Johanna Spyri »Und wer nur Gott zum Freunde hat, dem hilft er immer wieder« Erzählung 1. Kapitel Basti und Fränzeli erlernen ein Lied In Bürgeln, dem kleinen Dorf oberhalb Altorf, sind im Sommer die grünen Wiesen mit dem duftenden Gras und den frischen Blumen herrlich anzusehen und zu durchwandern. Schattige Nußbäume stehen ringsum, und an ihnen vorbei, die Wiesen hinunter rauscht der schäumende Schächenbach und macht wilde Sprünge, wenn ihm ein Stein im Weg liegt. Am Ende des Dörfchens, wo nur noch, von Efeu überwachsen, ein alter Turm steht, führt ein Fußweg weiter den Bach entlang. Hier steht ein großer, uralter Nußbaum, und unter seinem kühlen Schatten rasten gern die Wanderer und schauen zu den hohen Felsen auf, die in den blauen Himmel hineinragen. Wenige Schritte von dem alten Baum entfernt führt ein hölzerner Steg über den tosenden Bach, unmittelbar an den Berg hinan, wo der Fußweg steil hinaufgeht. Dort steht ein Häuschen mit einem kleinen Stall daran, höher hinauf wieder eines und noch eines und dann, wie an den Berg gedrückt, das kleinste von allen, mit einer so niedrigen Tür, daß kein Mann eintreten könnte, ohne sich zu bücken. Der Geißenstall hinten ist auch so klein, daß gerade nur die magere Geiß hineingeht, weiter gar nichts. Das Häuschen hat nur zwei Räume, Stube und Kämmerchen daneben, und vor der Stubentür ein Plätzchen, wo der kleine Herd steht. Im Sommer bleibt die Haustür den ganzen Tag offen und macht diesen kleinen Raum hell, sonst ist er ganz dunkel. In dem Häuschen hat der Wildheuer Joseph gewohnt, aber schon seit vier Jahren ist er tot, und nun wohnen noch seine Frau und zwei Kinder darin – die stille, fleißige Afra mit dem kleinen Basti, dem gesunden Buben, und dem noch kleineren Fränzeli, dem zarten, hellgelockten Mädchen. Der Joseph und die Afra hatten sehr still und friedlich miteinander gelebt und ihre kleine Behausung nur dann verlassen, wenn sie zusammen zur Kirche gingen. Sonst blieb Afra immer zuhause, Joseph aber ging am Morgen zur Arbeit und kam abends wieder. Als ihnen ein Sohn geschenkt wurde, sahen sie im Kalender nach, und da es der Tag des heiligen Sebastian war, gaben sie ihrem Kind diesen Namen. Als dann das kleine Mädchen an dem Tag des heiligen Franziskus geboren wurde, hießen sie es Franziska, woraus dann, nach der Sitte des Landes, ein Fränzeli wurde. Die Kinder waren immer Afras bestes Gut gewesen und, seit sie ihren Mann verloren hatte, ihr großer Trost und ihre einzige Freude auf Erden. Sie hielt ihre Kinder so sauber und ordentlich, daß kein Mensch gedacht hätte, sie kämen aus dem geringsten Häuschen und gehörten einer der ärmsten Frauen der ganzen Gegend. Jeden Morgen wusch sie sie mit aller Sorgfalt und kämmte das lichtblonde Lockenhaar des Fränzeli, daß es nicht so verwildert aussehe. Und jeden Sonntagmorgen war von den zwei Hemdlein, die jedes besaß, wieder eines gewaschen, und darüber wurde dem Fränzeli das bessere Röcklein und dem Basti die Höschen vom Vater her angezogen. Sonst hatten beide nichts anderes an, Strümpfe und Schuhe trugen sie den ganzen Sommer nicht. Im Winter hatte die Mutter dann schon etwas Warmes für sie bereit, freilich nicht viel. Es war nicht notwendig, die Kinder kamen dann fast gar nicht zum Häuschen hinaus. Aber für diese und alle sonstige Arbeit, die zu tun war, mußte die Afra von früh bis spät auf den Beinen sein und konnte sich wenig Ruhe gönnen. Nichts war ihr zuviel. Wenn sie nur ihre Kinder bei sich hatte und die beiden mit ihren fröhlichen Augen zu ihr aufschauten, vergaß sie gleich alle Müdigkeit, die sie noch eben niederdrücken wollte, und kein Wohlleben der Welt hätte sie für ihre Kinder eingetauscht. Sie gefielen auch jedem, der sie sah. Wenn sie miteinander Hand in Hand den Berg herunterkamen, denn der Basti hielt als guter Beschützer das Fränzeli immer fest an der Hand, dann sagte manchmal ein Nachbar, der sie vorbeigehen sah, zum andern: »Es hat mich doch schon manchmal gewundert, was die Afra mit ihren Kindern macht. Seit die meinen auf der Welt sind, haben sie nie so appetitlich ausgesehen wie diese zwei.« »Gerade das wollte ich auch eben sagen«, erwiderte gewöhnlich der andere. »Ich will doch einmal meine Frau fragen, wie das zugeht.« Die Frauen aber hörten das nicht besonders gern und sagten, da könne man nichts dafür, die einen Kinder seien nun einmal so und die andern anders, und die Afra müsse nicht meinen, daß schöne Kinder die Hauptsache seien. Das meinte aber die Afra durchaus nicht, nur wollte sie, da ihr der liebe Gott einmal so nette Kinder gegeben hatte, diese nicht durch Schmutz verunstalten. Wenn aber ein Nachbar zu ihr sagte: »Afra, Ihre Kinder gefallen mir. Der Bub ist wie ein Erdbeerapfel, und das Fränzeli mit den zarten Bäcklein und den goldenen Ringellocken ist gerade wie ein Altarbildchen«, dann erwiderte sie: »Wenn sie mir der liebe Gott nur gesund erhält und sie auch brav werden, darum bete ich alle Tage.« Und das tat sie wirklich. Es waren nun bald fünf Jahre vergangen, seit sie ihren Mann verloren hatte. Der Basti war vor einiger Zeit sechs Jahre alt geworden, das Fränzeli fünf, sah aber, so zart und fein gebaut, wie es war, wohl um zwei Jahre jünger aus als der Basti mit seinen kräftigen Gliedern. Es war ein rauher Herbst. Früh trat der Winter ein und schien recht hart werden zu wollen. Schon im Oktober fiel tiefer Schnee und blieb liegen. Im November stand das Häuschen der Afra so tief darin, daß man kaum mehr hinaustreten konnte. Basti und Fränzeli saßen in ihrer Ecke beim Ofen und kamen nie mehr vor die Tür. Die Mutter mußte dann und wann hinausgehen, tat es aber nur, wenn sie nichts mehr zu essen im Haus hatte. Den Berg hinunterzukommen war fast unmöglich, so tief lag der Schnee. Und einen Pfad machte da nur ein einzelner Mann, der noch höher oben wohnte und in dessen Fußstapfen sie dann zu treten suchte. Hatte es aber frisch geschneit, so mußte sie den Weg selbst suchen und sich bahnen. Kam sie dann von diesen Gängen nach Hause, so war sie oft so müde, daß sie sich mühsam beherrschen mußte, um nicht zusammenzubrechen. Und doch gab's dann noch so viel zu tun, daß sie sich noch lange keine Ruhe gönnen konnte. Aber es war nicht die Müdigkeit, die sie jetzt oft schweigsam machte und ihr manchen schweren Seufzer entlockte, wenn sie endlich abends sich hinsetzte, um noch das Zeug der Kinder zu flicken. Schwere Sorgen drückten sie nieder und wuchsen mit jedem Tag. Oft wußte sie nicht mehr, wie sie ein Stückchen Brot erwerben könnte, so selten bekam sie Arbeit. Und hatte sie eine Woche lang nichts verdient mit Stricken oder Spinnen, so konnte sie kein Brot kaufen, und die wenige Milch von der mageren Geiß war die ganze Nahrung für alle drei. So sann die Afra oft stundenlang in der Nacht hin und her, was sie tun könnte, um nur irgend etwas, wenn auch noch so wenig, zu erwerben. Denn noch drei lange Wintermonate lagen vor ihr. Sonst, wenn die Mutter die Kinder zu Bett gelegt und sich neben sie an ihre Flickarbeit gesetzt hatte, sang sie ihnen immer ein Lied, und dabei waren sie eingeschlafen. Jetzt saß die Mutter still da, und kein Gesang wollte aus dem gepreßten Herzen aufsteigen. So saß sie eines Abends schweigend und kummervoll da, draußen heulte der Wind und rüttelte so an dem Häuschen, als wollte er es umwerfen. Das Fränzeli war gleich eingeschlafen, denn wenn es nur die Mutter bei sich sitzen sah, hatte es keinen Kummer, wenn auch der Wind noch so arg heulte und pfiff. Der Basti aber hatte die Augen noch ganz offen und schaute der Mutter zu, wie sie flickte. Plötzlich sagte er: »Aber Mutter, warum singst du nie mehr?« »Ach Gott«, seufzte sie, »ich kann es nicht mehr.« »Weißt du das Lied nicht mehr? So warte, ich will dir schon zeigen, wie es geht.« Und Basti setzte sich in seinem Bett auf und fing an zu singen: Jetzo kommt die Nacht herfür, Liegt auf Wald und Wegen, Und wir beten all' zu dir: Gib uns deinen Segen!« Mit fester, klarer Stimme hatte Basti völlig richtig den Vers durchgesungen, den er so manchen Abend von der Mutter gehört hatte, und diese war ganz verwundert. Plötzlich schoß ihr ein Gedanke durch den Kopf. »Den hat mir der liebe Gott geschickt«, sagte sie, und blickte freudig ihren Buben an. »Basti, du kannst mir etwas verdienen helfen. Daß ich für dich und Fränzeli wieder Brot habe, das willst du doch gern?« »Ja, ja, ich will – jetzt gleich?« fragte Basti in großem Eifer und stieg sofort aus dem Bett. »Nein, nein, geh nur wieder hinein. Siehst du, wie du frierst?« Und die Mutter steckte schnell den Kleinen wieder unter die Decke. »Aber morgen will ich dich ein Lied lehren, und am Neujahrstag kannst du es den Leuten singen. Es dauert nicht mehr lange bis dahin, und dann geben sie dir Brot und vielleicht Nüsse.« Basti geriet über die Aussicht auf diese Gaben und auf seine wichtige Tätigkeit in solche Aufregung, daß er gar nicht einschlafen konnte und einmal ums andere fragte: »Mutter, ist es bald morgen?« Aber zuletzt wurde doch der Schlaf Meister und drückte dem Basti die Augen zu. Am Morgen erwachte er mit demselben Gedanken, mit dem er eingeschlafen war, aber er mußte sich noch gedulden, denn die Mutter sagte: »Erst am Abend können wir singen, am Tag habe ich viel zu tun.« Da verkürzte sich Basti die Zeit damit, daß er dem Fränzeli erzählte, was ihn die Mutter lehren wolle, und daß er dann Brot heimbringen werde und vielleicht auch Nüsse. Das Fränzeli hörte ganz gespannt zu und konnte auch kaum den Abend erwarten. Als es nun dunkel geworden war und die Mutter ihre Arbeit beendet hatte, zündete sie das Lämpchen an, setzte sich an den Tisch und zog das Fränzeli auf die eine, den Basti auf die andere Seite zu sich heran. Dann nahm sie die warmen Strümpfchen vor, die für den Basti zu seiner Reise gestrickt werden mußten, und sagte: »Hör mir jetzt zu, Basti, ich will dir den ersten Vers ein paarmal vorsingen. Dann wollen wir probieren, ob du ihn kannst.« Und nun fing die Mutter zu singen an. Es dauerte nicht lange, so sang der Basti schon mit, und plötzlich fing auch das Fränzeli mitten hinein ganz eifrig zu singen an. Als das die Mutter hörte, nickte sie ihr freundlich zu. Und als dann der Vers zu Ende war, sagte sie: »Das ist recht, Fränzeli, vielleicht lernst du's auch noch.« Als sie nun so zusammen ein paarmal den Vers gesungen hatten, fragte die Mutter: »Willst du's nun probieren, Basti? Das Fränzeli hilft auch ein wenig mit. Was meinst du, Fränzeli?« Das Mädchen nickte fröhlich, und der Basti begann mit fester Stimme sein Lied. Wie mußte aber die Mutter staunen, als das Fränzeli mit einem silberhellen Stimmchen einfiel, das sie vorher noch gar nicht so gehört hatte. Und wenn der Basti noch etwa aus der Melodie fallen wollte, so sang die Kleine weiter wie ein Vögelein, das ohne Mühe und ganz richtig seine Melodie zu Ende singt. Die Mutter war hocherfreut. Sie hatte nie daran gedacht, daß das kleine Fränzeli mithelfen könne. Und es klang so hübsch, als nun die beiden zusammen sangen, daß sie nur immer hätte zuhören mögen. Sie hatte so viel mehr erreicht, als sie erwartet hatte. Jeden Abend wurde nun fleißig gesungen, und als die Woche zu Ende war, konnten die Kinder schon das ganze Lied mit allen vier Versen. Das machte ihnen so große Freude, daß sie immer wieder von vorn anfingen, wenn sie zu Ende waren, und gar nicht genug bekommen konnten von ihrem Singen. Die Mutter war sehr froh darüber, denn nun konnte sie sicher sein, daß die Kinder nicht stecken bleiben würden, auch wenn sie nicht bei ihnen wäre. Der Dezember war gekommen und der Neujahrstag stand vor der Tür. Kurz zuvor setzte sich am Abend die Mutter noch einmal mit den Kindern hin, um zu hören, ob sie auch ganz sicher seien in ihrem Gesang und stimmte das Lied an. Aber jetzt kamen die Kinder der Mutter immer voran, so sicher und eifrig waren sie, und die Mutter mußte ihren Takt ein wenig beschleunigen, wenn sie mithalten wollte. Ohne steckenzubleiben, sangen sie alle vier Verse ihres Neujahrsliedes. Es hieß so: »Nun ist das alte Jahr dahin, Ein neues ist gekommen, Wir wünschen, daß es euch erschien Zu eurem Heil und Frommen. Jetzt ist die kalte Winterzeit, Die Erde starrt im Eise, Doch ist der liebe Gott nicht weit Und hilft nach seiner Weise. Doch wird es manchem Vöglein schwer, Sein Futter zu erreichen, Und auch die Kinder ziehn umher Und suchen sich desgleichen. Nun komm in diesem neuen Jahr Viel Segen auf euch nieder, Und wer nur Gott zum Freunde hat, Dem hilft er immer wieder.« 2. Kapitel Unerwartete Neujahrssänger Der Neujahrsmorgen war gekommen. In aller Frühe war die Mutter zur Kirche gegangen, denn das versäumte sie nie. Nun fing sie an, die Kinder in alle warmen Sachen zu packen, die sie nur hatte. Viele waren es nicht, doch hatte sie auch dem Fränzeli noch ein paar warme Strümpfe gestrickt. Zuletzt nahm die Mutter ein altes Tuch hervor, das sie sonst selbst umlegte, wickelte das Fränzeli hinein, nahm es auf den Arm und sagte: »So, nun können wir gehen.« Der Basti zog voran und arbeitete sich tapfer durch den hohen Schnee bis hinunter auf den Weg, den Schächenbach entlang. Hier konnte er neben der Mutter gehen und hatte so viel zu fragen, wohin sie nun kommen und was dann geschehen werde, daß die Zeit ganz schnell verging und er unvermerkt seine drei Viertelstunden gewandert war. Sie waren jetzt bei den ersten Häusern von Altorf angelangt. Die Mutter sah gleich, daß schon eine Menge Kinder unterwegs waren, um ihre Neujahrslieder zu singen. In allen Häusern gingen sie aus und ein. Die Afra ging ohne Aufenthalt bis zum großen Gasthaus, das unweit der Kirche bei dem alten Turm steht. Hier war es noch ziemlich still. Die Mutter stellte das Fränzeli auf den Boden, packte es aus und schickte dann die Kinder in das große Haus hinein. Dort sollten sie gleich beim Eintritt ihr Lied anstimmen. Sie selbst zog sich ein wenig hinter den Turm zurück, doch so, daß sie die Kinder sehen konnte, wenn diese wieder herauskamen. Basti ging, das Fränzeli fest an der Hand, in das Haus, fing gleich mit heller Stimme sein Lied zu singen an, und Fränzeli stimmte melodisch mit ein. Da wurde die Tür der Gaststube geöffnet, die Leute riefen die Kinder herein und lobten sie für ihren Gesang. In den Korb, den die Mutter dem Basti gegeben hatte, flog von da und dort manches Stück Brot und hier und da auch eine Münze. Die Frau des Hauses legte eine große Hand voll Nüsse hinein und sagte: »Am Neujahr müßt ihr auch etwas aufs Brot haben.« Nun dankte der Basti laut und das Fränzeli leise, und dann liefen die Kinder voller Freude über ihre Gaben zur Mutter hinaus. Dann ging es weiter zu einem anderen Haus, aber da waren schon singende Kinder und andere kamen noch nach, so daß manchmal eine ganze Schar miteinander in demselben Haus stand. Wollten sie dann alle durcheinander singen, so kamen die Bewohner heraus und sagten, sie wollten lieber jedem ein Stück Brot geben als solchen Lärm haben. Manchmal bekamen sie auch nicht alle von den Gaben und mußten leer ausgehen. Aber mehr als einmal, wenn da so viele zusammen vor einer Tür standen, rief die Frau das Fränzeli zu sich heran und sagte freundlich: »Komm, du Kleines, du erfrierst ja fast, du mußt etwas haben. Aber dann geh heim, du zitterst ja wie Espenlaub.« Nachdem die Kinder so in fünf oder sechs Häusern gesungen hatten und nun wieder aus einem heraustreten, sah die Mutter, daß es nicht länger so weiter ging. Es war bitterkalt, so daß sie selbst fast erstarrt war, und das zarte Fränzeli zitterte an allen Gliedern so, daß es gar nicht mehr singen konnte. Sogar der Basti war völlig blau geworden und hatte so steife Hände, daß er nichts mehr anfassen konnte und nur den Arm mit dem Korb vorstreckte, wenn er etwas bekommen sollte. Jetzt wickelte die Mutter rasch das Fränzeli wieder ein und nahm es auf den Arm. »Und du, Basti«, sagte sie, »lauf nur recht, dann wirst du wieder warm.« Nun liefen sie, ohne stillzustehen, bis sie wieder daheim in ihrem Häuschen waren. Dann setzten sie sich alle drei um den kleinen Ofen ganz nahe zusammen, bis Hände und Füße wieder warm waren. Nach einer Weile holte Basti den Korb herbei. Sie mußten doch sehen, was alles drinnen war. Die Kinder bekamen auch nach der großen Anstrengung jedes ein schönes Stück Brot und ihre Nüsse dazu, und so feierten sie zusammen einen fröhlichen Neujahrsabend. Auch die Mutter war froh und dankbar. War ihr auch keine durchgreifende Hilfe zuteil geworden, so hatte sie doch für manchen Tag genug Brot, und hier und da war ja auch eine Münze mit in den Korb hineingeflogen. Die konnte sie gut gebrauchen. Freilich folgten noch schwere, kummervolle Tage, und die Mutter hatte noch oft mit Hunger und Kälte zu kämpfen. Aber endlich ging der lange Winter zu Ende, die warme Sonne schien wieder. Die Kinder konnten wieder vor dem Hüttchen sitzen und mußten nicht mehr frieren. Auch die Geiß wurde wieder hinausgeführt, konnte von dem jungen, schönen Gras fressen und gab wieder ein wenig mehr Milch. Der Mutter war eine große Last dadurch abgenommen, daß sie nicht mehr überall nach Holz suchen mußte, um das dünne Häuschen notdürftig zu erwärmen. Denn jetzt schien die Sonne warm in die Fenster, und schöne, laue Luft strömte herein. Aber die Mutter hatte sich den ganzen Winter hindurch so sehr angestrengt und so mangelhafte Nahrung zu sich genommen, daß sie ganz um ihre Kräfte gekommen war. Und auch die warme Frühlingssonne konnte sie nicht stärken. Trotzdem ließ sie nicht nach in ihrem Fleiß und ihrer rastlosen Tätigkeit von früh bis spät. Und wenn sie auch manchmal vor Müdigkeit und Schwäche umzufallen glaubte, eine große innere Angst trieb sie immer wieder neu an. Denn sie sah wohl voraus, wenn sie sich und die Kinder nicht mehr durchbringen könnte, würden sie ihr von der Armenbehörde weggenommen und irgendwo untergebracht, damit sie in einem Dienst ihr Brot erwerben könnten. Und dieser Gedanke war ihr so schrecklich, daß sie lieber ihre letzte Kraft einsetzen wollte. Jetzt waren die langen, heißen Sommertage gekommen. Von dem wolkenlosen Himmel sandte die Sonne ganze Gluten auf die Bergwände nieder, an denen überall das Spätheu zum Trocknen lag oder schon gebündelt wurde. Auch Afra war mit den Kindern hinaufgestiegen, wo ihr hoch am Felsen droben ein kleines Stückchen Erde gehörte, von dem sie jedes Jahr das Winterfutter für ihre Geiß gewann. Sie band das Heu, das sie tags zuvor abgemäht hatte, zusammen, um es nun auf dem Kopf nachhause zu tragen. Das Fränzeli hielt sich, wie immer, wenn die Mutter keine Hand frei hatte, an deren Kleid fest. Basti aber hatte auch eine kleine Heubürde zu tragen. Daheim holte die Mutter gleich die Milch herbei, denn sie hatten alle seit dem kärglichen Frühstück nichts gegessen, als zwischendurch ein Stück Brot, das sie mitgenommen hatten. Und nun war es schon fünf Uhr abends. Als die Mutter zur Milch den Rest des Brotes aus dem Schrank nahm, sah sie erst, wie klein er war. Ehe sie die bestellten Strümpfe fertig gestrickt hatte, bekam sie kein Geld, um Brot zu kaufen. Und gestern und heute hatte sie wegen der Arbeit beim Heu nicht stricken können. Die Mutter gab die Hälfte des kleinen Stückchens dem Fränzeli, die andere dem Basti und sagte: »Ich weiß wohl, daß ihr recht Hunger habt, aber ihr begreift es schon, daß ich euch nicht mehr geben kann. Seht, es ist eben nichts mehr da. Aber heute abend will ich fleißig stricken, dann kann ich euch morgen ein größeres Stück geben.« Basti nahm fröhlich sein Stück in Empfang. Aber er biß noch nicht hinein, er sah auf die Mutter. Afra goß Milch in die Schüsselchen, die sie den Kindern gab, setzte sich dann hin und legte ihren Kopf in die Hand. Basti schaute sie noch immer unverwandt an. »Wo hast du dein Brot, Mutter?« fragte er endlich. »Ich habe keins, Basti, aber ich habe auch keinen Hunger, ich brauche nichts«, erwiderte die Mutter. Da kam das Fränzeli heran und steckte der Mutter schnell noch ein ganz kleines Stückchen in den Mund, das es noch übrig hatte. Und der Basti streckte sein Stück auch hin und sagte ganz kläglich: »Ja, wenn du keins hast, dann mußt du hungern. So wollen wir teilen.« Aber die Mutter hielt es ihm wieder hin. »Nein, nein, Basti, iß nur. Sieh, ich könnte nicht essen, mir ist nicht gut. Wenn ich nur morgen nach Altorf hinunter zum Doktor gehen könnte, er würde mir doch einen Rat geben. So geht's nicht mehr weiter.« Die letzten Worte sagte sie leise für sich, und plötzlich sank sie mit geschlossenen Augen zurück. Vor Schwäche und Mattigkeit war sie in Ohnmacht gefallen. Der Basti schaute die Mutter eine Weile an, dann sagte er leise zu Fränzeli: »Komm, ich weiß schon, was ich mache. Aber du mußt ganz leise sein, daß du die Mutter nicht weckst. Siehst du, sie will ein wenig schlafen.« Er faßte das Fränzeli fest an der Hand, zog es zur Tür, und es konnte gar nicht anders als leise sein, denn es hatte weder Strümpfe noch Schuhe an seinen kleinen Füßen, wie auch der Basti nicht. So schlichen sie zur offenen Tür hinaus und wanderten zusammen den Berg hinunter. Als sie den steilen Fußweg den Berg hinunter zurückgelegt hatten und nun ihre Wanderung am tosenden Wasser entlang fortsetzten, drückte der Basti das Fränzeli vom Bach weg auf die andere Seite des Weges und noch ein gutes Stück weit in die Wiese hinein. »Siehst du, Fränzeli«, sagte er belehrend, »man darf nie, nie auf der anderen Seite gehen, sonst fällt man in den Schächen hinunter. Das hat die Mutter gesagt, und so kleine Kinder wie du werden auf der Stelle ertrinken.« Das begriff Fränzeli und ließ sich ganz willig durch die Wiese führen. Dann begann der Basti wieder: »Siehst du, Fränzeli, jetzt gehen wir nach Altorf in die Häuser und singen wieder unser Lied, dann bekommen wir Brot und vielleicht auch Nüsse. Und dann bringen wir alles der Mutter, weißt du, weil sie heute kein Brot mehr bekommen hat. Aber kannst du auch das Lied noch singen?« Fränzeli war sehr erfreut über dieses Reiseziel und wanderte mit neuem Eifer durch die Wiese und dann auf der steinigen Straße trotz seiner nackten Füßchen. Es sagte, das Lied könne es schon noch, und Basti schlug vor, es noch einmal zu probieren. So stimmten die Kinder laut ihr Neujahrslied an. Sie konnten es noch ganz gut und fingen immer wieder von vorn an. Und so kamen sie unvermerkt bis nach Altorf hinunter, obschon Fränzelis zarte Füßchen vor Anstrengung ganz rot geworden waren. Als sie die ersten Häuser des Fleckens erreicht hatten, hörten sie auf zu singen, und Basti sagte: »Ich weiß noch ganz gut, bei welchem Haus man anfängt, hier noch nicht.« Er zog Fränzeli, das jetzt ein wenig müde war, bis zu dem großen Gasthaus »Zum goldenen Adler«, in das die Mutter sie am Neujahrstag zuerst hineingeschickt hatte. Aber jetzt sah es da anders aus als damals. Die Abendsonne warf goldene Strahlen auf den freien Platz vor der Haustür, und ein ziemlicher Lärm klang dort auf. Eine ganze Gesellschaft von Fremden war angekommen, lauter junge Herren in schönen, farbigen Mützen. Die hatten gleich nach ihrer Ankunft den großen Tisch aus der Gaststube herausgetragen und draußen auf den freien Platz gestellt. Und nun saßen sie alle daran und aßen und tranken fröhlich, denn sie hatten heute einen langen Marsch gemacht und ließen es sich nun schmecken. Als Basti die vielen Herren an dem Tisch erblickte und Fränzeli vor Furcht stillstand, fand er es am besten, gleich aus der sicheren Ferne die Herren anzusingen. Und so stimmte er denn mit aller Kraft an, damit sie es auch durch den Lärm, den sie selbst machten, hören konnten. »Still«, donnerte plötzlich die ungeheure Stimme des riesengroßen Mannes, der oben am Tisch saß, »still, sag ich, ich höre Gesang, wir bekommen Tischmusik.« Die Herren sahen sich alle um, und als sie die Kinder erblickten, die sich ein wenig hinter den alten Turm gestellt hatten, winkten alle. Viele Stimmen riefen durcheinander. »Nur näher!« »Nur hierher!« Die Kinder hatten aufgehört zu singen, und der Basti kam bereitwillig heran. Er mußte aber das Fränzeli ein wenig ziehen, denn es fürchtete sich sehr. Jetzt streckte der große Blonde mit dem dichten Bart seinen langen Arm aus, zog den Basti noch näher zum Tisch heran, und alle riefen: »Nun laß sie singen, Barbarossa!« »So, nun singt euer Lied!« befahl der große Mann. Basti fing mit lauter Stimme an, und Fränzelis Stimmchen tönte wie ein leises, silbernes Glöcklein dazu. »Nun ist das alte Jahr dahin, Ein neues ist gekommen. Wir wünschen, daß es euch erschien Zu eurem Heil und Frommen.« »Barmherzigkeit! Wir sind auf die andere Seite der Weltkugel geraten, hier feiern sie Neujahr!« schrie Barbarossa, und nun ging ein Rufen und Lachen los, daß es einen ungeheuren Lärm gab. »Hört doch auf!« rief jetzt der schlanke Schwarzhaarige, der neben Barbarossa saß. »Seht doch das kleine Mädchen an, es zittert ja vor Angst.« Nun waren alle still und schauten das Fränzeli an, das sich ängstlich an Basti klammerte. »Ritter Maximilian, nimm du dich des Mädchens an!« befahl Barbarossa. »Und dann weiter mit dem Gesang!« Maximilian nahm das Fränzeli freundlich bei der Hand und sagte: »Komm zu mir, du kleines Mädchen, da kann dir niemand was zuleide tun.« Fränzeli hielt vertrauensvoll seine Hand fest, und sobald es ruhig war, stimmte Basti wieder an: »Jetzt ist die kalte Winterszeit, Die Erde starrt im Eise, Doch ist der liebe Gott nicht weit Und hilft nach seiner Weise.« »Mich hat er wirklich heute vor Frost bewahrt«, warf Barbarossa ein, der von der Hitze ganz rot im Gesicht war. Lärm und ungeheures Lachen waren wieder ausgebrochen, aber viele riefen nun: »Weiter! Weiter! Weiter!« Die Kinder sangen: »Doch wird es manchem Vöglein schwer, Sein Futter zu erreichen, Und auch die Kinder ziehn umher Und suchen sich desgleichen.« »Das müssen sie haben, das müssen sie haben«, riefen sie nun von allen Seiten, und eine Menge Teller mit ganzen Schichten von guten Sachen wurden zu den Kindern hingeschoben. Aber Basti ließ sich nicht verlocken, mit fester Stimme sang er weiter, und das Fränzeli half bis zu Ende mit »Nun komm in diesem neuen Jahr Viel Segen auf euch nieder, Und wer nur Gott zum Freunde hat, Dem hilft er immer wieder.« Nun brach ein ungeheurer Jubel aus, und alle riefen durcheinander: »Das ist ein schöner Wunsch! Der bringt uns Glück auf die Reise!« Barbarossa aber zog nun den Basti zu sich und stellte einen Teller mit so vielen schönen Sachen vor ihn hin, wie er sie in seinem Leben noch nie gesehen hatte. Auf dem Rand lag ein großes Stück schneeweißes Brot, und Barbarossa sagte ermunternd: »So, mein Sohn, nun iß, bis nichts mehr übrig ist.« Und all die anderen gefüllten Teller wurden ihm noch zugeschoben, und von allen Seiten riefen sie: »Den auch noch! Das soll er auch noch haben!« Basti stand da und schaute auf all die Schätze mit hellem Entzücken in den Augen, und vor Erwartung wurden ihm die Augen immer größer. Aber er berührte nichts. Dem Fränzeli, das immer noch die Hand seines Beschützers festhielt, hatte dieser einen ebenso reichlich gefüllten Teller vorgesetzt und es aufgefordert, zuzugreifen. Fränzeli hatte durch den langen Marsch einen großen Hunger, nahm gleich einen guten Bissen auf die Gabel und wollte ihn zum Mund führen. Aber es guckte schnell noch nach dem Basti, und als es sah, daß dieser nichts aß, legte es schnell seinen Bissen wieder auf den Teller zurück. »Was ist denn mit dir los? Warum greifst du denn nicht zu, mein Kleiner? Wie heißt du denn eigentlich?« fragte Barbarossa. »Basti heiße ich«, war die Antwort. »Gut, Basti, mein Sohn, was hast du denn für tiefe Gedanken, die dir so die Augen aufreißen und den Appetit nehmen?« »Wenn ich nur einen Sack hätte!« »Einen Sack? Und was dann?« »Dann will ich alles hineintun und der Mutter bringen, sie hat heute kein Brot mehr gehabt.« Nun wurden die Herren ganz mitleidig, und viele riefen, man müsse ihm einen Sack holen, er solle seinen Willen haben. Andere fragten, wo die Mutter wohne, ob sie gleich in der Nähe sei. Als Basti antwortete, sie wohne in Bürgeln oben auf dem Berg, brachen alle in Verwunderung aus. Barbarossa sagte: »Wenn ihr von dort oben heruntergekommen seid, so habt ihr doch gewiß auch Hunger, nicht, Basti?« »Ja, und auch noch, weil wir heute nur ganz wenig Brot bekommen haben«, bestätigte der Junge. »Aber morgen kann die Mutter vielleicht die Strümpfe fortbringen, dann bekommen wir mehr.« Jetzt wollte jeder der Herren etwas tun, die einen wollten einen Sack holen, die anderen einen Träger. Aber Barbarossas Stimme übertönte alle. »Jetzt will ich vor allem sehen, wie diese zwei Menschenkinder sich satt essen, und dann kommt das Weitere. Nun hör zu, Basti! Was hier auf deinem Teller liegt, das ißt du, und wenn du fertig bist, so bekommt deine Mutter alles übrige.« »Das alles?« fragte Basti und wies mit leuchtenden Augen auf alle die gefüllten Teller hin. »Alles«, bestätigte Barbarossa. »Kannst du nun anfangen?« Jetzt ergriff Basti seine Gabel und aß mit so erfreulichem Appetit, daß Barbarossa mit großer Befriedigung zuschaute. Und Maximilian freute sich, als nun auch Fränzeli es wagte, endlich seinen großen Hunger zu stillen. »Hat euch eure Mutter hierher geschickt, das Lied zu singen?« fragte Barbarossa. »Nein, sie ist eingeschlafen, weil sie kein Brot gegessen hatte und müde war. Sie wollte auch zum Doktor gehen, damit er ihr einen Rat gibt«, erklärte der Basti. »Und da bin ich mit dem Fränzeli weggegangen, um für die Mutter Brot zu holen. Denn wir haben das erstemal auch Brot bekommen, als wir hier gesungen haben.« Jetzt begriffen die Herren, wie es gekommen war, daß die Kinder ihnen das Neujahrslied gesungen hatten. Barbarossa rief: »Ich schlage vor, daß wir alle miteinander unsere Sänger nach Bürgeln hinaufbegleiten. Wir müßten ohnehin morgen die Stätte aufsuchen, wo die Wellen des wilden Schächenbachs den braven Tell verschlungen haben. Wir machen heute eine Mondscheinpartie daraus und bringen unsere entlaufenen Freunde ihrer Mutter wieder.« »Und du als guter Mediziner gibst ihr gleich einen guten Rat«, setzte Maximilian hinzu. Als er dann aber sah, daß schon alle Freunde ihre Sitze verließen, die Stöcke schwenkten und gleich auf und davon gehen wollten, da rief er ganz entrüstet: »Was meint ihr eigentlich? Soll denn dieses kleine, zarte Wesen mit euch Schritt halten? Soll es überhaupt zum zweitenmal diesen ganzen Weg auf seinen zwei winzigen Füßchen zurücklegen? Erst spannt der Wirt seinen Gaul vor, dann wird das kleine Mädchen mit dem Proviantkorb in den Wagen gesetzt, und dann geht's vorwärts.« »Eine gute Idee«, bemerkte Barbarossa mit einem Blick auf den ungeheuren Korb, den die Wirtin statt eines Sackes gebracht hatte. Denn als sie verstanden hatte, was die Herren von ihr wollten, hatte sie ihnen erklärt, daß all die verschiedenen Nahrungsmittel nicht in einen Sack zusammengeworfen werden könnten. Und darum hatte sie einen gewaltig großen Korb herbeigeschafft und alles hineingepackt. »Das beste ist nun«, fuhr Barbarossa fort, zu Maximilian gewandt, »du bleibst und setzt dich mit dem Mädchen und dem Proviantkorb in den Wagen. Wir gehen unterdessen voraus, und Basti macht den Wegweiser.« Das wurde beschlossen. Als aber der Zug sich in Bewegung setzen wollte, machte Barbarossa noch einmal halt und sagte ernsthaft: »Keiner kann wissen, welchen Gefahren und Strapazen wir auf dieser nächtlichen Reise entgegengehen. Darum soll jeder meinem Beispiel folgen und eine Weinflasche in seine Tasche stecken.« Damit ging er ins Haus, um sich eine Flasche zu holen. Alle anderen folgten ihm lachend, der Vorschlag hatte vollen Anklang gefunden. Endlich waren dann wieder alle auf dem Platz und konnten die Reise antreten. An der Spitze des Zuges marschierte der gewaltige Barbarossa, den kleinen Basti zur Seite. Bald hob auch Maximilian das Fräulein in den offenen Wagen hinein, setzte sich an seine Seite, den hochbepackten Korb daneben. Und nun ging's fort in den schönen Abendschein hinein, der von der untergegangenen Sonne noch golden am Himmel flimmerte. Dem Fränzeli aber gefiel es außerordentlich gut, so im Wagen zu fahren, den freundlichen Beschützer an seiner Seite. Das Vertrauen zu ihm war so groß geworden, daß es sich fortwährend mit ihm unterhielt und ihm erzählte, wie es daheim mit der Mutter und dem Basti und der Geiß lebte und was sie alles taten. 3. Kapitel Eine Überraschung nach der anderen Die Mutter daheim war inzwischen ein paarmal halb erwacht, hatte aber nicht die Kraft gehabt aufzustehen. Immer wieder war sie zurückgesunken und hatte mehrere Stunden in einer Art Betäubung dagelegen. Endlich aber erwachte sie. Die Dämmerung war schon hereingebrochen. Ihre Kinder konnte sie nicht sehen, sie war aber so müde, daß sie noch sitzen blieb. »Basti!« rief sie nach einiger Zeit, als alles so still um sie her blieb. »Fränzeli, wo seid ihr?« Sie erhielt keine Antwort. Da gab ihr die Angst plötzlich Kraft. Sie stand schnell auf, trat vor das Häuschen, aber da war niemand. Sie ging zur Geiß hinein, die war ganz allein, dann rund um das Häuschen und rief dabei immer wieder die Namen der Kinder. Alles blieb still. Nur von unten herauf rauschte tosend der wilde Schächenbach. Eine furchtbare Angst kam über die Mutter, kaum konnte sie sich auf den Füßen halten. Sie faltete die Hände und betete, daß der liebe Gott ihr doch das Schwerste ersparen wolle. Dann lief sie an den Fußweg und wollte den Berg hinuntersteigen. Da sah sie von unten herauf einen ganzen Zug Leute kommen. Alle sprachen laut und eifrig miteinander, und es war gerade, als ob die aufgehobenen Stöcke nach ihrem Hüttchen zeigten. »Ach, Gott im Himmel!« sagte sie im höchsten Schrecken. »Sollte es eine Nachricht für mich sein?« Sie konnte keinen Schritt weitergehen, sie stand wie gelähmt da. »Mutter! Mutter!« rief es auf einmal von unten herauf. »Wir kommen schon, und du mußt nur sehen, was wir bringen! Und die Herren kommen alle mit, und das Fränzeli kommt in einem Wagen mit einem Pferd.« Und jetzt stürmte der Basti allen voraus und rief immerfort und erzählte atemlos, was alles geschehen war. Denn er konnte es nicht erwarten, daß die Mutter alles erfuhr. Und als er endlich oben war und auf die Mutter losstürzte, drückte sie den Buben an sich und dankte Gott von ganzem Herzen. Vor Freude war sie neubelebt. Aber Erstaunen und Überraschung wuchsen mit jedem Augenblick, denn hinter ihrem Basti kam eine ganze Schar von Herren heran. Und alle begrüßten sie freundlich wie eine alte Bekannte. Zwei davon trugen auf zwei Stöcken, die sie auf die Schultern gelegt hatten, einen ungeheuren Korb. Und zuletzt kam noch ein Herr, der hielt das Fränzeli an der Hand. Das sonst so schüchterne Kind schien ihm so zu vertrauen, daß es nicht einmal seine Hand losließ, als es die Mutter sah, sondern ihn mit sich zu ihr heranzog. Die gute Afra wußte gar nicht, wo sie zu danken anfangen sollte. Denn nach Bastis Erzählung hatte sie schnell begriffen, daß die Herren den Kindern viel Gutes erwiesen hatten. Und der vollgepackte Korb zeugte auch davon. Sie wandte sich nun gleich an den Barbarossa. Weil er der größte von allen war, so hielt sie ihn für eine Art von Anführer und dankte ihm mit so warmer Herzlichkeit, daß er ganz gerührt war. Nun kam es ihm plötzlich in den Sinn, daß er ihr ja auch einen ärztlichen Rat geben sollte, und er schlug ihr vor, mit ihm in die Hütte zu gehen und ihm zu sagen, was ihr fehle. Auch darüber war sie sehr froh, und drinnen erklärte sie ihm, daß sie zwar keine Schmerzen habe, nur vor Schwäche und Kraftlosigkeit kaum noch stehen und gehen könne. Er fragte nun, was sie esse und trinke, und sie sagte ihm genau alles. Nun trat Barbarossa vor die Hütte hinaus und rief mit lauter Stimme: »Alle Flaschen her!« Er selbst lief eifrig hin und her, um die Flaschen einzusammeln. Endlich war der Tisch völlig bedeckt mit Flaschen, einige sogar standen noch auf dem Boden, und zu der sprachlos erstaunten Afra sagte er dann: »Ihr seht, Frau, die Medizin haben wir schon mitgebracht. Jeden Tag ein rechtes Glas voll genommen, dann wird's besser.« »Ach, mein guter Herr«, konnte Afra endlich hervorbringen, »ich habe wohl manchmal gedacht, ein Tröpfchen Wein könnte mir gut tun, wenn ich's bekommen könnte. Aber so viel, so viel!« »Meine gute Frau«, erwiderte Barbarossa, »wenn ein Tröpfchen gut tut, so tun mehrere Tröpfchen besser. Und nun lebt mir wohl und eure Kinder dazu!« Damit streckte er der Afra seine Hand hin. Sie begleitete ihn hinaus und nahm Abschied von all den Herren. Aber sie konnte gar nicht fertig werden mit Danken. Auch das Fränzeli dankte jetzt seinem Beschützer und bat, er solle bald wiederkommen. Der Basti schoß mit seinen Danksagungen von einem zum anderen, und dann lief er auf die äußerste Spitze des Felsvorsprungs und schrie aus vollem Hals, so lange er noch etwas von den Herren sehen konnte: »Vergelt's Gott, Barbarossa! Vergelt's Gott, Maximilian!« Denn er hatte sich die Namen gut gemerkt. Als die Kinder dann aber drinnen im Hüttchen bei der Mutter saßen, hatten sie so viel zu erzählen, wie sich alles ereignet hatte, wie sie schnell fortgegangen waren, um der Mutter ein wenig Brot zu ersingen, während sie schlief. Sie berichteten, wie dann eines zum anderen gekommen war, bis sie mit dem Wagen und dem Pferd heimbegleitet worden waren. Das Fränzeli konnte fast keine Worte finden, um die Herrlichkeit zu beschreiben, die es erlebt hatte, so im Wagen nach Hause zu fahren. Dann wurde der große Korb ausgepackt. Aus jedem Paket rollten wieder neue, prächtige Eßwaren heraus, und zuletzt kamen unten noch drei ganze weiße Brote zum Vorschein, die die Herren noch eigens bestellt hatten. Da übernahm die Freude den Basti so, daß er in hohen Sätzen in der Stube herumhüpfen und noch einmal laut rufen mußte: »Vergelt's Gott, Maximilian! Vergelt's Gott, Barbarossa!« Die Mutter aber mußte immer wieder sagen: »Das hat der liebe Gott den jungen Herren ins Herz gegeben. Wir wollen auch alle Tage für sie beten, Kinder, und es nie vergessen.« Inzwischen wanderten die Herren Studenten fröhlich nach Altorf hinunter. Nur Ritter Maximilian war eine Weile ganz still gewesen, dann plötzlich sagte er. »Es ist doch nicht recht. Nein, es ist nicht recht. Nun haben wir die arme Frau und die Kinder nur gerade davor geschützt, daß sie nicht Hungers sterben, und weiter gar nichts. Was sollen sie da oben im Winter machen ohne warme Kleider, ohne Essen, ohne alles? Das geht nicht, wir müssen eine Sammlung veranstalten, gleich heute noch, der Wirt kann den Ertrag überbringen.« »Ritter Maximilian«, entgegnete Barbarossa, »deine Gesinnung ist gut, dein Vorschlag aber unpraktisch. Du vergißt, daß wir auf der Reise sind, daß wir noch weit nach Hause haben und noch einiges Geld brauchen. Was bleibt da zu sammeln? Ich mache einen andern Vorschlag. Wir gründen eine neue Verbindung, die Bastiania. Jahresbeitrag vier Mark. Zu Ehrenmitgliedern werden alle Mütter und Schwestern ernannt, die liefern uns die nötigen Kittel und Röckchen für den Basti und das Mädchen. Sobald wir nachhause kommen, wird der Jahresbeitrag eingetrieben, die Ehrenmitglieder werden zur Mitwirkung überredet, und die erste Sendung der Bastiania geht ab.« Dieser Vorschlag fand ungeheuren Beifall. In der fröhlichsten Stimmung zogen die Herren in Altorf wieder ein, fanden ihren Tisch noch draußen stehen und setzten sich gleich wieder daran. Hier im hellglänzenden Mondschein wurde sofort die Bastiania gegründet und besiegelt. Wie mußte aber die Afra sich wundern, als einige Wochen nachher der Postbote ein so mächtig großes Paket zu ihr hinaufbrachte, daß er es mit Gewalt durch die offene Tür zwängen mußte. Dann warf er es auf den Boden, trocknete sich die Stirn und sagte: »Es wundert mich nur, Afra, was Sie für eine Bekanntschaft so weit oben in Deutschland haben. Auch der Postverwalter hat's nicht erraten können, wer Sie so weit weg kennen könnte.« »Ihr werdet wohl mit dem Paket an der falschen Stelle sein«, erwiderte die Afra. »Sie können es lesen«, gab der Bote zurück und ging davon. Wirklich standen deutlich Afras Name und ihr Wohnort auf dem Paket. Sie löste nun die festvernähten Ecken auf, und immer lockerer wurde die ganze Naht. Die Kinder schauten gespannt auf den geheimnisvollen Gegenstand. Jetzt auf einmal ging alles auseinander, und heraus rollten Kittel und Jäckchen und Tücher und Stiefel und Strümpfe, zum Erstaunen viel. Und mitten heraus fiel eine schwere Rolle, darin waren viele, viele Silberstücke. Die Mutter schlug die Hände zusammen und rief nur immer: »Aber woher! Woher ein solcher Segen?« Da brachte ihr das Fränzeli ein Blatt Papier, das aus den Sachen herausgefallen war. Darauf standen die Worte: »Und wer nur Gott zum Freunde hat, Dem hilft er immer wieder.« Da rief der Basti sofort: »Das steht im Lied, das kommt von den Herren!« Ja, das mußte so sein. Jetzt war es auch der Mutter klar, daß die Sendung von niemandem sonst als von ihren Wohltätern kommen könnte. Aber welcher unaussprechliche Dank erfüllte jetzt ihr Herz, da sie auf einmal ganz und gar von der großen Angst befreit war, daß sie von ihren Kindern getrennt werde. Nun hatte sie ja eine so reiche Unterstützung, daß sie den kommenden Winter ohne Sorge leben konnte. Und dazu war sie von dem stärkenden Wein wieder ganz kräftig und gesund geworden. Wie wird aber die Afra erst staunen, wenn nächstes Jahr wieder eine solche Sendung kommt und jedes Jahr aufs neue? Denn die Bastiania besteht als eine solide Verbindung fort, und die Ehrenmitglieder denken bei jedem ausgewachsenen Kleidchen und Kittelchen ihrer Kinder an die kleinen Neujahrssänger, die ihnen von den Söhnen und Brüdern bei der Rückkehr von der Schweizerreise in so lebendigen Farben geschildert worden sind. Die Afra aber hat als bleibende Gedenktafel in ihrer Stube das Blatt aufgehängt, das die Herren ihrer Sendung beigelegt hatten, und worauf die Worte stehen: »Und wer nur Gott zum Freunde hat, Dem hilft er immer wieder.«