Karl Simrock Beowulf Inhalt Vorrede Grendel Schild der Schefing Heorot Grendel Beowulf Der Buchtwart Wulfgar Begrüßung Ecgtheow Hunferd Wealchtheow Gelfspruch Nächtlicher Kampf Arm und Achsel Siegmund und Fitela Danksagung Gabenspende Hildeburg Der Ueberfall in Finnsburg Hengest Der Königin Gaben Grendels Mutter Neue Fehde Das Moor Hrunting Der Meersaal Grendels Haupt Heremod Betrachtungen Abschied Hygd und Offa Freaware Ingeld Hygelak Der Drachenkampf Der Drache Heardred Hredel Beginn des Kampfes Wiglaf Der Wurm gefällt Beowulfs Tod Der Verzagten Verfehmung Ongentheow Wulf und Eofur Bestattung Leichenbrand und Todtenmal Erläuterungen Deutscher Ursprung Germanisches Heldenleben Hygd und Offa Scild Scefing Beaw und Heremod Beowulf Hygelak Brosinga mene Sigmund Finnsburg Ongentheow und Hädkynn Mythische Deutung Poetischer Werth Vorrede. Daß der Beowulf, obwohl in angelsächsischer Sprache überliefert, doch seiner Grundlage nach ein deutsches Gedicht sei, ist schon von Andern ausgesprochen worden. Die beigegebenen Erläuterungen gehen überdieß noch auf den Nachweis aus, daß der Mythus ein deutscher ist, der noch vielfache Spuren bei uns hinterlaßen hat. Um so mehr lag es mir am Herzen, das Gedicht unserer Sprache wieder anzueignen. Wir besitzen zwar schon zwei höchst verdienstvolle Uebersetzungen desselben, und die jüngste von Grein (Dichtungen der Angelsachsen, 1. Bd., Göttingen, Georg H. Wigand 1857), der ich mich noch mehr als der Ettmüller'schen (Zürich 1840) verpflichtet bekenne, verdient in vollem Maße das Lob, das ihr wie dem ganzen Werke der berufenste Richter, Prof. Dietrich in Marburg gezollt hat. Gleichwohl schien mir eine dritte nicht überflüßig, die sich an ein größeres Publikum wendete, und ohne mit jenen in wörtlicher Uebertragung wetteifern zu wollen, mehr auf eine poetische Wiedergeburt des alten Gedichtes ausgienge. Geist und Stimmung einer fernen Heldenzeit anklingen zu laßen, und doch dem Ausdruck die frische Farbe des Lebens zu verleihen und der Rede die ungezwungene Bewegung, vor Allem aber den Wohllaut, der echter Poesie unzertrennlich verbunden ist, das schien mir die erste Bedingung, damit der Leser, ohne bei jedem dritten Worte einer Note zu bedürfen, den Sinn ahne und von der Schönheit des Gedichts ergriffen von Blatt zu Blatt getragen werde. Nur so glaubte ich eine tausendjährige Kluft überbrücken und dieser mit Angeln und Sachsen ausgewanderten Dichtung neues Heimatsrecht bei uns erwerben zu können. Wenn ich diesem Ziele nicht näher gekommen bin als meine Vorgänger, so lag es gewiss nur an meinem Ungeschick, nicht daran, daß das uralte Lied uns zu ferne steht, und erst noch anderer Vermittlung bedarf, oder daß der Schmuck der Alliteration, wie man wohl gesagt hat, zu schwach ist, um diesen Langzeilen in unsern durch den Reim verwöhnten Ohren Reiz zu verleihen. Schon an mehr als Einem habe ich die gewaltige Wirkung dieser Poesie und die ungeschwächte Kraft des Stabreims erprobt. Es ist wahr, daß sie um so stärker wirkt, je mehr man sich gewöhnt, auf den Einklang zu achten; aber auch das ganz unbefangene Ohr entzieht sich ihrem Zauber nicht ganz. Dasselbe würde mit dem Reime der Fall sein, nur daß es da schwerer ist, den Versuch anzustellen, weil ganz Unbefangene kaum noch zu finden sind. Die Abschnitte, in welche das Gedicht wie die Nibelungen in Abenteuer zerlegt ist, habe ich im Ganzen, mit berichtigter Zählung beibehalten, und mit Ueberschriften versehen; die Grenzen zwischen den Abschnitten aber passender zu bestimmen gesucht. Grendel. Schild der Schefing. Schild der Schefing. Wenn dieser erste ungezählt gebliebene Abschnitt ein späterer Zusatz wäre, so müsten auch Z. 1–11 des folgenden ersten gleichen Ursprung haben und erst mit der 12. das alte Gedicht beginnen. Auch Ettmüller findet den Mythus von Skild an der Spitze des Beowulfsliedes befremdend, da Beowulf, der Held des Liedes, ein Geate, kein Schilding war, obgleich Z. 12–25 (s. u.) ihn dafür ausgeben möchten. Liest man mit der Handschrift 1, 1 Beowulf statt Beow, so hat man neben dem Geaten Beowulf noch einen Schilding gleichen Namens, ohne daß zwischen beiden irgend eine Verbindung oder Beziehung denkbar wäre. Möglich, daß der Verfaßer des Zusatzes auch dieß zu verantworten hat, indem er den Beow seiner Stammtafeln in Beowulf wandelte, weil der Held des Liedes, dem er diese Einleitung dichtete, Beowulf hieß. Daß er dänischer Herkunft war und der Ruhm der Dänen ihm am Herzen lag, verrathen die Eingangszeilen.             Wie Großes hören wir   von den Geerdänen Z. 1. Geerdänen . Die Waffe der Geer (Sper) giebt hier dem Volk den Namen, wie es 2, 2 auch Hringdänen heißt, nach den aus Ringen geflochtenen Harnischen. Wenn wir es auch nach den Himmelsgegenden Ostdänen, West-, Nord- und Süddänen genannt finden, so geschieht dieß der Alliteration zu lieb; gemeint ist stäts das ganze Volk; so wohl auch, wenn sie Seedänen heißen. , Den Volksfürsten   aus der Vorzeit Tagen, Wie diese Edlinge   sich eifrig erprobten! So hat Schild der Schefing   mit schädlichen Rotten 5   Mancher Sippschaft   die Methbänk entrißen, Der gefürchtete Fürst,   der in frühster Jugend Entblößt herbeitrieb;   doch bald ward ihm Ersatz: Er wuchs unter Wolken   an Würde gedeihend Bis ihm die Umsitzenden   allzumal 10   Zu Willen wurden   über der Wallfische Bahn Und Gülte gaben:   das war ein guter König! Dem ward ein Sprößling   später geboren, Z. 12–25 ist nicht auf einen frühern Beowulf zu beziehen, sondern auf den Helden unseres Gedichts, der den Dänen zum Trost ausgesendet wird. Darnach wäre hier der Grund angegeben, warum die Sage von Skeaf, von dem unser Held abstammen soll, dem Liede von ihm vorausgeschickt wird. Von einer solchen Abstammung weiß freilich sonst unser Gedicht in Bezug auf Beowulf, Ecgtheows Sohn, nichts; aber der Verfaßer dieser Einleitung erlaubt sich wie wir sahen noch Anderes. Auf nähere Begründung der behaupteten Abstammung läßt er sich aber nicht ein. Die unmittelbaren Nachkommen Schilds werden erst 1, 1–10 aufgezählt. Sein Sohn Beow ward noch bei Lebzeiten des Vaters geboren, und da gilt Ettmüllers Bemerkung S. 66, von seinem Volke könne nicht gesagt werden, daß es seines Königs beraubt (oder wie ich mit Bezug auf Hrodgar übersetzt habe, ohne seines Königs Hülfe), lange Zeit Trübsal erlitten habe. Diese Trübsal beziehe ich auf Grendels Unthaten, welchen Beowulf ein Ziel setzte. Im Gadem jung,   den Gott aussendete Einem Volk zum Troste.   Er sah die furchtbare Noth, 15   Die es lange gelitten,   denn leider konnt ihm Sein König nicht helfen:   da gab der Herr des Lebens Der aller Wunder waltet,   ihm weltliche Ehre. Berühmt ward Beowulf:   der Ruf drang weithin Des Nachkommen Schilds   in den Scheidelanden Z. 19. Scheidelande = Skedeland = Skandinavien. Vgl. Bouterweck a. a. O. 67. Man wird an die vagina gentium des Jornandes erinnert. . 20   So soll ein Kriegsfürst   die Kleinode brauchen Zu vollen Festgaben   an des Vaters Busen schon, Daß ihm im Alter   dereinst verbleiben Frohe Gefährten,   und wenn Fehde sich hebt, Ihn Leute geleiten.   Mit Lobthaten mag 25   Ein Jüngling gedeihen   in jeder Sippe. Schild aber schied   zur Schicksalstunde: Viel versucht fuhr er   in den Frieden Gottes. Da brachten alsbald ihn   ans brandende Ufer Die süßen Gesinden   wie er selber gebeten, 30   Als des Worts noch waltete   der Wirth der Schildinge, Der liebe Landesfürst;   lange besaß ers. Da ruhte bereit   der geringte Steven Zu eiliger Ausfahrt,   des Edlings Fahrzeug. Die Leute legten   den geliebten König, 35   Den Schatzspender   in des Schiffes Busen, An den Mast den Mächtigen.                                                 Da war Menge der Schätze Viel fernen Küsten  entführter Schmuck. Nie sah man schöner   ein Schiff gerüstet 40   Mit kampflichen Waffen   und Kriegsgewanden, Borten und Brünnen.   Ihm am Busen lagen Viel köstliche Kleinode,   die den König sollten In der Wogen Gewalt   weithin begleiten. Sie rüsteten den Recken   nicht mit geringerm Gut, 45   Mit schlechterm Geschmeid,   als er geschmückt war einst, Da er zu Anfang   ausgesendet worden Allein über Meer,   der ungeborene. Ein golden Banner   banden sie ihm Hoch zu Häupten,   und hießen die Woge, 50   Das Meer ihn tragen.   Ihr Gemüth war traurig, Ihr Sinn voll Sorgen.   Nicht sicher mögen Nun Menschen melden,   Männer des Raths, Helden unterm Himmel,   wer die Hab empfieng. 1. Heorot.                 Da blieb in der Burgen   Beow(ulf) 1, 1. Die Ansicht, daß hier statt Beowulf nur Beow zu lesen sei, habe ich oben S. 176 zu begründen versucht. der Schilding 1, 1. Schilfinge hießen die Schwedenkönige dem aus den Nibelungen bekannte Schilbung entsprechend. Das vorgesetzte Heado- schildert sie als kriegerisch. Als lieber Leutefürst   lange Jahre Den Völkern ferne kund,   da sein Vater längst Sich weggewendet.   Derweil erwuchs ihm 5   Der hohe Healfdene:   der beherschte spät noch Ein grimmkühner Greis   die guten Schildinge. Dem Könige waren   der Kinder vier Zur Welt erwacht,   die Wehrscharführer Heorogar, Hrodgar   und Halga der gute. 10   Elan, hört ich,   hieß des Königs Tochter, Die Bettgehalsin   des Headoschilfings. Dem Hrodgar wurde   Heerglück verliehen, Erwünschter Waffenruhm,   daß die werthen Sippen Ihm gerne gehorchten   bis die Jugend erwuchs, 15   Der Männer Menge.   Ins Gemüth kam ihm, Daß er ein Hallgebäude   gebieten wollte, Einen mächtigen Methsaal   den Männern zu bauen, Des Gleichen nimmer noch   vernommen ward. So wollt er darinnen   Alles vertheilen, 20   Jungen und Alten   was Gott ihm schenkte Außer den Leuten   und dem Leben der Männer. Da wurde weithin   das Werk geboten Ueber den Mittelkreiß   mancher Gilde, Die Volkstatt zu zieren.   Zu fördern gelang es ihm 25   An den Erdensöhnen,   daß endlich errichtet stand Der Hallhäuser gröstes.   Hirsch nannt' er es, 1, 26 lies: Der Hallhäuser gröstes.   Heorot (Hirsch) nannt er es; Der weithin des Wortes   Gewalt besaß. Er brach sein Erbieten nicht:   Bauge (Ringe) vertheilt' er, Schätze beim Schmaus.   Der Saal hob sich 30   Hoch und hornreich   als hätt er nicht zu scheun Der leiden Lohe Grimm.                                             Nicht lange währt' es noch, Daß den Edlingen   zu eifrigem Kampf Des Walfeldes Wuth   erwachen sollte, 35   Da ein ungeheurer Geist   gar ungern länger Das erduldete   in der düstern Wohnung, Daß er den Jubel   jeglichen Tag In der Halle hörte.   Da war Harfenklang, Des Sängers lautes Singen.   Es sagte der Kundige 40   Der Menschen Ursprung   in alten Zeiten, Wie der Allmächtige   die Erde schuf, Die frischen Gefilde   von der Flut gegürtet, Dann siegsfroh setzte   Sonne und Mond Als leuchtende Lichter   den Landbewohnern, 45   Und zum Schmuck die weiten   Gewannen zierte Mit Laub und Zweigen,   Leben auch schenkte Allem was athmet   auf der Erde Breiten. So lebten die Leute   in Lust und Frieden Aller Sorgen ohne   bis Einer begann 50   Frevel zu stiften,   ein Feind aus der Hölle. Der grimme Gast   war Grendel geheißen, Der berüchtigte Markgänger,   der im Moore hauste In des Sumpfes Abgrund.   Der Unthiere Sitz Behauptete lange   der leidige Wicht, 55   Welchen der Schöpfer   verworfen hatte. So rächt' an Kains   Kindern 1, 56. Vgl. 19 , 11 ff. Die Herleitung der Riesen von Kain bezeichnete Bouterweck Germ. I, 40 als Anknüpfung an Rabbinische Ueberlieferungen; schon Ettmüller hatte S. 71 bemerkt, die Mischung germanischer, griechischer, romanischer und jüdischer Mythen verrathe den gelehrten Mönch. Eoten und Enzen sind Riesen (Myth. 485), die sogleich wieder als Giganten vorkommen; Orken ist ans dem römischen Orcus vervielfältigt (vgl. Myth. 291. 454 und Kuhn Nordd. Sagen 521); Elfen sind die deutschen Elben. den Mord Der ewige König,   daß er Abeln erschlug. Des genoß er nicht:   aus der Nähe der Menschen Verwies ihn der Schöpfer   für die unselge That. 60   Ihm sind die Unholde   all entstammt, Eoten und Elfen   und der Orken Scharen, Die Giganten zugleich,   die Gott widerstrebten Jahrhunderte lang;   doch lohnt' er es ihnen. 2. Grendel.             Bei nahender Nacht   eilt' er nachzuspüren In dem hohen Hause,   wie die Hringdänen Nach dem Aelgelage   sich darin gebettet. Da fand er auf dem Estrich   der Edelinge Schar 5   Nach dem Schmause schlafend.   Sie kannten Sorge nicht, Kein lastendes Leid,   das die Leute drückt. In grausamem Grimme   war er gleich bereit, Und entriß der Rast   mit raffender Gier Der Degen dreißig.   Von dannen eilt' er dann, 10   Sich der Beute brüstend   dem Baue zu, Mit den geraubten Recken   zurück in sein Haus. Da ward um die Uchte , beim ersten Tagen, Grendels grause Kraft   den Geerdänen kund. Auf des Festmals Freude   folgte Wehruf, 15   Lauter Morgenschrei.   Der erlauchte König, Der fromme Fürst   unfreudig saß, Drangsal duldend:   um die Degen sorgt' er, Als sie des Leidigen   Laufspur ersahen, Des verwünschten Geistes.   Zu groß war das Unheil, 20   Zu leidvoll lastend.                                   Doch lange ruht' er nicht: In der nächsten Nacht   naht' er wieder und übte Der Mordübel mehr;   ihn ermüdete nicht Gefährd und Frevel:   er war zu fest darin. 25   Da war unschwer zu finden   dem der anderwärts Gerne geruhiger   rasten wollte, Ein Bett in den Bauten,   da ihm entboten war Und für sicher gesagt   mit sichtlichen Zeichen Des Höllengeistes Haß:   wer hielte sich da 30   Nicht fern hinfort,   dem Feind zu entweichen? So schaltete schonungslos   und scheute das Recht nicht Der Eine wider Alle,   bis eitel stand Der Häuser wonnigstes.   Es währte lange so: Seinen Zorn erduldete   zwölf Winter lang 35   Der Freund der Schildinge,   schwere Trübsal Lastendes Leid. Lautbar ward es bald, Unverborgen kund   den Kindern der Menschen In grausigen Liedern,   wie Grendel so schwer 40   Wider Hrodgar wüthe:   er erwies ihm Haß, Fehd und Gefährde   in der Halbjahre viel, Unversöhnliche Feindschaft.   Frieden wollt er Der Degen Keinem   des Dänenlands gönnen, Noch gegen Lösegeld   ihr Leben schonen. 45   So hatt auch Niemand,   die Hoffnung wär thöricht. Wehrgeld zu gewärtigen   von des Wüthrichs Hand. Der üble Unhold   ängstigte stäts, Der traurige Todschatte,  Tugend und Jugend Meuchelnd und mordend   in den Mitternächten 50   Dem Nebelmoor entsteigend.   Niemand weiß genau, Wo die Geister der Hölle   hausen und brüten. So übte der arge   Eingänger lange Vielfachen Frevel,   der Feind der Menschen, Häßlichen Hohn.   Heorot bewohnt' er, 55   Den schmuckreichen Saal,   in schwarzen Nächten; Aber dem Gabenstuhl   Gottes durfte, Der seine Minne misste,   der Mörder nicht nahen. Der Kummer kränkte   den König der Schildinge. Mit gebrochenem Muthe   manchmal saß er wohl 60   Mit den Reichen zu raunen,   ob sie ihm Rath ersännen, Was die Hochgeherzten   am Heilsamsten thäten So grimmem Graus   entgegen zu wirken. In Hof und Heiligthum   verhießen sie oft auch Opfer und Weihen,   mit Worten flehend, 65   Daß der Geisttilger ihnen   gnädig hülfe 2, 65. Der Dichter weiß, wie er es ausdrücklich sagt, daß seine Helden Heiden sind und freilich war er hier, da von heidnischen Heiligthümern die Rede ist, durch den überlieferten Text daran erinnert; er vergißt es aber oft wieder, indem er sie auf Gott vertrauen läßt, nicht auf ihre Stärke allein. Vgl. 19 , 20. Wider den Würger.   Das war ihr Gebrauch, Die Hoffnung der Heiden:   der Hölle gedachten sie In Geist und Sinn,   den Schöpfer verkennend, Der die Thaten wägt.   Sie wusten von Gott nichts, 70   Den Herrn der Himmel   verherrlichten sie nicht, Den Walter der Wonnen!   Weh dem, der da soll Zur Sühne der Bosheit   die Seele tauchen In Feuerflammen;   er freue sich nicht, Daß ein Ende werde.   Wohl ihm, der da darf 75   Nach des Hingangs Tag   den Herren suchen, Und Frieden finden   an Vaters Busen! 3. Beowulf.         So sott die Sorge   den Sohn des Healfdene Jahr aus Jahr ein:   der Edle vermochte Das Weh nicht zu wenden:   die Gewalt war zu stark, Zu leidig lastend,   die den Leuten geschah, 5   Die neidgrimme Noth,   der Nachtübel gröstes. Da hörte daheim   Hygelaks Degen, Der gute Geatenheld   von Grendels Thaten, Er aller Männer   machtgestrengster, Die dieses Lebens   Licht überschien, 10   Hehr und edel.   Er hieß den Wogengänger, Den raschen, rüsten,   da er den berühmten Fürsten Ueber des Schwanes Pfad   zu suchen gedächte, Den erlauchten Herrn,   dem eines Helden Noth sei. Ihm hatten die Fahrt  erfahrene Männer 15   Lange verleidet,   so lieb er ihnen war; Jetzt ermunterten sie ihn:   sie bemerkten günstge Zeichen. Der Gute hatte   aus den Geatenleuten Sich Kämpen gekoren,   die kühnsten von allen, Die er finden mochte.   Der funfzehnte selber 20   Sucht' er das Sundholz.   Ein seekundger Lootse Steuerte das Schiff   über Scheren und Klippen. Die Frist schritt fürder,   das Floß war auf der See, Das Boot geborgen;   die Biedern eilten, Den Steven zu besteigen:   die Strömung schwoll 25   Ans Ufer zurück.   Die Edlinge trugen In der Barke Busen   die blinkenden Zierden, Die kostbare Kriegswehr.   Als die Kielmänner nun Zur Wunschfahrt trieben   das wohlgebundene Holz, Da flog über Flut,   einem Vogel vergleichbar, 30   Das schaumhalsge Schiff,   geschoben vom Winde, Bis daß zur Ebenzeit 3, 31. Ebenzeit des andern Tages: vierundzwanzig Stunden später; vgl. Bouterweck Germ. I., 407.   des andern Tages So weit der gewundene   Steven gewatet war, Daß Land ersahen   die Seefahrenden. Die Brandungsklippen blinkten,   die Berge ragten 35   Hinter langen Höhen.   Da war der Lauf vollbracht, Das Meer durchmeßen.   Muthig alsbald Erstiegen den Strand   die stattlichen Gäste, Und seilten den Seebaum.   Die Schlachtkleider klangen, Helm und Harnisch.   Dem Herrn dankten sie, 40   Daß sie die Wellenwege   so leicht durchwandelt hatten. Da gewahrte vom Walle   der Wächter der Schildinge, Der hier der Seeküsten   hüten sollte, Wie sie die blanken Schilde   vom Schiffe trugen Und die guten Harnische.   Er hätte gern erkannt 45   In seinen Muthgedanken,   wer die Männer wären. Auf dem Streitross stapfte   zum Strande da Der Held Hrodgars,   in den Händen kräftig Wägt' er des Speres Wucht,   diese Worte rufend: »Wer seid ihr, wackere   Waffenträger 50   In den blanken Brünnen,   die den brandenden Kiel Ueber die Waßerwege   sich wiegen ließet Von jenseits der See? Dieses Ufers Hüter   hab ich Acht des Strandes, Daß der Dänen Land   kein leidiger Feind 55   Mit fernem Schiffsheer   zu schädigen komme. Nie sah ich offener   hier Anfahrt halten Lindenschildträger,   die Erlaubniss doch Noch schwerlich erlangten   von des Landes Beschützern, Noch der Männer Mitwißen.   Nie sah ich mächtigern 60   Edling auf Erden,   als den Einen unter euch, Den Helden im Harnisch:   ihn hat man heut nicht zuerst Der Waffen gewürdigt,   wo nicht sein Antlitz lügt, Sein edles Ansehen.   Ich aber muß nun Eure Herkunft wißen,   eh ihr von hier aus gar 65   Als lose Späher   in das Land der Dänen Vorwärts fahrt.   Nun, ihr fernwohnenden Meerdurchsegler,   meine Gedanken, Die einfachen, hört:   eilends ist Noth, Daß ihr mir verkündet,   woher euer Kommen sei.« 4. Der Buchtwart.         Ihm zur Antwort   gab der Anführer dieß, Des Wehrvolks Weiser   den Worthort erschloß: »Geermänner sind wir   des Geatenvolks, Die Heerdgenoßen   Hygelaks. 5   Mein Vater war vielen   Völkern kund, Der edle Herscher   Ecgtheow geheißen. Manchen Winter währt' es,   da wandt er sich Im Alter aus dem Erbsitz;   es erinnern sich sein Wohl noch weise Männer   weithin auf Erden. 10   Mit holden Herzen   gegen deinen Herrn Sind wir Healfdenes Sohn   zu suchen gekommen, Den leutselgen König:   belehre du uns. »Wir haben dem hohen   Herscher der Dänen Große Botschaft zu bringen:   sie bleibt nicht verhohlen 15   Wähn ich, den Weisen.   Du weist, ob dem so ist, Was wir für sicher   sagen hörten, Daß bei den Schildingen   ein Schadenstifter, Ein meuchelnder Mörder   in den Mitternächten Unerhörten Haß   und höhnische Bosheit 20   Kund that durch Todtschlag.   Nun getrau ich Hrodgarn Wohl Rath zu geben   aus des Geistes Fülle, Wie der Alte bald   den Unhold bezwinge, Wenn der ihn noch einmal   zu ängstigen komme. So mag ers zur Buße   noch bringen des Unheils 25   Und der kochende Kummer   ihm kühler werden, Oder immer muß er   unlieber Zeiten Druck erdulden,   so lange dort besteht An der Hochstätte   der Häuser bestes.«. Da sprach der Recke,   der zu Rosse saß, 30   Der Buchtwart ohne Bangen:   »Beides soll Ein bescheidner Schildmann   zu schätzen wißen, Wort und Werke,   wenn er wohldenkend ist. Ich hab es gehört,   dieß sind holde Gäste Dem Herrn der Schildinge.   Schafft denn heraus 35   Waffen und Gewande:   ich weise euch. Meine Mitwächter   mahnen auch will ich, Vor allen Feinden   euer Fahrzeug zu wahren, Den neugetheerten   Nachen am Strande In Ehren zu halten   bis aber vielleicht 40   Den theuern Helden trägt   über den tiefen Meerstrom Der gewundne Baum   zur Wedernmarke. 4, 41. Die Geaten (Gauten) heißen Wedern, Wedergeaten, Wederleute; die Beziehung anf den Wettersee S. 162 ist kaum wahrscheinlich. Angenommen wird sie von Zeus und Thorpe, nicht von Grimm GDS. 446. Ettmüller versteht Wederleute, Wettersee als Nordleute, Nordsee, während Grimm GDS. 739 Wetterau, Wettereiba für einen westlichen warmen Landstrich nimmt und so auch die Wedern für Westleute erklärt, wobei jedoch auffiele, daß nicht auch die Dänen Wederleute heißen, wie sie doch Westdänen genannt werden. Jedem Gutwirkenden   gönn ich es billig, Daß sie heil vollbringen   ihr Heldenwerk.« Sie fuhren weiter;   das Fahrzeug blieb 45   In der Bucht zurück,   das weitbusige Schiff Am Anker gefestigt.   Eberbilder 4, 46. Eberbilder trugen nach Germ. 45 auch die Aestyer im Dienst der Göttermutter: sie glaubten dadurch in der Schlacht unverwundbar zu werden, wie es hier heißt, daß sie das Leben hüteten. »Matrem deum venerantur; insigne superstitionis formas aprorum gestant: idpreo armis omnique tutela securum Deae cultorem etiam inter arma praestat.« Glänzten goldgeschmückt   von der Gäste Schläfen, Hell und feuerhart:   sie hüteten das Leben. Die Kampfmuthgen schritten   mit kühnem Muth 50   Hastig dahin   bis sie das Haus Das goldzier glänzende   jetzt erkannten, Den Erdbewohnern   das weitberühmteste Der Häuser unterm Himmel,   wo der Hehre wohnte; Sein Licht leuchtete   über der Lande viel. 55   Da ließ sie der Buchtwart   der Biedern Hof, Den scheinenden, schauen,   daß sie schnurgerade Ihm entgegen giengen.   Der Geerträger wandte Sein Ross zurück   und redete so: »Ich muß nun fahren:   mag der Allwaltende 60   Vater euch immer   in Ehren halten Und aller Wege wohl.   Ich will an die See, Gegen Widersacher   Wache zu halten.« 5. Wulfgar.         Die Straße war steinbunt,   die da steigen sollten Die kühnen Krieger.   Die Kampfbrünne glänzte, Die harte, handgeflochtene.   Die Harnischringe Sangen am Schlachtgewand,   als zum Saal sie jetzt 5   In den Schreckenshelmen   geschritten kamen. Die Seemüden setzten   die weiten Schilde, Die festen Ränder   an der Vorhalle Mauer Eh sie zur Bank sich bogen,   daß die Brünnen klirrten, Die geatischen Harnische.   Die Geere hatten sie 10   Alle zusammen   gesetzt mit den Spitzen, Den oben grauen.   Die Eisenschar war herrlich Mit Waffen gewürdigt.                                         Da kam ein werther Held, Nach Adel und Ahnen   die Edeln zu fragen: 15   »Von wannen führt ihr   die feißten Schilde, 5, 15. Vgl. zu 15 , 28. 47. Abhülfe ist hier aber schwer zu schaffen. Etwa: »Wo führt ihr die Schilde, die schmuckreichen, her?« Die grauen Brünnen,   die bergenden Helme, Der Heerschäfte Haufen?   Hrodgars Amtmann Und Bote bin ich.   Nie gebahrten Gäste, So mancher Mann   muthiger, daß ichs sah. 20   Zu tapfern Thaten,   nicht als Vertriebne wohl, Hat euch der Hochsinn   zu Hrodgar geführt.« Der kraftberühmte   Kämpe versetzte, Der werthe Wedernfürst   das Wort entgegnete Aus dem hallenden Helm:   »Wir sind Hygelaks 25   Bankgenoßen:   Beowulf ist mein Name. Sagen will ich   dem Sohne Healfdenes Meine Botschaft,   dem mächtigen König, Deinem Obherrn,   wenn er anders vergönnt, Daß wir den Guten   begrüßen dürfen.« 30   Ihm erwiederte Wulfgar ,   er war der Wendeln 5, 30. »Noch heute nennt sich der Dänenkönig: König der Wandalen.« Ettmüller. Fürst; Sein mannlicher Muth   war männiglich kund, Seine Kraft und Kunst:   »Den König der Dänen, Der Schildinge Fürsten,   will ich fragen gehn, Den Ringbrecher,   deiner Reise wegen 35   Wie du es wünschest,   den würdigen Herscher; Die Antwort aber   dir eilends künden, Die mir der Gute   zu geben gedenkt.« Da gieng er hurtig hin,   wo Hrodgar saß, Der alte unbehaarte,   in seiner Eorle Schar. 40   Der Erlauchte eilte   bis er vor der Achsel stand Dem König der Dänen;   er kannte Hofgebrauch. Da wandte sich Wulfgar   zu dem werthen Herrn: »Gefahren kamen   von fern hieher, Ueber Meeresrücken   Recken des Geatenlands; 45   Ihren Häuptling hör ich   die Heldensöhne Beowulf nennen.   Sie bitten nur, Reden zu dürfen   mit dir, mein König! Und Worte zu wechseln:   das weigre du nicht. Sie scheinen der Gunst   deiner Gegenrede 50   Nach den Waffengewanden   wohl würdig, Hrodgar, Und der Edeln Achtung;   ihr Obherr gewiss, Der die Heermänner   hieher gewiesen hat.« 6. Begrüßung.         Da versetzte Hrodgar,   der Helm der Schildinge: »Ich kannt ihn wohl,   als er ein Knabe noch war. Sein Vater, der alte,   war Ecgtheow geheißen, Dem zur Hausfrau Hredel , der Herr der Geaten, 5   Die einzige Tochter gab.   Sein Abkömmling fuhr er Nun her, der harte,   den holden Freund zu suchen! So sagten mir   Seefahrende, Die Güter und Gaben   der Geaten uns her Zu Danke brachten,   daß dreißig Männer 10   Kraft der kühne,   Kampfberühmte Im Handgriff habe.   Ihn hat der heilige Gott Uns zu Ehren   herübergesandt Zu den Westdänen,   so will mir ahnen, Wider Grendels Graus.   Dem Guten will ich 15   Für seine Kühnheit   Kleinode bieten. Nun bitte sie eilends   hereinzutreten, Daß sie der Sippen Schar   hier beisammen sehen. Und meld ihnen wahrhaft,   daß sie willkommen sind Uns Geerdänen all.« 20                                         [Da gieng hinaus Wulfgar der Wendelfürst,]   und das Wort entbot er: »Sagen soll ich euch   von dem siegreichen Fürsten, Der Ostdänen König,   euern Adel kenn er, Und über der See   salzreiche Wellen 25   Heiß er euch hoch-   geherzte willkommen. So könnt ihr kommen   im Kampfgewande, Unter Helm und Harnisch,   Hrodgarn zu sehen; Die scharfen Schäfte   und der Schilde Ränder Laßt derweil erwarten   des Worts der Bestimmung.« 30   Da erhob sich der Hehre   und die Helden um ihn, Dreister Degen Schar.   Dort verblieben Einige, Des Heergeräths zu hüten   nach des Herrn Gebot. Die Andern eilten,   dem Amtmann folgend Unter Heorots Dach.   Ihr Herr schritt voran 35   Unterm Helm sich hehlend   bis er vor dem Hochsitz stand. Beowulf begann,   die Brünne glänzt' ihm, Das Schlachtnetz, vom Schmiede   kunstreich verschlungen: »Heil dir, Hrodgar!   Ich bin Hygelaks Mann und Neffe.   Viel mannhafter Thaten 40   Begieng ich jung schon.   Mir blieb Grendels Unfug Auf meinem Erbsitz   unverhohlen. Seefahrer sagten mir,   dein Saal hier stünde, Die hehrste der Hallen,   der Helden jeglichem Eitel und unnütz,   wenn das Abendlicht 45   Unter heiterm Himmel   sich verhohlen habe. Da riethen mir nun   die Recken mein, Die edelsten auch   und einsichtsvollsten, Hier, König Hrodgar,   dich heimzusuchen, Zumal sie meine   Machtgestrenge kannten, 50   Und selber oft sahen,   wenn ich vom Siege kam, Von den Feinden blutig,   wie ich fünfe gebunden. Ich tilgte die Thurse ,   traf in den Wellen Nachts die Nixe,   große Noth erduldend Der Wedern Harm zu rächen,   denn Weh betraf sie 55   Bis ich die grimmen tödtete.   Mit Grendeln will ich jetzt Ich Einer allein   mit dem ungethümen Riesen ins Gericht gehn.   So ruf ich dich an, Gebieter der Dänen,   bitten will ich, Obdach der Schildinge,   dich Einer Bitte, 60   Die versage mir nicht,   du Schirm der Kämpfer, Freund deiner Völker,   da ich so fern her kam: Daß ich Einer dürfe   mit meiner Edlinge Schar, Dieser Helden Geleit,   Heorot reinigen. Ich erfuhr auch wohl,   daß sich der freche Wicht 65   In seiner Verwegenheit   vor Waffen nicht scheut: Wohlan, so verheiß ich,   so wahr Hygelak mir, Mein Lehensherr,   seine Liebe bewahre, Weder Schwert zu tragen,   noch den tiefen Schild, Den goldbeschlagenen:   mit den Griffen der Hand 70   Will ich den Feind erfaßen   und Faust gegen Faust Ums Leben ringen:   dem Gerichte Gottes Getrost vertraue sich,   wen der Tod hinwegnimmt! Ich wähn er wolle,   wenn ers walten dürfte, In der Gabenhalle   uns Geaten auch 75   Furchtlos freßen,   wie ers vormals that An den Hredmännern 6, 76. Hredmänner sind die Dänen. Reidgotaland und Eygotaland werden entgegengesetzt: jenes bedeutet das feste Land von Dänemark, dieses die Inseln. Vgl. Grimm GDS. 446. 740. 1. .   Du darfst mir da Das Haupt nicht bewachen;   haben will er mich 6, 77 scheint fast auf eine Art Todtenwache zu gehen. Deren wird Hrodgar überhoben sein, wenn seines Gastes Leichnam von Grendeln in sein Moor geschleppt wird. Triefend von Blut,   wenn der Tod mich nimmt. Er schleppt die Leiche,   des Schmauses begierig 80   Und ißt, der Unhold,   dann unbekümmert Sein Moor umwandelnd.   Mir brauchst du dann Auf Leibesnahrung   nicht länger bedacht zu sein. Dem Hygelak sende,   wenn mich hinnimmt der Kampf, Der Brünnen beste,   die meine Brust beschirmt, 85   Das hehrste Heergewand,   Hredels Nachlaß Und Wielands Werk.   Seinen Weg geht das Schicksal.« 7. Ecgtheow.         Hrodgar versetzte,   der Helm der Schildinge: »Also Kämpfens halb hast du,   kühner Freund Beowulf Und die Ehre zu mehren,   uns aufgesucht! So focht auch dein Vater   der Fehden größeste: 5   Den Headolaf hatt er   eigenhändig erschlagen Bei den Wülfingen 7,6. Ob die hier erwähnten Wülfinge mit den Uelfingen der Helgilieder zusammen fallen, wo Helgakw. Hund. II die Wölsungen, also Sigmunds Geschlecht, Wülfinge heißen, ist ebenso zweifelhaft als der Bezug auf die Wülfinge des spätern deutschen Heldenbuchs. Daß zwischen beiden letztern ein Zusammenhang walte, darauf könnte der Name Sigstab deuten, der in Sigmunds Geschlecht weniger befremden würde. :   mit Waffenmacht Konnt er sich nicht halten   vor des Heeres Toben. Da sucht' er Schutz   bei der Süddänen Volk Jenseits der See,   bei den Schildingen. 10   Ich waltete damals schon   des Dänenvolkes, Ein Jüngling hielt ich   die gemmenreiche Hortburg der Helden.   Heorogar war, Mein älterer Bruder,   schon vorausgegangen, Healfdens Geborner;   der war beßer denn ich! 15   Da sucht' ich mit Schätzen   zu sühnen die Fehde; Den Wülfingen sandt ich   über des Waßers Rücken Uralte Schätze;   Eide schwur er mir. »Meinem Herzen hält es   hart zu sagen Der Geerträger Einem,   wie mir Grendel hat 20   So viel Hohn in Heorot   und haßerfüllte Bosheit geboten.   Mein Burgvolk ist, Mein Schlachtheer, geschwunden:   das Schicksal tilgte sie Durch Grendels Graus.   Gott mag allein Dem Schadenfrohen   die Schandthaten legen. 25   Gar oft erboten sich   vom Biere trunken Bei der schäumenden Schale   die Söhne des Kriegs, Erwarten wollten sie   in der weiten Halle Grendels Grimm   mit dem Graus der Schwerter. Dann war der Methsaal   am Morgen darnach, 30   Wenn der Tag erglänzte,   beträuft mit Blut, Mit Blut überfloßen   die Bankdielen all, Die Halle mit Heerschweiß:   ich hatte der Holden minder, Der theuern Tapfern,   die der Tod mir geraubt. Sitze zum Schmause nun   und entsiegle den Helden 35   Mit Meth die Siegeslust,   wie dein Muth dich antreibt.« 7, 34. 35. Nach der Deutung, welche der große Kenner des Angelsächsischen, Prof. Dietrich in Marburg, von dieser Stelle giebt, müste der Meth aus dem Spiele bleiben. Auch ist für »entbinden« entsiegeln , das der Stabreim veranlaßte, nicht zu rechtfertigen. Beßer stünde jedenfalls:                                     und erschließe den Helden Den Sinn und die Siegslust wie die Seele dich antreibt. Da ward den geatischen   Gästen zumal In der Bierhalle   eine Bank geräumt, Wo sich niederließen   die Lebensfrischen Zu frohem Ergetzen.   Nicht vergaß ein Knappe 40   In der Hand den Aelkrug,   den herrlich geschnitzten, Schieren Trank zu schenken.   Oft sang ein Sänger Heiter in Heorot.   Da war der Helden Wonne Und nicht wenig Wehrkraft   der Wedern und Dänen. 8. Hunferd.                     Da begann Hunferd,   Ecglafs Sohn, Der zu Füßen saß   dem Fürsten der Schildinge, Kampfrunen zu entbinden:   ihm war Beowulfs Kunst, Des kühnen Seeseglers,   schrecklich zuwider. 5   Allzu ungern sah er,   daß ein anderer Mann In diesem Mittelkreiß   mehr des Ruhmes Unterm Himmel hätte   als Hunferd selbst: »Bist du der Beowulf,   der mit Breka schwamm Im Wettkampf einst   durch die weite See? 10   Wo ihr tollkühn   Untiefen prüftet, Mit vermeßnem Muth   in den Meeresschlünden Das Leben wagtet?   Vergebens wehrten euch Die Lieben und Leiden,   die Leute zumal So sorgvolle Reise,   als ihr zum Sunde rudertet, 15   Das angstreiche Weltmeer   mit Armen decktet. Die Meerstraßen maßet,   mit den Händen schlugt Durch die Brandung gleitend;   aufbrauste die Tiefe Wider des Winters Wuth.   Im Waßer mühtet ihr Euch sieben Nächte:   da besiegt' er dich im Schwimmem 20   Seiner Macht war mehr:   in des Morgens Frühe Hob ihn die Hochflut   zu den Headorämen . Von dannen sucht' er   die süße Heimat, Das Leutenliebe,   das Land der Brondinge , Die feste Friedensburg,   wo er Volk besaß, 25   Burg und Bauge.   Sein Erbieten hatte dir Da Beanstans Geborner   vollbracht und geleistet. Drum erwart ich hier üblern   Ausgang für dich, Wie gestreng du in Stürmen   und Streiten dich hieltest, In grimmen Kämpfen,   wenn du Grendels gedenkst, 30   Und seiner Nähe harren willst   die nachtlange Frist.« Da versetzte Beowulf,   der Geborne Ecgtheows: »Was du doch vielerlei,   mein Freund Hunferd, Vom Biere trunken   von Breka zu sprechen weist, Und seinem Siege!   Ich sage dir fürwahr, 35   Daß ich im Meerkampf   mehr vollbrachte, Und Anstrengung aushielt,   denn irgend ein Mann. Verheißen hatten wir,   erst halb erwachsen, Und uns verbunden,   wir waren beide noch Gar jung an Jahren,   in der gährenden See 40   Das Leben zu wagen:   das leisteten wir. Das Schwert ohne Scheide,   da wir im Sunde ruderten, Hielten wir in der Hand:   so hofften wir uns Vor Wallfischen zu wehren.   Nicht weit von mir In der Fluten Ferne   zu fließen gedacht er 45   Mit schnellerm Schwimmen;   auch schied ich ungern von ihm. Zusammen beide   in der See verblieben wir Der Nächte fünf,   bis die Flut uns trennte, Der Wogen Wallen   und der Wetter kältestes Bei Nacht und Nebel:   von Norden stürmte 50   Wuthgrimm der Wind   in der Wellen Aufruhr. Der Meerungethüme   Muth war erregt; Doch leistete mein Leibharnisch   wider die Leidigen Mir Hülfe, der harte,   handgeflochtene. Die Brust barg mir   der Brünne Kunstnetz 55   Aus gutem Golde.   Zu Grunde zog mich wohl Ein farbiger Feind,   der mich festhalten wollte Mit grimmen Griffen;   doch gegönnt war mir, Daß ich das Scheusal   mit dem Schwert erreichte, Dem starken Stahl.   Ein Streich entraffte 60   Das mächtige Meerthier   durch meine Hand. 9. Wealchtheow.               »So haben mich vielfach   die verhaßten Feinde Bedräut und bedrängt;   doch dient' ich ihnen Mit dem scharfen Schwerte,   wie es schicklich war. Sie erfreuten sich nicht   der Fülle der Beute, 5   Die schnöden Verderber,   daß sie mich schmausen durften Und das Mal umsitzen   im Meeresgrunde, Sondern am Morgen,   vom Mordstahl getroffen, Sah man sie rottweis   auf dem Rücklaß der See Leblos liegen:   die Leidigen wehrten 10   Den Seeseglern   durch die schäumende Flut Die Reise nicht länger.                                         »Da kam Licht von Osten, Gottes blinkendes Zeichen.   Die Brandung legte sich, Daß ich die Seeküsten   erkennen mochte, 15   Die windreichen Wälle.                                           »So bewahrt das Schicksal Den kühnen Kämpen wohl,   wenn seine Kraft nur langt. Mir war beschieden,   mit dem Schwert zu fällen Der Nichse neun.   Nie zur Nacht erfuhr ich 20   Unter des Himmels Hälfte   von härterm Gefecht, Noch mühreichern Männern   in des Meeres Strömen; Doch entgieng ich den grimmen   Griffen der Feinde Wie wegemüd ich war,   da die Wogen mich Fern hin führten   zu der Finnen Landen, 25   Die wallenden Waßer.                                         »Kein Wort von dir Wegen solcher Schrecken   hab ich sagen hören, So bitterm Schwertkampf.   Auch hat Breka nie, Von euch beiden Keiner   im Kampfspiel je 30   So theuerliche   Thaten vollbracht Mit des Schwertes Schneide   – ich sag es zum Ruhme nicht – Obgleich du deiner Brüder   Blut vergoßen hast, Deiner nächsten Freunde,   wofür du in der Hölle Verdammniss dulden wirst,   wie doch du witzig seist. 35   Ich sage dir für sicher,   du Sohn des Ecglaf: Nie hätte Grendel   soviel Graus hier verübt, Der arge Unhold,   wider euern Gebieter, Solchen Hohn in Heorot,   wenn das Herz dir wäre, Der Sinn so schwertgrimm,   wie du selber glaubst. 40   Doch befand er wohl frühe,   daß er die Fehde nicht, Die üble Schwertkraft   eurer Leute, Der Siegschildinge,   eben zu scheuen braucht. Er nimmt sich Nothpfänder,   Niemand scheut er Der Dänenleute;   nach Lust bekriegt er sie, 45   Würgt und schändet,   keinen Widerstand Von den Geerdänen fürchtend.   Doch ein Geate soll ihm nun Kraft und Kühnheit   im Kampfe bewähren Ganz unerwartet.   Dann eile muthig Wer mag zum Methe,   wenn das Morgenlicht 50   Ueber die Erdenvölker   andern Tages scheint, Und die Sonne von Süden,   der schöne Himmelswart.« Das hörte hochgemuth   der haargraue Schatzspender, Der erlauchte Kampfheld:   es glaubte der Verheißung Der Glanzdänen Gebieter:   an Beowulf vernahm 55   So festen Vorsatz   des Volkes Hirte. Da war Lust und Lachen   und lauter Wiederhall Wonnesamer Worte.   Wealchtheow gieng umher, Hrodgars Gemahlin,   des Hofbrauchs gedenk Und grüßte goldgeschmückt   die Gäste im Saal. 60   Die fröhliche Frau   gab den vollen Becher Zuerst der Ostdänen   Erbsitzwart, Und hieß ihn heiter   in der Halle zechen, Der Leute Liebling.   Mit Lust empfieng beim Schmaus Den gebotnen Becher   der biedre Siegsfürst. 65   Weiter durch die Halle   gieng der Helminge Sproß, Einem nach dem Andern,   Alt und Jung Goldgaben bietend,   bis jetzt ihr gelang Daß zu Beowulf   die baugengeschmückte, Mutherhabene,   den Methbecher trug. 70   Sie grüßte den Geatenfürsten,   Gott Dank sagend Mit weislichen Worten,   daß ihr die Wonne ward, Von der Helden Einem   nun hoffen zu dürfen Der Frevel Entfernung.   Da empfieng den Becher Der gewaltige Waffenheld   aus Wealchtheows Hand 75   Und redete darauf,   schon bereit zum Kampf. Beowulf sprach,   der Geborene Ecgtheows: »Das hab ich verheißen   als ich die Hochflut bestieg, Ins Seeboot saß   mit der Schar meiner Helden, Daß ich alleine   all eurer Leute Sehnsucht 80   Erfüllen wollte   oder auf der Walstatt fallen In des Feindes Griffen.   Vollführen will ich Also die Edelthat   oder den Endetag In dieser Methhalle   morgen erwarten.« Der fürstlichen Frau   gefielen die Worte, 85   Des Geaten Gelfspruch.   Die Goldziere gieng, Die herrliche Volksfrau,   zu dem Fürsten sitzen. Da war wie ehe   innen der Halle Freies Gespräch   der freudigen Kämpen, Der Siegvölker Jubel,   bis der Sohn des Healfdene 90   Mit einmal aufbrach,   seine Abendruhe Zu suchen gesonnen.   Der Sorghaften, wust er, Harrte in der hohen   Halle der Kampf, Wenn sie der Sonne Licht   nicht mehr sehen möchten, Die nebelnde Nacht   hernieder sänke, 95   Und Schattengeschöpfe   schaurig verhüllt Unter Wolken wandelten.   Das Wehrvolk erhob sich. Einer grüßte   den Andern da, Hrodgar den Beowulf,   ihm Heil entbietend Und Macht über den Methsaal   zumal mit dem Wort: 100   »Niemals hab ich   noch einem Helden, Seit ich Hand und Rand   zu heben vermochte, Der Dänen Degensaal   außer dir vertraut. Habe nun und hüte   der Häuser Bestes, Sei der Ehre eingedenk,   offenbare die Kraft, 105   Wache gegen den Wüthrich!   Kein Wunsch bleibt dir versagt, Wenn du dieß Heldenwerk   heil vollbringen magst.« 10. Gelfspruch 10. Unter Gelfspruch im weitesten Sinne versteht das Gedicht jede Ruhmrede z. B. 14 , 57; hier aber im engern nur eine solche, welche unmittelbar vor der rühmlichen That sich zu ihr erbietet . Die Erbotworte 25 , 21 bedeuten ganz dasselbe. Auch im Waltharius begegnet eine Ruhmrede vor dem Kampfe und der christliche Dichter hat das Bewustsein, daß die Sitte heidnisch ist, denn er läßt seinen Helden sogleich zur Erde fallen und Gott die stolzen Worte abbitten. Wahrscheinlich geht der Gebrauch auf die Gelübde zurück, welche die Heiden nach Helgakw. I auf den Juleber ablegten. Allerdings musten diese Verheißungen nicht sogleich, aber doch innerhalb des eben anbrechenden Jahres erfüllt werden. Wie im Norden auf das Eberhaupt, so wird im Hugschapler auf den Pfau ein Gelübde abgelegt, dessen Erfüllung kaum über Nacht hinausgeschoben bleibt. Auch in Gedichten des Kerlingischen Kreises begegnet die Sitte solcher Ruhmreden und das von Kaiser Karl im Morgenlande (Charlemagne, an anglo-norman poem published by Fr. Michel, London 1836) bewegt sich ganz um dieselbe. .                   Da gieng Hrodgar   in seiner Helden Geleit Dahin aus der Halle,   der Hort der Schildinge. Der Weise wollte   Wealchtheow suchen, Die Bettgenoßin.   Der Beste der Könige 5   Hatte wider Grendeln   in der Helden Gegenwart Einen Saalwart gesetzt,   der sich im Sonderdienst Dem Gebieter der Dänen   erboten zur Riesenhut. Gänzlich vertraute nun   der Trost der Geaten Der eignen Heldenkraft   und des Ewigen Huld. 10   Da eilt' er abzuthun   die eiserne Brünne, Nahm den Helm vom Haupte   und gab das herrliche Schwert, Den köstlichen Stahl   der Krieger Einem Und hieß ihn hüten   des Heergeräthes. Da begann und sprach   diese Gelfrede 15   Beowulf der Geate   eh er das Bett bestieg: »Nicht geringer rechn ich mich   an Reckenkraft, An grimmer Stärke   denn Grendel ist. Drum nicht mit dem Schwert   ihn erschlagen will ich, Und so sein Leben kürzen,   könnt ich es auch. 20   Er weiß nichts von Waffen,   daß er sie wider mich brauchte, In den Schild mir schlüge,   obschon er berühmt ist In widrigen Werken.   Wir werden die Nacht doch Unsern Streit entscheiden,   wenn er suchen will Wehr ohne Waffen.   Der weise Gott lege, 25   Der erhabene Herr,   in die Hand des Einen Macht und Ruhm,   wie es gerecht ihn dünkt.« Da hüllte der Held sich,   sein Haupt empfieng das Kissen, Des Edeln Antlitz,   und um ihn beugten sich Viel schnelle Seehelden   im Saale zur Ruh. 30   Die gedachten da wohl kaum,   daß sie von dannen je Zum lieben Lande   noch gelangen möchten, Zu Burg oder Volk,   wo sie geboren waren. Sie erfuhren ja hier,   daß zu Viele der Tod In der herrlichen Halle   schon dahin gerafft, 35   Der Dänendegen.   Dennoch beschied ihnen Gott Das Gewebe des Siegs,   den Wedernleuten: Er schützt' und schirmte sie,   daß sie den Schädiger Alle besiegten   durch des Einen Kraft Und sonderliche Stärke.   So sicher ist die Kunde, 40   Daß der mächtige Gott   der Menschen waltet. Weiten Weges kam   in wüster Nacht Der Schattengänger geschritten.   Die Schirmer schliefen, Die das hornreiche Haus   behüten sollten, Alle bis auf Einen.   Da ward allwärts kund, 45   Der Grause konnte sie,   da Gott nicht wollte, Der schreckliche Schädiger   nicht unter Schatten schwingen, Da der Eine wachend   dem Uebeln Haß trug Und grimmen Herzens   der Begegnung harrte. 11. Nächtlicher Kampf.                       Da kam vom Sumpfe   im Schleier des Dunstes Grendel gegangen,   trug Gottes Zorn. Der Meuchler meinte   der Menschen Einen Schlau zu beschleichen   im Saale dem hohen. 5   In Wolken watet' er   bis er das Wonnenhaus, Des Gabengebers   Goldsaal erkannte, Den kleinodbunten.   Er kam nicht zum Erstenmal Hrodgars hohes   Haus zu besuchen; Doch fand er so alt er ward,   früher noch später 10   So harten Helden   als in der Halle diesen. Vor der Stiege stand   des steinernen Hauses Der Wonnenverwaiste   und wandte zur Thüre, Der feuerbandfesten,   die Fäuste sogleich, Erbrach, der Bösewicht,   so brannt er in Zorn, 15   Des Hauses Eingang;   in Hast dann kam In die farbige Flur   der Feind geschritten, Ingrimmig eilend;   von den Augen stand ihm Der Lohe vergleichbar   ein leidiger Glanz. In der Halle sah er   der Helden Menge 20   Versammelt schlafen,   der Sippen Friedensbund, Der Leute Geleit.   Ihm erlachte der Muth: Zu scheiden wähnt' er   vor scheinendem Tag, Der üble Unhold,   den Helden allzumal Leib und Leben;   ihn lockte reichlicher 25   Weide Wahn.   Doch Wurd verlieh ihm nicht, Daß er mehr als Einen   des Männervolks Die Nacht genöße.   Der Nothkühne sah, Hygelaks Verwandter,   daß der Wütherich Die grimmen Griffe   beginnen wollte. 30   Nicht länger ließ es auch   der Leidstifter anstehn, Vielmehr erfaßt' er jetzt   zuvörderst Einen Der Ruhenden und riß ihn   rasch in zwei Stücke, Zerbiß sein Gebein,   trank das Blut der Adern Und schlang große Stücke:   schon hatt er ganz 35   Des Leblosen   Leib verschlungen Mit Füßen und Fäusten.   Und fürder schreitend Griff er jetzo   nach dem großgeherzten Recken auf dem Ruhbett;   da reckte die Hand der, Und faßte mit der Faust den Feind behende, 40   Den arg gesinnten,   auf den Arm gestützt. Da freilich fühlte   der Frevelstifter, Daß er mächtigern Mann   in Mittelgart Noch an allen Enden   der Erde nicht gefunden, So hart von Handgriff.   Im Herzen wuchs ihm 45   Furcht, er fühlt' es;   doch fort konnt er nicht, Wie gierig sein Herz   sich zur Hölle sehnte, In der Teufel Gesellschaft:   sein Tagewerk wollt ihm dießmal Nicht gelingen   wie immer in alter Zeit. Denn Hygelaks Heerdgenoß,   der hehre, gedachte 50   Der Abendrede,   eilends erhub er sich Und faßt' ihm die Fäuste:   die Finger zerbrachen Dem Riesen, da rückwärts   ihn der Recke stieß. Da sehnte sich sehr   der sonst Gewaltige, Das Weite zu gewinnen   und hinweg alsbald 55   In sein Fennmoor zu fliehen:   der Finger Kraft wust er In des Grimmen Griffen.   Das war ihm ein grauser Gang, Daß der Harmbringer heute   nach Heorot gekommen war! Der Degensaal dröhnte;   den Dänen ward, So viele der Helden   das Haus noch bewohnten, 60   Das Ael verschüttet.   Ingrimmig kämpften Die herben Hüter:   die Halle schütterte. Groß Wunder war es,   daß der Wonnesaal Die Tritte ertrug,   und in Trümmer nicht Der fürstliche Bau fiel.   Aber fest stand er 65   Innen und außen   mit Eisenklammern Sorglich umschmiedet.   Doch sank von den Schwellen Manche Methbank,   wie ich melden hörte, Mit Gold geziert,   da die Grimmen rangen. Das wähnten wahrlich nicht   die werthen Schildinge, 70   Daß ein Mann sie möchte,   wie mächtig er wäre, Wie bös und blutgier,   zum Wanken bringen, Geschweige zum Falle,   sie schlucke denn Glut, Flackernde Flamme.   Auffuhr ein Geschrei So neu und nie erhört,   die Norddänen faßte 75   Schüttelnder Schrecken,   die Scharen der Männer, Die auf dem Walle   den Wehruf hörten, Den Gegner Gottes   das Grauslied brüllen, Den sieglosen Sang,   des Versehrten Jammerlaut. Er hielt ihn zu fest   in der Haft des Todes, 80   Er aller Männer   machtgestrengster, Die dieses Lebens   Licht überschien. 12. Arm und Achsel.               Keineswegs wollte   der Kämpen Schirm Entfliehen laßen   den furchtbaren Gast, Dessen Lebenstage   er der Leute Keinem Von Nutzen glaubte.   Zunächst ihm schwang 5   Sein altes Erbschwert   mancher Edeling Beowulfs, Des lieben Lehensherrn   Leben zu schirmen, Des erlauchten Fürsten,   wofern sies vermochten. Sie bedachten nicht,   als sie das begannen, Die hochgeherzten   Heldensöhne, 10   Und in zwei Hälften   ihn zu hauen gedachten, Nach der Seele suchend,   daß an dem Schadenstifter Von allen Eisen   das auserwählteste, Härteste Heerschwert   nicht haften wollte; Denn Verwünschungen wust er   wider alle Waffen 15   Und Schneiden zu sprechen.   Doch sollt er sein Alter An demselben Tage   seines Lebens Armselig beschließen   und sein scheidender Geist Fernhin fahren   in der Feinde Gewalt. Als nun gewahr ward   der Wütherich, 20   Der mit mordlustgem Muth   an der Menschen Geschlecht So viel Frevel gefrommt,   der Feind Gottes, Daß ihm nicht Folge leisteten   des Leibes Glieder, Weil so fest der biedre   Blutsfreund Hygelaks Bei der Hand ihn hielt   (sie haßten einander 25   Mit mordlichen Muth),   da muste der Unhold Der Wunde gewärtigen.   Schon ward an der Achsel Die Sehrung ihm sichtbar:   die Sehnen rißen, Die Beinschlüße brachen:   dem Beowulf war Der Sieg geschenkt;   es sollte Grendel 30   Todwund flüchten   und unterm Fenn dort suchen Die wonnelose Wohnung.   Er wuste sich nun wohl An seines Alters   Ende gekommen, Seine Tage voll.                               Dem Volk der Dänen 35   War nach diesem Kampfe   der Kummer gestillt. Gesäubert hatte   der über See gekommene Weiskühne Weigand   den Wonnesaal Hrodgars, Und von Frevel befreit.   Er freute sich des Nachtwerks Und des ewigen Ruhms.   Den Ostdänen hatte 40   Der Geatensöhne Fürst   den Gelfspruch geleistet, Ihnen alle die Arglist   endlich gebüßt, Die Unheilsorge,   die sie ehe getragen, Als sie drückende Noth   erdulden musten, Nicht kleinen Kummer.   Zum klaren Zeichen. 45   Legte der Heldensohn   die Hand zur Schau Mit Arm und Achsel,   vor allen Versammelten Grendels Greifwerk heftend   unter das gellende Dach. 13. Siegmund und Fitela.                     Da war am Morgen   wie ich melden hörte, In der Gabenhalle   der Geerträger Mancher. Die Volksführer kamen   von fern und nah, Ueber weite Wege   das Wunder zu schauen, 5   Des Feindes Fährte.   Sein Fall erschien Der Kämpen Keinem   beklagenswerth, Die des Ruhmberaubten   Rennspur erblickten, Als er wehgemuth   hinweg von da, Im Kampf überkommen,   ein Kind des Todes 10   In sein Nichsemoor   die Mordspuren trug. Da sah man von Blut   die Brandung wallen, Von Todesnaß   die traurige Woge, Die nur stockend strömte   vor starrendem Saft, So vom Feinde gefärbt,   als er freudenlos 15   In seines Fennes Frieden   das Leben flüchtete, Die heidnische Seele,   eh die Höll ihn empfieng. Da eilten von dannen   die Altgesellen, Und der Jüngern auch Manche,   zu dem Jubelgange, Da sie muthig vom Moore   auf Mähren ritten, 20   Blanken und braunen 13, 28 [richtig: 20]. Die braunen Mähren sind den blanken des Stabreims wegen hinzugefügt, das Original gedenkt ihrer nicht. .   Da wurde Beowulfs Heldenruhm verherrlicht.   Man hörte sie rühmen, Im Süden und Norden,   zwischen den Seen beiden, Auf der Erde Grund   sei kein anderer Kämpfer Unter des Himmels Hälfte   so herrlich zu finden, 25   Der Randträger Keiner   des Reiches so würdig. Doch wollten sie ihren freundlichen   Fürsten nicht schelten, Den heitern Hrodgar:   das war ein hehrer König. Bisweilen wurden auch   im Wettlauf versucht Von den Vielerfahrnen   die falben Rosse, 30   Wo die Landwege   dazu laden mochten, Die beßer bekiesten.   Jener Königsdegen, Mit Selbstruhm beladen,   doch der Lieder gedenk, Daß er alle der edeln   alten Sagen Schatz besaß,   sang wohl ein Lied, 35   Ein recht gebundenes.   Der Recke begann, Beowulfs Kraftthat   kunstvoll zu singen, In rascher Rede   berichtend und weise Mit Worten wechselnd.   Alles wust er zu melden Was er von Siegmund   einst sagen gehört, 40   Unerhörter   Heldenthaten viel, Des Walsings Kämpfe   und weite Fahrten, Die alle Menschenkinder   nicht kennen mochten, Seine Fehden und Frevel,   außer Fitela , Wenn er von Solchem   ihm sagen gewollt, 45   Der Ohm seinem Neffen,   die bei allen Kämpfen Nun Genoßen waren   und Nothgestallen. Sie hatten rottenweise   das Riesenvolk Mit Schwertern erschlagen.   Dem Siegmund entsprang Nach dem Todestage   untadlicher Ruhm, 50   Weil der Gewaltige   den Wurm erschlug, Den Hüter des Goldschatzes.   Unter dem grauen Stein Hatte des Edlings Sohn   einsam gewagt Die furchtbare That,   denn Fitela war nicht bei ihm. Doch war ihm beschieden,   daß sein Schwert durchdrang 55   Den wunderbaren Wurm,   daß an der Wand anstund Das herrliche Eisen.   Hin schwand der Drache. Er hatt in schrecklicher   Entscheidung errungen, Daß er den Ringhort   berathen durfte Nach seinem Gelieben.   Ein Seebot lud er, 60   Trug in der Barke Bauch   die blinkenden Spangen, Der Sohn Walses;   der Wurm heiß zerschmolz. Er war der Recken   berühmtester weithin Ueber viel der Völker,   der Fechter Schirm. Früh trugen ihm tapfere   Thaten dieß Lob ein. 65   Aber bei Heremod   endete Heldenthum, Ruhm und Stärke.   Zu den Riesen ward er, In der widrigen Feinde   Gewalt betrogen In schneller Entsendung.   Die siedende Sorge Lähmt' ihn zu lange.   Seinen Leuten ward er, 70   Allen Edlingen   zu ewigem Kummer. So betrauerte oft   in den Tagen der Vorzeit Des Hartherzgen Looß   manch weiser Held, Der der Uebel Abhilfe   von ihm sich verheißen, Daß des Königs Sohn   in Kraft gedeihen werde 75   Zu des Vaters Adel,   und das Volk erretten, Den Hort und die Hochburg,   der Helden Reich, Den Erbsitz der Schildinge.   Allen wurde so Hygelaks Mann und Freund   den Menschenkindern Der freundseligere; jenen nahm Frevel hin. 80   Wieder im Wettlauf   die weißen Straßen Durchmaßen sie auf Mähren.   Nun ward des Morgenlichts Sieg beschleunigt;   mancher schnelle Held Gieng zu der hohen Halle   mit herrlichem Muth, Das Wunder zu gewahren.   Da war auch Hrodgar 85   Aus dem Ehgemach,   der Armringspender, Glorreich gegangen   mit großem Gefolge, Der milderkannte König.   Die Königin mit ihm Maß den Methsteig   in der Mägde Geleit. 14. Danksagung.             Hrodgar sprach,   als er zur Halle kam, An der Schwelle stehend   den stolzen Bau ersah, Den mit Gold gezierten   und mit Grendels Hand: »Dieses Anblicks sei   dem Allwaltenden 5   Zuvor Dank gesagt.   Viel Leid erduldet' ich, Grimmes, von Grendeln!   Aber Gott wirkt immer Wunder über Wunder,   der Walter aller Herrlichkeit. Noch unlang ist es,   daß ich mir alle dieses Wehs nicht wähnte   noch in weiten Zeiten 10   Buße noch Beßerung,   wenn ich blutig stehen sah Das herrlichste der Häuser   nach der Helden Mord. Weh überwältigte   die Weisen alle, Die keine Hoffnung hegten,   daß der Beherzteste selbst Der Leute Landburg   den Leidigen wehren möchte, 15   Vor Scheusalen schützen.   Schauet, hier wirkte nun Ein Held ein Heldenwerk   durch des Herren Macht. Wir alle lebenslang   ließen uns solche That nicht träumen.   Traun, sie mag sagen, Welche Maid auch immer   unterm Menschenvolke 20   Diesen Helden gebar,   wenn sie heute noch lebt, Daß ihr Gott der Gute   sich gnädig erwies In des Kindes Geburt!   Nun Beowulf, will ich dich, Hehrster der Helden,   von Herzen lieben Wie den eigenen Sohn!   Halt in Ehren hinfort 25   Die neue Sippe!   Nichts gebreche dir mehr Weltlicher Wunschgüter,   deren ich Gewalt habe. »Oft lohnt' ich reichlich   geringere That Mit Schatzgeschenken   viel schwächerm Helden, Der säumiger stritt.   Dir selber hat nun 30   Tapfere That erwirkt,   daß deine Tugend lebt Immer und ewig.   Der Allwalter möge dir Mit Güte vergelten   wie bis jetzt er that.« Da versetzte Beowulf,   der Geborene Ecgtheows: »Dieß Heldenwerk   hab ich williglich 35   Vollführt im Gefecht,   mich freudig wagend An des Unkunden Kraft.   Ich kann ihn nicht beschreiben; Hättest du ihn selber   doch sehen mögen, In dem schrecklichen Schmuck,   den Schwerzufällenden! Gern hätt ich ihn hurtig   mit harten Stricken 40   Festgebunden   an sein Todesbette, Daß er unter den grimmen   Griffen meiner Hände Sich windend läge und   sein Leben nicht rettete; Doch vergönnt war mir nicht,   da Gott nicht wollte, Ihm die Flucht zu wehren.   Zwar faßt' ich nicht leise 45   Den mordlichen Gegner:   aber zu mächtig war Auf den Füßen der Feind.   Die Faust jedoch hat er Als Lebenslösung   hier laßen müßen Mit Arm und Achsel.   Aber einigen Trost Hat der Wonnelose   nicht gewonnen damit. 50   Nicht länger lebt darum   der Leidanstifter, Der Schuldbeschwerte:   die schmerzhafte Wunde Nimmt ihn nun mit scharfer   Nöthigung gefangen In bittern Banden.   So soll der Bösewicht Dem großen Gerichte   entgegenharren, 55   Welch Looß ihm verleihe   der erlauchte Schöpfer.« Stille schwieg nun   der Sohn des Ecglaf, Ließ den Gelfspruch ruhn   seiner rühmlichen That, Da die Edlinge selber   des Eorles Kraft Und die Hand am hohen   Hause ersahen. 60   Vorn war von des Feindes   Fingern ein jeder An der Nägel Statt   wie von Stahl gebildet, Des Heiden Handspornen,   die unheimlichen Krallen Des starken Streiters.   Sie gestanden alle, Da habe das Härteste   nicht haften mögen, 65   Das edelste Eisen   des Ungethüms Blutige Kampffaust   nicht brechen können. 15. Gabenspende.                       Da hieß man Heorot   hurtig von innen Säubern und schmücken.   Man sah viel Frauen Und Männer unmüßig,   die Methhalle Den Gästen zu zieren.   Goldbunt schimmerten 5   An den Wänden Gewebe,   ein Wunderanblick Den Leuten, die Solches   zu schauen liebten. Der blickende Bau   war brüchig geworden, Ob mit Eisenbanden   innen gefestigt: Die Angeln zerrißen;   einzig das Dach 10   Noch unversehrt,   weil der Ungeheure, Der Frevelfrohe,   zeitig die Flucht ergriff, Am Leben verzweifelnd.   Nicht leicht ist es dem Zu entsagen gewiss;   versuch es wer will! Doch sicher wird Jeder   der Seelebegabten, 15   Der Menschensöhne,   ihn müßigt die Noth, Einst auf Erden suchen   die enge Stube, Wo sein geliehner Leib   auf dem Lagerbette Nach dem Zechgelage schläft. Da war Zeit und Stunde, 20   Daß Healfdens Sohn   zu der Halle gieng, Wo zum Male möchte   der Mächtige sitzen. Nie hört ich so häufige   Scharen der Helden Um den Schatzspender   schöner gebahren. Da bogen zur Bank sich   die Biedern wohlgemuth 25   Und freuten sich der Fülle.   Freudig empfiengen 15, 28 [richtig: 25]. Nach der Erklärung, welche Prof. Dietrich Zeitschr. XI. 413 von fägare giebt, wäre statt freudig empfiengen zu lesen: Es empfiengen geziemend. Daselbst 15, 47 ist auch eine neue Erklärung von faet und faeted gegeben, und jenes mit bractea, Metallplatte, dieses mit bracteatus Goldblechverziert, erklärt, während man letzteres bisher als fett oder feißt verstand. Erst in den folgenden Abschnitten konnte ich hier und da hievon Gebrauch machen. Doch wird der Uebersetzer immer Mühe finden, diesen Sinn in den kurzen Halbzeilen auszudrücken. An dieser Stelle müste man am Kopfgeschirre der Rosse Goldbleche zum Schmuck angebracht denken. Auch manchen Methkrug   der Männer Gebieter, Die hochgeherzten,   in dem hohen Saale, Hrodgar und Hrodulf.   Heorot war innen Mit Freunden erfüllt.   Auf Falschheit sannen 30   Der hehren Schildinge   Sippen da nicht. Da bot dem Beowulf   der Geborne Healfdens Ein gülden Banner   zur Vergeltung des Siegs, Ein herrlich Heerzeichen,   dazu Helm und Brünne; Auch ein Kampfschwert, ein köstliches   Kleinod, sah man 35   Dem Biedern bringen.   Beowulf empfieng da Mit dem gefüllten Becher   die fürstlichen Gaben; Ihrer durft er sich nicht schämen   vor der Schießenden Volk. Nicht erfuhr ich, daß freundlicher   vier solche Kleinode Aus Gold gebildet   ein Biedermann oft 40   Auf der Aelbank   dem Andern schenkte. Das Helmdach hütete   das Haupt zu schirmen Ein Eber mit feinen   Fäden bewunden, Daß nimmer der Feilen   Nachlaß, die Schwerter, Ihn verschrotend schädigten,   wenn der Schildkühne 45   Entgegengienge   den grimmen Feinden. Dann ließ ein Achtgespann   der Edlinge Schirm Feißtwangiger Rosse   in den Vorsaal ziehen, In die Außenzäune; auf dem Einen lag Ein schatzbunter Sattel   von schöner Bildung. 50   Der Heerseßel war es   des erhabenen Königs, Wenn der Schwerter Spiel   zu schlichten gedachte Healfdens Sproß,   denn an der Spitze ruhte Des Weitkunden Kampf nicht,   wenn die Krieger fielen. Dem Beowulf bot da   beider Gewalt 55   Der Ingwine Schutzherr   zu eigenem Frommen, Der Waffen und Rosse,   daß er sie wohl gebrauche. So mannlich lohnte da   der mächtige Fürst, Der Hortwart der Helden,   den heißen Kampf Mit Schätzen und Schlachtrossen,   wie sie nicht schelten mochte 60   Wer redlich die Wahrheit   zu reden gedachte. 16. Hildeburg.             Auch ihnen allen   gab der Edlinge Fürst, Die mit Beowulf kamen   über die brandende See, Auf der Methbank hier   noch manches Kleinod Ererbter Schätze;   und den Einen hieß er 5   Ihm mit Gold aufwägen,   den Grendel neulich Meuchlings ermordet,   wie er noch manchen wollte; Aber Wurd wehrt' es,   der weise Gott Und des Mannes Muth.   Ueber die Menschen alle Waltet der Schöpfer   und wird es ewig. 10   Darum ist Einsicht »  allen das Beste Und weise Besonnenheit,   denn Viel erwarten muß Liebes und Leides,   wer lange Zeit In diesen Werbetagen   der Welt gebraucht. Da war Sang und Klang   im Saale vereinigt 15   Hier vor Healfdenes   Heerkampfweisern. Das Lustholz ward gegrüßt,   das Lied gesungen, Wenn die Hallfreude   Hrodgars Sänger Längs den Methbänken   ermuntern sollte: »Durch Finns Söhne,   als Gefahr sie ergriff, 20   Sollte Healfdenes Held,   Hnäf der Schilding, Im Friesenlande   zu Falle kommem. Ein hier eingreifendes Lied, das sich unter dem Namen: Ueberfall in Finnsburg selbständig erhalten hat, hängen wir diesem Abschnitt an. Auch hatte Hildeburg   nicht hochzupreisen Der Jüten Treue.   Unschuldig sollte sie Die Lieben verlieren   im Lindenschildspiel, 25   Die Gebornen und Brüder;   beide fielen ihr Vom Geer verwundet:   das war ein gramvoll Weib! Nicht grundlos grämte sich   über Gottes Fügung Als der Tag ertagte   die Tochter Hokes , Da sie unter hellem Himmel   erschauen sollte 30   Aller Verwandten Mord,   die ihre meiste Wonne Auf Erden gewesen.   Alle Edlinge Finns Hatte der Kampf verschlungen   bis auf so kleine Zahl, Er wuste nicht mehr   auf dem Walfelde Vor Hengest sich zu behaupten   und seiner Helden Heer, 35   Noch des Königs Kriegern   im Kampf zu wehren Die Unglückstrümmer.   Ihr Anerbieten war, Ihnen alle Huben zur   Hälfte zu räumen, Mit Halle und Hochsitz,   deren sie halbe Gewalt Besitzen sollten   neben den Söhnen der Jüten: 40   Dann wollte täglich   beim Vertheilen der Spenden Finn Folkwalts Sohn   auch die Dänen erfreuen, Und Hengestens Heer   mit Halsringen schmücken, Mit Schatzgeschenken   des schweren Goldes So freigebig,   als er der Friesen Geschlecht 45   Im Methsaale   zu ermuntern gedächte. »Noch zweien Seiten   ward da zugesagt Fester Friedensbund.   Finn gelobte Hengest Mit Eiden ernstlich   und unverbrüchlich, Damit in Ehren blieben   die Unglückstrümmer 50   Nach der Kundigen Rath,   daß Keiner je Mit Worten noch Werken   gewährten Frieden bräche, Noch einer Arglist   irgend gedächte, Müsten sie dem Mörder auch   ihres Methspenders folgen, Ihres Herrn beraubt   in so herber Noth; 55   Und wofern ein Friese   mit frecher Rede Den mordlichen Haß   im Gemüth erneute, Sollt es des Schwertes   Schneide strafen. Der Schwur ward geschworen   und zur Sühne Gold Von dem Hort erhoben. 60                                             »Der Heerschildinge Bester Brünnenträger   war zum Brande bereitet. Unschwer zu schaun   war auf der Scheiterburg Die blutige Brünne   mit blankgoldnem Helmschwein, Eisenhartem Eber;   mancher Edeling auch, 65   Die der Wunden gewürdigt   auf der Walstatt fielen. Hildeburg hieß da   bei Hnäfs Leichenburg Die eigenen Söhne   auf die Scheitern heften, Ihr Gebein brennen   und zum Brande thun. Ihnen Arm an Achsel   stand die Unselige 70   Den Kummer klagend.   Kampfruf erscholl; Zu den Wolken wand sich   der Walfeuer gröstes; Der Hügel hallte.   Die Hauptpanzer schmolzen, Die Beinschlüße borsten   und Blut entsprang Dem Leidbiß des Leibes.   Lohe schlang Alle, 75   Der gierigste der Geister,   die der Geerkampf gefällt: Gebrochen war die Blüthe   beider Völker. Der Ueberfall in Finnsburg. Fragment.                       — — — — — — — nie heller brannten. Da schrie laut auf   der schwertjunge König: »Das ist nicht Tag von Osten,   noch eines Drachen Flug, Auch glühen dieser Halle   Hörner nicht in Flammen; 5   Doch brennt es fort wie Frühroth.   Die Vögel singen Getäuscht, und Heimchen zirpen.   Tosend hallt der Geerbaum, Der Schild erdröhnt vom Schafte.   Noch scheint der Mond Zwischen Wolken wandelnd.   Wehthaten stehn nun auf, Die dieser Völker Haß   vollführen sollen. 10   Aber erwacht nur jetzt,   ihr Weigande mein, Haltet eure Lande, laßet Mannheit schaun, Streitet an der Spitze.   einmüthig steht dem Feind, — — — — — .«                                 Aufstand da mancher 15   Goldgeschmückte Held,   mit dem Schwert sich gürtend. An eins der Thore traten   zwei tapfere Kämpen, Sigeferd und Eaha ,   die ihre Schwerter zogen; Aber außen vor die Thore   Oslaf und Gudlaf , Und Hengest selber   hob sich ihnen nach. 20   Da warf es Garulf   Gudheren vor, Daß ein so fröhlich Blut   nicht der Vordersten Einer Zu der Halle Thoren   den Heerschmuck trage. Zugleich fragte   die Gegner unverhohlen Der hochgeherzte:   »Wer hält hier das Thor?« 25   Er sprach: »Ich heiße Sigeferd   und bin der Secgen Fürst Ein weitkunder Recke.   Viel Weh hielt ich aus, Viel schwerer Schlachten.   Dein selber harrt wohl noch Das Herbste, das du hier   mir anhaben willst.« Da hob vor der Halle sich   des Heerstreits Toben. 30   Da ward nicht der Schild erst   genommen zur Hand, Der Beinschirm fehlte.   Die Burgflur erdröhnte, Als jetzt im Schwertkampf   Garulf zusammenbrach, Der edelste aller   Erdbewohner, Gudlafs Sohn.   Ihn umgaben viel wackrer 35   Feinde Leichen.   Der fahlbraune Rabe Schweifte schwarz nach Beute.   Schwertflamme hob sich Als ob ganz Finnesburg   in Feuer stünde. Nie hört ich melden   von Männerschlachten, Wo sechzig Helden   sich schöner gehuben, 40   Sang und schieren Muth   milder vergüteten, Als Hnäfs junge Helden   ihm hier vergalten. Sie fochten fünf Tage,   daß ihrer Keiner fiel Dieser tapfern Schar   und sie das Thor behaupteten. Da wandte sich hinweg   ein wunder Held: 45   Gebrochen wär ihm   die Brünne, sagt' er, Sein Heergeräth mürbe,   der Helm verhauen. Da fragt' ihn Hengest,   der Hirte des Volks, Wie ihre Weigande   der Wunden genäsen, Oder wer dieser Jünglinge — — — — 50   — — — — — — 17. Hengest.                     »Da wandten sich die Weigande,   die Weiler zu besuchen, Das freundeberaubte   Friesland zu schauen Mit Heimen und Hochburg.   Hengest blieb noch Den leichenfarbnen Winter   mit Finn da wohnen 5   Ohne Verlangen   seines Landes gedenkend, Obwohl er noch ins Meer   hätte mögen treiben Den geringten Steven.   Bald stürmte die See Mit widrigen Winden:   der Winter schloß das Meer Mit Eisgebinde   bis ein ander Jahr 10   Die Völker erfreute,   wie es noch fürder geschieht, Wer nur warten will   der Wonnezeit Und wunderklaren Wetters.   Der Winter war dahin, Lieblich der Erde Busen:   das lockte den Gast, Den Fremdling zu fahren;   aber viel genehmer 15   Schien ihm die Rache   als die Seereise. Zorn und Zwietracht   erzielt hätt er gern, Daß die Jüten zuerst   den Angriff erführen. Damit entwich er nicht   der Weltbestimmung, Als sich ihm Hunlafing 17, 19. Hunlafing hatte auch Thorpe für den Namen eines Schwertes genommen. ,   das herrliche Kriegsschwert, 20   Der Barten beste,   in den Busen senkte. Doch lernten auch andere   der Jüten kennen So furchtbare Schwerter.   Den Finn erreichte Das Schwertübel endlich   im eigenen Hause, Als den grimmen Griff Gudlaf und Oslaf 25   Nach der Flucht über Meer   ihm zum Vorwurf machten, Als hätt er Antheil daran.   Den eifrigen Muth Hehlt' er im Herzen nicht.   Da erfüllte die Halle sich Mit feindlichen Scharen:   erschlagen ward Finn In seinem Volke, der Fürst,   und die Frau geraubt. 30   Auf Schiffen entführten   der Schildinge Krieger Alle Eigengüter   des Edelkönigs Soviel sie fanden   in Finnesburg Der Münzen und Gemmen.   Auf Meerpfaden brachten sie Das herrliche Weib   heim zu den Dänen, 35   Zu Land und Leuten.«                                       Das Lied verhallte, Des Frohmanns Gesang;   entfeßelt stieg die Lust, Bankjubel schallte;   die Schenken boten Wein aus Wunderkrügen.   Da kam Wealchtheow 40   Unter goldnem Reif gegangen,   wo die guten beiden Bruderssöhne saßen.   Noch war die Sippe ganz, Einer dem Andern hold.   Auch Hunferd der Sänger Saß dem Fürsten zu Füßen   und fest vertrauten sie, Daß er Muth besäße,   ob er schon den Verwandten 45   Im Schwertspiel nicht treu war.   Da sprach der Schildinge Fürstin: »Empfang den vollen Becher,   mein Fürst und Herr, Und sei du selig,   Schatzvertheiler, Goldfreund der Männer.   Zu den Geaten sprich Mit milden Worten   wie dem Mann geziemt. 50   Sei den Guten gerne   der Gaben gedenk; Du hast nun Frieden   so fern als nahe. Man sagte mir, du wollest   wie einen Sohn Den Recken halten.   Gereinigt ist Heorot, Der glänzende Gabensaal:   gieb so lang du darfst 55   Deinen Leuten Lohn   und laß deinen Söhnen Volk und Herschaft,   wenn du von hinnen must Den Schöpfer zu schauen.   Dem Schutze vertrau ich sie Meines heitern Hrodulf:   er halt in Ehren Die freundlose Jugend,   wenn du früher als Er, 60   Du Schirm der Schildinge,   scheidest aus der Welt. Mir ahnt, daß er einst auch   unsern Söhnen Mit Güte vergelten wird,   wenn er des Guten gedenkt, Das wir ihm zu Frommen   und fürstlichen Ehren Dem Ungebornen   ehmals erwiesen.« 18. Der Könige Gaben.         Da gieng sie zu den Bänken,   wo ihre Gebornen saßen, Hredrik und Hrodmund,   bei der Helden Kindern, Jugend bei Jugend;   auch der Gute saß dort Bei den Gebrüdern beiden,   Beowulf der Geate. 5   Ihm brachte sie den Becher   und bat ihn zu trinken Mit gütlichen Worten,   gewundenes Gold Ihm artig anlegend,   der Armzierden zwei; Dazu Hüllkleid und Ringe,   und der Halsbauge grösten, Davon ich je erfuhr   bei den Völkern der Erde. 10   Nie hört ich unterm Himmel   von herrlicherm Horte der Helden,   seit Heime forttrug Zu der blinkenden Burg   der Breisacher Schatz, Schmuck und Geschmeide.   Den schnöden Haß erwarb er König Ermenrichs ,   erkor ewiges Heil. 15   Diesen Halsring sollte   Hygelak der Geate, Darnach genießen,   der Neffe Schwertings , Hätt er den Schatz beschützt   unterm Schlachtenbanner, Und dem Walraub gewehrt!   Aber Wurd nahm ihn hin Als er übermüthig   sein Unglück zu suchen kam 20   In der Friesen Fehde.   Er führte den Schmuck Mit den blitzenden Steinen   über den Becher der Flut, Der erlauchte König;   unterm Lindenschild sank er. Da fiel in der Franken Hand   des Fürsten Leben, Die Brustbekleidung   und der Baug zumal. 25   Den Walraub nahmen   unwerthere Kämpen Nach der Schlachtentscheidung,   als die Scharen der Geaten Das Leichenfeld bedeckten.                                                 Nach dröhnte laut die Halle; Da redete Wealchtheow   vor den Recken und sprach: 30   »Dieses Baugs gebrauche,   Beowulf mein Lieber, Mit Heil, o Held,   und dieser Hülle genießend, Des wonnigen Schmuckes,   wachs und gedeihe; Mit Kraft bekunde dich   und diesen Knaben sei Linde mit Lehren;   zu lohnen denk ichs! 35   Du hasts erfochten,   daß dich so fern als nahe Alle hochgeherzten   Helden nun ehren, So weit wahrlich   als die windigen Küsten Umwallt das Weltmeer.   Sei, weil du lebst, Edeling, glücklich!   Ich gönne dir wohl 40   Das schöne Geschmeide.   Meinen Söhnen sei Mit Räthen hold   in der Halle Jubel. Hier sei ein Edling   dem Andern zugethan, Mild im Gemüth   und dem Mächtigen hold, Die Degen einig,   alles Dienstvolk willig. 45   Trinkt, ihr Getreuen,   thut wie ich bitte!« Sie gieng zum Hochsitz;   auf der Höhe war das Mal. Wein tranken die Werthen,   von Wurd nichts ahnend, Dem grimmen Geschick,   das ergehen sollte An der Edeln Einem,   als der Abend kam 50   Und Hrodgar heim   zu seinem Hause gieng, Der reiche, zur Ruhe.   Die Räume hüteten Edlinge in Unzahl,   wie sie oft schon gethan. Sie entblößten die Bankdielen   und breiteten rings Betten und Polster.   Da bog sich mancher 55   Der raschen Recken   zur Ruhe methschwer. Zu Häupten legten sie   die lichten Schilde, Die blanken Borde.   Auf den Bänken ward Ueber den Edlingen   augenfällig Der ragende Helm   und die geringte Brünne, 60   Der gewaltige Geer.   So war ihr Gebrauch: Zum Streite standen   sie stäts bereit Daheim wie im Heer,   so hier wie dort; Zu jeglicher Stunde,   wo ihr Stammkönig nur Dessen bedurfte,   war ihr Dienst ihm bereit. Grendels Mutter. 19. Neue Fehde.         Sie sanken in Schlaf.   Aber sauer entgalt Der Abendruh Einer,   wie es öfter geschehen war, Seit den Gabensaal   Grendel heimgesucht, Unthaten übend   bis ihm sein Ende nahte, 5   Der Tod nach den Sünden.   Doch ersichtlich ward nun, Den Recken weithin ruchbar,   daß ein Rächer noch Den Leidigen überlebte   nicht unlange Zeit Nach dem grimmen Kampfe,   da nun Grendels Mutter, Die üble Unholdin,   ihres Elends gedachte, 10   Sie, die den Waßergraus   bewohnen muste, Die kalten Ströme,   seit Kains Zeit, Der den einzigen   Bruder umbrachte, Seines Vaters Sohn.   Er floh mit Blut befleckt, Als Mörder gebrandmarkt,   der Menschen Jubel 15   Und wohnte in der Wüste.   Ihm entwuchsen viel Unselge Geister:   deren war Grendel Einer Der häßliche Heerwolf.   In Heorot fand er Einen wachsamen Kämpen   seines Kampfes warten. Als ihn der Unhold   anzugreifen kam. 20   Stäts gedachte der Starke   seiner Machtgestrenge, Der großen und grimmen,   die Gott ihm verliehen; Auf ihn hatt er allein   als Anwalt vertraut, Als Schützer und Schirmer:   so besiegt' er den Feind, Und neigte den Höllengeist:   gehöhnt must er weichen 25   Theillos der Lust   in die leide Todesstatt, Der Menschenfeind.                                     Seine Mutter sollte Nun gehn, die gierige   mit giftigem Sinn, Den sorgenvollen Gang,   ihren Sohn zu rächen. 30   Sie kam nach Heorot,   wo die Hringdänen Im Saale schliefen.   Da geschah alsbald Der Edlinge Aufruhr,   als herein jetzt brach Grendels Mutter.   Der Graus war nicht kleiner, Nicht minder mächtig,   als ein Mädchenheer 35   Weibisch erschrickt   unter bewaffneten Männern, 19, 33. Nach anderer Deutung wäre der Graus durch Grendels Mutter geringer gewesen, als der durch Grendel selbst und zwar um ebenso viel als Mädchenkraft geringer sei als die bewaffneter Männer. Hierbei steht ihnen allerdings der überlieferte Wortlaut zur Seite. Ich bin aber Ettmüllers Vermuthung gefolgt, der statt gryre lässa liest näs se gryre lässa: »die Dänen fürchteten sich vor Grendels Mutter ebenso sehr als sich Mädchen fürchten unter kämpfenden Männern.« Mit jenem Satze hätte sich der Dichter nur selber im Lichte gestanden: er würde den Eindruck der nächtlichen Erscheinung der Riesin damit sehr geschwächt haben. Auch zeigt sich später bei dem Kampfe, den Beowulf in der Meerhalle mit ihr zu bestehen hatte, ihre Kraft eher größer als die ihres Sohnes Grendel, denn was dieser nicht vermocht hatte, Beowulf zu Falle zu bringen, das gelingt der furchtbaren Seewölfin, die zuletzt nur durch das alte Riesenschwert bezwungen wird, während gegen Grendel Beowulf alle Waffen verschmäht hatte. Es wäre bei jener Deutung unserer Stelle schon schwer begreiflich, warum Beowulf gegen Grendels Mutter Hunferds Schwert Hrunting zu gebrauchen sich entschloß, nachdem er Grendeln bloß mit der Kraft seines Arms bezwungen hatte. Wenn mit drohender Schärfe   das doppelschneidige Hammergehärtete,   herzbluttriefende Schwert die Schweinbilder   der Helme schartig macht. Hastig in der Halle   wurden die hartgewetzten 40   Schwerter geschwungen   und tiefer Schilde viel Hoch erhoben,   und des Helms nicht gedacht, Noch der blanken Brünne:   so brach der Schreck herein! Auch Ihr ward Angst;   hinaus wollte sie Ihr Leben zu retten,   die sich verrathen sah. 45   Aber Einen schon hatte sie   der Edlinge Fest erfaßt,   eh sie floh in ihr Moor. Dem Hrodgar war es   der Helden liebster Seines Gesindes   zwischen den Seen beiden, Der rasche Randkämpe,   den sie der Rast entriß, 50   Der biedere Held.                                 Nicht war Beowulf dort: Ein ander Gemach   war ihm eingeräumt Nach der Hortspendung,   dem hehren Geaten. Braus war in Heorot.   Sie hatte die blutige 55   Bekannte Hand entführt.   Der Kummer war erneut In der weiten Wohnung.   Der Wechsel war nicht gut, Den sie nach zweien Seiten   bezahlen sollten Mit der Freunde Leben.   Der erfahrne König, Der haargraue Held   härmte sich übel, 60   Als er den erlauchten Helden   des Lebens beraubt, Seiner Tapfern theuersten   getödtet sah. Alsbald zu dem Burgsaal   ward Beowulf berufen, Der siegreiche Held.   Vor scheinendem Tag Eilte mit Etlichen   seines edeln Gefolgs 65   Der Kämpe dahin,   wo der König harrte, Ob ihm der Allwaltende   noch einmal wolle Nach dem Wehgeschick   Wonne verleihen. Ueber die Flur gieng da   der Vielversuchte Mit seinem Handgesinde   (das Saalholz dröhnte), 70   Den weisen Herscher   mit Worten zu erforschen. Da fragt' er der Ingwine   Fürsten, ob die Nacht Ihm nicht nach Wunsche   wohl bekommen sei. 20. Das Moor.         Hrodgar versetzte,   der Schildinge Helm: »Laß Mein Ergehen:   der Gram ist erneut Den Dänenleuten.   Todt ist Aeskher, Irmenlafs   älterer Bruder, 5   Mein Redegeselle   und Rathgeber, Mein Achselschirm,   so oft wir im Kampf Die Häupter hüteten,   wenn im Heldenstreit Die Eber ächzten.   So edelgut Wie Aeskher war,   sollten immer Helden sein. 10   Ihn hat in Heorot   hingewürgt Ein irrer Unholdgeist,   mir ahnt nicht welcher! Seiner Aesung stolz   ist er umgekehrt Durch Todtschlag getröstet.   Die That wollt er rächen, Daß du gestern Nacht   Grendeln niederrangst, 15   Ihn heftig haltend   in harter Umklammerung, Der zu lange schon   meiner Leute Zahl Mordend minderte.   Jetzt must er erliegen, Des Todes schuldig.   Aber schau, ein Andrer kam, Ein gewaltiger Wütherich,   den Verwandten zu rächen 20   Der führt die Fehde   nun fort, die alte, Wie dieser Degen   Manchen bedünken mag, Der seinem Gabengeber   gerne beweinen hilft Dieß herbe Herzeleid.   Diese Hand ward schwach, Die jeglichen Wunsch   euch gewähren möchte. 25   Verlauten ließen sich   Landleute wohl, Diesen Saal berathend   sagten sie mir, Sie hätten gesehen,   wie solche zwei Mächtige Markgänger   die Moore hüteten, Unkunde Gäste:   Der Eine war, 30   Wie sie gewiss   zu wißen vermeinten, Einem Weibe gleich;   doch ganz wie ein Mann trat Das andere Ungethüm   die einsamen Wege, Nur daß er menschlich Maß   mächtig überragte. Grendel nannten ihn   die Gaubewohner 35   Seit vielen Jahren.   Seinen Vater weiß man nicht, Noch ob ihnen irgend   Einer verwandt sei Der dunkeln Geister.   In Düsterniss Bewohnen sie Wolfsschluchten,   windige Klippen, Das fahrvolle Fennmoor,   wo in Felsenströmen 40   Unter nächtlichen Klüften   niederstürzt die Flut, Den Werder unterwühlend.   Nicht weit ists von hier Nach der Meilen Maß,   wo der Moorgrund steht; Unheimlich hängt   ein Hain darüber Mit gewaltigen Wurzeln   das Waßer überhelmend. 45   Ein schauerlich Wunder   schaut man allnächtlich da: In der Flut ist Feuer.   Doch so erfahren lebt Der Menschen Keiner,   der das Moor ergründet hat. Wenn von Hunden gehetzt   auch der Haidestapfer, Der hornstarke Hirsch   den Holzwald sucht, 50   Das Leben läßt er,   wie lange verfolgt, Doch eher am Ufer,   als er darinne Sein Haupt behütete:   so ungeheuer ist es dort, Wo wider die Wolken   der Wogen Gemenge Starr emporsteigt   und der Sturm sich austobt 55   In leiden Gewittern,   daß die Luft sich verhüllt Und die Himmel weinen.                                           »Nun ist Hülfe wieder Allein bei dir.   Den Ort noch kennst du nicht, Die furchtbare Stätte,   wo du finden magst 60   Den sündvollen Wicht.   Such ihn, wenn du's wagst. Ich will dir den Kampf   mit Kleinoden lohnen, Mit altem Erbgut,   wie ichs ehe that, Mit gewundenem Golde,   wenn du wiederkehrst.« 21. Hrunting.         Beowulf entgegnete,   der Geborene Ecgtheows: »Faße dich, weiser Fürst!   Mehr frommt es Jedem, Den Freund zu rächen   als ihn viel zu betrauern. Von Uns muß Jeder   das Ende erwarten 5   Dieses weltlichen Lebens:   wirke, ders vermag, Großthaten vor dem Tode:   das taugt dem Helden, Dem ausgelebten   dereinst am Meisten. Erhebe dich, Reiches Hirt!   Laß uns hurtig fahren, Daß wir die Gangspur schauen   von Grendels Mutter. 10   Das schwör ich dir, sie soll   nicht Schutz vor mir finden In der Erde Busen   noch in des Berges Holz, Noch des Weltmeers Grund,   wo sie ihn suchen mag! Gedulde dich   nur diesen Tag noch Wie weh dir werde:   das erwart ich von dir.« 15   Der Greis erhob sich   und sagte Gott den Dank, Dem erhabenen Herscher,   für des Helden Gelöbniss. Da wurde Hrodgarn   der Hengst gezäumt, Mit der gewundnen Mähne.   Der weise Fürst Ritt gerüstet heran;   die Reckenschar folgte. 20   Unterm Lindenschild.   Die Laufspur war In den Waldwegen   weithin sichtbar: Sie gieng über die Gründe   und grad hinaus Ueber das düstre Moor:   den Degen hatte sie Seelenlos mitgeschleppt,   den allerseligsten, 25   Deren die bei Hrodgar   ein Heim besaßen. Da übereilte   der Edlinge Sproß Steile Steingehänge   auf schmalen Steigen, Engen Einpfaden,   unkunden Wegen, Niedergeneigten Klippen,   von Nichsen bewohnt. 30   Er ritt mit wenigen   der weisen Männer Allein voraus,   das Erdreich zu erforschen, Bis er auf einmal   überwachsen sah Den grauen Stein   von starrenden Bäumen, Wonnelosem Wald.   Ein blutig Waßer stand 35   Trübe drunter.   Den Dänen allen ward, Den werthen Schildingen,   wehe zu Muthe, Als das erdulden sollte   der Degen so mancher Was Allen unerhört schien,   da sie Aeskhers Haupt Hier an der Holmklippe   haften sahen. 40   Das Volk sah von Blut   das Fennmoor wallen, Von heißem Herzsaft.   Ein Horn sang zu Zeiten Ein schaurig Sterbelied.   All die Schar saß nieder. Sie sahn im Waßer   Wurmgeschlechter viel, Seltsame Seedrachen   sich im Sumpfe tummeln 45   Und an der Klippen Nasen   die Nichse lauern, Die oft zur Underzeit 21, 46. Underzeit pflegt sonst die Nachmittagsstunde zu bedeuten; hier zielt es eher auf eine spätere Tageszeit.   sich zur Ausfahrt rüsten, Zu sorgvoller Reise   auf der Segelstraße. Hinweg floh Gewürm   und wild Gethier Erbost und erbittert   als sie das Blasen hörten, 50   Das Heerhorn gellen.   Der Geatenfürst Schied ihrer Einen   mit der Armbrust vom Leben Im Wogenwälzen:   in der Weiche stand ihm Das scharfe Geschoß.   Zum Schwimmen war er Nun langsamer,   da sein Leben hinschwand. 55   Schnell in der See jetzt   mit Sauspießen, Mit harschhackigen,   ward er hart bedrängt, Und wie starr er sich sträubte   an den Strand gezogen, Der wunderliche Wogner.   Die Wehrmänner beschauten Den grausigen Gast. 60                                       Nun gürtete sich Beowulf Sein Kriegskleid rasch,   unbekümmert um sein Leben. Die handgeflochtene   Heerbrünne sollte Die weite, wunderbunte,   die Wogen erforschen, Die Brust und Gebein   ihm bergen konnte, 65   Daß kein boshafter Biß   ihm den Busen treffe, Arglistig verletzend   am Leben schade. Das Haupt der Helm ihm   der helle wahrte, Womit er die Moorgründe   durchmeßen sollte, Das Schaumgewühl suchen   im Schmuck der Kleinode. 70   Ihn umfiengen Fürstenketten,   den in der Vorzeit Tagen Ein Waffenschmied gewirkt,   ihn mit wunderbarer Zier, Mit Eberbildern schmückend,   daß seit der Stunde Ihn Beil noch Barte   mehr beißen konnte. Auch nicht die mäßigste   Machtstütze war es, 75   Die ihm Hrodgars Herold   herlieh zur Noth. Hrunting geheißen   war das Heftschwert mit Namen, Eins der alten   ererbten Kleinode. Mit Gift befeuchtet   war die glänzende Schneide Und in Heerschweiß gehärtet.   Es hatte nie im Kampf 80   Den Tapfern getrogen,   der es trug in der Hand, Wie grausigen Gang   er zu gehen wagte Im Volk der Feinde;   es förderte jetzt Kühne Kraftthat   keineswegs zuerst. Der arbeitkräftige   Ecglafssohn. 85   Gedachte des nicht mehr   was er damals gesprochen Von Weine trunken,   nun er die Waffe herlieh Dem stärkern Streiter:   an seiner Statt sein Leben Wollt er nicht wagen   im Gewühl der Flut, Sich der Kämpenschaft erkühnen:   so kam er um den Ruhm 90   Hohen Heldenthums;   da behielt ihn der andere, Der sich zur Reckenthat   gerüstet hatte. 22. Der Meersaal.             Beowulf sprach,   der Geborene Ecgtheows: »Gedenke nun, Healfdens   erhabner Sohn, Erfahrner Fürst,   da ich zur Fahrt bereit bin, Goldfreund der Männer,   was wir gestern sprachen: 5   Wenn ich in deiner   Bedrängniss sollte Das Leben verlieren,   du wolltest lebenslang Mir Heimgefahrenen   an Vaters Stelle sein. Sei nun Schutz und Schirm   der Schar meiner Degen, Meiner Kriegsgefährten,   wenn der Kampf mich hinnimmt. 10   Die Schätze sende,   die ich geschenkt erhielt, Dem Hygelak hin,   Hrodgar, Geliebter, Daß an dem Gold erkenne   der Geaten Obherr, Hredels Sohn schaue,   wenn er den Schatz bewundert, Welch einen guten   und gabenmilden 15   Hortspender auch hier   ich hatte, weil ich lebte. Aber Hunferd habe,   der hochberühmte, Zum Ersatz das Schwert   mit scharfer Klinge, Das alte Erbstück,   da Ich mit Hrunting Mir Ruhm erringe,   mich raffe denn der Tod.« 20   Mit Eifer beeilte sich,   da er also geredet, Der Wedergeaten Fürst,   er wollte nicht erst Die Antwort abwarten.   Den Edling empfieng Das Brandungswallen.   Es braucht' einen Tag, Da konnt er den Grund   erst erkennen des Meers. 25   Sofort erfuhr es   die der Fluten Reich Seit hundert Halbjahren   haßvoll bewohnte, Die grimmgierige,   daß gern der Männer Einer Das Erbe der Unholde   ausgeforscht hätte. Sie griff ihm entgegen,   in greuligen Klauen 30   Faßte sie den Fürsten;   doch verfieng das nicht, Seinen Leib zu verletzen:   ihr ließ es nicht zu, Daß sie das Kriegskleid   durchkrallen mochte Mit feindlichen Fingern,   die geflochtene Brünne. Die Seewölfin brachte,   als sie den Boden fand, 35   Zu ihrer Halle hin   den Helden im Kriegsgewand, Daß er nicht mochte,   wie muthig er war, Seiner Waffen walten.   Viel Wundergeschöpfe Setzten im Sund ihm zu;   der Seethiere Manches Hatte mit Hauzähnen   seinen Harnisch zerbrochen, 40   Den Armen geängstet.                                         Der Edling sah sich jetzt Er wuste nicht in welcher   Wohnung des Abgrunds. Hier mochte das Meerwaßer   nicht mehr ihm schaden: Ein Dach überdeckt' ihn,   daß er unbedrängt verblieb 45   Von der Flut Gefahren.   Ein Feuer sah er auch Mit bleichem Lichte   leuchten und scheinen. Dabei erblickt er   die Brandungswölfin, Das mächtige Meerweib.   Muthig erhub er Kampf mit dem Kriegsschwert,   und barg die Klinge nicht. 50   Die geschwungene Schneide   sang ihr ums Haupt Ein grausig Kampflied.   Da erkannte bald der Gast, Daß seine blinkende Waffe   nicht beißen wollte, Ihr Leben verletzen:   es verließ die Schärfe In der Gefahr den Fürsten,   die zuvor doch manches 55   Handgemenge ausgehalten,   oft Helm und Kampfkleid Getrennt dem Todgeweihten;   dem theuern Kleinod Geschah es zum erstenmal,   daß seine Macht erlag. Doch verblieb starkmüthig,   zum Streit nicht läßig, Des Heldenruhms gedenk,   Hygelaks Neffe. 60   Er warf das Waffen hin,   das schmuck gewundene, Der unmuthge Edling:   an der Erde lag es Mit der stählernen Klinge.   Seiner Stärke vertraut er nur, Dem harten Handgriff.   So soll der Held thun, Wenn er im Wehrkampf   zu gewinnen denkt 65   Langwährend Lob,   nicht ums Leben sorgen. Bei der Achsel erfaßte,   Gefahr nicht scheuend Der Geaten Gönner   Grendels Mutter. Der Kampfkühne schwenkte,   ihm kam nun der Zorn, Die furchtbare Feindin:   sie fiel zu Boden. 70   Doch hatte sie hurtig   ihm Handlohn gereicht Mit grimmen Griffen   ihm entgegen drängend. Streitmüde strauchelte   der Streiter Gestrengster Im Fußkampfe,   daß er zu Falle kam. Da saß sie auf den Saalgast,   zog ihr Schwert hervor, 75   Das breite braunschneidige,   den Gebornen zu rächen, Den einzigen Absproß.   Doch auf der Achsel lag ihm Das geflochtene Brustnetz:   das barg sein Leben, Und wehrte der gewetzten   Waffe den Eingang. Gesunken wäre da   der Sohn Ecgtheows 80   Unter den großen Grund,   der Geatenkämpe, Hätte nicht die Brünne   den Biedern geschirmt, Das harte Heernetz,   und der heilige Gott, Der des Waffensiegs waltet,   der weise König, Der Himmel Berather,   der nach dem Recht entschied. 23. Grendels Haupt.                         Unschwer ward es ihm   wieder aufzustehen: Da sah er unter Waffen   eine sieghafte Barte Von tüchtiger Schneide,   ein Schwert der Riesen, Aber der Kämpen Zier,   eine Krone der Waffen; 5   Nur war es zu wuchtig   als daß jedweder es Beim Schwerterspiel   zu schwingen vermöchte, Das gut und gründlich   von Giganten gewirkte. Schon faßte die Hilze   der Fürst der Schildinge: Herb und heergrimm   das Heftschwert schwang er 10   Wie am Leben verzweifelnd   mit zornigem Schlag, Daß er hart sie hier   am Halse verletzte, Und die Beinringe brach.   Die Barte durchsauste Der Verfehmten Fleisch:   sie fiel zu Boden. Die Waffe war blutig,   des Werkes froh der Held. 15   Die Lohe leuchtete:   licht ward es innen Eben wie vom heitern   Himmel scheint Die Leuchte der Lüfte.   Entlang der Halle blickt' er: Da wandte sich zur Wand,   die Waffe erhebend, Die harte bei der Hilze,   Hygelaks Degen 20   Wild und verwogen.   Die Waffe deuchte Den Helden herrlich.   Hastig sollte sie Nun Grendeln vergelten   die grimmen Thaten, Die er weiland gewirkt   an den Westdänen Um Manches öfter   denn zu Einem Male, 25   Wenn er Hrodgars herrliche   Heerdgenoßen Erschlug im Schlummer;   denn der Schlafenden schlang er Des Dänenvolkes   oft funfzehen Männer; Aber auswärts führt'   er noch funfzehn andre Zu leidvoller Beute.   Das lohnt' ihm jetzt 30   Der stolze Streiter,   als er starr auf dem Ruhbett Und leblos Grendeln   liegen sah Des Kampfs nicht mehr kundig,   der des Kampfes Entscheidung Erhielt in Heorot.   Hin sprang der Leichnam, Als er schon verendet   noch den Schwang empfieng, 35   Den scharfen Schwerthieb;   er schlug das Haupt ihm ab. Derweil gewahrten   die weisen Recken, Die oben mit Hrodgarn   hinsahn auf das Moor, Daß trüb die Flut   sich färbte vor ihnen, Die Brandung blutroth ward.   Von dem Biedern sprachen da 40   Untereinander   die altergrauen, Nun erhofften sie des Helden   Heimkehr nicht mehr, Daß er dem erfahrnen Fürsten   ein freudiger Sieger Noch wiederkehre,   denn es wär ein Zeichen, Daß er erwürgt wäre   von der Wölfin der Brandung. 45   Die None war gekommen:   die Klippen verließen Die schnellen Schildinge:   es schied von dannen Der Goldfreund der Männer.   Die Gäste saßen noch, Des Muths ermangelnd   auf das Moor zu starren, Wusten und wähnten nicht,   daß sie noch wiedersähen 50   Den holden Herrn.                                   Dem Helden begann indes Das Schwert zu schwinden   von der Erschlagenen Blut, Das wohlgewetzte.   Ein Wunder war es, Wie es all zerschmolz   dem Eise gleich, 55   Wenn des Frostes Feßel   Allvater löst Und die Wogen entbindet,   der da Gewalt besitzt Der Weiten und Zeiten:   das ist der wahre Schöpfer! Dem Waßersaal entführte   der Wedergeaten Fürst Nicht mehr der Kleinode,   wie manche da waren, 60   Als das Haupt allein,   und die Hilze des Schwertes, Das schatzgeschmückte.   Das Schwert war geschmolzen, Die Barte verbrannt,   denn das Blut war heiß, So giftig der Gast,   der den Geist vor ihm aufgab. Auf schwamm nun stracks,   der im Streit zuvor 65   Der Feinde Fall erharrt.   Die Flut empor giengs. Gesäubert hatt er   die Seestrecken all Und die weite Wohnung,   wo der widrige Gast Nun die Lebenstage ließ,   die geliehne Welt. Da kam an die Küste   der Kielführer Helm 70   Stolzlich geschwommen,   der Seebeute froh, Der mächtigen Bürde,   die er mit sich trug. Entgegen gieng ihm   und dankte Gott für ihn Die hohe Heldenschar   ihres Herren froh, Daß sie gesund ihn sehen   sollten aufs Neu. 75   Dem Hurtigen wurde   da Helm und Brünne Sogleich gelöst:   das Waßer lief herab, Die blutgefärbte   Flut in Strömen. Nun fuhren fort von da,   die Füße gebrauchend Mit erheiterten Herzen   den Heerweg meßend, 80   Die bekannte Straße,   die kühnen Männer. Von der Waßerklippe trugen sie   des Widrigen Haupt. Doch ihrer Einem   wär es allzuschwer Der kräftigen Kämpen.   Es konnten viere Nur mühsam tragen   auf der Todtenstange 85   Grendels Haupt   zu der Gabenhalle Bis jetzt auf einmal   hinein den Saal Die frommen Fahrtschnellen   vierzehn kamen, Die Geaten, gegangen;   auch gieng ihr Führer In ihrer Mitte muthig   durch die Methgefilde. 90   Da kam der Edlinge   Obherr gegangen, Der werkkühne Recke,   der des Ruhms gewürdigte, Der kampfgrimme Held,   Hrodgarn zu grüßen. Beim Haare ward   in die Halle getragen Grendels Haupt,   wo die Helden tranken, 95   Den Männern furchtbar   und den Frauen noch mehr; Seltsamen Anblick   ersahn sie Alle. 24. Heremod.                 Beowulf sprach,   der Geborne Ecgtheows: »Diese Seegaben bringen wir,   o Sohn Healfdens, Der Schildinge Fürst,   dir fröhlich hieher, Unsres Ruhmes Zeichen   und Zeugen, schau! 5   Ich setzte unsanft   daran das Leben: Unterm Waßer wagt' ich   gewaltigen Streit Nicht sonder Beschwer;   mir wäre schier der Kampf Zum Unglück ergangen,   wenn Gott mich nicht schirmte. Mit Hrunting vermocht ich   in dem Handgemenge 10   Nur wenig zu wirken,   wie gut die Waffe war; Doch würdigte mich   der Welten Berather, Daß ich schimmernd sah   an der Saalwand hangen Ein altedel Schwert   (wohl öfter wies Er Unberathne zurecht):   ich riß herab das Waffen. 15   Da erschlug ich im Streit,   denn so schien es mir Noth, Die Hirten des Hauses.   Bis ans Heft war das Schwert Das ich brauchte, verbrannt,   wie das Blut hervorsprang, Der heißeste Heerschweiß.   Die Hilze hab ich Den Feinden entführt,   und die Frevel gerächt 20   Wie es ziemte, der Dänen   tödtliche Qual. So verheiß ich dir denn,   daß du in Heorot magst Nun sorglos schlafen   mit der Schar des Geleits Und ein Jeder der Degen   deines Gefolges, Der Jugend und Tugend;   du hast jetzt nicht zu fürchten, 25   Schutzherr der Schildinge,   von solcher Gefahr Der Gefährten Fall,   wie du früher mustest.« Da ward die goldne Hilze   dem greisen Helden, Dem haargrauen Heerfürsten   in die Hand gegeben, Der Enzen Altwerk:   zum Eigenthum ward es 30   Nach der Teufel Fall   dem Dänenkönig, Das Werk der Wunderschmiede,   da diese Welt verließ Der Gegner Gottes,   der grimm geherzte, Nach so manchem Mord,   und seine Mutter auch. Gewaltig ward sein   der Weltkönige 35   Allerseligster   zwischen den Seen beiden, Die je Schätze vertheilten   in den Scheidelanden. Da hub Hrodgar an,   als er die Hilze schaute, Das alte Erbstück,   an dem der Ursprung geschrieben stand Der frühsten Feindschaft;   die Flut verschlang hernach, 40   Die Gott ergoß,   der Giganten Geschlecht, Dem es furchtbar ergieng.   Es war ein fremdes Volk Dem ewigen Herscher:   den Endelohn gab ihm Durch des Waßers Wallen   der Waltende drum. So war auf der Leiste   in lichtem Golde 45   Mit Runstäben   richtig verzeichnet, Gesetzt und gesagt,   wem das Schwert zu Lieb, Der Eisen edelstes,   zuerst gewirkt ward, Das wurmbunte mit gewundner Hilze.   Der Weise sprach, Der Sohn Healfdens, es schwiegen alle: 50   »Wohl mag das rühmen,   der immer Recht und Wahrheit Im Volke förderte,   und der Vorzeit gedenkt, Ein alter Erbwart,   daß dieser Edeling Ein Beßrer geboren ward.   Beowulf, mein Freund, Ueber weite Wege   ist dein Werth erhöht, 55   Ueber alle Völker.   Du vereinst verträglich Gewalt und Weisheit.   Meine Liebe widm ich dir Treulich, wie wir sprachen.   Der Trost sollst du sein Noch lange Zeit   deinen Leuten all, Deiner Helden Hülfe.   Nicht war Heremod so 60   Der Schildinge Beistand,   der Gebornen Ecgwelas: Nicht zur Lust erwuchs er,   zum Leichenfall nur Und zur Todesqual   den Dänenleuten. In Tollmuth vertilgt' er   die Tischgenoßen, Die Achselgestalden,   bis er einsam scheiden muste, 65   Der erhabene Herscher   dem Heldenjubel fern, Obschon ihn durch Machtwonne   der milde Gott Ueber alle Helden   einzig erhoben Und weithin gefördert.   Da wuchs ihm aber Nur Blutgier im Busen.   Bange gab er nie 70   Den Dänen nach Verdienst,   ein traurig Leben führt' er Bis er seines Wüthens   Wirkung erfuhr, Daß ihn die Leute ließen.   Das nimm zur Lehre dir, Und gedenke der Milde.   Dieser Märe hab ich dir Erwähnt, durch Winter klug.   Ein Wunder ist es, 75   Wie der mächtige Gott   dem Menschengeschlecht Weisheit spendet   mit weitspähndem Blick, Habe und Herschaft,   denn das hat er Alles. 25. Betrachtungen.               »Manchmal dem Mann   von mächtgem Geschlecht Gewährt er willig   Wunsch und Belieben, Gönnt ihm zum Erbe   der Erde Wonne Und herrlich zu halten   die Hortburg der Männer; 5   Seiner Gewalt unterwirft er   der Welt Gebiete, So weite Reiche,   daß er selber nicht weiß In seinem Unverstand   ein Ende zu erdenken. Er lebt im Genuß;   mit Nichten quält ihn Alter noch Siechthum;   das sorgende Gewißen 10   Beschwert ihm den Sinn nicht,   noch scheint ihm von Waffenhaß Ein Angriff zu drohen,   da sich all die Welt Nach seinem Willen wendet.   Er weiß von keinem Uebel Bis ihm im Innern   der Uebermuth Wächst und wuchert,   da der Wächter schlummert, 15   Der Seele Hirte;   sein Schlaf ist allzufest Durch Bannspruch gebunden.   Bald ist der Mörder nah, Der von der Armbrust   mit Unthaten schießt. Dann wird er im Herzen   unterm Harnisch getroffen Mit bitterm Bogenschuß.   Er birgt sich vor Freveln 20   Nicht mehr nach dem Willen   des wüsten Geistes. Ihm wiegt zu leicht nun   was er lange beseßen; Gramherzig giert er,   in Großmuth nicht mehr Spendet er Spangen;   sein spätestes Looß Vergißt er, missachtend   was Gott ihm verlieh, 25   Der aller Wunder waltet,   der Würden vollen Theil. Oft dann ereignet sichs   zur Endezeit, Wenn der Leichnam erliegt   und des Lebens ledig Athemlos umfällt,   daß ein Andrer zugreift, Der unbekümmert   die Kleinode schwendet, 30   Des Edlings alte Schätze,   des ersten Eigners spottend. Birg dich vor solcher Bosheit,   Beowulf, Geliebter, Erster der Männer,   und das Edlere wähle, Ewiges Heil!   Uebermuth meide, Bester der Kämpen!   die Blüthe deiner Kraft 35   Währt eine Weile nun:   es wird ein Tag sein, Da scheidet dich Schwert   oder Siechthum von Kräften, Oder Feuersflammen   oder Flutenwallen, Oder Dolchesgrimm   oder Geeresflug, Oder übles Alter,   oder der Augen Licht 40   Schwindet und schwärzt sich:   schnell denn ergehts, Du Trost der Tapfern,   daß der Tod dich bewältigt. So hab ich der Hringdänen   hundert Halbjahre In der Welt gewaltet,   und sie wehrlich beschirmt Vor der Mächte mancher   in diesem Mittelkreiß 45   Mit Schwertern und Schäften,   daß ich schier mir keinen Widersacher wähnte   unter der Wölbung des Himmels; Aber Andres viel   in meinem Erbsitz erfuhr ich, Jammer nach Jubel,   seit Grendel hier, Der alte Erbfeind,   mein Einwohner ward. 50   Seit seiner Heimsuchung   beschwerte mich Nacht und Tag Das herbste Herzeleid.   Dem Herrn sag ich Dank, Dem ewigen Trost,   daß ich den Tag erlebte, Da ich dieß blutige Haupt   erblicken durfte Mit eigenen Augen   nach dem alten Leid. 55   »Geh nun zum Sitze,   genieß des Gastmals Lust Durch Sieg beseligt.   Uns sei der Kleinode Menge gemein,   wenn der Morgen kommt.« Hin gieng der Geate   sogleich mit Freuden Den Sitz zu suchen   wie der Saalherr gebot. 60   Da ward wie zuvor   von den Fehdeberühmten, Die im Hause saßen   heiter gesprochen Mit neuer Stimme.                                 Der Nachthelm dunkelte Schwarz über der Schar.   Die Schnellsten erhoben sich: 65   Zu Bette wollte   der bleichgelockte Greise Schilding,   da auch den Geaten sehr, Den berühmten Recken,   zu ruhn verlangte. Da wies ein Kämmerling   den kampfmüden, Fernher gefahrnen   sofort hindann, 70   Der ihm mit Ehrfurcht   Alles besorgte Nach des Degens Bedürfniss,   was zu dieser Stunde Ein Heerkampfgänger   erheischen mochte. Da ruhte sich der weitherzge.   Das gewölbte Gemach Erglänzte goldbunt,   der Gast schlief darin 75   Bis von des Himmels Heitre   herzfroh der schwarze Rabe verkündete,   es komme das Licht, Die Schatten zu scheuchen.                                               Die Schnellen eilten. Die Recken rüsteten sich,   zurück alsbald 80   Zu ihrem Volk zu fahren.   Bald dachte fort von da Der kühnherzge Kämpe   den Kiel zu leiten. Da hieß der Hehre   den Hrunting bringen Dem Sohn des Ecglaf,   gab das Schwert ihm zurück, Das löbliche Eisen,   für das geliehne dankend. 85   Er zähl' es für gut   und zuverläßig, Im Kampfe kräftig;   mit keinem Worte schalt er Des Stahles Schneide:   das war ein stolzer Mann! Da nun reisefertig   in den Rüstungen standen Die Geaten, da gieng   der Gute dahin, 90   Die Dänen zu ehren,   wo der Andre war, Der erhabene Held:   von Hrodgar nahm er Urlaub. 26. Abschied.                 Beowulf sprach,   der Geborne Ecgtheows: »Nun sagten dir gerne   wir Seefahrenden, Die wir weither kamen,   daß der Wunsch uns treibt Zu Hygelak heim.   Hier hat man uns gut 5   Und willig bewirthet;   du warst uns hold. Wenn ich mit irgend etwas   auf Erden noch Dir mehr erfreuen mag   Gemüth und Herz, Herscher der Dänen,   als ich dießmal that, So wiße mich willig   zum Werk des Kampfs. 10   Und erfahr ich fern   über der Fluten Reich, Daß dich Umsitzende   ängstigend drängen, Wie dir die Feinde   wohl früher thaten, So will ich dir tausend   bringen der tapfersten Helden zu Hülfe.   Von Hygelak weiß ich, 15   Dem Geatenherscher,   ist er gleich noch jung, Der Fürst seines Volks,   daß er mich fördern wird Mit Worten und Werken,   dich wehrlich zu schirmen. Das Geerholz bring ich dann   dir beizustehen, Deine Macht zu mehren,   wenn dir Männer Noth sind. 20   Wenn dann Hredrik   zu den Höfen der Geaten Kommt, der Königssohn,   so kann er da viel Der Freunde finden;   die Fremde mag Der sichrer besuchen,   der selber taugt.« Da gab Hrodgar   dem Helden zur Antwort: 25   »Wahrlich, dir hat dieß Wort   der weise Gott In den Sinn gesendet!   In solcher Jugend Hört' ich nie weislicher   einen Wehrmann reden. Du bist machtgestrenge   und im Gemüthe klug, In Wortreden weise.   Für gewiss eracht ich, 30   Wenn sich begäbe,   daß die Geerspitze raffte, Oder schwertgrimmer Streit   den Sohn des Hredel, Eisen oder Siechthum   den Erbherrn dir, Den Lenker der Leute,   und du das Leben hast, Daß sich die Seegeaten   schwerlich beßern 35   König erkiesen   könnten als dich Zum Hortwart der Helden,   wenn du behaupten willst Der Ahnen Erbreich.   Mir ward all dein Wesen Je länger je lieber,   mein lieber Beowulf. Du führtest dich so,   daß den Völkern beiden, 40   Den Geatenleuten   und Geerdänen Friede gefestigt wird   und die Fehde ruhn soll, Haß und Feindschaft,   die sie früher trugen, Dieweil ich walte   dieses weiten Reichs, Sei der Hort uns gemein.   Manchmal grüße 45   Einer den Andern   über des Tauchers Bad, Die geringte Barke   bringe Liebesgaben Von Lande zu Lande.   Die Leute weiß ich Gegen Freund und Feind   von fester Gesinnung, In Allem untadelig nach alter Weise.« 50   Da gab ihm abermals   der Edlinge Schirm, Der Sohn Healfdens,   Hortkleinode zwölf Und hieß ihn so beschenkt   zu den Sippen daheim Sich in Wohlsein wenden   und bald wiederkehren. Da küsste der edle   König, der gute, 55   Der Gebieter der Schildinge,   den Besten der Helden Beim Hals ihn haltend.   Dem Haargrauen rannen Helle Zähren herab.   Gute Heimkehr erwünscht' ihm Der alterfahrene;   das Eine doch sehnlicher: Sie sollten sich beide   noch wiedersehen 60   Zu frohem Gespräche.   Ihm war der Freund so lieb, Daß er den heißen Herzenswunsch   nicht verhehlen konnte. Gedanken banden ihn   im Busen so fest an ihn, Daß nach dem herzlieben Helden   geheimes Verlangen Widers Blut ihn brannte.   Beowulf schied, 65   Der goldstolze Mann,   den Grasweg tretend, Seines Schatzes froh.   Der Seegänger harrte, Am Anker schwankend,   des Eigners und Herrn. Unterweges wurden   nach Würden gepriesen Hrodgars Kleinodgaben:   das war ein guter König, 70   In Allem untadlich,   bis ihm das Alter nahm Die Freude der Kraft,   wie es Vielen thut. 27. Hygd und Offa.                 Da kamen zum Meere   der Muthigen viel Des Reckenvolkes.   Ringnetze trugen sie, Gestrickte Streitgewande.   Der Strandwart erfuhr Der Edlinge Heimkehr,   wie die Ankunft vordem. 5   Und nicht mit Unglimpf   von des Ufers Vorsprung Grüßt' er den Gast:   entgegen ritt er ihm Und hieß willkommen   die Wederleute, Als zu Schiffe stiegen   die schön gepanzerten. Da sah man am Gestade   den seestarken Nachen, 10   Den geringten Steven   mit Rüstungen beladen, Mit Mähren und Schätzen.   Der Mast überragte Hrodgars herrliche   Hortkleinode. Dem Bootwart gab Beowulf   ein goldgebundenes Schwert zum Geschenk,   so schön, daß er künftig 15   Werther damit   auf der Methbank schien Durch das alte Erbstück.   Er stieß ab mit dem Schiff Das Tiefwaßer trübend   und ließ der Dänen Land. Da ward der Meermantel   bei dem Maste dort, Ihr Segel seilfest;   der Seebaum dröhnte. 20   Da konnte Wind und Welle   des Wogenfurchers Schnellfahrt nicht hemmen.   Der Seegänger fuhr, Durchschwamm den Sund   mit beschäumtem Hals, Der gebundne Steven   über die Brandungsströme Bis sie der Geaten Klippen   erkennen mochten, 25   Die bekannten Küsten.   Der Kiel schoß empor Und lag am Lande   von der Luft geschaukelt. Gleich stand am Gestad   der Strandwart bereit, Der schon lange Zeit   der geliebten Männer Fahrt aus der Ferne   mit Fleiß betrachtet. 30   Da seilt' er am Strande   das starkbusge Schiff Mit Ankerbanden,   daß die brandende Flut Das freudenreiche Fahrzeug   nicht entführen möchte; Hieß dann aufwärts tragen   der Edlinge Gut, Schmuck und gediegnes Gold. 35                                                     Von da nicht ferne Hatten sie zu suchen   nach dem Schatzvertheiler, Dem Hredling Hygelak:   ein Haus bewohnt' er Mit seinem Gesinde   dem Seewalle nah. Das Haus war herrlich,   hochberühmt der König 40   Und hoch die Halle;   auch Hygd noch jung, Und weis und wohlgestrenge,   ob sie der Winter gleich Nicht viel noch erblickt'   unterm Burgverschluß. Zu vertraut nicht that   die Tochter Häreds, Noch kargte sie zu sehr   mit Kleinodgaben 45   Gegen die Geatenleute;   aber grimmiger Stolz Verführte die Volksfrau   zu frevelnder That. Das getraute sich   der Theuerste nicht Der nächsten Genoßen   neben dem Eheherrn, Sie mit Augen anzuschaun   einmal des Tages, 50   Denn handgeflochtene   Feßeln des Todes Wust er sich winken:   da ward ohne Säumen Von hastiger Hand   mit dem Heftschwert geworben, Daß es schlimmen Schaden   bescheiden muste Und Mordübel künden.   Das ist nicht magdlicher Brauch 55   Noch des Weibes würdig,   wie waidlich sie sei, Daß die Friedeweberin   mit entflammtem Zorn Einem lieben Mann   nach dem Leben stelle. Auch warf ihr das vor   der Verwandte Hemings 27, 58. 75. Hemings Verwandter wäre nach Bachlechner Germ. I., 297 und 455 Eomär, Hygds Sohn mit Offa. Dabei ist an eine geistige Verwandtschaft gedacht. Er identificiert nämlich den Heming mit dem Amleth der nordischen Sage, wobei man sich erinnere, daß dieser (Hamlet) seiner Mutter den Tod seines Vaters zum Vorwurf macht. Diesen Inhalt scheint indes in unserm Gedicht der Vorwurf nicht zu haben, welchen Eomär der Hygd macht. Ob Offa oder Hygelak als ihr zweiter Gemahl zu denken sei, bleibt zweifelhaft. Jene Offasage weiß nicht, daß sie nach Offas Tod noch einem Andern vermählt worden wäre. Im Beowulf erscheinen zwei ganz verschiedene Auffaßungen der Sage neben einander. Die erste nimmt an, nach Hygelaks Tode sei Hygd dem Offa vermählt worden, und dort habe sie sich derselben Unweiblichkeiten schuldig gemacht wie bei Hygelak, ja ihr eigener mit Offa erzeugter Sohn habe ihr das vorgeworfen. Nach der andern hatte sie mit Hygelak nichts zu schaffen, da schon ihr Vater sie als Jungfrau dem Offa vermählt hatte, mit dem sie auch das Leben in Liebe beschloß. So verstanden könnte aber diese zweite Gestalt nur durch eine spätere Glosse in unser Gedicht gekommen sein. Uebrigens erinnern die Worte Z. 63 sf.:                         als sie Offas Wohnung Ueber die falbe Flut   nach ihres Vaters Rath Zu Schiffe suchte sehr stark an jene zweite Offasage bei Matthäus Paris, wonach Offas Gemahlin in einem steuerlosen Kahn an die englische (ursprünglich anglische) Küste getrieben ward, was eine Verdoppelung der oben besprochenen anglischen Skeafsage scheint. Nehmen wir die erste Offasage bei M. Paris hinzu, so war es ihr Vater, dessen unnatürlichen Bewerbungen sie ausgewichen war, was den Worten des Originals be fäder láre einen andern Sinn geben würde als »auf ihres Vaters Rath.« Uebrigens bin ich bei Z. 66 Leo S. 45 gefolgt, dessen allerdings kühne Deutung sich mir durch den Sinn empfahl. Beim Aeltrinken.   Doch Andere sagen 60   Sie habe der Mordübel   minder gestiftet, Der argen Anschläge,   seit zuerst sie ward Goldgeschmückt gegeben   dem jungen Kämpen, Die adeltheure,   als sie Offas Wohnung Ueber die falbe Flut   nach ihres Vaters Rath 65   Im Schiffe suchte.   Dort saß sie nun Mit gutem Ruf   auf dem Gabenstuhl So lang ihr des Lebens   Looße währten Hochliebe hegend   zu dem Heldenfürsten, Der aller Männer,   wie ich melden hörte, 70   Der Biederste war   zwischen beiden Seen, Unterm Erdenvolke.   Denn Offa ward Durch Mannheit und Milde,   der muthvolle Held, Weithin gewürdigt;   durch Weisheit behielt er Der Ahnen Erbe.   Eomär entsprang ihm 75   Den Helden zur Hülfe,   Hemings Verwandter, Garmunds Neffe,   der nie im Kampf verzagte. 28. Freaware.                 Da hob der Hehre   mit der Helden Schar Sich hin zum Strande,   das Gestade tretend, Die weiten Werder.   Das Weltlicht schien, Die Sonne von Süden.   In beschleunigter Fahrt 5   Schritten sie schnell dahin   bis sie den Schirm der Helden, Den Beuger Ongentheows   in der Burghalle, Den jungen Heerkönig,   den guten, fanden Halsringe spendend.   Dem Hygelak hatte man Beowulfs Ankunft   alsbald gemeldet, 10   Er kehre wieder   der Weigande Schutz, Sein Schildgeselle,   gesund und heil Aus des Kampfspiels Noth,   schon nah' er dem Saal. Da räumte man rasch   nach des Reichen Gebot Den Fußfahrenden   die Flur im Innern. 15   Da saß ihm an der Seite   der Sieger im Streit, Verwandter bei Verwandtem,   als der Weigande Fürst In feiernder Rede   den Freund begrüßt Mit mächtigen Worten.   Mit den Methschenken gieng Hin durch die Halle   Häreds Tochter: 20   Den Leuten liebreich   bot sie lautern Trank Den Helden zu Handen.                                         Hygelak begann nun In der hohen Halle   den holden Gefährten Freundlich zu fragen;   Fürwitz trieb ihn, 25   Wie der Seegeaten   Seefahrt ergangen sei: »Wie gelang dir die Reise,   lieber Beowulf, Da du nach ferner   Fahrt dir gedachtest Siegruhm zu suchen   jenseits der See, Kampf in Heorot?   Konntest du Hrodgarn 30   Das weltkunde Weh   ein wenig büßen, Dem hehren Herscher?   Herzeleid zehrte mich In wallender Sorge,   denn am Siege verzweifelt' ich Des lieben Mannes:   lange bat ich dich, Den schaurigen Gast   unbeschwert zu laßen: 35   Die Süddänen sollten   sich selber wehren Im Kampfe mit Grendeln.   Ich sage Gott nun Dank, Daß ich so gesund   dich wiedersehen durfte.« Beowulf sprach,   der Geborne Ecgtheoms: »Nun kann wohl kund sein,   König Hygelak, 40   Der Männer Manchem,   da wir maßen die Kraft, Wie wir die Weile   auf dem Walplatz verbrachten, Ich und Grendel.   Viel Grund erst hatt er Den Siegschildingen   zur Sorge verliehen, Viel Harm fürs Leben:   meine Hand nun rächt' es. 45   So darf nicht großthun   von Grendels Sippen Auf Erden Einer   dieses Uchtlärms wegen, Der am Längsten lebt   des leidigen Geschlechts, Denn Gefahr befängt ihn!                                           Zuvörderst kam ich 50   Zu der hohen Halle   Hrodgarn zu begrüßen, Wo sogleich mir Healfdens   erhabner Sohn, Da kaum Ihm kund ward,   warum ich gekommen war, An des Sohnes Seite   den Sitz bestimmte. Das Volk war fröhlich:   ich erfuhr in der Welt 55   Unter des Himmels Hälfte   bei Hallsitzenden Nie mehr der Methlust,   da die mächtige Königin, Der Völker Friedeschirm   bald die Flur durchschritt, Die Söhne zu ermuntern,   und der Mannen Etlichen Ringschmuck schenkte   eh sie zum Sitze gieng; 60   Bald den ältern Tapfern   die Tochter Hrodgars Nach der Ordnung allen   den Aelbecher reichte; Freaware von den   Flursitzenden Hört' ich sie geheißen,   als sie herrliche Schätze Den Helden hinbot.   Verheißen war sie 65   Mit Gold begabt   dem guten Sohne Frodas . Unter Hrodgars Obhut,   des alten Schildingen, War sein Reich gestellt;   auch rühmte man wohl, Wie er mit der Tochter Hand   die Todfehde gesühnt Der verfeindeten Völker.   Freilich mag selten, 70   Wenn ein Volk erlegen ist,   auf lange Zeit Das Racheschwert rasten,   wie ruhmwerth die Braut sei. 28. Nach der letzten Zeile unseres Abschnitts wird eine große Lücke in der Handschrift angenommen, wonach der Schluß dieses 28. Abschnitts, der ganze 29. und noch der Anfang des 30. fehlen würde. Da aber dem Inhalte nach gar keine Lücke zu bemerken ist, so beruht vielleicht diese Angabe, bei welcher man sich auf die Handschrift gründet, auf einem Irrthume. Ich habe darum in der Zählung der Abschnitte keine Zahl ausfallen laßen. Die Thorpesche Ausgabe ist mir also weiterhin um eine Nummer voraus. 29. Ingeld.         »Missbehagen wird es bald   dem Headobardenfürsten Und dazu den Degen   des bezwungenen Volkes, Wenn an der Fürstin Hand   die Flur betritt Ein dänischer Heldensohn   in der Höflinge Schar, 5   Der frech sich gürtet   mit seiner Väter Erbe, Dem herrlichen Kleinod   der Headobardenkönige, Derweil sie der Waffen   walten durften Bis sie in den letzten Lindenkampf   verleitend missten Die edeln Gefährten   mit dem eigenen Leben. 10   Dann spricht wohl beim Bier,   erblickt er den Schmuck Ein alter Eschkämpe,   dem Alles gedenkt, Der Guten Geertod   (ihm ist grimm zu Muth!) – Jammernd beginnt er   dem jungen Kämpen Nach seiner Gesinnung   den Sinn zu erforschen; 15   Seine Wuth zu wecken   solche Worte spricht er: »Kannst du, mein König,   das Kampfschwert schauen, Das dein Vater vormals   im Gefechte trug Unter dem Lindenschild   das letzte Mal, Das theure Eisen,   als ihn die Dänen schlugen 20   Die der Walstatt walteten   (Wiedervergeltung schlief Nach der Fürsten Fall),   die frechen Schildinge? Nun stolziert im Saal   ein Sohn dieser Mörder, Ich weiß nicht welches,   thut wichtig mit dem Schmuck, Pocht auf den Mord   und prunkt mit dem Kleinod, 25   Das du selbst besitzen solltest   dem Rechte nach.« So mahnt und meistert   er ihn zu mancher Zeit Mit strafenden Worten   bis die Stunde kommt, Daß der fremde Fürst   für seines Vaters Thaten Nach der Schwerter Biß   blutfarb schlummert, 30   Des Lebens verlustig.   Aber leicht von dannen Entkommt der Kühne:   er kennt das ganze Land. Gebrochen alsbald   werden von beiden Seiten Nun der Edlinge Eide.   In Ingeld muß dann Die Wuth aufwallen,   da des Weibes Liebe 35   In des Kummers Qual   ihm kühler ward. Darum halt ich die Huld   der Headobarden Den Dänen nicht für truglos,   noch diese Verschwägerung, Nicht für fest die Freundschaft.                                                     »Aber fürder will ich 40   Von Grendel reden,   damit du ganz erfährst, Spangenspender,   wie sich später verlief Der Helden Handgemenge.   Als des Himmels Edelstein Ueber die Gründe glitt,   da kam der grimme Gast, Der üble Abendschreck   uns zu besuchen, 45   Die die hohen Hallen   noch heil bewachten. Da drohte sein Handschuh 29, 45–61. Was hier von dem Handschuh Grendels berichtet wird, ist echt riesenhaft und tief in der Mythe begründet. So übernachtet Thor in dem Handschuh Skrymirs, was ihm im Harbardslied und in Oegisdrecka zum Vorwurf gereicht, als hätte ihn der Riese hineingesteckt. Auch Hans Muff , der niederrheinische riesige Begleiter des heil. Nicolaus, hat den Namen von dem großen Handschuh, worein er die unartigen Kinder steckt. S. mein Handbuch der Myth. 549.   den Helden Gefahr: Dem Tode verfallen   war der Vorderstliegende, Der gegürtete Kämpe:   Grendel mordete Den werthen Weigand,   den weitberühmten, 50   All den Leib verschlang er   des lieben Mannes; Doch nicht geliebt' es ihm,   daß er mit leerer Hand Schon aus dem Goldsaal   gehen sollte, Der blutgezahnte Mörder   auf Bosheit sinnend, Sondern Mich erkor er,   seiner Kraft vertrauend. 55   Schon streckt' er die starre Hand;   sein Stauche hieng Weit und geräumig   an Wunderriemen fest. Auch war er nicht   ohne Einsicht bereitet Mit Teufelskräften   aus Drachenfellen; Dahinein nun mich,   den Unschuldigen, 60   Das thatfreche Thier   zu thun gedachte Mit manchem Andern.   Doch vermocht er es nicht, Als ich ingrimmig   mich aufrichtete. Zu lange wär das Lied,   wie dem Leuteschädiger Ich Handlohn reichte   für die Harmthaten all. 65   Da hab ich deine Helden,   mein Herr und König, Nach Würden gewehrt.   Zwar entwand er sich mir; Doch nicht lange mehr lacht' ihm   des Lebens Wonne, Denn zurück war ihm   die Rechte geblieben, Die Hand in Heorot,   und gehöhnt entweichend 70   Sank er jammermüthig   auf des Meeres Grund. »So kühnen Kampf   hat der König der Schildinge Mit gediegnem Golde   mir gütig gelohnt Und manchem Kleinod,   als der Morgen kam Und wir beim Schmause   saßen und zechten. 75   Da war Hall und Schall.   Bald hub der alte Schilding, Der vielerfahrene,   von fernen Zeiten an; Bald begann ein Held   der Harfe Wonne Lustsam zu wecken,   bald ein Lied zu singen Süß und schaurig;   Geschichten erzählte bald 80   Der Wahrheit gemäß   der weitherzge König. Ein ander Mal hörten wir   den altergebundenen Greisen Krieger   von des Kampfes Strenge Der Blüthe melden,   daß die Brust ihm schwoll, Wenn der Winterreiche   der Wagnisse gedachte. 85   So saßen wir im Saale   den sonnenlangen Tag Den Genuß erneuend.   Die Nacht befiel nun Die Erde abermals.   Da eilte sogleich Zu grimmer Rache   Grendels Mutter: Sorgenvoll schritt sie,   da der Tod den Sohn ihr nahm 90   Und der Wedern Kampfgrimm.   Ihr Kind rächte An der Edeln Einem   die Ungeheure, Den sie wüthig würgte.   Dem weisen Aeskher, Dem vielerfahrnen   entfloh das Leben. Da mochten nicht einmal,   als der Morgen kam, 95   Die Dänenleute   des Todten Hülle Mit Brand verbrennen,   den Bühel ihm schlichtend, Dem lieben Verlornen,   da der Leib des Helden Unter den Felsstrom entführt war   von des Feindes Sippe. Das härmte Hrodgarn   als das herbste von allen 100   Leiden, die lange   gelastet auf dem Helden. Da umhalste mich der Fürst   und flehte harmvoll Mich bei Deinem Leben,   daß ich im Drang der Flut Reckenschaft übte   und den Ruhm zu mehren Das Leben wagte,   großen Lohn verheißend. 105   Nun weiß man weithin,   als ich im Wellenschlund Die grausvolle Hirtin   des Grundes fand, Wie wir da handgemein wurden   eine Weile lang. Von Blut schwoll die See:   da entschlug ich das Haupt Der Mutter Grendels   in der Grundhalle dort 110   Mit scharfem Schwert.   Nicht sanft zwar mocht ich Das Leben lösen;   doch leb ich noch. Da schenkte mir abermals   der Edlinge Schirm Viel herrliche Kleinode   Healfdenes Sohn. 30. Hygelak.             »So lebte der Volksfürst   nach Fug und Recht: Ich hatte den Lohn   nicht verloren an ihm Meiner Kraft und Kühnheit,   sondern Kleinode gab mir Der Sohn Healfdens   in meines Herzens Macht, 5   Die ich dir, mein Gebieter,   darbringen will Und gerne gönnen:   ganz allein an dir Liegt meine Wonne;   denn wenig hab ich Der Hauptverwandten,   außer Hygelak dir!« Da ließ er hereintragen   das Eberhauptzeichen, 10   Den heerfesten Helm   mit Halsberg und Brünne Und das gute Schwert;   und so begann er zu sprechen: »Von Hrodgarn erhielt ich   diese Heerrüstung; Der erfahrne Fürst   befahl mir dabei Ueber ihren Ursprung   dir Auskunft zu geben. 15   Sie hatte zuvörderst   Hrodgar der Fürst, Der Schildinge Leiter,   eine lange Frist; Doch seinem Sohne schenken   mocht er nicht, Dem harten Heoroweard,   wie hold er ihm auch war, Die Brustbedeckung.   Gebrauche du sie wohl!« 20   Diesem Rüstschmuck ließ er   der Rosse vier Auf dem Fuße folgen,   völlig gleiche, Apfelfahle;   zu eigen gab er ihm Ross und Rüstung.   So berathe man den Blutsfreund! Daß nicht Einer dem Andern   mit Arglist nachstelle, 25   Mit finsterm Frevel   den Fall bereite Dem Handgestallen!   Dem Hygelak war, Dem harten Heermann,   gar hold der Neffe, Und Einer dem Andern   der Ehren gedenk. Von dem Halsring hört' ich,   daß er der Hygd ihn schenkte, 30   Das werthe Kleinod,   das ihm Wealchtheow gegeben, Die hehre Herrin.   Und drei Hengste fügt' er, Schwarz und sattelschön,   dem Schmuck hinzu, Dem blinkenden Baug,   der die Brust ihr zierte. So in Ehren blühte da   der Geborne Ecgtheows, 35   Der kampfberühmte Mann   durch mildes Geben. All sein Thun war besonnen;   nie schlug er trunken Die Heerdgenoßen;   nicht herb war sein Sinn, Ob die meiste Kraft   auch unter allem Männervolk Als vollgültige Gabe   Gott ihm geschenkt, 40   Dem schnellen Kämpen.   Verschmäht war er lange, Daß ihn der Geaten Söhne   nicht gelten ließen, Noch auf der Methbank   der Männer König Ihn ehren wollte   den Andern gleich. Sie ziehen ihn wohl,   daß er verzagt wäre, 45   Ein unwerther Edling.   Abbitte geschah Dem Ruhmreichen   des Geredes nun all. Da hieß der Helden Schirm   in die Halle bringen, Der hochberühmte Herscher,   Hredels Erbe, Das goldgeschmückte;   bei den Geaten war 50   Kein Schatzkleinod schöner   in Schwertgestalt. Das band er an den Busen   dem Beowulf Und schenkte dem Sieger   noch siebentausend Mit Burg und Gebieterstuhl.   Ihnen beiden war Das Land gemeinsam   und die Leute dazu; 55   Aber der Eine war näher   zu dem adeligen Stammgut, Und darum würdiger   des weiten Reiches. Der Drachenkampf. 31. Der Drache. 31. In diesem Theile des Gedichtes (und am stärksten in diesem Abschnitt) hat das Manuscript sehr gelitten. Doch ist der Verlust noch zu verschmerzen, da uns nichts ganz Wesentliches fehlt. Daneben tritt hier auch die Ueberarbeitung stärker zu Tage. Die Art, wie das Gold durch den alten Edling in den Berg gekommen und erst später von dem Drachen gefunden sein soll, deutet auf eine Zeit, wo man schon vergeßen hatte, daß Hort und Drache im Mythus zusammen gehört, jener also keiner besondern Motivierung bedarf: der alte Zusammenhang war gewiss der, daß der alte Häuptling sich wie der Riese Fafnir in den Drachen gewandelt hatte, wovon an einer spätern Stelle 37 , 25 ff., wie schon Ettmüller 177 bemerkt hat, noch eine Spur stehen geblieben ist.                   Es fügte sich nun   in folgenden Tagen, Daß im Heergetümmel   Hygelak sank, Und die scharfen Schwerter   seinem Sohne Heardred Unterm Lindenrand   das Leben razbten. 5   Mit siegreichen Scharen   suchten ihn heim Die herben heerkühnen   Headoschilfinge Und würgten nieder   den Neffen Hererichs. Da ward dem Beowulf   das breite Reich Zu Händen gegeben:   er hielt es wohl 10   Funfzig Winter.                             Er war ein weiser König, Ein alter Erbwart,   als Einer begann Als Drache zu toben   in düstern Nächten, Welcher des Hortes   Haufen bewachte 15   Im starren Steinberg.   Ein Steig lief einwärts Allen unkund.   Dahinein gieng ein Mann, Ich weiß nicht welcher. Nicht freiwillig sucht' er   die Fülle des Wurmhorts, Nach eigenem Antrieb,   der ihm übel bekam: 20   Er floh genöthigt,   ich erfuhr nicht vor welchem Der Heldensöhne,   der ihm Haß erbot.                                                 Deren war da viel In der Erdhöhle,   der alten Schätze, Die vor manchen Jahren   der Männer Einer 25   Als altes Erbe   eines edeln Geschlechts In bangen Gedanken   da verborgen hatte, Die theuern Kleinode.   Der Tod nahm ihm Alle In alten Tagen   und Er, der letzte, Der am längsten lebte   des erlauchten Geschlechts, 30   Beweinte die Freunde.   Zu fristen wünscht' ers, Daß er eine kurze Zeit noch   die Kleinode Gebrauchen dürfte.   Den Berg dazu bereit Fand er auf den Fluren,   den Flutwellen nah, Kräftig gestützt   auf Klippengestein. 35   Da trug hinunter   die Edlingsschätze Des Hortes Hüter   in schweren Haufen Des gelben Goldes   und begann zu sprechen: »Halte nun, Erde,   da es die Helden nicht dürfen, Der Edlinge Eigenthum:   habens einst auf dir 40   Doch die Werthen gewonnen!   Waffentod nahm, Grimmer Geerkampf hin   die Guten alle. Das Leben ließen   meine lieben Sippen, Sie sahen des himmlischen   Saales Lust. Wer schwänge nun das Schwert,   die Schale wer leerte sie, 45   Das theure Trinkgefäß?   Die Tapfern sind kraftsiech! Diesem harten Helme,   dem hellvergoldeten, Entsinke der Schmuck:   sie schlafen todwund, Die in diesen Halsberg   sich hüllen sollten: So mag auch das Kriegskleid,   das im Kampf ertrug 50   Der Schwerter Biß   nach dem Bruch des Schildes, Mit dem Recken rasten.   Der Ringbrünne kann Nach der Weigande Fall   nicht weit mehr fahren Den Helden zu Hülfe.   Der Harfe Wonne schweigt Und des Sängers Sang;   nicht schwingt sich der gute 55   Habicht um die Halle,   das hurtige Ross stampft Den Burghof nicht mehr.   Ein böser Tod hat Der Befreundeten viel   uns früh geraubt!« So jammermüthig   ergieng sich in Klagen Der Eine nach Allen.   Unfroh verbracht er 60   Tag und Nacht,   bis des Todes Hand Das Herz ihm rührte.                                       Die Hortwonne fand dann Der alte Uchträuber   offen stehen, Er der da brennend   die Berge heimsucht, 65   Der nackte Neiddrache,   der in Nächten umfliegt Von Feuer umfangen. Dreihundert Winter   hatte so der Wütherich Das Horthaus inne   in des Hügels Grund, Allen überstark,   bis einst ihm ergrimmte 70   Jener Mann das Gemüth.   Dem Mächtigern trug der Die gediegne Schale   und ersucht' um Frieden Den abholden Herrn.   Da ward der Hort bestohlen, Mancher Ring geraubt   und Ruhe gewährt Dem friedlosen Manne.   Der Fürst erschaute 75   So altes Menschenwerk   zum ersten Male. Als der Wurm erwachte,   seine Wuth brach aus: Er beroch den Stein,   mit starken Sinnen Fand er des Feindes Spur,   der auch fernerhin noch drang Dicht in Dunkel gehüllt   bis zu des Drachen Haupt. 80   So mag ein Glücklicher   leichtlich vollenden Ein gewagtes Werk,   wenn ihm des Waltenden Huld sich erhält.                               Der Hortwart durchsuchte Begierig den Grund.   Er fände gern den Mann, 85   Der ihm im Schlafe   den Schaden gewirkt. Hitzig mit herbem Muth   den Hügel umkreißt' er Von außen all:   nicht Ein Mann war Auf der weiten Haide.   Doch heischt' er Rache Und wilde Verwüstung.   Wieder im Berge jetzt 90   Nach dem Schatze sucht' er.   Nun sah er deutlich: Gepfändet hatt ihn   ein Frecher des Goldes, Der hehren Kleinode.   Der Hortwart verweilte In Ungeduld   bis der Abend kam. Da schwoll in Bosheit   des Berges Hirte: 95   Viel Leuten gedacht er   mit Lohe zu vergelten Das theure Trinkgefäß.   Nun war der Tag entflohn, Nach des Wurmes Wunsch:   da wollt er nicht länger Im Berge bleiben:   brennend fuhr er aus Vom Feuer geflüchtigt.   Furchtbar war der Anfang 100   Den Leuten im Lande;   wies im Verlaufe dann An ihrem Schatzspender   schmerzlich geendet ward. 32. Heardred.                     Da begann der Gast   mit Glutenspeien Burghöfe zu verbrennen:   der Brand stralte rings Den Leuten zum Leide.   Nichts Lebendes wollte Der leide Luftflieger   übrig laßen mehr. 5   Des Wurmes Wüthen   war weithin sichtbar, Des frechen Feindes Angriff,   so fern als nahe, Wie der Geaten Volk   der grimme Versehrer Haßte und höhnte.   Zum Horte schoß er nieder, Zur heimlichen Halle,   eh sich hellte der Tag. 10   Die Landleute hatt er dann   mit Lohe befangen, Mit Brand und Brunst.   Seinem Berge vertraut' er Als wehrendem Wall;   doch der Wahn betrog ihn. Da ward dem Beowulf   entboten der Schrecken, In aller Eile,   daß sein eigenes Haus, 15   Der Gebäude bestes,   in Brandwellen schmolz, Der Geaten Gabenstuhl.   Dem Guten schuf das Herben Harm,   der Herzsorgen gröste. Der Weise wähnte,   den Waltenden hätt er Wider das alte Recht,   den ewigen Fürsten, 20   Bitterlich aufgebracht.   Im Busen wallten ihm Düstre Gedanken,   wie sie vordem nicht gethan. Des Volkes Vesten   hatte der Feuerdrache, Und all das Eiland draußen,   bis zur Erde nieder Mit Gluten verwüstet:   das grimmig zu rächen 25   Sann der Kampfesfürst,   der König der Wedern. Da hieß sich wirken   der Weigande Schirm All von Eisen,   der Edlinge Fürst, Einen wunderbaren Wehrschild.   Er wuste wohl, Daß ihm das Holz des Waldes   nicht helfen konnte, 30   Die Linde gegen die Lohe.   Die verliehnen Tage Sollte da beenden   der ehrengute Fürst, Dieß weltliche Leben,   und der Wurm mit ihm, Wie lange er den Hort   auch behalten hatte. Das verschmähte jedoch   der Schatzvertheiler, 35   Den weithin fliegenden   mit Wehrvolk zu suchen, Mit großem Heer.   Ihm graute vor Kampf nicht, Daß er des Wurmes Wuth   für wenig achtete, Seine Kraft und Stärke.   Der Stürme hatt er viel Zuvor gefochten,   und gefährliche, 40   Manchen kühnen Kampf,   seit er König Hrodgars Saal gesäubert,   des Sieges froh, Und Grendels Mutter   im Moor getilgt, Das leide Geschlecht.   Nicht das leichteste wars auch Der Handgemenge,   in welchem Hygelak fiel, 45   Als der Geaten König   im Kampfessturm, Der Freund des Volks,   in den Frieslanden starb Unter Schwertschlägen,   der Sohn Hredels, Vom Beil getroffen.   Beowulf entkam Der Schwimmkunst vertrauend,   durch selbsteigne Kraft. 50   Am Arme hielt er   alleine dreißig Gestrickte Streithemden,   als er den Strand erreichte. Doch durften die Hetwären   nicht hoch sich rühmen Ihres Fußgefechtes,   die zuvor ihm entgegen Die Ränder gerichtet:   es entrannen nicht viele 55   Dem hehren Helden   die Heimat zu suchen. Den Sund durchschwimmend   kam der Sohn Ecgtheows Allein und verlaßen   zu den eigenen Leuten, Wo Hort und Herschaft   Hygd ihm antrug, Burg und Gebieterstuhl:   ihr bangte, daß ihr Sohn 60   Der Väter Erbsitz   gegen Völker draußen Nicht behaupten könnte   nach Hygelaks Tod. Doch Land und Leute   erlangten es nicht Von dem Edelinge   mit allem Bitten, Daß er des jungen Heardred   Herschaft an sich nähme, 65   Und die Königswürde   bekleiden möchte: Er pflegt' ihn im Volke   mit freundlicher Lehre Und ehrt' ihn huldvoll,   bis er älter geworden Der Wedergeaten waltete.   Da kamen Widersacher Ueber See ihn zu suchen:   dem Sohne Ochthers 70   Hatt er Aufnahme gewährt   wider den Obherrn der Schilfinge, 32, 70. 76. 85. In allen diesen Zeilen ist von Weochstan, dem Schwedenkönig, die Rede, der seinen Neffen Eadgils vertrieben und bei Heardred Zuflucht zu suchen genöthigt hatte. Aber auch dorthin verfolgte er ihn und führte so Heardreds Tod und Hygelaks Erhebung herbei. Den allerseligsten   der Seekönige, Die je bei den Schweden   Schätze vertheilten. Das gerieth zum Unheil   dem berühmten König: Ihn traf unschuldig   die Todeswunde 75   Unter Schwertschlägen,   den Sohn Hygelaks. Umwandte sich eilend   Ongentheows Sohn Die Heimat zu suchen,   als Heardred erschlagen war: Beowulf erhielt da   den Gebieterstuhl Ueber die Geaten zu herschen:   das war ein guter König! 80   Seiner Volkshaufen Fall   in folgenden Tagen Zu ahnden gesonnen,   versagt' er dem Eadgils nicht, Dem sorgenden, Hülfe;   er sandt ihn mit Kriegsvolk Ueber die salzge See,   den Sohn Ochthers, Mit Rossen und Rüstungen,   daß er Rache fand 85   In kalten Kummerfahrten,   und der König erlag. 33. Hredel.                           So war er gar vielen   Gefahren entronnen, Viel schweren Schlachten,   der Sohn des Ecgtheow, Mit der Arme Kraft,   bis auf den Einen Tag, Wo er wider den Wurm   sich wehren sollte. 5   Da gieng selbzwölfter   von Zorn erfüllt Der Walter der Wedern,   den Wurm zu schauen. Erfahren zuvor hatt er   der Feindschaft Ursprung, Des Unheils seiner Helden:   aus der Hand des Entwenders War das kostbare Kleinod   ihm zugekommen. 10   Von den Degen war dieser   der dreizehnte, Er, der des Uebels   Anfang verschuldet; In Banden jammernd   gieng er des Hohnes Ziel, Ihnen den Weg zu weisen   widerwillig, Weil Er alleine   den Erdsaal wuste, 15   Die unterirdische Höhle   unweit der See, Der tobenden Flut.   Erfüllt war er innen Mit herrlichen Schätzen;   doch ein unheimlicher Wächter, Ein kampfkühner,   hielt die Kleinode in Hut, Ein alter, unter der Erde.   Nicht allzu leicht wars, 20   Das Gut zu erlangen   der Leute Einem. Bei der Klippe der kampfharte   König saß, Heil zu entbieten   den Heerdgenoßen, Der Geaten Goldfreund.   Sein wanker Geist War trüb und todbereit.   Schon trat Wurd heran, 25   Die bald den Greisen   grüßen sollte, Der Seele Hort zu suchen   und zu scheiden beide, Leib und Leben.   Nicht lange mehr blieb noch In Fleisch gewunden   des Fürsten Seele. Beowulf sprach,   der Geborne Ecgtheows: 30   »Viel Kämpfe hab ich   in der Kraft der Jugend, Viel Unheil überstanden:   des allen gedenk ich nun. Sieben Winter zählt ich  als mich der Schatzvertheiler, Der Fürst der Völker,   meinem Vater entnahm. Da hielt und hegte mich   Hredel der König, 35   Gab mir Schatz und Kost,   der Sippe gedenkend. Nicht war ich ihm lebenslang   ein leiderer Mann In Bau und Burg   als der Gebornen Einer, Herebeald und Hädkynn   und mein Hygelak . Seinem Aeltesten ward   ungeziemend 40   Das letzte Bett gestreut   von des Bruders Hand, Da Hädkynn ihn   vom Hornbogen Den fürstlichen Freund   mit dem Pfeil erlegte: Das Merkziel missend   aus mordlicher Hand Traf Bruder den Bruder   mit blutiger Spitze. 45   Unsühnbar war der Schuß,   ein sündhafter Frevel, Herzbrechend Hredeln:   der Held ja muste, Der junge Edeling,   ungerochen sterben. Zu graunvoll wär es   dem greisen Fürsten, Wenn er leiden sollte,   daß sein liebes Kind 50   Jung den Galgen ritte:   dann begänn er ein Klagelied, Gar sorglichen Sang,   wenn der Sohn ihm hienge Den Raben zum Raub,   und er Rettung ihm Vor Alter unkräftig   irgend nicht wüste. Jeden Morgen gemahnt   im Gemüth ihm nun 55   Seiner Abkunft Ausgang.   Keinen Andern mehr Hofft er im Hause   behalten zu mögen Als des Erbes Pfleger,   wenn der Eine so In der Todesnoth   die That gebüßt hat. Vorsorgend sieht er   in des Sohnes Haus 60   Den Wonnesaal wüst,   vom Wind durchstürmt, Des Rauchs beraubt;   der Reiter schlummert Im Heldenhügel;   Harfenklang gebricht, Sang in den Sälen,   wie es sonst dort war. Dann geht er zum Lager   sich leidvoll härmend 65   Nach dem Einen der Eine:   ihm ist Alles zu weit, Hof und Halle.   So nach Herebeald Trug der Wedern Helm   des Herzens Kummer Wallend im Busen.   Doch wollt er des Leides Nicht Sühne suchen   an des Schuldigen Haupt. 70   Nicht kränken konnt er   den Kampfeshelden Mit leiden Thaten,   liebt' er ihn gleich nicht mehr. Da mit so schweren Sorgen   dieser Schmerz ihn betraf, Ließ er der Erde Lust   und erkor das Licht Gottes. Den Kindern ließ er   wie Könige pflegen, 75   Land und Leuteburg,   da er vom Leben schied. Nun suchten sich Geaten   und Schweden heim 33, 76 ff. Das hier zuerst erwähnte, im 39 . und 40 . Abschnitt näher beschriebene Ereigniss fällt ein Menschenalter früher als das von dem in der vorigen Note die Rede war. Mit Hädkynns Z. 87 erwähnten Tode besteigt erst Hygelak den Gebieterstuhl, während es sich dort um Heardreds Tod handelte, dessen Nachfolger Beowulf ward. Ueber das weite Waßer   in wüthigem Kampf, Zu herbem Heerstreit   nach Hredels Tod, Da die edeln Kämpen   König Ongentheows , 80   Die fahrtschnellen Helden,   nicht Frieden wollten Uebers Haf hin halten   und beim Hreosnaberg Mit ingrimmem Anfall   oft uns bedrohten. Da rächten wohl   meine Verwandten und Freunde Frevel und Fehde   wie es volkskund ist; 85   Doch entgalt es der Eine   mit dem eigenen Leben, Ein herber Kaufpreis:   dem Hädkynn ward, Dem König der Geaten   der Kampf verderblich. Doch erfuhr man am Morgen,   daß ein Vetter den andern Mit des Schwertes Schärfe   an dem Schuldigen rächte, 90   Als den Ongentheow   Eofors Angriff ermüdete. Sein Helm war zerbrochen,   bleich zur Erde fiel Der alte Schilfing:   ihm schien die Faust Und die Fehde schwer genug:   er entschlug nicht den Todesstreich. 34. Beginn des Kampfes.             »In diesem Kriege konnt ich   dem König die Schätze, Die er an mich gewendet,   wohl alle vergelten Mit lichtem Schwerte.   Land gab er mir Und Erbsitzwonne:   darum war ihm nicht Noth 5   Bei den Gifden oder   bei den Geerdänen, Oder im Schwedenreich   einen geringern Söldner Sich aufzusuchen   und mit Schatz zu erkaufen; Da Ich seinem Fußvolk   vorkämpfen wollte Allein an der Spitze   wie ich spät im Alter noch will 10   Im Streite stehen,   weil dieser Stahl mir währt, Der mir oftmals aushielt   eh und seitdem, Da ich vor den Degen   den Dagräfn , Den Helden der Hugen,   hinwarf und tödtete. Er sollte den Schmuck   dem Schirmherrn der Friesen, 15   Die Brustzierde   nicht bringen dürfen, Sondern im Streit erstarb   der Standarthüter, Der rasche Recke.   Ihn raffte das Schwert nicht: Mit der Hand griff ich ihm   in des Herzens Wallen Und zerbrach das Beinhaus.   Das Beil soll mir nun, 20   Die Hand und das harte Schwert   den Hort erkämpfen.« Beowulf begann,   Erbotworte sprechend Zum letzten Male:   »In der Jugend maß ich oft Mich mit werthen Helden;   nun will ich im Alter Als meines Volkes Wart   noch Fehde suchen 25   Und Lob erlangen,   wenn der Leuteschädiger Aus seinem Erdsaal   mich hier außen suchen kommt.« Da grüßt' er noch Jeglichen   der Geatenmänner, Der liebe Landfürst   zum letztenmale, Die süßen Gesellen: 30                                       »Kein Schwert wollt ich tragen Wider den Wurm   wüst ich nur eins: Wie ich dem übeln Unhold   anders möchte Den Grimm vergelten,   wie ich Grendeln that. Aber heiße Kampfglut   muß ich hier erwarten, 35   Gift und Geifer:   darum geh ich auch gewappnet Mit Schild und Brünne.   Des Berges Hirten Will ich nicht fliehn, den Feind,   eines Fußes breit, Werd es mit uns beiden   wie es Wurd gebeut, Die aller Menschen waltet.   Des Muthes bin ich, 40   Wider diesen fliegenden Feind   nicht ferner zu pralen. Harrt vor dem Hügel   vom Harnisch beschützt, Ihr Biedern in der Brünne,   wer am Besten sich Von Wunden erholen wird   auf dem Walplatz hier Unter uns beiden.   Nicht euer Werk ists, 45   Noch einem Manne gemäß   außer mir allein, Wider diesen Unhold   den Arm zu gebrauchen Und wehrlich zu werben.   Ich will das Gold Rühmlich erringen   oder es raffe der Tod, Der furchtbare Lebensfeind,   den Fürsten euch.« 50   Da riß sich vom Rand empor   der ruhmvolle Kämpe, Herrlich Helm   und Harnisch tragend Unter die Steinklippen;   der Stärke vertrauend Des Einen Mannes:   das übt kein Feiger. Da sah an der Bergwand   der Biedererprobte, 55   Der soviel Gefahren   zuvor bestanden, Viel Schlachten geschlagen   wo die Scharen tobten, Einen Steinbogen stehn   und einen Strom darunter Aus dem Berge brechen:   der Brunnquell wallte Von heißem Feuer.   Zum Horte konnte 60   Keinen Augenblick,   wer nicht verbrennen wollte, In die Tiefe kommen   vor des Drachen Feuer. Da entließ der Brust,   erbost wie er war, Der Wedergeaten Fürst   ausfordernde Worte: Das starke Herz stürmte:   die Stimme drang 65   Grimmvoll gellend   unter den grauen Stein. Der Haß war erzeugt:   der Hortwart erkannte Des Mannes Stimme;   hiemit war da länger Nicht Frist zum Frieden.   Da fuhr zuerst Des übeln Unholds   Athem aus dem Stein, 70   Ein heißer Brodem:   der Hügel erdröhnte. Unter den Berg da brachte   Beowulf den Schild Gegen den graunhaften Gast,   der Geaten Herscher. Da war rasch bereit   des Ringbogigen Herz In den Streit zu stürzen.   Den Stahl zog hervor, 75   Das alte Erbstück,   der edle Kampffürst, Mit bitterer Schneide.   Beide hatten sie Vor einander Furcht,   die feindlich gesinnten. Starkmüthig stand   unter dem starrenden Rand Der Wedern König.   Der Wurm zog sich 80   Rasch zusammen;   gerüstet erharrt' er ihn: Da kam er brennend   in Bogen geschritten, Sein Geschick beschleunigend.   Der Schild barg leider Leib und Leben   dem Leutefürsten Nur kürzere Frist   als der König gewähnt, 85   Als er in der Frühe   des Gefechts mit dem Wurm Zu walten gewillt war;   Ihm beschied es Wurd nicht. Stolz im Streite   streckte die Hand Der Geaten König:   den grausbunten schlug er Mit Ingwis Nachlaß.   Doch abglitt die Schneide 90   Von dem Bein, die braune,   und biß nicht so scharf, Als des bedurfte   im Drang des Kampfes Der bekümmerte König.   Da kam des Berges Wart Nach dem grimmen Schlage   in großen Zorn. Wild warf er Feuer aus,   daß weithin schoß 95   Der Lohe Lichtglanz.   Frohlocken durfte nicht Der Goldfreund der Geaten:   das gute Schwert versagt' ihm Nun in der Noth,   wie es nimmer gesollt, Das edle Eisen.   Aber unleicht geschah es, Daß der berühmte Abkömmling   Ecgtheows 100   Aufgeben wollte   diese Erdgefilde Und mit seinem Willen   andre Wohnung suchen, Wie alle Menschen   doch endlich diese Tage, Die geliehnen, laßen.   Nicht lange währt' es, So maßen sich wieder   die vermeßnen Streiter, 105   Da den Busen blähend   vorbrach der Hortwart Mit neuem Grimme.   Noth erduldete, Von Feuer umfangen,   der einst dem Volk gebot. Nun naht' ihm nicht   der Nothgestallen Schar, Die jungen Edlinge:   nicht um ihn standen sie 110   Zu wehrlichem Kampf;   im Walde gedachten sie Ihr Leben zu bergen.   Einem Biedern nur wallte Der Sinn in Sorgen,   denn der Sippe Macht Weiß nichts zu wenden   dem Wohlgesinnten. 35. Wiglaf.         Wiglaf war es,   Weochstans Sohn, Der liebe Lindkämpe,   ein Lenker der Schilfinge, Aelfhers Verwandter.   Er gewahrte, daß sein König, Unter dem Harnische   Hitze erduldete. 5   Da gedacht er des Gutes,   das er ihm gab vordem: Die wonnige Wohnstatt   der Wägmundinge , Und viel der Volksrechte,   die sein Vater beseßen. Er verhielt es nicht länger,   den Handschild ergriff er, Die gelbe Linde,   und das gute Erbschwert, 10   Das als Eanmunds Nachlaß   die Edlinge kannten, Des Sohnes Ochthers :   in der Schlacht ward ihm, Dem Wonnelosen,   Weochstan zum Mörder. Mit der scharfen Schneide   dem Sippen entführt' er Den braunschönen Helm,   die geringte Brünne 15   Und das alte Eotenschwert,   das ihm Onela gegeben, Seines Verwandten   Waffenrüstung, Das herrliche Heergeräthe.   Seinen Haß besprach er nicht, Obgleich er des Bruders   Geborenen tödtete. Nun behielt er den Hort   der Halbjahre viel, 20   Schwert und Harnisch,   bis sein Sohn vermochte Eorlschaft zu üben   wie einst sein Vater. Kampfgewande gab er ihm   im Geatenreiche, Aller Art unzählige   eh er vom Leben schied, Im Alter von der Erde. 25                                           Das war das erste Mal, Daß der junge Krieger   des Kampfes Sturm Mit seinem Gabengeber   beginnen sollte. Da schmolz ihm weder   der Muth, noch wich ihm Seines Vaters Waffe,   der Wurm empfand es, 30   Als sie sich versuchen   sollten im Kampfe. Wiglaf begann   der Wortreihen viel Und sprach zu den Gesellen   mit jammerndem Sinn: »Mir gedenkt im Gemüth,   als wir den Meth empfiengen Was wir verheißen haben   unserm Herrn und Gebieter 35   Wenn er Ringe uns Recken   reichte im Methsaal, Wie wir gerne die Gaben   ihm vergelten wollten, Die Waffengewande,   würd es ihm Noth, Helme und harte Schwerter.   Aus dem Heere wählt' er uns Zu dieser Ausfahrt   nach eigenem Willen, 40   Weil er uns für gute   Geerkämpfer ansah, Für herbe Helmträger,   wenn unser Herr auch gleich Allein für uns alle   dieß Edlingswerk Zu vollführen gedachte,   des Volkes Hirte, Der von allen Recken   das Rühmlichste wirkte, 45   Die tapfersten Thaten.   Nun ist der Tag gekommen, Da unser Gebieter   des Beistands bedarf Werther Weigande:   nun wohl, laßt uns gehn denn, Und dem Helden helfen   so lange die Hitze währt, Die grimme Glutschauer.   Gott weiß an mir, 50   Daß es mir lieber ist,   wenn meinen Leib allhier Mit meinem Goldgeber   die Glut verschlingt. Eine Schande schien' es mir,   wenn wir die Schilde heim Zu Lande trügen,   eh wir den leidigen Feind hier fällten   und dem Fürsten der Wedern 55   Das Leben schirmten.   Das ließe übel Zu den alten Bräuchen,   sollt Er allein Von den Geatenhelden   den Harm erdulden, Und im Streite sinken.   Uns soll Schwert und Helm, Brünne und Bordschild   beiden gemein sein!« 60   Da rannt er durch den Rauch,   und trug den Rand Dem Herrn zu Hülfe,   der Held, und sprach: »Beowulf, geliebter,   leiste nun Alles Was du vor Jahren   ein Jüngling sprachst: So lange du lebtest,   ließest du nimmer 65   Die Tugend entsinken.   Nun sollst du, Thatberühmter, Viel edler Fürst,   mit voller Macht Dein Leben lösen:   ich leiste dir Beistand!« Nach diesen Worten   kam der Wurm ergrimmt, Der üble Unhold,   zum andern Male 70   In Feuerfluten   die Feinde zu bestürmen, Die leiden Männer.   In lichten Flammen brannte Alsbald der breite Schild;   auch die Brünne konnte Den jungen Geerkämpen   vor der Glut nicht schirmen. Unter des Freundes Bordschild   barg sich der junge Mann 75   In aller Eile,   da ihm den eigenen Die Flamme geraubt.   Des Ruhmes gedachte da Der kriegerische König,   und mit der Kraft Gestrenge Schwang er das Schwert,   daß es am Schädel anstund Durch des Hiebes Nachdruck;   aber Nägling zersprang 80   Und versagt' ihm im Kampf,   die Klinge Beowulfs, Die gute, grauhelle.   Nicht gegeben war es ihm, Daß ihm der Schwerter   Schneiden durften Im Handgemenge helfen.   Die Hand war zu stark, Die jedwedes Kampfschwert,   wie es kund ist Männiglich, 85   Im Streich übernahm,   wenn er zum Streit auch trug Eine wunderharte Waffe;   ihm ward nicht wohler drum! Da gedachte der Bedränger   zum drittenmale, Der frevle Feuerdrache,   des feindlichen Ansturms. Rasch auf den Ruhmvollen,   da er Raum ihm gab, 90   Fuhr er mit Feuergrimm   und umfieng den Hals ihm all Mit bittern Bißen,   daß ihn blutig überspritzte Der rothe Lebenssaft:   er entrann ihm in Wogen. 36. Der Wurm gefällt.         Da erfuhr ich, daß in der Gefahr   des Volksgebieters Der junge Held   Hochsinn bewährte, Kraft und Kühnheit,   angeborene, kund that. Er hütete des Hauptes nicht,   und die Hand verbrannte 5   Der muthvolle Mann,   als nach seiner Macht er half. Dabei traf er tiefer   den tückischen Gast, Der Held im Harnisch,   daß ihm das herrlich geschmückte Waffen in die Weiche drang   und ein wenig nachließ Die grimmige Glut.   Da gewann auch der Geatenfürst 10   Seine Sinne wieder:   er schwang das kürzere Schwert Erbost und erbittert,   das er an der Brünne trug, Und durchschnitt den Wurm,   der Wedern Schirm, Daß er den Feind fällte   und die Feuerwunden rächte. Die Kraft gebrochen   hatten ihm beide so 15   Die gesippten Fürsten.   So sollten sich immer Helden zu Hülfe stehen.   Dem Herscher war das Der letzte Siegkampf,   der ihm leider beschieden war In dieser Welt zu wirken.                                             Die Wunde begann nun 20   Zu schwären und zu schwellen,   die ihm geschlagen war Von des Drachen Feuer.   Da empfand er bald, Daß ein böser Brand   in der Brust ihm wallte Von dem giftgen Geifer.   Da gieng der Edeling Mit weisem Bedacht,   sich an der Bergwand dort 25   Den Sitz zu suchen.   Er sah der Riesen Werk, Wie auf Ständer gestützt   die steinernen Bogen Im Innern das ewige Erdhaus hielten. Da mühte sich der Jüngling,   der ungemeßen gute, Den lieben Gebieter,   den blutüberlaufnen 30   Berühmten König,   den der Kampf ermüdet, Mit Waßer zu laben;   auch löst' er den Helm ihm. Beowulf begann nun,   von dem Blute sprechend Und der todbleichen Wunde;   er wuste genau, Daß er der Zeiten genugsam   genoßen hätte, 35   Der Erdenwonne;   ihm war zergangen Seiner Tage Zahl,   der Tod ganz nahe: »Schenken sollt ich   meinem Sohne jetzt Die Waffengewande,   wäre mir nur Ein Erbe vergönnt,   ein Abkömmling 40   Meines Leibes. – Dieß Land beherscht ich Funfzig Winter.   Kein Volkskönig war, Von allen Umsitzenden   nicht Einer mehr, Der mich mit Heereskraft   heimsuchen durfte, Aengsten und drängen.   In meinem Erbe harrt ich 45   Der Zeitgeschicke,   hielt geziemend das Meine, Uebte nicht Arglist,   nicht Eide schwur ich Jemals mit Unrecht.   Nach dem Allen mag ich mich An Todeswunden siech   des Trostes freuen, Daß der Walter der Völker   mir nicht vorwerfen kann 50   Der Blutsfreunde Mord,   wenn nun bald sich scheiden Leib und Leben.                               »Du lauf nun hurtig Unter den grauen Stein,   den Goldhort zu suchen, Wiglaf, lieber,   da der Wurm nun liegt, 55   Und erschlagen schläft   des Schatzes beraubt. Aber eile dich,   daß ich die alten Kleinode, Die Schätze noch sehe,   erschaue zumal Die schönen Gemmen,   daß ich sanfter alsdann Mein Leben laße   vor dem lichten Golde, 60   Und Land und Leute,   die ich lange beherschte.« 37. Beowulfs Tod.                     Da hört ich, daß schleunig   der Sohn Weochstans Dem verwundeten Herrn   aufs Wort gehorchte, Dem kampferkrankten.   Das Kriegsnetz trug er, Die gestrickte Brünne,   unter des Steines Dach. 5   Da sah er siegesfroh,   als er zum Saale kam, Der kühngemuthe Kämpe,   der Kleinode Menge, Sah das Gold auf dem Grunde   gleißend lagern, An der Wand manch Wunder   und des Wurmes Bette, Des alten Uchtfliegers   Erbkrüge stehen: 10   Gefäße der Vorzeit,   der Füllenden bar, Mancher Zierden beraubt.   Rosten sah man da Manch alten Helm   und der Armringe viel An Schnüren aufgereiht.   Reichthümer soll, Das gleißende Gold   ein Jeder der Menschen 15   Im Herzen verachten:   hüt es wer da wolle! Auch sah er dabei   ein Banner allgülden Ueber dem Horte hangen,   der Handwunder gröstes, Durch Liedstäbe siegreich.   Ein Licht entstralt' ihm, Daß er die Grundflur   gänzlich erkannte, 20   Den Bau überblickte.   Da blieb von dem Wurm Keine Spur mehr zu schauen,   den das Schwert gespaltet. Da hört ich wie den Hort   aus dem Hügel nahm, Das alte Enzenwerk,   der einzelne Mann, Sich Becher und Schalen   in den Busen schob, 25   Und bei sich barg;   das Banner auch nahm er, Das schimmernde Schlachtzeichen,   und das erzgeschuhte Schwert Des alten Erben   (eisern war die Klinge), Der dieser Hortschätze   Hüter gewesen Eine lange Zeit,   und Lohschrecken wirkte, 30   Siedend heißen,   den Hort zu beschützen In Mitternächten,   bis der Mord ihn traf. Rasch war der Recke   der Rückkehr begierig, Von Schätzen geschleunigt.   Er sehnte sich, zu schauen Ob er den kühnen   König noch lebend 35   Im Freien fände,   den Fürsten der Wedern, Wenn auch krank an Kräften,   wie er ihn kürzlich verlaßen. Da fand er den Hehren,   als er die Hortschätze brachte, Im Blute liegen   an des Lebens Ende, Den großen König.   Er begann ihn aufs Neu 40   Mit Waßer zu bewerfen,   bis ihm des Wortes Drang Die Brust durchbrach.   Da sprach Beowulf, Der Greis im Gram,   als er das Gold erblickte: »Dieser Kleinode sag ich   dem König der Ehren, Dieses Horts dem Herrn   der Himmel Dank, 45   Den ich überschaue,   dem ewigen Fürsten, Daß es mir vergönnt war   dem Geatenvolke Vor meinem Scheidetage   den Schatz zu erwerben. Da ich die rothen Ringe   nun redlich bezahlte Mit der Lebensflamme,   so fördert nun Ihr 50   Der Leute Nothdurft;   ich darf hier länger nicht mehr sein. Einen Hügel heißt mir   die Helden erbauen Ueber dem Bühel blinkend   an der Brandungsklippe, Der mir zum Gedächtnissmal   sich meinem Volke Hoch erhebe   über Hronesnäss; 55   Daß die Seefahrenden   ihn schauend heißen Beowulfs Burg,   wenn sie die schäumenden Barken Ueber der Fluten Nebel   fernhin steuern.« Da hob vom Halse   der herzstarke König Den glänzenden Goldring   und gab ihn dem Recken, 60   Dem jungen Geerkämpen   mit dem goldschönen Helm Und Baug und Brünne:   »Gebrauche sie wohl! Du bist der Endesproß   unsres Geschlechts, Der Wägmundinge.   Wurd entführte all Meine Freunde mir,   die Männer der Kraft, 65   Zu der Seligen Saal!   ich soll ihnen folgen.« Dieß war des Erlauchten   letzte Rede Aus gebrochner Brust,   eh er den Brand erkor, Die heiße Lohe.   Vom Herzen wich ihm Die Seele und suchte   der Seligen Urtheil. 38. Der Verzagten Verfehmung.                       Da hatte Jammer   den jungen Mann Völlig befangen   als er vor sich sah Den Geliebtesten liegen   an des Lebens Ende Matt und müde.   Auch der Mörder lag, 5   Der eisliche Erdwurm,   übel getroffen, Des Lebens ledig.   Nicht länger durfte nun Des Ringhorts walten   der geringelte Wurm: Erschlagen hatten ihn   die schneidigen Eisen, Die harten, haarscharfen,   der Hämmer Nachlaß, 10   Daß der Weitflieger,   durch Wunden gestillt, Darnieder geneigt war   nahe dem Hortsaale. Nicht länger die Lüfte   lohend durchbraust er In Mitternächten   auf den Machthort stolz Sich blähend und brüstend:   am Boden lag er, 15   Von des hehren Helden   Händen erschlagen. Das wär im Lande   Wenigen gelungen Der mächtigern Männer,   meines Erfahrens – Ob sie sonst zu Thaten   auch tüchtig wären – Des Giftigen Gluthauch   sich entgegen zu stemmen, 20   Oder in den Hortsaal   mit Händen zu stören, Wenn sie wachend wüsten   den Wächter unten Im Berge geborgen.   Auch dem Beowulf war Sein Theil am Goldschatz   mit dem Tode vergolten. Der Eine wie der Andre   hatte das Ende erreicht 25   Dieses geliehnen Lebens.                                             Nicht lange währt' es nun, Bis die Streitflüchtigen   das Strauchwerk verließen, Der verzagten Zehn   treubrüchige Zunft, Die nicht wagen gewollt   das Waffenspiel 30   In ihres Heerkönigs   harter Bedrängniss. Nun trugen sie voll Scham   die Schilde dahin, Die Streitgewande,   wo der Gestorbne lag Und schauten auf Wiglaf.   Werkmüde saß Der Fußfechter   bei des Fürsten Achsel. 35   Ihn mit Waßer netzend;   doch wirkt' er nichts damit. Er mochte das Leben   dem Leutefürsten nicht Hienieden halten   wie heiß er es wünschte, Noch den Willen wenden   des waltenden Gottes. Sein Machtspruch wollte   über der Menschen Jeden 40   Richten und rathen   wie er räth hinfort. Von dem jungen Helden   war da herbe Antwort Dem leicht zu erlangen,   den der Muth verlaßen. Wiglaf begann da,   Weochstans Sohn, Der harmvolle Held   sah die Verhaßten an: 45   »Wohl mag nun sagen   wer die Wahrheit sprechen will, Daß dieser milde König,   der euch die Kleinode gab, Die Heerrüstung,   in der ihr hier vor ihm steht, Wenn er so manchem   auf der Methbank euch schenkte, Der Hallsitzenden,   Helm und Brünne, 50   Der König seinen Kämpen,   den kühnsten, die er irgend Fern oder nah   zu finden wuste – Daß er gänzlich   sein Gut vergeudet hatte, Als es zum Kampfe kam,   die Kriegsgewande! Da mochte der Volksfürst   seiner Fahrtgenoßen 55   Sich leise rühmen!   Doch verlieh ihm Gott, Der des Sieges waltet,   daß er sich selber rächte Allein mit dem Stahle,   als ihm Stärke Noth war. Nur wenig zu wehren   wust ich sein Leben In dem übeln Kampfe;   doch unternahm ichs 60   Ueber Leibesgewalt   dem lieben Freund zu helfen. Aber schlimmer ward es stäts,   wenn mein Schwert den Feind, Den tödtlichen, traf,   da nur tobender das Feuer Dem Wurm entwallte.   Zu wenig der Schirmer Umstanden den König   als diese Stund ihm kam. 65   Nun soll euch Schatzgabe   und Schwertspende gebrechen, Alle Erbsitzwonne   euerm Geschlecht, Alle Liebe fehlen.   Des Landbesitzes Muß der argen Sippschaft   aller und jeder Verlustig wandern,   wenn die Leute erst 70   Eure Flucht erfahren   in Fern und Nähe, Die treulose That.   Der Tod ist beßer Der Leute Jedem   als solch Leben voll Schmach.« 39. Ongentheow.         Da ließ er über die Klippen   des Kampfes Ausgang Im Gehege melden,   wo der Helden Schar Den morgenlangen Tag   in bangem Muthe saß, Die Bordschildträger,   Beides erwartend, 5   Des Tages Wende   und die Wiederkehr Des geliebten Mannes.   Da ließ unverschwiegen Die Kunde, der über die   Klippen ritt; Wahrhaft sprach er   das Wort vor Allen: »Nun ist der Wedern   Wonnespender 10   An sein Todbett gefeßelt,   der Fürst der Geaten, Bewohnt die Walstatt   durch des Wurmes Thaten. Zur Seite liegt ihm   der Lebensfeind, An Sachswunden siech.   Mit dem Schwerte konnt er An dem Klagenswerthen   in keiner Weise 15   Wunden wirken.   Wiglaf sitzt nun Ueber Beowulf,   der Geborne Weochstans, Edling über Edling,   dem unlebenden, Hält da herzkrank   Haupteswache Bei dem lieben und dem leiden. 20                                                       Das Land erwarte nun Schwere Kriegszeit,   wenn kund erst beiden, Franken und Friesen   der Fall des Königs Wird in der Ferne.   Verfeindet waren wir Hart mit den Hugen,   seit Hygelak kam 25   Mit dem Floßheer gefahren   zu der Friesen Lande, Wo in der Schlacht ihn schlug   der Hetwären Schar, Die eilends mit Obmacht   ihn überzog, Daß der Held in der Brünne   sich beugen muste Und in der Feldschlacht fiel;   er gab hinfort nicht mehr 30   Bauge den Biedern.   Uns blieb seitdem Der Merowinge   Milde verweigert. »Auch vom Schwedenvolke   gesippter Treue Erwart ich wenig.   Es ist ja weithin kund, Wie Ongentheow dem alten   unterliegen muste 35   Hädkynn der Hredling   beim Hrefnawald, Als übermüthig   zuerst heimsuchten Uns Geatenkämpen   die Kriegsschilfinge. Da gab ihm der grimme   Greis den Todesschlag Im Gefecht der furchtbare   Vater Ochthers . 40   Er erschlug den Entführer   und befreite die Schöne, Seine Gattin, der Greis,   die goldgeschmückte, Onelas Mutter   und Ochtherens . Darnach verfolgt' er   die feindlichen Streiter, Bis sie mit genauer   Noth ihm entkamen, 45   Des Herrn beraubt,   ins Hrefnaholz. Da umschloß er mit Scharen   die Schwertentronnenen, Wundenmatten,   oft mit Weh bedrohend Das schmächtige Häuflein   in schauriger Nacht. Als gedächt er sie morgens   mit mordlichem Stahl 50   Zu grüßen, wohl gar   an den Galgen zu hängen Den Vögeln zur Freude.   Doch mit frühstem Tage Ward Trost zu Theil   den Trübgemuthen, Als sie Hygelaks Horn   und Heerposaunen Erhallen hörten,   da der hehre Fürst 55   Mit der Seinen Schar   ihn zu entsetzen kam. 40. Wulf und Eofur.               »Da war die Schweißspur   der Schweden und Geaten Bei der Männer Wuthkampf   weithin sichtbar, Als da die Fehde   die Völker entschieden. Aufbrach der Alte   mit den Angehörigen 5   Vieljammernd der biedre,   ob eine Burg er fände. Ongentheow eilte,   der Earl, der Höhe zu: Er hatte Hygelaks   Heersturm erfahren, Der Starken Streitkraft:   ihm zu stehn getraut' er nicht, Daß er die Seemänner   besiegen könnte 10   Und den Heergängern   den Hort verwehren, Die Frau und Söhne.   Da floh der Greis Hinter den Erdwall.   Ungewinn hatten Die Schwedenleute:   der Sieg war Hygelaks. Wieder flohn sie fürder   zu friedlichem Felde, 15   Als die Hredlinge   ins Gehege drangen. Dort ward Ongentheow,   der altergraue, Mit blankem Schwert   zum Bleiben gestellt, Daß sich der Volksfürst   fügen muste Eofurs Willen.   Ingrimmig traf ihn 20   Wulf der Wonreding   mit der Waffenschärfe, Daß der Schweiß aus den Adern   von dem Schlag ihm sprang Unter den Locken fort.   Doch ließ nicht furchtsam Der greise Schilfing:   er vergalt schleunig Mit schlimmerm Schlage   den schrecklichen Streich. 25   Als sich gegen ihn kehrte   der König des Volks, Da konnte der schnelle   Sohn des Wonred Nicht entgegen schlagen   dem greisen Helden: Der hatt ihm den Helm   am Haupt schon gespaltet, Daß er blutbegoßen   sich beugen muste 30   Zur Erde stürzend.   Doch starb er nicht, Nur schwer verwundet   wälzt' er sich am Boden. Da ließ Eofur,   Hygelaks beherzter Degen, Die breite Waffe,   als sein Bruder lag, Das alte Riesenschwert,   ihm den Riesenhelm 35   Ueberm Schildrand brechen:   da beugte sich der König Zum Tode getroffen,   der Trost seines Volkes. Da fanden sich Viele,   die den Freund zu verbinden Wulf rasch aufrichteten,   als Raum dazu ward, Daß sie des Walfeldes   walten konnten. 40   Dieweil beraubte   Ein Recke den andern: Sie nahmen dem Ongentheow   die eiserne Brünne, Das harte Hilzschwert   und den Helm zumal, Des Haargrauen Heergeräth   Hygelak zu bringen. Der empfieng den Schmuck   und freundlich verhieß er 45   Den Leuten zu lohnen:   das leistet' er so: Jenen Kampfsturm vergalt   der Geatenkönig, Hredels Erbe,   als er zur Heimat kam Dem Wulf und Eofur   mit überreichem Schatz: Die Tapfern lohnt' er   mit hunderttausenden Lands 50   Und geflochtner Ringe:   kein Vorwurf durfte sie Um die Gabe treffen,   die so tüchtig erkämpft war. Dem Eofur gab er   die einzige Tochter Zur Heimsteuer,   seiner Huld zu Pfande. »Das ist die Fehde,   die Feindschaft der Männer, 55   Ihr tödtlicher Haß.   Darum trag ich Sorge, Daß mit dem Heer uns hier   die Schweden heimsuchen, Wenn sie erfahren,   daß unser Fürst und Gebieter Das Leben verließ,   der so lange wider Die Haßer behauptet   Hort und Reich 60   Und nach der Könige Fall   die kühnen Schildinge; Der unser Volksrecht festigte   und vielfach noch Eorlschaft übte.                             »Nun ist Eile gut, Daß wir hingehn die Fürsten   des Volks zu schauen 65   Und rasch ihn bringen,   der uns die Ringe gab, Zur Scheiterburg.   Nicht zu schmelzen braucht Mit dem Kühnen unser Gut:   der Kleinode Hort ist da, Unermeßliches Gold:   wir entgalten es bitter, Und zuletzt mit dem Leben   des lieben Königs 70   Bezahlten wir die Zierden.   Die verzehre der Brand, Verhülle die Glut.   Die Goldringe trage Kein Mann zur Erinnerung,   kein Mägdlein soll sie Am Halse haben   zu holder Zierde. Grammüthig wird nun,   des Goldes beraubt, 75   Bald mehr als Eine   das Elend betreten, Da des Landes Trost   das Lachen aufgab, Scherz und Spiel.   Mancher Sper wird wohl Frühkalt hinfort   mit der Faust umschloßen, In der Hand erhoben.   Kein Harfenklang 80   Wird den Weigand wecken,   sondern der wilde Rabe Der Gefallnen froh   Vieles reden, Dem Adler zu sagen   wie ihm die Atzung glückte, Als er mit dem Wolf   das Walfeld beraubte.« Also sagte da   der schnelle Recke 85   Die leide Märe:   er log nicht viel An Wort noch Weise.   Das Wehrvolk erhob sich Und eilte unfroh   dem Adlerfels zu Mit wallenden Zähren,   das Wunder zu schauen. Da sahn sie ihn am Sande   der Seele beraubt 90   Auf dem Ruhbett rasten,   der Ringe vordem Den Geaten gegeben.   Jetzt war der Endetag Dem Kühnen gekommen,   der kriegerische Fürst, Der Walter der Wedern   wunderbar erlegen. Dort sahen sie auch   einen seltsamen Anblick: 95   Den Wurm der Wüste   wider ihn gekehrt, Den leiden, liegen.   Der Lohdrache war Zu grimmem Graus   von Gluten verschwält. Volle funfzig   der Füße maß er Auf dem Lager an Länge.   Seine Luftwonne hatt er 100   Nächtlich gehalten:   nieder dann war er Zur Tenne gesunken;   der Tod hielt ihn nun: Er hatte der Erdhöhlen   zu Ende genoßen. Neben ihm stunden   Näpfe und Krüge, Teller lagen und   theure Schwerter 105   Vom Rost durchfreßen,   da sie im Felsengrund Tausend der Winter   träge gerastet. Es war das Erbe,   das überreiche Der Vorzeit-Zierden,   mit Zauber gebunden: Untrüglich bestimmten   bis zum Tag des Gerichts 40, 109–113. Diese Zeilen stehen im Original zwischen 41 , 12 und 13; es war sehr gewagt, daß ich ihnen eine andere Stelle angewiesen habe. Schon jetzt erregt mir Bedenken, daß der in ihnen enthaltene Satz im alten Glauben wohlbegründet ist, wonach das Gold den unterweltlichen Mächten gehört, die es sich nicht ungestraft entreißen laßen, wie auch Sigurd nach der Edda den Besitz des Horts mit dem Tode büßt. Doch könnte der letzte Dichter jenen Satz so gewandt haben, daß die Ausnahme, welche die ihm in der neuen Stellung folgenden Zeilen 115 ff. aussprechen, Beowulf zu Gute käme. Denn nach dem Vorausgegangenen nähmen wir doch ungerne an, daß er ein fluchwürdiges, nur durch den Tod zu sühnendes Verbrechen begangen habe, indem er des Hortes willen mit dem Drachen in den Kampf gieng. Mag ihn dieß wirklich bestimmt haben, wie es 37 , 48. 9 und 38 , 22 angedeutet ist und Beowulf 34 , 47 selber sagt, während die andere Auffaßung, wonach es zur Abwehr der Verheerungen des Drachen geschah, einem spätern Dichter gehören wird (vgl. Ztschr. XI. 427): das letzte Motiv steht jetzt einmal im Vordergrund, und wenn, wie nicht unwahrscheinlich, derselbe Dichter, der es erfand, auch die Zeilen 40, 115 ff. dichtete, welche dem mächtigen Gott vorbehalten, seinen Günstlingen den Hort zu erschließen, so müste es verwundern, wenn er unsern Zeilen 109–113 nicht schon selbst die Stellung zugedacht hätte, welche wir ihnen bestimmten. 110   Die hehren Herscher,   die den Hort verbergen sahn, Der Mann wäre   der Meinthat schuldig, Heilthumsverwiesen,   in Höllebanden Zu harten Strafen,   der die Schätze raube; Daher an den Ringsaal   nicht rühren mochte 115   Der Männer Einer,   wenn der mächtige Gott Der wahre Siegkönig,   es nicht selber gönnte (Er ist den Menschen hold)   den Hort zu erschließen Eben solchem Manne,   der gemäß ihn deuchte. 41. Bestattung.         Da ward klärlich kund,   daß es Keinem gedeihen mag, Der da mit Unrecht   will zu eigen haben Verschloßene Schätze.   Erschlagen hatt ihr Hüter Der Menschen Kinder:   die mordliche That 5   Ward grimmig gerochen.   Ist so groß das Wunder, Daß ein erlauchter Held   das Looß muß theilen Aller Erdenwesen?   Nicht ewig mag Ein Mann mit den Seinen   den Methsaal bewohnen. So war es mit Beowulf.   Als er des Berges Hirten 10   Suchte, zu schwerem Kampf,   sah er nicht voraus Was für ein Ende   er finden sollte. Nicht goldgierig war er:   gerner hätt er Des Eigners Gunst   ehedem beseßen. Wiglaf sprach da,   Weochstans Sohn: 15   »Oft müßen Alle   um Eines Willen Uebles ertragen,   wie es Uns zu Theil wird. Nicht bewegen konnten wir   den werthen König, Des Reiches Hirten,   nicht zu rathen war ihm, Daß er nicht grüßen gienge   diesen Goldhüter, 20   Ihn liegen ließe,   wo er lang gehaust, In der Wohnung weilen   bis zum Weltende. Es war unser Schicksal!   Schaut nun den Hort, Den grimmerworbenen!   Das Gift war zu stark, Das den Gebieter so bald   uns entzogen hat. 25   Ich war darinne   und Alles sah ich rings, Das Geräth im Saal,   als mir schon geräumt war, Obgleich nicht so gutwillig   mir der Gang erlaubt ward Unter den Erdwall.   Eilends ergriff ich Mit beiden Händen   eine mächtige Bürde 30   Der Hortkleinode,   sie hieher zu tragen Meinem lieben Landesherrn,   der noch am Leben war, Und wohl bewust:   viel Weises sprach er noch Der bekümmerte Greis.   Euch zu grüßen befahl er, Und bat euch, die Burg 41, 34 – 42, 2. 7. Burg heißt der Scheiterhaufen auch in der Edda (m. Handb. der Myth. 559) und wie dort (Sig. Kw. III., 62. 63.) die Burg mit Zelten und Schilden ( tjöldum ok skjöldum ) umzogen wird, so hier 42 , 3 mit Helmen, Heerschilden und blanken Brünnen. Daraus erklärt sich auch die Schildburg in Sigudrifumal als ein mit Schilden umschloßener Scheiterhaufen. Darum sagt Brynhild in Helreid von Odhin: Er umschloß mich mit Schilden   in Skatalundr, Mit rothen und weißen;   die Ränder schnürten mich; – Um meinen Saal,   den südlich gelegnen, Ließ er hoch des Holzes   Verheerer entbrennen u. s. w. Es scheint, daß aus den Schilden ein Zelt gebildet wurde: dieses Zelt wird in Sigudrifumal Schildburg und in Helreid Saal genannt. So wird auch in Schiffen mit Schilden gezeltet, vgl. die Anm. zur Edda II. Aufl. S. 456, wo aber die Burg noch nicht als Scheiterhaufen begriffen war, während Schilde und Zelte schon richtig erklärt wurden. Mit dem Banner, welches nach Sigudrifumal oben aus der Schildburg herausstand, hatte es dieselbe Bewandtniss, wie in unserer Einleitung S. 5. Z. 3 mit dem goldenen Banner, das dem Skeaf zu Häupten gebunden ward. Es ward damit die Gegenwart des Gebieters oder der Gebieterin angedeutet, wie noch jetzt Aehnliches zu Waßer und zu Lande Sitte ist. Hiemit ist aber auch neues Licht auf die Waffen geworfen, welche Skeaf nach S. 4, 40, 41 umgeben. Da auch Skeaf auf dem Schoofe liegt (im Trierischen und Luxemburgischen heißt der Burgsonntag , wo das Burgbrennen beim Faosens Feuer Statt hat, auch der Schoofsonntag ), so bedeuten die ihn umgebenden Waffen nichts anders als die Helme, Heerschilde und blanken Brünnen, mit welchen Beowulf seiner Feuerburg übergeben wird. Wenn auch köstliche Kleinode nach Z. 42 den Skeaf begleiten sollten, so werden diese dem Beowulf zwar nicht auf den Scheiterhaufen gelegt, wohl aber in den Hügel, der seine Asche empfängt, und ihm zum Todtenmal dient.   auf der Brandstätte 35   Ihm hoch zu erheben   nach des Helden Thaten, Groß und mächtig,   wie unter Männern Er Aller Weigande Würdigster   weithin auf Erden war, So lang er des Burghorts   gebrauchen durfte. Auf denn, eilen wir   zum andern Male 40   Zu sehn und zu suchen   die sinnreichen Kleinode, Die Wunder unterm Walle.   Ich weis' euch hin, Wo ihr nimmer die Augen   genugsam weidet An Baugen und blankem Gold.   Die Bahre derweil Bereitet rasch:   wenn wir zurück kommen, 45   Daß wir unsern Gebieter   dahin bringen mögen, Den lieben Mann,   wo er lange soll In des Waltenden   Gewahrsam bleiben.« Gebieten ließ da   der Geborene Weochstans, Der herrliche Heermann   der Helden Manchem, 50   Der Burggeseßnen,   daß sie die Brandscheite Von fern hinführten   durch das Volk der Knechte, Dem Guten entgegen.   »Nun soll Glut verzehren, Schwarze Lohe schmelzen   der Schlachthelden strengsten, Der oftmals aushielt   die Eisenschauer, 55   Wenn von Strängen geschnellt   der Geschoße Sturm Ueber den Schildwall schlug,   und Schäfte hafteten, Gefiederte Pfeile,   daß er pfriemvoll einhergieng.« Da wählte Weochstans   weiser Sohn Von des Königs Kämpen,   den kühnen Degen, 60   Sich aus den sehnigsten   sieben Gefährten; Selbachter eilt' er   unter das üble Dach. In der Hand hielt   der Helden Einer, Der zuvörderst gieng,   einen Feuerbrand. Da looßten die Helden nicht,   wer das Lager beraube, 65   Als unbehütet   die übrigen Schätze Die Suchenden sahen   im Saale rasten Und verlaßen liegen;   leid wars Keinem, Als sie in Eile   hinaus nun trugen Die theuern Kleinode.   Den Drachen stießen sie, 70   Den Wurm von der Wallklippe,   daß die Woge nähme, Die Flut umfienge   den Pförtner der Schätze. Dann lud man auf Wagen   das gewundene Gold, All ungezählt.   Der Edling ward getragen, Der graue Heldenfürst,   gen Hronesnäss . 42. Leichenbrand und Todtenmal.         Da errichteten rasch   die Recken Geatlands Ihm zur Feuerburg   einen festen Bau, Mit Helmen umhangen   und Heerschilden, Mit blanken Brünnen   wie er gebeten hatte. 5   In die Mitte legten   den erlauchten König Die harmvollen Helden,   den lieben Herrn. An der Burg begannen   der Brandfeuer gröstes Die Weigande zu wecken:   da wand sich der Rauch Schwarz von den Scheiten;   das Sausen der Lohe 10   Verband sich dem Wehruf.   Der Windzug hielt an Bis er das Beinhaus   gebrochen hatte Die Brust durchglühend.   Mit Gramgedanken Beklagten die Kühnen   des Königs Tod. Wieder wirkten   die Wedernkämpen 15   Einen Hügel am Hange,   der war hoch und breit Und den Seebeseglern   sichtbar von fern. Da zimmerten sie   in zehen Tagen Des Kampfberühmten Mal.   Des Königs Asche Umgab eine Wallmauer,   wie es am Würdigsten 20   Sehr weise Männer   ersinnen mochten. Im Bühel bargen sie   Baugen und Edelsteine, Köstliche Kleinode,   die die Kühnen zuvor Enthoben hatten   dem Horte des Wurms; Sie ließen den Edlingsschmuck   die Erde halten, 25   Das Gold den Grieß,   wo es gegenwärtig Ebenso unnütz bleibt,   als es ehedem war. Dann umritten rasche   Recken den Hügel, Der auserwählten   Edlinge zwölf. Sie klagten den Kummer   um den König trauernd, 30   Erhoben Hochgesang,   den Helden zu preisen, Seine Reckenschaft   und ruhmvolle Thaten, Seiner Zucht zum Zeugniss;   wie es geziemend ist, Daß man den lieben Herrn   im Liede verherrliche, Im Herzen feiere,   wenn er hingeschieden 35   Den geliehnen Leib   verlaßen muste. So beklagten die kühnen   Kämpen Geatlands Des Herren Hingang,   seine Heerdgenoßen, Als den würdigsten   der Weltkönige, Der Männer mildesten   und mannfreundlichsten, 40   Der Leuten liebsten   und lobbegierigsten. Erläuterungen. 1. Deutscher Ursprung. Auf den Beowulf haben außer uns Deutschen auch Engländer, Dänen und Schweden Ansprüche. Geltend gemacht sind sie aber nur von Dänen und Engländern; die Deutschen haben nur zu oft gerechte Ansprüche ruhen laßen. Das stellen sie zu ihren Provinzen jenseits des Rheins u. s. w. Was ist auch an einer Provinz gelegen? Und nun gar an einem Gedichte? Jede Messe bringt ja neue und vor der nächsten sind sie vergeßen. Wie sollte an einem Epos ein tausendjähriger Ruhm unseres Volkes haften können? wie sollten die homerischen Lieder der Deutschen, wenn sie endlich aus dem Schutt hervorgezogen wären, dazu beitragen können, unser Selbstbewustsein zu stärken und uns endlich zu einer Nation zu bilden? Mit dem Hervorziehen ist es auch wirklich nicht gethan. Aus dem Schutt der Jahrhunderte in den Staub der Bibliotheken, das ist ein Schritt aus einer Vergeßenheit in die andere: dem Ziele führt er nicht merklich näher. Dieses Ziel ist das Herz der Nation: wenn da einst unsere alte Dichtung ihre Stätte wiederfindet, dann ist Dornröschen aus ihrem Zauberschlaf erweckt, dann stehen die im Berge schlummernden Helden wieder auf, dann schlägt der dürre Baum auf dem Walserfelde aus, dann hängt der alte Kaiser seinen Schild an den grünen Ast, dann wird die Schlacht geschlagen, die auch die letzte unserer verlorenen Provinzen zu Deutschland zurückbringt. Das Gedicht von Beowulf ist in angelsächsischer Sprache überliefert und als Erben der Angelsachsen sind die Engländer wohl berechtigt, es für ihr Eigenthum auszugeben. Aber Angeln und Sachsen waren deutsche Völker und der Schauplatz des Gedichts liegt dießseits der Nordsee, in der Nähe der alten Sitze dieser Völker vor der Eroberung Britanniens, es scheint seiner Grundlage nach ältern Ursprungs als das Volk der Angelsachsen; es ist dann ein anglisches oder sächsisches, kein angelsächsisches Gedicht. Nicht leicht wiegt auch der Dänische Anspruch, der schon am frühsten erhoben wurde, da der erste Herausgeber ein Däne war. Auch konnte sich Thorkelin auf die Eingangsworte berufen, welche wirklich die Verherrlichung der Dänenhelden als Gegenstand des Gedichts bezeichnen. Aber diese Eingangsworte rühren wohl von einem Bearbeiter her, der sich noch nicht tief in das Gedicht hineingedacht hatte, das an mehr als einer Stelle für die Dänen so ungünstig lautet, daß an ausschließlich dänischen Ursprung am wenigsten zu glauben ist. Ich will nur hervorheben, wie Beowulf 9 , 33 [richtig: 36] ff. zu Hunferd dem Dänen sagt: »Nie hätte Grendel   so viel Graus hier verübt, Der arge Unhold,   wider euern Gebieter, Solchen Hohn in Heorot,   wenn das Herz dir wäre, Der Sinn so schwertgrimm,   wie du selber glaubst. Doch befand er wohl frühe,   daß er die Fehde nicht, Die üble Schwertkraft   eurer Leute, Der Siegschildinge (Dänen),   eben zu scheuen braucht. Er nimmt sich Nothpfänder,   Niemand scheut er Der Dänenleute ;   nach Lust bekriegt er sie, Würgt und schändet,   keinen Widerstand Von den Geerdänen fürchtend.   Doch ein Geate soll ihm nun Kraft und Kühnheit   im Kampfe bewähren Ganz unerwartet.« Darum will Thorpe, der neueste Herausgeber, das Gedicht den Geaten zuweisen, dem Volke, welchem Beowulf angehört. Die Geaten oder Gauten wohnten als Nachbarn der Schweden um den Wettersee, wo das heutige Ost- und Westgothland noch von ihnen zeugt; später tauchen sie in dem Schwedenreiche unter. Bis aber einmal Thorpes Hoffnung sich erfüllt, daß das geatische Original noch einst in einer schwedischen Bibliothek zu Tage komme, haben wir keinen Grund, zu Gunsten der Schweden auf unsere Ansprüche zu verzichten. Wenn gleich der Held ein Geate ist, so steht das Gedicht doch dem Charakter der angelsächsischen Poesie viel näher als dem der altnordischen. Dasselbe läßt sich auch von seinem Inhalte sagen, welcher der altnordischen Dichtung ganz fremd ist, nicht so der angelsächsischen. Wer den Beowulf den Schweden zuweisen wollte, müste ihnen auch das Wandererslied und den Kampf vor Finnesburg zueignen, was selbst Thorpe nicht gewagt hat. Am wahrscheinlichsten bleibt daher, daß es anglische Sänger waren, die so viele Sagen ihres und der benachbarten Völker, der Schweden, Geaten, Dänen, Jüten, Headobarden, Hugen, Friesen, Hetweren (Chattuarier) und Franken zu einem großen epischen Ganzen verbanden. Alle die genannten Völker bildeten damals selber ein Ganzes. Der durch Handel und Schiffahrt unterhaltene Verkehr dieser seeanwohnenden Nachbarstämme hatte sie zu einer Gemeinschaft verbunden, die selbst durch gelegentliche Kriegs- und Raubzüge nicht aufgehoben wurde. Sie war schon in der Abstammung gegründet, da sie alle dem großen ingäwonischen Stamme angehörten, welchen Tacitus als am Ocean wohnend bezeichnet, während er die Sitze der Herminonen in die Mitte Deutschlands legt, wonach also dem dritten istäwonischen Stamme nur die dießseitigen Donauufer übrig bleiben. Wie wir ihn mit Zeuss verstehen, so waren die deutschen Nordseeküsten und beide Ufer der Ostsee von ingäwonischen Völkern bewohnt. Auch ist die unserm Gedichte noch bewuste und vielfach in Bezug genommene Abstammung von Ingwi (Ingo) bei den Deutschen im engern Sinne kaum so augenfällig als bei den Völkern Skandinaviens. Dieses rechnet Tacitus noch zu Germanien: es bildete einen Theil Deutschlands, von dem es erst abgerißen ward, als es gelang, das Christenthum auf dem Festlande durchzusetzen, während jene Inselländer dem Heidenthum getreu blieben. Unser Gedicht ist nicht das einzige, welches den großen Kreis der Ost- und Nordseesagen behandelt: auch die viel jüngere Gudrun spielt an diesen nördlichen Küsten von Dänemark bis zur Normandie, sie ist gleichfalls ein Vermächtniss der alten Gemeinschaft der ingäwonischen Völker, und wie wir die Gudrun, weil Dänen und Normannen darin auftreten, nicht einem dieser Völker zuweisen mögen, so wollen wir auch den Schweden den Beowulf nicht abtreten, der sich auf dem gleichen Schauplatz bewegt und wie die Gudrun Zeugniss ablegt von dem an der Ost- und Nordsee einst reich entfalteten germanischen Heldenleben. 2. Germanisches Heldenleben. Kein anderes Gedicht hat uns ein so anschauliches Bild dieses Lebens bewahrt und es ist zu beklagen, daß man es noch so wenig benutzt hat, die nur zu oft angezweifelten Schilderungen des Tacitus aus einheimischen Quellen als wahr und naturgetreu darzuthun. Wir greifen beispielsweise ein einzelnes Capitel heraus. »Im Kampfe,« heißt es Cap. 14, »ist es dem Gefolgsherrn beschämend, Einem seines Gefolges an Tapferkeit nachzustehen; aber auch dem Gefolge eine Schmach, der Tapferkeit des Gefolgsherrn nicht gleichzukommen.« Für den ersten Satz bietet unser Gedicht kaum einen Beleg, denn König Hrodgar, dem einst Heerglück und Waffenruhm verliehen war, ist nun ein Greis, den das Alter gebunden hält; seine Hand ist zu schwach geworden zum Kampf: darum gereicht es ihm nicht zur Beschämung, wenn Beowulf an seiner Statt eine That vollbringt, zu der ihm die Kraft nicht mehr reichte. Gleichwohl gesteht er 7 , 18, es falle seinem Herzen schwer, zu sagen, was er Alles von Grendel erlitten habe, ohne es rächen zu können; aber neidlos darf er es doch ( 24 , 50 ff.) nach Beowulfs doppeltem Siege rühmen, daß dieser Held ein Beßerer denn Er geboren ward. Dagegen empfängt der zweite Satz hier volle Bestätigung. Als Beowulf gegen den Drachen auszog, der sein Land verwüstete, gedachte er es allein mit ihm aufzunehmen und ausdrücklich sagte er 34 , 44 ff. zu seinem Gefolge:         Nicht Euer Werk ists Noch einem Manne gemäß   außer mir allein Wider diesen Unhold   den Arm zu gebrauchen Und wehrlich zu werben. Als er aber im Kampf mit dem Drachen von Feuer umfangen und von seinem guten Schwerte verlaßen, große Noth erduldet, da jammert es seinen Verwandten Wiglaf, Weochstans Sohn, daß seine Gefährten alle in den Wald fliehen, das Leben zu bergen: er selber will seinem Herren beistehen und ermahnt die Andern, ein Gleiches zu thun. ( 35 , 32): »Mir gedenkt im Gemüth,   als wir den Meth empfiengen Was wir verheißen haben   unserm Herrn und Gebieter, Wenn er die Ringe reichte   uns Recken im Methsaal, Wie wir gern die Gaben   ihm vergelten wollten, Die Waffengewande,   würd es ihm Noth, Helm und harte Schwerter.   Aus dem Heere wählt' er uns Zu dieser Ausfahrt   nach eigenem Willen, Weil er uns für gute   Geerkämpen ansah, Für herbe Helmträger,   wenn unser Herr auch gleich Allein für uns alle   dieß Edlingswerk Zu vollführen gedachte,   des Volkes Hirte, Der von allen Recken   das Rühmlichste wirkte, Die tapfersten Thaten.   Nun ist der Tag gekommen, Da unser Gebieter   des Beistands bedarf. Werther Weigande:   nun wohl, laßt uns gehen Und dem Helden helfen   so lange die Hitze währt, Die grimme Glutschauer.   Gott weiß an mir, Daß es mir lieber ist,   wenn meinen Leib allhier Mit meinem Goldgeber   die Glut verschlingt. Eine Schande schien' es mir,   wenn wir die Schilde heim Zu Lande trügen,   eh wir den leidigen Feind hier fällten,   und dem Fürsten der Wedern Das Leben schirmten.   Das ließe übel Zu den alten Bräuchen,   sollt Er allein Von den Geatenhelden   den Harm erdulden Und im Streite sinken.   Uns soll Schwert und Helm, Brünne und Bordschild   beiden gemein sein.« »Schande aber,« fährt Tacitus fort, »und für das ganze Leben ein Vorwurf trifft den, der lebendig den Kampf verläßt, wenn der Gefolgsherr gefallen ist.« In diesem Sinne schilt Wiglaf 38 , 64 seine treulosen Gefährten, die seine Ermahnung überhört haben: »Nun soll euch Schatzgabe   und Schwertspende gebrechen, Alle Erbsitzwonne   euerm Geschlecht, Alle Liebe fehlen.   Des Landbesitzes Muß der argen Sippschaft   aller und jeder Verlustig wandern,   wenn die Leute erst Eure Flucht erfahren   in Fern und Nähe, Die treulose That.   Der Tod ist beßer Der Leute Jedem   als solch Leben voll Schmach.« In diesem Sinne sagt auch im Heliand Petrus zu dem Herrn:         Wenn die Helden dich all, Die Leute dich verlaßen,   doch will ich lebenslang Mit dir dulden   in allen Drangsalen. Wenn es Gott mir gönnt   bin ich gerne bereit, Daß ich dir zu helfen   standhaft beharre. Wenn dich im Kerker auch   mit Ketten enge Die Leute belegen,   ich laße mich nicht schrecken, In den Banden bei dir   verbleiben will ich, Mit dir Lieben liegen.   Wenn sie vom Leben dich Mit des Schwertes Schlägen   zu scheiden gedenken, Mein Fürst, mein guter,   ich gebe mein Leben Für dich im Waffenspiel. Und noch deutlicher sagt Thomas, gleichfalls im Heliand:         Das ist des Degens Ruhm, Daß er seinem Fürsten fest   zur Seite stehe Und standhaft mit ihm sterbe. »Ihn, den Gefolgsherr,« heißt es weiter, »zu vertheidigen und zu schützen und auch eigene Heldenthaten Seinem Ruhm anzurechnen, ist die heiligste Pflicht.« Auch dieser Pflicht gedenkt Wiglaf, wenn er in derselben Strafrede sagt: Da mochte der Volksfürst   seiner Fahrtgenoßen Sich leise rühmen!   Doch verlieh ihm Gott, Der des Sieges waltet,   daß er sich selber rächte Allein mit dem Stahle   als ihm Stärke Noth war. Nur wenig zu wehren   wust ich sein Leben In dem übeln Kampfe;   doch unternahm ichs Ueber Leibsgewalt   dem liehen Freund zu helfen. Aber schlimmer ward es stäts,   wenn mein Schwert den Feind, Den tödtlichen, traf,   da nur tobender das Feuer Dem Wurm entwallte. »Die meisten jungen Edlinge ziehen, wenn Frieden und Ruhe in der Volksgemeinde, in welcher sie geboren sind, die Thatkraft lähmt, von freien Stücken zu den Völkern, bei welchen es gerade Krieg giebt, denn sie lieben die Ruhe nicht und leichter erwerben sie in Gefahren Glanz und Ruhm; auch mögen sie nur durch Kampf und Krieg ein großes Gefolge beisammen halten.« Für diesen Satz brauche ich nur auf Beowulf hinzuweisen, der ein Neffe des Geatenkönigs Hygelak dem Dänenkönig zu Hülfe zieht, weil er hier Gelegenheit findet, seine Kraft im Kampf zu erproben und seinen Ruhm zu mehren; 7 , 2. 5. Auch seinem Gefolge kommt, wie wir sogleich sehen werden, dieser Zug zu Gute. »Von ihres Gefolgsherrn Milde erwarten sie etwa jenes Kriegsross oder jene blutige sieghafte Framea.« Ross und Framea sind hier nur beispielsweise ausgehoben: vollständiger werden am Schluß des folgenden Capitels diese fürstlichen Gaben aufgezählt: »erlesene Streitrosse, herrliche Waffen, Pferdeschmuck und gewundene Ringe.« So giebt Hrodgar dem Beowulf 15 , 30, ff. ein golden Banner, ein herrlich Heerzeichen, dann Helm und Brünne, und ein köstliches Kampfschwert. Dazu läßt er ein Achtgespann edler Rosse, deren Kopfgeschirre Goldbleche schmückten, in den Vorsaal ziehen, und auf Einem der Rosse lag ein schatzbunter Sattel, dessen sich bisher Hrodgar als Heerseßels bedient hatte, wenn er in die Schlacht geritten war. Auch jedem der Gefährten Beowulfs gab Hrodgar noch manches Kleinod, und den Einen derselben, welchen Beowulf im Dienste des Königs eingebüßt hatte, läßt ihm dieser mit Gold aufwägen. Aber als sollte auch die letzte der von dem Römer aufgezählten Königsgaben nicht fehlen, empfängt Beowulf 18 , 7 ff. von der Königin außer zwei Armzierden und andern Ringen noch die gröste aller Halsspangen, von der man je bei den Völkern der Erde vernommen hatte. Jene Halsspange schenkte Beowulf später der Hygd, der Gemahlin Hygelaks, seines Herrn, und fügte noch drei Pferde jenes Achtgespanns hinzu; vier andere hatte er nebst andern Gaben Hrodgars dem Hygelak selbst gegeben, so daß er nur eins für sich behielt. Diesen schönen Zug, daß auch der Dienstmann den Herrn mit den Erträgen seiner Siege schmückt, hatte Tacitus noch vergeßen; aber liegt er nicht schon in den Worten, eigene Heldenthaten dem Ruhme des Herrn anzurechnen sei die heiligste Pflicht? 3. Hygd und Offa. Auf die Gemeinschaft der ingäwonischen Völker deutet es auch, wenn Hygd, die wir so eben als Gemahlin Hygelaks nannten, nach dem Tode dieses Geatenkönigs sich dem Offa vermählt, dem König der Angeln. Ausdrücklich hebt der Dichter den Ruhm Offas hervor und wie er durch Weisheit sich der Ahnen Erbe erhalten habe. Dieß wird uns durch das Wandererslied bestätigt, wonach Offa fast ein Knabe noch das gröste der Königreiche erfochten haben soll. Bei Fifeldore habe er den Myrgingen die Grenze gewiesen und wie Er mit dem Schwert es erfochten, so sei es fortan zwischen Angeln und ihren Nachbarn den Myrgingen gehalten worden. Nach unserm Gedichte ist Offa der Sohn Garmunds; er selbst aber zeugt mit der Hygd den Eomär. Die angelsächsische Stammtafel von Mercia läßt auf Wärmund Offa folgen, schiebt aber zwischen diesen und Eomär noch Angeltheow ein. Saxo, der Eomär nicht kennt, erzählt ausführlich, wie Uffo (Offa) den Angeln die Grenzen gegen die Sachsen erfochten habe. Er war in der Jugend trägen Geistes wie ein Gleiches von Beowulf ( 30 , 40–46) gemeldet wird und wie dieser epische Zug noch bei andern berühmten Helden begegnet. Erst als sein im Alter erblindeter Vater von einem benachbarten Fürsten bedrängt wird, ihm sein Reich abzutreten oder dessen Sohne einen Kämpfer entgegenzustellen, da löst sich ihm, der bisher stumm gewesen, der Zunge Band: er erbietet sich, nicht nur den feindlichen Königssohn, sondern auch dessen Gefährten im Kampf zu bestehen. Der blinde König will nicht glauben, daß es sein Sohn sei, der so gesprochen habe; er muß, um sich zu überzeugen, ihm erst Antlitz, Brust und Arme mit den Fingern begreifen. Bekannt ist es dann, wie er während des Kampfes, der auf einer Eiderinsel Statt hat, sich über die Brücke lehnt, um sich, wenn sein Sohn erliegt, hinabzustürzen, denn er kann dessen Fall und den Verlust seines Reichs nicht überleben. Da vernimmt er den bekannten Schall seines Schwertes Skrepp, der ihm Uffos Sieg verkündet. Zwar hat dieser jetzt noch einen zweiten Feind zu bestehen; als aber auch dießmal der vertraute Schall seines alten Schwertes ihm die Siegesbotschaft bringt, da bricht der greise Angelnkönig in Freudenthränen aus. Einige Züge dieser anglischen Heldendichtung hat Uhland seiner Romanze der blinde König eingewebt. Daß sie einst hochberühmt war, geht daraus hervor, daß sie Saxo seiner dänischen Geschichte einverleibte und Matthäus Paris sie auf den gleichnamigen historischen König von Mercia, den Zeitgenoßen Karls des Großen, überträgt. Er giebt aber unter dem Scheine, von zwei verschiedenen Königen des Namens Offa zu erzählen, die beide schon in England geherscht hätten, nichts als zwei Varianten der alten Sage des anglischen Offa, die mit dem Volke der Angeln in Britannien eingewandert war. Der neue mercische Offa hieß eigentlich Winefrid, und seine Gemahlin, die an Hygds Stelle getreten ist, Cynethryd. Nur in der zweiten Variante entspricht ihr Charakter dem der Hygd , wie wir sie aus unserm Gedichte kennen lernen. Doch kann, wenn die erste sie liebenswürdig darstellt, auch hiefür im Beowulf 27 , 68 ein Anhalt gefunden werden, wo sie als Offas Gemahlin Hochliebe zu ihm gehegt haben soll. Wenn aber die zweite Variante sie auf einem steuerlosen Schiff an die englische Küste treiben läßt, so erinnert dieß an unser Gedicht nicht bloß, weil in der Einleitung von Scild Scefing ein Gleiches gemeldet wird; auch die 27 , 63 ff. über Hygd gebrauchten Worte, »als sie Offas Wohnung über die falbe Flut im Schiffe suchte,« stimmen auffallend zu der Meldung des Chronisten. 4. Scild Scefing. Daß zwischen deutschen und skandinavischen Völkern noch kein schroffer Gegensatz waltete, sehen wir auch aus der so eben erwähnten Sage von Skild Skefing. Der Beiname Scefing bezeichnet den Scild als Sohn des Scef oder Sceaf, und von Skeaf wird sonst erzählt, was wir hier von seinem Sohne Scild berichtet finden. Der Grund der Uebertragung aus Scild ist deutlich: von Scild oder Skiöld stammte das dänische Königsgeschlecht der Scildinge oder Skiöldunge ab, die als Schiltunge auch in deutschen Sagen erscheinen. Für den dänischen Ursprung der Mythe von Skeaf läßt sich auch anführen, daß wir sie bei den lateinischen Chronisten mehrfach auf das dänische Schonen bezogen finden und Sciöld FMS S. 239 Skânunga godh heißt. Nach dem Wandererslied herschte aber Sceaf über die Langobarden und Müllenhoff hat Zeitschr. VII, 417 den anglischen Ursprung der Sage dargethan, auch haben wir sie so eben, wenn auch nur in einem Nachklange, in dem von den Angeln gestifteten Mercien wiedergefunden. Einige jener lateinischen Chronisten laßen den Knaben in Schleswig, der Hauptstadt des alten Angeln, landen, ja nach einem derselben sollen die Sachsen von ihm benannt sein; auch heißt es von Scild (Kemble IV) iste primus inhabitator Germaniae fuit. Werden wir so auf das engere Deutschland gewiesen, so läßt sich auch nicht verkennen, daß sich dieselbe Sage auch am Niederrhein und an den Rhein- und Scheldemündungen von Nymwegen bis Valenciennes in vielfachen Gestaltungen festgesetzt hat. Schon Tacitus scheint nach dem was er Germ. c. 3. über Ulyxes berichtet, von ihr vernommen zu haben. Auch Odysseus landete schlafend wie Skeaf und der Schwanenritter; er kam aus dem Lande der Todten: Kalypso ist wörtlich, ja buchstäblich die nordische Hel, die personificierte Unterwelt, und Asciburgium bedeutet die Schiffsburg von Ask, der gehöhlten Esche, von der auch die Ascomannen genannt waren. (Handb. der Myth. 370); was es aber mit dem Schiffe auf sich hat, wird sich bald zeigen. Daß auch der Schwanenritter aus der Unterwelt, dem Seelenlande kam und dahin zurückkehrte, sehen wir aus dem Wartburgkriege, wo er von Artus ausgesendet wird, der im Berge nachlebt mit Juno und Felicia Sibyllen Kind. Felicia ist Frau Saelde und der Berg die Unterwelt, der älteste Aufenthalt der Götter. Das ist auch der Grund, warum die Frage nach seiner Herkunft verboten war: als sie dennoch geschieht, scheidet er hinweg in demselben Kahne, worin er gekommen war. Der Kahn ist von einem Schwane gezogen: dieser ist der Schwanenrittersage eigenthümlich, deutet aber wieder auf die Unterwelt. In dem Brunnen der Urd (Wurd), der Norne der Vergangenheit und des Todes, nähren sich zwei Schwäne und von ihnen kommt das Vogelgeschlecht dieses Namens. Edda D. 16. Auf den Schwan legten die Angelsachsen Eide ab, wie die Alten bei dem Styx schwuren, die Nordländer (und wie Woeste Zeitschr. für Myth. I. 396 nachweist, auch die Deutschen) bei Ullers Ring. Uller war aber, wie Handb. d. Myth. S. 337 gezeigt ist, der unterweltliche Odhin. Ueber die Beziehungen des Schwans zur Unterwelt oder zum Seelenlande vgl. Mannhart Germanische Mythen 342 und W. Müller Germania I. 421. Die Seelen der Verstorbenen pflegen als Schwäne zu erscheinen und so faßt auch das flämische Volksbuch von dem Schwanenritter den Schwan, der das Schiff zieht. Auf Rügen vertritt der Schwan die Stelle des Storchs: man sagt, daß er die Kinder bringe. Von dem Schwan weiß die Sage von Skeaf noch nicht; aber das steuerlose Schiff, das Winden und Wellen überlaßen ist, läßt keinen Zweifel darüber, woher er kam und wohin er fuhr. Was das letzte betrifft, so wird man nicht leicht verkennen, daß bei seinem Hinwegscheiden das Todtenland sein Ziel war; sogar noch die Worte unseres Liedes ( Einleitung  52), Niemand wiße, wer die Ladung des Schiffes empfangen habe, laßen sich dahin deuten: die heilige Scheu vor der Unterwelt gebot in so geheimnissvoller Weise von ihr zu sprechen, dieselbe Scheu, um derentwillen auch der Schwanenritter nicht nach seiner Herkunft gefragt sein wollte. Es ist bekannt genug, daß man Leichen in Schiffen beisetzte und den Wellen übergab. Handb. S. 368. Mannhart Germ. Mythen 357 ff. Skeaf lag auf dem Schaub, dem manipulus frumenti, dem Bündel Stroh (Müllenhoff Sagen, Märchen und Lieder S. 4), von dem er den Namen hat, wie die Chronisten ausdrücklich melden. Auf dem »Schoof« liegen heißt am Niederrhein gestorben sein , weil es Sitte war, die Todten auf ein Schaub Stroh zu betten. Wenn dieß zu dem Beweise genügt, daß Skeaf, als er heimkehrte, zum Todtenlande fuhr, so bleibt eins noch darzuthun, daß er auch aus dem Seelenlande kam. Skeaf lag auf dem Schaub, nicht bloß als er heimfuhr, schon als er ankam. Damals war er noch ungeboren , wie es Einl. Z. 46 ausdrücklich heißt, so sehr man sich auch gesträubt hat, diesen deutlichen Sinn des Wortes umborwesende gelten zu laßen, obgleich man zuletzt zugestehen muste, daß es dem valde recens puer der Chronisten entspricht. Ungeboren und gestorben steht sich mythisch gleich: die Unterwelt ist die Quelle alles Lebens wie auch alles Leben dahin zurückkehrt. Das Kind, das der Storch bringt, ist noch nicht geboren, so lange der Storch es im Schnabel hat: erst wenn er es der Mutter in den Schooß legt, kommt es zur Geburt. So galt auch Skeaf noch für ungeboren, so lange er im Schiffe auf dem Schaube lag: erst als das Schiff landete und die Leute des Landes ihn für ein Wunder aufnahmen, schien er zur Geburt zu kommen. Zu Schiffe werden nicht bloß die Todten der Unterwelt zugesandt, zu Schiffe kommen auch die neugeborenen Kinder. Mannhart a. a. O. 370. Rochholz Schweizersagen I. 51. In Cortryk kommen die Kinder, statt mit dem Storch oder aus dem Kinderbrunnen, zu Schiffe herbei. Wenn die Kinder fragen: Moder, wennehr kopen wy een Kindje? so antwortet die Mutter: Het Schip zal weldra kommen, dann zult gy een Züsterken hebben. Wolf Beitr. I. 164. Vgl. Mein Kinderbuch Nr. 154, 155. Dubbedubbedub, minge Mann es kumme, Dubbedubbedub, wat hät hä brahd? Dubbedubbedub, en Schef voll Junge, Dubbedubbedub, datt es kott Waar. Die mythische Vorstellung, daß das Schiff die neugebornen Kinder bringe, liegt auch dem Weihnachtsliede zu Grunde, das sich an Taulers Namen knüpft: Es kommt ein Schiff geladen Bis an den höchsten Bord, Trägt Gottes Sohn voll Gnaden u. s. w. Der Annahme, daß Skeaf aus dem Seelenlande komme und dahin zurückkehre, widerspricht es nicht, daß er mit Waffen und Schätzen umgeben ist. Waffen und Schätze gab man den Todten mit, und sowie der Schaub, die Bausche Stroh, die eigentlich nur dem ins Todtenreich zurückkehrenden Helden zu gehören scheint, auf den noch ungeborenen übertragen ist, wie sie beide auch schon durch das Schiff gleichgestellt sind, das sie brachte und wieder hinwegführte, so mögen Waffen und Schätze ursprünglich auch nur dem heimkehrenden Helden gehört haben, aber auf den anlandenden übertragen sein. 5. Beaw und Heremod. Wer war nun Skild oder Skeaf und zu welchem Zwecke ward er ausgesandt? Die erste Frage läßt unser Gedicht unbeantwortet, und doch muß er ein Gott oder der Sohn eines der höchsten Götter gewesen sein, da er sowohl im Norden als bei den Angelsachsen, wie Götter pflegen, an der Spitze königlicher Geschlechtsreihen steht. Wirklich nennt die Skalda c. 43 den Skiöld, von dem die Skiöldungen stammen, einen Sohn Odhins, und schon oben fanden wir ihn Skânunga godh genannt. Die spätere christliche Zeit muste dieß freilich tilgen, aber dennoch sind Spuren stehen geblieben. Vergleichen wir die wesentlich identische Schwanenrittersage, so war Lohengrin von Artus ausgesendet, der mit Juno im Berge wohnte. Deutlich ist hier Artus an Odhins Stelle getreten wie Juno an Friggs oder Rindas. Sie wohnen im Berge, wie sich Odhin nach Sigurdarkwidha II, 18 (M. Edda 193) den Mann vom Berge nennt. Nach späterer Vorstellung wohnen zwar die Götter im Himmel, aber noch nach Grimnismal 42 bringt Odhin acht Nächte, d. h. acht Wintermonate hei Geirrödh in der Unterwelt zu, während Uller im Himmel seine Stelle vertritt. Vgl. Handb. S. 337. Daß Lohengrin Artus Sohn gewesen wäre, wird uns freilich nicht gemeldet, aber im Parzival, wo das Königreich des Grals an die Stelle der Unterwelt tritt (Handb. 370), ist Lohengrin der Sohn Parzivals, des Herrn des Grals. Wenn hienach Skeaf selbst noch in seiner Verjüngung als Schwanenritter der Sohn der höchsten Götter ist, so stimmen hiemit die angelsächsischen Stammtafeln in sofern nicht ganz als sie Skeaf auf Herimôd folgen laßen. Denkt man zwar hierbei an den Hermôdr der jüngern Edda, der Odhins Sohn heißt, so könnte Skeaf immer noch ein Gott sein: wenn auch nicht Odhins Sohn doch sein Enkel. Es ist aber wohl nur an den Heremôd unseres Gedichts zu denken, der kein Gott, höchstens noch ein göttlicher Held ist. Ohne Zweifel fällt er zusammen mit dem Hermôd des Hyndlulieds, der Str. 2. Er gab Hermôdur   Helm und Panzer, Ließ den Sigmund   das Schwert gewinnen. gerade so mit Sigmund zusammengestellt wird wie in unserm Liede XIII , 75 Heremôd. Ich weiß mir dieses Zusammenstimmen nur so zu erklären, daß dem Verfaßer des Hyndlulieds unser Gedicht oder doch aus den Liedern, welche ihm zu Grunde liegen, die betreffende Stelle bekannt war. Wie in unserm Gedichte Heremôd dargestellt ist, so hatte er einst den Erbsitz der Schildinge beseßen 13 , 87, vgl. 24 , 66. 62. Er selbst kann aber kein Schilding gewesen sein, da wir deren Geschlecht übersehen, in welchem nirgend Raum für ihn ist. Da aber sein Name in jenen angelsächsischen Stammtafeln unmittelbar vor Skeaf steht, dessen Vater er doch nicht gewesen sein kann, so ist er wohl mit Bouterweck Germ. I. 396 nur als sein Vorfahr im Reich zu faßen. In der Jugend durch Gottes Gunst über alle Helden erhoben war er im Alter so unmilde und blutgierig geworden, daß ihn die eigenen Leute verließen. Nach dieser Schilderung ist er wohlgeeignet, in der Skeafsage die Stelle einzunehmen, welche in der Schwanenrittersage Friedrich von Telramund oder der Graf von Frankenburg spielt. Gegen ihn mochte Skeaf ausgesendet sein und nur das könnte befremden, daß ein Knabe, der nach den angelsächsischen Chronisten recens natus war, in unserm Gedichte (bis zur Landung) noch ungeboren heißt, einen Zweikampf gegen einen ruhmreichen Helden bestehen sollte. In der Schwanenrittersage geschieht dieser Zweikampf unmittelbar nach der Landung, wenigstens liegen nicht Jahre dazwischen. So könnte auch hier der Kampf nur gleich nach Scilds Landung gedacht werden, denn die Jahre der Mannbarkeit hätte ihn Heremôds Blutgier in seinem Lande nicht erreichen laßen. Man wird uns einwenden, weder die Chronisten noch unser Gedicht wüsten von einem solchen Zweikampf. Das ist begreiflich, entgegne ich, denn daß ein neugeborener Knabe einen Zweikampf bestehe, ist in der Geschichte wie in der Heldensage geradezu unmöglich. Wir haben aber gesehen, daß Skeáf keine geschichtliche Person und selbst mehr als ein göttlicher Held war. Er ist ein Gott oder eines Gottes Sohn, und in der Göttersage ist der Kampf eines neugeborenen Knaben weder unerhört noch unmöglich. Um bei der deutschen Mythologie zu bleiben, so bietet schon diese ein Beispiel eines solchen Kampfes dar. Einnächtig fällte Wali den Hödhr, den Mörder seines Bruders Baldur. »Nur Eine Nacht alt gedenkt er des ungesühnten Blutes und schreitet zum heiligen Werk der Rache.« Handb. 92. So heißt es in der Wegtamskwidha 16: Rinda im Westen   gewinnt den Sohn, Der einnächtig, Odhins   Erbe, zum Kampf geht. Er wäscht die Hand nicht,   das Haar nicht kämmt er Bis er zum Holzstoß brachte   Baldurs Mörder. Wegen dieses Zweikampfs, den sie beide Einen Tag alt bestehen, halte ich den eddischen Ali oder Wali und den angelsächsischen Sceaf oder Skild für Eine Person. Sie treffen auch in einem Beinamen zusammen, den sie beide führen. Skeaf hieß, wie wir sehen werden, auch Beaw, und Wali wird bei Saxo Bous genannt, was altnordisch Bûi wäre und mit dem angelsächsischen Beaw oder Beow stimmt. Vgl. Müllenhoff a. a. O. 411. Die Namen Ali, Wali und Bûi sind Handb. 338 erklärt: Ali als der segenspendende Frühlingsgott, der die dunkle Jahreshälfte, die in Hödur vorgestellt ist, beendigt und die neue schöne Jahreszeit herbeiführt; Wali als der Gott des Glücks und Wohlstands, der dem neuen Frühling verdankt wird; Bûi endlich als das wieder baulich gewordene Land im Gegensatz zu Rinda, der hartgefrornen Erde. Nach der Edda ist es Hödhr, den Wali einnächtig erschlägt, nicht dessen Bruder Hermôdhr: dieß scheint unserer Auffaßung entgegenzustehen. Allein Hermôdhr ist wohl nur ein anderer Name für Hödhr und gerade der, unter dem dieser Gott den Angelsachsen bekannt war. Sehen wir von Wali (Bûi oder Beaw) als dem Rächer Baldurs ab, so sind es eigentlich nur zwei Brüder, Baldur und Hödhur, welche die beiden der Zeit nach gleichen, dem Lichte nach ungleichen Hälften des Jahrs bedeuten. Tacitus hatte von ihnen vernommen: er nannte sie Germ. c. Alces und verglich sie mit Castor und Pollux. In unsern Sagen, den Nachklängen der Mythen, werden diese beiden Brüder »bald als Freunde bald als Feinde, bald zum Verwechseln ähnlich bald höchst ungleich geschildert, der eine schön, der andere häßlich, der eine weiß, der andere schwarz« (Handb. 342). Statt dieser beiden nimmt aber die Edda auffallender Weise dreie an, indem sie den Hermôdr hinzufügt, was auf eine Störung der Ueberlieferung deutet. Jene beiden Brüder, Balder und Hother, lernen wir aus Saxo als feindlich kennen und wenn sie nach der Wöluspa in der verjüngten Welt Hand in Hand aus Hels Hause zurückkehren, so gehen sie sich doch nirgends jenen sonst in Mythen und Sagen herkömmlichen Beweis der Freundschaft, der darin besteht, daß Einer für den Andern die Schrecken des Todes überwindet. Dieser in der griechischen Mythe nicht vermisste Zug fehlt indessen hier keineswegs ganz, nur ist er auf den dritten Bruder, Hermôdr übertragen. Dieselbe Faßung des Mythus dürfen wir aber bei den Angelsachsen nicht voraussetzen: ihnen waren vielleicht wie dem Saxo nur die beiden Brüder bekannt, welche das zunehmende und abnehmende Licht oder die dunkle und lichte Jahreshälfte bedeuteten; sie nannten sie aber Bäldäg und Heremôd. In unserm Gedicht ist Heremôd wie im Hyndlulied kein Gott mehr, nur noch ein göttlicher Held. Da aber sein Gemüth sich immermehr verfinstert, so ist er nicht ungeeignet, für einen epischen Nachklang des göttlichen Wesens zu gelten, in welchem einst die dunkle Seite des Jahrs (von der Sommersonnenwende bis zum Julfest, Weihnachten) angeschaut wurde. Wali, an dessen Stelle bei den Angelsachsen Skeaf tritt, bedeutet als Baldurs Rächer das nach dem Siege über das Dunkel der winterlichen Jahreshälfte im Frühjahr wiederkehrende Licht. Den Zweikampf, in welchem dieser Sieg von dem einnächtigen Göttersohn erfochten wird, konnte die angelsächsische Sage nicht berichten, weil sie zur Heldensage herabgesunken, ja in den Stammtafeln bereits historisiert ist. Die fränkische Sage wuste wahrscheinlich niemals davon, daß der Rächer Baldurs den Kampf mit dessen Mörder einnächtig bestanden habe: sie hatte ihn stäts erwachsen gedacht: darauf läßt sowohl die Meldung des Tacitus über Ulyxes als die Schwanenrittersage schließen. In beiden wird ein Kampf angenommen: Odysseus hat die Freier zu bestehen; der Schwanenritter einen Grafen. Aber sie kämpfen ihn erwachsen; nur die angelsächsische und nordische Sage wißen von dem neugeborenen Knaben. Betrachten wir jetzt die angelsächsischen Stammtafeln näher, so finden wir folgende Reihe, welcher wir die entsprechende unseres Gedichts zur Seite stellen: Heremôd       Heremôd Sceáf       Scéf Sceldwa       Seyld Beaw       Beow(ulf) Taetwa       (Healfdene). Was von Sceáf bis Taetwa Zeugungen scheinen, das waren eigentlich, wie das auch von Müllenhoff 414. 418 angenommen wird, nur »Prädicate« eines und desselben Gottes: »der Mythus ist in seine einzelnen Momente zerlegt und auf mehrere Personen vertheilt.« Skeáf hieß der noch ungeborene Wali, weil er vor der Geburt wie einst nach dem Tode auf dem Schaube liegend gedacht wurde. Der Grund, warum er den zweiten Namen Scelvwa = Scyld führte, ist bei den Angelsachsen nicht zu finden; nur die nordische Mythe giebt darüber Auskunft, wenn auch nicht bei Skiöld, doch bei Uller. Nach Skalda c. 14 und 49 hieß Uller Schild-As ( Skialdar-ás ), und der Schild Ullers Schiff, ohne Zweifel weil er sich seines Schildes als eines Schiffes bediente wie jene kühnen Allemannen bei Ammianus Marcellinus 16, 12, die in Ermangelung eines Schiffes auf ihren Schilden über den Rhein setzten. So war vielleicht auch Skild, wie schon Wackernagel Zeitschr. IX, 574 vermuthete, nach älterer Darstellung statt des Schiffes auf einem Schilde gekommen. Oder waren die Schilde in älterer Zeit Schiffen gleich gebildet? Saxo bekanntlich erzählt von Ollerus (Uller), er habe einen Knochen so zu bezaubern verstanden, daß er sich desselben als eines Schiffes bedienen konnte. Aus Knochen von Pferden und Rindern wurden kleine schildartige Kähne gebildet, die man an die Füße schnallte als Schrittschuhe und Waßerschuhe. Vgl. Handb. 338. Von dem dritten Namen Beaw wißen wir schon, daß er dem Bous (altn. Bûi) des Saxo entspricht. Er giebt diesen Namen dem sonst Wali genannten Sohne der Rinda, der Baldurs Tod an Hödhr (Hermodr) zu rächen bestimmt ist. Varianten der Stammtafeln nennen den Beaw auch Beow und Beowinus, was ich nur für eine Ableitung von Beaw oder Beow halte, während es andere für Zusammensetzung erklären und als Freund des Beaw verstehen. Wenn unser Lied für Beaw Beowulf setzt, so sehe ich dieß für einen sinnstörenden Schreibfehler an, der aber in einem Gedichte, dessen Held Beowulf hieß, leicht erklärlich ist. Der Schreiber, der Beow in seiner Vorlage fand, mochte dieß für eine Abkürzung von Beowulf ansehen, und sich für berechtigt, ja verpflichtet halten, es voll aus zu schreiben. Nur wenn der Held unseres Gedichtes, dem der Name Beowulf wirklich gebührt, auf Wali zurückgeführt werden könnte, ließe sich I . 1 die Lesart Beowulf Scyldinga rechtfertigen. Den Skeaf für Wali zu halten, hat mich Müllenhoff gelehrt, der Zeitschr. VII, 418 zunächst an diesen zu denken versucht schien, sich aber dabei schon darum nicht hätte beruhigen dürfen, weil er an dem überlieferten Texte festhaltend beide darin vorkommenden Beowulfe nur auf denselben Gott deuten konnte. Aehnlich verhielt es sich auch, um mir hier selber vorzugreifen, bei jenem Beowulf, welcher unserm Gedichte den Namen giebt; auch diesen schien er 426. 439 als Donar (Thôr) erkannt zu haben; aber schon weil jener Beaw der Stammtafeln, der in unserm Gedicht gleichfalls Beowulf hieß, auf Thôr nicht zu beziehen war, konnte ihm nur ein Gott genügen, in welchem beide Beowulfe unseres Liedes vorgebildet schienen, und da bot sich ihm Freyr an, der ihm sowohl den Wali als den Thôr verdrängte. Weil aber nach unserer Ansicht das Gedicht nur Einen Beowulf kennt, und Beaw mit Beowulf nichts zu schaffen hat, so sind wir nicht abgeneigt, noch immer den einen wie den andern auf die Götter zu deuten, welche zuerst Müllenhoffs Scharfsinn in ihnen erkannte. Der vierte Beiname Taetwa, der einem hochdeutschen Zeizo ( tener ) entsprechen würde, könnte für den Göttersohn, der im zartesten Alter den Zweikampf besteht, nicht glücklicher gewählt sein. 6. Beowulf. Auch die dem ersten Theile unseres Gedichts zu Grunde liegende Ueberlieferung von Beowulfs Kampf mit Grendel und seiner Mutter, muß einst in Deutschland sehr bekannt gewesen sein, da sie in der Heldensage, in Märchen und Cultusgebräuchen Spuren hinterlaßen hat. Den Namen Beowulf hat Grimm Myth. 342 als Bienenwolf gedeutet, dabei aber an den Specht gedacht, weil dieser Vogel den Bienen nachstellt und die römische Mythologie den Picus von Saturnus stammen läßt. Indessen ist es nicht nachgewiesen, daß die Deutschen den Specht, von dessen Heiligkeit wenig feststeht, jemals Bienenwolf genannt hätten (Müllenhoff a. a. O. 410), während unsere Thiersage den Bären als Honigdieb vorzuführen liebt. Auch gehört der Bär zu jenen kriegerischen und heiligen Thieren, unter deren Gestalt Götter zu erscheinen pflegen, und wir wißen sogar, daß er dem Thôr (Donar) heilig war, der selber den Beinamen Biörn führte. Aber auch die Deutung des Namens Beowulf als Bienenwolf hat Müllenhoff aus onomatologischen Gründen verworfen. Damit wäre mit dem Specht auch die Biene und der Bär beseitigt. Und doch hat wieder Müllenhoff auf eine Reihe deutscher Märchen hingewiesen, die mit Beowulfs erstem Kampfe gleichen mythischen Inhalt verrathen; in allen aber besteht diesen Kampf ein Bär. Ich beziehe mich zunächst auf das altdeutsche Märe von dem Schretel und dem Waßerbären (Zeitschr. VI. 174 ff.), das im Wesentlichen desselben Inhalts wie unser Gedicht den Bären an die Stelle Beowulfs, das Schretel an die Grendels rückt. Den Inhalt berichte ich mit Benutzung des Gesammtabenteuer III., 258 von Von der Hagen gegebenen Auszugs: Ein König von Norwegen schickt einem König von Dänemark einen zahmen Waßerbären zum Geschenk. Als der Normann, der ihn am Seile führt, mit ihm in Dänemark gelandet ist, kommt er am Abend in ein Dorf, wo er zu übernachten gedenkt. Da sah er einen weiten Hof, der einem Ritter oder reichen Manne zu gehören schien. Der Eigenthümer war aber nur ein schlichter Bauer, der traurig vor dem Hofe stand, in welchem er sich vor einem bösen Poltergeiste, der sein Wesen darin trieb, nicht länger aufzuhalten getraute. Als der Fremde ihn um Erlaubniss bat, mit seinem Bären die Nacht in dem Hofe zuzubringen, weil er mit Gott den bösen Geist zu vertreiben hoffe, fand der Bauer solch Vorhaben zwar vermeßen, gestattete es aber gern und gab auch dem Gast freigebig was er zur Abendkost bedurfte, seinem Bären aber einen Widder . Beim Eingang segnete sich der Normann und trat in ein Backhaus: unbesorgt machte er Feuer, sott und briet, aß und trank und gab auch dem Bären zur Genüge. Dann legte er sich auf eine Bank und schlief ein; der Bär streckte sich am Feuer hin und entschlief auch. Da sprang ein Schretel (Kobold) hervor, kaum drei Spannen lang, scheuslich anzusehen, mit einem rothen Käppel; es trug an einem eisernen Spieß ein Stück Fleisch, setzte sich zum Feuer und briet es. Da erblickte es den Bären, verwunderte sich des greulichen Gesellen, wollte ihn aber hier nicht dulden, wo es bisher noch Alles vertrieben habe. Zuerst gab es ihm mit dem Spieß einen Schlag auf den Nacken und der Bär rümpfte sich und greinte es an. Das Schretel sprang wieder ans Feuer und briet sein Fleisch bis das Fett herauslief: dann gab es dem Bären abermals einen Schlag, welchen ihm dieser auch noch vertrug. Das Schretel briet sein Fleisch weiter, bis der heiße Braten zischte: da schlug es den Spieß dem Bären mit aller Kraft übers Maul. Jetzt sprang der Bär auf, ergriff das Schretel mit den Tatzen und krallte und biß es so grimmig, daß es laut schrie: weh, Herre, weh! Wie klein das Schretel war, so hatte es doch große Stärke: es griff dem Bären ins Maul und biß und kratzte ihn dermaßen, daß auch der Bär grässlich schrie und sein Geschrei über den weiten Hof scholl. Der grimmige Kampf der beiden Gewaltigen währte lange, bald lag das Schretel, bald der Bär oben und es war ein Wunder, daß nicht beide umkamen. Den Bärenführer ergriff die Angst dermaßen, daß er in den Backofen kroch und ängstlich aus der Ofenthüre zusah. Der Kampf währte bis Mitternacht, zuletzt aber trug doch der Bär den Sieg davon, das Schretel ergriff die Flucht, wohin, wer weiß das? der kampfmüde Bär streckte sich wieder auf den Estrich. Der Normann kroch erst als es tagte ganz russig aus dem Ofen, nahm seinen Bären und führte ihn aus dem Hofe. Der Wirth stand vor dem Thore und bot ihm guten Morgen: er hatte Alles wohl gehört und freute sich, daß sein Gast noch am Leben war. Dieser dankte ihm und gieng mit dem Bären seines Weges. Nun nahm der Bauer wie gewöhnlich seinen Pflug, zog aufs Feld und trieb seine Ochsen vor sich her. Da lief das Schretel herbei und trat mit ganz blutigen Beinen auf einen Stein: sein Leib war überall zerkratzt und zerbißen und sein Käppel zerzerrt. So rief es den Bauer dreimal an und fragte, ob seine große Katze noch lebe? Der Bauer antwortete, sie lebe noch, dem Schretel zum Trotz und schwur, daß sie ihm fünf schöne Jungen gebracht, welche der alten ganz gleich sähen: das Schretel solle doch hinlaufen, sie zu schauen. Aber das Schretel rief: »Pfui! die eine Katze habe ihm schon so weh gethan, ihrer sechse würden es ums Leben bringen: es wolle zeitlebens nicht mehr in des Bauern Hof kommen.« Schon die Brüder Grimm (Irische Elfenmärchen CXIX) haben bei dieser Märe an Beowulf und Grendel gedacht; aber erst Mone (Heldensagen 287) erkannte darin den wesentlichen Inhalt der beiden ersten Theile unseres Gedichts: »Beowulfs Kampf mit dem Unhold Grendel ist hier zum Kampfe des Eisbären mit dem Schretel geworden und wahrscheinlich hat der Wolfsname (?) des Helden die Verbildung der Sage in eine Thierfabel (?) veranlaßt. Einige Züge sind indes übrig geblieben, nämlich, daß der König von Norwegen den Bären dem König von Dänemark sendet, was dem Liede entspricht, worin Beowulf von König Hygelak von Gothland dem Hrodgar von Dänemark zu Hülfe geschickt wird.« Wenn hier Mone von Verbildung der Sage in eine Thierfabel spricht, so verkennt er in der vorliegenden selbständigen deutschen Faßung der Sage den Bezug auf Thôr (Donar), der die Gestalt des ihm geheiligten Thieres annimmt; wieviel auch sonst hier verbildet sei, in diesem Punkte hat sie die alte Göttersage vielmehr reiner erhalten als selbst das Beowulfslied, das sie zur Heldensage umbildete, indem es den Gott nicht mehr in der Gestalt des ihm geheiligten Thieres erscheinen ließ, und nur etwa noch dessen Namen beibehielt. Umgekehrt erkannte Müllenhoff a. a. O. 427 das Verhältniss der Märe von dem Schretel und Bären zu dem Mythus von Thor, der selber Biörn heißt; bezog aber Beowulf zuletzt doch nicht auf Thôr. Neuerdings hat sich nun Bouterweck Germ. I. 418 wiederum auf den Standpunkt Mones gestellt: er erkennt in dem Bären wohl noch den Beowulf, aber nicht mehr den unter der Gestalt seines heiligen Thieres verborgenen Gott. Wenn er hervorhebt, wie aus dem riesigen Ungethüm Grendel ein zwergartiger Kobold in rothem Käppchen geworden sei, so werden wir ihn in andern Nachklängen noch ganz als Waßerriesen wiederfinden. Das Schretel, das Diminutiv eines riesigen Waldgeistes, ist als Hausgeist aufgefaßt, dessen Gestalt und Tracht es angenommen hat. Noch heute lebt das altdeutsche Märe als Märchen oder Sage im Volksmunde fort, aus welchem es neuerdings in sehr verschiedenen Gegenden aufgezeichnet worden ist, vgl. Müllenhoff a. a. O. 426. Ich beginne mit der norwegischen Faßung bei Asbjörnsen und Moe, welche ich nach Bresemanns Uebersetzung 1847 S. 183 folgen laße. Das Kätzchen aus Dovre. Es war einmal ein Mann oben in Finnmarken, der hatte einen großen weißen Bären ( hvidbiörn ) gefangen, den wollte er dem König von Dänemark bringen. Nun traf es sich, daß er gerade am Weihnachtsabend zum Dovrefjeld kam, und da gieng er in ein Haus; wo ein Mann wohnte, der Halvor hieß; den bat er um Nachtquartier für sich und seinen Bären. »Ach, Gott helfe mir!« sagte der Mann, »wie sollte ich wohl Jemanden Nachtquartier geben können! Jeden Weihnachtsabend kommen hier so viel Trollen, daß ich mit den Meinigen ausziehen muß und selber nicht einmal ein Dach über dem Kopf habe.« »O, Ihr könnt mich deswegen immer beherbergen,« sagte der Mann, »denn mein Bär kann hinter dem Ofen liegen und ich lege mich in den Bretverschlag.« Halvor hatte Nichts dagegen, zog aber selbst mit seinen Leuten aus, nachdem er zuvor gehörig für die Trollen hatte zurichten laßen. Die Tische waren besetzt mit Reisbrei, Stockfischen, Wurst und was sonst zu einem herrlichen Gastschmaus gehört. Bald darauf kamen die Trollen an; einige waren groß, andere klein, einige langgeschwänzt, andre ohne Schwanz, und einige hatten ungeheure lange Nasen, und alle aßen und tranken und waren guter Dinge. Da erblickte einer von den Trollen den Bären, der unter dem Ofen lag, steckte ein Stückchen Wurst an die Gabel und hielt es dem Bären unter die Nase: »Kätzchen, magst du auch Wurst?« sagte er. Da fuhr der Bär auf, fieng fürchterlich an zu brummen und jagte sie alle Groß und Klein aus dem Hause. Das Jahr darauf war Halvor eines Nachmittags so gegen Weihnachten hin im Wald und haute Holz für den Heiligen, denn er erwartete wieder die Trollen. Da hörte er es plötzlich im Walde rufen: Halvor! Halvor! – Ja! sagte Halvor. »Hast du noch die große Katze?« riefs. »Ja,« sagte Halvor, »jetzt hat sie sieben Junge bekommen, die sind noch weit größer und böser als sie.« – »So kommen wir niemals wieder zu dir!« rief der Troll im Walde. Und von der Zeit an haben die Trollen nie wieder den Weihnachtsbrei hei Halvor aus Dovre gegeßen. Obgleich hier Grendel in ziemlich gutmüthige Trolle vervielfältigt ist, so urtheilt doch Grimm Myth. 447, das Schretel mit dem zahmen Waßerbären entspreche dem Troll mit dem Hvidbiörn vollkommen. Räumlich schließt sich am Nächsten die schleswigische Faßung an, welche Müllenhoff (Sagen, Märchen und Lieder 1845 S. 257) mittheilt und mit einer holsteinischen vergleicht. Bedeutend sehen wir sie unmittelbar neben den Auszug aus Beowulf gestellt. Das Schretel ist hier ein Waßermann und in der holsteinischen Faßung sogar noch ein Waßerriese. Den Schauplatz finden wir hier zuerst in eine Mühle verlegt. Wenn in der vorigen Faßung die Trolle nur alle Weihnachten das Haus beunruhigten, so erscheint hier der Waßermann nur alle sieben Jahre; aber sein Besuch endigte stäts damit, daß die Mühle abbrannte. Dießmal aber verhinderte das der Bär, der den Waßermann so zurichtete, daß er blutig zum Fenster heraus muste. Als die sieben Jahre wieder um waren, gieng der Müllerknecht einmal auf dem Waßerdeich spazieren. Da steckte der Waßerkerl den Kopf aus dem Waßer und fragte: Hast du die große Katze noch, die vor sieben Jahren bei dir war? Ja, sagte der Müllerknecht, die liegt unterm Ofen und hat sieben Junge. Da rief der Waßermann: »So komm ich in meinem ganzen Leben nicht wieder.« Auch in Müllers und Schambachs niedersächsischen Sagen und Märchen Nr. 91 ist es eine Mühle, die durch den Kampf des Bären von dem allnächtlichen Spuk des Waßermanns befreit wird. Ebenso hei Kuhn nordd. Sagen Nr. 225. 2, wo der durch den Bären aus der » Katzenmühle « vertriebene Hausgeist ein Bieresel heißt, vgl. Mannhart Germ. Mythen 411. Gräße versichert Sagenkreise 86, er habe diese Sage als Kind oft erzählen gehört; S. 492 fügt er hinzu, sie gehöre Sachsen an und werde von der sogenannten »Katzenmühle« hei Buchholz berichtet; auch habe sie Ziehnert sächsische Volkssagen II., 17 poetisch bearbeitet. Nach Ziehnert waren es zwei Bären, die den Teufelsgeist aus der Mühle vertrieben. Auch am Harz muß die Sage nach dem kaum passenden Schluß einer Erzählung in Pröhles Harzsagen S. 62 bekannt gewesen sein. Man vergleiche auch Panzer II, 160, wo in einer sehr verstümmelten oberfränkischen Sage ein Holzfräulein die Rolle des Schretels spielt, die Verwandtschaft aber aus der Frage: Hast du deinen großen Katzaus noch? hervorgeht. Wegen der Verwandlung des Gehöftes in eine Mühle vergleiche man was Mannhart Germ. Mythen 398 über die Auffaßung Donars (Thôrs) als Müller ausführt. Nicht selten erscheint die Mühle auch in einer noch zu wenig beachteten Märchenreihe von dem starken Hans, den wir zuweilen auch Johannes der Bär (Pröhle Jugendmärchen 112) oder Peter Bär (Colshorn Märchen und Sagen Nr. 5. Wolf Beiträge II, 67) genannt finden. Ihren Bezug auf den Mythus von Thor habe ich schon Handb. 312 nachgewiesen und dabei auch die Teufelsmühle hervorgehoben, welcher sich die Grendelmühle hei Honnef vergleichen läßt. In dem Märchen der starke Hansl (Zingerle II, 220) wird Hansl nach einer Mühle geschickt, worin es nicht geheuer ist, denn man sagte, die Teufel (vgl. oben die Trolle) hätten ihren Wohnsitz darin genommen. Hansl aber kehrte das Waßer ein, daß die Mühlsteine sich blitzschnell drehten, dann fieng er die Teufel einen nach dem andern, warf sie unter die Steine und malte sie alle samt dem Getreide hinunter, so daß das Mehl ganz schwarz wurde. Giebt man diesem starken Hansl den Namen Bär , welchen er in den verwandten Märchen führt, so ist die Uebereinstimmung mit unserm Gedichte fast noch stärker als in den vorher verglichenen Volkssagen, wo der Held in Bärengestalt auftritt. Der Kämpf des Bären mit den Unholden, welche ein Haus unwohnbar machen, scheint eine so geläufige mythische Vorstellung gewesen zu sein, daß sich daraus der Aberglaube bildete, welchen wir Gr. Myth. I Ausg. Anhang CLVIII unter 1099 finden: Soll die Hexe über das Vieh keine Macht haben, so sperre man nachtlang einen Bären in den Stall u. s. w. Ehe ich weiter gehe, gedenke ich der Sitte bei gewissen Jahresfesten, namentlich zu Weihnachten und am ersten Maitage, und in weiterer Uebertragung auch wohl bei Hochzeiten, einen in Erbsenstroh gehüllten Burschen an einer großen » Erbskette « umzuführen, den man als Bären tanzen ließ, weshalb er auch der Bär genannt wurde. Vgl. Grimm Myth. 745. Kuhn nordd. Sagen 369. 384. 403. 433. In Ritzebüttel begleitet ihn ein hammer tragender Curschmied. Colshorn Vorhalle 346. Die Sitte muß auch in Dänemark beim Maifeste gebräuchlich gewesen sein, wo nach Grimm Myth. 736 der Anführer des Zugs Gadebasse (Gaßenbär) wie das ihm als Maigräfin beigegebene Mädchen Gadelam (Gaßenlamm) heißt. Hier hat man wegen der Vorliebe des Alterthums für abgerichtete Bären in der Figur des Bären nur eine weltliche Zuthat des alten heidnischen Umzugs erkennen wollen. Aber abgesehen von dem Erbsenstroh , das wie der Hammer auf Thôr deutet, gieng das Umführen des Bären hie und da auch in christliche Umzüge über, was den weltlichen keineswegs aber den heidnischen Ursprung ausschließt. Jenes Klotzumwerfen zu Hildesheim und Halberstadt, Grimm Myth. 172. 743, bei welchem ein Jupitergeld urkundlich bezeugt ist, wird sich auch darum auf Donar (Thôr) bezogen haben, weil dabei der Domprobst in öffentlicher Procession einen Bären umführen muste. Grimm bemerkt, daß im Mittelalter das Umführen des Bären nebst Verabreichung eines Bärenbrots ein verbreiteter Gebrauch war, der auch in Mainz (Weisth. I, 533) und Straßburg (Schilter Gloss. 102) galt. Nun finden wir in der Wilkinasaga cap. 140–146 einen der Helden Dietrichs Wildeber genannt; eigentlich sollte er Wildebär heißen, wie er in den zu Grunde liegenden deutschen Liedern gewiss geheißen hat. Um Wittich zu befreien oder K. Osantrix (Oserich-Ruother) zu erschlagen, wird dieser Held, und dieß erklärt uns seinen Namen, in eine Bärenhaut gehüllt und von einem Spielmann umhergeführt, der ihn Vitrleo (kluger Löwe) oder Vizleo (Weißleu) nennt, seine Klugheit rühmt, und wie er alle Künste und Spiele verstehe. Wenn der Spielmann die Harfe schlug, so hüpfte der Bär und tanzte darnach. Als aber der König, der grausamer Gemüthsart war, sich eine Kurzweil zu machen, seine Hunde auf den Bären hetzen läßt, ward Wildebär zornig, riß dem Spielmann sein Schwert aus der Hand, lief dem König nach und schlug ihm das Haupt ab u. s. w. Die Verflechtung mit der deutschen Heldensage muste den alten Mythus, wenn er hier wirklich zu Grunde liegt, wesentlich umgestalten. Man wird nicht übersehen dürfen, daß Wildebär aus des Spielmanns Hand das Schwert empfängt, womit er König Osantrix erschlägt. So leiht Hunferdh, König Hrodgars Herold und mithin auch Sänger, dem Beowulf das Schwert, womit er den Kampf gegen Beowulfs [richtig: Grendels] Mutter zu bestehen gedenkt. Leider sind von dem verwandten mittelniederländischen Gedicht von dem bere Wislau, das den gleichen Gegenstand behandelt, nur wenige Zeilen bekannt gemacht; aus der Vergleichung des Ganzen würden sich vielleicht noch andere Beweise der Sagenverwandtschaft ergeben. Den Namen Wislau (wie oben Vizleo) erklärt Grimm Myth. 745 aus der Verwechslung des volksmäßigen Königs der Thiere mit dem durch gelehrte Vermittlung aus der Fremde eingewanderten. Oder hebt ihn der Spielmann liebkosend eine Stufe höher? Umgekehrt, den gezähmten Löwen am Hofe Constantins, den Asprian gegen die Wand zerwarf (Rother 1143), sah dieser für einen jungen Bären, ein berwelf an: mit einer noch weiter gehenden komischen Abstufung nennt unser Kobold (das Schretel) den Bären eine Katze. Wackernagel Zeitschr. VI, 185. Jener Waßerbär, der mit dem Schretel kämpfte, war gezähmt; der Name Wildebär schließt die Zähmung nicht aus, vielmehr wird er c. 142 ausdrücklich für einen zahmen Bären ausgegeben. Bei Asbjörnsen war es ein weißer Bär, was mit Vizleo stimmen würde. Endlich in dem Märe von dem Schretel sahen wir dem Bären einen Widder gleichsam als Opfer gegeben; kann es damit im Zusammenhange stehen, daß der dänische Gadehasse sein Gadelam hei sich führt? 7. Hygelak. Unter den Episoden, woran unser Gedicht so reich ist, nimmt die von Hygelaks Fall im Lande der Hetweren die vornehmste Stelle ein, nicht als wenn sie die schönste wäre, sondern weil sie ein geschichtliches Zeugniss für sich hat. Unser Gedicht handelt davon im 18 . 32. 36. und wieder im 36 . Gesange. Darnach unternahm der Geatenkönig Hygelak, Beowulfs Mutterbruder, mit seinem Schiffsheer einen Kriegs- und Raubzug nach dem Hetwerenlande zu beiden Seiten der westrheinischen Ruhr, erlitt aber eine Niederlage und fiel in der Schlacht. Die Völker, die sich zum Schutz des Landes wider ihn vereinigt hatten, werden bald als Hetweren und Hugen, bald als Franken und Friesen bezeichnet. Auch Beowulf hatte an diesem Zuge Theil genommen, rettete sich aber, vielleicht mit Hygelaks Sohne Heardred, auf die Schiffe, nachdem er den Däghräfn , einen Helden der Hugen, erschlagen und so das Kleinod geborgen hatte, welches ihm selber einst ( 18 , 5–14) von Hrodgars Gemahlin Wealchtheow zum Lohne des Siegs über Grendel geschenkt worden war. Er hatte es darauf der Hygd, Hygelaks Gemahlin, verehrt ( 30 , 29 ff.). Daß es von dieser ihrem Gemahl überlaßen worden war, läßt sich daraus schließen, daß Däghräfn es nach jener Schlacht dem erschlagenen Geatenkönig geraubt hatte und eben im Begriffe stand, es dem ungenannt bleibenden Friesenkönig zum Geschenk zu überbringen, als Beowulf ihm begegnete, der ihn erschlug. In Beowulfs Besitz müßen wir es fortan denken, da er es in der Todesstunde ( 37 , 59 ff.) seinem getreuen Wiglaf, Weochstans Sohn, übergiebt. Von diesem Einfall Hygelaks in das Land der Hetweren, womit die Chattuarier gemeint sind, weiß auch die urkundliche Geschichte nach Gregors von Tours III., 3, dessen Bericht in den Gestis francorum c. 19 benutzt scheint. Hygelak heißt hier der fränkischen Zunge gemäß Chochilaich und wird als Dänenkönig aufgefaßt, da die Franken damals zwischen Dänen und andern Nordleuten nicht zu unterscheiden pflegten. Als Chlodwigs Sohn Theuderich, dem jene Theile des Frankenlandes zugefallen waren, von dem Einbruch der Nordmänner vernahm, die bereits ihre Schiffe mit Beute und Gefangenen beladen hatten, während ihr König noch am Gestade weilte, schickte er seinen Sohn Theudebert mit einem mächtigen Heere in jene Gegenden, und diesem glückte es, den feindlichen König zu erlegen, seine Flotte in einer Seeschlacht zu schlagen, die Beute aber dem Lande zurückzugeben. Die Zusammenstellung Hygelaks mit Chochilaich ist nach Zeitschrift XI., 64 ein Verdienst Grundtvigs. Hugleikr hei Snorro Heimskringla 25 und Hugletus bei Saxo (104 Steph.) stimmt nur dem Namen nach. Den Frankenkönig Theuderich läßt unser Gedicht gleich seinem Sohne Theudebert unerwähnt, während doch das Wandererslied den Theuderich (Theodrik) als sagenberühmten König der Franken nennt. Da weder der Vorgang, welcher Hygelaks Fall herbeiführte, noch Hygelak selbst mythischen Charakter an sich trägt, so habe ich keinen Grund sie als historisch anzuzweifeln. Nicht unmöglich wäre es gleichwohl, daß sie aus der Heldensage in die Geschichte gerathen wären, indem der Inhalt unseres Gedichtes oder der Lieder, aus welchen es bei den Angelsachsen zusammengestellt wurde, dem Gregor von Tours oder den Verfaßern der Gesta als Quellen gedient haben könnten. Daß Hygelak der fränkischen Sage bekannt geworden sei, dafür giebt es allerdings nur schwache Anzeichen; ich will sie aber nicht unerwähnt laßen; die künftige Forschung mag sie bestätigen oder verwerfen. Eine Handschrift des Phädrus aus dem 10. Jahrhundert enthält im Anhange eine Nachricht (Zeitschr. V, 10 vgl. L. Tross ad Julium Fleutelot epist. Hamm. 1844.) De Getarum rege Huiglauco mirae magnitudinis, qui imperavit Getis et a Francis occisus est, quem equus a duodecimo anno portare non potuit, cujus ossa in Rheni fluminis insula, ubi in oceanum prorumpit, reservata sunt et de longinquo venientibus pro miraculo ostenduntur. Aus Gregor von Tours u. s. w. kann diese Nachricht nicht gefloßen sein, da die Namensform Huiglauco dem Hygelak unseres Liedes wieder näher tritt, wie er auch genauer ein Getenkönig genannt wird. Die Nachricht über seine Bestattung auf der Insel in den Rheinmündungen könnte auf einer Verwechslung mit Hettel, dem König der Hegelinge beruhen, der nach der Gudrun auf dem Wulpensande bestattet ward. Wenn der Getenkönig so riesengroß geschildert wird, daß ihn vom zwölften Jahre an kein Ross tragen wollte, wovon unser Gedicht nichts weiß, so erinnert das an Eck , der nach dem Eggenliede (Laßberg 34) so ungefüge war, daß ihn auf die Länge das stärkste Ross nicht tragen wollte. In demselben Eggenliede Str. 85 finden wir aber von Herbort ( Her Port ), Rudliebs Sohne, erzählt, daß er mit seines Vaters Schwert den Hugebald erschlagen habe, der ein König gewesen sei und dabei     ein ris unmâzen grôz. er tet den christen leide, ez lebt niht sîn genôz. Daß Hugeleich in Hugebald entstellt wurde, ließe sich wohl daraus erklären, daß –leich in mittelhochdeutschen Namen ungebräuchlicher geworden war als –bald. 8. Brosinga mene. Das Kleinod, das in unserm Gedichte eine so große Rolle spielt, hat einem noch viel berühmtern den Namen gegeben. Es bestand in einem Halsring, welchen der Dichter 18 , 9 ff. als den grösten bezeichnet, »Davon ich je erfuhr   bei den Völkern der Erde. Nie hört' ich unterm Himmel   von herrlicherm Horte der Helden   seit Hama (Heime) forttrug Zu der blinkenden Burg   der Brosinge (Breisacher) Schatz, Schmuck und Geschmeide.   Den schnöden Haß erwarb er Kaiser Ermenrichs,   erkor ewiges Heil. Hier ist uns ein wichtiges Stück der deutschen Heldensage gerettet und zugleich Licht geworfen auf die Göttersage. Bekanntlich heißt das leuchtende Halsgeschmeide der Freyja, der Göttin der Schönheit und Liebe, Brisinga men , und so wird auch in unserm Text statt Brosinga mene zu lesen sein. Allerdings spricht dieser von einem ganzen Schatze , welcher viel Schmuck und Geschmeide enthielt, während jener Halsschmuck der Freyja nur ein einzelnes Kleinod ist. Allein auch unsere Stelle geht von einem einzelnen Kleinod aus und so konnte sie leicht dazu führen, den zur Vergleichung herangezogenen Schatz der Brosinge gleichfalls nur als ein einzelnes Halsband aufzufaßen, wie es die Skalden nach D. 35 gethan zu haben scheinen, welche auf unsere Stelle anspielend, das Halsgeschmeide der Göttin, das als der grüne Schmuck der Erde früher jardhar men hieß, nun brisinga men nannten. Vgl. M. Handb. 328. 422. Jenen von Heime entführten Schatz der Brisinge verstehe ich als das in unserer Heldensage so berühmte Harlungengold, das auch der Marner meinte, als er von dem » Ymelungehorte « sprach, der in dem Burlenberg liege, womit der Bürglenberg bei Breisach gemeint ist, wo die Harlunge, Ermenrichs Bruderssöhne, mit ihrem Schatze hausten. Statt Ymelungehort wird Amelungehort zu lesen sein, da die Harlunge so nahe Verwandte des ostgothischen Königshauses der Amelunge waren. Vgl. Grimm Myth. 933, Mein Rheinland 30, Wackernagel Zeitschr. VI, 157. Den Schatz der Harlunge entführte Heime, Ermenrichs Dienstmann, als dieser seine Neffen, die Harlunge, nach Sibichs treulosem Rathschlag hinrichten ließ. Wenn Heime zwar damit Ermenrichs Haß erworben, zugleich aber ewiges Heil erkoren haben soll, so ist damit auf eine genauere Bekanntschaft mit der deutschen Heldensage gedeutet. Auch der Dichter des verwandten Wandererslieds (Vidsith) kannte die Harlunge, er nennt sogar ihre Namen Emerka und Fridla, wie er auch von Hama (Heime) und Ermenrich (Eormenrik) spricht. Da nun Ermenrich sich nach dem Fall der Harlunge gegen seinen Neffen Dietrich wendet, dessen Dienstmann Heime früher gewesen war, so steht zu vermuthen, daß er diesem den Schatz der Breisacher ( brisinga mene ) erhalten wollte, dessen er bedurfte, um seinem Oheim ein Heer entgegenzustellen. Später fiel er gleichwohl in Ermenrichs Hände und so finden wir ihn im Reineke de Voss Ermenrichs Schatz genannt. 9. Sigmund. Wenn die vorige Episode den gothischen Antheil unserer Heldensage berührte, so greift eine andere ( 13 , 38–64) in den fränkischen. Für die Geschichte desselben ist die Stelle von so großer Wichtigkeit, weil sie uns lehrt, daß der Drachenkampf früher dem Sigmund zugeschrieben wurde, ehe er auf seinen Sohn Sigfrid übertragen wurde. Auch bestätigt sich uns in dem was Z. 43 von Sigmunds Fehden und Freveln erwähnt wird, ein Theil der Erzählungen der Völsungasage von Sigmund und Sinfiötli (c. 7 ff.), der zugleich sein Sohn und sein Neffe war. Um an K. Siggeir Rache zu nehmen für den Tod König Walses und acht seiner Söhne begiengen sie beide, als Nothgestallen, in Wölfe verwandelt, Unthaten, die dem Sinfiötli auch in der Edda Helgakw. II, 36. 40 vorgeworfen werden: Du hast im Walde   mit Wölfen geschwelgt, Hast deinen Brüdern   den Tod gebracht. Oft sogst du mit eisigem   Athem Wunden, Bargst allverhaßt   dich im Gebüsch. Siggeirs Stiefsohn   lagst du unter Stauden An Wölfsgeheul gewohnt   in den Wäldern draußen. Alles Unheil   kam über dich Als du den Brüdern   die Brust durchbohrtest, Dich landrüchig machtest   durch Lasterwerke. Von Sigmunds weiten Fahrten vernehmen wir hier allein; auch ist es dieser Darstellung eigenthümlich, daß der Hort auf einem Seebot hinweggeführt wird. 10. Finnsburg. Wenn hier Sigfrid noch nicht erscheint, so müste es allerdings verwundern, ihn in dem Lied von dem Ueberfall der Finnsburg , bereits anzutreffen. Dieses Lied ist in unser Gedicht nicht aufgenommen, es hat sich neben ihm, leider nur als Bruchstück erhalten. Wir haben es, da es in eine der schönsten Episoden ( 16 .  17 ) eingreift, oben mitgetheilt. Vielleicht ist es jüngern Ursprungs als unser Gedicht, da es der Ordner desselben bei der Nebenerzählung von Finn und seiner Gemahlin Hildeburg wohl benutzt haben würde, wenn es ihm schon vorgelegen hätte. Möglich, daß der jüngere Dichter nur die Worte näher ausführen wollte, womit unser Gedicht Z. 19–21 jene Episode einleitet. Auch Ettmüller 39 nimmt an, das Bruchstück schildere den Kampf, in welchem Hnäf fiel, also ein Ereigniss, das der im Beowulf erzählten Begebenheit vorausgieng. Die Wahrscheinlichkeit spätern Ursprungs des Bruchstücks hat Uhland Germania II. 344 zugleich mit der Ansicht ausgesprochen, daß die Z. 16. 19 darin genannten Helden Siegeferd und Gudhere dieselben seien, welche man aus unserer Heldensage als Siegfried und Gunther kennt. Unter den Einwendungen, welche Mullenhoff Zeitschr. XI. 283 dagegen erhoben hat, steht oben an, daß statt Gudhere nur gudhere zu lesen sei. Ein anderer Unterschied in der Auffaßung betrifft die Frage, ob es Finn war, der seine Gäste die Dänen in Finnsburg überfiel, oder wie Uhland mit Thorpe annahm, Finn als der Überfallene zu denken sei. Ich war von Uhlands Ansicht ausgegangen; nur daß ich Z. 17 at ôdhrum durum als die den Belagerern zugekehrten Außenthore verstanden hatte, während vorher davon die Rede war, daß das Innere eines der Thore von den Belagerten besetzt sei. Ich kann jetzt folgen laßen was ich zur Erläuterung des Bruchstücks nach Uhlands Auffaßung geschrieben hatte, ehe mir jene andere bekannt geworden war. Vor jene Außenthore treten Hengest und Hnäf, die feindlichen Heerführer, mit Oslaf und Gudlaf und dessen Sohne Garulf. Sigeferd und Eaha vertheidigen dagegen die Burg, wie daraus erhellt, daß Ersterer auf Garulfs Frage, wer das Thor halte, seinen Namen nennt. Dasselbe schien mir von Gudhere anzunehmen, weil er von Garulf gescholten wird, daß er nicht schon vor Sigeferd und Eaha das Thor zu wehren erschienen sei. Der Kampf endigt mit dem Siege der Belagerer, welche nach fünftägigem Kampf das Thor eingenommen haben; aber dieser Sieg ist theuer erkauft, denn Hnäf geht verwundet hinweg: »Gebrochen wär ihm   die Brünne, sagt er, Das Heergeräth mürbe, der Helm verhauen.« Mit dem Fall dieses Hnäf beginnt dann auch in unserm Gedicht die Episode, die seinen Leichenbrand schildert. Aus dem Wanderersliede 39 lernen wir ihn als einen Hoking kennen und da Hildeburg, Finns Gemahlin, 16 , 28 die Tochter Hokes genannt wird, so hat die Vermuthung vollen Grund, daß er ihr Bruder war. Auf seinen Scheiterhaufen muß sie nun die eigenen Söhne legen, die im Kampf wider den Bruder gefallen sind und in diesem doppelten Schmerz, um Bruder und Söhne, heißt sie Z. 26 mit Recht ein gramvoll Weib. Auch hier erweist sich wieder die Deutschheit unseres Gedichts nach einer Bemerkung Müllenhoffs Zeitschrift XI, 282, die ich mit seinen Worten hiehersetze: »Daß die Sage im achten Jahrhundert auch in Oberdeutschland bekannt war, beweist die Genealogie der Kaiserin Hildegard, der Gemahlin Karls des Großen, die aus dem Geschlechte der alten alamannischen Herzoge stammte, bei Thegan Vita Hludoviei c. 8: Godofredus dux genuit Huochingum, Huochingus genuit Nebi, Nebi genuit Immam, Imma vero genuit Hiltegardam, beatissimam reginam. Für Nebi giebt eine alamannische Urkunde vom J. 773 hei Neugart Nr. 53 die ältere Form Hnabi, die dem angels. Hnäf entspricht, wie alth. Huoching dem angels. Hôcing. Wenn ein Alamanne Huoching seinen Sohn Hnabi nannte, so meine ich, muß man annehmen, daß er die Sage von Hnäf dem Hôking kannte.« Wenn das Gedicht den Hnäf zu einem Schilding und Mannen Healfdenes macht, wie Aehnliches in der spätern Zwischenerzählung von Freaware (28–29) geschieht, so ist das eine Willkür, die sich der Dichter wohl erlauben durfte, um die Episode mit der Hauptbegebenheit enger zu verbinden. Vgl. Zeitschr. XI, 282. Daß aber Hengest zu Hnäfs Geschlechte gehört, ist unbezweifelt: er war wohl sein Bruder, denn um Rache für seinen Fall an Finn zu nehmen, sehen wir ihn im Herbst, wo die See am ruhigsten ist, die Heimfahrt verpassen bis widrige Winde stürmten und das eisgebundene Meer ihn in Friesland zu überwintern zwang. Aber auch als im Frühling der Erde Busen sich lieblich schmückte, was ihn zur Heimkehr hätte locken müßen, war ihm die Rache süßer als die Heimreise. Er selbst mochte indes den beschworenen Frieden nicht brechen; da dieser aber den Friesen unerträglich drückende Bedingungen auferlegte, so hoffte er, die Feinde würden die Zwietracht zuerst beginnen und die Jüten dann als die Angegriffenen zur Rache Gelegenheit finden. Allein diese Berechnung trog: der schwergekränkte Friesenkönig ließ ihn, am Erfolge offenen Aufruhrs verzweifelnd, heimlich mit dem Schwerte Hunlafing (wie Beowulfs Schwert Nägeling 35 , 76 [richtig: 79], das an Heimes Schwert Nagelring W. Grimm Heldens. 89. 146 erinnert), aus dem Wege räumen, und als dieß gelungen war, auch noch einen Theil seines Gefolges ermorden, während ein anderer mit Gudlaf und Oslaf über die See flüchtete. Aber bald kehrten diese mit übermächtigem Heere zurück und beschuldigten den Finn, die Ermordung des Hengest und seiner Mannen befohlen zu haben. Finn vertheidigt sich heftig; aber schon hat sich die Halle mit feindlichen Scharen gefüllt und auch ihn erreicht jetzt das Schwertübel im eigenen Hause. Als Finn erschlagen und Finnsburg beraubt ist, wird Hildeburg, das herrliche Weib, zu ihren Verwandten heimgeführt. Hildeburg ist es, auf deren tragischem Geschick in dieser Episode der Ton liegt. Muß sie die Kinder auch nicht, wie es wohl verstanden worden ist, lebend auf den Scheiterhaufen des Bruders legen, so verliert sie unschuldig doch Bruder und Söhne zugleich durch den wieder entbrennenden Haß der beiden Völker, den ihre Vermählung mit Finn hatte beschwichtigen sollen. Und dabei bleibt es noch nicht, auch Hengest, ihr anderer Bruder, wird nicht ohne Mitschuld ihres Gemahls erschlagen und zuletzt fällt auch dieser als das letzte Opfer der Rache, und aller ihrer Lieben beraubt kehrt sie nach einem wehevollen und doch verlorenen Leben in die Heimat zurück. Wißen wir auch nicht, was zuerst den Wiederausbruch des alten Haders herbeiführte, der durch Hildeburgs Vermählung mit Finn gestillt schien, so zeigt doch sowohl der weitere Verlauf als der endliche Ausgang, daß es die Blutrache war, die hier wie in der Niflungasaga die tragischen Conflicte und zuletzt den Untergang fast aller Helden herbeiführt. Noch zwei andere Zwischenerzählungen benutzen dasselbe Motiv. In der Episode von Hrodgars Tochter Freaware 28 . 29, sehen wir dieser ein ebenso trauriges Looß bevorstehen wie dort der Hildeburg. Auch sie war nach dem Siege der Dänen über das deutsche Volk der Headhobarden, mit deren Fürsten Ingeld, dem Sohne Frodas, verlobt worden, um durch ihre Hand die Todfeindschaft der verfeindeten Völker zu sühnen, 28 , 66. Aber Beowulf, dem diese Erzählung in den Mund gelegt ist, sieht voraus, daß der Friede keinen Bestand haben und die Blutrache neue Opfer fordern wird, denn                                           selten mag, Wenn ein Volk erlegen ist, auf lange Zeit Das Racheschwert rasten, wie ruhmwerth die Braut sei. Vortrefflich wird 29 geschildert, wie Ingeld, wenn ihm erst des Weibes Liebe kühler geworden ist, von dem alten Eschkämpen mit beredten Worten zur Rache aufgestachelt, ja zuletzt durch die Ereignisse gezwungen wird, den Frieden zu brechen und das Joch der Fremden abzuschütteln. Was hier Beowulf als unvermeidlich voraussieht, das erzählt Saxo (104 Steph.) von Frotho und Ingellus als wirklich geschehen, indem er die Rolle des alten Eschkämpen dem berühmten Starkather überträgt. Frotho und Ingellus macht er aber zu dänischen Fürsten, welche Schwertings Verrath sächsischer Botmäßigkeit unterworfen hat. Diesen Schwerting nennt auch unser Gedicht ( 18 , 16), aber als einen Verwandten Hygelaks. Mit der Darstellung in unserm Gedicht stimmt das Wandererslied 45 ff. Noch zum drittenmal wird die Blutrache als Hebel tragischer Ereignisse benutzt, in der Episode von Beowulfs mütterlichem Ahn, dem Geatenkönig Hredel und seinen drei Söhnen Herebeald, Hädkynn und Hygelak  33 . Hädkynn hat den Herebeald, Bruder den Bruder, mit dem Pfeil erlegt. War diese That auch unabsichtlich begangen, so bricht sie doch dem Vater das Herz, denn sie war nach heidnischen Begriffen ein unsühnbarer Frevel, weil die Rache, eine doch unumgängliche Pflicht, über das eigene Blut ergehen müste. Auch diese Sage kann ich in Deutschland nachweisen. Nach Wilkinas. c. 231 (Unger) hatte Herdegen drei Söhne: Herbort, Herdegen und Sintram (Tristram). Ihr Lehrer in der Fechtkunst war Wigbald. Herdegen wird von Sintram bei der Waffenübung erschlagen wie Herebeald von Hädkynn. Hier geschieht der Mord nicht ganz unwillkürlich: der Thäter im Bewustsein der Schuld reitet auf und davon, und der Vater, welcher den ältesten Sohn zur Rechenschaft zieht, weil dieser als der klügste die That hätte verhindern sollen, vertreibt damit auch diesen noch, so daß er sich mit einem Mal aller seiner Söhne beraubt sieht. Der tragische Conflict nimmt hier andern Ausgang, im Wesentlichen bleibt er derselbe. 11. Ongentheow und Hädkynn. Die auf den Schwedenkönig Ongentheow und seine Gemahlin bezüglichen Zwischenerzählungen erwähnen wir nur, weil wir versuchen wollen, was in ihnen noch dunkel bleibt, aufzuhellen, nicht weil wir deutsche Sagenverhältnisse in ihnen nachzuweisen wüsten. Auch wird man dem Urtheile beipflichten müßen, daß diese Dinge weniger mythischen als historischen Grund zeigen, obgleich die urkundliche Geschichte nichts von ihnen weiß. Der greise Schwedenkönig Ongentheow überfällt Hredels Sohn und Nachfolger Hädkynn und erschlägt ihn in dem Treffen beim Hrefnaholze. Durch diesen Sieg befreit er zugleich ein Weib, das Onelas und Ochtheres Mutter genannt wird und an dessen Besitz sowie der Kinder, ihm Alles gelegen scheint. Am andern Morgen läßt aber Hygelak, des erschlagenen Hädkynn Bruder, seine Heerposaunen erschallen, und beginnt aufs Neue den Kampf, in welchem zuletzt Ongentheow unterliegt und vor Eofurs Schwerte fällt. Vgl. 39 und 40 mit 33 , 86 ff. Hier bleibt es unklar, in welchem Verhältnisse die geraubte Frau zu Hädkynn und dem alten Ongentheow stand. Da sie Onelas und Ochtheres Mutter war, die an andern Stellen als Ongentheows Söhne erscheinen, so vermuthe ich, daß sie diesem früher Hädkynn entführt hatte, der nun diesen Raub durch den Tod von der Hand des beleidigten Schwedenkönigs büßen muste. Dabei laße ich unentschieden, ob Onela und Ochthere wirklich Ongentheows Söhne seien, oder ob seine entführte Gemahlin sie dem Hädkynn geboren habe. So sehr mir letztere Annahme widerstrebt, so begreift sich doch schwer, wenn sie Ongentheows rechtmäßige Söhne waren, warum hernach Ochtheres Söhne Eadgils und Eanmund von ihrem Oheim Weochstan gehaßt und verfolgt werden, Eadgils aber bei Heardred, Hygelaks Sohne, Aufnahme findet. Nach 32 , 73 ff. führte dieß Heardreds Tod herbei, worauf dann Beowulf, als Ongentheows Sohn (Weohstan) sich wieder heimgewandt hatte, den Gebieterstuhl der Geaten bestieg. Bei jener Annahme würde sich auch der kaltblütige Haß erklären, womit Weohstan nach 35 , 12 ff. seinen Neffen Eanmund erschlägt und der Waffen beraubt, denn er erkannte ihn nicht für seines Vaters Enkel an, wenn er gleich von seiner Mutter stammte, die ihn selber vor ihrer Entführung durch Hädkynn geboren haben könnte. Erst jetzt wird sich Beowulf, wie 32 , 80 ff. berichtet ist, des Eadgils angenommen haben, den er nach Weochstans Bezwingung auf den Gebieterstuhl der Schwedenkönige hob, Weochstans Sohn Wiglaf aber an seinem Hof erzog. 12. Mythische Deutung. Die Frage nach der mythischen Bedeutung eines Heldenliedes halte ich nicht für berechtigt. Schon im Götterepos wird der mythische Gehalt durch die Freiheiten, die sich der Dichter zu seinen Zwecken erlauben muß, so sehr angegriffen und entstellt, daß ein geübter Blick dazu gehört, ihn wiederzuerkennen. Das Heldenlied , das aus Göttern Menschen macht, hat gar keine mythische Bedeutung mehr: die Forschung kann nichts anderes thun, als dem Mythus nachspüren, der hier zu einer menschlichen Begebenheit herabgesetzt ist. Was nun die beiden ersten Theile unseres Gedichtes angeht, so hat uns da schon die Sagenvergleichung den Thôr unter der Hülle Beowulfs zu erkennen gegeben. Vielleicht ist es aber keine der schon bekannten Thôrsmythen, die im Epos nachklingt, obgleich Grendels Mutter so sehr an die neunhunderthäuptige Ahne Hymirs (Hymiskw. 7) erinnert, daß man eine anglische oder sächsische Nebengestalt der nordischen Hymiskwida für die mythische Grundlage des Epos halten möchte. Hat sich von diesem Mythus weder ein Lied noch eine prosaische Erzählung erhalten, sondern nur spätere, oben schon besprochene Nachklänge, so gehört er doch offenbar zu denen, welche sich auf Thôrs sommerliches Wirken beziehen, wo er in den Riesen, in Ecke, in Oegirs Sippe wie in seinem ersten Kampf mit der Midgardschlange bei der Ausfahrt mit Hymir u. s. w. die ungebändigten Naturkräfte, die verderblich auftürmenden Fluten bezwingt. Wenn Beowulf in der Schwimmfahrt mit Brecka das Meer von Umgethümen reinigt, um es fahrbar zu machen, wenn er in das 20 , 48 ff. so schauerlich beschriebene Moor taucht, um mit Grendels Mutter in ihrer Waßerhalle zu ringen, so erkennen wir Thôr aus der Edda als den watenden Gott, aus dessen Wesen sich Wate der Riese als ein heidnischer Christophorus abgelöst hat. Thôr watet nicht bloß täglich die himmlischen Gewäßer Körmt und Oermt und beide Kerlaug, jährlich watet er auch die Eliwagar, die Eisströme am nördlichen Weltende und den Höllenstrom Wimur. Ist hier nach der Edda nur von Waten, nicht von Schwimmen die Rede, so wird doch Grendels Halle mit Oegirs Meersaal mythisch identisch sein und sich nur nach Jahreszeiten von ihm unterscheiden. Zu diesem gleichfalls, der aus dem Grunde des Meeres zu denken ist, kann Thôr nur durch Schwimmen gelangen. Wenn Oegir seine Halle mit Goldlicht beleuchtet, so zeigt uns das anglische Nebenbild dieses Mythus Grendels Meersaal von einem bleichen Lichte beschienen, das doch einmal 23 , 15 so hell aufleuchtet, als schiene die Sonne vom Himmel. Daß Beowulf mit der bloßen Hand kämpft, nicht mit dem Hammer oder der Keule, steht der Deutung auf Thôr nicht entgegen, denn vor der Fahrt nach Geirrödsgard gelobte wie Beowulf auch Er einmal (oder wie D.  60 erzählt, Loki für ihn), daß er sich seiner Waffe, des Hammers, nicht bedienen wolle. Auch Beowulf streitet bei seinem letzten Kampfe, gegen den Drachen, nicht ohne Wehr und Waffe, und wozu hätte ihm der Dichter, der bei seiner rein menschlichen Behandlung des Gegenstandes der Göttersage keine Treue schuldig war, statt der beiden Schwerter, des größern und kleinern, die Keule oder den Hammer in die Hand geben sollen? von welchen bei einer eingehenden Beschreibung des Kampfes, die dem mythischen Beowulf den historischen Wiglaf zur Seite stellte, kein Gebrauch zu machen war. Ich könnte aber diesen gegen Thôr geltend gemachten Grund wider Freyr wenden, denn Freyr entbehrt des Schwertes beim letzten Kampfe. Doch auch so noch gleicht dieser letzte Kampf Beowulfs Zug um Zug dem letzten Thôrs, bei welchem er die Midgardschlange zwar erschlägt, aber von ihrem Gift übersprüht zu Boden sinkt. Dieß findet sich bei Beowulf wieder. Auch Er erlegt den Wurm, stirbt aber dann, als die Wunden schwären und schwellen, die ihm des Drachen Feuer geschlagen hat. Dieser Zug, der bei Freyrs Drachenkämpfen fehlt, entscheidet für Thôr. Der letzte Kampf Thôrs ist als ein Herbstkampf aufzufaßen: dabei muß der im Frühling siegreiche Gott dem riesigen Ungethüm, das den Winter bedeutet, erliegen. Die Edda hat aber diesen herbstlichen Kampf, der sich seiner Bedeutung nach alljährlich wiederholen muß, nachdem der Mythus vom Weltuntergange in der nordischen Mythologie herschend geworden war, an das Ende der Welt verlegt; ähnlich setzt ihn unser Heldenlied in Beowulfs hohes Alter, zu neuem Erweise der Lehre, daß die ursprünglich nur von Sommer und Winter handelnden Mythen durch Uebertragung bald auf Leben und Tod der Götter und Helden, bald auf den Untergang der Welt bezogen wurden. Näher auf die mythische Grundlage unseres Gedichtes einzugehen, halte ich für unnöthig, da ich auf die lehrreiche Abhandlung Müllenhoffs Zeitschr. VII., 419 ff. verweisen kann, der ich schon so Vieles verdanke. Ich müste sie vollends aufschreiben, wenn ich alle Gründe, die er selbst für die Deutung Beowulfs auf Thôr an die Hand gegeben hat, hier wider ihn geltend machen wollte. Warum ich mich nicht mit ihm zu Freyr bekehren kann, ist soeben angedeutet. 13. Poetischer Werth. Unser Gedicht hat beim Uebergange aus dem Heidenthum ins Christenthum wie alle deutsche epische Dichtung gelitten. Doch ist das Heidnische mit schonender Hand getilgt und ein selbst oft noch halb heidnisch oder doch rabbinisch-jüdisch gefärbtes Christenthum so sparsam aufgetragen, daß es fast nur bei der Herleitung des Riesengeschlechts von Kain und seinem Brudermord zu Tage tritt oder wenn dem Vertrauen heidnischer Helden auf ihre eigene Stärke, die sich noch in den Gilpreden kund giebt, ein christliches Gottvertrauen untergeschoben oder an die Seite gestellt wird. Das sind aber die einzigen Beschädigungen nicht, die das Gedicht erfahren hat. Abgesehen davon, daß die in vielen Stellen ganz unlesbar gewordene Handschrift es nur lückenhaft überliefert, ist es auch stark und wie es scheint von mehr als Einer Hand interpoliert. So rührt die schon besprochene Episode von Freaware schwerlich von dem ersten Dichter her, der bei Beowulfs Aufenthalt an Hrodgars Hofe ihrer nicht gedenkt. Noch schlimmer ist es, daß Redactionsfehler begangen sind und schwer Vereinbares nebeneinander geduldet wurde, wie auch Müllenhoff 427 einen Widerspruch in Beowulfs Beweggründen zum letzten Kampfe aufdeckte, der einmal aus reinem Heldensinn, ein andermal gezwungen und zur Abwehr unternommen sein soll. Noch andere verspricht er Ztschr. XI., 280. 294 künftig aufzudecken. So verrathen auch einige Stellen, nach Ettmüllers Bemerkung S. 177, daß der alte Häuptling, der nach XXXI, 20, ff. die Schätze seines vom Kampf hinweggerafften Geschlechts in der Erde birgt, Ein Wesen war mit dem Drachen, der sie später hütet, was auf eine heidnische Anschauung zurückweist, die der christliche Ueberarbeiter nicht gänzlich ausgemerzt hat. Aber Mängel dieser Art finden sich auch in den Nibelungen und in der Gudrun; zum Glück treten sie hier wie dort nicht so stark hervor, daß der Genuß dadurch verkümmert würde. Wie jedes echte Epos aus dem Glauben und der Geschichte des Volks erwächst, so zeigt auch der Beowulf mythische neben historischen Bestandtheilen, wenn gleich letztere sich selten mit der urkundlichen Geschichte berühren. Die mythischen treten in der Einleitung und den drei Haupttheilen des Gedichts hervor; die historischen mehr in den Zwischenerzählungen, von denen zweie jedoch, die von Brecka und Sigmund, gleichfalls mythischen Character tragen. In den mythischen ist der Held mit halbgöttlicher Kraft ausgerüstet; die geschichtlichen gehen über menschliches Maß nicht hinaus. Aber noch belebt dieß Gedicht kein romantischer Hauch, die Minne verschönt es nicht, selbst die Gattenliebe verbleicht in Ingeld vor dem Gefühl der Rache. Wenn schon in den Eddischen Helgiliedern die Thränen der verwaisten Gattin den verklärten Helden aus Walhalls Wonnen herniederziehen, wenn im Tristan die Minne in ganzer Pracht erblüht ist und die psychologisch tiefe Schilderung der unwiderstehlichen Gewalt der Liebe selbst den sittlich verstimmten Leser bezaubert und entzückt, so muß dagegen der Beowulf im Nachtheil erscheinen, der nur die Liebe zu Kindern und Geschwistern kennt, nur die süßen Bande des Bluts, nur die geheiligte Macht der Sippe. Hier ist noch Alles angeboren, Alles ursprüngliche Natur: freie Wahl und Selbstbestimmung, wie sie Freundschaft und Liebe fordern, tritt höchstens in Gilpreden und Erbotworten und im Verhältniss des Dienstmanns zu dem Gefolgsherrn hervor und auch hier nicht immer entschieden; wenigstens ist Wiglafs Treue zu seinem Lehnsherrn Beowulf zugleich in der Sippe gegründet; nur Hrodgar fühlt sich zuletzt 26 , 63 von der Neigung zu dem scheidenden Beowulf so ergriffen, Daß nach dem herzlieben Helden   geheimes Verlangen Widers Blut ihn brannte. Und doch liegt in dieser alterthümlichen Einfachheit der Motive zugleich die unvergängliche Schönheit des Gedichts: je tiefer sie in der Natur gegründet sind, je sicherer und stärker ergreifen sie uns. Neben dieser Einfachheit setzt die Kunst in Erstaunen, womit die vielen anziehenden Episoden eingeflochten sind, von welchen einige oben näher besprochen wurden. Sie sind meistens von rührender Wirkung, nur die Schwimmfahrt mit Brecka von erhabener gleich der schaurigen Beschreibung der Moorgegend. Vor Allem empfiehlt uns den Beowulf die lebendige Schilderung des deutschen Heldenlebens, das noch in selbwachsener Eigenthümlichkeit prangt, das noch keine Convenienz, keine ritterliche Courtoisie der reinen Menschlichkeit entfremdet hat. Diese Vorzüge werden es dem späten Geschlechte empfehlen, das ohne der Milde christlicher Gesinnung oder den Vortheilen moderner Cultur zu entsagen, doch in der Rückkehr zu ursprünglicher Einfalt und Aufrichtigkeit der Sitte und Gesinnung, wie sie nach Tacitus unser Gedicht am lebendigsten schildert, von romantischer Schwärmerei und französischer Leichtfertigkeit genesen soll. Nicht zum Erstenmal empfinde ich es als ein Unglück, daß Lessing keins unserer altdeutschen Gedichte wie den Beowulf oder Walther und Hildegunde kennen gelernt hat, die, so herrliche Frauen sie uns auch vorführen, doch den Mann noch höher stellen als die Frau. Er, der uns durch einen Philotas, ein Drama ohne andere Liehe als die der Pflicht und Ehre, zu mannhafter Tüchtigkeit zurückzuführen unternahm, würde diese Epen des ältern strengern Stils, wenn er ihre Auferstehung erlebt hätte, als mit den besten Werken des classischen Alterthums aus gleichem Geiste geboren begrüßt, ja ihnen vielleicht wie dem Shakespeare vor den Tragikern darin noch einen Vorzug eingeräumt haben, daß sie unserm deutschen Sinn und Gemüth näher und inniger verwandt sind.