihm auf die Achsel heben, im Kreise schwingen, und hörte sie seinen Schritt, so tauchte sich ihr Gesicht in Fröhlichkeit. Und das offenbar gerade deswegen, weil er keine Umstände machte, sein lautes Lachen nicht dämpfte, seine Worte nicht sonderlich beschnitt und über seine Hände keinen zimperlichen Samt zog. Er ging mit ihr um wie mit jedem anderen kleinen bäuerlichen Dirnlein. Freilich trug auch er einen Sonnenwinkel in sich, zu dem ihm nur das Kind den Zugang öffnete. Lange wußte er das nicht, bis er es an einem Sonntage erfuhr. Da saß er, wie es seine Gewohnheit war, draußen hinter dem Hofe auf der Graslehne, die sich neben dem Wege vom Rübenacker in den Baumgarten hinunterdehnte. Das Gesinde, alle Knechte und Mägde, hatten sich um ihn geschart, und er arbeitete aus seiner Harmonika ohne Ende Stück um Stück. Die Läufer klirrten nur so durch die Luft; er ließ Lieder wiehern, raschelte Märsche aus dem gefalteten Kästchen und zog und preßte es dann wieder gefühlvoll, daß sich ein schöner Ländler hervorwand. So ging es in bunter Reihe, und wenn er sein Instrument senkte und Miene machte aufzuhören, drangen alle in ihn, doch nur noch eins zu spielen. Da stand mit eines wie lautlos durch die Luft gehuscht das Lenlein vor dem Burschen im Grase und folgte mit großen Augen, gepreßtem Munde und regungslosem Gesicht seinem Musizieren. Als er geendet hatte, hob das Kind das Köpfchen und schaute mit erstaunten Augen in die Höhe, als seien die Klänge nicht in der Harmonika verstummt, sondern in den Himmel geflogen und sängen dort schöner noch immer weiter. Es war, als sähe Helene einen Schimmer davonziehen, so verklärt war ihr Gesicht. Die Dienstleute wurden von der wundersamen Ergriffenheit der Blinden so gepackt, daß sie einander nicht anzuschauen wagten, sondern auf das Mädchen wie auf ein Wunder starrten. Der Spieler selbst aber erblaßte ein wenig wie vor Schrecken und wußte nicht, wie es zugegangen sei, daß er dem Kinde das angetan hatte. Und da er zur Beruhigung dachte, ich habe doch bloß diesen und diesen Akkord gegriffen, fing die Harmonika unter seinen Händen wie von selbst wieder zu spielen an. Sie sang Töne, die noch nie in ihr gewesen waren, es lief dem Meixner eine Melodie aus den Fingern, die er nicht kannte, und eine Begleitung fand sich dazu, die er in seinem Leben noch nicht gehört hatte. Daraufhin stand Helene unbeweglich, sah noch eine Weile ins Wesenlose hinauf, schaute erstaunt um sich, als blicke sie nach Gestalten, die um sie herumschwebten, und begann dann wie im Traume sich nach dem Takt der Musik erst zu wiegen, darauf zu drehen und tanzte zuletzt mit ausgebreiteten Armen den Abhang hin und her, daß es den Knechten und Mägden den Atem verhielt. Denn jetzt und jetzt mußte sie über den Maulwurfshaufen fallen, an den Stein stoßen oder in einer Vertiefung zu Falle kommen. Allein das Kind schwebte sicher, als trüge es Augen an den Füßen. Endlich ließ es sich mit einem hohen Freudenjauchzer ins Gras fallen, und der Bursch warf sein Instrument weg, sprang hinzu, raffte sie auf und schwenkte sie lachend noch ein paarmal durch die Luft. Seit diesem Tage schien das geheime Band zwischen dem Kinde und dem Harmonika-Meixner noch kürzer geknüpft. Ein Hauch des Wohllautes, von dem das ganze Wesen Helenens erfüllt war, hatte sich in der Seele des Burschen ein Türlein aufgeweht, daß er an seinem gewohnten Musikplärren nicht mehr in das wohlige Entrücktsein kommen konnte, sondern von jenem Nachmittag an, sobald er nur einen Augenblick allein war, an den Klappen seines Wimmerkästchens herumgriff, um jenem Wunderliede wieder auf die Spur zu kommen, das über das Sintlingermädchen wie eine Verzauberung und in ihn selber gleich einer Verklärung gefahren war. Daher schleppte er denn seine Harmonika, wo er ging und stand, mit sich herum, führte sie mit aufs Feld zum Ackern, probierte in der Siedekammer, marterte das Instrument beim Pferdeputzen auf einige Augenblicke und verfiel selbst manchmal mitten in der Nacht auf den Gedanken, jenes Wohllautes habhaft zu werden, der von der Blinden herrührte und um ihn als ferner, verlockender Wirbel kreiste. Freilich kam er dann in diesem Versuch nicht weiter, als daß er die Harmonika sich unter dem Bett hervorlangen und einige schüchterne Töne aus ihr ziehen konnte. Dann mußte er es allemal aufgeben, weil die Knechte und Mägde diesem »Nachtgealbe« schnell und oft handgreiflich ein Ende machten. Aber auch sonst beherrschte ihn ein unausgesetztes Spüren, und oft mitten im Pflügen riß er die Pferde zurück und griff mit den Fingern auf den Oberschenkeln umher, als wären es die Klappenbretter der Harmonika. Auch dem Lenlein ging es um kein Haar besser. Immer schweifte sie um den Meixner, wußte ihn im Stalle zu finden, stöberte ihn in der Scheuer auf und stahl sich gar mutterseelenallein aufs Feld hinaus zu dem Knecht, und wenn man sie suchte, so hörte man von weitem schon das verhaltene Spiel des Burschen und sah die kleine Dirne um ihn tanzen. Sie war mit einemmal ganz versessen, nicht anders wie ein Bienlein, das hartnäckig eine Blume heimsucht, aus der ihr einst Süßigkeit beschert worden ist. Dabei sprang gar manches Unerfreuliche von der Art des Spielers auf sie über. Kleine Widersetzlichkeiten spitzten sich aus ihr, leidenschaftliche Wallungen brausten in ihr auf, sie riß den Kopf rüsch herum und platzte manchmal mit Worten los, die etwas von der Derbheit des Knechtes angesteckt waren, so daß der Bauer und die Bäuerin schon ins Erwägen gerieten, wie dem jachen Verdunkeln des Kindes zu begegnen sei. Allein sie hatten es nicht nötig einzugreifen. Denn das Lenlein wurde nicht lange danach durch einen wunderlichen Vorfall ohne Zutun der Eltern in die verwunschene Engelschönheit ihres alten Wesens wieder zurückgeführt. Das ging so vor sich: Durch Hemsterhus und in den umliegenden Dörfern streifte in jener Zeit ein Weibswesen umher, das, wie man sagte, einst bessere Tage gesehen hatte. Denn wenn sie auch damals schon auf denselben Wegen von Dorf zu Dorf, von Hof zu Hof gezogen war, so hatte sich ihr unruhiges Leben doch mehr der Art angepaßt, wie alle tüchtigen Menschen es sich einrichten. Sie zog als fleißige Gefährtin ihres Mannes ein Leierkastenwäglein durchs Land, sammelte sorgsam die Pfennige in dem verschrumpften Ledersäcklein unter der Schürze, hielt die Räder immer im Fett, duldete keinen Schmutz auf der Orgel, putzte die Messingecken und die kurze Reihe der gelben Schaupfeifen an der Vorderseite, daß sie wie Gold glänzten, und war ihrem Manne eine immer unverdrossene, fröhliche Gehilfin. Der ging, die Hände an der Leitstange der Leier, mit gemessenen, ruhigen Schritten dahin, seiner raschen Ehehälfte nach, sobald sie weiterfuhren, und schob so kräftig, daß des Weibes Anstrengung eigentlich nur darin bestand, das Wäglein sicher zu lenken. Fuhren sie so in einen Hof oder hielten vor einem Hause, so trat, noch ehe der Mann die Kurbel in die Hand nehmen konnte, die Bauersfrau unter die Tür und rief freundlich: »Na, auch wieder zulande, Schwerdtner?« Denn so hieß der Mann. Und alle brachten ihm nicht nur deswegen ein herzliches Mitgefühl entgegen, weil durch eine hitzige Krankheit sein Augenlicht fast erloschen war, sondern weil in seinem großen, wohlgebauten Körper eine ausnehmend gütige Seele wohnte, die aus der heiteren Ruhe seines Gesichtes, der leisen Art seines Sprechens und dem ganzen gedämpften Wesen des blonden, hübschen Mannes richtig hervorglänzte. Daher kam es, daß die Bauern die Leier Schwerdtners für die schönste unter den wandernden Orgelkästen hielten und es dem Halbblinden hoch anrechneten, wenn er sich bemühte, durch das Kurbeln etwas wie Gefühl in die Melodien zu bringen. Nach vollbrachtem Tagewerk saßen die zwei dann in heiterem Einvernehmen hinter dem Tisch des Gasthauses, wo sie zu übernachten gedachten. Die kleine rundliche Frau ging ihrem Manne beim Essen zur Hand, und dabei glänzten die springenden Knopfaugen in richtigem Glück aus ihrem roten, frischen Gesicht. Sie führte eine rührige Schalkszunge im Munde und brachte es fast immer dahin, daß die Wirte sich durch ihre Geschichten und Einfälle als bezahlt erachteten. Zog Schwerdtner am anderen Morgen dann mit seiner Josefa weiter, so ging das zu, als nähme man von guten Freunden Abschied, und manch eine Bäuerin, die in Reichtum und Unfrieden eingekeilt war, wünschte sich für all ihre bittre Wohlhabenheit im stillen das Los dieser glücklichen Landfahrerin. Ja, manchmal, wenn die zwei über Gottes einsame Felder zogen oder in Wäldern zwischen hohen, grünen Baummauern dahingingen, fiel des Schwerdtner-Leiermannes frauliches Pferdchen vor dem Wäglein in ein absonderlich frohes Gemütsschwenken und begann mit ihrer dünnen, harten Grillenstimme nach dem Takt der Wanderschritte zu singen. Der blonde, umdämmerte Mann aber hielt sich dann noch gereckter als sonst und ging so lang und wohlig dem Wäglein nach, als wate er bis ans Knie in einer Blumenwiese. Allein, schöne Stecken, sagen die Handwerksburschen, brechen am ehesten. Die heiße Krankheit, die dem Schwerdtner-Thaddäus vor Jahren ein graues Tuch über die Augen geworfen hatte, war auch, ohne daß es der Mann wußte, in das Uhrwerk seines Herzens geraten. Es ging stiller und müder seitdem, und nach einer solchen Singwanderung, bei der das Wäglein immer von selbst in schnelleres Rollen kam, hakte das Klopfen in Schwerdtners Brust plötzlich ganz aus. Josefa hörte nur ein leises Gurren hinter sich, wie den erschreckten Laut einer auffliegenden Hohltaube, und fühlte den Wagen mit einem Male so schwer werden, als sei der Leierkasten nicht mit Pfeifen, sondern mit Steinen gefüllt, und da sie sich umdrehte, hing ihr Mann mit verkrampften Fingern an der Leitstange. Sein Gesicht war blauweiß, und das Herzwasser, mit ein wenig Blut vermischt, floß aus dem geöffneten Munde in seinen blonden Bart. Als sie hinzusprang, konnte er schon nicht mehr reden. Nur ein schwaches Regen ging noch durch seine überhauchten Augen. Dann ließen die Finger die Stange fahren, und er lag tot auf der Straße. So rissen mit eins die glänzenden Stricke, mit denen die Schwerdtner-Josefa in das Leben gebunden war, und sie stürzte in Finsternisse, von denen ihre Mutter nichts ahnen konnte, da sie ihr als Kind auf dem Schoß gesessen hatte. Nachdem das arme Weib monatelang irgendwo gewesen war, begann sie wieder allein die Leier durch die Dörfer zu ziehen. Sie drehte dieselben Stücklein wie ihr Mann aus dem Kasten und wischte die Tränen nicht ab, die ihr dabei übers Gesicht liefen. Aber wenn sie aus einem Gasthofe davonzog, glänzten ihre Augen lustig wie ehedem, die Wangen glühten rot, und am Ende fand sie einmal ein Fuhrmann schlafend neben der Leier auf der Straße liegen, die ausgetrunkene Branntweinflasche ein Stückchen weiter hin. Von nun an vertrank sie jeden Erlös, und da die Bettelpfennige nicht langten, verkaufte sie Pfeife um Pfeife der Leier an die Jungen und rasselte weiter mit der Kurbel zwischen dem Wiehern, Gellen und Fauchen, das in der Orgel steckte wie ein Schwärm geprügelter Katzen. Es war nicht anders möglich, daß die Schwerdtner-Seffe nun schnell für alle Spottlustigen ein willkommener Gokel zu allerhand Schabernack und übermütigen Possen wurde. Die Mägde staffierten die immer Trunkene mit verjährten Hüten aus, hängten ihr unmögliche Bänder und Zieraten an geschenkte Spenser, und die Kinder lachten neckend um die geschmückte Vogelscheuche, die lärmend und mit Stockhieben um sich schlagend durch die Dörfer torkelte. Das ging so an die zwei Jahr, bis sie auch den völlig leeren Leierkasten und den Wagen verkauft und vertrunken hatte. Mit einem Rausch, der sie wie tot einen Tag und eine Nacht in die Waldstreu warf, war der wahnsinnige Schmerz um ihren Mann ausgerast. Sie erwachte aus dem wüsten Traum ihrer Lebensnot, zupfte die schreienden Zieraten von ihren Kleidern ab und schlich frierend wie ein Mensch, der von langer Krankheit aufgestanden ist, in das nächste Dorf. Und während sie über das Feld den Häusern zustrebte, muß wohl fern ein buntes, klingendes Schellen an ihrer verstörten Seele hingeflogen sein, denn in dem ersten Hofe, den sie betrat, stellte sie sich an die geschlossene Stubentür und sang schüchtern mit klangloser, zerknüllter Stimme eines von den Liedern, das ihr gestorbener Mann so gern gehört hatte, wenn die zwei Glücklichen durch Gottes einsame Felder oder zwischen grünen, hohen Waldmauern hingezogen waren. Die Bauern hielten das für eine neue Weise, in der der Trunkwahn durch das Weib wirtschaftete. Aber ein gütiger Mann handelte anders wie alle übrigen, die in ein gellendes Gelächter ausbrachen und hinter ihr drein spotteten, wenn sie anfing zu singen. Denn mit der Armen war eine sichtbare Verwandlung vorgegangen, so daß sie nie mehr taumelnd, sondern mit ratlosen Augen, demütig und zaghaft durch die Welt schlüpfte. Der gute Mann langte seine alte Gitarre aus dem Winkel, zog die noch fehlenden Saiten auf und brachte ihr in liebevoller Geduld die paar Fertigkeiten in der Behandlung des Instrumentes bei, die ihm aus früherer Zeit selbst zu Gebote standen. Während des Unterrichts schlief sie in einem warmen Schüpplein seines Anwesens, aß wie ein furchtsames Hündchen die gereichten Speisen und ging nach Verlauf einer Zeit mit neuem Mut und dem Glück davon, daß sie nun etwas habe, womit sie den Laut ihrer zerbrochenen Lieder verbergen könne. Dieser Vorgang ereignete sich in der Zeit, als von dem wunderhaften Wesen des blinden Mädchens auf dem Sintlingerhofe die ersten Gerüchte in die Dörfer drangen. Die Schwerdtner-Josefa wurde auf ganz besondere Weise davon getroffen, weil das Kind dieses sonst so wilden, tobenden Hofes halb unwirklich, halb entrückt von der Einbildung des vereinsamten Weibes in Gebiete einer unvorstellbaren Welt versetzt wurde, in die ihr lieber Thaddäus hingenommen worden war. Und das Heiligenhofkind wohnte in demselben Dämmern, das ihren Mann eine große Lebensstrecke umfangen hatte. Aber es ist nicht ganz zu erklären, von wie vielen geheimen Seelenregungen die ratlose Witwe durchs Innere geführt wurde. Sie begann nicht lange darauf, den Sintlingerhübel zu umkreisen, erst von weitem, tauchte bald aus dem Walde auf und schaute sehnsüchtig auf die Bauernburg nieder, bald saß sie auf den Querhovener Hügeln und starrte stundenlang hinüber, bald ging sie auf dem Grenzwege unermüdlich hin und wider und spähte alle Ausgänge des Gehöftes ab. Begegnete sie bei diesem Vigilieren einem Menschen, so erbleichte ihr Gesicht, sie senkte ertappt die Augen und entwich, angeredet, was sie denn treibe, mit Gemurmel und verlegenem Lächeln ganz in der Art Halbsinniger. Allein eines Nachmittags, als sie schon stundenlang im Schatten einer Eiche am Grabenrande des Grenzweges gewartet hatte, war ihr das Glück günstig. Die alte Trine trat mit der kleinen Helene vor das Hoftor unter die Linden, und die beiden begannen bald, auf dem Abhang Blumen zu pflücken. Die Schwerdtner-Witwe saß verborgen, aber nahe genug, daß sie dann und wann die Stimme des Kindes deutlich hören konnte. Da wurde ihr, wie sie später erzählte, auf einmal so, als höre sie den Klang ihrer eigenen Stimme aus der glücklichsten Zeit ihres Lebens, und plötzlich wußte sie auch, warum es sie unausgesetzt um den Sintlingerhof führe und nicht loslasse. Wenn sie hinginge, ganz nahe zu dem Kinde, so würden die Wolken der jahrelangen Trunkverirrung von den Bildern ihrer schönen Vergangenheit weggezogen, und alles Verlorene sei ihr wiedergeschenkt. Kaum daß sie dieser Gedanke überleuchtet hatte, nahm sie die Gitarre fester unter den Arm und schlich sich näher und näher an den Zufahrtsweg auf den Hofhübel. Droben hatten die beiden indes eine gute Tracht Blumen gesammelt, saßen nebeneinander auf der halben Anhöhe und berieten, ob sie Braut und Bräutigam spielen oder einen Kranz um den Sintlingerstein winden sollten. Sie entschieden sich für das letztere, und die Alte gab dem Kinde auf, nicht von dem Platze, wo sie saß, wegzugehen, und begann, um Wolle Zu holen, den Hügel hinaufzusteigen. Jetzt faßte sich das arme Schwerdtner-Weib ein Herz. Sie vergaß alle Scheu und eilte, so schnell sie konnte, den Hügel hinauf. Noch ehe Trine unter dem Hoftor verschwunden war, saß die Schwerdtnerin mit klopfender, hochgehender Brust in der Nähe des Kindes, und da ihr in der Aufregung nichts zu reden einfiel, fing sie an, mit bebenden Fingern über die Saiten der Gitarre zu gehen, um das blinde Mädchen zu locken. Schon nach den ersten blätterleisen Akkorden hörte Helene auf, mit den Blumen in ihrem Schoß zu spielen und hob horchend das Gesicht. »Bist du ein Mensch oder ein Vogel?« fragte das Kind. »Ich bin ein Weib«, antwortete die Schwerdtnerin. »Aber womit hast du eben gesungen? Jetzt sprichst du ja anders.« »Das ist meine Harfe gewesen. Und wenn du sie noch besser hören willst, komm ich zu dir. Ja, darf ich das Sintlingerlenlein?« Und die Blinde streifte schnell alle Blumen ins Gras und setzte sich bereit aufrecht. »Komm nur her«, sagte das Kind. »Nicht, ich weiß schon, du bist eine arme Frau, gelt? Ja, komm her.« Die Schwerdtnerin rückte ganz nahe an das Kind und verschlang das zierliche, elfenschöne Wesen förmlich mit den Augen. »Laß mich das sehen, womit du singst. Es klingt viel schöner wie Gottliebs Harmonika.« Die Frau reichte ihr die Gitarre hin, und die Blinde tastete über das Instrument. »Siehst du, Weib, du hast mich doch belogen.« »Warum?« »Weil ich die Sprossen des Bauers seh, in dem der Vogel eingesperrt ist.« Und da die Schwerdtnerin betroffen denken mußte, daß das Kind recht habe, weil wirklich in der Gitarre ein geheimes Klingen stecke, was herauszulocken ihr nicht ganz gelang, so wurde sie verwirrt und begann allerhand Erklärungen von sich und dem Instrument durcheinander zu reden. Als sie damit zu Ende war, nickte das Lenlein versonnen und bat, sie möchte den Vogel, oder was es auch sei, noch einmal klingen lassen. Da ging der Schwerdtnerin, ähnlich wie dem Gottlieb Meixner, ein innerstes Seelenpförtchen auf, und sie griff zu ihrer eigenen Überraschung die wundersamsten Töne aus der alten Harfe, so schönes Klingen, daß das Kind verzaubert zuhörte. Dann nahm es träumend eine der fallengelassenen Blumen und legte sie liebkosend von der einen in die andere Hand. Dazu begann Helene nach dem leisen Spiel der Gitarre zu singen, so zart, in einer solchen Süßigkeit, tief, so unsagbar rührend, wie etwa die Gebärde eines Blütenzweiges in die Seele klingt, der sich im ersten Mailicht rührt. Die Schwerdtner-Frau begann zu weinen, nahm aber alle Gewalt zusammen, nichts von ihrer Erschütterung merken zu lassen, und als es sie zu überwältigen drohte, erhob sie sich leise und schlich davon, indes das Kind fortfuhr, traumhaft zu singen. Droben knarrte eben das Hoftor, und drüben auf dem Brindeisenerhübel stand der kleine Peter und sah gespannt auf sie her. Da wurde das scheue Weib von einem Schreck erfaßt, als habe sie etwas gestohlen. Sie fing an, wie unsinnig zu laufen, und hörte hinter sich plötzlich die Stimme des Knaben auffahren, die lästernd und drohend ihr nachschrie. Dann hagelten Steine nach, und sie strengte sich nun noch mehr an, aus dem Bereich des zornigen Brindeisenerjungen zu kommen, der wohl glauben mochte, sie habe dem Mädchen etwas angetan. Endlich war sie geborgen. Das Nachlaufen und Steinwerfen hörten auf. Sie taumelte erschöpft in den Straßengraben, ließ sich ins Gras fallen und begann zu schluchzen, als wolle ihr das Herz aus der Brust springen. Dabei murmelte sie immerfort in großem Glücke: »Jetzt habe ich alles wieder... alles... alles ... oh, Sintlingerlenlein... alles... alles«..« Von da an, wenn die Witwe vor den Türen der Bauern sang, entstand eine andere Bewegung in den Höfen als vorher, ja noch eine andere, tiefere, wie sie die Schwerdtnerin früher in der glücklichen Zeit mit der Leier ihres Mannes vor die Häuser gefahren hatte. Jetzt durfte sie nur zu singen anheben, so legten die Stubenmägde das Geschirr ins Schaff und setzten sich auf die Schwelle., Ihre Augen wurden erst weit, als täte sich das erstemal die Welt vor ihnen auf, und senkten sich dann, weil etwas in der Stimme der Sängerin das Heimlichste, Verborgenste ihrer Seele ausplauderte. Die Knechte traten herzu, wo sie sich immer aufhielten; der Spott wurde aus ihrem Gesicht gewischt, und auch sie lauschten in verlegener Ergriffenheit. Ja, selbst der Bauer vergaß seine Würde, lehnte sich tiefer im Hausflur an die Wand und bewahrte nur mühselig die Überlegenheit, die er sich schuldig zu sein glaubte. Und dabei trug die Schwerdtnerin keine neuen Lieder vor, sie sang wie ehemals von »den Gräslein, welche draußen zittern«, von der Sonne, die über dem sterbenden Soldaten untergeht, dem Mädchen und den hamburgischen Kaufmannsdienern und dem Förster, der auf die Heimkehr seiner Tochter wartet. Aber ihre Stimme schien nun nicht mehr aus ihr zu kommen, sondern drang von da her, wo der Lebenskummer aller Menschen ruht, und war von einem Klang erfüllt, der jeden Zuhörer vor ein heimliches Gericht stellte und ihn von dem Zwange seines Geschickes in den Strom eines ewigen Schicksals erlöst. So stark wurden die Leute von dem Gesänge der armen Witwe erschüttert, daß sie verwundert in ihr rundes gewöhnliches Gesicht schauten, auf die Bewegungen ihrer Lippen achtgaben, ihre Haltung und das Spiel der harfenden Finger sorgsam betrachteten, um herauszubekommen, von woher denn die Gewalt rühre, der sie sich nicht zu entziehen vermochten. Aber obwohl sie auf alles merkten und eine Weile glaubten, die Schwerdtnerin bringe das Zauberhafte fertig, daß sie beim Singen die Augen schloß, als sei sie erblindet, fühlte doch jedes, die Erklärung reiche nicht hin, die wundersame Wirkung zu enthüllen, die von dem Gesange des Weibes ausging. Und als man in sie drang, doch zu sagen, von wem sie die neue Kunst bekommen habe, wehrte sie sich lange und bat inständig, man möge doch aufhören zu fragen, denn sie fürchte, daß durch Reden alles zerstört werde, was in ihr lebendig geworden sei, und sie falle dann womöglich wieder in die alten, fürchterlichen Trunkschatten zurück. Nur so viel dürfe sie sagen, daß alles von einem kleinen Mädchen aus einem Hügelhofe stamme, das Augen wie ihr verstorbener Mann habe. Da quälte sie niemand mehr mit aufdringlichen Fragen, denn nun wußte man es ja; und überall, wo die Schwerdtnerin leise wie eine Zikade und heimlich wie ein Blättersäuseln gesungen hatte, sagte man hinter ihr her, sie habe von dem Heiligenhoflenlein eine neue Seele bekommen. Die Schwerdtnerin aber kehrte nie mehr auf dem Sintlingerhofe ein, weil sie meinte, den Mut zum eigenen Singen verlieren zu müssen, wenn sie nur noch ein einziges Mal die Stimme des blinden Kindes höre. Achtes Kapitel So erfuhr in kurzer Zeit jedes Haus von Hemsterhus Umgegend durch die ergreifenden Lieder der Schwerdtner-Josefa etwas von dem Begegnis, das sie mit dem Sintlingerlenlein gehabt hatte. Die Bewohner des Heiligenhofes, besonders der Bauer und seine Frau, sahen andere Folgen dieser Unterredung aus ihrem Kinde herauswachsen. Helene war plötzlich von einem unhörbaren Ruck aus der lauten Meixnerschen Derbheit wieder in die pflanzenstille, sanfte Verwunschenheit zurückgedreht worden und ging wie früher in heiterer Verlorenheit mit der alten Trine die alten Wege. Begegnete sie dem Gottlieb, so krümmte sich wohl ihre Lippe zu einem Lächeln, und sie antwortete auch seinen gespaßigen Zurufen und Neckereien, allein nie mehr flog sie wie sonst dem Burschen mit einem Jauchzer in die Arme, und wenn er sie fragte, ob ihr nicht bald wieder ein schönes Liedlein gefällig sei, schüttelte das blinde Kind heftig den Kopf und sagte: »Nein, nie mehr, nie, nie mehr mag ich deine Harmonika hören.« Anfangs lachte der Gottlieb zwar zu der Weigerung des Lenleins und ging, wenn er eine Weile neckend an ihr herumgequält hatte, mit dem Ausruf bäuerlicher Überlegenheit davon: »Wer nicht will, der hat schon.« Nach ein paar Tagen aber, als Meixner sah, daß Helene nicht bloß aus spaßhafter Hartnäckigkeit von seinem Spiel nichts mehr wissen wollte, sondern jedesmal wirklich wie schmerzhaft zusammenfuhr und eiligst davonlief, wenn er ihr mit seiner Harmonikakunst zu nahe kam, beschloß er, an die dummen Schrullen des Kindes nicht mehr zu denken und sich wieder in einsamem Selbstgefallen wie in Querhoven daheim mit seinem Instrument allein zu vergnügen. Er machte sich also im Abenddämmern an den fernen Waldrand davon, zwischen abgelegene Felderbreiten oder in den Buchengrund, und nachdem die Harmonika fast gegen seinen Willen ein paarmal wie in Sehnsucht laut aufgeschrien hatte, war er bemüht, ihre Stimmen in ein verträumtes Quirilieren, in ein himmlisches Trödeln zu lenken, das er so liebte. Allein, es gelang ihm nicht; kaum daß er einige bunte Verwandlungen aus dem Kästchen gesogen hatte, so verfiel er unversehens in das Polterwerk abgegriffener Tanzstücke und kam erst daraus hervor, wenn er, wie in einem leeren Branntweintaumel alle Wirtshaushopser, die er kannte, heruntergerasselt hatte. Dann ging er mißmutig nach Hause, lag lange wach im Bett und spuckte immerfort verächtlich aus. Es war, als sei dem Burschen irgendwas aus dem Kopf oder der Brust gestohlen worden. Nichts, aber auch gar nichts von dem bunten, raumlosen Verschieben stieg aus seinem Instrumente und trug ihn in jenes Ungewisse, das einfachen Herzen als höchstes Glück erscheint. Er mochte tun, was er wollte, sich in die einsame, grüne Finsternis des Waldes setzen; im hohen Grase ein Lager suchen, daß er durch den Schleier herübergebogener Halme den Himmel mit seinem weißen Wolkenspiegel fremd, entrückt, doppelt geheimnisvoll sah; sich mitten unter dem Gesinde mit Schweigsamkeit kasteien oder mit tausend Purzelbäumen schnackischer Einfälle sich peitschen: seine Harmonika blieb ein Prasselkasten. – Wenn er sie nur anrührte, polterte sie los wie ein Bretterwagen. Er hielt sie auf dem Rücken liegend über sich, damit das Spiel der leichten Sonnenluft sie zum Wohllaut sänftige, er preßte sie zwischen die gespreizten Beine, hob sie in Brusthöhe, erschreckte sie mit unerwarteten Pressungen, wie man eingeschlafene Gliedmaßen wieder zurechtstampft: keine Peinigungen nutzten, jede Überrumpelung prallte ab, alle Zärtlichkeit war umsonst. Das Instrument wieherte wie ein Trunkener oder plärrte endlos wie ein geschwätziger Narr. Dazu wurden ihm nach und nach die gewohntesten Handgriffe fremd, und manche verloren sich gar von ihm. Sein Fleiß machte ihm Mühe, und seine Arbeit wehrte sich gegen ihn wie ein störrisches Pferd. Sein großes hügeliges Gesicht magerte ab und wurde sandgelb, seine kleinen schwarzen Augen standen keinen Augenblick in den geräumigen Höhlen still, und oft flackerten sie aus der Tiefe auf, als wollten sie aus dem Kopfe springen. So regierte es den Gottlieb das ganze Frühjahr, und das Sintlingerlenlein wurde indes immer weiter von ihm entfernt, und es war, als rieche es gar seinen Schatten schon von weitem. Endlich hielt es der Bursche nicht mehr aus. Beim Heuaufladen gegen Sommers Anfang kam es über ihn. Der Großknecht stand auf dem Fuder und lud. Gottlieb reichte das von den Mägden zusammengeschobene Heu mit der Gabel hinauf. Da er eben drauf und dran war, einen mit der Gabel sorgfältig zusammengestochenen Wocken Heu über die Wagenleitern hinaufzulangen, fiel das wilde Gemütslodern der Querhovener unbezwingbar in die Zündmasse seines Innern. Es fiel so plötzlich über den Knecht her, daß er wie von einer Starre erfaßt den riesigen Heubuschen auf der langen Gabel gerade über sich hielt und mit verfärbtem Gesicht gerade in den Himmel glotzte. »Na los, da lang's schon endlich rüber«, rief ihm der Großknecht auf dem Fuder zu und versuchte das Heu auf der Gabel herüberzureißen. Aber Meixner traf keine Anstalt, es ihm hinzuneigen. Er stand breitbeinig, von der Last, die er hielt, zusammengestoßen, am ganzen Leibe zitternd, die Arme schlotternd, das Gesicht verzerrt und war wie geistesabwesend. »Verflucht, dich fickt's wohl. Gottlieb, he!« schrie jetzt der Großknecht aus voller Lunge. Da fuhren die Augen Meixners wie von einem Pfriem gestochen in die Höhlen zurück, die Starre wich von ihm, mit einem Fluch schmetterte er den Heubuschen zur Erde, riß die Gabel heraus und begann wie toll damit auf das schuldlose Heu einzuschlagen, als sei es ein lang gehaßter Feind. Dabei schrie er knirschend: »Jawohl, alle is – ich werd's euch beweisen – bin ich denn ein – ein – ein...? Und das heute noch– jetze –gleich–« An seinem Losbruch war er immer stiller geworden. Die letzten Worte sagte er leise, ruhig, nüchtern und schaute dabei dem Gesinde, Magd und Knecht, die nichts anderes dachten, als der Harmonika-Meixner sei auf einmal verrückt geworden, ins Gesicht, ließ endlich den Stiel der Gabel fallen und setzte sich langsam nach dem Heiligenhofe zu in Bewegung, ohne mehr ein Wort zu sprechen. Man schrie ihm nach, aber er schüttelte bloß den Kopf und ging, ohne sich umzuwenden, weiter. Der Zufall wollte es, daß er das Lenlein vor dem Feldausgange des Blumengartens sitzen sah. Nach einem kurzen, überraschten Stutzen und einigen instinktiven Schritten nach dem Kinde hin blieb er einen Augenblick wie angewurzelt stehen, prüfte, ob ihn das Kind gewahr geworden sei, und lief dann mit langen, geräuschlosen Sprüngen in den Hof, verschwand in die Siedekammer und war im nächsten Moment mit der Harmonika unter dem Arm zum Hinterpförtchen hinaus im Blumengarten. Die Blinde spielte noch immer; sie hielt ein Sommerkäferlein in der Hand, kostete von Zeit zu Zeit mit den Fingerspitzen den Körper und die zierlichen Bewegungen des Tierchens, sprach mit ihm und verfiel dann in ein abgründiges, seliges Vertauschtsein ihres Gemüts. Da hörte sie Gottliebs Schritt den Blumengarten her auf sie zukommen. Sie fühlte, daß er auf bebenden Füßen ging. Ein heißes Rauschen drang aus seinem Leibe, den sie ganz dünn auseinander gezogen wahrnahm, und oben darauf schwankte sein Gesicht, flach und in vielen Buckeln unerträglich gespannt. Indem er behutsam näher kam, spürte sie, wie der Ausdruck seines Gesichtes sich mehr und mehr des ihrigen als ein schmerzhafter Griff bemächtigte. Nun war er bei ihr und ließ sich neben ihr nieder. Das Mädchen bebte in atembeklemmter Furcht: »Warum packst du mich ins Gesicht, Gottlieb?« fragte sie stammelnd. »Liebes Lenlein, laß mich vor dir spielen!« bettelte Meixner demütig. »Nur ein einziges Mal noch! Ich kann sonst nicht mehr arbeiten.« Das Kind hatte vor Angst die Augen geschlossen und rührte sich nicht, als schlafe es. Da begann Gottlieb aufs neue und noch dringender zu bitten: »Liebes Lenlein, mach um Gottes willen bloß die Augen auf und sieh mich an. Du! Dann will ich spielen, wie das Wasser fließt, oder so wie der Vogel singt – weißt du, daß du wieder tanzen kannst, du ...« Plötzlich war es dem Mädchen, als lege sich der Knecht wie ein Alb auf sie, und mit gellender Stimme schrie sie: »Nein ...! Nein! Hilfe! Nein! Nein ...« Der Meixner fuhr zurück, und die Harmonika fiel ihm aus den Händen. Als er aufsah, stand der Heiligenbauer vor ihm; dessen Gesicht war blaß, und der Knecht sah, daß er die Lippen bewegte, aber in seiner Betroffenheit hörte er kein Wort. Der Sintlinger hob das zitternde Kind auf seine Arme und trug es in den Hof. Dort wurde es sogleich ins Bett gebracht, weil es danach verlangte. Sein Leib glühte wie im Fieber. Es lag mit großen Augen ganz still und fragte ein übers andere Mal leise, daß es kaum zu verstehen war: »Ist der Gottlieb noch da?« Mit wenigen Worten unterrichtete der Sintlinger sein Weib von dem Vorfall und machte sich dann sofort auf, um von dem Meixner zu erfahren, was es eigentlich gegeben habe. Als er vor das Blumengärtchen hinauskam, saß der Knecht noch an derselben Stelle, aber jetzt vornübergebeugt, auf die Fäuste gestützt, und stierte unverwandt auf sein Instrument. Auf des Sintlingers Fragen, was das heißen solle, daß er nicht bei der Arbeit bleibe, sich heranschleiche und hier das Kind erschrecke, rührte er sich noch immer nicht, ließ sogar den Kopf verstockt noch tiefer sinken und schluckte ein paarmal drucksend. Er solle doch wenigstens »Ah« oder »Bah« sagen, ermahnte ihn der Heiligenbauer gütig und berührte seine Schulter. Da schoß Meixner unvermutet auf und stand im Augenblick dem Sintlinger wie ein weiß glühender Feuerbrand gegenüber. Ja, er wisse schon, daß ihn niemand mehr leiden könne auf dem Hofe, der Bauer sehe ihn nicht mehr an, die Bäuerin drücke sich vor ihm, das Gesinde kehre mit Stallbesen allen Dreck hinter ihm drein, und das Lenlein hätten sie auch verhext, daß es vor ihm wie vor einem Räuber laufe. Das alles stieß er wirr untereinander umher. Sein ganzes Gesicht zuckte, und Tränen liefen ihm über die Backen. »Ach so«, sagte der Heiligenbauer darauf, »hm, hm, was du dir da zusammengebraut hast, ist Narretei. Ich weiß jetzt. Das beste und einzige wird eben sein, du läßt das Harmonikaspielen hier im Hofe überhaupt.« Und wo solle er denn sonst spielen, fragte der Bursche höhnisch. »Wo du sonst willst«, antwortete der Sintlinger. »Etwa im Felde? he? – was? – oder im Walde?« fragte der Knecht aus gespannter Brust heraus, als erwürge er. »Das mache, wie du magst«, erwiderte der Heiligenbauer nun sehr ernst wegen der ungezähmten Wildheit des Burschen, »nur während der Arbeit und vor dem Kinde nicht mehr.« »So ist's am besten, ich spiele so damit«, schrie der Knecht plötzlich unnatürlich gequält auf, als zerriß es ihm die Brust, bückte sich dann, hob die Harmonika auf, aber nur, um sie von neuem zu Boden zu schleudern, daß sie auseinander barst, und trat noch den Unglückskasten mit den Füßen kurz und klein. Dazu schnob er, mehr als er sprach, in Wut und Verzweiflung, in Schmerz und Haß fortwährend nur das eine Wort: »So ... so ... so ... so ...«, bis nur noch kleine Splitter den Boden bedeckten. »Ja freilich«, antwortete der Heiligenbauer kühl, als der Knecht die Vernichtung seines Instruments beendet hatte und blaß und bebend dastand, »das ist allerdings das beste für mich und dich, und hier ist dein Lohn für die Arbeit an deiner Harmonika und für deinen Dienst auf dem Hofe. Denn daß du damit Neujahr gemacht hast, siehst du wohl selber ein.« Damit warf der Heiligenbauer zehn Mark in zwei Fünfmarkstücken zu den Trümmern und kehrte ruhig in den Hof zurück. Neuntes Kapitel Das Lenlein war bald das Fieber und die Angst wieder los, in die es der wild gewordene Knecht getrieben hatte. Meixner-Gottlieb aber verschwand noch denselben Tag unter dem Schütze des Abenddämmerns vom Hofe und erschien spät in der Nacht vor dem Hause seiner Mutter in Querhoven. Er donnerte ungestüm wie ein Trunkener mit einem Knüppel gegen die Tür, und als sein Onkel – die Mutter wagte sich aus Furcht nicht über die Bodenstiege hinunter ins Haus – bestürzt und ärgerlich den Riegel zurückgeschoben hatte, stürzte der Bursche schweigend, wie er draußen gestanden hatte, an dem Alten vorbei, fiel taumelig an der Hauswand zu Boden und begann sofort mit einem seltsam gurgelnden Atem zu schlafen. Kein gutes und böses Wort, kein Gerüttel vermochte ihn wachzukriegen, und als der Alte über sein Gesicht tastete, fühlte es sich welk und kühl an, beim Scheine einer Lampe aber gewahrte er, daß es in einem fort von Stößen lautloser Tränen überströmt werde. Deswegen faßte Zenker an und trug den Gottlieb in die Stube auf die Wandbank, legte ihm ein Bündel alter Kleider unter den Kopf und rückte den Tisch hart heran, daß der Bursche, der an seinem Schlaf wie an einer Krankheit litt, nicht herunterfalle, wenn er sich rühre. Als am anderen Morgen die beiden alten Geschwister bei guter Zeit aus ihren Betten auf dem Boden herunterkamen, saß der Gottlieb schon aufrecht da, den einen Ellenbogen auf die Platte des weggeschobenen Tisches gestützt, den anderen Arm aber steif mit ausgebreiteter Hand wider den Banksitz getrieben, wie ein Stock, der in die Erde gestoßen ist. Sein Gesicht, blaß und bitter, war geneigt, die Augen standen regungslos und verloren. So saß er und rührte sich nicht. Kein Fragen nutzte, kein Rütteln half, und als ihn der alte Zenker packte und aufstellte, hing er wie ein Sack in seinen Armen, kehrte aber, losgelassen, wieder in die frühere Gebärde eines erschöpften, irrgewanderten Flüchtlings zurück. Bis dem braven Wirtschafter doch der Draht zu kurz wurde und er mit einem zornigen Faustschlag auf den Tisch erklärte, daß, wenn er nicht krank oder trunken vom Hofe zu Hemsterhus gekommen sei, ihn irgendwie ehrenrührige Teufelei über den Hübel hinuntergetrieben habe. Kaum aber hatte der Alte Zeit, das letzte Wort dieser Beschuldigung herauszubringen, so kam über den Gottlieb eine fast irre Wut. Er sprang auf, verfärbte sich noch um einen Ton ins Fahlere und machte Miene, loszugehen. Seine Mutter aber fiel ihm in die Arme, und so immer gegen sie ringend, brüllte er wie ein Todwunder: »Die Seele haben sie mir gestohlen! Die Seele haben sie mir gestohlen, die dreimal Verfluchten, ihr werdet's alle sehen!« Dann mengte er unter immer neuen Verwünschungen die Schwerdtner-Josefa, das Leierweib, das Lenlein, den Bauer, die Bäuerin und das ganze Gesinde untereinander, daß niemand klug daraus werden konnte. Am wildesten aber war seine Wut über das blinde Kind auf dem Heiligenhofe. Ihren Namen sprach er leise in schmerzvollem Haß noch eine Weile vor sich hin, als er schon wieder regungslos hinter dem Tische saß wie vorhin und auf alles Zureden hartnäckig schwieg. Zenker und seine Schwester waren nun nicht klüger als vorher, doch hatte ihre Sorge wenigstens ein Zipfelchen von Ahnung durch den Zorn in die Hand bekommen, den der Bursche auf das Heiligenlenlein geworfen hatte. Was es aber mit dieser Wut für eine Bewandtnis habe, war dem Burschen nicht mit Winden und Schrauben abzugewinnen, daß dem Alten endlich nichts anderes übrigblieb, als sich auf dem Sintlingerhofe reinen Wein einschenken zu lassen. Indes, kaum tat Zenker die alten Schlürfer von den Füßen, stieg umständlich in seine Langschäfter und langte sich die Jacke aus dem Kramwinkel neben dem Topfschränkchen, so brach das Toben abermals aus dem versunkenen Burschen, und zwar diesmal mit solcher Unbändigkeit, daß es wirklich schien, in seinem Kopfe seien alle Dübel auf einmal geplatzt. Nicht nur, daß er wieder die Bewohner des Heiligenhofes durch alle Pfützen der Lästerung schleifte, er schwor, nie mehr in seinem Leben durch dies verfluchte Tor zu gehen. Aber ebenso sicher sei es, daß seine Sachen auf ewig dort bleiben müßten, wo er sie hingelegt habe, in der Kammer auf dem Sintlingerhofe, und wenn nur einer Miene machte, sie von da wegzubringen, sie hinter die Scheuer auf den Scherbenhaufen zu werfen oder hierher zu schicken, irgend so etwas dergleichen, so, das schwöre er, passiere das Schlimmste. Da sei es mit ihm zu Ende, und er müsse den Hof anzünden, das Getreide auf dem Halme, oder das Vieh mit Nadeln füttern. »Das tue ich!« brüllte er am Schluß, machtlos und heiser. »Das tue ich. Denn das Kind hat mich um meine Seele gebracht.« Allein, der Alte hörte schon gar nicht mehr nach ihm hin, sondern schritt finster und blaß über die Schwelle aus dem Hause, seine Schwester hinter ihm, mit bebender Hand den Schürzenzipfel in die Augen pressend. Das Haus der Zenker-Rosalie lag in einem geräumigen Gras- und Baumgärtchen, kaum zwei Beete weit vom Hornwasser, über das ein Schwartensteg in die Dorfgasse führte. Dort eben, als Zenker den ersten Schritt auf das wacklige Brücklein getan hatte, erwischte Rosalie seine Hand und sah ihm verstört in die Augen. Da schüttelte er als Antwort stumm den Kopf, sah ernst die Hüttengasse Querhovens hinauf und dann hinunter, und die Blicke der Armen hingen an seinem Betrachten. Auf diese Weise gerieten die Augen der beiden an einen Hof, der auf einem felsigen Bodenstoß fast senkrecht über dem Hornwasser lag, das dort eine Art Teich bildete, ehe es um die Felsen fand. Dieses Gehöft, das weitläufig und wacklig, stolz und struppig zugleich war, gehörte dem einzigen Großbauern von Querhoven, dem Elias Meixner. »Von dem hat er's. Sonst nichts«, sagte Zenker dumpf, als sie eine Weile die Wirtschaft betrachtet hatten. »Meixnergetolle! Sägespäne, kein Zenkerblut, Sale, nicht eine Ader Zenkerblut! Adje. Ich will sehn, wie ich beim Sintlinger wieder die Mutter auf die Schraube bring'.« Die letzten Worte sprach er schon im Gehen. Dann sah ihn die Frau schon nicht mehr, sondern hörte nur von Zeit zu Zeit sein leises Gehüstel, das wie höhnisch belustigtes Lachen klang, so wie: »Laßt mich mit den Menschen zufrieden!« * Auf dem Sintlingerhofe fand er den Bauer gleichmütig und gefaßt wie immer, nicht eine Spur der Luft war zu merken, die sein Neffe eingesogen hatte und die nichts anderes vermuten ließ als das eine, aus dem Heiligenhof sei wieder der Fremdhof geworden, und der Teufel reite schon am frühen Morgen auf allen Hexen. Nur Johanna verfärbte sich furchtsam, da sie von dem vollkommenen Umsturz Gottliebs hörte, tröstete sich dann wohl einen Augenblick in dem Gedanken, daß den Burschen ein Wahnsinnswirbel gepackt habe, verfiel aber schließlich doch noch in ernste Befangnis wegen des besonderen Hasses, den der verkehrte Mensch gerade auf das Lenlein geworfen, und seiner abscheulichen Drohungen gegen den ganzen Hof. Der alte Zenker aber saß, drehte seine Mütze zwischen den Knien und schüttelte begütigend und mißbilligend den Kopf zu allem, was die Bäuerin sprach. Und als sie damit zu Ende gekommen war; meinte er, wenn es dem Gottlieb wirklich den Kopf aus allen Gelenken rücken sollte, daß er herkäme, um über den Hof den roten Hahn zu blasen, so wäre er, sein Onkel, noch immer da, und anders als über seinen todkalten Leib gelinge es dem Burschen nicht, durchs Tor zu kommen. Der Sintlinger und sein Weib sahen gerührt den biederen Alten an, aber aus einem anderen Grunde, als Zenker glaubte. »Natürlich«, sprach er lächelnd weiter, »denkst du denn, Bauer, daß ich noch einmal nach Querhoven hinübergeh? Seit der Bursche so ist, schüttert doch das Haus der Sale den ganzen Tag wie eine Tollbude. Und da lärmt noch das Kopfkissen im Bett. Also, zusammengeflickt bin ich wieder zum gröbsten, und wenn du auf dieselbe Seite siehst wie ich, bin ich, was ich früher war, und bleibe auf dem Hofe.« Das war der Sintlinger zufrieden, wenn er auch meinte, die ganze Treiberei mit dem Gottlieb habe gar nichts auf sich, denn den Burschen habe niemand als der Querhovener Bock und das an einer besonders verrückten Seite gestoßen oder, wie der Pfeifferkantor von Hemsterhus sagen würde, der wiedertäuferische Teufel habe ihn unter der Fuchtel. Also lächelte man am Ende über den ganzen Handel. Der Kram Gottliebs blieb auf der Kammer des Sintlingerhofes, wo er ihn hingelegt hatte, der alte Zenker kutschierte die Wirtschaft wie früher, die Bäuerin führte ihr altes gütig-festes Regiment im Hofe. Der Sintlinger aber wurde vornehmlich von einem verwundernden Staunen angehaucht über die Macht seines einzigen Mädchens, wo immer sie das Gesicht hinlenke, ungewöhnliche, tiefgehende Ereignisse zu wecken. Zehntes Kapitel Trotzdem war kurze Zeit nach jenen Vorfällen das Seelenwetter des Sintlingers nicht das ruhigste. Aber er ließ sich aus dem Bereich des Geistes doch nicht herausbringen, in den ihn sein Leben und vor allem sein geblendetes Kind geführt hatte. Auch als die ganze Gegend von der Anklage des toll gewordenen Gottlieb widerhallte, regte sich der Heiligenbauer zu keinen Gegenmaßnahmen. Trotzdem der Bursche nichts tat, als gegen das Kind zu wettern: das Sintlingermädchen habe ihm die Seele gestohlen, behauptete er in wilder Einförmigkeit, es sei kein richtiger Mensch, sondern ein albisches Wesen, aus allem unterirdischen Schäumen des Sintlingerschen Tollblutes gemacht, und wem daran liege, bei sich selber zu bleiben, der solle sich hüten, in das Licht ihrer verhexten Augen oder in den Bereich ihrer besprochenen Stimme zu kommen. Immer von solchen Schimpfreden gebeutelt, wanderte er aus einer Schenke in die andere, belästigte, wen er nur erwischen konnte mitten auf den Wegen, zerwühlte einsame Wiesen mit seiner Schmerzunruhe, dörrte sich auf sonnigen Abhängen bis ins Flimmern tierischer Glutaugen und versank endlich auf tagelangen Streifereien durch unwegsame Walddunkelheiten in finstere, stumme Geladenheit, die tagelang währte, als sei sie der Beginn jener dumpfen Verblödung, in die die Exaltationen Verrückter so oft münden. Allein, wenn dann seine Mutter zu hoffen begann, daß sich ihr Sohn durch die Tür des Schweigens zu seinem alten Wesen zurückfinden werde, warf er alles wieder in der alten Rumpelfahrt um. Unversehens fast. Ein verlorener Sonnenstreifen, der über sein Auge spielte, das ferne Anhauchen einer kindlichen Singstimme, einmal sogar das Flügelhuschen eines Vogels vor dem geöffneten Fenster genügte, sein Schäumen aus allen geheimen Banden zu reißen und ihn wieder durch die Schenken, auf die Wege, durch Dörfer und Einsamkeiten zu führen und die ganze Gegend mit der verrückten Beteuerung zu erfüllen, daß ihm das blinde Kind auf dem Heiligenhofe die Seele gestohlen habe. Der Prahl-Meixner, sein Onkel, war im geheimen immer hinter ihm, gab ihm in allem recht, richtete seinen Beutel an, der sich bei diesen ruhelosen Wanderungen sehr bald verschwächte, und nahm ihn gar in seinem Hofe auf, als die Meixner-Sale, seine Mutter, alle Hoffnung verlor und ihn des Hauses verwies. Denn der große Elis von Querhoven, wie man den Bauer hin und wieder spöttisch nannte, betrieb sonst das ärgerliche Tollen und bunte Schwärmen in der Gegend selber und fand es nun einmal ausnehmend bequem und possierlich, gleichsam sich selber zuzuschauen, wie er die Dörfer auf und zu wirbelte. Ja, der Gottlieb brachte das plärrende Krachen mit der Stimme, das endlose Geräusch, das eigentlich nur aus Beleidigungen und Verunglimpfungen bestand, noch besser als er selber fertig. Nur die harte Stirn fehlte dem Gottlieb, mit der der Prahl-Meixner allen Schimpf an sich abprallen ließ, den ein solches Leben des Ärgernisses immer einbringt. Denn sobald dem Burschen ein Gesammelter ruhig mitten in den Strom seiner Schimpfereien schnitt, konnte er sich nicht wie sein Onkel mit einem knotigen Witzeln aus der Schlinge ziehen, sondern hörte sich die Vorhaltungen des Ehrenmannes an und schlich geduckt davon, ja, manchmal bekam er gar beißende Tränen in die Augen und ließ sich dann tagelang aus seinen Waldverstecken nicht herauslocken. Wenn es nicht vollkommen absurd wäre, weil sein Wesenszusammenbruch von einem kindhaften Mädchen herrührte, so müßte man sagen, er benahm sich wie ein Hilfloser, dem die Liebe das erstemal im Leben die Seele bis auf den Grund umgepflügt hatte. Allein, die Leute merkten an seinem Schicksal doch einen geheimen Schimmer himmlischen Glanzes, denn nur wenigen der tausend unfreiwilligen Zuhörer fiel es ein, seine Lästerungen ernst zu nehmen und den Heiligenhof mit all seinen Insassen wieder in den Schatten seines alten, schlechten Rufes zu rücken, sondern man hörte aus seiner Wut nur die Verkündigung wunderbarer Kräfte heraus, mit denen das blinde Kind des Sintlingers ausgerüstet war. Gottlieb Meixners Zorn wirkte dasselbe wie das leise Lied der Schwerdtnerin, nur daß sie das gerade Gegenteil behauptete, von dem Mädchen ein neues Leben geschenkt erhalten zu haben. So wurde das Lenlein von den beiden, von ihrem Verleumder und ihrer Bewunderin, in den Schein eines fast außerirdischen Daseins gehoben, und der Name Heiligenhof, der einstmals nach der Geburt des Mädchens mehr spöttisch als ernst dem Besitztum ihres Vaters beigelegt worden war, bekam jetzt einen noch wundersameren Klang tiefer Bedeutung. Elftes Kapitel Dann und wann blieb schon einer stehen, der von Hemsterhus oder aus einem Orte weiter nach dem Westfälischen hin an dem Heiligenhof vorüber mußte, um durch den großen Wald an den Rhein zu kommen; er blieb auf der Straße stehen, wo der Zufahrtsweg abzweigte, äugelte hinauf zum Sintlingerstein, streifte mit eiligem Blick ums Tor oder schaute auch vom Waldrande her nach dem Hofe hinunter, und mußte es sich im einsamen Weiterwandern gestehen, daß wahrhaftig um den Hübelhof eine geheimnisvolle Luft stehe, und wenn man nicht gar zu zweifelsüchtig sei, so könnte man ruhig sagen, es schimmere gar etwas wie ein verborgener Glanz um die Torlinden und spiele den First der Häuser entlang. Manch andere stiegen eigens von Brederode durch den Buchengrund herauf und wanderten wie von ungefähr hinter dem Hofe am Blumengärtlein vorüber, die Augen rund wie Hosenknöpfe vor Neugier, das Gesicht zu einem gefälligen Lächeln, den Mund zu einem geschickten Worte schon vorbereitet, im Fall man ja das blinde Lenlein zu erblicken das Glück hätte. Und so kam es denn wohl vor, daß solch Aufgeregte förmlich erschraken, wenn das Mädchen plötzlich in der Nähe fröhlich auflachte oder gar neben ihnen stand, und in ihrer Eitelkeit und Prahlsucht beteuerten sie nachher, sie hätten beim Anblick des Kindes ein Schauern ums Herz gefühlt, als wäre etwa das Jesulein leibhaftig vor ihnen gestanden. Tölpelhafte lehnten sich geradeswegs unters Tor und drohnten unentwegt in den Hof, bis sie das Mädchen erblickten oder endlich von irgendwem über den Hübel hinuntergewiesen wurden. Dann fuhren sie im Davongehen unter die Mütze, kratzten sich den Schopf und meinten so vor ihre Füße hin: »Jeje, freilich könne es schon möglich sein, daß in dem Kinde Außergewöhnliches stecke. Aber eigentlich zu sehen sei da weiter nichts, und der Heiligenbauer habe eben auch den Boden hinten in den Hosen.« Nicht lange, und der Ruf des hübelheiligen Mädchens gloste nicht nur durch jene Ortschaften, die von dem Zungenwirbel des Meixner-Gottlieb oder durch die Lieder der Schwerdtnerin vorbereitet waren, noch darüber hinaus munkelte man von einem Wunderkinde, das irgendwo am Rheine aufgekommen sei. Keinem ging das mehr wider das Blut als dem Andreas Sintlinger und seiner Frau. Johanna wurde von diesem Treiben vornehmlich wegen der Stille und Einfachheit ihres Gemüts unerfreulich berührt, den Heiligenbauer stieß es wider die Seele, weil er fürchtete, das wunderwürdige Wesen seines geliebten Kindes könne durch solch vorzeitiges Lobgebläse auf Abwege der Eitelkeit und Selbstgefälligkeit geführt werden und, von dem Atem der Menge versehrt, in ähnliche Verwicklungen geraten, wie sie dem Faber-Rebellen widerfahren waren, der ja auch nur gefallen war, weil er sich auf die Schultern aller niedergelassen hatte. Doch das waren Gründe, die er ganz für sich behielt, zu seinem Weibe sprach er von seinem äußerlichsten Widerwillen, von dem Ärger, daß das Leierweib, die Schwerdtnerin, gleichsam mit der Stimme ihres Lenleins von Hof zu Hof, von Dorf zu Dorf ziehe und sich Kropf und Schürze fülle. Und weil das Lenlein zu der Zeit in ihr siebentes Jahr eintrat, wo andere Kinder zur Schule zu wandern beginnen, beschloß der Heiligenbauer, eine Lehrerin auf den Hof zu nehmen, um seinem einzigen Mädchen durch nichts die Welt zu stören, in die es hineingeboren war. Eigentlich stammte der Gedanke mehr von der Heiligenhofbäuerin und floß bei ihr aus einer Überlegung her, die gerade das Gegenteil vom Ziele ihres Mannes bezweckte. Das Kind sollte nach der geheimen Absicht des Weibes aus den eigenen wundersichtigen Traumweiten für die Erde der anderen vorbereitet werden, in die sie nach der Meinung des Münsterschen Arztes doch einmal eintreten würde, wenn ihr Schicksal reif sei. Die beiden vergatteten Menschen, der Sintlinger und seine Johanna, fanden, wenn ihnen auch vom Ahnen ein Geruch dieser geheimen Entfremdung zugetragen sein sollte, nichts als die Betätigung unverbrüchlicher Liebe darin, der der unbedenkliche Mut eigen ist, dem anderen Teil die Freiheit des Wesens ganz einzuräumen, weil jedes weiß, daß verschiedene Instrumente dieselbe Melodie eben ein wenig anders spielen. Der Sintlinger fühlte sich nun der Aufgabe nicht gewachsen, irgendwo aus dem grauen Weiten heraus den richtigen Menschen zu finden, der seinem Lenlein Genossin und Führerin sein könnte, und überließ so mit erleichtertem Aufatmen seinem Rechtsbeistande, dem Schwiegersohn des wunderlichen Notars, der des alten Klim spärliche Rechtsverrückungen repariert hatte, die Auskundschaftung zu betreiben. Der Zufall, die Menschen sind gewohnt so zu sprechen, wollte es, daß der Münstersche Professor Flöreck in seinem Hausblatt die Anzeige fand, die der Rechtsanwalt hatte für den Heiligenbauer einrücken lassen, und die Tochter eines kleinen Böttchers empfahl, in dessen Familie er aus barmherziger Liebe der ärztliche Helfer und tatkräftige Freund war. Dieses Mädchen hatte das Lehrerinnenexamen abgelegt und war dann aus Anlässen des Hauses in den Blindenunterricht hineingekommen. Eigentlich ihrer Mutter halber. Die hatte zwar keine blinden Augen, aber die graue Hand hatte ihr darübergestrichen, und wie beim Schwerdtner, dem Orgelmann, schwankten alle Dinge der Außenwelt seitdem als unbestimmtes Gewölk um sie, und es hatte sich schon etwas von dem hoch ausholenden Schritt der Blinden an ihr eingefunden, doch wenig von deren friedensweiter, stets wundersichtiger Seele, sondern sie füllte ihr Leben mit Seufzen und Mißvergnügen, so daß ihre Kinder die Kostbarkeit einer Mutter eigentlich mehr durch ein grämliches Zwielicht spürten, das um sie schwebte und das das empfängliche Gemüt der Unmündigen um so stärker drückte, weil der Vater seinen ganzen Tag in den großen Fässern umherwerkte und fortwährend von dem Donnern eingeschlossen war, das er mit dem Dübelhammer aus dem eichenen Holzgebauche herausschlegelte. Das Mitleid mit ihrer freudlosen Jugend führte sie in den Blindendienst. Professor Flöreck hatte kaum die Anzeige gelesen und den Namen des Sintlingers in seinem Gedächtnis hinklingen lassen, so sah er die schwarzen Augen eines stahlharten, kleinen Mannes wie zwei sausende Flintenkugeln auf sich eindringen und erinnerte sich plötzlich des rätselhaften Falles der Augen des kleinen Lenleins, es war ihm nämlich, als sehe er den Spiegel eines stillen Teiches regungslos vor sich in der Luft hängen. Denn er kannte und unterschied die Menschen nur nach den Augen, wie sie der Schuster nach den Schuhen, der Fleischer nach der Feistheit und der Schneider nach den Kleidern beurteilt, und spürte einen schwachen Hauch der seltenen Ungewöhnlichkeit des Heiligenbauers über die Reihe der vergangenen Jahre hin an sich vorüberstreichen. Sein Schützling aus dem Böttcherhaus hatte eben die staatliche Blindenlehrerprüfung hinter sich gebracht und war dankbar, daß ihr der Professor auf den Weg zu einer Beschäftigung helfen wollte, in der sie das Erlernte lebendig erhalten, tätig ausbilden und durch Erfahrung erweitern konnte, bis sich die erwünschte Lücke im staatlichen Dienst für sie öffnen würde. Die Papiere des Fräulein Elfriede Knille, so hieß die Böttcherstochter, wurden also gesammelt, der Professor schrieb einige Zeilen Empfehlung dazu und sandte sie ab. Als Johanna diesen Brief empfangen hatte, atmete sie erlöst auf. Denn die aus allen Weltgegenden auf den Heiligenhof eindringenden Angebote schillerten in den buntesten Versprechungen, verstiegen sich hie und da zu Drohungen mit dem düstersten Schicksale im Falle der Ablehnung, waren angefüllt mit Selbstgefälligkeiten und dem Nebengeräusch mancher anderen Menschenschwäche, daß es der armen Bäuerin vorkam, sie stehe mit ihrem einzigen Kinde auf öffentlichem Markt und wolle es an einen Unbekannten aus der tobenden Menge verkaufen. Andreas aber, als er auf dem ersten Zeugnis in großen Lettern das Wort Blindenlehrerin gelesen hatte, war einen Augenblick aus dem Finstern her betroffen, schob die Brauen zusammen und wollte von da an mit allem nichts mehr zu tun haben. Es handle sich um ein fraulich Wesen, meinte er, und da habe allemal ein Weib eine bessere Witterung als der Mann, denn er wähle ja die Mägde, die auf dem Hofe gebraucht würden, auch nicht. Er machte sich nichts daraus, daß das, was er sagte, nicht stimmte, er beharrte nur in folgerichtiger Hartnäckigkeit innerlich auf der Überzeugung, daß sein Kind nicht blind sei, und hätte am liebsten jeden Brief, der das Wort blind enthielt, ohne Bescheid wieder zurückgeschickt. Johanna aber las die wenigen Worte des Professors wieder und wieder und fühlte sich immer tiefer in den Gedanken an eine Fügung hinein, die sich des Münsterschen Doktors bediente, damit alles systematisch geschehe, jenes Ereignis vorzubereiten und seinen Eintritt womöglich zu beschleunigen, von dem Flöreck als von einer Sicherheit gesprochen hatte – so meinte sie wenigstens in eigenwilligem Hoffen –, die Zeit nämlich, wo die Finsternis über Lenleins Augen erfüllt sein und der Schleier von ihren Blicken weggezogen werden würde. Zwingend empfand sie, dieses Fräulein Elfriede Knille nicht zu wählen, käme dem Willen gleich, das liebe Kind nicht ins Licht führen zu wollen. Deswegen war die gute Heiligenhofbäuerin etwas enttäuscht, als die Lehrerin auf dem Hofe ankam. Denn nicht nur die Hoffnungen des Menschen tragen die Farbe und den Klang seines Wesens, alle Gestalten, die durch das Wunsch- und Sehnsuchtstor aus unseren Herzen schreiten, nehmen dessen Schlag mit, sind aus unserem Leibe geboren, und der Schimmer unserer Seele glimmt aus ihnen. Elfriede Knille hatte nichts von frommer Güte, nichts von der Befangenheit in tausend Geheimnissen. Als sie von Johanna unten am Zufahrtsweg empfangen wurde, stieg sie aus dem Wagen, schüttelte sich das Kleid zurecht, gab sich mit den Schultern einen ordnenden Ruck und reichte erst dann der Sintlingerin die Hand, und das mit einem spürbaren Anflug von Wohlwollen, als ob sie einer schüchternen Schülerin Mut mache. Dem Lenlein fuhr sie durch das blonde Gelock, koste es mit der Hand, sprach plötzlich ein wenig falsettierend von dem lieben, kleinen Menschlein, das sie noch besser kennenlernen werde, und machte dann Anstalt, das Kind auf den Arm zu nehmen, es an sich zu drücken und zu küssen oder nur in die Luft zu schwenken, man weiß es nicht. Sie hob es bis in die Höhe des Busens, von dem einige korrekte Andeutungen vorhanden warm, und setzte es mit dem überraschten Ausruf: »Ach, wie leicht! Nein, federleicht!« wieder auf den Boden. »Mitten in dieser gesunden Gegend so etwas Zartes«, sagte sie dann etwas betroffen, als fühle sie, die Bäuerin verletzt zu haben. »Man ist erstaunt. Durchaus erstaunt. Nicht wahr? Ah, das also ist ihr Hof! Rein wie eine Burg. Wirklich.« Dann trat sie auf die Seite, um das Gefährt vorüberzulassen. Die Pferde legten sich schnaubend ins Geschirr und mußten sich nach ihrer Meinung sehr anstrengen. »Das sind mindestens fünfzehn Prozent Steigung. Vielleicht wird das Kind durch die fortwährende Überwindung des kupierten Terrains übermäßig angestrengt und damit innerlich bewegt, beziehungsweise angegriffen. Der erste Punkt aber einer ersprießlichen geistigen Arbeit ist körperliche Kraft.« Nachdem sie noch den »Herrn Gutsbesitzer Sintlinger« begrüßt hatte, durch das Gehöft geführt worden war, hörte man noch lange ihren abgemessenen, taktmäßigen Gang aus dem ersten Stock, wo sie untergebracht worden war, gegen die Decke klingen. Da sagte das Lenlein, die zwischen Vater und Mutter sitzend dem Schreiten über sich mit sichtbarer Betroffenheit gelauscht hatte, mitten ins Gespräch der Eltern: »Weißt du, Mutter, ich hab's genau gesehn!« »Was gibt's denn, Lenlein?« fragte Johanna.. »Das Fräulein ist gerade wie ein Baum. Ganz hoch. Aber ohne Äste. Bloß oben ein wenig. Und wenn sie redet, geht ein Türchen auf wie bei unserer Uhr, und der Kuckuck ruft.« »Ja, weißt du, Lenlein, und wer der Kuckuck bei dem Fräulein ist?« fragte der Heiligenbauer. »Aber freilich«, antwortete das Mädchen, »das Mundreden ist's.« »Nein, das Klugsein, Lenlein«, sprach Johanna mit schwachem Verweisen, »und so klug wirst du jetzt auch werden.« Da bekam das Kind ein stilles, bekümmertes Gesicht, spielte betroffen mit den Fingern und fragte nach langer Weile mit einem tiefen Atemzug des Bangens: »Ja – muß ich auch?« * Nachdem so der Einzug der Jungfrau Knille vor sich gegangen, ließ der Sintlinger ihr Wesen durch seine Gedanken wandeln und sah ein, daß es gut sei, mit seiner Sorge nicht das Beginnen der Lehrerin zu beeinflussen. Das Lenlein hatte mit ihren Worten eine solch traumhaft sichere Beurteilung des Fräuleins verraten, daß den Bauer nur mehr die Spannung erfüllte, welches der Ausgang der Unterweisung sein werde. Er beschränkte sich deshalb darauf, dem Fräulein durch Johanna nahelegen zu lassen, daß von dem Lenlein das Bewußtsein der Blindheit für immer und das Wissen um den Tod vorerst noch ferngehalten werde. Elfriede Knille strich sich daraufhin mit den geraden Fingern der rechten Hand von der Nase her über den Mund, sah die Bäuerin mit spöttischer Lustigkeit an, begann seitenlang von den Forderungen der Wahrhaftigkeit zu tönen, von dem Mut zur Selbsterkenntnis, dem Wert unerschrockener Einsicht, und erklärte sich schließlich unter Achselzucken und Hauptwiegen damit einverstanden. Sie war eine zu vorzügliche Schülerin gewesen und hatte darum über den Stolz, eine tadellose Lehrerin zu sein, verabsäumt, ein lebendiger Mensch zu bleiben. Durch ihr Studium hatte man sie an das Schiff fremder Kenntnisse geschmiedet, und nun fuhr sie mit fremden Rudern, segelte im Atem der Erkenntnisse anderer und sah das Ziel alles Unterrichts in der Übermittlung eines reichen Wissensstoffes, der nach erprobten didaktischen Regeln gut geordnet an den Schüler herangebracht wurde. Wenn alle Lehrer wüßten, daß der innere Zustand des Unterweisenden die Vorbedingung alles Lehrerfolges ist, die Zahl der Munddrescher nähme ab, und reumütig stiegen die schulmeisterlichen Scharen von den methodischen Holzpferdchen herab, auf denen sie selbstgefällig vor den Kindern auf und nieder galoppieren. Jeder Lehrgegenstand bedarf einer neuen Einstellung der Seele, jedes Kind hat eine andere Innenwelt mit einem anderen Klima. Wer von den Wundern seines eigenen Gottes nicht geblendet ist, vermag in die göttlichen Tiefen des Kindes nicht vorzudringen, die erschlossen werden müssen, wenn der Kopf des Zöglings mehr als ein geistiger Handfertigkeitsschwank, sein Herz mehr als ein vulgärer Gefühlswiederkäuer und sein Leben mehr als ein nützliches Geräusch werden soll. Wahrscheinlich hatte Elfriede Knille diese oder ähnliche Ansichten auswendig gelernt. Nun aber war der Vorbereitungszustand glücklich überwunden. Jetzt schritt sie gesammelt, sicher gerichtet, sorgfältig eingestellt zur Ausführung ihrer Aufgabe. Sobald sie zu lehren anfing, wurde ihre Stimme grammophonisch, ihre Haltung gezwungen, ihre Bewegungen exerziert unpersönlich, ihr Lachen künstlich, ihr Gesicht leidend ernst, und ihre Augen standen wie zwei Bohrwerkzeuge unter der Stirn. Denn nur selten wird ein weibliches Wesen, das noch nicht geboren hat, ein Lehramt versehen können, weil erst die Mutterschaft ihre Säfte reif, süß und voll macht zu diesem göttlich-mütterlichen Geschäft. Was kann ein solches Wesen von dem selig schönen Geschäft verstehen, wie ein Mensch entbunden wird, wie ein Mensch aus der reinen Seele in den Geist geboren wird. Es ist eine gar schwache Brücke, auf der er durch das Wunder der Dinge herübergelockt wird auf diese Erde, auf der er Wohnung nehmen soll, bis er durch das Tor des Todes wieder davonwandert, hinüber. Wie erstaunen die Kinder vor den Bildern dieser Erde, wie glücklich sind sie, wenn sie den göttlichen Sinn aus ihnen klingen hören, der in ihrem Ohr aus der ewigen Heimat her noch nachtönt. Gar wählerisch und achtsam muß die Hand sein, die sie leitet, von dem Verwundern durch das Staunen in die leise Enttäuschung des Begreifens. Das Lenlein vom Heiligenhofe ging diesen Weg wie alle Kinder. Aber es mußte, schwerer nur, noch ein Vorstadium, das der Furcht, durchleiden, das bei anderen Kindern nicht länger als ein Vorüberhuschen dauert. Vor jedem neuen Gegenstand zagte das Sintlingerkind wie vor einem Abgrunde und hatte die Empfindung, hilflos wie durch ein Loch ins Bodenlose hinausstürzen zu müssen, wenn es ihm nicht gelang, das neue Unbekannte sich vertraut zu machen und der Welt ihres Innern einzureihen. Deswegen sah man sie vor neuen Dingen oft bis hart an die Tränen heran beben und sie dann mit zitternden, wie gierig saugenden Fingern betasten. Der Erkenntnisdrang war bei ihr brünstiger, weil er nicht durch die vorwitzige Naschhaftigkeit der Augen abgeschwächt und zerstreut wurde, ehe er sich sammelte. Ihr Wissensdurst war ein lautloser Strudel, der alles in seinen bodenlosen Grund schlürfte, was in seine Nähe kam. Doch, was einmal durch das rätselhafte Tor ihrer Sinne in sie gewandelt war, stand in ihr sicher geborgen und wurde nicht so leicht wie bei Augenmenschen durch einen neuen Anblick in Frage gestellt. Auf alles das nahm, weil es sich ihrem Ahnen entzog, das Fräulein keine Rücksicht. Dieses Kind, das bisher gewohnt war, durch das sperrangelweit geöffnete Seelentor der Menschen, mit denen es lebte, in die Welt der Umgebung zu fahren, befand sich, wenn der Unterricht der Lehrerin kaum eine Viertelstunde gedauert hatte, einer fensterlosen Wand gegenüber, alles war ihr verschlossen, sie war wirklich »wie vernagelt«. Diese Worte sagte Elfriede Knille fast immer erregt und geringschätzig zu sich, wenn das Lenlein geduckt, freudlos, matt aus der ruhelosen Wolke der Unterrichtsstunden entlassen wurde. Es half nichts, daß die Lehrerin sich auch der freien Zeit des Kindes bemächtigte, um sich durch das bunte Pförtchen des Spiels in die Welt dieses wunderlichen, kleinen Wesens zu schmuggeln oder wenigstens einen Blick in diese Verzauberungen zu tun. So interesselos ihr Unterricht das Kind machte, so stumpf machten es ihre Spielreizungen. Lenleins seiner Instinkt witterte mit Recht irgendeine Absicht der Vergewaltigung und ließ die Spiele wie Lektionen an sich niedergleiten oder schluckte sie wie eine überflüssige Medizin, drehte sich unbewegt, lief blassen Gesichts, sang seelenlos und unfroh und versank, überdrüssig geworden, in eine Gleichgültigkeit, die so unwirklich war wie etwa die Gebärde einer einsamen Blume im Felde. Indessen, um das Sintlingerkind doch aus der Verwunschenheit zu locken, verfiel das Fräulein auf allerhand spielerische Mätzchen, zwang sich zu komischen Drolerien und hüpfte gar wohl neckisch um die Kleine, die all das unbewegt ertrug oder höchstens die Lippen zu einem Lächeln bog, das mehr wie Spott aussah. »Gefällt dir das?« fragte Fräulein Knille dann. »O ja«, war die Antwort. »Warum spielst du denn nicht mit?« » Du spielst ja.« »Aber da tu doch auch mit.« »Nein, es sind deine Spiele.« »Willst du mich nicht deine Spiele lehren?« »Die kannst du nicht verstehen.« So endeten alle Bemühungen der Lehrerin, die schon anfing, zu manchen Zeiten dem Gerede der Leute in der Umgegend recht zu geben, daß dieses Kind nicht wirklich, sondern ein elbisches Wesen sei. Es nützte auch nichts, als Fräulein Knille dem Sintlinger vorsichtige Andeutungen ihrer Not machte und von fern seine Hilfe heranwinkte. Der Heiligenbauer hörte sehr aufmerksam zu, nickte dann gedankenvoll und verließ sie, mit großen Augen vor sich hinblickend, ohne einen Bescheid zu geben. Nur einmal sagte er zu ihr nach langem Schweigen: »Ich habe heut in einem meilenweiten einsamen Feld auf dem Wipfel eines Baumes einen Vogel sitzen sehen; an dem Schnabel merkte ich, daß er sang, aber da ich neben einem Bretterwagen mit Steinen ging, konnte ich nichts hören, und als ich näher kam, flog er erschreckt fort. So weiß ich nichts von seinem Liede.« Ohne weiter etwas hinzuzusetzen, ging er freundlich grüßend aus der Stube, wo diese Unterredung stattgefunden hatte, und bald nachher sah das Fräulein den Sintlinger handverschlungen mit Helene weit draußen so stillen Schrittes hinwandeln, als wehten die beiden durch die Blumen. Das Lachen des Kindes ertönte wie Lerchengezwitscher, und bald hörte man auch das Kind singen und den Vater dazwischen in Freude melodisch rufen. »Ist das nicht wie ein Hof der Wahnsinnigen?« fragte sich die Pädagogin, lief erregt in einer anderen Gegend durchs Feld, zerzupfte unterwegs eine Wucherblume um die andere, sagte immer »ja« und »nein« dabei, und da schonungslos auf das letzte Blatt jeder Blüte ein »Ja« fiel, wurde sie zornig, warf die letzte geplünderte Blume auf den Steig und dachte: Wenn ich nicht will, kann mich niemand hier halten, Johanna aber tröstete die Lehrerin, sie solle nur Geduld haben, dann werde das gotteseinsame Gemüt ihres Kindes sich eines Tages unvermutet öffnen und alles lernen, was es jetzt mißtrauisch ablehne, wie ein Vogel das Lockfutter im Fangbauer, alles werde das Lenlein wie spielend sich aneignen. Allein diese erwünschte Wendung trat nicht ein. Denn Elfriede Knille war einer von den Menschen, welche die Wandlung immer von außen, immer von anderen erwarten, die stets alles zu tun glauben, was irgend erdenklich ist, und indes ihr Erwarten auf Mißmut, Ungeduld und Enttäuschung einstellen. Sie hatte ein Einmaleins gelernt und hielt es für verderblich und verkehrt, daß es so viele in der Welt gab, die nach einem anderen Einheitssatze rechneten. Doch das Heiligenhoflenlein ließ sich durch keinen methodischen Kniff aus der Welt ihrer einwärts gekehrten Blicke locken, und je lauter der Eifer der Lehrerin vor den Türen ihres Lebens sich aufführte, desto tiefer verschloß sich ihr Geist mit seinen Gestalten, deren helle Schatten man dann und wann als Verdunkelungen an dem blaßblauen Spiegel ihrer Iris vorüberschweben sah. Mit jedem Tage, mit dem das Fräulein ihre pädagogischen Belagerungswerke planmäßig näher und näher an das Rätsel dieser Kinderseele herantrieb, vermehrte sich die Spannung zwischen den beiden. Und als gar der Sintlinger der Lehrerin kurz heraus gesagt hatte, wenn es mit dem Lernen eben nicht auf ihrem Wege ginge, so sollte sie es auf Lenleins Wegen versuchen, da packte die westfälische Böttcherstochter gar etwas wie Grimm über diese bäuerliche Überheblichkeit, und sie fragte zitternd, ob das etwa heiße, sie solle bei dem Kinde in die Schule gehen? Der Sintlinger aber sah an ihrem blaßfleckigen Gesicht vorbei, sagte nur, daß der Bauer, der gelegentlich von seinem Knecht lerne, nicht der dümmste sei, und ließ sie stehen. Seit diesem Tage war es Elfriede Knille, als sei der ganze Heiligenhof gegen sie verschworen. Der leise Fleiß seines Gesindes hörte sich an wie verheimlichtes Minieren gegen sie, in den freien Augen des Sintlingers sah sie spöttischen Hochmut. Die Stubenmagd kicherte höhnisch hinter ihr drein, und der alte Zenker ging drohend um sie wie ein greiser, zahnloser Wolf. Unversehens schlüpfte sie aus dem Kleide verletzter Eitelkeit in die Pose einer Verteidigerin von Menschheitsgütern gegen Bauernhochmut und Stumpfsinn. »Je lauter ein Faß bullert, um so härter muß man schlagen«, war der Leibspruch ihres Vaters gewesen, danach wollte sie jetzt handeln, ohne Hin- und Hersehen, geradezu, wenn es auch dem einzigen Menschen noch schwerer werden mußte, den es auf dem Hofe gab, der Bäuerin, dieser sanftesten, gütigsten Frau, die sie je gesehen hatte. Elfriede hatte zudem die Hoffnung, in nicht zu langer Zeit zu einer öffentlichen Anstellung zu kommen. Also ihretwegen, wenn man es eben nicht anders haben wollte, konnte es losgehen. Es war die Zeit der hohen Sommerwinde, jenes hautleisen Sausens, das man nachts hart unter den Sternen hinstreichen hört und manchmal einen kurzen Lichtschreck wie das Aufblitzen einer blanken Messerschneide durchs Finstere über den Himmel zucken sieht. Die Bauern sagen dann, der Herrgott schleife seine Sense, und schließen daraus, daß die Ernte nicht mehr fern sei. Die Lehrerin lag stundenlang nachteinsam im Fenster und verlor sich mit ihrem geheimen Grimm über die Wipfel des Obstbaumgartens in die heiß durchzitterte Dunkelheit. Wenn aber Gott seine Sense blitzend wendete, verfing sich jedesmal ihr Atem, sie schnellte in ihr Zimmer zurück, begann erregt auf und nieder zu gehen und dann und wann höhnisch aufzulachen. Sie brach, früher, als es in ihrem Plan gelegen hatte, die Übungen ab, die ihre Schülerin unterrichtsreif machen sollten, und begann mit den Schraubenziehern, Stemmeisen und dem Sauerstoffgebläse ihrer eigentlichen Methode. Aber war vorher ihre Geduld bis zum Reißen angespannt worden, jetzt ging es in jeder Stunde zum Verzweifeln. Lenlein brachte es nicht nur nicht fertig, eins und eins zusammenzuzählen, sondern sie wehrte sich sogar dagegen mit einer unbeugsamen Hartnäckigkeit, die die Lehrerin lange nicht verstand und für puren Stumpfsinn hielt. Denn spielend zählte das Kind Finger zu Fingern, Hölzchen zu Hölzchen, Kugeln zu Kugeln; aber keine Überredung, kein Zwang, keine Liebe konnte sie dazu bringen, Pilze und Bäume, die Beine von Tieren und Stühlen zusammenzuzählen, weil sie, göttlich gebunden, nicht von der Unverwechselbarkeit der Dinge in ein abstraktes, lebensleeres Formelspiel zu bringen war. Und gar, als sie unter Schwierigkeit die ersten Punktzeichen des Blindenalphabetes kennengelernt hatte und diese zum ersten Wort zusammensetzen sollte! Da schob sie entsetzt das Buch von sich, lichtete den zarten Körper wehrhaft auf und starrte mit dem blassen Gesicht tiefen Unglücks vor sich ins Leere, mit Augen, die wirklich wie die einer Blinden aussahen, denn aller Glanz und Schimmer war aus ihnen gewichen, daß die Sterne aus stumpfem Horn gestanzt schienen. Dann schüttelte sie den Kopf, daß ihre gelben Locken nur so flogen. »Nein, das ist nicht wahr, Fräulein.« »Was hat's denn bloß, Lenlein, du zitterst ja«, sagte Elfriede, die das Kind wie unter Frost am ganzen Leibe beben sah. Sie sollte nach dem Blindenalphabet das Wort »lau« lesen und fühlte an den feinsten Fingerspitzen die Schärfe der Punktsinnbilder wie das Stechen befestigter Sandkörnchen in ihr Inneres dringen, und diese abgezirkelten, lebenslosen Verwundungen des reizbarsten Hirnes, das sollte »lau« sein, jenes weiche Streicheln über das Gesicht, das wundersame Rühren der Wurzeln des gelockten Haares in ihrer Kopfhaut, das Gefühl des stillen, beglückten Wogens, das vom Lande auf sie eingedrungen war, das schwimmende Geläut der Abendglocken in der Luft, das versunkene Brausen des fernen Waldes und die Stimme ihrer lieben Mutter, die sie und die alte Trine nach Hause gerufen hatte: »Kommt nach Hause, es wird nicht mehr lange lau sein.« Es war ihr unmöglich, von den lebendigen Ereignissen des Lebens sich zu trennen und das blut- und sinnvolle Dasein ihrer Seele in einem toten System von Zeichen einzuschachteln. Das Lenlein stemmte sich wie vor einer Gefängnistür zurück und wehrte sich wie vor einer Unwahrheit in Scheu und Entrüstung, klemmte beide Hände krampfhaft zwischen die Knie und brach mit dem Ruf: »Es ist nicht wahr – ich mag nicht«, in erbarmungswürdiges Weinen aus. Nur durch diese Enttäuschung der Erkenntnis, dieses Erschrecken, diesen wahrhaftigen Sündenfall des Verstandes gelingt es allen Kindern, aus dem selig nutzlosen Himmel ihrer Seele auf die Erde der Froner sich fesseln zu lassen, vergleichbar dem Schrei des Neugeborenen, wenn es den Mutterschoß verläßt. Dem Fräulein Elfriede Knille fehlte die Hand wahrer Liebe, die allein imstande ist, dem Kinde das Grauen dieses Überganges aus einer in die andere Welt erträglicher zu machen, sie nannte es im Innern »Dänzchen« treiben, die »Hysterie« Unmündiger und das Gebrüll einer Verzogenen, setzte einen Augenblick mit ihren Unterweisungen aus und verharrte mit mühsam hochgezogenen Schultern, den Rücken dem Zimmer zugekehrt, am Fenster, bei jedem der immer schwächer werdenden Weinstöße des Kindes ein spöttisches Schnalzen hervorbringend. Endlich drehte sie sich um: »So. Bist du nun fertig mit Weinen? Es ist doch wahrhaftig dumm, wenn man so für nichts und wieder nichts losheult. Meinst du nicht auch, Helene?« Das Heiligenkind nickte schmerzvoll und dachte: Wenn ich bloß nicht mehr »lau« lesen müßte. An diesem Tage ging es sehr zeitig schlafen. Als der Sintlinger und seine Frau spät in die finstere Stube traten, um sich auch zur Ruhe zu begeben, hörten sie das Lenlein auffahren. Dann sagte es: »Fräulein. Sie, Fräulein! Lesen ist ganz, ganz häßlich. Man kann gar nichts mehr sehen, weil alles schwarz wird. Ach, ich möchte singen!« Dann sank es zurück, rückte sich unter einem seufzenden Atemzuge zurecht und schlief weiter. Allein, Fräulein Knille war eine pflichttreue, unentwegte Lehrerin, sie hatte sich vorgenommen, durchzuhalten, mochte es biegen oder brechen. Leicht ging das ja nicht. Sie war genötigt, dann und wann schon die Stärke ihrer Stimme zu steigern, auf den Tisch zu klopfen, daß es den Schall eines Schlägleins gab. Sie faßte das Kind hart an der Achsel und richtete es unsanft auf oder brach den Unterricht plötzlich ab, lief in den Wald, rang die Hände über sich und sprach zum Himmel: »Wenn nicht bald der Bescheid auf mein Gesuch kommt, gehe ich zugrunde.« Das Lenlein aber beklagte sich bei niemand, es saß hemm wie ein Vogel mit gebrochenem Flügel, spielte nicht mehr und sang nicht mehr, sondern schlief oder lag ganz allein mit weit offener! Augen irgendwo im Felde. Und dann wieder kam ein Aufjagen über sie. Wildheiten brächen aus ihr hervor, mit denen sie von dem Meixner-Gottlieb einst angesteckt worden war, und als das Fräulein in einem solchen seelischen Fieberstoß das Mädchen von ihrem Tollen wieder zu Verstand bringen wollte, biß es sie unversehens in die Hand wie eine Wildkatze und lief lachend davon. Des Heiligenbauers zuversichtliche Gelassenheit wich wohl nicht, wenn sein gedankenvolles Auge auch manchmal verfinstert auf der Lehrerin ruhte. Dafür durchlebte Johanna schwere Tage. Ja, die fromme Seele nahm das Lenlein sogar eines Sonntags mit in die Kirche, daß, man konnte es ja nicht wissen, vielleicht auf diese Weise der Segen Gottes dem armen Kinde das Lernen erleichtere. Da ereignete sich denn das, was der Hemsterhuser Ketzerkantor Liborius Pfeiffer später als den ersten Krampf des bösen Geistes in dem Sintlingermädchen bezeichnete. Kaum war nämlich der Pfarrer Ardelt von der Kanzel aus der Heiligenhofbäuerin ansichtig geworden, die sich so selten zum Gottesdienst einfand, so überschlug sich seine Natur, und mit Schreien, Beschwörungen und Aufschlagen begann der Fanatiker aus ihm zu arbeiten. Plötzlich zuckte der dünne, gelle Schrei des Sintlingerlenleins durch die versunkene Kirchenstille. Der Prediger stutzte einen Augenblick, die Zuhörer fuhren aus ihrem andächtigen Grauen, der Kantor rückte höhnisch die Brille auf die Nase und sah vom Chor hinüber in die halb vergitterte Sintlingernische. Johanna bemühte sich um das totenblasse, bebende Kind, doch das ließ sich nicht beruhigen, sondern drängte dem Ausgange zu. Rat- und hoffnungslos, in der Seele betroffen, mußte die Mutter endlich willfahren. Sie verließen kaum nach einer Viertelstunde das Gotteshaus, vor dem das Lenlein seitdem ihr Leben lang eine nicht zu besiegende Abneigung behielt. Auf der Nachhausefahrt soll, wie nachher das abergläubische Volk sich erzählte, die kleine Hübelheilige plötzlich von der Seite der Mutter entrückt worden sein, nicht anders, als ein Schatten oder ein schwerer Seufzer uns entschwindet. Als der Wagen aber am Zufahrtswege ankam, sei das Lenlein lachend und singend über den Abhang her mit wirbelnden Kleidern der zu Tode erschreckten Mutter entgegengelaufen. Durch diese Erzählung schaffte sich das Volk den Zugang zum Verständnis des wunderbarlichen Ereignisses, das kurz darauf eintraf und das der schweren Not des Sintlingerkindes in jener Zeit ein Ende bereitete. Zwölftes Kapitel Zugleich war das die herrlichste, man möchte fast sagen, süßeste Wirkung der wunderbaren Kraft der kleinen Hübelheiligen. Es ist die Wohltat gemeint, die eine arme Mutter aus Querhoven empfing. Sie hieß Rütsch und wohnte im oberen Teile Querhovens, der von allen die Wuhle genannt wird, weil sich die schmale Dorfflur da erweitert und ins Runde geht. Der Boden ist von dem nahen Walde angesäuert und beschattet. Will sich dort das Getreide bis zur Ernte durchsetzen, muß es sich in seinen harten Knoten gar wacker halten, und wenn es der Schneefäule des Winters, den frühjahrlichen Nachtfrösten, dem sommerlichen Wildfraß und tausend anderen Gefahren entronnen ist, haben sich sicher von zehn Halmen, die miteinander den Marsch auf das Erntefuder zu begannen, sechs unterwegs verloren, und das Päcklein Erdrusch, das der Hausvater von der Tenne auf den Boden schaffen kann, ist immer nicht gar viel größer, als das Päcklein Samen war, das er hinausgetragen hat. Deswegen wohnen in der Querhovener Wuhle auch wenige, und zwar solche, denen das Geschick irgendwie einmal den Rücken eingeschlagen hat, oder solche, die sich aus der Armut, des Stumpfsinns halber, nichts machen, oder endlich solche, deren Seele sozusagen mit Golde gepflastert ist, daß sie auf dem Pfennig sitzen, als ritten sie auf einem Goldfuchs durchs Leben. Wenn man die Wirtschaften in der Wuhle zählt, so muß man mit einem armen Schlucker anfangen und mit einem solchen aufhören, und dazwischen sind noch vier Mühselige, denn mehr als sechs Höflein sind in Oberquerhoven nie gewesen. Dort wohnte die arme Mutter, die auf dem Heiligenhofe eine solch wunderwürdige Erlösung fand. Ehe sie Frau Rütsch wurde, war sie das Kind der Enderfamilie, wo man »laut« ganz klein schreibt, »grob« nicht kennt und »gut« aus jedem Seigerschlag hört. Dabei hatte sie einen Fleiß wie die Unruhe in der Uhr und war zierlich und flink wie ein Rebhühnchen. Ihr Vater war der, den man den Vanlyßender nannte, weil seine Abstammung ins Holländische hinüberging, und er hatte verwandtschaftlich nichts mit den Enderleuten zu tun, deren damaliges Haupt der Ender-David war, die, als Holzmacher zwischen groben Schlägen geboren, mit Gepolter durchs Leben gingen und noch als Tote nach Schnaps rochen. Das Anwesen des Vanlyßender befand sich in dem eigentlichen Dorfe, und zwar an seinem untersten Zipfel zwischen der Mühle und dem Gehöft des Prahl-Meixner. Als die Ursula, von der diese Geschichte geht, über die Schulbank hinauskam, entstand die Frage, ob sie dienstenhalber sich aus dem Dorfe hinausmache, wie die meisten Querhovener Schulmündigen, oder ob sie bei einem der Nachbarn unterkrieche, dem großen, krausen Elis oder dem Müller. Aber das Brüllen könne sein Kind noch besser bei einem Ochsen und das Stoßen bei einem Bock lernen, meinte ihr Vater, dazu brauche es nicht in den Meixnerbof zu ziehen, und mehr sei dort nicht zu profitieren, und wenn auch dem Müller nicht alle Tage im Jahr der Schritt gerade gerate, so sei er doch nahe. Und die Ursel zog deswegen in die Mühle, weil sie ein zartes Wesen war, das ihre Mutter noch über die Schule hinaus betreuen mußte. Kaum hatte sie aber einmal unter dem Dache geschlafen, gegen das ohne Unterlaß das Wasserrauschen und Radbrummen fuhr, schien ihr die ganze Mühle kein Haus, sondern ein Schiff zu sein, das ohne stillezustehen dahinfuhr, und jedesmal, wenn das Mädchen zum Fenster hinaussah oder vor die Tür trat, kam es ihr vor, sie sei wieder ein Stück weiter von ihrem Vaterhaus fortgerückt, daß es wieder ferner und kleiner in der Wiese droben lag, und eine Welt, viel schöner und lichter als die des vorigen Tages, breitete sich um sie aus. Und sie konnte nicht gehen, ohne zu singen, und nicht arbeiten, ohne ein glückliches Gesicht zu machen. Der Müller und die Müllerin fühlten sich das erstemal richtig heimlich in ihrem Hause, und keines konnte sich's denken, wie es gewesen war, ehe die Ender-Ursel in der Mühle gedient hatte. Die Bauern meinten, der Bauer habe sich heimlich einen Porzellangang ins Werk bauen lassen, denn huschte die Ursel beim Aufladen bloß vorüber oder half gar beim Herausschaffen der Säcke, so kam dem knurrigsten Grammel von Bauer das Mehl plötzlich lichter vor wie sonst. Allerdings war die Ursel da schon eine ausgewachsene Magd, voll und biegsam, lustig und doch mit einem versonnenen Zauber im Gesicht, wie die schimmernde Melancholie eines stehenden Wassers. Den Burschen aber ging das Herz durch, und manche wollten überhaupt nichts mehr tun, als Getreide in die Querhovener Mühle fahren, wenn sie die Ursula einmal gesehen hatten. Die Mühle raste nur so den Verdienst aus zehn Dörfern herein, der Müller schüttete öfter als sonst Schenkenwasser auf sein Gangwerk, daß es in Unordnung geriet, seine Frau ertrug »das Abrechnen mit den Bäckern« leichter als sonst, und die Ursel wurde mit dem jungen Mannsvolk, das Tag und Nacht um die Mühle schwärmte, leicht fertig. Denn ein richtiges Mädchen denkt nie ans Heiraten, und der, mit dem sie das Schicksal in der Stille schon verknüpft hatte, der Anselm Rütsch aus der Querhovener Wuhle, ging so leise ums Haus, sah so sehr aus der Weite auf die Mühle, daß sie immer nur über das Gealber der Burschen zu lachen Anlaß hatte, von denen sich mancher herausputzte, als sei er ein Maibaum und kein Mensch. Der Rütsch-Anselm aber ging auf einen andern Steig, sobald er ihr begegnen sollte, schlug das Gesicht nieder, wenn sie unversehens in seine Nähe kam, verließ die Stube, in der über die Mühl-Ursel gesprochen wurde, und das alles, weil er den Gedanken zu überspannt fand, daß sich irgendein Mädchen, und gar noch dazu die Mühl-Ursel, etwas aus ihm machen könnte. Indessen verzehrte den Sanften eine Liebe, die wie eine leichte Trunkenheit fortwährend seinen Kopf bei Tage erfüllte und ihn in der Nacht so beunruhigte, als fei sein Bett mit Kreuzdornen und nicht mit Federn angefüllt. Allein, nie getraute er sich an sie, und das Mädchen mußte erst vom Tode angerührt werden, ehe er den Mut fand, von dem laut zu reden, was ihm in der Stille das Herz füllte. Dies geschah nach einer harten Winternacht, als der Frost das Mühlrad von oben bis unten so mit Eis behängt hatte, daß es sich nicht mehr rühren konnte. Weil das Mahlgut den ganzen Flur bis hart an die Balken der Decke füllte und alle Mahlgäste, nicht bloß die, die in der Stube saßen, sondern auch die, die vorübergingen oder von draußen herein frugen, sich benahmen, als sterbe die halbe Umgegend unweigerlich aus, wenn die Mühle nur noch einen halben Tag lang stehe, stieg der Mühlknecht mit der Axt ins Rad, der recht angedickte Müller folgte ihm nach, und sogar die Ursel band sich die Röcke zusammen und fing an, mit einem Eisschlägel in den Speichen herumzuwirtschaften. In der Eile hatte man verabsäumt, das Rad aus den Lagern zu heben. Während die drei Menschen nun in dem Gestänge hackten und pochten, daß es nur so funkte, löste sich wie auf einen höllischen Zauber hin die ganze Eiseslast von den Speichen auf einmal los und fiel mit Gepolter in den Radesumpf. Im nächsten Augenblick fing auch das Rad schnell und immer schneller an, sich in Bewegung zu setzen. Den Männern gelang es noch, mit einem Satz aus den Speichen zu springen. Aber wie sie nach der Ursel schrien, sahen sie das Mädchen schon von Speiche zu Speiche plumpen und im Wasser verschwinden. Als man sie unterhalb der Mühle endlich aus dem Graben fischen konnte, schien ihr Körper zehnmal erschlagen und nur noch etwas für den Kirchhof zu sein. Doch ihre Glieder rafften sich, fast ohne Arzt, von selbst wieder zusammen, und als die Fieberschleier um sie zerrissen, fiel der erste Blick ihres todbefreiten Auges auf den Anselm Rütsch, der hartnäckig und blaß wie ein Gespenst an ihrem Bette saß und Tag und Nacht so verzweifelt wie ihr eigenes Herz um ihr Leben gerungen hatte. Die Ursula Ender sah den Burschen eigentlich das erstemal in ihrem Leben, aber so, daß das Geschick der beiden für immer entschieden war. Sie wurde fast so gerade und fehlerlos wie früher und ganz gesund, aber nicht mehr für die Mühle und auch nicht für das Haus ihrer Eltern, sondern für die Wirtschaft in der Wuhle. Ihr erster Ausgang war der Hochzeitsgang in die Kirche, und den ersten rechten Schlag Arbeit tat sie für den Anselm Rütsch, der jetzt als ihr Mann vor Glück eher noch sanfter und stiller war als früher. Ein Schatten mußte freilich auch erst überwunden werden, ehe das Glück der beiden recht zu singen anfangen konnte. Das war die Mutter des Mannes, eine beschränkte, großsüchtige Frau, die an der Armut der Ursel und dem geheimen Sektierertum ihrer Eltern einen Anstoß nahm, den sie nicht verwinden konnte. Deshalb zog sie schon nach den ersten drei Wochen der jungen Ehe aus dem Hause in der Wuhle davon zu einer Tochter, die irgendwo im rheinischen Kohlengebiet verheiratet war. Doch mußte die Ursel ihr vorher in die Hand versprechen, ihren Mann und alles, was etwa Lebendiges von beiden herkomme, mit allem wiedertäuferischen Unwesen zu verschonen. Querhoven galt nämlich als eine Kolonie der Münsterschen Wiedertäufer, die von einem versprengten, ohnmächtigen Häuflein der Schwärmer in diesen damals noch unabsehbaren Wäldern angelegt worden war. Das blutige Strafgericht des Bischofs im Juni 1525 trieb sie nach der Flucht aus dem eroberten neuen Zion hier in die Einöde. Geächtet, versteckt, aus Furcht und Angst um ihr Leben, die Inbrunst ihrer heißen Gottesfurcht tief ins Geheime verbergend, legte dies den Grund zu dem sprunghaften, außergewöhnlichen Wesen der Querhovener Menschen und zu einem religiösen Geheimdienst, von dem Außenstehende nie etwas Greifbares erfuhren, der aber fortwährend geübt wurde und durch nichts auszurotten war. Die Bewohner der Wuhle dagegen waren die Nachkommen der Waldarbeiter, die das Fürstlich Arenbergsche Haus erst vor etwa hundert Jahren hier angesetzt hatte, und steckten darum so fest im Katholischen wie die Speichen des Rades in der Nabe. Die alte Rütschin wich also aus ihrem Hause in der Wuhle, weil sie es nicht ertragen konnte, daß selbst ihr Ellenbogen ketzerisch rieche, und drohte der Ursula mit ihrer Rache, wenn sie ja etwa versuchen sollte, ein Kind heimlich zu taufen oder ihm mit einem anderen ketzerischen Hokuspokus zu schaden. Sie wolle mit Gebeten und Messen immerfort auf der Wache sein, und vergehe sie sich, so, das schwöre die Rütschin, komme das Kind als Affe auf die Welt oder wachse sich zu einem Kielkropf aus. Um das Donnermaul der Alten zu stopfen und aus Liebe zu ihrem Mann versprach Ursula alles, und ihre Schwiegermutter rumpelte davon. Als nun die Kinder anfingen, der Ursula ins Bett zu marschieren, konnte man sehen, wie ihre Mutter das gegebene Versprechen gehalten hatte, denn eines war lieber und hübscher wie das andere. Sie machten der Mutter so wenig Sorge, als wären sie schon fix und fertig für das Leben zurechtgerückt worden, ehe sie der Himmel hatte in Ursulas Schoß fallen lassen. Und je härter die Mutter am Daumennagel vorbeizielen mußte, wenn sie die Schnitten vom Brote abmaß, um so fröhlicher trieb es das Rütschhaus in der Wuhle, als sei Kargheit und Enthaltsamkeit der einzig richtige Klöppel, mit dem die Glocke des Glückes geläutet werden könne. Allein, als das vierte kam, schien es wirklich der Mutter, Gott habe das Kind mit eigenen Händen in ihr Haus getragen, so ausnehmend schön war es. Das Junglein hatte Augensterne, so tief, als wäre ihr Blau aus einem Brunnen heraufgeholt worden, und Haare wuchsen ihm auf dem Kopf, Haare, weißgelb wie überreifer Hafer und weich wie Jungfernseide. Ja, obwohl der kleine Rütsch von Kopf zu Fuß ohne Fehler war, so dünkte doch allen, die ihn sahen, das Haar das schönste an ihm zu sein, und man nannte ihn nur das Weißköpfchen. Überall, wo er hinkam, öffnete man, ehe er klopfte, gab, ehe er bat, nickte, ehe er sprach, und am seligsten wurde seiner eigenen Mutter von ihm aufgespielt. Es kam ihr vor, sie sei erst mit seiner Geburt zur Welt gekommen und wisse erst seitdem, wie lieb sie ihren Mann habe und wie schön das Leben sei, eine wahrhaftige Gottesgabe. Ihre drei anderen Kinder vernachlässigte sie in nichts und hatte sie so gern wie früher. Aber doch liebte sie sie nur wie den vergangenen Sonntag. Das vierte Rütschlein aber, das Weißköpfchen, war ihr immerwährender hoher Feiertag. Auf diese Weise vergingen fünf Jahre wie das einzige Schwenken eines Blütenzweiges durch blaue Himmelsluft. In der Frühe eines Ostersonnabends ging Anselm Rütsch, der Vater, mit dem Holz und den Palmen nach Hemsterhus zur Weihe, und das Weißköpfchen durfte ihn begleiten bis zur Brücke über das Hornwasser, hinter der der Waldstreifen über das Tal streicht, der die Wühle von Querhoven scheidet. Dort nahmen die beiden Abschied voneinander. Das Weißköpfchen ließ nicht nach, bis der Vater das Holz und die Palmen auf die Brückenbohlen legte, den Jungen zu sich heraufhob und küßte. Aber das Kind bekam nicht genug. Wenn es Rutsch wieder auf die Füße stellen wollte, verlangte es noch einen Kuß und noch einen. Es drängte sich an den Vater, als möchte es am liebsten in ihn hineinkriechen. Endlich sagte Rutsch, wenn es ihm alles Gutsein gebe, bleibe für die Mutter nichts mehr übrig. Da ließ das Weißköpfchen seinen Vater ziehen, blieb auf der Brücke stehen und rief ihm so lange nach, bis es ihn in den Bäumen des Büschleins nicht mehr sehen konnte. Den Rückweg nahm es über die Wiesen, um der Mutter einen schönen Strauß von Blumen mitzubringen, sollte es ja dem Vater einen Kuß gegeben haben, der eigentlich ihr gehöre. Aber wenn es eine Handvoll Primeln und Butterblumen gesammelt hatte, sah es noch viel schönere auf der Wiese stehen, warf alle weg und begann von neuem zu pflücken. Dazwischen flößte es Hölzchen im Hornwasser, hielt die Hand an den Mund und ließ den Kuckuck schreien. Jedoch der antwortete niemals, weil er noch nicht da war, und so konnte es das Weißköpfchen nicht herauskriegen, ob es reich werden und noch lange leben werde. Als das Junglein müde war, sah es eine große Birke auf der Wiese, die stand in der Frühlingssonne, bewegte die langen Äste, daß die goldenen Blütenwürstlein kaum zitterten, und säuselte so verstohlen in sich hinein, als erzähle sie eine Geschichte, die niemand wissen dürfe auf dieser Welt. Das Weißköpfchen hörte eine Weile zu und dachte dann, es wolle schon herauskriegen, was die alte Birke so leise für sich hinsause, ging hin, setzte sich unter den Baum und sah in seine Krone hinauf. Dort flogen Bienen ab und zu, daß es golden stäubte, die blanken Ruten glitzerten, und die Sonne lag dem Weißköpfchen so in den Augen, daß es sich endlich nicht mehr helfen konnte. Es machte sie zu und schlief ein. Mit der Zeit glitt es am Baumstamm nieder, sank ins Gras und träumte weiter. Ein Lächeln krümelte um seinen Mund, es seufzte überglücklich, aber welche schönen Geschichten es von dem Baume gehört hat, davon hat nie jemand etwas erfahren. Als die Mutter ihr Weißköpfchen vermißte, war es schon um den Mittag, und es lag blaß und eingefallenen Gesichts im Grase; denn die Geister der Erde, die im Märzmonat am gefährlichsten sind, hatten im Schlafe Gewalt über das Kind bekommen. Nun es die Mutter weckte, tat es die Augen auf, lächelte wirr, wußte nicht, wo es war, taumelte, und wenn es die Mutter nicht auf dem Arme nach Hause getragen hätte, wäre es über die eigenen Füße gefallen und sicher nicht von der Stelle gekommen. Zu Hause setzte die Mutter das Weißköpfchen hinter den Tisch auf die Bank, lachte es aus, daß es so verstriezelt tue, legte ein Stück neuen Kuchen neben ihn hin und ging ihrer Arbeit nach, denn sie pflegte nach einer Sitte, die bei ihrem Vater daheim geübt worden war, am Ostersonnabende das ganze Haus vom Keller bis zur Esse zu reinigen, um der neuen Sonne das Blitzen bis in den letzten Winkel zu erleichtern. Sie schwemmte Seifenwasser vom Boden über die Stiege, durch den Flur in alle Stuben, und als sie am späten Nachmittage den Riemen aufschnallte und die Röcke herunterließ, schlief das Weißköpfchen noch immer auf dem Tisch und hatte den Kuchen nicht angerührt, der neben ihm lag. Da bekam die Ursel Angst und rief ihren Mann aus dem Schuppen, wo er Unterfeuerholz häckelte, und die Geschwister, daß sie mit ihm redeten und spaßten. Das Weißköpfchen aber lehnte sich bloß zurück und machte Augen, als seien alle, Vater, Mutter und Geschwister, die sich erheiternd um den Tisch drängten, nicht vor ihm, sondern weit, weit weg, etwa am Rande des Waldes, lächelte liebevoll, nachsichtig und sagte nach einer Viertelstunde, nun könnten sie wieder gehen. Sie sollten nicht böse sein, aber es könne sich vor lauter Schlafen nicht helfen. Die Mutter solle ihm das Bett recht tief in die Ecke hineinstellen, und als die Rütschin das getan hatte, rückte das Weißköpfchen, als suche es Schutz, hart an die Wand und lag lange wie in heimlichem Erwarten mit halboffenen Augen da und sagte dann aus einem unerklärlichen Zusammenhange heraus: Nun sei es genug. Jetzt bäte es, das Bett so zu wenden, daß es die heilige Maria und die Englein, die auf dem Eckbrett hinter dem kleinen Ampelchen standen, bequem sehen könne. Die Mutter tat dem Junglein in allem seinen Willen, und es dankte kaum hörbar, aber so süß und voller Liebe, daß der Ursel ein schmerzhaftes Reißen mitten durchs Herz ging. Da lag das Weißköpfchen still und schlief ohne Atem. Die ganze Nacht rührte es sich nicht und am anderen Tage ebenso. Es aß ein einziges Kuchenbröcklein und trank einen Schluck. Das war sein ganzes Feiertagsessen. Dann gab es das Töpflein und den Kuchen zum Bett hinaus, lächelte alle in der Stube an und ließ die Augen wieder zufallen. Am Nachmittage verlangte es die Nachbarkinder. Die kamen und spielten alle jene Spiele, die dem kleinen Rütsch immer am besten gefallen hatten: Ringeleinstreichen, Blindraten und Kauertraben und anderes. Dazwischen erzählten sie alle lustigen Geschichten, bogen sich vor Lachen und ruhten nicht eher, bis auch dem Weißköpfchen ein fröhliches Glänzen ins Gesicht stieg. Endlich öffnete es die Augen, sah alle klar an, streckte das Händchen über die Bettkante heraus und winkte schwach damit. Da wußten die Kinder, daß ihr liebes Weißköpfchen genug habe, und gingen hinaus. Aber jedesmal Sprechen klang die Stimme des Rütschleins unwirklicher, und jedesmal Augenöffnen kam sein Blick von weiter her aus der Welt, und der Mutter fiel das Ahnen in die Brust, daß das ein Schlaf sei, der aus dem Leben herausführe. Doch sie konnte und konnte das nicht für möglich halten, und sobald er einmal die Augen öffnete, bog sie sich übers Bett und fragte ihren liebsten Jungen, ob ihm nicht schon ein wenig besser sei. Das Weißköpfchen lächelte jedesmal unendlich rührend, fuhr seiner Mutter mit der Hand lind über die Wange und sagte, sein liebes Mütterlein solle sich nicht kümmern, es werde ihm immer leichter. Nicht lange, und es werde alles gut sein. So ging es die ganzen Osterfeiertage, vom Ostersonntag bis in den Dienstag hinein. Am Ostermittwoch früh, als seine drei Geschwister ihre Leinwandschnappsäcke auf der Bank packten, um in die Schule zu gehen, richtete sich das Weißköpfchen unvermutet auf, ganz gefaßt und still, und folgte jedem Handgriff mit erstaunten, aufmerksamen Augen. Dann, als die Mutter die Stube auf einen Augenblick verlassen hatte, sagte es allen Lebewohl und wünschte ihnen alles Gute in der Schule und in der Welt. Die drei Rütschlein merkten wohl eine fremde Feierlichkeit an ihrem Brüderchen. Allein, es war die höchste Zeit in die Schule. Deswegen stürmten sie davon und riefen der Mutter von dem Garten in den Stall: Das Weißköpfchen habe eben gesprochen, als ob es sterben wolle. Der Mutter fiel die Gelte aus der Hand, die sie eben in die Kanne ausgießen wollte, und als sie fliegenden Laufes in die Stube kam, saß das Weißköpfchen noch immer aufrecht im Bettchen und sah mit einem solchen Ausdruck himmlischen Glückes in das verzweifelte Gesicht seiner Mutter, und in seinen Augen war zugleich ein solch Jahrtausende alter Ernst, daß der Ursula Rütsch vor Staunen und Beklemmung der Schrei im Halse steckenblieb, den sie hatte ausstoßen wollen, und sie konnte nichts tun, als den Blicken des Kindes zu folgen, die es jetzt wieder auf das Bild der Gottesmutter mit den beiden Engeln in der Stubenecke auf dem Brettchen richtete. So blieb diese Verzückung eine ganze Weile in dem Junglein. Als sie aus ihm schwand, senkte es den Kopf und raffte mit seinen blassen Händchen das Deckbett zu einem kleinen Häufchen zusammen. Dann hob es das Gesicht und bat seine Mutter, sie möge ihm die Spielsachen holen, die es zu Weihnachten bekommen habe. Die Mutter drängte es zwar, zu schluchzen, ihn in die Arme zu reißen und schreiend zu fragen, was in aller Gottes Welt das zu bedeuten habe, aber die weite Tiefe in den Augen des Weißköpfchens war so überwältigend, daß sie ganz stille, wie in einem schweren Traume, ging und alles zusammensuchte, was dem Kinde gehörte: die beiden Wallfahrtsbildchen, das hölzerne Pferdchen, das Räderbrettchen, auf dem einmal ein Schaf gestanden hatte, und noch einiges mehr. Das alles legte sie vor das Kind hin auf das Deckbett. Nachdem das Weißköpfchen ein klein wenig gesonnen hatte, machte es aus seinem Spielkram so viele Teile, als es Geschwister hatte. Das Pferdchen aber sollte sein liebster Freund Hieronymus, des Nachbars Junge, bekommen. »Willst du denn gar nicht mehr spielen, Weißköpfchen?« fragte die Mutter und zehrte an ihren Tränen. Der Junge schüttelte ruhig den Kopf und sagte einfach: Nein, denn er müsse fort, und das gleich. Vorhin, als die Mutter hereingekommen sei, habe das Englein wieder gezittert, und das mehr wie heut nacht. Allein, öfter als zweimal, das wisse er genau, zittere so ein Englein nicht, dann geschieht ganz gewiß, was man sich habe denken müssen. Der Ronymus habe das auch gesagt. »Aber um Gottes Maria willen, mein Kind!« schrie jetzt die Ursula, die sich nicht länger halten konnte, und stürzte vor dem Bette in die Knie. Doch das Weißköpfchen berührte nur mit seiner verkühlten Hand die Stirn der Mutter und sagte, es möchte noch einmal zum Fenster hinaussehen. Die Mutter raffte ihr Kind auf und trug es hinüber. Das Weißköpfchen lächelte glücklich, streichelte die Glasscheibe und flüsterte verzückt: »Das Wieslein ... das schöne Wieslein ...« Und während es dasselbe Wort leise und immer leiser sprach, neigte es, wie von Freude überwältigt, den Kopf an den Hals der Mutter. Die Ursula Rütsch aber stand wie ein Pfahl und rührte sich mit keiner Faser. Denn sie glaubte, ihr Weißköpfchen sei eingeschlafen, und sie wollte es nicht stören. Aber als sie ihm endlich in die Augen sah, war es schon gestorben. Da begannen die Hämmer der Verzweiflung von allen Seiten so gegen ihren Leib und ihre Seele zu schlagen, daß sie rein von Sinnen geriet, das tote Kind auf das Bett fallen ließ, wie ein gepeitschtes Tier schrie und über die Wuhle hin geradezu in den Wald lief. Dabei rief sie immerzu: »Ich geb' mein Kind nicht her! Nein, mein Weißköpfchen darf nicht sterben!« Der ganze Wald hallte von ihren Klagen wider, bis ihr Mann, tief im hohen Holze, das Geschrei hörte. Er ging mit noch einem Holzmacher der Stimme nach, und sie fanden die Verzweifelte endlich tief hinten im Hornwassergrunde, wo sie an einem alten Fuchsbau kauerte, mit den Fingern in der Erde scharrte und dazu immerfort sprach: »Ich geb' mein Kind nicht her! Mein Weißköpfchen darf nicht sterben!« Aber ihre Stimme war von dem vielen Weinen und Rufen schon ganz heiser, fast erloschen. Von da an war die Ursula Rütsch umgewandelt, wie vor die zugeschlagene Tür der Welt hinausgestoßen: saß fast immer an derselben Stelle und sah ohne Augenwenden auf das Bett ihres gestorbenen Kindes. Das Begräbnis ging vorbei, Leute kamen, die sie trösten wollten, standen ratlos vor ihrem regungslosen Schmerzensmuttergesicht, schüttelten das Haupt, als hofften sie nichts mehr für die Arme, und machten sich stockstille wieder davon. Die Ursula merkte von alledem nichts. Sie blieb wie verschollen, ließ ihren Mann bitten, sich doch zu fassen, ihre drei anderen Kinder um sie weinen, das Vieh im Stalle vor Hunger brüllen und rührte sich nicht. So trieb sie es bis in die Zeit hinein, in der der Meixner-Gottlieb von unbegreiflichen Wirbeln aus dem Heiligenhofe nach Querhoven getrieben wurde. Der gab durch sein Tollen den ersten Anstoß, daß die Schmerzbetäubung der armen Ursula etwas nachließ. Die Leute sagen, genau dreimal drei Wochen nach dem Ostersonnabend, an dem das Weißköpfchen von der alten Birke den Todesschlaf zugesaust bekommen habe, sei der verknüllte Meixner nach tagelangem Brüten im Hornwasserwalde wieder johlend und die ganze Welt anplärrend durch die Wuhle gezogen. Er lärmte auf der Straße vorüber, so daß nicht alles zu verstehen war. Aber so viel konnte man doch hören, daß er die ganze Wuhle warnte, auf der Hut zu sein. Das hob selbst die Ursula von ihrem Sitze auf und führte sie ans Fenster. Gerade richtete Gottlieb sein Schreien nach dem Rütschenhause hin: »... Ratzekahl, alle seid ihr in der Wuhle verloren, sag' ich«, brüllte er. Allein, als die Ursula am Fenster erschien, todesblaß, aufgeregt, unbeweglich, erwürgte das Getobe in dem Gottlieb wie von einem Griff. Er setzte sich auf einen Straßenstein und sah schweigend der armen Mutter ins Gesicht. Dann griff er neben sich auf den Weg, erwischte einen Stein, schleuderte ihn in den Staub und spuckte ihm nach. Nach dieser Ermunterung sprang er auf und schrie in einer merkwürdig weinerlichen Art: »Jawoll, Ursel, was ich dir sage, die Lenleinhexe hat dir auch dein Kind, dein Weißköppel, gestohlen. So wahr ich lebe, spricht der Herr. Haha! Rudirum verflucht, rudirum verflucht, jawoll, gestohlen.« Betreten lauschte Ursula dem Plärrsingen des Unglücklichen, das, immer schwächer klingend, nach Querhoven zu verschwand. Dann kehrte sie auf ihren Platz zurück, schaute noch eine Weile zu Boden, schüttelte verwundert den Kopf und lächelte dann zum ersten Male seit dem Tode ihres Kindes. Nach diesem Begegnis fand sie sich gleichsam wieder in ihre Arbeit zurück. Allein sie hatte eine sonderbare Art zu gehen, ungefähr so wie nach dem Fall durch die Speichen des Mühlrades, als bewegte sie sich nicht auf fester Erde, sondern auf einem schwanken Steg, der über einem Abgrund liegt. Dem Zugreifen ihrer Hände ging ein furchtsames Tasten voraus, und sie redete mehr von drüben her, gleich einem Menschen, dem, aus dem Schlafe geschreckt, die Traumverscheuchtheit wider Willen noch durch all sein Reden gespenstert, und wenn der gute Anselm Rütsch nicht immerfort um sie war, fiel sie immer wieder in das alte Sitzen und Starren zurück, in dem sie fortwährend halblaut vor sich hin redete: Bitten an ihr Weißköpfchen um Verzeihung, Vorwürfe über ihre Menschenfurcht, Haß gegen die Schwiegermutter und endlose Selbstanklagen, daß sie ihr liebes Kind in den Tod getrieben habe, weil sie ihm das Lebensbad der Wiedertaufe vorenthalten. Sie konnte das ganze Leben nur noch durch den Flor ihrer hoffnungslosen Trauer sehen und erlag so mehr und mehr dem Schicksal ganz unterhöhlter Menschen, die selbstgeschaffenen Schatten ihres stets bedrängten Geistes als wirkliche Wesen zu erblicken. Aber beim Nachhausekommen ihres Mannes an einem frühen Herbsttage dieses verfinsterten Jahres erzählte sie von dem Besuche, den ihr am Nachmittage zwei Engel abgestattet hätten. Der eine sei nach dem Eintritt der beiden in die Stube am Ofen stehengeblieben und habe mit dem Pferdchen zu spielen begonnen, das das Weißköpfchen dem Nachbar-Hieronymus geschenkt habe, der andere ging indes zu dem Bett des Gestorbenen und schrieb allerhand unverständliche, geheimnisvolle Zeichen in die Luft über dem unteren Stollen. Und auf ihr inneres Verwundern, was dies zu bedeuten habe, sei ihr die Antwort geworden, er mache, was er wolle. Darauf schritt er wieder der Tür zu, und der andere folgte ihm ohne Säumen nach. Als der aber auf der Schwelle angekommen war, ward er kleiner und kleiner. Seine Flügel schrumpften ein, bis ein kleines, blondhaariges Mädchen unter der Tür stand. Das drehte sich um, schaute die vergrämte Mutter liebreich an, winkte ihr und trippelte eilig davon. Die Ursula lief wohl gleich hinter dem Kinde nach, sah aber nichts mehr als einen Glanz, der in den Baumkronen des Gartens hing und dann langsam als ein Lichtrauch nach den Hemsterhuser Fremdhöfen zu in der Höhe davonzog. Nun sei es ihr immerfort, als müsse es ihr doch noch gelingen, das Weißköpfchen wieder aus der Ewigkeit herauszuscharren. Der arme Rütsch war von der Erzählung seines Weibes so betroffen, daß er kein Wort hervorbrachte. Dieses Erschrecken bis in die tiefste Seele hinein verließ ihn den größten Teil der Nacht nicht. Denn entweder war sein Weib jetzt wirklich in die Irre geraten, oder Gott selbst hatte ihr ein wunderbares Zeichen gegeben, wie sie aus der Finsternis herausfinden sollte. Nachdem es so weit in ihm geschlichtet worden war, ermannte er sich zu einem inbrünstigen Gebet, stellte alles Gott anheim und schlief ein. Am Morgen hatte sich wirklich sein Geist ganz geklärt, und er sagte zu seiner Ursula, wenn die Erscheinung wahrhaftig wahr wäre, von der sie ihm erzählt habe, so bedeute das nach seiner Meinung nichts anderes als eine Aufforderung, sie sollten hinüber auf den Heiligenhof zu dem wundersamen Kinde des Sintlingerbauers gehen. Wer weiß, die Wege der Vorsehung seien ja nie zu ergründen, es könnte doch noch eintreffen, was sie nach dem Verschwinden der Engel habe denken müssen, nämlich daß, wie sie gesagt habe, der Himmel das Weißköpfchen nicht mehr so ganz für sich behielte. Also zogen sich die beiden ihre Sonntagskleider an und machten sich auf den Weg, stiegen den langen Hügelrücken hinan, der Querhoven von dem Gebiet der Fremdhöfe trennt, und traten bald aus dem Waldsaum heraus, der zwei, drei Bäume tief als ein dunkelgrünes Fichtenbärtlein auf der Höhengrenze bis an den Wald der dürren Berge heranlief. Da sahen sie nun die Fremdhöfe vor sich liegen, das wogend ansteigende Gehügel dahinter, den sich daranschließenden Wald der beiden Besitzungen in der ersten, traumhaft aus den Kronen schwebenden Laubbuntheit des Herbstes und am fernsten Horizont über ihm in der Luft ein stilles, verklärtes Licht, jene Glanzstraße durch die Höhe, von der die Meinung ging, sie sei der Widerschein des Rheinstroms, der stundenfern, noch weit hinter dem Walde, vorüberzog. Anselm Rütsch und seine Ursula standen, schauten zu den reichen Höfen hinüber, und besonders das arme Weib wurde von dem stillen Licht in der himmlischen Höhe so ergriffen, daß sie begann, mit der rechten Hand den Saum ihrer Schürze mit zuckenden Fingern zusammenzuraffen. Aber ihr Mann, dem Liebe und Schmerz das Verstehen tiefer geöffnet hatte, erkannte, wovon sein Weib berührt worden war, und tröstete sie, das, was sie am Himmel sähen, das sei beileibe nicht etwa ein Geisterfahren durch die Luft, und wenn auch schon. Was könnte es in diesem Augenblicke für einen Sinn haben als den, ihr Mut zu machen zu dem Gange auf den Heiligenhof. Denn der Engel, der ihr erschienen sei, habe sich doch als Glanz in die Baumkronen aufgelöst. Deswegen, das sei seine Meinung, sähen sie auch heute den Rheinschimmer in der hohen Luft so klar, wie er ihn sein Lebtag noch nicht geschaut habe. Nach diesem Zuspruch richtete die Ursula, wie es ihre Gewohnheit war, die großen, schwarzblauen Augen in einer Art finsteren Forschens auf den Anselm. Der aber nickte seinen Worten nur stumm nach, und die Ursula reichte ihm darauf die Hand zum Abschiede und sagte, er solle nur in Gottes Namen wieder zurückgehen. Denn da ihre eigene Not sie auf den Heiligenhof führe, wolle sie es auch allein, ganz allein vollbringen. Es war in der höchsten Zeit der Grummeternte, und der Heiligenhof lag lautlos, fast von allen Bewohnern verlassen, in der vormittäglichen Herbstsonne. Klopfenden Herzens stieg Ursula den steilen Zufahrtsweg hinauf. Mit jedem Schritt, der sie näher an das große Tor brachte, kam es ihr immer schneidender zu Sinnen, wie ein vor Unglück dummes Weib sie sei, einen Gang zu tun, von dem sie selbst nicht wußte, was sie damit bezweckte. Als sie deswegen unter dem durchsichtigen Schatten der Linden ankam, kniete sie an dem Sintlingerkreuz nieder und betete ein inbrünstiges Vaterunser. Gegen das Ende, da sie wie beschwörend die Worte aus ihrer Seele heraushauchte: »Und erlöse uns von dem Übel«, überfiel sie unerwartet die Gewißheit, sie werde ihr gestorbenes Weißköpfchen wiedersehen. Davon war sie vor Schreck und Glück wie trunken. Als sie, schon am Tore angekommen, noch einmal nach dem Sintlingerstein zurücksah, kam es ihr vor, das schwarze Eisengeländer um das Kreuz sei mit Girlanden roter Rosen durchflochten. Das marktplatzweite Hofinnere, der hohe Flur, der ihr wie der Zugang zu einer Kirche erschien, alles das erhöhte ihre Bestürztheit noch. Sie ging auf das Sintlingerhaus zu und kam bald in den hinteren Teil des unteren Flures, wo rechts und links vom Stiegenaufgang in das zweite Stockwerk die Tür der Küche der Tür zu dem Zimmer gegenüberlag, in dem das Lenlein unterrichtet wurde. Als sie ratlos, unschlüssig von der einen zur anderen Tür schaute, nicht wissend, wohin sie sich wende, klang aus der Küche das Geklapper von Geschirr. Wenn nur um Gottes willen niemand käme, dachte Ursula. Aber kaum hatte sie diesen Ruf zu Ende gesonnen, hörte sie Schritte, die sich von drinnen der Tür zu nähern schienen, und ohne eigentlich recht zu wissen, was sie tat, flüchtete sie an die Tür der Unterrichtsstube, faßte den Drücker und stand im nächsten Augenblick, nicht als sei sie gegangen, sondern geschoben worden, schüchtern und beschämt in dem Lehrzimmer. Ihr Herz schlug hörbar, und ein Kreisen drehte sie, daß sie glaubte, jetzt und jetzt müsse sie hinschlagen. In dies Gebrause vor ihren Ohren hörte sie eine harte weibliche Stimme fragen: »Was fällt Ihnen denn ein, den Unterricht zu stören? Wer sind Sie?« Da hob Ursula endlich die gesenkten Augen und sah die Lehrerin, die das gesprochen hatte, an, um sich zu entschuldigen. Aber da sie Fräulein Knille, die gereckt, in böser Furcht am Tische stand, nur ins Gesicht gesehen hatte, schwand der armen Mutter Hoffnung auf Güte. Sie verschluckte die Bitte um Entschuldigung und schaute voll Verzweiflung ins Zimmer. Die Lehrerin verstand das seltsame Benehmen des fremden Weibes nicht und meinte, sie habe es mit einer Irrsinnigen zu tun, die man durch Härte nicht noch reizen dürfe. Deswegen änderte sie sofort den Ton und sprach: »Bitte, wollen Sie nicht Platz nehmen?« Dann schob sie der Ursula ihren eigenen Stuhl hin und retirierte auf die Tür zu. Die Rütschin hatte indes das Lenlein gesehen, das, noch vom Unterricht bedrückt, auf ihrem Stuhle hinter dem großen Tisch saß. Ihr Gesicht war blaß, die blonden Locken standen wie ein Duft der Verklärung um die Stirn, ihre Augen hielt sie in forschender Entrücktheit still nach der Gegend gewandt, wo Ursula stand. Nicht lange dauerte dies rätselvolle Ineinandersinken der beiden, da sah die Lehrerin die eben noch eingesunkene Gestalt Ursulas sich heben, ihr verhärmtes Gesicht blühte in ein förmliches Strahlen, und dann geschah das Überraschende, daß sie die Arme verlangend gegen das Lenlein hob und mit seliger, tränenerstickter Stimme rief: »Mein Weißköpfchen!« Nach diesem Ruf schien ihre Kraft erschöpft. Sie sank auf den Stuhl, und ihre Arme fielen abgeschlagen in den Schoß. Das Heiligenhofkind lächelte jetzt über das ganze Gesicht und sagte mit seiner unwirklich singend schönen Stimme: »Siehst du, jetzt bist du doch ganz hell geworden.« Mit diesen Worten näherte sie sich der Ursula, die nicht wußte, was ihr geschah, schmiegte sich innig an sie und sagte: »Aber ich heiße nicht Weißköpfchen. Ich bin doch das Sintlingerlenlein, und du mußt nicht mehr weinen.« Die Rütschin aber nahm jetzt zaghaft den Kopf des Mädchens wie eine Kostbarkeit zwischen ihre Hände und drückte das Gesicht in die blonden Locken, als seien sie ein heiliges Wasser. Sowie aber die Lehrerin sah, daß Ursula nach dem Kopfe Helenens faßte, dachte sie, nun breche der Wahnsinn der fremden Frau aus, und sie flüchtete aus dem Zimmer, um Hilfe zu holen. Aber kaum stand sie bebend draußen auf dem Flur, als ihr einfiel, daß sie ja eben das Kind in der Gewalt des Weibes gelassen habe. Sie fürchtete sich vor den Vorwürfen des Sintlingers und lief und lief aus dem Hofe hinter den Scheunen ins Feld, immer auf den Buchengrund zu, und wenn es ihr den Atem verschlug, sagte sie bloß: »Keinen Augenblick mehr bleibe ich auf diesem Hexenhofe«, dann hatte sie wieder Kraft, ihre Flucht fortzusetzen. Indes die Lehrerin so aus dem Hofe gejagt wurde, fanden sich das Lenlein und die arme Rütschin immer heimlicher ineinander. Dem Weib aus der Wuhle war es, als sei es nicht auf dem Sintlingerhofe bei einem Menschenkind, sondern sitze in dem Gemache eines unirdischen Hauses, und die Augen des Mädchens schimmerten in dem verwunschenen, weltweiten Lichte, mit dem ihr gestorbenes Kind sie in den Nächten und in den Träumen des Schlafes angesehen hatte, doch ganz ohne das Zucken der Trennung, ohne den Schmerz um den unwiederbringlichen Verlust, daß sie alles, ohne es zu wissen, aus den Ängsten der Seele und den Wunden ihres Herzens mit hinzugetan hatte. In den Augen der kleinen Hübelheiligen sah sie ihr gestorbenes Kind in himmlisch-wunschloser Verklärung an, und sie waren auch wie zwei Guckfenster, durch die ihr Ahnen von einem unnennbaren Hauch des himmlischen Jenseits getroffen wurde, zu dem ihr liebstes Knäblein entrückt worden war. Während das Lenlein sie nach ihrem Namen fragte, wo sie her sei, ob sie auch Kinder habe, wie sie heißen und noch vieles andere, was die Blinde im Glück redete, weil sie die Lehrerin nicht mehr spürte, hatte sich ihr Händchen achtlos in die Hand der Rütschin gespielt, und die beiden gingen aus der Stube, den Flur hin und verließen zum Tor hinaus den Hof. Und immer und immer mußte die arme Frau sich neigen und in den Augen des Sintlingerlenleins nach den verklärten Blicken ihres Weißköpfchens spähen, dessen Stimme sie in den Worten des Mädchens klingen hörte: aber erlöst, unirdisch, himmlisch. Als die beiden dann draußen das ebene Stück des Zufahrtsweges bis zu der Stelle gewandelt waren, wo er sich in steilem Fall nach dem Grenzwege kehrt, überwand die Rütschin die geheimnisvolle Furcht vor dem Kinde, faßte es unter den Armen, hob es gegen den blauen Himmel, herzte es und sagte in glückvoller Überstürzung, nie werde es ihm vergessen, was es ihm gegeben habe, denn sie habe ihr gestorbenes Weißköpfchen direkt aus dem Himmel wiederbekommen, und eher noch schöner, als es im Leben gewesen sei. Dann lief sie förmlich den Abhang hinunter. Erst als sie schon den jenseitigen Hügelrücken emporstieg, der Querhoven von dem Gebiet der beiden Fremdhöfe trennt, wandte sie sich um und erblickte die Hübelheilige in ihrem rosa Kleidchen im Grün neben den Torlinden sitzen, daß sie mehr aussah wie eine große Blume, die im Schatten der mächtigen Bäume in himmlischer Stille blühte. Ihr Mann wartete noch getreulich, wo sie ihn verlassen hatte, in dem leichten Schatten der Baumzeile, die vom Walde der dürren Berge her auf der Höhe des Hügelrückens hinstrich, und hatte schon allerhand Befürchtungen durcheinander getrieben, warum sein Weib so lange im Sintlingerhofe bleibe. Nun sah er sie eilig den Hügel heraufkommen, und je mehr sie sich den Bäumen näherte, desto mehr beschleunigte sich ihr Gang. Da trat er endlich aus dem Baumschatten hervor, tat auf dem Steig zögernd einige Schritte ihr entgegen und sah ihr forschend ins Gesicht. Die Rütschin aber, als sie ihrem Mann gegenüberstand, erinnerte sich plötzlich aller Qual und Finsternisse, die in langen Wochen auf ihr gelegen hatten, noch einmal und ward von dem Wunder erst recht in tiefster Seele erfaßt, das die Blinde in ihr bewirkt hatte. Deshalb war ihr Gesicht vor Glück ganz erschüttert. Langsame Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie sagte erschöpft: »Anselm, komm, komm!«, nahm seine Hand, drückte sie herzlich, und so stiegen sie schweigend nach Querhoven hinunter. Dreizehntes Kapitel Dieses Erlebnis des Heiligenhoflenleins mit einer von dem Schmerz um ihr gestorbenes Kind fast von der Erde vertriebenen Mutter war für die beiden Teilnehmer, die nächste Umgebung und im weiteren Umkreise ein Vorgang, der die bedeutsamsten Folgen nach sich zog. Der Heiligenhofbauer kam im halben Vormittag des Tages, da sich der Vorfall ereignet hatte, gerade zu der Zeit vom Felde herein, als auf dem Gehügel gegenüber der Rütsch-Anselm und seine erlöste Ursula hinter dem Waldstreifen nach der Querhovener Wuhle zu verschwunden waren. Das Lenlein saß noch auf demselben Flecke, wo es von der hochbeglückten Mutter verlassen worden war, und spielte tief versunken mit einem Schmetterlinge, einem braunen, bescheiden gezierten Falter, den das Volk Kuhauge nennt. Nun gehört das Tierchen wohl nicht zu den vornehmen, besonders klugen Schmetterlingen. Doch war es immerhin merkwürdig, sogar wunderbar, was der Bauer da sah. Begierig, mit einem gewissen beglückten Schwung, umschwebte der Schmetterling das blonde Köpfchen des Kindes, fast lichttrunken, und sobald das Lenlein eine Hand ausstreckte, ließ sich der Sylphe darauf nieder, saß erst verwunschen still und begann dann mit einem wuchtenden Ausbreiten und Wiederschließen der Flügel, wie in höchster Ekstase, die rosigen Finger auf und nieder zu wandeln. Das Lenlein aber redete zu ihm, was der Sintlinger, der Entfernung halber, nicht verstehen konnte. Doch merkte er an dem Klang der Stimme, daß sie bald unzufrieden war wie eine ernste Mutter, bald verliebt flüsterte, bald lockte, und das unscheinbare Sylphlein folgte ihr in allem: floh, bat mit hartnäckiger Zudringlichkeit, schmiegte sich bebend über die Hand hin und sog sich dann mit den Füßen förmlich auf der Haut fest. Als der Heiligenbauer näher trat, wurde der Schmetterling zuerst aus seiner Trunkenheit verscheucht und flog fallend, taumelig, unsicher davon, wieder nur ein Schmetterling. Das Lenlein aber wandte das Gesicht in die Richtung seiner Flucht, überlegte lächelnd, streckte dann die Hand aus, ließ die Finger lockend spielen und sagte: »Komm. Wirst du wohl gleich kommen!« »Da bin ich schon!« antwortete der Sintlinger, als wäre er gemeint gewesen. Davon erschrak das Kind so, wie man nur vor dem Einschlafen erschrickt, wenn man die Empfindung hat, mit einem Ruck tief hinab zu fallen. Sie ließ kraftlos den Arm sinken und neigte unter einem furchtsamen Atemzug den Kopf. »Wo hast du denn das hergelernt mit dem Schmetterling?« fragte der Heiliganbauer. »Von der Frau«, antwortete, sich schnell fassend, das Kind. »Von welcher Frau denn?« »Nun, die eben da war, die ganz dunkel in die Tür kam und dann ganz licht wurde. Weißt du, Vater, durch so ein ganz weites, hohes Tor. Erst weinte sie, und ihr Kind ist ihr gestorben. Denk', da dachte sie zuerst, ich heiße Weißköpfchen, hahaha.« Jetzt lachte sie schon wieder ihr silberschelliges Lachen. So erfuhr der Heiligenbauer das wundersame Geschehen. Am Abend fand sich die Lehrerin ein und versuchte erst, ihr langes Ausbleiben mit einem Briefe zu erklären, zu dessen Empfangnahme sie auf die Postagentur nach Hemsterhus bestellt worden sei. Als aber das Erscheinen der Rütschin besprochen wurde, verfärbte sie sich, blickte den Bauer feindselig an, sah dann verwirrt und höhnisch von einem zum andern und sagte schroff: Ja, wenn man darauf komme, so müsse sie erklären, daß dies ihr letzter Tag auf dem Hofe gewesen sei. Morgen müsse sie mit dem ersten Zuge in Dingden abfahren. Sie habe von der Behörde das Anstellungsdekret bekommen und solle in zwei Tagen antreten. Der Sintlinger nickte überzeugt und ließ sie, ohne ein Wort zu fragen, in der nächsten Frühe noch im ersten Grau des erwachenden Tages davonfahren. Das Lenlein war für Elfriede Knille nicht zu einem letzten Wort zu erreichen gewesen, den ganzen Abend nicht und am Morgen erst recht nicht. Und nun, da die Lehrerin zwischen Körben und Koffern durch das schlafende Hemsterhus fuhr, bei einem Licht, daß alles in Auflösung und Unsicherheit schwankte, in den dahinter liegenden Wald, durch den von einem steten Wind der Nebel in langen, zähen Streifen getrieben wurde, daß es aussah, als seien die Bäume verbissen, finster, stumm auf einer aussichtslosen Wanderung begriffen, nun war es ihr plötzlich, sie fahre nicht dem Tag, sondern dem Dunkel entgegen, sei wie ein Mensch, der sein Glück fliehe, und es nutzte nichts, daß sie sich höhnisch auslachte, den verrückten Hof verlästerte und endlich zum Trotz gar lustig zu singen anfing. Als sie in Dingden den Fahrschein löste, zitterten ihr die Hände, und sie brachte kaum die Worte hervor. Im Wagen aber sah sie nicht aus dem Fenster in den heiteren Morgen hinaus, sondern hatte ein Gefühl wie einst als kleines Mädchen, da sie während der Messe im Gotteshause unehrerbietig gewesen war und denken mußte, aller Segen sei jetzt von ihr genommen und nichts werde ihr gelingen. In Bocholt beim Umsteigen, mitten im Trubel, wurde sie plötzlich von dem engelfernen, wundersamen Wesen des Heiligenhoflenleins so wie von einem außerirdischen Licht ergriffen und brach in lautes Weinen aus. * Der Ursula Rütsch aus der Wuhle war in die tiefste Seele hinein durch das Sintlingerlenlein ihr gestorbenes Weißköpfchen wiedergeschenkt worden, und das Leben dieses armen Weibes hatte damit ein neues, großes Gebiet zu ihrem alten Dasein hinzugewonnen, jene Wunderprovinz nämlich, jenes außerweltliche Land, in dem sie durch die tiefsten Kräfte ihrer wiedertäuferischen Abkunft von jeher heimisch war. Dort wohnte nun in sonnenlosem Lichte ihr schönes Kind, und wenn es sie gelüstete, trat nun der Strom ihrer Seele über die irdischen Ufer und zitterte eine Weile glückvoll im Widerschein ewiger Verklärung. In dieser Zeit vollzog sich mit Notwendigkeit ihr entschiedener Anschluß an die verheimlichten Gebräuche ihrer wiedertäuferischen Ahnen. Sie nahm eines Nachts ihre drei anderen Jungen aus dem Bett, wanderte mit ihnen tief ins hohe Holz an den versteckten Waldteich hinter der Wuhle und taufte sie dort, inbrünstig den Fußtapfen alter Zeremonien nachfolgend, wieder. Als die drei Jungen verschüchtert und ergriffen von der Glaubensglut ihrer Mutter in ihren weißen Hemden mit gefalteten Händen dem schwach gleißenden Teichspiegel zuschritten, glichen sie wirklich mehr dem Lichtschatten seliger Geister als lebendiger Menschen, und da nun gar vor dem Tauchen die Rütschin wahrnahm, daß ein Stern, der gerade über dem Teiche stand, sein Licht änderte, so daß sein unruhiges, glühendes Flackern plötzlich in ein friedvolles, weißes Strahlen überging, glaubte die gute Seele, nun werde wohl ihre Sünde wieder gutgemacht sein, die sie durch den erzwungenen Abfall von der geheimen Sehnsucht ihrer Voreltern begangen hatte. Ihre Rückkehr und Wiedererweckung blieb verborgen, wie eben so etwas verborgen bleiben kann. Ihr Mann, der Anselm, tat, als habe er diese Nacht besonders tief geschlafen, die Rütschjungen schwiegen teils aus Freude, ein großes Geheimnis zu besitzen, teils aus Furcht vor ihrem Lehrer, dem Hemsterhuser Kantor. Sie schwiegen richtig, ohne jedes Zwinkern, Mundkräuseln, Augenklirren und Stolztun. So erfuhr Querhoven vorerst nichts von dem ersten Wiederaufbruch des sektiererischen Geistes, von dem es doch in einigen Jahren so tief ergriffen werden sollte. Nur daß die Rütschin an einem verborgenen Glanz auflebte, daß sie in das Glück ihrer besten Zeit gerückt schien, das und einen vertieften, geheimnisvollen Schleier über ihr Gesicht, ja über ihr ganzes Wesen sah man. Aber man hielt das alles für die Wirkung des hübelheiligen Mädchens, des Sintlingerlenleins allein, und der Zauber des seltenen Kindes lief wiederum lebendig durch alles Volk der Dörfer und kleinen Städte in der Umgegend von Hemsterhus. Daß die Rütschin überall, wo sie nur mit Menschen ins Reden kam, von den verborgenen Segen- und Wunderkräften des blinden Mädchens sprach, ist klar. Es verfing sich in ihren Worten immer auch etwas von dem religiösen Feuer ihrer Wiedererweckung, und sie nannte Helene nicht anders als das »Gnadengeistlein«, »ein wirkliches Himmelskind«, und schwelgte so über ihr Erlebnis in das Glaubensgeheimnis hinein, das sie auf diese Weise ausplaudern konnte. All ihr Lob bebte von religiöser Inbrunst, und wie sie den Ruhm des blinden Mädchens verbreitete, zündete sie allenthalben Scheu und Freude über die Geheimseiten des Menschen, der Natur und Gottes an. Das Erlebnis der Schwerdtner-Josefa, die durch das Sintlingerkind vom Trunke errettet worden war und eine andere ergreifende Stimme erhalten hatte, tauchte nun auch aufs neue ins Gedächtnis aller Leute. Als dann noch bekannt wurde, daß die Lehrerin auf dem Bahnhofe zu Bocholt vor Sehnsucht nach dem Heiligenhofkinde plötzlich in fassungsloses, lautes Weinen ausgebrochen war, kam allen Ernstes die Meinung auf, das Sintlingerlenlein sei im Besitz von Kräften, die über drei fließende Wasser hin, über alles Lebendige, ja sogar bis hinter die Schatten des Grabes zu wirken imstande seien. Immer, wenn die Menschen von dem Ahnen ihrer seelischen Grenzenlosigkeit berührt werden, bemächtigt sich ihrer Heiterkeit und Lebenszuversicht, und von allen Dörfern wurden die Querhovener am nachhaltigsten von dem Zauber des blinden Kindes getroffen, denn daß einem Weibe aus ihrer Mitte das Wunder einer so lichten Schicksalswendung bereitet worden war, empfanden die Dorfbewohner als Rechtsprechung des von allen so oft verspotteten Querhovener Winkel- und Schrullenwesens. Die Speilhobel fuhren in allen Häuslein nun sausender durch die eingepflöckten Scheite, die Drechslermesser schnitten mit fröhlicherem Gellen die Spunde und Rahmzapfen aus dem Astholz, und die Jungen und Mädchen klebten die Spanschachteln mit heitererem, bedeutsamerem Eifer als sonst. All diese emsigen, stubenengen Menschen, mit einem verjährten Makel belastet, die sich als Nachkommen vertriebener Ketzer immer noch neben die Straße des Lebens gestoßen vorkamen, waren ihrem Wesen nach darauf angewiesen, nur von Wundern und außergewöhnlichen Erschütterungen eine Erfüllung ihrer Hoffnungen zu erwarten, die nicht anders wie ein wirres, trunkenes Gelock ins Gesicht ihrer Seele hingen. Darum hörten sie in der Stimme, die die Schwerdtnerin, und dem neuen Leben, das die Rütschin von dem hübelheiligen Mädchen geschenkt erhalten hatte, die Verheißung des Herannahens einer besseren, höheren Zeit, ja, der Müller, der allerdings in jenem Jahr öfter als sonst die Beine verwechselte, wenn er aus der Schenke kam, redete gar von einem »Ruf aus Zion« und erinnerte in besonders angeregten Augenblicken an die Bibelstelle: »Aus dem Munde der Säuglinge und Unmündigen hast du, o Herr, dein Lob bereitet.« * Da platzte in diesen gelinden Wirbel, der sogar hier und dort, und das besonders in Querhoven, gelegentlich mit einem Funkenstoß vermischt war, ein Ereignis, eigentlich, wenn man's recht überlegt, zwei, daß auch jene in unklarem Schrecken zufuhren, die schon anfingen, in dem Heiligenhoflenlein etwas wie den Augapfel der Gottesmutter und im Sintlingerhof einen zukünftigen Gnadenort zu sehen. Die Zeit war in einen neuen Frühling gerückt, schon ziemlich weit hinein, um den Tag der Himmelfahrt. Wie's der Bauer gern hat, konnten sich die Krähen schon in der Kornsaat verstecken, und auch das Gras auf den Wiesen stand dicht wie ein Filz. An den warmen Wasserläufen insbesondere lag es ganz breite Streifen lang aufeinander, denn die Halme vermochten die vielen fetten Blätter nicht mehr aufrecht zu tragen. Und die Rütschin, als umsichtige Wirtschafterin, fing wie andere Hausmütter schon an, da und dort solchen Überwuchs sich für die Viehpflege zunutze zu machen. Denn das Winterheu war sehr knapp, die Kühe mußten schon lange ins Stroh beißen, und im Butterfaß wurden wohl Molken, aber wenig Butter, die noch dazu knotenbitter schmeckte. Deshalb machte sie sich, wenn alle Arbeit im Hause getan war, schon tief im Dunkel der Stunde, wenn der Abendtau zu fallen begann, auf den Weg in ihr hinterstes Wieslein. Das zog sich an einem Beifaden des Hornwassers unter einer warmen Lehne hin. Manchmal ging ihr Anselm mit. Kam er indes zu spät aus dem Walde, so duldete sie seine Hilfe durchaus nicht, sondern schlich sich mit Grastuch und Sichel zur Hintertür hinaus heimlich davon. Und wenn sie zurückkam, war es manchmal schon Mondzeit, so spät, daß der gute Rütsch sie aus der Ferne wie einen Laubbaum heranbuckeln sah, so finster war es schon, und so hoch über den Kopf hinaus hatte die Ursula Gras geladen. Da blieb er dann nicht die Hand im Hosensack stehen, sondern lief ihr entgegen, nahm die Hucke von ihrem Rücken und schalt sie tüchtig aus wegen der Rücksichtslosigkeit gegen das Kind, das wieder zu erwarten war. Aber die Ursula lachte ihren Mann nur aus, und wegen des Kindes tröstete sie ihn, das wachse gleichsam im Schatten des Heiligenhofes, und sie spüre, wie es gedeihe; denn so glücklich wie diesmal sei ihr noch niemals in der Zeit gewesen, selbst nicht da, als das Weißköpfchen auf dem Wege war. Allein einmal, als sie wieder so spät auf der Waldwiese draußen war, wischte es ihr etwas aus, worauf freilich weder ihres Mannes Sorge noch eines anderen Menschen Argwohn in der ganzen Umgegend hätte geraten können. Sie war fertig, hatte die Hucke schon auf dem Rücken und suchte mit den Füßen die alte Schwarte, die als Brücke über dem Wassergräblein lag, fand sie auch und fing gerade an, wacker auszuschreiten, als sie hinter sich die Schwarte von einem eiligen Sprung knacken hörte. Doch blieb ihr nicht Zeit zu denken, was das wäre. Es keuchte hinter ihr der Atem eines überjächten Mannes auf, packte die Hucke, riß sie ihr mit so wilder Gewalt herunter, daß sie taumelte, und wie sie unter gellem Aufschreien noch an sich raffte, nicht zu Boden zu fallen, springt es ihr schon auf den Rücken, schlägt die Beine über ihren Hüften fest und beginnt sie zugleich mit Händen, die wie Krallen oder Holzklammern schmerzen, am Halse zu würgen, daß ihr die Sinne vergehen, preßt, quält und reitet auf ihr, als sei sie kein Mensch, sondern ein Pferd. Rütsch, der hinter dem Hause stehend auf den gellen Schrei hin sofort herbeigeeilt war, fand sie wie leblos ein Stück von der Hucke entfernt im Grase liegen, und nachdem er mit ein paar Handvoll Wasser aus dem Graben sie wieder zur Besinnung gebracht hatte, erfuhr er von dem rätselhaften Überfall, sprang sofort in Wut hier- und dahin, schrie Verwünschungen in die Nacht, sah aber und hörte nicht das mindeste, auch nicht das leise Fortstehlen gedämpfter Schritte. Allein, ehe man sich in den ersten Vermutungen zurechtgefunden hatte, nur zwei Tage später, wurde der Josefa Schwerdtner, die mit ihren leisen Liedern von Dorf zu Dorf zog, genau auf dieselbe Weise mitgespielt. Als sie, im tiefen Abenddunkel nach Brederode zu unterwegs, an dem Steinbruch vorüber wollte, der eine Viertelstunde vom Dorfe entfernt lag, sprang es, daß die Steine rollten, in langen Sätzen auf sie zu, und ehe die furchtsame Witwe ein paar flüchtende Schritte getan hatte, fiel ein Hagel von Faustschlägen auf Rücken, Kopf und Nacken über sie. Zerzaust und übel zugerichtet raffte sich die Angefallene endlich aus ihrer Betäubung. Die Gitarre war in kleine Stücke getreten, aber ihr Bündel Habseligkeiten unversehrt. So schleppte sie sich zitternd vor Angst und Schrecken in den ersten Brederoder Bauernhof. Die Aufregung über diese beiden Vorfälle war groß, ja, nahm binnen kurzer Zeit einen solchen Grad an, daß kein weibliches Wesen unter Lichts das Haus zu verlassen wagte. Doch je dringender man sich mit der Aufklärung beschäftigte, desto näher nur kamen die Menschen an die Unbegreiflichkeit dieser beiden Überfälle, die offenbar von ein und derselben Person, und zwar aus der nächsten Umgegend, verübt worden waren. Nachdem Polizei und Publikum eine lange Reihe mißbräuchlicher Verhaftungen und ärgerlichster Verdächtigungen hinter sich gebracht hatten, trat der Totengräber Wachsmann von Hemsterhus mit der Behauptung unter seine heimlichsten Vertrauten, daß es um das Grab des gestorbenen Niemand-Albes, er sage nicht geradeheraus, umgehe, aber immerhin nicht geheuer sei. Er habe einmal die Totentür in dem Grabhügel des Narren gehen hören, und ein anderes Mal habe die Leichenflasche gegluckt. Was das sei, verriet er allerdings nicht, sondern deutete nur an, daß er für seine Person sehr wohl an ein Schweifen des Niemand-Albes über das Grab hinaus glaube, weil ein Mensch, der nicht ausreichend ins Leben trete, auch nicht ganz sterben könne. Das genügte, daß sich der Glaube ausbreitete, der Niemand-Alb sei den beiden Weibern aufgehockt. Allein, nachdem der Vorfall erst in diese Gegend des Gruseligen gedreht war, wachten viele alte, fast vergessene Gespenstergeschichten auf. Hausunholde begannen allenthalben sich an ihre Pflicht zu erinnern, pochten mitten in der Nacht ans Fenster, sanken mit dem Gewimmer kleiner Kinder in Brunnen und gingen mit gerungenen Händen an fernen Waldsäumen verzweifelt auf und nieder. Es gab Leute, die schworen, den Niemand-Alb leibhaftig, so wie es seine Gewohnheit war, lang, hager und schief, gleich einer riesigen, geständerten Krähe gesehen und sein idiotisches Gaumenlachen gehört zu haben. Ja, ehe die Angelegenheit sich ganz in dem unbestimmbaren Wunderdunst verlor, den das Volk immer um sein Leben braucht, spukte auf einen Augenblick gar noch die Gestalt des Herner Rebellen-Fabers in den allgemeinen Wirbel hinein. Er sollte am Rande eines einsamen Weges sitzend getroffen worden sein, abgezehrt, diabolisch, mit Augen wie geschliffene Messer, und als der, dem das Begegnis widerfahren war, sich scheu und angstvoll vorbeigedrückt, habe er höhnisch hinter ihm drein gelacht und etwas gerufen, das wie Spott und teuflisch Drohen geklungen habe. Und doch, wenn ein einziger Mensch die Augen da gehabt hätte, wo sie hingehören, im Kopf, und nicht, wie alle, an der wundersüchtigen Zunge, so würde er mit einem Blick den Übeltäter herausgefunden haben. Kaum daß nämlich die wunderbare Wiederbelebung der Ursula Rütsch aus der Wuhle sich auf dem Heiligenhofe ereignet hatte, war dem Meixner-Gottlieb sein unruhiges Umherfahren in den Beinen steckengeblieben. Er erschien im Hause seiner Mutter, saß ratlos und blaß umher, verbrachte den Tag wie abwesend und lag die Nacht mit offenen Augen. Endlich erklärte er, er müsse nach Echternach zur Jungfrau Maria, sonst sterbe er. Abgezehrt und weltabgewandt wie ein Büßer ging er davon. Etwa acht Tage nach seinem Weggange geschahen die Überfälle, und als er wieder zurückkehrte, war alles schon in der allgemeinen Wunderwolke untergegangen. Man frug ihn nur spöttisch, ob die Echternacher Mutter allen das Genick umgedreht oder ob er dem wilden Bergmann, dem Faber-Rebellen, unterwegs in die Hände gefallen sei, denn er sehe wirklich aus wie erwürgt und zerschlagen, nicht wie einer, der Gnade empfangen habe. »Wem die Nase nicht tropfe, brauche sie nicht zu wischen«, antwortete er ruhig und mit nachsichtigem Lächeln, nickte denen zu, die ihn so stichelten, und ging zum Verwundern, ja Schrecken seiner Mutter in ein so stilles, abseitiges Leben, als habe wirklich eine göttliche Hand die Deichsel seines Wagens ins richtige Gleis gedrückt. Vierzehntes Kapitel Die Wellen dieses Rumorens, das von dem Heiligenhof seinen Anfang genommen hatte, schlugen gleichwohl nicht in diese einsame Bauernburg zurück, wenigstens nicht in einem Maße, daß sie das Leben seiner Menschen aus dem Geleise hoben. Hier bildete bei den meisten der Fortgang der Lehrerin das bedeutsamere Ereignis. Die Mägde und Knechte waren froh, daß die Augen der hölzernen Ziege, wie sie Elfriede Knille nannten, nicht mehr als stumme Strafpredigten auf sie losfuhren. Der alte Zenker machte drei große Kreuze in die Luft, so oft von ihr gesprochen wurde, Trine kam mit einem tiefen Atemzug der Erleichterung aus Winkeln und Ecken hervor, wo sie in den Monaten alles Gerümpel einer genauen Musterung unterworfen hatte, das von dem breiten Strome des Sintlingerschen Wohlstandes dorthin geschwemmt worden war. Nun sie wieder Lenleins Behüterin wurde, faßte sie das als einen Triumph ihrer Erziehungsmethode über »das neumodische unbegreifliche Zeug dieser fremden Münsterschen Muhme« auf. Weiter verstieg sich ihre Abneigung nicht. Heiter und unauffällig war sie wieder um das Kind. Allein das Lenlein wurde nach dem Weggange der Lehrerin von einem inbrünstigen Zuge nach Einsamkeit erfaßt. So, als habe das immerwährende Bildungsgeräusch, von dem sie sechs Monate umgeben gewesen war, ihr Leben gefangengesetzt, so floh das Kind in die Stille. Mitten im Geplauder der anderen, ja, mitten im eigenen Reden standen ihre blassen Augenspiegel plötzlich groß und regungslos, ihre Finger gingen spielend umeinander, sie verstummte und sah, ein Liedsummen zwischen den Lippen, wie in eine andere Welt. Oder sie stand lange mutterseelenallein im Felde, ließ ihr Haar und ihre Kleider im Winde wehen, kniete in der Wiese und hielt geliebte Blumen vorsichtig in den gewölbten Händchen wie in einem Gefängnisse; ja, einmal traf sie Johanna hinter der Scheuer an der Giebelwand, wo sie offenbar mit nichts anderem als mit dem Lichte und dem Schatten spielte. Bald trat sie ganz in die Sonne, bald ergriff sie ganz die Partei des Schattens, dann wieder gab sie sich nur mit dem Arm, dem Kopf, dem halben Körper der Helle oder dem Dunkel hin. Und Johanna, der diese traumhaften Bewegungen unbegreiflich waren, merkte doch an dem wechselnden Gesichtsausdruck ihres Mädchens, welch vielfältige Erlebnisse sie genoß. Befragt, antwortete die Blinde, sie lasse das Lied des Lichtes und des Schattens in sich singen. Erfuhr der Sintlinger so etwas an seinem Kinde, so sah man es der lichten Vertiefung seines Gesichtes an, wie groß das Glück war, das er darüber empfand. Johanna aber war die einzige auf dem ganzen Hofe, die von all diesen Vorgängen in Sorge und Kummer geführt wurde. Lange trug sie allerdings diese dunkle Last nicht mit sich herum. Denn aus ihren früheren Erfahrungen, seit den Wirbeln nach dem Tode ihres Vaters, die sie fast aus der Welt hinausgespült hatten, seit jener Zeit wußte sie, wie gefährlich es sei, Befürchtungen unausgesprochen ins Gemüt zu verschließen: weil sie dann ihre Gestalt verlieren, alle Gebiete des Geistes wie ein Schimmelpilz durchziehen und nicht eher ruhen, bis der Verstand des Menschen an allen Seiten von unübersteiglichen finsteren Mauern sich umgeben sieht, die drohend immer mehr zusammenrücken, so eng, daß zuletzt das Herz in der eigenen Brust nicht Raum genug zu schlagen findet. Darum, als Johanna es noch einige Wochen angesehen hatte, wie der Sintlinger alles unterließ, das Lenlein zu geregelter, zielhafter Tätigkeit anzuhalten, wie er sich und sein Kind scheinbar in dem verstiegenen Trubel für geborgen hielt, den der Vorfall mit der Ursula Rütsch immerfort an den Heiligenhofhübel heranführte, ja, wie er geradezu des Mädchens Hang unterstützte, sich mit allen Fasern aus dem gewohnten Lebensboden der anderen loszulösen und mehr und mehr nichts anderes zu sein als die Gespielin von Wind, Licht, Wasser, Schatten, Blume und Tier, als sie dies bemerkte, fand sie ihren lieben Andreas mitten im hellichten Tage von den Wirbeln seines Nachtlaufens überfallen und nahm ihn eines Abends jener Zeit kurz und entschieden bei der Hand, weil, wie sie sein verwundertes Anschauen beantwortete, Wichtiges zu bereden sei. Andreas kannte sehr wohl die heftige Jachheit, in die sich zuzeiten die Engelgüte seiner Frau kleidete, und wußte zu gut, daß sie immer bei Anlässen von seinem Weibe ergriffen wurde, denen sie sich nicht gewachsen fühlte. Als sie deshalb nach einem bedeutsamen Schweigen in den Abend hinaus nichts anderes herausbrachte, wie sich über die glänzende, unruhige Helle der Nacht zu verwundern und von dem härteren Laut zu reden, den das Getreide beim Windrühren mit den befruchteten Ähren hervorbringe, lächelte er wohlig ergriffen von ihrer scheuen Zartheit erst für sich hin und nahm ihr dann die Unsicherheit, indem er neckisch sagte, es sei nun genug geknallt, jetzt könne sie seinetwegen fahren, und vielleicht gehe er nicht fehl in dem Gefühl, daß sie auf das Lenlein zusteure. Da kam denn alles ziemlich hastig heraus, was ihre verheimlichte Bedenklichkeit in den Wochen zusammengetragen hatte: daß es so mit dem Lenlein nicht bleiben könne, da es doch nicht aufwachsen dürfe wie ein Baum, und die paar Wochen Unterricht dürften auf keinen Fall die ganze Schule sein, die es durchmache. »Und so wahr ich hier neben dir stehe, lieber Andreas«, schloß sie mit einer von verhaltenem Schluchzen gespannten Stimme, »wenn sie einmal erwachsen ist und nichts weiß, rein nichts, von allem nichts, dann macht sie sich und uns Vorwürfe, und das mit Recht.« Der Sintlinger strich begütigend über die erhitzte Stirn seines Weibes und führte sie, ohne zu antworten, auf die Bank, die an der Hinterwand der Laube hinlief. Dort saß er noch eine ganze Weile stumm neben ihr, und sie spürte, daß er, strack aufgerichtet, in die Nacht sehe. Und während der Heiligenbauer so schwieg, ging durch Johanna wieder ihre tiefste Furcht, daß die Entfernung der von Professor Flöreck hergesandten Lehrerin den Weg zum Sehendwerden ihres Kindes verlegt habe, und die Angst, das Lenlein müsse nun lebenslang in die spukhafte Augennacht eingesperrt bleiben, bedrängte sie in einem so schmerzhaften, leidenschaftlich-plötzlichen Stoß, daß sie hastig ihres Mannes Arm ergriff und ihn ungestüm rüttelte. »Du, Andreas, wach auf, um unser Kind fängt an das Unglück zu wachsen«, rief sie dabei. Der Heiligenbauer tauchte aus seinem versunkenen Sinnen auf, nahm seines Weibes Rechte in seine beiden Hände und sagte mit verwundertem Lächeln: »Ach, meine liebe Johanna, wenn man sich's ganz genau überlegt, sind wir beide töricht; und je länger wir nachsinnen, um so schlimmer wird's. Du suchst nach einem Licht, um einen leuchtenden Stern anzuzünden, nicht?« Johanna antwortete leise: »Ich weiß nicht.« »Oder es ist auch so«, setzte der Sintlinger sein lautes Sinnen fort, »du glaubst, ein Bach müsse ausufern, vertrocknen, mit einem Wort, verkommen, wenn man nicht ein Mühlrad in ihn hängt.« Die arme Bäuerin wurde immer mutloser bei diesen Reden ihres Mannes und sagte zaghaft: »Ich verstehe dich nicht.« »O mein liebes Weib, ich , sogar ich bin wie einer, der erst noch an die Tür klopft, hinter der unser Kind wohnt. Aber in den Wochen ist mir's manchmal richtig schon gewesen, der Fleischer entläuft sich, daß er ein Fleischer ist, und der König mit seinem Königtum und der Richter, daß er das Rechtsprechen zu seinem Gewerbe gemacht hat. Sie alle verkriechen sich in ihren Stand, vor etwas, das doch das allerwichtigste für alle ist, nämlich ein Mensch zu sein!« »Mein lieber Andreas!« rief jetzt die Bäuerin erschrocken und nahe am Weinen. »Was soll denn das alles? Ich verstehe es nicht.« »Laß gut sein, Johanna«, antwortete er ernst. »Ich will darüber nachsinnen und es dir sagen, wenn ich es gefunden habe. Aber ein Mensch zu werden, so wie das Lenlein, das ist wie singen, daß es die ganze Welt hört, ohne den Mund zu bewegen. Meinst du nicht auch, Johanna?« Allein die Bäuerin stand auf, trocknete sich heimlich die Tränen und ging wegen der Worte ihres Mannes bekümmerter davon, als sie hergekommen war. Der Heiligenbauer jedoch spürte ruhlos den Kräften nach, die um das Leben seines Kindes einen Schimmer warfen, den alle als ein unirdisches Glück empfanden, die in seinen Bereich kamen. Erst gut ein halbes Jahr später erhielt er durch ein schwarzes Huhn einen überraschenden Aufschluß. In der Zeit, wenn die Rübenpflanzen geeinzelt werden, ließ der Sintlinger hinter dem Hofe die Hühner in ein Drahtgeflecht sperren, damit sie nicht auf dem Acker umherlaufen und die kleinen, schwächlichen Pflanzen auf ihrer Jagd nach Engerlingen und Erdwürmern verscharren. Dasselbe mußte auch um die Getreideernte geschehen. Denn die Gluckhennen führen dann das junge Hühnervolk hinaus ins Feld. Dort treten sie nicht nur richtige Gassen tief in die Gewanne hinein, sie ziehen auch die Ähren herunter, picken sie für die Kleinen aus und laufen, kratzen und wühlen richtige Tümpel ins schönste Getreide. Um dem Hühnergezücht das Entweichen aus dem Drahtgarten nun ganz unmöglich zu machen, hatte der Bauer die Drahtwand etwa in Mannshöhe nach einwärts biegen lassen. Die Anstrengungen der Hühner, hinauszukommen, waren nun völlig vergeblich. Denn trug sie ein verzweifelter Flug auch bis in die Höhe des Zaunes, so stießen sie dort gegen die nach innen gebogene Netzwand und fielen wieder herunter. Einer schwarzen, langbeinigen Henne gelang es indes nach vielen vergeblichen Bemühungen doch, durch einen Anlauf von der Mitte aus sich hinüberzuschwingen. Als sie sich nun ihren Kropf bis zum Bersten gefüllt hatte, wollte sie wieder in das Gefängnis zu ihren Gefährtinnen zurück, die zu wohligen Kugeln aufgeblasen in einer Ecke beieinander hockten, manchmal schräg aufblinzten und mit ihrer Stimme schläfrig durch den geschlossenen Schnabel klirrten, so oft ein Vogel über sie flog. Für ihr Leben gern wäre die schwarze Henne mitten in dem Behagen der anderen gewesen. Allein ihrem Gedächtnis war es entschwunden, auf welche Weise es ihr heute morgen gelungen war, die Drahtwand zu überfliegen. Sie lief ohne Aufhören auf und nieder, steckte den Kopf immerfort durch die Maschen und stemmte mit den starken Beinen an ihrem Leib, um ihn nachzuschieben. Denn sie mochte wohl denken, wenn sie so leicht mit den Augen zu den andern hineinspazieren könne, dann müsse der Leib von selber nachrutschen. In diesem Bestreben fuhr sie stundenlang fort und lief noch immer rastlos hin und wider, als es schon dunkelte und die Leute vom Felde heimkehrten. Von den Knechten und Mägden sah wohl eines und das andere das unaufhörliche Rennen des Tieres und lachte über das »dumme Vieh«. Als jedoch der Heiligenbauer als letzter vorüberging und das Huhn und sein aussichtsloses Beginnen gewahrte, verließ er sofort den Weg, um die Qual des Tieres zu beenden. Allein, während er hinzuschritt, wurde sein Gang immer langsamer, sein heiteres Gesicht ernster, sein Auge gedankenvoller, und endlich stand er ganz still. Er vergaß das Abendbrot, überhörte das Rufen nach sich und hatte sich noch nicht gerührt, als es schon ganz dunkel geworden war und das unruhige Huhn nur noch wie ein Schattenwisch auf und ab lief. Endlich kam Johanna heraus, um ihn zu suchen, und fand ihren Mann mitten im Rübenfelde, wie einen, dessen Geist die Welt abhanden gekommen ist. Weder daß er ihr Herannahen hörte noch auf seinen Namen achtete, ja, kaum daß er spürte, wie ihn Johanna mit Gewalt an den Achseln faßte und zu sich drehte. Und auch nun kostete es noch einige Mühe, ihn dem Mann völliger Weltabgewandtheit zu entreißen. Mit einem tiefen, fast schmerzvoll klingenden Atemzuge, als schüttele er einen schweren Traum ab, kam er zu sich und beantwortete ihre Frage, was es denn gäbe, vorerst nur mit einer Gebärde, indem er mit der Rechten ihre Hand ergriff und mit der Linken über ihre Stirn strich, ganz weich, als gelte es Spinnweben zu entfernen. Zuletzt kam er doch zu Worten und sagte in der leisen, fast furchtsamen Art Tiefversonnener: »Sieh, Johanna, vor einem halben Jahr hast du mich gefragt, was denn aus unserem Lenlein werden soll, wenn sie nicht lernt wie die übrigen Menschen. Dazumal hab' ich dir wohl eine Antwort gegeben; aber es war noch nicht die rechte, weil ich sie selbst nicht wußte. Ich mußte dich weinen lassen und bekümmert davongehen und konnte doch nicht helfen. Nun aber hat mich dies Huhn da gelehrt, wie es eigentlich um unser Kind steht.« Johanna ließ ihre Hand aus der Rechten ihres Mannes fallen. »Willst du es nicht hören, Frau, oder vielleicht ein andermal?« fragte der Sintlinger. »Ach, Andreas ... nein, sprich nur ...«, sagte Johanna mit mühsamer Freundlichkeit. »Also, Weiblein, merke: die Menschen, du und ich dabei, sind wie dies Vieh. Es war im Gatter und wollte hinaus. Zwischen dem Orte, wo es war, und dem weiten Felde, wohin es verlangte, ist der Draht gespannt, durchsichtig, aber undurchdringlich. Er erlaubte es dem Tier, dort zu sein, wohin es wollte, und hinderte es gleicherweise, dahin zu gelangen. Siehst du, die Drahtwand, das sind die Sinne des Menschen: die Augen, die Ohren, das Fühlen und so. Sie ermöglichen uns, aus dem Garten unseres eigenen Lebens von dem Leben der Pflanzen, der Tiere, der Wasser und der Sterne zu wissen, und hindern uns doch auch, dahin zu gelangen. Denn dieselbe Einrichtung, wodurch die Sinne Fenster sind, die macht sie auch zu undurchdringlichen Mauern. Aber hinter unseren Sinnen ist doch die wahre Welt, von unseren Vätern das Jenseits geheißen. Erst wer dorthin gelangen kann, darf sich wahrhaftig einen Menschen nennen. Er besitzt mehr als alle Reichtümer und alles Wissen aus Büchern, denn er ist bei Gott. Was braucht er da noch? Unser Lenlein ist alle Tage ihres Lebens dort. Was soll sie also noch lernen? Damit kann sie nur weniger werden, als sie ist.« Nach diesen Worten des Heiligenbauers wurde seine Frau von Schrecken gepackt. Sie erwiderte kein Wort, tastete sich im Finstern über die Furchen des Rübenackers, wo sie gestanden hatten, bis an den Wegrand, setzte sich dort nieder und schaute hoffnungslos mit weiten, trockenen Augen in die Finsternis. Ihr Herz bebte und rang immerfort in den Ruf hinein: »Gott im Himmel, gebenedeiter Herr, verlaß meinen Andreas und mein armes Kind nicht.« Der Sintlinger war zu ihr gekommen und saß, ohne ein Wort zu reden, an ihrer Seite, denn er wollte sein Weib nicht stören, in die Welt einzugehen, die er ihr geöffnet hatte. Das leise Wehen der Weiden am Grenzwege klang im Finstern, als gingen Unsichtbare in langen Gewändern durch die Luft. Dann und wann brauste der ferne Wald im Traume auf. Im Brindeisenerhofe klirrte manchmal eine Kette aus den Ställen, als gingen Gefesselte ruhlos in ihren Zellen auf und ab. Nach langem erhob sich Johanna geräuschlos und ging dem Hofe zu. Der Sintlinger folgte, schweigend wie sie. * Es ist wohl möglich, daß die Heiligenhofbäuerin dem alten Zenker von dem Erlebnis dieses Abends gesprochen und daß der Querhovener Wirtschafter seine Schwester in dies Geheimnis eingeweiht hat. Nach einiger Zeit kam im Kreise, den der Kantor Liborius Pfeiffer um sich geschart hatte, das Gerücht auf, der Heiligenhofbauer habe mit dem Teufel in Gestalt eines schwarzen Huhnes gesprochen. Der Sintlinger aber verfolgte in der Stille den Weg weiter, der sich ihm an diesem Abende erschlossen hatte, denn in seinen Aufzeichnungen treffen wir auf folgende Stelle: »Wenn wir arbeiten und uns bemühen, uns freuen und betrübt sind, mit einem Worte, wenn Menschen leben, so gleichen sie etwa auch dem König in seinem Schlosse, der sich zugleich als Kind vor seiner verschlossenen Tür spielen sieht. Und der König kennt sich nur durch das Kind vor dem Tor seines Hauses, und das Kind empfindet den Sinn seines Spiels nur durch die unsichtbaren Augen des unsichtbaren Königs, der seinem Spiel zusieht.« Drittes Buch Erstes Kapitel Von dem Tage, an welchem der Sintlinger durch die Begebenheit mit dem schwarzen Huhn unabwendbar in die Jenseitigkeit des Lebens seines Kindes und der Welt geführt worden war, löste sich leise, unmerklich der Weg Johannas, seines Weibes, von der Bahn los, auf der der Heiligenbauer und Helene ins Ungewisse gingen. Nicht, daß die Bäuerin sich dem Wesen ihrer beiden geliebtesten Menschen durch offenes Widersprechen entgegenstellte: die einfache, gütig-tüchtige Seele war nur nicht fähig, in dem glänzenden Gewölk von der Erde sich in raumlose Welten wie ihr Mann und ihr Kind zu verlieren, sondern nahm das Davonschweben der beiden als eine Prüfung Gottes hin und band sich fester denn je an die tausend Pflichten hausmütterlicher Tätigkeit, um der Auflösung entgegenzuwirken, die sie ahnte, und den beiden einen gesicherten Boden zu erhalten, auf den sie sich am bitteren Ende aus dem unwirklich-bunten Treiben retten konnten. Kaum daß je ihr ernstes, schleierloses Auge noch mit einer vorwurfsvollen Frage ihrem Andreas begegnete, kaum daß sie wieder einmal die Hand mahnend auf seinen Arm legte, als der Zulauf allerhand neugieriger und wundersüchtiger Menschen auf den Heiligenhof aufs neue stärker begann, fast so stark wie in der Zeit, da die Nachricht von der unbegreiflichen Blindheit Helenens das erstemal die ganze Umgegend aufgeregt hatte. Und wie in jenen Wochen neben vielen Unnützen manche ehrlich ergriffenen Herzen von dem Drang zu helfen und zu trösten auf den Hübel getrieben worden waren, so fanden sich auch nun auf der Sintlingerschen Bauernburg gar viele Menschen ein, die, von Nöten des Leibes oder der Seele beladen, wirklich ein außerirdisches Licht über dem Dach spielen sahen, unter dem Helene wohnte. Aber gerade diese, die mit »großen Brennaugen« oder der sichtbaren Inbrunst nach den Schauern einer Wunderheilung durch das Tor des Sintlingerhofes kamen, wurden auf eine ruhige Art abgewiesen, indem man ihnen bedeutete, daß hier so wenig ein Wallfahrtsort als die Wohnung eines Doktors sei. Das Gesinde machte mit solchen Bresthaften kurzen Prozeß, die Bäuerin hieß sie bestimmt wieder gehen, und auch der Sintlinger führte alle schonend den Weg über den Hübel hinunter, die mit einem geheimen Anliegen sich einfanden, etwa, Helene möge das Fläschlein in die Hand nehmen, in das sie ihr Wasser gefüllt hatten, ihr erkranktes Bein berühren oder doch wenigstens das Licht ihrer wundersamen Augen eine Weile auf ihnen ruhen lassen. Denn darin waren der Bauer und seine Frau einig, daß durch ein solches Treiben ihr Kind sicher an verstiegene Eitelkeit, wenn nicht an Schlimmeres verlorengehen müsse. Alle aber, denen nur an einem Stück Brot, einem Napf Suppe oder einem Notpfennig gelegen war, klopften nicht umsonst an die Tür des Heiligenhofes. Um sie leichter zu übersehen und jene auszuscheiden, die es nur auf die Wunderkraft des hübelheiligen Mädchens abgesehen hatten, richtete man den Raum als Speisestube der Armen ein, der auf dem unteren Flur der Küche gegenüberlag und bisher als Unterrichtszimmer Helenens gedient hatte. Dort wurde ein langer Tisch vor einer Bank aufgestellt für alle Landfahrer und Strauchvögel, die Hunger, Not und wohl auch Neugier auf den Sintlingerhof zogen. Da ereignete es sich denn oft, daß zwei oder drei an einem Abend zugleich die Gastfreundschaft des Heiligenbauers genossen und, ein sicheres Dach über dem Schopf, saubere Fenster vor den Augen, eine gedrungene Mahlzeit im Leibe, sich von dem Geist dieses sonderbaren Hofes wie geborgen vorkamen und von ihrem vergangenen Leben zu erzählen begannen. Es konnte auch nicht fehlen, daß der Sintlinger selbst manchem dieser Bekenntnisse zuhörte. Aber nun geschah es aus einem anderen Grunde als früher, da er zu seiner eigenen Beruhigung sehnsüchtig als Vater einer Blinden nach der Not der anderen gelangt hatte, in ihren Leiden Trost zu suchen. Jetzt war er aus seinen Daseinsschmerzen ganz hinausgeführt und saß, in höherer Art ein Bruder dieser Erdverwiesenen, unter den Männern, die ihre Entgleisungen, ihre wilden Vergehen oder ihr dumpfes Verschulden auf eine tiefere, sinnvolle Weise erlebten, sobald sie es dem Heiligenbauer erzählen konnten, und oft ihr Leben fast wie eine ehrwürdige Angelegenheit göttlicher Fügung fühlten. Ja, manch einer dieser Gestrauchelten, wenn er wieder in dem Dunkel allgemeiner Mißachtung der Leute drunten seine Vergangenheit als Schande empfand, sah nach Wochen und Monden in seinem Erinnern den Heiligenhof wie ein lichtes Mirakulum auf einsamer Höhe liegen und bemühte sich vergebens, herauszubekommen, auf welche Weise ihm Köstliches und Wundersames von dem Sintlinger geschenkt worden war, da der Bauer doch nichts getan als zugehört hatte. Auf solche Art wuchs der Ruf des Sintlingers und seines Kindes in immer weitere Kreise, und das gerade durch eine Einrichtung, die diesen Wunderstrom eindämmen sollte. An dem Heiligenbauer selbst zog das absonderliche, gar oft schmerzhafte Geräusch so vieler gestrandeter, zerbrochener Lebensläufte nicht spurlos vorüber. Nicht, wie feindliche Spötter behaupteten, daß er im Anhören solch verwilderter Ausschweifungen eine verheimlichte Gier beruhigte und sich am Fuseldunst der Trinker den Ekel vor dem alten Laster immer wieder auffrischen müsse, um der nur mühsam unterdrückten Sucht nach Rausch und Toben eine unschädliche Befriedigung zu gewähren. Ach nein! Doch pirschten auch diese Wildschützen des guten Rufes, ohne es freilich zu ahnen, in der Nähe des Wesens umher, wie es zu jener Zeit in dem Heiligenbauer blühte. Denn wirklich, wie ja in des Menschen Leben nie etwas Neues kommt, sondern nur neue Formen auftauchen, soviel sich auch ereignen mag, so schweifte das Sinnen des Sintlingers in jenen langen Monaten in Gegenden, durch die ihn sein Rausch getrieben hatte. Es war ihm ja wohl auch damals immer gewesen, daß es ihn außerhalb des Lebens zwischen Himmel und Erde umherwirbele, und jetzt, da er aus der Seelenstille, in der er mit Helene lebte, auf das unbegreifliche Dasein dieser Verirrten sah, war es ihm manchmal, als betrachte er in ihren Verfehlungen seine eigenen hilflosen Versuche von damals, nicht nur, allen Strudeln der Tollheit zu entrinnen, sondern damit zugleich über die allgemeine Dumpfheit in das Leben außergewöhnlicher Schönheit und Kraft zu kommen. Kaum einer dieser Männer, der etwa als Bock meckerte, war als Bock geboren. Es hatte in jedem dieser entgleisten Leben eine Zeit gegeben, da es brünstig, wie nur das Heiliger, nach der höchsten Daseinsverklärung gerungen hatte, und wenn der Heiligenbauer recht zusah, war er vor dem hoffnungslosen Versinken nur durch den ererbten Wohlstand bewahrt worden. Denn wo wäre er gelandet, wenn sich zu den Fiebern seiner Leidenschaften plötzlich eines Tages die Not, der Hunger, die Verachtung gesellt hätten, dagegen in welches Klingen, welches Licht wäre gar mancher von diesen Stromern endlich gestiegen, wenn ihn nicht mitten im Leiden an sich und der Welt die gemeinste Not noch vollends zerbrochen hätte! Es müßte der Armut gesteuert und den Besitzlosen der Kampf ums Durchkommen erleichtert werden, sagte der Heiligenbauer zu sich, wenn er, erschüttert von dem Schicksal eines solchen Vagabunden, aufstand und aus der Armenstube sinnend um den Hof ging. Und das sagte er so oft, bis er es nicht nur glaubte, sondern in der ihm eigenen Energie auch danach zu handeln begann. Freilich lief er nicht, wie es die Art der meisten Volksbeglücker ist, mit der Maultrommel vor sich her und dazu auf Wegen, die noch erst gebaut werden sollen. Er arbeitete sich erst sinnend in ein Gebiet hinein, das eigentlich seinem innersten Wesen zuwider war, was er auch selbst gespürt haben muß, denn es finden sich in seinen Aufzeichnungen aus jener Zeit eine Reihe von Betrachtungen über die Hilfe an Bedrängten, von denen die merkwürdigste lautet: »Der Mensch, der eine Hilfe mit Geringschätzung verbindet, gleicht dem Manne, der dem Hungernden das Brot mit der Faust in den Mund schlägt, daß ihm die Zähne wackeln.« Aber er begnügte sich mit dieser bloßen Gemütsbewegung nicht. Der Sintlinger begann dazumal ein unruhiges Streifen durch alle Ortschaften der Umgegend, natürlich ohne irgend etwas von seinen Absichten zu verraten. Bald saß er zu Hiesfeld bei einem armen Bäuerlein am Raine und unterhielt sich mit ihm über die beste Art, wie dem kleinen Besitzer, dem Hufner und Kätner, geholfen werden könne, ohne die Macht der Magnaten zu stärken und den Hauptvorteil in die Taschen der Großen zu leiten. Dann erschien er in Dinslaken und Walsum unter den Fuhrleuten. Er hielt sich auch oft in Holthausen und Vörde auf, begann alte Bekanntschaften, wenn auch nicht auf die alte Weise, aufklingen zu lassen, nahm Anteil, wo man es nicht vermutete, erwies Freundlichkeit ohne Hinterhältigkeit und spendete Vertrauen, auch wenn ihm keine Aufgeschlossenheit entgegenkam. Am meisten beschäftigte ihn freilich seine nächste Nachbarschaft, Brederode und Hemsterhus, vor allem aber Querhoven. Für die armen Teufel dieses Walddorfes entbrannte seine Teilnahme am lebhaftesten, und aus Berechnungen und Aufstellungen, die sich nachher in seinen Papieren fanden, ist zu ersehen, daß er ernst damit umging, die Zuleitung der Elektrizität in jene Gegend zu betreiben, vor allem um dem kümmerlichen Leben der vielen Spunddreher und Spanhobler dieses heimlichen Ketzernestes durch Aufstellung kleiner Motore aufzuhelfen und ihnen damit den Weg zu lohnenderer Arbeit zu weisen. Der feine Spürsinn, der Bedrängten eigen ist, sobald sie das Wirken einer helfenden Macht um sich fühlen, ließ die Querhovener bald eher als alle anderen die Absichten des Heiligenbauers ahnen. Während die übrigen in seiner Geschäftigkeit nur eine neue Schrulle des wunderlichen Mannes sahen, leiteten sie aus seinen vielfachen Erkundigungen nach ihren Erwerbs- und Lebensverhältnissen das Recht auf bestimmte Erwartungen, und weil dieses Winken in eine schöne Zukunft hinein von ihm, dem Manne, ausging, der durch sein wundertätiges Kind ihrer religiösen Inbrunst neue Anregung gegeben hatte, liefen ihre außerirdischen und irdischen Hoffnungen in einem Strom zusammen, so daß sie das Kühnste für möglich und das Unwahrscheinlichste für natürlich hielten. Nicht lange, und überall verbreitete sich das Gerücht, der Fürst Arenberg wolle Schnitzer aus dem Thüringischen ansiedeln, um eine bessere Ausnützung des Holzes aus seinen Wäldern in die Wege zu leiten; man disputierte über die Anlage einer Drahtseilbahn wie über eine Angelegenheit von morgen; in den bäuerlichen Kreisen ging das Gerücht von der Gründung einer Einkaufsgenossenschaft und der kommunen Erwerbung landwirtschaftlicher Maschinen. Die Spötter aber, deren es in jener Gegend mehr als irgendwo anders gab, hängten diesen in den Wolken segelnden Projekten eiligst komische Schwänzchen an und verbreiteten die Nachricht, daß einer, der es verstehe, die Kühe mit Maschinen werde melken lassen, und daß man in einer Weile dem Gesinde künstliche Beine anschaffen werde, um das Tempo ihres Fleißes immer nach Gutdünkeln regeln zu können. Aber das Volk entkleidet ja alle seine höchsten Erwartungen so gern des Ernstes, wohl um sich von vornherein vor den schmerzlichen Rückschlägen der Enttäuschung sicherzustellen. Genug, um die schönen Anläufe des Sintlingers zu einem Volksfreunde schäumte ein bunter, krauser Wirbel, noch ehe eine seiner Ideen feste Formen angenommen hatte. Den Heiligenbauer störte dies lächerliche Treiben nicht sonderlich, er schrieb auf seine Blätter den Satz: »Wer nicht vorher im Traume auf dem Pferde gesessen hat, der fällt sicher beim ersten wachen Ritt unter die Hufe«, und hing neben seinem Tagewerk unbeirrt und tapfer weiter den Gedanken nach, wie den Menschen, besonders den Armen, geholfen werden könne. Da ergab es sich denn von selbst, daß aus dem Gedanken an die Änderung und Veredelung der Querhovener Erwerbstätigkeit Erwägungen entstanden über eine gerade und bessere Verbindung der ganzen Gegend mit dem nächsten Ort am Rheine. Dieses Projekt bot sich auch deswegen zu leicht und dringend an, weil, solange der Sintlinger eigentlich zurückdenken konnte, alle Männer des Umkreises den Gedanken an die Herstellung einer kürzeren Verbindung mit dem nahen Strome niemals ganz hatten zur Ruhe kommen lassen. Nun hatte der Heiligenbauer vor, erst den Bau dieser Straße energisch zu betreiben, all seine anderen Pläne aber im Hintergrunde zu halten und ihre Verwirklichung gleichsam nur als notwendige Folge der Veränderungen anzubieten, die durch die Erreichung jenes Zieles sich von selbst einstellen mußten. Indem er dieser Überlegung immer näher trat, sah er ein, daß man gut tat, bei Anlage einer neuen Verbindung möglichst alte Wege zu benutzen, um Kosten zu sparen und das Volk schneller mit der neuen Straße auszusöhnen. Nun bestanden schon zwei Verbindungen nach dem Rhein hin: die Chaussee über Brederode und der Grenzweg, der an den Fremdhöfen vorüberführte und dann in die Waldstraße mündete. Der Heiligenbauer fühlte wohl, daß die Allgemeinheit anfänglich sicher für eine Abzweigung von der Brederoder Chaussee sein würde, obwohl eine ganze Reihe Erwägungen dagegen sprachen und er selbst, wenn auch mehr im Gemüt, vor diesem Plane eine richtige Abneigung empfand. Doch hatte er vor, trotzdem diesen Weg selbst in Vorschlag zu bringen und nachträglich so viel Schwierigkeiten und Widriges daran zu entdecken, daß sich die Wahl der Waldstraße von selbst ergab. Denn für nichts setzen sich Bauern leidenschaftlicher ein als für einen Plan, den sie aus purer Widersetzlichkeit anders verwirklichen können, als er von anderen gewünscht worden ist. So lief denn der Sintlinger die alte, löcherige Waldstraße auf und nieder, entweder früh, ehe er den Gang übers Gut antrat, oder gegen Abend nach Beendigung des Tagewerks. Denn es gab da zwei Stellen, die die Verwirklichung des Projekts gefährden konnten: die Kurve, die notwendig war, um die neue Straße unter Vermeidung der jetzigen übermäßigen Steigung auf das Niveau der Waldstraße zu heben, und der steile Abhang tief im Walde an der Silberlehne, an jener Stelle, wo man über niedrigen, versäuerten Fichtenbestand den ruhigen, dunklen Spiegel des Buchteiches sehen kann. An beiden Orten mußten die notwendigen Kurven zum größten Teil auf Brindeisenersches Gebiet gelegt werden. Und wenn der Sintlinger unter der Hohen Kippe seines Gutes an jenem Punkte des Grenzweges stand, von wo aus die neue Chaussee im Bogen durch eines der schönsten Gewende Brindeiseners schneiden mußte, um in mäßiger Steigung am Rande des Sintlingerschen Waldes über der Faberwiese in die Waldstraße geführt zu werden, gab er zu, daß diese Linie den Zorn seines mißtrauischen Nachbars geradezu herausforderte. Denn sie konnte leicht von dem bäuerlichen Finsterling als absichtliche, böswillige Schädigung aufgefaßt werden. Aber gerade die Aussicht auf so viele Hemmnisse lockte den Heiligenbauer immer tiefer in den festen Willen hinein, diesen, nur diesen Plan mit allen Mitteln zu betreiben. Eigentümlich war nur das eine, daß seine vorauseilenden Überlegungen, wenn sie Woge um Woge widerstreitender Kombinationen überwunden und geschlichtet hatten, in einen leeren, lichttoten Umkreis gerieten, der zwar sehr fern lag, aber deswegen um so mehr belastete, weil alle jene Sachen unserer Seele am nächsten wohnen, die weitab von unserem Leben liegen und so fein und unwirklich sind, als ständen sie im Licht von Sternen, die unseren Augen nicht erreichbar sind. Der Heiligenbauer, nachdem er sich einigemal auf diese Weise ins Pfadlose gesonnen hatte, drang sich den Glauben auf, wenn ihn schon das Planen so hinter das Leben führe, würden die Menschen, auf die es abzielte, auch nicht in dem alten, engen, Dasein verharren können, sobald sie sich in den Genuß der Verwirklichung seiner Bemühungen setzten. Doch seltsam war es, daß diese trostreiche Erklärung ihn auch nicht befriedigte, und daß er, um einer tiefinnerlichsten Entzweiung zu entgehen, am Ende alles Grübeln und Graben beiseiteschob und, war es am Morgen, dem Nebel zusah, wie er aus der Waldstraße in tausend wunderlichen Gestalten ins frühe Wipfellicht hinaufstieg, oder, schlang der Abend solch unlösbare Knoten, den traumhaft leisen Flügellauten lauschte, mit denen der Wald sich zur Nachtruhe vorbereitet. Das ging dann immer eine schöne Weile ganz nach Wunsch, bis irgendein unvorgesehener Vorfall ihn aufschreckte: das grelle, wiehernde Gelächter des Spechtes, das Aufschrecken eines Rehbockes oder auch nur das schwerfällige Bäumen eines großen Vogels. Alle solche Vorgänge wirkten in dieser Gemütsverfassung auf den Sintlinger so, als berühre ihn jemand körperlich und spräche warnend: Sei auf der Hut! oder: Paß auf! Und immer, wenn solch unerwartete Vorgänge ihn jäh aus der Versunkenheit rissen, sah er sich um oder blieb stehen und blickte betroffen in die Tiefe des Waldes, als säß' da irgendwer, der mit ihm etwas vorhabe. Ja, manchmal war es ihm, als tauche aus dem Dunkel ein Gesicht auf, dessen Züge er nicht zu erkennen vermochte, nicht einmal seine Umrisse, nur fühlte er ein stetes, großes Schauen aus dem Finstern auf sich gerichtet. Und jedesmal, wenn sich das ereignet hatte, ertappte er sich dabei, entweder daß er in Bedachtsamkeit geriet, als habe er einen tiefsinnigen Rat erhalten, oder daß er im Weiterschreiten gar bestätigend mit dem Kopfe nickte. An einem Abend, als er wieder einmal von dem unvorstellbaren Gesicht gemustert worden war – und im Weiterschreiten sich einem versunkenen Nachdenken überließ, was das doch wäre, das in solch rätselhafter Weise immer um ihn auftauche, kam er auf der Straße an eine der tief ausgefahrenen Stellen. Er geriet unversehens an das Wegeloch, daß er sich gewaltsam zurückreißen mußte, um nicht hineinzugeraten, und wie es die Art aller Menschen ist, die stolpern oder straucheln, nachdem er dem kleinen Unfall entronnen war, sah er sich um, ob jemand seine Ungeschicklichkeit bemerkt habe. Der Abend war noch früh, kaum bis zum Stumpfwerden aller Farben gediehen, und das Blau des Himmels hatte das Welke und die Müdigkeit überarbeiteter Augen. Die Schatten des Waldes schwelten als graues Hauchen über den Weg, dessen eben übersehbares Stück bergan ging und in der Ferne, in die halben Wipfel gehoben, im Unbestimmten abzubrechen schien. Drei- bis vierhundert Meter vor ihm schritt ein ungewöhnlich großer Mann, einfach wie ein Hausierer gekleidet, mit sehr kurzen Hosen, die ihm kaum an die Knöchel reichten, und einem langen, feierlichen Gang. In der linken Hand trug er ein Bündel, das er indes bald darauf in die Rechte nahm und nach einer Weile bald über die eine, bald die andere Achsel warf, um es danach wieder lange in der Linken zu tragen. Und jedesmal, ehe er sein Bündel an einen anderen Ort schwang, kam eine Unruhe über die Würde seines Ganges, eine Art grotesken Sprunges oder nur ein Trittwechsel, der Sintlinger konnte es nicht genau sehen, und als er sich dann vornahm, scharf achtzugeben, stand der Fremde plötzlich still, schaute überlegend in den Wald, und da eben das Zucken wieder in seinen Leib fuhr, sprang er mit einem konvulsivischen Satze über den Graben und verschwand im Dickicht, so, als geschähe es nicht ganz mit seinem Willen, sondern als würde er von einem Krampf ins Dunkel gerissen. Der Heiligenbauer lächelte leicht über das komische Gebaren des Unbekannten, dachte jedoch bald wieder an die rätselhafte Entzweiung seines Innern und dieses noch unerklärlichere Herschauen eines unvorstellbaren Gesichtes. Vielleicht ist es das Antlitz des Meisters in mir, und ich bin dem Tore des Jenseits in der Welt schon ganz nahe gekommen, weswegen ich sehe, was meine Sinne nicht zu erfassen vermögen, dachte der Heiligendauer. Und nicht lange, so befand sich sein Sinnen schon wieder in dem schimmernden Mahlgange weltferner Erwägungen. Da trat er aus seinem Walde heraus und sah hinter dem Buckel der Hohen Kippe das riesige, altersgraue Geviert seines Hofes heraufragen, überlaufen von dem blinden Schimmer der fast versunkenen Sonne. Er schritt den Abhang der Waldstraße hinunter bis zu der Stelle, wo sie zum Grenzweg sich verwandelte und wo zugleich sein Wirtschaftsweg abzweigte. Ehe er indes in seine Felder einbog, tat er noch einen Blick an dem Saum des Waldes hin über die Faberwiese. Da erblickte er denselben Fremden, der so krampfig in den Wald gehupft war. Er storchte nun gemächlich im hohen Grase seiner Wiese umher, lugte so eigen ins Grüne, als habe er Rohre vor den Augen, griff dann und wann vorsichtig zwischen die Halme und schaute lange auf das, was er gefunden hatte. Der Sintlinger konnte nicht sehen, war es ein Pilz, eine Blume oder ein Käfer. Deswegen ging er gemächlich das Stück hinunter, stellte sich an den Grabenrand und schaute hinüber. Da erkannte er denn bald, daß der Fremde, übrigens ein tief ergrauter Mann, Blüten, wohl zu Tee, sammelte, und zwar hatte er es auf die roten Wiesenflockblumen abgesehen, die von den Landleuten jener Gegend, wegen des knollig aufgetriebenen Blütenbodens, Roßkopf genannt werden. Der Mann war von seiner Tätigkeit ganz hingenommen, die er auf eine ungewöhnliche Weise betrieb. Denn nicht jede Blüte fand er des Sammelns würdig; aber sobald er eine ihm zusagende entdeckt hatte, hob er sie dicht an seine Augen, hielt sie dann gegen den Himmel, und dem Sintlinger war, als rede er dann jedesmal irgend etwas in die Luft, so, als bespreche er sie, wie die Leute sagen. Der Heiligenbauer sprang über den Graben und näherte sich dem seltsamen Manne, der hin und wieder einen mißbilligenden, sichernden Blick nach dem heranwandelnden Bauern sandte, im übrigen aber ungestört in seiner wunderlichen Arbeit fortfuhr. Plötzlich, als der Sintlinger noch etwa drei, vier Schritt von ihm entfernt war, machte er Miene, in den Wald zu flüchten, raffte sich aber zusammen, ging direkt auf den Heiligenbauer zu, pflanzte sich in drohender Ängstlichkeit vor ihm auf und betrachtete ihn in einer Art idiotischer Betroffenheit lange, ohne ein Wort zu sagen. »Was sucht Ihr denn hier?« fragte endlich der Sintlinger und sah an dem langen Alten hinauf, von den großen Füßen, die in abgeschnittenen Langschäftern steckten, über die zehnmal geflickte Zeughose, die Weste, die sich nur mit dem obersten und untersten Knopf zusammenhielt, bis in sein grau überstoppeltes Gesicht, das, aus Säckchen und tiefen Falten zusammengesetzt, durch etwas wirkte, was aussah wie eine tiefe und inbrünstige, aber zwecklose Zerstörung. Seine großen grauen Augen leuchteten noch, wenn auch wie das vergessene Licht in einem einsamen Hause, aber ruhig, unbeirrt, voll einer dringenden, wenn auch unpersönlichen Macht. »Wo seid Ihr denn her?« fragte der Sintlinger abermals, weil er auf die erste Frage keine Antwort erhalten hatte. Der Gefragte preßte seine Lippen nur noch fester aufeinander, hielt die Blume, die er gepflückt hatte, unbeweglich weiter in der Hand, sah dann in die Höhe, schüttelte den Kopf und ließ sie enttäuscht fallen. »Du – Sie – Ihr –«, sagte er dann mit leiser Stimme, betrachtete den Heiligenbauer noch schärfer und brach in ein fast lautloses Gelächter aus. Darauf wandte er sich um, schwang seinen Kräutersack auf die Achsel und setzte sich, ohne etwas weiter zu sagen, nach dem Walde zu in Bewegung. Der Sintlinger war sicher, daß er es mindestens mit einem Wirrsinnigen zu tun habe, und folgte dem Armen mit den Blicken. Aber unvermutet kehrte der Mann zurück, und nachdem er sich wieder mit derselben drohenden Ängstlichkeit aufgepflanzt hatte, begann er: »Du – Sie – Ihr – ich weiß schon. Was habt Ihr auf meiner Wiese zu suchen? Zertrampelt das Gras und reißt die Blumen ab! – Weiß ich alles, braucht niemand erst zu sagen, denn ich habe Augen und Ohren. Gott sei Dank, und Gott dankt mir's. Denn was nutzt Gott sein Gottsein, wenn es keine rechten Menschen gibt. He. Nich wahr: Sie – Ihr – du?« Und wieder folgte das fast lautlose, spöttische Gelächter. Da bemerkte der Sintlinger, daß der Mann eine sehr hohe Stirn und einen fast eingesägten Mund habe, und war davon auf unbegreifliche Weise betroffen. »Seid Ihr das erstemal auf dieser Wiese?« fragte er. Der Fremde musterte ihn mit seinen dringenden, unpersönlichen Augen, nahm das Kinn überlegend in seine Hand, schüttelte aber am Ende abweisend den Kopf und fuhr so zu reden fort, als habe ihn niemand unterbrochen. »Ja, am Walde sind nämlich die Blumen ruhiger, stiller, meine ich, in ihre Seele hinein. Denn sie haben es nicht notwendig, hoch hinaus zu wollen, weil sie die Bäume ja immer in der Nähe haben. Und das gerade brauche ich, denn sie liegt im Schreifieber, hat Hitze wie ein Siedekessel. Ach, sie is jung, jung und dumm, und den sie möchte, der speit fast auf sie. Kennen Sie den Kinastbauer in Schmalenbach? Nicht? Auch gut. Sehn Sie, deswegen nehme ich Blumen hier vom Walde, am Abende, aus dem Schatten, von einer windstillen Wiese. Das wird über sie kommen wie eine linde, sanfte Hand. Aber die Blumen von der Sonnenwiese draußen, die sind von der Sucht in die hohe Luft rein wie tolle und blühen deswegen so wild, als wenn Menschen etwan schrein vor Brunst. Ha, und wenn ich den Tee von dort nehm, da zerreißt es das arme, junge, dumme Ding vollends, für die er is. Deswegen bin ich hier, versteh« Sie mich? Sie – du – Ihr! Hahahaha.« »Wie heißt Ihr denn eigentlich?« fragte der Heiligenbauer, als das lautlose Hohngelächter verklungen war. Der Verrückte schüttelte den Kopf und sagte: »Das tut nichts zur Sache. Oder meinst du – Ihr – Sie, wenn man seinen Namen sagt, man weiß dann, wer man is? – Gute Nacht!« Lachend und in großen Sprüngen verschwand der Kräutersammler im Walde. Während der Sintlinger dann nach Hause ging, schon im tieferen Eindunkeln, und über das eben Erlebte nachdachte, verschwanden alle komischen, grotesken Sonderbarkeiten dieses Mannes, ja selbst das Unschöne der leisen Stimme und das Meckern des Lachens, und er empfand die schmerzvolle, verborgene Schönheit dieses merkwürdigen Fremden, und jetzt, da er sich seiner Worte erinnerte: »Was nutzt Gott sein Gottsein, wenn es keinen rechten Menschen gibt?«, hörte er ihn sogar neben sich sprechen, doch nun mit einem tiefen, wohllautenden Baß, und er sah deutlich sein Gesicht vor sich im Dunkel und bemerkte, wie er eben mit der Hand an sein Kinn fuhr, und das in einer Gebärde, als habe da früher ein umfänglicher Vollbart gestanden. Und als der Heiligenbauer dies sah, verband es sich sofort mit dem Gedanken an seine unbewußte Frage, ob der Fremde das erstemal auf dieser Wiese sei, und wie ein Blitz riß es durch ihn, daß am Ende dieser verrückte Kräutersammler der Faber-Rebell gewesen sei, der, an seinem Leben gestrauchelt, schnell vergreist und von wirrem Geiste umgetrieben, als verzerrter Schatten seines früheren Wesens wieder die Straßen seiner Vergangenheit geführt werde. Und während er diese über allen Bergen segelnden Kombinationen zusammenschob, mußte er zugleich über seine Einfälle lächeln, konnte jedoch nicht verhindern, daß der tiefe Baß um ihn herum immerfort redete, in ruhigem, gesammeltem Rhythmus, so wie der Wind rauscht, ob ich auf ihn höre oder nicht. Ja, der Wohllaut dieser sonoren, sicheren Stimme war noch um ihn, auch als er schon wieder in Gang geraten war. Der Takt ihres Klanges paßte sich sogar allmählich dem Rhythmus seines Schrittes an. Und plötzlich sagte sie ganz deutlich: »Du bist in der schwarzen Mühle ...« Und dann fuhr es in derselben Art zu reden fort: »Das Denken ohne Bewußtsein erlebt die Bewegungen des Weltalls, und das Gefühl, das sich nicht kennt, die Empfindungen Gottes.« So sprach es genau auf den Laut, Worte, die der Faber-Rebell vor zwei Jahren in jener Nacht auf der Wiese zu ihm gesprochen hatte und die dem Sintlinger wieder abhanden gekommen waren, weil er sie nicht anders als dem ungefähren Sinn nach verstanden hatte. Der Heiligenbauer schritt wie mit gierig horchenden Beinen, und als das Reden um ihn abriß, tauchte er wie aus einem Taumel auf und meinte, das Vorkommnis nicht anders erklären zu können, als daß der Fremde wirklich der schnell verkommene Faber-Rebell gewesen sei. Als er zu Hause angekommen war, ging er in seine Schreibstube und suchte sich das Blatt, auf dem die Betrachtungen standen, durch die er damals die Worte Fabers widerlegt hatte. Es war die Betrachtung von dem Geläut. Sie erschien ihm jetzt unbedeutend, falsch, unecht, gemacht. Ihn faßte eine solche Erregung, daß er das Papier in der Hand zu einer Kugel knüllte und in die Ecke warf. Nach dem Herunterkommen fand er die große Stube schon finster, den ganzen Hof totenstill. Nur um das Haus wogte gedämpft das Baumrauschen, und außerhalb, weit draußen, empfand er das unhörbare Tosen, mit dem die Sterne durch die blaue Ewigkeit ziehen. Vielleicht, sann der Heiligenbauer, hat der Faber doch recht, und ich gehe mit meinem Menschenhelfen in die Irre, so wie er vor die Hunde gekommen ist, daß er sich um Leute gekümmert hat, die nichts von ihm wußten und wissen wollten. Dann trat er in die Schlafstube und fand merkwürdigerweise Helene noch wach, still, mit weiten Augen, im Bett liegend. Johanna schlief schon fest. Der Heiligenbauer beugte sich über sein Kind, und nachdem er es geküßt hatte, sagte er: »Lenlein, bist du noch wach?« »Ja, Vaterlein, ich bin noch wach«, antwortete die Blinde. »Kannst du auch noch ganz genau sehen?« Helene wartete ein wenig und sagte dann: »Ja.« »Nun«, sprach der Heiligenbauer, »sieh einmal auf die Waldwiese hinter der Hohen Kippe.« »Was soll ich denn da, Vaterlein?« »Siehst du da niemand?« »Nein, bloß Blumen und Wald.« »Gute Nacht, Lenlein«, sagte der Heiligenbauer. Am anderen Tage erfuhr der Sintlinger zufällig Näheres über die Person des Kräutersammlers, den er getroffen hatte. Von Zeit zu Zeit fand sich nämlich auch der ehemalige Aktuar Knöttner auf dem Heiligenhofe ein, der immer noch, wie in den Tagen seiner Gerichtswürde, mit dem blauen Aktendeckel unter dem Arm durch die Welt reiste, auf stets bedeutsam gesetzten Beinen, als steuere er überall geradeswegs auf die breite Freitreppe eines Rathauses zu. Und doch spulte er seit etwa fünfzehn Jahren in einem Schock Dörfer nur den Zwirn von Feindschaften auf, förderte Verdächtigungen und fahndete überall nach widrigen Geschichten, um mit seiner Rechtshilfe die Verwirrung zu vergrößern. Von diesem schier allwissenden Bösling erfuhr der Heiligenbauer, daß der seltsame Kräutersammler der Teejörge mit dem eigentlichen Namen Georg Hunatay aus Schmalenbach gewesen sei, ehemals ein reicher, selten kluger Bauerssohn, der sogar mit seinem Kopfe den Weg tief ins Lateinische hinein gefunden habe. Sein einziger Fehler, ein zu zartes, scheues Gemüt, ein Herz, empfindlich wie ein schalenloses Ei, sei sein Unglück geworden. Das gehe ja auf dieser Welt leider Gottes immer so zu. Denn als er sich nach langem Bangen und Wählen verliebte, und das gleich wie ein Lamm in den Mond, sei ihm sein Bräutchen von einem kecken Draufgänger mit wilden Worten richtig trunken und endlich abspenstig gemacht worden. Ehe sie aus ihrer Betäubung erwachen konnte, war sie schon das Weib dieses wüsten Ausbundes, eines wahrhaftigen Rasselbauern. Der Jörg wurde so mager, daß ihm fast die Kleider vom Leibe fielen, und seine Augen krochen so tief in den Kopf, als wollten sie sich dort vergraben. Und doch hörten die Auseinandergerissenen nicht auf, sich in der alten entrückten Art zu lieben. Dann, als durch des Mannes Verschwendung das Elend der Ungetreuen immer offenbarer geworden, sei der betrogene Jörg sogar als Knecht auf den Hof seines Rivalen gezogen, um die Wirtschaft vor dem völligen Ruin und die Bäuerin vor den Mißhandlungen ihres Mannes zu bewahren. So habe er wohl an die zwanzig Jahre gedient, von einer Hoffnung erfüllt, über die er zu niemand, nicht einmal mit den Augen gesprochen habe. Der plötzliche Ludertod des Bauers führte ihn endlich aus diesem finstern Winkel und brachte einen furchtsamen Schimmer in sein Leben, denn nun war doch der Weg zu seinen alten Hoffnungen frei. Aber kaum, daß er die ersten Schritte auf die Geliebte zu getan hatte, wurde die gealterte Bäuerin ihm abermals von einem heißen Strudel entrissen. Diesmal verfing sie sich gar in den Netzen ihres jüngsten Knechtes. Damit wurde wie mit einem Hammerschlage dem armen Jörg für immer der Kopf in die Nacht eines weltabgewandten, spukhaften Tiefsinns genagelt. Er verschwand in dem Auszugsstübchen seiner Väterei, als zöge er sich bei lebendigem Leibe in seinen Sarg zurück, und grübele seitdem über Büchern, die er niemand sehen lasse. Nur von Zeit zu Zeit gerate er in die Unruhe eines monatelangen Umherirrens, das aber keinem Menschen beschwerlich werde. Dann sammele er auf geheimnisvolle Weise Tee, und, sonderbar, immer für Menschen, die zur Zeit noch gesund und frisch umhergehen. Ob es wahr sei, wisse er ja nicht, aber die Leute behaupten, daß alle kurze Zeit danach stürben, auf die der Teejörg mit seinem hexenhaften Heilbestreben ziele, und es errege darum jedesmal ein Grausen, wenn er seine Stube zu einer neuen Streife verlasse, weil dann niemand sicher wisse, ob es diesmal nicht seinen Tod bedeute. Dies war die Erzählung des Aktuars Knöttner, und als er beschenkt davongegangen war, saß der Heiligenbauer lange in tiefes Sinnen versunken und sah von Zeit zu Zeit achtsam auf die Stelle, wo der Erzähler gesessen hatte. Dann ging er in seine Schreibstube und suchte nach der zerknüllten, weggeworfenen Betrachtung. Er fand die Papierkugel noch in derselben Ecke liegen, wohin er sie am Abend des gestrigen Tages geschleudert hatte, hob sie auf, glättete das Blatt sorgfältig und schrieb nach einigem Überlegen folgenden Nachsatz hinzu: »Für einen Menschen, der auf dem rechten Wege ist, haben auch Irrtümer ihren tiefen Sinn. Es sind Bekannte, die mit fremden Gesichtern an einem vorbeigehen.« Seit diesem Vorkommnis verloren sich die volksbeglückerischen Pläne ganz aus dem Leben des Heiligenbauers. Zweites Kapitel So wuchs der Sintlingerhübel gleich einem Berge in die Luft hinauf, von dem zwanzig, dreißig Dörfer das Ahnen eines geheimnisvollen Lichtes auf der Welt erhielten, einem Licht, das in dem Menschen brennt, aus dem einen herrlich herausglüht, in dem andern hinter Schmutz und Trümmern verborgen bleibt, das gleichwohl niemand entbehrt. Und während der Heiligenhof immer höher in diesen Schimmer hinaufblühte, wurde der Brindeisenerhof immer tiefer in trockene Finsternis geführt. Der alte Bauer versank ganz in die bittere, drohende Schweigsamkeit, das Erbe seines Geschlechtes, und oft saß er da, wie ein Stoß vergessenen Holzes tief im Walde steht, von Nässe versäuert, rissig, von Flechten überkrochen, mit gelöster Rinde. Und sah er das unbegreifliche Leben auf dem Heiligenhofe aus und ein gehen, so lachte er unversehens in lustigem Hohne auf, voll beizenden Glücksgefühls, denn diese Bummlerwallfahrten ab und zu, dies Plieren verrückter Weiber um die Mauern, dies überspannte Gealber um das Mädchen, das doch bei Gott nichts weiter hatte als blinde Augen und ein Gesicht so weiß wie ein Krautschmetterling, wahrhaftig, das war für den alten Anton Brindeisener eine einzige Freude, dieser ganze bunte, außergewöhnliche Dunst, der von je um den Sintlingerhof stand wie die Luft um ein Irrenhaus. Jetzt, wo einer droben regierte, der wirklich schon manchmal redete wie im Wahnsinn, der nur ein Kind aufgebracht hatte, bleich und geblendet, ein halbes Leichlein, jetzt war doch wohl die Zeit, daß dieses lärmende Unkraut der Sintlingersippe am Aussterben war. Und wie es den Anschein hatte, würde der alte Bauer noch den Zusammenbruch erleben, den seine Familie seit immer heimlich gewünscht hatte. So blähte sich in diesem finsterlichen Bauer mit einer fast verschollenen Seele der ererbte Schattenschwarm auf und gab seinem Alter die Kraft, an der lautlosen Auflösung seines eigenen Geschlechts vorbeizuleben, scheinbar ohne eine tiefere Aufregung als die gewohnte Bitternis seines Alltags. Das Gehöft war morsch in allen Balken, die Dächer da und dort eingesunken, die Geräte klapperig und überaltert, der Fleiß dumpf und ausgeleiert in Freudlosigkeit. Das Gesinde verrichtete unfroh und gereizt die Arbeit, die Bäuerin trug unwirsch ihr nahendes Alter, und der älteste Sohn, Jakob, der schon auf die Vierzig zuging, traf keine Anstalten, sich zu verheiraten und so das Leben des Hofes wieder in helleren Gang zu bringen. Er wich allen Mädchen mit einem Lächeln des Spottes aus, ließ keinen Tanz und Sprung an sich heran, mied jede Geselligkeit, auch die der Arbeit, und erholte sich nur dann und wann bei einer Magd, die er unversehens in der Finsternis des Bodens überfiel, oder betrank sich im Walde einsam und böswillig, bis er in ein mißtöniges Singen kam, das dann klang, als verfange sich der Wind in einem leeren Holzzuber, eintönig, dumpf, unmelodisch. Nur der kleine Peter schwebte um dieses Verblühen, wie ein verspäteter Falter sich in der kühlen, kalkigen Sonne des Herbstes tummelt. An dem unmerklichen Versinken um ihn erlebte er nur immer den Zauber seiner Kindheit. Niemand spürte so auf dem Brindeisenerhof, daß sich in allen Winkeln des weitläufigen Anwesens der Verfall eingenistet hatte, der vorderhand freilich mehr einem achtlos gehüteten Wohlstand ähnelte, von grämlichen Alten gehütet, unscheinbar, ja trostlos geworden. Ein einziger Mensch unter allen fühlte den Niedergang, fühlte, wie die Luft der stillen Güte und sanften Liebe sich immer tiefer in die Brindeisener-Erde verkroch. Das war die Tochter Amalie, hinter der seit der Krankheit in dem Sintlingerschen Hochzeitsmonde auch ein Schwinden ging, erst ferner, dann näher und näher. Und jeder Ruck, der das Leben auf dem Hofe tiefer in den Schatten zog, drückte dem blassen Mädchen ein Stück Dasein ab, daß es zuletzt nach dem Atem reißen mußte, als stecke er in einem tiefen Brunnen. An einem Tage nun saß sie mit ihrer Mutter in der großen Stube am Tisch und schliß Federn. Es war tiefer Herbst, ein Morgen, dessen Nebel von dem Nachtreif her noch silbrig und schwer auf der Erde lagen und nur mit einigen leichten Wölkchenstreifen gegen die Sonne aufstiegen, die aus weißen Schleiern, auch unsichtbar, niederstrahlte. Amalie saß vor ihrem Federhäufchen, das von dem kurzen, lechzenden Atem der Krankheit fortwährend bebte, und sah, immer wenn sie drei Federn abgezogen hatte, auf einen Blick zum Fenster hinaus, das durch den Baumgarten aufs Feld führte. Dort trieb Jakob ein Gespann mit dem Pflug über den Kartoffelacker. Der Alte stand mit anreizendem Lauern am Rain, und Knechte und Mägde, mit kleinen Körben in der einen Hand, bückten sich emsig auf dem Felde weiter. Man sah nicht, was die Menschen machten. Sie steckten alle bis an die Knie in dem silbrigen Nebel, und man konnte meinen, sie seien nicht auf der Erde, sondern pflügten das Gewölk um, scharrten darin, griffen Flocken heraus und sammelten sie in Körbe, so wie man wohl Verstorbene träumen mag, die auf den Wolken in der Höhe vorüberfliegen. Dies alles sah Amalie nur noch vertieft von einer Lebensangst, die sie sich nicht glaubte, und in einer Schwäche, die alles noch seliger und verzückter machte. Aber ihre Mutter hatte endlich »dies dumme Getue« satt, ermahnte das Mädchen, lieber bei der Arbeit zu bleiben, und streifte unmerklich mit einem Blick über das ausgezehrte Gesicht der Kranken, in dem ein Glänzen wie ein Widerschein des weißen Nebellichtes arbeitete. Da schrie die Schwindsüchtige verzweifelt: »Macht die Fenster auf!« Ehe das aber geschehen konnte, warf es sie nach hinten über die Stuhllehne, die rechte Hand knüllte sich in die Federn, und aus dem blauen Munde sickerte ein kümmerliches Blutfädlein und floß langsam den mageren Hals hinunter. Nach kurzem Starren, unwirschem Reißen und lautem Geruf, doch nicht »Dummheiten« zu machen, erkannte die alte Bäuerin, daß ihre Tochter tot sei, nahm ihren federleichten Leib vom Stuhle, stieß mit dem Fuß die Tür zum Nebenraum auf und legte sie dort auf das Bett. Dann kehrte sie in die Wohnstube zurück, kniete vor dem Küchenofen und krückte Asche durch den Rost. Dabei liefen ihr die Tränen stumm und langsam aus den Augen. Sie achtete ihrer nicht, sondern bereitete genau und ordentlich die Feuerung fürs Mittagessen. Als sie damit fertig war, trat sie auf den Hof, rief der Stubenmagd und schickte sie zu ihrem Mann mit der Nachricht, daß »es eben mit Amalie ausgemacht« habe. Der Tod, der seit lange mit dem Mädchen in der Gesellschaft aller auf dem Brindeisenerhofe gelebt, erst klein, dann immer größer in ihr verborgen gehaust hatte, war nun aus ihr herausgetreten. Er hatte die Tür aufgeklinkt und war quer über den Hof den Hübel hinuntergegangen, woanders hin in die Welt, wo ein Herz, ohne es zu wissen, nach ihm verlangte. Alle Steine, auf die er getreten hatte, klangen noch von seinen geheimnisvollen Schritten, die Luft war von den Schatten seiner Augen erfüllt, und die Blätter an den Gartenbäumen zitterten seinem davonstreichenden Atem nach. Als der kleine Peter aus der Schule kam, geisterte dieser Schimmer des Todes noch in allen Winkeln des Hofes, auf dem ganzen Hügel bis an die Weiden des Grenzweges und darüber hinaus in alle Welt hinein, und der Knabe ließ betroffen, wo er die Nachricht vom Erlöschen seiner Schwester erhielt, den Tornister fallen, im Hofe, unter den Fenstern der Wohnstube und merkte, daß alles umher plötzlich anders geworden war. Er ging zu der Toten und sah sie sich an, um an ihrem Aussehen zu erkennen, wie sie die Verwandlung hervorgebracht hatte, und was es denn eigentlich mit dem Totsein für eine Bewandtnis habe. Aber ihr Gesicht hatte den Ausdruck seliger Zufriedenheit, und auch sonst war nichts Merkwürdiges an ihr, nur etwa, daß die Lippen blau waren und auch auf den Lidern der Augen ein Hauch dieser Farbe lag. Peter dachte, wie seltsam es sein müßte, wenn ihm beim Blaubeernaschen einmal auch außer dem Munde die Haut um die Augen blau würde. Doch als hätte er seiner Schwester mit diesem Einfall wehe getan, stahl er sich, noch ehe irgendwer auf dem Hofe etwas davon merken konnte, davon, hinten über das Feld, die Querhovener Lehne hinauf und ging und ging, bis er hinter der Wühle im Walde plötzlich das Hornwasser unter sich rauschen hörte. Dort setzte er sich an das Ufer des Baches und, nachdem er lange dem Vorübergleiten der kleinen Wellen zugesehen hatte, warf er Blätter, Grashalme und Holzspänchen auf das Wasser und merkte darauf, wie alles vorübergetragen wurde. Endlich warf er einen kleinen Stein in eine stillere Tiefe. Als der im Wasser verschwand, ohne wieder zu erscheinen, dafür aber vom Grunde her geheimnisvolle Kreise heraufquollen und über das Wasser liefen, so als atme ein Unsichtbares vom Grunde aus gegen den Spiegel, ergriff es den Knaben wie ein schmerzhafter Schnitt durch die Brust, und es war ihm, er habe jetzt gesehen, was Tod sei. Flüchtend verließ er das Ufer des Waldbaches, und als er von der Querhovener Höhe her den väterlichen Hof liegen sah, brach er in schreiendes Weinen aus. Zu Hause traf er Vater und Mutter schon in den ersten Vorbereitungen zur Beerdigung der Toten und half in kindlicher Art mit, immerfort benommen von einem fernen Taumel, daß er dann und wann wegwarf, was er in den Händen hielt, und hinaus vor das Tor lief, um zu sehen, ob Hemsterhus, die Berge und Wege noch an der gewohnten Stelle standen oder in diesem grauen Wogen, das er um sich fühlte, davongeglitten seien. Brindeisener und die Bäuerin gingen eher noch finsterer und verschlossener umher. Nicht anders benahmen sie sich, besonders der Großbauer, als habe Amalie durch diesen elenden Tod, dies lange unrühmliche Ende nach einer richtigen Armeleutekrankheit unauslöschliche Schande über die Familie gebracht. Was die Träger bloß für Gesichter machen würden bei dem leichten Sarge, zu dieser kümmerlichen, ausgehungerten Leiche, die sich wohl für ein Schneiderhaus, nicht aber für den Brindeisenerhof passe. Solche und ähnliche Gedanken schickte der Bauer hinter dem Schatten seines Mädchens her und brachte es sogar dahin, dies erbärmliche Sterben Amalie als eine Böswilligkeit anzurechnen, zum höhnischen Dank für all die Scherereien, die er mit ihr gehabt hatte. In solch verbohrter Finsternis gingen die Tage bis zum Begräbnis hin, und es änderte sich auch dann nichts, obwohl die Beerdigung in aller Feierlichkeit verlief, die dem Großbauerntum Brindeiseners angemessen war. Umsonst dröhnte fast immerwährendes Glockengeläut; umsonst ließ Liborius Pfeiffer das berühmte Lied »Ewige Gnade, dieses Lebens« mit dem Zwiegesang zwischen der Sopran- und Altstimme beim Versenken des Sarges über den Kirchhof wehen, das Bombardon brauste, der Pfarrer tat mit der Leichenrede sein Bestes. Anton Brindeisener aber sah mit zusammengezogenen Brauen und niedergeschlagenen Augen nur immer auf seine gefalteten Hände, weil er glaubte, das Grabgeleit verberge hinter der Maske der Trauer nichts als Spott und Schadenfreude. Auch auf dem Heimwege von dem Begräbnis blieb er bitter versunken und brachte es kaum zu einem Nicken auf den Trost und das Bedauern der wenigen, die ihn auf den Hof begleiteten, um sich dort bewirten zu lassen. »Ich kenn' euch schon, ihr Freundchen«, sann er hinter jeder Mitleidsbeteuerung her und spuckte zornig aus. Dann wieder schwang er unversehens seine riesigen Beine in einem Gange, als wolle er davonlaufen. Am Grenzwege, dort, wo man zu seinem Hofe abbog, fiel ihn das Verwundern an, ob der Sintlinger und sein Weib etwa auch mit in sein Haus kämen. Schon über das Brücklein, den anderen vorausgeeilt, drehte er sich um und sah den Heiligenbauer eben im Gespräch mit zwei anderen in seinen Zufahrtsweg einbiegen. »So is recht, Nachbar!« rief er ihm mit beißendem Lachen zu. »Immer kommt, immer kommt!« und weiter stapfend vollendete er in einem Anfall sinnloser Feindseligkeit für sich: »Ich werd' dir schon den Hanf klopfen!« Es war nur ein kleines Häuflein, das sich auf dem Hofe zusammenfand: der Dinslakener Schwager Kirchner, der Bruder der Frau, ein dürrer, äußerst zurückhaltender Würdebauer, der mehr durch Gebärden und mit der Unruhe seiner großen, braunen Augen, als dem Munde redete. Der Bruderssohn Brindeiseners, von der armen, anderen Seite des Geschlechts einer, quecksilbrig, rund, hurtig in allen Gedanken und Bewegungen und erfüllt von einer fröhlichen, hinterhältigen Ironie. Der blondbärtige Holzhändler Riedel aus Dingden mit einem beschädigten linken Auge, das dem gutmütigen Gesicht fast etwas wie wildes Fletschen verlieh. Der Sägemüller Wiehr aus dem Hornwassergrunde, ein langbärtiger gefühlvoller Trinker, der jedem recht gab und für sich an keinem etwas gerade ließ. Dann waren noch einige Brederoder und Hemsterhuser Bauern, Jugendfreunde Brindeiseners, die ihm durchs Leben lange entfremdet waren und fast alle schon aus den Giebelstuben ihres Lebens herauslehnten, grauköpfig, von den erwachsenen Söhnen halb oder ganz verdrängt. Sie hingen durch die Liebe zu ihrer eigenen Jugend mit dem grämlich gewordenen Hübelbauer zusammen und nannten diese Verflechtung Freundschaft. An diese Männer war ein recht ansehnlicher Schwarm von Weibern gekoppelt, die meisten ihre Frauen, nur wenige Einlitzige, Witwen oder alte Jungfern. Junge Mädchen fehlten ganz, weil Amalie, verscheucht und scheu, wohl von einer brennenden Sehnsucht nach Hingabe erfüllt, aber freundlos durchs Leben gegangen war. Die Gesellschaft saß an der langen Tafel einer großen Stube des oberen Stockwerkes, eigentlich mehr ein Saal, niedrig, gedrückt durch die Balkendecke, unruhig durch die Fenster an allen Seiten und doch halb eingeschattet von dem weit überhängenden Dach. Die Männer nahmen den oberen Teil des langen Tisches ein, die Seite nach dem Giebel, die Frauen saßen gegen die Tür hin. Über der ganzen Gesellschaft hing eine klamme Luft, die Behinderung und Ungelenkheit einsamer Menschen und ungewohnter Feierlichkeit, die Scheu vor dem Gefühlsüberschwang und das heimliche Drängen nach pflichtgemäßer Äußerung erlaubter Empfindung. Das mäßige, recht knappe Essen bedrückte alle eigentlich mehr als der Tod des Mädchens. Wie ein Krähenschwarm sich ungefüge, polternden Flugs von Feld zu Feld wirft, so stieg das Gespräch auf, verstummte bei jeder neuen Enttäuschung durch ein halb verfehltes Gericht und fiel dann mit um so größerem Geräusch über eine Sache her, die eigentlich jedem furchtbar gleichgültig war. Man aß mit vorsichtigen Gabeln, achtsam geführten Messern und balancierte halbgefüllte Löffel sparsam hin und her. Die Frauen saßen mit geschürzten Nasen da, die Männer brachen oft rein aus dem Grünen in Spottgelächter aus. Dem Brindeisener glommen die Augen nur so vor verborgenem Grimm. Seine herausfordernde Eßlust sah fast aus wie Fraß. Er saß dem Sintlinger schräg gegenüber, und wenn er sich, erhitzt von der Kauarbeit und verheimlichtem Ärger, rot bis in die zerfurchte Stirn, aufrichtete und mit wohligem Geschnauf die Weste herunterzog, traf sein Blick auf den zierlichen, stählern-milden Heiligenbauer, wie er fremd und gütig sich in den Stuhl lehnte und bei aller Zurückhaltung schon bald der natürliche Mittelpunkt der Männer geworden war. Dann stürzte er sich jedesmal um so wilder wie eine Vernichtung auf die Fleischschüssel oder wütete in dem Kraut, und das Knurren während des Essens, das wie Behagen klingen sollte, war doch nichts wie gehässige Brocken: »Geschwollener Hund ... Laberhengst ...« und anderes. Mit solchen auf den Sintlinger gemünzten Ausrufen würzte sich der alte Brindeisener heimlich seine Mahlzeit. Aber doch, nach beendetem Essen, schloß sich die Gesellschaft ungezwungener zusammen. Die Frauen tauschten die Freuden und Enttäuschungen von Haus und Wirtschaft, von Kind und Gesinde aus. Die eine plätscherte durch die Untiefen des Klatsches, die andere rührte gar an den Kummer ihrer Ehe, alle aber gaben der Natur ihres Geschlechtes nach, die Geschicke des Lebens als Fügungen anzusehen und die Verantwortung abzulehnen, indem man die Begegnisse in das Zwielicht wundersamer Kräfte rückt. Die alte Brindeisenerin erzählte immer und immer wieder aufs neue von dem Todesahnen Amaliens am Morgen des Sterbetages, und daß alles draußen gewesen sei gruselig wie auf einem Kirchhofe. So hätte eben nichts, rein nichts geholfen, und wenn »flugs ein Münsterscher Doktor in der Stube gestanden hätte«, »er« hätte es doch durchgesetzt und dem Mädchen an der Stuhllehne das Herz abgedrückt. Damit meinte sie den Tod. Wahrhaftig, Amalie sei von jeher wie ein Bild gewesen, das an dünner Schnur zwischen Himmel und Erde aufgehängt war. Und immer beschwerte sie sich am Ende über das Schicksal, daß so viel Geld, Kummer und Sorge nutzlos wie Asche über den Hübel in alle Winde geschüttet sei. Dann wässerten ihre Augen über, und sie mußte der Nase zu Hilfe kommen, was ein Geräusch verursachte, als schmatze sich der Pfropf von einem übervollen Fläschchen los. Immer, wenn dieses Zischen auf der Seite der Weiber erklang, fuhr der alte Brindeisener aus seinem dämmernden Zuhören, konnte ein verächtliches Zucken in seinem Gesicht nicht unterdrücken und legte die geballte Rechte wie einen gewaltigen Pürdel vor sich auf den Tisch. Jakob holperte ungefüge ab und zu, um die Männer mit Getränk zu versehen. Peter tauchte dann und wann unter der Tür auf, betrachtete mit klugen, verwunderten Augen die Gesellschaft und verschwand, wenn er alle durchgezählt hatte, als fehle jemand, dem er mit überstürztem Lauf vor das Hoftor entgegeneilen müsse. Dann stellte er sich allemal auf das Schleppdächlein des fließenden Brunnens rechts vom Zufahrtswege und tat mit seinen Blicken so, als könne auf jedem der vielen Wege, die zu sehen waren, irgendwer noch kommen. In Wahrheit aber verheimlichte er sich damit nur eine traumhaft brennende andere Erwartung. Denn wenn der Junge so mit den Augen zehn gleichgültige Steige, Straßen und Raine in der Umgegend abgelaufen war, gerieten seine Blicke an den Zufahrtsweg nach dem Sintlingerhofe, trabten ihn hinauf und bebten dann so lange vor dem geschlossenen Tore des Heiligenhofes, bis ein zauberhaftes Licht unter den Linden zu spielen begann, ein solches Blühen, bis in seine Seele hinein, daß er anfangen mußte, sich tanzend auf dem Dächlein zu drehen. Dazu sang er inbrünstig das Weidelied der Hirten, ein melancholisches, kurzes Strophlein, so lange, bis die ganze Welt wie ein tönendes Karussell um ihn kreiste. Darauf trieb es den Knaben immer wieder an die Tür der Feststube hinauf. Er zählte die Menschen gespannten Blickes durch, doch war nicht da, wonach er sich sehnte, so lehnte er eine Weile enttäuscht an der Türfüllung und stürzte dann wieder in großen Sprüngen zu seinem Lockspiel vor dem Hoftore. Indessen spazierten auch die Männer in gemächlichem Geplauder durch vielerlei Gegenden ihres bäuerlichen Lebens. Man sprach über die Aussicht der Wintersaat nach der Mäuseplage des trockenen Sommers und beklagte den geringen Ertrag der Rübenernte. Der Brindeisener blieb noch immer allem fern, fuhr sich manchmal über sein langes, mager-faltiges Gesicht, nickte der Ansicht für sich zu, schüttelte jene mit heftiger Gebärde ab, war also auch hier im eigenen Hause, wofür er draußen bekannt war: ein langer, trockener Wiesebaum, der versunken in der Ecke lehnte. Unvermutet, scheinbar aus leerem Brüten heraus, legte er plötzlich den Kopf horchend auf die Hand und fragte über den Tisch hin den Sintlinger, wie es denn eigentlich mit seinem Straßengebaue sei. Er fragte so, als packte er den Heiligenbauer räuberisch an der Gurgel. Sofort ließen die anderen von ihrem Gespräch ab und horchten auf die beiden. Der Sintlinger spürte sehr wohl den Hohn aus den Worten des Nachbars, aber weil er ja über das Wohlfahrtstreiben hinausgeführt worden war, selber also nicht mehr auf seiner eigenen Seite stand, konnte er dem alten Anton lächelnd eine schalkhafte Antwort geben, die ihn selber und den Frager dazu liebenswürdig verspottete. Aber der alte Gramscheffel von Hübelbauer hatte nicht vorgehabt, bloß das Gespräch auf eine heitere Weise in ein neues Gleis zu schieben, ihm war es darum zu tun, dem Sintlinger einen tüchtigen Kübel von Bitterkeit unvermutet über den Kopf zu gießen. Deswegen hörte er nicht auf, an diesem »zerfahrenen Geplänel« herumzumäkeln, und weil der Heiligenbauer ihn freundlich beruhigte, es sei wohl mit dem Chausseebau noch nicht an der Zeit, und wenn die Sache reif wäre, würde sie eines schönen Tages von selber fix und fertig sein, weil so durch des Sintlingers Beherrschtheit der Brindeisener sich immer unterlegener fühlte, ging er dazu über, den Heiligenbauer geradeswegs zu hänseln als puren »Rauchmacher« und »Fabulisten«. Jetzt werde er, der alte Brindeisener, der Sache auf den Zahn fühlen, denn mit »bloßem Waldstraßengelauf« mache man wohl die Spundhobler von Querhoven kopftoll, aber ein klarer, weltschichtiger Mann wie er lache nur darüber. Der Heiligenbauer hörte mit ungeteilter Aufmerksamkeit zu. Bei diesen Worten des alten Bauern fuhr ein flackerndes Geleucht über des Sintlingers Gesicht, wie ein Aufstoß seiner tollen Jahre, und er erinnerte sich seines Planes, den ererbten Widerspruchsgeist der Bauern so zu bearbeiten, daß sie sich in das Gegenteil ihrer Absicht festbeißen mußten. Und er beschloß auf der Stelle, mit dem Hauptstößer den Anfang zu machen. Es war ein reiner Spaß für den Sintlinger, denn für ihn hatte sich ja der ganze Straßenhandel ausgeläutet. Da der Heiligenbauer so ein Weilchen im Erwägen war, wie er dem Brindeisener diesen versteckten Strick um die Beine schlinge, meinte der alte Fremdbauer, sein Nachbar sei schon in tiefe Verlegenheit gescheucht, und dachte ihn vollends zu überrennen. Also schlug er auf den Tisch und verlangte, »daß die Kuh ausgemolken«, das heißt, daß entschieden werde, welcher von den beiden Wegen nach dem Rhein denn nun gebaut werden solle, der über Brederode oder der über die Waldstraße. Darauf erwiderte der Heiligenbauer leicht lächelnd, natürlich der über Brederode, das gerade Gegenteil von dem, was er wünschte, und begann klar und dringend alle Vorteile für die Wahl dieser Verbindung auseinander zu legen. Er brachte alle günstigen Gründe in ein solch helles Licht, daß die Mehrzahl der Trauergefolgschaft immer lebendiger sich diesem einzigen Projekt hinneigte. Nur der Dinslakener Würdekirchner und der Hornwassermüller taten nicht mit. Der eine ließ mißbilligend die Augen im Kopfe umgehen, der andere schnob widerborstig durch die Nase und flickte dem Heiligenbauer mit geschickt eingestreuten »wie man's nimmt« und »wenn's nicht anders ist« da und dort am Geschirr. Der Brindeisener aber saß muckstill, wuchs immer gerader an der Wand hinauf und schwoll sichtlich in die Freude eines vernichtenden Hohnes hinein. Kaum hatte der Sintlinger »seine Kälber herausgelassen«, so drückte sich der Brindeisener aus, als ihm auch schon gründlich heimgeleuchtet wurde. Es kam alles so, wie der Heiligenbauer es sich gedacht hatte, und während sein Gegner dem Brederoder Planwagen mit Getöse alle Speichen aus den Rädern trat, konnte der Sintlinger sich nicht mehr halten und lachte so herzlich mitten in alle Verunglimpfung seines Scharfsinns hinein, daß der alte Anton zurückfuhr und mit bösem Aufwulsten der Stirn plötzlich laut schrie: »Nie, niemals, solange ich lebe, werde ich diesen Brederoder Unsinn mitmachen!« Da wurde es staubstill in der Stube. Und mitten in das Schweigen sagte der Heiligenbauer mit belegter Zunge und offenbar unsicher: »Ja, das nützt doch alles nichts. Wir werden's doch machen müssen. Denk' an mich, Brindeisener!« »Wir! Wer wir? Was gibt's da für ein Wir?« fragte Brindeisener höhnisch. Darauf stieß ihn der Sintlinger unter dem Tisch mit dem Fuße und machte ihm mit den Augen unauffällig ein Zeichen. Laut sagte er: »Jeja, so ist's! Aber ich muß einmal hinaus«, stand auf und wollte der Tür zu. Der alte Fremdbauer glaubte, der Sintlinger sei schachmatt und wollte sich auf die Art dem verdienten Spott entziehen. Deswegen griff er schnell über den Tisch den Davondrängenden beim Arme und rief: »Hiergeblieben, sag' ich! Was du mir etwa leise draußen zu sagen hast, das kannst du ganz bequem laut in der Stube sagen. Ich halt's aus, das steht fest.« »Nein«, erwiderte der Sintlinger, »es ist auch wegen mir. Aber das wäre ja Nebensache, du tust mir leid. Also komm schon!« Nun brach ein allgemeines Frohlocken über den eingeklemmten Heiligenbauer los. Als es sich gelegt hatte, beugte sich der Sintlinger über den Tisch und sagte dem Brindeisener leise ins Ohr, er solle doch von dieser törichten Waldstraße ablassen. Denn wenn auch die anderen allen Nutzen hätten, sie beide wären die einzigen Leidtragenden und müßten wahrscheinlich mit den schönsten Feldern bluten. Der alte Bauer aber war so geblendet von dem nahen Triumph über den Sintlinger und empfand in der sicheren Voraussicht auf dessen Nachteil seinen eigenen Schaden so wenig, daß er der ganzen Runde die Sintlingerschen Bedenken laut kundmachte und feierlich versicherte, und wenn es auch das halbe Gut koste, er wolle doch nicht eher ruhen, bis die weißen Chausseesteine durch seinen Wald glänzten. Nun, wenn es so bestellt sei, äußerte der Heiligenbauer, so trete er gern auf Brindeiseners Seite, und zum Zeichen der Einigkeit wollten sie sich vor allen die Hand geben, daß sie den Bau auf alle Weise fördern wollten. Wohl oder übel, der alte Anton mußte einschlagen. Der Sintlinger aber ertrug seine Niederlage mit solch befriedigter Heiterkeit, daß alle stutzig wurden und insgeheim nachsannen, inwiefern es etwa möglich sei, daß der Heiligenbauer alle durch die Bank, vorweg aber den Brindeisener, vielleicht doch auf einen verborgenen Pfropf gesetzt habe. Das gab denn einen Rückschlag in verdutzte Bedenklichkeit, von der keiner so wie der Trauervater selbst betroffen wurde. Indes erholte er sich auch zuerst, und zwar in ein lautes Redegepolter, das von geheimen Zweifeln immer heftiger angepeitscht wurde. So überhörten alle, außer dem Sintlinger und seiner Johanna, in dem eines Sterbehauses unwürdigen Gelärm das Singen des kleinen Blondkopfes Peter drunten auf dem Brunnendache vor dem Hoftore. Es war in den Stunden immer brünstiger geworden und steigerte sich manchmal zu einem richtigen, hohen Schrei. Denn wie der Junge so die Stimme hinüberschickte an den Sintlingerhof, damit sie herauslocke, was er nicht zu hoffen wagte und doch zum Brustsprengen ersehnte, mußte er an die Nacht denken, da er als kleiner Knirps vom Bodenfenster aus auch sein Singen auf diesen Zauberhof hinübergeschickt hatte, und dies Erinnern weckte den Schimmer, das Schweben, das Grenzenlose und Abenteuerliche, das seit jeher von dort auf ihn eingedrungen war und dessen er mit so mancher mißlungenen Unternehmung hatte habhaft werden wollen. Es packte ihn wie ein In-die-Luft-Springen, und so sang er zum hundertsten Male: »Holla – hoooo, holla – hoooo! Ich bin doooo!« laut und schmetternd in den verschiedensten Verzierungen des einfachen Tonganges, und ganz für sich setzte er jedesmal mit leisem Summen hinzu: »Lenlein! Sintlingerlenlein!«, so geheimnisvoll, wie er einst im Walde des Dürrenberges aus dem Hornwassergrunde ein Vogelrufen gehört hatte; solch ein Klingen ahmte Peter nach, als würde es mit einem silbernen Hämmerchen aus der Schimmerglocke des klarsten Himmels geschlagen. Der Zehnjährling sang in sich hinein, daß ihm vor lauter Hoch- und Feinmachen der Stimme der Hals weh tat. Aber das Wasser in dem Brunnen unter dem Dächlein rumpelte gelassen fort, und wen Peter auch dachte, das wäre ja schön und geradeso wie damal im Hornwassergrunde, so meinte er auch, dem Wasser geschah ganz recht, wenn er ginge und ihm das Holzrohr zuhielte, daß es vor Angst dann nach allen Seiten bloß so sprudeln müßte Aber dann dachte er an seinen neuen Sonntagsanzug, an der Mutter Gesicht und des Vaters große Hände und nahm sich vor, wenn das Wasser durchaus ihm immerfort sein leises Singen zerrumpele, nachher werde er ihm doch das Holzmaul stopfen, und das nicht zu wenig. Einstweilen jagte er wie ein Wilder davon, ein-, zweimal um den ganzen Hof, stürzte über die Stiege hinauf und musterte unter der Tür stehend wieder die Gesellschaft, besonders den Sintlinger, von dem er seinen Bruder Jakob einst zu dem Knechte hatte sagen hören, daß er mehr als Brot essen könne, und dann Johanna, die Heiligenhofbäuerin, merkte aber bald an einem Schwerwerden seines Gemütes, daß es unrecht sei, hier zu stehen und zu gaffen, solange noch »wer« fehle. Peter mochte hier vor allen den Namen »Lenlein« nicht denken, um Gottes willen nicht vor so viel Leuten! Jeder hätte es ihm sofort vom Gesicht abgesehen. Deswegen eilte er schnell wieder auf sein Brunnendächlein und rief seinen Schmettersang in die Sintlingerschen Torlinden. Zu dem leisen Nachsatz aber ging er diesmal vom Brunnen weg über den Zufahrtsweg unter einen alten Apfelbaum, in dessen Krone noch ein paar einzige goldgelbe Blätter hingen. Und der Brindeisenerjunge dachte, wenn ihm jetzt sein hornwasserliches Vogellocken so fein gelinge, wie die Apfelblätter über ihm in der Sonne zitterten, könne das Sintlingerlenlein nicht mehr anders, als sie müßte herüberkommen. Er bog also den Kopf zurück und sang so herzheimlich fein, daß ihm ordentlich schwindlig wurde. Als er den Kopf wieder gerade auf die Achseln hob, zappelte und zuckte die ganze Welt noch eine Weile hinter einem funkigen, roten Schleier. Darum dachte Peter, noch ein wenig taumelnd, jetzt würde es gewiß geholfen haben, und richtig! Kaum daß sich der Wirbel vor seinen Augen gelegt hatte, sah er, noch unsicher zwar, mehr wie durch die Luft fahrend, das Sintlingerlenlein aus dem Tor treten und den Hübel hinunter nach dem Grenzweg zu heranschweben. Dort blieb sie mitten auf dem Wege stehen und wendete ratlos das Gesicht hin und her. Peter rannte sofort wie gerufen hinunter, stellte sich dem Lenlein gegenüber auf die andere Seite der Straße, starrte sie mit verschlagenem Atem an, sagte jedoch keinen Laut. Das Mädchen aber, das ihn am Laufen erkannt hatte, wartete ein bißchen und sagte dann ein wenig ärgerlich: »Du, Brindeisenerjunge, warum stehst du denn und sagst nichts? Du! Ich kann ja sonst nicht den Weg zu Vater und Mutter finden, die auf eurem Hofe sind!« Da faßte sich der Junge ein Herz, ging, nahm das Lenlein vorsichtig an der Hand und führte es den Weg. Aber reden konnte er nicht. In seiner Brust schlug es laut, kaum zum Ertragen, und ihm war ganz schwach, weil er doch, wie alle Leute sagten, ein »lebendiges Englein« an der Hand hatte. Doch das Sintlingerlenlein ließ sein Silberstimmchen an langem Faden laufen, und während die beiden Kinder bloß diese paar Schritte hinaufgingen, brachte sie es fertig, wie es unter den Bauern heißt, über des Herrgotts Nase und der Großmutter Schürzenband zu sprechen. Dem Peter aber lag vor Staunen die Zunge quer im Munde, Er brachte kein Wort hervor, weil er sich nur immer und immer über die zauberhaften Augen des Mädchens verwundern mußte. Unvermutet unterbrach das Lenlein jetzt ihr Geplauder, ließ seine Hand fahren, kehrte sich zu ihm und fragte, ob es wahr sei, daß er Peter heiße, und als der Junge das leider nicht leugnen konnte, mußte sie furchtbar über einen solch komischen Namen lachen. Dann verlangte sie sein Gesicht zu sehen. Peter begriff nicht gleich, wozu sie dabei die Hände ihm entgegenstreckte. Endlich verstand er es, neigte seinen Kopf und duldete, daß ihre Hände sein Gesicht abtasteten. Noch nie vorher in seinem Leben hatte ihn heiße Sonne so berührt, noch nie war eine Blüte so weich an ihm hingestrichen. Es ging ihm kalt und heiß über den Rücken, als er so dastehen mußte, sein Gesicht atemnahe an ihrem. Ihre Hände hauchten förmlich über seine Haut. »Du bist ganz hübsch, weißt du, Peter«, sagte sie endlich, mit der Musterung fertig. »Dein Mund ist ganz lustig, deine Wangen auch, bloß die Stirne. Sieh mal, meine hat doch auch nicht solche Knoten.« Peter mußte fühlen, und dann sagte sie: »Nicht? Ja, aber du gehst auch ganz anders wie ich. Und singen tust du auch gröber – singe mal wieder wie vorhin: Holla hoooo! Nein, magst du nicht?« Peter schämte sich, dem Lenlein alles, was er für sich bei den Worten empfunden hatte, in ihre Augen hineinzusingen und sagte, er wisse etwas viel Besseres. Sie solle einmal sehen, wie er laufen könne. Und er begann zu sausen wie ein Hase, galoppierte wie ein Pferd, sprang wie ein Hirsch, wieherte, schnaufte, prustete; flog um sie herum und stürmte davon. Das Lenlein wurde von diesem wilden Tanzspringen angesteckt, und ehe sie sich's versah, war sie auch im Laufen. Peter, der eben um die Ecke der Scheune geprescht kam, sah sie schon mit ausgestreckten Armen unter hohem Lachen den Hügel hinuntereilen, gerade auf einen großen Stein zu, über den sie fallen mußte. »Lenlein!« schrie er aus Leibeskräften. Aber schon lag sie mit dem Gesicht im Grase, und als er hinzugeeilt war, sie aufzuheben, sah er, daß ihr Gesicht blutüberströmt sei. Er war im Augenblick vor Gram, Liebe, Schreck und Sorge wie sinnlos, hob das Mädchen auf, und weil er nichts hatte, womit er das Weinen Lenleins stillen konnte, preßte er seinen Mund auf den ihren, sog so, ohne es zu wollen, beim Atmen ihr Blut ein und lief, stumm in sich hineinschluchzend, dem Hofe zu, die Treppe hinauf. Dabei biß er die Zähne zusammen und dachte, es wäre ganz recht, wenn man ihn auf der Stelle totschlüge. So erschien er auf der Schwelle der Trauerstube: das Gesicht weiß, die Augen verzweifelt weit, der Mund bluttriefend, so, als habe er ihr Blut getrunken. Er sah furchtbar aus, und als die Heiligenhofbäuerin seiner ansichtig wurde, schrie sie so gell auf, daß Peter das Mädchen auf die Schwelle legte und die Stiege hinunter zum Hofe hinaus die Flucht ergriff. Es stellte sich ja bald heraus, daß dem Lenlein weiter nichts geschehen war, als daß sie sich eine unbedeutende Stirnwunde geschlagen hatte, aber die Heiligenhofbäuerin konnte nicht verhindern, sich all der spukhaften Berückungen während ihrer Geisterzeit zu erinnern, da sie richtig Furcht und Abscheu vor dem Brindeisenerjungen, seinem Umherlauern und Spionieren empfunden und ihn sogar für einen Abgesandten des wilden Jakob Sintlinger gehalten hatte. Das sann sie, als sie, das Lenlein auf dem Arme tragend, dem Sintlingerhofe wieder zuschritt. Der Heiligenhofbauer ging hinter ihr und summte leise vor sich hin. »Ich weiß nicht, wie du singen kannst, Andreas?« fragte sie. »Warum soll ich das nicht?« erwiderte er und summte weiter. »Ja, aber denk' doch, was hätte geschehen können?« »Dem Lenlein? – Unserm Lenlein?« fragte er ungläubig. »Nun ja, sie hätte sich doch ganz leicht an dem Steine den Kopf aufschlagen können!« antwortete sie, auf ihrer Furcht beharrend. Der Heiligenbauer entgegnete ihr darauf nichts. Sie hörte ihn bald darauf nur um so glückhafter vor sich hinsummen, und als sie sich umdrehte, ging er, das Gesicht der sinkenden Sonne zugekehrt, hinter ihr her, fing dann mit Lächeln ihren Blick auf und sagte endlich mit gütigem Verweisen: »Johanna! Unserm Lenlein kann nichts Schlimmes widerfahren, das merk' dir.« Der Heiligenhofbäuerin wäre es in diesem Augenblick bald aus dem Munde gefahren, daß Peter, als er mit Lenchen im Arm auf der Schwelle erschienen sei, akkurat wie ein Mörder ausgesehen habe. Aber sie fürchtete das Gelächter des Sintlingers und behielt es für sich. * Am selben Tage mußte man auf dem Brindeisenerhofe lange suchen, bis man den Peter im Stroh des Bansens einer Scheuer fand. Er war noch immer leichenfahl im Gesichte, und von Zeit zu Zeit ging ein Schauern durch seinen Körper, denn er glaubte, das Sintlingerlenlein habe durch ihn einen Todesschaden genommen. Noch erschüttert von dem Tode seiner Schwester, hatte er sich in der Finsternis seines Versteckes inbrünstig gewünscht, auch zu sterben. Als er deshalb vor seinen Vater zur Aburteilung geführt wurde, bettelte er förmlich mit seinen Augen um recht viel Schmerz und Schande. Der alte Bauer war denn auch noch von verborgenem Kochen über den Streit mit dem Sintlinger erfüllt und saß mitten in der Stube, hatte seine Riesenhände auf den Knien liegen, rieb Daumen und Zeigefinger aneinander und räusperte sich dazu, ein aufs höchste gereiztes Menschentier. Kaum, daß der weiße Schopf des armen Sünderleins vor ihm auftauchte, so sprang das lauernde Wetter seiner Wut auf, und er hieb den Jungen mit einem furchtbaren Schlage quer über das Zimmer. Dann aber begann erst die eigentliche Züchtigung, und weil Peter alle Peinigung ohne einen Laut über sich ergehen ließ, steigerte sich der Zorn des grauhaarigen Wildrians nur immer. Und wenn sein Weib nicht endlich dazwischengetreten wäre, ihm den halb bewußtlosen Peter entreißend, wer weiß, der fessellose Bauer hätte den Jungen erschlagen. Nach kurzer Zeit waren die Schrunden, Beulen und blauen Flecken an seinem Leibe verschwunden. Er ging umher wie immer. Und doch – im tiefsten muß etwas durch diesen Vorgang an dem Brindeisenerjungen für immer aus den Angeln gehoben worden sein. Denn eigentlich von jenem Erlebnis mit dem hübelheiligen Mädchen und dessen schmerzvollen Folgen trat nicht nur seine noch entschiedenere Abneigung gegen alle bäuerliche Beschäftigung, sondern sogar gegen alle bäuerliche Art hervor. Er wurde noch schweifender, abenteuerlicher, aber auch einsamer und hing eigentlich nur durch den Zwang der Schule und einen ungezügelten Ehrgeiz in seinem ungemein befähigten Geiste zusammen. Das ging so weit, daß er im Alter von dreizehn Jahren kurz und kühn seinen Vater vor die Wahl stellte, entweder er lasse ihn auf das Gymnasium oder, wie er sich ausdrückte, »die hohe Schule« gehen, oder er laufe davon. Liborius Pfeiffer, der Hemsterhuser Kantor, unterstützte durch überschwengliches Lob »dieses Ausbundes von Kopf« das Bestreben Peters so nachdrücklich und wußte vor allem der Eitelkeit des Fremdbauern so das Fell zu streichen, daß der Wunsch des Knaben in Erfüllung ging. Daß der Schulmeister seinem Ehrgeiz und seinem frömmelnden Fanatismus auch einen Brocken gönnte, versteht sich von selbst. Der Lehrer trieb den Peter vor dem Bauer durch alle Evangelien und Weissagungen der Heiligen Schrift, schnurrte die Leiter der Geschichtszahlen auf und nieder, rechnete, daß den Alten vor halsbrecherischen Zahlen ein richtiges Grauen befiel und er sich endlich wehrte, »noch mehr von solchen Teufeleien zu hören«. Als er aber wieder mit dem Kantor allein in der Stube war, schlug er ihn auf die Achsel und lachte sich mit ingrimmiger Lustigkeit aus, daß er eigentlich selber seinen Jungen vom Hofe zwischen die »Bücherschwarten« geprügelt und dem Brindeisenerhübel den letzten Bauer genommen habe. Denn der Jakob sei alles andere eher, sogar ein richtiger Erzschlüffel, nur kein Bauer. Später kroch hinter diesem ganz richtigen Urteil des greisenden Hübelbauern noch der Gedanke, daß eigentlich der Sintlinger mit seinem blinden »Emerling« von Mädchen an der Verkehrung des alten Brindeisenerblutes in seinem Jungen schuld sei. Freilich fand sich dieser Gedanke erst später ein, leise, beiläufig, scheinbar schon unschädlich, als er auftrat. Denn der Bauernjunge vom Hemsterhuser Fremdhofe jagte wie ein Renner, spielend und glanzvoll, durch die Klassen. Drittes Kapitel Wie es die weibliche Wesensart überhaupt ist, daß alle Erlebnisse in ihr eigentlich nur Befürchtungen oder Hoffnungen wecken, so wurde Johanna nicht allein durch das Aufstoßen der alten Fremdbauernfeindschaft zwischen dem Brindeisener und ihrem Mann und dem Handel ihrer Kinder im ersten Augenblick von grellem Schreck überflackert, sondern sie ging auch noch eine geraume Zeit nachher im Dunkel unsicherer Beklemmungen umher. Denn in jenen Wochen flog durch das Leben und Wesen des Lenleins ein Widerglanz aus der musikalischen Schwarmzeit, die das Mädchen mit dem Harmonika-Gottlieb erfahren hatte. In den angefieberten Nächten, die der Verwundung auf dem Brindeisenerhofe folgten; fuhr sie manchmal im Schlaf in die Höhe, und ohne recht zu erwachen, schaute sie wie suchend umher, um dann ermüdet langsam wieder zurückzusinken und im Traume all die Gassenhauer Gottliebs leise durcheinander zu singen. Einmal bemerkte Johanna sogar, daß ihr Kind dabei die auf dem Deckbett liegenden Arme so stellte, als halte sie tanzend das Kleidchen gerafft und vollführe mit dem ganzen schlafgebundenen Leibe die Bewegungen eines Menschen, der sich dem Wogen rhythmischer Weisen überläßt. Auch im wachen Zustande jener Zeit verfiel sie wieder öfter wilder und wirrer Widersetzlichkeit, verfing sich in heißes Gemütsjächen, war viel unter dem Gesinde und ging manchmal mit so kecken, leidenschaftlichen Schritten einher, daß alle, die es sahen, in Furcht versetzt wurden, es könne sich mit schlimmerem Ausgange der Unfall wiederholen, den das Kind eben überstanden hatte. Wenn auch nicht deutlich, so doch ungefähr, überkam die Bäuerin die Empfindung, das Lenlein sei wie ein Strauch im Dämmern, der plötzlich im Scheine einer fernen Glut feurig aufleuchte. Und all das wurde ihr nicht leicht zu tragen, weil sie zu niemand davon sprechen konnte. Denn einmal galt es, das Gemüt des Lenleins von jedem Schatten frei zu halten, den es nicht verstehen konnte, zum andern mußte Johanna bestrebt sein, alle Äußerungen heimlicher Besorgnisse vor den Augen ihres Mannes zu verbergen. Der ging helläugig, gesicherter und klarer denn je umher. Und doch hat der Nachklang des Begräbnisses der Brindeisenertochter lange und tief auch in ihm nachgewirkt, trotzdem er zu keinem davon geredet hat als zu seinen verborgenen Papieren. Die Eintragung darüber ist die längste von allen und unterscheidet sich auch von den anderen Aufzeichnungen durch einen solchen Grad von Dunkelheit, ja, geradezu verworrener Vieldeutigkeit, daß nur eine förmliche Übersetzung Klarheit schaffen kann. Offenbar hat den Heiligenbauer der Drang nach klarer Erkenntnis der Seele des alten Brindeisener und seiner Sippe zu Sätzen getrieben, die auch an das Geheimnis des Wesens aller Menschenbeseelung rühren. Sie lauten in unserer Art zu sprechen: »Das Wasser der Brunnen ist lebendig und nimmt teil an dem Stauen und Strömen des unterirdischen Meeres, das zwischen Felswurzeln der Berge seine verborgenen Wege nimmt. Aber das eingesperrte Spieglein wird auch von den Bahnen der Sterne gelockt. Es bebt dem Lichte des Mondes entgegen und zittert in sehnsüchtigem Glücke, wird es von einem verirrten Sonnenwiderschein getroffen. Aber es gibt genug solch geheime Menschenbrunnenwasser, die nur in tiefen mond- und sternlosen Nächten zu klingen vermögen. Wer helle Ohren hat, der hört in dem Gegluck und Geschluchz aus ihrer Finsternis Laute wieder, die ihn einst aus Vogelliedern in der Sonne angerührt haben. Am schwersten leiden solche gefesselte Wasser in den Tiefen unter Gewittern, und zwar nicht unter Gewittern, die sich ganz austoben, auswildern und ausregnen. Sie werden am meisten von Wettern gequält, die in stiller, trockener Glut finster und dumpf stundenlang über den Bergen liegen, sich selber mit ihrer Glut versengen und nur blaues Blitzgeschwele und unförmliches Donnern hervorbringen ... Der Zorn, der nicht bezwungen, sondern nur unterdrückt werden kann, muß notwendig am Ende den Menschen und sein ganzes Leben zerstören.« Auf diese gedankenvolle Weise machte sich der Heiligenbauer einen letzten Rückfall in den fröhlichen Spott seiner früheren Zeit zunutze und erhielt zugleich durch das Zusammensein mit so vielen gewöhnlichen Menschen einen Stoß, der ihn nie wieder zu tätigem Eingreifen für das Wohl und die Erhöhung der anderen kommen ließ. Denn von dem Begräbnis der Brindeisenermalchen aus beginnt die fast wunderbare, höchste Zeit, die dem Heiligenbauer in seinem Leben beschieden war. Es sind die langen Jahre, etwa acht oder zehn, in denen der Sintlinger das erreichte, was sich die meisten, auch ausgezeichnete Menschen, nur durch die Bilder ihrer Sehnsucht aneignen können. Sein Schicksal fiel ihn von allen Seiten als ein Glänzen an. War sein Leben früher scharf und verderblich gleich einer Flintenkugel auf das Ziel zugeflogen, jetzt glitt es vorwärts, wie Kreise sich auf einem Teich ausbreiten, ja, sein Dasein war in diesen Jahren gleich dem Schall, der im Vorwärtsschreiten überallhin wandelt. Für die Leute verlor sich das Leben des Heiligenbauern und seines Kindes im Unvorstellbaren, weil es so ganz von der Gewohnheit abwich und einem Ziele zustrebte, das auch die Klügsten unter ihnen nicht zu finden vermochten. Dazu kam die Wundersucht der Menge, die maßlose Übertreibungen so liebt, und die Richtung und der Geist der ganzen Zeit, die, skeptisch und abergläubisch zugleich, sich wieder einmal auf dem Wege befand, ehrwürdige Wahrheiten zu stürzen, Sicherheiten als papierne Postamente aufzudecken, überhaupt, wie die Ruhigen sagten, einer großen Weltwende, wie die Furchtsamen meinten, einem unerhörten Zusammenbruch entgegenging. Schier zahllose Legenden und Anekdoten existieren, die sich mit dem wunderbaren Leben des Heiligenbauers in diesen Lichtjahren beschäftigen und ihn, je nach dem Wesen des Beobachters, als Weisen zeigen, der einer neuen Religion zustrebt, als verwirrten Träumer, klugen Menschenfreund, ja, sogar als Hexenmeister. Denn wirklich, man erzählt: Einmal fand sich ein armer Mann auf dem Heiligenhof ein, dessen Kuh kalben sollte, und die, weil unüberwindliche Schwierigkeiten entstanden, in Gefahr schwebte, zu verenden. Im tiefen Abenddunkel stürmte nun das Kätnerlein den steilen Zufahrtsweg hinan und kam atemlos auf dem Heiligenhofe an. Man hatte Mühe, das Stammeln des verängsteten, abgetriebenen Mannes zu verstehen, und als das endlich geglückt war, erfuhr er von der herzugetretenen Bäuerin, daß ihr Mann spazierend nach dem Buchengrunde zu ins Feld hinaus gewandert sei. Wenn er ihn durchaus noch diesen Abend treffen wollte, so müsse er es auf gut Glück versuchen, ihn in dem Büschlein zu erwischen, wo er manchmal das Hereinbrechen der Nacht erwarte. Aber raten könne sie ihm nicht, und unsicher sei es auf alle Fälle. Das Bäuerchen war schon genug angekratzt von der Hexenkralle, die nach der Meinung der Leute an des Sintlingers Zehendaumen wuchs. Darum erschrak es gleich über die vieldeutige Auskunft der Heiligenhofbäuerin, machte sich aber gleichwohl auf den Weg nach dem Buchengrunde, denn, handelt es sich um eine Kuh, so friert ja den Landmann noch in der Hölle. Also rannte auch unser Bauer aus Leibeskräften durchs Feld und dachte unterwegs immerfort bei sich: Und sollte ich mit dem Teufel selbst zu tun kriegen, das wäre mir egal, wenn nur meine »Blesse« nicht in Schinderhände kommt. Da merkte er plötzlich, daß sich der Weg unter seinen Füßen zu senken begann, und wie er erschreckt aufsah, stand er schon ganz nahe vor dem Buchenwalde und konnte doch nicht hin. Die Beine waren ihm wie zusammengebunden, die Erde vor ihm sah aus wie ein turmtiefer Abgrund, in dem ein Wassersausen dahinschoß, und zwischen den grauen Stämmen fing lauter und lauter ein Rollen an, und übermütiges Reden und Lachen von zwei Männerstimmen erscholl dazwischen, ganz so, als seien zwei leidenschaftlich auf der Kegelbahn in der Luft. Bald rief der eine »acht«, bald der andere »fünf«. Die eine, wie er genau hörte, war die Stimme des Heiligenbauers, aber die andere klang ausgebrannt und zischend, fürchterlich, daß dem Bauer das Frösteln durch die Röhrbeine lief. Dennoch faßte er sich ein Herz und rief in den Graus und das Toben hinein:»Heiligenbauer, meine Kuh ist krank.« »Hank«, äffte es aus dem Walde spöttisch zurück und brach gleich darauf in ein solch höllisches Hohngelächter aus, daß der Bauer sich bekreuzte und zitternd kehrt machte. Als er nach Stunden des Irrlaufens halbtot endlich sein Haus fand, war alles glücklich vorbei, und seine »Blesse« stand da und leckte das schönste schwarzweiße Kalb von der Welt. Seit diesem Abend zweifelte niemand mehr im Ernst bei sich, daß der Heiligenbauer mit dem Gottseibeiuns auf gutem Fuße stehe, und des Sintlingers unglaublicher Diskurs mit dem schwarzen Huhn erhielt mit diesem neuen Ereignis nachträglich eine neue Bekräftigung. Durch solche Geschichten, die das Volk einfach dem Sagenschatz seiner Ahnen entlehnte und neu aufputzte, versuchte es sich das Wesen des Sintlingers zu erklären, das immer rätselhafter und unbegreiflicher wurde. Man fand den Sintlinger vor Bäumen stehen und ehrfürchtig und ergriffen staunen, wie andere vor dem Allerheiligsten in der Kirche. Er belauschte den Wind gleich einem Schüler, dem eine unergründliche Belehrung zuteil wird. Besonders aber hatten es ihm die Spiegel stiller Wasser angetan, und der Hornwassermüller sah ihn einst an einem einsamen Teiche sitzen und richtig mit dem Wasser reden, als sei es ein Mensch und kein Ding. Ja, derselbe Müller will gesehen haben, daß auf die versunkenen Worte des Heiligenbauers ein Kräuseln über den Teich gelaufen sei, als verstände das Wasser die Menschenworte des Sintlingers und gäbe ihm Antwort. Das wird wohl die Zeit gewesen sein, in welcher der Sintlinger die folgenden Worte in seine Papiere eingetragen hat: »Das Bild der Bäume, des Himmels und eines vorüberfliegenden Vogels auf dem stillen Spiegel eines Teiches ist nichts Wesenhaftes des Teiches. Wenn das Bild schwindet oder erscheint, wird nichts Wesentliches vom Teiche weggenommen oder hinzugetan; es wird nicht weniger und mehr Teich. So ist es mit der Seele und allen irdischen Sinnbildern auf ihrem stillen Spiegel. Sie ist reicher von Grund aus als die Erde und bedarf der Welt nicht. Aber die Welt ohne Seele wäre wie ein Haufen Kehricht.« Weit hinaus, ganz aus den Grenzen seines Standes, ja, der meisten Menschen, wandelte der Sintlinger und genoß dabei den Vorteil, vor ganz einsamen Geistern, daß ihn wenigstens vorderhand niemals Bangen und Ratlosigkeit ob seines fast vollkommenen Bruches mit den Anschauungen seiner Umgebung befielen. Denn eigentlich, recht gesehen, führte ihn, wie er es sich vorgenommen hatte, das traumhaft schöne Wunderwesen seines Lenleins in diese neue Welt. Er erschuf nichts, so empfand es der Sintlinger immer, sondern nahm nur auf, was ihm geboten wurde. Die Unruhe, die der volle Mond über den Geist der Menschen bringt, der klärende Drang seiner zunehmenden Vollendung und das Stocken und Zagen während der Abnahme seiner Lichtgestalt, das und vieles andere erwarb sich der Heiligenbauer von der Seele seines Kindes her. Tiefer und unsagbarer empfand er lange vorher die Bildung von Wettern und schloß aus übersehenen Zeichen, etwa dem Klang, den der Hornflug der Käfer hervorbringt, dem Nachhall, den der Aufschrei eines Vogels am Walde verursacht, ja, aus den Gebärden der Bäume und Feldkräuter so sicher auf die Veränderungen im Luftraum, daß er in Aussaat und Ernte selten die rechte Zeit verfehlte. Sein Reichtum wuchs mit den gehäuften Fudern, die ihm das Feld in die Scheunen schickte, aber auch mit dem Gedeihen des Viehes, für dessen Wohl Johanna alle stille Achtsamkeit aufopferte, deren sie so leicht fähig war. Dieses ruhige, sichere Anschwellen des Sintlingerschen Wohlstandes verlieh seinem ungewohnten Leben auch eine Überredungskraft unter den Leuten, daß bald da und dort der Gedanke hervortrat, womöglich des greifbaren Nutzens eines solchen Daseins, aber mit dem alten Glauben und ohne Teufeleien, teilhaftig zu werden. Besonders unter den Verarmenden aus Not oder Schuld regte sich diese Partei der Anhängerschaft in immer steigender Anzahl, und wo zwei oder drei Bauern mit geflickten Kitteln zusammenkamen, verwunderte man sich über des Sintlingers Reichtum. Endlich beschlossen einige, den Heiligenbauer direkt zu fragen. Der Sicherheit halber, weil zwei Paar Ohren immer mehr hören als ein Paar, taten sich mehrere solcher Bruchbauern zusammen und wählten den Meixner-Elis aus Querhoven zu ihrem Sprecher. Der war durch sein fortwährendes Genußtollen wieder tief in Schulden geraten und glaubte einfach, durch Erfahrung eines gewissen Kniffes auf leichte Weise abermals zu einem ungemessenen Haufen von Ludertalern zu kommen. Außerdem stach ihn der geheime Neid und eine Feindseligkeit gegen den Sintlinger, die ihren Grund mehr in der verschiedenartigen Natur der beiden Männer hatte als in dem Unwillen über die Ungerechtigkeit des Heiligenbauers gegen seinen Neffen, den Harmonika-Meixner. Allen aber machte er weis, daß er den Sintlinger eigentlich liebe, wenn er ihm einzig nur vergessen könnte, daß er den Gottlieb zugrunde gerichtet habe. Denn der gehe, seit das Rasen in ihm aufgehört habe, umher wie ein Huhn, das den Pips habe, ohne Mut und Sinn. In diesem alten Zorn pleuderte der Meixner auch an dem Tage, da er mit den anderen auf den Heiligenhof ging, und sagte, daß sie sich auf ihn verlassen könnten: Habe der Sintlinger einen geheimen Trumpf, so wolle er ihn schon in die Hand kriegen, und wenn der kleine Hübelhexer auch flugs darauf sitzen sollte. Die Männer wurden aus Versehen von der Magd in die Stube der Strauchfahrer geführt. Einige waren über diese Geringschätzung traurig, andere zürnten, vor allem der Meixner-Elis. Sein rotbärtiges Gesicht verfärbte sich. Er setzte sich höhnisch auf die Bummlerbank, sprang wieder auf und durchmaß mit großen, empörten Schritten den Raum. Darüber trat der Heiligenbauer ein, entschuldigte sich über die Ungeschicklichkeit der Stubenmagd, begrüßte alle aufs freundlichste und bat sie, in sein Zimmer mitzukommen. Dort könnten sie sagen, was sie von ihm wünschten. Die anderen alle vergaßen vor der Würde und der lichten Kraft des Sintlingers sofort ihren Unmut. Der Meixner-Elis aber verfiel in sein gewohntes Schnapsgepolter und fragte ihn, und das fast so, als führe er Klage, wie er es anstelle, daß ihm das Leben, die Wirtschaft, der Frieden des Hofes, seine Ehe, ja, sogar sein Unglück so ins helle Glück geschlagen sei, obwohl er doch nicht mehr glaube, als daß ein Pfund Rindfleisch eine gute Suppe gebe. Diese Worte sprach er mit dem Hohnlachen und der Verbitterung eines richtigen Bankrottbauern. Der Sintlinger sah ihn aufmerksam und ruhig an, setzte sich kopfnickend zu den übrigen auf die Stromerbank und sagte eine Weile gar nichts. Als aber die anderen dem Querhovener wegen seiner Ungebührlichkeit Vorwürfe zu machen begannen, sprang der Sintlinger dem Bedrängten gar noch bei und entschuldigte sein Betragen. Denn wer von Natur große Füße habe, brauche derbe Stiefel und bringe es dann nicht fertig, leise aufzutreten. »Das mit dem Pfunde Rindfleisch ist auch nicht so einfach. Meißner«, sagte er dann, sich an den Betretenen wendend, in heiterem Ernst. »Denn es ist doch sonderbar, daß dieses Pfund Rindfleisch bei den verschiedenen Menschen so verschieden wirkt: Bei dem einen Hurerei, Trägheit, Betrug, Zorn und Heuchelwesen, bei dem andern Liebe, Sanftmut, Beständigkeit und klugen Sparsinn. Mein Lieber, das liegt nicht am Fleisch, sondern an der Kraft unseres Innern.« Der in seiner Seele abgestorben sei, der könne die Nahrung wohl verdauen, aber nicht verwandeln – und die Speise wirke in einem solchen nur nach ihrer Natur. Wegen dem Glück, da wäre zu sagen, man müsse auf das Fernste und Feinste hören, wenn man sein Nächstes so tun wolle, wie es richtig ist. Ja, gut, meinten nun die armen Bauern, die sich von ihrer Betretenheit erholt hatten. Aber wie das zu machen sei, das wüßten sie gern. Da sollte man mit seiner Seele verfahren wie jemand, der in seinem Hause einen Raum sucht, wo er am ungestörtesten ist. Denn alles könne die Seele ertragen, nur keinen Lärm. Sie ist still und geheimnisvoll wie das Lautlose, aus dem der Getreidehalm wächst und der Klee blüht. Die mit Gedonner laufen wie ein Pferd, kämen nie, niemals zu ihr. Die Bauern verstanden ihn nicht, sahen einander ratlos an und wagten doch nicht zu fragen. Der Meixner-Elis aber hatte sich indessen wieder gesammelt und fragte, ob der Sintlinger die Kirchenseele oder eine meine, die alle Menschen ohne Unterschied hätten. »Alle Menschen ohne Unterschied«, antwortete der Sintlinger. »Wer es imstande ist, der handle wie ich. Ich setze mich etwa vor den Hof auf einen Stuhl und regiere von hier alles. Da kommen die Boten, fünf, sechs mit allerhand Anliegen. Ich lasse sie warten und rege mich nicht. Endlich kommt der Weiße, Ferne, Strahlende, den man kaum sieht, und winkt in mir. Da erhebe ich mich und befehle. So geht alles glücklich, was ich tu und was mir geschieht. Und wer so ist wie ich, der wird mich verstehen und danach handeln.« Die Bauern aber gingen verwirrter davon, als sie gekommen waren. Hinter dem Hübel, auf dem Grenzwege, fing Prahl-Meixner an, aus vollem Halse zu lästern, und keiner der Männer verwies es ihm mehr, denn jeder meinte, entweder habe der Heiligenbauer sie nur foppen wollen, oder seine Wahrheit sei so kurios, daß niemals ein anderer davon werde Gebrauch machen können. Trotzdem hörte es nicht auf, daß fortwährend Leute mit allerlei Anliegen auf den Heiligenhof kamen, um des Bauern Rat zu hören. Der wollte das Sympathiemittel wissen, das der Sintlinger seinem Weibe für die Pflege des Viehs an die Hand gegeben haben müsse. Der andere wieder fragte ihn, was er angewendet habe, daß jede Wut für immer in ihm erstickt sei, während er selber bei geschlossenem Munde nur die Zunge rühren dürfe, so fluche und sakramentiere es von selber in den Stockzähnen, daß ihm die Ohren nur so knackten. Jedem gab er eine Antwort, keinem eine geradezu, denn die meisten kamen eigentlich nicht, um sich zu bessern, sondern aus Eitelkeit, um auch gefragt zu haben. Allein, waren sie wieder daheim, so machten sie doch vieles anders, und von dem Zusammensein mit dem Heiligenbauer brachte gar mancher sogar einen anderen Geist in sein Leben mit. Einst bekam der Sintlinger einen neuen Knecht, der so fleißig war, daß ihm die Sonne nie zeitig genug aufging und der Tag immer zu kurz geriet. Wo die anderen gingen, lief er, und hatte doch nie am Feierabende ein fröhliches Gesicht. Selbst im Traume drosch er oder ackerte, kurz, mühte sich an der Arbeit, mit der er am Tage nie fertig werden konnte, weil er sich zuviel vornahm. Als ihm der Bauer eine Zeit zugesehen und ihn umsonst ermahnt hatte, sich Muße zu nehmen und nicht während des ersten Schrittes mit den Beinen schon nach dem zweiten zu langen, entließ er ihn eines Tages vom Felde weg. Denn, sagte er, die Lasterhaftigkeit des übertriebenen Fleißes sei um so gefährlicher, weil sie allgemein für hohe Tugend gehalten wird. Die rechte Arbeit sei wohl ein guter Weg in den Himmel. Doch nur der Gelassene findet ihn, jener, der zwar jeden Tag ein Stück hinter dem Raser zurückbleibt, am Ende des Lebens aber tausendmal weiter gekommen ist als er. Und der Käfer, der immer eine große Kotkugel hinter sich herdrehe, sei darum nicht vornehmer als einer, der das nicht tue. Der Reichtum der Menschen aber gelte vor unserm wirklichen Glück nicht mehr wie so eine Dreckpille. Es kam so weit, daß kaum einer ohne des Sintlingers Rat etwas Wichtiges tat, und alles Gelungene, Ersprießliche auf zehn Meilen in die Runde geschah wie auf seinen Antrieb, auch wenn er gar nichts davon wußte. Doch blieb der Heiligenbauer seinem Grundsatz treu. Er ging einsam wie sonst, sammelte nie Anhänger und Gleichgesinnte, erteilte nur gebeten Rat, griff nie in eines andern Leben ein und hielt sich von jedem Amt fern. Erst wollte man ihn zum Gemeindevorsteher von Hemsterhus machen, nachher zum Amtsvorsteher, und endlich trug man ihm die Würde eines Kreisdeputierten an. Er schüttelte zu allem lächelnd den Kopf und fuhr fort, handverschlungen mit seinem Lenlein durch sein fernes, wundersames Leben zu wandeln. Als indessen die Bestrebungen nicht aufhörten, seine seltene Kraft und sein Ansehen dem Dienst gemeinnütziger Vereine und Einrichtungen zu gewinnen, soll er, entgegen seiner erworbenen Güte, eine schroffe Antwort gegeben haben. »Wenn ich meinen Wagen recht ziehe, so geschieht es, daß alle Menschen sich fortbewegen. Diejenigen aber, die ich mit Gewalt aufladen muß, damit sie vorwärtskommen, gleichen einem Steine, den ich in der Erwartung auf einen hohen Berg trage, daß er dort zu blühen anfangen werde. Will es der Vogel nicht selber, ändert sich sein Lied nicht.« Und als ihm zu Ohren kam, daß viele Anstoß nahmen, weil er und sein Lenlein allem Kirchenwesen aus dem Wege gingen, sagte er: »Trocknen die Quellen aus, so drängen sich die Fische zusammen und bringen ihre Mäuler nahe aneinander, um sich Feuchtigkeit zu geben. Aber dieser Zustand ist lange nicht so gut, als wenn sie einander vergessen in den Strömen und Seen. Was von den Fischen gilt, gilt noch viel mehr von den Menschen, von denen jeder in sich ein Meer hat, das ohne Zeit und ohne Ende ist, und wo die Sonne nie untergeht. Laßt mich mit den Bekehrern in Ruh. Ihre leiblichen Brüder sind die Totschläger.« So ganz ging der Sintlinger in der Hingabe an diese unräumliche, unvorstellbare Welt unter, daß sogar die Grundmauern seiner Natur verrückt wurden. Die Jahre kamen nämlich heran, da Helene nicht mehr in demselben Zimmer mit ihren Eltern schlafen konnte. Sie siedelte in eines der Zimmer des oberen Flures über, neben die Stube des Sintlingers, und es ergab sich wie von selbst, daß nicht ihre Mutter, sondern der Heiligenbauer mit seinem Kinde von nun an Wand an Wand schlief, um gegebenenfalls bei der Hand zu sein. Johanna fand diese Lösung ja ganz dem innigen Verhältnis entsprechend, in dem die beiden zueinander standen, und drängte von selbst darauf. Aber als sie das erstemal allein in dem Schlafzimmer neben der Gesindestube lag, das Licht ausgelöscht hatte und schon halb im Traum noch einmal nach dem Bette ihres Mannes hinüberfühlte, griff ihre Hand ins Leere, und da sie sich erschrocken aufrichtete und den Namen ihres Mannes rief, klang der Nachhall ihrer Stimme von den Wänden des halb ausgeräumten Zimmers zurück, als komme er aus einer ausgestorbenen Welt. Die Heiligenhofbäuerin lächelte wohl über ihre Empfindsamkeit, konnte aber doch gegen die tiefe Erschütterung ihres Innern nichts ausrichten, beugte sich nieder und raffte mit beiden Händen das Deckbett zu einem Knäuel zusammen, den sie krampfhaft gegen ihr Gesicht drückte. So mit zusammengebogenem Körper überließ sie sich der Flut von Tränen, die gar nicht aufhören wollten. Jetzt, das fühlte sie, war ihr Mann, in dessen unerreichbare Weisheit sie ja nie fand, noch weitergerückt. Und so kam es auch. Der Heiligenbauer wurde so weit von ihr fortgeführt, daß er wohl noch Liebkosungen, Herzlichkeiten, Mitgefühl und alles Verstehen treuer Güte, allein nicht mehr jenen Strom der Inbrunst ihr mitteilte, durch den Frauen aufs neue von dem Manne mit der Kraft ihres Wesens beschenkt werden. Unter den geheimnisvollen Umarmungen, denen sein Geist auf dem Wege nachging, den ihn sein blindes Kind führte, hörte endlich ganz die Lust auf, durch Umarmungen seines Weibes in heißem Blühen hinzuschmelzen. Und da Johanna die Sehnsucht empfand, ihr aber aus Keuschheit den rechten Namen zu geben scheute, machte sie sich durch doppelte Arbeit taub, durch zwiefache Sorgenbesessenheit stumpf und konnte doch nicht verhüten, daß sie immerfort nach etwas Verlorenem suchte. Drohendes über sich fühlte und Gefahren nahe sah. Aus diesem Grunde auch ging sie ganz am Ende der Prozession, in der von allen Seiten her begeisterte, wundersüchtige und ehrliche Sucher hinter ihrem Manne und ihrem Kinde zusammenströmten. Viertes Kapitel Indessen war die Rütschin aus der Wuhle mit dem Kinde niedergekommen, dessen sie in den Wirbeln habhaft geworden, durch die das hübelheilige Lenlein die Trauer um das gestorbene Weißköpfchen für immer von ihr genommen hatte. Allein dem neuen Leibkinde war bei dem abendlichen Überfall, den die Rütschin von einem Unbekannten auf der Waldwiese zu erdulden gehabt hatte, ein Schaden zugestoßen. Denn sie brachte wohl zur bestimmten Zeit ein Mädchen zur Welt, das neben der Schönheit des Weißköpfchens die engelhafte Zartheit des Heiligenlenleins besaß, aber nur ein paar Tage lebte, und das, ohne die Brust der Mutter auch nur zu berühren. Dann starb es schnell und ohne Krampf, ohne eine Miene zu verziehen, so, als sei es gar nicht auf der Welt gewesen. Und so scheint es auch die arme Rütschin selber aufgefaßt zu haben, nicht als sei es ein wirkliches, ihr Kind gewesen, das sie geboren und kaum recht besessen, schon wieder hatte hergeben müssen, sondern das, halb ein Schatten des Weißköpfchens und halb ein Widerschein des Heiligenlenleins, nur deswegen aus ihrem Körper durch die Welt gehuscht sei, um die Mutter auf den rechten Weg zu weisen, der ihr von Anfang an bereitet war. Sie hatte schon nach dem Tode ihres geliebten Söhnleins einen inbrünstigen Rückschlag in den wiedertäuferischen Glauben erlitten, der als uralter Schatten noch in den meisten Querhovener Häusern lebendig umging, indem sie ihre übrigen drei Jungen nächtlicher Zeit durch das Wasser des Waldteiches einem neuen, höheren Leben wiedergab. Aber nun nach dem Erbleichen ihres letzten Kindes ließ sie die Gewalt des neuen Geistes aus der gehüteten Heimlichkeit immer offener in ihr Leben einbrechen, saß jeden Abend vor dem Schlafengehen einige Zeit über der alten Bibel und fing auch so mit der einsamen Lesung irgendeiner Stelle ihren Tag an, der, wenn es die Arbeit nur immer zuließ, zu einer dauernden Meditation und Hinkehr nach jenen höheren Regionen des Daseins wurde, in die sie Wachen und Schlafen durch die Kraft heiliger Worte immer emporzuheben nicht nachließ. Unter den Folgen ihrer »Erweckung« erlitt weder der Gang der häuslichen Geschäfte, noch ihr Verhältnis zu Mann und Kindern, noch auch ihr Wesen im mindesten eine Veränderung zum Schlimmen. Darum ließ sie ihr Mann, der gute Rütsch, nicht bloß gewähren, nein, nachdem er wegen der Verletzung seiner Treue gegen den katholischen Glauben der Väter durch ein verheimlichtes Verdunkeln der Seele gegangen war, nahm er sogar diesen und jenen Hauch des Geistes an, dem seine über alles geliebte Ursel in dem Hause der Wuhle eine Heimstatt schuf. Aber nicht er allein wurde von der Gewalt ergriffen, die immer tiefer in das Leben seines Weibes einzog. Ganz Querhoven, soweit es nicht aus später zugewanderten Familien bestand, begab sich lautlos, wie den Bildern eines uralten Traumes nachwandelnd, auf den Weg, den die schöne Rütschin geführt wurde. Klänge, aus Jahrhunderten stammend, die längst den hörbaren Zauber verloren hatten und zu unruhvollem Blutskreisen, grillenhafter Gemütsspannung oder verbohrter Schrullenhaftigkeit, kurz, zu einem quirligen und quengigen Wesen geworden waren, begannen mit leisem, zauberhaftem Wohllaut durch die tiefste Seele zu wehen. Das Erstaunen, wie über ein nahendes Zeiterwachen, das diesem Nest der armen Speilhobler und Spunddreher geschenkt worden war, hatte durch die Pläne des Sintlingers, von denen entschiedene Verbesserungen der Lebensumstände zu erhoffen waren, einen wirklichen Boden, sichtbare Ziele und denkbare Wege erhalten. Der alte unterirdische Wundersuchtsstrom Querhovens war ans Licht gehoben worden. Jetzt strömte das muttertiefe, rührende Leben der Rütschin einen Schimmer über diesen Glauben der Väter, den alle nie recht gekannt und geübt hatten, vor den sie sich in vergessenen Winkeln ihrer Brust nur manchmal als Schatten vor einem Schattenhaften hatten verneigen müssen. Vielleicht geschieht einem einzelnen Menschen etwas Ähnliches, dem in den Dämmerungen des Alters plötzlich seine erste Liebe das Herz heiß durchbraust, obwohl es keinen Zug jenes Bildes mehr aufbewahrt hat, den es deuten, keinen Tod, den es ergreifen, keine Gebärde, die es hinreißen kann. Es wird nur glückhaft betört. So sinnlich diese einfachen Menschen ihre Seele erlebten, so sinnlich erfuhren sie auch die Heimsuchung des neuen Geistes. Auf dem Katnerwesen des Banlyßender, aus dem die Ursula Rutsch stammte, schimmerte an manchen finsteren Abenden jene. Mauer des Hauses in einem unsagbar schwebenden Licht, die noch nie von einem anderen als dem Strahl der letzten Sonne getroffen worden war. Der Müller hörte die verstoßenen weiblichen Dämonen jener Gegend nach einem halben Jahrhundert wieder das erstemal im Morgengrauen von Uferloch zu Uferloch sich im Mühlgraben murmelnd unterhalten und mit Geschluchz fortwandern, das aber in der Ferne immer heiterer geworden war und endlich in einem leisen, herrlichen Gesang sich verloren hatte. Am Waldteiche sahen heimkehrende Holzfäller die weiße Gestalt der Katharina Tauche wandern und beim Herannahen mit auseinander geworfenen Armen und glückhaftem Lachen wieder in dem Wasser verschwinden, in welchem sie sich vor langer Zeit aus religiöser Schwermut ertränkt hatte. Zu der verschwiegenen Unterhaltung zweier Vertrauten über neue, merkwürdige Vorkommnisse gesellte sich der herzliche Freund des einen und der treue Bruder des anderen. Die Ergriffenen entzündeten sich gegenseitig, die Scheu vor sich selbst und der erzählten Seltsamkeit schwand mehr und mehr, die einsame Inbrunst, die so leicht erlahmt, verlangte nach der Glut des anderen Herzens, und so, über die eigene Kraft hinausgesteigert, schwelgte es bald aus dem Schauern an verborgenen Gesichten in die heißen Feuer der lauten Verkündigung vor allen. Das »Zungenreden« in religiösen Geheimzirkeln war da, ein Mittelpunkt geschaffen, an dem sich der Taumel des einzelnen neu beleben und immer tiefer dringen konnte. Niemand wußte zu sagen, wie es zugegangen war, aber nach Verlauf von kaum zwei Jahren war das religiöse Leben der Querhovener zu einer zwar phantastischen, aber festen Ordnung gelangt, der sich kaum einer entzog, der von den Ahnen her eine wiedertäuferische Fiber im Leibe hatte. In jener Zeit waren die Verhandlungen über den Bau der neuen Kunststraße an den Rhein so weit gediehen, daß in den Gemeindevertretungen der drei beteiligten Dörfer Hemsterhus, Brederode und Querhoven die endgültige Beschlußfassung zugunsten der Waldstraße ausfiel, die durch den Wald der beiden Fremdbauern führte, wie der Sintlinger und der Brindeisener noch immer hießen, sobald man sie zusammen nannte. Der Plan begann sich der Ausführung zu nähern, den der Sintlinger vor langem beiseitegeschoben und nur in einem achtlosen Spaß gegen den Brindeisener gefördert hatte. Gleichzeitig willigte der Heiligenbauer in die Abtretung gewisser Gebietsstreifen seines Feld- und Waldbesitzes und genoß auch nur wenig das Vergnügen an der standhaft verheimlichten Wut des alten Brindeisener über die Verhunzungen seiner schönsten Gewanne durch den neuen Straßenlauf. Dieser fluchte wohl, aber nur mit hauenden Schritten beim Gange, schimpfte auch, doch bloß mit den Augen, und Werte in dem bellenden Ton seines Hustens. Im übrigen ließ er sich das Mißvergnügen nicht anmerken, durch seine Feindseligkeit von dem Heiligenbauer in einen Handel verwickelt worden zu sein, den er sonst bis zum letzten Hauch seiner widersetzlichen Brutalität bekämpft hätte. Und da er von der Vorstellung seines Ansehens behindert wurde, sein Wort zu brechen und alles über den Haufen zu werfen, begnügte er sich damit, wo es immer ging, den Sintlinger mit Hohn über den Schaden durch den Straßenbau in den Zorn und die Wildheit hineinzuhetzen, die er selbst mühsam verbarg. Aber der Heiligenbauer war mit nichts aus der fernen Gleichgültigkeit herauszubringen und tröstete den Brindeisener mit der Rücksicht auf den Vorteil aller so, als hätte dieser alte Bitterbauer nicht ihn, sondern sich selber verhöhnt. Das ging so weit, daß der alte Brindeisener nach langem, dumpfem Bohren eines Abends seinem Weibe die peinvolle Erkenntnis gestand, er komme sich in dem Straßenbau von dem kleinen Hübelhexer drüben hinters Licht geführt vor, daß er bei Gott eigentlich nicht anders gehandelt habe, als dem Sintlinger die eigenen Hosen hinzuhalten. Mit bösem Augenglimmen empfing er die Katasterbeamten zur Vermessung auf seinem Gut, und wäre es nach ihm gegangen, er hätte die rotweißen Pfähle aus der Erde gerissen und an ihren Köpfen kurz und klein geschlagen. Das allerärgerlichste aber an der ganzen Angelegenheit war die Tatsache, daß der Heiligenbauer ohne sein Zutun auch hier wieder schon bald der Mittelpunkt geworden war, von dem aus alle Maßnahmen ihren Sinn erhielten, mochte sich der alte Anton noch so sehr bemühen, auch mit seinen Raten Raum und Geltung zu gewinnen. Die übrigen Bewohner von Hemsterhus, nachdem sie lange Monate in leerer Besserwisserei um das Projekt geschwärmt waren, kehrten, weil es zu lange dauerte, an ihre häuslichen Geschäfte zurück, der an die Schnitzbank, jener hinter sein Gespann, manche zu dem ewigen Zank mit ihrem Weibe und andere zu Spiel und Trunk. Allein, die Querhovener hörten nicht auf, mit der lebendigsten Anteilnahme allen Wendungen und Verwandlungen in der Ausführung des Bauplanes zu folgen. Nicht allein deswegen, daß die Straße durch einen Teil des Ortes führte und sie, die immer Beiseitegeschobenen, nun bedeutsam in das Getriebe der Welt einfügte, nein, vor allem, weil in ihrer Schwarmsucht die Meinung entstanden war, dieser neue Weg, der sie hinauswies, müsse durchaus als »eine dringliche Verheißung der Vorsehung« aufgefaßt werden, daß eine neue Zeit anbreche, das große Neujahr der Menschheit, da, wie immer »die Leeren und Sündhaften sich auch stellen mögen, das himmlische Zion auf allen Wegen unter die Menschen dringe«. Und weil diese Unternehmung, die ihrem äußeren und inneren Leben ein so bedeutendes Licht brachte, von dem Heiligenhofe ihren Anfang genommen hatte, gab sich ihr Glaube erst recht Mühe, hinter dieser profanen Angelegenheit eine rätselhafte Fügung Gottes zu ahnen. In ihren geheimen nächtlichen Zusammenkünften, die reihum bei den edelsten Eiferern abgehalten wurden, suchte man in der Heiligen Schrift nach Stellen, die dem Wahne recht gaben, aus ihrem Winkel werde die Erneuerung der Christenheit den Ansang nehmen, wenn das Maß der Glaubenssünden voll sei. Und so geschah es, daß sie immer mehr des Stolzes aller Sektierer voll wurden, mit verborgener Geringschätzung auf alle Menschen zu sehen, die ihre Seelen in dem toten Atem der Priester verwesen ließen, indem sie glaubten, man könne auf einer papiernen Brücke und mit den Füßen anderer hinüber zu Gott gelangen. Obwohl sich langsam ihre religiösen Übungen in die feste Form gewisser Zeremonien gewöhnten, nahm doch der Geist, von dem sie getrieben wurden, je nach der Natur der hauptsächlichsten »Verkünder«, ein immer verschiedenes Wesen an. Diese Vielgestaltigkeit der Erscheinung des neuen Geistes war einer der Hauptgründe seiner Werbekraft. Der Kreis seiner Anhänger wuchs fortwährend, weil sich jeder einmal durch den Mund eines Erweckers mit dem Klang seiner eigenen Natur im Innersten getroffen fühlte. Zuletzt hielten sich in ganz Querhoven nur zwei von dem Strome abseits, der die Menschen dieses armen Dorfes dem Schimmer einer unbeschreiblichen, fernen Erwartung entgegentrug: Gottlieb, der Neffe des alten Zenker, der auf so abenteuerliche Weise vor langer Zeit den Heiligenhof verlassen hatte, und sein Onkel, der Prahl-Meixner, auf dem einzigen Großbauernhofe über der Mühle. Man sagt, der große Elis habe in dieser Periode, da beide außerhalb der Bewegung standen, durch schief gestellte, hämische Worte, wie es eben seine Art war, versucht, in Gottlieb das alte Polterwesen zu wecken und gegen das geheime Treiben der Eiferer zu lenken. Allein, der junge Mensch war seit seiner Echternacher Wallfahrt so von Grund aus verändert, daß er mit nichts in die laute Ausbündigkeit seiner früheren Heiligenhof-Feindschaft zu bringen war; aber auch die sorglose Heiterkeit seines angeborenen Wesens, sein Harmonikaleiern, schien für immer von ihm abgefallen. Er hatte sich in der Stube seiner Mutter eine Hobelbank aufgestellt und stieß vom grauen Morgen bis in den späten Abend mit dem mehrfach geöhrten Eisen Speile aus eingepflöckten Scheiten, ohne um- und aufzusehen, gleichgültig gegen seine bekümmerte Mutter, gegen die Welt, ja, wie es den Anschein hatte, sogar gegen sich selbst. Sein hügeliges, großes Gesicht war blaß und abgemagert, seine kleinen Augen hatten ihre jachen Unruheüberfälle eingebüßt und lagen verloren und regungslos auf dem Grunde der geräumigen Höhlen, und wenn etwas in diesem schnell erloschenen Leben noch deutlich zu erkennen war, so bestand es in einem unabwendbaren, schon fast schmerzlos gewordenen Kummer. Höchstens, daß er öfter und länger, die Hände zwischen die Knie geklemmt oder den Kopf aufgestützt, an dem Fenster saß, das nach der Lehne zu hinausging, die Querhoven von dem Gebiet der Fremdhöfe schied, so daß man hätte denken können, das Kreisen verborgenen Träumens schweife noch immer nach dem Heiligenhofe hin, wo seinem Leben ein Stoß versetzt worden war, den niemand verstand. Aber als seine Mutter ihn einst deswegen geradezu fragte, antwortete er nicht, ja, sah nicht einmal herum, sondern stand auf, ging hinaus und vermied es, von diesem Tage an je wieder von dem Platze her Ausschau zu halten. Die Stunden seiner Muße verbrachte er nun außerhalb des Hauses, am liebsten an den dunkelsten Stellen des Waldes. Dort lag er auf dem Rücken und starrte unverrückt in die Kronenfinsternis über sich oder warf sich wohl gar aufs Gesicht und drückte die Stirn so in das Moos, als grübe er am liebsten seinen Kopf in die Erde. Wegen dieser vollkommenen Abwendung seines Lebens kam seine Mutter endlich auf die schreckenvolle Vermutung, ihr Sohn habe eine geheime Untat auf sich geladen, die ihn nun von innen her auffraß. In dieser höchsten Not trat in seinem Leben eine Wendung ein. Es geschah an einem Abende, da sich die Gläubigen Querhovens im Hause des Vanlyßender versammelt hatten. Der Natur dieser sanften Familie gemäß fanden sich alle gemütsstillen, seelentiefen, stumm bewegten Menschen ein, die in aufgelöster Andacht gewohnt waren, über blaue Wellenberge von Träumen sich Gott nahe zu heben. Nach der achten Abendstunde des frühen Herbsttages begann sich die geräumige Stube mit Gläubigen zu füllen, die mit dem leisen Gruße: »Gott blühe uns!« eintraten und von dem Hausvater und seinem Weibe empfangen wurden. Als ein Viertel nach acht auf eine kurze Zeit der Strom der Ankömmlinge anschwoll, beteiligten sich auch Rütsch und seine Frau, die inzwischen eingetroffen waren, an der Ordnung der Menschenschar, insbesondere holten sie diesen und jenen Alten, der bescheiden an der Tür stehengeblieben war, näher an den Tisch heran und wiesen ihm einen Platz auf einem Stuhle oder der umlaufenden Wandbank an. Bald war der große, niedrige Raum voll von Besuchern, die, schweigend oder nur gedämpft karge Worte tauschend, in dm verschiedensten Stellungen dem Beginn der Erbauungsstunde entgegensahen: die einen saßen in gesammelter Demut wie saugend in sich zusammengesunken, andere, an straffen Armen die Hände fest ineinandergeschlungen, standen gereckt, den Kopf horchend gehoben, die lehnten versunken an der Wand, die kauerten in Winkeln, die meisten saßen kniend auf ihren Beinen bis nahe an den Tisch heran, über dem die kleine Schirmlampe in einem dumpf-rötlichen Ballen Licht hing. Die Plätze um den Tisch waren bis auf einen besetzt. Die Ursula Rütsch hatte neben ihrer Mutter auf der Ofenbank Platz genommen. Als niemand mehr kam, floß die Erwartung der Gläubigen in eine wortlose Forderung zusammen. Die Ursula hob den Kopf, blickte in die nach dem Tisch zu gewandten Gesichter der Brüder und Schwestern, nickte ihnen fragend zu, und alle gaben zur Antwort ein Nicken der Einwilligung zurück. Darauf erhob sich die Ursula und holte ihren Vater, den alten Vanlyßender, hinter dem Ofen hervor, wo er sich verborgen hatte, und führte den betreten lächelnden, greisen Mann an den Ehrenplatz unter der Lampe, ihm damit für diesen Abend den Vorsitz übertragend. Nachdem der Alte sich niedergelassen und, die gekreuzten Hände auf der Bibel haltend, ein Weilchen verharrt hatte, war es ihm gelungen, aus sich heraus in das größere Wesen zu sinken, das alle erwarteten. Die Betretenheit schwand aus seinen Mienen. Er faltete die Hände, erhob sich und sprach eingesunkenen Auges mit tiefer Inbrunst das Gebet der Erweckung: »Über den Bergen, o Gott, stehen deine Augen und schlafen nicht. Mit den Winden wandern, mit den Wassern reisen deine Füße über die Erde und ruhen nicht. Deine Träume wachsen als Blumen auf allen Feldern. Du redest im Brausen der Wälder und erfüllst mit deiner Stimme den Gesang der Vögel.« Und als er nun zu den Stellen kam, die von der Gleichgültigkeit der Menschen diesem tausendfachen Ruf Gottes gegenüber handelten, steigerte sich seine Stimme zur leidvollen Ergriffenheit. Den Schluß aber, »die Bitte um Lösung der Fesseln vom eigensüchtigen Herzen und der Gefangenschaft des eigenen Willens«, sprach er erschüttert. Seine hohe, kindhaft reine Greisenstimme wurde von dem Beben der Andacht vielfach erstickt. Den Ruf nach Erweckung brachte er wie einen Schrei heraus und mußte sich dann schnell und fallend setzen. Da und dort tönte unterdrücktes Seufzen, Stöhnen, ja sogar Schluchzen aus der Versammlung. Aber als das Eingangslied gesungen worden war: »O Sünder, komm herbei und laß dein Herze rühren. Dein Heiland steht bei dir, will dich mit Gnade zieren«, hatte sich die schmerzvolle Aufregung der Gläubigen in eine stille, hohe Spannung der Seele gesänftigt. Darauf rief der alte Ender, wie es Sitte geworden war, »nach einem unschuldigen, einfältigen Herzen, das den Versammelten für heute den Weg zur frommen Höhe« weise. Nach einigem Zögern trat ein zartes Mädchen, eben der Kindheit entwachsen, zaghaft an den Tisch, schloß die Augen und tastete mit den Händen nach dem hingeschobenen Bibelbuch. Als sie es erfaßt hatte, drückte sie einen Kuß darauf und öffnete es dann. Alle Anwesenden folgten mit Spannung dem Ausfall »der Wahl«. Vanlyßender zog das aufgeschlagene Buch an sich und las: »Das Büchlein Ruth, erstes Kapitel, sechzehnter Vers.« Über die Gesichter der Gläubigen ging ein glückhaft erstauntes Erhellen, daß das Kind, von seiner unschuldsvollen Seele geführt, in diese lieblichste Gegend des Garten Gottes geraten war. Ungefähr diese Worte gebrauchte der greise Ender, um das gläubige Erstaunen aller auszudrücken, wie sichtbar der Herr durch das Kind im Geiste dieser Stunde sei. Dann aber begann er zu lesen: »Und sie antwortete: Sei mir nicht entgegen, so daß ich dich verlassen und zurückkehren sollte; denn wo du auch hingehst, gehe ich hin, und wo du bleibest, bleibe ich auch. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott mein Gott.« Der Vanlyßender las die Worte langsam, mit psalmodierender Stimme, und da er etwa in der Mitte des Verses angelangt war, öffnete sich wie von ungefähr die Tür. Das leise Brausen des fernen Waldes floß in die Stube und begleitete wie himmlisches Orgelrauschen das singende Sprechen des greisen Mannes. Alle empfanden das als ein Zeichen von oben und richteten nach einem betroffenen Blick auf die Tür die glänzend gewordenen Augen und erblaßten Gesichter nach dem erleuchteten Tisch. Am tiefsten wurde die Ursula aus der Wuhle erfaßt. Die Mienen ihres schönen Gesichtes zerflossen in traumwandlerischer Entrücktheit, und so, frohlockenden, starren Auges, erhob sie sich, nahm sanft ihrem Vater das Buch aus der Hand und las weiter: »Das Land, das dich im Tode aufnimmt, darin will ich sterben, und da soll der Ort meines Begräbnisses sein.« Schon bald nach den ersten Worten verwandelte sich der Ton ihrer fraulichen Stimme in die schwingende, hohe Süße kindlicher Sprechweise. Dann brach sie im Lesen ab. Es hatte sie ergriffen. Sie richtete ihre entzückten Augen auf die offene Tür und lauschte eine Weile in das leise Brausen des fernen Waldes. Und jetzt begann sie: »Und wenn Gott über uns Menschen den Tod eines Lieben verhängt hat, so sind wir mitnichten von denen geschieden, die von uns genommen sind. Die Toten treten verklärt durch das Tor unseres Herzens in unser Leben ein. Und wenn wir essen, so sitzen sie neben uns, langen in die Schüssel mit uns und sättigen sich an dem Mahle, das uns speist. Mein Schlaf ist erfüllt von ihrer Gestalt, auf dem Wege begegne ich ihnen.« So schwelgte die Rütschin noch eine Weile in der Trauer um ihre verstorbenen Kinder. Es war allen, die ihr Weißköpfchen gekannt hatten, als spräche der Verstorbene aus ihrem Munde. Aber gegen das Ende hin wandelte sich der Klang ihrer Stimme abermals: sie redete weich, wie mit dem Tone eines silbernen Glöckchens, leicht wie Hauchen. Und kaum hatte sie so ein paar Sätze gesprochen, so flüsterten sich die Zuhörer zu: Nun rede das Heiligenhoflenlein aus ihr. Die Verzückte mußte die leisen Bemerkungen gehört haben, denn nach einem Stutzen sagte sie, die Zuhörer direkt anredend: »Ihr habt recht, ihr Schwestern und Brüder, die Zeit naht sich der Erfüllung. Das Zion, das neue Zion auf dem Berge ist nahe. Durch ein Kind kommt uns abermals Gnade, und die Heilige, die Gott sendet, ist schon mitten unter uns. Wer an sie glaubt, wird erhoben werden in seinem Herzen; aber wer sich ihr widersetzt, der wird ins Dunkel verstoßen werden und wandert im Finstern. Wehe den Verblendeten! Wehe ihnen!« In der Totenstille, die diesem Ausruf folgte, entstand an der Tür plötzlich ein Geräusch, als sinke ein Mensch zusammen, und unterdrücktes Schluchzen ertönte. Die Zunächstknienden wandten sich um, der Kreis öffnete sich, und man sah den Meixner-Gottlieb noch halb im Vorraum, das Gesicht in den Händen vergraben, auf der Schwelle liegen. Er stotterte schmerzvoll immerfort vor sich hin. Dem Klang der Stimme nach waren es Selbstanklagen. Und da man ihn aufgehoben hatte, stand er blaß, mit niedergeschlagenen Augen da und wagte niemand anzublicken. Alle waren glücklich über die Erweckung des Burschen, der sich so lange ferngehalten hatte, traten der Reihe nach heran, drückten ihm die herabhängende Hand und gingen erhoben nach Hause. Der Harmonika-Meixner rührte sich nicht von der Stelle in dem Vorraum, wohin er zurückgetreten war. Aber da Anselm Rütsch und seine Frau als letzte davongingen, trat er auch aus dem Hause und folgte ihnen von ferne bis in die Wuhle hinauf. Und dann sahen sie ihn im Lichte des späten halben Mondes noch lange wie eine Bildsäule stehen und nach dem Rütschhause blicken. Allein jene, die in der Erschütterung Gottlieb Meixners nur seine Erweckung zum Dasein der Auserwählten sahen, täuschten sich. Auch seine Mutter. Er bat weder um die Wiedertaufe, noch auch gab er andere als hinhaltende Antworten auf das Drängen, endlich in das Bad des Lebens zu steigen. Ja, als ihm eines Tages von irgendwem das weiße Taufhemd mit einem Mahnzettel in verstellter Schrift kurzerhand ins Haus geschickt wurde, gab er es bald durch einen Angesehenen der geheimen Gemeinde zurück. Und weil er gleichwohl fortfuhr, wenn auch nur als Türsteher, alle Versammlungen zu besuchen, in denen sich die Ursula Rütsch einfand, und nie aufhörte, die schöne Frau durch scheue, kummervolle Verehrung auszuzeichnen, mußte man erkennen, daß der Bursche von einem anderen als dem Heiligen Geiste erfaßt worden war. Aber die Vermutungen hielten auch nicht stand. Gottlieb sei in Liebe zu der schönen Ursula entbrannt, denn nie trat er aus seiner fernen Scheu heraus, in der er sie ansah, ihr lauschte und von weitem folgte, so oft sie im Dunkel nach Hause ging. Aber einige Monate nach dem Beginne seines Dienstes um die Rütschin, im Mai des nächsten Frühjahrs, fand die Schwerdtnerin auf der Schwelle ihres kleinen Häuschens in Hemsterhus eine neue Gitarre liegen und nahm sie nach glückhaftem Verwundern als die geheime Gabe jenes Unbekannten an sich, der ihr bei dem Überfall in der Nähe des Brederoder Steinbruches einst die alte Zupfgeige zertreten hatte. Niemand kam auf den Gedanken, jener reuevolle Übeltäter an der armen Straßensängerin und der scheue Verehrer der Rütschin könne ein und dieselbe Person sein. Die Schwerdtnerin zog wieder mit dem Klange der Stimme des Heiligenhoflenleins in ihren gräserleisen Liedern von Dorf zu Dorf, von Haus zu Haus, und die Menschen rechneten bald die rührende Schönheit dieser späten Wiedervergeltung zu den anderen wundersamen Eigenschaften der kleinen Witwe. Zudem brachen auch nicht lange danach unruhvolle Zeiten über jene Gegend aus und verhinderten, den verborgenen Irrwegen eines leidenschaftlichen Gemütes nachzugehen. Fünftes Kapitel Die Querhovener Aberchristen hatten es im Munde der Leute auf den Dörfern rundum natürlich nicht zum besten, und der gelindeste Ausdruck für ihr heimliches Kirchen- und Gnadengewese, »Himmelsknorzen«, war doch sehr bezeichnend für ihre peinlich-schroffe Abschließung gegen alle Verunreinigung durch sektiererische Flugsamen von außen. Sie bewahrten ein vollkommenes Stillschweigen über ihre innere Einrichtung und Lehre, trieben keinen Seelenfang und ließen allen Spott in nachsichtiger Güte an sich unwirksam werden. Doch als alle Draußenstehenden noch glaubten, der tiefste Friede herrsche unter ihnen, bereiteten sich Mißverständnisse und innere Reibungen vor. Die unbesiegliche Hartnäckigkeit Gottlieb Meixners, trotz aller Lockungen seinen Platz im Vorraum an der Tür der Schwarmkirche nicht aufzugeben, sondern immerfort, halb Horcher und halb Hörer, von draußen das Gnadentreiben zu beobachten, wirkte erst beunruhigend und führte dann zu richtigen Mißhelligkeiten. Denn der Wortführer des exorzistisch angehauchten Teiles machte jener um den Vanlyßender gruppierten Partei den Vorwurf zu großer Unbestimmtheit, zu weichlicher Gefühlschwelgerei, weswegen ergriffene Seelen gleichsam nur am Saume berührt, nicht bis in die Tiefe heilsam erschreckt und aufgewühlt, im Sturm dem Glauben gewonnen, sondern nur laulich hin und her geschaukelt würden. Einer legte in einer Versammlung »der Weichen« gar ein hölzernes Schwert vor den Vanlyßender auf den Tisch und fragte mit lauter, vorwurfsvoller Stimme alle Anwesenden: »Wißt ihr nicht, daß unser Herr Jesus den Kampf gebracht hat? Auch sagt der Herr: Ich bin gekommen, ein Feuer auf die Erde zu werfen.« Und damit verschwand er aus dem Kreise. Denn gar zu leicht vernachlässigen innerlich Besessene bei dem steten Glühen für ihre hohe Absicht die Form ihrer äußeren Handlungen und blasen, könnte man sagen, auf einem Grashalm Posaune. Und so vergriff sich nicht nur dieser streitbare Exorzist unter den Querhovener Gläubigen, sondern auch die anderen beiden Parteien erhoben sich zu gar oft komischen Rechtfertigungen ihrer besonderen Weise. Es erschienen Plakate an den Zäunen mit der großen Frage: »Bin ich ein Lauer?« Und so oft ein Sanfter in die Nähe eines heißen Schwarmhauses kam, begann die ganze Familie drin das Kampflied zu singen: »Spring auf, mein Herz, und wappne dich.« Aus dem Streit um den Schritt wurde unversehens ein Streit ums Bein, man wich in der Auslegung der Grundwahrheiten auseinander, und aus dem ehrlichen Bestreben, sich zu verständigen, entzündete man sich immer mehr. Denn nichts empört so sehr als die Ablehnung einer Kleinigkeit. In diesem Kochen gerieten die Gelassenen auf den Gedanken, dem Heiligenbauer das Amt des Schiedsrichters zu übertragen. Denn wenn er sich auch abseits von ihnen hielt, er war seinem Wesen nach doch einer der Ihren, und eigentlich von seinem Hofe her hatte die Erweckung des ganzen Dorfes den Anfang genommen. Der Vanlyßender wurde also an den Sintlinger mit der Frage gesandt, ob man in der Seele um des Glaubens halber Gewalt gebrauchen oder alles dem Wirken Gottes anheimstellen solle. Der Heiligenbauer hörte die langen Auseinandersetzungen des bekümmerten Greises an, überlegte lächelnd eine Weile und sagte dann: Beim Pfeifen komme es nicht aufs Mundspitzen, sondern aufs Lied an. Aber das rechte Lied ordne die Lippen von selber. Das sollten sie bei sich bedenken. Im übrigen bäte er, ihn mit solcherlei Anfragen nicht mehr zu behelligen. Aber die Querhovener hörten nicht auf, ihm jedes Glaubensgericht zur Begutachtung zu übersenden, das ihre Unruhe verdorben zusammengebraut hatte. Und als der Sintlinger noch einige begütigende Ausweichungen aufgebracht hatte, wurde er unmutig, und nach der Meinung der einen soll er nun den Ausspruch über die Fische als Antwort gegeben, nach anderen aber sie erregt mit folgenden Worten vom Hofe gewiesen haben: »Ich bin nicht euer Papst, und wenn ihr noch etwas wissen wollt, so gebt acht auf das Wasser, wenn es sich in eurer Hand zum Tropfen zusammenrollt und so ein Abbild der ganzen Welt wird. Wenn ihr hört, daß es dabei einen Laut hervorbringt, so habt ihr recht, mit Geschrei und Zank auf Gott und eure Seele Jagd zu machen. Im anderen Fall legt einen Grashalm auf den Mund und atmet durch die Nase, wenn ihr mit euch oder anderen andern Sinnes werdet.« Dieser Bescheid des Heiligenhofbauern verhalf dem Geiste der stillen Inbrunst in Querhoven wieder zum Siege, und alle kehrten auf den Weg des sanften, verzückten Dienstes zurück. Der Sintlingerstein unter den Torlinden des Heiligenhofes war eines Morgens über und über mit roten Heckenrosen besteckt, die Ursula Rütsch, der man diese Huldigung zuschrieb, sang das Lob des »gottessichtigen« Lenleins wieder öfter, und Gottlieb Meixner fand sich als abseitiger Mitgänger unbelästigt wieder in den Versammlungen ein. Und so hätte sich das geheime Pilgern der armen Querhovener nach dem Schimmer eines fernen, neuen Glaubens vielleicht langsam in diesem ergriffenen Schwelgen erschöpft. Allein, wenn Leute ein Haus verlassen haben, gehen sie erst recht darin um, und brennende Worte hören nicht auf zu glimmen, hat man sie auch noch so gründlich aus dem Ohr gewischt. Jedenfalls, so tief, wie viele glaubten, hatte sich das andächtige Hinauswachsen der Querhovener aus dieser Welt nicht wieder bewurzelt, sonst hätte der Prahl-Meixner nicht zu einer solchen unseligen Bedeutung unter ihnen gelangen können. Damals steckte dieser verlotterte Großbauer wieder in einer argen Geldklemme. Es waren ihm wegen tausend Mark, die er zur versprochenen Zeit nicht hatte zahlen können, seine letzten vier Kühe gepfändet worden. Sein Weib war ehemals als Tochter des einzigen Querhovener Großbauern ein stolzes und schönes Mädchen gewesen. Nun ihr das Schicksal alle Hoffnungen zerschlagen hatte, saß sie bei diesem Vorfall, der doch schon oft über sie gekommen war, kleinmütig umher und fuhr bei jeder fremden Stimme, die im Hofe ertönte, zusammen, lief in die Schlafstube und vergrub den Kopf in die Betten. Denn sie glaubte immer, der Gerichtsvollzieher sei da und hole ihre letzten Kühe, und wenn das geschehe, so werde sie es bestimmt nicht überleben. Sie habe es überstanden, daß die Balken aus dem Dachgesparre gesägt und verfeuert worden, daß ihr einziges Kind, ihr Mathinklein, von der Töchterschule habe genommen werden müssen, aber nun ersticke sie, wenn ihr das nicht erspart bliebe. Der große Elis, ihr Mann, lachte sie aus,, pfiff umher und tröstete sie. Wegen dieser paar Lumpenböhmen brauche er nur auf dem ersten besten Wege die Hand in die Höhe zu halten, so flögen sie ihm doppelt und dreifach zwischen die Finger. Mit standhaft gespielter Lustigkeit machte er sich jeden Tag zu einem anderen Freunde auf die Beine, der angeblich gebeten hatte, ihn bei einer eintretenden Gelegenheit doch ja nicht zu übergehen. Denn Geld sei immer in seinem Hause, und je mehr der große Meixner brauche, desto besser sei es für den Geldgeber. Aber die reichen Helfer spukten nur in seinem Kopfe, und hatte er glücklich den nächsten Hübel hinter sich gebracht, so lenkte er in die erste beste Dorfschenke ein, begann sogleich nach seiner wilden Art auf alle Welt zu lästern, trank ohne Unterlaß dazu und kam jeden Abend mit leeren Händen und in einem Zustand nach Hause, daß er kaum die Lügen herausbrachte, mit denen er seine arme Frau trösten zu können glaubte. Die aber hatte nach kurzer Zeit alle Hoffnung aufgegeben und ging wie ein krankes Huhn während eines Landregens umher. Das Mathinklein, ihre vierzehnjährige Tochter, war zwar immer in Liebe und Trost um sie. Aber was kann ein Kind von der Not des Alters fassen? Mitten im Trost, mitten im Weinen um ihr und des Hauses Unglück wurde das Mädchen plötzlich von dem Wirbel ihrer Jugend angefallen und sagte, glücklich herauslachend, das beste sei, sie und ihre Mutter gingen von diesem abscheulichen Hofe fort in die Welt. Und jedesmal, wenn sie ihrer armen Mutter das sagte und zur Beteuerung die Hand aufs Herz legte, fühlte sie ihren keimenden Busen. Da loderte es wie ein Feuer durch sie, wie schön sie sei. Ja, das wurde manchmal so toll in ihr, daß sie schnell hinausging, sich in einer entlegenen Stube des großen, öden Hauses einschloß und dann laut zu singen und zu tanzen begann, bis sie erschöpft in einem Winkel zusammensank und leise in sich hineinweinte. Die Mutter aber, wenn die Tochter von der Sucht nach Wirbeln so von ihr fortgezogen wurde, sah hinter ihr her, nickte ihr toten Auges nach und sagte dann: »Ja, ja, Kind, das beste, du hast recht, ist, von hier fortzugehen; aber nicht in die Welt, sondern aus der Welt.« Diese grauen Eulenflügel huschten ihr öfter und öfter in die Seele, daß sie zuletzt keinen Ausweg wußte, als in dem allgemeinen, verborgenen Gottesschwärmen des ganzen Dorfes Ruhe zu suchen. Unter einem Vorwande schloß sie sich dem Gottlieb an, stand mit ihm schweigend an der Tür und sog sich aus dem Schwelgen der Frömmigkeit voll eines entrückten, friedevollen Taumels. Allein, kaum zog sie beim Nachhausekommen das schiefe, zerfallende Beitürchen des Hofes hinter sich zu, so hing sie schon wieder an dem Kreuz ihrer alten Verzweiflung. Auf diese Weise rückte der Termin für den öffentlichen Zwangsverkauf der Kühe immer näher. Die Frau hatte noch immer keinen Boden unter die Füße und ihr Mann kein Geld und keinen Helfer gefunden. Da entschloß sich der Bauer endlich nach einer Rettung zu greifen, die er bisher immer aus Scham und Wut in sich abgelehnt hatte. Er machte sich den Tag vor der Versteigerung auf den Weg nach Hemsterhus zu dem Heiligenbauer. Hilft der nicht, dachte er im Gehen bei sich, dann soll die Welt einmal etwas erleben. Aber doch, während er so in dumpfer Wut vor sich hin drohte, mußte er schon wieder höhnisch auflachen. Denn wenn er seine richtigen Flöten spielen ließ und dem Sintlinger den Handel mit den Querhovenern recht um den Mund schmierte, so werde der Kleine, ohne zu wissen, was ihm geschehe, nicht nur in das erste, sondern vielleicht in das zweite Tausend hineintanzen. Am Fuße des Sintlingerhübels war Meixner den Katzenjammer des Bankrotteurs schon los, und als er in den Heiligenhof trat, hatte er den breiten, wuchtigen Schritt des großen Elis und stieß unter der Tür einen blassen, schüchternen Landstreicher fast um, der um Entschuldigung bat und mit Tränen in den Augen davoneilte. Er fand den Heiligenbauer in der Armenstube, das Lenlein mit herabgeglittenem Arm halb umschlungen haltend, und als der Sintlinger sich erhob, dem Meixner einen Schritt entgegenzugehen, lag über seinem ganzen Gesicht in die Tiefe seines Auges hinein das ernste Feuer schwerer Betrachtsamkeit. Denn er hatte soeben die Beichte eines verfehlten Lebens abgenommen. Die Türklinke war noch warm von der Hand des Davongegangenen, und die laute, schmerzvolle Erinnerung eines herzlichen, aber irren Menschenstrebens bebte noch in der Luft. Und herzlicher, wie es seine Art war, begrüßte er darum den verwitterten Bankrottbauer und bot ihm in Erinnerung eines früheren Vorfalls ein anderes Zimmer zu der Unterredung an. Meixner war von der fernen, fremden Geschlossenheit des Sintlingers so betroffen, daß er alle pfiffige Schlauheit im Augenblicke vergaß und in ein kordiales Verlegenheitsgelächter ausbrach. »Das, mein Lieber, is gerade die rechte Stube für mich«, dröhnte er in fortwährendem Lachen und schlug dabei den Sintlinger humorvoll auf die Schulter. »Is das nicht die Bummlerbank?« fragte er und ließ sich schwer auf die Bank fallen. »Ja! Und das ist also die Fechterstube?« fragte er wieder nach einer schneidenden Pause und sah sich mit verstörter Lustigkeit in dem großen, kahlen Raum um. Fast wäre ihm herausgefahren: Gerade gut für mich. Aber noch konnte er die Worte zurückhalten, und der Sintlinger sah unter den Zupfeln seines rötlichen Bartes nur das Kinnbeben und Mundzucken. Der Heiligenbauer dachte im Augenblick, Meixner sei schon am Morgen trunken, erinnerte sich aber des morgigen Termines und wußte nun, daß den Armen schmerzvolle Scham und verzweifelter Stolz also beutelten. Deswegen redete er ihm mit behutsam gütigen Worten zu. Aber anstatt sich nun kurzerhand seiner Bitte um ein Darlehen zu entledigen, denn er sah doch, der Heiligenbauer sei zu allem bereit, griff Meixner nach seinem schlauen Plane, sprang auf, lief durch das Zimmer, wehrte mit den Händen ab und sagte dann, gedankenvoll seinen Bart zergrabend: »Nicht doch, Bruder, nicht doch.« Das Lenlein rückte furchtsam an den Heiligenhofbauer, der eine halbe Wendung auf der Bank machte und sie so mit seinem Rücken verdeckte. Indessen war Prahl-Meixner wieder auf die Bank zurückgekehrt und begann mit einem spaßhaften Stoß gegen des Sintlingers Bein ein verworrenes Geschwätz über das »Hocken«, »Plärren« und »Rammdösen« der Querhovener, über ihr geheimes Gezänk und ihre belästigenden Botschaften auf den Sintlingerhof. Und alles, was er sagte, war durchjauchzt von Hochachtung und widerlichem Lob der guten Eigenschaften des Heiligenbauers, und je mehr Prahl-Meixner in dieses honigsüße Hudeln hineinkam, desto wütender wurde er auf sich, seine Lage und den Sintlinger, und aus wachsendem Haß lobte er doch immer dicker, bekam fahle Flecken ins Gesicht, lachte heiser und sprang zuletzt mit einem Satz wie gestochen in die Höhe, in Not nahe am Erwürgen. Davon schrak das Lenlein so zusammen, daß sie in den Heiligenbauer kroch und aufschrie: »Jag' den Mann hinaus, Vaterlein! Siehst du nicht, er hat ein Hundegesicht!« Dabei bebte sie am ganzen Leibe und begann laut aufzuweinen. Der Sintlinger tröstete das Kind, sprach einige entschuldigende Worte zu dem Meixner und führte die Weinende davon. Der Bankrotteur lachte gezwungen und tartschte kosend nach dem Kopfe des Mädchens. Aber seine Hand bebte, und als sich hinter den beiden die Tür geschlossen hatte, packte ihn eine solche Wut, daß er weiß wie Kalk und steif wie ein Stock wurde, und da er nicht toben durfte, schossen ihm die Tränen aus den Augen. So wie eine Bildsäule des Hasses, fast besinnungslos mitten in der Stube stehend, traf ihn der wieder eintretende Heiligenbauer und war betroffen beim Anblick dieser wilden Zerrüttung. »Nimm's dem Kind nicht übel, Meixner«, sagte er besänftigend, nahm ihn bei der herabhängenden Hand und führte ihn auf die Bank zurück. »Du weißt, der Kindermund ist ein Taubenhaus. Aber es packt dich wohl auch nur so wegen morgen, nicht?« so redete der Sintlinger gütig, und der wutsteife, fahle Mann bekam von der Berührung einer wahren Menschenhand einen förmlichen Krampf, sein Gesicht zuckte, die Zähne knirschten, die Tränen stürzten nur so, und endlich schluchzte er röchelnd, daß es seinen riesigen Leib zum Zerspringen schüttelte. »Hör auf, Meixner«, sagte der Heiligenbauer, »es wird alles wieder gehen. Wieviel fehlt dir denn?« Meixner faßte sich gewaltsam und schüttelte den Kopf. »Sind tausend Mark genug?« fragte der Sintlinger wieder. Der Bankrotteur verneinte wortlos. »Da hast du zweitausend. Ich hab' gestern drei Ochsen verkauft. Nimm sie, und wenn du kannst, gibst du sie wieder.« Mit diesen Worten schob der Heiligenbauer zwei Tausendmarkscheine tief in die Seitentasche seines Rockes, faßte dann Meixners Hände und sprach: »Jetzt geh, und grüß mir deine Frau. Laßt es euch nur inwendig gut gehen, so läuft das Auswendige von selber gut hinten nach.« Wie im Traume kam der Prahl-Meixner über den Heiligenhübel hinunter und ging in einer unbeschreiblich hohen Luft den halben Grenzweg hin. Unvermutet fiel ihm ein Lied ein, das er seit seiner Knabenzeit nicht mehr gesungen hatte. Und mit lauter Stimme begann er zu singen: »Ich geh durch einen grasgrünen Wald und höre die Vögelein singen.« Doch das reine Blühen seiner Seele stürzte schon nach wenigen Augenblicken in ihm zusammen. Er griff nach den Scheinen in der Tasche, zog sie heraus, besah, befühlte sie und brach, als er sich überzeugt hatte, daß es wirklich, wahrhaftig, richtig »zweitausend Mark« seien, in ein lautes, wildes Gelächter aus. Dann schwang er seine Beine in tanzendem Gange. So schoß er in die Hemsterhuser Schenke, ließ sich hinter einen Tisch fallen, hieb mit der Faust auf und verlangte eine Flasche Wein, aber »Meixnerwein, vom besten, nicht solch verfluchten Krötenseich«. Er trank über den Mittag hinaus, und als ihn der Wirt, ein entfernter Verwandter der Frau, endlich zum Nachhausegehen bewogen hatte, stolperte er davon, aber nicht nach Querhoven, sondern nach Brederode hinüber und sammelte dort allerhand Pack um sich, mit dem er bis tief in die Nacht lärmte. Aber heute trank er sich nicht aus der Not in immer keckere Zuversicht hinein. Er taumelte tiefer und tiefer in Zerknirschung, in Selbstanklagen, in Verwünschungen seiner reichen Heirat hinein, und als er in der Finsternis seinem Hofe zuschritt, hatte sein Zorn eine Höhe erreicht, daß die Flüche nur so von den Lippen pfiffen. »Mein Weib ist schuld mit ihrem Nobeltun, daß ich ein Hundegesicht gekriegt habe.« Als Wüterich drang er in den Hof, riß sein Weib und seine Tochter aus den Betten, begann auf sie einzuschlagen, was er noch nie getan hatte, und trieb sie durch alle Räume, indem er ohne Aufhören brüllte: »Ich habe ein Hundegesicht, und ihr seid schuld an allem!« Zuletzt sah er niemand mehr vor sich. Er stieß an etwas, wurde sterbensmüde, fiel in sich zusammen und schlief ein. Der Müller drunten am Hornwasser, der aus der Mühle getreten war, hörte ihn toben und sagte bei sich: »Na ja, freilich, morgen ist der Termin, oder vielmehr heute. Denn es wird schon grau über den Vördner Hübeln.« Unvermittelt brach das Toben des Trinkers und das Geschrei weiblicher Stimmen ab. »Na, nu schlaf«, sagte der Müller zufrieden. »Man kann schon einen trinken; aber so was ist Unflat.« Ehe er in die Mühle zurückging, sah er noch einmal den Meixnerhof an, der jetzt lautlos im Grau auf dem Felsenstoß droben lag. Da glitt eine weiße Gestalt aus einem der Gebäude, stutzte, huschte geduckt durch den Garten, kam an den zerfallenen Staketenzaun und bog ihn auseinander. »Was ist denn das?« fragte der Müller beklommen, aber ehe er die Worte zu Ende sprechen konnte, schrillte ein Schrei auf. Wie ein weißer Strich fiel's durch die graue Luft und schlug ins Hornwasser, daß der Gischt weiß aufspritzte. Dann war's totenstill ... * Am Morgen fand man die Querhovener Großbäuerin zerschlagen, blutig und ertrunken im Hornwasser. Die Polizei schaffte sie in die Leichenkammer des Kirchhofes, und der Totengräber verscharrte sie am anderen Abend in der Ecke der Unheiligen. Die Mathinka suchte Schutz bei ihrem Verwandten, dem Hemsterhuser Gastwirt, der sich gern des schönen, wildfeurigen Mädchens annahm. Prahl-Meixner stand am Küchenfenster seines Hofes und schaute mit ratlos bohrenden Augen durch den Garten auf die Zaunlücke, die sein Weib auf ihrem letzten Wege gebrochen hatte. So soll er Tag und Nacht und Nacht und Tag gestanden haben, bis er gefunden hatte, was er suchte. Dann verbrannte er bis aufs Hemd die Kleider, die er in der Unglücksnacht auf dem Leibe getragen hatte, überließ den Hof seinen Gläubigern und schaffte sich mit dem Gelde des Heiligenbauers in einem kleinen Hause ein neues Leben, indem er an die Bank der Speilhobler zurückkehrte, von wo ihn einst die Liebesraserei der Großbauerntochter weggelockt und um Glück und Ehre gebracht hatte. Er trank nicht mehr. Dafür hatte sich in seinen versteckten Augen ein unheimliches Glühen entzündet, und wenn er nach getaner Arbeit des Abends auf dem Bänklein seiner niedrigen Hütte saß, einsam und drohend wie halb im Schlaf, aus dem er dann und wann aufschrak, so hatte er etwas von einem versprengten, ausgehungerten Raubtier, das von seinem Lager zeitweise nach Beute in die Luft schnobert. Der Heiligenbauer war von dem schrecklichen Geschick auf dem Meixnerhofe tief erschüttert, weil der zermalmende Stein durch sein Lenlein ins Rollen gekommen war. Niemand kam auf den Grund, warum sich der wilde Prahl-Meixner gerade an dem verhängnisvollen Tage mit einem »Hundegesicht« behaftet gefühlt hatte, während er doch sonst immer mit anderen über seine »Schönheit« zu spotten pflegte. Man hielt die Wildheit dieser Nacht überhaupt für eine Ausgeburt des Säuferwahns und begann, je länger, desto mehr, den Prahl-Meixner wieder zu achten, wegen des reißend entschiedenen Sprunges, mit dem er sich aus den Wirbeln des Verkommens wieder aufs feste Land gerettet hatte. Und der Sintlinger wollte dies schöne Erraffen nicht stören, darum behielt er für sich, was mit dem Meixner auf dem Heiligenhof geschehen war, und drang auch nicht auf Wiederbezahlung des geliehenen Geldes. Sechstes Kapitel So konnte der Strom ungehindert weitersteigen. – Nach Verlauf von einigen Wochen trat der Prahl-Meixner aus seinem abseitigen, notvollen Schweigen etwas heraus und gesellte sich müden, abgeschlagenen Mutes, daß es alle ergriff, die ihn beobachteten, dann und wann den geheimen Erbauungsstunden der »Querchristen« bei, wie man die Sektierer des Dorfes in der Umgegend auch getauft hatte. Wie ein verlaufenes Tier, scheu und geduckt, tauchte er auf, hielt die Hände wie frierend in den Taschen vergraben und verharrte, zusammengesunken in einem Winkel lehnend, den Kopf auf die Brust gedrückt, teilnahmslos während der langen Andacht, grüßte niemand beim Davongehen, wie er keinen bei der Ankunft anzusprechen pflegte. Die nahe Auflösung eines Menschen macht sich durch den unvermittelten Bruch mit dem alten Wesen und allen Gewohnheiten geltend. Die Leute verlieren den Schritt, wie man zu sagen pflegt. So sah man auch in der vollkommenen Verwandlung des Prahl-Meixner den Beginn seines nahen Endes, zudem er noch gerade bei den Stillen sich einstellte, jener Partei, bei der seine Frau den Trost und zugleich den Mut zur letzten Verzweiflung gefunden hatte. Man glaubte sich auch berechtigt, darin den stummen Ausdruck eines Schuldbekenntnisses scheuer Reue und unbeholfener Pietät zu erkennen. Wieviel Recht allen diesen Vermutungen zuzumessen ist, läßt sich schwer sagen. An einem »Abend«, der diesmal in der Wuhle im Rütschhause abgehalten wurde, hatte der Prahl-Meixner wieder seiner Gewohnheit gemäß zusammengesackt, schreckhaft-drohend, mit verstecktem Gesicht in einer Ecke die halbe Feierstunde hingebracht, als er beim Sprechen der Ursula plötzlich jäh auffuhr. Die Rütschin war wieder ganz in ihre alte »Jenseitsbeglückung« geraten und sang das Lob des seligen Todes, und je tiefer sie in das Licht der Gesichte ihrer gestorbenen Kinder geriet, desto unwirklicher wurde ihre Stimme. Der Prahl-Meixner zuckte wie von einem Stich aus seiner Versunkenheit, wuchs steif zu seiner ganzen Länge empor, kriegte ein Martergesicht und mußte immer lauter, wie am nahen Weinen, schlucken. Plötzlich stieß er den Todesschrei eines gequälten riesigen Tieres aus, fegte mit Arm und Bein alles beiseite, was ihm im Wege stand, und stürzte der Tür entgegen ins Freie. Man rechnete auch diesen Vorgang zu den vielen wundersamen Erweckungen, sah alle Vermutungen über den Seelenzustand des unglücklichen Bankrottbauern erfüllt und wartete mit ehrfürchtiger Scheu, welche Bahn sein Schicksal ihn führen würde, den Weg der »schwarzen« oder »weißen« Vergeltung, also den Weg des freiwilligen Todes oder den Weg der lichten Lebenserhöhung. Doch wartete man vergeblich auf das eine und das andere. So ähnlich die Umstände seiner Erweckung mit der seines Neffen, des Harmonika-Meixner, waren, so ganz abweichend von dem gewohnten Gnadenwege stieg der Prahl-Meixner in seine Höhe. Von Gott als einem Räuber unversehens angefallen und peinlich überwältigt, verfiel der große Elis unmittelbar darauf in eine menschenscheue, wilde Frömmigkeit. Seine Tagesarbeit wurde ein atemloses Ringen. Ruhe fand keinen Platz mehr in seinem Hause, und wenn er abgeschlagen mit zugefallenen Augen saß, ging fortwährend ein Beben durch die Falten seines Gesichtes, das fast wie das Gesicht eines Gorilla aussah, dessen Wesen zwischen Schlaf- und Tobsucht schwankt, unheimlich, ergreifend, erfüllt von unterirdischen Feuern. Mitten in der Nacht, bei finsteren Fenstern, begann er aus irgendeinem Winkel heraus mit seiner wilden Tierstimme, dröhnend, daß die Hütte bebte, fromme Lieder zu singen. Er sang furchtbar, formlos, zuletzt wie das eingefangene Brausen einer Schlucht, so daß die, die eine Zeit zugehört hatten. von einem Frost befallen wurden und erschüttert davongehen mußten. Und andere Male hörte man ihn nur Schreie, dumpf und lang wie Posaunenstöße, von sich geben, und dann arbeitete es ächzend mit schwirrenden, klatschenden, zersplitternden Holzstäben wie in einer Folterkammer. Man beobachtete, daß er nur von Wasser und Brot lebte und zum Schlaf in kein Bett kam, sondern, wo er gerade stand, zu kurzer Rast in die Hobelspäne sank. Wenn er sich zeigte, abgemagert, vornübergebeugt, wie ein Gespenst seiner selbst, so trat ins Haus, wer vor der Türe stand, erschreckte Gesichter bogen sich vom Fenster zurück, die Kinder stoben davon. Nur alte und manche junge Weiblein wurden von diesem Bilde verwitterter, zerstörter Glaubenszerknirschung schmerzhaft bis in den Schoß erschüttert, so daß sie mit demütig stockender Stimme grüßten: »Gott blüh' uns, Meixner.« »Er blüh'«, dankte der Selbstpeiniger hohl und überflackerte sie dabei mit einem Blick, den sie wie das Lecken einer Flamme heiß über den ganzen Körper und oft so tief in sich hinein fühlten, daß ein Taumel zum Hinsinken über sie kam. Nicht lange danach, da Meixner wieder begann, sich öffentlich zu zeigen, starb in Querhoven ein altes, einschichtiges Weiblein, die Mechtildis Tautz hieß, von niemand aber anders als die alte Mechtel genannt wurde. Sie trug nicht zufällig den gleichen Namen wie jene unglückliche Jungfrau, die vor mehr als einem halben Jahrhundert aus religiöser Verängstigung im Waldteich ihrem Leben ein Ende gemacht hatte und noch immer als Geist an diesem Ort schwärmen mußte, nein, sie entstammte der gleichen Familie und war, wie ihr Leben immer weiter vorschritt, tiefer und tiefer in die Erschütterung über diese Untat geraten, so daß sie die letzten zwanzig Jahre ihres Daseins eigentlich nur mit der Sühne dieses Verbrechens zugebracht hatte. Doch lag sie diesem traurigen Geschäft nicht mit Düsterheit, sondern mit einer kindlich vertrauenden Seele ob. Munteren Auges, heiteren Gesichtes, gütigen Herzens der ewigen Güte hingegeben, saß sie in ihrem kleinen Stübchen und ließ die Kugeln des Rosenkranzes durch die Hände gleiten oder las aus ihren vielen Büchern lange Gebete. Und neben ihrem eigenen Anliegen nahm sie sich auch der Nöte Fremder an, die vor vieler Arbeit nicht Zeit und Sammlung zu Gebeten um Abwendung drohenden Übels fanden. Für wenige Pfennige betete sie Vaterunser, Litaneien und Rosenkränze in jeder Meinung, erfüllte mit ganzer Hingabe gewissenhaft die Bußen und Gelübde anderer und fristete durch dieses fromme Geschäft ihr Dasein. So sehr war sie in diesem himmlischen Kramen gefangen, daß sie, mit ihrem gütigen Herrgott gleichsam auf du und du stehend, seit einem halben Menschenalter sich von der Kirche zu Hemsterhus fernhielt und den Gebrauch der Gnadenmittel verabsäumte. Ja, zuletzt hatte sie sogar, von dem sanften Geiste angelockt, dann und wann an den Andachtsstunden der Seelenstillen beim Vanlyßender und im Rütschhause teilgenommen. Eines Tages fand man sie entseelt im Stuhle sitzen, den Rosenkranz in den Händen haltend, den Kopf auf die Brust gesunken, das Gesicht von einem solch heiteren Frieden überglänzt, als ob sie noch immer den glückvollen Träumen nachhänge, während denen sie vom Tode überrascht worden war. Da sie keinen Anhang besaß, schossen die Frommen des Kreises, dem sie lose angehangen hatte, die Mittel zusammen, um der alten verhutzelten Hülle die letzte Ehre zu erweisen. Aber der Pfarrer von Hemsterhus verweigerte ihr das kirchliche Begräbnis, weil sie seit je sich von der Kirche ferngehalten hatte, und bestimmte, daß sie wohl in geweihter Erde, doch nahe an dem Acker der Selbstmörder, unweit des verrasten Hügels der unglücklichen Katharina beerdigt werden sollte, jener verirrten Verwandten, für die sie ein ganzes Leben gerungen hatte. Wohl erschrak der ganze wiedertäuferische Ort und kochte über diese mitleidslose Härte in Unmut, weil alle merkten, daß der Schlag am meisten gegen sie selbst gerichtet war, doch gelang es dem Vanlyßender, die Erregung zu dämpfen, und man faßte sich in dem Heilandsworte, dem Bösen nicht zu widerstehen, in Duldung. Stumm bewegte sich eines Abends, denn es war noch befohlen worden, die Tote erst nach Sonnenuntergang zu versenken, der Leichenzug durch die einzige Gasse von Querhoven. Leiser, trauervoller Gesang wechselte mit gedämpftem Gebet ab. Fast aus jedem Hause eilte ein Teilnehmer an der letzten Feier für die Ausgestoßene, und schon in der Mitte des Dorfes war das Geleit zu einem stattlichen Zuge angewachsen. In der Nähe der Mühle überschreitet der Weg das Hornwasser und läuft an dessen linkem Ufer weiter. Vor der kleinen Holzbrücke setzten die Träger den Sarg ab, um die Achsel zu wechseln. Während dieser kurzen Stockung trat Gottlieb Meixner aus dem Hause seiner Mutter und mischte sich unter den Zug. Bald darauf schwankte der Sarg wieder in die Höhe, und die Füße der Menschen klapperten über die Bohlen der Brücke. Da, als die Träger eben das andere Ufer erreicht hatten, sprang plötzlich der Prahl-Meixner aus dem Mühlgrabengebüsch, wo er gelauert hatte, eilte in langen Sätzen über den schmalen Wiesenstreifen, pflanzte sich in seiner wilden Größe vor den Trägern auf, riß die Arme in die Höhe und schrie: »Halt, nicht weiter! Setzt den Sarg nieder, sage ich euch!« Sein Erscheinen geschah so unvermutet und sein Aussehen war so furchtbar, daß die Träger bestürzt den Sarg auf die Erde stellten. Und nun strömte der Mann das düstere Lodern aus, das sich in den Wochen des Schweigens, der Einsamkeit und Kasteiung in ihm angehäuft hatte. Sein häßliches Gesicht war kalkweiß, es schäumte um seinen Mund, die Worte kochten und brodelten von den bebenden Lippen, und dann dröhnte seine Stimme wieder wie das Gebrüll eines Stieres. »Verflucht sei, wer diese Arme der Schande der verfluchten Teufelsdiener überläßt«, rief er am Schluß. »Ihr habt Herzen von Brei und einen Glauben zitternd wie dürres Gras. Ich sage euch, Gott ist mit euch! Er hat mich Sünder gestraft; aber aus schrecklicher Nacht bin ich aufgestanden. Kein Fleisch ist an mir, das nicht gepeinigt worden. Deswegen sage ich euch, unsere Erde ist heiliger als der Kirchhof der Pfarrer. Das weiß ich. Kehrt um, meidet die gottlosen Namenchristen, widersetzt euch! Streitet! Streitet!« Der alte Vanlyßender suchte ihn zu beruhigen. Es war umsonst. Sein Neffe trat zu ihm. Er schüttelte ihn hohnlachend ab. Viele waren von seinen Worten wie von einem Hagelwetter betäubt. Und als der Zug sich wieder gegen Hemsterhus in Bewegung setzen konnte, war er zur Hälfte eingeschmolzen. Die anderen zogen sich mit dem neuen Propheten in ihre Hütten zurück. Es kann sein, daß trotz dieses widersetzlichen Aufbrausens des Querhovener Geistes sich alles wieder in ruhigere Bahnen zurückgefunden hätte. Denn unmittelbar nach diesem abendlichen Raubsprung duckte sich der Prahl-Meixner wieder in seine lange geübte schweigsame Einsamkeit, eine beschämende Ernüchterung für die, die er im Handwenden zu sich verwirrt hatte, ein Triumph für seine Feinde. Das waren weniger die Querhovener Gottesstillen, sondern die Hemsterhuser Kirchenfrommen. Seit je bestand nämlich in diesem Pfarrdorfe ein Häuflein Glaubensspürer und Tugendriecher, die zur größeren Ehre Gottes die Sittlichkeit von Hemsterhus und Umgegend durch ein geheimes Spionagesystem aufrechterhielten. Nach stets geübter Gepflogenheit wachten sie auch über die Reinheit des Glaubens und spähten mit einem nach Entrüstung und Beleidigung lüsternen Geiste besonders nach Querhoven und seiner ketzerischen Anwandlung aus. Vor vielen, vielen Jahren war ein Bauerauszügler der Anführer dieses freiwilligen kirchlichen Horchpostens gewesen. Ihm war der Schmied des Ortes gefolgt, dann aber hatte sich die Würde wieder zu dem Kirchvater, ihrer alten überlieferten Stelle, zurückgefunden, wo sie blieb, bis der Kantor Liborius Pfeiffer in Hemsterhus aufkam. Trotzdem der eines eingesessenen Schusters Sohn war, gelang es ihm, schon in verhältnismäßig jungen Jahren zu einem bedeutenden Ansehen zu gelangen. Er vigilierte zeitig um die Schleichwege, auf denen die unehelichen Kinder in die Welt geschmuggelt werden, hatte einen fabelhaften Sinn für alle Schäden und Gebrechen anderer und erlahmte in christlicher Geduld nie bei deren Verfolgung. Dabei hatte diesen Mann die Natur ziemlich schlecht behandelt. Er war lang, gewöhnlich, rothaarig und mit dem kuriosesten Gange der Welt behaftet. Wenn er so daherkam, sah es aus, als verwechsele er fortwährend den rechten und linken Fuß, nehme, halb ausgeführt, den Schritt zurück und verbessere den Fehler durch einen neuen größeren Irrtum. Deswegen befanden sich seine Beine in einem fortwährenden nutzlosen Wirbel, und kein Mensch konnte sich die Zweckmäßigkeit einer solchen Fortbewegung erklären. Ungläubige Menschen behaupteten darum, er habe hinten unter den Rockschößen eine Maschinerie von Zahnrädern. Zu diesem possierlichen Beinrollen stand das Gesicht in grellem Gegensatz: ausgesackte lange Backen, immer tränende Augen, in wunden Lidern bebend, als wehrten sie sich gegen einen im Halse steckengebliebenen Bissen. Das Antlitz trug den Ausdruck melancholischen Schreckens, und der Mund war stets geöffnet, als singe er fortwährend den Anfang des »Dominus vobiscum« . All diese unerfreulichen Hemmungen waren sicher der Anstoß, daß er früh voll Ernst die Vertiefung und Bereicherung seines Innern begann. Aber aus seinem geistigen Fortschritt wurde nur zu bald auch ein leidenschaftlicher geistiger Wirbel. Liborius Pfeiffer geriet tiefer und tiefer in den Bannkreis der katholischen Ekstatiker, der Katharina Emmerich, der Angela von Foligno und Heinrich Seuses, Anna Vetters und Hemme Heyens. Die Beschäftigung mit den Bekenntnissen solcher halb oder ganz hinausgerückter Geister raubte ihm zeitig sein frohes Christentum, und an die Stelle eines geraden, unverkünstelten Glaubens waren in seinem Innern tausend geheime Wunden aus brennender Sucht nach Verzückung und Märtyrtum entstanden, ein fanatischer Verfolgungswahn der eigenen Fehler in den Schwächen der anderen. Dieser glühende Glaubensstößer hörte im Innern fortwährend Rufe, die ihn, den Schlafenden, aufrüttelten, den Säumigen anpeitschten und bitter des Verrates an Jesum Christum ziehen. Von Anfang an hatte er dem Wiedererwachen des sektiererischen Geistes in Querhoven seine Aufmerksamkeit geschenkt und war nach langem Drängen und Unheilverkünden bei dem Pfarrer von Hemsterhus endlich durchgedrungen, daß sich dieser vom Alter gemilderte Priester zu einer exemplarischen Strafe an der toten Gebetsmechtel verstand. Nun aber, da die Verweigerung des kirchlichen Begräbnisses des alten Weibleins ein wildes Aufbäumen des ketzerischen Geistes herbeigeführt hatte, fühlte er sich erst recht angetrieben, mit Feuerbränden hinter den Glaubensfrevlern her zu sein. Die sonntägliche Litaneienandacht pfefferte er mit neuen Anrufungen um Gnade gegen Glaubenssünden; in die Schulgebete schmuggelte er die Bitte an Gott um Vernichtung der Kirchenfeinde. Alle Querhovener Kinder nahm er während des Unterrichts in eine besondere Zange, und nach und nach sahen seine Zuchtmittel gegen Unarten Peinigungen nicht unähnlich. Dieser geistige Brandstifter brachte es so nach kurzer Zeit fertig, daß die Querhovener sich von der Bestürzung über die Parteinahme für die offene Auflehnung schnell erholten und ihr neuer Prophet überrascht eine tiefe Wirkung seines ersten Auftretens wahrnehmen konnte. Er faßte Zutrauen zu dem neuen Amt, das doch nichts war als die andere Anwendung seines alten Wesens, das Toben, Lärmen und den Zank seines Innern auf die Umwelt zu übertragen. Schon bald standen sich diese beiden Männer, die einander so ähnlich sahen, kämpferisch gegenüber, und wie bei einem regelrechten bäuerlichen Raufhandel flogen, figürlich gesprochen, Fladen, Rechen- und Besenstiele, Pflug und Eggen hinüber und herüber. Der Pfarrer Ardelt von Hemsterhus sah das gedeihliche Seelenwetter seines Kirchensprengels durch diese fortwährenden Rumpelgewitter gefährdet und merkte, wie übel er gehandelt hatte, auf das Drängen seines Kantors hin die Verweigerung des kirchlichen Begräbnisses zu verfügen. Deswegen, und weil das Glaubensstreiten sich nie weit von dem gewohnten Speihandel verfeindetet Menschen entfernt hielt, vermied er ein Eingehen auf das religiöse Meinungsgezänk und versuchte durch äußere Mittel die Erregung zu begleichen. Das Grab der alten Gebetsmechtel wurde von ihm nachträglich eingesegnet, dem Kantor legte er in seiner Eigenschaft als Ortsschulinspektor das Handwerk als schulmeisterlicher Ketzerschinder. Dem Prahl-Meixner widmete er eine gütig-vernichtende Sonntagspredigt, deren Liebe wie Spott aussah, die mit geheimen Krallen streichelte, mit einem Worte den bankrotten Bauer zum bankrotten Glaubensgründer machen mußte, weil sie ihn unter Lächerlichkeit begrub. Und um dann noch ein übriges und letztes zu tun, lud er eines Tages den beleidigten Kantor zu sich, packte ihm ein kleines Füderchen Liebenswürdigkeiten auf den Rücken und machte es ihm am Ende klar, daß man eigentlich unrecht täte, an den Prahl-Meixner den Maßstab einen sinnenden Irrgängers zu legen und die Querhovener für ihre Glaubensalfanzereien verantwortlich zu machen. Der eine sei nichts als ein säuferisches Großmaul, in den anderen gingen die Träume und Verrückungen ihrer Ahnen um, und bei beiden richte man mit duldsamer Wachsamkeit am meisten aus. Zudem, wenn ja in allen ein Trieb zu bewußtem Glaubensungehorsam und kirchliche Umsturzgelüste vorhanden sei, so müßte man sich gegen den wenden, von dem allein sie herrührten, nämlich gegen den Sintlinger, den leider Gottes alle Welt nicht anders als den Heiligenbauer nenne. Bei all den Beschwichtigungen des Pfarrers hatte sich der Kantor in seiner Wolke bitterer Verdrießlichkeit zurückgehalten, weil seine Wühlereien, die er als himmlische Tapferkeit bezeichnete, nicht anerkannt worden waren. Jetzt, bei der Nennung des Sintlingerschen Namens, atmete er auf, denn er sah plötzlich sich ein weites Feld für neue kirchlich-religiöse Klopffechtereien auftun. Mit Begeisterung sprang er sofort auf diesen Ausweg, stellte sich dem Pfarrer mit allen Kräften zur Verfügung und schied freundlicher, wie er gekommen, mit dem Versprechen, »in das Studium dieser neuen Aufgabe einzutreten«, weil dieser Heiligenbauer einen Kopf habe, der nicht von Pappe sei. Es nutzte dem guten Ardelt wenig, daß er seinem Kantor nochmals Ruhe und Besonnenheit empfahl und ihm eindringlich bedeutete, den Heiligenbauer hebe er sich seinen eigenen Maßnahmen auf, grelles Zupacken könne da noch mehr wie anderswo schaden. Das kalte Duschlein vor dem Davongehen verhalf dem Ketzerpfeiffer nicht im geringsten zur Mäßigung. Seine langen Sackbacken zuckten in Leidenschaft, er schlang heftig an seinem Ketzerbissen und entkräftete unter energischem Gestikulieren des Pfarrers Mahnung. Das Radwerk unter seinen Rockschößen schnurrte los, und seine Beine wirbelten ihn über die Stiege hinunter aus dem Pfarrhause hinaus. Der Hemsterhuser Pfarrer hatte gemeint, aus dem Schulmeister leicht seine Meinung herauszugreifen. Nun mußte er die unangenehme Erfahrung machen, daß die Geige den Musiker spielen und der Hund den Herrn jagen kann. Denn die Betriebsamkeit Pfeiffers brachte es in kurzer Zeit dahin, den Pfarrer in immer neue feurige Winkel zu pressen und stets vor eine andere Hetztreppe zu stellen. Ein großer Teil des Dorfes und der Umgegend wurde von der unduldsamen Hitze des Kantors angesteckt, und der Kirchenvorstand verwandelte sich ganz in das Organ, mit dem Pfeiffer den Pfarrer in die Enge trieb. Dazu befand sich in jener Zeit ganz Deutschland, ja die ganze Welt wie am Ausgange eines unruhvollen Drängens, für den Menschen ein neues, lebensvolleres Verhältnis zu der ewigen Macht zu finden. Papst Leo XIII., der weise, gelassene Nachfolger Petri in Rom, war gestorben, und die Jesuiten hatten es erreicht, die Wahl Pius' X. durchzusetzen. Die scholastische Glaubensinbrunst dieser bäuerlich-einfachen Natur erwies sich als geeignet, aller Duldung rücksichtslos zu Leibe zu gehen. Und so verbreitete sich schon bald durch die ganze katholische Welt eine heftige Kampfstimmung gegen die Verwässerung des römischen Bekenntnisses durch ein zu freundliches Verhältnis zu anderen Konfessionen und gegen jede läßliche Schwäche bei Abweichungen von der inneren Heilszucht. So steckte der Pfarrer Ardelt in einer heillosen Klemme. Von oben her drückten immer dringendere Verfügungen auf ihn, die Glaubensreinigung mit allen Mitteln zu betreiben. In seiner eigenen Pfarrei geriet er in immer engere Gefangenschaft von Menschen, deren Fußsohlen sie juckten, sich in der Verfolgung von Kirchenfeinden heiß zu laufen. Nun betrachten viele intelligente katholische Priester, sobald sie in die Jahre kommen, überhaupt die Lehren und Dogmen ihrer Kirche bei sich selber mehr vom Standpunkt des sozialen und menschlichen Nutzens und dringen aus Klugheit, die sie Demut nennen, nicht auf den Grund der Verwirrung vor, aus dem die Notwendigkeit der Dogmen als ein gewaltsamer Ausweg aus heillosen Widersprüchen stammt. Sie tragen im Bewußtsein der ungeheuren Weltmacht des katholischen Priesterstaates ihr Leben ruhiger an dem Hause eines Ketzers vorüber als die Angehörigen anderer christlicher Sekten, die mit der Verbissenheit von Heraufkömmlingen die Berechtigung ihrer Existenz in rein intellektuellen Silbenstechereien suchen. Genau so stand es innerlich um den Pfarrer Ardelt, teils weil er eines Bauern Sohn war, teils weil ihn die Jahre und menschlichen Erfahrungen aus dem leidenschaftlichen Eiferwirbel der Kaplanszeit gerückt hatten. Nur ab und zu noch verlor er sich in das Glaubenstoben und Polsterschlagen auf der Kanzel, durch das er einst das Lenlein aus der Kirche geschreckt hatte. Sonst war er einig mit sich, daß jeder Katholik sein besonderes Christentum besitze, jeder Mensch die Farbe seines Wesens auf seinen Gott übertrage und die Welt von so vielen Konfessionen erfüllt sei, als es Menschen gebe. Die Lehr- und Dogmenordnung der Kirche sei zu dem Zwecke da, damit sich jeder wie in einem großen, übersichtlichen Hause ungestört und unbehelligt bewegen könne, und der äußerliche Bekenntniszwang sei eigentlich die stillschweigende Voraussetzung der Denkfreiheit. Nur müsse eben von jedem Bewohner auf Innehaltung der Hauptpunkte der Hausordnung, des jeweiligen Dogmenbestandes gesehen werden. Im übrigen solle man jedem die Eigenarten seiner Natur und die Schwäche seines Lebens nachsehen. Daß er sich mit solchen Gedanken ganz in den Bahnen der älteren Liberaltheologie bewegte, machte ihm das Schnauben gegen die Querhovener Schwärmer und den Heiligenbauer so unmöglich. Trotzdem, der alte Pfarrer sah es ein, etwas, und zwar etwas Gründliches, mußte geschehen, was ihn, womöglich in einem Zuge, von den sinnlosen Glaubensbrodeleien der Querhovener wie der Verfolgungssucht der Hemsterhuser Jachchristen befreite und dem Heiligenbauer einen Riegel vor den Mund schob. Er faßte den Entschluß, den Heiligenbauer zum Eintritt in den Kirchenvorstand zu bewegen, und strebte damit dem Ziele zu, das etwa Grundherren erreichen, indem sie den ärgsten Holzdieb zum Forstaufseher machen, um dem Holzfrevel in ihren Waldungen ein Ende zu bereiten. Als er nach langem Erwägen den Kirchenvätern diesen Vorschlag zur Begutachtung unterbreitete, rief er bei allen den Ausdruck schreckhafter Verblüffung hervor, und Liborius Pfeiffer fragte sogar, ob man nicht gleich besser tue, dem Satan selber die Sorge für das Gotteshaus zu übertragen. Doch der Geistliche ließ sich nicht abbringen. Er wies auf die Christenpflicht hin, dem irrenden Bruder recht zu raten, und wenn es eben nicht anders ginge, durch Erregung heilsamer Eitelkeit und Ehrsucht unvermerkt den Heiligenbauer auf den Weg seines Kinderglaubens zurückzuführen, und sei auch das nicht gleich zu erreichen, ihm wenigstens die heimlichen Befehdungen der Kirche und Unruhstiftereien der Seele zu erschweren. »Die Bahnen der göttlichen Gnade«, sagte der Priester noch, »bewegen sich nur zu oft für unseren schwachen Verstand in wundersamen, nicht immer leicht übersehbaren Kurven, und lehnt der Sintlinger die Übernahme dieses gottseligen Ehrenamtes überhaupt ab, so ist er genötigt, Gründe dafür vorzubringen, und habe ich den sogenannten Heiligenbauer erst so weit, so können Sie sich darauf verlassen, will ich den Verschlagenen unter Gottes gnädigem Beistande schon so aus seinen Verschanzungen herauslocken und zum klaren Bekenntnis seiner Glaubensbrüchigkeit bringen, daß mir das sichtbare Recht gegeben wird, allen seinen Wühlereien gegenüber schärfere Saiten aufzuziehen.« Die Aussicht auf den endlichen Beginn eines frischen, fröhlichen Glaubenskriegleins überzeugte die Schwankenden, und der Pfarrer machte sich auf, den Sintlinger einzufangen. Aber so viele Priester fliehen vor der Arglist des Lebens und geraten in die Arglist des eigenen Herzens. Jeder ihrer Gedanken hat dann zwei Gesichter, und jeder Plan zwei Absichten. So war es auch mit dem Hemsterhuser Pfarrer bestellt. Während er auf den Heiligenhof zuging, fühlte er, lebhaft simulierend, mit den großen mehlig-porösen Händen seinen Spazierstock durch, von der Krücke zur Zwinge und wieder zurück. Er suchte eigentlich nur scheinbar als Anführer der Eiferer seines Sprengels den Heiligenbauer auf. In seiner innersten Seele strebte er mit dem Plane des Einfangens des Sintlingers der Aussicht entgegen, durch den Sintlinger den Ketzerkantor und seinen Anhang leichter im Zaume zu halten. Und wie das neue Amt nach und nach den Heiligenbauer von der klugen Schonung zur Achtung und endlich Verehrung des alten Glaubens und der Kirche bringen würde, in demselben Maße mußte sein Ansehen, als eine freie Macht außerhalb jedes Bekenntnisses, in den Augen der Menge abnehmen. Seine Frau wurde auf sonderliche und auszeichnende Art über und über mit der linden Wundersalbe bestrichen, die die Priester seit je so klug zu gebrauchen wissen, und so konnte der Pfarrer hoffen, seinen Sprengel wieder in die friedsame Ruhe zurückzuführen, und zwar ohne den tumultuösen Beistand seiner Hemsterhuser Glaubenswache und zur Überraschung der kirchlichen Behörde, die mit seinen klugen Mitteln immer weniger zufrieden war. Das alles sann der Pfarrer Ardelt noch einmal durch, während er in dem warmen, klaren Herbstnachmittage auf der neu gebauten Chaussee erst durch den unteren Teil Querhovens schritt und dann im Bogen dem Tälchen zwischen den beiden Fremdhöfen zustrebte. Der hohe, heitere Himmel war voller lautlos ziehender weißer Wölkchen und erklang in seiner ganzen Wölbung von leisem, zaghaftem Vogelgesang wieder. Die alten Hochweiden neben dem Wege vergilbten schon im Anhauch ihrer letzten Verklärung, und die bejahrte Seele des Gottesmannes nahm diese sonderliche Schönheit der Welt für eine tröstliche Verheißung des Herrn, daß seinem Gange der Erfolg blühen werde, den er sich erhoffte. Darum, als er sich dem Heiligenhübel immer mehr näherte, schob er vertrauenden Geistes die Unruhe ganz aus sich heraus, die ihn beschleichen wollte, und stieg den steilen Zufahrtsweg hinan. Wohl spürte er eine leise Kränkung, als er das ungeweihte Sintlingerkreuz unter den Torlinden sah, aber, wie bald, sann er, wird dieses tote Steinbild durch die Weihe der heiligen Kirche zu rechtem himmlischen Segenleben erlöst werden. Der weite Hof lag leer. Und nachdem er gestanden und die musterhafte Ordnung des reichen Anwesens wohlig betrachtet hatte, gewahrte er die alte Therese durch ein offenes Türchen im Schuppen, wie sie versunken allerhand kurz gehacktes Gerütel mit Strohseilen in Bündel band. Da erfuhr er, daß alles draußen in der Grummeternte sei, die Bäuerin hinter der Hohen Kippe, der Bauer auf den Buchengrund zu. Ohne die Alte weiter zu beachten, denn sie war ja auf dem Hofe auch zu einer Kirchenscheuen geworden und noch dazu Querhovener Blut, drückte sich der Pfarrer durch das hintere Beitürchen aus dem Hofe. Sobald er aber draußen war und seine Augen über das besonnte Hügelgewoge rundum schweifen lassen konnte, überkam ihn wieder das fröhliche Vertrauen in den guten Ausgang seines Beginnens. Nicht lange dauerte es, und er gewahrte auch den Heiligenbauer neben Helene an einem Raine des Hübelhanges sitzen, der sich zum Buchengrunde senkt. Über ihnen köppelten die Mägde das Grummet auf der Wiese. Ardelt näherte sich den beiden, wie nur zu seinem Vergnügen lustwandelnd. Er sah, daß der Sintlinger, nachdem er seiner ansichtig geworden war, Helene geneigten Kopfes etwas zuflüsterte, und wie beide sich erhoben und ihm entgegen gingen. Doch gab er sich den Anschein, ganz in den Anblick des Buchengrundes versunken zu sein, der lautlos in der Mulde stand, als sei es ein lichtüberströmter, bunter Teich. Die Schritte der beiden kamen immer näher, da schoß es dem Pfarrer plötzlich durch den Kopf, daß er einst von diesem Manne vor Jahren aus dem Hause gewiesen worden war. Darum, als er sich jetzt den beiden erstaunt zukehrte, lag trotz aller gewaltsamen Freundlichkeit eine leise Verkniffenheit in seinem Gesicht. Doch gelang es ihm, den Sintlinger in aufgeschlossener Höflichkeit zu begrüßen und auch Helene mit liebevollen Worten gefällig zu sein. So kamen die Männer ins Gespräch, an dem der Bauer bald eine tiefere Absicht des Pfarrers merkte, die dieser auch immer weniger verheimlichte, indem er aus dem beiläufigen Hin und Her über Wetter und Wirtschaft mit kräftiger Führung heraussteuerte. Aber der Heiligenbauer bog jede Zuspitzung ins belanglos Heitere, bis der Pfarrer sich einen Ruck gab und mit einer fast herausfordernden Stimme fragte: »Warum, Sintlinger, haben Sie eigentlich nicht versucht, aus der Wirtschaft Ihres Schwiegervaters, des guten alten Klim, den Buchengrund da zu Ihrem Gute zu schlagen?« Der Heiligenbauer lächelte überlegen, sagte schnell, daß er bald antworten werde, rief eine Magd herbei und schickte das, Lenlein mit ihr nach Hause. »So, nun können wir ungestört reden, Pfarrer«, sagte er voll heiterer Kraft und reckte sich in seine Schultern hinein, »denn ich spüre ja wohl, daß Ihr Vorübergehen ein Herkommen ist. Nicht wahr?« Auf diese Weise drehte der Heiligenbauer kurzerhand der hinterhältigen Klugheit des Geistlichen den Hals um, daß der Gottesmann in seinem Blick etwas von der starren Ratlosigkeit des Karpfenauges bekam. Um ihm zu Hilfe zu kommen, setzte der Heiligenbauer langsam seine Füße auf dem Wege weiter und fuhr fort: »Aber, um auf den Buchengrund zu kommen, ein Ast mehr am Baume ist immer ein Ast zuviel für ihn, wenn er ihn nicht treiben muß. Das wissen Sie ja auch selber und möchten sicher neben Brederode und Querhoven nicht auch noch Dingden mit ins Spiel haben.« »Vor allem Querhoven nicht. Denn das sind wohl gute Leute, aber schlechte Christen. Der Glauben aber, Sintlinger, ist Pferd und Wagen auf einmal.« Ardelt schmunzelte zufrieden. Da war ja mit eins, wo er hingewollt hatte, vor der heimlichsten Tür dieses kleinen, unangreifbaren Unholds neben ihm, und ohne große Umschweife ging er aufs Ziel los. Er rechnete es dem Sintlinger zum Vorwurf, sich von allem abzusondern. Denn wer einen Schatz erarbeitet zu haben glaubt, muß ihn auch mitteilen. Da wird es sich dann zeigen, ob es ein rechtes oder nur ein Mottengut sei. Des Heiligenbauers Weigerung gegen alle Ehrenämter wurde auch berührt, und endlich kam der Pfarrer auf des Bauern vernachlässigte Glaubens- und Kirchenpflicht. Bis hierher hatte der Sintlinger den Geistlichen unwidersprochen gehen lassen. Nun aber richtete er sich gegen ihn auf und fragte: »Was soll ich denn in Ihrer Kirche? Wer im eigenen Hause immer einen gedeckten Tisch hat, braucht sich nach einer Mahlzeit im fremden Hause nicht umzusehen.« »Sintlinger, Sintlinger«, antwortete nach kurzem Stutzen der Pfarrer, »das ist geistiger Hochmut.« »Freilich«, unterbrach ihn der Heiligenbauer, »das weiß ich, und so ist es gerade auch gemeint. Wer hoch will, braucht einen hohen Mut, Pfarrer.« »Schön, und wer sich in diesen Dingen der Leitung durch die Kirche entzieht, geht unverweigerlich in der Irre unter. Unverweigerlich! Lassen Sie sich das sagen, Sintlinger, von einem Manne, der nicht umsonst älter geworden ist, als Sie sind.« Aus dem Geistlichen klang bei diesen Worten eine ehrliche Überzeugung, die immer ergreift. Und auch der Heiligenbauer wurde schwankend, ob er nicht besser tue, den alten Mann zu besänftigen und in Ruhe ziehen zu lassen. Denn er bemerkte ja, wie sein Stock von dem Beben seiner Hand zitterte. Deswegen ging er einige Schritte schweigend und unschlüssig neben ihm. Ardelt aber glaubte ihm schon das Knie auf die Brust gesetzt zu haben und rief voreilig triumphierend: »Sehen Sie, Sintlinger, so ist es. Schon sind Sie im Herzen getroffen. Wie soll es denn aber weiter werden, wenn Sie es länger und länger anstehen lassen, wenn der Heiland immer umsonst durch die Hand seiner Diener bei Ihnen anklopfen muß. Haben Sie das schon bei sich bedacht?« »Schauen Sie Ihre Hand an, Pfarrer. – Sie ist leer«, antwortete der Heiligenbauer leise und ernst. Ardelt fuhr betroffen herum. »Ja, so meine ich es«, sagte der Sintlinger und nickte ihm zu. »Wenn Sie es durchaus wollen, so sei es. Nun beantworten Sie mir eine Frage. Sagen Sie mir, von wem rührt der Ton her, vom Schlegel oder von der Trommel?« »Von keinem allein«, antwortete der Pfarrer und dachte bei sich: Schlag nur einen Haken, Fuchs, ich packe dich doch. »Also bliebe die Trommel stumm wie ein Stein, wenn sie nicht geschlagen würde?« fragte der Sintlinger unbeirrt weiter. »Nun, was soll denn das? Freilich ist es so«, lautete des Pfarrers Bescheid. »Wie mit dem Schlegel und der Trommel, glauben Sie, verhält es sich mit der Kirche und den Gläubigen, die auch nur den Klang der göttlichen Wahrheit durch die Wirksamkeit der Kirche in sich ertönen hören.« Urdelt runzelte die Stirn und zögerte, sich zu entscheiden. Der Heiligenbauer wartete aber nur einen Augenblick und fuhr mit erhobener Stimme fort: »Der Tambour würde sich die Arbeit des Trommelns ersparen, wenn er wüßte, daß sein Instrument die Wirbel viel besser allein hervorbringt, wenn er sie bloß an einen Baum zu hängen, ins Feld unter den Himmel zu legen brauchte, um sie zum Tönen zu bringen. – Mein lieber Kanzelmann, gehen Sie und bearbeiten Sie ruhig Felle, die längst stumm geworden sind. Ich und mein Kind sind Trommeln, die sich von selbst spielen.« Ardelt sah, daß er im Begriff war, alles zu verderben. Deswegen lenkte er ein und sprach: »Aber das böse Beispiel, Sintlinger!« Aber den Heiligenbauer hatte die Leidenschaftlichkeit seiner alten Natur gepackt. Er überließ sich ihr und redete lodernd, wie er es seit Jahren nicht getan hatte: »Das arge Auge macht die Welt arg. Was schert mich das! Sehen ich und mein Kind aus wie Gottlose? Oder geht es in meinem Hofe zu wie in einem Teufelshause? Also, sorge dich nicht. Müßte da nicht die ganze Christenheit verteufelt sein? O nein, Mann, ich fühle, du glaubst selbst nicht an deine Worte.« Ardelt bezwang sich weiter und sagte gütig: »Lieber Sintlinger, Sie mißverstehen mich. Ich bin nichts, rein gar nichts. Ich bin nur der Vertreter Christi, und seine Worte sind ewig und umfassen die Welt und alles, was darin ist.« Darauf brach der Heiligenbauer in ein lautes Hohngelächter aus, daß sich der Pfarrer entsetzte. Als der Sintlinger sich wieder gefaßt hatte, sagte er: »Gut, wir sind am Ende! Antworten Sie mir nur noch auf eine Frage. Und wenn Sie ja sagen können, so sollen Sie in allem recht haben, und ich will ein Narr sein und bleiben bis ans Ende. Gibt es in der Welt, auf der Erde oder im Himmel einen Wagen, der in seiner Nabe Platz hätte, oder ein Tor, das die ganze Stadt enthält, zu der es führt?« »Nein, das ist freilich unmöglich«, antwortete der Pfarrer. »Aber was soll das wieder?« »Oder wird es je einem Menschen gelingen, seinen Leib auf einen Griff in die Hand zu bekommen? Und so wahr das in alle Ewigkeit unmöglich bleiben wird, so sicher gibt es keine ewigen Worte. Denn das Menschenwort ist nicht mehr als die Nabe am Wagen, das Tor zu einer Stadt und die Hand am Leibe des Menschen. Die Seele des Menschen ist aber tiefer als die ganze Welt und mehr als Christus mit all seinen Worten und Wundern. Doch du, Männchen, bist bloß ein Hammer in den Händen anderer. Und wenn der Schmied mit dem Hammer daneben schlägt, was kann der Hammer dafür? Ich zürne dir nicht. Geh in deines Gottes Namen von mir, wie du zu mir gekommen bist.« Da sah der Pfarrer den Heiligenbauer mit einem Gesicht voller Grauen und Furcht an, wollte noch etwas sagen, schüttelte sich aber in Abscheu und ging leise davon. Der Sintlinger nahm von alledem nichts mehr wahr. Er hatte eine Schmehle zwischen die Lippen geschoben und sah versunken durch das Abenddämmern auf den Buchengrund zu. Da hörte er den Pfarrer noch einmal rufen. Als er das Gesicht hinwandte, warf der Pfarrer eben beschwörend seine Arme in die Höhe und rief: »Wehe, Sintlinger, Sintlinger! Du und dein Kind, ihr seid Verfluchte, Verfluchte!« Dann verschwand er eilig im Dunkeln. Der Heiligenbauer lächelte traurig und kehrte zu seinem einsamen Sinnen zurück. Nach langem, es war schon Nacht, fuhr er auf und sah im Finstern die riesige Gestalt des Faber-Rebellen neben sich stehen. Da erschrak er, daß ihm das Herz kalt wurde. Die Gestalt aber nickte ihm voll Wohlgefallen zu, daß dem Heiligenbauer angst wurde, und daß er eilig floh. In dieser selben Nacht irrte er umher, ohne Ruhe zu finden, wie in früherer Zeit, da ihn der Rausch getrieben hatte, und beim Nachhausekommen war sein Gesicht bleich und bitter wie ehedem. Siebentes Kapitel Die Darstellung des Streites, den der Heiligenbauer auf dem Felde während des Herbstnachmittags bis in den Abend hinein mit dem Hemsterhuser Pfarrer ausfocht, ist aus ziemlich ausführlichen Notizen wiederhergestellt, die sich in seinen Papieren über jenen Vorgang finden. Am Schluß der Aufzeichnungen steht folgender Satz: »Wer sich in den Rangstreit der Tugend verstrickt, ist ebenso ungerecht wie derjenige, der sich an die Stufenleiter des Lasters verliert.« Wenn diese Worte des Heiligenbauers mit seiner sieghaften Streitlust jenes Nachmittags zusammengehalten und zugleich die Erzählungen aus seiner Umgebung betrachtet werden, so merkt man, daß der seltene Mann den Wortkampf nicht dem Pfarrer, sondern sich selber als eine Verfehlung gegen seine mühsam errungene Erkenntnis angerechnet hat. Denn es wird berichtet, der Sintlinger sei danach lange, von den alten leidenschaftlichen Schatten eingehüllt, umhergegangen, habe auf Wegen und in Wäldern, in Ortschaften und auf einsamen Feldern Umschau gehalten, als müsse er den geheimen Schlupfwinkel eines Menschen auskundschaften, von dem er bedroht werde. Zu niemand sprach er über den Sinn seiner Unruhe oder die Person, von der er sich verfolgt glaubte, trotzdem er sein Geheimnis oft selbst fast ganz preisgab, indem er beim Nachhausekommen fragte, ob nicht jemand in seiner Abwesenheit dagewesen sei oder sich in der Nähe des Hofes habe blicken lassen, obwohl er mitten im Gespräch auffuhr, angespannt hinaushorchte und dann eilig das Haus verließ, um, vor dem Hofe stehend, in die Runde zu spähen. So ist keine andere Deutung dieser seiner Seelenverfassung möglich als die, daß er sich noch immer von dem geheimnisvollen Franz Faber nicht losmachen konnte, mit dem er vor vielen, vielen Jahren in der Nacht der Sintlingersteinfeier eine Unterredung gehabt hatte. Und daß dem so ist, beweist der endliche Ausgang seines Lebens, aber auch eine Eintragung in seinen Papieren findet damit eine Erklärung, die sonst undeutbar bliebe. Unmittelbar hinter der letzterwähnten Aufzeichnung steht der Ausruf: »Er war wieder bei mir. Wann werde ich von ihm loskommen! Seine Augen sind auf mich gerichtet, und er redet Worte zu mir, die ich nicht verstehe.« In dieser inneren Unruhe und Unsicherheit schloß er sich noch enger als je mit fast kranker Inbrunst an sein blindes Töchterchen. Kaum ließ er sie aus seiner Hand. Wohin er ging, sie mußte bei ihm sein, und noch oft in der Nacht merkte Helene, daß er lange neben ihrem Bette stehe und sich leidenschaftlich nach ihr hindränge. Während so der Sintlinger wieder tiefer, ja fast wie auf der Flucht vor einer Macht, der er sich nicht gewachsen fühlte, in die namenlosen Glanzwasser untertauchte, die aus der Seele seines Kindes strömten, und noch mehr als je sich von dem Treiben der Welt absonderte, schwollen die Verwirrungen der Zeit und der Kampf in der nächsten Umgebung höher und höher um den Heiligenhübel. Der Pfarrer Ardelt war als ein Gezüchtigter von dem Bauer gegangen, verletzt in seiner Würde als Gottesdiener, von einem stärkeren Geist überwunden, vor seiner eitlen Erwartung bloßgestellt, in sein versöhnliches Greisenherz hinein tief verwundet, so in einen unbeherrschbaren Wirbel gestoßen, daß er an jenem Abende beim Nachhausegehen den Weg verfehlt hatte und spät in der Nacht in dem Pfarrhof zu Hemsterhus eingetroffen war. Die Wirtin hörte ihn wohl endlich die Straße daherkommen, erkannte auch in dem Aufklinken des Zauntörleins seine Hand, erschrak jedoch, als sie gleich danach das Pförtchen zuschlagen hörte, daß es über den ganzen Hof schwirrte. Schnell hob sie das überwartete Essen von der heißen Stelle des Herdes und eilte der Tür zu, um mannhaft sich entgegenzustellen, wenn ja statt des geistlichen Herrn etwa irgendein Fremder in das Haus eingedrungen sein sollte. Aber sie kam mit dem offenen Lichte kaum in die Hälfte des Ganges, der von der Küche nach dem Hausflur führte, da flog auch schon die Tür auf, und sie sah den alten Herrn mit aufgeregten, langen Schritten, den Stock wie eine Stichwaffe in der Hand, den Hut im Nacken, über den Flur eilen und die Stiege hinaufstürmen, ohne auf ihren Ruf und nachfolgenden Schreckenslaut zu hören. Droben aber in seiner Stube stellte der erregte Gottesmann den Stock mit übertriebener Vorsicht an die gewohnte Stelle, hing den Hut genau an den Nagel, ging dann mit vorsichtigen Schritten, ohne Licht anzuzünden, in die Mitte des finsteren Raumes, sann eine Weile gegen die Erde und sagte dann: »Gut, wenn ihr das Feuer wollt, so sollt ihr es haben. Liborius Pfeiffer hat recht, solche Brut verdient keine Schonung. – Herr, bin ich nicht dein Diener?« Und nun begann in Hemsterhus erst leise, dann immer lauter und stürmischer der Kampf gegen Irrlehre, Sündhaftigkeit und Ruchlosigkeit des zuchtlosen Geistes. Ardelt verfiel mehr und mehr der fanatischen Leidenschaftlichkeit seiner Kaplanszeit; denn wer nur durch die Jahre mechanisch von Verwirrungen der Jugend abgedrängt worden ist, verfällt, nur schutzloser und ungebärdiger, den Ausschreitungen seines alten Temperamentes, wenn der Schutzwall aus Staub und Lebensträgheit plötzlich weggeblasen wird. Der Pfarrer vermied es zwar, von dem Ausfall seines Bekehrungsganges auf dem Sintlingerhofe zu sprechen, steigerte sich aber sofort zu langen Verdammungs- und Zornreden, wenn irgend jemand den Namen des Heiligenhofbauers auch nur erwähnte. Doch richteten sich seine Maßnahmen nicht gegen diesen »Erzketzer«, wie er den Sintlinger nun nannte, sondern gegen das bunte, inbrünstige Heilwühlen der Querhovener. Er bezeichnete diesen Ort als den Körper des Sintlingerschen Unglaubens und schwor, Glied um Glied davon abzuhauen, dann werde die gotteslästerliche Seele auf dem Hübel von selbst zugrunde gehen. Unverzüglich setzte er auch mit der »Ausrottung des teuflischen Schwelens« ein. Jede Beichte eines Querhoveners wurde zu einem peinlichen Inquisitionsgericht und endete gar oft nach tumultuösen Explosionen des Geistlichen mit der Verweigerung oder Hinausschiebung der Absolution. Kommunizierende wies er von der Abendmahlsbank weg. Die Querhovener Täuflinge unterwarf er vor der Erteilung des Sakramentes einer beschämenden Teufelsaustreibung. Die sonntäglichen Predigten handelten von nichts anderem als Glaubensverbrechen, dem Los der Sünder auf Erden und ihrer Höllenverdammnis. Die Fenster des Gotteshauses klirrten wieder, die Kanzel zitterte. Ardelt tobte wie in seinen wildesten Eiferjahren. Dem Ketzerkantor Liborius Pfeiffer wurde dadurch erst recht auf das Pferd geholfen, für das er geschaffen war, und er machte seinem Spitznamen in dieser Zeit alle Ehre. Die Folterungen der Querhovener Kinder in der Schule begannen wieder. Seine öffentlichen Gebete kochten von Verfolgungsinbrunst. Wo er ging und stand, lag ein Schatten geheimer Düsterkeit um ihn. Er konnte nicht sprechen, ohne nach drei, vier Sätzen schon in den Wirbel seiner Glaubenssorge zu verfallen. Seine Lippen bebten beständig wie von stummen Verteidigungs- und Verdammungsreden, die ruhlosen Augen rieben ihre Lider noch wunder; durch die Säcke seines Gesichts lief oft und oft ein Zittern, wie es dem Ausbruch des Weinens vorhergeht. Aber während der Pfarrer seine ganze Kraft gegen die Querhovener einsetzte, kehrte der Kantor seine Waffen auch gegen den Heiligenbauer. Sei es, daß er unbewußt von Erinnerungen der Lektüre seiner ekstatischen Bekenntnisschriften regiert wurde, sei es, daß er wirklich von dem Wahn ergriffen war, die Nöte der Zeit hätten der katholisch-römischen Kirche wieder die Macht der gewalttätigen Verfolgung Andersdenkender zurückgegeben, kurz, er traf Maßnahmen, als müßte die Folge der Ereignisse notwendig in einem peinlichen Glaubensprozeß ausmünden. Von seiner Hand ist ein »Verzeichnis aller lästerlichen Irrlehren und Lebenssünden des gefährlichen Häresiarchen Andreas Sintlinger, genannt der Heiligenbauer von Hemsterhus, und seines blinden Kindes Helene, genannt das Heiligenlenlein«, vorhanden. In dem »Mandat« Pfeiffers finden sich unglaubliche Anklagen und absurde Erzählungen, wie die Geschichte von der Unterhaltung des Heiligenbauers mit dem Teufel in Gestalt eines schwarzen Huhns und sein Kegelspiel mit dem Gottseibeiuns im Buchengrunde; es sind die vielen Aussprüche des Sintlingers, zum Teil natürlich verdreht, enthalten, die unter dem Volk umliefen; daneben überliefert dieses moderne Ketzeraktenstück aber auch einige neue Sentenzen, die vollkommen das Gepräge des Sintlingerschen Geistes tragen, obwohl die Umstände nicht genannt werden, unter denen er sie verkündigt hat. Sie lauten: »Schert euch doch nicht so viel um Gott, sonst werdet ihr gar bald wie Huren, die nur von Anständigkeit reden, damit sie ihrer überhoben sind.« Weiter heißt es: »Ist das nicht ein Narr, der Mücken zum Himmel aufwirft und Sand in ein klares Wasser streut, um dadurch zu erfahren, wie hoch der eine und wie tief das andere sei? – Die aber mit ihrer Rede und den Worten anderer das Geheimnis Gottes und ihrer eigenen Seele aufklären wollen, handeln wie ein solcher Narr.« Die heftigste Empörung aber erregte der letzte Ausspruch: »Was das Pferd war, ehe es ein Pferd wurde, ist dasselbe wie das, was der Mensch war, ehe er in die sichtbare Gestalt seines Leibes eintrat. Denn wären wir nicht in allem und strömte dieses All-Eine nicht auch in uns, wir könnten nichts erkennen.« Die Anklageschrift kam nie aus der Seitentasche des kantorlichen Rockes. In jede Gesellschaft drang Pfeiffer ein und entfachte einen Schauer vor der Gefährlichkeit des Heiligenbauers, dessen Verirrung er von den Lastern seiner Vorfahren und den Ausschweifungen der eigenen Jugend herleitete; er erinnerte an die Gesichte des verschwundenen Niemand-Albes und schwor, daß alles aufs Haar eintreffen werde, was jeder in der Umgegend von seinem Vaterhaus her wüßte, und was dieser halbsinnige Mensch einstmals in vielen Gesichten erschaut habe, das nämlich, daß durch ein Kind die Vernichtung des Hofes seinen Anfang nehmen werde, und dieses Wesen sei niemand als Helene, die Gott schon vor ihrer Geburt mit Blindheit geschlagen habe. »Wißt ihr aber nicht«, pflegte er nach diesen wilden Prophezeiungen zu sagen, »wißt ihr nicht, in welchem Walde der Niemand-Alb ums Leben gekommen ist und wer ihn gefunden und begraben hat? Der arme Narr war keinem im Wege als dem einen, dessen schreckliches Ende er vorausgesehen hat. Ich muß mit Moses euch zurufen: ›Haltet euch fern von dem Zelte dieses Gottlosen, damit, wenn das Feuer aus der Erde fährt und ihn verschlingt, ihr nicht mit ergriffen werdet.‹« So verbreitete er in der ganzen Gegend ein dumpfes Bangen, eine heimliche Furcht. In diese geladene Luft fuhr ein kirchliches Ereignis, das nicht nur in der engen Welt von Hemsterhus wie ein Blitz wirkte, sondern den ganzen Erdkreis erregte, und das nicht allein, soweit er dem römisch-katholischen Glauben Untertan war. Im selben Herbst erließ der damalige Papst Pius X. seine Enzyklika: »Pascendi Dominici Gregis.« Dieses Sendschreiben wirkte als Verdammung aller freien Wissenschaft und als Versuch, den ganzen, auch den Weltklerus der römischen Christenheit klösterlich zu kasernieren, aufreizend, ja beunruhigend. Der Pfarrer Ardelt empfing die Enzyklika und das beigeschlossene Schreiben des bischöflichen Amtes, als er sich eben nach dem Mittagsschläfchen in dem Lehnstuhl zurechtgesetzt hatte. Kaum daß er die Einleitungsabschnitte des päpstlichen Breves gelesen hatte, war der greise Priester so gerührt, daß sich ihm die Augen feuchteten. »Endlich«, rief er erleichtert, als von der Art gesprochen wurde, wie der Modernismus bekämpft werden sollte. Dem Pfarrer war es, als habe der Heilige Vater seine schlimme Lage im Kampfe gegen kirchliche Neuerungssucht empfunden und sei ihm im rechten Augenblick mit seiner ganzen Macht zu Hilfe geeilt. Nun war Ardelt gesichert und gestärkt in allen Maßnahmen zur Vernichtung dieses Aberwitzes der ketzerischen Querhovener, aber auch gefeit gegen die schwächliche Güte des eigenen Herzens und die freiheitlichen Anwandlungen seines schlecht behüteten Verstandes. »Jawohl, Vernichtung«, sagte der Pfarrer drohend zu sich. »Und habe ich diese Brut still gemacht, so hört der Hahn auf dem Heiligenhübel von selbst auf zu krähen.« Dann stand er lange in tiefe Gedanken versunken am Fenster und sah auf den begrasten Vorplatz hinunter, in dessen Mitte ein ungewöhnlich schönkroniger hochstämmiger Ahornbaum dem Gartentürlein gegenüber Wache hielt. Ardelt geriet in seinem Grübeln in immer tiefere Leidenschaftlichkeit, so daß er endlich mit den Fingern der rechten Hand anfangen mußte, auf der Fensterscheibe taktmäßig zu trommeln. Plötzlich erzitterte das ganze Fenster unter seiner Hand wie unter einem gewaltigen Schlag. Dem Greise selbst gab es einen Ruck durch den ganzen Körper, so daß er erschrocken zurücktreten mußte und ein wenig mit seinem verschlagenen Atem zu tun bekam. Doch bald wanderte sein Herz geruhigen Schlages wieder den alten Weg, und der Gottesmann sah neugierig in den Hof hinab, als sei von dort die Störung gekommen, die er doch wohl unbewußt sich, selbst bereitet hatte. Die Sonne füllte den lautlosen Vorplatz, die braungelben Fallblätter rührten sich wie von selbst, wie in den letzten leisen Zuckungen des entfliehenden Lebens. »Ja, was war denn das, dieses Gedonner vorhin?« sagte der Priester zu sich, der wie viele katholische Geistlichen abergläubisch war und fest an Vorahnungen und Anzeichen glaubte. »Ich weiß schon, daß es Mühe kosten und Lärm setzen wird. Aber deswegen werde ich meiner Pflicht nicht untreu werden.« Allein, er mußte aufhören zu sprechen. Denn da näherte sich der Schatten eines Menschen dem Pförtchen, lief selbsttätig den Weg her, richtete sich am Pförtchen vom Boden auf, schwankte einen Augenblick als langer dünner Schleier in der Luft und sank dann langsam in den Hof. Und dabei war nirgends ein Wesen zu sehen, dem er angehörte. »Ist denn auf einmal alle Welt mit Spuk geladen?« fragte er sich beklommen, schloß die Augen, ging auf seinen Lehnstuhl zu, packte mit seinen Händen krampfhaft die Armlehnen und murmelte inbrünstig: »Herr, bleibe bei mir! Joseph und Maria, verlaßt mich nicht!« Indem er so rang, klopfte es an seine Tür, lauter und lauter. Da kam der Hemsterhuser Pfarrer wieder ganz zu sich, hob das päpstliche Schreiben auf, rief mit starker Stimme »Herein!«, und als Liborius Pfeiffer auf der Schwelle erschien, schwenkte er den Bogen wie eine Fahne in der Hand, trat dem Kantor einen Schritt entgegen und rief: »Gott zum Gruß, Herr Kantor! Da halte ich unsern Sieg in den Händen.« Die beiden Männer stellten zunächst den kirchlichen Arbeitsplan der Woche fest. Dann aber verloren sie sich in den Austausch neuer Nachrichten aus dem Ketzerwinkel, schwangen sich einander und getragen von dem kämpferischen Geiste der päpstlichen Worte immer brennender in den Entschluß eines rücksichtslosen Ringens gegen jede Bekenntnisverschlemmung und besprachen endlich neue Handhaben, durch die den Querhovenern die Bedenklichkeit ihres geistigen Irrtums auch leiblich fühlbar gemacht werden könnte. Der Pfarrer wehrte sich zwar noch gegen diese Art des Kampfes und war sicher, schon morgen durch die Form der feierlichen Verlesung, seine Predigt und den nachfolgenden Prozessions-, Buß- und Bittgang um die Kirche einen nachhaltigen Eindruck auf die irrenden Gemüter zu erzielen. Aber Liborius Pfeiffer blieb bei seiner Ansicht, daß, wenn es eben nicht anders ginge, die Seele durch den Leib gezüchtigt werden müsse. Und hier, der Kantor kenne sich doch auch in der Welt aus, hier werde es nicht anders gehen. Stoßen könne nur durch Stemmen geheilt werden, und einen Schlag mit der Faust auffangen, sei noch lange kein Widerschlag. In diesem Lodern mit Worten begannen Pfeiffers Räder unter den Rockschößen wieder unvermutet zu arbeiten. Er sah den Abend immer mehr Schatten auf seine Hucke laden, sprang auf und wurde von den Beinen aus der Stube des Pfarrers gewirbelt, noch ehe er sich recht verabschieden konnte. Nicht lange danach hörte Ardelt die ganze Familie Pfeiffers Kreuzweglieder singen. Dazwischen tönte langes Gebetsmurmeln, denn die Schule stand ganz in der Nähe des Pfarrhauses. Das Licht erlosch und flammte wieder auf, und jedesmal, nur immer entzündeter, erhob sich ein neues Büßerlied. Allein, als am anderen Tage in der Messe nach dem Evangelium die Enzyklika verlesen worden war, als des Pfarrers Predigt wie ein Schloßenwetter von der Kanzel prasselte und danach der Bußgesang mit Musikgedröhn um die Kirche zog, konnten weder Ardelt noch Liborius Pfeiffer noch auch die anderen Mitglieder der Glaubensbruderschaft einen sonderlich tiefen Eindruck auf die Querhovener feststellen, die sie fortwährend auf ein Erbleichen, Erröten, Ellenbogenstoßen oder Kopfnicken wohl im Auge behalten hatten. Im Gegenteil mußten alle, die sich nach der Bußfeier in einem Klassenzimmer der Schule versammelt hatten, feststellen, daß die Querhovener wie immer sich hinter der Maske tiefer Andacht und demütigen Gebetes verborgen gehalten hatten, außer einigen Meixnerschen Christen, denen manchmal sogar etwas wie störrischer Hohn aus den Augen gefahren sei. Und weil man eine Wirkung brauchte, glaubte man die geheime Aufsässigkeit gern, obwohl der, welcher am meisten von diesem versteckten Glaubenshaß gesehen haben wollte, nur der Bäcker des Ortes war, ein Heulbeter, dem bei jeder andächtigen Rührung seines Gemütes die Augen naß wurden. Aber er behauptete standhaft, daß er deutlich gespürt habe, wie sich beim Anblick dieser ketzerischen Verstocktheit der Skapulierfleck auf seiner Brust rührte, so, als werde er von den entsetzten Händen eines Heiligen hin und her gerückt. Da faßten sich alle endlich wieder fest in dem frommen Abscheu vor solchen Glaubensabtrünnigen, die mit den Gebärden der Andacht nach der teuflischen Musik ihres böswilligen Herzens vor Gott und den Menschen einhergingen. Freilich hatten die, welche keinen Eindruck der Papstworte auf die Querhovener gesehen hatten, so recht wie jene, die ein geheimes Widersetzlichkeitslauern an ihnen bemerkt haben wollten; denn in der Tat verhielten sich die meisten so, als rühre der Aufruhr der Entrüstung über Unglauben nicht ihre Schäden an. Sie gingen desselbigen Sonntags so geruhig, ganz unüberstürzt in ihr armes Dörflein zurück wie sonst, nicht zu beratenden Klumpen geballt, finster gebohrt, mit beißend bitteren Augen im Gesicht, sondern zu zweien und dreien, wie friedliche Neigung und der Zufall sie zusammengeführt hatten. Und doch trug jeder von ihnen, Mann oder Frau, ein Wissen um die Bedrängnis in sich, die nach diesem Tage noch schwerer auf ihnen lasten würde. Aber sie alle hatten in der Stille, noch während das Poltern der Anklage die Wölbungen der Kirche erfüllte, Gott die Sorge anheimgestellt, mit ihnen ganz nach seinem Willen zu walten und sie immer vor dem Unrecht zu bewahren, Haß mit Zorn, Verunglimpfung mit Schimpf und Verleumdung mit Ehrabschneidung zu beantworten: wußten sie doch, daß einzig ein reines Herz der Mittler zwischen Gott und Mensch sei, daß dieses Leben in all seinen Gestalten nur dann einen tiefen, köstlichen Sinn habe, wenn es im Lichte unserer ewigen Seele sich auswirke. Und all ihr Kummer reichte nicht weiter, als ihr Antlitz auf einen Augenblick leidvoll anzuhauchen oder ein Weilchen den Blick auf die Seite über die Hügel hinaus fragend ins Pfadlose zu führen. Das geruhige Geplauder lag über den Kirchgängern wie das Flügelsummenlied geschäftiger Immen, bis ganz am Ende, dort, wo der Vanlyßender in Gesellschaft zweier anderer Grauköpfe ging, aus einem Häuflein Frauen erst zaghaft, dann immer herzlicher und freier, ein altevangelisches Lied aufklang. Und wie ein Funkensämlein, vom Winde aufgehoben und davongeführt, da und dort Flammen entzündet, bis der Weg, den es genommen hat, gleich einer einzigen Feuerstraße auflodert, so pflanzte sich die Melodie des heiligen Vertrauens von Gruppe zu Gruppe fort, daß nach kurzer Frist der Zug sich im Brausen des frommen Liedes bewegte. Da und da schied eine Gruppe aus dem Zug und wandelte singend ihrer Heimat zu, bis das Lied, nur noch von einigen Kehlen hochgehalten, hinter dem Waldriegel der Wuhle als Echo leiser und leiser aufklang und endlich in den Bäumen verstummte. Und wenn man so sagen will, hatten diese einwärts gesunkenen Seelen das Glück, daß gerade in jenen aufgeregten Tagen unter verjährtem Gerümpel auf dem Boden des Vanlyßenderschen Hauses ein uraltes, halbzerlesenes »Geschriftlein« gefunden wurde, das sie in der felsenharten Gelassenheit gegenüber allen Bedrückungen ihrer Widersacher noch befestigte. Es war eine aus dem achtzehnten Jahrhundert stammende Neuausgabe des Büchleins »Von der wahren Liebe«, das der gelehrte Gottesfreund Hans Denk das erstemal 1527 hatte erscheinen lassen. Darin fand man fast Wort für Wort das Bekenntnis formuliert, zu dem die Querhovener allein auf den Anstoß halbvergessener Tradition durch ein versunkenes Ahnen geführt worden waren, und man fühlte in glückvollem Schauern über Jahrhunderte hin sich mit der Brüdergemeinde jener Zeit verbunden, »nicht mehr bloß eine ohnmächtige Stimme im Sturm, kein Zweiglein ohne Baum oder ein Lied, das noch nie ein Vogel auf dieser Erde gesungen hat«. Dies waren die Worte, durch die der alte Vanlyßender nach einer Woche die stille Gemeinde mit diesem seligen Buche bekannt machte. Alle hatten sich an dem Abende in dem Rütschhause in der Wuhle versammelt, und der Greis erklärte da und dort aus eigenem Sinnen heraus die Meinung des längst verwehten Gottsuchers. Die gesegnete Weihnachtswoche herrschte in der Welt, und während die Frommen den einfachen und klaren Worten ihres geliebten »Vaters« lauschten, hörte man durch die geschlossenen Fenster den Nachtwind leise in dem Schnee wühlen und dann und wann mit lauterem Aufblasen in die belasteten Kronen der Bäume fahren, daß eine Frau mitten in die Andacht mit dem Ausruf platzte: »Seid still, draußen gehen Leute ums Haus!« Der Vanlyßender ließ das Büchlein mit der rechten Hand fallen, rückte die Brille über die Augenbrauen in die Stirn hinauf und lauschte gleich allen in das murmelnde Rumoren, mit dem das Wetter ums Haus wirtschaftete. Niemand hörte indes andere Laute als gedämpftes Windsausen und dann und wann den Fall von Schneelasten. Deswegen zog der Greis lächelnd die Brille wieder vor die Augen und fuhr, weil er gerade an einer Stelle angelangt war, die eine Ausdeutung verlangte, im Reden fort: »Der Glaube ist demnach weder eine Angelegenheit der Kirche noch auch des Staates. Die Religion geht allein von der reinen Seele des einzelnen Menschen zu Gott und wieder von Gott zurück. Wer es anders betreiben will, muß unweigerlich am Ende Gewalt anwenden und zur blutigen Hand kommen. Oder wie der Heiligenbauer gesagt hat: ›Der leibliche Bruder des Bekehrers ist der Totschläger.‹ Niemand überhebe sich also wegen seines Glaubens, denn wir können mit dem Finger unzählige Wege an dem Himmel weisen ...« Bei diesen Worten schrie die vorige Frauenstimme wieder auf, aber diesmal angstvoll, und ehe der Vanlyßender sie zur Ruhe ermahnen konnte, stürzte sich ein großer Tumult auf das Rütschhaus zu, ein Fenster wurde eingestoßen und eingeschlagen, und viele verstellte Stimmen riefen herein: »Ihr Träumer, hört auf zu leiern. Setzt euch zur Wehr, sonst jagt man euch von Haus und Hof.« Dann stob es nach allen Seiten davon. Als die Versammelten sich von dem Erschrecken erholt hatten und vor das Haus eilten, war alles schon wie ein Spuk in der Nacht verschwunden. Kein Ästeknacken lief durch den nahen Wald, kein Schritteknirschen in dem Felderschnee. Alle wußten zwar, daß die wilde Störung von niemand als dem Meixnerschen Anhang verübt worden war, aber man hatte doch nicht einen erkannt, um ihn zur Rechenschaft ziehen zu können. Deswegen erhoben sich in der allgemeinen Aufregung, die nun entstand, Stimmen gerechter Empörung. Allein, Vanlyßender rief alle noch einmal in die Stube, schärfte ihnen Duldung und Wachsamkeit ein und entließ sie mit dem alten herzlichen Wunsche: »Gott blühe uns!« Achtes Kapitel Doch niemand kann den Lauf eines Flusses hemmen, wenn er mit Blumen seinen Wellen wehrt, und wär' es auch ein mächtig großer Strauß. Die Christen aber, wie sich die »stillen« Querhovener kurz selber nannten, richteten mit ihrer sanften Unbeirrbarkeit gegen die Hemsterhuser Ketzerkämpfer und vor allem gegen ihre eigenen wilden Glaubensbrüder auch nichts aus. Eigentlich wollten sie das ja gar nicht. Sie fühlten sich nur vor ihrer reinen Seele und vor Gott, wie sie ihn verstanden, gebunden und lehnten es ab, Hammer oder Amboß zu sein. Um sie herum aber ging das tolle Pinkepank weiter. Denn die wilden Meixnerianer hatten mit ihrem rücksichtslosen Weckruf durch das zerstoßene Fenster wirklich nicht unrecht gehabt. Auf das Drängen des Kantors hin hatte sich der Pfarrer von Hemsterhus entschlossen, gegen die Glaubenswidersetzlichkeit der Querhovener mit Gewaltmitteln einzuschreiten, wenn die bisher angewendete milde Kirchenzucht an ihrer Halsstarrigkeit zuschanden werden sollte. Die Gemeindeflur von Querhoven war mit Ausnahme des früheren Meixnerschen Gutes zum Teil Eigentum des Fürsten Arenberg. Der andere Teil gehörte als Widmut dem jeweiligen Pfarrer von Hemsterhus. Nur den Hausfleck, ein kleines Gärtchen und die Hütten besaßen die meisten Querhovener Wirtschafter eigentümlich. Die Ackerstreifen, deren Ertrag die Hälfte ihres Unterhaltes ausmachte, hatten sie seit undenklichen Zeiten von der Herrschaft und dem Pfarramt zu Hemsterhus in Pacht. Niemand wußte, daß es je anders gewesen war; keinem fiel es ein, auf welche Weise irgendeinmal eine Änderung eintreten könnte. Denn was die Notdurft schmiedet, findet im Gebrauch seine einzige Erklärung. Also ernteten die Querhovener Spunddreher und Speilhobler seit immer ihren Kohl, Kartoffeln, ein Schöcklein Korngarben, einige Buschen Hafer von den Äckerchen und trugen getreulich um Johanni und Silvester den Pachtschilling auf den Pfarrhof zu Hemsterhus oder zu dem Oberförster Wiesner in Dingden, wie andere den Zins zu dem Gläubiger tragen, und manch ein Zwirnbeißer mochte sich alle Pachtsümmlein von Vater, Großvater und noch weiter hinauf zusammengerechnet und gefunden haben, daß das Äckerchen schon lange mehr als bezahlt sei, und wenn er eines schönen Tages mit einem fürstlichen und geistlichen Kopfnicken zum unumschränkten Herrn des Ackers eingesetzt würde, so brauchte auf der ganzen Welt nicht ein Haar verrückt zu werden. So sehr liefe das nach dem Lot des Rechtes, daß es sich kaum lohnen würde, zum Dank ans Mützenschild zu greifen. Als die Meixnerianer darum in der Nacht den Warnruf wegen Haus und Hof ausstießen, hielten die meisten der stillen Gottesfreunde die Besorgnis nur für einen Rauch aus aufgeregten Hirnen. Allein, in den Tagen bis zu Neujahr rispelte doch allerhand von allen Seiten herbei. Meixner-Elis schob geschäftig ab und zu, und unter den Leuten seines Anhanges gab es ein immerwährendes heimliches Gelauf, daß auch der geruhige Teil der Täufer sich in seiner Art auf eine unangenehme Überraschung innerlich faßte. Bis zum zweiten Tage nach Neujahr war jeder mit sich eins geworden, auf welche Weise dem Drohenden zu begegnen sei. Und wirklich, nachdem die einen auf der oberförsterlichen Kanzlei, die anderen im Pfarrhofe zu Hemsterhus die Pachtgroschen auf das Zahlbrett gelegt hatten, wurde ihnen hier wie dort eröffnet, daß eine Einziehung der Lohnäcker in irgendeiner Zeit sehr wohl möglich sei, und daß die Leute gut täten, sich nach einer neuen Pacht, vielleicht aus dem Meixnergute, umzusehen. Wie ein besprochenes Spiel wirkte das gleiche Vorgehen der beiden Stellen, und von wem das Stücklein eingefädelt war, darüber konnte kein Zweifel sein, weil der Pfarrer, bei dem einen heftiger als bei dem andern, mit dem Glaubensprügel gewinkt hatte, indem er von der Berechtigung zeitlicher Strafen für Vergehungen an Gott und seiner heiligen Kirche sprach. Allein, weder die Stillen noch die Wilden wurden damit aus den Angeln gehoben. »Der Herr Christus wird es in Ihnen schlichten, wie es recht ist«, antworteten die einen, lächelten gütig und gingen leise und manierlich durch die Tür. Die anderen ließen ihr Gesicht funkeln, brachen jäh in ein widersetzliches Hohnlachen aus und sagten wohl gar, daß ohne Axt noch kein gesunder Baum gefallen sei, warfen die Mütze auf den Kopf und polterten aus dem Hause. Der Oberförster Wiesner in Dingden war ein gerader Geist, und auf seinem gesunden Brustfleck nistete sich so leicht keine Ungerechtigkeit, kein Spinnengift ein. Als er darum den vollständigen Mißerfolg der Drohung bemerkte, schreckte er davor zurück, der Kirche noch weiter behilflich zu sein, um des Glaubens willen arme Leute in Not und Elend zu bringen. Er ließ also den Pfarrer wissen, daß die fürstliche Verwaltung nicht gesonnen sei, auf dem beschrittenen Wege weiter fortzudrängen, weil durch den wahrscheinlichen Abzug vieler Familien die Forsten um tüchtige Arbeitskräfte kämen, die bei dem Mangel an Leuten nicht so leicht, und vor allem so gut ersetzt werden könnten. Er warne vor Überspannung und Härte, weil sonst auch zu befürchten stehe, daß zu dem kirchlichen Grind noch die sozialdemokratische Pest komme. Doch nichts ist schlechter zu regieren als ein Greis, der aus der Hut seiner Lebenserfahrung hinausgedrängt worden ist. Ardelt gab also dem geraden, gerechten Manne eine gesalbte Antwort, die noch dazu mit allem geistlichen Hochmut gewürzt war. Zum Unglück ging in dieser Zeit einer der rührigsten unter den heißen Schwärmern mit dem Tode ab. Es war einer von denen gewesen, die dem Pfarrer am neujährlichen Zinstage mit einer höhnischen Antwort über die Nase gefahren waren. Den schwindsüchtigen, ausgezehrten Mann hatte es an der Hobelbank gepackt und in die Späne geschlagen, daß er ohne Beichte und Kommunion, die er sowieso seit Jahren gemieden, davongefahren war. Als ihm Ardelt nun das kirchliche Begräbnis verwehrte und der Totengräber für ihn neben den Gehängten ein richtiges Sünderloch in die Erde wühlte, kamen seine Freunde überein, diesmal, gehe es hin, wohin es wolle, hart gegen hart zu setzen. Der Vanlyßender warnte sie wohl vor aller Gewalttat, und als sie doch nicht nachlassen wollten, überwand er sich und suchte sogar den Meixner-Elis selbst auf, um ihn mit beweglichem Einspruch darauf aufmerksam zu machen, wie gefährlich so ein Beginnen für die ganze Gemeinde der Gottesfreunde sei, und wer nicht den Entschluß gefaßt habe, sich zermalmen zu lassen, der solle auch nicht den Finger zwischen die Zahnräder einer Maschine stecken. Allein, er richtete bei dem unheimlichen Manne nichts aus. Wer immer und immer das Feuer mit Zunder löschen wolle, sagte Meixner, der müsse auch einmal erfahren, wie die Flamme dem eigenen Leibe tue. Die aufgestachelten Schwärmer blieben bei ihrem Willen und hoben ihrerseits an einer bebuschten Stelle der Lehne zwischen Querhoven und dem Gebiet der Fremdhöfe, an der sie sich oft versammelt hatten, ein Grab für den Toten aus und schafften einen mehrere Zentner schweren Stein herbei. An dem Abende nun, da die Leiche auf dem Hemsterhuser Kirchhofe versenkt werden sollte, trugen die Schwärmer den Sarg mit ihrem toten Freunde hinaus unter die Bäume. Es war ein unheimlicher Leichenzug. Schweigend, gesenkten Hauptes, zu zweien und dreien nebeneinander, mit krampfhaft verschlungenen Händen, so gingen sie dahin. Viele der Männer trugen eine Hacke oder eine Schaufel auf der Schulter. In dem frühjährlichen Abenddunkel, das alles greller und schwankender zugleich macht, sahen sie selber wie Schatten aus, die ihrem eigenen zerbrochenen Leben folgen. An der Spitze des Zuges wurde ein Kreuz getragen, wie eben aus dem Busch gebrochen, das Querholz mit Stricken festgebunden. Nur ab und zu unterbrach ein Weinstoß der Witwe die unheimliche Stille, dem wie ein machtloses Echo das wehe Wimmern der vaterlosen Kinder folgte. Den Schluß des Trauergefolges bildete der Meixner-Elis, der, ganz abgefallen, nur noch Haut und Knochen, tief gebückt mit Hilfe eines Stockes in einem Abstande folgte. Brandrote Haarsträhnen hingen an seinen eingefallenen Schläfen nieder, er schien todestraurig und lebensüberdrüssig zum Umfallen. Als der Zug am Rande des Gehölzes angekommen war, steigerte sich das Weinen der Witwe und der Kinder so, daß allen ein Schauer durch die Haut rieselte. Der Prahl-Meixner aber hob den Kopf, stutzte einen Augenblick in Ratlosigkeit, sah sich dumpf um und stieß dann einen Schmerzenslaut aus wie das Gebrüll eines sterbenden Stieres. Hier am Waldgrabe hielt er nun seine erste große Rede. Es war ein artikuliertes Gewitter, ein heißes Gebläse, wildes Aufzucken, mehr eine bloße Aneinanderreihung von Ausrufen, Beteuerungen und Beschwörungen. Alle sahen furchtsam auf ihn, und es hätte sie vielleicht nicht überrascht, wenn er an den fanatischen Ausbrüchen seiner Inbrunst auf der Stelle gestorben wäre. »Brüder! Schwestern! Feuerbrände Gottes!« rief er zuletzt. »Von heut an soll dieser Ort, wo wir unsern Freund begraben, Gethsemane heißen. Denn von hier an beginnt unser Leiden. Aber ich werde mich opfern, wenn es sein muß, für unsere gute Sache, für euch, für den wahren Glauben. Anders werde ich mich opfern wie dieser Schönbläser von Heiligenbauer, der nun schweigt und sich duckt in seinem Wohlleben, da das Schicksal mit stählerner Striegel unser Haar strählt. Und jetzt senkt den Bruder in die Erde und wälzt den Stein auf seinen Sarg, daß niemand seine Ruhe stören kann als Jesus Christus allein. Als Geächteter gingst du dahin, Bruder, als ein reines Licht wachst du auf vor Gott, dem Herrn, wie auch bald wir aufwachen werden wie eine ausgeruhte Flamme und ein fressendes Feuer. Der Morgen naht, der Sturm! Amen!« So erschüttert waren alle von seinen Worten, daß den Männern die Hände bebten, die den schweren Stein auf den Sarg wälzten und dann einen Erdhügel über ihn türmten, auf den sie das mitgebrachte Kreuz steckten. Darauf zerstreuten sich alle nach allen Richtungen ins tiefe Dunkel. Denn von dem Dorfe her nahte schnellen Schrittes ein Mann, den man wohl für den Gendarm halten konnte. Die Frauen zogen die Oberröcke über den Kopf, die Männer entledigten sich auch ihrer Röcke, nahmen sie über den linken Arm, schwangen die Schaufel oder die Hacke auf die Achsel und gingen jeder auf einem anderen Rain, von allen Richtungen her, dem Dorfe zu, gleich Arbeitern, die vom Feld und aus dem Wald kommen. Bald darauf erhielten sie die Aufforderung des Pfarrers und der Polizei, den Toten auszugraben und auf dem Kirchhof zu Hemsterhus zu bestatten. Sie blieben hartnäckig und antworteten, die Leiche sei ehrlich zur Ruhe bestattet worden. Wer ein schändliches und ehrloses Begräbnis wolle, der solle es halten, wie er es vor Gott verantworten könne. Sie rührten gewiß keinen Finger an. Die Aufregung wuchs. Meixner hielt Predigt um Predigt, jede wilder, lodernder als die andere. Es rauchte förmlich aus seinem Munde. Wie ehemals, da er noch trank, war er in einem fortwährenden Rausche. Eines Tages verschwand er ganz aus dem Ort und der Gegend und hinterließ die Kunde, wenn sein Haus in Flammen aufgehe, habe der Herr es selber angezündet. Dann sei die Zeit gekommen. »Ehe nicht eine Blutschuld an uns begangen und zu sühnen ist, werdet ihr mich nicht mehr wiedersehen.« Dies waren die letzten Worte, die der Prophet vor seinem geheimnisvollen Weggang verbreiten ließ. Nun folgten sich die Ereignisse wie die Hufschläge eines galoppierenden Pferdes. Liborius Pfeiffer sonderte die Querhovener Kinder in der Schule ganz von den übrigen ab und nannte die Bänke, auf denen sie saßen, Satansbänke. Der Pfarrer Ardelt übersandte seinen zwanzig Pächtern am ersten April die Mitteilung, daß sie am ersten Oktober die Lohnäcker an das kirchliche Amt zurückzugeben hätten. Zugleich wurde einem allgemein verhaßten Querhovener Zwischenträger die ganze Widmut zur Bewirtschaftung übertragen. Dieses schnelle Heraufkommen einer gemeinen Seele vermehrte die Bitterkeit und den Schmerz bei jenen, die vor dem Ruin standen, wenn nicht in Kürze sich ein Ausweg bot. Einige wandten sich an die fürstliche Verwaltung um Gewährung einer Pacht, erhielten aber einen abschlägigen Bescheid, wenn auch ihre Einstellung als Waldarbeiter in Aussicht genommen wurde. Andere begannen sich mit dem Gedanken vertraut zu machen, Haus und Garten, wenn nicht anders, an die Herrschaft zu verkaufen, ins Kohlengebiet zu ziehen und dort Bergmann zu werden. Schlechter gehen könne es ihnen auf keinen Fall, und was sie an Sonne und Freiheit weniger hätten, würde durch den hohen Verdienst doppelt aufgehoben. Aber alle waren bedrückt. Wohin sie gingen, es geschah wie zum Abschied; was sie sahen, trug die melancholische Farbe des Trennungswehes; was ihnen klang, ergriff wie ein letzter Gruß. Selbst die Abgestorbenen im Grabe regten sich auf. Aus dem einen Hause sah man eines Abends die vor zwei Jahren verschiedene Großmutter aus dem Felde hereinkommen. Sie hatte die Schürze heraufgesteckt und sammelte bald von rechts, bald von links Handvoll Ackers hinein. Und je mehr die Last in ihrer Schürze wuchs, je mehr die Alte zur Erde gezogen wurde, desto leidenschaftlicher wurden die Gebärden ihres Schmerzes. Sie schlug sich an die Brust, rang die Hände und warf dann wieder wie zur Anklage die Arme in die Höhe. Dazu weinte sie heftiger und heftiger, daß es zuletzt war, als schluchze die ganze Welt mit. Baum, Hügel, Wolke: alles bebte in der Dämmerung wie vor großem Schmerz. In dieser wehen Erschütterung erlosch die Erinnerung plötzlich, und alle, die es mit angesehen hatten, fielen sich um den Hals und brachen auch in Tränen aus. Acht Tage darauf sammelte der Hemsterhuser Küster während des Hochamtes wie immer mit dem Klingelbeutel seine Pfennige ein. Aber so oft heute ein Querhovener nur den Arm ausstreckte, auch seinen Kupferling beizusteuern, riß der fanatische Mann den Klingelsack weg, sein Blick wurde grimmig, und der Mund kniff sich ein. So fielen viele Ketzerpfennige unter die Bank, und als einer auf den Boden vor den Küster rollte, schippte ihn der mit dem Fuße fort, daß er den ganzen Gang entlang schwirrte. Dort am Ende stand ein armer, blasser Querhovener Junge mit seinem Gebetbüchlein neben einer Bank hart bei seiner Mutter, die auf dem untersten Platz saß. Als der Knabe den fortgestoßenen Pfennig am Boden hinlaufen sah, bückte er sich, fing ihn schnell mit den Fingern ein und freute sich, nun auch einmal wie ein Großer etwas in den roten Klingelsack werfen zu können. Denn was der Küster trieb, hatte er noch nicht bemerkt, weil er zu andächtig aus seinem Buche gelesen hatte. Die Brederoder und Hemsterhuser aber, als sie das sahen, lachten in sich hinein, spitzten die Augen, was nun werden würde, oder nickten dem Küster gar ermunternd zu. Als nach einer Weile nun der Küster an die Bank des Knaben kam, wollte dieser richtig den erhaschten Pfennig hineinspedieren, brachte es aber nicht fertig, weil im gleichen Augenblick der Klingelbeutel mit einem Ruck auswich und davonfuhr. Aber das Junglein wollte sich durchaus auch einmal als Geber fühlen, hob den Pfennig wieder auf und versuchte darum ein zweites Mal sein Glück mit dem Klingelsack. Der aber hüpfte nicht nur wieder zornig weg, sondern der Knabe erhielt bald darauf mit dem dicken Ende des langen Stockes aus Versehen einen furchtbaren Stoß ins Gesicht. Das Blut sprang aus einer Stirnwunde, der Knabe wurde blaß, taumelte und schlug mit lautem Gestöhn auf die Fliesen. Nicht viel fehlte, und die Querhovener wären beim Anblick dieser Roheit in einen einzigen Schrei ausgebrochen. Man bezwang sich aber. Die meisten standen ruhig auf und verließen auf der Stelle das Gotteshaus. Umsonst unterbrach der Pfarrer seine Zeremonien und befahl ihnen vom Altar her, hierzubleiben. Niemand kehrte sich daran, sie gingen schweigend davon. In derselben Nacht loderte das kleine Holzhaus des Meixner-Elis in Flammen auf. Das Feuer raste und heulte, wie von einem unterirdischen Gebläse angefacht. Es war eine einzige Riesengarbe aus roten und gelben Flammen. Sie stand in der Windstille gerade und hoch ins Finstere, und Funken, wie feurige Körnchen, stoben dann und wann an den Seiten nieder. Ein Fanal Gottes! Niemand rührte den Finger, zu löschen, und wer etwa zugreifen wollte, wurde von den Schwärmern zurückgehalten. Sie standen in einer unheimlichen Starre der Erwartung umher, wie Bäume in der Stille vor dem Sturm von der Erde aufragen, mit erschlafften Ästen, stillmüden Blättern, mit einem Säuseln, das sich anhört wie ein innerliches Rieseln des Erschauerns. Und wenn sie eine Weile die Last ihrer unaussprechlichen Spannung mit zu Boden gekehrtem Gesicht stumm getragen hatten, fuhren sie sich mit unsicherer Hand über die heiße Stirn, blickten sehnsüchtig nach allen Seiten in die Nacht hinaus, nickten einander schmerzvoll zu und sagten müde: »Er wird nicht kommen«, oder: »Paß auf, Bruder, wir sind zum Narren gehalten.« Da brach unvermutet mit Getöse das Dachgesparre des brennenden Hauses zusammen, und ein Funkenregen stob gewaltig nach allen Seiten empor, daß die Zuschauer zurücktreten mußten, um nicht versengt zu werden. In dem Augenblick der Betroffenheit, der diesem letzten Ausbruch des Feuers folgte, hörten viele von der Dingdener Lehne her überstürztes Gepolter eines stiefelschweren Laufes auf dem steinigen Weg. Immer näher kam es. Schon konnte man einen riesigen Schatten erkennen. Zugleich ertönte von Hemsterhus und von Brederode her stärker und schwächer das Geläut nahender Spritzen, Peitschenknall und Fuhrmannsrufen. Aber die Aufmerksamkeit der Schwärmer war vollkommen nach der Lehne hin gerichtet. Er war es! Keuchend, wie eine überhitzte Maschine, tobte er heran. »Meixner, lieber Bruder, Meixner!« Die Schwärmer drängten ihm entgegen. Aber er sauste durch sie hindurch und sprang, auf einen Augenblick von der Glut rot überleuchtet, wie ein aufrechtes Raubtier in langen, plumpen Sätzen an seinem brennenden Hause vorüber; ohne sich auch nur umzusehen oder im Rasen seines Laufes innezuhalten, rannte er quer durchs Dorf, seine Anhänger hinter ihm her. Er war nicht einzuholen, so schnell lief er noch immer. Schon außerhalb des Dorfes auf halber Höhe der jenseitigen Lehne schrie er: »Nach Gethsemane!« und fing zugleich an, langsamer zu gehen. Als aber seine Anhänger an ihn herankommen wollten, wehrte er sie ab, indem er drohend rief: »Niemand darf mir nahe kommen!« Einige Neugierige von den stillen Enderleuten und auch Katholiken des Ortes folgten dem davonbrausenden Zuge der Schwärmer in einem Abstand und warteten von ferne, um zu erfahren, was sich ereignen werde. Anfangs war alles totenstill. Nach langem erhob sich ein Regen und vorsichtiges Hin- und Widergehen und dann ein halblautes, monotones Gemurmel wie das dumpfe Wogengetön eines ferne dahinziehenden Flusses, erstarb, hob an, setzte aus und rollte dann wieder endlos eintönig weiter in der lauen, stillen Frühlingsnacht, in deren klarer Höhe die Sterne grell und unruhig flackerten wie rote, grüne und weiße Feuerbüschel. So ging es bis gegen Mitternacht. Da begann sich der Wind in den Bäumen zu erheben und übertönte das endlose Gebet der Schwärmer. Müde vom langen aussichtslosen Lauschen verloren sich die Neugierigen und kehrten kopfschüttelnd einer nach dem andern ins Dorf zurück. Aber als das letzte Licht in den Hütten des Dorfes verlöscht worden war, begann ein brausendes Singen aus Gethsemane hervorzubrechen und steigerte sich zu solch wilder Macht, daß zeitweilig das Sausen des Windes in den Baumkronen übertönt wurde. Der Vanlyßender, dessen Wirtschaft der Andachtsstätte der Schwärmer am nächsten lag, konnte diese Nacht nicht schlafen, erhob sich und ging hinaus gegen den Lärm hin und stand, von dem Stamm eines Feldbirnbaumes gedeckt, in der Nähe. Kaum daß das Lied der Männer verstummt war, erhob der Prahl-Meixner seine Stimme. Schon die Anfangsworte waren furchtbar. »So will ich auch werden gegen sie wie ein Löwe, und wie ein Parder auf dem Wege will ich ihnen auflauern«, schrie er. »Ich will ihnen begegnen wie ein Bär, dem seine Jungen genommen sind, und will ihr verstocktes Herz zerreißen und sie daselbst fressen wie ein Löwe, so sagt Hosea im dreizehnten Kapitel.« Dann fuhr er mit ruhigerer Stimme fort: »Die Leute sagen: Mit Licht vermag niemand Holz zu spalten, und hat der Metzger den Mut nicht, den Stier zu töten, so wird er von dessen Hörnern erstoßen werden, und die Leute müssen verhungern, weil sie keine Nahrung mehr haben. Damit wollen sie sagen, auch die Räder an den Gefährten Gottes werden mit Wagenfett geschmiert, und niemand wird satt, er mache sich denn ein Gericht, in dem jeder zweite Bissen ein Unrecht ist. Hütet euch vor solchen Gedanken und Gefühlen, meine Brüder. Das sind stumme Gäste an dem Tisch eurer Seele, die das Gut eures Lebens verprassen. Sie stammen von dem Verfluchten auf dem Heiligenhübel. Ich aber will euch ein anderer Führer, ein anderer Prophet sein. Ich trete diesen Zwerg samt seiner Blinden in den Kot, wenn er mir entgegentritt. Ich zerbreche die Häuser der Gottlosen und schmeiße ihre Türen auf den Weg. Erhebt euch, Brüder, der große Tag ist da! Wir haben die Würfel in der Hand und werden jene wie Spreu in alle Winde streuen, die das Blut unserer Kinder vergossen haben und als Bettler in die Welt treiben wollen. Ich war in den zwei Wochen weit im Reiche und habe mir Rat geholt bei dem Herner Rebellen, der einstmals wie ein Sturm durch unser Land gefahren ist.« Länger konnte der Vanlyßender nicht zuhören. Ihn ergriff ein Schauern der Furcht. Er schlich sich davon, ging zu den Häusern seiner Freunde, klopfte sie heraus und mahnte, sich morgen bereit zu halten, der wilde Meixner predige Aufruhr. Neuntes Kapitel In der Hochfrühe, die dieser Nacht folgte, saßen nach dem allgemeinen Frühstück der Sintlinger, seine Frau und das Lenlein noch eine Weile am Tisch in der großen Stube. »Ich hab's auch gehört«, sagte das Lenlein. »Was?« fragte Johanna. »Na, besonders gegen den Morgen. Das war ein Geschrei, als wenn sich hundert wilde Männer zanken«, antwortete Helene. »Nein«, sagte die Bäuerin wieder, »nach dem Feuer bin ich bald eingeschlafen und nicht mehr erwacht. Bis heut morgen.« Der Heiligenbauer sagte nichts, blickte nur immer wieder zum Fenster hinaus in die Kronen des Baumgartens und nickte Weile um Weile gedankenvoll, aber offenbar nur im Fortgang seines eigenen geheimen Sinnens. »Andreas! – Du!! –« sagte Johanna und legte ihre Hand erinnernd auf seinen Arm. »Ja. – Nun, was sagst du, Weiblein?« fragte er nach fast unmerklichem Auffahren. »Die Butterfrau war doch heute schon auf dem Hofe. Die sagte, in Hemsterhus heißt's, der Meixner-Prophet habe sein Haus selber angezündet. Was meinst du?« Der Bauer antwortete nicht, sondern sah seiner Frau nur in unverwandtem Sinnen in die Augensterne. »Ja, Andreas«, sprach Johanna lachend, »das weißt du doch schon lange. Die Art Augenreden höre ich nicht.« »Kinder! Kinder!« sagte der Heiligenbauer endlich. »Es ist ein Elend mit den Menschen. Die Männer kriegen Bärte und bleiben Kinder. Sie händeln sich ums Riemzeug von Pferden, die sie nicht mehr oder noch nicht haben. Derweil prescht die Mähre, auf der sie gerade sitzen, mit ihnen hin, wohin sie will. Aber noch vorm Halsbrechen schimpft jeder über den andern. Ja – und daß Meixner selber angezündet hat, warum soll das nicht möglich sein?« Dann folgte eine Stille. »Der alte Zenker sagt«, begann Helene wieder, »unser Gottlieb war gewiß nicht bei dem Nachttollen.« »Warum sprichst du ›unser Gottlieb‹, Lenlein?« fragte der Sintlinger sein Kind. Die aber wurde plötzlich bleich. »Seid mal still«, sagte sie überstürzt. »Ganz still. – Nun! – Hört ihr's auch?« Aber ehe der Heiligenbauer und sein Weib sich noch entscheiden konnten, wurde die Haustür aufgestoßen, schwere Stiefelschritte polterten den Flur her, und dann stürzte der jüngste Knecht förmlich in die Stube. Er war vor Aufregung wie von Sinnen. »Reißt die Fenster auf, Bauer! – Aufreißen, sag' ich! – Auf–rei–ßen!« schrie er. »Was denn, Wendel?« fragte der Heiligenbauer ruhig. Aber in dem Burschen überstürzte sich alles. »Es böllert... sie schrein, wie die Wilden schrein sie. Die Querhovener sein tolle geworn. Die Glocken heulen mehr, wie sie läuten. Hört Ihr's denn nich? – Ha! Jetzt geht's gar noch in Brederode los!« Schwaches Glockendröhnen drang durch die Tür. Der Sintlinger sprang auf, rüttelte den Knecht an der Achsel, als müsse er ihn aus dem Schlafe reißen, und rief lächelnd: »Wendel! Holla! Du!« Da erwachte der Knecht aus seinem Taumel, sah sich verdutzt um und wischte verlegen mit den Händen über die Knie. Dabei sagte er wie zu seiner Entschuldigung: »Der Rebeller von dazumal, sagen die Leute, steckt hinter allem. Sie haben's auf den Pfarrhof abgesehen.« Allein, plötzlich fuhr er wieder auf: »Verflucht! Jetzt geht's noch mehr los.« Mit diesem Ausruf stürmte er wieder hinaus. Man hörte das Gesinde auf dem Hofe zusammenlaufen und durchs Tor verschwinden. Johanna hatte ein Fenster angelweit aufgerissen. Man hörte vom Tal herauf die Glocken schreien, kurz und schrill dazwischen das Geheul einer toll gewordenen Volksmenge und durch alles frommes Singen. Der Heiligenbauer stand immer noch mitten in der Stube, wo ihm der Knecht davongelaufen war, nachdem er die Bemerkung von dem Rebellen gemacht hatte. »Da werden wir uns also begegnen. Wir zwei. Und das vielleicht heute noch«, sagte er so leise, daß es niemand hörte. Als aber der Lärm des Aufruhrs jetzt noch deutlicher durchs Fenster scholl, wurde der Heiligenbauer blaß. »Ich fahre hinunter«, sagte er ruhig, aber unheimlich jäh, »und das Lenlein muß mit. Zieh sie an, Johanna. Aber schnell!« Die Bäuerin wußte, daß an Widerspruch nicht zu denken war, und erfüllte mit fliegenden Händen ihres Mannes Wunsch. In kaum fünf Minuten stand das Pferd vor dem Wagen, und im nächsten Augenblicke rasten der Sintlinger und das Lenlein in dem Gefährt den Hübel hinunter, daß es aussah, als liege die Droschke dem Gaul auf dem Rücken. Auf dem Grenzwege peitschte der Heiligenbauer das Pferd noch mehr an und ließ ihm dann die Zügel lang, daß es wie ein Pfeil schoß. Das Gebrüll und Singen war jetzt schon nahe an Hemsterhus. »Fürchtest du dich, Lenlein?« fragte er, ohne die Augen von Pferd und Wagen abzuwenden, bekam aber keine Antwort, und als er auf sein Mädchen blickte, sah er sie im Wagen zurückgelehnt, ihre reinen Augensterne voll Erwartung ins Grenzenlose gerichtet, und das leichte Gewand über ihrer Brust wogte stürmisch. Da merkte er zum erstenmal, daß Helene kein Kind mehr sei. Davon fiel ihn eine tiefe Mutlosigkeit an, als sei sie nun nicht mehr im Besitz jener Mächte, in deren Schutze er wagen durfte, der Gefahr der Aufrührer und gar etwa dem unheimlichen Faber-Rebellen entgegenzutreten. Doch zuckte von diesem Zweifel kaum seine leinenführende Hand. Er lächelte, aber voll eines leidseligen Verwunderns. Das Pferd raste weiter. Nun hatte es schon den Hübelrücken zwischen Querhoven und den Fremdhöfen hinter sich gelassen, und der Sintlinger übersah die wiesige Ebene nach Hemsterhus hin. Die Glocken hatten aufgehört zu stürmen. Das Männergebrüll war verstummt, nur das fromme Singen ging gedämpft weiter. Die Weltallsglocke des Himmels lag in strahlendem Blaufrieden über der jungen Erde, und drüben auf dem Wipfel einer Weide sah er zurückgebogen, schütternd einen Finken singen. Da mäßigte er die Gangart des Pferdes. Doch immer noch im Galopp ging es auf dem alten Grenzwege weiter, während er drüben auf der neuen Chaussee den Zug der Querhovener eben zwischen den ersten Häusern von Hemsterhus verschwinden sah. Ein riesiges, rohes Kreuz wurde an der Spitze des Haufens getragen. Des Heiligenbauers tiefe Ruhe, sein friedevolles Einssein hatte wieder volle Gewalt in ihm. An der Schenke, wo sich die Wege kreuzten, war es still wie ausgestorben. Nur ein hochgewachsener, städtisch gekleideter, junger Mensch stand unter der Tür und trat ins Haus zurück, als der Heiligenbauer vorüberfuhr, weiter dorfaufwärts, gegen Kirche und Pfarrhof hin, wo es von unzähligen Stimmen brauste. Doch ehe er hingelangen konnte, brach das wilde, ohrenbetäubende Gebrüll von neuem los. Die Glocken heulten, und das fromme Singen klang mit beschwörender Inbrunst darein. Als er auf dem Platze vor dem Pfarrhof erschien, hörte er eben Meixners Stimme rufen: »Haut alles zusammen, was sich euch entgegenstellt, Brüder. Zerbrecht den Zaun! Wir wollen zum Pfarrer!« Ein hundertstimmiger Schrei des Entsetzens erscholl, das Volk strömte zurück, dumpfe Beilschläge krachten los, und Holz splitterte. Zugleich aber riefen die ersten Zuschauer, die ihn erkannten: »Der Heiligenbauer! Das Heiligenlenlein! Auf die Seite!« Erlöst und jubelnd zugleich klang das. Der Sintlinger stieg blaß und ernst, ruhig vom Wagen, hob das Lenlein zu sich heraus, übergab das Pferd einem Knecht und schritt mit seinem Kinde Hand in Hand durch die Gasse, die entstand, auf den Pfarrhof zu. Um den niedergehauenen Zaun hatten sich die »Gottesstillen« von Querhoven geschart, die ihren verwilderten Freunden sich an die Fersen geheftet hatten, um vor der Öffentlichkeit nicht mit ihnen verwechselt zu werden und, als ein Vorwurf und eine Mahnung des Herrn, ihnen immer nahe zu sein. Ihr Lied brach sofort ab, als der Heiligenbauer und das Lenlein durch sie hindurchgingen. Schauer, beglücktes Glänzen kam in ihr Gesicht, und man hörte aus ihrer Mitte den Ruf: »Gott sei Dank.« Drinnen im Hofe aber war die wilde Rotte um ihren Propheten, den Prahl-Meixner, versammelt. Sie trugen jeder einen Strick aus Goldweidenruten um den Leib geschlungen, in dem bei den meisten ein Beil, bei einigen ein langes Messer hing. Von der nachtlangen Exaltation waren alle fahl, überreizt, ihre Augen weit und schreckhaft mit dem geilen, furchtsamen Blick von Flagellanten, kümmerliche, unschöne Männer, die sich nur durch Wildheit ihrer Betretenheit erretteten. Jetzt aber standen die zwanzig, fünfundzwanzig Männer zu einem undurchdringlichen Klumpen hinter dem Prahl-Meixner geschart, der wie ein irrer Anachoret ihre Forderungen gegen die Fenster des Pfarrhofes hinaufschrie und von Zeit zu Zeit mit den Fäusten gegen die verschlossene Tür donnerte. Aber niemand ließ sich blicken außer der Köchin, deren bleiches Gesicht dann und wann hinter dem vergitterten Küchenfenster auftauchte und sofort verschwand. Aus dem Schulhausfenster aber lehnte Liborius Pfeiffer heraus und schrie in das Toben Meixners seine Verwünschungen: »Satan! – Verfluchter Höllensohn! – Teufelsseele!« Das andere ging im Lärm verloren. Plötzlich flog ihm ein Stein vor die Brust. Er warf die Hände in die Höhe und verschwand. Wieherndes Gelächter der »Täufer« folgte. Der Prahl-Meixner griff des Kantors letztes Schimpfwort auf und rief in die Stille, die entstand: »Jawohl, wie Teufel habt ihr uns behandelt. Nun beschwert euch nicht, daß wir wie die Teufel gegen euch sein werden. Komm heraus, Pfarrer! Kein Haar soll dir gekrümmt werden. Aber wir wollen nicht wie die Bettler vertrieben werden, wir wollen unseren Glauben behalten, unsere Toten sollen nicht wie Gehängte behandelt werden und unsere Kinder nicht wie junge Zuchthäusler. Wir wollen Frieden! Komm heraus, Ardelt, oder wir schlagen deine Tür ein.« Meixner riß das Beil aus dem Weidengurt, die übrigen taten dasselbe. In diesem kritischen Moment trat der Heiligenbauer mit dem Lenlein aus der Schar der Gottesstillen heraus. Da spürte er, daß jemand auf ihn zudrängte. Als er sich umwandte, erkannte er den Harmonika-Meixner. Sein Auge war voll einer solch bittenden Hingegebenheit, daß er das Lenlein in seine Hand gab und schnell über den Platz durch die Tobenden auf die obersten Stufen an die Pfarrhaustür sprang. Der Prahl-Meixner, der eben das Beil hob, um die Tür zu zertrümmern, zuckte zusammen, als der Heiligenbauer unvermutet neben ihm auftauchte, und trat unwillkürlich eine Stufe zurück. »Guten Morgen, Meixner!« sprach der Sintlinger unbefangen mit gewinnender Herzlichkeit. »Verzeihe, ich bin gekommen, dir zu helfen.« Damit wandte er sich zugleich an die anderen. »Ihr Männer, euch auch. Ihr wollt euern Acker behalten. Wenn ihr Acker braucht, kommt zu mir, und ihr sollt erhalten, so viel ihr wollt. Darauf gebe ich mein Wort vor allen in Meixners Hand.« Er tat es. Dann fuhr er fort: »Ihr wollt euern Glauben behalten. Man kann einem Menschen den Bissen aus den Zähnen, aber niemals, mit keiner Macht, den Glauben aus der Seele reißen. Das kann jeder nur allein durch eigenes Unrecht, das er tut. Gewalttat aber ist immer Unrecht. Also hängt Beile und Messer in den Weidengurt. Und nun will ich für euch mit dem Herrn Pfarrer reden. Habt nur ein paar Augenblicke Geduld, und alles ist gut.« Er ergriff nochmals Meixners Hand, drückte sie herzlich und sagte: »Nicht, so wollen wir's machen, Lieber.« Dann ging er, klopfte leise ans Küchenfenster und rief begütigend hinein. Als er an die Tür zurückkam, öffnete die alte Wirtschafterin, ließ ihn ein und schloß die Tür hinter dem Sintlinger wieder ab. Durch die Menge liefen immer neue Rufe des Erstaunens über den Sintlinger, und alle waren auf den Ausgang gespannt. Meixner war vollends in den Hof getreten, hatte das Kreuz von dem Grabe des wiedertäuferischen Freundes aus Gethsemane ergriffen, konnte sich vor Betroffenheit nicht fassen, brach dann und wann in höhnisches Gelächter aus und eiferte seinen Anhang an, wenn der Windmacher mit leeren Händen herauskäme, sich durch nichts mehr irremachen zu lassen, sondern drauf und dran zu gehen. Jetzt sei das Eisen heiß, jetzt müsse es geschmiedet werden. Doch niemand antwortete ihm, alle wichen ihm mit den Augen aus. Da schrie eine Weiberstimme im Innern des Pfarrhauses voll verzweifelnden Schmerzes schrill auf und brach dann in lautes Weinen aus. Das Wehklagen kam langsam dem Ausgang zu. Dann ging die Tür auf, und der Heiligenbauer trat, leichenblaß, bestürzt heraus, ließ sein feucht überschimmertes Auge traurig auf allen ruhen und konnte eine Weile nicht sprechen. Endlich hatte er sich gefaßt. »Der Herr Pfarrer ist eben am Schlage gestorben. Er bittet alle um Verzeihung. Also hat Gott alles geschlichtet. Und nun stört nicht die Ruhe des Toten, geht nach Hause. Für das andere sorge ich.« Alle waren erschüttert. Das Lenlein eilte an der Hand Gottlieb Meixners auf ihren Vater zu. Die »Gottesstillen« drängten voll Freude, Glück und Dank nach. Die Aufwiegler fingen an sich zu zerstreuen und gingen ohne Gruß an ihren Führer davon. Dieser aber stand aschfahl, mit entgeisteten Augen, steinsteif, die Hände verzweifelt um den Stamm seines Kreuzes verkrampft. Er sah den Sintlinger an der Seite des Lenleins einige Schritte vor sich, im Begriff davonzugehen, mit dem alten Vanlyßender sprechen. Alle blickten nur auf die beiden Männer. Niemand achtete auf den entthronten Fürsten, noch weniger auf die Veränderung, die mit ihm vorging. Seine Augen waren brennend auf den Heiligenbauer gerichtet. Plötzlich flackerten sie wolfsmäßig auf, sein Gesicht verzerrte sich zur Fratze. Er packte das Kreuz und holte gegen den Sintlinger zum furchtbaren Schlage aus. Aber das Lenlein schrie auf und riß ihren Vater an sich. So schmetterte der Kreuzbaum auf die Erde und zersplitterte. Der Angriff war so unvermutet, mit einer solchen Wildheit erfolgt, daß die Umherstehenden voll Schrecken auseinander stoben und ohne klares Begreifen von dem erblaßten Sintlinger zu dem Meixner sahen, der mit vornübergebeugtem Körper, gespreizten Beinen, keuchendem Maul und aufgerissenen Augen in tierischer Verblüffung dastand. Alle sahen, daß ein höllischer Sturm in ihm arbeitete. Er versuchte zu schreien, aber er brachte keinen Laut heraus. Da ließ er das Wiedertäuferkreuz los, hob die Arme und öffnete die Hände wie krampfstarre Fänge. So begann er taumelnd, durch den ganzen grotesken Körper geschüttelt, auf den Sintlinger loszugehen und schon beim ersten Schritt einen Laut auszustoßen wie das Röcheln eines Tigers. Es war ein Anblick lähmenden Entsetzens. Selbst der Heiligenbauer wich vor diesem schrecklich verzerrten Gesicht zurück. Nur Gottlieb Meixner war schnell von des Lenleins Seite getreten und lautlos hinter ihn gelangt. Nun sich dies offenbar irre Menschentier mit dem Gestöhn einer Schlucht in der Brust auf den Sintlinger zu in Bewegung setzte, sprang ihm der Bursche mit einer solchen Wucht von hinten auf den Rücken, daß der Riese von dem unerwarteten Anprall wie ein umgestoßener Pfahl vornüber zur Erde fiel. Und nun arbeitete und schlug Gottlieb auf den Daliegenden bis zur völligen Erschöpfung ein. Niemand rührte sich, den toll gewordenen Burschen von seinem Opfer zu trennen, ja, der Prahl-Meixner selbst ließ alles wehrlos an sich geschehen, als sei er plötzlich ein Büßer geworden, an dem ein gerechtes Gericht vollzogen wird. Ja, er knirschte und stöhnte nicht einmal, obwohl er schon aus vielen Wunden blutete. Als sein Neffe endlich von ihm abließ, erhob er sich und ging schweigend, ohne jemand anzusehen, mit geneigtem Kopf davon, aus dem Dorfe, über die Felder, ohne auf Weg und Steg zu achten, immer geradeaus dem Walde zu. Keiner wagte ihn zurückzuhalten. Voll unerklärlichen Grauens folgte man ihm mit den Augen und sah, wie er gebückt im Dickicht verschwand. Nach kaum einer Viertelstunde erschien ein Gendarm in Hemsterhus, um den Anführer der Querhovener Landfriedensbrecher zu verhaften und ins Gefängnis abzuführen. Allein, er hatte sich der irdischen Gerechtigkeit schon entzogen. Der Beamte fand ihn in der Fichtenschonung, wo er sich kniend erhängt hatte. Das schöne Mathinklein, des zerstörten Großbauern Tochter und einziges Kind, war durch die Schande, in die ihr Vater sie gebracht hatte, wie von Sinnen vor Schmerz. Noch in derselben Nacht floh sie aus Hemsterhus, und Peter Brindeisener, der zum langen Feiertrunk der glänzend bestandenen Maturitätsprüfung schon früh in die Hemsterhuser Schenke gekommen war und von hier aus den Rottengang der Aufsässigen mit angesehen hatte, ließ Durst und Freude auf sich warten und begleitete das unglückliche schöne Mädchen durch den Wald auf den Bahnhof zu Bocholt. Einige Zeit nachher traf Johanna ihren Mann trostlos und niedergeschlagen am Waldrande sitzen. Er klagte seiner Frau, daß er allein nichts vermöge, daß er wehrlos sei inwendig und auswendig. »Was soll denn werden«, rief er nach einer trüben Pause aus, »wenn uns, wenn mir – mir – mir – das Lenlein genommen wird? Dann geht es mir wie einem Wasser, dessen Quelle vertrocknet; wie einem Winde, der seine Erde verliert; wie einem Hause, dem zur Nachtzeit das einzige Licht erlöscht; ich versiege, verliere den Weg und verfinstere.« Johanna fuhr ihrem Manne mit linder Hand über die Haare und sprach ihm Mut zu. Der Heiligenbauer schüttelte den Kopf und antwortete: Ja freilich müsse alles getragen werden, das wisse er schon, aber seltsam sei es immerhin, wenn er im Dunkel hier am Walde sitze und über die Wiese schaue, springe immer solch Graues an ihm in die Höhe. Es war die Faberwiese, die vor ihnen lag, mit dem Strauchhaufen und dem Quelltümpel in der Mitte. »Andreas, das ist Einbildung«, sagte Johanna zu ihrem Manne, zog ihn am Arme gewaltsam zu sich herauf und fragte im Weitergehen mit lustigem Hohnlachen: »Was sollte gerade die Wiese getan haben, daß du so miesherzig werden mußt. Weißt du's Andreas? Ich nicht.« Der Heiligenbauer antwortete nach einer Weile vieldeutig: »Ja, Weiblein, wer kann das wissen! Denk dir mal das Seltsame, Johanna, in der letzten Zeit ist's mir schon oft sicher gewesen, daß unsere eigenen Fehler der Grund sind, warum andere uns Schaden zufügen können. Denn wo keine Tür ist, da ist auch kein Eingang.« Unter solchem Gespräch waren der Heiligenbauer und sein Weib in den Hof zurückgekehrt, in dem schon alles im Schlaf lag. Viertes Buch Erstes Kapitel Nach diesen gewaltsamen Vorgängen geschah alles, die aufgewühlte Bevölkerung der Gegend um den Heiligenhof wieder zu beruhigen. Die kirchliche Behörde sandte an die Stelle Ardelts einen weltläufig-besonnenen Nachfolger, Spiller mit Namen, einen früheren Assessor und juristischen Doktor. Der verständigte und verband sich mit dem versöhnlichen Geiste des Fürstlich Arenbergschen Oberförsters Wiesner. Die Kündigung der Querhovener Pachtäcker wurde nicht nur zurückgenommen, sondern der Zins wegen der schlechten Lage der Landwirtschaft in jener Zeit, wenn auch nur um geringes, ermäßigt. Ja, jenen, die eine Erweiterung ihrer Wirtschaft anstrebten, stellte man sogar neue Ländereien in Aussicht, und als nicht lange danach das frühere Querhovener Meixnergut in den Besitz der Herrschaft überging, konnten sehr viele der armen Speilhobler des Walddorfes zu ihrem schmalen Pachtstreifen noch ein Lehnäckerlein schlagen. Die Leiche des abtrünnigen Schwärmers wurde unter dem Steine am buschigen Hange herausgehoben und in die geweihte Erde des Hemsterhuser Kirchhofes gebettet, wenn auch der kirchliche Beistand bei der Feier nur auf eine gelegentliche Einsegnung beschränkt blieb. Der Ketzerkantor Liborius Pfeiffer wurde im Interesse des Dienstes weit fort, in eine Gemeinde der katholischen Diaspora versetzt und gewöhnte sich dort langsam, aber schmerzvoll seinen wilden Bekehrungs- und Verdächtigungseifer ab, obzwar er weiter fortfuhr, in engstem Kreise über die babylonische Verwirrung der Christenheit leidenschaftlich zu klagen und ein furchtbares Gottesgericht über das sündige Europa in nahe Aussicht zu stellen. Doch mit Ausnahme eines Briefes an den Hemsterhuser Kirchvater, den Vorsteher der dortigen Glaubensbruderschaft, hat er nie wieder nach jener Zeit seines Lebens gelangt, die mit einem Zerbrechen seiner heiligsten Absichten endete. Ein Weilchen bemächtigten sich auch die Tageszeitungen des Hemsterhuser Aufruhrs. Das erstemal erklang da auch der Name des Heiligenbauers und seiner blinden Tochter in die weitere Welt hinaus. Freilich verzerrt, konnte sich niemand ein Bild von diesen beiden Menschen machen, die in der gewollten Einsamkeit ihres Lebens der Grund und Anstoß für eine Bewegung geworden sind, die selbst, ja erst recht in unseren Tagen sich immer weiter ausbreitet. Die »Gottesfreunde« von Querhoven oder »Menschenchristen«, wie sie sich zuletzt nannten, gerieten nach dem günstigen Ablauf des wilden Strudels, in den sie ihre fanatischen Brüder gestürzt hatten, weder in die eitle Überheblichkeit erfolgreicher Anfänger, noch auch in eine verstiegene Proselytenmacherei, nein, sie blieben nach wie vor bei ihrem errungenen einfachen Glauben. Die früheren Schwärmer hatte der schreckliche Tod ihres Führers schnell auf die besonnten Wege zurückgedrängt, von denen sie durch das Meixnersche Himmelstollen verscheucht worden waren, und eine so tiefgehende Wandlung in ihnen bewirkt, daß sich diese Irregeführten bald durch besondere Innerlichkeit auszeichneten. In wenigen Wochen bildeten die Querhovener wieder eine einhellige Gemeinde. Sie fuhren fort, den Weg zu Gott nicht durch einen Mittler, nicht durch die Macht einer Kirche zu suchen, sondern nur mit der Frömmigkeit des erhobenen Herzens und in werktätiger Liebe zueinander. Sie fragten: »Brauchen der Baum oder die Blume jemand oder etwas, das ihnen die Luft, den Regen, die Sonne, den Himmel vermittelt, als nur die Kräfte und Eigenschaften, die ihr Wesen ausmachen? Nun und sagt man nicht, der Mensch sei mehr als ein Gewächs des Feldes? Warum erniedrigt sich der Mensch also? Niemand, der Brot essen kann, kehrt zum Brei des Säuglings zurück. Der eigene Hunger ist besser als der gekaute Bissen aus dem Munde anderer.« Mit Inbrunst glaubten sie an das, was der Mönch Ekkehart, der tiefste Christ aller Zeiten, den Gottesgrund in jedes Menschen Wesen nennt, und betrachteten danach das Gute nicht als ein der Seele fremdes, von einer äußeren Macht herrührendes Gebot, sondern als eine menschliche Lebensnotwendigkeit, und Bösesein hielten sie für einen solchen irrsinnigen Wahnwitz wie etwa Gifttrinken, um seinen Durst zu löschen. Deshalb behandelten sie auch jeden Bösen, wie einen von Krankheit befallenen Bruder, mit Liebe und nie ermüdendem Mitleid. So lebten die Querhovener »Menschenchristen«, wie es uns etwa von den Christen der ersten Jahrhunderte berichtet wird, ehe die Kirche in den Götzendienst der äußeren Macht verfallen war. Sie lehnten es ab, sich mit Gegnern in einen Glaubensstreit einzulassen. »Wer mit Worten beweist, kann mit Worten widerlegt werden«, sagten sie, und »Zwei Männer, die ihres Glaubens halber in Streit geraten, sind wie zwei Gewitter, welche aufeinanderprallen. Sie hören nicht eher auf zu blitzen und zu donnern, bis sich beide zerstört haben.« Und so lehrten sie nur durch ihren Wandel. Damit aber ahmten sie die Überredungskraft der Natur nach, die auch durch nichts anderes zu sich erzieht als durch die geheimnisvolle Schönheit ihrer Lebensgestalten, und die Zahl derer, die sich den Querhovenern anschlossen, wuchs fortwährend. Am meisten betroffen von dem Erfolg dieser Irrlehre war die römisch-katholische Kirche, die geglaubt hatte, mit duldender Güte den sektiererischen Widerstand abschleifen und die neue Kraft langsam in die Bahnen ihrer alten Formen leiten zu können. Der neue Pfarrer, Dr. Spiller, wirkte in diesem Sinne unausgesetzt auf sie ein, indem er sie zu überreden suchte, daß ihre Ansichten nichts Neues, sondern die alten Grundlehren des Christentums und somit der Kirche seien, und daß ihre Wirkung noch eine weit nachhaltigere sein würde, wenn sie sich ganz der Weisheit der Kirchenzucht unterwürfen. Allein, dem widersetzten sich alle, am nachdrücklichsten aber der alte sanftmütige Vanlyßender, und er wies dem Geistlichen auch nach, warum das unmöglich sei. »Deswegen nämlich, Hochwürden, sind wir nicht wie ihr«, sagte der ehrwürdige Greis, »weil wir Querhovener vom ersten bis zum letzten Christum nicht für einen Gott, sondern für einen göttlichen Menschen halten, für den Menschensohn, als den er sich bei Markus immer bezeichnet. Das Geschlechtsregister bei Matthäus und Lukas ist ebenso Priesterwerk wie die Lehre des Paulus und das Evangelium Johannes, das nicht von dem Jünger des Jesus sein kann. Dieser hohe Mensch, der Herr Christus nämlich, hat nie eine Kirche stiften wollen, und Sakramente hat er auch nicht eingesetzt, nicht ein einziges. Wir sind das neue, junge Herz in dem alten Leibe, der sich nach dem Namen Jesus Christus nennt. Darum trennen wir uns nicht, weil wir das Herz nicht aus dem Leibe reißen, sondern ihn, den Leib nämlich, mit neuem Blut erneuern wollen.« Als der Alte so zu dem Pfarrer gesprochen hatte, entschuldigte er sich, daß er, ein ungelehrter Mann, so rede. Aber in seiner Seele wisse und glaube er, daß der Mensch ein Wesen sei, das Gott und den Himmel von Anbeginn in sich trage. Darum, wer den Weg zu Gott, zu der höchsten Glückseligkeit suche, der dürfe nur in sein tiefstes Innere sinken. Und der Himmel werde einst auf Erden sein, wenn alle den Mut haben werden, nach den Gesetzen ihres tiefsten Inneren zu leben. Der Pfarrer von Hemsterhus war von den einfachen Worten des ergriffenen reinen Greises selbst wider Willen ergriffen, daß er seiner Bewegung nicht Herr werden konnte. Er brachte kein Wort hervor und senkte erblaßten Gesichtes seine Augen. Dabei ging sein Atem einige Züge lang schwer, daß es selbst dem Vanlyßender auffiel. Deswegen faßte der sich ein Herz und sagte dem Doktor Spiller auch das letzte, was er wußte. »Herr Pfarrer«, rief der Greis begeistert aus, »ich weiß es und sterbe darauf, wenn es sein muß. Wenn jemand ein Kaiser wird, oder ein Papst, oder ein Dichter, oder ein großer Gelehrter und Fabrikherr bloß aus dem Grunde nämlich, um mehr zu sein als ein großer, reiner Mensch, so steigt er allemal herab und wird weniger als er war.« Dabei berührte der Speilhobler beteuernd den Geistlichen mit der Hand an der Achsel. Plötzlich fiel die Ergriffenheit von dem Doktor Spiller ab; er schüttelte den Alten von sich, sah ihn ob der Respektlosigkeit verweisenden Gesichtes an und ging einmal die Stube des Pfarrhauses hin, in der diese denkwürdige Unterredung stattfand. Dann blieb er vor dem Vanlyßender stehen und maß das vertrocknete, kümmerliche Greisenmännlein belustigt vom Kopf bis zu Füßen. »Ja, Vanlyßender, also Sündenfall hat's nicht gegeben?« fragte er schneidend. »Nein«, antwortete der Alte sanft. »Und Erlösung auch nicht?« »Nein.« »Und alle Menschen sind Engel?« »Wenn sie den Willen haben, ja.« »Und ein Mörder, ein Ehebrecher, Kinderschänder ... Mann, ist ein solcher Mensch auch Gott?« »In seiner tiefsten Seele, ja. Denn auf den Meeresgrund reicht keine Welle, auch die furchtbarste Sturmflut nicht. Oder kann es einen Wind geben, so stark, daß er die Sterne auszulöschen imstande wär'?« Dr. Spiller wich bei den ruhigen, sicheren Antworten des alten Vanlyßender immer weiter, wie in wachsendem Entsetzen zurück. Der Greis aber war in eine Art träumende Versunkenheit verfallen und schaute wie geistesabwesend mit seinen klaren Augen ins Raumlose. Da fiel der erste Strahl des Abendrots in die verdunkelte Pfarrstube. Wie eine schimmernde, rote Wand stellte es sich zwischen die beiden Männer und schied sie voneinander. Der Alte fuhr aus seinem Fernsein auf, heftete die Augen auf den Schimmer und bekam davon ein glückseliges Lächeln über sein ganzes Gesicht. Dann sagte er mit leiser, liebreicher Stimme in das lange Schweigen hinein: »Sehen Sie, Herr Pfarrer, auf meine Hand! Jetzt halte ich sie in das Sonnenscheinen, und sie blüht rot. So sind wir Querhovener in die Sonne getreten. Und Gott blühe uns weiter.« Dabei neigte er sich vor dem Geistlichen und ging geräuschlos davon. Dr. Spiller sah lange und betroffen auf die geschlossene Tür und begann dann wieder erregt durch seine Zimmer zu schreiten. Trotzdem ließ er auch in der Folge nicht nach, mit allen Mitteln die Querhovener von ihrem Irrtum abzubringen. Ja, als es mit dem Vanlyßender nicht lange danach reißend bergab, gegen die Grube hin ging, steigerte er sein Seelendrängen noch. Er erzwang sich von den gebeugten Angehörigen den Zutritt zu dem Sterbenden und trieb seine Bekehrungsversuche zu einer Heftigkeit, die diesem feierlichen, letzten Augenblicke geradezu Hohn sprach. Der Vanlyßender antwortete auf nichts, sondern lag still und sanft da. Auf einmal aber glühte der erlöschende Blick des frommen Alten unmutig auf, und er sagte mit klarer Stimme: »Ich will von Ihrem Sakrament nichts wissen. Wer unreinen Herzens ist, dem nützt es nichts, und der gute Mensch braucht es nicht«, nickte dem Priester gütig zu, drehte sich von ihm ab gegen die Wand und starb lächelnd. In der Nacht, die dem Tode des guten Greises folgte, aber schon gegen den Morgen hin, stand der Weber Staupitz, der beste Freund des Verblichenen, auf, da er vor Trauer nicht schlafen konnte, und wandelte in das Gebüsch hinaus, in dem einst der wilde Meixner über dem Grabe des Schwärmers den Aufruhr gepredigt hatte. Dort saß der Betrübte unter einem Baume und gedachte der tiefen Wandlung, die an ihm und dem ganzen Dorfe in den Jahren geschehen war. Da überfiel den Mann die Dunkelheit und der Kummer wieder tiefer, und er fragte sich, was nun wohl mit dem neuen Geiste werden solle, nachdem der Vanlyßender, der allen ein Vater gewesen, gestorben war. Und er schaute schmerzvoll durch das Geäst des Baumes in den Himmel hinauf. Der erste Frühwind rührte dort die Kronen auf. Das Blau der Nacht war blasser geworden, und die Sterne brannten schon bleicher. Eben wollte der Querhovener, von der Sorge ganz erfüllt, den Herrgott selber fragen, ob ihnen in der Zukunft vielleicht noch stärkere Heimsuchungen auferlegt werden sollten, als die gewesen, die hier aus diesem Gebüsch einst den Anfang genommen, da wurde das leise Windwühlen des Morgens stärker und stärker. Es schwang die Kronen der Bäume hin und her wie Glocken, die von eifervollen Händen bewegt werden, und das Brausen der Blätter verwandelte sich plötzlich in ein tausendstimmiges, jubelndes Geläut, das über die Hügel, Wälder und Dörfer rundum bis in die Tiefe aller Welt hineinklang. Diese geheimnisvolle Antwort verwirrte den Querhovener Mann so, daß er wie in den wirklichen Taumel eines Traumes versank. Als er wieder daraus erwachte, stand der hellste Tag über der Erde, und er ging hinunter ins Dorf und verkündete allen, was er erlebt hatte. Die Querhovener nahmen das Begegnis als eine gute Vorbedeutung und einen Trost auf. Und obwohl der Pfarrer den geistlichen Dienst bei dem Begräbnis wiederum versagte, weil Vanlyßender in Feindseligkeit mit der Kirche gestorben war, betteten ihn alle, die sich eines Geistes mit ihm fühlten, in einer Art erhobenen, glückvollen Schmerzes in die Erde. Hier an dem offenen Grabe ist auch das erstemal das Gebet gesprochen worden, das man allgemein dem Vanlyßender zuschreibt. Nach der Erzählung trat, als der Sarg in die Grube gesunken war, die schöne Rütschin aus der Wuhle, seine einzige Tochter, mit ihren vier blühenden Jungen auf den Rand des Grabes. Wie alle Teilnehmer hielten die fünf je einen kleinen Feldblumenstrauß in der Hand. Und nachdem die bleiche, blonde Frau eine Weile mit geneigter Stirn sinnend dagestanden hatte, hob sie ein weniges den Kopf und sprach dann mit ihrer schönen, ergreifenden Stimme das Gebet: »Nicht auf dem Berge Garizim, noch zu Jerusalem ist Gott allein zu finden, noch zu Rom, noch zu Wittenberg. Man baut Tempel aus Stein und fängt ihn nicht. Man errichtet Kirchen, und keine Wand kann ihn binden. Darum lasset uns in der eigenen Brust Türme bauen, die in den Himmel reichen, ein Haus, mit dem goldenen Dach der Wahrhaftigkeit des Herzens, mit Mauern aus gutem Willen und einer Liebe, die nie endet. Denn vom Anfang des Daseins bis zu seinem Niedergang ist Gott in dem Menschen, entweder zu seiner Pein oder zu seiner Seligkeit. Oh, Herr der Welt, du Seele unserer Seele, mache, daß wir dein sind in Freude, in Glück und im Frieden des Guten. Wir flehen dich an, laß uns nicht durch die Qual und Finsternis des Bösen in deinen Schoß zurückfallen. Das Licht ist dein und der Schatten. Der Tag kommt aus deiner Hand wie die Nacht. Laß uns alle Tage in jener Tiefe unseres Wesens wohnen, wo wir von dir nicht geschieden sind, wo Worte nicht sind, noch Gedanken, noch Ziel, sondern Erfüllung. Dort laß uns zu Hause sein, wo wir waren vor unserm irdischen Anfang, und wo wir sein werden nach unserm irdischen Ende in Ewigkeit. Amen.« Als die Rütschin dieses Vermächtnis ihres Vaters gebetet hatte, herrschte eine Stille auf dem Kirchhofe, daß man das Summen der Sommerfliegen in der Sonne hörte. Die schöne Ursula aus der Wuhle war selbst am tiefsten ergriffen. Um sich vor dem Umsinken zu bewahren, kniete sie nieder und beugte sich so über das Grab, daß viele glaubten, sie habe in ihrem Schmerz Mühe, sich davor zurückzuhalten, ihrem Vater ins Grab nachzusteigen. Allein, sie rang nur, noch etwas zu sagen, und konnte sich nicht fassen. Endlich sprach sie aus diesem schweren Kämpfen des beladenen Herzens in das lautlose Schweigen mit lauter Stimme das, was alle Querhovener, das ganze Grabgeleit bewegte. »Mein Vater«, rief sie dem Toten ins Grab nach, »du hast geblüht bis zum Ende. So blühe auch uns allen Gott bis zum Tode.« Dann erhob sie sich und ließ ihr Blumensträußlein auf den Sarg fallen. Die vier Rütschjungen folgten dem Beispiel ihrer Mutter, und alle anderen traten auch heran und warfen als letzten Gruß ihre Blumen in die Grube des Verehrten, so daß der Sarg von Blüten ganz bedeckt war. Auf dem Nachhausewege, jedoch schon außerhalb Hemsterhus, sangen die Querhovener wieder fromme Lieder. Seit diesem Begräbnis ist es bei den Querhovenern und ihren Anhängern Sitte geworden, dem Toten als letzten Gruß statt drei Schaufeln Erde Blumen auf den Sarg nachzuwerfen. Man betont überhaupt im Tode eines Menschen mehr das Sieghafte, die Verklärung, als den Schmerz des Abschieds. Aber, daß wüste Orgien gefeiert, gebechert und getanzt werde und laute Umzüge mit Maskerade und Geschrei die Totenfeier schließen, ist eine erfundene Legende aller kirchlichen und religiösen Feinde der Querhovener, die gleich gründlich widerlegt worden ist, als sie das erstemal in der Anzeige des Pfarrers Dr. Spiller aus Hemsterhus über Verspottung kirchlicher Einrichtungen, öffentliche Ruhestörung und Abhaltung verbotener Umzüge auftauchte, begangen beim Begräbnis des Vanlyßender. Der berühmte Rechtsanwalt Dr. Weißpfleger aus Würzburg, der freiwillig und umsonst die Verteidigung der bedrängten Walddörfler übernahm, hat alle lächerlichen Beschuldigungen in dem aufsehenerregenden Prozeß zurückgewiesen, der so viel zur Verbreitung des neuen Menschenchristentums beigetragen hat. Weißpfleger ist auch dann der erste schrift- und wortgewaltige Vertreter der neuen Bewegung geworden, die eine vollkommene Umwandlung der katholischen Kirche, etwa nach dem Muster der altevangelischen Gemeinden, erstrebt, jener reinsten und inbrünstigsten Christen, die durch Jahrhunderte von den römischen Päpsten mit der hartnäckigsten Grausamkeit, mit Feuer und Rad verfolgt worden sind, denen Ekkehart und Tauler nahestanden, deren Reis der heilige Franz von Assisi eigentlich ist, und die im Luthertum dann einen verkümmerten Sieg feierten. Zweites Kapitel All diesem Kampf der Querhovener um die Behauptung ihres errungenen Glaubens hielt sich der fern, aus dessen Wesen und Leben doch die neue Welt der armen Walddörfler so viel empfangen hatte, der Heiligenbauer Sintlinger. Durch das kluge Entgegenkommen und die Versöhnlichkeit des neuen Hemsterhuser Pfarrers, den Sektierern die Lehnäcker zu belassen, hatte man des Sintlingers versprochene Hilfe beiseitegeschoben, um durch Verhinderung äußerer Verbindlichkeit die Störung der inneren Beeinflussung anzubahnen. Der Heiligenbauer kam also gar nicht dazu, aus seinem Gut den Querhovenern Pachtäcker zu überlassen. Aber wie sich der Dr. Spiller über die Wirkung seiner sachlichen Maßnahmen auf den Geist der Querhovener täuschte, so mußte er auch bald die Nutzlosigkeit dieser mittelbaren Bekämpfung des Heiligenbauers erfahren. Denn der Sintlinger war über die Beilegung des Streites um die Lehnäcker nicht bloß nicht betroffen, sondern äußerte sogar seine unverhohlene Befriedigung, daß der Not der bedrückten Speilhobler so verständig abgeholfen wurde. Und doch drängte es den Sintlinger von dem Ringen der Querhovener noch weiter in die Abseitigkeit seiner einsamen Seele hinein, als ihn sein Wesen bisher von Grund aus gewiesen hatte. Daran aber war ein anderer als der Hemsterhuser Pfarrer schuld. Denn es ist verbürgt, daß der Heiligenbauer entschlossen war, an dem Begräbnis des auch von ihm hochverehrten Vanlyßender teilzunehmen. Der Wagen mit dem angeschirrten Pferde stand an dem Tage schon auf dem Hofe. Der Knecht Wendel saß auf dem Bock, und der alte Zenker umging an seinem Stock noch einmal das Gefährt, um nachzusehen, ob auch alles in Ordnung sei, schlug auf die Polster, nach vergessenem Staub zu fahnden, fuhr dem Pferde an den Flanken hin, griff seine Mähne durch, prüfte die Schnallen der Gurten und entdeckte endlich, daß das Gebiß dem Gaule zu eng ins Maul gelegt sei. Indem er nun mit dem wortschnellen Knechte darüber in Streit geriet, trat der Sintlinger aus der Tür, im schwarzen Rock, den hohen Hut auf dem Kopfe, und näherte sich, ein mildes Lächeln auf dem ernsten Gesicht, dem Wagen, »Häng' das Gebiß einfach ein Glied weiter ein, Zenker«, sagte er. »So, wenn ich warten soll, bis Wendel dir das letzte Wort läßt, ist Nimmerleinstag da und mein guter Vanlyßender derweil schon von den Toten aufgestanden.« Sein Gesicht vertiefte sich noch um einen Schatten mehr in ruhigem Ernst. Er streckte die Hand nach dem Wagenschlag aus und hob den Fuß, hineinzusteigen. Aber ehe er recht auf den Sitz kommen konnte, trat durch das Beitürchen der Hemsterhuser Postbote in den Hof, hob die Mütze grüßend von dem verschwitzten Kopf und wollte, da er den Bauer so nahe vor der Ausfahrt sah, mit seiner Bestellung an ihm vorüber ins Haus hinein. »Nichts an mich?« rief ihm der Sintlinger nach und beugte sich aus den: Wagen. »Freilich, ein Brief«, antwortete der Briefträger über die Achsel zurück. »Nun also, warum soll ich ihn da nicht auch kriegen ?« sagte der Heiligenbauer launig, nahm ihn an sich, und während er ihn schnell aufriß, gab er zugleich Wendel das Zeichen zur Abfahrt. Zenker stand gerade vor dem Kopf des Pferdes, und es dauerte ein Weilchen, ehe er auf die Seite humpeln und die Bahn frei machen konnte. Indessen hatte der Sintlinger den Namen des Schreibers und die ersten Worte des Briefes gelesen. Das genügte, schon nach einigen Schritten des Pferdes, den Knecht von der Fortsetzung der Fahrt zurückzuhalten. Der alte Wirtschafter sah seinen Herrn sich plötzlich verwandeln, leidenschaftlich über das Schreiben gebeugt, immer blasser werden und in verlorener Versunkenheit Blatt um Blatt wenden. Minute verstrich um Minute. Der Sintlinger schüttelte da den Kopf, nickte dort gedankenvoll, ließ, zu Ende gekommen, den Brief auf die Knie sinken und schaute dann lange, wie ratsuchend, in den Sommerhimmel hinauf. »So, so...«, sagte er endlich mit einem tiefen Atemzug, stieg aus, gab den Befehl, auszuspannen, und ging, mit großen, unbeweglichen Augen in der Luft hängend, ins Haus zurück. Der Alte, als er den Sintlinger sich so seltsam gebärden sah, brummte dem Bauer nach: »Ja, ja, geh du immer 'nein! Das Kopfsprengen hört nicht auf bei dir, und wenn du siebenmal die Heiligen inwendig übernanderlegst.« Dem verdutzten, neugierigen Wendel aber riß er alle Fragen an den Zähnen ab und gab seinem »Gemäre« alle Schuld, dem Herrn die Fahrt verleidet zu haben. Der Heiligenbauer kam nach kurzer Zeit in der Arbeitskleidung die Stiege herab, rief seiner erstaunten Frau durch die halboffene Tür in die Küche zu, daß er eines Briefes halber nicht nach Hemsterhus hinunter könne, sondern in den Wald müsse, wo er erwartet werde. Und ehe Johanna noch etwas fragen konnte, war er auf und davon. Die Bäuerin eilte, so schnell es sich wegen der Mägde tun ließ, ihrem Manne wohl nach, erreichte aber damit weiter nichts, als vom Hoftor aus ihn eben über die Hohe Kippe nach dem Walde zu mit großen Schritten verschwinden zu sehen. Der Sintlinger ging, ohne anzuhalten, die Waldstraße entlang. Je tiefer er in seinen Forst eindrang, desto klarer wurde die Sicherheit in ihm, daß es ihm nur an jener Stelle des Waldes gelingen konnte, den eben empfangenen Brief richtig zu lesen und zu verstehen, wo ihm vor Jahren der wahngetriebene Kräutersammler zu Gesicht gekommen war, den er für den verstromerten Faber-Rebellen gehalten hatte. Denn das Schreiben stammte von diesem Manne, der in der Nacht nach der Sintlingersteinfeier wie ein Spuk sein Leben gestreift hatte und es doch seitdem mit Fangarmen umstrickt hielt, die ihn nicht losließen. »Bin ich denn nicht selbst närrisch, mich immerfort von diesem Menschen wie von einem Albe treiben zu lassen?« fragte er sich ein über das andere Mal und brachte es doch nicht fertig, den Brief aus der Seitentasche zu nehmen, zu zerreißen und die Schnitzel in den Wald zu streuen, sondern lief immer weiter, bis er ungefähr an die Stelle kam, von wo aus beim Umwenden die einsame Waldstraße sich fern in die halben Kronen der Bäume hinaushob. Dort ging der Sintlinger linker Hand so tief in den hohen Bestand, daß er vom Wege aus nicht zu erblicken war, ließ sich auf einen alten, übermoosten Stock nieder und las den Brief, der weder Ort, noch Datum, noch Anrede trug, sondern sofort begann: »In letzter Zeit habe ich in verschiedenen Zeitungen Ihren Namen gelesen und darin erfahren, zu welch großem Einfluß Sie in der dortigen Gegend gelangt sind. Ich beglückwünsche Sie von Herzen zu der großen Wandlung, die sich in Ihren Anschauungen vollzogen hat. Denn die Nacht steht noch unvergeßlich in meiner Erinnerung, in der ich ruheloser Erdenflüchtling als Gehetzter das erste und einzige Mal mit Ihnen zusammengetroffen bin. Sind es nicht schon zwölf oder gar dreizehn Jahre? Aber es gibt ja keine Zeit vor unserer Seele, und der Geist des Menschen kennt keine Trennung. Sie haben recht mit der Wahrheit, die Sie die Querhovener gelehrt haben: Die unbegrenzte Liebe der Menschen zueinander ist die einzige Offenbarung des Gottes in uns und des Weltgottes, die ein und dasselbe sind. Dazu bedarf es keiner Kirche, keiner Priester und keiner Sakramente. Wie gern möchte ich zu Ihnen eilen und Ihnen die Hand drücken, der trotz des schweren Geschickes seines Kindes die Kraft gefunden hat, sich aus den Verstrickungen der Eigensucht und leidenschaftlichen Stolzes in die lichte Weite schrankenloser Liebe zu den Nächsten loszuringen. Trotzdem Sie in jener Nacht mich verspotteten und höhnisch hinter mir herlachten, als ich vor dem heranreitenden Gendarm in den Wald flüchtete, war ich der Wirkung jener Stunde und meines Wesens auf Ihr Leben sicher. Glauben Sie mir, es gibt keinen Menschen, der glücklicher über diesen Ausgang sein kann, als ich es bin. Würden Sie mir es glauben, daß es im Laufe der Jahre oft Augenblicke gegeben hat, wo ich mich fast körperlich neben Ihnen gehend gefühlt habe? Ich bitte, stoßen Sie sich nicht an der Unruhe und dem etwas erhitzten Schweifen meiner Worte. Es ist zum Teil ein Angebinde meiner Natur, heute aber ein Ausfluß meiner Freude und wohl auch etwas noch die Folge meines Zustandes. Ich habe mich von dem Säbelhieb des Schutzmannes, den ich bei der Demonstration der Berliner Arbeitslosen in Moabit erhielt, noch nicht ganz erholt. Meine Stirn, die fast gespalten war, ist ja zugeheilt, aber in der Erregung überfällt mich noch mal und mal Schwäche. Sobald ich ganz hergestellt bin, komme ich in Ihre Nähe, denn in dem rheinisch-westfälischen Kohlenbezirk wühlt sich wieder etwas zusammen, und ich muß hin, um die Arbeiter von Torheit und Unvernunft zurückzuhalten, sollte mir auch dort ein zweites Mal beschieden sein, was mir hier widerfahren ist. Auf jeden Fall besuche ich Sie wahrend meines Aufenthalts in der dortigen Gegend. Dann hofft Ihnen noch näherzutreten Ihr Franz Faber.« Der Sintlinger las den Brief aber- und abermal. Je tiefer er indes in den Gedankengang und die Gesinnungswelt Fabers eindrang, desto mehr, desto tiefer fand er sich wieder in Gegensatz dazu. Besonders die Stelle, an der von des Sintlingers Änderung, von seiner Wandlung aus der »Eigensucht« und dem »Stolze« in schrankenlose Liebe zum Nächsten gesprochen wurde. Was wußte dieser Mensch von ihm und von der Art der Leute überhaupt! Immer und immer, das hatte er, der Sintlinger, doch erfahren, nutzt die Belehrung des Irrenden nichts, da ein Mensch des anderen Meinung stets nach seiner, nicht nach der Art des Sprechenden, also falsch versteht. Das Denken des eigenen Kopfes ist ja schon eine Verwirrung der Wahrheit, die an die Innenwand des Schädels klopft, wieviel mehr das Wort, diese neue Entartung des Gedankens. Wenn Menschen miteinander sprechen, so legen sie Hölzchen nebeneinander, nie fügt sich eines an das nächste. Und die Liebe? Gott, ja, die Liebe! Besteht sie ihrem Wesen nach nicht in der schrankenlosen Bereitwilligkeit, den Zustand des anderen zum eignen zu machen? Und ist das in alle Ewigkeit nicht ein aussichtsloses, nutzloses Beginnen? Nie vermag eine Eiche sich in eine Buche, nie ein Wassertropfen in einen anderen zu verwandeln. Wie kann einer seine innere Gestalt in die des Nächsten vertauschen? Ewig müssen wir Menschen einsam bleiben, einsam wie Hügel und Berge, die nur in der Tiefe ihrer Gesteinswurzeln, wo sie noch nicht Hügel und Berge sind, übereinstimmen. Das hatte der Heiligenbauer ja doch sogar in seinem Verhältnis zu seinem Weibe erleben müssen, von dem alten Klim und dem Prahl-Meixner nicht zu sprechen, dem Pfarrer und allen Querhovenern. Nun, und gar der Wahn der Hilfe, von dem dieser närrische Mensch aus einer Not in die andere, einer Niederlage und Enttäuschung in die nächste gehetzt wurde! Der Mensch befindet sich gegen sich selbst in der Torheit, wenn er glaubt, daß mit Gedanken ihm von den Schäden geholfen werden kann, die das Leben jedem zufügt. Denn die Gedanken kommen immer erst nachher, wenn alles vorüber ist, wie Boten, die ein Unglück melden, oder ein Glück, je nachdem. Und genau so ist es mit unserer Hilfe am Nächsten, am Menschen und der Gesellschaft. Wir kommen auch da immer erst nachher, immer zu spät. Kinder werden erzogen nach Grundsätzen, die nicht mehr gelten, wenn sie erwachsen sind. Wir sind wie Stellmacher, die für Verschmachtende Wagen bauen, und sind wir fertig damit, so hat diejenigen schon der Tod geholt, denen sie weiterhelfen sollten. Ja, sogar unsere eigenen Erfahrungen nützen uns nichts. Der Jüngling kann von seiner Kindheit und der Mann nichts vom Jüngling lernen. Noch weniger kann man sie übertragen. Immer bringt man Pferde auf einen Markt, der schon vorüber ist. Alle Bemühungen der Lehre, der Liebe und der Hilfe sind darum zwecklos, sie bewirken nur, daß wir an der Erreichung der eigenen Vollkommenheit gehindert werden. Statt als Stern am Himmel zu strahlen und alle zu trösten, die im Dunkel oder in der Nacht pilgern, erniedrigen wir uns zu Lichtfunzen, die umherschwirren, das Dämmern der Winkel zu erhellen, ohne doch das Elend und die Not vertreiben zu können. Also mochte der Faber immer handeln und denken, wie er wollte, über die Welt und ihn, den Sintlinger selbst, das sollte ihn nicht beirren. Für ihn gab es nur das eine Gebot: Er wollte fortfahren, ohne rechts und links zu sehen, seine Pflicht gegen sich, gegen seine tiefsten Bedürfnisse zu erfüllen und gleich dem Gewitter sein, das sich darum auch nicht schert, wenn die Menschen meinen, es komme ausgerechnet ihrethalben. Es reinigt die Luft auch da, wohin der Laut seines Donners nicht mehr reicht. Fließt irgendwo Luft ab oder zu, so müssen sich die Luftschichten des ganzen Erdkreises endlich danach richten. Alles, das Innerste der Seele auch, unterliegt Gesetzen, an denen nicht zu rütteln ist, unausweichlichen, denen Gott selbst sich nicht entziehen kann. Denn diese Gesetze sind die Staatsmänner seiner Gewalt. Oder war er, Andreas Sintlinger, der Bauer, der hier auf dem bemoosten Stocke im eigenen Walde saß, den sie rundum den Heiligenbauer nannten, etwa nach eigener Willkür zu diesen Erkenntnissen gekommen? Es hatte ihn ja doch wider seinen Willen, mit unausweichlicher Notwendigkeit dahin geführt. Und nun kam dieser stumpfe Irgendwer, dieser Faber, und sprach von dem Zustande seines Lenleins und damit von all seinem Dasein als einem bösen Geschick. Der Heiligenbauer brach in ein lautes Gelächter aus, daß der ganze Wald widerhallte. Dadurch wurde er selbst aus dem Wirbel seines leidenschaftlichen Bohrens herausgerissen. Er stand auf und schaute betroffen umher, ob nicht doch ein Lauscher irgendwo unbemerkt in der Nähe sei; denn der Wald hat so viel Ohren, wie Blätter an den Bäumen hängen und Nadeln an den Zweigen sitzen. Wirklich, da drüben auf der Waldstraße stand ein Mann und sah aufmerksam gegen die Gegend hin, wo der Sintlinger sich befand, schüttelte den Kopf, stach ein paarmal mit dem Stock überlegend in die Straße und setzte sich dann vorsichtig in Bewegung, um zu erkunden, von wem dies laute Gelächter in dem Walde herrühre. Der Heiligenbauer sah den Fremden immer näher kommen, duckte sich und lief lautlos in den Wald hinein, bis er eine dichte Schonung hinter sich hatte. Dann stand er still und lauschte wieder. Es war kein Laut mehr zu vernehmen außer dem Sieden des Lichtes in den Kronen der Bäume. Das schnelle Laufen hatte ihm den Atem etwas abgetrieben. Er legte sich deshalb in das feuchtwarme Moos, nahm die Mütze ab und drückte die Hände in das weiche, grüne Polster. So beruhigte er sich allmählich, und da er seine Flucht vor dem Unbekannten jetzt überdachte, lächelte er nachsichtig und wohlig über seine komische Eile. Aber, Gott sei Dank, war er doch ins reine mit sich gekommen und fühlte sich wieder auf dem alten, sicheren Pferde sitzen. Er überließ sich einem traumhaften Verfließen des Gemütes und verfolgte mit Neugier ein winzig kleines, zikadenähnliches Tierchen, das, wohl von seiner Hand aus dem Wipfel eines Moosbäumchens gerüttelt, Anstrengungen machte, durch das grüne Gewirr wieder heraufzukommen. Um dem Insekt sein Bestreben zu erleichtern, lüftete er den Druck der Hand. Die Moosbäumchen hoben sich, und in kurzer Zeit war das Tierchen aus seinem Gefängnis befreit und lief ihm auf den Zeigefinger. Dort stand es lange in der nur den Insekten eigenen, vollkommenen Starre still. Nur seine winzigen Fühler zitterten noch fortwährend wie unter den Nachwirkungen der Angst. So hatte der Heiligenbauer Muße, das Tierchen zu betrachten und über seine unbeschreibliche Schönheit in das höchste Erstaunen zu geraten. Sein etwa den vierten Teil eines Zentimeters langer Leib, von der Form eines winzigen Torpedos, nur mit stärkeren Verjüngungen am Hinteren und am Kopfende, war in ein metallisches Weißgrün gekleidet, über dem ein puderig weißer Hauch lag. Dieselbe Farbe hatten auch die beiden Halbflügelchen, krausig gewellte Fächerchen, in deren Vertiefungen das Ahnen eines roten Schimmers schwebte. Die Ringe des Hinterleibes waren mit tiefschwarzen Bogen abgesetzt, nach der Mitte zu schwächer und schwächer werdend, daß man die Stelle ihres Aufhörens kaum bestimmen konnte. Das größte Wunder aber waren die schwarzen, feurig glühenden Augen am spitzen Kopfende und die beiden hauchdünnen, schwarzen Fühler, die in blaßgrüne Büschelchen, wie in magische Zitterflämmchen, endeten. Das Tierchen stand auf rosa Beinchen, und nun, da es zu laufen anfing, sah es aus, als sause es auf einem rosigen Nebelchen hin. Und dieses Wunder sah von zwanzig Millionen Menschen kaum einer. Vollkommen verborgen blühte es in dem Zauber seiner Pracht und welkte, vielleicht nach Stunden oder Tagen schon, wieder hin, ohne seine Schönheit selbst je anders gekannt zu haben als nur in der Schönheit seiner inneren Harmonie, von der die äußere Gestalt der Ausdruck war. So gotteseinsam, selbst unwissend, sollten auch Menschen ihre Vollkommenheit tragen. So, wie sein Lenlein sie trug und wie er ihr nachzuleben sich bemühte. Und der Heiligenbauer erinnerte sich mit Glück der Erkenntnis, die ihm vor Jahren beim Anblick des schwarzen Huhnes vor dem Drahtgitter gekommen war. Alle Gestalten des Lebens sind ja immer Sinnbilder derselben Wahrheit. In allen wohnt der unaussprechliche König, der dem Spiel der Lebensgebärden zuschaut, am deutlichsten aber im Menschen. Nun, und hatte er, der Sintlinger, immer reiner und reiner in den Jahren, hatte er nicht auch ins Leben hineingespielt? Wie dies Tier, wenn auch nicht unwissend und wenn auch nicht mit Willen. Ja, ja, reiner und reiner, für sich selbst, natürlich. Aber wie? Welche Folgen hatte es denn für die gehabt, mit denen er in Berührung gekommen war? Und das erstemal sah er sein Leben, wie er es noch nie gesehen hatte. Wie ein Überfall kam das, ein Einbruch, ein Aus-den-Angeln-Heben. Er mochte wollen oder nicht, ein lautloser Sturmwind riß ihn fort: Sein Schwiegervater, der alte Klim, war daran gestorben. Den Pfarrer Ardelt hatte es ins Grab gestoßen, den Prahl-Meixner an den Baum gehängt, den Frieden der ganzen Gegend gestört, Menschen entzweit, ihn selbst seiner Frau entfremdet, den alten Erbhaß der Brindeisener neu entflammt, den Gottlieb vom Hofe getrieben. Und was war ihm denn eigentlich selbst von allem geblieben? Ein paar ärmliche beschriebene Blätter in einem verschlossenen Schub. Das dunkle Bewußtsein der Schuld an dem Aufruhr der Gegend hatte ihn nach Hemsterhus getrieben, um gutzumachen, was von ihm herrührte. Und hatte er nicht in feiger Furcht vor der Verantwortung das Lenlein als Schutz mit in den Aufruhr gezerrt, und war seitdem sein Mädchen nicht wie verwandelt? Eine fremde Macht wirkte in sein Leben hinein und hatte so alles verwirrt, trotz des Meisters, des unsichtbaren Königs in ihm, daß er jetzt nach jahrzehntelangem Ringen sich ins Unrecht verstrickt sah wie ehemals, als er durch die starken Entgleisungen des Trunkes sich am Leben versündigt hatte. Der Heiligenbauer war wie zerstört und bebte am ganzen Leibe. Er sah auf seine Hand und merkte, daß er die schöne Zikade zwischen seinen Fingern zermalmt hatte. Das erschütterte ihn noch tiefer. »Bin ich denn ein Unhold, daß ich alles vernichten muß, was ich angreife?« sprach er trostlos, mit stockender Brust. »Warum geschieht mir das alles? – Warum?« fragte er in Schrecken weiter. Da antwortete es ganz deutlich: »Weil du dein Denken denkst und dein Fühlen fühlst, und weil dir deswegen die Liebe fehlt, die sich hingibt, ohne zu wägen und zu fragen.« Es sprach ganz klar, nur konnte der Sintlinger nicht unterscheiden, ob in ihm oder außer ihm. Mit zusammengezogenem Herzen wartete er, daß es weiterrede. Und während er lauschte, fiel ihm eine Stelle des Faberschen Briefes ein, jene Stelle, in der er ihm schrieb, daß er sich in den Jahren oft körperlich in seiner Nähe gefühlt habe, und zugleich dachte er, wie oft wirklich leibhaftig das Bild dieses Mannes vor ihm in der Zeit aufgetaucht war. Voll eines traumhaften Grauens hob er endlich die Augen und sah um sich. War der Fremde auf der Straße etwa gar schon der Faber gewesen? Aber der ganze Wald war leer und totenstill. Die Bäume standen unbeweglich im sinkenden Abendlicht. Wie zerschlagen erhob sich der Heiligenbauer und ging, achtlos, wohin es sei, im Walde fort. In tiefer Nacht fühlte die Heiligenbäuerin im Schlaf, daß jemand ihre Hand fasse. Sie erwachte und sah, daß ihr Mann neben ihr auf dem Bettrande saß. Seine Finger waren kalt und umfaßten ihre Hand wie ein Schraubstock. Er antwortete auf keine Frage und ging, nachdem er eine Weile gesessen hatte, ohne einen Gruß wieder aus dem Zimmer. Drittes Kapitel Unter dem Volke wurde von dieser verborgenen Heimsuchung nichts bekannt als die Kunde, der Heiligenbauer habe wieder einmal tief im Walde den Teufel lachen lassen. Der Sintlinger hörte das mit seinem gewohnten Lächeln an, ohne eine Erklärung dieses törichten Mißverständnisses zu versuchen. Auch Johanna gegenüber trat er aus seinem Schweigen nicht heraus, außer daß er von der verdrießlichen Forderung eines Mannes sprach, der ihm in der wilden Zeit einst nahegestanden hatte. Um ihrer Ruhe und Unbefangenheit halber bitte er, nicht nach seinem Namen zu fragen. Die Erschütterungen, die dessen unvermutetes Auftauchen ihm beschert habe und von denen ihr in der Nacht ja auch eine Probe nicht erspart geblieben sei, seien nun vollkommen vorüber. Mit leiser Hand fuhr er seinem Weibe nach dieser verkappten Wahrheit über die Stirn, und Johanna sah ihn in der gewohnten Haltung wieder von sich in das Licht seiner rätselhaften Einsamkeit gehen, wohl beruhigt, aber auch ein wenig enttäuscht, daß die Finsternisse von dem Sintlinger so schnell wieder abgelassen hatten, durch die er doch nun letzten Endes zu ihr und der Gesellschaft der Menschen einst zurückgeführt werden mußte. Denn das war zu einer fixen Idee in der lieben Frau geworden, daß das Lenlein nicht eher in den Besitz ihres Augenlichtes kommen könne, ehe der Sintlinger nicht aus seiner Verlorenheit gescheucht sei. Allein, wie sie ihren Mann auch unauffällig beobachtete, sie konnte nicht eine geheime Verdunkelung, nicht eine entschlüpfte Reizbarkeit an ihm wahrnehmen, wodurch sie der furchtvollen Sehnsucht in sich hätte recht geben können. Der Heiligenbauer glaubte sich von dem Zusammenbruch im Walde ganz erholt zu haben. Er setzte das Schicksal des alten Klim, des Pfarrers und des Prahl-Meixners nicht mehr allein auf sein Schuldkonto, sondern sah in ihrem unglücklichen Ausgang die Folge der eigenen Fehler und die Wirkung von Gewalten, die Leben und Tod jedes Menschen seit je bestimmen. In seinen Papieren ist auch nur die Rechtfertigung seines errungenen Zustandes enthalten, nicht ein Wort der Selbstbezichtigung, die ihn im Walde überfallen hat. Nur ganz leise klingt etwas von dem ausgestandenen Schmerz in dem Ausspruch nach, der am Ende der Gedankenreihe sich findet, mit der er den Einfluß des Faberschen Briefes abgewehrt hat. »Erst hat die Musik das Instrument gemacht«, lauten die rätselhaften Worte. »Seitdem macht das Instrument die Musik, und jedes höchste Lied muß entarten. Denn niemand kann rein die Musik des Himmels spielen als nur im eigenen Herzen.« Man geht nicht fehl, in diesen Sätzen das Bekenntnis der Hoffnungslosigkeit gegenüber allem Menschenstreben nach der letzten Vollkommenheit zu sehen. Aber doch flackerte gerade unmittelbar nach diesen Vorgängen wieder eine besondere Schroffheit des Heiligenbauers auf, sein Leben ganz von dem der übrigen abzusondern, wie, um die errungene Höhe wenigstens zu behaupten. Er lehnte es ernst und entschieden ab, in dem Handel Partei zu nehmen, der nach dem Begräbnis des Vanlyßender zwischen dem Hemsterhuser Pfarrer und den Querhovenern entstand, und wußte sich auch der Zeugenschaft in dem nachfolgenden Prozeß zu entziehen. Sich weiter mit dem Streben dieser Sektierer zu verzweigen, hieß für ihn einfach wieder in die Wirnisse früherer Torenzeit zurückzukehren, in die Bitterkeit über die Läppereien Gewöhnlicher und endlich in das alte Hohngelächter. Alles, was er wollte, ahmten sie so nach, wie der Schatten das Wesen eines Baumes wiederholt, ohne Farbe, ohne Duft, ohne Tiefe. In diesen Entscheidungsstunden des Schicksals also ging der Sintlinger über die Grenzen der Selbstbewahrung hinaus. Denn in jedes Menschen Leben tritt ein Zeitpunkt ein, da unsere Kräfte die höchstmögliche Steigerung erfahren haben. Dann müssen wir aus Meistern Diener unseres Werkes werden und, wenn es sich um Ideen handelt, die Veränderungen ertragen, die unweigerlich mit jeder Verwirklichung nun schon verbunden sind. Aber den Sintlinger brannte weiter die ganze Welt nur mit seinen eigenen Schmerzen. Eines Tages nahm er Helene mit sich hinaus auf das Feld, und als sie beide ganz allein waren, fragte er das Mädchen, ob sie in der Weite einen Mann sähe, der auf den Hof zukomme. Er meinte damit den Faber-Rebellen, der in dem Brief seinen Besuch auf dem Heiligenhübel in Aussicht gestellt hatte. Der Sintlinger, der von Helenens Kraft des Fernsehens fest überzeugt war und schon wundersame Proben dieser Eigenschaft an ihr erfahren hatte, erlitt das erstemal eine vollkommene Enttäuschung. Schon die andere Art, in der Helene seine Frage heut entgegennahm, machte ihn stutzig. Nicht wie sonst löste sich die Geschlossenheit ihrer Haltung auf, nahm ihr Gesicht einen Zug bekümmerter, ernster Betrachtsamkeit an, vertiefte sich die klare Grundlosigkeit ihres blicklosen Auges noch mehr ins Innere. Sie hob nur einen Augenblick; wie auslugend, den Kopf, zuckte dann gleichgültig ablehnend mit den Schultern, bückte sich, strich leise mit der flachen Hand übers Gras und antwortete dabei, fast mit dem Anflug eines geringschätzigen Lächelns: Nein, sie sehe nichts. Was solle sie auch sehen? Das sei überhaupt bei ihr nicht mehr so wie sonst. Aber als der Heiligenbauer nun bekümmert in sie drang, ihm doch zu erklären, was sich geändert habe, wie es in ihr anders geworden sei, gab das Mädchen vorderhand keine Antwort, ging neben dem Vater hin, zupfte bald mit der rechten, bald mit der linken Hand Blumen, Halme, Grasrispen, was sie gerade erwischte, ab und warf es mit leidenschaftlicher Gebärde weit von sich. Doch da der Sintlinger nicht nachließ, in aller besorgten Liebe den Veränderungen in ihrem Gemüt nachzuforschen, sagte sie ein paarmal lauter und lauter, zuletzt fast schreiend: »Nichts – nichts – nichts!« und fing plötzlich an, wie flüchtend von ihrem Vater weg, geradezu über das Feld zu laufen, mitten in ein Korngewanne hinein. Der erschrockene Heiligenbauer war wohl sofort hinter seinem Kinde her. Aber sowie Helene sich verfolgt sah, flog sie nur so durch den rauschenden Roggen und stand erst am jenseitigen Rain mit fliegender Brust, erhitztem Gesicht und mit Augen still, die lächelten und zugleich funkelnd spielten und dabei doch von Tränen überströmt wurden. So ließ sie sich von ihrem Vater in die Arme schließen und bat, immer heftiger schluchzend, sie nicht mehr so zu fragen wie vorhin. Das Gesinde wisse auch nichts anderes mit ihr zu reden, und alle Leute nicht, und mit einem Wort, sie möge das nicht mehr. Bei all dem leidenschaftlichen wirren Reden verlor sich aus ihrer Stimme manchmal das nur ihr eigene silberne Klingen, die Worte mutierten in einen vollen fremden Laut hinein, und selbst der Sintlinger wurde ein wenig von der heißen Beklommenheit gestreift, von der seine Tochter erfaßt war, und so ließ er sie in einer Art Furcht los und bat sie, sich mit aller Macht zu wehren, wenn wieder ein solches Gemütswirbeln über sie herfallen wollte. Während des Nachhausegehens durch das volle stille Sommerlicht, unter dem Wogen des Lerchenjubels in der Luft und dem weit gedehnten Schweigen der hochhalmigen Saatfelder kam Helene freilich wieder ganz in das ferne Verzaubertsein ihres Wesens. Sie faßte die Hand ihres Vaters, und der Heiligenbauer genoß das leichte, wundersame Spiel ihres schwebenden Ganges. Nicht nur das, die ganze Grenzenlosigkeit des kindlichen Aufgeschlossenseins kam wieder über sie, und scheinbar ohne Zusammenhang begann sie darüber zu plaudern, was sie auf der Fahrt zu dem Hemsterhuser Aufruhr erlebt habe. Da sei es ihr gewesen, als werde sie davongetragen, um nie, nie mehr zurückzukehren, nicht auf den Hofhübel, nicht zu ihrer Mutter, zu niemand, nicht einmal zu ihm, zu ihrem Vater, der doch, das Pferd lenkend, neben ihr gesessen habe. Aber das allerseltsamste sei doch gewesen, daß ihr lieber Vater während des Fahrens dort geblieben sei, wo er immer war; nur sie, sie allein habe sich rasend schnell mit jedem Hufschlag ins Ungewisse hinausgerissen gefühlt. Und eigentlich habe das seitdem nicht mehr recht aufgehört. Und auch heute nachmittag, als ihr Vater sie nach dem fernen Mann gefragt habe, sei das so gewesen. Manchmal sei das gar nicht hübsch und manchmal auch geradezu zum Fürchten und dabei doch schön, daß es sich gar nicht sagen lasse wie. Als Helene das alles kraus und überstürzt herausgezwitschert hatte, fiel sie ihrem Vater um den Hals, küßte ihn stürmisch und versprach sich zusammenzunehmen und nicht mehr unartig zu sein. Er solle nur der Mutter nichts sagen. Der Sintlinger strich ihr die Haare aus der Stirn und die Besorgnisse aus der Seele. Handverschlungen, beglückt aussehend wie immer, schritten sie durch das hintere Beipförtchen über den Hof. Aber als Helene vor ihrem Vater die wenigen Stufen emporstieg und durch die Haustür verschwand, fühlte der Heiligenbauer ein Verdunkeln so jäh in seine Augen fallen, daß er sich mit der Hand übers Gesicht fuhr, als sei dieser Seelenschatten ein Schleier, der sich wegwischen lasse. Denn es mag wohl sein, daß ihn der Schmerz anfiel, der Eltern auferlegt ist, die ihr Kind durch den Übergang in ein anderes Lebensalter sich verdunkeln, verwirren, wie um eine Biegung des Weltweges verschwinden sehen, mit keinem Ruf der Liebe, mit keinem Weh der Sehnsucht zurückzulocken; es wird ihn auch der Kummer ergriffen haben über das Versiegen der geheimnisvollen Kraft des Lenleins, mit fernsichtigem Seelenblick das Auftauchen schicksalhafter Personen am Horizont seines Lebens zu schauen, und vielleicht geht man in der Annahme nicht fehl, daß ihn deswegen eine Empfindung der Schutzlosigkeit angefaßt habe, dem Gefühl des Kriegers vergleichbar, dem seine Waffen abhanden gekommen sind. An einem Nachmittage saßen der Sintlinger, Johanna und das Lenlein an dem Eßtisch in der großen Stube. Das Mädchen hatte den Kopf in die linke Hand gestützt und hörte in der stillen Zerstreutheit ihrer sechzehn Jahre dem Gespräch der Eltern zu. Durch das geöffnete Fenster strömte die klare, stille Sonne des Nachsommers, der schon wanderunruhige Gesang der Vögel und der herbe Duft herbstnaher Fülle. Auf einmal lehnte sich Helene leidenschaftlich in den Stuhl zurück, faltete die Hände ineinander und versank in ein solch verzücktes Lauschen nach dem Gesang der Vögel, daß ihr Gesicht in den Schimmer einer heißen Verklärung getaucht wurde und stille Tränen in ihre blicklosen Himmelsaugen traten. »Lenlein, was ist dir denn?« fragte der Heiligenbauer und legte besorgt seine Hand auf ihren Unterarm. »Ich weiß nicht«, sagte sie ringend und lächelnd zugleich, »ich weiß nicht. Das Singen, das Singen! Hör doch bloß, wenn der Vogel so herunterschmettert, weißt du, da ist es einem geradeso, als fiele man in die leere Luft. Gott, wie im Traum von einem hohen Hause, man fällt und weiß nicht wohin.« Johanna, die tüchtige Natur, verwies ihr ernst dies ziellose Schwelgen, von dem das Mädchen mehr und mehr verführt wurde. »Weißt du, Kind«, sagte die Bäuerin, »mein Vater konnte solch ein Reden gar nicht leiden. Eine Frau, die ohne Knoten näht, näht leer. Und dann meinte er immer, daß jeder Mensch Hirt und Kuhherde auf einmal ist, und zwingt der Hirt die Herde nicht, so wird die Herde den Hirten regieren.« »Ja, ja, Mutterlein«, erwiderte das Mädchen und lachte vergnügt. »Genau so ist es mit mir. Inwendig klopft es wie von tausend Ziegenfüßen. Nein, es ist nicht zu sagen wie.« Und noch während sie das sprach, stand sie, wieder ins Traumhafte entrückt, auf, als sehe sie an sich nieder, und fragte dann den Heiligenbauer leise wie mit der Neugier eines Halbschlafenden: »Hab' ich nicht einmal getanzt, Vater? Als ganz, ganz kleines Mädchen. Du? Den Rain hinunter und herauf ging das: La, la, la, laaa! Lalala, laaa. Lalala, laaa! La, la, la. Laaa!« Und sie begann singend sich in der Stube zu drehen. Aber der Heiligenbauer fing sie schon nach einigen Wendungen in den Armen auf. »Komm, liebes Lenlein, komm her und setz dich«, sagte er und führte sie auf den Stuhl zurück. »Der Hemsterhuser Aufruhr hat dich doch sehr erregt.« Doch Helene war von ihren Erinnerungen nicht loszukriegen. Sie saß da, fortwährend still und verwundert in sich hineinhorchend. »Nein – nein – so was!« sagte sie erstaunt. »Es wird immer mehr anders. Sonst, wenn ich gesehen und gehört habe, ist alles aus dem Weiten in mir gekommen. Jetzt kommt alles in mich hinein. Ganz, ganz anders. Ich weiß und weiß das nicht, was das bedeuten soll! Vorhin war das Harmonikaspiel ganz weit ... ganz weit weg.« »Harmonikaspiel?« fragte Johanna fast hart. »Dummes Mädel! Woher soll denn in aller Welt jetzt Harmonikaspiel kommen?« »Jawohl, Harmonikaspiel«, erwiderte Helene leidenschaftlich. »Gottlieb hat mir doch damals gespielt. Ich hör's ganz deutlich. – Ach! – Und nun kommt es immer näher ... und es ist ... als ob ... nun geht es ganz leise oben durch unser Haus ...« Indes sie so abgerissen sprach, war sie wieder, mit allen Sinnen in die Ferne dringend, aufgestanden und ging dann, wie hypnotisch davongetragen, aus der Stube. Helene war in Haus, Hof und Feld trotz ihrer Blindheit so sicher, daß der Sintlinger und seine Frau sie auch jetzt gehen ließen, in der Meinung, sie trete nur vor die Haustür. »Ich weiß nicht, was das heißen soll«, sagte die Bäuerin, unter besorgtem Kopfschütteln ihr nachsehend. »Das Mädchen ist gar nicht mehr dieselbe.« »Du meinst auch, seit sie mit mir in Hemsterhus war. Vielleicht von der Angst vor dem Prahl-Meixner«, sagte der Sintlinger. »Ja, Andreas, man könnte das sagen, freilich«, antwortete Johanna. »Oder es kommt alles davon, weil sie doch jetzt in die Natur kommt ...« Aber die Heiligenbäuerin unterbrach sich, scharf ins Haus horchend. »Ach Gott«, sagte sie dann überstürzt. »Hörst du nicht? Sie geht ja über die Bodenstiege! Andreas, da wär's doch besser, du gingst ihr nach. Die Treppe hat eine so böse Kehre.« Der Sintlinger lief sogleich hinaus. Er fand den oberen Flur leer, sah niemand auf der ersten Bodenstiege, hörte keinen Schritt mehr, vernahm aber dafür Lenleins dringende Stimme, und als Antwort tönten um und um unbeholfene Männerworte. Er konnte nicht vernehmen, was geredet wurde. Und nun war er auf dem unteren Boden angekommen, schritt den schmalen Gang vorsichtig hin und gelangte vor die offene Tür einer Kammer. Dort bot sich ihm ein verwunderlicher Anblick. Gottlieb kniete oder kauerte vor Helene (er konnte das nicht genau sehen, weil das Mädchen ihn zum Teil verdeckte) und hielt eine ihrer Hände in seinen großen, viereckigen Greiforganen. Alles war von dem Dämmerdunst des Bodens umflossen, ein verwunschenes, traumhaftes Bild, das der Heiligenbauer verwundert ein Weilchen genoß. Doch jetzt empfand Helene den hinter ihr stehenden Sintlinger und rief, sich umwendend, mit beglückter Stimme: »Siehst du, Vater, das Harmonikaspiel war doch auf dem Boden! Aber, Gottlieb, nun steh doch auf. Er will wieder zu uns, denk, und hat Angst, daß wir noch alle böse auf ihn sind. Das ist doch nicht wahr! Komm, Vater, sag' du's ihm. Mir will er nicht glauben.« So sprudelte das Lenlein durcheinander und trat dann auf die Seite. Nun sprang Gottlieb auf und ging dem vollends hereintretenden Heiligenbauer entgegen. Sein durcheinandergehügeltes Gesicht war beinblaß, die Augen lagen in stillem Feuer in den geräumigen Höhlen. So stand er vor dem Sintlinger und sagte stockend und bebend alles, was sein beladenes Herz seit Jahren so wirr getragen hatte. Der Schluß war, daß er wieder auf den Heiligenhof müsse, sonst komme er wahrhaftig um. Man solle ihm alles vergeben, was er Böses und Dummes getrieben habe. Er habe gebüßt genug und glaube, daß er sich nun ganz und gar »ausgemeixnert« habe. Der Heiligenbauer ließ ihn nicht ganz ausreden. Er war ergriffen von der Treue des Burschen, wenn ihm auch die neue Verknüpfung mit den Querhovener »Menschenchristen«, denen Gottlieb doch anhing, nicht genehm war. Am tiefsten bewegten ihn die wundersamen Umstände, unter denen sein Lenlein das heimliche Einschleichen Gottliebs auf den Hof wahrgenommen hatte. Denn nun merkte er, daß seinem Kinde auch in dem jungfräulichen Leben die rätselhafte Kraft doch nicht ganz abhanden gekommen war, und schöpfte die Hoffnung, auch sein Leben wieder weiter und weiter in einsame Höhen führen zu können. Er nahm deshalb den Burschen bei der Hand und führte ihn durchs Haus der Bäuerin zu. Diese empfing ihn mit frischem Wohlwollen, und als sie alles gehört hatte, war auch sie von Verwundern ergriffen und fragte den Gottlieb schelmisch, wo er denn nun die Harmonika gelassen hätte, auf deren Spiel das Lenlein aus der Stube ihm nachgeeilt sei. Denn ihr wäre es gerade lieb, wenn er jetzt ein recht lustiges Stücklein herunterspielte. Aber der Bursche antwortete verdutzt, daß er die verehrte Bäuerin ganz und gar nicht verstehe. Er sei so, wie er dastehe, auf den Hof gekommen. Von einer Harmonika sei nicht einmal ein Klappenstift in seiner Tasche. Ach, und Spielen! Spielen tue er seit Jahr und Tag und Tag und Jahr nicht mehr. Das sei für immer alle. Oder er wüßte nicht, was passieren müßte, daß er noch einmal Lust darauf bekäme. »Ich habe nicht gespielt, Bäuerin. Meiner Seele nicht!« beteuerte er am Schluß noch einmal, weil Johanna mit gespannt lächelndem Mißtrauen, wie vor einer schalkhaften Überraschung, von einem zum andern sah. »Ja, aber was soll denn das sein?« rief sie jetzt laut. »Dann hat es dem Lenlein eben was vorgemacht.« Da flüsterte der Heiligenbauer seiner Frau etwas ins Ohr, daß sie ihr Mädchen nun noch mit größerem Verwundern ansah. So stark war das Andringen ihrer Blicke, daß das Lenlein, über und über rot, sich ihrer Mutter an den Hals warf und glühend sagte: »Er hat doch gespielt, Mutter. Ach, und wie schön hat er gespielt» Viertes Kapitel Gottlieb fühlte sich nicht anders wie ein vom Sturm lange in unwirtliche, unbekannte Gegenden verschlagener Vogel, der endlich wieder unter heimatliche, mütterliche Dächer zurückgefunden hat. Voll unverdrossener Heiterkeit werkte er auf dem Heiligenhofe wie früher, aber ohne das Springen seiner alten krausen Launenhaftigkeit, still, umsonnt, umsichtig. Und sein Onkel, der alte Zenker, überließ ihm gern mehr und mehr die äußere Leitung des vielfältigen bäuerlichen Getriebes, das seine greisenhaften Hände, zuletzt immer schwächer und schwankender, gehalten hatten. Er humpelte nur unauffällig hinter seinem Neffen drein, um mögliche Entgleisungen sofort einzurenken und Mißgriffen vorzubeugen. Denn von seinem Stolz, daß in dem Burschen nun doch das tüchtige Zenkerblut durchgedrungen war, ließ er sich nach seiner unwirschen, knorzigen Art wenig anmerken. Auch Johanna spürte wohltätig das Eingreifen Gottlieb Meixners, wenn sie auch vergeblich von Abend zu Abend das Aufklingen seiner fröhlichen Weisen erwartete. Sie sowie das Gesinde reizten und drängten umsonst an dem wunderlichen Burschen, das alte Spiel wieder aufzunehmen. »Was zerschlagen ist, bleibt zerschlagen«, antwortete er auf alle Anforderungen mit ruhigem Ernst und wandte sich, wie es der Bäuerin schien, oft mit einem wehmütigen Lächeln ab. Selbst das Lenlein lockte und schmeichelte vergeblich um Gottlieb herum. Sie kam wohl wie in ihrer Kindheit zu den Knechten und Mägden hinaus auf das Feld und saß mitten unter ihnen. Aber das fröhliche Lachen und neckische Hinüber- und Herüberspringen des Gespräches, wie sie es aus jener fernen Zeit in der Erinnerung trug, war aus diesen Menschen gewichen. Alle waren erstarrt in der Gebärde einer furchtsamen Verehrung gegen sie, stellten sofort ihre Tätigkeit ein, wenn sie unter ihnen erschien, hörten mit dem Geplauder auf und standen oder saßen wie in der gespannten Erwartung eines neuen Wunders gleich Standbildern in ekstatischer Verzückung um sie. Niemals fand sie ein frisches Wort, nach dem sie sich so sehnte. Man flüsterte vorsichtig, wie aus Fernen, ihr krauses, verstiegenes Zeug zu, so daß es ihr nie gelang, diese Menschen mit ihrem geheimnisvollen, inneren Blick klar vor sich zu sehen. Einmal saß das blinde Mädchen wieder in dieser Einsamkeit unter ihnen und bemühte sich vergebens, bei ihnen zu sein. Die Worte der Leute waren nur ein undeutliches Geraun, das nicht ihr eigen zu sein schien, sondern von irgendwoher durch sie hindurchging wie ein Wind, der die Halme des Feldes bewegt oder durch Baumkronen streicht. Und bald war es für Helene nicht mehr deutlich von der leisen, eintönigen Musik zu trennen, die die Sommerluft mit dem Rispeln der Gräser, dem gehauchten Sausen der weiten Ährenfelder, dem Summen unzähliger Insektenflügel und dem tiefen Getön des weit abliegenden Waldes tiefer und tiefer in dieses Sonnenlied der Erde eindrang, geschah ihr etwas Merkwürdiges. Es erklang, aber erst noch wie hinter dieser ewigen Melodie, ein anderes, verklärtes, ein Menschensingen, unfaßbar ergreifend, und kam aus der unendlichen Raumlosigkeit näher und näher auf sie zu, daß sie sich in ihrer tiefsten Seele auch machtlos, wie ein Feld bebender Ähren und zitternder Gräser, fühlte. Ohne daß sie wußte, was mit ihr geschah, erhob sie sich von dem Rain, auf dem sie saß, wie auf einen Anruf, dem nicht zu widerstehen war. Das Gesinde, als es das sah, verstummte sogleich, und alle richteten die Aufmerksamkeit auf Helene, die einen Augenblick in die weite Luft starrte. So stürmisch lebte und wogte ihr Leib dabei, daß es den einfachen Menschen war, jetzt und jetzt müsse ein Wunder geschehen und das hübelheilige Mädchen werde sich in die Höhe erheben und schwebend davongetragen werden. Statt dessen begann sie erst leise in Traumtönen eine noch nie gehörte Melodie zu singen, die sich schnell zu jähen, trillernden Lockrufen steigerte, sie anfing zu drehen, erst auf dem Fleck, wo sie stand, ihre Arme verlangend hob und sie dann in einem schwebenden Tanz davonzutragen begann. Aber schon nach wenigen Schritten stolperte sie, raffte sich aber auf, steigerte das Singen, zwang sich zu leidenschaftlicheren Bewegungen und drohte im nächsten Augenblick mit schreckhaft weiten Augen und blassem Gesicht doch zu fallen. Da sprang Gottlieb Meixner herzu, wie damals in ihrer Kindheit, und fing sie in seinen Armen auf. Kaum aber fühlte sie sich von dem Burschen umschlungen, so schrie sie lustvoll-keuchend: »Gottlieb, Mann, schwinge mich in die Höh'!« Allein verschämt, demütig antwortete der Knecht: »Nein, nein, das geht nicht« und hielt die Zitternde, bis sie sicher stand. Helene fühlte, wie er vorsichtig seine Hände von ihr löste, und verharrte bewegungslos mit geschlossenen Augen. Als Gottlieb die letzte Hand von ihrem Arm zurückzog, ging es wie ein erschrecktes Aufwachen durch sie. Sie hob die Hände und tastete über sein Gesicht, zog sie aber schon bald zurück, kehrte sich erschaudernd und enttäuscht ab und begann, befangenen tastenden Ganges über die Wiese den Weg nach dem Hofe zu suchen. Man bot ihr an, sie zu begleiten, aber sie lehnte es mit einem schmerzlichen Lächeln ab. Sie ging nach einem kurzem Zaudern mit dem nur ihr eigenen Schweben die geneigte Wiese schräg aufwärts, und das Gesinde sah sie dem Wege zusteuern, der, von der Hohen Kippe her, dem Heiligenhofe zuzog. Denn die Wirbel, das Anderssein der Welt, hatten sie heute heftiger als je vorher überfallen. Das Mädchen fragte sich umsonst, was das sein solle, und fand doch keine andere Antwort darauf als die, daß sie von einem ähnlichen Zustand erfaßt worden sei, als der gewesen, da sie in der Stube ihrer Eltern erst von dem Vogelliede wie durch die Welt gerissen und dann von einem zauberhaften Harmonikaspiel auf den Boden geführt worden war. Um herauszubekommen, was das zu bedeuten habe, war sie Gottlieb mit der hartnäckigen Bitte nachgegangen, doch wieder wie ehemals in ihrer Kindheit zu spielen. Aber heut hatte sie die Erfahrung gemacht, daß die Musik, nach der sie sich zurücksehnte, nicht von Gottlieb herrührte und nicht eine Erinnerung an das Harmonikaspiel ihrer Kindheit, sondern das betörende Lied eines Unbekannten sei, das von irgendwoher außer ihr in sie hineingesungen worden war, so leidenschaftlich, daß sie wie im Rausche hatte aufstehen und tanzen müssen, weil sie sonst taumelig hingesunken wäre. Und während sie das überlegte, streifte sie nach ihrer Gewohnheit im Weiterschreiten mit den Händen die Halme des Wiesengrases neben ihr. Aber sie mußte die Finger erschreckt zurückziehen, denn es glitten da nicht Halme, Schwingel und Blätter kühl durch ihre Hände, sondern sie fühlte in menschliche Augenhöhlen hinein und sah mit den Fingerspitzen die Buckel einer fremden, breiten Stirn, daß wieder derselbe heiße Schauer ihren Atem stürmisch, fast angstvoll gehen ließ. All dies Treiben, diese vielfältigen Berückungen, unter denen Helene litt, hatten mit dem Tage begonnen, an dem sie mit ihrem Vater den Aufstand der Querhovener Schwärmer im Hemsterhuser Pfarrhofe erlebt hatte. Da war durch den Schrecken, den ihr der wilde Prahl-Meixner eingejagt hatte, etwas in ihr zersprungen, und zugleich erschien es dem blinden Mädchen manchmal, es sei seitdem eine geheimnisvolle Wand um ihre sonst grenzenlose Welt gezogen worden, von woher sich in Augenblicken hoher Erregung Unbegreifliches, noch nie Erlebtes, und zwar von außen her, auf sie zu bewegte, während sonst alles, durch ein Rätseltor ihres eigenen Innern eintretend, sich ihr zu eigen gegeben hatte. Helene wußte nicht, daß sie, der der göttliche Sinn des äußeren Gesichts versagt war, in einem Himmel lebte, dessen Grenzlosigkeit nicht im Abglanz des irdischen Lichtes, wie bei den Augenmenschen, sondern in einem Schimmer erstrahlte, der außerirdisch, traumhaft aus der eigenen Seele heraufdrang. Aus diesem Paradies begann das Geschick sie hinauszuführen, gleich einem Engel, den es nach dem Lande der Menschen verlangt. Aber immer, wenn das Sintlingermädchen von der Leidenschaft des Suchens nach dem neuen Dasein erfüllt wurde wie heut, erlebte sie am Ende den doppelten Schmerz, den Zugang zu ihrem neuen Sehnen geschlossen zu finden und auch in ihrer alten Welt heimatlos zu sein. Sonst hatte Helene von der Hohen Kippe das umliegende Land wie das kreisende Heranfluten von Wogen empfunden. Heut war es starr und leer dort oben, eine beklemmende, brusteinschnürende Weite. Dazu sang in der hohen Luft ein eintöniger, messerscharfer Luftzug, und als sie den jenseitigen Abhang hinunterging, traf sie nicht mehr die Zauberstille der Mulde, zu der das Land sich hier gegen den Wald senkte und in der Helene immer das traumhafte Glück einer Mädchenstube erlebt hatte. Der Boden unter ihren Füßen gebärdet« sich jach und ziellos. Der Wald stand nicht an derselben Stelle wie sonst und strömte fremd, verschlossen, ein nie gehörtes Sausen aus. Im Gesang der Lerchen hörte sie nur immer das hohe Schrillen. Von überallher drang der Gang von Menschen auf sie ein. Das Gebrüll der Kühe auf den Feldern klang drohend. Je mehr Helene sich zusammennahm, desto tiefer geriet sie in die Irre, wie in ein vollkommen unbekanntes Land. Und nachdem sie stundenlang umhergeirrt war, Wege zehnmal gekreuzt, Raine wieder und wieder abgelaufen, vor Bäumen zurückgeprallt und in Felder geraten war, vernahm sie das geruhige Säuseln eines Gesträuches neben sich, kroch unter dessen überhängende Äste, sank erschöpft nieder und fing an, machtlos und leise zu weinen. Dazu sagte sie immer und immer: »Ich finde mich nicht mehr nach Hause auf den Hof und nicht mehr zu Vater und Mutter.« Endlich schlief Helene ermattet ein. So traf sie der Heiligenbauer, der sich aufgemacht hatte, sein Kind zu suchen. Helene öffnete die Augen, hörte erstaunt die Stimme ihres Vaters, lauschte in die Runde und bekam davon ein verwundert rätselhaftes Lächeln ins Gesicht, wie es Kindern beschert ist, die ein Geheimnis hüten, das sie nicht begreifen. Von dem Erlebnis, das sie gehabt hatte, erfuhr der Sintlinger nichts. Sie gab auf alle Fragen wirre Antworten, so ungewiß und zögernd, dazu so belanglos, daß er sich die Schauer nicht erklären konnte, von denen sie zeitweise leise gerüttelt wurde, und nicht die grelle Röte, die dann und wann über ihr Gesicht flammte. Dabei ging sie wankend und stoßend wie schlaftrunken neben ihrem Vater hin, daß der Heiligenbauer ihre Hand faßte, damit sie nicht zu Falle komme. Aber Helene entzog sie ihm mit Heftigkeit und sagte dann entschuldigend, er solle sich nicht bemühen, sie wolle sich jetzt allein zusammennehmen. Nach ein paar Schritten bemerkte der Sintlinger, wie Helene ihre Handflächen prüfend an die Augen hob, so, als habe sie ein Gesicht wie andere Menschen, und da der Heiligenbauer sie fragte, was sie mit ihren Händen habe, huschte als Antwort ein seliger Schimmer über ihr Gesicht, der sich jäh in ein so tief versunkenes Verwundern verwandelte, daß es fast wie Schmerz aussah. Aber um eine Antwort bemühte sich der Heiligenbauer immer vergebens. Aus dem Gesinde war auch nichts anderes herauszubekommen, als daß Helene ein »heiliges Tanzen« vollführt habe und dabei fast gefallen wäre, hätte Gottlieb sie nicht aufgefangen. So litt des Heiligenbauers Welt durch die Wirbel, die Helene aus ihrer Welt herausdrehten. In diese Zeit fiel das fast ganz freisprechende Urteil in dem Prozeß des Hemsterhuser Pfarrers gegen die Querhovener Menschenchristen. Die kleine Pön, zu der die Dörfler wegen einer geringfügigen Ordnungsverletzung verurteilt wurden, erhöhte nur den Glanz des Freispruchs. Und wenn auch die Querhovener nie einen anderen als diesen Ausgang für möglich gehalten hatten, so atmeten doch alle erleichtert auf, da die Unruhe von ihnen genommen war, die trotzdem jeder geheim für sich getragen hatte. Das Urteil des Gerichts nahmen sie für ein Urteil der Welt über das Recht und die Reinheit ihres religiösen Glaubens und waren voll freudiger Dankbarkeit gegen Gott, der ihnen im Kampf gegen so viele und mächtige Widersacher den Sieg verliehen hatte. Der Tag der Urteilsverkündigung fiel in die Nähe jenes Tages, an dem einst die Rütschin aus der Wuhle durch das Heiligenhoflenlein auf wunderbare Weise von dem Todesschmerz um das gestorbene Weißköpfchen erlöst und allen Querhovenern das erstemal der Wille zu einem neuen Christenleben geschenkt worden war. In den gottergebenen Seelen der Walddörfler fügten sich nun beide weit auseinander liegende Vorgänge in eine einzige Tat der himmlischen Fügung zusammen und erzeugten den Wunsch in allen, das Andenken festlich zu begehen, was die Querhovener eben festlich nannten. An dem Septembersonntage, der in der katholischen Kirche der Feier von Marias Geburt gewidmet ist, veranstalteten die Querhovener eine Art Dankprozession zu dem Sintlingerstein unter den Torlinden des großen Hübelhofes. Denn von dem Heiligenhübel her hatten sie den besten Teil des Geistes empfangen, der alle beseligte, die sich ohne Nebengedanken ihm ergaben, mochte der Heiligenbauer sich auch noch so fern von ihrem gemeinsamen Leben halten, hatte er ihnen den endlichen Sieg auch erschwert, daß er jeder Zeugenschaft in dem Prozeß ausgewichen war. Für das Auge der Querhovener lag, freilich erst nach einigem betrachtenden Verweilen, darin nicht eine Äußerung absichtlicher Feindseligkeit des Sintlingers gegen sie und ihre Bestrebungen, sondern nur der Beweis des unbeugsamen Einsamkeitsdranges des großen Hübelbauern, die himmelsfernen Kreise sich nicht stören zu lassen, die ihm und seinem Mädchen gezogen waren. Und die es übernommen hatten, die wenigen widersacherischen Querhovener eines Besseren zu belehren, erinnerten zum Schluß an des Vanlyßenders Ausspruch, als er einst in einer Glaubenssache von dem Heiligenbauer recht derb abgewiesen worden war. Damals hatte der Greis zu denjenigen gesagt, die beleidigt aufgebraust waren und es ihm übelgenommen hatten, daß er sich nicht auch zum Zorn fortreißen ließ: »Je höher und rätselhafter eine Wolke am Himmel geht, desto tiefer ergreift sie des Menschen Seele. Und handeln jene nicht töricht, die es ihr übelnehmen, daß sie sich um die Menschen nicht kümmert? Sie gibt und verlangt keinen Dank dafür. Ist das nicht göttlich?« Auf diese Weise kamen die Querhovener in die rechte feiertäglich erhobene Stimmung zu ihrer Dankprozession auf den Heiligenhübel. Ohne Gebläse und Musikpauken, ohne Fahne und Prunk, in schlichter Erhobenheit, festlich gekleidet, wanderten sie gegen den halben Nachmittag nicht die neue Straße, sondern den alten Feldweg über den Höhenrücken, der das Gebiet der Fremdhöfe und das Querhovener Gebiet trennte. Und während sie, zu zwanglosen Gruppen gefügt oder unabsichtlich zu Paaren hintereinander geordnet, nicht eigentlich gingen, sondern wallten, beredeten sie die mancherlei Wandlungen und Fährnisse, durch die im Laufe der Jahre ihr Glaube immer einfacher und reiner und ihr Leben klarer und reicher geworden war, standen im Anblick der schönen Gegend da und dort still und lasen im Weitergehen rechts und links von den Wiesen die wenigen Blumen, mit denen sich der Herbst schmückt. Der Heiligenbauer saß gerade auf dem Bänklein unter den Torlinden und ließ, im Bestreben sein Gemüt zu beruhigen, das Auge auf der stillen Sonnenpracht des Nachmittags ruhen. Als er es nach langem Versinken hob und in Gedanken eben zu sich sagte: »Zu manchen Zeiten wird uns das Stillesein halt eben schwer gemacht«, erblickte er auf dem jenseitigen Höhenzuge den festlichen Schwarm der Querhovener Menschenchristen, wußte aber nicht, was das zu bedeuten habe. Sie standen gerade still und schauten auch hinüber nach dem Heiligenhofe, und die Blicke des Sintlingers da und der Querhovener dort trafen sich, ohne sich zu erkennen. Nur der Freund des Vanlyßender, der Weber Staupitz, der nach dem Tode des guten Greises ohne jede Willenstat zur Führerschaft gekommen war, als er den Wunderhof, das Ziel ihres frommen Beginnens, vor sich sah, nahm den Hut vom Kopfe, ging an die Spitze der Waller und brachte es so fertig, daß die Querhovener sich zu einer richtigen Prozession hinter ihm ordneten. So bewegte sich der Zug den gemächlichen Abhang hinunter, dem Grenzwege zu. Jetzt erkannte sie der Heiligenbauer und wurde aus seiner gefaßteren Stimmung sofort wieder herausgeschoben. Außerdem war drüben auf dem Brindeisenerhügel auch das ganze Gesinde vor das Tor getreten und sah erst in verwundertem Schweigen dem ungewohnten Aufzuge zu. Bald aber begannen die Knechte mit allerhand albernen Sticheleien, und die Mägde begleiteten jeden Zuruf mit kreischendem Gelächter, in das sich mit lautem Gedröhn bald auch die Lustigkeit des hinzugekommenen alten Brindeisener mischte. In dem Heiligenbauer kochte der Unwille über diesen »Unfug«, und er war entschlossen, wenn die Querhovener zu ihm herauf wollten, dem Zug entgegenzutreten und ihn abzuweisen. Allein, da die guten Leute beim Einlenken in den Zufahrtsweg gar noch zu singen anfingen, und das in der Aufregung gerade nicht allzu gelungen, und einer vom Brindeisenerhübel ihnen zurief: »Die alte Meste stimmt nicht!«, steigerte sich die Erregung des Sintlingers zu zorniger Bitterkeit. Er ging schnell dem Hause zu, scheuchte sein auch herausgetretenes Gesinde in den Hof, ließ Tor und Beipförtchen schließen und verbot jedem bei sofortiger Dienstentlassung einen Schritt hinaus oder eine Antwort auf irgendeine Frage. Sein Gesicht war dabei blaß, und sein Auge funkelte wie ein gezücktes Eisen, und während er dann jäh dem Hause zuschritt, murmelte er: »Ich habe genug Wirbel um mich. Der Unsinn könnte mir gerade noch fehlen!« Als die Querhovener die Tore des Heiligenhofes zufliegen hörten und vom Brindeisenerhübel der spöttische Hohn noch zunahm, blieb allen das fromme Lied in der Kehle stecken, und viele meinten, es sei doch besser umzukehren, als sich für den guten Willen noch mehr Schande aufzuladen. Staupitz aber frischte den gesunkenen Mut der Zaghaften auf, indem er sie daran erinnerte, daß sie nicht wegen irgendeines Menschen, sondern allein aus Dankbarkeit gegen Gott diesen Gang unternommen und darum die Pflicht hätten, sich durch niemand und nichts davon abbringen zu lassen. Am wenigsten aber dürften sie an dem Betragen des Heiligenbauers Anstoß nehmen. Denn die ganze Gegend habe es doch oft genug erfahren, daß dieser seltene, hohe Mann die Ehre mehr fliehe als jede Kränkung, und wäre er der Feind der Querhovener, aus welchem Grunde habe er ihnen dann in der Hemsterhuser Not beigestanden, und warum sei der Gottlieb Meixner von ihm wieder in Ehren aufgenommen worden, der doch nun so fest wie irgendwer zu ihnen halte? Diese Worte des Webers entzündeten den frommen Mut der Querhovener wieder. Das unterbrochene Lied zückte von neuem und nun beinahe in trutzlicher Freude auf, so daß die Spötter auf dem anderen Fremdhübel ihre albernen Zurufe vergaßen und fast mit Bangen den Zug der Querhovener den Heiligenhübel weiter ersteigen sahen, weil ja niemand wußte, ob diese abtrünnigen Christen nicht doch wieder eine verborgene Teufelei im Schilde führten, ähnlich dem Hemsterhuser Beilgange unter der Anführung des Prahl-Meixner. Indessen war der Sintlinger durch sein weitläufiges Wohnhaus geeilt, um Helene zu suchen und sie von jeder Berührung mit den Querhovenern fernzuhalten. Er handelte nicht nach einer klaren Erkenntnis, sondern im Drange einer blinden Sorge. Aber das Mädchen war nirgends zu finden, und da das Lied der heranziehenden Menschenchristen plötzlich von neuem und nun wie stürmend einsetzte, packte den Heiligenbauer der Gedanke, die Schwärmer könnten doch auf den Hübel gekommen sein, um wegen der abgelehnten Zeugenschaft in ihrem Prozeß an ihm Rache zu nehmen. Dies sprang ihm an den Hals, und sofort ließ er Suchen Suchen sein, eilte hinunter in die Armenstube, deren Fenster auf die Torlinden hinausgingen, und stellte sich dort so auf, daß er ungesehen alles beobachten konnte, was draußen vorging. Langsam sah er den Zug der Waller den Hübe! heraufsteigen. Andächtig, als rauschten Fahnen über ihnen, waren diese Menschen, ihre Augen voll gesammelten Lichtes, und noch die kropfige Alte, die, vom Steigen und Singen atemlos, ein Gesicht machte, als erwürgte sie, war in einer geheimen Art ergreifend und ehrwürdig, daß der Sintlinger gar nicht mehr seines Verdachtes innewurde, diese Leute könnten aus Rachsucht gegen ihn auf den Hübel getrieben worden sein. Als die Querhovener endlich oben angekommen waren, steckte jeder sein Sträußlein Feldblumen in die Maschen des Eisengitters, das den Sintlingerstein umgab, auf dem das Kreuz thronte. Dann knieten sie im Halbkreis nieder ins Gras. Der Weber Staupitz und die schöne Ursula Rutsch aus der Wuhle, als die von allen Menschenchristen Verehrten, erhielten den Platz gerade vor dem Kreuz. Und nachdem alle in stillem Nachdenken eine Weile zugebracht hatten, erhob sich der greise Weber, ein langer, magerer Mann mit einem ausdrucksvollen, bartlosen Gesicht unter einer Fülle jugendunruhiger weißer Haare und sprach einige Worte über den Sinn des heutigen Ganges und Tages, den er eine Feierstunde der vielfältigen Geburt des reinen Glaubens nannte. Dann befahl er »die ganze Welt der Menschen« dem ewigen Frieden ihrer ewigen Seele und ermahnte die Anwesenden, sich ja alles Zornes, aller bösen Nachträgerei des Herzens, des Übelwollens und der Rachsucht zu entschlagen, wenn ja der Nächste anders handelte, als sie es erwartet hätten. »Dennoch, wer in Gedanken den schlägt, der sein Feind ist, fügt seinem eigenen Geist eine Wunde zu, für die auf Erden kein Arzt zu finden ist.« Am Schluß forderte er die Rütschin auf, als Versprechen, vom erkämpften Glauben nie abzuweichen, im Namen aller das Gebet zu sprechen, das ihr seliger Vater, der Vanlyßender, der Welt hinterlassen hatte. Und die schöne Ursula, in der Erinnerung an die wundersame Aufrichtung, die ihr einst an dieser selben Stelle durch das Heiligenhoflenlein zuteil geworden war, kam im Beten zu einer solchen Ergriffenheit, daß alle hingerissen den Schluß laut mitbeteten. Aus eigenem, vollem Herzen fügte die Rütschin noch begeistert hinzu: »Und gesegnet sei dieser Hof und alle, die darin wohnen!« Dann gingen die Querhovener wieder den Hübel hinunter, ihrem armen Dörflein zu. Der Heiligenbauer aber lehnte wie im Traum an der Wand der Armenstube. Sein Gesicht war schmerzhaft eingesunken, blaß, und seine Augen starrten in trockenem Brennen auf einen Fleck. Er kam sich wie ein Abtrünniger der hohen, jenseitigen Welt vor, in die er, seinem Kinde nachwandelnd, während langer Jahre kämpfend gedrungen war. Voll bitterer Scham richtete er sich endlich auf und eilte lautlos die Stiege hinauf in seine Stube, deren Tür er hinter sich verschloß. Auch das Lenlein hatte am Fenster des über der Armenstube gelegenen Zimmers, von der dichten Krone der Linde allen Blicken entzogen, die Dankfeier der Querhovener miterlebt. Aber das Mädchen wurde in einer ganz anderen Art ergriffen als ihr Vater. Die traumstillen, verwunschenen Weiten ihres Kinderlandes angelten die geheimnisvollen Tore auf und ließen ihren Geist einziehen, nicht mehr gequält von Sehnsucht, die sie nicht verstand, von Unruhe, deren Sinn ihr verborgen war, und einem Verlangen, das sich keinem entdecken konnte und dessen unbegreifliche Glut wuchs, je fester sie es in sich verschloß. Sie genoß wieder den Klang des wogenden Landes umher, der Tag umfing sie in allmächtig friedevoller Umarmung, hohe Tiefe des klaren Herbsthimmels lag als wandellose Seligkeit in ihrem Herzen. Das Lied der Pilger war erfüllt von dem Zauber aller Lieder, die sie jemals gesungen hatte. Alle Wunder ihres vergangenen Lebens standen um sie, aber erst noch nicht anders, als uns sehenden Menschen etwa die Welt einer herrlichen Gegend hinter Silbernebeln erscheint. Und die Schar der unter ihr knienden Querhovener sah sie mit ihrem inneren Blick in einer unserer Sprache unausdrückbaren Verklärung. Als aber dann die Stimme der schönen Ursula aus der Wuhle erklang, war es dem hübelheiligen Mädchen, als werde sie aus ihrer eigenen Brust herauf mit einer vertrauten und doch, unbekannten Stimme angeredet. So sehr wurde Helene von dieser Melodie des Sprechens, das sie doch schon einmal gehört hatte, ergriffen, daß sie auf die Bedeutung der Worte gar nicht achtete, sondern mit immer wachsender Inbrunst an den fraulichen, weichen Lauten immer tiefer in ihr Erinnern eindrang, bis endlich der Schleier vor ihrer Vergangenheit riß und zum Greifen deutlich das Erlebnis vor ihr stand, das sie vor undenklich langer Zeit mit der Rütschin aus der Wuhle gehabt hatte. Sie sah die Frau plötzlich wieder in der Marterstunde des Fräulein Knille auftauchen, sank in ihren Schoß, wurde an ihrer Hand unter die Linden geführt und fühlte sich endlich emporgehoben und voll einer Süßigkeit geküßt, daß es ihr war, als sei ihre ganze Kindheit nichts als eine einzige Liebkosung gewesen. In diesem Gefühl versank sie wie in einem Sonnenregen und wußte gar nicht mehr, was um sie vorging. Das Gebet der Rütschin verstummte. Die Pilger verloren sich über den Hübel ins Weite. Es war ganz still um sie. »Ich bin geküßt worden, oh, und wie geküßt!« flüsterte das Lenlein im Herzrausch und griff träumend mit beiden Händen verlangend in die Luft. Und als sie die Blätter der Lindenkrone um sich fühlte, wich der Bann der Versunkenheit nur so viel von ihr, daß sie aufstehn und sich bewegen konnte. Noch immer von dem Zauber jener Zeit wie von einer geisterhaften Trunkenheit erfüllt. Sie ging aus dem Zimmer, die Stiege hinunter und trat mit einer Erwartung unter die Linden, als müsse sie die Menschen noch alle treffen, deren Feier sie eben miterlebt hatte. Aber der Platz war leer. Sie tastete mit den Händen das Gitter ab, um zu »sehen«, ob noch irgend jemand da sei und sich nur versteckt halte. Überall fand sie Blumensträußlein: Skabiosen, Herzblumen, Zeitlosen. Da setzte sie sich auf das Bänklein, faltete die Hände im Schoß und ließ sich in ihr Traumsinnen zurücksinken. Die Bilder ihrer Erinnerung rückten weiter, und sie sah sich nach dem Weggange der Rütschin auf der Wiese in der vollen Sonne sitzen. Ein Schmetterling, das Sylphlein, spielte um sie, verfing sich in ihrem Haar, lief ihr über die Hand, wippte und wiegte sich auf ihrem Finger, flog davon und ließ sich wieder herbeilocken. Ja, das Lenlein fühlte geradezu die hauchzarten Bewegungen der Füße des Schmetterlings und die samtweichen Berührungen seiner Flügel auf ihren Händen und löste unwillkürlich den Griff ihrer Finger, um dem Traumsylphlein nicht wehe zu tun. Doch da sie die Finger wieder ineinanderschließen wollte, fühlte sie nicht mehr den Schmetterling, sondern sie hielt den Kopf in Händen, den Männerkopf, den sie erfaßt hatte, als sie nach dem verunglückten Tanz auf der Wiese das Gesicht Gottlieb Meixners betastet hatte, und den sie mit einem Wissen ohne Verstehen doch als den Kopf eines völlig anderen, Geliebten, erkannte. In Schrecken hob sie die Hände, um ihr Gesicht darein zu vergraben, mußte aber davon ablassen, denn ihr war, als hebe sie den rätselhaften Kopf mit herauf an ihren Mund, und plötzlich war auch alle Süßigkeit der Liebkosung, alle Glut der Küsse um das Haupt, von der sie eben geträumt hatte. Uno während sie von diesem unbekannten Erlebnis durchbraust wurde, erwachte in ihrem Schoß ein Gefühl, wie sie es noch nie gespürt hatte. Voll tödlicher Ratlosigkeit und Furcht brach Helene in lautes Weinen aus. Der Sintlinger, der in seiner Stube über seinen Papieren saß, um sich an den Aufzeichnungen seiner tiefen Erkenntnisse wieder in seine errungene hohe Welt zurückzufinden, hörte ihr lautes Weinen zuerst. Er eilte hinaus zu ihr und war erschüttert, sein heiliges Sonnenkind in einer solchen Fassungslosigkeit zu finden. Im geheimen fürchtete er auch, sein Lenlein habe mit ihrer wunderbaren Sehkraft den Abfall und die Untreue seiner eigenen Seele geschaut, von der er sich eben hatte wieder befreien wollen, und er bestürmte sie mit Fragen, ob sie wegen ihm weine, was er ihr getan habe, oder was ihr denn sonst geschehen sei. Mit Widerstreben ließ sie sich wohl aufrichten, antwortete aber mit nichts auf sein bekümmertes, liebevolles Andringen. Auch die herbeigeeilte Johanna war machtlos gegen diesen immer wieder losbrechenden Tränenstrom. Endlich antwortete Helene stammelnd und von wechselndem Schluchzen und Stocken unterbrochen: »Nein, bitte, nicht fragen! Nicht! Nicht! Niemand! Tragt mein Bett aus Vaters Stube in das Lindenzimmer über der Armenstube. Ja, bitte, bitte! Vater, nimm mir's nicht übel! Aber ich muß jetzt allein schlafen, und bitte, bitte, fragt nicht warum.« Die Bäuerin sah dem Sintlinger mit einem tiefen Blick in die Augen. Dann tröstete man Helene und tat alles nach ihrem Wunsche. So wurde das hübelheilige Mädchen von der Natur und dem Leben unter Qual und Seligkeit in einen neuen Zustand verwandelt. Denn wir Menschen vermögen nicht allzulange in derselben Form unseres Daseins zu verharren. Nur das Kind ist sich viele Jahre genug, doch nur so lange, bis es sich durch die Umwelt entdeckt hat. Dann beginnt jene fortwährende Vertauschung der Existenz, die erst in der stillen Helle der hohen Greisenjahre aufhört. Durch die Freundschaft entfliehen wir uns, den Begeisterten treibt es in den Bannkreis des Helden, daß er sich als Dienender in den Besitz hoher Willenskraft setzt, noch ehe er die Stahleshärte des Heroismus erreicht hat. Dieses Ungenügen und Leiden an sich verhandelt die minderen Menschen an alle Arten niederer Genüsse und beunruhigt selbst die Geister Auserlesener, daß sie nie aufhören mit dem Versuch, über die letzten Weiten hinaus, ihr Leben in die Unermeßlichkeit des göttlichen Wesens auszubreiten. Mit all ihren Absichten, Plänen und Hoffnungen befinden sich die Menschen auf einer steten Wanderung, die je nach ihrem Charakter bald dem Schleichen im Dunkel, dem Betteln an fremden Türen, dem Raubzuge Habgieriger und bald dem unerschrockenen Einbruch eines Eroberers gleicht. Die Sehnsucht nach der tiefsten Verwandlung und Erneuerung aber, die dem Menschen auf Erden beschieden ist, treibt den Jüngling und die Jungfrau in die Umarmungen der Liebe. Jemand empfängt durch einen Diebstahl Gottes ihren heiligsten Geist und geht mit ihm davon. Und nun müssen sie ihm nachpilgern, bis sie ihr verlorenes Selbst reicher wiederbekommen, indem sie sich restlos hingeben. Allein, so selten der Schlaf plötzlich, innerhalb eines Pulsschlages, uns aus den Augen fällt, so selten ereignet sich die große Umwälzung durch die Liebe in einem Augenblick. Die Entfremdung von uns tritt oft ein, noch ehe wir die Leidenschaft auch nur dem Namen nach kennen, deren Macht wir verfallen sind. Auf tausend Traumwegen nähert sich dann dem Menschen diese göttliche Friedlosigkeit, und sie haben Gesichte, noch ehe sie den kennen, den sie sehen. Fünftes Kapitel In einer Nacht desselben Septembers 1909, als die Wirbel wieder stärker über den Heiligenhof gingen, betraten vier Studenten vom Korps Silesia das Café Royal in Breslau,, das unter der akademischen Jugend der schlesischen Hauptstadt nur als Café Reudel bekannt war. Konrad Kaden, im Korps nur Kaka genannt, schob zuerst die rote Portiere zurück und hielt sie mit der Rechten zur Seite. Während er so einen Augenblick wartete, überflog er mit einem Blick de»! vollbesetzten Raum. »Na los«, rief er seinen Kommilitonen zu, die auf der äußeren Schwelle etwas zögerten. »Ihr könnt euch doch nicht draußen etablieren.« »Gott bewahre«, antwortete eine schnarrende Stimme herein, »dazu brauchen wir dein Köpfchen Kaka.« Unter allgemeinem Gelächter, daß die Pärchen an allen Tischen aufsahen, schritten die Silesier vollends herein. In der linken, hinteren Ecke war noch ein großer Tisch unbesetzt. Der Kellner machte die jungen Herren darauf aufmerksam und eilte, respektvoll und dienstbeflissen, ihnen voran, klatschte mit der Serviette schnell das weiße Tischtuch ab, rückte es zurecht und stellte dann die Menage, Aschbecher und Klingel in eine korrekte Reihe. Indessen kamen die Studenten langsam heran. Es waren Spiegel, stud. jur., ein langer, soldatisch straffer Mensch mit einer fast verletzend wirkenden feudalen Zurückhaltung; Jungmann, der Sohn eines Namslauer Apothekers, blond, sehnig, mit fröhlichem Lachen; Rupprecht, Mediziner im dritten Semester, der Sohn eines verstorbenen Oberlehrers aus Strehlen, der ein fettes, rundes Gesicht, hängende Backen und eine solch nervöse Skrofelnase hatte, daß ihm der Kneifer fortwährend herunterfiel, und der kleine Vierschrötling Konrad Kaden, Sohn eines Rittergutsbesitzers aus dem Grünberger Kreise, der außer seinem ungewöhnlich dicken Kopfe die besondere Eigentümlichkeit besaß, daß er beim Sprechen etwas seitlich mit der Zunge wetzte und ein Sticklacher war. Alle trugen Anzüge von gutem Schnitt, hatten gut gepflegte Hände und befleißigten sich ungezwungen vornehmer Manieren. Sie hatten sich jeder ein Glas Helles Bier bestellt, stießen an und tranken wie in einem gemeinsamen Anfall der Erschöpfung einen tiefen Schluck, sahen sich dann zum Ulk mit stierem Blick an und brachen in lautes Gelächter aus. »Eine schwüle Kiste«, sagte Rupprecht in der Stille, die folgte, und fing seinen Kneifer mit der Hand auf. »Na, und was hast du eben draußen gesagt? Und jetzt soll es plötzlich schwül sein! Ich versteh dich nicht«, so fuhr ihm Jungmann fröhlich in die Parade. »Na, hör' mal, bitte, an, Jungmann! Du willst mich doch nicht etwa provozieren?« fragte der Mediziner. »Hilf, Sackpfeife und Sägemehl! Nein, Rups, niemals«, unterbrach ihn Jungmann, »aber sieh mal, unterwegs schon auf der Kneipe hast du doch allerhand schöne Sachen über ihn gesagt. Er sei ein ernster Mensch, nur eben mit den Fehlern einer fast genialen Begabung ...« »Und dito Wissen«, warf Kaka ein. »... meinetwegen auch Wissen. Ich weiß von allem nichts, heiße Krause und bitte um mildernde Umstände.« Man lachte fröhlich und trank wieder. Dann fuhr Jungmann fort, als er sah, wie sich Spiegel zum Reden anschickte: »Silentium! Die verrückten Sachen, die man ihm nachsagt, kümmern mich auch nichts. Denn ich bin, weiß Gott, kein Duckmäuser. Und wenn er in zwei Jahren auf fünfzig Universitäten umhergeschwirrt wär', statt auf fünf! Jede ist ja doch ein Paradies mit Schlangenfraß ...« »Pardon, Jungmann, so geht das nicht weiter«, schnarrte jetzt Spiegel dazwischen, »an deinen Worten merke ich, daß leider fast ganz Breslau von der Grabbeschen Art dieses famosen Brindeisener angesteckt ist. So geht das nicht weiter! In einer halben Stunde tritt Vollberg hier mit ihm an, und die Sache ist noch nicht klarer. Ich für mein Teil stimme mit Rupprecht überein, daß wir 'n bißchen, na sagen wir lämmerig dazu gekommen sind, ihn fürs Korps zu keilen. Daß er aus guter Familie ist, mag sein. Mit dem Geld schmeißt er freilich herum. Nicht blöde, das sag' ich nicht. Aber auch nicht immer mit Geschmack.« Dann erzählte er eine Episode, die er als Unbeteiligter im »König von Sachsen« auf der Albrechtstraße erlebt hatte, wo Brindeisener, einer langen Tafel zusammengewürfelter Studenten präsidierend, ohne jeden Grund die ganze Korona mit Sekt bis zum Halsfingern traktiert habe und endete: »,Der König von Sachsen ist ja ein gutes Lokal, wenn auch nicht erstklassig. Aber Geschmack, wenigstens im Sinne unseres Korps, verrät es nicht.« »Na, er kann doch nicht Silesier sein, bevor er Silesier ist, sonst braucht er doch nicht erst Silesier zu werden«, entgegnete Rupprecht. »Wieder Brindeisenersche Paradoxie«, erwiderte nach einem Stutzen Spiegel und lehnte sich abwehrend auf dem Stuhl zurück. »Die Sache mit dem schwangeren Bolzen in Jena, meine Herren, ist Tatsache. Oder weiß es jemand anders? Sehen Sie. Außerdem, er soll ein phänomenaler Fechter sein. Ich hab' mit einem Heidelberger Sueven gesprochen. Ihr kennt ihn, Weibrecht. Er war voriges Semester mal auf einer Korpskneipe. Ja, nichts wahr, ein famoser, klarer Kerl, der noch nie mit der Wimper gekniffen hat. Der hat in Greifswald einen Handel mit demselben Peter Brindeisener gehabt und dabei einen Schmiß gekriegt, der ihm fast das Gesicht gespalten hat. Greulich! Wie mit einem Backscheit gehauen. Ja, dieser Patentfechter Brindeisener ist nichts weiter wie ein wilder Naturschläger. Sagen wir ein Wirbelschmeißer.« » Ergo: Facit! Ex est! « beendete Jungmann höhnisch. »Also keilen wir ihn nicht! Und dann muß ich noch anfügen: Ich habe noch selten einen Unterlegenen gesehn, der sich nicht damit getröstet hätte, daß er bloß deswegen Dresche gekriegt hat, eben weil er der bessere Fechter war. Ich sage gegen die Sueven nichts.« »Übrigens, wo ist der ... der ...«, begann Spiegel wieder. »Pönitent«, flickte Kaka spöttisch ein. »... auch nicht übel«, setzte der Unterbrochene etwas gereizt fort, wußte aber plötzlich nicht mehr, was er hatte sagen wollen, und schloß daher mit der wiederholten Frage: »Ja, wo ist er also eigentlich her? Das muß doch wenigstens klar sein.« Endlich kam also auch für Kaden der Augenblick zu längerer Rede. Aber sofort wurde er ein klein wenig befangen und wetzte so mit der Zunge, daß er bei dem halben Ton, in dem die Verhandlung geführt wurde, schwer verständlich war. Die vier neigten also die Köpfe dicht zusammen, und Kaka redete. »Das weiß ich genau. Er stammt aus der Gegend zwischen Emmerich und Wesel. Also dorther, wo die Rheinländer mehr Friesen oder Westfalen sind. Für mich ist er der Prototyp eines Westfalen. Aber das nebenbei. Sein Vater besitzt dort ein großes Gut, das seit Jahrhunderten in derselben Familie ist. Ich glaube, Hemsterhus heißt der Ort. Er hat mir mal allerhand Sachen aus der Gegend erzählt, in der noch immer Münstersches Wiedertäufertum spukt. Ich sage euch, der Mensch erzählt! Einfach doll!« »Das interessiert, ist aber nebensachlich, Kaka«, sagte Spiegel kalt, und als ihn Kaden deswegen verweisend ansah, fuhr er begütigend fort: »Natürlich momentan. Lieber. Ich dachte nämlich, du wolltest jetzt die Geschichte erzählen, wie unsere Magnifica mit Tochter von der Unterhaltung Brindeiseners bezaubert waren. Also, bitte, fahr fort, Kakachen.« »Es liegen sich da in der hügeligen Gegend zwei Güter gegenüber. Beide gleich groß und heißen in der dortigen Gegend die Fremdhöfe.« In diesem Augenblick traten Vollberg und Peter Brindeisener ein, der letztere voran. Mit einem Blick hatte er die vier eifrig zusammengesteckten Köpfe der Silesier überflogen, die Situation erkannt, und als die Studenten nun wie auf Kommando auffuhren und begrüßend zu den beiden hinsahen, begegneten sie einem spöttischen Lächeln auf dem Gesicht Brindeiseners. Er hatte sich zu der vollen Größe entwickelt, die in seiner Familie üblich war. Seine Schlankheit wirkte durch die ausgeprägte Derbknochigkeit der Gliedmaßen eckig, und doch, wie er sich jetzt, scheinbar schwerfällig, an den Tisch bewegte, lag auf verborgene Weise in jedem Schritt das mühsam beherrschte Aufzucken eines rasanten Sprunges. Ganz so widerspruchsvoll war auch sein Gesicht: die kühn vorgebaute Stirn trug über den Augenbrauen zwei Buckel, wie die Ansätze eines sprießenden Gehörns, dabei lief sie gradlinig in eine seine Nase mit den edelsten Nüstern aus. Die Lippen schmal und brennend rot, ein kalkweißes, starkes Gebiß, wie aus Blut hervorleuchtend; alles zusammen eine fröhliche Grausamkeit. Von der Nasenwurzel gruben sich zwei tiefe Falten zwischen den dichten, fast weißen Brauen gerade in die Stirn hinauf, und zwei Falten, von den Nasenflügeln an den Mundwinkeln leise hinstreichend, fügten in das braungebrannte Gesicht den Zug sarkastischer Melancholie. Das schönste an ihm waren seine großen, unerbittlichstillen, hellblauen Augen, voll eines stählernen Feuers, dabei langsam in den Bewegungen, von einer aufmerksamen Tiefe wie die Äugen Schwerhöriger. Um dieses Gesicht, in dem sich Frechheit und Güte, Scharfsinn und Gemüt stritten, loderten blonde Haare wie ein weißgelbes, unbändiges Feuer. Vollberg stellte vor: »Brindeisener, stud. phil.« Der Angekommene verbeugte sich leicht, lächelte fremd, begrüßte Kaden freundlicher und sagte, sich fetzend: »Ja, zur Abwechslung reite ich bei Professor Stern das Luftpferd.« Dann stieß er einen leisen, nervösen Pfiff aus, guckte nach Vollberg aus, der ihm gegenüber Platz genommen hatte, und steckte auf einen Moment beide Zeigefinger in die Ohren, denn er war leicht angetrunken. Spiegel hatte von einer Paukerei zu erzählen begonnen, die er mit einem Markomannen ausgefochten hatte. Alle hörten mit halbem Ohr zu, ein wenig irritiert von Brindeisener, der mit schwer beherrschter Langeweile in das Treiben starrte, das sich in allen Sackgassen des Paukkodex verlor und kein Ende nahm. Plötzlich war es mit seiner Duldung aus. Er beugte sich ein wenig zu Vollberg hinüber und sagte: »Sie glauben das nicht, Vollberg, aber wie sollte jemand Musik dichten, wenn Musik bloß mit den Ohren wahrgenommen werden könnte.« Zu Spiegel, der wegen der Unterbrechung brüsk aufgefahren war und Brindeisener fragend ansah, sagte er mit leichtem Lächeln: »Pardon, Herr Spiegel.« Dann fuhr er fort, ohne sich weiter an ihn zu kehren: »O nein, wenn wir es auch wissenschaftlich nicht wüßten, daß die Klaviatur des Cortischen Organs nicht ausreicht, die höchsten und tiefsten Töne zu empfinden, ebensowenig wie das Auge alle Farben wahrzunehmen imstande ist ...« »Verzeihung«, sagte Vollberg, ihn unterbrechend, »wir hatten nämlich unterwegs einen sehr interessanten Disput über Musik im Anschluß an eine Aufführung von Carmen.« Brindeisener achtete nicht im mindesten auf das mißbilligende Erstaunen, mit dem ihn alle ansahen, trank in einem Zuge sein Bier aus, reichte das Glas dem Kellner und sprach weiter: »... wahrzunehmen imstande ist ... bitte, lassen Sie mich erst den angefangenen Satz vollenden ... jeder unverkünstelte Mensch mit einer seinen, gesunden Natur weiß intuitiv, daß er mit seinem ganzen Körper hört. Unsagbareres, mit einem Wort Wundersameres, als mit dem plumpen Ohrenfell.« »Das glaube ich nicht«, sagte Kaden, »wozu hätten wir denn die Ohren.« »Na, zum Hören natürlich«, erwiderte Brindeisener ruhig. »Ich sage ja auch nicht, daß wir nicht mit ihnen hören; aber zum Auffassen der sublimsten Musik sind sie zu stumpf. Festgestellt ist ja übrigens, daß wir nur mit dem Felsenbein die höchsten Töne wahrnehmen. Denn es ist zwischen einem inneren und äußeren Hören zu unterscheiden.« Vollberg beugte sich zurück und gab ihm ein Zeichen, abzubrechen. Aber über Brindeiseners Gesicht zuckte es unwillig, und er fuhr fort zu dozieren, denn er wollte »die langweilige Bande ausräuchern«. »Die äußerliche Musik, deren Wellen die Luft durchzittern, ist doch nur ein kümmerlicher Versuch, das Unbeschreibliche auszudrücken, das ein unsichtbares Instrument unseres Innern spielt«, sprach er weiter. Aber im Aufsehen fing er einen verächtlichen Blick Spiegels auf, daß er stutzte. Es entstand ein momentanes Schweigen, das Spiegel benutzte, indem er mit höhnischem Grinsen sprach: »Also, haha, um auf meinen Markomannen zu kommen, hahaha ...« »Ach, bitte, lassen Sie doch jetzt die Puppen sein«, schnitt Brindeisener in das beginnende Gelächter. »Erklären Sie sich, mein Herr, näher. Ich habe wohl falsch gehört«, fuhr Spiegel schnarrend auf. »Sie sagten Puppen.« »Natürlich, trommelt es falsch in Ihnen? Sie scheinen noch nicht zu wissen, daß Puppen geradeso klingt wie Gemüse, Kohl und Leipziger Allerlei, auch Blech. Wie Sie wollen«, entgegnete Brindeisener, in dem die Rauflust erwachte, mit hauender Stimme und lehnte sich aufreizend bequem zurück. »Selbstverständlich sind die Anwesenden ausgeschlossen. Das heißt, wenn sie wollen.« In diesem bösen Augenblick flog die Portiere auseinander, und ein bildschönes Mädchen, den kostbaren Hut schief auf dem schwarzlockigen Kopf, sprang förmlich von der Straße herein, glühend und wie auf der Flucht vor einem Schwarm junger Herren, die ihr wie eine hungrige Meute lärmend folgten. Peter Brindeisener, sie erblickend, vergaß sofort alles, reckte sich staunend auf und verfärbte sich. Die Schöne, die das sah, rief herüber: »Na, Stiesel, was gibt's denn da weiter?« Rauschte durchs Lokal und verschwand über die Treppe hinauf ins obere Zimmer, der ganze Schwarm hinter ihr drein. An allen Tischen entstand ein Aufruhr. Irgend jemand rief: »Das Eiergeschäft auf Reisen.« Darauf brach ein richtiges Gewieher aus. Die Silesier sprangen auch erregt auf, froh, aus der Verwicklung herauszukommen, in die sie geraten waren. »Ein tolles Weib!« rief Rupprecht bewundernd und mit zuckender Nase. »Das reine Feuerhemd!« Mit Gelächter ergriffen sie ihre Sachen und drückten sich durch den Wirbel nach dem oberflächlichen Gruß an Brindeisener, mit dem Studenten sich von trunkenen Kommilitonen verabschieden. Nur Spiegel machte noch einige aufreizende Bemerkungen, ließ sich aber besänftigt zur Tür hinausziehen, weil er die Ansicht seiner Korpsbrüder bestätigt sah, daß sich Brindeisener »die Nase begossen habe, und das vollständig wie ein Enterich«. So verließen die Silesier das Café. Brindeisener saß versunken, als sei ihm unversehens ein Tuch über den Kopf geworfen worden. Als er nach einer Weile aufsah, sah er sich allein am Tische, stand auf, trat an das Büfett und fragte den Ausschenker, ob man das Mädchen hier kenne, »die eben mit solchem Getöse von der Straße hereingefallen sei«. Ja, gewiß, lautete der Bescheid, es solle die Tochter eines sächsischen Oberamtmannes sein, die aus ihrer Dresdener Pension entwichen sei und hier in Breslau sofort das Buch genommen habe. Aber sie lasse bis jetzt keinen 'ran. Peter Brindeisener atmete erleichtert auf und sagte lächelnd: »Schön! Danke. Infolgedessen bringen Sie mir eine Pulle Mattheus Müller.« Als er das erste Glas Sekt getrunken hatte, versank er wieder ins Brüten, aus dem ihn keines der Dirnlein locken konnte, die entweder von hinten herantraten, sich an ihn drängten, oder ihn gar ins Bein kniffen und ihm allerhand zotige Süßigkeiten zuflüsterten. Er sagte zu jeder dasselbe: »Nichts zu machen, Eulalia!« und wehrte sie mit einer Handbewegung ab, als vertreibe er zudringliche Fliegen. Diese dumme Gesellschaft, diese Silesier, die glaubten, er mit seinen vier Semestern sollte etwa bei ihnen antichambrieren! Ja, und warum ihn plötzlich heute, mitten unter diesen zukünftigen Staatsstützen, diese Sache mit seiner Seelenmusik überfallen mußte, und daß unmittelbar darauf dieses schwarzhaarige, wilde, feurige Mädchen hereinstürmen mußte: Brindeisener fühlte wieder eine Hand auf seiner Achsel, hörte aus seiner Versunkenheit jemand zu sich sprechen, winkte mit der Hand ab und murmelte, ohne Heraufzusehen, sein gewohntes: »Nichts zu machen, Eulalia.« Darauf antwortete ein übermütiges Männerlachen. Als Brindeisener deswegen betroffen herumfuhr, stand Vollberg vor ihm. »Ich mußte auf dem Nachhauseweg hier wieder am Reudel vorbei«, sagte er und zog einen Stuhl heran, »auf eine Bierlänge, weil ich Sie noch hier vermutete, wollte ich noch einmal 'reinkommen.« Vollberg druckste an den Worten und wurde verlegen, weil er an Brindeisener merkte, daß dieser spürte, er meine anderes, als was er rede. » Summa summarum , lieber Herr Vollberg, bemühen Sie sich nicht weiter. Alles war liebenswürdig von Ihnen. Sie sind famos. Aber ich schlachte die Hühner mit einem Ruck. Diese Silesia-Sache mit mir geht nicht. Verstehen Sie mich recht; aber ich unterscheide scharf zwischen Menschen und Leuten. Gott, das sind ja alles geeinzelte Rüben, ohne Wurzel, außer der natürlich von Adam her, für die sie nichts können, und von der sie auch nicht immer den besten Gebrauch machen.« Brindeisener überhäufte den abtrünnigen Silesier nun mit Liebenswürdigkeiten, lud ihn ein, mit Wem zu trinken, und sprudelte so überstürzt seine geistreichen Einfalle heraus, bekam dabei aber ein immer sorgenvolleres, ja geradezu vergrämtes Gesicht, daß Vollberg dachte, jetzt und jetzt fällt er stocksteif trunken vom Stuhl, und ich habe dann das »Nachhauseschaffen«. Allein, was Vollberg befürchtete, geschah nicht. Peter Brindeisener näherte sich nur dem Zustand der ersten Nüchternheit im Trunk, den er die »gläserne Zeit« nannte. Dann wurde er und sein Leben vor seinem Verstande durchsichtig. Gewöhnlich stand er jetzt auf und ging nach Hause. Im Angesicht dieses guten Jungen, dieses Vollberg hier, der auf eine so rührende, fast verehrungsvolle Weise an ihm hing, brachte er es heute nicht fertig, davonzugehen. »Pardon, Herr Brindeisener«, sagte Vollberg, »was war es eigentlich, was Sie bei dem Mädchen vorhin so aushakte, daß wir alle glaubten. Sie seien plötzlich dun?« Brindeisener sann einen Augenblick vor sich nieder und antwortete dann: »Stellen Sie sich vor, Vollberg, Sie gehen als junger Mulus in der Nacht allein mit einem Mädchen im Walde, das aus der Heimat flüchten muß, weil sich am selben Nachmittag ihr Vater im Walde erhängt hat und es die Schande nicht ertragen kann. Stellen Sie sich vor, das schönste Mädchen, was es gibt, ich mein' in puncto sinnlicher Schönheit. Dieses Mädchen, fast irr vor Scham und verletztem Stolz, nahe am Sterben, gerät am Arm des Mulus plötzlich in eine förmliche Liebesraserei, bebt am ganzen Leibe, schluchzt, wirft sich an seinen Hals und saugt sich mit Küssen fest, die brennen wie flüssiges Blei ... Sehen Sie, Vollberg, das ist die Luft bei uns zu Hause! ... Freilich, den Jungen überläuft's wohl auch. Aber in ihm, in seinem Innersten, spielt das geheimnisvolle Instrument einen Klang, wie ihn sicher nur die himmlischen Geister kennen. Und wie der Mulus eben mit zitternden Fingern den bloßen Leib des Mädchens berührt, wird es weiß in ihm, und der inwendige Engel singt so laut, daß er die Hand zurückzieht und das Mädchen aus der Umarmung gleiten läßt. Denn, Vollberg, Sie mögen es glauben oder nicht, es gibt wahrhaftig Engel auf der Welt. Wahrhaftige Engel ...« Brindeisener verstummte und saß lange in Verzückung. Dann ermannte er sich wieder und fuhr fort: »Und nun geht hier im Café Reudel um zwölf Uhr nachts, hundert Meilen von da, in Schlesien, die Tür auf, und dasselbe Mädchen, aufs Haar dasselbe Mädchen, tritt vor Sie hin. Ist das nicht zum Starrwerden? Teufel noch mal! Und dafür, um all dem Spuk zu entgehen, ist man in den Jahren immer weiter von der Heimat fortgerückt. Damit nicht alles immerfort durcheinandergeht, Tag und Nacht, Himmel und Hölle. Aber das war ja gar nicht das Mathinklein, das war ja die sächsische Oberamtmannstochter, die ihren Eltern durchgebrannt ist, das Buch genommen hat und es jetzt nicht wagt. Notabene, wenn's wahr ist.« Brindeisener war ganz ins Selbstgespräch geraten und verstummte nun wieder in sein Brüten hinein. »Sie sagen Mathinklein, Herr Brindeisener?« fragte Vollberg schüchtern. »Ja, so hieß das Mädchen aus meiner Heimat. Eigentlich Martha Kathinka Meixner. Ihr Vater war der wildeste Kerl, den ich auf Erden kennengelernt habe.« Brindeisener richtete sich straff auf und sah wie suchend im ganzen Lokal umher. »Wissen Sie, Vollberg«, sagte er dann leise, aber wieder so, als sitze er allein und spreche zu dem Studenten wie zu sich, »es mag dumm sein, aber was ist nicht dumm im Leben. Man lüftet einem willigen Mädchen das Kleid und zieht die Hand wieder zurück, aus Scham, aus Stolz, aus Mitleid, aus Furcht vor ihrer Liebe, was weiß ich. Aber kaum ist dieser Anfall der Keuschheit vorüber, so ärgert man sich über die Unterlassung. Gehen Sie nach Hause, mein Lieber. Ich bitte Sie darum, und nehmen Sie mir nichts übel.« Vollberg stand erschüttert auf und murmelte etwas von Dank, Interesse und Bereitsein zu jedem Dienst. Brindeiseners Gesicht war sehr ernst, keine Spur von Trunkenheit an ihm, außer einem dunkeln, fieberischen Glanz in den Augen. Er schüttele unter nachsichtig-ironischem Lächeln zu den Worten Vollbergs den Kopf, reichte ihm stumm die Hand und sah dem Davongehenden gedankenvoll nach. Dabei murmelte er, ohne die Lippen zu bewegen: »Halb schläft man, halb ist man wach. Doch beides überhitzt, so daß man im Fieber träumt und lebt und nicht weiß, ob man lebt oder träumt.« In dem oberen Raum des Cafés entstand plötzlich ein toller Lärm. Männer lachten dröhnend, Weiber kreischten, es wurde aber und abermal in die Hände geklatscht, und Bravorufe ertönten. Zwei Kellner kamen lachend die Treppe hinuntergestürzt und bestellten dringend am Büfett Sekt. »Das ist ja ein toller Rummel heute«, sagte der Ausschenker. »Ja, weiß Gott! Aber fix, fix!« antwortete einer der Kellner. Brindeisener drehte langsam den Kopf nach der Gruppe, halb auf ihre Worte, halb auf den Lärm über sich horchend. Und wenn es doch das Mathinklein aus Querhoven wäre, sann er, dann könnt' ich heut nachholen, was ich einst versäumt habe. Denn es bleibt einem wohl nichts übrig, als das Gift auszutrinken, das uns das Schicksal eingeschenkt hat, damit endlich die Wasser wieder rein werden. »Also auf, Torero!« Er bezahlte und stieg langsam und spöttisch über sich lächelnd die breite Treppe zur oberen Etage empor. Der Raum war hier durch die einmündende Stiege in zwei ungleiche Teile geschnitten. Brindeisener wandte sich nach dem kleineren, linken Gemach; denn von da her erscholl der Lärm. Durch einen kurzen Gang von drei Schritt Länge näherte er sich der Portiere, die eine Handbreit auseinander klaffte. In dem sonst lauschigen Zimmer war alles in Unordnung geraten. Man hatte die Tische an die Wand gerückt und die Stühle in zwei einander gegenüberliegende Reihen davorgestellt, um einen freien Raum, etwas wie eine längliche Rennbahn, zu schaffen. An der der Tür gegenüberliegenden Schmalseite saß das gesuchte Mädchen, an ihrer Seite je eine hübsche, aber schon ältere Dirne. Auf den Stühlen rechts und links saßen die Herren dieses Geilhofes, junge Lebemänner der besseren Stände, Kleinstadtdurchbrenner, professionierte Unzüchtlinge, welke Bocksgesichter in allen Stellungen der Aufgeregtheit: im Aufspringen, zurückgestemmt, vorgeworfen, in Brunst zusammengekauert. Die Aufmerksamkeit aller aber war auf das dunkelhaarige, schöne Mädchen gerichtet, die offenbar der Brennpunkt dieser Tollheit war. Auf welche Weise, konnte Brindeisener nicht sogleich herausbekommen. Hatte sie getanzt, gesungen, gemimt, man konnte nicht klug werden. Alle Männer waren von höchstem Staunen wie exaltiert. Des Mädchens ganzer Körper wogte, ein einziges Fluten, wie die Wirbel eines kochenden Baches. Dabei glühte ihr Gesicht in den widersprechendsten Affekten: in Begierde und Verachtung, Scham und Lüsternheit, Ekel und Brunst. Die Dirnen sprachen begütigend auf sie ein, zu allem aber schüttelte sie energisch den Kopf. Offenbar wollte sie nicht mehr tanzen oder mimen, oder was sie eben tat. Da sah Brindeisener, daß eine Dirne wie achtlos ihr das Kleid am rechten Bein höher streifte, daß fast der ganze Unterschenkel mit seiner göttlich geformten, hoch angesetzten Wade zu sehen war. Als die Männer dies sahen, brachen sie in wieherndes Bravo aus, und ein ganz blutjunges Bürschlein, ein Offizier in Zivil oder ein Student, sprang in einer Art bacchantischen Taumels sofort von seinem Sitz auf, stürzte einen Kelch Sekt hinunter und näherte sich der Mitte des leeren Raumes. Er war blond, untersetzt, gut gebaut und sehr gut angezogen. Brindeisener konnte immer noch nicht begreifen, was all das für einen Sinn haben sollte; denn bis jetzt sah es fast aus, als fordere der Jüngling das Mädchen zum Ringen heraus. In der Mitte angekommen, verneigte er sich vor der Schönen, die wieder nickte und sofort eine wehrhafte Haltung einnahm. Ihre Augen funkelten in grausamer Lüsternheit. Sie erblaßte, kniff die Lippen ein, und ihr Busen begann lechzend zu hüpfen. Aber sie raffte das Kleid noch höher und stellte das Bein herausfordernd noch mehr vor. Der Jüngling hatte bis jetzt stillgestanden, in wollüstiger Gier wie erstarrt. Nun, als sich vor seinen Blicken noch mehr Reize enthüllten, bückte er sich, wo er stand, und hob mit bebender Hand ein blauseidenes Strumpfband auf. Es an die Lippen führend, näherte er sich dem Mädchen, das mit keiner Wimper zuckte und ihn brennend ansah. Also so verhielt sich die Sache! Dem Mädchen war das Strumpfband vom Bein geglitten, und es ging nun darum, wer es ihr anlegen und sie mit sich nehmen konnte. Der junge Mensch hatte sich auf vier, fünf Schritte dem Mädchen genähert. »Knien!« kommandierte alles erregt. Widerstrebend ließ er sich nieder und schob sich so an das Mädchen heran. Schon hob er die Hand mit dem Strumpfband, es ihr anzulegen. Da erhielt er unversehens einen Tritt vor die Brust, daß er bis in die Mitte des leeren Raumes flog. Darauf brach wieder ein wahres Rasen los, man schrie, klatschte, trampelte, bestellte aufs neue Sekt und ließ das Mädchen hochleben. Der Abgeblitzte lächelte fahl, seine Lippe saß zwischen den Zähnen, der ganze Mensch ein wilder, lüsterner Fluch. Man sah, daß er sich zu einem zweiten Versuch anschickte, und merkte an seinen Bewegungen, daß er zu allem entschlossen sei. Er trank schnell zwei Glas Wein hintereinander und fuhr sich mit den Fingern zwischen Kragen und Hals, um dem versetzten Atem Luft zu schaffen. Brindeisener merkte, daß das Mädchen jetzt in Besorgnis unruhig wurde, wohl weil sie fürchtete, der Abgeschlagene könne bei dem abermaligen Versuch Gewalt anwenden, und sie heftete ihre Augen auf die Portiere, als sinne sie auf Flucht. Jetzt los! dachte Brindeisener bei sich, schob sich mit einem Schritt in den Raum und faßte den ratlosen Blick des Mädchens sofort mit seinen Augen. Er sah, wie sie bei seinem Anblick erst förmlich zurückfuhr und dann willig in ihn hineinsank. Dies innere Umfangen währte eine Sekunde. Dann fragte Brindeisener mit einer Kopfbewegung, und sie bejahte mit den Augen. Am Ständer hingen ihr halbseidener Mantel, Hut und Schirm. Brindeisener ergriff alles, legte es sich über den Arm, schritt in den Kreis, hob das Strumpfband auf, und als er sich dem Mädchen näherte, streckte sie ihm schon das schöne Bein entgegen. Die Männer brausten in einen kurzen Stoß wie eine geprellte Meute auf. Brindeisener, der alle um mehr als Kopfeslänge überragte, reckte sich noch etwas mehr, sah aus seinen kühlen, wilden Augen um sich und sagte in dem Moment der Stille, die entstand, laut zu dem Mädchen: »Ich habe mich etwas verspätet, verzeih!« Dann war er ihr beim Anlegen der Sachen behilflich und führte sie nach wenigen Augenblicken durch den gaffenden Schwarm davon. Auf der platzartigen Erweiterung der vielfachen Straßenkreuzung blieb das Paar in dem grellen, grämlichen Weißgrün des Gaslaternenlichtes stehen. Brindeisener sah sich nach dem Café um, in dem der Lärm nun im unteren Zimmer ausgebrochen war und unmittelbar an der Tür tobte, als handele es sich darum, widerspenstige Trinker gewaltsam an die Luft zu setzen. Plötzlich flog die Tür wie ausgeangelt auf, und gleich hungrigen Hunden stürzte sich ein Rudel junger Männer heraus: »Wo ist das Aas?« – »Ich klatsch' ihn wie eine Fliege!« – »Dem salz' ich das Fell ordentlich ein!« schrien sie durcheinander. »Um Gottes willen!« flüsterte das Mädchen, riß Brindeisener in eine vollkommen finstere, enge Gasse und wollte anfangen, rasend zu laufen. Der studentische Fremdhöfer wurde wider seinen Willen einige Schritte mitgerissen, brachte die Ängstliche aber schon in der Mitte der kurzen Gasse mit einem Ruck zum Stehen und sagte lächelnd: »Noch eine Straße in diesem Tempo gesaust, und es kann passieren, wir werden als Einbrecher verfolgt und eingelocht. Also, Mädchen, zieh dir Pomade an die kleinen Füßchen.« Dann lauschte er auf das Gelauf und Geschrei der Verfolger in den benachbarten Gassen. Es verlor sich in verschiedensten Richtungen, und bald war nichts zu vernehmen als das ungestaltete, leise Brummen, das über den Häusern einer schlafenden Großstadt in der Luft hängt. Da und dort klingelte noch eine Elektrische. Brindeisener schritt lang aus und spürte an dem leichten, bestimmten Schritt des Mädchens, daß es nicht in der Großstadt aufgewachsen war. Sie hing sich schwärmerisch an ihn und preßte immer wieder leidenschaftlich seinen Arm gegen ihren Busen. »Schrecklich«, flüsterte sie plötzlich. »Was?« fragte Brindeisener und blieb stehen. »Schrecklich, meine ich«, sagte sie in heißer Entrüstung. »Warum?« fragte er wieder ruhig. »Na einfach, du sollst mich küssen, küssen. Das ist ja unanständig so! Ich lauf' dir auf der Stelle fort.« Brindeisener nahm die wild Glühende an sich, und sie küßten sich in einen solchen Rausch hinein, daß das Mädchen taumelte, als er sie endlich losließ. »Warum sagst du nicht Peter?« fragte er sie jetzt leise. »Warum?« fragte sie neckisch wieder und lachte überglücklich. »Wahrhaftig, da hast du den rechten Namen. Aber jetzt nicht mehr, jetzt nicht, und dann glaube ich auch nicht. Du dummer Peter!« Sie drängte sich wieder verlangend an ihn. »Und wie soll ich denn heißen. Lieber?« fragte sie in leidenschaftlicher Zärtlichkeit. »Mathinklein«, antwortete Brindeisener. »Nein, pfui! Das mag ich nicht! Das klingt zu kitschig. Nein, nein«, entgegnete sie mit der reinsten Backfischempörung. »Nenne mich Wally.« »Wally, die Zweiflerin«, sagte spöttisch Brindeisener. »Gut, also Wally.« Und während er sie weiter durch ein Gewirr enger, winkliger Gassen an riechenden Fleischbänken hin, über Plätze und Plätzchen und große, nun auch schon halb erloschene Straßen immer näher an die Oder geleitete, begann sie im Anschluß an die Ironie seiner letzten Worte zu erzählen, welche Umstände sie hierher aufs Pflaster geführt hatten. Sie war wirklich die Tochter eines sächsischen Großgrundbesitzers in der Nähe von Meißen und hatte sich als dreizehnjähriges Mädchen ihrem Onkel, dem Bruder ihres eigenen Vaters, ergeben, der sie einst in einem entlegenen Zimmer auf dem Sofa überrascht und gebraucht hatte. Die ewige gleiche Hurengeschichte, dachte. Brindeisener bei sich. Bald ist es der Bruder, bald der Cousin, bald der Kutscher, manchmal sogar der eigene Vater. Und wie immer bei solchen Erzählungen packte ihn ein lüsterner Ekel, eine wollüstige Finsternis. Das Mädchen schwatzte fortwährend weiter, und bei ihm grub es mechanisch durch die Gedanken: So werde ich also wieder die Augen schließen und die Seele mit schönem Fleisch satt machen. Endlich kamen sie über den Universitätsplatz, an dem Fechter vorüber und gelangten unter der Durchfahrt hin auf die Universitätsbrücke. Der späte Viertelsmond hing wie ein weißer, fallender Tellerscherben schräg am herbstklaren Nachthimmel. In Brindeisener hatte sich aus den abziehenden Schwaden des Rausches, aus der Enttäuschung, sich in der Person des Mädchens geirrt zu haben, und seinem steten Lebensmißvergnügen eine sentimentale Reizsucht gebildet. Er trat mit dem Mädchen an die Brüstung der Brücke, beugte sich und schaute versunken auf den schwach beglänzten Strom, der sich weit hinauf in einer Krümmung unter schwarzen Haufen überhängender Baumkronen den Blicken entzog. »Ist es nicht«, fragte er mehr mit sich sprechend, »als ob der glänzende Fluß aus diesen finsteren Bäumen dort oben käme? Und vielleicht ist alles überhaupt finster, ich meine noch weiter droben. Ganz droben, weißt du. Und die Menschen machen das Licht bloß künstlich mit Kirchenampeln, Gaslaternen und so weiter. Und alle stehlen sich leise an sich vorbei wie dies Oderwasser drunten. Sage mal, Mädchen, hat es dich noch niemals gejuckt, in so einer großen Pfütze deinem ›Löbensglick‹ ein Ende zu machen?« »Was meinst du?« fragte Wally erschrocken und ließ seinen Arm fahren. »Meinen, haha? – Na ja, gut, meinen!« antwortete er in höhnischer Verbissenheit. Dann begann er wieder mit den Augen den Wasserspiegel abzusuchen, bis er droben vor dem Gebüsch am Ufer eine Plaite, ein langes Holzfloß, liegen sah, das sich kaum auf dem lautlosen Wasser rührte, und ein gelbes Lichtpünktchen glitzte aus der winzigen Wohnhütte der Ruderknechte. Beim Anblick dieses stecknadelgroßen Schimmerknöpfchens in der weiten Nacht über dem katzenleisen, großen Wasser überkam den Studenten das Gefühl einer grenzenlosen Welteinsamkeit, das sich zum förmlichen Grausen steigerte, als er nun ganz, ganz schwach von dorther das Singen einer hohen Frauenstimme vernahm, wohl die Schiffersfrau, die ihren Säugling einlullte. Und plötzlich war es Brindeisener klar, er sei im Begriff, mit diesem Mädchen sich an dem einzigen Licht seines Lebens, an dem Heiligenlenlein zu versündigen, mit dieser sogenannten »Wally«, die dem Querhovener Meixner-Mathinklein so ähnlich sah. Dieser Gedanke packte ihn so grell, daß auf die Dauer eines Huschens das Gesicht des hübelheiligen Mädchens aus dem Wasser tauchte: blaß, himmlisch verklärt, aber aus einer Stirnwunde blutend, so wie er sie als Knabe im Garten seines Vaters geschaut hatte, an dem furchtbarsten Tage seines Lebens, als sie auf den Stein im Grase gefallen war und er glaubte, an ihrem Tode schuld zu sein. Das alles tobte einen Augenblick wie ein Albreiten in ihm. Da stieß ihn das Mädchen ungeduldig an und fragte: »Wo wohnst du denn? Mir ist kalt, und ich dächte, wir gingen, denn bei der Beleuchtung bemühst du dich vergeblich, Fische zu sehen.« Brindeisener richtete sich ins tiefste erschüttert auf und antwortete vollkommen verwandelt mit tonloser Beklommenheit: »Ja, verzeih. Komm!« Damit machte er kehrt und führte sie in das Gewirr der Gassen zurück. Wally widerstrebte und überhäufte ihn mit Vorwürfen, greinte und zankte. Brindeisener sagte kein Wort, sondern ging mit langen Schritten unaufhaltsam dahin. Endlich kamen sie in die Holteistraße, wo Wally wohnte. An der Haustür schüttelte er dem fassungslosen Mädchen den Inhalt seines Portemonnaies so hastig in die Hand, daß ein Teil der Münzen aufs Pflaster fiel. Er kehrte sich nicht daran, sondern machte sich schweigend und eilig auf den Heimweg. Als er die Universitätsbrücke wieder überschritt, blieb er an derselben Stelle wie vorhin stehen und starrte auf den Strom, der jetzt unsichtbar unter ihm dahinzog, denn der Scherbenmond war schon wieder verschwunden, und es herrschte dichte Finsternis. Und wieder begann seine Jugend und Kindheit an ihm hinzujagen: Er hörte den hohen Schrei durch die Nacht fallen, da das Sintlingerlenlein geboren wurde, der Wagen des Sintlingers rasselte den Hübel herunter und stob in die Finsternis davon. Dann stand die Heiligenhofbäuerin vor ihm, von der er lange geglaubt hatte, sie sei zu manchen Zeiten ein Vogel, der sich in die Luft schwingen könne. Die engelhafte Stimme Helenens sang durch herbstbunte Bäume das Weidelied, sie saß mit der Schwerdtnerin im besonnten Grase, und er fühlte wieder die Angst von damals in sich, das trunkene Gitarrenweib könne das schöne Kind vielleicht verzaubern. Ihm war es, als sei er überhaupt nur deswegen jung gewesen, sich fortwährend wundersüchtig um den Heiligenhof zu treiben, der der ganzen Gegend ein Mirakulum war, ihn aber wegen dieses stillen, unirdisch feinen, blinden Mädchens seit je berückte, weil er selbst gar sehr unter der Brutalität seines Vaters und der dumpfen Finsternis seiner Familie hatte leiden müssen. Nach langem Grübeln richtete er sich am Brückengeländer auf und sagte zu sich: daß eigentlich der ganze blöde, wilde Betrieb seines jetzigen Lebens nichts als ein fortdauerndes Leiden an dem bitteren Schatten des väterlichen Hauses sei, und daß es nun doch Zeit wäre, den Versuch zu machen, ob man in die Höhe kommen könne, in der das Heiligenlenlein lebte. Er lächelte schmerzhaftglücklich über sich und setzte den Heimweg fort, kopfschüttelnd und verwundert über die Phantastik des Daseins. In seiner Bude angekommen – er wohnte auf dem Matthiasplatz –, legte er sich halb entkleidet zu Bett und verfiel sofort in wirre Träume. Und während er von den Wandelbildern des Schlafes durch alle Himmel und Höllen seines Lebens getrieben wurde, lag er doch immerfort in einer solch hohen Seligkeit des Gemütes, wie er sie noch nie empfunden hatte. Diese fühlte er zwar aus einer Tiefe in sich selber kommend, die nicht mit träumte, aber sie rührte auch von weichen, schönen Händen her, die ohne Aufhören seine Wangen kosten und sich zärtlich auf seine Stirn legten. Das Wesen, dem sie angehörten, konnte er nicht sehen, allein das Glück darüber war fast schmerzhaft stark und erfüllte ihn, auch noch nach dem Erwachen, wie ein überirdisches Licht. Sechstes Kapitel Auf diese Art wurden Peter Brindeisener und das Sintlingerlenlein aus derselben Gegend ihres Lebens, ohne voneinander anderes als die wilden Träume des eigenen Herzens zu wissen, durch Dämmerungen einem neuen Tage entgegengeführt. Das hübelheilige Mädchen wohnte jetzt allein in dem Lindenzimmer, und das riesige Rauschen der uralten Bäume war immer um sie. Weil nun die stets anders werdende Welt ihres Daseins nicht mehr so oft mit dem Wesen anderer Menschen zusammenstieß und deren Auffassungen Formen annahm, die dem Lenlein selbst fremd und schreckhaft erschienen, so verwunderte sie sich über alles Neue nicht mehr so sehr, sondern erlebte die Wandlungen neu begierig wie ein Märchen, das sich an ihr ereignete. Manchmal wehte der machtvolle Laut der Lindenkronen ganz fern von ihr hin, manchmal stand das Brausen in der Nacht traumleise über ihr hin, als sei es wer, der sich über sie neige und säuselnd zu ihr rede. Die Räume des Hauses und des Hofes, sonst nur Gegenden in ihr selbst, glitten aus ihr und stellten sich als Wirklichkeiten um sie. Alles klang anders, bis auf den Ruf des Hahnes und das Knarren des Wagens. Alles, was ihr sonst unzertrennlich eigen gewesen war, wie der Traum ihrer Seele, den der eigene Wille so oder so umbilden und verflechten kann, nahm scharfe Umrisse, feste Gestalt an, die sich unverrückbar eindeutig, aber fremd um sie baute. Auf diese Weise wurde die Welt enger um sie, denn die Welt des Blinden hat keinen Horizont. Nun aber legte es sich wie ein Gürtel um alles, sie fühlte alles geordneter, gesammelter, nach einem Zweck zwar, den sie nicht begriff, gefangen wie ein aufgestautes Wasser, und Hitzewellen jagten durch sie, Ansätze zu einem Sprung. – Einmal, als es sie wieder so packte, geschah es, daß ihre Mutter die Küchentür drunten aufmachte und über sich hinauf horchte, denn es war ihr doch gewesen, als sei eben ihr Andreas mit reißend leidenschaftlichen Schritten über den Flur droben gegangen. Und sie wußte doch genau, der Sintlinger war mit sämtlichen Gespannen in den Wald gefahren. Allein, der jähe Gang über den Flur droben hatte ganz den Schritt ihres Mannes, und zwar aus der Zeit, da er noch auf aller Welt herumtrat. »Was ist denn das?« sann sie bei sich, da der Schritt nicht nachließ. »Spukt es wirklich im Sintlingerhofe? Der Schritt kann sich doch nicht von einem Menschen fortstehlen und allein, wo es ihm gerade behagt, das Gehen vollführen.« Und als sie dieses kurze Furchtaufstoßen überwunden hatte, lief sie resolut die Treppe hinauf, um zu sehen, was es mit dem Sinnschreiten ihres Andreas für eine Bewandtnis habe. Aber da sah sie niemand als Helene. Das Mädchen hielt den zurückgelehnten Kopf in den hinten verschlungenen Händen und lief leidenschaftlich den Flur hin und wider, mit ausholenden Schritten, als stiege sie über Gewölk hinan. »Lenlein«, rief ihr Johanna über das Gebaren des Kindes verwundert und zugleich lächelnd zu, und als das hübelheilige Mädchen nicht nur nicht hörte, sondern sogar anfing, zu ihrem flammenden Gehen noch zu summen und den Kopf zu wiegen, wiederholte die Bäuerin ein wenig gekränkt den Ruf. »Lenlein, du, Lenlein«, sagte sie, »so hör' doch schon. Du erschreckst einen ja mit deinem wilden Einsamlauf.« Aber Helene, die gerade darüber her war, den Flur hinzujagen, auf die Bodentreppe zu, warf erregt und jäh den Kopf über die Achsel und antwortete schroff, fast patzig: »Geh, laß mich! – Was frägst du mich? – Ich will allein sein.« Aber kaum, daß ihr die Worte wie Peitschengeknall aus dem Munde geflogen waren, machte sie kehrt und stürzte sich den Flur hin, die halbe Treppe hinab der Mutter an die Brust und bat unter Tränen die Heftigkeit ab. »Aber Mädel«, sagte Johanna verweisend und strich ihr die Haare aus der heißen Stirn, »was denkst du denn, so zu laufen? Du kannst dich ja unglücklich machen!« Da umschlang das Lenlein wieder leidenschaftlich den Hals ihrer Mutter und sagte: »Ja, Mutter, glücklich oder unglücklich! – das ist gleich! – Ich liebe dich, Mutter ... ich liebe dich! ... ach, wie ich dich liebe!!« Dabei fand sie mit Liebkosungen und Küssen kein Ende. Diese gelegentlichen Sprünge in Exaltationen empfand Helene wie eine Erholung von dem leisen Minieren ihres Innern, das sie durch immer neue Erlebnisse führte, eines wundersamer, ungewöhnlicher als das andere. Zuzeiten nahm das Lenlein um die Gestalt der Dinge neue, ganz andere Umrisse wahr, die schwankten gleich einer heißen Einbildung von ihr und auch so, als würden sie von einem Luftzuge hin und her bewegt, einem Luftzuge, der gleichwohl mit nichts zu spüren war, weder mit den Ohren zu hören, noch mit den Fingern, nicht einmal mit der Stirn zu sehen. Trotzdem griff Helene nach den Dingen, und zwar nach der Gestalt, die ihr durch das bisherige Leben gewohnt war und die fest hinter dem Schwanken der neuen Umrisse stand, matt, kraftlos wie ein nutzloser Rückstand. So kam es, daß sie sich unvermutet an Kanten stieß, an Spitzen verwundete und dann so bis in die Seele hinein erschrak, wie sehende Menschen, die auf ebenem, sicherem Wege unvermutet über eine Stufe geraten. Jedesmal stand sie vor diesem Neuerleben in starrem Schrecken. Denn sie erinnerte sich einer Geschichte der alten Therese, daß es einst einen Mann gegeben habe, der mit nichts, aber auch rein mit gar nichts auf der Welt zufrieden gewesen sei und dem sich zur Strafe alles in dem Augenblick verwandelte, wenn er danach griff. So gerade ging es ihr eigentlich auch, aber sie konnte nichts finden, wodurch sie sich vergangen, und war auch nicht imstande, sich vorzustellen, wer ihr so etwas mitspiele, daß sie immerfort alles doppelt sah, als Traum und Wirklichkeit, als Tag und Nacht. Sie lebte bis zu den Bewegungen in den feinsten Kapillarien ihres Gemütes in einem fortwährenden Vertauschtsein. Alle die Veränderungen waren mit ihrem Tanz auf der Wiese und der Empfindung und dem rätselhaften Erleben des Männerhauptes in Verbindung, der einzigen Sicherheit in ihr, die, geschwunden, sich immer wieder erneuerte. Deswegen aber gerade scheute sich das hübelheilige Mädchen, jemand um Rat zu fragen, was das eigentlich zu bedeuten habe. Denn dann hätte sie ja auch erzählen müssen, daß sie manchmal mitten in der Nacht durch ein gewaltsames Umfangen aus dem Schlafe gerissen wurde, mit einem solchen wilden Packen, daß sie den Griff der Hände noch schmerzhaft am Arme fühlte, so lange spürte, bis sie die Stellen oft lange und inbrünstig geküßt hatte. So was konnte man doch unmöglich sagen. Doch etwas nicht tun dürfen, ist zugleich der gefährlichste Drang, es doch zu tun. Und wirklich, nicht lange danach – der Winter war im Abzuge, und die ersten warmen Märztage wandelten mit laulichem Atem über das Hügelgewoge –, da lehnte das Lenlein am Zaun des Blumengartens hinter dem Hofe, hielt ihr Gesicht dem freundlichen Luftzuge entgegen und sann darüber nach, wie seltsam das doch mit dem sei, was die Menschen den Wind nennen. Wenn man genau darauf achte, so sei es nicht anders, als gingen rund um einen herum Menschen vorüber, ein langer, leissohliger, unendlicher Zug, von dessen Schritten nur das Rauschen der Gewänder zu vernehmen sei. Niemand weiß, woher diese Luftwesen kommen und wohin sie gehen, und es ist, als verstände man sie nur, wenn man sich ihnen entgegenstellte; denn dann komme es vor, daß sie einem ihre Lieder in die Ohren singen, ohne Aufhören, immer das gleiche und doch immer ein ewiges anderes. Man höre in alle Welt hinein, und in der Stimme des Windes wachen alle Stimmen der Nähe und Ferne auf. Der weite Wald brause vor sich hin, die Rainsträucher säuseln auf, die einsamen Feldbäume sausen leise, und selbst Häuser noch pfeifen mit den Firsten und Rinnen. So geht die ganze Erde als ein luftiges Wehen an einem vorbei, und glücklich, daß man dem lausche, was doch nie zu verstehen sei, streicht es uns wie mit linden Händen die Haare aus der Stirn und schmiegt sich so um uns, daß wir uns, in die Luft gedrückt, deutlicher als je fühlen. Diesem Sinnträumen gab sich das hübelheilige Mädchen hin, während sie am Zaun lehnte und auf die Laute des Märzenwindes lauschte. Ganz weit von sich, ganz weit hinaus wurde sie von ihrem feinen Gehör getragen, und zuletzt war es ihr wirklich, als kämen durch die Luft die leisen Schritte von vielen Menschen auf sie zu. Da wußte das Lenlein, daß es nicht mehr lange dauern würde, und aus dem Gange der vielen sei der Gang eines einzelnen geworden und das unbekannte Männerwesen, in das sie verstrickt war, stehe wieder bei ihr. Aber ehe das geschehen konnte, kam ihr Vater, der, vom Felde zurückkehrend, schon von fern ihr unbewegliches, weißes Gesicht gesehen hatte, und trat zu ihr in den Garten. Was sie so still mache, fragte er, und sie, vor inneren Wirbeln, ihrer auferlegten Verschwiegenheit nicht achtend, antwortete, daß es gar nicht stille sei, denn weit draußen gehe immerfort der Schritt von vielen Menschen. Was das eigentlich zu bedeuten habe – das sei vielleicht das Gehen und Fahren der Leute, die im Walde draußen das letzte Stück der neuen Chaussee arbeiteten. – Ob man in die Welt komme auf der neuen Straße, fragte sie weiter. O ja, antwortete der Heiligenbauer und sah wegen der Leidenschaftlichkeit in ihrer Stimme dem Lenlein scharf ins Gesicht. Aber das sei ganz gleich, wohin man gehe, man komme nie weiter, als wenn man sich unter dem ersten besten Baum auf seinem Felde setze und darauf achte, was er mit seinen Blättern rede. Denn das Neue unter den Füßen sei nichts Neues in der Seele. Als der Sintlinger das geredet hatte, merkte er, daß sein Mädchen plötzlich einen fremden, abweisenden Zug ins Gesicht bekam. Dann wandte sie sich um und schritt das Gänglein herab in die Laube. Dort setzte sie sich, die Hände in dem Schoß, auf die Bank. Denn sie hatte ihren Vater noch fragen wollen, ob es sein könne, daß einmal wer aus jener fernen Welt hier auf den Heiligenhof käme. Da aber der Sintlinger so verstiegenes Zeug geredet hatte, mochte sie nicht weiter reden, sondern saß da, enttäuscht und in eine leere, aber selige Betäubnis versunken, aus der sie ihr Vater nicht zu verscheuchen vermochte, so vieles er auch noch redete. Sie senkte nur den Kopf und hörte gar nicht auf ihn. Endlich stand sie jäh auf und sagte schneidend, sie wisse das besser. Damit ging sie davon, und es rührte sie gar nicht, daß ihr Vater betroffen und wortlos über die immer weiter fortschreitende Veränderung seines Kindes zurückblieb. In dieser selben Zeit des Frühlings, da die ersten Vogelschwärme über den Heiligenhof strichen, spürte die alte Therese, daß es mit ihr zu Ende ging, und wie das greise Wild, wenn es kaum mehr fort kann, nur tiefer in den Wald kriecht, aus dem es geboren ist, so entstand in der verwelkenden Dienerin die unbezwingliche Sehnsucht nach dem Ort ihrer Kindheit, nach Querhoven. Was auch sollte sie auf dem Hofe noch, wo sie nichts mehr nützen konnte, sondern mit ihrem gokelnden Gekrame nur hinderte oder wenigstens im Wege war. Sie hatte für andere ihr ganzes Leben hingegeben. Nun wollte sie wenigstens den eigenen Tod sterben. Und weil ihr Wesen nie gewohnt war, die notwendigen Dinge mit bunten Seidentüchlein anzufangen, sondern mit rüstiger Hand alles ergriff, was zu tun war, so saß sie auch bei diesem letzten Geschäft nicht lange im halben Taumel in Winkeln und kochte es mit heimlichem Geflenne zurecht, sondern hatte sich in weniger als drei Tagen von allem losgeschnitten, was sie auf dem Heiligenhof hielt. Freilich, als sie vor der Heiligenhofbäuerin und Sintlinger stand, um Abschied zu nehmen, lief ihr doch das Tränensäcklein über, weil Johanna der einzige Mensch war, auf dem noch ein Widerschein der Zeit lag, in der auch sie jung gewesen war. Aber sie greinte auch hier nicht, sondern die stummen Tropfen verloren sich nur stumm in dem zerknitterten Gesicht, und die Hände kneteten bebend und krampfhaft an dem Taschentuch herum, während sie im übrigen tapfere, ja sogar spaßhafte Worte von alten Hennen sprach, denen man Zeit lassen müsse, das letzte Ei auszubrüten. »Und nun lebt wohl, Bauer und Bäuerin«, sagte sie zum Schluß und erhob sich, »ihr beide seid ja mit dem Hofe gut aufgehoben. Da hab' ich keinen Kummer. Nehmt's nicht krumm, daß ich euch alle in meinen Topf warf. Ja, und mit dem Lenlein, verlaßt euch, wird's nicht bloß wieder besser, nein, da wird's noch einmal über alles Verstehen gut. Und auch wegen des Mädchens mach ich, daß ich schnell über den Hübel hinunterkomme. Denn den einen nimmt's langsam weg, den andern macht's überm Essen sargfertig. Und wenn das Lenlein an einen Toten stoßen sollte, jetzt, wo sie über alles in der Welt stolpert, so könnte sie, wer weiß, das Drehen vielleicht noch schlimmer kriegen. Einmal freilich wird sie ja wohl noch lernen müssen, was Sterben heißt. Aber ich wenigstens will die Tür so leise hinter mir zumachen, daß sie denken soll, ich ginge geradeswegs in die grüne Wiese. Nun bin ich doch noch ins Meckern gekommen, ich alte Ziege. Also noch mal, lebt wohl und nichts für ungut. Sie ist doch droben, in der Lindenstube?« Etwas umständlich stieg sie zu dem Lenlein hinauf, das, die Hände aufgestützt, am offenen Fenster saß und hinausträumte. »Guten Tag, Lenlein«, sagte die alte Therese. Das Mädchen rührte sich nicht. »Guten Tag, Lenlein«, wiederholte die Greisin nach einem Weilchen. Versonnen drehte sie sich endlich um, und ihre blicklosen, großen Augen sahen lange ins Zimmer. »Ach, du bist's, Therese«, sagte sie endlich mit einem tiefen Atemzug, aus ihrer Hingebundenheit sich loslösend. »Ich soll wohl schon wieder hinunterkommen? Sage, ich mag nicht. Nein, nein.« Damit stand sie auf und begann, die Hände an steifen Armen hinter sich gefaltet, erregt die Stube hin und her zu wandern, aber mit leisen, langen, fast unhörbaren Schritten. Und während das hübelheilige Mädchen rastlos hin und her schwebte, mehr ein Falter, den es durch die Luft trägt, als ein Mensch, sprach die Greisin, was sie zu sagen hatte, daß sie ein paar Wochen nicht da sein würde, weil sie hinüber nach Querhoven zu ihres Bruders Tochter müsse, die einen Haufen Kinder habe und manchmal nicht wisse, wo ihr der Kopf stehe. Da sei sie gekommen, um adieu zu sagen und solcherlei. Aber das Lenlein hörte nicht auf zu schreiten, sagte zu allem nichts und schwieg auch noch lange, nachdem die Alte zu sprechen aufgehört hatte. Endlich blieb sie vor der greisen Dienerin stehen und fragte sie: »Sage mal, Therese, bin ich sehr böse?« – »Nein, Lenlein.« – »Aber ich mag doch nicht so sein wie der Vater.« – »Ach, Lenlein, liebes Mädel!« – »Du sollst nicht sagen liebes Mädel! Denn ich mag das auch nicht mehr.« Dann begann sie wieder schwebend zu schreiten und verfiel abermals sofort in grübelndes Träumen. »Das möcht' ich. Das möcht' ich«, sagte sie dabei einige Male glückvoll und inbrünstig vor sich hin. »Was möchtest du, Lenlein?« fragte Therese. Da blieb das Mädchen stehen und sagte leidenschaftlich: »Weißt du, ich an deiner Stelle ging nicht nach Querhoven, ich ginge weiter, viel, viel weiter! Ich ginge und ginge immerfort, ohne Aufhören ginge ich.« Und als die Greisin darüber fröhlich lachte, wurde das hübelheilige Mädchen fast zornig und rief: »Jawohl, das kann ich dir sagen! Und ich weiß gewiß, wenn das noch lange dauert, so schrei ich einmal und lauf fort.« – »Ja, Lenlein, wohin willst du denn da?« – »Wo Wege sind, gehe ich. Einfach. Wo Menschen sind.« – »Ach, Lenlein, überall kommst du ins Leben, weiter nicht. Sollst auch nicht.« – »Gerade! Ihr denkt, ich weiß das nicht. Da gibt es Städte, die so groß sind, daß sie nicht aufhören, und Menschen mehr wie Bäume im Walde. Alle auf einem Haufen beieinander. Ja, ja!« Darauf ging das hübelheilige Mädchen wieder ans Fenster, nahm den Kopf in die Hände und ward traurig. Therese betrachtete sie lange mitleidig. Dann stand sie auf, legte die Hand auf ihre Schulter und sagte liebreich: »Lenlein, willst du auf mich hören?« Das Mädchen nickte stumm mit dem Kopfe. »Weißt du, ich bin eine alte Frau. Da kenn ich das auch. Das ist halt die alte Geschichte mit dem Welttürlein. Das geht bloß von draußen aufzumachen. Vom Herrgott nämlich. Durch das Türel müssen die Menschen, wenn sie ins Leben wollen und wenn sie wieder 'naus wollen. Aber auch alles, was sich der Mensch im tiefsten Herzen wünscht, kommt von da. Und wenn das, was du willst, seine Richtigkeit hat, da kommt's eines schönen Tages zu dir. Da verlaß dich auf mich, auf die alte Therese. Nu adje, Lenlein, und laß dir's gut gehen. Jetzt muß ich, muß ich aber sehen, daß ich nach Querhoven 'nüberkomm.« Das hübelheilige Mädchen war unter den Worten der Greisin ruhig geworden, wie schlafend. Sie rührte sich auch nicht, als die Alte die Stube zögernd hinging und die Tür hinter sich schloß. Nach langem aber sprang sie auf, breitete die Arme jubelnd aus und rief: »Es wird kommen! Es wird kommen!« Auf diese Weise wuchs ihre rätselhafte Erwartung immer höher. Das rote Licht aus dem Mittelpunkt ihres jungfräulichen Wesens verbreitete sich über alle Gebiete ihres Lebens, daß bald ihre ganze Welt loderte. In diesen seelenheißen, entscheidungsreichsten Frühling aller ihrer Lebensjahre fiel seltsamerweise ein Ereignis, das den ganzen Duft der unirdischen Zeit ihrer Kindheit noch einmal über das Lenlein und den Heiligenhof brachte und ihres Vaters Gestalt der ganzen Gegend noch einmal in tiefem, wunderbarem Schimmer zeigte. Es ist die rührende Geschichte mit dem Scherenschleifer Liebeneiner aus dem Dorfe Alt-Lessig im Essener Kohlengebiet. Dort wohnte er mit seiner zahlreichen Familie in einem großen Mietshause, das wie all die anderen verrauchten, trostlosen Riesenkasten war und sich nur dadurch auszeichnete, daß es etwas abseits auf einem Hübelchen stand. Aber so konnten wenigstens Liebeneiners Kinder in einem Höfchen spielen, das immer noch besser war als die Straße, und im Winter rutschten sie tagein, tagaus auf Brettstücken oder überfrorenen Steinen, manchmal auch auf einem geliehenen richtigen Schlitten den kurzen Abhang hinunter und verübten wie die übrigen einen beträchtlichen Lärm aus lauter Fröhlichkeit, manchmal freilich auch aus Hunger, denn es wurde Liebeneiner von Jahr zu Jahr immer schwerer, sie satt zu machen. Mochte er den anderen Leuten Messer und Scheren noch so scharf schleifen, für sich selber fand er kein Schneidewerkzeug, das seine Not und Armut mitten entzwei zu säbeln imstande gewesen wäre. Und dabei hatte es sein Weib mit dem Kinderkriegen und war zudem leider noch so beschaffen, daß sie mit jedem Kinde mehr und mehr aufblühte. Schließlich aber: Mehr drehen konnte sich doch sein Schleifstein nicht, und das war ihm in alle Ewigkeit nicht beizubringen, daß bei jedem Umschwung eine Schnitte Brot von ihm abflog. Die Stube wurde mit jedem Jahr enger, und sein Weib werkte schon mit zwei Wiegen. Als das fünfte Kind geboren wurde, war bei dem Scherenschleifer von Taufschmaus keine Rede mehr. Sie nannten den kleinen Liebeneiner Silvester, um dem Herrgott damit einen Wink zu geben, daß es der letzte sein möge, weil es ihnen mit dem Durchkommen schon gar zu schwer wurde. Vater und Mutter aber gaben sich das Versprechen, der Liebe so lange zu entsagen, bis für den Storch des Scherenschleifers Liebeneiner Tür in Vergessenheit geraten sei, und sie machten damit auch sofort Ernst, indem der Mann schon an demselben Abend mit dem wenigen Schlafkram in die Kammer unters Dach zog. Also stand der feste Wille eigentlich mehr auf der Seite Liebeneiners. Der merkte freilich nach kurzer Zeit, daß es sich mit einem Vorsatz hinterher schwerer umgeht als vorher. Aber er hielt es tapfer eine ganze Woche in seinem freiwilligen Nachtgefängnis aus, und wenn ihn die Sehnsucht nach seinem Weib zu sehr hernahm, fing er mitten in der Nacht an zu singen, und damit es die Leute im Hause nicht hörten, kroch er dabei mit dem Kopfe unters Bett und sang mehr in sich hinein. Das half wohl einen und den andern Tag. Aber dann wurde es eher schlimmer als besser. Die Lieder schlugen ins Blut, und schließlich fingen gar in einer Nacht die Bretter seines Verschlages lichterloh zu glühen an. Deswegen richtete er sich des andern Tages entschlossen seine fliegende Werkstatt her und fuhr mit Sausen davon. Er fuhr ohne Absetzen, als sei jemand hinter ihm, der ihn verhaften wolle, und ruhte nicht eher, bis er in ein entferntes Dorf kam, wo man Alt-Lessig nur vom Hörensagen kannte. Dort goß er Wasser in den Schleifkasten und fing an loszuschnurren. Als aber der Sonnabend herankam, koppelte sich unversehens sein Schleifwäglein an sein Herz. Er drehte die Deichsel herum und begann, aus einem lachenden Traum heraus, das Gefährt heimwärts zu schieben. Aber mitten auf dem Felde ermannte sich sein Schutzengel und riß ihm die Rosenschleier, die dichter und dichter vor seine Augen sanken, entzwei, daß er sich seines Versprechens erinnerte und sein liebes Weib sah, das dann wieder neun Monate schwer und verzweifelt umhergehen mußte. Darum ließ er den Wagen auf der gotteseinsamen Straße stehen, setzte sich auf einen Stein und fing an, seinen Wochenerlös zu zählen. Dabei erkannte er nun freilich gar bald die Narretei, die er zu begehen im Begriff gewesen war. Er mochte hin und her rechnen, es blieb, wie es immer gewesen war: Er mußte jeden Pfennig siebenmal spalten, und kam ein neues Maul dazu, so langte es kaum, jedes Kröpflein mit Luft zu stopfen. Also stand er auf, drehte seine Werkstatt wieder und fuhr noch weiter ins Land hinaus. So kam es, daß er oft sechs Wochen umherkutschierte, und wenn er zu Hause anlangte, war sein Bart bis zum letzten Westenknopf gewachsen, und seine Kinder erkannten ihn nicht eher als ihren Vater, bis er die Semmeln aus dem kleinen Almerkästchen nahm und jedem eine in den Mund stopfte. Aber sein blühendes Weib, der er das beste und größte Stück des Weißzeuges mitbrachte, faßte ihn erst herzhaft um den Hals, schluchzte ein Gesetzlein, daß er solange fortgewesen, und verwünschte ihre Armut, die ihr nicht erlaubte, den Mann da zu haben, wo er hingehörte, neben sich. Dann erst langte sie nach der Mitbringe und verzehrte sie langsam. Einmal aber beim Fortgehen drängte sie sich so inbrünstig in ihn, als wollte sie durch den Leib des Mannes aus der Welt hinausfahren, und beinahe wäre es über den Scherenschleifer gekommen, daß er sie beiseite geführt und ihr ein heißes Gesänglein aufgespielt hätte. Die Luft in der Stube fing schon zu flimmern an wie ein Loderofen. Allein, Liebeneiner faßte sich doch, trat an die Tür, machte die Hand zur Faust und fuhr damit in einem energischen Reißen an der Füllung hinunter, daß ihm das Blut aus den Knöcheln sprang. »So, das wäre geschafft«, sagte er erleichtert und trat zurück. »Was hast du denn da gemacht?« fragte ihn seine Frau, die neben ihm stand und immer noch nichts als wogender Atem war. »Den Feuerstrich hab' ich weggelöscht«, antwortete er lächelnd, ging schnell hinaus, faßte die Deichsel seines Schleifwägleins und rasselte laufend über das Berglein hinunter. Hätte Liebeneiner gewußt, wie es mit seiner Frau beschaffen war, diesmal würde er anders gehandelt haben. So aber blieb er noch dazu volle acht Wochen fort und kam nahe bis ans Holländische hinauf, daß er schon die Holzschuhe der Flamen klappern hörte. Sein Weib saß indes zu Hause und jeden Augenblick, den sie nicht von der Arbeit gejagt wurde, verbrachte sie am Fenster und sah den fallenden Gang hinunter, bis auf die Straße, auf der ihr Mann von ihr gegangen war, und wenn ein Mann auftauchte, der sich dem Hause näherte, erschrak sie und wurde puterrot vor Freude, weil sie meinte, es sei ihr Konstantin, den die Liebe unversehens gepackt und heimwärts getrieben habe. Dies Erbleichen und Verglühen des jungen Weibes war keine drei-, viermal geschehen, so spürte es der und der unter den Männern des Hauses, in dem die Liebeneinern saß und wartete, daß da ein Feuer brenne, an dem sich vielleicht schmieden lasse. Und der Wirt kam, saß betulich in der Stube, redete mancherlei und erkundigte sich zum Schluß, ob nichts anzurichten sei. Der Milchmann goß ihr anderthalben für einen Liter in den Krug. Die jungen Bergleute kämmten sich die Haare noch kecker in die Stirn, lachten ihr glücklich in die Stube, und wo sie nur konnten, faßten sie nach ihren vollen Armen. Nicht lange, und vor der jungen Frau drehte sich die ganze Welt als buntes, sprühendes Rad. Sie ging in seligem Taumeln umher, und zuletzt wurde das heiße Kreisen so stark in ihr, daß von all dem schwärmenden Geziefer es einem gelang, den Schelmenhonig bei ihr abzusetzen. Konstantin Liebeneiner fuhr rastlos von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt, und sein Beutel schluckte sich so voll von Nickel- und Silberstücken, daß er nahe am Bersten war. Da meinte er, nun sei es endlich an der Zeit, nachzusehen, wie es zu Hause in Alt-Lessig stünde. Und wahrend er heimfuhr, überlegte er, wenn es ihn diesmal nähme und über die beiden Berglein weiterführte, so wolle er nicht mehr bremsen. Diese Aussicht machte ihn so lustig, daß er mit seinem Schleifwäglein lief wie ein Junge, und sowie er auf freiem Felde war, sang er mit den Vögeln um die Wette. Als er dann endlich in Alt-Lessig von der Straße in den Gang abbog, der über das Hübelchen zu dem Hause führte, in dem er wohnte, traf er alles, wie er es in seinem beglückten Gedächtnis trug, und sah sein Weib am Fenster sitzen, das Haupt sehnsüchtig an die Scheiben gelehnt. Allein, da sie seiner ansichtig wurde, erbleichte sie, fuhr wie gestochen zurück, und es war ihm gerade, als risse es ihr die Arme in die Luft und knüpfe sie über dem Kopfe zusammen. So sah er sie wie in das Dunkel der Stube zurückfallen. Liebeneiner hielt dieses Erschrecken und Auffahren für den Ausdruck weiblicher Freude, die fast ans Verzweifeln gesteigert ist, rückte eilig seinen Wagen quer, daß er nicht allein wieder über den Hübet absause, raffte schnell Geldsäcklein und Mitbringe an sich und eilte mit dem frohen Gedanken ins Haus, daß seiner heut ein besonders glückliches Geschäft harre; denn einen Trauernden fröhlich zu machen, bedeutet den seligsten Menschenhandel, zumal wenn es das eigene Weib ist. Aber da er mit lachendem Gruß in die Stube stürmte, sah er seine Frau im Finstern sitzen, auf einem Stuhl, im finstersten Winkel, gegen die Wand gekehrt, den Kopf auf die Brust geneigt wie eine zum Tode Verurteilte, und sie gab keinen Laut und rückte sich nicht. Da dachte der Scherenschleifer: Oho, hat mein Weib die Mucken gekriegt, während ich fort war, so will ich's ihr schon recht machen, daß sie nicht nur ins Lachen, nein, ins pure Jubeln hinaufspringt. Er warf also Geld und Semmeln auf den Tisch, faßte sie um den Leib, schwenkte sie in die Luft, und indem er sie lustig durch und durch rüttelte, rief er ein übers andere Mal: »Holla, Christel, wach' auf!« Aber bald spürte er, daß er da einen Menschen und nicht sein Weib, und nicht einen Menschen, sondern einen Stein in den Händen halte, wurde weiß bis ins Augenhäutchen hinein und kalt bis zum Zehennagel hinunter, ließ sie behutsam auf den Stuhl gleiten und brachte lange aus Furcht leinen Laut hervor. Da er sich dann aber faßte und ins Reden kam, wurde es ihm etwas leichter. Seine Frau aber blieb, wie er sie getroffen hatte: gegen die Wand gekehrt, zusammengerutscht, lautlos. Endlich geriet er von seinem lustigen Gepolter und dem spaßigen Hämischtun ab und fühlte, daß es ihm jetzt die rechte, liebreich-gütige Rede in den Mund schob. Kaum aber, daß ihm das erste liebe Wort gediehen war, schrie sein Weib auf, warf sich vor seinen Füßen zu Boden und bekannte ihm unter Schluchzen alles, was in seiner Abwesenheit mit ihr geschehen sei. Liebeneiner stand lange wie vom Blitze getroffen und rührte sich nicht. Als aber seine Knie anfingen zu zittern, machte er sich mit übermenschlicher Kraft stark, sagte leise, daß er wiederkomme, ließ die Gefallene liegen, Semmeln und Geld auf dem Tische und machte sich so behutsam mit seinem Wäglein davon, als stecke er bloß in einem albischen Traum und nicht in einer furchtbaren Welt. Er fuhr diesen selben Nachmittag und die ganze Nacht ohne Auf- und Umsehen, ohne Denken, fast ohne Herzschlag, und als er gegen Morgen vor einem Dorfe an den Grabenrand sank, hatte er gerade noch so viel Kraft, die Welt mit einem Pfeifen davonsausen zu sehen. Dann verfiel er in einen Schlaf, als sterbe er. Beim Erwachen fand er sich in einem Bett, und eine Menge Leute standen um ihn und betrachteten ihn mit erschreckten und mitleidigen Gesichtern. Um ihnen und sich selber Mut zu machen, fing er an, aus vollem Halse zu lachen, daß die Leute vor Grauen davonliefen bis auf ein altes Weib, das es aber auch nicht anders ertrug, als daß sie sich die Ohren zuhielt und wegsah. Liebeneiner war bei seinem ganzen Gelächter selber nicht wohl. Er hatte das Gefühl, sein Gesicht friere ihm ein,, und als er endlich aufhören konnte, liefen ihm wie dem alten Weibe die Tränen über die Wangen. Aber damit hatte er auch den Krampf zerbrochen, und er stand auf, ging in den Hof und sah sich nach seinem Wäglein um. Als er es endlich fand, war es ihm, seit er es auf der Straße vor dem Dorfe hatte stehenlassen müssen, weil ihm die ganze Welt wie ein Pfiff davongefahren war, seien zehn Jahre vergangen und nicht drei Tage, wie die Leute ihm versicherten, die dabei standen und über den Scherenschleifer den Kopf schüttelten, der noch vor ein paar Stunden im Schreifieber gelegen hatte und nun darauf bestand, davonzufahren, obwohl er doch noch baumelte wie sein hängender Strick am Wagen. Als er aber einige Bemerkungen über seine Not machte, glaubten sie vollends, das Schicksal seines Gewerbes sei vorzeitig über ihn gekommen, wichen von ihm zurück und ließen ihn davonfahren. Denn nach der Ansicht der Leute werden alle Scherenschleifer im Alter so sicher verdreht, wie alle Schornsteinfeger als Trinker sterben. Sie sahen den armen Liebeneiner die Straße hinabtaumeln, so, als solle er bei jedem Schritt stolpern und hinschlagen, waren tief ergriffen und atmeten doch erleichtert auf, als sie ihn endlich aus den Augen verloren hatten. Da war nun Liebeneiner mit sich, seiner Not und seinem Herrgott wieder allein auf der Welt und wußte nicht, was anfangen, ob er sein Herz mit der rechten Hand erdrossele oder mit der linken wegwerfe, oder ob ihm nicht anders zu helfen sei, als daß er sein und der Seinen Leben wie Spülwasser durch Kehrichthaufen sich bergab schlämmen und in der Moderlache eines Straßengrabens verfaulen lasse. Wen er auch von ferne um Rat fragen mochte, kaute die Zunge auf dem hohlen Zahn, ruckte die Schultern und spielte sich verlegen um die erste beste Ecke, und was er als Antwort zurückließ, war bei genauem Zusehen so viel wert wie ein Otterei, ohne Schale, ohne Weißes und ohne Dotter, und was Lebendiges drin war, schmeckte wie Gift. So schleifte sich Liebeneiner von Dorf zu Dorf und gab gar nicht acht, wo er hingeriet in der Welt. Und als er in Hiesfeld, fünf oder sechs Stunden weit von Hemsterhus, angekommen war, viele Tagereisen von zu Hause entfernt, stand es um den Scherenschleifer so, daß er von niemand auf der Erde mehr einen Rat verlangte, sondern zufrieden sein wollte, träfe er nur irgendwo ein Herz, das noch genau so lautete, wie es einst vom Herrgott bei der Geburt eingehängt worden war, oder er sähe in zwei Augen, die noch nie von einem argen Schatten versehrt worden wären. Denn sr hatte das unbeschreibliche Gefühl, daß sich während des wochenlangen Irrlaufens alles von selber in ihm zurechtgewachsen habe. Er traute sich nur nicht die reine Hand, das seine Gefühl und das mutige Denken zu, dies fertige Neue aus der tiefsten Seelenheimlichkeit unverletzt in sein Leben zu heben. Mit solcherlei Gedanken faß er am ersten Abend im Hiesfelder Gasthause und verzehrte am hintersten Tisch seine kargen Bissen. Es schimmerte schon tief ins Dämmern hinein, und außer ihm war nur ein greises Weiblein da, die im Dunkel mehr wie eine Kugel aussah, so fett war sie. Sie klapperte gleich ihm selber vorsichtig mit dem Eßgerät, wie es die Art vom Unglück gedemütigter Menschen ist, redete nicht, und er hörte sie kaum atmen. Da dachte Liebeneiner: Aha, das ist wohl auch eine, der das Leben alles verschüttet hat. Und weil er bald darauf eine Zupfgeige sah, die ihr gehörte, wurde er in dieser Ansicht noch bestärkt, denn die für Geld und vor den Leuten singen, weinen allemal, sobald sie allein sind. Und da nach einigen Augenblicken die Wirtin hereinkam, sich zu dem Weiblein setzte und vertraut mit ihr zu reden begann, spitzte der Scherenschleifer die Ohren, um herauszubekommen, an welchem geheimen Schaden das Gitarrenweib eigentlich leide. Das fette Weiblein war niemand als die Schwerdtnerin; aber Liebeneiner kannte sie noch nicht. Darum dauerte es nicht lange, und die alte Straßensängerin redete von dem großen Wunder, das sie erfahren hatte, wie sie durch das hübelheilige Sintlingerlenlein zu Hemsterhus von ihrem Trunk und von ihrer Verzweiflung geheilt worden sei und zu allem eine Stimme, eine überirdische Stimme erhalten habe, die heute noch genau so jung klinge wie vor zehn Jahren, und die sie sicher nicht verlasse, und sollten ihr vom Alter auch alle Haare ausgehen. Denn was der Herrgott durch einen Engel schicke, ändere sich nie, und daß das Sintlingerlenlein auf dem Hübet bei Hemsterhus kein Mensch, sondern ein Engel sei, das wisse man hundert Meilen weit in der Runde. Und zur Erhärtung des Mirakels, das an ihr geschehen, erzählte sie noch andere wunderwürdige Heilstaten des Heiligenlenleins: die Geschichte mit dem Meixner-Gottlieb, der schönen Ursula in der Wuhle und viele andere. Liebeneiner hörte die Erzählungen der Schwerdtnerin gar nicht zu Ende, stand leise auf und schlich im Dunkel aus der Stube zu seinem Wäglein unter dem Schuppendache. Denn mit einem Lichtblasen war es ihm in die Seele gefahren: Wenn ihm jemand in seinem Leben Hilfe bringen konnte, so war es nur das Sintlingerlenlein, von der er eben das unbekannte Weib hatte sprechen hören. Und ehe es noch ganz Morgen geworden war, klapperte er mit seiner Werkstatt aus dem kleinen Höfchen des Gasthauses zu Hiesfeld. Die Glocke zu Hemsterhus läutete gerade den Mittag ein, als der Scherenschleifer auf der neuen Straße in das Tälchen einbog, das zwischen den Hügeln zieht, auf denen die beiden Fremdhöfe lagen, links der Brindeisenerhof, rechts der Hof des Sintlingers. Und er wußte nicht welches von den beiden der Heiligenhof sei. Aber er hatte nicht lange auf dem Almerkästchen seines Wagens unentschieden an der Stelle der Straße gesessen, wo die Zufahrtswege, der eine da, der andere dort hinaufgeht, so war der Zweifel in ihm geschlichtet, denn der Hof links, finster und halb verfallen, mehr ein riesenhafter Moderhaufen, mit halb blinden, grämlichen Fenstern, schiefen Toren und verwichtelten Gartenbäumen, konnte nun und nimmer der Ort sein, wo ein Herz ungestört in den Herrgottsfrieden hineinzuwachsen imstande war. Er wartete nur, bis das Glöcklein auf dem Heiligenhofe seine Mittagsstimme erheben würde, weil er als kindhafter Mann dachte, wenn ihm auf dem Hofe droben Hohes geschehen sollte, so müsse er auch hoch gerufen werden. Aber das Glöckchen hing und schwieg und schwieg und hing, bis er sah, daß es gar keinen Strick zum Läuten hatte. Da lachte er über sich, wie dumm er doch sei, nicht zu wissen, daß jemand keine Klingel brauche, der inwendig voll seliger Stimmen sei. Damit erhob er sich guten Mutes und zog sein Wäglein den Hübe! hinauf. Als er durchs Tor in den Hof kutschierte, kam das Gesinde eben aus der Tür des Wohnhauses vom Essen, und die Knechte und Mägde waren bald um ihn, fragten spaßhaft, wo er den Dampf zu seiner Maschine habe und ob er wie alle Schleifer die Messer verbrenne, damit sie niemals mehr scharf würden und er immer zu tun habe. Liebeneiner gab die Späße auf lustige Art zurück und musterte indessen die Gesichter aller, besonders der Mägde, ob vielleicht eine von ihnen das Wesen sei, auf die er seine verborgenen Hoffnungen gerichtet hatte. Aber obgleich keines ein Hudelgesicht, versteckte Augen und eine widrige Art hatte, so ging ihm doch bei keinem das Herz auf. Zuletzt erschien die Heiligenhofbäuerin, grüßte ihn freundlich, fragte ihn nach seiner Heimat, wie es komme, daß er gar so weit in die Welt streife, und mancherlei. Und Liebeneiner gab auf alles in seiner einfachen Art Bescheid, konnte aber nicht verhindern, daß ihm bei den Worten von seiner Heimat die Stimme etwas gedrückt geriet und ein wehes Erbleichen über sein Gesicht ging. Von seiner Frau sagte er, sie leide schwer, und niemand wisse, was eigentlich mit ihr sei. Und wenn er die Ehre haben sollte, alles Schneidewerkzeug auf dem Hofe in Ordnung zu bringen, so bäte er, draußen unter den Linden schleifen zu dürfen, weil er doch hier nur im Wege stünde, draußen im Baumschatten aber ginge alles viel besser. Aus Betretenheit übernahm sich Liebeneiner etwas mit Reden, und die Sintlingerin schmunzelte gütig zu seiner kuriosen Art, besonders über die verschnörkelte Liebenswürdigkeit, mit der er ihr zum Schluß versicherte, »die Nähscheren der geehrten Frau und des Fräuleins als Zugabe umsonst und besonders schön zu schleifen«, ließ ihn mit seiner Werkstatt unter die Linden ziehn und schickte ihm durch eine Magd einen tüchtigen Pack Arbeit und einen Topf Essen hinaus, damit er sich vorher stärke. Nicht lange, so fauste und pfiff Liebeneiners Schleifstein, daß das Wasser flog und die Funken spritzten, aber den Scherenschleifer umdüsterte es mehr und mehr, ob die Lindenkronen noch so weiches Licht durch des Frühjahrs junge Blätter fallen ließen, und ob ihm jeder Blick, den er von der Arbeit weghob, ein felderbuntes, weites Hügelgewoge der besonnten Erde schenkte; denn vor dieser gütigen Bäuerin, die so frisch und fest in dem reichen Hofe schaffte, fühlte er den Fehltritt seiner Frau wieder bitterer wie je und fürchtete, wohl nie von Armut und Niedrigkeit loszukommen. Und das nahm, wie die Sonne tiefer und tiefer rückte, noch fortwährend zu, denn die, wegen der er so weither auf den Hof gekommen war, ließ sich nicht sehen. Und so würde ihm wohl nichts übrigbleiben, als am Abend mit seiner alten Schmerzensbürde und der Hoffnungslosigkeit dazu wieder davonzufahren. Wenn es aber so ist, dachte Liebeneiner vergrämt, dann hat alles, was ich jetzt trage, schon mit mir in der Wiege gelegen. Dieser Gedanke packte ihn so, daß er vor Schrecken nicht mehr weitertreten konnte. Der Sinn stand still, und Liebeneiner richtete sich schwer auf, um in den Himmel zu sehen, ob das denn wirklich sein Schicksal sei. Aber als er die Augen hob, sah er das Heiligenhoflenlein vor sich. Sie hatte ein blaues Kleid an, saß auf dem Bänklein neben dem Kreuz, hielt eine goldgelbe Schmirgelblume in den Händen und schaute mit ihren blicklosen, großen Himmelslaugen unverwandt auf ihn. Dieses Schauen, das nicht von der Erde und nicht von einem Menschen kam, ging dem Armen durch und durch. Allein, fast zum Hinfallen war es, als das Lenlein jetzt zu ihm sprach. »Du, Scherenschleifer«, sagte sie mit leiser Stimme, »warum ist es finster um dich?« Liebeneiner konnte vor einem Wallen in der Brust nicht antworten. Das Lenlein senkte das Gesicht und strich mit der Hand über die Blume und wartete. »Fräulein ...«, brachte Liebeneiner endlich stotternd hervor; aber mehr wurde nicht. Nur ein ehrfürchtiges, ringendes Atmen ging noch von ihm zu ihr. Aber das Lenlein schüttelte wegen des Tones, in dem er sprach, den Kopf. »Nein, laß sein«, sagte sie. »Ich weiß schon alles von dir. Die Mutter hat es mir gesagt, und ich sage auch: Laß gut sein. Du fährst davon, und alles wird wieder gut. Ich weiß es, alles Schöne kommt zu dem Menschen. Und wenn es auch lange dauert.« Das sagte das Heiligenhoflenlein, denn sie schwebte noch in der seligen Erwartung, in die sie der Trost der alten Therese gehoben hatte. Dann stand sie auf, ließ die goldene Blume fallen, hob ein wenig die Arme und sagte in leidenschaftlicher Inbrunst: »Es wird sich erfüllen!« Liebeneiner, der nicht wußte, wie es um das Lenlein stand, glaubte nicht anders, als das hübelheilige Mädchen beschwöre sein Unglück, und er fühlte mit einem Male die Mauer in seiner Brust zerbrechen. Das tat so weh, daß er begann, seinen Stein schneller und schneller zu drehen, und wenn er auf Helene sah, die sich wieder auf das Bänklein gesetzt hatte, war er weder unglücklich noch arm, hatte keine hungernden Kinder zu Hause, war kein betrogener Mann und sein Weib nicht anders befleckt als von einem wüsten Traum, der sie ungerufen, wie im Schlafe überfallen hatte. In diesem Augenblicke war das sonnenhafte Neue, das er sich nicht getraut hatte, aus seiner Seelenheimlichkeit heraufzuheben, wahrhaftig in sein Leben getreten. All die finsteren Bürden von Schmerz und Gram, die er seit Wochen getragen, waren verschwunden, und er fing an, das Lied zu singen, das die Tür der Jugend für immer zumacht und zugleich das Leben für immer segnet mit aller vergangenen, aber unverwelklichen Seligkeit: »Schön ist das Leben bei frohen Zeiten, schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr. Drum sag' ich's noch einmal: Schön sind die Jugendjahr', schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.« Liebeneiner hatte eine ungeübte Stimme, denn seit langen Jahren war er nur dazu gekommen, seinen Schleifstein singen zu lassen. Er sang, als habe er einen Wattebausch im Munde, daß die Töne verschwommen, wie hinter einem Walde, aus weiter Ferne her klangen. Aber das gerade bewegte neben der Schönheit der Melodie das hübelheilige Mädchen so, als höre sie nicht den Scherenschleifer singen, sondern als beginne alle Pracht ihrer unfaßbaren Erwartung tönend aus der weiten Welt zu blühen. Besonders ergriffen sie die Worte: »Und aus den Reben quillt edler Wein.« Darum, als Liebeneiner geendet hatte, bat ihn Helene, das Lied noch einmal zu singen. Am Ende mußte ihr der Scherenschleifer von seinen vielen Kreuz- und Querfahrten durch die Welt erzählen, und vor den Augen des schönen Mädchens spürte Liebeneiner, was für ein ausnehmend herrliches Gewerbe ihm doch beschert worden. Seine Dörfer wurden zu blühenden Städten, und die Stadtnester, in die er gekommen war, standen wie Paradiese auf der Welt. Und als er endlich schied, war er der glücklichste Mensch auf Erden. Er fuhr in das Abendrot wie in einen neuen Morgen hinein. Das Geklapper seines Wagens deuchte ihm ein immerwährendes Lied, und er bestaunte in einem fort das Wunder, durch das er in- und auswendig neugeboren war. Das Sintlingerlenlein aber saß noch eine Weile in dem Segen, den sie dem Scherenschleifer geschenkt und als ein reicheres Geschenk zurückerhalten hatte, und in ihrem Träumen wurde der Besuch Liebeneiners zu einer märchenhaften Botschaft aus der neuen Welt, in die sie von ihrer Sehnsucht getrieben wurde. In diesem glückvollen Verlorensein traf der Heiligenbauer sein Töchterchen unter den Linden, und das erstemal wieder nach so langer, wirrer, dunkler Zeit blühte ihm ihre Seele in dem alten, unwirklichen Zauber entgegen. Aber sie redete nicht mehr von verwunschenem Streifen durchs Feld, von geheimnisvollen, tiefsinnigen Berückungen, die sie von Blumen und Bächen, von dem einsamen Himmel und dem Rätsel in den Menschen erlebt hatte, sondern schwelgte von den Wundern, die auf sie warteten, wenn sie einmal von dem Hofe hinab- und in alle Welt hineinführe. Der Sintlinger störte sie nicht mit seinen Zweifeln, sondern ließ sie in alle bunten Einbildungen hinausschwärmen und versprach ihr sogar, einst mit ihr davonzureisen, so weit in die Welt hinaus, daß man gar nicht mehr in Gedanken auf den Hof zurückkäme. Helene lachte glücklich wie ein Kind über diese Aussicht und bedeckte das Gesicht ihres Vaters mit leidenschaftlichen Küssen. Aber als der Heiligenbauer sie in die Stube geführt hatte, kehrte er an den Ort zurück, an dem er mit Helene gesprochen hatte. Und da er einige Augenblicke einsam auf dem Bänklein gesessen, tönten ihm seine eigenen Worte zu Helene tiefer aus der Seele wider: »Dann reisen wir beide so weit in die Welt, daß wir auch nicht mehr in Gedanken auf diesen Hof hier zurückfinden.« Doch nun klangen sie ihm wie eine schicksalsschwere Drohung. Sind wir nicht schon weit genug fort, mein liebes Lenlein? sann er für sich hin. Dann fühlte er sich von der Bank emporgerissen und begann den Hübel hinunterzueilen, dem Scherenschleifer nach, um sich den Mann anzusehen, der ihm sein Kind wieder ein Stück fortgelockt hatte. Er irrte auf den Wiesen zwischen Querhoven und Hemsterhus umher, schlich auch um die Schenke dieses Ortes, traf den Mann aber nirgends und kehrte im Finstern wieder auf den Hof zurück. Auf seinem Zimmer zündete er ein Licht an und las noch lange in den Aufzeichnungen seines Lebens. Aber es glückte ihm auch heut nicht, in seine hohe Welt zurückzufinden. Seim tiefsten Erkenntnisse erschienen ihm teils belanglos, teils fremd, teils unverständlich. Wenn das so fortgeht, wird mir ja bei lebendigem Leibe das Hirn aus dem Kopf und die Seele aus der Brust genommen, dachte er. Dann stand er auf, schlich leise an die Tür Helenens und lauschte lange, um wenigstens ihren Atem zu hören. Aber er vernahm nichts als das Knacken und Knistern des großen schlafenden Hauses, ging zurück und sank benommen in schweren Schlaf. * Das Dämmerirren, das den Heiligenbauer an diesem Abend über die wiesige Flur zwischen Querhoven und Hemsterhus dem davongefahrenen Scherenschleifer nachtrieb, wurde die Veranlassung zu dem Gerücht, der Herner Rebell Franz Faber sei auf dem Heiligenhof gewesen. Das kam so: In der Zeit, von der hier die Rede ist, befand sich der Kaufmann Stenzel aus Dingden auf einer Wanderung in die Dörfer der Umgegend, um bei den kleinen Krämern, die von ihm die wenigen Schnittwaren bezogen, die fälligen Gelder einzukassieren. An demselben Abend verließ er schon nach dem Eindunkeln Querhoven auf dem Wiesenwege, der fast schnurgerade nach Hemsterhus läuft. Als er so, vor sich hinrechnend, durchs Grüne ging, hörte er auf der nicht allzuweit abgelegenen Straße einen Mann hinter sich laufen, von dem er hätte denken können, er wolle ihn einholen, wenn er auf dem Wiesenwege ihm nachgeprescht wäre. So aber kümmerte er sich um das eilige Laufen des Fremden nicht weiter und scherte sich auch nicht im mindesten, als er hörte, daß ihm mit abgetriebener Stimme unausgesetzt nachgerufen wurde. »He, holla, he!« klang es, und dann wieder war es Stenzel, als rufe der andere: »Herr Faber, he!«, den Namen, der damals wieder durch alle Zeitungen ging, und als er das erst einmal zu hören geglaubt hatte, hörte er es dann wirklich. Und ärgerlich über die Störung nicht weniger als darüber, mit einem Rebellen verwechselt zu werden, sagte er zu sich: »Ei was! ich seh nicht ein, warum Stenzel stehenbleiben soll, wenn Faber gerufen wird. Platz' dir meinetwegen den Halskragen!« Und ohne sich umzudrehen, tat er zu seinen langen Schritten eher noch etwas dazu. Endlich aber, weil das Gerufe des Nacheilenden den Großkrämer gar nicht zu seinem rechnerischen Kopfhandel kommen ließ, blieb er doch stehen und kehrte sich dem Fremden zu, der eben im Begriff war, über den Graben zu springen und quer über die Wiese auf ihn zuzukommen. Allein, kaum hatte der Heranbringende den Handelsmann nur einen kurzen Augenblick gemustert, so bat er mit Handwinken und Rufen um Entschuldigung, lüftete grüßend die Mütze, machte reißend kehrt und ging, wie es Stenzel schien, in der Richtung auf die Fremdhöfe zu davon. Als der Dingdener Kaufmann bald nachher ins Hemsterhuser Gasthaus kam, erzählte er diesen Vorfall und schilderte den, der ihn so hartnäckig verfolgt hatte, als einen kleinen, sehnigen Mann mit bartlosem Gesicht. Und während er noch im Sprechen war, trat einer herein und sagte, er habe eben den Heiligenbauer an der Schenke wie einen vorübergehen sehen, der jemand suche. Sofort waren alle einig, daß der, der dem Kaufmann zugerufen habe, niemand anders als der Heiligenbauer gewesen sei, rannten hinaus und hielten Umschau nach ihm aus, konnten ihn aber nirgends mehr entdecken. Die aber, die das Gras wachsen hören, meinten, wenn der Sintlinger den Faber-Rebellen erwartet habe, müsse er sich doch vorher bei ihm angemeldet haben, und sei das geschehen, so werde er auch sicher gekommen sein, wenn auch nicht an dem nämlichen Abend, da der Dingdener Stenzel von dem Heiligenbauer angerufen worden war. Daß sich daran ein Rattenknäuel abenteuerlicher Vermutungen knüpfte, versteht sich von selbst, zumal in jener Zeit irgendwer irgendwo auch den Niemand-Alb gesehen haben wollte, der seit Jahren auf dem Hemsterhuser Kirchhof begraben lag. Nachdem sich aber dieser bunte, wirre Schaum gesetzt hatte, blieb in den Köpfen aller die Überzeugung zurück, der Heiligenbauer stecke von jeher mit dem Faber-Rebellen unter einer Decke, und alle Weisheit seines Kopfes und seines Lebens habe er nur von diesem unheimlichen Allesstürzer, dessen Befehlen er unverweigerlich gehorchen müsse, weil er mit der gleichen Teufelssalbe eingeschmiert sei. So merkwürdig das auch die geheimnisvolle Kraft des Volkes erweist, dem Sinn verborgener Zusammenhänge ahnungsvoll auf die Spur zu kommen, so sicher irrte sich das Gerücht über den Besuch Fabers bei dem Heiligenbauer in jener Zeit. Denn dieser Mann, den seine Anhänger den neuen Heiland, die Massen aber den Rebellen nannten, saß damals in einem Berliner Gefängnis hinter Schloß und Riegel, weil er zugunsten einer armen Frau Zeugnis abgegeben hatte, deren alter, gebrechlicher Mann während des großen Moabiter Krawalls beim Überschreiten des Fahrdamms von den Schutzleuten mit dem Säbel niedergeschlagen worden war, daß bald darauf sein Tod eintrat. Faber, der sich gegen die wild gewordene Sicherheitsmannschaft des Alten angenommen hatte, war dabei selbst lebensgefährlich an der Stirn verwundet worden und saß nun im Gewahrsam, weil das Gericht versuchte, ihn zu einem der Hauptanstifter dieses ärgerlichen Aufruhrs zu stempeln. Den Heiligenbauer störte dies nahe und ferne Brodeln, das ihn umschäumte, wenig, höchstens, daß es ein Verfinstern mißmutiger, ja geringschätziger Gleichgültigkeit in sein Gesicht furchte, wenn man ihm wieder eine neue Geschichte zutrug, die sein Leben mit diesem Menschen verflocht, den er als eine verderbliche Macht innerlich von sich stieß. Doch da er eines Tages gar unter Kreuzband eine Nummer der »Vossischen Zeitung« erhielt, die, blau angestrichen, den Prozeß der Witwe Hermann (so hieß die Frau, für deren Recht Faber eingetreten war) enthielt, musterte der Sintlinger erst unwillig die Adresse, weil sie von weiblicher Hand herrührte, überflog halb zerstreut den Artikel und brach endlich in höhnisches Auflachen aus, als der Berichterstatter zur Charakterisierung Fabers eine Stelle aus einer seiner Reden anführte. Voll grimmiger, fast zorniger Belustigung las er die Worte, welche lauteten: »In jedem Augenblick, den sie leben, mit jedem Worte, das Männer sprechen, können sie die Revision und Revolution des Staates herbeiführen, dem sie angehören, und zwar einfach dadurch, daß sie selbstlos ihre Interessen fördern, ohne Eitelkeit stolz, ohne Würdelosigkeit bescheiden, ohne Hinterhältigkeit wahr, ohne Berechnung gütig sind, königlich wie ein Kind und einfach wie ein Herrscher, dessen unbestreitbare Macht ihre Hervorkehrung verbietet. Wenn jemand die Revolution, d.h. eine Umwandlung zum Bessern will, wahrhaftig will, hier muß er damit, und zwar bei sich beginnen. Denn Zustände der Seele müssen die Ordnung des Staates herbeiführen, nicht umgekehrt. Wer Freiheit nur durch Ordnung der Einrichtungen erzielen will und denkt, die innere Freiheit des einzelnen sei damit geschaffen, der handelt wie einer, der ein Haus baut für einen Menschen, der noch nicht geboren ist, der einen ungefangenen Fisch bratet und der das Siegesfest einer noch zu durchkämpfenden Schlacht feiert.« Als der Heiligenbauer das gelesen hatte, packte ihn eine solche Aufregung, daß er das Blatt in kleine Schnitzel zerriß und mit den Worten vor den Ofen warf: »Schwätzer, elender Schwätzer! So halt das Maul und lebe.« Dann spuckte er noch zornig auf das Häufchen Papier, und als Johanna nach dem Grunde seines fessellosen Ausbruches fragte, antwortete er mit bleichem Gesicht und bebenden Worten: »Nichts hat es, Weib! Ich speie auf das Gericht eines Narren. Das ist alles.« Damit ging er aus der Stube und schmetterte die Tür hinter sich zu. Siebentes Kapitel Inzwischen war die Straße, zu deren Bau einst der Sintlinger halb ernst, halb spielerisch verstellt den letzten Anstoß gegeben hatte, vollkommen fertig geworden, und weil der Heiligenbauer trotz aller Zurückhaltung nicht nur bei dem Volk, sondern auch bei den Behörden als der eigentliche Vater dieses Unternehmens galt, ergab es sich mit Notwendigkeit, daß ihm bei der feierlichen Einweihung eine besonders ehrenhafte Rolle zugedacht war. Eines Tages erhielt er vom Landrat des Kreises, einem Freiherrn von Zwinin, ein eigenhändiges, höchst schmeichelhaftes Schreiben, in dem er ersucht wurde, »bei der feierlichen Eröffnung dieses wirtschaftlich so bedeutsamen Verkehrsweges seine Mitwirkung oder wenigstens seine Anteilnahme nicht zu versagen«. Dann folgte eine kurze Skizzierung der Feier, die so gedacht war, daß sie von dem Gut des Heiligenbauern ihren Anfang nehmen sollte. Dort, »an der Quelle des fruchtreichen Gedankens«, wollte der Landrat eine Ansprache halten, darauf sollte sich der festliche Wagenzug durch den Wald bis auf die Höhe, dem Buchteich gegenüber, bewegen. Hier, an der Grenze der Hemsterhuser Gemarkung sollte der Abschied von dem Gemeindevorstand und den Ehrengästen erfolgen. »Ich persönlich würde mich ungemein freuen«, so schloß der Brief, »wenn ich bei dieser Gelegenheit Ihnen, verehrter Herr, nähertreten und einen Einblick in Ihren so musterhaft vorbildlichen Wirtschaftsbetrieb erhalten könnte.« Das Datum der geplanten Feier war vierzehn Tage später, auf den siebzehnten Mai festgesetzt, und der Sintlinger wurde gebeten, wenn es ihm dienlich erscheine, Abänderungsvorschläge zu machen. Wenn der Sintlinger noch so fest wie eh auf seinem außerirdischen Sonnenpferde an der Seite des Lenleins gesessen hätte, wäre ihm die Antwort auf den Brief des Landrats nicht schwer geworden. Lachend hätte er nur all die bunte Unruhe von sich geschoben. So aber lachte er wohl spöttisch auf, nachdem er den Brief gelesen und zu sich gesteckt hatte, aber schon nach einigen Schritten zog er das Schreiben wieder hervor, überflog bald diese, bald jene Stelle, atmete schwer auf, schüttelte den Kopf und spürte ein ratloses Verfinstern über sich zusammenschlagen. Am Nachmittag war es so weit gediehen, daß ihm sein ganzes Leben wie ein Wasser erschien, das seine Ufer durchbrochen hat und wild und querfeldein nach allen Seiten auseinander strömt. »Was gehn mich denn euer Weg und eure Fahnen an?« sann er erregt. »Wenn ihr eine Marotte von mir ernst genommen habt, so ist das eure Sache. Schwemmt euch mit Geplärr und Getue hin, wohin es euch juckt. Aber laßt mich aus dem Spiel!« Doch indem er so zornig aufbrauste, fühlte er im Unsichtbaren geisterleise, unzerbrechliche Fäden um sein Dasein sich enger und enger ziehen, die er unter dem Zwang des Schicksals mit all seinem Streben nach der höchsten menschlichen Freiheit selbst gewoben hatte. Er schüttelte wohl im nächsten Augenblick dies als spukhaftes Blendwerk der erregten Einbildung fröhlich ab, spürte sich aber doch bald wieder in diesen geheimnisvollen Verschwörungen festsitzen. Zu allem erhielt er am Nachmittag desselben Tages mit dem zweiten Postboten noch einen Brief von einer Kölner Gesellschaft für Terrainverwertung mit der Anfrage, ob er geneigt sei, in der nächsten Zeit einen Herrn zu empfangen, der den Auftrag und die Vollmacht besitze, wegen des Verlaufes seines Gutes mit ihm in Unterhandlungen zu treten. Dieses neue Andringen an ihn war von feiten der städtischen Spekulanten nicht zu verwunderlich, weil neuerdings der Plan einer Nebenbahn nach dem Rhein lauter und immer ernster erwogen worden war; und weil die Industrie jede Gelegenheit ergriff, wegen der billigeren Arbeitskräfte ihre Unternehmungen auf das Land zu verlegen, rechneten die weitsichtigen Geschäftsleute wohl mit dem Bau von Fabriken, die an der Bahn, inmitten der weit ausgedehnten Waldungen, nicht zu weit von dem Rhein mit seinem kleinen Umschlagshafen Gründungen mit der glänzendsten Zukunft werden mußten. Freilich, sann der Heiligenbauer weiter, und so soll es wirklich darauf hinauslaufen, daß ich dazumal, als ich um den Straßenbau getrieben wurde, selbst die Hand erhoben habe, die nun Anstalten trifft, mich mitsamt dem Hofe von dem Hübel zu schieben. Und dabei fielen ihm seine eigenen Worte ein, die er vor einigen Tagen zu dem Lenlein gesprochen hatte: »Dann reisen wir beide so weit in die Welt, daß wir auch nicht mehr in Gedanken auf den Hof hier zurückfinden.« Und da er am Abend unter den Torlinden diesen Gedanken noch weiter nachhing, entsann er sich plötzlich mit greller Deutlichkeit des tiefen Eindrucks, den er vor langen Jahren in seiner stillen Zeit auf einer Holzfahrt im Walde an einer krautversteckten, kleinen Quelle empfangen hatte. Obwohl es vollkommen windstill gewesen war, hatten die zarten Schwingel des überhängenden Grases fortwährend unter dem bloßen Kühlhauch des dürftigen Wasserfädleins so gezittert, als würden sie nicht bewegt, sondern rührten sich aus eigenmächtiger, innerer Ergriffenheit. Und ebenso deutlich erinnerte er sich des Gedankens, der ihm damals blitzend durchs Hirn gefahren war: »Vielleicht verhält es sich mit allen Wesen, auch den Menschen, so, wie mit diesem Grasschwingel: Es bewegt uns, und wir glauben, uns zu bewegen.« Wenn aber das so ist, sann er verloren weiter, wenn es meinem Leben einen anderen Weg weist, über den Hübel hinunter in die Welt hinaus, wie das Lenlein sagt, was soll ich mich dagegen versteifen? Wirklich, am Ende blieb ihm doch nichts übrig, als mit Weib und Kind aus der Gegend von den Menschen fortzugehen, die ihm teils feindlich, teils furchtsam gegenüberstanden, ihn vergröbernd überschätzten oder, was ihn am schlimmsten berührte, seine Gedanken irrtümlich ins Leben übersetzten, sein Wesen verzerrt nachäfften. Jawohl, fort! Das wäre das beste, denn so käme das Lenlein aus allen bunten Dunstwirbeln wieder ganz in das Dasein ihrer himmelssichtigen Augen, ich laufe nicht mehr als der Narr meiner Weisheit oder, wie es neuerdings jeder Hofhund bellte als bloßer Abklatsch dieses Faber-Menschen umher. »Wenn es mich bewegt, warum soll ich mich nicht bewegen?« fragte er laut vor sich hin. In diesem Augenblicke trat seine Frau aus dem Hofe, hörte den Laut seiner Worte, vermied aber jeden Schein der Besorgnis und setzte sich zu ihrem Mann, als sei sie auch nur tagesmüde und wolle die Unruhe in das Maidunkel ausklingen lassen. In Wahrheit empfand ihr wachsames Gemüt eine Luft um ihren Andreas, wirbelnd von allen Seiten herbeigesackt und unberuhigt wieder abgetrieben, ähnlich der Zeit, da es ihn einst durch den Trunktaumel gejagt hatte.» Was in den letzten Wochen von ihm zu ihr ging, zehrte sowieso schon oft wie Hilflossein an ihrem Herzen, und das Suchen von Fingern strebte nach ihr hin, die sich gern in ihre Hand gewühlt hätten. »War Brindeiseners Hund wieder da?« fragte sie nach einigem Nachdenken, wie man's am besten anfange, und rückte etwas weiter auf der Bank hin, um zu prüfen, ob ihr Mann zu seiner Aussprache bereit sei. Aber der Sintlinger stand nicht auf, sondern machte Johanna Platz. Zugleich beantwortete er ihre Anfrage: »Du meinst, weil ich so laut gesprochen habe. Nein, Brindeiseners Hund war nicht da, aber andere, auch Hunde, wenn man so sagen will. Denn Gebell ist genug da, und Gebell aus Menschenmäulern erträgt sich schlechter als Hundegekläff.« Und so, ein Wort das andere nach sich ziehend, redete der Heiligenbauer über seine Bedrängnis wie in früheren Jahren, da er wankend an sein Weib gesunken war, stutzte wohl über sein Schwatzen, wurde aber, um es als Unrecht zu betäuben, von diesem bitterlichen Gefühl zu immer größerer Aufgeschlossenheit geführt. Er redete über alles, was ihn in diesen Tagen nicht nur, nein, seit langem bedrängt hatte, wie es aus allen Höfen und Häusern umher wieder einmal schal und kraus und dumm gegen den Hübel herandünste, sprach über die ärgerliche Maskerade der Straßeneinweihung, und daß es ihn wie ein Schauer packe, als Plakat mißbraucht zu werden, das andere sich anheften; streifte die unbegreifliche Wandlung Helenens, sogar das erstemal das Hereinwirken Fabers, und kam zuletzt auf das Angebot der Kölner Terraingesellschaft. Ja, er ließ sich von der Wollust eines fast völligen Ausgießens so weit verführen, von seiner Landflucht entschiedener zu sprechen, als er vorher gedacht hatte, und entwarf das verlockende Bild eines Hauses, in Gottes einsame Berge so völlig entrückt, daß sie keinen anderen Nachbar als den Wald und keine anderen Gespielen als einen Bach, Licht und Wind hätten. Johanna wagte wohl nicht mehr, mit weichen Händen seinen heißen Kopf an sich zu ziehen, aber es war ihr doch, als flüchte ihr Mann wie früher über den Hübel hinunter und suche Schutz im Nachtirren, aber heute lief er im Geiste zugleich nach allen Seiten davon. Und so setzte die einfache Frau, der Reife ihrer Jahre entsprechend, in aller Güte und Klugheit dem Gemütsschweifen des Heiligenbauers die karge Klarheit des gesunden Menschenverstandes entgegen. Von dem Gehaben der Leute sagte sie, man müsse es hinnehmen, daß das Vieh in jedem Stall anders gefärbt sei, warum wolle man verlangen, die Menschen sollen alle mit unserer Farbe angestrichen sein. Wenn er den Leuten ganz aus dem Wege gehen wolle, so dürfe er sich auch nicht mehr auf dem eigenen Hofe sehen lassen, und sei ihm Ehre zuwider, dann müsse er erst seinen Verstand abtun. Also solle der Landrat nur ruhig auf den Hof kommen. Sie fürchte sich nicht, und zum Verkriechen sei es beim Sintlinger noch lange Zeit. Mit dem Lenlein wende es sich nicht zum Schlimmen, wie er fürchte, sondern zum Guten. Bis jetzt habe Andreas sie gehabt, nun wolle sie , die Bäuerin, das Mädchen in die Schule nehmen und ihr als Frau geben, was eine Frau braucht. Die Gedanken an die Landflucht aber nannte sie ungeschminkt einen Grillenschleier und Mückentanz, und als der Sintlinger verstohlen ihre Hand faßte und herzlich drückte, wurde sie geradezu fröhlich, nahm seinen Kopf, küßte ihn lachend auf den Mund und sagte übermütig: »Das müßte ja nicht mehr mit rechten Dingen zugehen, sollte ein Mann zu guter Letzt noch närrisch werden, den die Leute den Heiligenbauer nennen.« Armverschlungen standen sie auf und gingen ins Haus. Des andern Morgens schrieb der Sintlinger die Briefe an den Landrat und die Kölner Gesellschaft im Sinne seiner Frau und sandte sie sogleich mit Wendel auf die Post nach Hemsterhus. Und das war gut, sonst wäre die Ausführung wohl wieder unterblieben. Denn als der Sintlinger den Knecht, der noch andere Besorgungen im Dorf zu erledigen hatte, auf dem Brettwagen davonfahren sah, kam eine Empfindung über den Bauer, wie sie wohl einen erfaßt, der, des Schwimmens unkundig, durch einen anderen in ein tiefes Wasser gestoßen worden ist. Alles Geschehen ist unsicher und alles Handeln auch, sann er im Zurückgehen auf den Hof. Das weiß ich doch. Es kommt nur auf die Notwendigkeit an. So, gedankenvoll mitten im Hofe stehend, hörte er seine Frau singend durch das Haus wirtschaften. Bald klang ihre Stimme im unteren Stockwerk, bald trällerte sie über die Stiegen den oberen Flur hin, zuletzt schien es ihm gar, als juble sie zu einer Bodenluke in alle Welt hinaus, und dann fand sich gar noch der Gesang Helenens dazu, daß das ganze große Sintlingerhaus von frohen Liedern überquoll. Mit halbem Mißmut und halbem Unwillen wandte er sich ab, trödelte sich wieder zum Tor hinaus, trat an den Rand des Hübels, sah gedankenlos auf die neue Straße hinunter und murmelte wieder und wieder ganz leer, ganz innerlich verzettelt: »Es kommt nur auf die Notwendigkeit an. Überhaupt... überhaupt... es kommt nur auf die Notwendigkeit an... überhaupt... überhaupt...« So benommen stand und ging der Heiligenbauer einige Tage umher, und immer wieder trat er an den Hügelrand und schaute und horchte auf die neue Straße hinunter, als bewegte ihn das bewußtlose Vertrauen, das genaue Betrachten des Weges könne ihn von diesem zwecklosen Pendelschwingen des Geistes erlösen. So vollkommen saß er in einem Gedankenbrei aus Ärger, Selbsthohn, Gleichgültigkeit, Hoffnung und Grauen eingedumpft, daß er gar nicht auf die Wirkung achtete, die sein oftmaliges, unbegreifliches Heraustreten vor das Tor auf dem Brindeisenerhof ausübte. Dort drüben aber mußte durch das Sintlingersche Gesinde oder aus dem Dorf die Kunde der ehrenvollen Rolle bekannt geworden sein, die der Heiligenbauer bei der feierlichen Einweihung der Straße spielen sollte. Das hatte den Zorn des alten Brindeisener wieder ins Kochen versetzt, und er sah in dem auffälligen Heraustreten des Sintlingers und dessen sonderbarem Betragen während mehrerer Tage nur eine Handlung der Prahlsucht und der Verspottung seiner Person, der bei dem öffentlichen Fest eigentlich nur ein Platz unter den Mitläufern angewiesen worden war. Obwohl er doch mehr an Feld geopfert und entschiedener, sogar gegen den Sintlinger, den Bau beeinflußt hatte, sollte er, der große Fremdbauer, nur mit im Schwärm der Staubschlucker hinterhertraben, während dieser honiggiftige, kleine Heiligenschleicher es wieder einmal fertig gebracht, seine Kühe auf der Weide anderer satt zu füttern« Grimmig polterte der alte Bauer seine massigen Knochen über die morschen Stiegen, saß grabend am Fenster und brummte gewitternd umher. Als aber der Heiligenbauer immer und immer an den Hübelrand trat, wohlgefällig die neue, seine Ehrenstraße mit den Augen verschlang und höhnisch hinüberblinzte, riß der Zankteufel in dem Brindeisener alle Stricke. Er trat hinaus vor sein Tor, lachte spöttisch auf, als schlage, wer an ein hohlliegendes Brett, und als das nichts half, rief er einen höhnischen Gruß hinüber, schwang die Arme, mehr ein Drohen als ein Winken, und ließ sich endlich von seiner Wut fortreißen, daß er mit voller Lunge über den Grenzweg brüllte, der Sintlinger möge nur die Augen spitzen, denn auf dem Wege lägen lauter Orden und Ehrenzeichen, »Purlemitt und anderer Quark«. Ja, er hätte, von dem leichten Abwinken und dem eiligen Zurücktreten des Heiligenbauers noch mehr gereizt, allen ererbten und aufgestapelten Unflat des Hasses ausgesackt, wäre er nicht durch das Dazwischentreten seines Peter, des Studenten, von weiteren Ausschreitungen bewahrt worden. Durch Zureden und gütlichen Zwang ließ er sich endlich, obwohl mit Widerstreben, bewegen, in den Hof zurückzukehren. In der Stube angekommen, wandte sich seine Wut gegen Peter, und er warf ihm vor, seit jeher mit diesem Heiligenpack da drüben unter einer geheimen Decke zu stecken, und wenn er Ehre im Leibe hätte, so wäre er mit dem vermaledeiten Gestudiere schon längst an ein Ende gekommen, das ja doch keinen anderen Zweck habe, als in allen Städten herumzufaulenzen, das Geld zu verschlampen und ihn, den Bauer, sein Weib und alle auf dem Brindeisenerhofe an den Bettelstab zu bringen. Was wolle er denn überhaupt hier? Gerade jetzt! Warum müsse er denn ausgerechnet diese Ferien sich an seine Eltern erinnern? Er sei ja sonst seit zwei Jahren kaum nach Hause gekommen, sondern habe sich bei Verwandten und Kumpanen herumgedrückt. Wenn er nur erschienen sei, ihn daran zu hindern, diesem Sintlingergezücht einmal den Daumen fest ins Auge zu drücken, so sollte er sich ruhig, lieber heut als morgen, wieder davonscheren. Denn er wisse es ja, es bleibe allein auf seinem greisen Buckel die Verpflichtung liegen, die Ehre der Brindeisener hoch und heilig zu halten. Und nachdem der Alte sich seine Leber so gründlich ausgeräumt hatte, stützte er am Fenster den Kopf in die Hände und versank in stundenlanges, schweigsames Brüten. Peter hatte, aufgerichtet, ohne ein Wort der Erwiderung, ohne mit der Wimper zu zucken, blassen Gesichts und starren Blickes die zum Teil nur zu berechtigten Vorwürfe seines Vaters angehört. Er versuchte auch nicht, innerlich sich ins Recht zu setzen, wartete eine Weile schweigend, ob der Alte noch etwas zu sagen habe, und sprach dann leise mit mühsamer Beherrschung und Ergriffenheit: »Vater.« Und weil Brindeisener sich aus der Versunkenheit nicht rührte, wiederholte er noch dringender denselben Ruf: »Vater!« Der Bauer blieb wie ein Stock und fühlte nicht, daß sein Sohn sich zu seinen Füßen schmiege. Deswegen drückte Peter das, was er hatte laut sagen wollen, erschüttert und heiß in seine Seele. »Laß gut sein, Vater«, sagte er leise zu sich, »es soll anders werden.« Dann stahl er sich unhörbar mit langen Schritten auf den Zehen aus der Stube, ging hinauf an den Rand des Waldes und sah auf den Heiligenhof nieder, bis sich seine Augen mit Wasser füllten. Denn was im Herbst vorigen Jahres auf der Universitätsbrücke zu Breslau nach der tollen Nacht ihn wie ein Spuk überfallen hatte, war lebendig in ihm geblieben und hatte eine vollkommene Wandlung seines Lebens hervorgebracht. Er war nach Münster übergesiedelt und hatte sich in der juristischen Fakultät einschreiben lassen, um unter Benutzung der beiden Semester, die er, das eine in Greifswald, das andere in Jena, gehört hatte, mit eiserner Energie auf das Staatsexamen hinzuarbeiten. Die traumhafte Hoffnung, die er seit je als ein Taumeln in Seligkeit hinein in sich getragen hatte, war zu einem klaren Licht in ihm geworden. Er glaubte sicher und fest, das Recht auf das Vertrauen zu besitzen, aus allen Fallen und Irren, aus der finsteren Zerstörung seiner Familie in Höhen zu kommen, in denen Helene, das heilige Sintlingermädchen, lebte, weil dieses wundersame Wesen durch ein unbegreifliches Schicksal, trotz aller Feindschaft der Familien, ihm oft so seelennahe gerückt worden war und jede Berührung mit ihr ein fast schmerzhaftes Glück in ihm ausgelöst hatte. So stark und inbrünstig war er davon bewegt, daß er nicht nur glaubte, jetzt sei er reif zur höchsten Epoche seines Lebens, sondern er griff sogar mit der bebenden Hand eines seligen, fast trunkenen Ahnens in eine Zukunft, die ihm das Lenlein vielleicht gar in die Arme führen werde. Dann, dann war ja alles gut. Dann war sein Fallen Steigen, sein Irren nur heiliges Suchen und jeder Sturz ins Bodenlose ein jäher Sprung in die Höhe geworden. Denn es gibt kein Unglück, keine Untat an sich; welchen Gebrauch der Mensch davon macht, das allein entscheidet über Gut und Böse, Glück und Unglück. Wendel, der Knecht, der auf seiner Besorgungsfahrt ins Dorf die beiden Briefe für den Heiligenbauer mit zur Post genommen hatte, war an dem Tage ungebührlich spät, erst gegen den Abend hin und dazu mit völlig abgetriebenen Pferden, auf den Hof zurückgekehrt. Von dem alten Zenker zur Rede gestellt, glaubte er durch freche Schnodderigkeiten leicht über die Verantwortung hinwegzukommen und das dringende Forschen über die Gründe der Verzögerung durch gewöhnlichen Streit zu verwirren und so ins Leere zu führen. Allein der Zustand besonders des Handpferdes wurde in der Nacht schlimm, jagend lief sein Leib auf, fiel ein, stand jetzt in rinnendem Schweiß und fühlte sich dann wieder eiskalt an. Kein Einguß, keine Abreibung half, nun dampfte es vor Hitze, nun zitterte es wie Espenlaub. Man drang in Zorn und Güte in den verstockten Knecht, ob er ihm jungen Klee gegeben, es überprescht oder schwitzend im Zuge habe stehenlassen. Wendel sagte bald dies, bald das, sprang von einer Geschichte in die andere, wappnete sich gegen die Entdeckung seiner Widersprüche mit drohender Bosheit oder lachte höhnisch belustigt auf, schlug man ihm eine neue Lüge aus der Hand. Dann saß er gar auf der Siedelade, baumelte gleichgültig mit den Beinen und überließ die Wartung des kranken Tieres ganz dem alten Zenker und seinem Neffen Gottlieb. Gegen Morgen starb das Pferd. Da stieg Wendel von seinem Kasten, rekelte sich faul und übersessen, sagte gähnend: »Gott sei Dank, daß mit der Schindmähre ein Ende ist«, ging aus dem Stall und warf die Tür hinter sich zu. Gottlieb wurde durch diese gefühllose Roheit so in Wut versetzt, daß er eine Furke packte und sie dem Davongehenden nachwarf. Der kehrte sich nicht daran, und sein Spottgelächter verlor sich über den Hof. Der Bursche, der ja wohl seit seiner Ochsenjungenzeit von dem Widerspruchsgeist geritten wurde, war seit Wochen lässig und faul geworden und schien vollends verrückt geworden zu sein. Wodurch diese vollkommene Verkehrung seines Wesens verursacht worden war, hatte sich bisher jeder Einsicht entzogen, und so ertrug man, im festen Vertrauen auf die erprobte Gutartigkeit Wendels, seine Verfehlungen nach dem gütig besonnenen Geiste des Hofes als Ungleichheiten, die jeden, besonders junge Menschen, dann und wann heimsuchen und sich nach einiger Zeit von selbst wieder auswachsen. Nun aber fühlten der alte Zenker und sein Neffe, daß mit jeder Schonung gegen den Knecht gebrochen werden müsse, traten in aller Frühe vor den Heiligenbauer und meldeten ihm alles ohne einen Hauch von Beschönigung oder Entschuldigung, sondern entrüstet, kochend, und seltsamerweise der greise Wirtschafter nun sogar leidenschaftlicher als sein Neffe, der Gottlieb, daß es diesem ein paarmal wie in ergrimmtem Horchen den Kopf herumriß. Der Sintlinger hörte schweigend zu, sah gelassen zu Boden, legte die Hände bald so, bald so ineinander und atmete nur hin und wieder schwer. »Gut«, sagte er am Schluß, »so wollen wir uns zunächst den Gaul ansehen« und stand auf, um mit beiden die Armenstube zu verlassen, die im Laufe des Jahres so etwas wie das Verhandlungszimmer des Hofes geworden war. In diesem Augenblick stürzte die jüngste Magd in die Stube, ein fröhliches, hübsches Mädchen aus Walsum, die erst seit Neujahr auf dem Hofe diente und, wegen ihrer heiteren Freundlichkeit von allen geliebt, nicht mit ihrem eigentlichen Namen, Meiwald, gerufen, sondern nur neckisch das Meierlein genannt wurde. Wie gesagt, drang sie in die Stube mit blassem Gesicht, fliegender Brust und bebenden Lippen. Jetzt sei es alle, nun halte sie es nicht mehr aus, rief sie wie von Sinnen, erblickte aber nun Zenker und Gottlieb, wurde über und über rot und bat, die beiden Männer zu entfernen, denn was sie zu sagen habe, solle der Heiligenbauer allein wissen. Kaum hatten die beiden das Zimmer verlassen, so brach das Meierlein in Tränen der Verzweiflung aus und erzählte dem Sintlinger mit der Bitte, nicht schlecht von ihr zu denken, ihre Not. Wendel verfolgte sie vom ersten Tage, erst mit Aufdringlichkeiten, dann mit Anträgen, sei nicht abzuweisen, werde mit jedem Tage »meschanter«, ja oft gemein, und überhäufe sie in den letzten Wochen mit Geschenken, die er heimlich in ihre Sachen schmuggele, seitdem sie alles zurückgewiesen habe. Damit entleerte sie ihre Taschen und häufte eine Menge Schmuck, Kettchen, Ringe, Ohrgehänge, Spangen und dergleichen auf den Tisch, die, wahllos gekauft, greller Plunder und wertvolle Stücke, weit das Vermögen des armen Knechtes überstiegen. Und wo er das viele Geld herhabe, wisse sie auch, denn sie habe an manchen Abenden den Olbrich aus Hemsterhus um den Hof schleichen sehen, der als Schieber und Hehler ungetreuer Knechte bekannt sei. Das Meierlein bat um sofortige Entlassung vom Hofe und beweinte aufs neue ihr erbarmungswürdiges Geschick, ohne ihr Zutun in das Leben eines so schlechten Menschen verwickelt zu sein. Als der Heiligenbauer sie angehört hatte, war sein Gesicht blaß geworden, er lächelte kalt, tröstete das aufgelöste Mädchen und trat dann zu kurzem Sinnen ans Fenster. Als er zurückgekehrt war, saß seine Unterlippe zwischen den Zähnen, daß das Meierlein vor dem ungewohnten Anblick erschrak. Er winkte beruhigend mit der Hand, drückte ihr ein Zehnmarkstück als Belohnung der Treue in die Hand, erhöhte ihren Lohn um die Hälfte und meinte, nun sei sie erst recht und hoffentlich für immer auf den Hof gezogen. Damit war sie entlassen und sprang froh hinaus. Der Heiligenbauer durchmaß mit reißenden Schritten ein paarmal die Stube und kämpfte einen kurzen Kampf. Aber er entschied sich, das Geschwür auszubrennen, den Hof und sich selber einmal gründlich in gesunden Zugwind zu bringen, da ihm sonst das Dach auf dem Hause und der eigene Kopf zwischen den Achseln verschimmele. Sein ganzes Wesen verwandelte sich in einen Knäuel zum Brechen gespannter Stahldrähte. Als er so hinaustrat, ging Wendel eben, taumelnd von heimlich besorgtem Schnaps, über den Hof, gestikulierte wild mit den Armen und lärmte. Beim Anblick des Heiligenhofbauers fuhr der Trunkene zusammen und sah ungewiß mit seinem kalkweißen Gesicht voll Verzweiflung und Hohn einen Augenblick hin, dann schrie er plötzlich gequält: »Was willst du denn noch von mir? Du, Heiligenbauer! Ich habe nichts mehr mit dir zu schaffen. Laß mich in Ruh, das rat' ich dir. Ich habe nichts mit dir zu schaffen!« Dann taumelte er weiter, sich von Zeit zu Zeit umwendend und mit gellem Gelächter über den Hof schreiend, daß aus Stall und Schuppen, Haus und Scheune das ganze Gesinde zusammenlief. »Hur du mit dem Teufel weiter, Sintlinger«, schrie der Besessene einmal; »du hast den Hafer vom Satan gestohlen, und ich hab' ihn verkauft«, brüllte er wieder. »Halt dir den Gottlieb, das Christenschwein! Meinetwegen kann er sich in Meierleins Hemde schlafen legen, so viel er will, haha! Verreckt alle, wie die Mähre im Stall.« Der Sintlinger stand schweigend und griff mit zwei Fingern vorsichtig nach dem obersten Knopf seines Jacketts. Aber seine Hand zitterte so, daß er immer daran vorüberfuhr. Plötzlich wurde es rot um ihn. Mit drei Sätzen war er bei dem tobenden Knecht, der eben in der Siedekammer verschwinden wollte, riß ihn zurück, warf ihn wie einen Ball in die Luft, hob ihn auf, trug ihn laufend durchs Tor und warf ihn wie ein Bündel Unrat mit weitem Schwung über den Hübel hinunter. Eine Weile tobte der Trunkene noch auf dem Grenzweg. Dann fing er an zu singen und torkelte davon. Der Heiligenbauer ging, ohne jemand anzusehen, hinauf in seine Stube und schloß sich ein. Am Abend traf Johanna ihren Mann auf der Bank unter den Linden sitzend. Ganz allein, im tiefen Maidämmern. Er hatte die Ellenbogen aufs Knie gestützt, die Hände krampfhaft ineinandergefaltet, und sein Kopf hing tief herunter. Ganz so saß er da, zermürbt, zusammengesunken wie in den Wirbeljahren nach einer Trunkniederlage. Die gute Seele ließ sich neben ihm nieder, legte den Arm um seinen Hals und sagte leise, an ihm rüttelnd: »Du, Andreas, du!« Der Heiligenbauer rührte sich nicht. Dann begann sie liebreich und eindringlich, ihm diese ungehörige Trauer und Kleinmütigkeit zu verweisen, denn er habe diesen lumpenhaften Wendel behandelt, wie es sich gehöre, breitete alle Diebstähle und Vergehungen des Knechtes bis ins einzelne vor ihm aus und schloß mit der verstärkten Versicherung, daß er durchaus richtig getan habe, nicht wieder alles mit einem linden, gütigen Tuch zuzudecken. Denn ein Mann sei doch kein Narr. Endlich richtete der Sintlinger sich auf, als sei er ganz allein, und sah lange mit schmerzlichem Gesicht in die Kronen der Linden hinauf: »Es braust in den Bäumen, Johanna«, sagte er dann leise. Die Bäuerin, die ihn nicht gleich verstand, bedeutete ihm, daß ja alles kirchenstill sei, nicht ein Lüftlein rühre sich. »Und wenn auch«, sprach er dumpf, »es braust, oh, ein böser Wind braust in den Bäumen.« Dann sank er wieder zusammen, faltete die Hände und schwieg. Während Johanna so bei ihrem gramvollen Manne Wache hielt, fing Helene in dem Blumengarten hinter der Scheuer an zu singen: »Schön ist das Leben bei frohen Zeiten«, das Lied, das sie von dem Scherenschleifer Liebeneiner gelernt hatte, und die ganze sehnsüchtige Glücksinbrunst ihres jungfräulichen Herzens lebte in der silberleisen Stimme des Mädchens. Da fuhr der Heiligenbauer auf und sagte ringend: »Geh, Johanna, hol mir mein Kind! Geh schnell, mein Lenlein!!« Die Bäuerin eilte davon. Aber Helene war wie verzaubert, verstand ihre Mutter nicht, die abgerissen und von weitem sprach, und fuhr fort zu singen. Als Johanna zu dem Bänklein zurückkehrte, war es leer, und der Sintlinger rief ihr von dem halben Hügel herauf etwas Beruhigendes zu, was sie aber nicht verstehen konnte. Dann sah sie ihn, rüstig schreitend, ins Dunkel verschwinden. Das Lenlein aber ließ noch lange ihre Seele mit ihren Liedern in den Himmel steigen. Sie ging auf dem kurzen Gänglein vor der Laube und wieder zurück, hin und her, und sang bald laut, bald nur mit den bunten Träumen ihres Innern. Als sie sich müde geschwärmt hatte und ins Haus zurückkehren wollte, hörte sie Schritte auf dem Steige, der vom Buchengrunde her an dem Blumengarten vorüberführte, und eine tiefe, junge Männerstimme grüßte vom Zaune her: »Guten Abend, Fräulein Helene! Warum singen Sie nicht weiter?« Da wurde das Mädchen von wonnevollen Schauern durchflammt, als habe sie eine Erscheinung. Es verschlug ihr die Luft, und sie blieb, die Hand aufs Herz gepreßt, ohne Laut mitten auf dem Gange stehen. Der Unbekannte, dessen Stimme weit über ihr, wie aus einem Baume geklungen hatte, wartete vergeblich auf Antwort. Dann entfernte er sich langsam und zögernd. Das Gras rauschte leise, als trügen ihn vorsichtig selige Flügelschläge davon. Helene trat an den Zaun, lehnte sich darüber und hielt lange, lange ihr Gesicht lauschend in die Welt hinaus. Dann grüßte sie verstohlen wieder in die Richtung, in der sich die Schritte verloren hatten. »Gute Nacht, mein Liebster, schlaf wohl.« Und ohne zu wissen, was sie tat, von dem ungewissen Feuer ihres Herzens überwältigt, küßte sie sich die Hände und streckte sie ihm nach. An der leidenschaftlichen Bewegung aber kam sie zu sich, wurde von Scham überglüht und kehrte erschreckt und schnell ins Haus zurück. Am letzten Tage vor dem Fest der Straßeneinweihung ging Johanna gegen Abend noch einmal in die Prunkstube des Sintlingerschen Hauses, wo schon am Nachmittage der Tisch zu einem Imbiß hergerichtet worden war, der dem Landrat geboten werden sollte. Sie wollte sehen, ob noch irgend etwas fehlte und ob alles in der pünktlichen Ordnung sei, die die Heiligenhofbäuerin in der ganzen Wirtschaft hielt. Da traf sie das Lenlein zu ihrem sprachlosen Erstaunen in dem neuen Festkleide einsam und unbeweglich am Tische sitzend, die weißen Hände auf dem weißen Tischtuch verschlungen, das goldblonde, reiche Haar über die zarten Schultern gebauscht, mit verzückter Aufgelöstheit vor sich hinträumend. Und als ihr die Mutter über »dies närrische Getue« Vorwürfe machte, erwachte die Blinde halb aus ihrer Hingenommenheit, erwiderte aber kein Wort, sondern stand errötend auf, neigte den Kopf, als sähe sie zu Boden und sagte dann leise: »Und wenn mich der Landrat in seinen Wagen hebt und in die Welt mitnimmt, so sei nicht traurig, Mutterlein.« Dann ging sie lautlos in ihre Stube hinüber. Dort setzte sie sich geschmückt ans offene Fenster, und als die Lindenkronen verhalten zu rauschen begannen, fing auch sie wieder an, sehnsüchtig und leise zu singen, und hörte nicht auf, bis ihr die Augenlider schwer wurden. Und bei jedem Stück, das sie beim Auskleiden ablegte, sagte sie selig: »Morgen. – Morgen.« Achtes Kapitel So kam der Morgen des siebzehnten Mai heran und entfaltete sich nach kurzem Nebelzögern in einen Frühlingstag der heitersten Schönheit. Die Hügel wogten wie ein buntes Meer in dem Schimmern ihrer jungen Felder um den Heiligenhof. Der sah aus wie ein riesiges, altersgraues Kauffahrteischiff, das, mit Gütern überladen, breit und sicher seinen Weg furchte, und die vielen kleinen Büsche, die da und dort auf den Kuppen standen, umschwärmten ihn leicht wie lachende Luftjachten unter wehenden Wimpeln. Als tausend klingende Fontänen stiegen die Lerchenlieder in den blauen Himmel und sprühten, sich leise verspielend, wieder ins Gras zurück. Jedes Blatt an den Bäumen hatte eine beglückte Stimme, jede Wendung des Windes einen tönenden Hauch, jeder Grashalm ein seliges Wispern, und als die kleine Glocke des Kirchturmes von Hemsterhus die Frühmesse einläutete, klang auch das ganz unheilig fröhlich, nicht wie ein Rufen zur Frömmigkeit, sondern wie das Wirbelpinken eines lustigen Zinkenisten. Nicht lange nach dem Verklingen des Geläutes war der Sintlinger schon auf den Beinen. Im Festtagsgewande, nur statt des langen schwarzen Rockes noch in einem bequemen Hausjackett, ging der Heiligenbauer den ganzen Hof durch, um nachzusehen, welche Vorbereitungen für den Besuch des Landrats überall unter der Leitung seiner Frau getroffen worden seien. Denn er selbst hatte sich von den Zurichtungen auf den festlichen Tag fast ganz ferngehalten, höchstens hatte er durch spöttische Mienen oder höhnische Liebenswürdigkeiten da und dort Ausschreitungen in zu grelle übertriebene Putzsucht verhindert, zu der alles auf dem Hofe: Knecht, Magd, Wirtschafter, bis herab zum Öchsner hindrängte, so als bedeute dieser feierliche Tag den Anbruch einer neuen Heiligenhofzeit, den Beginn eines heiteren, leichteren Lebens für jeden auf dem Hofe. Alles blitzte, alles war in einer fast beklemmenden Ordnung und Sauberkeit. Die Krippen in den Ställen waren weiß gescheuert, als seien das Futtertröge nicht fürs Vieh, sondern für Menschen. Die Schwanzquasten der Kühe durchgekämmt, ihre Hörner wie mit Seife gewaschen. Die Pferde standen mit gewichsten Hufen im frischen Stroh, die Wirtschaftswagen reckten die Deichseln wie eine wohlausgerichtete Kompanie unter dem Schuppen vor. Die Katzenköpfe des Pflasters waren mit Wasser fast weiß gespült, und selbst der riesige Düngerhaufen lag fast appetitlich da, nicht ein Strohbuschen stand über die säuberlich geschichteten Wulsten heraus. Der Sintlinger schüttelte den Kopf über so viel unnötige Arbeit, und da der alte Zenker eben gebückt aus dem Pferdestall nach der Schirrkammer stöckelte, rief er ihm laut herauslachend zu: »Ihr seid wohl alle miteinander auf den Pips gekommen, Zenker! Das ist ja ein Konditorladen, kein Bauernhof.« Der Alte schüttelte stumm den Kopf, hob seinen Stecken, wies nach dem Wohnhaus hinüber und verschwand brummelnd in der Kammer. Als der Bauer nach seinem Hause hinübersah, lehnte da seine Frau mit gerötetem, glücklichem Gesicht aus dem Fenster, hatte ihm wohl schon eine Weile zugeschaut, lächelte ihm zu, und er erkundigte sich bei ihr, ob denn auch die Sparren des Bodens gescheuert seien, und warum in aller Welt man nicht auch den sämtlichen Schornsteinen bunte Bänderhauben aufgesetzt habe. Johanna sagte etwas Komisches von einer grünen Spottnase und zog sich in neckischer Gekränktheit zurück. Der Heiligenbauer setzte seinen Umgang fort, voll lustigen Spottes, voll leisen Höhnens wegen all dieser übertriebenen Wichtigtuerei und machte sich doch selbst wegen seiner Bitterkeit lächerlich, deren Ernst er aber zu tief bohren fühlte, als das alles nur einfach dumm nennen zu können. Das Hoftor war mit Kränzen umwunden, in denen bunte Papierfähnchen steckten, am Zufahrtswege hatte man einen großen grünen Triumphbogen errichtet. Da wurde er ärgerlich und rief böse: »Das ist ja der reine Kirmestrubel, und so was soll man als Festjokel mitmachen? – Verflucht!« Fast beneidete er den alten Brindeisener drüben, der sich in gekränktem Stolz von dem Trubel ausgeschlossen hatte. Dieser Hof war rundum wie zugenagelt, er schien seit Jahren menschenverlassen, kein Gespann auf dem Felde, nicht einmal eine Henne im Garten. Nur die Fensterscheiben blakten in schleimgrünem Lichte von den bitterlichen Gesichtern der Menschen dahinter, die voll hämischer Böswilligkeit das heitere Leben verborgen belauerten, das sich auf der Straße verbreitete. »Wenn alles nicht so scheußlich wäre auf diesem Moderhofe«, sann der Sintlinger, »so möchte man sich's fast wünschen, heute wenigstens ungestört drüben sitzen zu dürfen.« Als er sich umdrehte, sah er Helene durch das junge Laub der alten Lindenkronen in dem rosa Tüllkleide am Fenster stehen. Sie stand gereckt und unbeweglich wie in einer rötlichen Wolke. Ihr Gesicht trug den Ausdruck unirdischer, seliger Feierlichkeit, und das Blau ihrer Augen kam dem Heiligenbauer fast schwarz vor. Er sah eine Weile betroffen auf sie, riß sich aber dann auf und wollte sie mit spöttischem Gelächter aus dieser lächerlichen Verträumtheit rütteln; aber er brachte weder ein lautes Lachen noch einen Spott heraus, sondern hörte sich zu seinem Schrecken leise und furchtsam nur das eine sagen: »Mein liebes Lenlein.« Davon wurde er wider Willen so ergriffen, daß er sich ablehren und denken mußte, weshalb Helene ihn nicht bemerkt habe, und wie es zugehe, daß selbst sie »diesem ganzen Zinnober« solche Wichtigkeit beilege. Er trat an den Rand des Hügels, zog seine Taschenuhr, sah, daß es nicht weit vor acht Uhr, der Ankunftszeit des Landrats, sei, blickte die Straße entlang, horchte in den Wald hinüber, von woher der Wagen kommen mußte, und sagte, die abgebrochene Erwägung beendend: »Mein Gott, die ganze Gegend fährt eben heute Karussell. Da bleibt dem Heiligenbauer bloß das eine übrig, daß er wenigstens den Kopf kühl auf den Achseln trägt.« Also schritt er starken Ganges in den Hof zurück, bestellte das Einspannen des Wagens auf neun Uhr, kleidete sich an und ging, belästigt durch den hohen Hut, langsam und zögernd wieder auf seinen Warteplatz vor dem Hof. Das Lenlein war indessen in den Blumengarten gegangen und bückte sich dort hin und her. Das Meierlein stand hinter ihr und nahm die gepflückten Blüten in Empfang. Die Hände der Blinden langten in einer solchen Zartheit nach den Blumen, als griffe sie nach schwebenden Tönen und breche sie aus der Luft, und einmal gar breitete sie die Arme, als wolle sie die Pflanze umfangen, und drückte ihr Angesicht inbrünstig in den blühenden Strauch hinein. Da fiel dem Sintlinger der letzte Satz von der Musik ein, den er in seine Blätter geschrieben hatte, und er dachte, daß vielleicht eben in Helene Gott seine Musik spiele. Doch dies Anglänzen von seiner früheren Welt her war nur leise und schnell hinschwindend und vermochte an der Spur, in der aller Schicksal lief, nichts mehr zu ändern, zudem auch ließ sich in der morgenstillen Weite eben das Heranrollen eines Wagens vernehmen. Also hob der Sintlinger den Blick von dem schönen Bilde der zwei blumensuchenden Mädchen weg und kehrte ihn dem Walde zu, wo auch bald ein Landauer mit zurückgeschlagenem Verdeck auf der neuen Straße in gemächlicher Fahrt aus den Bäumen hervortrat und eine Weile hielt. Der Sintlinger konnte genau drei Männer und den Kutscher auf dem Bock unterscheiden, der gerade die Peitsche erhob und mit ihr nach dem Heiligenhof hinwies. Dann setzte sich das Gefährt wieder in schnelle Bewegung. Der Bauer rief nach dem Blumengarten hin: »Sie kommen!« und stieg dann sehr langsam, mit Lächeln seinen Hut zurechtrückend, den Hügel hinunter. Er kam eben an der Einmündung des Zufahrtsweges an, als der Wagen vor dem grünen Triumphbogen hielt. Der eine im Fond sitzende hochgewachsene Herr mit dem bläßlichen Gesicht und dem kurz geschnittenen Schnurrbart, der wie ein schwarzer Klecks unter der großen Nase saß, war wohl der Landrat. Er winkte auf den Gruß des Sintlingers herüber, rief: »Pardon, einen Augenblick!« und sprach dann schnell in einer etwas stößigen Art zu den beiden Männern, die ihm gegenübersaßen, dem Kreisbaumeister Leipelt mit dem rot angeglühten Biergesicht und dem Kreissekretär Kölbling, einen unendlich langen, unendlich blonden, moderweichen Mann, der die Informationen des Freiherrn mit fortwährendem devoten Kopfnicken entgegennahm. Dann sah der Landrat in die Höhe nach dem Wetter, warf seinen leichten Mantel in den Wagen und trat unter den Worten: »Also um Punkt neun Uhr! Nicht wahr!« auf die Straße und berührte zum Abschied grüßend mit den Fingerspitzen die Krempe seines Hutes, während der Wagen langsam nach Hemsterhus davonfuhr. »Ich habe wohl die Ehre, Herrn Sintlinger vor mir zu sehen? Landrat von Zwinin«, sagte er, auf den Heiligenbauer zutretend. Der erwiderte, daß in diesem Falle die Ehre ebensosehr auf seinem, des Sintlingers Wagen, fahre, und während der Landrat die bedeutsam gesprochene Höflichkeit des Bauern mit Versicherungen seiner Wertschätzung und den Informationen, weswegen er seinen Wagen mit den Herren nach Hemsterhus gesandt habe, überrannte, spielten seine braunen, beißenden Saugaugen über den geschlossenen, kleinen Mann, erstaunt, daß dies der berühmte Heiligenbauer sein sollte, nach dem die ganze Gegend tanzte, auch wenn er nicht pfiff. So stiegen sie langsam den Hügel hinan. Nach der Art der Menschen, deren inneres Gefüge dem Verfall nahe ist, betrug sich Herr von Zwinin auch gegen den Sintlinger, während er mit ihm den Hügel hinaufstieg. Bald überstürzte er sich in Liebenswürdigkeiten, bald stutzte er schmerzhaft vor sich selber zurück und maß den neben ihm Schreitenden mit Lächeln. Er redete von dem sanften Hinausschwellen der Hügel, von der burgähnlichen Lage des Hofes, erkundigte sich nach dem alten Brindeisener, stand wieder still, sah sich um, nagte an den Lippen und schippte mit dem Fuß einen Stein aus dem Wege. Jedesmal aber raffte er sich wieder aus dem Wegzucken seines ungeordneten Wesens in die Situation, indem er dem Heiligenbauer herablassend die Hand auf die Achsel legte und versicherte, welche Freude es ihm bereite, endlich seine Bekanntschaft zu machen. So blieb dem Sintlinger nichts übrig als liebenswürdige Abwehr des Lobes und lächelndes Schweigen, dem man es nicht ansah, von welch spöttischer Lustigkeit es stammte. »Nicht der Rede wert, Herr Landrat« oder »Ist so was eingerichtet, so läuft es von selbst«, in solcher und ähnlicher Weise schob der Heiligenbauer die starken Ausdrücke der Wertschätzung von sich, mit denen ihn der Landrat immer und immer wieder anflackerte. So kam es, daß die beiden nur schrittweise vorrückten und zu dem kleinen Aufstieg fast eine Viertelstunde brauchten, den man sonst in anderthalb Minuten bewerkstelligte. Als sie endlich oben angekommen waren, trat Helene mit dem Blumenstrauß aus dem Tore, den sie eben mit Hilfe des Meierleins im Garten gesammelt hatte, und die Magd drückte sich verschämt zur Seite. »Das ist meine Tochter Helene«, sagte der Sintlinger leise, bewegt von dem Zauber, der um sein kindhaftes Töchterlein schwebte. Der leise gleitende, sichernde Schritt der Blinden, die hohe Erregung ihres Gemütes trugen das zierliche, schöne Mädchen wie eine unwirkliche Erscheinung in der Luft heran, daß dem Landrat ein bewundernder Ausruf entfuhr. Aber dann blieb er schweigend stehen und genoß mit Wollust das zagende Herannahen dieses Wesens, das überall in der Umgegend im Geruch teils der Heiligkeit, teils engelhafter Hexenhaftigkeit stand. Ihr Gesicht war noch blasser als sonst. Beim Herannahen wurde es schöner und schöner. Die gebundenen Augen, die sonst wohl von dem stumpfen Glanz eines Wassers überhaucht waren, das sich zum Gefrieren anschickt, flossen jetzt aus der Tiefe der Sterne von einem furchtvollen Feuer über, daß um die Ränder der Pupille das himmlische Blau von Schatten verdunkelt wurde, die den Glanz alter edler Bronze hatten. Das Hervorbrechen dieser leidenschaftlichen Flamme hob die Unwirklichkeit ihres Wesens etwas auf, und die kindhafte Zartheit ihres Leibes erschien wie eine kostbare Blume, die ahnungslos an einem Abgrunde blüht. »Guten Morgen, Herr Landrat! Schön willkommen auf dem Hübel«, sagte sie in hoher Erregung, fast stammelnd, und reichte ihm den kleinen Strauß. Ihr feiner Busen wogte, als wolle er aus der Haft des durchsichtigen Tülls davonflattern, und ihre zarte, weiße Hand bebte. »Tausend guten Morgen, Fräulein Sintlinger! Das ist ja kostbar, richtig kostbar. Sie machen mich unaussprechlich glücklich«, sagte der Landrat in der gewohnten Übertreibung seiner Kaste, aber zugleich in einer Leidenschaftlichkeit, die mit jedem Worte wuchs und ihn vollkommen veränderte. Das Blut wich aus seinem Gesicht, die Augen wurden ganz zu gierigen Saugnäpfen, seine Freude wurde keck. So, als sei er in einem der Häuser von Brüssel, wo er seine Studien machte, verschlang er die Gestalt des reizenden Mädchens mit seinen Blicken. »Sie sind selbst die herrlichste Blüte«, sagte er fast ohne Beherrschung und bedeckte ihre Hand bis über das Gelenk mit Küssen. Dann nestelte er eine Blume aus dem empfangenen Strauß und steckte sie ihr mit den Worten an die Brust: »Gestatten Sie, Fräulein Helene, daß ich die Blume an den einzig würdigen Ort bringe.« Dabei drückte er, wie zufällig, seine Finger tief in ihren Busen. Die Blinde stieß nach dieser schamlosen Berührung einen schreckhaften, leisen Schrei aus, taumelte zurück und wäre umgesunken, wenn nicht das Meierlein hinzugesprungen und sie aufgefangen hätte. Alles ging so schnell, daß der Sintlinger den Vorgang nicht begriff. Mit einem Sprung war auch er bei seinem Kinde, die mit kreideweißem, schmerzvoll verzweifeltem Gesicht in den Armen der jungen Magd lehnte, und sprach begütigend auf sie ein, sich doch nicht so von ihrer Erregung übermannen zu lassen und auf ihrem Zimmer oder im Garten ein wenig auszuruhen. Aber als sich der Freiherr, aus seiner Erstarrung gerissen, nun auch an der Besänftigung beteiligen wollte, riß sich die Blinde wild in die Höh und stürzte, das Meierlein, das sie doch führen sollte, fast mit sich reißend, ins Haus. Die Männer blieben bestürzt zurück, und der Landrat stand, das verfinsterte, zuckende Gesicht gesenkt, und murmelte sich etwas vor die Füße. Der Heiligenbauer tröstete ihn und schob den Anfall ganz auf die Zartheit und Überreiztheit seiner Tochter. »Ja, ja, die Weiber!« sagte der Freiherr mit tiefem Atemzuge und lächelte matt und bitterlich. »Hoffentlich hat die Ärmste keinen Schaden genommen.« Dann begann der Sintlinger den Landrat durch seine Wirtschaft zu führen und wurde bei den notwendigen Erläuterungen, um die Schatten dieses Vorfalls zu verscheuchen, eindringlicher und interessierter, als er es für möglich gehalten hatte, und der Freiherr brauchte die stärksten Ausdrücke, um die zauberhafte Ordnung, vorbildliche Umsicht und den ganzen herrlichen Betrieb gebührend zu loben und so seiner geheimen Pein zu entlaufen. Im Hause zerstreute Johanna die Besorgnisse, indem sie meldete, Helene sitze still und vergnügt am Fenster, und es gehe ihr ganz wohl. Darum kam während des eiligen Imbisses eine heitere Laune auf, die allerdings von dem Freiherrn von Zwinin fast allein, und zwar immerhin etwas gewaltsam, bestritten wurde. Als die drei das Prunkzimmer verließen und über den dämmerigen Flur und die gewundene Treppe dem Ausgang zustrebten, beteuerte der Landrat, daß diese Stunde zu den bedeutsamsten Begebnissen seines Lebens gehöre. Dann wollte er der Heiligenbäuerin zum Abschied auch die Hand küssen. Die Frau aber entzog sie ihm und meinte lächelnd, solche Münze sei, wie er gesehen habe, auf dem Lande nicht angebracht. Darauf sah sich der Freiherr noch einmal im Hofe um und rief ziemlich hilflos aus: »Ein Wunder von Gut, wirklich ein Wunder!« Dann trat er als erster vor das Tor. Drunten wimmelte die neue Straße schwarz von Volk. Die Musikkapelle begann einen Tusch zu spielen, als er am Rande sichtbar wurde. Der Freiherr fand ganz seine Haltung wieder. Behördlich aufgerichtet, mit bedeutsamer Falte über seiner Nase und einem Wohlwollen um die Lippen, stieg er feierlich den Hügel hinab, indem er bei sich dachte: »Mich wird mein Blut auch noch einmal schmeißen. Ekelhaft, ekelhaft! Aber doch ein tolles Mädel, die Blinde, der Teufel auch!« Dann begann er, unter dem Triumphbogen stehend, sofort seine Rede: »Verehrte Anwesende! Es gereicht mir zur Ehre und Freude, heute ein neues, wohl das bedeutsamste Stück unserer Kreiswege dem öffentlichen Verkehr zu übergeben...« Die Blechinstrumente der Musikanten blitzten im Licht. Die Bauern standen regungslos. Da und dort in der langen Wagenreihe schnob ein Pferd. Die Worte des Landrats schallten laut im Schweigen der Menschen und der Sonne. Niemand achtete darauf, daß beim Aufklingen der Stimme des Redners an einem Fenster des Sintlingerschen Wohnhauses eine weiße Gestalt jäh auffuhr und so entsetzt zurücktrat, als falle sie zu Boden. Es war Helene, die der Mutter gegenüber tapfer den Zustand ihres Innern verheimlicht hatte und mit mühsamem Lächeln über Mattigkeit in den Gliedern und Kopfschmerzen geklagt und gebeten hatte, niemand sollte sich ihretwegen Sorge machen. Am liebsten wäre ihr, man ließe sie ganz allein. Dann hatte sie das Gesicht in den Händen vergraben, die Arme auf das Fensterbrett gestützt, und das Meierlein, die sich weigerte, auch nur einen Schritt von ihr zu weichen, konnte sie durch nichts bewegen, das Gesicht frei zu machen und sie wenigstens die Augen sehen zu lassen. Denn der Magd war der Vorgang mit dem Landrat unbegreiflich, vor allem aber dessen Folgen, und sie konnte sich Helenens plötzliche Verkehrung von strahlendster Heiterkeit in diese taube, dumpfe Zerstörtheit nicht anders erklären, als dieser vornehme Herr sei im geheimen ein böser Mensch und habe sie mit seinem Atem vergiftend angeblasen. Und als nun beim Erklingen der landrätlichen Stimme von der Straße her Helene, wie von einem Stich getroffen, jäh auffuhr und mit dem Rufe »Pfui« flüchtend vom Fenster wegstürzte, sah sich die Magd in ihrer Ansicht bestärkt, fing sie liebevoll in den Armen auf und bat, ihr doch zu, sagen, was denn der Landrat ihr getan habe, sie werde es niemand weitersagen, niemand und, wolle sie, auch Gott selber nicht. Aber da machte sich Helene mit einem leidenschaftlichen Ruck frei Und herrschte sie in Empörung an, was sie sich unterstehe. Sie schrie das letzte Wort gequält heraus und schaute dann lange ratlos geradeaus. Doch weil von der Straße herauf eben lautes Hurragetöse und Musikgeschmetter erklang, ging sie, drückte das Fenster zu, nahm das Gesicht wieder in die Hände und lauschte scheinbar gespannt auf das immer schwächer werdende Geräusch der davonfahrenden Wagen. Als jeder Laut verklungen war, sagte sie leise zu sich: »Nun sind sie alle fort.« Dann saß sie fast wieder zusammengesunken, teilnahmslos, zum Umfallen müde da. Innerlich aber war ihr immerfort zum Schreien qualvoll, denn von dem scheußlichen Klang der Stimme des Landrats, von seiner Nähe fühlte sie es über ihren ganzen Leib wie ein Laufen ekelhafter Käfer, roch einen unerträglichen Gestank um sich und empfand den Griff der freiherrlichen Hand an ihrem Busen wie das Fressen eines glühenden Mundes. Es war ihr kaum mehr möglich, die Maske der Ruhe aufrechtzuerhalten. Mit der letzten Kraft bat sie scheinbar todesmatt die Magd, sie doch jetzt allein zu lassen, denn sie müsse sich zu Bett legen. Das Meierlein ließ sich täuschen, bereitete das Bett und ging beruhigt, weil sie bemerkte; wie das hübelheilige Mädchen plötzlich wohlig auflebte. Aufgerichtet, in der Mitte der Stube stehend, lauschte Helene dem Davongehen der Magd nach. Als die Küchentür unten eingeschnappt war, riegelte sie die Tür zu, und dann überließ sie sich einer förmlichen Raserei verletzter Scham. Sie bebte am ganzen Leibe, weinte, wand sich, spie aus, und weil von allem der Ekel und Gestank doch nicht von ihr wichen, verlor sie auch die letzte Beherrschung. Schon fast von Sinnen, riß sie sich die Kleider buchstäblich vom Leibe und, immer leiser und leiser ihr »Pfui!« keuchend, näherte sie sich dem Bett und warf sich, als die »Reinigung und Erlösung« beendet war, aufs Lager, raffte mit letzter Kraft nach dem Deckbett, es über sich zu ziehen, verlor aber darüber ganz die Besinnung und versank, nackt, auseinander geworfen, in tiefste Ohnmacht. Während sich dies im Heiligenhofe ereignete, wand sich die lange Festschlange der Wagen die neue Straße hinauf durch den Wald, der Wagen des Landrats voran, der Sintlinger in seiner besten Kutsche hinter ihm. Da und dort stockte der Zug, fröhliches Geplauder und Gelächter rührte sich in den Gefährten, man rief sich Neckereien von Wagen zu Wagen zu, der Wald brauste unter dem Sonnenwind mit seinem jungen Laube auf, und die tausend Kronen stäubten hunderttausend Vogellieder über die lustige Festgesellschaft. An der Waldmühle hielt endlich der Zug, und hier, an der Grenze der Hemsterhuser Gemeinde, verabschiedete Freiherr von Zwinin die Festteilnehmer in einer förmlichen Rede, dankte noch einmal allen für ihre treue Mitarbeit, die zu diesem Werke der Zivilisation geholfen, und feierte mit Worten fast überschwenglicher Auszeichnung den Geist des Heiligenbauers, »der alles für andere tue, nichts für sich wolle, der Kronen schmiede und glücklich sei, wenn sie andere trügen«. Heute aber müsse er es übernehmen, diesem hartnäckigen Ehrenfeind gründlich die Wahrheit zu sagen. Das Kind dürfe nicht gewaltsam von seinem Vater getrennt werden, und »die schöne Straße, auf der wir stehen, ist Ihr Werk, Herr Sintlinger!« So redete er ihn zum Schluß geradezu an. »Darum glaube ich im Sinne aller zu handeln, wenn ich Sie einlade, mit mir in den Ruf zu stimmen: »Herr Andreas Sintlinger zu Hemsterhus leb« hoch, hoch, hoch!« Damit war die offizielle Feier beendet, und es begann sich in dem weitläufigen Garten der Waldmühle, diesem schönen Ausflugspunkt, wo schon längst, seit Jahrzehnten, das letzte Rad verfault war, ein fröhliches Treiben zu entwickeln. Der Heiligenbauer kam, von allen angeräuchert, wider seinen Willen wohl auch etwas aus seiner heimlichen Bitterlichkeit in eine gewisse Heiterkeit, wenn auch alles Frohe einen spöttischen Unterton besaß und jedes Lächeln als eine Maske über sein starres Gesicht lief. Aus seinem Auge brach hin und wieder sogar ein starrer Funken, und als der Landrat sich auf eine Weile zu einer Gesellschaft städtischer Honoratioren an einen anderen Tisch entfernt hatte, stand auch er unauffällig auf, gab seinem Knecht die Anweisung, in einer halben Stunde ohne ihn geräuschlos davonzufahren, und ging dann wie zu kurzer Lust den gepflegten Weg hinunter, der in schönen Krümmungen nach dem Buchteich, dem Glanzpunkt jener Gegend, führte, einem metallisch finsteren, klaftertiefen Wasserbecken, das regungslos und drohend tief im Walde lag und von dem die Sage ging, daß es Menschen, die es einmal verschlucke, nie wieder hergebe, weil sein unerforschter Grund mit dem Jenseits in Verbindung stehe. Kaum hatte er in gemächlichem Schritt die zweite Krümme hinter sich gebracht, so fiel ihn, wie von der Vorstellung des fernen Finsterwassers gelockt, seine unterdrückte Düsterheit gleich einem starken Räuber an. Er hörte deutlich die Stimme des Landrats neben sich: »Tausend guten Morgen, Fräulein Sintlinger!« und sah von dem Klang dieser Worte sein Kind erblassen, zittern und, die Hände vors Gesicht geschlagen, umsinken. Eigentlich war er ja überhaupt nur deswegen beiseitegegangen, um mit polnischem Urlaub, wie man sagt, sich aus der leeren Komödie davonzumachen, nun er aber von diesem Bilde angefallen wurde, nahm er seinen hohen Hut ab, klappte ihn ein und begann schneller und immer schneller quer durch den Wald ohne Weg und Steg nach Hause zu laufen. Von der Waldmühle her hörte er, bald hoch, bald tief, einmal sogar mit der Stimme des Freiherrn, seinen Namen rufen: »Sintlinger, Herr Sintlinger«, zuletzt gar in weinerlicher Kläglichkeit: »Heiligenbauer!«, dem allgemeines Gelächter folgte. Er achtete auf nichts, fühlte es fast wie Angst in sich wachsen und eilte über Wurzeln und Stöcke davon. Abgetrieben und aufgeregt kam er endlich auf dem Heiligenhofe an und erstaunte über die heitere Unbesorgtheit, der sich alle Hingaben. Ein Teil des Gesindes war ins Dorf zu der Tanzlustbarkeit gegangen, mit der die kleinen Besitzer und Dienstleute nach ihrer Weise das Fest in der Hemsterhuser Schenke feierten, die anderen trödelten lachend und müßig umher. Keiner trug einen Zug im Gesicht, der dem Sintlinger das Recht gab, nach dem Ergehen Helenens zu fragen. Ja, als er seine Frau beiseitenahm und sie erblaßt bat, ihn doch mit solch angenommener Lustigkeit nicht zu täuschen, sondern um Gottes willen ihm alles zu entdecken, wie es um Helene stehe, lachte ihm Johanna erst ausgelassen ins Gesicht und machte ihm dann über dies sein Schattenplaudern am hellsten Tage richtige Vorwürfe. Es sei nichts anderes, als daß das Lenlein sich seit langem mit Erwartungen und kindischen Hoffnungen das Herz zum Platzen überladen habe und nun oben in ihrem Bett all die Aufregung ausschlafe. Sie habe sich die Tür verriegelt und sei nicht zu erwecken. Diese Beruhigung vermehrte natürlich die Sorge des Bauern, anstatt sie zu entkräften. Er tippte seiner Frau mit dem Zeigefinger bitter lächelnd an die Stirn, sprang leise die Treppe hinan, lauschte gespannt ins verschlossene Zimmer, klopfte zaghaft einigemal, rief liebevoll dringend ihren Namen, bekam aber keine Antwort und hörte keinen Laut. Deswegen war er geneigt, der Sorglosigkeit seiner Frau recht zu geben, zumal er bei abermaligem Lauschen einen langen behaglichen Laut erhorchte, wie ihn Tiefschlafende beim wohligen Dehnen auszustoßen pflegen. Nun es aber gegen den Abend hin ging und Helene immer noch nicht erschien, faßte ihn seine Sorge wieder stärker an. Alles war beim Melken und Füttern, aus den geöffneten Stalltüren erscholl der Gesang der Mägde. Er holte sich heimlich eine Leiter, stieg unter dem Schutze der Lindenkronen zu dem Fenster Helenens hinauf und schaute in das Zimmer hinein. Aber eben brach das Licht der untergehenden Sonne mit einer solchen Wucht durch das junge Lindenlaub, daß er vor lauter rotem Glänzen, Flimmern und Spielen nichts deutlich sehen konnte. Darum drückte er den nur eingelehnten Flügel ganz auf und war im nächsten Augenblick in der Stube. Des hübelheiligen Mädchens tiefe Ohnmacht war indessen in Schlaf übergegangen. Von unruhigen Träumen erregt, von dem Widerschein des Abendrotes überhaucht, lag ihr schöner unbedeckter Leib, wie von Sinnenglut schimmernd, in einer solch leidenschaftlichen Haltung, daß dem Sintlinger erst von einem heißen Stoß und dann von einem eisigen Schlag das Hirn tanzte. Denn sein Kind blühte gramvoll und selig wie ein eben gefallener Engel. Mit zitternder Hand griff er in die über die ganze Diele zerstreuten Kleider, weil er schwimmend dachte, es sei besser, niemand, selbst das Lenlein nicht, sehe sie. Aber er rührte sie doch nicht an und richtete sich wieder auf. Dann deckte er sie so vorsichtig zu, daß sie nicht erwachte, ging ans Fenster, warf die Leiter um, entriegelte die Tür und verließ geräuschlos das Zimmer. Während alldem war er so ruhig geworden, daß er eine Kälte zum Erfrieren in sich fühlte und ein Würgen im Halse, daß ihm jeden Augenblick zum Schreien und Ersticken zugleich war. Die Sintlingerin schrak beim ersten Anblick ihres Andreas auch zurück und fürchtete wirklich, dem Lenlein sei unwiderruflich Furchtbares passiert, weil der Heiligenbauer rein aussah, als käme er aus einem Totenraum. Als der sich aber so weit gefaßt hatte, daß er erzählen konnte, das Lenlein liege splitternackt, wie nach einer Überwältigung, und ihre Kleider seien in Fetzen gerissen über die ganze Stube zerstreut, also, daß nur zu denken sei, es habe eine plötzliche Verrückung des Geistes über sie Gewalt bekommen oder... nein, das andere bringe er nicht über die Lippen. Das wäre ja furchtbar. Aber die Bäuerin knickte gar nicht ein. Nach einem jähen Ausstoß durch ihre volle Brust zuckte gar etwas wie ein spöttisches Spiel um ihre Lippen. So machte sie kehrt und stieg eilig die Treppe zu Helene hinauf. Nach einer Viertelstunde trat sie wieder herein und traf ihren Mann, ratlos mit den Fingern auf der Fensterbank trommelnd, das Auge in die Baumkronen des Gartens gerückt. Beim Umwenden stand die ausrufende Frage in seinem Gesicht: »Na, ist es nicht furchtbar?!« Freilich sei es furchtbar, antwortete Johanna auf dies sprechende Anschaun, und zwar furchtbar deswegen, weil das Lenlein ihres Mannes Tochter sei und einmal versucht habe, wie es früher auf dem Sintlingerhofe überhaupt gewesen sei, die Zwirnrolle kurz und klein zu hacken, um den Fadenanfang zu suchen. Das alles sagte sie mit fröhlicher Spottlust, wurde aber dann ernst. Sie habe sich von dem Zwininer Landrat vierzehn bunte Dörfer versprochen, und weil er sie nicht auf seiner Kalesche wie eine Prinzessin davongeführt, sei das enttäuschte Blut mit ihr durchgegangen, und sie habe mit all ihren vergeblichen Hoffnungen auch ihre Kleider in Fetzen gerissen. Das sei wohl alte Sintlingersche Manier, aber keine gut menschliche, vor allem keine weibliche, und sie habe ihr den Kopf richtig gewaschen, daß sie alles beschämt bekannt, und wenn er sich überzeugen wolle, sie komme gleich herunter, oder er könne auch zu ihr hinaufgehen, denn sie werde wohl bald mit dem Ankleiden fertig sein. Trotz dieser klaren Schlichtung stand der Sintlinger mit großen Augen auf und legte seiner Frau beteuernd die Hand auf die Achsel, wie in der Vorbereitung einer bedeutsamen Einwendung, ward aber anderes Sinnes, schüttelte den Kopf und ging, ohne ein Wort gesprochen zu haben, hinaus durch den Flur, hinter den Hof, legte die Hände auf den Rücken und versank in den Anblick des abendlich verdunkelten Waldes. Bis ins Finstere hinein stand er unbeweglich. Dann atmete er wie aus einem wunden Abgrund herauf und murmelte: »So, so! Also mein heiliges Lenlein ist ein Weib.« – In verzweifelndem Spott vor sich hin lachend, tappte er sich nach dem Hofe zurück wie in ein fremdes Haus. Neuntes Kapitel Als er in die Stube trat, war das Lenlein gerade hinausgegangen, und seine Frau saß, von dem kurzen, verscheuchten Aufenthalt des lieben Mädchens auch nachdenklich geworden, in einem Winkel und sah gespannt auf ihre gefalteten Hände, als hielte sie wirklich die verwickelte Zwirnrolle im Schoß, von der sie eben gesprochen hatte und die sie doch auch nicht zu entwirren vermochte. Dem Heiligenbauer aber war es, als lebe er nicht in seinem Hause, sondern wohne in einem ausgeblasenen Ei. Allein, er bezwang sich, seine Frau mit dem Ausruf zu bedrängen, der immer stärker in ihm wuchs: Du, Johanna, wenn unser Lenlein ein Mädchen ist wie alle andern, so war oft, am Ende alles, was ich gesonnen habe, ein Betrug. Er ging in der Stube hin und wider, kochte alles, was er sagen wollte, in sich hinein und horchte nur hin und wieder über sich, ob durch die Decke aus der Stube Helenens nicht doch ein schwebender, unwirklicher Laut zu erhaschen sei, der all dies Bohren ihm als Torenschaum aus dem Kopfe blies. Auch am andern Morgen, da er noch vor Tage auf den Hof trat, war alles so leer um ihn wie gestern abend, nur daß heute die ganze Welt wie ein ausgeblasenes Ei um ihn stand. Wortlos sah er zu, wie die Knechte drei hohe Kastenwagen mit Getreide beluden, dessen Lieferung in die kleine Kreisstadt am Rheine von ihm angeordnet worden war. Beim Herantragen der letzten Säcke kam es ihm ein, die Führung der Gefährte und die Übergabe der wertvollen Fracht doch lieber selber zu übernehmen, denn der alte Zenker kam mehr und mehr auch schon in geistige Gebrechlichkeit hinein. Also erkundigte er sich, da alles zum Abfahren fertig war, spaßhaft bei dem greisen Wirtschafter, ob auch für ihn noch ein Plätzchen zum Mitfahren frei sei, und kletterte im Walde, als die Steigung überwunden war, zu Zenker in die Kelle des Wagens. Allein, das Knacken, Ächzen und Holpern der Wagen, die brummige Geschwätzigkeit des überjahrten Dienstmannes brachte ihm nicht, was er erhofft hatte: die Zerreißung des tauben, alles zersprengenden Ringes, in dem sein Denken saß, nein, es rüttelte ihn nur fester hinein, es sackte ihn immer tiefer. Darum, als gegen Abend das Geschäft erledigt war, ließ er den Wirtschafter allein mit den Knechten heimfahren, und obwohl schon das abendliche Erblassen sich am Himmel bemerkbar machte, schritt er in der frohen Aussicht, wieder einmal mit den Beinen Ordnung im Kopf zu schaffen, rüstig aus der Stadt dem Walde zu. Unter den Bäumen wurde freilich aus dem geschwinden Marsch ein säumiges Wandern, und immer wieder aus einer Auseinandergeflossenheit des Gemütes auffahrend und sein verschlungenes Innere umwitternd, ob es sich bald zu lösen beginne, kam er nur langsam vorwärts und wurde mitten im Walde von der Nacht überrascht. Und seltsamerweise, nun es finster und finsterer um ihn wurde, hörte auch dies bescheidene Leben seines Innern auf, und es war ihm, als sei er mit seiner ganzen Seele in eine dunkle Stube gesperrt, aus der weder Fenster noch Türen herausführten. Bald erlahmte der Tanz seines Denkens ganz, sein Gemüt lag wie eine vernebelte Sumpfwiese um seine geschlossene, nachtdunkle Seele, und als er sich gewaltsam aufraffte und bemüht war, in all diese innere Verfinsterung die Sonnen- und Lichtgestalt seines Lenleins aus ihrer seligsten Zeit zu stellen, so gelang ihm auch dies nicht. Ihr Wesen tauchte wohl um ihn auf, doch nur so wie einer, der unsichtbar immerfort neben ihm her ging. Aber sowie der Heiligenbauer die Blicke scharf in der Richtung ausschickte, in der das Lenlein dunkel im Dunkel mitschwebte, war es, als würde auch dieser letzte Rest ihres Wesens von der toten Finsternis eingeschluckt. Und als das ein paarmal sich ereignet hatte, hörte er nur in der Stille des nächtlichen Forstes ein geheimnisvolles Schleichen seinen Schritten folgen, manchmal tief im Walde, manchmal ganz nahe hinter sich, und nicht lange, so war es gar nicht mehr der leichte, schwebende Gang Helenens, der ihn begleitete, sondern ein siecher, traumhaft Ungewisser Taumelgang, wie aus der Erde von unten gegen den Weg klingend, der jeden Laut spukhaft nachäffte, mit dem seine Füße im Wandern anstießen. So oft hatte er die Erfahrung gemacht, daß Menschen, in sein Leben verflochten, um ihn gewesen waren, noch ehe sein Auge und Ohr, ja sogar sein Denken sie hatte wahrnehmen können, und es war ihm seit lange zur furchtvoll-seligen Gewohnheit geworden, sich immer in Gesellschaft Unsichtbarer zu wissen, stand doch die Macht Helenens schützend um ihn, der sie gehorchen mußten. Nun aber im nächtlichen Walde ihr Sonnenbild sich mit keiner Macht des Willens herbeizwingen ließ, bedrängte ihn dies Mitgehen eines Undenkbaren immer schwerer. Der Heiligenbauer setzte sich auf einen Stein, nahm höhnisch auflachend den Hut herunter und fuhr sich über die Stirn in die Haare hinauf. Als er die Hand zurückzog, fühlte er, daß sie naß von Schweiß war. Das vermehrte seine selbsthöhnische Lustigkeit noch mehr, und aus vollem Halse in den Wald hineinlachend, trocknete er schlagend seine Hand am Oberschenkel: »Hahaha!« Er saß gerade einem der vielen verrasten Querwege gegenüber, die wie enge Röhren von der Waldstraße sich tief in den Forst hineintrieben, und so hörte er sein eigenes Gelächter, gedämpft und gespensterhaft verwandelt, in der fernen Finsternis widerklingen. Ja, wie er hinsah, schwankte das Echo als ein sichtbarer Schatten vorüber und verlor sich zwischen den Bäumen. Da dachte der Sintlinger, diese Nacht habe es rein darauf abgesehen, daß ihn sein eigener Wahn verhexen solle, stand auf und sagte laut: »Ich bin doch kein Weib, daß ich mich vor dem Schatten eines Schattens fürchte.« Dann ging er der Halluzination nach, tief in den Wald hinein, bis er auf eine Lichtung kam. Das Dunkel um ihn war von seiner Aufregung wogend geworden. In diesem schleierhaften Durcheinanderkreisen der Nacht sah er ungewiß die Umrisse eines großen, weitästigen Baumes vor sich. Er senkte instinktiv den Kopf und wollte auf ihn zugehen. Da stieß er unvermutet mit dem Fuß an etwas Weiches, und wie er sich beugte, lag da in dem frühlingskurzen Grase ein fratzenhaft langer Mensch, wie von dem Lichtgeifer schattenfaulen Holzes überzogen, von dem säuerlichen Dunst nie gelüfteter Kleider umwittert. Dem Sintlinger wurde zum Brechen übel. In Abscheu und Ekel hieb er dem Wesen, von dem er nicht wußte, sei es Einbildung oder Wirklichkeit, seinen Stock über Leib und Brust. Aber die Gestalt gab keinen Laut von sich und rührte sich nicht. Das schleuderte den Sintlinger ganz in den Wirbel seiner Überreiztheit, daß er, von Grauen gepackt, den Stock von sich schleuderte und in der sinnlosen Angst, wie sie nur Traumen eigen ist, durch den Wald lief. Die ganze Welt stand als ein unsinniges, verzerrtes, transparentes Bild vor ihm, aus dem immerfort grelle Fratzen loderten und als geile Lichtfetzen im Schwarzen erloschen. Als er, zu Hause angekommen, atemlos vor dem Bett seiner Frau stand, stammelte er in höchster Not: »Johanna, rette mich!« Dann zerrte er schnell die Kleider herunter und stürzte sich kochend in einem solchen Rausch der Wollust auf sein Weib, daß Johanna glaubte, sie müsse umkommen. An dem Abend dieses Tages, da die Staumauer vor dem Meere des Sintlingers bis auf den Grund zerbarst, daß die entfesselten Wogen sich über das Land seiner errungenen Erde stürzten, etwa in der Zeit, als im Walde die Nacht über ihn hereinbrach, stand Helene in ihrer Stube vom Stuhl auf, wo sie fast den ganzen Tag einsam und in einem Zustande vollkommener Aufgelöstheit gesessen hatte, so etwa, wie der Wind über uns als gestaltlose Luft unter dem Himmel über der Erde ruht, wenn sein Brausen vorüber ist, das ihm Gestalt gab. Auf eine unsagbare Weise durch den gemeinen Geist des Landrats in der Tiefe ihrer Mädchennatur entheiligt, war sie von dem bunten Strom all ihrer Hoffnungen und Erwartungen ausgeschlossen; und durch die Verheimlichung einer erduldeten Schandtat, die sie nicht verstand, glaubte sie nie, nie mehr zu ihren Eltern in das Verhältnis des alten Vertrauens zurückkehren zu können. An der Stille, die im ganzen Hause eingetreten war, erkannte sie, daß die Nacht angebrochen sei. Sie trat ans Fenster, öffnete es, lauschte auf das friedvolle Rieseln im Laube der einschlafenden Lindenkronen und dachte, wie sie damals hinter der Hohen Kippe verirrt unter das Gesträuch gekrochen war: »Ich finde nie mehr zurück zu Vater und Mutter.« Noch ehe sie das recht zu Ende gesonnen hatte, hörte sie die Schritte ihrer Mutter die Treppe heraufkommen und warf sich schnell angekleidet ins Bett, zog das Kleid überall herein, deckte sich bis an die Lippen zu, schloß die Augen und stellte sich tief schlafend. Die Sintlingerin trat geräuschlos ein, blieb eine Weile am Bett vor ihr stehen, berührte dann in einem luftleisen Kuß ihre Stirn und sagte sich aufrichtend: »Gott sei Dank! Armes, liebes Mädel.« Dann begab sie sich zu kurzem Sinnen an das geöffnete Fenster, an dem soeben das Lenlein gestanden hatte, schloß es, sah sich noch einmal in der ganzen Stube um – die Blinde hörte die Wendungen ihres Körpers und fühlte ihr Umschauen in der Luft – und ging dann geräuschlos, wie sie gekommen war, von dannen, aber beruhigter als bei ihrem Eintritt. Ihre Tritte verklangen auf der knarrenden Stiege. Die Küchentür schnappte ein. Die Schlafstubentür knarrte auch leise ins Schloß. Dann war nichts als das leise Sausen des großen, nachtstillen Hauses um sie. Das hübelheilige Mädchen blieb noch eine Weile still liegen, erkannte aber, daß an Schlaf nicht zu denken sei, und erinnerte sich, daß sie den ganzen Tag zwischen den Wänden ihres Zimmers gesteckt hatte. Wenn sie ginge und das freie, hohe Schweben des Himmels über sich genösse, das würde ihr gewiß wohltun. Mit nicht mehr Geräusch, als wenn jemand mit der Hand über eine polierte Tischplatte streicht, stahl sich das Lenlein über die Stiege hinab, durch den Flur hin und stand bald mitten im Hofe. Kein Saugen war in der Luft zu spüren, kein Prickeln an ihrer Stirn. Nur ein göttlich abgewogenes Spiel fühlte sie durch den hohen Himmel gehen und in der Tiefe ihrer Seele sich friedevoll nachrühren: der Mond schien also nicht; bloß die Sterne klangen in der Welt. Ich will in dem Blumengarten den Gang hin und wider gehen. Vielleicht höre ich die schöne Männerstimme wieder, die mich am Abend vor dem Straßenfest so beglückt hat, dachte sie und setzte sich nach dem hinteren Beipförtchen zu in Bewegung. Sie spürte schon die Wucht der langen Stallwand rechter Hand gegen sich wirken, links drückte es leichter und ungeordnet. Dort lag der Schuppen. So war es schon recht, und herzhaft schritt sie auf das Beipförtchen zu. Doch, was sollte denn das auf einmal heißen? Das Gleichmaß der Schritte verließ sie. Sie wußte nicht mehr recht, wo der Erdboden sei: bald fiel der Fuß ins Grundlose, bald stieß er noch vor dem Niedersetzen an. Wo war sie denn? Mit einem sinnlosen Sprung rettete sie sich zur Seite und bekam glücklicherweise einen dicken Stützbalken in die Hände. Das Herz hämmerte ihr wohl, und in den Schläfen schnellte das Blut heiß nach. Aber sie erkannte doch, daß sie unter den Schuppen geraten sei. Und während sie stand und wartete, daß ihre Brust sich beruhige und das Brausen in den Ohren vollends aufhöre, wandte sie ihre Stirn bald da-, bald dorthin, um die Örtlichkeit genau kennenzulernen. Ihr gegenüber allerhand Geräte, weithin vor ihr spürte sie es sich frei dehnen. Aber hinter ihr war etwas Seltsames, was ihr noch nie im Leben begegnet war. In glückvollem, seligem Ringen ineinander geschlungene Wesen, und jetzt hörte sie es auch doppelt atmen wie glühes Flattern und in sichern Zügen. Eine Kochglut schlug ihr davon entgegen und hüllte sie ganz ein. »Wer sitzt denn da hinten?« wollte sie fragen, brachte jedoch vor Aufregung keinen Laut hervor, erlebte aber Ähnliches wie in den Nächten der Traumberückung durch den Unbekannten. Sie fühlte sich unaussprechlich umfangen und zum Brustsprengen gedrückt. Von aufsteigendem Schluchzen und peinvoller Seligkeit außer sich gebracht, öffnete sie den Mund, um gell hinauszuschreien, mochte dann werden, was wollte. Da fühlte sie jemand an sich herantreten und hörte, wie durch einen Schleier von leisem Regenbrausen die Stimme Gottlieb Meixners zu sich sprechen. Er redete von der Liebe, die seit dem ersten Tage das Meierlein auf ihn geworfen habe. Das Straßenfest habe alle Riegel zwischen ihnen gelockert und heute, eben jetzt, da sie in den Hof getreten, seien sie miteinander in guter Liebe ganz zusammengekommen. Da denke er, und werde nicht fehlgehen, ihr Geist habe sie gerade deswegen heruntergeführt. Er habe eigentlich vorgehabt, sein Leben nie, nie mit dem Schürzenband eines Weibes zu schnüren. Aber mit dem Meierlein sei es doch eben etwas anderes, und wenn das Lenlein so gut sein wollte, ihre Hand in seine zu legen, da sei denn gewiß ein heiliger Segen über ihnen, und er käme vielleicht wieder zur Harmonika und gar am Ende zu den Liedern, die nur sie allein, das Lenlein, wisse. Dann rief er das verschämte Meierlein heran, und das Lenlein willfahrte ihm und legte die Hände der beiden ineinander. Doch nicht sie tat das eigentlich, sondern eine Fremde, andere, die während des Vorganges auf und nieder sauste, in Wasser oder Sturm, an welchem Ort, ob im Himmel oder auf der Erde, wußte sie nicht. Sie fand sich auch bald nachher auf unbegreifliche Weise in ihrer Stube allein vor ihrem Bett stehen, warf sich auf das Gesicht hinein, raffte die Kissen mit ihren Armen zusammen und bebte am ganzen Körper, da sie glaubte, das große Sintlingerhaus stehe in Flammen, und sie hauchte betäubt vor schreckvollem Verwundern in sich hinein: »... die Menschen! ... die Liebe! ... Himmel, o Himmel!!« ... Ihre Worte wurden immer leiser. Ehe der Schlaf sie aus den Wirbeln riß, wurde sie ganz aus dem Hohen von der schönen Männerstimme leise gegrüßt und drängte, schon verwandelt, einem Geräusch in den Traum nach, das wie der Schritt eines Menschen in jungem Grase sich in einer blühenden Wildnis verlor. * In dieser Nacht stand also der ganze Heiligenhof in einer unsichtbaren Feuersbrunst, und am Morgen des anderen Tages waren alle Räume von toter, zerstörter Luft angefüllt. Das Lenlein lag nach dem Erwachen lange still und in Grübeln versunken, um herauszubekommen, was sich eigentlich mit ihr ereignet habe und wie es denn auf dieser Welt eigentlich war. Was sie auch sann, sie und das Leben und alle Menschen blieben ihr verwunschene Rätsel, die furchtvoller wurden, je tiefer sie sich in ihre Wirrnisse verlor. Denn sie wußte nicht, daß wohl alles auf Erden in Geheimnisse gehüllt ist, die wundersamste Unbegreiflichkeit aber auf der Zeit liegt, in der sie eben lebte. Als sie daher nicht mehr denken konnte, befand sie sich am Ausgange ihres Ringens: alles und alle waren ihr fremd. Mit dem Meierlein und dem Gottlieb war etwas geschehen, was ihr die Schamröte ins Gesicht trieb, bei der Vorstellung, ihnen zu begegnen. Zwischen ihren Eltern und ihr stand das unsagbar Ekelhafte, das ihr vom Landrat angetan worden war, und das sie zugleich um alle Hoffnungen gebracht hatte, hinauszugehen in eine Welt fröhlich-beglückter Menschen. »Was ist denn das: Liebe?« fragte sie sich immer wieder. »Und warum haben sich das Meierlein und der Gottlieb so umschlungen, daß ich selbst zum Aufschreien atemlos geworden bin?« Kopfschüttelnd stand sie auf. Ihre Hände waren eiskalt. »Was ist denn bloß die Liebe?« fragte sie, trat ans Fenster und lehnte das Gesicht an die Scheiben. »Gottlieb sagte, er habe sie von dem Fest bekommen«, sann sie weiter, »und ich? Warum habe ich mir die Kleider vom Leibe reißen müssen? Das war doch gewiß keine Liebe. Gottlieb hat zu mir davon gesprochen: aber sollte ich zu jemand darüber reden, so müßte ich ganz gewiß schreiend davonlaufen. O mein Gott, was ist denn das bloß!« Mit diesem Ausruf wandte sie sich vom Fenster ab, vergrub das Gesicht in die Hände und ging ratlos die Stube hin. Ihre kalten Finger gruben sich in die Wangen, Was sollte sie bloß machen? Warum wurden ihre Hände so kalt, so trocken, und wozu glühte ihr Gesicht? Sie riß die Tür auf und schrie ins Haus: »Mutter!« und noch einmal lauter, fast verzweifelt: »Mutter!« Ihre Stimme gellte so schrill aus allen Winkeln wider, daß sie zusammenfuhr und, mit beiden Armen steif in die Türfüllung gestemmt, auf Antwort lauschte. Aber nichts rührte sich in dem ganzen Hause nach ihr, keine Tür, kein Schritt, kein Laut. Man hatte sie wohl vergessen. Enttäuscht zog sie sich ins Zimmer zurück, lauschte noch einmal mit zu Boden gekehrtem Gesicht durch die geschlossene Tür, warf dann mit jähem Kopfrucken die gelösten, vorgesunkenen Haare in den Nacken und ging im Zimmer wieder hin. Ein merkwürdiges Pfeifen war auf einmal um sie in der Luft, wie das Sausen dünner, reißend gepeitschter Haselgerten. »Gut ... gut ... gut ...«, sagte sie in einer rachsüchtigen Empörung, die sie nicht verstand; »... gut, so werde ich gehen ...«, wiederholte sie, öffnete den Schrank, drückte ihr Gesicht bald in dies, bald in das Kleid und wählte endlich ein hellblaues, duftiges Gewand, das sie am liebsten von allen Kleidern anzog. Wie im Flug war sie angezogen. Ohne die mindeste Heimlichkeit ging sie aus dem Zimmer. Es soll sich zeigen, ob mich noch ein einziger Mensch in dem Hause mag, dachte sie und trat absichtlich laut auf. Ihre Mutter, die aus dem Milchkeller heraufgekommen war und in der Küche um den Herd hantierte, hörte laute, plumpe Schritte die Stiege herabkommen und dachte, es sei die Kleinmagd, mochte aber nicht heraustreten, um sie zurechtzuweisen, weil sie nach der unerwartet wilden Nacht nur immer leidenschaftlich vor sich hinarbeitete, damit sie die lahme und wunde Verstörtheit in ihr nicht empfinde. So kam das Lenlein die Treppe herab, den Flur hin, ohne daß die Mutter ihr auch nur nachgesehen hätte, trotzdem alle Welt doch wissen mußte, meinte das aus den Angeln gehobene Mädchen, daß ihr nichts mehr übrigbliebe, als von dem Hofe fortzugehen. Auf der Haustürschwelle überfiel sie ihre Verlassenheit als solche Scham und Verzweiflung, daß sie jagend über den Hof schoß. Sie fühlte es um sich zucken, stürzte durch das hintere Beipförtchen und hörte des Meierleins Stimme ihren Namen rufen. Das fehlte gerade noch, dachte Helene, spürte, daß sie den Weg nach dem Buchengrund unter den Füßen hatte, und lief so lange geradezu bis alle Laute ihres väterlichen Hofes hinter ihr versunken waren. Dann änderte sie die Richtung und ging in einer leichten Mulde auf breitem Raine links hinauf gegen die neue Straße zu. Nur das leise Fächeln der jungen Saat ihr zu Füßen, das traumschwache Gebrause des Waldes über ihr war noch um sie. Dann und wann schoß das Summen einer betörten Fliege vorbei, und in der Luft wogte, rein wie das Branden eines klingenden Meeres, der Gesang von tausend Lerchen, die schmetterten, als gälte es, die Himmelskuppel mit Wohllaut zu sprengen. Wer weiß, es hätte sein können, das Lenlein wäre am Ende von dem friedvollen Jubel dieses Maimorgens wieder in die Seligkeit ihrer unirdischen Seele überwunden worden; doch wie man so spricht, der Zufall wollte es, daß einer Lerche in der blauen Höh über ihr im Übermaß des Glückes von dem eigenen Liede das Herz zerrissen wurde. Der Vogel stürzte durch die Luft und fiel dein flüchtenden Mädchen gerade vor die Füße. Nun war ja des Heiligenbauers Befehl gemach in Vergessenheit geraten, das Lenlein vor der Kenntnis des Todes zu behüten. Aber sie gebrauchte das Wort sterben, ohne zu wissen, was das eigentlich sei, weil wir im Grunde doch nur durch die Augen den Tod kennenlernen. Als nun das Sintlingerlenlein sich nach dem Vogel bückte, die letzten Zuckungen des Lebens in ihm spürte, barg sie ihn in den Händen, hauchte ihn an, horchte auf seinen Herzschlag, trug ihn, ohne im Gehen nachzulassen, eine lange Weile in der Hand und öffnete endlich die Finger, um ihm die Freiheit wiederzugeben. Aber so oft sie ihm auch einen kleinen Schwung in die Höh gab, er fiel immer wie ein Stein in ihre Hand zurück. Da schleuderte sie ihn endlich entsetzt von sich und verdoppelte ihre Eile, weil sie dachte, der Tod sei auch hinter ihr her, und wenn sie eingeholt werde, müsse auch sie sterben. Mit Zuhilfenahme der Hände kletterte sie über die Böschung der neuen Straße hinauf und flog auf dem sicheren Wege nur so hin. Kein Mensch begegnete ihr, kein Gefährt kam ihr entgegen oder überholte sie. Nach ihrer Meinung ging sie schon eine Stunde und mehr. Sie war sicher tief im Walde und mußte schon dem Rheine nahe sein. Darum blieb sie stehen, um ein wenig Luft zu schöpfen, und kehrte dabei das Gesicht über sich; denn ihr fiel ein, was die Leute sagten, daß über dem großen Strome ein geheimnisvolles Glänzen in der Luft mitginge, und wer es verspüre, dem gelinge zu fehlerlosem Segen, was er gerade vorhabe. Und so kehrte sie das Gesicht der Höhe zu, um womöglich dieser himmlischen Verheißung teilhaftig zu werden. Ja, sie hob sich selbst mit der ganzen Inbrunst ihres verscheuchten, sehnsüchtigen Lebens ins Raumlose hinein, konnte aber trotz aller Anstrengung nichts von einer sonnenhaften Berückung merken, die sich in der Höhe hin bewege. Statt dessen hatte sie das Gefühl, als fielen Fesseln von der Tiefe ihres Wesens nieder. In ihrem Innern war es, als öffne sich eine Tür, und ein freies Fluten ergoß sich aus ihr, wie sie es noch in keinem Augenblick des Glückes gespürt hatte. Und nun nahte sich auch das Glänzen, nach dem sie verlangt hatte, aber nicht von oben. Es kam ihr entgegen, daß sogar sein seliges Schreiten zu vernehmen war. Im höchsten Rausch breitete sie die Arme aus, und so, wankend vor Entzücken, näherte sie sich dem Unaussprechlichen, von dem sie fühlte, es sei dasselbe, von dem sie einstmals, hinter der alten Therese her, ein sicheres Ahnen gehabt hatte. Da riß sie ein Schrecken mittendurch, daß ein Klingen durch den Rücken in ihr Hirn sprang, denn sie sah einen Mann vor sich stehen, leibhaftig, und dies Sehen war so ganz anders, wie sie es noch nie erfahren hatte. »O Gott!« hauchte sie in höchster Furcht. Aber da sie dachte, nun sei der Tod wirklich da und umfange sie mit seinen Armen, hörte sie dieselbe schöne Stimme auf sich einreden, die sie am Abend vor dem Straßenfest am Zaun des Blumengartens gegrüßt hatte: »Was ist Ihnen denn, Fräulein Helene? Um Himmels willen, öffnen Sie bloß einmal die Augen. Ich bin es, Peter Brindeisener.« Aber je lieber der Jüngling zu ihr redete, desto ergriffener wurde sie, tastete mit zitternden Fingern über sein Gesicht und brach darauf in schreiendes Weinen aus. Feuer schlug über ihr zusammen, und besinnungslos hing sie in den Armen Peters. Der Student glaubte nicht anders, das geliebte Mädchen sterbe. Darum nahm er sie auf die Arme und trug sie laufend durch den Wald, und während er mit der kostbaren Last dem Sintlingerhofe zueilte, jubelte trotz aller Angst sein Herz über die Fügung, die ihn bei der Kunde von der jähen Erkrankung Helenens am Straßenfest so mit Sorge beladen hatte, daß er Tag und Nacht um den Hof geschlichen war und schließlich heute morgen auf einem langen Waldspaziergang Errettung aus seiner Ratlosigkeit gesucht hatte. Nun trug er die in den Armen, nach der alle Wogen seines Wesens seit je gesucht hatten. Mit verstörtem, schweißüberströmtem Gesicht, das blonde Haar in die Stirn geklebt, kam er auf dem Hofe an und legte Helene mit der Erklärung, daß er sie ohnmächtig im Walde gefunden habe, der erschreckten Heiligenbäuerin in den Arm. Sie sah ihn entsetzt an, dankte kaum und sagte tonlos: »Also doch.« Dann stieg sie mit Helene mühsam die Stiege hinauf und ließ ihn stehen. Denn geradeso wild aufgeregt sah das Gesicht Peter Brindeiseners aus wie damals, als er in der Jugend frech zu Johanna in die Stube gedrungen war, um die süße Stimme des hübelheiligen Mädchens zu erhaschen. Peter stand einen Augenblick starr vor dem Sintlingerhofe, hörte das leise Weinen und Klagen der Bäuerin aus Helenens Zimmer dringen und ging betäubt den Hügel hinunter, dem väterlichen Hofe zu. Die Sintlingerin schickte sogleich nach allen Seiten Boten aus, ihres Mannes habhaft zu werden, der noch vor Tage aus dem Toben seiner Liebesraserei aufgefahren und davongegangen war. Aber noch ehe der erste Bote zurückkehrte, besann sie sich anders, half dem alten Zenker anspannen und hieß ihn, was Zeug und Tier halte, in die Stadt nach einem Arzte zu jagen. Der Wagen rasselte über den Hügel hinunter und brauste nach dem Walde zu davon. Wie mit angehaltenem Atem lag der Heiligenhof in der Sonne. Johanna stand wieder vor dem Bett Helenens und sah sie wachsbleich und regungslos mit einem Gesicht in den Kissen liegen, verklärt und friedvoll, wie es nur der Tod dem Menschen beschert. Wenn nicht ein leises Zucken von Zeit zu Zeit unter der Haut über die Stirn gelaufen wäre, die Bäuerin hätte zum ewigen Abschied die drei Kreuze über sie geschlagen und sich dem Schmerz überlassen, der wie ein Tier in ihr hockte. »So hat mich mein Ahnen nicht betrogen, daß Von diesem verfluchten Peter Brindeisener meinem Lenlein das Unglück kommt«, dachte sie zum hundertsten Male. Sie hatte es unbewußt laut gesprochen. Da öffnete das Mädchen die Augen, sah staunend auf, gewahrte seine Mutter, schloß sie erschreckt und sagte dann leise: »Verhäng' die Fenster.« Als der Arzt in der verdunkelten Stube erschien, fand er außer beschleunigter Herztätigkeit kein Krankheitszeichen an Helene, die willig alle Bewegungen vollführte, die der Doktor von ihr verlangte. Nur die Augen hielt sie fest geschlossen und war durch alle Mittel der Güte und liebevollen Drängens zu nichts anderem zu bringen, als die Lider einen Spalt weit zu lüften und sie dann entsetzt zu schließen. Als sich das einigemal ereignet hatte, sah der Doktor die Bäuerin bedeutsam an, verabschiedete sich tröstend von Helene und eröffnete Johanna draußen, wenn ihn nicht alles täusche, so sei mit ihrer Tochter ein Wunder geschehen. Er glaube bestimmt, sie habe das Augenlicht wieder erhalten, in welchem Umfange, lasse sich allerdings noch nicht feststellen. Als der Doktor über die Treppe hinuntergegangen war, kniete die Heiligenhofbäuerin an derselben Stelle, wo sie stand, nieder und küßte den Erdboden. Dann ging sie zu Helene hinein, beugte sich über sie, schloß sie vorsichtig in die Arme, wurde aber unversehens so von dem Sturm ihres Glückes gepackt, daß sie losweinte und dabei, wie unsinnig von Seligkeit, lauter und lauter nur das eine hervorbrachte: »Mein liebes, liebes Lenlein, Gott sei Dank!« Sie fühlte wohl, wie ihre Tochter schwache Versuche machte, die fast schmerzvolle Umarmung zu lösen. Aber immer aufs neue brach die Bäuerin in Rufe und Beteuerungen des Glücks aus. Schließlich merkte sie doch, daß Helene etwas sagen wollte, und da sie sich bezwang und still war, flüsterte ihr Helene ins Ohr: »Ich liebe den Peter Brindeisener, Mutter, ich liebe ihn... ich habe ihn immer geliebt... immer... immer...« Das Mädchen wurde von diesem ersten Geständnis so ergriffen, daß sie nach all den Erregungen das Hervorbrechen der Glut nicht mehr aushielt, immer leiser und leiser und leiser sprach und selig einschlief. Auf den Zehen ging Johanna davon und nahm im Herzen alle Lästerungen zurück, die sie Peter Brindeisener angetan hatte. Denn das konnte kein böser Mensch sein, dessen sich Gott bedient hatte, ein solch außerordentliches Wunder zu wirken. So war also eingetroffen, was einst der Professor Flöreck in Münster vorausgesagt hatte, einmal werde die Natur den Schleier auf ebenso geheimnisvolle Weise von diesen Augen wegziehen, wie rätselhaft sie ihn davor ausgebreitet. Bald jubelte der ganze Sintlingerhof, und kehrte wieder ein Bote zurück, der nach dem Sintlinger ausgeschickt worden war, ohne ihn gefunden zu haben, so erneuerte sich an seiner Freude die glückhafte Erregung der andern zu neuem Überschwang. Es brauste, lachte und rief aus allen Türen und Luken und erfaßte im Nu die ganze Umgebung. Im Abenddunkel kam der Heiligenbauer von Querhoven her auf den Hof. Sein Gesicht war blaß und gramvoll, und als er hörte, daß alle jubilierten, weil das Lenlein von ihrer Blindheit befreit sei, taumelte er und wäre bald hintenüber zu Boden geschlagen, doch erhielt er sich noch und schleppte sich ins Haus. Die Knechte und Mägde glaubten, das Glück habe dem Heiligenbauer den Verstand verdunkelt. Doch während sie noch darüber redeten, wie es möglich sei, daß jemand aus lauter Freude ein so verzweifeltes Gesicht machen könne, fing die Glocke im Türmchen so gell, so schreiend an zu läuten, daß alle vor Schreck zusammenfuhren. Die Bäuerin wußte noch nichts von der Heimkehr des Sintlingers. Beim Klang des seit Jahrzehnten stummen Glöckchens kam sie laufend unter die Tür und fragte in den Hausen des Gesindes hinein, was das für ein Unsinn sei. Man schwieg verlegen und antwortete endlich, der Sintlinger sei eben nach Hause gekommen. Das Glöckchen wimmerte und zuckte noch immer. Wie gehetzt war Johanna über die Stiegen hinauf. Wahrhaftig, da steckte ihr Mann, krampfhaft ins Gebälk des Türmchens gezwängt, hielt sich stemmend mit der Linken fest und stieß fortwährend mit einer Latte in die Glocke. Bald traf er sie, bald fuhr er vorbei. Endlich hörte er auf das Bitten, Schreien und Klopfen Johannas, ließ die Latte fallen, beugte sich nieder und sagte tonlos, mit stierem Gesichtsausdruck: »Ja, ja, Johanna, schrei, schrei! Die Steine werden gleich in die Luft fliegen, und der Herrgott macht sich aus dem Staube.« Dann brach er in Lachen aus und stieg mühselig aus dem engen Gebälk. Zehntes Kapitel In der Frühe des folgenden Tages ging der Hemsterhuser Totengräber Wachsmann nach dem Morgengeläut über den Kirchhof, um sich einen Überschlag zu machen, nach welcher Ordnung in den nächsten Monaten die Gräber anzulegen seien. Erst schritt er den breiten Baumgang zwischen den Gräbern der Reichen hin und genoß beim Anblick der großen, prunkvollen Denksteine noch einmal lebendig die Einnahme der hohen Sporteln, daß er vergnügt wurde, mit dem großen Bund Schlüssel gegen sein Bein schlug und es ihm war, das verdiente Geld schwirre wieder frisch und jung in seinem Beutel. Und als er dann mit der Biegung des Ganges aus dieser vornehmen Gegend seines Leichengartens in die Region erst der Halbseidenen und dann der Pfennigarmen kam, blieb er stehen und sah ziemlich mißmutig über die breite Flucht der einfachen Holzkreuze und der eingesunkenen, oft gänzlich verwilderten Hügel bis an die graue Wackenmauer der Kirchhofseinfriedigung und dachte bei sich, wenn er hätte von der christlichen Liebe leben sollen, die er in dieser Region so oft erwiesen, so wären er, sein Weib und seine Kinder in Gottes Namen schon lange verhungert. Allein, das war nicht das Schlimmste was hier zu denken war. Unter denen, die sich mit einer stillen Messe und einem dürftigen Weihwedelspritzer davongemacht hatten, sah er da und dort das Grab eines Filzes, der auf seinem heimlichen Geldsack kalt geworden war und, wie er vergeizt gelebt, nun sich auch ehrlos und schandbar unter Pack und Gesindel aus der Welt geschmuggelt hatte, nur um ihn, den Totengräber, um den gehörigen Lohn zu prellen. So kam er in ein immer bittereres Meditieren und sah ein, daß es mit dem Ehrgefühl in der Welt überhaupt beinahe Matthäi am letzten sei und vielleicht, wenn nicht die Polizei einschreite, verbrenne noch jeder seinen Verstorbenen im eigenen Backofen, dünge seinen Kohl mit der Asche, und die Totengräber könnten derweil ihren Magen an den Zaun hängen, damit er vom Winde satt werde. Aber man täusche sich nicht. Wer sich als ein Schubiack unter die Erde trolle, der werde auch als Hundsfott an der Himmelstür behandelt werden. Denn das wisse Gott und der Papst so gut wie Wachsmann in Hemsterhus, daß die Todesangst aufrechterhalten werden müsse, wenn man den Menschen die Religion bewahren wolle. Kopfschüttelnd und höhnisch vor sich hinlachend ging er nun schneller durch diesen unerfreulichen Teil seines Hügelgartens dem Tore zu und warf einen letzten unwirschen Blick über die Armengräber, so, als wäre es ihm angenehm, irgendeinen Unfug zu entdecken, an dem er seinen inneren Mißmut auslassen könnte. Und wirklich, hinten im letzten Mauerwinkel der namenlosen Toten rührte sich eine graue, zusammengekauert Gestalt. Wachsmann blieb stehen und schrie ein aufrüttelndes »Holla« hinüber. Aber das eingesunkene Menschenhäuflein rührte sich nicht. Darum, schon von Ingrimm angefeuert, fragte er, wer denn da in der Gottesfrühe herumlungere. Denn es kam wohl manchmal vor, daß ein trunkener Landstreicher sich in der Sommernacht vertorkelte, auf den Kirchhof geriet und zwischen den Gräbern seinen Rausch ausschlief. Und weil das fremde, zusammengewichtelte Gezücht dort auf einen zweiten Anruf noch keinen Bescheid tat, setzte Wachsmann erbost über die Gräber und stand bald wild gestikulierend und schimpfend vor dem Verkommenen, der trotz alles Gelärms, den Kopf zwischen die Knie gesunken, nur ein Haufen zerlöcherter, übelriechender Kleider, ruhig dakauerte. Endlich hob er den kleinen Kopf, rückte die schmierige Mütze nach hinten und starrte ihn aus roten Triefaugen mit blöder, listiger Dumpfheit an. Es war ein alter Vagabund mit einem gramvollen, vertrockneten Gesicht. Weißgelbe Haare hingen ihm wirr wie Werg an den Ohren herunter, und aus den Winkeln des faltigen, alten Echsenmaules floß noch der Geifer des tiefen Schlafes. Nicht der Ekel allein war schuld, daß dem Totengräber die Worte der Entrüstung ausgingen; um den greisen Landstreicher lag ein rätselhaftes Grauen. Seine Nase schnoberte, sein horniger Mund schnalzte, aus den erloschenen Augen flackte manchmal ein Blitz verrückter Tiergeilheit. Wachsmann trat schrittweise den Rückzug an und sagte in sicherer Entfernung, aber schon sehr schonend, daß doch der Kirchhof keine Bettstatt sei. Darauf erhob sich der greise Bummler langsam und umständlich, und dem Totengräber kam es wie Zauberei vor, so, als ziehe er seinen Leib aus den Schäften seiner langen Stiefel. Eine überlange, menschliche Moderstange mit einem Eichhörnchenkopf obendrauf, der unsicher wackelte, als solle er fortwährend herunterfallen, richtete sich auf. Dann griff der Bummler ein paarmal mit gespreizten Fingern in der Luft herum, tastete den Boden ab, schüttelte den Kopf und sagte darauf zu dem Totengräber: »Sie, Sie! Was da is, kann doch nich verlorengehn, und was verlorengeht, muß man doch wiederfinden. Denn stirbt einer, so knallt's, und knallt's, so hört man's. Das ist doch klar. Das muß doch zu finden sein. – Wissen Sie, ich bin ganz und gar nich verrückt, wenn sie mich auch jahrelang mit Tollhausaffen gefüttert haben, damit ich den Verstand verliere. Haha, haha! Sellerie is gut gegen Wahnsinn, und so hab' ich den Kopf zusammengehalten. Verstehn Sie, bis eines Abends der rote Vogel an meinem Fenster vorübergeflogen ist. Da war's Zeit, und in derselbigen Nacht bin ich heidi, pst, pst, widewitt, witt, witt! Verstehn Sie mich? Es hat mich wohl im Walde über den Bauch gehaun, haha, und nich zu knapp. Tobak!« Dann griff er wieder auf dem Erdboden umher und murmelte dabei: »Es muß doch zu finden sein... ich bin nämlich... bin nämlich...« Zuletzt schnellte er wie geschossen in die Höh und schrie mit verfärbtem Gesicht: »Ha, du denkst, meine Finger sind wie deine? Nee, nee, Freundchen! Das is Hexenspagat. Da pass' auf!« Er faßte mit der Rechten die Fingerspitzen der Linken und entfernte die Hände langsam voneinander, als dehne er einen Gegenstand von Gummi aus. Den Totengräber packte nun wirklich ein Grauen, und er trat noch mehr zurück. »Wart doch!« rief ihm der offenbar irrsinnige Landstreicher zu: »Ich bin mit Erzählen noch nich fertig. Du glaubst das wohl nich, hahaha? Der Hopser im Walde hat das auch nich für möglich gehalten und hat mein braunes Täubchen gequält, bis ich ihm den Hexenspagat um die Gurgel gewickelt Hab'.« Aus dem wilden Funkeln versank er unversehens wie zerbrochen in Verzweiflung und sang: »Mein schönes Vöglein im schwarzen Wald, wo bist du geblieben? Find ich dich bald? Ich such' bei Vöglein und rotem Klee und finde bloß Winter und weißen Schnee.« Er rang dabei gramvoll die Hände, und die Tränen liefen ihm in Strömen aus den alten Triefaugen über das ausgezehrte Gesicht hinunter. So in sich versunken, immerfort weinend und leise singend, ging er an dem Totengräber vorüber und verschwand vom Kirchhofe. Wachsmann stand betäubt und starrte wie in einen Spuk. Als der Vagabund um die Mauerecke geschlendert war, kam der Totengräber zu sich, und sofort war es ihm sicher, dieser ungeheuerliche Mensch sei ein Gespenst, und zwar kein anderes als das des Niemand-Albes gewesen. Dem ersten, dem er begegnete, einem alten Bauerauszügler, der zur Frühmesse ging, erzählte er, der gestorbene Niemand-Alb sei soeben auf seinem Grabe gewesen, und er habe mit eigenen Augen gesehen, wie er auf einem Holunderstrauch ins Feld davongeritten sei. Die ganze Luft rieche noch nach Schwefel. Der alte Bauer hob die Nase in die Luft und sagte: Ja, er rieche es auch, und gestern sei das Heiligenlenlein sehend geworden. Es sei nicht mehr geheuer in der Welt. Denn auf dem Heiligenhofe habe es auch geläutet. Er nickte dem Totengräber bekümmert zu und gokelte der Kirche zu. Unter dem Volke verbreitete sich die Nachricht, der Niemand-Alb sei in der folgenden Nacht wiedergekommen, habe seinen eigenen Grabstein aus der Erde gehoben, ihn mit den Händen wie eine weiche Pfeffernuß zusammengedrückt und in die Tasche gesteckt. Am nächsten Morgen war auch der Denkstein wirklich von dem Hügel dessen verschwunden, den man vor langen Jahren als den Niemand-Alb begraben hatte. Der Totengräber, den man deswegen befragte, zuckte die Achseln und sagte, er habe ja vor vielen Jahren schon immer behauptet, der Niemand-Alb gehe um, damals, als er die Rütschin in der Wuhle bei Nacht geritten und die Schwerdtner-Josefa im Brederoder Steinbruch geprügelt habe, da werde es wohl auch nicht anders sein, und es kämen überhaupt Dinge vor, von denen man am besten schwiege. Aber so viel sei sicher, daß auch das Jenseits jetzt eine schwere, unruhige Zeit habe, und es plumpe manchmal in den Gräbern, als wolle es die Toten partout wieder heraus und auf die Erde bringen. Aber die Gräber, die durch ein richtiges Begräbnis geschlossen seien, mit der großen Glocke gut zugeschlagen, nicht mit der kleinen Klingel bloß zugepinkt, schön überräuchert, heilig gesungen, womöglich noch geblasen, da lege er seine Hand ins Feuer, die seien sicher, denn der gute Glaube helfe überall. Es konnte nicht fehlen, daß das Volk das Erscheinen des Niemand-Albes mit dem Sehendwerden des Sintlingerlenleins und überhaupt mit dem Geschicke der beiden Fremdhöfe in Beziehung brachte und meinte, der rote Vogel, von dem dort das Niemand-Gespenst geredet, sei nur recht zu verstehen, wenn man an die roten Läppchen denke, die der Narr zu seinen Lebzeiten über der Wiege des schlafenden Heiligenlenleins unter gramvollem Geschluchze einst zerrissen habe. Diese Verflechtungen zu gewagten und oft absurden Vermutungen hörten auch nicht auf, als durch die Polizei nach einem der Idiotenanstalt zu... entsprungenen Insassen gesucht wurde, der bisher hartnäckig seinen Namen und Geburtsort verweigert habe, nach der Beschreibung aber kein anderer als der Vagabund war, den der Totengräber Wachsmann am Morgen nach dem Sehendwerden Helenens auf dem Hemsterhuser Kirchhof getroffen hatte. Allein, der schlaue Leichenpfleger wußte sich von jedem Zeugnis zurückzuhalten, um das Gewicht seiner Gespenstergeschichte nicht zu entkräften und den Nutzen der tüchtig aufgefrischten Todesscheu ungestört wirken zu lassen. Der Gemeinde Hemsterhus war auch an dem gespenstisch umhervagierenden Niemand-Alb mehr als an dem lebendigen gelegen, und so schlief das amtliche Vigilieren nach dem entsprungenen Narren langsam ein. Die Gleichheit der beiden Wesen kam gar nicht mehr in Frage, und das Volk genoß die Freiheit in vollen Zügen, immer neue geheimnisvolle Taten des herumspukenden Niemand-Gespenstes zu erzählen, zumal er wirklich von Zeit zu Zeit in Dörfern auftauchte, auf geheimnisvolle Weise sich plötzlich neben einsamen Wanderern auf abseitigen Wegen einfand, im Feldschweigen gell aufschrie und im Dunkel allerlei Scheuel verübte. Beeren- und Pilzsuchern guckte er aus dem Stamme alter Eichen mit verzerrtem Gesicht zu, am Schluß wie ein junges Pferd wiehernd, und wenn man hinsah, verwandelte sich seine Fratze in einen Astknorren. Auf dem Hofe eines Brederoder Bauern verkalbten alle rotscheckigen Kühe, und um das Heiligenhoflenlein hatte er vor dem Sehendwerden als ein bunter Wundervogel geschwebt, erzählte man sich, und war dann als eine glänzende Himmelsmusik mit unendlichem Wohllaut davongefahren. So abenteuerlich diese Geschichten sich gebärdeten, so seltsam waren die Folgerungen, die das Gerücht daraus zog: Die Engelhaftigkeit des Lenleins, sein außerirdisches Wesen; das jahrelange Verharren des Sintlingers in einem hohen, weithin wirkenden Leben nach fesselloser Jugend; den sanften Geist, der dem tollen Fremdhof während anderthalb Jahrzehnten den Schimmer der Heiligkeit verliehen hatte, das alles erklärte man für nichts als albische Berückung. Von unreinen, arglistigen Geistern als ein Blendwerk aufgerichtet, die wahren von den Scheinchristen zu sondern und alle Guten auf die Festigkeit des Glaubens hin zu prüfen, Die Kirche half dem hochgeladenen Wagen voll Flausen und Aberglauben in dieser Richtung etwas weiter und fand es für die Kräftigung ihrer erschütterten Macht sehr heilsam, das Ansehen des Heiligenbauers zu verdunkeln und herabzusetzen. Man ging sogar so weit, die Erlösung des Sintlingerlenleins aus dem grausen Wunder ihrer Blindheit in das volle Glück der befreiten Augen gerade als den Beginn des Verfalls der Sintlingerschen Segenswege zu sehen. Auf diese Weise unkte es unausgesetzt um den Heiligenhof, der sich aber von dem Gebläse all dieser böswilligen Mäuler nicht in Schatten hüllen ließ. Außer etwa einer albernen Magd oder einem tölpischen Ochsenjungen kaufte niemand auch nur eines der vielen scheelsüchtigen Märlein für bare Münze. Ja, gerade die Bäuerin lachte am lautesten über die Geschichten, die man auf dem Hofe ablud, obwohl sie doch sonst leidenschaftlich gern in dem Zwitterlicht des Aberglaubens gestanden hatte. Aber sie war offenbar für immer von dieser Verirrung menschlicher Lebenssorge geheilt, nachdem sie trotz langer Ahnungen und finsterer, drohender Anzeichen auf so herrlich unbegreifliche Weise in der Erfüllung ihrer inbrünstigen Hoffnung gelandet war. Der erschlossenen Helene erging es wohl wie einem, der unvermutet aus der tiefsten Finsternis in die grelle Hochsonne tritt. Ihr Gemüt taumelte erst vor der vollkommen neuen, unbekannten Welt in seine Tiefe zurück und wäre am liebsten dort in der Gesellschaft der tönenden Schatten verblieben, von denen sie seit jeher umgeben gewesen war. Deswegen lag sie in den ersten Tagen noch die längste Zeit mit geschlossenen Augen da, und zwar meistens gerade in der Anwesenheit von Menschen. Sobald man die Tür schloß und sie allein ließ, hob sie zögernd, in furchtsamer Neugier, die Lider und ging mit ihren Blicken überall umher. Alles war bunt, fest, fremd, schimmerte, stand nah und steckte doch durch die Schärfe der Umrisse voll einer drohenden Feindseligkeit. Oh, und wie verwandelt waren die Menschen, der Hof, der Garten, die Wege, die Hügel, Wald und Himmel! Alle, die vor ihr erschienen, Knecht, Magd und Wirtschafter, wurden von ihr einen Augenblick betrachtet, dann ließ sie die Lider einsinken und verglich die sichtbare Gestalt mit ihrer augenlosen Vorstellung von früher. Und fast niemand kam vor sie, den sie nicht immer wieder staunend geprüft, mißtrauisch betastet hätte. Bei dem alten Zenker erstaunte sie über das verrunzelte Gesicht und die gebeugte Gestalt, weil der Greis im Scheine ihres augenlosen Sehens aufrecht, mit einem sanften Kindergesicht gelebt hatte. Vor Gottlieb Meixners grotesker Vierschrötigkeit brach sie in Gelächter aus, ihre Mutter maß sie mit einem stillen Lächeln, dem man die leise Enttäuschung anmerkte, und als des Heiligenbauers blasses, erschüttert durchfurchtes Gesicht mit den zurückgeflossenen übergroßen Schwarzaugen vor ihr erschien, erschrak sie geradezu, schrie schmerzvoll auf: »Das ist mein Vater?«, vergrub ihren Kopf ins Bett, schluchzte auf und warf sich dann dem Sintlinger an die Brust. Sie umschlang seinen Hals und rief unter Tränen fortwährend leise: »Mein Vater ... mein lieber Vater ...« Niemand konnte genau entscheiden, ob an der Erregung Helenens beim ersten Anblick des Sintlingers Enttäuschung oder Freude, glückhafte Überraschung oder Schreck den Hauptanteil habe. Und der Heiligenbauer selbst wurde von den widerstreitendsten Gefühlen überstürmt, als er das erstemal sein sehend gewordenes Lenlein in den Armen hielt. Das Zusammenschlagen seiner Hände konnte ebensowohl Entsetzen als Staunen, sein Erbleichen und Einsinken der Augen höchstes Glück und Gram bedeuten. Als er von Helene endlich freigegeben war, stand er ihr gegenüber, schaute sie groß an und sagte ungläubig mit einer schmerzhaften Bewegung in Gesicht und Stimme: »So, so! Also, mein Lenlein, du bist nun wirklich auch ein Mensch geworden wie wir andern. Nun, wie ist dir denn da, Kind?« Das Mädchen erschrak einen Augenblick, ließ ihre Lider sinnend herabsinken und antwortete: »Ach, denk' doch, Vater, natürlich bin ich glücklich.« Darauf wurde der wehe Zug in der Freude des Heiligenbauers nur noch tiefer. Er antwortete mit einem inneren Wegwenden: »So, so. So, so.« Und ging kopfschüttelnd hinaus. Dem Sintlingerlenlein ging es mit allem, wenn auch nicht so kraß, wie mit ihrem Vater. Ihr Vertrautestes sah sie vertauscht, ihr Nächstes fremd. Bekanntes entrückt. Was schon vor Monaten begonnen hatte, war nun vollzogen: Ihre ganze Welt, die sie sonst gleich einer sanften Mondlandschaft in sich getragen hatte, lag nun als schreiend bunter, unbeherrschbarer Tumult um sie. Ihre Seele, die noch vor Tagen das Klingen der Nachtsterne in der Tiefe der eigenen Brust vernommen hatte, war gleich einem friedfertigen König aus der alten Hauptstadt aufgescheucht worden und lag nun an den äußersten Grenzen ihres Reiches im endlosen Ringen mit hunderttausend Eindringlingen. Als sie das erstemal vom Hof aus das Hügelgewoge des weiten Landes um sich erblickte, mußte sie sich an Peter Brindeisener festhalten, der ihr die Erde zeigen wollte, wie er glaubte, ihr die Augen erschlossen zu haben. Helene sah da nichts Festes, in seit Jahrtausend erstarrter Bewegung, um sich liegen. Sie erblickte ein lebendiges, schäumendes Tanzen aufgewühlter Wellen gegen den Heiligenhübel heranbranden, daß sie schwindlig wurde und grell auflachte wie ein Kind, das das erstemal Karussell fährt. »Holla!« rief sie dabei in übermütiger Furcht. »Das ist ja ein verrücktes Rundsausen, Peter. Sieh, und alles stürzt in die Sonne hinein. Pardautz! Du, sieh doch, was für ein Feuer das ist.« Dann schloß sie die Augen, und in die Arme ihres Geliebten zurückgelehnt, sammelte sie dies neue, große Bild der schönen Erdunruhe mit der Stille ihres jenseitigen, blicklosen Sehens, während die Glut des Abends über ihr Gesicht blühte. Bis Peter sie auf die geschlossenen Augen küßte, immer feuriger, daß sie endlich die Lider hob und ihn groß und erstaunt ansah, fast so wie das erstemal im Walde draußen, als die Nacht um sie zerriß und sie sich auf der Welt gefunden hatte, einem Geliebten leibhaftig gegenüber, dem sie monatelang im Traume als unbekannten Schatten entgegengepilgert war. Die Heiligenhofbäuerin aber unterdrückte tapfer das Aufstoßen ihrer einfachen Natur beim Anblick des krausen Schweigens, in das ihr Lenlein im Glück über die neu geschenkte Welt und ihre Liebe geriet. Ja, sie förderte sogar unauffällig die Zusammenkünfte der beiden. Denn sie hatte Peter Brindeisener nicht nur die feindselige Art abzubitten, mit der sie das ohnmächtige Lenlein aus seinen Händen empfangen hatte, sondern sie mußte möglichst all das Böse wieder in sich gutmachen, das sie seinem Wesen seit je innerlich angetan hatte. Wenn sie den mächtigen Jüngling mit den unbezähmbaren Augen so zart, fast scheu um ihr zierliches, elfenartiges Lenlein dienen sah, begriff sie nicht, wie sie denselben Menschen ehemals nur mit Wegwenden, ja geradehin feindseligen Empfindungen hatte sehen können, daß er ihr einst sogar bei der Beerdigung der Brindeisener-Amalie als Mörder erschienen war. Jetzt empfand sie freudigen Stolz, wenn sie den Studenten mit schwerer Gelassenheit, in der doch bei jedem Schritt ein federndes Reißen aufzuckte, wie heimliches Knistern unter den Sohlen, wenn sie ihn so in wogender Würde herankommen oder davongehen sah. Nur die Gebärde seines Lachens flößte ihr noch manchmal Scheu, fast etwas wie Grauen ein. Wenn seine schmalen, blutroten Lippen sich über die weißen Zähne hinaufhoben, sah es aus, als grinse er mit seinem mächtigen, kalkweißen Raubtiergebiß. Aber hörte sie sein knabenhaft argloses Plaudern und Schäkern mit Helene auf dem Torbänklein unter den Linden, erschien ihr auch dieser Eindruck nur als ein letzter, hartnäckiger Rückstand ihrer alten Feindseligkeit, und sie machte sich Vorwürfe, daß sie im Grunde genommen doch ein recht böses Herz habe. Noch nie, solange der Sintlingerhof stand, hatten die Amseln von den Wipfeln der Linden so tief, so inbrünstig, so leidenschaftlich in den Abend hinausgeflötet als in jenen wenigen Maitagen, da die Kinder der beiden feindseligen Höfe auf dem Ruhebänklein neben dem Tore saßen und sich gegenseitig das Wunder ihrer Liebe und ihres Lebens aufschlössen. Die Liebenden trugen die Kostbarkeiten ihres Lebens zusammen, flochten ihre Erinnerungen in einen Kranz und staunten über ihre Liebeswahl, die Peter Brindeisener der ergriffen lauschenden Helene als die Wirkung eines uranfänglichen Weltallbeschlusses erklärte. Er versicherte, ihren ersten Schrei gehört zu haben, mit dem sie auf die Welt gekommen sei, und daß er fast glaube, sie in einem Traum singen gehört zu haben, den er selber noch vor seiner Geburt geträumt habe. Denn wann immer ihm nur der Laut ihrer Stimme zu Gehör gekommen sei, dann habe es ihn, wie er überschwenglich sagte, »jedesmal bis in die vorirdischen Tiefen der Seele ergriffen«. Die akademischen Ferien Peters waren auf diese Weise nur zu schnell zu Ende, und er fuhr in einem Hochgefühl, in einem Lebensjubel in das alte, finstere Münster zurück, wie er es noch nie in seinem Leben erfahren hatte. Elftes Kapitel Man erzählt sich, in den wenigen, etwa vierzehn Tagen, die zwischen dem Sehendwerden Helenens und Peter Brindeiseners Abfahrt in die Universitätsstadt vergingen, saßen die wie durch eine Explosion zusammengeschleuderten Geliebten wieder einmal beieinander und staunten in das rätselhafte, bedeutsame Zusammenspielen ihrer vergangenen Lebenswege, von neuem Verwundern ergriffen, wenn sie wieder einen neuen Schimmer entdeckten, mit dem sich gleichsam ihr gemeinsames Fatum selbst die Bahn zu ihrer Vereinigung erleuchtet hatte. In der Laube des Blumengärtleins hinter den Scheuern soll es sich ereignet haben, auch an einem Abend, in der Zeit, da die Schatten aller Dinge noch verfließen. Da saßen die beiden Hand in Hand und sprachen über das süße Lockspiel, das sie als Kinder am Beerdigungstage der Brindeisener-Amalie getrieben, und daß sie einander am Ende nicht bekommen hätten, wäre das Lenlein damals nicht zu erpicht darauf gewesen, sich Peters Gesicht mit den Fingern genau anzusehen, daß sein Kopf sie seitdem nicht mehr verlassen und in der Zeit ihrer richtungslosen Liebe so viel Qual verursacht habe; daß sie aber in den Wolken ihrer unbewußten Leidenschaft nie gewußt habe, welchem Menschen dieser rätselhafte Kopf gehöre, den sie durch Monate bei jedem Erwachen in den Fingern gefühlt habe, bis der Blitz im Walde ihr den Übeltäter gezeigt habe. Und jetzt glaube sie auch die Geschichten, daß Menschen ohne Kopf umgehen, weil sie ja doch erlebt habe, daß Köpfe ohne Menschen so viel Unheil anrichten können. So zwitscherte das hübelheilige Mädchen ins Blaue hinein und fragte am Schluß neckisch, ob denn nun auch tatsächlich Peter die ganze Zeit über kopflos gelebt habe, da sein Haupt ihr nachgegangen sei. Darauf soll Peter Brindeisener plötzlich sehr nachdenklich geworden sein, mit dem Kopf genickt und dann mit dunkler Stimme geantwortet haben, das sei immer möglich. – Und nach einigem Sinnen habe er launig hinzugesetzt: Das sei alles eins und nun für immer geschlichtet. Er habe ihr die Augen geöffnet, und sie habe ihm den Kopf wiedergegeben. So sei jedes ganz geworden, wenn seitdem auch keines genau wisse, wo das eine anfange und das andere aufhöre. Über diesem lustigen Liebesgeplänkel soll der Heiligenbauer unbemerkt im Dunkeln in die Laube getreten sein und sich neben Peter lautlos auf der Bank niedergelassen haben. In den Winkel gepreßt, habe der Sintlinger dem Gespräch der beiden zugehört, die bald nach diesem spaßigen Aufschäumen wieder in dem Aufsuchen von Fügungen in ihrer Vergangenheit fortfuhren. Peter habe nun behauptet, das Schicksal habe sich selbst ihrer Väter bedient, daß sie halb in Feindschaft, halb in Rangstreit, ohne es zu wissen, ihnen sogar die Straße gebaut hätten, auf der die Liebe sie dann zusammenführte. Sei das nicht der Gipfel? Das sei doch noch nie dagewesen! Bei diesen Worten habe der Heiligenbauer unvermutet mit jähem, kaltem Griff Peters heiße Hand erfaßt, sein blasses, schmerzvolles Gesicht dicht vor dessen Augen geschoben und dabei mit mühsamer Stimme gefragt: »Glauben Sie das wirklich, Peter?« Dann sei er, ehe die Erschrockenen sich von ihrem Zusammenfahren erholt hätten, ohne jede Erklärung, leidenschaftlich, mit einer gewissen Empörung davongegangen und habe dann, aber schon außerhalb des Gartens, tief im finsteren Felde, plötzlich in gellem Spotte laut hinausgelacht. Die Leute sagen, das habe höllenverzweifelt geklungen, und wenn nicht das ganz, so sicher doch dämonisch, fast so wie das Gelächter, das der Heiligenbauer einst dem Teufel beim Kegelspiel im Buchengrunde entlockt habe. Nach der Abreise Peters sei außerdem dem Heiligenbauer, wo immer er ging und stand, eine dreibeinige rotbraune Maus in zehn bis zwanzig Meter Abstand nachgelaufen, den ganzen Tag nicht von ihm gewichen und habe noch die Nacht über auf der Schwelle seines Schlafzimmers gekauert. Damit, meinten die Frommen, sei bewiesen, daß der Schwarze die Kreise immer enger und enger um den Kirchen- und Gottesfeind gezogen und ihn keine Minute aus dem unsichtbaren Garn gelassen habe. Gleichwohl sei auch in dieser schwersten Zeit der Sintlinger nicht von seiner angeborenen Unerschrockenheit verlassen worden, habe wochenlang ganze Nächte hindurch mit dem Satan gerungen, dutzendmal den Kontrakt mit ihm zerrissen und die Fetzen in den Sturm hinausgestreut. Aber an jedem Morgen habe das Papier, auf dem der Sintlinger dem Teufel seine Seele verschrieben, unversehrt im Schreibpult auf der alten Stelle gelegen. Bis der gequälte Heiligenbauer angefangen habe, die dreibeinige Teufelsmaus inständig zu bitten, doch von ihm abzulassen. Aber auch das habe den Armen nicht mehr retten können, dies oft stundenlange Stehen und Laut-gegen-die-Erde-Reden im menschenleeren Felde draußen. Die Ereignisse im Schicksal des Heiligenhofes begannen in die Strudel ihres letzten Sturzes gezogen zu werden. Die handelnden Personen wurden von ihrem feurigsten Mittelpunkte her, jede von einem anderen Flammenlodern, vorwärtsgetrieben, so reißend, daß die verblüffte Bevölkerung der Umgegend, freilich mit Ausschluß der Querhovener, sich keinen anderen Rat wußte, als durch Häufung aberwitziger, spukhafter Züge das Leben dieser Menschen ins Dämonische zu verwirren, weil es anders nicht für sie verständlich war. Trotzdem wucherten auch diese Schemen abergläubischen Dunstes in der Nähe der tatsächlichen Nöte, gegen die der Heiligenbauer damals rang. Wirklich hörte Johanna Nacht um Nacht das Sinnschreiten ihres Mannes über sich in der Schreibstube endlos hin und wider klingen, bald erregt, fast jächend, und dann wieder mitten im Zimmer für lange abbrechend, als bleibe er wie angenagelt oder erstarrt an einer Stelle stehen. Und wenn sie sich auf bloßen Füßen unhörbar über die Stiege hinaufschlich und durch das Schlüsselloch guckte, so sah sie noch Licht und glaubte ihren Mann unbeweglich am Schreibpult stehen zu sehen. Einigemal auch war es ihr, als reiße er leidenschaftlich das Fenster auf und werfe es gleich darauf wieder schmetternd zu, daß die Scheiben klirrten. Aber dann war es immer gegen Morgen, schon im Grau der Frühe, und aus halbem Schlaf geschreckt, meinte sie, daß es doch vielleicht der Morgenwind gewesen sei, der an Tür und Fenster rüttelte. Doch beruhigte sie sich dabei nicht, sondern suchte nach jeder dieser bewegten Nächte das Zimmer ihres Andreas bis in den kleinsten Winkel durch, um einen Anhalt dafür zu finden, was ihren Mann nicht schlafen lasse, wenn sie auch ahnte, daß es in irgendeiner Beziehung zu dem Sehendwerden Helenens stand. Endlich öffnete sie einst auf gut Glück das Ofentürchen in des Sintlingers Stube und fand die ganze Feuerstelle mit kleinen Fetzchen zerrissenen Papiers gefüllt. Alle Schnitzel waren von des Sintlingers Hand dicht beschrieben, sie vermochte wenig zu entziffern, und das Gelesene konnte sie ganz und gar nicht verstehen. Der Name Gott kam oft vor, an anderen Stellen las sie von ewiger Allmacht und Güte, vom Sinn der Welt, von Lebensnarrheit, vom inneren Wust des Menschengeistes und des Daseins, vom Straßenbau; auch vom Brindeisenerhofe, von Helene, Peter, von ihr, den Querhovenern, dem Pfarrer und dem alten Klim, ihrem Vater, war geschrieben. Aus allem ersah sie aber doch zuletzt, daß ihr Andreas mit Gott aufs neue haderte und kämpfte und mit ihm und seinem ganzen eigenen Leben zerfallen sei. Erschrocken stopfte sie den Berg seines kleingerissenen Papiers wieder in den Ofen, zündete alles an, bis es zu Asche verbrannt war, und ließ das Türchen offenstehen, damit ihr Mann daraus ersehe, daß sie um sein ruheloses Nachtkämpfen wisse. Einige Tage half auch dies unsichtbare Dazwischentreten Johannas. Aber nur sehr kurze Zeit. Dann wurde der Heiligenbauer wieder von derselben Qual befallen. Oft, wie auf einen jähen Stich durch sein Inneres hin, legte er während des Essens Messer und Gabel auf den Teller und sah mit einem solch verzehrenden Interesse auf Helene, als sei sie eine völlig Fremde, die von fern einem geliebten Menschen glich, den er sich nicht mehr vorstellen konnte. Dann geschah es wohl, daß er unter dem lauten Ausruf: »Nein, es ist nicht möglich!« aufstand und hinausging, oder daß er emporsprang, sein Mädchen umschlang und leidenschaftlich auf Mund und Augen küßte, wobei er leise in einer Art beschwörender Inbrunst flüsterte: »Liebes, liebstes Lenlein! Mein Lenlein! Mein Lenlein! Mein!«, so, als glaube er an die Möglichkeit, durch sein Feuer sie wieder in die alte Welt zurückschmelzen zu können. Helene aber wurde durch dies merkwürdige Betragen ihres Vaters bedrückt, verscheucht und schließlich ängstlich, vermied es, mit ihm allein zu sein, oder lief davon, wenn sie ihn im Felde auf sich zukommen sah. Da fing denn der Sintlinger sein endloses Nachtwandern in der Stube wieder an, daß es die Heiligenhofbäuerin nicht mehr aushielt, denn es schmerzte sie so, als trete er mit schweren, eisenbeschlagenen Stiefeln auf ihrer wunden Brust herum. Deswegen, als sie ihn wieder einmal hinter Helene her aufs Feld schleichen sah, verließ sie wie von ungefähr den Hof auf der entgegengesetzten Seite und überraschte ihn, wie er auf dem Raine des gottverlassenen hintersten Feldes stand und – fast sah es so aus – mit einem Maulwurfhaufen erregt stritt. Dort trat sie auf ihn zu und verwies ihm mit liebevoller, aber ernster Art dies Treiben und Sinnen, durch das er sich gegen Gott, gegen seine nächsten Menschen und am meisten gegen sich selber versündige. Und wenn er sich nicht beherrsche, sondern fortfahre, das Sehendgewordensein des Lenleins dem armen Kinde als ein Unglück und dem Herrgott als einen Irrsinn vorzuwerfen, so könne es wirklich noch so weit kommen, wie die Leute jetzt schon von ihm behaupten, daß ihn seine alte Seele verlasse und er für immer in einen Wahntümpel gerate, aus dem es keine Rettung mehr gäbe. Und als sie das geredet hatte, war es mit ihrer Forschheit vorbei, sie umarmte und küßte ihn weinend, daß dem Bauer ihre heißen Tränen am Halse hinabliefen. Dabei flüsterte sie: »Mein Mann! Mein liebster, liebster Andreas!« Aber was nun folgte, Worte aus der tiefsten Not seines Herzens und eines von allen Seiten angefallenen Geistes, gingen an der einfachen Seele vorüber wie das Brausen eines erdfernen Sturmes, und je bitterer und schneidender der Heiligenbauer die Qual seiner Zerstörung zerfaserte, bald die ganze Welt, bald sich unterwühlte, je mehr Johanna seine Leidenschaftlichkeit sich dem Gemütstoben seiner längst überwundenen Trunk- und Tollzeit nähern sah, desto mehr schwand ihre innere Angst vor dem heillosen Zerbrechen des geliebten Mannes, und sie gewann die Sicherheit, daß es im Grunde nichts bei ihm sei als das Glück über die herrliche Wandlung im Geschick Helenens, das er sich vorderhand nicht zugeben könne, weil er früher immer behauptet hatte, sein Kind sei gar nicht blind und brauche darum auch nicht sehend zu werden. Als der Sintlinger darum ans Ende seiner langen Darlegung kam, war sie fast alle Sorge los, und ruhig hörte sie seine letzten Worte an, die lauteten: »So ist's Johanna. Du mußt mich verstehen. Solange das Lenlein blind war, sah ich, und zwar tiefer als tausend Menschen. Nun mein Kind das äußere Gesicht erlangt hat, bin ich im Geiste erblindet und verstehe mein früheres Verstehen nicht. Also, entweder war die Tatsache von Lenleins göttlichem Seelenauge eine Täuschung, dann war auch alle Weisheit eine Täuschung, die mein Sinnen in jener Gegend der Welt entdeckt hat. Alles Glück der Heiligenhofzeit war ein Wahn. Dein Vater, der Pfarrer und Meixner sind umsonst an mir gestorben, und alle Querhovener sind Kinder, die einem Irren nachgelaufen sind. Oder ich bin in die tiefste Nacht des Daseins geraten. O Gott, und mein liebes Lenlein ist mit ihrem Sehen der Blindheit der andern verfallen. Aber wie sollen wir aus einer Nacht finden, in der das Licht eine Dunkelheit ist?!! Weib, liebes Weib!« Er schlug mit beiden Armen abwehrend um sich, schüttelte verzweifelt den Kopf und ließ die Heiligenhofbäuerin stehen. Mit langen Schritten eilte er quer über das mit magerem Weißklee bestandene Feld, bog die kleinen Fichten des Waldrandes auseinander und verschwand im Grünen, ohne noch einmal zurückgesehen zu haben. Johanna schaute ihm mit schmerzvollem Mitleid nach und sagte hinter ihm her zu sich: »Ja, Lieber, schlimm hast du's schon. Das glaube ich gern. Aber, es wird sich alles geben, und dann ist's besser, als wäre alles nicht gewesen. Denn nach dem tollsten Wetter scheint die Sonne am hellsten.« Seufzend und immer wieder zurückschauend, ging sie wieder auf den Hof. Aber der Sintlinger, der so weit aus der Welt der Menschen hinausgewandert war, hatte sich wieder so tief in die Erdenwirrnis des Denkens verwickelt, daß er mit der einfachen Tapferkeit sich nicht mehr losreißen konnte, von der seine Frau gesonnen hatte. Es kam sogar so weit mit dem Heiligenbauer, daß er wieder anfing, in die Schenken zu gehen. Freilich verlor er nichts von seiner Würde. In der grausen Zerrüttung eines flüchtigen Königs trat er in die Gaststuben auf eine Weise, daß Wirt und Gäste erschraken, und bestellte einen großen Schnaps. Dann saß er versunken davor, die abgezehrten Hände lang auf den Oberschenkeln liegend, und rührte das Getränk nicht an. Niemand wagte ihn anzureden, und er selbst brachte kein Wort über die Lippen. Und wenn dann alles auf Zehen aus der Nähe des unheimlichen Mannes geschlichen und die Stube leer war, weil es selbst den Wirt nicht bei ihm litt, bemerkten jene, die durchs Fenster heimlich seinem Betragen zusahen, daß er immer wieder an dem Schnaps roch und dann mit großen, hungrigen Augen in dem Raume umherfunkelte, als hoffe er, es könne ihm gelingen, an dem Dufte seiner alten Rauschzeit sich mitten in den Tanz jener bunten Tolljahre zu stehlen. Er trank mit der Nase, wie das Volk sagte. Aber, was er ersehnte, gelang ihm wohl nie. – Nachdem er kürzere oder längere Zeit gesessen, legte er ein Markstück auf den Tisch und ging schweigend, fern, in sich verschollen, davon. Und einmal folgte ihm der Hemsterhuser Bäcker Hoffmann, der Heulbeter, eigentlich doch sein Widersacher, von fern, nachdem er durchs Fenster sein unbegreifliches Gebaren beobachtet hatte. Und wie er so eine Weile hinter dem einsamen Sintlinger dreingeht und genau auf alles an ihm achtet, um dann zu Hause recht schmälen zu können, geschieht es, daß der böswillige Mensch wider seinen Willen von einer Rührung, einer Bangigkeit überfallen wird, als geh' da vor ihm kein Teufelsverschworener, sondern ein ehrwürdigster, wirklich ein heiliger Mensch. Diese Woge von mitleidsvoller Ehrfurcht wuchs so schnell in ihm, daß er hinter dem Sintlinger herschrie: »Heiligenbauer! Sie, Heiligenbauer!«, zu laufen anfing und bald mit abgetriebenem Atem neben dem Mann stand. Aber als er dem Sintlinger in die unergründlich traurigen Augen sah, kam ihm aller Trost abhanden, von dem er hatte reden wollen, und er brachte nichts als ein verlegenes Stammeln heraus. Der Sintlinger aber berührte leicht mit der Hand seine Achsel und sagte ruhig, mit liebevollem Vorwurf in der Stimme: »Habe ich dich auch einen Esel genannt, Bäcker, einen Narren oder Schurken?« Der Betroffene war so bestürzt, daß er nur mit dem Kopfe schütteln konnte. »Nun also«, sprach der Sintlinger hart weiter, »laß mich meiner Wege gehen und beschimpfe auch mich nicht mehr.« Der alte Anton Brindeisener fügte sich merkwürdig leicht in das neue Verhältnis, in das die feindlichen Fremdhöfe durch die wunderwürdige Liebe der beiden jungen Menschen gekommen waren. Sein Peter war ihm auf einmal nicht mehr der mißratene Sohn, der Todestraum in seinem Herzen, sondern ein höllisch gescheiter, gelitterter Kerl, der im Handumdrehen fertig bekommen hatte, was den berühmtesten Doktoren nicht gelungen war, nämlich das Sintlingerlenlein sehend zu machen und dem verrückten Pack da drüben zu zeigen, daß ein Brindeisener eben doch mehr Grips habe als so ein Flausengacker von Sintlinger. Außerdem, er kannte doch die Brindeisenerart gründlich, jetzt war sein Peter im Zuge. Kein Jahr, und er hatte das Büchermeckern in den Stuben satt, schmiß den ganzen Kram über den Haufen, wurde Bauer und heiratete die Blinde, wie er das sehend gewordene Lenlein immer noch bei sich nannte. So wurde der Besitz der beiden Familien in einer Hand vereinigt. Der Name der Brindeisener fuhr aus allem Bauernwesen in den Glanz wirklicher, gutsherrlicher Macht, und die Sintlinger waren für immer geschwunden, verschluckt, gefressen. So oft der alte Brindeisener den Sintlinger auf dem anderen Hübet drüben erblickte, rief er in fröhlicher Herzlichkeit: »Guten Tag, Nachbar! Ein schöner Tag, was?« Zwölftes Kapitel Nachdem Johanna von dem neuen Wirbelwind, der ihren Andreas gepackt hatte, ein Stücklein mitgeführt worden war, faßte sie sich, früherer Schäden eingedenk, mit festem Griff und lenkte ganz in die Freude über das Glück ihres Mädchens zurück. Und das tat sie mit dem unzerbrechlichen Vorsatz, sich durch nichts und niemand mehr, Gott ausgenommen, davon abbringen zu lassen. Nicht mit Tasten und halben Gelenken kam Johanna von den Wochen zurück, da sie in Kummer dem Sorgenbohren ihres Mannes gefolgt war, nein, gleichsam mit einem Ruck sprang sie neben ihr neugeborenes Kind und erstaunte, welche Veränderungen indes mit Helene vor sich gegangen waren. Aus dem mondscheinzarten Elflein war, wenn auch noch keine handfeste Dirn, so doch ein Strünklein geworden, das im besten Saften stand. Sonst schwebte sie beim Gehen, als treibe es Laub über den Boden, jetzt federte sie mit stählern entschiedenen Schritten davon. Früher sogen die Hände das, was sie wünschten, sanft und zauberhaft in sich hinein, nun packten die Finger keck und unverweigerlich zu. Sonst erschütterte ihr leises Organ bis in die tiefste Seele, nun schallte nur die Luft von ihrer fröhlichen Stimme und einem Lachen, das kaum abriß. Ihre Augen erholten sich aus dem erfrorenen Weißblau der blicklosen Zeit zu lodernder Tiefe und jähen, fast räuberisch zupackenden Blicken. Ihre Hüften begannen zu wogen. Das zarte Oval ihres Engelgesichtes verschwand unter strotzend gesunden Wangen. Sie ging auf die Arbeit los wie ein Fleißiger, der jahrelang gelähmt gesessen, und auf die Lust und Freude wie ein Hungriger gegen einen gedeckten Tisch. Oft sprang sie mitten in der Arbeit auf, warf jubelnd die Arbeit gen Himmel und rief: »Kinder, Kinder! Ihr wißt ja gar nicht, wie schön die Welt ist.« Sie brauchte kaum etwas zu lernen. Während sie in der jenseitigen Welt ihrer blinden Augen verwunschen umhergesessen und durch nutzlos himmlisches Träumen gewandelt war, hatte sie sich alle Fertigkeiten angeeignet, so geheimnisvoll, wie ein Kind die Sprache der Erwachsenen kann, noch ehe es ein Wort zu sprechen imstande ist. Jeder Griff lag fertig in ihren Händen und wartete nur auf den Anruf. Was sie nur einmal mit dem Saum ihres Kleides gestreift hatte, gelang ihr, wie anderen nach jahrelanger Mühe. War sie früher ein wunderwürdiges Kind aus einer anderen Welt gewesen, jetzt machte sie die Werkelei des Tages zu einer Art Zauberspuk nicht bloß durch die rätselhafte Weise des Ursprunges in ihr, sondern viel mehr noch durch die Tatsache, daß ihr Fleiß und ihre Kräfte sie nicht aufbrauchte, sondern vermehrte, daß sie einer Wunderlampe glich, die das Öl durch das Verzehren erzeugt. Sie ähnelte darin ganz ihrem Vater in seiner jungen Tollzeit, da sich die Arbeitslust immer aus seinem Leibe gestürzt hatte wie ein ausgeruhter Sturm aus dem Gebirge, das ihn entläßt und nichts dadurch verliert. Auch erlebten manche Eigenschaften des Sintlingers in Helene eine verwandelte Neuaufstehung. Das Blau ihrer Augensterne vertiefte sich nicht nur, es überlief sich mit einem immer sanfteren Bronzeton, wie mit dem schattenhaften Widerklang aus ihres Vaters nachtschwarzen Augen. Die Jäheit fuhr aus ihr wie ein immer abgezogener Schuß, und ihre Sucht, ihr unersättlicher Lebenshunger fand in den Aufregungen der Arbeit keine Stillung, so daß er in alle Art geräuschvoller Lust überschäumte, unbekümmert um die Gebote vorsichtiger Schicklichkeit. Am liebsten, wenn Johanna sie nicht mit Gewalt gehindert hätte, wäre sie zur Musik jedes Leierkastens im Arm der Mägde über den Hof gefegt. So raste sie auf dem oberen Flur hin und her, bis alle ihre Partnerinnen ausgeblasen auf den Schwellen saßen. Zu jedem noch so entlegenen Gartenkonzert drängte sie, keine Feier, keinen festlichen Aufzug wollte sie versäumen. Wie über Nacht stand sie in tausend Flammen. Wie ein Meer war sie, das all seine Wellen im Stoß einer einzigen Fontäne in die Luft verschleudern will, wie eine Erde, die nichts kennt als den Rausch eines einzigen Frühlings. Und wurde ihr auch nur ein Lustplan entwunden, so verfiel sie in eine Klage, als habe sie eine unwiederbringliche Lebenskostbarkeit verloren. Dann setzte sie sich hin und schrieb mit ihrer in Tagen erlernten, ungeübten Schrift und einer Orthographie, die einzig den Geboten der Herzlichkeit gehorchte, an Peter Brindeisener bewegliche Trauerergüsse darüber, »taß sü tas Loben inn schaten förrprinken misse als Sei sü noch plinnt«, und beschwor ihn, doch ja über acht Tage zu ihr auf den Sintlingerhübel zu kommen »und nücht mer vorrt zu geen ün alle Oewikeit«. Einer dieser Briefe schloß: »Tönn tu bist meine Himmellfart, tu bist das öwige Welderrwahchen teiner Helene.« Selten wurde die Heiligenhofbäuerin von dem Schatten einer Furcht gestreift, sah sie Helene wie mit keuchender Brust auf das Leben losgehen. Meistens riß sie der grenzenlose Wirbel des erwachten Mädchens mit zu lauter Lust und Fröhlichkeit, oder ihr wurden gar die Augen vor Rührung naß bei dem Gedanken, wie sehr das liebe Kind in der langen Augennacht gepeinigt worden sein mußte, wenn sie jetzt einen solch besessenen Hunger ausstehen müsse. Der Heiligenbauer aber umschlang die Erhitzte angstvoll oder stand mit blassem, zuckendem Gesicht beiseite oder wich ihr geradezu aus, als sei dies dralle, laute Bauerndirnchen nicht sein jenseitsbelichtetes, erdenentrücktes Mädchen, sondern ihr platter, leerer Spuk. Doch kam er heim und fand sein Kind nicht gleich, so überkam ihn geradezu Schrecken. Er lief um den Hof, auf allen Rainen ins Feld hinaus und rief mit bebender, angstvoll ausgehender Stimme nach ihr. Allein, in diesem Feuerkochen des erwachten Welthungers verlor das Sintlingerlenlein niemals ganz die Verbindung mit dem schattenlosen Licht ihrer verklarten Heiligenzeit. Wenn sie sich an der neuen Süße der Erde atemlos selig geschwärmt hatte, geschah es immer, daß sie die Lider über die Augen fallen ließ, als müsse sie in die Mutterstube ihres alten, jenseitigen Traumschauens auf Augenblicke zurücksinken, nur weil in der lautlosen Seelenhelle das zu verstehen sei, was in der Sonnenglut sie entzückte. Von dort aus sah sie dann mit ihrem in der Tiefe noch unirdischen Gesicht wie durch bunte Scheiben auf dies Leben. * Während so das Sintlingerlenlein sich immer tiefer in ihr neues Dasein verstrickte, daß alle Wege, die sie sah, nur den Sinn hatten, festlich darauf zu wandern, alle Häuser nur Fenster besaßen, um bunte Tücher daraus schwenken zu können, einen Himmel über den Dächern, in ihn hinauf zu jubeln, und die Tage immer zu kurz gerieten, mit allem Scherzen und Lach ans Ende zu kommen, hing Peter Brindeisener derweil mit seinen tiefsten Träumen in den unwirklichen, verklärten Höhen, aus denen ihm das hübelheilige Mädchen wie ein himmlisches Wesen geschenkt worden war. Alles in sich fühlte er gesundet. Den Fleiß brauchte er nicht mehr mühsam dem Plunder von tausend nichtigen Zerstreuungen abzuringen, die Sammlung stammte nicht mehr von der Reue um vergeudete Zeit und Kraft, sein Stolz schmeckte nicht mehr nach der Eitelkeit des halb Gebrochenen. Die eiserne, kühle Zähigkeit seines jahrhundertalten Geschlechts hatte ihn rein von der Tiefe her ergriffen, so daß er unbeirrt treulich Tag um Tag sein Studium bestellte wie seine Ahnen ihren Acker, aber ohne deren Finsterlichkeit, ohne die lautlose Verbissenheit, denn sein Gemüt war genesen, in hellste Sonne gestellt, so, als sei es nicht einst von der Brutalität seines Vaters unheilbar zerschlagen worden. Mit seinen reichen Gaben war er der hervorragendste Hörer der Rechtsfakultät. Durch die Kühle angeborenen Scharfsinns, die Fülle seiner Erfahrungen und die Bekanntschaft mit den Listen einer oft gefährdeten Existenz fand er sich in den verwickeltsten Rechtskonflikten zurecht, als sei er nicht der halb verbummelte, angemooste, zweimal fahnenflüchtig gewordene stud. jur. im dritten Semester, sondern ein junger Gelehrter, wenn seinem Wesen auch das Rechtfinden näher lag als die Rechtsdarstellung. Es kam wohl vor, daß Peter Brindeisener von oder zur Vorlesung den eifrigen Schritt wie eine Fremdheit an seinem Körper fühlte und leise, aber doch beglückt über sich lächelte. Doch in den folgenden Arbeitsstunden war er ganz Hingabe, ohne den Anreiz eines Zieles notwendig zu haben. Die ernste Tätigkeit und der Sinn der Pflicht reichten schon hin, ihm eine freudevolle, reine Erhebung zu schenken, und einmal überraschte ihn das Verwundern, daß die Männerwelt als Ideal ihrer Erlösung und Verklärung nicht ein weibliches Wesen erfinde, weil doch alles, was ihre Größe ausmache, von den Frauen herstamme. Auf solche Weise kreiste er auch durch Arbeit um das Lenlein, das er sich gern aus frommer Scheu wie in den Himmel entfremdete, und es daher weit von sich wies, dies hauchzarte, duftige Gebilde mit aufdringlichen, herausgeputzten Schönheiten zu vergleichen, die ihm auf der Straße oder in der Gesellschaft begegneten. Wie ein Einsiedler das Bild der Gottesmutter, so trug Peter das Bild seiner heiligen Geliebten verschwiegen in sich und vermied es peinlich, irgendeinen Vertrauten sein Glück auch nur von ferne ahnen zu lassen. Und wenn es sich hin und wieder ereignete, daß die Umsitzenden bemerkten, daß dieser kühle, mächtige Mensch mitten im Kolleg, das Gesicht mit Blut Übergossen, mit verzückten Augen, wie verzaubert dasaß, so meinte wohl mancher, daß er der Nachtünche einer zu reichlichen Abendkneipe unterliege. Denn niemand ahnte, daß Brindeisener noch unter richtigen Schülerüberfällen seiner Liebe litt, daß er die Wangen Lenleins auf den seinen, ihre Lippen auf seinem Munde und ihren Atem als heiße Woge über sich hinstreichen fühlte. Darum war er auch ganz von der Qual befreit, die ihm früher sein Auge immer bereitet hatte, daß er jede Frau, jedes Mädchen nur als Genußmenschen ohne Kleider sah, womöglich in horizontaler Auflösung. Er hatte das sonst »die Unerschrockenheit und Durchschlagskraft seines Blickes« genannt und sich mancherlei darauf eingebildet. Nun war er in solch stetes Schwelgen hinaufgeschleudert worden, daß er sogar im Rhythmus und Ton des Geläutes jeder Glocke den Namen seiner Geliebten hörte. Er, der hundertmal Gefallene, benahm sich wie ein Anfänger der Liebe und ließ seine Leidenschaft ein Ideal in sich zurechtkochen, das dem Wesen eines Sechzehnjährigen angemessen gewesen wäre, nicht aber einem Manne entsprach, der so oft durch die Skepsis seines überscharfen Verstandes sein Leben und das Dasein der Menschen überhaupt in Atome zersetzt hatte. Darum konnte es auch nicht ausbleiben, daß schon nach kurzer Zeit aus einem ziemlich belanglosen Vorfall, wenn auch nicht eine rückläufige Bewegung, so doch eine Erschütterung seines erhobenen Zustandes eintreten mußte. An einem Sonntage unternahm er einen Ausflug in die Umgebung Münsters, ganz allein, ganz einsam, nur in Gesellschaft seines Traumbildes, das ihn nie verließ. So verlor er sich, die Roxeler Straße hin, am Koesfelder Kreuz vorbei, ins Feld. Beim Zurückkehren wandte er sich oft nach der durchstreiften Gegend um, sich die Orte einzuprägen, an denen er wieder allerlei wundersame Beglückungen durch sein verliebtes Herz empfangen hatte. Es ging schon tief auf den Abend zu, die Nebel begannen aus den Feldern der Ferne zu steigen und hingen im Licht der untergehenden Sonne als ein geröteter Flor vor der Gegend, so daß die Hügel des fernen Horizontes in wolkenhaften Rundungen in das stille Feuerglimmen des Äthers hineinzogen. Dort erblickte er nach einigem Verweilen die zierliche Elfengestalt Helenens, wie sie im Unräumlichen nicht einem Ziele zustrebte, sondern nur im Genuß ihres Daseins in seliger Nutzlosigkeit dahingetragen wurde und endlich in der Gegend zerging, in der nach seiner Meinung Hemsterhus liegen mußte. Diese glückhafte Erschütterung seines Innern war so heftig, daß er noch beim Eintritt in seine Stube wie durch die hohe Luft zu gehen vermeinte und einsah, Licht sei bei dieser Seelenverfassung nicht zu ertragen. Deswegen setzte er sich im finstern Zimmer still an den Tisch, und als ihn der fahle Wderschein der Straßenbeleuchtung im Fenster störte, kehrte er sich sogar ab und wandte das Gesicht der Wand zu. Als er eine Weile so zugebracht hatte, wiederholte sich wohl nicht die Erscheinung über den abendroten Feldern draußen, dafür aber fand er, wie alle Laute um ihn, das Fahren der elektrischen Bahn, das Gehen im Treppenhaus, menschliche Stimmen und Wagengerassel immer schwächer und schwächer klangen, so daß ihn bald eine vollkommene, unwirkliche Stille umgab. Und da er in dies weltabgründige Schweigen mit der gespanntesten Aufmerksamkeit eindrang, um doch noch einen Laut zu erhaschen, hörte er einen klaren, hellen, hohen Ton hinzittern, hauchleise, wie Mondlicht über Bäume streicht, und nach Sekunden denselben Ton in der gleichen Höhe, aber voller, eindringlicher. Peter Brindeisener horchte mit hingebendster Aufmerksamkeit, die Lippen ein wenig geöffnet, wie um den zauberhaften Laut einzuatmen. Und dann erklang ein zweiter, dritter, vierter, eine lange Reihe von Tönen, die leise wie der erste, aber so klar und ruhig vorüberstrichen, so, als habe jeder nur den Sinn seiner eigenen Schönheit und Klarheit, nicht den Sinn einer Melodie. Und dennoch war es ein Lied, was sich so selber sang, aber ein unaussprechliches Lied, wie es etwa die Bewegung eines Vogelzuges im blauen Himmel hervorbringt, oder der Schilf am Teich, wenn seine Schwingel in der Sonne beben. Der Lauschende wurde von den geheimnisvollen Tönen immer tiefer geführt, und mit jedem leisen Klange drang er einen schwindelnden Schritt weiter in eine abgründige Unbegreiflichkeit, von der er spürte, daß es nichts anderes als sein Dasein sei. Und die Töne selbst, das war der Gesang der Seele des Heiligenhoflenleins. Und allmählich, wie, verstand Brindeisener nicht, stiegen Bilder aus seinem vergangenen Leben auf. Er fuhr in seiner Greifswalder Zeit frühmorgens mit lärmenden Kommilitonen von einem ländlichen Fest nach Hause. Einer wollte mit der Hartnäckigkeit des Betrunkenen durchaus den Strand entlang fahren, und auf einmal leuchtete ihnen das Meer entgegen, still, vom Scheine der letzten Sterne glänzend. Dann ging er als Junge durch ein Frühlingsgewitter. Die lauen Tropfen rieselten an ihm nieder. In einer Eiche des Grenzweges rief ein Kuckuck, und sein Vater schimpfte fluchend vom Hübel auf ihn herunter ... Es waren ganz andere Dinge, die er sah, als hätten sie nicht das geringste gemein mit dem tiefbeseelten Getön, das er indessen immerfort hörte. Und doch war da eine heimliche unbegreifliche Übereinstimmung, so, als nähme er durch die Klänge, die für ihn aus Lenleins Seele stammten, den Sinn seiner ganzen Vergangenheit wahr, der sein Leben tief und auch seinen Himmel weit machte. Er fühlte sich dabei vom Rücken her von einem wundersamen Licht bestrahlt, nur wagte er es nicht, sich umzudrehen, um seinen Wachtraum nicht zu zerreißen. Und während Peter Brindeisener so in verwunschener Verzücktheit in der stockschwarzen Stube saß, kam ein guter Freund von ihm die Treppe herauf, fragte bei der Zimmerwirtin nach, ob der Student zu Hause sei, klopfte leise an und trat lautlos ins Zimmer. Er sah die Silhouette des regungslos Dasitzenden gegen das Fenster abgezeichnet, knipste endlich das Licht auf und brach in ein wahres Indianergeheul aus. Brindeisener fuhr verdutzt herum, der Besuch aber, ein strunkiger, lustiger Kerl, schaute sich überall um, ob er nicht etwas Verstecktes bemerke, was ihm den Sinn dieses »blöden Daseins« klarmache, und entdeckte auf dem Tisch einen Brief, der in Brindeiseners Abwesenheit angekommen war. Es war das erste Schreiben Helenens. Ehe ihn Peter noch an sich nehmen konnte, hatte ihn der Student ergriffen, sah, daß es eine weibliche Hand sei, und tanzte, die ungelenke Schrift und die schauderhafte Orthographie mit Geschrei entziffernd, unter tollem Hohngelächter vor dem verfolgenden Brindeisener her um den Tisch und spürte nicht die zunehmende Reizbarkeit des Verliebten. Mit einem Augenblicke brach über Brindeisener eine unbeherrschbare Wildheit. Er packte ihn, als wolle er ihn erdrosseln, entriß ihm den Brief und warf den sprachlos Erschrockenen aus dem Zimmer, alles kochend, stumm, an allen Gliedern bebend, wie ein großes Raubtier in Wut. Nach diesem Vorfall wechselte Peter Brindeisener die Wohnung und zog sich, wie auf einen gewaltsamen Stoß hin, von dem Verkehr mit der Studentenschaft ganz zurück. Er mietete im Gewirr der kleinen Gäßchen um den Romburger Hof in einem unscheinbaren Haus ein Zimmer, dessen Fenster auf einen verschollenen Hof hinausgingen. Dort, in der Nähe des kleinen Hotels, in dem Helene als Kind eine Nacht geschlafen hatte, führte er die letzten vier Wochen vor der großen Vakanz ein fast einsiedlerisches Leben, in einen Studienfleiß hineingekeilt, der fast erbitterte Formen annahm, so, als gelte es, durch diese stete,, mörderische Hochspannung etwas innerlich gewaltsam über der Erde zu halten. Im Dämmern aber, zur Zeit des Abendgeläutes, sahen die erstaunten Wirtsleute den hünenhaften, verschlossenen Studenten aus dem Fenster lehnen und so tief ergriffen dem Ton der Glocken lauschen, als bete er. In der letzten Woche vor Beginn der großen Ferien hatte Peter Brindeisener noch eine ziemlich umfangreiche Arbeit über das Anerbenrecht abzuliefern. Es juckte ihn manchmal schon so stark aus der Kandare seines Fleißes heraus, daß er fürchtete, jene wilde, jedem Zwang widerstrebende genialische Ungebärdigkeit seines Geistes beginne wieder von der Tiefe seines Wesens heraufzubrechen, die ihm schon so viele ehrlichste Versuche zu einem zweckhaft gebändigten Leben zerstört hatte. Und er schnürte die Bänder seines Willens noch fester und gönnte sich nicht die kleinste Bierpause. Er saß tapfer und unentwegt bis zum letzten Punkt, daß es nach seiner Meinung seine gelungenste Arbeit überhaupt geworden sein mußte. Allein, als er, um einen Gesamtüberblick zu gewinnen, die ganze Arbeit noch einmal durchging, erhielt er geradezu einen Schlag. Schon gegen das Ende hin, am Schluß einer verwickelten, aber haarscharf geführten Konklusion hatte er, und zwar so geschrieben, als bilde es das notwendige Scheitelstück des logischen Bogens: »Überhaupt spürt kein Ertrinkender die Wasser, die ihn bedecken, und so fühlst du nicht mehr den Tod, den du stirbst. Nur durch Mitleid, Barmherzigkeit, Furcht, Angst und Schrecken beim Tod anderer bist du nutzlos und in Qual schon tausendmal während deines Lebens gestorben. Ihr Toren! Was fürchtet ihr euch vor dem Tode? Jedes Ausatmen ist ein Sterben.« Weiterhin stimmte alles wieder. Entsetzt legte Brindeisener den Bogen weg. Wie, griff das Zerreißen seiner Geschlossenheit schon wieder herein? Umsonst unterzog er sich einer schärfsten Inquisition, um die Flugkombination zu entdecken, von der diese Worte sich eingeschmuggelt hatten, die, an sich nicht dumm, inmitten einer Rechtsarbeit aber heller Wahnsinn, eine Störung, nein, einen richtigen geistigen Klaps bedeuteten. Brindeisener steigerte sich, den beschämendsten, niederschmetterndsten Ausdruck dafür zu finden, sprang auf und lief wie besessen einige Stunden ziellos in der Stadt umher, bis er sich so weit beruhigt hatte, den Vorfall für ein »Intermittieren der logischen Funktion« infolge von Überarbeitung zu halten. Irgend etwas Geheimes gab sich zwar damit nicht zufrieden, aber Brindeisener beschloß den Fall so anzusehen, schrieb den Passus mit Auslassung der Entgleisung neu, und als alles beendet war, fiel ihm ein, daß er diese Frage wie ein förmliches Gerichtsverfahren gegen sich zum Austrag gebracht habe, und er geriet darüber in fast ausgelassene Fröhlichkeit. In gehobener Stimmung ging ihm das Semester herum, und fröhlich fuhr er der Heimat zu, sich im stillen der Überraschung freuend, die Helenen sein unvermutetes Auftauchen bereiten mußte, denn er hatte den Tag seiner Ankunft im ungewissen gelassen. Er wollte im tiefen Abend vor das Hoftor treten und das »Ständchen« von Strachwitz in der Mendelssohnschen Komposition durch das Dunkel über den Grenzweg hinüber in die Lindenkronen an ihr Fenster singen, jenes romantisch leidenschaftliche Lied, das mit den Worten beginnt: »Wie gerne dir zu Füßen säng' ich mein tiefstes Lied.« Er summte die Melodie auf der ganzen Fahrt und wurde dadurch nur um so hungriger auf lautes, berauschendes Singen, so daß er während des Umsteigens in Haltern beim Anblick eines hübschen jungen Mädchens sich nicht mehr beherrschen konnte, sondern laut losjubelte: »Im Ta–a–kte wo–o–gt dein schönes Ha–upt, dein Herz hört leise zu.« Den Leuten riß es die Köpfe nach dem mächtigen Menschen hin, der, über alle hinschmetternd, sang, daß die hölzerne Halle schwirrte, und dabei in tanzenden Schritten ausgriff. Einige hielten ihn für etwas »meschugge«, andere für schoppentoll, die meisten freuten sich des hünenhaften blonden Schwärmers. In Bocholt beim Aussteigen kam seine glückvolle Erhobenheit freilich in Gefahr, wie eine Schaumgeburt umgeworfen zu werden. Denn da traf er seinen Bruder Jakob mit dem Fuhrwerk, der gekommen war, ihn und seine Sachen abzuholen. Der Vierzigjährige hockte wie ein zermergelter alter Mann auf dem Bock des Halbgedeckten und kehrte ihm sein verdumpftes, rot überstoppeltes Gesicht zu, als er mit dem Koffer an den Wagen trat. Aus dem gebrummelten Willkommensgruß und dem verlegenen Lächeln erkannte Peter, daß er schon wieder etwas angetrunken war. Gott, und wie sahen Wagen, Pferd und Geschirr aus! Das Geviert verdreckt, aus dem zerrissenen Sitz quoll da und dort das Seegras der Polsterung, das Rößlein mager und ungestriegelt wie ein langhaariger Hofhund, statt der Zugblätter Stricke, das Geschirr da und dort zusammengeknüpft. Der Student dankte dem Himmel, daß es schon dunkelte, denn so, wie die Fahrt langsam ging, konnten sie bei Nacht unerkannt durch Hemsterhus kommen. Auf einen lauten Zuruf fuhr Jakob aus dem Dösen hervor, schrie das Pferd an, hieb ihm die Peitsche den Rücken entlang, und dann zuckelte und klirrte die Klunkerfuhre davon, dem Walde zu, der vermummt und schwarz hinter den ebenen Feldern stand. Peter lehnte sich mit geschlossenen Augen auf den Sitz zurück, als könne er damit den düsteren Bildern von dem Niedergang seiner Familie entfliehen, und nahm alle Gewalt zusammen, diesen aussichtslosen, bitteren Gefühlen nicht zu erliegen. »Indes das goldene Abendrot durchs Bogenfenster sieht«, summte er aus dem Liede, das ihn eben so begeistert hatte, vor sich hin. Aber die berauschenden Worte hatten keine Kraft mehr, und wenn er die Augen öffnete, sah er die Kiefern des Waldes rechts und links wie ein endloses Trauergeleit im Nebel vorüberrucken. So ging es drei Viertelstunden lang. Der Wald mußte bald zu Ende sein. Da hielt Jakob an, kletterte umständlich und unsicher vom Wagen, tappte umher und schlug nach zwecklosem Suchen am Vorderrade des Wagens das Wasser ab. Dann lachte er lustig auf, trat an seinen Bruder, rüttelte ihn am Arme und fing an, über sein Elend, das Leben auf dem Hofe, vor allem über den alten Brindeisener, den Vater, zu klagen. Er redete knurrend, verbissen und mit höhnischem Spott, brach ab, ging um das Pferd herum an seinen Platz, als wolle er aufsteigen und davonfahren, kehrte aber jedesmal zurück und fing von neuem an. Peter sah, er war in einer Verfassung, daß ihn jedes schroffe Wort wild machen mußte. Deshalb lachte er auch gezwungen zwischen die Brocken seiner endlosen Litanei, um ihn bei guter Stimmung zu erhalten, und erinnerte ihn daneben launig, doch schonend, hin und wieder, an die Weiterfahrt zu denken. Doch erreichte er dadurch nur das eine, daß Jakob erst recht aufgekratzt wurde und nun gar anfing, über den Sintlingerhof, den Heiligenbauer und das Lenlein kunterbunt und kraus durcheinanderzuschwatzen: daß Peter ein Glück gemacht habe, ihr die Augen zu öffnen, denn Geld habe es auf dem Sintlingerhofe wie Mist, und die Blinde, seit sie sehe, sei gar nicht mehr wiederzuerkennen, lustig, dick, gesund, lache zum Bekugeln, tanze zu jedem Leierkasten, kurz, ein Mädel, der es niemand mehr glaubt, daß sie einst eine Heilige gewesen sei und die Leute behext habe. Freilich, den Sintlinger reite der pure stille Wahnsinn. Aber sie, die Bäuerin, sei eine Prachtfrau, wie sie lm Buche stehe. »Und jetzt, mein lieber Peter«, sagte er endlich, »denk' ich, machen wir Schluß. Nich? Jetzte, weißte was? Jetzte fahren wir geradezu in die Hemsterschenke. Da wirst du mir een ordentlichen schmeißen, zum Danke dafür, daß ich dir den Star so gestochen habe. Denn wir müssen doch Wiedersehen feiern. Ja. Pst! Und da sollst du sehen, wer noch da ist. Du, ich sage dir. Verflucht! Die Schenkin ist doch gestorben. Da ist das Meixner-Mathinklein da und führt die Wirtschaft ... führt die Wirtschaft ...« Er brach in ein solches Spottgelächter aus, daß er nicht mehr weitersprechen konnte. »Gut«, sagte Peter trocken, »einverstanden. Also los! Aber das letzte Stück fahr' ich. Du setzt dich hinten hin und spielst den Herrn.« Lachend und beglückt seinen Bruder auf die Achsel schlagend, willigte Jakob ein, und während der Platzwechsel vollzogen wurde, schwatzte er fortwährend weiter, was für einen Busen die Mathinka habe, wie sie auftrete, daß die Männer rein verrückt auf sie seien, die Schenke wegen ihrer nimmer leer werde, nicht etwa von Bauern, sondern von seinen Stadtleuten, sogar der Landrat ... Da fuhr Peter mit einem leidenschaftlichen Ruck ab. Dem Jakob riß es das Wort aus dem Munde. Er lehnte sich zurück und war nach einigen Minuten eingeschlafen. Als er aufwachte, kutschierte Peter gerade den Hügel zum Brindeisenerhofe hinauf. Jakob brüllte: »Halt!«, und weil das nichts half, sprang er aus dem Wagen und lief nach Hemsterhus zurück. Peter aber wurde von seinem Vater bis tief in die Nacht festgehalten. Im Schein der schirmlosen Lampe mit dem funzenroten Licht saß er dem Uralten gegenüber, der sich in den Kopf gesetzt hatte, seinem Sohne alles zu eröffnen, was ihn seit langem drückte und was er vor Wochen gesonnen hatte. Und so redete er, ohne Peter einmal anzusehen, monoton, verdrossen, wie es eben seine Art war, das Haupt gegen die Tischplatte geneigt, als brummte er sich mutterseelenallein vor dem Einnicken allen Unmut seines freudlosen Daseins vor. Und als er so wie im Halbschlummer hoher Greisenhaftigkeit ein langes und breites geredet hatte, richtete er sich ächzend auf, strich die Lampe über den Tisch von sich weg und schnob unter Pein, daß Peter glaubte, sein Vater erliege einem Zufall. Aber da er aufblickte, sah er in ein von Verzweiflung entstelltes Gesicht, fahl, und die halberloschenen Augen glimmten vor Entsetzen. Darum packte er seinen Arm und rüttelte ihn angstvoll. Der Alte schob ihn mit der Hand von sich und lächelte höhnisch. »Du mußt wissen, Peter«, sprach er dann leise und sah sich vorsichtig in der Stube um, »mußt wissen. Ja. Hm. Wie lange dauert denn noch dein Gestudiere, bis du fertig bist und kein Geld mehr brauchst?« »Zwei Jahre, denk' ich, das heißt ...« antwortete Peter. »Zwei Jahre? Hm. Ja. Haha! Es macht nämlich alle mit uns, verstehst du. Es frißt uns. Randikal. Es ist alle. Ich kann nich mehr.« Das stieß er gequält heraus, polterte sich erschreckt auf und trat in die Stube, vom Tisch weg, ins Dunkel. Dort blies er noch einigemal den Atem geräuschvoll gegen die Dielen, wie von einer übergroßen Anstrengung sich ausschnaufend. Dann sagte er leise, ohne seinen Sohn anzusehen: »Da wär' halt das die einzige Rettung, daß du – e – e – die Bücher beiseitestellst, ein halbes Jahr auf Großbauer studierst, die Sintlingersche heiratst und beide Güter zusammenschmeißt. Da wär' uns allen geholfen.« Dann schielte er hinüber, was es auf Peter für einen Eindruck mache. Der hatte den Kopf in die Hand gestützt, stierte auf die Tischplatte und konnte sich nicht rühren. Der alte Brindeisener wartete noch eine Weile. Als aber Peter noch immer nicht antwortete, deutete er das als stumme Widersetzlichkeit, schlug sich mit der Rechten auf den Oberschenkel und sagte dann, spöttisch lächelnd: »Haha! Das is so meine Meinung. Mach jetzt, was du willst.« Darauf verließ er das Zimmer und tappte sich in die Schlafstube. Nach langem schrak Peter auf, als erwache er aus wüstem Schlaf, sah sich verstört um, ob noch jemand im Zimmer sei, löschte die Lampe aus und ging langsam und leise vor den Hof, auf die Stelle, von wo er hatte das Lied zu Helene hinübersingen wollen. Der Sintlingerhof lag lautlos und friedlich im Dunkel der nahen Mitternacht. Der Himmel war dunstig. Nur ein einziger Stern schimmerte manchmal durch. Wie es Peter schien, gerade über den großen Linden vor Helenens Fenstern. Da übermannte ihn eine solch schmerzhafte Liebesgewalt, daß er glaubte, nun doch laut hinaussingen zu können. Aber es gelang ihm nur, zaghaft zu flüstern: »Wie gerne dir zu Füßen säng' ich mein tiefstes Lied.« Der Gesang selbst lag in seiner Brust wie ein toter Knäuel. Er ging in sein Zimmer hinauf, legte sich zu Bett und sah starr über sich in die Nacht. Da fühlte er, daß ihm die Tränen lautlos die Wangen herabliefen. Er biß die Zähne aufeinander, um sich dagegen fest zu machen. In diesem Abwehren der Schwäche schob sich wider Willen der Gedanke in sein Bewußtsein, daß, wenn das Meixner-Kathinklein so wiedergekommen sei, wie sein Bruder gesagt hatte, das Mädchen in Breslau dazumal doch vielleicht keine andere als sie selbst gewesen sei. Er wehrte sich gegen diesen absurden Einfall. Allein, er kehrte noch einigemal in veränderten Bildern wieder. Während all dieses weinte es still und unaufhaltsam aus ihm weiter. Dreizehntes Kapitel Wenn die Menschen die geheimnisvolle Art kennten, durch die ihr Leben von innen her den Gesetzen des Weltalls gehorchen muß, genau wie ein Baum, das Wasser oder ein Tier, und daß sie auf genau dieselbe Weise mit dem Dasein anderer Menschen verflochten sind, so würden sie es nicht mehr als so aberwillig ansehen, daß die wahren, entscheidenden Ereignisse nicht jene äußeren, geräuschvollen Vorgänge des irdischen Schicksals, jene in die Sinne fallenden Siege und Niederlagen mit Jubel und Tränen sind, sondern Bewegungen unseres Innern, geräuschlos wie der Flug von Licht und Schatten und unerbittlich wie die Affinität und Gravitation, daß ein Schicksal längst entschieden ist, wenn es in die Erscheinung tritt, so wie Blüte und Fäulnis sich erst infolge der Reife und des Zerfalles zeigen können und wie kein Echo ohne vorhergehenden Laut entstehen kann. Aber, da die Menschen die Formen ihrer sinnlichen Wahrnehmungen für das Wesen der erfahrenen Tatsachen halten, daher rührt aller Schmerz, alle Enttäuschung, alle Verzweiflung auf Erden. Denn wenn die Glocke des äußeren Schicksals klingt, wissen die meisten Menschen schon nicht mehr, daß und wann sie geläutet hat. Als Peter Brindeisener am anderen Morgen aufstand, war eine Veränderung mit ihm vorgegangen, die er nicht begriff. Er fühlte sich am Körper wie zerschlagen, so, als sei er im Schlaf bis zum letzten Tröpfchen Kraft durch Abgründe gewandert, und auch sein Gemüt war wohl nicht finster, aber vollkommen leer und kraftlos. Er schob nach einigen Bissen das Frühstück von sich und ging über den verlotterten Hof, durch die verwahrlosten Felderbreiten in den Fürstlich Arenbergschen Forst an die Stelle des Hornwassergrundes, wohin ihn als Knabe die Furcht vor dem Tode seiner Schwester Amalie einst getrieben hatte. Dort warf er sich der Länge nach in das weiche Waldgras und starrte auf das kleine Bächlein, das seine Wellen lautlos, wie flüssiges Glas, über die Steine trieb. Und er hatte nicht lange gelegen, so kam im Anschauen des geräuschlosen Vorüberquellens des kleinen Wasserlaufes ganz deutlich die Erinnerung, daß ihn damals beim Anblick der Kreise, die nach dem Versinken hineingeworfener Steine über den stillen Spiegel gezogen waren, das Wissen um den Tod als ein Würgen in der Brust so schreckhaft angefallen hatte. Die Erinnerung daran war so deutlich, daß er in seinem Halse denselben Knoten des unterdrückten Schluchzens fühlte wie damals. Und indem er sich über dieses Spiel seines Innern verwunderte, sprach er, als sei es eine Erklärung dieser Vorgänge, über die er keine Macht besaß, die Worte, die sich zwischen seine letzte juristische Arbeit geschoben hatten: »Überhaupt spürt kein Ertrinkender die Wasser, die ihn bedecken, und so fühlst du auch nicht den Tod, den du stirbst.« In Furcht stand er auf, lehnte sich an einen Baum und dachte daran, daß er gestern abend gegen seinen Willen unaufhaltsam hatte weinen müssen. Zugleich fiel ihm das Gespräch mit seinem Vater ein, der nahe Niederbruch ihrer Existenz, die Verkommenheit seines Bruders und der Rat seines Vaters, durch die Heirat des Lenleins alle von der Zerstörung zu erretten. Und nun erkannte er den Grund seiner unterirdischen Trauer. Wie betäubt starrte er auf diese Dunkelheit. Endlich erwachte er aus dem Versinken, sah hilfesuchend durch die Kronen der Waldbäume auf den Himmel und blickte gramvoll, als er sich lange in das blaue Fleckchen Äther vertieft hatte. »Natürlich«, sagte er dumpf, »ist damit alles endgültig zerschlagen. Alles. Alles. Alles.« Er setzte sich langsam in Bewegung, und während ihn wieder das Weinen im Halse würgte, summte er leise: »Wie gerne dir zu Füßen säng' ich mein tiefstes Lied.« Dabei rannen ihm kalte Schauer über den Körper, daß er das verzweifelte Singen abbrechen mußte. Ohne zu wissen, wohin er wandere, war er aus dem Hornwassergrund heraus über einen Hügel hinaufgekommen und gelangte auf einen Waldweg, von dem er wußte, daß er zum Hofe zurückführe und kurz vor dem Ende des Waldes in die neuerbaute Chaussee münde. Auf dem ging er zurück und stand bald unter den letzten Bäumen, unter sich den Sintlingerhof und das Gut seines Vaters. Die Felder des Heiligenbauers lagen im Lichte der hohen Vormittagssonne. Ein leichter Wind trieb die erntenahen Ährenbreiten in fruchtschweren Wogen auf und nieder. Die Raine lagen wie grüne Bretter dazwischen. Es war ein friedevoller, tüchtig besorgter, liebevoll gehegter Wohlstand, und der Sintlingerhof mit dem altersbraunen Holz seiner massigen Scheunenbreite, der langen Stallreihe und dem überragenden Wohnhaus stand stolz und sicher auf seiner Hügelkuppe, und das Flimmern des vollen Lichtes witterte einen himmlischen Schimmer um seine schweren, hohen Schobendächer. Auf die Felder seines Vaters wagte er kaum zu sehen, denn die segnende Sonne, die dort den Reichtum zu voller Entwicklung gebracht hatte, war hier wie sengender Ungezieferfraß durch die Furchen gegangen, daß die Früchte mager, ausgezehrt, wie von einer Krankheit befallen, der Ernte entgegensiechten. Auf einer Waldwiese mähte sein Bruder Gras, und eine Kleinmagd rechte das karge Bärtlein Grünfutter zusammen. Und da er mit einem Blick all die Verwahrlosung um den Hof seines Vaters, diesen riesigen, zusammenfallenden, braunen Bovist, umspannte, kam ihm das bittere Wissen, daß sein jahrelanges, ungezügeltes Genußleben mit schuld war an diesem unrettbaren Verfall. Allein, wenn er den törichten Gedanken seines Vaters nachgab und seine himmlische Liebe zu Helene wirklich zur Ehe mit ihr mißbrauchte, so, das fühlte er, hob er seine verfallenden Angehörigen nicht aus dem Strom ihres Versinkens, sondern zog sich und das wundersame Mädchen mit in das grämliche Verkommen. Gerade, als er dies sann, hörte er von der Waldwiese her einen gellen, lachenden Schrei und sah, wie sein Bruder, der wohl noch halb trunken von der durchzechten Nacht war, die Sense wegwarf und auf die Magd zusprang, die die Bürde Gras aus den Armen fallen ließ und in den Wald flüchtete, Jakob in gierigen Sätzen hinterher. Obwohl er wußte, daß es keinen Sinn hatte, weil die Entfernung zu groß war, schrie er ihm entrüstet eine Verwünschung zu und lauschte dann mit angehaltenem Atem in die Stille des Sonnenfriedens. Kein Laut war zu vernehmen, und nach einer Weile sah er die Magd an einer anderen Stelle aus dem Walde hervorstürzen und in eiligem Lauf dem Brindeisenerhofe zustreben. Wenn noch ein Fünkchen Hoffnung geglimmt hatte, sich und seine Liebe in das sonnige Leuchten seiner Seele zu retten, durch diesen Vorgang war alles in ihm ausgelöscht. Er setzte sich, wo er stand, unter den Baum und verfiel in Brüten, was nun zu geschehen habe, ob er gleich hinunter in den Hof seiner Eltern ging und, ohne Helene gesehen zu haben, davonfuhr, oder ob er sich noch ein letztes traumhaft schönes Zusammensein mit ihr gönne, um über dem schweren, harten Leben, das jetzt für ihn anhob, für immer einen seligen Schimmer zu besitzen, an dem er sich aufrichten konnte. Die Sonne stieg höher und höher, die Mittagsglocken der Dörfer rundum summten schläfrig in die Schwüle, von dem Hemsterhuser Turm schlug es eins: Peter Brindeisener saß und sann und konnte zu keiner Entscheidung in sich kommen. Da, als er wieder einmal an einen Entschluß herangewirbelt war und das Gesicht zu einem blinzelnd visierenden Blick über das Hügelgewoge unter sich hob, sah er Helene armverschlungen mit ihrer Mutter, wohl nach dem mittäglichen Mahle, zu einem kurzen Gang ins Feld aus dem Hofe treten. Sie hatte ein geblümtes Hauskleidchen an, eine grüne Zierschürze vorgebunden und trug um den Hals einen breiten, weißen Kragen. Ihr blondes Haar blühte wie eine weißgoldene Krone um ihren Kopf. Dann und wann löste sie im säumigen Wandeln den Arm aus dem ihrer Mutter und bückte sich nach einer Blume am Wegrande, die sie betrachtend der Sintlingerin zeigte. An dem Feldbirnbaum unterhalb der Hohen Kippe hörte er sie laut lachen und sah, wie sie ihre Mutter zu umfassen strebte. Da die Bäuerin sich aber fröhlich wehrte, begann sie, die Arme auseinander geworfen, unter jubelndem Singen allein den Weg hinunterzutanzen, daß die Röcke flogen, bis sie mit einem hohen Jauchzer der glückvollen Erschöpfung sich fast fallend in das Gras des Abhanges setzte. Peter Brindeisener verschlang das Bild jugendlicher Lebensberauschtheit mit durstigen Augen. Sein Trübsinn schwand, wie von einer glühenden Stichflamme hinweggeschmolzen. Als die beiden in den Hof zurückgekehrt waren, saß er noch immer mit hämmernden Pulsen, und die ganze Welt hing ihm als ein flimmernder Schleier vor den Augen. Endlich raffte er sich auf und sprang unter einem höhnisch übermütigen Lachen auf die Beine. Diese Ferienwochen sollten ihm als einem Seligen am Arm seines Engels vorübergehen. Dann mochte kommen, was kommen mußte. Gott sei Dank hieß er noch immer Peter Brindeisener und nicht Peter Kadaver. Den Hut in die Luft schwenkend, sang er trotzig »heute ist heut« und schritt strack aufgerichtet die neue Straße hügelab dem Hofe seines Vaters zu. Und so brachen Liebeswochen für die Kinder der beiden Fremdhöfe an, die ganz der Ernte jenes Jahres glichen, in die sie fielen. Ein Rausch der Fülle bei Glut und hoher Sonne, Tage voll flimmernden Lichtes und Nächte traumhaft blauer Sternenentrücktheit. Am Tage schaffte jedes, Peter sowie das Lenlein, mit auf dem Felde bei der Erntearbeit, der Student emsig und hingegeben, als liege ihm wirklich daran, nach dem Rat seines Vaters die ersten Schritte von den Büchern ins Bauernwesen hineinzutun, das Lenlein voll Glück und Heiterkeit, als sei das alles keine Arbeit, sondern nur ein Spiel, das ihr Gelegenheit bot, vom Felde ihrem Geliebten über den Grenzweg zuzusingen oder vom hohen Erntefuder herab mit dem bunten Kopftuch wie einer Freudenfahne zu winken oder Augenblicke nur stillzusitzen und ihn drüben im Sonnenflimmern am Walde wie ein traumhaftes, unwirkliches Wesen hin und wieder zu sehen. An den Abenden saßen sie dann scherzend und lachend entweder beieinander auf dem Torbänklein unter der Linde oder in der Laube oder gingen das kurze Weglein des Blumengartens hin und wider oder verloren sich ins Feld hinaus bis an den Wald, wo sie wohl standen und auf die tief verdunkelte Baummauer sahen, hinter der ein Glück unversehens über sie gekommen war, das so lange vorher begonnen hatte. Aber, wo sie auch saßen, kauerte irgendwo der Sintlinger, regungslos wie ein Stein, heimlich wie ein Schatten, abgewandt und achtlos; wo sie gingen, erblickten sie ihn auf fernem Rain in tiefem Brüten zweck- und ziellos hinschreiten, mit keinem Ruf heranzuholen, durch nichts aus seiner Verschollenheit zu locken. Und wenn es vorkam, daß Peter Brindeisener in der Stube des Sintlingerhauses beim Licht der Lampe am Tisch saß, so verharrte der wunderlich gewordene Heiligenbauer auch da in abseitiger Versunkenheit, fast ohne ein Wort zu sprechen. Nur wenn Peter diese und jene Schnurre aus seiner Studienfahrt so lustig und blühend erzählte, daß Johannas volle Brust in glücklichem Lachen nur so schütterte und das Lenlein mit verzehrendem Augengeleucht zuhörte oder mit zugefallenen Lidern sich in ihre frühere Welt zurücksinken ließ, quoll dann und wann ein so unbändiger Strom gramvoller Dunkelheit aus seinen tiefen Augen, daß alle betreten wurden, weil niemand wußte, was in dem geheimnisvollen Manne vorging. Das Lenlein allein faßte sich aus diesen vorüberstreichenden Bedrückungen immer am ersten und immer auf dieselbe Weise. Sie sprang auf und verfiel in kindliches, überstürztes Lachen, hüpfte trällernd durch die Stube und spaßte sich in übermütiger Fröhlichkeit zur Tür hinaus vor den Hof; und einmal, als sie bis an den Rand des Abhanges gekommen war, wo sie standen und in die laue Nacht hinausschauten, ließ sich Helene unversehens zu Boden fallen und rollte in ausbrechender Tollheit zum Schrecken Peters über den Hofhügel hinunter. Wie von unerfindlich albischen Strudeln erfaßt, verschwand sie unter singendem Prusten im Dunkel zu seinen Füßen, und als er ihr bestürzt nachsprang, kam sie ihm auf halber Höhe schon wieder entgegen, lief wie blind an ihm vorbei, kehrte sich aber nach zwei Schritten um, warf sich von oben her an seine Brust und verschwand jagend und unter seligem Gelächter in den Hof, wie von der Nacht davongeführt. Aber wie die Tage gingen, die Felder sich leerten, die Glut in der stillen Luft knisterte und die Nächte noch Hitze brauten, fiel dies Lodern öfter und öfter über Helene. Und Peter Brindeisener gab sich willig dem Rausch hin, von dem sie erfüllt war. Sie streiften oft den ganzen Tag durch die Wälder, denn Johanna, die Sintlingerbäuerin, hatte jede Sorge um ihr Töchterchen an der Seite des Studenten verloren, daß sie nie dachte, sich oder eine andere Person den beiden als Sittenwächter aufzudrängen, wohl aus dem Instinkt heraus, daß das Lenlein in der heiligen Kindhaftigkeit ihres Wesens beschützt genug sei. So konnten die beiden nach Herzenslust tanzen bis tief in die Nacht, wo immer in der Umgegend sich eine würdige Gelegenheit bot. Am zweiten Sonntag der Ferien fuhren sie zu einem Gartenkonzert, das eine Militärkapelle in der Waldmühle gab, und schwelgten während des sich anschließenden Kränzchens bis nahe an die Mitternacht durch den großen, hell erleuchteten Saal. In der dritten Woche vergnügten sie sich auf dem Rochusfest in Dingden. Sie besuchten die Kreisstadt und fuhren zu Schiff ein Stück auf dem Rhein. Und Helene, die all das zum erstenmal sah, erlebte und genoß, kam aus dem Entzücken und hohen Glück gar nicht heraus. Bald war sie ganz ein züngelndes weißes Feuer, voll unbändiger Lust, bald spielte sie sorglos bunt und kraus wie ein Vögelchen um Peter, und dann wieder kamen stille Stunden über sie, als wandle sie noch im Licht ihrer jenseitigen Augen, und Brindeisener zitterte in einer Liebe, die ihm wie Verzweiflung weh tat. Dann ereignete es sich, daß er wohl mitten im Lachen und im Spiel der Fröhlichkeit von einem dunklen Geiste befallen wurde. Besonders, wenn sie von einem Lustgange oder einer Ausfahrt zurückkehrten, vor dem Abschiede, verwandelte sich sein Wesen oft so, daß er ohne Grund ihren Arm erschreckt fahren ließ oder gar von ihr zurücktrat, sie schmerzvoll ansah und mit sich rang, als kämpfe er, ihr etwas Hartes und Bitteres zu verheimlichen, was ihr doch am Ende nicht erspart werden konnte. »Lenlein«, sagte er gegen das Ende der Zeit hin einmal, »Lenlein, ich verstehe dich nicht. Du mußt es doch sehen. Das glaube ich nicht.« Und als das liebe Kind im Erschrecken in ihn drang, ihm doch zu sagen, was es gäbe, sie wisse nicht, was er meine, schrie Peter in schmerzhaftem Glück ihren Namen hinaus und hob sie in die Luft, als müsse er sie von sich in den Himmel zurückwerfen, aus dem sie stammte. An diesen Tagen auch geschah es, daß Helene, nachdem sie wieder zu Boden gekommen war, betäubt und wankend neben Peter hinging, mit geschlossenen Augen, als sei sie wieder blind geworden. Zaghaft, unsicher, auf bebenden Füßen wandelte sie vor sich hin, als sei sie ganz allein. Auf die Frage Peters, was sie sinne, fing sie mit einer vollkommen anderen Stimme so leise zu reden an, daß er kein Wort verstehen konnte und doch davon auf eine schreckhaft tiefe Weise ergriffen wurde. Und da er dem Hofe seines Vaters zuschritt und dann bei offenem Fenster im Bett lag, war dies sylphenhafte Reden des Lenleins im Laut des Nachthauches, der ums Dach strich, im Gesäusel der Bäume, ja sogar in dem bleichen Monddunst, der zum Fenster herein über die Diele sank. Es war so tief und ganz drin, daß er sein Lauschen nicht mehr aushalten konnte, aufstand, sich halb anzog, eine Weile aus dem Fenster lehnte, und dann auf bloßen Füßen lautlos die Stube auf und nieder schritt. Er mußte sich losmachen von ihr. Das ertrug er nicht mehr. Es zerriß ihn. Es war, als steige und sinke er zu gleicher Zeit. Was nutzte es ihm, diesen unwirklichen Traum länger gewaltsam festzuhalten? Aber wenn er sich nur vorstellte, daß er davonging, so fühlte er den Atem aus seiner Brust weichen und das Herz stillstehen. Die ganze Welt erlosch. Sein Dasein lag da wie vergessener Unrat, zu dem er zurückkehrte, um sich wieder von ihm zu nähren. So kämpfte er bis an das Grau des Morgens. Da setzte er sich müde und fröstelnd auf den Bettrand, sah auf seine Füße, spreizte die Zehen auseinander und sagte dumpf: »Gott zerstört mich. Gott zerstört mich.« Als es ganz licht geworden war, erhob er sich steif, atmete, schwer auf und dehnte die Arme bei geschlossenen Fäusten nach hinten. Dabei sagte er langsam: »Dann muß ich eben durch eine dunkle Tür davongehen ... davongehen ... in meine Nacht.« Darauf warf er sich, wie er war, aufs Lager, wühlte sich hinein und schlief wie nach einem Prügelschlag auf den Kopf ein. Aber merkwürdig, nach dieser Auseinandersetzung mit sich brach bei Peter ein ungestümes, wildes Feuer aus. Seine Fröhlichkeit glich vulkanischen Stößen, er ging einher, als fresse er die Erde mit seinen Schritten, tanzte, als wolle er das Lenlein zerstören, lachte ein klirrendes Lachen, und seine weißblauen Augen funkelten. Bei Ausfahrten begann er zu schwelgen und tröstete seinen Vater wegen des vielen Geldverbrauches, daß es nicht mehr lange dauere, bis er in aller Form um Helene anhalte. Aber solange er noch nicht Gewißheit habe, könne er sich doch nicht lumpen lassen. Das Sintlingerlenlein wurde oft furchtsam und saß verzagt mit geschlossenen Augen beim Schäumen seiner Lust. Der Sintlinger wich ihm aus, wo er nur konnte, und ließ sich im Hause nicht mehr blicken, so oft Peter in seiner Stube zu Besuch weilte. Die Bäuerin nur, die sonst alle bunten Frohfahrten der beiden mit glücklichem Lächeln gewährt hatte, hielt tapfer aus, höchstens, daß in ihrem Gesicht manchmal ein dunkles Verwundern und auf ihrer Stirn sogar hier und da ein bedenkliches Krausen aufkam. Mit Befriedigung hörte sie darum, daß Peters Ferien nur noch vierzehn Tage währten, und meinte, so solle ihr Kind ruhig die sehnsüchtig erwartete Lust bis zuletzt haben. Zumal sie an Helenens Wesen merkte, daß der »ewige Zucker« ihr sowieso nicht mehr mundete. Nicht, daß das Mädchen es mit Mienen verriet oder gar darüber sprach. Aber sie arbeitete ruhiger, ging oft wieder still und betrachtsam durchs Haus, richtete sich im Felde auf und versank mit wesenlosen Augen träumend in die Höhe, und einmal traf sie Helene im Garten, hingerissen und andächtig vor einer Blume knien, auf der sich regungslos ein Falter sonnte. Und als sie endlich die lautlos hinter sie getretene Mutter gewahrte, blickte sie sich nach dem Davonfliegen des Schmetterlings mit schimmernden Augen um und sagte leise und süß, wie in ihrer verwunschenen Zeit: »Weißt du, Mutter, einst, als ich noch ein kleines Kind war, konnte ich ganz gewiß mit den Schmetterlingen reden. Ja, ja, ganz gewiß.« Dann stand sie, verwundert das Köpfchen bewegend, auf, strich sich sinnend die Schürze zurecht, ging von der Mutter weg an die Stelle des Zaunes, wo sie der erste Liebesgruß Peter Brindeiseners bis ins Herz getroffen hatte, und schaute in die Welt hinaus. Sie begann auch, wie sie die Lust an ihrem Gehaben einbüßte, an den grellbunten Kleidern das Vergnügen zu verlieren, und wenn es ihr nach gegangen wäre, so hätte sie mit einem Griff all die geblümten, leuchtend bekrausten, überschmückten Kleider aus dem Schrank entfernt und wieder sich in die weichen, matten, leisen Farben und Stoffe gehüllt, zu denen sie in der blicklosen Zeit eine solch geheimnisvolle Neigung gedrängt hatte. Unzweifelhaft haben bei dieser Rückkehr Helenens in die Vorliebe einer vergangenen Zeit die spöttlichen Blicke und Bemerkungen Peters auch eine Wirkung ausgeübt. Denn er hatte sich beim Anblick seiner oft allzu schreiend bunt und bäuerlich geschmückten Helene nicht immer des Spottes ganz enthalten können, der bei ihm ja nicht allein aus den Verletzungen des Geschmacks, sondern doch mehr aus der Bitterkeit über sich und sein ganzes Leben rührte. Aber das hübelheilige Mädchen, dem mehr und mehr die Kraft des inneren Gesichtes wieder zurückkehrte, ist sicher durch dieses kleine Ungenügen des Geliebten an ihr auch nicht bloß in die weibliche Eitelkeit, sondern viel tiefer in jene Gegend der Seele getroffen worden, wo wir die Wesensverdunkelungen der Menschen schon wahrnehmen, ehe wir sie deutlich verstehen. Irgendein Kummer schwelte um ihren Peter, ein Mißklang schrillte aus ihm, ein Drücken und Ballen ging von ihm aus und zog oft wie ein Schattennebel hinter seiner leuchtend lauten Fröhlichkeit. Sie erlebte das in der Bildkraft ihrer allsichtigen Seele und brachte es aus Furcht und Beklemmung doch nicht über sich, ihn selbst oder ihre Mutter danach zu fragen. Sie wurde in der Einsamkeit stiller Augenblicke nur oft von einer Ratlosigkeit befallen, daß sie forschend an sich niedersah, um zu erkennen, was mit ihr vorgegangen sei, oder sie ergriff mitten in schlafloser Nacht mit der linken die rechte Hand, legte den Kopf in ihren bloßen Arm und sagte dabei inbrünstig und, beschwörend seinen Namen leise vor sich hin: »Peter! – Peter!!« In jener Zeit verschwand der Landrat Zwinin wegen schwerer Verfehlungen aus sittlicher Zuchtlosigkeit von seinem Posten, und wenn seine heimliche Flucht auch schon vorher erfolgt war und in der Gegend besprochen wurde, so drangen die ersten Nachrichten davon erst jetzt an das Ohr des Sintlingermädchens, die sicher deswegen wieder von der Erinnerung an den Makel befallen worden ist, den die Berührung mit diesem entarteten Menschen am Tage der Straßeneinweihung ihr zugefügt hatte. Zudem dünstete nach dem Verschwinden des verlorenen Mannes, wie es gar nicht anders möglich ist, eine Wolke von Gerüchten über Personen der Umgegend auf, die im geheimen denselben Zuchtlosigkeiten frönten wie dieser Unhold. Daß der Name Jakob Brindeiseners, Peters Bruder, auch und mit Recht durchgehechelt wurde, nimmt nicht wunder, und als eines Tages nach einem bösen Auftritt die Kleinmagd den Brindeisenerhof verließ, erzählte man sich, sie sei von dem dumpfen, menschenscheuen Kloben von Jakob überwältigt worden und gehe damit um, ihm deswegen das Gericht auf den Hals zu schicken. All dieses, das nur undeutlich und weitab um das hübelheilige Mädchen braute, beschwerte doch die Luft der Ratlosigkeit, ungewisser Beklemmung und dunkler Ahnung noch, von der sie ohnedies sich umdrängt fühlte. Und als sie wieder einmal gegen die Schattenschleier rang, die ihr vor die Seele sanken, wohin sie blicken mochte, hörte sie das ängstliche Summen einer Fliege neben sich durch die Luft huschen und erschrak davon so sehr, daß sie ihre Beine weich werden fühlte und sich auf einen Stuhl setzen mußte. Es war in ihrer Stube, wo ihr das geschah. Der tiefe Abend drang als grauer Brodem durch die geöffneten Fenster. Außer einigen Vögeln, die mit leisem, hohem Piepen nach einem Schlafplatz in den Lindenkronen suchten, regte sich kein Laut in der Natur. Helene sah sich um und saß dann regungslos in einer unerklärlich gierigen Furcht mit geschlossenen Augen da und lauschte, fast mit aussetzendem Herzen, ob sich das Summen wiederhole. Es blieb nicht nur still, langsam wurde die Stube, die Lindenkronen, der ganze Hof, ja sogar die Welt draußen von einem lastenden Stocken erfaßt. Und als dieses Erlöschen um sie den höchsten Grad erreicht hatte, sah sich das hübelheilige Mädchen bei eingesunkenen Lidern am Morgen jenes Tages über das Feld flüchten, an dem ihr im Walde ihr Geliebter und das Augenlicht geschenkt worden waren. Sie sah sich erschreckt die Lerche in der Hand halten, die tot aus der Luft gefallen war, und horchte, genau wie jetzt, das angstvoll brünstige Summen einer Fliege an ihrem Ohr, hingerissen. Helene erlebte das alles grell bis in jede Einzelheit und sah sich dann stolpernd weiter übers Feld jagen, bis sie mit Händen und Knien die Straßenböschung erklomm. An dieser Stelle erlosch die innere Bilderreihe. Helene öffnete die Augen und sah sich in ihrer fast nachtdunkel gewordenen Stube um. Dann stand sie vom Stuhl auf und ging in einer Art traumhafter Geführtheit quer über die Stube auf den Kleiderschrank zu. Dabei fiel ihr ein, daß Eintagsfliegen nach der Meinung der Leute ein besonders inbrünstiges Summen an sich haben. Aber nun war das Entsetzen ganz aus ihr geschwunden. Sie öffnete den Schrank, und während sie ihre Kleider der Reihe nach mit den Händen genau betastete, erinnerte sie sich noch, an jenem entscheidungsreichen Tage ein zart helles, besonders weiches Musselinkleid getragen zu haben. Darauf ließ sie den Schrank offenstehen, kehrte auf den Stuhl zurück und verfiel in ein Sinnen, das mehr tiefe Hingenommenheit war. Als sie daraus erwachte, war es ganz tiefe Nacht geworden. »Wer weiß?« sagte sie leise zu sich, trat ans Fenster und griff in den nassen, glatten Blättern einer Lindenkrone umher. »Wer weiß?« sprach sie dabei weiter leise zu sich. »Peter geht in acht Tagen wieder nach Münster. Ich will mir genau ein solch zart hellblaues, einfaches Kleid machen lassen, wie ich es damals getragen habe, als er mir im Walde das Gesicht geschenkt hat. Damit werde ich ihn beim Abschied überraschen. Ich will mir auch die Haare genau so kämmen. Alles soll sein wie damals. Dann wird vielleicht seine Fröhlichkeit wieder heiter werden, wenn er sieht, daß ich ganz so sein will wie früher. Und alles, was dunkel geworden ist seitdem an der Welt, an meinem Vater, an Peter und auch an mir, alles, alles, alles vergeht dann wieder.« Sie schloß die Augen und öffnete sie bei allem, das noch zu tun war, nicht mehr. Als sei sie wieder die Blinde, deckte sie das Bett ab, zog sich aus, ging durch das Zimmer, die Tür zuzuriegeln, und lag mit eingesunkenen Lidern, bis der Schlaf sie aus der Welt führte. * Kaum, daß am anderen Morgen das Grau sich in die erste Helle aufgelöst hatte, kam Helene im kurzen Röckchen und in der Nachtjacke, leise fröstelnd von der Kühle, zur größten Überraschung an das Bett der Mutter, und nachdem sie ihr mit einem unendlich weichen Kusse einen guten Morgen gewünscht hatte, begann sie ohne irgendeine Begründung, wie es die Art der Kinder ist, von dem Anliegen zu sprechen, das sich ihr gestern abend auf so merkwürdige Art aufgedrängt hatte. Sie redete so ergriffen, so zärtlich von der Notwendigkeit, sogleich, nein, heut, wenigstens, ehe die angefangene Woche zu Ende sei, ein neues Kleid zu besitzen, daß die Bäuerin, die bis jetzt liegend zugehört hatte, sich mit lächelndem Verwundern halb aufrichtete, ihr mit der freien Hand die Haare aus der Stirn strich und in gütigem Vorwurf sagte: »Ach geh, Lenlein, wegen so was lauft man doch nicht vor dem ersten Hahnenschrei aus dem Bett. Ich glaube, da hast du am Ende gar noch die Nacht nicht geschlafen.« Denn wirklich, die Augen des hübelheiligen Mädchens hatten einen übernächtigen Schimmer und liefen bei der halben Ablehnung ihrer Mutter voll Wasser. So verharrten die beiden eine Weile in wortlosem Gegenüber, die Bäuerin immer noch mit verwundertem Kopfschütteln, das Lenlein mit gesenktem Gesicht, ratlos an den Fingern zupfend. Mit einmal aber riß sich das Mädchen aus der Gebücktheit auf, umarmte leidenschaftlich ihre Mutter und, den Kopf an ihre Brust gegraben, wiederholte sie unter Geschluchz die Bitte nach einem zart hellblauen, weichen Kleide, wie sie es einst besessen habe. Bei all dem liebevollen Hin und Wider entschlüpften Helene wider Willen eine Reihe von Bemerkungen, aus denen Johanna erkannte, wer den Anstoß zu der leidenschaftlichen Aufgeregtheit und dem närrischen Plan des Lenleins gegeben habe. Doch ließ sie sich von dieser Einsicht nichts anmerken, sondern bat das Mädchen unter Liebkosungen, sich zu beruhigen. Es solle in allem seinem Willen nachgehen, und wenn ein Pferd frei sei, so könne sie ihretwegen schon diesen Vormittag zu der Schneiderin nach Bocholt fahren und alles besorgen, wie sie es wünsche. Nur eine Bedingung knüpfte sie daran, auf dieser Fahrt an eine Zusammenkunft mit Peter Brindeisener nicht zu denken, weil in den letzten Tagen so viel ärgerliche Vorkommnisse auf dem Hofe sich ereignet hätten, mit der Magd und Jakob, Streitereien und allerhand Zank, daß es auch wegen der Leute gut sei, eine gewisse Zurückhaltung zu üben. Ja, sie denke, Peter selbst müsse es peinlich sein, unter diesen Umständen ihr gegenüberzutreten. Denn es sei ihr doch auch aufgefallen, daß er seit einigen Tagen sich nicht sehen lasse. Das hübelheilige Mädchen hatte, wieder an den Fingern zupfend, der Mutter aufmerksam zugehört, und da sie nun schwieg, stand Helene vom Bettrand, wo sie gesessen hatte, auf, bewegte mit großen, nachdenklichen Augen und fernem Ernste zustimmend den Kopf und sagte dann leise nichts als: »Ich danke dir, Mutterlein«, küßte ihr flüchtig den Mund und verschwand geräuschlos wie eine Erscheinung aus dem Zimmer, daß Johanna ihr lange nachschauen mußte. Aber der Arbeitstag auf dem Sintlingerhofe war schon eingeteilt, kein Gespann in den Frühstunden entbehrlich, und so mußte sich das Lenlein gedulden bis nach dem Mittag, wo die Pferde abgefüttert waren. Dann sollte sie von Gottlieb hinüber nach Bocholt kutschiert werden: Johanna hatte sich diese Begleitung Helenens ausgedacht, weil die geheime Abneigung Meixners gegen Peter Brindeisener ihr die Sicherheit vor etwas gewährleistete, was sie nicht benennen konnte. Helene betrieb die Entwirrung der ganzen Angelegenheit mit einer sanften, unausweichlichen Hartnäckigkeit, und fand an ihrem Vater, dem Sintlinger, eine fühlbare Unterstützung gegen alle Hindernisse, die die Bäuerin unauffällig herbeizuziehen wußte. Dabei trat der Heiligenbauer aus der über ihm lastenden Verdunkelung und Schweigsamkeit nicht heraus, saß horchend am Tisch, ließ seine großen, schwarzen Augen langsam von der Frau zur Tochter und wieder zurückgehen, preßte die abgemagerten Hände gegeneinander und stützte dann wieder sinnend den Kopf auf. Am Ende langte er über den Tisch, faßte des Lenleins Hand und rief in ausbrechender Liebe: »Kind, liebes Kind, gut! Du fährst also um eins.« Dabei strahlte sein verhärmtes Gesicht das erstemal nach langen Monaten so licht auf, daß des Lenleins Scheu vor ihrem unheimlich gewordenen Vater mit einem Male ganz verschwunden war. Sie sprang auf, umarmte ihn und küßte ihn auf die Augen, die Stirn, den Mund. In einem Sturm der Zärtlichkeit bat sie ihren »liebsten Vater«, »den besten auf der ganzen Welt«, um Verzeihung wegen allem, was sie ihm angetan habe, kurz, war so aufgelöst und ergriffen, daß der Heiligenbauer ganz betroffen und verwirrt wurde. Dann ging sie, schon zur Abfahrt gekleidet, mit ihm auf das Feld, und die beiden verbrachten eine unvergeßliche Stunde unter dem sonnenhohen, wolkenlosen Spätsommerhimmel in einem so von der Tiefe zusammengeströmten Einssein, wie es ihnen nur in den schönsten Augenblicken der verwunschen-seligen Vergangenheit beschieden gewesen war. Helene war ganz das entrückte, hübelheilige Mädchen von früher und ließ während der ganzen Zeit ihre Hand nicht aus der seinigen. Im Hausflur trennte sie sich von ihm und ging auf ihr Zimmer, um noch einiges vor der Abfahrt zu besorgen. Während sie die Stufen der Treppe langsam emporstieg, fiel ihr ein, was die Mutter von den unangenehmen Vorgängen auf dem Brindeisenerhofe gesprochen hatte, und daß Peter sicher unter diesen bösen Ereignissen sehr leide. Da genügte es doch nicht, bis auf den Tag der Abreise zu warten, um ihm zu helfen und seine Hoffnung und freudige Zuversicht wieder aufzurichten. Bis dahin konnte irgend etwas, vielleicht noch Dunkleres geschehen, und sie trug dann die Schuld, weil sie feig und kleinmütig, nur der Leute halber, ihn mit seinem Schmerz allein gelassen hatte. Was scherte sie das Geschwätz der Menschen, wo es sich um Peters Glück und ihre Liebe handelte! Und auch die Mutter würde in Wahrheit nicht zürnen, wenn sie ein Versprechen nicht hielt, was zu halten etwas Böseres bedeutete, als es zu brechen. Also schrieb sie, auf ihrem Zimmer angekommen, einen kurzen Brief, in dem Peter ersucht wurde, nachmittags um vier Uhr halbwegs zwischen Bocholt und Hemsterhus an der Zwieselkiefer – einem in der ganzen Umgegend bekannten Baume – zufällig aus dem Walde auf die Straße zu treten. Es fahre zu dieser Zeit jemand vorüber, der mit ihm notwendig zu sprechen habe. Diesen Brief schickte sie mit einem Kuhmädchen, der sie Achtsamkeit und Verschwiegenheit einschärfte, hinüber in den Brindeisenerhof. Dann betrieb sie tätig und befreit die Zurüstung zur Abfahrt und nahm von der Mutter noch eine Reihe von Aufträgen zu Besorgungen in Hemsterhus entgegen. Um ein Uhr fuhr sie Gottlieb in einem leichten Halbsitzer den Hügel hinunter. Der Brindeisenerhof lag verfallen und grämlich in der stillen Mittagssonne, einsam, als sei jedes Leben längst in ihm erloschen. Sein morsches Tor war geschlossen, kein Gesicht zeigte sich am Fenster. Helene fühlte ein Bangen in sich aufsteigen, und als sie von dem Zufahrtswege in die neue Chaussee einbogen, bat sie Gottlieb, schnell zu fahren, denn ihr war, als könne sie zu spät kommen. Bald aber mußte sie über ihren Einfall lächeln, denn überhastete Eile mußte nur dazu führen, daß sie vor der festgesetzten Zeit an dem besprochenen Punkte vorüberkam und damit Peter verfehlte. Als sie darum durch Hemsterhus waren und sich dem Walde näherten, ließ sie die Gangart des Pferdes mäßigen und gab sich dem Zauber des mittagsstillen Waldes hin, dessen Bäume sich in verschlafenem Traume kaum merklich bewegten. An der Zwieselkiefer fuhr ein schmerzendes Zucken in ihr auf, und sie mußte zurücksehen, ob Peter etwa schon hinter dem Stamm auf sie lauere. Aber der Platz war leer, und Helene lehnte sich in einer leisen Enttäuschung zurück, fühlte sich müde werden, schloß die Augen, und durch eine traumvolle Unruhe hindurch hörte sie immerfort das große, stete Brausen des Waldes, das auch klang wie fernes Rauschen eines mächtigen Wassers, auf sie eindringen. Sie traf die Schneiderin nicht zu Hause und mußte sich von deren betagter Mutter Maß nehmen lassen. Enttäuscht stieg sie die enge Holzstiege wieder hinunter. Ihr war weh ums Herz, daß sie nicht in das stille, weiße Gesicht der alten Jungfrau hatte sehen und ihren Namen nicht hatte aussprechen können. Schon auf der Straße kehrte sie um, hastete eilig die Treppe wieder hinauf, öffnete die Tür und sagte: »Bitte, Frau Seiler, sagen Sie mir, wann kommt Fräulein Babette heim?« Sie achtete aber gar nicht auf die Erklärungen der Greisin, sondern stand mit wogender Brust und sog die weltverlorene Stille der übersauberen Stube in sich ein. Dann ging sie zögernd davon und machte sich Vorwürfe, warum sie nicht einen Augenblick sich auf einen Stuhl gesetzt habe, um den leisen Zauber des Schneiderstübchens länger zu genießen. Auch der Gang zu dem Schnittwarenhändler war erfolglos. Man hatte wohl einige Musseline auf Vorrat, die so weich und duftig waren, wie sie wünschte. Aber ein solch zartes Hellblau sei eine ausgefallene Farbe, das verlange niemand in der Gegend, und deswegen könne es nicht geführt werden. Höchstens der Großhändler Stenzel in Dingden könne vielleicht so etwas in seinem Laden haben. Helene traten die Tränen in die Augen, als sie die Straße hinunter dem Gasthaus zuschritt, in dem Gottlieb eingekehrt war. Sie erwog, ob es nicht angängig sei, jetzt gleich nach Dingden hinüberzufahren, hörte aber von Meixner, daß man über Hemsterhus zurück müsse und dann vor dem Abend kaum in Dingden ankomme, auch wenn er das Pferd treten lasse, was das Zeug halte. Helene fuhr sich kummervoll über die Augen und strengte sich an, einen Ausweg zu finden. Aber es kam dabei nichts heraus, als daß sie nur immer Peter niedergeschlagen und kummervoll vor sich gehen sah, weil sie ihm nicht zeigen konnte, wie sie eigentlich war. Und ihm alles sagen, von allen Sorgen sprechen, die sie sich um seinetwillen machte, nein, das hätte sie wohl noch vor einer Woche fertiggebracht, aber jetzt war ihr das nicht mehr möglich. Sie erhob sich wie aus einer Betäubung und sah, daß die Uhr schon über die dritte Stunde hinausgerückt war. Noch eine Viertelstunde nur, und sie mußte Peter im Walde verfehlen. Gottlieb erschrak über die jagende Hast, von der Helene nach dem langen, versunkenen Dasitzen gepackt wurde, riß das Pferd aus dem Stall, und kaum fünf Minuten später schoß das Gefährt mit den beiden davon. Das Herz des Heiligenhoflenleins war wie von heißer Flugasche erfüllt, die von einem Brande aufstiebt. Sie sah alles durch graues Staubgewölk, Gottlieb, der, zurückgestemmt, das galoppierende Pferd fest im Zügel hielt und es doch mit Zurufen und Peitschenkreisen auch antrieb, die Bäume, die, ruckend in die Höhe gerissen, vorbeieilten, und wartete nur immer gespannt, ob nicht bald der mächtige, geteilte Schirm der Zwieselkiefer über dem Walde zu ermitteln sei. Meixner mußte einen Verdacht geschöpft haben, daß dieser Baum in irgendeinem Zusammenhange mit dem so plötzlich veränderten Wesen Helenens stehe. Denn als die graugrüne Kieferkuppe in der Ferne aufstieg, ließ er das dampfende Pferd langsamer gehen. Sowie man aber in deren Nähe gekommen war, erhob er sich, schrie und peitschte so auf das Tier ein, daß der Staub wieder aufwirbelte und der Wagen in höllischer Eile dahinrasselte. Helene sah, wie plötzlich ein Mann hinter dem Baum hervorsprang und gestikulierend auf das Gefährt zulief, schrie gell den Namen Peters und Gottliebs, und als dieser das Pferd nur noch mehr antrieb, traf sie Anstalten, aus dem jagenden Gefährt herauszuspringen. Da riß Meixner das Tier mit einem Ruck zurück und musterte, bitter und blaß, das Lenlein, das ihm wegen des unsinnigen Fahrens mit verlegener Stimme Vorwürfe machte und dabei, Tränen in den Augen, ein glückliches Lächeln um den Mund, Peter zuwinkte, der mit großen Schritten langsam herankam. »Eine dolle Fahrt«, sagte er, höhnisch lächelnd und an den Wagen herantretend, »das kann einen ja umbringen. Gottlieb, was fällt dir denn ein? Das ist ja die reine Kaputtfuhre! Hahaha! Guten Tag, Lenlein! Ja, ja, auch blaß, wie? Haha!« Er reichte ihr die Hand, nahm den Hut ab und trocknete sich das schweißüberströmte Gesicht. Helene blickte bestürzt auf seine unruhigen, umzuckten Augen, seinen nervösen Mund, sah ihn zwischen den spöttisch hervorgeschnarrten Worten die Lippen mit den Zähnen nagen und legte bekümmert ihre Hand auf seine Linke, mit der er sich am Wagen anhielt. »Willst du nicht hereinkommen?« fragte sie furchtsam. Er schüttelte nur den Kopf. »Oder wollen wir zusammen zu Fuß gehen, wenn du zu erhitzt bist? Gottlieb kann langsam vorausfahren und wartet in der Hemsterhuser Schenke. Ich habe im Dorfe noch Besorgungen zu machen.« »Hemsterhuser Schenke ist gut«, murmelte Peter Brindeisener bitter. »Was sagst du, Lieber?« fragte Helene schüchtern. »Ach, nich nötig. Meine Liebe, nur keine Umstände. Nich nötig. Halten wir's nur, wie es immer gewesen ist. Du fährst, ich gehe zu Fuß nebenher. So, das ist das beste. Darum, Gottlieb, langsam Hott und Hü.« Meixner zupfte das Pferd in Gang, und Peter, die Hand am Wagen, schritt aufgereckten Leibes, weit ausholend nebenher. Helene schaute manchmal verstohlen auf den Zerstörten, der finster, das Auge in die Ferne gerichtet, ohne ein Wort neben dem Wagen ging. Auf einmal ließ er die Hand vom Wagen fallen, schwenkte ausgelassen den Arm in die Luft und fing an, mit seiner schönen Stimme ein Studentenlied zu singen: »Bin ein fahrender Gesell, Kenne keine Sorgen. Labt mich heut ein Felsenquell, Tut es Rheinwein morgen.« »Gefällt dir das, liebes Lenlein?« fragte er nach dem ersten Vers. Das hübelheilige Mädchen schaute ihn angstvoll an. »Nicht lustig, mein Kind? So, so. Nun, also, eine wehmütige Platte.« Und er sang: »Der Sang ist verschollen. Der Wein ist verraucht. Stumm irr ich und trübe umher ...« Aber das Lenlein ertrug die schwermütige Melodie nicht. Qualvoll schrie sie: »Um Gottes willen, Peter, hör auf! Ich muß sonst sterben.« In Brindeiseners Lebenshaus waren Fenster und Türen eingeschlagen, beim Aufschrei des Lenleins zerriß aber doch der finstere, wilde Taumel, mit dem er sich fühllos machte. Er sah erschüttert herum, trat an die Zurückgesunkene heran, fuhr ihr liebkosend mit der Hand über die Wange und sagte behend: »Armes, liebstes Lenlein. Ich kann nicht dafür.« Dann trat er wieder zurück und ging zusammengesunken, vor sich hin grübelnd, neben dem Wagen, bis sie aus dem Walde herauskamen und die ersten Dächer von Hemsterhus zu sehen waren. Als sie langsam die Wegbiegung hinfuhren, mit der die Bocholter Straße in die neue Chaussee mündet, sah Peter durch die Bäume des Gartenstreifens Mathinka Meixner von dem Fenster des Gasthauses zurücktreten. Da verzog sich sein Gesicht in bitterem Krampf. »Auch das noch! Nun, also Schluß«, schoß es ihm durch den Kopf. Er trat an den Wagen, um Abschied zu nehmen und davonzueilen. Aber als er das Lenlein sah, die bleich, wie geistesabwesend im Wagen lehnte und, von seinem jähen Herantreten aufgescheucht, ihm kümmerlich zulächelte, verließ ihn auf einen Augenblick die Verhärtung seines Gemütes, und er brachte es nicht über sich, der Wunden mit brüskem Davongehen noch einen Stoß zu versetzen. »Komm, liebes Lenlein«, sagte er weich, »du bist von der Aufregung ja ganz mitgenommen. Liebes, liebes Kind! Sei mir nicht böse. Aber das Leben wirtschaftet mit mir nicht gut.« Sie waren nun vor der Schenke angekommen. Aber das hübelheilige Mädchen rührte sich nicht; sie saß regungslos, als wolle sie nicht mehr aufstehen, und lächelte nur tapfer. »Komm, wir wollen einen Augenblick hineingehen. Da trinkst du einen Kaffee, wir plaudern wie sonst, du erholst dich, und Gottlieb macht indessen für dich die Besorgungen.« »Ja, ja, Peter«, antwortete sie endlich gehorsam, »wenn du meinst. Es ist wohl das beste.« Sie erhob sich langsam und ging wie verschlafen mit ihm in das Gasthaus, nachdem sie Gottlieb eine Besorgung aufgegeben hatte. Als sie an der Haustür angekommen waren, sagte sie leise: »Du, Peter, war das nicht das Mathinklein, vom Meixner-Elis aus Querhoven?« und auf seine Bejahung schüttelte sie schmerzvoll den Kopf. »Mir tut das arme Mädchen leid. Sie soll so schön sein, und die Leute reden so viel Schlimmes über sie. Sei nicht hart zu ihr, lieber Peter. Aber nun komm, mir ist schon wieder ganz gut.« Brindeisener öffnete ihr die Tür und dachte dabei: »Ich Lump, ich Lump, gemeiner.« Die große Gaststube war vollkommen leer. Auf mehreren Tischen, die für besseren Besuch bestimmt waren, lagen saubere, rot gewürfelte Tücher. An den Wänden hingen bunte Plakate: »Trinkt alten Dessauer.« – »Dortmunder Union.« – »Salem Aleikum Gold. Etwas für Kenner.« Mit einem Blick hatte Peter beim Hereintreten das Mathinklein gestreift, die hoch, geschmückt, voll, im Schenkhaus stand. Aber er wandte sich sofort ab, sprach Belangloses mit dem Lenlein und las dabei die Anpreisungen an den Wänden. Dabei dirigierte er sie an einen Hinteren Tisch. Mathinka Meixner verfolgte mit geringschätzigem Lächeln die betretene, schüchterne Art, in der das hübelheilige Mädchen zwischen den Tischen hin an ihren Platz ging. Nachdem die beiden sich gesetzt hatten, trat sie in aufreizender, frischer Keckheit, mit leichter Handbewegung die Frisur ihres reichen, dunklen Haares zurechtdrückend, an den Tisch und fragte nach einer liebenswürdigen Einleitung mit dem gewinnendsten Lächeln »nach dem Wunsch der Herrschaften«, ganz so, als sei sie noch Direktrice in einem großen Geschäft. Das Lenlein wagte nicht, zu ihr aufzublicken, sondern beschäftigte sich mit ihrem Handtäschchen. Peter Brindeisener ging eine rote Woge übers Gesicht, und mit vorbeiflüchtendem Blick bestellte er für Helene eine Tasse Kaffee, für sich ein Glas Bier und ein Dutzend Zigaretten. Als das Bier vor ihm stand, ergriff er das Glas, schüttete es halb in seinen Schlund, rauchte sich eine Zigarette an, lehnte sich mit unwilligem Auflachen zurück, und da Lenlein, über dies neue Losfahren erschreckt, zu ihm aufsah, sagte er laut, wie in der Fortsetzung einer unterbrochenen Unterhaltung: »Es ist ja Unsinn!« Das hübelheilige Mädchen verfärbte sich, ergriff seine Hand und flüsterte bittend: »Gut sein, lieber Peter, gut sein.« Er aber neigte sich nahe zu ihr und begann leidenschaftlich und leise auf sie einzureden: »Sieh mal, Lenlein, es ist nicht anders, was hilft's? Jawohl, sieht man nicht dem brutalen Leben festen Auges in die Visage, wollte sagen Gesicht, festen Auges, ohne Gefühlsmengerei, dann hilft alles, alles nichts. Wenn man bestehen will, bleibt einem am Ende nichts übrig, als, gleich dem König Salomo, lachend alles puren Unsinn zu nennen.« »Und mich«, wollte das Lenlein gekrampften Herzens fragen, »und unsere Liebe?« Aber Mathinka Meixner brachte den Kaffee, und das Lenlein ergriff mit zitternder Hand den Löffel, rührte betäubt das schwarze, bittere Getränk um und trank schweigend. Denn sie hatte in der Verwirrtheit vergessen, Zucker und Sahne hineinzutun. Peter Brindeisener fing einen spöttischen Blick des Mathinkleins auf, sah ihren vollen Busen, ihre schlanke Taille, den schönen Hals, die heißen Augen, erbleichte einen Hauch lang und begann wieder, halb ärgerlich und überstürzt, auf Helene einzureden. Er wurde tiefer und tiefer in seine Zerrissenheit zurückgerissen und zerfetzte spottend, höhnisch, lustig, wie ein Irrsinniger sich selbst blutig schlägt, alles Schöne, Heilige und Hohe seines Lebens in unbändiger Gier. Dabei trank er unmäßig. Das Mathinklein beobachtete die wachsende Erregung des wildernden, blonden, sehnigen Mannes und das einsinkende, unscheinbare Lenlein, das ratlos und stumpf dasaß, und was sie beim Eintritt der beiden nur überschattet hatte, davon wurde sie jetzt ätzend in die Brust gepackt. Daß der Sintlinger ihren Vater in den Schandtod getrieben habe und dies käsig-blasse, blöde Mädchen, das Lenlein, schuld war am Scheitern ihrer ersten Liebeshingabe an Peter Brindeisener in jener Fluchtnacht nach dem Hemsterhuser Aufruhr, der ihrem Vater das Leben gekostet hatte. Eine unbezähmbare Leidenschaft, Haß und Rache gegen das hübelheilige Mädchen erfaßte sie, und sie brach in unbändig höhnisches Lachen aus. Da richtete sich das hübelheilige Mädchen auf, schloß einen Moment die Augen und sagte dann gütig und ruhig zu Peter: »Nun muß ich aber gehen und die Besorgungen machen. Lebe wohl, Peter.« Sie nahm das Täschchen an sich und ging leise und kühl davon. Starr aufgerichtet, mit großen, fast entsetzten Augen schaute ihr Peter Brindeisener nach, dann stützte er den Kopf in beide Hände und verfiel in finsteres Grübeln. Nun war er durch das dunkle Tor hinausgewandert, und die Welt war zugeschlagen. »So, jetzt kann ich gehen«, murmelte er dumpf. Auf einen Laut vom Schenkhaus hin hob er schwer den Kopf und sah, daß das Mathinklein ihn betörend heiß und bereit anglühte. »Da mach keine Augen, Mathinklein«, sagte er in verwittertem Gram, »das ist eine andere wie wir beiden. Verstehst du? Da sind wir zwei bloß lumpiges Gemüse. Ja, ja!« Dann kehrte er sich ab, versank in Brüten und trank weiter; aber er wurde nicht trunken. In der Nacht brach er endlich auf. Es war heller Mondschein. Als er den Sintlingerhof in dem kühlen Schimmer auf seinem Hügel liegen sah, sprang er über den Graben und stieg durch den Obstgarten zu ihm hinan. »Einmal kann ich noch tun, als ob ich lebendig wär'«, sann er, »und unter den Fenstern der Heiligen sitzen.« Er bog um die Ecke und ließ sich auf das Bänklein unter den Linden nieder, im tiefen Schatten, im Zustand vollkommener Ausgeleertheit. Dann und wann blies es in den Linden schwach auf, als stoße ein Schlafender leise den Atem aus. Im Mondlicht draußen zitterte und flitterte es wie von lautlosen Insektenflügeln. Da wurde das Fenster über ihm geöffnet, und das Lenlein beugte sich weit heraus. So verharrte sie regungslos, wohl eine halbe Stunde, wie ihm deuchte. Dann sang sie leise, fast in sich hinein: »Schön ist die Jugend bei frohen Zeiten, Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr. Drum sag' ich's noch einmal: Schön sind die Jugendjahr', Schön ist die Jugend, sie kommt nicht mehr.« Als sei der Mondschein über der Welt tönend geworden, so sang sie das ganze Lied, klar, beseligt, ohne Schmerz und ohne Schatten. Dann zog sie sich zurück und schloß ruhig das Fenster. Peter Brindeisener aber lief davon wie ein Gehetzter. Am anderen Morgen sahen Waldarbeiter ein rotseidenes Umschlagtuch auf dem Buchteich schwimmen. Sie fischten es heraus, und am Abend wußte die ganze Gegend, daß das Sintlingerlenlein im Wasser den Tod gefunden hatte. Vierzehntes Kapitel Der Buchteich, in dem das Heiligenhoflenlein den Tod gesucht und gefunden hatte, war ein großer, verdrossener Waldspiegel mit bräunlichem Wasser, nicht weit von der Grenze der beiden Fremdhofwälder nach dem Rheine zu, von der Waldmühle aus in kaum einer halben Stunde zu erreichen. Er war das Sammelbecken eines starken Baches, der, ohne einen sichtbaren Abfluß zu finden, sich in ihn ergoß. In der Mitte des Wassers schwankte seit ewig ein schwaches, trichterndes Kreisen hin und her, woraus zu erkennen war, daß der Bach dort ins Erdinnere abströmte, sich in unterirdischen Höhlen und Schluchten verliere oder, wie einige meinten, geheimnisvoll, tief in der Erde, auf rätselhaftem Wege dem großen Rheinstrome zuwanderte. Unter dem Volke ging die Sage, daß der Buchteich nichts wieder hergebe, was von seinem stillen, unheimlichen Strudel einmal erfaßt worden sei. Und so geschah es in der Tat mit Helene Sintlinger, die sich aus den unentwirrbaren Rätseln dieser Erde in ihn geflüchtet hatte. Die Querhovener eilten wohl noch am selben Tage, da das Unglück geschah, mit Stangen, Netzen und langen Haken herbei und begannen, von den Knechten des Sintlingerhofes unterstützt, jeden Winkel, jeden Spalt des finsteren Wassers zu durchsuchen, jeden Stein zu wenden und unter jeder Baumwurzel zu stöbern, um das Heiligenhoflenlein doch noch in ein trockenes Grab zu retten. Allein es war vergeblich, und als sie am Abend des dritten Tages überwacht, bleichen Gesichtes am Ufer standen und beratschlagten, ob man das Letzte wage, und in die Mitte, in den tödlichen Wirbel des Strudels fahre, oder überhaupt davon ablasse, weil es doch so aussah, als sei es Gottes Wille, die Leiche des Mädchens allen Blicken zu entziehen, als die Querhovener Männer im Lichte der untergehenden Sonne so standen und in ratloser Wehmut in das Wasser sahen, hatte der Weber Staupitz, der sie anführte, ein Gesicht. Er schaute durch das klare Wasser hindurch bis auf den Grund des Teiches und dort sah er auf einmal leibhaftig das Lenlein liegen, nicht kalkig, zerdunsen, leichenhaft, sondern in einem lebendigen, seligen Ruhen, als sei sie gar nicht gestorben, sondern schlafe nur. Der Widerschein des leuchtenden Blaus am Himmel war wie ein schwellendes Bett unter sie gebreitet. So lag das Heiligenhoflenlein drunten und doch in der Höhe, vom Strudel fortgerissen und doch in eine Seligkeit geborgen, die herrlicher schien als die Schönheit des irdischen Himmels über ihnen. Die Männer staunten mit fast aussetzendem Atem das verklärte Lenlein an, bis das Wunderbild blasser und blasser wurde und endlich in der Tiefe des Teiches verschwand. Die Querhovener gingen noch denselben Abend auf den Heiligenhof und erzählten, unter welchen Umständen sie das Lenlein wiedergesehen hätten. Dann kehrten sie nach Querhoven zurück, erklärten sich die rätselhafte Erscheinung ihres gläubigen Schauens für einen Fingerzeig Gottes und hörten auf, nach dem verschwundenen Mädchen zu suchen. Bald auch verbreitete sich aus dem Dorfe der armen Speilhobler und Spunddreher die Überzeugung, das Sintlingerlenlein sei durch das Wasser direkt in den Himmel entrückt worden, ohne den Tod gekostet zu haben, und wer reines Herzens sei, der sehe sie auf dem Grunde des Buchteiches in lauter himmlischem Gewölk liegen. Trotzdem der Hemsterhuser Pfarrer Dr. Spiller mit allen Mitteln diese Verherrlichung des Freitodes als einen Teufelsspuk ketzerischen Aberglaubens bekämpfte, sahen immer mehr Menschen das Sintlingerlenlein verklärt im Wasser liegen, und in manchen Nächten erblickte man an der Stelle, wo das rote Seidentuch gefunden worden war, ein blasses Leuchten wie einen Schimmer jenseitiger Sterne über dem finsteren Teiche schweben, dergestalt, daß man anfing, Helene wirklich für eine Heilige zu halten. So sehr wurde die ganze Gegend von dem Schicksal erfaßt, das über den Sintlingerhof gegangen war, und alle fühlten sich von der Seele her zugleich erschüttert und erhoben. Auch der übersichtige Kräutersammler Georg Hunatay aus Schmalenbach erschien trotz seines hohen Alters, mühselig auf zwei Stöcken gehend, an dem Buchteich. Denn dieser Märtyrer der reinsten Liebe wollte vor dem Ende, das er nahe fühlte, wenigstens einmal die verklärte, unirdische Erscheinung eines Wesens sehen, das zwar in diesem Leben wie er an der Liebe gescheitert, aber doch nach dem Tode in eine Seligkeit gehoben worden war, nach der sein Pilgern auf Erden umsonst gesucht hatte. So saß er Stunde um Stunde an dem Ufer des dunklen, unheimlichen Wassers und beschwor das Bild des entrückten heiligen Mädchens mit leisem Singen und trauervollen Worten krausen Tiefsinns. Unausgesetzt rief er nach ihr und warf dabei Blumen ins Wasser, bis der Teichspiegel aussah wie eine einzige blühende Wiese. Es war alles umsonst. Das Sintlingerlenlein erschien ihm nicht, weder als schimmerndes Bild am Tage, noch als jenseitiges Leuchten im Dunkel der Nacht. Und so kehrte er, schmerzvoll in sich hineinschluchzend, nach Schmalenbach zurück, schloß sein Haus hinter sich ab und ließ sich seitdem von keinem Menschen mehr sehen. Der Sintlingerhof aber war von dem Schicksal, das ihn getroffen hatte, in undurchdringliche Nacht gehüllt. Die Bäuerin glich einem Strauch, der fortwährend von einem Sturm zerrissen wurde, zerbrach und doch nicht vergehen konnte, alle Blätter verlor und doch nicht starb. Allein, als durch den frommen Glauben der Querhovener und die Ergriffenheit der ganzen Gegend der grause Tod ihres einzigen Kindes als ein seliges Wunder in den Himmel gehoben wurde, verwandelte sich auch in ihrer Seele der Schmerz. Eines Tages tauchte sie wie auf eine gnadenvolle Berührung Gottes aus der Leidverschollenheit, und es wurde ihr gegeben, daß sie das Dasein Helenens, wie zwischen die fernsten Sterne des Weltalls gestellt, wirklich als eine heilige Angelegenheit des Himmels zu sehen anfing. Denn immer klarer erkannte sie in dem Leben und Tode Helenens die Führung göttlicher Ratschlüsse, und daß das frühe, grause Ende ihres Kindes die einzige Rettung vor dem unglücksvollen Leben bedeutete, das ihr an der Seite Peter Brindeiseners beschieden gewesen wäre. Allein das hätte vielleicht noch nicht genügt, sie der Zerstörung des Grauens zu entziehen. Aber als sie erst einmal das Auge aus der Nacht gerungen hatte, sah sie den Zustand ihres geliebten Andreas, den alle noch immer den Heiligenhofbauer nannten. Da duldete sie dann nie mehr, daß Schmerz und Klage sie übermannte. Von seinen Lippen kam kein Wort, aus seinen Augen kein Blick. Wenn er lag, schlief er nicht, und bewegte er sich, glich er doch einem Abgeschiedenen. Seine Wirtschaft, sein Leben, die Welt und alle Menschen, nichts war mehr für ihn da. Bald nach dem Aufstehen begab er sich an den Rand des Sintlingerhügels. Dort stand, lag oder kauerte er bis in die Nacht und sah mit regungslosen Augen und zusammengepreßtem Munde über den Grenzweg auf den Brindeisenerhof, in dem der steinalte Bauer nur noch allein hauste. Warum er tagaus, tagein auf den anderen Fremdhof starrte, war ihm mit nichts zu entringen. Aber es wird wohl ein Haß gewesen sein, der so grenzenlos war, daß er den Sintlinger in immerwährender Betäubung zum Anblick dieses Anwesens nötigte, von dem er in der damaligen Verfassung seines Wesens annahm, alles Unglück seiner Familie und die Zertrümmerung seines eigenen Lebens rühre nur von dem riesigen Schober Unrat her, zu dem der Brindeisenerhof geworden war. Denn eines Abends stand der Sintlinger wieder vor seinem Tore und wartete, daß sich ereigne, was er schon unzähligemal erlebt und erlitten hatte. Da sah er den alten Brindeisener aus dem Hofe schleichen, der in der Dämmerung nicht anders aussah wie ein ungeheurer, zusammengefaulter Reisighaufen. Der greisenhafte Fremdbauer, nun schon weit über neunzig Jahre alt, ging gebückt, so daß seine langen, herunterhängenden Arme mit den Fingerspitzen fast den Boden berührten und er mehr einem uralten Großtier ähnlich sah als einem Menschen. Manchmal blieb er stehen, roch mißtrauisch in die Luft, wie ein aufgescheuchtes Stück Wild, und versank dann in das Trödeln, das ihn bei einbrechender Nacht immer um den Hof führte, seitdem er mutterseelenallein hauste, weil sein ältester Sohn Jakob im Gefängnis saß, Peter mit Mathinka Meixner irgendwohin davongegangen war und sein Weib vor vielen, vielen Jahren, er wußte nicht wann, sich von ihm wie eine vergessene Hündin im Tode verloren hatte. Da griff er an einer halb zerfallenen Radwer umher, dort versuchte er, ein zerdorrtes Rad an einen umgesunkenen Wagen zu stecken. Baumelnde Zaunlatten drückte er in Nagelstümpfe, daß sie bis zum nächsten Windstoß für befestigt gelten konnten. Mit einer halbgestielten Düngergabel fing er an, einen Unrathaufen umzustechen, rüttelte an Gerümpelstößen, lachte höhnisch, geriet in Wut, begann mit fistelnd weinerlicher Stimme zu fluchen und mäßigte sich dann wieder in ein eintöniges, tiefes Gebrummel, als sei er nur ein endloser Gang, in dem sich verfangener Wind mißmutig einen Ausgang sucht. Und wie jeden Abend fuhr er zuletzt auf, sah den Sintlinger drüben im Dunkel auf dem Hügel stehen und Herüberstarren, ging an einen geneigten Apfelbaum, zog seinen zusammengesunkenen Leib mühsam auseinander, lachte gell auf und schrie dann: »Gu'n Abend, Andreas! Andreas, wo bist du? Hahaha!« Und da der Sintlinger wie immer schwieg, fuhr er in seinem Spott fort: »Aha, dir hat der Heilige Geist wieder in den Kopf gesch ...! He, du Nasensäufer! Verfluchter Hurenbrüter! Leichenvater!« So ging das Schimpfen fort und wurde immer grausiger, bis es der Sintlinger nicht mehr vertrug, sich gewaltsam losriß und in den Hof eilte. Der alte Fremdbauer tobte noch eine Weile und kroch endlich irgendwo durch eine Luke ins Haus. Aber damit hatte sich seine Wut noch nicht ausgespielt. In die Stube zurückgekehrt, lehnte er sich aus dem Fenster und sang nach einer wilden, improvisierten Melodie sein Hohnlied zum Heiligenhof hinüber. Der Haß des alten Brindeisener war infernalischer wie sonst, und der Sintlinger, der von seinem Zimmer aus alles mit angehört hatte, rang mit aller Gewalt gegen seinen Zorn, warf sich ins Bett und wickelte sich die Decke um den Kopf. Aber die Worte des Alten gellten ihm fortwährend in die Ohren, daß ihn endlich die Wut wie ein Taumel übermannte. »Gut«, sagte er zu sich, »ist der Tolle über mir, so hat er mich eben. Und wenn ich das alte, grölende Tier im Feuer umkommen lasse, so bedeutet das nicht mehr, als brenne ich Schwaben mit dem Kienspan aus.« Er sprang aus dem Bett, zog sich notdürftig an, suchte im Finstern nach Streichhölzern und trat, zu allem entschlossen, leise auf den dunkeln Flur. Aber er war so erregt, daß ihm die Zähne aufeinanderschlugen und sein ganzer Leib wie von großem Frost geschüttelt wurde. Kaum wußte er, wo er war. Überall, wo er hingriff, stieß er gegen eine Wand und, nachdem er lange so wie trunken umhergetappt war, gab er es auf, die Stiegenmündung zu finden, blieb stehen und horchte in das nachtstille große Haus, ob noch irgend jemand wach sei und ihn gehört habe. Da vernahm er Schritte über den Hof gehen, und dann klang leise die Haspe des Beipförtchens. Der Krampf in ihm verlor sich, und er trat in sein Zimmer zurück. Am anderen Morgen fand man die Leiche des alten Zenker neben der Scheuer auf dem Brindeisenerbhofe. Ein aufgerissenes Kästchen Streichhölzer lag zerstreut neben ihm; die Hände noch verkrampft nach dem Stroh ausgestreckt, das aus einem Loch der Mauer quoll, das tote Auge weit aufgerissen und stier, der zahnlose Mund fest zusammengebissen, so lag er da, ein Häufchen erstarrter, wilder Rachsucht. Nach diesem Vorkommnis hielt sich der Heiligenbauer tagelang vor allen verborgen, und als er endlich sein Weib in sein Zimmer vor sich ließ, war er ganz verwandelt und eröffnete ihr den Entschluß, daß er nicht mehr länger auf dem Hofe seiner Väter bleiben könne, wolle er sich nicht der Gefahr aussetzen, nach allem Unglück noch Schimpf und Schande über sich und jene zu bringen, die mit ihm verbunden seien. Überdies, sein Leben sei abgeschlossen, und ihm bleibe weiter nichts mehr zu tun übrig, als seiner Seele zu dienen oder vielmehr, was etwa noch davon vorhanden sei. Dies alles sagte er mit ruhiger Stimme, entspanntem Gesicht und bewegungslosen Augen. Die Bäuerin versuchte umsonst, tiefer in ihn einzudringen. Zu allem, was sie sprach, schüttelte er den Kopf, und endlich, als sie ratlos schwieg, lächelte er in ergreifender Güte, strich mit linder Hand über ihre Stirn und bat sie, ihn in dem neuen Leben, das jetzt beginne, nicht zu verlassen. Wegen der Dienste, die der Meixner-Gottlieb ihm und seinem Lenlein erwiesen hatte und auch als Dank an den alten Zenker übergab ihm der Sintlinger den Heiligenhof zunächst pachtweise. Nur die Wiese an dem neuen Grenzwege, einige anstoßende Ackerbreiten und den Wald dahinter behielt er für sich. Dort erbaute er sich ein einfaches, bequemes Wohnhaus, das dem Gutswohnhaus auf dem Heiligenhofhübel ähnlich sah. Nur lief hier der Frontspieß in ein kleines Kuppeltürmlein aus, während auf dem Heiligenhofe der Turm mitten aus dem hohen First herausschoß. Der Sintlinger nahm außer dem nötigen Hausrat nichts als die Glocke mit von dem Hofe. Als nämlich der Gedanke an den Hausbau in ihm zwingend geworden war, nach jenem Abend, an dem ihn die Rachgier so überfallen hatte, nach den Tagen vollkommener Einsamkeit, war er erschöpft in einen Traum verfallen, so scharf und deutlich wie ein Begegnis des Lebens. Er sah das Lenlein in einem hellblauen, lang nachwallenden Kleide mit ihren hohen, schwebenden Blindenschritten über eine Wiese gehen, auf der, spärlich verstreut, da und dort große blaue Glockenblumen wuchsen. Das Mädchen ging zu jeder Blüte hin, sprach mit ihr und läutete sie, und als der Sintlinger erwachte, hörte er den Klang der Blumen noch deutlich in seinem Ohr. Deswegen bestand er darauf, die Glocke mitzunehmen, obwohl die Bäuerin meinte, auf diese Weise werde sie das Unglück nie verlassen. Der Sintlinger überwand ihren Widerstand und läutete die Glocke dann auch zu allen drei Tagzeiten wie sein Ahn, der tolle Jakob Sintlinger, mit dessen Leben seine Art und sein Schicksal eine solche Ähnlichkeit hatte. Wohl lag es an der anderen Umgebung: dem nahen Walde, den langen, von drei Seiten gegen das Haus geneigten Abhängen, daß der Klang der Glocke nun anders, weicher, verhaltener, fast wie ein gesungener Frauenton anzuhören war. Und die Leute von Hemsterhus, Brederode und Querhoven, nachdem sie dem Geläut einige Tage gelauscht hatten, sagten, die Glocke habe seit dem Umzuge eine Menschenstimme bekommen, und nicht lange danach entstand die Sage, so oft der Heiligenbauer läute, singe sein totes, verklärtes Lenlein im Himmel mit, und endlich geschah es, daß der Sintlinger selber daran glaubte, weil er sich an seinen Traum erinnerte. Seitdem schloß er jedesmal beim Läuten die Augen, und der Klang des Glöckleins führte ihn hinauf und hinaus in alle Welt. Alles rundumher, Himmel und Erde, war ein geheimnisvoller Wohllaut, alles in Klang getaucht, in den Klang der Stimme seines Kindes, das ihn bei Lebzeiten so tief in alles Jenseitige, in das Himmlische der Erde und der Menschen geführt hatte, daß er heute nicht mehr verstand, was er damals gesonnen hatte. Aber solange sein Lenlein durch die Stimme der Glocke in ihm sang, war alles wie damals, und er hatte die alte Seligkeitsempfindung des gesamten Weltallbesitzes durch seine Seele. Doch kamen auch oft genug schwere Tage, ja ganze Wochen, in denen es ihm war, als sei er von sich ausgesperrt. Dann war sein Ohr hörnen, sein Auge stumpf, sein Kopf wie eine beinerne Nuß, und sein Herz ging leer wie eine leere Pleuder. Meistens fiel den Heiligenbauer dieses Gefühl der Ausgeschlossenheit von sich und der ganzen Welt, diese riesige Todeseinsamkeit in den hohen Mittagsstunden an. Dann zog er wohl wie sonst sanft und zärtlich an dem Glockenstrick, griff mit verschmachtetem Ohr nach dem Klang in den Lüften und ließ den Widerstoß des Glockenschwunges durch die Arme bis in seine Brust zittern. Aber das sonnenhafte Stäuben wachte nicht auf in seiner Seele. Alles in ihm blieb erstorben wie in einem verfallenen Haus. Wenn er dies Erstarren in sich spürte, packte ihn jedesmal der Schmerz so tief, daß er an dem Strick riß wie einer, her die ganze Welt um Hilfe anruft, und die Glocke gellte aus dem Heiligenwinkel wie ein verzweifelter Schrei, der zuletzt jäh abriß. In Hemsterhus, Brederode und Querhoven, wenn die Leute die Glocke also toben hörten, erbleichten die Mütter, rissen ihre Kinder vom Spiele weg in die Stube, schlossen vor dem qualvollen Laut in den Lüften Fenster und Tür und sagten erschrocken: »Kommt, seid still! Der Heiligenbauer schreit.« Dem Sintlinger geschah es in solchen Zeiten, daß er die Welt nicht mehr begriff, die er doch selber, tätig und schaffend, aus eigener Tiefe geboren hatte. Und doch saß er noch mitten darin, aber verwirrt wie in der Unwirklichkeit eines unabsehbaren Waldes, aus dem er keinen Ausweg sah. Nicht ein lebendiger Ton kam zu ihm, weder aus seiner Vergangenheit, noch rührte ihn etwas aus seiner Gegenwart. Johanna sah ihn oft stundenlang auf der Altane des Hauses mit zugefallenen Augen sitzen und sprechend, aber ohne Laut, die Lippen rühren in der Art, wie leidenschaftliche Menschen erregt denken, und wenn sie ihn fragte, womit er sich denn wieder herumschlagen müsse, achtete er entweder gar nicht auf sie oder krümmte nur bitter die Lippen oder sagte Unbegreifliches, wie: »Wenn Schatten Schatten waren, dann wüßte man auch, daß Dinge wirklich sind. So aber, wenn der Wald rauscht, weiß ich nicht, bin ich es oder der Wald. Ach, mein liebes Weib, ein Hahn, ein Haus, ein Mensch, ein Gott, ich und du! Was ist das alles?« – Mit entgleisten Blicken sah er ratlos um sich, ließ die Augen wieder zufallen und versank in seine Verschollenheit. Gegen das Ende einer solchen Dunkelzeit hin, als es ihn wieder einmal durch tausend unsichtbare Schluchten und Höhlen geschleift hatte, daß sein Körper welk und sein Gesicht ganz verfallen war, packte er im Vorbeigehen unvermutet Johannas Hand mit schmerzhaftem Griff und sagte mühsam, verzweifelt, wie einer, der am Ende seines Widerstandes angekommen ist: »Weißt du, Johanna, es geht zu Ende mit mir, vollkommen zu Ende. Und nun habe ich nur noch einen Wunsch. Der Faber möchte kommen und noch einmal mit mir reden. Das ist das einzige, was mir noch helfen kann.« Die Bäuerin aber wußte von dem jahrzehntelangen Ringen ihres Mannes mit diesem großen Menschen nichts. Sie kannte ihn nur, wie alle Menschen der Gegend, von der fast vergessenen Herner Rebellion her als einen wilden, mörderlichen Landfahrer und Leuteschrecken. Deshalb verfärbte sich die gute Frau und fragte, mit Tränen der Angst in den Augen, wieso er auf diesen furchtbaren Gedanken verfallen könne, denn dieses Scheusal sitze ja schon seit Jahren im Zuchthause oder sei vielleicht schon gar in irgendeiner Henkergrube verscharrt. Da brach dann der Sintlinger das erstemal das sorgsam behütete Schweigen über den verborgenen, geheimnisvollen Kampf, in dem sein Geist mit dem Geiste dieses Rebellen begriffen war, von dem ersten und einzigen Gespräch an in der Nacht nach der Einweihung des Sintlingersteines auf der Wiese, wo jetzt ihr Haus stand, ging alle geheimen Nöte und Berückungen durch, die er von ihm erfahren, erwähnte auch dessen Brief, den er am Tage der Beerdigung des Vanlyßender empfangen hatte, und versicherte, daß eigentlich nur dieser Mann am Scheitern seiner Weisheit und an dem vollkommenen Zerbrechen seiner Welt schuld sei. Der Bäuerin kamen die Aufschlüsse über solch rätselhafte Beziehungen zwischen Menschen nur wie ein auf allen Wolken segelnder Wahn eines kranken Gemütes vor, und sie wußte sich keinen anderen Rat, als ihren lieben Andreas erschütterten Herzens zu umarmen und ihm zu sagen, wenn es so sei, wie er glaube, was sie aber nicht verstehe und auch nicht verstehen wolle, dann werde sich sicher alles zum Guten wenden, denn ein Mann wie er könne in einem solchen Kummerloche nicht enden, in dem er jetzt stecke. Das glaube sie ganz fest. Darauf ging sie davon und behielt die Sorge für sich, die ihr trotzdem im Herzen saß. In jenem Jahre nun hatte sich wieder einmal das Verhältnis zwischen der Arbeiterschaft und den Unternehmern in dem rheinisch-westfälischen Industriegebiet zu einer unerträglichen Spannung erhitzt. Alle Betriebe waren davon ergriffen, und man befürchtete den Ausbruch eines Streiks größten Stiles. Unter denen, die am tätigsten an der Vermeidung dieses Kampfes arbeiteten, wurde der Name Franz Fabers auch in den Syndikatszeitungen mit Achtung genannt als eines Mannes von großer Einsicht, weiser Mäßigung und reinster, höchster Menschenliebe. Und als endlich die Ruhe wiederhergestellt war, erschien es dem Sintlinger unausweichlich sicher, daß Faber seinem verjährten Versprechen nachkommen und ihn aufsuchen mußte, obwohl der Heiligenbauer keine anderen Anstalten traf, als nur seine schmerzhafte Sehnsucht nach ihm von Tag zu Tag zu steigern. Und sein Herz, das nach ihm verlangte, betrog ihn nicht. Johanna sah eines Nachmittags ihrem Mann von der Stube durchs Fenster verstohlen zu, wie er wieder unbeweglich und eingesunken auf der Altane saß, und wenn er auch nicht in ewiger Gcdankenunstetheit lautlos die Lippen gehen ließ wie sonst, so merkte sie doch, daß das dunkle Arbeiten eines friedlosen Geistes noch immer in ihm war. Denn von Zeit zu Zeit hob er den Kopf, strich in einer Art begütigenden Beschwörens mit der Hand über die Stirn und sah dann eigen und genau in die Weite, dorthin, wo hinter dem sänftlich niederen Taleinschnitt zwischen den beiden Fremdhöfen, schon etwas fern überblaut, die leicht bewegte Hügelwand den Horizont abschloß, die das Gebiet der Fremdhöfe von Querhoven trennt. Doch konnte sie nicht herauskriegen, wodurch die Aufmerksamkeit ihres Andreas, wie sie meinte, gerade immer dorthin gezogen wurde. Denn es war da nichts Merkwürdiges. Das Fichtenbärtlein, das von dem Walde des Dürrenberges herablief, stand als ein durchbrochener dunkler Schleier, und das Licht der schon geneigten Sonne blitzte in goldfunkigen Streifen und Punkten durch das Geäst. Jedoch gegen den Abend hin, als dies Spiel des Sonnenschimmers schon rot zu glühen anfing, sah sie einen ungewöhnlich großen Mann über den Querhovener Hügel den Fußweg gegen die neue Chaussee, den früheren Grenzweg, herabsteigen und langsam und würdig wie ein König herankommen. Zwischen den Fremdhöfen, mitten im Taleinschnitt, blieb er stehen und schaute bald den Sintlinger-, bald den Brindeisenerhübel mit aufmerksamem Betrachten an, so, als sei er mit sich nicht einig, gegen welches Gehöft er hinansteigen solle. Er trug den Hut in der Hand, und sein leichter grauer Mantel wehte in dem schwachen Winde, der ihm auch manchmal einen riesigen Vollbart, gleich einem dichten weißlichen Gewölk, über die Achsel trieb. Nach einigem Bedenken setzte er, aber nun mit geneigtem Kopfe, den Weg fort, hob an der Stelle, wo der Weg nach dem Fremdhofwalde zu eine Biegung machte, das Gesicht, musterte das Sintlingersche Fluchthaus einen Augenblick und schritt dann entschieden über das kleine Grabenbrücklein auf den Eingang des Gartens zu, der sich bis nahe an die Straße hin ausdehnte. Sowie er, energisch auf ihr Haus zusteuernd, den ersten Fuß auf das Grabenbrücklein setzte, sah die Heiligenhofbäuerin ihren Mann jäh aufspringen, hoch aufatmend mit beiden Händen das Geländer der Altane packen und dann überstürzt die Stufen hinab durch den Garten auf den Fremden zueilen. Am Gartenpförtchen trafen die beiden Männer zusammen. Johanna sah ihren Andreas das kleine Türchen öffnen und dem großen Ankömmling die Hand entgegenstrecken. Aber noch ehe der andere sie ergreifen konnte, fing der Heiligenbauer an zu taumeln, und der Fremde mußte ihn in den Armen auffangen, um ihn vor dem Umsinken zu bewahren. Johanna stieß einen Schrei aus und sprang die Stufen der Altane hinab, durch den Garten, den beiden entgegen, denn die Gute glaubte, ihrem Manne sei infolge der langen Gramzeit ein Unglück zugestoßen. Und wirklich, als sie sich den beiden fliegend näherte, sah sie den Sintlinger blaß, von halber Ohnmacht betäubt, mit geschlossenen Augen, aber doch beglückt lächelnd, am Arm des Fremden hängend, herankommen. Franz Faber, denn das war der Fremde in der Tat, winkte ihr, sich nicht zu beunruhigen, grüßte in gewinnender Güte und gab ihr durch Zeichen zu verstehen, sich aller lauten Worte zu enthalten. Auf der Altane angekommen, bat er sie ebenso stumm, ihn mit dem Sintlinger allein zu lassen. Dann saß er lange schweigend bei dem Erschütterten und hielt seine Hand in der seinen. Aber der Heiligenbauer sah fortwährend vor sich nieder und vermochte nicht, den, nach dem er doch so gerungen hatte, anzusehen. Nur dann und wann ging ein Zucken über das Gesicht ihres Andreas, ein Zug, der aus Bitterkeit und Seligkeit gemischt war, und auch aussah wie das glückvolle Lächeln des Unterliegens. Und jedesmal, wenn ein solcher Anfall zerbrochenen Stolzes über den Sintlinger kam, bemerkte die Bäuerin, die hinterm Fenster die beiden betrachtete, daß Faber seine Hand beruhigend auf ihres Mannes Achsel legte, und am Rucken des großen Bartes erkannte sie, daß er ihm gut zusprach. Nein, das war kein Narr, wie ihn der Sintlinger so oft gescholten, noch weniger ein böser Verführer und Allesfeind, wie sie lange mit der Menge gemeint hatte; er saß, im Gegenteil, da wie ein großer gütiger Menschenvater, und die furchtbare Säbelnarbe, die schräg über seine Stirn gehauen war, vermehrte seine Ehrwürdigkeit noch ins geradezu Erschütternde hinein. Und die einfache, reine Frau empfand, daß ihr rastlos umgetriebener Mann nun geborgen sei. Sie begab sich vom Fenster weg und ging in die Küche, das Abendbrot zu richten. Nicht lange danach hörte sie die beiden erst leise, dann immer lebhafter miteinander sprechen. Noch diesen selben Abend breitete der Sintlinger sein ganzes Leben vor Faber aus: Wie er mitten in der ererbten Wildheit seines Blutes durch die Geburt des engelhaften Lenleins zu neuem Dasein erweckt und von ihr in unsagbar lichte Höhen geführt worden sei; wie dann Dunkelheiten und Schatten nach dem Sehendwerden über ihn gekommen seien, vor allem nach dem Tode Helenens ihn eine solch tiefe Nacht des Geistes umfangen habe, daß er nun verwirrt und zerstört dastehe und wirklich nicht mehr wisse, wohin zu wandern sei. Der Heiligenbauer verlor die letzte Scheu und sprach von seinem Geheimsten. Als er geendet hatte und voll gespanntester Erwartung Faber ansah, merkte er wohl dessen tiefe Erschütterung. Der mächtige Mann lehnte mit zurückgesunkenem Haupt und geschlossenen Auges da. Dann nickte er schwer, schaute den Sintlinger tief an, ergriff seine Hand und drückte sie mit herzlicher Kraft. Aber er ging doch an der Lebensbeichte des Sintlingers vorüber und erzählte, daß er schon einen Tag seinetwegen bei den Querhovenern drüben gewesen sei, die sich ja als seine Jünger betrachteten. Dort habe er schon vielerlei von ihm und seinem Schicksal erfahren. Die Abrundung und richtige Einsicht sei ihm indes erst jetzt durch ihn selbst gekommen. Er danke ihm herzlich für sein Vertrauen, bitte jedoch, ihm diese Nacht Zeit zu lassen, damit er sich noch einmal alles bei sich überlege. Auch sei er heut übermüdet. Der Sintlinger saß nach dieser Antwort enttäuscht da, senkte das Gesicht und nagte an der Lippe, überwand sich aber, stand auf und übergab Faber seine Tagebuchblätter mit dem Bemerken, daß darin noch mehr enthalten sei, als er habe erzählen können, das meiste, oder vielmehr viel von dem, was er innerlich erlebt habe. Wolle er sie lesen, so würde es ihm noch leichter werden, das zu finden, woran er habe zerbrechen müssen. Franz Faber nahm die Blätter mit bedeutsamem Dank entgegen. Darauf trennten sich die Männer, und Faber stieg in das Stüblein hinauf, wo ihm sein Nachtlager bereitet worden war. Des anderen Tages blieb Faber fast ganz auf seinem Zimmer. Während der Mahlzeiten saß er, in sich wie in große Ferne verloren, am Tisch, und den Heiligenbauer und sein Weib ergriff oft ein rätselhafter Schauer, wenn er seine Augen mit dem über die Erde langenden Blick lange und ergründend auf ihnen ruhen ließ. Am Abend dieses zweiten Tages gingen der Heiligenbauer und Faber auf dessen Vorschlag an allen Plätzen umher, die ihnen bei ihrer ersten Zusammenkunft vor zwanzig Jahren merkwürdig geworden waren, vom Strauchhaufen zum stillen Tümpel, wo Faber auf der Flucht ohnmächtig zusammengebrochen durch den Sintlinger gefunden worden war; überschritten den Graben, wandelten im Mondschein das kleine Tälchen entlang, stiegen zum Heiligenhofe hinauf, saßen unter den Linden am Sintlingerstein, schauten auf den verfallenen Brindeisenerhof hinüber, blickten zu den Fenstern empor, hinter denen Helene die letzten Jahre ihres Lebens gewohnt hatte, und verloren sich über die Hohe Kippe ein Stück in den Wald. Der Sintlinger redete noch mehr von den Kämpfen und Verwickelungen seines Daseins, und wie er eigentlich fortwährend, gleichsam unterirdisch, habe mit Faber ringen müssen, bis heute, bis alles wie Staub in ihm zerfallen sei. Faber war bisher fast schweigend neben ihm gegangen, und sein Anteil an dem Gespräch hatte eigentlich nur in den Anregungen bestanden, den Fluß der Sintlingerschen Erzählung weiterzuführen und unmerklich zu steuern. Als der Sintlinger die letzten Worte über seine Auflösung gesprochen hatte, blieb Faber stehen und fragte: »Und weißt du, Sintlinger, warum es nicht ausbleiben konnte, daß du vor dir verschwandest? Weißt du das?« Der Sintlinger schüttelte das Haupt. Deswegen fuhr Faber fort: »Du bist mein Bruder, Sintlinger. Das habe ich an den Querhovenern erfahren, die behaupten, den neuen Weg zu Gott und ihr ganzes verändertes Leben von dir empfangen zu haben. Am meisten, tiefer noch, ist es mir durch deine Aufzeichnungen gewiß geworden, daß du mein Bruder bist in dem heiligen Geist, der beginnt, nun in den Menschen zur Herrschaft zu gelangen, ohne Verhüllung von Dogmen, ohne Gleichnis, nachdem er vermummt all die Jahrtausende leitend in ihnen umgegangen ist. Noch einmal sei es gesagt: Du bist tiefer mein Bruder wie je ein anderer Mensch auf Erden. Und darum mußten wir miteinander ringen, noch ehe wir uns recht kannten. Denn die Menschen der gleichgerichteten Art sind sich nahe, auch wenn sie sich nicht sehen, und wären Meere oder Jahrhunderte zwischen ihnen: Die Ermannung des einen wird des andern Sieg, und durch den Fall des einen straucheln und stürzen viele andere, die in Unsicherheit leben. Deswegen weiß ich auch um dein Inneres. Soll ich weiterleben, oder weißt du es nun auch schon selber, warum du dich verwirrt hast?« »Ich bitte dich, rede, Faber«, antwortete der Heiligenbauer leise. »Na, da du es willst, so höre. Die Glocke, die du alle Tage läutest, tönt dir nicht ihren Klang, nicht deine eigene Stimme und nicht deinen Geist, sondern die Stimme und den Geist deiner gestorbenen Tochter Helene. Aber so, wie es jetzt ist, war es; als sie noch lebte, wie ich gelesen habe, vom ersten Tage ihres Daseins an. Auch damals lebtest du eigentlich nur ihr Leben, sannst mit ihrem Geiste und fühltest mit ihrem Herzen. Dein Leben aber, dein Geist und dein Herz blieben an dem Orte, wo sie gewesen waren, noch ehe dein Kind geboren wurde. Du fandest Weisheit und wurdest nicht weise, lebtest die Tugend eines anderen Herzens, wähntest dich frei und warst gefangen. Darum, als ein Wandel über dein Kind kam, als sie durch die Erschütterungen der Liebe das äußere Gesicht erlangte und dann gar im Tode von dir verschwand, mußte sich alles vor dir verwandeln und verschwinden, weil du nur durch ihr Dasein wußtest, was du erkannt hattest. Denn man kann auch auf einem Irrweg auf einen Gipfel gelangen, wohl sehen, daß es ein Gipfel ist, aber dann, ohne zu wissen, wie es zugeht, sich wieder davon verlieren. Selbst die reinste Liebe ist ein Irrweg, wenn sie dich nicht ganz auf den Pfaden deines Geistes führt, und zu allerletzt im tiefsten darf kein Mensch jemand anders angehören als nur Gott. Also, wenn du nicht weiter, wie du sagst, Staub in dir sein willst, so mußt du nun ein zweites Mal und jetzt mit eigenen Kräften erwerben, was du durch dein heiliges Kind besessen hast. Denn ich glaube selbst, dein Lenlein war ein heiliger Mensch. Deswegen sei nicht mehr traurig und mutlos. Alles Leben in und außer uns muß immerfort verschwinden, da es die Art der Welle ist, zu kommen und zu gehen. Doch das Meer bleibt, wie du selbst in deinen Aufzeichnungen geschrieben hast. Wir Menschen aber, solange wir auf den Strömen dieser tanzenden Erde fahren, müssen mit immer reinerem Geist und Willen uns immer höher bauen, wir, die Lichtschatten Gottes, von unserer Seele her.« Über diesen Worten waren sie aus dem Walde gekommen und wieder am Hause angelangt. Der Sintlinger stand gesenkten Hauptes da, während Faber sich schon anschickte, die Stufen zur Altane emporzusteigen. Es sah aus, als wolle der Heiligenbauer, von neuem Gram übermannt, nicht schlafen gehen, sondern wieder in den Wald entweichen. Deswegen nahm Faber seine Hand und sagte liebreich: »Nein, Sintlinger, nun gleich ins Bett! Glaube mir, du schläfst mit deinem größten Glück Wand an Wand. Morgen will ich weiter mit dir sprechen und dann davongehen.« Allein der Heiligenhofbauer wurde doch von der alten Friedlosigkeit und Zerstörung überfallen, und als Faber die Tür hinter sich geschlossen hatte, verließ er den Garten und lief in den Wald, wo er mit seinem bösen Geiste rang bis an den Morgen. Es schien ihm, als habe Faber nun erst recht sein ganzes Leben durch die Forderung zertreten, daß er sich sogar von dem Geiste des verstorbenen Lenleins wie von einer Torheit fernhalten solle. Doch als nach langen Stunden der Nacht endlich über den Baumwipfeln das erste Silbergrau der Frühe aufwachte, begann ihn das Wühlen der Widersetzlichkeit gegen Faber zu verlassen, und es ging ihm auf, daß er all die Stunden wie in den langen vorher sich eigentlich gegen den Sinn gebäumt hatte, den er in verletztem Stolze den Worten Fabers eigenmächtig untergelegt hatte. Wie hätte der große Mann sonst von Helene als von einem heiligen Menschen reden können! Er faßte sich mit festem Griffe, daß es ihm nicht wieder geschehe, durch die Irre auf einen Gipfel zu kommen. Er machte sich frei von der Eitelkeit seines Geistes und der Selbstverliebtheit des Herzens und sah ein, daß die Wahrheit nicht wahr sei, weil sie jemand spricht, sondern weil es die Wahrheit ist, und daß sie von Anbeginn in jedem Menschen sein muß, da sie sonst nie von jemand hätte erkannt werden können. Als der Heiligenbauer aus dem Walde trat, sah er sein Haus verklärt in dem ersten Glanze des Morgens liegen. Er faßte das als eine trostreiche Verheißung auf, und die Handvoll Schlaf, die ihm noch blieb, erquickte ihn so tief wie der Friede von ruhigen Jahren, und aus dem Zusammensein der beiden Männer an diesem letzten Tage wurde dann ein hohes, denkwürdiges Fest der Seele. Faber merkte glückvoll die reine Aufgeschlossenheit und Freiheit, die ihm Sintlinger entgegenbrachte, und redete mit ihm über alle Geheimnisse seines und des Lebens aller Menschen. Am Nachmittage drängte Faber zum Aufbruche, denn er wollte vor seiner Abreise aus der Gegend noch einen Abend in Querhoven bei dem Weber Staupitz im Kreise der armen Walddörfler zubringen, die er wunderbare Menschen nannte. Alle Bitten des Sintlingers, noch länger zu bleiben, wies er mit herzlichem Dank zurück. Denn er dürfe sich keine Ruhe gönnen. Lächelnd stand er auf und ging, beglückt über die Liebe des Heiligenbauers und seiner Johanna, ein paarmal in der Stube hin und her. Zuletzt trat er an das Fenster und schaute lange über den Garten in die Landschaft, durch die er einst als, Verfemter bei Nacht in der Not geflüchtet war, und jetzt, nach zwanzig Jahren, weilte er hier als Friedensbringer. Indessen er so stand und versunken hinaussann, trat auch die Bäuerin leise herein und setzte sich geräuschlos zu ihrem Manne an den Tisch. Die beiden hingen mit Blicken der Verehrung an der hohen Gestalt des in sich gekehrten Weisen, bis er sich langsam umwandte und sie mit einem Gesicht anschaute, das von tiefer Seligkeit verschönt war. »O ja«, sagte er strahlend, »das Leben ist schön! Wie herrlich ist in Wahrheit alles Schwere, wenn wir Menschen es in der rechten Weise empfangen und überwinden!« Nach diesem Ausruf wurde er von seinem Geist ganz überwältigt und hingerissen und fuhr zu reden fort: »Seht, ihr beiden lieben, lieben Menschen, ich muß wieder davongehen. Ich bin froh, daß ich bei euch war, und bin doch auch glücklich, daß ich wieder fort muß. Denn mich treibt mein Geist, den Menschen ein neues Evangelium zu bringen, nicht daß ich im Jagen es mir erst erwerben müßte. Nein, ich besitze es. Mitten in den Zerstörungen bin ich selbst unzerstörbar. Es ist ein anderes, als die Menschen bis jetzt geglaubt haben. Denn wer noch von Erlösung redet, redet ausgehülste Worte, lebt in der Sündeneitelkeit, beleidigt Gott und bäckt das Brot seiner Tage im Angstofen des Todes. Auf der Fahne, die ich entfalte, ist kein Tier gemalt und kein Leichnam, sondern das Bild eines glückvollen, lebendigen Menschen. Das ganze Weltall mit seinen unzähligen Gestalten, alle Lehren der Kirchen, die waren und noch sein werden, alle Wahrheiten der Wissenschaften sind nur Sinnbilder seines Wesens, alles an und in ihm, sogar sein häusliches Tun, seine Familien und Staaten und selbst noch seine Sünden. Denn Zeit ist nur in unserer Rede und Raum durch unser Denken. Jedes Wort vom Unterschiede ist nur ein Gleichnis auf Erden. Das unbezeichenbare Wesen, das den Grund der Welt bildet, es ist auch unser tiefstes Wesen, vor dem ein Halm so groß ist wie ein Berg. Es kennt nicht das Mehr und Weniger, nicht groß und klein, nicht hier und dort, nicht heute, morgen und gestern. Geburt und Tod sind nur Töne seines ewigen Liedes. Der Tanz der Gestirne verursacht Ebbe und Flut; aber er läutet auch unser kleines Herz. Und alles zusammen ist doch nicht mehr als der Hin- und Widergang der Uhr an der Wand im Hause des Menschen. So tief ist das ewige Wesen, das wir in uns Seele, außer uns Gott nennen. Nach dem Tode sind wir ungeteilt. Hier, in dem Zustande, den wir Leben nennen oder Dasein, wird uns alles verschleiert durch den Geist und sein Denken, daß wir es verkehrt sehen, wie die Bilder im Spiegel des Teiches oder im Sterne unseres Auges. Doch schon hier, gefesselt durch die Trugbilder von Raum und Zeit, können wir dahin gelangen, in jenes Haus ohne Mauern, das einige das Jenseits heißen, andere den Himmel und noch andere das Nichts, weil es das All ist. Wenn ein Vogel auf der Spitze des äußersten Baumzweiges sitzt, so erlebt er nur die Bewegungen dieses Zweiges. Rückt er tiefer hinein auf den Ast, so umfaßt er die Bewegungen von hundert Zweigen und schwankt doch nur wenig. Wählt er aber seinen Platz im Kroneninnern, hart am Stamm, so erlebt er die Bewegungen des ganzen Baumes und wird selbst nicht mehr erschüttert. Noch mehr wie diesem Vogel geschieht einem Menschen, der bis in die Tiefe seiner Seele sinkt. Denn dort erlebt er alles Leben, das ganze Weltall, den ganzen Gott mit all seinen Geheimnissen, weil dieser unser Grund auch der Grund Gottes ist Wer aber dieses weiß, von dem ist jede Trauer genommen und das Vergängliche vor dem Unvergänglichen verschwunden. Jubelt! Da ist der Friede, das Glück, das Licht, die Schönheit, die niemand euch mehr nehmen kann. Das schenke ich euch zum Abschiede. Bedenkt es in eurem Herzen, wenn ich fort bin, und handelt danach in Wachsamkeit und Treue. Lebt wohl!« Als Faber so geredet hatte, trat er zu dem Bauer und der Bäuerin, ergriff ihre Hände, schüttelte sie stürmisch und verließ sie dann mit seinen schnell zusammengerafften Sachen, eilig, fast flüchtend. Der Heiligenbauer und seine Frau waren von dem unvermutet losgebrochenen Strome der Faberschen Weisheit betäubt wie von einem Gewitter, geblendet, als seien ihre Augen von der hohen Sonne versengt worden, dergestalt, daß sie wohl den Handdruck des Abscheidenden erwiderten, auch Worte sprachen, sich sogar einige Schritte ihm nach bewegten und doch eigentlich nicht wußten, was sie taten. Als sie aus diesem unirdischen Traume erwachten, fanden sie sich einander gegenüberstehend auf der Schwelle der Tür desselben Zimmers, in dem nun auch das letzte Regen der Worte Fabers verschwunden war. Sie sahen sich an und bemerkten, daß ihre Gesichter ganz blaß waren. Der Sintlinger trat zurück und begann langsam die Stube hin zu schreiten. Johanna eilte hinaus, die Altane hinab in den Garten und rief immerfort laut Fabers Namen, um ihn womöglich noch einmal zum Zurückkommen zu bewegen. Der aber war nirgend mehr zu sehen. Als sie in die Stube zurückkehrte, fand sie ihren Andreas am Fenster stehend, die Stirn an die Scheiben gepreßt. So, daß sein Gesicht nicht zu sehen war, stand er und schaute unbeweglich in die Weite. Sie trat zu ihm, legte eine Hand auf seine Schulter und blickte auch hinaus, von dem schnellen Lauf und der Aufregung noch immer hoch aufatmend. Nach einer Weile des Hinschauens sagte der Heiligenbauer leise: »Siehst du, nun steigt er über die Querhovener Hügel hinauf.« Und Johanna erspähte Faber jetzt auch, wie er, den Hut in der Hand, rüstigen Ganges die Anhöhe emporstieg. Sein Haar und sein Bart wehten weiß um sein mächtiges Haupt. Nun war er auf der Höhe angelangt, schaute einen Augenblick nach ihrem Hause zurück und verschwand dann im Lichte der untergehenden Sonne zwischen den Fichten. Als sich der Heiligenbauer zurückwandte, bemerkte Johanna, daß seine Augen noch von Tränen überschimmert waren. Er rührte aber mit keinem Wort an seine tiefe Ergriffenheit, sondern sagte lächelnd: »Nun hat Faber ja mein Geschriebenes mitgenommen. Und dann habe ich auch vergessen, ihn nach seinem Leben zu fragen.« Dabei ging er, ließ sich sinnend auf einen Stuhl am Tisch nieder und sagte nach einigem Nachdenken leise zu sich: »Nun. Ja, ja. Es ist wohl so. Wenn man immerfort bloß an sein eigenes Leben denkt, verliert man's, und wenn man's gibt, kriegt man's. Und ein jeder von uns ist immer nur der Laut der Schritte eines Größeren, der nach uns kommt.« * Nach dem Besuch Fabers trat der Heiligenbauer in seine letzte Verwandlung. Er schloß sich in immer größerer Liebe und Güte allen Menschen auf. Auch den Querhovenern näherte er sich mehr und mehr und förderte die Walddörfler auf jede Weise innerlich und äußerlich. Gottlieb Meixner aber liebte er wie seinen eigenen Sohn, und das Meierlein, die seine Ehefrau geworden war, wie seine Schwiegertochter, seit er erfahren hatte, daß die beiden in der Nacht vor dem Sehendwerden Helenens von seinem Kinde gleichsam zusammengegeben und gesegnet worden waren. Und als den beiden das erste Kind, ein Knabe, geboren wurde, war es ihm, als blühe ein Teil seines und Lenleins Wesen, auch das Herz seines lieben Weibes, weiter auf dem Hofe seiner Väter. Trotzdem verlangte ihn je und je nach seinem gestorbenen Kinde, und er läutete die Glocke seines Hauses weiter, damit die Stimme des Lenleins erwache und es zwischen Himmel und Erde zu seiner Seele rede. Aber niemals mehr kam das wilde, heisere Toben über die Glocke in dem Heiligenwinkel. Sie tönte von nun an immer heiter wie die Stimme eines Kindes, und jetzt, wenn sich ihr Ton lieblich durch die Täler über die Hügel schwingt, sagen die Leute in den Stuben zueinander: »Horcht, das Heiligenlenlein singt«, hören auf zu sprechen, treten vor die Haustür und lauschen bewegt, bis die Glocke verklungen ist.