Hermann Stehr Der begrabene Gott C. A. Koch's Verlag Nachf. Copyright 1927 by Horen-Verlag G. m. b. H., Berlin-Grunewald. Printed in Germany. Druck A. Sendel\&Cie. G.m.b.H. Berlin SW 61. Erster Teil 1 Drei Stunden von Glatz südöstlich, abseits vom Verkehr liegt in einer Quermulde der Vorberge des Eisengebirges das kleine Gebirgsdorf Steindorf. Am Fuße des kleinen und großen Hedwigsteines lagert das eigentliche Dorf, eine geringe Anzahl niedriger Hütten und Gehöfte, die unter Obstbäumen versteckt liegen. An den Rändern der umliegenden Berge, in den Löchern hängen und hocken seine Kolonien. »Unse Dorf hat fimf Anteele!« rühmt sich jeder Steindorfer; aber niemand wird darum reicher. Mühsam rang man dem Steingeröll die mageren Feldbreiten ab, dann schichtete man es zu Wällen auf, die sich zwischen den Äckern hinziehen. Sie sind grau, verwittert, von Moosen und Flechten überzogen, mit Hirschholder und Heckenrosen bewachsen, wie Mauern einer verfallenen Stadt, wie vergessenes Material eines großen Bauwerkes, dessen Plan verlorengegangen ist. Die letzten Oktobertage bringen morgens und abends tiefe Nebel über Steindorf. Diese steigen von den Tälern des Kessels der Grafschaft Glatz herauf, an dessen südöstlichem Rande das kleine Dorf liegt. Der erschöpfte Wind treibt sie schläfrig herauf, gleich unförmigen grauen Riesentieren. Dann ziehen sie träge heran, stoßen sich an den steilen Schwarzwaldhängen des Rollenberges und des Hedwigsteines, versuchen über ihn hinwegzuklimmen, fallen aber träge zurück und rollen ihre plumpen Leiber hinab in das Tal, das bald angefüllt ist mit ihren wolligen, unruhigen Rücken. Der Wind, ihr Hirt, geht noch eine Weile auf den Kämmen der Berge hin und her, lobt die Ruhe seiner grauen Riesenherde mit hohem, zufriedenem Singen oder brüllt sein Mißfallen in rauhen Aufschreien ins Tal und wühlt sich endlich spät in der Nacht mit knurrenden Lauten zu kurzer Ruhe in den Waldhöhen ein. In solchen Nebelnächten des Spätherbstes hört dann das Leben auf der Straße von Steindorf noch eher auf als sonst. Auch das Glockentürmchen auf dem Freirichtergute, das sonst immer als standhafter Wächter über die Dächer späht, verkriecht sich gar zeitig irgendwohin. Ganz stille schläft es. Nur beim wilden Aufschrei des zornigen Windes wacht es auf, und sein Glöckchen schlägt stotternd einigemal an, wie ein furchtsames Herz pocht, das sich seiner Pflichtvergessenheit bewußt wird. Dann eilt das Türmchen jedesmal auf das hohe, steile Dach des Wohnhauses, zerteilt mit seiner Fahne die schlafenden Nebel, lugt das Dorf hinauf und hinab und hüpft beruhigt wieder in sein Nest tief in der Finsternis. Die Häuslein Steindorfs sind eine gar artige Schar. Sie gehen auch an hellen Abenden zeitig zur Ruh; in diesen Nebelnächten aber lassen sie ihren Bewohnern kaum soviel Zeit, die Geschirre des Abendessens vom Tisch zu räumen, rufen sie auf ihr Lager und löschen die Lichter aus. August Klose, der Schuster-Guste genannt, aber hat ein waches Häuslein. Das erträgt das Licht des Lämpchens immer am längsten im Dorfe. Alle Bewohner sind darüber ungehalten. »Der Schuster ist eben nie gescheide! Was macht er denn aso lange? Beim teuern Lichte sitzen und Faxen aus a Bichern lesen, mehr wird ebens nie«, räsonieren sie. Allein ihnen zum Trotze bleibt der Schuster oft bis um zehn Uhr nachts, sogar noch länger auf. Heute aber hat er Gesellschaft in seiner niedrigen Stube. Die zerlesenen Schwarten liegen unberührt auf dem Wandbrett über der Holzbank, die um den Tisch läuft, und er sieht, die Ellenbogen gemächlich aufgestützt, durch den kleinen Lichtkreis auf sein Gegenüber. Er sieht gespannt hinüber, mit jener Leidenschaftlichkeit in den Mienen, wie sie die Armut trägt, die ein Recht verteidigt. »Nee, da darfst du nich erst kommen, dummer Kerle«, ruft er erregt, »dorte hat's Wasser. Verlaß dich of mich, ich bin mit'm Forstassessor Winkelmann vermessen gegangen, wer weeß wieviel Wochen. Ich kenn de Steene; aus m Grunde kenn ich se! Und dadruf alleene kommt's an. Bei dir aber is der beste Steen of Gotts Erdboden für een Born. Was denkst du denn! Plenter – Unterlage! 's hat ja nischt Scheeneres! Das is dir ein Steen, harte wie ne Ofenplatte. Zehn Jahre kann ein Troppen Wasser drauf stehn und sinkt nich ein. Kurasche! Schaufel und Axt und druf! Eh's einwintert, bist du fix und fertig.« Sein Gast hatte bei der Rede still dagesessen, den Kopf auf die Brust geneigt, die Hände zwischen die Knie geklemmt. Nun hob er sein Gesicht, starrte über den Tisch und nickte mit seinem großen Kopfe nachdenklich ein paarmal. Dann erwiderte er: »Und wenn ich 's Geld neistecke und 's bleibt aus ...« Schuster-Guste strich sich ärgerlich den gelben, harten Schnauzbart: »Nu, Karl, wenn du, und du gleebst's eben nie, da kann dir niemand helfen! Da bleibt dir eben weiter nischt ibrig, du verkeefst dei Wirtschaftl; denn ein Haus ohne Wasser is wie ein Kopf ohne Maul. Keefer findste ja. Der Freirichter paßt ja bloß druf. Verkeefs, zieh fort und pfeif of de Marie.« Karl Exners bartloses Gesicht ward mürrisch wie ein Astknorren. »Du sollst mir den Namen nich ins Maul nehmen!« schrie er ärgerlich. »Ich wer dir se nich abspenstig machen. Wenn ich auch wollte. Da bin ich viel zu ein armer Teifel. Die will een, der mit'm Daumen fort kann. Das weeß ma schon.« Mit einer bitter-ernsten Miene sah er vor sich nieder, indem er an seinem Schnurrbart kaute. Mit tiefem Atemzuge, als schüttle er etwas ab, begann er von neuem. »Na, die kann ja auch, wie die just is. Wie ne Pekunichruse und Haare wie geradewegs vom Goldschmiede. Die Marie!!« Exners Backen ballten sich grimmig; er schluckte gewaltsam. Plötzlich hieb er auf den Tisch, daß es dröhnte. Hinter der kleinen Tür an der rechten Wand regte es sich, und leise wankende Worte, einer Seele heimlich entflohen, stumm eine Strecke in die Luft gewandelt, wurden laut um sie. Gestaltloses Sprechen, das aus jener Stube zu rühren schien, in der die alte Mutter des Schusters schlief, und doch so klang, als ob der geformte Atem, fern von den Lippen, denen er entstammt, sich willkürlich zur Hörbarkeit rühre. »Hörst's!« stotterte Exner. »Hörst's denn nie?« fragte er dringender in Angst, da der Schuster gleichmütig blieb. »O ja«, antwortete er endlich, »de Mutter redt im Traume.« Die Uhr holte zum Schlage aus und schlug sogar »zwölf«. »Guste, 's is Mitternacht. Das is a Anzeechen«, redete Exner noch immer in tiefem Schrecken und starrte ins Leere. »Wer denn? De Mutter? Nu, ja, 's a Anzeechen, daß se glei wach sein wird, wenn mr noch lange hier sitzen und plappern.« »Treib kee Geheie, Schuster!« ermahnte Exner den Spötter. Der aber ward ärgerlich. »Esel! mecht ma sprechen. Gleebst du denn wirklich an solche Tummheet?« fragte er geringschätzig. Dann kam er hinterm Tische hervor und streckte ihm die Hand entgegen. »Aber gegraben wird!« mahnte er noch einmal. »Was will ich denn sonst anders machen!« antwortete Exner, noch immer aus einer Betäubung heraus und ging, ohne zu grüßen. Draußen hing der dichte Nebel zwischen den Bäumen, daß es vollkommen finster war. Exner wurde von dem Vorgefallenen noch ganz beherrscht und tat einige Schritte aufs Geratewohl vorwärts. Als er das weiche Gras unter seinen Füßen fühlte, erinnerte er sich, daß er nach Hause wolle, suchte in der Finsternis vergeblich nach dem Wege und blickte, um sich zurechtzufinden, in die Höhe. Da sah er zwischen den dunkleren Baumkronen die Richtung, die er zu nehmen hatte, als einen blassen Streifen stehen. Diesem folgte er, mit den Füßen auf der steinigen, steil ansteigenden Straße weitertastend. Je höher er hinaufstieg, desto heller wurde das bleiche Band über ihm, und desto deutlicher hoben sich eine Menge schimmernder Flecken darin ab. Nun trat er aus dem Nebel heraus, und spitz glitzerten über ihm in der tiefen Bläue der Nacht die Sterne. Darunter schwamm die milchweiße, schmale Sichel des Mondes wie der schimmernde Scherben eines zerschlagenen Bechers. »Derheeme«, murmelte er erleichtert, als gleich darauf ein einsames Gehöft an dem Walde im Dunkel sichtbar wurde. Düster wie der Hintergrund, von dem es sich abhob, hatte es weit und breit keinen Gefährten. Verschlossen und stumm lag es da. Wie gierige Augen starrten seine kleinen glitzernden Fenster auf seine Wiesen und Äcker umher. Auch am Tage trat es nur wenige Stunden aus dem Dämmern des Waldes in das frohe, friedliche Licht der Erde. Im Bannkreis dieses Geistes war Exner aufgewachsen, und nicht umsonst, er trug sein Vaterhaus in seiner Seele umher. Vor zwanzig Jahren war er ein lustiger, wilder Junge gewesen. Kein Stein war ihm zu hoch, kein Graben zu tief: er hatte den Sprung gewagt. Da hatte er eines Tages, stundentief im Walde, auf seinen waghalsigen Streifereien den Fuß gebrochen. Lange hatte er hilflos allein gelegen und geschrien, bis aus seinem wunden Halse nur noch ein rauhes Stöhnen gedrungen war. Gegen Abend hatten ihn heimkehrende Holzmacher gefunden und auf einer Nähre aus grünen Tannenzweigen nach Hause getragen. Als der Vater den Knaben sah, geriet er in Wut, hieb ihn zur Hilfe durch und ging ärgerlich hinaus. Am andern Tage erbarmte er sich wohl seiner und sah sich den Fuß an, der nur mehr ein blutunterlaufener Klumpen war. »Kamillen und laues Wasser druf«, knurrte er mühsam und entfernte sich, ohne noch einmal zurückzusehen. Nach einem halben Jahre ging der Knabe aufrecht in der Stube; aber sein Fuß war klumpförmig verkrüppelt. Die Mutter weinte, als sie ihn so über die Diele humpeln sah. Der Vater erblaßte bis an die Zähne und verließ eilig das Zimmer. Karl aber saß stundenlang auf einem Fleck und starrte stumm vor sich nieder. Wenn man ihn ängstlich aufriß, damit er »sich nicht versinne«, blickte er mit einem harten Ausdruck im Gesicht auf seine Umgebung. Die wilde Lustigkeit war seit dem Unglück ganz aus ihm geschwunden, er wurde mürrisch und wortkarg und zog sich von dem Verkehr mit gleichalterigen Knaben zurück. Seine Scheu und Verschlossenheit brachten ihn seinen Kameraden immer ferner, daß sie der Stimme ihres Mitleids kein Gehör schenkten und sein Gebrechen zur Zielscheibe des Spottes machten. Sie gaben ihm verschiedene Umnamen, blieben aber, nach wochenlangem Schwanken zwischen der Bezeichnung »Hipapi« und »Klumpen«, bei der letzten, weil in ihr nicht nur sein Fehler, sondern vor allem auch das Plumpe und Grobe seines ganzen Wesens mitgetroffen wurde. Karl Exner wehrte sich mit dem schrankenlosen Zorn seiner einsamen Seele gegen diese Lieblosigkeit, schlug seine Quäler bis zur Grausamkeit, spie und kratzte, stach mit Messern und hieb mit Peitschen. Es nutzte nichts, der Name »Klumpen« blieb ihm für sein ganzes Leben. Wie mit einem Ruck trat er aus der Gemeinschaft mit seinen Mitschülern ganz aus. Selbsteinsam, stumm ging er seine Wege, saß an gemiedenen Stellen an der Sonne, spielte an versteckten Orten und sah auf das lachende, laute, bunte Reich der anderen Kinder aus Augen, die der Neid bohrend, die Gehässigkeit verkniffen und geheime, dumpfe Trauer starr machten. Nie mehr versuchte er zu hüpfen oder zu laufen, weil dadurch sein Mangel nicht nur andern, sondern auch ihm deutlicher vorgeführt wurde. Mit krankhafter Peinlichkeit mühte er sich ab, das zuckende Niederrucken seines Körpers zu verhindern, sobald er das rechte Bein niedersetzte, an dem der Klumpfuß war. So hatte er die Gewohnheit, beim Gehen, das immer stät und gemessen blieb, den Kopf nach der linken Seite zu hängen, weil er dadurch die Empfindung eines gleichmäßigen Schrittes genoß, der ihn nicht von andern Menschen unterschied. Das glaubte er; in Wirklichkeit aber sah sein Gang sehr komisch aus. Um sich nicht lächerlich zu machen, mied er auch die Spiele in den Pausen der Schulstunden. Dann versteckte er sich wohl und sah mit brennenden Augen und erbleichenden Wangen dem Hüpfen der Mitschüler zu, ging aber sofort gleichgültig weiter, wenn er sich beobachtet glaubte. Einst überraschte ihn der Lehrer auf diesem Beobachtungsposten und versuchte ihn mit milden Worten und sanfter Gewalt dem lauten Jubel seiner Kameraden zuzuführen. Karl senkte stumm den Kopf, starrte vor sich hin und stemmte sich gegen den Druck des Lehrers, der ihn doch langsam vorschob. Plötzlich warf er sich zur Erde, heulte wie nach Hilfe grell auf, verzog das erschreckte Gesicht wie im Krampfe, schlug mit Füßen und Händen um sich wie ein Toller und schrie nur immer sein qualvolles, anklagendes: »Nee, nee, nee! Laßt mich, laßt mich!« Seit diesem Tage war er auch in der Schule wie umgewandelt. Mißtrauisch und versteckt belauerten seine Augen den Lehrer. Seine Gleichgültigkeit gegen die Schularbeit nahm immer mehr zu und wich endlich, trotz der Anwendung des Stockes, vollständiger Abneigung gegen jede geistige Arbeit. Die härteste Strafe brachte zuletzt nichts als kalte Wut auf seinem Gesicht hervor, die in kurzer Zeit immer in eine verächtliche Miene überging. Deswegen begannen die Mitschüler, ihm furchtsam aus dem Wege zu gehen, da sie ihn mit Kräften ausgerüstet sahen, die auch dem Mutigsten unter ihnen fehlten. Seine Eltern gingen zu sehr in ihrer Arbeit auf, es fehlte ihnen auch die leise, weiche Seele, ihn diesem Verlieren entreißen zu können. Sie sahen wohl, daß »der Junge ganz komisch« geworden war, ließen es aber in ihrem bäuerlichen Fatalismus gehen, denn »was soll da eens machen«? Und der kleine Klumpen ward, weil er doch Menschen brauchte, bei denen er niedersitzen konnte, ohne sich lächerlich zu machen, der Besucher in den Auszugshäusern bei den alten verhutzelten Weibern und den tapprigen, stumpfäugigen Greisen. Aber seinem Eintreffen ging nicht das entzückende Spiel verlangender Scheu und schämiger Zärtlichkeit voraus, womit die Kinder um die Neigung Erwachsener werben, noch lohnte er die gewährte Liebe mit der rührenden, vollen Hingabe, sondern stumm, mit niedergeschlagenen Augen, drang er in die dunklen Stübchen zu den Alten, grüßte verdrossen, als spucke er nur aus, setzte sich schweigend hin, blieb wortlos sitzen, verschloß sich allen Fragen, ging nach Stunden ebenso, wie er gekommen war, wiederholte seine Besuche und blieb dann ohne Grund ganz aus. Er nahm von den Runzelhänden weder Honigschnitten noch übersüßen Kaffee, er wartete nur versunken, bis die greisen Leute von ihrem Leben sprachen. Sie redeten keuchend davon, mit dünner, wehklagender Stimme, in jener verzückten Wirrheit, wie Märchen sich erzählen, schwiegen dann, wackelten mit den kahlen Köpfen und tasteten mit den fleischlosen Händen über den Tisch, als griffen sie nach dem Verlorenen. Der Klumpen saß auf verborgenem Platz, sog all den Aberglauben dieser heimkehrenden Menschen wie im Durst ein und ging dann geräuschlos hinaus. Die Verzücktheit seines Auges war sein einziger Dank. Auf seinen einsamen, verborgenen Gängen fügte er sich aus jenen verwunschenen Geschichten eine weltabgewandte, lebensfeindliche Lehre zusammen; aber sie blieb sein Geheimnis. Nur manchmal glomm sie heiß aus seinen Augen und zuckte um seine unschönen, schmalen Lippen. So wuchs er auf: fern, ernst und einsam. Später fand sich zu seinen unglücklichen Eigenschaften noch eine Geldliebe, die an Geiz grenzte. Keinem borgte er. »Der Klumpen hat kee Geld zum Wegborgen.« Auf diese Weise fertigte er Darlehnssucher ab. Nur Schuster-Guste konnte von ihm verlangen, was er wollte; nie bat er umsonst. Denn stets hatte er in der Schule leidenschaftlich und laut schreiend für ihn Partei ergriffen, wenn andere ihn verhöhnten; und noch heute verteidigte er ihn, so gut es ging. Darum hing der Klumpen mit Inbrunst an ihm. Dieser einzige war seine ganze Menschheit. Für die andern blieb er öde und unwirtlich wie ein Stein. Mit der Zeit freilich hatte sich auch dieses Verhältnis gelockert. So war er fünfundzwanzig Jahre alt geworden. Da lächelte er seit seinem Unglück zum ersten Male recht aus Herzensgrund. Es war in der Nacht. Man riß ihn aus dem Schlafe und rief ihn nach unten. Sein Vater lag im Sterben. »Komm her, Karle«, sprach der Kranke, als er des Klumpen ungleichen Schritt auf der Diele hörte. »Du bist lahm, aber ich bin schuld – ich alleene«, vollendete ei mit furchtsamer, ausgehender Stimme. Der Klumpen wurde bleich und blieb still. »Komm her, Karle«, tönte es wieder bittend. Er ging naher und schlug mit dem Klumpfuß hart auf. Davon fuhr der Sterbende wie von einem unvorhergesehenen Schlage zusammen und stöhnte, noch eindringlicher bittend: »Gib mr die Hand! – Bist de noch beese of mich?« »Nee.« Es klang trotzig, gehässig; er dehnte das Wort zwischen den Zähnen. »Du bist gestraft durch mich«, mit diesen Worten erholte sich der Kranke von einer Ermattung. »Du sollst auch 's Beste haben. – Bei Freirichters Pusche – de Wirtschaft – is deine. – Ich ha se dir – schon verschreiben lassen. – Bis fleißig wie immer und bet fir mich...« Da rasselte es in der Brust des Alten. Es war auf ewig vorbei mit ihm. Der Bruder wand die Hände. Die Weiber warfen sich weinend zur Erde. Der Lahme stand starr wie aus Stein da und lächelte. Das sollte wohl heißen: »Jetze fängt's an.« Und heute lächelte er wieder, da er sich spät in die Decke einwickelte. Er schloß die Augen, um besser sehen zu können. Licht und weich, wie in den fernen Tagen seiner freudevollen Kindheit, strich es über sein Herz. In stummer Seligkeit erbebte sein Inneres vor dieser wunderbaren Heimsuchung, und lächelnd sank er endlich in Schlaf. 2 Exners Denken lag im Blut; er tat, was er mußte. Langsam, mechanisch, widerstrebend, wie eine Zange erfaßte sein Geist einen Vorsatz und ließ ihn nie wieder los. Wenn so sein Wollen Instinkt geworden war, dann sah er nur vorwärts, und nicht eher gab es ein Ausschnaufen für ihn, ehe nicht die Erfüllung hinter ihm lag. Nach kurzer Ruhe war er am andern Morgen auf den Beinen. Seine Schwester ging eben mit dem Melkgerät und der Laterne über den Hof, als er der kleinen Ausgangstür zuschritt, den Kopf wie immer seitwärts und nach vorn hängend, ernst und verschlossen, ohne zu grüßen. Er schritt die Dorfstraße hinab und bestellte den alten Freiwald, einen guten, weisen Greis, mit dem er schon früher manches besprochen hatte, auf sein Anwesen am Freibusch, damit endlich mit dem lange geplanten Bau des Brunnens begonnen werde. Um sieben Uhr, eben da die Sonne einen roten Qualm, das Licht ihrer unmittelbaren Nähe, durch die schwarzen Baumkronen vor sich heraustrieb, langten die beiden auf der Arbeitsstelle an. Nach langer Beratung, die mit allerhand geheimnisvollen, sehr umständlichen Messungen seitens des alten Freiwald verbunden war, hieben zwei Rodehauen in den Rasen an der linken Ecke des Wohnhauses, nicht allzu weit von der Eingangstür. Nach dem dritten Schlage aber schüttelte der Alte den Kopf und wandte sich an den Klumpen: »Aber das is ja ein Born, wie 'n ein Bauer nich größer braucht.« Der Klumpen sah ihn eine Weile mißmutig an und antwortete dann mit schlecht verhehltem Ärger: »Ich denk halt, zu viel Wasser is besser als zu weng.« »Aber sieh och...« »Hack, Freiwald, hack du och!« So schüttelte er den unnützen Frager von sich ab und schlug dann mit Wucht seine Spitzhaue in den Boden. »Ein rauhes Geschmeiß is er schon«, dachte der Brunnenbauer bei sich und setzte auch die Arbeit wieder fort. Noch mehreremal versuchte er ein Gespräch mit dem Lahmen einzuleiten, um bei dieser Gelegenheit eine gemächliche Pause zu erlangen, aber sein Arbeitgeber war taub vor Fleiß. Nur hin und wieder richtete er sich auf und sah verstohlen auf sein Haus. Das ähnelte seinem Vaterhause. Nichts unterschied es in der Bauart von den andern Wirtschaftsgebäuden des Dorfes: Wohnung und Stallung unter einem Dache, der eine Teil aus vierkantig behauenen Balken, der andere aus Steinen. Eine schmale Flur, von der eine steile Stiege nach dem Boden, »der Bühne«, führte, schied beide Teile innen voneinander. Rechts von der Flur führte eine Tür in die Wohnstube; ein kleines Türchen links war der Eingang zur Stallung, über der der Heuboden, neben der ein kleiner Holzschuppen noch Platz unter dem gemeinsamen Dach gefunden hatte. Es war ein sauberes Häuschen mit seinen weiß getünchten Ballen und den braun gestrichenen Wechseln dazwischen. Aber es lag der gleiche Geist der Unwirtlichkeit und Freudlosigkeit darum. Anstatt seine Fenster nach der Straße zu kehren, um in behaglicher Neugier das spärliche Leben zu betrachten, das auf dem Wege zwischen Steindorf und Erlengrund sich entwickelte, starrten die kleinen Öffnungen in mürrischer Öde in den nahen Wald, der sich in Steinwurfsweite vor der nach Osten gekehrten Front des Hauses hinzog. Dazu erhob sich nach der Straße zu ein meterhoher Wall aus Rodesteinen, eine Mauer, wie die Steindorfer sagen, der jeden neugierigen Blick von oben abhielt und nur dem Dach eine Umschau gestattete. Aber so gefiel es dem Klumpen eben. Und jedesmal überkam ihn tiefe Heimsicherheit, wenn er, auf dem schmalen Zufahrtswege herabschreitend, durch die Lücke der Mauer in sein Reich trat. Schmunzelnd sah er dann die schmale, lange Feldflur auf und nieder. Hier nahm sein einsames Brüten Gestalt an, und in seinen Augen glomm es, um seine Lippen zuckte es. Die Besitzung war schuldenfrei, und tausend Taler hatte er noch ausstehen. War es da denn nicht möglich, daß die Grenzen hinausrückten und seine Kühe über die Mauer stiegen, um jenseits zu grasen, weil das Land hier auch sein geworden war?! Dann wuchs vor seinen sehenden Augen an Stelle des engen Hauses ein behäbiger Bauernhof mit Mauern umschlossen wie eine Stadt, einem Taubensöller neben dem riesigen Düngerhaufen und einem zweiflügeligen Tor als Einfahrt. Dann wird sich kein Mensch mehr trauen, ihm den häßlichen Spitznamen zu geben oder Späße über ihn zu machen. Doch zu niemand sprach er von seiner Sucht. Seine Geschwister, seine Mutter, selbst der Schuster waren Fremdlinge in der Welt seiner Seele. Er aber säugte sie mit all seinen stummen Stunden, daß sie endlich zu einem klaren, peitschenden Plan geworden war. Indessen war es zehn Uhr geworden. Sie standen schon bis an die Hüften in der Erde. Der Klumpen hieb die Haue in die Steine und richtete sich auf. Freiwald stellte die Tätigkeit auch sofort ein und sah ihn verwundert an. »Wird's Wasser haben?« fragte der Lahme. Der Alte fuhr mit dem Rücken seiner Hand über den Mund und schickte sich mit einem überlegenen Lächeln zu einer umständlichen Darlegung an: »Born is nicht Born«, begann er dann, »'s sein'r zweeerlee: Grundborne und Quetschborne. Der Grundborn is der richtige, der hat Seelenwasser, direkt aus der Erde ruf. Der Quetschborn is ja auch gut. Denn ei der Erde drunten, da is nischte tot, da is lebendig ei der Nacht, und Wasser gehn hin und her, 's fließt, macht Tümpel, allerhand. Bei eem Quetschborne geht's Wasser bloß durch; regnet's viel, hat's viel; is 's dirre, bleibt der Born leer.« »Nach und mei Born?« fragte der Klumpen ungeduldig dazwischen. »Das is eben«, setzte Freiwald unbeirrt seine langwierige Erklärung fort, »das is eben. Es is ein Quetschborn, der de 's Wasser vom Rollberge kriegt; aber wenn mr den gelben Steen, of dem mir jetzte sein, durchschlagen, kommt der weiße und zuletzt der blaue, auf dem steht das Seelenwasser. Siehste, Kl... Karle, Seelenwasser. Das is aso, deine Seele is das Inwendigste. Deswegen und weil das Grundwasser aus dem Allertiefsten kommt, dort wo, ma mecht fast sprechen ...« Das dauerte dem Lahmen doch zu lange. Er stieß des Alten schöne Weisheit gleichsam mit dem Fuße fort, indem er fragte: »Also, wird's Wasser haben oder nich?« »Freilich, freilich; aber tief wird's halt sein«, gab der Greis zurück und lächelte mitleidsvoll über den Klumpen. – In rauhem, rücksichtslosem Fleiße trieb der Lahme so den Alten durch die Tage. Der ward immer verdrossener, da dieser viehische Eifer seiner Tätigkeit die ganze Seele nahm und nichts als leere Handgriffe übrigließ, die ihn ermüdeten und quälten. Mit Wut hieb er darum drauf zu, um so schnell als möglich in eine Tiefe zu kommen, wo das Tageslicht aufhörte und er nur allein arbeiten konnte. Und als er nun wieder in der dumpfen Nacht mit dem roten Lichtlein in der Laterne allein war, erwachten alle rätselhaften Betrachtungen und Geschichten, mit denen er seine gemächliche Geschäftigkeit zu begleiten gewohnt war. Er füllte den Korb mit dem losgeschlagenen Gestein, und auf ein Zeichen ward die Last von dem Lahmen an einem Seil, das über eine Welle lief, heraufgedreht. Nun trat auch wieder ein freundlicheres Verhältnis zwischen den beiden ein, wenn der Klumpen auch oft grob in das Loch hinunterschimpfte, da das Signal zum Emporwinden nach seiner Meinung oft zu lange ausblieb. Freiwald gab sich dann den Anschein, als höre er das in seiner Tiefe nicht, und der Klumpen gewöhnte sich, die langen Pausen mit seinen verheimlichten Träumen auszufüllen. Oft stand er still und lauschte auf das Pochen der Haue, das von Tag zu Tag schwächer zu hören war. Hin und wieder tönte auch das Husten des Alten herauf. Aber das Wasser blieb aus, obwohl schon zwei Feuerleitern hatten aneinandergebunden werden müssen. Eines Tages übermannte den Klumpen der Zorn. Denn er hatte sich die Ausgaben zusammengerechnet und schrie hinunter: »Bist'n bale of'm Plenter?« – »Wudelsack!« setzte er leiser hinzu. »He!« gurgelte er noch wütender, weil er keine Antwort erhielt, und wiederholte seine Frage unter Aufwendung einer solchen Lungenkraft, daß seine Stimme überschnappte. »Ach was, Plenter!« murmelte es höhnisch herauf. Exmer hielt einen faustgroßen Stein in der Hand und warf ihn ärgerlich hinab, als er das hörte. »Karle, laß die Tummheet! 's ging grade am Arm runter. Wenn de das noch amal machst, komme ich ruf und laß dr den Krempel liegen«, schrie Freiwald erbost. »Hol dich der Teufel«, knurrte der Klumpen, hockte sich auf die Winde und begann abermals mühselig seine Ausgaben für den Born zusammenzuzählen. Es wurde nicht weniger, ob er die kleinen Posten voran und die großen ans Ende stellte oder es umgekehrt machte, und mißmutig blickte er umher. Der Frost hatte begonnen, eine schneelose, grimmige Kälte, in der das heraufgewundene, feuchte Gestein sogleich zusammenfror. Wenn och der Schnee noch bliebe, dachte der Lahme. Aber über dem Rollenberge standen schon seit gestern grauweiße schwere Wolken. Die Luft durfte sich nur erwärmen, dann ging das Schneetreiben los, und die Arbeit mußte bis zum Frühjahr ruhen. Endlich, nach zwei Tagen, schrie es hohl aus dem Brunnen: »Wasser, Wasser!« Die Leitern klapperten, und schweres Stampfen kam höher. Der Klumpen warf in glücklichem Schrecken weg, was er in der Hand hielt, stürzte an den Born und rief hinunter: »Bring Wasser mit! Wasser! Wasser!« Nach einer Weile tauchte Freiwald auf und reichte ihm eine Flasche mit schmutzigem Wasser hin, bei deren Anblick der Lahme zurückprallte. Der Alte lachte: »Nu, nu, nimm se och schon! Zuerst is 's Wasser halt nie anders. Das setzt sich schon, wenn's ruhig wieder zu sich gekommen is. Nimm's und verlaß dich of mich, 's schmeckt reen!« Der Lahme kostete. Das Wasser war dumpfig und lehmig. Aber über sein fahles Gesicht ging ein Schimmer, denn er schluckte den Trank seiner Zukunft. »Wird's aushalten?« fragte er nachher, sich wieder verdüsternd. »Auch nu, ma denkt doch«, antwortete der Greis zögernd und richtete nach kurzem Überlegen sein Auge ernst auf den Frager. »Ich für mich kann sagen: ja. Aber was nützt das. Ich hab'm rausgeholfen, und es kam, denn mei Hand is reen und mei Gemüte gut. Ob's aber dableibt, steht bei Gott und dir. Viel Glücke!« In treuherziger Ergriffenheit streckte er dem Klumpen die Hand hin. Während sie fortgingen, begann sich die Luft mit seinen, weißen Stäubchen zu füllen, die wie winzige Nadeln stachen, wenn der heftige Wind sie gegen die Haut trieb. »Über Nacht wird's weiß werden«, sprach der Alte. »Mir schmeißt's nischt mehr um«, erwiderte der Klumpen in verhaltener Freude. Danach trennten sie sich stumm voneinander. 3 Seit Neujahr diente auf dem Freirichtergute bei Herrn Wende eine neue Magd. Ihr Zuzug fiel in den Winter. Deswegen kam sie wenigen des Dorfes zu Gesicht. Ihre Anwesenheit erregte vor allem die liebefähigen, jungen Burschen von Steindorf, und die Forschesten unter ihnen näherten sich ihr, um eine tagesübliche Liebschaft anzubandeln. Nach kurzer Zeit nannten sie das Mädchen eine »tumme Gans« und fluchten laut. Zu Beginn des Frühjahrs wußte man noch nicht mehr, als daß sie Marie Alke heiße und aus Schlesien stamme. Man nahm ihr das herrische Wesen übel und nannte sie die »schlesche Marie«. Das war ein Schimpfname, denn der Grafschafter meint, alles, was aus Schlesien stamme, sei herzlos und grob. Marie kümmerte sich nicht im mindesten um diese Treibereien. Sie behandelte das Mitgesinde als ihrer nicht ebenbürtig und sprach zu ihnen, wie aus einem anderen Stande heraus, mit einer zurückhaltenden Freundlichkeit, die ihr den Haß und die Verfolgung der Dienstboten eintrug. Die größten Grobheiten ließen sie anscheinend ruhig. »Ihr seid ebenst noch awing siehr weit zuricke«, sagte sie achselzuckend und ging. Als aber das feindselige Treiben der Mitdienenden gemeine Formen annahm, trat sie kurz entschlossen vor den Freirichter und erklärte, den Dienst verlassen zu müssen, wenn er ihr nicht Ruhe schaffe. Wende fuhr mit wütendem »Kreuzverflucht« unter sie. Seitdem wagte sich niemand mehr an sie heran, die, ohne aufzusehen, ihre Arbeit weiterverrichtete und in nichts einen Hohn merken ließ. Sie strengte sich nur noch mehr an und ließ sich von ihrem verdoppelten Fleiße nicht abhalten, obwohl ihr das Titel wie: »Herrnaas« oder »Schlange« einbrachte. Konsequent schloß sie sich von allen Vergnügungen aus, die ihre Mitmägde aufsuchten. Wenn diese nach Beendigung der Arbeit sich mit den Knechten laut lachend in der verrauchten Gesindestube balgten, saß sie an dem mächtigen Tisch und brachte sich beim Schein der kleinen Hängelampe ihre Kleider in Ordnung oder wusch Wäsche. Nahmen Rede und Spaß dann abstoßend sinnliche Formen an, so verließ sie schweigend den halbdunklen Raum und legte sich zu Bett oder ging auf den Hügel hinter dem Hof, von wo aus man über das Tal hin die tiefe Einschluchtung des Warthapasses sehen konnte. Stiegen an klaren Abenden aus dem seinen Dunste der Ferne die schattenhaften Umrisse ihrer Heimat auf, dann ward ihr großes, blaues Auge glänzend, und sie beugte sich nieder, brach eine Blume ab und steckte sie sich ins Haar, als müsse sie sich bei den Gedanken schmücken, die dann über sie kamen. Sie sah an solchen Abenden mehr als fernes Land, es stieg mit jener weitabliegenden Gegend ein Leben für sie auf, wonnig und süß, das einst das ihre gewesen war und anders ausgesehen hatte als dies Dasein in der Zwangshöhle der Knechtschaft. Sie entstammte einer reichen Bauernfamilie des Frankensteiner Kreises. Ihr Vater war von dem Millionenrausch der siebziger Jahre gepackt worden, hatte die ehrliche Lederhose ausgezogen und die kurze Pfeife aus dem Munde gerissen. Fensterwagen und betreßte Kutscher, Jagdvergnügen, Weinjubel; er ritt auf den rollenden Talern durch die tollen Gärten des Genusses, und hinter ihm machte sich schweigend der Konkurs auf und verfolgte ihn. Nach ein paar lärmenden Jahren ward er von ihm eingeholt, und unter dem Hammer zerstoben jäh die Schemen seiner kurzen Lust. Er verschwand spurlos, und seinem kleinen, zierlichen Weibe grub indessen der Gram in einem Winkel des Friedhofes ein Grab. Als er damit fertig war, an einem dämmerigen Abend war es, kam er von dem Totenacker herein, machte leise die Tür auf und klopfte an ihre linke Brust. Das müde Herz gehorchte eilig und hing sogleich still wie eine verstummte Glocke. Ihr Gesicht lächelte, und die Seele breitete geräuschlos ihre Schwingen aus und floh zum Vater. Der Wind des Schicksals streute die Kinder umher und pflügte in ihre jungen Gemüter mit den Stacheln trüber, freudearmer Jahre herbe Erinnerungen. Marie, das zweitälteste Kind, war zu jener Zeit erst sieben Jahre, voll der Sonne. Sie fand bei einem Bruder ihres Vaters, einem harten, geizigen Manne, Unterkunft, der sie um der Schuld des Bruders willen verachtete und unterdrückte. Er tat es, um den Leichtsinn aus ihr zu vertreiben, wie er sagte. Das aber war nur ein Vorwand, um ihr das Essen öfters entziehen und sie mit Arbeit überladen zu können. Allein der Stumpfe wußte nicht, daß Kinder von ihrer Seele leben, die auch in der schmutzigsten Ecke ihre schimmernden Paläste errichten kann. So gedieh das Kind trotzdem zu immer größerer Schönheit und Kraft. Diese Schönheit war mit den Jahren noch gewachsen, und Marie hatte all ihr Hoffen auf sie gebaut. Sie sollte ihr in das Leben ihrer frühen Kindheit verhelfen, das ihr wohl nur deswegen so gar begehrenswert erschien, weil sie es nicht bewußt kennengelernt hatte. Darum hütete sie die langen, schweren Goldflechten ihres Haares, setzte das seine, frische Gesicht nie der brennenden Sonne aus und schmückte sich mit all dem billigen Glanz, der von Hausierern feilgehalten wird. Mit verlangendem Herzen stand sie in dem Winkel ihrer niedrigen Stellung und harrte des Erlösers. Wenn sie mutlos werden wollte, dann durfte sie nur heimlich im Lichte der Dachluke auf ihrer Kammer das Gesicht in dem kleinen Spiegel betrachten, so war sie ihrer Sicherheit wieder gewiß, daß eines Tages der reiche, schmucke Bauer zu ihr treten und sie als Weib in seine Fülle führen werde. Sie kannte ihn nicht, aber er war vorhanden und verlangte geheim nach ihr, und sie machte sich ihm kostbar mit dem Stolz, dem Entbehren aller gewöhnlichen Vergnügen, der Freude an ihrer Schönheit und dem nie erlahmenden Fleiß. Mitten im Sommer sah sie den Mann, an den das Schicksal sie ketten wollte. Es war zur Zeit, da die Sonnenstrahlen die reifenden Kornähren in ihrer Glut wiegten, eines Sonntagnachmittags. Die Heimchen fühlten schon die Dämmerung und begannen verstohlen zu zirpen; der Wald stand unbeweglich versunken; das Leben lag auf dem Raine und schlief. Da ging Marie zwischen den Feldern hindurch, mutterseelenallein, und sah immer vor sich nieder, wie einer, der erwartet, daß das Glück ihm über den Weg laufe, eilig und unvermutet wie ein weißes Wieselchen. Plötzlich sank ein Schatten in die stillen Halme neben ihr, und als sie erschreckt herauffuhr, stand ein großer, starkknochiger Mann vor ihr, dessen ungewöhnlich langen Beine in blanken, bis an die Knie reichenden Schaftstiefeln steckten. Seine Arme hingen straff an dem kurzen Leibe nieder, als würden sie durch das Gewicht der übergroßen Hände angespannt. In dem fahlen Gesicht stand eine hilflose Freude, die leeren Augen starrten ratlos aus dem gelblichen Weiß, und obwohl um die ganze Gestalt etwas Beklemmendes, Furchterweckendes lag, war Marie doch gegen das Klopfen ihres geängstigten Herzens einen Augenblick angenehm berührt, wegen der stummen Bewunderung, die durch all dieses der häßliche Mensch ihrer Schönheit zollte. Eine seltsame Pein verhinderte, daß sie so schnell, wie sie wollte, an ihm vorüberschreiten konnte. Von einem rätselhaften Krampf befallen, vermochte sie ihren Blick nicht von ihm zu wenden. Erst als das Glimmern seines Auges, kleine Falten um die Lippen und ein unverständliches Murmeln ihr klar bewiesen, daß er sie anreden wolle, fand sie die Kraft, weiterzuschreiten, bemerkte aber noch, wie er einigemal mit dem Kopfe nickte, daß die Schildmütze über seine Stirn fuhr. Diese Bewegung verwandelte plötzlich den ganzen Vorgang für sie in ein komisches Ereignis. Den stummen Gruß des Mannes vorsichtigerweise leise erwidernd, huschte sie fort. Endlich wagte sie, sich umzublicken. Zwischen den Kornbreiten, schon so weit von ihr entfernt, daß sein Leib nur noch zur Hälfte aus dem reifen Getreide ragte, sah sie ihn sich eigentümlich ruckend fortbewegen. Sein Kopf aber hing dabei auf die linke Seite. Sie atmete erleichtert auf und lächelte, da sie sich wieder vorstellte, wie er vor ihr gestanden und mit dem Kopf genickt hatte, daß ihm die Schildmütze auf die Nase gefahren war. Es befreite sie jedoch nicht von einem rätselhaften Klammern, einer Furcht, die, so grundlos sie auch sein mochte, doch nicht von ihr wich. Sie zu verscheuchen, bemühte sie sich, an ihre »scheene Zeit« zu denken, an den »langen Sonntag«, wie sie ihre Zukunft nannte. Allein die Bilder, die sie rief, standen nicht auf, die Lieder, die sie ersehnte, klangen nicht. Vom Dorfe herüber hörte sie Kühe brüllen, Kinder zetern, ein Schubkarren quietschte, Hunde bellten, und dazwischen fuhr in Absätzen das Schreien eines zornigen Mannes. Traurig ging sie nach Hause. 4 Die Steindorfer hängen wie fast alle Grafschafter am Katholizismus. Dieser ist nicht nur alleinseligmachend, sondern gewährt auch auf der beschwerlichen Reise zum Himmel manchen Tag, an dem man seinen Arbeitskittel ausziehen kann, den Sonntagsflausch umhängt, gemächlich sich eine Zigarre anraucht, ein Spielchen macht und einen Schnaps dazu trinkt. Was hatte man sonst von dem mühseligen Leben, wenn neben den Sonntagen, die ohnedies sind, nicht noch ein paar Feiertage wären! Aber wenn man die Finger nimmt und sie herzählt, die schönen Tage, die mitten in der Woche kommen, einem leise die Hacke aus der Hand nehmen, den Pflug oder den Rechen, wie ein lieber Freund, der einem gern eine Freude bereitet, und recht ordentlich sagen: »Mein Guter, halt! halt! Verschnauf und laß deine Seele auch einmal Atem holen«; wenn man das zählt, bleiben leider noch einige Finger an den beiden Händen übrig, an denen kein Sonnenschein hängt. Darum kann's niemand einem guten Christenmenschen übelnehmen, daß er dieser fehlerhaften Einrichtung etwas nachhilft und auf eigne Faust mitten in den Trubel der Woche so einen lachenden Tag pflanzt. Heilige hat es genug, so wird es nicht allzu schwer. Diese vernünftige Ansicht fand auch in Steindorf Anhänger, und obwohl der kleine Ort keine Kirche und darum auch keine Chorsänger hat, feiert man am 17. November jedes Jahres das Fest der heiligen Cäcilia. Auch in diesem Jahre hat »Franke, der dicke Schenke«, der Gemeinde angezeigt, daß, wie üblich, von abends sieben Uhr ab die Feier vor sich gehe. Der Gasthaussaal ist mit Tannengrün geschmückt, die vier Schirmlampen an der Balkendecke sind blank geputzt, und die stattliche Reihe der Bierfässer, die die ohnehin schmale Hausflur noch mehr verengen, zeugen von dem festen Vertrauen, das der Alte in die Andacht der Gemeindemitglieder zu setzen gewohnt ist. Mit dem zunehmenden Dunkel treffen die Gaste ein. Als acht Uhr vorüber ist, füllt den Saal eine bunte, fröhliche Menge. Die vier Decklampen ringen schon verzweifelt mit dicken Rauchwolken. Zwei Burschen und zwei Mädchen mit weißen Schürzen und ebensolchen, Tüchern in der Hand traben an den Tischen auf und nieder. Sie sind in hoher Erregung und ziehen in einem Ernst der Mühsal Augenbrauen und Ohren in die Höhe. Bei einer Bestellung fahren sie erschreckt herum, als erhielten sie einen Schmitz mit der Peitsche, langen ein leeres Trinkgeschirr aus dem lärmenden Haufen und eilen zum Schenkhaus. Der »Melittenverein«, niemand weiß, wie die Musiker des Dorfes zu diesem Namen gekommen sind, sitzt in ruhiger Erwartung hinter den Gitterstäben des erhöhten Chores. Die Tanzlustigen sehen mit leuchtendem Gesicht nach ihnen hin und nicken ihnen freundlich zu. Als Gegendank nötigt dieser und jener Melitte seinem Instrument irgendeinen Ton ab. Die rechte Saalseite wird von den Verheirateten eingenommen. Die Väter sitzen da, schlagen auf den Tisch und erzählen. Die Mütter lächeln. Manche halten kleine Kinder auf dem Schoße, Mädchen oder Knaben von vier bis sechs Jahren, und geben ihnen Bier oder Schnaps zu trinken. Auf der linken Seite sitzen die Ledigen; auf einer langen Bank die Mädchen, durchweg hübsche Gesichter, die Hände auf der Schürze gefaltet, die Front dem Saale zugekehrt. Die Burschen, zu dichten Haufen geballt, rauchen mit Aufbietung aller Kräfte, trinken fleißig, lachen und sprechen überlaut, um die Aufmerksamkeit der Mädchen zu erregen, denen sie manchmal aus ihrem Glase schenken. Durch die offene Tür schauen viel sehnsüchtige Gesichter, Knaben, kaum der Schulbank entronnen; »Halbschädel« nennen sie die Bauern. Sie werden von den Aus- und Eingehenden verächtlich beiseitegestoßen und lächeln dazu, halten sich aber durch heimliches Rauchen und Schnapstrinken für diese Ausgeschlossenheit schadlos. Kurz vor Anfang des Balles wird ein kleiner Tisch vor das Chor der Melitten gestellt, und ein junger Mensch nimmt an diesem überall sichtbaren Orte Platz. Der Fremde trägt einen modischen, grauen Anzug. Sein starker blonder Schnurrbart ist in kecke Spitzen gedreht, und die scharfen Augen mustern mit geringschätzigem Lächeln die Reihe der altfränkisch herausgeputzten Weiblein; den Mädchen nickt er mit vielsagendem Blinzeln zu. Dann erinnert er sich mit einem Zusammenfahren, daß er im Gasthaus sei und sofort trinken müsse. Da er keinen dienstbaren Geist erblickt, erhebt er sich, macht eine kleine Kniebeuge, um die Hose zu ordnen und geht dann mit Schritten, denen er durch ein Knicken der Beine Eleganz verleiht, nach der Mitte des Saales, alles aufs neue mit verletzendem Staunen musternd. Er ist seit vier Wochen von seiner dreijährigen Militärdienstzeit auf die einspännige Wirtschaft seines Vaters in dem vier Stunden entfernten Tannerau »mit den Knöpfen« zurückgekehrt und noch voller Nichtachtung des Zivilstandes und aller bürgerlichen Beschäftigungen, einer Nichtachtung, die er in die lächerliche Kopie eines Leutnants seiner Schwadron kleidet. Er geht in dem hellen Kreis der vier Decklampen mitten im Saal umher, zwei Finger der rechten Hand unter das festzugeknöpfte Jackett an der Brust, den Daumen der Linken in der Hosentasche eingehakt, und ist scheinbar in tiefe Gedanken versunken, aus denen er beim Vorübergehen der Personen mit einem zornigen Gesicht aufschrickt. In Wahrheit labt er sich an der aufgeregten Neugier der Gäste, die gerade bei den Mädchen und jungen Burschen sehr stark und mit einer leisen Scheu verknüpft ist. Aber, seien es nun die großen Stiefel mit den Wülsten überflüssigen Leders allein; sei es das schlürfende Ausschreiten, das immer mit einem starken Schlag der Absätze abschließt; sei es die ganze Haltung oder die Art, den Kopf mit vorsichtiger Behutsamkeit aus dem Körper zu strecken, genug, irgendeiner der jungen Leute hat durch den plumpen Betrug hindurch sein wahres Wesen erkannt und ruft: »Der Lindentritt vom Plane!« Das entfesselt ein tolles Gelächter. Der Graue macht eine leidenschaftliche Wendung nach dem Schenktisch hin, als habe er in seiner Güte nun doch lange genug auf die Bedienung gewartet, und schreit in den Lärm: »Kellner! verflucht, Kellnerr!! Eine Echte! 'n bissel anwärmen!!« Dann kehrt er gelassen an seinen kleinen Tisch, wendet dem Saal den Rücken und starrt auf die Melitten. »Kellnär! verflucht, Kellnäär!! firn Böhmen ne Flasche voll Wein, aber gut voll!!« ruft es nach einer Weile aus der Mitte der Burschen. Der Fremde reißt ruckartig den Kopf herum und verfärbt sich, ohne indes weiter auf das Gejohle, das diesem Spotte folgt, zu achten. Nach einer Weile bringt ihm ein Markeur helles Lagerbier und stellt es vorsichtig auf einen Fleck des Tisches, den er vorher mit dem Handtuch gesäubert hat. »Hm«, beginnt der Graue mit einem wütenden Blick auf das Getränk, »ich hätt' mirsch ja denken kennen, daß hier kein Echtes hat.« – »Was sind das fir Rotzleffel da hinten?« schreit er dann den Kellner an, daß es durch den Saal schallt. Der angeredete junge Mensch dreht das Handtuch krampfhaft und entfernt sich räuspernd, ohne zu antworten. An dem Tische der jungen Burschen stößt man geräuschvoll an: »Nach, 's Echte schmeckt gutt, a wing dinne is ja, und in der Gurgel kratzen tut's auch; aber 's schadt nischt, 's kost bloß de Hälfte!« Der Fremde wendet sich aus Rache an die Mädchen: »Heute woll mr aber mal schneidig tanzen!« Der Schenke ist schon in Erregung und beobachtet den Streit mit steigendem Zorn, weiß aber noch nicht, auf welche Seite er ihn entladen soll, und außerdem ist es ja auch erst Gerede. Plötzlich schweigen die Stichelreden, und alles schaut nach der Tür. Der alte Förster, ein spindeldürrer Witwer, in sehr engen, grünen Hosen und einem grauen Vollbart, der wie ein Kuchen auf seinem Uniformrock liegt, nötigt ein sich sperrendes Mädchen durch kräftiges Schieben an den Achseln in den Saal. »Immer rein, immer rein! solche kenn se heute dahier gut gebrauchen!« redet er gedämpft und schaut verliebt unter den Brillengläsern auf sie. »Das is recht, immer los, Herr Förster, recht, 's fengt glei an«, mischt sich der Schenke erfreut über den plötzlichen Umschlag der Stimmung in die Angelegenheit und vollendet mit einem Schmunzeln auf das Mädchen hin: »Ein Dingel, wie 'ne Kersche!« Die Köpfe der Gesellschaft fahren in die Höhe, erstaunt über den plötzlichen Abbruch der Feindseligkeiten. Als sie das Mädchen erblicken, zischelt es durcheinander: »Die schlesche Marie!« Die Burschen an den Tischen werden vergnügt, und Marie steht noch nahe am Ausgang allein, weil der Förster hinweggeeilt ist, seine Sachen unterzubringen, und weiß nicht, wo sie sich hinsetzen solle, oder ob sie nicht lieber wieder hinausgehe. Sie bereut es, dem Förster nachgegeben zu haben; aber sie fühlt sich von den Blicken, die auf sie gerichtet sind, zurückgehalten. Eben hat sie die Macht dieser neugierigen Augen über sich gebrochen und wendet sich unmerklich, um unbeachtet wieder hinauszuschlüpfen, da zählt der graubärtige Obermelitt schnarrend: »Eins, zwei, drei!« und die Musik setzt ein, die Töne eines veralteten Marsches fahren belebend unter die Gäste, Marie fühlt sich von hinten umfaßt und gewahrt, erschreckt herumfahrend, den alten Förster, der in feierlicher Umständlichkeit etwas durch die Nase redet und dabei ihren Körper ohne weiteres in seinen Armen zum Tanz zurechtrückt und sie dann durch den Saal zu drehen beginnt. Wie auf Verabredung beteiligt sich anfangs niemand am Tanze. Die Burschen sehen gespannt dem Paare von ihren Plätzen aus zu. Der Alte denkt, man achte sein wichtiges Staatsamt, und bemüht sich, eine möglichst imposante Figur zu machen, indem er in streng soldatischer Haltung durch den Saal trabt, hin und wieder zierlich mit den Beinen nach hinten ausschlagend. Der Graue verschlingt Marie mit den Augen. Die Musik schweigt, nur eine Klarinette gibt einen scharfen Seufzer zu. Die Burschen klatschen und schreien: »Bravo!« Der Grünrock, mitten im Saale neben Marie stehend, verneigt sich dankend und führt dann das Mädchen nach kurzem Überlegen an den kleinen Tisch des Grauen, mit einem herrischen »Gestatten« herantretend. Der Fremde fährt salutierend in die Höhe und stammelt mit verbindlichem Lächeln: »Ah, ja, ja!« verbeugt sich und rückt an die Kurzseite des Tisches. Dann schaut er schnurrbartstreichend im Saale umher, ob auch alle sein schneidiges Auftreten bemerkt haben. Aber nun wogt der entfesselte Tanz. Einige hüpfen wie Irrlichter durch die wirbelnden Wogen, tauchen kreisend auf und verschwinden wieder. Dieser schiebt sich langsam, steif wie ein wandernder Stamm hin; jener galoppiert im Laufschritt vor und zurück und reibt dabei seine Stirn an der der Tänzerin. Dieser setzt alles daran, ein Fragezeichen zu imitieren; jener hängt alle Augenblicke zappelnd zwischen Himmel und Erde. Der Baß knurrt, das Horn hustet heiser und unregelmäßig, die Klarinette gellt schrill wie jemand, dem ein Gewächs aus dem Leibe geschnitten wird, und wetteifert mit der Violine, die ein schmerzvolles Wimmern von sich gibt. Dazu wirbelt die Trommel, als schütte jemand zur Feier des Tages Lesesteine in ein Holzschaff. Die Melitten betreiben mit äußerster Anstrengung ihre Kunst. Der Wirt blickt bewundernd zu ihnen hin. Die Augen der Weiber bemühen sich, jedem Paare nachzueilen. Die Familienväter schlagen mit der Faust und dem Absatz den Takt, und die Halbschädel avancieren vor Staunen in den Saal. Die Stimmung ist im Fluß; jeder tut das seinige mit ganzer Seele. Als die Burschen nach einem Tanz auf ihre Plätze zurückkehren, staunen sie nicht wenig, auf der Bank den Klumpen und neben ihm Schuster-Guste, hinter dem Tisch sitzend, zu treffen. Sie haben jeder ein Glas Lagerbier vor sich stehen, und der Lahme hört dem Schuster zu, der heftig gestikulierend auf ihn einspricht. »Nu da schlägt's voll'ds fufzehn«, schreit der Witzbold unter ihnen, der rote Klenner, ein vierschrötiger Holzknecht mit kleinen, blinzelnden Augen unter wulstigen Brauen, »heute is alles meglich! Paßt uf, entweder kriegen Freirichters Pferde über Nacht Hörner, oder der Schenke tritt sich of a Bauch; irnd was passiert heute. Da is ja gar Karle da! Nu, gutn Abend, alle zwee!« Alles lachte aus vollem Halse, setzte sich zu den beiden an den Tisch, und nach einer Weile begann man, ohne Namen zu nennen, allerhand Scherzreden, die sich offenbar auf den Klumpen bezogen. Der zog sein mürrischstes Gesicht, und als das nichts half, ergriff er das Glas, trank einen langen Schluck und hieb es dann auf den Tisch, daß das Bier umherspritzte. Das machte die Übermütigen stutzig. Unter leichtem Wortgeplänkel zogen sie sich von dem Lahmen zurück und widmeten dem Bier, dem Tanz und den Mädchen wieder ihr ausschließliches Interesse. Der Klumpen atmete erleichtert auf und befühlte seinen Hals. »Verdammtes Zeug, so ein Kragen!« knurrte er mißvergnügt. »Is'n der Schlips noch drane?« »Freilich«, antwortete der Schuster, »wie's sein muß. Wenn se dich sieht, du siehst just aus.« »Du sollst mr davo nich reden!« »Nu, deswegen sein mr doch hergekommen.« »'s Maul sollste dadriber halten, wenn's jemand hört.« Dann starrte er trübe vor sich hin. Er fühlte sich unbehaglich unter den vielen kinderfrohen Menschen und fragte sich, wozu das eigentlich alles sei. »Du mußt a wing uftaun«, begann der Schuster wieder an ihm zu schulmeistern, »lustig sein, trinken, da und dort hin reden, dich umtun. Sonst ...«, er machte eine wegwerfende Handbewegung. Dann setzte er sich näher zu seinem mürrischen Ohr. »Ich weeß Bescheid. Wie ein Jude muß eener reden. Aso hans die Mädel gerne.« Der Lahme erlag dem qualvollen Gefühl, von allen ausgeschlossen zu sein, und erhob nach einer Weile sein Gesicht, um irgendeine hämische Bemerkung zu machen, ließ aber kalt den Kopf sinken. Der Schuster hatte ihn zum Besuch des Cäciliaballes beredet, weil er sich erst den nötigen gesellschaftlichen Schliff holen müsse, ehe er daran denken könne, mit Marie anzufangen. In Wahrheit aber lag dem armen Schuster das meiste daran, auf des Lahmen Kosten mal ordentlich zu tanzen, zu trinken und zu rauchen. So stieß er wieder mit ihm an. Der Klumpen schluckte Verwünschungen über den »Saufsack« in sich und verfiel, ohne das Glas zu berühren, noch tiefer in seinen Kummer. Der Schuster winkte einem Markeur, und als dieser nicht hörte, erhob er sich mit dem leeren Trinkgefäß und wanderte, bald an diesem, bald an jenem Tisch seine Späße anbringend, zum Schenkhaus, ließ sich das Seidel füllen, leerte es hastig, begehrte noch ein zweites und begab sich dann trällernd wieder an seinen Platz. »Nach«, stieß er plötzlich den Klumpen an die Seite, »da sieh, wie der, der mit dem grauen Anzüge, mit der Marie redt, und wie se lacht! Sieh drsch an, a so wird's gemacht.« Der Lahme schielte unter seinen gesenkten Brauen nach dem kleinen Tische hin und musterte den Fremden lange und scharf. »Ein Zappelmann is das«, erwiderte er dann in grimmiger Verachtung, »was der kann, kann ich schon lange. Mit eener Hand hau' ich dr den zusammen wie een jungen Hund. Dadruf kannst du dich verlassen.« Er trank und stieß einen rauhen Laut des Hohnes aus, den Schuster von der Seite ansehend. Dieser saß schweigend da, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, und blies lange Rauchwolken von sich. Er war plötzlich wie verwandelt und starrte verloren auf Marie. Sein Gesicht trug dabei einen tiefen Zug des Leidens. »Schuster«, raunte der Lahme, weil er eine unbestimmte Empfindung hatte, dieses auffällige Betragen könne ihn bloßstellen; aber der Schuster rührte sich nicht. »Schuster«, wiederholte er und trieb, da sein Freund noch nicht hörte, die Faust in seinen Oberschenkel. »Du sollst nich in eem Biegen of se sehn!« Schuster-Guste fuhr herum und lächelte glücklich wie abwesend. Plötzlich verfinsterte sich sein Gesicht: »Laß mr de Vögel fliegen, ma kriegt se doch nie«, sagte er und schüttelte die schwere Stimmung von sich ab. »Trink, trink, Karle, trink, sag ich dr! Nee, nee, da hab' och gar keene Bange, ich bin ein armes, unglickliches Luder.« Der Klumpen glaubte, der Schuster sei betrunken, weil er so wirr redete, und fuhr grob auf: »Guste, ich seh's, wo's hinwill, 's Beste is, ich geh heem!« In demselben Augenblick trat der Kellner an den Tisch und sah den Klumpen groß an. »Na, was willst du?« purrte er dem jungen Menschen ins Gesicht. Der Kellner lächelte. »Putt, putt sollste machen«, erwiderte er und bewegte Daumen und Zeigefinger der rechten Hand auf dem Tisch, als zähle er Geld. In demselben Augenblicke wurde er von hinten gestoßen, daß er halb über den Tisch flog. Die Burschen kehrten vom Tanz zurück und suchten erregt ihre Plätze. Die meisten hatten zornige Gesichter. »Die Zähne im Halse ahinter muß ma dem Esel schlagen!« schrie ein kleiner Mensch mit gelbem Gesicht und schwarzen, straffen Haaren. »Ja, ja, wenn er aus Zucker wär, spräch ich: alla faß, Tone, friß a«, höhnte der lange Klenner. »Och, du lamscher Labander, hat er dich nich auch gerannt, he? und du hast drsch eingesteckt, da höhner du andre«, gab giftig der Gelbe zurück. Der Schuster fuhr schlichtend dazwischen: »Laßt das Gezanke! Was hat's denn? Wer stößt denn?« Und nun erzählte man ihm von dem Grauen, wie er sich frech benommen, daß er beim Tanzen jeden anrenne, »lappsches Zeug« rede und in einem fort mit Marie tanze, als habe er sie gepachtet. Kein andrer komme an das Mädchen, und sie gehöre doch nun mal nach Steindorf. Es sei eine Schande für alle, sich von einem Fremden so etwas bieten zu lassen. Aber da trat Scholz Joseph, ein Knecht des Freirichters, auf die Seite des Grauen: »Was geht uns die Schlesche an, die herrsche Prise, wegen dem Mensche rihr ich keen Finger.« »Hiels Maul«, fiel ihm Klenner ins Wort, »das verstehste nich, weil du kee Ehrgefühl hast. Ein Affe biste.« Schuster-Guste nahm die allgemeine Erregung in seine Hand. »Seid ihr alle einverstanden, da laßt mich machen. Ich hab nich umsonst in Berlin uf dr Chausseestraße jearbeet, ick weeß, wat een Panoptikus is. Laßt mich machen, ich weer'm den Kohl versalzen ohne Prigel, daß er abzieht wie een begoßner Pudel.« »Ich bin der Meinung, daß man dem Zappelmann einfach die Ohren runterreißt.« Damit mischte sich der Lahme in den Disput. Allein die meisten waren der Ansicht, den Schuster machen zu lassen, und sollte es schlimm gehen, so sei draußen vor der Tür noch immer Zeit zum Hauen. Übermütig lachend, in der angenehmen Erwartung eines tollen Streiches, standen alle auf und traten zum Tanz an. Die beiden blieben allein am Tisch zurück, der Lahme und der Schuster. »Und ich?« fragte der Klumpen, als der Tanz in vollem Gange war. »Du?« antwortete der Schuster, »verlaß dich of mich, nie lange dauert's, und die Marie sitzt zwischen mir und dir.« Der Lahme erbleichte in frohem Schreck, bewegte aber ungläubig den großen Kopf. »Aber Trinken muß ma, da derf ma eene Mark nich ansehn. Knausern geht da nich.« »Hab' ich nich ...?« »Ja, ja, freilich haste bezahlt, aso meen ich's ja och nich. Aber jetze fängt's erscht orndtlich an. Und dann wirstes sehen, daß ein Glücke fir dich war, daß mr heute sein hergegangen. Das hab' ich mir freilich nich träumen lassen, daß de Marie wird selber da sein.« Beide blickten wie auf ein Zeichen nach dem kleinen Tische vor dem Chor der Melitten hin und sahen, wie der Fremde Marie an der Hand dahinführte, weil eben eine Tour beendet war. »Paß uff, so machen s'es in Berlin.« Der Schuster ergriff heftig das Glas, leerte es, atmete schwer aus, stieß die andern beiseite und schritt quer durch den Saal direkt auf den kleinen Tisch zu. Der Klumpen fluchte voll Bewunderung. Die andern Burschen verfolgten gespannt den ganzen Vorgang. Der verteufelte Schuster redet mit dem alten Förster, sogar mit dem Grauen, und dann beugt er sich zu Marie nieder und spricht lachend an ihrem Gesicht hin, wobei er abwechselnd elegant die Füße nach hinten bewegt. Das Mädchen nickt endlich. Da wirft er sich in die Höhe und klatscht in die Hände. Der Obermelitt stößt anführend in die Trompete, und die andern Instrumente folgen. Ein Galopp prasselt durch den Saal. Keiner der Burschen rührt sich, um ja nichts von dem Folgenden zu verlieren. Der Schuster ergreift Marie und schießt wie ein Pfeil dahin. Das muß man sagen, er kann's wie keiner! Jetzt jagt er links um den Saal, dann wieder rechts wie ein Roß, mit scharf klappernden Hackschritten; nun wirbelt er in der Mitte auf einem Fleck; dann gängelt er mit wiegendem Oberleib das Mädchen vorwärts, darauf zurück, jetzt eilt er wippend umher; bald sprengt er wie ein Reiter; bald dreht er mit ausgebreiteten Armen wie eine Windmühle; er trippelt wie eine Bachstelze, kollert hin wie ein Puter und scharrt tänzelnd wie ein Hahn. Die Melitten schielen über die Notenblätter auf ihn hin und erregen sich an seinem Feuer. Der Takt wird schneller, wilder. Endlich wütet jedes Instrument in wilder Leidenschaft. Im Taumel der Raserei bricht das Stück jäh ab. Der Schuster stampft auf und bleibt eine Weile erschöpft stehen. Die Burschen brechen in einen Jubel aus: »Hoch, Schuster! He, Musik, hoch! Hoch de Marie!« Die Melitten blasen einen Tusch. In diesem Lärm führt Klose das Mädchen zurück. Seine Augen schimmern, er drückt ihr heiß die Hand, und in Verzückung flüstert er ihr zu: »Mariela, Mariela, ach Gott, Mariela!« Das Mädchen verstand seine Worte nicht, aber den Druck seiner fiebernden Hände, riß sich los und lief die paar Schritte zu ihrem Sitz, allein und schnell. Der Schuster folgte ihr mit einem langen Schritt und hatte schon die Rechte erhoben, sie sich neckend wieder einzufangen, als der alte Förster sich nach ihm umwandte und mißbilligend sprach: »Schuster-Guste, wissen Se, so was is nich Tanz, das is Mord.« Das riß den Schuster aus seinem Rausch; er fuhr mit seiner rechten Hand weiter in die Höhe und kraute sich in den Haaren seiner Schlafe, während er aus Verlegenheit eine tiefe Verbeugung machte und ging. Der Graue lächelte geringschätzig, dann beugte er sich zu Marie und fragte sie laut: »Aber den nächsten Tanz tanz' mir wieder. Solche alte Schuhe kann man nich lange riechen.« Im Wegschreiten hörte der Schuster diesen Spott, und mit dem Zorn des Rivalen trat er zum Tisch des Klumpen, wo man ihn froh umringte. »Laßt och sein! Aber 's is noch nich alle, nu fängt's erscht an«, sagte er, sich zum Klumpen durcharbeitend. Es folgte eine lange Auseinandersetzung, in der der Schuster mit Aufbietung aller Redegewandtheit und seinem Vorrat an krausen Gesten den Klumpen endlich überzeugte. Der Lahme zog in einem Moment, da die Aufmerksamkeit der meisten Burschen sich woanders hin richtete, den Geldbeutel aus der Tasche, grub unentschlossen darin umher und reichte dem Schuster etwas, das dieser aber nach einem prüfenden Blick abwies. Schmerzbewegt legte der Lahme noch etwas hinzu, und der Schuster stand auf und bestieg triumphierend das Chor der Melitten. Nach einer kurzen Verhandlung mit deren Oberhaupte erdröhnte ein Trompetenstoß, und der Obermelitt verkündigte: »Eine halbe Stunde Freitanz für de Steindorfer!« Dann trat eine lange Pause ein. Diese Außergewöhnlichkeit versetzte selbst die Männer an den Tischen in hohe Aufregung, die jungen Burschen aber waren glücklich in ihrem Übermut. Der Klumpen erschien ihnen wie ein Heros. Der achtete aber auf kein Lob, auf keinen staunenden Ausruf, sondern saß steif da, mit aufgestemmten Ellenbogen, und starrte stumm mit grimmig verkniffenem Gesichte in den Lärm. Der Schimmer seiner kleinen Augen war böse, wie Verachtung. Der Graue stierte ab und zu düster ins Leere und zwang sich dann zu krampfhafter Lustigkeit mit Marie. Als die Melitten endlich ihre Instrumente wieder erfaßten und der Schuster entschlossen auf Marie zuschritt, schrie der rote Klenner: »Geh und hol' dir den Besen!« Die Musik verschlang das wiehernde Gelächter des ganzen Saales. Der Graue ward bleich vor Wut, biß die Zähne zusammen, rauchte, daß die Funken flogen, und trank hastig und viel. Bei jedem Tanz wiederholte sich der gleiche Spott. Endlich konnte sich der Graue nicht mehr halten und schrie in den verstummten Saal: »Hoch lebe das Paschen, Holzstehlen und Raubschützen! Das brengt noch was ei!« Die Sache nahm eine Wendung, wie sie dem Schuster nicht paßte. Er überlegte, was zu tun sei, um alles zu dem Ende zu führen, das er seinem Freunde versprochen hatte. Aber da brach der Wortkampf noch erbitterter los. Aus der Ecke erschallte es: »Ei Tannerau geht alles fechten bis of a Scholzen. Der bleit drheeme und flickt de Bettelsäcke.« Der Fremde fragte schreiend den Förster: »He, Sie missen's am besten wissen, dahier melkt alles de grine Kuhe!« Der Förster, der die Worte ganz genau gehört hatte, gab sich den Anschein, als habe er die Anrede nicht auf sich bezogen, nahm einen tiefen Schluck aus dem Glase, unterbrach sein Trinken plötzlich und fragte ihn dann, wie belustigt: »Meinten Sie mich, junger Mann?« »Nu freilich, 's hat doch weiter keen Förster nie hier ei'm Saale.« Das sagte er patzig; aber nur weil er sich durch eine freundliche Antwort lächerlich zu machen glaubte. »Wo haben Sie Ihr Taschentuch?« fragte der Förster in amtlicher Art, ohne sich seinen Ärger anmerken zu lassen. Der Graue wurde verwirrt, riß sein Schnupftuch heraus und schüttelte es dicht vor des Försters Nase: »Da! Haha, das hab' ich noch nie gewußt, daß dahier een Taschentuch a so was Seltnes is.« »Ich dacht', Sie hätten keins«, erwiderte der Förster jetzt mit schneidendem Sarkasmus. »Denn Ihrer Nase sieht man's nicht an, und bei der Gelegenheit können Sie sich auch hinter den Ohren abtrocknen.« Und als der Fremde zu einer Grobheit ausholte, kam über den alten Grünrock die lange zurückgehaltene Wut. Seine Halsadern schwollen daumendick an. »Halten Sie's Maul«, schrie er und sprang auf, »wissen Sie, wer ich bin? Ich bin der Königliche Förster Knölle aus Steindorf, und wo der is, da hat's nischt von Holzstehlen und Raubschützen ...« Auf einen Wink des Gastwirts blies die Musik einen Tusch, während welchem die beiden Männer auf einander einschrien. Dann ging die Fanfare in einen Tanz über. Der Schuster trat heran und bat Marie um einen Tanz. Als sich das Mädchen erhob, riß der Graue den Kopf herum und maß sie einen Augenblick mit zornfunkelnden Augen, um sich dann zurückzuwenden, wer hinter seinem Stuhle stehe. Er kannte den Schuster, schrie: »Immer los!« und versetzte dem Mädchen unter dem Ausruf: »So ein Mensch wär's wert, daß ich mich ... so 'ne Darre!« einen so heftigen Stoß in die Seite, daß sie einige Schritte taumelte und dann in zähem Fall hinschlug. Die Musik verstummte wie mit einem empörten Aufschrei. Ein Augenblick starrer Beklemmung folgte der Roheit. Alles sah schweigend auf das Unbegreifliche. Ein Schrei, ähnlich dem, mit welchem ein wild gewordener Stier die Ketten seines Standes sprengt, zerriß die Stille. Dumpf fiel ein Tisch zur Erde, Gläser zerschellten am Boden, und mit holperndem Schritt eilte der Lahme vor das Chor. An dem kleinen Tisch hielt er an. Sein Gesicht war aschfahl; seine Augen standen wie tot im Weiß, nur ihr Zittern verriet Leben. Durch den halbgeöffneten Mund stieß rauschender Atem. Zorn schüttelte die ganze knochige Gestalt. Der Fremde bemühte sich zu lächeln, wurde aber bleich bis hinauf in die feuchten Haare. Ein Stutzen. Ein sekundenlanges Sichmessen. Nun sauste wie ein riesiger Stein des Lahmen Faust auf den Kopf des Grauen. Lautlos, blutüberströmt, brach er zusammen. »Das is vom Bettelmann!« »Und das is vom Holzdiebe!« Mit diesem zweiten rauhen Ruf packte der Klumpen den Ohnmächtigen und warf ihn in mächtigem Schwünge auf die Hausflur. Und dann sah er erstaunt an sich nieder wie neugierig, als betaste er mit seinen Blicken nicht sich, sondern etwas Fremdes. Da fiel sein Auge auf die ohnmächtige Marie. Mit dem Gesicht gegen die Erde lag sie da wie eine Tote. Aus ihrer Stirn sickerte Blut und bildete eine kleine Lache. Er betrachtete sie aufmerksam, ohne sich zu regen. Dann lächelte er glücklich, und endlich unter einem rauhen Jubelruf beugte er sich nieder, hob das Mädchen auf, hielt sie gegen das Licht und bedeckte das blasse, schöne Gesicht mit heißen Küssen. Sein Leib bebte, als er sich behutsam mit seinem Raube der Saaltür zuwandte und im Dunkel der Hausflur verschwand. Kaum war er draußen, so sprang der alte Förster Knolle in die Mitte des Saales und rief mit Kommandostimme: »Silentium!« Er war gewissermaßen der oberflächlichen Amtsführung durch den Grauen bezichtigt worden und glaubte als Staatsbeamter sich verpflichtet, die öffentliche Ordnung zu verteidigen, kurz, ihn trieb es, seine berühmte Rede zu halten. »Silentium!« wiederholte er mit drohender Stimme, da sich Stimmengewirr erhob, und murmelte in den Bart: »Ich wer euch die Kappe mal lausen, ihr verfluchten Hunde!« »Silentium!« brüllte er das drittemal. Aber niemand sah erst auf ihn hin. Man saß an den Tischen und unterhielt sich heftig gestikulierend. Knölle sah sich betroffen um; endlich raffte er sich doch auf und hielt seine Ansprache über Keilerei, Anstand, Demangthie, rabiate Rotzlöffel, Wildzaun, Kultur, Nadelhölzer, Bismarck, Holzabfuhr, Luther und schloß mit einem dreimaligen Hoch auf »Seine Majestät, den allergnädigsten Kaiser«. Darauf begab er sich in soldatischer Haltung an seinen Platz. Die Melitten bliesen einen Tusch, der Wirt bedankte sich für die »scheene Rede«, und bald drehten sich die Paare wieder unter den rotleuchtenden Deckenlampen hin. Der Klumpen hatte Marie bis ans Tor des Freirichtergutes getragen und, weil sie das Bewußtsein noch immer nicht wiedererlangt hatte, ihre Stirn mit dem Reif des Grases bestrichen. Endlich, mit einem gähnenden Laut, öffnete sie die Augen und blickte erstaunt um sich. »Was willst'n du da?« sprach sie zu dem Manne, der, neben ihr kniend, sie umschlungen hielt und fortwährend murmelte: »Mariela, wach uf, wach uf.« Sie riß sich los und sprang erschreckt auf; auch der Klumpen erhob sich. »Sei och stille, siehch, Mariela«, redete ihr der Lahme zu, »ich bin Exner Karla vo dahier«, und nun erzählte er ihr alles, was sich zugetragen hatte. Sie erinnerte sich an den Vorgang, unterbrach ihn mit den Worten: »Da bin ich noch lange nie ›Mariela‹, verstehste! Ich dank dr scheen fir alles, und dadermit is gut«, drehte sich um und drückte prüfend auf die Falle der kleinen Hoftür, um hineinzugehen. Der Lahme faßte sie am Arme: »Mariela, siehch och, ich dächte, es wird dich halt nie viel nutzen, denn ich ...« »Ach du! Hab' ich der nie gedankt?« »Nach, iberleg dir's; du mußt –. Sonntagnachmittag kommst de zum Klose Schuster, gell och. Da kenn mr ja 's andere bereden.« »Was bildst du dir denn ein!« erwiderte Marie entrüstet. »Um dreie rum; ich wart auf dich«, sprach der Klumpen leise, aber bestimmt, und als er sah, wie das Mädchen, ohne zu antworten, hinter der kleinen Hoftür verschwand, machte er sich ohne Mütze schweigend auf den Heimweg. 5 [Überschrift 6. fehlt im Buch. Re.] Marie suchte bald das Lager auf. Ihr Bett stand, wie das der anderen Mägde, in einer Kammer unter dem Dache. Durch Bretter war für sie ein besonderer Verschlag geschaffen, in dem außer ihrem Bett nur noch eine »Lade«, ein hölzerner Kasten für ihre Kleider, stand. Auf diesem saß sie eine Weile, nur mit einem Rock bekleidet, um sich ein wenig abzukühlen, denn sie war heiß wie von Fieber. Sie glaubte, es rühre von der Wunde an ihrer Stirn, und stand auf, ihren Kopf an die Scheibe des Dachfensters zu lehnen. Es war eine dunstige Helle draußen, und der Mond sah aus wie eine weiße Esse, der fortwährend Wolken eines leisen, behutsamen Rauches entquollen und wankend dem Geäst der Bäume zutrieben. In dem Gewirr der Zweige verschwanden sie, wie von dem kleinen, knotigen Gestülp aufgesogen, und jedesmal schwankte dann wieder von dem blassen, unsicheren Monde eine Dunstwelle behutsam und leise zu ihr herüber. Sie starrte unbewegt auf dies eintönige, stumme Spiel des weißen Nachtnebels hin, das nicht nur den Schmerz der Wunde in einen pulsenden Druck auflöste, sondern auch in die Last ihrer jüngsten Erlebnisse ein, wenn auch noch leeres Auf und Nieder brachte. Aber nicht lange, und ihr ganzes Wesen wankte nach dem Takte, der die blassen Schleier da draußen herantrieb. Marie biß die Lippen aufeinander und hielt sich mit beiden Händen an die Dachleisten an, die am Grunde des Kammerfensters hinabliefen. Indessen hatte sie immer peinigender das Gefühl, dieses Wogen des Nebels hebe sie auf und nieder und wolle sie fortspülen von hier. Als diese Empfindung sich zu einer unerträglichen Gewißheit steigerte, sprach sie stark vor sich hin: »Nein! Ich muß nicht! – ha!« – Damit teilte sich das Dunkel über ihrer Seele, und die Macht, die in der Nacht auf sie eindrang, nahm die Gestalt an, die auf so rätselhafte Weise schon zweimal ihren Weg gekreuzt hatte. Sie sah den Lahmen auf den Schleiern zu ihr herschreiten, aber nicht in der Kleidung, die er diesen Abend getragen hatte, sondern in langen Schaftstiefeln und der kurzen Joppe, in deren Hüllen seine Arme gleich langen Stangen steckten. Den Kopf auf die Seite geneigt, daß die breitrandige Schildmütze über die Stirn fuhr, kam er mit seinen ungleichen Schritten auf sie zu, mit einem Gesicht voll unbeweglicher Entschlossenheit, 's is ja all's bloß Dummheit, dachte sie bei sich und ging auf ihr Lager zu. Als sie aber fühlte, wie sie wankte, stützte sie sich mit der Linken an der Wand und wiederholte drohend und voll Hohn: »Nee! ich muß nich, das merk dr!« Dann warf sie sich schwer aufs Lager, mit dem Gesicht gegen das Kissen, denn der Schmerz in der Stirn hatte wieder zu wühlen begonnen, und seine Zuckungen gingen durch ihren ganzen Körper, und es war ihr, als sei ihr ganzes Leben verwundet. »Warum muß ich? Wie kommt der Kerl dazu?« das fragte sie sich immer wieder und wendete gegen den Schmerz in der Stirn nichts anderes an, als daß sie ihre Rechte leidenschaftlich auf die Wunde preßte, über die sie ein Tuch gebunden hatte. Aber ob sie auch alle Vorgänge vor und nach dem Unglück nach einem Vorfall durchsuchte, der dem Klumpen vielleicht das Recht zu einer solchen Äußerung geben konnte, sie fand keinen anderen Grund dafür als die regungslose Entschlossenheit in dem unschönen Gesicht des Lahmen, die Unwandelbarkeit der leeren Augen. Von dem ganzen ungefügen Menschen ging ein geheimnisvoller Bann aus. Sie wandte sich auf die Seite und schloß mit Gewalt die Augen, um an ihren »langen Sonntag«, ihre sonngoldige Zukunft zu denken; aber es gelang ihr nur sehr unvollkommen, denn unverrückbar empfand sie die Nähe dieses Mannes, der mit einemmal von seinen abseitigen Wegen mitten in ihr Leben gelangt war, lächerlich, aber auch verschlossen wie immer. Es mochte wohl schon früh sein, denn die Sichel des späten Mondes stand gerade dem kleinen Kammerfenster gegenüber, und der Raum schien von tanzenden Schneestäubchen erfüllt. Die Hähne krähten überall. Von der Schenke herauf erklangen undeutlich die Schlußfanfaren des Tanzes. Sie dachte: Morgen werde ich's erfahren, drehte sich von dem erleuchteten Fenster ab, zog noch die Decke über den Kopf und hatte nach einem jähen Aufschrecken die Empfindung, als gleite sie wiegend immer tiefer in ein weiches Dämmern hinab, zwischen dessen Gewölk die Bilderflucht des Schlafes aufzuschimmern begann. Da war es ihr, als sähe sie den Mond ganz nahe. Er hatte seinen fernen Stand in der Nachtluft verlassen und kam mit Riesenschritten zu ihr herüber, die leise knarrten, als gingen sie behutsam über alten Schnee. Erst klang dies Geräusch aus weiter, weiter Ferne, ganz schwach, so, daß es nur mit der horchenden Haut vernommen werden konnte. Dann ward es deutlicher, aber ein langsames, vorsichtiges Schleifen, und nun zwängte der Mond seinen glänzenden, mageren Leib zu der Brettertür hinein, die er sich nur eine Spalte geöffnet hatte. Sie wußte, daß er sich nur vergewissern wollte, ob sie schlafe, denn er blieb zur Hälfte auf dem Gange stehen, der draußen an den Türen der übrigen Gesindekammern vorüberführte, und nur sein papierweißes Gesicht an dem dünnen Halse hatte er ganz in den Raum gebogen und suchte sie mit dem hämischen Schatten seiner Augen. Nun fühlte sie an einem Unbehagen, das sie wie ein leises Netz einschloß, daß er sie gesehen habe und aufmerksam beobachte. Einen Augenblick ist es ihr, als sei die Gestalt Scholz Joseph, der zweite Knecht des Freirichtergutes, dann aber erkennt sie, daß eine Täuschung nicht möglich sei: es ist der Mond. Eben steigt ein neuer Zweifel in ihr auf, warum der Mond nicht durch das Fenster zu ihr hereingeschlichen sei, als ein Knacken des Türschlosses die schummerigen Bilder ganz vertreibt. Sie schlägt, wach geworden, das Deckbett von ihrem Kopfe nieder und wendet ihr Gesicht der Tür zu, die geschlossen ist wie immer. Mit einem verwunderten Lächeln dreht sie ihr Gesicht wieder der Bretterwand zu, die ihren Verschlag von der Kammer einer anderen Magd trennt. Durch einen Spalt zwischen den schlecht gefügten Brettern sieht sie in das tiefe Dunkel des Nachbarraumes und bemerkt zwei Schatten, die sich einigemal fast geräuschlos an ihr vorüberbewegen. Dann sind beide verschwunden, sie müssen rechts und links von dem schmalen Sehfelde ihres lauernden Auges stehen. »Die schlaft hart und feste«, setzte eine rauhe Männerstimme die Unterhaltung fort. »Nee, geh heem. Was willste denn auch? Ich bin mide, und der Morgen is nich weit«, antwortet eine flüsternde Mädchenstimme abweisend. Darauf taumeln die zwei irgendwohin. Schmatzende Küsse, das Rauschen von Röcken, ein unterdrückter Notruf des Weibes, schwer stoßender Männeratem. Dann ist nichts zu vernehmen als das Keuchen zweier ringenden Menschen. Das nachtlaute Gepolter irgendeines umgestoßenen Gegenstandes verwandelt den heimlichen Kampf der beiden in Stille. Marie hört vor Scham ihr Blut picken. »Geh!« beginnt das Mädchen wieder, ihre Stimme ist erschöpft. »Macht die's denn? Ha, und morgen früh, da sieht se een wieder an, als ob se sagen wollte: Ich kenn dich, du bist mir de rechte.« »Ach Paule, du bist reen un gar kendsch«, antwortete der Knecht, »du und de schlesche, die hat's hinterm Ohre, aber knippeldicke! Ha! ich war uf'm Lande unten, da geht drs erst zu, du mein! Da hat's manche Nacht mehr Beene im Heue wie Schindeln auf'm Dache. Was is n das fir eene! Tut, als ob se tot war, spielt Komedje und läßt sich vom Klumpen vor allen im hellerlichten Saale kissen. Was drnach geworn is, das wird se, das heeßt alle beede, das wern se am besten wissen. Sonst wäre se nie daliejen wie ein Sack. Was meenstn, ob der Klumpen a so leichte ufheert! Hehehe!« Dann lachen beide unterdrückt in boshafter Lustigkeit. Mit Marie dreht es, hebt sie auf und wirft sie nieder. Es umfaßt sie innerlich mit schraubender Gewalt, daß ihr Herz und Atem stocken. Sie muß sich aufrichten, um nicht zu ersticken. »Psst!« macht in der andern Kammer der Knecht, der das Geräusch gehört hat. Marie wendet ihren Kopf, dann aber richtet sich ihr Auge wieder auf ihre Lage. Es ist, als sähe sie in das Rädergewirr einer erbarmungslosen Maschine, die alles zermahlt und zerreißt: ihr Glück, ihren Stolz, ihren guten Namen, Freude und Frieden. »Aha, deswegen sagte der Hund: du mußt; deswegen – deswegen – also –«, sann sie und lächelte kalt, daß sie schwindelig wurde und sich mit beiden Händen an den Bettpfosten anhalten mußte, um nicht herauszufallen. »Hörscht's nich schaben?« fragte der wachsame Mann, der das Graben ihrer Fingernägel im Holze gehört hatte, die Magd. – »Na, da mach och jetzte und tu nich erst lange!« mahnte er dann ungeduldig. Darauf leises Wühlen, behutsames Schleichen, als schöben sich entblößte Leiber durch weichende Falten, und dann eine sinnbetörende Schwüle. Dann erhoben sich die Laute der Wollust. Und all dies Stöhnen der Brunst, dies heiße, verhauchende Lispeln drang auf Marie ein wie eine unabwendbare Beschuldigung. Sie biß in Verzweiflung die Zähne aufeinander, faßte mit beiden Händen in die Haare ihrer Schläfe und zog den Kopf auf das Deckbett nieder. Sie verlor das Bewußtsein, und nach langer Zeit ging die Ohnmacht in Schlaf über. – Die kurzen Stunden ihres Schlafes waren eine dauernde Bedrängnis gewesen, hatten aus den Ereignissen des gestrigen Abends und den Bildern ihrer aufgeregten Seele auf geheimnisvolle Weise eine Klärung geschaffen, und als sie, jäh abreißend, Marie im ersten Morgengrau aus dem Bett trieben, fand sich das arme Mädchen in der Gewißheit wieder, dem Klumpen nicht entrinnen zu können. Plötzlich wich dies Betäubtsein einer jagenden Angst. »Was lauf' ich nicht auf und davon; es ist Nacht, und alles schläft noch«, sann sie, zog sich eilig und geräuschlos bessere Kleider an, band ein wollenes Umschlagetuch um ihren Kopf bis tief in die Stirn, nahm die Schuhe in die Hand und schlich auf den Zehen hinab in die Gesindestube, um sich dort zu waschen und zu kämmen. Als sie an der Wohnung ihres Brotherrn vorüberging, hörte sie drinnen seine knarrende, mißvergnügte Stimme. Eiliger und leiser griff sie sich die Treppe hinunter. Wende bereitete sich zu seinem ersten Rundgang durch Stall und Hof vor. Wenn Marie sich mit ihren letzten Vorbereitungen beeilte, so war sie schon auf der Straße, wenn die schweren Filzpotschen des Freirichters über die Treppe schlürften. Leise und schnell eilte sie mit dem kleinen Lichte in der gewölbten rußigen Stube ab und zu. Indessen ward die Stimme Wendes über ihr immer lauter und ärgerlicher. Sein Weib redete hin und wieder auf ihn begütigend ein; aber diese frohen, ungetrübten Laute brachten jedesmal ein stärkeres Gepolter seiner Stimme. Wende hatte aus seiner langen Junggesellenzeit die Gepflogenheit beibehalten, des Nachts in Abständen von drei bis vier Stunden alles in seinem Hofe, besonders aber Pferde- und Kuhställe, zu inspizieren, und verlangte nun von seinem Weibe, daß sie ihn jedesmal dabei begleite. Diese wehrte sich dagegen, weil es genug sei, wenn er allein sich um den Schlaf bringe, führte jede Nacht eine Reihe praktischer Gründe gegen diese Marotte ins Feld und mußte seit zehn Jahren einen Teil des Schlafes dem Kampfe mit diesem Starrsinn ihres Mannes opfern. »Warum is se nich gegangen, a so weit se de Beene trugen?« sprach Marie vor sich hin, indem sie auf den Zank über sich lauschte. »War's nich besser, se hatte den Jungen und war zufriede als ein Mensch, wie setzte, da se den alten Krippensetzer hat?« Das alles sann sie mit dem mechanischen Verstande, der uns immer zu Gebote sieht und nichts mit unserm Innern zu tun hat. Der Streit im Schlafzimmer Wendes war inzwischen immer lauter geworden. Es hatte den Anschein, als gehe er seinem Ende entgegen, denn Rede und Gegenrede wurden immer erregter. Der Freirichter hustete schon bellend dazwischen, was er nur im Zustände höchster Erregung tat. Marie löschte schnell das Licht aus, um noch vor dem Freirichter über den Hof zu kommen. »Was wird er erst machen, wenn er sieht, daß ich fort bin?« sann sie und zog geräuschlos die Tür auf, blieb auf der Schwelle stehen, streckte den Kopf aus der tiefen Nische vor, welche den Eingang in die Gesindestube bildete, und lugte über die geräumige Hausflur die Treppe hinauf. Alles war still, und das Morgenlicht fiel durch die Nacht wie ein lautloser Aschenregen. Droben ertönte von Zeit zu Zeit der zornige Husten Wendes. Marie huschte über die Flur, riß den Türbalken zurück, daß er polternd in die Wand zurückfuhr, und tastete nach dem Schlüssel, der an einer rostigen Kette hing. Eben hatte sie ihn erfaßt und hob ihn mit der Rechten nach dem Schlüsselloch, das sie mit den Fingern der andern gefühlt, als oben die Tür aufflog und Wende unter lautem Schimpfen heraustrat. »Nee, nee, blei, blei du meintswegen liegen bis um fufzehn!« schrie er in die Stube zurück und donnerte dann die Tür hinter sich zu. Marie ließ den Schlüssel fallen, floh wieder über die Flur und verbarg sich hinter der Tür der Gesindestube. Wende stieg langsam die Treppe hinab, die rußende kleine Öllampe behutsam vor sich hinstreckend, und murrte undeutlich noch all jene zornigen Gedanken, um die sein Weib durch das voreilige Türzuschlagen gekommen war. »Bei dan Loden mißt ma se a mal rausreißen!« Mit diesen Worten setzte er, in der Mitte der unteren Hausflur stehend, das wütende Selbstgespräch fort, hob die Laterne in Schulterhöhe und leuchtete rundum. »Warum ha ich se geheirat! A gudes Dienstmensch ls ebens noch lange kee gude Bäuerin«, sagte er dabei. »Se kunnte sich da Jungen ...« Hier brach er ab, und Marie sah durch die Türspalte, wie er eilig der Haustür zuschritt, deren zurückgestoßener Querbalken sein Mißtrauen beschäftigte. Er knurrte etwas von »Pack«, »Rumläufern« und »Nischtegutsen«, untersuchte umständlich das Türschloß, indem er den Schlüssel ab- und zuschnappen ließ, überlegte dann mit einem forschenden Blick nach der Tür der Gesindestube, ob er diesen Raum untersuche, begnügte sich aber, einigemal drohend zu husten, und trat dann eilig hinaus in den Hof. Marie horchte angespannt nach der Richtung seiner Schritte, glaubte wahrzunehmen, wie das Schlürfen sich nach rechts, nach den Ställen zu, verliere, faßte sich ein Herz und war bald draußen. Sie hielt sich dicht an den riesigen Düngerhaufen, um, von ihm gedeckt, sicher den Ausgang durch das kleine Hoftürchen zu gewinnen, und schaute indessen immer hinüber nach der langen Reihe der vergitterten kleinen Stallfenster, die doch gleich in dem schwachen Rot der wandelnden Laterne aufleuchten mußten. Der Hofhund rasselte mit der Kette in seiner Hütte, als sie um die Ecke des Wohnhauses schlich. Die wenigen Schritte zu der Hoftür, deren ungewisse Umrisse sie schon in dem Grau des Morgens unterscheiden konnte, legte sie eilig zurück, ohne Rücksicht auf die Entdeckung, weil ihre Flucht ja doch geglückt schien. Aber eben setzte sie den Fuß auf die große, ausgetretene Quader und hob die Hand nach der Falle, als das Türchen von einer Person, die draußen gewartet zu haben schien, langsam aufgeschoben wurde. Marie bemerkte einen Streifen schwelend roten Lichtes in den Hof fallen, wußte, daß es von Wendes Laterne sei, und trat hochklopfenden Herzens zur linken Seite dicht an die Wand des Wohnhauses, wo sie zum Teil von der Tür verdeckt wurde, und überließ es dem Zufall, entdeckt zu werden oder ungesehen zu entschlüpfen. Umständlich trat Wende ein, wartete, ob sich der Mensch melden werde, dessen Schritte er eben gehört hatte, hob endlich die Laterne und schrie in das Dämmern: »Na, wer is'n da?« Als sich nichts rührte, stieß er aus keinem anderen Grund mit einem Fluch die Tür nach der Wand, als seinen Zorn auszulassen. Ein unterdrückter Schmerzenslaut mischte sich in das Gepolter des Holzes. Marie war von der Tür an ihrer verwundeten Stirn getroffen worden und mußte aufstöhnen. Der Freirichter trat hinzu und leuchtete der erschreckten Magd ins Gesicht. »Du bist's!« sagte er mit freundlichem Erstaunen, als er Marie erkannte, »da braucht ma sich doch nich zu verstecken, wenn eens nich a so faul is wie andere.« »Ach nu, Herr ...«, stotterte Marie. Da sah Wende, daß sie Sonntagskleider trage. »Wenn hast du dir denn die Kleider angezogen?« fragte er gedehnt. »Vor eener halben Stunde«, antwortete die Magd. »Hm! Und warum versteckst de dich denn vor mir? Und warum haste denn den Kopf verbunden, daß man dich kaum kennt?« fragte er nach einer Pause wieder, und seine Stimme bebte erregt. »Weil ich fort will – nee, muß!« entgegnete Marie, die ihrer Bestürzung Herr zu werden begann. »Zur Nähtern, oder ei de Kirche, gell ja, aso meenste du doch fort?« »Nee ganz, auf immer«, brach es aus Marie in peinvoller Erregung. »Ja«, machte Wende höhnisch unter einem kurzen Husten. »Ganz! Muß! Was de nich sagst! Was fährt dir denn ei de Krone, he, Marie, du? Hast du nich Essen und Trinken multum viel genung bei mir? Darfst du dich über die Arbeit beschweren? Sein dir etwan fufzig Taler noch zu wing Lohn? Muß«, begann er aufs neue und lachte sarkastisch, »hm, hm, wir wissen das schon. Ja, und da dacht' ich, du standst fester wie die andern Menscher. Seit wann mußte du denn?« »Herr, ich bin wie immer; aber ich muß doch. Wenn Sie mich nicht fortlassen, ich wüßt' nich, was ich ... ich müßt' ins Wasser!« antwortete Marie. »Aber Marie, wenn's nischt Böses ...« »Kee Wort kann ich sagen, ich erwürgte am erschten«, schnitt sie mitten in seine Rede. »Ich bitt' Sie um Maria und Christi willen, lassen Sie mich fort! Sie hörn alles, wenn ich nich mehr da bin. Ich besorg' Ihn eene andre Magd. Aber ich muß. Ach Gott, ach Gott!« So bat das Mädchen. Sie hatte des Bauers Rechte ergriffen und drückte sie, weil sie in ihrer Verzweiflung nicht wußte, was sie tat. Wende fühlte, daß sie am ganzen Leibe zittere. Ehe er sich versah, knurrte er halb gerührt, halb mißvergnügt: »Na, wenn's halt gar nicht geht, da.« »Gott bezahl's Ihn!« rief Marie und eilte davon. Im nächsten Augenblick reute es den Großbauern. »Aber, was ich sagen wollte!« rief er. Allein auf der Straße verklangen schon ihre flüchtenden Schritte. »Ah, da geh. Die Weiber! Da hat eben jede ihren Teufel!« rief er hinter ihr her, nahm die Laterne auf und setzte seinen Weg fort. Plötzlich lachte er laut auf und schüttelte sich wie ein nasser Pudel vor Vergnügen: »Die hat ja ihr Dienstbuch nich mite!« Noch war das Rot des Morgens nicht da; ein sterbensblasses Licht, ein erfrorener Schein lag unbeweglich über den Wäldern, und darin schwamm die erlöschende Sichel des Mondes. Nebelschleier häkelten um die schneebestäubten Sträucher, graue Schwaden wiegten sich träge um die Waldränder, und die Berge selbst sahen aus wie riesiges Gewölk, das vom Himmel lautlos herabzufließen schien. Noch strich kein Flügel, noch knirrte keines Getieres Fuß über die erste Schneedecke. Fern surrte der Bach des Kronerloches, und tief aus dem Walde ertönte ein gähnendes Knarren, wie es Stämme hervorbringen, die sich aneinander reiben. Marie hielt in dem eiligen Gange inne und schaute sich ängstlich um. In das Gewölk der Höhe war mit dem Morgenwind Bewegung gekommen. »Warum is sie nich lieber über alle Berge gegangen«, sann sie über das Schicksal ihrer Herrin nach, indem sie sich das zornesblasse Gesicht Wendes mit seinem wuchernden, braunen Barte vorstellte. »Aber das kommt alles, wenn man tut, was ma nich soll.« Dieser Gedanke beschleunigte ihre Schritte noch mehr. Fast laufend erklomm sie die Hügel und sank in die Mulden, schnell starb das Geräusch der Wasser hinter ihr, Sträucher huschten vorbei, und je heller es wurde, um so eiliger rührte sie ihre Füße. »Was ma nich tun soll!« das peitschte sie. Sie eilt durch Dörfer, an einsamen Gehöften vorbei; Menschen begegnen ihr; sie springt, wo Graben sind; schreitet achtsam über Steine; fern dröhnt die Eisenbahn: sie sieht alles und erkennt nichts. Plötzlich stößt sie an einen Planwagen. Der Kutscher, der am Hinterrad irgend etwas loskratzt, schreit lustig: »Holla!« Da kommt sie zu sich und bemerkt, daß sie schon in der Vorstadt von Glatz sei, der langen Reihe niedriger, schmutziger Häuschen, läßt eilig ihre Röcke wieder nieder und geht auf die andere Seite der Straße. An einem Schaufenster bleibt sie stehen, um ihr Tuch zu ordnen, das sich verschoben hat. Mit Staunen betrachtet sie ihr Gesicht, das, rot und leuchtend, nichts von der Qual ihres Innern zeigt. Die Wunde ist kaum zu sehen, es ist ein kleiner roter Schorf an der Stirnseite, fast an der Haargrenze. Die rechte Schläfe ist geschwollen und blutunterlaufen. Sie rückt das Tuch mehr aus der Stirn und wirrt die Haare der Schläfe über den blauen, beuligen Fleck. So sieht sie wenigstens nicht ganz wie ein »Buschweib« aus. In einem Kellerlokal trinkt sie eine Tasse Kaffee und verzehrt zwei Semmeln. Danach bleibt sie noch eine Weile sitzen, um sich auszuruhen, und vertreibt sich die Zeit damit, den Beinen zuzusehen, die über ihr vorüberschreiten. Die Uhr hat schon ein paarmal geschlagen, und die alte Frau hinter dem schmutzigen Schenktisch beobachtet Marie mit immer mißvergnügteren Blicken, weil sie gar keine Anstalten trifft, zu bezahlen oder noch etwas zu bestellen. Endlich kann sie sich nicht mehr halten, legt den Strickstrumpf hin, daß die Nadeln klirren, preßt den zahnlosen Mund zusammen und nähert sich dem Tisch, an dem Marie sitzt, mit einem Wischlappen, der ihre Absicht verdecken soll. »Wollen Se noch was?« fragt sie scharf und fährt mit dem nassen Tuch über das Tischblatt. Marie verneint, bezahlt die geforderten zwanzig Pfennig und fragt nach einer guten Vermietsfrau. Die Alte erwidert höhnisch, daß die guten Mietsweiber auf dem Monde hausen; hier gebe es nur Pack, sie wisse es, denn sie habe vierzig Jahr bei »Ferschten und Grafen« gedient. Am besten sei es, man wende sich gleich selber an die Herrschaft; aber wenn sie ihr schon eine zuraten solle, so sei es die Negwern in der Schmiedegasse. Sie sei »brave, zuverlässig und renell«. »Aber, wenn Sie ihr 's Ohre hinhalten, da haut sie Ihn freilich auch drüber!« Mit diesen Worten beendigt sie ihre langweilige Auseinandersetzung. Als Marie auf halber Treppe ist, ruft ihr die Alte nach: »Sagen Se och, de Masingern läßt se scheen grißen, da wird se's schon machen mit Ihn.« Nach oftmaligem Fragen und Irregehen findet Marie endlich die Schmiedegasse. Es ist ein steiles, enges Gäßchen, das nach der Neiße hinführt. Ein trübes Wasser rinnt zwischen den Katzenkopfsteinen des Pflasters eilig bergab. Es ist so dunkel, daß Marie nur mit Mühe die Schildchen neben den Haustüren entziffern kann. An einer langen Mauer mit einem verwitterten Ziegeldächlein liest sie endlich: Malwine Negwer, Vermietsfrau. Daneben ein halb verfallenes Türloch. Hier wohnt doch niemand, denkt sie, drückt zweifelnd auf den Türgriff, der wie ein langer eiserner Wurm aussieht, und sieht im nächsten Augenblicke in einem dumpfen Höfchen. Ein Mann, den sie wegen seiner blauen Schürze für einen Hausknecht hält, hackt Holz. Als Marie die Tür hinter sich zudrückt, schrillt die Haspe, und der Holzschläger fährt herum, mustert sie einen Augenblick mit seinem jungen, ernsten Gesicht, legt aber sofort Holz und Beil hin und kommt eilig auf Marie zu, indem er mit einem glücklichen Lächeln ihren Gruß erwidert, ihre Frage, ob sie hier bei Vermietsfrau Negwer recht sei, bejaht und sich erbietet, ihr Führer zu sein. Als sie vor der gesuchten Tür stehen, sagt er dem Mädchen, daß sie sehr schön sei, drückt ihr die Hand erregt und läuft so eilig davon, als habe er etwas gestohlen. Marie sieht eine Weile in einem bebenden Strom, und es ist ihr, als rinne von ihrer Stirn ein Leuchten in die Nacht um sie. Aufgeregt tritt sie in das Gemach. Nachdem sie ein Drittel des Zimmers durchschlichen hat, gelangt sie an zwei Türen, die einander gegenüberliegen. Sie würde an ihnen vorbeigegangen sein, hätte nicht ein erregter Streit zweier Frauenstimmen hinter der linker Hand liegenden Tür ihre Aufmerksamkeit erregt. Es klingt, als kämpfe das Fauchen einer kleinen Handsäge mit dem Schmettern einer Kindertrompete. Marie denkt, sie sei allein, stützt sich mit beiden Händen gegen die Türpfosten und neigt den Körper horchend vor. Die kleine Handsäge drin faucht wütend: »Bei mir braucht niemand im Drecke zu wühlen!«, worauf die Kindertrompete nur mit einem höhnischen Wiehern antwortet. Da läßt ein doppelstimmiges Gelächter vom Fenster her Marie bis in die Knochen erschrecken und herumfahren. In einer Nische sitzen zwei Mädchen und strecken die Köpfe vor. Sie lachen ihr ins Gesicht, das vor Scham ganz blaß ist. Marie hat nach kurzen Augenblicken, während sie die beiden betrachtet, die Sicherheit, daß sie Zigeuner seien, das heißt jener großen Sippe von Dienstboten angehören, die sich wegen Unsittlichkeit oder Zanksucht in chronischer Stellungslosigkeit befinden und das ganze Jahr eine Plage der Vermietsstuben bilden. Sie schluckt eine harte Bemerkung hinunter und begnügt sich, ihnen einen tief verachtungsvollen Blick zuzuwerfen, den das eine Mädchen mit einem boshaften, frechen Gesicht erwidert, indem sie Marie fragt, ob sie ihr einen Pfennig wechseln solle. Dabei rückt sie ihren modischen Hut und legt ihr verblühtes Gesicht in hochmütige Falten. Die andre schneidet eine Grimasse. Marie kehrt ihnen den Rücken, indem sie sich an einen Schrank der anderen Wand lehnt. Trauer und Angst kommen wieder stärker über sie, und ihre Sammlung macht dem alten schmerzlichen Grübeln Platz. Warum bin ich hierhergekommen, wo doch nichts sein wird, wenn solche hier sind? Fortlaufen, alles im Stich lassen sollte ich. Kleider kann man sich immer wieder kaufen. So sinnt Marie. Es bringt sie gar nicht auf, als eines der Mädchen, um sie zu ärgern, sagt: »Magst du blonde Haare? Ich kann sie nicht leiden, sie machen zu dumm. Überhaupt die ganz hellen, die so die Dorftrampel haben.« Nach einer Pause nehmen beide von Marie keine Notiz mehr und vertiefen sich in das unterbrochene Gespräch. Aus der Tür zur Linken tritt eine Frau und sendet einen prüfenden Blick das Gemach hinauf und hinab; dann sagt sie zu sich: »Drei. Doch noch. Ich hätt's nich gedacht.« Den Gruß Maries erwidert sie mit liebenswürdigem Lächeln: »Nu, mein Schätzel«, sagt sie dann, »du bist ja noch gar nich bei mir gewesen. Siehch, du hast noch frische, gesunde Backen. Das is recht! Nee, nee! Und een guten, haltbaren Rock. Halbwollnes, nie?« Das alles spricht sie mit ihrer blechernen Trompetenstimme, mehr, um Zeit zur Musterung des neuen Ankömmlings zu gewinnen, als etwas zu sagen. Darauf ruft sie den beiden in der Fensternische zu: »Ich hab's euch gestern schon gesagt, daß nischt is jetze.« Und ehe sie sich wieder zurückzieht, gibt sie Marie die Versicherung: »Wart och, Schätzel, 's wird sich machen.« Dann schließt sie die Tür. Die beiden anderen Dienstmädchen rüsten sich unter Verwünschungen auf das Leben zum Fortgange, und als die eine, mit dem modischen großen Hut, der Typus einer vernützten Zimmerschleußerin, an Marie vorüberschreitet, sagt sie in greller Wut: »Nimm dich vor der Schleidern in acht. Das is'n Aas, sag ich dir. Die hat mich auf'm Gewissen. Da wirschte missen, ob de willst oder nich. Haha, ma lernt's woll! Gell ja, Minna!« Mit geräuschvoller Heiterkeit verschwinden sie. Abscheu, Zorn und Furcht berauben Marie der ruhigen Überlegung. Wie in einem Taumel beginnt sie, sich die Röcke heraufzustecken und langsam der Tür zuzuschleichen. Als sie am vorletzten Schrank vorüber will, öffnet sich die Tür, und Frau Negwer ruft nach ihr. Marie läßt schnell die Röcke herunter und folgt der Vermietsfrau, mit dem Entschluß, ihr nicht das Ohr hinzuhalten. Auf einen Wink nimmt sie neben der Tür Platz. Ihr gegenüber sitzt eine Dame, die nach der neuesten Mode gekleidet ist. Der lange seidengefütterte Mantel ist geöffnet und läßt die überstarke Brust hervortreten. Sie hat ein feistes rotes Gesicht und eine Hakennase, deren Seiten sie oft mit dem weißen Taschentuch vorsichtig betupft. Wie sie heiße, beginnt sie mit ihrer fauchenden, lieblosen Stimme das Examen. So und so. Ob sie Stuben aufräumen könne. Nein. Das werde sich geben. Wie alt sie sei. Was ihr Vater gewesen. Wo sie gedient habe. Ob sie einen Schatz habe. Sie solle das Dienstbuch zeigen. Nach langem vergeblichem Suchen muß Marie erklären, daß sie es vergessen habe, ist bestürzt und doch voll innerer Freude. Die beiden Frauen wechseln einen vielsagenden Blick. »Vergessen, hm, hm!« faucht Frau Schleider höhnisch. Nun, sie miete sie in der Hoffnung, das Dienstbuch werde sich finden. Es gebe neunzig Mark Lohn und zehn Mark Weihnachten. Aber es verkehrten viele Reisende in ihrem Gasthaus; da kamen die Mädchen auf das Doppelte. Hier sei das Mietgeld. Frau Schleider hält ein Talerstück hin. Marie erklärt endlich, sie ziehe in kein Gasthaus. Außerdem verlange sie hundertzwanzig Mark Lohn, und sie bleibt trotz alles Zuredens dabei. Wütend macht sich die Gastwirtin davon. Die Vermietsfrau kehrt auf ihren Stuhl zurück, und als die äußere Tür zuschlägt, bricht sie in ein vergnügtes Lachen aus. Sie ist eine noch gut erhaltene Fünfzigerin mit pechschwarzem, gescheiteltem Haar, auf dem ein schwarzes Spitzenhäubchen sitzt. Ihr Gesicht ist gelb, und sie hat die großen munteren Augen einer spielenden Katze. »Nee, nee, Schätzel«, mit diesen Worten kehrt sie von dem Fenster, wo sie gedankenlos an den Blättern der Topfpflanzen gezupft hat, zu Marie zurück, die unbeweglich auf dem Stuhle sitzt, starr, als müsse sie sich wegen vieler Schläge auf den Kopf mühsam aufrecht erhalten. »Dahier ei die Wirtschaft bist du mir doch zu gut. – – Aber das Dienstbuch, das Dienstbuch, das müssen wir haben!« mahnt sie nach einer Pause in mütterlicher Güte und läßt sich auf dem Stuhl der Frau Schleider ihr gegenüber nieder. Mit gespitztem Munde wartet sie auf Antwort. Marie sieht nur stumm und ratlos auf sie. »Du bist gefallen, he?« beginnt sie endlich zu fragen. Das Mädchen sieht sie erstaunt an. »Natürlich of den Boden oder of de Stiege gefallen, meen ich, a so, he?« Marie wird es heiß. Zögernd nickt sie. »Du hast den Stoß of de Seite gekrigt, gell ja, mei Schätzel! Er muß sein vermaledeit böse gewesen. Du hast ja dahier eene Beule wie ein Hühneree und kratzleberblau«, redet sie weiter, weil sie keine Antwort erhält, macht nach jedem Satze eine Pause, spitzt den Mund und kugelt die lustigen Katzenaugen. »Ich kann mir's ja denken, wegen was. Wie hübsch du bist. Da soll a ees. Gell ja? Nu da red' doch um's Himmels willn, Mädel! Du bist nie die erste und wirst au nie die letzte sein, der das passiert«, dringt die Negwern in sie und betrachtet mit Angst Maries Gesicht, das sich in Qual verzerrt. »Jesses, Schätzel, was is dir denn? Da red' doch ...« Plötzlich springt Marie leichenblaß auf, blickt wie irr geradeaus und stürzt sich dann stumm auf die Vermietsfrau. Frau Negwer hat sich noch rechtzeitig hinter den Tisch geflüchtet. Wie blind ist Marie auf den Stuhl zugesprungen. Als sie ihn leer sieht, weicht der Krampf von ihr. Die qualvolle Wut im Gesicht macht dem Ausdruck der Todestraurigkeit Platz. Sie stützt sich bebend an die Wand und wankt hinaus. Auf der dunklen Stiege begegnet sie einem Mann, der sie am Arm festhält, ihr mit einem Zündhölzchen ins Gesicht leuchtet und auf sie eindringt. Sie schlägt auf ihn los, springt die Treppe hinunter, sieht im Hof den jungen Holzschläger, wirft sich an seine Brust, reißt sich wieder los und stürzt fort. Menschenstimmen dringen auf sie ein; lange Häuserreihen rennen an ihr vorüber; das Feld ist um sie; Wasser rinnen vor ihr, in Angst kniet sie hin und betet, die Hände zum Himmel ringend; der Wald rauscht, Lichter und Schatten streichen über sie; sie kommt sich gefleckt vor wie eine Katze. Dann bricht sie zusammen. Sie hat die Empfindung, von einem Sturm gegen eine himmelhohe Wand geschleudert worden zu sein. Ihr Inneres zittert wie das Sommerfeld, über dem die Sonne kocht. In diesem Flimmern liegt sie bis gegen Abend. Dann erwacht sie, setzt sich auf und sieht sich erstaunt um. Sie ist im Hahnwalde, tief in hohem Holze. Ihre Kleider sind über und über mit Kot bespritzt, das Tuch hat sich verloren, die Haare sind aufgegangen und hängen ihr wirr um den Kopf. Als sie alles das erkennt, muß sie mit beiden Händen in das trockne Beerenkraut greifen, um nicht umzufallen, dann flicht sie sich die Haare, so langsam, als sei es nicht notwendig, zu Ende damit zu kommen, und wenn sie fertig ist, beginnt sie von neuem, und langsam rinnen Tränen über ihr verhärmtes Gesicht. – Mit dem zunehmenden Dämmern macht sie sich auf den Heimweg. Der Freirichterhof ist schon wie eine riesige schlafende Nachtwolke, als sie zu Hause anlangt. Auf der Schwelle der Wohnhaustür steht ihre Herrin, die sie erwartet zu haben scheint, nimmt sie warm an der Hand und führt sie wie ihr eigen Kind an den Mägden vorüber, die bei kleinen Laternen in großen Holzkübeln das dampfende Getränke für die Kühe rühren. Die Wohnstube, in die sie treten, ist leer und wird von einer Schirmlampe auf einem Ecktischchen nicht ganz erhellt. »Hier setz' dich her, tummes Mädel!« sagt Frau Wende und schiebt Marie einen Stuhl an den Tisch. »Der Herr is noch nich zurück vom Markte. Da wer ich amal a Wörtel mit dr reden.« »Frau!« ruft Marie, gerührt von dem herzlichen Mitgefühl ihrer Herrin. Die ganze Verzweiflung liegt in diesem Wort, das von ihrer Trauer bebt. »Nee, nee! Weinen is gut; aber das kannste droben in der Kammer alleene. Jetze erzähl' amal alles. Wenn de Zunge wackelt, kriegt's Herze wieder Odem.« Marie erstaunt über sich, wie es möglich sei, über dieses Furchtbare zu sprechen; aber je mehr sie redet, desto tiefer gerät sie in einen förmlichen Rausch, und sie sprudelt alles hervor. »Was soll ich machen, Frau!« Erschöpft beendet sie ihren Bericht von dem wilden Tage. »Wo ich hinseh', Grube an Grube. Und wenn's nich anders wird, muß ich zurücke und eis Wasser. An dem Dinge sterbe ich. Ob ich's mach oder laß.« Frau Wendes mageres langes Gesicht ist ernst, ihre Augen stehen voll Wasser. Das schräge Licht der Lampe erleuchtet mit roten Streifen ihre hohe knochige Stirn, die lange spitze Nase und das kräftige Kinn. Als sie sich jetzt gedankenvoll mit dem Zeigefinger und dem Daumen an den Mundwinkeln hinfährt, bebt ihre ausgearbeitete Hand mit dem knotigen Adergestränge. »Ja, ja, mein Mädel«, beginnt sie dann mit versunkenem Neigen ihres Kopfes. »Es hat halt jeder Mensch seinen Tag, an dem er zerbricht. Vor allem wir Weiber. Da hilft nischte. Wir machen's alles selber, was wir nich wollen. Wie, weeß freilich niemand. Aber auf eemal is da, steht draußen vor der Tür und pocht, daß uns himmelangst wird. Gehste nich naus und holst's rein zu dir, steigt dir's aufs Haus und drückt's Dach ein. Der Tod! Ja, der Tod! Das weeß ebens niemand, ob man da rauskommt aus allem, ob ma entzweischlägt oder selbst zerschlagen wird für immer.« Ihr Gesicht ist fahl, zur Unkenntlichkeit entstellt. Mit einem gewaltsamen Ruck springt sie auf und tritt an die Kommode, wo sie Gegenstände aufhebt und niedersetzt. Als sie an den Tisch kommt, ist ihr Schritt wieder sicher, und ihr Gesicht lächelt still wie immer. »Marie«, sagt sie mit scherzender Stimme und drückt ihre Hand; »nimm dir nichts von dem, was ich dir gesagt habe. Du bist jung. Aber ein alter Mensch ist wie ein alter Topf. Was man auch reingießt, alles wird sauer. Nee, nee. Ich weeß wohl, weil du hübscher bist, willst du hoch naus. Red' nich erst! Aber mit den hübschen Gesichtern is wie mit dem scheenen Tage. Je warmer er is, desto eher regnet's. Mit'm Himmel kann niemand sei Haus decken, und rote Backen machen nich satt. Du hast weder Vater noch Mutter. Da sollste froh sein, so unterzukommen. Exner hat das Wirtschaftl und noch Geld ausstehn. Daß er nich lumpft wie die andern, is doch keene Schande. Und mit dem Fuße! Is er nich sonst, wie er sein muß? Een Fehler hat jedes, du auch. Der! Wen er haben will in Steindorf, kriegt er. Nee, er will dich. Ich Hab' mich erkundigt. Jedes im Dorfe weiß das.« »Jedes?« fragt Marie erschrocken dazwischen. »Nu, nach dem gestrigen Abend im Gasthause freilich.« »Aber ich nich.« »Ach was! Geh du jetze und iß dich satte und schlafe. Geh und überleg' dir alles, was ich gesagt habe, und merk' dir noch eens: niemand kennt sei Glücke. Gute Nacht! Aufs Frühjahr bist du junge Frau im eignen Hause, auf eignem Felde, und dann sind wir gar Nachbarn.« – Marie drückte der guten Frau herzlich die Hand und suchte, ohne zu essen, ihre Kammer auf. Bald stand sie ausgekleidet vor ihrem Bett, gottverlassen wie heute früh, und der ganze Sturm von Kummer und Verzweiflung hatte gar nichts genützt. Mit schwerer Hand ordnete sie die zerwühlten Kissen notdürftig und legte sich nieder, mit dem Erstaunen über sich, daß ihr Auge trocken blieb und ihre Seele ruhig. Nach einer Weile setzte sie sich auf und griff um sich. Aber wo auch ihre Hände hintasteten, waren Bretter. Mit stumpfem Gleichmut nahm sie die Täuschung, in einer Kiste zu liegen, als Gewißheit hin, und wieder zurücksinkend, dachte sie als Begründung dieser Tatsache an die Worte der Frau Wende: »Es hat halt jeder Mensch seinen Tag, an dem er zerbricht.« Danach kam alles über ihr Herz, was die Herrin zu ihr gesprochen hatte. Und die Gedanken gingen ein und aus in den verwühlten öden Kammern ihrer Seele wie Schemen in einem kalten, farblosen Lichte. Wo noch gestern ihre bunte, heiße, törichte Sehnsucht geblüht hatte, tanzte dieses graue, stumme Spiel. Plötzlich, zwischen Schlaf und Wachen, fuhr sie auf und fragte in die stockende Nacht: »Wo scheint die Sonne?« Ein dumpfer Laut lief die Sparren hinunter. Seufzend sank sie um und lag im Schlaf. 7 Indessen Marie von ihrer zu Tode getroffenen Hoffnung gemartert worden war, bewegte sich der Klumpen mit der Miene eines Menschen, der ein gutes Geschäft zufriedenstellend gefordert hat und nun in behaglicher Ruhe nur noch Nebensachen erledigt, um seine Beendigung in sicherer Muße abzuwarten. Später als sonst, aber immer noch so zeitig, daß er den Morgennebel aus den beschneiten Baumkronen schwinden sah, erhob er sich in seinem kleinen Dachstübchen. In der unteren Stube traf er seine Schwester, die das gesäuberte Geschirr vom Frühstück in den Topfschrank stellte. Sie ließ bei seinem unwirschen Gruß die Arme herunterfahren und wendete ihm ihr großes, ebenes Gesicht zu, das um die Nase von vielen Sommersprenkeln entstellt und von einer Überfülle roter Kraushaare umgeben war. »Nu, nu, Karle«, sagte sie dann mit einem Anflug von Spott in der Stimme, »das Schenkenbier macht eenem a Kopp schwer«, und musterte ihn mit den grauen, stillen Augen. Der Klumpen setzte sich hinter den Tisch, stieß einen ärgerlichen Laut aus und sah zum Fenster auf den Hof hinaus, wo sein Bruder eben den Ochsen an den Göpel der Dreschmaschine spannte. Seine Schwester stellte ihm indessen den Kaffeetopf und Brot und Butter auf den Tisch. Als er sich herumwendete, fuhr sie mit den Händen an die Schürze und tat, als trockne sie sich die nassen Finger ab. »Wer war gestern alles bei der Musik?« fragte sie dabei zaghaft. »Käthe!« antwortete der Klumpen und wollte damit sagen, sie solle sich um etwas anderes kümmern. Aber doch setzte er als Erwiderung hinzu: »Affen.« »Nu, aber du warst doch auch?« »Jesses, ja! Und wenn du alles weeßt, da brauchst du dir nich erst Handschken anzuziehen! Dem Tannerauer Laps hab' ich's eingetränkt, und die andern haben's Maul aufgerissen, und der Schuster war besoffen. Nun weeßt d's, und nu geh an deine Arbeit.« Mit einer stoßenden Handbewegung griff er nach dem Brot und sah nicht mehr nach ihr hin. Kathe ging einigemal durch die Stube, stellte einen Stuhl zurecht, zog den »Seeger«, die hölzerne Wanduhr, auf, wischte mit der bloßen Hand über das Fensterbrett und trat, nachdem sie so dem Harten die Überzeugung beigebracht zu haben meinte, sie sei von der Grobheit beruhigt, in den Hausflur und winkte heimlich ihrem anderen Bruder. »Joseph«, sprach sie leise zu ihm, als er mit langsamfriedlichem Schritt zu ihr getreten war, »es is alles a so, wie de Mögler Nähtern mir erzählt hat.« Der bartlose Mann schüttelte nur ungläubig den Kopf. »Nu, er raunzte mich an, wie ich von weitem davon angefangen habe.« »Nee, nee, ich gleeb's ja. Zuzutraun is'm schon. Aber nu komm mr alle in der Leute Mäuler.« Dann sahen sie stumm eine Weile in den Hof hinaus und redeten über Wirtschaftsangelegenheiten, Worte, bei denen sich keines etwas dachte, und in der Stille ihrer Seele litten sie unter dem Scheitern ihrer Hoffnung, der Lahme werde unverheiratet bleiben. »Aber von dem andern mit der schlesischen Freirichtermagd hat er doch nischt gesagt?« fragte Joseph aus dieser verschwiegenen Beunruhigung heraus in den leeren Worthandel. »Nu eben deswegen«, antwortete seine Schwester, noch um etwas bedrückter. Nach einigem Nachsinnen aber ward des Bruders Gesicht wieder still und frei wie immer. »Sei's, wie's sei. Sein ist sein. Das geht uns eegentlich nischt an. Aber reden wer ich mit'm, und das glei.« Ehe Kathe noch etwas erwidern konnte, war er drinnen beim Lahmen. Dieser empfing ihn mit einem vlämschen, gedehnten Lachen. »Dir geht's gut«, sagte Joseph darauf und setzte sich neben ihn auf die Bank. »Daß sich die Bänke biegt«, erwiderte der Lahme höhnisch. »Nu ja, ja! Wasser haste doch ei'm Borne.« »Ih freilich. Und wenn ich alles gewußt hätt', da konnt' ich mir Freiwalden ersparen. Ihr kennt ja a so gut Born treten«; dabei lachte er, daß aus seinem vollen Munde Bröckchen Brot fielen. »Was denn, Born treten?« »Du und de Käthe. Na, da laß se doch raus!« Joseph sah ihn fragend an. »Die Katze, die du ei'm Sacke hast, meen ich«, vollendete der Lahme in toller Lustigkeit. »Aber mir scheint, die hoppt nie, wie du sie auch verhohlen in den Schwanz zwickst. Die Maus is'r zu groß. Am besten is, du läßt sie ganz drinne.« Darauf senkte er den Kopf. »Kümmer ich mich um deine Rollinger Hängerei?« fragte er nach einer Weile, höhnisch herauffahrend. »Ich denk halt«, erwiderte Joseph kleinlaut, an seiner wunden Stelle getroffen, »wenn se mr soll, wird sich ees scheen Tags alles selber machen.« »Gebastel und Gedruckse!« schmälte der Klumpen weiter, »ees scheen Tages. Haha! Der scheene Tag! Sieben Jahre dauert das schon, was?« Es war wahr, Joseph litt schon so lange an jener schleichenden Liebe, die eine Eigentümlichkeit der Bauern ist. Jede Verstimmung trieb ihn auf Monate hinter Schanzen, aber nie hörte er auf, im Grunde seines Herzens zu hoffen. »Siehch, das sein a so komische Sachen«, erwiderte er endlich mit schüchterner Überlegenheit. »Gelt, die ich nie versteh?« fragte der Lahme, aufgebracht über diesen Ton. Joseph sann ein wenig und antwortete dann lächelnd: »Verstehn. Ach, das schon; aber machen nich. Siehch och, Karle, 's beste is, ma haut's Getreede ab, wenn's reif is. Bei deiner schleschen Geschichte, da is noch jeder Halmen grün.« »Kümmer du dich um Hühnermilch, daß se dr nich sauer wird.« Mit diesen Worten stand der Lahme vom Tisch auf und trat in die Mitte der Stube. Dort schüttelte er stumm den Kopf und holperte der Tür zu. »Ich supp aus meinem Toppe«; mit diesen Worten, die er in steigendem Zorn sprach, kehrte er plötzlich zurück, »und die Fliegen, die mir da reinfallen, freß ich. Da brauch ich keen Schleicher. Und wenn ich eenmal nausgeh aus dem Höfel dahier, da wird nischt marode wie euer Geldsack.« Joseph sprang auf und trat ihm unter die Augen, treuherzig und ernst. »Karle, niemand will was von dir, die Kathe nie und ich nie. Sein mr denn nicht Geschwister? Daß du herbe bist, dafür kannst du nich. Aber die Leute sein dir vor nich gut, und wenn du vollds anfängst und machst Dinger wie gestern abend ei dr Schenke, da ...« »Jeder Vogel pickt sei Beere«, schnitt der Lahme sein gutes Wort mittendurch, »eener die roten, der andre de schwarzen. Laß mich in Ruh!« Damit war er draußen. In tiefer Erregung machte sich Joseph an seine Arbeit. In der Haustür gesellte sich Kathe zu ihm. An ihrem Gesicht erkannte er, daß sie alles mit angehört habe, und sagte tröstend: »Er hat's vom Vater.« Dabei ergriff er ihre Hand, und sie sahen sich stumm in die Augen. Sie ließen sich auch nicht los, als sie über den Hof der Scheune zugingen. Der Lahme war mißtrauisch wie alle einsamen Menschen, und da er nun dem leicht gesenkten Fußweg vom Fuchsloch aus nach dem Dorf hin zuschritt, bearbeiteten seine Gedanken das Vorkommnis mit Bruder und Schwester so lange, bis es die häßlichsten Formen angenommen hatte. Grau und leidenschaftlich grub seine Seele. Die Vorstellung, durch die Gasse des Dorfes gehen zu müssen, an Menschen vorüber, die lachend auf ihn sahen, wurde ihm so unerträglich, daß er quer über die saure Wiese dem Walde zuschritt. Lang und schwer atmeten die Kronen, und ihre dumpfe Klage rann an den Stämmen herunter, daß das Dämmern noch dichter ward. Diese Luft gefiel dem Klumpen. Er suchte sich einen moosigen Stein aus, der eine bequeme Sitzflache bot, und verfiel ins Grübeln. Bis zu seiner Separierung mußte ihm sein jüngerer Bruder, der die väterliche Besitzung übernommen hatte, Kost und freie Wohnung geben, wofür die dreitausend Mark, die dem Klumpen testamentarisch vermacht und auf dem väterlichen Anwesen eingetragen waren, zinsfrei standen. In bedrängten Zeiten sollte er in der Wirtschaft aushelfen, die ein kümmerliches Auskommen abwarf, weil alle zugunsten des Klumpen benachteiligt worden waren. Mürrisch griff der Lahme in der Heu- oder Getreideernte wohl mit zu, schmälte aber unausgesetzt über das »Geprudel und Gemudel«, wie er die gleichmäßig ruhige Arbeitsweise seines Bruders nannte, die so sehr von seinem wilden, leidenschaftlichen Fleiße abstach, der mehr das Gepräge eines zornigen Kampfes trug. »Sechshundert Mark hat er schon geschluckt die vier Jahre für die Brotkrusten, die ich freß, und die Neigel Milch«, sann er, »sechshundert Mark, dreißig Zwanzigmarkla!« Und ärgerlich schlug er den Absatz seines Stiefels in das Moos. »Nun will er am liebsten noch mein Geld und meine Wirtschaft und mein sauer Erspartes, daß er so gemächlich weiterfaulenzen kann.« Dieser Gedanke an sein Erspartes, das durch die schleichende Habgier seines Bruders gefährdet schien, brachte eine solche Erregung über ihn, daß er aufspringen und gehen mußte, um Atem zu bekommen. Durch mühsame, schwere Waldarbeit hatte er sich fünfhundert Mark erworben, die er in einem Strumpf unter dem Strohsack seines Bettes aufbewahrte. Mit heißem Herzen gedachte er seines Schatzes, und aus dem goldenen Scheine der Doppelkronen wob er sich seine Zukunft, den großen Bauernhof, die endlosen Ährenweiten und die Reihe feister bunter Rinder. Der Wald war licht; nach einigen Schritten stand er auf dem geneigten Felde draußen, über dem wie ein milchweißer Schleier das verhaltene Winterlicht lag. »Und zum Frühjahr heirat ich sie. Da wern euch die Augen aufgehn, ihr ...!« sann er und sah mit trotzigem Auge in die müde Schönheit. Damit war er wieder in der Festtagsstimmung seiner Frühe, und sicher und ernst näherte er sich mit rüstigem Holpern auf einem Seitenwege dem Dorfe. Nachdem er noch einmal seine Wirtschaft abgeschritten und vergnügt in den Brunnen geschaut hatte, bestellte er bei Freiwald ein Pumpenhäuschen, schön grün gestrichen, sechseckig, mit roten Deckleisten und einer ebensolchen Kugel als Krönung des Dächleins. »Freilich, freilich, scheen muß sein«, lächelte Freiwald listig, »wenn soll's 'n da losgehn?« Er meinte die Hochzeit. »Vielleicht noch eh de Stare vor dem Neste pfeifen, denk ich«, antwortete der Klumpen, duckte den Kopf und trat durch die niedrige Tür in die enge Hausflur der Hütte. Der Alte folgte ihm. »Hast 'r denn aber auch alles gut überlegt, Karle?« fragte er, ehe der Lahme die Haustür öffnen konnte. Zornig sah ihn der statt aller Antworten an. »Du hast mit Blut geworben«, fuhr Freiwald unbeirrt fort, »und das kann euch alle mitsammen fressen, wenn du nich milde Hände kriegst. Denn Blut is wie Feuer. A so lange es im Leibe ...« Mit einer Verwünschung trat der Klumpen aus der Haustür und ging ohne Gruß davon. Freiwald sah ihm gedankenvoll nach. Sein Gesicht hatte den milden Ernst des reinen Alters, als er mit eingebogenem Kopfe sich wieder in sein Stübchen zurückwandte. 8 Die tödlichen Blitze pflegen aus dem blauen Himmel zu fallen, und oft bricht eine Wolke, die allein in der Höhe zieht, harmlos und ruhig, kaum so dunkel, daß über unser Stübchen ein leises Dämmern kommt, oft bricht diese stille Wolke plötzlich los, der Sturm springt mit der Wildheit eines Löwen auf, der in der Glut geschlafen, und in wenigen Augenblicken hat der schreckliche Guß einen Strich blühenden Landes in eine Einöde verwandelt. Kein Grün weit und breit, wie riesige Schaufeln graben die Fluten die Krume weg bis auf den toten Stein; die Wege verschwemmt; die entwurzelten Bäume liegen zerpeitscht umher, und selten besucht ein Vogel diesen getroffenen Ort, bald auch schwingt er sich mit einem scheuen Schrei davon. Und die Menschen finden kaum die Stelle, wo noch eben ihre Früchte der Reife entgegenwogten; ihr Hoffen zerrissen wie ihr Haus; wo ihr Herz sonst rüstig läutete, tragen sie den dumpfen Schmerz einer unheilbaren Wunde. Ein so schnelles Wetter hatte die Seele Maries verheert, und von der ganzen Welt ihrer blühenden Hoffnung war nichts geblieben als ein dumpfes Gefühl. Umsonst bemühte sie sich die folgenden Tage, ihre Lage zu überschauen. Sie kam dabei nicht weiter als zu einer schweren Trauer, und immer, wenn doch noch eine Kraft, die in einem Winkel der Seele zurückgeblieben war, sich leidenschaftlich aufrecken und nach Widerstand rufen wollte, sank sie in Erinnerung an ihre Flucht zurück in Schwermut. Es kam ihr nicht einmal der Gedanke, nach der wahren Bedeutung aller Erlebnisse zu fragen, sondern sie empfand nur, öffentlich beschimpft, verleumdet, entheiligt worden zu sein, wie geschändet. In Gram ging sie umher. Der Freirichter sah ihre Gebrochenheit und stellte es ihr anheim, zu gehen, wenn sie wolle. »Wohin soll ich gehn?« sprach sie müde, »meine Geschwister sind alle im Dienst, und mei Onkel! – – – Was sollte ich da sagen, warum ich komm? Nee, nee, Herr, ich seh's, es gieht bloß auf eene Weise, daß ich rauskomm ...« Um sie zu schonen, hatte man sie von dem übrigen Gesinde getrennt und ihr eine einsame Arbeit in dem alten Auszugshause angewiesen. Dort schaufelte sie das in den verwahrlosten Zimmern aufgeschüttete Getreide um. Aus dem Hofe drang das tiefe Brummen der Dreschmaschine gedämpft durch die geschlossenen Fenster. Hier war es so still, das Leben aus allen Winkeln gewichen. Verlassene Spinnennester hingen in den Ecken, zerflatterte, bestaubte Erinnerungen eines verschollenen Lebens. Ruhlos rührte ihre Schaufel in dem Getreide, der Haufen wurde nicht kleiner. So erging es ihrem Sinnen. Zuletzt kam sie zu der Überzeugung, Gott habe ihr diese Prüfung gesendet, und beschloß als gläubige Katholikin, Sonntag zu den heiligen Sakramenten zu gehen und nach der Kommunion um Erleuchtung zu beten. Sie wußte, daß in diesem heiligen Augenblicke der Ewige oft unmittelbar zu der reinen Menschenseele redet. Wie das Wasser dem Wehr zufließt, leiser als sonst, so rüstig, daß man kaum das Zögern unter der Oberfläche bemerkt, so ging sie dem Tag der Entscheidung entgegen. Niemand wußte von ihrer Absicht; niemand sah sie in der Frühe des Sonntags davongehen. Es war noch ganz finster, eine nasse Kälte, alles erfüllt von dichtem Nebel, dessen rauhe Feuchtigkeit binnen kurzem Gesicht und Hände mit kleinen Tröpfchen übersäte. Nur an dem Schall ihrer Schritte merkte sie die Nähe der Häuser, die noch alle dunkel dalagen. Als sie sich einmal umdrehte, sah sie hinter sich in ferner Augenhöhe einen blassen Streifen in der Nacht, der von Zeit zu Zeit erlosch, als sei es der Atem eines trabenden Pferdes im Lichte einer verborgenen Laterne. Sie hielt sich an der Grabenwand hin, wo sie die Stämme der Chausseebäume sah, die wie Seile aus der Höhe herabzuhängen schienen. Aber kein Trappeln, kein Pferdegeschnauf drang in dem Nebel auf, der sich lautlos aus der kalten Erde wand. Als sie sich wieder umdrehte, sah sie an jener Stelle, von wo sie das Nahen eines Gefährtes erwartet hatte, einen blassen Schein in der Luft, wie die weiße Wand eines fernen Hauses. Nun wußte sie, daß es das Licht des untergehenden Mondes sei, und fuhr fort, im Hinschreiten über die Sünden nachzudenken, die sie zu beichten hatte. – Es war ganz finster in der Kirche. Eine kalte Moderluft erfüllte das niedrige Schiff, das in der Dunkelheit wie eine geräumige Höhle aussah. Da und dort saßen Beter zusammengesunken vor ihren kleinen Wachslichtern, und wenn der Odem ihres Mundes wie ein blasser Rauch durch den roten Dunstkreis strich, konnte man meinen, sie seien ermüdete Flüchtlinge und kauerten vor Feuern, deren winzige Flamme sie aufzublasen bemüht waren, um sich die Hände zu wärmen, die blaß, wie erfroren, dalagen. Manchmal husteten sie unterdrückt, und ihre Augen standen regungslos wie Glaskugeln in dem starren Glast der kleinen Flamme. Der Altar lag noch ganz finster, dumpf glomm das ewige Licht durch das rote Ampelglas. Marie ward es schläfrig und schwer. Wie betäubt sank sie in eine Bank und vergrub das Gesicht in die Hände. Als jemand laut hustete, stand sie auf und ging, als sei sie gerufen worden, nach der Sakristei, wo die Beichtstühle standen. Auf der Schwelle begegnete ihr der Kirchvater, der vorsichtig ein Kerzenstümpfchen trug, dessen Licht er mit der Hand schützte. Sie trat zur Seite, und er hob erstaunt sein friedliches Greisenangesicht zu ihr empor. Mit einer stechenden Bewegung seiner freien Hand deutete er auf den nächsten Beichtstuhl und flüsterte: »Hochwürden kommt glei!« Dann trug er mit langsam-würdigen Schritten seine hohe Gestalt in das Dunkel der Kirche. Marie achtete kaum auf die beiden Meßknaben, die hinter der geöffneten Doppeltür eines Schrankes sich die weißen Chorhemdchen überwarfen, trat vor das Gitter des Beichtstuhles und begann eifrig aus ihrem Buch zu beten. Während sie so hingebend Wort um Wort las: von der Schlechtigkeit der Menschennatur, ihrer Ohnmacht und Sündengier, Kreuz um Kreuz schlug, war es ihr, als seien die Sätze ein monotoner Luftzug, der mit leerem Schall ihre Seele betäubte. Ihr Inneres ward eine Dämmerung. Und sie mußte doch andachtsvoll beten, um von Gott eine glückliche Wendung ihrer Not zu erlangen. Sie schloß das Buch, wie um sich von der dumpfen Macht dieser Blätter zu retten, sah traurig zu Boden und bemühte sich, das Beichtgebet zusammenzubringen. »Ich armer, sündiger Mensch ...«, murmelte sie in einem fort und kam nicht weiter. Im Schiff der Kirche klangen weiche, lange Schritte auf. Der alte Bauer, der zur Ehre Gottes Kirchvaterdienste verrichtete, machte ihr ein Zeichen mit seinen eisgrauen großen Augenbrauen und sah dann scheu durch die Tür der Sakristei. Wie ein siedender Wasserstrahl ergoß sich die Angst in Mariens Körper. Er kommt, dachte sie, und stotternd rang sie um das Gebet. Die Schritte hielten vor dem Altar. Gleich darauf erschien Pfarrer Langer eilig und unvermutet in der Kerzenhelle der Sakristei und hielt ohne weiteres neben dem Greis, der ihm die heiligen Gewänder überlegen sollte. Der alte Bauer hob seine Hand über das Ohr, strich behutsam an den weißen Haaren hin, die dort in die Form einer Schnecke gedreht waren, und flüsterte, es sei noch wer da. Ohne zu antworten, griff Langer unwirsch selbst nach dem Humerale, um dem Alten damit anzudeuten, daß dazu jetzt nicht Zeit sei. »Sie wern, Hochwirden, es is nämlich eene Magd, aus Steendorf, wie mr scheint. Sie mechten woll«, redete der Kirchenvater unterdrückt. »So!« antwortete der Pfarrer und drehte sich nach ihr um. Er erkannte ihre Schönheit und dachte: Aha, das is auch wieder eine solche. Dann legte er die Stola um. Marie kniete vor das Gitter und wandte dem Priester ihr Gesicht zu. Nachdem Langer eine Weile mit auf die Brust gesunkenem Kopfe dagesessen hatte, als bete er, richtete er sich auf und bezeichnete Marie unter Murmeln mit einem großen Kreuz. »Ich armer, sündiger Mensch ...«, begann das erschrockene Mädchen, und weil sie das Gebet durchaus nicht konnte, stieß sie tuschelnd die Luft durch die Nase im Rhythmus der Worte, die ihr entfallen waren. Als sie zu Ende war und mit dem Sündenbekenntnis beginnen wollte, wozu sie tief Atem holte, ermahnte sie Langer mit schneidender Sanftmut: »Sprich lauter!« Marie fühlte das Mißtrauen in dieser Aufforderung, und zitternd begann sie mit dem Bekenntnis ihrer Schuld. Je weiter sie damit kam, desto zwingender empfand sie, der Pfarrer müsse glauben, sie verheimliche ihm Schweres, wenn sie nur das erforschte Übel beichte. Sie erinnerte sich auch, daß kein Mensch den Zustand seiner Seele kenne. Es war ihr plötzlich, als könne sie vielleicht alle Sünden begangen haben, von denen sie je in einem Beichtspiegel gelesen hatte. Nach kurzem Zögern, währenddessen Langer sie mit einem harten Blick gestreift hatte, bekannte sie alle Menschenschwäche, deren ihr Gedächtnis nur habhaft werden konnte, als ihre eigenen Fehler, um sich das Erbarmen des Priesters und die Gnade Gottes zu verdienen. Erschöpft hielt sie endlich inne und sah flehend auf den Pfarrer, der vor Zorn ganz blaß war und sie von der Seite ansah. »Hm, hm«, machte er dann. »Sind das alle Sünden?« Marie nickte. Langer richtete sich auf, als sollte er ersticken, und schluckte gewaltsam. »Das sechste Gebot!« sprach er dann mit krampfhafter Weichheit. Marie erkannte die Verachtung auf seinem Gesicht und dachte: Es ist alles verloren, ich muß eis Wasser. »Das sechste Gebot. Wie heißt das sechste Gebot?« fragte Langer wieder bebend. »Du sollst nicht Unkeuschheit treiben«, antwortete er endlich und sagte es in ihr bleiches Gesicht wie eine Anklage. »Wie alt ist er? – Du wirst dich doch nicht so weit vergessen haben, ein Kind zu verführen?! Antworte! Wie oft seid ihr sträflich zusammengekommen?« Aber er bekam keine Antwort. Marie hatte den Kopf gesenkt, und der Atem seines Mundes bewegte nur die blonden Haare, die durch das Gitter quollen. Es war, als gehe ein Glanz von ihrem schuldlosen Haupte aus. »An deinen Haaren hat dich der Teufel in den Pfuhl der Lust geschleift«, fuhr er fort. »Nun verhärtete er dein Herz mit der Scham, die du ihm so leicht hingabst.« Marie hob das Gesicht und sah eine Weile starr in sein Gesicht. »Herr Pfarr«, flüsterte sie dann, »ich bin unglücklich. Das is alleene. Sonst is nischt wahr.« Ihr Atem streifte seine Wange gleich dem Brodem kochenden Wassers. »Also verfallen bist du?« sprach er endlich kalt, weil er glaubte, sie habe sich schuldig bekannt. »Wie lange trägst du die Frucht der Sünde? Ich meine, wie lange du es fühlst!?« Maries Gesicht war auf die Brust gesunken. Ihre Haare zitterten von den Schlägen ihres Herzens. Als er in maßloser Erregung diese beiden Fragen an sie richtete, hörte er etwas fallen und sah gleich darauf ihre Hände krampfhaft in die Gitterstäbe greifen. Aber er kannte diese »Hurenmenscher« und ließ sich von ihnen keine Komödie mehr vormachen. Er redete Marie nun ins Gewissen, wie er es bei Gefallenen gewohnt war. Er vergaß, daß er im Beichtstuhl sitze. Der Kirchvater drängte die Ministranten in die Kirche. Bald erfüllte Langers Stimme die Sakristei. Er spie aus, nannte sie Dirne, verhieß ihr ein verfluchtes Leben, eine gepeinigte Ewigkeit und warf ihr endlich die Absolution verächtlich wie einen Brocken zu. Sie hing wie ohnmächtig mit ihren Händen an dem Gitter des Beichtstuhls und rührte sich auch nicht, als der Pfarrer mit lauten Schritten zur Messe in die Kirche hinausging. Nur beim Schall des Eingangsgeläuts zuckte sie zusammen. Der Kirchvater hatte, der Gewohnheit gemäß, Langer bis an die Tür der Sakristei begleitet. Dann kehrte er zurück und sah nach Marie. Die kniete jetzt in aufrechter Steifheit da und schaute unverwandt in den leeren Beichtstuhl. Er hustete einigemal, um sie zum Verlassen der Sakristei zu bewegen. Marie begann mit beiden Händen das Gitter abzutasten. Voll Mitleid trat er hinzu und sagte liebreich: »Mädla! Du, Mädla!« Sie wandte ihm das Gesicht zu und blieb in der knienden Stellung, als habe sie ihn nicht verstanden. »Komm och un gieh etze nei! Horch, de orgeln schon«, sprach er dringender. Da erhob sich Marie, lehnte sich an die Mauer und starrte verstört den Greis an. »Gell, er hat mich nicht losgesprochen?« fragte sie regungslos. »Ach, freilich. Er begeht's bloß immer aso. Laß gut sein, 's hat auch noch een Herrgott, und der nimmt's verleicht nich aso nette. Komm och, Mädla, komm du!« Zitternd griff er an seine Haarschnecke und reichte ihr das Gebetbuch vom Boden herauf. Wie gegen einen Berg schritt Marie in der Kirche hin auf ihren Platz zu; die Klänge der Orgel brausten um ihre Ohren gleich einem Toben, die Bankköpfe verschwanden immer mehr unter ihr, nun reichten sie ihr nur noch bis an die Knie. Mit hastigem Griff erhaschte sie einen und kam glücklich fallend auf einen Sitz. Die Beter vor ihr fuhren herum und sahen sie mißbilligend an. Marie hatte keine Empfindung dafür. Eine tote Kapsel lag um ihr Herz, und alles Äußere war weit fort von ihr, ganz belanglos. Der Gesang schwoll an und erstarb, der Geistliche und die Ministranten drehten sich beim Kerzenschein zum Schall einer Klingel vor dem Altar maskenhaft hin und her, die roten Lichtpünktchen vor den Betern schienen die Bänke auf und nieder zu hüpfen, und wenn der Kantor vom Chore herabsang, dann verschwand aller Schein, und es war eine menschenlaute Nacht um sie, die mit der Gleichgültigkeit einer Verurteilten alles bemerkte und immerfort dachte: Der Pfarrer! der Pfarrer!, drohend und anklagend. Auf den Schall der Glocke erhoben sich viele der Gläubigen vorsichtig in ihrer Bank und wanderten der Kommunionbank zu. Marie, noch immer zweifelnd, ob sie der Absolution teilhaftig geworden sei, stand gleichwohl auch auf, ergriff mit der Rechten das Gebetbuch wie einen wurffertigen Stein, und im Bewußtsein ihrer Reinheit war sie entschlossen, dem Priester den Leib des Herrn, wenn es nicht anders sein konnte, mit Gewalt zu entreißen. Gefaßt, mit fest geschlossenem Munde, trat sie an den Tisch des Herrn und neigte ihren Kopf über das weiße Linnen, das Gebetbuch krampfhaft mit den Händen umklammernd. Der Geistliche näherte sich ihr langsam von der rechten Seite. »Corpus Domini nostri Jesu Christi custodiat animam tuam in vitam aeternam, Amen« , murmelte er und legte die Hostie in den Mund der Kommunikanten, die sofort nach Empfang des Geheimnisses den Kopf tief auf die Bank neigten. Das Herz pochte ihr zum Zerspringen. »Herr Gott erbarme dich meiner!« flehte sie in einem fort. Nun war Langer bei ihr. Unnatürlich weit reckte sie den Hals auf und streckte wie lechzend ihre Zunge aus. Die Augen glommen in starrem Glanz. Ihr Gesicht war scharf und verlangend wie das eines Hungrigen. Der Geistliche dämpfte seine Stimme, wie um den Segen der Worte abzuschwächen, und reichte ihr die Hostie. Sofort schloß Marie den Mund über der heiligen Speise. Kaum verneigte sie sich. Die Zähne aufeinandergepreßt, ohne zu atmen, eilte sie auf ihren Platz zurück und vergrub das Gesicht in die Hände. Die Hostie klebte an ihrem Gaumen fest, sie schien anzuschwellen, und je heftiger sie schlang, desto mehr verengerte sich der Hals. Marie erinnerte sich an den Sünder, der, an dem Leib des Herrn erstickt, wie von einem unsichtbaren Streiche gefällt, hingeschlagen war. »Lieber, lieber Herr Jesus«, betete sie und stieß endlich in Verzweiflung die Hostie mit dem Finger hinunter. Nach wenigen Augenblicken ergoß sich Wärme in ihren Leib. Die Seele ward schimmernd, wie perlendes Licht floß das Blut in ihren Adern, ihr Herz sang. Die Augen geschlossen, die Wangen glühend in Verzückung, lag sie da und genoß das Wunder der Menschwerdung Gottes in ihrem Körper. Lange schon schwieg die Orgel. Die Kirche war leer geworden. Nur in einer verborgenen Ecke hockte ein altes Weiblein und buchstabierte halblaut aus ihrem Gebetbuch. Marie war es, als gingen, leise streichend, lange Gewänder weit, weit über ihr hin, und obwohl sie die Augen bedeckt hielt, sah sie alles. Die Heiligen traten aus dem Rahmen und wandelten durch die Gänge, ihre langen Locken hoben sich bei jedem Schritt. Plötzlich ward es ganz, ganz still. Über die Leiber der Heiligen in den Gängen kam ein Bann, und alle standen starr. Alle blassen Stirnen kehrten sich horchend in die Höhe. Und ferneher, aus unendlichen Regionen kam ein Raunen und ward immer deutlicher. Der Herr naht. – Wie von zögernden Winden getragen, hörte sie seine Stimme. Sie war alt und halb erloschen von den Jahrtausenden. »Gehe hin und folge ihm nach«, sprach es über sie hin. Sie ward wie gelähmt von diesen Worten. Ein Brausen entstand vor ihren Ohren und verlor sich in den Höhen. – Als sie endlich ihr Gesicht zu erheben wagte, lag das graue Licht des Morgens in den Wölbungen der Kirche. Es war leer und dumpf wie immer. An nichts erkannte sie, daß der Herr durch diesen Raum gegangen sei. Der heilige Johannes schrieb eifrig in sein Buch und lächelte dazu, während ein schwarzer Vogel zu seinen Füßen die Augen verdrehte. Dieser Heilige hatte die Hände über dem Unterleib gefaltet und machte ein trauriges Gesicht, als quäle ihn dort etwas; jener suchte mit Inbrunst jemand in der Ferne und spitzte den Mund, als pfeife er. Trostlos rang sie noch eine Weile im Gebete gegen ihre unheiligen Augen und machte sich dann betrübt auf den Heimweg. Am Nachmittag gab sie, wie Gott es ihr befohlen, dem Klumpen das Jawort. 9 Marie war milder geworden, seit sie sich mit dem Lahmen versprochen hatte. Ihr Kampf gegen das Schicksal war kurz gewesen, mehr einem wahnwitzigen Gewaltakt gleichend, besinnungslos, unfaßbar. Ebenso jäh hatte sie die Entscheidung herbeigeführt, die sie Gott abgetrotzt hatte. Nun hatte er ihr den Frieden der Niederlage gegeben. Das Herz lag willenlos wie ein gefesselter Sklave in ihr und ertrug die Veränderung mit regungsloser Resignation. Wie ein gespenstisches Luftgebilde sah sie das veränderte Leben um sich. Alle Morgen stieg sie hinein wie in einen Spuk. Schweigsam wie sonst verrichtete sie die Arbeit, allein ihr Fleiß war entweder müde oder leidenschaftlich wie ein Delirium und fand plötzlich in einer Art Erstarrung ein Ende, aus der sie sich nur mit größter Anstrengung, jähzornig, aufreißen konnte. Einst bemerkte das die mitarbeitende Magd und sprach: »Marie, wenn du deinen Mann aso ansiehst, da wird'm, denk' ich, der Krön vergehn.« »Mann?« fragte sie messerscharf, »hm, Mann ... du, du ...« Sie verschluckte ein Schimpfwort, und ihr Auge flimmerte in Grimm. Bald aber setzte sie müde lächelnd hinzu: »Ach, aso meenst es? Nu nee, Exner is gar ein Guder. Was denkst dr denn vo mir! Sonst hätt' ich mir'n doch wohl nich genommen.« Dabei erbleichte sie und bückte sich schleunig auf ihre Arbeit nieder. Obwohl sie schwer an ihrem Schicksal trug, so hatte sie doch die Kargheit starker Naturen, das Unglück möglichst vor sich zu verheimlichen, den Stolz, jeden Mitwisser abzuweisen, und das Verhältnis zum Lahmen nicht als eine Folge überstürzter, brutaler Fügungen, sondern als eine Wahl freier Sympathie hinzustellen. Das ward ihr besonders schwer gegen den Schuster, dem sie jetzt merkwürdig oft begegnete. Er schien in diesem Herbst besonders gute Geschäfte zu machen, denn bald lief er mit Sohlenleder, das in ein buntes Taschentuch gewickelt war, bald mit einem Paar angerichteter Stiefel auf den Wegen dahin, und immer erspähte er ihr rotes Kopftuch auf dem Felde, schrie ihr einen scherzhaften Gruß aus der Ferne zu, um dann herbeizuschlendern, sich im Graben niederzulassen und mit ihr zu plaudern. Er half ihr das gesichelte Gras auf die Schultern heben oder entriß ihr den Karren. Obwohl sie ihn nicht im Zweifel ließ, daß ihr das nicht angenehm sei, drängte er seine Hilfe immer wieder auf und redete rastlos auf sie ein. Am liebsten sprach er von dem Cäciliaball, wie er da mit ihr getanzt, daß alles auf die Bänke gestiegen sei, wie er den Grauen zu Tode geärgert und sie es ihm nur zu danken habe, daß der Klumpen Courage bekommen habe. Er nannte diesen »seinen lieben, eenzigen Freund« und erzählte mit Behagen Züge seiner Tölpelhaftigkeit, Härte und seines lächerlichen Mißtrauens, daß die andern Mägde »vor Lachen ganz unsinnig« wurden. Dann aber entrüstete er sich über »die Gänse«, die ja nicht glauben sollten, er wolle sich lustig über ihn machen, »denn so een Kerle, wie der is, hat's weit und breit nich ei der Grafschaft«. Er sah Marie leiden und lachte bleich und qualvoll mit einer Freude, die etwas Grinsendes hatte. Seine Augen glommen, und wenn er ihr die Hand zum Abschied reichte, war sie welk, kalt und zitterte. Sie bekam jedesmal Beklemmungen, wenn sie den Schuster sah; aber trotz der Schmerzen, die es ihr verursachte, wenn er den Lahmen liebevoll bloßstellte, empfand sie bei dem verdeckten Schimpf gegen Exner doch eine Art Genugtuung, eine geheime Rache an ihrem Schicksal. Das mochte der Schuster instinktiv fühlen, und sein »Schabernack« wird immer offener, seine Besuche häufiger, sein Lächeln trunken, und oft ohne Veranlassung nahm er sie an den Armen und drückte sie leidenschaftlich. Endlich erkannte Marie, wohin das alles zielte, und wies ihm den Weg. »Du bist besoffen, Guste!« redete sie eines Tages kalt zwischen seine Spaße. »I hab' seit eener Woche noch keen gerochen, Marie. Überhaupt der Schnaps!« antwortete er in Bestürzung über ihr unbeweglich bitteres Gesicht. »Nee, nee, das meen ich au nie. Wo sollst du au a Schnaps hernehmen. Das Gebasiel an den Krappen langt doch kaum of trocknes Brot. Nee, ich ha gehärt, wenn sich a Schuster besaufen will, da riecht er ei den Kleistertopp. Das bringt ihn drnach vierzehn Tage um den Verstand und is billig.« Sie war blaß und sah Klose verächtlich von oben bis unten an. »Du willst mich höhnern, weil ich arm bin?« fragte er traurig und sprang im Graben auf. »Freilich will ich das!« erwiderte sie noch schneidender. »Sitzt er in allen Graben mit geflickten Hosen rum!« Mit diesem Ausruf wandte sie sich an die Mägde, die von der Arbeit aufgestanden waren. »Marie!!!« schrie der Schuster dazwischen, und Tränen rollten über seine Wangen. Als er fühlte, daß er weine, bückte er sich tief und kratzte sich aufs Geratewohl an seinen Hosen. Da er sich wieder erhob und, das Bündel fester unter den Arm drückend, sich zum Gehen anschickte, sah man es in seiner Brust stoßen, seine Wangen waren eingefallen und fahl. Plötzlich drehte er sich um und schüttelte eine Weile seine Faust in die Höhe nach Marie zu und machte Anstrengungen, zu sprechen. Lange brachten seine Lippen nichts als ein Blasen hervor. Endlich sagte er tonlos, stockend, ganz leise: »Ich bin ein unglücklicher Mensch!« Sein Gesicht aber sah aus, als schreie er aus Leibeskräften. Die Mägde lachten aus vollem Halse. Marie rief: »Hops, Schuster meck, meck!«, als er in fluchtartiger Eile den Weg hinlief. Weil die Worte des Bedauernswerten wie ein Stich in ihre Brust gefahren waren, gerade deswegen schrie sie ihm in übermütigem Hohne nach. Bald aber verfiel sie in Schweigen, die albernen Spaße der Mägde über Klose wurden ihr zuwider, unauffällig arbeitete sie sich abseits und hing einer Niedergeschlagenheit nach, die sie nicht verstand. In derselben Nacht erwachte sie und hörte plötzlich die gepreßte Stimme des Schusters durch die finstere Stille reden. Voll unbegreiflicher Trauer begann sie verhalten zu weinen. Von dem folgenden Morgen ab ward sie den Vorsatz, den Beleidigten zu versöhnen, lange nicht los. Aber ob sie auch unauffällig ausschaute, diesen und jenen nach ihm fragte: er schien verschwunden. Niemand wollte ihm begegnet sein; nur so viel erfuhr sie, daß das Licht in seiner Hütte wieder alle Nächte bis an den Morgen brenne, und die ganze Zeit gehe er auf und nieder, von Wand zu Wand, und lache plötzlich laut auf. Sie ward immer mißmutiger und von jeder Kleinigkeit verstimmt. Selbst gegen Wende empfand sie geheime Feindseligkeit, denn im Vorübergehen neckte er sie mit dem Lahmen, wegen der Blässe ihres Gesichtes oder als zukünftige Bäuerin, und immer glaubte sie auf seinem papierweißen, krankhaften Gesicht einen hämischen Zug zu bemerken. Einmal konnte sie nicht an sich halten und gab ihm eine spitze Antwort. Daraufhin blickte sie der Großbauer eine Weile erstaunt an, und dann meinte er gedehnt: Marie habe wohl auch schon abgefärbt. Aber er sei nicht sein Vater und werde wissen, die Hand auf seinem Acker zu halten. Er spielte auf den notgedrungenen Verkauf jenes Teiles seines Gutes an, der Exners Wirtschaft ausmachte. Ein andermal sagte er scherzweise, sie werde sich künftig von der Laus auf seinem Leibe nähren, und deutete damit an, wie unbequem ihm des Lahmen Anwesen mitten in seinem Eigentum sei. Wende fand in der Ehe, die die Folge eines Fehltrittes war, keinen Frieden. Deswegen rächte er sich an seinem Schicksal durch Nörgeleien und Reibereien, die er leidenschaftlich gern suchte und, wo es ging, zu Prozessen ausbaute. Marie heischte von dem Lahmen keine Aufklärung über die vieldeutigen Worte des Freirichters, sondern behielt sie bei sich. Denn ihre letzte Rettung vor dem Klumpen war die Geheimhaltung ihres Innern. Aber obwohl sie so seelisch geschieden von ihm lebte und auch ferner leben wollte, konnte sie eine Verschiebung in ihrer Brust nicht hindern, vermöge deren sie sein Wohlergehen und das ihre gleichsetzte. Auch aus diesem Grunde sprach sie ihrem Verlobten gegenüber nicht von den Sticheleien Wendes. Und jedesmal, wenn der Instinkt weiblicher Klugheit sie dazu verleitet hatte, war es ihr, als habe sie sich selbst mit einem neuen Band an ihn geschnürt. Der Spuk dieses unnatürlichen Verhältnisses entsog ihrem Leben immer mehr Blut und ward von Tag zu Tag greifbarere Wirklichkeit, als wuchere aus dem tiefen Spalt ihres verwundeten Daseins ein geiler Schwamm. Dann half ihr auch die leidenschaftliche Störrigkeit bei den seltenen Zusammenkünften mit dem Lahmen nichts. Sie plagte ihn mit Grobheit, Sticheleien und Verspottungen und wartete mit bebender Sucht auf einen Ausbruch seiner Wildheit. Sie reizte ihn zum Stoß, von dem sie mit verheimlichter Hoffnung eine Erlösung erwartete. Aber kaum wankten die Augäpfel dieses ungefügen Mannes bei den Worten ihrer bitteren Härte, kaum kam ein Lächeln um seine Lippen auf, er sah sie nur von der Seite an, hielt eine Weile im Sprechen inne und leitete dann mit einem gleichgültigen: »Nu ja, ja!« die Unterhaltung wieder weiter. So ward sie an ihm irr, und es gab Momente, in denen sie den Lahmen, entgegen dem Mund aller Leute, für einen starken und stillen Menschen hielt, den nur die unverschuldete Verstümmelung zu einem Sonderling gemacht habe. Wohl hatte er an dem Cäciliaball eine Probe seiner bestialischen Wildheit gegeben, aber das war doch nur um ihretwillen geschehen. Diese freundlichen Gedanken vergingen jedoch immer sehr schnell und langten meistens gerade für eine gütige Antwort. Jedesmal aber fühlte sie, wie dem Lahmen davon das Herz aufging und seine Seele sich in plumper Zärtlichkeit in ihr Leben zu drangen suchte. An einem Tage, es war unter dem Schuppen, wo sie auf einem Hackklotz saß und Rüben zerschnitt, die sie in den vor ihr stehenden Spreukorb fallen ließ: Frau Wende schritt über den Hof her an ihr vorüber, die blaue Schürze mit beiden Enden herausgesteckt, und nickte ihr freundlich zu. »Ich wer a mal sehn, ob de Hühner noch nie aufs Legen vergessen haben«, sprach sie und lächelte ihr eigentümliches Lächeln, wobei ihr mageres Gesicht unter tausend Falten einsank, die lange Nase und das große Kinn noch mehr hervortraten und sich gegeneinanderschoben. Marie holte eilig die kleine Leiter, lehnte sie an den Hühnerstall und faßte der Sicherheit halber einen Leiterbaum. Dabei sah sie die Herrin an, als wolle sie sagen: Nun können Sie ohne Sorge sein. Frau Wende lüftete den Rock und setzte den rechten Fuß auf die ersten Sprossen, indem sie liebevoll dankte: »Du bist halt doch ein gutes Mädel!« Plötzlich sanken Marie die Hände schlaff über die Hüften, und mit gramvoller Stimme sagte sie: »Frau, ich erstick!« Da zog die Herrin ihren erhobenen Fuß wieder zurück und drehte sich lachend um. »Na ja, das Brautfieber! Wo war' och eene, die vor ihrem Ehrentage nich weinte!« »Frau, könn' Se mich leiden? Ich weeß wohl, daß ich miseldrähtig geworn bin, schon lange; aber hab' ich Se geärgert?« »Aber tummes Ding! Ganz und gar nich!« »Da weeß ich nie, wie ich das verdient hab', das: Ehrentage!...« »Du bist halt jung und tumm.« »Jung und tumm, alt und klug! – wenn mich dr Gedanke an de Klugheet schon aso elende macht, da wunder ich bloß, warum nich jeder Weißköpfige ein Verrückter is.« »Mädel, du bist vernarrt in deinen Kummer.« »'s kann wohl sein; weil mei Kummer mei Leben is.« »Hör och!« »Frau, wie gern hör ich. Aber reden Se was Lebendiges, nie wie de andern alle, die bloß de Zunge rühren.« »Mei liebes Kind, ein reenes Glücke ist selten wie ne weiße Kuhe. Und denk och immer an eens: Der Herrgott betrügt sogar een Lumps seltner wie ein Bruder den andern. Und deine Seele is wie ein Sonntagskleed.« »Ja, sei Bruder, aber ein Fremder!« entgegnete Marie, die den Sinn der seltsam verschnörkelten Weisheit ihrer Herrin nicht erfaßt hatte. »Ein Fremder? Is dir Exner ein Fremder? Marie, dann sag ich dir bloß was, geh und gib ihm das Wort zurücke ei seine Hand. Jetzunder is noch Zeit, dann is zu spät. Und was das is: zu spät, mei herze Marie, da kann ich och sagen, behüt dich Gott vor dem Schrecklichen.« Frau Wende hielt inne, und ihr Atmen war schnell und kurz wie das der Kinder, die durch ein Finsteres gehen. Als sie wieder zu sprechen begann, klang ihre Stimme trocken, abgehetzt. »Freilich, mit den versprochen Gewesenen ist's so eene Sache, 's is mit ihn wie mit der Henne, die auf'm obersten Sprossen steht. Will se weiter, da kann se bloß eis Nest, oder se muß a Stickel runtersteigen. Mach's, wie de willst, wirst'r gut betten, wirst du gut liegen. Aber laß das Gesinne sein. Mei Liebe, das Schicksal is uns auf den Leib gemessen. Was über uns nausgeht, macht bloß unzufrieden; aber 's hilft nischt.« Dann stieg sie die Leiter hinauf und verschwand gebückt im Hühnerstall. Marie hob sich den Korb auf den Rücken und trug ihn ins Haus. Lange, Tage und Nächte und wieder Tage und Nächte, versank ihre Seele in die Weisheit der Frau Wende. Es ward erst grau um sie, voll Nebel, und wenn in ihrer Erinnerung die Stimme der geprüften Herrin nicht gar so leibhaftig aufgeklungen wäre, so hätte Marie wohl glauben müssen, es sei alles ein unbegreiflicher Traum geworden. Wirr und doch eine unfaßbare Sicherheit stand es um sie. Es war, als schlafe ihre alte Seele langsam ein, und die alte Hoffnung verschwand mit ihr dahin, die brennenden Gedanken an ein herrisches Leben, an Fülle und Reichtum auf einem weiten Hofe neben einem schmucken Bauer. Aber merkwürdig, als diese süßen Stimmen nicht mehr um sie erklangen, ward sie von keinem peinigenden Schmerz heimgesucht. Kaum schauerte sie zusammen. Wie erlöst kam sie sich vor, denn nichts stand mehr hinter ihr und peitschte die Verirrte in solch unwürdige Ecken wie in der letzten Zeit. Die Bitterkeit fiel gemach von ihr. Ein weißes, stilles Licht ging aus ihrem Auge, die Nüchternheit ihrer Betrachtung tat ihr unendlich wohl nach der verzerrten Hitze. Sie sah alle Menschen sich mühen, alle gebückt unter Lasten, in Armut und Qual oder in Wohlleben und Gram. Ihre Herrin mit dem zerbrochenen Leben war emsig, lachte, gebar Kinder und liebte sie, trug ein schweres Los und starb nicht. Und wenn sie hinging, die hohe, schmale Gestalt, mit dem blassen, gefalteten Gesicht und den stillen, weichen Augen, deren langsamer Ernst so seltsam mit der Hurtigkeit des ganzen Gebarens kontrastierte, dann hatte Marie oft das Gefühl, als siehe diese Frau in einem unsichtbaren Lichte, und es kam ihr das erstemal die Möglichkeit eines tiefen Segens bei verfehltem Leben. Diese Ahnung einer unerbittlich ausgleichenden Macht hinter der Stückhaftigkeit alles Daseins leitete sie zu der Erkenntnis zurück, daß doch Gott ihr Leben zu seiner Angelegenheit gemacht habe. Da lag sie eine ganze Nacht in einer schmerzvollen Wollust, sie hatte seltsame Gesichte, und als sie am Morgen erwachte, lächelte sie in ruhiger Erfülltheit. Ohne Sorgen begab sie sich an ihre Arbeit. Wohl stieg ein Bangen in ihr auf, was werden solle, wenn ihr Vertrauen sich nicht erfülle. Aber sie erinnerte sich an Gottes große Liebe und Macht und legte den Zweifel zu der unnützen Qual ihres beendeten Kampfes. Mit stetem Schritt und sicherem Auge ging sie und »folgte ihm nach«. Trotzdem trug sie die große Einsamkeit mit Gott verschlossen in ihrem Herzen, das sie auch nach der tiefgehenden Wandlung dem Lahmen nicht öffnete. Sie schritt jetzt nur ruhiger neben ihm her, wenn sie sich trafen, und nahm alle seine Worte ernst und freundlich hin. Und sah er sie erstaunt von der Seite an, dann antwortete sie mit stillem Lächeln. Obwohl er sich dieser Veränderung freute, so fühlte er doch eine Gedrücktheit ihr gegenüber. Durch die Härte war sie seinem gewaltsamen Wesen verständlicher, näher gewesen; die geduldige Milde machte sie ihm unbegreiflich. Aber wenn er sie anblickte, erstarkte doch seine rauhe Seele. Denn dieses in sich verschlagene Mädchen, blasser und seiner als sonst, lockte mit ihren tiefen, stillen Augen gegen seinen Willen Worte aus seinem Munde, die er noch niemand gestanden hatte als der eigenen heimlichsten Stunde. Ihre ungewöhnliche Schönheit riß ihn über das Maß seiner Vorsätze hinaus, daß er ohne Scheu vor ihren Augen die Balken seiner gewalttätigen Pläne auseinanderfügte. Immer nahm er sich vor, nicht zu sprechen; immer unterlag er, und nie genoß er die Sicherheit des Mitteilsamen, wenn er wieder von seiner Zukunft geredet hatte, denn nie gelang es ihm, die Glut in ihren Augen zu entzünden, die seine Seele erfüllte. Ein bitteres Lächeln, ein verlorenes Starren ins Weite, ein duldsamer Laut war alles, womit sie die Gebrochenheit an dem verriet, was der Lahme ersehnte. Aber einmal wurden ihr des Klumpen Machtgelüste unerträglich. »Karle, was willste denn?« fragte sie schneidend, »is draußen drinne?« »Was denn drinne?« erwiderte er in leidenschaftlicher Roheit. »Freilich drinne! Alles will ich drinne haben. Achte müssen a mal of meiner Tenne dreschen; ein Hof wie der Freirichter; Kühe, Reihe um Reihe; Pferde wie de Bohlen, ich wer's euch schon... Das alles is ehe noch draußen; aber es soll mir drinne sein, da verlaß dich of mich.« »Das denkste! Wer macht denn alles, he?« »Ich, wer soll's denn machen?« Das redeten sie im Anfange des Dezember, eines Sonntagnachmittags, miteinander, während sie auf einem einsamen Feldwege vor dem Wald des Rollenberges hin und her gingen. Es war trübe und feucht, ohne Schnee. Ein blasser Nebel stieg aus fernen Flußtälern und schwebte in der Höhe dahin. Hin und wieder, ganz in der Weite, tauchte das Schneegebirge auf, nur wie hingehaucht in ein milchweißes Licht, als dämmerten die Gestade jenes trostlosen Landes herüber, in dem nach katholischem Glauben die armen Seelen auf ihre Seligkeit warten müssen. Marie blickte hinaus mit Augen, wie ein Mensch wohl sieht, der mit dem Stock Hieroglyphen in den Sand schreibt, die niemand deuten kann, kaum sein eigenes gefangenes Leben. »Siehst du den Kirchturm da drüben?« fragte sie wie im Traum. »Nee!« antwortete er mit absichtlicher Plumpheit. »...und Bardorf dorte und Wirrwitz mit dem weißen Schlosse und Leschkowitz mit der Kirche und dem Pfar... weeßte, Leschkowitz?« »Ach Marie«, antwortete er nach langem Hinsehn, »laß dich – Ja, das siehste? – Laß dich nich auslachen, das is doch nischt wie Gewölke.« »Und doch is alles da, das große Bauern-Bardorf und Herrn-Wirrwitz und Leschkowitz mitsamt dem scheen Pfarr. Verstehste das? – Gefressen hab' ich das alles in mir und wieder ausgebrochen ein mich. Deswegen is bei mir drinne, aber wie ein Traum, der nie, nie war – weil – er war. Red' nie mehr davon, Karle, red' nie mehr von dem wie vorhin und ofte! Wir wern uns zwee Kühe kaufen und Schweine, meinetwegen auch een Ochsen, und halten, was wir haben. Das is alles. Nee, nee!« Sie bewegte den Kopf, als schüttle sie endgültig etwas ab. Trotz der müden Worte trug ihr Gesicht den Ausdruck sicherer Überlegenheit. Sie ging aufrechter als sonst weiter und achtete lange des Klumpen nicht, der mit schwelender Seele neben ihr holperte, sie von Zeit zu Zeit verstohlen ansah und immer bitter in sich hineinredete: »Herrsche Prise, wart och!« Endlich wandte das Mädchen das Auge auf ihn und sah, daß er ein bleiches, verwittertes Gesicht habe, gleich einem verwaschenen Stein. Sie hatten sich im Gehen gewendet, und Steindorf lag vor ihrer Stirn drunten in seiner flachen Mulde und blies aus kleinen Essen blasse Rauchfäden in das leere Geäst der Obstbäume. »Ja, dort is 's Fuchsloch?« fragte Marie, um das peinliche Schweigen zu brechen, und wies nach rechts. Der Klumpen nickte schweigend. »Aber ma sieht ja 's Höfel nie?« »Weil dr Hübel drfür is und de Bäume«, erwiderte er endlich dumpf. »Ich dächte«, sagte Marie nach einigem Sinnen, »es war' Zeit, daß ich a mal dein Bruder und de Schwester kenn'lernte.« »Ja...ch!« Der Klumpen riß den Kopf herum und sah sie betroffen an. »Sefflan und die Kathe – die beeden?... hm.« »Is dir das etwan nie recht?« fragte Marie, die nichts von der Feindschaft gegen die Geschwister wußte. »Nee, nee!« erwiderte er unter höhnischem Lachen, »nachdem ich das vo dir gehört hab', is freilich auch dazu Zeit ... setze...« Plötzlich begann der Lahme zu laufen, daß die Steine unter seinem Klumpfuß flogen. An einer Wegscheide wartete er auf sie. Sein Gesicht war gespannt und bebte von verhaltenem Zucken. »Na«, fragte die Herangekommene, »was hat's denn?« Er sah eine Weile über ihren Scheitel ins Leere. Der Ausdruck seiner Miene war schmerzvoll. »Marie«, bat er stotternd, »... siehch och ... du weeßt gar nich, was die ... wenn ich...« Dann stockten seine Worte. Unter leidenschaftlichen Atemzügen wartete er eine Weile und lief unvermutet wieder davon, einen tief eingefahrenen Weg zwischen hohen Mauern, dann die saure Wiese querend, und Marie folgte ihm, langsam und ruhig. An dem kleinen Hügel, der das Fuchsloch von Steindorf scheidet, an der Kreuzung der schnürschmalen Steige, hielt er wieder, und als das Mädchen vor ihm stand, sagte er nach einigen kämpfenden Atemzügen mit mühsamer Beherrschung: »Da sein mr nu! Siehch, Marie, das is der Weg eis Dorf, und da geht's nuf zu den beeden. Dorte bin ich, und dorte bin ich nich! – Jetze mach's, wie de willst.« Ohne zu antworten, schritt sie an ihm vorüber, dem kleinen Gehöft zu. Sprachlos vor Staunen sah ihr der Klumpen einen Augenblick nach. Dann schrie er: »Marie!« Es klang wie der Ruf des Brunsthirsches, den ein Stärkerer vom Mutterwild abgeschlagen hat. Das Mädchen wandte sich um und sagte mit Überwindung: »Nu ha ich das Gemäre satt. Was soll denn das sein?! Jetze komm, oder ich geh of der Stelle heem, und dann...« Ohne Zögern, wie geknebelt, folgte ihr der Ungefüge. Joseph und Kathe empfingen Marie mit der Gleichgültigkeit, in die Bauersleute ihre Unsicherheit zu kleiden gewohnt sind. Die einfache Freundlichkeit und natürliche Klugheit der zukünftigen Schwägerin verwandelte die abwartende Haltung der beiden guten Menschen schnell in offenes Vertrauen. Man ging in dem Gebäude umher, durchschritt den Hof, musterte den Viehbestand und warf einen Blick in die gefüllte Scheuer. Überall bemerkte Marie, daß rüstige Hände in frohem Fleiß, Ordnung und Sauberkeit walteten, und hielt mit verständigem Lobe nicht zurück. Zuletzt saß man um den Tisch vor dem Kaffee und plauderte, als sei Marie nie eine Fremde gewesen. Der Klumpen war einsilbig und verdrossen. In seinen Augen lag ein lauerndes Zwielicht, und hin und wieder entstellte ein hämischer Zug sein blasses Gesicht. Als die Uhr auf neun rückte, erhob sich Marie zum Heimweg. Der Lahme folgte ihr mit der Schweigsamkeit eines mißtrauischen Wächters. An der Hoftür fiel Kathe dem Mädchen um den Hals, küßte sie und sagte verschämt: »Marie, nimm mir's nich übel, ich bin dr manchmal gar ein böse Ding. Denk', ich dachte, du bist stolz, weil du a so schön bist. Aber nu seh ich, wie de Leute lügen. Nee, ich weeß nich, wie ich's Gott danken soll.« In Liebe schieden die beiden, und Marie schritt in einer wohligen Luft hin, ihre Seele lag im Licht. Plötzlich packte sie der Klumpen, dessen ungleiche Schritte immer hinter ihr gewesen waren, am Arm und riß sie herum. »Jetze sag's, ob de mir gut bist!« sprach er in kraftloser Wildheit und zitterte am ganzen Körper. Sein massiger Leib war ganz nahe an ihr. Das erstemal seit dem Unglück seiner Kindheit, das seinen Leib und sein Leben verstümmelt hatte, öffnete sich sein unterjochtes Herz und schrie nach Liebe, nach Zärtlichkeit und freundlicher Gemeinschaft. »Mariela, Mariela«, stammelte er, ohne zu wissen, was er sprach. Eine Weile stand das Mädchen wie betäubt von der Sehnsucht seiner Seele. Dann sagte sie in kalter Trauer: »Du weeßt's ja, daß mir aneinandergeschmiedet sein.« Damit streifte sie seine kalte Hand von ihrem Gelenk ab und ging mit kurzem Gruß von bannen. Der Lahme stand noch lange wie ein Stein an demselben Fleck. Als sie, auf dem Rücken des Hügels angekommen, sich umwandte, sah sie ihn dem Walde zuschreiten. – Kurz vor Beginn der Fasten gingen die beiden fernen Menschen die Ehe miteinander ein. Es war eine geräuschlose Hochzeit. Außer Joseph und Kathe nahmen nur einige Verwandte an dem gedruckten Fest teil. Der Schuster war ausgeblieben. Marie saß in dem schwarzen Seidenkleid hinterm Tisch, still wie immer. Der Lahme aß, als dürfe nichts übrigbleiben. »Ein scheenes Wetter a unserm Ehrentage«, sagte er zwischen der unermüdlichen Kauarbeit zu ihr, »gell och, Marie! De Sonne finkelt, dr Weg eben, keen Schnee, de Luft ruh'g, ha?« Da mußte sie alle Gewalt zusammennehmen, nicht in lautes Weinen auszubrechen. Zweiter Teil 10 Aus dem Himmel ergoß sich der Sturm; jauchzend stürzte er nieder und schüttelte den Märzschnee von den Tannen. Die Bäume taumelten wie freudetrunken, schlugen mit ihren Ästen wie mit grünen Schwingen und sangen mit den Nadeln ein brausendes Lied. Marie stand in der Wohnstube ihrer neuen Heimat und horchte in die frohe Unbändigkeit des Vorfrühlings hinaus. Der nahe Wald donnerte, über den weißen Sand des Fußbodens liefen Schatten und Licht. Sie sah dem stummen Spiel zu ihren Füßen eine Weile zu; dann lächelte sie, ging zum Fenster und schaute zum Himmel hinauf. »Ach ja, jetze macht's Ernst«, sann sie, »ich dacht mr's wohl schon, 's brummte und beging's schon vorgestern im weiten Busch draußen. – Nach, 's is auch Zeit; ich hab' orndtlich Hummeln naus.« Und doch konnte sie sich gemütlich fühlen in ihren vier Pfählen. Der große braune Kachelofen mummelte behagliche Wärme ins Zimmer. Die neue Uhr mit den roten Rosen des Zifferblattes tickte hell von der weißen Wand. Die Perlen unwiederbringlicher Augenblicke sielen klingend durch die traumhafte Stille. Rund um den niedrigen, viereckigen Raum lief eine Wandbank aus weichem Holz, dessen Jahre man durch den gelben Anstrich sehen konnte. Ebensolche Schemel, deren steife Beine schief in das dicke Sitzbrett eingekeilt waren, standen um den großen Eßtisch, dessen weiß gescheuerte Platte eine ganze Ecke einnahm. Durch vier Fenster, je zwei in einer Wand, guckte der Tag neugierig herein, als gebe es in dem Raum etwas Besonderes zu sehen. Zwischen den beiden Fenstern der der Tür gegenüberliegenden Wand waren drei hölzerne, grobgeschnitzte Rehköpfchen angebracht. Von den Öhren und ihrem zackigen Gehörn hingen auf Zwirnfaden gereihte gelbe Zwergkürbisse. Rundumher steckte Tannenreisig. Bunte Pappbilder des Kaiserpaares und des Papstes vollendeten den Schmuck. Über dem Tische fehlte das Eckbrettchen nicht. Eine blau und rot bemalte Muttergottes hielt ihr rotes Herz vor ihrer Brust und sah stier immer auf den Ofen. Zwei Engel knieten an ihrer Seite und erhoben in demütigem Gebet die roten Hände zu der Gebenedeiten, hinter deren Rücken aus gelbem Papier ein Heiligenschein gefaltet war. Eine winzige Ampel aus rotem Glas mit einem Schwimmlichtchen hing an einer Spakatschnur von dem Brettchen nieder. Die Balkendecke war schwarzbraun angestrichen. Düster, dräuend, wie ein Sarg, hing sie über diesem Räume, den emsige Frauenhand zur Wiege für ein frommes, still gewordenes Leben bereitet hatte. Der Stieglitz in der Mitte des Zimmers brachte es nur zu abgebrochenen, sehnsüchtigen Rufen und flatterte gegen die Drahtwände des Käfigs, dem Lichte zu, das draußen, immer verdunkelt, immer siegend, auf und nieder tanzte. In der rechten Seitenwand, in der Nähe des massigen Ofens, war eine Tür von der Größe eines mäßigen Kleiderschrankes halb geöffnet, so daß Marie, die hintrat, sie zu schließen, mit einer leichten Beugung des Oberkörpers das winzige Eckchen mit den zwei hochgeschichteten Betten unter lukenartigen Fenstern überschauen konnte. Aber indem sie hineinsah, ward ihr Gesicht nicht von der süßen Zärtlichkeit verschönt, die sonst jede Frau überkommt, welche unbeachtet ihr Schlafzimmer mustert; mit einem hastigen Ruck schloß sie die Tür des dürftigen, lichtarmen Winkels. Der Klumpen hatte diese enge Kabine der Ruhe eingeräumt, als sei Schlaf ein lästiges Übel, das man unfreundlich behandeln muß, damit es sich nicht einniste. Darauf ging sie in der Wohnstube umher und wischte mit der blauen Schürze über jedes Stück, mehr um es zu berühren als den Staub zu entfernen, behutsam, wichtig und stolz. Alles, was umherstand, hatte sie mit eignem Gelde gekauft, und oben in der Sommerstube, »der Bühne«, wie der Landbewohner der Grafschaft sagt, standen gar ein Tisch und Stühle mit geschweiften Beinen, ein Glasschrank und ein Kleiderspind mit gedrehten Aufsätzen. Freilich steckten in der Ausstattung die ganzen achthundert Wart, die ihr als Erbteil von dem Zusammenbruch des väterlichen Wohlstandes geblieben waren. Aber mit Wohlbehagen hatte sie alles hergegeben, um ihrem Manne deutlich vor Augen zu führen, daß es ihr ein leichtes gewesen wäre, noch einen andern als ihn zu bekommen. Mit Genugtuung dachte sie des hochgeladenen, bunt bebänderten Brautfuders mit dem Butterfaß auf der Spitze, das die Pferde des Freirichters behutsam den holprigen Weg hergeführt hatten. An alles andere, was weiter zurücklag, durfte sie sich nicht erinnern, sonst geriet in Fluß, was sie fernhin in sich gebettet und dem sie geboten hatte, zu schlafen auf Nimmerwiedersehn. Der Holzdeckel des Ofentopfes klappte. Sie fuhr auf und fand, erstaunt, sich an dem Tische sitzend. Eilig lief sie zum Brunnen, holte Wasser und füllte den Ofentopf bis oben hin. Während sie es tat, erscholl dumpfes Brummen vom Stalle herüber. »Haha, de Hirsche weeß besser, wenn's Mittag is«, sagte sie mit einem Blick auf die Uhr, die drei Viertel auf zwölf zeigte, »wart och, Unmuß, alter, ich komm schon.« Behende nahm sie die Rüben vom offenen Herd und bereitete das Futter. Dann verließ sie die Stube, um »im Stall zu machen«. Um ein Uhr war sie damit fertig. Die Milch stand ausgegossen im Keller, die Raufen waren mit frischem Heu gefüllt, aus dem Stall tönte das taktmäßige leise Klirren der Ketten, das der Bauersfrau die Gewißheit gibt, daß die Rinder daliegen und wiederkäuen. Marie setzte sich nieder und aß das Mittagbrot: Schalkartoffeln, Kaffee und Butterbrot. Das Aufwaschen und andere häusliche Verrichtungen füllten den Nachmittag aus. Sie hatte eben das Licht angezündet, als ihr Mann in die Stube trat. »Guten Amd, Marie!« Er warf Beil, Stricke und Säge in die Ecke. Dann entledigte er sich der Jacke und schlug sie aus, daß die Tropfen in der Stube umhersprühten. »'s regnet wohl?« fragte Marie. »Geh och naus, da wirste's sehn. Ich bin bale durch. Das weecht ordntlich ei!« antwortete er unter behaglichem Ächzen, hob sich auf die Zehen und hing die Arbeitsjacke an die Ofenstange. Dann setzte er sich an den Tisch und stützte den Kopf in die Hand. »Was machen de Kühe, fressen se gut; git'n de Schecke de Milch besser?« fragte er und richtete das Gesicht nach Marie hin, die am Ofen beschäftigt war, stand schwerfällig auf, zündete sich eine Laterne an und ging in den Stall. Nach langer Zeit kam er wieder und sagte strahlend: »Mögen se teuer sein; aber se siehn da, glatt wie de Schnecken, munter um de Hörner, wie Fische berührsam. Un de Schweinla, wie Wiesala flink sein se!« Es klang innig. Helle Freude schimmerte noch in seiner Stimme, als er nach dem Essen sprach: »Das Buschgehn is wohl nich scheen, das kannst mir glauben.« »Warum bleist de nich daheeme? Du hast's ja nich gar aso nötig«, erwiderte sein Weib. »Aber 's bringt eem doch 'n Behmen Geld nebenbei, Un was wollte ich eigentlich hier, wie mich auf Bänken und Stuhlen rumstetschen! Zwölf Mark de Woche bringt's doch, wenn ma sich au schinden muß. – Zur Saatzeit hört's sowieso auf, da hat's of'm Felde zu tun, daß ee's nie weeß, wo ee'm der Kopp steht. Wie stand denn dr Hafer beim Freirichter fate?« Marie dachte an die drohenden Worte ihres früheren Brotherrn, an seine Streitsucht, und im Bestreben, die Möglichkeit eines Mißverhältnisses zwischen ihm und ihrem Manne vorbauend zu bekämpfen, antwortete sie eifrig: »Gut wie ein Filz im Anfange und wie's scheenste Korn zur Ernte. Überhaupt, verdirb dir's mit dem nich. Das is ein Bauer, wie er im Buche steht.« Da sprang der Lahme auf und holperte durch die Stube. Dann blieb er stehen und lachte höhnisch auf sie nieder: »'s halt ein Mann, wie eben jeder is.« »Nu nee!« »Kee Haar anders wie ich un alle, 's geht halt vorne rein und hinten raus, das is. War er mir denn een Sack vll lassen?« fragte er nach langem Schweigen. »Du mußt halt a mal zufragen«, erwiderte Marie ein wenig gereizt. Nachdem sie eine halbe Stunde stumm nebeneinander gesessen hatten, nickte der Lahme mit dem Kopfe, und sie gingen schlafen. Am andern Morgen, vor Tagesanbruch, stolperte er schon wieder über die Schwelle, den grobleinenen Brotsack an der Seite, das Arbeitsgerät über der Schulter, den Knotenstock in der Hand. Der gleiche Kreislauf der Tage hatte begonnen; arbeiten, arbeiten, arbeiten. Davon denken; mit allen Kräften ihm dienen; darüber sprechen; aus der Stube in den Stall; von dem Brunnen ins Haus; auf dem Boden schaffen; fegen und klopfen; nie sitzen, nie rasten, noch Stäubchen jagen, um Kleinigkeiten sich sorgen; nie über die Mauer sehn: ein enger, eiliger, öder Tanz, daß die Träume verschwanden, die Seele versank, das Herz betäubt wurde, die Augen nur sahen, was sie sahen, die Ohren am Laute der Dinge stumpf wurden. Die Sonne ging auf: ihr schien sie nicht; der Tag erlosch und war vergessen. Es war geschehen, wonach sie verlangt hatte. Sie war eingeschlafen im Taumel der Mühe. Und während sie ruhte, war die Erde aufgewacht, aufgewacht zu dem jahrtausend jungen Traume, dem Frühling. Mit lauem, leisem Regen hatte sie sich die schmutzigen Schneeschrunden aus dem Gesichte gewaschen; in heimlichen Mondnächten die letzten Schleier abgestreift; ihre Brüste mit verjüngendem Tau benetzt, bis eines Morgens ihre Schöne ganz erfüllt war. Da stieß sie Lerchenwirbel von dampfenden Ackerschollen zum Himmel; rüttelte aus jungem Baumgrün glückbestürzte Gesänge und führte ihre Töchterchen, die kleinen Wellen, zu Tal. Die trippelten über die Steine mit hochaufgeschürzten Schaumröckchen und sangen ihr ewiges Wanderlied dazu, so innig, so verhalten aus tiefer Brust, daß Schneeglöckchen aufwachten und Primeln und Märzenbecher den eilenden Wassern nachsahen mit süßen Gesichtern. In der Sonne aber schwammen die ersten Schmetterlinge, daß die Luft noch stiller wurde von ihren bunten Flügeln. Der Lahme und Marie standen eines Abends in mildem Winde vor dem Hause und ließen die Augen über ihre Felder schweifen, um sich über deren Bestellung zu bereden. Es war ein langer, schmaler Streifen, zweihundert Mannesschritte breit und tausend lang, etwa zwanzig Morgen groß, leicht geneigt wie alle Felder Steindorfs, die auf dem Abhänge liegen, der sich nach Südosten in die kleine Ebne senkt, an deren Anfang die zerstreuten Häuser Petzdorfs sich angesiedelt haben. Die untere Lang- und die nördliche Schmalseite des gedehnten Vierecks waren von dem Walde des Freirichters begrenzt, die anderen Seiten wurden von einem Wall unregelmäßig übereinandergeworfener Rodesteine, einer Mauer, eingefaßt; durch eine Luke mündete der Zufuhrweg. An der Mauer der westlichen Langseite standen die Wirtschaftsgebäude so, daß der Ankömmling sie zur linken Hand hatte, und wenn er neugierig war, konnte er vor seinem Eintritt durch die Tür bequem zwischen Mauer und Hinterwand des Hauses an die kleinen Fenster der Schlafkammer schleichen, um verstohlen hineinzusehen. Die Besitzung war früher Unland gewesen, das der verstorbene Freirichter in Geldverlegenheit dem Vater Einers unter einer Bedingung verkauft hatte, die, wie der jetzige Wende behauptete, es noch heutigestags möglich machen würde, den ganzen Handel umzustoßen. In Wahrheit aber hatte der alte Wende nur sich und seinen Nachkommen das Vorkaufsrecht gesichert. »Jees Maria, wie sah das vor zwanzig Jahren aus«, begann der Klumpen, dessen Augen mit Behagen auf der grünen Wintersaat ruhten, »dort oben sieht ma noch a paar Steene of'm Wiesla am Busche. Also un noch schlimmer sah alles aus. Brocken, wie gesät un da un dorte een Wezel Steen, groß wie ein Backofen. Dazwischen Grasbüschel, kleen wie hingespeit. Nee, das war keene gute Arbt! Aber wir mußten dran, dr Vater hat keem was geschenkt. Ei den Steen' steckt Schweeß und viel Jahre Arbt, un heute – is die Mauer auch schon übrig. Nach, aber es hat sich gelohnt; 's sein gute Äckerchen, ein wenig leichte. Hält ma se gut eim Dünger, da bringen se's schon. Bloß das Niederstücke, wo ich Futter drauf säen will, das is doch ein wenig gar zu seichte, un ich weeß nich, ob ich nich besser tu, ich rode es bale noch a mal um!« »Das wirste ja beim Ackern sehn«, meinte Marie. Am andern Morgen begann die Bestellung des Ackers. Dünger wurde angefahren und gebreitet, dann zog der Pflug tiefe Furchen in dem Boden, der in der Sonne rauchte und überall den Duft von Fruchtbarkeit und Segen verbreitete. Lerchen lagen auf klingender Schwinge hoch in der Luft, und hinter der blinkenden Pflugschar schritten gravitätische Krähen. Aus dem nahen Walde sang es, als sei jede seiner unzähligen Nadeln ein tönendes Schnäbelchen geworden. In allen Weiten erschollen Peitschengeknall, laute Lockrufe und frohes Singen. »'s wimmelt überall, Gabeln blitzen un Pflüge finkeln; aso gar auf'm Eschberge haben se eingespannt«, sagte Marie, die ihrem Manne folgte und den Dünger in die frische Furche harkte. »Nuch, es is auch de höchste Zeit, ei acht Tagen is Florian«, erwiderte der Angeredete unwirsch, weil er »das Gemare« bei der Arbeit nicht leiden konnte, wandte die Kühe, kippte den Pflug und schritt bedachtsam wieder zurück. Bald war der letzte Eggenstreich getan, der Acker »wie a Möhrenbeete«, und die Einsaat des Hafers begann. Es war schöner, schwerer Hafer, und der Klumpen lobte bei sich das landwirtliche Geschick des Freirichters, dessen Vater nur ein Nagelschmied gewesen war. In stetigem Gang schritt er über das Feld, und die Körner flössen wie bleicher Sonnenschein aus seiner Hand. Er hatte keine Ahnung von der tiefen Schönheit seiner Arbeit, sondern dachte in immer neuen Wendungen an eine reiche Ernte und vieles Geld. Die anderen Felder bestellte er mit Sommergetreide und Kartoffeln. Der Klee war schön bestockt aus dem Winter gekommen, die Rübenkörner quollen im Schaff. In aller Muße machte er sich daran, das Niederstücke umzupflügen... Aber obwohl er den Pflug seicht gestellt hatte, erhielt er alle Augenblicke einen derben Ruck; das Schar saß nach wenigen Schritten immer wieder in den Steinen. Die Kühe begannen wegen des fortwährenden Anhaltens unruhig zu werden und trafen einigemal Anstalten, durchzugehen: die Hirsche hob den Schwanz, krümmte ihn, legte die Ohren zurück und brüllte wiehernd. Der Lahme spannte aus und zog mit ihnen in den Stall. Indessen grub Marie mit dem Spaten das kleine Gärtchen neben dem Hause um, teilte es sorgfältig in Beete und bepflanzte sie mit Reseda, Majoran, Stiefmütterchen, Levkojen und Goldlack. Der Lahme setzte auf den schmalen Streifen zwischen Mauer und Hinterwand des Hauses eine Reihe Pflaumen- und Kirschbäume. Zu beiden Seiten der Lücke, durch welche der Zufuhrweg mündete, grub er Turmpappeln. »Nee ha, de Pappeln kunnst'r ersparn«, rügte Marie und hob dann den Kopf gegen den Dorfweg hin, auf dem ein Mann und ein Knabe etwas hinter sich herschleppten. Sie sah gespannt hin, obwohl sie gar kein Interesse an jenem Vorgänge hatte, weil sie durch diese auffallende Neugier die Wirkung des Tadels an ihrem Mann abzuschwächen hoffte. Sie schien sich wirklich nicht verrechnet zu haben, denn der Klumpen legte die eiserne Schaufel aus den Händen und sah auch hinauf. »Kannst'n sehn, wer's is?« fragte er nach scharfem Auslugen. »Ich weeß nie, die fahrn was of'm Wägelchen. Jetze geht dr Mann hinten hin und stößt, irnd was Schweres...«, antwortete Marie. »Vielleicht a Sarg, Franz Tone of'm Berge is doch gestorben.« »Gestorben? Was das für ne Rede is von dir! Gehängt hat er sich, das sollste doch wissen. Der is zugrunde gegangen, nie gestorben. – Nee, das kann's nich sein.« Marie wandte von neuem ihre Augen hin. »Se fahr« ja nach Erlengrund zu, und der Mann, der stößt, geht krumm.« »Das is auch alles egal«, schloß der Klumpen und bückte sich wieder nach seiner Schaufel, während Marie dem Hause zuschreiten wollte. »Halt a mal!« rief er rauh, richtete sich auf und stieß die Schaufel in den lockeren Boden. »Wie war das, was de vorhin vo den Pappeln sagtest?« »Ich meente, es war nich notwendig gewesen«, antwortete Marie mit einem begütigenden Lächeln. »Ja! Ha, weil se dr Freirichter hat? Grade deswegen setz ich se eben!« »Du weeßt ja, wie komisch er is, wenn er's och nich übel aufnahm.« »Baum is Baum, wo se stehn, wachsen se, und übrigens hat mich der Freirichter nich ausgebrüt!« »Aber, Karla, meinetwegen ...« Allein die ruhigen Worte waren wie Öl auf die glimmende Erregung ihres Mannes, schon bei den ersten Tropfen schlug sie jäh auf. »Gar nischt Karla«, schrie er zornig. »Was der Nagelschmiedejunge kann, kann ich schon lange! Immer dr Freirichter und dr Freirichter! Bin ich denn ein Seeger, den der bloß ufziehn kann?« Marie antwortete nichts, nahm ein Schaff, das am Hause lehnte, und verschwand um die Ecke. Der Klumpen redete noch einiges hinter ihr her und trat dann eifrig eine Regengrube um die jungen Stämmchen. Indessen erklang das Geknarr eines leichten Wägelchens immer deutlicher. Der Lahme richtete sich auf. Da kam das Gefährt schon den Weg heruntergeholpert: ein Schuljunge führte unbeholfen seine Deichsel, Freiwald ging dahinter und hielt die Bretter, mit denen der Wagen beladen war. »Na«, sagte der Alte nach dem Gruß, den das Geräusch des Wagens verschlungen hatte, gab dem zurückschauenden Knaben einen Wink, zu halten, und streckte dem Klumpen die Hand entgegen. Dieser ergriff sie und fragte mit einem Blick auf die Ladung: »'s Bornhäusel?« Freiwald nickte und erzählte umständlich, warum sich die Lieferung der Arbeit so lange verzögert habe, und indem er nach seiner gründlichen Manier diese Angelegenheit zu einer lehrreichen Probe der neuen Zeitrichtung vertiefte, forschte sein graues, verglänzendes Auge in dem Gesichte Einers. »Heute will eben niemand warten«, beendete er seine Betrachtung und setzte sich langsam nach dem Hause zu in Gang. »De Menschen machen alle denselben Fehler jetzunder: ein jedes denkt, er is wegen der Arbeit da, un de Arbt is doch wegen uns da.« Der Klumpen sah zu dem Knaben zurück, um dem Gespräch, er wußte noch nicht wie, eine anders Wendung zu geben. Der Brunnenbauer tröstete ihn: »Er kommt schon nach«, und fuhr dann fort: »Da wirste nu denken, das is egal, aber ...« »Du hast doch alles gemacht, wie ich drs gesagt habe«, unterbrach ihn der Lahme. Freiwald nickte: »De Füllung grün, de Deckleisten und 's Dächel rot.« Der Lahme wühlte prüfend unter den Brettern umher. »Sachte, sachte«, mahnte der Brunnenbauer, »de Farbe leidet sonste. – Ma sieht ja deine gar nich?« fragte er unvermutet und fixierte Exner scharf. »Se wird ei dr Stube sein«, erwiderte der Klumpen gleichgültig. Marie erschien eben am Fenster und dankte bleichen Gesichts dem freundlichen Gruße des Greises. »Nee Maria, Exner, is die schön, die reene Muttergottes! Da halt och schon de Hände unter se.« Der Lahme lachte mit einem Anflug von Geringschätzung. »Ja, ja, ich hör'g schon. Du wirst dich erst müssen ans Licht gewöhnen.« »De Schindeln sein doch of meim Dache!« antwortete der Klumpen gereizt auf den ruhigen Tadel. »Da haste schon recht«, gab der Alte zurück, »aber unse Leben is eben nich mit Schindeln gedeckt oder mit Flachwerk oder Schiefer. Das eenzige Dach für das Haus is ein gutes, sehr gutes Herze. – Da geh och ehe und mach' deine Arbt wenn ich wer fertig sein, ruf' ich dich.« Exner ging aus dem Bereich dieser unbestechlichen Augen, und mit ernstem Gesicht machte sich Freiwald an seine Arbeit. Gegen die Vesperzeit war er fertig. Das Brunnenhäuschen stand gleich einer geputzten Dirne am Eingange des Höfchens, dem es mit seinem lebhaften Grün und Rot einen freundlichen Anstrich gab. Der Greis trat in die Stube und fand Marie mit den Vorbereitungen zum Vesperkaffee beschäftigt. Er tauchte seine Hand in das Weihkesselchen an der Tür und sprengte drei Prisen des heiligen Wassers auf den Boden mit dem Wunsche: »Viel Glück und Segen ei Haus und Stall.« Dann benetzte er seine Hand abermals und bekreuzte Marie auf der Stirn: »Daß de Gutts denkst«, auf den Mund: »Das Rechte redst«, und auf die Brust. Da ward der Greis überwältigt und sah lange auf den blonden Scheitel der jungen Frau, ohne ein Wort sprechen zu können. Als Marie die Augen zu ihm erhob, redete er endlich milde auf sie nieder: »Ihr Weiber tragt euer Kreuze vorne; so trag's gerne, was de mußt.« In demselben Augenblicke fiel ein Strahl der untergehenden Sonne durch das Fenster, und beide standen im Licht. »Siehch, Marie, wie Gott lacht«, sprach der Greis in jener tiefen Güte, die nur unter weißen Haaren blüht, setzte sich auf die Bank und schaute zum Fenster hinaus, weil er dem Weibe seine Ergriffenheit nicht zeigen wollte. Sie schwiegen beide noch, als der Klumpen hereintrat und mißtrauisch von einem zum andern sah. »Ja, ja, Karla, ein junges Weib soll der Mann keen Augenblick alleene lassen, denn da sein a so gar Weißköppige wie de Fliegen of a Honig.« Mit dieser Schalkhaftigkeit beantwortete er den Blick des Lahmen, der nur sein Gesicht verzog, sich an den Tisch setzte, eine Tasse an sich zog und den Brunnenbauer zum Essen einlud: »Na, da lang och etze zu.« Freiwald rückte sich zurecht, auch Marie kam heran, und der Alte plauderte vom Wetter. Es werde dieses Jahr einen ungewöhnlich trockenen Sommer geben, das Wasser stehe in den Brunnen schon jetzt tiefer als in anderen Jahren, allenthalben sehe man schon haarige große Raupen, und der Kuckuck sei eher als sonst eingetroffen, der Wind wehe beständig ans dem Polnischen, und das Vieh habe zeitig die Winterhaare verloren. Exner war anderer Meinung und versuchte sie durch allerhand beobachtete Anzeichen wahrscheinlich zu machen. Es werde eher ein nasses Jahr geben, weil der Winter milde gewesen sei. Die Abende und Morgen seien ungewöhnlich kalt, und dann fänden sich so viele Nachtschnecken auf dem Felde. Dabei sah er durch das Fenster. »Du hast ja de Bretter rot angestrichen!« brauste er plötzlich auf. Freiwald lächelte und nickte: »Die zwee aufs Haus zu, freilich. Die sein im Widerscheine, und Rot verträgt den Schatten besser wie Grün. Das blättert ei dr Nässe zu schnell ab.« Dann dankte er für die Bewirtung und stand auf. »Komm och und siehch dir's an, ob's nich sauber is«, sagte er dabei, und als er bemerkte, daß Marie Miene machte mitzugehen, fügte er hinzu: »De junge Frau kann hinne blein, denn wenn die mich tadelt, muß ich mich zu sehr schämen.« Mit warmem Handschlag verabschiedete er sich von Marie, und der Klumpen holperte hinter ihm drein. Draußen schritten sie um das Häuschen. Exner klopfte an die Bretter, zog an dem Dächlein, trat zurück und maß es mit den Augen. Alles war fehlerlos, keine Leiste gespalten, das Dächlein saß fest, das Ganze tadellos im Lot. »Und nu geh a paar Schritte mit mir of'm Weg nuf«, sprach der Alte, der das Wägelchen mit dem Knaben vorausgeschickt hatte. Hinter der Mauer, schon auf dem Grunde des Freirichters, blieb Freiwald stehen, sah sich genau um und richtete dann seine Augen in feierlichem Ernst auf den Lahmen: »Nu hört uns niemand wie's Gras und der Himmel. Da kann ich reden, wie ich soll und will. De Bretter ofs Haus zu hab' ich zu Fleiße rot angestrichen. Rot is Wut und Bosheit, Schimpfen und Sakramentieren, und wenn's gar schlimm is, Hiebe und Blut. Und daß de an dir hältst und mit Milde hemmst, wenn dei Wägelchen eis Rasen kommt, deswegen hab' ich die zwee Bretter angestrichen wie Blut.« »Was geht dich mei Leben an, Freiwald?« fragte der Lahme leise und trat drohend auf ihn zu. »Siehch, wie ich recht habe«, sprach der Greis unerschrocken und lächelte. »Karle, schmeiß ich dich mit Steen', wenn ich's gut meen?« »Red dr nich erst de Spucke weiß!« Mit diesen Worten, die ein mißtöniges Lachen begleitete, machte der Klumpen dem Gespräch ein Ende und wandte sich ohne Gruß dem Hause zu. Der Alte tat einen Schritt, ihm nachzugehen, ließ aber kopfschüttelnd davon ab und ging in Trauer von dannen. In der Stube angekommen, ging der Lahme einigemal auf und ab, dann hielt er dicht vor seinem Weibe: »Was hat Freiwald zu dir gesagt, ehe ich reinkam?« »Was der alte Freiwald immer redt, Liebes und Gutes«, antwortete Marie offen. »Ein Fabelaffe is er!« Exner verließ die Stube und schlug die Tür hinter sich zu. Das junge Weib sann den ganzen Abend nach, warum ihr Mann so ärgerlich gewesen sei. Sie war zu stolz, ihn darum zu fragen, und die Nacht schloß beiden die Augen, ehe sie sich versöhnt hatten. 11 Diesem schweren Tage folgten wieder leichtere, und der unausgeglichene Schatten zwischen den beiden Eheleuten schien nie gewesen zu sein. Aber er war nur in ihnen versunken, in jene unerforschlichen Gebiete der Seele hinabgetaucht, wo unser Schicksal wächst. Dort verband er sich mit der alten Menschenfeindlichkeit des Klumpen und machte ein uneingestandenes Mißtrauen gegen Marie rege, das seine Worte betastete, ehe sie den Mund verließen, seinen Gedanken geheime Scheelsucht beimengte und in die Augen ein bitteres Leuchten brachte, wenn sie die Schönheit seines Weibes sahen. Marie ward davon wie von einem kalten Hauche getroffen, und obwohl sie sich keine Schuld beimessen konnte, war sie doch unzufrieden mit sich. In diesen widerstreitenden Gefühlen wurden die letzten Arbeiten verrichtet, und Marie war es möglich, an dem folgenden Sonntag wieder einmal zur Kirche zu gehen. In gehobener Stimmung, wie erleichtert, trat sie gegen fünf Uhr früh aus dem Hause. Die Sonne stieg eben über die Wälder des fernen Schneegebirges. In den Tälern drunten lagen noch weiße Nebel, Busch und Gras hingen voller Tautropfen, schlaftrunkener Vogelsang stotterte leise aus dem Walde. Ihr Schritt scheuchte die erste Lerche aus der jungen Saat, schweigend stürzte sich der unscheinbare Vogel empor, und erst hoch im Blau ertönte gedämpftes Singen, das mit dem Sonnenlicht niedersank, daß man meinen konnte, die goldenen Glutfunken in der Luft hätten plötzlich von selbst zu klingen begonnen. Diese selige Offenbarung der Natur griff so wohltuend in das Herz der einsamen Kirchgängerin, als begegne ihr unvermutet ein alter, lieber Freund, den sie lange vernachlässigt hatte. Als sie an dem Freigute vorüberschritt, trat eben Frau Wende aus dem Hoftor und begrüßte Marie sogleich mit der ihr eigentümlichen lauten Herzlichkeit. »Das is schön! Ein guter Morgen, an dem man eine junge Frau trifft. Da darf ich gar nicht erst fragen, wie's geht, ma sieht's ja.« »Nach, ma muß Gott danken.« Sie fühlte sich plötzlich zagen; zögernd und gepreßt kam ihre Antwort. »Ach ja, ich hab's wohl gemerkt, daß de gerne höher naus gewollt hättst. Aber gell ja, nu biste zufriede und bereust's nie?« »Nee, gewiß nich, gar nich, 's is gut, ganz, ganz gut, ich dank's Ihn, denn Sie sein ja, wenn ich mir's recht besinne, an allem schuld.« Marie sprach in lautem Tone, in abgebrochenen Sätzen hart und bitter, und ihre Augen wurden feucht. Frau Wende beugte sich vor und sah ihr ins Gesicht: »Aber du weinst ja!« sprach sie erschrocken. »Nu ja, wenn ich mir alles überlege, was ich durchgemacht habe, da kann ich mr gar nich helfen, da überfällt mich's.« »Ich kann mir's ja denken, aber mach dei Augen uf, so weit, daß du und dei ganzes Leben drinne Platz hast, sonste spielt dir der Schatten den Übermann, und so ein Schwarzes in uns is unersättlich.« »...und der Gottsturm«, fügte Marie leise hinzu. Denn in der Ferne war der Leschkowitzer Kirchturm aus dem Nebel getaucht, und sein Riesenfinger drohte herüber, in das Herz der jungen, glücklosen Frau. »Auch das, freilich«, bestätigte Frau Wende. Dann schritten sie schweigend nebeneinander hin und trennten sich in der Kirche mit ernstem Blick. Während der ganzen Messe saß Marie mit niedergeschlagenen Augen, weil sie den bunten Putz, das Spiel vor dem Altar nicht ertragen konnte. Von allem wurde sie betäubt, zurückgeworfen in ihr Leben, das sie nicht verstand. So bedeckte sie den Stern ihres Auges und drängte sich mit ihrem Gedankenstammeln, ihrer inbrünstigen Seele an den unbegreiflichen Schatten Gottes, der ihr tiefer und lebendiger geworden war, seit sein Priester so an ihr gefrevelt hatte. Wie sie so dasaß, fiel ihr Blick von ungefähr in das aufgeschlagene Gebetbuch und las die Worte: »Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach.« Sie erkannte, an ihrem Manne unrecht gehandelt zu haben, vom Anfange des unseligen Verhältnisses an, besonders aber an jenem Sonntag in der Nacht, da er unfern des Gehöftes im Fuchsloch um ihre Liebe gebettelt hatte. Sie nahm sich vor, freundlich zu sein, sich zur Liebe überwinden zu wollen und alles zu vermeiden, was ihm unangenehm sein konnte. So verschwand das bebende Wallen ihres Herzens, und jene Regungslosigkeit erfüllte sie, der sie den Namen Frieden gab. Um in Einsamkeit diesen gottseligen Vorsatz noch weiter zu befestigen, wartete sie, bis alle Besucher die Kirche verlassen hatten, und ging dann durch den Wald des Freirichters ihrem Hause zu. Die Heide auf den Blößen grünte, die Heidelbeersträucher hingen voll von blaßroten Blütenglöckchen, im jungen, haarfeinen Wildgrase rührten sich eilige Käfer, daß die winzigen Hälmchen bebten. Sie schritt hin ganz in Gefühl aufgelöst, von keinem Gedanken erfüllt, wie man mit geschlossenen Augen durch ein Märchen wandelt, dessen verwunschene Schönheit dennoch berauschend durch tausend geheimnisvolle Poren auf unsere Seele eindringt. Da gewahrte sie unter glänzenden Blättern verborgen ein Veilchen. Sie bückte sich rasch und pflückte es, um sich damit zu schmücken. Indem sie sich aufrichtete und ihr Auge erhob, gewahrte sie durch die Stämme des Waldes ihr Haus, das mit seinen grämlichen Fenstern auf sie hersah. Da warf sie das Blümchen zur Erde und setzte im Weiterwandeln fest den Fuß darauf. Unter den Fenstern auf der Holzbank saß neben ihrem Manne in eifrigem Gespräche ein Fremder, in dem sie nach scharfem Hinsehen zum Erstaunen den Schuster Klose erkannte. Hochklopfenden Herzens mußte sie anhalten, dann tat sie mechanisch noch ein paar Schritte und trat hinter eine starke Fichte, von wo aus sie unbemerkt alles beobachten konnte. Je länger sie hinschaute, desto unbegreiflicher ward ihr das Ereignis. Klose saß jetzt unbeweglich, zusammengesunken, wie nur Gebrochene sich halten. Er trug noch den Werktagsanzug, dessen Hosen an den Knien zerrissen waren, daß das schmutzige Fleisch hervorsah. Nun hob er den Kopf und schaute lange geradeaus. Sein Gesicht hatte die Farbe blaßgelben Leders, und die Lider der leeren Augen waren gerötet. Der Schnurrbart hing wirr über die blassen Lippen. Augenscheinlich hatte ihn ein großes Unglück getroffen, weil er seine selbstgewollte Vereinsamung aufgegeben und hierhergekommen war, wo er doch mit ihr zusammentreffen mußte, die ihm so bitteren Spott angetan hatte. Endlich trat sie hervor und ging mit freundlichem Gruß auf ihn zu. Er riß die rechte Hand aus der Hosentasche und streckte sie ihr entgegen, indem er ihrem Blick auswich und sich zur Katze niederbeugte, die herbeigeeilt war und gekrümmten Rückens um das Kleid der Herrin strich« »Nee ha, Guste, wie siehst du denn aus?« fragte sie in tiefer Bewegung. Der Schuster fuhr mit zitternder Hand über das weiche Fell der Katze und sagte mit fistelnder Stimme, ohne aufzusehn: »Mietzla, Mietzla, Mietzla!« Plötzlich riß er sich auf und antwortete rauh: »Wie ma aussieht, wenn ma nie weeß, wohi!« Dann blickte er wieder still vor sich nieder. Nach einer Weile sagte er: »Wer heutzutage für sei Eltern sorgt, is ein ausgemachter Affe!« Seine blecherne Stimme klang höhnisch. »Aber kann ma sich helfen? Ma puckelt und zieht den Draht bis ei die Nacht durch die alten Krappen, bloß daß die arme Mutter nich gar noch hungrig sterben muß. Derweile vergißt ma, daß ma eigentlich auch ein Mensch is, und wird ein Gokelsack, über den sich ein jedes lustig macht. Möcht's sein! Was ma muß, soll ma gerne tun, und hat mich eens jemals klagen hören?« Er brach ab und wartete auf Antwort. Allein beide schwiegen. Leidenschaftlich werdend, begann er von neuem: »Aber, bin ich alleene Kind? – is de Paule nich ... verflucht! – ich – siehch, deswegen hab' ich mich besoffen, bin in den Gräben herumgestürzt und hab' im Pusche geschlafen.« Mit Augenzwinkern und Lippennagen kämpfte er gegen sich, dann schleuderte er entschlossen seine Faust wie einen Stein hin und verlor jede Mäßigung: »Da kommt das Mensch! – Da kommt se am Freitage heem, gerade am Freitage, als wenn's bloß den een Tag ei dr Woche hätt. – Ich sitze auf'm Schemel und schlage den letzten Nagel ei den Absatz vo Klenners Stiefeln, bin fertig und lang nachm Geneipe. Plotze geht de Tür uf... ich denk, mich streicht dr Schlag. – Steht de Paule, die eim Schleschen dient, da steht se unter dr Türe und kann nich rein und nich naus, sterrt und lacht, lacht und sterrt, schmeißt den Packs hin, stürzt druf, halt de Hände vors Gesichte und heult, daß zum Erbarmen is ... nee nie, zum Fluchen. Ich wußt glei Bescheid, spring uf, of se zu, reiß se ei de Höh und schrei: ›Vo wem hast's!‹ Da war's een Augenblick stille, stille, als wenn de Bäume Kirche haben. Dernach würgt se und würgt ... vo eem solchen Stoppelhengste, so eem Kerle, der selber keene Eltern hat, der bloß rumleeft und Kinder ei de Welt setzt, als ob's noch zu wing Menschen hat, als ob's wer weeß wie scheen wär dahier of der Erde! Und nu sag mr eener, hat's een Gott? Ma verdient gerade so viel, daß de Mutter ein Schnittchen Brot, Kartoffeln und Kaffee hat, und da kommt se heem, jetze, wo de Arbt alle is, wo ein jeder barfuß rumleeft, der gesunde Füße hat. Kee Geld und Hunger, Elend und nich wissen wohin ...« Die letzten Worte hatte er in Verzweiflung, halblaut vor sich hingesprochen. Dann ließ er den Kopf sinken und bewegte tonlos die Lippen, daß man nur den überhangenden Schnurrbart zittern sah. »Nu, Guste, weeste nich, was du da zu tun hast?« nahm, vor Erregung bebend, Exner das Wort, »haste kee Kurasche? Das wirst du doch wissen, was eem solchen Mensche gehört!« Mit wildem Lachstoß riß der Angeredete den Kopf herauf: »Karle, nich wissen? ich? – Siehch, de Haare sein bloß so geflogen. Die Mutter schrie und stürzte vr Angst vo dr Banke, und ich hatte schon den Hammer in dr Hand, hol aus und denk: Äh, hol's der Teufel! ... aber da trat's linde hinter mich, ich besann mir's, setzte die Mutter of de Banke, lehn se an de Wand, nahm de Mütze und ging naus. Of dr Schwelle dreht ich mich um und schrie: Nu, Zuppe, siehch, wie du durchkommst!« »Du hast se gehaun, Guste, und's Kind? Weeßte nie, daß de schon ein Mörder sein kannst?« fragte Marie bleichen Gesichts. Der Schuster saß verstockt und schüttelte dann wie über einen eigenen kuriosen Gedanken den Kopf: »Das Kind – haha, 's is zum Lachen«, redete er dumpf in sich, reckte sich auf und hielt Marie die geöffnete Hand dicht vors Gesicht: »Da, Marie, nimm dr den Ring!« Das junge Weib sah sprachlos von der leeren Hand in sein gespanntes Gesicht und dachte, er sei toll geworden. »Ich bin ganz gescheit, darfst dich nich fürchten«, sagte er lächelnd, wandte die Hand nach unten, als werfe er etwas weg, und trat dann mit den Füßen den Erdboden, als vernichte er einen Gegenstand. Darauf brach er in ein schreiendes Gelächter aus: »Wenn's wahr is, was de vorhin vom Kinde gesagt hast, da mußte dahier auch den zertretnen Ring finden. Haha! – Aber wenn's auch wär. Nach dem, was vo mir is, bückst du dich ja nich. Das stinkt, das weeß ich ja, das stinkt!« Bleich und gramvoll sah er Marie lange an, die seinem starren Blick nicht standhalten konnte. Endlich erwachte er aus seiner peinvollen Trunkenheit und sprach voll Trauer: »Und wenn is, was nich is, ach du mein Gott, ich gleeb's ja, verleicht is mei Kopp bloß an allem schuld, das heeßt, das ganze Leben macht's eem bloß vor. Nu ja, ja ... aber wenn so was Unsichtbares dir alles nimmt, was de vor dr siehst, dei ganze lumpige Hoffnung, un 's bleibt dr nischt, bloß de Kurasche zum Saufen ... nee, das weeßt du nich, wie das tut.« Nach einigem Sinnen wandte er sich wieder an Marie, und als habe er sie beleidigt und müsse sie nun versöhnen, klang seine Bitterkeit weich zitternd, und in seine trostlosen Augen kam ein Glanz, der nur für sie leuchtete. »Da sag mir's, was ich machen soll, und of dr Stelle geh ich heem, halt's Maul und bin, wie ich immer gewesen bin.« Der Lahme war in Gedanken versunken und hatte scheinbar auf das Gespräch der beiden nicht geachtet. Jetzt wandte er sich an Klose und fragte: »Woran fehlt's de nu eigentlich?« »Wenn du mich fragst, Karle: am besten fehlt's.« »Nach, Guste, wenn's of das ankommt, da reiß dr den Kopf nicht runter. Wenn de arbeiten willst, komm zu mir; ich will's Niederstücke umroden, da kannste mir helfen. Du kriegst of a Tag acht Böhmen und de Kost. Wenn de willst, hier is mei Hand.« Aber der Schuster ergriff Exners dargebotene Rechte nicht, sondern fragte: »Ja, dahier soll ich blein, aus und ein gehn ei beim Hause, an deim Tische sitzen? Nee, alles, bloß das geht nich!« Jäh fuhr er auf. »Adje! und denk, ich war nich dahier.« Er bebte am ganzen Leibe, und sein Gesicht war kalkweiß. Der Lahme packte seine Hand und ließ sie nicht los: »Guste, wach uf! Du bist wohl ungescheit geworn!« Klose machte verzweifelte Anstrengungen, den eisernen Griff des Lahmen zu lösen, und stotterte in höchster Verwirrung: »Soll ich dich belügen, hintergehn, betrügen! – Laß mich los, laß mich, ich muß laufen, durch Büsche, über Wasser, immer an Leuten und Häusern vorbei, bis ich hinstürz mit dem letzten Odem ei dr Lunge ...« Exner war aufgesprungen, hatte ihn um den Leib gefaßt und rang mit dem Tobenden, bis dieser kraftlos in seinen starken Armen lag. Schwer atmend ließ er endlich von dem Schuster: »Guste, du hast Kräfte, ma sähch dir's nich an. Aber nimm och Vernunft cm, ich will dir ja nischt schenken. Und da hast du een Tagelohn zum voraus, daß die zu Hause nich ohne Geld sein.« Aber Klose rührte sich nicht, und der Lahme steckte ihm die Münzen in die Jackettasche; dann wandte er sich an sein Weib: »Und du, Marie, geh schnell und gib ihm einen ordentlichen Krug Milch, a Brot un a Viertelchen Butter!« Eilig war Marie im Haufe, und nach wenigen Augenblicken erschien sie wieder und hielt mit rührendem Glück im Gesicht ihm alles hin. Klose stand wie ein Bildstock und starrte entsetzt auf das schöne, junge Weib, das schmeichelnd bat: »Guste, tu mir den Gefallen, nimm's und sei nich mehr böse.« Errötend langte der Schuster endlich nach dem Geschenk, stammelte etwas und ging wie im Traume davon. Sie begleiteten ihn bis zur Mauer und sahen ihm nach, wie er auf einsamen Steigen dem Dorfe zuschritt. – Marie hatte die Empfindung, als sei mit dem Unglücklichen ein tiefes, unaussprechliches Leid von ihr gegangen. Die Weiten ihrer Seele öffneten sich wieder strahlend. Der, dem sie sich wie einem düster«, unabwendbaren Geschick verbunden hatte, war plötzlich ein Wesen geworden, dem sie gern die Kammern ihres Innern auftun durfte, weil er barmherzig dem Trostlosen geholfen hatte. Eine glückliche, weihevolle Stimmung überkam sie. In dieser Stunde war sie im Herzen sein Weib geworden. Noch immer standen sie zwischen den Steinwänden, die unwirtlich und öde dalagen wie ihr bisheriges, gemeinsames Leben, und sahen hinaus in den Morgen. Das Licht floß über ihre Stirnen, und das große, grobe Gesicht Einers schimmerte wie ein Felsen, der in der Sonne sieht. Da umschlang Marie errötend den Manu, er beugte sich zu ihr nieder, und sie küßte ihn auf den Mund. Dann schritten sie Hand in Hand dem Hause zu, und Marie gab ihm freudig die Süße ihres unberührten Leibes. Der Ungefüge trank sie, wie der heiße Sommersturm die Wasser schlürft. 12 Am grauen Morgen erwachte Exner wie wachgerüttelt. Das erste Licht sank über die aufgelösten Blondhaare seines Weibes, deren Kopf auf dem untergeschobenen entblößten Arm ruhte. Ihr Gesicht war gegen die Stube gekehrt, in tiefem Schlaf und schimmerte in der schlaffen Schönheit einer befruchteten Blume. Der Klumpen lächelte geringschätzig über ihre Müdigkeit, kleidete sich hastig an und verschwand ziemlich geräuschvoll aus der Schlafkammer. Jeder Mann steht gestärkt vom Mahle der Liebe auf und greift herzhafter in die Speichen der Pflicht. Für den Lahmen war es ein Peitschenhieb gewesen, und ungeduldig, wie ein Roß nach der Rennbahn drängt, ging er an sein Werk, noch ehe der erste Hahnenschrei verklungen war. Dunstig wie ein Federbett lag der Himmel über der Erde. Taulos standen Gras und Busch in der stillen, stockigen Wärme. Der Kuckuck rief undeutlich, wie durch die hohle Hand jemand aus der Weite redet. Mißmutig begab sich Einer auf einen Rundgang um die Felder. Da und dort bog er die Saat auseinander und sah, ob sie sich bestocke. Dann schüttelte er jedesmal den Kopf und schaute über die Breiten hin, auf und ab, aber er ward nicht froher. Jeder Halm, sein und durchsichtig, trug regungslos das kleine Büschel krankhaft grüner Blattchen. Die Felder lagen da wie vergilbende Gewänder. Exner stieß im Weiterwandern immer wieder den Fuß durch das kurze Gras und murmelte: »Wieder keen Tau, wieder nich een Troppen«, und hob den Kopf lange nicht. Als vom Erlengrund herüber die Sägemühle zu heulen begann, trat er wieder ins Haus. In der Stube stand Marie vor dem kleinen Spiegel und steckte sich die schweren Flechten auf. Als Exner unwirsch die Tür öffnete, war sie gerade fertig, ließ die Arme sinken, ging ihm froh entgegen, ergriff seine herabhängende Hand und sagte, sie pressend: »Na guten Morgen, du Ausreißer!« Seinen starren Blick mißverstehend; errötete sie tief, wandte sich jäh ab, dem Ofen zu und sprach im Hingehen mit liebem Schmollen: »Da ruft ma und ruft, derwelle stiefelt er wer weiß wo rum.« Er drehte den Kopf nach ihr und entgegnete unfreundlich: »Ja, rum. Wärste lieber mit ufgestanden, da wärste nich aso gepatzig tun. Dir würde 's Lachen vergehen, wenn du den Hafer sähst!« »Na, Karla, a so schlimm is doch nich!« antwortete sie begütigend. »Da hast du dein Freirichter! Das is ein Filz, das Haferla!« Er hatte sich auf die Bank gesetzt. Nach einem rauhen Lachen sah er halb zum Fenster hinaus, gewahrte die Blutbretter des Brunnens, gedachte der friedlichen Stille, in der er sein Weib und Freiwald getroffen, und der Wetterprophezeiung des letzteren. Und als habe durch zu große Freundlichkeit gegen den Greis Marie eine Schuld an dem trockenen Wetter, sprach er bitter: »Immer kriech du 'n hinten rein, dem Freirichter und dem Freiwald. Du wirst ja sehen, wohin das führt.« Dann stand er auf und ging einigemal durch die Stube. Marie versuchte durch ruhigen Zuspruch und durch Scherz seine Grillen zu vertreiben, es gelang ihr nicht. Er ging immer hin und wider und sah sie von der Seite an. Zum Schluß sagte er: »Red, was du willst. Eemal hab' ich dir gefolgt und nich mehr, merk dir's!« Damit verließ er wieder die Stube. Sein Weib sah noch auf die Tür, als sie sich lange hinter ihm geschlossen hatte und das Handtuch daran ganz ruhig hing. Endlich wich der tiefe Ernst auf ihrem Gesicht einem sonnigen Lächeln. »So ein Mann is doch, meiner Seele, zu komisch«, sagte sie kopfschüttelnd und hantierte am Ofen hurtig weiter. Denn sie glaubte, er sei in den Angeln ihrer süßen Gewalt. Allein, auch als der Lahme mit den Kühen den Pflug zum Acker schleifte, waren seine Züge noch verdrossen, seine Augen eingekniffen. Ungeduldig spähte er nach dem Schuster aus, und als die Zugtiere in etwas lebhaftere Gangart verfielen, hieb er sie mit dem Peitschenstiel über die Nasen. Endlich kam der Erwartete. Das Leiden und der Kummer lagen wohl noch deutlich auf dem Gesichte, aber an seinem Barte nahm man wahr, daß die Verzweiflung nicht mehr so mächtig in ihm wirkte. Er hing nicht mehr so wirr wie gestern über die Lippe, sondern war sorgfältig in der Mitte geteilt und aufgedreht. Mit halblautem Gruß trat Klose heran und sprach auch danach noch undeutlich wie mit geschlossenen Zähnen. Der Klumpen verbarg seinen Arger durchaus nicht, wenn er auch keine Erklärung dafür gab. Der Schuster nahm gar keine Notiz davon. Schweigend begannen beide die Tätigkeit. Die unfreundliche Stimmung wich stundenlang nicht. Mit Ausnahme kurzer Fragen, ebensolcher Anweisungen und abgerissener Ausrufe wurde nicht gesprochen. War der Pflug in die Steine festgefahren, so hob man ihn vorsichtig heraus, schlug mit der Spitzhaue die Felsstücke los und drückte sie mit hölzernen Hebebäumen zur Seite. Der schwächliche Schuster, dem diese Arbeit ungewohnt war, zog nach kurzer Zeit seine Jacke aus und trocknete sich den Schweiß. Gegen die Mitte des Vormittags war er so kraftlos geworden, daß seine Spitzhaue schon unsicher niederging und oft umkippte. Exner aber wurde immer aufgeräumter. Da er sah, welche Gewalt er über die Steine hatte, war er nicht mehr so mutlos über die trüben Ernteaussichten, die böse Hitze, über den Freirichter, über Freiwild und die geheime Sympathie seines Weibes mit beiden. Sie sollten nur kommen! Je größer die Felsbrocken waren, gegen die er loshieb, desto lustiger war er: »Ja'ch, a Spitzhäckla is halt kee Pechdraht!« rief er seinem Freunde einmal zu, der sich vergeblich bemühte, einen Stein loszuschlagen. Sonst wäre Klose eilig mit einer treffenden Antwort bei der Hand gewesen, jetzt aber verzog er nur das Gesicht zu einem müden Lächeln und schwieg. Oft hielt er auch mitten im Gang inne und sah ratlos hinaus. Auf den Zuruf Exners fuhr er erschrocken aus seiner Betäubung und schlug mit der Haue irgendwohin. So ging die Arbeit nur langsam vor sich, und der Klumpen sagte mürrisch: »Du mußt a wen'g besser zupacken, Guste, aso geht's ja gar nich vom Flecke!« »Nu ja, ja!« entgegnete dieser und fuhr sich verlegen durch die Haare. »Kurasche, Kurasche!« murmelte er sich dann ermutigend zu, und sein Gesicht nahm einen unendlich schmerzvollen Ausdruck an. Nach dem Feierabend des zweiten Arbeitstages bat er den Lahmen um vierzig Pfennig Vorschuß. Am andern Morgen erschien er singend auf der Arbeitsstelle. Von weitem riß er die Mütze vom Kopfe und schrie: »Nu kann's losjehn, nu woll mr aber tüchte buddeln!« Von nun an schritt die Arbeit wirklich schnell vorwärts. Der Schuster griff nicht nur wacker, nein, leidenschaftlich zu, sondern zeigte sich unerschöpflich in derben Witzen und schnackischen Redewendungen. Der Klumpen wurde von seiner Heiterkeit angesteckt und war sogar so ausgelassen, zu dem Liede, das der Schuster zum besten gab, mit seinem unförmlichen Baß irgendwelche Töne als Begleitung zu singen. Versiegte des Armen Humor und begann die krankhafte Glut aus seinem bleichen, knochigen Gesichte zu weichen, so verschwand er hinter einer Dornhecke, und nach einer Weile war er wieder übermütig geworden. »Nach«, sprach er am Abend zum Klumpen, als er vor dem Fortgehen einen Augenblick im Hausstur mit ihm geplaudert hatte, »hatte ich heute kee Kurasche?« »Nee, heute warste wie vom Bändel los!« »Da mußte halt wieder vierzig reißen!« Mit Lachen gab ihm der Lahme das Geld, und bald war der Schuster pfeifend unterwegs. Es ward nun zur Regel, daß er sich jeden Tag denselben Betrag auf einen »Knorpel«, wie er den Schnaps spaßhaft nannte, herauszahlen ließ. Beide machten sich jedesmal darüber lustig; vor Marie versteckte der Schuster die Schnapsflasche. Einst aber beim Mittagessen, als Klose eine Schnurre zum besten gab und zur Illustrierung aufstand und sich über den Tisch neigte, kam er Marie so nahe, daß sie seinen Atem roch. »Guste«, unterbrach sie ihn ernst, »du hast wohl Schnaps getrunken?« »Ach nee, Mariela, 's riecht nach Pfefferminzkichla, weeßte, ich hab's ei a Zähnen.« Die beiden Männer wechselten einen Blick und lachten unbändig. Marie beruhigte sich scheinbar bei der Antwort, behielt aber den Schuster im Auge. Am Nachmittag sah sie ihn taumelnd über das Höfchen geh«. Sofort eilte sie hinaus und stellte ihn: »Guste, du bist besoffen!« »Nee, bloß angeheitert. Nach, und sauft nich a jeder Vogel?« fragte er mit der täppischen Betulichkeit der Trunkenen. »Warum läßt dir denn bloß de Flasche gar kee Ruh'?« Das junge Weib war näher getreten und sah mit Mitleiden über seine Verwahrlosung hin. »Steck die Frage schnell wieder ein, das is ein gar böser Pfennig, den de da ausgibst.« Klose kehrte sich mit einem Lachen ab und wollte davongehen. »Nee, du bleibst!« beharrte Marie, »he! – Mit der Paule wird's doch nie anders, wenn de auch nie nüchtern wirst!« Der Schuster kehrte die paar Schritte, die er währenddessen nach dem Schuppen zu getan hatte, zurück und fragte dicht vor ihr haltend: »Was schert denn dich das eigentlich! – Is denn noch nie genug, soll's etwan noch schlimmer wern?« Das sagte er im Zorn zu ihr. Aber bald machte der Haß in seinem Auge einer blicklosen Stumpfheit Platz. »De Paule, haha, da haste schon ganz recht! Aber das war bloß de Axt; geschlagen hat jemand ganz anders, nich etwan der Trasperschreiber und cetera pee pee!« »Guste, wenn de aber amal allen Willen zusammennähmst ...« »Was weeßt du von den Worten, die ei deim Munde warm wern! Nu hör, ich brauch Kraft, ich muß een hellen Kopp behalten, deswegen sauf' ich. Wehe dem Tage, an dem ich einmal nüchtern bin! Un außerdem hat's noch viel! viel! Wenn's erst regnet, kommen die Troppen von allen Seiten.« Marie schickte sich zu einem neuen Einspruch an, der Schuster schnitt ihn zum voraus ab: »Gib dr keene Mühe! Bei mir is Oberleder ratzekahl vo dr Sohle geplatzt. Da nutzt kee Nagel mehr was.« Er ging in den Schuppen und ließ sie stehen. Von der Stube aus sah sie ihn bald darauf, mit einem neuen Hebebaum beladen, vorübergehen. Marie hatte wohl die Anklage aus den vieldeutigen Worten des Trinkers herausgehört. Das peinliche Gefühl, mitverantwortlich an dem Hinabgleiten des armen Menschen zu sein, wurde durch reines Mitleid so verstärkt, daß sie den Klumpen ohne Zögern bat, dem Schuster weitere Vorschüsse zu verweigern. Aufmerksam hörte ihr Mann zu, sah sie groß an und verließ ohne jede Erwiderung die Stube. Am Abend gab er vor ihren Augen seinem Freunde wieder das Trinkgeld. Darauf wiederholte sie dringender ihre Forderung und wies ihm nach, daß er durch seine Starrköpfigkeit mitverantwortlich an der Verlumpung Kloses werde. Wiederum wartete Exner ruhig, bis sie all ihre Gründe auseinandergesetzt hatte. Er schaute gegen die Diele und verfärbte sich. Dann, als wolle er gegen sie losfahren, riß er sein Gesicht herauf und sah sie wild an, mäßigte sich jedoch und erwiderte nur: »Nee, das bild' dir nich ein! Mann bleib' ich.« Allein, war es die Wirkung der Worte Maries für sich, war es die Folge der stillen Wachsamkeit ihrer Augen: auf Tage wüster, arbeitsamer Trunkenheit des Schusters folgten Zeiten strikter Nüchternheit, in denen er wie umgewandelt erschien: wortkarg, reizbar, seine Hände trödelten absichtlich, er schlug mit Fleiß die Schärfe der Haue an den Steinen zuschanden und redete bittere Worte von Geiz und Nichtgenugkriegen, wenn der Lahme darüber ungehalten war. Glaubte er sich unbeobachtet, so maß er seinen Freund voll Haß. Dem jungen Weibe begegnete er in diesen Tagen in demütiger Scheu, war dankbar für jeden Blick, erfreut über jedes gute Wort. Nach vier Wochen war endlich das Feld aufgebrochen. Mit großen und kleinen Steinen wie übersät, glich es einer verlassenen Arbeitsstelle der Steinmetzen. Die trockene Hitze hatte all die Zeit angehalten. Die Sommersaaten standen sehr schwach, der Winterroggen hatte verblüht, war kurz und feinhalmig, das Gras auf den Wiesen »kroch immer mehr in den Boden«. Die Heuernte mußte beginnen, denn die Schwingel der Gräser streuten schon den Samen aus. Während der Lahme in den frühen Morgenstunden mähte, sann er über sein Geschick nach. Ein alter Aberglaube der Landleute der Grafschaft besagt, daß das erste Jahr der Ehe ausschlaggebend für das Glück eines Paares sei. Exner hatte damit eine unparteiische Begründung seines Mißgeschicks gefunden. Warum, wenn es nichts zu bedeuten gehabt hätte, warum fiel dieser Mißwachs gerade auf das Jahr seiner Verheiratung? Nach dieser Offenbarung begann er, Marie den Einblick in seine Pläne und Entwürfe zu versagen, um sich ihres unheilbringenden Einflusses nach Möglichkeit zu erwehren. Immer schroffer äußerte sich diese Wendung seines Wesens. Es war eigentlich keine Wendung. Der Vorgang stellte sich als die notwendige Bewegung einer Feder dar, die, durch irgendeinen äußeren Druck aus ihrer Lage gebracht, sofort in sie zurückspringt, wenn der Einfluß dieser gegenwirkenden Gewalt nachläßt. Wie nach einer langen, unnötigen Abschweifung gelangte er allmählich wieder ganz in das einsame Geleise seines früheren Lebens zurück. Der Anflug von Milde und Sanftmut zerfloß in ihm, und wohlig wühlte er sich in die dumpfen Triebwolken seiner Vergangenheit. Damit stand in direktem Zusammenhange ein engerer Anschluß an den Schuster. Mürrisch, wie er die Heuernte begonnen hatte, beendete er sie. Die drei Fuder trockenen Grases füllten kaum den dritten Teil des Bodens. Darum machte er sich mit Klose eilig an das Abräumen des Niederstückes, um darauf wenigstens noch Futter anzubauen und so den Ausfall etwas zu decken. Exner zerschlug die größeren Steine mit einem eisernen Pürdel, und der Schuster fuhr sie in einem Kastenkarren über ein langes Brett auf die Mauer und schüttete sie, oben angekommen, aus. Jenseits des Rodewalles zog sich ein dem Freirichter gehöriger schmaler Wiesenstreifen an einem Roggenfelde hin. Der Lahme duldete nicht, daß die Steine auf seine Seite geschüttet wurden, weil er sonst einige Fußbreiten Acker verloren hätte. Ebensowenig erlaubte er seinem Freunde, den Karren auf dem Rücken des Steinwalles zu leeren. »'s soll mir wohl noch vollends alles verdämmen? Schütt's of de andre Seite!« »Nee, das leidt dr Freirichter nich!« antwortete Klose, der wieder seine trockene, widerspenstige Periode hatte. »Freirichter! Was ihr mit dem Freirichter alle habt! Als wenn's dr Herrgott wär'. Steht a Grenzsteen droben?« »Nee, aber die Mauer is doch da.« »Zeig' mir den Grenzsteen!« rief der Klumpen aufgebracht, warf den Pürdel hin und stieg mit langen Schritten über die Mauer. »Den Grenzsteen will ich sehen!« schäumte er fortwährend über dem Hinaufklettern. Sie untersuchten jeden Stein, der aus dem Wiesenstreifen des Freirichters hervorragte: keiner trug ein Kreuz. Der Schuster nahm diesen und jenen noch einmal in Augenschein. Es war wirklich nicht anders, ein Grenzstein war nicht vorhanden, und auch auf Exners Seite fehlte ein solcher. »Wenn ich sage, es hat keen, da hat's keen. Merk' dir's. Und der Freirichter soll mir bloß kommen, Pflug und Eggen schmeiß ich auf den Nagelschmied.« Trotzdem weigerte sich Klose entschieden, die unrechtmäßige Arbeit zu vollziehen. Sie tauschten die Beschäftigung. Der Schuster zerprüdelte die Steine, und der Lahme schaffte sie fort. Nun kollerten die Brocken lustig den Rodewall hinunter ins Gras der freirichterlichen Wiese, und der Lahme gab seinem Karren jedesmal einen derben Schwung, daß große Sandsteine bis nahe an das Roggenfeld rollten. Dabei lachte er übermütig und schrie ihnen zu: »Grüßt mr a Herrn Freirichter schön!« Die Hitze der Erregung nahm erst ein wenig ab, als der letzte Karren seinen Inhalt auf den jenseitigen Boden ergossen hatte. Dann ging er nach Hause mit dem wohltuenden Gefühl in der Brust, etwas sehr Gutes vollbracht zu haben. Am andern Morgen trieb er schon zeitig seine Zugkühe mit den Eggen über den Acker. Er knallte in einem fort mit der Peitsche und schrie aus purem Mutwillen die Tiere bei jeder Kleinigkeit laut an. Dann und wann lachte er laut hinaus: »Haha, Wendla, komm och!« Und da stand er schon auf der Mauer und hatte den höhnischen Ausruf des Dahinschreitenden gehört, und sein papierweißes Gesicht verkroch sich vor Grimm noch mehr in den struppigen Vollbart. »Guten Morgen, Exner!« Der tat, als ob er nichts gehört habe, begann mit seinen Kühen laut und anhaltend zu schreien und nahm einen langsamen, schlendernden Gang an. Endlich war er am Ende des Ackerstückes angekommen, wandte die Kühe und tat erstaunt, als ob er Wende erst jetzt bemerke: »Ach, Sie sein's, Herr Freirichter? Ich dachte, es blökt da rum wo a Öchsla.« Der Verspottete schien die Anzüglichkeit nicht gehört zu haben und schrie in herrischem Tone herab: »Wer hat Ihn erlaubt, auf meinem Grund und Boden die Steine abzuladen?« »Wer erlaubt's Ihn, a so was zu fragen?« »Wer? Wissen Sie nich, daß das meine Wiese is?« »Nee, da möcht' man gar! – Wo stehn denn de Grenzsteene?« »Die Grenzsteine! Hier ist die Mauer, hier ist die Grenze.« »Ja'ch! Ich dachte, Sie hätt'n se ei dr Tasche und wöllt'n mr se zeigen. – Unter der Mauer sein se! Nee, was so ein Freirichter nich klug is!« Da war es mit der Beherrschung des Großbauern vorbei. »Ich geb' Ihn acht Tage Bedenkzeit, von dato angefangen. Sind die Steine dann nicht weg, und hab' ich dann nicht die Entschädigung für das zertretene Gras, dann werden wir uns woanders sprechen.« Die letzten Worte waren in höchster Wut gesprochen, sie kamen zischelnd und brodelnd wie kochendes Wasser aus seinem Munde. Aber nun geriet auch der Klumpen in Raserei, warf die Leine hin, drehte die Peitsche um und machte sich unter den greulichsten Verwünschungen auf, dem Freirichter zu Leibe zu rücken. Ohne die Beweise des Wilden abzuwarten, machte sich der Bärtige auf den Marsch, der in eine regelrechte Flucht ausartete und erst auf dem Kommunikationswege zu halbwegs ruhigen Schritten kam. Der Lahme schimpfte noch, als Wende schon lange nicht mehr zu sehen war, schirrte die Kühe aus und band sie an einen Baum. Bei seinem Eintritt kam ihm Marie schreckensbleich entgegen. Er glaubte, sie wolle ihm Vorwürfe machen, drohte, sie zu erschlagen, stürmte in die Stube, hieb auf den Tisch und schrie fortwährend wie besessen: »Zeigen wer ich's 'm, zeigen wer ich's 'm! Aber das kommt alles davon, wenn's Weib nich an ei'm Stricke mit eem zieht. Mei Recht will ich, mei Recht, und wenn's mei Wirtschaft kostet, mei Leben.« Dann stürzte er wieder zur Tür hinaus und begab sich an die Arbeit. Am andern Morgen trat der Schuster in die Stube, bleich und nüchtern wie seit Tagen schon. »Was machen die Pappeln?« fragte er mit argem Lächeln. »Was wern se machen, Schaf, stehn tun se!« »Meenste, Karla! Nu 'ch, da komm och und siehch dr se an.« Sie gingen hinauf. Beide Bäumchen waren von frevler Hand mittendurchgeschnitten, und ihre Kronen lagen auf dem Wege. »Aha? – das is de Antwort of de Steene! Meenste nich?« Klose zuckte gleichgültig die Achseln in die Höhe und bückte sich, nahm eine Krone auf und betrachtete den Schnitt, der mit einem sehr scharfen Messer geführt war, glatt und sicher durch das Stämmchen, das die Stärke eines kindlichen Armgelenks hatte. »Der hat's gekonnt«, sagte er dann, trat an das Stämmchen zur Rechten und hielt den abgeschnittenen Teil auf den Stumpf. Er paßte genau. Der verderbliche Schnitt an dem andern Baume zeigte zwei Wülste. Der Frevler mußte zuerst die rechts stehende Pappel gefällt und dann, schon geschwächt und beunruhigt, sich an die andre gemacht haben. Das entzifferte der Schuster, und der Lahme gab ihm nach einigem Besinnen recht. »Freilich, wo sollte er denn die Kraft hernehmen.« Darauf untersuchte der Schuster die Entfernung des Schnittes vom Erdboden und prüfte sie an der Größe des Lahmen. Es war leicht einzusehen, daß der nächtliche Schädiger von mittlerer Figur gewesen sein und den Schnitt von unten geführt haben mußte. »Deine Größe hat er gehabt!« Der Lahme maß seinen Freund mit den Augen, und Klose lachte mit geschlossenem Munde dazu. Und hier unten, mit dem Rücken nach'm Hause hat er gestanden, denn der Schnitt is of a Born zu«, setzte der Schuster seine Untersuchung fort und war offenbar vergnügt über seine Findigkeit. »Er muß verdammt sicher gewesen sein«, nahm er nach einer Pause den Faden der Mutmaßungen wieder auf und weidete sich sichtlich an der Verblüffung des Klumpen, der sich aufrichtete und nach einem schweren Atemzuge nichts hervorbrachte als ein beschwörendes, qualvolles Wort: »Schuster!« »Ich kann dr nich helfen, es is nich anders.« »Da biste wirklich dr Meinung, es is ein anderes gewesen. Guste, überleg' dir's genau!« »Was weeß ich, mit wem du alles Streit gehabt hast. Ein Feind vo dir is gewesen oder eens, das dich höhnern oder dir een Schabernack spielen wollte, cetera pee. Das ist deine Sache!« Das alles sagte er mit einer herzlosen Sachlichkeit. Seine Züge waren tief gefurcht. Der Klumpen starrte ratlos auf ihn. »Da siehch, überzeug dich selber, Karla, und von unten rauf is er sogar gekommen. Denn da und dort, rund um die Wassergruben, is of de Mauer zu das Gras zertreten. Bist du so eefältig, zu meenen, er is im Wege runtergegangen und hat sich dann pee a pee umgedreht, daß du'm bequem vo hinten an den Kragen gekonnt hättst. Da siehch!« Exner beugte sich nieder und sah Fußtapfen in dem betauten Grase, die halb verwischt waren durch aufgerichtete Halme. Seine große braune Hand zitterte, wie sie so durch das Grün fuhr. Dann wühlte er wie geistesabwesend in den abgefallenen Baumblättern. Plötzlich knitterte etwas, und als er hinsah, zerdrückten seine Finger mechanisch einen weißen Zettel. Er richtete sich auf und starrte auf das Papier, aber die Buchstaben tanzten vor seinen Augen. »Was is das?« fragte gepreßt Klose. »Da lies och amal«, antwortete der Lahme mit mühsamer Beherrschung. Mit verstellter Handschrift, in lauter Großbuchstaben stand darauf: »Zum Freirichter Exner.« »Lies noch a mal«, mahnte der Verhöhnte stockend, und sein Gesicht sank in Schrecken ein. »Es stimmt alles, alles, zu gut, zu gut stimmt's...«, murmelte er dann. »Was denn?« fragte Klose. Exner schwieg, nahm ihm den Zettel ab, sann einige Augenblicke, zerriß ihn dann und wandte sich zum Gehen. Er stieß mit dem Klumpfuß oft an die Steine des Weges; den Kopf kraftlos auf die Seite geneigt, hinkte er auf den Schuppen zu. Klose wollte zur Haustür hinein. »Wohin gehst du?« fragte der Lahme zurückschauend. »Ich will's deiner sagen.« »Meiner – meiner? – ich dächt', meine wüßt's schon.« Alles Blut war aus seinem Gesicht gewichen; er versuchte zu lächeln, aber es gelang ihm nicht. Im Schuppen ging er wie betäubt umher, stellte ein Kartoffelhäckchen zehnmal woanders hin, schlug mit einem Spaltscheitchen trommelnd gegen die Bretterwand und begann dann einen Stoß Knüppelholz umzusetzen. Das alles tat er hastig, als werde er angetrieben. Endlich erbrach sich seine Seele. Verächtlich schleuderte er das Holzscheit, das er gerade in der Hand hielt, von sich. Sicher schoß es vor seinen Augen zusammen. Marie hatte von Anfang an der Vergrößerung seines Besitzes widersprochen, nie recht zu ihm, ihrem Manne, sondern immer zu andern, vor allem dem Freirichter gehalten. Sie war sogar vor dem ersten Zank nicht zurückgeschreckt, um aus Rücksicht auf Wende die Anpflanzung der Turmpappeln zu verhindern. Der Schuster, vor dessen vorurteilslosen Augen sich die Deutung des Frevels so zwanglos vollzog, hatte trotz seiner Sympathie mit Marie ohne Wissen niemand als sie mit dem Verdacht der Täterschaft beladen. Vorsichtig und langsam stellte der Klumpen den zerstreuten Holzstoß wieder auf und ging in die Stube. Die Essenszeit war herangekommen. Er dachte, daß es vier Stunden im Schuppen gedauert habe, und beobachtete unauffällig Marie, die mit unsicherer Hast, bleicher als sonst, ab und zu ging und vermied, mit ihren Augen den Blicken ihres Mannes zu begegnen, die sie auf sich ruhen fühlte. »'s is dir schon recht, zerstoß dir meinetwegen de Beene«, sann der Lahme, ihre Unsicherheit bemerkend, und langte nach dem Löffel, als der Schuster eintrat. »Na komm«, sagte er zu dem Eintretenden, »setz' dich her und iß. Wir haben's verdient, wir halten zusammen.« Trotz aller Lustigkeit in der Zustimmung merkte er seinem Freunde auch eine Frostigkeit, eine Gedrücktheit an. Das war ihm unbegreiflich, und nachdem er gedankenvoll einige Löffel Suppe geschlürft hatte, sprach er in das taktmäßige Klappern der Blechlöffel: »Guste, was is dir denn? Du tust ja grade, als hätt'st du heut nacht dei Messer durch Pappelholz gezogen!« Des Schusters Augen hafteten an der Schüssel, er schwieg und verzog dann das Gesicht zu einem Lächeln. Um das Gespräch auf ein ruhigeres Gebiet zu führen, begann Klose die jüngste Schmugglergeschichte des krummen Rathmann Bene vom Berge zu erzählen. Der Lahme hörte mit halben Ohre zu, blickte in der Stube umher und schaute dann zum Fenster hinaus, sah die Blutbretter am Brunnen, warf den Löffel auf den Tisch und schrie unbekümmert um des Schusters Erzählung in dumpfem Zorne: »Da soll man milde sein und sanfte, wenn eem so was passiert ei seim Hause!« Marie wurde rot und blaß, der Löffel in ihrer Hand zitterte. Sie öffnete den Mund zum Reden, brachte aber kein Wort über ihre Lippen. Klose trat ihn mit dem Fuße und machte ihm mit den Augen ein Zeichen, sich zu mäßigen. »Karla«, begann endlich Marie, »Guste hat mir gesagt, um was es sich handelt ...« Sie wurde von dem Eintritt des Postboten unterbrochen, der einen Brief vor den Lahmen legte und eilig verschwand. Exner erbrach das Schreiben, sah eine Weile hinein, und da er des Lesens nicht recht kundig war, reichte er das Papier dem Schuster. Dieser machte Miene, es Marie zu geben. »Du liest!« rief Exner mit einer Leidenschaftlichkeit, der sich Klose fügen mußte. Der Schuster las: »Steindorf, den 17. Juni l883. Dem Feldgärtner, Herrn Karl Exner, zeige ich hierdurch an, daß binnen acht Tagen die Steine von meiner Wiese durch ihn oder seine Leute weggeräumt sein müssen, widrigenfalls ich gerichtlich gegen ihn vorgehen werde. In derselben Zeit sind von dem oben Genannten an mich zehn Mark zu entrichten als Schadenersatz für vernichtetes Gras auf eben dem Felde. Joseph Wende, Freirichtergutsbesitzer.« Der Lahme saß eine Weile wie starr, riß dann mit rauhem Lachen den Brief aus den Händen Kloses und steckte ihn ein. »Nach, Marie, biste denn im endlich zufrieden?« fragte er und sah sie mit verhaltenem Grimm an. Dem jungen Weibe stürzten die Tränen in die Augen. Sie stand auf und taumelte hinaus. Der Lahme stieß den Tisch von sich und begann in der Stube erregt auf und nieder zu holpern. Der Schuster war aschfahl geworden und stierte regungslos auf seine Hände, die vor ihm auf dem Tisch lagen, dabei kaute er an dem Schnurrbart. Plötzlich, wie auf einen unvorhergesehenen Stoß, sprang er auf, riß die Mütze am sich und lief wie gehetzt davon. 13 Seit diesem Vorkommnis wurde der Schuster Klose nie wieder nüchtern, kam nicht mehr in das Haus seiner Mutter und mied auch das Gehöft des Lahmen. Er war wie von einem bösen Geiste besessen. In Stuben benahm er sich scheu, als seien es Gefängnisse; vor allen Leuten mit geregelter Lebensweise hatte er einen Abscheu, wie wenn sie geheimen Verbrechern ergeben seien. Immer ging er gesenkten Hauptes einher, murmelte Unverständliches vor seine Füße, blieb oft stehen und begann unter leidenschaftlichen Armbewegungen mit einem Unsichtbaren Streit, den er mit reuevollen Schlägen vor die Brust beendete, wie der Christ seine stille Andacht schließt. Er hatte die halb erloschenen Augen eines angeschossenen Wildes, und sein Gesicht erschütterte trotz der Verwahrlosung, denn es war ganz mager geworden, erdfarben und tief gefurcht wie das Antlitz eines fanatischen Büßers. Sobald er angetrunken war, verfiel er in einen Paroxysmus der Selbstpeinigung, schlug sich mit Fäusten, raufte sich die Haare, rannte durch Dornhecken und saß dann weitab von allen Menschenwohnungen auf dem einsamen Felde, weinte, wehklagte und flehte zu Gott um Gnade mit weithin schallender, beschwörender Stimme, um dann wohl plötzlich aufzuspringen, durch die Gassen der Dörfer zu laufen und die Schar der Neugierigen um Lästerungen, Steinwürfe und Anspeien zu bitten. In einer bewölkten Mondnacht wollte der alte Förster Knolle gesehen haben, wie er in weitem Bogen unter näselndem Selbstgespräch um das Höfchen des Lahmen geschlichen sei. Alle hielten ihn für verrückt, und einige meinten, die andauernde, außergewöhnliche Hitze sei viel schuld an dieser plötzlichen Verwirrung seiner Seele. Denn Tag um Tag schwammen die Waldberge der Grafschaft in zitternder Glut. Sie sahen aus wie Riesenlasttiere, die, halb von grauem Sand verschüttet, fern durch eine endlose Wüste schreiten; immer in Bewegung, immer an einen Platz gebannt; kein Lufthauch der Kühle; der Himmel aschfarben, von vertrocknetem Blau. Die Sonne sah wie durch eine abgestorbene, zerstörte Unendlichkeit auf die Erde. Nur hin und wieder hob dorrender Ost seine Schwingen und flog durch die Windungen des Warthapasses mit einem feinen Sausen herein, das klang wie das Pfeifen schneidender Sensen, dann sank das wenige Gewölk wie gemäht dahin und zerfloß am Himmel zu einer kochenden Glut. Von den Obstbäumen fielen die unreifen Früchte welk und gelb in das ausgebrannte Gras. Der Wald heulte im Nachtwind auf wie ein verschmachtender Löwe. In den kleinen Rinnsalen lag Staub, die reichsten Quellen gaben das Wasser in Tropfen. Die Hitze ging knisternd durch das notreife Getreide. Die Türme läuteten um Regen. In den Kirchen knieten zu allen Stunden Menschenhaufen und riefen in furchtsamem Glauben endlose Litaneien. Die Bildstöcke und Kapellen der Felder und Kreuzwege waren mit Kränzen behängen, Weiber kauerten auf Steinen davor und hoben die Hände empor, die Männer gingen vorüber und bekreuzigten sich. Der Geistliche trug das Allerheiligste in den Fluren umher, sprengte das geweihte Wasser aus und sprach in das Rauschen der bunten Kirchenfahnen den uralten Wettersegen: es war alles umsonst. Die Erde klaffte in breiten Rissen, als schreie sie zum Himmel um Hilfe; die dürren Blätter fielen dichter, der Wald lag grau auf den Höhen und stöhnte von Zeit zu Zeit, als liege er in den letzten Zügen; die körnerlosen Schwingel des Hafers flatterten wie winzige Bettlersbeutel; den Vögeln war das Lied in der Kehle vertrocknet; die Hoffnungslosigkeit saß an den Wegen; in den Häusern webte die Verzweiflung, und scheu begab man sich an die Ernte, als gälte es nicht Segen, sondern Fluch einzuheimsen und auf den Böden aufzuschichten, damit er des Lebens Speise werde. – In diese schwere Zeit fiel der Beginn des Prozesses, den der Freirichter gegen den Lahmen angestrengt hatte, weil sein Brief ohne Antwort geblieben war. Exner lachte über die ersten gerichtlichen Zustellungen unbändig und quittierte dem Postboten den Empfang, als sei es eine wichtigtuerische Kinderei. Das sah dem »Nagelschmiede« ähnlich. Mit solchen Papierfetzen wollte er ihm bange machen, ihm, dessen Arme im Walde das schwerste Klotz ins Rollen brachten! Guten Mutes trabte er zum ersten Termin und dachte unterwegs an seinen kurzen, siegreichen Kampf mit dem Grauen. Das steigerte noch seine Zuversicht. Wie zu einem fröhlichen Faustkampf, dessen glatter Ausgang nicht zweifelhaft sein konnte, stieg er die breiten Stufen zum Amtsgerichte empor. Aber nach einer halben Stunde war in der kahlen Gerichtsstube sein strotzendes, heißes Recht arg mitgenommen. Die Feder des Schreibers durchstach es, von endlosen Reden ward es dünn gewalzt, von hinterhältigen Finten beschmutzt. Es nutzte nicht viel, daß er es immer wieder trotzig aufstellte. Der Richter verwies ihm endlich sein ungebührliches Betragen und drohte mit Einsperrung, wenn er weiter durch beleidigende Ausfälle die Würde der Verhandlung verletze. Dann nahm das verwirrende Fragen und Reden seinen Fortgang. Am Ende war sein Recht ein Schemen geworden, und nur die Schlauheit des Rechtsanwaltes hatte ihn vor einer vollständigen Niederlage errettet. Zum erstenmal in seinem Leben griff eine fremde Hand rücksichtslos in die Zirkel seiner Begierde. Er mußte sich dem Spruche Dritter fügen, die sich um ihn soviel wie um jeden anderen kümmerten. Und als er auf dem Heimwege sich die Einzelheiten der Verhandlung ins Gedächtnis zurückrief, fand er, daß alles von Willkürlichkeiten und Verdrehungen nur so strotzte. Da kam er in einen wahren Rausch des Zornes und der Rache, der erst nach Tagen in eine Schwüle überging, die sich über sein ganzes Fühlen und Denken breitete und jener dumpfen Hitze sehr ähnlich war, welche seit Wochen die ganze Erde ausdorrte. Es war ein verborgenes Fieber, eine geheime Krankheit seines gewalttätigen Geistes. Er schritt in Haus und Feld umher mit Augen, die von beständigem Lauern glommen, mit einer Stirn, die wegen wilder Gedankenarbeit ihre Wulsten nie verlor. Die schmalen Lippen des unschönen Mundes bebten beständig von verhaltenen Schimpfwörtern, die Haare wirr, die ganze Haltung zerknüllt in Verdrossenheit: so wurde er von der eingedämmten Wut ruhelos auf seiner Scholle umgetrieben. Seine Sucht nach Rache vermengte sich mit der Hoffnung auf Regen, und es hatte sich in ihm der Glaube herangebildet, daß sein äußeres und inneres Mißgeschick unauflöslich verkettet seien. »Wenn's och regnete«, sagte er oft zu sich, wenn er um Fenster lehnte und nach dem Himmel um Gewölk ausschaute. Aber die Entladung seiner Seele kam unvermutet. An einem Abend stand der Lahme in der Mitte des Zimmers und hörte aufmerksam auf den Ton des Windes. Es war ein tiefes, ruhiges Rauschen, in dem sich die erschlafften Zweige der Bäume schaukelten, als hörten sie tröstenden Zuspruch. Manchmal trieb der Wind gegen die Scheiben, daß es prickelte, als regne es. Marie saß an dem Tisch vor einer kleinen, offenen Petroleumlampe über eine Näharbeit gebeugt. »War's nich, als ob's regnete?« fragte Exner dumpf. Das junge Weib hob den Kopf und lauschte: »Nee, es treibt Sand gegen die Scheiben«, antwortete sie und fuhr fort, emsig zu nähen. »Da sitzste und stichelst in den Fetzen rum!« sagte er vorwurfsvoll. Dann herrschte eine entseelte Stimmung in dem Raume. Auf der Ofenbank kauerte die Katze, und ihre grün schillernden Augen stierten regungslos auf den kleinen Lichtkreis, die Uhr pendelte in zähen, ruckweisen Schlägen. »Ein glücklich Jahr, das muß man sagen, ich kann zufrieden sein. Meenste nie?« fragte der Lahme in Bedürfnis nach Zank. Marie war ihrem Manne gegenüber zu der unveränderlichen, herben Geduld gekommen, mit der starke Naturen ein unverschuldetes Geschick auf sich nehmen. Sie schwieg eine Weile, als sinne sie nach, und antwortete dann mit der ruhigen Gegenfrage: »Kocht's über unserm Felde alleene?« »Als wenn ma mehr hätt', wenn andre au nischt han!« Der Lahme lachte gereizt. »Red' nich aso, daß uns Gott nich noch schlimmer heemsucht. Denk lieber, was sollen die Armen machen!« »De Armen! Die! Wer nischt hat, kann nischt verliern. Du bist mir ein sauber Weibla!« »Tu ich etwa noch zu wen'g? Da sieh meine Hände!« Das junge Weib hielt ihm ihre Handflächen hin, die rauh und rissig wie Baumrinde waren. Der Klumpen lachte roh auf, drehte sich um und verschwand unter Verwünschungen in der Schlafkammer. In leidenschaftlichem Eifer riß er sich förmlich die Sachen herunter, warf sich auf sein Bett, kehrte das Gesicht gegen die Wand, und nicht lange, so war die Finsternis vor seinen Augen ganz rot vom Zorn der Seele. Die Gestalten seines Handels mit dem Freirichter liefen auf und ab vor ihm, und er redete zu ihnen von der Kommission, die in den nächsten Tagen eintreffen und die Begrenzung untersuchen sollte. Er redete zu ihnen kochende Worte, wilde, haßerfüllte Laute. Allmählich kam ein Schaukeln über ihn, aus dessen Stößen Schatten quollen, die langsam alles verhüllten. So schlief er ein. Da war es ihm, als nähere sich von ferne das satte Rauschen, das dem Regen vorhergeht, und es kam näher und hörte sich an, als sei manchmal das Klatschen fallender Tropfen darunter. Er tat das Ohr seines Traumes ganz weit auf und überzeugte sich, daß er sich nicht getäuscht habe. Ganz deutlich rieselte das Rauschen über sein Dach, und die Tropfen sielen durch das trockene Geblätter, erst einzeln, dann schneller und häufiger, bis sie jenes Summen hervorbrachten, mit dem ein gut eingerichteter Landregen herniedergeht. Und wie er voll Glück doch zweifelte, um wieder eigen hinhören zu können, vernahm er langgedehntes Klagen, wie es dem Munde von Kindern entströmt, die schon müde vom Weinen sind. Es wandelte wohl jenseits der Mauer auf und nieder, manchmal von den Stößen des wuchtenden Windes verschlungen, manchmal deutlich vernehmbar, wenn auch nicht stärker. Der Instinkt der Furcht riß den Halbwachen in die Höhe und setzte ihn aufrecht ins Bett. Gespannt, eine halbe, betäubende Ahnung in der Seele, lauschte er hinaus. Alles vollständig still. Kein Regensummen, kein Tropfenfall, kein Rauschen über dem Dachfirst. Es war alles Täuschung gewesen. Exner schüttelte verwundert den Kopf darüber, daß der Mensch so deutlich träumen könne, und war eben im Begriff, sich wieder in die Kissen zu legen, als dieses eigentümliche Klagen wieder begann: wie verschmachtend, im Zittern großer Angst verloren, dann schluchzend, als schlürfe ein Ertrinkender Wasser, und dann in wirren Lauten der Verzweiflung hinbrodelnd. Wahrhaftig ... nun stand es gar unter seinem Fenster, und die seltsamen Töne strebten an den Scheiben empor wie vibrierende blasse Geistersinger. Darauf entfernte es sich. Nun wimmerte es in der Stube, nun auf der Stiege zur Sommerstube, nun über ihm auf dem Boden. Dabei war es, als schlürften weichsohlige Schritte auf und nieder. Dem Lahmen pochte das Herz. Er sank um, vergrub das Haupt in den Kissen, drückte die absterbenden Fäuste an die Schläfe und murmelte in kalter Angst: »'s Klagemütterla. Das is 's Klagemütterla. Was wird's och bloß noch alles haben ei meim Hause.« Der graue, rätselhafte Geist, an dessen Dasein noch so viele Grafschafter glauben, hatte sich bei ihm eingestellt. Sein Wimmern verkündet Verlust, Krankheit, Tod, alles Elend. Mit langen Gewändern angetan, das Gesicht verhüllt, schlürft es auf und ab. In die Höhen, aus denen es stieg, entschwebt es wie ein Schatten, der entsteht und vergeht, und läßt nichts zurück als unsichtbare Gleise, denen das verfemte Menschenleben zur Qual unrettbar verfällt. Lange lag der Lahme in eisiger Betäubung, über seinen Körper liefen Schauer. Ein milder Laut, der aus der Wohnstube drang, brachte ihn jäh zur Besinnung. Ohne sich anzukleiden, sprang er auf und riß die Tür auf. Die Petroleumlampe war ausgelöscht, dafür brannte das Ampelchen vor dem Muttergottesbilde in der Ecke. Sein rötlicher Schein floß nieder und breitete sich wie erstes Morgenglühen über sein Weib hin, das auf den Knien davor lag und die Hände zum Gebet erhoben hatte. Sie kehrte ihm ihr bleiches Antlitz zu und sah ihn mit schimmernden Augen fragend an. Der Klumpen bot einen wilden Anblick: seine Haare hingen wirr in das Gesicht, das noch entstellt war von dem Schrecken; sein Auge stammte. Marie konnte den Anblick nicht ertragen und wandte ihr Gesicht ab. »Hast du's gehört?« fragte er bebend. »Was denn?« »Du willst noch streiten!« »Ich weeß vo nischt; ich hab' gebet't, du siehst ja.« »Du – du – erst steckste mit'm Freirichter unter eener Decke, danach –« »Ich!« »Ja, du! Was brauchst du vorm Freirichter Angst zu haben wegen den Pappeln, und solche Zettel schreibste!« »Ich, een Zettel schreiben!« »Du hast den Zettel geschrieben: ›Zum Freirichter Exner‹, du, sonst niemand.« Da sprang das junge Weib auf und trat vor ihn hin. »Du bist mei Mann, und ich sollte dich schlecht machen?« »Dei Mann? Der Klumpen bin ich dr, über den du dich immer lustig gemacht hast. Ich bin kee Zaunpfahl, wenn de mich geschnitten hast, ich hab' wohl geblut't.« Nun sagte er den Grund seines Mißtrauens gegen Marie. Diese senkte schuldbelastet ihr Auge. Das stumme Geständnis eiferte den Zornigen noch mehr an. »Das haste all's getan!« schrie er. »Und jetze knieste hin und betest mir's Klagemütterla of a Hals! Runter mit der Tocke vom Brette, runter, bale räumste alles naus!« »Das bleit, das is mei Gott!« Marie trat dem Wütenden fest entgegen und breitete ihre Arme schützend aus. »Dei Teufel is!« Er stieß sie zur Seite, daß sie gegen den Ofen taumelte. »Ich bin Mutter, Karl«!« schrie sie und raffte sich von dem Falle wieder auf. Der Lahme aber ließ sich nicht hindern, ergriff seinen Knotenstock, sprang in die Ecke und hieb mit einem Schlage Eckbrett, Muttergottes, Engel und Lämpchen unter den Tisch. Nachdem er so die Mächte in Trümmer geschlagen hatte, mit denen sein Weib im stillen gegen ihn im Bunde war, redete er auf das leise Schluchzen in die Nacht hin: »Und daß ich das nich mehr seh' ei meiner Stube!« und kehrte in die Schlafkammer zurück. Marie rührte sich nicht auf der Ofenbank, wohin sie gesunken war. Sie hatte die Hände vor das Gesicht gepreßt, um nicht zu sehen, und heiße Tropfen quollen zwischen den Fingern hervor. Trotz einer wirbelnden Betäubung, die auf ihr lag, sah sie unverrückbar in der Finsternis vor sich eine häßliche, drohende Männergestalt mit langen, mageren Beinen, Armen, die bis weit über die Hüften hingen, einen unförmlichen Kopf, in dessen Gesichtsrunzeln blinzende Äuglein wie giftige Kröten krochen. Lange spärliche Haare hingen über hüglige Schläfen. Sie rang gegen das Bild des Lahmen, das ihre mißhandelten Nerven verzerrt vor sie hinstellten; aber hartnäckig schuf es die Phantasie von neuem, wenn es der Wille kaum unterdrückt hatte. Da glitt sie zu Boden auf ihre Knie und betete: »Ach du mei himmlischer Gott, zerschlagen liegste eim Staube; aber mei Herze trägt dich wie a linde Tüchla. Du strafst mich harte. Ich wollte Glücke und Geld und a gutes Leben; aber ich weeß wohl, durchs Elende kommt ma zur Freede. Zerbrich mich wie 'ne Schale, bloß über mei Kindla erbarm' dich.« – Dann rutschte sie unter den Tisch und sammelte die Muttergottesfigur und die Engel in ihre Schürze. Sie küßte jedes Stück. Darauf tastete sie sich vorsichtig zur Tür hinaus, über die Stiege, auf den Boden und vergrub sie in das Heu. Aber die verzerrte Männergestalt wich nicht aus der Finsternis vor ihr. Wie sie auch dagegen kämpfte, im Banne ihrer Häßlichkeit stehend, starrte ihr Geist immer darauf hin, und dieses geheimnisvolle Mark des Lebens, von dem alles ausgeht, prägte sich die Formen der Wahngestalt unter Qualen ein. Der würzige Duft des Heues betäubte endlich ihre Sinne, daß sie einschlief. 14 Exner ging einige Tage unter dem Einfluß, den das Erscheinen des Klagemütterchens auf ihn ausgeübt hatte, wie zerschlagen umher. Wenn er zur Arbeit schritt, so sagte er sich, es nutzt nichts, es geht alles verloren. Dann fiel ihm jede Bewegung schwer, als liege auf der Last, die er zu heben hatte, unsichtbar eine noch viel größere. Aber diese tiefe Mutlosigkeit hielt doch nicht lange bei ihm an. Sie verließ ihn bald, denn trotz der trüben Ahnungen wendete sich alles zum Besseren. Der Regen, auf den alles verzweifelt wartete, bereitete sich vor. Gewölk ballte sich über den Kämmen, aus den Löchern stieg Kühle. Die Sonne lag von dem langen Brande wie erschlafft in der Höhe; die Buchfinken stießen lange, klagende Rufe aus; die Schwalben schnellten dicht über der Erde hin, und als es endlich regnete, klang es allen wie das Kichern des Glücks. Dann wurde das Wetter wieder milder. Auch der Fortgang des Prozesses stimmte den Lahmen wieder zufriedener. Der Lokaltermin war ergebnislos verlaufen; man hatte keine Grenzsteine gefunden. Auch auf dem Katasteramte konnte man keinen Bescheid geben, weil seinerzeit auf der Flurkarte die Abtrennung der Exnerschen Parzelle von dem Freigute nicht vermerkt worden war. Das Gericht schlug den streitenden Parteien einen gütlichen Vergleich vor, nach welchem Exner die Steine auf die Mauer räumen und Wende auf die Schadloshaltung verzichten sollte. Die entstandenen Kosten waren von beiden zu gleichen Teilen zu tragen. Da kam man schön bei den Hartköpfen an. Wende lachte nur heiser, der Klumpen polterte von: Nicht einen Finger breit nachgeben; für immer ein Ende machen; nicht einen Dantus geben, und verließ die Versammlung. Nach einiger Zeit erhielt er ein gerichtliches Schreiben, worin er aufgefordert wurde, die ganze Steinmauer fortzuschaffen, da das Vorhandensein von Grenzmarkierungen unter dem Rodewalle durch Zeugen auf das entschiedenste behauptet werde. Es fand abermals ein Termin statt. Das Zeugnis der beiden alten Männer, welche von der Existenz der Grenzsteine wissen wollten, wurde von dem Rechtsanwalt Exners als befangen angefochten, weil sie Zeitarbeiter auf dem Freigute waren. Nach manchem Hin und Her übernahm endlich der Freirichter die Beseitigung der Mauer mit der ausdrücklichen Bedingung, daß Exner die Kosten dieser Arbeit tragen solle, wenn Grenzsteine unter dem Walle gefunden würden. Der Lahme stimmte sehr gern zu, denn er war sicher, daß man Beweise ehemaliger Grenzregulierung nicht finden würde, und hoffte schon im stillen, den schmalen Wiesenstreifen dann auch in Besitz nehmen zu können. Am meisten litt sein Weib unter dem Streit. Auch nachdem er sie ihres Gottes beraubt hatte, wurde er nicht sanfter. Allen Grimm, den er bei einer unangenehmen Wendung des Prozesses in sich aufsteigen fühlte und doch über die nicht ausschütten durfte, die ihn hervorgerufen hatten, ließ er an seinem Weibe aus. Sie mußte in der Nacht aufstehen, um Flur und Stube zu fegen. Er warf Teller und Schüsseln zu Boden, wenn ihm das Essen nicht mundete. Nun ging sie ihm zu gefirre, nun zu lahm, nun sollte sie lachen, nun nicht so mucksch tun. Bald trug sie das Haar zu städtisch, bald war sie zu bleich. Jeden Blick, jeden Schritt, der anders ausfiel, als er sich dachte, empfand er als Äußerung der Widerspenstigkeit, wozu sie wegen ihrer Machinationen gegen ihn doch wahrlich kein Recht hatte. Die Leute, denen das Schicksal Maries nicht verborgen blieb, schüttelten die Köpfe, daß der herbe Stolz dieses jungen Wesens so plötzlich in das Gegenteil sich verkehrt hatte. Sie ließ sich nirgends sehen, mit niemand suchte sie zu reden. Selbst Joseph und Käthe, diese beiden immer guten Menschen, mied sie, wie um ihrem Manne nicht Anlaß zu neuen Bedrückungen zu bieten. Sie kam nach Beginn des Gottesdienstes, betete, ohne das Haupt zu erheben, und verließ entweder vor Beendigung der heiligen Handlung oder hinter dem letzten Gläubigen die Kirche, damit niemand sie anrede. Rief ihr jemand zu, so schrak sie sichtlich zusammen. Dann aber sah sie mit ihren blauen Augen auf, die noch größer geworden waren und einen krankhaften Glanz trugen. Sie blickte wie ans einer fremden Welt. Nie kam eine Klage über ihre Lippen, hartnäckig steuerte sie jedes Gespräch von bedeutsamen Dingen ab und sprach über Alltäglichkeiten mit einer ernsten, wie hinschwebenden Stimme, und obwohl ihre Worte fest und bestimmt klangen, so fühlte man ein Zittern darin wie die Bewegung trockner Grashälmchen. Aber wo sie ging und stand, rüttelte ihre Seele an dem Geschick des Lebens. »Warum hast du mich zu ihm getrieben? Willst du etwa, daß ich so leide?« fragte sie Gott in ihrem Herzen. Der Unbegreifliche antwortete mit neuen Qualen durch ihren Mann. Da schrie sie auf, jenen seelischen Schrei, in dem das Herz wie durchbohrt stockt und die Gedanken wie im Irrsinn wirbeln. Aber niemand hörte ihr Verzweifeln. Es wurde ihr nur dunkel vor den Augen, sie aß nicht, sie schlief nicht und arbeitete wie in Raserei. Dabei lächelte sie immerfort. Das war ihr Schrei. Als sie wieder zu sich kam, war das Antlitz Gottes verwandelt. Aus dem sicheren Manne ihres kindlichen Bekenntnisses war eine unbegreifliche, unermeßliche Macht, ein Meer geworden, auf dem ihr Leben wie ein losgelöstes Blatt umhertrieb. Da sah sie arg um sich und bemerkte, wie das Leben der andern, an unverrückbare Seile gekettet, dahinglitt. »Warum mir das, diese unendliche Not, nach deinem Befehle, Ewiger?« Und je länger sie auf ihr Schicksal schaute, auf dieses notwendige Verknoten wirr einhergehender Fäden, machte sich eine unfaßbare Sicherheit in ihr auf, eine Furcht, die in der letzten Tiefe eine Süße war. Sie glitt in die blühende Dämmerung einer mystischen Gottnahe, die aus jedem Zweifel eine neue Inbrunst gebar, aus jeder Lockerung eine festere Verknüpfung; jede Not ward die Verheißung einer Freude. So wuchs die Sicherheit in ihr, von der Vorstellbarkeit wie durch ein dunkles, bodenloses Wasser getrennt, in dem alle Konturen erlöschen, alle Farben sich auflösen. Manchmal war es, als tauche ein Gesicht aus den Abgründen in ihr auf. Aber wenn sich ihre Seele bückte, es zu deuten, zerfloß es, und sie ging wieder einher, doppelt bedrängt von dem Elend ihres Lebens und der dumpfen Schwermut der Schwangeren. Dann fühlte sie mehr als je sich jeden inneren Haltes bar und sah darin die gerechte Strafe dafür, in jener wilden Nacht der Vertreibung Gottes durch ihren Mann nicht mit dem ganzen Leben gegen die Untat gerungen zu haben. Mit dem Schatten dieser Stunde stieg das fratzenhafte Wahngebilde in ihrer Erinnerung auf, das in jener Nacht sie so gefoltert hatte. Es stand nicht deutlich vor ihr. Alle Gänge der Seele waren vielmehr mit seiner Verzerrtheit behaftet, schimmerten in dem blöden Lichte seiner Augen und hallten wider von den trägen, zähen Lauten seines unschönen Mundes, als sei es nicht mehr eine Bedrängnis von außen, als habe es die Wiege ihres Wesens verunreinigt. In dieser Zeit der Niedergetretenheit ward sie auch oft die Beute tierischer Sinnlichkeit. Jeder höhere Gedanke erlosch. Als habe sie Scham nie gekannt, drängte es sie unter Mißachtung der persönlichen Würde nach Genuß bis zum Ekel. Am Ende blühte jedoch immer wieder aus den schaurigen Gründen, erst scheu und zitternd, dann in heißer Sieghaftigkeit die Süße ihrer mystischen Gottverbundenheit. Um dies innere Glück einmal ungestört ganz auskosten zu können, wußte sie es mit unauffälliger Schlauheit dahin zu bringen, selbst das Brotgetreide zur Mühle tragen zu dürfen. Diese lag im nächsten Dorfe. Von den zwei Wegen, die dahin führten, wählte sie den längeren Fußsteig durch den Wald des Freirichters, an Steinmauern vorüber, über einsame Felder. Die schönen Tage schienen an die Erde festgebunden zu sein, der Sonnenschein spielte versunken um die bunten Büsche, die weißen Wolken lagen regungslos, daß sie wie ferne Gebirge aussahen, und fiel ein Blatt, so tanzte es so selig durch die goldene Luft, als habe es der Mund eines verborgenen Kindes vom Strauch geblasen. Marie ging hindann, den Kopf zur Seite geneigt, und als wieder einmal ein Blatt herabtaumelte, ward ihr Sehnen Gesicht, und ihr Kindchen erschien an der linken Seite, das niedliche Mädchen, blondhaarig und blaugeäugt, lächelte und hüpfte neben ihr hin, ohne den Boden zu berühren. »Gell och, du bist mei Kindla, mei's, mei Engelchen, mei's ganz alleene? Komm, komm du och! Ich weeß wohl, vo wem daß du bist: solche Guckala hat bloß dr Himmelvater«, flüsterte das junge Weib im Rausch hoher Freude. Nein, nicht sein Kind war es, Gott hatte es ihr geschenkt, als Lohn für die treue Ausführung seines Gebotes. Ihr Mann war doch nur ein Werkzeug in Gottes Hand gewesen, die auch aus Felsen Blumen hervorbringt. Das stand fest, seine Hand sollte die Zauber ihrer Hoffnungen nicht zerstören. Bei ihm, doch abseits wollte sie sich mit ihrem Kinde eine Welt bauen, wo ihr gedemütigtes Leben sicher, frei und glücklich werden sollte. Plötzliche Müdigkeit, siechendes Prickeln, das ihre Beine starr machte, trieb sie, einen Sitz zu suchen. Weil der Petzdorfer Bildstock nicht weit von ihr war, setzte sie sich nicht in den Graben, sondern schleppte sich vollends bis zu den zwei geköpften Linden, vor denen eine Lattenbank eingerammt war. Schwer atmend kam sie hin, ließ die Bürde zu Boden gleiten, setzte sich und senkte den Kopf, um die abgebrochene Gedankenreihe weiterzuspinnen. Da erinnerte sie sich, vor einem Heiligtume zu sein, drehte sich heftig um und sank vor dem Bilde in die Knie. Es war auf Leinwand gemalt und in einen schwarzen Rahmen gezwängt, der von zwei Eisenhaken an dem Stamme der einen Linde festgehalten wurde. Die dargestellte Szene war sehr einfach. In einer nur andeutungsweise gegebenen Landschaft, über der ein ultramarinblauer Himmel lag, kniete ein Bauer, die Hände im Gebet erhoben. Sein langschoßiger Rock war schwarz, sein Gesicht blaß. Dem unbekannten Maler war es gelungen, etwas von der dumpfen Bauernseele in seine Züge zu legen. Die Augen des Mannes richteten sich verzückt auf eine Muttergottes, die, links oben, im Himmel schwebte. Nicht weit von ihr, in gleicher Höhe mit der göttlichen Erscheinung hing ein Vogel in der Luft, den man für einen Hahn mit ausgerupftem Schwänze hätte halten müssen, wenn seine Raubfänge nicht gewesen waren. In diesen trug er ein schwarzes Etwas, aus dem eine Menge ockergelber Käschen fielen, deren erstes dicht über der Nase des bäuerlichen Beters angekommen war. Darunter stand die Erklärung: »Zu schwedischer Kriegszeit lebte ein Bauer, Georg Tiffe, welcher sein Vermögen, einige Dukaten, in einem hohlen Baume vergrub. Wie er sein Geld erheben will, war alles weg. Was tat er? Vor Angst fiel er auf seine Knie, gelobte der schmerzhaften Muttergottes, ihr Bildnis zu bekleiden, wo er sein Geld findet. Da er so betete, kam ein Rabe geflogen, brachte das Geld im Schnabel und ließ es bei dem Männlein fallen. Der Mann erhob das Geld und brachte den anderen Tag einen Dukaten dem Herrn Pfarrer, Hochwürden Wendelin Kasper zu Alt-Walsdorf, der dafür dies Bild stiftete. Alt-Walsdorf, den 2. März 1645. Geh, O Krist, nicht an diesem Bildt vorüber! Bete, Marie hat geholfen und wird auch dir helfen in allen Nöten.« Von ihrem Mutterglück ganz eingenommen, konnte sie zu keinem Gebet kommen. Als Ersatz betrachtete sie das bekannte Bild genauer als sonst und las die Erklärung dazu, langsam, Wort für Wort. Die Anrufung am Schluß sprach sie halblaut und fügte aus eigenem Herzen noch ein Stoßgebetlein hinzu: »Ach, du mei Gott eim Himmel, barmherzige Mutter ...« Trockenes Lachen, ganz in der Nähe, ließ sie abbrechen und erschreckt aufsehen. Schräg hinter der Bank saß ein Mann auf einem Stein, vom Gesträuch verborgen. Nun sie schwieg, bog er sich auch vor und schaute auf sie hin. »Klose?« sprach sie in sein verwildertes Gesicht und fühlte, wie sich ihr Herz in Erbarmung zusammenkrampfte. Der Schuster bewegte bestätigend den Kopf und rührte seine verschwimmenden Trinkeraugen nicht von ihr. »Ma sieht dich ja gar nich mehr, Guste?« fragte sie, setzte sich an das Ende der Lattenbank und rückte ihre Bürde heran. Er zog sich wieder hinter den Strauch zurück und ließ abermals dies trockene Hohnlachen erschallen. »Du!« rüttelte sie um Antwort. »Ich bin ja immer d'rheeme«, entgegnete er endlich gleichgültig. »Ach nee, ich denk', du läßt dich gar nich mehr bei deiner Mutter sehn.« »Ebens deswegen bin ich immer d'rheeme.« »Schuster, was redst du denn eig'ntlich!« Er erhob sich, trat entfernt vor sie hin, damit sie ihn betrachte, und sagte dann: »Nu, da bin ich d'rheeme, wo ich auch bin.« Sein Rock war zerrissen. Ein zerknüllter Hut saß auf staubgrauem Haar, das über den Kragen herabhing. Als er jetzt Maries Augen auf sich fühlte, ward er unsicher und ordnete sich die Halsbinde, die ein buntes Taschentuch war, und lachte wieder. »Warum hast du denn vorhin gelacht?« fragte Marie, weil ihr vor Mitleid nichts anderes einfiel. Klose trat hinzu, hob die Bürde auf die Bank, legte sie zwischen das junge Weib und sich und nahm am anderen Ende mit den Worten Platz: »Wenn d'rs nischt verschlägt und du bist nicht böse, da setz' ich mich a weng.« »Warum, ja, ja, immer setz dich, aber was ich fragen will, warum läßt du denn den Packs nich liegen?« Der Trinker starrte lange auf die Erde und sagte dann: »Heiliges Mädla – heiliges Mädla«, sah sie an, fuhr mit dem Kopf wieder herunter und wiederholte noch einmal »heiliges Mädla«. Danach richtete er sich auf und antwortete: »Kleen is groß und groß kleen. Ein gutes Herze hat keen Kopp; aber 's steckt doch schon in dei'm Auge! Ja, ja! – 's is zum Lachen! Nahmen wr an, 's reg'nt, oder dr Wind geht, oder ein Feuer kommt übers Haus, in a Busch, cetera pee. Nich wahr? – Gut. Du kniest hin und hebst die Hände ei die Höh'. Nach? Hahaha!« Er sah sie überlegen an, stand auf, trat hin und her und setzte sich endlich wieder. Mit einer wegwerfenden Handbewegung begann er von neuem: »Hahaha! Haben wir alls gemacht, noch mehr! Gleichsam mit'm Geneipe mittendruf zu: Gesungen, geschlagen, ausgefrorn, gehungert, bis de Haare a so viel wußten wie dr Kopp, hahaha! aber nich locker gelassen, immer druf, immer druf, mittenrein ...« Kopfschüttelnd brach er ab und griff mit den mageren Fingern verzweifelt ineinander und vollendete dumpf: »'s reg'nt weiter ... 's reg'nt weiter ... deswegen heeßt's wohl auch: dr Teufel is manchmal ein Ziegenbock! Je mehr dich wehrst, je mehr a stößt. Laßt mich zufriede!« Er spuckte aus, stützte sich auf die Knie und starrte zu Boden, als sei er ganz einsam. »Aber Guste, dr Herrgott, denk' och! ...« Klose rührte sich nicht; er sah aus, als sei er zu einem Ballen Verschrumpft. Die Arme herabhängend, handverschlungen, zwischen die Knie geklemmt; der Kopf in die Achseln gedrückt; der Rücken gekrümmt, wie ein krankhafter Auswuchs. Lange hörte Marie nichts als den keuchenden Atem, der Verwachsenen eigen ist. Dann kamen Worte, stier, als rühre ein dürres Stäbchen im Leeren. Er schien sie wieder ganz vergessen zu haben und nur mit seinem Schicksal zu reden, zog sich unter widerwilligen Lauten auseinander, saß eine Weile in steifer Starrheit und begann dann dumpf auf seine Fußspitzen zu reden, die er auf und nieder wippen ließ: »Aber 's is noch nich gut ... nee, nee! ich spür's... es läßt nich locker ...« Gramvoll richtete er sein Auge zum Himmel und redete Gott selber an: »Das is a Müller! Eh' nich 's letzte Stäubla raus is, läßt der nich locker. Siehst du, wer ich eigentlich bin?« Mit dieser Frage wandte er sich plötzlich wieder an Marie. Dem jungen Weibe traten die Tranen in die Augen, da sie in dies gepeinigte erdfahle Antlitz sah, und sie brachte kein Wort hervor. »Marie! Siehst du's nich?« Seine Stimme zitterte in Angst. »Ein guter Mensch bist du ...«, antwortete sie mitleidsvoll. Über den Trinker kam eine tiefe Erregung, er stand auf und atmete, als sollte er ersticken, schickte sich an, zu entlaufen, sah sie verstört an, kam zurück und sank stöhnend auf seinen Platz nieder. Das junge Weib glaubte, Klose sei plötzlich wahnsinnig geworden, wagte aber nicht, sich zu entfernen, weil sie fürchtete, daß er sie dann anfallen und ihr ein Leids antun könne. »Gell, er stößt dich, daß de hinschlägst?« stotterte der Unglückliche vor sich nieder. Marie aber fühlte, daß er sie frage. »Er treib' dich nachts aus'm Bette, schmeißt dir's Essen of a Hals?« Marie zuckte mit keiner Wimper. »Alls weeß ich, alles!« endete der Schuster, als er aufgesehen und keine Zustimmung in Maries Gesicht wahrgenommen hatte. »Haha, und da willst du sprechen, ich war' ein guter Mensch! Heil'ges Madla... aber laß gut sein, es mag gehn, a so lange es geht, a mal kommt's über mich ganz, ganz, und ich Hab' eene starke Hand und lösch' alles aus ...« Seine Stimme war voll geworden, ein singendes, junges, süchtiges Schweben. Er hatte die Hände ineinandergeschlungen und nickte leise vor sich hin. Marie erkannte, daß er wieder bei Besinnung sei, erhob sich geräuschlos und nahm die Bürde auf den Rücken. »Behüt' dich Gott«, sagte sie, »und wenn du nich weeßt, wohin, unse Haus is hinterm Busch«, und ging davon. Der Schuster regte sich nicht. Erst als sie schon weit fort war, erhob er sein Auge und sah ihr lange sinnend nach. Das stille Licht des Herbstes rann über sein Antlitz, und es war, als lächelte er in seliger Gewißheit. 15 Sechs Wochen waren vergangen, die Kirmes von Alt-Walsdorf vorüber. Man befand sich im letzten Drittel des Oktober. Der Lahme hatte wieder einmal seinen guten Tag: er lehnte schon früh müßig am Brunnenhäuschen, nagte an der Unterlippe und kratzte mit dem Klumpfuß auf dem Bretterbelag. Es mochte gegen halb acht Uhr morgens sein, denn man hörte den Lärm der zur Schule gehenden Kinder von dem Kommunikationswege herüber und sich gegen den Erlengrund zu verlieren. Aus dem Walde stiegen Nebel und spannen sich in schwankenden Streifen zum Himmel auf, dessen schweres, einförmiges Gewölk sich immer mehr senkte, bis nur noch ein dünner Strich gelben Lichtes über der schwarzen Masse des Waldes lag. Bald war auch dieser spärliche Trost des Oktobertages verschwunden, und das Gewölk rann zur Erde wie trübes Spülwasser. Die Bäume auf dem Felde verschwanden, und die verborgene Sonne, die man zuletzt über dem Hedwigstein gesehen hatte, als gehe jemand mit einer Laterne die Berge hin, verbreitete eine bleiche Helle, gleich dem kümmerlichen Lichte einer Krankenstube. Der Lahme sah sein Haus undeutlicher werden, es war, als dringe aus allen Poren der Wände schwacher Rauch. Vor ihm und rechts der Wald des Freirichters: verschwommene, dunkle Wände. Wenn das Scheunen wären, sann Exner, und Ställe und Schuppen, was für ein Hof das sein müßte! Oh, es ließe sich wohl etwas machen! Nach einer Weile kam es ihm ein, das sei Tagedieberei, das Dastehen und Sehen, und er setzte sich langsam in Bewegung. Er ging an der Haustür vorüber, um im Schuppen Holz zu spalten. Da stand plötzlich der Schuster vor ihm wie aus dem Boden gewachsen. »Na, läßt du dich wieder amal sehn! Wo kommste denn her?« fragte der Lahme erstaunt. Klose senkte verlegen sein verschlafenes Gesicht, stotterte etwas und ging dann vorüber. Exner sah ihm hohnlachend nach, und weil in demselben Augenblick Marie auf der Türschwelle erschien, rief er spöttisch: »Siehch och, wir haben Besuch gekriegt.« Der Trunkenbold lächelte das junge Weib an, trat an den Brunnen, pumpte sich Wasser in die hohle Hand und begann sich zu waschen, wobei er mächtig sprudelte und prustete. Exner war zu seinem Weibe getreten und fragte sie: »Was will der Lumpen da?« »Ich weeß nie.« »Solche Bruder haben alle was an sich: die Kratze, Läuse oder so was.« Marie bewegte die Achseln. »Wo mag er denn geschlafen haben?« fuhr der Lahme fort zu reden. »Daß er mir aus'm Hause bleit; ich brauchte vrm Winter grade so een ...« Er konnte nicht vollenden, denn aus dem Nebel auf das Niederstück zu erscholl vielstimmiges Geschrei: »Gewonnen ... da is er ... haha! Fränzla, Hurra, Hurra!« Mehr konnte man nicht verstehen. Zum Schluß wurde einigemal in die Hände geklatscht. Der Schuster hatte beim Beginn des Lärmes seine Mütze vom Boden aufgehoben und schnell das Gesicht hineingetrocknet. Seine verwirrten, nassen Haare standen in Strähnen in die Höhe. So stand er da und horchte. Als alles still war, blickte er fragend zu den beiden zurück. Exner rief ihm zu: »Geh und siehch, was da für a Gepäcke is! Aber tu wie Tulpe. Ich schick dich nich.« Der Angeredete gehorchte wortlos. Marie nahm den Eimer, den sie niedergesetzt hatte, und ging in den Stall. Um die Mundwinkel des Klumpen spielte ein böses Zucken, und gespannt horchte er hinaus. Da hörte er übermütiges Lachen, woraus er schloß, daß der Schuster bei den Knechten angelangt sei. Einen Augenblick glaubte er, sie machten sich über ihn lustig. »Ich wer's 'n anstreichen!« sprach er und stürmte einige Schritt vor. An dem Brunnenhäuschen aber machte er halt und horchte wieder voll Erregung hin. Auf einmal wich der Nebel zurück, und das Feld lag klar da. Der Schuster stand mit gesenktem Kopf vor den drei Knechten, die eifrig auf ihn einsprachen. Dann hoben sie den Kopf und sahen herüber. Sie mußten ihn erblickt haben, denn wie auf Kommando schrien alle: »Haha, gefunden! Hurra!« Exner fluchte knirschend und rührte sich nicht. Als er den Kopf wieder etwas vorzubeugen wagte, sah er nichts mehr, denn der Nebel hatte alles verdeckt. Dann kamen stolpernde Schritte. Der Schuster stand vor ihm und sprach: »Nuch, die wern gleich trinken, Schnaps, zwee Liter. Die Knechte han gewett'! Und Fränzla, dr Elfer, hat se verbüßt. Er wollt's nie glauben, aber's seinr da, zwee, ich hab' se gesehn.« »Was denn?« »Steene.« »Steene?« Der Lahme wiederholte es mit verhauchender Stimme. Aber schnell besann er sich wieder und lachte verächtlich: »Steene! Haha! Nu ja, Steene! Da brauchten se nich zwee Monden fahren. Obendruffe hat's genug.« »Ach nu, Karl«, was ich dr sage, Grenzsteene!« entgegnete Klose. »Ich wer doch Grenzsteene kenn'; 's hat Kreuzla droffe, richtige Kreuzla.« Einer trat dicht an den Säufer heran und sah drohend zu ihm nieder. »Guste, geh nei ei die Stube, iß, trink und wärm dich. Aber das rat ich dir, das rat ich dir, verstehste mich? Se haben keene gefunden.« Damit ließ er ihn stehen und ging ins Haus. Der Schuster blieb zurück und sagte nach langem Sinnen leise vor sich hin: »Nu, ja, ja. Aber mag's sein, 's hat 'r eigentlich doch.« Rings begann das Geläut von Glocken. Das Gewirr von Kinderstimmen lief nicht allzu weit vorüber. »'s is Mittag, de Kinder komm' aus dr Schule«, murmelte er dann, schüttelte sich vor innerm Frost und ging zögernd dem Lahmen nach. Er fand ihn hinter dem großen, weißen Ecktisch vor einer dampfenden Schüssel sitzen und mit dem Löffel klappern. »Komm und setz dich«, sagte Exner und fuhr in seiner Beschäftigung fort. »'s wird Schnee aus dem Nebel kommen.« Mit diesen schüchternen Worten nahm Klose Platz. Der Lahme hob den Kopf. Aber der Blick seiner Augen war ausgelöscht, sein Gesicht blaß und leidend, von Zeit zu Zeit kam eine wilde Entschlossenheit darin auf und machte die groben Zuge kantig. »Hat'n der Schenke den Rathmann-Rappen wirklich gekauft?« fragte er und starrte vor sich nieder. »Ich weeß nich«, antwortete der Trinker und strich an seinem Schnurrbart. Der Lahme lachte böse auf. Endlich hob er den Löffel auf und begann begierig zu suppen. »Iß, Schuster! Franke bleit zeitlebens ein Esel«, sprach er zwischen dem Schlucken zu Klose, der mit abgewandtem Gesicht dasaß und nun trödelnd und widerwillig auch zulangte. Der Lahme aber warf den Löffel wieder hin, klemmte die Hände zwischen die Knie und verfiel in Grübeleien. Das folgende Gericht, gekochte Klöße in irgendeiner Soße, rührte er nicht an. Als ihn sein Weib schüchtern aufforderte, doch einmal zu kosten, richtete er sich auf, sah an ihr vorbei und redete rauh zum Schuster hinüber: »Guste, iß dich satt, a so viel, wie de kannst. Drnach gehste ei a Schuppen und hackst Holz kleen.« Der Angeredete nickte stumm, schluckte schnell alle dargereichte Speisen hinunter, dankte kaum hörbar und machte sich auf. An der Tür drehte er sich um und fragte: »Aber, Marie, wenn ich dir noch soll was machen, da brauchst de's bloß zu sagen.« »Nee, Schuster, nee, geh och.« Nach einer Weile scholl träges Schlagen vom Schuppen her. Der Lahme stand auf, ging erregt in der Stube auf und ab und warf verstohlene Blicke auf Marie. Als sie mit dem Melkgerät das Zimmer verlassen hatte, blieb er stehen und horchte. Nun fiel die Klinke der Stalltür in die Haspe. Er wartete noch eine Weile, dann schlich er leise zur Tür hinaus, an der Wand hin, in den Schuppen. Dort setzte er sich auf einen Holzklotz. Der Schuster drehte sich um, schlug das Beil ins Scheit und steckte die Hände in die Hosentaschen. »Willst mr helfen?« fragte er und ließ sich auf dem andern Holzklotz nieder. Exner atmete tief. »'s wird ein kalter Winter wern, Schuster«, sprach er nach einigem Sinnen und sah zum kleinen Türchen hinaus. »Ja, ja, 's kann sein, a trockner, denn 's sackt nischt wie Nebel raus.« »Wirste nich heemgehn?« »Was sollte ich'n dorte!« »Essen und schlafen.« »Nu ja, satt essen, a warm Stübla han, derheeme sein... siehch och, das is etzunder fr mich noch nischte. Es is no nich reif fr mich. Ich ha etz noch anders zu tun.« Dann trat langes Schweigen ein. Klose sah traurig vor sich nieder. In des Lahmen Gesicht arbeitete es. Darauf begann er mit leiser Stimme: »Möchst dr een andern Rock kaufen. De Hosen sein au zerlumpt. Aus a Stiefeln guckt 's Stroh.« »Ja, woher nehmen un nich stehlen.« »Ach, wer redt denn vo stehlen.« »Oder rauben, derschlagen.« »Das alls nich.« Wieder trat eine Pause ein. Dann begann der Lahme abermals gedämpft: »'s hat dich geforkelt, armer Kerle. Aber ich bin dei Freund.« Plötzlich wurde er erregt. »Bin ich ein schlechter Kerle, zahl ich nich meine Steuern, laß ich mei Weib hungern, ha ich nich Kühe wie de Bohlen... Schuster, bin ich nicht ordentlich, scharf un gerecht?!« Er war unwillkürlich laut geworden. Die Stalltür knarrte. Dann hörte man Schritte ans dem Hofe. »Schuster, hack, schlag, hau zu!« eiferte er. Dieser griff langsam nach dem Halme. Aber die Tritte verloren sich im Hause. Beide nahmen ihre vorherige Stellung wieder ein. »Karla«, fragte der Schuster, als alles wieder still war, den Lahmen, »is denn a Weib nich wie ne Katze?« »Da haste recht, wie ne Katze!« bekräftigte Exner, und in sein Gesicht gruben sich Falten einer bitteren Wut. »Ich meen', ma muß scheen' tun mit'r, wenn se eem Freede machen soll«, verwies es ihm Klose, senkte aber sogleich unter dem bohrenden Blicke des Lahmen verwirrt seine Augen. »Was willst'n du damit sagen, he?« fragte der Klumpen, und seine Stimme bebte in Zorn. »Kümmer ich mich etwa um deine Lumpenklaft oder dei Schwester, die Stoppelhengstpaule?« Dann saß der Ungefüge lange unbeweglich, und seine Augen lagen brütend im Leeren. Der Schuster hockte wie gezüchtigt auf seinem Platze. Endlich sah er den Lahmen unterwürfig an. Von diesem Blick ward die Stille zwischen den beiden leichter, und der Lahme nahm das Gespräch wieder flüsternd auf: »Siehch, Guste, ich bin dei Freund, ein richtiger Kerle – isnich aso? Du mußte mit solchem Zeuge »ich noch of mich neistoßen, nee! Siehch, 's hat bei mr Platz, ich schmeiß dich nich naus, und wenn du den ganzen Winter nich fortgehst. Kriegst essen, zu trinken, ich ha noch a gut Röckla, 's hat au noch Hosen und Stiefel ... Du machst a paar Handgriffe ...« Der Schuster wurde blasser, die Falten seines Büßergesichtes furchten sich einen Augenblick tiefer, dann bekam es den Schimmer von einer Seele, die ihre tiefste Sorge los wird. »Karla«, stotterte er, »wenn's em Gott eim Himmel hat, der lohn' dir's. Vielleicht, wenn's Frühjahr is, bin ich alls wieder los und laß den Draht fliegen.« »Nu aber sei vernünftig und verlaß dich nich wie ein Bock bloß of de Hörner. Verstehste, alls, was ich gesagt hab', bleit. Guste, war'n das Grenzsteene, die Freirichters Knechte gefunden han, war'n das Grenzsteene? Wenn du mich noch weiter ärgerst, ich weeß nich, was ich mache, ich erwürg' dich.« Exners Stimme zitterte; er war aufgestanden und hatte sich dem Schuster langsam genähert. Nun schüttelte er seine große Faust vor des Trinkers Gesicht, und seine Mienen entstellte eine tödliche Verzweiflung. Entsetzt wich der Säufer zurück. In Angst verwirrten sich seine Gedanken. Ohne daß er es wollte, hatte er schon geantwortet: »Nee, Karla, nee! Keene Grenzsteene, Steene wie alle andern, die der Herrgott wachsen läßt.« »Na siehste, das wüßt' ich ja, du Narrnsack! Is das etwan 'ne Sünde, wenn ich een Krappen vo Steen hierhin schmeiß oder dorthin, is Steen nich Steen? Könnten für die Klumpen nich andre dorte steh«? Haha! – 's is Nacht – dr Nebel steht – die Hacke geht leise – hinter dr Mauer gehn Leute, aber niemand sieht was – raus de Brocken, raus! – ei a Born – 's Wasser gluckt, siebzig Ellen tief – ma hört nischt fallen – ei a so eem Loche sehn drei Brillen nischte. De Spitzhacke lehnt hinterm Bornhause, wo de Blutbretter sein. Wenn dr Hahn kräht, is alles vrbei.« Der Lahme sprach fliegend; in seinen Augen lag eine bohrende Wildheit, so kalt, so entschlossen, daß des Verkommenen Seele davon betäubt wurde. Er sah nichts vor sich, in seinem Innern lag es wie summender Nebel. Eine dumpfe Empörung gärte in ihm, aber sein Wille war nach allen Seiten zerstoben. An seiner Statt wirkte ein fremder Drang, unerbittlich, starr. Schwer, wie im Zwang eines drückenden Traumes verloren, ließ er seine Hand in die dargebotene Rechte des Lahmen sinken. Als er sich umsah, war er allein. Er erhob sich eilig, zu entfliehen, kehrte vor dem Türchen um, ging zurück, setzte sich, stand auf, drückte das Beil aus dem Scheit, hob es, um zuzuschlagen, warf es hin und starrte lange auf den Holzklotz »...'s is Nacht«, murmelte er willenlos, »dr Nebel sieht – de Hacke geht leise – de Brocken raus – 's Brett is locker – dr Born is tief – ma hört nischt fallen...« er bebte, sein Herz gefror, aber sein Bewußtfein drehte sich, als sitze er auf einem sausenden Karussell, und wie er die Augen seiner hilflosen Seele über dies Tanzende, Graue schickte, tauchte eine Lichtgestalt aus der trostlosen Weite in ihm auf, kniete nieder, hob die Hände bittend und sah ihn aus großen Augen angstvoll an. Ihr Leib war von Züchtigung und Gram entstellt. Es war dasselbe Bild, vor dem seine arme Einsamkeit in Büßerqual, in peinvoller Inbrunst so oft stammelnd gelegen hatte. Noch einmal sah er hin in sich. Da wußte er, daß das, was er sollte, jenes war, was er wollen mußte. Bereit setzte er sich auf den Holzklotz, stützte den Kopf in die Hände und wartete. – Da rauschte der Wald auf. Nebel flog zur Tür herein: es dämmerte. Er hob den Kopf, sah prüfend hinaus und ließ ihn dann wieder sinken: es war noch zu licht dazu. Neben ihm, im Stall, begannen die Kühe zu stampfen, die Schweine rannten quiekend gegen die Bretter des Kobens. Dann sprach begütigend eine weiche Stimme. Darauf hörte er gleichmäßig die Milch in die Blechgelte plärren. Einigemal gingen noch die Türen. Der Lahme holperte in den Hof und kehrte gleich wieder ins Haus zurück. Dann war alles lautlos. Nur ein leises Nieseln in der toten, tiefen Nacht und vom Walde her ein wühlender Laut, als rühre sich ein Schlafender in seinem Bett. Der Schuster stand auf, fuhr sich unter einem tiefen Atemzug durch die Haare und schlich dann vorsichtig aus dem Schuppen. 16 Der Lahme hatte eine peinvolle Nacht. Wie – wenn der Schuster zu zeitig an die Arbeit ginge und seine Frau erwachte! Wenn in dieser stockfinsteren Nacht jemand von der Straße abkäme und auf seinem Irrwege den ahnungslosen Säufer zufällig ertappte! Was dann? Ihm wurde heiß, und vorsichtig streifte er das Deckbett etwas nieder, hob den Kopf eine Handbreit über das Kissen und lauschte gespannt. Aber nichts rührte sich. Durch die Pflaumenbäume vor den Fenstern ging ein streichendes Geräusch. Die Uhr in der Wohnstube verkündete die elfte Stunde. Oder, wenn der Schuster schlief, anstatt ihn zu retten, wenn er, der »Gelitterte, mit allen Hunden gehetzte«, das Weite gesucht hätte und dann umherginge und allen, die es hören wollten, von seinem Anschlage erzählte. – Bei diesem Gedanken erblindete seine Seele in Wut. Aber nein! Jetzt wurden schlürfende Schritte laut, hielten einigemal an und verloren sich in der Ferne. Nun ist er fort. Exner war es, als sei die Finsternis um ihn siedend geworden; aber er rührte sich nicht. Nach langer, langer Zeit nahten sich die Schritte wieder. Doch nun waren sie langsam und schwer, wie belastet. Vor dem Hause hielten sie an. Nach einer Weile entfernten sie sich wieder. Der Lahme überlegte: Die Steine müssen nicht leicht sein; er trug sie nicht beide auf einmal. Freilich nicht, er ist ausgemergelt vom Suff. Nun schlichen die Schritte abermals heran, schwer, zögernd – ganz wie vorher. Exner atmete auf. Gott sei Dank, nun war es bald vorbei! Dann sollte jemand auftreten! Er hatte recht gehabt, nun lag es klar am Tage, daß ... Plötzlich! Poltern von hohlliegenden Brettern. Ein banger Schrei – – Er fuhr, alles vergessend, in die Höhe und schrie: »Der Hund!« Sein Weib erwachte: »Karla«, was is dir'n!« Voll Schreck sank er leise zurück und begann laut und immer lauter zu schnarchen. Marie wälzte sich noch einigemal hin und her; dann erklangen wieder ihre gleichmäßigen, tiefen Atemzüge: sie schlief. Dem Horchenden schoß es durch den Kopf: Vielleicht glitt ihm der Stein aus der Hand und siel auf die Bretter. Ja, anders konnte es nicht sein. Aber der Schrei! Es war ein Schrei ... und dann: keine Tür hatte sich nachher gerührt. Klose mußte doch unter Dach schlafen; er konnte doch nicht im Freien nächtigen! Diese und andere Zweifel bestürmten ihn. Endlich machte er ihnen ein Ende: »Hol' dich der Teufel, Esel! meinetwegen schlaf' unter der Erde! Das beste wär's. Du hast nicht mehr verdient, und ich wär' dich los.« Er drehte sich gegen die Wand, schloß trotzig die Augen und schlief auch ein. Bald jagten furchtbare Träume durch seinen Schlaf. Er ging fortwährend zugrunde. Aus einem Tode fiel er in den andern. Bald stürzte er von einem Eisenbahnzuge, und die Räder zerfleischten ihn; bald versank sein Haus in einem Abgrunde, Flammen schlugen daraus hervor, und er verbrannte; bald war er auf der Flucht vor einem bleichen, schrecklichen Riesen, der mit einer Schlinge hinter ihm herlief, um ihn zu fangen. Denn er war ein Hagel gewesen und hatte das ganze Land verwüstet, eine Pest, die Tausende umgebracht hatte, eine Hungersnot, eine furchtbare Dürre. Dafür sollte er sterben. Alle Bäume, an denen er vorüberjagte, streckten blutrote Zungen nach ihm aus und langten mit den Ästen nach ihm. In Todesnot flog er auf die Berge, klammerte sich an die Sterne, setzte sich auf den Sturm, kroch in Höhlen. Aber der Riese fing ihn, warf die Schlinge um seinen Hals und schleifte ihn hinter sich her. Doch er starb nicht. Als die Steine des Weges schon alle von seinem Blute rot waren, raffte er sich auf, warf sich verzweifelnd auf den Entsetzlichen und rang mit ihm. Der Schweiß rann rauschend von seinem Leibe nieder, die Augen traten ihm aus den Höhlen. Zuletzt siegte er und zerstampfte den Ungeheuren mit seinen Füßen. Dann wuchs er, wuchs als Baum, als Stein, sah sich um, fand sich in seiner Stube am Walde und sprach dumpf zu sich: »Ich bin in der Hölle.« Da erwachte er, strich sich den perlenden Schweiß von der Stirn und schüttelte die grausen Bilder von sich. Doch kaum war seine Seele hereingewandelt und hatte ihren Vorhof, sein irdisches Bewußtsein, wieder erhellt, als er auch schon die Not seiner Lage sah. Er raffte die Kleider vorsichtig vom Stuhle vor seinem Bett, beugte sich über sein Weib, um zu sehen, ob sie schlafe, schlupfte im Hemd in die Wohnstube und kleidete sich hier an. Dann trat er vor das Haus. Im Westen hing der Mond. Sein rotes Licht wurde von einer weißen Dunstschicht gedämpft, die über den ganzen Himmel gebreitet lag. Es sah aus, als glühe verlöschendes Feuer durch lichte Asche. Die Bäume des Waldes waren von dickem Reif überzogen, der in dem trüben Licht glitzerte. Von allen Gegenständen gingen leichte, zerfließende Schatten aus, die ihre Wirklichkeit in einen Spuk verwandelten. In diesem Lichte tastete sich Exner nach dem Brunnenhäuschen und sah zu seinem Staunen den Born offenstehen und die Rodehaue danebenliegen. Geräuschlos brachte er das herausgehobene Brett in seine frühere Lage und verbarg die Haue im Schuppen. Dann machte er sich auf den Weg, um zu sehen, ob die Grenzsteine auch wirklich verschwunden seien. Klose hatte alles besorgt. Es standen Steine da wie alle andern, die Gott erschaffen hat. Beruhigt begab er sich in sein Haus zurück, denn die Helle im Osten hatte zugenommen. Auf dem Wege nach Erlengrund erklangen Schritte, und er sah einen Männerkopf im Takt des Ganges hinter der Steinmauer auf und nieder tauchen. Der Sicherheit halber kauerte er sich in den Graben. Die Schritte setzten auch einen Augenblick aus, dann strebten sie gleichmäßig weiter und verloren sich im Rauschen des Frühwindes, das ganz leise einsetzte, als wandle es schlaftrunken aus großer Ferne herbei. In der Wohnstube brannte Licht; sein Weib war also auch schon wach. Er guckte verstohlen hinein und fand das Zimmer leer. »Wo wird se sonst sein wie bei der Tocke!« murmelte er und meinte damit, sein Weib habe wieder heimlich ihren Gott aufgesucht. Wo aber mochte der Schuster sein? Exner suchte die Scheuer, den Schuppen, den Stall und, als er sein Weib wieder im Hause hantieren hörte, auch den Heuboden ab. Nirgends eine Spur von ihm. Wieder und wieder durchstöberte er jeden Winkel, jede Ecke. Der Gedanke, Klose habe sich absichtlich verborgen, um ihm Angst einzujagen, führte ihn dazu, nach dem Verschwundenen zu fahnden, als sei er kein Mensch, sondern eine Nadel, ein Stock oder eine Feder. In der Scheuer hob er einen Spreukorb und stieß mit einem Stock unter die Plender; im Schuppen begann er die Reisigbündel wegzuräumen, obwohl zwischen ihnen und der Wand kaum eine Handbreit Raum war. Er rief in allen Schattierungen nach dem Schuster: neckisch, drohend, gleichgültig. Die Ecken blieben stumm, kein unterdrückter Atem keuchte aus dem Dunkel. Da kam ihm eine furchtbare Mutmaßung. Er warf das Reisigbündel hin, das er in der Hand hielt, eilte an den Brunnen und starrte auf die Bretter. Nein, das war schon die pure Tollheit. Wenn man eines derselben heraushob, so entstand ein Spalt von anderthalb Fuß Breite. Ja, aber ... wenn man auf das lose Brett tritt, dann kippte es vielleicht ... in Bangen trat er zurück, begab sich in die Stube, setzte sich an den Tisch, klemmte die Hände zwischen die Knie und begann, den Kopf tief gesenkt, zu sinnen. Aber es war ein Wühlen in einer formlosen Masse. Endlich rettete er sich wieder in seinem Trotz: »Ist er weg, so ist es für mich das beste; ich bin mein eigener Zeuge, das Geld bleibt mir, die Hosen und der Rock.« »Was hast'n du mit'm Rocke?« fragte seine Frau vom Ofen her. Um Marie irrezuführen, kniff er die Augen ein, sah mit pfiffigem Lächeln auf und fragte: »Na rat, was für'n Rock!« »Ja, das weeß ich nich!« »Nee, nee, Mariela, Rätsel raten kannste nich, da biste doch nie gescheide genug.« Dazu lachte er beißend. Nachdem er diese unvermutete Gefahr abgewendet hatte, stand er auf und verließ, seinem Weibe einen höhnischen Schlag auf den Rücken versetzend, das Zimmer. Eine Art Zuversicht war über ihn gekommen, und es fiel ihm leichter, an das zu glauben, was er sich vorschrieb: Der Schuster sei aus Angst vor der Entdeckung seines Frevels fortgelaufen, werde sich bis zum glücklichen Ende des Grenzhandels verborgen halten und dann wieder, wie aus dem Boden gewachsen, im Hofe stehen. Aber die Unruhe wich doch von dem Lahmen nicht; ausgestoßen vom Willen, wühlte sie in den Tiefen seines Wesens. In den Wänden der Holzhäuser schrotet der Holzwurm, leise und träge. Im Lärm der Arbeit und des Tages hört man sein Graben nicht. Aber in dem Frieden der Nacht tönt sein schwaches Ticken. Wenn die Leute es vernehmen, erschrecken sie und sagen: »Die Totenuhr geht.« Marie nahm keine Veränderung an ihrem Manne wahr, denn ihr Herz hing in den Blütenzweigen ihrer Träume und sang Kinderweisen und Wiegenlieder. In der Nacht, die diesem unruhigen Tage folgte, überzog sich der Himmel mit schweren Kuppelwolken: es fiel Schnee. In der Kälte des Morgens ließ das Schneien nach, und als es völlig Licht geworden war, ging ein dünner Regen seiner Eiskörnchen nieder, die gegen die Fenster prickelten. Als Exner das sah, war er sehr vergnügt und trat gleich nach dem Ankleiden auf den Hof. Alles war weiß, jede Spur verwischt. Er schlenderte an die Hausecke, lugte nach der Straße, die nach Erlengrund führte, und pfiff, wie er wohl sonst zu tun pflegte. Dann ging er zurück und rief seiner Frau, sie solle Wasser holen. Marie trat gehorsam heraus. »Immer geh hin und tritt of die Bretter!« rief er ihr zu, und als sie, verwundert über diese unnötigen Worte, ihn ansah, fügte er lachend hinzu: »Nee, nee, die sein feste. Ha och kee Bange «ich, da kippt kees.« Die Schritte Maries polterten auf dem Belag, das Wasser quoll aus der Röhre, klar und lebendig, und füllte beide Gefäße. »Na, du kindsche Meste!« rief er froh, als er all das gesehen hatte. Lange blieb er dann stehen »nd betrachtete das Brunnenhäuschen, als könne sich doch Unvorhergesehenes damit ereignen. Aber es stand wie immer regungslos da, und der rote Knopf hielt auf dem kleinen Dächlein wackere Wacht wie je. Da schüttelte er lachend den Kopf und murmelte: »Was will ich denn noch mehr! Ha ich's nie gesehn? Ma is schon manchmal wie mit'm Pürdel vernietet.« Der Schuster mußte ja kommen; aus dem Walde, dem Graben, der Schenke, der Scheuer, irgendwoher. Es gab doch keinen Menschen in Steindorf und der ganzen Umgegend, der etwas anderes erwartete. Er atmete erleichtert auf, als ihm dies einfiel. Seine schwere Sorge schlüpfte in die steckenlose Erwartung anderer, die nichts wußten von der häßlichen Nacht und von dem Ahnen, das aus ihr wie eine lastende Wolke in seine Seele gestiegen war. Und plötzlich war es ihm, daß sein Verborgenes Spintisieren an allem schuld sei und daß noch manches Unangenehme seines Lebens unterblieben wäre, wenn er nicht von jeher »solch verrücktes Zeug im stillen getrieben hatte«. Er tat daher, was alle kleinen Wirtschafter so des Wintertags früh tun, ging in die Scheuer, warf Garben auf die Tenne und breitete sie, die Ähren gegen die Mitte, in zwei Reihen auf. Ferne Schritte auf der halbgefrorenen Erde ließen ihn aufhorchen. Schnell warf er die Arbeit hin, ergriff ein Seil, damit es aussehe, als sei er tief beschäftigt, und ging über das Höfchen an die Ecke des Hauses. Da sah er, seiner Vermutung gemäß, den Freirichter daherkommen und der Stelle zuschreiten, wo die Mauer gewesen war. Jetzt bog er ab und eilte, um den Weg abzukürzen, querfeldein. Der Lahme zog die Mütze und rief: »Guten Morgen, Herr Freirichter!« Der Mann mit dem braunen Barte und dem papierweißen Gesicht gab keine Antwort und strebte eilig dem Orte zu, wo die Grenzsteine stehen mußten, die die Knechte bloßgelegt hatten. Er scharrte den Schnee mit den Stiefeln fort, bückte sich und schüttelte den Kopf. Als Exner das sah, rief er hinüber: »'s is kalt, a ganz hübsch Schneela; aber er wird wieder weggehn. Dr Eschberg is schlimmer dran, druba Hannig Seffe hat gewiß schon de Pudelmütze offe.« Der Freirichter verstand wohl keines seiner Worte, mußte aber glauben, der Klumpen verspotte ihn, richtete sich auf und drohte mit der Faust herüber: »Ich wer Ihn schon kriegen, Freundchen!« Exner lächelte freundlich, als habe sich der Freirichter nach seinem Befinden erkundigt, und nahm mit einem Gruß die Mütze abermals ab, da der Großbauer sich anschickte, den Rückweg anzutreten. Am liebsten wäre er ihm nachgelaufen, um zu fragen, wo wohl der Schuster geblieben fei. Er sann unschlüssig, ob er gehen solle oder nicht, bis sich sein Denken in gestaltloses Hinbrüten verlor. Er mußte über etwas klar werden und konnte nicht finden, über was. Die Stimme seines Weibes erlöste ihn von diesem unfruchtbaren Bemühen. Sie forderte ihn auf, das Wasser zu kosten, welches sie vorhin aus dem Brunnen gepumpt hatte. Ohne weiteres nahm er ihr die Kanne ab, tat einen tiefen Schluck daraus, wischte sich den Mund mit dem Handrücken und sprach ruhig: »Wie de Kresse a so frisch un süße wie Mandelkern. Was soll's denn sein?« »Was sein soll! Nu, ma hört doch manchmal, 's fällt was ei a Born, a...« »Ja'ch, ja'ch!« höhnte er, »nee ha, was du a so für ein gescheites Weib bist. Was fallt'n a so nei ei de Borne?« »Nu, 'ne Katze oder irn'd was.« »Oder ne Kuhe, was? oder a Mann, was? Verleicht dr Schuster, meenste, weil er seit gestern fort is. Gell och un durch de Bretter, was?« »Warum wirst'n bleech?« »Weil ich lach.« »Un du brauchst doch nich mit den Augen a so zu finkeln!« Exner maß sein Weib mit glühenden Blicken, sein Atem begann zornig zu rauschen; dann zerriß Wut die Maske seiner vorsichtigen Mäßigung. Stoßweise, grollend, immer lauter schrie er: »Mei Auge finkelt. Mei Hand wird lose, un' gehst du nich glei, da liegt se dir eim Gesichte. Du! Was willst du denn vo mir? Du hast mich schon genung geschindt. Nu soll ich noch fürs Bornwasser könn! Da geh und frag lieber deine Tocke. Die is ja gescheide genung.« Niedergeschlagen ging Marie davon. Aber auch den Lahmen hatte dieser Ausbruch nicht aufgerichtet. Er verfiel in eine heißhungrige Arbeitslust, hackte Holz, drosch allein in der Scheuer, daß alles bebte, grub Abzugsgräben auf dem gefrorenen Felde, spaltete Steine. Ja, er tat völlig Zweckloses. So schob er mit langen Stangen den Schnee von dem Dache, besserte den Weg, obwohl der Schnee schon fußhoch lag, nur, um gegen sein Schicksal zu ringen. Einen geistigen Kampf, ein seelisches Auseinandersetzen gab es für ihn nicht. Er glaubte seine Untat zersägen, mit dem Pürdel zerschlagen, mit dem Beile töten zu können. Aber die Bilder seiner Furcht wichen nicht von ihm, und am Ende der Woche fühlte er sich verlorener als am Anfange. 17 Indes so der Lahme auf enger Scholle gegen sein Geschick kämpfte, spann sich in Steindorf und nach und nach in der Umgegend ein Netz von Vermutungen. Das Verschwinden des Klose-Schusters reizte die Neugier der Leute am meisten, die, durch die Kälte in engen Wohnungen zusammengepfercht, gemeinsam an der Entwirrung des Rätsels arbeiten konnten. Es bildeten sich die verschiedensten, widersprechenden Gerüchte: er sei im Walde erfroren, er sitze wegen Landstreichens im Gefängnisse. Diese Meinungen tauchten anfangs auf und waren einfach und natürlich. Aber sie vermochten das Interesse nicht dauernd zu fesseln, und da sich nichts Neues ereignen wollte, so begann man, das Ereignis immer verwickelter zu erklären. In irgendeinem Dorfe war irgend was von irgend jemand gestohlen worden, ohne daß man dem Dieb auf die Spur gekommen wäre. Damit brachte man den Schuster in Verbindung und meinte, er habe sich auf Nimmerwiedersehen mit dem Raube über alle Berge gemacht. Bald war man auch dieser Erklärung überdrüssig und gestaltete ein dramatisches Gerücht. Leise, daß es niemand erfahre, erzählten sich alle, der Lahme halte den Schuster gefangen, nachdem er ihn halbtotgeschlagen, denn er sei beim Ausgraben der Grenzsteine von ihm ertappt worden. Ein Mann vom Eschberge wollte in der Frühdämmerung, da er nach seiner entfernten Arbeitsstelle ging, gesehen haben, wie Klose von dem Lahmen am Genick über das Feld geschleift worden sei. Er habe, hinter der Mauer stehend, alles genau gesehen, sei aber aus Angst vor dem Klumpen eilig davongegangen. Die Abenteuerlichkeit dieser Version zog alle an, und jeder fand Gelegenheit, in ihren weiten Maschen noch eine oder die andere Variante anzubringen. Als das Gerücht einigemal die Runde durch alle Stuben gemacht hatte, war es zu einem Roman angewachsen, an dem niemand mehr zu zweifeln wagte. Jeder erinnerte sich plötzlich einer Grobheit und Roheit des Lahmen; alle fühlten sich bedroht und beunruhigt, das mißhandelte Rechtsbewußtsein forderte Aufklärung. So stellte sich vierzehn Tage nach dem Verschwinden Kloses seine Schwester Pauline, Paule genannt, auf dem Höfchen am Freibusche ein, um nach ihrem Bruder zu fragen. Sie traf Marie allein in der Stube. Dem Mädchen hatte die Kalte arg zugesetzt, und ihr Körper bebte unter der ärmlichen Bekleidung. Die heikle Mission, welche sie unternommen hatte, um zu sühnen, was sie durch ihren Fehltritt am Bruder gesündigt, verstärkte die Schauer, welche von Zeit zu Zeit ihren Leib schüttelten. Nur das abgehärmte Gesicht, das in der ersten Jugend wohl einmal nicht unschön gewesen sein mochte, war leicht gerötet. Zögernd trat sie ein, grüßte und schlug die Augen nieder. Marie nötigte sie, auf der Bank Platz zu nehmen, und ließ sich selbst auf einem Stuhl ihr gegenüber nieder. Da der Besuch, welcher Marie ganz unbekannt war, keine Miene machte, zu sprechen, sondern seine großen Augen neugierig und ängstlich durch den Raum gehen ließ, fragte das junge Weib: »Na, was bringen Sie denn Scheenes, Jungferla?« Paule wurde verwirrt, senkte die Augen und antwortete dann feindselig: »Sie kenn' mich wohl; aber Se tun natürlich au, als wenn's nich wahr wär.« »Un was sollte denn nich wahr sein?« »Ich bin de Paule.« »Ja, warum sollte denn das nich wahr sein? Wenn Sie's sagen, da wird's wohl stimmen.« »Ach, Sie versteh« mich nich. Vo mei'm Bruder...« Sie brach ab und sah Marie aufmerksam an. »Ihr Bruder... ja, wer is'n das?« »Da sieht ma's, daß alls wahr is! Mein Bruder kenn' Se nich, Gustan, a Schuster, der de da aus und ein gegangen is? – Ma sieht's. Aber verlassen Se sich of mich, ich geh nich ehnder, bis ich a nich gesehn hab'!« Sie nahm die blaue Schürze herauf und hielt den Zipfel vor den Mund. »Ja, aso!... Ihr Bruder is der Klose-Schuster... hm, hm...« Marie wußte nicht, wie es kam, daß sie unsicher wurde. Aus den großen Augen vor ihr, die eben noch feucht gewesen waren und nun so entschlossen zu leuchten begannen, da sie stotternd abgebrochen hatte, sprach der feste Wille, ein Rätsel zu lösen, das auch sie nun schon seit Tagen verfolgte. Das Verschwinden des Schusters kam ihr plötzlich auch geheimnisvoll vor, daß sie sich darüber wunderte, wie sie bisher hatte so gleichgültig bleiben können. Das ging in ihr vor, indem sie einige Sekunden zögerte. Dann setzte sie gewandt ihre Entgegnung fort: »Mein Gott, wer wundert sich groß, wenn Ihr Bruder fort is! Der is doch bale da, bale dort; er war am, um a zwanzigsten vergangenen Monat bei uns, hat mit zu Mittag gegessen, is nausgegangen, und dann hab' ich'n nich meh gesehn.« Paule sprang auf, und indem sie an den Tisch trat, schleuderte sie mit bebender Stimme Marie den Verdacht ins Gesicht, den Steindorf und die ganze Umgegend hegten. »Ha'ch«, beendete sie, »Ihrem Manne is alls zuzutraun! Dem is egal, ob der eene Katze oder een Mensch halbtotschlägt.« Da erscholl Räuspern aus rauher Männerkehle. Erschrocken kehrten sich die Frauen um. In der Tür stand der Lahme. Ein Krampf ging durch seinen Körper. Die Arme hingen straff am Leibe herab, als trage er schwere Gewichte an seinen Fäusten, die fest geschlossen waren, daß die Knöchel weiß schimmerten. Sein Gesicht war fahl, die Augen lagen tief in den Höhlen, um seine schmalen Lippen stand ein regungsloses Lächeln, mehr eine starre Verzerrung. Leise und bedachtsam schloß er die Tür, leise und langsam, den Kopf etwas seitlich geneigt, kam er näher. Marie klopfte das Herz vor diesem furchtbaren Anblick. Sie wußte, daß er sich im nächsten Augenblick auf das Mädchen stürzen würde. Aber es geschah nicht. Etwa zwei Schritte vor ihr machte er halt und sah sie lange stumm an mit seinen kalten, bohrenden Augen. Dazu lächelte er verzerrt und stumm. Paule öffnete den Mund, um zu sprechen, allein sie war so in der Angst, daß sie nicht ein Wort hervorbringen konnte. Mit offenen Lippen starrte sie ihn an, und Tränen traten in ihre Augen. Der Lahme weidete sich noch eine Weile an ihrem Schrecken; dann sprach er, anfangs mit tiefer Stimme, deren Wanken ihr einen weichen Klang verlieh: »Ich hab' alles gehört. 's is gut. Aber – sag's nich mehr ein zweites Mal. Setz dich, Paule, sag's nich mehr! Siehch dir meine Hände an. Sag's nich mehr!« Die Drohungen waren immer wilder geworden; aber er begleitete sie mit einem freundlichen Zug im Gesicht, dessen man ihn nicht fähig gehalten hätte. Dann fragte er: »Is Guste nich mei Kamerad vo dr Schule her?« Niemand antwortete. »Wer hat'm unter de Arme gegriffen, wie du, Paule, am Frühjahre ei dr Schande heemkamst? Ei der Schande, ohne 'n Böhmen Geld, zu deiner armen Mutter ei dr Schande! Was?« Dem Mädchen strömten die Tränen über das gequälte Gesicht, und sie mußte die Zähne aufeinanderbeißen, um nicht laut aufzuschluchzen. »Ja nu, da sollte ich deinen Bruder haun! Weshalb ich denn?« Exner lachte nach diesem Ausruf schreiend, rüttelte die erhobenen Arme nach der Seite und wurde noch bleicher. Jetzt wagte es Paule, zu antworten: »'s heeßt, weil er un hat zugesehen, weil du ...« Es ging doch über ihre Kraft, dem Lahmen die Beschuldigung direkt ins Gesicht zu sagen, und sie bückte sich auf ihren Fuß, als sei da etwas zu ordnen. Exner lachte wieder, aber es war, als sitze sein Hals in einem Schraubstock. Der Schweiß brach aus seiner Stirn, und er trocknete sie mit zitternder Hand. »Nu«, antwortete er dann, »ich weeß alls, was a Steindorfer Leuten de Köppe mit solchen Madenfliegen füllt. Haha, ihr, ihr! Ausgemachte Esel seid'r alle, sonst nischt. Wenn Guste wird wiederkommen, da wird er's euch sagen, ob ich an eem Steene gerückt hab'. Ich mich weger eem so eem Stücke! Acker ei's Zuchthaus bringen? Da müßt' ich Hörner han und Muh schrein! – Wo soll er denn stecken? Ihr müßt's ja wissen, wenn'r 's ausgeheckt habt! Komm, Paule, zum Spaße wer ich dich hinführen, wo de hin willst: ei den Keller, ei den Stall, of a Boden. A Staub aus a Schüben blasen kannste, wenn de willst! – Soll ich etwan de Dielen ufreißen? Haha. – Oder – oder willste ei a Born steigen?« Er hatte es sagen müssen; eine unwiderstehliche Gewalt hatte ihn dazu gedrängt, als sei das Verfluchte fort von ihm, wenn er es ausspreche. Nun aber seine Stimme, fremd und sicher wie die eines Anklägers, der neben ihm stehe und alles wisse, in sein Ohr geklungen hatte, fühlte er einen Druck sich auf sein Hirn legen, der zunahm und so stark wurde, daß es war, als schrumpfe sein Kopf zusammen. Vor seine Augen legte sich eine immer mehr verdunkelnde Wolke. Er mußte die Ofenkante krampfhaft hinter dem Rücken mit den Händen fassen. Alle Gegenstände in der Stube verschwanden, als wollten sie in die Luft aufschwanken. Endlich war die Schwäche vorüber, und Exner sah wieder ganz deutlich den bunten Stieglitz im Käfig umherspringen. Das machte ihm ein so großes Vergnügen, daß er lachte und lachte, bis ihm die Tränen in die Augen traten. Schließlich zwang er sich zum Ernste und sprach trocken: »Na, Paule, komm, wir wern suchen gehen.« Das Mädchen erhob sich und folgte ihm ins Haus. Dort drückte sie sich an dem Klumpen vorbei, sprang flüchtend zur Haustür hinaus und rief herein: »Adje, Exner! Mich fängste nich!« Der Lahme sah ihr nach und lachte wieder, aber nun klang es, als flattere ein geständertes Huhn zur Erde. Jäh brach er ab, sah sich erschrocken um und ging mit ernstem, bleichem Gesicht wieder in die Scheuer. Marie saß unbeweglich in der Stube und sah mit weit geöffneten Augen starr auf die Diele, als stehe dort eine unsichtbare Schrift, die sie ganz genau zu lesen vermöge, deren Inhalt aber so entsetzlich war, daß sie von einem Taumel erfaßt wurde. Warum war ihr Mann nicht aufbrausend gewesen? Warum hatte er sich, entgegen seiner Gewohnheit, in ein langes Gespräch eingelassen? Warum hatte er so grauenvoll gelacht? Die Antwort stand dort auf der Diele zwischen den Reihen schwarzer Nagelköpfe. Über das Glück, das sie in sich trug, legte sich ein Schleier, der die schönen Bilder ihrer Hoffnung einhüllte und still entführte. Wie ein abgeerntetes Feld war ihre Seele, und hinter dem schwankenden Grau, das die Träume abräumte, blieb eine wüste, leere Fläche zurück, gleich dem umgebrochenen Stoppelfelde, das aussieht wie ein Friedhof, mit unzähligen, frisch aufgeworfenen Hügelchen. »Alle meine Zukunft ist tot«, sann sie, »begraben und beginnt zu verwesen.« Ja, und plötzlich nahm sie wirklich jenen süßlichen, beklemmenden Geruch wahr, der von Leichen ausgeht. Hastig holte sie Atem, aber es verhielt sich so. Nun schmeckte sie ihn auch. In Angst aufspringen, die Tür aufreißen und im Hause atmen war eins. Der Geruch lag auch hier. Sie hielt den Atem in gespannter Brust an und das Herz mitten im Schlage, trat vor die Haustür und öffnete den Mund, um draußen in der frischen Winterluft diese schreckhafte Sinnestäuschung loszuwerden. Aber kaum hatte der kalte Strom ihre Zunge berührt, so rief sie mit gellender Stimme: »Karla! – Karla!« Sein großer Kopf kam zögernd aus der niederen Scheunentür heraus. Auf seinem Gesicht malte sich verzweifelte Erwartung. Als er niemand als sein Weib sah, wollte er sich still wieder zurückziehen. Allein Marie rief in höchster Aufregung: »Karla, komm raus und riech!« Er überlegte einen Augenblick, zwang dann ein Lächeln auf sein Gesicht, trat heraus und roch in die Luft. Er wollte einen Spaß machen; die Worte blieben ihm aber wie eine Rinde auf der Zunge sitzen. Mit Mühe zerrte er endlich die Frage hervor: »Wonach soll's denn riechen?« »Nu, riechst du nischt? 's riecht nach Toten!« Dem Lahmen war es, als solle er umfallen. Doch in namenloser Anstrengung lächelte er immerzu, der Schweiß trat aus seiner Stirn, und hilflos ruhte sein erlöschendes Auge auf Marie. Die Zähne im Munde schlugen aufeinander, und gehaucht, als sage es seine Seele, ohne sich der Sprechwerkzeuge zu bedienen, kam es über seine Lippen: »Der Schuster fault.« Niemand hatte es gehört, selbst sein Ohr nicht. Aber an seinem Herzen war das Bekenntnis nicht spurlos vorübergegangen. Und merkwürdig, dieses Selbstgeständnis ward eine Befreiung. Der Taumel fiel in ihm zusammen, der Schreck verschwand, kein Hämmern auf den Nerven, sein Auge kalt und still. Er warf seinem Weibe einen geringschätzigen Blick zu und kehrte, ohne weiter ein Wort zu sprechen, in die Scheuer zurück. Dort legte er sich aufs Stroh und genoß die Wandlung seiner Natur. Das Gefühl unbeschränkter Sicherheit kam immer stärker über ihn. Er stand unerreichbar über allen Menschen. Hatte seine Seele früher nur eine undeutliche und sehr verschrobene Ansicht über Gut und Böse gehabt, so war dieser Unterschied jetzt ganz ausgelöscht. Nicht, als ob der Lahme das gewußt hätte; es zeigte sich nur, wie er darüber nachsann, den Verfolgern zu entgehen, die ihn umringten, und deren Zahl täglich wachsen mußte. Ohne die geringste Scheu begann er jetzt über seine Lage nachzusinnen. Er hatte, wenn auch ohne die Hand zu rühren, den Säufer in den Brunnen getrieben. Anstatt sich darüber Vorwürfe zu machen, geriet er in einen Zorn über den Dämelack, der durch eine Ungeschicklichkeit ihn in eine solche Klemme gebracht hatte. Was mußte zunächst geschehen? Wie wär's, wenn er die Leiche herausholte und irgendwo im Walde verscharrte! – Das ging nicht. Seiner Frau konnte es kaum verborgen bleiben, wenn er in der Nacht herunterstiege, und dann die Gefahr für ihn. Ein Fremder? Nein, das hieße den Kopf bald in die Schlinge legen. Das beste war, die Sache drauf ankommen zu lassen. Er schlug sich alle Bedenken aus dem Kopfe. Was hatte er auch zu befürchten! Niemand konnte beweisen, er habe den Tod des Schusters verschuldet oder den Menschen getötet oder die Grenzsteine vernichtet. Aber indem er das sann, stieß er auf einen Umstand, der ihn doch besorgt machte! – Die Grenzsteine! – Wenn durch irgendeinen Zufall Klose im Brunnen gefunden würde, so mußte man auch die Grenzsteine dabei entdecken. Das war wirklich die einzige Gasse, auf welcher das Verderben ihn erreichen mußte. Er wühlte sich tiefer ins Stroh, nahm einen Halm zwischen die Zähne und grübelte, wie er dieser Gefahr entrinnen könne. Es kostete ihn anfangs Mühe, die Möglichkeiten scharf zu erwägen und auseinanderzuhalten, weil er die geistige Arbeit gar nicht gewöhnt war. Allein die unausgesetzten Qualen der letzten zwölf Tage hatten seinen Geist auf einen Punkt zusammengerissen und geschärft. Es zeigte sich, daß er gar nicht der beschränkte Klumpen war, für den ihn die Leute hielten. Durch sein frühes Unglück am Ausflug gehindert, in eintöniger Umgebung und seinem trotzigen Vorsätze verkümmert, war er geistig zurückgeblieben. Dafür hatte sich sein Wille übermächtig entwickelt. Mit dieser unbeugsamen Hartnäckigkeit bestand er nun auf seiner Rettung. Nach langen Stunden war der Plan dazu fertig. Er wollte Steine herbeischaffen und in den Brunnen schütten. Immer unter zwei Kastenkarren mußten ein oder zwei verwitterte Grenzsteine vermischt werden, die er auf einem fremden, entfernten Felde oder im königlichen Walde nächtlicherweise heraushob und ungesehen im Sack nach Hause trug. Damit wurde die Entdeckung der Leiche des Schusters, konnte er seine Frau zur Verschwiegenheit bringen, vereitelt. Stieg die Polizei, die bei der Aufregung der Umgegend dem Verschwinden des Schusters nachforschen mußte, dennoch in den Brunnen, nun, so fand man eben den Toten, und er konnte ruhig hundert Eide schwören, daß er sein Unglück nicht verschuldet habe. Gleichzeitig mußte das Vorhandensein so vieler Grenzsteine die Begebenheit des Grenzfrevels vollkommen verwirren. Und wenn er sich nicht gar zu tölpelhaft stellte, konnte er hoffen, wenn auch nicht ungerupft, noch einmal aus der ganzen Verwicklung herauszukommen. Befriedigt richtete sich Exner auf. Freilich würde seine Frau sich über die ganze Steinfahrerei wundern und mißtrauisch, wie sie schon einmal war, ihn mit allerhand Verdächtigungen quälen. Da wollte er ihr denn sagen, daß das teilweise Anfüllen des Brunnens mit großen und kleinen Steinen notwendig sei, um das Wasser von der schlammigen, faulen Sohle weiter zwischen dem Gestein heraufzutreiben, damit es auf diesem Wege seine erdigen Beimischungen absetze und den schlechten Geschmack verliere. Diese Erklärung konnte er auch der Polizei gegenüber gebrauchen. Nachdem er so mit sich ins reine gekommen war, lachte er befriedigt, rieb sich die Hände, zog den Kopf zwischen die massigen Schultern und trat durch das kleine Türchen in den Hof. Der Himmel glühte in einem schimmernden Blaugrün, in dem lange, ausgefranste, brennend rote Streifen lagen. »Verknucht, 's is ja Abend!« Noch hatte er seit dem Frühstück nichts gegessen. Er stellte sich, als habe er geschlafen. Seine Augen reibend, trat er in die Stube und verlangte unter Gähnen zu essen. Sein Weib saß am Tisch, ihr Gesicht der dämmrigen Stube zugewandt. An ihrer Stimme erkannte man, daß sie geweint habe; es war, als klebten die Worte aneinander. »Ja, du willst essen?« fragte sie in schmerzlichem Verwundern. Der Lahme ließ sich schwer auf die Bank fallen und antwortete gutgelaunt: »Nu'ch, ich ha doch keen hölzernen Magen. Wenn ich au geschlafen hab'; der Hunger is doch gekommen.« »Du hast geschlafen, du?« »Nu, darf ich denn nich?« »Ach dürfen schon, aber können!« »Können, ich dächt', daß ich's kann«, und der Klumpen begann laut zu schnarchen. »Karla, wenn ich nich of dr Stelle verrückt wern soll, hör uf zu schnarchen!« rief sie verzweifelt und begann zu schluchzen. »Ihr Weiber könnt eben nischt wie flerrn un Kinder kriegen.« »Soll ma da etwan noch tanzen? Draußen eim Borne liegt der Schuster. Un ich weeß nich, erschlag' mich of'm Flecke, du bist schuld.« Der Lahme saß eine Weile stumm da, den einen Ellenbogen auf den Tisch gestützt, und sah vor sich hin. Dann lachte er verächtlich hinaus. »Haha, mußt du denn au verrückt sein, wenn de Steindorfer Leute um a Verstand komm', durch de Banke alle miteinander?« Sie schüttelte den Kopf und weinte leise weiter. »Wenn der Schuster nundergefallen wär', da hätt' doch müssen der Born offestehn«, fuhr Exner zu reden fort; es klang, als fertige er eine müßige Belästigung ab. »Denn durch de Bretter kann er doch nun eemal nich fallen, Un warum ei aller Welt hätt' ich den Schuster, der mr nischt getan hat, ei den Born schmeißen sollen! Gefimper, nischt wie Weibergefimper!« Marie schüttelte wieder den Kopf. »Aber Karla, der Geruch, der Leichengeruch!« »Das is das schlechte, faulige Wasser, was de jetze vom Berge herzutritt, und der Lehm, of dem's steht. Hättste och geschmeckt, kaum wie dr Born fertig war, wie Freiwald de erschte Flasch' vll raufbrachte, genau wie Jauche. Der scheene Freiwald! Jetze is derselbe Geschmack. Ich wer halt müssen eenige Fuhren Steene neifahrn, daß's rufkömmt aus dem Morast, Und das glei, eh's harte und feste gefriert, Zentrum. Was? Meenste nich au Marie, das wär's beste.« Marie schwieg. Sie hatte den Kopf gesenkt und schien etwas zu überlegen. Dann fuhr sie auf, zündete am Ofen ein Licht an und trat an Exner dicht heran, daß sein Gesicht hell erleuchtet wurde. »Sieh mich an, ganz, mach de Augen weit uf!« sprach sie mit tiefernster vibrierender Stimme. Der Lahme blinzelte ins Licht und dann wieder auf sein Weib, aber er hielt den Blick dieser blauen, verzweifelten Augen nicht aus. Als das junge Weib das wahrnahm, begann ihr Arm zu zittern, daß sie den Leuchter auf den Tisch stellen mußte. »Steh uf vo dr Banke – und tritt her zu mir – vors Licht.« Ihre Stimme war leise, doch von einer seltsamen Tiefe. Exner ward es unbehaglich, aber lächelnd gehorchte er. »Schwör' mir beim Lichte un bei dr Sonne, daß du nich schuld bist, wenn dr Schuster ei'm Born liegt, schwör' mir's beim Himmel und allen Heiligen...« »Mit allen sechsen, wenn de willst.« Er unterbrach sie und hob bereitwilligst die Hand. Aber sie zog seinen Arm nieder und fuhr fort: »Und daß der Herr uns alle trifft, wenn's nich wahr is, und verflucht, zerreißt un ei alle Winde treibt die Menschen, das Haus, das Holz samt den Steinen!« Den Schluß sprach sie mit psalmodierender Stimme, feierlich getragen. Dann setzte sie mit einem tiefen Atemzuge aus und sah ihm forschend ins Gesicht. Keine Fiber rührte sich darin; es war mürrisch wie ein Astknorren. »Nach, soll ich eße?« fragte er endlich. Marie rührte sich nicht; sie stierte ins Licht, und langsam rannen Tränen über ihre blassen Wangen. Dann sagte sie tonlos: »Laß – laß sein – nee, nee – lieber nich –« und verwandte den Blick nicht von der Flamme. Der Lahme setzte sich schweigend, und auch sie kehrte an ihren Platz am Fenster zurück, wo sie hockte, wie zusammengedrückt, mit demselben Blick ins Leere. Plötzlich erhob sie sich leise und ganz langsam, wie Träumende im Bett sich aufrichten in banger, beängstigender Mitternacht, und mit suchendem Schritt, als gehe sie durch dichte Finsternis, bewegte sie sich zu ihrem Manne hin, hielt vor ihm und streichelte ein paarmal seinen Scheitel. Schweigend, und ihre eiskalten Hände bebten dabei. Darauf begab sie sich wieder an die andere Seite des Tisches, saß da, hatte die Hände gefaltet und bewegte lautlos die Lippen, bis sie in eine schmerzensstarre Haltung verfiel und mit ihrem blassen Gesicht einer jener Statuen leidender Büßerinnen glich, die uns in dem Dämmer katholischer Kirchen das Herz mit so dumpfem Weh beladen. »Karla«, sprach sie schüchtern. Der Lahme hob den plumpen Kopf. »Laß mich meine Heil'ge Mutter und de Engala hulln. Karla, gell och, du hast nischt dawider?« Ihre Stimme hatte einen Klang rührender Liebe. Exner fuhr unwirsch in die Höhe, weil »bei der ganzen Geschichte wieder nischt als Weibergefimper« herausgekommen war, tat einige lange Schritte in der Stube hin und antwortete dann gleichgültig: »Jees ja, freilich. Weger mir, immerzu«, und verließ eilig das Zimmer. Nach einigen Minuten stand die Muttergottes mit ihren zwei Engeln wieder auf dem Eckbrett über dem Tisch und sah mit starren Punktaugen nieder in den Raum, in dessen Dunkel das kleine Licht an tausend verschmachtenden Glühfäden hing. Gegen acht Uhr, nach dem Abendbrot, suchten beide das Bett auf. Marie versank bald in Schlaf und träumte von blühenden Lichtbergen, aus deren Gebüsch geflügelte Kinder niederflatterten. Der Lahme lag lange mit offenen Augen da und ließ den Tag an sich vorüberziehen, stieß endlich einen verächtlichen Laut aus, wickelte sich ins Bett und schlief auch ein. Draußen aber spielte der Nachtwind mit dem Atem des Todes. 18 Doch ehe der Lahme mit der Gewinnung alter Grenzsteine und dem Verschütten des Brunnens beginnen konnte, fingen die Steindorfer auf eigene Faust ein Ermittlungsverfahren gegen ihn an. Späher umlauerten Tag und Nacht sein Gehöft. Pischkewill um Pischkewill, wie man die Schmähbriefe hier nennt, klebte an seiner Tür, dem Brunnenhäuschen oder flatterte, von ungesehener Hand geworfen, vor seine Fenster. Die zur Schule gehenden Kinder standen schreiend auf der Mauer, wiesen erregt nach seinem Hause und liefen, wenn er sich sehen ließ, mit dem Rufe: »A kimmt, a kimmt!« eiligst davon. Und als er sich aufraffte, dem Gerücht die Stirn zu bieten, mit einem derben Stock bewaffnet durchs Dorf schritt, im Gasthaus saß, Passanten unter nichtigem Vorwand auf dem Wege zu einem Gespräch preßte, da mußte er die Wahrnehmung machen, daß er von den Meinungen und Absichten der Leute nichts erfahren konnte. Man stahl sich von ihm, um aus gesicherter Weite eine Drohung nach ihm hinzuschreien, auszuspeien oder ihm die Faust zu zeigen. Störrisch zog er sich in das Netz zurück, das ihre feige Emsigkeit um ihn gesponnen hatte, und lag auf der Lauer, wie er listigerweise doch noch zur Ausführung seines Planes kommen könnte. Allein es gelang ihm nichts, als in einer finstern Nacht einige Grenzsteine von der fernen Gemarkung Petzdorfs unter großen Schwierigkeiten herbeizuschaffen und im Schuppen unter den Reisigbündeln zu verbergen. Dabei mußte er ängstlich sein Weib hüten, damit sie mit niemand zusammenkomme. Er besorgte alle Einkäufe selbst und war immer auf der Jagd nach den vermaledeiten Pischkewillen. Marie klagte nie und verdächtigte ihn mit keinem Worte. Nur vor seinen plumpen Zärtlichkeiten, mit denen er sie nun häufig verfolgte, floh sie entsetzt. Sonst sah sie mit einer starren Milde auf ihn hin. Sie ging mit langen, festen Schritten umher, ihr Gesicht trug einen gespannten Ernst. Mit harten, überwindenden Bewegungen, wie ein Mensch in großer Kälte arbeitet, rührte sie sich bei ihrem Tagewerk. Schlug der Wind irgendwo eine Tür zu, oder klang ihres Mannes Schritt unvermutet von dem Hofe her, so fuhr sie zusammen, lief mit erbleichendem Gesicht ans Fenster und spähte lange den Weg hinauf, um dann stumm und versunken, gleich einer Verschollenen, weiterzuschaffen. Nur die Ampel vor der Heiligen Mutter auf dem Eckbrett brannte ohne Unterbrechung, selbst am hellen Tage, und in gar mancher Nacht, wenn der Lahme, durch ein schreckhaftes Gesicht aus unruhigem Schlaf gerissen, nach ihrem Lager griff, fand er das Bett kalt und leer und hörte durch die Tür ihr monotones, leises Gebet. Aber sie vermochte nicht den rollenden Stein der Vergeltung aufzuhalten. Infolge einer anonymen Denunziation stellte sich eines Morgens der Wachtmeister Stief aus Walsdorf auf dem einsamen Höfchen am Freibusch ein, um den Klumpen über das Verschwinden der Grenzsteine und des Schusters zu verhören und das Haus samt seiner näheren Umgebung einer peinlichen Untersuchung zu unterwerfen. Exner war ehrerbietig, freundlich, spielte den Gebückten, aus gekränkter Ehre Kummervollen, wurde brutal, tat tölpelhaft, sprach Lügen mit unbefangener, blöder Miene, redete Wahrheiten mit jener unsicheren Stimme und jenen ausweichenden Blicken, welche die Notlüge charakterisieren, überlistete den Wachtmeister vollständig, der, je aussichtsloser sich das Verhör gestaltete, immer mißvergnügter wurde und zuletzt nur noch auf dieser und jener Nebensächlichkeit herumritt, um den Lahmen gehörig zu stäupen. Marie lief es heiß und kalt über den Rücken, als sie ihren Mann in solch glatter Verachtung der Wahrheit mit dem Hüter des Gesetzes umspringen sah. Mehreremal öffnete sie den Mund zum erlösenden Schrei; aber Exners Auge zwang sie, ihre Aussagen auf der Linie seines Zeugnisses zu machen. Endlich traf der Wachtmeister Stief Anstalten, sich von seinem Sitze am Tisch zu erheben, klappte das Taschenbuch zu, und indem er das ausgedehnte Gummiband bedächtig und sorgsam darüberlegte, sagte er: »Das is eine ausgemacht lausige Geschichte, verstehn Sie mich, Freundchen, und ich kann Ihn bloß so viel sagen, da wird Ihn schon noch ein Patzen Dreck uf die Krempe fallen.« Der Lahme reckte sich absichtslos aus seiner gebückten Haltung zur vollen, vierschrötigen Höhe. »Immer tun Sie sich!« brauste Stief auf und erhob sich, den Stuhl mit der Hand zurückschleudernd. »Ich Hab' schon andre gefressen, wie Sie sind, das merken Sie sich. Lassen Sie's och gut sein, der Staatsanwalt wird Ihn die Läuse schon aus'm Magen klauben.« Er ließ seinen stöbernden Blick rund um die Stube laufen, strich, zur Erde sehend, seinen schwarzen Schnurrbart und kommandierte dann: »Nu woll mr mal nachsehn!« Dienstbeflissen sprang der Lahme hinzu und öffnete die Tür. Im Hinausschreiten herrschte Stief ihn an: »Machen Sie keene Dänste! Wo haben Se die Steine hingeschafft?« Exner versicherte zum hundertsten Male, daß er ihm darauf keine Antwort geben könne, weil er mit den Grenzsteinen nichts zu schaffen gehabt habe, und bat ihn, sich doch die Mühe zu nehmen, sein ganzes Haus und alles, was drum und dran hänge, zu untersuchen, damit endlich der ärgerliche Verdacht von ihm genommen werde. Stief ließ sich nicht irremachen, und wenn er sich auch von der Haussuchung nichts versprach, so hatte er doch Gelegenheit, den Hartgesottenen nach allen Regeln der Kunst zu bearbeiten, weich zu machen, und hoffte dies oder das zu finden, das seiner festgefahrenen Kombination einen neuen Weg wies. Er stieg treppauf und treppab, schnurrte mit klapperndem Mundwerk überall umher, setzte ihm mit immer stärkeren Drohungen hart zu, klopfte ihm endlich in einem dunklen Winkel auf die Achsel und flüstere ihm herzlich ins Ohr, nun könne er es ihm sagen, sie seien unter vier Augen, er habe auch ein Gemüt und werde zu schweigen verstehen. Als sie im Schuppen an dem Stoß Reisig standen, kam dem Lahmen wirklich der Gedanke, ob es nicht besser sei, dem Wachtmeister zur Auffindung der gestohlenen Grenzsteine zu verhelfen, denn er hatte eine unbestimmte Hoffnung, dadurch den Gang der Untersuchung auf einen toten Weg zu leiten, Und begann tatsächlich, Bündel um Bündel herabzuwerfen. »Was machen S'n da?« fragte barsch der Behelmte. »Sie sollen sehn, ob de Steene dahinter sein«, antwortete Exner und warf Stief ein andres Bündel vor die Füße. »Sie – Sie – Astloch, haha! Stief sucht nach seiner Nase, verstehn Se mich?« rief der Wachtmeister verächtlich und kroch durchs Türchen ins Freie. Exner folgte ihm, und da er wahrnahm, daß die Untersuchung zu Ende sei, sagte er: »'s tut mr recht leed, Herr Wachmeester, daß Se weger solcher alberner Lügerei durch den tiefen Schnee herkommen mußten. Wenn's Ihn un 's hätt Ihn och nischt getan!« »Verflucht, halten Se's Maul! Ein Königlich preußischer Schandarm macht sich überhaupt keen Schaden nich, verstehn Se mich!« »Nee, nee, sein Se och nich böse, Herr Wachmeester. Ma is halt a tummer eefacher Mann und weeß nich, was herrsch is. Ma redt halt vo der Leber runter – adje, Herr Wachmeester, adje!« Er hatte ihn bis zum Brunnenhäuschen begleitet, machte abermals eine ungeschickte Verbeugung und wollte ins Haus. Plötzlich spuckte Stief aus und schrie: »Pfui Teifel! was is das für ein Gestank in Ihrem Hofe. Wie in einer Leichenhalle!« »Das is das Wasser, Herr Wachmeester, ja. Sehn Se, da hat ma siebzig Ellen gegraben, das scheene Geld hamfelweise ei de Erde geschmissen, un nu hat das Wasser een Geschmack, daß Mensch und Vieh krank drvo wird. A so geht's eem armen Manne. Wollen Se amal kosten? 's is nich zum Trinken!« Stief sah ihm unverwandt ins Auge. Der Lahme fühlte, wie sich ein Häutchen über seine Augäpfel schob, und hob die Hand, um es fortzuwischen. »Komm' Se mal her zu mir!« befahl ihm Stief mit unheilschwangerer Stimme. Nach einem kurzen Zögern gehorchte der Lahme; aber nun war es ihm, als hüpfe das Brunnenhauschen auf und nieder, und den Wachtmeister sah er wie erlöschen. »Ja, ja«, sprach er dennoch und ging auf den grauen Punkt vor ihm los. Gott sei Dank! Er hatte es getroffen. Drei Schritte vor der blankknöpfigen Brust war alles wie sonst, und mit gut geheuchelter Einfalt sah er Stief an. »Wissen Se was?« fragte dieser drohend und zeigte auf den Brunnen: »Wissen Se was? – Ich wer ...« Er unterbrach sich aber, griff rasch in die Tasche und schrie: »Die Hände her!« Der Lahme warf einen Blick auf den nahen Wald und sah, wie die Baume auf ihn zuzumarschieren begannen, die Erde donnerte unter ihnen, und Rauschen erfüllte die ganze Luft. Er erkannte, daß kein Entrinnen möglich sei, und streckte mit irrem Lächeln seine Arme aus. Stief aber hatte sich plötzlich eines anderen besonnen, versenkte die Handschellen wieder in seine Hosentaschen, sah auf die Uhr, pfiff, blinzelte Exner an und mit den Worten: »Ach was, da is gar «ich dran zu tippen«, machte er kehrt und ging davon. Er hatte die Absicht gehabt, den Lahmen zu verhaften, weil es ihm unabweislich sicher schien, die Leiche des Schusters liege im Brunnen. Im nächsten Augenblick war aber durch den Gedanken an eine Blamage, wenn eine Katze, ein Hund oder gar nichts da unten im Loche gefunden würde, seine sensenscharfe Sicherheit verschwunden, und er machte sich mit dem Vorsatz auf, erst die Veranlassung des pestilenzartigen Gestankes zu erforschen und dann mit zwingender Berechtigung zu tun, wozu ihm seine Hand juckte. Zudem war es elf, sein Magen leer und seine Kehle von dem vielen Sprechen rindetrocken. Mit eiligen, langen Schritten steuerte er der Schenke zu. Sein Säbel schlug an die Schäfte der langen Stiefel. Allmählich verlor sich das klirrende Klatschen in der Weite. Der Lahme wagte nicht, sich zu rühren. Der weggeschaufelte Schnee kauerte wie eine Schar lauernder weißer Katzen um ihn, die bei jedem Schlag des Säbels aufsprangen, wild durcheinanderquirlten und sich wieder hinhockten. Wie die Schritte mit dem Geklirr immer undeutlicher wurden, beruhigte sich der Schnee, und als es ganz still war, lagen die tausend Weißen Schaufelbrocken regungslos um ihn und glotzten zu ihm hinauf wie die Totengesichter bis an den Hals eingegrabener Menschen. Exner hatte eine Zeitlang die Gewißheit, daß sie alle anfangen müßten zu schreien, wenn er nur den Versuch mache, sich zu rühren. Endlich wagte er sich umzudrehen und gewahrte Marie am Fenster stehen, das verfallene Gesicht an die Scheibe gedrückt, so, als sei sie längst gestorben, von einem Unbekannten aufgehoben und gegen das Licht gelehnt worden. Er wußte, sie sei vor dem Schließeisen des Wachtmeisters so erschrocken, und um ihr zu zeigen, daß das Erheben und Hinstrecken seiner Hände vorhin keinen andern Grund als den einer schrullenhaften Gewohnheit von ihm gehabt habe, hob er die Hände abermals gegen den Brunnen und besah sie sich genau, als wisse er gar nicht, daß sein Weib ihm zusehe. Dann begann er mit der Rechten den Schwengel zu bewegen und streckte die Linke unter das Ausflußrohr, damit es den Anschein habe, er wasche sich die Hände. Es kam kein Wasser. Er pumpte mit zwei Händen. Die Röhre blieb trocken. Nun riß er den Schwengel in wilder Hast auf und nieder. Das Brunnenhäuschen schütterte, die Kolbenstange ächzte auf und ab. Das Wasser blieb aus. Darum stellte er sich nach ein paar heftigen Schwüngen mit dem Schwengel dicht an das Häuschen und wusch sich die Hände in der Luft, trat zur Seite, schlug sie sich trocken, ging in die Stube, faßte Marie um den Leib und setzte sie auf die Bank an den Tisch. Marie sagte kein Wort, sondern sah in der Richtung ihres Gesichtes gradeaus. Dem Klumpen war es gar nicht mehr zweifelhaft, daß auch sie wisse, alles sei aus. Nachdem er eine Weile mit zwischen die Knie geklemmten Händen gesessen hatte, waren ihm drei Pläne gekommen. Er mußte Steine in den Brunnen werfen, um seine Untat zu verbergen, es war notwendig, selbst die Auffindung des Schusters zu betreiben, um den Verdacht der Täterschaft von sich abzuweisen; er mußte ohne Auf- und Umsehen alles stehen- und liegenlassen, um nur sich in Sicherheit zu bringen. Er erhob sich und schritt unverzüglich zu deren Ausführung. Im Schuppen warf er den Reisigstoß vollends auseinander, trug die vier gestohlenen Grenzsteine heraus und zerschlug sie mit dem eisernen Pürdel in kleine Stücke. Diese lud er in einen Kastenkarren und fuhr sie an den Brunnen. Dort ließ er sie stehen, hob eine Feuerleiter vom Dach, holte die andere hinter dem Hause herbei und band beide mit Stricken aneinander. Darauf trat er ins Haus, zog sich um und ging ins Dorf, kalt und steinern, wie ein harter Mann in unaufschiebbarem Geschäft einherschreitet. Er fand den alten Freiwald bei seiner Winterarbeit, der Fabrikation von Wirtschaftsgeräten. Als der Klumpen in die kleine Stube eintrat, erhob sich der Greis betreten, rückte die große Brille auf seine Stirn hinauf und bot ihm einen Stuhl an. Kurz, ohne Umschweife trug Exner ihm seine Bestellung auf: der alte Brunnenbauer solle morgen früh einmal zusehn, was es für eine Bewandtnis mit seinem Born habe. Seit Tagen sei das Wasser ausgeblieben. Er, Exner, könnte ja den Brunnenbauer aus Petzdorf holen, aber Freiwald habe nun mal den Born getrieben und werde darum die Sache gründlicher machen als irgendein anderer. Die Feuerleitern seien aneinandergebunden, alles liege parat, er selbst könne nicht zugegen sein, weil er Termin habe. Freiwald machte diese und jene Einwendungen. Der Lahme beschrankte sich darauf, seinen Auftrag zu wiederholen, gab dem Alten freundlich die Hand und ging. Auf dem Dorfwege wußte er plötzlich nicht mehr, was beginnen; es ging immerfort etwas wie ein sumsender Wind durch seinen Leib, und der Laut seiner Schritte schien von den Bergen umher auf ihn herabzufallen. Er nahm die Mütze ab, damit das Pochen von den Höhen her aufhöre. Das Kollern in der Luft über ihm dauerte an. So entschloß er sich, auf den Eschberg zu steigen. Das macht jeder, wenn ihm so was passiert. An der Wegscheide, wo ein Steig links jach emporklomm, der andere am Rande hin sich nach dem Fuchsloche abzweigte, hatte er seinen Vorsatz schon wieder vergessen und schritt seinem Vaterhause zu. Auf halbem Wege, unter den Erlen eines Tümpels, stand plötzlich sein Bruder Joseph vor ihm. Er trug einen halben Sack Brotgetreide auf der Schulter und wollte zur Mühle. Nach der Begrüßung fragte der Jüngere: »Nu, Karla«, wohin willst'n du?« Der Lahme war versucht, seines Bruders weiche, hohe Stimme spöttisch nachzuäffen, unterdrückte aber den Drang und antwortete: »Zu dir. Du wirst wohl wissen, wie's mit meiner steht, und da ich morgen in de Stadt zum Termin muß...« »Ja'ch, wie weit is'n, wie stets'n mit'm Freirichter?« Ohne auf seine Unterbrechung zu achten, fuhr der Lahme fort: »Da möcht ich Marie nich alleene lassen, denn ma weeß immer nich, was mit'r wird, 's is schon zu nahe.« »Nu denk, 's wird nich gut gehn, jedoch aber ...« »Jedoch aber«, fiel der Klumpen ein und stieß ein häßliches Lachen aus. »Was denn, ›jedoch aber‹! Ha ich amal ›jedoch aber‹ gesagt, wenn de Zinse nich zum Punkte kam?« »Nu, Karla, siehch och, mir han selber een kranke Kuhe, un drnach muß ich eigentlich morgen nach Rolling. Endlich is doch aso weit.« »Ich bin kee Leiermann, un was geht mich deine Rollinger Geschichte an!« »Du brauchst doch nich schon wieder wilde zu wern.« »Nach, was is dir lieber, du gibst mir zu Johanni de tausend Taler, oder de Kathe kommt morgen un bleibt bei dr Marie.« »Aber, Karla, wir sein doch Brüder. Muß mr denn immer Prügel reden.« »Brüder! Ich kenn' dich! Dir war's am liebsten, ich hinge morgen schon am Galgen.« Nach diesem Aufbegehren begann der sumsende Wind den Leib des Lahmen wieder auszuhöhlen. Eine nicht zu bemeisternde Angst bemächtigte sich seiner. Mit erlöschender Stimme bat er: »Joseph, um Himmels, Maria Christi willen! Tu mr den eenzigen Gefallen und schick mr de Kathe morgen. Du weeßt nischt, gar nischt, und ich kann dir nichts sagen.« Dann wurde es grau um ihn, er hörte und sah nichts mehr. Als er wieder aufschaute, saß er mutterseelenallein auf einem Stein und hielt einen Ballen Schnee in der Hand, den er mit steifen Fingern knetete. Ein leiser Wind blies da und dort Schleierchen aus der Schneedecke, die wie stumme Vögel eine Strecke hinflogen und sich dann wieder niederließen. Es war ein eiliges Huschen rund um ihn. »Kommt och, immer kommt«, murmelte er drohend auf das Spiel des Schnees hin, »immer kommt!« Nachdem er das dreimal gesagt hatte, fiel es ihm ein, sich seinem Bruder gegenüber verraten zu haben. Nun blieb ihm weiter nichts mehr übrig, als sofort zu fliehen. Durch den Wald eilte er nach Hause, warf sich auf die Radwer, fuhr sie ins Feld und überschaufelte sie mit Schnee. Dann band er die Feuerleitern auseinander. Den letzten Knoten konnte er nicht lösen, ließ alles liegen, lief auf die obere Stube, steckte das Sparkassenbuch in die Rocktasche und ging dann noch einmal auf den Heuboden, um zu sehen, wie lange er mit dem Futter reichen werde. Das Mondlicht hing durch die Dachluke, und bei dem Winde war es, als werde ein weißes Tuch von draußen hereingeblasen. In dem ungewissen Schein bückte er sich und griff in dem Heu umher. Je langer er in den raschelnden Halmen wühlte, desto unfaßbarer wurde es ihm, alles zu verlassen: die Kühe, die Schweine, das Haus, den Acker, das Geld. Nur dieses ärmliche Buch rettete er von allem. Er, der ganz Steindorf unterjochen wollte, den Freirichter gängeln, er, der alle zusammenhauen konnte wie ein Taschenmesser, wenn er wollte! Wie ein Hund sollte er über die Straße laufen, gehetzt, verarmt. In Wut raffte er mit beiden Händen das Heu auf und warf es gegen den Mondschein. »Hunde!« schrie er, »Brut!«, furchtbare Verwünschungen und schleuderte das Heu immer nach der Dachluke hin. Der Schweiß strömte über sein Gesicht, seine Stimme ward heiser, aber er hörte nicht auf. Immer bückte er sich und warf Bürden hinter sich. »Mei Geld! mei Geld! mei Haus! mei Acker!« Er röchelte nur mehr. Plötzlich fühlte er, wie der Fußboden sich hob, Knistern lief durch die Schindeln, Trommeln hämmerten in den Wänden unter ihm. Alles begann zu kreisen, brausend drehte es ihn, er erhielt einen Schlag gegen den Kopf. Alles um ihn stand in spritzendem Feuer. Dann brach er zusammen. Gepolter und Kuhgebrüll trieben ihn zeitig früh aus der Betäubung, in der er die ganze Nacht gelegen hatte. Er setzte sich auf, um einen klaren Gedanken zu fassen. Zuletzt hatte er es beisammen, was unabweislich war. Er wollte nach Landeck, das Geld auf der Sparkasse erheben und dann über die böhmische Grenze entweichen. Stumpf, trotzig, erhob er sich, bahnte sich einen Weg durch das Heu und stieg hinunter in die Stube. Sie war eiskalt. Das graue Licht der ersten Frühe hing darin. Niemand war zu sehen, die Betten in der Schlafkammer unberührt. Endlich entdeckte er sein Weib vor dem Tisch liegend, zusammengeringelt wie ein Tier. Er rüttelte an ihr. Sie stand auf, taumelte, ging am Tisch hin, ließ sich auf die Bank nieder und starrte auf den Boden. Dann hob sie das Auge, ließ es über ihn gleiten und sagte tonlos: »Es bleibt dr nischt anders übrig.« Der Lahme nickte stumm. Wie sie wieder emporsah, bemerkte sie, wie er bleicher wurde, erdfahl. Immerfort nickte er mit dem Kopfe und schlang, daß sie das Drucksen des Kehlkopfes hörte. Scheu streckte er ihr endlich die Hand hin. Sie schüttelte das Haupt. Er ließ den Arm sinken und ging, den Kopf auf die Seite geneigt, holpernd zur Tür hinaus, ohne sich umzuwenden. Im Hause stand er einen Augenblick still, hustete einigemal fauchend und verließ mit schweren Schritten das Gehöft. Dann war nur noch das Picken der Uhr lebendig. Marie wandte starr den Kopf und sah zum Fenster hinaus. Der Wald stand wie eine undeutliche Wand in den Nebeln der Frühe. Ein dunkler Ballen bewegte sich darauf zu. Das war ihr Mann. Nun tauchte er unter wie ein böser Spuk. – »Etze is er fort«, murmelte das junge Weib und sank schluchzend zusammen. Dritter Teil 19 Die Hand ihres Gottes lastete schwerer als je auf dem armen Weibe. Während sie so lag und schluchzte, kam ihr der Gedanke, ob es nicht besser sei, aus dem Leben zu gehen. Wies nicht Gott selber sie deutlich nach dem Tor des Todes hin, da seine Heimsuchungen nicht von ihr ließen? Vielleicht war ihr Leben ein Widerstreben gegen seinen Willen, eine Sünde und darin zu verharren nichts als Vermessenheit. Das Haupt aufgerichtet, mit unverwandtem Auge sah sie in diese Tiefe. Aber war sie allein? Riß sie ihr schuldloses Kind, das so nahe vor der Geburt stand, nicht mit in die ewige Verdammnis? Eben jetzt, da sie betäubt den grausen Weg hinsah, wie Erschöpfte das Haupt gegen den Sturm lehnen, kämpfte das Ungeborene in ihrem Leibe, wie ein Lamm wider den Strick dessen ringt, der es zur Schlachtbank führen will. Ohne weiter zu überlegen, wischte sie die Tränen aus den Augen, und gehorsam, willenlos ließ sie sich von der Faust Gottes weiterstoßen auf dem Wege, den sie nicht erfaßte. Sie entzündete das Feuer im Ofen, stellte ihr Frühstück auf und versank demütig in ihre Not. Ohne dem Denken ins Gesicht zu sehen, ging sie einher. »Wie Gott will, halt still« und »Gott schlägt mit einer Hand und vergilt mit hundert«, diese und ähnliche Sprüche geheiligter Altenweisheit beruhigten sie in ihrer Seele, daß ihr wilder Schmerz sich in jene dumpfe, fiebernde Gelassenheit verwandelte, mit der Verurteilte aus dem dunklen Kerker auf alle Geräusche draußen lauschen. Ihr Mann war nach dem Niederstücke zu fortgegangen, also konnte er nur in der Richtung nach Landeck hin seinen Weg genommen haben. Natürlich, wenn er entfliehen wollte, so konnte er nur so hoffen, über die Grenze zu kommen, ehe die Polizei die ganze Schwere seines Verbrechens erkannt und sich zu seiner Verfolgung aufgemacht hatte. Sie begann zu Gott zu beten, daß er seine Flucht gelingen lasse, damit ihrem Kinde und ihr die Schande erspart bleibe. Um sich aber gewiß zu sein, stieg sie in die Sommerstube hinauf und suchte im Schrankschube nach dem Sparkassenbuch. Es war verschwunden. Das Zeitungspapier, worin es sonst eingeschlagen gewesen war, lag zu einem Ballen zusammengeknüllt in einer Ecke. Gott sei Dank! Um elf Uhr spätestens konnte er das Geld auf der Sparkasse erhoben haben, um fünf Uhr nachmittags war er über der Grenze. Erleichtert und zugleich betrübt darüber, daß es so weit mit ihr gekommen sei, wegen eines solchen Vorkommnisses befriedigt zu sein müssen, begab sie sich wieder in die Wohnstube, und ihr Herz füllte sich zum Zerspringen mit all den marternden Möglichkeiten der Zukunft. Der Wintertag war klar geworden. Der Nebel hatte sich in die Hohe gezogen. Sein weißes Licht wandelte still durch die Fenster, und alle Gegenstände sahen aus, als flösse intensiver Mondschein darüber. Manchmal fiel eine große Schneeflocke durch die Luft, langsam und unentschlossen, wie wohl in der stehenden Stille eines Maitages weiße Blütenblätter säumend zur Erde wanken. Dann war wieder nichts als das Wogen dieser milchweißen Helle vor dem ferneren Walde zu sehen. »Du?« fragte Marie in die schöne Gestorbenheit hinein ihren Gott und ihr Schicksal, »du? ... du? ...« erstickend, hilflos. In der Ferne klangen Schritte auf, die sich hastig dem Höfchen näherten. Marie trat vom Fenster zurück in die Mitte der Stube, um möglichst unauffällig den Ankömmling mustern zu können, und sah gleich darauf Käthe, ihre Schwägerin, eilig an dem Brunnenhäuschen vorüber der Haustür zustreben. Sie trug einen Korb am Arme, war sonntäglich gekleidet, und ihre Wangen waren von dem schnellen Gange gerötet. Marie hatte kaum Zeit, an den Herd zu treten und, einen Quirl ergreifend, sich den Anschein zu geben, als sei sie in emsiger Tätigkeit, als das Mädchen auch schon, vor der Stubentür angelangt, sich den Schnee von den Füßen stieß und dann geräuschvoll hereinkam. Weißer Dunst, wie ein Wolf, quoll vor ihr her, wälzte sich über die Diele und verschwand, als verkrieche er sich unter der Bank. Im Augenblick wußte Marie, daß sie Kathe nichts von dem Vorgefallenen merken lassen dürfe, um größeres Unglück zu verhüten, und launig erwiderte sie auf den Gruß des Mädchens: »Ja, ja, die Kälte macht schnelle Füße!« Dabei verfolgte sie Kathe, die mit ihrem Korb nach der Bank hinging, mit totblassem, mißtrauischem Gesicht und dachte: Was wird nur werden? »Du haste recht, das beißt ja orndtlich unter de Nägel«, sprach das Mädchen und legte, ohne sich umzuwenden, eifrig alte Kleider aus dem Korbe. Dabei redete sie hastig. »Gell, immer wunder dich, eine ganze Lade bring ich mite. Nu ja, ma kann doch nie aso durchs Dorf gehn«. Du kennst'n wohl noch nicht, nu nee, 's kann ja auch nich sein. Er is doch erscht zu Michaeli vo a Soldaten heemgekommen, Schreiber Gusta Seffe. Ach, was ma a so dumm is! Aber dir kann ich's doch sagen ...« Endlich gab sie es auf, sich hinter Worten zu verstecken, und sah zu Marie zurück. Die saß auf der Ofenbank, ganz starr und hielt den Quirl mit der Hand krampfhaft wie eine Waffe. »Nee ha, Marie!« rief Kathe fassungslos. Das junge Weib erhob sich sogleich, kam aufrecht herüber und begann mit Lächeln das Arbeitskleid Kathes zu befühlen: »Gude, reene Wolle, gell och, Kathe. Oh, die hält! Ich hatt amol een Porganrock, das war das reene Eisen ...« Sie konnte nicht weiterreden, der Laut erwürgte in ihrem Halse, sie hob das Gesicht und sah das Mädchen verzweifelt an. Da stürzte sich Kathe an ihre Brust, und verschlungen, am Leibe bebend, standen die beiden lange da. Als sich ihre Herzen verständigt hatten, zog Kathe ihre Schwägerin auf die Bank und begann, liebevoll kosend, ihre welken Hände zu streichen. Marie hatte gar zu gern gewußt, warum das Mädchen zu ihr gekommen sei, wagte aber aus Furcht, irgend etwas zu verraten, nicht zu fragen. »Gell, Karla ist herbe zu dr?« begann Kathe mitleidig. »Nu, ihr wißt's ja alle ...« »Un mit dem verdammten Gerichte immerfort.« »Auch das.« »Wenn is'n heute dr Termin?« So, so. Da hatte sich also Marie getäuscht. Er war aufs Polnische zu. »Ja, hat er das gesagt?« fragte sie gleichgültig. »Mir nich, aber Seffen.« »Nee, nee, Kathe. Dir kann ich's ja sagen. Er is nach Landeck und er hebt's Geld vo dr Sparkasse.« Sie hatte die Empfindung, ausgesucht schlau gewesen zu sein. »Wie is dr denn?« »Ganz gut.« »Fühlst dich nich schwach?« »Ach Gott, nu je.« So redeten sie eine Weile leere Worte, indessen ihre Seelen heimlich zitterten wie Grashalme, die im Winde eines Abgrundes stehen. Plötzlich schrie Marie auf: »Nee!«, riß sich empor und trat an den Tisch. Draußen ging der alte Freiwald vorüber. »Hast's gesehn?« fragte das arme Weib und faßte hart des Mädchens Hand. Da trat der Greis auch schon über die Schwelle und wünschte mit heller Stimme guten Morgen. Marie ergriff seine Hand und fragte schnell: »Nu, Freiwald, auch schon da?«, um zu zeigen, daß sie alles wisse. »Wohl nie schon!« Freiwald legte seine Pelzmütze auf den Tisch und strich sich seine spärlichen Haare über den Kopf. »Er is doch schon fort. Hm. Nee, nee, nie schon. Ich sollte doch um siebne da sein, un etze is schon halb achte. Nach, 's is och gut, daß a nie da is. – Aber was habt ihr'n mit'm Borne gemacht? 's is ja ein höllscher Gestank um das Häusel.« »Ach deswegen«, fuhr es Marie durchs Hirn, und es überkam sie eine namenlose Angst. »Marie! Marie! Was is dr denn!« riefen beide fast zu gleicher Zeit, da sie sahen, wie Maries Gesicht sich mit einer graulichen Blässe überzog, und das Mädchen packte sie am Arme. »Nischt, 's is schon gut. Mir wur bloß weech.« Kathe und Freiwald wechselten mitleidsvolle Blicke. Der alte Brunnenbauer glaubte daraus zu entnehmen, das Mädchen meine, man tue am besten, gleich an die Arbeit zu gehen. Indem er die Joppe ablegte, dies und das umständlich ordnete, zupfte und legte, wie ein greisenhaftes Leben es nur immer säuberlich tun kann, redete er aus dem gemütvollen Unterstrom seiner Seele zu jedem Handgriffe in Absätzen, die er mit einem Schmecken verband: »'s is eigentlich a ganz schlechte Zeit zu der Arbt. – Weil etze im Winter dr Erdgeist de Oberhand hat über a Wassergeist. – Gegen de starken Queller, na, da kann er ja nischt ausrichten. – Nie zuviel. – Aber de Faden, de armen kleen Fadenla! An die macht er sich schon. – Un euer Born hat den Zug noch nich, a pfeift, ma mecht sprechen, noch nich of'm rechten Loche. – Jedoch aber, de Hauptsache, ich find' den Puls – drnach helf ich'm schon.« Die Frauen aber standen, hörten ihm zu und folgten seinem Trödeln mit aufmerksamem Auge. »Ja, ja, ihr Weibla, da hat's euch a so Sachen!« Damit wandte sich der Greis den beiden zu und lächelte liebenswürdig. »Zum Beispiel der Gestank, 's kann eene Katze sein, irnd a Zeug, was de vrbeigangen is un nundergestürzt. Ma muß ja de Bretter manchmal heben, ma muß se; das is ganz ei der Ordnung. Ja, ja. Aber merschtenteels is doch's Wasser alleene, was de fault und stinkt. Denn das Wasser is auch lebendig und springt und flißt, alls. Sterbt auch und fault auch wie alls, was de etze is und ehe nie is. Dazwischen is de Verwandlung.« Kathe ging und sah in den Ofen. Der Alte verstand den Wink. »Freilich, hast recht, Käthe. Was nich geht, muß ma stoßen. Aber weger dem bißla Gesinne arbt ma ja eigentlich bloß. Das is wie der Faden, cm dem ma sich weiterfühlt.« Er hatte eine Prise Tabak genommen und ging frohen Mutes der Tür zu: »Na, da kommt och ei Gotts Namen!« »Ja, ja, 's is gut. Kommt. Was nutzt alles!« sprach Marie aus einer Betäubung heraus und wandte sich mit gewaltsamer Anstrengung auch dem Ausgange zu. Allein, kaum stand sie in der Hausflur, als sie hastig umkehrte: »Geht och! Ich bin glei bei euch ... oder wartet – oder geht. – Aber kommt mr ja nich nach.« Ihre Stimme flutete aufgelöst, verwirrt, trotz ihres Bestrebens, gleichmütig zu erscheinen. Der Greis sah starr auf die Tür, die sich huschend geschlossen hatte, und wiegte den Kopf bekümmert hin und her. »Kathe, paß of die uf, da is nich alles, wie's sein muß. Die wird mangolsch oder is schon«, flüsterte er dann. »Ach, 's is zwar mei Bruder, aber ...«, bitter brach das Mädchen ab. »Ich darf mr keen Vorwurf machen. Dr alte Freiwald tut, was a muß«, sagte der Brunnenbauer zu sich und versiel in Sinnen. Nach langer Pause hob er den Kopf, und als er zur Haustür hinausgesehen hatte, begann er wieder mit gedämpfter Stimme: »'s is ein häßlicher Tag worn! Grau und alls eigesackt. Siehch och, wie's schneit, als wollt's alls begraben!« Mit ernstem Gesicht sahen beide in den Wintermorgen, dessen Klarheit schon wieder einer trüben Helle gewichen war, die der dichte Tanz großer Flocken ganz erfüllte. Und obwohl sie nichts hörten, es war ihnen doch, als empfänden sie ein weiches, melancholisches Summen, die müde, bedrückende Melodie des Schneefalles, in deren Bann sie in tiefes Schweigen versanken. Da schwamm ein Laut durch die Stille, kam und ging, wie das Stöhnen eines angeschossenen Wildes durch den Wald streicht. »Hast's gehört, Kathe?« Die Gefragte nickte. »Kam's nich aus der Stube?« Das Mädchen hatte genau gehört, daß es aus der Stube gedrungen war, in der Marie weilte, zuckte aber die Achseln und schwieg. »Dahier is ja auch der Stall«, antwortete sie endlich irreführend. »Nu, 's war auch möglich.« Dieser geflüsterten Unterhaltung wurde ein Ende gesetzt, da Marie wieder unter der geöffneten Tür erschien. Sie schritt aufrecht, gestärkt; ihr bleiches Gesicht trug die Züge verklärten Ernstes, wie Krieger aussehen, die von der Einsegnung weg dem Kampf entgegengehen. Der Greis und das Mädchen hatten auf den Laut der aufgehenden Tür sich nach dem Ausgang zu in Bewegung gesetzt. Marie folgte ihnen. Als dann die zusammengebundenen Leitern in dem Brunnen standen und der Alte im Begriff war hinabzusteigen, schickte Marie ihre Schwägerin auf den Heuboden nach Futter. Sie selbst wollte in die Stube zurückkehren. Der Greis nickte ihr zu, kehrte ihr dann den Rücken, schlug ein Kreuz und hob den rechten Fuß auf den ersten Sprossen. Davon wurde sie tief und schreckhaft ergriffen, daß ihr Herz ganz laut zu schlagen begann. Sie hatte nicht die Kraft, sich zu rühren, und die Erinnerung, sie stehe auf demselben Fleck, auf dem gestern ihr Mann seine Hände nach dem Schließeisen des Wachtmeisters hatte ausstrecken müssen, vermehrte ihre Furcht, daß es ihr war, sie sinke unter Summen in den Boden. Freiwald verschwand in der Tiefe. Regungslos starrte das arme Weib auf die Öffnung zehn Schritt vor ihr, aus der die grauen Leiterbäume heraufstarrten. Um nicht hinfallen und an ihnen in wahnsinniger Angst rütteln zu müssen, wandte sie ihre Augen auf die fallenden Flocken. Sie flohen einander und nahten sich, und jedesmal, wenn sie sich berührten, war es ihr, als explodierten sie unter Geknister und Blitzen. Alles um sie zischte und zuckte und glomm in Milliarden greller Pünktchen. Sie heftete ihren Blick wieder auf die Leiterbäume vor ihr. Fast unmerklich glitten sie hin und her. Der Alte war noch unterwegs. Jetzt standen sie ruhig. Er war auf dem Grunde. Plötzlich fuhren sie mit scharfem Ruck zur Seite, ein mummelnder Laut quoll aus der Tiefe. Marie packle mit beiden Händen ihre Brust. Nun!!! – Immer deutlicheres Knirschen steigender Schritte. Keuchen. Die Mütze des Mannes. Endlich sein runzliges, schreckentstelltes Gesicht. Marie reißt es die Arme in die Höhe. Mit dem ausgeschleuderten, schrillen Schrei: »Dr Schuster!« bricht sie zusammen und liegt da wie ein Häufchen abgetragener Kleider. 20 Der alte Freiwald strich sich mit bebender Hand den kalten Schweiß von der Stirn und trat voll Grauen von dem offenen Brunnen weg. Nachdem er sich ein wenig erholt hatte, schützte er sich vor dem Einfluß des Toten, spuckte unter Murmeln dreimal in den Brunnen, kehrte sich dann um und warf mit Anrufung der drei göttlichen Personen drei Handvoll Schnees hinter sich. Bei dieser Tätigkeit traf ihn die herbeigeeilte Kathe, die fassungslos von dem ohnmächtigen Weibe zu dem zitternden Greise sah. Endlich war sie imstande zu sprechen. »Nu, aber Freiwald!« »Da drunten.« »Wer?« »Der Schuster!« »Un tot?« »Verfault.« Dann sanken in Schrecken ihre Blicke ineinander. Plötzlich fuhren sie, von dem gleichen Gedanken erfaßt, zusammen und traten an Marie heran, die regungslos dalag, das bleiche Gesicht in den Schnee gedrückt. Umsonst bemühten sie sich, durch Zurufe, Rütteln und Aufrichten das Bewußtsein in dem welken Leibe zu erregen, griffen danach an, Freiwald unter den Armen, Kathe zu Füßen, und trugen die anscheinend Leblose auf das Bett in die Schlafkammer. Dort begannen sie, mehr aus Angst als Berechnung, den Körper des armen Weibes zu reiben, den sie von schnürenden Kleidungsstücken befreit hatten. Lange lag Marie, als sei sie wirklich von dem Tode hinübergerissen worden. Dem Mädchen fielen große Tropfen aus den Augen, und mit dem rührendsten Klang in der Stimme, wie lebendige Herzen nur nach Verblichenen rufen können, bat Kathe Marie ins Leben zurück: »Marie! – Marie! – Mei allerliebstes Mariela, wach uf, noch a allereenziges Mal wach uf, daß ich dr's sagen kann, wie ich dr gut bin.« Endlich wich das fahle Blau der Lippen leisem Rot, und die Schlagader des Halses rührte sich unter der weißblauen Haut wie ein aus der Erstarrung sich lösender Wurm. Auch die Brust begann auf und ab zu wanken. Sonst lag die Kranke totenstill. »Mir wern se ruhig schlafen lassen. Das is etze 's beste«, flüsterte der Greis, und indem er das Gesicht halb nach der Tür wandte, verriet er, daß sein Sinnen von der Sorge um das Weib hinzugleiten begann zu der Tatsache des furchtbaren Fundes. Kathes Seele stand auf derselben Scheide zwischen Sorge und Grauen und sann laut vor sich hin: »Dorte ein Toter un da ein Leben, das de an eem Faden hängt.« Die Kranke riß die Augen auf, öffnete auch den Mund, und bann, wie unter einem Peitschenhieb, krümmte sich der Leib zusammen, die Augäpfel drehten sich in die Höhlen zurück, den Kopf stieß es in die Kissen. Mit einem langgezogenen Schrei endete der Krampf. »Um's Himmels willen, Freiwald, was soll'n das sein?« fragte Kathe verzweifelt. Der Greis betrachtete die Kranke, die mit geschlossenem Munde stöhnte und die Hände ins Bett grub, und erwiderte dann: »Mir scheint, die stößt de Mutter.« »Nee ha, da bis och scheen gebeten und lauf bale.« Sogleich stapfte der Alte davon. Nach einer langen Stunde, während welcher das Leben des armen Weibes oft nur noch schwach vor den Gruben des Todes aufgeflackert war, rang sich die Frucht ihres Sehnens von ihrem Leibe los. Es war ein Knabe. Die junge Mutter lag schweratmend im verwühlten Bett. Als die Hebamme, ein vierschrötiges Weibsbild mit einem Mannsgesicht, das Kind gegen das Licht hielt, um es auf seine »Richtigkeit« zu prüfen, schloß sie die Augen und legte es kopfschüttelnd in die Wickel. Denn es war häßlich, gleich dem entstellten Bilde eines wüsten Traumes. Ein grimmiger Fußtritt Gottes schien es aus dem Nichts ins Leben gestoßen zu haben. Der breitgedrückte Kopf, zwischen die Schultern gekeilt, unförmig groß, mit einem runzligen Greisengesicht, kleinen Augen unter roten Wülsten, saß fast unmittelbar auf dem kurzen Leibe, der die Proportionen eines halbwegs viereckigen Steines hatte. Arme und Beine spinnenlang, an den Gelenken knotig aufgetrieben. Die Finger fleischlose Vogelkrallen. Alles aber mit langen vereinzelten Haaren bedeckt, ähnlich denen, die verborgener Moder heraustreibt. Von Zeit zu Zeit stieß das kleine Ungeheuer einen schnarrenden Laut aus ... »Warum habt'r denn nich de Patzelten aus Walsdorf gehult?« fragte endlich die Hebamme das Mädchen, und ihr ohnehin verdrossenes Gesicht ward zornig. »Warum denn?« entgegnete nichtsahnend Kathe. »Weil's a Wechselbalg is«, sagte das Mannweib und warf einen richtenden Blick auf die Kranke, weil sie noch in dem Aberglauben befangen war, so ein Kind sei die Strafe für verborgene Sünden. Sie wußte nichts von den durchwachten Nächten, den Seelenschmerzen und den endlosen Demütigungen, mit denen Marie um ihr »einziges Glück« gedient hatte. Kathe saß auf der Ofenbank und schluchzte fassungslos in die Schürze. Draußen füllte sich der Hof mit Neugierigen, meistens Männer, die umherstanden, heftig gestikulierend einander in die Ohren redeten, wie zufällig an die Fenster traten, mit scheuer Neugier in die Stube zu sehen, vigilierend über das Höfchen sich zerstreuten, um dann wieder angestrengt und gründlich in den offenen Brunnen zu starren. Die Ankunft des Wachtmeisters Stief schnürte sie in eine Reihe. Er sprengte in höchster Aufregung auf den Hof, stieg rasch vom Pferde, warf einem Diensteifrigen die Zügel zu, trat an den Brunnen, sah lange und mit Kennermiene hinein und kraute sich überlegend hinter dem Ohr. Nach kurzem Anschauen riß er das Taschenbuch unter dem Rock hervor, schrieb irgend etwas hinein und erschien dann sporenklirrend in der Stube. Die Hebamme hatte sich in die Schlafkammer geflüchtet und die Tür hinter sich verschlossen, so daß Kathe dem Eifrigen standhalten mußte. Seine Fragen prasselten auf das furchtsame Mädchen nieder, als würfe er ihr Sand ins Gesicht. Sie wurde so verwirrt, daß sie über die einfachsten Dinge nicht Bescheid wußte. Unter größter Mühe ging ihm die Tatsache auf, daß der Lahme heute morgen um sieben Uhr sich in der Richtung nach Landeck entfernt habe, um dort wahrscheinlich Geld auf der Sparkasse zu erheben. Mit mißvergnügtem Knurren über das dickfellige Bauernpack stand er endlich auf. »Wie heißen Sie?« »Katharina Exner.« »Beschwindeln Sie mich nich, sonst loch' ich Sie auf der Stelle ein.« »Katharina Exner aus'm Fuchsloche.« »Ich denk', Sie sind dahier?« »Nee.« »Nu verdammt, das Weib wohnt doch beim Manne.« »Ich bin nich verheirat.« »Was, Sie wollen leugnen, daß Sie verheirat sind?« »Herr Wachmeester, ich bin doch de Schwester vo dem.« »Was denn, vo dem'?« Sie brach in Weinen aus und schluchzte endlich: »Ich kann doch nich drfür, wenn mei Bruder aso is.« »Ach so, Sie, hm, hm, na das konnten Sie doch gleich sagen. Rein vernagelt! Lassen Se's gut sein, den kriegen mr schon.« Klirrend war er draußen. Der Schnee stob unter den Hufen des Gaules. Weg war er. Nach einer halben Stunde trat er wieder mit dem Amtsvorsteher in die Stube. Mit »Jawohl, Herr Amtsvorsteher«, »Gewiß, Herr Hoffmann« stand er stramm, stampfte auf und zu, schrie in den Hof und gab dann wieder lange Berichte über sein planvolles Ermittlungsverfahren. In dieser Unruhe schritt das Protokoll des Amtssekretärs Dorn langsam vorwärts. »Wissen Sie was, Stief«, mit diesen Worten unterbrach sich der Amtsvorsteher, hob den Kopf und lächelte milde, wie es seine Gewohnheit war. »Jawohl, Herr Amtsvorsteher.« »Ja«, Herr Hoffmann strich sich gedankenvoll den schwarzen Schnurrbart. »Was befehlen der Herr Major?« »Die Hauptsache ist doch, daß wir ... treten Sie mal ab – wie heißen Sie doch ...« »Katharina Exner«, knurrte Dorn. »Richtig, also, ja. Freilich. Sie mein' ich! Rausgehn sollen Sie! Herrgott noch mal!« Kathe verließ wie betäubt die Stube, stolperte über die Treppe hinauf und sank in der Sommerstube an den Fenstern auf die Knie. Durch die Decke hörte sie das Gespräch der Männer wie das Brummen einer fernen Dreschmaschine. Dann brach es ab. Sie erhob sich und lehnte die Stirn an die Scheiben. Da stob Stief wie ein Wirbel über den Schnee. Fortgeblasen verschwand er hinter einer Mauer. Einigemal blitzte noch sein Helm auf. Dann rieselte wieder nur der Schnee vor dem regungslosen Walde. Dorns Stimme rief sie nach unten. Das Verhör nahm seinen Fortgang. Endlich war alles aufgeschrieben. Der Amtsvorsteher erhob sich und schüttelte mit beiden Händen die Kopfschuppen von seinem Rockkragen. Dorn klemmte den Aktendeckel unter den Arm. Beide sahen sich noch einmal mißtrauisch in der Stube um und gingen, ohne die Tür ganz hinter sich zu schließen. Nun waren die Neugierigen auf dem Hofe wieder unter sich und bestürmten den alten Freiwald, dessen Zeugnis bei der Vernehmung eine große Bedeutung gehabt hatte, mit Fragen. Kathe saß auf der Ofenbank und starrte auf ihre gefalteten Hände. Die Hebamme wagte sich auch wieder aus der Schlafkammer und ließ sich ihr gegenüber auf der Bank nieder. Draußen wurde das Gespräch der Gaffer erregt. »Kee Wasser?« fragte einer schrill. »Was ich dr sage«, antwortete ein standhafter Baß. »Freiwald hat'n gegraben, der muß ja wissen«, rief der Zweifler streitlustig. »Wie is, Freiwald?« »Siehch meine Hand«, erklärte der alte Brunnenbauer, »so trocken is er, kee Schluck Wasser. Een Haufen Steene, sonst nischt.« »Das gleeb' ich nich, ich ha doch selber 'nen Born.« »Na da hör' och«, unterbrach ihn Freiwald, »freilich halt's Wasser, gutes, süßes, Lebenswasser. Etze aber is euch ratzekahl weg. Denn wo a so was geschieht, da verliert sich's Wasser of der Stelle. Das liegt ei seim Geiste, weil's bloß fürs Lebendige is. Denn seht och, ihr Männer, das Wasser hat sei Gemitte wie's Feuer! Ich geh hem; mir is eigentlich nich gut.« Er klopfte ans Fenster, nickte freundlich herein und schritt davon. Langsam verloren sich alle vom Höfchen. Der Wachtmeister Stief hatte Glück. Auf dem Laudecker Ring, noch neben dem Eingang zum Rathaus stehend, verhaftete er den Lahmen, der eben im Begriff war, über die Grenze zu entfliehen. Ohne Widerstreben ließ sich Exner die Handschellen anlegen und humpelte vor dem Gendarmen her ins Gefängnis. 21 Der Abend dieses schweren Tages kam früher als sonst und überraschte die beiden, die Hebamme und das Mädchen, die in der ganzen Zeit wortlos dagesessen hatten und nach der Unruhe gegenseitig die Sicherheit ihres Bestehens genossen. Jedes war erfüllt von dem Schicksal dieses einsamen Hauses, und keines sprach darüber, karge Worte über das Vieh, das Wetter und Begebenheiten der Gemeinde und des Umkreises, achtlos hin und wider geschoben, füllten den Raum zwischen diesen einwärtsgekehrten, einfachen Seelen aus. Dann erhoben sie sich wohl und sahen nach Mutter und Kind, und wenn sie beide schlafend fanden, so traten sie wieder vorsichtig über die Schwelle und gingen an ihren Platz. Dann verfielen beide in Sinnen, das in Schlaf überging. Erst am andern Morgen erwachte Kathe und fand sich, ein Bündel Kleider unter dem Kopfe, neben der Ofenbank liegen. Die Klessen kauerte noch schlafend auf der Bank am Tische. Drinnen in der Kammer wimmerte es leise. Das Mädchen weckte die Hebamme, und beide gingen hinein. Der blasse Glanz des ersten Lichtes lag auf dem blassen Gesichte Maries, das heraufgekehrt in den Kissen lag, die Lider geschlossen. »'s war doch hinne«, sprach Kathe, die einen Laut gehört zu haben glaubte, mit einem Blick auf das leblose Antlitz, und zögernd legte sie ihre Hand auf die weiße Stirn. Da begann die Kranke kraftlos zu schluchzen. Kathe warf sich über sie und sprach ihr unter Tränen Trost ein. Sie redete noch in Liebe, als Marie schon wieder in Ohnmacht lag. Nach einer langen Weile schlug das arme Weib die Augen auf. »Is vorbei?« hauchte sie furchtsam. Die Klessen nickte, beugte sich lächelnd nieder und strich der jungen Mutter die blonden Haare aus dem Gesicht: »Alls, alls, mei herzes Weib.« »Was is'n?« »A Jüngla.« Maries Antlitz sank in schmerzvoller Enttäuschung noch mehr ein. Dann wandte sie es schweigend gegen die Wand. Als sie es den beiden wieder zukehrte, standen ihre schönen blauen Augen voller Tränen. »Is'n richtig?« fragte sie dann. »Ja. Aber jetze darfst du'n nich sehn. Du bist noch zu schwach.« »Gott sei Dank!« Erschöpft schloß sie die Augen, und während die Lippen sich im stummen Gebete eilig rührten, kam eine immer tiefere Seligkeit in ihr Gesicht. Lange lächelte sie so, lange. Derweil erfüllte sich der Tag. Alle Dinge wurden nach und nach genau sichtbar, als schwebten sie aus Fernen herbei. Und mit ihnen lief alles in die Seele des geprüften Weibes, was vor den Schrecken der Geburt gewichen war, stand an ihrem Bett, sah sie an, begann zu reden und fragte: »Was nun?« Da ward Marie sehr angst. Sie betete; es wich nicht. Sie schloß die Augen, da wurde es größer. Weil sie sich keinen Rat wußte, rief sie nach Kathe. Als diese aber in der Stube erschien, erkannte Marie, daß sie nicht imstande sei, nach ihrem Manne und den Folgen der Auffindung des Schusters zu fragen. Sie sah ihre Schwägerin tief an und bemerkte verhaltenes Glück in ihrem Auge. »Lacht er'n schon etwa?« fragte sie endlich. »Ach, freilich lacht er schon, und wie«, antwortete Kathe und stand und kämpfte mit sich. Dann wurde sie übermannt, warf sich auf die Knie an das Bett, nahm den Kopf Maries in die Hände und bedeckte das blasse Gesicht mit heißen Küssen. Als das Mädchen von ihr gelassen hatte und wieder an dem Türpfosten lehnte, fragte die Kranke gramvoll: »Kathe? ...«, aber es würgte sie, und die Worte konnten nicht über die Lippen. Verzweifelt schaute sie zur Decke. »Nee, nee«, sagte sie dann, sich fassend, »ich nehm' dir's nich üvel. Gell, es is a scheener Tag?« »Wie meenst'n das?« Das Mädchen blickte bekümmert auf Marie. Diese sah sie noch einmal lange an und nickte unter Tränen. Da wurde Kathe rot und weinte, weil die Kranke die Freude ihres Herzens erkannt hatte. »Gell, es is schlecht vo mir?« stotterte sie. Marie langte aus dem Bett, drückte ihre Hand und entließ sie mit den Augen. Ehe sich die Tür hinter ihr schließen konnte, bat sie noch, man möge den Eingang zur Schlafkammer angelweit offenlassen und das Körblein mit dem Kinde auf die Ofenbank setzen, wo sie es vom Bett aus sehen könnte. Das Mädchen tat alles und nahm sich unter ehrlichem Kummer über ihre Sündhaftigkeit vor, nichts mehr von ihrer Liebe merken zu lassen, sondern sie zu unterdrücken. Marie aber lag in ihrem Bett und erkannte, wie einsam sie in ihrem Unglück sei. Es ward ihr schwarz vor den Augen, und wenn sie zu sich kam, suchte ihr erster klarer Blick immer den kleinen Korb. Dann nahm sie sich vor, stark zu sein, um sich ihrem Kinde zu erhalten, und aß tapfer und schlief, tat alles, was die Hebamme angeordnet hatte. Am zweiten Tage klang Schellengeläut in den Hof. Kathe trat ans Fenster, wischte den Schweiß von den Scheiben und sah hinaus. Jesus Maria! Im Schlitten saß ihr Bruder, neben ihm der Gendarm, das Gewehr in den Händen. Der Lahme, die Unterlippe eingekniffen, blaß, den Kopf leicht zur Seite geneigt, die Augen starr hin, die Hände gefesselt. Ein zweiter Schlitten folgte mit Geklingel. Eine Anzahl fein gekleideter Männer stiegen daraus. Voran ein Geduckter, ein einziges Glas in das zuckende Auge geklemmt. Kathe sank auf die Bank, riß sich aber im nächsten Augenblick auf und schloß die Tür zur Schlafkammer, die schwachen Worte Maries überhörend. Dann lief sie einigemal in der Stube auf und nieder. Als Schritte in die Hausflur kamen, kauerte sie sich aufs Geratewohl auf die Bank und drückte sich an den Seegerkasten. Gleich darauf traten die Herren schon ein... Der hastig Fahrende voran. Hinter ihm ein Hinkender mit einem gelben, ausgetrockneten Gesicht, der über die angelaufene Brille die Augen prüfend durch den Raum gleiten ließ und beim Anblick des großen Tisches befriedigt nickte und mit seinem großen blauen Bogen gleich daran Platz nahm. Während der Amtsvorsteher von Erlengrund, Major Hoffmann, und ein Mann mit einem zweiteiligen langen Barte eintraten, hatte der Geduckte, der offenbar der Oberste von allen war, den Raum gemustert und sagte zu dem weißbärtigen Herrn: »Macht einen guten Eindruck, was, Herr Sanitätsrat?« »Sehr propper, vollkommen einverstanden, Herr Staatsanwalt«, erwiderte dieser mit tiefer dienerischer Verbeugung. Der Hinkende am Tische aber entgegnete: »Eine loyale Wohnung, durchaus loyal«, und tauchte dann verlegen ins Tintenfaß, weil ihn der Staatsanwalt deswegen fest ansah. »Steindorf, den 5. Dezember 1893«, sprach er dann eintönig und ließ die Feder übers Papier fliegen. »Ach was, Denzel!« unterbrach ihn der Staatsanwalt, drehte sich um und sah das verängstigte Mädchen am Seegerkasten. »Wer sind Sie?« fragte er milde in das verzweifelte Gesicht Kathes, die glaubte, man werde sie einsperren, und über die unvermutete Freundlichkeit so glücklich war, daß sie auf die Antwort vergaß und unter Tränen lachte. Herr Hoffmann gab an ihrer Statt Bescheid, und dann entstand ein erregtes Gespräch unter den Männern, das in abgebrochenen Sätzen, mitunter im Flüstertone geführt wurde und von dem Staatsanwalt mit den Worten geschlossen wurde: »Also, bitte, meine Herren!« Dann eilten alle hinaus. Sie hörte die Leiter in den Brunnen schüttern, entrüstete Ausrufe, die Schuppentür knarren; die schwachen Hilferufe Maries. Alles war ganz weit fort von ihr; sie vermochte sich nicht zu rühren, alles flog um sie. Wie lange es dauerte, wußte sie nicht. Nun kamen alle wieder herein. Der Sanitätsrat im eifrigen Gespräch mit dem Staatsanwalt. »Bei der vorgeschrittenen Verwesung«, sagte er, »läßt sich leider nichts anderes konstatieren. Sechs Wochen, wie gesagt.« Und in der Mitte der Stube hielt er eine lange »Rede«, wobei er sich den Bart strich, während der Hinkende eifrig am Tisch alles niederschrieb. Auch der Amtsvorsteher wurde gefragt. Dann war es ihr, als schliefe sie ein. Es ging noch allerhand um sie vor, aber sie begriff keine Gebärde, kein Wort mehr. Einmal glaubte sie, gewaltsam an den Augen reißend, ihren Bruder vor dem Tisch stehen zu sehen und wollte schreien, vermochte es aber nicht. Sie saß in einem lethargischen Zustande, wie wir im Schlaf einen grausen Traum erleben und nicht genau wissen, ob wir wach seien. Da riß man sie am Arme. Sie kam zu einer krankhaft scharfen Besinnung und erkannte in den Gesichtern aller, die sie umringten, eine drohende Entschlossenheit. »Wo ist Ihre Schwester?« fragte der Staatsanwalt verdutzt über den Ausdruck der Feindseligkeit in ihrem Gesichte. »Herr Staatsmann oder wie Se heeßen«, antwortete sie fest, »da drinne. Aber gehn Sie nich nei. Die sterbt, ich kann Ihn sagen, die sterbt.« Drohend vertrat sie ihm den Weg in die Schlafkammer. Man drängte sie zur Seite. Aber entschlossen, zur Hilfe Maries das äußerste zu wagen, folgte sie den Hineinschreitenden auf dem Fuße. Von den polternden Schritten war Marie aufgewacht. Sie öffnete die Augen unnatürlich weit und versuchte zu lächeln. Man fragte sie viel. Ihr Gesicht wurde starrer, blasser. Die Hände auf dem Bett schlössen sich. Ihr Mund schwieg. Da kniff sich der Staatsanwalt das Glas fester ins Auge, beugte sich nahe an ihr Ohr und fragte ganz laut und langsam: »Haben Sie mit dem Schuster Klose in einem unerlaubten Verhältnis gestanden?« Die Kranke rührte sich nicht. Endlich, lange danach, stöhnte sie fast unhörbar: »Dr Schuster... d... e...r Schus...«, ihre Augensterne hingen schreckhaft in den Höhlen. Dann sanken die langen Wimpern langsam darüber hin, das Elend barmherzig bedeckend. Denzel strich sich mit zitternder Hand durch den Bart. Der Amtsvorsteher schüttelte sich die Kopfschuppen vom Rockkragen und wandte sich bleichen Gesichts der Türe zu. Der Sanitätsrat bemühte sich um die Arme und erklärte, daß nichts zu machen sei. Die Frau habe aus Schwäche und wegen Blutverlustes einen tiefen Ohnmachtsanfall; Gefahr für ihr Leben sei indes nicht »vorliegend«. Darauf traten alle wieder über die Schwelle in die Stube, und der Staatsanwalt rief Kathe an den Tisch. »Wissen Sie, ob Ihre Schwägerin in verbotenem Verkehr mit dem Schuhmacher August Klose aus Steindorf gestanden hat?« fragte er sie, ein beschmutztes Papier auf dem Tische entfaltend und vorsichtig die unzähligen Knitter desselben niederstreichend. Kathe hatte sich indessen von ihrem Schrecken erholt und verneinte. Ob sie die Schrift des Schuhmachers zufällig kenne, drang der Staatsanwalt weiter in sie, und als sie erwiderte, daß ihr außer einer Rechnung nichts von seiner Hand zu Gesicht gekommen sei, schob er ihr den verdrückten Fetzen hin und forderte sie auf zu lesen, was auf diesem Papier stehe, das man in der Westentasche des Toten gefunden habe. Sie wollte es näher an sich ziehen, aber die weißen Hände des Beamten ließen nicht los. Der vergriffene Zettel war mit lauter großen Buchstaben bedeckt, die zum großen Teile verlaufen waren. Mit vieler Mühe entzifferte sie endlich die Worte: »... lerliebste Marie – mein Leben... gehe zugrunde... Liebe zu dir... doch... Aug... Klose.« Als sie das gelesen hatte, fühlte sie den Boden unter ihren Füßen wogen. Sie stützte sich, um nicht umzufallen, mit steifen Armen auf den Tisch. »Das is nich wahr!« schrie sie dann überlaut, und da der Staatsanwalt milde noch weiter in sie drang, doch ja der Wahrheit die Ehre zu geben, erwiderte sie ein paarmal dumpf: »Nischt... Nischt... Nischt«, und verharrte mit starren, gebannten Augen, vornübergestützt wie einer, der mit Grausen in eine schwindelnde Tiefe blickt. Die Männer erhoben sich unter erregter Unterhaltung und verließen die Stube. Kathe ging, ihrer Grüße nicht achtend, und ließ sich auf die Bank fallen. Das beißende Weißlicht der Wintersonne fiel durch das Fenster neben ihr. Sie erhob die Augen gegen den Glast. Da sah sie ihren Bruder davonfahren, den Kopf tief in die Brust geduckt, zusammengekauert. Bis das Wispern des entfernten Schellengeklingels in der Stille untergegangen war, starrte sie in das kalte Licht. Dann erhob sie sich unter gewaltsamem Auffahren und trat in die Schlafkammer. Marie lag mit offenen Augen da, achtete ihrer nicht, sondern fuhr in Versunkenheit fort, mit dem Zeigefinger der Rechten die Knöchel der andern Hand zu betupfen, als gelte es, Unfaßbares zusammenzuzählen. Endlich winkte sie Kathe zu sich und gab ihr einen langen Kuß auf die Stirn, dann bat sie mit erschöpfter Stimme, ihren Knaben wieder so zu stellen, daß sie ihn durch die offne Tür sehen könne, und lag da und verwandte kein Auge von dem Körbchen. 22 Wir können uns gegenseitig nicht helfen. Die natürlichste Bemühung um das Wohl anderer besteht in dem ehrlichen Streben nach dem Besten unseres Lebens. Marie lag und schwieg. Niemand sagte sie von den Vorgängen in ihrer Seele. Auch Kathe berührte mit keinem Wort das Unglück des Hauses. Die Aussprache der beiden, die wie ausgeschlossen in der Waldeinsamkeit hausten, bestand in einem tiefen Blick, einer Gebärde, einem Kuß, einem Handdruck. Maries Genesung setzte unverkennbar ein, und auch Kathe sank tiefer in ihr Leben, als endlich die letzte grauenvolle Beängstigung von ihr genommen und der schwarze Sarg mit den leiblichen Überresten des Schusters aus dem Höfchen geholt worden war. Es erfüllte sie Kraft und sogar eine Art frohen Mutes. Alle Geschäfte glitten ihr glatt durch die Hände, und wenn ihr Bruder Joseph kam, so spannen sich die Fäden geheimen Hoffens weiter. Der Gute traute sich nun schon vorsichtig auf den Zehen in die Stube, während er in den Tagen des schwersten Dranges nach einigen flüchtigen Worten in der Hausflur mit ermutigendem Handschlag von ihr gegangen war, den Weg um die Scheuer nehmend, damit das arme Weib bei seinem Anblick nicht an frühere, bessere Zeiten erinnert würde. Er sah wenigstens einmal in der Woche »zum Rechten«. Wenn die beiden Geschwister gründlich die Führung des Hauswesens beraten hatten, saßen sie eine Weile still beieinander, bis Joseph den Kopf hob und schalkhaft lächelnd schöne Grüße »vo eem justen Menschen« an Kathe ausrichtete, der ihm zufällig auf dem Wege begegnet sei. Einigemal hatte sich wirklich Schreiber Seffe, der Sohn des Nachbars, um Kathe erkundigt, und nun überbrachte der Gute auch unaufgetragene Botschaften, um seiner Schwester eine Freude zu machen in diesen trostlosen Wochen. In dem Geplänkel, das die Verschämtheit des Mädchens dann hervorbrachte, konnte er auch von der glücklichen Wendung seines langjährigen Liebeshandels sprechen. Er hatte nun doch den Mut gefunden, um das Rollinger Mädchen anzuhalten. Zwar bedrückte es ihn gar sehr, daß alles zu seinem Unglück ausschlagen könne, weil die Werbung auf den Tag der Auffindung des Schusters gefallen war, aber die zwei frommen Menschen beruhigten sich bald bei dem Gedanken an ihre Schuldlosigkeit und Gottes Gerechtigkeit. Wenn Joseph aber nach allem dennoch immer Zweifel an der Berechtigung zur Liebe inmitten eines so schweren Schicksals äußerte, so machte ihn Kathe darauf aufmerksam, daß beide diese Liebe nicht gesucht hätten, daß sie vielmehr als ein Fingerzeig gnadenreicher Fügung zu betrachten sei, bei der unglücklichen Schwägerin in Mitleid auszuharren, und so schieden sie allemal mit dem gegenseitigen Versprechen, alles der Vorsehung anheimzustellen und indessen nichts zu versäumen in Stall und Stube, in Scheune und Schuppen. Ging Kathe nach dieser langen Abwesenheit zu Marie in die Schlafkammer, so sah die Kranke das Mädchen unter Kopfnicken mit einem bitteren Lächeln an, als wolle sie sagen: Ich nehme dir's nicht übel. Kein Drängen aber vermochte sie zu einer Erklärung dieses Gebarens zu bringen, sie bat nur, man möge doch ja die Tür offenlassen, damit sie ihr Kind mit den Augen besuchen könne. Das hatte man in aller Stille taufen lassen, nachdem von der jungen Mutter durch List sein Name erkundet worden war. Die Hebamme hatte dazu geraten, weil zu erwarten stand, daß das heilige Sakrament der Taufe einen heilsamen Einfluß auf die Seele und das Leben des Kleinen ausüben würde. Allein er blieb, auch nachdem er in die Gemeinschaft der Christen aufgenommen war, so stumpfsinnig wie vorher. Meistens lag er mit geschlossenen Augen da. Auf kurze Augenblicke öffnete er die wulstigen Lider und blinzelte umher. Nach beendeter Mahlzeit schnurrte er vor Behagen wie ein Kater. Durch nichts belohnte er Kathens sorgsame Pflege. Nein, er wurde immer häßlicher. Der moderweiße Flaum über dem ganzen Körper war dichter geworden. Sein Kopf bedeckte sich mit einem Haarbusch, dessen Strähnen über die Stirn hinwuchsen. Das Mädchen sah den Kobold oft furchtsam von der Seite an und dachte mit Schrecken des Augenblicks, da sie ihn in die Arme der Schwägerin würde legen müssen. Unter allen nur erdenklichen Kniffen hielt sie Marie hin, deren mütterliches Verlangen mit der Zunahme der Kräfte immer hartnackiger wurde und durch allerhand kleine Listen sich den Anblick des Kindes zu verschaffen suchte. Als letzte Gründe, wenn der Vorrat der Ausflüchte erschöpft war, führte Kathe die Schwäche Maries und das ausdrückliche Verbot der Hebamme ins Treffen und erreichte damit immer die Beruhigung der Aufgeregten, die dann alle Stunden nach Nahrung verlangte, um sich schneller zu kräftigen und so die Tage der marternden Sehnsucht abzukürzen. Man hatte in letzter Zeit das bevorstehende Weihnachtsfest als den Tag festgesetzt, an welchem Marie das erstemal aufstehn und zu dem Knaben geführt werden sollte. So war von nichts anderem als von der Feier dieses Heiligen Abends die Rede, wie man die Stube schmücken wolle, den Christbaum, das Kind, und ob der Kleine wohl schon nach den Lichtern sehen würde. Nach solchen Gesprächen lag dann die junge Mutter mit glückumwölkten, feuchten Augen, ihre Lippen redeten verzückte Worte, und die seligste Freude rötete ihre Wangen. Daneben hatte sie beunruhigende, schreckhafte Träume und verlangte nach dem Erwachen angstvoll den Knaben zu sehen. Versagte es ihr Kathe, so wich tiefe Trauer stundenlang nicht von ihr. Das Mädchen erkannte, daß sie nun nicht mehr lange widerstehen durfte, und machte ihr die Hoffnung, durch ein gutes Wort bei der Frau Klesse eine Abkürzung der Trennung um Tage zu erwirken. Doch wir Menschen halten immer nur die Fäden in den Händen, das Schicksal aber webt, wie es will, und der Tag, an dem die sehnsüchtige Mutter zu ihrem Kinde hinlief, kam über die Schwelle, ohne daß Kathe ihn erkannte. Sie stand am Bette Maries und nahm die geleerten Teller fort. Das junge Weib sank lächelnd zurück und begann von dem Knaben zu sprechen. »Lacht er'n schon?« fragte sie. »Nu, er fängt jetze an. Wenn ich'n streichel, da rafft er schon manchmal an den Lippen.« »Wem is er'n ähnlich?« »Das... du weeßt ja, das sieht ma bei dem Alter noch nich genug.« »Aber die Augen.« »Nee, ich sag nischte. Du wirst ja sehn.« »Jetze! Du, allerliebste Kathe, tu mir den Gefallen!« Das Mädchen schüttelte ernst den Kopf. »Marie, blei liegen, 's sein doch bloß noch Stunden. Er leeft dr ja nich fort.« Marie streifte die Decke von ihren Armen, die sich schon rundeten, und hob sie triumphierend in die Höh': »Siehch och, nich aushalten! – Kathe!« Dann faltete sie die Hände und sah sie mit Augen am, in denen man ihre kniende Seele schaute. Das Mädchen stellte den Teller auf den Stuhl und beugte sich im Schmerz ihres Mitleids über die arme Mutter: »Mariela, gell, wart och noch a bissel. Siehch och, de Klessen muß doch erscht kommen.« Sie küßte sie, und wider Willen traten ihr Tränen in die Augen. Voll Sorge drückte sie ihr Gesicht seitwärts in die Kissen, um die Verräter des Elends zu verbergen. Aber wie ihre Stirn sich hinschob, mußte ein heißer Tropfen auf das Gesicht Maries gefallen sein. In hartem Stoß schob die beängstigte Mutter die Weinende von sich und sah ihr scharf ins Gesicht. »Kathe... Kathe!... warum... warum flerrst du denn? fragte sie dann stockend, überlegte einen Augenblick und fuhr dann dumpf fort: »Denkt ihr denn, ich seh' nich das und jes eim Tage und ei der Nacht Dinger, daß mir de Haare ge Berge gehn un mei Herze sich harte knüllt wie ein Steen! du! Hach! Wenn ich mein Gott nicht hätt', vo dem ich mehr weeß wie ihr alle... Kathe, sag du's ruhg, mir schadt nischt, mich hat mei lieber Herrgott richtig of d'r Hand.« Kathe hatte schon die Tränen aus den Augen gerissen und lachte rührend: »Mariela, da soll eem nich weech ums Herze wern, wenn eene Mutter a so um ihr Kind betteln muß. Siehch, wegen mir hättst's schon lange. Aber was tät's nutzen? 's wür dich packen, daß dich's mitnähm. Wer weeß denn? Nach, und was sollte denn das arme, liebe Jüngel ohne Mutter?« Eine Weile lag Marie und sah mit großen, blicklosen Augen, indessen es an ihre Seele griff mit den tiefen, verschwommenen Lauten eines fernen, unruhigen Wassers. Mit tiefem Atemzuge schüttelte sie es ab, streckte den Arm aus und preßte Kathes Hand mit innigem, dankbarem Drucke: »Du hast recht, was wär' mei Jüngel ohne mich! Siehch, ich wer nischt nie meh sagen, 's wird wohl kommen. – Ach, und wenn ich gesund bin... 's wird alles wieder wern, denn siehch, dr Himmel is mei Zeuge, wenn's mir nachgegangen wär'... was red' ich denn? – Geh und sing' mr a Wiegenliedel: ›Heia popeia Windelkind‹ oder ›Schlaf, Herzenssöhnchen, mein Liebling bist du‹. Du hast noch nich eemal gesungen.« Kathe ging. Bald darauf schwangen die Bogen der Wiege, man hatte den Knaben seit Tagen aus dem Korb genommen, knarrend über die Diele. Das Mädchen sang dazu leise, mit leidbebendem Munde. Der verhaltene Schmerz verlieh den Tönen eine ergreifende Tiefe. Endlich zerfloß das Lied in der Stille, und Kathe schlich leise in den Schuppen, um Holz zu holen. Das Einklinken der Tür störte Marie aus ihrer seligen Versunkenheit. Sie wandte den Kopf. Das Lied verstummt. Die Stube leer. Die Uhr pickte in die Stille: »Komm, komm, komm, komm.« Lockend wie ein silbernes Stimmchen. Da übermannte sie die Sehnsucht nach ihrem Kinde. Der Wind mummelte im Schnee draußen dumpfe Drohungen. Aber Marie fühlte sich aufgehoben. Schon berührten ihre Füße den Boden. Ihre Augen maßen die Entfernung bis zur Wiege. Sie stand bebend am Ofen. Ein weißes Linnen lag über das schlafende Kind. Einen Augenblick dachte sie noch an Kathe, die durch ihren ungehorsam beleidigt sein werde. Aber nur einen Blick darauf werfen! Nur einen einzigen Kuß! Und hob das Linnen. Schnell, schnell! Kathes Schritte! Einen Kuß... Sie erblickte den Wechselbalg, riß das Linnen in den Mund und brach stumm zusammen. – Kathe fand einen Menschenleib neben der Wiege, starr, langhinliegend, auseinandergereckt von der Folter des Elends. Sie faßte Marie in den Achselhöhlen und schleifte sie über die Schwelle. Die Fersen schlugen wie totes Holz auf. Dann lag die Fühllose endlich auf ihrem Lager. Aber das Linnen ließ sie nicht los aus ihren kalten Fäusten, zwischen den zusammengebissenen Zähnen. »Das wird dei Tod sein, armes Weib«, sprach Kathe tonlos. In ihrer Hilflosigkeit kniete sie neben das Bett und betete. Da schlug Marie die Augen auf, riß mit einem Ruck das Linnen aus dem Munde und starrte verständnislos darauf. Dann sah sie mit stierem Blick auf Kathe. »Was soll nu das Beten, hahaha!!!« Mit knirschend-wundem Lachen drehte sie sich von Kathe ab, schaute auf die weiße Wand und rührte sich nicht. Schauernd ging Kathe hinaus und schloß in Furcht die Tür hinter sich. Nach einigen Minuten hörte sie ihre Schwägerin wieder schreiend, leer und hart lachen. Das erschütternde Lachen der Verzweiflung. 23 Der Schrecken des Mädchens war ganz unnötig. Die Tür, welche sie lange an dem Eisenknopfe in der Mitte zugehalten hatte, wurde nicht aufgerissen. Ihre arme Schwägerin stürzte nicht mit wahnsinnig irrem Auge und fliegendem Haar herein, um sie und den Wechselbalg zu erwürgen. Das herzzerreißende Lachen ward nie mehr laut in dem Schlafraum. Ja, jene qualvoll stöhnenden Atemzüge hörte sie nicht einmal mehr, mit denen das tiefste Menschenleid sich am Leben erhält. Es war still, ganz still. Und nachdem Kathe ein wenig gelauscht hatte, wagte sie es, die Tür einen Spalt zu öffnen. Es war still, ganz still. In Angst schlug das Mädchen auf den Drücker, daß er grell schnappte. Marie rührte sich nicht. Mit gegen die Wand gekehrtem Gesicht, den rechten Arm straff aufs Bett gestreckt, die Hand zur Faust geformt, lag sie wie im Starrkrampf. Sie war wohl tot. »Marie! Marie!« Und dann, als sie ganz nahe stand und den dringenden Ruf lauter erhob, nahe an dem blutlosen Ohr, schob das Weib endlich den Kopf herum und sah sie steif an, mit regungslosen, kalten, großen Augen. Lange und wortlos. Ihr Gesicht war wie eine Wand, ohne jede Seele. Alles, was das Mädchen in Barmherzigkeit zum Trost reden wollte, erstarb vor dem Grauen, das dieses todessteife Antlitz einflößte. »Gott sei dr gnädig«, mit diesem Wunsche ihres Herzens schlich sich Kathe ratlos auf den Zehen über die Schwelle. Marie sah, als sie wieder allein war, noch eine Weile starr zur Decke. Dann kehrte sie langsam, daß kaum eine Falte des Bettes sich rührte, ihr Gesicht der Wand wieder zu. Sie redete nichts mehr, was Kathe auch sagen mochte, verweigerte die Annahme jeder Nahrung und lag in gleicher Starrheit, mit abgewandtem Gesicht einen Tag, zwei Tage. Denn sie haßte das Leben, das sie um alles betrogen hatte, und ihr Sehnen war auf den Tod gerichtet. Durch die einfachen Fenster der kleinen Luken drang die Winterkälte herein, aber sie zog den nackten Arm nicht ins Bett. Ihr Empfinden schien ausgelöscht, daß sie den Schmerz nicht empfand. Am vierten Tage war der Arm bläulich und welk. Kathe konnte den Kopf der Armen hin und her bewegen wie bei einer Toten. Mit Gewalt wollte sie ihr einen Löffel voll Suppe einflößen. Der Mund blieb trotzig geschlossen, und die Augen sahen durch einen Spalt verächtlich auf sie. Kathe weinte, bat, drohte. Die Zähne der Todsüchtigen ließen nicht voneinander. Nach langem Bemühen zog Kathe ihren Arm unter Maries Kopfe hervor, und er sank schlaff in die Kissen zurück mit herausgekehrtem Gesicht und geschlossenen Augen. In namenloser Angst stürzte das Mädchen hinaus, durch den Hof in den Schnee und watete ziellos in das Feld hinaus, in dem niemand war als der Wind, der an den verschneiten Mauern auf und ab strich und mit den Flocken spielte. »Hilfe«, schrie sie, »Hilfe! Sie stirbt, sie will sterben! Ihr guten Leute, helft mir!« Niemand hörte sie. Endlich verließ sie der Rausch des barmherzigen Schmerzes. Mit wankenden Knien watete sie zurück und fand Marie in der gleichen Lage wieder. Am Abend stellte sich Joseph ein. Eine Magd folgte ihm, mit Vorräten beladen. »Alls is alle, Sesse, alls. Ach du mei Himmel!« Der milde, stille Mensch stand noch auf der Schwelle, als Kathe ihm das entgegenrief, ohne auf seinen Gruß zu antworten. Dann erzählte sie alles. »Das derf nich sein. Das wär' ee Mord of a andern, das derf nich sein«, sagte er hastig nach einem Zuhören, das durch Ausrufe und erschreckte Gebärden noch eindringlicher geworden war. Sie gingen auf eine Verständigung durch die Augen an das Bett der Armen und redeten mit dringenden, bittenden Worten auf sie ein. Allein das fahle Gesicht regte sich nicht, das Auge blieb geschlossen, der Mund zusammengepreßt, als liege da nicht ein lebendiger Mensch auf dem Lager, als sei das verwitterte Steinbild einer jener Frauen, die in tiefster Qual unter dem Kreuze stehen, von dem Postament gestiegen und schrecke nun, die Decken um seinen kalten Leib geschlagen, das Mitleid herzlicher Seelen. Endlich überkam Joseph der Zorn der Liebe, und er brach ihr mit dem Stiel des Löffels gewaltsam den Mund auf, während Kathe hurtig Milch eingoß. Röchelnd stieß sie alles aus. »Warum...? Seid'r mr nich gut?« so bat sie hauchend. Das waren ihre einzigen Worte; dann lag sie wie immer. Nur als sie das Schlürfen der leise Hinausgehenden hörte, fuhr sie mit ohnmächtiger Hast herum und packte ihre Gestalten mit gierigen Blicken. Kathe bemerkte das und drängte Joseph schnell hinaus, sorgfältig die Tür hinter sich schließend. Verlangendes Stöhnen folgte den beiden. »Du, Sesse, hast's gehört? Das is das erste seit vier Tagen, der erste Laut. Die stirbt wie dr stumme Ender aus'm Stillergrunde, aus dr Seele her, die de a Magen vergift! Ehe hat se geredt, ehe geht's rasnich bergunter. Alleene blei ich nich. Wenn du nich dableibst, ich lauf' ei der Nacht fort, und wenn ich flugs wer wees wo eim Schnee erstick'.« Joseph ließ sich behutsam auf der Bank nieder. »Ja'ch«, sprach er nach einem Sinnen, »es is nich gut alleene, auch für zwee nich. A drittes... aber wer kommt dahier her zum Totenborne, wie's de Leute schon heeßen, kee Mensch mag, der noch was of sei Leben hält.« Nachdem er geschwiegen hatte, wartete Kathe lange und sah gespannt nach ihm hin, von dem sie sicher Hilfe erwartete. Der aber schaute trübselig über seine gefalteten Hände hin, fuhr plötzlich auf und schickte die Magd fort. Als sie allein waren, fragte Kathe ungeduldig: »Was nu?« Joseph blickte traurig auf seine Schwester; aber einen Rat gab er ihr nicht, denn er war von dem Unglück zu sehr ergriffen. So saßen die zwei mit gesenktem Kopfe da. Die Dunkelheit kam, der Wind seufzte in dem seinen Geäst der kleinen Pflaumenbäume. Das Kind fing an zu schreien. Kathe gab ihm die Flasche, und gurrend beruhigte es sich. Die Nacht lag in der Stube, in der die langen, schweren Atemzüge der beiden ratlosen Menschen die einzigen Laute des Lebens waren. Nun erloschen auch die grauen Flecken der Fenster in dem Schwarzen, und Kathe war es, als sei sie in eine lichtlose Zelle von solcher Enge eingemauert, daß der Atem ihres Mundes warm von der nahen Wand in ihr Gesicht zurückschlage. In Angst begann sie laut zu beten. Der Mann fiel mit seiner tiefen Stimme ein. Sie sprachen Vaterunser um Vaterunser, dann alle Gebete, die sie kannten, und wieder Vaterunser, ohne zu zählen, ohne Ruhe immer, immer. Ihre Stimmen wurden trocken, heiser, versagten. Kathe holte Wasser. Sie begannen von neuem, eintönig und leise. Keines wußte mehr, was es sprach, aber sie hörten nicht auf. Sie erschöpften, betäubten sich, nur, um an den schrecklichen Tod nicht denken zu müssen, den das gefolterte Weib da drinnen über sich zwang. Als das erste Dämmern des Morgens in die Nacht schwamm, war der harte Wille der Todbereiten doch gebrochen, und mit der letzten Kraft schrie sie nach dem Leben. Die Betenden eilten mit einem Licht hinzu und sahen Marie, zu einem Knoten zusammengezogen, mit irren Bewegungen gegen ihr Dasein ringen, während der Mund unter unartikulierten Lauten schlürfende Bewegungen machte. »Schnell, mach Suppe warm; schnell, schnell! Mir wern's noch amal versuchen!« drängte Joseph. Und als er ihren Kopf gehoben und Kathe den Löffel den Lippen nahe brachte, stieß sie Rufe wie ein hungriges Tier aus und drängte nach der Nahrung hin. Während sie aß, weinte sie, stammelte Dankesworte und Verwünschungen, warf sich zurück und keuchte empor. Alles, weil sie einsah, daß sie dem Leben unterlegen war. Dann sank der Tag vom Dache. Joseph ging heim. Kathe sah ihm dankbar nach. Über Marie war der Schlaf gekommen und wiegte sie auf seinen tiefen, stummen Gewässern dem Leben entgegen. Sie ertrug es mit einem gramvollen Lächeln, das von ihrem Gesichte nicht wich. – Langsam genas sie. Anfangs aß sie noch oft mit Widerstreben. Bald aber rief sie mit einer marklosen, verschleierten Stimme nach Nahrung und ertrug ohne Zeichen des Schmerzes das Licht der Sonne. Sonst blickte sie an allem gleichgültig vorbei und fragte nach nichts Gegenwärtigem, nach nichts Vergangenem. Ihr Antlitz war in seiner gleichmäßigen Blässe so regelmäßig, in den tiefen Malen des überstandenen Elends so feierlich-regungslos; ihr Auge so still und klar, doch so ganz des lebendigen Schimmers bar; das pochend Heiße so vollständig aus jeder ihrer Gesten getilgt, daß es Kathe oft vorkam, sie sehe eine unbegreifliche Erscheinung auf einem einsamen Steine, fern von allen Menschen sitzen, bei denen sie einst gewohnt, mit denen sie gelebt, gelacht, gelitten und geweint hatte, der nun aber alle Erinnerung an das frühere Dasein vollkommen abhanden gekommen war; deren Augen nun anders sahen, deren Seele anderes sann, deren Herz nach anderem verlangte. Sie führte innen ein gar reges Leben. Wenn sie, im Bett sitzend, ihre Mahlzeit eingenommen hatte, verharrte sie wohl eine lange Weile in ratloser Starrheit und blickte bitter irgendwohin, wie ein Mensch zu tun pflegt, den Reue über den aussichtslosen Kampf gegen eingebürgerte Fehler erfüllt. Dann öffneten sich die Lider der leisen Augen weit, als gelte es, ein Unfaßbares zu umspannen, ein Unendliches als Speise in sich aufzunehmen. Dieses Fernhinschauen nahm sie zuzeiten so gefangen, daß sie auf alles andere vergaß. Dann ließ sie die gereichten Mahlzeiten kalt werden. Kehrte Kathe nach einiger Zeit wieder, um das Geschirr zu holen, so fand sie die Speise unberührt. »Nu, Marie!«, iß och!« mahnte sie. »Iß«, entgegnete die Heimgesuchte mit leiser, vibrierender Stimme, »essen, immer essen. Aus Schüsseln ißt das Unglücke, aus Gläsern trinkt das Elende. Essen, essen. – Mensch sein... wie ein dürrer Halmen zerdreht wern... essen und immer essen, mehr wißt ihr nich, ihr Menschen.« Und von der Höhe, zu der sie ihren Blick gewandt hatte, ließ sie ihn achtlos an Kathe vorbeisinken und sah, verstummend, wieder in jene Fernen. Auch Joseph, den Kathe hatte herbeirufen lassen, brachte aus dem geprüften Weibe »nichts Richtiges« heraus. Sie redete auch in sein Gesicht losgelöste, verschlagene Worte, die seine Seele nicht zu fassen vermochte. »Nach, was is das?« fragte ihn die Schwester, als sie wieder in das Wohnzimmer zurückgekehrt waren. Der stille Mensch sah bekümmert ins Leere, zuckte die Achseln und fuhr sich seufzend über die Stirn hin. Das Mädchen glaubte, er wolle damit sagen, Marie sei verrückt geworden, fragte aber der Sicherheit halber noch einmal: »Ja du meenst, se zwirnt doppelt, was?« »Das eigentlich grade noch nich, Kathe, das – noch nich. Aber 's kann wern. Denn wo haste du solches gelesen und ich – und auch die, die Marie? Das klingt wie der Wind, wie's fließniche Wasser, wie wenn's eim Pusche wiehlt, 's dergreift ees, aber verstehn tut's kee Mensch.« »Paß mr uf, Kathe«, begann er wieder nach langem Überlegen, »solche trägt dr Geist, wohl se nich sollen. Lach' nich, oder mit stillem Munde tun se, vr dem andern ei dr Seele graut. Paß mr gut uf of se.« 24 Während sich alles dieses ereignete, nahm der Prozeß gegen den Klumpen seinen Fortgang. Der Staatsanwalt hatte genügend Momente gefunden, gegen ihn die Untersuchung wegen Mordes, begangen an dem Schuster August Klose, einzuleiten. Eine Menge Vernehmungen hatten schon stattgefunden. Die ganze Angelegenheit war durch sie eher verwirrt als geklärt worden. Nichts wies auf ein Verhältnis, das zwischen Marie und dem unglücklichen Schuhmacher bestanden hatte und nach der Ansicht des Staatsanwaltes die Veranlassung zu der verbrecherischen Tat des Lahmen gewesen sein mußte. Der Angeklagte hatte sich von seiner Niedergeschlagenheit erholt und benahm sich bei seinen häufigen Vernehmungen sehr verschieden. Bald verharrte er in einem Schweigen, das dem Hohne gleichkam, bald gab er lang und breit eine Geschichte zum besten, die offenbar aus Wahrem und Falschem gemischt war. Immer aber zeigte er sich bereit, hundert heilige Eide zu schwören, dem Schuster kein Haar gekrümmt zu haben. Einmal versuchte der Staatsanwalt die Tat des Klumpen so zu erklären, daß der Schuster als Zeuge des Grenzfrevels beseitigt worden sei. Je weiter er aber diese Annahme durchführte, zu um so größeren Widersprüchen mit den festgestellten Tatsachen gelangte man, und es erwiesen sich alle bisherigen Feststellungen als sehr problematisch, wenn man die Behandlung des Rechtsfalles nach dieser Seite hin vorgenommen hätte. Der Untersuchungsrichter überzeugte sich endlich, was er übrigens von Anfang an für wahrscheinlich gehalten hatte, daß der Vater dieser Kombination, ein junger Assessor, denn doch mehr Eitelkeit als juristisches Denken besaß, um in einem solchen Wirrsal von Möglichkeiten gleich auf der richtigen Fährte anzuschlagen, sich gründlich geirrt hatte. So kam es, daß man nach einem Umschweif von Wochen mit aller Entschiedenheit sich wieder auf das erste Geleise einfuhr und die sträflichen Beziehungen des jungen Weibes zu dem verlumpten Schuster als Drehpunkt des ganzen Dramas ansah. Dazu kamen noch die schwankenden Aussagen des Angeklagten darüber. Nicht als ob er sein Weib bezichtigt hätte, nein, er erging sich nur in Verwünschungen gegen seinen Freund, den Schuster, und erzählte dann Episoden, die auf einen tiefen ehelichen Zwiespalt schließen ließen. Aus dieser Position war der Lahme durch keine List herauszubringen. Die Hauptbelastungszeugin Marie konnte wegen ihres Zustandes nicht verhört werden. Endlich berichtete der Amtsvorsteher Hoffmann, »daß ihrer Vernehmung keinerlei sanitäre Bedenken mehr im Wege ständen«, und die Personen, welche Kathe schon bekannt waren, traten eines Tages in die Stube des einsamen Hauses am Freibusch. Der Hastige, mit dem Luchsauge hinter dem Monokel, fragte sie nach Marie, während der Hinkende die Akten auf den Tisch legte und der Major Hoffmann die hölzernen Rehköpfchen an der Wand besah. Kathe antwortete befangen, ihre Schwägerin sei zwar gesünder, liege aber noch im Bett drin in der Schlafkammer. Man öffnete die Tür, überzeugte sich, daß der Raum ungemein eng sei, und stellte den Tisch und die Stühle im Wohnzimmer nahe am Eingang auf. Das alles ging in poltriger Hast vor sich. Marie richtete sich auf, sah sie still der Reihe nach an und nickte mit dem Kopfe. »Warum nicken Sie?« fragte der Staatsanwalt, hob sich seinen Stuhl in den Schlafraum und nahm Platz. »Weil ich mei Unglücke versteh'.« Dieses und alles andere sprach die Arme mit sicherer, fester Stimme. Die Amtshandlung begann mit den üblichen Fragen nach Name, Alter, Geburt, Bestrafung usw. »Sie wissen, was ein Eid ist!« sprach der Staatsanwalt. Sie lächelte geringschätzig und sagte dann: »Nischt!« Fassungslos sah der Frager den Amtsvorsteher an, der mit den Achseln zuckte, fuhr dann mit hartem Wort auf sie los, und als er auch damit das verächtliche Lächeln von diesem schönen, blassen Gesichte nicht vertreiben konnte, sprang er auf und redete in der Wohnstube gedämpft mit Kathe. Zurückgekehrt, lispelte er mit dem Amtsvorsteher. Die beiden Männer lehnten sich zurück und sahen Marie scharf und lange an. »Aber die Augen, die Augen sind mir zu gesammelt«, murmelte dann der Staatsanwalt zu Hoffmann, der zustimmend nickte. »Überhaupt das ganze Exterieur«, meinte der und strich sich bedeutsam den schwarzen Schnurrbart. Marie tat, als ob niemand anwesend sei, und saß mit gesenktem Kopfe da, ohne sich zu rühren. »Wie lange sind Sie mit Ihrem Mann verheiratet?« Der Staatsanwalt nahm das unterbrochene Verhör wieder auf, ohne sie zu vereidigen. »Gar nich.« »So lebten Sie in wilder Ehe?« »Ja, ja, eene wilde Ehe war's!« »Aber«, fiel der Amtsvorsteher hastig in ihre Antwort, »Sie sind doch nachweislich standesamtlich und kirchlich getraut.« Der Staatsanwalt berührte mit der Hand Hoffmanns Arm, zum Zeichen, daß er das Verhör leite. »Getraut«, begann Marie unter Kopfnicken leise, »nu ja, ja, ich ha'm g'traut. Dem wen'ger wie je'm, je'm. Wer traut, bindt de Menschen aneinander. A Verrücktes bindt een Vogel mit eem Steene zusammen. Seht, Ihr Mannsmer, das, was mr Gott genenn', kann das nich tun. Deswegen war ich nich verheiratet.« »Aber, Frau Exner...« »Ich heeß nich Exner un nich Marie, ich ha keen Namen mehr. Das is alls gewesen. Das liegt vr dr Tür wie dr Schnee, mit dem dr Wind spielt. Mei Leben, de größte Krankheit, die's hat, hab' ich überstanden, bin gesund un gestorben.« »Ich bitte Sie, Frau Exner, wir glauben alle...« »Ja, ich hab' auch gebitt; aber etze bitt ich nich mehr. Etze is mei Gesinne eene Säge und mei Zunge a Hammer. Ihr herza Mannsmer, wie de Knöchel eim Wirfelbecher, aso schmeißt's uns.« Der Staatsanwalt sah den Amtsvorsteher Hoffmann mit einem Blick an, der sagte, die scheint tatsächlich verrückt zu sein. Dann hob er sich vorbei in die Wohnstube. Als er wieder eintrat, folgte ihm Kathe mit dem Wechselbalg auf dem Arme und stellte sich auf einen Wink an das untere Ende des Bettes, in dem Marie lag. Kathe war verwirrt, überschüttete das Kind mit Liebkosungen und schob immer wieder den Gummipfropfen in seinen Mund, obwohl der kleine Unhold mit schrillem Schnurren dagegen protestierte. Herr Hoffmann beugte sich zum Staatsanwalt hin: »Ich begreife nicht, wo das hinaus soll.« Der putzte mit dem Taschentuch sein Augenglas und murmelte: »Ich geh' aufs Ganze.« Dann wandte er sich an die Kranke und gab seiner rauhen Stimme einen freundlich-eindringenden Klang. »Nun aber, Frau Exner, nehmen Sie Vernunft an. Dieses Kind ist also doch wohl der Ehe mit Ihrem Manne, Karl Exner, entsprossen?« Bei all den Vorgängen hatte Marie in ihrer Stellung verharrt. Nur beim Eintritt Kathes war ihr Kopf noch etwas tiefer auf die Brust gesunken. Die Augen unverwandt auf die Hände gerichtet, saß sie wie geistesabwesend. Auch die Frage des Staatsanwalts schien spurlos an ihr vorübergegangen zu sein. Sie rührte sich nicht. Nur der Zeigefinger ihrer linken Hand fuhr auf dem Rücken der rechten suchend über die hervorstehenden Sehnen. Dann nickte sie wie im Traume, und mit taumelnder Stimme fing sie an, eintönig zu reden: »Vernunft... o je, ihr Menschen! De Ziege hat's Horn un dr Mensch de Vernunft. Was aber hilft dr Ziege 's Gestöße, wenn se dr Fleescher an a Strick nimmt, un was nutzt'm Menscha de Vernunft, wenn's übern kömmt wie ein Schlachtmesser! – de Augen hat ma zum Flerrn, de Seele zum Verzweifeln.« Mit einem langen, seufzenden Atemzuge setzte sie aus und schwieg eine Weile, wie um Kraft zu sammeln. Der Staatsanwalt sah, daß der Wahn sie noch immer beherrsche, erinnerte sich, in einem Aufsätze irgendwo gelesen zu haben, es sei das beste, im Verkehr mit Irren einen Anfall abzuwarten, und beschloß, Marie gewähren zu lassen, um in dem folgenden lichten Augenblick die notwendige Frage über ihr Verhältnis zum Schuster Klose zu erledigen. Er nickte dem armen Weibe ermunternd zu. Sie wandte ihm das Gesicht ein wenig hin und schaute ihn bei gesenktem Kopfe von unten her mit glänzenden Augen an, dann begann sie wieder mit schwebender Stimme: »Und 's zweete: dieses Kind. Mann, bist du Vater, un lachen deine Kinder? Da biste eim Himmel. Denn wenn Kindla lachen, steht de Welt stille.« In Verzückung geratend, warf sie den Kopf zurück und die Hände in die Höhe. »Ach du mei allereenziges Mädla, mei Wackala, un wo bist du? Hörst du's nich, dei Mütterla ruft: wo, wo, wo? Dr Wind geht, de Sonne steht uf, wenn's Morgen is. Dr Vogel fliegt aus'm Neste. Wo aber wirst du ufstehen, wo gehn, wo fliegen? Tot vor dr Geburt, gestorben vorm Leben, un warst scheen wie ne Rotfinke eim Frühjahre un wie a Star ei der erschten Brut.« Das sprach sie singend wie einen Hymnus. Wie sie aber die alte, müde Stellung einnahm und ihre Augen niedersanken, erblickte sie Kathe und den Knaben in deren Armen. Da ward ihr Gesicht noch bleicher, und den Leib schüttelte ein Schauer. Plötzlich, tödliche Verzweiflung im Auge, traf sie in wirrer Wildheit Anstalten, wie sie war, aufzustehen. Die Männer sprangen hinzu und beruhigten sie. »Ich geh', ich mach ein Ende«, murmelte sie fortwährend hinaufringend. »Wenn ihr den Vater in meinem Namen... haha... Vater... ein scheener Vater...« Dann ward sie still; aber nur, um nach einigen Augenblicken schreiend aufzufahren: »Oh, du verfluchter Glaube!« – Stier redete sie fort: »Wie der Kuckuck eim Pusche, aso rufste überall. Es ruft – ach, wie hat's mich geruft! Ich mach' mich uf, lauf'm nach, vom Wege, vo mei'm scheen Wage runter, über Stock un Steen, durch Löcher un reißniche Wasser, bis ich nich meh weeß, wohin noch her... un immer ruft's noch: Kuckuck... Kuckuck... Kuckuck...« Ihre Stimme war immer leiser geworden. Das letzte Wort konnte man nur noch von den Lippen ablesen. Zurückgesunken, die blauen Lider über die tiefliegenden Augen geschlagen, verharrte sie, als wollte sie schlafen. Nun glaubte der Staatsanwalt, seine Zeit sei gekommen. Er machte sich leise heran und richtete allerhand Fragen nach dem Schuster an sie. Ihr blasses Gesicht blieb unbeweglich. Er entfaltete den Zettel des Verunglückten und beschuldigte sie zuletzt auch des sträflichen Verkehrs mit ihm, und daß das Kind wohl die Frucht dieser Sünde sei. Alles das, um sie zu reizen. Marie veränderte keine ihrer leidensstarren Mienen. Plötzlich riß sie sich aus einer unsichtbaren Umklammerung und gebot mit herrischer Stimme und bohrendem Blick ins Wesenlose: »Ha, Vater! Du, hast du noch nich genung?! – Laß mich los, ich habe nischt mit dir zu schaffen!!« Dann lag sie wieder totenblaß, regungslos, welk. Die drei Männer des Gerichtes sahen ein, daß mit dem unglücklichen Weibe nichts anzufangen sei, und gingen mit dem Entschluß von dannen, zu gelegener Zeit den Versuch zu wiederholen, ein bündiges Zeugnis von ihr zu erlangen. Aber Marie hatte lange Tage vollkommener Hingenommenheit, rührte das Essen kaum an und hielt ihr Gesicht fortwährend den Fernen zugewendet. Ihre Lippen waren wie trinkend geöffnet. Ein unsichtbarer Strom ergoß sich in ihre Augen, die davon stiller wurden, den wirren Glanz verloren und tief in die Höhlen sanken. Am fünften Tage fiel sie in Schlaf, aus dem sie erst nach vierundzwanzig Stunden erwachte. Sie richtete sich auf und rief nach Kathe; die bald vor dem Bette stand und erstaunt wartete. »Da bin ich nu schon eben, was will ich machen?« sagte Marie nach langer Pause zu ihr, schwerfällig, als mache es ihr große Mühe, einen Gedanken zusammenzubringen. Kathe vermochte nicht zu sprechen, weil sie vor den Augen Maries erschrak. Sie waren stumpf wie ein ruhendes Wasser im tiefen Nebel, ohne eigentlichen Blick. »Siehch mich immer a«, sagte sie, »'s mag dumm sein, daß ich nich gehn mag. Aber 's lohnt sich nich mehr. Auch das: der Strauch macht sich nich alleene dürre, und kee Wasser schluckt sich selber. Auch das: wer sich schlägt, hat noch was. Aber ich? – – Of dem Wege, den ich gegangen bin, sah ich een Mann, der war wie ein blühnicher Strauch... er war meine, und ich hab'n nich genommen... gib mir deine Hand, Kathe, und fürcht dich nich.« Das Mädchen tat es. »Nu, ja, ja, Mädla«, sprach Marie dann mit schwachem Lächeln, »es muß eben sein, warum, weeß ich freilich nich. Geh un bring mir meine Kleeder; drnach pack dir deine Sachen zusammen; bis bedankt fr alles, was de an mir getan hast, und laß mich alleene.« Das tiefe Mitleid verdunkelte Kathe die Augen mit Tränen, doch aus Barmherzigkeit drängte sie den Schmerz zurück und antwortete: »Nee, nee, Mariela, du bist noch zu schwach. Steh uf, wenn de denkst. Aber fort geh' ich nich. Alle Arbt of eemal wär zuviel für dich.« Nach kurzem Überlegen ergab sich Marie darein, und Kathe war ihr beim Ankleiden behilflich. Als sie ihr den rechten Arm beim Anlegen der Jacke hob, schrie das arme Weib leicht auf. »Ich ha noch gar kee rechte Gewalt mehr uf den Arm. Das is vo dem langen Liegen. Er wird sich wohl wieder einrichten.« »Du wirst dir's Geblüte erfroren haben.« »Eim Bette?« »Nu nee, eim Bette nich. Das weßte alls nich, daß de den Arm verleicht vier Tage un vier Nächte hast haußen liegenlassen?« »Ach, dort war alles möglich.« Dann schritten sie über die Schwelle. Marie ging bis in die Mitte der Stube, und als sie sich rund umsah, begann sie zu wanken. Wenn Kathe sie nicht aufgefangen hätte, wäre sie zu Boden gefallen. Matt lehnte das Weib den Kopf an die Schulter des Mädchens. In dieser Stellung verharrte sie lange, während ihre Augen groß und verstört niederblickten. Ängstlich hob Kathe ihr endlich das Haupt und sah einen irren Ausdruck im Gesicht. »Was hat's nu mit dr?« fragte sie dabei. Statt aller Antwort trat Marie einen Schritt zurück und riß Kathe mit sich. »Siehch!« stotterte sie und wies mit bebendem Arm in die Luft. »Was hat's nu?« fragte das Mädchen abermals voll Schrecken, weil sie durchaus nichts sehen konnte. Marie richtete sich gewaltsam auf, ging an den Tisch, blieb lange unentschlossen sitzen und blickte dann Kathe unter Kopfschütteln an. »Nee, nee«, hauchte sie, »kümmer dich nich. De Kranken regiert eben de Schwäche. Mach du och, ich erhul mich schon.« Um sie nicht noch mehr aufzuregen, schwieg das Mädchen und ging bekümmert ihrem Tagewerk nach. Marie verfolgte all ihr Tun mit den Augen. Es kam ihr ganz unbegreiflich, ganz zwecklos vor, was sie da erblickte, und sie sagte enttäuscht zu sich: »Das is das Leben, das is also...« Als aber Kathe den schreienden Knaben auf den Arm nahm, konnte das Weib die Augen nicht offenhalten. Die rauhen Laute des Unholds taten ihr so weh, daß sie zu zittern begann und mit abgewandtem Gesicht in das Schlafzimmer flüchtete, wo sie den Kopf tief in die Kissen wühlte. Doch mit der ganzen Kraft ihrer versinkenden Seele hielt sie an dem Entschluß fest, das letzte zu wagen, und nach einigen Tagen war sie imstande, das Kind zu halten. Mit leerem Gesicht arbeitete sie, ging leise umher wie ein Wesen ohne Seele, ohne Liebe, ohne Hoffnung, tot, aber geschäftig wie eine Maschine. Sie hatte gemerkt, daß ihre versonnenen Reden Kathe beunruhigten. Darum beherrschte sie sich und sprach selten und nur Alltägliches. Nachdem sich auch Joseph überzeugt hatte, daß der Geisteszustand seiner Schwägerin zu keinen Sorgen mehr Veranlassung biete, erreichte sie es endlich, daß man ihr die Führung des Haushaltes ganz überließ. »Bloß Wasser werdet ihr mir schicken müssen. Alle zwee Tage een Faß voll is genung.« »Ja, ja, Mariela«, dies war die herzliche Einwilligung Josephs, »un so bale wie's geht kommste zu uns nuf, ganz, mit Sack und Pack.« Dabei streichelte seine große Arbeitshand unbeholfen über ihre welke Wange. »Ach du lieber Kerle, ich mach' kee Kalender nich mehr. Ich dank euch für alls, was ihr an mir getan habt. Zum Wiedergeben bin ich zu schwach; ich kann bloß danken. Un nu lebt gesund; für mich is Alleensein 's allerbeste.« Käthe schluchzte am Halse ihrer Schwägerin, und selbst dem Burschen standen die stillen Augen voll Wasser. Das Weib war nur etwas bleicher geworden. Ihre Lippen zuckten. Aber weinen konnte sie nicht. Denn der Born ihrer Seele war versiegt. »Geht, geht! Liebes Mädla, bis glücklich!« Sie fuhr Käthe zärtlich über den roten Scheitel. Dann drängte sie beide sanft zur Tür hinaus. 25 Bald saß Marie allein und wußte bald nicht mehr, warum sie danach verlangt hatte. Wie ihr der Verzicht auf den Tod gekommen war, weil es sich nicht mehr lohnte zu sterben, so wurde auch ihr Leben etwas, was sich nicht lohnte. Verschollen trug sie ihre Seele in sich. N!ur der dunkle Gang, durch den dies Wesen sich von ihr verirrt hatte, starrte in ihr Inneres herein. Allein auch an diesem grausen Tor riefen die Gedanken nicht mehr nach ihrer ungetreuen Mutter, die sie in der Not verlassen hatte. Denn sie waren gleich dem Rauch in der Kälte vergangen, und eine Ruhe war an ihre Stelle getreten, die Marie befähigte, alles zu sehen, zu hören, alles wahrzunehmen, ohne nach dem Sinn und Zweck zu fragen. Die schwarze Balkendecke hing noch dräuend wie sonst über dem Zimmer; aber das Bauer in ihrer Mitte beherbergte nicht mehr das fröhliche Zwitschern des Stieglitzes. »Husch!« machte die Einsame, nachdem sie es lange aufmerksam betrachtet hatte, um den Vogel aufzuscheuchen, der vielleicht auf dem Boden des Käfigs nach verspritzten Körnern suchte. »Husch! – Husch! – Husch!« wiederholte sie noch einigemal gleichgültig und betrachtete dabei das Muster ihrer blau gedruckten Hausschürze. Als sich nichts rührte, nahm sie das Drahthäuschen herab und fand das Tierchen tot auf dem Boden liegen, das rot geringelte Köpfchen in die aufgeblasenen Federn gedrückt. Man hatte es verhungern lassen. Denn das Unglück nährt sich vom Schweigen. »Tot«, sagte Marie langsam, ging und warf den Käfig samt dem Vogel in den Schnee. Dann saß sie wieder nieder, und ihre Hände lagen wie abgeschnürt im Schoße. Sie fühlte es wie ein Geborgensein, daß nichts als der stille Atem in ihr aus und ein ging. Das Kind erwachte. Sie wärmte Milch, schmeckte sie ab, gab ihm zu trinken, wiegte es auf den Armen, summte immer den gleichen toten Ton zwischen den Zahnen und hatte weder Abscheu noch Gram. Weil der Knabe nicht schlafen wollte, saß sie und schaukelte mit dem Fuße die Wiege. Sie zahlte indessen die Töpfe im Schrank, die Nägel in der Wand, und ehe sie sich erhob, bemerkte sie ein Loch in dem Anwurf. »Da is ja der Putz aus'm Wechsel gefallen«, sagte sie und ging an die Arbeit, als könne es nicht anders sein, als daß so eine Entdeckung den Menschen ansporne. Sie fegte die Stube, holte Futter, wusch Geschirr und Wäsche. Alles tat sie genau, still, pünktlich wie ein abgerichtetes Tier. Klappernde Kugeln liefen ihre Tage durch das Haus. Ihre Nächte waren leere Betäubungen. Alles Frühere sah sie, alle zerschellte Sehnsucht, alle ringende Süße, die Zertrümmerung ihres ganzen Hoffens. Aber die blutlose Erinnerung weckte nie etwas auf, das sie zornig emporgerissen oder weinend hingeschmiegt hätte. All ihr Leben lag in ihr gleich einem Häufchen dürren Laubes, das der Wind in eine tote Ecke gekehrt hat. Nur wenn Kathe und Joseph das Wasser brachten, glommen schwache Wellen letzten Daseinsschmerzes in ihrem Herzen auf. Unbezwingliches Weh schnürte ihre Kehle beim Eintritt dieser beiden lieben Menschen, gramvolles Stottern zerbrach die Worte ihres wirren Gespräches, und gingen sie wieder, so kniete das arme Weib auf die Bank, drückte die Stirn an die Scheiben und sah mit der dumpfen Bitterkeit einer Ausgestoßenen auf die Spuren der Füße im Schnee, bis der Wind alles verwischt hatte. Dann bückte sie sich wieder nach dem Staub ihres Werkes. Bei jedem Besuch der beiden wiederholte sich dieser peinigende Anfall. Die Not steigerte sich so, daß es sie zuletzt forttrieb. Kathe und Joseph fanden einst das ganze Haus leer. Nur der Wechselbalg schnurrte aus den Kissen. Nach langem Suchen fanden sie Marie im Schuppen hinter den Reisigstoß gekauert. Blaß, verängstigt, am ganzen Leibe bebend, ließ sie sich aufrichten, in die Stube führen, sah lange mit stumpfen Augen umher und duldete mit einem qualvollen Lächeln der Ratlosigkeit alle Fragen nach dem Grunde ihres rätselhaften Betragens. Endlich, als beide, schon entmutigt, sich wieder an ihre Arbeit begeben wollten, sagte sie zaghaft: »... das Reisig... das Reisig...« Mehr war nicht aus ihr herauszubekommen. Bei jeder Wasserfahrt wiederholte sich der gleiche Vorgang; nur wechselte Marie das Versteck. Manchmal, wohl wenn sie von ihrer Ankunft überrascht worden war, begnügte sie sich, unter die Bank oder den Tisch zu kriechen und das Gesicht der Erde zuzukehren. Unter gütlichem Zureden und endlich unter Anwendung von Gewalt mußte sie hervorgezogen werden und verharrte dann, auf das ärgste verschüchtert, blaß und bebend in einer Ecke. »Ich kann mr nich helfen. Es überfällt mich halt ne Angst, wenn ihr kommt«, sagte sie einst unaufgefordert und sah in blöder Not an ihnen vorbei. So verfiel langsam ihr Leben wie ein unbewohntes Haus; denn ihre Seele, die in den Qualen eines zu schweren Schicksals verschollen war, schweifte an unbekanntem Orte und wollte nimmer zurückkehren. Maries Gesicht verlor jeden Ausdruck, ihre Stimme den Klang. Die Haut wie verlegenes Linnen, das Haar, brüchig und glanzlos, hatte nichts als die Fülle von seiner ehemals goldigen Schönheit behalten und glich mehr dem blassen, feinen Gras auf den Waldblößen im Spätherbst. Kaum konnten die Lippen noch die weißen Zähne bedecken; ihr Leib vertrocknete. Welk und zierlich wie ein verkümmertes Mädchen im ersten Jahre der Jungfräulichkeit, bewegte sie sich doch mit der Unsicherheit des hohen Alters. Gleichgültig gegen sich, teilnahmslos gegen ihre Umgebung, ging sie immer in demselben Kleide umher, das ihr viel zu weit geworden war und nun an dem mageren Körper schlotterte. Als werde sie von der Außenwelt durch einen wüsten Gürtel von solcher Ausdehnung getrennt, daß alle Kunde aus dem Leben herüber nur als Spiel unverständlicher Geräusche und Farben an ihre Verödung rührte, nicht anders war diese Verschollenheit der Seele bei lebendem Leibe zu erklären. Stundenlang konnte sie vor der Wiege des hungernden Knaben stehen, sein mißtöniges Gekreisch hören und mit stierer Gespanntheit hinsehen, um dann plötzlich sich umzukehren und den Ofen voll Holz zu stopfen. Sie vergaß die Kühe zu füttern und zu melken, und wenn die Tiere schmerzvoll brüllten und stampften, lief sie ans Fenster und sah gespannt hinaus, als habe ihr jemand gerufen, oder riß die Tür auf, um ein Erwartetes einzulassen. Niemals erfüllte sich der Schatten ihrer Hoffnung, doch nie auch verließ sie die dumpfe Geduld. Nach jeder Enttäuschung ging sie auf die Bank und strickte gleichgültig an einem Strumpfe weiter, der nur eine lange Röhre war, weil es ihr nicht einfiel, zu schränken oder abzunehmen. Zum Weihnachtsfeste brachte Kathe einen Baum, Eßvorräte, Äpfel und Nüsse in das einsame Haus am Walde. Nach zwei Tagen stand noch alles unberührt auf dem Tische. Das Bäumchen hatte das Weib zerhackt und im Ofen verbrannt. Endlich führte Joseph die vollständig verwahrlosten Kühe in seinen Stall. Als Kathe Miene machte, auch den Wechselbalg aus der Wiege zu nehmen, krallte Marie ihre mageren, blassen Finger in den Arm des Mädchens und sah sie mit drohender Wildheit an. In der Tiefe ihres Auges allein glomm ein letzter Schimmer von Beseeltheit, ein schwaches Leuchten furchtsamer Erwartung. Das auch vielleicht bestimmte Kathe, das Kind wieder in die Kissen zurückzulegen und einen letzten Versuch zur Rettung ihrer unglücklichen Schwägerin zu machen. Sie ging zu Frau Wende, erzählte ihr alles und bat sie, Marie doch einmal zu besuchen. Ihr, von der die Beklagenswerte »immer große Stücke gehalten habe«, werde es vielleicht am ehesten gelingen, den stummen Wahn zu zerstreuen, der über ihr lastete. Die Freirichterin sagte nicht ja noch nein und begleitete Kathe hinaus. Unterwegs begegneten die beiden Wende, der, vor sich hingrübelnd, vorüberschreiten wollte, bei dem Klange von Kathes Stimme auffuhr und sein Weib zornig ansah. »De Exner Kathe hat wegen kleen Schweinla zugefragt«, sagte Frau Wende eilig zu ihrem verdrossenen Manne, »aber ich hab'r gesagt, daß mr mit den Sauen das Jahr gar kee Glück haben.« Wende schüttelte zustimmend den Kopf, murmelte etwas in seinen braunen Bart und ging weiter. – Vor sich und ihrem Manne verheimlichte es Frau Wende, daß ihr Herz bereit war, dem unglücklichen Weibe beizuspringen. Vor sich: weil sie den Vorwurf nicht loswurde, an diesem grausen Geschick mitschuldig geworden zu sein. Vor ihrem Mann: weil er es nie zugegeben haben würde, daß sie einen Fuß in das Haus seines Widersachers setze, vollends jetzt, da der ganze Rechtshandel nicht die erwartete Entwickelung genommen, sondern ein zu jähes Ende gefunden hatte. Unzufriedener als je, gallig und verbohrt hielt er die Zügel der Wirtschaft in Händen. Seine scharfen, versteckten Augen sahen mißtrauisch auf alle Ausgänge seines Weibes, der er eine geheime Sympathie mit der Exner-Sippschaft in seinem summarischen Haß zutraute. Aber wie das nun einmal ist. Dies Verheimlichen vermehrte den Drang der Frau Wende nach dem Trostgange noch mehr, und, als sei der günstige Zufall zu seiner Ausführung sicher ganz nahe, so legte sie die bestimmten Kleider zusammen, buk verhohlen Striezel und Kuchen und wählte in der Vorratskammer Fleisch und Würste aus. Denn sie gedachte aus Schonung, ihre Tröstungen unter der Form des in der Grafschaft üblichen »Wochenbesuches« anzubringen. Endlich schickte es sich. Am 23. März früh verließ der Freirichter den Hof, um in seiner Eigenschaft als Schulvorsteher in Leschkowitz an einem vom Landratsamt anberaumten Termin in Schulsachen teilzunehmen. Aus den vielfältigen Anordnungen und der unnötig oft mit drohendster Miene wiederholten Versicherung, seine Rückkehr erfolge in zwei, höchstens drei Stunden, entnahm sein Weib, daß er den ganzen Tag ausbleiben werde, und begann schon mit den Vorbereitungen zu dem Ausgang, als seine Droschke kaum knarrend hinter der ersten Bodenfalte verschwunden war. Bald befand sie sich auf dem Wege. Noch lag Schnee, aber er war brüchig und von schmutzigem Weiß, von den südlichen Lehnen zum Teil verschwunden. Das ewige Leben der Natur verwandelte sich wieder einmal und begann sich auf seine herrlichste Form vorzubereiten. Das graue Gewölk des Winters klaffte auseinander. Aus dem blauen Himmel, dem unendlichen Schoße Gottes, sanken die ersten Träume des Frühlings auf die Erde nieder und umgaben alle Dinge und Wesen mit lichtem Schimmer. Die Waldbäume des Hedwigsteines und des Rollenberges sahen scharf und trutzig aus wie Soldaten vor dem Kampf. Die jungen Bäumchen des Feldes standen süß und schamhaft wie Mädchen vor dem Ankleiden. Ihre Zweige glitzten und blinkten im frohen Licht, als ob sie ein goldenes Haar wären. Von Zeit zu Zeit fuhr ein Wind auf, gleich einem dröhnenden Hornstoß, dem aus fernen Tälern verschwommener Erzklang antwortete, das Waffengeklirr eines heranrückenden Heerbannes. Dann war die Luft von verhaltenen Liedern voll, und um alles rieselten die Schauer naher Verzückung deutlicher. Diese Zeichen der nahen Auferstehung umgaben Frau Wende auf ihrem Gange zu Marie. Darum auch war der Eindruck, den das unglückliche junge Weib samt ihrer ganzen Umgebung auf sie machte, gleich einer Erschütterung, die den erwogenen Plan zu weiser Einsprache gänzlich über den Haufen warf. Schon das Höfchen war übersät mit Reisigästchen, verstreutem Stroh und Heu, die Hausflur ungefegt. Unter der Stiege zum Boden lagen Wannen und Schäffer, zerdorrt, auseinandergefallen, übereinandergeschichtet wie altes Gerümpel. Die Reifen standen heraus. Trotz mehrmaligem Klopfen rührte sich nichts in der Stube, die bei ihrem Eintritt ausgestorben schien wie das ganze Haus. Übelriechende, verwohnte Luft füllte sie. Die Wiege in der Mitte war mit einem schmutzigen Laken zugedeckt. Um den Ofen lag ein wirrer Haufen Stroh, das in einzelnen Halmen auch über die ganze Diele verschleppt war. Die Freirichterin drückte zögernd die Tür hinter sich zu, wartete ein wenig, richtete endlich ihre knochige Gestalt entschlossen auf und wünschte auf gut Glück: »Guten Morgen.« Niemand rührte sich. Nur hinter der Wiege huschte ein Geräusch taktmäßig hin und her. Nach zwei Schritten tiefer in die Stube bemerkte sie ein mageres, weibliches Wesen, das auf den Knien lag und mit einem trockenen Lappen das Bein der Bank reinigte. Frau Wende glaubte, es sei irgendein Aufwartemädchen, das man dem beklagenswerten Weibe zur Hilfe beigesellt habe. »Wo is'n de Frau, Mädla?« fragte sie, und als die Person nicht darauf achtete, sondern gleichmäßig mit dem Lappen auf und nieder wischte, rief endlich die Großbäuerin, so laut sie konnte: »Trotsch du, hörste nich!« Nach einer Pause stellte die Person ihre Tätigkeit ein, sah forschend den Lappen an, als sei sie nicht ganz sicher, ob er geredet habe, und drehte sich dann um. Es war Marie. Noch verschrumpfter, noch verwahrloster. Die Kleider trug sie um den Leib gewürgt, wie man eilig ein Bündel schnürt. Nun legte sie den Lappen mit übertriebener Vorsicht nieder und sah angestrengt an Frau Wende herauf und herab. »Nu, he, Marie! Du bist ja grausam fleißig. Da könnte ees ja 's ganze Häusel forttragen, du rührst dich nich. Komm och jetze her und gönn' dr a wing Ruh'.« Marie verharrte in der Stellung eines Menschen, der, in undurchdringliche Nacht gehüllt, von Geräuschen umgeben wird, die er nicht verstehen kann. Zuletzt kniff sie gar die Augen ein, als gelte es, mit dem Blick in ganz weite Entfernungen einzudringen. »Du, Marie, du!« drang die Freirichterin wieder auf sie ein. Die Angeredete erhob sich rasch, lief aufgeregt in der Stube umher, las eine Handvoll Strohhalme zusammen, blieb dann ratlos stehen und sah umher. Frau Wende hatte ihr Körbchen auf den Tisch gestellt und sich auf einen Stuhl niedergelassen. »Da komm och her zu mir«, redete sie der Verirrten gütlich zu, »das Aufräumen kannste ja dann immer noch machen.« Maries Gesicht verlor den starren Ausdruck und ward weich. Sie näherte sich wie ein folgsames Kind und nahm Frau Wende gegenüber Platz, das Stroh immer krampfhaft in der Hand haltend. »Siehch och, da hab' ich dr Würste mitgebracht, a Stücke Fleesch, a weng Kuchen und Striezel. Das Gebäcke is mir freilich nich gut geraten. Denn mit den Bierhefen is eben nischte. Iß och jetze tüchtig, du bist gar zu sehr runter.« Während sie, das sprechend, den Korb in eine herbeigeholte Schüssel leerte, saß Marie still da, in gespanntem Aufhorchen. Die Hand hatte, vom Zwang befreit, das Stroh fallen lassen. Frau Wende nahm ihren Sitz wieder ein und richtete, in Erwartung einer Entgegnung, ihre Augen auf Marie, die den Körper vorneigte und mit stumpfem Blick angestrengt nach der Freirichterin hinsah, als sitze diese nicht klar und deutlich vor ihr, sondern sei von tiefem Dämmern eingehüllt kaum sichtbar. Frau Wende war von diesem seltsamen Betragen beunruhigt und ergriffen zugleich. Ehe sie aber zu neuen Worten kommen konnte, gab Marie die Bemühungen, durch die Schatten ihres zertrümmerten Lebens zu dringen, auf, erhob sich, wischte den Schweiß von den Fensterscheiben, ließ sich wieder nieder und faltete die Hände im Schoß. Das Licht fiel glitzernd über den Tisch. »De – Sonne – scheint – scheen – – sehr scheen«, sagte sie nach langem Hinsehen mühsam, mit einem Klang in der Stimme, wie er unter dem Bogenstrich Ungeübter aus Geigen kommt, die jahrelang unbenützt im Kasten gelegen haben. Die Freirichterin deutete mit Recht diese Worte als ein Zeichen beginnender Anteilnahme und fragte, um sie zu vertiefen, nach dem Ergehen des Kindes. Marie lauschte interessiert den Worten ihrer früheren Herrin nach wie dem Laut einer fremden Sprache. Es zeigte sich auf ihrem blassen, verlöschten Gesicht, in ihren stumpfen Augen kein Verstehen, sondern nach einer Weile kam ein Zug in ihr Antlitz, wie Schlafende lächeln, wenn man sie kitzelt. Frau Wende wiederholte ihre Frage, rüttelte sie endlich am Arm und wies leidenschaftlich nach der Wiege. Da stand endlich die Arme wie unter der Wirkung eines Stoßes auf, ging zum Lager des Wechselbalges, zog die Decke ab und stand dann wie versteinert. Das Kind war noch magerer geworden. Sein faltiges Gesicht ähnelte mehr dem eines uralten Mannes und war von grauen Haaren ganz überzogen, als sei es von Schimmel bedeckt. »Nu he, was machst du denn mit dem Kindel?« fragte die Freirichterin, die versucht war, es aus der Wiege zu reißen. Auf diese lauten Worte versuchte das kleine Wesen die Arme zu bewegen. Es war aber so schwach, daß sich seine ausgehagerten Händchen nur aufwendeten. Dazu gurrte es kraftlos. Seine faltigen Lider hoben sich aber nicht; man sah nur die Augäpfel darunter beben. »Aber Marie!« begann Frau Wende wieder, entrüstet über den erbarmungswürdigen Zustand des Unholdes. Allein die Verirrte rührte sich nicht. Mit steifen Armen auf den Rand der Wiege gestützt, die Achseln heraufgedrückt, den Kopf dumpf vorgereckt, war es, als hänge sie an Stricken in der Luft, ein Bündel, kein Mensch mehr. Ihr Gesicht trug den Ausdruck vertierter Pein. »Es wird dir verhungern. Siehst es denn nich?« rief Frau Wende wieder. Marie hing regungslos über dem Abgrund ihres Lebens. Die Freirichterin ging und reichte dem Knaben selbst die Flasche, der so heißhungrig darüber herfiel, daß die eingesogene Milch immer zur Hälfte wieder aus seinem breiten Munde herausfloß und den abgezehrten Hals hinunterlief. »Trink, trink, liebes Kindel«, eiferte kosend Frau Wende, die alle Scheu vor dieser grotesken Häßlichkeit vergessen hatte und nur mehr den hilfsbedürftigen Menschenwurm sah, »immer trink, armer, armer Kerle, du. Ja, ja, mir wern dir schon geben. Laß gut sein.« Süß, streichelnd, mit jenem tiefen Erbarmen eines Mutterherzens, das fast wie erfülltes Glück klingt, redete sie. Da stieß Marie unvermutet einen qualvoll stieren Schrei aus, der gar nicht enden wollte. Frau Wende umfaßte sie, fühlte ihren ganzen Leib beben, führte sie von dem Kinde weg ans Fenster, saß bei ihr und stützte sie, bis die alte Ruhe wieder Besitz von ihr genommen hatte. Aber es war doch nicht mehr die gleiche Starrheit in ihr. Eine Wand schien durchbrochen, und mit stehendem Blick, voll unsäglicher Klage, sah sie unverwandt ihre frühere Herrin an. »Bis du stille«, tröstete diese, »nee, nee! Fürcht' dich nich, du bist bei mir. Laß gut sein, dei Mann kommt a so bale nich wieder raus, nee, nee, der sitzt. Dem hab'n se sei Jahr weger den Grenzsteenen ufgebrummt. Und wenn er wird das runter haben, da wern se'm a Zips weger'm Schuster schleißen. Laß du's gut sein«, wiederholte sie immer von neuem, streichelte das welke Gesicht, das sich an ihre Brust grub, und umfing den Leib, der unter ihren Worten leise erschauerte wie ein Baum vor fern hinstreichenden Winden. Als Frau Wende schwieg, lag die Arme an ihrer Seite, und ihr Atem wurde immer stürmischer, angstvoller. »Mariela, immer wein' du. Laß du's raus. Wir sein dir alle gut, 's ganze Dorf. Da hat's keen, Haus um Haus, Hof um Hof, dem's nich leid tat um dich. Vor allem der ale Freiwald. Schade, daß er tot is. Denk', vorige Woche habens'n begraben.« So tröstete die Gute, und weil Marie bei Erwähnung des alten Brunnenbauers sichtlich den flutenden Atem zurückgehalten und ruhiger geworden zu sein schien, glaubte sie am besten zu tun, die Geschichte des Greises zu erzähle«. Er habe wohl durch die Auffindung des Schusters einen Stoß bis ins Mark erhalten. Denn seit der Zeit habe er ohne ersichtliches Leiden gekränkelt. Endlich sei seine Seele lächelnd, schmerz- und kampflos, wie ein stilles Wasser, hinübergeflossen in den unbekannten Brunnen, der die Rinnsale aller Menschenleben auf ewig aufnimmt. Seine letzten Worte seien ein herzlicher Gruß an sie gewesen. Während der Erzählung hatte sich Marie aufgerichtet. Beim Schlußsatz rückte sie von ihrer alten Herrin hart weg an den Tisch hin, und es war, als sinne sie über das Gesagte nach. Die Freirichterin sah, daß ihr Besuch nicht umsonst gewesen sei, nahm sich vor, bei gelegener Zeit wiederzukommen, und ging davon, da Marie durchaus auf nichts mehr achten wollte. 26 Marie aber fühlte, je länger um so deutlicher, daß ihr Geist in seine alte Wohnung zurückgekehrt sei. Noch ganz erfüllt von der Last seiner geheimen Wanderung, erschüttert von der Heimkehr, brütete er in seinen Gemächern, während von draußen her alle Erinnerungen auf ihn andrangen, wie etwa zur Nacht ein Volkshaufe in verworrener Unruhe gegen das geschlossene Tor einer Stadt sich aufmacht. Gleich einer lichtlosen Wolke aber lag das Bewußtsein über diesem letzten Zwiespalt ihres Lebens. Sie hatte wieder einen Blick, aber sah noch nichts; empfand, aber ungeschieden; erkannte, aber faßte noch nicht. Indessen saß sie am Tisch in der Unruhe eines Menschen vor der nahen Abreise, legte die Hände ineinander, tat einige Schritte in die Stube, kehrte zurück und sah auf den Fuß des überschlagenen Beines, dessen Spitze von dem stürmischen Herzschlag leise auf und ab pendelte, blickte durchs Fenster, kehrte sich ab und verfiel unter erwartungsvollen Atemzügen in ein leeres Hingenommensein. So verging Stunde um Stunde. Gegen das Ende des Nachmittags begann der Wechselbalg röchelnd zu schreien, schwieg wie erstickt, rang angstvoll schnurrend auf. Dann ging sein kurzer Atem, wie wenn eine zähe Masse in seinem Brüstchen koche. Marie sah an sich nieder und erkannte ihre Verwahrlosung, stand auf, wusch sich, kämmte ihre Haare und zog sich saubere Kleider an. Bei allem hatte sie die Empfindung, letzte Hindernisse wegzuräumen. Als sie sich geschmückt hatte, spürte sie jenes unbezwingliche, von Herzklopfen getragene Durst- und Hungergefühl, das Nervöse vor einer entscheidenden Tat befällt. Sie trank in gierigen Zügen einen Krug Milch. Mit dem Rest trat sie an die Wiege, das Kind zu tränken. Das lag weißblau und still. Die Augen waren tief eingerunzelt, der breite Mund offen, die dürren Händchen lagen regungslos hingebreitet. Sie griff ihn an, und da eine welke Kälte in ihm war, legte sie ein Bett über ihn, daß er sich wieder erwärme. Indessen war das Dämmern des Abends gekommen, und eine Garbe roten Lichtes floß durch das Fenster über Marie, die davon erschrak und nicht anders meinte, es sei jemand von hinten an sie herangetreten und habe sie berührt. Sie wartete ein wenig, ob der Schein reden würde. Aber gleichgültig verbreitete er sich in der Stube, floß über alles und ward endlich zu Ringeln und Flecken, die aufleuchteten und verschwanden. Marie aber traute doch diesem Spiel von Licht und Schatten nicht, sondern setzte sich an den Tisch und beobachtete alles mißtrauisch. »Wart' och. – Wart' och«, sagte sie immer lauernd in sich hinein. Irgendwo, in der Schlafkammer oder unter dem Tisch oder hinter dem Ofen, kauerte etwas und wartete, sie zu überfallen. – Da kam es schon. Mochte es sich noch so sehr den Anschein geben, es sei ein Schatten. Sie wußte ganz genau, nun ging es an ihr Leben. Langsam schob es sich mit der Geräuschlosigkeit eines Katzenleibes über die Diele. »Was willst du?« fragte sie, um es zu verscheuchen. Der Schatten rückte weiter auf sie zu. Da geriet sie in Angst. »Wer sein Sie'n? – Ich hab' Ihn doch nischt getan!« Aber das graue Tier ließ sich nicht halten. Jetzt war es schon so nahe, daß sie seine Weichen vom unterdrückten Atem zittern sah. Um sich vor ihm zu retten, stieg sie auf die Bank. – Auf einmal war alles finster, und sie wußte, sie sei gestorben. Als sie in namenloser Angst darüber nachsann, was nun werden solle, da sie lebendig im Grabe liege, erhob jemand über ihr ein Gelächter, als verhöhne er sie. Nach einer Weile wagte sie die Lider ein wenig zu lüften. Da sah sie neben sich eine winzig kleine Muttergottes stehen. Sie leuchtete von selbst und verzog spöttisch das Gesicht. »Hast du gelacht über mich?« fragte sie die Heilige, schon im Zorn, aber doch noch demütig. Die Figur nickte nur steif mit dem Köpfchen und erlosch. Da sank ein Bann in Marie nieder. – Sie erkannte sich plötzlich wieder, sah, wo sie sei, und wußte alles, was mit ihr vorgegangen war. In Verzweiflung an Gott war ihre Seele in ihr verschollen; in Empörung erwachte sie in diesem Augenblick an dem Gelächter, das Gott über sie ausgestoßen hatte. Davon kam ein Schlagen über ihr Herz, wie wenn eine Glocke Sturm läutet. Ohne sich zu besinnen, stürzte sie auf das Eckbrett zu und strich die Holzfiguren in ihre Schürze. Dann ging sie in den Hof und suchte in dem ungewissen Licht der beginnenden Nacht den hohen Schneewall vor dem Scheuertor. Dorthinein watete sie, trat ein tiefes Loch, stampfte die Figuren mit den Füßen hinunter und warf Schnee darüber. Wie sie Ballen um Ballen mit den Händen aufhob und festdrückte, sprach sie Worte jener großen Empörung, zu dem ihr Daseinsschmerz geworden war: »Tod um Tod. – Den Stoß of dei Herz, daß es zerbricht wie meis. Peiniger – Peiniger – Peiniger...« Jetzt war es vollbracht. Ein Schneekegel ragte über ihrem begrabenen Gott, und mit keuchender Brust und funkelnden Augen stand das Weib davor. Dann ging sie wieder heim. Mit unverwandtem Auge starrte sie auf die Fenster, die als blasse Flecken vor ihr in der schwarzen Nacht standen. Sie zündete kein Licht an. Sie legte sich nicht schlafen. Sie wartete lange auf ein wild Wunderbares, das sie mit ihrem Fluch beschworen zu haben glaubte. Als sich aber nichts ereignete, ging sie mit wankenden Knien in die Schlafkammer, fiel mit dem Gesicht nach unten ins Bett, grub ihre Hände verzweifelt in die Kissen und schlief ein, als werde sie ausgeblasen. – Über ein langes schrak sie zusammen. Ein dröhnender Schlag hatte das Dach des Hauses getroffen. Die Wände bebten noch, als sie herauffuhr. Und da sie nun an die Balken griff, teilte sich das Zittern ihrem Innern mit, war eine Weile allein in ihr, während alles um sie her von Leblosigkeit befallen schien und begann dann langsam aus ihr herauszurinnen, doch nicht so, als ob es nur eine Bewegung sei, sondern ein zweites unbegreifliches Wesen. Sie fühlte es in sich niedergleiten, zur Kammer durch die Wohnstube hinauslaufen. Es öffnete die Zimmertür, schlug sie zu und begann bald darauf draußen im Hausflur mit der Stimme eines verängstigten Kindes nach ihr zu rufen: »Mutter! – Mutter!«, daß sie sich aufmachte und sah, wer da sei. Als sie in die Hausflur trat, stand ihr kleines Mädchen, ihr »Wackala«, draußen, blies in die blau gefrorenen Händchen und trat fortwährend von einem Füßchen auf das andere, daß ihre blonden Haare über dem Gesichtchen immer tiefer zusammenrannen. »Warum bist du denn nich eim Himmel geblieben?« fragte Marie erstaunt. Das Mädchen hob ihr Auge und sah sie ratlos an. »Hat er dich etwan rausgezagt weger mir?« Das Kind nickte nur trostlos. »Etze ei dr Nacht ... ei dr Kälte, was?« forschte sie ungläubig weiter. Das Mädchen brach statt aller Antwort in erbarmungswürdiges Schluchzen aus. Da ward Marie vor Zorn trunken. »Komm du rei, komm! Dei Mütterle wird dir helfen«, sprach sie, endlich sich mühsam beherrschend, führte das Kindchen, das sie neben sich trippeln sah, in die Stube und schlug die Tür hinter sich zu, daß es durch das ganze Haus krachte. Der Wechselbalg erwachte davon aus seinem Starrkrampf und schrie meckernd. Diese Töne drangen auf ihr blondes Mädchen ein. Es ward immer schemenhafter. »Mädla, Gretla, fürcht' dich nich! – Ruhig! – Ruhig! – Ich will mei Kind behaln... ich brauch' kee andersch!« Mit dem Fuße stieß sie gegen die Wiege. Aber die Stimme des Wechselbalges ward immer lauter und drohte ihr Kind ganz aufzusaugen. Da drückte Marie das Bett fest auf sein Gesicht, holte noch mehr Kissen von ihrer Lagerstatt, legte sich mit ihrem Körper darüber und verharrte so lange, bis die unholde Stimme ganz erstorben war. Sie trug die Kissen mit tanzenden Schritten wieder in die Schlafkammer. Dann hob sie ihr Mädchen in die Wiege. Sie brauchte die Leiche nicht herauszunehmen, denn der tote Knabe war ihr Wackala. Nun zündete sie ein Licht an und rückte einen Stuhl zur Wiege, um ihren Liebling einzuschläfern, der so müde war von der Reise aus dem Himmel durch das kalte Gewölk auf die Erde. Jetzt war alles, wie sie es gewünscht hatte mit ihrer Sehnsucht und ihrem Gram. Ihr Fuß bewegte die Bogen der Wiege, dazu sang sie: »Eia, popeia, Windelkind! Ei dem Pusche geht dr Wind, Of dem Baume kräht der Hahn, Aus dem Häusla sieht dr Mann, Of dr Platte kocht das Kraut, Hinterm Tische sitzt die Braut: Schlaf, Kindla, schlaf.« Sie sang ohne Aufhören und schwang sausend die kleine Bettstatt. Ihr Auge loderte, ihr Antlitz war eingefallen, von wilder Verzückung tief gefurcht. Erschöpft mußte sie eine Pause machen. Sie griff der Leiche ins Gesicht und fand, daß sie eiskalt sei. »Wie kalt du bist! Mir wern Feuer machen. Da wird dir schon warm werden.« Bald prasselte es im Ofen. Sie wartete eine Weile und prüfte dann, welchen Fortschritt die Erwärmung ihres Lieblings gemacht habe. Noch eiskalt. – Bestürzt bog sie sich über das Totenbett und sann lange. Plötzlich schlenderte sie sich auf. »Oh, nu weeß ich's! Die Erde hat dich totgemacht, Un mich auch. – Licht – Licht – Licht! – überall bis an de Decke, zum Dach hinaus, lauter Licht! Mir wern de Nacht verbrenn' of dr Erde. Danach sein mir alle erlöst, mir un alle Menschen.« Sie sprang jubelnd hinaus, schleppte Holzscheite herbei, schichtete vier Stöße um die Wiege, legte Spähne darunter, zündete sie an und setzte sich wieder an die Wiege. Bald stand ihre Welt an allen vier Himmelsrichtungen in Flammen. Auf ihrem Gesicht lag seliges Leuchten. Ihr Lied aber hatte eine unbändige Gewalt. Eia, popeia, Windelkind! Ei dem Pusche geht dr Wind ... Bis zum letzten Atemzuge sang sie. Als die erschreckten Steindorfer herbeikamen, war das Lied längst verbrannt. Ein Funkenwirbel stieg von dem einstürzenden Gebälk in die Luft und verlor sich in der Höhe wie das Rauschen eiliger Flügel. Dann sank alles in Asche zusammen. – Aber die Nacht der Erde blieb doch. Denn die läßt sich nicht fortschaffen. Sie gebärt den Menschen; sie nimmt ihn wieder von hinnen. Und zwischen der Nacht des Aufgangs und des Niedergangs schwingt auf gar engem Raume die Stundenglocke des Menschendaseins. Ihr Klang ist ewige Sehnsucht in notvollem Kampf und bitterster Süße.