Friedrich Spielhagen Problematische Naturen Roman Erste Abteilung Erstes Kapitel Es war an einem warmen Juniabend des Jahres 1847, als ein mit zwei schwerfälligen Braunen bespannter Stuhlwagen mühsam in dem tiefen Sandwege eines Tannenforstes dahinfuhr. »Wird dieser Wald denn nie ein Ende nehmen!« rief der junge Mann, der allein in dem Hintersitze des Fuhrwerks saß, und richtete sich ungeduldig in die Höhe. Der schweigsame Kutscher vor ihm klatschte statt aller Antwort mit der Peitsche. Die schwerfälligen Braunen machten einen verzweifelten Versuch, in Trab zu fallen, standen aber alsbald von einem Vorsatze ab, den ihr Temperament und der tiefe Sand so wenig begünstigten. Der junge Mann legte sich mit einem Seufzer in seine Ecke zurück und fing wieder an, auf die einförmige Musik des mühsam gleisenden Fuhrwerks zu horchen, und ließ wieder die dunklen Stämme der Tannen an sich vorübergleiten, auf die hier und da ein Streifen von dem Licht des Mondes fiel, der soeben über den Forst heraufstieg. Er begann von neuem, sich den Empfang, der seiner auf dem Schlosse harrte, und die so neue Situation, in die er treten sollte, auszumalen; aber die überdies verschwommenen Bilder einer unbekannten Zukunft wurden dunkler und dunkler; die schlummermüden Augen schlossen sich, und der erste Ton, den sein Ohr wieder vernahm, war der dumpfe Hufschlag der Pferde auf einer hölzernen Brücke, die zu einem mächtigen steinernen Torweg führte. »Endlich«, rief der junge Mann, sich emporrichtend und neugierig um sich schauend, als der Wagen rascher durch eine dunkle Allee riesiger Bäume fuhr, auf einem mit Kies bestreuten offenen Platze einen halben Bogen machte und jetzt vor dem Portale des Schlosses hielt, auf dessen dunklen Fenstern die Mondstrahlen glitzerten. Der schweigsame Kutscher klatschte zum Zeichen der Ankunft mit der Peitsche. Die einzige Antwort war der helle Ton einer Glocke in der Nähe, die langsam elf Uhr schlug. Als der letzte Ton verklungen war, tat sich die Haustür auf, ein Diener trat heraus an den Wagen, und hinter ihm wurde die Gestalt eines alten Herrn sichtbar, dessen runzliges Gesicht von dem Schein der Kerze, die er mit der einen Hand gegen den Luftzug zu schützen suchte, hell beleuchtet wurde. Der junge Mann sprang rasch aus dem Wagen auf den alten Herrn zu, der ihm die Rechte entgegenstreckte und mit einer Stimme, deren Freundlichkeit das Zittern des Alters und ein etwas ausländischer Akzent nicht verhüllten, sagte: »Seien der Herr Doktor bestens willkommen!« Der junge Mann erwiderte herzlich den Druck der dargebotenen welken Hand: »Ich komme zwar etwas spät, Herr Baron«, sagte er, »aber –« »Das tut nichts, das tut nichts«, unterbrach ihn der alte Herr. »Frau von Grenwitz ist noch auf. Johann, tragen Sie die Sachen auf das Zimmer des Herrn Doktor! Wollen Sie hier eintreten!« Oswald hatte auf dem mit Steinfliesen ausgelegten Vorsaal seinen Anzug flüchtig geordnet und folgte jetzt dem Baron in ein hohes, schönes Zimmer. Als er eintrat, erhoben sich zwei Damen, die an dem Tisch vor dem Sofa, wie es schien, mit Lesen beschäftigt gewesen waren. »Meine Frau«, sagte der Baron, Oswald der älteren von den beiden Damen vorstellend, einer hohen, schlanken Frau von etwa vierzig Jahren, die dem Ankömmling ein paar Schritte entgegengegangen war und jetzt mit einiger Förmlichkeit seine Begrüßung erwiderte, und dann verbeugte er sich auch vor der jüngeren, einer zierlichen kleinen Gestalt mit einem etwas scharfen, echt französischen, von langen Locken eingerahmten Gesicht, da er in dem Umstande, daß sie ihm nicht besonders vorgestellt wurde, keinen zwingenden Grund sah, diese Höflichkeit zu unterlassen. »Sie kommen spät, Herr Doktor Stein«, sagte die Baronin mit einer tiefen, wohllautenden Stimme, die mit dem kalten Licht ihrer großen grauen Augen nicht ganz harmonierte. »So früh, gnädige Frau«, antwortete der junge Mann heiter, »als es der widrige Wind, der heute morgen das Fährboot um mehrere Stunden aufhielt, und der Kutscher des Herrn Baron, dessen Geduld zu bewundern ich unterwegs reichlich Gelegenheit hatte, erlaubten.« »Geduld ist eine schöne Tugend«, sagte die Baronin, nachdem sie ihren Platz auf dem Sofa wieder eingenommen und die übrigen sich auf Stühlen um den Tisch gereiht hatten, »eine Tugend, die Sie vor allem schätzen müssen, da Sie sie in Ihrem Berufe so nötig haben. Ich fürchte, die beiden Knaben werden Ihnen nur zu oft Veranlassung geben, diese Tugend im vollsten Umfange zu üben.« »Ich verspreche mir alles Gute von meinen zukünftigen Zöglingen und bin zum voraus überzeugt, daß die Probe, auf die sie meine Geduld stellen werden, keine Feuerprobe sein wird.« »Ich will es wünschen«, sagte die Baronin, eine Arbeit, die sie beim Eintritt des jungen Mannes aus der Hand gelegt hatte, wieder ergreifend, »indessen werden Sie die Knaben gerade jetzt etwas verwildert finden, da sich Ihre Ankunft leider um einige Tage verzögert hat, und Ihr Vorgänger uns nicht den Gefallen tun konnte – oder wollte, seine Abreise so lange aufzuschieben.« »Es hieße gering von der guten Natur der Knaben denken«, erwiderte Oswald, »und nicht besonders groß von dem Erziehertalent des Herrn Bauer, das mir sehr gerühmt wurde, wenn ich wirklich fürchtete, sein Einfluß sollte ihn nicht einmal eine Woche überlebt haben.« »Nun, Herr Bauer hatte seine Tugenden und auch seine Schwächen« sagte die Baronin, die Stiche auf ihrer Arbeit zählend. »Das ist so Menschenlos, gnädige Frau«, erwiderte Oswald. »Will der Herr Doktor nicht eine Erfrischung zu sich nehmen, liebe Anna-Maria?« sagte hier der alte Herr; Oswald konnte nicht unterscheiden, ob aus gastfreundlicher Fürsorge, oder um dem Gespräch, das, er wußte selbst nicht wie, etwas lebhaften Charakter angenommen hatte, eine andere Wendung zu geben. »Ich danke«, sagte Oswald trocken. »Sie haben«, fuhr die Baronin, ohne die Unterbrechung zu beachten, fort, »wenn ich den Professor Berger, der uns an Sie wies, recht verstanden habe, sich bis jetzt noch nicht mit Unterrichten und Erziehen beschäftigt, Herr Doktor?« »Nein.« »Sie werden mich außerordentlich verbinden, wenn Sie mir gelegentlich Ihre Grundsätze in dieser Beziehung ausführlicher darlegen wollten. Ich bin zum voraus überzeugt, daß wir in den Hauptpunkten einerlei Meinung sein werden. Auf einige Differenzen in den Nebensachen müssen wir uns wohl beide gefaßt machen. Ich werde Ihnen meine etwaigen Wünsche und Ansichten stets unverhohlen äußern und bitte Sie, gegen mich dieselbe Rücksichtslosigkeit zu beobachten. Was den Umfang der Kenntnisse der Knaben anbelangt, so werden Sie sich darüber bald selbst ein Urteil bilden. Auch Ihrem Urteil über den Charakter der Kinder wünsche ich nicht vorzugreifen; nur das glaube ich Ihnen sagen zu müssen, daß Sie in Malte, unserm Sohn, einen etwas verzogenen Knaben, und in Bruno – Sie wissen, daß Bruno von Löwen ein entfernter Verwandter meines Mannes ist, den wir nach dem Tode seiner Eltern zu uns genommen haben – einen Knaben finden werden, der eben gar nicht erzogen und infolgedessen auch zum Teil sehr ungezogen ist.« »Liebe Anna-Maria«, sagte der alte Herr. »Ich weiß, was du sagen willst, lieber Grenwitz«, unterbrach ihn die Baronin. »Bruno ist nun einmal dein erklärter Liebling, und unsere Ansichten über ihn werden wohl noch lange verschieden bleiben. Übrigens magst du auch wohl recht haben, wenn du behauptest, daß ich ihn nicht zu beurteilen vermag, was übrigens weniger meine als des Knaben Schuld ist, dessen düsteres, verschlossenes Wesen alle Annäherung von unserer, wollte sagen, von meiner Seite beharrlich zurückweist.« »Aber, liebe Anna-Maria, –« »Nun, laß gut sein, lieber Grenwitz, wir wollen Herrn Doktor Stein nicht gleich an dem ersten Abend, den er unter unseren Dache ist, das Schauspiel der Uneinigkeit zweier Ehegatten geben. Überdies wird Herr Doktor Stein der Ruhe bedürfen. Mademoiselle, wollen Sie die Güte haben, zu klingeln.« Diese letzten Worte wurden in französischer Sprache an die junge Dame gerichtet, die während dieser ganzen Unterredung unbeweglich, ohne auch nur die Augen nach dem Ankömmling aufzuschlagen, das Buch, aus dem sie vorgelesen haben mochte, noch immer in der Hand haltend, an dem Tische gesessen hatte. Jetzt erhob sie sich und schritt nach der Tür, neben der sich der Klingelzug befand. Oswald kam ihr mit einem: »Erlauben Sie, mein Fräulein«, zuvor. Das Mädchen sah ihn aus großen braunen Augen mit einem halb verwunderten und halb erschrockenen Blick an, der deutlich genug verriet, wie wenig sie an dergleichen Aufmerksamkeit gewöhnt war, und ging dann, die langen Wimpern schnell wieder senkend, zu ihrem Platz am Tische zurück. Ein Diener trat ein und erhielt den Auftrag, Oswald nach dem für ihn bestimmten Zimmer zu bringen. »Ich hoffe, daß Sie vorläufig alles nach Wunsch finden werden«, sagte die Baronin, als Oswald sich mit einer stummen Verbeugung verabschiedete, »wenn eines oder das andere vergessen oder weniger nach Ihrem Geschmacke sein sollte, so haben Sie ja die Güte, dies auszusprechen; ich wünsche dringend in unserm eigenen Interesse, daß Sie sich in unseren Hause behaglich fühlen.« Oswald verbeugte sich noch einmal und folgte dem Diener aus dem Gemache. Dieser führte ihn über den Hausflur, an dessen Wänden Oswald flüchtig im Schein der Kerze dunkle Porträts von altertümlich gekleideten Herren und Damen in Lebensgröße bemerkte, eine steinerne Wendeltreppe hinauf, durch lange Korridore in eine Flucht von kleinen Zimmern und endlich in ein größeres Gemach. »Dies ist das Zimmer des Herrn Doktor«, sagte der Mann, die beiden Kerzen, die auf dem mit einem grünen Teppich bedeckten großen runden Tisch in der Mitte des Gemaches standen, anzündend. »Die Tür dort führt in das Schlafgemach des Herrn Doktor.« »Und wo schlafen die Knaben?« fragte Oswald. »Der Herr Doktor gelangen aus Ihrem Schlafgemach in das der Herren Junker. Haben der Herr Doktor sonst noch etwas zu befehlen?« »Nein, ich danke.« »Ich wünsche dem Herrn Doktor eine wohlschlafende Nacht.« »Gute Nacht.« Oswald war allein. Er war, eine Hand auf den Tisch gestützt, nachdenklich stehen geblieben und hörte mechanisch zu, wie die Schritte des Dieners allmählich auf dem Korridor verhallten. Jetzt ergriff er eine der beiden Kerzen, ging durch sein Schlafgemach nach der Tür, von der ihm der Diener gesagt, daß sie in das Gemach der Knaben führe, öffnete sie behutsam und trat, das Licht mit der Hand schirmend, leise ein. Die Betten der Knaben standen dicht nebeneinander. Vor dem einen Bette lag ein Teppich, vor dem andern nicht. Über dem Bette ohne Teppich hing an der Wand eine kleine silberne, über dem mit dem Teppich eine noch kleinere goldene Uhr. In dem Bette unter der goldenen Uhr lag ein Knabe von vielleicht vierzehn Jahren, mit blondem, schlichtem Haar und einem schmalen, feinen Gesicht, das in diesem Augenblick durch den halb geöffneten Mund etwas Albernes hatte; in dem Bette unter der silbernen Uhr ein Knabe, der wohl nur ein Jahr älter sein mochte als der erste, aber mindestens um drei Jahre älter aussah und überhaupt mit jenem den sonderbarsten Kontrast bildete. Während die Arme jenes schlaff auf der Decke lagen, hatte dieser die seinen über der Brust verschränkt. Der fest geschlossene Mund, und die in diesem Augenblick, wo ihn ein Traumbild herausfordern mochte, leise zusammengezogenen dunklen Brauen, gaben dem blassen Gesicht mit den unregelmäßigen, aber nicht unschönen Zügen einen Ausdruck von finsterem Trotz und Stolz, der einem gefangenen Königssohn wohl angestanden haben würde. »Armer Knabe«, sagte Oswald bei sich, als er mit unendlichem Interesse in das rätselhafte junge Antlitz sah, »dir hat der Lenz des Lebens auch schon Tränen gebracht, wenn du überhaupt von einem Lenze sprechen kannst.« Er fühlte sich seltsam ergriffen, er wußte selbst kaum weshalb; aber er beugte sich über den Schlummernden und küßte ihn auf die Stirn. Da regte sich der Knabe im Schlaf, die Arme lösten sich, er schlug die großen, tiefblauen Augen auf und sah durch die Nebel des Traumes zu Oswald empor. Und da zuckte es wie ein sonniger Strahl über sein Gesicht; alles Düstere war verschwunden, und ein warmes, hinreißend freundliches Lächeln spielte in den lebensvollen Zügen. »Ich habe dich lieb«, sagte der Knabe. »Und ich dich«, antwortete Oswald. Da wandte sich Bruno auf die Seite, und Oswald hörte an den tiefen, regelmäßigen Atemzügen, daß er wieder fest entschlafen sei. »Hat er dich wirklich gesehen, oder bist du ihm nur als Traumbild erschienen?« fragte sich der junge Mann, als er, voll von dem Eindruck dieser kleinen Szene, in sein Zimmer zurückschritt. Er stellte das Licht wieder auf den Tisch, trat ans Fenster, öffnete es und lehnte sich hinaus. Der Himmel hatte sich mit Wolkendunst bedeckt, durch den der volle Mond, der schon tief am Himmel stand, nur als dunkelrote Feuerkugel schien. Im Osten wetterleuchtete es. Die Luft war schwül und drückend. In dem Schloßgarten tief unter dem Fenster schimmerten die weißen Blütenbäume. Tiefer finsterer Schatten lag auf den Buchen und Eichen, die von dem hohen Wall, der den Garten umgab, riesig in den Himmel wuchsen. Nachtigallen schlugen in vollen langgezogenen Tönen; ein Brunnen plätscherte leise, wie im Schlaf. Oswald fühlte sich seltsam bewegt. Seine Vergangenheit ging in dämmernden Bildern an seinem Geiste vorüber, wie die Wolkenschleier an dem Monde vorüberwallten; Ahnungen der Zukunft zuckten dazwischen, wie das Wetterleuchten gegen Anfang. Da rauschte es lauter in den Bäumen, die helle Glocke, die ihn bei seiner Ankunft begrüßt hatte, schlug langsam zwölf. Er fuhr empor. »Du wolltest dir ja das Träumen abgewöhnen«, sprach er lächelnd zu sich selbst. »So schlafe denn, da du, ohne zu träumen, nicht mehr wachen kannst.« Zweites Kapitel Oswald war jetzt eine Woche auf Schloß Grenwitz, und die Woche war ihm vergangen wie ein Tag. Es lag in seiner Natur, alles Neue mit Leidenschaft zu ergreifen, selbst das Alltägliche, solange es neu war, und hier hatte er Neues vollauf: eine neue Situation, neue Umgebung, neue Menschen. Das alles versetzte ihn, wie es bei sanguinischen Temperamenten zu geschehen pflegt, auf eine Zeitlang in die heiterste Stimmung, in welcher es ihm ein leichtes war, Dinge und Menschen, und alles und jedes, womit er in Berührung kam, selbst die Baronin mit ihren strengen, kalten Zügen, selbst den schweigsamen Kutscher, gegen den er gleich am ersten Abend einen Haß gefaßt hatte, selbst den kriechenden, zutunlichen Bedienten mit seinem ewigen: »Befehlen der Herr Doktor« – ganz liebenswürdig, zum mindesten interessant zu finden. Von dieser heiteren, versöhnlichen Stimmung gaben auch die Briefe Zeugnis, die er um diese Zeit an seine Freunde schrieb: »Da wäre ich denn nun«, heißt es in dem einen, »auf dieser neuen Station meines wunderlichen Lebens angelangt, und wahrlich, ich glaube es hier, bis Schwager Kronos die Pferde gewechselt hat und wieder in sein ewiges Horn stößt, trotz meiner so oft von Ihnen gescholtenen Ungeduld, wohl aushalten zu können. Ja, wenn ich nicht fürchten müßte, durch voreiligen Enthusiasmus ihren Spott herauszufordern, so hätte ich nicht übel Lust, dem guten Stern, der mich hierher geführt, ein Danklied zu singen. Ich bin durchaus in der dazu nötigen Stimmung. Ich habe in diesen Tagen schon so viel Wald- und Seeluft geatmet, daß mein armes, vom Staube nichtsnutziger Folianten betäubtes Gehirn schier trunken ist. Wahrlich, wenn die Menschen dieses paradiesischen Aufenthaltes nicht ganz unwürdig sind, so öffnet sich mir für die nächsten Jahre eine schöne Zukunft. Verzeihen Sie mir, mein Freund, daß ich zu dem großen Schritte, der mich hierher geführt, nicht Ihre spezielle Erlaubnis eingeholt habe, wie Sie nach dem blinden Gehorsam, mit dem ich Ihrer höheren Einsicht bis jetzt immer gefolgt bin, wohl erwarten konnten. Ich war einmal entschlossen, ihn zu tun. Sie, das wußte ich, würden mir Ihre Einwilligung versagen; so wollte ich denn Ihren geharnischten Gründen ein ebenso geharnischtes Fait accompli entgegenstellen, und Ihrem guten Rat das uralte Vorrecht, zu spät zu kommen, nicht rauben. Überdies kam mir die Sache so plötzlich, und ich mußte meinen Entschluß so schnell fassen, daß ich eben nur Zeit hatte, ihn Ihnen mit wenigen Worten anzukündigen; und endlich ist es auch der Professor Berger, der die ganze Schuld trägt, wenn überhaupt von Schuld die Rede sein kann, und auf dessen Schultern ich hiermit feierlich alle Verantwortung wälze. Wir haben uns, seitdem wir uns vor nun fast einem Jahr in der Residenz trennten, sehr selten und immer nur sehr flüchtig geschrieben. So werde ich auch wohl des Professors Berger kaum ein paarmal Erwähnung getan haben, und es ist daher die höchste Zeit, daß ich Sie mit diesem originellen Manne endlich bekannt mache, der in meiner jüngsten Vergangenheit eine so große Rolle gespielt hat und dem ich es einzig und allein zu verdanken habe, daß ich in der Haupt- und Staatsaktion der Tragikomödie – Examen genannt – keine kläglichere Rolle spielte. Als ich damals von Berlin nach Grünwald zog, in der vagen Hoffnung, ich werde in dieser stillen Musenstadt, in der, wie ich mir hatte sagen lassen, das Gras in idyllischer Ruhe auf den Straßen wachse, die nötige Sammlung finden, an der es mir in den literarischen Zirkeln, ästhetischen Tees und singenden Butterbroten der Residenz so gänzlich gebrach, erschien mir unter den fürchterlichen Männern, die mich selig machen oder verdammen konnten, Professor Berger bald als der fürchterlichste. Ich hörte von den paar Kommilitonen, deren dreimal bedenkliche Bekanntschaft zu machen ich nicht umhin konnte, wahrhaft unheimliche Dinge von seiner erstaunlichen Gelehrsamkeit und allerlei Beunruhigendes über sein exzentrisches Wesen, seine tolle Launenhaftigkeit und seinen großen Einfluß auf die übrigen Mitglieder der Prüfungskommission, denen er durch sein Wissen, mehr aber noch durch seinen Witz, mit dessen beißender Lauge er jeden ohne Ansehen der Person überschüttete, gründlich imponierte. Leibhaftig hatte ich den Entsetzlichen noch nicht gesehen. Er hatte einen seiner hypochondrischen Anfälle, in welchen er sich, wie man mir sagte, bei Tage in seine Stube einschlösse und des Nachts in den Wäldern der Nachbarschaft umherschweife. Da werde ich eines Tages von einer reichen Familie, an die ich empfohlen war, zu Mittag geladen. Die Gesellschaft war sehr zahlreich, ich führte eine der jungen Damen vom Hause zu Tisch, ein hübsches blondes Mädchen, dessen Munterkeit mich während des Anfangs der Mahlzeit hinreichend fesselte. Als aber die gewöhnlichen Themata, die man mit jungen Damen, die seit einem Jahre aus der Schule sind, abzuhandeln pflegt, durchgesprochen waren, wurde ich auf einen Herrn aufmerksam, der mir gegenüber saß. Es war ein untersetzter, schon ältlicher Mann, mit einer massiven, wie aus Granit gehauenen Stirn, unter der ein paar kluge Augen hervorblitzten. Die etwas vollen Wangen verkündeten eine Neigung zum Wohlleben, die sich denn auch in dem Eifer, mit welchem der Mann den guten Gaben der Ceres und des Bacchus zusprach, deutlich genug zu erkennen gab. Die Züge um den festen, schönen Mund waren geradezu rätselhaft: Sinnlichkeit, Witz, Schalkheit und Melancholie – Dämonen und Genien – schienen dort zu spielen. Das Gespräch wurde an diesem Teile der Tafel bald ein allgemeines, und ich konnte mich, ohne aufdringlich zu erscheinen, hineinmischen. Man sprach über Kunst, Literatur, Politik. Überall schien der merkwürdige Mann zu Hause, überall überraschte er uns durch die geistvollsten Aperçus, durch blendende Antithesen und wunderliche Paradoxen. Ja, er schien seine Freude daran zu haben, wenn er so ein Tröpfchen Fegefeuer hineingesprengt hatte und die höllischen Flämmchen die guten Leute auf der Nase kitzelten. So stellte er denn auch gelegentlich die Behauptung auf, daß Revolutionen der Menschheit nie etwas genützt hätten, nie und nimmer etwas nützen würden. Sie kennen meine Ansicht über diesen Punkt, der oft der Gegenstand unserer Gespräche war. Ich nahm den Fehdehandschuh auf; ich wurde warm bei meinem Lieblingsthema, um so wärmer, als der Mann mir gegenüber mich durch Kreuz- und Quersprünge irrlichtergleich zu verwirren suchte. Ich vergaß alles um mich her, ich wurde pathetisch, satirisch – ich fühlte, daß ich gut sprach, wenigstens in meinem Leben nicht besser gesprochen hatte. Der Mann hatte zuletzt das Gefecht, das, wie ich später zu meiner Beschämung erfuhr, das lustigste Scheingefecht von der Welt für ihn war, aufgegeben und hörte mir, den großen Kopf ein wenig auf die rechte Schulter geneigt und mich unter den buschigen Brauen mit seinen großen klugen Augen anlächelnd und dabei ein Glas Hochheimer nach dem andern schlürfend, behaglich zu. Bald darauf wurde die Tafel aufgehoben. Als ich meine Dame in das Teezimmer führte, fragte ich sie: ›Und wer war denn der Herr, mit dem ich mich in ein, für Sie ohne Zweifel, sehr langweiliges Gespräch verwickeln ließ?‹ ›Wie, Sie kennen Professor Berger nicht?‹ antwortete mir die Kleine verwundert. ›Das war Professor Berger?‹ ›Nun freilich, soll ich Sie ihm vorstellen?‹ ›Um Himmels willen nicht‹, rief ich mit wahrhaftem Entsetzen; oh, ich Kind des Unglücks! ›Was ist Ihnen?‹ fragte die hübsche Blondine. ›Was haben Sie?‹ Ich aber hatte schon ihren Arm aus dem meinen gleiten lassen und suchte das entfernteste Zimmer. Dort warf ich mich in einer einsamen Ecke auf einen niedrigen Diwan, um über das Unglück, das ich angerichtet hatte, melancholische Betrachtungen anzustellen. Ich hatte mich also, während ich mit einem gutmütigen Pudel zu spielen glaubte, mit einem grimmigen Bären gerauft! Dieser Mann war mir als ebenso tückisch geschildert, wie er gelehrt und witzig war. Würde er sich meiner Sarkasmen und Ausfälle nicht in jener schlimmen Stunde erinnern, wo ich hilflos auf dem Seziertisch des Examinationssaales vor ihm lag? Es war ein verzweifelter Fall. Da hebe ich vor einem Geräusch neben mir den Kopf, den ich nachdenklich in die Hand gestützt hatte; – vor mir steht der Professor Berger. Ich fahre von meinem Sitz auf. ›Erlauben Sie, daß ich mich zu Ihnen setze‹, sagt der seltsame Mann, indem er auf dem Diwan Platz nimmt und mich an seine Seite winkt. ›Sie gefallen mir, und ich wünsche, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Ich bin der Professor Berger; mit wem habe ich die Ehre?‹ ›Mein Name ist Stein.‹ ›Sie studieren, oder vielmehr, was haben Sie studiert?‹ ›Ich wollte, Herr Professor, ich könnte auf diese Frage einfach Philologie antworten, da dies aber eine grobe Unwahrheit wäre, so kann ich nur sagen: Ich wünsche, ich hätte Philologie studiert.‹ ›Wieso?‹ ›Weil mir alsdann die Ehre Ihrer näheren Bekanntschaft weniger bedenklich erscheinen möchte.‹ Ein Lächeln spielte um den Mund des Professors die Wange hinauf und verlor sich im Winkel des rechten Auges. › Sie stehen vor dem Examen?‹ ›Ja, wie – Sie kennen ja das Sprichwort, Herr Professor.‹ Das Lächeln zuckte vom Auge wieder herunter zum Munde. ›Und da erschrecken Sie vor mir wie Hamlet vor seines Vaters Geist?‹ ›Wenigstens erscheinen Sie mir in sehr fragwürdiger Gestalt.‹ ›Nun wohl, da sehen Sie selbst, daß wir eben deshalb näher miteinander bekannt werden müssen. Wollen Sie morgen abend, oder wenn Sie sonst Zeit und Lust haben, ein Glas Teepunsch mit mir trinken?‹ Ich sagte natürlich nicht nein. Und dies war der Anfang meiner Bekanntschaft, ja, ich darf wohl sagen Freundschaft mit diesem außerordentlichen Manne. Wir sind von dieser Zeit an, solange ich in Grünwald war, täglich zusammengekommen, und ich schlage die praktischen Vorteile, die für mich aus dem Verkehr mit dem Gelehrten sich ergaben, lange nicht so hoch an als die tiefen Blicke, die ich in dem vertraulichen Umgange mit dem Menschen in einen der rätselhaftesten Charaktere tun durfte, die mir vorgekommen sind. Es muß, fürchte ich, eine Wahlverwandtschaft zwischen seinem und meinem Wesen existieren, oder wir hätten uns nicht so schnell finden, so rückhaltslos gegeneinander aussprechen, so auf Wort und Wink verstehen können. Ich fürchte, sage ich; denn Berger ist ein sehr unglücklicher Mann. Die Lichter seines glänzenden Humors spielen auf einem gewitterschweren Hintergrunde. Er steht allein in der Welt, verkannt von allen, gefürchtet von den meisten, geliebt von niemand. Warum dem so ist, darüber könnte ich mich selbst Ihnen gegenüber nicht auslassen, denn jede Freundschaft ist ein Tempel, zu dem einem dritten der Zutritt versagt bleiben muß. Aber ich schaudere, so oft ich das Dunkel heraufbeschwöre, das über ihn hereinbrechen muß, wenn einst das Alter die strahlende Fackel seines Genius, die jetzt einzig und allein die schauerliche Öde seiner Seele erhellt, düstrer und düstrer brennen macht. Vielleicht – wer weiß es? mag das auch ein Glück für ihn sein. Vielleicht mag dann das Wort, das er jetzt oft halb im grimmen Spotte und halb voll wehmütigen Glaubens im Munde führt, das alte Wort: »Selig sind die Einfältigen«, an ihm zur Wahrheit werden. Der vertraute Umgang mit dem gelehrten Manne hatte mich in den Augen aller andern in einen Nimbus gehüllt, in welchem ich, wie die homerischen Helden die Gefahren der Schlacht, die Schrecknisse des Examens ungefährdet durchwandern konnte. Am Morgen des entscheidenden Tages sagte Berger zu mir: ›Wissen Sie, lieber Oswald, daß ich große Lust habe, Sie durchfallen zu lassen!‹ ›Warum?‹ ›Weil ich Sie zu verlieren fürchte: doppelt zu verlieren. Du lieber Himmel, welche Wandlungen können nicht mit einem Menschen vorgehen, dem man den Großvaterstuhl eines Amtes gibt und die Schlafmütze einer Würde aufsetzt! Vielleicht kommen auch Sie noch dahin, den Horaz für einen großen Dichter zu halten und den Cicero für einen eminenten Philosophen; vielleicht werden Sie gar in dieser engbrüstigen Zeit aus lieber Langerweile ein gelehrter Professor wie ich.‹ Das Examen war vorüber; ich hatte, wie Berger sagte, die Erlaubnis erhalten, das Stroh dreschen zu dürfen. Da kommt er eines Tages mit einem Briefe in der Hand zu mir und fragt: ›Haben Sie Lust, in einer adligen Familie Erzieher zu werden?‹ ›Das könnte ich eben nicht behaupten.‹ ›Glaub's wohl; aber die Bedingungen sind so vorteilhaft, daß es sich mindestens der Mühe verlohnt, die Sache in Überlegung zu ziehen. Sie müssen sich auf vier Jahre verbindlich machen.‹ ›Und das nennen Sie vorteilhafte Bedingungen? Vier Jahre! Nicht vier Wochen!‹ ›Hören Sie nur! Von den vier Jahren haben Sie nur zwei in dem Hause zuzubringen, die übrige Zeit reisen Sie mit Ihrem Zögling. Sie wollen die Welt sehen, und Sie müssen die Welt sehen, und wäre es auch nur, um sich zu überzeugen, daß die Menschen überall mit Recht die Hunde so lieben. Sie haben kein Vermögen, zum Vagabunden sind Sie zu zivilisiert. Eh bien! Hier haben Sie die schönste Gelegenheit, die Ihnen so vielleicht nicht zum zweiten Male im Leben geboten wird.‹ ›Und wer ist mein Alexander?‹ ›Ein junger Majoratsherr, wie der mazedonische Pferdebändiger. Ich habe die noble Sippschaft im vorigen Jahre in Ostende kennengelernt. Der Mann, ein Baron Grenwitz, ist eine Null, die Frau Baronin ein X, das ich noch nicht habe herausrechnen können. Jedenfalls ist sie eine gescheite Frau. Ich weiß, daß dies für Sie keine geringe Empfehlung ist. Sie spricht drei oder vier lebende Sprachen gut, ihre Muttersprache nicht mit gerechnet. Ich habe sie sogar in Verdacht, daß sie mit ihrem jetzigen Hauslehrer, einem gewissen Bauer, der hier studiert hat und ein grundgelehrter – Jüngling war, in aller Stille Latein und Griechisch treibt.‹ ›Und Sie, der Sie mir selber sagten, daß Sie ein Buch über den Adel und gegen den Adel geschrieben haben, das leider in Deutschland, für das es berechnet ist, nirgends gedruckt werden kann, – Sie raten mir, der ich über die Brahminenkaste dieselben Pariasideen habe, mich in das Lager unserer Erbfeinde zu begeben?‹ ›Das ist ja eben der Humor davon‹, sagte Berger lachend, ›Sie sollen hingehen wie ein Mohikaner in das Lager der Irokesen; und ich freue mich schon im voraus auf die prächtigen Zöpfe, die Sie zurückbringen werden. Die hängen wir dann als Trophäen in unserm Wigwam auf und haben unsere Freude daran.‹ ›Und wenn man mich selbst dort skalpiert, wie dann?‹ ›Dann bin ich der letzte Mohikaner und rauche meine Friedenspfeife einsam und melancholisch auf dem Grabe meines Unkas.‹ Er stützte den Kopf in die Hand und starrte düster vor sich nieder. ›Ja, ja, ich weiß es‹, murmelte er, ›die große Schlange, wenn sie es endlich müde ist, die Menschen anzuzischen, wird in einen Sumpf kriechen und da einsam verrecken.‹ Ich ergriff seine Hand. ›Das wird nicht geschehen, wenigstens nicht, solange ich lebe.‹ Er schaute mich wehmütig an. ›Aber du wirst vor mir sterben‹, sagte er, ›die große Schlange hat ein zähes Leben, und du bist weich, viel zu weich für diese harte Welt. Doch das beiseite. Was sagen Sie zu meinem Vorschlag?‹ ›Daß er mir nur halb und weniger als halb gefällt.‹ ›So muß ich denn doch den letzten Trumpf ausspielen‹, rief Berger aufspringend. ›So hören Sie denn, Sie Ungläubiger, daß jenes Haus, in das ich Sie senden will, einen Engel in sich schließt, in Gestalt eines wunderlieblichen Mägdeleins. Sie ist die Schwester Ihres Alexander, und Gott sei Dank, vorläufig noch in Hamburg in Pension. Ich hasse sie, denn sie hat mir viel Qual bereitet. Alle wahnsinnigen Träume meiner Jugend lebten in mir auf bei ihrem Anblick und ängstigten mich wie schöne Gespenster. Zuletzt lief ich davon, sooft ich sie unter ihrem leichten Strohhute über den glatten Sand des Strandes herankommen sah. Ja, ich will es nur gestehen, ich habe die Sonette, die ich Ihnen neulich vorlas, die Sie freundlich genug waren, liebedurchglüht und Gott weiß, was noch sonst, zu finden, und die ich in der seligen Jugendzeit vor dreißig Jahren auf Helgoland gedichtet zu haben vorgab, im vorigen Jahre in Ostende, vom Anblick der schönen Teufelin berauscht, mit meinem Herzblut geschrieben. Das sagen Sie aber niemand wieder.‹ ›Weshalb nicht? Es würde mir ja doch keine Menschenseele glauben.‹ ›Da haben Sie freilich recht, und nun?‹ ›Nun habe ich noch weniger Lust als vorhin. Ich wünsche nicht, die alberne Geschichte der Liebschaft eines Hauslehrers mit der Tochter des hochadeligen Hauses, eine Geschichte, die ich mir schon in soundso vielen Romanen zum Ekel gelesen habe, an mir selbst zu wiederholen. Und wenn das Mädchen wirklich so schön und liebenswürdig ist, daß –‹ ›Daß selbst das dürre Holz frische Blätter treibt, was da am grünen geschehen soll?‹ unterbrach mich lachend Berger. ›Nun wohl! Verlieben Sie sich! Weshalb nicht! Lieber Freund, das Buch des Lebens für Leute unseres Schlages führt denselben Titel wie einer der Romane Balzacs Illusions perdues. Jeder Tag schreibt nur ein neues Kapitel hinein, und je kürzer das Buch, desto besser und interessanter ist es. Aber da es nun einmal geschrieben werden muß und nicht anders geschrieben werden kann, so ist es auch im Grunde gleichgültig, ob wir nach Westen gehen oder nach Osten. Wir machen dieselben Erfahrungen hier wie dort. Darum sage ich noch einmal: Gehen Sie nach Grenwitz!‹ Was sollte ich tun. Es erschien mir als eine Pflicht, den Wunsch meines Freundes, dem ich so viel verdanke, zu erfüllen. Und dann, hatte Berger nicht recht, daß es gleichgültig sei, ob ich nach Osten gehe oder nach Westen? Genug, ich packte meine Sachen, sagte meinem Mentor Lebewohl und fuhr hinüber nach diesem Eiland. – – –« Drittes Kapitel Oswald hatte bis jetzt nur in Städten gelebt. Seine Sitten, seine Anschauungen, seine Neigungen waren die eines Städters. So kam es denn, daß, als er sich jetzt plötzlich wie mit einem Zauberschlage auf das Land versetzt sah, der unsägliche Reiz der ersten leuchtenden Sommertage in einem schönen ländlichen Aufenthalte für ihn mehr als für die meisten Menschen etwas unsäglich Anziehendes, ja Hinreißendes und Berauschendes hatte. Es war ihm alles so neu und doch wieder so seltsam bekannt, wie wenn jemand in eine Gegend kommt, die er schon lange vorher in seinen Träumen gesehen. War dieser blaue Dom, der sich immer tiefer und tiefer wölbte, derselbe Himmel, der sich so trostlos bleiern über das Häusermeer der Residenzstadt spannte? Waren diese funkelnden Lichter dieselben öden Sterne, zu denen er, aus dem Theater oder einer Gesellschaft kommend, kaum einmal flüchtig emporgeblickt hatte? Konnte ein Sommermorgen so reich an Glanz und Pracht, ein Sommerabend so weich und wollüstig sein? Hatte er denn den Gesang der Vögel nie vernommen, daß er sich jetzt an ihren einfachen Liedern nicht satt hören konnte? Hatte er denn nie Blumen gesehen, daß er jetzt nicht müde wurde, ihre schönen Farben und wundersamen Gestalten zu betrachten? Es war ihm zumute wie einem, der aus schwerer Krankheit wieder zum Leben erwacht. Die jüngste Vergangenheit lag wie hinter einem dichten Schleier, aber weit Entferntes, im Meer der Vergessenheit seit langen Jahren Versunkenes tauchte wie eine glänzende, zauberische Spiegelung wie über den Horizont der Erinnerung empor. »Ei, da ist ja auch Rittersporn«, rief er einst in diesen ersten Tagen freudig überrascht, als er, träumend im Garten auf und ab wandelnd, diese Blume häufig auf den Beeten blühen sah. »Nun freilich,« sagte Bruno, der bei ihm war, »haben Sie denn noch nie welchen gesehen?« »Es ist lange her«, murmelte der junge Mann sich niederbeugend und die phantastische Blume mit Rührung betrachtend. In seines Geistes Aug sah er sich wieder in einem kleinen lauschigen Garten an der Stadtmauer herumspielen und Steinchen, Blumen und andere Seltenheiten, die er auf seinen Entdeckungsreisen fand, auf den Schoß einer schönen, jungen, blassen Frau sammeln, die ihm jedesmal, wenn er zu ihr kam, das lockige Haupt streichelte und mit jener Geduld, die nur eine Mutter hat, nicht müde wurde, seine unzähligen Fragen zu beantworten. Und da hatte er ihr auch diese Blume gebracht, und die schöne Frau hatte gesagt: »Das ist Rittersporn.« Und dann hatte sie die Blume lange sinnend angesehen, bis ihr von dem langen Hinstarren die Tränen in die Augen kamen und hatte ihn auf ihren Schoß genommen und sein Haupt stürmisch an ihre Brust gedrückt, und da mochte er denn wohl, von dem vielen Spielen müde, eingeschlafen sein, denn in diesem Augenblick zerflatterte das Bild. – Die junge, schöne Frau, das wußte er, war seine Mutter; sie war gestorben, als er noch nicht fünf Jahre alt war. – Wer hat nicht an sich selbst schon die traurige Erfahrung gemacht, daß wir in dem Gewirre des Lebens, wo eine Erscheinung die andere verdrängt und wir stets unter der tyrannischen Gewalt des Augenblickes stehen, alles, selbst das Teuerste, selbst die Eltern, die uns das Leben gaben, vergessen lernen. So hatte auch Oswald fast schon vergessen, daß er je eine liebe Mutter gehabt; jetzt rief eine einfache Blume die Erinnerung an die früh Verstorbene mächtig in ihm wach. Die erste Zeit, die er in der Einsamkeit des Landlebens verbrachte, verknüpfte sich eng mit der ersten Zeit seines Lebens; denn er hatte seitdem nicht wieder der Natur so unbefangen und so tief in das holde, bezaubernde Antlitz geschaut. Auch seines Vaters, der nun gerade vor zwei Jahren, einsam, wie er gelebt hatte, gestorben war, gedachte er jetzt mit jener dankbaren Liebe, die leider immer erst dann in voller Blüte steht, wenn diejenigen, denen sie gebührt, sich nicht mehr an ihrem Dufte laben können; seines Vaters, der wunderlichen Pygmäengestalt, die der Sohn schon als achtzehnjähriger Jüngling um zwei Köpfe überragte; des menschenscheuen Sonderlings, der in der ganzen Stadt der »alte Kandidat« genannt wurde, und dessen schwarzen abgeschabten Frack, in dem er Sommer wie Winter einherging, jedes Kind auf der Straße kannte; des rätselhaften Mannes, der den reichen Schatz seines Wissens und seiner Güte gegen alle Welt verschloß, nur nicht gegen den Sohn, an dem er mit unsäglicher Liebe hing, den er mit der rührenden Zärtlichkeit einer Mutter hegte und pflegte, und für den ihm, dem als Geizhals Verschrieenen, nichts zu kostbar gewesen war. Diese lieben und doch auch wieder schmerzlichen Erinnerungen zogen durch Oswalds Seele, während er in seinen Freistunden allein oder mit seinen Zöglingen im Garten, Feld und Wald umherstreifte, sich von Tag zu Tag mehr für das Landleben begeisterte, und wenn er des Morgens, ehe die Unterrichtsstunden begannen, noch schnell einmal in den Schloßgarten geeilt, in die taufrischen Kelche der Blumen geschaut und sich am Gesang der Vögel entzückt hatte, schlechterdings nicht mehr begreifen konnte, wie es die Menschen in den Städten, wie er selbst es nur jemals in der Stadt habe aushalten können. Und in der Tat hätte Schloß Grenwitz und seine Umgebung auch wohl einem durch landschaftliche Schönheiten verwöhnteren Auge das lebhafteste Interesse abgewinnen müssen, obgleich es von den Touristen, die alljährlich die Insel durchschwärmten, niemals aufgesucht, höchstens von einem oder dem andern zufällig aufgefunden wurde, der sich dann nicht genug wundern konnte, wie ein so lieblicher und in vieler Hinsicht so merkwürdiger Punkt in seinem Reisehandbuche, in dem doch sonst jeder nichtsnutzige Gasthof verzeichnet stand, übergangen sein konnte, bloß weil er eine Meile von der großen Landstraße entfernt lag. Das Schloß trägt noch bis auf den heutigen Tag die Spuren von dem Reichtum und der Macht des alten ritterlichen Geschlechts derer von Grenwitz, das seit undenklichen Zeiten hier begütert gewesen ist und die Burg zu seinem Schutz und den benachbarten Baronen zum Trutz in der Mitte des vierzehnten Jahrhunderts erbaute. Das untere Stockwerk des einen Flügels mit seinen riesigen Quadersteinen stammt noch aus dieser Zeit, ebenso wie der gewaltige runde Turm, in welchem jetzt das alte und neue Schloß zusammenstoßen. Das neue Schloß wurde gegen das Ende des siebzehnten Jahrhunderts in dem bizarren Stil jener Zeit gebaut und nimmt sich mit seinen verschnörkelten Säulen und wunderlichen Ornamenten neben dem alten schmucklosen Turm, mit welchem es jetzt in einer Front liegt, aus wie ein zierlicher Herr aus Louis XIV. Zeit neben einem eisengeharnischten Kämpen aus den Tagen von Crecy und Poitiers. Ein zwanzig Fuß und darüber hoher Wall, der in ein noch weit ehrwürdigeres Alter hinaufragt als selbst der alte Turm, umgibt das Schloß in einem so weiten Kreise, daß es samt den Nebengebäuden von dem eingeschlossenen Raume nur den kleinsten Teil einnimmt. Der Wall ist jetzt längst schon in eine friedliche Promenade umgewandelt, über der hohe Buchen, Nußbäume und Linden ein dichtes Laubdach bilden. Der breite Graben, der ihn in seiner ganzen Ausdehnung umzieht, ist jetzt zum Teil versumpft, mit dichtem Röhricht angefüllt, und, wo das Wasser sich noch einen Raum frei gehalten, mit einem grünen Teppich von Wasserpflanzen bedeckt, in dem halbwilde Enten lustig schnattern. Offenbar hatte dieser Wall den Zweck gehabt, im Fall einer Fehde nicht nur die Hörigen der fehdelustigen Barone mit ihren Weibern und Kindern, sondern auch die Herden und die Vorräte zu schirmen; auch hatten bis zur Zeit des Neubaues die Wirtschaftsgebäude, die jetzt ziemlich entfernt vom Schlosse außerhalb des Walles lagen, innerhalb desselben gelegen. Damals hatte der Wall nur einen Durchgang gehabt, ein festes, mit einem Turm versehenes Tor, aus dem eine Zugbrücke über den Graben nach einem Brückenkopfe führte. Jetzt war der Turm abgetragen, die Brücke konnte nicht mehr aufgezogen werden, und aus dem Brückenkopfe hatte man längst Backöfen und andere nützliche Dinge gebaut. Von diesem Haupttor führte eine Allee vielhundertjähriger prachtvoller Linden auf das Portal des Schlosses zu. Rechts von der Allee und vor der Front des Schlosses war ein großer Rasenplatz, in dessen Mitte ein steinernes Becken mit einer Najade als Schutzpatronin stand, die, wahrscheinlich aus Schmerz, daß ihrem Brunnen schon seit einem halben Jahrhundert das Wasser fehlte, den Kopf verloren hatte. Der ganze übrige Raum innerhalb des Walles war mit Gartenanlagen ausgefüllt, die aus der Zeit des Neubaues herrührten und mit ihren geraden Gängen, kunstvoll verschnittenen Taxushecken, Buchsbaumpyramiden und ihren Sandsteingöttern, die allen Regeln der Ästhetik und allen Gesetzen der Anatomie so naiv Hohn sprachen, den Charakter dieser Zeit deutlich genug dokumentierten. Hier und da freilich war ein Geist der Neuerung in die Anlagen gefahren. Der Buchs hatte seine verkrüppelten Glieder, so gut es gehen wollte, in eine naturgemäße Baumgestalt auszurenken versucht; die beiden Seiten eines Heckenganges hatten gemeinschaftliche Sache gemacht und sich zu einem undurchdringlichen Gestrüpp vereinigt; ein Gärtner, der für die stumme Sprache von Taxuspyramiden kein Verständnis mehr besaß und eine praktischere Richtung verfolgte, hatte, unbekümmert um den ästhetischen Eindruck, Äpfel-, Birnen-, Kirschen- und Pflaumenbäume gepflanzt, wo er gerade Platz fand, und hier und da seinen Gemüsebeeten den Luxus der Blumenrabatten geopfert. Eine Schwester der Najade im Hof war von Himbeer- und Stachelbeersträuchern fast überwuchert, aber sie hatte sich in ihr Schicksal zu finden gewußt, ihren Kopf behalten, und plauderte in stiller Nacht geschwätzig von der guten alten Zeit. So hatte von dem Riesenwalle, der aus der grauen Heidenzeit stammte, bis zu den Spargelbeeten, die gestern angelegt waren, seit einem Jahrtausend jede Generation etwas zur Befestigung, Verschönerung oder Verbesserung dieses Wohnsitzes beigetragen. Vieles war spurlos verschwunden, vieles hatte sich erhalten; Altes hatte der Zeit gespottet, Neues war mit der Zeit alt geworden; aber da selbst das Älteste die Spuren des Lebens, der fortdauernden Nutzbarkeit trug, so war nirgends ein Sprung, ein Riß bemerkbar, und das Ganze machte den wohltuenden Eindruck, als ob es eben nicht anders sein könnte. Zwar seinen primitiven Charakter hatte das Schloß Grenwitz gänzlich eingebüßt, und wenn Oswald des Abends, von einem Spaziergang mit seinen Zöglingen zurückkommend, auf einer Stelle des Walles stehenblieb, von der er den schattigen, grasbewachsenen Hof, den blumenreichen Garten und das Schloß überblicken konnte, um dessen graue Mauern das Zwielicht wogte und die schnellen Schwalben zwitschernd kreisten, da glaubte er nicht die alte Stammburg fehdelustiger Barone, sondern das stille Klosterasyl beschaulicher Mönche vor sich zu sehen. Viertes Kapitel Und ein stilles, klösterlich stilles Leben war es denn auch – das Leben auf dem Schlosse Grenwitz. Alle Unruhe, aller Lärm waren aus dem Bereich verbannt, den der alte Wall wie eine efeuberankte Kirchhofsmauer umgab. Hier ertönte kein Hundegebell, kein Pferdewiehern; still glitten die Stunden dahin, wie die Schatten des Zeigers der Sonnenuhr über dem Portale; still, wie die Blumen im Garten dufteten und blühten. Hier schien selbst der Wind leiser in den Wipfeln zu rauschen, die Vögel in den Zweigen zu singen; und was die Bewohner selbst betraf, so konnte die Wanduhr auf dem Vorsaal in ihrem Eichenschrank nicht freier von aller Neuerungssucht sein und ihr Tagewerk pünktlicher und systematischer vollbringen. Die Dienstboten taten ihre Obliegenheiten mit der Regelmäßigkeit von Automaten. Ja in die Möbel selbst schien dieser strenge Geist der Ordnung gefahren, so daß Oswald sich des Gedankens nicht erwehren konnte, sie rückten sich in aller Stille von selber zurecht, falls einmal eines von seiner ihm angewiesenen Stelle abgekommen sein sollte. So wenig nun Oswald in seinem bisherigen Leben an eine so peinliche Ordnung gewöhnt war, und so sehr sich auch im Grunde seine Natur dagegen sträubte, so leicht wurde es ihm doch bei der Geschmeidigkeit seines Wesens und bei der versöhnlichen, milden Stimmung, in die ihn der tiefe Frieden ringsumher versetzte, sich in sie zu finden. Er tat, was er die Leute um sich her tun sah, und erwiderte die förmlichen Verbeugungen, mit denen man sich hier begegnete, mit demselben Grade von Ernsthaftigkeit, den er auf einer Maskerade in einem Menuett zur Schau getragen haben würde. Er hatte es in den ersten Tagen mit den Lehrstunden nicht allzu genau genommen und sich desto eifriger mit seinen beiden Zöglingen draußen umher getummelt. Sie hatten den Buchwald, der sich von Schloß Grenwitz eine halbe Stunde bis hart an das Meer erstreckte, nach allen Richtungen durchstreift, hatten ein Hünengrab und eine Höhle entdeckt und waren oft schon von den hohen Kreideufern zum Strand hinabgeklettert, hatten dort, auf einem mächtigen Rollsteine stehend, die Flut heranbrausen sehen und gejubelt, wenn der Donner der Brandung ihre Stimmen übertönte. Auf diesen Streifzügen, die Oswald scherzend Vorstudien zum Homer nannte, hatte er vielfach Gelegenheit, die Naturen seiner beiden Zöglinge zu beobachten. Ein größerer Gegensatz war kaum denkbar. Bruno war groß für seine Jahre, dabei schlank und geschmeidig und schnell wie ein Hirsch. Malte, der junge Majoratsherr, sah neben seinem stolzen Gefährten zurückgeblieben und verkümmert aus. Seine Schultern waren schmal, seine Brust eingesunken, und seine eckigen und unschönen Bewegungen stachen seltsam gegen die hinreißende wilde Anmut ab, mit der Bruno ging, lief und sprang. Malte scheute vor jeder Gefahr, ja vor jeder Anstrengung, im Gefühl seiner Körperschwäche und aus angeborener oder anerzogener Feigheit zurück; für Bruno war kein Baum zu hoch, kein Felsen zu steil, kein Graben zu breit, ja es schien, als ob er geflissentlich die Glut seiner Seele durch körperliche Ermüdung dämpfen wollte. Oswald flocht eine Krone aus Buchenlaub und drückte sie dem Knaben auf die bläulich-schwarzen Locken, um ihn einem jungen Bacchanten noch ähnlicher zu machen. Aber wie in seinem Heimatlande Schweden aus eisiger Winternacht urplötzlich der duftende, lächelnde Frühlingsmorgen hervorblüht, so wechselten Sonnenschein und Sturm in seinem Gemüte – übermütige Lust und an Schwermut grenzende Niedergeschlagenheit, herzliches, fast kindisches Sichhingeben und düsterer, mehr als knabenhafter Trotz – schnell und unvermittelt, wie Lichter und Schatten auf den Hängen eines Gebirges an einem Tage, wo der Wind die Wolken pfeilschnell an der Sonne vorüberjagt. So fand Oswald den Knaben, einen Fremdling im Hause seiner Verwandten, von den einen gehaßt, von den andern gefürchtet, ein unergründliches Rätsel für alle, selbst für den alten guten Baron, der dem Knaben, oft mehr aus angeborener Großmut als aus Überzeugung, stets das Wort redete. Aber für Oswald hatte ein Blick in das traumumflorte dunkle Auge des Knaben genügt, den verwandten Dämon zu erkennen, und den mystischen Bund, den sie in jenem Augenblick geschlossen, hat jede Stunde ihres Zusammenlebens nur gefestigt. Bruno hatte ihm an dem ersten Tage den düstern Trotz entgegengebracht, den er gegen alle zu zeigen gewohnt war. Er hatte ihn mit scheuem, durchdringendem Blick zwei, drei weitere Tage beobachtet, und dann war vor Oswalds liebevollem, freundlichem Wesen der Argwohn von ihm gewichen, wie die Nebel vor den Strahlen der Sonne; sein dunkles Auge war größer und glänzender geworden, als ob das unverhoffte Glück, einen Menschen zu finden, der ihn liebte und den er wieder lieben dürfe, ihn blende und verwirre; und dann war all die stürmische Zärtlichkeit seiner Seele, die er so lange und so sorgsam hatte verschließen müssen, hervorgebrochen, mächtig – unwiderstehlich, wie ein Bergstrom, der die Felsenschranken gesprengt hat und jauchzend in das Tal hinunterstürmt. »Wissen Sie«, sagte der Knabe da zu Oswald, »daß ich schon im voraus entschlossen war, Sie zu hassen?« »Warum, Bruno? Ist der Haß für dich so süß?« »Ach nein! Aber ich glaubte, es seien alle Erzieher wie unser erster, und da dachte ich, was dem einen recht ist, ist dem andern billig.« »Und wie war denn Herr Bauer?« »Nun, er machte seinem Namen Ehre«, sagte der Knabe spöttisch. »Ei, ei, mein stolzer Junker, willst du mir den Bauer verachten?« »Gewiß nicht!« rief der Knabe eifrig. »Mein Vater war selbst ein Bauer, trotzdem, daß er ein Edelmann war; ich habe ihn oft genug hinter dem Pfluge hergehen sehen – aber dieser Mann war roh und plump wie ein Bauer und feig dazu. Einmal, nach Tische – ich weiß nicht, was ich wieder verbrochen hatte – schlug er mich ins Gesicht, weil Tante zugegen war und er glaubte, er tue ihr einen Gefallen. Ja, er schlug mich« – und das Auge des Knaben blitzte auf bei der Erinnerung an diese Schmach, und die Zornesader auf seiner bleichen Stirn schwoll. »Und da, Bruno?« »Da nahm ich das Messer, das vor mir auf dem Tische lag, und sprang auf ihn ein, und der Elende lief vor mir, um Hilfe schreiend, zur Tür hinaus. Und als ich das sah und die bleichen Gesichter um mich her, mußte ich lachen und ging unbelästigt aus dem Saale. Und ich wäre am liebsten gleich in die weite Welt gerannt, aber Onkel kam hinter mir her und versprach mir, der Mensch solle nun und nimmer wieder Hand an mich legen dürfen. Onkel ist gut; Sie glauben nicht, wie gut er ist; aber er fürchtet sich vor der Tante; alle fürchten sich vor ihr, aber ich habe sie doch lieb, denn sie hat Mut wie ein Mann, und ich hasse nur die Feigen. Malte ist ein Feigling.« »Malte ist schwach und kränklich, und du mußt Nachsicht mit ihm haben; aber, wenn du die Tante wirklich lieb hast, warum bist du so unfreundlich gegen sie?« »Bin ich unfreundlich?« Der Knabe schwieg. Eine Wolke zog über seine Stirn, seine Nasenflügel zuckten, und sein dunkelblaues Auge war wie eine Gewitterwolke, als er jetzt, hastig aufblickend sagte: »Ich bin unfreundlich, ich weiß es. Aber wie soll ich anders sein? Ich esse hier im Hause Gnadenbrot, soll ich noch dafür danken? Ich kann es nicht, ich will es nicht, und wenn sie mich aus dem Hause jagten. Sehen Sie, Oswald, ich habe oft gewünscht, man jagte mich fort, ja, ich habe es darauf angelegt, daß sie es doch täten; dann ginge ich in die weite Welt und verdiente mir mein tägliches Brot, wie tausend und tausend andere Knaben, die nicht so stark und mutig sind wie ich. Heute noch, als wir am Strande gingen und der Dreimaster am Horizonte auftauchte und wieder verschwand, da wünschte ich so heiß, so heiß, ich hätte mitsegeln können, als Schiffsjunge, als Matrose – nur fort, fort von hier, gleichviel wohin.« Wenn so der Knabe die geheimsten Wünsche seines Herzens rückhaltlos seinem Freunde und Lehrer offenbarte, da geschah es denn wohl, daß diesen ein Zweifel beschlich, ob er, der selbst den Weg, den er zu gehen hatte, so wenig deutlich sah, der rechte Mann sei, den wilden, leidenschaftlichen Knaben zu leiten. Aber je weniger er sich imstande fühlte, ausschweifende Wünsche, schimärische Hoffnungen zu bekämpfen, die er selbst im stillen teilte, desto mehr verschwand die Kluft zwischen Lehrer und Schüler, desto brüderlicher wurde nur ihr Verhältnis. Noch hatte kein menschliches Wesen einen so tiefen Eindruck auf Oswald gemacht wie dieser wundersame Knabe. Er liebte ihn wie ein Künstler das Werk, an dem er schafft, wie ein Vater den Sohn, in dem er zu verwirklichen hofft, was ihm selbst zu erreichen versagt war, wie eine Mutter das Kind, für das sie wachen, sorgen und schaffen muß. Allnächtlich, wenn er sich müde gelesen und gearbeitet, ging er, ehe er selbst sein Lager suchte, in das Gemach der Knaben – er hätte nicht schlafen können, ohne seinen Liebling noch einmal gesehen zu haben. Jenes Schamgefühl, das edleren Naturen verbietet, die ganze Fülle ihrer Zärtlichkeit zu zeigen, machte ihn den Tag über karg mit Liebkosungen; aber jetzt nahm er des Schlafenden Hände und streichelte sie und küßte den Knaben zärtlich auf die Stirn. Dich nennen sie lieblos, dich, meinen Liebling, dessen Herz nur nach Liebe und abermals nach Liebe hungert. Und wenn sie alle dich verkennen und hassen, ich verstehe dich und will dich lieben. Fünftes Kapitel Die Wirtschaftsgebäude und Häuslerwohnungen, die zu dem Gute Grenwitz gehörten, lagen außerhalb des Walles, den man, um die Verbindung mit dem Schlosse und dem Hofe zu erleichtern, nach dieser Seite durchbrochen hatte. Ein hölzernes Gittertor, das nicht einmal verschlossen, und eine Brücke, die nicht aufgezogen werden konnte, sprachen für den friedlichen Sinn der Nachkommen jener kriegerischen Barone, die das massive Tor auf der anderen Seite mit seiner in schweren Eisenketten hängenden Zugbrücke erbaut hatten. Der Verkehr zwischen dem Schlosse und dem Hofe beschränkte sich so ziemlich auf den Austausch oft höchst energischer diplomatischer Noten zwischen der Wirtschafterin und dem Verwalter, die über das Quantum und die Qualität der Naturalien, welche dieser oder jener zu liefern hatte, stets wesentlich verschiedener Meinung waren. Das Gut war, wie die übrigen Besitzungen der Familie, verpachtet; der Pächter, ein Herr Bader, wohnte auf einem der Nebengüter, das er ebenfalls in Pacht hatte, und kam selten nach Grenwitz, dessen Bewirtschaftung er seinem Inspektor überließ. Oswald, für den die Landwirtschaft ebenso neu war wie das Leben auf dem Lande, lenkte seine Schritte bald häufig nach dem Hofe, um sich von dem Inspektor durch die Ställe und Scheunen führen und sich von ihm etwas in die Mysterien des Ackerbaues und der Viehzucht einweihen zu lassen. Der Inspektor, namens Wrampe, war ein riesiger Mann, der stets in gewaltigen Stulpenstiefeln einherging und dem Aberglauben zu huldigen schien, er werde seine ungeheure Körperkraft verlieren, wenn er seinen struppigen schwarzen Bart schöre oder dem Regenwasser das ausschließliche Privilegium entzöge, sein sonnenverbranntes Gesicht zu waschen. Das breite Platt jener Gegend war seine Mutter- und Vatersprache, das Hochdeutsche haßte er und hielt alle, die es sprachen, in seinem Herzen für Schelme; seine Stimme glich, aus der Ferne gehört, wesentlich dem Gebrüll eines etwas heiseren Löwen. Seine Feinde sagten ihm nach, daß er die üble Gewohnheit habe, sich von Zeit zu Zeit zu betrinken; da er dies aber jeden Monat höchstens einmal und dann immer gleich auf mehrere Tage tat, um die übrige Zeit desto energischer zu sein, so drückten seine Freunde und zumal sein Brotherr über diese kleine Schwäche freundlich die Augen zu. Oswald unterhielt sich gern mit dem Manne, der in seiner täppischen Gutmütigkeit, seinem derben, oftmals freilich auch rohen Wesen, seiner mit Sprichwörtern reichlich untermischten Rede ein nicht schlechter Repräsentant der Landleute jener Gegend war. So hatte er denn auch eines Nachmittags mit den Knaben einen Spaziergang nach dem Hofe gemacht. Sie fanden ihn fast ausgestorben. Die Leute und die Tiere waren auf dem Felde. In dem Pferdestall standen nur die vier schwerfälligen Braunen des Barons, die vor lieber langer Weile mit den eisernen Ketten ihrer Halfter ein melancholisches Quartett ausführten. Vor der Tür des Stalles saß der schweigsame Kutscher und starrte in den blauen Himmel, da er, wenn er seine Pferde gefüttert, auf Erden weiter nichts zu tun hatte. Um seine Füße strich spinnend ein großer schwarzer Kater, der ihn, als sein spiritus familiaris, überallhin begleitete und selbst auf dem Bocke zwischen seinen Füßen unter dem Schurzfell saß. In dem Kuhstall fanden sie nur eine Kuh, die ihr heute geborenes Kälbchen durch fleißiges Lecken in eine Verfassung zu bringen suchte, wie sie dem Ehrgeize einer respektablen Kuhmutter, die etwas auf sich und die Ihrigen hält, wünschenswert scheinen mag. Auf dem Dünger vor dem Stalle scharrten die Hühner, unbekümmert um den Streit zweier junger Hähne, die über einen unglücklichen kleinen Käfer, der auf dem Rücken liegend, in ruhiger Ergebung sein Schicksal erwartet, in Unfrieden geraten waren. Ein alter Hahn, welcher der Vater der beiden feindlichen Brüder sein mochte, war auf die Wagendeichsel geflogen und krähte einmal über das andere, entweder aus Freude über den ritterlichen Sinn seiner Sprossen, oder um eine Wolke zu signalisieren, die eben über das Scheunendach heraufkam. Auf dem einen Ende des Daches saß eine Störchin auf ihrem Nest. Der Storch kam eben herbeigeflogen und brachte die Beute seiner Jagd, eine kleine Schlange, mit nach Hause. Die Störchin klapperte bei diesem Anblick vor Vergnügen; der Storch, im Bewußtsein erfüllter Pflicht, blieb ihr die Antwort nicht schuldig. Von dem kleinen Teiche neben dem Pferdestalle hatten die Enten unter dem Vortritt eines vielerfahrenen Enterichs einen Reihenmarsch quer über den Hof begonnen, da sich ein ziemlich gut verbürgtes Gerücht unter ihnen verbreitet hatte, es sei hinter der einen Scheune ein Sack Korn aufgegangen. Oswald hatte mit vielem Vergnügen das Stilleben eines ländlichen Hofes an einem warmen Sommernachmittag betrachtet; Bruno den schweigsamen Kutscher über die beiden einzigen Themata, bei denen man es mit einiger Aussicht auf Erfolg konnte, über seine Pferde und seinen Kater, in eine Unterhaltung zu verwickeln gesucht; Malte sich unterdessen gelangweilt, da er überhaupt nur sehr wenigen Dingen Geschmack abgewinnen konnte, und zu diesen Dingen Enten und Hühner, wenigstens solange sie im Licht der Sonne wandelten, sicherlich nicht gehörten. Er drang deshalb darauf, den Spaziergang fortzusetzen, und so gingen sie denn von dem Hofe durch das Dörfchen jämmerlicher kleiner Katen, um auf das Feld zu gelangen. In einiger Entfernung vor ihnen auf dem mit Weiden besetzen Wege schien ein Knecht seinen Wagen im Graben umgeworfen oder festgefahren zu haben. Die Pferde standen quer über den Weg, und er zerrte an ihnen herum und fluchte und schimpfte, wie das Leute seines Schlages bei solchen Gelegenheiten zu tun pflegen. Zuletzt schien dem Manne die geringe Geduld, die ihm die Natur verliehen und der wahrscheinlich reichlich genossene Schnaps noch übriggelassen hatte, vollends auszugehen. Er faßte das eine der Vorderpferde in den Zügel und trat und stieß es unbarmherzig mit seinen plumpen Füßen. Oswald wurde auf das alles eigentlich erst aufmerksam, als Bruno mit dem Ausrufe: »Der Barbar, der Unmensch!« wie ein Pfeil von ihm fort auf den Wagen zueilte. Im Nu hatte er sie erreicht und befahl dem Knecht mit einer mehr vor Zorn als von der Aufregung des eiligen Laufes bebenden Stimme, seine Mißhandlungen einzustellen. »Ich weiß, was ich zu tun habe!« rief der Knecht und trat das Pferd, das sich vor Angst immer mehr in den Strängen verwickelte, von neuem. »Im Augenblick läßt du das Tier, oder –« »Oho« rief der Knecht, »oder was?« »Oder ich stoße dir mein Messer in den Leib!« Der Mann taumelte ein paar Schritte zurück und starrte Bruno voll Entsetzen an. Es war nicht Furcht vor dem Messer, das der Knabe in seiner erhobenen Rechten hielt – denn der Knecht war ein großer starker Mann, der seinen Gegner mit einem Schlage seiner schweren Faust hätte zu Boden schmettern können und er war überdies betrunken – war Furcht vor dem Dämon, der aus Brunos dunklen Augen blitzte, Furcht vor der gewaltigen Leidenschaft, die dem Knaben das Blut aus den Wangen zum Herzen trieb und seine Nasenflügel um die feinen Lippen zucken machte. »Das Tier ist immer so tückisch«, stammelte der Mann wie zur Entschuldigung. Aber Bruno würdigte ihn keiner Antwort. Mit hastigen Händen und geschickt, als ob er im Leben nur mit Pferden umgegangen wäre, löste er die Stränge, in denen sich das Tier verwickelt hatte, wobei ihm Oswald, der jetzt herbeigekommen war, eine mehr wegen ihrer guten Absicht löbliche, als durch praktischen Erfolg ausgezeichnete Hilfe leistete. Dann sprang der Knabe nach dem Graben, schöpfte seinen mit Wachsleinen überzogenen Strohhut voll Wasser und wusch dem Pferde die Wunden an den mißhandelten Beinen. In diesem Augenblicke setzte ein Reiter aus den Weiden an der Seite über den Graben auf den Weg. Es war der Inspektor Wrampe, der die Szene von fern gesehen hatte und im Galopp über die Felder herbeigeritten war. »Nun komm ich, sagte der Dachdecker und fiel vom Dach! Was ist denn das für 'ne Wirtschaft! Warum fährst du durch den Graben, wenn du zehn Schritte davon über die Brücke fahren kannst. Und die braune Lise malträtiert –« er sagte aber: »malträsiert – ich will dir deine Faulheit eintränken, du Himmeltausendsappermenter!« Diese energische Rede halten, vom Pferde springen, in die Hand speien, um den Griff seiner schweren Reitpeitsche fester fassen zu können und anfangen, damit den breiten Rücken des Knechts nach allen Regeln zu bearbeiten, war für den diensteifrigen Inspektor das Werk eines Augenblicks. »Ich lasse mich nicht schlagen, Herr Inspektor«, remonstrierte der Mensch. »Du läßt dich nicht schlagen, du Lümmel«, antwortete der, unverdrossen weiterarbeitend, »glaub's wohl, aber deine Schläge kriegst du doch.« Oswald, dem diese Szene peinlich wurde, so reichlich der Mensch seine Züchtigung verdient hatte, bat Herrn Wrampe, es nun gut sein zu lassen. Der verstattete seinem Zorn noch einen letzten kräftigen Hieb und sagte dann, wie zum Schluß einer vernünftigen Auseinandersetzung: »Na, nu komm, Jochen! Wir wollen den Wagen wieder in Schick bringen!« Dann stemmte er seine mächtigen Schultern gegen das Fuhrwerk, hob und schob es zurecht, als ob es ein Kinderwägelchen gewesen wäre, die Pferde, die wieder ruhig geworden waren, zogen an, und der Knecht konnte jetzt seinen Weg fortsetzen. »Fahr langsam nach Hause und vergiß nicht, was ich dir gesagt habe!« rief ihm der Inspektor nach. »Aber Sie haben ja nur durch Schläge zu ihm gesprochen!« sagte Oswald lächelnd. »Ja, verstehen es die Kerle denn, wenn man vernünftig mit ihnen spricht!« »Haben Sie denn je den Versuch gemacht?« Herr Wrampe schien durch diese Frage einigermaßen in Verlegenheit gesetzt. Er sagte zur Antwort: »Das hat mich warm gemacht!« Dann zog er eine Branntweinflasche, die mindestens ein halbes Quart hielt, aus der Tasche, setzte den Daumen an die Stelle, bis zu welcher er den Inhalt zu leeren gedachte, trank, hielt die Flasche abermals gegen das Licht und tat, da er zu finden schien, daß er seine Aufgabe nicht vollständig gelöst hatte, noch einen herzhaften Schluck. Dann bestieg er sein Pferd, das, an dergleichen Szenen gewöhnt, ruhig dagestanden hatte, wünschte freundlich guten Abend, setzte wieder über den Graben und ritt im Galopp davon. Bei Bruno wurde alles zur Leidenschaft. Die Glut seiner Einbildungskraft verdichtete die Schemen der Poesie zu Menschen von Fleisch und Blut. Der Tod Hektors entlockte ihm Tränen des Mitleids und des Zornes, und der moralische Unwille, der ihn erfaßte, wenn er vor seinen Augen eine Ungerechtigkeit, eine Grausamkeit verüben sah, war so groß, daß er in ihm ein physisches Unwohlsein zuwege brachte. So fand Oswald, als er in der Nacht nach diesem Vorfall an Brunos Bett trat, daß sein Liebling gegen seine Gewohnheit noch wach war. Das mehr als sonst blasse Gesicht des Knaben und der kalte Schweiß auf seiner Stirn machten ihn besorgt, und der Knabe gestand denn auch nach einigem Zögern, daß er, nur um seinen Freund nicht zu ängstigen, sein Unwohlsein verheimlicht habe und jetzt große Schmerzen leide. Oswald wollte sogleich die Leute im Hause wecken und nach dem Doktor schicken, aber Bruno bat ihn, davon abzustehen, da dergleichen im Schlosse immer sogleich zu einer Haupt- und Staatsaktion gemacht werde, und ihn die Umständlichkeit, die man bei solchen Gelegenheiten beweise, nur beängstige und noch kränker mache. »Übrigens«, sagte er, »bin ich an diese Anfälle schon gewöhnt und wenn Sie die Güte haben wollen, mir etwas Tee zu bereiten und mir ein paar Tropfen von der Essenz zu geben, die der Doktor neulich für mich verschrieben hat – das Fläschchen steht auf meinem Pult –, so sollen Sie sehen, geht es bald vorüber.« Oswald beeilte sich, das Gewünschte herbeizuschaffen. Er gab dem Knaben von der Medizin, er ließ ihn den Tee trinken, er rückte ihm das Kopfkissen zurecht, er holte noch eine Decke herbei, er tat alles mit jener Umsicht und Gewandtheit, mit der feinfühlende Menschen, auch wenn sie nicht daran gewöhnt sind, mit Kranken umzugehen, die professionierten Krankenwärter beschämen. »Mit Ihnen als Pfleger ist es beinahe ein Vergnügen, krank zu sein«, sagte Bruno, dankbar die Hand seines Freundes drückend. »Still, still!« sagte der. »Tue mir nur den Gefallen und habe keine Schmerzen mehr.« »Ich will mein möglichstes tun«, sagte der Knabe lächelnd. Wirklich ging Oswalds Wunsch bald in Erfüllung. Die kalten Tropfen auf der Stirn des Kranken wurden zu warmen, und alsbald umhüllte ihn die gütige Natur mit tiefem Schlaf, um still und heimlich das gestörte Gleichgewicht des Organismus wieder herzustellen. Manchmal noch zuckte die feine, schmale Hand, die Oswald in der seinen hielt, dann ließ auch das nach, und der Arzt aus dem Stegreife gratulierte sich im stillen zu dem guten Erfolge seiner Kur. Aber er mußte doch wohl noch einige Besorgnis vor einem Rückfalle haben, denn er entzog leise seine Hand der des Knaben, holte aus seinem Zimmer einen Lehnstuhl und setzte sich zu Häupten des Bettes. Die Lampe hatte er ausgelöscht, damit die ungewohnte Helle den Schläfer nicht belästige, und so saß er denn im Dunkeln und sah das Mondlicht, das durch eine Spalte des Vorhangs fiel, langsam an der Wand hingleiten und horchte auf die regelmäßigen Atemzüge des Knaben, bis ihn selbst die Müdigkeit überwältigte. Sechstes Kapitel Es war in den Abendstunden eines der nächsten Tage, daß in dem Gartensaale des Schlosses zwei Damen saßen, von denen die eine die Baronin Grenwitz, die andere eine junge Frau war, die vor ein paar Stunden zu Pferde von einem benachbarten Gute auf Besuch gekommen. Die Fenstertür, die aus dem Gemache in den Garten und zunächst auf einen großen, von hohen Bäumen umgebenen Rasenplatz führte, in dessen Mitte eine Flora aus Sandstein schon seit anderthalb Jahrhunderten steinerne Blumen aus ihrem Horne schüttete, war weit geöffnet. In dem Zimmer, das nach Norden lag, war es schon dämmerig; draußen aber lag noch der Abendschein warm auf dem Rasen und den prächtigen Buchen und Eichen, und die Gestalten der beiden Damen, die an einem Tische saßen, den man in die Tür geschoben hatte, zeichneten sich scharf auf dem hellen Hintergrunde ab. Ein größerer Gegensatz war nicht leicht denkbar. Die Baronin von Grenwitz war kaum vierzig Jahre alt, aber die Strenge ihrer männlich festen Züge, die großen, kalten grauen Augen, die sie so forschend und so lange auf den Sprecher richtete, die Gemessenheit ihrer Bewegungen, ihre hohe, weit über das gewöhnliche Frauenmaß hinausreichende Gestalt, vorzüglich aber ihre eigentümliche Art sich zu kleiden, ließen sie manchmal fast um zehn Jahre älter erscheinen. Sei es übergroße Einfachheit, sei es wie andere wollten, eine an Geiz grenzende Sparsamkeit, sie bevorzugte Stoffe, die sich, wie das Hochzeitskleid der würdigen Pfarrerin von Wakefield, mehr durch Dauerbarkeit als durch irgend glänzende Eigenschaften empfahlen, und sie liebte einen Schnitt der Kleidung, von dem man deshalb nicht behaupten konnte, er sei nicht mehr modisch, weil er es eigentlich niemals gewesen war. Wie die Erscheinung für den ersten Augenblick auf jeden den Eindruck der Würde machte, so bemerkte auch der aufmerksame Beobachter an ihrer, in jedem Momente musterhaften Haltung, und vor allem an dem stets ruhigen, gleichmäßigen Ton ihrer etwas tiefen, wohllautenden Stimme und ihrer immer gewählten Sprache, die jeden vulgären Ausdruck sorgfältig vermied, daß sie sich dieses Eindrucks wohl bewußt war und ihn auf jede Weise zu erhalten suchte. Ob die Dame, die sich bei der Baronin befand, sich durch ihre stattliche Erscheinung imponieren ließ oder es für passend hielt, wenigstens den Anschein davon anzunehmen, mochte zweifelhaft sein; soviel schien sicher, daß sie sich in diesem Moment einer Haltung befleißigte, die nicht mit dem Ausdruck ihres Gesichts, ja nicht einmal mit ihrem Anzuge übereinstimmte. Sie trägt ein Reitgewand von dunkelgrünem Sammet, das hinreichend in die Höhe gesteckt ist, um sie nicht beim Gehen zu hindern und ihre schmalen Füße, die in eleganten Stiefelchen stecken, zu verhüllen. Das enganschließende Gewand hebt die schönen Formen des jugendlich-vollen Körpers vorteilhaft hervor, und der kleine runde Hut, der nebst Handschuhen und Reitpeitsche auf einem kleinen Tische in ihrer Nähe liegt, muß diesem wohlgebildeten Kopfe mit den üppigen, braunen Haaren, die, einfach in der Mitte gescheitelt, in reichen Wellen über Stirn und Ohren fallen und hinten zu einem Kranze aufgebunden sind, vortrefflich stehen. Sie sitzt der streng wirtschaftlichen und musterhaft fleißigen Baronin, die an einem Stück Leinwand, das möglicherweise eine Serviette ist, eifrig näht, gegenüber und scheint mit dem Sticken eines Namenszuges in einer schon gesäumten Serviette beschäftigt. Dies nimmt sich nun freilich bei ihrem Anzuge wunderlich genug aus, auch scheint diese Arbeit der Dame nicht eben zuzusagen, wenigstens hebt sie, als jetzt die Baronin aufsteht, um im Hintergrunde des Zimmers etwas zu suchen, schnell den Kopf in die Höhe und zeigt ein hübsches Gesicht mit kindlichweichen Zügen und großen braunen, in feuchtem Schimmer glänzenden Augen, und dies Gesicht hat jetzt genau den Ausdruck eines übermütigen Schulmädchens, dessen strenge Lehrerin auf einen Augenblick den Rücken wendet. »Was sagten Sie, liebe Anna-Maria?« fragte die Dame, indem sie sich, als die Baronin sich umwandte, wieder über ihre Arbeit beugte. »Ich fragte Sie, liebe Melitta, ob Sie noch genug rotes Garn hätten?« Melitta machte eine Miene, als ob sie sagen wollte, mehr als zuviel; sie begnügte sich indes zu sagen:«Ich denke, es wird reichen.« Die Baronin hatte sich auf ihren Platz gesetzt und nahm die für einen Augenblick abgebrochene Konversation wieder auf. »So scheint doch wenig Hoffnung auf eine vollkommene Genesung?« sagte sie. »Wenig oder keine«, antwortete Melitta, »besonders in der jüngsten Zeit, wo die Anfälle von Tobsucht gänzlich aufgehört haben. Doktor Birkenhain schreibt mir, daß nur ein Wunder Carlo vom Blödsinn retten könnte; das heißt wohl so viel, als: er ist unrettbar verloren.« »Es ist ein hartes Los, das der Allmächtige über Sie verhängt hat, meine arme Melitta«, sagte die Baronin. Melitta antwortete nicht. »Es war in diesen selben Räumen«, fuhr die Baronin, die nicht anzunehmen schien, daß das angeschlagene Thema Melitta irgendwie peinlich sein könne, ruhig fort, »daß ich Berkow zum letztenmal gesehen habe. Ich gestehe, daß ich schon an jenem Abend, als er den so ärgerlichen Streit mit Ihrem Vetter Barnewitz anfing – Baron Oldenburg suchte vergeblich, die wirklich fatale Szene abzukürzen – mich eines leisen Verdachtes nicht erwehren konnte.« Melitta von Berkow schienen diese Proben von dem vortrefflichen Gedächtnis der Baronin nicht eben zu entzücken; sie wurde unruhig und warf, augenscheinlich ohne recht zu wissen, was sie sagte, die Frage hin: »Haben Sie nichts von Oldenburg gehört?« »Der Baron ist seit acht Tagen zurück.« »Oh!« rief Melitta mit einem Ausdruck, der Frau von Grenwitz von ihrer Arbeit aufsehen machte. »Was haben Sie, Melitta?« »Ich bin so ungeschickt«, sagte diese und preßte ein Tröpfchen Blut aus dem Daumen der linken Hand, »also Oldenburg ist zurück; was bringt ihn denn auf einmal wieder her? Hat er sich in Ägypten ebenso gelangweilt wie hier?« »Die Kontrakte mit seinen Pächtern laufen nächsten Martini ab, ebenso wie auf einigen unserer Güter. Ich vermute, daß ihn dies zur Rückkehr bewogen hat. Er scheint noch menschenscheuer geworden zu sein, als er es schon damals war. Griebenow, unser Förster, ist ihm im Walde begegnet; bei uns hat er sich noch nicht sehen lassen.« »Nun, diese Unaufmerksamkeit des Barons werden Sie ja leicht verschmerzen, liebe Anna-Maria; Sie waren ja nie besonders gut auf ihn zu sprechen.« »Ich wüßte auch nicht, daß Oldenburg mir je Veranlassung gegeben hätte, das zu tun; mir so wenig wie irgendeinem von uns. Ein Mann, welcher der Religion – ich möchte beinahe sagen, offen Hohn spricht, der die Würde seines Standes, die Interessen seiner Standesgenossen so weit vergißt, auf den Kreistagen, auf den Landtagen, bei jeder Gelegenheit die Partei der Neuerer zu ergreifen; der unsere Sozietät nur aufzusuchen scheint, um sich über uns lustig zu machen – ein solcher Mann hat es sich selbst zuzuschreiben, wenn wir unser Interesse und unsere Teilnahme anderen zuwenden, die es besser verdienen.« »Ei, an Interesse von seiten der anderen hat es, deucht mir, Oldenburg schon damals nicht gefehlt, und wird es, glaube ich, ihm auch jetzt wieder nicht fehlen. Ich weiß eigentlich nicht, weshalb sich alle Welt so viel um einen Mann bekümmert, der sich an die Welt im großen und kleinen so wenig kehrt.« »Das ist wohl sehr erklärlich, liebe Melitta. Die Oldenburgs gehören zu unseren ältesten Familien; es kann uns nicht gleichgültig sein, ob der letzte Sprosse einer solchen Familie ein Plebejer wird oder nicht.« »Oldenburg wird nie ein Plebejer werden«, sagte die jüngere Dame mit einiger Wärme. »Ei, ei, liebe Melitta! Sie nehmen sich ja des Barons recht lebhaft an. Wollen Sie auch etwa seinen moralischen Lebenswandel verteidigen, seine Liebesaffären, mit denen er die chronique scandaleuse nicht nur unserer Gegend bereichert hat?« »Ich habe nie, soviel ich weiß, etwas Unmoralisches getan oder gutgeheißen«, sagte Frau von Berkow noch lebhafter wie zuvor. »Und was Herrn von Oldenburgs Privatleben betrifft, so erlaube ich mir darüber gar kein Urteil, da es mir vollkommen fremd ist. – Übrigens«, fuhr sie nach einer Pause und mit wieder ruhiger Stimme fort, »soll es mich doch wirklich wundern, wenn Oldenburg in der Tat der Don Juan wäre, zu dem man ihn durchaus machen will. Sie werden mir zugeben, liebe Anna-Maria, daß er weder die Schönheit noch die Gewandtheit besitzt, welche die notwendigen Eigenschaften der Repräsentanten dieser Rolle sind.« »Darüber erlaube ich mir nun wieder kein Urteil«, sagte die Baronin, nicht ohne merkliche Ironie, »das müßt ihr jungen Frauen unter euch ausmachen.« »Junge Frauen«, rief Melitta lachend. Sie ließ die Arbeit in den Schoß sinken und lehnte sich bequem in den Stuhl zurück, die Baronin, die unverdrossen weiter nähte, mit einem Blick betrachtend, in welchem sich ein gut Teil Schalkheit mit einem ganz kleinen Teil Böswilligkeit mischte, »junge Frauen! Wissen Sie, liebe Anna-Maria, daß ich noch in diesem Jahre dreißig werde? Mein Julius wird im nächsten Monat zwölf, nur vier Jahre jünger wie Ihre Helene. Apropos, wie geht es denn dem lieben Kinde? Soll sie denn ewig in dem Hamburger Pensionat bleiben? Wie lange ist sie nun schon da? Zwei, nein, es sind ja bereits drei Jahre! Und nicht ein einziges Mal hier gewesen in der ganzen Zeit! Sie werden Ihr eigenes Kind nicht wiedererkennen, liebe Grenwitz!« »Das Hamburger Pensionat ist so ausgezeichnet, wird von allen so gerühmt, daß ich mir ein Gewissen daraus machen würde, das Mädchen nicht solange wie möglich dort zu lassen. Übrigens haben Sie wohl vergessen, liebe Berkow, daß wir mit Helenen im vorigen Sommer in Ostende waren, und da Sie so große Sehnsucht nach der jungen Dame zu empfinden scheinen, will ich Ihnen auch in allem Vertrauen mitteilen, daß Sie sie noch in diesem Sommer auf Grenwitz werden begrüßen können.« »Noch in diesem Sommer! Ei, sieh! Das hängt doch wohl nicht etwa mit Oldenburgs Rückkehr zusammen? Verzeihen Sie meine Indiskretion! Aber ich erinnere mich, daß Sie vor einigen Jahren, als der Baron von seiner ersten großen Reise zurückkehrte, einmal äußerten, wie Ihnen eine Verbindung mit Oldenburg wohl konvenieren würde.« »Damals kannte ich den Baron nicht, wie ich ihn leider seitdem kennengelernt habe. Auch würde das Grenwitz' Wünschen nicht entsprechen, der Helenen, glaube ich, nach einer andern Seite halb und halb versprochen hat.« »Nach einer andern Seite? Doch nicht etwa an ihren vortrefflichen Cousin Felix?« »Wie gesagt, ich weiß nichts Bestimmtes darüber; Grenwitz ist so verschlossen; aber ich vermute es fast daraus, daß er Felix bestimmt hat, auf ein Jahr Urlaub zu nehmen und dieses Jahr bei uns zuzubringen. Seine Gesundheit soll sehr angegriffen sein.« »Hoffentlich nicht so angegriffen wie sein Vermögen«, sagte Melitta trocken. »Sein Vermögen? Was wissen Sie denn von Felix' Privatverhältnissen?« »Ich sage nur, was alle Welt sagt. Sie werden mir zugeben, Liebe, daß, wenn schon über Oldenburg die chronique scandaleuse nicht stumm ist, sie über Felix sehr viel zu sagen weiß, und an Stoff hat es ihr der Herr Leutnant doch wahrlich nicht fehlen lassen.« »Felix ist noch jung.« »Nicht jünger als Oldenburg.« »Fünf Jahre.« »Das sieht man ihm wahrlich nicht an, freilich, er hat etwas schnell gelebt, der gute Felix.« »Man sollte wirklich glauben, liebe Melitta, daß Felix Ihnen näher stände, als es der Fall ist. Aufrichtig, ich möchte gern wissen, was Sie von dieser Heirat denken, im Falle Grenwitz das Projekt nicht aufgeben sollte.« »Nun denn, aufrichtig: Ich würde sie für ein Unglück, für ein um so größeres Unglück halten, je schöner und unschuldiger Helene ist. Was, um alles in der Welt, kann den Baron zu dieser Heirat bestimmen? Denn, daß eine Mutter zu solch einer Verbindung, die ihre Tochter namenlos unglücklich machen müßte, ja sagen sollte, kann ich mir nimmermehr denken.« Melitta war aufgesprungen, hatte ihre Reitpeitsche ergriffen und hieb damit sausend durch die Luft, als wollte sie sagen: Das verdient der, welcher zu diesem Bubenstück die Hand bietet. In der schlanken, hochaufgerichteten Frauengestalt hätte man kaum dieselbe wiedererkannt, die sich vorhin schüchtern über ihre Arbeit beugte oder sich lässig in die Kissen des Stuhles schmiegte. Selbst die Züge des Gesichtes schienen anders zu werden, schärfer, älter; das Feuer in den großen Augen loderte düster auf. Offenbar hatte die Erwähnung dieser Heirat eine Saite in ihr angeschlagen, die häßlich durch ihre Seele schrillte. Sie fuhr in demselben aufgeregten Tone fort: »Felix ist ein notorischer Wüstling. Wie kann ein Wüstling Liebe fühlen? Und gesetzt, Helenes Schönheit, Unschuld und Jugend trügen für eine Zeit über seine Blasiertheit den Sieg davon, so kann dies nicht von Dauer sein. Ein gründlich Blasierter wird niemals wieder ein ganzer Mann; und kann Helene einen solchen halben Mann lieben? Und ist das Leben ohne Liebe wert, daß man es lebt? Und können Sie das Unheil verantworten, das aus einer solchen lieblosen Ehe wie Unkraut aufschießt? Ich weiß –« Die junge Frau schwieg plötzlich und ging mit schnellen Schritten in dem Gemache auf und ab. Dann nach einer kleinen Pause: »Und welch äußere Vorteile könnte diese Ehe gewähren? Felix hat seiner ungemessenen Eitelkeit sein Vermögen wie seine Gesundheit zum Opfer gebracht. Seine Güter sind verschuldet über und über; und Aussichten hat er, soviel ich weiß, auch nicht –« »Nur daß er, wenn mein Malte stirbt, was Gott verhüten wolle, das Grenwitzsche Majorat erbt«, sagte die Baronin. »Ja so!« sagte Melitta gedehnt. Die letzte Bemerkung der Baronin hatte der edelmütigen jungen Frau die Angelegenheit in einem ganz neuen Lichte gezeigt; dem unheimlichen Lichte vergleichbar, das aus der Blendlaterne eines Diebes auf das Schatzkästlein fällt, das er stehlen will. Sie hütete sich indessen wohl, die Baronin, was in ihr vorging, merken zu lassen, sondern fuhr, sich wieder in ihren Schaukelstuhl werfend, in unbefangenem Tone fort: »Ich hoffe, Malte wird Felix' Gläubigern nicht den Gefallen tun, vor der Zeit zu sterben, er wird ja zusehends kräftiger, und wenn Sie dem Jungen nur mehr Freiheit lassen wollten –« »Freiheit!« sagte die Baronin. »Muß ich das Wort schon wieder hören! Ich lasse ihm so viel Freiheit, als ich mit einer vernünftigen Erziehung für verträglich halte. Ich meine, daß, wer wie Malte einst über ein bedeutendes Vermögen gebieten wird, nicht zeitig genug gehorchen, sich einschränken, sich Unnötiges, Überflüssiges versagen lernen kann. Wir haben ja an unserm Neffen Felix das lebendigste Beispiel, wohin die allzugroße Nachsicht führt.« »Das ist alles wahr«, sagte Melitta, »aber –« »Wir haben uns ja wohl über das Thema der Erziehung unserer Kinder ein für allemal des Streites begeben«, sagte die Baronin mit dem Lächeln der Überlegenheit. »Ich weiß, was ich will, und das werde ich mit Gottes Hilfe durchführen.« »Apropos, habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich meinen Julius in diesen Tagen nach Grünwald aufs Gymnasium schicken will?« sagte Melitta. »Wieder so ein Wagestück!« antwortete die Baronin. »Baron Oldenburg hat auch so eine öffentliche Erziehung, wie sie es nennen, genossen, und ich denke, die Resultate sind danach. Freilich hat man mit den Hauslehrern auch seine liebe Not.« »Sie haben ja jetzt einen neuen, nicht wahr?« sagte Melitta, die aufgestanden war und sich in die Tür lehnte. »Wie ist er denn?« Die Baronin zuckte die Achseln. »Aber wie kann man das auch fragen«, sagte Melitta lachend. »Er wird sein wie alle andern: entsetzlich gelehrt, eckig, pedantisch, langweilig. Bemperlein, Bauer – das ist alles ein Genre. Ich will einen Hauslehrer auf hundert Schritt erkennen. Ah, wer ist der junge Mann, der da mit Bruno über die Wiese kommt?« Die Frage blieb unbeantwortet, da in diesem Augenblick Mademoiselle Marguerite in das Zimmer getreten und die Baronin aufgestanden war, ihr einige Aufträge wegen der Abendmahlzeit zu geben. Melitta wandte sich um, aber die Baronin hatte mit einem: »Entschuldigen Sie mich!« das Zimmer verlassen. Die junge Frau blieb allein und mußte selbst die Antwort auf ihre Frage zu finden suchen. Sie zog sich ein wenig aus der Tür zurück und musterte mit ihren scharfen Augen die Erscheinung des unbekannten jungen Mannes. Siebentes Kapitel Oswald war mit Bruno aus den Bäumen, die den Rasenplatz umsäumten, dem Schlosse gegenüber herausgetreten. Sein rechter Arm ruhte auf des Knaben Schulter, der wiederum seinen Arm um Oswalds Hüften geschlungen hatte und lächelnd in das Gesicht des jungen Mannes aufschaute, während dieser angelegentlich zu ihm sprach. Als sie ein paar Schritte auf die Wiese gemacht hatten, blieben sie stehen. Oswald deutete mit der Hand nach der Richtung, aus der sie gekommen waren, und Bruno sprang in das Gehölz zurück. Der junge Mann stand, die Rückkehr seines Freundes erwartend und köpfte mit dem Stäbchen, das er in der Hand trug, zum Zeitvertreib einige Gräser, die allzulang emporgeschossen waren. Er hatte keine Ahnung davon, daß fünfzig Schritte von ihm ein Paar ebenso schöner wie scharfer Augen jeden seiner Züge musterte, jede seiner Bewegungen sorgfältig beobachtete. Wenn das der neue Hauslehrer ist, so ist er ein Beweis mehr für den alten Satz, daß es zu jeder Regel Ausnahmen gibt. Der sieht wahrlich nicht aus, als ob er zu der Familie der Bemperleins gehörte. Diesen eleganten Sommeranzug haben Sie wohl mit aus der Residenz gebracht. Sehr nett, in der Tat, für einen Hauslehrer fast zu nett. Sie scheinen etwas eitel zu sein, mein Herr, und lange Konferenzen mit Ihrem Schneider zu halten. Aber Sie sind hübsch gewachsen, daß muß man Ihnen lassen, und der kleine Schnurrbart steht Ihnen ausnehmend gut. Wollen Sie nicht gefälligst einmal den Kopf in die Höhe heben; ich wünschte Ihre Augen zu sehen. So – sauve qui peut! Melitta trat, als Oswald jetzt zufällig die Augen aufschlug, schnell zurück, so daß sie hinter der Tür verborgen war. Sie warf einen flüchtigen Blick in einen Spiegel, der sich in der Nähe befand, und glättete rasch ihr üppiges Haar. Dann näherte sie sich verstohlen wieder der Tür. Bruno kam aus den Bäumen herbeigesprungen und zeigte Oswald ein Büchelchen: »Hier ist es«, rief er, »aber Sie bekommen es nicht.« Oswald wollte den mutwilligen Knaben haschen, der ihn immer herankommen ließ, um ihm dann jedesmal durch eine blitzschnelle Wendung oder einen Satz, dessen sich ein Unkas nicht hätte zu schämen brauchen, zu entgehen. Melitta war, durch das hübsche Schauspiel angelockt, aus ihrem Versteck getreten. Sobald Bruno ihrer ansichtig wurde, rannte er auf sie zu, und Oswald, der, über die unerwartete Erscheinung der Dame verwundert, stehengeblieben war, sah, wie der Knabe ihre Hände ergriff und mit stürmischer Zärtlichkeit an seine Lippen drückte. »Da bist du ja, mein Wilder!« sagte die Dame und streichelte die dunklen Locken des Knaben. »Wo hast du denn den ganzen Nachmittag gesteckt?« »Ich bin spazieren gewesen – mit Oswald, wollte sagen, mit Herrn Doktor Stein«, rief Bruno, und dann zu Oswald sich wendend, der grüßend näher getreten war, »dies ist Frau von Berkow, Oswald, von der ich Ihnen nur noch heute morgen erzählte; dies ist Herr Stein, Tante Berkow, den ich sehr, sehr lieb habe, und den Sie auch ein wenig lieb haben sollen.« »Man darf seine Ware nicht zu sehr anpreisen, Bruno«, sagte Oswald, sich lächelnd vor der jungen Frau verbeugend, »oder der Käufer wird stutzig.« »Nicht, wenn der Verkäufer so gut akkreditiert ist, wie dieser Wildfang bei mir«, sagte Melitta, leicht errötend. »Wie lange sind Sie schon auf Grenwitz, Herr Doktor?« »Seit vierzehn Tagen etwa, gnädige Frau.« »Sagte mir die Baronin nicht, daß Sie aus Berlin kämen?« fragte Melitta, die neugierig war, zu erfahren, ob sich ihre Vermutung wegen Oswalds Anzug bestätigte. »Nicht direkt, gnädige Frau; ich lebte zuletzt in Grünwald.« »In Grünwald? Das interessiert mich. Da könnten Sie mir ja gleich die beste Auskunft geben. Die Sache ist nämlich die – aber ich langweile Sie gewiß mit meinen indiskreten Fragen!« »Bitte, gnädige Frau; ich würde mich glücklich schätzen, Ihnen irgendwie dienen zu können.« »Sehr gütig. Die Sache ist die. Ich will meinen Sohn – er ist ungefähr in Brunos Alter –« »Oho, Tante, drei Jahre jünger!« rief Bruno, der sich jetzt in einiger Entfernung auf einer Schaukelbank wiegte. »Welch scharfes Ohr der Junge hat«, sagte Melitta, ihre Stimme senkend. »Also, ich will meinen Julius nach Grünwald aufs Gymnasium schicken. Oder vielmehr, ich muß, denn sein Lehrer, ein Herr Bemperlein, der schon sechs Jahre bei ihm ist, hat eine Predigerstelle bekommen und wird uns in diesen Tagen verlassen. Nun weiß ich nicht – aber da kommt die Baronin –, ich muß meine tausendundeine Frage über tausendundein verschiedene Dinge, die mir so vollkommen fremd sind wie meinem guten Bemperlein, der längst verlernt hat, wie es in der Stadt aussieht, wenn er es überhaupt jemals wußte, auf eine gelegenere Zeit versparen. Hier kommt man ja doch nicht dazu. Wie wär's, Herr Doktor, wenn Sie mich in diesen Tagen mit Ihrem Besuche beehrten, morgen nachmittag etwa?« Oswald verbeugte sich. »Ich habe den Herrn Doktor gebeten, mir morgen seinen Besuch zu schenken«, sagte Melitta, zur Baronin gewandt, die in diesem Augenblick mit Mademoiselle Marguerite wieder ins Zimmer trat. »Es ist wegen der Grünwalder Angelegenheit. Ihr habt doch nicht morgen nachmittag etwas Besonderes vor, denn ich möchte nicht, daß der Herr Doktor Stein mir ein allzugroßes Opfer bringt.« »Wir etwas vorhaben?« sagte die Baronin. »Sie kennen ja unser stilles Leben, liebe Melitta; im Gegenteil, ich denke, eine kleine Zerstreuung der Art wird Herrn Doktor Stein, der die Einförmigkeit eines ländlichen Aufenthaltes sicher schon empfunden hat, recht willkommen sein. Ich selbst wollte Sie für morgen schon zu einem Besuche zu bestimmen suchen, Herr Stein; bei unserm Pastor, der schon empfindlich sein wird, daß Sie sich ihm noch nicht vorgestellt haben.« »Nun, das läßt sich ja ganz gut vereinigen«, sagte Melitta, »morgen ist Sonntag, der Pastor Jäger wird entzückt sein, wenn Sie die nicht allzugroße Anzahl seiner Zuhörer durch Ihre Person vermehren. Berkow ist von Faschwitz durch den Wald nur ein halbes Stündchen entfernt. Ich würde Sie gleich zu Mittag einladen, aber ich weiß, daß die Frau Pastorin Sie nicht sobald wieder fortlassen wird. Nun, was sagen Sie, Herr Doktor?« »Ich kann den Damen nur meinen tiefgefühlten Dank aussprechen, daß Sie die Güte haben wollen, über meine Zeit besser zu disponieren, als ich es auf jeden Fall imstande wäre«, antwortete Oswald mit einer höflichen Verbeugung. »Das heißt: Der Weise schickt sich in das Unvermeidliche«, sagte Melitta lachend. »Und hier kommt der Baron mit Malte, und wir können zu Tische gehen, wonach ich, offen gestanden, großes Verlangen trage.« Die Tafel war auf dem niedrigen Perron, der nach dem Garten zu dem Schlosse in seiner ganzen Länge angebaut war, unter einem Zeltdach gedeckt. Der Abend war herrlich. Die Sonne war im Untergehen. Rosige Lichter spielten in den Wipfeln der hohen Buchen, die den schattigen Rasenplatz umgaben. Schwalben schossen zwitschernd und zirpend durch die klare Luft. Ein Pfau kam, durch das wohlbekannte Klappern der Teller herbeigelockt, aus dem Gebüsch eilig über die Wiese geschritten, und sammelte die Brocken auf, die der alte Baron ihm über das Steingeländer des Perrons zuwarf. Die Unterhaltung war heute um vieles lebhafter, als es wohl sonst der Fall war. Die Baronin konnte, wenn sie wollte, eine sehr angenehme Wirtin machen, und sie war, trotz ihrer zur Schau getragenen Abneigung gegen weltlichen Sinn, durchaus nicht so frei von Eitelkeit, daß es ihr gleichgültig gewesen wäre, neben Melitta übersehen zu werden. Melitta aber war in der liebenswürdigsten Laune; sie scherzte und lachte, neckte und ließ necken, unbefangen, harmlos, wie ein Kind. Es fiel Oswald, während er sich dem Zauber von Melittas reizender Erscheinung willig überließ, nicht ein, zu glauben, seine Gegenwart könne etwas zur Erhöhung ihrer Stimmung beitragen, und doch war dies in einem hohen Grade der Fall. Es gibt wenige Frauen, die vollkommen indifferent dagegen sind, welchen Eindruck sie auf ihre Umgebung hervorbringen, und Melitta gehörte durchaus nicht zu diesen wenigen Frauen, wohl aber zu jenen Naturen von leicht erreglicher Sinnlichkeit, die sich durch gefällige und schöne Formen in einer Weise bestechen lassen, die kälteren Temperamenten unbegreiflich ist. Nun war Oswald, ohne das zu sein, was man einen schönen Mann nennt, von der Mutter Natur nichts weniger als stiefmütterlich ausgestattet, und die gute Gesellschaft, in der er sich stets bewegt, hatte die natürliche Grazie seiner Manieren noch erhöht. Das alles überraschte Melitta um so angenehmer, als sie es bei einem Manne von einer nach ihren Begriffen so untergeordneten Stellung am wenigsten erwartet hatte. Oswald erschien ihr mit jedem Augenblick bedeutender; sie fing an, ihre brüske Einladung von vorhin doch recht unpassend zu finden, und zugleich entzückte sie der Gedanke, den liebenswürdigen jungen Mann so bald bei sich zu sehen. Es schmeichelte ihr, wenn, was über Tische mehrmals geschah, Oswalds Blicke den ihren begegneten, und doch senkte sie jedesmal die Wimpern vor einem Augenpaar, das bei aller Unbefangenheit so beredt und forschend blicken konnte. Nach der Beendigung der Mahlzeit brachte die Baronin, da Melitta erklärte, noch ein Stündchen bleiben zu können, ein Reifenspiel in Vorschlag; Bruno sprang fort, die Reifen zu holen, die weder verlegt noch außerstande waren, ein Umstand, der gewiß für die musterhafte Ordnung, die in dem Schlosse Grenwitz herrschte, beredt genug spricht; und bald hatte sich die Gesellschaft auf dem Rasen in einem weiten Kreis aufgestellt, und die bunten Reifen flogen lustig durch die weiche, warme Abendluft von einem zum anderen. Alle, selbst der alte Baron, legten eine größere oder geringere Geschicklichkeit an den Tag, mit Ausnahme von Malte, der seinen Reifen in den meisten Fällen, wo er ihm nicht unmittelbar auf den Stock geflogen kam, fallen ließ, eine Gelegenheit, die Melitta, seine Nachfolgerin, zum großen Ärger Brunos, der die Spielregeln eingehalten wissen wollte, jedesmal benutzte, ihren Reif aus der Reihe einem der Mitspieler blitzschnell über den Kopf zu schleudern, wobei Oswald nichts umhin konnte, zu bemerken, daß Melitta ihn häufiger wie die übrigen auf diese Weise auszeichnete. Unterdessen war der Abend tiefer herabgesunken; der alte Baron hatte eine schwache Spur von Tau auf dem Rasen bemerkt; Abendtau aber war nach seiner Meinung reines Gift für Malte, der als kleines Kind eine Zeitlang viel an der Bräune gelitten hatte, und er mahnte deshalb dringend, das Spiel einzustellen. Melitta fand, daß es hohe Zeit für sie sei, aufzubrechen, und bat, ihrem Reitknecht Befehl zu geben, die Pferde zu satteln. Bruno war fortgesprungen, den Auftrag auszurichten; die Baronin mit Mademoiselle in das Zimmer getreten; der Baron beschäftigt, Malte, der sich durchaus erkältet haben sollte, ein dickes Schaltuch um den Hals zu wickeln; Oswald und Melitta waren zum ersten Male seit ihrer unterbrochenen Konversation von vorhin allein geblieben. Melitta hatte von einem Rosenstrauch, der zu den Füßen der Flora wuchs, eine Rose gepflückt und betrachtete sinnend die köstliche Blume. »Verzeihen Sie, mein Herr«, sagte sie plötzlich, leise und rasch, aber ohne die Augen aufzuschlagen, »daß ich vorhin die Ungeschicklichkeit beging, Sie ohne weiteres um einen Besuch zu bitten, der Ihnen am Ende beschwerlich fällt, aber –« »Kein Aber, gnädige Frau; ich wiederhole im Ernst, was ich vorhin aus bloßer Höflichkeit sagte, daß ich mich glücklich schätzen würde, Ihnen irgendwie dienen zu können.« »Sie kommen also morgen?« »Wie Sie befehlen.« »Nein: wie ich wünsche. – Sehen Sie nur, wie wundervoll diese Rose ist! Lieben Sie auch die Rosen so?« »Ich liebe alles, was schön ist«, sagte Oswald, nicht auf die Rose, sondern auf Melitta blickend. Sie hob die langen Wimpern und schaute dem jungen Mann tief und voll in die leuchtenden Augen. »Da!« sagte sie plötzlich und hielt ihm die Rose entgegen, als ob er ihren Duft einatmen sollte; er aber fühlte nur, wie sich die schlanken Finger der Dame leicht wie ein Hauch auf seine Lippen legten. »Die Pferde sind da, Tante!« rief Bruno. »Ich komme!« antwortete Melitta und eilte von Oswald fort. Die Rose lag zu seinen Füßen; er bückte sich schnell, hob sie auf und verbarg sie an seiner Brust. Mademoiselle Marguerite brachte Melitta Federhut, Reitpeitsche und Handschuh. »Ist die Baronin im Zimmer?« »Ja.. »So will ich gehen, ihr Adieu zu sagen.« Der alte Baron, Oswald und die Knaben gingen durch die Gittertür des Parks nach dem Schloßhofe, wo ein Reitknecht zwei Pferde am Zügel führte. Oswald bewunderte die Schönheit dieser Tiere, besonders das mit dem Damensattel, ein herrliches Vollblut, Melittas Lieblingspferd: Bella. Melitta trat, von der Baronin und Mademoiselle gefolgt, aus dem Portale rasch auf ihr Pferd zu. Der alte Baron hob sie in den Sattel. »Adieu, adieu!« rief sie herunter. »Allez! Bella!« und so sprengte sie aus dem Schloßhof, hinein in den dämmerigen Abend. Die anderen waren wieder ins Haus getreten. Oswald stand, die Augen nach dem Tor gerichtet, durch das Melitta verschwunden war, in sich versunken da. »Wollen wir nicht hineingehen, Oswald?« fragte Bruno, seine Hand ergreifend. »Es ist dunkel geworden.« »Es ist dunkel geworden«, wiederholte der junge Mann und folgte träumend dem Knaben. Achtes Kapitel Der Baron hatte Oswald angeboten, ihn nach der Kirche fahren zu lassen; der junge Mann aber, der die schwerfälligen Braunen noch von dem Abend seiner Ankunft her in bösem Angedenken hielt, hatte es abgelehnt. Bruno und Malte erwarteten heute die Knaben eines benachbarten Edelmannes zum Besuch. Bruno wäre am liebsten mit Oswald gegangen, da dieser aber selbst ihn zu bleiben bat, sagte er: »Sie sind recht froh, daß Sie mich auf ein paar Stunden los sind, aber ich weiß, was ich tue. Ich gehe in den Wald und komme vor Abend nicht nach Hause.« »Das wirst du nicht tun, Bruno!« »Und weshalb nicht?« fragte der Knabe trotzig. »Weil du mich lieb hast.« »Nun denn, so will ich Ihnen zuliebe hierbleiben, den albernen Hans von Plüggen nicht prügeln und mich überhaupt so musterhaft benehmen, daß selbst Tante zufrieden sein soll.« »Tue das, lieber Junge. Leb wohl!« »Leb wohl, Lieber, Bester!« rief der Knabe und warf sich stürmisch an die Brust seines einzigen Freundes, und eilte von ihm fort, in den Garten, dort mit seinem wilden Herzen allein zu sein. Oswald ging aus dem Schloßhofe den Weg, von dem er wußte, daß er nach dem Pfarrhofe führte. Die Sonne schien hell aus dem blauen Himmel, an dem weiße Wolkenballen unbeweglich standen. Es war nicht heiß, denn der Atem des nahen Meeres hauchte Kühlung durch die Sommerluft. Lerchen jubelten hoch droben »im blauen Raum verloren«. An dem Rande des nahen Waldes, von dem eine Ecke, Oswald zur Rechten, weit in das bebaute Land hineinschoß, zog ein Gabelweih seine Kreise. Auf den Feldern sah man keine Arbeiter; die Ackergeräte lagen müßig. In einer Koppel, an der der Weg vorüberführte, lagen in satter Ruhe Kühe und Kälber; ein paar muntere Füllen kamen an den Zaun und sahen neugierig nach dem Wanderer. Oswald hatte schon den Hof des Gutes hinter sich. Er kam auf dem mit Weiden an beiden Seiten besetzten Weg an der Stelle vorüber, wo der Streit zwischen Bruno und dem Knechte stattgefunden hatte. Unwillkürlich blieb er stehen; die ganze Szene wurde wieder lebendig vor seinem Auge; er sah den schönen Knaben, zürnend und drohend, wie ein jugendlicher Gott; und den feigen, zurücktaumelnden Knecht. Fast tat es ihm leid, daß er seinen Liebling zum Zurückstehen vermocht hatte. Er fühlte sich so leicht, so froh an diesem schönen Morgen, und es war ihm schon zur lieben Gewohnheit geworden, wenn seine Seele ein Fest feierte, den Knaben zu Gast zu haben. Du, wie Al Hafi, Wilder, Guter, Edler! sprach er bei sich, was willst du in dieser Welt von weibischen Männern! Fürchten sie sich doch jetzt schon vor dir, da du ein Knabe bist, was werden sie tun, wenn du ein Mann geworden! Ein Mann tut uns not, schreien die Gelehrten aller Orten. Wie wollt ihr Männer haben, wenn Haus und Schule und Leben sich gegenseitig unterstützen, die stolze Kraft im Keim zu brechen! Da schnitzeln sie an dem Bogen und schnitzeln immerfort, und wundern sich, wenn das feine Ding hernach zerbricht. Pygmäengeschlecht, das den Riesen, den ein glücklicher Zufall an ihren öden Strand, geworfen, mit tausend und aber tausend Fäden regungslos an die platte Erde fesselt! Oswald war in dem besten Zuge, sich in eine misanthropische Stimmung hineinzureden, aber der helle, leuchtende Morgen duldete die Nachtgedanken nicht. Ein Bild, das Bild einer schönen Frau, das gestern abend, bevor der Schlummer sein Auge schloß, noch zuletzt vor seiner Seele gestanden hatte, das als ein lieber Schatten durch seine Träume geglitten war, und, wie der Nachklang einer köstlichen Musik, ihn schon den ganzen Morgen umschwebt hatte, trat wieder vor seine Seele. Aber vergebens suchte er es zu bannen. – Während er nur an Melitta dachte, nur an sie denken wollte, sah er die Baronin, Mademoiselle Marguerite, diese oder jene Dame seiner Bekanntschaft, aber die Amazone im grünen Reitkleide zerflatterte ihm immer wie neckischer Nebel. »So flattre fort, du schöner Spuk!« rief der junge Mann und suchte seinen Gedanken eine andere Richtung zu geben. Das Terrain war bis dahin wellenförmig gewesen, jetzt wurde es eben, wie die Fläche des Meeres in der Windstille. Eine weite Heide lag vor ihm, jenseits das Kirchdorf, welches das Ziel seiner Wanderung war. Andere Gehöfte begrenzten in weiter Ferne die Fläche. Die Weiden, die dein Weg begleitet hatten, wurden spärlicher und verschwanden zuletzt ganz. Hier und da hatte man auf der Heide die Rasendecke entfernt, um Torf zu gewinnen, der nun in langen schwarzen Reihen zum Trocknen aufgeschichtet dalag. In den so entstandenen tiefen Gräben blinkte das Wasser. Kiebitze und anderes Sumpfgevögel flatterte hin und wider. In der weiten, öden Runde sah Oswald keine Menschen, außer einer Frau, die ein paar hundert Schritte vor ihm auf einem Grenzsteine saß. Als er näher kam, fand er, daß es eine alte, sehr alte Frau in einem armseligen, aber äußerst reinlichen Anzug war. Sie mußte wohl, von dem Wege ermüdet, auf dem Steine eingenickt sein; denn sie richtete den tief gesenkten Kopf schnell in die Höhe, als Oswald in ihre Nähe kam und betrachtete verwundert den jungen Mann. »Guten Morgen, Mütterchen!« sagte dieser, stehenbleibend. »Ist das Dorf dort gerade vor uns Faschwitz?« »Ja!« sagte die Frau mit für ihr Alter auffallender Lebhaftigkeit, »der junge Herr will wohl auch in die Kirche?« »Ja, Mütterchen! Wann fängt die Predigt an?« Die Alte warf einen Blick nach der Sonne und sagte: »Ich hab zu lang geschlafen; für mich ist es nun schon zu spät; meine alten Beine tragen mich nicht mehr so schnell; aber Sie sind ein junger Mensch. Sie kommen schon noch zur rechten Zeit. Nichts für ungut, wie ist Ihr Name, junger Herr?« »Stein – Oswald Stein.« »Stein? Den Namen muß ich schon gehört haben.« »Wohl möglich, er ist eben nicht selten.« »Stein – hm, hm; nichts für ungut, wo sind Sie her, Herr Stein?« Oswald, dem es Vergnügen machte, sich so harmlos ausgefragt zu sehen, und dem die Art der alten Frau wohl gefiel, setzte sich, da es ihn eben nicht drängte, in die Kirche zu kommen, der Matrone gegenüber, die ihn, die runzligen Hände auf die Knie gestemmt, aus ihren tiefgesunkenen, immer aber noch ausdrucksvollen Augen forschend ansah, auf den Stamm einer umgefallenen Weide und sagte: »Aus Grenwitz, Mütterchen.« »Aus Grenwitz? Sieh einmal! Da bin ich auch her. Mit Verlaub, Sie sind wohl zum Besuch auf dem Schlosse?« »Nicht so eigentlich; ich bin der Hauslehrer der Knaben.« »Das ist wohl nicht möglich?« »Warum?« »Nun, die Herren Kandidaten sehen sonst ganz anders aus.« Oswald lachte. »Und Sie kommen den weiten Weg ganz allein, Mütterchen?« »Ich hab keinen Menschen, der mit mir gehen könnte. Mein Mann ist längst tot, und meine Jungens sind tot und meine Dirnens sind tot – alles tot.« Die alte Frau strich sich die Falten ihres Rockes über den Knien glatt, als wollte sie sagen: Alle eingescharrt, und die Erde glatt drüber gedeckt, keine Spur mehr von ihnen. Oswald jammerte das einsame, hilflose Alter der Frau. Er sagte, um doch etwas zu sagen, wovon er glaubte, daß es der einfältigen Seele tröstlich sein könnte: »In jenem Leben werden Sie alle Ihre Lieben wiederfinden.« »In jenem Leben?« sagte die Alte und blickte zum blauen Himmel hinauf. »Daran glaube ich nicht.« »Wie? Daran glauben Sie nicht?« fragte Oswald verwundert. Die Alte schüttelte den Kopf. »Sie sind noch jung, Herr – wie war Ihr Name? Stein – ja – Sie sind noch jung, Herr Stein; wenn Sie erst so viele Menschen haben sterben sehen wie ich, glauben Sie auch nicht mehr daran. Wenn ein Mensch gestorben ist, dann ist er richtig tot – richtig tot. Und dann, wo sollten wohl all die Menschen hin bei der Auferstehung, wie sie es nennen? In unserm Dorfe lebt kein einziger mehr von allen, mit denen ich jung gewesen bin. Und die anderen, die nach mir geboren sind, sind alt geworden und auch gestorben. Und so kommen immer neue und immer neue. Nein, auf der ganzen weiten Welt wäre kein Platz für all die Menschen!« »Aber vielleicht auf anderen Sternen?« warf Oswald ein. »Wie sollen sie dort hinkommen? Nein, von der Erde kommt keiner, aber unter die Erde kommen alle – alle«, und die alte Frau strich die Falten ihres Rockes wieder über den Knien glatt. »Die Körper wohl, aber die Seelen –« »Na, ich weiß nicht«, sagte die Matrone, den Kopf schüttelnd, »aber das weiß ich, daß wenn einer gestorben ist, er richtig tot ist, und wir sagen: nun hat die liebe Seele Ruhe. Und etwas Besseres als Ruhe kann sich auch keiner nicht wünschen, er mag ein Edelmann oder ein Bauersmann sein, jung oder alt.« »Weshalb aber gehen Sie denn noch den weiten Weg in die Kirche, wenn Sie an nichts mehr glauben?« fragte Oswald. »Wer sagt das?« sagte die Matrone fast entrüstet. »Ich glaube an Gott wie jeder Christenmensch; und rechtschaffen und fromm muß man sein, das hat mit der Auferstehung nichts zu schaffen; und seine Pflicht muß man tun, das versteht sich von selbst. Und nun, junger Herr, machen Sie, daß Sie fortkommen, es wird sonst gar zu spät. Ich will nur wieder umkehren. Adjes!« Damit stand sie auf, ergriff einen Eichenstock, der neben ihr an dem Stein gelehnt hatte, streckte Oswald die welke, zitternde Hand hin, die dieser nicht ohne ein Gefühl der Ehrfurcht drückte, und begann den Weg, den sie gekommen, langsam zurückzuwandern. Das ist eine merkwürdige Frau, sprach der junge Mann bei sich, während er rascher weiterschritt; ich muß mich näher nach ihr erkundigen. Wer hätte geglaubt, daß die Sätze der Philosophen vom neuesten Schlage, Sätze, die freilich nur uralte Münzen mit etwas anderem Gepräge sind, selbst in diesen Schichten des Volkes kursieren. Nun, nun, wenn selbst die Einfältigen und Friedfertigen anfangen, sich zu besinnen, daß sie Augen zum Sehen und Ohren zum Hören haben, so ist ja wohl der letzte Tag der Dunkelmänner gekommen. Neuntes Kapitel Das Dorf Faschwitz ist ein Experiment der Regierung. Das Gut, eines der größten der Gegend, war, wie fast alle in diesem Teil des Landes, ursprünglich im Besitz einer adeligen Familie gewesen und bei ihrem Aussterben als erledigtes Lehen an die Krone zurückgefallen. Diese hatte, um sich einen Stamm kleinerer Grundbesitzer oder freier Bauern zu schaffen, an denen es dort fast ganz gebricht, hier und an anderen Orten förmliche Bauernkolonien gegründet, indem sie große Lehengüter parzellierte und die einzelnen Parzellen zu Spottpreisen an Liebhaber verkaufte. Der Faschwitzer Gemeinde hatte sie eine Kirche, einen Prediger in den Ort geschickt; es war nicht die Schuld der Regierung, wenn die Faschwitzer nicht gediehen. Indessen stand zu wünschen, daß die Faschwitzer von den übrigen ihnen gewährten Vorteilen und Vorzügen einen besseren Gebrauch machten als von der Gelegenheit, sich allsonntäglich geistige Nahrung zu verschaffen, denn Oswald fand, als er sich durch eine Seitentür – die Haupttür war verschlossen – Eingang verschafft hatte, daß die »andächtigen Zuhörer« aus einigen Kindern, die wohl zum Konfirmandenunterricht gingen und also ex officio da waren, einigen alten Frauen, die der langen Gewohnheit bis ans Ende treu bleiben, und aus einigen Gutsbesitzerfamilien der Nachbarschaft, die ihren Hörigen ein gutes Beispiel geben wollten, bestand. Das Innere der Kirche bildete einen mäßig großen, wohlerhellten, nicht gewölbten Saal, in dem Kanzel, Altar und Bänke schicklich verteilt waren – alles sehr neu, sehr zweckmäßig – und sehr nüchtern. Da gab es keine kleinen buntgemalten Fensterscheiben, kein Altarbild, keine pausbäckigen Engel in Bronze oder Holz, keine Votivtafeln, keine gemütlichen Beziehungen zu der überirdischen Welt, zu welcher ihm die Kirche eine Vorhalle ist, einen Ausdruck zu verschaffen sucht. Das einzige Poetische in der Kirche waren die Schatten der Linden vor den Fenstern, die auf der hellen gegenüberstehenden Wand hin und her wogten, und die breiten Lichtstreifen, die schräg durch den Raum fielen und der Phantasie eine goldene Brücke bauten, aus dieser nüchternen Atmosphäre zu entrinnen in den Sommermorgen, der draußen warm und duftig auf Wiesen, Feldern und Wäldern lag. Von der Zuhörerschaft schien indessen niemand dieses Weges zu bedürfen oder ihn praktikabel zu finden, mit Ausnahme etwa eines hübschen zehnjährigen Mädchens mit langen blonden Locken, die wohl ein lebhaftes Verlangen nach den bunten Blumen und weißen Schmetterlingen im Garten ihres Vaters, eines dicken Gutsbesitzers, der neben ihr andächtig nickte, empfinden mochte, und deswegen von der hageren Gouvernante oft zur Ruhe ermahnt werden mußte. Im übrigen trugen die Gesichter aller Anwesenden entschieden das Gepräge von Leuten, die ihre Gedanken zu Hause gelassen haben, und im besten Falle von Menschen, die sich mit Anstand langweilen. Und in der Tat, es wäre ein Wunder gewesen, wenn diese Gemeinde sich von dieser Predigt hätte erbauen lassen und von diesem Prediger. Oswald, der der Kanzel gegenüber hinter der Gutsbesitzerfamilie zu sitzen gekommen war, erkannte auf den ersten Blick, den er auf den Prediger richtete, und nach den ersten Worten, die er aus des Mannes Munde vernahm, daß hier zwischen Geistlichem und Gemeinde ungefähr so viel Sympathie bestehe, wie zwischen einem schriftgelehrten Missionär und einem Stamme gutmütiger wilder Menschen. Auch schien der Prediger selbst, ein kleiner, schmächtiger Mann von etwa vierzig Jahren mit einem durch trockene Studien ausgetrockneten Gesicht, dies recht wohl zu empfinden; denn er war Oswalds, in welchem er natürlich sofort den vielbesprochenen neuen Hauslehrer von Grenwitz erkannte, kaum ansichtig geworden, als er seinen Vortrag hauptsächlich an ihn zu richten begann, als an den einzigen, der imstande sei, den Wert der gelehrten Perlen zu würdigen, die ihn hier, vor ungebildetes Rüsselvieh zu werfen, ein unverständiges Konsistorium nötigte. »Oh, meine andächtigen Zuhörer«, rief er, die bebrillten Augen auf Oswald richtend, der sich so gut es gehen wollte, hinter den blonden Lockenkopf versteckte, »Oh, meine andächtigen Zuhörer, ihr sehet, ein wie schwaches Ding diesen ungeheuren Fragen gegenüber die menschliche Vernunft ist. Und dennoch, dennoch. Vielgeliebte, gibt es irrende Brüder und Schwestern, die noch immer dem Nachtlicht ihrer eitlen Vernunft vertrauen, nachdem schon längst auch für sie die Sonne aufgegangen ist. O ja! Dieses Stümpfchen ihrer Unschlittkerze mag ihnen hell genug erscheinen in den Tagen des Festes, der Herrlichkeit und der Freude; aber nicht also in den Tagen des kummervollen und gedankenschweren Alters. Darum laßt fahren das stolze Vertrauen auf die Vernunft, und haltet fest an dem Glauben! Gebet auf die törichte Zuversicht, auf euren gesunden Menschenverstand, wie ihr ihn nennt! Oh, meine andächtigen Zuhörer, dieser gesunde Menschenverstand ist ein kranker, ein sehr kranker Menschenverstand, ist ein Teufelsspuk und ein Irrlicht, das euch unaufhaltsam in den Sündenpfuhl der Verderbnis lockt.« Oswald wurde durch diese Rede, die sich, mit Zitaten aus der heiligen Schrift reichlich untermischt, noch eine halbe Stunde fortspann, auf eine eigentümliche, aber keineswegs angenehme Weise berührt. Der Gegensatz schien doch gar zu groß zwischen der stillen, demütigen Unterwerfung unter die großen, ewigen Gesetze der Natur, die aus den Worten der alten Frau und noch mehr aus ihrem ernsten, bescheidenen Wesen gesprochen hatte, und der anmaßlichen Zuversicht, womit der Mann auf der Kanzel über so tief verborgene Dinge sprach und jedes gesunde Gefühl und jede natürliche Regung der Menschenbrust als eitel Lug und Trug und Sünde verdammte. Die schmucklose Weisheit der Matrone war frisch und duftig, wie ein Blümchen auf der Heide, die prunkende Klugheit des Predigers wie eine Pflanze, in der dumpfigen, schwülen Luft eines Zimmers üppig emporgeschossen in Stiel und Blätter, aber ohne Saft und Kraft und Blüten. Oswald war froh, als endlich der gelehrte Herr, nachdem er noch ein letztes kräftiges Anathema gegen alle Andersdenkende geschleudert und ihre Moralität gehörig verdächtigt hatte, bis zum Amen kam. Es ist gewißlich nicht wahr! sagte der junge Mann bei sich, als er auf den Fußspitzen nach der kleinen Seitentür schlich, durch die er eingetreten war. Und als da draußen der blaue Himmel sich wieder über ihn wölbte und der Duft der Linden ihn umwehte, da atmete er tief auf, wie jemand, der aus der heißen, erstickenden Atmosphäre eines Krankenzimmers in die balsamische Luft eines Gartens kommt. Ich werde die Bekanntschaft dieses Mannes nicht machen, wenn ich es vermeiden kann, sprach er weiter, während er den kleinen Hügel, auf dem die Kirche lag, hinunter, an mehreren herrschaftlichen Wagen, die unterdessen vorgefahren waren, vorüber, ins Dorf hineinging; was habe ich mit ihm zu schaffen! Seine Gedanken sind nicht meine Gedanken, und seine Sprache ist nicht meine Sprache! Wir würden uns in Ewigkeit nicht verstehen. Ich halte nichts von jener verwaschenen Humanität, die mit jedermann gut Freund ist und niemanden zurückweist, weil es doch vielleicht ein fester Punkt ist, um den sich möglicherweise etwas kristallisieren könnte; nichts von jener Käferphilosophie, die jeden Fremden höflich umsummt, in der Hoffnung, die verborgene Blüte zu finden, aus der sich eine Nahrung saugen ließe. Der kluge Kaufmann schifft der Küste vorüber, die zu arm zum Tauschhandel ist; und kommen doch die Worte: wer nicht für mich ist, der ist wider mich – aus dem erhabenen Munde, der die Liebe gepredigt hat. Oswald war, dies und ähnliches bei sich überdenkend, aufs Geratewohl, wie es seine Gewohnheit war, wenn ihn etwas lebhaft beschäftigte, in dem ihm unbekannten Dorfe, wo Häuser und Scheunen und Ställe, Mauern und Gärten, dem Fremden unentwirrbar, durcheinanderlagen, umhergewandert, und wollte eben aus einem schmalen Gange an der Seite eines stattlichen Hauses auf eine breitere Straße einbiegen, als ihm der Pfarrer, der aus der Kirche kam, gegenüberstand. An ein Ausweichen war nicht zu denken, und Oswalds Versuch, höflich grüßend vorbeizukommen, mißlang gänzlich, denn der Pfarrer hatte ihn kaum erblickt, als er ihm im eigentlichsten Sinne den Weg vertrat. »Ach! Ich habe gewiß die Ehre und das Vergnügen, Herrn Doktor Stein vor mir zu sehen!« sagte er. »Wie freundlich von Ihnen, daß Sie mich zu besuchen kommen. Aufrichtig, ich habe Sie schon seit einigen Tagen bei mir erwartet. Als ich neulich in Grenwitz war, der gnädigen Baronin meine Aufwartung zu machen, erfuhr ich leider, daß Sie mit Ihren Zöglingen einen längeren Spaziergang unternommen hätten, sonst würde ich mir die Freude nicht versagt haben, Sie auf Ihrem Zimmer aufzusuchen. Meine Frau wird sich glücklich schätzen, Sie unter unserem bescheidenen Dache zu begrüßen. Wollen Sie gefälligst näher treten? Bitte, bitte, keine Umstände!« Hier ist kein Entrinnen möglich, dachte Oswald, und ließ sich unter dem bescheidenen Dache, das nebenbei ein ganz stattliches Haus bedeckte, eine Gastfreundschaft aufnötigen, der auszuweichen er noch eine Minute vorher entschlossen gewesen war. »Gustava! Gustave! Gustchen!« rief der Pfarrer auf dem Hausflur; öffnete aber, da die Gerufene die sichere Position hinter dem mit einem Vorhang versehenen Guckfensterchen der Küchentür nicht aufgeben mochte, bevor sie über den Charakter des Fremden und den Zweck seines Besuches genauer unterrichtet sein würde, sein Studierzimmer und bat Oswald einzutreten, bis er sich seiner Amtstracht entledigt und seine Gustava von dem werten Besuch benachrichtigt hätte. Das Studierzimmer des geistlichen Herrn war ein großes, zweifenstriges Gemach, in dem einige Bücherschränke, einige Heiligenbilder an der Wand, ein hartes, mit schwarzem, glänzendem Zeuge überzogenes Sofa, ein runder, mit Büchern bedeckter Tisch in der Mitte, ein Stehpult mit einem Drehsessel davor in einem der Fenster und eine mit Tabaksduft reichlich geschwängerte Atmosphäre das dem Eintretenden zuerst in die Sinne Fallende war. Die letztgenannte Eigentümlichkeit war so ausgesprochen, daß Oswald einen Fensterflügel öffnen mußte, wobei er eine starke Anwandlung verspürte, über die niedrige Brüstung auf die sonnenbeschienene Dorfgasse zu springen und das Weite zu suchen. Dieser Fluchtversuch wurde indessen durch die Zurückkunft des Pfarrers vereitelt. Der geistliche Herr präsentierte sich jetzt in einem Anzuge aus schwarzem, wie Fett glänzendem Sommerzeuge. Er bat Oswald, einige Augenblicke in seiner Klause verziehen zu wollen, da Gustava noch in den Küchenräumen schalte. Oswald, der alle Hoffnung, zu entrinnen, aufgegeben hatte, machte jetzt nicht einmal den Versuch, die Einladung des Pfarrers, zum Mittagessen dazubleiben, auszuschlagen. »Sie werden freilich nur paternum mensa tenui salinum finden, Urväter Hausrat auf dürftigem Tische«, sagte der Pastor, der seinem Gaste zeigen wollte, daß er sein Latein nicht vergessen habe. »Aber Sie wissen: vivitur parvo bene; auch mit wenigem lebt sich's gut. Darf ich Ihnen, bis die Mahlzeit angerichtet ist, eine Zigarre offerieren?« Oswald dankte, da er kein Raucher sei. »Oh, eine vortreffliche Eigenschaft das! Eine klassische Eigenschaft«, sagte der Pastor, seinen eigenen Witz belächelnd, »die Alten rauchten nicht, und Goethe, den ein frivoler, aber witziger Schriftsteller den großen Heiden nennt, war ein abgesagter Feind der Pfeife und Zigarre. Sie erlauben, daß ich meiner Gewohnheit, nach der Predigt ein leichtes Zigarrchen zu rauchen, getreu bleibe?« »Bitte dringend, Herr Pastor!« »Finden Sie nicht – paff , paff ! – daß das Rauchen – paff , paff so recht eigentlich ein germanisches, ja um mich so auszudrücken, ein christlich-germanisches Element ist?« sagte der Pfarrer, der heute auf alle Fälle geistreich sein wollte. »Sie würden durch diese Bemerkung den Spöttern der Religion eine Waffe in die Hände geben«, antwortete Oswald trocken. »Wie das, Wertgeschätztester?« »Besagte Spötter könnten behaupten, daß, sich selbst und anderen einen romantischen blauen Dunst vorzumachen, allerdings ein wesentlicher Zug germanischer, besonders christlich-germanischer Natur sei.« Der Pfarrer sah Oswald mit einem schnellen, lauernden Blick halb über die Brillengläser hinweg an, als hätte er gern auf einmal herausgebracht, wie weit er seinem Gast trauen dürfe. Da er es aber für einen Mann von klassischer Bildung unschicklich fand, auf einen Scherz, auch wenn derselbe ans Frivole streifte, nicht einzugehen, so antwortete er mit sauersüßem Lächeln: »Nicht übel, nicht übel! Aber was wäre vor den Spöttern sicher? Freilich: wir können antworten: ex fumo lucem! ex fumo lucem! Licht aus dem Rauche! – Aber setzen wir uns, lieber Freund, setzen wir uns! Wie befindet sich denn der gute, liebe Baron und die gnädige Baronin? Ach! Sie können sich glücklich schätzen, lieber Freund, in solchem Hause leben zu dürfen, unter so vortrefflichen Menschen, die mit dem Geburtsadel den wahren Adel der Seele verbinden – vor allem die Baronin, eine fromme und sehr gebildetere Dame, die alles ex fundamento kennenlernen will. Sie liest jetzt Schleiermachers Reden über die Religion –« »Sollte sie imstande sein, die zu verstehen?« bemerkte Oswald. Der Pfarrer sah Oswald wieder mit jenem eigentümlichen Blick über die Brillengläser an, als müsse er sich den Mann genauer betrachten, der den Mut hatte, eine Ansicht, der er im stillen vollkommen beipflichtete, so ungeniert laut werden zu lassen. Er begnügte sich indessen damit, die Mundwinkel herunter und Schultern und Augenbrauen in die Höhe zu ziehen, eine Gebärdensprache, die sich sein Besuch nach Belieben in: Alles Schwindel, lieber Freund! oder: Die Fähigkeiten dieser Frau sind inkommensurabel, übersetzen konnte. »Freilich«, fuhr er fort, »Grünwald werden Sie vermissen; zumal den Umgang eines Mannes von einer so umfassenden Gelehrsamkeit, wie der Professor Berger. Aber geht es mir denn anders? Auch ich kann sagen: Barbarus hic ego sum, quia non intelligor ulli. Ich gelte hier für einen Sonderling, weil niemand mich versteht. Unsere Gutsbesitzer sind ohne Zweifel treffliche, würdige, gottesfürchtige und treu-königlich gesinnte Männer; aber, im Vertrauen, die Bildung, ich meine natürlich nur die gelehrte, ist arg vernachlässigt. Ja, wenn die Herren sich in ihrer Jugend des unschätzbaren Glückes einer wahrhaft rationellen Erziehung zu erfreuen gehabt hätten, wie Junker Malte –« »Sehr gütig, Herr Pastor, obgleich von diesem Kompliment nur ein verzweifelt kleiner Teil auf meine Rechnung kommen dürfte. Ich wünsche nur, bei Malte käme die ratio nächstens mehr zum Durchbruch, denn bis jetzt ist er wahrlich eine höchst irrationelle kleine Größe.« »Sie sollten Ursache haben, mit dem jungen Baron unzufrieden zu sein?« sagte der Pastor im Tone jemandes, der etwas ganz Unerhörtes, Unglaubliches vernommen hat. »Ach, verstehe! Freilich, der junge Bruno ist vielleicht in mancher Hinsicht die begabtere Natur, obgleich er, wie ich in dem Konfirmandenunterricht, den ich den Junkern zu erteilen die Ehre hatte, wohl bemerkte, für die Wahrheiten der christlichen Religion nicht eben sehr zugänglich ist; indessen non omnes possunt omnia – omnia«, wiederholte der Pfarrer, der nicht wußte, wie er fortfahren sollte. »Ja, was ich sagen wollte, dafür ist aber auch der Malte wieder der Erbe eines so großen Vermögens!« »Um so mehr scheint es mir wünschenswert, daß er dereinst ein ganzer Mann wird. Ist denn übrigens das Grenwitzsche Vermögen wirklich so bedeutend?« »Ei, mein lieber Freund«, rief der Pastor im Tone sanften Vorwurfs, daß Oswald eine so beklagenswerte Unwissenheit in betreff so hochwichtiger Dinge an den Tag legen konnte, »ob es bedeutend ist! Da sind in dieser Nachbarschaft allein fünf, nein – mit Stantow und Bärwalde, die allerdings nicht zum Majorat gehören, sind es eben sieben Güter. Und in den anderen Teilen der Insel – lassen Sie mich sehen – liegen noch ein, zwei, drei Güter. Das ist ein Kapital von mindestens anderthalb Millionen. Anderthalb Millionen!« wiederholte er, als könne sich sein Geist von einer so erhabenen Vorstellung nicht gleich wieder losmachen. »Und das Vermögen ist ein Majorat?« »Ei gewiß! Mit Ausnahme, wie gesagt, von zwei der schönsten Güter, die dem verstorbenen Baron, dem Vetter des jetzigen, durch Erbschaft von der Mutter Seite zufielen und in dem Testamente auf ein gar besondere Weise verklausuliert sind. Denken Sie sich nur, lieber Freund, daß der verstorbene Baron, der, ganz unter uns gesagt, eine überaus wüste, unbändige Natur war, diese Güter dem Sohne einer seiner Mätressen vermacht hat.« »Aber Sie rechneten doch vorhin die beiden Güter mit zu dem Vermögen der Familie«, sagte Oswald. »Nun, unter uns kann man es immerhin«, sagte der Pfarrer, Oswald näher rückend, in leiserem Ton. »Denn kein Mensch weiß, wo dieser Knabe lebt, ja, ob er überhaupt lebt, ja nicht einmal, ob es wirklich ein Knabe oder ein Mädchen ist.« »Das ist ja eine kuriose Geschichte«, sagte Oswald lachend. »Eine äußerst kuriose Geschichte«, sagte der geistliche Herr, »eine lächerliche Geschichte, wenn Sie wollen. Denken Sie nur: Der Baron Harald – sie haben alle sonderbare Namen in der Familie – jener unbändige Mann, der zur Zeit der heiligen Feme hätte leben müssen, entbrannt in heißer Liebe zu einem armen Bürgermädchen – ein Fall, der in seinem Leben freilich oft vorgekommen sein mag, aber niemals solche üblen Folgen hatte. Er entführte sie, halb mit Gewalt, hierher auf sein Schloß. Nach einem halben Jahr entflieht sie bei Nacht und Nebel. Ob sie ihre Schande auf dem Grunde eines unserer tiefen Moore verborgen hat, ob sie wirklich nur entflohen ist, niemand weiß es. Der Baron ist außer sich, rasend. Er durchsucht vergebens die ganze Insel. Um seinen Gram und seine Gewissensbisse zu betäuben, trinkt und spielt und lebt er noch wilder wie gewöhnlich, so daß er denn ein paar Wochen später im Delirium stirbt. Als man das Testament eröffnet, findet man nun, daß er in einer Anwandlung von Reue oder aus Kaprice, wie Sie wollen, dem Kinde jener seiner Geliebten, gleichviel ob Knabe oder Mädchen, falls es nur bis zu dem und dem bestimmten Datum geboren ist, die beiden herrlichen Güter, der Dirne selbst aber den Nießbrauch auf Lebenszeit vermacht hatte. Wie finden Sie das?« »Jedenfalls eignet sich die Geschichte mehr zu einer Tragödie als zu einer Komödie«, sagte Oswald. »Und hat man hier nie eine Spur von Mutter und Kind entdeckt?« »Nie! Obgleich testamentarisch – es ist wahrhaftig ein wahrer Skandal, und ich bedaure die gnädige Baronin von ganzem Herzen – alljährlich die Verschollene in sämtlichen Blättern der Provinz aufgefordert wird, ihre Ansprüche geltend zu machen.« »Wie lange spielt die Geschichte nun?« »So ein zwanzig Jahre und darüber.« »Da ist doch wohl kaum denkbar, daß die Arme noch am Leben ist.« »Es denkt auch niemand mehr daran«, sagte der Pastor. »Grenwitzens würden auch nicht wenig verwundert sein, wenn plötzlich so ein junger Landstreicher sich als ergebenster Neffe vorstellte und die beiden Güter und die Zinsen seit zwanzig Jahren für sich beanspruchte, um so mehr, als die gnädige Baronin, die von Hause aus – ganz unter uns gesagt – keinen roten Pfennig Vermögen hat, nach dem Tode des Barons, da die Grenwitzschen Besitzungen, Gott sei Dank, Majorat sind, samt ihrer Tochter so arm sein würde, als sie vor ihrer Vermählung war.« »Sie sind ein großer Freund der Majorate?« »Ei gewiß! Ich halte es für ein Glück, daß so bedeutende Vermögen nicht durch Erbteilung zersplittert werden können und so eine Aristokratie reicher Grundbesitzer möglich wird, die gleichsam ein Ballast sein kann für das Staatsschiff in Zeiten der Gefahr, die Gott noch lange abwenden möge von unseren teuren Vaterlande.« »Nun«, sagte Oswald, »das Ding hat, wie alle anderen, seine zwei Seiten.« »Wer wollte sich das verhehlen«, sagte der geschmeidige Pastor. »Aber ich für meinen Teil habe zu lange die Ehre und das Glück gehabt, mit reichen und in der schönsten Bedeutung des Wortes adeligen Familien zu verkehren, als daß ich nicht gewissermaßen ein Anhänger der Aristokratie sein sollte; und überdies habe ich neuerdings nur zu trübe Erfahrungen darüber gemacht, wie sehr der Besitz in den Händen des Plebejers, um mich dieses historischen Ausdrucks zu bedienen, Eitelkeit, Hoffart und weltlichen Sinn hervorruft und begünstigt.« »Es tut mir leid, von meinen Freunden so etwas hören zu müssen«, sagte Oswald. »Von Ihren Freunden?« sagte der Pastor verwundert. »Von meinen Freunden, allerdings. Denn ich fand mich stets, ohne es zu wollen und manchmal ohne es zu wissen, wo immer in der Geschichte der große Gegensatz zwischen Aristokratie und Plebejern hervortrat, auf Seite der letzteren. Ich war ein geschworener Anhänger der Gracchen und anderer römischer Demagogen; ich schlug mich mit den Independenten gegen die Kavaliere, und ich gestehe, daß ich in den Bauernkriegen viel mehr Sympathie gehabt habe für die armen, unterdrückten, gehudelten, geknechteten und infolge dieser brutalen Behandlung meinetwegen auch brutalen Bauern als für die hochmögenden, reichsfreiherrlichen und trotz und vielmehr wegen all der Freiheit und Herrlichkeit nicht minder brutalen Grafen und Barone.« Der Pfarrer hörte diese Rede mit jenem ungläubigen Lächeln an, mit dem man dem Bramarbasieren junger Gelbschnäbel zuhört, die sich gern den Anstrich von vollendeten Wüstlingen geben möchten. »Sehr gut, sehr gut!« sagte er. »Ja, ja, wir geistreichen Leute gefallen uns in Paradoxen. Das klebt uns noch von den ästhetischen Tees der Residenz an, und da wollen wir hübsch in der Übung bleiben, wenn uns zur Zeit auch nur ein armer Landpfarrer hört.« »Ich versichere Sie, Herr Pastor –« »Weiß schon, weiß schon! Aber leben Sie erst einmal wie ich fünf Jahre lang unter Bauern! Glauben Sie, daß ich in der ganzen Zeit die Leute habe bewegen können, eine Glocke für unser Gotteshaus zu kaufen, die anzuschaffen sie noch dazu verpflichtet sind? Aber, wenn es darauf ankommt, einen Schmaus herzurichten und andere weltliche Zwecke ins Werk zu setzen, fehlt es nie an Geld.« »Nun«, sagte Oswald, »der Adel hiesiger Gegend ist auch nicht eben wegen seiner Nüchternheit berühmt.« »Der Adel, lieber Freund! Das ist etwas ganz anderes. Seine Devise ist und muß sein: Leben und leben lassen. Aber Sie wissen, eines schickt sich nicht für alle.« »Und manches schickt sich für keinen«, fügte Oswald hinzu. »Ach, hier kommt meine Gustava«, rief der Pfarrer, froh, ein Gespräch abbrechen zu können, das ihm von Augenblick zu Augenblick weniger gefiel. Die Frau Pastorin, die soeben in das Zimmer trat, war eine Dame in dem Anfang der vierziger Jahre, mit semmelblonden Haaren, sehr hellblauen Augen und einem Gesicht, das in diesem Augenblick von dem Küchenfeuer und der Eile, mit der sie ihre Toilette gemacht hatte, noch von etwas lebhafter Farbe war, sonst aber kränklich, bleich, verwelkt und altjüngferlich aussah. Sie trug ein Kleid von gelber ungefärbter Seide, an dessen Gürtel eine goldene Uhr hing, und eine Haube mit gelben Bändern, so daß sie alles in allem auf Oswald den Eindruck eines etwas verblichenen und nicht mehr ganz gesunden Kanarienvogels machte, dessen Besitzer nach Norden wohnt. Auch sie konnte kaum Worte (an denen es ihr übrigens nicht gebrach) finden, die ihre Freude ausdrückten, den Freund eines so hochmögenden Hauses unter ihrem niedrigen Dache zu erblicken (diese Phrase schien bei beiden Gatten stereotyp), um so mehr, als es ihrem armen Jäger (das war der Name des Pastors) ganz und gar an einem wissenschaftlichen und gebildeten Umgange gebrach, ein Mangel, dem durch Oswalds Ankunft in hiesiger Gegend auf die erfreulichste Weise (davon sei sie überzeugt) abgeholfen wäre. »Mein armer Jäger wird mir hier noch zum Hypochonder werden«, rief sie, ihre wasserblauen Augen zärtlich auf den Gegenstand ihrer Besorgnis richtend, »ich tue, was in meinen schwachen Kräften steht, daß er die Gesellschaft geistreicher und gelehrter Männer so wenig wie möglich vermißt, aber was kann eine arme, unwissende Frau denn in dieser Hinsicht Großes tun!« »Sie werden mich zwingen, Ihnen zu widersprechen«, sagte Oswald, bei welchem der Humor über den Unmut, mit dem ihn bisher die Heuchelei und Gleisnerei der Gatten erfüllt hatte, endlich den Sieg davontrug. »Ich möchte behaupten, daß Unwissenheit und Frau Pastor Jäger niemals Freundinnen gewesen sind, und jetzt schon seit Jahren auch nicht einmal die entfernteste Bekanntschaft zwischen ihnen existiert.« »Sie sind zu gütig, wahrlich zu gütig«, sagte die hocherfreute Pastorin. »Ich will nicht leugnen, daß ich mich von jeher bemühte, den Vorwurf der Unfähigkeit für die Sphären höherer Bildung, den man uns armen Frauen –« »Es ist angerichtet!« rief das Dienstmädchen zur Tür herein. »Sehen Sie, so macht das irdische Leben immer seine Rechte geltend, sooft wir versuchen, einen kühneren Flug zu nehmen«, rief die Pastorin, während ihr Oswald galant den Arm bot und der Pastor das Ende seiner Zigarre so legte, daß er es nach Tische wiederfinden konnte. Zehntes Kapitel Die Unterhaltung an der Mittagstafel, die in einem kühlen, schattigen Zimmer, das auf einen etwas kahlen und sehr sonnigen Garten sah, angerichtet war, wurde bald sehr lebhaft. Oswalds längerer Aufenthalt in Grünwald erwies sich als unerschöpfliches Thema. Die Pastorin war selbst eine Grünwalderin, eine der vielen Töchter des dort vor mehreren Jahren verstorbenen Superintendenten Gabriel Dunkelmann, der gerade noch lange genug lebte, seinem Schwiegersohn die einträgliche Pfarre von Faschwitz zu verschaffen und dann das Zeitliche segnete. Oswald machte im stillen die Bemerkung, daß die Frau Doktor – denn der Pastor hatte sich die akademische Würde durch eine grundgelehrte Dissertation über die möglicherweise vorhanden gewesenen Schriften eines bis auf den Namen verschollenen Kirchenvaters erworben – schon damals durch Jugendreiz sich nicht ausgezeichnet haben könne und wunderte sich auch nun nicht länger darüber, daß der Tisch so klein und das Haus so still war. Die Frau Doktor kannte den Professor Berger, sie kannte mehrere Familien, in denen Oswald eingeführt war. Das gab denn überreichen Stoff zu dem landesüblichen Familienklatsch, bei dem einige Damen, die ihrer Zeit der verblühten Superintendententochter zu nahe getreten sein mochten, erfahren konnten, welche zweischneidige Waffe die Zunge einer Landpastorin unter Umständen ist. Unterdessen war der Nachtisch aufgetragen, und der Pastor hatte, nicht ohne eine gewisse Feierlichkeit, eine zweite Flasche entkorkt, die Pastorin aber den Tisch verlassen, um anzuordnen, daß der Kaffee heute in der Gartenlaube serviert werde. Der Pastor hatte sich eine Zigarre angezündet, einen Knopf an seiner schwarzen Weste aufgemacht, augenscheinlich nur in der Absicht, sich in der Illusion, ein sybaritisches Mahl eingenommen zu haben, zu bestärken – denn die Weste saß schon schlotterig genug auf seinem hageren Leibe. Er forderte Oswald auf, mit ihm auf das Wohl der hochmögenden Familie, in der er sich zu befinden das Glück habe, anzustoßen, eine Höflichkeit, die Oswald mit einem Toast auf die liebenswürdige, ebenso gelehrte, wie bescheidene Wirtin erwiderte. »Danke, danke, lieber junger Freund«, sagte der geschmeichelte Pastor, Oswalds Hand zu wiederholten Malen drückend. »Ja, Sie haben recht, eine gelehrte, bescheidene Frau! Haben Sie ihr angemerkt, daß sie mit mehr als einer literarischen Größe im lebhaftesten Briefwechsel steht, ja, unter dem Pseudonym Primula eine der eifrigsten Mitarbeiterinnen der Novellenzeitung ist?« »Unmöglich!« rief Oswald. »Ich versichere Sie, lieber Freund; und Sie können nicht glauben, welche Freude es mir gewährt, wenn ich wieder und immer wieder im Briefkasten lese: Faschwitz und P. V., Primula Veris, Gustavas Chiffre: ›Tausend Dank für Ihre liebenswürdige Sendung‹, oder: ›Sie haben uns durch ihr reizendes Gedicht hoch erfreut, es wird schon in der nächsten Nummer zum Abdruck kommen‹ usw.« »Ich kann es mir denken«, sagte Oswald zerstreut. »Aber wollen wir nicht der liebenswürdigen Dichterin in den Garten folgen?« »Festina lente!« rief der Pfarrer, dem der Wein schon zu Kopfe stieg. »Wir kommen so jung nicht wieder zusammen. Ein gutes Glas Wein ist ein gutes, geselliges Ding, und Gustava ist zu liberal gesinnt, uns die Freuden des Mahles zu verkürzen. Aller guten Dinge sind drei, lassen Sie uns noch eine Flasche –« »Aber Jäger, der Kaffee wird ja kalt!« tönte die scharfe Stimme der Primula Veris aus dem Garten durch das offene Fenster. »Wir kommen, wir kommen, Gustchen!« rief der gehorsame Gatte. »Gesegnete Mahlzeit, mein lieber, junger Freund!« (bei diesen Worten umarmte er Oswald); »mein teurer Freund!« (abermalige Umarmung) »Aber wir vergessen, daß der Kaffee auf uns wartet«, rief Oswald, mit Mühe einer dritten Umarmung entgehend, und den Weg nach dem Garten einschlagend, während der Pastor, ehe er seinem Gaste folgte, noch schnell den letzten Rest aus der Flasche in sein Glas schenkte und es eiligst (diesmal wahrscheinlich auf sein eigenes Wohl) austrank. Der Garten gewährte um diese Tageszeit gerade nicht den angenehmsten Aufenthalt, denn die Anlagen waren noch sehr jung; die Bäumchen meist erst in Manneshöhe, und infolgedessen das Ganze eine schattenlose, prosaische, nüchterne Stätte, die auffallend an die Theologie des gelehrten Herrn erinnerte, auch insofern, als hier wie dort das Nützlichkeitsprinzip das oberste zu sein schien. Die Gemüsebeete waren sorgsam gepflegt, Blumen aber sah man wenig, nur einige Sonnenblumen mahnten durch ihre Farbe flüchtig an die Erscheinung der Primula Veris und durch ihre Eigenschaft, sich der Sonne zuzuwenden, aufs welchem Teile des Himmels sie auch strahlen mochte, an die Lebensphilosophie ihres ausgezeichneten Gatten. In der Laube, die glücklicherweise, von Jasmin dicht bedeckt, gegen die Sonne, die jetzt heiß genug brannte, einen erträglichen Schutz gewährte, fanden sie die Frau Pastorin. Sie hatte neben sich auf der Bank ein Arbeitskörbchen stehen, in dem zwischen bunten Läppchen, Docken Seide und andern Dingen ein zierliches Büchelchen lag, dessen Vorhandensein Oswald einigermaßen beunruhigte. Weh dir, dachte er, wenn dieses Buch eine Sammlung von Primulas in der Novellenzeitung und sonst erschienenen Gedichten ist! Er suchte den Pastor bei den Gemüsebeeten festzuhalten; er mußte sich mit eigenen Augen überzeugen, wie die vom Pastor selbst erfundene Verbesserung an den Bienenkörben denn eigentlich beschaffen sei; er sprach endlich von der Notwendigkeit, sich baldigst verabschieden zu müssen – kurz, er tat, was ein Mann in seiner kritischen Lage tun kann – vergebens! »Wir sollen Sie fortlassen, bei der Hitze!« rief Primula und ließ ihre Hand (von Oswald nicht unbemerkt) auf das Arbeitskörbchen gleiten. »Wir sitzen hier zwar nicht im Schatten der gewaltigen Fichte und der weißen Pappel, aber doch im Schatten; und den wollten Sie vertauschen mit der Glut und dem Staub der Landstraße? Unmöglich! Noch eine Tasse, werter Gast! Es ist kein Falerner, wie ihn der glückliche Römer in der eben zitierten Ode trinkt, aber doch ein Getränk, das einigen Anspruch auf Klassizität machen darf, seitdem unser lieber Voß in seiner Luise es so verherrlicht hat. Sagen Sie, lieber Gastfreund, hat Ihnen nicht der Aufenthalt unter unserem niedrigen Dache manche Reminiszenzen an die liebliche Idylle erweckt? Haben Sie nicht empfunden, daß in diesen, von dem Treiben der Menschen weit entfernten Stätten die sanfte Stimme der Poesie, die auf dem lauten Markte des Lebens ungehört verhallt, deutlich zu uns spricht?« »Jetzt geschieht das Entsetzliche«, dachte Oswald. »Ich bewundere«, sagte er, »wie Sie so sinnig Altes und Neues, Wirklichkeit und Poesie zu einem duftigen Kranze zu flechten verstehen. Mir selbst ist leider in jüngster Zeit die Prosa des Alltagslebens nah und näher getreten; ja, aufrichtig gestanden, ich habe mich, was ich früher für unmöglich hielt, mehr und mehr mit ihr ausgesöhnt, obgleich ich sehr wohl weiß, daß ich dabei die Empfänglichkeit für die Reize der Dichtkunst vollständig eingebüßt habe.« »Oh, glauben Sie doch das nicht!« rief Primula. »Der Quell der Poesie in uns kann wohl zuzeiten weniger voll strömen, aber gänzlich versiegt er nie. Sie klagen sich der Unempfindlichkeit für die Reize der Dichtkunst an. Das sollte mich eigentlich von meinem Vorhaben« (hier legte sie die Hand offen an das Büchelchen in schwarzem Einband mit Goldschnitt) »abbringen, Ihnen eine kleine Probe der Gedichte mitzuteilen, die ich, wie Ihnen wohl bekannt sein wird, unter dem Pseudonym Primula in der Novellenzeitung veröffentlicht habe. Aber mein Glaube an die Macht der Poesie, vor allem der latenten Poesie in Ihrem Herzen, ist zu groß, als daß mich Ihre Selbstverleumdung vom Gegenteil überzeugen könnte. Darf ich einen Versuch wagen, die Richtigkeit meiner Ansicht auf die Probe zu stellen?« »Wodurch habe ich so viel Güte verdient?« murmelte Oswald, sich voll Resignation in die Ecke seiner Bank zurücklehnend und die Augen bis zu dem Winkel schließend, der glücklicherweise den Augen halb schlummernder und verzückter Zuhörer gemeinsam ist. »Ich habe mein Büchelchen Kornblumen betitelt«, sagte Primula, hold verschämt in dem Buche blätternd, »weil die meisten dieser Poesien auf den Spaziergängen durch die Kornfelder, auf alle Fälle in einer ländlichen Umgebung erblüht sind.« »Wie sinnig«, flüsterte Oswald. »Nach den Regeln der besten Ästhetiker und nach dem Beispiele der Griechen, welche die Tragödie der Komödie voranschickten, oder richtiger die Komödie auf die Tragödie folgen ließen, werde ich mir erlauben, Ihnen erst ein ernstes, dann ein launiges, dann wieder –« »Gewiß, gewiß, das wird den Reiz der einzelnen Gedichte erhöhen«, sagte Oswald, den vor dieser endlosen Perspektive schauderte. »Willst du nicht, liebe Gustava –« sagte der Pastor. »Laß mich meine eigene Wahl treffen, Jäger«, sagte die Dichterin in einem sanften, aber entschiedenen Tone, und dann sich räuspernd: » Auf einen toten Maulwurf –« »Auf was?« rief Oswald, erschrocken in die Höhe fahrend. »Nun, sehen Sie, werter Freund«, sagte Primula, »wie schon die Überschrift allein Sie elektrisiert!« »Freilich, freilich!« murmelte Oswald, in seine Ecke zurücksinkend. » Auf einen toten Maulwurf «, wiederholte die Dichterin, » den ich am Wege fand: Wie liegst du jetzt so ruhig da Mit deinem glatten Fell! Dein Schicksal, ach, es geht mir nah, Du schwärzlicher Gesell! Sie schmähten dich, sie höhnten dich, Sie sagten: du bist blind! Das waren solche sicherlich, Die selber Blinde sind. Am Tage zeigtest du dich nicht Gleich eitler Toren Schar, Doch war's in deiner Zelle licht, In deinem Busen klar. Und zu der Sterne hohem Lauf Am nächt'gen Himmelsdom Sahst du von deinem Hügel auf, Du kleiner Astronom! Wie lebtest still und harmlos du, Ein dunkler Ehrenmann! Bei Tag nicht Rast, bei Nacht nicht Ruh. Wer sieht dir das nun an? Nun liegst du, ach, so ruhig da Mit deinem glatten Fell. Dein Schicksal, oh! es geht mir nah, Du schwärzlicher Gesell!« »Das ist schön«, sagte Oswald. »Das ist die echte Lyrik, wie wir sie heute leider nur zu selten finden. Nicht die Treibhauslyrik jener Dichter, die mit Anklängen zu Heine beginnen, in der Mitte einige Lenausche Akkorde anschlagen und mit einer Freiligrathschen Fanfare schließen. Welch ein wahres, inniges Gefühl erwärmt diese Verse! Und dabei diese kernige Kraft der Sprache: Ein dunkler Ehrenmann! Das ist einfach, aber schön; das haben Sie Ihrem Goethe abgelauscht!« »Sie sind wahrlich zu gütig, lieber Gastfreund«, sagte Primula hocherfreut. »In der Tat, Sie beschämen mich durch Ihr freigebiges Lob. Aber, seien Sie ehrlich, finden Sie nicht, daß, wenigstens für den modernen Geschmack, das Ganze doch ein wenig zu ideal gehalten ist?« »Vielleicht für unsere Realisten, die allerdings in ihren Anforderungen etwas weit gehen und in ihrem Bestreben, alles recht natürlich zu machen, im Faust nächstens den Pudel auf die Bühne bringen und durch Kneifen in den Schwanz zum Bellen und Heulen veranlassen werden. Aber ich bin überzeugt, daß, wenn Sie nur wollen, Sie auch diesen Herren gerecht werden können.« »Was halten Sie von diesem Gedichte?« fragte die Dichterin. » An meinen Haushahn .« Oswald lehnte sich wieder in seine Ecke. »Gleich Richard von der Normandie Fürcht't sich mein Held im Leben nie, Wem bangte nicht, sobald er schrie: Kikriki!« »Das ist naiv!« sagte Oswald. »Nicht wahr?« sagte Primula.      »Am späten Abend schwärmt er nie, Doch munter ist er morgens früh, Drum haßt ihn auch das faule Vieh. Kikriki! Fürs Liebchen scheut er keine Müh', Bald kratzt er dort, bald kratzt er hie, Und fand er was, so ruft er sie: Kikriki! Und ist mein Held auch kein Genie Und sein Gesang nicht Poesie, So stimmt mich doch, ich weiß nicht wie Sein Kikriki! »Nun, was sagen Sie, lieber Freund?« »Was soll ich sagen«, erwiderte Oswald, »als daß Sie Ihre Absicht vollkommen erreicht haben. Der Hörer glaubt sich auf den Hühnerhof versetzt. Die Töne, die Sie hier anschlagen, sind wahre Naturtöne, aus dem Herzen der Dinge heraus. Das Gedicht ist ein kleines Meisterstück im modernen realistischen Geschmack. Aber jetzt, verehrte Frau, eine Bitte: Wie sehr es den Wert der Gedichte auch erhöht, sie aus dem wohllautenden Munde der Dichterin zu hören – ich möchte mir den Eindruck dieses letzten Gedichtes nicht gern verwischen lassen. Was auch kommen mag, dies war die Grenze des Erreichbaren.« »Nur dieses eine müssen Sie mir noch erlauben. Es bildet mit den beiden andern gleichsam eine Trilogie, ein Summarium dessen, was ich den Tieren abgelauscht. Darf ich beginnen?« »Bitte!« » An einen Maikäfer, der auf dem Rücken lag O du Bacchant der lust'gen Maiennacht! Hast du geschwelget in den Blütendüften, Hast du gebadet in den weichen Lüften Vom Abend, bis der neue Tag erwacht? Und hast des Lebens Kürze nicht bedacht? Nicht: wie so bald in dunklen Grabesgrüften Ruhn zarte Knöchel, ach! und üpp'ge Hüften, Und Lippen, die nur eben keck gelacht? Jetzt liegst du matt auf deinem Flügelschild. Ich lese stumm in deinen ernsten Zügen, Und dunkle Runen seh' ich dort geschrieben. Ach! nur ein Taumel war dein bestes Lieben! Drum, die du liebtest, mußten dich betrügen, Des Maies Käfer, falscher Liebe Bild.« Die schöne Vorleserin war zu Ende. Da tönte in das entzückte Schweigen, in das Oswald versunken schien und Primula jedenfalls versunken war, das Rollen eines Wagens, der denn auch alsbald vor dem Hause stillhielt. »Frau Pastorin, Frau Pastorin!« schrie das Dienstmädchen mit ängstlichen Tönen in den Garten hinein. Oswald atmete auf. Hier kam Besuch, und mit dem Vorlesen war es auf alle Fälle vorbei. Vielleicht konnte er auch seinem Besuch bei dieser Gelegenheit ein Ende machen. »Es sind Plüggens, liebe Gustava«, sagte der Pastor, der durch die Gartenhecke den Wagen beobachtet hatte. »Die gnädige Frau und zwei Fräulein Töchter. Willst du nicht eilen –« »Entschuldigen Sie mich, werter Gastfreund«, sagte die Dichterin, eiligst das Buch schließend, »aber Sie wissen, sooft wir versuchen, einen kühneren Flug zu nehmen –« »Frau Pastorin, Frau Pastorin!« schrie es immer ängstlicher von der Gartentür her. »Ich komme!« rief die verstörte Primula und eilte den sonnenbeschienenen Gartenweg entlang dem Hause zu. »Wollen wir nicht ebenfalls –« sagte der Pastor. »Entschuldigen Sie mich, wenn ich bitte, mich jetzt entfernen zu dürfen«, unterbrach ihn Oswald. »Aber weshalb, lieber Freund? Frau von Plüggen ist eine höchst vortreffliche Dame und die Töchter, wenn auch nicht schön –« »Und wären sie schön wie die Engelein, ich müßte auf das Vergnügen verzichten, sie jetzt zu sehen. Adieu, adieu! Entschuldigen Sie mich bei Ihrer Gemahlin! Nicht wahr, die Pforte ist doch nicht verschlossen?« Und damit eilte Oswald von dem Pfarrer, der viel zu gut von sich und seiner Primula dachte, als daß er den eiligen Rückzug des Gastfreundes nicht einzig aus dessen Scheu, mit der unbekannten hochadeligen Familie zusammenzutreffen, hätte erklären sollen, fort aus dem Garten durch die Pforte auf die Dorfstraße, von der Dorfstraße hinaus auf die Felder; und gönnte sich nicht eher Rast, als bis die Bäume des Waldes, hinter dem, wie er wußte, das Gut Melittas lag, über seinem Haupte sich wölbten. Elftes Kapitel Der Waldweg, auf dem jetzt Oswald leicht und fröhlich dahinschritt, schien wenig betreten und noch weniger befahren. Im Winter mochte es ein verzweifelter Weg sein, desto schöner und poetischer war er nun im Sommer. Hier und da wucherten Gras und Lattich von einem der schlechtgehaltenen Gräben bis zum andern quer darüber hin; an manchen Stellen überwölbten ihn die hohen Buchen und Eichen mit ihren breiten Kronen. Je tiefer Oswald in die grüne Wildnis drang, desto heimlicher und stiller wurde es um ihn her – so heimlich und still, daß er in dem Liede, das er vorhin lustig angestimmt hatte, plötzlich abbrach, als fürchte er, den Wald im Schlaf zu stören. Denn in dieser heißen Nachmittagssonne schläft der Wald. Das grüne Blütenmeer rauscht nicht in schwellenden Wogen; still und unbeweglich trinkt es die Glut der Sonne. Kaum, daß es hier oder dort leise in einem der Bäume wispert. Das erweckt dann wohl einen oder den anderen der schlafenden Nachbarn, oder sie raunen nur dem Störenfried zu, daß jetzt keine Zeit zum Plaudern sei, und träumen weiter. Die Vögel harren, im dichtesten Laube versteckt, der Abendkühle. Das Weibchen schlummert auf dem Nest über den halbflüggen Jungen; das Männchen sitzt auf dem Zweige daneben, hat das Köpfchen unter den Flügel gesteckt und schlummert, müde von dem frühen Aufstehen, dem jubelnden Gesang den lieben langen Morgen hindurch und der eifrigen Jagd auf Mücken und Würmchen. Die wissen, daß es jetzt gute Zeit für sie ist, und tanzen lustig in den roten Sonnenstrahlen, die heimlich durch die Zweige schlüpfen, und kriechen und krabbeln und hasten sich durch das warme, weiche Moos. Tiefe Ruhe! Da tönt ein sonderbarer heiserer Schrei in kurzen, wie in Ärger schnell hintereinander ausgestoßenen Tönen. Das ist der Falk, des Waldes Förster. Er ist ein schlimmer Gesell, den sein böses Gewissen nicht schlafen läßt, und deshalb klingt auch sein Ruf so grell und schrill, wie er jetzt stolz und einsam hoch droben in der blauen Luft über dem stillen Blättermeer, seinem Revier, die wunderlichen, mystischen Kreise zieht. Ein blondköpfiger Junge, der am Rande des Waldes ein paar Gänse hütete, hatte Oswald gesagt, daß der Weg nach Berkow durch das Holz kaum eine halbe Stunde und nicht zu verfehlen sei. Daß er dabei die schweigende Voraussetzung gemacht hatte, der Wanderer werde auf dem Wege bleiben und des Weges achten, war natürlich. Da Oswald aber, wie es seine Gewohnheit war, weder das eine noch das andere getan hatte, alle Augenblicke über den Graben gesprungen und in den Wald hineingelaufen war, wo das Unterholz weniger dicht wucherte, und die hohen Hallen zwischen den mächtigen Stämmen gar zu verführerisch lockten, und auf alles geachtet hatte, nur nicht auf den Weg – so mochte er es sich denn auch nun selbst zuschreiben, als er aus dem Dickicht heraus, statt auf den Weg, den er bisher gegangen war, zu gelangen, auf einen schmalen Waldpfad kam, und, ihn in falscher Richtung weitergehend, immer tiefer in den Forst geriet. Oswald stand still und lauschte, ob er nicht die Stimme eines Menschen, das Pochen einer Axt vernehmen werde, aber er hörte nichts als den Schrei des Falken und das Klopfen seines eigenen Herzens. Lustig rief er in den Wald hinein: »Wo geht der Weg nach Berkow, Falk?« – Falk hallte das Echo zurück. Endlich wurde es lichter zwischen den Bäumen. Schon glaubte er, den Saum des Holzes erreicht zu haben. Statt dessen trat er auf eine Lichtung heraus, die fast von einem kleinen, zum Teil mit hohen Binsen bedeckten See eingenommen wurde. An dem Rande entlangschreitend, scheuchte er ein Sommer-Entenpaar auf, das aus dem Röhricht hervorbrach und mit wunderbarer Hast über den Sumpf fort in den Wald flog. Dann wieder lautlose Stille. Kommt Zeit, kommt Rat, sagte Oswald bei sich. Vorläufig will ich mich aber ein wenig ausruhen, denn ich finde, daß ich nachgerade müde werde. Er hing seinen Strohhut an einen Zweig, breitete sein Taschentuch über eine der mit dichtem Moos bewachsenen Wurzel einer vielhundertjährigen Buche und streckte sich behaglich in das Heidekraut. Der Platz ist wie zum Schlafen gemacht, sprach er bei sich, träumerisch den Libellen zuschauend, die über dem dunklen Wasser des Sumpfes, bald stillstehend, bald pfeilschnell fortschießend, ihr wunderliches Wesen trieben. Wer weiß? Vielleicht ist dies ein Zauberwald, so ein von Kultur übersehenes Stück Romantik, ein kleiner stehengebliebener Rest von den großen, großen Wäldern, die in Musäus' Märchen rauschen, von dem Walde etwa, drin der Graf wohnte, der seine Töchter verkaufte, wenn er die Wechsel am Verfalltage nicht einlösen konnte – eine Manier, seine Schulden zu bezahlen, die selbst noch heutzutage in Schwung sein soll. Und wer nun in diesem Walde einschläft, wozu ich große Lust verspüre, schläft so ein paar hundert Jährchen, ehe er's sich versieht, und wenn er aufwacht, wallt ihm ein schneeweißer Bart bis zum Gürtel. Darob gerät er denn in gerechtes Erstaunen, und er fragt den ersten Bauer, der ihm begegnet, ob er ihm nicht den Weg nach Berkow zeigen könne? Berkow? antwortet der Angeredete höflich. Habe nie von einem solchen Orte gehört. Ich meine das Schloß im Walde, wo Melitta wohnt? Melitta? Aber, guter Herr, das ist ja nur ein altes Märchen. Ein Märchen? Nun gewiß. Meine alte Großmutter hat es mir wer weiß wie oft erzählt. – Vor vielen, vielen hundert Jahren stand in dieser Gegend ein großer Wald; und in dem Walde hauste eine Fee, die hieß Melitta. Sie hatte so wunderschöne lichtbraune Augen, wie ein Menschenkind gar nicht haben kann, und eine honigsüße Stimme, und deswegen nannten die Leute sie Melitta. Sie war die beste und schönste Fee von der Welt und hatte nur eine kleine Schwäche, von Zeit zu Zeit jemand in ihren Wald zu locken, damit er sich unter den hohen Buchen und Eichen, von denen die eine immer aussah wie die andere, verirrte. Darüber hatte sie dann ihre Freude. Wenn sie aber so einen armen Schelm verlocken wollte, setzte sie sich auf ihr Pferd Bella (denn an dieser Fee war alles schön, selbst ihr Pferd), ritt ins Land hinein und suchte unter den Männern, bis sie den dümmsten fand. Die hatte sie am liebsten. Den bezauberte sie dann mit ihrer Schönheit, ihrem lieben, holden, neckischen Wesen und ihrer honigsüßen Stimme; und um den Zauber festzumachen, schenkte sie ihm etwas – eine Rose etwa. Nahm er die nun in seiner Dummheit, so mußte er am nächsten Tage in den Wald, er mochte wollen oder nicht. Da kommt er denn natürlich bald vom Wege ab und läuft die Kreuz und Quer herum, bis er sich endlich am Fuße einer uralten Buche schlafen legt. Und wenn er nun so daliegt und sieht, wie die roten Sonnenstrahlen in den grünen Zweigen Versteckens spielen und die blauen Libellen Haschens auf dem schwarzen Wasser, und hört, wie es in dem Röhricht flüstert und droben in den Wipfeln der Bäume rauscht, und weht und rauscht – – – Melitta, kommst du endlich? Steige herab von deiner Bella! Du siehst ja, daß ich hier festgewachsen bin. Oh, du Liebe, Holde, Angebetete! Melitta, Süße! Einen Kuß, einen einzigen Kuß! Und du willst fort, jetzt fort – aber was ist das? Was will die braune Hexe? Nein, nein – du bist nicht Melitta! Oswald stützte sich auf den Ellbogen und starrte schlaftrunken in das braune Gesicht, das sich über ihn beugte: »Was willst du von mir?« »Nichts Schlimmes, schmucker, junger Herr. Sah den jungen Herrn liegen, wußte nicht, ob schlafen oder tot; ist gefährlich, zu schlafen in dem Wald, am Sumpfesrand, wenn man's nicht gewohnt ist von Kindesbeinen.« Oswald, der sich wieder vollkommen zurechtgefunden hatte, betrachtete jetzt das Weib, das vor ihm stand, genauer und erkannte denn alsbald in ihr eine jener Zigeunerinnen, wie sie hierzulande nicht selten, wahrsagend, hausierend, musizierend, bettelnd, gelegentlich auch stehlend, von Dorf zu Dorf und von Jahrmarkt zu Jahrmarkt ziehen. Diese hier mochte nach dem Feuer ihrer dunklen Augen, den runden halbnackten Armen und der straffen Haltung des schlanken hohen Leibes zu schließen, zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahre zählen; aber Wind und Wetter, Hunger und Kummer, vielleicht auch schlimme Leidenschaften, hatten arge Verwüstungen in dem einstmals schönen Gesichte angerichtet, den Zügen eine unangenehme Schärfe gegeben, die Augenhöhlen übermäßig vertieft, ja schon hier und da einzelne graue Streifchen in das üppige, blauschwarze Haar gestreut, das mit seinen dicken Flechten ein besserer Schutz für den edel geformten Kopf war als der Lappen roten Zeuges, den sie turbanartig herumgewunden hatte. Ihre Kleidung war sehr ärmlich und vielfach geflickt, ihre Füße nackt. Oswald sah jetzt auch, daß an einem der nächsten Bäume ein wunderlich geformtes Instrument hing und allerlei Gerät umherlag. Ein mit einem roten Federbusch und einer bunten Decke geschmückter Esel strich langsam durch die Stämme und ließ sich das harte Waldgras vortrefflich schmecken. »Sind Sie ganz allein, gute Frau«, fragte Oswald. »Nein, mein Bub ist bei mir, der Cziko; er ist in den Wald gegangen, Wasser zu holen, dies taugt nur für Frösch und Kröten.« »Und wie kommen Sie hierher an diesen abgelegenen Ort?« »Kenne den Platz schon seit vielen Jahren. Mache stets hier Rast, wenn ich in diese Gegend komme. Schläft sich billiger im Walde als in der Dorfschenke, guter Herr.« »Da können Sie mir gewiß auch den Weg nach Berkow zeigen. Ist es noch weit von hier?« »Gar nit weit, der Bub, der Cziko, soll sie führen.« Das Weib legte die Hände an den Mund und ahmte den Ruf der Holztaube auf das täuschendste nach. Alsbald antwortete aus dem Walde ein heller Falkenschrei, und nicht lange darauf kam ein Kind herbeigesprungen, das, wie es den Fremden erblickte, scheu und mißtrauisch unter den Bäumen stehenblieb. Einige Worte indessen, ihm von seiner Mutter in einer Oswald unbekannten Sprache zugerufen, machten ihm Mut. Es trat, Oswald das Blechgefäß mit Wasser, das es in der Hand trug, hinhaltend, furchtlos heran und sagte: »Willst du trinken, Herr?« Das Gefäß war nicht besonders reinlich, aber der es anbot, viel zu schön, als daß Oswald es hätte zurückweisen können, selbst wenn er weniger durstig gewesen wäre, wie er es war. Cziko war vielleicht zehn Jahre alt, aber auch er sah älter aus. Der feuchte Nebelwind, der über die herbstlichen Felder fegt, und der Schneesturm, der durch den Hagedorn saust, hatten alle Jugendfrische von des Kindes wunderbar schönem Gesicht gewischt und den tiefdunklen Gazellenaugen einen Ausdruck halb des Kummers und halb des Trotzes gegeben, daß man nicht ohne Wehmut hineinschauen konnte. Mit dem doppelt scharfen Blick der Bettlerin und der Mutter sah das Weib wohl, welch tiefen Eindruck ihr Kind auf den Fremden machte. »Ja, er ist ein braver Bub, der Cziko«, sagte sie, »flink wie ein Eichhorn und tapfer wie eine wilde Katz, und das Cymbal schlägt er wie keiner.« »Ist das ein Cymbal, was dort am Baum hängt?« fragte Oswald, einigermaßen erstaunt, daß dies Instrument noch anderswo als in Lenauschen Gedichten existiere. »Geh, Cziko, zeig dem Herrn, was du kannst«, sagte die Frau. Das Kind nahm das Instrument herab, legte es auf einer Baumstamm zurecht und die Klöpfel ergreifend, begann es, erst langsam, dann schneller und immer schneller hämmernd, eine wunderliche Musik. Sein Herz schien voll von Musik; seine magern, braunen Wangen röteten sich, die dunklen Augen, die es manchmal träumend zu den Wipfeln erhob, leuchteten. Dann fiel es in ein anderes Tempo und eine andere Melodie, und nach den ersten Takten begann die Frau, die währenddessen unter einem Kessel ein Reisigfeuer entfacht hatte, in tiefer, wohllautender Stimme, an dem Kessel schaffend und ab und zu gehend, eines jener slawischen Volkslieder, deren süß-melodische Klage uns Wehmut ins Herz und Tränen in die Augen lockt. Oswald saß da, den Kopf in die Hand gestützt und hörte und schaute zu wie im Traum. Es war, als ob die nie zuvor gehörten melancholischen Töne ganz neue Gefühle in ihm wachriefen, ein tiefes Mitleid mit seiner, mit aller Wesen Existenz und doch auch ein Sehnen und Schmachten nach einem unendlichen, namenlosen Glück. Das Lied war zu Ende. Oswald fuhr empor. Er sah auf seine Uhr. Schon drei Stunden waren vergangen, seitdem er den Wald betreten; er durfte, wollte er noch heute Melitta sehen, keinen Augenblick zögern. »Kann mich der Cziko den Weg nach Berkow führen?« sagte er, auf die Frau zutretend und ihr ein paar Geldstücke bietend. Die Zigeunerin strich das Geld aus der flachen Hand, als ob es ihr nur darauf ankomme, deren Linien genauer zu sehen, und sie an den Fingerspitzen festhaltend, schien sie eifrig darin zu lesen. »Nun«, sagte Oswald lächelnd, »da steht wohl nicht viel Gutes?« »Viel Gutes, viel Schlimmes«, sagte die Zigeunerin, den Kopf schüttelnd. »Das ist meistens so im Leben«, sagte Oswald, »und worin bestände denn das Gute?« »Viel Gutes, viel Schlimmes«, wiederholte die Zigeunerin. »Jede gute Linie von einer schlimmen durchkreuzt; kann das Gute nicht nennen ohne das Schlimme.« »Nun, so nenne es, wie es kommt«, sagte Oswald, der anfing, ungeduldig zu werden. »Viel zum Glück, und doch nicht glücklich«, murmelte die Zigeunerin. »Männern Feind und Frauen Freund; rasch im Hassen, rasch im Lieben; buntes Leben, früher Tod.« »Nun«, sagte Oswald, »das läßt sich ja noch hören. Aber wie war das mit den Frauen? Das interessiert mich.« »Viel Gutes, viel Schlimmes«, wiederholte das Weib, den Kopf noch tiefer beugend, als sollte ihr auch die feinste Linie nicht entgehen; »viel, sehr viel Liebe und doch wenig, ach so wenig Glück!« »Liebe ich jetzt?« »Ja.« »Und wen«« »Eine sehr vornehme, sehr schöne und sehr reiche Dame.« »Hm! Und liebt sie mich auch?« »Mehr, viel mehr als du sie!« »Und wo steckt denn das Schlimme?« »Viel, viel Schlimmes; denn du kannst nicht treu sein.« »Woher weißt du das?« Die Wahrsagerin zuckte mit den Achseln. »Hier steht noch eine Dame und hier noch eine – du liebst sie alle; das sollte nicht sein; bringt dir kein Glück.« »Aber mit dem bunten Leben und dem frühen Tode hat es doch seine Richtigkeit? Nun denn, so kann ja auch das Unglück so groß nicht sein. Und hier hast du noch etwas zum Lohn für die gute Kunde.« »Danke, nehme nur für das Glück, das ich verkünde, nicht für das Unglück.« »Da wundert es mich freilich nicht, daß Sie so arm sind, gute Frau! So nehmen Sie's als Botenlohn für den Cziko.« Die Zigeunerin nahm mit wirklichem oder nur geheucheltem Widerstreben das Geld und rief dem Kinde, das während dieser Zeit fortwährend, in sich versunken, auf seinem Instrument leise phantasiert hatte, in ihrer Sprache ein paar Worte zu. Das Kind sprang auf, trat vor Oswald und sagte: »Willst du kommen, Herr?« »Adieu, liebe Frau!« sagte Oswald, nicht ohne Teilnahme dem Zigeunerweib in die dunklen, glänzenden Augen schauend. »Wenn Sie nach Grenwitz kommen, vergessen Sie nicht, nach dem Doktor Stein zu fragen.« Die Frau kreuzte die Arme über dem vollen Busen und neigte sich tief. Oswald ergriff seinen Hut und folgte dem Kinde, das schon hinter den Bäumen fast verschwunden war. Zwölftes Kapitel »Nicht so schnell, Cziko!« rief Oswald, den Schoß seines Rockes von den Dornen eines Busches losmachend. »Nimm Rücksicht auf meinen zivilisierten Zustand.« Das Kind ging langsamer, hielt sich aber immer in scheuer Entfernung von dem Fremden. Vergebens suchte es Oswald in ein Gespräch zu verwickeln, während er mühsam die Büsche auseinanderdrückte, durch die der kleine Zigeuner wie eine wilde Katze schlüpfte. So waren sie vielleicht eine Viertelstunde gegangen, als sie plötzlich aus dem dichten Wald in ein Gehölz gelangten, das schon zu dem Parke von Berkow gehören mußte. Reinlich gehaltene Wege, hier und da eine grüne Bank oder eine verwitterte Hermensäule; überall die Spuren ordnender Menschenhand. Dann traten sie auf einen breiteren Fahrweg, der wohl die Fortsetzung desselben Weges sein mochte, von welchem Oswald abgekommen war, und der mit einem eisernen Gittertor endigte, das unmittelbar auf den Hof des Gutes führte. Cziko blieb stehen, deutete stumm auf das Tor; dann, nachdem er sich vor Oswald mit verschränkten Armen verneigt hatte, sprang er in die Büsche zurück und war im nächsten Augenblicke verschwunden. Ein geheimnisvoller Anfang, sprach der junge Mann bei sich, während er langsam, fast zögernd auf das Tor zuschritt. Ist es die Nachwirkung der seltsamen Zigeunerwirtschaft oder die Vorahnung dessen, was mir hier in diesem Schloß der Zauberin begegnen soll – aber mir ist wunderlich zumute. Ich hätte am Ende doch besser getan, den Wagen, den mir gestern der alte Baron anbot, nicht auszuschlagen. Ich wäre dann vielleicht dem Pastor und seiner Primula entgangen, und auf jeden Fall käme ich jetzt, in stattlicher Würde, von den schwerfälligen Braunen gezogen, angefahren, und nicht zu Fuß in bedeutend derangierter Toilette wie ein reisender Handwerksbursche. Ei nun! Kleider machen wohl Leute, aber keine Männer, und Melitta, wenn mich nicht alles trügt, verkehrt mit Männern lieber als mit Leuten. Er klinkte das unverschlossene Gittertor auf und trat in den Hof. Ein mächtiger Neufundländer Hund, der im Grase gelegen hatte, richtete sich langsam empor, als er die Tür in den Angeln kreischen hörte und kam Oswald wedelnd entgegen. Nun, das ist wenigstens ein freundlicher Willkommen! sprach der junge Mann bei sich, während er, das prachtvolle Tier streichelnd, weiterschritt. Rechts blickte er über ein niedriges Staket in einen blühenden Garten. Mit dem Staket in einer Linie war die Front des Herrenhauses, eines zweistöckigen schmucklosen Gebäudes, das sich indessen mit seiner altersgrauen Farbe, dem großen steinernen Balkon über der Tür und den zwei gewaltigen Linden davor, recht stattlich ausnahm. Die drei anderen Seiten des geräumigen Platzes waren von den Wirtschaftsgebäuden eingenommen. Ein Staket und eine Reihe junge Obstbäume waren parallel mit dem Wohnhause quer über den Platz gezogen, als Schranke zwischen dem Hofe und dem Rasenplatz vor dem Hause. Oswald blickte, an der Front hinschreitend, durch die offenen Fenster in schöne Zimmer. Es war niemand darin. Er blickte durch die ebenfalls offenstehende Haustür auf den mit Steinfliesen ausgelegten Flur. Eine große Wanduhr schwatzte in der lautlosen Stille. Auch auf dem Hofe regte sich nichts. Der ganze Platz war wie ausgestorben, nur die Spatzen zwitscherten und lärmten in den Linden, und die Schwalben schossen an den Mauern hin zu ihren Nestern unter dem Dache, die Jungen zu füttern, und schossen ebenso eilig wieder davon. Es wird niemand zu Hause sein, dachte Oswald. Du hast den langen Weg vergebens gemacht. »Oder kannst du mir sagen, wo deine Herrin ist, Neufundländer? Sollen wir einmal im Garten nachsehen?« Der Hund, als ob er es verstanden, was man von ihm wolle, trabte von Oswald fort nach einer Tür, die rechts neben dem Hause in den Garten führte; und blickte, dort stehend, sich nach dem Fremden um. Also wirklich im Garten? Oswald drückte die Tür auf. Der Hund lief vor ihm her an Blumenbeeten vorüber in einen schmalen Heckengang bis zu ein paar Stufen, die rechts durch die Hecke auf eine Art Terrasse führten. Dort sah er sich noch einmal nach Oswald um. Dann sprang er die Stufen hinauf. Oswald folgte. Zwischen hohen blühenden Sträuchern war das Tier verschwunden. Indessen hatte der junge Mann kaum einige Schritte getan, als sich seinen Blicken ein Bild zeigte, das ihn regungslos an seine Stelle bannte. Er sah auf einen kleinen offenen Platz, der auf beiden Seiten von den hohen Hecken, welche die ganze Terrasse umschlossen, eingerahmt war. In der Mitte schoß ein hochstämmiger, breitästiger Tannenbaum wie eine Lanze machtvoll in die Höhe. An dem Fuße des Baumes auf dem Teppich brauner Nadeln standen ein runder Gartentisch und ein paar Stühle. In einem der Stühle, umflossen von dem weichen, träumerischen Licht des Sommernachmittags, saß Melitta, den Kopf in die eine Hand gestützt, während die andere mechanisch die treue Dogge streichelte, die sich dicht an die Herrin drängte. Sie trug ein weißes Kleid, das in anmutigen Linien den schlanken Leib umfloß und Busen und Schultern nur zu verhüllen schien, um die schönen Formen desto reizender zu umschreiben. Auf dem Tisch lagen Handschuh, ein breiträndiger Strohhut und ein aufgeschlagenes Buch. Sie saß so in sich versunken da, daß sie den leichten Schritt Oswalds nicht vernahm, bis er vor ihr stand. Da hob sie schnell den Kopf empor und unterdrückte nur mit Mühe einen Ruf freudigsten Überraschung, den Mann leibhaftig vor sich zu sehen, mit dem ihre Gedanken soeben beschäftigt gewesen waren. Für den Augenblick stockte ihr das Blut im Herzen, und dann mit Macht hervorbrechend, übergoß es die bleichen Wangen mit hoher Purpurglut. »Sieh da!« sagte sie, sich rasch erhebend, und Oswald die Hand entgegenstreckend. »Verzeihen Sie, gnädige Frau«, sagte der junge Mann, die schöne, zitternde Hand, die jetzt in der seinen ruhte, ehrfurchtsvoll an die Lippen führend, »wenn ich unangemeldet –« »Aber nicht unerwartet Ihr dolce far niente störe – und so weiter, und so weiter –« unterbrach ihn Melitta. »Kommen Sie, von Ihnen will ich keine Redensarten hören. Überlassen sie das unsern hohlköpfigen Junkern. Setzen Sie sich und bedanken Sie sich zuvörderst, daß Sie mich überhaupt noch finden. Bemperlein und Julius sind, an Ihrem Kommen verzweifelnd, vor einer halben Stunde auf Besuch in die Nachbarschaft gefahren. So müssen Sie denn mit mir allein vorliebnehmen. Das ist Ihre gerechte Strafe.« »Wenn die Strafe gerecht ist, so ist sie auch auf alle Fälle sehr mild«, antwortete Oswald heiter, »und ich unterwerfe mich ihr mit der Demut, die dem reuigen Sünder ziemt.« »Sie sehen auch wahrhaftig wie ein reuiger Sünder aus! Aber warum kommen Sie so spät, und –« »Und in so derangierter Toilette? Im Ernst, gnädige Frau, ich konnte nicht früher und nicht anders erscheinen. Wenn man, wie ich, den weiten, unbekannten Weg zu Fuß zurücklegt –« »Wie kommen Sie aber auch auf diesen närrischen Einfall?« »Ich leide sehr an närrischen Einfällen, gnädige Frau.« »Da teilen Sie mit mir dasselbe Schicksal. Weiter!« »Und wenn man sich unterwegs von einer alten Frau eine Vorlesung über Unsterblichkeit, von einem Landpastor eine Predigt über dasselbe Thema und von dessen geistreicher Gemahlin erzählen lassen soll, was sie den Tieren abgelauscht –« »Ach, Sie Unglücklicher!« rief Melitta, die Hände zusammenschlagend. »Wenn man sich darauf im Walde verirren, am Rand eines Sumpfes einschlafen, bei der Gelegenheit allerlei süßes, närrisches Zeug träumen, beim Erwachen sich von einer Zigeunerin wahrsagen, sich von derem Buben auf den rechten Weg bringen, und bei der Ankunft in diesem verzauberten Schloß niemand finden soll, der den Fremden zur Chatelaine führt als diesen liebenswürdigen Hund, der so aufmerksam zuhört, daß man glauben möchte, er verstände unsere Unterhaltung, so werden Sie mir zugeben, daß man mindestens ebensoviel Zeit braucht, dies alles zu tun als zu erzählen.« Der Hund legte vertraulich den ungeheuren Kopf auf der Herrin Schoß und blinzelte zu ihr empor. »Bist mein braver Boncœur«, sagte sie, den Liebling tätschelnd, »machst deinem Namen Ehre. Siehst in Haus und Hof hübsch nach denn Rechten; weißt wohl, daß es außer dir und dem Baumann doch niemand tut. – Wissen Sie, daß mich ihr Zusammentreffen mit der braunen Gräfin, ich meine der Zigeunerin und Czika, denn es ist ein Mädchen, wie ich Ihnen zum Ruhme Ihres Scharfsinns nur sagen muß, sehr interessiert?« »Ein Mädchen, der Cziko?« »Die Czika, ein Mädchen – verlassen Sie sich darauf; aber wo trafen Sie die beiden?« »Eine Viertelstunde von hier im Walde, bei demselben Zaubersee, an dessen Rande ich eingeschlafen war.« »Also doch auf dem Berkower Gebiet – das freut mich.« »Sie scheinen sich in der Tat für die schöne Mutter und die schönere Tochter – ich finde jetzt allerdings, daß das Kind für einen Knaben viel zu schön war – sehr zu interessieren, gnädige Frau. Wie kommt die Zigeunerin zu dem Namen: die braune Gräfin?« »Ach«, sagte Melitta, »das ist eine lange Geschichte und ein Beispiel jener närrischen Einfälle, von denen ich, wie Sie, heimgesucht werde, und die freilich bei mir meistens an das Gebiet der dummen Einfälle streifen. Vor sechs Jahren kam die Isabell zum ersten Male in unsere Gegend. Sie war damals vielleicht zwanzig Jahre – vielleicht, denn genau weiß sie es selbst nicht. Ihr Kind, die Czika, war vier Jahre alt; das wußte sie, denn es war wirklich ihr eigenes Kind und keine gestohlene Prinzessin oder dergleichen.« »Woher wissen Sie das?« »Aus der frappanten Ähnlichkeit zwischen Mutter und Kind, die Ihnen doch auch aufgefallen sein muß. Beide waren damals bildschön, so schön, wie ich nie wieder etwas gesehen habe. Ich glaube, kein Mensch hätte ungerührt bleiben können bei dem Anblick dieser jugendlichen Mutter mit ihrem prächtigen Kinde, das in seiner wunderlichen Tracht und in seinen üppigen dunklen Locken so gut für einen Knaben wie für ein Mädchen gelten konnte. Ich habe nur auf Murillos sonnengetränkten, leidenschaftsdurchglühten Bildern später etwas Ähnliches gesehen. Ich, die ich die Schwäche habe, mich auf malerische Schönheit verstehen zu wollen, und selbst ein wenig in dieser herrlichen Kunst pfusche, zeichnete und malte damals vom Morgen bis in den Abend Zigeunerköpfe. Ich vergaß nämlich zu sagen, daß ich die beiden ein paar Tage lang hier in Berkow festhielt. Zufällig mußte ich damals eine große Gesellschaft geben. Und – jetzt kommt der dumme Einfall – um unserer albernen Sippe einen Possen zu spielen, denn das war doch der eigentliche Grund, kleide ich die Isabell in das prächtigste Kleid, das ich in meiner Garderobe auffinden kann, lasse die Czika von meiner Kammerfrau herausputzen, und präsentiere sie der Gesellschaft als Gräfin von Kryvan mit ihrem Töchterchen Czika, die ich im vorigen Jahre in Marienbad kennengelernt habe und die soeben aus dem fernen Ungarland mich zu besuchen gekommen sei.« »Und was sagte die Gesellschaft?« »Sie war entzückt. Ich hatte ihr vorher angekündigt, daß Isabella von dem streng nationalen ungarischen Adel sei, der sich das Wort gegeben habe, nie etwas anderes wie die Nationalsprache und außerdem nur noch Lateinisch zu sprechen.« »Glaubte die Gesellschaft denn das? Und versuchten die Herren nicht, eine lateinische Konversation zu beginnen?« »Unserer Gesellschaft kann man alles aufbinden, und was unsere Herren betrifft, so ist Lateinisch ihnen spanisch. Isabella, das muß man ihr lassen, füllte ihren Platz auf dem Sofa mit wahrhaft königlichem Anstande aus, und die Griebens, die Trantows, die Bülows überschütteten die Standesgenossin mit Aufmerksamkeiten und bedauerten einmal über das andere ihre Unkenntnis der lateinischen Sprache, die es ihnen unmöglich mache, sich mit der fremden Dame in eine, jedenfalls höchst geistreiche und interessante Konversation einzulassen. Die kleine Czika wanderte von einem Schoß auf den andern und wurde mit Leckerbissen und Küssen bald erstickt. – Kurz, die Komödie spielte zu meiner größten Zufriedenheit bis zu Ende, und in den nächsten Tagen war die ganze Nachbarschaft voll von der braunen Gräfin, wie man die Freundin Melitta von Berkows kurzweg zu nennen beliebte. Nun, wie gefällt Ihnen die Geschichte?« »Offen gestanden, nur halb, gnädige Frau. Ihrer vornehmen Gesellschaft gönne ich diese Mystifikation von ganzem Herzen, aber es tut mir weh, wenn ich sehe, wie der Arme und Hilflose, eben weil er arm und hilflos ist, sich zum Spielding der Reichen und Mächtigen hergeben muß.« Melitta sah Oswald voll in die Augen und antwortete, ohne die mindeste Spur von Empfindlichkeit: »Sehen Sie, das ist hübsch, daß Sie so denken; und noch hübscher finde ich es, daß Sie es mir so geradezu sagen. Aber ich habe Ihnen ja von vornherein zugestanden: es war ein dummer Streich, den ich nachher aufrichtig bereute und dessen böse Folgen ich, soweit ich vermochte, wiedergutzumachen mich bemühte. Denn, hören Sie nur, wie die Sache weiter verlief. Der braunen Gräfin hatte ich natürlich die Sachen geschenkt, die sie und die Czika bei der Komödie getragen. Das arme Weib, das mit dem Plunder nichts anfangen konnte, wollte ihn in der nächsten Stadt verkaufen. Man glaubte, sie habe die Sachen gestohlen, und verlangte, sie solle sich über den ehrlichen Erwerb ausweisen. Sie vermochte es nicht, denn sie hatte meinen Namen und den Namen meines Gutes vergessen, und überdies konnte kein Mensch aus ihrem Kauderwelsch klug werden. Die Herren vom Gericht beschlossen deshalb in ihrer Weisheit, die braune Gräfin als Landstreicherin und Diebin einzusperren, bis sich die Sache auf eine oder die andere Weise aufklären würde. Unglücklicherweise war ich ein paar Tage zuvor in ein benachbartes Bad gereist, und während ich dort die frische Seeluft in vollen Zügen einsog, mußte die Ärmste wochenlang in dem dumpfen Gefängnisse schmachten. Ach, und diesen Leuten ist die Freiheit alles! Sehen Sie, das werde ich mir nie vergeben! – Erst nach meiner Rückkehr erfuhr ich durch einen Zufall das Unglück, das ich angerichtet hatte. Natürlich tat ich sofort die nötigen Schritte. Ich fuhr selbst nach Bergen und öffnete den Kerker meiner armen braunen Gräfin. Aber, wie fand ich sie wieder! Bleich, abgemagert, verhärmt, um so viele Jahre gealtert, als sie Wochen gefangen gesessen hatte. Die kleine Czika sah womöglich noch schlimmer aus. Ich nahm sie mit hierher nach Berkow; ich pflegte sie, ich tröstete sie, ich beschenkte sie, ich tat, was ich konnte. Aber die Reue kam hier, wie überall, zu spät. Der kleinen Czika war die Kerkerluft bis ins Herz gedrungen. Sie verfiel, kaum hier angekommen, in ein hitziges Fieber, und ich danke Gott noch heute, daß sie mit dem Leben davonkam. Was hätte ich anfangen sollen, wenn sie gestorben wäre!« Melitta schwieg, und in ihrem Auge glänzte etwas wie eine Träne. Aber im nächsten Moment lachte sie schon wieder und sagte: »Nun, sie starb ja nicht, sondern wurde wieder munter und frisch wie vorher, und spielte sich mit meinem Julius hier wieder helle Augen und rote Backen. Die Kinder hatten sich sehr liebgewonnen; und ich hätte die Kleine gar zu gern hierbehalten, sie mit Julius zusammen erziehen zu lassen. Das Kind zeigte die köstlichsten Anlagen, besonders ein überraschendes Talent für Musik. Die braune Gräfin wollte ich zu meiner Kammerfrau machen, oder wozu sie wollte. Ich stellte ihr frei, ihr Leben nach Belieben einzurichten, und bat sie nur, zu bleiben. Aber es war die alte Geschichte von dem Frosch und dem goldenen Stuhl. Ein paar Wochen hielt sie das zahme Leben aus; und eines schönen Morgens war sie verschwunden – sie und die Czika. Später sind sie wiederholt in diese Gegend gekommen, aber hierher zu mir kommen sie nicht mehr. Die Isabell grollt mir entweder noch, oder sie ist eifersüchtig auf mich und fürchtet, ich werde ihr die Czika stehlen. Und doch muß sie einsehen, daß ich es gut mit ihr meine. Die Leute im Dorf haben Befehl, ihr, wenn sie vorspricht, jede Gefälligkeit zu erweisen; der Förster hat den Auftrag, sie unbelästigt im Walde zu lassen, und ich versage mir das Vergnügen, sie aufzusuchen, weil ich fürchte, sie ganz zu verscheuchen. Das ist meine Geschichte von der braunen Gräfin. Sind Sie mir noch bös?« »Welches Recht hätte ich dazu?« »Nun, Sie machten vorhin ein so finsteres Gesicht, daß ich mich ganz als arme Sünderin fühlte.« »Sie belieben zu scherzen. Was kann Ihnen an meinem Urteil gelegen sein?« »Mehr als Ihre jedenfalls halb erkünstelte Bescheidenheit zu glauben vorgibt. Eine Frau hält stets große Stücke auf eines Mannes Urteil, weil sie instinktiv fühlt, daß des Mannes Kopf besser, das heißt nicht schneller, aber gründlicher, sicherer denkt als ihr leichtsinniges Frauengehirn. Und vor euch gelehrten Herren haben wir noch einen ganz besonderen Respekt. Ihr habt alle um die Augen und um die Mundwinkel herum so etwas Mystisches, Unergründliches, so etwas –« Oswald mußte laut auflachen. »Ja, lachen Sie nur. Ihnen mag das nicht so erscheinen; aber wir fürchten uns vor Eurem Wissen, auch wenn wir einen oder den andern unter euch, der gutmütig genug ist, sich dazu herzugeben, zur Zielscheibe unseres Spottes machen. Da ist mein Bemperlein, mein guter, treuer Bemperlein. Nun, er ist wahrhaftig kein Genie und kennt die Welt gerade so gut wie ich das Griechische; und dennoch ziehe ich, wenn wir uns streiten, jedesmal den kürzeren. Das ist doch ärgerlich. Nehme ich dagegen unsere Landjunker. Es sind hübsche, sehr hübsche Männer darunter, die in Landwehrleutnants-Uniform sich mit ihren blonden Schnurrbärten, sonnengebräunten Gesichtern und hellen blauen Augen prächtig ausnehmen; aber in Zivil sehen sie dumm aus. Sie haben das Stupide, Leblose von schönen Pferde- und Hundegesichtern. Der einzige von ihnen, der studiert hat, sieht aus, als wäre er aus einer andern Welt.« »Wer ist dieser Phönix?« »Baron Oldenburg.« Ein Schatten fiel über Melittas lebensvolles Antlitz, wie wenn eine Wolke über eine sonnenhelle Landschaft jagt. Sie starrte auf ein paar Augenblicke vor sich hin, wie wenn sie den Faden des Gesprächs verloren hätte. Dann, wie aus einem Traum erwachend: »Ja, was ich sagen wollte – und darum will ich, daß mein Julius studiert. Aber ich schwatze und schwatze und frage nicht einmal, ob Sie nicht hungrig und durstig und müde sind, wozu Sie doch nach Ihren Kreuz- und Querfahrten das vollkommenste Recht haben. Kommen Sie, wir wollen hineingehen und sehen, ob wir nicht jemand auftreiben können, der uns einige Erfrischungen besorgt. Mich verlangt ebenfalls danach, denn es fällt mir ein, daß ich eigentlich nichts zu Mittag gegessen habe. Sind Sie noch gar nicht in dem Hause gewesen?« »Doch, wenigstens in dem Hausflur. Ich fragte eine große Wanduhr, ob ich Frau von Berkow meine Aufwartung machen könne, aber sie antwortete: Schnick-Schnack, Schnick-Schnack! Da ging ich wieder fort!« Melitta hatte sich erhoben und ihren Strohhut aufgesetzt, ohne sich weiter um die Bänder zu kümmern, von denen das eine über den Busen, das andere über den Rücken lief, und sagte lächelnd, während Oswald im Aufstehen das Buch ergriffen und nach dem Titel gesehen hatte: »Für Sie spricht auch wohl jedes Ding seine Sprache?« »So ziemlich. Dies Buch zum Beispiel sagt mir: Frau von Berkow könnte mich auch ungelesen lassen, da es so viel bessere Bücher zu lesen gibt.« »Ja, du lieber Himmel, wir auf dem Lande lesen, was uns die Leihbibliothekare und die Buchhändler zu schicken belieben. Aber, was haben Sie gegen diese Mystères?« »Erstens ärgere ich mich, daß ich auf das Buch stoße, wo ich gehe und stehe. In Grünwald lag es auf jedem Tisch; kaum war ich zwei Tage in Grenwitz, verfolgte es mich auch dahin, und nun muß ich es auch gar bei Ihnen finden. Ich habe es nicht bis über den zweiten Band hinaus bringen können, und Sie sind zu meinem Erstaunen schon im vierten. Wie können Sie sich für diesen Chourineur, diesen Maître d'école, diese Chouette, und wie das Gesindel sonst noch heißt, interessieren? Wahrlich, doch kaum so viel wie für Bestien in der Menagerie. Denn diese sind doch wenigstens Gottes Geschöpfe, während jene nur die Ausgeburten der wüsten Phantasie eines verbrannten Dichtergehirns sind.« »Sie mögen recht haben«, sagte Melitta, während sie jetzt von der Terrasse in den Garten hinabstiegen. »Es ist vielleicht ein Unglück, daß solche Bücher geschrieben werden, und ein noch größeres Unglück, daß wir, und besonders wir Frauen, in unserer Erziehung und Bildung so verwahrlost sind, um an diesen Büchern doch eine Art von Geschmack zu finden. Übrigens nehme ich alles, was Sue von jenem Gesindel erzählt, auf Treu und Glauben hin, wie die Berichte eines überseeischen Reisenden von den Wundern, die er zu Wasser und zu Lande erlebte, um so mehr, als er die Sphären der Gesellschaft, die ich kenne, zum Teil sehr wahr, sehr treu schildert.« »Ist etwa Rudolphe, Grand Duc régnant de Gerolstein, auch nach dem Leben?« »Das weiß ich nicht, aber so viel weiß ich, daß Geschichten wie die des Marquis d'Harville und seiner Frau so oder ähnlich alle Tage im Leben vorkommen.« Oswald antwortete nicht; es fiel ihm ein, was er über das Verhältnis Melittas zu ihrem Gemahl gehört hatte, wie Herr von Berkow nun schon seit sieben Jahren in unheilbarem Wahnsinn lag. Eine Ahnung der trauervollen Szenen bis zum Hereinbrechen der furchtbaren Katastrophe überkam ihn; es tat ihm weh, daß er unversehens an den Vorhang eines so dunklen Familiendramas gerührt hatte. Aber zugleich erfaßte ihn eine unendliche Teilnahme für die reizende Frau, die hier in dieser grünen Wildnis die schönsten Jahre ihres Lebens einsam vertrauern sollte. Was hilft ihr Jugend, Schönheit und Reichtum ohne Liebe! Und wird sie wohl so geliebt, wie sie geliebt zu werden verdient und sie geliebt zu werden wünscht, sie, durch deren sanfte, schmachtende Augen man in unergründliche Tiefen von Zärtlichkeit und Leidenschaft blickt? Während Oswald so das Schicksal der schönen Frau beklagte, fühlte er, wie ein Quell schmerzlich süßer Gefühle warm aus seinem Herzen hervorbrach und es bald bis zum Zerspringen füllte. Mit tiefen Atemzügen sog er die weiche, blumenduftgetränkte, warme Luft des üppig blühenden Gartens ein. Wollüstige Schatten erfüllten die lauschigen Bosketts; träumerisch lag der Nachmittagssonnenschein auf den grünen Rasenplätzen; in den dichten Kronen der Bäume jubelten die Vögel, Schmetterlinge wiegten sich über den sonnetrunkenen Blumenwäldern der Beete. Langsam wandelten die schlanken Gestalten durch das grüne Revier, oft stillstehend, hier einen Rosenbusch zu bewundern, der in noch üppigerem Schmucke prangte als seine Nachbarn, dort einem Eichhörnchen zuschauend, das lustig von Ast zu Ast und von Zweig zu Zweig schwang. Immer mehr überkam Oswald das Gefühl, als wandele er in einem herrlichen Traum; als träume er nur diesen Sonnenschein, diesen Blumenduft, diesen Vogelgesang; als träume er nur Melittas süße Stimme, Melittas liebestiefe Augen – und auch Melitta war es, als ob sie heute mit ganz anderen Augen sehe, mit ganz anderen Ohren höre. Der fremde Mann, den sie durch ihre Besitzung führte, war ihr so vertraut, als kenne sie ihn schon seit vielen, vielen Jahren, als habe sie ihn immer gekannt; und was sie seit Jahren tagtäglich gesehen, erschien ihr jetzt beinahe fremd. Ihr Herz, das seit Jahren nur mit oberflächlichen Neigungen, mit leerem Kokettieren hingehalten war, schmachtete nach einer wahren, tiefen Leidenschaft; und sie fand die halb ehrfurchtsvollen, halb kühnen, aber immer aufrichtig bewundernden, zärtlich liebkosenden Blicke, mit denen der junge Mann an ihr hing und sie wie mit einem unsichtbaren Zaubernetz, dessen Maschen sich dichter und immer dichter woben, umspann, viel zu süß, als daß sie dem, der ihr dies süße Glück gewährte, nicht von Herzen hätte dankbar sein sollen. Sie fühlte sich so unsäglich glücklich, und dennoch ernster gestimmt, als es wohl sonst ihre Gewohnheit war. Der Sturm der Leidenschaft, der in ihrer Seele langsam heraufzog, warf schon seine dunkeln Schatten über ihr sonnenhelles Gemüt, und sein erster Anhauch zerriß den leichten Schleier, den die Zeit mühsam über so manches düstre Bild vergangener Tage gewebt hatte. Während Oswald den Bildungsgang, den er für Julius am geeignetsten hielt, entwarf, dabei auf sein eigenes Leben zu sprechen kam, und die schöne Frau, gleichsam als ein Zeichen seiner Liebe und Verehrung, so manchen Blick in das tiefgeheimste Leben seiner Seele tun ließ, fühlte sie sich mehr wie einmal auf das sonderbarste ergriffen. Manche Gedanken, die der junge Mann in seiner lebhaften Weise mit gefälliger Beredsamkeit vortrug, hatte sie, oft fast in denselben Worten, schon früher einmal gehört von einem Manne, der ihr sehr teuer gewesen war, dessen dämonische Natur ihren regen Geist angelockt und gefesselt und dessen rauhe Schroffheit ihren weichen Sinn abgestoßen und beleidigt hatte. Hier fand sie die Rosen wieder, an deren üppigem Duft sie sich damals berauscht, aber ohne die Dornen; hier fand sie, was sie dort so schmerzlich vermißt hatte: Schönheit der Formen, Grazie der Bewegung und Anmut der Rede. Dreizehntes Kapitel Im eifrigen Gespräch in den Gängen zwischen den Beeten auf und ab wandelnd, wurden sie an ihre Absicht, in das Haus zu gehen, erst erinnert, als sie sich ihm zum zweiten Male näherten. Sie traten durch die offene Tür in einen Saal, dessen harmonische Verhältnisse und einfache, geschmackvolle Dekoration auf Oswald sofort den angenehmsten Eindruck machten. Die hohen Kastanienbäume, unmittelbar vor den Fenstern, hielten den Raum kühl und schattig. Das gedämpfte Licht tat dem Auge wohl nach dem verschwenderischen Sonnenschein draußen im Garten. Bequeme Sessel in mancherlei Formen und Größen, amerikanische Rocking-chairs, französische Causeusen, ein großer Flügel, Tische mit Büchern und Bildwerken bedeckt, hier und da in dem weiten Gemache schicklich verteilt, gaben ihm bei allem Reichtum etwas ungemein Wohnliches, das auf das liebenswürdigste mit der steifstelligen Ordnung, die in dem Innern des Schlosses Grenwitz herrschte, kontrastierte. »Ich bin doch neugierig, ob jemand auf mein Klingeln kommen wird«, sagte Melitta, ihren Hut auf den Tisch werfend und nach der Klingelschnur gehend. »Unmöglich ist es gar nicht, daß wir uns höchstselbst in die Speisekammer werden verfügen müssen, notabene, wenn wir den Schlüssel auftreiben können.« Sie klingelte und wandte sich wieder zu Oswald, der eines der Marmorbilder, welche die Wände des Saales schmückten, betrachtete. »Wie finden Sie diese Maske?« »Sehr schön; es ist die Rondaninische Meduse.« »Ah, ich sehe, Sie sind ein Kenner.« »Höchstens ein Liebhaber. Ich habe in Berlin oder sonstwo manches gesehen; meistens freilich nur Gipse. Seit meinen Knabenjahren war es mein sehnlichster Wunsch, einmal in das gelobte Land Italien zu wallfahren, um dem hohen Gott Apollo von Belvedere persönlich meine Huldigung darbringen zu können.« »Nun, das ist doch kein so unbescheidener Wunsch.« »Wenn es unbescheiden ist, zu wünschen, was uns nicht beschieden – doch.« »So wäre es unbescheiden, daß wir etwas zu vespern wünschen, denn das scheint uns auch nicht beschieden«, sagte Melitta mit komisch-klagendem Ton. »Aber wird uns nicht oft gerade etwas beschieden, weil wir es lebhaft, heiß, unbescheiden wünschen? Das Schicksal gewährt uns unsern Wunsch, wie eine Mutter dem bettelnden Kinde das Stückehen Kuchen, nur, um uns loszuwerden.« »Das Schicksal ist kein launisches Weib, sondern ein harter felsenherziger Gott, und wenn wir etwas von ihm haben wollen, müssen wir es ihm abtrotzen.« »Das ist es für euch Männer, und vielleicht ist es gut, daß dem so ist – ihr würdet sonst zu übermütig. Wir Frauen aber – du lieber Himmel, was sollte aus uns werden, wenn wir uns das bißchen Glück ertrotzen sollten. Wir legen uns lieber aufs Bitten und Betteln, und wenn wir eben alle Hoffnung aufgeben wollen und ganz am Glück verzweifeln – dann, gerade dann – sehen Sie, da kommt der Baumann und mit ihm die Aussicht auf unser Vesperbrot.« Die Tür öffnete sich und die Gestalt eines langen, hagern Mannes, dessen altem, runzligem Gesichte mit den buschigen Augenbrauen eine tiefe Narbe, die über die kahle Stirn am Auge vorbei bis tief in die Wange lief, und ein langer eisgrauer Schnurrbart etwas ungemein Martialisches gaben, erschien auf der Schwelle. »Gnädige Frau?« sagte er mit einer Stimme, die aus einer tiefen Höhle zu kommen schien. »Ach, Baumann, es sind wohl außer Ihm alle ausgegangen?« »Zu Befehl.« »Das habe ich aber gar nicht befohlen. Wo ist die Mamsell?« »Drüben in Faschwitz.« »Und der Johann?« »Bei Försters.« »Und die Mädchen?« »Im Dorf.« »Bester Baumann, wir möchten gern etwas Abendbrot haben.« »Zu Befehl.« »Kann Er uns denn etwas verschaffen?« »Schwerlich.« »Oder wenigstens den Speisekammerschlüssel auftreiben?« »Wird sich kaum bewerkstelligen lassen.« »Lieber guter Baumann, seh' Er doch einmal zu, was sich tun läßt.« »Zu Befehl.« Damit machte die seltsame Gestalt kehrt und marschierte wieder zur Tür hinaus. »Nun, was sagen Sie zu meinem maître d'hôtel?« »Daß der Mann auf jeden Fall ein Original ist; aber weshalb hat er mich so unverwandt mit seinen alten, klugen Augen angesehen?« Melitta lachte. »Sie müssen wissen, daß der alte Baumann schon Diener bei meinem Vater war, in dessen Regiment er die Feldzüge gegen Napoleon mitmachte. Er hat mich, als ich ein Kind war, auf seinen Knien geschaukelt, mich nimmer seitdem verlassen und wird mich nicht verlassen, bis ich sterbe oder er stirbt. Zweimal hat er mir das Leben gerettet und, ohne daß ich es wollte oder wußte, im stillen jeden Schmerz mit mir geteilt, ich möchte sagen, auch jede Freude. Wenn ich zu ihm spräche: Baumann, Er muß morgen für mich nach Australien reisen, so würde er sagen: Zu Befehl! würde über Nacht seine Sachen packen und vor Sonnenaufgang schon unterwegs sein; und wenn ich sagte: Es ist nicht anders, Baumann, Er muß für mich sterben, so und so – er würde sagen: Zu Befehl! und nicht mit den grauen Wimpern zucken; aber wenn ich zu ihm sagen würde: Hören Sie, Baumann, statt: Höre Er, Baumann – so würde er das für eine Aufkündigung unserer Freundschaft halten. Jetzt ist er böse, daß ich ihm nicht gesagt habe, wer Sie sind. Weiß er das, und weiß er, daß ich Sie gern bei mir sehe, dann ist er zufrieden. Nun passen Sie auf, was geschieht. Er kommt zurück und sagt uns, daß er schlechterdings nichts für uns tun könne. Darauf gebe ich ihm die gewünschte Auskunft und mache Miene, selber zu gehen. Dann wird Friede geschlossen. Sie müssen ihn aber gütig ansehen, wenn ich von Ihnen zu ihm spreche.« »Keine Sorge, gnädige Frau. Ich will so freundlich und mild lächeln wie ein Engel von Guido Reni.« Abermals öffnete sich die Tür. Der alte Diener erschien, marschierte in das Gemach, blieb genau auf demselben Platze wie das erstemal stehen und sagte, wiederum Oswald fixierend: »Keine Menschenmöglichkeit nicht, gnädige Frau.« »Aber Baumann, das ist ja jammerschade. Der Herr Doktor Stein ist eigens aus Grenwitz, und noch dazu zu Fuß herübergekommen, um mit Herrn Bemperlein über Julius zu sprechen. Und nun sind die beiden fortgefahren, und wir können ihm nicht einen Bissen, nicht ein Glas Wein vorsetzen; und ich selbst habe heute Mittag, wie Er selbst gesehen hat, gar nichts gegessen und komme nun bald um vor Hunger.« Oswald mußte sich sehr zusammennehmen, daß sich das ihm anbefohlene Lächeln nicht in ein schallendes Gelächter verwandelte, als er sah, wie die Miene des alten Mannes bei jedem Worte, das Melitta sprach, heller und heller wurde, wie er den vorher auf den Gast fixierten Blick von diesem zu jener, von jener zu diesem wandte, als wollte er sagen: Na, seht ihr, junges Volk, daß ihr ohne den alten Baumann nicht fertig werden könnt! und zuletzt sagte: »Nun, was den Kellerschlüssel anbetrifft, so habe ich selbigen wie immer in meiner Tasche, gnädige Frau.« »Ja, das ist ja auch wahr, und wie ist es mit dem Speisekammerschlüssel?« »Eine Menschenmöglichkeit ist es noch, daß Mamsell ihn wieder unter den Abstreicher gelegt hat, trotzdem ich sie schon oft dieserhalb verwarnt habe.« »Will Er denn einmal nachsehen, Baumann?« »Zu Befehl.« Sobald sich die Tür hinter dem alten Manne geschlossen hatte, warf sich Melitta lachend in einen Schaukelstuhl. »Habe ich es nicht gesagt?« rief sie, sich hin und her wiegend, lustig wie ein Kind, das seinen Willen durchgesetzt hat. »Habe ich es nicht gesagt?« Oswald hatte sich ihr gegenüber an den großen runden Tisch gesetzt, auf dem ein aufgeschlagenes Album und allerlei Zeichenmaterialien lagen. Seine Hand spielte mit einer Bleifeder, während er Melitta, in Gedanken verloren, anschaute. »Wollen Sie mich zeichnen?« »Ich wollte, ich könnte.« »Warum nicht, da liegt mein Album.« »Das hilft mir nichts. Lehren Sie mich erst die Kunst, unmittelbar mit den Augen malen zu können.« »Sehen Sie, das ist gerade, was ich immer wünsche. Wie oft, wenn mich eine Landschaft, eine Gestalt, ein Gesicht interessieren, denke ich: Jetzt mußt du's treffen; und will ich nun auf das Papier bannen, was mir so klar vor den Augen steht, wird's eine Stümperei.« »Ich bin überzeugt, Ihr Album wird das Gegenteil beweisen; darf man es besehen?« »Nein, man darf es nicht; aber Sie dürfen es. Im Grunde hat es nur Wert für mich; denn für mich steht nicht nur das darin, was ich gezeichnet habe, sondern auch, was ich habe zeichnen wollen. Überdies ist mir mein Album eine Art Tagebuch. Dieses hier werde ich kurz vor meiner italienischen Reise angefangen haben.« »So waren Sie in Italien?« »Vor zwei Jahren mit meinem Vetter Barnewitz und seiner Frau. Ich wollte, Sie wären auch von der Partie gewesen; einmal ihrethalben, denn Sie sind es wert, Italien zu sehen, und sodann meinethalben, die ich dann hoffentlich nicht allein oder in Begleitung von Wachspuppen durch die herrlichsten Gegenden und die reichsten Galerien hätte wandern müssen. Damals wie stets war es das Album, dessen geduldigem Papier ich alles sagte, was sonst niemand hören wollte.« Melitta hatte sich erhoben und sich neben Oswald gestellt, der aufstehen wollte, ihr einen Stuhl heranzurücken. Sie aber, ihn daran zu verhindern, legte die Hand leicht auf seinen Arm und ließ sie dort ein paar Augenblicke ruhen – ein paar Augenblicke, und doch lange genug, daß Oswalds Hand zitterte und seine Stimme bebte, als er jetzt, die ersten Blätter umwendend, sagte: »Diese Skizzen sind noch vor der italienischen Reise gezeichnet. Hier ist der geheimnisvolle Teich, an dessen Rand ich heute Nachmittag geschlafen und geträumt habe.« »Sie haben mir noch nicht erzählt, was Sie geträumt haben.« »Doch, ich sagte Ihnen ja; süßes, närrisches Zeug.« »Von einer Dame natürlich?« »Ja.« »So wäre es indiskret, mehr wissen zu wollen.« »Ach, wie reizend!« rief Oswald, als er das nächste Blatt umschlug. »Wie heimlich versteckt liegt dieses Häuschen im Walde! Gleich treuen Riesenwächtern umstehen es die alten Fichten. Wie eine schützende Gottheit breitet die Buche ihre mächtigen Äste darüber hin. Als wollten sie sagen: Du bist unser! klettern die Schlingpflanzen daran hinauf und schaukeln sich vor den niedrigen Fenstern. Und wie träumerisch schleicht der Bach zwischen hohen Binsen und Farrenkräutern hier durch die saftige Wiese in Vordergrund! – Das ist wunderschön gedacht«, sagte Oswald, von dem Blatt zu Melitta emporblickend. »Und weil Sie alles so hübsch nachempfunden haben, so will ich Sie noch heute an Ort und Stelle führen.« »Wie? So ist dies keine Phantasie?« »Bewahre! Höchstens die Enten hier, die sich vor dem Habicht in die Binsen ducken. Das Bächlein ist der Abfluß Ihres geheimnisvollen Sees im Walde.« »Also nur eine Fortsetzung meines Traumes«, sagte Oswald weiterblätternd. Ein loses Blatt kam ihm zunächst in die Hände. Der Kopf eines Mannes im Profil war in schönen, kühnen Linien darauf gezeichnet. In einer Ecke standen die Buchstaben A. v. O. und ein Datum. »Das Blatt wird verlorengehen«, sagte Oswald. »Mag es!« antwortete Melitta. Der Ton, in welchem sie diese beiden Worte sprach, war so eigentümlich, so ganz ohne die gewöhnliche Süßigkeit ihrer Stimme, daß Oswald unwillkürlich zu ihr aufschaute. Er sah, daß ihre schönen Brauen wie im Schmerz zusammengezogen waren und ihre Lippen zuckten. Er senkte sogleich seinen Blick und wollte das Blatt umschlagen. Melitta legte ihre Hand auf seinen Arm und sagte leise: »Wie finden Sie den Kopf?« Ein Sturm brauste durch Oswalds Seele. Er hätte sich von dem Sessel zu Melittas Füßen werfen und ausrufen mögen: Ich liebe dich ja, Melitta! Wie kannst du mein Urteil hören wollen über den Mann, den du geliebt hast, vielleicht noch liebst... Aber er bezwang sich und sagte mit scheinbarer Ruhe: »Es ist der Kopf eines Mannes, auf den mir Tassos Worte zu passen scheinen: Und haben alle Götter sich vereinigt, An seiner Wiege Gaben darzubringen, Die Grazien sind leider ausgeblieben – Dieser Mann wird niemals glücklich sein, weil er niemals wird glücklich sein wollen.« »Und darum«, sagte Melitta, »ist dieser Mann aus meinem Leben losgelöst, wie dies Blatt aus dem Album. Wenn man die Erinnerung töten könnte, wie man ein Blatt vernichten kann, so läge es nicht mehr hier. Da das aber nicht geht, so mag es bleiben, wo es ist. Weiter!« Der Sturm in Oswalds Seele war vorübergebraust. Wie lindes Wehen des Frühlings überkam ihn der Gedanke: Sie könnte und würde dir das nicht sagen, wenn sie dich nicht ihres Vertrauens und ihrer Freundschaft für würdig erachtete. Und ein Gefühl unsäglichen Glücks durchbebte ihn bei diesem Gedanken. In dieser seligen Stimmung durchmusterte er die folgenden Blätter, die Melitta auf ihrer italienischen Reise gezeichnet hatte: Landschaften mit heiteren klaren Linien, Skizzen aus Städten: Paläste, Straßen, Ruinen, zwischendurch ein keckes Lazzaronigesicht oder ein träumerisches Mädchenantlitz. Dann folgten Studien nach der Antike, zum Teil sehr fleißige Studien, denn manches war wieder und wieder gezeichnet, bevor es dem regen Schönheitssinn Melittas genügt hatte. Besonders schön war der Kopf der Venus von Milo. Auf einem der nächsten Blätter war die ganze Gestalt. »Wo haben Sie das gezeichnet?« fragte Oswald. »Doch unmöglich nach einer Kopie?« »Nein, nach dem Original selbst. Ich war damals in Italien eine halbe Katholikin geworden, und als ich in Paris im Louvre die hohe Gestalt sah, da sagte ich zu mir: Diese oder keine ist deine Heilige. Oh, Sie glauben nicht, wie schön sie ist! Wie schön und wie gut! Und dieser Ausdruck himmlischer Güte, den die Milonische Venus nicht nur vor allen anderen Venusbildern, sondern auch vor sämtlichen antiken Köpfen voraushatte, rührte mich fast noch mehr als ihre göttliche Schönheit. Vor der Milonischen Venus habe ich es zum ersten Male begriffen, wie es möglich sei, vor einem Bilde, das Menschenhand geschaffen, zu beten, aufrichtig, inbrünstig zu beten. Warum stützen Sie den Kopf so nachdenklich in die Hand? Hier, nehmen Sie diesen Bleistift und schreiben Sie mir unter das Bild, was Sie eben gedichtet haben; denn ich habe es Ihnen angesehen, daß Sie Verse machten.« Oswald nahm den Griffel, den ihm Melitta halb im Scherz und halb im Ernst bot, und schrieb, während die schöne Frau ihm über die Schulter blickte, mit zitternder Hand: Fern zu Paris, im hohen Louvresaale, Inmitten all der göttlichen Gestalten, Der marmorschönen, ach und marmorkalten, Da thront sie hoch auf dem Piedestale; Sie, die im stillverschwieg'nen Bergestale, Als träumerisch die duft'gen Nebel wallten, Anchises einst in seinem Arm gehalten, Bis sie entschwand im ersten Morgenstrahle. Die Göttin starb. Man fand die schöne Leiche Und trug sie still in heil'ge Tempelhallen; So herrscht die Tote nun im Totenreiche. Und, keinem, keinem von den Gläub'gen allen Neigt gütig sie das Angesicht, das bleiche; Taub bleibt ihr Ohr für frommer Beter Lallen. Oswald legte den Griffel aus der Hand und schaute zu Melitta empor. Sein Blick begegnete dem ihrigen. Für ein paar Momente ruhten ihre Augen ineinander, als ob sie eines in des andern Seele lesen wollten. Da erschien in der Tür zum Nebenzimmer, aus dem man schon seit einiger Zeit das Klappern von Tellern gehört hatte, der alte Baumann mit einer Serviette unter dem Arm und sagte feierlich wie der Komtur im Don Juan: »Gnädige Frau, es ist angerichtet.« »Schnell, kommen Sie, ehe unser Habermus kalt wird«, rief Melitta. »Nur noch die paar Blätter erlauben Sie«, sagte Oswald »ich sehe, es ist gleich zu Ende.« »Es ist nichts mehr von Bedeutung darin«, sagte Melitta fast ungeduldig. »Ei, da ist ja der Park von Grenwitz«, rief Oswald, indem er, vom Sessel sich erhebend, das letzte Blatt aufschlug. »Der Rasenplatz hinter dem Schlosse. Hier die Flora, dort Bruno im vollen Lauf –« »Und hier sind Sie!« »Wo?« »Dort.« »Dieser Nebelstreif?« sagte Oswald, auf eine Stelle rechts neben der Flora deutend, wo man von einer Figur, die mit Gummi wieder weggewischt war, noch eben die Umrisse erkennen konnte. »Dieser Nebelstreif!« antwortete Melitta lachend. »Ich wollte Sie erst in Ihrer wirklichen Gestalt zeichnen, konnte aber nicht damit zustande kommen. Jetzt sollen Sie als Erlkönig figurieren, der den Knaben Bruno hascht; das heißt Brunos Leib, denn seine Seele gehört Ihnen schon. Wie haben Sie es nur angefangen, den jungen Leoparden in den paar Tagen vollständig zu zähmen?« »Durch ein bißchen aufrichtige Liebe. Shakespeare nennt als untrügliches Mittel, die Menschen zu fangen, die Schmeichelei; ich finde, daß die Liebe ein noch viel sicheres und dabei viel edleres ist.« »Und ist nicht die Liebe die größte Schmeichelei!« So sprachen Oswald und Melitta, während sie in das Nebenzimmer gingen, ein hohes, schönes, mit altertümlichen Möbeln ausgestattetes Gemach, in dessen Mitte auf einem runden Tischchen allerlei Erfrischungen gar einladend serviert waren. Hinter dem einen der reichgeschnitzten, hochlehnigen Stühle stand kerzengerade, die Serviette unter dem Arm, der alte Baumann, einer Anerkennung seiner ausgezeichneten Verdienste und fernerer Befehle gewärtig. »Nun, was bietet uns denn unser Tischlein-decke-dich?« sagte Melitta, sich setzend, und Oswald mit einer Handbewegung einladend, ihrem Beispiele zu folgen. »Kalten Braten – Eingemachtes – ganz charmant, Baumann! Mamsell wird sich ärgern, daß wir ohne sie fertig geworden sind.« »Mamsell ist vor einigen Minuten von Faschwitz retourniert«, sagte Baumann, der an einem Nebentisch eine Flasche entkorkte. »Ich wette, sie ist gar nicht fortgewesen«, flüsterte Melitta lächelnd Oswald zu. »Was haben wir denn für unseren Gast zum Trinken, Baumann?« »Steinberger Kabinett, zweiundvierziger«, sagte Baumann, Oswalds Glas mit dem goldigen Weine füllend. »Und für mich?« »Frisches Brunnenwasser, etwa mit Himbeersaft«, antwortete Baumann kaltblütig, die Flasche mit dem Stöpsel darauf vor Oswald hinstellend. »Damit bin ich heute schlechterdings nicht zufrieden, Baumann! Wie steht es denn mit unserm Champagner?« »Rein alle, gnädige Frau.« »Aber wir haben ja doch neulich erst eine Kiste bekommen?« »Steht noch nietennagelfest im Keller.« »Ach, das ist ja jammerschade«, klagte Melitta.«Und ich komme fast um vor Durst, und muß nun gerade heute ein solches Verlangen nach Champagner haben.« »Nu, nu«, tröstete Baumann, »wird sich ja noch bewerkstelligen lassen.« Damit schritt er zur Tür hinaus. »Sehen Sie, so muß ich mir in meinem eigenen Hause alles zusammenbetteln«, sagte Melitta, »aber Sie essen ja nicht! Und was für ein Stück Sie sich da genommen haben! Das schlechteste auf dem ganzen Teller. Gott, was seid ihr Männer doch für hilflose, unpraktische Geschöpfe! Ich merke schon, daß ich für Sie sorgen muß.« Und sie begann, trotz Oswalds Versicherung, daß er gar keinen Hunger habe, seinen Teller mit dem Besten, was sie auf dem Tisch entdecken konnte, zu füllen. »Es schmeckt Ihnen nicht«, sagte sie endlich fast traurig, als sie sah, daß der junge Mann selbst jetzt die Speisen kaum berührte. »Sie sind krank?« »Ich befand mich im Leben nicht wohler. Aber sind Sie nie in der Stimmung gewesen, wo man Essen und Trinken für das Überflüssigste von der Welt, und die himmlischen Götter selbst, die doch noch des Nektars und der Ambrosia bedurften, für sehr armselige Götter hält?« »O gewiß kenne ich solche Stimmungen«, antwortete Melitta, »genauso war mir zumute, als ich von meiner Tante zum erstenmal auf den Ball geführt wurde. Aber das ist lange, undenkbar lange her; seitdem hat meine Stimmung, soviel ich weiß, mit meinem Appetit nie wieder etwas zu tun gehabt.« Trotz dieser Prahlerei indessen blieb auch für Melitta außer ein paar eingemachten Früchten alles auf der Tafel Schaugericht. Das süße Feuer, das ihren Busen höher wallen und ihre schönen Augen in noch zärtlicherem Lichte strahlen machte, bedurfte zu seiner Nahrung nicht der Gaben der Ceres. Zum ersten Male an diesem Nachmittag geriet das Gespräch ins Stocken. Von dem, was ihre Herzen zum Zerspringen füllte, wagte keiner zu sprechen; und alles sonst erschien so gleichgültig, so nüchtern! Eine Verlegenheit, die sie vergebens hinter dem Anschein der Unbefangenheit zu verbergen sich bemühten, überkam sie. Beide fühlten, wie eine starke, unsichtbare Hand ihnen die Masken, mit denen wir auf dem Karneval des Lebens unsere wahren Gesichter voreinander verhüllen, langsam, langsam abstreifte. Aus dieser wunderlichen Lage erlöste sie der alte Baumann, der jetzt das närrische Kind der Champagne in seiner silbernen, mit Eis gefüllten Wiege herbeibrachte und vor Oswald auf den Tisch stellte. Wie er es in den wenigen Minuten bewerkstelligen konnte, aus dem tiefen Keller und der nietennagelfesten Kiste das Gewünschte herbeizuschaffen, war eines der Rätsel, in die sich der gute alte Mann zu hüllen liebte, und die er für jedes sterbliche Auge undurchdringlich hielt. Mit kunstgerechter Hand die Flasche entkorkend, füllte er den perlenden Wein in die langen, zierlichen Kelche, die er vom Büfett genommen, und schaute, wohlgefällig lächelnd, zu, wie seine Herrin fast gierig den süßen Trank schlürfte und ihm das geleerte Glas hinhaltend rief: »Encore, Baumann! Und schenke Er sich auch ein Glas ein und trinke Er es auf das Wohl unseres Gastes!« Der alte Diener tat, wie ihm geheißen; füllte sich am Büfett ein Glas und dann, auf zwei Schritt an den Tisch herantretend, rief er: »Zuerst auf Ihr Wohl, gnädige Frau! Denn das geht mir doch über alles. Und möge der liebe Gott Ihre Augen allezeit so fröhlich blicken lassen, wie zu dieser Stunde! Und sodann auf Ihr Wohl, junger Herr! Und möge der Himmel Ihren Eingang in dieses Haus gesegnen, daß nichts als Frieden und Freude daraus komme. Und das wünscht Ihnen der alte Baumann!« So sprach er und leerte langsam das Glas, den Kopf zurückbiegend, bis sein Auge auf den pausbäckigen Engelskopf in der Stukkatur der Decke gerade über seinem Scheitel traf; und das geleerte Glas dann wieder auf das Büfett setzend, trat er ans Fenster, dem Paar den Rücken zuwendend, wie um die Unterhaltung nicht weiter zu stören. Die Gegenwart des alten Dieners und der belebende Wein hatten ihre Zungen wieder gelöst und ihre Blicke kühner gemacht. Sie schwatzten, scheinbar unbefangen, über allerlei gleichgültige Dinge, bis Oswald Melitta an ihr Versprechen, ihn noch heute nach dem Häuschen im Walde zu führen, erinnerte. »Habe ich Ihnen das versprochen?« sagte Melitta. »Nun so muß ich es auch wohl tun, obgleich es mir beinahe jetzt leid ist, denn Sie glauben nicht an meine Heilige und sind deshalb nicht würdig, ihre Kapelle zu betreten.« »Ihre Heilige?« »Die hohe Frau von Milo. Ich muß Ihnen jetzt auch nur erzählen, wie weit meine Schwärmerei für die Göttliche ging. Nach meiner Rückkehr verfolgte mich die Erinnerung an das schöne Bild im Louvre so, daß ich nicht ruhte, bis ich mir von Paris mit nicht geringen Kosten eine ausgezeichnete Kopie verschafft hatte. Weil ich aber nicht wagte, meine Heilige hier im Hause aufzustellen, brachte ich sie nach dem Häuschen im Walde, das so meine Waldkapelle wurde, zu der ich jedesmal, wenn Besuch in Berkow ist, den Schlüssel verloren habe; und wo ich oft ganze Tage und Nächte zubringe, wenn die dummen Menschen mich einmal mehr als gewöhnlich geärgert haben, und ich, da ich keine Gesellschaft haben kann, wie ich sie wünsche, wenigstens ganz einsam sein will.« »Und da machen Sie dann mit dem Harfner im Wilhelm Meister die traurige Erfahrung, daß, wer sich der Einsamkeit ergibt, bald allein ist; aber Ihnen hätte ich solche hypochondrische Grillen am wenigsten zugetraut.« »Warum nicht mir?« »Weil Sie so gut und so heiter blicken – blicken können.« »Und wissen Sie nicht, daß gerade die heitern Augen am leichtesten weinen?« »Ich möchte Sie um alles in der Welt nicht weinen sehen; ich glaube, das könnte mir das Leben auf immerdar verleiden.« Und wieder ruhten ihre Blicke ineinander, und ihre Seelen küßten sich. »Nun denn, so kommen Sie!« sagte Melitta. »Es zieht ein Gewitter herauf«, bemerkte der alte Baumann vom Fenster her, ohne sich umzuwenden. »Bis es herauf ist, sind wir längst drüben«, sagte Melitta, die sich schon erhoben hatte. »Und wenn Sie sich vor einem Gewitter nicht mehr fürchten als ich – oder fürchten Sie sich vor einem Gewitter? Oswald lächelte. »So soll uns das wahrlich nicht abhalten. Übrigens sehe ich vom Gewitter keine Spur«, sagte sie schon an der Tür des Gartensaales. In diesem Augenblick zog ein blauer Schatten über den Garten, und eine Schar Schwalben schoß zirpend und schreiend dicht über die Erde streifend an der Tür vorbei. »Wollen wir doch lieber bleiben?« sagte Melitta, die schon den Fuß über die Schwelle gesetzt hatte, zu Oswald zurückgewandt. »Ich fürchte mich nicht vor dem Gewitter«, antwortete Oswald, nicht nach dem Himmel, sondern in ihre Augen blickend. »Und im Walde ist es gerade am schönsten im Sturm und Gewitter!« rief Melitta. »Adieu Baumann! Wenn der Wagen von Grenwitz kommt, schicke Er ihn nach der Försterei. Der Kutscher soll sich im Waldhäuschen melden.« Baumann schaute den Enteilenden nach, bis Melittas weißes Kleid zwischen den Büschen verschwunden war. Wer ihn so auf der Schwelle des Hauses stehen sah, den alten, hohen Mann mit dem weißen Bart und dem narbenvollen Gesicht, die noch immer starken Arme über der treuen Brust verschränkt und die klugen, treuen Augen nachdenklich in die Ferne gerichtet – der mochte wohl denken, daß ein besserer Wächter nicht könnte gefunden werden. Aber ach, das Haus war leer; die geliebte Herrin war davongeeilt, hinein in den gewitterschwülen Abend mit dem Fremden, dem Manne, den sie seit gestern kannte. Und er, der treue Diener, seufzte tief, während er mit gesenktem Haupte durch den Saal in das Eßzimmer zurückschritt und langsam den Tisch abzuräumen begann. »Die guten Gottesgaben kaum berührt«, murmelte er, »das gefällt mir nicht. Wenn junges Volk keinen Hunger im Magen hat, hat es Narrenspossen im Kopf. Und an dem Wein haben sie auch nur genippt. Da steht die Flasche noch halb voll – und morgen ist er nicht mehr zu trinken... morgen...« Der alte Mann setzte sich an den Tisch und stützte sein sorgenvolles, graues Haupt auf die runzlige Hand. Aber an morgen denkt das junge Volk nicht. Morgen ist der junge Mann mit seiner weichen Stimme und seinen großen blauen Augen wieder in Grenwitz, und wer weiß, wo er übermorgen ist. Aber der alte Baumann ist hier morgen und übermorgen; und wenn die Gäste fort sind, sieht das Haus ganz anders aus, und beim Auskehren da findet es sich... Ja, ja, der alte Baumann sieht, was die andern nicht sehen, und hört, was die andern nicht hören. – Ach, Baumann, ich wollte, ich wäre tot! Ach, Baumann, warum hat Er mich damals aus dem Feuer getragen! – Jetzt sagt sie: Ich fürchte mich nicht vor dem Gewitter und: Schicke Er uns nur den Wagen nach, Baumann! Hm, hm! Ich hätte sie beiseite nehmen sollen und zu ihr sagen: Höre Kind, so und so! Denke an das und das!... Aber wenn ich die Kleine so glücklich sehe, so fröhlich wie damals, als ich sie zuerst auf dem Pony reiten sah, ein zwölfjähriges Ding, und sie sagte: Bitte, bitte, lieber Baumann, nun laß Er uns noch einmal ordentlich jagen, da konnte ich auch nicht nein sagen, und fort ging es, was die Tiere laufen wollten. Gerade so große, strahlende Augen hatte sie heute abend wieder, und gerade so rosig und frisch sah sie wieder aus. Das arme, arme Kind... Ja so, du wolltest ja nachsehen, ob oben die Fenster alle ordentlich schließen, es ist von wegen des Gewitters. Vierzehntes Kapitel Fröhlich wie Kinder aus der Schule eilten Oswald und Melitta aus dem Hause durch die grünen Laubgänge des Gartens nach der Pforte, die da hinaus auf die Wiese führte. Hinter der allmählich ansteigenden Wiese ragte der Wald. Gleich neben der Pforte und ein Stück im Garten hin lag ein halb versumpfter, hie und da am Rande mit Weiden besetzter Teich, da sich das Wasser des Waldbaches an dieser tiefer gelegenen Stelle abermals staute, um dann an dem Gutshof vorüber und hernach durch das Dorf lustig hinabzuplätschern. Auch die Wiese war schon zum Teil versumpft, mochte auch wohl im Frühjahr ganz unter Wasser stehen; jetzt dienten große Steine als rohe Brücken über gar zu nasse Stellen. »Der Weg ist für Stadtherrn ein wenig sehr ländlich, nicht wahr, Herr Doktor?« sagte Melitta, leicht wie eine Gazelle von Stein zu Stein hüpfend. »Wir Naturkinder freilich sind an dergleichen gewöhnt. Ich hätte Sie auch den längern Weg durch den Park und den Wald führen können; aber Sie müssen Berkow auch von seiner Schattenseite kennenlernen.« »Nun wahrlich, gnädige Frau, wenn dies eine Schattenseite von Berkow ist, so verlangt mich nicht nach den Sonnenseiten«, sagte Oswald lächelnd, indem er auf einem der Blöcke stehenblieb und seinen Hut abnahm, um sich den Schweiß von der Stirn zu wischen; denn die Luft war schwül, der blaue Schalten war vorübergezogen, die am Rande des Holzes stehende Sonne schoß glühende Strahlen, und sie waren schnell gegangen. »Schon müde?« sagte Melitta, ebenfalls stehenbleibend und sich den Hut abnehmend, um ihr reiches, braunes Haar nach hinten zu schütteln. »Kommen Sie, je schneller wir laufen, desto früher kommen wir in den schattigen Wald. Ich zähle eins, zwei, drei – und wer zuerst ankommt –« »Nun?« »Das wird sich finden. Eins, zwei drei – oh –« Melitta war von dem Stein, auf welchem sie stand, auf einen anderen, niedrigeren gesprungen, und sank mit einem Ausruf des Schmerzes in die Knie. Im Nu war Oswald an ihrer Seite. »Mein Gott, was ist Ihnen, gnädige Frau?« »Oh, nichts, nichts! Ich habe mir im Springen den Fuß etwas vertreten, es wird gleich besser sein.« Sie stützte sich auf Oswalds Arm; blaß und vor Schmerz die Unterlippe zwischen den Zähnen pressend. Aber die Farbe kam ihr wieder, als sie zu Oswald aufschaute. »Seien Sie unbesorgt«, sagte sie – und ihre Stimme klang süßer als je – »Ihre Wette haben Sie doch gewonnen. So, jetzt wird es schon wieder gehen!« Sie wollte ihren Arm aus Oswalds Arme ziehen; aber er mochte die schöne Beute nicht so bald wieder fahrenlassen. »Sie können, ohne sich zu stützen, noch nicht gehen, und mißgönnen Sie mir die Freude, Ihnen diesen geringen Dienst leisten zu dürfen?« »Ich fürchte nur, der Weg ist bei der Sonnenglut für Sie selbst beschwerlich genug. Oh!« Ein falscher Tritt ließ Melitta abermals zusammensinken. »Wir werden stehenbleiben müssen«, sagte sie. »Ich will Sie die paar Schritte bis an den Wald hinauftragen; Sie können sich da wenigstens im Schatten ausruhen.« Melitta lächelte. »Ich bin nicht so leicht wie eine Puppe.« »Und ich nicht so schwach wie ein zehnjähriges Mädchen«, rief Oswald, umfaßte Melittas schlanken Leib und sie emporhebend, trug er sie sicher wie die Mutter ihr Kind über die letzten Steine hinauf bis an den Waldrand, wo die breiten Kronen der Buchen Schatten und Kühlung spendeten. Dort ließ er sie sanft aus seinen Armen auf das dichte Moos gleiten, indem er selbst vor ihr stehen blieb. Melitta hatte sich von dem Augenblicke an, wo der kühne junge Mann sie emporhob, nicht weiter gesträubt; sie fühlte alsbald, daß er stark genug sei, sie zu tragen; aber sie hielt es für töricht, ihm die Last nicht soviel wie möglich zu erleichtern und hatte sich dicht in seine Arme geschmiegt. »Wie stark Sie sind«, sagte sie jetzt, bewundernd zu ihm aufschauend. Oswalds Herz hämmerte und seine Brust wogte, mehr vor innerer Erregung als infolge der Anstrengung. Er fühlte noch immer die elastischen Glieder, die er in seine Arme gepreßt, das weiche Haar, das sein Gesicht umspielt, den süßen Atem, der seine Stirn umweht hatte. »Unter solchen Umständen wäre es eine Kunst, nicht stark zu sein«, antwortete er. »Aber angegriffen hat es Sie doch, gestehen Sie es nur. Kommen Sie und setzen Sie sich zu mir; auf diesem Moossofa ist Platz für mehr als zwei.« Oswald ließ sich neben Melitta, die sich an den Stamm der Buche lehnte, in das weiche Moos sinken, stützte den Kopf auf den Arm und schaute sinnend empor in ihr heiteres Antlitz. – Nahte sich der Traum am Sumpfesrand der Erfüllung? Wird sich das liebe, holde Gesicht zu ihm niederbeugen und ihn küssen, wie die Traumgestalt? Oder ist dies wieder ein Traum?... Es überkam Oswald das wunderliche Gefühl, als habe er dies alles schon einmal erlebt; als kenne er diesen Platz: hier den dunklen Hochwald, aus dem das Klopfen eines Spechtes ertönte – vor ihm die Wiese, über deren langes Gras rote Abendlichter wogten, – drüben den stillen Garten, aus dessen grünem Revier Melittas graues Schloß hervorragte – seit vielen, vielen Jahren; – als habe er Melitta selbst in seinem früheren Leben oft gesehen, als Knabe schon, wenn er sich recht tief in ein schönes, lauschiges Märchen hineingelesen hatte, so daß zuletzt die holde Prinzessin ordentlich leibhaftig vor ihm stand... und auch Melitta mußte Ähnliches empfinden, denn vollkommen unbefangen, als wäre er ihr Bruder oder Gatte, nahm sie ihm den Hut vom Haupt und drückte ihm ihr feines, duftendes Taschentuch wiederholt auf die perlende Stirn und die blauen, träumerischen Augen. Oswald ergriff die liebe Hand und preßte sie an seine Lippen. »Die Hand muß ich Ihnen freilich lassen«, sagte er, »aber das Tuch kann ich Ihnen wahrlich nicht wiedergeben.« »So behalten Sie es als Andenken an diese Stunde. Aber jetzt wollen wir weiter. Wir haben bis zur Waldkapelle doch noch eine ziemliche Strecke, und der Himmel sieht in der Tat drohend aus.« Melitta lehnte sich auf Oswalds Arm, als sie jetzt den schmalen Pfad einschlugen, der erst durch Buchen, dann zwischen einer Schonung jungen Laubholzes auf der einen und hochstämmigen Nadelholze auf der andern Seite tiefer in den Wald führte. Die Sonne goß über die niedrigen Büsche fort ihre letzten Strahlen purpurn auf die Wipfel der Tannen; ein Vöglein strömte in weichen, klagenden Tönen, als wenn es Abschied nähme von der Sonne und vom Leben, seine süßen Abendlieder aus. – Dann erlosch die Purpurglut droben, das Vöglein verstummte, und der Schatten wurde düsterer und drohender, und die Stille wurde seltsam unterbrochen von dem Knarren und Stöhnen der Tannenriesen, die ihre starken Glieder reckten und dehnten, als wollten sie prüfen, ob ihre Kraft noch ausreiche, dem Gewittersturm, der über den Wald heraufzog, zu trotzen. Und jetzt begann es in den Büschen unheimlich zu zischeln und zu flüstern, dürres Laub flog, wie in toller Angst, her vor der Windesbraut, die sausend in das Blättermeer schlug, die Kronen der Buchen wie wahnsinnig durcheinanderpeitschte, die hohen Wipfel der Tannen mächtig bog und den Wald bis in die tiefsten Gründe aus seiner Ruhe schreckte. Das fahle Licht eines Blitzes zuckte auf; schon fielen große warme Tropfen durch die Blätter. Melitta hatte sich dicht an Oswald geschmiegt, dessen Herz mit dem Sturm aufjauchzte. Die Geliebte mit dem einen Arm an sich drückend, streckte er wie zum Kampf den andern zum gewitterschwarzen Himmel auf. »Nur zu, nur zu«, murmelte er durch die zusammengepreßten Zähne, »ich fürchte dich nicht!... Wie, gnädige Frau, ist Ihr Mut schon zu Ende? Oh, es ist schön im stürmenden, donnernden Walde!« Melitta sprach kein Wort; die Augen nicht vom Boden erhebend, eilte sie weiter, schneller und immer schneller, bis der Wald sich zu einer weiten Lichtung öffnete; und da lag vor ihnen, in diesem Augenblick von dem rötlichen Lichte eines Blitzes hell erleuchtet, die Waldkapelle. Nur ein paar Schritte noch und sie langten unter dem weit vorspringenden Dache des im Schweizerstil allerliebst ausgeführten Häuschens an. Rasch erstieg Melitta die Stufen, die zu der niedrigen Veranda hinaufführten; sie nahm einen kleinen Schlüssel aus der Tasche ihres Kleides, drehte das Schloß auf, aber, anstatt die Tür zu öffnen, lehnte sie sich zitternd gegen die Pfosten. Sie war bleich; ihre Kraft schien gänzlich erschöpft; sie drückte die Hand auf das Herz. So sah sie Oswald, als er den Blick von der im Regen dampfenden Wiese – ein Anblick, der ihn stets mit einer eigentümlichen Lust erfüllte – zu ihr wendete. »Mein Gott, gnädige Frau, was ist Ihnen? Was haben Sie?« »Oh, nichts, nichts!« sagte sie, beim ersten Ton seiner Stimme sich aufraffend. »Es ist der schnelle Lauf; jetzt ist es schon wieder besser; kommen Sie!« Sie öffnete die Tür und trat ein; Oswald folgte. Aber er fuhr entsetzt zurück, als er in dem mystischen Halbdunkel, das in dem Gemache herrschte, eine hohe weiße Gestalt erblickte, die aus der Wand hervorzuschweben schien. »Was ist das?« rief er im ersten Schrecken. »Was?« sagte Melitta, welche die Fenster öffnete, um die frische Luft in das heiße, blumendufterfüllte Gemach strömen zu lassen. »Die Venus von Milo!« rief Oswald, und ein wollüstiger Schauder durchrieselte ihn. »Meine Heilige! Ich sagte es Ihnen ja. Nun, wie finden Sie die Kapelle?« Es war ein nicht sehr großes, aber verhältnismäßig hohes Gemach; rechts und links je ein Fenster, das auf die Veranda führte, der Tür gegenüber stand in einer Nische auf einem niedrigen Piedestale das Bild der Göttin. Bequeme Gartenstühle, eine Chaiselongue, ein Tisch, auf dem Bücher, Papiere, Zeichenmaterialien, eine angefangene Stickerei, Reitpeitsche und Handschuhe durcheinanderlagen – waren die einfache, schickliche Ausstattung. »Sind Sie sehr naß geworden?« fragte Melitta, ihren Hut auf den Tisch werfend, ohne die Antwort auf ihre vorige Frage abzuwarten. Und dann: »Gehen Sie da vom Fenster fort, Sie werden sich erkälten. Kommen Sie hierher, oder nein, setzen Sie sich auf die Chaiselongue und erholen Sie sich!« Und wieder. »Wenn ich nur etwas für Sie herbeischaffen könnte! – Aber es ist wahr, ich kann ja Tee bereiten. Wo sind nur gleich die Sachen? Hier – nein, dort in dem Schrank.« Das alles sagte sie hastig, wie gedrängt von einer in ihr wühlenden Unruhe, mit raschen, ungleichen Schritten im Gemache hin und her schreitend. Oswald ergriff ihre Hand. »Sorgen Sie nur erst für sich selbst, liebe, gnädige Frau; mir schadet das bißchen Regen wahrlich nichts. Ihr Kleid ist feucht, und ihre dünnen Stiefel sind auch keine Fußbekleidung für das nasse Gras der Wiese.« »Oh, für mich ist leicht Rat geschafft. Ich habe nebenan alles, was ich brauche.« »Nebenan?« »Sagte ich Ihnen nicht, daß ich hier oft selbst die Nächte zubringe? Die Tür dort führt in meine Garderobe.« »So gehen Sie sogleich hinein und kleiden Sie sich um.« Melitta zog ihre Hand aus der des jungen Mannes, und ging, ohne ein Wort zu erwidern, von ihm fort und verschwand durch eine Tür, die sich neben der Statue befand und die Oswald jetzt zum ersten Male bemerkte. Er warf sich in einen der Lehnstühle und stützte den Kopf in die Hand; dann sprang er wieder auf, lehnte sich ins Fenster und starrte mit düsteren Augen hinein in den Sturm und Regen; dann ging er mit hastigen Schritten in dem Gemache auf und ab; endlich warf er sich vor dem Piedestale der Göttin nieder und legte seine heiße Stirn auf ihre Marmorfüße. Das Rauschen eines Gewandes dicht neben ihm schreckte ihn aus seinem Fiebertraum. »Melitta!« rief er mit Tränen der Wonne im Auge zu ihr aufschauend. »Melitta!« Sie beugte sich zu ihm nieder und küßte ihn zärtlich auf die Stirn; dann aber eilte sie von ihm fort, warf sich in einen der Lehnstühle und schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Oswald fiel vor ihr nieder; er umfaßte ihre Knie; er drückte sein glühendes Gesicht in ihren Schoß; er küßte ihr Gewand, ihre Hände. »Melitta! Süße, Holde, weine nicht! Wie kannst du weinen, da du mich so namenlos glücklich machst! Melitta, liebe, liebe Melitta! Deine Tränen töten mich. Nimm lieber mein Herzblut, Tropfen für Tropfen. Mein Blut, mein Leben, meine Seele sind ja dein! Melitta, für diesen Augenblick will ich dir ewig danken, hörst du, Melitta, ewig –« »Um Gottes willen, schwöre nicht!« rief Melitta, auffahrend und ihm die Hand auf den Mund legend. Dann ergriff sie seinen Kopf und küßte ihn leidenschaftlich auf Stirn und Augen und Mund. Und wieder sprang sie empor und eilte, wie von Dämonen verfolgt, in dem Gemache auf und ab. »Oh, mein Gott, mein Gott!« rief sie, die Hände ringend. Sie eilte auf die Tür zu, als wollte sie entfliehen, aber, ehe sie dieselbe erreichte, brach sie zusammen. Oswald fing sie in seinen Armen auf; er trug sie nach dem Sofa; er bedeckte ihre kalten Hände, ihre bebenden Lippen mit glühenden Küssen; ein Freudenschrei entrang sich seiner gepreßten Brust, als die starre Gestalt sich endlich wieder zu regen begann. Sie richtete sich halb empor und ihre Augen mit dem Ausdruck unendlicher Liebe auf ihn heftend, sagte sie leise – leise und fest, wie ein Kranker, der seinen Arzt fragt, ob Leben oder Tod das Ende sein wird – »Oswald, höre mich an! Liebst du mich jetzt, in diesem Augenblicke so, wie du glaubst, daß du ein Weib auf Erden lieben kannst?« »Ja, Melitta!« »Nun denn, Oswald, so liebe ich dich – jetzt und immerdar.« Das Gewitter war vorübergebraust; schweigend ruhte der regenerquickte, duftende Wald; und über dem Wald erglänzte aus dem purpurnen Abendhimmel der Venus leuchtender Stern. Fünfzehntes Kapitel Als Oswald am nächsten Morgen nach einem kurzen, unruhigen Schlaf erwachte, war es ihm, als hätte sich ein trüber Lethestrom über die Erinnerungen des vergangenen Tages gewälzt. Was sich ereignet hatte bis zu dem Augenblicke, wo ihm das Venusbild in der dämmrigen Waldkapelle entgegenschwebte – er hatte es vergessen; was nachher geschehen war, als er Melitta, die ihm bis in die Nähe des Wagens durch den Wald das Geleit gegeben, zum letzten Male in seine Arme gepreßt hatte – er wußte es nicht mehr. Aber die Küsse, die er gegeben und empfangen, brannten noch auf seinen Lippen; aber der süße Atem, der sich mit dem seinen vermischt, umkoste ihn noch; aber die liebetiefen Augen, die in den seinen geruht, sie strahlten ihm noch immer. Oh, diese Augen, diese zärtlichkosenden leidenschaftblitzenden Augen! Wie zwei helle Sterne, die selbst das Frührot nicht verlöschen kann, schimmerten sie und leuchteten sie und verfolgten ihn allüberall. Er sah sie, wenn er die eigenen Augen schloß; er sah sie, wenn er aus dem Fenster, in dem er lehnte, in den hellen Morgenhimmel schaute; er sah sie, wenn er den Blick in die blauen Schatten senkte, die zwischen den hohen Bäumen lagen, unten in dem stillen, taufrischen Garten. Es war ihm, als ob er sich totweinen könnte, als ob er laut aufjauchzen müßte vor seligem Schmerz und schmerzlicher Seligkeit, als ob sein ganzes Wesen sich auflösen, wie ein Ton in der Harmonie des Alls verklingen müßte. Daß er einen Körper hatte, erschien ihm wie Hohn. Er schlich sich auf den Fußspitzen in die Kammer der Knaben: Er wollte wenigstens ein liebes Antlitz, Brunos Antlitz sehen. Das erste Frührot drang durch die geschlossenen Gardinen; im Zimmer war es auffallend kühl. Bruno hatte wieder einmal nach seiner Gewohnheit das Fenster die ganze Nacht hindurch offengelassen. Oswald schloß es, denn die Morgenluft wehte herein, und Brunos Gesicht war von einem unruhigen Traum erhitzt. – Wieder lag er da wie in jener Nacht, als Oswald ihn zum erstenmal erblickte – mit über der Brust verschränkten Armen, düstern Trotz auf dem dämonisch schönen Angesicht. Aber als Oswald ihn heute auf die Stirn küßte, öffnete er nicht wie damals die Augen, ihn voll Traumseligkeit anzulächeln; öffnete er nicht wie damals die Lippen, ihm das rührende Wort zuzuflüstern: Ich habe dich lieb! Die dunklen Brauen zogen sich nur noch finsterer zusammen, und schmerzlich zuckte es um den stolzen Mund. – Zu jeder andern Zeit würde Oswald dies für einen Zufall angesehen haben; aber jetzt in seiner augenblicklichen weichen Stimmung schmerzte es ihn innig. – Zürnt er dir noch, dachte er, daß du ihn gestern zu Hause ließest? Ahnt er, daß seit gestern ihm nicht mehr all deine Liebe gehört? Und doch, liebe ich ihn jetzt nicht nur noch mehr? Er streichelte dem Knaben sanft das dunkle Haar aus der finstern Stirn; er hüllte die leichte Decke fester um den schlanken Leib und schlich wieder aus dem Gemach mit viel weniger leichtem Herzen, als er es betreten hatte. Eine bange Ahnung von schwerem Leid, das ihm selbst und Bruno und auch ihr aus all der Himmelslust erwachsen werde, durchbebte ihn. Er eilte in den Garten hinab, um im Freien freier atmen zu können, und schweifte umher in den dunklen Laubengängen und zwischen den Beeten, und schüttelte den Tau von den Zweigen in sein heißes Gesicht und schaute mit den düstern verwachsen Augen in die frommen Kinderaugen der Blumen. – An den Gemüsebeeten fand er den Gärtner beschäftigt. Es war doch wenigstens ein Mensch. Oswald sehnte sich danach, die Stimme eines Menschen zu hören. Er redete den Mann an; er erkundigte sich, was er nie zuvor getan, nach seinen Verhältnissen: Ob er verheiratet sei? Ob er Kinder habe? Ob er die Kinder liebe? Der Mann gab ihm schiefe, halbe Antworten; redseliger wurde er, als er auf seine Pflanzungen zu sprechen kam, die bei dem köstlichen Wetter, wo herrlichster Sonnenschein mit warmem Gewitterregen abwechselte, gar üppig gediehen. Aber Oswald hörte nur mit halbem Ohr hin und verließ plötzlich mit einem flüchtigen Gruße den Alten, der, sich die Mütze aus der Stirn rückend, ihm verwundert nachschaute, mit dem Kopfe schüttelte und wieder zum Spaten griff. – Oswald setzte seine rastlose Wanderung durch den Garten fort, dann aber wurde es ihm auch hier zu eng in dem von dem hohen Walle rings eingeschlossenen Raum. Er eilte aus dem Garten über den Hof in das Feld, aus dem Felde in den Wald, weiter und weiter, dem Brausen entgegen, das zuerst dumpf, dann lauter und lauter an sein Ohr drang. Da trat er heraus aus den Buchen, deren breite Kronen sich über seinem Haupte wölbten, auf das hohe Kreideufer, und weit, unermeßlich lag es vor ihm da, das heilige, ewige Meer. Dort in der Ferne blitzten die weißen Kämme der Wogen auf, die, sich unaufhaltsam heranwälzend, tief unter seinen Füßen zwischen den gewaltigen Steinen des schmalen Strandes mit unaufhörlichem Donner brandeten – Woge auf Woge, immer neue und immer neue, unzählig, sinnverwirrend, wunderbar. Kein Segel war zu sehen in der ungeheuren Runde; nur ganz am Horizont zog eine Rauchsäule von Osten nach Westen. Sie kam aus dem Schlot eines Dampfers, der seine einsame Bahn, wer weiß, woher und wohin, rastlos verfolgte. – Über der schäumenden Brandung unter ihm flatterten weiße Möwen und stürzten sich kreischend in die Salzflut und schwangen sich wieder auf und flatterten wieder hierhin und dorthin. Hoch oben in der blauen Luft zog ein Seeadler seine majestätischen Kreise, höher und immer höher, bis er Oswalds Blicken nur noch als ein schwarzer beweglicher Punkt erschien. – Aber selbst das erhabene Schauspiel des Meeres vermochte heute nicht seine Seele auszufüllen; und wie köstlich sie auch Oswald sonst dünkte, die Musik der Wogen, er hatte vor wenigen Stunden eine köstlichere Musik gehört. Nur den Adler droben beneidete er. Ein Schlag deiner mächtigen Schwingen, und du schwebst über Wälder und Felder fort bis zu Melittas Haus. Er sprang empor, er eilte zurück ins Schloß, hinauf auf die Zinne des Turmes; vielleicht konnte er von dort Melittas Wohnung sehen; und er jauchzte laut auf vor freudiger Überraschung, als er wirklich, den spähenden Blick nach jener Seite richtend, den obersten Giebel ihres Hauses eben noch über den Rand des Waldes emporragen sah. Ein wonnevoller Schauer durchrieselte ihn; es war ihm, als hätte er den Saum ihres Gewandes berührt. Die Zeit, in der Oswald seine Unterrichtsstunden zu beginnen pflegte, war herbeigekommen; er ging in sein Zimmer; er fand die Knaben nicht, die gegen die Gewohnheit noch unten beim Frühstück waren. Sein eigenes Frühstück stand auf dem Tische. Da klopfte es leise an die Tür und herein trat der alte Baron, mit einem Bündel Papiere in der Hand. Nach den ersten Begrüßungen und nachdem er sich wegen seines ungewöhnlichen Besuches entschuldigt hatte, sprach er. »Sie könnten uns einen rechten Gefallen erweisen, Herr Doktor.« »Ich vermute, Herr Baron, daß es sich um die Papiere handelt, die Sie dort in der Hand haben.« »Ja, ja. Sie wissen, daß Grenwitz und Stantow zu Martini aus der Pacht kommen. Nun möchten wir gern, daß die Güter neu vermessen würden, da die Flurkarten, die vor fünfundzwanzig Jahren angefertigt wurden, sehr schlecht sind. Der erste Brief also, den wir Sie zu schreiben bitten würden, wäre an unseren Feldmesser. Er heißt Albert Timm und wohnt in Grünwald. Sie würden ihn bitten, zu einer vorläufigen Besprechung sofort herüberzukommen. Der zweite Brief ist an unseren Advokaten, ebenfalls in Grünwald. Anna-Maria wünscht eine Revision der Pachtkontrakte. Hier ist eine Abschrift der jetzigen. Anna-Maria hat am Rande verzeichnet, was wir in den neuen Entwurf aufgenommen wünschen. Wenn Sie auch dieses Schriftstück mundieren wollten – es ist freilich etwas viel –« »Geben Sie nur, Herr Baron. Zu wann wünschen Sie die Sachen geschrieben?« »Wenn es Ihnen bis Mittag möglich wäre? Wir haben den Knaben schon vorläufig angekündigt, daß sie mich auf einer Fahrt nach Stantow begleiten sollen. Sie haben doch nichts dagegen?« »Ich denke, es wird wohl so das beste sein.« »Nun, dann leben Sie wohl, lieber Herr Doktor, und entschuldigen Sie, daß wir Sie mit diesen Sachen belästigen. Aber Sie wissen, Anna-Maria –« »Keine Entschuldigung, Herr Baron –« Der alte Mann verließ das Zimmer, Oswald warf sich auf das Sofa und schloß die Augen, um von Melitta zu träumen. Aber je eifriger er sich ihr geliebtes Bild vorzustellen suchte, desto eigensinniger steckte sich das runzlige Gesicht des alten Barons dazwischen. Das verwandelte sich dann wieder in das Antlitz der braunen Gräfin, dann zog ihm der Pastor Jäger eine Fratze, und plötzlich stand Bruno im Zimmer, gehüllt in lange, wallende, weiße Gewänder. Oswald wollte lachen über die tolle Maskerade, aber als er einen Blick in das Gesicht des Knaben warf, erstarb das Lachen auf seinen Lippen. Ein Schauer durchrieselte ihn, seine Haare bäumten sich – die wachsbleiche Farbe, die so seltsam von den blau-schwarzen Haaren abstach, die weiten starren Augen, ein namenloses Etwas in dem Ausdruck dieser glanzlosen, gebrochenen und doch so wunderbar beredten Augen – das war nicht Bruno, das war der Tod, der leibhaftige Tod in Brunos vielgeliebter Gestalt... Mit einem wilden Schrei fuhr Oswald in die Höhe. Das schreckliche Bild war verschwunden, aber es bedurfte mehrerer Minuten, bis der junge Mann sich überzeugen konnte, daß es wirklich nur ein Bild gewesen. So deutlich hatte er mit geschlossenen Augen jedes Möbel im Zimmer, den Sonnenstrahl, der durch das Fenster fiel, die Staubatome, die in dem Strahle tanzten – alles, alles gesehen. Da hörte er das Knallen einer Peitsche und das Knirschen von Rädern in dem Sande vor dem Portal des Schlosses. Der Baron fuhr eben mit den Knaben fort. Oswald ging mit hastigen Schritten in seinem Gemache auf und ab. Warum heute, gerade heute das fürchterliche Bild! Muß Bruno sterben, zuvor mir sterben, damit ich Melitta lieben kann! Ist es nicht möglich, einen Bruder und eine Geliebte zu lieben und zu gleicher Zeit, mit gleicher Glut der Seele? Ist das Menschenherz so klein, daß eine Empfindung, um darin wohnen zu können, die andere verdrängen muß? Und ist die Treulosigkeit Naturgesetz? Der junge Mann war wieder ruhiger geworden, aber die ambrosische Schönheit des Sommermorgens war verschwunden. Die Sonne hatte keinen Glanz mehr für ihn, der Gesang der Vögel keine Süßigkeit; der übermütig sprudelnde Quell der Lust in seinem Busen war versiegt. »Du bist jetzt in der rechten Stimmung für die trockene Arbeit«, sagte er bitter und holte das Paket wieder aus der Ecke hervor, in die er es vorhin geschleudert hatte. Er setzte sich an den Tisch und begann zu schreiben. Zuerst den Brief an den Geometer – das ging noch; auch der Brief an den Advokaten kam, obgleich nicht ohne einige heimliche Verwünschungen, glücklich zu Ende, aber die Abschrift der beiden Kontrakte zu fertigen, mußte er seine ganze Geduld zusammennehmen. Mehr noch als die Langweiligkeit der Arbeit selbst ärgerten ihn die von der Hand der Baronin eingestreuten Bemerkungen, in welchen sie die in den Kontrakten von ihr beliebten Veränderungen in den Augen des Advokaten, vielleicht auch in ihren eigenen, zu motivieren suchte. Die Höhe der Pacht war in beiden Fällen fast um das Doppelte gesteigert, was Oswald um so mehr wunder nahm, als er den Inspektor Wrampe wiederholt hatte sagen hören: Herr Pathe, der Pächter der beiden Güter, ein außerordentlich fleißiger, strebsamer und ökonomischer Mann, sei so gestellt, daß ihn eine einzige Mißernte ruinieren müßte. In einer Notiz der Baronin hieß es: Herr P. ist ein nachlässiger Monsieur, und sein sauberer Inspektor W. ist nicht besser. Je humaner man gegen dergleichen Menschen ist, desto fauler werden sie. In einer andern: Die dem Schlosse von dem Gute Grenwitz zu leistenden Naturallieferungen müssen auf jeden Fall dubliert werden, denn daß wir doch nur die Hälfte von dem bekommen, was uns zusteht, und diese Hälfte unter den langen Fingern unserer Leute noch mehr zusammenschrumpft, ist von vornherein anzunehmen. Durchstrichen, aber nicht so, daß man sie nicht noch hätte lesen können, waren die folgenden Worte: Sollte ja etwas übrigbleiben, so können wir ja den Rest alle Sonnabende in B. (dem nächsten Landstädtchen) auf dem Wochenmarkte verkaufen. An einer andern Stelle: Kann nicht kontraktlich ausgemacht werden, daß die Verwalter, Statthalter (Großknechte), Ausgeberinnen usw. der Pächter jedesmal von dem Baron bestätigt werden müssen? Man wüßte dann doch, mit was für Subjekten man es zu tun hat, und behielte den Griff fester in der Hand. »Und das Vermögen dieser Menschen beträgt Millionen!« rief Oswald und warf die Feder zornig auf den Tisch. »Schreibe ein anderer das Gewäsch! Soll ich mich zum ergebensten Werkzeug dieser egoistischen, hochmütigen, herzlosen Aristokratenbrut hergeben?« Und trüber und trüber ward es in des jungen Mannes Seele. Nicht zum ersten Male wurde er heute daran gemahnt, wie schief, wie unhaltbar doch seine ganze Stellung sei. Und was hatte ihn in diese Stellung getrieben, wenn nicht seine Freundschaft zu dem Professor Berger, dessen Rat er gegen seine bessere Überzeugung gefolgt war? Es fiel ihm ein, daß er den letzten Brief seines wunderlichen Freundes noch nicht beantwortet hatte. So setzte er sich denn wieder hin und schrieb: Es gibt kein Unrecht als den Widerspruch – das ist, wenn ich mich recht erinnere, eine Ihrer Lieblingsmaximen und die Kardinalregel, nach der Sie das Tun und Lassen der Menschen beurteilen! Nun denn! So hatten Sie doppelt und dreifach unrecht, mich in diese Situation hineinzureden und hineinzulachen, denn sie ist, wie ich sie auch betrachten mag, aus Widersprüchen zusammengesetzt. Ich ein Erzieher anderer, der ich mich selbst noch zu erziehen habe! Ich, der Aristokratenfeind, der Adelshasser, in dem Schoße einer aristokratischen Familie, halb der Freund und halb der Diener dieser hochadeligen Sippe! Und was mich noch abscheulicher dünkt, ist, daß ich an den Genüssen dieses aristokratischen Lebens so harmlos Anteil nehmen kann, als hätte mich nie ein Schauer der Ehrfurcht erfaßt, wenn ich in der Schrift an die Stelle kam: Des Menschen Sohn hat nicht, da er sein Haupt hinlege! Sind diese Worte denn nicht auch für mich geschrieben, für mich, dem kein Kissen zu wollüstig, kein Teppich zu weich, keine Speise zu lecker, kein Wein zu kostbar dünkt? Für mich, der ich, weit entfernt, mich von diesem Luxus angeekelt zu finden, ihn nicht gierig verschweige wie der Sklave seine kurzen Augenblicke der Freiheit, sondern ruhig und bedächtig durchkoste und genieße, ihn hinnehme wie etwas, was sich von selbst versteht, wie etwas, zu dem man geboren und erzogen ist. Soll die gnädige Frau Baronin recht haben, die neulich hochmütig behauptete, von allen sogenannten Volksfreunden früher und jetzt habe nur noch jeder seinen persönlichen Vorteil im Auge gehabt. Der eine verkaufe seine Grundsätze ein wenig teurer als der andere – der eine lasse sich seine Apostasie mit Geld, ein zweiter mit Ehrenstellen, ein anderer wieder anders bezahlen – das sei aber auch der ganze Unterschied. Damals widersprach ich natürlich lebhaft – es war gleich zu Anfang meines hiesigen Aufenthalts – ich weiß nicht, ob ich noch heut dazu den Mut hätte. Denn, mein Freund, ich denke an Marie Antoinette, und denke, wenn eine andere Frau, so schön und so geistreich wie die unglückliche Königin, eine Frau mit den Augen und dem Schmelz der Stimme und dem Liebreiz, wie – nun wie mein Ideal, die Frau, die ich lieben könnte, lieben müßte – zu mir spräche: Das Abschwören deiner Grundsätze ist der Preis meiner Gunst! – Gott, sie wird es nicht sagen, sie kann es nicht sagen, denn ich will glauben, daß in dem schönsten Körper die schönste Seele wohne; aber, wenn sie dennoch in den Vorurteilen ihres Standes so befangen wäre – wie dann? Oh, ich fühle, nein, ich weiß, daß ich ihren Worten, ihren Tränen nicht widerstehen könnte; daß vor der Glut ihrer Küsse, dem Feuer ihrer Blicke die stolze Kraft hinschmelzen würde wie Wachs; daß, wenn sie ihre weichen Arme um mich schlänge, ich nicht imstande wäre, mich loszureißen; daß aus der gepreßten Brust kein Wort des Zornes, kein Wort des Hohnes sich losringen würde, nein! nur das eine Wort: Ich liebe dich! Sie lächeln, o mein Freund, daß mich eine bloße Hypothese, ein bloßes Problema so in Aufregung versetzen kann. Sie denken, in der kühlen Luft der Wirklichkeit gedeihen dergleichen phantastische Treibhauspflanzen nicht. Nun wohl, das ganze ist nur ein Problema, und wollte Gott, es bliebe problematisch!... Sechzehntes Kapitel »Gott zum Gruß, lieber Herr Kollege! Viele Empfehlungen von Frau von Berkow, und hier schickt sie Ihnen den Bemperlein und den Julius zur gefälligen Ansicht, aufgeschnittene Exemplare werden nicht zurückgenommen.« So sprach lächelnd ein kleiner, blasser, schwarzhaariger, Brille tragender, etwas unmodisch, aber sehr sauber und nett gekleideter Herr von etwa dreißig Jahren, der am Nachmittag desselben Tages, einen Knaben an der Hand führend, in Oswalds Zimmer trat. »Seien Sie bestens willkommen!« sprach dieser, sich hastig aus der Sofaecke erhebend, in der er, in Sinnen und Brüten versunken, gesessen hatte, und reichte dem Eintretenden nicht ohne einige Verwirrung die Hand. Mit unendlichem Interesse blieb sein Blick auf dem Knaben haften, dem Sohn der Frau, die er liebte. Julius von Berkow war eine reizende Erscheinung. Die Bluse von dunkelgrünem Sammet, die er mit einem breiten Riemen um den schlanken Leib gegürtet trug, gab ihm das Aussehen eines allerliebsten kleinen Pagen. Dunkle Locken wallten in weichen Ringeln von dem edelgeformten Kopfe, sein Gesicht war mädchenhaft schön und zart, und Oswald zuckte zusammen, als er die warme, weiche Hand des Knaben für einen Augenblick in der seinen hielt und in die großen lichtbraunen, träumerischen Augen schaute. Es war ihm, als hätte er Melittas Hand berührt, als hätte er in Melittas Augen geschaut. »Es ist sehr liebenswürdig von Ihnen, Herr Bemperlein«, sagte er, seine Verwirrung bemeisternd, »daß Sie noch die Zeit gefunden haben, herüberzukommen. Aufrichtig, ich habe Sie heute halb und halb erwartet, um so mehr, als Bruno es für eine Unmöglichkeit hielt, Julius könne abreisen, ohne vorher von ihm förmlichen Abschied genommen zu haben.« Da sprang die Tür auf und herein stürzte Bruno, ein mächtiges Butterbrot in der Hand. »Hurrah, Julius, Zuckerpuppe!« schrie er. »Dein Glück, daß du gekommen bist! Ich wäre dir sonst nach Grünwald nachgelaufen, dich auf offener Straße durchzuprügeln. Hier, beiß ab! Das letzte Butterbrot, das wir für lange Zeit miteinander teilen! Und nun komm! Wir wollen noch einmal durch den Garten in den Wald laufen. Sie bleiben doch zu Abend hier, Herr Bemperlein?« »Non, Monseigneur«, erwiderte dieser, der sich auf einen Stuhl gesetzt hatte und sich den Schweiß von der Stirn trocknete »unsere Augenblicke sind gezählt. Sie würden mich verbinden, wenn Sie Ihre Exkursion nicht über den Garten ausdehnten und vor allem, wenn Sie Julius nicht wieder in den Graben würfen wie das letzte Mal.« »Julius, habe ich dich in den Graben geworfen?« »Nein, aber herausgezogen, nachdem ich hineingefallen war.« »Nun, so komm, mein Zuckerpüppchen!« rief Bruno, hob den schmächtigen Knaben empor und trug ihn zur Stube hinaus. »Ist das ein Junge!« sagte Herr Bemperlein, »Herr meines Lebens, ist das ein Junge! Wahrlich, Herr Kollega, ich bewundere Sie.« »Weshalb?« »Weil ich Sie in einen leichten Sommerrock gekleidet sehe und nicht umhüllt mit dreifachem Erz, wie der erste Schiffer des Horaz, und wie, meiner Meinung nach, der Mann gepanzert sein muß, der es mit solch einem Seeungeheuer, so einem Haifisch, so einem stachligen Rochen – ich meine Bruno – zu tun hat.« »Um Himmels willen, Herr Bemperlein, sagen Sie mir nicht, wenn wir Freunde werden wollen, daß Sie Bruno nicht leiden können.« »Ich ihn nicht leiden können! Ich liebe ihn wie einen Sturm auf der See, den ich vom Ufer aus beobachten kann, wie ein wildes Pferd, das mit einem andern durchgeht, wie ein Gewitter, das eine Meile von mir einschlägt. – Apropos! Das war gestern ein entsetzliches Gewitter. Wir sind erst um elf Uhr nach Hause gekommen. Frau von Berkow sagte mir, Sie seien vollständig eingeregnet gewesen in dem Waldhäuschen.« »Wollen Sie in der Tat schon morgen abreisen?« sagte Oswald, dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. »Ob ich will?« sagte Herr Bemperlein in weinerlichem Tone. »Ob ich will? Durchaus nicht, Wertgeschätzter; aber muß! Das ist es ja eben. Ach, wenn ich könnte, wie ich wollte, ich ginge im Leben nicht weg von Berkow; und auch im Tode nicht, denn ich würde mir als letzte Gunst erbitten, dort begraben werden zu dürfen. – Und wie es mit mir werden soll, wenn ich nun doch weggehe, daran, lieber Kollege, mag ich gar nicht denken. Leben Sie einmal wie ich sieben Jahre an einem und demselben Ort, und lassen Sie diesen Ort Berkow sein, und wachsen Sie fest an diesem Ort mit allen Wurzeln Ihres Wesens, daß Sie jeden Spatz, der über Ihrem Fenster nistet, persönlich kennen, und mit jedem Pferde in dem Stalle auf du und du stehen; und dann versuchen Sie, sich loszureißen – und Sie werden empfinden, wie weh das tut.« Der gute Mann griff wieder nach seinem Taschentuche und fuhr sich unter dem Vorwande, den Schweiß von der Stirn abtrocknen zu wollen, ein paarmal über die nassen Augen. »Ich begreife das vollkommen«, sagte Oswald mit ungeheuchelter Teilnahme. »Sie können das nicht begreifen, lieber Kollega! Sehen Sie, da habe ich im vorigen Frühjahr angefangen, mir einen Efeu in meinem Fenster zu ziehen, und mich den ganzen Sommer und Winter darauf gefreut, wie hübsch es in diesem Herbst sich ausnehmen würde, wenn das Fenster von unten bis oben berankt wäre und wir, das heißt ich, mein Kanarienvogel und mein Laubfrosch, uns hinter den breiten Blättern verstecken könnten – denn Sie glauben nicht, wie breite Blätter ich gezogen habe – so groß, wie Weinblätter – und in diesem Herbst wird mein Fenster mit grünen Ranken ganz vergittert sein; aber meine Stube wird leerstehen, und die Sonnenstrahlen werden durch die Blätter schimmern und die Regentropfen daran herunterrinnen, und keine Menschen- und keine Tierseele wird sich darüber freuen.« »Ich glaube, ich kann Ihnen das nachfühlen«, sagte Oswald. »Unmöglich, lieber Kollega, unmöglich!« seufzte der andere. »Ich sage Ihnen, so ein Fenster gibt es auf der weiten Welt nicht mehr. – In der tiefen Nische steht ein Lehnstuhl, mit schwarzem Leder überzogen, den mir Frau von Berkow vor zwei Jahren zu meinem Geburtstage geschenkt hat; – eine Schlummerwalze, die sie mir zu meinem letzten Geburtstage selbst gehäkelt hat, hängt an der Lehne – na, das läßt sich eben nicht beschreiben. Aber da so zu sitzen an einem Sommerabend, wenn die Stimmen von Frau von Berkow und Julius aus dem Garten zu mir herauftönen und der Rauch meiner Zigarre in blauen Streifen durch die Blätter hinauszieht –« Bei diesen Worten blies Herr Bemperlein zwei mächtige Rauchwolken aus seiner Zigarre durch das geöffnete Fenster, an dem er saß, und schüttelte wehmütig den Kopf, als wollte er sagen: Das bringt hier nicht die mindeste Wirkung hervor; das sollten Sie einmal von meinem Lehnstuhle aus sehen. »Ja, ja, –« schaltete Oswald ein. »Nein, lieber Kollega, Sie können sich unmöglich in meine Stimmung versetzen. Sie wissen nicht, welch ein liebenswürdiger Knabe Julius ist. Sieben Jahre bin ich nun bei ihm, aber wenn er mir in allen diesen Jahren auch nur eine böse Stunde, ja nur Minute gemacht hat, so will ich nicht Anastasius Bemperlein heißen. Und nun die Frau von Berkow – Sie kennen sie nicht, lieber Kollega –« Oswald wandte sich ab, denn er fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen schoß – »Sie haben keine Ahnung, welch ein Engel von Güte diese Frau ist. Was verdanke ich ihr nicht! Bevor ich nach Berkow kam, wußte ich von Luft und Sonnenschein und allem Schönen auf der Welt gerade soviel wie ein Maulwurf – ich war ein richtiger Bär, ein vollständiges Nilpferd, und daß ich jetzt einigermaßen einem Menschen ähnlich sehe, verdanke ich nur ihr. Und wie hat sie sich meiner in jeder andern Beziehung angenommen! Einmal, erinnere ich mich, lag ich viele Wochen lang am Typhus danieder. Die ersten Wesen, die ich deutlich erkannte, als ich aus meinem Torpor erwachte, waren die gnädige Frau und der alte Baumann. Es war ein Sommernachmittag wie heute. Meine Bettvorhänge waren halb zugezogen, Baumann und die gnädige Frau standen ein paar Schritte entfernt am Tisch. ›Wenn ich nicht selbst krank werden will, so muß ich heute nachmittag eine halbe Stunde spazierenreiten, Baumann‹, sagte Frau von Berkow, ›daß Er mir den Bemperlein unterdessen nicht sterben läßt.‹ ›Zu Befehl‹, sagte der alte Baumann. Aber damit Sie nicht etwa glauben, lieber Herr Kollega, daß ich in dieser Behandlung von seiten der gnädigen Frau eine Bevorzugung erblicke, die meinen ganz besonderen Verdiensten zuteil würde, so setze ich hinzu, daß ich Frau von Berkow dieselbe Huld und Gnade an viele andere, zum Teil ganz gleichgültige Personen habe verschwenden sehen, so daß ich wahrlich glaube, das Herz dieser Frau ist aus durchaus edlerem Stoffe, als sonst die Menschenherzen sind, und daß sie Gutes tun und andere beglücken muß, gerade wie ein Kanarienvogel singt und ein Eichhörnchen springt, weil's eben so ihre schöne Natur ist, und sie nicht anders kann. Verzeihen Sie, lieber Kollega, daß ich mit diesen Dingen, die Sie nicht interessieren und nicht interessieren können, Ihre Zeit in Anspruch nehme, aber mein Herz ist wirklich zu voll, als daß es nicht überfließen sollte, und ich habe das Vertrauen zu Ihnen, daß Sie mich deshalb nicht für einen sentimentalen Gesellen halten werden.« »Ich kann Sie nur versichern, daß Sie Ihr Vertrauen keinem Unwürdigen schenken, Herr Bemperlein, auch wenn Sie mir nicht erlauben, mit Ihnen zu sympathisieren.« »Ich Ihnen das nicht erlauben? Es ist mein innigster Wunsch, daß Sie das vermöchten, um so mehr, als ich, offen gestanden, hauptsächlich in der ganz egoistischen Absicht herübergekommen bin, Sie in einer für mich hochwichtigen Angelegenheit um Rat zu fragen.« »Mich?« »Ja, Sie! Ich will Ihnen auch ganz offen sagen, wie Sie dazu kommen, bei mir die Stelle des weisen Einsiedlers im Walde einzunehmen, zu dem sich die vom Zweifel geplagte Kreatur flüchtet. Sie sind zu diesem verantwortlichen Amte durch eine Stimme erhoben, gegen die für mich kein Appell existiert; ich meine durch die Stimme der Frau von Berkow. Ich versuchte ihr heute morgen auseinanderzusetzen, was ich Ihnen alsbald mit Ihrer gütigen Erlaubnis mitteilen will; sie hörte mich mit himmlischer Geduld von Anfang bis zu Ende an und sagte dann, ihre Hand für einen Augenblick auf die meinige legend: ›Lieber Bemperlein‹, sagte sie, ›wollen Sie meinen Rat hören?‹ ›Natürlich, gnädige Frau!‹ sagte ich. ›Nun denn‹, sagte sie, ›lieber Bemperlein, gehen Sie hinüber nach Grenwitz, bringen Sie Herrn Doktor Stein eine Empfehlung von mir, und erzählen Sie ihm ganz ausführlich, was Sie mir eben gesagt haben; und was er Ihnen dann antwortet, das nehmen Sie als meine Antwort.‹« Auf Oswalds Lippen schwebte ein stolzes Lächeln. Er sah in dieser Demut Melittas eine ihm dargebrachte Huldigung; er fühlte, daß sie ihrer Liebe keinen reineren Ausdruck geben konnte als durch dieses Geständnis, wie fortan ihre Existenz in der ihres Geliebten aufgehe. »Wie Sie sich aus dieser Verlegenheit ziehen werden«, fuhr Herr Bemperlein fort, »ist Ihre Sache: Die Rolle des Vertrauten ist Ihnen einmal zugeteilt, und Sie müssen sie herunterspielen, so gut Sie können. Die Sache ist nämlich einfach die, oder vielmehr gar nicht einfach, sondern sehr komplizierter Weise, auf alle Fälle indessen ist die Sache die: Ich bin nämlich – ich habe nämlich – aber hier kann ich Ihnen das nicht erzählen, ich muß dazu den Himmel über mir haben, denn unter dem blauen Himmel sind mir die Gedanken gekommen, die eine solche Revolution in meinem Innern hervorbrachten. Sie täten mir also einen Gefallen, Herr Kollega, wenn Sie mir nach Berkow das Geleit geben wollten. Unterwegs lege ich Ihnen meine Beichte ab. Jetzt will ich gehen, Julius zu rufen und mich bei den Herrschaften zu empfehlen. Machen Sie sich unterdessen zurecht; aber lassen Sie mich um Himmels willen nicht lange warten. Zehn Minuten reichen vollkommen zu, und länger halte ich auch ein tête-à-tête mit Ihrer Baronin nicht aus. Also au revoir in zehn Minuten, es schadet nichts, wenn es auch nur neun sind.« Als Oswald nach unten kam, komplimentierte sich gerade Herr Bemperlein vor dem alten Baron zur Tür der Wohnstube hinaus. »Keinen Schritt weiter, Herr Baron! Uff! – Nun lassen Sie uns machen, daß wir wegkommen, Herr Kollega. Wo ist mein Julius?« Auf dem Hofe fanden sie die Knaben. Bruno saß auf dem Rand des Brunnens der kopflosen Najade und schlichtete Julius, der zwischen seinen Knien stand, das lange lockige Haar. »Wie willst du denn ohne den Pony fertig werden, Julius?« »Ja, ich will sehen, vielleicht lasse ich mir ihn nachschicken.« »Du Glücklicher, ich glaube, du läßt dir auch deine Mama und Herrn Bemperlein nachschicken, wenn's ohne sie nicht geht. – Ich wollte, ich könnte mit dir nach Grünwald und sähe dies verdammte Nest im Leben nicht wieder.« »Mama sagte mir, du hättest Herrn Stein so lieb, ist das wahr?« »Ich ihn lieb?« sagte Bruno, den Kopf trotzig in die Höhe werfend. »Weshalb sollte ich ihn liebhaben? Er ist mir ganz gleichgültig. Er bekümmert sich viel um mich! Er! Gestern ist er den ganzen Tag ohne mich umhergelaufen, und heute hat er mich noch keines Blickes gewürdigt – Er ist mir ganz gleichgültig!« – Und damit verbarg er sein Gesicht in Julius Locken und schluchzte. »Was ist dir, Bruno?« »Mir? Nichts! Was sollte mir sein!« »Bruno, ich begleite Herrn Bemperlein!« rief Oswald herüber. »Herr Doktor, ich begleite Julius!« rief Bruno zurück. »Wo ist Malte?« »Soll ich Maltes Hüter sein?« »Malte ist auf dem Zimmer des Barons«, sagte Herr Bemperlein, »er ist von der Fahrt sehr angegriffen; die Baronin meint, er fiebere etwas, und der Baron hat ihm auf dem Sofa ein Lager zurechtgemacht wie einer jungen Katze. Welchen Weg nehmen wir?« »Ich denke, wir gehen durch den Wald«, sagte Oswald. Sie gingen über die Zugbrücke, die seit zwei Jahrhunderten nicht mehr aufgezogen werden konnte, durch die Lindenallee in den Wald, Herr Bemperlein und Oswald voran, Bruno und Julius folgten in einiger Entfernung. Bruno hatte den Arm um Julius' Nacken geschlungen, er hatte heute oder wollte heute für nichts Interesse haben als für seinen Freund, den er immer sehr geliebt und auf dessen braune Augen er mehr als ein Gedicht gemacht hatte, und den er jetzt in der Trennungsstunde mit stürmischen Zärtlichkeiten überhäufte. »Du wirst fortreisen, Julius«, klagte er, »und wenn du drei Tage fort bist, wirst du mich vergessen haben.« »Ich werde dich nie vergessen, Bruno.« »So? Weißt du das gewiß? Da hast du ein besseres Gedächtnis als Oswald – ich meine Herrn Doktor Stein. Der hat mir auch gesagt, daß er mich lieb habe wie einen Bruder, und seit vorgestern abend weiß er nicht mehr, daß ich auf der Welt bin. Jetzt erzählt er wahrscheinlich Herrn Bemperlein, daß er ihn wie seinen Bruder liebt; sieh nur, wie er ihm vertraulich den Arm gibt! Nach mir sieht er sich nicht einmal um. Oh, ich hasse ihn, ich hasse alle, alle – nur dich nicht, Julius!« Während so der unglückliche Knabe seine Liebe und seinen Kummer in den Busen seines Freundes schüttete und wohl fühlte, daß auch er ihn nicht verstehe und daß er allein, ganz allein sei auf dieser für ihn so freudelosen Erde, sprach Herr Bemperlein also zu Oswald: Siebzehntes Kapitel »Wie gesagt, lieber Kollega, mein Vater war ein Pastor, mein Großvater, ja was sage ich: meine beiden Großväter waren Pastoren, denn meine Mutter war eine Pfarrerstochter; mein Urgroßvater väterlicherseits war wenigstens ein Küster, der die Tochter eines Schäfers, also auch eines Pastors heiratete. Weiter habe ich meinen Stammbaum nicht verfolgen können – aber ex ungue leonem! Sie sehen, daß bis auf mich herab das eigentliche Geschäft meiner Vorfahren das Weiden von Herden – Menschen- oder Schafherden – gewesen ist. Auch auf mir scheint der Geist meiner Ahnen zu ruhen. Tiere auf die Weide bringen, war von jeher meine Leidenschaft, und noch jetzt kann ich stundenlang an das Gatter einer Koppel gelehnt stehen und den Kälbern und Füllen zusehen – es ist ohne Zweifel etwas Paradiesisches in diesem Zustand behaglichen Genusses, der uns an die Urzeit der Menschen, mich zum wenigsten sehr lebhaft an meine Jugendzeit erinnert. Denn mein erster Freund war ein Gänsejunge, später war ein kleiner Schweinehirt mein Pylades, und der vertraute Umgang mit diesem Eumaeus postumus hat mich aus der Lektüre gewisser Gesänge der Odyssee einen Genuß schöpfen lassen, der anderen, welche ohne meine gründliche Vorbildung darangehen, ganz unerklärlich sein muß. Als mein Pylades zum Rinderhirten avancierte, verließ ich weinend mein Heimatdorf, um nach Grünwald aufs Gymnasium zu gehen, wo ich sogleich in die Tertia eintrat und von Lehrern und Schülern als ein kleines Ungeheuer angestaunt wurde, von letzteren in Anbetracht meiner fabelhaften Toilette, in der ein Paar Hosen, die bis zum Knie hinauf aus gutem Rindsleder bestanden, noch nicht das merkwürdigste Stück war – von ersteren wegen meiner nicht weniger fabelhaften Gelehrsamkeit. Ich wußte den halben Virgil auswendig, las das neue Testament in der Ursprache so fließend wie meine Mitschüler Luthers Übersetzung – und das alles mit dreizehn Jahren! Mir graut jetzt selbst, wenn ich daran denke. Damals indessen kam mir das alles sehr zustatten; denn mein Vater, der eine zahlreiche Familie zu ernähren hatte und so arm war wie die Mäuse in seiner Kirche, konnte mir außer seinem Segen und sechs Empfehlungsbriefen an ebensoviele mitleidige Familien, die sich jede zu einem Freitisch wöchentlich verstanden – den siebenten Tag, an welchem ich keinen Freitisch hatte, setzte ich notgedrungen zum Fasttage ein für allemal ein –, so gut wie nichts mit in die Stadt geben. Ich war also gänzlich auf mich angewiesen; aber ich hatte durchaus keine kostbaren Gewohnheiten, statt dessen aber das Talent, von einem Butterbrote satt zu werden, bei einem Tranlämpchen lesen und mit zugespitzten Schwefelhölzern schreiben, meine sechs Schulstunden absitzen und noch ebensoviele Privatstunden geben zu können, so daß ich nicht nur die Miete für mein Dachstübchen und alles unumgänglich Notwendige pünktlich bezahlte, sondern auch schon nach zwei Monaten meine ledernen Hosen mit einem Paar von städtischerem Stoff und Schnitt vertauschen durfte. Den Spitznamen Lederstrumpf indessen, den meine Mitschüler mir gegeben hatten und den bei dieser Gelegenheit loszuwerden, meine stille Hoffnung und die eigentliche Veranlassung meines Luxus gewesen war, behielt ich nach wie vor; und das war meine gerechte Strafe. Daß mir es im übrigen in der Schule gut ging, verdankte ich besonders einer nicht ungeschickten Politik, die ich unausgesetzt verfolgte. Ich hatte nämlich bald herausgefunden, daß die Stärksten und Größten in der Klasse auch zugleich immer die Dümmsten und Faulsten waren. Ich verfehlte also niemals, mit ihnen ein Schutz- und Trutzbündnis abzuschließen, das hauptsächlich auf folgende zwei Bedingungen basiert war: Ich mache dir deine Arbeiten, und dafür prügelst du mich weder selbst, noch gibst du zu, daß mich ein anderer prügelt; und ich muß gestehen, daß dieser Vertrag stets unverbrüchlich gehalten wurde. Als ich siebzehn Jahre alt war, fand mein Lehrer, daß ich schon seit einem Jahre zur Universität reif sei, wenn darunter nämlich verstanden wird, daß man mit Schulkenntnissen aller Art angefüllt ist wie ein Ei voll Dotter, im übrigen aber so unwissend und hilflos wie ein Küchlein, das eben aus der Schale kroch. Daß ich Theologie studierte, stand natürlich für mich so fest, als daß ich einmal sterben müßte. Söhne von pensionierten Hauptleuten werden ins Kadettenkorps gesteckt, und Söhne von armen Landpastoren ins theologische Seminar geschickt: das ist so selbstredend wie irgendein anderes Stück der Naturgeschichte. – Wohl; ich studierte also Theologie, das heißt, ich ging fleißig ins Kolleg und schrieb ganze Wagenladungen voll der abstrusesten Gelehrsamkeit. Im übrigen setzte ich so ziemlich mein Leben so fort, wie ich es von der Schule gewohnt war, selbst mein Dachstübchen hatte ich behalten, und Privatstundengeben war mein Erwerbsquell nach wie vor, um so mehr, als jetzt einer meiner jüngeren Brüder bei mir lebte, dem ich das kleine Stipendium, das ich von der Universität erhielt – Sie wissen, daß in Grünwald ein Student ohne Stipendium eine rara avis ist –, überließ sowie die Freitische, die ich jetzt entbehren konnte, da die Karawanserei des Konvikts mir ihre gastlichen Tore geöffnet hatte. So verging das Triennium in etwas monotoner, aber nicht unbehaglicher Weise. Ein Tag sah so ziemlich aus wie der andere; nur der Mittwoch hatte für mich eine etwas finstere Physiognomie, weil es an ihm Erbsen mit Schweinefleisch im Konvikt gab, ein Gericht, an das ich mich, trotz meiner liberalen Grundsätze in dieser Beziehung, niemals habe gewöhnen können. Ich mußte jedesmal, wenn die Schüssel zu mir kam, an die schönen Sommermorgen denken, die ich im Eichwalde zugebracht hatte, wenn mein Eumaeus postumus seine Herde weidete und ich die Eklogen des Virgil dazu las; und dann blieb mir der Bissen im Munde stecken. Sie werden das wahrscheinlich sehr sentimental finden, aber es hat ja jeder seine Schwächen. – Vom Leben sah ich während dieser Zeit ungefähr so viel wie ein Kamel in der Menagerie von der Wüste. Mein Umgang war äußerst beschränkt, er richtete sich wesentlich nach meinen Mitteln; wie ich denn überhaupt glaube, daß zwischen diesen beiden eine Art Wechselverhältnis stattfindet; wenigstens bemerkte ich, daß die wohlhabenderen Studenten immer herdenweise angetroffen wurden, während die ärmeren einzeln durch die Gassen schlichen! Ich weiß nicht, ob das im Leben auch so ist. Vor diesen wohlhabenderen Studenten – denn es gibt deren selbst in Grünwald, und in meinen Augen war ein jeder, der einen sicheren Wechsel von fünfzig Talern jährlich hatte, ein Krösus – empfand ich übrigens allen möglichen Respekt. Diese schnurrbärtigen, gestiefelten Kater erschienen mir als sehr absonderliche Geschöpfe Gottes, und ich konnte nie recht begreifen, wie eine doch sonst auf die Ruhe ihrer Untertanen so eifersüchtige Regierung sie in ihrer ganz unzivillsierten Freiheit umherlaufen lassen könne. Ich muß gestehen, daß ich die drei Jahre hindurch in einer beständigen Furcht vor einer Herausforderung lebte. Nicht, als ob es mir an persönlichem Mut gebräche! Ich habe glücklicherweise hernach ein paarmal im Leben Gelegenheit gehabt, mich vom Gegenteil zu überzeugen; ich fürchtete nur die Schiefheit der Lage, in die ich mich bei einer solchen Eventualität versetzt sehen würde. Den ganzen sogenannten Komment hielt ich nämlich von jeher für den abominabelsten Unsinn, verderblich für die Gesundheit, viel verderblicher aber noch für die Moral, denn er zwingt die jungen Gemüter, ihr eigenes Denken und Fühlen heroisch dem Moloch eines barbarischen Ehrbegriffs, der lächerlichsten Karikatur eines Kodex der Moral, der je erfunden ist, zu opfern, und gewöhnt sie auf diese Weise systematisch an jenes blinde katholische Gehorchen, welches mir die eigentliche Sünde gegen den heiligen Geist zu sein scheint. Ich weiß nicht, ob wir hierin einer Ansicht sind, Herr Kollega?« »Vollkommen«, antwortete Oswald. »Und nun rechnen Sie zu den Übelständen dieses modern-mittelalterlichen Studentenlebens, daß die Jünglinge gerade in einer Zeit, wo der Mensch am empfänglichsten ist für die Eindrücke der Außenwelt, sich hermetisch in ihrer leidigen Kneipe abschließen, anstatt die gute Gesellschaft aufzusuchen, die ihnen den Schliff geben könnte, der ihnen wahrhaftig so sehr fehlt, daß sie in den Jahren, wo selbst später sehr bornierte Aristokraten für Freiheit schwärmen, sich der exklusivsten Exklusivität befleißigen, und in dem Glanz ihrer bunten Kappen und kindischen Troddeln noch verächtlicher auf den Philister herabsehen als der Gardeleutnant auf den Zivilisten; daß sie in der Periode, wo sie anfangen sollten, sich als Mitglied eines großen Ganzen, als angehende Bürger zu fühlen, anfangen, einen Staat im Staate zu errichten: so haben Sie wahrlich beisammen, was einem nur halbwegs verständigen Jüngling den Geschmack an solchem albernen Studentenleben gründlich verleiden könnte.« »Ja«, sagte Bemperlein, »und es ist ganz auffallend, wie lange der Rausch, den sich die jungen Leute während ihrer glorreichen Studentenzeit trinken, anhält. Da ist hier in der Nähe unser Landrat – ein Herr von Sylow, ein Mann von vierzig Jahren –, der seit mindestens zehn Jahren verheiratet ist. Gestern nun, als ich mit Julius dort meinen Abschiedsbesuch machte – die Kinder sind von jeher sehr viel zusammen gewesen –, kam der Landrat nach dem Abendessen auf seine Universitätszeit zu sprechen, und gab uns, das heißt seinem Hauslehrer und mir, einen Abriß seiner studentischen Heldentaten. Glücklicherweise war mein Kollege seinerzeit ein flotter Bursch in Halle gewesen, und konnte dem Landrat auf seine Fragen über den heutigen Stand des Komments die nötige Auskunft geben. Und nun hätten Sie den edlen Herrn sich sollen ereifern hören über die Versunkenheit des heutigen Studentenlebens, über die geringe Zahl der Paukereien, die unwürdig kleine Quantität Biers, so während eines Abends vertilgt würde, und so weiter und so weiter. Dabei glänzten seine Augen bei der bloßen Erinnerung an die versunkene Herrlichkeit, und er sprach sich in solche Rührung hinein, daß er schließlich den sentimentalen Wunsch äußerte, alle die rheinischen Demokraten, wie er sie nennt, die auf dem letzten Provinzial-Landtage wiederum die alten gotteslästerlichen Petitionen um Preßfreiheit, Freizügigkeit usw. eingebracht hätten, möchten nur einen Hals haben, damit – er machte eine bezeichnende Handbewegung – des Geschreies endlich einmal ein Ende würde.« »Natürlich«, sagte Oswald, »wenn die Herren jung sind, singen sie: ›Freiheit, die ich meine‹, das klingt sehr poetisch, wenn man es hört, und sie selbst singen sich dabei in eine gelinde Rührung hinein, in der sie halb und halb glauben, sie hätten in der Tat eine Meinung. Das ist aber eine reine Einbildung, oder im Falle ja einmal einer wirklich etwas meint, so ist es die Freiheit, den Philister verhöhnen, Fenster einwerfen, die öffentlichen Lokale unsicher machen und andere Heldentaten ungestraft verrichten zu können, und dann die spätere Freiheit, als ganz gehorsamster Endesunterzeichneter in tiefuntertänigster Demut zu ersterben, wenn man es nur bis zum Subalternbeamten, und die Subalternbeamten und die ganze übrige Menschheit en canaille behandeln zu können, wenn man es bis zum Verwaltungschef gebracht hat. Aber wir sind von unserem Thema abgekommen. Die böse Alternative, entweder gegen Ihre persönliche Ehre oder gegen die Standesehre verstoßen zu müssen, wurde Ihnen hoffentlich erspart?« »Ja, dank der Vorsicht, die ich anwandte, vor den gestiefelten Katern meine Mauseexistenz möglichst geheimzuhalten. Als das Triennium vorbei war, und ich mein erstes theologisches Examen bestanden hatte, war es mit meiner Besorgnis ohnedies vorbei, denn einem ehrsamen Kandidaten des Predigeramtes verdenkt es schon niemand, wenn er nichts von Terzen und Quarten wissen will. Ich hätte jetzt am liebsten sogleich auf dem Lande eine Stelle als Hauslehrer angenommen, aber mein Bruder war erst nach Prima gekommen, und ich wollte ihn die zwei Jahre, die er noch auf dem Gymnasium bleiben mußte, nicht allein lassen, da ich ihn in der Kunst, mit Schwefelhölzern zu schreiben und in den übrigen Geheimnissen des Lebens eines Dorfpfarrersohnes in der Stadt nicht so perfekt sah, wie es im Interesse der Familie wünschenswert schien. Denn dieser zweite Bruder sollte an seinem jüngeren Bruder die Stelle vertreten, die ich an ihm vertreten hatte, und dieser jüngere Bruder mußte um dieselbe Zeit auf die Tertia des Gymnasiums kommen, wenn jener die Universität bezog; ebenso wie ich anfing zu studieren, als er nach Tertia kam.« »Aber wie ist denn das möglich«, sagte Oswald erstaunt. »Ja, sehen Sie, Wertgeschätzter«, antwortete Herr Bemperlein, »wie es möglich ist, kann ich Ihnen nicht sagen, daß es aber der Fall ist, kann ich beschwören. Ich bin der älteste meiner Geschwister, und am zweiundzwanzigsten März geboren; dann kommt eine Schwester genau zwei Jahre jünger, denn sie ist am einundzwanzigsten März geboren, darauf ein Bruder, darauf wieder eine Schwester, darauf wieder ein Bruder und wieder eine Schwester. Wieviel sind das?« »Ein halbes Dutzend, sollte ich meinen«, sagte Oswald lächelnd. »Ganz richtig, ein halbes Dutzend, alle zwei Jahre auseinander und alle im März geboren, mit Ausnahme meiner jüngsten Schwester, die am ersten April zur Welt kam. Sie ist aber auch eine kometenhafte Erscheinung in unserem Planetensystem und sozusagen das Wunderkind der Familie. Denken Sie sich, sie ist erst achtzehn Jahre und schon verlobt.« »Ich sehe bei der ohne Zweifel großen Liebenswürdigkeit Ihres Fräulein Schwester nichts Außerordentliches darin«, bemerkte Oswald. »Nichts Außerordentliches«, rief Herr Bemperlein, »nichts Außerordentliches? Ein solches Kind? Heiraten! Mit achtzehn Jahren! Ich weiß wirklich nicht einmal, ob das überhaupt psychologisch und physiologisch zulässig ist; – Sie lachen? Mag sein: ich habe mich auf die Weiber nie verstanden und wüßte auch nicht, wie ich zu dieser Kenntnis gelangt sein sollte; der Herr müßte sie mir denn, von wegen meiner absonderlichen Einfalt, im Traum geschenkt haben. Also ich blieb noch fast zwei Jahre in Grünwald, gab Privatstunden, hielt Repetitorien mit jungen Studenten, die vor dem Examen standen und im Kommersbuche besser Bescheid wußten als in den Kirchenvätern, und verdiente so viel, daß ich nicht nur selbst sehr gut leben konnte – den Fasttag hatte ich aus reiner Gewohnheit beibehalten –, sondern auch meinen Bruder pflichtschuldig unterstützte. Dieser Bruder machte mir damals einigermaßen Sorge – die sich hernach als unnötig erwiesen hat, denn er ist jetzt in seinem vierundzwanzigsten Jahre schon wohlbestallter Hilfsprediger, aber er lernte etwas schwer, hatte schwache Augen und war gegen Hunger und Kälte auf eine mir unbegreifliche Weise empfindlich. Ich sah deshalb ein, daß es eine Barbarei sein würde, ihm die Sorge für meinen jüngsten Bruder, der jetzt auf die Schule kam, zuzumuten, zumal dieser ein sehr schwächlicher Knabe war – er ist jetzt ein kräftiger Bursche von zwanzig Jahren, ein braver, fleißiger Junge, der nächstens sein erstes theologisches Examen machen wird – ja, was wollte ich sagen: richtig, er war damals ein schwächlicher, kränklicher Knabe und bedurfte größerer Pflege. Für beide aber das Nötige herbeizuschaffen –« »Und für Sie selber«, schaltete Oswald ein. »Nun, das war das wenigste, aber ich sah ein, daß es so nicht länger ging, und da kam mir denn die Hauslehrerstelle in Berkow, die mir zu der Zeit angeboten wurde, gerade recht. Vollkommen freie Station, ein fabelhaftes Gehalt – ich war überglücklich. Jetzt hatte ich beide Arme frei und konnte endlich einmal etwas für die Familie tun.« »Ich dächte, Sie hätten das stets nach Kräften oder über Ihre Kräfte getan«, sagte Oswald. »Ach, Spaß«, sagte der andere, »die Lust war groß, aber die Kraft gering, und jetzt war die Unterstützung nötiger als je. Meine gute Mutter hatte schon lange gekränkelt, jetzt verfiel auch mein Vater in eine schwere Krankheit, die seine eiserne Natur so untergrub, daß er sich nie wieder ganz vollständig erholte, so daß das Schlimmste zu befürchten stand. Dabei waren meine drei Schwestern noch unversorgt. Welches Glück also, daß ich das prinzliche Einkommen von zweihundert Talern Gold hatte! Ich gab die eine Hälfte meinen Brüdern –« »Und die andere Hälfte meinen Schwestern«, schaltete Oswald ein. »Und die andere Hälfte meinen Schwestern –« fuhr Bemperlein fort und rieb sich vergnügt die Hände. »Aber was behielten Sie denn für sich?« »Für mich?« erwiderte Bemperlein erstaunt. »Sagte ich Ihnen nicht, daß ich vollkommen freie Station hatte? Und nun hören Sie nur! Ich war ein Jahr auf Berkow gewesen, da läßt mich eines Tages die gnädige Frau zu sich rufen, und nachdem wir über dies und jenes gesprochen, sagte sie: ›Sie sind nun ein Jahr bei uns, lieber Bemperlein, nun sagen Sie einmal aufrichtig, ob es Ihnen bei uns gefällt‹. – ›Das bedarf wohl keiner Frage, gnädige Frau‹, antwortete ich. – ›Nun, das freut mich‹, sagte sie, ›aber haben Sie nicht noch irgendeinen speziellen Wunsch?‹ – ›Daß ich nicht wüßte‹, sagte ich. – ›Aber Ihr Gehalt ist doch offenbar zu gering‹, sagte sie mit dem freundlichsten Lächeln. Ich war so erstaunt über diese Worte, daß ich keine Antwort zu finden wußte. ›Ich will Ihnen nur gestehen‹, fuhr sie mit himmlischer Güte fort, ›daß ich die Zeit, die Sie jetzt hier sind, nur als Probezeit angesehen und Ihren Gehalt danach berechnet habe. Es ist mir niemals eingefallen zu glauben, daß ein Mann, dem ich die Erziehung meines Kindes mit vollkommener Sicherheit anvertrauen kann, überhaupt mit Geld zu bezahlen sei; und wenn ich Sie jetzt bitte, mir zu erlauben, das geringe Gehalt, das Sie bis jetzt bezogen haben, zu verdoppeln, so bemerke ich dabei ausdrücklich, daß ich mich nach wie vor als Ihre Schuldnerin fühle.‹ War ich vorher noch nicht erstaunt gewesen, so war ich es jetzt; oder vielmehr ich war so gerührt – weniger durch das großmütige Geschenk selbst – als über die unbeschreibliche Liebenswürdigkeit, mit der es mir von der edlen Frau geboten wurde, daß mir die Tränen über die Backen liefen. Ich stammelte etwas von unmöglich annehmen können und dergleichen, da aber wurde sie ordentlich zornig, daß ich nur schnell einlenkte und sagte: ›Ich nehme das Geschenk nicht für mich, was unverantwortlich wäre, sondern nur, weil ich für andere sorgen müßte, die für sich selber noch nicht sorgen könnten.‹ – ›Machen Sie damit, was Sie wollen‹, sagte sie schon in der Tür, ›aber bedenken Sie auch, daß Sie gegen sich selbst Verpflichtungen haben.‹ Damit war die Sache zu Ende, aber noch nicht Frau von Berkows Güte, die grenzenlos ist. Doch ich wollte Ihnen eigentlich ganz etwas anderes erzählen; nämlich, wie ich dazu kam, den Fehler zu entdecken, der sich in die Rechnung meines Lebens eingeschlichen hat, und welches dieser Fehler ist.« Achtzehntes Kapitel In diesem Augenblick kam ein Reiter, der vor einigen Minuten aus einem Seitenwege auf den Hauptweg gebogen war, im Galopp an ihnen vorüber. Ein großer Neufundländer, den Oswald zuerst für Melittas Dogge hielt, galoppierte in langen Sprüngen neben dem Pferde her, einem herrlichen rabenschwarzen Vollblut, dessen Brust mit weißen Schaumflocken benetzt war. Der Reiter, soweit man es in der Eile bemerken konnte, war ein Mann von vielleicht dreißig Jahren, lang und dürr, gegen die Gewohnheit der Gutsbesitzer hierzulande in langen Beinkleidern statt der Stulpenstiefeln; seine Haltung zu Pferde durchaus die Haltung der Herren, die man lateinische Reiter zu nennen pflegt. Aber es war das wohl mehr Nachlässigkeit und die Gewohnheit, sich gehenzulassen, als wirkliche Ungeschicklichkeit, denn, als er fast unmittelbar vor den ihm Entgegenkommenden war, die er, in Nachdenken oder Träumereien verloren, jetzt erst bemerkte, warf er seinen Renner mit einer Kraft und Gewandtheit auf die Seite, die den tüchtigen Reiter bekundeten. »Excusez, messieurs!« rief er, flüchtig an den Hut greifend und weiter galoppierend. »Kennen Sie den Herrn?« sagte Oswald stehenbleibend und dem Manne nachschauend, dessen Züge ihm fremd und bekannt zu gleicher Zeit erschienen waren. »Tiens!« sagte Herr Bemperlein, ebenfalls stehenbleibend. »Das muß der Baron Oldenburg gewesen sein. Ja, gewiß ist's der Baron !« rief er, als der Reiter jetzt bei den Knaben, die in der Entfernung von ein paar hundert Schritten folgten, angekommen, stillhielt, und ihnen vom Pferde herab die Hand reichte. »Ich hätte ihn kaum wiedererkannt mit seinem schwarzen Bart und seinem gelben Gesicht. Er sieht ja aus wie ein wahrer Kabyle. Seit wann mag er denn wieder im Lande sein?« »Ist er auf Reisen gewesen?« fragte Oswald mit angenommener Gleichgültigkeit. »Er ist seit zehn Jahren eigentlich fortwährend auf Reisen«, erwiderte Herr Bemperlein, »vor drei Jahren trafen ihn Frau von Berkow und Herr von Barnewitz und dessen Gemahlin in Rom, und sie sind dann mit ihm durch Süditalien gereist. In Sizilien haben sie sich getrennt. Die Herrschaften traten die Rückkehr an, und der Baron ging weiter nach Ägypten, Nubien, und Gott weiß, wohin ihn sein unruhiger Geist noch sonst getrieben haben mag. Aber wir sind schon wieder von unserm Thema abgekommen.« Herr Bemperlein fing mit der ihm eigentümlichen Redseligkeit abermals zu erzählen an, aber wenn Oswald schon vorher nur mit halbem Ohr zugehört hatte, so schweiften seine Gedanken jetzt noch viel weiter ab... Das war also der Mann, der einst in Melittas Leben eine so große Rolle gespielt hatte! Eine so große Rolle! Eine wie große Rolle? Sie hatte ihn nie wahrhaft geliebt – vielleicht, – gewiß nie wahrhaft geliebt – aber ist denn wahre Liebe immer der letzte Preis der höchsten Gunst einer Frau? Gibt es nicht so dergleichen wie Begierde ohne Liebe? Oder auch Liebe ohne Begierde, oder der Wunsch, den Geliebten auf jede Weise an sich zu fesseln, auch durch die Lust und die Erinnerung der Lust – – Und so hätte sie doch an der Seite des Mannes, an dessen Wiege die Grazien ausgeblieben waren, geruht; wohl ohne Ruhe, ohne die tiefe Seligkeit zu finden, die sie hoffte, – aber doch geruht? Oh, in dem Gedanken war Höllenqual... So raunte und flüsterte ihm der Dämon der Eifersucht wilde, schlimme Gedanken ins Ohr, die sein Blut sieden machten und ihm kalte Tropfen auf die Stirn trieben – was Wunder, wenn er so Herrn Bemperleins Erzählung wie im Traume hörte. Nur so viel begriff er, daß der wunderliche brave Mann erst jetzt, nachdem die Not des Lebens für ihn vorbei war und er in der grünen Einsamkeit von Berkow frei von aller Sorge aufatmen durfte, zum erstenmal über seine sogenannte Wissenschaft, die zu prüfen ihm bis dahin die Zeit gefehlt hatte, nachzudenken begann; daß er jetzt zum ersten Male mit den Heroen der neueren Literatur, vor allem mit Shakespeare Bekanntschaft machte, daß er von den Dichtern auf die Philosophen kam, und wie ihm vor allem in Spinoza eine Welt aufging, von der er, der Zögling theologischer Scholastik, keine Ahnung hatte; daß er von Spinoza, später von Schopenhauer angeregt, sich auf das Studium der Natur, auf Botanik, Mineralogie, Physik geworfen, sich mit Hilfe des alten Baumann ein kleines Laboratorium eingerichtet und fleißig experimentiert habe, und daß auf seinen Retorten und Tiegeln der Glaube an die alleinseligmachende Kraft der Professoren-Religion, den ihm die Lektüre der Philosophen noch etwa gelassen hatte, vollkommen verdampft sei. »Das ging nun so, solange es ging«, sagte Herr Bemperlein, »allein es kam nicht zum Sterben, aber doch zu dem Augenblick, wo ich mich entschließen mußte, ob ich meinen heimlichen Abfall von dem Glauben meiner Väter offen erklären wollte oder nicht. Eine sehr einträgliche Pfarrstelle in hiesiger Gegend, von der ein Onkel der Frau Berkow, der ältere Herr von Barnewitz, Patron ist, wurde durch den Tod des Inhabers erledigt. Herr von Barnewitz glaubte seiner Nichte einen Gefallen zu erweisen, wenn er mir diese Stelle anbot, ich hatte weiter nichts zu tun, als am nächsten Sonntag eine Predigt in dem Pfarrdorfe zu halten, und die Sache war abgemacht. Nun müssen Sie wissen, daß ich, als mir Herr von Barnewitz die Sache vorstellte, im ersten Schrecken, halb aus Überraschung, halb, um den guten Mann nicht zu kränken, und dann auch, weil wir (das heißt Frau von Berkow und ich) Julius' Übersiedlung nach Grünwald beschlossen hatten, und so meines Bleibens in Berkow doch nicht länger sein konnte, Ja gesagt und mich wirklich hingesetzt habe, eine Predigt auszuarbeiten. Ich hatte mich seit ein paar Jahren glücklich um jede Gelegenheit, wo mein theologisch-deklamatorisches Talent sich hätte zeigen können, herumzudrücken gewußt, und jetzt fühlte ich zu meinem Schrecken, daß ich die Kanzelsprache, und noch mehr als die Sprache, die Kanzellogik vollständig verlernt hatte. Drei Abende hintereinander setzte ich mich zu der Sisyphusarbeit hin; aber nie kam ich auch nur über ›meine andächtigen Zuhörer‹ hinaus. Die contradictio in adjecto peinigte mich, ich wußte aus eigener Erfahrung, wie es mit der Andacht der Zuhörer bestellt ist. Andächtig kommt von denken! Da, in der dritten Nacht, als ich mich voller Verzweiflung zu Bette gelegt hatte und voller Kummer eingeschlafen war, erwägend, was wohl mein guter Vater und mein würdiger Großvater, den ich auch noch gekannt hatte, sagen würden, wenn sie den Unglauben ihres in so trefflichen Grundsätzen erzogenen Sohnes und Enkels sähen, hatte ich folgenden kuriosen Traum, zu dessen Erklärung ich vorher bemerken muß, daß Frau von Berkow mir an jenem Tage viel von dem Museum des Louvre erzählt hatte. Mir träumte also, ich trat in einen gewaltigen hohen und weiten Saal, an dessen Wänden Skulpturen und Gemälde standen und hingen. Da saß Gott Vater selbst, ein schöner bärtiger alter Mann, und reckte die Hand aus und schuf Himmel und Erde, dann kamen Adam und Eva, in weißem Marmor: Eva, ziemlich wohlerhalten – Adam aber hatte den Kopf verloren; darauf Kains Brudermord, ein großes Ölgemälde, ebenso wie ein darauf folgendes: Adam und Eva finden die Leiche des ermordeten Abel; auf dem die Gestalt des todesblassen Jünglings, der wie eine gebrochene Lilie anzuschauen war, mich fast zu Tränen rührte. So ging es weiter und weiter: Statue an Statue, Gemälde an Gemälde. Ich war nicht allein im Saale, im Gegenteil, viele Menschen bewegten sich an den Wänden und durch den Wald von Statuen hin. Vor einzelnen besonders hervorragenden Werken, zum Beispiel dem Durchzug der Kinder Israel durch das Rote Meer – einer riesengroßen Freske – standen ganze Gruppen – auch vor andern, die sich weniger durch historische Bedeutung, als durch das Pikante der dargestellten Situation auszeichneten. So mußte ich mich über das Betragen einer Schar junger Mädchen ärgern, die vor einem Gemälde, darstellend Lot, von seinen Töchtern trunken gemacht die Köpfe zusammensteckten und kicherten. Überhaupt erschien mir das Benehmen der Gesellschaft in hohem Grade anstößig. Die Frauen lachten und schwatzten und kokettierten, die Herren schwatzten, lachten und lorgnettierten, und einige mit langen Beinen und langen Zähnen – wahrscheinlich Engländer, hatten gar den Hut auf dem Kopf. Fast alle hielten ein Buch in der Hand, in welches die Gewissenhafteren von Zeit zu Zeit hineinsahen, wenn sie sich über eins der Kunstwerke Auskunft holen wollten. Dieses Buch schien mir der Katalog des Museums zu sein, und da ich einen solchen ebenfalls zu haben wünschte, weil ich die Reihenfolge der Propheten vergessen hatte und nun nicht wußte, ob der alte bärtige Mann, Nr. 8, Habakuk, und der Jüngling, Nr. 9, Zephanja, oder umgekehrt sei, so wandte ich mich an einen alten Herrn, den ich mit einem Fliegenwedel an den Statuen beschäftigt gesehen hatte, und den ich infolgedessen für einen der Kustoden hielt. Als ich näher trat, wandte sich der Mann um, und ich erschrak nicht wenig, als ich meinen eigenen Großvater erkannte. ›Was wünschen Sie, junger Mann?‹ sagte er in strengem Ton. Ich wiederholte schüchtern meine Frage. ›Hier haben Sie einen Katalog‹, sagte er, von einem Tische, auf welchem eine große Menge jener Bücher lag, eins nehmend und mir reichend, ›kostet fünfzehn Silbergroschen.‹ – Ich schlug das Buch auf. ›Ich wünschte einen Katalog‹, sagte ich, ›Sie haben mir –‹ ›Ganz richtig‹, sagte der alte Mann mit melancholischer Stimme, ›dies ist der Katalog für das alte Museum; der Eingang in das neue Museum, in dem die Kunstwerke von dem Jahre Eins christlicher Zeitrechnung bis zum Jahre 1793, wo die christliche Religion abgeschafft und die Göttin Vernunft auf den Thron gesetzt wurde, aufgestellt sind – ist dort!‹ Er wies auf eine schöne breite Treppe, die aus dem Saale hinaufführte in andere Räume. ›Sie werden gut tun, sich dort ebenfalls einen Katalog zu kaufen. Er kostet zehn Silbergroschen, und Sie haben sich deshalb an Ihren Vater zu wenden, der in jenem Teile des Gebäudes dasselbe Amt versieht, das ich hier versehe.‹ Und damit wandte mir der alte Mann den Rücken und fing wieder an, mit seinem langen Wedel die Statuen und Bilder abzustauben. ›Entschuldigen Sie, lieber Großvater‹, sagte ich. – ›Ich bin Ihr Großvater nicht‹, antwortete der alte Mann, ruhig in seiner Beschäftigung fortfahrend. ›Nun, Herr Kustos?‹ fragte ich. ›Jawohl, Kustos, nichts weiter, nichts weiter‹, murmelte der Greis. ›Wo haben denn, Herr Kustos‹, fuhr ich fort, ›die Kunstwerke, die seit jener Zeit entstanden sind, ihre Stelle gefunden?‹ ›Seit jenem denkwürdigen Jahre‹, sagte der Alte, ›hat nichts Gescheites mehr zustandekommen wollen. Zwar haben sich noch einige Künstlerschulen gebildet, aber das hat alles kein rechtes Leben, und ihre Produktionen können auf eigentlichen Kunstwert keinen Anspruch machen. Den Künstlern selbst fehlte der rechte Glaube, und ohne den läßt sich nun einmal nichts Ordentliches malen oder meißeln oder schreiben‹, – bei diesen letzten Worten maß er mich mit einem strengen Blicke. – ›Oder schreiben‹, wiederholte ich kleinlaut, an meine umgeschriebene Probepredigt denkend – ›Oder schreiben‹, fuhr er fort, – ›und dann ist das Publikum selbst in neuesten Zeit sehr gleichgültig geworden, und die Kritik sitzt den Künstlern zu unbarmherzig auf dem Nacken, und das verdirbt ihnen die naive Unbefangenheit und nachtwandlerische Sicherheit, ohne die nun ein für allemal, – aber jetzt muß ich Sie ersuchen, sich zu entfernen, die Glocke hat schon lange geläutet, Sie sind der Allerletzte.‹ Er begleitete mich bis zum Ausgang des Saales, öffnete mir die Tür und lud mich mit einer steifen Verbeugung ein, hinauszuspazieren. – Ich tat es – die Tür fiel donnernd hinter mir zu, und – ich erwachte. Seit jenem Traum« , fuhr Bemperlein fort, »machte ich keinen neuen Versuch mehr. Ohne Glauben läßt sich keine Predigt schreiben, sagte ich zu mir, und wenn sich auch noch zur Not eine schreiben läßt, so läßt sie sich doch nicht halten, wenigstens nicht von einem Manne, der wie du, ein Stück Gewissen und weder Kind noch Kegel hat, die manchen ehrlichen Kerl schon Dinge haben schreiben und sagen machen, die er nur so, und auch kaum so, vor Gott und der Welt verantworten kann. Daß ich nicht mehr Pastor werden könne, stand bei mir fest, und ich schrieb also heute morgen an Herrn von Barnewitz, mich für die mir zugedachte Ehre zu bedanken, von der ich nicht imstande sei, Gebrauch zu machen, – da – ich mich entschlossen hätte, Julius nach Grünwald zu begleiten. Der Einfall kam mir nämlich, wie ich die Phrase schrieb, und ich lief sogleich zu Frau von Berkow und teilte ihr meinen Entschluß mit, worüber sie eine lebhafte Freude zu erkennen gab. – Nun sagen Sie mir, mein vortrefflicher Freund, der Sie die Güte gehabt haben, diese lange Geschichte anzuhören, was würden Sie tun, wenn Sie in meiner Lage wären? Bedenken Sie dabei, daß ich bereits achtundzwanzig Jahre alt bin, aber noch meine sämtlichen achtundzwanzig Zähne habe. – Die Weisheitszähne sind ausgeblieben, sei es aus einer Vergeßlichkeit der Natur, sei es aus einer weisen Vorsicht des Schicksals, das daran dachte, wie ich so manchmal im Leben wenig genug zu beißen haben würde.« »Was ich tun würde, wenn ich an Ihrer Stelle wäre?« sagte Oswald. »Wenn ich, wie Sie, ein wackrer, gewissenhafter, fleißiger –« »Bitte, bitte, Herr Kollega«, sagte Bemperlein über und über rot werdend. »Ich sage, gewissenhafter, fleißiger Mann wäre? Nun, die Frage ist sehr leicht zu beantworten. Ich würde tun, was Sie bereits getan haben; ich würde dem Paradies naiver Gedankenlosigkeit und harmlosen Glaubens wohlgemut den Rücken kehren, nachdem ich einmal vom Baum der Erkenntnis gekostet, und mich, sowenig wie Sie, in den Stall sperren lassen, in dem die Heuchler, die schnöden Hunde im Schafspelz der Demut, so ohrenzerreißend und markerschütternd winseln und heulen.« »Ganz wohl, ganz wohl!« sagte Herr Bemperlein, sich vergnügt die Hände reibend, »und was würden Sie dann tun, Wertgeschätztester?« »Dann«, sagte Oswald, »wenn ich Sie wäre, würde ich mich erinnern, welche Mühsal ich schon als schwacher Knabe erduldet, und welchen Fleiß und welche Ausdauer ich bewiesen habe, bloß um mir einen Wust von Kenntnissen anzueignen, den ich jetzt froh bin, wieder vergessen zu können – dessen, sage ich, würde ich mich erinnern, und mir eine Wissenschaft zu eigen machen, die ich nicht wieder vergessen möchte, weil ich ihr Jünger sein darf, ohne vorher die freie Vernunft zu knebeln, und weil diese Wissenschaft fruchtbar für mich und fruchtbar für meine Mitbrüder ist.« »Vortrefflich, vortrefflich«, sagte Herr Bemperlein, »weiter, weiter!« »Ich würde also mit einem Wort«, fuhr Oswald fort, »mich mit aller Macht auf die Wissenschaften werfen, in denen Sie sich ja schon versucht haben, und würde mich sobald als möglich nochmals in Grünwald inskribieren lassen, diesmal aber nicht, um Theologie, sondern etwa, um Medizin zu studieren.« »Die medizinische Fakultät in Grünwald ist ausgezeichnet« sagte Herr Bemperlein. »Sie ist anerkanntermaßen eine der besten in Deutschland«, fuhr Oswald fort. »Dann würde ich noch ein paar andere Universitäten besuchen, wenn das Geld reicht –« »Geld wie Heu, Geld wie Heu«, rief Herr Bemperlein, »sechs Jahre lang ein prinzliches Einkommen und freie Station, ich bitte Sie, Teuerster, ich habe für ein halbes Jahrhundert zu leben.« »Dann würde ich ein berühmter Arzt –« »Wissen Sie«, sagte Herr Bemperlein, stehenbleibend und sich nach den Knaben umsehend, im Flüsterton: »Ich habe schon ein paar von Julius' Kaninchen heimlich mit Blausäure vergiftet und hernach seziert, und die Frösche in dem Sumpf hinter unserm Park haben keine Ursache, meine Freunde zu sein.« »Bravo!« rief Oswald lachend. »Und dann heiratete ich.« »Wirklich?« fragte Bemperlein. »Nun natürlich, und erzeugte ein halbes Dutzend kleiner Bemperleins, die in der Folge alle große Bemperleins und alle Leuchten und Fackeln der modernen Wissenschaft würden.« »Auch die Mädchen?« sagte Bemperlein lachend. »Die Mädchen heiraten wieder tüchtige, wahrheitsliebende Männer, und so hülfe ich theoretisch und praktisch die Zeit herbeiführen, wo die Freiheit erscheinen wird, die wir meinen.« »Ja, ja«, rief Herr Bemperlein, »so geht's, so geht's. Dank, tausend Dank, mein trefflicher Freund, daß Sie die letzten Wolken des Zweifels durch ihre mutigen Worte zerstreut haben. Morgen reise ich mit Julius nach Grünwald.« »Ich will Ihnen einen Empfehlungsbrief an Professor Berger mitgeben«, sagte Oswald, »er steht mit allen naturwissenschaftlichen Größen in Verbindung.« Er riß ein Blatt aus seiner Brieftasche, schrieb ein paar Worte an Berger darauf und übergab es Bemperlein. »Dank, besten Dank!« sagte dieser, das Blatt einsteckend. »Die Bekanntschaft dieses Mannes kann mir sehr nützlich werden.« »Auf jeden Fall. Sprechen Sie durchaus offen gegen ihn, ohne allen und jeden Rückhalt, dann dürfen Sie aber auch versichert sein, daß er mit seiner Herzensmeinung nicht hinter dem Berg halten wird. Vielleicht empfiehlt er Ihnen, sogleich auf eine größere Universität, etwa nach Berlin zu gehen. Folgen Sie dann seinem Rat.« »Nous verrons, nous verrons!« rief Herr Bemperlein. »Aber da sind wir bei unserm Parktor angekommen. Sie treten doch näher!« »Nein, nein!« sagte Oswald hastig. »Ich möchte nicht gern so spät nach Grenwitz zurückkommen.« »Nun, dann leben Sie wohl! In ein paar Tagen, wenn ich Julius in Grünwald installiert und mich über mich selbst bei Berger ordentlich informiert habe, bin ich wieder hier, um definitiv Abschied zu nehmen. Leben Sie wohl so lange, mein wertgeschätzter Freund!« »Adieu! Adieu!« sagte Oswald, hastig Bemperlein und Julius die Hand drückend, und Bruno mit sich zurück in den Wald ziehend, als hielte ein Engel mit dem flammenden Schwerte Wache über dem Parktore von Berkow. Neunzehntes Kapitel Der Knabe und er gingen eine Zeitlang schweigend nebeneinander durch den Wald. Bruno war zu stolz, als daß er eine Unterhaltung mit dem hätte beginnen sollen, der ihn ganz vergessen zu haben schien, und Oswald war mit seinen eigenen Gedanken vollauf beschäftigt. In dem kristallhellen Spiegel von jenes Mannes kindlich reiner Seele hatte er sein eigenes Gesicht erblickt – aber wie erblickt? Von Leidenschaft zerrissen, von Zweifel verdüstert, so daß er vor sich selbst erschrak. Und dieser Mann, sprach er bei sich, kommt zu dir, sich von dir Rat zu holen; der Sehende zu dem Blinden, der Gesunde zu dem Kranken! Er entdeckt einen Fehler in der Rechnung seines Lebens, und er setzt sich hin und rechnet und rechnet und ruht nicht, bis das Fazit stimmt, und alles wieder schier und glatt ist, und du taumelst durchs Leben wie ein leichtsinniger Kaufmann, Schuld auf Schuld häufend, von einer tollen Spekulation in die andere rennend, unbekümmert darum, wie es am Zahlungstage werden soll. Jener Mann würde sich eher die Hand abhauen, als sie nach etwas ausstrecken, das er nicht verdient hätte im Schweiße seines Angesichts. – Du nimmst die Gaben der goldigen Aphrodite hin und was dir sonst ein günstiges Geschick gewährt, wie dein gutes Recht und murrest nur, daß es nicht mehr ist. Jetzt bist du schon nicht mehr zufrieden mit Melittas Liebe, für die du ihr auf den Knien danken müßtest; jetzt verlangst du, sie sollte dich geliebt haben, ehe sie dich kannte, sie sollte wenigstens mit ihrer Liebe auch die Erinnerung an diesen Mann verloren haben. Wenn ich die Erinnerung töten könnte, sagte sie. Nun, was uns gleichgültig ist, vergißt man gar leicht, und was man nicht vergißt und nicht vergessen kann – das ist uns nicht gleichgültig. Also haßt sie diesen Mann? Aber der Haß ist der wilde Bruder der holden Schwester Liebe! Vielleicht liebt sie ihn noch! – Und woher kam er eben? Von ihr! Ohne Zweifel. »Bruno, führt dieser Seitenweg noch sonst wohin, außer nach Berkow?« »Nein, und ich finde den Weg wirklich nicht interessant genug, um ihn zweimal an einem Tage zu gehen. Hier ist ein anderer, der uns aus dem Walde herausführt und dann immer am Rande hin bis beinahe nach Hause; wollen wir den nicht einschlagen?« »Meinethalben«, sagte Oswald, sogleich wieder in seinen bösen Traum zurückfallend. Also wirklich von ihr! Doch das ist ja nicht möglich? ›Ein rollend Rad des Weibes Brust hat gedrechselt; die Lilienhöhen decken, was wankt und wechselt‹ – das kann der Baron so gut wie du in der Frithjofssage gelesen haben. Er ist ja auch ein Schriftgelehrter und dabei Baron und reich. – Dem Manne kann es gar nicht fehlen; aber Melitta soll mir Rede stehen; sie soll mir sagen, daß ich Ursache habe, den Mann zu hassen, wie ich ihn hasse. Bruno war, durch die Breite des Weges von ihm getrennt, schweigend neben Oswald hergegangen. Er bemerkte wohl dessen Aufregung; er sah, wie sein Gesicht sich immer mehr verdüsterte, wie schmerzlich seine Lippen zuckten, wie seine Hand sich krampfig ballte; er sah, daß sein Freund nicht glücklich war. Mehr bedurfte es bei dem großmütigen Knaben nicht, ihn alle seine persönliche Empfindlichkeit, seine eignen Klagen vergessen zu machen; er kam leise an Oswald heran und seine Hand ergreifend, sagte er: »Was fehlt dir, Oswald? Warum sprichst du nicht? Zürnst du mir?« »Ich dir!« mehr antwortete der junge Mann nicht; aber der Ton, mit dem er diese Worte sprach, und der Blick, mit dem er sie begleitete, waren genug, um Bruno von der Grundlosigkeit seines Verdachtes zu überzeugen, und die so lange zurückgestaute Flut seiner Liebe in wildem Ungestüm hervorbrechen zu machen. Er umschlang Oswald und drückte und herzte ihn unter Tränen und Schluchzen. »Bruno, Bruno, was ist dir?« rief Oswald, den die stürmische Zärtlichkeit des Knaben erschreckt. »Ich glaubte, du liebtest mich nicht mehr«, schluchzte Bruno, »und sieh, Oswald, wenn auch du mich nicht mehr lieben willst, dann muß ich sterben.« Das bleiche Totenbild, das Oswald heute morgen in seinem fieberhaft erregten Zustande so entsetzlich deutlich geträumt hatte, trat wieder vor seine Seele und gab dem leidenschaftlichen Worte des Knaben eine fürchterliche Bedeutung. Sprachlos vor Rührung zog er den Weinenden an sein Herz und wiederholte sich im stillen das Gelöbnis, diesem armen, verlassenen Knaben ein Bruder zu sein. So standen sie, sich eng umschlungen haltend. Rote Abendlichter spielten in den Wipfeln der Tannen; aus dem Walde tönte der sanfte klagende Gesang eines Vögeleins. Da schlugen aus geringer Entfernung wüste, häßliche Töne an ihr Ohr, laute drohende Stimmen von Männern, die in einem heftigen Wortwechsel begriffen schienen – Schelten, Fluchen – dann auf einen Augenblick tiefe Stille und plötzlich der laute Ruf: »Herr Gott! Hilfe! Ist denn niemand da! Hierher!« Oswald und Bruno, die einen Augenblick atemlos gelauscht hatten, eilten jetzt im vollen Lauf der Stelle zu, von wo der Hilferuf ertönte. Sie kamen auf einen Platz, hart am Rande des Waldes, wo Holz gefällt wurde und zwischen den einzelnen noch stehenden Bäumen hier und da Klafter aufgeschichtet waren. Neben einem halb beladenen, mit vier Pferden bespannten Wagen lag ein Mann auf der Erde, mit Händen und Füßen um sich schlagend, ein anderer hatte sich über ihn gebeugt, ihn mißhandelnd oder beschwichtigend – man konnte es nicht unterscheiden. Als die beiden herankamen, erhob er sich – es war der Inspektor Wrampe – und schrie ihnen entgegen: »Schnell, Herr Doktor, um Gottes willen! Der Kerl stirbt mir unter den Händen.« In der Tat, das Aussehen des Mannes auf der Erde war entsetzlich genug. Das Gesicht verzerrt, die Augen verdreht, daß man nur das Weiße sah, Schaum vor dem Munde, die Fäuste geballt, der Körper in Krämpfen zuckend – kaum, daß Oswald den riesigen Knecht wiedererkannte, der damals durch seine Grausamkeit gegen seine Pferde den Zorn Brunos herausgefordert hatte. Oswald war an der Seite des Menschen niedergekniet, er wischte ihm den Schaum vom Munde, er band ihm die steife Binde ab, er suchte ihm eine bessere Lage zu verschaffen. »Haben Sie nichts ihm unter den Kopf zu legen?« rief er dem Inspektor zu, dessen rohes, bärtiges Gesicht die hilflose Angst unaussprechlich albern machte. »Unter den Kopf? Unter den Kopf? Hier!« und dabei zog er seinen Rock aus und stopfte ihn als Kissen unter den Kopf des Mannes. »Ist kein Wasser in der Nähe?« rief Oswald weiter. »Wasser in der Nähe? Nein – aber in dem Rock steckt eine Flasche – da – das mag auch wohl helfen – Herr Jesus. – –« Oswald wusch mit dem Branntwein die Stirn des Kranken, der allmählich etwas ruhiger wurde. »Wie ist denn dies gekommen?« fragte er. »Ja, ich weiß es nicht«, rief der Inspektor mit kläglicher Stimme. »Ich komme hierher geritten, weil der Kerl mir zu lange im Holz trödelt, um ihm ein bißchen den Marsch zu machen. Da sitzt er bei seinem Wagen auf dem Baumstamm und regt sich nicht. ›Was hast du hier zu sitzen?‹ sagte ich. ›Warum soll ich hier nicht sitzen?‹ sagte er. ›Bist du wieder besoffen, Jochen?‹ sagte ich, denn ich sah, daß er ganz wäßrige Augen hatte und seine Schnapsflasche leer neben ihm lag. ›Selber besoffen‹, sagte er. ›Du bist ein ganz infamer Schlingel‹, sagte ich. ›Selber Schlingel‹, sagte er. Na, Herr Doktor, so was kann man sich doch nicht gefallen lassen. So ich runter vom Pferde und meinem Kerl ein paar aufgezählt. Er in der größten Wut auf mich los – mit einem Mal fällt er wie ein Ochs auf die Erde – und fängt an – ach, Herr Jesus, da geht es wieder los. So was hab ich mein Lebtag nicht gesehen.« Der Knecht bekam wieder einen Krampfanfall; Oswald selbst befürchtete das Schlimmste. »Schnell, schnell«, rief er, »das Holz vom Wagen herunter, wir müssen ihn langsam nach Hause fahren. Unterdessen reitet einer nach dem Arzt.« »Ja, ja, ich will nach dem Doktor reiten«, rief der Inspektor, froh, fortzukommen, und schon mit einem Fuß im Bügel. »Hiergeblieben«, herrschte ihn Oswald an, »wie kann ich ohne Sie den Mann fortschaffen? Schämen Sie sich nicht, Herr Wrampe, daß Sie ein solcher Hasenfuß sind? Nehmen Sie sich ein Beispiel an Bruno.« Bruno hatte Oswald nach Kräften unterstützt, jetzt stand er auf dem Wagen und warf mit vollen Armen das schon aufgeladene Holz herab. »Ich will zu dem Doktor reiten, Oswald!« rief er herabspringend. »Es wird wohl das beste sein, Bruno«, sagte dieser. »Du kennst den Weg, und ich kann hier nicht fort. Schnallen Sie ihm die Bügel kürzer, Herr Inspektor.« »Gleich, gleich«, sagte dieser, aber schon hatte Bruno es selbst getan; mit einem Satze, ohne den Bügel zu berühren, saß er im Sattel und hatte die Zügel ergriffen. Das feurige Tier, die ungewohnte leichte Last fühlend, bäumte sich. »Es wird Sie abwerfen, Junker!« sagte der Inspektor. »Keine Furcht!« rief der Knabe. »Ihre Peitsche her! Hopp, allez!« und damit hieb er das Pferd über den Hals und sprengte im Galopp davon. Oswald sah nur noch, wie er, am Rande des Waldes angekommen, über den breiten Graben setzte auf den Weg, von dem Weg über den andern Graben auf eine Wiese, um, über diese weggaloppierend, schneller die Landstraße zu gewinnen, die nach Faschwitz und von dort weiter nach dem Städtchen führte, in dem der Doktor wohnte. Zwanzigstes Kapitel Unterdessen hatten der Inspektor und Oswald, nicht ohne einige Schwierigkeit – denn Herrn Wrampes Riesenkraft schien durch den Schreck vollkommen gelähmt zu sein – den Kranken auf den Wagen geladen, nachdem sie zuvor von dem Heu der nahen Wiese und einigen Kleidungsstücken eine Art von Lager darauf bereitet hatten. Oswald stieg mit hinauf, um den Kranken, der sich jetzt in einem ganz lethargischen Zustande befand, nötigenfalls zu stützen, und der Inspektor lenkte die Pferde. Glücklicherweise dauerte die Fahrt nicht lange, da die Häuslerwohnungen auf der ihnen zugekehrten Seite der Landstraße von Grenwitz nach Faschwitz, den Wirtschaftsgebäuden gegenüber, also bedeutend näher als das Schloß selbst lagen. »Sie wissen doch, wo der Mann wohnt?« fragte Oswald, als sie sich dem Dorfe näherten. »Gleich in dem ersten Hause«, antwortete Herr Wrampe, sich in dem Sattel umdrehend und mit dem Peitschenstiel auf ein Häuschen zeigend, das eher einem großen Hundestall als einer kleinen Menschenwohnung glich. »Ist er verheiratet?« »Gewesen«, antwortete Herr Wrampe, »er hat das arme Weib –‹ hier unterbrach er sich, einen scheuen Blick auf das blasse Gesicht des Mannes werfend, als wollte er sagen: von Toten und Todkranken darf man nur das beste sprechen. »Hat er Kinder?« »Zwei, da sind sie vor der Tür mit Mutter Clausen. Mutter Clausen, he! Der Jochen hat das böse Wesen gehabt, bringen Sie doch die Kinder ins Haus, daß sie sich nicht erschrecken.« So rief der Inspektor, den das Gefühl seines Unrechts außerordentlich zartfühlend gemacht hatte, einer alten Frau zu, die im letzten Abendsonnenschein vor der Tür der Hütte saß, während zwei kleine Kinder zu ihren Füßen im Sande spielten. Als die alte Frau aufblickte, erkannte Oswald dieselbe Alte, mit welcher er auf dem Wege zur Kirche gestern morgen auf dem Moor die sonderbare Unterredung über Unsterblichkeit gehabt hatte. Die Alte warf einen Blick nach dem herankommenden Fuhrwerk, ergriff die Kinder, führte sie ins Haus, und kam wieder heraus, als der Wagen eben vor der Tür stillhielt. »Ist er tot?« fragte sie, an den Wagen tretend. »Nein, Mütterchen«, sagte Oswald. »Ah, sieh, der junge Herr von gestern! Na, das gefällt mir von Ihnen, daß Sie Mitleid haben mit den armen Menschen. – Tragt ihn nur hier herein, ich habe die Kinder in meine Kammer gebracht.« Der Inspektor und Oswald hoben den Mann, der vollkommen regungslos war, vom Wagen, trugen ihn, nicht ohne sich zu bücken, durch die Haustür über den kleinen Flur in die niedrige Stube, und legten ihn dort auf ein breites, mit blauem Kattun überzogenes Bett. Die Alte folgte, hieß den Inspektor, ihr den Mann entkleiden helfen und sagte ihm dann: »So, Sie können nun gehen; der Herr Stein und ich wollen schon mit dem Jochen fertig werden.« Der Inspektor ließ sich diese Erlaubnis nicht zweimal sagen; mit einigen unverständlichen Worten drückte er sich aus der Stube, und Oswald sah nur durch das Fenster, wie er draußen, ehe er das Sattelpferd bestieg, einen langen, langen Schluck aus seiner Flasche tat, als ob er nach solcher geistigen und körperlichen Anstrengung einer Erquickung ganz besonders bedürfe. Oswald hatte sich am niedrigen, offenen Fenster auf einen Schemel gesetzt und schaute sich in dem Zimmerchen um. Man erkannte auf den ersten Blick, daß hier in diesem Häuschen ein guter Geist waltete, der aber sicherlich nicht in dem rohen Trunkenbolde dort auf dem Bett seine Wohnung aufgeschlagen hatte. Das Bett war frisch überzogen, die Zimmerdecke, die Wände waren sorgfältig gereinigt, der Fußboden mit Sand bestreut. Die Luft im Zimmer war frisch, die kleinen Fensterscheiben so klar, wie es ihre grünliche Farbe und das Alter eben zuließen. Mutter Clausen hatte am Bette gesessen, und, wie Oswald aus einigen wunderlichen Manipulationen schloß, irgendeine magnetische Kur mit dem Kranken vorgenommen, der jetzt in einen erquickenderen Schlaf zu fallen schien. Sie stand auf und sagte: »Ich will die Kinder zu Bett bringen, Sie bleiben doch so lange hier?« Auf Oswalds bejahende Antwort trippelte sie davon, kam nach einer Viertelstunde wieder und setzte sich zu dem jungen Mann an das Fenster. Sie hatte ein Strickzeug in der Hand und strickte mit einer für ihr Alter unbegreiflichen Schnelligkeit an einem Kinderstrümpfchen. So saß sie da, bald nach dem Kranken horchend, bald die Maschen an ihrem Strumpfe zählend, bald Oswald aus ihren grauen, tiefliegenden Augen forschend und freundlich ansehend. »Ich weiß nicht, was das ist«, sagte sie plötzlich, als ein roter Streifen der untergehenden Sonne durch das Fenster auf Oswalds Gesicht fiel, »ich muß Sie schon mal gesehen haben.« »Nun ja«, sagte Oswald, »gestern morgen auf der Heide.« »Nein, nein – nicht gestern, vor einigen Jahren, so vor vierzig – fünfzig etwa und darüber.« »Wie alt sind Sie denn, Mütterchen?« fragte Oswald verwundert, fünfzig Jahre und darüber als einige Jahre bezeichnen zu hören. »Nächstes Christfest werde ich zweiundachtzig Jahr«, antwortete die Alte, wieder emsig strickend, als erinnere sie diese Frage, daß sie keine Zeit mehr zu verlieren habe. »Zweiundachtzig Jahre!« rief Oswald erstaunt. »Und haben Sie während der Zeit hier stets im Dorfe gelebt?« »Ja, immer hier; hier und auf dem Schlosse. Dort bin ich geboren, am heiligen Christabend im Jahre 1764, an demselben Tage und zur selbigen Stunde, wie der Vater von dem verstorbenen Baron –« »Wie lange ist der nun tot?« »Nun, es ist jetzt so ein vierzig Jahre her, er wäre jetzt ebenso alt wie ich, zweiundachtzig Jahr, hm, hm, hm, zweiundachtzig Jahr – wie der wohl aussähe – auch so verschrumpft? Und war ein schmuckes Bursch – ei, das war ein schmuckes Bursch!« Die Erinnerung an den drittletzten, längst verstorbenen Baron von Grenwitz schien der Alten eine besonders merkwürdige zu sein; sie ließ die magern, braunen Hände mit dem Strickzeug in den Schoß sinken, und starrte gedankenvoll vor sich hin. »Ein schmuckes Bursch«, murmelte sie noch einmal, und die verschrumpften Züge erhellte ein freundliches Lächeln, dann traten zwei große Tränen aus den gesenkten Wimpern und rollten langsam über die runzligen braunen Wangen auf die runzligen braunen Hände... Was mochte sie in diesem Augenblicke erschauen, die alte Frau? Sah sie sich wieder, wie sie vor fünfundsechzig Jahren war, ein schlankes, bildhübsches Ding mit großen grauen, blitzenden Augen und prächtigem, reichem, dunkelblondem Haar, so wie sie damals war, als sie sich des Nachts heruntergestohlen hatte in den Schloßgarten, um dem Junker ein Stelldichein zu geben, dem wilden Junker, mit dem sie zusammen aufgewachsen war wie eine Schwester, und den sie wie einen Bruder liebte und wie ihren Herzallerliebsten, und der ihr schwur, er wolle sie zur gnädigen Frau machen, sobald er einmal der Herr sei in Grenwitz. Damals war sie jung gewesen und er war jung gewesen; und die Sonne hatte in jener alten Zeit so warm und mild geschienen in ihr junges, morgenfrisches Herz, und die Lerchen hatten so lieblich ihr Triliri gesungen, und der Mondschein war auf so leisen Füßen im Park herumgeschlichen, daß er nicht einmal die Nachtigall störte, die in dem Gebüsche so klagte und schluchzte, als ob ihr das kleine volle Herz brechen wolle vor Liebessehnsucht und Liebespein – denn ach, der Junker war dann fortgereist, weit, weit fort – übers Meer, von seinen Eltern nach Schweden geschickt zu seinen Verwandten, damit die dumme Geschichte mit der Lise ein Ende nehme; und er sandte ihr kein Wort, keinen Gruß ein, zwei Jahre lang, und als er wiederkam von Schweden – da, heiliger Gott! war er nicht allein – eine schöne, junge Frau saß bei ihm im Wagen, und die alten Herrschaften waren glücklich, und die Dienerschaft schrie Hurra – und sie tanzten und jubelten. – Aber in dem dichtesten Gebüsch des Schloßgartens hatte sich ein Mädchen versteckt, die hübscheste von allen Dirnen weit und breit, und die schluchzte leise, leise vor sich hin, wie Träne auf Träne über ihre Wangen rollte, und von den vielen Tränen waren ihr die schönen Augen tief in den Kopf gesunken, und die blonden Haare waren grau geworden, und – und da saß sie nun, eine alte, steinalte Frau – und noch immer flossen ihr die Tränen über die runzligen braunen Wangen auf die runzligen braunen Hände. »Ein schmuckes Bursch«, sagte sie, »wie ich mein Lebtage keinen wieder so schmuck gesehen habe, bis gestern morgen, als Sie plötzlich auf der Heide vor mir standen. Da kamen Sie mir gleich so bekannt vor, und nun weiß ich auch, warum. Mit Verlaub, Junker, wie alt sind Sie jetzt?« »Dreiundzwanzig Jahr.« »Dreiundzwanzig Jahre, ja, ja, ich wußte es wohl, dreiundzwanzig Jahre – du bist jung geblieben und bist noch immer so gut und schön.« Wieder sah sie Oswald an, aber nicht mit dem spürenden, suchenden Blick wie vorher, sondern klar und deutlich wie eine Ahne blickt, die einen Enkel an ihrem Lehnstuhle spielen sieht. Auf einmal stand sie auf, trat an Oswald heran, und ihm die welken, zitternden Hände aufs Haupt legend, sagte sie langsam und feierlich mit einer Stimme, die nicht ihr zu gehören, die aus einer andern Welt herüberzuschallen schien: »Der Herr segne und behüte dich, Oswald!« Dann setzte sie sich wieder auf ihren niedrigen Schemel und strickte wieder emsig, daß die Nadeln klapperten und dazu nickte sie mit dem grauen Haupte und lächelte selig vor sich hin, als erzählte ihr eine Stimme, die nur sie allein hörte, ein altes, längst verschollenes, wunderherrliches Märchen von Jugend und Liebe und Nachtigallengesang. Einundzwanzigstes Kapitel In dem niedrigen Zimmer begann es zu dunkeln; die Nadeln der Alten klapperten immer hastiger, die Schwarzwälder Uhr in der Ecke pickte lauter und lauter in der tiefen Stille, und Oswald saß noch immer am offenen Fenster, den Kopf in die Hand gestützt, wie im Traum. Das Geräusch eines Wagens, der die Dorfgasse hergefahren kam, erweckte ihn. Ein mit zwei Pferden bespannter leichter Holsteinerwagen hielt vor der Hütte still, ein Mann stieg rasch hinab und trat alsbald in die Stube. »Guten Abend«, sagte eine klare, etwas scharfe Stimme. »Herr Doktor Stein? – Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. – Mein Name ist Braun. Bruno hat mir schon erzählt, daß ich hier einen barmherzigen Samariter finden würde – wo ist denn unser Patient – ach, dort im Bett –, wie wär's, liebe Alte, wenn Sie uns etwas Licht verschafften, unterdessen ist Herr Doktor Stein so gut und erzählt mir, was er von dem Falle weiß, nicht wahr?« Oswald gab, so gut er es vermochte, eine Schilderung dessen, was er gesehen hatte. »Ich dachte es mir schon«, sagte Doktor Braun, »es ist ein Anfall von Epilepsie. Hat Ihr Sohn sonst schon an diesen Zufällen gelitten«, fragte er die Alte, die jetzt, ein dünnes Talglicht mit der Hand schützend, so daß nur ein schwacher Schimmer auf ihr runzliges Gesicht fiel, wieder in das Stübchen trat. »Es ist nicht mein Sohn, auch war seine Frau nicht meine Tochter«, sagte Mutter Clausen, das Licht auf einen Schemel vor das Bett setzend, »aber seine Kinder sind meine lieben Enkelchen.« Der Doktor warf einen forschenden Blick in das Antlitz der alten Frau – und dann schweifte sein Auge fragend zu Oswald hinüber –, aber er hielt die Bemerkung, die er auf den Lippen hatte, zurück, nahm das Licht und leuchtete in das Gesicht des Kranken. Oswald nahm es ihm aus der Hand. »Erlauben Sie, daß ich Ihnen leuchte.« »Danke«, sagte der Doktor, den Kranken untersuchend. Währenddessen betrachtete Oswald sich den Ankömmling genauer. Es war ein Mann zwischen fünfundzwanzig und dreißig Jahren, schlank und etwas dürr, in einem einfachen, bequemen, aber eleganten Sommeranzug gekleidet. Der Kopf war außerordentlich wohlgeformt und mit sehr dunklem Haar bedeckt, das zu dicht zu sein schien, um sich locken zu können und jetzt in einer eigentümlichen, nicht unschönen Weise wie ein niedriges Barett um die feste, über die Augen etwas vorspringende Stirn stand. Die Nase war in keine bestimmte Kategorie zu bringen, aber fein und ausdrucksvoll, ebenso wie der Mund, dessen Lippen scharf und zart zugleich geformt waren, als ob sie sich zu einem hübschen, geistreichen Wort vollends öffnen würden. Kinn und Wangen umzog ein dichter, glänzender Bart, der mit dem Haupthaar harmonierte und den männlich-schönen Ausdruck des Gesichts vollendete. Auch bemerkte Oswald, während der Doktor die Augenlider des Kranken hob, daß seine Hände von einer fast frauenhaften Zartheit und Schönheit waren. »Es ist, wie ich dachte«, sagte Doktor Braun, sich emporrichtend, »ein epileptischer Anfall. Ich kann nichts verschreiben, da die Natur sich hier selbst hilft. Für den Augenblick ist nur Ruhe nötig. Morgen wird der Mann noch etwas schwach, sonst aber wieder ganz gesund sein.« »So sind dergleichen Zufälle nicht gefährlich?« fragte Oswald. »Sie können letal werden«, antwortete der Doktor, »zumal wenn, wie ich stark vermute, der Kranke ein Potator ist. An eine radikale Heilung ist nicht zu denken, wenigstens nicht unter diesen Verhältnissen, da die Kur eine sehr langwierige ist.« »Ich hatte mich schon darauf gefaßt gemacht, einen Teil der Nacht hierbleiben zu müssen«, sagte Oswald, »das ist denn also wohl nicht nötig?« »Gott bewahre! Ruhe, wie gesagt, ist die einzige Erfordernis. Der Mann ist Witwer?« sagte er, sich in der Stube umsehend. »Die Anne ist tot«, sagte Mutter Clausen. »Aber ich will schon wachen über den Jochen. Alte Leute wie ich brauchen nicht viel Schlaf; wir werden bald Zeit vollauf dazu haben. Gehen Sie nur ruhig nach Hause, Junker. Du bist brav, das hab ich ja immer gesagt. Adjies, Herr Doktor, schönen Dank für den Jochen, da er sich nicht selber bedanken kann und sich vielleicht auch nicht einmal bedankte, selbst wenn er könnte. Adjies Junker.« Damit leuchtete sie den beiden zur Tür und zum Hause hinaus. »Wollen Sie mich nicht noch eine Strecke begleiten?« sagte der Doktor, als sie vor der Türe standen. »Ich fahre von hier über Berkow, wo ich noch im Dorfe einen Besuch machen muß, nach Hause, und Sie können ja absteigen, wo Sie wollen. Der Abend ist wahrhaft ambrosisch, und in Grenwitz kommen Sie zum Abendbrot doch schon zu spät, wie ich Ihnen aus bester Quelle berichten kann, da ich selber dort zu Abend gegessen habe.« »Sie dort zu Abend gegessen?« sagte Oswald, sich zu dem Doktor in den Wagen setzend. »Hat Sie denn Bruno nicht von Bergen geholt?« »Der arme Junge hat den Weg vergeblich gemacht; denn während er ventre à terre dorthin jagte, saß ich schon ruhig in Grenwitz.« »Und was führte Sie denn nach Grenwitz, wenn man fragen darf ?« Der Doktor lachte. »O tempora, o mores – da sieht man es! Der Mentor beschützt und hütet anderer Leute Kinder, und weiß nicht, daß sein lieber Telemach todkrank zu Hause liegt.« »Sie belieben zu scherzen.« »Allerdings scherze ich; Malte ist so gesund wie ein Junge, der morgen die Schule schwänzen will, nur sein kann. Aber da der Baron und die Baronin in der Erschöpfung, die bei einem solchen Zuckerpüppchen nach einer längeren Promenade sehr natürlich ist, die Anzeichen eines heranziehenden Typhus zu erkennen glaubten, und keine Stimme im hohen Rate sich dagegen erhob, so mußte denn natürlich schleunigst zu dem Unglücklichen geschickt werden, der das wenig beneidenswerte Vorrecht hat, allen Unsinn, der den Leuten durch den Kopf geht, ausbaden zu müssen – ich meine, zum Arzt. Und während ich nach dem Abendbrot – welches, wie Sie wissen, oder wie die Baronin sagt, wenigstens wissen müßten – in Grenwitz stets pünktlich um acht Uhr serviert wird, eben in den Wagen steigen wollte, kommt der Prachtjunge, der Bruno, wie der Georg in Götz von Berlichingen in voller Karriere auf den Schloßhof gesprengt, – Sie hätten das Entsetzen des Barons und der Baronin sehen sollen! – Die guten Leute hätten nicht mehr erschrecken können, wenn der Raugraf aus der Bürgerschen Ballade mit Holla und Hussassa über den Hof geritten wäre – und verkündete in atemloser Hast, der Jochen läge auf den Tod und Doktor Stein wäre bei ihm, und er bäte doch so schnell wie möglich zu kommen. – Aber apropos, wie ist das? Die Alte nannte Sie Junker, ich vermute daraus, daß ich in Zukunft Herr von Stein werde sagen müssen.« ,.Weshalb nicht gar Freiherr!« lachte Oswald, dem die Weise seines neuen Bekannten sehr gefiel. »Nein, ich bin ebensowenig adelig, wie Mutter Clausen eine Königin ist, ich habe keine Ahnung, weshalb die gute Alte, die ich übrigens gestern zum ersten Male gesehen habe, durchaus einen Junker aus mir machen will.« »Das ist eine sonderbare alte Frau,« sagte der Doktor. »Sehen Sie, wie schön der Mond sich dort über den Waldrand erhebt, und wie duftig der Nebel über den Wiesen liegt! – Eine sonderbare Frau. Ich erinnere mich jetzt, daß sie mir auch sonst schon aufgefallen ist, sie sieht aus wie – nun, wie nur gleich?« »Wie eine alte, alte Frau aus irgendeinem Grimmschen Märchen, die sich gelegentlich in die allerschönste Prinzeß von der Welt verwandelt.« »Ja, ganz recht, sie hat ein wunderbares Feuer in ihren eingesunkenen Augen. Es ist einem, als ob das alte Gesicht nur eine Maske für eine noch immer jugendliche Psyche sei.« »So ist es auch«, sagte Oswald, und er erzählte dem Doktor die sonderbare Unterhaltung, die er mit Mutter Clausen gestern morgen auf der Heide gehabt, und wie ihm die Rede der alten Frau so natürlich und wahr erschienen sei wie der Gesang der Heidelerche, und welchen widerwärtigen Eindruck hernach die Predigt des eitlen Pastors auf ihn gemacht habe. »Ja, ja«, sagte der Doktor. »Goethes Wort bleibt ewig wahr: Es ärgert die Menschen, daß die Wahrheit so einfach ist. Um den Leuten weiszumachen, sie sei ein wunder wie großes Wunder, behängen sie sie mit allerlei bunten Fetzen und Lappen und führen sie dann in Prozession umher. Solche Menschen aber wie unsere Alte da, die lesen nur ein Kapitel in dem großen Buche des Alls, aber sie lesen wieder und immer wieder, sechzig, siebzig Jahre lang, bis sie es auswendig wissen. Und da das Ganze ja doch aus einem Geiste geschrieben ist, so kommen sie schließlich weiter wie die große Herde der Halb-, Viertel- und Achtelgebildeten, die in unruhiger Hast das Buch von vorn bis hinten und wieder zurück durchblättern, überall etwas herausklauben und am Ende denn doch so klug oder so dumm bleiben, wie sie im Anfang waren.« »Jawohl«, sagte Oswald, »ein lebendiger Beweis für die Richtigkeit Ihrer Bemerkung ist zum Beispiel die Baronin von Grenwitz. Was hat diese Frau nicht alles gelesen: deutsch, französisch, englisch, schwedisch; Heiliges und Profanes, die besten und die dümmsten Bücher. Einmal treffe ich sie über Rousseaus Confessions, das andere Mal über einem Romane von Van der Velde; heute liest sie Schleiermachers Reden über Religion und morgen die letzte Schauergeschichte von Dumas oder Eugène Sue – sie urteilt in einzelnen Dingen vollkommen richtig; aber sowie die Rede auf die summa arcana, die höchsten Geheimnisse des menschlichen Denkens kommt, oder sowie sie auch nur die Menge einzelner richtiger Beobachtungen in einem allgemeinen Satze formulieren soll, beginnt sie zu faseln und bringt so alberne, abgedroschene, aristokratische Gemeinplätze zutage, daß einem Hören sind Sehen vergeht.« »Diese Disposition der gnädigen Frau kann, deucht mir, gerade nicht zur Erhöhung der Annehmlichkeit Ihrer Stellung in Grenwitz beitragen«, bemerkte der Doktor. »Allerdings«, sagte Oswald leichthin, »ich suche indessen diesen Zusatz von Wermut dadurch abzuschwächen, daß ich den philosophischen Expektorationen der Dame so viel als möglich ausweiche, und mich überhaupt in meinem Verhältnisse zu der übrigen Familie auf das Notwendige beschränke.« »Sollten Sie die Grenzen, die Sie sich dabei im Interesse Ihrer Zeit und Ihrer guten Laune ziehen zu müssen glaubten, nicht etwas zu eng gesteckt haben?« sagte der Doktor, die Asche seiner Zigarre an der Lehne des Wagens abklopfend. »Wie das?« fragte Oswald nicht ohne einige Verwunderung. »Sie verzeihen meine Indiskretion«, sagte der andere, sich noch etwas mehr zu Oswald herüberwendend und ihn mit seinen hellen, klugen Augen voll ansehend. »Sie wissen, daß wir Ärzte, wir mögen wollen oder nicht, zu der leidigen Rolle des Vertrauten in allen Familien, wo wir ein und aus gehen, verdammt werden. Auf einem oder dem andern Punkte hängt schließlich alles mit der physischen Natur, die wir zu kontrollieren haben, zusammen, und so kommt denn nach und nach auch alles vor unser Forum, selbst solche Dinge, die vor jedes andere eher zu gehören scheinen als vor das ärztliche. Und wenn die Sache schließlich in gar keinem Zusammenhange mit der Diätetik des Leibes und der Seele steht, so denken die Leute: Hast du ihm soviel gesagt, kannst du ihm das auch noch sagen. So konnte denn auch heute die Baronin eine Bemerkung nicht unterdrücken. Ich bin hier nicht darauf aus, Ihnen etwas Schmeichelhaftes oder Unangenehmes zu sagen, sondern einen Wink zu geben, den Sie beachtet oder unbeachtet lassen mögen, wie es Ihnen gut erscheint. – Sie bedauert also, daß Sie, der Sie die Gabe angenehmer Unterhaltung – ich brauche hier die Worte der Baronin – in einem so hohen Grade besäßen, und sich in den Formen des Umgangs mit solcher Leichtigkeit bewegten, es verschmähten, von diesen Gaben den rechten Gebrauch zu machen. Es sei das um so mehr zu bedauern, als durch diese Zurückhaltung – ich spreche immer noch in den Worten der Baronin – Malte, der nun einmal ein häuslicher Knabe sei und sich im Schoße der Familie am wohlsten fühle, um einen Teil der Vorteile käme, die er aus Ihrer Gesellschaft und aus dem intimen Verhältnisse mit Ihnen ziehen könnte und ziehen würde.« »Es ist doch merkwürdig«, sagte Oswald nach einer kleinen Pause, »welch sonderbare Käuze wir Adamskinder sind. Das, was Sie mir da sagen, hab ich mir schon mehr als einmal gesagt; habe mir gesagt, daß, nachdem ich mich einmal dazu verstanden habe, dem Wohle einer Familie meine Zeit und meine Kraft zu verkaufen, ich mich auch wohl zu anderen Konzessionen würde verstehen müssen – und jetzt, da ich dasselbe von Ihnen höre, berührt es mich doch unangenehm... Aber seien Sie versichert, daß ich wahrlich nicht Ihnen, daß ich einzig und allein mir zürne, und zwar deshalb zürne, weil mich ein in so freundlicher Absicht erteilter Wink auch nur einen Augenblick stutzig machen konnte.« »Ich war gewiß«, sagte der Doktor, »daß ich es mit einem Manne zu tun hatte, der die Spreu vom Weizen zu sondern weiß; wäre ich das nicht gewesen, seien Sie überzeugt, ich hätte geschwiegen.« Wiederum trat eine Pause in dem Gespräch der jungen Männer ein; der Doktor bereute im stillen, daß ihm seine Gutmütigkeit, wie schon so oft, das undankbare Geschäft des ungebetenen Ratgebers aufgenötigt hatte; Oswald verfolgte den in ihm angeregten Gedanken und schien ganz vergessen zu haben, daß die hohen Stämme der Tannen sehr schnell an ihm vorüberglitten und die raschen Pferde des Doktors den Weg zwischen Grenwitz und Berkow fast schon zurückgelegt hatten. Er fuhr erschrocken in die Höhe, als er rechts vom Wege durch die Zweige ein Licht schimmern sah. Er wußte, es kam aus dem Fenster der Försterwohnung von Berkow. Auf der entgegengesetzten Seite führte ein schmaler Pfad zu der Lichtung im Walde, auf der Melittas Eremitage stand. An derselben Stelle des Weges, an der sie eben jetzt anlangten, hatte ihn gestern der Wagen des Barons erwartet. »Bitte, lassen Sie hier halten«, sagte er hastig zum Doktor. »Ich sehe zu meinem Schrecken, daß wir beinahe bis Berkow gekommen sind. Es ist die höchste Zeit, daß ich zurückkehre.« Der Wagen hielt; Oswald stieg aus. »Ich hoffe«, sagte er, dem Doktor die Hand reichend, »daß dies nicht die einzige und nicht die längste Strecke gewesen ist, die wir auf unserem Lebenswege zusammen fahren oder gehen werden.« »Ich hoffe und wünsche dasselbe«, antwortete der andere, »es scheint mir, als ob wir in unserm Denken und Fühlen manches Gemeinsame haben, und einer wahlverwandten Natur zu begegnen ist ein viel zu kostbares Glück, als daß man es leicht verscherzen dürfte. Jedenfalls komme ich bald wieder in diese Gegend. Leben Sie wohl indessen.« Der Wagen rollte davon, bald verhallte der Hufschlag in der Ferne; das Licht in der Försterwohnung erlosch – Oswald war allein mit der Nacht und dem Schweigen. Und alsbald trat das Bild Melittas vor seine Seele und glitt vor ihm her den schmalen Waldpfad entlang, auf dem er jetzt heimlich und leise wie ein Wilddieb hinschritt. Da trat er hinaus auf die Lichtung und blieb erschrocken, wie wenn ein Blitz an seiner Seite eingeschlagen hätte, stehen: aus dem Fenster der Eremitage schimmerte Licht, Melitta, die er auf dem Schlosse glaubte, war hier, hier – fünfzig Schritte von ihm entfernt – er brauchte nur über den Wiesenteppich zu gehen und die paar Stufen der Treppe zu ersteigen – die Tür zu öffnen – Oswald lehnte an dem Stamm der Buche, sein wild schlagendes Herz ein wenig zu beruhigen. Und wenn ihn hier jemand sähe, wenn er Melittas Ruf leichtsinnig aufs Spiel setzte! Atemlos horchte er in die dunkle Nacht hinein. Nichts vernahm er als die wunderlichen geheimnisvollen Stimmen, die man am Tage niemals hört, und die mit der Nacht geboren werden: ein Raunen und Flüstern oben in den Zweigen, ein Rascheln und Knistern in dem trocknen Laub am Boden – das dumpfe Gebell eines Hundes drüben aus dem nahen Dorfe. Ein Nachtaar kam auf seinem wirren Fluge bis dicht an sein Gesicht geflattert und schoß dann wieder davon. Sonst ringsumher tiefe drückende Stille. Da schlug ein dumpfer, drohender Laut an sein Ohr. Er kam aus der breiten Brust von Melittas Dogge, die vor dem Eingange der Eremitage Wache hielt. Der treue Wächter mußte die Nähe eines Fremden gespürt haben, denn er erhob sich, sprang die Treppe hinab und umkreiste das Haus, wie ein Schäferhund seine Herde. »Boncœur«, rief Oswald leise, als das Tier in seine Nähe kam, »ici!« Das kluge Tier stutzte bei dem wohlbekannten Ruf, den es so oft aus seiner Herrin Munde vernommen, und kam, Oswald erkennend, in raschen Sprüngen auf ihn zu und legte ihm als Willkommen die mächtigen Tatzen auf Brust und Schulter. »So«, sagte Oswald, das schöne Tier streichelnd, »so, Boncœur, du erlaubst also, daß ich zu deiner Herrin gehe? Komm!« Den Hund an den zottigen, langen Haaren festhaltend, schritt Oswald über die Wiese. Auf der Treppe übertönten die Tatzen Boncœurs den leichten Schritt Oswalds; so schlich er sich auf der Galerie, die sich um das Häuschen zog, hin, bis er an das Fenster kam. Das Fenster stand auf, durch den venezianischen Efeu hindurch, mit dem es dicht berankt war, sah Oswald hinein in das Zimmer. Auf dem Tisch brannte eine Lampe, deren Glocke mit einem roten Schleier bedeckt war, so daß der Venus heiliges Bild in dem warmen Licht wie lebend erschien. Zu den Füßen des Bildes saß Melitta, Oswald halb das Gesicht zukehrend an dem Tische. Sie hatte ein Buch vor sich aufgeschlagen, aber offenbar las sie nicht; die feine Hand, auf die sie den Kopf stützte, in dem dunklen reichen Haar begraben, schien sie in tiefe Träumereien versunken. Ein unaussprechlich rührender Ausdruck, halb von tränenreicher Schwermut, und halb von unaussprechlicher Seligkeit, lag auf ihren reinen, kindlich weichen Zügen. Oswald vermochte es kaum über sich, das einzig schöne Bild zu zerstören, das sich ihm in dem Rahmen des kleinen Fensters zeigte. Endlich nannte er leise ihren Namen. Melitta hob den Kopf in die Höhe und die großen Augen auf das Fenster heftend, lauschte sie einen Moment. Aber dann lächelte sie wehmütig, als wollte sie sagen: es war nur ein Traum und stützte das Haupt wieder in die Hand. »Melitta, ich bin's.« – Diesmal hatte sie es nicht geträumt. Mit einem Freudenschrei fuhr sie empor, nach der Tür, Oswald entgegen – sie schlang ihren Arm um seinen Hals, preßte ihre glühenden Lippen wieder und wieder auf seinen Mund, sie legte ihren Kopf an seine Brust – sie schaute durch Tränen lächelnd zu ihm auf: »Sieh, Oswald, ich dachte nur eben an dich! Ich dachte: wenn er dich liebt, so wird, so muß er heute kommen, und kommt er nicht, liebt er dich nicht. Oswald, nicht wahr, du liebst mich? Nicht, wie ich dich liebe, aber doch ein wenig, nicht wahr, mein Oswald?« Sprachlos vor Rührung und Seligkeit umschlang Oswald das geliebte Weib. »Melitta, du bist so grenzenlos gut und schön, daß, wer dich liebt, dich grenzenlos lieben muß!« Vor der Tür der Eremitage, auf einer Strohdecke, den riesigen Kopf zwischen den Vordertatzen, liegt Boncœur. Die schnelle Bewegung seiner Ohren, sobald ein Geräusch aus dem Walde herübertönt, zeigt, daß er gute Wache hält. Er würde den, der es wagte, in dies Heiligtum der Liebe zu dringen, zerreißen. Zweiundzwanzigstes Kapitel Es waren seit diesem Abend einige Tage verflossen. Bemperlein war mit Julius nach Grünwald abgereist und hatte von dort aus schon an Melitta und an Oswald geschrieben, der ersteren, um zu melden, daß sein Zögling in der sehr liebenswürdigen Familie eines Beamten, der zwei Söhne fast in demselben Alter wie Julius habe, glücklich untergebracht sei; an Oswald, daß er eine höchst interessante Unterredung mit dem Professor Berger gehabt habe, deren Inhalt er seinem neuen Freunde mitteilen wolle, wenn er in nächster Woche nach Berkow zurückkäme, um definitiv Abschied zu nehmen. Nur soviel wolle er sagen, daß er in seinem Entschlusse fester als je sei und kaum die Zeit erwarten könne, sich Hals über Kopf in seine neuen Studien zu stürzen. Den Tag nach Herrn Bemperleins Abreise war der Geometer von Grünwald in Grenwitz angekommen, aber nur ein paar Stunden geblieben, um mit dem Baron und der Baronin zu konferieren, und dann nach dem zweiten Gute, das vermessen werden sollte, gefahren, wo er fürs erste seinen Wigwam aufschlagen müßte, wie er zu Oswald sagte. Oswald hatte in dem Geometer einen sehr lebhaften, witzigen und, wie es schien, sehr belesenen und vielfach gebildeten, noch jungen Mann kennengelernt, und er freute sich, diese Bekanntschaft fortsetzen zu können, da Herr Timm in kurzer Zeit nach Grenwitz kommen mußte, um die Karten und Pläne zu zeichnen. Schon waren von der stets weitvorausschauenden Baronin zwei Zimmer in demselben Flügel des Schlosses, in dem Oswald wohnte, für ihn bestimmt und schicklich eingerichtet. Auf den Sonntag waren die Herrschaften von Grenwitz nebst Herrn Doktor Stein zu Herrn von Barnewitz, dem Vetter Melittas, eingeladen. Oswald hatte große Lust gehabt, diese Einladung rundweg auszuschlagen, und hatte sich nur auf Melittas Zureden bewegen lassen, von der Partie zu sein. »Was soll ich dort?« hatte er zu Melitta gesagt. »Man ladet mich nur ein, entweder, weil es an Tänzern fehlt, oder, um dem alten Baron eine Höflichkeit zu erweisen, in keinem Fall um meiner selbst willen. Ich werde in der Gesellschaft wie ein Mohikaner unter den Irokesen, wie ein Spion im Lager angesehen werden. ich kenne den Adel. Der Adelige ist nur höflich und liebenswürdig gegen den Bürgerlichen, solange er mit ihm allein ist; sind mehrere Adelige beieinander, so fließen sie zusammen wie Quecksilber und kehren gegen den Bürgerlichen den esprit de corps heraus. Ich sage dir, Melitta, ich kenne die Adeligen und hasse die Adeligen.« »Aber du liebst doch mich, Oswald, und ich gehöre doch auch zu der verfemten Klasse.« »Leider«, sagte Oswald, »und es ist das der einzige Fehler, du Holde, den ich an dir habe entdecken können. Aber dann bist du so engelgut und lieb, und da gehst du durch diesen Schwefelpfuhl, ohne auch nur den Saum deines Gewandes zu beflecken. Und so sehr du auch im Vergleich mit diesen eiteln, dummen Pfauen gewinnen mußt, so fürchte ich doch, daß von dem feurigen Haß, den ich gegen die ganze Sippschaft habe, unversehens auch ein Funken auf dich spritzen könnte. Jetzt bist du mir eine Königin, eine Chatelaine, die aus ihrem Schloß sich weggestohlen hat, den Herzallerliebsten flüchtig zu umarmen, und ich vergesse deinen Rang, deine Hoheit hier in dieser traulichen Waldeinsamkeit, du bist mir nur das geliebte, angebetete Weib, die Krone der Schöpfung, bist, was du mir auch im Gewande der Bettlerin sein würdest – dort aber im kerzenhellen Saale, umgeben von deinen Granden, von allen gehuldigt und gefeiert, kann ich meine Augen vor dem Glanze nicht verschließen, und werde schmerzlich daran erinnert werden, daß ich aus meiner Niedrigkeit nicht hätte wagen sollen, sie zu solcher Höhe zu erheben.« »Sieh, Oswald«, sagte Melitta, und ihre Augen ruhten fest in den seinen, »ist das nun gut von dir? Spottest du nicht meiner, indem du so sprichst? Höre ich es nicht in dem herben Ton deiner Stimme, sehe ich es nicht an dem unruhigen Blitzen deiner Augen, das so seltsam mit ihrem sonstigen tiefen, klaren Licht kontrastiert, daß du recht wohl fühlst, wie du kraft deines Geistes, kraft deiner stolzen männlichen Schönheit und Stärke unter uns andern einherschreitest wie der geborene Herrscher? – Ich habe mich dir ergeben mit Leib und Seele, du bist mein Herr und Gebieter, ich würde mich selbst deiner tollsten Laune willig fügen, ich würde von dir das Bitterste ertragen, von deiner Hand würde mir der Tod nicht grausig sein – aber weshalb auch nur einen Tropfen Wermut in den Kelch der Liebe mischen, aus dem ich mit so vollen, durstigen Zügen schlürfe. Oswald, spotte meiner nicht!« »Ich spotte deiner nicht, Melitta; ich bin von deiner Liebe überzeugt, trotzdem, daß ich sie wenig genug verdiene; ich weiß, daß deine Liebe demütig ist, wie es die Liebe ist, die alles duldet und alles glaubt und nimmer aufhören wird – aber sieh, du Teure, das ist ja eben der Fluch dieser verruchten Institutionen, daß sie Haß und Zwietracht und Mißtrauen säen in die Herzen der Menschen, selbst in solche Herzen, die von Gott füreinander geschaffen scheinen. Und dieser giftige Samen wuchert auf und überwuchert der Liebe rote Rosen. Ich schelte dich nicht, daß dem so ist, ich schelte überhaupt keinen einzelnen, der ja, ohne es vielleicht zu wissen, unter dieser naturwidrigen Trennung ebenso leidet wie ich. Aber daß dem so ist, davon sei überzeugt. Nie wird der Katholik in dem Protestanten, der Adelige in dem Bürgerlichen, nie der Christ in dem Juden und umgekehrt wahrhaft seinesgleichen sehen – seinen Bruder! Nathans frommer Wunsch, daß es dem Menschen doch endlich genügen möge, ein Mensch zu sein, ist noch lange nicht erfüllt. Wer weiß, ob er in Jahrhunderten erfüllt sein, ob er sich auch nur jemals erfüllen wird.« »Und bis dahin«, sagte Melitta in ihrem gewöhnlichen schalkischen Ton, Oswald das Haar aus der Stirn streichend, »bis dahin, du träumerischer Träumer und Unverbesserlicher Weltverbesserer, wollen wir die kurzen Augenblicke genießen, und deshalb mußt du morgen nach Barnewitz kommen. Bitte, bitte, lieber Oswald, ich will auch nur mit dir sprechen, nur mit dir tanzen – ich muß in diese eine Gesellschaft gehen, um das Recht zu gewinnen, zehn andere auszuschlagen, in denen ich – mich weniger frei fühlen würde wie gerade in dieser. Und ohne dich habe ich nicht den geringsten Genuß davon, im Gegenteil, ich werde traurig sein wie ein Vögelchen, das man der Freiheit beraubt und in ein enges Bauer gesteckt hat. Wenn du aber da bist, liebes Herz, so will ich fröhlich sein und tanzen und – singen – nein, singen nicht, aber hübsch will ich sein – sehr hübsch, und alles dir zu Ehren. Soll ich weiß gehen? Mit einer Kamelie im Haar oder einer Rose? Du hast mir noch gar nicht gesagt, wie du mich am liebsten siehst? Gott, welch hölzerner Ritter du bist.« Am nächsten Tage, es war ein Sonntag, nachmittags um fünf Uhr, hielt der Staatswagen vor dem Portale des Schlosses in Grenwitz. Die schwerfälligen Braunen hatten das beste Geschirr mit den neusilbernen Beschlägen aufgelegt bekommen; der schweigsame Kutscher hatte sich seine Galalivree angezogen, der Baron den schwarzen Frack, in dessen Knopfloch das Band des Ordens, den er bei irgendeiner geheimnisvollen Gelegenheit von irgendeinem der deutschen Duodezfürsten bekommen hatte, und die Baronin selbst ausnahmsweise eine Toilette gemacht, die sie denn doch nur fünf Jahre älter erscheinen ließ, als sie wirklich war. Nachdem der nötige Ballast von Mänteln und Schals für die Rückfahrt eingenommen war, und die Baronin noch einmal vom Wagen aus Mademoiselle Marguerite, die, wie es Oswald schien, viel lieber mitgefahren wäre, feierlich mit der Würde einer Kastellanin belehnt und ein kurzes Examen von zehn Minuten angestellt hatte, um zu prüfen, ob die hübsche kleine Französin auch noch alle die Verhaltungsmaßregeln für gewisse, genau stipulierte Fälle ordentlich im Kopfe habe – setzte sich das Fuhrwerk mit demjenigen Tempo in Bewegung, das dieser feierlichen Gelegenheit, dem Temperament der Braunen und den Grundsätzen des schweigsamen Kutschers entsprach. Als sie unter der Brücke wegfuhren, brachte Bruno, der Malten und ein paar Bauernknaben, die im Garten Unkraut jäteten, hier postiert hatte, den Davonziehenden ein solennes dreimaliges Hurra, ein Einfall, der selbst die Lippen der Baronin zu einem Lächeln zu bewegen vermochte. Überhaupt war diese Dame, wahrscheinlich, um sich auf die Gesellschaft vorzubereiten, heute in der besten und mitteilsamsten Stimmung. Sie fand das Wetter herrlich, nur ein wenig zu warm, den Weg vortrefflich, nur ein wenig zu staubig; sie freute sich schon auf die Abendkühle beim Heimwege, nur fürchtete sie, daß sich bis zu der Zeit ein Gewitter zusammengezogen haben würde, da ihr eine Wolke am westlichen Horizont ein sehr verdächtiges Aussehen zu haben schien. Darauf wurde die Frage erörtert, ob Fräulein Marguerite, wenn wirklich ein Gewitter ausbrechen sollte – ein Fall, für den sie keine Instruktionen hatte – wohl die Fenster in den Gesellschaftsräumen im oberen Stock schließen lassen und überhaupt ihre Schuldigkeit tun würde. Da es nicht möglich war, eine Stimmenmehrheit zu erzielen, indem die Baronin die aufgeworfene Frage entschieden verneinte, Oswald sie ebenso entschieden bejahte, und der alte Baron sich keine bestimmte Ansicht zu bilden vermochte, so gab man die Debatte über diesen Punkt auf und ging zur Erörterung des nicht weniger wichtigen Problems über, ob sich der Graf Grieben von seinem akuten Rheumatismus wohl so weit erholt haben würde, um an dem heutigen Zauberfest in Barnewitz teilzunehmen oder nicht. Von dem Rheumatismus des Grafen Grieben kam man dann auf die Gicht des Barons von Trantow und von dieser ganz allmählich in jenen Familienklatsch, von welchem Oswald behauptete, daß er unter dem hohen und höchsten Adel ebenso im Schwange sei wie bei Gevatter Schneider und Handschuhmacher, nur daß man dort über von Hinz und von Kunz und hier schlechtweg über Hinz und Kunz spräche. Oswald hatte sonst die Gewohnheit, sobald das Gespräch auf das beliebte Thema kam, nicht länger aufzumerken, und er hatte es in dieser wichtigen Kunst, zu hören und doch nicht zu hören, während der kurzen Zeit seines Aufenthalts in Grenwitz schon zu einer bedeutenden Fertigkeit gebracht; heute aber, da er die Persönlichkeiten, von denen er schon so oft vernommen hatte, selber sehen sollte, war die Sache nicht mehr ganz so uninteressant für ihn wie sonst, um so weniger, als Melittas Namen zu wiederholten Malen genannt wurde. Er erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß Herr von Barnewitz und Melitta Geschwisterkinder wären, Melittas Vater, der Bruder des alten Herrn von Barnewitz, der Herrn Bemperlein die Pfarre zugedacht hatte, Offizier in schwedischen Diensten gewesen, als solcher die Feldzüge gegen Napoleon mitgemacht und bald nach der Vermählung Melittas mit Herrn von Berkow gestorben sei. »Übrigens weißt du, Grenwitz , sagte die Baronin, »Melitta wird heute nicht da sein.« Oswald horchte hoch auf. »Woher weißt du das, liebe Anna-Maria?« entgegnete der Baron. »Ich habe mir von dem Bedienten die Einladungsliste geben lassen, wie ich das immer tue, um zu wissen, wen man denn finden wird, und sie sorgfältig durchgelesen. Frau von Berkow war nicht darauf verzeichnet.« »Das wird ein Versehen gewesen sein.« »Ich glaube nicht; du weißt, Melitta und ihre Cousine sind gerade nicht die größten Freundinnen; es wäre nicht das erstemal, daß man Melitta übergangen hätte; aber dafür wird eine andere merkwürdige Persönlichkeit zu finden sein; rate einmal, Grenwitz!« »Der Fürst von Putbus«, sagte der alte Baron halb erschrocken und bedauerte schon heimlich, nicht den Orden selbst und bloß das Ordensband angelegt zu haben, »doch nicht der Fürst von Putbus?« »Nein! Raten Sie einmal, Herr Doktor!« »Der Mann aus dem Monde?« »Eine beinahe nicht weniger merkwürdige Person: der Baron Oldenburg; sein Name stand, wie es sich gehört, auf der Liste gleich nach unserem Namen.« »Die Oldenburgs sind ein alter Adel?« fragte Oswald, der den Sinn jener Reihenfolge schon vermutete. »Die Oldenburgs sind nach den Grenwitzens der älteste Adel hier im Lande«, sagte die Baronin mit einem unendlichen Selbstgefühl. »Die Grenwitzens können ihren Stammbaum bis in den Anfang des zwölften Jahrhunderts verfolgen, die Oldenburgs sind erst aus dem Ende des dreizehnten Jahrhunderts, wo Adalbert, der Stammvater des Geschlechts, von dem Kaiser zum Reichsbaron erhoben wurde.« »Woher der Name Oldenburg?« fragte Oswald. »Den Oldenburgs fehlt bloß die Legitimität, um heutzutage so gut souverän zu sein wie viele andere, die ursprünglich auch nur reichsfrei waren wie wir.« »Und was macht den Baron, abgesehen von seiner erlauchten Abstammung, zu einer so merkwürdigen Persönlichkeit?« fragte Oswald. Die Baronin kam durch diese Frage einigermaßen in Verlegenheit. Das, was in ihren Augen vor allem merkwürdig am Baron erschien, nämlich seine souveräne Verachtung gegen Rang und Stand, sein sarkastisches, höhnisches Wesen seinen Standesgenossen gegenüber, deren Verehrung vor seinem altehrwürdigen Adel dadurch manchmal auf eine harte Probe gestellt wurde – dieser merkwürdige, ja in ihren Augen geradezu unnatürliche Zug eignete sich nicht zum Gegenstand der Unterhaltung mit einem Bürgerlichen. Sie begnügte sich also mit der vieldeutigen Antwort: »Der Baron hat über die meisten Dinge die sonderbarsten Ansichten von der Welt, so daß man manchmal wirklich für seinen Verstand bange wird.« In diesem Augenblicke kam ein Reiter im Galopp aus einem Seitenwege heraus und parierte sein Pferd vor dem vorbeifahrenden Wagen. Es war ein junger Mann mit hübschem, braunem Gesicht, dem ein blonder Schnurrbart sehr gut stand. »Ah, gnädige Frau, Herr Baron – freue mich unendlich«, rief er, den Hut ziehend und an den Wagenschlag heranreitend, »– habe in einer Ewigkeit nicht das Vergnügen gehabt –« »Das kommt daher, mon cher«, sagte die Baronin mit holdestem Lächeln, »weil Sie sich seit einer Ewigkeit nicht bei uns auf Grenwitz sehen ließen.« »Ah, sehr gütig, gnä-ge Fra', sehr gütig; gnä-ge Fra' hatten noch nicht die Gnade, mich mit dem Herrn bekannt zu machen – Baron Felix? Nicht wahr?« fuhr der Dandy fort, den Hut gegen Oswald lüftend. »Herr Doktor Stein sagte die Baronin, »der Erzieher meines Sohnes – Herr von Cloten –« »Ah, ah, in der Tat«, sagte Herr von Cloten, »freue mich außerordentlich – ja, ja, was ich sagen wollte, gnä-ge Fra', wohin geht es, wenn man fragen darf.« »Nach Barnewitz –« »Ah, wollte ebenfalls dorthin – ruhig, Robin, ruhig!« »Aber Herr von Cloten, es ist große Gesellschaft«, sagte die Baronin, auf des Junkers Stulpenstiefel und Jagdrock anspielend. »Unmöglich, gnä-ge Fra', Barnewitz sagte mir gestern, als ich ihn zufällig traf, ich möchte zu einer Partie Boston hinüberkommen, aber von einer Gesellschaft hat er mir kein Wort gesagt.« »Es ist ein Scherz von Barnewitz; verlassen Sie sich darauf.« »Ah, ja, sehr wahrscheinlich; Barnewitz hat immer so tolle Einfälle; ruhig, Robin! – Teufelskerl, der Barnewitz – sich schon gefreut, mich in Stulpenstiefeln in Salon treten zu sehen – Freude verderben – Beschwöre Sie, gnä-ge Fra', meine Herren, erzählen Sie niemand, daß Sie mich gesehen haben. In einer Viertelstunde in Barnewitz.« Damit warf der junge Mann sein Pferd herum und sprengte in voller Karriere in der Richtung fort, aus der er gekommen war. Bald darauf fuhr der Wagen über einen etwas holperigen Steindamm, der quer über den Gutshof von Barnewitz bis zu dem kiesbestreuten Platze vor dem Herrenhause führte. Ein Diener trat an den Wagen, den Schlag herunterzulassen; in der Tür erschien die Gestalt eines breitschulterigen, bärtigen Mannes, der schön zu nennen gewesen wäre, wenn nicht Wohlleben und Indolenz die Harmonie der regelmäßigen Züge wesentlich beeinträchtigt hätte. Es war Melittas Vetter, Herr von Barnewitz. »Sie sind die allerersten, wie Sie sehen«, sagte er, die Gäste in einen dreifenstrigen Saal rechts vom Flur führend, wo sie von Frau von Barnewitz, einer hübschen Blondine, begrüßt wurden. »Sie wissen, daß ich die Pünktlichkeit über alles liebe«, erwiderte die Baronin, den ihr angebotenen Platz auf dem Sofa einnehmend. »Vortreffliche Eigenschaft das«, antwortete Herr von Barnewitz, »ganz mein Grundsatz – stets gewesen – im Leben und auf der Jagd die Hauptsache – Schnepfe aufgestoßen – Baff – liegt – pünktlich – Hahaha.« »Wie ist es«, sagte die Baronin zur Frau von Barnewitz gewendet, »werden wir heute eine zahlreiche Gesellschaft haben?« »Nun vierzig bis fünfzig höchstens.« »Das heißt, so ziemlich unser ganzer Zirkel.« »So ziemlich, ja.« »Und – wir sprachen schon unterwegs darüber – wird Ihre liebe Cousine erscheinen?« »Da müssen Sie meinen Mann fragen, der die Einladungen besorgt hat.« »Ha, ha, ha«, lachte Herr von Barnewitz. »Köstlicher Spaß, meine Herrschaften, muß Ihnen erzählen, bevor die andern kommen. Sie wissen, daß wir mit Melitta durch Italien reisten, und daß sich uns dort der Baron Oldenburg anschloß. Wir lebten sehr vergnügt zusammen – denn Oldenburg kann sehr liebenswürdig sein, wenn er will. Auf einmal war das gute Einvernehmen zum Teufel – entschuldigen, gnädige Frau –, der eine ging hierhin; der andere dorthin. Melitta und Oldenburg sagten sich nur noch Malicen, und eines schönen Morgens war Oldenburg fort – verschwunden – Billett zurückgelassen: er fände die Luft in Sizilien zu drückend als angehender Schwindsüchtiger, und wollte einen kleinen Abstecher nach Ägypten machen. Seit der Zeit sind drei Jahre verflossen; jetzt ist Oldenburg wieder hier; ist aber nur bei mir gewesen, um mir, wie er sagte, oder meiner Frau, wie ich sage –« »Aber Karl –« »Nun, liebe Hortense, unter Freunden muß ein Scherz erlaubt sein; also um uns beiden seine Aufwartung zu machen. Als ich ihn neulich vorläufig einlade, sagt er: ›Ja, wenn deine Cousine nicht kommt‹; als ich vor ein paar Tagen Melitta begegne und sie frage, antwortet sie: ›Ja, wenn dein Freund Oldenburg nicht kommt.‹ Natürlich versicherte ich beiden, daß sie ganz ruhig sein könnten, sie würden dem Gegenstande ihrer Abneigung nicht begegnen. Um die Sache noch glaublicher zu machen, schicke ich zwei Kerls aus mit zwei verschiedenen Listen, auf deren einer Melitta und der anderen Oldenburg stand. Und nun, kommen sie alle beide – ist das nicht ein Hauptspaß? – Entschuldigen Sie, meine Herrschaften, ich höre soeben einen Wagen vorfahren.« Allmählich füllte sich der Saal und die daran stoßende Flucht hoher, schöner Zimmer, die auf der Hinterseite des Hauses wieder in einem Saal endigte, aus dem zwei Flügeltüren ein paar Stufen hinab in den Garten führten. Oswald hatte sich, nachdem er einigen Herren und Damen vorgestellt war, die seine Verbeugung mit kühler Höflichkeit erwiderten, in eine der Fensternischen des Saales gestellt, von wo aus er die Ankommenden draußen und die Gesellschaft drinnen zugleich beobachten konnte. Es wurde ihm trüb und trüber zu Sinn. Er fing an bitter zu bereuen, daß er sich von Melitta hatte bereden lassen, dieser Gesellschaft beizuwohnen, als ein junger Mann mit einnehmenden hübschen Zügen und blauen, freundlichen Augen sich zu ihm gesellte. »Ich habe das Vergnügen, mit Herrn Doktor Stein zu sprechen?« Oswald verbeugte sich. »Mein Name ist von Langen. Ich höre, daß Sie während der letzten Jahre in Berlin studierten. Haben Sie dort vielleicht die Bekanntschaft eines Herrn Peller gemacht? Er war Philolog und von der Schule her mein sehr intimer Freund; es interessiert mich, zu erfahren, was aus ihm geworden ist.« Zufällig kannte Oswald den Betreffenden und konnte so Herrn von Langen die gewünschte Auskunft geben. Die aufrichtige Teilnahme, die dieser junge Mann für einen Menschen an den Tag legte, der, wie Oswald wußte, außer vortrefflichen Anlagen und einem rastlosen Fleiß keine anderen Empfehlungen auf Erden hatte, machte auf Oswald einen sehr angenehmen Eindruck. Er sah es daher, trotz seiner innern Unruhe, nicht ungern, daß Herr von Langen große Lust zu haben schien, das angefangene Gespräch fortzusetzen; auch tat es ihm wohl, in dieser Menge unbekannter Menschen einen zu haben, der seine Bekanntschaft gesucht hatte. »Wie wär's, Herr von Langen«, sagte er nach einigem Hin- und Herreden, »wenn Sie mir für die Auskunft, die ich Ihnen über einen Abwesenden geben konnte, Auskunft über einige Anwesende gäben. Wer ist zum Beispiel der alte Herr dort im blauen Frack mit den weißen Haaren und dem roten Gesicht, der so entsetzlich schreit, als ob er sich jemand, der auf der anderen Seite eines tosenden Wildbaches steht, verständlich machen wollte?« »Das ist Graf Grieben, einer unserer reichsten Edelleute. Sie kennen doch die hübsche Anekdote, die ihm vor einigen Jahren mit dem König passiert ist?« »Nein, wollen Sie sie mir erzählen?« »Der König besucht auf einer Reise die nahe Hafenstadt. An der Landungsbrücke, wo sich die Spitzen der Behörden, der Adel und so weiter zu seinem Empfange eingefunden haben, hält des Grafen mit sechs herrlichen Braunen bespannte Equipage, auf jedem der Sattelpferde ein Jockei in der gräflichen Livree. Der König bewundert die schönen Tiere. ›Alles eigene Zucht, Majestät‹, schreit der Graf mit einer kühnen Handbewegung. ›Die Jockeis auch?‹ antwortete der witzige Monarch.« »Nicht übel«, sagte Oswald, »und wer ist die große starke Dame mit den männlich-kühnen Zügen, die eben mit den drei schönen Mädchen in den Saal tritt?« »Eine Baronin von Nadelitz mit ihren Töchtern. Sie ist eine Katharina von Rußland im kleinen. Ursprünglich hütete sie die Gänse des Barons, ihres nachherigen Gemahls. Sie soll so wunderbar schön gewesen sein, daß sich jeder Mann in sie verlieben mußte, und dabei so guten Herzens, daß nicht leicht jemand, ohne gehört zu werden, von ihr ging. So soll die Ehe nicht die glücklichste gewesen sein.« »Die Töchter sind auf alle Fälle sehr hübsch«, sagte Oswald. »Der Baron ist also tot?« »Ja; seitdem hat sie, wie man zu sagen pflegt, die Hosen angezogen, das heißt diesmal in des Wortes ernstester Bedeutung. Ich selbst habe sie in Stulpenstiefeln und Inexpressibeln mit ihrem Inspektor auf einem Felde gehen sehen, auf dem man bei jedem Schritt bis über die Knöchel einsank.« »Wer sind die beiden hübschen Mädchen, die jetzt Arm in Arm durch den Saal kommen?« »Emilie von Breesen und Lisbeth von Meyen; sie sind erst letzte Ostern eingesegnet und tragen, soviel ich weiß, heute zum erstenmal lange Kleider. Soll ich Sie vorstellen?« Oswald antwortete nicht; denn in diesem Augenblick ging die Tür auf und von Herrn von Barnewitz begleitet, dessen Gesicht in der Erwartung der von ihm so fein eingefädelten Überraschung vor Freude glänzte, trat ein Mann in den Saal, dessen Erscheinung offenbar einige Sensation erregte. Die laute Stimme des Grafen Grieben verstummte, einzelne Herren steckten die Köpfe zusammen, und in dem Kreise der Damen um Frau von Barnewitz auf dem Sofa wurde es verhältnismäßig still. Der Ankömmling war ein Mann von hohem, aber allzu schlankem Wuchs, dessen äußerst nachlässige Haltung das Mißverhältnis zwischen Höhe und Breite nur noch mehr hervortreten ließ. Auf dem langen Leibe saß ein kleiner Kopf, dessen wohlgerundeter Schädel mit einem kurzen, starken, schwarzen Haar bedeckt war. Ein Bart von derselben Beschaffenheit zog sich um Kinn und Wangen und Mund, so daß nur die obere Hälfte seines Gesichts dem Physiognomen zur ungehinderten Beobachtung blieb. Aber auf dieser Hälfte stand schon des Rätselhaften genug. Die Stirn war eher hoch als breit, aber von außerordentlich zarten und zugleich kühnen Linien umschrieben. Ein Paar wie mit dem Pinsel gezeichnete Brauen zogen sich in einer leichten Krümmung über einem Paar grauer Augen hin, deren Ausdruck in diesem Momente wenigstens, wo sie rasch über die Versammlung flogen, mindestens nicht angenehm war, ebensowenig wie das Lächeln, das wie Wetterleuchten an der feinen, geraden Nase mit den beweglichen Flügeln hinzuckte, und des Mannes ganze Antwort auf das lustige Geschwätz zu sein schien, mit dem Herr von Barnewitz ihn überschüttete, während er ihn von der Tür bis zu dem Platze der Dame vom Hause auf dem Sofa begleitete. Frau von Barnewitz erhob sich, den Ankömmling zu begrüßen, der ihr die Hand küßte und nach einer leichten Verbeugung gegen die anderen Damen sich auf einen leeren Stuhl neben ihr sinken ließ und alsbald, ohne die übrigen weiter zu beachten, eine lebhafte Unterhaltung mit ihr begann. Oswald hatte den Ankömmling mit dem Auge des Indianers, der den Spuren seines Todfeindes nachspürt, beobachtet, denn er hatte auf den ersten Blick jenen Reiter wiedererkannt, der ihm und Bemperlein im Walde begegnete. Es war der Baron Oldenburg. »Nun geben Sie acht«, sagte Herr von Barnewitz, auf Oswald zutretend und sich vergnügt die Hände reibend. »Ich bin ganz Auge«, sagte Oswald mit einem nicht eben sehr natürlichen Lächeln. »Worauf sollen Sie achtgeben?« fragte Herr von Langen, während Barnewitz sich zu einer andern Gruppe wandte. »Herr von Barnewitz hatte die Güte gehabt, mich auf Baron Oldenburg, der eben eintrat, als auf einen höchst interessanten Mann aufmerksam zu machen.« »Ah, das ist Oldenburg?« sagte Herr von Langen. »Ich kannte ihn noch nicht.« Da fuhr ein Wagen vor und Oswald erkannte in der Dame, die ausstieg, Melitta. Es war ein Glück für ihn, daß Herr von Langen in diesem Augenblicke die Sofaregion lorgnettierte, denn er hätte unmöglich seine Aufregung verbergen können. Die paar Minuten, die Melitta in dem Toilettenzimmer zubrachte, erschienen ihm wie eine Ewigkeit. Endlich trat sie durch die offene Tür herein, und Oswald schien plötzlich der ganze Saal mit Licht und Rosen angefüllt. Melitta trug ein weißes Kleid, das Busen und Schultern züchtig verhüllte, und den schlanken, schönen Hals mit einer feinen Krause umschloß. In weichen Wellen fiel ihr dunkles Haar auf die runden Schultern. Eine dunkelrote Kamelie, das war ihr ganzer Schmuck. Aber welches Schmuckes bedarf Schönheit und Anmut – und Melittas Erscheinung war so schön und anmutig, daß ihr Eintreten eine noch größere Sensation erregte als Oldenburgs. Die älteren Herren unterbrachen ihr Gespräch, sie mit Herzlichkeit zu begrüßen; einige jüngere Herren eilten ihr entgegen, um womöglich den zweiten Walzer, die erste Polka – nur einen Tanz, gleichviel welchen, zu erbetteln, und sie lächelte alt und jung freundlich zu, beantwortete hier eine Frage, verwies dort einen Stürmischen zur Geduld – während sie quer durch den Saal nach dem Sofa ging, sich den anderen Damen anzuschließen. Baron Oldenburg war, als Frau von Barnewitz aufstand, ihrer Cousine entgegenzusehen, ruhig, und ohne sich nach dem Gegenstand der allgemeinen Sensation umzusehen, den einen Arm über die Stuhllehne gelegt, sitzen geblieben. Da mußte Melittas Name, von einer der Damen am Sofa ausgesprochen, sein Ohr getroffen haben; denn er sprang in die Höhe, wandte sich um – und stand Melitta, die von ihrer Cousine an der Hand geführt wurde, Angesicht gegen Angesicht gegenüber. Oswald war wie von einer magnetischen Kraft aus der Fensternische bis nahe an die Stelle gezogen worden, so daß ihm kein Wort, kein Blick entging. Er sah, daß Melitta erblaßte und ihre dunkeln Augen wie im Zorn aufflammten, als Oldenburg sich tief vor ihr verbeugte. »Ah, gnädige Frau«, sagte er mit einem eigentümlichen Lächeln, »als wir uns zuletzt sahen, schien uns die Sonne Siziliens, und jetzt –« »Scheint der Mond – wollen Sie sagen«, entgegnete Melitta, und um ihre Züge spielte ein höhnisch-bitterer Zug, den Oswald noch nicht an ihr gesehen hatte, »– umgekehrt, lieber Baron, als wir uns zuletzt sahen, schien der Mond, wissen Sie wohl noch, in dem Garten der Villa Serra di Falco bei Palermo? – Und, da wir uns wiedersehen, scheint die Sonne, mir wenigstens.« Der Sinn dieser letzten Worte mußte wohl jedem verborgen bleiben, nur nicht dem, für welchen sie gesprochen waren. Melitta hatte, indem sie sich halb umwandte, Oswald bemerkt, und ihm so freundlich zugelächelt, daß Herr von Barnewitz, der neben ihm stand, sich an der Überraschungsszene, die er so mühsam arrangiert hatte, zu weiden, ihn fragte: »Kennen Sie meine Cousine schon?« »Ja«, sagte Oswald, von ihm weg auf Melitta zutretend, und sie ehrfurchtsvoll begrüßend. »Ah! Herr Doktor«, rief Melitta mit vortrefflich gespielter Überraschung, »das ist ja köstlich, daß ich Sie hier finde. Denken Sie, Bemperlein hat schon geschrieben, Julius befindet sich sehr wohl – aber setzen Sie sich doch zu mir, daß ich Ihnen in aller Muße erzählen kann – Julius befindet sich vortrefflich – und ist in den fünf Tagen, wie Bemperlein schreibt, ein vollkommener Dandy geworden. Er hat schon einen großen Kinderball mitgemacht und mit der schönsten Dame, das heißt derjenigen, die ihm am besten gefiel, den Kotillon getanzt, den Kotillon – merken Sie wohl! – trotz des heftigen Widerspruchs von einem halben Dutzend junger Herren.« »Der Unglückliche«, sagte Oswald, »er wird sich dadurch ebensoviele Duelle zugezogen haben.« »Möglich, aber Sie wissen, Julius ist tapfer wie ein Löwe und wird für die Dame seines Herzens alles wagen. – Ah, Herr von Cloten! Sind Sie es wirklich? Ich hörte ja, Sie und Robin hätten sich auf der letzten Fuchsjagd die Hälse gebrochen!« »Quelle idée, gnä'ge Fra'! Jedenfalls wieder Erfindung von Barnewitz. Teufelskerl, der Barnewitz! Befinde mich vortrefflich. Ah! Ja – wollte gnä'ge Fra' um einen Tanz bitten, womöglich Kotillon. Muß noch einen Versuch machen, ob gnä'ge Fra' nicht bewegen kann, mir den Brownlock zu verkaufen.« »Non, mon cher, zu diesem liebenswürdigen Zweck bekommen Sie keinen Tanz, am wenigsten den Kotillon. Wenn Sie mir aber den Brownlock in Frieden lassen wollen, so sollen Sie den ersten Kontertanz haben. Zum Kotillon bleibe ich sowieso wahrscheinlich nicht hier. Sind Sie zufrieden?« »Ah! gnä'ge Fra' – zufrieden! Quelle idée! Glücklich – selig.« »Mein Gott, Herr von Cloten, beruhigen Sie sich nur. Haben Sie schon ein vis-à-vis?« »Nein, gnä'ge Fra' – gleich suchen!« »Hier, bitten Sie den Doktor Stein – erlauben die Herren, daß ich Sie –« »Ah, hatte schon das Vergnügen«, sagte der Dandy, Oswald, der einen Schritt von ihm entfernt gestanden hatte, scheinbar zum ersten Male bemerkend. »Desto besser«, sagte Melitta, »die Herren sind also einig?« Von Cloten und Oswald verbeugten sich gegeneinander, und dann vor Melitta, die sie mit einer graziösen Handbewegung verabschiedete, um mit den zunächst sitzenden Damen ein leichtes Geplauder über die neuesten Moden anzufangen. Oswald war wieder zu Herrn von Langen getreten, der ihm zu der Bekanntschaft mit Melitta gratulierte: »Ich bewundere Sie«, sagte der junge Mann, »daß Sie so ungeniert mit ihr sprechen können; ich hätte nicht den Mut dazu.« »Sie scherzen.« »Auf Ehre, nein. Die Frau hat etwas in ihrem Blick und in ihrer Stimme, was einem um das Heil seiner Seele bange machen möchte. Ich weiß, es geht mir nicht allein so.« »Vielleicht bin ich um das Heil meiner Seele weniger bekümmert«, sagte Oswald. Unterdessen hatte Oldenburg, während er sich unbefangen mit einigen Herren zu unterhalten schien, in einem hohen Spiegel die Gruppe um Melitta genau beobachtet. »Sieh da, Cloten! Wie geht's, mon brave!« sagte er, sich schnell zu dem Angerufenen umwendend, als dieser in seine Nähe kam. »Baron Oldenburg! Auf Ehre, hätte Sie kaum erkannt mit dem horriblen Bart.« »Horribel, mon cher! Machen Sie mich nicht unglücklich; ich pflege ihn nun schon drei Jahre und habe ihn mich wenigstens eine Million kosten lassen.« »Ah, Spaß«, sagte der Dandy, seinen blonden Schnurrbart streichend. »Upon my word and honour«, sagte Oldenburg, »die Sache ist einfach die. Ich lernte in Kairo eine englische Familie kennen, mit der ich noch mehrmals auf dem Nil zusammentraf; ich war so glücklich, ihr einige nicht unwesentliche Dienste leisten zu können. Die Familie bestand aus Vater, Mutter und einer einzigen Tochter – aber welcher Tochter! Mon cher, ich sage Ihnen –« »Ah, ich verstehe!« sagte Herr von Cloten. »Reines Vollblut. Diese englischen Misses jottvoll – schön – sah mal eine in Baden-Baden, werde mein Lebtag nicht vergessen.« »Gerade so sah meine Mary auch aus«, sagte Oldenburg. »Nicht möglich!« »Verlassen Sie sich drauf. Alle englischen Misses gleichen sich wie eine Lilie der andern. Eh bien! Das Mädchen verliebt sich in den Retter ihres Lebens. Der Vater ist mir geneigt, die Mutter günstig. Ich war zwar kein Millionär wie Mr. Brown, dafür war er aber auch nur ein in Ruhestand getretener Eisenhändler; und ich ein alter, deutscher, weiland reichsfreier Baron. Genug, wir werden handelseinig. Da sagt Mary eines Abends – es ist mir, als wäre es heute – wir saßen im Mondschein auf der Terrasse des Tempels von Philä und blickten träumend über den stillen Fluß und leerten Tropfen um Tropfen den diamantgeränderten Becher der Liebe. Da sagte sie, ihre weichen Arme um mich schlingend, – o Gott, wie deutlich ich noch immer diese Stimme höre! – ›Adalbert‹, sagte sie. – ›Was, Holde‹, sagte ich. – ›Adalbert, pray, dearest love, cut off your horrible beard – it's so vulgar‹.« »Ah, ja, jottvoll, jottvoll – diese englischen Misses; aber was heißt's denn eigentlich?« »Es heißt: Adalbert, mein Junge, laß dir den Bart scheren, du siehst schauderhaft gemein darin aus.« »Verdammt.« »Das sagte auch ich. Sie bat, sie beschwor mich; endlich lag sie sogar vor mir auf den Knien. Ich blieb fest, wie der Koloß Memnons. Da sprang sie empor, und sich bewaffnend mit dem ganzen Stolze Englands, die Hand zum sternengeschmückten Himmel erhebend, rief sie: ›Sir, either you cut off your beard, or I must cut your acquaintance‹. ›Then, cut my acquaintance!‹ sagte ich.« »Famos«, sagte von Cloten, »was sagte sie?« »›Mein lieber Herr‹, sagte sie, ›Sie scheren sich entweder den Bart, oder Sie scheren sich zum Teufel.‹« »Verdammt; und Sie?« »Ich sagte: ›Fräulein, ich habe geschworen, daß ich das Weib verachten und mit dem Manne auf Leben und Tod kämpfen will, der mir mit Worten oder in Wirklichkeit an meinem Bart zupft.‹« »Merkwürdig; das alles sagten Sie in drei Worten?« »Ja, die englische Sprache, wissen Sie, ist wunderbar kurz. Apropos, wer ist denn der junge Mann, mit dem Sie vorhin sprachen, er steht jetzt dort an der Tür zum andern Zimmer mit dem alten Grenwitz.« »Ja, raten Sie einmal.« »Wie kann ich das raten? Ich vermute, daß es Felix von Grenwitz, sein Neffe, ist.« »So dachte auch ich. Und nun denken Sie, cher Baron, der Mensch ist ein Bürgerlicher, heißt Stein, Doktor Stein, glaube ich, und ist, nun raten Sie einmal!« »Nach dem Entsetzen, das sich in Ihren Zügen malt, zu schließen, vermute ich, daß der junge Mann der Scharfrichter von Bergen ist.« »Scharfrichter! Quelle idée! Welch sonderbare Einfälle Frau von Berkow und Sie immer haben. Nein – Hauslehrer bei Grenwitz – ist das nicht wunderbar?« »Ich kann nicht besonders Wunderbares in der Sache finden. Es muß auch Hauslehrer geben, wie es Arbeiter in den Arsenikgruben geben muß, obgleich ich für mein Teil weder das eine noch das andere sein möchte.« »Aber der Mensch sieht beinahe genteel aus?« »Beinahe genteel? Lieber Freund, er sieht nicht nur beinahe genteel aus, sondern ausnehmend genteel, genteeler als irgendeiner der Herren hier im Saale, Sie selbst und mich nicht ausgeschlossen.« »Ah, Baron, Sie sind heute wieder einmal in einer jottvollen Laune.« »Meinen Sie? Freut mich. Das verhindert mich indessen nicht, den Mann ausnehmend genteel aussehend zu finden. Ja, was in Ihren Augen wohl noch mehr ist, er hat nicht nur das Charakteristische, das die geborenen Vornehmen auf der ganzen Erde auszeichnet, sondern den speziellen Typus des Adels dieser Gegend.« »Oh, in der Tat, ich denke Typus ist eine Krankheit.« »Typhus, mon cher! Typus ist, wenn mehrere Leute dieselben Nasen, Stiefel, Augen und Handschuhe haben. Nun sehen Sie selbst, ob nicht alles und noch mehr bei dem Doktor Stein stimmt; zum Beispiel im Vergleich mit Ihnen, der Sie doch gewiß alles Spezifische des Adels in der höchsten Potenz in und an sich entwickelten. Er ist schlank und gut gewachsen wie Sie, nur einen halben Kopf höher und ein paar Zoll breiter in den Schultern, er hat dasselbe hellbraune gelockte Haar, nur daß Sie sich Ihre Haare entschieden brennen lassen und die seinen, wie mir scheint, natürlich gelockt sind; er hat blaue Augen wie Sie, und Sie werden selbst zugeben, daß diese Augen groß und ausdrucksvoll sind.« »Ah, ja – ich gebe zu, daß er ein verdammt hübscher Kerl ist«, sagte der ärgerliche Dandy, einen scheelen Blick auf den Gegenstand seiner unfreiwilligen Bewunderung werfend. »Nun, und was sein Auftreten anbelangt«, fuhr Oldenburg fort, »so gäbe ich meinesteils eines meiner Güter darum, wenn ich mich mit diesem Anstande, dieser Grazie bewegen könnte.« »Das ist stark, weshalb?« »Weil die Weibsen in einen schmalen Fuß, ein wohlgeformtes Bein und so weiter, vernarrt sind. Solche hübschen Puppen wie der Doktor sind geborene Alexander; sie fliegen von einer Eroberung zur andern und sterben auch meistens jung zu Babylon.« »Gott, Baron, welch liebenswürdiger Mensch Sie sein würden, wenn Sie nur nicht so schauderhaft gelehrt wären!« »Meinen Sie? Möglich! Es ist ein Erbfehler; meine selige Mutter hat während ihrer Schwangerschaft außer dem Rennkalender des betreffenden Jahres auch noch einen oder den anderen Roman gelesen. So erklären sich die paar menschlichen Züge in meiner Natur.« »Wollt ihr Herren meine neuen Pistolen mit einschießen helfen?« fragte Herr von Barnewitz, der eben herantrat. »Ich denke, es soll getanzt werden«, antwortete Cloten. »Später. Du kommst doch mit, Oldenburg?« »Versteht sich! Du kennst ja meinen Wahlspruch: Aux armes, citoyens!« Dreiundzwanzigstes Kapitel Die jetzt vollständig versammelte Gesellschaft hatte sich allmählich aus den Zimmern in den Garten begeben, da der herrliche Sommernachmittag unwiderstehlich ins Freie lockte. Die älteren Herren und Damen promenierten in den schattigen Gängen oder besichtigten die schönen Gewächshäuser; die jungen Leute suchten auf einem großen runden Rasenplatze, der zum Teil von hohen breitkronigen Bäumen überschattet war, gesellschaftliche Spiele zu arrangieren; aus einer Ecke des Parkes, wo ein Schießstand eingerichtet war, ertönte von Zeit zu Zeit der scharfe Knall der neuen Pistolen. Melitta hielt sich, eingedenk der bewährten Regel, daß der Ruf junger Frauen in der Gesellschaft von den alten Damen gemacht wird, und wohl wissend, daß sie die Freiheiten, die sie sich während des Balles zu nehmen gedachte, durch einige vorhergehende Opfer erkaufen müsse, in der Gesellschaft der Gräfin Grieben, der Baronin Trantow, der Frau von Nadelitz, der Baronin Grenwitz und der andern ältern Damen. Oswald hatte sich zuerst der Jugend angeschlossen, bei der ihn Herr von Langen einführte, und hatte mit einigen Reminiszenzen aus den Gesellschaften Berlins und einigen geschickten Kombinationen verschiedene Spiele befürwortet und arrangiert, die mit allgemeinem Beifall angenommen und mit sichtlicher Zufriedenheit der Teilnehmer ausgeführt wurden. Als er aber sah, daß Melitta, gegen seine Hoffnungen, sich durchaus nicht in den Kreis der Spielenden mischen wollte, benutzte er eine schickliche Gelegenheit, sich zurückzuziehen. Herr von Langen war ihm gefolgt und holte ihn in einem Heckengange ein, wo Oswald sich der harmlosen Beschäftigung des Stachelbeerpflückens hingab. »Gott sei Dank«, sagte Herr von Langen, Oswalds Beispiele folgend, und einen Johannisbeerbusch, der voll dunkelroter Früchte hing, plündernd. »Diesem Unheil wären wir glücklich entronnen. Fluch dem ersten, der gesellschaftliche Spiele erfand. Sind die Stachelbeeren reif?« »Köstlich!« »Sie müssen mich auf jeden Fall in nächster Zeit besuchen. Mein Gut liegt nur ein Stündchen von Grenwitz. Meine Frau, die mich erst vor ein paar Wochen mit einem allerliebsten kleinen Mädchen beschenkt hat und sich noch nicht kräftig genug fühlt, so große Gesellschaften mitzumachen, wird sich freuen, Sie kennenzulernen. Wenn Sie mir einen Tag bestimmen wollen, schicke ich Ihnen meinen Wagen.« »Ich nehme Ihre Einladung mit Dank an«, sagte Oswald, der sich einigermaßen durch die liebenswürdige Freundlichkeit eines Mannes aus dem von ihm so sehr gehaßten Stande beschämt fühlte. »Sollen wir sagen, nächsten Sonntag?« »Sie sind jederzeit willkommen; wenn Sie die Knaben mitbringen wollen, tun Sie es ja; ich habe ein Paar Ponys, die den Jungen besser gefallen werden als Cornel und Ovid zusammen. – Ach, Herr des Himmels! Incidit in Scyllam, qui vult vitare Charybdim! Dort biegt die Gräfin Grieben an der Spitze ihrer Suite um die Ecke. Sauve qui peut!« Die jungen Männer schlugen einen andern Gang ein, der den ersten rechtwinklig durchschnitt, und waren bald den herankommenden Damen aus den Augen. Oswald seinerseits wäre ebensogern geblieben, denn er hatte in der »Suite« auch Melitta bemerkt und gehofft, wenigstens im Vorübergehen einen Blick von ihr zu erhaschen; aber er hielt es für seine Pflicht, gute Kameradschaft mit seinem neuen Freunde zu halten, der ihm im Laufe des Nachmittags schon mehr als eine Gefälligkeit erwiesen hatte. »Sie scheinen die Gesellschaft nicht besonders zu lieben, Herr von Langen«, sagte er lächelnd über die Eilfertigkeit des jungen Mannes. »Die große Gesellschaft – nein! Ich bin in fast absoluter Einsamkeit aufgewachsen. Mein Vater, der nicht eben reich ist, schloß sich in dem Interesse seiner Kinder von dem geselligen Leben des hiesigen Adels fast gänzlich ab. Hernach kam ich auf die Schule. Ich hätte gern studiert; aber der Vater bedurfte meiner für die Wirtschaft, die er bei zunehmendem Alter nicht mit derselben Rüstigkeit leiten konnte; so mußte ich denn von der Schule abgehen, als ich ein Jahr in Prima gesessen hatte. Seitdem ist der gute Vater gestorben und ich habe die paterna rura kaum verlassen. Sind Sie Jäger?« »Nein, ich habe bis jetzt nicht die mindeste Gelegenheit gehabt, die Nimrodnatur, die möglicherweise in mir schlummert, zu kultivieren.« »Ah, das ist schade; aber das findet sich – wir haben eine recht hübsche Hühner- und Hasenjagd. Sie sollten vorläufig etwas mit der Pistole schießen. Man lernt dabei visieren und bekommt eine sichere Hand.« »Nun, mit Pistolenschießen habe ich im Leben leider beinahe zu viel Zeit verbracht«, antwortete Oswald. »Mein Vater, ein Sprachlehrer und übrigens ein sehr friedfertiger Mann, hatte eine wahre Leidenschaft für das Pistolenschießen; es war seine einzige Erholung. Er schoß, wie ich nie im Leben wieder jemand habe schießen sehen, mit einer fast wunderbaren Geschicklichkeit. Ich habe nie den Grund dieser seltsamen Leidenschaft erfassen können. Einmal fiel es mir ein, ihn zu fragen, wie er dazu gekommen sei? Ich werde den Ton nie vergessen, in dem er mir antwortete: ›Es gab eine Zeit, wo ich hoffte, mich durch eine Kugel an einem Manne rächen zu können, der mich tödlich beleidigt hatte. Als ich meines Zieles vollkommen sicher war – starb der Mann. Seitdem schieße ich in Gedanken auf ihn; jedes As, das meine Kugel trifft, ist ein falsches, grausames Herz!‹ Ich drang in ihn, mir den Mann zu nennen. ›Das kann ich nicht‹, antwortete er, ›aber wenn du dir auch etwas bei der Sache denken willst, nimm an, jedes As sei das Herz irgendeines beliebigen Adligen!‹« »Mon Dieu«, sagte Herr von Langen, »und haben Sie diesen fanatischen Haß Ihres Vaters gegen meinen Stand geerbt?« »Nur zum Teil«, sagte Oswald, »ebenso wie ich auch nur einen Teil seiner Fertigkeit mit der Pistole geerbt habe. – Wollen wir einen Augenblick nach dem Schießstande gehen? Ich höre an dem Knall, daß wir ganz in der Nähe sein müssen.« »Bravo, bravo!« erschallte es von dem Schießstande herüber. »Cloten, ich pariere auf Sie.« »Ich pariere auf Breesen«, rief eine andere Stimme. Sie fanden auf dem Schießstande ein halbes Dutzend Herren etwa, alle in größtem Eifer, mit Ausnahme des Baron Oldenburg, der, die Hände in den Taschen seiner Beinkleider, an einen Baum gelehnt, die Schützen betrachtete und Strophen aus der Marseillaise dazu zwischen den Zähnen summte. »Bravo, Cloten, wieder Zentrum – der Kerl schießt verteufelt«, schallten die Stimmen durcheinander. »Hat sonst jemand von den Herren Lust zu parieren?« sagte Herr von Cloten, mit einem wunderbar selbstgefälligen Lächeln sich umsehend. »Ich, wenn Sie erlauben«, sagte Oswald. »Sie?« erwiderte der Dandy mit einem Blick sprachlosen Erstaunens. »Ich pariere einen Louis auf den Herrn«, sagte Baron Oldenburg grinsend. »Wer hält?« »Ich, ich!« riefen mehrere Stimmen. »Ich halte alles«, sagte Oldenburg, dem die Sache einen köstlichen Spaß zu machen schien. »Unser Einsatz ist bisher ein Taler gewesen; es ist Ihnen doch recht?« sagte Herr von Cloten zu Oswald. »Natürlich.« »Aber Doktor Stein kennt die Pistolen nicht«, sagte von Langen, »und Cloten muß sich bereits vollständig eingeschossen haben. Die Partie ist ungleich.« »Wenn nur mein Geld auf dem Spiele stände«, sagte Oswald, »so würde ich den Versuch wagen. Da aber auf mich gewettet ist, so möchte ich bitten, mir vorher einen Schuß zu erlauben.« »Natürlich«, rief Herr von Breesen, »das versteht sich von selbst, Herr von Barnewitz.« »Wird nicht viel helfen«, sagte von Cloten leise zu einem andern. »Sehen Sie den Tannenzapfen dort, Herr von Langen?« sagte Oswald, nachdem ihm eine geladene Pistole gereicht war. »Den an dem äußersten Ende des Zweiges?« »Ja, aber das sind mindestens fünfzig Fuß.« »Tut nichts. Diese Pistolen scheinen mir noch auf weitere Distanzen einen sichern Schuß zu erlauben.« Oswald hob die Pistole. Aller Augen waren gespannt auf den Tannenzapfen gerichtet. »Ja so«, sagte Oswald, die erhobene Pistole sinken lassend. »Wollen Sie nicht die Güte haben, Herr von Barnewitz, mich dem Herrn vorzustellen, der ein so günstiges Vorurteil für meine sehr fragliche Fertigkeit im Schießen an den Tag gelegt hat.« »Hatte ganz vergessen; bitte um Entschuldigung. Baron Oldenburg – Doktor Stein.« »Ah, Baron Oldenburg!« sagte Oswald, mit der linken Hand den Hut abnehmend. »Sie sehen doch den Tannenzapfen, Herr Baron.« »Vollkommen deutlich«, sagte Oldenburg, sich höflich verbeugend. Oswald hob die Pistole wieder, zielte eine Sekunde – der Tannenzapfen kam in Stücken zur Erde. »Famos!« schrie Herr von Barnewitz, »Cloten, du findest deinen Meister.« »Nous verrons«, sagte Herr von Cloten, »Sie haben den ersten Schuß, Herr Doktor.« Oswald nahm die andere Pistole, und schoß, ohne scheinbar auch nur zu zielen. »Zentrum!« schrie der Bediente an der Scheibe, eine Reverenz nach dem Schützen machend, bevor er das Loch mit einem Pflaster verklebte. »Cloten, zahlen Sie Reugeld!« rief Oldenburg, mit dem Gelde in seiner Tasche klappernd. »Zentrum!« ertönte es von der Scheibe. »Sehen Sie?« sagte von Cloten, Herrn von Barnewitzens Jäger die Pistole zum Laden gebend. »Ich denke, wir nehmen eine größere Distanz oder ein anderes Ziel«, sagte Oswald, »bei diesem tellergroßen Zentrum auf vierzig Schritt werden Herr von Cloten und ich wohl noch lange ohne Entscheidung fortschießen können. Sind keine Karten zur Hand?« »Ich bin's zufrieden«, sagte von Cloten. »Hast du Karten mitgebracht, Friedrich?« rief Herr von Barnewitz. »Ja, Herr!« »Nimm die Scheibe ab und nagle ein As an den Baum!« »Natürlich gilt nur die Kugel, die durch das As schlägt oder es wenigstens berührt hat«, sagte Oswald. »Natürlich«, sagte von Cloten. »Jetzt kommt die Sache in Gang«, rief der junge Breesen und rieb sich vor Vergnügen die Hände. »Cloten, zahlen Sie Reugeld«, sagte Oldenburg wieder und durch die Zähne murmelte er: »Tannenzapfen – Herzenas – Ei, mein Schätzchen, merkst du was? Ist es Liebe? Ist es Haß?« Von Cloten zielte lange, aber sei es, daß das neue Ziel ihn verwirrte, sei es, daß seine Hand schon unruhig geworden war – seine Kugel traf nur den oberen Rand der Karte. Oswald trat vor; sein Auge schweifte über die Schar der Edelleute, die um ihn herum stand. Denke dir, das As sei das Herz irgendeines beliebigen Adeligen, hörte er eine wohlbekannte Stimme flüstern... Sein Schuß krachte. An der Stelle des Asses war das Loch der Kugel in der Karte. »Trösten Sie sich, Cloten«, sagte Oldenburg. »Non semper arcum tendit Apollo – zu deutsch: Vorbeischießen muß auch sein.« »Wirklich meisterhaft«, sagte von Barnewitz, die Karte herumzeigend, »das As rein herausgeschossen.« »Wollen Sie Revanche haben, Herr von Cloten?« »Nein, danke, ein andermal. Fühle, daß meine Hand nicht mehr sicher –« »Warum haben Sie nicht Reugeld gezahlt, Cloten?« sagte Oldenburg, das gewonnene Geld lachend in die Tasche steckend. »Hier sind sie! Hier sind sie!« riefen da auf einmal helle Mädchenstimmen, und um das Gebüsch herum, das den Schießstand vom Wege trennte, kamen Emilie von Breesen, ihre Cousine Lisbeth von Meyen und eine von den jungen Fräulein von Nadelitz wie ebensoviele weiße Schmetterlinge. »Sie sind allerliebste Herren – Spielverderber – Im Augenblick kommen Sie wieder zurück –« so schallten die Stimmchen durcheinander. »Du könntest auch etwas Besseres tun, Adolf, als hier den ganzen Nachmittag bei dem alten dummen Schießen zubringen«, sagte Emilie von Breesen zu ihrem Bruder. »Er muß auch mit«, rief Lisbeth, »wir nehmen sie gefangen. Du, Emilie, nimm den Doktor, du bist die Stärkste, und er ist der Rädelsführer – Natalie, Natalie, halt Herrn von Langen fest! Er will davonlaufen.« »Meine Herren«, rief Oswald, »jeder Widerstand wäre Hochverrat! – Meine Damen! Wir ergeben uns auf Gnade und Ungnade«, und er bot Fräulein von Breesen den Arm. Die beiden andern Herren folgten seinem Beispiele; die drei hübschen Pärchen eilten lachend und scherzend davon. »Eine Entführung in optima forma«, sagte Oldenburg. »Wir gehen auch wohl, ihr Herren«, rief Barnewitz, »denn ich fürchte, wenn wir warten wollen, bis wir von den jungen Damen abgeholt werden, so können wir lange warten.« »Allons enfants de la patrie!« sang Oldenburg in möglichst falschen Tönen mit einer Stimme, die wesentlich dem Krähen eines heisern Hahnes an einem regnerischen Tage glich, und faßte von Cloten unter den Arm. »Cloten, mon brave, wir werden alt«, sagte er, während sie in einiger Entfernung hinter den andern dem Hause zuschritten. »Wenn wir nicht bald machen, daß wir unter die Haube kommen, so ist uns jede Hoffnung auf eheliches Glück, legitime Vaterfreuden und ein seliges Ende, Amen, abgeschnitten.« »Ah, Spaß! Baron, Sie sind mindestens fünf Jahre älter als ich.« »Das hindert nicht, daß die jungen Damen einen wie den andern en canaille behandelt haben.« »Die kleine Emilie ist ein verdammt hübscher Backfisch.« »Si, Signore, und was für ein Paar große, graue, verliebte Augen sie dem Doktor machte! Mit sechzehn Jahren! Wahrhaftig alles mögliche!« »Verdammte Puppe!« »Wer? – Fräulein Emilie?« »Ah – der Mensch, der Doktor!« »Ja, so! Ich hab's Ihnen ja gleich gesagt! Die Mägdelein reißen sich um ihn! Und wie vortrefflich der Kerl schießt, Cloten! Möchte ihm nicht fünf Schritte Barriere und zehn Distanz gegenüberstehen!« »Ah! Danke für ein Duell mit so einem Bürgerlichen. Partie ist zu ungleich. Meinen Sie nicht auch, Baron?« »Vielleicht ist der Mann die Frucht einer Liaison zwischen einem Sohn des Himmels und einer Tochter der Erde.« »Was heißt das?« »Wissen Sie nicht, daß vor Abraham die Kinder von Adeligen mit Bürgermädchen so bezeichnet wurden?« »Nein, habe nie gehört! Sohn des Himmels – famos! Übrigens traue Schrift nicht. Müssen doch selbst zugeben, Baron, diese Idee, alle Menschen von einem Paar abstammen zu lassen, Adelige und Bürgerliche, geradezu abgeschmackt, horribel – lächerlich! Habe mir immer gedacht: daß Schrift von diesen Bürgerlichen in ihrem Interesse zurechtgemacht ist. Hat mich stets geärgert, wenn Hauslehrer mir die alte Geschichte erklären wollte.« »Cloten«, sagte Oldenburg stehenbleibend und seinem Begleiter die Hand auf die Schulter legend, »Cloten, Sie sind ein großer Mann. Dieser Gedanke bringt Sie in eine Reihe mit den tiefsinnigsten Denkern aller Jahrhunderte.« »Ah, wah – reden Sie nun im Ernst, Baron, oder scherzen Sie, wie gewöhnlich?« »Lieber Cloten«, sagte Oldenburg, seinen Arm wieder unter den seines Begleiters steckend und weitergehend, »lassen Sie sich ein für allemal gesagt sein, daß es mir immer um das, was ich sage, fürchterlich ernst ist, und der Gegenstand, von dem wir sprechen, ist wahrlich von zu ungeheurer Bedeutung, als daß er eine scherzhafte Behandlung vertrüge. So hören Sie denn – aber machen Sie keinen ungeeigneten Gebrauch von der Sache, Cloten –« »Gott bewahre – parole d'honneur!« »So hören Sie denn, daß dieselbe Frage, deren richtige Beantwortung Sie mit dem sichern Takte des Genies sofort fanden, mich jahrelang beschäftigt hat. Auch ich sagte mir: der Unterschied des Namens, des Standes – enfin: der ganzen Natur. Wie können nun zwei so verschiedene Wesen von demselben Menschenpaare abstammen? Der Geist verwirrt sich in diesem schauderhaften Widerspruch.« »Gott, Baron, endlich sprechen Sie doch einmal wie –« »Wie ein Baron. Hören Sie weiter. Diese Frage beschäftigte mich so unausgesetzt, daß ich endlich beschloß, sie zu lösen, es koste, was es wolle. Ihr habt alle über mein einsames Leben, über mein Studieren und so weiter gespottet. Wissen Sie, Cloten, was ich studierte, während Ihr Euch auf der Jagd oder beim Pharao amüsiertet?« »Nein – auf Ehre –« »Aramäisch, Chaldäisch, Syrisch, Mesopotamisch, Hindostanisch, Gangobrahmaputraisch – Sanskrit –« »Herr Gott des Himmels! Das ist ja schauderhaft? Wozu?« »Weil ich die feste Überzeugung hatte, daß sich in den Klöstern Armeniens, in den Katakomben Ägyptens, oder sonst irgendwo im Orient eine alte Handschrift, welche die Sache aufklärte, entdecken lassen müsse. Als ich alle jene Sprachen und Dialekte so fertig wie Deutsch und Französisch sprach, trat ich vor drei Jahren meine letzte große Reise nach dem Orient an. Im Vorübergehen durchstöberte ich die Bibliotheken Italiens. In Rom traf ich Barnewitzens. Dies Zusammentreffen war mir im Grunde sehr unangenehm. Aus Höflichkeit mußte ich sie bis Sizilien begleiten. In Palermo aber machte ich, daß ich davonkam.« »Ah, das erklärt Ihr plötzliches Verschwinden – das unterbrochene Opferfest, ha, ha, ha!« »Unterbrochenes Opferfest – der Ausdruck stammt nicht von Ihnen, Cloten.« »Nein, auf Ehre – ist 'ne Erfindung von Hortense, wollte sagen, von der Barnewitz«, verbesserte sich der junge Edelmann. »Sie behauptet – entre nous, Baron –, daß euer Zusammentreffen in Rom gar nicht so absichtslos von Ihrer Seite und die ganze Reise von Rom nach Palermo – heißt ja wohl Palermo? – ein reiner Triumphzug für die Berkow gewesen sei; Opferfest – unterbrochenes Opferfest! Ha, ha!« »Aber ich verstehe Sie gar nicht, Cloten.« »Na, entre nous, Hortense weiß von der Reise allerlei Geschichten zu erzählen. So eine Szene auf der Überfahrt von Ciproda –« »Procida«, verbesserte Oldenburg. – »Procida, meinetwegen, der Teufel mag all die verrückten Namen behalten, von Procida nach Neapel.« »Nun?« »Aber zum Teufel, Baron, Sie fragen einem auch die Seele aus dem Leibe. – Sie hatten einen kleinen Fischerkahn, und es kam ein richtiger Sturm auf – die Wellen gingen haushoch, und Sie mußten jeden Augenblick erwarten, daß das Boot kenterte. Da sollen Sie auf Italienisch –« »Die Barnewitz versteht kein Wort italienisch, soviel ich weiß«, sagte Oldenburg. »Hortense nicht, aber die Schiffer, die sie hernach ausgefragt hat –« »Hm«, murmelte Oldenburg. »Nun?« »Da sollen Sie zu der Berkow gesagt haben: Liebe Seele, mit dir zusammen zu ertrinken ist mehr wert, als mit deiner Cousine oder irgendeiner andern Frau hundert Jahre zusammen zu leben!' » »In der Tat? Erzählt Hortense ihren guten Freunden so hübsche Geschichten? Nun, Cloten, ich will Ihnen einen guten Rat geben: Glauben Sie jedem Kuß, den Sie von Hortenses Mund schon geküßt haben oder noch küssen werden –« »Ah, dummes Zeug, Baron«, sagte der Dandy mit jenem Lächeln, das bescheiden sein soll und doch so entsetzlich unverschämt ist. »Aber glauben Sie keinem Wort, das aus ihrem Munde geht. Können Sie wirklich denken, daß ich nichts Besseres zu tun hatte, als Melitta von Berkow den Hof zu machen, während so ernste, ja sozusagen heilige Dinge meine Seele beschäftigten. Lassen Sie sich erzählen: Ich reiste also von Sizilien nach Ägypten hinauf bis Abu Simbul, zurück nach Kairo, von da nach Palästina, Persien, Indien – durchsuchte jeden Tempel, jede Felsenspalte –, ich fand nicht, was ich suchte. Endlich – als ich schon an dem Erfolge verzweifelte, als ich schon auf der Rückreise war, da – in der Bibliothek des Klosters auf dem Vorgebirge Athos –« »Wo ist das, Baron?« »Zwischen dem Indus und dem Oregon – dort in der Klosterbibliothek entdeckte ich endlich das langgesuchte Manuskript. Da stand denn die ganze Geschichte.« »Was stand da?« »Da stand im reinsten Hochbrahmaputraisch, daß – ich übersetze alles in unsere modernen Begriffe und Ausdrücke –« »Ja, machen Sie's um's Himmels willen so, daß ich es verstehe.« »Daß gleich von vornherein zwei Menschenpaare geschaffen wurden, wie es auch gar nicht anders sein kann; ein adeliges und ein bürgerliches. Der Name dieses ersten adeligen Geschlechts ist aus dem Manuskript nicht zu ersehen. Gerade an der einen Stelle, wo er ausgeschrieben gestanden hat, ist ein großer Klecks. Soviel ist sicher, Oldenburg hat es nicht geheißen; es war noch ganz deutlich ein C zu erkennen, und in der Mitte ein t.« »Vielleicht Cloten«, sagte der andere. »Es ist möglich, aber beschwören kann ich es nicht. Auch was für eine Geborene seine Gemahlin gewesen ist, die schlechtweg Fräulein genannt wird, ist nicht ersichtlich.« »Aber ich denke, sie ist aus der Rippe des Mannes gemacht und gar nicht geboren.« »Ah, lassen Sie sich doch kein dummes Zeug einreden, Cloten. Sie wird ausdrücklich Fräulein genannt, dann muß sie doch auch ein Fräulein von Soundso gewesen sein.« »Das ist ja aber eine verflucht verwickelte Geschichte.« »Gar nicht so sehr, wie Sie glauben. Genug, der Herr und das Fräulein, das bald genug zur gnädigen Frau wurde, hatten ein Landgut, welches Paradies hieß; – warum soll ein Landgut nicht Paradies heißen, Cloten?« »Verdammt schnurriger Name indessen.« »Warum? Nennt doch einer sein Gut Solitude, der andere Sanssouci, der dritte Bellevue, warum soll nicht einmal einer das seine Paradies genannt haben? Eh bien! Der Bediente des Herrn hieß Adam. Vortrefflicher Name für einen Bedienten. Als er steif und lahm wurde, schimpften sie ihn den alten Adam – haben Sie je von einem Adeligen gehört, der Adam geheißen hätte, Cloten?« »Im Leben nicht.« »Sehen Sie, da haben Sie wieder den schönsten Beweis. Er rief also seinen Kerl Adam, und die Zofe seiner Gemahlin Eva, Evchen – allerliebster Kammerzofenname das. Meine Mutter hatte ein Kammermädchen Evchen, ein bildhübsches Ding. Der Adam war aber ein großer Schlingel, wie die Bedienten das bekanntlich bis auf den heutigen Tag sind. Das Ding, die Eva, war auch nicht viel besser. Zuletzt trieben es die beiden zu arg. Schließlich ergriff der Herr denn einmal die Hetzpeitsche und jagte die beiden vom Hofe. In das Gesindebuch schrieb er: Entlassen wegen Unehrlichkeit, Putzsucht und Arbeitsscheu. Das ist so in großen Umrissen der eigentliche Verlauf der Geschichte.« »Wirklich merkwürdig – ganz famos, auf Ehre! Haben Sie das Buch mitgebracht. Baron?« »Nein; aber eine von dem dortigen Landrat beglaubigte Abschrift.« »Gibt's denn dort auch Landräte?« »Aber, lieber Freund, wie kann denn ein Land ohne Landräte bestehen?« »Natürlich; aber es wäre doch besser, wenn wir das Buch selber hätten.« »Vielleicht macht es sich. Die Mönche sind entsetzlich obstinat; ich hatte schon vor, sie alle mit Blausäure zu vergiften. Wahrscheinlich tue ich das auch noch, wenn ich wieder in die Gegend komme. Bis dahin müssen wir uns mit der Kopie begnügen. »Hören Sie, Baron, können Sie mir nicht auch so eine Kopie geben? Ich meine natürlich in deutscher Übersetzung, nicht in brahmaputraisch oder wie der verdammte Jargon heißt.« »Hm; aber versprechen Sie mir, es niemand zu zeigen.« »Verlassen Sie sich drauf!« »Höchstens einem oder dem andern aus unserm Zirkel.« »Das also darf ich?« »Meinetwegen; aber nennen Sie meinen Namen reicht. Sagen Sie, es wäre eine bloße Hypothese von Ihnen –« »Eine was?« »Eine bloße Vermutung, die noch der Bestätigung bedürfe; wenn wir dann hernach das Original in die Hände bekommen, so ist das Ihr Triumph und der Triumph der guten Sache zu gleicher Zeit.« Vierundzwanzigstes Kapitel Die Sommersonne war bereits seit einer Stunde hinter den Bäumen des Parks untergegangen; dunkle Schatten lagerten sich in den dichteren Bosketts, hier und da zirpte noch ein Vogel, ehe er zur Ruhe das Köpfchen unter den Flügel steckte; sonst war es still geworden in dem vor kurzer Zeit noch so belebten Garten. Aber desto lauter war es jetzt in dem Schlosse. Das blendende Licht von hundert Wachskerzen auf Kronleuchtern und Girandolen strahlte aus den Fenstern auf den weiten Rasenplatz vor dem Gartensaale. Musik erschallte aus den geöffneten Flügeltüren; und an Türen und Fenstern vorüber sahen die Dorfleute, die sich in ehrfurchtsvoller Ferne im Park hielten, die Paare der Tanzenden schweben. In den Zimmern, die an den Tanzsaal stießen, waren für die älteren Herrschaften Spieltische arrangiert, und des Grafen von Grieben kreischende Stimme wurde mehr als einmal vernommen, wenn der alte Baron Grenwitz, der nur ein sehr mittelmäßiger Bostonspieler war, auf drei Asse zum Mitgang gepaßt oder sonst, durch seine Zaghaftigkeit verleitet, einen jener horriblen Fehler begangen hatte, die das Gemüt eines methodischen Spielers so schmerzlich berühren. Herr von Barnewitz und seine Gemahlin wechselten im Spiele ab, damit stets einer von ihnen entweder bei den Tanzenden oder Spielenden war und sich so jede Partei gleicher Gunst erfreute. Hortense hatte ursprünglich den ganzen Ball mitmachen wollen; aber schon nach den beiden ersten Tänzen ärgerte sie sich so über die Huldigungen, die ihrer schönen Cousine von allen Seiten gezollt wurden, daß sie ihrem Gemahl jenes Arrangement vorschlug, in das er sich um so williger schickte, als er trotz seiner Korpulenz gern und gut tanzte, und auf alle Fälle ein sehr eifriger Bewunderer hübscher Mädchen und Frauen in Ball-Toilette war. Und an solchen fehlte es in dem Saale wahrlich nicht. Es war ein Kranz von lieblichen und schönen Gestalten, der auch wohl ein sinnigeres Auge als das des wüsten Edelmannes entzückt haben würde. Die lieblichste und schönste aber war nach dem ausgesprochenen oder schweigenden Urteil der Herren wenigstens – die Ansicht der Damen über diesen Punkt war allerdings sehr geteilt – Melitta. Die sonst etwas bleichen Wangen vom lebhaften Tanz gerötet, die großen Augen strahlend von Licht und Leben, die schlanken elastischen Glieder der herrlichen Gestalt mit wunderbarer Anmut in rhythmischem Schwunge bewegend – so schwebte sie über den glatten Boden des Saals wie die Muse des Tanzes selbst. Neben dieser blendenden Erscheinung wurden die hübschen Frauen ihres Alters zu Wachsfiguren und die jüngeren Mädchen zu allerliebsten Marionetten. So dachte wenigstens Oswald, wenn er sie im Walzer an sich vorbeifliegen sah oder sie ihm im Kontertanze entgegenschwebte. Ein wunderbares Gemisch widersprechender Empfindungen erfüllte seine Seele. Seit jenem Augenblick, wo er in Melittas Album das Bild des Baron Oldenburg zum erstenmal gesehen hatte, war er unablässig von dem Gedanken verfolgt worden: In welchem Verhältnis stand sie zu diesem Mann? Aber sooft auch schon die Frage auf seinen Lippen geschwebt hatte, nie hatte er sie auszusprechen gewagt, und je höher die Sonne seiner Liebe stieg, desto blasser war der drohende Schatten geworden. Heute aber hatte Barnewitzens Erzählung, das Erscheinen des Mannes selbst, Melittas Benehmen in der ersten Begegnung – die halb entschlafenen Zweifel furchtbar geweckt. Wieder drängte sich das Wort auf seine Lippen, und immer wieder kroch es scheu zum Herzen zurück. Er zürnte Melitta, daß sie ihn diese Qualen dulden ließ; er zürnte sich selbst, daß er sich von der Geliebten hatte bestimmen lassen, ihr in diese Gesellschaft zu folgen, diese Junkerwelt, in die er nicht gehörte, in der er sich nur geduldet wußte, in diese Welt frivolen Genusses und hochmütigen Dünkels, diese lärmende, blendende Welt, die so grausam mit der Romantik seiner Liebe kontrastierte und der wonnigen, liebeverklärten Waldeinsamkeit von Melittas Kapelle Hohn zu sprechen schien. Es kam ihm wie ein halb verklungenes Märchen vor, daß dies wunderbare Weib in seinen Armen geruht, daß er – wie oft schon! – seinen Mund auf diese rosigen Lippen gedrückt hatte. Sie erschien ihm so fremd, so ganz verwandelt; er konnte sich nicht überreden, daß dies Melitta sei, seine Melitta, sie, die hier mit dem jungen Breesen lachte und schwatzte, die dort die faden Komplimente von Clotens mit so huldvoller Miene beantwortete – und dann wieder, wenn ihr leuchtendes Auge das seine traf, wenn ihre Hand bei den Touren des Kontertanzes seine Hand so traulich drückte, wenn bei dieser Gelegenheit ein: Süßes Herz! Du Lieber! – nur ihm vernehmbar geflüstert, sein Ohr traf – ja, dann war es doch wieder Melitta, seine Melitta! – Und immer wieder jagten sich Zweifel, die sich zu wahnsinniger Angst steigerten, und Gewißheit, die ihn mit unsäglichem Entzücken erfüllte, durch seine Seele, wie tiefdunkle Schatten und heller Sonnenschein über eine Sommerlandschaft jagen, und um dieser süßen Qual, dieser bittern Wonne zu entgehen, schlürfte er mit hastigen, gierigen Zügen den berauschenden Trank, der, aus blendenden Lichtern, jubelnden Tönen und wollüstigen Düften so seltsam gemischt, in einem Ballsaal die Sinne der Tanzenden bis zum bacchantischen Taumel aufregt und das Gehirn umnebelt. Oswald lachte und scherzte wie von der tollsten Laune ergriffen: hier ein übermütiges, keckes Wort, dort eine feine Schmeichelei; hier eine satirische Bemerkung, dort eine Sentimentalität... Die Damen schienen vollkommen vergessen zu haben, daß ein so unermüdlicher und gewandter Tänzer, ein so hübscher Mann, der ihnen so viele hübsche Sachen zu sagen wußte, doch nur ein Bürgerlicher sei, der auf alle diese Vorzüge eigentlich gar keinen Anspruch machen durfte, und wenn ja eine der hochadeligen Mütter dem Töchterchen ihr unpassendes Benehmen mit dem jungen Menschen, dem Doktor Stein, verwies, so fiel das goldene Wort diesmal auf unfruchtbaren Boden, und die hübsche Kleine beruhigte ihr erschrecktes adeliges Gewissen mit dem tröstlichen Gedanken: Es ist ja nur für heute abend! – Es steht sehr zu vermuten, daß das Glück, das Oswald an diesem Abend bei den Damen machte, mehr als ein junkerliches Gemüt auf das tiefste indignierte; aber der Ausdruck dieser feindseligen Stimmung beschränkte sich auf einige höhnische Worte, von denen aber keins bis zu Oswalds Ohr drang, und auf einige ärgerliche Blicke, die, wenn er sie bemerkte, nur zur Erhöhung seiner tollen Laune beitrugen. Daß er sich auf einem sehr glatten Boden bewegte, wußte er sehr gut; aber die Nähe der Gefahr, die die schwachen Geister lähmt, läßt starke Herzen nur desto mutiger pochen; und das Bewußtsein, wie er sich jeden Augenblick einer impertinenten Beleidigung versehen könne, gab seinem Benehmen den Junkern gegenüber eine Kühnheit, seinem Auftreten eine Sicherheit, die, wenn sie einerseits den Unwillen dieser Herren herausforderte, andererseits für sie die Kluft zwischen Wollen und Vollbringen geradezu unübersteiglich machte. Und übrigens muß zur Ehre dieser jungen Adeligen bemerkt werden, daß sich in einer Schar von zwölf oder vierzehn denn doch zwei oder drei fanden, die von Vorurteilen nicht so sehr befangen waren, daß sie Oswalds ritterliches Wesen nicht gern hätten gelten lassen. So Herr von Langen, der seinen Arm vertraulich unter den Oswalds schob und in der Pause mit ihm im Saale freundlich plaudernd auf und ab schritt; so der junge von Breesen, der hübscheste und gewandteste von der Schar, welcher Oswald bat, ihm ein paar Lektionen im Pistolenschießen zu geben, und als seine Schwester durch Unachtsamkeit eine Verwirrung im Tanz angerichtet hatte, zu ihm kam, ihn im Namen der jungen Dame um Entschuldigung bat und ihn zu ihr führte, damit sie sich selbst entschuldigen könne; so endlich selbstredend Baron Oldenburg, der die Tugenden Oswalds als Tänzer und Schütze gegen mehr als einen bis in den Himmel erhob, wobei es nur nicht ganz ersichtlich war, ob er dies aus aufrichtiger Überzeugung oder mehr in der Absicht tat, seine jungen Standesgenossen gründlich zu ärgern. Dieser dankbaren Aufgabe konnte er sich mit um so größerem Behagen unterziehen, als er auf Herrn von Barnewitzens Frage, ob er spielen wolle, geantwortet hatte: »Ja, wenn Pharao gespielt wird«; und auf Lisbeths von Meyen Bemerkung, ob er denn nicht zu tanzen gedenke, geäußert hatte: »Meine Gnädige, in diesem Augenblicke bedaure ich zum ersten Male in meinem Leben, daß mich mein Tanzlehrer nie dahin bringen konnte, die erste Position von der zweiten, und mein Musiklehrer ebensowenig, einen Walzer von einem Choral zu unterscheiden.« So trieb er sich denn bald zwischen den Spieltischen umher, und weckte den leicht erreglichen Zorn des Grafen von Grieben dadurch, daß er in alle Karten der Reihe nach sah, und jedem guten oder vielmehr möglichst schlechten Rat erteilte; bald war er im Tanzsaal und schaute mit den Augen eines gutgelaunten Katers, der weiße und schwarze Mäuschen auf der Scheunendiele munter spielen sieht, auf die tanzenden Paare. In dieser angenehmen Beschäftigung störte ihn Herr von Barnewitz, der eilfertig zur Tür des Tanzsaales hereinkam. »Oldenburg, da du ja doch hier nichts zu tun hast –« »Nein, guter Freund, ich habe in der Tat hier nichts zu tun.« »So komm mit hinauf in den Speisesaal und hilf mir beim Arrangieren der Plätze. Willst du?« »Das Vertrauen, das du zu meinem organisatorischen Talente hast, ehrt mich hoch, mon ami«, sagte Oldenburg und folgte dem Voraneilenden über den Flur, die breite, mit Teppichen belegte Treppe hinauf in den glänzend erleuchteten Speisesaal, wo die Bedienten eben mit der Herrichtung der Tafel fertig geworden waren. »Hier, Oldenburg, sind die Zettel, alle schon ausgeschrieben; nun sage mir, sollen wir –« »Wertgeschätzter«, sagte der Baron zu einem Bedienten, »könnten Sie mir wohl behufs der Entkorkung dieser Flasche das passende Instrument besorgen? – So, danke – Festina lente, Barnewitz, auf deutsch: Du sollst dem Ochsen, der da drischt, das Maul nicht verbinden. Auf dein Wohl, mein Junge! Dieser Knabe Cliquot gehört zu den tugendhafteren seines weitverbreiteten Geschlechts. Wirklich genießbar!« und dabei schlürfte er ein Glas nach dem andern. »So, jetzt stehe ich vorläufig zu deinen Diensten. – Stellen Sie die Flasche dort auf den kleinen Tisch, lieber Tressenrock! Es sind noch ein paar Gläser drin. – Gräfin von Grieben – Baron Oldenburg, Baronin von Nadelitz, – bist du des Teufels, Barnewitz? Ich soll zwischen den alten Schachteln zwei Stunden lang eingeklemmt sitzen? Lieber will ich mit aufwarten helfen! Nein! Wir wollen die Sache so machen. Die ganze alte Litanei setzen wir an das eine Ende des Tisches und das junge Deutschland an das andere. Geh du mit deiner Herde von Widdern und Mutterschafen nach Osten, und ich will mit den Böcklein und Zicklein nach Westen gehen.« »Das wird wohl auch das beste sein«, sagte Barnewitz, »hier sind deine Zettel.« Die Bedienten hatten den Saal verlassen; die beiden Herren fingen jeder auf seinem Ende an, die Zettel zu verteilen. »Fräulein Klauß«, sagte Oldenburg, einen Zettel in die Höhe haltend, »wer, bei allen Olympiern, ist Fräulein Klauß?« »Unsere Erzieherin. Hast du sie nicht bemerkt, das hübsche kleine Ding mit den hochverräterischen Augen?« sagte Barnewitz, eifrig sortierend. »Wir konnten sie nicht in ihrer Kinderstube lassen – Herr des Himmels, da sitzen ja schon wieder Mann und Frau zusammen – weil sonst eine Tänzerin zu wenig gewesen wäre. Du kannst sie mit dem Doktor Stein zusammen setzen. Gleich und gleich gesellt sich gern.« »Schön«, sagte Oldenburg. »Wer soll denn die Berkow führen?« »Zum Kuckuck, laß mich in Ruhe! Du, meinetwegen!« »Bon«, sagte Oldenburg und trank ein Glas Champagner. Nach einer kurzen Pause eifrigen Arrangierens: »Wer soll die Ehre haben, bei deiner Frau zu sitzen?« »Heiliges Kreuz – ja freilich, das ist wichtig. Weißt du was, Oldenburg, nimm den Unbedeutendsten; dagegen kann niemand etwas einwenden.« »Will's schon machen«, sagte Oldenburg und suchte unter den Zetteln, bis er den rechten gefunden hatte. »Dir will ich deine unverbürgten Schiffernachrichten eintränken«, murmelte er zwischen den Zähnen. »Bist du fertig, Oldenburg?« »Gleich! – So.« »Nun, weißt du was, Baron, geh du in den Tanzsaal und sage jedem Herrn, welche Dame er führen soll; ich will dasselbe bei den Spielern tun.« »Ainsi soit-il«, sagte Oldenburg, dem Davoneilenden folgend. Als er in den Ballsaal trat, fing man soeben einen Kontertanz zu arrangieren an. Unmittelbar nach diesem Tanze sollte gespeist werden. »Die Gelegenheit ist günstig«, murmelte er und ging, einem schwarzgefiederten, langbeinigen Vogel zu vergleichen, der sich auf der Wiese Frösche sucht, mit wunderbarer Gravität hinter der Linie der Tanzenden hin, den schicklichen Moment benutzend, jedem der Herren den Namen der Dame, die er ihm zugeteilt hatte, ins Ohr zu flüstern. Oswald tanzte mit Frau von Barnewitz, die in aller Eile für Fräulein Klauß eingetreten war, welche noch schnell eine Kommission in die Küchenregion auszurichten hatte, vis-à-vis Melitta und Herrn von Cloten. Oldenburg hatte schon sämtlichen Herren ihr Schicksal verkündet, das allen mehr oder weniger günstig zu sein schien, denn jeder nickte mit zufriedener Miene. Ganz zu allerletzt trat er zu Cloten und raunte ihm zu: »Cloten, ich habe Ihnen die Barnewitz gegeben.« Dann zu Oswald: »Herr Doktor, Sie werden Frau von Berkow führen.« Darauf entfernte er sich eiligst. »Hortense«, flüsterte der überglückliche Cloten dieser Dame zu, »weißt du, wer dich führen wird?« »Doch nicht du, Arthur?« rief diese erschreckend. »Ja, mein Engel.« »Unmöglich, Arthur. Du gehst gleich nachher zu Oldenburg und sagst, daß du mich nicht haben willst.« »Aber –« »St! Nicht so laut – du bist ein Narr, ich sage dir, daß Barnewitz unser Verhältnis mehr als ahnt, dies fehlte noch gerade.« »Changez les dames!« »Melitta, ich werde dich zu Tisch führen.« »Unmöglich, Oswald. Da mußt das zu redressieren suchen.« »Weshalb?« flüsterte Oswald und seine Augenbrauen zogen sich zusammen. »Sieh nicht so finster aus, liebes Herz! Ich will dir alles erklären.« Fräulein Klauß erschien in dem Nebenzimmer. Sobald Oldenburg sie bemerkte, trat er auf sie zu, und seine hohe Gestalt ehrfurchtsvoll neigend, sagte er in einem Ton, dessen Milde sonderbar mit der sonstigen Herbheit seiner Rede kontrastierte: »Mein Fräulein, ich werde das Vergnügen haben, Sie zu Tisch zu führen.« Die arme Kleine stand wie vom Blitz getroffen. Baron Oldenburg, der stolze, unheimliche Baron, sie zu Tische führen! Mit einem wunderbar fragenden Gesicht blickte sie zu ihm auf. »Ich habe die Plätze selbst arrangiert, mein Fräulein; wenn Sie einen besonderen Wunsch haben, sprechen Sie ihn frank und frei aus; ich würde mich glücklich schätzen, Ihnen gefällig sein zu können.« »Gott bewahre, Herr Baron –« »Eh bien, so sind wir einig. Wollen Sie mir Ihren Arm geben; ich sehe, die Paare arrangieren sich.« In diesem Augenblicke kam Cloten atemlos herbei. »Auf ein Wort, Oldenburg. – Sie verzeihen, Fräulein; – Oldenburg, Sie müssen mir eine andere Dame verschaffen; ich kann unmöglich Hortense führen.« »Pourquoi pas, mon cher?« »Weil – zum Henker, weil –« »Je suis au désespoir, mon brave; aber Barnewitz hat Sie selbst vorgeschlagen.« »Ist das gewiß?« »Verlassen Sie sich darauf.« Mit vor Freude strahlendem Gesicht eilte der andere zu seiner Dame zurück. »Oswald«, sagte Melitta, »ich hab mir's überlegt. Es ist doch besser so – aber mit der Aussicht auf den Kotillon ist es vorbei. Nun komm, gib mir deinen Arm und sei wieder gut.« Die älteren Herrschaften waren zuerst in den Speisesaal getreten und hatten sich bereits hinter ihren Stühlen gereiht; die Gesellschaft aus dem Tanzsaal kam hintendrein. Herr von Barnewitz kam für einen Augenblick von jener Seite herüber, zu sehen, ob alles in Ordnung sei. Seine Stirn verfinsterte sich, als er seine Frau an Clotens Arm, Melitta neben Oswald stehend bemerkte, und endlich Oldenburg selbst, seine kleine Dame wie eine Prinzeß von Geblüt führend, in den Saal trat. »Oldenburg, zum Teufel, was hast du denn da angerichtet«, flüsterte Barnewitz heftig. »Ich will nicht, daß Cloten meine Frau führt, sie reden so schon genug über die beiden.« »Ja, lieber Freund, du sagtest, ich sollte den Unbedeutendsten wählen; da war ja gar kein Zweifel möglich.« »Und Melitta mit dem Doktor, du mit der Klauß – das ist geradezu lächerlich.« »Ja, Barnewitz, das ist nun einmal geschehen; und nun würdest du mir einen ausnehmenden Gefallen erweisen, wenn du nicht desavouiertest, was ich in deinem Auftrage getan habe, und dich ruhig an deinen Platz verfügtest; die Gräfin Grieben sucht dich überall mit ihren großen Eulenaugen.« »Ich wasche meine Hände in Unschuld«, grollte Barnewitz davoneilend. »Und ich will eine Flasche Champagner auf meinen gelungenen Staatsstreich trinken«, murmelte Oldenburg, an der Seite der kleinen Erzieherin, gegenüber Oswald und Melitta, in unmittelbarer Nähe von Cloten und Hortense, Platz nehmend. »Meine Damen und Herren«, sagte er, »ich hoffe, daß Sie mit mir in ein stilles begeistertes Hoch auf das Wohl des Mannes einstimmen werden, der jedem von uns seinen Platz anwies, und der, während er nur das Gemeinwohl vor Augen zu haben schien, doch die geheimen Wünsche jedes einzelnen zu erfüllen wußte. Ich gehe Ihnen zu bedenken, meine Damen und Herren, daß ein Mangel an Enthusiasmus in diesem feierlichen Augenblick nicht nur die Gefühle jenes Mannes schmerzlich berühren, sondern auch die Empfindungen eines ihrer Nächsten aufs tiefste verletzen würde, Ihres Nächsten, den mindestens wie sich selbst zu lieben, Sie schon die Religion der Liebe verpflichtet, zu der wir uns ja alle ohne Ausnahme bekennen. Meine Damen und Herren, trinken Sie mit mir auf das Wohl Ihres und meines besten Freundes, auf das Wohl Adalbert von Oldenburgs.« Man kann sich denken, daß, so weit als des Barons mäßig erhobene Stimme schallte, wenige Lust hatten und niemand es wagte, sich von diesem ironischen Toast auszuschließen. Die kristallenen Gläser klangen aneinander, und bald flackerte eine lebhafte Unterhaltung um den ganzen Tisch herum auf, wie das Feuer in einem Haufen Stroh, der an allen Ecken und Enden zugleich angezündet ist; jene schwirrende, summende, kichernde, lachende, lärmende, flüsternde Unterhaltung, wo der geistreichste Einfall und die albernste Bemerkung zuletzt als gleich wertvolle oder wertlose Münze kursieren. »Achte auf deine Augen, Oswald«, sagte Melitta, in jener rapiden Weise, wo die Rede sich kaum vom Hauch unterscheidet und doch jede Silbe deutlich gehört wird. – »Deine holden Liebesbriefe werden von profanen Augen unterwegs aufgefangen, erbrochen und gelesen.« Von Cloten hatte Hortense vergeblich zu überreden gesucht, es sei ihres Gemahls eigener Wunsch gewesen, daß er sie zu Tische führe. »Sei doch nicht so einfältig, Arthur«, sagte die junge Frau. »Es ist eine Intrige von Oldenburg, verlaß dich darauf. Hast du je mit Oldenburg über mich gesprochen?« »Nein, Hortense – parole d'honneur.« »Ich bin überzeugt, du hast es getan; du wirst mich noch unglücklich machen mit deiner albernen Schwatzhaftigkeit.« »Aber, Hortense –« »Still, Oldenburg beobachtet uns fortwährend.« »Cloten!« rief der Baron. »Was? Baron!« »Wollen Sie in diesem Herbst mit mir nach Italien reisen? Sie wissen, in der bewußten Angelegenheit.« »Ginge rasend gerne mit, Baron; aber Sie wissen, tausend Gründe dagegen; erstens Jagd, zweitens Pferderennen, drittens hasse Reise, viertens verstehe kein Wort italienisch.« »Nun, das ist das wenigste. Was man notwendig wissen muß, beschränkt sich auf Si, signore, anima mia dolce, das andere läßt man sich von den Fischern sagen.« Von Cloten errötete bis in die Stirn hinauf, denn wie Oldenburg diese Worte lachend sprach, fühlte er Hortensens Fuß auf dem seinen und hörte ihre von inneren Tränen fast erstickte Stimme: »Siehst du, Arthur; habe ich es nicht gesagt?« Auch Melitta, die, seitdem sie den Baron sich gerade gegenüber sah, sehr still geworden war, schien über diese Bemerkung sichtlich betroffen. Sie senkte plötzlich die langen Wimpern, wie wenn sie verbergen wollte, was jetzt in ihrer Seele vorging. »Ich rufe Sie zum Zeugen auf, gnädige Frau«, rief Oldenburg. »Hat Ihnen Ihr Italienisch viel genützt?« »Im Gegenteil«, sagte Melitta und ihre dunklen Augen flammten auf, »ich habe so nur manches falsche, lügnerische Wort mit anhören müssen, das mir sonst unverständlich geblieben wäre.« »Ja, ja, die Italiener lügen viel«, rief der Baron lachend. »Sagen wir lieber, es wird in Italien viel gelogen«, replizierte Melitta. »Zum zweiten Male abgefallen«, murmelte der Baron. Das Weib ist noch immer schön wie ein Engel und klug wie die Schlange. Ja, sie ist schöner als früher. Ihre Augen sind noch größer und leuchtender, ihre Schultern noch runder; ihre Stimme ist noch weicher und wohllautender – und das alles in majorem Dei gloriam, das heißt, dem hübschen Fant an ihrer Seite zuliebe! Hm! – »Herr Doktor, wollen Sie mir die Ehre erweisen, ein Glas Champagner mit mir zu trinken? Ich dächte, es läge eine Wolke auf Ihrer Stirn. Verscheuchen Sie sie. Sie wissen: dulce est decipere in loco.« »Was für eine verzweifelte Sprache ist denn das nun wieder, Baron?« rief von Cloten. »Plattbrahmaputraisch, mon cher. Auf Ihr Wohl, Cloten.« Je mehr sich die Mahlzeit ihrem Ende nahte, und je schneller sich die von den Bedienten stets wieder gefüllten Champagnergläser leerten, desto lärmender und wüster wurde die Unterhaltung, so daß selbst die Stimme des Grafen Grieben, die man bisher wie das Kreischen eines großen Papageis in einer Menagerie immer durchgehört hatte, übertönt wurde. Der dünne Firnis äußerlicher Kultur, aus welchem die ganze sogenannte Bildung dieser bevorrechtigten Klasse bestand, begann von den Strömen Weines, die unaufhörlich flossen, in einer erschreckenden Weise heruntergespült zu werden, und die nackte, trostlose dürftige Natur kam überall zum Vorschein. Die jungen Herren erzählten den jungen Damen ihre Abenteuer auf der Jagd, bei den Pferderennen, ihre Heldentaten während ihrer militärischen Dienstzeit, oder gefielen sich in Unterhaltungen, die scherzhaft und galant sein sollten, und die für jedes feinere weibliche Gefühl einfach plump und zweideutig waren. Indessen schienen die jungen Damen leider an diese Sorte Unterhaltung viel zu sehr gewöhnt zu sein, als daß sie irgendeinen unangenehmen Eindruck auf sie hätte hervorbringen können. Im Gegenteil, sie ließen sich ein Glas Champagner nach dem andern aufnötigen, sie wollten sich totlachen über die reizenden Einfälle der jungen Herren, besonders des jungen Grafen Grieben, eines sehr langen, sehr dünnen und sehr blonden Jünglings, dessen Erscheinung flüchtig an eine Giraffe erinnerte, und der, wenn er, wie diesmal, nicht in unmittelbarer Nähe Oldenburgs sich befand, gern den starken Geist spielte und eine gewisse Autorität über seine Kameraden ausübte. Oldenburg selbst schien entweder ein feuriger Verehrer des Gottes Bacchus zu sein, oder ein ganz besonderes Vergnügen darin zu finden, den bacchantischen Taumel um sich her geflissentlich zu vermehren; denn er trank und sprach unaufhörlich und forderte die andern unausgesetzt zum Trinken auf. Besonders hatte er dabei von Cloten im Auge, der im Anfang der Mahlzeit durch Hortenses Vorwürfe aufgeschreckt, sehr still und verlegen gewesen war, kaum aber eine Flasche getrunken hatte, als er die schönen Vorsichtsmaßregeln, die ihm seine Geliebte in aller Eile für diesen kritischen Fall gegeben, vergaß, und ihre abwehrenden Blicke mit desto feurigeren, und ihr geflüstertes: »Aber Arthur, nimm dich doch zusammen«; mit einem fast hörbaren: »Aber, Kind, was willst du nur? Es achtet kein Mensch auf uns«, beantwortete. Ja, der junge Edelmann trieb die Unvorsichtigkeit so weit, bei einer Gelegenheit, unter dem Vorwande ein Tuch aufzuheben, Hortenses herabhängende Hand zu küssen, ein andermal ihr Glas mit dem seinen zu vertauschen; mit einem Worte, er benahm sich so, daß, wer das Verhältnis der beiden noch nicht kannte, es heute abend kennenlernen, und wer es ahnte, in seinem Verdacht bestätigt werden mußte. »Ich werde sogleich nach Tische fahren, Oswald«, sagte Melitta zu diesem, der in der letzten Viertelstunde sich fast nur mit Emilie von Breesen, seiner Nachbarin auf der andern Seite, unterhalten hatte. »Ich wollte, du wärst gar nicht gekommen, oder hättest mich zu Hause gelassen«, sagte der junge Mann bitter. »Schilt mich nur noch«, sagte Melitta, und schmerzlich zuckte es um den reizenden Mund. »Ach, Oswald, ich wollte, ich könnte dich mitnehmen – für jetzt und für immer.« »Hoffentlich erlaubt es Baron Oldenburg«, antwortete Oswald, der bemerkte, wie die grauen Augen des Barons, während er sich lebhaft mit dem kleinen Fräulein Klauß unterhielt, unausgesetzt Melitta und ihn selbst beobachteten. Melitta antwortete nicht, aber die Träne, die plötzlich an ihren dunkeln Wimpern erglänzte und die sie mit einer schnellen Bewegung ihres feinen Taschentuchs sogleich trocknete, war Antwort genug. »Verzeih mir, Melitta«, murmelte Oswald, »aber ich bin sehr unglücklich.« »Ich bin es nicht minder, vielleicht noch mehr – und darum gerade möchte ich, daß du ganz glücklich wärest, wünschte ich, ich könnte dich ganz glücklich machen.« »Du kannst es durch ein Wort!« »Was ist es, Oswald?« »Sage, daß du mich liebst.« »Oswald, so fragt die Liebe nicht, so fragt die Eifersucht.« »Gibt es eine Liebe ohne Eifersucht?« »Ja, die echte Liebe, die nichts fürchtet und alles glaubt.« »So wäre meine Liebe nicht die echte? Freilich, wie können wir, die wir nicht von Adel sind, auch Anspruch auf irgend etwas Echtes machen! Unsere Mütter und Schwestern tragen böhmisches Glas statt Diamanten, wir selbst haben keine echte Ehre, keine echte Liebe – das ist sonnenklar.« Wenn Oswald, indem er diese wahnsinnigen Worte sprach, in Melittas Herz hätte sehen können, ja, wenn er nur einen Blick in ihr Gesicht geworfen hätte, er würde vor Scham haben vergehen müssen. Melitta antwortete nicht; sie weinte auch nicht, sie blickte nur starr vor sich hin, als könne sie das Ungeheure nicht begreifen, daß die Hand, die zu küssen sie sich niederbeugte, sie ins Antlitz geschlagen, daß der Fuß, den mit Narden zu salben, sie niedergekniet war, sie grausam zurückgestoßen habe... Wie hatte sie sich gefreut auf diesen Abend, wie schön hatte sie es sich gedacht, mitten im Lärm der Gesellschaft allein zu sein mit dem Geliebten, seinen Worten zu lauschen, seine Hand verstohlen zu drücken, und während hübsche Frauen und reizende Mädchen mit ihm kokettierten, in seinen Augen zu lesen: Ich liebe doch nur dich, Melitta! Und über diesen Abend hinaus hatte eine rosige Zukunft vor ihren Blicken sich aufgetan – ein Land der Hoffnung – nicht in deutlichen Umrissen, aber voll Ruhe und Liebe und Sonnenschein... Aber da hatte sich ihre Vergangenheit herangewälzt, wie ein grauer, giftiger Nebel, und hatte das sonnige Land der Zukunft immer dichter und dichter verschleiert... Und jetzt erschien ihr durch den giftigen Nebel das Antlitz des Geliebten wie von Haß verzerrt, und seine Stimme drang seltsam fremd zu ihrem Ohr. War das sein Antlitz? War das seine Stimme, die jetzt die Worte sprach: »Gnädige Frau, man hebt die Tafel auf, darf ich um Ihren Arm bitten?« Während sie in den Reihen der übrigen die Treppe hinunterschritten, sagte Melitta kein Wort; auch Oswald nicht. Als sie unten im Saale angekommen waren, verbeugte er sich tief vor ihr, und als er den Kopf hob, schaute er auf einen Augenblick in ihr Antlitz. Er sah, wie schmerzlich es um ihre Lippen zuckte; er sah, welch rührende Klage aus ihren großen dunklen Augen sprach – aber sein Herz war verschlossen, und er wandte sich zu einer Gruppe junger Mädchen und Herren, die das abgebrochene übermütige Tischgespräch noch eine Weile fortsetzen zu wollen schien. Melitta sah ihm noch für einen Moment nach, sah, wie die hübsche Emilie von Breesen sich lebhaft zu ihm wandte, wie er ihr mit einem Scherze entgegentrat, sie lachend etwas erwiderte und ihn mit ihrem Fächer auf den Arm schlug. Weiter sah sie nichts mehr; als sie sich wiederfand, saß sie in der Ecke ihres Wagens. Auf die Bäume und Hecken an der Wegseite, die an dem Fenster vorübertanzten, fiel das helle Licht der Laternen, aber Melitta sah alles nur wie durch einen Nebelflor, denn ihr Herz und ihre Augen waren voll Tränen. Fünfundzwanzigstes Kapitel Mit Melitta schien der gute Genius aus der Gesellschaft gewichen und allen Dämonen freies Spiel gegeben. Immer lauter kreischten die Geigen, immer feuriger wurden die Blicke der Herren, immer frivoler ihre Rede, immer üppiger und leidenschaftlicher die Bewegungen der Tänzerinnen. Und noch immer floß der Champagner in Strömen. Frische Lichter waren während des Abendessens überall auf den Kronleuchtern der Säle und rings in den Zimmern aufgesteckt – es schien, als ob die Lust kein Ende nehmen solle, nehmen könne. Auch die älteren Herrschaften hatten sich wieder an die Spieltische begeben; aus einem kleinen Nebenzimmer, in welches fünf oder sechs Herren sich zurückgezogen hatten, hörte man das Klingen von Goldstücken und ein gelegentliches: Faites votre jeu, messieurs! Oswald hatte sich vor dem Beginn des zweiten Tanzes nach Herrn und Frau von Grenwitz umgesehen, denn er hatte nicht bemerkt und erfuhr erst jetzt, daß diese die Gesellschaft schon vor dem Abendessen verlassen hatten, und daß der Wagen wiederkommen würde, ihn abzuholen. Er hatte Melitta, da sie nicht in dem Ballsaal erschienen war, in einem der andern Zimmer vermutet. Ein Diener, der mit einem Präsentierbrette voll Weingläser an ihm vorübereilte, antwortete auf seine Frage, ob er Frau von Berkow nicht gesehen habe? »Die gnädige Frau ist soeben fortgefahren. Befehlen Limonade oder Champagner?« Oswald nahm ein Glas Wein und leerte es auf einen Zug. Fortgefahren – ohne Abschied! »Vortrefflich«, murmelte er, indem er sich in den Ballsaal zurückbegab. Und immer nächtiger wurde es in seiner Seele. Jetzt zürnte er nicht mit sich, daß er die Geliebte so schnöde gekränkt und sie so gekränkt hatte ziehen lassen, sondern ihr, daß sie fortgegangen war, ohne ihm Gelegenheit zu geben, sie um Verzeihung zu bitten. Ihm war zumute, wie einer Seele zumute sein könnte, die in ihren Sünden zur Hölle gefahren ist, weil sie des Priesters Absolution verschmähte, und die nun gegen sich selbst und gegen den unschuldigen Priester wütet. Tolle Gedanken wirbelten durch sein überreiztes Gehirn – es wäre ihm eine Wollust gewesen, wenn einer von diesen jungen Adeligen, durch seinen Übermut beleidigt, ihm feindlich entgegengetreten wäre. Ja, er legte es darauf an, er witzelte und spöttelte auf die übermütigste Weise; aber entweder verstanden die Halbberauschten ihn nicht oder sie hatten noch so viel Verstand behalten, einzusehen, daß ein Duell mit einem Manne, dessen Kugel unfehlbar war, eine Sache sei, die wohl bedacht sein wolle. Er suchte sich zu überreden, daß von den anwesenden Damen mehr als eine vollkommen so schön und liebenswürdig sei wie Melitta – daß es lächerlich sei, sich um die Abwesende zu grämen, da ihn hier mehr wie ein feuriges Auge zu entschädigen versprach... Warum sollte er sich nicht in Emilie von Breesen verlieben? Warum nicht? Sie war eine Knospe, die zu einer wundervollen Rose aufblühen mußte. Warum sollte er nicht den ersten Blick in dieses schwellende Knospenleben tun? Sich nicht zuerst an dem Duft dieser frischen Blume berauschen? Und war sie nicht schlank und geschmeidig wie ein Reh? Und war ihr rosiger Mund nicht schon zu einem wollüstigen Kusse halb geöffnet? Und blickte sie nicht mit so großen, grauen, halb scheuen, halb kecken, halb neugierigen und halb verständnisklaren Augen zu ihm auf, wie er jetzt über die Lehne ihres Stuhles gebeugt mit ihr schwatzte? »Sie müssen uns ja besuchen, Herr Stein! Ich lade Lisbeth noch dazu, und dann reiten wir zusammen spazieren.« »Lassen Sie Fräulein von Meyen nur zu Hause. Ich ziehe die Duetts den Terzetts bei weitem vor.« »Ist das wahr? Aber meine Cousine ist ein sehr hübsches Mädchen. Finden Sie nicht?« »Fräulein Lisbeth ist ein reizendes Wesen, das nur den einen Fehler hat, Sie zur Cousine zu haben, und nur den einen Fehler begeht, sich zu häufig neben Sie zu stellen.« »Warten Sie, das sage ich ihr wieder –« »Sie würden mich dadurch dem Haß der jungen Dame aussetzen und mir dafür eine Entschädigung schuldig sein.« »Und liegt diese Entschädigung in meiner Macht?« »Nein, in Ihren Augen.« »Sie Spötter, kommen Sie, die Reihe ist an uns.« Oswald hatte sich in der folgenden Pause zwecklos in den Zimmern umhergetrieben. Als er in den Ballsaal zurückkam, sah er sich vergeblich nach Emilie von Breesen um. Halb und halb sie suchend und auch wieder ohne Plan, von seinen bösen Gedanken gejagt, weiterirrend, geriet er in eine andere Flucht von Zimmern, die an der den Spielzimmern entgegengesetzten Seite an den Ballsaal stieß und in denen er bis jetzt noch nicht gewesen war. Nur hier und da brannte noch ein halb verlöschendes Licht auf einem Wandleuchter oder vor einem Spiegel und zeigte ihm, wie in einem bösen Traum ein altes gebräuntes Familienporträt oder sein eigenes bleiches Gesicht. Die Stühle standen wirr durcheinander. Die Fenster waren mit Vorhängen verhüllt. Durch die Spalten schimmerte der Mond, der jetzt aufgegangen war, herein und zeichnete hier und da einen hellen Streifen auf die Teppiche des Fußbodens. Oswald trat, um frische Luft zu schöpfen, an eins dieser Fenster. Als er den dunkelroten, schweren Vorhang zurückschlug, fuhr eine weiße Gestalt, die in der tiefen Nische des Fensters auf einem niedrigen Rohrsessel gesessen und den Kopf in die Hand gestützt hatte, scheu empor und stieß einen leisen Schrei der Überraschung aus. Oswald wollte den Vorhang wieder fallen lassen und sich zurückziehen, als die Gestalt einen Schritt auf ihn zutrat und die Hand lebhaft nach ihm ausstreckte. Und ein Paar weiche Arme umschlangen ihn und ein knospender Busen wogte stürmisch an seiner Brust; zwei glühende Lippen preßten sich auf seinen Mund und eine leise Stimme hauchte: »Oswald, o mein Gott, Oswald!« Ein Knabe, der mit seinem Schwesterchen gespielt und aus Unachtsamkeit das Kind schwer verletzt hat, kann nicht bestürzter und erschrockener sein, wenn er das Blut der Kleinen fließen sieht, wie es Oswald war, als er die Tränen des Mädchens auf seiner Wange fühlte. Sein wahnsinniger Rausch von Liebe und Eifersucht war in einem Augenblicke verflogen. Was hatte er getan? Er hatte die schnöde Rolle des listigen Finklers gespielt; er hatte das arme Vögelchen mit Schmeichelworten und Liebesblicken gelockt, bis es zu ihm herangeflattert kam und sich an seinen Busen schmiegte. »Mein Fräulein«, flüsterte er, indem er sanft den Kopf des Mädchens, das jetzt leise an seiner Brust schluchzte, emporzuheben suchte, »Emilie, teures Kind, um Gottes willen, beruhigen Sie sich! Bedenken Sie, wenn jemand Sie hier sähe, oder hörte –« »Was gehen mich die andern an, ich liebe dich«, murmelte das Mädchen. »Mein bestes Fräulein, ich beschwöre Sie, kommen Sie zu sich, machen Sie sich nicht unglücklich –« »So lieben Sie mich nicht«, sagte das leidenschaftliche Mädchen, sich schnell emporrichtend, »So lieben Sie mich nicht? Gut, ich gehe.« Sie machte einen Schritt nach dem Vorhang hin, aber die Leidenschaft hatte ihre Kräfte aufgezehrt. Sie schluchzte laut auf und wäre zu Boden gestürzt, hätte Oswald sie nicht in seinen Armen aufgefangen. Seine Lage war so peinlich wie möglich. Zu jedem Augenblick fürchtete er, Stimmen in dem Zimmer zu hören, den Vorhang zurückgeschlagen zu sehen – und wiederum, die Ärmste in diesem Zustand halber Ohnmacht zu verlassen, zumal da er ihr schicklicherweise niemand zu Hilfe senden konnte, war ihm unmöglich. Und doch mußte er sich losreißen, denn er fühlte, wie das für einen Augenblick zurückgedrängte Fieber seiner Sinne, je länger diese wunderliche Situation währte, wieder heiß und immer heißer durch seine Adern zu rieseln begann. – Zärtliche, liebevolle, leidenschaftliche Worte mischten sich, er wußte selbst nicht wie, in seine leisen Bitten; eine unwiderstehliche Gewalt drückte ihm den jugendlichen Leib fester und fester in die Arme, ließ seine Lippen flüchtig die Lippen, die Augen, das Haar des holden Geschöpfes berühren. Mehr als alle Worte es vermocht hätten, brachten diese Zeichen der Liebe das leidenschaftliche Kind wieder zu sich. »So liebst du mich also doch, Oswald?« flüsterte sie, sich innig an ihn schmiegend. »Ja, ja, Holde, wer könnte so grausam sein, dich nicht zu lieben. Aber bei Ihrer Liebe beschwöre ich Sie, verlassen Sie mich jetzt, ehe es zu spät ist. Ich sehe Sie im Saale wieder.« Das Mädchen legte noch einmal ihren Kopf an seine Brust, als ahnte ihr, daß er da zum ersten und zum letzten Male geruht, und hob noch einmal den Mund zum Kusse zu ihm empor, als wüßte sie, daß so süße verstohlene Küsse sie nun und nimmer wieder im Leben geben und empfangen würde. – Die weiße, schlanke Gestalt war verschwunden, und nur der Mondschein flimmerte auf dem dunkelroten Vorhang, der das Fenster von dem Zimmer trennte. Und jetzt, als Oswald die Hand an den Vorhang legte, sich womöglich auf einem Umwege wieder in den Ballsaal zurückzubegeben, hörte er die Stimme zweier Männer, die soeben in das Gemach traten. Sechsundzwanzigstes Kapitel »Wer zum Teufel war denn das«, sagte die eine Stimme – es war die Stimme des Baron Oldenburg – »war das nicht die schlanke Emilie? Wonach hat denn die kleine Menschenfischerin hier im trüben geangelt? – Aber jetzt, Barnewitz, sage ich mit Hamlet: Wo führst du mich hin? Red, ich geh nicht weiter. Zweimal habe ich schon in dem verdammten Clairobscur, das in diesen Räumen herrscht, meine freiherrlichen Schienbeine mit einem groben Schemelbein in unangenehme Berührung gebracht. Gott sei Dank, hier ist eine Causeuse: Eh bien, mon ami, causons!« »Ich bitte dich, Oldenburg, sei für einen Augenblick ernsthaft«, sagte Herr von Barnewitz, und seine Stimme klang seltsam gepreßt, »mir ist wahrhaftig nicht lächerlich zumute.« »Ihr seid seltsame Menschen! Du und deinesgleichen. Ihr glaubt, ein ehrlicher Kerl könne kein ernsthaftes Wort vorbringen, ohne eine Leichenbittermiene dabei zu machen. Der Humor ist euch ein unbekannter Luxus. Nun wohl, mein ernsthafter Freund, was hast du?« »Höre, Oldenburg –« »Still, wir sind doch hier unbelauscht? Mir war, als hörte ich eine Ratte hinter den Tapeten!« »Es war nichts.« »Eh bien, so verkünde mir in möglichst verständlichen Worten deine Trauermär.« Die Stimme der Redenden wurde leiser, aber nicht so sehr, daß Oswald nicht jedes Wort deutlich hörte. Er verwünschte seine Situation, die ihm die Rolle des Lauschers aufzwang; aber er sah keine Möglichkeit zu entrinnen. Da Oldenburg Fräulein von Breesen erkannt hatte, würde er die Ehre dieser jungen Dame preisgegeben haben, wäre er jetzt aus seinem Versteck hervorgekommen. Er versuchte, ob er nicht geräuschlos das Fenster öffnen könne, um mit einem kühnen Sprunge über die Stachelbeerhecke fort, die sich darunter hinzog, in den Garten, und von dort durch die offene Tür des Ballsaales in diesen zurückzugelangen, aber er stand von diesem Vorhaben, als zu gewagt, ab, und ergab sich, nicht ohne heimlich seinen Unstern zu verwünschen, in die halb lächerliche, halb ärgerliche Situation. »Oldenburg«, sagte Barnewitz, »hat dich Cloten gebeten, ihn zu meiner Frau zu setzen, oder war es bloß ein Einfall von dir?« »Wie kommst du auf diese seltsame Frage?« »Gleichviel! Beantworte sie mir nur.« »Nicht, bevor ich weiß, wo dies alles hinaus soll!« »Ich will eine Antwort und keine Ausflucht«, sagte der wütende Edelmann. »Euer Drohen hat keine Schrecken, Cassius«, antwortete Oldenburg mit einem Tone, dessen königliche Ruhe sonderbar mit dem heisern, leidenschaftlichen Ton der Stimme des andern kontrastierte. »Ich sage dir noch einmal, Barnewitz, entweder du sagst mir, was meine Aussage in dieser Sache für eine Bedeutung hat, oder ich verweigere, dir Rede zu stehen.« »Nun wohl, die Sache ist kurz und bündig die: Cloten liebt Hortense!« »Oh, und vice versa: Liebt deine Frau auch diesen liebenswürdigen Jüngling?« »Der Teufel soll ihn holen.« »Ein höchst christlicher Wunsch, dem ich mich von ganzem Herzen anschließe. Seit wann spielt dieses romantische Verhältnis?« »Seit wir von unserer Reise zurück sind.« »Und welche Beweise hast du?« »Tausend!« »Und was gedenkst du zu tun?« »Herr Gott des Himmels, Oldenburg, du fragst, als ob es sich um eine Whistpartie handelte! Umbringen will ich den Schuft, mit der Hetzpeitsche will ich ihn von meinem Hofe jagen, ihn und seine Mätresse!« »Bon! Und willst du mir einen dieser tausend Beweise nennen?« »Nun, ich dächte, der heutige Abend wäre Beweis genug. Erst läßt sie sich von ihm zu Tische führen, hernach kokettiert sie mit ihm auf eine unverschämte Weise »Halt, wer hat dir das gesagt?« »Der junge Grieben.« »Dann sage dem jungen Grieben, daß er sein Spatzengehirn zu etwas Besserem verwenden könnte, als so alberne Geschichten zu erfinden und sie dir zuzutragen. Ich habe näher gesessen als er und bin mindestens kein schlechterer Beobachter, und ich sage dir, daß deine Frau und Cloten sich über Tische so anständige benommen haben, wie – man es nur von einem Edelmann und einer Edelfrau erwarten kann. Und dann bedenke doch gefälligst, daß das ganze Arrangement nur ein Einfall, und, wie ich jetzt sehe, ein schlechter Einfall von mir war.« »Ich kann mich darauf verlassen, Oldenburg?« »Ich meine gewöhnlich, was ich sage.« »Aber es ist doch wahr!« knirschte von Barnewitz. »Lieber Freund, ich kann darüber gar nicht urteilen, und du würdest mich also ausnehmend verbinden, wenn du mich aus dem Handel ließest. Willst du aber meinen freundschaftlichen Rat, so steht er dir gern zu Diensten.« »Was soll ich tun?« »Deine Hetzpeitsche an der Wand hängen lassen, und auf jede Weise einen Skandal vermeiden, in dem sich derjenige immer am meisten blamiert, auf dessen Kosten der ganze Spektakel schließlich aufgeführt wird, c'est à dire: der Ehemann. Sodann rate ich dir, zu bedenken, daß unsere chronique seandaleuse überreich ist an dergleichen Geschichten und daß, wenn alle gekrönten Häupter unter uns bei jedem neuen Ende, das ihrem Schmucke angesetzt wird, zur Hetzpeitsche greifen wollten, schließlich keine Seiler und Riemer im Lande mehr aufzutreiben sein würden. Drittens erlaube ich mir, dir den unmaßgeblichen Rat zu erteilen: Schaffe die Hälfte von deinen Jagdhunden und deine sämtlichen Mätressen ab. Lasse die Hasen ihren Kohl in Ruhe fressen und die Bauernbengel ihre Schätze in Frieden küssen; bekümmere dich mehr um Hortense, die wie alle Frauen nichts Besseres verlangt, als geliebt zu werden, und die eine viel zu kluge Dame ist, als daß ihr, wenn sie die Wahl zwischen dir und Cloten hat, deine Vorzüge nur einen Augenblick verborgen bleiben könnten. Und schließlich, laß uns wieder unter Menschen gehen, denn dieses philosophische Gespräch in dem mystischen Halbdunkel hat mich außerordentlich angegriffen, und mich verlangt herzinnig nach einem Glas Champagner.« »Ja, das ist wahr«, sagte der halb betrunkene Barnewitz, »ich bin ein ganz anderer Kerl als dieser verdammte Hasenfuß, dieser Cloten. Und Hortense weiß das auch recht gut, ha, ha, ha! 's ist auch wahr: Ich habe in der letzten Zeit ein bißchen flott gelebt. Weißt du, unsere italienische Reise hat mich eigentlich so liederlich gemacht. Die verdammten Weibsen mit ihren schwarzen glänzenden Augen – Ja und à propos, glänzende Augen. Was ich dich immer fragen wollte: Ist es denn jetzt ganz vorbei mit dir und der Berkow?« »Mit mir und Frau von Berkow? Welch tolle Blasen treibt denn dein Gehirn nun schon wieder? Was soll vorbei sein zwischen ihr und mir?« »Aber Oldenburg, du wirst einem alten Fuchs wie mir doch nicht einreden wollen, daß du die süßen Trauben nur immer fein säuberlich aus der Ferne bewundert hast?« »Höre, mein Schatz«, sagte Oldenburg, und seine Stimme klang scharf wie ein zweischneidiges Messer, »du weißt, ich verstehe Scherz wie einer; wer es aber wagt, Melittas Ehre zu begeifern, beim allmächtigen Gott, er stirbt von meiner Hand.« »Nun sieh; wie heftig du gleich wieder wirst.« »Ich heftig? Ich bin so kühl wie Champagner in Eis. – Ja, was ich sagen wollte, versprich mir, Barnewitz, daß du weder heute, noch morgen, überhaupt nicht, bevor du mit mir Rücksprache genommen, etwas in dieser Angelegenheit tust; vor allem dir gegen deine Frau nicht das mindeste merken läßt; hörst du, Barnewitz, nicht das mindeste.« »Ja, der gute Rat kommt nur zu spät«, sagte Barnewitz, »ich habe schon im Vorübergehen ein paar Worte gegen Hortense fallen lassen; ich sage dir: sie wurde bleich wie die Wand. Der verdammte Halunke!« »Das war sehr unrecht und sehr unritterlich, mein Ritter von der traurigen Gestalt«, sagte Oldenburg, »alte Weiber schwatzen, Männer handeln; solche Szenen zwischen einem heulenden Weibe und einem polternden Ehemanne finde ich über alle Begriffe plebejisch und gemein, und das Bewußtsein, daß wir im Rechte, der andere im Unrechte ist, sollte uns doppelt mild, zartfühlend und nachsichtig machen. Im Unrecht sein, und es noch dazu eingestehen müssen, ist an sich schon Unglück genug.« »Ach Oldenburg, das ist alles für mich zu hoch. Und dann, du kennst die Weiber nicht, wenn du glaubst, sie nehmen sich dergleichen so sehr zu Gemüt. Zum einen Ohr hinein, zum andern wieder heraus. Komm, Oldenburg, und überzeuge dich, ob du Hortense ansehen kannst, daß ich ihr vor zehn Minuten gesagt habe, ich würde Cloten die Knochen im Leibe entzweischlagen, wenn die verdammte Geschichte nicht sofort ein Ende nähme.« »Ja, ja, du bist der wahre Othello! Und ich in meiner gutmütigen Dummheit versuche diesen brutalen Mohren zu einem zivilisierten Europäer zu waschen! Quelle bêtise!« Als Oswald die Stimmen der Redenden nicht mehr vernahm, und die Musik, die aus dem Saale herübertönte, zeigte, daß der Tanz wieder begonnen hatte, kam er aus seinem Versteck hervor. Er vermutete, daß diese Flucht von Zimmern auf einem langen Korridor enden müsse, den er beim Hinaufgehen in den Speisesaal bemerkt hatte. Er hatte sich nicht getäuscht. Schon aus dem nächsten Zimmer führte eine Tür auf den Korridor. Aus ihm gelangte er auf den Hausflur und von dort, ohne irgend Aufsehen zu erregen, in den Empfangssaal und die Gesellschaftszimmer. Hier und da wurde noch gespielt, aber die meisten Herrschaften hatten sich nach dem Ballsaale begeben, wo demnächst der Kotillon getanzt werden sollte. Dahin begab sich denn auch Oswald. Sein Auge suchte und fand alsbald Emilie von Breesen. Er traute seinen Augen kaum, so ganz schien sie ihm verwandelt; aus dem wilden Mädchen von heute nachmittag war eine Jungfrau geworden. Sie erschien ihm größer und bedeutender; ihr vorher rosiges Antlitz war jetzt bleich, aber ihre Augen leuchteten mit einem ganz ungewöhnlichen Feuer, und für die Scherze ihres Tänzers hatte sie kein Lächeln mehr. Sobald sie Oswalds ansichtig wurde, zuckte ein Freudenblitz über ihr Gesicht. Eifrig wandte sie sich zu ihm, als er in ihre Nähe trat. »Auf ein Wort, Herr Doktor!« – und dann im leisen Ton: »Ich tanze den Kotillon mit Ihnen, ich weiß, Sie sind noch nicht engagiert; ich habe den Grafen Grieben so zur Verzweiflung gebracht, daß er soeben mit seinen Eltern fortgefahren ist. Er vermutet wahrscheinlich, das werde großen Eindruck auf mich machen, der Narr! Entschuldigen Sie, Herr von Sylow, ich bin noch zu angegriffen. Tanzen Sie eine Extratour mit meiner Cousine. Sie schmachtet nach Ihnen. – Gott sei Dank, daß er fort ist! – Oswald, liebst du mich? Liebst du mich wirklich? Ich kann es kaum glauben. Mir schwindelt der Kopf; ich möchte laut aufjauchzen vor Wonne. Oh, bitte, bitte, sieh mich nicht so an, ich muß – muß dir sonst um den Hals fallen und dich küssen wie vorhin. Bist du mir bös, Oswald? Es war wohl recht schlecht von mir. Aber sieh, ich konnte nicht anders. Warum sprichst du nicht, Oswald?« »Weil es so süß ist, Ihrem Geplauder zuzuhören.« »Ich hin wohl ein rechtes Kind, nicht wahr? Aber warum nennen Sie mich nicht du?« »Glaubst du denn, Holde, daß man nur die liebt, die man du nennt?« »Nein, aber daß man die du nennt, die man liebt. Oh, ich finde dies du so himmlisch. Gott sei Dank, der Tanz ist zu Ende. Komm, wir wollen uns einen guten Platz suchen, den dort in der Ecke am Fenster.« Die Herren waren eifrig beschäftigt, nach den vorher mit ihren Damen eingeholten Instruktionen die Stühle zu arrangieren; schon war der Kreis fast geschlossen, als plötzlich durch das Plaudern und Lachen der übermütigen Jugend, und das Quinquilieren der armen gequälten Musiker auf ihren seit einiger Zeit sehr widerspenstigen Instrumenten, und das Klappern der Gläser und Tassen auf Präsentiertellern und in den Händen der Durstenden – Stimmen aus dem Nebenzimmer ertönten, die nichts weniger als festlich klangen – laute, von Wein und Wut heisere Stimmen, drohende Worte hinüber und herüber – nur ein paar Worte, aber gerade genug, um wenigstens alle, die sich auf dieser Seite des Saales befanden, für einen Moment aus ihrem Freudentaumel aufzuschrecken. Freilich auch nur für einen Moment, denn ein mit unfeinen Worten geführter Streit war der hier versammelten Gesellschaft nichts Unerhörtes und dauerte nicht immer so kurze Zeit wie diesmal. Auch dieser Vorfall würde, wie so viele andere ähnliche, kein weiteres Aufsehen erregt haben, wenn nicht ein zweiter Vorfall, der sich in dem Ballsaale ereignete, dem ersteren eine eigentümliche und für die Scharfsinnigeren wenigstens keineswegs rätselhafte Bedeutung gegeben hätte. Kaum waren nämlich die drohenden, heiseren Stimmen nebenan von einer dritten, die eine große Autorität über die trunkenen Lapithen ausüben mußte, zum Schweigen gebracht, als Hortense von Barnewitz, die mit dem jungen Herrn von Süllitz den Kotillon tanzen sollte, den Arm dieses Herrn faßte, der, ihre Blässe bemerkend, schnell einen Stuhl herbeizog, auf dem sie ohnmächtig niedersank. Die Bestürzung der Gesellschaft war natürlich sehr groß. Trotzdem, daß ein Dutzend Riechfläschchen sofort zur Hand waren, und mit ihrem Inhalt die Stirn, die Augen, die Schläfe der schönen Ohnmächtigen reichlich benetzt wurden, dauerte es noch einige Minuten, bis Hortense nur so weit zu sich kam, um mit blassen Lippen den sie umgebenden Damen ihren Dank zuzulächeln, und sie mehr mit Blicken als mit Worten zu bitten, sie aus dem Ballsaale zu führen, was denn auch alsbald geschah. Die Zurückbleibenden sahen einander an, als wenn sie fragen wollten, was hatte denn das zu bedeuten? »Mit dem Balle ist es nun wohl vorbei?« fragte Adolf von Breesen, der mit seiner jungen Cousine Lisbeth, die er anbetete, zum Kotillon engagiert war, kleinlaut Oswald, der neben ihm stand. »Ich fürchte, ja«, antwortete dieser. »Wir tanzen doch weiter?« fragte eine dritte Stimme. »Unmöglich«, sagte Herr von Langen, »ich habe schon anspannen lassen.« »Was war denn das eigentlich vorhin für eine Geschichte zwischen Barnewitz und Cloten?« fragte ein anderer. »Was wird's sein? Sie haben beide ein Glas über den Durst getrunken. Das ist alles«, sagte von Langen. »Es sollte mich sehr freuen, wenn das alles wäre«, sagte von Breesen, »aber ich fürchte, dahinter steckt mehr. Ich hörte, daß Cloten über Hals und Kopf davongefahren ist.« Herr von Barnewitz erschien an Oldenburgs Seite in dem Ballsaal. Das Gesicht des Barons war so ruhig wie immer, aber das des andern Edelmanns war von Aufregung, Zorn und allzureichlich genossenem Wein purpurrot; seine Augen schwammen, und seine Stimme war etwas lallend, als er jetzt den Herren, die ihm in den Weg kamen, zuredete, den Ball fortzusetzen. »Aufhören, nach Hause fahren – dummes Zeug – lasse keinen Menschen vom Hofe – Heda! Champagner hierher! – Nach Hause? Warum? Meine Frau wird alle Augenblicke ohnmächtig, mit und ohne Grund – da könnte ich gar keine Gesellschaft geben. Musik anfangen!« Aber trotz dieser gastfreundlichen Worte, deren Wirkung durch das allzusichtlich aufgeregte Wesen des Sprechenden wesentlich beeinträchtigt wurde, und trotz der ersten Töne der Instrumente, die mit einem schauerlichen Akkord einsetzten, waren nur sehr wenige bereit, den unterbrochenen Ball wieder aufzunehmen. Alle übrigen fanden plötzlich, daß es schon sehr spät sei, daß man zu lange bei Tisch gesessen habe, daß es unverantwortlich wäre, ein Fest nicht zu beenden, an dem die Wirtin selbst nicht mehr teilnehmen könnte – und was dergleichen Phrasen denn mehr sind, durch die eine Gesellschaft, die einmal aufbrechen will, ihren Rückzug zu motivieren sucht. Schon hörte man einen Wagen nach dem andern vorfahren. Mütter suchten ihre Töchter, diese ihre Schals und Tücher – überall ein Aufbrechen, Abschiednehmen, hier ein übermütiger Scherz, dort eine böswillige Bemerkung, hier ein verstohlenes Liebeswort. – Oswald sah nicht viel anderes als die Gestalt des hübschen, leidenschaftlichen Kindes, das ihm so schnell so teuer geworden war. Hatte er doch noch vor wenigen Minuten ihre Lippen geküßt, sah er doch ihre jungen, strahlenden Augen voller Seligkeit zu sich aufgeschlagen, vernahm er doch ihre leise, liebedurchglühte Rede. Was Wunder, wenn er in der kurzen Frist, die ihm mit dem süßen Kinde noch beisammen zu sein vergönnt war, Liebe für Liebe gab; wenn er dem Augenblicke, der sie trennen würde, mit kaum geringerer Angst entgegensah als das Mädchen selbst, das bei der Ankündigung, der Wagen sei vorgefahren, fast in Tränen ausbrach. Emilie hatte den Augenblick, wo Oswald sie nach dem Tanze zu ihrer Tante zurückführte, wahrgenommen, ihn dieser Dame, die bei ihr Mutterstelle vertrat, vorzustellen. Ein paar gewandte, witzige Worte hatten ihn schnell bei der Matrone, die mit dem besten Herzen von der Welt gern auf Kosten anderer lachte, in Gunst gesetzt. Auch sie lud Oswald ein, doch ja recht bald einmal nach Candelin (dem Gute von Emiliens Vater, der Vater litt für den Augenblick an der Gicht und hatte deshalb zu Hause bleiben müssen) herüber zu kommen. »Ja, und dann wollen wir etwas nach der Scheibe schießen«, sagte Adolf von Breesen, der herantrat, um den Damen anzukündigen, daß der Wagen da sei. »Ich lade noch ein paar Herren dazu, damit Sie sich nicht allzusehr bei uns langweilen.« »Ich besitze das Talent, mich zu langweilen, nur in einem sehr bescheidenen Maße, und überdies glaube ich, daß die Gegenwart dieser Damen, und Ihre eigene, Herr von Breesen, ein besseres Präservativ gegen diese Krankheit ist als eine Gesellschaft von hundert Personen«, sagte Oswald mit höflicher Verbeugung. »Siehst du, Adolf«, rief die lebhafte alte Dame, »Herr Stein sagt dasselbe, was ich dir schon tausendmal gesagt habe: nur langweilige Menschen langweilen sich; zum Beispiel du und deine Schwester, die ihr jeden Tag hundertmal vor Langerweile sterben wollt.« »Ich langweile mich nie, Tante«, rief Fräulein Emilie eifrig. »Kind, du beginnst irre zu reden, es ist die höchste Zeit, daß wir nach Hause kommen. Also au revoir, Monsieur.« »Ich bitte um die Gnade, Sie bis zum Wagen begleiten zu dürfen«, sagte Oswald, der alten Dame den Arm bietend. »Vous êtes bien aimable, Monsieur«, erwiderte sie, den dargebotenen Arm nehmend. »Sind Sie überzeugt, Herr Stein, daß Sie nicht von Adel sind?« »Wie von meinem Dasein, gnädige Frau. Weshalb?« »Hm; Sie haben in Ihrem ganzen Wesen etwas Chevalereskes, das man heutzutage nur selten und nur bei unsern jungen Leuten aus den besten Familien findet. Adolf kann in dieser Hinsicht noch sehr viel lernen. Hörst du, Adolf?« »Ich höre stets auf das, was Sie sagen, liebe Tante«, antwortete der junge Mann, der mit seiner Schwester folgte, »auch wenn ich, was Sie sagen, schon ein oder das andere Mal von Ihnen gehört haben sollte. Emilie, Kind, wo hast du denn die Augen, du wärst um ein Haar unter das Rad gekommen!« Die Damen waren eingestiegen, Adolf von Breesen gab dem Kutscher auf dem Bocke noch eine Instruktion über den einzuschlagenden Weg. Oswald stand an der geöffneten Tür, die Tante hatte sich schon bequem in ihrer dunkeln Ecke zurechtgesetzt, Emilie hatte sich etwas nach vorn gebeugt. Das Licht von den Laternen auf dem Bocke und vor der Haustür fiel auf ihr Gesicht. Ihre Blicke hingen unverwandt an Oswald; aber sie sah ihn wohl kaum, denn ihre großen Augen waren von Tränen verschleiert; sie wagte nicht zu sprechen, aber ihr leise zuckender Mund war beredt genug. Ihr Bruder sprang in den Wagen und zog die Tür hinter sich zu. Fort! Die Pferde zogen an. Eine kleine Hand in weißem Handschuh winkte aus dem Fenster. Das war das letzte Liebeszeichen. Im nächsten Augenblick stand ein anderer auf dem Platze. Oswald kehrte in das Haus zurück. Die Gesellschaft war schon sehr zusammengeschmolzen; unter den wenigen, die noch da waren, und, in Mäntel und Schals gehüllt, auf ihre Equipagen warteten, war niemand von denen, die Oswald im Lauf des Tages näher kennengelernt hatte. Herr von Langen war der erste gewesen, der aufgebrochen war, nachdem er seinen neuen Freund auf das dringendste wiederholt zu einem Besuche aufgefordert hatte. Oswald hatte sich draußen erkundigt, ob der Wagen von Grenwitz wieder da sei, aber eine verneinende Antwort erhalten. Je mehr die Gesellschaft sich lichtete, desto unangenehmer wurde ihm dies ganz unbegreifliche Ausbleiben. Er sah schon im Geiste, wie er der letzte von allen sein würde, und hatte schon beschlossen, lieber vorher zu Fuß aufzubrechen, als schließlich auf die Gastfreundschaft des Herrn von Barnewitz angewiesen zu sein. Da kam der Baron Oldenburg aus dem Nebenzimmer und schien jemand mit den Augen zu suchen. Sobald er Oswald bemerkte, lenkte er seine Schritte auf diesen zu. »Wie ist es, Herr Doktor«, sagte er, »ich dächte, es wäre Zeit, nun abzufahren.« »Ich wäre schon auf und davon«, antwortete Oswald, »nur fehlt es mir vorläufig noch an Roß und Wagen; ich vermute, daß des Barons Kutscher und Pferde, die mich abholen sollen, unterwegs eingeschlafen sind.« »Ich mache mir ein besonderes Vergnügen daraus, Ihnen einen Platz in meinem Wagen anzubieten«, sagte der Baron. »Der kleine Umweg, den ich machen muß, um Sie vor dem Tore in Grenwitz abzusetzen, wird mir durch das Vergnügen Ihrer Gesellschaft doppelt und dreifach entschädigt.« »Ich nehme Ihr freundliches Anerbieten mit Dank an.« »Eh bien, partons!« Auf dem Flure trafen sie Herrn von Barnewitz, der augenscheinlich seinen Pflichten als Wirt nur noch mit der größten Mühe nachkam. Seine Augen waren blutunterlaufen, seine Stimme war auf eine unangenehme Weise rauh und heiser. Er schwatzte allerlei tolles Zeug durcheinander, während er den einzelnen Gästen, die er bis an den Wagen begleitete, eine höfliche Phrase mit auf den Weg zu geben bemüht war. »Wollen schon fort – na, bleiben Sie gut nach Hause – Johann! Deinen Wagen für Frau von Poggendorf – gnädige Frau müssen noch einen Augenblick anspannen lassen. Empfehle mich Ihrem Herrn Gemahl! Ah! Poggendorf, alter Junge, hatte dich gar nicht gesehen, laß deine Frau in Teufels Namen allein fahren, wollen Glas Champagner – Oldenburg, Doktor, auch schon fort? – Unsinn! Freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen – Schießen wie der Teufel – Ist recht, daß Sie den Cloten blamiert haben – Ist ganz recht; bist ein famoser Kerl, Doktor (zärtliche Umarmung), bist mein Herzensfreund (Schluchzen), mein bester Freund (neue Umarmung), hättest ihn totschießen sollen, den Halunken.« »Komm, Barnewitz, ich habe dir etwas mitzuteilen«, sagte der Baron, Herrn von Barnewitz ziemlich derb auf die Schulter schlagend und ihn ein paar Schritte von dem Wagen fortführend. »Entschuldigen Sie auf eine Minute, Herr Doktor; Karl! Platz machen, daß die andern Wagen vorfahren können.« Die beiden gingen eine Weile im Gespräch auf und ab, bald in dem Dunkel des Hofes fast verschwindend, bald in den lichten Kreis, der das Haus umgab, tretend. Oswald konnte sich wohl denken, wovon zwischen den beiden die Rede war. Ein paarmal erhob Herr von Barnewitz seine Stimme, aber er senkte sie auch alsbald wieder vor einem St! oder bist du nicht gescheit? Oldenburgs, wie eine wilde Bestie in der Menagerie aufbrüllt und sofort schweigt, wenn der Blick oder die Peitsche des Herrn sie trifft. Dieser Mann übt eine magnetische Gewalt über die andern aus, sagte Oswald bei sich, während er die lange Gestalt des Barons neben dem um einen Kopf kleineren Barnewitz wie das personifizierte Gewissen neben einem armen Sünder hin und her schreiten sah – ich selbst verspüre schon seine Einwirkung. Es ist ein Dämon in dem Manne, ein Dämon, den man entweder lieben oder hassen, oder vielmehr lieben und hassen muß, denn ich möchte diesen Menschen gern hassen und kann es nicht. Und was hat er dir denn auch schließlich getan? Wenn er Melitta noch immer liebt, wie ich glaube, so bin ich für ihn ein schlimmerer Feind als er für mich. Aber warum hat mir Melitta nicht gesagt, wie ihr Verhältnis mit dem langen Gespenst dort war und ist? Ich hätte sie heute nicht gekränkt. Arme Melitta! Wie sie mich ansah – und was würde sie sagen, wenn sie die Szene in der Fensternische gesehen hätte? – Das süße, herzige Mädchen! – Und auch ihre Augen waren voll Tränen, als sie im Wagen saß und mich so unverwandt anblickte. Oh, wer könnte so grausam sein, die Liebe dieses holden Geschöpfes zurückzuweisen? Und dennoch: All dies Neigen von Herzen zu Herzen Ach, wie so eigen schaffet es Schmerzen. Heiliger Goethe, bitt' für mich! Du hast ja auch die Lilie nicht verschmäht, weil die Rose so schön ist, und deshalb umgibt nun ein Kranz von Rosen und Lilien dein ambrosisches Haupt. Du hättest die kleine Emilie an dein großes Herz genommen und hättest ihr sanft die üppigen Haare aus der Stirn gestreichelt und hättest sie zärtlich auf die zärtlichen Augen geküßt. Oh, ihr ewigen Sterne, wie reizend das Kind in dem Augenblicke war! Denn alles in allem ist es doch nur ein Kind, und morgen wird sie in ihrem Daunenbettchen erwachen und glauben, daß sie die Szene in dem Erker geträumt hat. So suchte Oswald sein Gewissen zu beschwichtigen – für den Augenblick gelang es ihm auch. »Darf ich jetzt bitten einzusteigen, Herr Doktor?« rief der Baron, der mit Herrn von Barnewitz herantrat. »Es bleibt also dabei, Barnewitz?« »Verlaß dich darauf!« sagte dieser, dem die Unterredung mit seinem Mentor und die kühle Nachtluft sehr wohlgetan zu haben schienen. »Verlaß dich drauf. Ich gebe dir mein Ehrenwort, daß ich –« »St! Sitzen Sie bequem, Herr Doktor? Adieu, Barnewitz! Fort, Karl!« Siebenundzwanzigstes Kapitel Die Pferde zogen im Galopp an, der leichte Holsteinerwagen rasselte über den etwas holprigen Damm des Hofes. Im Nu lag das Schloß mit seinen noch immer lichterhellten Fenstern, die dunklen Scheunen und Ställe, die kleinen Häuslerwohnungen hinter ihnen, und sie befanden sich draußen zwischen den nickenden Kornfeldern und den nebelverhüllten Wiesen. Die kurze Sommernacht ging zu Ende. Im Osten verkündete ein hellerer Streifen den neuen Tag; die Dämmerung breitete über alles gleichmäßig ihren grauen Schleier. Gerade vor ihnen nach Norden wetterleuchtete es von Zeit zu Zeit aus den trüben, dichten Dunstmassen. Alles war noch still auf den weiten Feldern, selbst die Lerche, die Tagverkünderin, säumte noch. Oswald hatte sich in eine Ecke zurückgelehnt und sah träumend in die Dämmerung hinaus, nur manchmal, wenn der Dampf von des Barons Zigarre an ihm vorbeifuhr, wandte sich sein Blick auf diesen, der den Hut etwas in den Nacken gesetzt, den Kragen seines Rockes in die Höhe geschlagen, die langen Beine von sich streckend, in Nachdenken versunken schien. So mochten sie wohl eine Viertelstunde lang schweigend nebeneinander gesessen haben, als der Baron plötzlich sagte: »Sie rauchen ja nicht?« »Nein.« »Darf ich Ihnen eine Zigarre anbieten?« »Ich danke. Ich bin kein Raucher!« »Das ist wunderbar.« »Weshalb?« »Weil ich nicht begreifen kann, wie es ein Mensch im neunzehnten Jahrhundert aushalten kann, ohne Tabak oder Opium zu rauchen, Haschisch zu kauen oder sonst auf irgendeine Weise das katzenjämmerliche Gefühl seiner elenden Existenz in etwas abzuschwächen. Und gerade von Ihnen begreife ich es am wenigsten.« »Warum gerade von mir?« »Weil, wenn mich nicht alles täuscht, Sie vor Sehnsucht nach der blauen Blume tödlich erkrankt sind und in dieser unbefriedigten Sehnsucht auch eines schönen Tages sterben werden. Sie erinnern sich doch der blauen Blume in Novalis' Erzählung? Der Blume, nach der Heinrich von Ofterdingens armes Herz verschmachtete? Die blaue Blume! Wissen Sie, was das ist? Das ist die Blume, die noch keines Sterblichen Auge erschaute, und deren Duft doch die ganze Welt erfüllt. Nicht alle Kreatur ist fein genug organisiert, diesen Duft zu empfinden; aber die Nachtigall ist von ihm berauscht, wenn sie beim Mondenschein oder in der Dämmerung des Morgens singt und klagt und schluchzt, und all die närrischen Menschen waren es und sind es, die früher und jetzt in Prosa und Versen dem Himmel ihr Weh und Ach klagten und klagen, und noch Millionen dazu, denen kein Gott gab, zu sagen, was sie leiden, und die in ihrer stummen Qual zum Himmel blicken, der kein Erbarmen mit ihnen hat. Ach, und aus dieser Krankheit ist keine Rettung – keine als der Tod. Wer nur einmal den Duft der blauen Blume eingezogen, für den kommt keine ruhige Stunde mehr in diesem Leben. Als wäre er ein verruchter Mörder, als hätte er den Herrn von seiner Schwelle gestoßen, so treibt es ihn weiter, und immer weiter, wie sehr ihn auch seine wunden Füße schmerzen und es ihn verlangt, das müde Haupt endlich einmal zur Ruhe zu legen. Wohl bittet er von Durst gequält, in dieser oder jener Hütte um einen Labetrunk, aber er gibt den leeren Krug ohne Dank zurück; denn es schwamm eine Fliege in dem Wasser, oder das Gefäß, und wäre es von Asbest, war nicht reinlich, und so oder so – Erquickung hatte er sich nicht getrunken. Erquickung! Wo ist das Auge, in das wir einmal geschaut haben, um nie wieder in ein anderes, glänzenderes, feurigeres schauen zu wollen; wo ist der Busen, an dem wir einmal ruhten, um nie wieder das Pochen eines anderen, wärmeren, liebedurchglühteren Herzens hören zu wollen? Wo? Ich frage Sie, wo?« Der Baron schwieg; Oswald fühlte sich auf die seltsamste Weise bewegt. Was der sonderbare Mann an seiner Seite in einem fast elegischen Tone, der auffallend mit seiner sonstigen herben, rauhen Weise kontrastierte, wie träumend, wie mit sich selbst redend, sprach, das waren so ganz seine eigenen Gedanken, die er oft und oft, als Knabe schon und immer wieder im Leben gehabt, daß ihm fast ein Grauen ankam vor dieser geistigen Doppelgängerei. Er fand keine Antwort auf eine Frage, die er selbst aufgeworfen zu haben schien. »Es hat mir immer viel zu denken gegeben«, hub der Baron wieder an, »daß der Mensch sich selbst, seine Existenz erst mehr oder weniger vergessen muß, bevor er in den Zustand kommt, den wir in Ermangelung eines andern Wortes mit glücklich bezeichnen, und daß wir ihn um so glücklicher nennen müssen, je tiefer diese Vergessenheit ist. The best of life is but intoxication, sagt Lord Byron; jawohl, die Liebe, die Romeo- und Julialiebe, für die man in den Tod geht wie zu einem heitern Fest, ist auch nur ein Rausch! Schlafen ist besser als wachen, sagt die Weisheit der Inder; das beste von allem aber ist der Tod.« »Und doch töten sich im Verhältnis so wenig Menschen –« warf Oswald ein. »Ja, das ist merkwürdig genug«, sagte der Baron, »besonders heutzutage, wo die meisten sich selbst vor den Hamletträumen, die uns in jenem ewigen Schlafe kommen möchten, nicht mehr fürchten.« »Sollte dies nicht ein Beweis dafür sein, daß es mit dem vielgeklagten Unglück dieser Leute so sehr arg nicht sein kann?« »Vielleicht; vielleicht beweist es aber auch nur, wie schwer es dem Menschen wird, die letzte Hoffnung schwinden zu lassen. Warum schleppt sich der verirrte Wanderer mechanisch weiter durch den tiefen Schnee? Warum späht der arme Schiffbrüchige auf Salas y Gomez ein halbes Jahrhundert über die öde Wasserwüste nach dem rettenden Segel? Warum zerschellt sich der auf Lebenszeit Eingekerkerte nicht den Kopf an der Wand seines Kerkers? Warum erhängt sich der arme Schelm, der morgen früh hingerichtet werden soll, nicht heute nacht schon in seinen Ketten? – Weil ihr Unglück so groß nicht ist? Pah, glauben Sie doch das nicht – einzig und allein, weil noch immer ein schwacher Schimmer von Hoffnung, von Rettung durch die Hölle ihrer Leiden dämmert, wie dort der blasse Streifen im Osten. Wenn auch dieser matte Schimmer einmal verlöschte, dann, ja dann muß die alte Mutter Nacht ihr armes, verirrtes Kind wiedernehmen, die milde, gute, liebevolle Todesnacht.« Nach einer kurzen Pause, während der Baron mächtige Dampfwolken aus seiner Zigarre geblasen hatte, fuhr er in etwas ruhigerem Tone fort: »Ich bin ein paar Jahre älter als Sie, und das Geschick verstattete mir, in kürzerer Zeit ein größeres Stück vom Leben zu sehen, als es sonst wohl dem Menschen gegeben ist. Ich habe das, wovon der graue Freund dem jungen Wolfgang in Leipzig eine möglichst große Portion wünschte: Erfahrung. Ich könnte, müßte wenigstens mittlerweile erfahren haben, daß für mich und meinesgleichen keine Hoffnung mehr im Leben ist, und dennoch, trotzdem daß ich sage: ich habe keine Hoffnung mehr, hoffe ich im stillen doch immer auf ein mögliches Glück wie der Schwindsüchtige auf Genesung. Nehmen Sie zum Beispiel eine Gesellschaft wie die, aus der wir eben kommen. Ich weiß, wie hohl die Freuden dieser Menschen sind; ich weiß, wie kummervolle Gesichter, welch erbärmliche Armesündermienen sich hinter den lachenden Gesellschaftsmasken verstecken – ich weiß, daß dieses hübsche Mädchen in zehn Jahren eine unglückliche Frau oder eine Idiotin ist, daß dieser prächtige Junge, der den Kopf so hoch trägt und aussieht, als ob er sämtliche zwölf Arbeiten des Herkules an einem Tage verrichten könne, ein plumper Landjunker sein wird, der gegen die Bauern das jus primae noctis geltend macht und nebenbei seine Frau womöglich prügelt – das weiß ich und weiß noch mehr, und habe es tausend- und aber tausendmal im Leben gesehen, und doch bin ich noch so wenig blasiert, daß diese trügerische Fata Morgana eine zauberische Wirkung auf mich hat, bin so wenig ernüchtert, daß jede hübsche Mädchenblume die Hoffnung in mir erweckt, ich könnte wirklich einmal im Leben lieben oder geliebt werden, daß jede jugendlich schöne männliche Erscheinung mich wieder an Freundschaft glauben macht. Hätten Sie mir solchen Unsinn zugetraut?« »Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie so denken, so fühlen könnten.« »Und darin hatten Sie vollkommen recht«, sagte der Baron, »ich denke und fühle so auch nur, wenn ich wie jetzt komplett betrunken bin. – Was war das?« Ein greller Schrei tönte aus geringer Entfernung durch den stillen Morgen zu ihnen herüber, – und noch einmal, schriller, verzweifelnder, wie wenn ein Weib – denn es war eines Weibes Stimme, das Messer in des Mörders Hand blinken sieht. Vor ihnen in geringer Entfernung lag ein Stück Waldland; der Weg führte daran herum, das Geschrei mußte von der andern Seite kommen, die jetzt noch durch ein paar einzeln stehende Eichen und durch dichtes Unterholz verdeckt war. »Zu Karl! Zu!« schrie der Baron. Der Kutscher hieb kräftig in die Pferde. Die edlen Tiere, wie voll Entsetzen über eine so unwürdige Behandlung, stürmten mit einer Schnelligkeit dahin, die den Insassen des Wagens leicht hätte gefährlich werden können. Im Nu war die Waldecke erreicht. Sobald sie einen Blick auf die andere Seite werfen konnten, bot sich ihnen das befremdendste Schauspiel dar. – Ein seltsam gekleidetes, braunes Weib, um deren bläulich schwarze Haare ein Stück rotes Zeug turbanartig gewunden war, lief kreischend her hinter drei Reitern, die ihre Rosse zur größten Eile spornend, im nächsten Augenblick schon in einer neuen Biegung des Weges hinter den Bäumen verschwunden waren. Als der Wagen des Barons herandonnerte, sprang das Weib auf die Seite, und rief mit gellender Stimme, die Hände flehend erhebend: »Mein Kind – mein Kind! Sie haben mir mein Kind geraubt!« Nur mit Mühe konnte der Kutscher die Pferde zum Stehen bringen. Oswald, der in dem Weibe sofort die braune Gräfin erkannt hatte, war vom Wagen herabgesprungen. »Rette mein Kind, Herr! Rette mein Kind!« schrie die Zigeunerin, sich vor ihm niederwerfend und seine Knie umklammernd. Der Baron lachte. »Eine ungeheuer romantische Situation, Herr Doktor«, rief er vom Wagen herab. »Morgendämmerung, Wälderrauschen, Zigeuner, des Königs Hochstraße – wahrhaftig. reiner Eichendorff! Unterdessen, daß Sie die schöne Beraubte trösten, will ich den Räubern nachsetzen, die übrigens nur Schafe in Wolfskleidern, das heißt ein paar unserer hohlköpfigen Junker sein werden, die das Ganze für einen genialen Spaß halten.« »Der auf dem Schimmel war der junge Herr von Nadelitz«, sagte der Kutscher, der die wilden Pferde kaum halten konnte, über die Schulter gewandt. »Zu!« rief der Baron. »Wir wollen die Junker Mores lehren!« Der Wagen donnerte weiter. Die Zigeunerin hatte sich wieder erhoben. Sie sah dem Wagen nach, der in rasender Schnelligkeit auf dem höckrigen Waldweg dahinfuhr und jetzt hinter der vorspringenden Ecke verschwand. Ein seltsames Lächeln flog über ihr Gesicht, während sie, in atemloser Aufmerksamkeit lauschend, dastand. Dann, als ihr scharfes Ohr das Rollen des Wagens nicht mehr vernahm, kreuzte sie die nackten Arme über der vollen Brust, deren unruhiges Wogen einzig von dem Sturm, der eben noch ihren ganzen Organismus erschüttert hatte, zeugte, und starrte, in tiefes Nachdenken versunken, düster vor sich nieder. Plötzlich hob sie den Kopf und sagte, die großen glänzenden Augen auf Oswald heftend: »Kennst du den schwarzen Mann, der mir die Czika wiederbringt?« »Ja, Isabell.« »Ist er dein Freund?« »Nein.« »Aber er wird es einst sein?« »Vielleicht.« »Ist er gut?« »Ich halte ihn dafür.« »Gedenkst du noch des Nachmittags am Sumpfesrand, Herr?« »Ja, Isabell.« »Kannst du die Stelle wiederfinden?« »Ich glaube, ja; – weshalb?« »Willst du, wenn wiederum der volle Mond, wie heute nacht, am Himmel steht, den schwarzen Mann an diese Stelle führen? Oh, sage ja! Bei deiner Liebe zu der schönen, guten Frau, bei den Gebeinen deiner Mutter beschwöre ich dich, sage ja!« Die Zigeunerin hatte sich abermals vor Oswald auf die Knie geworfen, und blickte, die Hände über den Busen kreuzend, flehend zu ihm empor. »Steh auf, Isabell«, sagte der junge Mann, »ich will deinen Wunsch erfüllen, wenn ich kann.« Die Zigeunerin ergriff seine Hände, die er nach ihr ausstreckte, sie vom Boden zu heben, und küßte sie mit leidenschaftlicher Dankbarkeit. Dann sprang sie empor, eilte über die Breite des Weges dem Walde zu, und war im nächsten Augenblicke schon in dem dichten Gestrüpp, durch das sie mit der Kraft und Schnelligkeit des Hirsches sprang, verschwunden. Ehe sich Oswald von dem sprachlosen Erstaunen, in das ihn das rätselhafte Betragen der braunen Gräfin versetzt hatte, erholen konnte, vernahm er schon das Rollen des Wagens, der in derselben Eile, mit der er sich vorhin entfernt hatte, zurückkam. Aber bevor das Fuhrwerk die vorspringende Waldecke, hinter der es verschwunden war, erreicht hatte, hielt es plötzlich, und um die Büsche herum kam der Baron im bloßen Kopf, die kleine Czika auf dem Arm tragend. »Wir haben gejagt, wir haben gefangen!« rief er schon von weitem. »Die feigen Wölfe ließen, sobald sie sahen, daß sie verfolgt wurden, die schöne Beute fahren, und machten, daß sie davon kamen. – So, du kleiner Ganymed, nun sieh zu, ob dich deine Füße wieder tragen –« Der Baron ließ das Kind aus seinen Armen auf den Boden gleiten. »Aber wo ist denn die Mutter geblieben oder wer sonst das braune Weib war?« fragte er, erstaunt, Oswald allein zu finden. Oswald teilte ihm in kurzen Worten mit, was sich während seiner Abwesenheit zugetragen hatte. »Nun, das ist nicht übel«, sagte der Baron, »die Sache wird immer romantischer. Vollmond, Sumpfesrand, ein schlaues ägyptisches Weib und zwei gute deutsche Jungen, die sich nasführen lassen! – Was sollen wir denn mit der Czika, wie Sie die kleine Prinzessin nennen – denn ich wette, es ist ein gestohlenes Königskind – unterdessen anfangen?« »Wenn wir sie nicht auf der offenen Landstraße zurücklassen wollen, werden wir uns wohl entschließen müssen, sie mit uns zu nehmen.« »Aber das Kind wird nicht mit uns gehen wollen. Höre, kleine Czika, willst du mit mir gehen?« »Ja, Herr«, sagte das Kind, das bis jetzt, ohne eine Spur von Besorgnis, Furcht oder Angst zu verraten, ruhig dagestanden hatte. »Hm«, sagte der Baron, »da komme ich ja zu einem Adoptivkinde, ich weiß nicht wie.« Er war mit einem Male sehr ernst geworden. Er streichelte der Czika die blauschwarzen seidenen Locken von der feinen Stirn und betrachtete sie lange unverwandt. »Wie schön das Kind ist!« murmelte er. »Wie wunderschön! Und wie groß es geworden ist! – Komm mit mir, kleine Czika, du sollst es gut, sehr gut bei mir haben; ich will dich mehr lieben, als deine Mutter, die dich so schnöde verlassen, dich je geliebt hat.« »Mutter verläßt die Czika nicht«, sagte das Kind, ruhig zum Baron emporblickend, »Mutter ist, wo Czika ist; Mutter ist überall.« Sich von den Männern abwendend, legte es die Händchen an den Mund; und in den stillen Wald hinein gellte ein Schrei, dem Ruf des jungen, hungrigen Falken täuschend ähnlich. Das Kind neigte den Kopf und lauschte; der Baron und Oswald hielten unwillkürlich den Atem an. Da tönte aus dem Walde, aber offenbar schon aus größerer Entfernung, die Antwort: der helle, wilde Schrei des alten Falken, wenn er aus seiner luftigen Höhe, tief unter sich, die sichere Beute erspäht hat. »Siehst du, Herr«, sagte das Kind, »Mutter verläßt die Czika nicht; wenn du die Czika mit dir nehmen willst, die Czika will mit dir gehen.« »Nun denn, so komm, du junge Falkenbrut!« sagte der Baron, das Kind bei der Hand ergreifend. »Kommen Sie, Doktor! Ich glaube, daß Karl den Riemen, der vorhin riß, wohl wieder zusammengeflickt haben wird. Da kommt er schon. Alles in Ordnung, Karl?« »Ja, Herr!« Die Herren stiegen ein und nahmen das Kind zwischen sich. »Fort!« rief der Baron. »Scharfen Trab!« Bald kamen sie aus dem Walde auf die weite Heide, die sich zwischen Faschwitz und Grenwitz hinzieht, dieselbe Heide, auf der Oswald die alte Frau aus dem Dorfe getroffen hatte. – Es war noch eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang. Am östlichen Himmel legte sich ein Purpurstreifen über den andern. Die Luft wehte vom Meer kühl her über das feuchte Moor. Die kleine Czika hatte sich dicht an den Baron geschmiegt und war fest eingeschlafen. »Wie leicht das Kind gekleidet ist«, sagte dieser, »es wird sich erkälten in der scharfen Morgenluft.« Er richtete sich in die Höhe, zog seinen Überrock aus, hüllte die Kleine hinein, nahm sie auf den Schoß und legte ihren Kopf an seine Brust. »So, so!« sagte er gütig. »So, so!« und dann zu Oswald, der in Nachdenken über den rätselhaften Charakter des Mannes an seiner Seite versunken, schweigend dagesessen hatte: »Ich komme Ihnen ein ganz klein wenig toll vor; nicht wahr, Doktor?« »Nein«, sagte dieser, den Kopf emporhebend, »nicht im mindesten.« »Das kommt, weil Sie an derselben Krankheit laborieren. Was andere vor Erstaunen sprachlos macht, erscheint uns ganz natürlich, und was die guten Leute und schlechten Musikanten für ganz selbstverständlich halten, kommt uns oft geradezu fabelhaft vor. Ihnen wird es wohl nicht unglaublich erscheinen, wenn ich Ihnen sage, daß mir dieses Kind hier nun schon zum dritten Male im Leben begegnet, und daß ich so abergläubisch bin, in dieser dreimaligen Begegnung viel mehr zu sehen als einen bloßen Zufall, wie ich denn überhaupt mit Wallenstein der Meinung hin, daß es keinen Zufall gibt.« »Und wo und wann glauben Sie die Czika gesehen zu haben?« »Das erste Mal vor vier Jahren in England. Ich ritt mit ein paar meiner englischen Freunde in den abgelegensten Teile eines Parks. Als wir im Galopp um eine Ecke auf die Landstraße biegen, steht ein Kind da – ein braunes Kind mit großen, glänzenden, schwarzen Augen – und hebt die Händchen bittend empor. Ich achtete seiner, in lebhaftem Gespräch begriffen, kaum. Als wir ein paar hundert Schritte weiter geritten sind, packt es mich plötzlich wie mit Geisterhand. Ich kann die Empfindung, die mich überkam, nicht beschreiben. Mir war, als hätte ich, an diesem holden, hilflosen Geschöpf gleichgültig vorüberreitend, einen Frevel begangen, der mich zu dem erbärmlichsten aller Menschen machte. Ich warf mein Pferd herum und jagte wie wahnsinnig nach dem Orte zurück. Das Kind war verschwunden. Ich rief nach ihm; ich stieg ab; ich durchsuchte die nächsten Gebüsche; die Freunde halfen, trotzdem sie über meine Tollheit, wie sie es nannten, lachten. Vergebens. Das zweite Mal sah ich das Kind in Ägypten. Es sind jetzt gerade zwei Jahre. Wir, das heißt, eine kleine Karawane von Nilfahrern, die sich zufällig zusammengefunden hatten, durchzogen, auf Eseln reitend, die engen, winkligen Straßen Assyuts. Neben einer offenen Tür, durch die wir auf den stillen, schattigen Hof einer Moschee blickten, stand in der Nische der Mauer ein Kind, älter wie das Kind aus dem Park und jünger wie das, das hier in meinen Armen ruht, aber dasselbe braune Kind mit den blauschwarzen Locken und den leuchtenden Gazellenaugen. Wieder streckte es die Händchen bittend nach den Vorübergehenden aus und rief den Ruf, den Sie überall in Ägypten hören: ›Bakschisch, Howadji, Almosen, o Kaufleute!‹ Ich sah das Kind, und sah es auch wieder nicht, denn ich war in einer jener verzweifelten Stimmungen, wie sie mich manchmal überkommen, wo ich Ohren und Augen offen habe und dennoch weder sehe noch höre. Als wir um eine Ecke in die nächste Straße biegen, erfaßt mich genau dasselbe Gefühl wie damals im englischen Park, ich springe vom Esel herab, laufe, was ich kann, nach der Stelle zurück. – Die Nische war leer. Die Tür zum Hofe der Moschee stand, wie gesagt, offen. Der Hof hatte auf der andern Seite eine zweite, ebenfalls nicht verschlossene Tür, die auf eine der Hauptstraßen führte, in der sich um diese Stunde – es war in der Abenddämmerung – Menschen, Kamele und Esel durcheinander drängten. Das Kind war und blieb verschwunden, und mit schwerem Herzen kehrte ich zu meiner Gesellschaft zurück, die sich mein Davonlaufen menschenfreundlichst durch die Annahme, ich sei urplötzlich toll geworden, erklärt hatte. – Halten Sie es für möglich, daß dieses Kind, das ich zuerst im englischen Nebel und das zweite Mal unter dem warmen Himmel Ägyptens gesehen habe, mir jetzt in dem deutschen Buchenwalde zum dritten Male begegnet?« »Und wäre es nicht dasselbe Kind, und – offen gestanden, ich halte es für äußerst unwahrscheinlich, daß es dasselbe ist«, antwortete Oswald, »es müßte Ihnen dasselbe sein. Ich glaube an den Weltgeist, den ewig gleichen, der sich hinter den Dingen verbirgt, den ewig wechselnden; ich glaube, daß jene Lerche, die dort aus dem Heidekraut aufsteigt und singend zum Himmel schwebt, dieselbe Lerche ist, zu der ich als Kind entzückt emporschaute, bis sie den scharfen Augen im blauen Raum verloren war. Ich glaube, daß alle Helden Brüder sind und daß jeder Unglückliche eben derselbe Nächste ist, den, wie uns selbst zu lieben, Vernunft und Herz gleich gebieterisch von uns heischen. – Ob dieses Kind dasselbe ist, nach dem Sie nun schon zweimal vergeblich suchten – darauf kommt es nicht an; wohl aber darauf, daß Sie nach ihm suchten, daß der Ruf des armen verlassenen Geschöpfes jedesmal durch das Erz, mit dem Sie geflissentlich ihre Brust umpanzern, bis zu Ihrem Herzen drang. – Verzeihen Sie einem Manne, den Sie an Erfahrung und an Geist so weit überragen, diese Sprache, zu der ihn nichts berechtigt als die Hochachtung, die er, halb gegen seinen Willen, vor Ihnen empfindet. Und verstatten Sie mir noch das eine Wort! Wenn Sie sich entschließen könnten, dies Kind zu lieben, so wäre es für Sie ein Geschenk, köstlicher und reicher als Aladins Wunderlampe. Liebe ist allenthalben, außer in der Hölle, lautet ein tiefsinniges Wort Wolframs von Eschenbach; das heißt: wo keine Liebe ist, da ist die Hölle. Die Liebe ist der Duft der blauen Blume, der, wie Sie vorhin sagten, die ganze Welt erfüllt, und in jedem Wesen, das Sie von ganzem Herzen lieben, haben Sie die blaue Blume gefunden, nach der Sie Ihr ganzes Leben lang vergeblich suchten.« Ein unsäglich wehmütiges Lächeln umspielte des Barons Lippen, während Oswald diese Worte sprach. »Sie lösen so doch das Rätsel nicht«, sagte er leise und traurig, »denn eben die Bedingung, daß wir von ganzem Herzen lieben müssen, wollen wir die Qual loswerden, die uns das Leben zur Hölle macht, können wir ja nicht erfüllen. Wer von uns kann denn noch mit ganzem Herzen lieben? Wir alle sind so abgehetzt und müde, daß wir weder die Kraft noch den Mut haben, die zu einer wahren, ernsten Liebe gehören, zu jener Liebe, die nicht ruht und rastet, bis sie jeden Gedanken unseres Geistes, jedes Gefühl unseres Herzens, jeden Blutstropfen unserer Adern sich zu eigen gemacht hat. Wenn sie noch jung und gut und gläubig genug zu einer solchen Liebe sind – wohl Ihnen. Von mir kann ich nur wiederholen, was ich vorhin schon sagte: ich habe es aufgegeben, die blaue Blume zu finden, die wunderholde Blume, die nur dem Glücklichen blüht, der noch mit ganzem Herzen lieben kann. – Doch hier sind wir vor dem Tore von Grenwitz, und wir müssen ein Gespräch abbrechen, das ich in allernächster Zeit mit Ihnen fortsetzen zu können hoffe und wünsche. Leben Sie wohl, und erkundigen Sie sich recht bald persönlich nach dem Befinden des kleinen Wesens, das ja Ihr Schützling fast noch mehr ist als der meine.« Der Wagen entfernte sich rasch. Oswald schaute ihm noch lange nach; dann schritt er gesenkten Hauptes über die Brücke und über den Hof dem Schlosse zu. Die Sonne war aufgegangen und badete die grauen Mauern in Frührotlicht; in dem taufrischen Garten jubelten die Vögel – aber für Oswald lag ein grauer Schleier über dem köstlichen Morgen, denn in seinem Ohr klangen die Worte des Barons: Wer von uns kann denn noch mit ganzem Herzen lieben? Wer von uns hat denn noch ein ganzes Herz? Achtundzwanzigstes Kapitel Hat dir das Schläfchen gutgetan, lieber Grenwitz?« fragte die Baronin. »Ich danke, liebe Anna-Maria, recht gut«, erwiderte der alte Baron. Es war in der Nachmittagsstunde des Tages nach dem ereignisreichen Balle in Barnewitz; die Redenden befanden sich in demselben, nach dem Garten hinaus liegenden Zimmer des Schlosses, worin vor ungefähr acht Tagen die Unterredung zwischen der Baronin und Melitta stattgefunden hatte. Die Baronin saß wieder wie damals in der Nähe der geöffneten Flügeltür, die nach dem großen Rasenplatz führte, auf dem Melittas Augen Oswald zum ersten Male erblickten, und wieder nähte die musterhaft fleißige Frau emsig und unverdrossen, als müßte sie sich ihr tägliches Brot mit der Nadel verdienen. Der Baron saß ihr gegenüber in demselben Schaukelstuhl, in dem sich Melitta gewiegt hatte. Er erwachte soeben aus einem erquickenden Nachmittagsschlaf und schaute mit den alten, glanzlosen Augen freundlich durch die offene Tür auf den Rasenplatz, wo sein Liebling, der Pfau, das prächtige Gefieder im Sonnenschein erglänzen ließ. »Recht gut!« wiederholte er, die Glieder streckend. »Aber du siehst doch sehr angegriffen aus«, sagte die Baronin, die großen, kalten grauen Augen forschend auf die verwitterten Züge des Barons heftend, »diese anspruchsvollen, lärmenden Gesellschaften sind wahres Gift für dich; und ich habe mir schon, während du schliefst, im stillen rechte Vorwürfe gemacht, daß ich gestern nicht früher zum Aufbruch mahnte.« »Aber ich versichere dich, liebe Anna-Maria, ich befinde mich vortrefflich, das heißt, nicht schlechter als gewöhnlich oder doch nicht viel schlechter«, sagte kleinlaut der gute alte Mann. »Du mußt dich in dieser Zeit noch recht in acht nehmen«, sagte die Baronin, wieder emsig nähend, »heute über acht Tage spätestens müssen wir reisen, und du wirst zu den Strapazen einer so großen Tour deine ganze Kraft nötig haben. Wollte Gott, wir wären alle schon glücklich wieder hier! Ich entschließe mich wahrlich höchst ungern dazu. Deine angegriffene Gesundheit – die Gefahren einer Seereise – und dann: wird dir das Bad in Helgoland auch wirklich guttun? Doktor Braun versichert es freilich, aber wer kann den Ärzten trauen? Schlägt eine Kur an, triumphieren sie, und schlägt sie nicht an, sind nicht sie daran schuld, sondern der Patient, der sich nicht ordentlich gehalten hat. Und was kümmert es den Herrn Doktor, ob du gesund oder krank zurückkommst, ob du lebst oder stirbst – aber ich, aber wir, – o Grenwitz, was sollte wohl aus uns werden, wenn du uns genommen würdest!« Die Baronin blickte von ihrer Arbeit empor, und in ihren Augen blinkte etwas, das man bei einer andern Frau für eine Träne gehalten haben würde. Der alte Baron erhob sich von seinem Stuhl, trat auf seine Frau zu und küßte sie zärtlich auf die Stirn. »Du mußt dir nicht solche Gedanken machen, liebe Anna-Maria«, sagte er gütig. »Der liebe Gott wird mich noch nicht so bald sterben lassen; ich bete jeden Morgen zu ihm und danke ihm für jeden neuen Tag, den er mir schenkt, nicht meinethalben, denn ich bin ein alter Mann, und sterben müssen wir ja alle einmal – sondern deinethalben, weil ich weiß, wie sehr dich mein Tod schmerzen würde, und auch, weil ich noch gern, bevor ich sterbe, deine und Helenens Zukunft gesichert sehen möchte.« Der alte Mann hatte sich wieder gesetzt und aus einer goldenen Dose, die neben ihm auf einem runden Tischchen stand, eine Prise genommen, um die Rührung, in die er sich hineingesprochen hatte, schneller zu überkommen; die Baronin nähte wieder eifrig an ihrer Arbeit. »Du bist so gut«, sagte sie, »viel zu gut, denn du bist es selbst gegen die, die deine Güte in keiner Weise verdienen, und du hast dir dadurch manche schwere Sorge bereitet, deren du mit ein wenig mehr – ich will nicht sagen: Egoismus, denn ich hasse das Wort – aber mit etwas mehr Diskretion überhoben gewesen wärest. Du bist jetzt für meine und Helenens Zukunft besorgt, mit Recht besorgt. Diese Sorge wäre unnötig, hättest du nicht, als du vor vierundzwanzig Jahren das Majorat erbtest, die Güter zu wahren Spottsummen an Leute verpachtet, die jetzt auf deine Kosten reich geworden sind und noch dazu die Unverschämtheit haben, uns als habsüchtig zu verschreien, weil wir im nächsten Jahre die Kontrakte nicht unter den alten Bedingungen erneuern wollen; und hättest du nicht – was ich nie habe begreifen können und nie begreifen werde – damals ohne alle Not die enormen Schulden Haralds übernommen, deren Abtragung alles verschlang, was deine und später unsere Sparsamkeit von unsern Renten erübrigen konnte.« Dem alten Baron schien das von seiner Gemahlin angeschlagene Thema nicht besonders angenehm; er nahm, während sie sprach, eine Prise nach der anderen und antwortete, als sie jetzt schwieg, nicht ohne einige Lebhaftigkeit: »Ich kann dir nicht ganz unrecht geben, liebe Anna-Maria, aber auch nicht ganz recht. Die alten Kontrakte sind allerdings den Pächtern sehr günstig, aber die Zeiten waren damals auch andere; das Geld war nach dem Kriege äußerst knapp, die Güter im allgemeinen standen sehr niedrig im Wert, und unsere Güter waren, allerdings durch Haralds Schuld, in Grund und Boden gewirtschaftet. Die Pächter hatten wahrlich im Anfang ihre liebe Not, und wenn sie jetzt mit der Zeit reich und unverschämt geworden sind, so bin ich an dem einen so wenig schuld als an dem andern. Ich habe es gut mit ihnen gemeint, das weiß der liebe Gott. Was aber mein Benehmen Haralds Gläubigern gegenüber anbetrifft, so weiß ich wirklich noch heute nicht, wie ich es hätte anders einrichten sollen. Die Ehre meiner Familie erforderte, daß ich seine Schulden übernahm, denn nicht dem Baron Harald von Grenwitz hatten sie kreditiert, der, das wußten die Leute recht gut, bei der Unantastbarkeit des Majorats niemals seine Schulden bezahlen konnte, sondern der Familie Grenwitz, die nicht zugeben würde, daß einer aus der Familie ehrlos werde. Und dann hatte ich gegen meinen Vetter Pflichten der Dankbarkeit. Als er und ich junge Offiziere im Regimente waren, und auch im späteren Leben, hat er stets wie ein Bruder gegen mich gehandelt. Es ist wahr, ich habe seine Güte nie gemißbraucht, und für jedes Hundert Taler Schulden, die er für mich bezahlt hat, habe ich Tausend für ihn bezahlt, aber er würde mich, davon bin ich überzeugt, aus jeder Verlegenheit gerissen haben, denn seine Freigebigkeit kannte keine Grenzen.« »Du ereiferst dich ohne Not, lieber Grenwitz, ganz ohne Not«, sagte die Baronin ruhig, während der alte Mann von der ungewohnt langen und lebhaften Rede erschöpft, in den Stuhl zurückgesunken war, »es fällt mir nicht ein, dir Vorwürfe machen zu wollen. Du weißt, wie wenig Wert ich selbst auf Reichtum lege, wie gering meine persönlichen Bedürfnisse sind, und daß, wenn ich mir über die Zukunft Sorgen mache, es nicht meinethalben, sondern der Kinder wegen ist.« »Ich weiß es, liebe Anna-Maria«, sagte der Baron, »ich weiß es. Ich habe dir nicht weh tun wollen, und ich bitte dich wegen meiner Heftigkeit um Verzeihung.« Eine Pause in dem Gespräche der Gatten folgte. Die Baronin nähte emsiger denn je, der Baron hatte sich seine Brille aufgesetzt, ein Zeitungsblatt ergriffen, das der Postbote vor einer Stunde gebracht hatte, und begann, die Lippen leise bewegend – denn Lesen und Schreiben war des guten Mannes Sache nie gewesen –, sich in die Lektüre zu vertiefen. »Personalveränderung in der Armee«, murmelte er; »der Oberst von –, der Major von –, lauter alte Bekannte. Der junge Grieben, schon Premierleutnant – das geht schnell. Dem Sekondeleutnant Felix von Grenwitz – Ersuchen – Abschied – ei der Tausend; ich dachte, Felix wollte nur um Urlaub einkommen, und hier lese ich, daß er seinen Abschied genommen hat.« »In der Tat!« sagte die Baronin, die betreffende Stelle in dem Blatte, das ihr der Baron hinreichte, lesend. »Nun das freut mich, freut mich sehr. Ich will nur gestehen, lieber Grenwitz, daß ich Felix selbst diesen Rat erteilt und seinen Austritt aus der Armee mit zu den Bedingungen gerechnet habe, die er erfüllen müßte, bevor wir ihm unsere Helene geben könnten.« »Aber warum das?« fragte der Baron erstaunt. »Warum?« antwortete die Baronin. »Nun, ich dächte, lieber Grenwitz, der Grund wäre doch klar genug. Ich dächte, es wäre die allerhöchste Zeit, daß Felix ein anderes Leben beginnt, und darauf möchten wir wohl lange vergeblich warten, solange er in denselben Kreisen und denselben Verhältnissen bleibt, wo er seine Lebensweise nicht ändern könnte, selbst wenn er wollte. Ich sehe aus diesem Schritt, der auch mich überrascht – denn ich glaubte nicht, daß er sich so schnell dazu entschließen werde –, daß es ihm wirklich ernstlich um die Hand Helenens zu tun ist; und, wie gesagt: ich freue mich, freue mich sehr darüber.« »Aber, liebe Anna-Maria«, sagte der Baron, sich hinter dem Ohr reibend, fast verdrießlich, »Wir laden uns auf diese Weise Verpflichtungen auf, die wir am Ende gar nicht erfüllen können. Wenn unser Kind, wenn Helene nun –« »Nicht will – meinst du?« unterbrach ihn die Baronin, sich in ihrem Stuhl in die Höhe richtend, und die Augenbrauen zusammenziehend. »Oh, ich denke, sie wird wollen; ich denke, sie wird nicht vergeblich gelernt haben, daß ein Kind den Eltern Gehorsam schuldig ist.« »Aber wenn sie den Felix nun nicht lieben kann!« sagte der alte Mann bekümmert. »Aber, Grenwitz, ich begreife dich nicht«, erwiderte die Baronin; »diese Heirat ist seit langer Zeit unser liebster Wunsch gewesen. Helene hat, die paar tausend Taler, die wir bis jetzt zurückgelegt haben und die Ersparnisse, die wir in den kommenden Jahren etwa noch machen können, abgerechnet, kein Vermögen; denn Stantow und Bärwalde gehören vorläufig noch nicht uns, sondern – dank der Freigebigkeit des freigebigen Barons Harald – jedem beliebigen Abenteurer, der unverschämt genug ist, mit ein paar gefälschten Zeugnissen in der Hand, die Güter für sich zu beanspruchen. Felix' Güter sind allerdings sehr verschuldet, ich gebe es zu; aber er kann, wenn er nur will, und ich bin überzeugt, daß er jetzt zur Vernunft gekommen ist, sich mit unserer Hilfe wieder herausreißen, und wenn Malte, was der Allgütige verhüten solle! – aber in solchen Dingen muß man alles, selbst das Äußerste bedenken, und Maltes Gesundheit macht mir unbeschreibliche Sorge – wenn, sage ich, Malte ja vor der Zeit sterben sollte, so ist Felix Herr von Grenwitz und ich dächte, es müßte dir ein lieber Gedanke sein, deine Tochter so gleichsam an Maltes Stelle treten zu sehen.« In diesem Augenblick öffnete sich langsam die Tür, ein bebrilltes Gesicht schaute vorsichtig herein, und eine quäkende Stimme fragte: »Darf ich näher treten, Gnädigste?« »Ah, sieh, der Herr Pastor!« sagte der Baron, aufstehend und dem Eintretenden entgegengehend, »Seien Sie bestens willkommen! Wollen Sie nicht ablegen?« »Bitte, bitte, Herr Baron – bemühen Sie sich doch ja nicht – ich kann ja selbst – danke verbindlichst!« sagte Pastor Jäger, Hut und Stock auf einen Stuhl legend. »Ich wollte mich gar nicht aufhalten; – danke verbindlichst – ich würde einen Rohrstuhl vorziehen – danke! – Ich wollte mich nach dem Befinden der gnädigen Herrschaften erkundigen, denn ich hörte heute morgen, daß Sie das Zauberfest in Barnewitz gestern mit Ihrer Gegenwart beehrt haben. Recht gut bekommen? Nicht sonderlich? Oh! Die Frau Baronin sehen in der Tat etwas angegriffen aus –« und der Pastor blickte, den Kopf wie ein kranker Papagei auf die rechte Schulter neigend, mit dem Ausdruck des innigsten Bedauerns auf die Baronin. »Ich befinde mich leidlich«, sagte diese, die Arbeit, die einen Augenblick geruht hatte, wieder ergreifend, »aber Grenwitz scheint die Tour weniger gut bekommen zu sein.« »Oh, in der Tat!« sagte der Pastor, den Kopf schnell auf die linke Schulter neigend. »Darf ich Ihnen von meinem Tropfen offerieren, Herr Baron, sechs bis zwölf auf Zucker?« »Sie sind doch der wahre Arzt für Seele und Leib«, sagte die Baronin, während der Pastor auf eine abwehrende Bewegung des Barons sein Fläschchen wieder in das Papier wickelte und in die Tasche steckte. »Ja, ja; mens sana in corpore sano, ein gesunder, das heißt ein frommer Geist in einem gesunden Körper, – das habe ich als Knabe in der Schule gelernt, und suche es jetzt als Mann zu üben. – Wo sind denn aber die lieben Knaben? Noch beim Unterricht? Ja, ja, der Herr Doktor Stein scheint ein recht strebsamer, fleißiger junger Mann, unter dessen Anleitung die Junker es mit Gottes Hilfe recht weit bringen werden.« Nun glaubte der Pastor Jäger mit diesen, Oswald gespendeten Lobsprüchen etwas dem Baron und mehr noch der Baronin besonders Wohlgefälliges gesagt zu haben. Oswalds ruhiges, sicheres Auftreten hatte ihm gewaltig imponiert; Primula Veris, deren Urteile über Dinge und Menschen ihm Evangelium waren, hatte seit acht Tagen nur das Lob des jungen »Gastfreundes« gesungen, der ihr in einer Stunde mehr Verbindliches gesagt hatte, als ihr sonst vielleicht in einem Jahr gesagt wurde; heute morgen hatte Frau von Plüggen, die Nachbarin und gute Freundin Primulas, dieser einen Besuch gemacht, um ihr von dein gestrigen Balle den pflichtschuldigen Bericht abzustatten. Frau von Plüggen, eine Dame, die schon erwachsene Töchter hatte, aber noch immer gern die Jugendliche spielte, war entzückt von Oswald, der ihr mit scheinheiliger Miene versichert hatte, sie könne sich getrost für ihre jüngste Tochter ausgeben. Sie erzählte der horchenden Primula, welche Sensation Oswalds Geschicklichkeit im Schießen unter den jungen Männern hervorgebracht, welche Anerkennung seine schöne Gestalt, seine feinen Manieren in der Damenwelt gefunden; wie er mit Hortense getanzt, Frau von Berkow zu Tische geführt habe; und eigentlich alles in allem der Löwe des Tages gewesen sei. Schon, daß Oswald an einer Gesellschaft, deren exklusive Tendenzen dem Pastor sehr wohl bekannt waren, überhaupt hatte teilnehmen dürfen, war in den Augen des letzteren ein merkwürdiges, tief bedeutungsvolles Zeichen. Und zu alle diesem kam noch ein Umstand, der dem hochwürdigen Herrn Oswalds Gunst und Freundschaft vorzüglich wünschenswert erscheinen ließ. Der Pastor war nicht ohne Ehrgeiz. Er glaubte sich zu größeren Dingen berufen, als den Bauern von Faschwitz das Evangelium zu predigen. Er wollte nicht umsonst sich bei der Lektüre alter Manuskripte der Grünwalder Universität die Augen verdorben, nicht umsonst über die verschollenen Fragmente der verschollenen Schriften eines verschollenen Kirchenvaters eine grundgelehrte Dissertation geschrieben haben. Er war Doktor, er wollte Professor sein, Professor in derselben Musenstadt, die ihn vor zwanzig Jahren als verkümmerten Studiosus der Theologie in abgeschabtem Röckchen durch ihre Gassen hatte schleichen sehen. Er wollte es um so mehr, als seine Primula es wollte, Primula, die die ländlichen Gefilde, in denen ihre »Kornblumen« erblüht waren, herzlich satt hatte und sich im Geiste als geniale Gemahlin des gelehrten Professors an den ästhetischen Teetischen der Musenstadt glänzen sah. – Zur Erreichung dieses höchsten Ziels konnte dem Pastor der Professor Berger, den er wegen seines offen zur Schau getragenen Voltaireanismus, Spinozismus, Atheismus gründlich verabscheute, und dessen Protektion er doch schon oft vergeblich erstrebt hatte, außerordentlich nützlich werden. Oswald aber war der erklärte Günstling des großen Mannes, der erste Schüler des alten Meisters. Eine Empfehlung Oswalds war mehr wert als eine gelehrte Dissertation – folglich Oswalds Freundschaft ein Ziel, »aufs innigste zu wünschen«, und ein gelegentliches Lob, das ihm doch wohl wieder zu Ohren kommen konnte, gar »keine schlechte Theologie«. So dachte, so rechnete der Pastor. Wie erstaunt war er daher, als die Baronin mit einem Ton der Stimme, der nicht viel Gutes verhieß, seine huldvolle Phrase mit der Frage beantwortete: »Sagen Sie einmal aufrichtig, Pastor Jäger, was halten Sie von dem jungen Menschen?« Den Schüler Bergers, den Günstling Primulas, den Löwen vom gestrigen Junkerfest schlechtweg als einen »jungen Menschen« bezeichnen zu hören! Der Pastor traute seinen Ohren kaum. Er schoß über die runden Brillengläser fort einen forschenden Blick auf die Baronin, ob ihr Gesicht etwa einen Kommentar zu der rätselhaften Frage geben möchte. Da er sich in dieser Hoffnung getäuscht sah und schlechterdings nicht wußte, was er antworten solle, griff er zu dem Mittel, zu dem er in solchen kritischen Fällen stets seine Zuflucht nahm: er zog die Schultern und die Augenbrauen möglichst in die Höhe und die Mundwinkel möglichst tief herunter, und überließ es dem indiskreten Frager, aus der Miene zu machen, was er wollte und konnte. »Sie zögern mit Ihrer Antwort!« sagte die Baronin. »Ich gebe zu, es ist nicht ganz leicht, über Herrn Stein ins klare zu kommen. Er hat unleugbar manche schätzenswerte Eigenschaften. Seine Manieren sind für einen Menschen von so niedriger Extraktion wirklich überraschend gut; noch gestern glaubte die Gräfin Grieben im Anfang, ich wollte sie mystifizieren, als ich ihr sagte: der junge Mann, der mit uns gekommen, sei unser Hauslehrer. Aber mit einer erträglichen Turnüre, mit gewandter Rede und dergleichen ist es nur leider nicht getan, und ich bin heute noch immer nicht mit mir einig, ob wir an dem jungen Manne eine gute Akquisition gemacht haben oder nicht.« »Aber liebe Anna-Maria«, sagte der Baron, »warum sollen wir uns nicht auf den Professor Berger verlassen –« »Lieber Grenwitz, ich verlasse mich auf niemand als auf mich selbst. Der Professor kann sich durch Steins einnehmendes Wesen so gut haben bestechen lassen wie du und viele andere; und gesetzt auch, seine wissenschaftliche Bildung sei wirklich ausreichend –« »Nun, darüber dürfte wohl kein Zweifel obwalten, Gnädigste«, sagte der Pastor, der, wenn er Oswald, wie er jetzt wohl einsah, fallenlassen mußte, sich wenigstens nach dieser Seite sichern wollte. »Es ist durchaus nicht anzunehmen, daß der Professor, dem niemand, man mag über seine – ich will nicht sagen, unchristliche, aber wenig kirchliche Gesinnung denken, wie man will, einen durchdringenden Scharfblick, eine eminente Gelehrsamkeit absprechen kann, sich in dem intimen Umgange eines Ignoranten wohlgefühlt haben sollte.« »Ich erlaube mir in wissenschaftlichen Dingen kein Urteil«, sagte die Baronin, »und so mag meinetwegen Herr Stein neben dem Pistolenschießen, worin er ja, wie ich höre, glänzen soll, auch noch zu streng wissenschaftlichen Studien Zeit gefunden haben; aber es kann jemand gute Manieren haben und Gelehrsamkeit dazu, und doch ein unmoralischer Mensch sein.« »Aber liebe Anna-Maria«, sagte der alte Baron ganz erschrocken, während der Pastor die Mundwinkel herunterzog und beistimmend nickte. »Ich bleibe dabei«, fuhr die Baronin fort, »ein unmoralischer Mensch. Hätte ich gewußt, was ich leider zu spät erfuhr, daß der Professor bei aller seiner vielgerühmten Gelehrsamkeit in dem Geruche eines Demokraten oder Atheisten – ich weiß nicht, welches von beiden das Schlimmere ist, denn wer seinen Gott nicht ehrt, kann auch seinen König nicht ehren und umgekehrt – ich sage, hätte ich gewußt, daß der Professor ein Freidenker und ein Mann der Umsturzpartei ist, ich würde ihm nimmermehr bei der Wahl eines Erziehers für meinen Sohn eine entscheidende Stimme eingeräumt haben.« »Aber liebe Anna-Maria«, sagte der Baron, »es ist doch möglich, daß du in betreff Steins unbegründeten Befürchtungen Raum gibst. Ich erinnere mich nicht, je ein Wort von ihm gehört zu haben, in dem man mit Sicherheit die Bestätigung eines so schrecklichen Verdachtes hätte finden können.« »Nun, Pastor Jäger«, sagte die Baronin, »sind Sie auch von der Unschuld des jungen Mannes so fest überzeugt?« »Ich würde nicht der Wahrheit die Ehre geben«, sagte dieser mit der Miene und dem Ton herzinnigen Bedauerns, »wollte ich leugnen, aus seinem Munde Äußerungen vernommen zu haben, die an das Gebiet des Frivolen, ja, ich möchte sagen, Unheiligen nahe genug streiften, um mich, ich darf wohl sagen – recht schmerzlich zu berühren. Aber ich tröstete mich mit dem Gedanken, daß auch ein späterhin trefflicher Wein in der Zeit der Gärung unschmackhaft und trübe ist, und vertraue der Allgüte dessen, der aus dem Saulus einen Paulus machte.« »Das ist sehr schön und christlich«, sagte die Baronin, »beruhigt mich aber keineswegs. Wenn die Seele meines Kindes einmal vergiftet ist, kann es mir gleichgültig sein, ob der Vergifter später seinen Frevel bereut; und ich gestehe: nach den Ereignissen des gestrigen Tages hat sich der Verdacht, den ich, ohne Übertreibung von dem ersten Augenblicke an gegen Stein nährte, fast bis zur Gewißheit gesteigert.« »Ist etwas Besonderes vorgefallen, Gnädigste?« fragte der Pastor, mit seinem Stuhle einen halben Zoll näher rückend. »Ich spreche nicht gern darüber«, antwortete die Baronin, »und wenn ich es doch tue, so ist es, weil ich Sie als einen langjährigen Freund unseres Hauses kenne, und zu Ihrer Diskretion –« »Meine Pflicht und Schuldigkeit, Gnädigste«, rief der Pastor, die Hand aufs Herz legend und den Rücken krümmend. »Sie kennen den Baron Oldenburg«, fuhr die Baronin fort. »Nicht persönlich, Gnädigste, nur nach dem, was ich in vertraulichen Unterredungen der gnädigen Herrschaften, denen ich beiwohnen zu dürfen gewürdigt wurde, über den Herrn Baron zu hören nicht umhin konnte.« »Sie wissen also, in welchem Ruf – Gott sei es geklagt – der Baron steht; Sie wissen, daß wir den Kummer haben, sehen zu müssen, wie der letzte Sproß einer unserer ältesten, berühmtesten Familien mit sehenden Augen – denn der Baron ist ein außerordentlich begabter Mann – ins Verderben rennt.« »Aber, liebe Anna-Maria«, sagte der Baron, der in seinem Stuhle hin und her rückte, »ich dächte, der Gegenstand dieses Gespräches eignete sich nicht besonders –« »Ich kenne die Rücksichten, die ich unserm Stande schuldig bin«, sagte die Baronin, »und werde sie zu beobachten wissen. Der Abfall des Barons von dem Glauben seiner Väter ist leider zu notorisch, als daß ich einem Freunde des Adels (der Pastor krümmte den Rücken), einem Freunde unseres Hauses (Se. Ehrwürden legte die Hand aufs Herz) gegenüber mit dem schmerzlichen Geständnis der Wahrheit zurückhalten sollte. – Sie wissen, Pastor Jäger, daß der Baron unsere Gesellschaft flieht, um die von allerlei sonderbaren Menschen, denen man sonst geflissentlich ausweicht, mit Vorliebe aufzusuchen, daß er die gottlose Phrase von den sogenannten Rittern vom Geist beständig im Munde führt, und daß von ihm ausgezeichnet zu werden namentlich, wenn diese Auszeichnung jemanden trifft, dessen gesellschaftliche Stellung so himmelweit von der seinigen verschieden ist – beinahe so viel heißt, als ein verlorener Mensch sein. Nun hat der Baron gestern abend Herrn Stein in einer ganz auffallenden, um nicht zu sagen, anstößigen Weise ausgezeichnet; er hat nicht nur sein möglichstes getan, ihn bei der Gesellschaft zu introduzieren, sondern ihn vollkommen wie seines-, wie unsersgleichen behandelt, und um diesem Benehmen, für das ich keinen Ausdruck suchen will, die Krone aufzusetzen, ihn, als der Wagen von Grenwitz, der Herrn Stein von Barnewitz abholen sollte – wir waren schon vor dem Souper aufgebrochen – nicht gleich zur Stelle war, in seinem eigenen Wagen bis vor unser Hoftor mitgenommen, das heißt, ihm zu Gefallen einen Umweg von fast einer Meile gemacht.« »Aber, liebe Anna-Maria, das würde auch jeder andere –« »Verzeihe, lieber Grenwitz, das würde nicht jeder andere getan haben, und vor allem würde es der Baron, dessen schroffes, ungefälliges Wesen selbst den Standesgenossen gegenüber sprichwörtlich ist, nicht getan haben, wenn er nicht in Herrn Stein auch so einen Ritter vom Geist gefunden zu haben glaubte, das heißt, einen Gesinnungsgenossen, einen Freidenker und Freiheitshelden, enfin einen unmoralischen Menschen, um das Wort zu wiederholen, das vorhin deinen Unwillen erregte, lieber Grenwitz, und von dem du mir jetzt zugeben wirst, daß es leider das passende ist.« Die Baronin schwieg, in dem wohltuenden Bewußtsein, ihre Ansicht siegreich verfochten zu haben; der Pastor schwieg, die edle Gönnerin in diesem Genusse nicht zu stören und der Baron schwieg, weil er schlechterdings nichts zu sagen wußte. In dieses dreifache Schweigen hinein ertönte vom Hausflur her, auf welchen die Tür des Zimmers führte, das Miauen einer Katze, dem sofort das laute zornige Kläffen eines Hundes folgte. Diese Töne waren im Schlosse Grenwitz, wo weder Hunde noch Katzen geduldet wurden, etwas so Unerhörtes, daß die im Zimmer Befindlichen sich erstaunt ansahen. »Was bedeutet denn das?« sagte der Baron aufstehend und die Tür öffnend. »Ah, sieh da, Herr Baron!« ertönte eine helle, klare Stimme. »Es ist Herr Timm!« sagte dieser zu den im Zimmer Befindlichen zurückgewandt, und dann zu dem draußen: »Wollen Sie nicht näher treten, Herr Geometer?« Neunundzwanzigstes Kapitel Der, welcher dieser Aufforderung des Barons sofort folgend, in das Zimmer trat, war ein junger Mann von vielleicht fünfundzwanzig Jahren, obgleich die frische Farbe seines hübschen bartlosen Gesichtes ihn kaum dem Jünglingsalter entwachsen scheinen ließ. Der wohlgeformte Kopf war mit einem schlichten, blonden Haar bedeckt, das lang genug war, um nach hinten gestrichen zu werden und die weiße Stirn frei zu lassen, die keck und fest sich über einem Augenpaare wölbte, dessen Farbe ein mattes Blau war, soweit man es durch die Gläser der Brille, die der junge Mann trug, erkennen konnte. Seine Gestalt war mittelgroß, aber breitschultrig, und sein gedrungener, muskulöser Körper augenscheinlich zur Ertragung von Strapazen aller Art ausnehmend geeignet. Auf sein Äußeres schien der junge Mann sehr wenig zu geben. Seine Kleidung bestand aus einem hellen Sommerrock von zweifelhafter Farbe, der schon manchen Sturm erlebt zu haben schien, und aus Beinkleidern von demselben Stoff und derselben Farbe und Beschaffenheit. Seine Wäsche war, als sie aus den Händen der Wäscherin kam, jedenfalls saubrer gewesen. Seine Haltung entsprach seiner Kleidung, das heißt, sie war weniger elegant als bequem, und hatte noch mit jener gemein, daß Herr Timm sie offenbar unter Umständen mit einer besseren vertauschen konnte. »Bitte tausendmal um Entschuldigung«, sagte er lachend, indem er sich vor der Baronin ohne alle Förmlichkeit verbeugte und dem Pastor vertraulich zunickte, »daß ich die Unterhaltung der Herrschaften durch mein lyrisches Intermezzo stören mußte, aber ich wußte mir wirklich nicht anders zu helfen, da ich nicht die Ehre habe, Frau Baronin, Ihre Bedienten namentlich zu kennen, trotz allen Suchens keinen Klingelzug auf dem Flur entdecken konnte, und schon vergeblich in vier Türen hineingesehen hatte. Hätte ich ahnen können, daß diese fünfte, die ich übrigens gar nicht bemerkte, von dem Herrn Baron selbst geöffnet werden sollte, so würde ich mir natürlich meinen musikalischen Vortrag erspart haben, der allerdings nur für das weniger empfindliche Ohr eines in der Nähe befindlichen dienstbaren Geistes berechnet war. – Wie befinden Sie sich, Frau Baronin? Angegriffen von der Hitze? Wäre kein Wunder – fünfundzwanzig Grad im Schatten – reine Treibhaus-Temperatur. – Ich soll Sie von Ihrer Frau Gemahlin grüßen, Herr Pastor; sprach sie vor einer Stunde in Faschwitz. Sie wird gegen abend mit dem Einspänner herüberkommen, Sie abzuholen. – Mit der Vermessung von Sassitz wären wir fertig, Herr Baron. Wenn es Ihnen recht ist, will ich jetzt sogleich die Karten zeichnen, wenn die Frau Baronin die Güte haben will, mir ein Zimmer des Schlosses einzuräumen.« So sprach Herr Timm und griff in die Tasche nach seinem Taschentuche, um sich die von Schweißtropfen perlende Stirn abzutrocknen. Da er sich aber noch zur rechten Zeit darauf besann, daß das betreffende, so überaus nützliche Stück der Toilette sich für den Augenblick bei ihm in einem keineswegs salonfähigen Zustand befand, so ließ er es, wo es war, fuhr mit der Hand über Stirn und Haar und schaute so vergnügt um sich, als ob ihm die Grenwitzer Besitzungen, die er im Schweiße seines Angesichts vermessen mußte, erb- und eigentümlich gehörten. »Gewiß«, sagte die Baronin, bei der Herr Timm wegen seiner auffallenden Anspruchslosigkeit in großer Gunst stand und die unwillkürlich einen Mann schätzen mußte, der sich durch nichts imponieren ließ und den nichts aus der Fassung zu bringen vermochte, »gewiß, Herr Timm. Sie wissen, daß Sie uns zu jeder Zeit willkommen sind. Sie werden hier, wo Sie nichts stört, besser arbeiten können als in der Stadt, und es ist ja zu unserm beiderseitigen Vorteil, daß die Arbeit möglichst schnell beendet wird. Sie haben doch Ihre Sachen gleich mitgebracht, Herr Timm?« »Steht alles schon auf dem Hausflur, wo es der ländliche Jüngling, welcher die Öländer lenkte, die mich im Hundetrab von Sassitz hierher kutschierten, deponiert hat«, sagte Herr Timm, dessen »Sachen« aus einem kleinen melancholisch aussehenden Koffer bestanden, in dem etwas reine und nicht viel schmutzige Wäsche und die sonstigen Stücke seiner nicht eben luxuriösen Garderobe in chaotischer Verwirrung durcheinanderlagen, und aus einer großen Mappe, die seine Zeichenmaterialien und Flurkarten enthielt. »Ich bedarf nur noch der Anweisung auf einen Ihrer dienstbaren Geister, der mich auf das mir von Ihnen gütigst angewiesene oder anzuweisende Zimmer führt, um mich sofort häuslich einrichten zu können.« »Wollen Sie die Güte haben, jenen Klingelzug zweimal zu ziehen«, sagte Anna-Maria mit huldvollem Lächeln. »Mit Vergnügen«, sagte Herr Timm, »diese instrumentale Methode des Beschwörens dienstbarer Geister ist viel bequemer als meine vokale und auch viel wirksamer, wie ich sehe.« Der eintretende Bediente erhielt den Auftrag, Herrn Timm auf sein Zimmer zu führen. »Es steht schon seit Wochen für Sie bereit, Herr Geometer«, sagte die Baronin. »Sie sind umsichtig und gütig wie die Vorsehung selbst, gnädige Frau«, sagte Herr Timm aufstehend und der Baronin ohne Umstände die Hand küssend, »auf Wiedersehen, meine Herrschaften, bis zum Abendessen, bei dem Sie hoffentlich wie ich erscheinen werden, das heißt mit guter Laune und noch besserem Appetit«, und er folgte leichten Schrittes dem Bedienten aus dem Gemache. »Wirklich ein charmanter Mensch, der Herr Timm«, sagte die Baronin, »so harmlos, unbefangen, anspruchslos, so ganz sich seiner Stellung in der Gesellschaft bewußt und nicht stets oben hinauswollend, wie gewisse andere Leute.« »Ei, jawohl«, bestätigte der Pastor, »ein äußerst charmanter, bescheidener junger Mann, und der sowohl was seine Talente betrifft, die wirklich überraschend sind, als auch wegen der angesehenen Familie, aus der er stammt, Beachtung verdient. Gustava kennt seine Familienverhältnisse genau. Auch ich erinnere mich aus meiner Grünwalder Zeit her sehr wohl seines Herrn Vaters, eines ausgezeichneten Advokaten, der sein bedeutendes Vermögen kurz vor seinem Tode in einer unglücklichen Spekulation verlor. Seine Verwandten befinden sich zum Teil in ganz respektablen Stellungen. Ein Onkel von ihm ist Major. Auch Herr Timm war anfangs einer militärischen Karriere bestimmt, und war, soviel ich weiß, schon Fähnrich, als er infolge der großen Verluste seines Vaters diese Laufbahn aufgab, um sich dem Baufach zu widmen. Er wünscht sehnlichste die Akademie in der Residenz beziehen zu können, nur fehlt es ihm leider –« der Pastor machte mit dem Daumen und Zeigefinger seiner rechten Hand eine bezeichnende Bewegung.« »Das ist ja jammerschade«, sagte die Baronin, »wer doch dem armen Menschen helfen könnte; kann ihm denn sein Onkel, der Major, nicht ein paar hundert Taler vorschießen? Aber freilich, die Herren vom Militär haben meistens genug mit sich selbst zu tun. – Ah, mademoiselle, vous arrivez bien à propos! Veuillez avoir la bonté –« Die Baronin war aufgestanden, um der eben eintretenden Mademoiselle Marguerite eine Instruktion zu erteilen. »Wollen Sie meine Bienenstöcke einmal ansehen, Pastor Jäger?« sagte der Baron. »Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte dieser, Hut und Stock ergreifend. »Bleiben die Herren nicht zu lange«, sagte die Baronin, »wir wollen heute etwas früher soupieren. – Que voulais-je dire? Ah, oui! Du chocolat, mais pas si énormément sucré que la dernière fois, et particulièrement prenez garde – – –« Der Abend war gekommen, mit ihm Frau Pastor Jäger auf dem Einspänner. Primula trug dasselbe Kleid von ungefärbter Seide, in dem sie Oswald an jenem Sonntagmorgen erschien, und sah, von der übergroßen Hitze des Tages angegriffen, mehr denn je wie ein kranker Kanarienvogel aus. Ihr Gatte hatte, sobald der langatmige Selam zwischen ihr und der Baronin vorüber war, die erste schickliche Gelegenheit ergriffen, ihr zuzuraunen, von dem »Gastfreunde« weniger entzückt zu erscheinen, als sie und er sich vorgenommen hatten, da »der junge Mensch« keineswegs in besonderer Gunst bei der Baronin zu stehen scheine – eine Nachricht, die Primula in ein solches Erstaunen versetzte, daß, als Oswald kurz vor dem Abendessen erschien, sie seine höfliche Begrüßung nur mit einer sehr förmlichen Verbeugung zu erwidern vermochte. Dies wunderliche Benehmen der vorher für den »Gastfreund« so begeisterten Dichterin würde wahrscheinlich nicht wenig zur Erhöhung von Oswalds guter Laune beigetragen haben, wenn er es überhaupt bemerkt hätte. Aber er befand sich heute abend in einer Stimmung, in der man, wie Oldenburg es ausdrückte, Ohren sind Augen offen hat und doch weder sieht noch hört. Die Schatten der Ereignisse des letzten Tages und der letzten Nacht lagen noch auf seiner Seele und auf seiner Stirn. Seine gewöhnliche Lebhaftigkeit war einer melancholischen Ruhe gewichen; er sah bleich und nachdenklich aus, aber so schön und vornehm, daß Primulas zart besaitete Seele alsbald den Zauber, den die Erscheinung des jungen Fremden bei der ersten Begegnung auf sie ausgeübt hatte, wiederum zu fühlen begann, und sie die Warnung ihres vorsichtigen Gatten um so lieber vergaß, als sie sah, mit welcher ausgesuchten Höflichkeit und Zuvorkommenheit die Baronin und der Baron denselben Mann behandelten, der ihr soeben als eine gefallene Größe denunziert war. Sie bereitete sich schon im stillen auf eine Strafpredigt vor, die sie auf der Heimfahrt ihrem Jäger halten wollte, der »wieder einmal nach seiner Gewohnheit den Wald vor Bäumen nicht gesehen hatte«. Der würdige Geistliche selbst war für den Augenblick durch den vollkommenen Widerspruch zwischen den Worten und der Handlungsweise der Baronin aus der Fassung gebracht. Er wußte indessen besser als irgendeiner, daß die Menschen nicht immer scheinen, was sie sind, und nicht immer sind, was sie scheinen, und hielt es auf alle Fälle für das geratenste, das Benehmen seiner Gönnerin möglichst treu zu kopieren, was ihm gerade nicht schwerfiel. Indessen würde trotz des scheinbaren guten Einvernehmens der Gesellschaft die Unterhaltung bei der Abendmahlzeit, die auf der Terrasse im Freien eingenommen wurde, sehr einsilbig gewesen sein, hätte Herrn Timms Gemüt die Eigenschaft gehabt, die Farbe seiner Umgebung anzunehmen. Dies war indessen durchaus nicht der Fall. Herr Timm hatte sein Versprechen, bei Tische mit guter Laune und noch besserem Appetit zu erscheinen, wahr gemacht. Er fand die Schokolade, die diesmal keineswegs énormément sucré war, vortrefflich, das Brot vortrefflich, die Butter vortrefflich, alles vortrefflich. Und wie köstlich war der Einfall, sich an diesem lieblichen Abend nicht in die Stube einzuschließen! Wie glücklich der Gedanke, die Tafel gerade auf diesem Punkt der Terrasse zu decken, von dem man einen so herrlichen Blick auf den Garten hatte! Wie wundervoll waren die Schatten und Lichter in den hohen Bäumen drüben jenseits des Rasenplatzes! Wirklich ein Gemälde von Claude Lorrain! »Wahrhaftig, Herr Baron, wenn ich nicht Diogenes wäre, so möchte ich wohl Alexander sein! Aber freilich, wir können nicht alle in Schlössern hausen, es muß auch Tonnenbewohner geben, und wohl dem Manne, dem sein Schloß nicht wie eine Tonne oder dem seine Tonne wie ein Schloß erscheint! Sie sollten diesen Gedanken zu einem Epigramm verwerten, Frau Pastorin! Sie haben ein ganz entschiedenes Talent für diese Gattung, selbst in Ihren hochlyrischen Gedichten findet sich oft eine epigrammatische Wendung. So in dem reizenden Sonett auf den Maikäfer. Wie heißt doch noch der Schluß? ›Des Maies Käfer, falscher Liebe Bild –‹ das ist an und für sich schon ein tiefsinniges Epigramm. Wissen Sie, daß man in Grünwald Ihre Übersiedlung nach Faschwitz noch immer nicht verschmerzen kann? Erst neulich sagte Professor Lichtscheu, den ich in einer Gesellschaft beim Kanonikus Schwarz traf, es sei unverantwortlich, daß ein gewisser Gelehrter, den ich nicht nennen will, den reichen Schatz seines Wissens in der Einsamkeit eines Dorfes, dessen Namen mir entfallen ist, vergraben solle; worauf ich ihm erwiderte, es sei nicht minder unverantwortlich, daß die Dichterin der ›Kornblumen‹ noch immer unter Kornblumen wandle.« So ging es mit unendlicher Zungenfertigkeit fort, dabei war alles, was Timm sprach, so augenscheinlich ohne jegliche Absicht gesagt, witzig und geistreich zu sein – trotzdem es manchmal geistreich und witzig genug war –, daß man ihm zuhören konnte wie einem lustigen und in seiner Lustigkeit freilich etwas überlauten Kanarienvogel, dem die Morgensonne in das Bauer scheint und der dabei auf den Einfall kommt, sich einmal ordentlich auszusingen. Nur kam es Oswald manchmal vor, als ob Herrn Timms Humor durchaus nicht so natürlich sei, als es den Anschein hatte; als ob Herr Timm nur eine wohleinstudierte und fein berechnete Rolle, allerdings mit vollendeter Naturwahrheit spiele, und als ob der gutmütige Bonvivant und anspruchslose Naturbursche bei Licht besehen die ganze Gesellschaft, die er mit dem Feuerwerk seines Witzes unterhielt, gründlich verhöhne und nasführe. Er wurde in diesem Verdacht um so mehr bestärkt, als Herr Timm, sobald er zu ihm sprach, stets einen andern Ton anschlug, als wollte er sagen: Dir darf ich mit solchen Narrenspossen nicht kommen, aber für den andern Pöbel sind sie gut genug. Diesen Verdacht, auf den Oswald übrigens um so leichter verfallen mußte, als er selbst nur zu oft die Gesellschaft, gegen die er eine so gründliche Verachtung empfand, zum besten hatte, schien von den andern niemand zu teilen, es hätte denn Bruno sein müssen, der heute noch düsterer und verschlossener wie gewöhnlich auf seinem Platze neben Oswald saß und seinen stolzen Mund nicht ein einziges Mal zu einem Lächeln verzog, obwohl er alle um sich her – selbst Oswald nicht ausgenommen – lachen sah, zumal als gegen das Ende der Mahlzeit Herr Albert Timm mit seiner Nachbarin, Mademoiselle Marguerite, eine Konversation begann, in der er französisch und deutsch auf die possierlichste Weise durcheinandermischte. Die hübsche scheue Genferin hatte sich die größte Mühe gegeben, Herrn Timms Kreuz- und Quersprüngen in der Unterhaltung zu folgen und sich alle Augenblicke mit einem rapiden: Qu'est ce qu'il dit? Que veut dire cela? an Malte, ihren Nachbar auf der andern Seite gewandt, der ihr die Antwort um so häufiger schuldig bleiben mußte, als er selbst von allem, was der unerschöpfliche Albert vorbrachte, kaum die Hälfte begriff, bis dieser mit ihr zu kauderwelschen anfing, um mit vielem Takte den Scherz sofort abzubrechen, als er merkte, daß die hübsche Kleine durch das Gelächter der andern in Verlegenheit geriet. Es war bereits dunkel geworden, als die Baronin die Tafel aufhob, und Herr und Frau Pastor Jäger, die sich jetzt unter vielen Danksagungen für den so angenehm verbrachten Abend empfehlen wollten, einlud, mit ihr und dem Baron noch ein gemütliches kleines Boston – »in der alten Weise, wissen Sie, Pastor Jäger, wie es sich für solide Leute schickt« – in dem Salon zu spielen. Malte war zu Bett gegangen. Oswald und Bruno, Albert und Mademoiselle Marguerite promenierten paarweise um den Rasenplatz und in den zunächst gelegenen Gängen des Gartens. »Du hast mir noch gar nicht gesagt, Oswald«, sagte Bruno – er nannte jetzt seinen Freund, wenn sie allein waren, stets mit dem brüderlichen Du –, »ob du Tante Berkow gestern gesehen hast?« »Ja, Bruno. »Sah sie schön aus?« »Wie immer.« »Läßt sie mich grüßen?« »Natürlich.« »Weißt du, Oswald, daß ich glaube, Tante Berkow mag dich sehr gern leiden?« »Warum, du Närrchen?« »Sie sah dich an dem Abend, als sie hier war, immer mit so glänzenden Augen an – so recht lieb und freundlich, wie sie mich manchmal anblickt, wenn sie mir das Haar streichelt, aber doch anders, – so –« »Ach, du weißt ja nicht, was du sprichst, Bruno.« »Ich weiß es recht gut, aber ich kann mich nur nicht so ausdrücken wie ihr klugen, großen Leute. Ich bin an dem Abend ordentlich eifersüchtig auf dich gewesen, denn früher war sie gegen mich am freundlichsten. Ich nicht wissen, wie Tante Berkow aussieht, wenn sie jemanden gern hat? Ich weiß es sehr wohl!« sagte Bruno trotzig. »Und ich weiß auch noch mehr«, fuhr er nach einer Pause fort. »Ich sollte es eigentlich nicht sagen, denn Tante hat es mir verboten, aber ich glaube jetzt, es ist ihr gar nicht Ernst mit dem Verbot gewesen.« »Was war es?« fragte Oswald mit angenommener Gleichgültigkeit. »Das war es«, sagte Bruno. »Ich war am Sonnabend nachmittags als du Briefe schriebst, allein in den Wald gegangen nach Berkow zu, weil das mein liebster Weg ist. Da kommt mir auf einmal Tante entgegen, zu Pferde, ganz allein, nicht einmal der Boncœur war bei ihr. Sie ritt den Brownlock, den sie immer reitet, wenn sie schnell reiten will; und schnell muß sie geritten sein, denn Brownlocks Brust und Hals und selbst Tantes Kleid waren voller weißer Schaumflocken. ›Sieh da, Bruno‹, sagte sie, mir vom Pferde herab die Hand reichend, ›wo willst du hin?‹ – ›Nirgends hin, Tante, wie gewöhnlich‹, sagte ich, ›aber wo wollen Sie hin?‹ – ›Auch nirgends!‹ antwortete sie lachend, ›da können wir ja zusammen unsern Weg fortsetzen.‹ – ›Wenn Sie Schritt reiten wollen‹, sagte ich, ›sonst nicht.‹ – Und da sind wir wohl eine halbe Stunde zusammen durch den Wald gezogen und haben die ganze Zeit von nichts als von dir gesprochen, und Tante fragte mich, ob ich dich lieb hätte, worauf ich natürlich mit Nein antwortete; ob du viel studiertest und noch hunderterlei, was ich wieder vergessen habe. Zuletzt trug sie mir auf, dich zu grüßen und zu fragen, ob du die Kupferstiche noch nicht hättest, von denen du ihr neulich gesprochen, und ob du sie ihr nicht schicken wolltest – und dann rief sie mich wieder zurück und sagte, ich solle dich lieber doch nicht daran erinnern, dir auch nicht sagen, daß ich sie gesprochen hätte – aber wie gesagt, ich glaube jetzt nicht mehr, daß es ihr Ernst gewesen ist.« »Warum jetzt nicht mehr, Bruno?« »Weil –«, der Knabe schwieg; plötzlich sagte er in gedämpftem Ton, als fürchtete er, die dunklen Gebüsche neben ihnen könnten es hören: »Sage mir, Oswald, wie ist das, wenn man jemand liebt?« »Wie meinst du das, Bruno?« antwortete Oswald, den die Frage in nicht geringe Verlegenheit setzte. »Ich meine: was ist das für eine Liebe, von der so oft in den Büchern die Rede ist? Ich habe dich lieb, sehr lieb; aber es ist mir, als müßte es noch eine andere Liebe geben. So habe ich immer nicht verstanden, warum der Marquis Posa so bestürzt ist, als Don Carlos sagt: Ich liebe meine Mutter. – Weshalb soll er seine Mutter nicht lieben? Ich habe meine Mutter nie gekannt, und so weiß ich gar nicht, wie man seine Mutter liebt, aber ich denke sie mir immer so jung und schön wie Tante Berkow. Für die könnte ich alles, alles tun! Ich wünschte manchmal, sie fiele vor meinen Augen ins Wasser, und ich könnte ihr nachspringen; oder wie neulich! Brownlock bäumte sich, und ich faßte ihm in den Zügel und kämpfte mit ihm und ließe nicht los, und wenn er mich auch mit seinen Hufen zerträte. – Warum kommen mir solche Wünsche nie, wenn ich in deiner Nähe bin, Oswald, oder wenn ich, von dir getrennt, an dich denke?« »Weil ich ein Mann bin, Bruno, und du weißt, daß ich mir selbst helfen könnte und helfen würde. In die Liebe aber, die wir für eine Frau empfinden, mischt sich noch das Gefühl, daß wir sie, die sich selbst nicht schützen kann, mit unserer größeren Kraft und unserm kühneren Mute schützen müssen, und das macht unsere Liebe zärtlicher, inniger, mitleidiger; und dann noch ein Gefühl, von dem ich dir jetzt so viel sagen will, daß es ein Ausfluß der ewigen Kraft ist, die das Weltall schafft und trägt, ein Gefühl, das rein ist wie alle Natur, aber auch ebenso keusch, und das deshalb, vor der Zeit wachgerufen, dem Voreiligen so verderblich werden kann, wie seine Kühnheit dem Jüngling, den des Wissens Drang nach Sais und in den Tempel trieb, wo sie in dichtem Schleier verhüllt thronte, Isis, die heilige, keusche Göttin der Natur.« »Ich verstehe dich nicht ganz, Oswald.« »Die Welt und das Leben sind voller Rätsel, Bruno. Das Leben ist die Sphinx, und wir sind der Ödipus. Und es ist der Fluch des Ödipus, daß er das Rätsel lösen muß und ihn doch des Rätsels Lösung unglücklich macht.« »Du bist mir nicht böse, Oswald?« »Ich dir böse, liebes Herz? Weshalb?« »Daß ich dir mit solchen wunderlichen Fragen komme.« »Da sollst mich fragen, Bruno; nach allem fragen, was dich in Erstaunen und in Verwirrung setzt. Deine Seele muß offen vor mir liegen wie ein Buch, in dem ich blättern und immer wieder blättern kann. Wollte Gott, ich möchte nur Weises und Gutes auf die reinen Blätter schreiben.« »Du bist stets so gut, so unendlich gut gegen mich, Oswald; und ich vergelte dir all deine Güte nur mit Undankbarkeit und Trotz.« »Das tust du nicht – und dann: Sind wir nicht Brüder? Brüder müssen sich untereinander lieben und tragen und stützen, und dürfen nicht rechten um Mein und Dein. Sieh, Bruno, wenn der fromme Glaube, der die Geister der Verstorbenen die auf Erden zurückgelassenen Lieben umschweben läßt, der meine wäre, so würde ich sagen: dort oben, von dem leuchtenden Sternenhimmel, schauen unsere Mütter auf uns hernieder und freuen sich der Vereinigung und Liebe ihrer Kinder. Laß uns zusammenstehen in diesem wirren Kampfe des Lebens zu Schutz und Trutz. Wie lange wird es dauern und du bist ein Mann wie ich, und wollte Gott, ein besserer Mann. Dann wird auch der letzte Unterschied, der Unterschied der Jahre von uns nicht mehr empfunden werden, wie ich ihn denn jetzt kaum noch empfinde. Dann werde ich vielleicht zu dir aufschauen wie du jetzt zu mir; dann wirst du mir doppelt und dreifach das wenige bezahlen, das ich jetzt für dich tun kann; dann werde ich – und wie gern! – dein Schuldner sein.« »Oh, das wird nie geschehen«, sagte Bruno; »du wirst immer unerreichbar weit von mir vorauseilen. Ich werde nie auch nur das werden, was du jetzt schon bist.« »Du Närrchen!« sagte Oswald und streichelte liebevoll Brunos Haar, »du sitzt jetzt im Parterre vor der Bühne des Lebens, und der Felsen von Pappe erscheint deinem begeisterten Auge ein Urgebirge und all die Trödelware echt. Wenn du erst selbst auf die Bühne trittst, wird dir der holde, rosige Schleier der Illusion von den Augen fallen und du wirst deinen Irrtum erkennen. Aber wenn auch! Du wirst, wenn du von deinem ersten schmerzlichen Erstaunen dich erholt hast, begreifen, daß es nicht anders sein kann, und deinen Bruder nicht verachten, weil du siehst, daß sein stolzer Rittermantel von verschossener Seide und arg geflickt ist, und seine Sporen eitel Messing – doch still! Da kommen uns Herr Timm und Mademoiselle entgegen. Es scheint, Herr Timm will die gute Gelegenheit, seine Aussprache des Französischen zu kultivieren, nicht unbenutzt lassen. Wir wollen ihn in diesem edlen Streben nicht stören. Laß uns in diesen Gang einbiegen.« Herr Timm, der jetzt Arm in Arm mit Mademoiselle Marguerite, ohne Oswald und Bruno zu bemerken, eifrig sprechend und seine helle Stimme dabei sorgfältig dämpfend, vorüberstrich, hatte in der Tat »die gute Gelegenheit«, obgleich in etwas anderer, als in der von Oswald angedeuteten Weise, zu nutzen verstanden. Auf seine Aussprache des Französischen legte der junge Mann sehr wenig Gewicht, desto mehr aber auf den soliden Vorteil, den ihm die Gunst der jungen Dame, welche dem innern Hauswesen des Schlosses vorzustehen schien, während eines, voraussichtlich mehrere Wochen lang dauernden Aufenthalts in Grenwitz gewähren mußte; und sich diese Gunst, die auch vielleicht in anderer Weise die Monotonie des Landlebens in angemessener Weise mildern konnte, möglichst schnell zu erwerben, war Herr Albert Timm in dem allerliebsten verschwiegenen tête-à-tête mit der kleinen Französin eifrigst bedacht gewesen. Die Unterhaltung war von beiden Seiten, ohne einem gelegentlichen französischen Worte das Dasein zu verkümmern, deutsch geführt worden, da Mademoiselle das Deutsche ziemlich und Herr Timm das Französische sehr schlecht sprach, und dem jungen, aufrichtigen, wahrheitsliebenden Mann nichts verhaßter war als der Gedanke, nicht verstanden oder gar mißverstanden zu werden. »Und sind Sie schon lange hier?« fragte er. »Drei Jahre.« »Der Tausend! Und Sie sind vor Langerweile noch nicht gestorben. Sie müssen eine famose Natur haben.« »Plaît-il?« »Ich meine, das muß doch zum Verzweifeln langweilig sein, jahraus jahrein in diesem öden Nest zu hocken, und noch dazu in so ausnehmend interessanter Gesellschaft. Aber Sie haben wohl viel zu tun?« »Enormément! Ich muß arbeiten comme un forçat –‹ »Comme was?« »Vous ne savez pas ce que c'est qu'un forçat?« »Nein – schadet aber nichts. Wollen einmal sagen: wie ein Pferd; das wird auf dasselbe herauskommen. Also: Sie müssen arbeiten wie ein forçat?« »Justement! Ich muß aufschließen und zuschließen alle Schlösser –« »Hat auch sein Angenehmes!« bemerkte Herr Timm. »Ich muß hören den ganzen Tag: Mademoiselle, tu Sie dies, Mademoiselle, tu Sie das! Und des Abends, wenn ich bin müde, daß ich nicht kann offen halte die Augen, ich muß lesen aus die alte dumme Bücher, bis Madame hat die Güte zu sagen: c'est assez! – Non, madame, ce n'est pas assez, c'est trop – mille fois trop«, sagte die lebhafte kleine Dame und stampfte mit dem Fuße. »Sie scheinen in einer allerliebsten Stimmung«, sagte Herr Timm; »doch das ist recht, sprechen Sie sich aus – das erleichtert das Herz – aber, wenn die Baronin Ihnen ein solches Vertrauen schenkt, so müssen Sie doch auch in großer Gunst bei ihr stehen.« »Au contraire! Sie mich braucht, weil sie muß. Sie würde mir heute geben mon congé lieber als morgen. Sie hat mich gern, weil ich nicht nötig habe viel Schlaf und weil ich esse wenig.« »Na, da werde ich nie ihr Liebling werden«, sagte Herr Timm. »Aber Sie armes Kind, da sind Sie ja in einer schauderhaften Situation. Viel arbeiten und keinen Dank dafür; früh aufstehen und dafür spät zu Bette gehen; den ganzen Tag dreschen müssen wie das gutmütige Tier in der Bibel, ohne die demselben verstattete Freiheit – das halte ein anderer aus. Sie sollten sich verheiraten, Mademoiselle.« Marguerite zuckte die Achseln; »Wer wird wollen mich 'eiraten? Je suis si pauvre et si laide!« »Was ist das?« »Ich sage: ich bin arm und ich bin 'äßlich.« »Das erstere will ich zugeben«, sagte Herr Timm, »das zweite ist aber eine arge Verleumdung. Sie häßlich! Au contraire: Sie sind hübsch, mademoiselle, très hübsch, belle, sehr belle.« »Vous plaisantez, Monsieur!« »Ohne Spaß!« sagte Herr Timm, »Sie sind wirklich ein auffallend hübsches Mädchen. Erstens haben Sie eine reizende Gestalt –« »Trop petite«, sagte Marguerite. »Nicht die Spur«, versicherte Herr Timm, »zweitens haben Sie wunderhübsche braune Augen; eine reizende Hand, einen entzückend niedlichen Fuß »Mais monsieur!« »Was denn? Es ist ja wahr; was wahr ist, darf man sagen. Ich wette, daß Monsieur le docteur Stein vollkommen meiner Meinung ist. Lieben Sie den Doktor?« »Ich ihn lieben?« sagte die kleine Französin mit großer Lebhaftigkeit. »Ich ihn lieben? Ich ihn 'asse!« »Na, na«, sagte Herr Timm, »warum denn, er ist doch ein sehr schöner Mann.« »C'est un bel homme, mais c'est un fat.« »Un was?« »Er ist ein Narr, oui ein Narr, qui est monstreusement amoureux de lui-même; mais avee toute sa fierté je me moque de lui, je me moque de sa fierté, oui, je m'en moque, moi!« »Bitte, ereifern Sie sich nicht, und sprechen Sie vor allen Dingen deutsch, wenn Sie wünschen, daß ich Sie verstehen soll. Was hat Ihnen der Unglückliche getan?« »Lui? Malheureux? Il n'est pas malheureux, ce monsieur-là. Tout le monde le flatte, le cajole –« »Aber so sprechen Sie doch um Himmels willen deutsch« »Glauben Sie, daß er hat gesprochen zehn Worte mit mir, seitdem daß er hier ist?« »Das ist freilich abscheulich! Ah, da habe ich mir schon wieder den Fuß an eine so verdammte Baumwurzel gestoßen. Ich bin im Dunkeln so blind wie ein Maulwurf. Sie täten wirklich ein Werk der Barmherzigkeit, wenn Sie meinen Arm annehmen und mich ein wenig führen wollten.« »Très volontiers, Monsieur!« »Also so ein eitler Herr ist dieser Doktor Stein«, sagte Herr Timm, den Arm der hübschen Marguerite in den seinen legend und dabei ziemlich fest an seine Brust drückend, »ei, wer hätte das gedacht! Na, wissen Sie was, liebe Marguerite – welch ein reizender Name das ist: Marguerite! – ich darf Sie doch Marguerite nennen? – Ja, was ich sagen wollte, ärgern Sie sich nicht über den albernen Menschen, liebe Marguerite! Wenn er nicht mit Ihnen sprechen will, so ist das sein eigener Schade, und wenn er Sie nicht hübsch findet, so finden Sie dafür andere Leute desto hübscher; ich zum Beispiel, obgleich ich sehr kurzsichtig bin, besonders hier in diesem Baumgange, wo es so dunkel ist, daß man wahrhaftig nicht die Hand vor den Augen sehen kann Fürchten Sie sich, kleine Marguerita? Nein? Warum klopft denn Ihr Herz so? Oder hätten Sie mich gar aus Versehen ein bißchen lieb? Haben Sie mich ein bißchen lieb, Marguerite? Genieren Sie sich gar nicht; mir kann man alles sagen. Oder sagen Sie lieber nichts und geben Sie mir einen Kuß! Sie wollen nicht – so? Das ist vernünftig! Ihr Franzosen und besonders ihr Französinnen seid eine charmante Nation. Aber warum weinst du denn, kleiner Narr? Ist es bei euch denn ein Staatsverbrechen, einem ehrlichen Kerl einen Kuß gegeben zu haben, und noch dazu im Dunkeln... Verdammt, da kommt der alberne Mensch, der Doktor, mit seinem Grasaffen... Bon soir, meine Herren, wir können hier Begegnen spielen.« »Oder Blindekuh«, sagte Oswald, »und noch dazu ohne Binde. Ich dächte, wir gingen hinein. Wenn ich nicht irre, hat die Baronin schon nach Mademoiselle gerufen.« Herr und Frau Pastor Jäger hatten sich unter vielen Danksagungen und Freundschafts- und Ergebenheitsversicherungen empfohlen, um auf dem Einspänner in die idyllische Ruhe von Faschwitz und unter »ihr niedriges Dach« zurückzukehren; Oswald und Herr Timm – Bruno hatte sich schon einige Minuten vorher entfernt – stiegen die Wendeltreppe des Turms hinauf, um sich auf ihr Zimmer zu begeben. »Das ist Ihr Zimmer, soviel ich weiß, Herr Timm«, sagte Oswald, vor einer der vielen Türen stehenbleibend, die auf denselben Korridor gingen, der Stufen auf, Stufen ab, in vielfachen Biegungen durch den alten Teil des Schlosses führte, wo Oswald und die Knaben wohnten und mehrere der weniger stattlichen Gastzimmer lagen. »Und wo ist denn Ihre Bude, Herr Doktor?« »Ein paar Türen weiter.« »Sind Sie sehr müde?« »Nicht besonders.« »So erlauben Sie mir, noch ein paar Minuten mit zu Ihnen zu kommen. Ich empfinde das sehr natürliche Bedürfnis, nach all dem Unsinn, den ich geschwatzt und habe schwatzen hören, in vernünftiger Gesellschaft eine gute Zigarre zu rauchen.« »So kommen Sie«, sagte Oswald, der viel lieber allein geblieben wäre, aber eine zu hohe Meinung von der Pflicht der Gastfreundschaft hatte, um eine so indirekte Anrufung zurückzuweisen, »Ob Ihnen freilich meine Zigarren gut und meine Gesellschaft vernünftig genug –« »Um Gottes willen, für heute nicht noch mehr Komplimente!« rief Herr Timm. »Ich bin mit dem bereits Genossenen vollkommen zufrieden. Bitte! Spazieren Sie voran –« »Eine reizende Bude«, sagte Herr Timm, als sie in das Zimmer getreten waren und Oswald die Lampe auf dem runden Tisch vor dem Sofa entzündet und ein Kistchen mit Zigarren aus seinem Sekretär geholt hatte, »eine allerliebste Tonne für einen Zyniker, der gelegentlich bei den Sybariten in die Schule geht; wirklich famos behaglich, für meinen Geschmack fast zu behaglich. Der große Lehnstuhl in der tiefen Fensternische, von dem man auf der einen Seite so bequem in den Garten und auf der andern still und bewegt nach dem schönen Apollokopfe dort auf dem Schranke blicken kann, Natur und Kunst vis-à-vis, und man selbst mitten dazwischen, wie der Mann sagte, als er ans dem Luftballon fiel. Die Zigarre ist superb, wirklich Havanna und keine Stinkadores – Rauchen Sie nicht? Nein? Und halten sich für Ihre Freunde und Bekannten ein solches Blatt! – Edelster der Menschen! Der heilige Crispinus ist ja ein Straßenräuber im Vergleich mit Ihnen! Was haben Sie denn da in der höchst verdächtig aussehenden Flasche oben auf dem Bücherbrett? Ich glaube gar Kognak –« »Und noch dazu alten, echten«, sagte Oswald, »wenigstens versichert es mein Freund, der Inspektor Wrampe, der mir diese, jedenfalls geschmuggelte Flasche aufgenötigt hat –« »Und noch nicht einmal entkorkt – Me herculem! Da müssen wir doch einmal untersuchen, ob der Inspektor Sie nicht belogen hat. Trinken Sie auch ein Glas Grog?« »Ich nicht, aber lassen Sie sich dadurch nicht abhalten«, sagte Oswald gutmütig, die Flasche herabnehmend und entkorkend, »ich will auf meiner Maschine Wasser heiß machen –« »Bewahre! Wozu die Umstände! Kaltes Wasser tut dieselben Dienste, besonders in geringerer Quantität. – Das ist ja ein reizender Abend«, sagte Herr Timm, sich vergnügt die Hände reibend. »Nun setzen Sie sich gefälligst in die Sofaecke, damit ich die Überzeugung gewinne, daß Sie sich so behaglich fühlen, wie sich jemand, der nicht raucht und trinkt, überhaupt fühlen kann; ich werde mir den Lehnstuhl heranrücken – was der Kerl für eine Wucht hat! – und nun lassen Sie uns eins plaudern, wie es sich für zwei ehrliche Kerle geziemt, die dem ganzen Blödsinne der sogenannten guten Gesellschaft ein Schnippchen schlagen.« So sprach Herr Timm, zog mit dem Fuße noch einen Rohrstuhl herbei, um seine Beine darauf zu legen, und streckte sich behaglich, den Kopf etwas hintenübergebogen, um dem Rauch seiner Zigarre bequemer und länger nachschauen zu können. Der Schein der Lampe fiel ihm dabei voll ins Gesicht und Oswald bemerkte jetzt zum ersten Male, daß Herrn Timms Züge, besonders im Profil gesehen, wo die kecken, saubern Linien zur vollen Geltung kamen, wirklich überraschend hübsch und interessant waren. Diese Entdeckung war für Oswald durchaus nicht gleichgültig. Er ging noch einen Schritt weiter als Voltaire und hielt dafür, daß nicht nur von den Büchern, sondern auch von den Menschen das genre ennuyeux das schlimmste sei, und bei einem durchaus regen und durch Studien vielfach gebildeten Formensinn ließ er sich von seiner leidenschaftlichen Liebe für malerische und plastische Schönheit in einer Weise beherrschen, daß sein Gefühl des Wahren und Guten dabei Gefahr lief, nicht unterdrückt, aber doch getrübt zu werden. So war es in diesem Falle. Herrn Timms formenloses Wesen und nur dünn verschleierter derber Realismus hatten ihn im Laufe des Abends ein paarmal recht empfindlich beleidigt, und er war schon entschlossen gewesen, den Verkehr mit dem übermütigen Gesellen während dessen Verweilen in Grenwitz auf das Unvermeidliche zu beschränken; aber während er jetzt die Umrisse des hübschen Gesichtes im Geiste nachzeichnete, hatte er den kaum gefaßten Vorsatz schon halb und halb vergessen. »Wollen Sie einmal ein paar Minuten so sitzen bleiben?« sagte er, unwillkürlich nach einem Bleistift greifend, und auf dem ersten Blatte, das ihm auf den mit Büchern und Papieren bedeckten Tische in die Hände fiel, anfangend, Alberts Profil zu skizzieren. »Eine halbe Stunde, wenn Sie wollen«, sagte dieser, »ich liege vortrefflich; wenn ich nur dabei rauchen, sprechen und gelegentlich einen Schluck dieses irdischen Nektars nehmen darf.« »Lassen Sie sich nicht stören«, sagte Oswald, eifrig zeichnend. »Es ist doch ein merkwürdiger, alter Kasten, dies Schloß«, phantasierte Albert, »ich glaube, ich habe verdammt wenig Sinn für Romantik; aber ich brauche nur den Fuß auf die Wendeltreppe zu setzen, die in diesen Flügel führt und mich umwehen Schauer des Mittelalters. Selbst meine Sprache wird eine andere, wie Sie hören, und kriegt einen Beigeschmack von van der Velde und Tromlitz. Welche Mauern! Man würde jetzt ein Dutzend daraus machen. Wenn es damals, wie zu vermuten steht, auch Leute gegeben hat, mit denen man Türme und Wände einrennen konnte, welche dicken Schädel müssen die gehabt haben!« »Wollen Sie gefälligst einmal die Brille abnehmen?« sagte Oswald. »Mit Vergnügen. Hätte ich im Mittelalter gelebt, würde ich mir nicht an der Lektüre schlecht gedruckter Schmöker die Augen verdorben haben. Wenn das Mittelalter überhaupt einen Vorzug vor unserer Zeit hatte, so ist es der, daß die Leute nichts zu lernen brauchten. Denken Sie sich: keine Schulen, keinen Cornelius Nepos, keine Geschichte des Mittelalters, keine Examina; bloß ein paar Fechtstunden bei einem allen Haudegen von Knappen, der, wie der Klosterbruder im Nathan, der Herren gar viel gehabt und von dem einen noch immer ein hübscheres Schelmenstückchen zu erzählen weiß als von dem andern; und dann etwa, wenn man Anspruch auf höhere Bildung machte, ein paar Lektionen auf der Laute bei einem lustigen, fahrenden Gesellen, der voller hübscher Lieder und toller Schwänke steckt, der vor tausend Türen gesungen und ebensoviel schöne Mädchen geküßt hat – das muß doch ein famoses Leben gewesen sein! Und vor allem diese Leichtigkeit der Ortsveränderung, diese unbedingte, aber höchstens durch ein paar handfeste Burschen, die einem in dem ersten besten Hohlweg den Schädel ein ganz klein wenig einschlagen, bedingte Freizügigkeit! George Sand hat einmal ein hübsches Wort gesagt, das einzige, das ich aus allen ihren vielen Romanen behalten habe, wahrscheinlich weil es mir aus der Seele geschrieben war: Was gibt es Schöneres als eine Landstraße? Ist das nicht prächtig? Ist das nicht die ganze Poesie, zum wenigsten die Poesie des Abenteuerlichen, in einem Worte? Ich könnte die Frau küssen für das Wort, obgleich sie ein Blaustrumpf ist, und ich die blauen Strümpfe hasse wie den Teufel, oder vielmehr ärger als den Teufel, der doch im Grunde nur ein verkanntes Genie ist und als solches auf die Sympathie jedes Gebildeten Anspruch machen kann. Aber wenn einen in unserer Zeit der Teufel und seine Helfershelfer und Diener auf Erden, die Gläubiger, plagen, wo soll man hinfliehen vor ihrem Angesicht? Damals, in der guten alten Zeit, packte man eines schönen Morgens vor Sonnenaufgang sein Ränzel, oder in Ermangelung dessen, sich selbst, marschierte zum Tor hinaus und war, wenn man nach einer Stunde das Weichbild der Stadt hinter sich hatte, in Sicherheit, und, ehe der Abend kam, mußte einem schon so viel Abenteuerliches begegnet sein, daß man die alte Stadt und das hübsche braune Mädchen darin, für die man gestern noch leben und sterben wollte, bis auf die Erinnerung vergessen hatte. – Sind Sie fertig? Na, lassen Sie einmal sehen. Hm! Sie zeichnen, wie der Maler Conti in der Emilia Galotti, nicht, was die Natur geschaffen hat, sondern was sie hätte schaffen sollen, wenn sie in dem betreffenden Augenblicke nicht unglücklicherweise blind gewesen wäre. Sehr hübsch in der Tat, aber das Original ist mir doch lieber. Und Dichter sind Sie auch, wie ich sehe.« »Wieso?« »Nun, die andere Seite ist ja von oben bis unten mit Versen beschrieben. Und noch dazu Sonette, die ich über alles liebe. Ich darf sie doch lesen?« »Es ist nicht des Lesens wert«, sagte Oswald, den Alberts Frage sichtbar verlegen machte. – Die Verse waren an Melitta, waren in der Erinnerung an die erste köstliche Zusammenkunft im Waldhäuschen geschrieben! Er glaubte das Blatt sicher in seinem Pult verwahrt, und bereute bitter seine Unvorsichtigkeit, die es jetzt seinem übermütigen und, wie er fürchten mußte, keinesweg sehr diskreten Gast in die Hände gespielt hatte. Glücklicherweise war Melittas Name nicht genannt. »Nicht des Lesens wert?« sagte Albert. »Das wollen wir gleich einmal sehen. Dichter haben kein objektives Urteil über ihre Produkte. Denken Sie einmal, ich hätte die Verse gemacht und fühlte mich gedrungen, sie Ihnen vorzulesen. Hören Sie zu! Sie liebt mich! Der Anfang ist weniger originell als wahr. Aber Sie werden mir zugeben, daß man ein so uraltes Thema nicht immer wieder neu behandeln kann. Also: Sie liebt mich! Herz, hör auf so wild zu schlagen! Halt aus, mein Herz! Du darfst nicht auch zerpringen, Weil er zersprang, der erste von den Ringen, Die du so lange Jahre hast getragen. Sie liebt mich! Wie die Wolken eilend jagen Da droben auf des Nachtwinds feuchten Schwingen! Die Wälder rauschen, und die Quellen klingen, Und Wolken, Wälder, Quellen – alle sagen. Sie liebt mich! Oh, noch schwebt auf meinem Munde Der süße Kuß, den sie mir hat gegeben In dieser holden, gnadenreichen Stunde; Noch fühl' ich ihre Brust an meiner beben – Die stumme, wunderbar beredte Kunde Von ihres Herzens tiefgeheimstem Leben. Wie finden Sie das? Ich dächte, ich hätte das erste, stürmische Entzücken eines Liebenden in dem Augenblicke, wo er sich der Gegenliebe des angebeteten Wesens versichert hat, gar nicht so übel gezeichnet. Aber hören Sie weiter, wie das Allegro in ein Adagio verklingt: O sterngeschmückte, milde, heil'ge Nacht! Du grabesstiller, tiefer Gottesfrieden! Du heilst die Kranken und erquickst die Müden Nach ihrer wirren, tollen Lebensjagd. Und du hast mich so überreich bedacht, Du hast mir gnädiglich ein Glück beschieden, Wie es so groß und schön noch nie hienieden Der Erdenkinder einem hat gelacht. O Mutter Nacht, die du uns hast geboren, Die du uns trugst in deinen weichen Armen, An deren Brust wir Kraft und Ruhe trinken – Oh, ginge einst mein holdes Glück verloren, Dann, große gute Mutter, üb Erbarmen, Dann laß zurück in deinen Schoß mich sinken! Albert hatte die Verse ohne alle Affektion klar und verständig, ja mit einem gewissen Anflug von Wärme vorgetragen. Oswald wußte ihm Dank dafür. Er hatte schon gefürchtet, die Gedichte, auf die er freilich nur insofern Wert legte, als sie ein treuer Ausdruck seiner Empfindungen waren, von dem frechen Spötter ihm gegenüber schonungslos profaniert zu sehen. Er war froh, so leichten Kaufs davongekommen zu sein. »Machen Sie nie Verse?« fragte er, indem er das Blatt nahm und in ein Heft legte, das noch andere Poesien zu enthalten schien. »Ich?« sagte Herr Timm, einen tiefen Schluck aus seinem Glase tuend. »Bewahre! Dazu bin ich viel zu praktisch. Die praktische Weltanschauung und die poetische vertragen sich wie Hund und Katze. Wenn das Kätzchen Poesie gerade am zärtlichsten miaut, bellt der Hund Prosa mit seiner groben Stimme dazwischen und die kleine Schwärmerin verstummt. Warum wollen Sie zum Beispiel Knall und Fall sterben, wenn Ihnen das ›holde Glück‹, wie Sie es nennen, verlorengeht? Das ist doch so unpraktisch wie möglich. Warum sagen Sie nicht statt: ›Dann laß zurück in deinen Schoß mich sinken‹ – ›Dann laß mich schnell in andere Arme sinken‹ – oder dergleichen, wodurch das Gemüt des Hörers beruhigt oder vor seinem Auge eine höchst angenehme Perspektive aufgetan würde. Was habt ihr Poeten denn überhaupt davon, einem das bißchen Vergnügen, das man sich noch allenfalls auf diesem melancholischen Planeten verschaffen kann, geflissentlich zu verkümmern! Aber freilich, ich spreche davon wie ein Blinder von der Farbe. Vielleicht befindet ihr euch dort oben in Wolkenkuckucksheim, alles in allem, doch besser als wir auf der höckrigen Erde, wo man von Hühneraugenschmerzen und anderen irdischen Empfindungen, die euch lustigen Gesellen erspart sind, gar viel zu leiden hat. Ich habe mir schon manchmal gewünscht, ich hätte ein bestimmt ausgesprochenes Talent für diese oder jene Kunst: Poesie, Musik, Hühneraugenoperieren, Malerei, Grimassenschneiden, Plastik, Gliederverrenken – gleichviel, nur irgendeinen Sparren, an dem man sich halten kann, wenn einem die Wellen des Lebens über dem Kopf zusammenschlagen. Ich erinnere mich, einmal in einer Tierbude an einem Dachs gesehen zu haben, welcher Segen im Unglück ein solches Talent ist. Die übrigen talentlosen Bestien liefen wie verrückt in ihren Käfigen umher oder brüllten vor Wut und Hunger oder ergaben sich im besten Falle einer stummen Verzweiflung. Meister Dachs dagegen, seinem angeborenen künstlerischen Triebe folgend, arbeitete unverdrossen an einer imaginären Höhle in dem Boden seines Käfigs, kratzend, kratzend, immer kratzend, vom Morgen bis zum Abend. Er vergaß dabei augenscheinlich Hunger und Kälte, vergaß, daß er gefangen war; in der Ausübung seines Talents, selbst unter so verzweifelt ungünstigen Verhältnissen, seine Seligkeit findend. Ich wollte, ich wäre so ein Dachs! – Der Kognak ist wirklich superb, Sie sollten auch ein Glas trinken, Doktor, um die Wolken von Ihrer Apollostirn zu verscheuchen. – Aber ich habe zu allem Talent, das heißt zu nichts. In meiner Jugend war ich weit und breit als ein Wunderkind verschrien, weil ich wie ein Starmatz alles nachpfiff, was mir die andern vorpfiffen. Der Junge wird's einmal weit bringen, sagten die albernen Menschen, wenn ich wieder einmal so eine erstaunliche Probe meines Gedächtnisses, in dem alles Dumme und Kluge gleich fest haftete, zum besten gab. Ich wollte, ich hätte sitzen und schwitzen müssen wie die andern armen Jungen, denen ich damals die Exerzitien machte und die dafür jetzt gemachte Leute sind, während ich nicht viel Besseres bin wie ein Vagabund. Aber, vive la joie et vive la bagatelle! Es muß auch Vagabunden geben, aus dem einfachen Grunde, weil es sonst keine soliden Leute gäbe. Die Vagabunden sind das Salz der Erde oder wenigstens der fliegende Same, der die sonst fest am Boden klebende und am Boden verrottende Kultur über die ganze Erde verbreitet. Vagabunden gründeten Karthago. Vagabunden gründeten Rom. Was soll ein ehrlicher Kerl, der in Europa nicht mit einer echten Havanna-Zigarre im Munde geboren ist, anders tun, als nach Amerika auswandern, wenn er das sehr natürliche Bedürfnis empfindet, einmal eine echte Zigarre zu rauchen, und sie nicht gerade stehlen will, oder nicht das Glück hat, einen so liebenswürdigen Menschen aufzutreiben wie Sie, der Sie sich echten Kognak und echte Zigarren für Ihre Bekannten halten und dabei noch die Gutmütigkeit haben, dem Geschwätze dieser Bekannten zuzuhören, obgleich Ihnen die Augen beinahe vor Müdigkeit zufallen. Der Tausend! Der Inhalt der Flasche hat sich fast um den dritten Teil seines Volumens verringert. Wie vergänglich doch alles Irdische ist! Buona notte, Don Oswaldo! Dormite bene und träumen Sie dolce von den bei occhi della donna bella, amata, immaculata Ihrer Sonette. Ich für mein Teil will, wie Hamlet, beten gehen, denn nicht einmal zum Schlafen habe ich Unglücklicher Talent, geschweige denn zum Träumen. Gute Nacht, Dottore!« »Gute Nacht!« sagte Oswald, sich schlaftrunken aus seiner Sofaecke erhebend und Albert bis zur Tür begleitend. »Keinen Schritt weiter, Dottore!« sagte dieser. »Alles hat seine Grenzen!« Und als die Tür sich hinter ihm geschlossen hatte, blieb er noch einen Augenblick stehen, legte den Daumen seiner rechten Hand an die Nase, die übrigen vier Finger schnell bewegend – eine Geste, die für Oswald weniger schmeichelhaft als für das kindlich-harmlose Gemüt des Herrn Timm bezeichnend war. Dreißigstes Kapitel Der drückenden Hitze, die in der letzten Zeit geherrscht hatte, folgten einige kühle regnerische Tage. An solchen Tagen erschien Schloß Grenwitz noch öder und einsamer als gewöhnlich. Sonst kam, wenn auch niemand anders, doch wenigstens der Sonnenschein zum Besuch und blieb bis zum Abend und drang in alle Räume, selbst in die verschlossenen Gesellschaftszimmer des oberen Stocks, wo er flüchtig über die Stühle und Sofas mit den kostbaren, obgleich ein wenig verblichenen Damastüberzügen weghuschte und hier und da ein Bild an der Wand begrüßte, das er schon seit hundert Jahren und darüber kannte. Sonst waren, wenn weiter auch niemand, doch wenigstens die Spatzen lustig und guter Dinge, die in den Löchern des alten Turmes und in den Stuckornamenten des Neubaues nisteten und schon vom frühesten Morgen sich so ungeniert über ihre Angelegenheiten unterhielten und zankten, als ob das Baronenschloß ihnen nicht mehr Achtung abnötigte als eine Bauernscheune. Und wem es trotz alledem zu einsam und öde im Schlosse wurde, der konnte in den Garten hinabgehen, wo die Blumen in noch viel schöneren und vor allem frischeren Farben prangten als die Tapeten und die Stühle und die Sofas drinnen in den Prunkzimmern, wo über den bunten Blumen sich bunte Schmetterlinge wiegten, wo die Vögel jubilierten, die Bienen geschäftig summten und für den, welcher Augen hatte, zu sehen, und Ohren, zu hören, allüberall ein wundersames, still geschäftiges, an Leiden und Freuden reiches Leben herrschte. Das war nun alles anders an Regentagen. Da konnten sich die Bilder an der Wand ohne Furcht vor dem neugierigen Sonnenschein mit den Stühlen und Sofas alte, gemeinsam erlebte Geschichten erzählen, soviel sie wollten; da ließen selbst die Spatzen ihre ewigen Streitigkeiten für den Augenblick ruhen, oder bissen sich in aller Stille um die besten und trockensten Plätze; und in dem Garten ließen die Blumen die regenschweren Köpfchen hangen; und all das bunte, reiche Leben schien erstorben. In den nassen Gängen und über die Beete weg spielten die Winde Haschens und zerzausten dabei mitleidslos die armen Blumen und warfen die Bohnenstangen um und fuhren die Bäume hinauf und schüttelten und rüttelten an den Ästen, daß die schlanken Zweige hinüber und herüber rauschten. Dies melancholische Wetter paßte nur zu gut für Oswalds Stimmung. Seit dem Tage in Barnewitz war eine Veränderung mit ihm vorgegangen, die er sich selbst kaum zu erklären wußte. Es war, als ob ihm plötzlich ein dichter Schleier über die Augen gefallen wäre, als ob ihm eine feindliche Hand Wermut in den Kelch des Lebens gemischt hätte, aus dem er in der letzten Zeit mit so vollen, gierigen Zügen getrunken. Selbst das Bild der schönen lieben Frau, die in dem Allerheiligsten seines Herzens thronte, schien seine Wunderkraft verloren zu haben. Wo war all die Seligkeit geblieben, die ihn sonst bei der Erinnerung an sie und an die einzig wonnigen Stunden, die er mit ihr verlebt hatte, erfüllte? Wo die ruhelose Sehnsucht nach ihrem Anblick, nach dem Ton ihrer Stimme? Wo die fieberhafte Ungeduld, mit der er die Sonne in ihrem Lauf verfolgte und die Nacht herbeiwünschte, unter deren Schutz er sich die enge Treppe, die dicht neben seinem Zimmer in den Garten führte, hinabstahl, um zu ihr zu eilen, die seiner in der verschwiegenen Kapelle harrte; ihm oft schon, ohne Furcht vor den Schauern der Nacht und der Einsamkeit, in dem Walde unter den hohen, ernsten, finstern Bäumen entgegengekommen war! – Und doch wußte er, daß sie jetzt einsam um ihn trauerte, daß sie ihm längst vergeben hatte, was sein knabenhafter Trotz und seine kindische Laune an ihr gefrevelt, daß kein strafendes Wort, kein vorwurfsvoller Blick ihn empfangen würde, wenn er zu ihr zurückkäme; daß sie freudig ihre Arme ausbreiten und ihn an ihr liebevolles Herz ziehen würde. Ach, nicht an ihr zweifelte er, nicht an ihrer Liebe, aber an sich selbst, an seiner Liebe! Wie dumpfes Glockenläuten, wie Grabgesang tönten ihm noch immer die letzten Worte Oldenburgs: Wer von uns kann denn noch mit ganzem Herzen lieben? Wer von uns hat denn noch ein ganzes Herz? Und eine Stimme, die er nicht zum Schweigen bringen konnte, rannte ihm zu, wo er auch ging und stand und selbst des Nachts in seinen wirren Träumen: Du nicht! Du nicht! – In den Linien deiner Hand sieht es ja geschrieben! Das braune Weib im Walde sah es ja auf den ersten Blick, du kannst nicht treu sein; du nicht, du nicht! – Und als du zu Melittas Füßen sankst und den Schwur der Liebe und Treue stammeltest, schloß sie dir den Mund, ängstlich, hastig, als wollte sie dir das Verbrechen des Meineids ersparen: Oh, schwöre nicht! Ich kann dir Liebe schwören nun und Treue auf immerdar, aber du nicht! Du nicht! – Regenwetter! Wie der Wind die Tropfen gegen die Fensterscheiben jagt, daß sie trüb werden wie verweinte Augen! Wie schwer und tief die Wolken schleppen, die grauen Trauermäntel, als würden sie mit dem Saum die Wipfel der Pappeln drüben auf dem Schloßwalle streifen! Wer doch da draußen läge in der schwarzen nassen Erde, überhoben aller Qual des Zweifels und der Reue! Wer doch teilhaben könnte an dem ewigen Frieden der Natur! Wer doch eines sein könnte mit den Elementen! Mit dem Winde über die Erde brausen, mit der Flamme zum Himmel lodern, mit dem Wasser des Stromes im Ozean verrinnen könnte! Hat die schwermütige Weisheit der Inder Recht? Und ist das ganze Menschenleben nur ein ungeheurer Irrtum? Sind wir alle, alle nur verlorene Söhne, die das Haus des guten alten Vaters verließen, um uns von Trebern zu nähren? Und ist es wahr, daß wir zu jeder Zeit zu ihm zurückkehren können, daß wir zurücksinken können in den Schoß der lieben Mutter Nirvana, der uranfänglichen Nacht, wenn wir es nur von ganzem Herzen wünschen? Von ganzem Herzen? Wer von uns hat denn noch ein ganzes Herz zum Leben und zum Sterben? Du nicht! Du nicht! – Oh, wer sich selbst vertrauen könnte! Wie in eine Götterwolke gehüllt, würde er die Gefahren des Lebenskampfes unverletzt durchwandern und, wenn er fällt, als Held fallen, mit der Todeswunde auf der stolzen Stirn, in der mutigen Brust. So aber ringst du mit dem feigen Zweifel, dem jähen Schwindel, der uns auf steiler Felsenhöhe packt, unser Blut gerinnen macht, die Kraft unserer Sehnen löst und uns zuletzt rettungslos in den Abgrund schleudert. Oswald hob seufzend den Kopf von dem Fensterkreuz und lauschte. Eine helle Tenorstimme sang ein lustiges Wanderlied. »Wohl dir«, murmelte Oswald, »der du singend die Straße des Lebens einherziehst und der Gefahren des Weges spottest.« Er schwankte einen Augenblick, dann ging er, seinen munteren Stubennachbar aufzusuchen. Albert brauchte nicht mehr Zeit, sich an einem fremden Orte einzurichten wie ein Araber, um sein Zelt aufzuschlagen. Und von einer Einrichtung konnte eigentlich bei ihm keine Rede sein. Er überließ es jeder seiner Sachen, deren nicht viele waren, sich in seinem Zimmer einen Platz zu suchen. Wollte der eine Stiefel lieber auf dem Stuhle stehen und der andere mit dem Absatz nach oben auf der Erde liegen – er hatte nichts dagegen. Fand es der Frack, das einzige, einigermaßen respektable Kleidungsstück, dessen er sich erfreute, behaglich, in einer Ecke des kleinen, melancholisch aussehenden Koffers zu einem unförmlichen Bündel geballt, zwischen schmutziger Wäsche sein Dasein zu vergessen, – er wollte ihn in seinem Vergnügen nicht stören. Und er selbst, der glückliche Besitzer all dieser emanzipierten Herrlichkeiten, stand trotz des kühlen Wetters in Hemdsärmeln über ein großes Reißbrett gebeugt und pfiff und sang und zeichnete, und lachte Oswald wegen seiner Leichenbittermiene, wie er es nannte, aus. »Dottore, Dottore!« rief er, »Sie sehen aus, als ob Sie von dem Grog, den ich gestern abend getrunken, den wildesten Katzenjammer gehabt hätten! Wahrhaftig, Sie beschämen das Wetter! Die Wolken draußen sind ja verglichen mit denen auf Ihrer Stirn in hundert bunten Farben schimmernde Seifenblasen! Haben Sie je als Junge an einem schönen hellen Sommermorgen in der Bodenluke gesessen und aus einem kleinen Stummel von Tonpfeife bunte Seifenblasen in die blaue Luft hinausgesandt, während unten zwischen den bleiernen Soldaten auf dem großen Tisch der Kinderstube ein angefangenes lateinisches Exerzitium lag, für dessen fragmentarischen Zustand Sie ein paar Stunden darauf von Ihrem Lehrer die schönsten Prügel besahen: Sehen Sie, das ist das Bild des Lebens. Unser Wissen ist Stückwerk, und unsere besten Exerzitien bleiben Stückwerk, die buntesten Seifenblasen zerplatzen, und die derbsten Prügel fühlt man eine Stunde nachher nicht mehr. Es ist alles eitel, vor allem aber unser Grämen darüber, daß alles eitel ist. Zum Kuckuck! Ich habe die Welt nicht gemacht und Sie, soviel ich weiß, auch nicht. Weshalb sollten wir beide uns also darüber den Kopf zerbrechen? Ich zerbreche mir über nichts den Kopf, über gar nichts, zum Beispiel auch nicht über diese Linie, die ich offenbar zu kurz gemessen habe, und die ich nun nach Gutdünken mit Grazie verlängern muß, bis sie diese Ecke hier trifft – nebenbei eine höchst romantische Waldecke, wo ich eine allerliebste stumpfnäsige, rotbäckige, hochgeschürzte Bauerndirne traf, die jedenfalls diese ganze Konfusion veranlaßt hat. Na, schadet nicht. Die Rechnung kann ja nicht immer rein aufgehen, wozu wären denn sonst die Brüche da, und das Grenwitzsche Majorat bleibt darum doch, was es ist: eine ausgezeichnet schöne Erfindung, besonders für den Spatzenkopf, den Malte. Ist der Junge wirklich so dumm, wie er aussieht?« »Durchaus nicht«, sagte Oswald, der mit einem Stiefelknecht und einer Botanisierkapsel, aus der ein Strumpf von blauem Garn schamhaft hervorlugte, das Sofa im Zimmer teilte. »Malte kann nicht bloß bis fünf, sondern sehr viel weiter zählen. Er hat zu manchem ein ganz entschiedenes Talent, besonders zum Rechnen, worin er Bruno, der sehr wenig Sinn dafür hat, weit vorausgeeilt ist.« »Ja, die Vorsehung ist wunderbar weise«, sagte Albert, in einem kleinen Näpfchen schwarze Tusche anreibend, »wem sie die Schildkrötensuppe des Reichtums zugedacht hat, beschert sie gleich den silbernen Löffel dazu, und wem sie den Schiffszwieback der Armut darreichte, versieht sie freundlichst mit hohlen Backenzähnen, damit er sich nicht lange über die trockene Kost zu ärgern braucht. Ich für mein Teil habe aus Versehen vortreffliche Zähne bekommen, und so mundet mir mein Zwieback ausgezeichnet, so ausgezeichnet, daß ich mich nicht einmal über die hohlköpfigen, dickbäuchigen, silberne Löffel führenden, Schildkrötensuppe essenden, verzogenen rechten Kinder der Stiefmutter Natur erbosen kann. Aber eines sollte mich doch freuen, und das wäre, wenn sich zu dem Kodizill im Testamente des vortrefflichen, im Delirium verstorbenen und jetzt in Abrahams Schoße seinen Rausch ausschlafenden Barons Harald ein Liebhaber fände.« »So kennen Sie auch die traurige Geschichte?« sagte Oswald. »Wer sollte die nicht kennen«, erwiderte Albert, sich eine Zigarre anzündend und sich auf die Lehne eines Stuhles setzend, so daß seine Füße auf dem Sessel standen. »Wird doch die Geschichte durch die testamentarisch vorgeschriebene Publikation zum fürchterlichsten Ärger der hochmütigen und ebenso geizigen wie hochmütigen Anna-Maria alljährlich in den Zeitungen aufgewärmt, obgleich ich glaube, daß es in den letzten Jahren gar reicht einmal mehr geschehen ist.« »Es wundert mich«, sagte Oswald, »daß ich von der Sache niemals hörte, bis ich hierher kam, und auch in den Blättern nie davon gelesen habe.« »Wer bekümmert sich denn um die Publikandas, Steckbriefe, und sonstigen heitern Bekanntmachungen, wenn man, wie wir, von denselben weder etwas zu fürchten noch zu hoffen hat! Ich wüßte wahrscheinlich von dem originellen Streich, den Vetter Lüderlich Cousine Gieremund gespielt hat, auch nicht mehr wie Sie, wenn mein Vater, den als Juristen die Sache interessierte, und der, glaube ich, irgendwie dabei beteiligt war – möglicherweise war er dem Vetter Lüderlich bei der Abfassung des Testamentes behilflich gewesen –, nicht manchmal davon gesprochen hätte. Übrigens war die Aufforderung in ziemlich vagen Ausdrücken abgefaßt und lief ungefähr darauf hinaus, daß die betreffende junge Dame oder ein von ihr bis zum Ende, ich erinnere mich nicht mehr, welchen Jahres, geborenes Kind, gleichviel ob masculini oder feminini generis, sich bei den unterzeichneten Testamentsexekutoren – natürlich unter Beibringung der nötigen Legitimationsurkunden – schleunigst melden möchte, da ihnen von dem zu seinen Vätern – die jedenfalls ebenso saubere Kunden waren wie der würdige Sohn – versammelten Baron Harald ein bedeutendes Legat vermacht sei. Worin dies Legat besteht, ist nicht gesagt. Ich aber weiß, und es wissen's auch noch viele, daß damit nichts weniger als zwei der schönsten Güter hier auf der Insel: Stantow und Bärwalde, die ich ganz genau kenne, da ich sie im vorigen Sommer vermessen habe, gemeint sind.« »Es müßte allerdings eine reizende Überraschung für unsere liebenswürdigen Freunde sein, wenn der im Testament vorgesehene Fall einträte«, sagte Oswald. »Na ob!« erwiderte Albert. »Leider ist dazu nur noch sehr wenig Aussicht, da das Legat nur fünfundzwanzig Jahre in suspenso bleibt und dann an die Familie zurückfällt. Von den fünfundzwanzig müssen aber mindestens zwei- oder gar schon dreiundzwanzig verflossen sein, denn ich bin jetzt sechsundzwanzig und erinnere mich, daß ich mich jedesmal ärgerte, nicht das testamentarische Alter zu haben.« »Warum?« »Um mich wenigstens in der reizenden Ungewißheit wiegen zu können, ob ich nicht am Ende doch der Ivanhoe wäre, der, aus seinem väterlichen Erbe vertrieben, unbekannt im Lande umherschwirrt, trotz seiner ritterlichen Abstammung mit Schweinehirten Freundschaft schließen und von alten schmutzigen Juden borgen muß, bis er endlich das Inkognito fallen lassen und die schöne Rowena als sein eheliches Gemahl heimführen kann, obgleich ich für mein Teil auf den letzten Punkt weniger Gewicht legen würde.« »Haben Sie Ihrem Herrn Vater, wenn Sie sich mit ihm von der mysteriösen Angelegenheit unterhielten, auch diesen für ihn so äußerst schmeichelhaften Wunsch mitgeteilt?« »Ich erinnere mich nicht; indessen, wenn ich es getan habe, so hat der Alte meine kindliche Regung wahrscheinlich sehr natürlich gefunden, denn er war ein sehr aufgeklärter Mann. Einen Vater muß doch nun einmal jeder Mensch haben, obgleich diese so äußerst weise Einrichtung der Natur auch manchmal, zum Beispiel, wenn man einen dummen Streich ausgeführt hat oder auszuführen gedenkt, ziemlich unbequem ist; und da sehe ich nicht ein, weshalb ich einem Vater, der mir zwei prachtvolle Güter hinterläßt, nicht einem andern, der mich in die Welt laufen läßt wie ein Krokodil sein Junges ins Wasser, das heißt, mit zwei Reihen ausgezeichneter Zähne und nichts zum Beißen dazu, nicht den Vorzug geben sollte, auch wenn der erstere in betreff gewisser, bei christlichen Nationen landesüblicher Gebräuche mehr orientalisch-mohammedanischen Ansichten huldigte.« »Das ist Geschmackssache«, sagte Oswald. »Gewiß«, erwiderte Albert, »obgleich ich überzeugt bin, daß von hundert Menschen, wenn ihnen die Alternative nicht bloß als Problem, sondern in greifbarer Wirklichkeit gestellt würde, sich neunundneunzig, versteht sich, mit obligatem schamhaftem Erröten, zu meiner Ansicht bekennen, oder sich auch noch immer zu Ihrer Ansicht bekennen, jedenfalls aber mit beiden Händen zugreifen würden. Verspürte doch selbst der große Goethe ähnliche Gelüste, obgleich er natürlich vermöge seiner Größe noch ein paar Zweige höher nach den goldenen Äpfeln schielte, und gern eines Kaisers Sohn gewesen wäre, während ich schon mit einem Papa Baron zufrieden bin.« »Der große Goethe war, als er diese Gelüste verspürte, eben noch nicht der große, sondern ein ganz kleiner Goethe und hatte wie andere Kinder kindische Einfälle.« »Na, ich weiß nicht, ob dem alten Geheimrat die beiden Güter nicht auch willkommen gewesen wären; denn in gewisser Hinsicht, zum Exempel darin, daß uns gebratene Äpfel besser schmecken als Pellkartoffeln, bleiben wir alle Kinder, und wenn wir Methusalems Alter erreichten. Indessen, dem sei, wie ihm wolle. Wenn Sie ein besonderes Gewicht darauf legen, Ihres Herrn Vaters Sohn zu sein, so wäre es unrecht von mir, Ihnen dies kindliche Vergnügen zu verleiden. – Wie wär's, Dottore, wenn wir unser philosophisches Gespräch als Peripatetiker im Freien fortsetzten? Der Himmel sieht freilich noch immer aus wie ein nasser Scheuerlappen, aber es hat doch wenigstens für den Augenblick aufgehört zu regnen, und ich meinesteils will lieber in die Sündflut hineinschwimmen als den ganzen Tag in dieser langweiligen Arche Noah sitzen, wo man sogar gegen alle Natur- und biblische Geschichte gezwungen ist, ohne das betreffende weibliche Exemplar der Spezies, die man selbst repräsentiert, leben zu müssen. Sie können doch schwimmen?« »O ja«, sagte Oswald lächelnd. »Nun, dann setzen Sie sich eine Mütze auf und kommen Sie; die Jungen sind jetzt unten beim Vesperbrot und werden ihren Mentor wohl auf eine Stunde entbehren können.« Die beiden neuen Freunde gingen die enge Treppe hinab, die dicht neben Oswalds Zimmer durch die gewaltige Mauer des unteren Stocks in den Garten führte. Es regnete nicht mehr, auch der Wind hatte aufgehört zu wehen, aber der ganze Himmel war mit schweren, trüben Wolken bedeckt, die mit jedem Augenblick tiefer zu sinken schienen. Aus den Kelchen der Blumen tropften die Regenperlen wie helle Tränen aus überströmenden Kinderaugen. Dann und wann ertönten leise klagende Vogellaute aus den breiten Kronen der Bäume, sonst tiefe Stille allüberall. Eine unaussprechliche Wehmut kam über Oswalds Herz. Das Leben erschien ihm wie ein dumpfer, beängstigender Traum, durch den geliebte Gestalten mit verhülltem Antlitz glitten. Er gedachte Melittas, aber wie einer Toten. Auch Albert war still geworden in dem stillen Garten. »Lassen Sie uns weitergehen«, sagte er, »es ist hier wie auf einem Friedhof.« Sie gingen aus dem alten verfallenen Tore über die Zugbrücke in den Wald, den Weg nach Berkow, denselben Weg zwischen den hohen ernsten Tannen, den Oswald an dem Abend seiner Ankunft auf Schloß Grenwitz dahergefahren kam und den er seitdem mit wie verschiedenen Empfindungen nun schon so oft zurückgelegt hatte. Jener Abend hatte eine Kluft in sein Leben gerissen, deren Tiefe er jetzt erst inneward. Seit jenem Abend war die weite Welt draußen hinter den stillen Wäldern für ihn versunken, und eine neue Welt war für ihn emporgeblüht, eine paradiesische Welt voll Liebe und Sonnenschein; und jetzt war es ihm, als versänke ihm auch diese Welt unter den Füßen, und die alte Welt draußen jenseits der stillen Wälder läge ihm weit, unerreichbar weit. Würde er je mit frischen, mutigen Sinnen in diese Welt zurückkehren? Nicht sich stets zurücksehnen nach der blauen Blume, die ihm hier nahe wie noch nie geblüht hatte, so nahe, daß ihm der Duft bis ins Herz gedrungen war? Was war aus den stolzen Ideen geworden, denen nachzudenken sonst die Freude seines Lebens gewesen, aus den kühnen Plänen, mit denen er sich schon jahrelang getragen? War alles nun dahin? Und dahin um eines Weibes willen, um der Liebe willen zu einer Frau, die nie die seine werden konnte? Nein und tausendmal nein! Er mußte sich losreißen aus dieser sinnverwirrenden Zauberwelt, und sollte es ihm das Herz zerreißen! Ihm! Was war an ihm gelegen! Er hatte ja kein ganzes Herz mehr zu verlieren! Aber sie – was sollte dann aus ihr werden? »Ich glaube, Ihre Melancholie steckt an, Dottore«, sagte Albert, als sie eine Zeitlang schweigend nebeneinander hergegangen waren, »wie kann sich nur ein so geistreicher Mann wie Sie von den Einflüssen der Witterung, oder was Ihnen sonst in den Gliedern steckt, so gänzlich beherrschen lassen! Ihr melancholischen Genies seid doch pudelnärrische Menschen. Immer heißt es bei euch: hie Welf! oder hie Waiblingen! Die aurea mediocritas des Horaz ist für euch umsonst gepredigt. Ihr wollt nicht darauf hören, weil euch der Stolz nicht erlaubt, jemals mittelmäßig zu sein, und doch müßtet ihr einsehen, daß wir mittelmäßigen Kinder der Natur uns zehntausendmal wohler in unserer Haut fühlen als ihr. Wahrhaftig, Dottore, Sie können sich porträtieren und unter die Familienbilder der Grenwitze oben im Saale hängen lassen; es findet Sie keiner als einen Fremden heraus. Die haben auch alle so verteufelt melancholische Gesichter. Mir deucht, man sieht es der Rasse an, daß jeder von ihnen so oder so zum Teufel gehen mußte, wie sie es denn auch, soviel ich weiß, bis jetzt ohne Ausnahme getan haben. Die Gesichter – ich habe sie heute nach Tische der Reihe nach durchgemustert – können alle als Titelkupfer zu grauslichen Räuber- und Rittergeschichten gestochen werden. Die Gesichter erzählen von tausend übertollen Streichen, von durchzechten Nächten und vor allem: von vielen, vielen schönen Weibern, die sich an ihnen den Tod küßten. Denn für die Weiber, wie ich sie kenne, müssen Kerle mit solchen Fratzen unwiderstehlich sein, vor allem, wenn die Kerle, wie in diesem Falle, reiche Barone sind. Besonders ist mir der Harald, dieser Rattenfänger von Hameln, aufgefallen. Er ist nicht so schön wie sein Vater Oskar, mit dem Sie nebenbei, wenn Sie so finster aussehen wie eben, ohne Schmeichelei eine merkwürdige Ähnlichkeit haben – aber er scheint mir mit seinen großen, verführerischen blauen Augen, seinen so feinen und doch so wollüstigen Lippen der wahre Typus dieser hochadeligen und hochgefährlichen Rasse.« »Sie tun mir wahrlich eine unverdiente Ehre an, wenn Sie mich so ohne weiteres mit dieser noblen Sippschaft zusammenstellen«, sagte Oswald. »Nein, Scherz beiseite«, erwiderte Albert, »Sie haben wirklich in Ihrer Physiognomie den verhängnisvollen Grenwitzer Zug; ich will Ihnen damit nicht etwas Angenehmes sagen, denn andere, ich für mein Teil zum Beispiel, ziehe es bei weitem vor, ihn nicht zu haben. Ja, ich gehe noch weiter. Ich wette meine Karten der Grenwitzer Güter gegen die Güter selbst, daß Sie, im erb- und eigentümlichen Besitz dieser Güter, dasselbe Leben führen würden, das den Grenwitzern bis auf die jetzt regierende Seitenlinie, die gänzlich aus der Art geschlagen ist, erb- und eigentümlich war.« »Sie verpflichten mich in der Tat durch die so überaus wohlwollende Meinung, die Sie zu meinen Fähigkeiten und Neigungen haben, zu dem lebhaftesten Dank.« »Ironisieren Sie, soviel Sie wollen; ich bleibe dabei, Sie würden es gerade so machen wie die tollen Barone, gegen die Sie eine so gründliche Antipathie zu haben vorgeben, vielleicht auch wirklich haben, etwa so wie eine Dogge, die an den Karren gespannt ist, eine Antipathie gegen die andere hat, die frei umherläuft.« »Aber was, ums Himmels willen, bringt Sie – was berechtigt Sie zu diesen wunderlichen Hypothesen?« »Meine tiefsinnigen und ebenso oberflächlichen wie tiefsinnigen Studien in der Physiognomie«, erwiderte Albert. »Ich war ein Adept dieser Wissenschaft von Kindesbeinen an, ja ihr Märtyrer, denn ich habe mir für den allzugroßen Eifer, mit dem ich ihr oblag, oft sehr derbe Prügel geholt, wenn ich in den Schulstunden, anstatt aufzupassen, die geistreichsten Karikaturen von den Spatzen-, Affen-, Schafs- und anderen Köpfen um mich her zeichnete; denn Ihnen brauche ich natürlich nicht zu sagen, daß man das Charakteristische eines Gesichts, einer Gestalt am schnellsten faßt, wenn man sie zu karikieren versucht. Aus Ihrem Gesicht nun, wenn ich das Charakteristische stark betone, wird das schwermütige, und das bei aller Schwermut so verführerisch-sinnliche Gottseibeiuns-Gesicht der Grenwitzer – Gottseibeiuns-Gesicht, nämlich aus der armen Seele oder für die arme Seele der Mägdelein gesprochen, die sich darin vergaffen. Ich will mich hängen lassen, wenn Sie nicht noch im Leben ein rasendes Glück bei den Weibern machen – und schon gemacht haben.« »Und wenn ich Ihnen nun das Gegenteil versicherte?« »So ist der Baron Harald kein Rattenfänger, sondern ein Nachtwächter gewesen, und nicht an seiner allzugroßen Neigung für junge schöne Weiber und guten alten Wein, sondern vom vielen Studieren gestorben; so hat die kleine Marguerite – die nebenbei ein bildhübsches und auch nicht allzusprödes Kind ist – gelogen, die mich gestern versicherte, sie hasse Sie, was doch auf deutsch soviel heißt als, sie sei sterblich in Sie verliebt, und so hat die Fama gelogen, die Ihren Namen mit dem einer anderen und allerdings zu höheren Ansprüchen als die kleine Marguerite berechtigten Dame in Verbindung bringt.« »Was meinen Sie?« fragte Oswald, der fühlte, daß ihm das Blut in die Schläfen schoß. »Nichts, mein Prinz, nichts!« erwiderte Albert lachend. »Muß man denn immer etwas meinen, wenn man etwas sagt? Ich wollte nur auf den Busch klopfen, ob die Vögel vielleicht herausflögen. Denn daß an Ihrer Melancholie nicht bloß das Wetter schuld ist, das zu sehen, braucht man nicht einmal wie ich eine Brille zu tragen und ein Physiognom trotz Lavater und Lichtenberg zu sein. Wenn unsereiner melancholisch ist, sind immer ein paar schwarze oder blaue Augen mit im Spiele. Die schwarzen Augen der kleinen Marguerite sind es aber nicht, denn ich habe selbst gesehen, mit welcher souveränen Gleichgültigkeit Sie das arme Ding behandeln, folglich sind es ein Paar andere Augen; und folglich, wenn es ein Paar andere Augen sind, müssen diese Augen doch irgendwem gehören; und wenn sie irgendwem gehören –« »Genug, genug!« sagte Oswald, trotz seiner bösen Laune über das lustige Geschwätz des wunderlichen Gesellen an seiner Seite lachend. »Sie werden mir noch nächstens beweisen, daß ich der Mann im Monde bin und vor Liebe zu einer schönen Prinzessin, die auf dem Sirius wohnt, mich kopfüber in den Weltraum hineinstürze.« »Warum nicht?« sagte Albert. »Ich bin Merlin der Weise. Ich kenne alle Raupen, die ein Mensch im Kopf haben kann; ich höre einen Bären, besonders wenn ich ihn selber angebunden habe, schon von weitem brummen, und prophezeie, daß, wenn wir nicht in fünf Minuten unter Dach und Fach kommen, wir so ausgewaschen werden, wie man es nur im Interesse seiner Reinlichkeit wünschen kann.« Die beiden befanden sich jetzt, nachdem sie aus dem Walde getreten waren, auf dem offenen Felde zwischen dem Walde und den Häuslerwohnungen von Grenwitz. Alberts Prophezeiung schien in Erfüllung gehen zu sollen. Die trüben, schweren Dunstmassen senkten sich tiefer und tiefer, daß es trotz der nicht allzu späten Stunde beinahe Nacht wurde; schon fielen einzelne große Tropfen. »Sauve qui peut«, rief Albert. »Wie wär's mit einem kleinen Dauerlauf, Dottore, bis zu jenem Häuschen?« »Nur zu!« sagte Oswald. »Na, das war noch gerade vor Torschluß«, sagte Albert, als sie unter dem vorspringenden Dache der Hütte angelangt waren, und schüttelte sich wie ein Pudel. »Meinem Rock hätte die Wäsche freilich nichts geschadet, aber ich bin hier doch lieber. Nein, wie das regnet! Wollen wir nicht in das Innere dieses Palazzo dringen, Dottore, oder glauben Sie, daß das alte Weib, das da zum Fensterchen hervorlugt, dieselbe Hexe ist, die dieses Hexenwetter gemacht hat?« »Guten Tag, Mutter Clausen!« sagte Oswald, der seine alte Freundin vom Kirchgang nach Faschwitz erkannte. »Schönen Dank, Junker!« sagte Mutter Clausen und nickte freundlich mit dem grauen Haupte. »Ich habe dich schon erwartet. Komm nur herein, und der andere auch, wenn er dein Freund ist.« »Na, was bedeutet denn das?« fragte Albert verwundert. »Folgen Sie mir nur«, erwiderte Oswald, »Sie sollen eine merkwürdige alte Frau kennenlernen.« Und sie traten, nicht ohne sich zu bücken, durch die niedrige Tür der Hütte. Einunddreißigstes Kapitel »Nur hier herein«, sagte Mutter Clausen, Oswald bei der Hand ergreifend und ihn von dem dunklen Flur in ein einfenstriges Stübchen ziehend, das der größeren Stube auf der andern Seite, in die Oswald mit dem Inspektor Wrampe den kranken Knecht an jenem Abend getragen hatte, gegenüberlag, während sie sich um Albert nicht weiter bekümmerte, als wüßte sie, daß dieser junge Mann das Talent hatte, seinen Weg auch im Dunkeln zu finden, »ich habe schon nach dir ausgeschaut, denn ich weiß von alters her, daß du nur zu gern in solchem Wetter umherläufst, das heiße junge Blut ein bißchen abzukühlen. Bist wohl wieder durchgeweicht, wie gewöhnlich? Nun, das geht ja heute noch. Da, setze dich in den großen Stuhl. Es hat niemand von euch darauf gesessen, seitdem Baron Oskar heute vor dreiundvierzig Jahren darin gestorben ist.« »Für abergläubische Gemüter keine besondere Empfehlung«, sagte Albert, auf einer großen hölzernen Lade im Hintergrunde des Stübchens Platz nehmend, während die alte Frau Oswald in den Lehnstuhl drängte und sich zu seinen Füßen auf einen niedrigen Schemel setzte, »indessen Ehre, wem Ehre gebührt. Sie nehmen sich auf dem einzigen Prunkmöbel in diesem sonst äußerst prunklosen Gemach ganz famos aus, Dottore, besonders bei dieser Rembrandtschen Beleuchtung und mit der alten Frau à la Murillo zu ihren Füßen: wie ein vertriebener König, der bei einer alten Fee im Walde Schutz sucht und findet, während sein getreuer Eckart im Hintergrunde sitzt und nickt. Ich glaube wirklich, das Laufen hat mich müde gemacht, und ich könnte ein paar Minuten schlafen. Wecken Sie mich, Dottore, wenn es aufgehört hat zu regnen –« und Albert streckte sich der Länge nach auf der Lade aus, legte die Hände unter den Kopf und schien trotz der für jeden andern wenigstens höchst unbequemen Lage nach wenigen Minuten allen Ernstes eingeschlafen zu sein, währenddessen nur das monotone Ticktack der alten Schwarzwälderuhr in der Ecke und das Rauschen des noch immer in Strömen herabfallenden Regens die lautlose Stille in dem kleinen Gemache unterbrachen. Mutter Clausen hatte ihr Strickzeug zur Hand genommen und strickte wieder wie neulich an einem winzigen Kinderstrümpfchen, emsig, emsig, emsig, daß die Nadeln klapperten. Nur von Zeit zu Zeit schaute sie zu Oswald empor und nickte ihm freundlich zu, als freute sie sich, daß er gar so bequem in dem alten, weichen Lehnstuhl säße, hier in der trocknen Stube, während es draußen so unbarmherzig regnete. »Nicht wahr, Junker, es sitzt sich gut in dem Stuhl?« sagte sie, für einen Augenblick das Strickzeug in den Schoß und die rechte Hand auf Oswalds Knie legend. »Die gnädige Frau hat ihn mir geschenkt, als der Baron gestorben war. Sie konnte den Anblick nicht ertragen, sagte sie, denn sie müsse dabei stets an den Augenblick denken, wo die Leute ihn hereintrugen, als er mit dem Wodan gestürzt war, und hier in diesen Stuhl setzten; und Harald kam herbeigelaufen und schrie, als er den Vater so bleich und entstellt sah, und sie selbst lief im Zimmer umher und rang die Hände, und ich stand neben dem Baron und wischte ihm den Todesschweiß von der Stirn. Ich hatte damals keine Zeit zum Weinen, ich wußte es wohl, daß ich hernach Zeit genug dazu haben würde.« »Und wie alt war Baron Harald, als sein Vater starb?« fragte Oswald. »Zehn Jahre«, antwortete Mutter Clausen, »und ihm wäre besser gewesen, er wäre an dem Tage gestorben – ihm und manchem andern.« Die Alte hatte das Strickzeug, das in ihrem Schoß müßig gelegen hatte, wieder zur Hand genommen und strickte emsiger wie zuvor, als müsse sie die verlorene Zeit einholen. »Ja, ja«, sagte sie, »es wäre besser gewesen. Damals war er ein bildhübscher, unschuldiger Junge mit Augen, blau wie Veilchen, und rosenroten Wangen; und als er starb –« Die Alte schwieg – die Nadeln klapperten, und der Regen klatschte gegen die Scheiben. »Nun«, sagte Oswald, »und als er starb –« »Da starb ein böser Mann, und es war ein böses, böses Sterben. Ich weiß es allein, denn ich war allein mit dem Unseligen, als der Tod ihn packte mit seiner eisernen Faust. Da rangen sie beide, der starke Harald und der starke Tod, und gräßlich genug war es anzusehen, so gräßlich, daß die andern davonliefen – aber ich wollte ihn nicht verlassen in seiner letzten Not, denn er war, böse wie er war, doch Oskars Sohn, und ich hatte ihn, als er ein unschuldig Kind war, auf meinen Armen getragen und auf meinen Knien gewiegt. So hielt ich aus und betete, während er sich und Gott verfluchte, bis der Tod ihm aufs Herz schlug, daß er laut aufschrie und auf sein Kissen zurückfiel. Da war es aus mit ihm, und seine arme Seele hatte Ruhe.« »Und hatte der Baron keinen Freund, der ihm in seiner letzten Stunde hätte beistehen können?« »Freunde genug, und es waren Männer dabei, die sich vor einem Sterbebette nicht fürchteten; aber vor Harald fürchteten sie sich; er hätte den erwürgt und zerrissen, der ihm in dieser Stunde vor die Augen getreten wäre. Ja, ich möchte, sie wären gekommen, einer nach dem andern; es verdiente jeder von ihnen, daß ihm der Hals wäre umgedreht worden.« »Und wer waren diese schlimmen Freunde?« »Zuerst Herr von Barnewitz, nicht der auf Süllitz, der noch lebt, der Vater von dem jungen Herrn von Barnewitz – das ist ein guter Mensch, dem keiner nichts Böses nachsagen kann –, sondern der auf Schmittow, der hernach all sein Geld an Herrn von Berkow verspielte und ihm dafür seine Tochter verkaufte.« »Melitta!« stöhnte Oswald, und seine Hände griff en krampfig nach den Lehnen des Stuhls. »Was hast du, Junker«, sagte die Alte. »Nichts, nichts«! murmelte Oswald, mit übernatürlicher Anstrengung das aus Abscheu, Mitleid, Haß und Rachedurst grauenhaft gemischte Gefühl niederkämpfend, das in seiner Brust aufkochte, als er der Geliebten heiliges Bild so in den Schmutz gemeiner Leidenschaften geschleift sah. – Melitta verkauft, von ihrem eigenen Vater einem Manne verkauft, den sie nicht liebte, dem sie sich nur vermählte, ihren Vater von der Schande zu retten – Oswald fühlte, daß dieser Gedanke ihn wahnsinnig machen würde, wenn er ihn bis zu Ende verfolgte; und zugleich fürchtete er, der scharfsinnige Albert, von dessen festem Schlaf er keineswegs überzeugt war, obgleich ein gelegentliches leichtes Schnarchen von der Lade her ertönte, könne seine Aufregung bemerken. So zwang er sich denn, sitzen zu bleiben und mit scheinbarer Ruhe zu fragen: »Gehörte Herr von Berkow auch zu den Freunden des Barons? War er damals nicht noch zu jung?« »Er war der jüngste«, sagte Mutter Clausen, »und auch der beste. Er tat, was er die andern tun sah, ohne weiter zu überlegen, ob es recht sei oder unrecht. Auch hatte er nicht die mächtige Natur der andern. Wo er eine Flasche trank, trank Harald drei, und dabei blieb Harald bei Besinnung und Berkow lag unter dem Tisch.« »War es ein hübscher Mann?« fragte Oswald. »Nicht so hübsch wie Harald und lange nicht so hübsch wie du, Junker. Er war kleiner und schwächlicher wie Ihr, und Harald hätte es mit sechs solchen Männern zugleich aufnehmen können. Aber es war auch weit und breit niemand so stark und so kühn wie Harald. Er konnte das wildeste Pferd im Lauf aufhalten und zahm und folgsam machen wie einen Hund, und in den Sattel sprang er, ohne den Bügel zu berühren. Sie erzählten sich Wunderdinge von seiner Riesenkraft, aber es war just so, wie sie sagten. Wenn er zornig war, und er war es nur zu oft, zerbrach er einen schweren eichenen Stuhl oder Tisch, als wären sie von Glas. Dann schwollen ihm die Adern auf der Stirn an wie Äste, und er preßte die weißen Zähne knarrend aneinander, daß es greulich anzusehen und anzuhören war; aber wenn er lachte und freundlich tat, da mußte man ihn doch wieder liebhaben. Da konnte er so schöntun und so gute Worte geben, daß kein Mensch glauben konnte, wie böse er war. Denn böse war er bei alledem; was ihm gefiel, das mußte er haben, es mochte kosten, was es wollte, und wenn alles darüber zugrunde ging.« »Waren Sie denn während dieser ganzen Zeit noch auf dem Schlosse?« »Warum nennst du mich Sie, Junker? Du hast es ja sonst nie getan – jawohl war ich auf dem Schlosse. Mein Mann war ja gestorben, und die Jungen und die Dirnen waren gestorben, und ich war ja die einzige, die nach dem Tode der gnädigen Frau Mutter noch ein bißchen auf Ordnung sah. Ich war nicht gern da, das weiß der Himmel, denn im Schlosse ging es zu wie zu Sodom und Gomorrha. Alle Tage die saubern Freunde, und oft noch ein halb Dutzend dazu und dann gespielt und gezecht bis an den hellen Morgen.« »Kamen denn nie Damen aufs Schloß?« »Nein, selbst die frechsten und übermütigsten fürchteten sich vor diesen wilden Männern. Und es waren die meisten von ihnen auch noch nicht verheiratet wie Herr von Berkow; oder ihre Frauen waren gestorben wie dem Herrn von Barnewitz seine Frau; so konnten sie denn ihr böses Leben ungestört führen. Freilich, an Weibern fehlte es nie auf dem Schlosse, aber sie blieben niemals lange, und es waren immer nur solche, an denen nichts zu verderben war, bis auf eine, bis auf eine –« »Und wer war diese eine?« »Die letzte – ein schöner, unschuldiger Engel, der auch die Teufel hätte bekehren können, aber Harald und seine Gesellen waren schlimmer als die Teufel.« »Wie hieß sie? Woher kam sie?« »Wir nannten sie nur Fräulein Marie, woher sie kam, habe ich nie erfahren, und ebensowenig, wohin sie ging.« »So hat sie sich das Leben nicht genommen, wie die Leute sagen?« »Nein, denn dazu war sie zu fromm und gut; sie hätte ihr Kreuz bis Golgatha getragen. Oh, sie war so jung und schön und so sanft und so lieb, wie meine alten Augen nie, weder vorher noch nachher, etwas gesehen haben. Wenn ich gewußt hätte, daß sie gemeint war, als Baron Harald über dem Weine mit Herrn von Barnewitz um, ich weiß nicht wieviel tausend Taler, wettete: das Mädchen sollte ihm freiwillig nach Grenwitz folgen und freiwillig auf dem Schlosse bleiben – ich hätte sie alle, wie sie da saßen, mit Gift vergeben wie schnöde Ratten.« »Und wie fing es der Baron Harald an, seine Wette zu gewinnen?« »Es ist eine lange Geschichte, Junker, und ich will sie dir erzählen. Ich sage dir, wenn alle Tropfen, die draußen fallen, Tränen wären, und alle um das arme Kind geweint würden – ich würde sagen, es sind eben nur genug.« »Als Harald mit Herrn von Barnewitz die schlimme Wette machte, war er vorher zwei oder drei Wochen mit ihm zusammen verreist gewesen, ich weiß nicht wohin, ich glaube in eine große Stadt, weit von hier, und da hatten sie, denke ich, das arme Kind gesehen. Bald darauf reiste er wieder fort, und diesmal blieb er zwei Monate aus. Endlich schrieb er, er komme zurück, aber nicht allein. Seine Tante Grenwitz komme mit; ich solle die Zimmer der verstorbenen gnädigen Frau auslüften und die Möbel gut ausklopfen lassen und alles zu ihrem Empfang herrichten. Nun wußte ich wohl, daß der Baron eine Großtante hatte, die Schwester seines Großvaters; aber sie mußte nach meiner Rechnung achtzig Jahre und drüber sein; sie war zu meinen Lebzeiten nie in Grenwitz gewesen, und hatte sich nie um Harald bekümmert, so wenig, wie er sich um sie. Deshalb war ich nicht wenig erstaunt über den sonderbaren Entschluß, noch in so hohen Jahren eine so weite Reise zu unternehmen, denn sie wohnte viele, viele Meilen von hier; aber ich tat; was mich der Baron geheißen hatte. Sie kamen auch an dem von ihm bestimmten Tage; ich empfing sie und wunderte mich, wie rüstig die alte Dame noch war; trotzdem sie an einem Stock ging und silbergraue Haare und Augenbrauen hatte. Harald war voller Respekt gegen sie; er führte sie an seinem Arm durch alle Zimmer des Schlosses und zeigte ihr alles ganz genau, besonders die Familienbilder im großen Saale, wo auch ihr eigenes hing, wie sie als achtzehnjähriges Mädchen gewesen war. Davor blieben sie stehen und wollten sich totlachen, und die Alte kriegte den Husten, und Harald klopfte sie derb auf den Rücken. Ich wußte nicht, weshalb sie so lachten – ich glaubte, weil aus dem schönen Mädchen ein so häßliches Weib geworden war, denn damals ahnte ich noch nichts von dem schändlichen Spiel. Am Morgen des nächsten Tages ließ der Baron wieder anspannen, und die Tante setzte sich zu ihm in den Wagen. ›Wir kommen heute abend wieder‹, sagte er, ›wenn es auch spät werden sollte. Wir bringen noch eine junge Dame mit, die Gesellschafterin bei Tante Grenwitz ist. Sie muß das Zimmer nebenan haben! Hörst du, Alte?‹ ›Aber Herr‹, sagte ich, ›in der roten Stube ist die Baronin gestorben, und es liegt und steht noch alles so darin wie an ihrem Todestage.‹ ›So laß alles ausräumen‹, sagte er, ›hörst du, alles, und schaffe es in ein anderes Zimmer und setze dafür andere Möbel hinein. Die junge Dame muß in Tante Grenwitzs Nähe schlafen.‹ ›Was sagst du, lieber Harald?‹ fragte die Tante, die auf dem einen Ohre taub war und auf dem andern auch nicht besonders hörte, so daß sie mich durchaus nicht verstehen konnte, so laut ich auch schrie. ›Nichts, nichts, liebe Tante!‹ sagte der Baron. ›Fort, Jochen!‹ Es war spät in der Nacht, als sie wiederkamen. Ich hatte alle Leute zu Bett gehen lassen mit Ausnahme des neuen Kammerdieners, den der Herr von seiner Reise mitgebracht hatte. Die junge Dame war mit im Wagen. Als sie auf den Flur traten und der Schein des Lichtes, das der Baptiste, so hieß der Mensch, in der Hand trug, auf das rosige Gesichtchen der jungen Dame fiel, verzog sich sein Gesicht zu einem recht widerlichen Lachen. Aber ich sah, daß Harald die Stirn runzelte und mit den Augen winkte, da war Baptiste gleich wieder ganz Ernst und Diensteifer. ›Führe die Damen auf ihre Zimmer, Alte‹, sagte Harald zu mir, und dann verbeugte er sich stattlich vor den Frauen und wünschte ihnen wohl zu schlafen. ›Wollen Sie mir Ihren Arm geben, liebe Marie?‹ sagte die Tante, als ich mit dem Licht vor ihnen her die Treppe hinaufging. ›Meine alten Glieder sind doch etwas müde von der heutigen Fahrt.‹ ›Wie soll ich Ihnen Ihre Güte danken, gnädige Frau!‹ sagte das Mädchen mit einer so weichen, süßen Stimme, daß ich mich unwillkürlich umsehen mußte. Die Alte und das Mädchen standen auf dem Absatz der Treppe. Der Schein von den Kerzen auf dem Armleuchter, den ich trug, fiel hell auf die beiden, und ich werde den Anblick nie vergessen, und sollte ich noch einmal achtzig Jahre verleben. So widerlich häßlich war mir die Tante noch nie erschienen, und so etwas Holdes und Schönes wie die junge Dame hatte ich im Leben noch nicht gesehen. ›Sie wissen es am besten, liebes Kind‹, sagte die Alte, und dabei zog sie eine Fratze, die sie womöglich noch häßlicher machte. ›Ich habe nur noch einen Wunsch auf Erden; es steht bei Ihnen, ob mir dieser Wunsch erfüllt werden soll oder nicht.‹ Das Mädchen antwortete nicht, aber die hellen Tränen traten ihr in die Augen, und dann beugte sie die schlanke hohe Gestalt nieder und küßte der alten Hexe die Hand. ›Nun, nun‹, sagte die, ›Sie sind ein gutes Kind, wir werden uns schon verstehen, und mein Harald, mein Augapfel, wird noch glücklich werden. Lassen Sie sich den Leuchter geben, liebe Marie; ich kenne das Schloß meiner Ahnen noch recht gut, obgleich ich es nun seit sechzig Jahren nicht gesehen habe. Gehe Sie zu Bett, liebe Clausen; ich bemühe die Leute nicht gern unnötigerweise.‹ Und das mußte man der Tante lassen; wir bekamen nur sehr selten ihre Klingel zu hören. Sie zog sich selbst an und aus; freilich brauchte sie mehrere Stunden dazu, aber keiner von uns durfte ihr die geringste Hilfe leisten; ja, seitdem eins der Mädchen einmal, während sie sich anzog, in ihre Stube gekommen war, schloß sie stets hinter sich ab. Sie hatte sonderbare Gewohnheiten, die alte Frau. So konnte sie des Abends nicht müde werden, und ich sah sie manchmal noch bis zum hellen Morgen in ihrem Zimmer umherwandern, dafür schlief sie aber bis in den Nachmittag hinein. Bei Tische hatte sie nie Appetit, aber auf ihrem Zimmer konnte sie desto mehr essen und trinken, manchmal zwei, drei Flaschen alten Wein an einem Tage. Aber was das merkwürdigste war, sie schien heute fünfzig und morgen achtzig Jahre alt zu sein; sie konnte in dieser Minute das leiseste Wort hören und in der nächsten war sie stocktaub; sie schleppte sich das eine Mal nur so an ihrem Stocke fort, und das andere Mal kam sie die Treppen schneller hinab als ich, obgleich ich damals erst sechzig Jahre und noch vollkommen rüstig war. Mir war es ganz unheimlich bei der alten Frau, und ich war froh, wenn ich ihr möglichst weit aus dem Wege gehen konnte.« »Und wie lebte Fräulein Marie unterdessen?« »Sie war fast immer in Haralds Gesellschaft. Ich sah sie des Morgens zusammen zwischen den taufrischen Beeten des Gartens umherschweifen, Arm in Arm, sie, die Augen verschämt niederschlagend, und Harald, eifrig und leise zu ihr sprechend. Ich sah sie des Nachmittags in den kühlen Zimmern, die nach dem Park hinaus liegen, sitzen, sie, mit einer Arbeit beschäftigt, die aber oft müßig in ihrem Schoß lag; ihn, aus einem Buche vorlesend, noch öfter aber den Arm auf die Lehne ihres Stuhles gestützt, während sie selig lächelnd zu ihm emporschaute, sie mit glühenden Blicken verschlingend und ihr von Zeit zu Zeit das seidenweiche braune Haar aus der Stirn streichend. Ich sah sie des Abends wieder draußen herumschweifen oder in den hellerleuchteten Zimmern, Arm in Arm, langsam auf und ab wandelnd, während Tante Grenwitz auf dem Sofa saß und las, oder doch tat, als ob sie läse. – Ach, es war eine köstliche Zeit für das arme Kind; und sie sah stets so glücklich und selig aus, daß es einem angst und bange wurde, wie das enden solle; und wenn sie mich traf, hatte sie stets ein freundliches Wort für mich: ›wie geht's, liebe Frau Clausen?‹ oder: ›Kann ich Ihnen nicht helfen, liebe Frau Clausen? Sie lassen es sich gar so sauer werden. Ich schäme mich, daß ich hier so müßig gehe.‹ Eines Nachmittags begegnete sie mir im Garten. Es war ein sonniger, heißer Tag; sie hatte ein weißes Kleid an, und ein Strohhut mit breitem Rande hing an ihrem schönen runden Arm. Der Baron war ausgeritten, seit langer Zeit zum ersten Male, die Tante war noch nicht aufgestanden. Ich hatte mir schon lange vorgenommen, wenn es die Gelegenheit erlaubte, ein Wort mit dem Mädchen zu sprechen und ihr die Augen zu öffnen. So faßte ich mir denn ein Herz, als sie mit einem: ›Guten Tag, Mutter Clausen, wie gehts?‹ an mir vorüber wollte, und sagte: ›Schönen Dank, Fräulein Marie; haben Sie einen Augenblick Zeit? Ich möchte gern ein paar Worte mit Ihnen sprechen!‹ – ›Recht gern‹, sagte sie, und als sie in mein Gesicht sah, das wohl recht ernst und traurig sein mochte, rief sie: ›Um Gottes willen, es ist doch kein Unglück passiert?‹ – ›Nein, Fräulein Marie‹, sagte ich, ›aber es könnte leicht eins passieren, wenn Sie sich nicht besser vorsehen; und das sollte mir herzlich leid tun, denn Sie sind so jung und sehen so gut und rein und unschuldig aus.‹ – ›Was meinen Sie?‹ sagte das arme Kind und wurde dunkelrot. – ›Kommen Sie hierher, Fräulein Marie‹, sagte ich und zog sie in einen Buchengang, wo wir vom Schlosse aus nicht gesehen werden konnten, ›ich will Ihnen alles sagen, was ich auf dem Herzen habe. Ich bin eine alte Frau und Sie sind ein junges Ding, das viel weiß, wie's in der Welt aussieht und wie es hier in Grenwitz zugeht.‹ Und nun schilderte ich ihr das Leben auf dem Schlosse, wie es bis zu ihrer Ankunft gewesen war, und welch ein wilder, wüster Mensch Harald sei, und daß er falsch und grausam sei wie ein Tiger. Sie hörte mir ruhig zu, mit glühenden Wangen und die langen dunkeln Wimpern nicht von den schönen blauen Augen aufschlagend, ohne mich nur einmal zu unterbrechen, dann sagte sie leise: ›Ich danke Ihnen, liebe Frau Clausen – aber was Sie mir da sagen, das weiß ich alles schon.‹ – Ich war wie vom Donner gerührt. ›Sie wissen das‹, rief ich, ›und haben der gnädigen Tante hierher folgen können? Sie wissen das und sind noch hier? Sie wissen das und fürchten sich nicht, mit dem Baron stundenlang, halbe Tage lang allein zu sein? Oh, Kind, Kind, was soll ich von Ihnen denken!‹ – ›Denken Sie nichts Schlechtes von mir, gute Frau‹, sagte sie, mir die Hand auf die Schulter legend. ›Und denken Sie auch nicht so schlecht vom Baron. Er wird nie wieder so wild und bös sein, wie er vormals gewesen ist.‹ – ›Woher wissen Sie das, Fräulein?‹ sagte ich. – ›Weil er es mir versprochen hat.‹ – ›Und glauben Sie, daß er dies Versprechen hält?‹ – Oh, gewiß.‹ – ›Warum?‹ – ›Weil er mich liebt.‹ – ›Oh, Kind, Kind‹, rief ich, ›um Gottes willen, es ist die höchste Zeit. Fliehen Sie oder Sie sind rettungslos verloren. Unglückliche, daß Sie seinen Schwüren glauben! Er schießt das Pferd tot, das ihm nicht länger gefällt, und er bricht den Schwur, der ihm lästig wird. Was er Ihnen geschworen hat, ist ein altes Lied; er pfeift es, wie ein Star sein Stückchen pfeift, ohne etwas dabei zu denken. Was er Ihnen schwur, hat er schon hundert andern geschworen, von denen freilich die meisten nicht viel besser waren als er selbst und sich einen Treubruch schon gefallen ließen, wenn er nur gut bezahlt wurde.‹ – ›Hören Sie auf‹, rief Fräulein Marie heftig, ›ich kann und darf Sie nicht länger anhören.‹ Und dann setzte sie lächelnd hinzu: ›Sie werden bald einsehen, gute Frau, wie bitter Unrecht Sie meinem Harald – wie sehr Sie dem Baron Unrecht getan haben.‹ – ›Ihrem Harald?‹ sagte ich. ›Armes Kind, er wird nie Ihr Harald. Der nimmt, was ihm der Zufall in den Weg führt, und weil Sie nun einmal zufällig hier sind‹ – ›Und wenn ich nicht zufällig hier wäre?‹ sagte sie, schelmisch lachend. ›Wenn ich nun nicht der alten Baronin, sondern die alte Baronin meinethalben hier wäre? Und wenn ich nun gar nicht wieder fortginge und gar hierbliebe.‹ – In diesem Augenblick kam Harald plötzlich in den Baumgang, in welchem wir redend auf und ab gingen. Er stutzte, als er mich mit dem Mädchen allein sah. – ›Fräulein Marie‹, sagte er, ›ich glaube, die Tante wünscht Sie zu sprechen.‹ Und als das Mädchen fort war, trat er an mich heran und sagte leise durch die weißen Zähne: ›Was hast du ihr gesagt, Alte?‹ – ›Daß du sie an der Nase führst, Harald‹, antwortete ich. – ›Ich werde dir dafür den Hals umdrehen‹, sagte er und die Zornesader auf seiner Stirne schwoll. – ›Immer noch besser, als wenn du dem armen Dinge das Herz brichst‹, sagte ich. – ›Höre, Alte‹, sagte er, ›und wenn ich es diesmal nun wirklich ehrlich meinte; wenn ich das wüste Leben, bei dem man ja doch früher oder später zum Teufel gehen muß, herzlich satt hätte; wenn ich nun das Mädchen heiratete, wie dann?‹ – ›Ist sie von Adel?‹ sagte ich. – Harald lachte: ›Eines Schneiders Tochter ist sie. Ich werde die Schere und das Bügeleisen in unser Wappen zeichnen müssen.‹ – ›Wenn sie nicht von Adel ist‹, sagte ich, ›wirst du sie nie heiraten, und es wäre auch nur eine Grausamkeit mehr. Das arme Geschöpf würde unter deinem Spott und dem Hohn deiner Freunde verbluten wie ein gehetzter Hirsch unter den Zähnen der Hunde. Schicke das Mädchen fort; ich beschwöre dich, Harald, heute lieber als morgen. Und die alte Baronin auch‹, setzte ich hinzu. – Er sah mich groß an, und dann lachte er und sagte: ›Du bist noch dümmer, als ich gedacht habe, Alte.‹ – Damit wandte er mir den Rücken und ging trällernd in das Schloß. Ich wußte nicht, was ich von dem allen denken sollte. Hatte Harald dem Mädchen die Ehe versprochen, glaubte sie allen Ernstes, daß er – von dem sie sagte, daß sie sein früheres Leben kenne – dies Versprechen halten würde? Sie schaute so klug und verständig aus ihren großen blauen Augen, wie konnte sie sich ein solches Märchen aufbinden lassen? Wie hatte es Harald angefangen, ihre Klugheit so ganz zu umnebeln? Was meinte das Mädchen damit, daß die Tante ihrethalben hier sei? Mir ging das Tag und Nacht im Kopf herum, daß ich fast krank darüber wurde. Ich hätte das arme, unschuldige Lamm so gern gerettet und dem Harald diese Sünde erspart – hatte er doch schon genug auf dem Gewissen! Aber ich wußte nicht, wie ich es anfangen sollte. Seit jener Unterredung im Garten wich Fräulein Marie mir überall aus, die Tante kam nur noch des Abends aus ihrem Zimmer und hatte trotz des heißen Wetters den Kopf stets dicht in Tücher eingewickelt. Harald hatte schon seit Tagen kein Wort mehr mit mir gesprochen. Er schien wirklich ein ganz anderer Mensch geworden zu sein. Er war, solange Fräulein Marie auf dem Schlosse war, nicht ein einziges Mal betrunken gewesen; hatte keinen der Leute geprügelt; kein Pferd zuschanden geritten, während doch sonst kein Tag hinging, wo er nicht diesen oder jenen verrückten Streich ausführte. Wenn er sonst bei der geringsten Veranlassung tobte und fluchte und sich wie ein Rasender gebärdete, so war er jetzt gegen alle mild und freundlich, nur nicht gegen mich, weil er wußte, daß er sich vor mir nicht verstecken konnte, die ihn von Kindesbeinen an kannte – und gegen den neuen Kammerdiener. Das war ein widerwärtiger Mensch, der beständig lächelte und immer hinter den Mädchen her war, die ihn alle nicht leiden konnten. Er hatte den ganzen Tag nichts zu tun, als mit den Händen in den Taschen umherzuschlendern und Grimassen zu schneiden. Für den Baron tat er gar nichts, im Gegenteil, seitdem Harald ihm einmal einen Fußtritt gegeben, daß er noch vierzehn Tage nachher hinkte, ging er ihm überall aus dem Wege. Kein Mensch konnte begreifen, weshalb ihn der Baron nicht wieder fortjagte. – Während dieser ganzen Zeit war keiner von den Herren, die sonst bei uns aus und ein gingen, zum Besuch auf dem Schlosse gewesen. Ich hatte immer gehofft, es sollten welche kommen, damit ich Gelegenheit bekäme, mit Fräulein Marie zu sprechen, der Harald jetzt gar nicht mehr von der Seite ging. Wenn sie vorher schön miteinander getan hatten, so war das jetzt noch viel schlimmer geworden. So wie sie sich unbeobachtet glaubten, lagen sie einander in den Armen, und das war ein Herzen und ein Küssen! – Du lieber Himmel, das ist unter Liebesleuten so der Brauch, und ich hatte es nicht besser gemacht, als ich ein so junges Ding war, und ich wußte am besten, wie die Grenwitzer Barone einem armen hübschen Mädchen schöntun und schmeicheln können; aber ich wußte auch, daß man jeden ihrer Küsse mit tausend Tränen bezahlen muß. – Und eines schönen Morgens, als ich Fräulein Marie wieder einmal begegnete und fragte: ›Wie geht's, Fräulein Marie? Gut geschlafen?‹ da wurde sie purpurrot und konnte vor Verlegenheit kein Wort hervorbringen und stand da und zitterte wie ein Espenblatt. Und als ich das sah, wußte ich auch, was geschehen war, und da wurde mir das Herz so zentnerschwer, daß ich mich auf eine Bank setzte und weinte. Als das Fräulein Marie sah, fing sie auch an zu weinen und setzte sich zu mir, schlang ihren Arm um meinen Hals und sagte schluchzend: ›Weinen Sie nicht, gute Mutter Clausen! Es wird noch alles gut werden!‹ – ›Das gebe Gott, Kind‹, sagte ich, ›aber ich glaube es nicht.‹ – ›Aber‹, sagte sie, ›Sie sehen ja selbst, wie gut und freundlich der Baron jetzt ist, und er ist doch nur so, weil er mich liebt, und wenn er mich nicht heiraten wollte, warum hätte er dann die Tante mitgebracht? Und wenn die Tante nichts dagegen hat, die so stolz und hoffärtig ist, wie Harald sagt, da können ja die andern Verwandten doch auch nicht nein sagen!‹ – ›So sind Sie nicht Gesellschafterin bei der alten Baronin?‹ fragte ich verwundert. – ›Nein‹, sagte sie, ›ich habe sie hier zum erstenmal gesehen.‹ – ›Aber um's Himmels willen, Kind‹, rief ich, ›wie kommen Sie denn hierher, wenn Sie nicht mit der Baronin gekommen sind?‹ – Die Kleine weinte noch stärker als zuvor. ›Ich darf es Ihnen nicht sagen‹, rief sie, ›ich habe dem Baron versprochen, gegen jedermann zu schweigen, bis wir uns öffentlich –‹ sie schwieg, als hätte sie schon zuviel gesagt. ›Ich darf nicht sprechen‹, wiederholte sie, ›aber glauben Sie mir, ich bin kein so schlechtes Mädchen, wie Sie denken.‹ – Damit küßte sie mich auf die Stirn und eilte von mir fort ins Schloß. Seit diesem Tage sah ich Fräulein Marie oft mit verweinten Augen; und wohl mochte sie Ursache zum Weinen haben, das arme Kind. Harald tat, was ich schon längst gefürchtet hatte: Er fing sein altes Leben wieder an; freilich nur allmählich. Die Freunde kamen noch immer nicht aufs Schloß, aber er selbst ritt aus und blieb halbe und manchmal ganze Tage lang fort. Wenn er wiederkam, war er oft in seiner bösen Weinlaune, in der er die Diener mit Fußtritten und Stockschlägen traktierte und die armen unschuldigen Möbel zerschlug. Doch war es noch immer golden im Vergleich mit sonst, und er war auch noch immer zärtlich gegen Fräulein Marie, besonders wenn er sah, daß seine wütende Heftigkeit sie bis zum Tode erschreckt hatte. Mit der Tante verkehrte er beinahe gar nicht mehr, seitdem sie sich des Abends, wenn Fräulein Marie zu Bett gegangen war, ein paarmal im Salon gezankt hatten, daß wir es draußen hörten. Ich glaubte, die Alte setze ihm den Kopf zurecht, und da schickte ich ihr gern so viel Braten und Wein auf ihr Zimmer, wie sie haben wollte, obgleich es unglaublich war, was sie verzehren konnte. Da geschah es, daß, als ich einmal in der Nacht, nachdem alle zu Bett waren, die Runde durchs Haus machte, wie ich es immer tat, um zu sehen, ob die Lichter überall ausgelöscht waren, mir auf einmal auf dem Korridor, der von dem Turm aus in das alte Schloß führt, wo die Damen logierten, ein heller Schein entgegenleuchtete. In dem ersten Schrecken und ohne noch zu wissen, ob die Gefahr groß oder klein war, schrie ich Feuer! Feuer! so laut ich konnte. Zugleich lief ich in dem Korridor entlang nach der Stelle zu, wo es brannte. Auf einmal war Harald an meiner Seite. Ich wußte nur zu gut, aus welcher Tür er gekommen war, obgleich ich ihn nicht hatte kommen sehen. – ›Still, Alte‹, rief er, ›du siehst ja, es brennt nur die Gardine vor dem Fenster.‹ Und damit fing er an, die brennenden Fetzen herabzureißen und mit den Füßen auszutreten. Plötzlich öffnete sich die Tür, die zu dem Zimmer der Baronin führte und die dem brennenden Fenster gerade gegenüberlag, und heraus stürzte die alte Hexe mit einen, großen Bündel unter dem Arm, und der Kammerdiener mit einem noch größeren Bündel auf der Schulter, kam hinterher. Sie hätten uns beinahe umgerannt, aber Harald packte den Kammerdiener und schleuderte ihn so gewaltig zurück, daß der Mensch samt seinem Paket zu Boden stürzte. ›Steckt ihr wieder einmal beieinander, Lumpenpack?‹ herrschte er die Alte an, die, als sie den Baron so wütend sah, am ganzen Leibe zitternd stehengeblieben war. ›Schert euch in die Stube zurück oder ich will euch auf den Marsch bringen.‹ Auf einmal fing er laut zu lachen an, denn er sah, und ich bemerkte es auch erst jetzt, daß die Alte in der Eile vergessen hatte, sich die Perücke aufzusetzen, und ihr eigenes rotes Haar in nicht allzu kurzen Zöpfen aus der schmutzigen Haube herabhing. Den Stock hatte sie natürlich auch stehenlassen, und sah überhaupt so verändert aus, daß ich meinen Augen kaum traute. – ›Scher dich zum Teufel, alte Hexe‹, rief Harald, noch immer aus vollem Halse lachend, ›und laß dich erst wieder anstreichen, sonst sieht man doch gar zu deutlich, woher du stammst.‹ Die Alte murmelte etwas, das ich nicht verstand, und ging in das Zimmer zurück; der Kammerdiener hatte sich unterdessen wieder aufgerafft und war die kleine Treppe, die von dem Korridor in den Garten führte, hinab davongeschlichen. – ›Geh zu Bett, Alte‹, sagte der Baron zu mir, ›und denke, du hast dies alles geträumt, oder denke auch, was du willst, mir gilt es gleich. Die Komödie kann ja doch nicht ewig dauern.‹ Und die Komödie war denn nun auch vorbei. Am nächsten Morgen waren die Alte und der Kammerdiener verschwunden, und niemand von uns hat je wieder etwas von ihnen gesehen oder gehört; keiner jemals erfahren, woher sie kamen. Nur das eine war sicher, daß die Alte so wenig des Barons Tante gewesen war wie ich seine Mutter. Die Leute lachten, und der Baron lachte, trotzdem die beiden an Silberzeug und Kostbarkeiten mitgenommen hatten, was sie forttragen konnten, aber ich lachte nicht, und da war noch eine andere, die auch nicht lachte. Das arme herzige Kind! Sie wollte es zuerst gar nicht glauben, daß der Baron sie so schändlich habe betrügen können. Sie ging mit weiten, starren, tränenlosen Augen umher, und wenn sie mir begegnete, sah sie mich an, so angstvoll, so kummervoll, daß es mir ins Herz schnitt. Ach, ich konnte ihr ja nicht helfen; ich konnte nur mit ihr weinen, und das tat ich denn redlich, als das arme Kind sich von ihrem ersten Entsetzen erholt und wieder Tränen gefunden hatte. Wir waren jetzt oft beisammen, denn seit jener Nacht kümmerte sich Harald nicht mehr viel um Fräulein Marie. Er ritt alle Tage aus, und nun kamen auch die Herren wieder aufs Schloß wie sonst, und das alte Leben fing wieder an. Ob Harald seine Gewissensbisse zum Schweigen bringen, ob er die verlorene Zeit nachholen wollte; er war jetzt wilder und unbändiger, als ich ihn je gesehen hatte, und die Leute gingen ihm aus dem Wege, wo sie konnten. Eines Abends, als die Herren wieder einmal zu Besuch auf dem Schlosse waren – es war gegen sieben und sie hatten seit drei Uhr bei Tische gesessen – Fräulein Marie war bei mir auf dem Zimmer, wo sie jetzt die meiste Zeit zubrachte –, kam Harald plötzlich zur Tür herein. Ich sah auf den ersten Blick, daß er betrunken war. Sein Gesicht glühte und seine Augen funkelten wie die einer wilden Katze. Als er Marie erblickte, die im Fenster gesessen hatte und bei seinem Eintritt voller Schrecken aufgesprungen war, lachte er und sagte: ›Treffe ich dich hier? Ich habe das ganze Schloß nach dir durchgesucht. Komm, Schatz, ich will dich den Herren vorstellen; einen davon kennst du schon – du mußt aber hübsch artig und freundlich sein, hörst du?‹ Marie war bei diesen Worten bleich wie der Tod geworden und zitterte an allen Gliedern; ich sah, wie sie die Lippen bewegte, um etwas zu erwidern, aber sie brachte keinen Laut hervor. Ich konnte es nicht länger mit ansehen. ›Schämst du dich nicht, Harald‹, sagte ich, ›das arme, unschuldige Lamm so zu quälen. Pfui, Harald – daß du schlecht warst, habe ich immer gewußt, aber für so schlecht hätte ich dich nicht gehalten!‹ – Er sprang mit einem Satze auf mich zu und packte mich mit seinen Eisenhänden an der Kehle. – ›Sprich noch ein Wort‹, knirschte er zwischen den Zähnen, ›und ich breche dir das Genick, verdammte Hexe!‹ – Ich wußte, daß er seine Drohung ausführen könnte, aber ich fürchtete mich nicht vor dem Tode. – ›Tu, was du willst‹, sagte ich ruhig, ›aber so lange ich noch einen Atemzug habe, will ich es dir ins Gesicht sagen, du bist ein Elender.‹ – Ich sah ihm fest ins Auge; ich sah, wie der Zorn immer wütender in ihm aufkochte und fühlte, daß seine Finger sich wie eiserne Klammern um meine Kehle schlossen. Ich glaubte meine letzte Stunde gekommen. – Da stand Marie plötzlich neben uns, sie legte ihre Hand auf Haralds Arm und sagte ganz leise: ›Laß sie los, Harald; ich will mit dir gehen.‹ – Weiter sagte sie nichts, aber es war genug, selbst ein so wildes Herz wie Haralds zu rühren. Er ließ die Arme sinken und starrte Marie an, als ob er aus einem schweren Traum erwachte. Plötzlich fiel er vor ihr auf die Knie, verbarg sein glühendes Gesicht in den Falten ihres Kleides und schluchzte: ›Vergib mir, Marie; vergib mir!‹ Dann sprang er auf, und als er sah, daß sie durch Tränen ihn anlächelte, hob er sie in seinen Armen empor wie ein Kind, trug sie in der Stube auf und ab und herzte und küßte sie. Endlich setzte er sie hier in den Lehnstuhl, auf dem du jetzt sitzt, und kniete vor ihr nieder, ihre Hände und ihre Kleider küssend, und wandte sich zu mir und rief: ›Geh, Alte, und sage dem Karl, er solle die Pferde satteln lassen. Ich sei krank geworden oder was sie wollen, aber ich könnte sie heute nicht mehr sehen und morgen auch nicht. Ist es so gut, lieb Herz? Nicht wahr, ich bin nicht so schlecht, wie die Alte sagt?‹ – Ich ging vor Freude laut weinend aus der Stube und dachte, es kann doch vielleicht noch alles gut werden. Aber das wurde es nicht. Schon nach wenigen Tagen war alles wieder beim alten. Ähnliche Szenen kamen noch manchmal vor, aber Haralds gute Vorsätze hielten immer nur wenige Tage stand, und wir mußten jede Spottrede der Herren mit bitteren Tränen bezahlen. Ich sage: wir, denn ich hatte die süße Dirne so lieb, als ob sie mein eigen Kind gewesen wäre. Und jetzt hatte die Ärmste Trost und Liebe nötiger als je. Sie wußte schon seit Monaten, daß sie die Frucht ihrer Liebe zu Harald unter dem Herzen trüge, und das Schicksal dieses Kindes, ihres und seines Kindes, bekümmerte sie tausendmal mehr als ihr eigenes. – ›Was aus mir werden soll‹, sagte sie, ›was ist mir daran gelegen? Ich stürbe lieber heute als morgen; aber meines Kindes halber muß ich leben und will ich leben. Und ich will auch gar nicht mehr weinen und klagen; es hilft ja doch zu nichts, und Harald sagt ja, daß ihm nichts so verhaßt sei als verweinte Augen.‹ – Ich fragte sie, ob sie keine Eltern, keine Verwandte, keine Freunde hätte, zu denen sie ihre Zuflucht nehmen könnte. – Sie schüttelte traurig den Kopf: ›Ich habe niemand auf der weiten Welt, niemand als Sie, liebe Mutter Clausen, und noch einen, der alles für mich tun würde, wenn er wüßte, wo ich wäre; aber er weiß es nicht und soll es auch nie erfahren.‹ – Über ihr früheres Leben sprach sie nie. ›Ich habe dem Baron versprochen, darüber zu schweigen, bis er sich öffentlich mit mir verlobe; und‹, setzte sie wehmütig lächelnd hinzu, ›da sehen Sie selbst, daß ich wohl ewig werde schweigen müssen.‹ Sie kam fast nicht mehr von meiner Seite, und was Harald betrifft, so schien er in der letzten Zeit ganz vergessen zu haben, daß Marie noch auf dem Schlosse war. Nur manchmal, wenn ich mit ihm allein war, erkundigte er sich in kurzen, abgerissenen Fragen nach ihr, aus denen ich sah, daß er über ihren Zustand vollkommen unterrichtet war. So standen die Sachen. Der Sommer war zu Ende; der Herbst kam mit Sturm und Regen, und die dürren Blätter wehten von den Bäumen. Es war an einem Nachmittage, Harald war ein paar Tage verreist gewesen; ich war mit Marie im Garten und suchte ihr Trost zuzusprechen, da sie heute ganz besonders traurig war. Da schaute plötzlich ein Schacherjude über das Staket und schrie, als er uns erblickte, in den Garten hinein: ›Nichts zu handeln? Nichts zu handeln?‹ Ich rief ihn. Er kam. Es war ein alter, schmutziger, schlottriger Mensch, mit einem weißen Bart und einer Brille von blauen Gläsern über den Augen. Er kramte seine Waren aus, und weil die Sachen hübscher waren, wie sie diese Leute sonst wohl führen, so kauften Marie und ich ihm Verschiedenes ab. Er forderte einen mäßigen Preis, aber es war doch mehr, als wir bei uns hatten, und so ging ich ins Schloß. das übrige zu holen. Zufällig konnte ich den Schlüssel zu meiner Kommode nicht gleich finden, und als ich ihn gefunden hatte, fiel mir ein, daß ich in der Küche notwendig etwas besorgen mußte. So verging wohl eine halbe Stunde, bis ich wieder in den Garten kam. Ich traf Marie allein. ›Wo ist der Jude?‹ sagte ich. – ›Er will morgen wiederkommen‹, antwortete sie. – ›Was haben Sie, Kind?‹ sagte ich, denn ich sah, daß sie rotgeweinte Augen hatte und ganz verstört aussah. – Da fiel sie mir um den Hals und weinte, aber so sehr ich sie auch bat, mir zu sagen, was vorgefallen sei, ich konnte nichts aus ihr herausbringen. Der Jude kam am nächsten Tage nicht, aber Baron Harald kam. Er brachte ein paar Herren mit. Sie waren auf der Jagd gewesen und tüchtig müde geworden. So gingen sie heute früher zu Bett, nachdem sie ein paar Flaschen Wein getrunken hatten. Ich mochte wohl schon ein paar Stunden im Bett gelegen haben, ohne einschlafen zu können, denn es regnete und stürmte in dieser Nacht gar heftig, und die Laden klappten und die Jagdhunde heulten. – Da hörte ich einen leisen Schritt auf dem Gange vor meiner Stube, eine Hand suchte nach dem Drücker der Tür, und als ich mich erschreckt im Bett emporrichtete, ging die Tür auf; es trat jemand herein und kam auf mein Bett zu. – ›Wer ist da?‹ rief ich. – ›Ich bin's, Mutter Clausen‹, sagte eine leise Stimme. Es war Marie. – ›Sind Sie krank geworden, Kind?‹ sagte ich. – ›Nein‹, sagte sie, sich zu mir aufs Bett setzend, ›ich wollte nur Abschied nehmen und Ihnen für all die Liebe sind Güte danken, die Sie an mir getan haben.‹ – Ich glaubte, sie wollte sich das Leben nehmen, und sagte voller Entsetzen: ›Um Gottes willen, Kind, was hast du vor?‹ – ›Fürchten Sie nichts, Mutter Clausen‹, sagte sie, und dabei umarmte und küßte sie mich unter vielen heißen Tränen; ›ich will fort, aber nur fort von hier. Ich habe es schon längst gewollt und jetzt ist die Stunde gekommen.‹ – ›Warum jetzt?‹ sagte ich. ›Wo willst du hin mitten in der Nacht? Und noch dazu in solcher Nacht! Hörst du nicht, wie Wind und Regen mit den Hunden um die Wette heulen? Und du kennst weder Weg noch Steg – du rennst ja gerade ins Verderben, und wenn du nicht an dich denkst, so denke wenigstens an das Kind, das du unter dem Herzen trägst.‹ – ›An das eben denke ich‹, sagte sie. ›Es soll nicht hier, wo seine Mutter so grenzenlos elend gewesen ist, das Licht erblicken. Es soll nie erfahren, wer sein Vater war. Leben Sie wohl, liebe Mutter! Möge der allgütige Gott Sie behüten! Und fürchten Sie nichts für mich! Ich gehe nicht allein; es ist jemand bei mir, der mich beschützen und über mich wachen wird und der sein Leben für mich lassen würde.‹ – ›Weißt du das auch gewiß, Kind?‹ sagte ich. ›Ich dächte, du hättest jetzt gelernt, was den Männern ihre Schwüre wert sind. Wer ist es?‹ – ›Ich darf es nicht sagen‹, antwortete sie, ›und jetzt muß ich fort, es ist die höchste Zeit.‹ – Sie hatte sich von dem Bett erhoben. ›Warte‹, sagte ich, ›ich will dir wenigstens das Geleit aus dem Schlosse geben.‹ Sie bat mich inständig zu bleiben; aber ich kehrte mich nicht daran. Schnell hatte ich ein paar Kleider übergeworfen; ich war fest entschlossen, sie nicht eher fortzulassen, bis ich mich überzeugt hatte, daß sie wußte, was sie tat. Ich fürchtete noch immer, sie wolle sich das Leben nehmen. Als sie sah, daß ich von meinem Vorsatz nicht abzubringen war, half sie mir, mich vollends ankleiden und sagte: ›So kommen Sie, Mutter Clausen; er sieht dann doch, daß ich auch hier nicht ganz verlassen gewesen.‹ Wir gingen, uns an den Händen haltend, auf den Zehen durch die Korridore, dann die Treppe hinab, die aus dem alten Schlosse in den Garten führt. Es hatte aufgehört zu regnen, und der Mond schien auf Augenblicke durch die schwarzen, treibenden Wolken. Ich hatte noch immer Mariens Hand in der meinigen; sie eilte, mich mit sich ziehend, durch die wohlbekannten Wege. Als wir vor einer Bank vorüberkamen in einem der dichteren Baumgänge, wo ich sie oft mit Harald hatte sitzen sehen, blieb sie einen Augenblick stehen, und ich fühlte, wie ihre Hand zuckte. Aber sogleich raffte sie sich wieder auf: ›Nein, nein‹, murmelte sie, ›er hat recht; Harald hat mich nie geliebt, und darum darf ich auch nicht länger bleiben.‹ Wir gingen aus dem Garten in den Hof, aus dem Hof durch das große Tor in den Wald hinein, die Straße nach Berkow. Als wir ein paar hundert Schritte gegangen waren, kam uns ein Mann entgegen. ›Er ist es‹, sagte Marie, ›Sie müssen mich jetzt verlassen, Mutter Clausen; ich habe ihm versprochen, allein zu kommen und keinem zu sagen, daß ich fortgehe.‹ – ›Du hättest das nicht versprechen sollen, Kind‹, sagte ich, ›ich glaube, ich habe das Recht zu wissen, wo du bleibst.‹ – Unterdessen war der Mann herangekommen. ›Bist du's, Marie?‹ sagte er. ›Warum kommst du nicht allein?‹ – ›Weil ich sie nicht losgelassen habe‹, sagte ich, ›und sie auch nicht loslassen will, bis ich weiß, wo sie bleibt.‹ – ›In Gottes Hut und unter dem Schutz eines Freundes‹, sagte der Mann. Das klang so treu und gut, daß all meine Angst und Sorge in einem Augenblick verschwunden war. Der Mond trat aus den Wolken hervor, und ich konnte den Mann, der jetzt neben uns herging, etwas deutlicher sehen. Er war klein und nicht mehr jung; und hatte eine Brille auf der Habichtsnase, wie der Jude von gestern morgen. Er hatte einen langen Überrock an, und als der Wind denselben auseinander wehte, sah ich beim Schein des Mondes den Lauf einer Pistole blinken, die in einem Gürtel steckte, den er um den Leib geschnallt trug. Einige Schritte weiter hielt eine mit zwei Pferden bespannte Kutsche. ›Es ist die höchste Zeit‹, sagte der Mann auf dem Bocke. Er sprach plattdeutsch, und mir war, als ob ich die Stimme kannte. ›Schnell, schnell‹, sagte der kleine Mann mit der Brille und drängte Marie nach dem herabgelassenen Wagentritt. ›Adieu, adieu‹, schluchzte Marie, mich noch einmal umarmend, und als ihr Kopf für einen Augenblick auf meiner Schulter lag, flüsterte sie mir ins Ohr: ›Sagen Sie ihm, daß ich ihm alles, alles vergeben habe!‹ ›Schnell, schnell, Marie‹, rief der Mann und stampfte ungeduldig mit dem Fuß. Er hing ihr einen weiten Mantel um und half ihr in den Wagen; dann wandte er sich zu mir: ›Wenn Sie das unglückliche Mädchen wirklich so lieb haben‹, sagte er, ›schweigen Sie zweimal vierundzwanzig Stunden. Ich bin freilich auf alles gefaßt, aber ich möchte um Mariens willen gern, daß es ohne diese hier abginge.‹ Er schlug mit der Hand an die Pistole. – ›Verlassen Sie sich auf mich‹, sagte ich, ›und ich will mich auf Sie verlassen.‹ – ›Tun Sie das‹, sagte er, ›es sind ja nicht alle Menschen Schurken!‹ Er sprang in den Wagen und schlug die Tür zu. Die Pferde zogen im Galopp an, und schon nach wenigen Minuten hörte ich nur noch das Sausen des Windes in den Tannen. Ich ging langsam in das Schloß zurück und gelangte auf mein Zimmer, ohne von jemand gesehen zu werden. Ich schloß hinter mir ab; dann warf ich mich auf mein Bett und weinte, als ob mir ein liebes Kind gestorben wäre; und doch war ich glücklich und dankte Gott, daß er sich des armen Kindes erbarmt und sie aus dieser Hölle erlöst hatte. Als ich am andern Morgen erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Es war ein heller, kühler Morgen, und Harald ging mit seinen Gästen auf die Jagd. Ich war froh darüber; so konnte ihm doch Mariens Flucht bis zum Abend wenigstens verschwiegen werden. Den Leuten freilich mußte ich schon gegen Mittag sagen, daß Fräulein Marie nirgends zu finden sei und ob sie sie nicht gesehen hätten? Die waren nicht wenig erschrocken, denn da war keiner, der das sanfte, schöne Mädchen nicht gern gehabt hätte. Sie durchsuchten das Haus, die umliegende Gegend, den Wald bis zum Strande und selbst den Wallgraben, denn daß sich die Ärmste das Leben genommen habe, darüber waren sie alle einig. Spät am Abend kam Harald zurück. Er war allein. Als er in das Haus trat, sah er auf den ersten Blick an den verstörten Gesichtern der Leute, daß etwas vorgefallen sein müsse. Sein böses Gewissen sagte ihm gleich, was. ›Ist sie tot?‹ fragte er und wurde weiß wie Kalk. ›Wir wissen es nicht, Herr‹, sagte der alte Jochen, ›wir haben den ganzen Tag gesucht, aber haben sie noch nicht gefunden.‹ Er ging, ohne ein Wort zu erwidern, an den Leuten vorbei nach seinem Zimmer. Als er in der Tür war, drehte er sich um, und winkte mir, ihm zu folgen. Er schritt in dem Gemach auf und ab, endlich blieb er vor mir stehen und sagte mit dumpfer Stimme: ›Hat dir Marie je gesagt, sie wolle sich das Leben nehmen?‹ – ›Nein‹, sagte ich. ›War sie in der letzten Zeit besonders traurig?‹ – ›Ja.‹ Wieder ging er im Zimmer hin und her, mit ungleichmäßigen Schritten und unverständliche Worte durch die Zähne murmelnd. Dann blieb er abermals vor mir stehen. ›Und wenn sie sich das Leben genommen hätte, so wäre ich ihr Mörder‹, murmelte er. – ›Wer sonst?‹ antwortete ich. Er zuckte zusammen, als ob ihm ein Messer in die Brust gestoßen wäre. ›Es kann nicht sein‹, sagte er mit bleichen Lippen, ›es wäre zu gräßlich.‹ Ich wußte, welche Qualen er in diesem Augenblicke ausstand, aber ich wußte auch, daß der stolze Mann sie doch noch lieber dem Tod als einem andern gönnte, und überdies hatte ich zu schweigen versprochen. So blieb ich still und wartete ab, was er beginnen würde. Er hieß mich klingeln und die Leute hereinrufen. Sie kamen. ›Wer von euch zu müde ist, mag zu Bette gehen‹, sagte er, ›wer noch weiter mit mir suchen will, soll dafür haben, was er verlangt.‹ Es meldeten sich alle, nicht des Lohnes wegen, sondern weil doch keiner vor Angst und Aufregung hätte schlafen können. Er ließ so viel Lichter anzünden, als nur aufzutreiben waren, und nun fing das Suchen von neuem an, unten in den Kellern, durch alle Zimmer, Trepp auf, Trepp ab, auf den Böden, bis hinauf auf den Turm – Harald immer voran, jeden Winkel durchspähend, überall die Augen habend, mit fester Stimme Befehle erteilend, unermüdlich, bis der Morgen kam. Nun mußten sich die Frauen zu Bett legen, aber von den Männern nahm er, was sich noch auf den Beinen halten konnte. Mit denen durchsuchte er jedes Gebüsch im Garten, und den Wallgraben von der Zugbrücke an bis wieder zur Zugbrücke. Es regnete an dem Tage, was nur vom Himmel wollte, und die Leute fielen beinahe um vor Müdigkeit, aber Harald gab ihnen – wohl zum ersten Male in seinem Leben – gute Worte und bat und beschwor sie, nicht nachzulassen und versprach ihnen Geld, soviel sie wollten. So hielten sie bis gegen Mittag aus; da konnten sie nicht mehr. Nun nahm Harald die anderen, die sich ausgeruht hatten, und mit denen ging er auf das Moor von Faschwitz und in den Wald nach Berkow und bis an den Strand. Gegen Abend kamen sie wieder, triefend von Regen und dem Moorwasser, worin sie stundenlang herumgewatet hatten. Die Männer waren so müde, daß sie im Gehen schliefen, aber Haralds Kraft war noch nicht gebrochen. Er hieß mich ein paar Flaschen Wein holen, und während er sie hinuntergoß, sagte er zu mir: ›Höre, Alte, ich glaube nicht, daß sie sich ertränkt hat. Es wäre zu gräßlich, ich müßte verrückt werden über dem Gedanken. So grausam hat sie sich nicht an mir rächen können; dazu war sie viel zu gut und hatte mich viel zu lieb. Hat sie nie gesagt, sie wolle mich verlassen? Hat sie nie von einem Manne gesprochen, der allezeit bereit sei, sie bei sich aufzunehmen?‹ Ich dachte, daß ich Harald einen Funken Hoffnung lassen müsse, und sagte, ja, Marie hätte öfter und besonders in der letzten Zeit so geredet. ›Siehst du?‹ sagte er und stieß das Glas, aus dem er getrunken hatte, auf den Tisch, daß es zerbrach. ›Jetzt kommt die Meute endlich auf die Spur. Nun wollen wir eine richtige Hetzjagd machen.‹ Er riß an der Klingel, daß ihm der Griff in der Hand blieb. ›Anspannen lassen‹, schrie er dem alten Jochen, der eintrat, entgegen, ›sofort!‹ Ich bat ihn, ein paar Stunden wenigstens zu schlafen, denn ich sah, daß seine Augen im Fieber glühten und seine Glieder flogen. ›Pah‹, sagte er, ›schlafen? Ich habe mehr zu tun, als zu schlafen. Ich weiß nicht, wie lange ich fortbleibe, Alte; aber ich komme entweder mit ihr zurück oder – wird's bald?‹ schrie er auf den Flur hinaus. ›Ich will euch Beine machen, ihr verdammten Halunken!‹ So fuhr er ab, ohne auch nur die Kleider gewechselt zu haben. Er blieb vier Wochen fort; keiner wußte, wo er geblieben war. Eines Abends spät kam er wieder. Die erste Frage, die er an mich richtete, war: ›Hast du Nachricht von ihr?‹ – Er sah so bleich und verfallen aus, daß ich ihn kaum wiedererkannte. Seine Augen waren tief in den Kopf gesunken und hatten das alte Feuer verloren und blitzten dann wieder manchmal auf wie glühende Kohlen. ›Ich habe sie nicht gefunden‹, sagte er, als wir beide in seinem Zimmer allein waren, ›gib mir Wein, Alte; ich muß das höllische Feuer, das in mir brennt, ersäufen!‹ Mich jammerte des unglücklichen Mannes, denn jetzt erst fühlte ich, wie sehr ich ihn liebte. Ich sagte ihm alles, was ich von der Flucht Mariens wußte. Gegen mein Erwarten blieb er ruhig: ›Es kommt auf eins heraus‹, sagte er, ›ob sie gestorben ist oder nicht; für mich ist sie doch tot; sie konnte nicht anders, als mich verlassen; sie war zu stolz, um sich wie einen Hund behandeln zu lassen. Ich habe sie behandelt wie einen Hund, schlimmer wie einen Hund, ich Elender!‹ Er schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn; dann warf er sich in einen Lehnsessel, legte den Kopf in die Hände und schluchzte: ›Und doch habe ich sie geliebt! Und doch liebe ich sie! Oh, mein Gott, mein Gott!‹ Es war schrecklich, den wilden Harald weinen zu sehen. Ich hob seinen Kopf in die Höhe, er legte ihn an meine Brust und weinte, wie er oft als Knabe in meinen Armen geweint hatte. Ich bat ihn, sich zu beruhigen, ich sagte ihm, daß Mariens letzte Worte gewesen seien: Ich vergebe ihm alles. ›Und wenn sie mir auch vergeben hat, ich werde mir nie vergeben‹, rief er. ›Geh zu Bett, Alte. Wir wollen morgen weiter darüber sprechen.‹ Aber als der alte Jochen am nächsten Morgen zu ihm kam, lag Harald in hitzigem Fieber. Das währte neun Tage, neun fürchterliche Tage und Nächte. Da war es aus mit Harald von Grenwitz.« Die alte Frau schwieg; strich den Strumpf, an dem sie gestrickt hatte, über den Knien glatt, legte ihn zusammen und sagte: »So, Junker, nun mach, daß du nach Hause kommst. Ich muß nach den Kindern sehen, die drüben auf dem Jochen seinem Bette schlafen. Es hat eben aufgehört zu regnen, aber es wird bald stärker anfangen. Deshalb halte dich nicht auf unterwegs. Adjies.« »Kommen Sie«, sagte Oswald zu Albert, der sich soeben gähnend und sich reckend, von seinem harten Lager erhoben hatte. »Es ist die höchste Zeit, wenn wir noch zum Abendessen auf dem Schlosse sein wollen. Adieu, Mutter Clausen.« »Adjies, adjies, Junker!« sagte die Alte, schon in der Tür. Als die beiden jungen Männer auf der schmutzigen Dorfgasse standen, deutete Albert mit dem Daumen über die Schulter nach dem Häuschen, das sie soeben verlassen, und sagte: »Schnurrige alte Dame das! War die Geschichte nicht famos, Dottore?« »Haben Sie denn nicht geschlafen?« »Nicht die Spur. Ich wollte anfänglich, aber ihr ließet einen ja nicht dazu kommen und hernach, als die Geschichte von Baron Harald anfing, war so an Schlafen nicht mehr zu denken. Aber ich blieb ruhig liegen, und schnarchte von Zeit zu Zeit, um die Alte sicher zu machen, die die Geschichte jedenfalls nur ihrem ›Junker‹ erzählen wollte. Weshalb nennt die alte Dame Sie Junker, Dottore, und du?« »Ich weiß es nicht«, sagte Oswald. »Oder wollen es nicht wissen«, erwiderte Albert, »na, schadet nicht. Man darf auch nicht alles wissen wollen. Warum wollte Baron Harald wissen, wo das hübsche Ding, die Marie, geblieben war? Ohne diese überflüssige Neugierde könnte er noch heute seinen Burgunder trinken. Merkwürdig, daß ein so vernünftiger Mann solche verrückte romantische Grillen im Kopf haben konnte! Können Sie das begreifen, Dottore?« »So ziemlich«, sagte Oswald, »aber sprechen wir von etwas anderem.« »Wie Sie wollen, Teuerster. Was halten Sie zum Beispiel von der Unsterblichkeit!« Zweiunddreißigstes Kapitel Am nächsten Tage hatte sich der Himmel wieder aufgeklärt. Die Morgensonne war in dichten Nebel verhüllt gewesen, aber einige Stunden später zerriß sie den grauen Schleier und goß ihr goldenes Licht verschwenderisch auf die regengetränkte Erde. In dem Schloßgarten war es so paradiesisch frisch und duftig wie am ersten Schöpfungstage. Die Blumen hoben die Köpfe wieder, und wenn noch hier und da Tropfen an den bunten Kelchen hingen, so glichen sie jetzt in dem funkelnden Sonnenschein hellen Freudentränen; die Vögel jubilierten in den dichten Laubkronen der Bäume, und das kleine Gewürm, das so ruhig in den Ritzen, unter den Blättern, unter den Steinen auf Sonnenschein gewartet hatte, regte sich wieder in seiner ganzen geschäftigen Emsigkeit. Und um die grauen Mauern des Schlosses, die jetzt im rosigen Licht gebadet waren, schossen eilige Schwalben, und auf den Dächern, in den Dachrinnen, in den Stuckornamenten setzten die zanksüchtigen Spatzen die ununterbrochenen Streitigkeiten wieder fort. In dem großen Saal, wo an den Wänden die Porträts der Grenwitzer Barone und Baronessen hingen in langer Reihe von dem halb fabelhaften Sven von Grenwitz bis hinab auf die Bilder der Großtante Grenwitz, »wie sie als achtzehnjähriges Mädchen gewesen war«, und Oskars, »der mit dem Wodan stürzte«, und Haralds, »dem es besser gewesen wäre, er hätte sich am Sarge seines Vaters totgeweint« – tanzten die Staubatome, die aus den alten Prunkmöbeln mit den verblichenen Damastüberzügen aufstiegen in den schrägen Lichtsäulen, die durch die drei hohen Bogenfenster fielen. Unten im Wohnzimmer nahmen der Baron und die Baronin ein frugales Frühstück ein. Sie sahen reisefertig aus, und Anna-Maria hatte sogar schon einen Hut mit weit vorspringenden Flügeln, wie sie in den zwanziger Jahren Mode gewesen waren, auf dem Kopfe. Denn der große Reisewagen hielt schon vor der Tür. Die vier schwerfälligen Braunen wedelten sich bedächtig mit den langen Schweifen die Fliegen ab, und der schweigsame Kutscher klatschte regelmäßig alle fünf Minuten mit der Peitsche, aus purer Gewohnheit und nicht etwa, um die Reiselustigen zur Eile zu ermahnen, was dem seiner Herrschaft schuldigen Respekt ebensosehr widersprochen hätte wie seinem phlegmatischen Naturell. »Ich wußte es ja schon vorher«, sagte die Baronin, ihrem Gemahl ein Glas halb voll Moselwein schenkend – »trink das, lieber Grenwitz, es wird dich zu der langen Fahrt stärken – ich wußte es ja vorher. Er schlägt unsere freundschaftliche Einladung aus, weil er sich nicht ganz wohlfühle! Lächerlich!« »Er sieht wirklich, seitdem wir in Barnewitz waren, recht angegriffen aus, liebe Anna-Maria«, sagte der alte Baron, »und dann ist es auch wohl nicht ganz in der Ordnung, daß wir ihn auffordern, mitzufahren, in dem Augenblicke, wo der Wagen schon vor der Türe steht. Wir hätten das auch wohl früher tun müssen.« »Ich begreife dich nicht, lieber Grenwitz«, sagte die Baronin, »du tust doch gerade, als ob Herr Stein unsersgleichen wäre! Da ist es gar kein Wunder, wenn der junge Mann sich vor Hochmut nicht zu lassen weiß. Zu einer Fahrt in die Nachbarschaft ihn eine Woche vorher auffordern! Das fehlte noch! Haben wir doch selbst über die Helgoländer Reise noch nicht einmal mit ihm gesprochen!« »Ich hätte es längst getan, wenn du nur einen bestimmten Entschluß hinsichtlich seiner fassen könntest«, sagte der alte Herr, sich hinter dem Ohr krauend. »Ich habe jetzt meinen Entschluß gefaßt«, sagte die Baronin gereizt, »in diesem Augenblick gefaßt. Wenn er uns nicht einmal auf einer dreitägigen Fahrt in die Nachbarschaft begleiten will; wenn es ihm zu umständlich ist, bei unsern Bekannten, die ihm alle mit der größten Herablassung entgegengekommen sind, mit uns einen Abschiedsbesuch zu machen, so zeigt er ja deutlich, daß er gar nicht Abschied zu nehmen gedenkt, und so mag er denn bleiben, wo er will.« »Aber liebe Anna-Maria«, sagte der Baron, »das ist doch am Ende nicht ganz dasselbe, und dann, wo soll er unterdessen bleiben? Und wie sollen wir mit den beiden Knaben allein fertig werden?« »Ich sage dir ja, lieber Grenwitz«, entgegnete die Baronin, »es ist mir ganz gleich, wo er bleibt, ganz gleich. Er geht ja im allgemeinen so gern seine eigenen Wege, so mag er es auch in diesem Fall. Er kann eine Fußreise durch die Insel machen oder seinen Freund Oldenburg besuchen oder schlimmstenfalls hierbleiben, obgleich sein Hierbleiben allerdings Umstände machen würde. Uns ist er auf der Reise, die so schon kostspielig genug ist, eine ganz überflüssige Last. Er wird sich wie gewöhnlich nur um Bruno bekümmern und die Sorge um Malte gütigst uns überlassen. Bleibt er hier, so muß Bruno schon notgedrungen sich mehr an Malte anschließen, und da es sich während dieser Zeit doch nur um die Aufsicht der Knaben handelt, so übergebe ich die unserm Johann ebensogern und lieber noch als Herrn Stein. Ja, wir können auf der Rückreise, wenn wir Helene noch bei uns haben, nicht einmal alle in einem Wagen fortkommen. Nein, nein! Er bleibt hier; ich bin jetzt mit mir darüber ganz im reinen – vollkommen im reinen.« »Ich weiß nicht –« sagte der alte Herr verdrießlich. »Aber ich weiß es«, sagte die Baronin aufstehend, »das pflegte dir ja sonst genug zu sein, lieber Grenwitz. Komm, es ist die höchste Zeit, daß wir aufbrechen, wenn wir zu Mittag noch beim Grafen Grieben sein wollen. Da kommt Malte. Bist du auch warm angezogen, lieber Junge? Wo steckt denn der Bruno?« »Oben beim Doktor. Er will nicht mit, wenn der Doktor zu Hause bleibt.« »Siehst du, lieber Grenwitz, da haben wir's, eine vortreffliche Erziehung, in der Tat! Sogleich gehe hinauf, Malte! Bruno soll sich sofort fertig machen, hörst du: sofort!« »Ich werde mich wohl hüten«, erwiderte Malte, »das magst du ihm selber sagen.« »Das werde ich«, sagte die Baronin und zog die Schelle. »Ich lasse Herrn Doktor Stein bitten«, sagte sie zu dem eintretenden Bedienten, »auf einen Augenblick zu mir zu kommen.« Der Bediente verschwand, die Baronin ging mit schnellen Schritten in dem Gemache auf und ab. »Nur um Himmels willen keine Szene, liebe Anna-Maria«, sagte der alte Herr, der ebenfalls aufgestanden war, ängstlich. Die Baronin antwortete nicht, denn in diesem Augenblick öffnete sich die Tür, und herein traten Oswald und Bruno, Bruno mit düsterem, trotzigem Gesicht und die Spuren eben geweinter Tränen in dem dunklen Auge, aber vollkommen reisefertig, den mit Wachsleinen überzogenen Strohhut in der Hand. »Sie befehlen, gnädige Frau?« sagte Oswald, sich vor der Baronin verbeugend. Die Baronin war durch diese unerwartete Lösung der schwierigen Frage ein wenig aus der Fassung gebracht. »Ich hörte, Bruno weigere sich, uns zu begleiten«, sagte sie, »und da wollte ich –« »Verzeihen Sie, gnädige Frau«, unterbrach sie Oswald, »von einer Weigerung Brunos, einem ausdrücklichen Wunsche Ihrerseits nachzukommen, kann wohl selbstverständlich nicht die Rede sein. Bruno hätte mir gern Gesellschaft geleistet, das ist alles. Es bedurfte natürlich nur eines Wortes, ihn daran zu erinnern, daß er meinethalben nicht die Rücksichten aus den Augen setzen dürfe, die er gegen Sie und den Herrn Baron zu nehmen hat.« »Nun, das dachte ich mir doch gleich«, sagte die Baronin, die im Innern sehr froh war, der »Szene« mit Oswald, vor dem sie, ohne es sich selbst gestehen zu wollen, eine sie demütigende, aber unüberwindliche Scheu empfand, überhoben zu sein. »Es wird ihn nicht gereuen, sich unseren Wünschen akkommodiert zu haben. Das Wetter ist herrlich, und wir werden, denke ich, recht vergnügt sein. Wie schade ist es, lieber Herr Doktor, daß Sie nicht von der Partie sein können! Nun, wir hoffen, Sie bei unserer Rückkehr, die in zwei bis drei Tagen erfolgen wird, wieder in vollem Wohlsein zu treffen. – Ah, Mademoiselle! Ist alles bereit? Dann laß uns aufbrechen, lieber Grenwitz. Adieu, lieber Herr Doktor! Adieu, Mademoiselle, n'oubliez pas! Ah, Herr Timm! Wahrhaftig, ich hätte Sie beinahe vergessen –« »Ebenso schmeichelhaft wie natürlich«, sagte Herr Timm, der mit der Reißfeder hinter dem Ohr und etwas stark derangierter Toilette soeben erschienen war, um sich den Herrschaften zu empfehlen, und jetzt der Baronin in den Wagen half. »Bon voyage! Grüßen Sie den alten Grafen Grieben bestens von mir! Famoser alter Herr, der einen kapitalen Rheinwein führt. All right! Hott, Brauner –« und Herr Timm versetzte dem ihm zunächst befindlichen Pferde einen derben Schlag mit der flachen Hand, und warf dann den Insassen des Wagens, der sich jetzt in Bewegung setzte, eine Kußhand zu. »Gott sei Dank«, sagte er, als die Kutsche vor dem Tor verschwunden war, und rieb sich vergnügt die Hände. »Nun sind wir doch einmal unter uns Mädchen! Was fangen wir nun vor Entzücken an? Qu'en dites vous, Monsieur le Docteur? Qu'en dites vous, Mademoiselle?« »Ich habe ein paar Briefe zu schreiben und werde mich deshalb auf mein Zimmer begeben«, sagte Oswald in das Haus gehend. »So wollen wir eine französische Lektion im Garten nehmen, kleine Marguerite«, sagte Herr Timm, den Arm der jungen Dame ohne Umstände in den seinen legend. »Ich nicht 'abe den Zeit!« sagte die hübsche Französin und versuchte ihren Arm loszumachen. »Dummes Zeug!« sagte Albert. »Wenn du nicht jetzt hast den Zeit, wo die alte Vogelscheuche fort ist, wann wollen Sie denn Zeit haben? Kommen Sie! Venez! Komm du kleiner Zieraffe! Wir haben schon so schöne Fortschritte gemacht in der Konjugation von aimer: J'aime, tu aimes – nous aimons –« Und Albert zog die sich nicht allzusehr sträubende Marguerite in den Garten, und wer sich für dies romantische Paar interessierte, konnte es bis zum Mittag daselbst Arm in Arm umherschweifen sehen und die Beobachtung machen, daß es den verschiedenen Bosketts und den dichteren Baumgängen entschieden den Vorzug vor den offenen Plätzen gab, was bei der großen Hitze des Tages am Ende auch ganz natürlich war. Es war am Nachmittage, und Oswald saß wieder an seinem Schreibtisch, den er nur, um mit Albert und Marguerite ein kurzes und von seiner Seite sehr schweigsames Mittagsmahl einzunehmen, verlassen hatte, als ihm ein Billett gebracht wurde. Oswald war, seitdem er auf Grenwitz lebte, so wenig gewohnt, dergleichen zu empfangen, daß er den Bedienten, der es ihm einhändigte, ganz erstaunt fragte: »Von wem?« »Von Baron Oldenburg«, erwiderte dieser, »des Barons Wagen hält vor der Tür.« Oswald erbrach das Billett und las: »Lieber Freund! Wenn Sie die lernbegierige Brut loswerden können und sonst nichts Besseres zu tun haben, wollen Sie nicht einem einsamen Hypochonder auf ein paar Stunden Gesellschaft leisten und sich bei dieser Gelegenheit überzeugen, wie gut unserm Heideblümchen die Versetzung in das fremde Erdreich bekommt! Mein Kutscher ist der Überbringer dieses. Er hat den Auftrag, mit Ihnen oder auf Ihnen zurückzukommen. Also – wählen Sie! Ihr Oldenburg.« Oswald schwankte, was er tun sollte. Mit dem Sonnenschein war die Sehnsucht nach Melitta mächtig in seinem Herzen erwacht. Er konnte es nicht begreifen, daß er drei volle Tage hatte vorübergehen lassen, ohne auch nur einen Versuch zu machen, sie zu sehen. Und dennoch, trotzdem er wußte, daß die Wolke, die sich in dem Ballsaal zwischen sie und ihn gelagert hatte, längst verschwunden war, trotzdem er ihr sein Unrecht tausend und tausendmal im Herzen abgebeten hatte, scheute er sich, den ersten Schritt zur Versöhnung zu tun. Er nahm einen Briefbogen, um dem Baron zu schreiben, daß er seiner Einladung nicht Folge leisten könne, und schon im nächsten Augenblick hatte er seinen Hut ergriffen und eilte hinab. Derselbe elegante Holsteiner, in welchem er von dem Baron von Barnewitz zurückgekommen war, hielt mit den zwei feurigen Rappen bespannt vor dem Portale. Der Kutscher, ein hübscher Mann mit einem ungeheuren Bart, lächelte ihm, in Erinnerung des neulich erhaltenen schweren Trinkgeldes, freundlich zu. Als er einstieg, rief Albert über die Gartenmauer: »Können Sie mich nicht mitnehmen, Monsieur le docteur?« »Nicht wohl!« sagte Oswald. »Nun, dann fahren Sie allein«, rief Albert, »zum Teufel«, setzte er hinzu, als der Wagen davonrollte. »Du hast recht, Marguerite«, sagte er zu der kleinen Französin, die jetzt aus dem Gebüsch, in dem sie sich vor Oswald versteckt hatte, hervorkam, »der Doktor ist wirklich ein fat, wie du sagst, und ich werde nächstens auch anfangen, ihn zu 'assen.« Unterdessen rollte der Wagen durch das kleinere Tor dem Waldweg zu, der um den Wall herum in den Buchenwald führte, der sich von hier bis an den Strand zog, und den man passieren mußte, wenn man von Grenwitz nach Cona, dem Stammgut der Oldenburger, wollte. Es war eine köstliche Fahrt in den hohen, kühlen Buchenhallen, wo durch die dichten grünen Baumkronen der blaue Himmel leuchtete und links, wenn zwischen den mächtigen Stämmen das Unterholz weniger üppig wucherte, von Zeit zu Zeit das blaue Meer herüberblitzte, im Anfang selten und nur auf Augenblicke, dann, je näher sie dem Saum des Waldes kamen, öfter und länger, bis es plötzlich bei dem Ausgang des Waldes dalag, blau und unermeßlich, blitzend im prächtigen Sonnenschein. Der Weg führte auf der Höhe des Ufers hin, manchmal sich so dem Rande nähernd, daß man das Branden der Wogen zwischen den großen Steinen des Strandes deutlich vernahm, dann wieder auf weitere Entfernungen zurückweichend. Rechts streifte das Auge über ungeheure Kornbreiten, die den Rücken des Plateaus bedeckten. Die langen kräftigen Halme bogen sich unter der Last der Ähren, und wehten hinüber und herüber vor dem lauen Wind, der von dem Meere über sie dahinfuhr. Hier und da flatterte eine Lerche, deren Nest allzudicht am Wege war, empor und stieg singend in den blauen Himmel. Dann senkte sich der Weg in ein muldenförmiges Tal, durch das ein ziemlich bedeutender Bach, der Abfluß des Faschwitzer Moores, dem Meere zueilte. An dem Bach entlang und bis hart ans Meer lag ein Dorf, das von Fischern bewohnt wurde, die dem Baron Grenwitz zinspflichtig waren. Der Wagen mußte das Dorf passieren, das mit seinen kleinen sauberen Häuschen und den kleinen mit Muscheln eingefaßten Gärtchen vor den Türen einen freundlichen Eindruck machte. Vor der Tür eines der größeren Häuser, das sich durch ein Schild, auf welchem ein Schiff mit vollen Segeln durch grasgrüne schaumgekrönte Wogen fuhr, als Wirtshaus ankündigte, hielt ein Reiter auf einem wundervollen braunen Vollblutpferde. Er trug einen langen Überrock, und Oswald konnte das Gesicht nicht sehen, da der Reiter sich eben niederbeugte, ein Glas Branntwein entgegenzunehmen, das eine blauäugiger blonde Schifferdirne mit einem allerliebsten Stumpfnäschen ihm präsentierte. »Das Pferd ist unter Brüdern seine zweihundert Louisdor wert«, sagte der Kutscher, welcher ein Kenner war. »Wer ist der Herr?« fragte Oswald. »Weiß nicht, ich konnte sein Gesicht nicht sehen.« Hinter dem Fischerdorfe stieg der Weg ziemlich schnell zu einer bedeutenderen Höhe, als von der er auf jener Seite herabgesunken war. Auch nahm die Landschaft hier einen anderen Charakter an. Das Terrain war weniger eben; statt des gelben nickenden Kornes bedeckte braunes Heidekraut den Boden, der hier und da auf große Strecken eine mit kleinen und großen Steinen und graugrünem, kurzem Grase bedeckte Wüste war. Auch die Luft schien weniger warm, und man hörte, da sich der Weg näher am Rande des hohen steilen Ufers hinzog, deutlicher das Brausen des Meeres. Ein Seeadler zog oben in der hellen Luft seine Kreise, einigemal schwebte sein schwarzer Schatten über den sonnenbeschienenen, steinigen Weg. »Ist es noch weit bis Cona?« fragte Oswald. »Der Hof liegt dort hinaus«, sagte der Kutscher, mit dem Peitschenstiel rechts über die Heide deutend. »Sie können ihn von hier aus nicht sehen. Ich fahre den Herrn Doktor nach dem Schweizerhäuschen.« »Und wo liegt das?« »Gerade vor uns in den Tannen.« Ein Waldweg von hohen Tannen krönte den höchsten Punkt des Ufers, zu dem jetzt der Weg, der immer steiler und steiniger wurde, ziemlich rasch hinaufführte. Als Oswald sich im Wagen umwandte, um die zurückgelegte Strecke zu überschauen, erblickte er in einiger Entfernung den Reiter, der vorhin vor dem Wirtshause gehalten hatte. Er ritt mit derselben Geschwindigkeit, in welcher der Wagen fuhr, und als dieser zufällig hielt, weil eine Schnalle an dem Riemzeug aufgegangen war, hielt er ebenfalls sein Pferd an, so lange, bis das Fuhrwerk sich wieder in Bewegung setzte. Oswald, dem dies Benehmen aufgefallen war, bat den Kutscher, nach einigen Minuten abermals zu halten. Er wandte sich um; der Reiter hielt ebenfalls. Er ließ das Manöver noch ein paarmal wiederholen, stets mit demselben Erfolg. »Das ist doch sonderbar«, sagte Oswald. »Ja«, sagte der Kutscher, »ich weiß auch nicht, was das zu bedeuten hat.« In diesem Augenblick verließ der Reiter den Weg und trabte quer über die Heide nach der Richtung fort, in der, wie der Kutscher sagte, hinter dem Kamm des Plateaus der Gutshof von Cona lag. Der Wagen hatte jetzt die Tannen erreicht, die so dicht standen, daß man vom Meere nichts mehr sehen und nur noch sein Brausen hören konnte, das sich mit dem Wehen des Windes in den hohen Bäumen vermischte. Dann blitzte es bei einer Wendung des Weges wieder auf, und vor ihnen auf einem freien nach dem Meere zu offenen Platze lag ein aus Holz im Schweizerstil ausgeführtes Haus, Oldenburgs Sommerwohnung. Dreiunddreißigstes Kapitel Als der Wagen auf dem von hohen Bäumen umragten und mit braunen Nadeln wie mit einem Teppich überdeckten Platze vor der Tür hielt, erschien Oldenburg oben auf der Galerie, die die zwei Stockwerke trennte und sich um das ganze Haus zog, und grüßte freundlich hinab. Im nächsten Augenblick war er an der Tür und schüttelte Oswald mit Herzlichkeit die Hand. »Also doch!« sagte er. »Ich fürchtete schon, es wäre Ihnen ergangen wie den meisten Leuten, die, wenn sie einmal mit mir zusammen gewesen sind, für alle Ewigkeit genug haben.« »Ich weiß nicht, Herr Baron, ob Sie sich den meisten Leuten so zeigen, wie Sie sich mir gezeigt haben«, sagte Oswald; »wäre dies der Fall, so habe ich für mein Teil nicht den Geschmack der meisten Leute.« »Wahrlich, ein Selam in optima forma!« sagte Oldenburg lächelnd. »Ein paar alte graubärtige Söhne Mohammeds könnten es nicht besser. Es fehlt bloß noch, daß wir zum Schluß unsere eigenen Fingerspitzen küssen! Aber kommen Sie ins Haus, da können wir die Sache noch bequemer haben.« Sie betraten einen kleinen Flur, von dem man auf einer niedrigen, breiten Treppe in das obere Stockwerk zu einem Entree gelangte, das von oben Licht empfing. Aus diesem gingen sie in ein weites, ziemlich hohes Gemach, zwischen dessen zwei Fenstern eine Glastür auf die breite Galerie führte, die eine unbeschränkte Aussicht auf das Meer gewährte, und obgleich noch ziemlich dreißig Fuß zwischen dem Hause und dem scharf abfallenden Rande des Ufers lagen, unmittelbar über der Brandung, die tief unten zwischen den Rollsteinen und auf den Kieseln des Strandes murmelte, zu hangen schien. Von diesem erhabenen Standpunkte schweifte der Blick auf das blaue unermeßliche Meer und auf das hohe weiße Kreideufer, das sich, nach links in einem weiten Halbmond hinziehend, zuletzt in einem Vorgebirge endigte, das der Buchwald von Grenwitz krönte. Oswald konnte einen lauten Ruf der Bewunderung nicht unterdrücken. »Nicht wahr«, sagte Oldenburg, sich neben ihm auf die Brüstung der Galerie lehnend, »es war ein gescheiter Einfall meines würdigen Großvaters, an diesem Punkte, nebenbei einem der höchsten der ganzen Insel, ein Haus zu bauen. Ich habe den alten Mann mit seinem langen eisgrauen Barte noch gekannt und sehe ihn im Geiste noch hier auf dieser Galerie sitzen und, wie der König von Thule, mit seinen verlöschenden Augen auf das heilige Meer schauen, das er verehrte, wie ein Enkel seine alte Großmutter ehrt, und liebte, wie ein Jüngling die Geliebte seiner Seele liebt. Ich wollte, er hätte mir außer seiner Figur auch seine unermeßliche Fähigkeit, für Naturschönheit schwärmen zu können, vererbt. Leider bin ich in der letzten Beziehung in demselben Grade zu kurz gekommen, wie in der ersten zu lang.« »Ist das Ihr Ernst?« sagte Oswald. »Wahrhaftig«, sagte Oldenburg, »und ich habe mich auf meinen Reisen oft genug deshalb geschämt und meine ästhetische Verstocktheit verwünscht, die mich auf den schönsten Punkten, wo andere vor Vergnügen Purzelbäume schlugen oder sentimentale Tränen weinten, geradezu nichts empfinden ließ. Vergebens, daß ich, wie die englischen Misses an meiner Seite: Beautifully, very fine, indeed! seufzte, vergebens, daß ich Tag und Nacht die herrlichsten Naturschilderungen von Byron und Lamartine las, bis ich sie auswendig wußte – es half alles nichts. Ich brachte es nicht weiter, wie der arme Werther, als ihm die ewige Natur wie ein lackiertes Bildchen erschien; und ein paar Bettelbuben, die sich auf dem Sande des Strandes balgten, und ein armer Fellah, der sein Wasserrad drehte, waren mir interessanter als der Golf von Neapel und der Nil. Ich habe nur an Menschen und Menschentreiben meine Freude – von der Natur verstehe ich ein für allemal nichts.« »Aber warum verbannen Sie sich denn in diese Einsamkeit? Warum wohnen Sie, da Sie es doch haben können, anstatt hier an diesem nordischen Strande, nicht lieber an dem Boulevard des Capucines oder in London auf dem Pall-Mall?« »Aus demselben Grunde, aus welchem man den Falken, bevor man ihn auf die Gazellenjagd nimmt, vierundzwanzig Stunden fasten läßt – um meinen Hunger nach meiner Lieblingsspeise zu schärfen. Wenn ich hier ein paar Wochen gehaust habe, sind meine Sinne wieder frisch und empfänglich, und das Schauspiel des Menschentreibens hat wieder seinen alten Reiz für mich.« »Und wie lange gedenken Sie diesmal hierzubleiben?« »Ich weiß noch nicht. Meine Solitude – so taufte nämlich mein Großvater diesen seinen Lieblingsort – gefällt mir diesmal besser als sonst. Ich habe in den letzten Jahren ein etwas buntes Leben geführt und unzählige Adamskinder der verschiedensten Rassen und Kulturzustände durcheinander gesehen. Zuletzt sah einer genauso aus wie der andere; meine Sinne waren vollkommen abgestumpft und eine längere Hungerkur nötig. Daß ich nicht ganz verhungere, dafür sollen Sie und die Czika sorgen.« »Und wo ist denn unser kleiner Findling?« »Irgendwo auf der Heide, wo sie sich in den blühenden Ginster legt und in den Himmel starrt, oder am Strande, wo sie zwischen den Felsblöcken umherklettert und vor Vergnügen in die Hände klatscht, wenn eine höhere Welle ihre nackten Füße benetzt. Bis zu Schuhen hat sie es nämlich noch nicht gebracht, das heißt, ich habe sie noch nicht dazu bringen können. Ich lasse ihr überhaupt absolute Freiheit, seitdem sie mir gleich am zweiten Tage, als ich sie bei dem schauderhaften Wetter nicht herauslassen wollte, sehr energisch erklärte: Czika stirbt, wenn Czika nicht in den Regen darf.« »Sehnt sie sich denn nicht nach ihrer Mutter zurück?« »Glauben Sie wirklich, daß das braune Weib, das ich übrigens nur ganz flüchtig gesehen habe, des Kindes Mutter ist?« »Unbedingt. Die Ähnlichkeit zwischen Czika und der braunen Gräfin ist unverkennbar.« »Von wem habe ich doch diesen Ausdruck schon gehört?« sagte Oldenburg nachdenklich. »Von Ihnen neulich, ohne Zweifel, aber er kam mir gleich so bekannt vor. Stammt das Wort von Ihnen?« »Nein, von Frau von Berkow«, sagte Oswald, den Blick fest auf Oldenburg richtend. »So so«, sagte der Baron. Es war das erste Mal, daß Melittas unter den beiden Männern Erwähnung geschah, und es war bezeichnend genug, daß sofort eine Pause in dem Gespräch eintrat. »Bei welcher Gelegenheit hat denn Frau von Berkow die Bekanntschaft der Zigeunerin gemacht?« fragte der Baron nach einiger Zeit. Oswald erzählte in kurzen Zügen die Geschichte von der braunen Gräfin, so wie sie ihm Melitta mitgeteilt hatte. Oldenburg lächelte. »Ja, ja«, sagte er, »jetzt erinnere ich mich. Frau von Berkow hatte mir die Anekdote schon vor ein paar Jahren erzählt. Die Geschichte ist allerliebst, besonders für den, der sich für Frau von Berkow interessiert, weil sie den liebenswürdigen, aus Mutwillen, Schalkheit und Gutmütigkeit wunderbar gemischten Charakter dieser Dame so vortrefflich charakterisiert.« Der Baron sagte das einfach und ruhig, als hätte es niemals eine Zeit gegeben, wo er für ein Lächeln dieser Dame sein Leben aufs Spiel gesetzt haben würde. »Aber wollen wir nicht hineingehen«, fuhr er fort, »ich sehe, Hermann, mein Rabe und Faktotum, hat einen Tisch mit allerlei Appetitlichem gar zierlich gedeckt, und dort kommt auch Thusnelda, seine Gemahlin und meine Amme, um uns feierlich zum Vesperbrot zu laden.« Eine alte, würdig aussehende Frau von stattlichem Umfange erschien in der Glastüre, machte einen tiefen Knix und sagte: »Herr Baron, es ist serviert.« »Schön«, sagte Oldenburg, »hast du die Czika nicht gesehen?« »Ich dachte, sie wäre beim Herrn Baron«, antwortete die Matrone, ängstlich umherblickend. »Nein. Bring sie doch herauf, wenn sie unterdessen kommen sollte. Du kannst dich einmal nach ihr umsehen. Kommen Sie, Doktor, ich hoffe, der weite Weg hat Sie hungrig, zum mindesten durstig gemacht! Thusnelda hat für beide Fälle gesorgt.« Während sie an dem mit Erfrischungen aller Art reichlich besetzten Tische Platz nahmen, schaute Oswald sich in dem Zimmer um. Der weite Raum wurde durch einen großen Schreibtisch von Eichenholz und durch Stühle und Sofas von mancherlei Formen, die den Platz häufig zu verändern schienen, wesentlich verringert. An den Wänden standen Eichenschränke mit Büchern angefüllt. Bücher lagen auf dem Boden. Einige Büsten nach der Antike, und ein paar große Kupferstiche waren der einzige Schmuck des Zimmers, das im übrigen offenbar auf Eleganz nicht den mindesten Anspruch machte; zwischen zwei der Schränke, wo ein Kupferstich hingehörte, war eine grünseidene Gardine, die entweder ein ungeschickt angebrachtes Fenster oder ein Bild verdeckte, das der Besitzer aus diesem oder jenem Grunde dem Bliche neugieriger Besucher nicht ausgesetzt wünschte. Sodann wurde seine Aufmerksamkeit wieder von dem Baron selbst in Anspruch genommen, der ihm heute in einem kurzen gelben, leinenen Rock, der seiner langen, hagern Figur gar seltsam stand, ein ganz anderer zu sein schien. Mehr aber noch als der veränderte Anzug war es der veränderte Ausdruck des Gesichtes, der Oswald auffiel. Der höhnische Zug um den Mund, den selbst der dichte Bart nicht ganz verdecken konnte, die scharfen kleinen Fältchen auf der hohen Stirn, um die Augen und Nasenflügel – alles war von einem freundlichen Lächeln ausgelöscht, das den grauen, sonst so stechenden Augen einen Ausdruck von Milde und Gutmütigkeit gab, den Oswald, soweit er auch von seinem Vorurteil gegen den Baron zurückgekommen war, niemals für möglich gehalten haben würde. Ja, der Gedanke, daß ein Weib diesen seltsamen Mann von ganzem Herzen lieben könnte, schien ihm nicht mehr so wunderlich wie auf dem Balle von Barnewitz. Er dachte an das Blatt in Melittas Album, er dachte an seine eigenen Worte: Dieser Mann wird niemals glücklich sein, weil er niemals wird glücklich sein wollen, und an Melittas Antwort: Darum ist dieser Mann aus meinem Leben losgelöst, wie sein Bild aus diesem Album, und er sagte sich jetzt: Er hätte glücklich sein können, wenn er gewollt hätte; warum wollte er es nicht? Was trennte diese beiden? Wer von ihnen sprach das Wort, das sie – wie es scheint – auf ewig trennte? Diese Gedanken erweckten heute in Oswald nicht mehr jene wilde Eifersucht, die sein Herz an dem Tage, wo er dem Baron zuerst im Walde begegnete und hernach auf dem Balle in Barnewitz zerfleischt hatte – aber das geheimnisvolle Dunkel, welches über diesen Vorgängen lag, das er nicht lüften konnte und, was schlimmer war, nicht einmal zu lüften wagte, erfüllte seine Seele mit tiefer Trauer. Oswald suchte dieser trüben Stimmung Herr zu werden; es war ihm, als wenn des Barons scharfe Augen lesen könnten, was in seiner Seele vorging. Indessen schien dieser vollkommen unbefangen und ganz von dem Thema ihres Gesprächs in Anspruch genommen, das, wie erklärlich, sich hauptsächlich um Czika und die braune Gräfin drehte. Beide Männer versuchten ihren Scharfsinn vergeblich an der Lösung der vielen Rätsel dieser wunderbaren Angelegenheit. Was hatte die braune Gräfin bestimmt, ihr Kind, an dem sie doch mit so großer Liebe zu hängen schien, so ohne weiteres fremden Männern zu überlassen? Woher nahm sie zu dieser Entsagung den Mut in dem Augenblicke, wo sie durch die brutalen Scherze der jungen Edelleute (der Reitknecht des jungen Grafen Grieben hatte Oldenburgs Kutscher die Sache erzählt) und durch den, allerdings bloß scherzhaft gemeinten Raub der Kleinen so außer sich gebracht war? Hatte sie das Kind Oswald oder dem Baron oder hatte sie es beiden geschenkt? Oder hatte sie es ihnen nicht geschenkt, sondern verkauft, und hatte sie nur den Zahlungstermin einen Monat hinausgeschoben, in der Hoffnung, daß die beiden Männer oder auch einer von ihnen das schöne Kind während dieser Zeit liebgewinnen und demnach gern einen höheren Preis zahlen würden? »Meine größte Furcht«, sagte Oldenburg, »ist, daß die braune Gräfin der noch nicht einmal abgeschlossene Handel gereut und sie das Kind wieder raubt oder auch die Czika selbst der Sehnsucht nach ihrem Wanderleben nicht widerstehen kann und eines schönen Morgens verschwunden ist. Ich gestehe, daß es ein harter Schlag für mich sein würde. Ihre Prophezeiung, daß ich in der süßen Dirn einen Schatz gefunden habe, köstlicher als Aladins Wunderlampe, scheint in Erfüllung zu gehen. Ich sage mit dem weisen Nathan: Ich bliebe, oder richtiger: Ich wäre des Mädchens Vater doch so gern! Ich möchte so gern dieser bis jetzt stummen Seele eine Sprache entlocken, und in dieser Sprache meinen eigenen Gedanken veredelt und verschönert wiederhören! Ich möchte sie an mich ketten mit allen Banden, durch die ein Vater an seine Tochter, eine Tochter an ihren Vater gefesselt sein kann – versteht mich, um sie nachträglich alle diese Bande zerreißen und sich dem ersten besten Gelbschnabel in die Arme werfen zu sehen, dem der Rock um einen Grad besser sitzt als seinen Nachbarn. Aber bis dahin möchte ich wenigstens, daß sie mein wäre. Ich stehe jetzt in den Jahren, wo man sich, wenn man nicht zufällig ein Swift ist, der bekanntlich die Kinder hätte fressen mögen, aber nicht aus Liebe, – nach Kindern sehnt wie ein müder Wanderer nach einem Stab, die erschlaffenden Glieder zu stützen. Wenn wir fühlen, daß wir den höchsten Punkt auf unserem Lebenswege erreicht haben und es nun unaufhaltsam bergab geht und das Land unserer Jugend hinter dem Kamm des Hügels allgemach verschwindet, da möchten wir fröhliche Kinderstimmen von drüben ertönen hören, die uns unsere eigene selige Jugendzeit wieder in die Erinnerung rufen. Sie werden mich fragen, weshalb ich denn dieser spießbürgerlichen Tendenz nicht nachgebe und heirate? Oder Sie werden mich das auch nicht fragen, denn Sie werden sich selber sagen, daß für jemand, der sich die zehn besten Jahre seines Lebens in allerlei liaisons dangereuses oder innocentes unausgesetzt bewegt hat, das Heiraten eine moralische Unmöglichkeit ist. Ich will keine Frau, die so blasiert wäre, nicht von mir hören zu wollen: Ich liebe dich! Und wie kann ich das, ohne mir selbst lächerlich vorzukommen, zu ihr sagen, wenn ich es schon soundso vielen anderen in allen mir bekannten Sprachen gesagt habe? Nein, nein! Mit solchen Gesinnungen mag man Türke werden und sich einen Harem anschaffen, aber für die monogamische Ehe im höchsten, reinsten Sinne, wo sie eine wunderbare Alchimie ist, die aus den zweien eins macht, für diese Ehe, die auch ich heilig halte, ist man wahrlich zu schlecht.« »Und doch«, sagte Oswald, »liegt in der wahren Liebe eine reinigende und heiligende Macht, vor der alle Zweifel an uns selbst verschwinden wie der Nebel vor den Strahlen der Sonne. Die wahre Liebe wischt – wie der echte Haß – ›von der Tafel der Erinnerung weg alle törichten Geschichten‹ und macht uns mit einem Schlage aus wüsten Barbaren zu zartfühlenden, feinsinnigen Hellenen. Die rohe Kraft, die vorher sich nur betätigen wollte, gleichviel, ob sie schaffte oder zerstörte, nimmt jetzt Form an; und wo sie früher einen Siva schuf, dessen glühender Blick alle Kreatur verzehrt, schafft sie jetzt einen olympischen Zeus, der alles, was ist, mit Vateraugen segnet.« »Sehr schön gesagt«, erwiderte der Baron, »wollen Sie nicht diese Liebfrauenmilch versuchen, der Wein macht seinem Namen Ehre – sehr schön gesagt, auch wohl wahr –, nur nicht für problematische Naturen.« »Was nennen Sie problematische Naturen?« »Es ist ein Goethescher Ausdruck und kommt in einer Stelle vor, die mir viel zu denken gegeben hat. ›Es gibt problematische Naturen‹, sagt Goethe, ›die keiner Lage gewachsen sind, in der sie sich befinden, und denen keine genug tut. Daraus‹, fügt er hinzu, ›entsteht der ungeheure Widerstreit, in dem sich das Leben ohne Genuß verzehrt.‹ – Es ist ein grausiges Wort, denn es spricht in olympischer Ruhe das Todesurteil über eine, besonders in unseren Tagen, weitverbreitete Gattung guter Menschen und schlechter Musikanten. – Da ist Czika!« »Wo?« »Hinter Ihnen.« Oswald wandte sich um. In der offenen Tür, die auf den Balkon führte, stand das schöne Kind, vom roten Licht der untergehenden Sonne umflossen. Ihr üppiges, tiefschwarzes Haar fiel von beiden Seiden über die feine Stirn auf die Schultern, die aus einer blauen Bluse hervorschauten, die mit einem dünnen, rotseidenen Schal um die schlanke Hüfte gegürtet war. Weite seidene Beinkleider reichten bis zu den mit Sandalen bekleideten, sonst nackten Füßen. Als sie einen Fremden in dem Zimmer erblickte, hatte sie sich leise, wie sie gekommen war, wieder wegstehlen wollen, bis der Ausruf des Barons sie bannte und Oswald sich umgewandt hatte. Bei seinem Erblicken flog ein freudiges Lächeln über ihr ernstes, dunkles Gesicht, und die braunen Gazellenaugen schauten beinahe zärtlich zu ihm empor, als er ihr jetzt, eine ihrer Hände in den seinen haltend und mit der andern ihr das üppige Haar schlichtend, vor ihr stand. »Czika kennt dich«, sagte sie, »du bist sehr gut. Du hast die Armen lieb, die Armen haben dich lieb.« »Eine Liebeserklärung!« sagte Oldenburg lachend, der am Tische sitzen geblieben war, »die wievielte, Doktor, in den letzten acht Tagen! Doktor, Sie sind ein gefährlicher Mensch, und ich werde mich genötigt sehen, Ihnen mein Haus zu verbieten.« »Warum bist du nicht immer hier?« sagte Czika, ihre großen Augen von dem Baron wieder zu Oswald wendend. »Czika will mit dir an dem großen Wasser sitzen, Czika will dir Blumen auf der Heide pflücken. Warum bist du nicht immer hier?« »Er kann nicht immer hier sein, Czika«, sagte der Baron, »aber er wird recht oft herkommen. Nicht wahr, Doktor?« Die Tür nach dem Vorsaal wurde geöffnet und Madame Müller oder Thusnelda, wie sie der Baron nannte, schaute herein. »Ich kann sie nicht – ah, da ist sie ja. Wo bist du denn gewesen, mein Herzenspüppchen? Komm, ich will dich ein wenig zurechtmachen. Wie du wieder aussiehst – ganz voll Heidekraut, wie gewöhnlich; was sollen die Herren von uns denken.« So sprach die Matrone, das Kind mit sanfter Gewalt an der Hand aus dem Zimmer führend. »Sie müssen wissen, daß eine große Liebe zwischen den beiden besteht«, sagte der Baron. »Meine alte Amme hat viel blühende Kinder gehabt, die alle frühzeitig gestorben sind. Anderer Frauen Herz wird durch solches Unglück oft verhärtet, aber Thusneldas Herz ist weich geblieben, und jetzt liebt sie die Czika, als wäre sie ihr Letztgeborenes. Das ist aber nun gerade, als wenn eine Taube einen Falken ausgebrütet hätte. Czikas Tendenzen zu einem möglichst ungebundenen Dasein bringen die arme alte Dame alle Tage zehnmal in die größte Not und Verzweiflung. Und dann ist noch ein Umstand. Thusnelda ist gut kirchenfromm – und Czika hat – horribile dictu – gar keine Religion –, es müßte denn irgendein geheimnisvoller Sterndienst sein, den sie begeht, wenn sie sich des Nachts von ihrem Lager stiehlt und auf der Höhe des Strandes im Mondenscheine tanzt, wie Thusnelda es mit Grausen und Schaudern gesehen zu haben schwört. Übrigens glaube ich, Thusnelda hat in diesem Falle recht. Ich habe wenigstens schon früher die Beobachtung gemacht, daß, wenn die Zigeuner Gegenstände der Anbetung haben, es Sonne, Mond und Sterne sind.« »Haben Sie auf Ihren Reisen öfter Gelegenheit gehabt, mit diesem interessanten Volke in nähere Berührung zu kommen?« »O ja«, sagte der Baron, »sogar in sehr nahe Berührung; besonders einmal – in Ungarn vor zwölf Jahren etwa.« Der Baron schwieg, schenkte sich ein Glas Wein ein und trank es in mehreren Absätzen langsam aus, die Augen auf die Tischdecke geheftet, wie jemand, dessen Gedanken von einer Erinnerung ganz in Anspruch genommen sind. »Nun«, sagte Oswald, »wie war das?« »Was?« sagte der Baron, wie aus einem Traum erwachend. »Ja so, Sie wollen wissen, was ich in Ungarn mit den Zigeunern zu tun hatte.« »Ich vermute, es steckt dahinter eine romantische Geschichte.« »Allerdings«, sagte der Baron, »ich selbst stand damals noch in den Jahren, wo jeder Mensch, er müßte denn zufällig ein geborner Stockfisch sein, ein lebendiges Stück Romantik ist. Ich schwärmte für Eichendorffs mondscheindurchleuchtete Zaubernächte, für Brunnen und Wälderrauschen, und vor allem schwärmte ich für schlanke Mägdelein mit und ohne Gitarre am blauen Bande. Meine ganze Weltanschauung war in einem eminenten Grade romantisch, vor allem meine Moral. Das ganze Leben hatte für mich nicht mehr Bedeutung als ein Schattenspiel an der Wand, und das einzige Reelle, was ich gelten ließ, war die souveräne Ironie. Mit einem Worte, ich war ein charmanter Kerl, und wenn man mich an den ersten besten Galgen gehangen hätte, so wäre das nur ›mir zur gerechten Straff, andern aber zum abscheulichen Exempul‹ gewesen. Ich hatte damals das sogenannte Studieren in Bonn und Heidelberg gerade herzlich satt. Ich hatte in tausend Büchern vergeblich nach der Lösung des Rätsels gesucht, über dem sich schon so viel bessere Köpfe als ich den Kopf zerbrochen haben, und wollte es nun einmal auf andere Weise anfangen. Ich schrieb an meinen Vormund und drückte ihm den Wunsch aus, ein paar Jahre zu reisen. Der Vormund billigte diesen Plan höchlichst, wie er denn alles billigte, was mein Spatzenkopf ausheckte – nur um mich loszuwerden –, schickte mir Wechsel und Empfehlungsbriefe, und ich begab mich auf die Wanderschaft. Ich reiste durch Süddeutschland, die Schweiz, Oberitalien. Wenn Sie einen aber auch nur oberflächlichen Bericht dieser Reise von mir verlangten, so käme ich in die größte Verlegenheit. Ich weiß von den Gegenden gerade noch so viel, wie von den Landschaften, die man im Traume sieht. Zuletzt war ich in Ungarn. Der Zufall, der überhaupt mein Reisemarschall war, hatte mich dorthin geführt. Ich war in Wien mit einem jungen ungarischen Edelmann bekannt geworden, dessen Vater am Fuße des Tatragebirges reich begütert war. Er hatte mich eingeladen, mit ihm zu kommen; ich war dieser Einladung gefolgt. Wir führten ein sehr idyllisches Leben, dessen Hauptingredienzien Würfel, Wein und Weiber waren. Herr von Kryvan hatte ein paar sehr schöne Schwestern, in die ich mich der Reihe nach verliebte. Sodann begeisterte ich mich für die französische Gesellschafterin der alten Frau von Kryvan, die eben frisch von Paris gekommen war und die jungen Ungarinnen durch die Grazie ihrer Manieren, ihr Konversationstalent und ihren Geschmack in Sachen der Toilette beschämte. Als ich einst, voll von dem Bilde dieser Huldin, die ich nebenbei einige Jahre darauf in Paris unter wesentlich anderen Verhältnissen wiedertraf – für den Augenblick glaubte ich an die Echtheit ihrer Perlen und ihrer Tugend –, als ich einst, sage ich, träumend in dem Walde umherlief, der sich von Kryvan weit in das Gebirge hinauf erstreckte, führte mich mein Reisemarschall, der Zufall, auf eine Lichtung im Walde, die sich eine Zigeunerbande zum temporären Wohnort erwählt hatte. Kleine Hütten aus Lehm und Reisig in archaischem Stile aufgeführt, eine Feuerstelle, an der ein altes Mütterlein einen Marder briet, Tierfelle und Lumpen an den Zweigen der Bäume zum Trocknen aufgehängt – das war das Bild, das sich meinen erstaunten Blicken darbot. Die ganze Bande war abwesend, mit Ausnahme besagter alter Hexe, einiger ganz kleiner Kinder, die sich in paradiesischer Nacktheit im Sande wälzten, und eines Zigeunermädchens von fünfzehn Jahren etwa –« Der Baron schenkte sich ein Glas voll und trank es mit einem Zuge aus. »Von fünfzehn Jahren etwa – vielleicht war sie auch älter – es ist das Alter von Zigeunermädchen schwer zu bestimmen. Sie war schlank und geschmeidig wie ein Reh, und ihre dunklen Augen leuchteten in einem so magisch sinnlich-übersinnlichen Feuer, daß mich ein Schauder des Entzückens packte, als ich tief und tiefer hineinschaute, während sie unter allerlei Manipulationen mir aus der flachen Hand mein Schicksal verkündete. Mein Schicksal war in ihren Augen viel deutlicher zu lesen als in meiner Hand. Ich war entzückt, berauscht, außer mir; die Welt war für mich versunken. – Sie erinnern sich, daß ich damals zwanzig Jahre und Romantiker von reinstem Wasser war – und daß ein Zigeuner sein, sich von Mardern nähren und sich in den Augen eines Zigeunermädchens sonnen, der Weisheit letzter Schluß und das höchste Ziel menschlichen Strebens sei, war für mich über allen Zweifel erhaben. Ich blieb bei den Zigeunern – ich weiß nicht, wieviel Tage. Meine Freunde im Schlosse glaubten, die Wölfe hätten mich zerrissen. – Da, eines Abends – die Sonne war schon hinter die Bergwand gesunken, die unseren Lagerplatz nach Westen schirmte – die Bande war noch nicht von ihrem Streifzuge zurück – ich saß mit der Zingarella am Fuß einer alten Eiche und war selig in meiner jungen Liebe – da – Ich glaube gar, wir bekommen noch Besuch«, unterbrach sich der Baron, »war das nicht eine fremde Stimme?« »Ich hoffe nicht«, sagte Oswald. Die Tür wurde geöffnet, der alte Hermann schaute herein und sagte: »Herr von Cloten wünscht seine Aufwartung zu machen, Herr Baron; sind Sie zu Hause?« »Bewahre«, sagte der Baron, »aber freilich, ich kann ihn nicht gut abweisen; er kommt um mich – hm, hm!« »Lassen Sie sich durch mich in der Ausübung Ihrer Gastfreundschaft nicht stören«, sagte Oswald, aufstehend. »Bleiben Sie! Bleiben Sie!« sagte der Baron. »Er wird sich hoffentlich nicht lange aufhalten. Er kommt in einer gewissen Angelegenheit, in der er meinen Rat haben will. Das ist alles. Führe ihn herauf, Hermann!« Einen Augenblick darauf trat Herr von Cloten ein. Er war in Reitfrack und Stulpenstiefeln und schien einen weiten Ritt gemacht zu haben. Wenigstens sah er sehr erhitzt aus. Oswalds Anwesenheit schien ihn zu ärgern oder verlegen zu machen; wenigstens begrüßte er ihn mit auffallender Förmlichkeit, nachdem er dem Baron die Hand geschüttelt hatte. »Sehr warm heute«, sagte er, auf einem Stuhl, den ihm der Baron anbot, am Tische Platz nehmend. »Robin trieft von Schweiß; habe Ihrem Reitknecht gesagt, ihn mit Stroh abzureiben. Konserviert die Pferde merkwürdig. Angenehmer Wein – Liebfrauenmilch? – Famoser Wein – hatten neulich auch welchen in Barnewitz – nicht halb so gut. Apropos, Barnewitz – gut bekommen, Baron? War etwas vor der Zeit fortgefahren – Hitze wirklich abominabel –« »Wollen Sie nicht ablegen, Cloten?« »Danke, danke! Will gleich wieder fort; wollte nur einmal, weil gerade in der Nähe – war auf Grenwitz – alles ausgeflogen dort – vorsprechen, zu sehen, wie es steht.« »Aber Sie werden doch ein paar Minuten Zeit haben.« »Keinen Augenblick – auf Ehre«, sagte Herr von Cloten, sein Glas leerend und aufstehend, »spreche morgen vielleicht wieder vor. Adieu, Baron.« Von Cloten verbeugte sich wiederum sehr förmlich vor Oswald und schritt, von dem Baron begleitet, nach der Tür. »Bitte, bitte, derangieren Sie sich nicht«, sagte Cloten. »Ich will mir nur Ihren Robin einmal ansehen«, sagte der Baron und dann zu Oswald: »Entschuldigen Sie mich für ein paar Augenblicke, Herr Doktor.« Oswald war allein; das auffallend kühle Benehmen des jungen Edelmannes hatte, wie sehr er denselben auch verachten zu dürfen glaubte, doch seinen leicht verletzlichen Stolz beleidigt. Er ging erregt in dem Gemache auf und ab. Sein Adelshaß hatte wieder neue Nahrung bekommen; auch Oldenburgs Benehmen schien ihm während Clotens Visite weniger herzlich gewesen zu sein. »Ich sage es ja«, murmelte er durch die Zähne, »wo zwei zusammen sind, ist der Kastengeist mitten unter ihnen, und sie fließen zusammen wie Quecksilber.« Sein Blick haftete auf dem grünseidenen Vorhang zwischen den beiden Bücherschränken, der seine Aufmerksamkeit schon vorhin erregt hatte. Welches ist denn dies verschleierte Bild? Irgendein wollüstiger Correggio vermutlich; auf jeden Fall ein Beitrag zur intimeren Kenntnis dieses wunderlichen Mannes. Sie entschuldigen meine Neugierde, Monsieur le Baron! Oswald zog mit einem Ruck der seidenen Schnur den Vorhang zurück, und der Jüngling zu Sais, der den Schleier von dem heiligen Bilde der Isis hob, kann kaum mehr erschüttert gewesen sein, als es Oswald war, wie er jetzt anstatt eines farbetrunkenen italienischen Gemäldes in einer Nische eine Büste aus keuschem weißem Marmor erblickte, die, obgleich in antikem Haarschmuck und ein wenig idealisiert, nichts war, als ein sprechend ähnliches Porträt Melittas. Das war ihr reiches, welliges Haar, das war ihre schöne zarte Stirn, die feine gerade Nase, das waren die weichen, selbst noch im Marmor taufrischen Lippen! Ehe sich Oswald von seinem Erstaunen, dem Bilde der Geliebten sich so plötzlich gegenüberzusehen, nur soweit erholen konnte, den Vorhang wieder über das Bild zu ziehen, trat der Baron in das Zimmer. »Entschuldigen Sie meine Indiskretion«, sagte Oswald, sich schnell fassend, »aber wer heißt Sie auch, verschleierte Bilder in einem Sanktuarium aufstellen, zu dem Sie jedem Fremden den Zutritt gewähren.« »Sie haben recht«, sagte der Baron, ohne eine Spur von Verwirrung; »dieser grüne Schleier ist wie andere Schleier auch geradezu provozierend, und nebenbei ist es sehr töricht, die Kopie zu verhüllen, da jedermann das Original unverhüllt sehen kann, wenn er sich die Mühe gibt, nach Palermo zu reisen, und sich eine Erlaubnis verschafft, die Villa Serra di Falco besuchen zu dürfen.« »In der Tat!« sagte Oswald, den die unverwüstliche Ruhe, mit welcher ihm der Baron dies Märchen aufzuheften suchte, ein wenig ärgerte: »Also bei Palermo? Ich war schon versucht, das Original weniger weit zu suchen.« »Sie meinen im Berliner Museum?« sagte der Baron. »Es existiert dort allerdings eine Muse, die mit diesem Bilde große Ähnlichkeit hat, aber der Unterschied ist doch, wenn Sie genauer vergleichen, sehr bedeutend.« »Allerdings«, sagte Oswald, »die Nase ist an jenem Bilde energischer; auch ist die Haltung des Kopfes eine andere, und überhaupt die Ähnlichkeit mit Frau von Berkow, die an dieser Büste so frappant ist, weniger auffallend.« »Finden Sie?« sagte der Baron, aufstehend und vor das Bild tretend. »Wahrhaftig, Sie haben recht. Es ist wirklich eine flüchtige Ähnlichkeit zwischen diesem Bilde und Frau von Berkow. Nun, das macht mir das Bild nicht schlechter, denn ich gestehe, daß es wenige Damen auf der Welt gibt, an die ich mich so gern erinnern ließe als an diese ebenso liebenswürdige wie geistreiche Frau.« Der Baron zog den Vorhang wieder über das Bild, als wünschte er, jetzt das Gespräch darüber abzubrechen. »Kommen Sie, Doktor«, sagte er, »setzen Sie sich wieder und tun sie, als ob Cloten, dieser geistreichste Jüngling, nicht hier gewesen wäre.« »Ich glaube, es ist die höchste Zeit, daß ich aufbreche«, sagte Oswald, »die Sonne ist im Untergehen – ich möchte gerade heute nicht spät nach Hause kommen.« »Wie Sie wollen«, sagte der Baron, »man soll den kommenden Gast willkommen heißen und den davoneilenden nicht halten. Ich habe große Lust, Sie eine Strecke zu begleiten. Sind Sie Reiter?« »Ein wenig.« »So wollen wir reiten, wenn es Ihnen recht ist. Ich nehme einen meiner Leute mit. Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick. Ich will nur ein wenig Toilette machen und die nötigen Befehle geben.«   »Sie sitzen gut zu Pferde, Doktor«, sagte der Baron, als sie eine Viertelstunde später auf der Höhe des Strandes langsam dahinritten. »Es ist wirklich merkwürdig, welch wunderbares Talent Sie in diesen Dingen zeigen. Ich glaube, es gibt keine körperliche Geschicklichkeit, in der Sie es nicht in kurzer Zeit zur Meisterschaft bringen könnten.« »Es ist das um so merkwürdiger«, sagte Oswald, »weil ich doch eigentlich infolge meiner plebejischen Geburt und Erziehung gar keine Ansprüche auf diese aristokratischen Vorzüge machen kann.« »Schade, daß ich nicht Cloten bin«, sagte der Baron. »Weshalb?« »Weil ich dann die Ironie in Ihren Worten nicht im entferntesten ahnen, im Gegenteil durch Ihre rührende Bescheidenheit von der an Haß grenzenden Abneigung gegen Sie zurückkommen würde.« »Ist Herr von Cloten so gegen mich gesinnt?« »Denken Sie denn, daß einem Dandy lieb ist, wenn ein anderer sich im Pistolenschießen, Tanzen, Courmachen, kurz in allem überlegen zeigt, was der größte Stolz seiner kleinen Seele ist? Weiber und weibische Männer verzeihen dergleichen nie. Ich habe mich an dem Abend in Barnewitz königlich über die Gesichter amüsiert, die, natürlich hinter Ihrem Rücken, von einigen dieser geistreichen Jünglinge geschnitten wurden, und mir leider den billigen Spaß gemacht, durch allerlei kleine Teufeleien diese Püppchen noch mehr in Harnisch zu bringen.« »Warum leider? Ich versichere Sie, daß mir an der guten oder schlechten Meinung dieser Herren sehr wenig gelegen ist.« »Ohne Zweifel, aber Sie sind, solange Sie in dieser Gegend bleiben, genötigt, mit diesen Herren zu verkehren, und es ist eine Regel der allergewöhnlichsten Klugheit, daß man seine Mitreisenden nicht geflissentlich auf die Hühneraugen tritt. – Wer zum Teufel kommt denn da querfeldein von Cona her?« Dieser Ausruf des Barons galt dem geheimnisvollen Reiter, den Oswald bei seiner Ankunft bemerkt hatte, und der jetzt wieder quer über die Heide herantrabte und ungefähr tausend Schritte vor ihnen auf den Weg gelangte. Oswald erzählte dem Baron, was ihm mit dem Reiter begegnet war. »Das müssen wir doch untersuchen«, sagte der Baron, »lassen Sie uns einmal Trab reiten.« Sie hatten kaum ein paar Schritte zurückgelegt, als der Reiter vor ihnen wie auf Verabredung sein Pferd ebenfalls in Trab setzte. Es schien, als ob er sich einige Male verstohlen umschaute; doch war dies bei dem Dämmerlichte, das jetzt herrschte, nicht mehr deutlich zu erkennen. »Versuchen wir es einmal mit Galopp«, sagte Oswald, »ich sehe, der Geheimnisvolle macht es gerade so wie heute nachmittag.« Sie befanden sich jetzt auf der weiten, ebenen Fläche, die, sich allmählich zum Fischerdorf senkend, dem steinigen und weniger ebenen Terrain des Vorgebirges, auf dem Oldenburgs Villa lag, folgte. Der mit einer dünnen Erdschicht, in welcher spärliches Heidekraut wuchs, überkleidete felsige Boden erdröhnte vom Hufschlag der Pferde, die jetzt wacker ausgriffen. Der Geheimnisvolle war, sowie sein Ohr den schnelleren Hufschlag vernahm, dem Beispiele gefolgt und galoppierte jetzt immer in derselben Entfernung vor seinen Verfolgern her. »Stern chase is a long chase«, sagte Oldenburg, dem die Sache großes Vergnügen zu machen schien. »Der Bursche ist übrigens ausgezeichnet beritten. Sehen Sie nur, wie das Tier den Boden kaum mit den Hufen zu berühren scheint. Weißt du nicht, Karl, wer es sein kann?« »Nein, Herr«, sagte der Reitknecht, der jetzt in einer Linie mit den beiden Herren ritt, »es kann niemand aus unserer Gegend sein, sonst müßten wir ihn schon eingeholt haben.« »Karl schmeichelt sich nämlich mit dem Gedanken, daß er die besten und schnellsten Pferde weit und breit unter seinem Kommando hat«, bemerkte der Baron. »Er hält es auch nicht lange mehr aus, Herr«, sagte Karl. »Das müssen wir abwarten«, meinte der Baron. »Sollen wir nicht, um dem Dinge ein Ende zu machen, die Pferde einmal laufen lassen?« sagte Oswald nach einigen Minuten. »Es muß sich dann ja zeigen, ob wir ihn einholen können oder nicht.« »Meinetwegen«, sagte Oldenburg, »en avant!« Die drei Reiter ließen ihren Pferden die Zügel. Die edlen Tiere, wie entzückt über die ihnen gewährte Freiheit, und als wüßten sie, daß ihr Ruf als beste Renner der ganzen Gegend heute auf dem Spiele stand, stürmten mit gewaltiger Geschwindigkeit dahin, zuerst Brust an Brust, bis Oldenburgs Rappe die Spitze nahm und behauptete, sooft auch eins der beiden andern Pferde ihm den Rang streitig zu machen suchte. Der Geheimnisvolle hatte, als seine Verfolger ihre Pferde in Karriere setzten, sie bis auf fünfhundert Schritt herankommen lassen. Schon glaubten sie die Jagd ihrem Ende nahe und der Reitknecht seine und seiner Pferde Ehre gerettet, als plötzlich der Mann vor ihnen seinem Renner die Sporen gab und seinen Kopf tief hinab bis fast auf die Mähne des Tieres beugend mit einer Schnelligkeit dahinschoß, die bald die Unmöglichkeit ihn einzuholen selbst dem wütenden Reitknecht klarmachte. »Ich glaube, es ist der Teufel selber«, sagte er durch die Zähne. Oldenburg lachte. »Ich glaube es auch«, rief er, »wir wollen die Sache aufgeben.« Es dauerte einige Zeit, bis die aufgeregten Pferde sich beruhigen konnten. Der Geheimnisvolle stürmte mit unverminderter Geschwindigkeit weiter und war schon nach wenigen Minuten in dem Hohlwege, der nach dem Fischerdorfe hinunterführte, verschwunden. Eine halbe Stunde später langten sie vor dem Tore von Grenwitz an. Oswald stieg ab und übergab die Zügel seines Pferdes dem Reitknecht, um dem Baron die Hand zu schütteln. »Wenn Sie sich nicht allzusehr gelangweilt haben«, sagte dieser, »so wollen wir das Experiment in den nächsten Tagen wiederholen. Leben Sie wohl!« Oswald gelangte auf seine Stube, ohne auf dem stillen Hofe, in dem stillen Hause auch nur einem Menschen begegnet zu sein. Als er sich an das offene Fenster lehnte und in den schon vom Abenddunkel erfüllten Garten hinabsah, bemerkte er zwei Gestalten, die flüsternd und kosend in den Gängen auf und ab schritten. Es waren Albert und Marguerite. Sie hatten offenbar die schöne Gelegenheit, in der Konjugation von aimer weiterzukommen, nicht unbenutzt verstreichen lassen. Vierunddreißigstes Kapitel Mein Herr! Nach allen Seiten gleichmäßig zu reüssieren, gelingt keinem, selbst nicht dem vom Glück am meisten begünstigten Ritter. Werden Sie es daher begreiflich finden, wenn jemand, der mit einigem Staunen die Fortschritte beobachtet hat, die Sie in der Gunst einer gewissen Dame machten, das Geheimnis des Zaubers Ihrer Persönlichkeit kennenzulernen und zu dem Zwecke die Ehre Ihrer näheren Bekanntschaft wünscht? Und würden Sie wohl, um ihm dies Vergnügen zu gewähren, die Güte haben, heute abend 11 Uhr einen Spaziergang aus dem kleinen Tore von Grenwitz zu unternehmen? Sie würden im Schatten der alten Buche auf dem Wege nach Berkow einen Wagen treffen, in den Sie nur zu steigen brauchten, um an den Ort des Rendezvous zu gelangen. Dort sollen Sie alles finden, was zur Anknüpfung eines intimeren Verhältnisses nötig ist. Es ist wohl nicht besonders notwendig, Sie daran zu erinnern, daß diese delikate Angelegenheit in Geheimnis gehüllt bleiben muß. Der Lenker des Wagens wird aus der Antwort Moi auf seinen Anruf: Qui vive? hören, daß Sie der Rechte sind. Au revoir, Monsieur! So lautete der Inhalt eines expressen Briefes, den der Postbote aus dem nächsten Städtchen am Abend des folgenden Tages Oswald brachte. Er las das sonderbare Schreiben mehrmals, bevor er sich von seinem Erstaunen erholen konnte. Wer war der »Jemand«, der seine nähere Bekanntschaft zu machen wünschte? Wer die Dame, um die es sich handelte? War das Geheimnis der Waldkapelle entweiht worden? Hatte jemand die Szene in der Fensternische auf dem Balle in Barnewitz belauscht? Konnte Herr von Cloten der Herausforderer sein? Das auffallend kühle Benehmen dieses jungen Edelmannes bei der zufälligen Begegnung gestern schien dafür zu sprechen. Oder war diese Begegnung nicht zufällig und stand der geheimnisvolle Reiter damit in Verbindung? War es nur ein Spion Clotens? Aber war die Unterredung zwischen Herrn von Barnewitz und dem Baron, bei der Oswald ein so unfreiwilliger Zeuge gewesen war, nicht Beweis genug, daß Cloten nach einer ganz andern Seite hin in Anspruch genommen und mit seinen eigenen Angelegenheiten vollauf beschäftigt war? Oswald ließ die Reihe der jungen Edelleute, die er auf dem Balle in Barnewitz kennengelernt hatte, an seinem Geiste vorübergehen, und sein Verdacht blieb schließlich auf dem jungen Grafen Grieben haften, jenem langen, blonden Jüngling, der so komische Anstrengungen machte, den starken Geist zu spielen und sich die Gunst der übermütigen Emilie zu erwerben, und in beiden Bemühungen so unglücklich gewesen war. Er konnte am ersten der Erfinder der Phrase von dem »vom Glück begünstigten Ritter« sein. Was sollte er tun? Sollte er sich der vielleicht nichts weniger als edlen Rache der jungen Edelleute aussetzen? Sollte er in einen Kampf gehen, in dem er die Wahl der Waffen, der Zeugen, des Ortes, kurz alles seinem Gegner zu überlassen gezwungen war? Konnte es ihm ein billig denkender Mann verargen, wenn er die Herausforderung eines Namenlosen unbeachtet ließ? Aber hatte er es denn mit billig denkenden Männern zu tun? Hatte er nicht längst erfahren, bewies nicht alles, was er sah und hörte, daß in diesen bevorzugten Kreisen subjektives Belieben für Recht galt und die frivolste Laune des Augenblicks die Richtschnur des Handelns war? Fand sich dieser Zug nicht selbst bei denen, welche Geist und Charakter so hoch über den gewöhnlichen Troß ihrer Standesgenossen erhob: bei Oldenburg und Melitta? Und würde ihm ein Ablehnen der Herausforderung nicht als Feigheit, nicht als ein Mangel jenes feinen Ehrgefühls ausgelegt werden, auf das sich dieser Adel so viel zugute tat? Nein, nein; er mußte den Fehdehandschuh aufnehmen, wie verächtlich auch die Hand sein mochte, die ihn ihm aus dem Dunkel heraus vor die Füße geschleudert hatte. Er mußte den Junkern zeigen, daß er sich nicht fürchtete, allein, ohne Freunde, waffenlos, ihrer Rache gegenüberzutreten. Sein Blut kochte. Er ging erregt im Zimmer auf und ab. »Nur zu, nur zu!« murmelte er durch die Zähne. »Ich wollte, sie stellten sich mir gegenüber, einer nach dem andern, mein Haß würde mir die Kraft geben, sie alle niederzuschmettern. Es ist ganz recht so, ganz recht! Was habe ich hier zu tun unter diesen Wölfen? Zerrissen werden oder zerreißen – das hätte ich mir von vornherein sagen können.« Oswald fühlte, wie aus dem tiefsten Grunde seiner Seele, in den sein Auge noch nie gedrungen war, es aufstieg mit dämonischer Gewalt. Eine wilde Eigenschaft, ein heißer Durst nach Rache, ein wahnsinniges Verlangen, zu zerstören, zu vernichten, erfaßte ihn; der ganze fanatische Haß gegen den Adel, den er als Knabe empfunden, wenn er seinem Vater in dem Garten hinter der Stadtmauer die Pistolen lud, mit denen jener auf die Asse schoß, die ebenso viele Herzen von Adeligen bedeuteten; wenn er auf der Schulbank im Livius von dem Übermut der Tarquinier las oder auf seiner Stube die tränenreiche Geschichte der Emilia Galotti. Und das waren keine Märchen! Hier in diesem Schlosse, vielleicht in denselben Zimmern, die er jetzt bewohnte, war ein Opfer adeliger Grausamkeit verblutet: Hier hatte die arme, unglückliche, schöne Marie mit tausend heißen Tränen die Torheit bezahlt, den Worten des adeligen Verführers geglaubt zu haben! Sie war als Opfer gefallen, denn sie war ein schwaches Weib und Tränen waren ihre Waffen, Tränen, die kein Erbarmen fanden. Diese Tränen waren noch nicht gesühnt. Wie, wenn er als Rächer für sie aufstände, wenn er diese Tränen eines Bürgermädchens sühnte in dem Blut eines Adeligen? Solche Gedanken wirbelten durch Oswalds Gehirn, während er für den Fall eines schlimmen Ausgangs – den er übrigens sonderbarerweise kaum für möglich hielt, so schnell hatte er sich in die Rolle eines Rächers gefunden – einige flüchtige Vorbereitungen traf, das heißt, die Briefe, von denen er nicht wünschte, daß sie jemals in fremde Hände fielen, verbrannte, und überhaupt etwas Ordnung in seine Papiere brachte; schließlich auch ein paar Zeilen an Professor Berger schrieb, die er aber hernach wieder zerriß und in den Ofen warf. Das Volk ist nicht wert, daß man seinethalben so viel Umstände macht; sagte er bei sich. Mit Ungeduld erwartete er die bezeichnete Stunde. Es schlug zehn auf der Schloßuhr. Er hörte, daß die Leute zu Bette gingen, auch aus Alberts Zimmer schimmerte Licht in den dunklen Garten hinab. Es schlug halb elf. Oswald machte sorgfältig Toilette, nahm eine Rose aus einem Blumenstrauß, den er sich heute im Garten gepflückt hatte, und steckte sie ins Knopfloch. Dann ging er leise aus seinem Zimmer die enge Treppe, auf der Marie in jener stürmischen Herbstnacht sich aus dem Schloß gestohlen hatte, hinab in den Garten, durch den Garten nach dem Gittertor, welches neben dem Schloß auf den Hof führte und von dem man nur noch ein paar Schritte zu dem kleinen Tore hatte, vor dem ihn der Wagen erwarten sollte. Der nächtliche Himmel war mit Wolkendunst bedeckt, durch den nur spärliche Sterne leuchteten; es war so finster, daß Oswald, bis sich sein Auge an das Dunkel gewöhnt hatte, den so bekannten Weg mit Vorsicht gehen mußte, um nicht rechts oder links in den Graben zu geraten. Plötzlich tauchte ein großer Gegenstand vor ihm auf, und in demselben Augenblick rief eine tiefe rauhe Stimme: »Qui vive!« »Moi«, antwortete Oswald. Er sah die undeutlichen Umrisse einer langen Gestalt, die ihm die Tür des Wagens öffnete und den Schlag herabließ. Sobald er eingestiegen war, wurde die Tür hinter ihm geschlossen und sofort zogen auch die Pferde an; er konnte nicht erkennen, ob die Gestalt neben dem Kutscher Platz genommen hatte, oder der Kutscher selbst war. Kutscher und Pferde mußten den Weg sehr genau kennen oder in dunkler Nacht so gut sehen können wie am hellen Tage; denn der Wagen bewegte sich mit einer Schnelligkeit, gegen die selbst ein ungeduldiger Liebender nichts hätte einwenden können. Der Weg war gut, und wenn auch hier und da ein Stein im Geleise lag, so hing der Wagen in so vortrefflichen Federn; daß man den dadurch verursachten Stoß kaum spürte. Oswald lehnte sich in die schwellenden Kissen. Der weiche Sammet schien einen feinen Wohlgeruch auszuströmen, der den engen Raum erfüllte, wie das Boudoir einer hübschen Frau. Ja, es war Oswald, als ob es dasselbe Parfüm sei, das Melitta immer benutzte. Und plötzlich war es ihm, als säße Melitta neben ihm, als berühre ihre warme weiche Hand seine Hand, als fühlte er das Wehen ihres Atems an seiner Stirn, als legten sich ihre Lippen leicht wie ein Hauch auf seinen Mund. Und vor diesem wonnigen Traum sank die Wirklichkeit in Nichts. Oswald vergaß, was er vorhatte; er dachte nicht daran, was seiner harrte; er wußte nicht mehr, wo er war – und nur sie, sie allein erfüllte seine Seele. Wie eine Sturmflut von Seligkeit überkam ihn die Erinnerung an ihren Liebreiz, ihre Güte, ihre holde Rede und ihren süßen Kuß. Mit wunderbarer Klarheit zogen die köstlichen Bilder der einzig wonnigen Stunden, die er an ihrer Seite, zu ihren Füßen verlebt hatte, durch seine Erinnerung, von jener ersten Begegnung auf dem Rasenplatze hinter dem Schlosse von Grenwitz bis zu dem Augenblick, wo sie, mit Tränen in den lieben Augen, sich von ihm wandte in jener Nacht unseligen Angedenkens, wo der Dämon der Eifersucht die scharfen Krallen in sein zuckendes Herz schlug. »Vergib mir, Melitta; vergib mir!« stöhnte er, seinen Kopf in die Kissen drückend. Da plötzlich hielt der Wagen. Die Tür wurde aufgerissen; die lange Gestalt, die ihm den Schlag herabgelassen hatte, half ihm aussteigen, reichte ihm die Hand, führte ihn einige Stufen hinauf zu einer großen Fenstertür, durch deren rote Vorhänge ein mattes Licht schimmerte. Die Tür tat sich auf, und Oswald sah sich in dem Gartensaal von Melittas Schloß und Melitta schlang ihre Arme um seinen Hals und Melittas Stimme flüsterte: »Vergib mir, Oswald! Vergib mir!« »Du Grausamer!« sagte Melitta, als der erste wilde Sturm des Entzückens mit seinen Tränenschauern der Wonne vorübergebraust war. »Wie hast du nur so viele Tage dein Herz vor mir verschließen können und wußtest doch, daß ich da draußen stand und um Einlaß bettelte! Aber ich will dich nicht schelten. Du bist ja hier und nun ist alles wieder gut.« Sie legte ihren Kopf an seine Brust und schaute durch Tränen lächelnd zu ihm empor: »Nicht wahr, lieb Herz, nun ist alles wieder gut? Nun ist Melitta wieder, was sie dir vorher war, was sie dir ewig sein wird, trotz aller hübschen sechzehnjährigen Mädchen, sie mögen Emilie heißen oder –« »Melitta!« »Oder Melitta! Denn es gibt nur eine Melitta und wenn tausend so hießen, und diese eine bin ich. Und daß du diesen wichtigen Umstand vergessen konntest, welche Umstände hast du dir dadurch bereitet, mir und dem alten armen Baumann! Ich will von mir nichts sagen, denn Leid will Freud und Freud will Leid haben, und wenn man rechtschaffen liebt, kommt es auf ein paar Tränen, ein paar durchwachte Nächte, ein paar angefangene und wieder zerrissene Briefe mehr oder weniger nicht an; aber der arme Baumann! Denke dir nur! Ich war am ersten Tage ganz ruhig, denn ich dachte, er wird schon kommen und dich um Verzeihung bitten; als du aber nicht kamst, nicht am zweiten, nicht am dritten Tage, da sank mir der Mut, und ich mag wohl recht trostlos ausgesehen haben, denn wie ich hier, den Kopf aufgestützt, saß, fühlte ich plötzlich eine Hand auf meiner Schulter und als ich aufschaue, steht der gute alte Baumann da und sagt: ›Soll ich einmal nachsehen, wo er so lange bleibt?‹ – ›Ach ja, lieber Baumann‹, sagte ich. Da ging die treue Seele, ohne weiter ein Wort zu sagen, fort, und kam erst spät am Abend wieder. ›Hat Er ihn gesehen?‹ – ›Zu Befehl; er ist wohl und munter; ich bin mit ihm in die Wette geritten.‹« »So war der alte Baumann der geheimnisvolle Reiter?« »Natürlich, und er lachte in seiner stillen Weise, wie er erzählte, daß ihr ihn gejagt hättet, als wollte er sagen: Diese Kinder! Dachten, sie könnten mich überholen auf dem Brownlock!« »Das war der Brownlock, von dem mir Bruno schon so viel vorgeschwärmt hat, ja freilich, nun erklärt sich alles!« »Nicht wahr? Nun erklärt sich auch, weshalb sich Baumann hinsetzte und nach meinem Diktat den Brief schrieb. Der Alte wollte nicht und sagte: Ein Duell ist kein Kinderspiel, und das heißt den Scherz zu weit treiben; aber ich lachte und weinte, bis er es doch tat, und heute morgen noch einmal auf den Brownlock stieg und in die Stadt ritt und heute abend nach Grenwitz fuhr.« »Und wenn ich nun der Herausforderung nicht gefolgt wäre?« »Das deutete auch Baumann an, und ich antwortete ihm: ›Schäme Er sich, Baumann, so etwas zu sagen‹.« Oswald lachte: »Natürlich! Wir müssen uns jedesmal schämen, sooft wir etwas sagen oder tun, was nicht in die Welt paßt, wie sie sich in euren Köpfen malt.« Melitta antwortete nicht und Oswald sah, daß ein Schatten über ihr Antlitz flog. Er ließ sich vor ihr auf ein Knie nieder und sagte, ihre herabhängende Hand ergreifend: »Habe ich dich beleidigt, Melitta?« »Nein«, sagte sie, »aber diese Bemerkung hättest du vor acht Tagen nicht gemacht.« »Wie meinst du das?« »Komm, steh auf! laß uns ein wenig in den Garten gehen. Es ist so schwül in den Zimmern; mich verlangt nach der kühlen Nachtluft.« Sie gingen hinab in den Garten und wanderten Arm in Arm zwischen den Beeten, bis sie zu der niedrigen Erdterrasse gelangten, wo Oswald, als er an jenem Sonntag nachmittag den Besuch auf Berkow machte, Melitta getroffen hatte. Sie setzten sich unter den Tannenbaum, der seine Äste schützend über sie breitete, auf eine der Bänke. Die Nacht war lautlos still; die Bäume standen unbeweglich, wie in tiefem Schlaf; würziger Blumenduft erfüllte die warme, taulose Luft; Glühwürmchen irrten wie leuchtende Sterne durch das Dunkel. »Du hast mir auf meine Frage immer noch nicht geantwortet, Melitta?« sagte Oswald. »Was haben denn die letzten acht Tage an mir verändert? Bin ich nicht mehr derselbe, der ich war, nur daß die bittere Reue, dir weh getan zu haben, meine Liebe zu dir noch tiefer und inniger gemacht hat?« Melitta antwortete nicht. Plötzlich sagte sie schnell und leise: »Bist du seit dem Sonntag in Barnewitz oft mit ihm zusammengewesen?« »Mit wem, Melitta?« »Nun mit – mit Baron Oldenburg. Gott sei Dank, endlich ist es heraus! Es ist recht kindisch und töricht, daß ich mich bis jetzt stets gesträubt habe, Oldenburgs zu erwähnen und dir zu sagen, welches meine Beziehungen zu dem Manne waren, und doch fühlte ich, daß du ein Recht hattest, es zu wissen, und daß ich die Pflicht habe, von meiner Vergangenheit, wo sie dir dunkel scheinen muß, den Schleier zu heben. Dies Gefühl wurde zuletzt, besonders, als ich seit gestern wußte, daß du mit dem Baron auf einem intimen Fuße standest, so stark, daß ich dich um jeden Preis hier zu haben wünschte, und da verfiel ich denn auf den kindisch dummen Einfall.« »Ich habe nicht, wie du sagst, das Recht zu einer solchen Neugier, Melitta«, antwortete Oswald. »Für die Liebe, die du mir gewährst, muß ich dankbar sein und bin ich dankbar wie für eine holde Gnade des Himmels. Ja, ich gestehe, es gab eine Zeit, wo meine Liebe noch den Zweifel kannte, aber da war sie noch nicht die echte Liebe. Jetzt ist es mir nicht denkbar, ich könnte je aufhören dich zu lieben, und deine Liebe könnte jemals aufhören. Ja, es ist mir, als ob diese Liebe, wie sie ewig sein wird, auch schon von Ewigkeit gewesen wäre. Ob du schon früher geliebt hast, ich weiß es nicht; es ist möglich, aber ich verstehe es nicht und würde es nicht verstehen, wenn du es mich auch ausdrücklich versichertest.« »Und ich versichere dich«, sagte Melitta, sich zärtlich an den Geliebten schmiegend, »ich habe nie geliebt, bis ich dich sah; denn was ich früher Liebe nannte, war nur die unbefriedigte Sehnsucht nach einem Ideal, das ich im tiefsten Herzen trug, das sich mir niemals zeigen wollte, und das, jemals zu finden, ich schon seit Jahren die Hoffnung aufgegeben hatte.« »Und du glaubst, ich sei dies verkörperte Ideal? Arme Melitta, wie bald wirst du aus diesem Traum erwachen! Erwache, Melitta! Erwache – noch ist es Zeit!« »Nein, Oswald, es ist zu spät. Es gibt eine Liebe, die stark ist wie der Tod, und aus ihr gibt es kein Erwachen. Nein! Kein Erwachen! Ich fühle es, ich weiß es. Und wenn du dein Antlitz von mir wendetest und wenn du mich von dir stießest – dir gegenüber habe ich keinen gekränkten Stolz, keine verletzte Eitelkeit – nur Liebe, unergründliche, unermeßliche, unerschöpfliche Liebe. Bis jetzt wußte ich nur, daß ich lieben könne; wie sehr ich lieben könne, hast du mich erst gelehrt. Und so kann ich auch ruhig über die Zeit sprechen, in der ich dich noch nicht kannte – denn jenes Leben war nur ein Scheinleben – und alles, was ich fühlte und dachte, ein unbestimmtes Träumen ohne Zusammenhang und Sinn. Jetzt weiß ich es, jetzt, wo ich in dem Sonnenstrahl deiner Liebe die Augen aufschlug und nun das Leben so durchsichtig klar vor mir liegt, daß mir die dichte Nacht, die uns umgibt, heller dünkt wie sonst der lichteste Tag und die dunkelsten Rätsel meines Herzens gelöst sind. Jetzt kann ich von der Melitta der früheren Zeit sprechen wie von einem fremden Wesen, für dessen Tun und Lassen ich mich nicht verantwortlich fühle; jetzt kann und will ich dir erzählen, was es für eine Bewandtnis mit dem Bilde in meinem Album hat, dem losgelösten Blatt, dessen Vorhandensein dich damals so erschreckte, liebes Herz. Ja, ja, ich hab es wohl bemerkt – du entfärbtest dich und konntest nicht fassen, wie ich dich um dein Urteil über den Mann befragen konnte, den du für meinen Geliebten halten mußtest. Und doch war das Oldenburg nie oder es müßte in der Liebe tausend Grade geben, von denen der niedrigste von dem höchsten so weit entfernt ist wie die Erde von dem Himmel. Ich kannte Oldenburg schon von meiner frühesten Kindheit an. Salchow, das Gut meines Vaters, grenzt an Cona, wo du gestern warst. Meine Tante, die nach dem frühen Tode meiner Mutter meine Erziehung leitete, und Oldenburgs Mutter waren sehr gute Freundinnen und kamen fast täglich zusammen. Natürlich auch wir Kinder. Oldenburg war ein paar Jahre älter als ich, aber da die Mädchen den Knaben stets in der Entwicklung voraus sind, so wurde der Unterschied des Alters von uns nicht empfunden, wir spielten und arbeiteten zusammen und hielten gute Kameradschaft – für gewöhnlich; denn es kam auch manchmal zu heftigem Wortwechsel und Zank und Tränen. Ich gab selten Veranlassung dazu, denn ich war wenig rechthaberisch und stets zum Nachgeben bereit, aber Adalbert war über die Maßen empfindlich, störrisch und eigenwillig. Die Doppelnatur seines Wesens, die er später auszugleichen sich bemühte und vor weniger Scharfsichtigen auch meistens zu verbergen wußte, lag damals offen zutage. Es war unmöglich, sich nicht für ihn zu interessieren, aber ich glaube, es gab niemand, der ihn wirklich liebte. Er fühlte das, und dies Gefühl, welches er wie eine geheime Wunde stets mit sich herumtrug, machte ihn schon sehr früh zu einem Hypochonder und Menschenfeind. Was half es ihm, daß jedermann seine eminenten Gaben bewunderte, daß niemand an seinem Mut, seiner Wahrheitsliebe zweifelte! Sein störrisches, eigensinniges Wesen stieß alle zurück, verletzte alle, ja selbst seine lange, unschöne Gestalt und seine täppischen, linkischen Bewegungen trugen dazu bei, die Herzen der Menschen von ihm zu wenden. Wenigstens war es so bei mir, die ich mich von Jugend auf zu allem, was schön und anmutig war, unwiderstehlich hingezogen fühlte und einen wahren Abscheu vor dem Häßlichen und Formlosen hatte. Ich konnte mich nicht überwinden, Adalbert zu lieben, obgleich er mit großer, aber freilich stets hinter Schroffheit und Kälte sorgsam versteckter Zärtlichkeit an mir hing und manchmal, wenn seine Leidenschaftlichkeit über die künstliche Ruhe, die er zur Schau trug, siegte, mir in den herbsten, bittersten Ausdrücken meine Lieblosigkeit, meinen Leichtsinn, meinen Wankelmut vorwarf. Dies Verhältnis blieb, bis Adalbert mit sechzehn Jahren das Gymnasium bezog. Er hatte es bei seinem Vormunde – seine Mutter war jetzt auch gestorben – durchgesetzt, daß er studieren durfte. Nur selten noch kam er und immer nur auf wenige Tage nach Cona. Dann war ich zwei Jahre lang in Pension. So kam es, daß wir uns, bis er nach Heidelberg ging, nur im Vorübergehen sahen. Als er von der Universität und seiner größeren Reise zurückkehrte, war ich schon zwei Jahre verheiratet gewesen. Es dauerte eine geraume Zeit, bis er einen Besuch auf Berkow machte. Unser Wiedersehen war eigentümlich genug. Er schien den ganzen, so veränderten Zustand nur als ein fait accompli anzunehmen, dem man sich beugt, weil man muß. Er belästigte mich nicht mit Fragen; er verlangte keine vertrauliche Mitteilung, auf die der einzige Freund meiner Kinder- und Mädchenjahre doch wohl Anspruch hatte. Er machte mir auch keine Vorwürfe; er sagte mir nicht, daß er mich geliebt, daß er auf meine Hand gehofft hatte, obgleich ich nachher erfuhr, daß dies doch der Fall gewesen und daß er, als ihn die Nachricht von meiner Verheiratung in Heidelberg traf, fast in Raserei gefallen war und wochenlang, monatelang an einer unbesieglichen Schwermut gekrankt hatte. Er suchte sich durch eigene Beobachtung ein möglichst klares Bild meines jetzigen Verhältnisses zu verschaffen. Ich sah, daß ihm nichts entging, daß keine meiner Äußerungen von ihm unberücksichtigt, keine meiner Mienen von ihm unbeachtet blieb. Das Bewußtsein, unter der Kontrolle eines so scharfsichtigen Auges zu stehen, war nichts weniger als behaglich, zumal wenn, wie in diesem Falle, so vieles hätte anders sein können, anders sein müssen. Es trat bald wieder dasselbe Verhältnis ein, das früher zwischen uns geherrscht hatte, nur daß die heftigen Szenen wegblieben, die ehemals durch seine Eigenschaft gelegentlich herbeigeführt wurden. Wie er mir früher alle hübschen Muscheln, Steine und Blumen, die er am Strande, zwischen den Klippen, auf den Wiesen gefunden hatte, zutrug, so teilte er mir jetzt alles mit, was er Interessantes auf den vielen Feldern des Wissens, auf denen sich sein unersättlicher und unermüdlicher Geist umhertrieb, entdecken konnte: bald ein schönes Gedicht, bald eine tiefsinnige Sentenz – und er empfand es jetzt nicht weniger schmerzlich, daß ich mit diesen Schätzen nicht haushälterischer umging als mit den Blumen, die ich vertrocknen ließ, und den Steinen und Muscheln, die ich wegwarf. Ich wußte, daß ich keinen treueren Freund hatte als ihn, und er, daß sich in das Gefühl, das ich für ihn empfand, auch nicht die mindeste Liebe mischte; um so uneigennütziger war seine Freundschaft und um so unverantwortlicher der Wankelmut, mit dem ich ihn behandelte. Seine Freundschaft sollte bald eine traurige Gelegenheit finden, sich zu betätigen. Die Schwermut, in die Carlo kurz nach Julius Geburt gefallen war, nahm einen immer krankhafteren Charakter an. Ausbrüche einer unberechenbaren Laune, die Vorboten der letzten fürchterlichen Katastrophe, wurden immer häufiger. Er wollte jetzt niemand um sich haben als Adalbert, was um so auffallender war, als er, der Lebemann, den tiefsinnigen, melancholischen und um so viel jüngeren Baron – den Jüngling von Sais nannte er ihn – früher stets verlacht, verspottet und eigentlich wohl gehaßt hatte. Jetzt begleitete er ihn auf Tritt und Schritt, jetzt war Oldenburgs Stimme die einzige, welche die finsteren Dämonen, die um sein Haupt die Flügel schlugen, auf Augenblicke wenigstens verscheuchen konnte. Und die Aufopferung, mit der Oldenburg sich diesem Liebesdienst unterzog, ist nicht hoch genug anzuerkennen, und ich müßte sie ihm, solange ich lebe, danken. Dann kam die Katastrophe. Oldenburg stand mir in diesen Tagen treu zur Seite; oder genauer: Er nahm alle Last und Verantwortung so ganz auf sich und leitete alles mit solcher Energie und Umsicht, daß ich nur immer Ja zu sagen hatte. Carlo war in eine Anstalt in Thüringen gebracht, und ich war allein hier auf Berkow, mich ganz der Erziehung meines Julius widmend, der damals fünf Jahre alt war, und dem ich auf Oldenburgs Rat schon jetzt in Bemperlein einen Freund und Lehrer gegeben hatte. Oldenburg kam jetzt seltener als früher, aber doch noch immer sehr häufig, wie mir schien. Ich glaubte zu bemerken, daß sich ein Ton von Zärtlichkeit in die Freundschaft mischte, die ich einzig von ihm wünschte und erwartete. Und kaum hatte ich diese Bemerkung gemacht, als ich mich schon berechtigt glaubte, ihn, so schonend wie möglich freilich, auf die allzugroße Häufigkeit seiner Besuche aufmerksam zu machen. Es war dies vielleicht sehr undankbar von mir; aber uns Frauen wird es auch sehr schwer, gegen den dankbar zu sein, den wir nicht lieben. Den nächsten Tag schon war Oldenburg abgereist; niemand wußte wohin. Dann wollte ihn ein halbes Jahr später einer in London gesehen haben; ein anderer sah ihn ein Jahr darauf in Jerusalem. Er war bald hier, bald dort, ruhelos umhergetrieben von seinem wilden Herzen und seinem unersättlichen Wissensdurst. So waren vier Jahre verflossen, die in meinen Verhältnissen sehr wenig geändert hatten. Oldenburgs dachte ich selten und immer wie eines Verstorbenen. Da – es ist nun drei Jahre her – ließ ich mich von meinem Vetter und meiner Cousine bereden, sie auf einer Reise nach Italien zu begleiten. Als wir eines Abends im Mondschein das Kolosseum besuchten, stand plötzlich Oldenburg vor uns. ›Endlich!‹ sagte er leise, indem er mir die Hand drückte. Er wollte uns ganz zufällig getroffen haben; hernach gestand er mir, daß er, ich weiß nicht, wie und durch wen, unsern Reiseplan erfahren, uns schon von München aus verfolgt und immer verfehlt habe, bis es ihm endlich hier gelang, uns einzuholen. Ich muß gestehen, ich freute mich aufrichtig über dies Zusammentreffen und empfand es mit einiger Genugtuung, daß es kein zufälliges war. Es vereinigte sich alles, um Oldenburg bei mir einen guten Empfang zu bereiten. Man schließt sich auf Reisen selbst an Fremde leicht an; wie sollte uns der Freund unserer Jugend, wenn wir ihn plötzlich in fremden Landen treffen, nicht willkommen sein? Oldenburg hatte Italien schon mehrmals bereist und kannte jeden Meister von jedem Altargemälde in jeder Klosterkirche und Kapelle. Seine lehrreiche Unterhaltung stach gegen das banale Geschwätz meiner Verwandten gar sehr zu seinem Vorteile ab, und dazu kam, daß Oldenburg durch die vielfache Berührung mit der feinsten Gesellschaft jetzt die schroffen und rauhen Seiten seines Wesens bedeutend abgeschliffen hatte. Sein Auftreten war, wie du es jetzt siehst, das heißt, bei aller bis an Nachlässigkeit streifenden Ungezwungenheit, doch im schönsten Sinne des Wortes vornehm. Mit einem Worte: Er machte jetzt einen Eindruck auf mich, den ich früher nie für möglich gehalten hätte. Es war nicht Liebe, was ich für ihn empfand, aber es war doch auch mehr als die kühle Freundschaft, die ich ihm bis jetzt entgegengebracht hatte. Aber seltsam, in demselben Maße, in dem ich die geheime Antipathie, die ich schon von meinen Kinderjahren her gegen ihn empfand, einer beinahe herzlichen Zuneigung weichen fühlte, wurde sein Benehmen gegen mich schroffer und kälter. Er richtete seine Unterhaltung, wenn wir beisammen waren, fast ausschließlich an meine Cousine und behandelte mich wie ein verzogenes Kind, dem man den Willen tut, nur damit es nicht anfängt zu weinen. Das verletzte meine Eitelkeit, und dieser verletzten Eitelkeit und Eifersucht, die ich gegen meine Cousine empfand, zuliebe, legte ich es ernstlich darauf an, mir Oldenburgs Zuneigung, die ich durch eine mir unbekannte Ursache verloren zu haben glaubte, wiederzugewinnen. Das bewirkte alsbald eine völlige Umwandlung in Oldenburgs Betragen. Er überschüttete mich jetzt mit Aufmerksamkeiten, er schien Hortense vollkommen vergessen zu haben, und sobald wir allein waren, zeigte er eine Leidenschaft, die mich zuerst in Verwunderung und dann in Schrecken setzte. Dabei wußte er jeder eigentlichen Erklärung sorgfältig auszuweichen und mich stets im Zweifel zu erhalten, ob dies nur eine seiner tollen Launen war. die er gelegentlich annimmt und ablegt wie ein Kleid, oder der Ausdruck einer wirklich tiefgewurzelten Neigung. Es war unmöglich, Oldenburg in dieser Zeit nicht zu bewundern. Sein Genius zeigte sich glänzender als je zuvor; die Fülle von Geist, die er verschwenderisch entfaltete, war in der Tat außerordentlich. Er war die Seele jeder Gesellschaft; man riß sich förmlich um ihn, und da er französisch, englisch, italienisch und ich weiß nicht, wie viele Sprachen außerdem, so gut wie deutsch spricht, so schien jede Nation ihn als einen der Ihrigen ansehen zu dürfen und zu wollen. Wenn er mich nun zur Königin jedes Festes machte, wenn er alle zwang, mir zu huldigen, wenn er alle Schätze seines reichen Geistes nur entfaltete, um sie mir zu Füßen zu legen, so ist es wohl natürlich, daß ich dagegen nicht gleichgültig bleiben konnte, daß ich mir eine kurze Zeitlang einbildete, ihn zu lieben. Ohne ihn geradezu aufzumuntern, ließ ich es mir doch gefallen, daß er mich in Augenblicken, wo wir allein waren, mit dem vertrauten Du unserer Kinderjahre anredete, daß er in Gesellschaft mir jene Aufmerksamkeit erwies, die man sonst nur von einem erklärten Liebhaber entgegenzunehmen gewohnt ist.« »Still, Melitta, mir war, als hörte ich jemand im Garten.« »Ich hörte nichts.« »Sind wir hier auch vor jeder Störung sicher?« »Vollkommen. Indessen, laß uns ins Haus zurückkehren; mir deucht, der Nachttau beginnt zu fallen.« Sie erhoben sich und gingen Arm in Arm nach der Treppe, die von der Terrasse in den Garten führte. Als sie die letzte Stufe hinabstiegen, stand plötzlich ein Mann vor ihnen. Das Zusammentreffen war für Oswald und Melitta so unerwartet, daß sie unwillkürlich zurückzuckten. Indessen war an ein Ausweichen nicht mehr zu denken, und überdies hatte Herr Bemperlein sie schon erkannt, denn die Sterne leuchteten jetzt in voller Pracht, und aus den Fenstern des Gartensaales fiel ein Lichtschimmer den Gang hinab, gerade in die Gesichter der beiden, »Mein Gott, gnädige Frau, wie kommen Sie hierher?« rief Herr Bemperlein. »Ich gebe die Frage zurück«, sagte Melitta, und dann zu Oswald, dessen Arm sie nicht losgelassen hatte: »Sei ruhig, lieb Herz, er verrät uns nicht.« »Es ist doch Julius kein Unglück zugestoßen? Sprechen Sie, lieber Bemperlein, ich habe keine Geheimnisse vor – Oswald.« Herr Bemperlein ergriff Oswalds Hand und drückte sie, als wollte er sagen: Ich weiß jetzt alles, rechnet auf mich. »Nein«, sagte er, »Julius ist wohl und munter, aber ich bekam heute einen Brief von Doktor Birkenhain, demzufolge es mit dem Befinden Herrn von Berkows sehr schlecht steht; man erwartet täglich sein Ende. Daß er vor seinem Ende noch einmal zum Bewußtsein kommen könnte, ist natürlich nicht anzunehmen; aber Doktor Birkenhain hielt es für seine Pflicht, Ihnen diese Lage der Dinge mitzuteilen. Jedenfalls wird dies der Inhalt des eingelegten Briefes an Sie sein. Ich habe ihn selbst gebracht, damit Sie sofort über meine Dienste verfügen könnten, im Falle Sie sich zu einer Reise entschließen sollten. Der Wagen, in dem ich gekommen bin, wird jetzt wohl schon vor dem Hause halten; ich hatte den kürzeren Weg durch den Garten vorgezogen.« Die drei waren in den Gartensaal getreten. Melitta hatte Oswalds Arm losgelassen und sich der Lampe genähert, den Brief zu lesen, den Bemperlein ihr überbracht hatte. Oswald sah, daß sie sehr blaß geworden war, und daß ihre Hand, die den Brief hielt, zitterte. Bemperlein stand, den Blick von Melitta auf Oswald, von Oswald auf Melitta wendend, da, wie jemand, der, aus einem schweren Schlaf erwachend, sich nicht von der Wirklichkeit dessen, was er vor seinen Augen sieht, überzeugen kann. Melitta hatte den Brief gelesen: »Da, Oswald«, sagte sie, »lies und sage, was soll ich tun.« Oswald durchflog das Schreiben, das, wie Bemperlein schon gesagt hatte, Melitta aufforderte, sich sofort auf den Weg zu machen, falls sie den sterbenden Gatten noch einmal zu sehen wünsche. »Du mußt reisen, Melitta, ohne Frage«, sagte Oswald, den Brief wieder zusammenfaltend. Melitta warf sich stürmisch in die Arme ihres Geliebten: »Es war von vornherein mein Wille zu reisen. Ich wollte ihn nur von dir bestätigt hören«, sagte sie. »Ich reise noch in dieser Nacht, noch in dieser Stunde. – Wollen Sie mich begleiten, lieber Bemperlein?« »Ich bin in dieser Absicht hierher gekommen, gnädige Frau«, sagte Herr Bemperlein, »und habe den Reiseplan schon entworfen. Wenn wir in einer Stunde etwa aufbrechen, sind wir noch vor Sonnenaufgang an der Fähre. Drüben nehmen wir Extrapost bis Passow, von da Eisenbahn. So sind wir übermorgen spätestens an Ort und Stelle.« »Sie guter, treuer Freund«, sagte Melitta, Bemperleins beide Hände in die ihren nehmend und herzlich drückend. »Bitte, bitte, gnädige Frau!« rief Herr Bemperlein. »Ganz im Gegenteil, wollte sagen, nur meine Pflicht und Schuldigkeit.« »Ich will mich sogleich zur Reise fertigmachen«, sagte Melitta, ein Licht ergreifend. »Bleibe ruhig hier, Oswald. Wenn jemand von den Leuten dich sehen sollte, bist du mit Bemperlein gekommen; es wird dich aber niemand sehen.« Melitta hatte das Zimmer verlassen. Bald hörte man in dem eben noch so stillen Hause das Geräusch von eiligen Schritten, von Türen, die hastig auf- und wieder zugemacht wurden, von dumpfen Stimmen, die durcheinandersprachen. Von den beiden Männern wagte in den ersten Minuten keiner das Schweigen zu brechen. Beide fühlten das Wunderliche der Situation, in die sie so urplötzlich geraten waren; vor allem Bemperlein, der sich innerlich noch immer nicht von seinem tiefen Erstaunen erholen konnte. Melitta stand in seinen Augen so unerreichbar hoch da, daß er schlechterdings nicht zu begreifen vermochte, wie es irgendeinem Sterblichen gelingen könnte, sich zu dieser Höhe zu erheben; und auf der andern Seite war er seit vielen Jahren so daran gewöhnt, alles, was sie tat, für gut und recht und unverbesserlich zu halten, daß er von dieser Regel selbst jetzt eine Ausnahme zu machen nicht den Mut hatte. »Wir sehen uns auf eine gar seltsame Weise wieder, Herr Bemperlein«, sagte Oswald endlich. »Jawohl, jawohl!« sagte Herr Bemperlein.«Mein Kommen war weder erwartet noch erwünscht, ich begreife das vollkommen – die arme gnädige Frau! Aber welchen Mut sie hat, welche Schnelligkeit des Entschlusses! Ich habe es ja immer gesagt: Sie ist aus besserem Stoff als wir anderen Menschenkinder. Ein wahres Glück, daß der Doktor Birkenhain den gescheiten Einfall hatte, nicht direkt an sie zu schreiben. So kann ich, wenn auch nicht viel, doch wenigstens etwas zu ihrer Unterstützung tun.« »Sie Glücklicher!« sagte Oswald. »Sie dürfen für sie wirken und schaffen; und ich kann nichts tun, nichts, als ihr eine glückliche Reise wünschen und sodann die Hände müßig in den Schoß legen.« »Ich bedaure Sie von ganzem Herzen, wahrhaftig«, sagte Herr Bemperlein. »Es ist eine schwere Aufgabe, die Ihnen zugemutet wird; aber wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Wir werden fleißig schreiben – Sie sollen von jedem Schritte, den wir tun, Nachricht erhalten. Und dann hoffe ich, daß unsere Reise nicht lange dauert, und vor allem, daß Herr von Berkow schon gestorben ist, wenn wir in Fichtenau angekommen.« »Das hoffen Sie? Und doch scheinen Sie diese Reise für notwendig zu halten?« »Gewiß«, sagte Herr Bemperlein. »Es gibt gewisse traurige Pflichten, die man erfüllen muß, nicht der Welt wegen, die uns nicht schelten könnte und schelten würde, wollten wir sie unerfüllt lassen; nicht des andern wegen, dem unsere Opferfreudigkeit zugute kommt, und den wir vielleicht weder lieben noch achten, sondern um der Achtung willen, die wir vor uns selber haben. Doch was demonstriere ich Ihnen noch lange vor, was Sie so gut und besser wissen als ich. Sie haben ja auch zu dieser Reise geraten, obgleich Sie doch am meisten dabei verlieren. Es muß eine schauerliche Empfindung sein, so plötzlich aus allen seinen Himmeln gerissen zu werden. Seltsam! Seltsam! Je länger ich über dies alles nachdenke, desto begreiflicher wird es mir. Ja, ja – daß Sie die herrliche Frau lieben, das ist ja so natürlich, so – ich möchte sagen: logisch –, das Gegenteil würde barer Unsinn sein: Es muß sie jeder lieben, und um so mehr lieben, je edler sein Herz, je empfänglicher seine Seele für das Gute und Schöne ist. Ihr Herz ist edel, ihre Seele klingt harmonisch mit allem Schönen zusammen; so müssen Sie auch die schönste und beste Frau von ganzem Herzen, von ganzer Seele lieben. Und auf der anderen Seite: Ist sie nicht frei? Wenn auch nicht vor den Menschen, so doch vor dem Richter, der ins Verborgene sieht? Hat sie ihren Gemahl jemals geliebt? Konnte sie ihn lieben, dem sie verkauft wurde um schnödes Geld – verkauft von dem eigenen Vater, als sie noch viel zu jung und zu unschuldig war, das Bubenstück auch nur zu ahnen, geschweige denn zu durchschauen? Oh, mein Blut kocht, wenn ich daran denke! Nein, nein! Sie durfte Sie lieben, sie mußte Sie lieben, sie, deren Herz ganz Liebe und Güte ist. Ich freue mich, daß es so gekommen ist, ich wünsche Ihnen Glück von ganzem Herzen. Ich bin ein einfacher, unbedeutender Mensch und würde im Gefühl dieser meiner Unbedeutendheit nimmer den Blick zu solcher Höhe zu erheben wagen; aber, wenn ich einen andern kühn und stolz auf dieser Höhe wandeln sehe, so erfüllt das meine Brust mit Bewunderung, die von Neid frei, ganz frei ist, und noch einmal: Ich wünsche Ihnen Heil und Segen von ganzem Herzen!« Herr Bemperlein ergriff Oswalds beide Hände und drückte sie mit Lebhaftigkeit. Die Augen standen ihm voll Tränen; er war innerlich erschüttert. »Und ich danke Ihnen von ganzem Herzen«, sagte Oswald gerührt. »Der Beifall eines Mannes, den ich so hoch achte, ist mir tausendmal mehr wert als das Urteil der dummen, blinden Welt. Die Welt wird unsere Liebe verketzern und verdammen, aber die Welt weiß nichts von Gerechtigkeit.«, »Nein«, sagte Herr Bemperlein, »und dennoch ist sie unsere Richterin, deren Ausspruch wir uns fügen müssen, wir mögen wollen oder nicht. Und dieser Gedanke ist es, der für meine Augen einen tiefen Schatten auf das sonnige Bild einer so reinen, uneigennützigen Liebe wirft. Doch ich will Ihr Herz, das in diesem Augenblicke schon schwer genug ist, nicht noch schwerer machen. Dem Starken und Mutigen hilft das Glück. Sie sind ja stark und mutig und sind es doppelt und dreifach, weil sie lieben. Es soll ja der Glaube Berge versetzen können. Was dem Glauben gelingt, kann der Liebe nicht unmöglich sein. Doch still, da kommt die gnädige Frau.« Die Tür wurde geöffnet und Melitta erschien im Reiseanzug. Der alte Baumann war bei ihr. »Ich bin bereit, lieber Bemperlein«, sagte sie zu diesem, und dann, sich in Oswalds Arme werfend: »Leb wohl, liebes Herz! Leb wohl!« Fünfunddreißigstes Kapitel Die Baronin Grenwitz war aus mehr denn einem Grunde fest entschlossen, Oswald auf der projektierten Badereise nach Helgoland nicht mitzunehmen, und sie hatte während der dreitägigen Visitentour vielfach bei sich überlegt, wie sie, ohne sich doch selbst gar zu viel zu vergeben, diesen Entschluß ausführen könnte. Wie erfreut war sie deshalb, als Oswald bei ihrer Zurückkunft (es war den Tag nach Melittas Abreise) ihre leiseste Anspielung, ob es ihm nicht lieber wäre, diese Zeit ganz zu seiner Erholung zu verwenden, begierig ergriff; als er erklärte, während dieser Zeit nicht einmal auf dem Schlosse bleiben, sondern eine Reise, vielleicht durch die Insel, die er noch nicht kannte, vielleicht nach Berlin zu seinen Freunden machen zu wollen. Anna-Maria freute sich so sehr über dieses ganz unerwartete Entgegenkommen, daß sie nicht einmal über die Motive, die Oswald dazu bestimmt haben mochten, nachdachte, ebensowenig wie über sein düsteres zerstreutes Wesen und über die Gleichgültigkeit, mit denen er den Vorbereitungen zur Reise zusah und schließlich am Tage der Abreise von allen, selbst von Bruno Abschied nahm. Vielleicht ärgerte er sich, daß man ihn nicht mitnahm, vielleicht wußte er nicht, wo er bleiben sollte. Gleichviel, wenn er nur nicht auf dem Schlosse blieb, wenn er nur, wie er es wirklich tat, in demselben Augenblicke, wo die Familienkutsche, bespannt mit den vier schwerfälligen, von dem schweigsamen Kutscher gelenkten Braunen, langsam und würdevoll zu dem Haupttor hinausfuhr, das leichte Ränzel auf dem Rücken, durch das andere Tor in die weite Welt hineinwanderte. Aber Herr Albert Timm durfte bleiben! Er machte nicht so lächerliche Ansprüche wie der hochmütige Oswald; er war mit allem zufrieden! Und dann konnte er in der Einsamkeit des Schlosses so ungestört arbeiten, und die schleunige Vollendung der Flurkarten war von so großer Wichtigkeit! Mademoiselle war angewiesen, es Herrn Timm an nichts fehlen zu lassen. Daß es vielleicht nicht ganz schicklich sei, ein junges Mädchen von zwanzig Jahren und einen jungen Mann von sechsundzwanzig Jahren unter der Aufsicht einiger Dienstleute, über die das junge Mädchen das Kommando führte, auf einem einsamen Schlosse zurückzulassen, war sonderbarerweise der so überaus strengen Baronin gar nicht in den Sinn gekommen. Die tugendhafte Frau würde die Nase gerümpft, würde es unverantwortlich, unverzeihlich gefunden haben, wenn sie gehört hätte, daß der junge Graf Grieben mit Fräulein von Breesen fünf Minuten nur in einem Zimmer allein gewesen sei, aber der Geometer Timm und ihre Wirtschafterin Marguerite Roger – du lieber Himmel! Sich um das Schicksal solcher Leute auch noch den Kopf zu zerbrechen – das ist offenbar zu viel verlangt! Und Marguerite hatte nicht einmal Eltern, denen man vielleicht verantwortlich gewesen wäre – sie hatte gar keine Verwandte –, wie kann man für jemand verantwortlich sein, der ganz allein in der Welt dasteht! Man hatte Frau Pastor Jäger gebeten, sich von Zeit zu Zeit zu überzeugen, daß den Befehlen der Frau Baronin strenge Folge geleistet würde – Frau Pastor Jäger war eine vortreffliche Frau, die kleine Marguerite stand unter vortrefflicher Aufsicht. Die kleine Marguerite stand unter so vortrefflicher Aufsicht, daß Albert die weise Fürsorge, die die Baronin getroffen hatte, nicht genug loben konnte. »Ich wollte, sie käme nicht wieder«, sagte er zu der hübschen Genferin, während sie Arm in Arm im Garten umherspazierten; »ich wollte, sie kippten zwischen Helgoland und der Düne, wo es am tiefsten ist, mit dem Boote um, und wir könnten hier, wie jetzt, herrlich und in Freuden leben bis an unser seliges Ende. Was meinst du, kleine Marguerite, möchtest du wohl Frau Rittergutsbesitzerin Timm von Grenwitz auf Grenwitz sein? Das wäre doch famos! Dann wollte ich dir Wagen und Pferde halten, ja, und auch eine Wirtschafterin, die du ebenso quälen könntest, wie du jetzt gequält wirst.« »Ich bin schon zufrieden mit wenigem, wenn ich es nur kann teilen mit Sie.« »Sehr edel gedacht, aber besser ist besser, und übrigens heißt es in diesem Falle nicht Sie, sondern Ihnen, oder vielmehr dir, denn bei uns zulande nennen sich Leute, die sich lieben, du, besonders wenn sie die respektable Absicht haben, sich gelegentlich zu heiraten.« »Und Sie mich wirklich wollen 'eiraten? Ach, ich kann es glauben kaum! Was will ein Mann, comme vous, dem die ganze Welt offen ist, 'eiraten ein armes Mädchen, die nicht einmal ist 'übsch.« »Das ist meine Sache. Und nebenbei bist du jedenfalls 'übscher und reicher als ich. Dreihundert Taler –« »Dreihundertfünfundzwanzig Taler«, sagte Mademoiselle Marguerite eifrig. »Desto besser – das ist immer schon etwas für den Anfang. Wenn ich mein bares Vermögen dazurechne –« Herr Timm griff in die Tasche und brachte einige Münzen zum Vorschein –, »haben wir dreihundertfünfundzwanzig Taler, siebzehn Silbergroschen und acht Pfennige. Das ist ein ganzes Kapital.« »Wir uns dafür werden kaufen ein kleines Haus.« »Versteht sich.« »Ich werde geben Unterricht im Französischen.« »Natürlich.« »Und du wirst sein fleißig und arbeiten.« »Comme un forçat – oh, es wird ein charmantes Leben werden«, und Herr Timm faßte die kleine Französin um die Taille und walzte mit ihr in der Laube, in der sie sich befanden, umher. »Ich nun muß hinein, den Leuten zu geben Vesperbrot«, sagte Marguerite, sich losmachend. »So lauf, du kleiner Grasaff; aber komm bald wieder«, sagte Herr Timm. Herr Timm sah der Enteilenden nach. »Dummes kleines Frauenzimmer«, sagte er, »glaubt wahrhaftig, ich werde sie heiraten. Das fehlte auch noch – für dreihundert Taler, die ich früher an ein paar Abenden verspielt habe! Es ist wirklich großartig, was sich diese Mädchen nicht alles einbilden! Und dabei ist diese gar nicht so dumm, wie sie aussieht, und scheint trotz ihres fürchterlichen Deutsch den Goethe gründlich studiert zu haben: ›Tut keinem Dieb nur nichts zu Lieb, als mit dem Ring am Finger –‹ Hm, hm, ich werde ihr wahrhaftig einen Ring kaufen müssen. Die dreihundert Taler wären freilich so übel nicht. Diese verdammten Gläubiger! Nicht einmal in diesem Winkel lassen sie einen ungeschoren.« Herr Timm faßte in die Brusttasche und holte einige Briefe von verdächtigem Aussehen hervor, die er, nachdem er sich in die Ecke einer Bank gesetzt, einen nach dem andern entfaltete und eifrig studierte. Sein sonst so lustiges Gesicht verdüsterte sich dabei zusehends. »Verdammt«, murmelte er, »die Kerle werden wirklich unverschämt. Wenn ich den brummenden Bären doch nur so ein paar hundert Taler in den Rachen werfen könnte, so schweigen sie doch für eine Weile wenigstens. Die dreihundert, welche die kleine Marguerite im Sparkassenbuche hat, kämen mir wirklich gelegen. Es wäre am Ende nur zu ihrem Vorteil, wenn ich sie darum ärmer machte. Denn daß ich mein Versprechen, sie zu 'eiraten, ohne die dringendste Not nicht halten werde, liegt doch für jeden Verständigen auf der Hand. Fühle ich mich nun ihr gegenüber nicht nur moralisch, sondern auch anderweitig verpflichtet, so hat sie immerhin eine Chance mehr. Ich kann ihr ja sagen, ich könne das Geld besser anlegen oder dergleichen. Wenn die dummen Dinger verliebt sind, glauben sie ja alles, was man ihnen aufbindet. Und kann sie das Geld besser anlegen, als wenn sie sich damit einen charmanten Kerl von Mann erkauft, der sie im anderen Falle nicht 'eiraten würde. Me herculem! Ich fühle mich ordentlich gehoben durch den Gedanken, auf diese Weise der Wohltäter des Mädchens zu werden. Ich will die Kleine doch einmal ins Gebet nehmen. Weigert sie sich, so werde ich sie freilich ihrer Klugheit wegen achten müssen, aber mit unserer Liebe ist es aus.« Albert erhob sich und ging, die Hände auf dem Rücken, wie es seine Gewohnheit war, wenn sein scharfsinniger Kopf an der Lösung eines Problems arbeitete, langsam nach dem Schlosse. Marguerite schaltete noch in der Küchenregion; Albert verfügte sich auf sein Zimmer, um noch einige Minuten ungestört über seine Aufgabe nachzudenken. Er beugte sich über die Karte, die auf dem großen Reißbrett aufgespannt war, und an der er seit der Abreise der Familie nicht das mindeste gearbeitet hatte. »Wenn das so fortgeht, wird sich Anna-Maria über meine Fortschritte wundern«, murmelte er. »Die kleine Marguerite ist doch nicht allein daran schuld? Richtig, jetzt besinne ich mich – ich brauche eine Karte aus der Registratur und ließ mir schon vor acht Tagen den Schlüssel dazu geben. Die muß ich mir wenigstens holen, sonst – bei meiner heißen Liebe zur kleinen Marguerite! – bleibt diese angefangene Karte ein Fragment in Ewigkeit!« Albert ging in die Registratur, ein großes Gemach in dem Erdgeschoß des alten Schlosses, dessen Wände von oben bis unten mit Repositorien voll ganz oder halb vergilbter Akten und Schriftstücke der verschiedensten Art bedeckt waren, deren gar manches für einen fleißigen Altertümler von hohem Interesse gewesen wäre. Während er in einem der Repositorien nach der alten Flurkarte kramte, fiel ihm ein kleines Bündel Briefe in die Hände, das er wohl wie schon einige andere ähnliche in das Versteck, aus dem er sie unversehens hervorgeholt hatte, zurückgeschleudert haben würde, wenn nicht die Aufschrift: »An den Baron Harald von Grenwitz, Hochgeboren, auf Grenwitz« seine Neugierde erregt hätte. Herr Timm löste ohne weiteres den roten Faden, mit dem die Briefe zusammengebunden waren, und begann sie einen nach dem andern zu lesen – eine Beschäftigung, die ihn so ausnehmend interessierte, daß er alles andere darüber vergaß und selbst das Rollen eines Wagens überhörte, der vor dem Portale stillhielt und dessen höchst unerwartete Ankunft eine nicht geringe Sensation in dem Schlosse hervorrief. Sechsunddreißigstes Kapitel Während der acht Tage, die seit der Abreise der Familie verflossen waren, hatte Oswald in der Einsamkeit des Fischerdorfes Sassitz, von allem Verkehr mit der Welt abgeschlossen, gelebt. Wie er nach Sassitz gekommen war, wußte er selbst kaum. Seit ihm Melitta so plötzlich geraubt war, hatte ihn eine grenzenlose Gleichgültigkeit gegen alles ergriffen, was nicht in irgendeiner Beziehung zu ihr stand, die jetzt seine ganze Seele erfüllte. In dieser Apathie hatte er sich selbst von Bruno ohne Schmerz getrennt. Auf die Wünsche der Baronin ging er um so bereitwilliger ein, als er sich in seiner augenblicklichen Stimmung nach Einsamkeit sehnte wie ein Kranker nach Ruhe. So sagte er denn zu allem ja, und als er den Wagen, der die Familie entführte, sich in Bewegung setzen sah, fiel es ihm wie eine schwere Last vom Herzen. Er wünschte den Zurückbleibenden, Herrn Timm und Mademoiselle, flüchtig Lebewohl und wanderte, ein leichtes Ränzel, das noch aus seiner Studentenzeit stammte, auf dem Rücken, zum andern Tore hinaus, wie der Held eines Märchens, ohne eine Ahnung davon zu haben, wohin er seine Schritte lenken sollte und wo er heute Nacht sein Haupt zur Ruhe legen würde. Die Sonne brannte heiß; es fiel ihm ein, daß es im Walde frisch und kühl sein müsse. So bog er denn rechts vom Wege ab und bald rauschten über ihm die Tannen des Forstes, der halb zu Grenwitz und halb zu Berkow gehörte. Das Rauschen der hohen Bäume lullte ihn in süße Träume. Träumend wanderte er weiter, bis er plötzlich auf die Lichtung heraustrat, wo in dem Schutze der vielhundertjährigen, breitastigen Buche Melittas Kapelle lag. Die Tür des Häuschens war verschlossen, die grünen Jalousien vor den Fenstern waren heruntergelassen, die Treppe und die Veranda waren sorgsam gefegt, wie es die strenge Ordnungsliebe des alten Baumann erheischte, der jetzt das Regiment in Berkow führte. Oswald setzte sich auf die Stufen der Treppe und stützte den Kopf in die Hand. So saß er in Nachdenken versunken, während in den Zweigen der Buche über ihm ein Waldvögelein sein eintöniges Lied mit dem stets gleichen melancholischen Refrain ertönen ließ. Wie einsam er sich fühlte – wie einsam und wie verlassen! Dem Kinde gleich, das auf weitem ödem Moore den Weg zum Hause der lieben Eltern verloren hat. Hier an dieser selben Stelle hatte er in der Nacht vor der Gesellschaft in Barnewitz mit Melitta gesessen – sie hatte den Kopf an seine Brust gelehnt gehabt, und süßeste, köstlichste Worte der Liebe hatte ihr Mund geflüstert. Jetzt war es still, so still um ihn her. Sehnsüchtige Gedanken an die Entfernte glitten durch seine Seele wie Vögel, die den Süden suchen, durch den weiten Himmelsraum. Ein Sonnenstrahl, der heiß und stechend durch das Laubdach auf ihn fiel, mahnte ihn, daß es Zeit sei, aufzubrechen. Eile hatte er freilich nicht, es war noch früh am Nachmittage, und irgendeinen, gleichviel welchen Ort, wo er sein Quartier für die Nacht aufschlagen konnte, mußte er immer noch erreichen. So schlenderte er durch den Wald auf einem Wege hin, den er noch nie betreten hatte und der ihn, ehe er sich's versah, an den Strand des Meeres führte. Nun wanderte er am Strande fort, bald auf der Höhe des Ufers, wenn die See, wie es häufig geschah, unmittelbar den Fuß der Kreidefelsen bespülte, bald auf dem festen körnigen Sande des schmalen Vorstrandes. Hier und da hatte einer der kurzen wasserreichen Bäche, die aus dem Innern der Insel dem Meere zueilen, das Ufer durchbrochen und eine Schlucht gehöhlt, die mit einer fast südlich üppigen Vegetation bedeckt war. Aber mit Ausnahme dieser wenigen grünen Oasen zeigte sich dem Auge nichts als kahler Fels, nackter Sand, das eintönige blaue Meer, auf dem hier und da ein weißes Segel schwamm, und der eintönige blaue Himmel, an dem hier und da eine weiße Sommerwolke unbeweglich stand. Und zu diesem eintönigen Bilde die einförmige Musik der brandenden Wellen und dann und wann der grelle Schrei der Möwe oder das melancholische Pfeifen der kleinen Strandläufer. Die Monotonie dieser Linien, dieser Farben, dieser Töne wäre für ein glückliches, lebensfrohes Gemüt unerträglich gewesen, aber sie paßte wunderbar zu Oswalds Seelenzustand. Seine Schwermut harmonierte mit dieser tiefernsten Natur, die von Glück und Freude nichts zu wissen schien, desto mehr aber von dem Jammer und der Qual des Lebens. Klang der grelle Schrei, das schrille Pfeifen der Meeresvögel nicht wie Klaggesang? War es nicht, als ob das Meer in den Wellen, die sich in monotonen Kadenzen unaufhörlich am Strande brachen, das verworrene Rätsel der Existenz wie im halben Wahnsinn vor sich hinmurmelte? Und sein eigenes Leben kam ihm so ziel- und zwecklos vor wie dies sein Umherirren zwischen den Uferklippen. Glich es nicht seinem Fußtritte auf dem harten Sande, wo die nächste Welle schon die leichte Spur gänzlich verwischte? Warum geboren werden, anderen und sich selbst Schmerzen und Sorgen ohne Zahl bereiten, wenn alles doch zu nichts führt, wenn die Vergangenheit sich hinter uns auftürmt wie das steile unersteigliche Ufer, die Zukunft uns angähnt wie das öde wüste Meer und die Gegenwart ein schmaler Strand ist, den die unbarmherzig glühende Sonne nur deshalb so grell zu erleuchten scheint, ihn in seiner ganzen trostlos dürftigen Nacktheit zu zeigen? Und wenn wirklich einmal das Glück uns zu lächeln scheint, so scheint es eben nur; so ist es eben nur eine trügerische Spiegelung, die eine schadenfrohe Fee aus dem unwohnlichen, tückischen Meere aufsteigen läßt, damit sie in dem Augenblicke versinkt, wo wir das palmengeschmückte, palastumsäumte Ufer zu berühren glauben. Ein Dörfchen, dem sich Oswald mit raschen Schritten näherte, lag in dem innersten Winkel einer tiefen, von mäßig hohen Uferfelsen umschlossenen Bucht, wo das Wasser so still und glatt war wie in einem Gartenteich. Einige der Hütten lagen hart am Strande, andere waren an den Ufern eines Baches, der sich an dieser Stelle ins Meer ergoß, in der tiefen breiten Schlucht erbaut, die er sich gewühlt hatte. Vor den Türen waren kleine mit Muscheln eingefaßte Gärtchen; auf den mit weißem Sande ausgefüllten Gängen zwischen den Häusern hingen Netze zum Trocknen an langen Stangen; ein paar rothaarige Buben waren eifrigst mit Anteeren eines umgestülpten Bootes beschäftigt; vor einer der größeren Hütten saßen ein paar Frauen, Netze flickend. Oswald näherte sich den Frauen, die, als sie seinen Schritt vernahmen, neugierig von ihrer Arbeit aufsahen, und fragte sie begrüßend, ob es ihm verstattet sei, sich hier etwas auszuruhen, und ob er einen Trunk Wasser und ein Stück Brot haben könne. »Stine«, sagte die ältere von den drei Frauen, eine Matrone von stattlichem Umfang und einem überaus gutmütigen, wettergebräunten Gesicht, zu einem der beiden jungen Mädchen an ihrer Seite, »steh auf und laß den Herrn sitzen. Siehst du nicht, daß er müde und ausgehungert ist? Geh ins Haus, und bring, was wir haben. Setzen Sie sich, junger Herr. Sie sind gewiß auch ein Maler?« »Warum meinen Sie das?« fragte Oswald, den angebotenen Platz annehmend. »Nun, ein vernünftiger Mensch klettert nicht bei der Hitze am Strande herum; nichts für ungut, Herr Maler. Ich hab schon einen von Ihren Kameraden bei mir wohnen gehabt, der zwei Wochen hiergeblieben ist; und wenn Sie ein ebenso ordentlicher, ehrlicher Mensch sind, so können Sie auch bei Mutter Karsten wohnen; aber die Wände dürfen Sie nicht vollkritzeln, das sage ich Ihnen gleich im voraus.« Oswald mußte lächeln, als er so ohne Umstände zu einem auf einer Studienreise begriffenen Landschafter gemacht wurde. Wie, wenn er sich die harmlose Rolle, die ihm aufgenötigt wurde, gefallen ließ? Es war ihm ja so gleichgültig, wo er blieb – alles, was er wollte, war Einsamkeit – und konnte er eine tiefere Einsamkeit finden, als hier in dieser stillen Bucht unter diesen gutmütigen, kindlichen Menschen, die nichts dagegen haben würden, wenn er halbe Tage lang zwischen den Felsen des Strandes umherirrte? Und dann war er doch hier in der Nähe von Berkow, von dem er sich nicht allzuweit entfernen durfte. Er hatte mit Melitta verabredet, daß, im Fall sich ihre Abwesenheit in die Länge zöge, der alte Baumann, der in Berkow zurückgeblieben war, die Korrespondenz zwischen ihnen übermitteln sollte. »So wollen Sie mich ein paar Tage hierbehalten?« fragte er. »Ja, aber die Wände dürfen Sie nicht vollkritzeln«, sagte Mutter Karsten. »Das verspreche ich«, sagte Oswald lächelnd. »Dann können Sie bleiben, solange Sie wollen. Das ist recht, Stine, rücke den Tisch näher an den Herrn; und, hörst du, hol auch von dem alten Kognak, den der Clas Jochen aus England mitgebracht hat, das bloße Wasser tut nicht gut bei der unvernünftigen Hitze.«   Oswald war beinahe schon acht Tage in Sassitz, und er bereute keinen Augenblick, der Einladung Mutter Karstens gefolgt zu sein. Er stand in sehr großer Gunst bei Mutter Karsten. Er hatte stets ein freundliches Wort für jeden, selbst für den steinalten, halb blödsinnigen Vater von Mutter Karsten, der den ganzen Tag in seinem Lehnstuhle in der Sonne saß und unverwandt auf das Meer hinausstarrte, wenn ihm nicht, was freilich oft geschah, die alten noch immer scharfen Augen vor Müdigkeit zufielen. Mutter Karsten erklärte, daß Oswald ein ebenso »ordentlicher, ehrlicher« Mensch sei wie sein Vorgänger, daß es aber bei ihm hier (mit einer bezeichnenden Bewegung des Fingers nach der Stirn) noch weniger richtig sei als bei jenem. Was Mutter Karsten zu diesem Ausspruch veranlaßte, war der allerdings verdächtige Umstand, daß der junge Mensch, welcher doch nun einmal verrückt genug war, eine in ihren Augen so überflüssige Hantierung zu treiben, nicht nur nicht die wieder übertünchten Wände seiner Schlafkammer mit Kohleskizzen von Schiffen unter vollem Segel, einsamen Klippen, über denen Möwen flatterten, und originellen Matrosengesichtern bedeckte wie sein Vorgänger weiland, sondern überhaupt gar nicht zeichnete und malte, sondern den lieben langen Tag nichts tat, als am Strande umherlaufen oder auf einem der kleinen Ruderboote mutterseelenallein so weit aufs Meer hinausfahren, daß man ihn vom Strande aus kaum noch sehen konnte. Wie und womit er sich auf diesen stundenlangen Spaziergängen und Fahrten die Zeit vertrieb, war Mutter Karsten ein unergründliches Rätsel, würde selbst dann für sie noch immer ein Rätsel gewesen sein, wenn sie gesehen hätte, daß Oswald, sobald er sich allein wußte, einen Brief, den ihm vor ein paar Tagen ein alter, sonderbar aussehender Mann gebracht hatte, aus der Tasche nahm und ihn wieder und immer wieder studierte, als ob er ihn nicht schon längst Buchstab für Buchstab und Zeichen für Zeichen auswendig gewußt hätte. Der sonderbar aussehende alte Mann, der »so ein hochbeiniges, langhalsiges Pferd ritt, wie sie der Clas Jochen in England gesehen hatte«, war nämlich niemand anders gewesen als der alte Baumann auf dem Brownlock. Oswald hatte ihm gleich am nächsten Tage nach seiner Ankunft in Sassitz mitgeteilt, daß er sich entschlossen habe, bis auf weiteres hierzubleiben (auch nach Grenwitz hatte er dieselbe Botschaft geschickt, mit der Bitte, ihm etwa ankommende Briefe nachzusenden), und einen Tag später konnte die treue Seele schon einen Brief der vielgeliebten Herrin in Oswalds Hände legen. Es waren wenige Worte nur, auf der Reise in einer Stadt Mitteldeutschlands kurz vor dem Schlafengehen in einem Hotel geschrieben – wenige Worte, verwirrt und traurig, aber süß und köstlich, wie Küsse von geliebten Lippen in dem Augenblicke der Trennung. Er hatte Baumann seine Antwort mitgegeben und erwartete nun täglich einen zweiten, ausführlicheren Brief mit einer Ungeduld, die keineswegs eine freudige war. Er hatte an sich selbst die schlimme Entdeckung machen müssen, wie tief verborgen der Verrat in einem Herzen lauert, das sich bis in seine geheimsten Tiefen ganz von Liebe erfüllt glaubt. Zwar hatte er sich über die Szene in der Fensternische auf dem Balle in Barnewitz mit der Entschuldigung zu trösten gesucht, ich war außer mir; ich wußte nicht was ich tat; aber kann Eifersucht eine Entschuldigung für Treulosigkeit sein? Und dann: war diese Eifersucht denn nun wenigstens tot? War sie nicht, als er Melittas Bild in dem Zimmer des Barons hinter dem Vorhang entdeckte, in hellen Flammen aufgeschlagen? Hatte er nicht der Erzählung Melittas mit atemloser Spannung gelauscht, immer fürchtend, daß jetzt – jetzt ein Umstand erwähnt werden möchte, der seinen Verdacht, daß sie den merkwürdigen Mann dennoch – vielleicht ohne es selbst zu wissen – geliebt habe, bestätigen würde? Hatte sie nicht gesagt: Ich glaubte ihn zu lieben? – Und nun gerade in dem Augenblicke, wo die Erzählung bis zu dieser Katastrophe gekommen war, die alles und auch die Feindschaft, die jetzt offenbar zwischen ihr und dem Baron herrschte, erklären mußte – wird ihr eine Botschaft gebracht, so sonderbarer, so unheimlicher Art, so ganz geeignet, Oswalds ohnedies schon verstörtes Gemüt ganz und gar zu verwirren! Nicht genug, daß ihm in Baron Oldenburg ein Nebenbuhler, den zu verachten unmöglich war, in Fleisch und Blut gegenüberstand – hier kommt ein Gemahl, das Gespenst eines Gemahls, aus einer sieben Jahre langen Wahnsinnsnacht emporgetaucht und winkt sie zu sich an sein Sterbebett – sie, seine Geliebte, seine Melitta – – Oswald fühlte, daß er selbst wahnsinnig werden würde, wollte er diesen Gedanken zu Ende denken. Er hatte es so ganz und gar vergessen, daß Melitta jemals vermählt gewesen war, daß sie jemals in den Armen eines anderen Mannes, gleichviel, ob sie ihn geliebt – und um so gräßlicher, wenn sie ihn nicht geliebt – geruht, daß sie jemals die Liebkosungen eines andern Mannes entgegengenommen hatte – er zerknitterte den Brief Melittas, er hätte laut aufschreien mögen vor wildem Schmerz, er hätte sein Haupt an den Felsblöcken zerschellen mögen. Warum dieses Gift in den köstlichen Trank seiner Liebe? Warum mußte das leuchtende Gewand seines Engels in dem Schmutz des Lebens schleifen? Warum mußte die duftige Blüte vom schnöden Wurm benagt werden? – Und wäre sie denn nur jetzt wenigstens frei – aber sie ist es nicht –, selbst dann nicht, wenn jenes Gespenst aus der Nacht des Wahnsinns in die Nacht des Todes sinkt. Sie ist die Mutter ihres Kindes – seines Kindes, und diese Rücksicht, die sie jetzt für einen Augenblick vergessen hat, wird in den Vordergrund treten, und mich wird sie aufgeben – aufgeben müssen. Und wozu soll es auch führen? Solange dies heimliche Verhältnis dauert, das ein tückischer Zufall seines Geheimnisses berauben kann, steht ihr guter Ruf auf eines Messers Schneide – und kann aus diesem Verhältnisse jemals ein anderes werden? Kann ich, der pfenniglose Abenteurer, der Freiheitsschwärmer, jemals daran denken, die reiche Aristokratin zu heiraten, daran denken, mich in die Gesellschaft der verhaßten Menschen zu drängen, die den Parvenu stets über die Achsel ansehen würden? Nie! Nie! Lieber leben wie die armen Fischer, die täglich mit Gefahr des Lebens dem grausamen Meer den kärglichen Unterhalt abringen müssen! So irrte Oswalds Geist in einem Labyrinth von schmerzlichen Zweifeln ruhelos umher, wie er selbst zwischen den Uferklippen auf dem öden Strande ruhelos umherirrte, als plötzlich ein Ereignis eintrat, das ihn sehr gegen seine Vermutung und seinen Wunsch zwang, in die Gesellschaft, die er jetzt so gründlich haßte, zurückzukehren. Siebenunddreißigstes Kapitel Als er nämlich an einem der folgenden Tage gegen Abend nach einer Abwesenheit von mehreren Stunden sich wieder dem Dorfe näherte, sah er vor der Tür von Mutter Karstens Wohnung einen mit zwei Pferden bespannten Wagen halten. Dies war etwas so ganz Außerordentliches in dem von allem Verkehr abgeschnittenen Sassitz, daß Oswald sich wohl denken konnte, es müsse auch etwas Besonderes sich unterdessen ereignet haben. Um den Wagen und an die Tür des Häuschens drängten sich Frauen und Kinder und die paar Männer, die nicht mit auf dem Fischfang waren. Sie wollten wissen, ob der alte Steffen, Mutter Karstens Vater, diesmal wirklich sterben müsse oder ob es dem jungen Doktor, nach dem Mutter Karsten vor einigen Stunden die rasche Stine geschickt hatte, gelingen würde, ihn noch einmal von seinem bösen Stickhusten zu kurieren. So erzählten sie Oswald mit verstörten Mienen und gegen die Gewohnheit redselig, als er fragend unter sie trat. Denn Vater Steffen war der Patriarch des Dorfes, von allen geehrt. Oswald eilte auf die Nachricht hin, ohne sein Inkognito zu bedenken, in das Haus und die Wohnstube. Der silberhaarige Greis saß in seinem Lehnstuhl, matt und bleich, aber, wie es schien, der Gefahr entrissen – dank der rechtzeitigen Hilfe des Doktor Braun, der soeben von den Danksagungen der tiefgerührten Mutter Karsten, ihrer Töchter und eines halben Dutzend anderer Frauen nach der Tür retirierte. »Gut, daß Sie kommen«, rief er dem eintretenden Oswald entgegen, »ich habe einen Auftrag an Sie; wollen Sie mir erlauben, daß ich mich dessen, da meine Zeit kurz gemessen ist, sogleich entledige?« Der Doktor ergriff Oswald ohne Umstände unter dem Arm, ihn mit sich fort zum Hause hinausziehend. »Entschuldigen Sie mein Ungestüm«, sagte er, als sie Arm in Arm am Strande hinschritten, »aber einmal treffen Sie mich in voller Flucht vor den Danksagungen der guten Leute, und zweitens betrachte ich Sie, trotzdem wir uns leider bis jetzt nur einmal gesehen, als einen alten Bekannten, denn ich habe mich seitdem in Gedanken sehr viel mit Ihnen beschäftigt. Aber nun zu meinem Auftrag! Sie wissen jedenfalls noch nicht, daß die Familie Grenwitz von der großen Badereise, auf die ich sie vor ein paar Tagen geschickt hatte, wohlbehalten wieder zurück ist?« »Nein!« sagte Oswald mit nicht geringer Verwunderung. »Wie sollten Sie auch in diesem von aller menschlichen Kultur abgeschnittenen Dorfe der Ichthyophagen! Genug, die Familie ist wieder da. Der Baron (so erzählt die glaubwürdige Anna-Maria) hatte in Hamburg einen fürchterlichen Fieberanfall. Der herbeigerufene Arzt erklärte es für Wahnsinn, unter diesen Umständen die Reise übers Meer anzutreten und riet zur Umkehr. Sein Rat wurde von Anna-Maria, die von vornherein gegen die Reise war, höchlichst gebilligt – bref! Sie packten sich samt und sonders und Fräulein Helene dazu, die sie aus der Pension abholten, in die große Familienkutsche und sind wieder hier seit gestern abend. Es wurde natürlich sofort nach mir geschickt. Ich bin heute nachmittag dort gewesen, und da ich zufälligerweise erwähnte, ich müsse noch nach Sassitz, bat mich die Baronin, die von Ihrem hiesigen Aufenthalte unterrichtet war, Ihnen zu sagen, daß man sich in Grenwitz ganz ausnehmend freuen würde, Sie möglichst bald wieder innerhalb des Schloßwalles zu sehen. Ich erwiderte, wie mir die Ausführung dieses Auftrages zu ganz besonderem Vergnügen gereiche und daß ich Ihnen zur Rückfahrt meinen Wagen und meine Gesellschaft anbieten würde – was ich denn, hochachtungsvoll und ergebenst, hiermit getan haben will.« So sprach Doktor Braun, freundlich und lebhaft, wie es seine Gewohnheit war, die grauen Augen mit den braunen leuchtenden Sternen forschend auf Oswald heftend. »Ich komme Ihnen recht ungelegen, gestehen Sie es nur!« setzte er hinzu. »Durchaus nicht!« erwiderte Oswald. »Das heißt, ich weiß, wie Achill, als man ihm die Brisäis raubte, den Boten von seiner Botschaft wohl zu unterscheiden.« »Und wer ist die schöne Brisäis, die ich Ihnen oder der ich Sie entführe?« fragte der Doktor. »Die Einsamkeit«, erwiderte Oswald. »Nun, daraus mache ich mir kein großes Gewissen«, sagte der andere lachend, »die Einsamkeit ist wie der Duft mancher Giftpflanzen, süß, aber betäubend, und mit der Zeit geradezu verderblich, selbst für die stärksten Konstitutionen. Wollen Sie meinem Rate folgen? Lassen Sie die schöne Brisäis Einsamkeit in Gottes Namen ziehen, kutschieren Sie mit mir nach Grenwitz, wo Sie überdies ein Mädchen finden sollen, bei deren Erblicken Sie ausrufen werden: Hier ist mehr denn Brisäis!« »Fräulein Helene?« »Fräulein Helene, auch ein griechischer Name, und der einen besseren Klang hat wie der andere. Aber die Sonne, oder vielmehr Helios, senkt seinen Wagen, und meine Pferde werden ungeduldig. Sie kommen doch mit?« »Ohne Zweifel«, sagte Oswald. Eine Viertelstunde später rollte der Wagen mit den beiden jungen Männern bereits auf der Höhe des Ufers nach Grenwitz zu, das nur eine Stunde Weges entfernt war. Oswald hatte Mutter Karsten hoch und teuer versprechen müssen, bald wieder nach Sassitz zu kommen, und die große Herzlichkeit, mit der sich beim Abschied alt und jung um ihn drängte und ihm ihr Adjies, Herr Maler! nachrief, zeigte, daß er sich während seines kurzen Aufenthaltes, ohne es darauf anzulegen, die Gunst des harmlosen Völkchens in einem hohen Grade erworben hatte. Der Abend war wunderschön. Der rote Sonnenball hing am Horizonte und goß einen Zauberschimmer über die öde Küstenlandschaft. In dem hohen Heidekraut rechts und links vom Wege zirpten die Zikaden; Schwalben schossen hoch oben in der überaus klaren, weichen Luft. Oswald fühlte sich zum ersten Male seit langer Zeit beinahe heiter, und er mußte im stillen dem klugen Manne an seiner Seite recht geben, daß man die Freuden der Einsamkeit doch zu teuer erkaufe. »Wie leid tut es mir«, sagte er, »daß wir unserem Vorsatz, uns häufiger zu sehen, so wenig treu geblieben sind.« »L'homme propose et Dieu dispose«, erwiderte Doktor Braun. »Wir wollen es in Zukunft besser zu machen suchen. Sie bleiben ja, wie ich höre, noch lange in dieser Gegend, und ich werde auch wohl meinen Plan, nach Sundin überzusiedeln, noch so bald nicht ausführen können.« »Sie wollen nach Sundin?« »Vorläufig wenigstens. Ich konkurriere hier mit einem trefflichen Mann, der jedenfalls ein viel gewiegterer Praktiker ist wie ich Gelbschnabel, trotzdem aber durch mich in den Schatten gestellt wird, weil ich das Glück gehabt habe, ein paar gute Kuren zu machen, wie sie's nennen, und weil die Leute immer nach dem Neuen laufen, auch wenn es nicht das Bessere ist. Zwei Ärzte aber trägt die Gegend nicht, und mein Kollege ist alt und hat eine zahlreiche Familie zu ernähren; ich bin jung und vorläufig nur verlobt, folglich werde ich ihm den Platz räumen.« »Das ist sehr edel.« »So scheint es, aber scheint auch nur. Ich gieße das reine Wasser nur fort, weil ich noch reineres in Aussicht habe. Mein Schwiegervater ist einer der bedeutendsten Ärzte in Sundin. Die Hälfte seiner Praxis ist mir, wenn er sich zur Ruhe setzt, wozu er sich noch immer, trotz seiner wankenden Gesundheit nicht entschließen kann, gewiß; und da meine Braut eine Sundinerin ist, jedes Fischlein sich aber in seinem Teich am wohlsten fühlt, ich überhaupt die Gesellschaft der Zyklopen und Ichthyophagen, mit denen ich hier verkehren muß, herzlich satt habe, so – sehen Sie, daß mein Edelmut die Grenzen des Erlaubten noch keineswegs überschreitet.« »Ist es indiskret, nach dem Namen Ihres Fräulein Braut zu fragen »Bewahre: Sophie Robran. Aber was bestimmte Sie überhaupt, das Stilleben eines Hauslehrers in einer adeligen Familie zu führen, wo es Ihnen geradezu unmöglich wird, Ihre Kräfte frei zu entfalten?« »Was mich dazu bestimmte?« antwortete Oswald. »Ich weiß es selbst kaum. Einmal wohl der gründliche Abscheu vor dem, was die Menschen mit jenem für ein planetarisches Gemüt so äußerst bedenklichen Ausdruck eine feste Anstellung bezeichnen; sodann der Einfluß Bergers, der mir dringend riet, mich nicht vor der Zeit zu binden, sondern noch ein paar Jahre in der Welt herumzusindbadesieren, wozu ich jetzt, wenn meinen Zöglingen die Flügel erst noch ein wenig gewachsen sein werden, sogar kontraktlich verpflichtet bin.« »Wissen Sie, daß ich fürchte oder vielmehr hoffe, Sie werden nicht imstande sein, diesem Rat Ihres wunderlichen Freundes bis zum Ende zu folgen?« »Weshalb?« »Weil – Sie erlauben, daß ich ganz offen bin –, weil Sie sich hier in einer schiefen Stellung befinden, die über kurz oder lang unleidlich für Sie werden muß. Eine solche Stellung ist nur gut für jemand, der, weil er nicht auf eigenen Füßen stehen kann, gezwungen ist, sich an andere anzulehnen; der von Jugend auf gewohnt ist, seinen Willen, seine Meinung dem Willen anderer unterzuordnen oder besser noch, der überhaupt gar keinen eigenen Willen und keine eigene Meinung hat. Von dem allen ist bei Ihnen das Gegenteil der Fall. Sie sind viel zu bedeutend für diese unbedeutenden Menschen. Sie ärgern sich über diese Menschen und vice versa. Das ist einmal nicht anders, wo so heterogene Elemente eine Verbindung eingehen sollen. Sie halten die Baronin für das, was sie ist, für eine dünkelhafte, adelsstolze, trotz ihrer Belesenheit bornierte, engherziger geizige Person, die Baronin hält Sie für das, was Sie nicht sind, für einen unendlich in sich verliebten, hochmütigen Narren. Sie leben in einem Hause, Sie essen an einem Tisch, und haben doch so wenig Berührungspunkte, als ob Sie durch eine Welt getrennt wären; Sie bleiben beieinander, weil keiner aus diesem oder jenem Grunde das Wort der Trennung sprechen will, bis ein Augenblick kommt, der den einen und den andern gebieterisch zur Entscheidung drängt. Habe ich recht?« »Ich kann es nicht in Abrede stellen.« »Sehen Sie. Und die Sache wird, glaube ich, jetzt noch schlimmer werden.« »Warum jetzt?« »Bis jetzt hatten Sie in diesem Narrenhause nur ein edles Geschöpf, das Sie lieben und bemitleiden konnten, den köstlichen Bruno; jetzt, wenn Sie zurückkehren, werden Sie noch einen zweiten Klienten oder vielmehr eine zweite Klientin finden. Ich fürchte, das arme Kind ist, um die erste Rolle einer Familientragödie zu übernehmen, aus der Idylle eines Hamburger Pensionats hierher nach Grenwitz geschleppt worden. Ich fürchte, es steht eine schwere Gewitterwolke über dem schönen Haupt des unglücklichen Mädchens. Sie werden, wie ich Sie kenne, versuchen wollen, den Schlag abzuwenden, und untröstlich sein, daß Sie es nicht vermögen. Sie blicken mich mit großen Augen fragend an, und ich sehe, daß Sie von den Geheimnissen der Familie, in der Sie schon seit einem Vierteljahr leben, noch so gut wie gar nichts wissen. Die Sache ist die: Anna-Maria lebt in beständiger Furcht vor dem Tode des alten Barons, weil, wenn der Baron stirbt, sie nicht nur einen alten Gemahl, sondern auch die angenehme Aussicht verliert, sich aus dem Überschuß der Revenuen nach und nach ein bedeutendes Vermögen zurücklegen zu können. Deshalb ist ihr Malte lange nicht so wichtig. Dennoch fürchtet sie auch für den, da bei seinem Tode das Majorat ganz außer dieser Linie heraus an eine noch jüngere fallen würde, die durch Felix von Grenwitz, einen Exleutnant und notorischen Roué, repräsentiert wird. Und nun kommt die Teufelei: Um, wenn auch der Baron und selbst Malte vor der Zeit sterben sollten, doch immer noch, sozusagen, die Hand im Spiele zu haben, hat Anna-Maria eine Heirat zwischen Fräulein Helene und dem ausgezeichneten Vetter Felix projektiert. Das arme Kind weiß nichts von diesem interessanten Plan, desto mehr aber fürchte ich, der ausgezeichnete Felix, der in wenigen Tagen nach Grenwitz kommen wird, um fern von dem aufregenden städtischen Treiben in der Stille des Landlebens ganz seiner angegriffenen Gesundheit zu leben, wie die Baronin sagt. Mit einem Worte: Es ist die alltägliche Misere von Soll und Haben, das ganz gemeine Brimborium, durch welches ein unschuldiges Püppchen geknetet und zugerichtet wird, und Ihnen wird das Glück zuteil werden, diesem erhabenen Schauspiel als unbefangener Beobachter beiwohnen zu dürfen.« »Das wird nimmermehr geschehen« rief Oswald. »Sie wollen also Ihre Stelle aufgeben?« Eine Sturmflut von Leidenschaft brauste durch Oswalds Seele. Er dachte an die unglückliche Marie, die jetzt oft mit auf der Brust gefalteten Händen, wie eine schmerzensreiche Heilige, durch seine Träume glitt, er dachte an Melitta, die verkauft worden war von ihrem eigenen Vater! Jetzt sollte sich das Bubenstück wiederholen – vor seinen Augen – »Nimmermehr, nimmermehr!« rief er. »Wenigstens nicht, bevor ich so oder so die Ausführung dieses schurkischen Planes vereitelt habe; bevor ich getan habe, was ich tun konnte, ihn zu vereiteln!« »Aber was werden Sie tun können; lieber Freund? Die Großmut ist eine Tugend, der wir genau auf die Finger sehen müssen, damit sie uns nicht die Heldenkrone, von der wir träumen, in eine klingende Schellenkappe verwandelt. Denken Sie an den edlen Junker aus der Mancha, und wie sein ritterlicher Leib geschunden und geprügelt wurde für die Wallungen seines guten Herzens! – Und dann: wissen Sie denn, ob die Andromeda, deren Perseus Sie werden wollen, überhaupt befreit sein will? Ich kenne den Baron Felix nicht – vielleicht ist er besser als sein Ruf; ich habe nicht drei Worte mit Fräulein Helene gesprochen vielleicht ist sie keineswegs so lieb und gut, wie sie schön ist.« »Sie ist es, sie ist es, verlassen Sie sich darauf«, rief Oswald eifrig. »Gut, daß Sie noch nicht dreißig Jahre alt sind«, sagte der Doktor lachend. »Weshalb?« »Sie wissen, was den Schwärmern, nach Goethes Ausspruch, in dem bezeichneten Lebensalter zukommt? Der Tod – an demselben Kreuze, welches sie bis dahin keuchend durch das Leben schleppten. – Aber da sind wir schon nahe am Tore. Wollen Sie mir erlauben, daß ich Sie hier absetze? Ich habe noch einen Besuch im Dorfe zu machen, und dieser Weg führt direkt hin, während ich über den Schloßhof einen langen Umweg machen muß. Übermorgen komme ich wieder nach Grenwitz. Hoffentlich geht Ihr Puls dann ruhiger. Ich sagte Ihnen ja gleich: Die Einsamkeit ist reines Gift für Ihre Natur. Adieu!« Achtunddreißigstes Kapitel Es war ein köstlicher Anblick, den der Schloßhof von Grenwitz in dem Augenblick gewährte, als ihn Oswald durch das finstere Tor betrat, ein Anblick, wohl geeignet, ein schmerzlich zuckendes Herz zur Ruhe zu wiegen. Während die höchsten Kuppen der gewaltigen Linden, die auf das Portal des Schlosses zuführten, und die Zinne des Turmes noch vom roten Abendlichte angestrahlt waren, lag schon tiefer Schatten unter den Bäumen, neben dem Walle, über dem langen Grase, das überall zwischen den Steinen des Pflasters emporwuchs. Aus den Kronen der Linden, die mit weißem Blütenschnee überdeckt waren, strömte ein süßer Duft, der die ganze Atmosphäre erfüllte. Ringsumher war es so still, daß man deutlich das geschäftige Stimmen der Insekten vernahm: auf dem Rand des Brunnens mit der kopflosen Najade saß ein Vögelein und sang der untergehenden Sonne nach; hoch oben in der rosigen Luft schossen noch immer einzelne Schwalben, als könnten sie sich heute, wo es doch gar so wunderschön sei, gar nicht entschließen, zur Erde zurückzukehren. Langsam, fast zögernd, schritt Oswald dem Schlosse zu. Er fühlte tief den Zauber dieser Abendstunde und wußte, daß das erste Menschenwort ihn zerstören würde. Aber er begegnete niemandem. Der ganze Hof war wie ausgestorben. Er stieg die Wendeltreppe hinauf und ging durch die langen Korridore, die von seinem Fußtritt widerhallten, auf sein Zimmer. Die Fenster waren geöffnet, und der Lehnstuhl in der Nische hatte den rechten Platz, auf dem Tische vor dem Sofa stand eine Vase, angefüllt mit frischen Blumen, der Kopf des Apollo von Belvedere hatte sich eine schmale Krone von Efeu gefallen lassen müssen. Es war aufgeräumt in dem Zimmer, aber so, wie es nur von jemand geschehen kann, der die Eigenheiten des Bewohners ganz genau kennt. Offenbar hatte hier Brunos Hand gewaltet. Oswald fühlte sich durch das stumme und doch so beredte Willkommen auf das angenehmste berührt. Es war wie eine warme Hand, die freundlich die seine drückte, wie ein Hauch, der liebevoll seinen Namen flüsterte. Der Sturm in seiner Seele, den die Worte des Doktors erregt hatten, war vorübergebraust, und an die Stelle des wilden Zornes eine schwermutsvolle Trauer getreten, daß die Menschen dieser herrlichen Erde nicht wert seien und in ihres Sinnes Torheit sich, gegen das Geschick, Schmerzen und Qualen ohne Zahl bereiteten. Er hatte, den Kopf in die Hand gestützt, am Fenster gesessen. Dann erinnerte er sich, daß es wohl an der Zeit sei, die Gesellschaft aufzusuchen und zu begrüßen. Er kleidete sich um, nahm eine Nelke aus dem Blumenstrauß und ging hinunter. Als er die Tür des Wohnzimmers öffnete, aus dem die Fenstertür nach dem Rasenplatze führte, hörte er Stimmen, und als er ein paar Schritte in das leere Zimmer hineingetan hatte, sah er auch schon einen Teil der Gesellschaft, die auf dem Rasen mit dem Lieblingsspiel der Baronin, dem Reifenspiel, eifrigst beschäftigt war. Er näherte sich leise der Tür und blieb auf demselben Platze stehen, von dem aus Melitta an jenem Nachmittage ihn zum ersten Male erblickt hatte. als er Arm in Arm mit Bruno unter den Bäumen hervortrat. Die Gesellschaft bestand aus dem Baron und der Baronin, Mademoiselle Marguerite und Herrn Timm, Malte und Bruno und einer jungen Dame, die Oswald den Rücken zugewandt hatte, so daß er nur die schlanke leichte Gestalt, deren reizende Formen ein einfaches weißes Gewand gar anmutig hervortreten ließ, und das üppig dichte, leicht gekräuselte, blauschwarze Haar bemerken konnte, das in der Mitte gescheitelt und hinten lose zusammengesteckt, die Linien des wundervoll schön geformten Kopfes in weichen Umrissen nachzeichnete. Oswalds Blicke waren wie von einem Zauber an diese jugendliche Gestalt gefesselt, die, ohne den Platz zu verlassen, beinahe regungslos dastand, und nur in regelmäßigen Zwischenräumen die Arme hob, um den Reif aufzufangen, den Bruno, ihr Nachbar, mit nie fehlender Sicherheit stets so schleuderte, daß er in einem Halbbogen unmittelbar auf ihren Stock herabschwebte, oder den eben aufgefangenen Reif weiter zu schicken an Malte, der ihn ein jedes zweite Mal fallen ließ und sich bitter beklagte, Helene werfe so schlecht, und Helene tu es ihm nur zum Ärger und es müsse ein anderer an Helenes Stelle treten. »So komm hierher, Helene«, sagte die Baronin, »du wirfst auch wirklich sehr schlecht.« Mutter und Tochter tauschten mit den Plätzen, und Oswald konnte jetzt Helene voll ins Antlitz sehen. Es war eins der Gesichter, die man nie wieder vergißt, wenn man einmal mit fühlenden Augen hineingeschaut, an die sich noch der Greis über ein halbes Jahrhundert weg mit wehmütiger Freude erinnert, wie er sich an einen warmen Sommerabend erinnert, als er – ein kleiner Schulknabe – mit den Brüdern im Garten spielte und aus der Laube das Lachen der großen Mädchen klang, eins der Gesichter, die uns, wenn wir noch so traurig sind, anlächeln, wie ein Sonnenblick an einem düstern Herbsttage, die, wenn es in unserm Herzen noch so öde ist, uns wieder an Poesie und alles, was schön und göttlich ist, glauben machen. Oswald stand in Bewunderung verloren, wie man vor einem wunderherrlichen Gemälde anbetend stehenbleibt. Es war nicht das liebliche Oval des reizenden Gesichtes; es waren nicht die großen, dunkeln, träumerischen Augen, die aus den langen schwarzen Wimpern mit einem so zauberischen Lichte leuchteten; es waren nicht die vollen rosigen Lippen, die so freundlich lächeln konnten; es war eben alles in allem. Wer kann die Sonnenstrahlen fangen? Wer die Töne der Nachtigall auf Noten bringen? Wer die Schönheit zergliedern? Oswald versuchte es auch nicht; er fühlte nur, daß er etwas Schöneres nie im Leben gesehen habe, nie wieder sehen werde, und es war ihm, als ob ein holder Traum, den er oft und oft geträumt, nun endlich in Erfüllung gegangen, als ob etwas Ungeheures geschehen müsse, als werde in diesem Augenblick von geheimen Mächten des Schicksals über das Wohl und Wehe seines Lebens entschieden; er hätte fliegen mögen, weit, weit fort, in die tiefste Einsamkeit. Da bemerkte er, daß der alte Baron, dem es draußen zu kühl werden mochte, aus dem Kreise ausgeschieden war und sich dem Hause näherte. Er raffte sich gewaltsam empor und trat durch die Fenstertür dem Kommenden entgegen. Sein Erscheinen wurde natürlich sofort bemerkt und ein allgemeines: Ah, Herr Stein! Sieh da, Herr Doktor! bewillkommnete ihn, während Bruno, den anderen voraus, mit ein paar mächtigen Sprüngen bei ihm war und ihn umarmt hatte, ehe er an jene herantreten und sie begrüßen konnte. »Das ist ja charmant, Herr Doktor!« sagte die Baronin mit ihrem gnädigsten Lächeln. »Wir waren schon untröstlich bei dem Gedanken, Sie noch wochenlang entbehren zu müssen, und nun sind Sie schon wieder in unserer Mitte. Was sagen Sie denn, daß wir so bald wieder umkehren mußten! Der arme Grenwitz, er ist recht krank gewesen! Geh hinein, lieber Grenwitz; es ist wirklich schon sehr kühl draußen. Wir wollen alle hineingehen. Und unser kleiner Kreis hat sich unterdessen vergrößert. Wo ist denn Helene – Hélène, venez ici, ma chére! Lassen Sie mich Ihnen meine Tochter Helene vorstellen; ich habe ihr Hoffnung gemacht, daß Sie die Güte haben wollen, ihr zu helfen, die vielen, vielen Lücken in ihren Kenntnissen etwas auszufüllen, denn Sie glauben nicht, welch eine Stümperei eine solche Pensionatserziehung in wissenschaftlicher Hinsicht ist! Nicht wahr, Sie werden die Kleine in die Zahl Ihrer Schüler aufnehmen? Wollen wir hineingehen? Ich denke, wir bleiben alle etwas im Salon beisammen.« »Ohne Zweifel«, sagte Herr Timm, der gegen seine Gewohnheit bis jetzt sehr still gewesen war, »saure Wochen, frohe Feste, Tages Arbeit und abends eine gemütliche Bowle. Das soll keine Anspielung sein, gnädige Frau, beileibe nicht!« »Aber es wäre Ihnen doch nicht unlieb, wenn ich es für eine Anspielung nähme«, sagte die Baronin, die heute abend entschlossen schien, alle zu bezaubern. »Ich müßte lügen, wollte ich das Gegenteil behaupten«, sagte Herr Timm, die Hand aufs Herz legend, »und Sie wissen, gnädige Frau, daß mir alle Lüge in den Tod verhaßt ist.« »Eh bien!« sagte die Baronin. »Und Sie sollen die Ingredienzien selbst bestimmen; wollen Sie sich darüber mit Mademoiselle ins Einvernehmen setzen?« »Famos«, sagte Herr Timm, »gnädige Frau, ich muß Ihnen die Hand küssen«, und nachdem er den Worten die Tat hatte folgen lassen, zog er die kleine Französin beiseite, ihr das Rezept zu einer »famosen Bowle« mitzuteilen. Man war vielleicht eine Stunde plaudernd im Salon beisammen gewesen, Herr Timm hatte einige komische Lieder eigener Kompositionen am Klavier recht hübsch vorgetragen, einige burleske Szenen ausgeführt, in denen er zu gleicher Zeit als zwei oder drei verschiedene Personen auftrat und mit zwei oder drei verschiedenen Stimmen redete, kurz, er hatte alles, was in seinen Kräften stand, getan, um die nach den ersten zehn Minuten ziemlich einsilbig gewordene Gesellschaft zu unterhalten, und trotz alledem die von ihm selbst gebraute Bowle auch ziemlich allein ausgetrunken – als die Baronin zum Aufbruch mahnte. Herr Timm erbat sich als einzigen Ehrensold für seine Bemühungen am heutigen Abend die Erlaubnis, den Damen vom Hause die Hand küssen zu dürfen, eine Erlaubnis, die ihm von der Baronin mit gnädiger Bereitwilligkeit, von Fräulein Helene aber nicht zugestanden wurde, die kurz und trocken, und die schönen Brauen ein wenig zusammenziehend, bemerkte, der Künstler müsse seinen Lohn in sich selbst tragen. Herr Timm wollte dagegen Einwendungen erheben, aber Oswald schnitt die weiteren Auseinandersetzungen ab, indem er »gute Nacht« wünschte und mit Bruno (Malte hatte sich schon früher entfernt) das Zimmer verließ und so Herrn Timm, der in demselben Teile des Schlosses wohnte, zwang, sich ebenfalls zu empfehlen. Überhaupt hatte Oswald seinen neuen Freund heute abend nicht gerade freundlich behandelt, wodurch sich dieser in keiner Weise stören ließ, sondern in seinem übermütigen Geschwätz fortfuhr, bis sie sich, vor ihren Türen angekommen, trennten. »Gott sei Dank!« sagte Oswald, als er sich mit Bruno in seinem Zimmer allein sah. »Endlich sind wir den lästigen Schwätzer los. Und ich habe dich noch gar nicht um Verzeihung bitten können, daß ich neulich beim Abschied so kalt und gleichgültig war; dir noch nicht danken können, daß du brüderlich alles vergessen – mir ein so freundliches Willkommen bereitet hast. Nicht wahr, diese Blumen sind von dir?« »Ja –« »Und der Efeukranz dort um die Stirn des Apollo ist von dir?« »Ja –« »Und du hast den Lehnstuhl an die rechte Stelle gerückt?« »Ja –« »Du lieber, lieber Junge! Komm, wir wollen uns beide hineinsetzen, und nun sollst du mir von deinen Irrfahrten erzählen, von den Städten, die du gesehen, von den Zyklopen, die du geblendet, von den Leiden, die du erduldet hast in deiner lieben Seele – alles der Ordnung gemäß, weißt du, wie Polyphem seine Schafe melkt.« Oswald hatte sich in den Stuhl geworfen und Bruno zu sich gezogen. So saßen sie; und der Knabe schmiegte sich innig an seinen einzigen Freund und fing an zu erzählen, erst mit satirischer Laune die Hinfahrt schildernd, wie bald der Baron und bald Malte nicht hatten rückwärts fahren können, wie zuletzt beide auf dem Bock gesessen hatten und der Diener im Wagen – und wie er, Bruno, vergnügt gewesen sei, als immer neue Städte und neue Dörfer vor seinen Blicken auftauchten, und nun zuletzt das große Hamburg. Dann nahm seine Erzählung einen andern Ton an. Er schilderte mit allem Ernste den Eindruck, den die Stadt auf ihn gemacht hatte. Die vielen stattlichen Häuser, das Gedränge in den Straßen, das Treiben im Hafen, die vielen Schiffe, das Alsterbassin, in dem sich die vielen Lichter spiegelten und welche zauberische Wirkung das hervorbringe, wenn man langsam am Rande hinspaziere, und wie er einmal beinahe ins Wasser gefallen wäre, wenn ihn Helene nicht gehalten hätte. Und nun, nachdem Helenens Namen erst einmal genannt war, tauchte er immer wieder auf, wie ein leuchtender Stern aus treibenden Wolken, wie Helene geweint habe, als sie von Hamburg abreisten, wie sie auf das Wort ihrer Mutter: es scheint dir nicht viele Freude zu machen, zu deinen Eltern zurückzukehren, die Tränen getrocknet, aber auch auf der ganzen Reise kaum einmal wieder gelächelt habe. Denn sie sei sehr stolz, aber auch sehr, sehr gut gegen alle, die sie liebhabe, zum Beispiel gegen ihren Vater, und auch gegen ihn, obgleich er nicht behaupten wolle, daß sie ihn liebhabe – so arrogant sei er durchaus nicht – aber soviel sei gewiß, daß sie eines Abends, als es schon sehr spät war und er, von dem vielen Fahren müde, die Augen nicht mehr aufhalten, vor all dem Rütteln und Schütteln aber nicht zum Schlafen kommen konnte, es sich ruhig gefallen ließ, als sein Kopf in der Schlaftrunkenheit auf ihre Schulter sank und dort wohl eine halbe Stunde liegenblieb. Das werde er ihr nie vergessen, und wenn er einmal Gelegenheit haben sollte, ihr einen Dienst zu leisten, dann wünsche er nur, daß es dabei um Hals und Kragen gehe, sonst hätte es doch keine rechte Art. So sprach der Knabe, und seine Worte fielen dicht wie Feuerfunken aus einem Gebäude, das in hellen Flammen steht, und seine Wangen glühten. Oswald bemerkte wohl, daß das schöne Mädchen einen großen Eindruck auf den wilden Knaben gemacht hatte; aber wie groß, wie allmächtig dieser Eindruck war, welche Revolution in dieser frühreifen, übermächtigen Natur eine erste, wie ein Lavastrom hereinbrechende Liebe hervorgebracht hatte – das ahnte er nicht. Er scherzte über seines Lieblings feurigen Enthusiasmus, um so witziger und feiner, als er ihn in nicht geringem Grade teilte, und Bruno, der sich von Oswald alles gefallen ließ, lachte mit, und lächelnd und scherzend sagten sie sich gute Nacht. Bruno ging in seine Kammer, Oswald setzte sich wieder in seinen Lehnstuhl. Auf dem Tisch vor dem Sofa brannte die Lampe, dennoch bemerkte Oswald das Flimmern des Mondes, der eben über die Buchen des Walles heraufstieg; ein einzelner Stern in der Nähe der Mondsichel schimmerte aus dem tiefen Blau des nächtlichen Himmels. Durch das offene Fenster strömte die weiche balsamische Nachtluft – es war so still, daß man die fallenden Tautropfen hörte. Und jetzt, während Oswald saß und lauschte, klangen, wie die Töne einer Äolsharfe, auf einem Flügel mit kunstgeübter Hand angeschlagene Akkorde zu ihm herüber, erst leise, leise als fürchte man die Nacht aus dem Schlafe zu wecken, dann ganz allmählich lauter. Die Akkorde flossen zusammen zu der Melodie eines Liedes, und bald begann eine weiche Altstimme das Lied zu der Melodie zu singen. Oswald konnte die Worte nicht vernehmen, aber sie schienen sanft und traurig zu sein wie die Melodie, deren einfache rührende Klage wunderbar zum Herzen sprach. Diese Musik zu dieser Stunde würde Oswald entzückt haben, auch wenn er nicht hätte ahnen können, wer die Sängerin war. Jetzt aber, wo er wußte, daß es niemand sein konnte als das schöne Mädchen, vor dem sich heute abend wie vor einer überirdischen Erscheinung seine Seele anbetend geneigt hatte, bei dessen Anblick es über ihn gekommen war wie die Offenbarung einer höheren Welt – klangen die tiefsten Saiten seines Herzens mit, und wie der Gläubige, was in ihm wogt und drängt, in ein Gebet zu gießen versucht, so fühlte Oswald den Drang, in Worten auszusprechen, was seine Seele so mächtig erregte. Er erhob sich wie trunken aus dem Sitz am Fenster; er schritt an den Tisch und schrieb, kaum wissend, was er schrieb:     »Nie, seit der wunderbaren heil'gen Stunde,     Die Miltons keuscher Dichtermund besang,     Als von des ersten Menschen reinem Munde     Das erste süße Wort der Liebe klang. –     Und alle Vöglein sangen's in der Runde,     Und jedes Blümlein aus der Knospe sprang – Nie ist ein Weib auf Erden je erschienen, Dem, so wie dir, die Engel sichtbar dienen.     Oh, du bist lieb! Lieb, wie der Gott der Träume,     Der uns Vergessenheit der Schmerzen bringt;     So hold wie Mondschein, der durch die Blütenbäume     In unser lauschig dunkles Zimmer dringt –     Süß, wie dein Sang, der durch die stillen Räume     In tiefer Nacht zu mir herüberklingt – Du bist so schön, daß man wie sie dich nannte, Für die der Krieg um Troja einst entbrannte.     Doch Krieg und Wunden ziemen nicht dem Schönen!     Als unser Heiland ist es uns gesandt.     Es soll uns wieder mit uns selbst versöhnen,     Die wir zu stürmisch durch die Welt gerannt;     Und wie mit seiner Harfe goldnen Tönen     Isais Sohn des Saulus Weh gebannt, So wird aus deinen liebetiefen Augen Manch düstrer Blick sich Licht und Hoffnung saugen.     Aus deinen holden Augen! Wo sie strahlen     In ihrer dunklen, märchenhaften Pracht,     Da sind vergessen alle Erdenqualen,     Da wird es hell in tiefster Leidensnacht,     Wo sie erglänzen, wird in kummerfahlen     Gesenkten Stirnen Leben neu entfacht Tiefmüder Pilger, die in allen Landen Die blaue Blume suchten und nicht fanden.     O Blume, Mädchen! Nie leg ab die Krone,     Die jetzt auf deinem jungen Haupte ruht.     Gib nimmer Raum dem frevelhaften Hohne,     Daß, was so engelschön, nicht engelgut!     Wie heute, stets, in heil'ger Unschuld, wohne     In aller guten Geister treuer Hut, Auf daß getrost in trüber Erdenferne Verirrte Wand'rer folgen deinem Sterne.« Oswald trat wieder ans Fenster; der Mond und der Stern waren von einer schweren Wetterwolke bedeckt, die hinter ihnen her über den Wall heraufgezogen war; der Gesang war verstummt, lauter rauschte der Nachtwind in den Bäumen. Er schloß das Fenster und suchte sein Lager auf, aber es dauerte lange, bis der Schlaf das fieberhafte Wogen seines Blutes sänftigte. Neununddreißigstes Kapitel Als Oswald am nächsten Morgen unter den Papieren auf seinem Schreibtisch kramte, fiel ihm ein Briefchen in die Hände, das er gestern abend übersehen hatte. Er erkannte sogleich die Handschrift, die mit ihren bald kühnen und großartigen, bald kritzlich verworrenen Zügen so problematisch war wie der Charakter des Schreibers. Das Billet war von Oldenburg und lautete: »Soeben erhalte ich eine Nachricht, die mich nötigt, sofort eine größere Reise anzutreten, von der ich nicht zu bestimmen vermag, wie lange sie dauern wird. Unter acht Tagen schwerlich. Ich schreibe diesen Brief, um ihn auf Grenwitz abzugeben, im Falle ich Sie nicht persönlich sprechen sollte, was mir sehr leid tun würde, da ich Ihnen vieles zu sagen hätte. Unsere Czika nehme ich mit, da mir die Solitude während meiner Abwesenheit kein sicherer Aufenthalt für das Kind scheint. Bis zu dem Termin, den uns die Zigeunerin gestellt hat, bin ich jedenfalls zurück. Inzwischen leben Sie wohl! In großer Eile und noch größerer Freundschaft A. v. O. Oswald fühlte sich durch diesen Brief eigentümlich berührt, denn er ahnte irgendeinen Zusammenhang zwischen dieser plötzlichen Abreise Oldenburgs und der Abreise Melittas. War es, daß er in der letzten Zeit wiederum so viel über das Verhältnis der beiden nachgedacht, das ihm durch Melittas in der Mitte abgebrochene Erzählung in einem ganz neuen Lichte erschienen und doch noch lange nicht hinreichend aufgehellt war, hatte; war es nur der Umstand, daß der Brief Oldenburgs so dunkel gehalten – genug, Oswald empfand es als eine Art Beleidigung, daß er nach dieser Seite fort und fort auf Rätsel stieß. Er nahm sich vor, noch heute nach Berkow hinüberzugehen und beim alten Baumann anzufragen, ob ein Brief Melittas an ihn da sei. Dann nahmen seine Gedanken eine andere Richtung, als sein Auge auf die Verse fiel, die er gestern abend geschrieben hatte. Er mußte lächeln, als er sie jetzt durchlas. Da hat dir deine leidige Phantasie wieder einmal einen dummen Streich gespielt; sprach er bei sich. Es braucht dir nur jemand von einem hübschen Mädchen zu erzählen, das einen andern als deine Hoheit heiraten soll, und du gerätst in einen Paroxysmus des Hasses gegen den jungen Mann. Und hernach brauchst du das Mädchen nur selber zu sehen und zu finden, daß sie große dunkle leuchtende Augen hat und überhaupt interessanter aussieht als die Backfische im allgemeinen, und ein Knabe braucht dir nur eine halbe Stunde von besagtem Backfisch vorzuschwärmen, so fühlst du dich gemüßigt, so überschwengliche Verse zu schreiben wie diese hier, die ich in das Feuer des Ofens stecken würde, wenn wir uns nicht unglücklicherweise in den Hundstagen befänden. Indessen stellte Oswald das Autodafé nicht an, obgleich die Flamme eines Lichtes dieselbe Wirkung getan haben würde wie das Feuer im Ofen, sondern legte das Blatt ganz sorgfältig in sein Pult. Der Morgen grüßte so freundlich aus dem taufrischen Garten herauf, daß er dem Verlangen, ein wenig zwischen den blumenreichen Beeten und in den schattigen Laubgängen umherzuschlendern, nicht widerstehen konnte. Überdies war es noch sehr früh – noch beinahe zwei Stunden Zeit bis zum Beginn des Unterrichts – die Knaben schliefen noch. Oswald eilte hinab und suchte seinen Lieblingsplatz auf, den mächtigen Wall, der Schloß und Garten und Hof umfaßte und auf dem es sich unter den Buchen und Nußbäumen gar anmutig promenierte, besonders am Morgen, wenn die roten Sonnenstrahlen durch die wehenden Zweige blitzten und die halbwilden Enten noch lustiger als sonst auf dem grünüberwachsenen Graben ihr Wesen trieben. Er schlenderte langsam dahin, die reizenden Einzelheiten des wonnigen Morgens mit allen Sinnen genießend, heute um so mehr, als die Lieblichkeit, die sanfte Schönheit, die ihn hier ringsumher anlächelte, gar seltsam mit der öden Monotonie der Meeresküste kontrastierte. Heute morgen war es ihm beinahe unbegreiflich, wie er sich von seiner düstern Laune so ganz habe beherrschen lassen können. Der Doktor hatte recht: Die Einsamkeit ist ein süßes, berauschendes und zuletzt tödliches Gift. Ich muß den Doktor öfter zu Rate ziehen. Ein klarer Kopfe der die Dinge und Menschen und Verhältnisse stets in dem rechten Lichte sieht. Aber in betreff der zwischen Fräulein Helene und ihrem Vetter projektierten Heirat irrt er sich doch. Erstens ist sie noch viel zu jung, zweitens ist sie viel zu schön und drittens will ich es nicht! Hören Sie, Madame la Baronne: Ich will es nicht! Sie werden Ihr sauberes Projekt nicht ausführen, wenn Sie auch noch so sehr Ihre großen herrschsüchtigen Augen rollen und sich zu Ihrer ganzen stattlichen Höhe emporrichten. Es war ein Glück, daß Oswald diese Worte nur leise durch die Zähne murmelte, denn wie er eben um eine Ecke des Walles bog, die durch ein dichtes weit vorspringendes Gebüsch noch schärfer gemacht wurde, fand er sich plötzlich Fräulein Helene, die von der andern Seite kam, gegenüber. Dies Zusammentreffen war für beide Teile so überraschend, daß das junge Mädchen nur mit Mühe einen leisen Schrei unterdrückte, und Oswald in seiner Verlegenheit nicht wußte, ob er die junge Dame anreden oder grüßend stumm vorübergehen solle. Aus diesem Zweifel wurde er durch Fräulein Helene befreit, die es ganz begreiflich fand, daß der junge Hauslehrer, von dessen Unterhaltungsgabe sie gestern Abend keine besonders große Meinung bekommen, nicht die Geistesgegenwart besitze, aus dem Stegreife eine Konversation zu beginnen, und deshalb glaubte, eine Bemerkung ihrerseits über den schönen Morgen dürfte das für die Situation Passendste sein. »Der schöne Morgen hat Sie auch herausgelockt, wie ich sehe.« »Ja, mein gnädiges Fräulein, der Morgen ist in der Tat sehr schön.« »Köstlich. Haben Sie immer so herrliches Wetter in der letzten Zeit gehabt?« »Immer; das heißt, einige Regentage ausgenommen.« »Wen man den Himmel so blau sieht, sollte man schlechtes Wetter für ein Märchen halten, meinen Sie nicht auch?« »Gewiß.« Fräulein Helene mochte glauben, daß diese geistreiche Unterhaltung nun lange genug gedauert habe, und da sie zufällig an einer Stelle angelangt waren, wo eine schmale Treppe von dem Wall hinab in den Garten führte, so hielt sie es in ihrem und ihres einsilbigen Begleiters Interesse für geraten, diese Gelegenheit, die Szene abzubrechen, nicht unbenutzt zu lassen. »Haben Sie eine Ahnung, welche Zeit wir haben?« »Halb sieben.« »Schon? Da muß ich eilen, ins Schloß zurückzukommen, ehe Mama meine Abwesenheit bemerkt.« Fräulein Helene nickte vornehm mit dem Kopfe, stieg leicht die Treppe hinab und ging langsam zwischen den Blumenbeeten dem Hause zu. »Dem Glücklichen schlägt keine Uhr«, sagte Oswald bei sich, als er der jugendlich schlanken Gestalt nachschaute, »glücklich habe ich sie also durch meine meteorologischen Bemerkungen nicht gemacht; und ihre Eile, ins Schloß zu gelangen, war weniger groß als die, von mir fortzukommen. Jedenfalls scheint sie noch Zeit genug zu haben, sich ein reizendes Bukett zu pflücken. Ohne Zweifel für mich. Ich habe augenscheinlich eine vollständige Eroberung gemacht. Wie sie mich mit ihren wunderbaren Augen, so mitleidig halb und verächtlich, anblickte, als wollte sie sagen: Ich tue dir wohl einen großen Gefallen, wenn ich dich mit deiner Blödigkeit allein lasse! Sie ist stolz, sagte Bruno; gewiß, aber wie köstlich steht ihr dieser Stolz; wie kann ein Mädchen mit diesem Gesicht, diesen Augen, diesem Haar anders als stolz sein. Es ist die Atmosphäre, in die sie so notwendig gehört wie ein Adler in die höchsten Lüfte. Der Adler ist auch stolz und kein Mensch nimmt es ihm übel. Wie schön das Mädchen ist! Eine prächtige Schönheit, die das helle Sonnenlicht nicht zu scheuen braucht, die nur noch schöner zu werden scheint, je köstlicher der Rahmen ist, der sie umgibt. Eine unheimliche Schönheit, die uns fesselt und erstarren macht, wie die der tödlich schönen Muse. Dies Mädchen eine Blume? Wo waren meine Augen gestern? Sie ist kein lyrisches Gedicht voll Vogelsang und Sonnenschein, sie ist eine schwermütige Ballade, in der Schwerter klirren und Herzen verbluten, während oben aus dem Turme ein weißes Tüchlein weht. – Und halt! Jetzt weiß ich's: es ist das leibhaftige Gottseibeiunsgesicht der Grenwitz, wie Albert vortrefflich sagt – Zug für Zug! Es ist das Gesicht Haralds, ins Weibliche übersetzt, dieselben dämonischen Augen, derselbe berauschend sinnliche Zug in den vollen, fast zu vollen Lippen, dieselbe Kraft in dem üppig dichten blauschwarzen Haar, das sich über der breiten festen Stirn aufkräuselt! – Vortreffliche Frau Mama! Sie irren sich sehr, wenn Sie glauben, daß diese Stirn sich so gutwillig unter Ihre Beschlüsse beugen wird; ausgezeichneter Baron Felix, Sie müssen Ihrem Namen wahrhaftig Ehre machen, wenn Sie in diesem Falle reüssieren wollen! Der Morgen ist in der Tat köstlich, und man sollte wirklich, wenn man den Himmel so blau sieht, schlechtes Weiter für ein Märchen halten. Die Baronin war erstaunt über das Interesse, mit dem Oswald heute bei Tisch, und mehr noch in einer längeren Unterredung, die sie nach der Mahlzeit hatten, auf ihre Gedanken einging und verschiedene von ihr aufgeworfene Fragen betreffs des Unterrichts erörterte: Ob es nicht bei der großen Hitze zweckmäßiger sei, die Lektionen um sieben Uhr, statt wie bisher um acht zu beginnen? Ob man die Nachmittagsstunden nicht lieber ganz ausfallen lassen wolle? Ob die Bücher, aus denen Helene bis jetzt Geschichte und Literatur studiert habe, für sie noch brauchbar seien? Ob zwei Lektionen wöchentlich für Helenes Fortbildung hinreichen? Und ob er den Morgen oder den Abend für die geeignete Zeit halte? Auch der alte Baron war auf das angenehmste überrascht, als er an Oswald einen aufmerksamen Zuhörer der langen Geschichte seiner kleinen Leiden fand. Er hatte Oswald, der ihn stets mit vieler Höflichkeit behandelt hatte, im Herzen immer für einen braven und liebenswürdigen jungen Mann gehalten, trotz des entschiedenen Widerspruchs seiner Anna-Maria und der mindestens zweifelhaften Zustimmung des Pastors Jäger; und er war ordentlich froh, daß er dieser Gesinnung heute, wo auch die Baronin sie zu teilen schien, endlich einmal den Ausdruck geben konnte. Überhaupt schien die Reise einen sehr günstigen Einfluß auf die Baronin gemacht zu haben. Mademoiselle Marguerite, der man in dieser Beziehung wohl ein Urteil zutrauen durfte, behauptete gegen Albert, sie ist verändert totalement, sie hat mich nicht gescholten ein einziges Mal, den ganzen Tag; worauf Albert erwiderte: Ja, ich finde selbst, der alte Drache ist heute beinahe genießbar. Mit einem Worte, es herrschte heute ein so gutes Einvernehmen, wie noch nie in der Gesellschaft auf Schloß Grenwitz. Jeder schien die Gründe, die er hatte, mit diesem oder jenem weniger zufrieden zu sein, vergessen oder doch in den Hintergrund geschoben zu haben, und da aus der Stimmung ein für alle angenehmes Resultat hervorging, nahm man bereitwilligst für bare Münze, was der andere dafür bot – natürlich, um sich das Recht zuzusprechen, jenen mit derselben Münze zu bezahlen. Oswald hatte die Begegnung mit Fräulein Helene am Morgen nicht vergessen und sich des Eindrucks, den er dabei auf die stolze, junge Dame gemacht haben mußte, wohl bewußt, sah er es nicht ungern, daß ihm im Laufe des Tages mehr als eine Gelegenheit wurde, seine natürlichen Vorzüge geltend zu machen. Bei Tische um eine Erzählung dessen, was ihm während der Abwesenheit der Familie begegnet war, gebeten, gab er eine Schilderung seines einsamen Lebens in Sassitz, wobei er sich eine halb humoristische, halb sentimentale Rolle zuteilte, natürlich ohne das romantische Dunkel im mindesten zu lüften, das über seinem dortigen Aufenthalte lag. Die derbe Mutter Karsten wurde zu einer Uhlandschen Meereskönigin, ihre rothaarigen Töchter, Stine und Line, zu Heineschen Wassernixen und der halb blödsinnige Vater Steffen zu einem weisen Merlin; die Kreidefelsen der Küste wuchsen ins Ungeheure und die Brandung donnerte zwischen den Klippen des Strandes mit wahrhaft Ossianischer Majestät. Die Gesellschaft, obgleich sie die Übertreibungen bald herausfühlte, horchte mit Aufmerksamkeit, ja Spannung, und Oswald empfand es als den schönsten Lohn seiner phantastischen Improvisation, daß die großen, glänzenden Augen Helenens während seines Vortrages mit einem Ausdruck halb der Verwunderung und halb des Zweifels unverwandt auf ihn gerichtet waren. Er war so ganz die Seele der Gesellschaft geworden, daß man es ihm ernstlich übelzunehmen schien, als er gleich nach der Abendmahlzeit erklärte, den verabredeten Spaziergang durch den Buchenwald nach dem Strande nicht mitmachen zu können, da morgen Posttag sei und er einige sehr wichtige Briefe zu schreiben habe. Indem Oswald sich so in dem Augenblicke aus der Gesellschaft zurückzog, wo er sich ihr unentbehrlich gemacht hatte, durfte er mit der beabsichtigten Wirkung zufrieden sein. Fräulein Helene ließ sich herab, ihn direkt zum Bleiben aufzufordern, und wandte sich, als er bei seinem Vorhaben beharrte, so kurz von ihm weg, daß ihr Unmut nur zu ersichtlich war. Dennoch hatte der funkelnde Stern, der soeben über seinem Horizonte aufgegangen war, ihn nicht so verblendet, daß er das Gestirn, das nun schon so lange mit nimmer verlöschendem, stets gleichem, treuem, lieblichem Licht auf ihn herabblickte, darüber vergessen hätte. Er hatte schon gestern in Sassitz mit Bestimmtheit auf einen Brief gehofft; er fürchtete, daß der alte Baumann noch am Abend, als er mit dem Doktor weggefahren, vergeblich nach ihm gefragt habe. Wohl hatte er Mutter Karsten gesagt, daß er nach Grenwitz zurückgehe, aber dorthin konnte natürlich der alte Baumann einen Brief Melittas, der so leicht in andere Hände fallen konnte, nicht bringen. Und doch hatte er eine unendliche Sehnsucht nach dem längst erwarteten Brief. So stahl er sich denn, gleich nachdem die Gesellschaft den Schloßhof verlassen hatte, durch den Garten nach dem großen Tor, aus dem man fast unmittelbar in den Tannenwald zwischen Grenwitz und Berkow gelangte. Es dunkelte schon unter den hohen Bäumen mit den weit überhängenden Ästen. Das von der Hitze des Tages durchwärmte Holz strömte jetzt am kühleren Abend würzigen Duft aus. In dem weiten Revier herrschte eine fast unheimliche Stille. Und jetzt in dieser feierlichen Abendstunde, in diesem hehren Waldestempel überkam die Erinnerung an Melitta Oswalds Herz mit aller Macht. Ihre hohe, und bei aller lieblichen Fülle so jungfräuliche Gestalt, ihr reiches, braunes Haar, das in weichen Wellen von dem Scheitel zum Nacken herabfloß, ihre dunkeln, zärtlichen Augen; ihre reizende Schalkhaftigkeit, ihr liebliches neckisches Wesen – und ach, vor allem ihre unendliche Güte und Liebe – wie deutlich ihr Bild vor seiner Seele stand! Wie heiß er sich gelobte, der Lieben, Guten, Holden nie, auch nur im Gedanken untreu zu werden und, komme, was da wolle, ihre Liebe mit unendlicher Liebe zu erwidern. Da ertönte Hufschlag durch den stillen Wald, und bald tauchte aus dem Halbdunkel ein Reiter auf, der in raschem Trabe daherkam. Oswald durchfuhr ein freudiger Schrecken, als er in dem Reiter den alten Baumann auf dem Brownlock erkannte. »Ein Brief? Haben Sie einen Brief?« rief er mit einer Heftigkeit, die Brownlock einen Schritt zur Seite springen machte. »Ruhig, Brownlock, ruhig«, sagte der Alte, dem Pferde den schlanken Hals klopfend, »guten Abend, junger Herr! Ich habe Sie schon in Sassitz gesucht, allwo ich erfahren, daß Sie sich am gestrigen Abend nach Grenwitz begeben. Nun wollte ich soeben dorthin reiten –« »Aber wenn Sie mich nicht selbst getroffen hätten? Und unter welchem Vorwande wollten Sie sich bei mir einführen lassen? Doch gleichviel – wo ist der Brief?« »Hier!« sagte der Alte, der unterdessen vom Pferde gestiegen war, ein nicht unbedeutendes Paket aus der tiefen Tasche seines langen Überrocks ziehend. »Geben Sie!« »Nur Geduld, junger Herr! Ich habe an alles gedacht. Dies Paket ist, wie Sie sehen, wohl zugebunden und versiegelt, und trägt die Aufschrift: Hierbei die bewußten Bücher mit bestem Dank zurück. Die andern wird Ihnen Baumann zustellen, sobald ich sie durchgelesen habe – und die Unterschrift: Ihr ergebenster B. – das kann ja wohl so gut Bemperlein als Baumann heißen, nicht wahr?« Der alte Baumann hatte, während er sprach, die Schnur um das Paket gelöst und aus einem der drei Bücher, die es enthielt, einen Brief genommen, den Oswald hastig erbrach und gegen das Licht hielt, um ihn zu lesen, aber das Dunkel unter den hohen Bäumen war bereits zu dicht; er vermochte nur noch die Überschrift: »Liebstes Herz« mit Mühe zu entziffern. »Ich kann nichts mehr sehen«, sagte er traurig. »Wären Sie in Sassitz sitzengeblieben, wie Sie neulich wollten, oder hätten Sie gestern dem alten Baumann ein Wort zukommen lassen, so wären Sie noch bei guter Tageszeit in Besitz dieses Briefes von meiner gnädigen Frau gewesen.« Oswald fühlte wohl den Vorwurf, der in diesen sehr ruhig gesprochenen Worten lag, und es wurde ihm nicht schwer, dem treuen Diener und Freunde Melittas sein Unrecht einzugestehen. »Verzeihen Sie mir«, sagte er, »daß ich Ihnen die zweifache Mühe gemacht habe, ich habe meine Unbesonnenheit den ganzen Tag hindurch schon verwünscht und ich bin schwer genug dafür bestraft, denn hier halte ich den teuren Brief in den Händen und kann doch nicht erfahren, wie es ihr, wie es Frau von Berkow geht, ob sie wohl ist, ob sie glücklich in Fichtenau angekommen ist, und tausenderlei, was ich alles wissen möchte und was ohne Zweifel hier steht –« und er versuchte noch einmal den Brief zu lesen. »Nu, nu!« sagte der alte Baumann. »Wegen meiner haben Sie nun schon keine Sorge nicht; so eine Meile oder zwei mehr oder weniger, darauf kommt es mir und dem Brownlock eben nicht an. Und was die Nachrichten betrifft, die Sie zu haben wünschen, so weiß ich davon auch eine oder die andere mitzuteilen, sintemalen Herr Bemperlein mir einen Schreibebrief übersandt hat, in dem die Reise und was sich bei der Ankunft zugetragen, alles ausführlich berichtet ist.« Der alte Mann hatte den Zügel über den Arm gehängt und ging neben Oswald her, der seine Schritte beeilte, um möglichst bald nach Grenwitz und auf sein Zimmer zu kommen. »Die gnädige Frau – Gott behüte sie« sagte der Alte, »ist mit Herrn Bemperlein nach Verlauf von drei Tagen glücklich in Fichtenau angekommen. Herr Bemperlein hat sich sogleich mit Doktor Birkenhain in Vernehmen gesetzt und erkundet, daß Herr von Berkow noch lebe, aber so schwach sei, daß man stündlich seiner Auflösung entgegensehe. Das hat nun so gedauert bis zum Tage vor dem Abgang des Briefes, allwo die gnädige Frau in Begleitung des Herrn Bemperlein und des Herrn –« Der Alte unterbrach sich und hustete. »Nun, wessen?« fragte Oswald, dessen Verdacht in betreff des Baron Oldenburg wieder erwachte. »Nun, des Herrn Doktors natürlich, wessen sonst«, sagte der Alte, »ja, was wollte ich doch gleich sagen, Sie haben mich durch Ihre Frage ganz aus dem Kontext gebracht – richtig: also in Begleitung des Herrn Bemperlein und – hm, hm: des Herrn Doktors auf wenige Minuten nur bei dem Herrn Baron gewesen sind. Der gnädige Herr soll sich so verändert haben, daß er der gnädigen Frau, wie sie selbst gesagt hat, wie ein vollkommen fremder, unglücklicher Mann erschienen ist. Gesprochen hat er auch ein paar Worte, von denen aber kein einziges zu verstehen gewesen ist. Dann sind sie wieder fortgegangen, und alsbald ist der gnädige Herr wieder in sein Bett zurückgesunken und in tiefen Schlaf gefallen, und der Doktor meinte, das werde wohl nun bis zu seinem Ende so fortgehen, – was denn der Herrgott in seiner Gnade recht bald möge eintreten lassen, damit der arme Mann von seiner Qual befreit ist und die arme gnädige Frau endlich einmal wieder frei aufatmen kann!« »Amen«, sagte Oswald. »Denn sehen Sie, junger Herr«, fuhr der Alte fort – und seine tiefe Stimme hatte einen eigentümlich erregten Klang –, »die gnädige Frau hat nicht viel Freude gehabt ihr liebes Leben lang, und das tut mir weh, denn ich habe sie lieb, als wäre sie mein eigenes Kind, und wohl noch lieber. Denn ich habe freilich selbst nie welche gehabt, aber ich sehe doch, wie es andere Väter mit ihren Kindern machen, und daß sie sich nicht schämen, nicht bloß wie kein Vater, sondern nicht einmal wie kein Christenmensch nicht an ihren Kindern zu handeln. Und der Vater von der gnädigen Frau – nun, es war mein gnädiger Herr, und ich habe unter ihm die Kampagne mitgemacht, und von den Toten soll man nicht Übles reden – aber zu Ihnen darf ich es schon sagen, weil Sie uns doch nun nicht mehr fremd sind – ja, das war ein böser Herr oder auch eigentlich nicht böse, aber wild und leichtsinnig wie der jüngste Offizier in seinem Regiment. Je toller ein Streich war, desto lieber war es ihm; na, und tolle Streiche und schlechte Streiche, die sehen sich manchmal zum Verwechseln ähnlich. So dachte er sich nichts Böses dabei, wenn er noch als Verheirateter den Frauenzimmern geradeso nachstellte, wie er es sonst getan, aber der armen gnädigen Frau, die eine gar gute, liebe Dame war, brach darüber das Herz, und sie starb, als ihr einziges Kind erst zwei Jahre alt war. Da gab es nun eigentlich niemand, der für das arme Ding sorgte, als den alten Baumann. Ich hab's herumgetragen und habe mit ihm gespielt, und hernach, als es größer wurde, habe ich mit ihm schreiben und lesen gelernt, was ich damals noch nicht konnte, und ein bißchen Französisch und was noch sonst in meinen alten Kopf hineinwollte. Und hernach habe ich sie reiten gelehrt, daß ihr nun wohl so leicht keine darin gleichkommt; und so bin ich wieder mit ihr jung gewesen und hab mich nie nach Kindern gesehnt, denn sie war ja mein liebes, herziges Kind, obgleich ich nur ein armer unwissender Reitersmann und sie ein fürnehmes, hochadeliges Fräulein war. Und ich habe manchmal so in meinem Sinn gedacht: Ob sie es nicht besser im Leben gehabt hätte, wenn sie wirklich mein Kind gewesen wäre. Denn vornehm sein und reich sein, das ist alles recht gut, aber ich meine doch, wen Gott lieb hat, den läßt er arm geboren werden. Ich wäre nie auf den Gedanken gekommen, mein eigen Fleisch und Blut um schnöden Mammon zu verkaufen; ich hätte nie vor meinem Kinde auf den Knien gelegen und geflennt: Dein Vater ist ehrlos, wenn du nicht den und den heiratest, von dem ich wohl weiß, daß du ihn nicht liebst, der aber so viel Geld hat, daß er alle meine Schulden bezahlen kann und doch noch genug für euch beide behält. Und es stand gar nicht einmal so schlimm mit Herrn von Barnewitz. Was er im Spiel verloren hatte, konnte er auch im Spiel wieder gewinnen, und hat's auch hernach zum Teil wieder gewonnen, so daß er später, wenn er zu viel getrunken, oft zu mir gesagt hat: Hätte ich gewußt, Baumann, daß ich noch solch Glück im Pharao haben würde, da hätte der – es war ein häßliches Wort und ein ordentlicher Mensch bringt es nicht gern über die Lippen, – da hätte ich Herrn von Berkow auch etwas anderes gegeben als meine Tochter. Mein einziger Trost ist nur, daß er's nicht lange mehr treibt, und dann kann sie ja noch immer einen andern heiraten. Nun, der gnädige Herr trieb es selbst nicht lange mehr, aber doch noch lange genug, daß er das Unglück, das er angerichtet hatte, mit seinen leiblichen Augen sehen konnte. Er hätte viel darum gegeben, um ungeschehen zu machen, was geschehen war; aber wer sich mit dem Teufel einläßt, darf sich nicht wundern, wenn der liebe Gott nichts von ihm wissen will. So war die schöne junge Frau eine Witwe und war es doch auch wieder nicht. Reichtum hatte sie nun die Hülle und Fülle; aber mir deucht, sie wäre glücklicher gewesen, wenn sie unter einem Strohdach mit einem braven Mann gelebt hätte als so mutterseelenallein in dem großen, öden Hause. Nun war freilich der Julius da, aber eine Schwalbe macht noch keinen Sommer, und ein Kind ist noch immer keine Familie. Sehen Sie, junger Herr, das hat mein altes Herz oft bluten machen, und wenn ich die liebe gnädige Frau so des Abends allein durch den einsamen Garten wandeln sah, da habe ich oft den lieben Gott gebeten, er solle den armen Herrn von Berkow in Gnaden zu sich nehmen und verstatten, daß die arme gnädige Frau doch einmal in ihrem Leben glücklich wird wie andere Frauen, die nicht wert sind, daß sie ihr die Schuhriemen lösen. Reich braucht der Mann nicht zu sein, denn sie hat, wenn's doch ja Reichtum sein soll, genug für beide, – aber Kopf und Herz muß er auf dem rechten Fleck haben und lieb muß er sie haben, mehr als seinen Augapfel. Und wenn ich einen solchen Mann wüßte und ihr einen solchen Mann verschaffen könnte, und ich sähe sie nun glücklich an der Seite dieses Mannes, da wollte ich auch beten: Herr, lasse deinen Diener in Frieden fahren. – Aber da sind wir ja schon am Tore. Nun, wohlschlafende Nacht, junger Herr! Wenn Sie morgen früh vielleicht eine Antwort auf den Brief von der gnädigen Frau fertig haben, so will ich einen Büchsenschuß weiter in den Wald hinein zwischen fünf und sechs darauf warten. Die gnädige Frau würde sich doch freuen, wenn Sie recht bald schrieben.« »Ich werde pünktlich um fünf dort sein«, sagte Oswald. »Na, auf eine halbe Stunde kommt es schon nicht an«, sagte der alte Baumann, sein Pferd besteigend. »Die Post geht nicht vor acht Uhr, und bis dahin bin ich mit dem Brownlock zweimal hin und zurück. Ich wünsche nochmals wohlschlafende Nacht.« Der alte Mann faßte salutierend an seine Mütze, lenkte den Brownlock herum und trabte durch die Tannen zurück nach Berkow. Oswald eilte auf seine Stube, ohne jemand zu begegnen, da die Gesellschaft von ihrem Spaziergang noch nicht heimgekehrt war. Mit zitternder Hand öffnete er den Brief und durchflog ihn mit atemloser Hast, um ihn dann langsam wieder und wieder zu lesen, wie man Briefe liest, von denen jedes einzelne Wort uns berührt wie ein Kuß von geliebten Lippen. Als er sich spät am Abend hinsetzte, die Antwort zu schreiben, ertönte derselbe Gesang, der ihn gestern abend in so überschwengliche Begeisterung versetzt hatte; heute aber schloß er das Fenster, denn er fühlte, daß seine Bewunderung für das schöne Mädchen im Grunde ein Verrat seiner Liebe zu Melitta sei, obgleich er die anklagende Stimme seines Gewissens möglichst zu überhören versuchte. Vierzigstes Kapitel Oswald konnte es sich nicht versagen, noch ein wenig im Garten zu promenieren, als er am nächsten Morgen aus dem Wald zurückkehrte, wo Baumann den Brief entgegengenommen hatte. Er wollte eigentlich nur einige Minuten bleiben, nur eben einmal auf dem Wall die Runde um den Garten machen; aber er hatte die Promenade nun schon zweimal vom großen Tor bis wieder zum großen Tor gemacht – und begann sie eben zum dritten Male, denn der Morgen war allerdings köstlich, und, wenn ihn seine Augen nicht täuschten, so schimmerte durch die Büsche und Bäume auf der andern Seite ein helles Gewand. Ohne Zweifel eines der Mädchen aus dem Dorfe, die im Garten arbeiteten. Wie erstaunt war er deshalb, als er bald darauf in der ihm Begegnenden Fräulein Helene erkannte. An ein Ausweichen war nicht zu denken. Es führten von dem Wall nur sehr wenige schmale Treppen in den Garten hinab. So blieb ihm freilich nichts übrig, als, die Hände auf dem Rücken, und die Vögel, die über ihm durch die Zweige flatterten und die Enten auf dem Graben mit gespannter Aufmerksamkeit beobachtend, langsam weiterzuschlendern, und ein ganz klein wenig überrascht zu sein, Fräulein Helene genau um dieselbe Zeit und an derselben Stelle wie gestern zu begegnen. Fräulein Helene erwiderte seinen Gruß mit jener vornehmen Ruhe, die dem etwas düstern Charakter ihrer Schönheit so gut stand, obgleich sie für ein Mädchen von diesem jugendlichen Alter fast zu kalt und vornehm schien. Und doch wäre ihr Gruß nicht ganz so förmlich gewesen, wenn Oswald selbst nicht jede Spur einer freudigen Erregung geflissentlich unterdrückt hätte. Eine kurze, nichts weniger als geistreiche Unterhaltung über das Wetter, ein paar gleichgültige Fragen Oswalds über den Spaziergang von gestern abend und ein paar kurze Antworten Helenes folgten. Darauf abermalige höflich kühle Begrüßung von beiden Seiten. Fräulein Helene setzte ihren Spaziergang fort, Oswald hatte seine Promenade, die er »regelmäßig zwischen sechs und sieben auf dem Walle mache« – eine Angabe, die mit der Wahrheit nicht besonders genau übereinstimmte – beendet und begab sich auf sein Zimmer. Schade, daß diese prächtige Schönheit doch nur die Hülle einer ziemlich alltäglichen Psyche zu sein scheint, sprach er bei sich. Was Professor Berger wohl sagen würde, wenn er seine liebliche Knospe jetzt zu einer dunkelroten Rose entfaltet sähe? Ob er wieder einen Sonettenkranz flechten und auf das üppige Haar drücken würde? Edler Berger, war es ein Stück des guten oder bösen Engels, die sich ewig in deiner großen Seele bekämpfen, daß du mich hierher ins Lager unserer Feinde schicktest? Ich sollte dir viel ruhmreiche Trophäen zurückbringen, Skalps erschlagener Irokesen, die wir in unserem Wigwam aufhängen wollten, um unsere Freude daran zu haben – wie würdest du erstaunen, wenn du hörtest, wie oft schon dein Unkas nur mit genauer Not dem Skalpiertwerden entgangen ist! Aber das eine Versprechen will ich halten: Ich werde mich nicht in diese frühbesungene Schönheit verlieben – nein, und wenn sie ebenso geistreich wäre, wie sie schön ist. Als Oswald zur Mittagstafel nach unten kam, wurde er aufs angenehmste durch die Gegenwart des Doktor Braun überrascht, der vor einigen Minuten angelangt war und die Einladung der Baronin, zu Mittag auf dem Schlosse zu bleiben, angenommen hatte. Der Doktor erwies sich in dem größeren Kreise als ein ebenso bequem geselliger, feingebildeter Mann, wie ihn Oswald bis dahin gekannt hatte; ja, dieser hatte jetzt noch mehr Gelegenheit, die ausgezeichnete Unterhaltungsgabe und die sichere Haltung des jungen Arztes zu bewundern. Und was ihn noch mehr für Doktor Braun einnahm, war, daß jener sich seiner Vorzüge nicht bewußt zu sein schien. Nichts lag ihm offenbar ferner als ein Geltendmachen seiner Person; im Gegenteil, es schien ihm nur darum zu tun, andere zur Entwicklung ihrer Ansicht zu bringen; und so zeigte er sich als ein ebenso geduldiger und guter Zuhörer wie gewandter Sprecher. Oswald sah mit einigem Erstaunen, daß, wenn der Doktor irgend jemand in der Gesellschaft auszeichnete, es nur Fräulein Helene sein konnte, und mit nicht minder großer Verwunderung, daß die junge Dame dem Doktor gegenüber einen Teil ihrer vornehmen Kälte ablegte. Sie hatten schon vor Tische eine Sonate à quatre mains gespielt; sodann hatte Helene einige Lieder gesungen, die ihr der Doktor begleitete. Bei Tische saßen sie nebeneinander und unterhielten sich lebhaft über die verschiedenen Stile in der Musik, wobei der Doktor eine sehr detaillierte Kenntnis des Generalbasses und Fräulein Helene zum mindesten ein lebhaftes Verständnis für musikalische Dinge entwickelte; und als er sich gleich nach Tisch empfahl, bedauerte sie seine Eile so lebhaft, bat sie ihn so dringend, ihr die versprochenen Noten recht bald zu schicken – nein, lieber selbst zu bringen, damit sie sie gleich zusammen durchgehen könnten, daß der Doktor, wenn er es darauf angelegt hatte, einen möglichst günstigen Eindruck auf die junge Dame zu machen, mit seinem Erfolge ganz wohl zufrieden sein durfte. »Sie sind nicht musikalisch?« fragte er Oswald, dem er noch für ein paar Minuten, bis die Pferde angeschirrt wurden, auf sein Zimmer gefolgt war. »Nein, und die Eintracht süßer Töne lockt mich so wenig, daß ich gestern abend, als Fräulein Helene die Barkarole sang, von der Sie so entzückt waren, sogar das Fenster schloß.« »Das ist in der Tat merkwürdig. Ich erinnere mich nicht, eine so weiche – ich möchte sagen – mystische Altstimme gehört zu haben.« »Sollte die Schönheit der Sängerin nicht die Reinheit des Urteils in etwas trüben?« »Nein, ich versichere Sie, daß ich ganz objektiv urteile; obgleich ich gern zugebe, daß eine so dämonische Schönheit mehr in das Reich der Träume, als in die reale Welt zu gehören scheint.« Der Doktor hatte sich in Oswalds Lehnstuhl gesetzt sind blies den Rauch der Zigarre, die er sich eben angezündet, in blauen Wolken durch das offene Fenster. »Es ist eine Schönheit«, sagte er, »die einen Maler zur Verzweiflung bringen könnte, weil sie sich gerade in ihrer duftigen Blüte durch Linien und Farben gar nicht mehr ausdrücken, sondern nur durch Musik übersetzen läßt. Ich wollte, Beethoven hätte sie gesehen oder Robert Schumann; und dann sollten Sie die geisterhafter dämonische Komposition hören, zu der diese Erscheinung die beiden begeistert hätte.« »Aber wer von uns beiden ist denn nun der Schwärmer?« fragte Oswald lächelnd. »Sie oder ich?« »Sie«, sagte der Doktor, »denn der höchste Grad der Ekstase ist tiefes Schweigen. Wer Worte für seine Begeisterung findet, hat die Zügel noch in der Hand. Und dann kann ich ein schönes Mädchenbild sehen und auch dafür schwärmen, ohne daß mir die Zigarre auch nur einen Grad weniger gut schmeckte. Sie aber sind imstande, darüber Essen und Trinken und alles zu vergessen und sich Hals über Kopf in die Charybdis Ihrer Begeisterung zu stürzen, ohne auch nur daran zu denken, ob Sie imstande sein werden, jemals wieder zum rosigen Lichte aufzutauchen.« »Wissen Sie das so gewiß?« »Ganz gewiß; ich habe Ihnen in der letzten Zeit ein eingehendes Studium gewidmet, und gefunden, daß Sie eines der vortrefflichsten Exemplare einer in unseren Tagen ziemlich weit verbreiteten Spezies generis humani sind, Nachkommen des weiland vom Teufel geholten Doktor Faustus, Faustuli postumi, sozusagen, die den langen Dozentenbart abgeschnitten, auch nicht im romantischen Ritterkostüm, sondern einfach im modernen Frack einherspazieren; im übrigen aber auf gut faustisch von Begierde zum Genuß taumeln, und im Genuß nach Begierde verschmachten.« »Problematische Naturen nennt sie der Baron Oldenburg«, bemerkte Oswald. »Eine sehr gute Bezeichnung«, sagte der Doktor. »Freilich, der Baron muß es wissen, der ist selbst von der Brüderschaft, und ich vermute, daß er einen ziemlich hohen Grad einnimmt. Wenigstens nach allem, was ich von ihm höre, denn gesprochen habe ich ihn nie und nur einmal flüchtig gesehen.« »Es dürfte sehr schwer halten, sich über den Baron ein richtiges Urteil zu bilden.« »Wäre er sonst eine problematische Natur? Ich höre, Sie sind einer seiner speziellen Freunde, einer von den wenigen, die er, wie es heißt, besitzt. Und gerade deshalb spreche ich offen. Ich kann es nicht billigen, daß ein Mann von den eminenten Gaben des Barons sein Leben in Müßiggang verdämmert – in einem geschäftigen Müßiggang, der schwerste Vorwurf, der meiner Meinung nach einen Mann in unserer Zeit treffen kann, wo es wahrlich so viel, so viel zu tun gibt.« »Was kann der arme Baron dafür, daß ihm das Brot des Alltagslebens nicht schmeckt?« »Glauben Sie denn, daß es mir schmeckt?« sagte Doktor Braun, und seine Wangen röteten sich und seine Augen leuchteten. »Glauben Sie, daß der herrliche Gott Apollo, als er die Rinder des Admet weidete und im Schatten der Eiche das schnöde Sklavenmahl verzehrte, sich nicht zurücksehnte nach der Ambrosia und dem Nektar auf den goldenen Tischen im Hause des Vaters? Dennoch trug er sein Los und duldete das Verhängnis, wie der noch viel herrlichere Jesus von Nazareth das seinige. Und ich muß gestehen, mir erschien es immer als eine grobe Inkonsequenz, daß des Menschen Sohn von allen, zum wenigsten von den stärksten menschlichen Banden los und ledig dargestellt wird. Sollte er den Leidenskelch wirklich bis auf den letzten bittersten Tropfen leeren, so muß er durch die stille Nacht auf dem Ölberge die Stimmen eines angebeteten Weibes, geliebter Kinder zu hören glauben, die ängstlich nach dem Gatten, dem Vater riefen. Denn menschlich allem Menschlichen ergeben sein und dennoch bis an den Tod mit den reißenden Wölfen der Tyrannei und Lüge kämpfen und das schwere Kreuz des ganz Gemeinen und ewig Gestrigen, das auf uns lastet, bis nach Golgatha tragen – das erscheint mir als das eigentliche Los des Menschensohnes.« Der Doktor ging ein paarmal mit raschen Schritten in dem Gemache auf und ab, dann blieb er vor Oswald stehen, streckte ihm mit herzgewinnender Freundlichkeit die Hand entgegen und sagte: »Verzeihen Sie mir, wenn ich Sie durch dies oder jenes Wort, das vielleicht weniger überlegt war, gekränkt, haben sollte. Aber ich gerate jedesmal in Aufregung, wenn ich eine hohe Intelligenz feiern oder in einer falschen Richtung tätig sehe. Das erste ist die Sünde gegen den heiligen Geist, die unserer Sünden größte ist, die zweite ist nicht ganz so groß, aber kommt jener fast gleich. Von jener spreche ich Sie los, dieser erkläre ich Sie für schuldig. Sie wissen, wie ich über Ihre Stellung hier schon neulich dachte; jetzt, nachdem ich Sie zum ersten Male in dem Kreise selbst gesehen habe, finde ich das Verhältnis noch viel bedenklicher. Geben Sie es auf, ehe es zu spät ist! Es mag eine entsetzliche Indiskretion sein, daß ich mir erlaube, so zu Ihnen zu sprechen; aber Sie wissen, wir Ärzte haben einmal das Recht, indiskret zu sein. Sind Sie mir bös?« »Ich wäre der lächerlichste Narr, wenn ich es wäre«, antwortete Oswald. »Im Gegenteil, ich bin Ihnen dankbar, daß Sie mir eine Teilnahme zeigen, die ich so gar nicht verdient zu haben mir bewußt bin. Aber ich glaube, Sie sehen die Dinge ein wenig zu schwarz –« »Bloß zu schwarz?« sagte der Doktor lachend. »Ich sehe sie weder grau noch schwarz, ich sehe sie gar nicht; ich bin blind, stockblind auf beiden Augen. Adieu, mon cher, adieu. Wenn Sie sich über kurz oder lang nicht mehr so kerngesund fühlen sollten wie zu dieser Stunde – so schicken Sie nur zu mir! Sie sollen sehen, daß ich nicht nur ein Arzt für die Gesunden bin, sondern auch für die Kranken.« Mit diesen Worten eilte der Doktor zur Tür hinaus, und einen Augenblick später hörte Oswald das Knirschen der Räder seines Wagens auf dem Kies vor dem Portale. Einundvierzigstes Kapitel Daß der Rat des Doktors vortrefflich sei, konnte Oswald um so weniger entgehen, als er noch vor kurzer Zeit über seine schiefe und ganz unhaltbare Situation in der Grenwitzschen Familie nicht viel anders gedacht hatte. Aber einen Ausweg aus diesem Labyrinth vermochte er nicht zu entdecken; wenigstens nicht für den Augenblick. Er hatte in der letzten Zeit über seine Liebe zu Melitta alles andere vergessen und an eine Veränderung, die ihn sofort von der Geliebten entfernen mußte, dachte er nicht, ja die Möglichkeit einer solchen hatte er immer als das größte Unglück angesehen. Und auch jetzt, wo durch Melittas Reise und durch den wahrscheinlichen Tod des Herrn von Berkow die Gegenwart und die Zukunft gleich dunkel und verworren schienen, konnte er sich unmöglich über einen Punkt entscheiden, der für Melitta nicht weniger wichtig war als für ihn selbst. Und dann, ganz abgesehen von seinem Verhältnis zu Melitta, hatte er so gar keinen stichhaltigen Grund, die Stellung, zu der er sich auf mehrere Jahre verpflichtet hatte, aufzugeben, daß er einen Bruch hätte gewaltsam herbeiführen müssen. Ein solcher kecker Schritt aber würde zu jeder Zeit für Oswalds Natur etwas Peinliches und Widerliches gehabt haben, und jetzt, wo die Baronin, gegen die er sich doch in einem solchen Falle wenden mußte, offenbar bemüht war, mit ihm, ebenso wie mit aller Welt, in Frieden und Freundschaft zu leben, fehlte es ihm sogar an dem Allerwichtigsten, an einem Gegner, der den von ihm hingeschleuderten Fehdehandschuh hätte aufnehmen können und mögen. Überdies hatte er noch ganz kürzlich der Baronin den Gang des Unterrichts der Knaben bis zu der Zeit, wo er mit ihnen die projektierte große Reise durch England, Frankreich, die Schweiz, Italien, vielleicht auch Ägypten antreten würde, ausführlich geschildert, mit einem warmen Interesse, das, wenn es seine Absicht war, die Ausführung dieses Planes einem andern zu überlassen, mindestens unerklärlich schien. Auch auf den Wunsch der Baronin, mit Fräulein Helene die durch ihren Fortgang von der Pension unterbrochenen Studien wieder aufzunehmen, war er bereitwilligst eingegangen; und morgen schon sollten diese Lektionen, an denen auch die lernlustige Baronin manchmal teilzunehmen versprach, ihren Anfang nehmen. Und abgesehen von dem allen, so hätte er doch, ging er von Grenwitz fort, auch Bruno verlassen müssen, Bruno, den er brüderlich liebte, dessen glänzende Fähigkeiten zu entwickeln ihm eine so köstliche Aufgabe deuchte, den in die Wissenschaft und hernach in das Leben einzuführen, bisher einer seiner liebsten Wünsche gewesen war! Die kurze Reise schien, wie auf alle, so auch auf Bruno, einen sehr wohltätigen Einfluß gehabt zu haben. Er hatte viel von seinem trotzig düstern Wesen abgelegt; er suchte jetzt die Gesellschaft, die er früher im Verein mit Oswald gemieden hatte, und gab auch Oswald gute Worte, an Spaziergängen und an andern gemeinsamen Vergnügungen teilzunehmen. Er ahnte nicht, daß Oswald ihm durchaus kein großes Opfer brachte, wenn er diesen Bitten nachgab, ja, daß dieser sich nur zum Schein bitten ließ, um vor sich selbst die Inkonsequenz, deren er sich in dieser Beziehung schuldig machte, zu beschönigen. Bruno, von Oswald mit seinem Interesse an Dingen und Personen, die ihm sonst gleichgültig oder verhaßt gewesen waren, geneckt, sagte, er wisse nicht, was mit einem Male über ihn gekommen sei; ihm sei zumute wie einem Vogel, der, aus seinem Käfig entflogen, die Freiheit wiedererlangt habe; wie einer Blume, wenn nach Sturm und Regen die Sonne wieder scheine. Und wirklich, Bruno war munter wie ein Vogel und in dieser seiner Munterkeit schön wie eine Blume, die eben dem Lichte den vollen Kelch erschließt. Es war unmöglich, den herrlichen Knaben nicht zu bewundern: seine Freundlichkeit war ebenso hinreißend liebenswürdig, wie sein Trotz abstoßend und oft geradezu beleidigend war. Alle waren miteinander darüber einig, daß eine merkwürdige Veränderung mit Bruno vorgegangen sei; was aber diese Veränderung hervorgebracht hatte – das wußte, das ahnte keiner. Dennoch hätte der Grund einem scharfsinnigen Beobachter nicht entgehen können und würde auch wohl Oswald nicht entgangen sein, wenn er mit seinen eigenen Herzensangelegenheiten nicht so vollauf beschäftigt gewesen wäre. Schon die Unterhaltung mit Bruno am ersten Abend hätte ihm einen Aufschluß geben müssen. Wie Helenes Name dort wieder- und wiederkehrte, so ließ sich jetzt alles, was der Knabe sagte und tat, schließlich auf Helene zurückbeziehen, obgleich er allerdings, dem Vogel gleich, der durch Hin- und Herflattern den Verfolger von seinem Nest fortzulocken sucht, sorgfältig darauf bedacht war, andere vorzuschieben und sich für Helene gerade am wenigsten zu interessieren schien. Was ist nur mit dem Knaben? fragten sich die andern, wenn sie sahen, wie seine dunkeln Augen leuchteten, wie stolz und kühn seine Haltung, wie elastisch sein Schritt war; wenn sie seine Stimme hörten, die bald so weich war wie ferner Gesang, bald in der Aufregung des Spiels, oder wenn sonst etwas seine Energie herausforderte, klar und scharf und machtvoll wie Drommetenton. Und wenn es wirklich manchmal schien, als ob Bruno nur seiner schönen Cousine zuliebe dem Einsiedlerleben entsagt habe, so konnte dies um so weniger auffallen, als alle mehr oder weniger dem neuaufgegangenen glänzenden Stern huldigten. Oder weshalb war die Baronin jetzt ganz Freundlichkeit und Güte? Weshalb erschien sie bei Tisch jetzt stets mit einem lächelnden Gesicht und bemühte sich, die Unterhaltung während der Mahlzeit nicht ins Stocken geraten zu lassen? Weshalb ließ der Baron, zum großen Ärger des schweigsamen Kutschers, sobald nur der Wunsch ausgesprochen war, diesen oder jenen weitergelegenen Punkt zu besuchen, die schwerfälligen Braunen anspannen – während so etwas vor der Reise geradezu ein Ereignis hatte genannt werden müssen? Weshalb hatte Herr Timm jetzt zum ersten Male seinen Frack aus der Ecke des melancholischen Koffers hervorgesucht und mit dem Frack, wie es schien, eine etwas weniger nachlässige Haltung und eine etwas weniger burschikose Sprache? Weshalb klang der Ton von Mademoiselle Marguerites Stimme jetzt etwas weniger scharf wie sonst? Und weshalb hatte sie sich gerade jetzt darauf besonnen, daß sie ein paar recht hübsche seidene Schleifen besitze, die schon seit Jahren in ihrer Kommode müßig gelegen hatten? Weshalb gab sich jetzt selbst Malte beim Reifenspiel Mühe, die Spielregeln beachten und den ihm zugeschleuderten Reifen womöglich aufzufangen? Ob Fräulein Helene wußte, daß sie die Ursache aller dieser großen und kleinen Veränderungen war? Es war sehr schwer zu sagen, ob Fräulein Helene etwas bemerkt hatte oder nicht; ja, ob sie sich über etwas freute oder nicht; ob sie heiter war oder nicht; ob jemand in der Gesellschaft für sie vorhanden war oder nicht. Ihre stolze ruhige Miene veränderte sich sehr selten, und das Lächeln, zu dem sie sich gelegentlich herabließ, war, obgleich außerordentlich reizend, doch so flüchtig, daß man nicht wohl den Anteil, den ihr Herz etwa dabei hatte, bestimmen konnte. Sie war gegen ihre Eltern ganz die gehorsame, aufmerksame Tochter, gegen ihren Bruder die ältere Schwester, die, wenn sie die Schwächen des Bruders schonen soll, auch ihrerseits respektiert zu werden wünscht; gegen Mademoiselle Marguerite ganz die freundliche Herrin, die sich in jedem Augenblicke des Unterschiedes der Stellung bewußt bleibt; gegen Oswald und Albert ganz die vornehme junge Dame, die von der Pension her noch sehr gut weiß, wie tief die Verbeugung vor Herren in niedrigeren Lebensstellungen sein muß, und nur für Bruno schien sie eine herzliche Zuneigung zu haben, nur ihm gegenüber ließ sie etwas von der ruhig vornehmen Haltung nach, die sie im übrigen so wenig ablegen zu können schien wie die dunkle Farbe ihres reichen Haares oder den tiefen Glanz ihrer großen grauschwarzen Augen. Aber wenn selbst die Baronin sich gegen ihren Gemahl über Helenes fast allzu schroffes Wesen beklagte, wenn sie die Bemerkung machte, die lange Abwesenheit scheine denn doch Helene ihrer Familie etwas entfremdet zu haben, so war dies freilich nur zu wahr, aber die Schuld daran traf weniger die junge Dame als die Baronin selbst. Sie war es gewesen, auf deren Wunsch Helene so lange Jahre fern von ihrem elterlichen Hause gewesen war; sie hatte dem schwachen Gemahl, wenn er sich nach der geliebten Tochter sehnte, auseinandergesetzt, wie vorteilhaft für die äußere und innere Bildung einer jungen Dame es sei, wenn sie so früh wie möglich in die strenge Schule eines Musterpensionats komme und so lange wie möglich dort bleibe; sie hatte schon vorher, wenn die Kleine sich liebevoll an sie schmiegen wollte, nur eine kalte Miene und ein paar kühle französische Redensarten für sie gehabt, bis das Kind, größer geworden, die Hoffnungslosigkeit des Versuchs, einen Weg zum Mutterherzen zu finden, einsah und sie fortan mit Liebkosungen verschonte, die nicht erwidert wurden. Die arme Kleine mußte das Unrecht, kein Knabe zu sein und nichts zur Sicherung des Majorats in der Familie tun zu können, schwer büßen, und sie hätte wohl noch lange, von der Mutter halb vergessen, in der Verbannung leben können, wenn diese nicht endlich auf den Gedanken gekommen wäre, ob Helene durch eine Heirat mit ihrem Cousin Felix, dem Majoratserben der Grenwitzschen Güter nach Maltes Tode, nicht doch vielleicht mittelbar zur Erhaltung der Herrschaft beitragen könne. Daß dieser Gedanke sich würde ausführen lassen, daran zweifelte die energische Frau nicht. Felix hatte nicht nur das Projekt höchlichst gebilligt, sondern schon alle Schritte getan, die ihm die Baronin als notwendige Vorbereitungen zum abzuschließenden Heiratskontrakt bezeichnete. Er hatte seinen Abschied genommen; er hatte die Garnisonstadt, den Schauplatz seiner Heldentaten, verlassen und sich auf seine Güter begeben, vermutlich, um sich die Stellen anzusehen, wo einst die schönen Waldungen standen, die er erbarmungslos hatte umhauen lassen, die dringendsten Gläubiger zu befriedigen. Baron Felix hatte die Gewohnheit, jedem, der ihm Geld lieh, alles zu versprechen, was man verlangte – warum sollte er nicht der Baronin versprechen, ihre Tochter zu heiraten, wenn sie sich anheischig machte, seine Schulden, die drückendsten wenigstens, zu bezahlen und ihm zu helfen, die in Grund und Boden gewirtschafteten Güter wieder nutzbar zu machen? Von dieser Seite sah die Baronin also nicht das geringste Hindernis der Ausführung ihres Projektes. Von seiten Helenes erwartete sie ebensowenig einen ernstlichen Widerstand, oder genauer, hatte sie bis zu diesem Augenblick einen solchen nicht erwartet. Sie hatte vergessen, daß sie ihre Tochter drei Jahre lang nicht gesehen, daß drei Jahre viel zu ändern vermögen und aus einem trotzigen, aber doch aus Furcht und Gewohnheit gehorsamen vierzehnjährigen Mädchen eine siebzehnjährige stolze junge Dame machen können, die unterdessen verlernt hat, vor ihrer Mutter zu zittern, und unter Leitung einer strengen, aber hochherzigen Erzieherin viel zu selbständig geworden ist, um ihren Willen so ohne weiteres dem eines andern, er sei auch, wer er sei, unterzuordnen. Dies erkannte die Baronin fast auf den ersten Blick, als sie im Empfangssaale der Pension ihre Tochter zur Tür hereintreten sah. An der Haltung der jungen Dame, die ohne Hast, aber auch nicht zu langsam, auf die Mutter zuschritt, ihr die dargebotene Hand küßte und dann einen Schritt zurücktretend, wie weiterer Befehle gewärtig, in ruhiger Haltung stehenblieb, war sicher nichts auszusetzen; aber die großen Augen blickten so stolz und gelassen, und die Worte fielen so gemessen von den ausdrucksvollen Lippen, daß die Mutter fühlte, bei dieser ihrer Tochter, die ihr so fremd erschien, könne sie auf kindlichen Gehorsam, auf einen Gehorsam aus Liebe, mit Sicherheit nicht rechnen. Das große Projekt, das sie so ganz fertig im Kopfe trug, erschien ihr plötzlich in sehr ungewissem Lichte, und die ersten Worte, die sie nach der Begegnung zu ihrem Gemahl sprach, waren: »Ich glaube, lieber Grenwitz, wir werden in der Heiratsangelegenheit sehr vorsichtig zu Werke gehen müssen. Du würdest mich verpflichten, wenn du mir die Sache vollkommen überließest. Eine ungeschickte Einleitung, ja nur eine Andeutung zur unrechten Zeit könnte leicht alles verderben.« – Der gute alte Mann kam dieser Aufforderung um so lieber nach, als selbst sein felsenfester Glaube an die Unfehlbarkeit seiner Anna-Maria nicht imstande gewesen war, die Bedenken, die er gegen das Heiratsprojekt hatte, gänzlich zu beseitigen. Die Baronin sah ein, daß, im Falle Cousin Felix vor Helenes Augen keine Gnade finden sollte – und dieser Fall war zum mindesten nicht unmöglich – durch Einschüchterung, durch Gewaltmaßregeln nichts ausgerichtet werden könnte und daß Güte nicht nur der sicherste, sondern auch der einzige Weg sei. So war sie denn gütig, nach ihren Begriffen äußerst gütig gegen die schöne Tochter, und damit die andern nicht merkten, worauf dies alles hinausging, oder auch nur, um in der Übung zu bleiben, war sie es gegen diese auch. Seltsamerweise indessen schien gerade die, für die eine solche Gnadensonne leuchtete, am wenigsten dadurch erwärmt zu werden. Helene veränderte ihre ruhig abgemessene Haltung, ihr höflich kühles Wesen auch nicht im mindesten; die von der Baronin stets so gerühmte Pension hatte in der Erziehung Fräulein Helenes offenbar ein Meisterstück geliefert. Und dennoch war dieses junge Herz, das so kalt, so unzugänglich schien, warmer Gefühle wohl fähig. Sie hatte, als sie von ihren Freundinnen und der hochverehrten Lehrerin Abschied nahm, heiße Tränen geweint, die sie freilich, als die Mutter eine Bemerkung darüber machte, sofort trocknete; sie erwies dem Vater manche Aufmerksamkeiten, auf die die bloße Höflichkeit nie verfällt; sie konnte ein armes Kind nicht bloß beschenken, sondern auch an die Hand nehmen und freundlich mit ihm sprechen. Ihre Freundinnen, deren sie allerdings nur sehr wenige besaß, hatten niemals Ursache gehabt, über Lieblosigkeit von seiten Helenes zu klagen; und die Briefe, die sie von Grenwitz aus nach Hamburg schrieb, waren der Beweis, daß sie wenigstens gegen die, die sie liebte, weder kalt noch verschlossen war. So schrieb sie unter anderem an Mary Burton, eine junge schöne Engländerin, die sie von allen Freundinnen am liebsten hatte und die einen großen Einfluß auf sie ausgeübt hatte: »Doch das sind tempi passati, meine gute Mary! Ich muß nun lernen, mich an der Musik zu ergötzen, ohne sie zusammen mit dir zu hören, und eine Gesellschaft erträglich zu finden, in der ich nicht deinen holden Augen begegne. Bis jetzt freilich fehlst da mir überall, und auch die andern; bis jetzt halte ich es nur für eine Möglichkeit, auch ohne euch froh sein zu können. Glaube indessen nicht, daß man mir hier unfreundlich begegnet! Im Gegenteil, ich muß gestehen, daß mir die Meinigen über all mein Erwarten liebenswürdig entgegengekommen sind. Von meinem Vater hatte ich es nicht anders erwartet, aber – du hast ja die Briefe meiner Mama gelesen! Du meintest, sie glichen sich wie eine Schneeflocke der anderen – auch sie ist viel weniger streng, als ich sie von früher her kannte und als sie in ihren Briefen erscheint. Sie läßt mir alle nur möglichen Freiheiten; ich kann – was wir uns in der Pension immer als das Höchste dachten – tun und lassen, was ich will. Meine Zimmer liegen im Erdgeschoß des alten Schlosses, dicht über dem Garten, in den aus meinem Salon eine Tür mit ein paar Stufen hinabführt. So lebe ich ganz ungestört, obgleich ich mit wenigen Schritten über die Korridore in die Wohnzimmer gelangen kann. Du weißt, ich fürchtete schon, hier nicht meiner großen Leidenschaft, des Abends spät, wenn alles rings um mich her still ist, zu musizieren, folgen zu können. So bin ich dieser Sorge vollkommen überhoben, und ich habe auch schon jeden Abend von dieser Freiheit den ausgedehntesten Gebrauch gemacht. Ich störe niemand, es müßten denn einige Herren sein, die ebenfalls in diesem Teile des Schlosses irgendwo über mir hausen, und glücklicherweise zur Kategorie derer gehören, die man in eurer aufrichtigen Sprache mit dem Ausdruck Nobody bezeichnet. Es sind nämlich der Hauslehrer, ein gewisser Herr Stein, und ein Geometer, der für Papa arbeitet, und den aristokratischen Namen Timm führt. Sie können beide für hübsche Männer gelten, oder, um ganz aufrichtig zu sein, ich vermute fast, daß du den Herrn Stein handsome and very gentlemanlike indeed finden würdest; aber du brauchst deshalb nicht zu glauben, daß sie oder einer von ihnen, einen besonderen Eindruck auf mich gemacht hätten. Ich habe eine Antipathie gegen Leute in dergleichen untergeordneten Stellungen wie etwa gegen Kattunkleider und böhmische Diamanten. Das mag recht gut sein für Bürgermädchen und Gouvernanten, aber für uns paßt es nicht. Ich sehe die Herren des Mittags, des Abends – im übrigen existieren sie nicht für mich. Herrn Stein begegne ich außerdem noch jeden Morgen früh im Garten, denn die Vögel singen hier so dicht unter meinen Fenstern, daß man aufstehen muß, man mag wollen oder nicht. Ich wäre dieser Begegnungen gern überhoben, aber was läßt sich tun? Ich kann dem armen Menschen, der hernach von sieben bis elf den Knaben Unterricht erteilt, nicht wohl verbieten, die einzige freie Morgenstunde, die er hat, zu benutzen, und wenn ich selbst später ginge, so käme ich wieder um den schönsten Genuß; also: Ich muß es mir gefallen lassen – non son' rose senza spine! Übrigens ist dieser Stein, trotzdem er nur ein böhmischer Diamant ist, so fein geschliffen, daß ihn ein weniger geübtes Auge leicht mit einem echten verwechseln könnte. Er hat, was man bei Leuten aus den unteren Ständen so selten findet, viel Haltung und Selbstbeherrschung. Er hat eine Weise, mit der ruhigsten Miene von der Welt, jemand, er sei, wer er sei, eine Schmeichelei oder eine Malice zu sagen, die wirklich in Erstaunen setzt. So sagte er gestern, als wir uns zum dritten Male zur selben Zeit und an demselben Orte auf dem Walle begegneten und dasselbe Gespräch über das Wetter geführt hatten, ob wir nicht in Zukunft bis eine Veränderung des Wetters einträte, ganz einfach: wie gestern sagen wollten? Wir wären dann doch nicht ganz stumm aneinander vorübergegangen, was für Hausgenossen immer etwas Peinliches habe, und dabei wären doch die Kosten der Konversation beinahe bis auf Null reduziert, eine Ersparnis, die selbst für den Geistreichsten – hierbei eine halb ironische Verbeugung – nicht ganz unbedeutend sei. – Das war doch ziemlich stark; aber wie gesagt, er bringt dergleichen mit so ruhigem Lächeln vor, daß man niemals weiß, ob er es im Scherz oder im Ernst sagt. Auch scheinen alle, selbst Mama, einen ziemlichen Respekt vor ihm zu haben. Zwischen Bruno und ihm existiert ein ganz eigentümliches Verhältnis, gar nicht wie zwischen Lehrer und Schüler, sondern wie zwischen Freunden, die innigst verbrüdert sind, etwa wie Orest und Pylades; und wirklich, es ist ein reizender Anblick, wenn man sie Arm in Arm zusammen durch den Garten schlendern sieht. Diese rührende Freundschaft hindert indessen Bruno nicht, sich bei jeder Gelegenheit als mein Ritter zu gerieren. Der Junge sieht mir wahrlich an den Augen ab, was ich will und wünsche; oder vielmehr er ahnt und weiß es, ohne daß er mich nur anzusehen braucht. Es ist mir manchmal ordentlich unheimlich dabei. Wenn ich auf dem Spaziergange denke, du könntest auch wohl ohne Tuch gehen, sagt Bruno sicher: ›Soll ich dir das Tuch ein wenig tragen, Helene?‹ Bei Tisch, wo er neben mir sitzt, reicht er mir nur, was ich gern habe, anderes läßt er vorübergehen und sagt: ›Das issest du doch nicht, Helene!‹ Er ist ein lieber Junge, obgleich eigentlich dieser Name nicht mehr recht auf ihn paßt, denn er wird nächstens sechzehn Jahr und ist groß und stark und schön wie ein junger Achill. Ich glaube, er würde für mich durchs Feuer gehen; ins Wasser wenigstens ist er gestern schon für mich gesprungen. Wir gingen des Abends auf dem Wall spazieren und ein plötzlicher Windstoß warf meinen runden Strohhut – du kennst ihn ja – in den Graben. ›Mein armer Hut!‹ rief ich. – ›Willst du ihn wiederhaben?‹ fragte Bruno? – ›Ei natürlich‹, sagte ich, – aber nur im Scherz, denn ich weiß, daß der Graben sehr tief ist und an dieser Stelle war er noch dazu wohl zwanzig Schritt breit, und der Hut schwamm mitten drauf. Aber Bruno war mit zwei Sprüngen den Wall hinab und ins Wasser hinein. Ich war wirklich erschrocken, und ich glaube, ich stieß sogar einen leichten Schrei aus. ›Beruhigen Sie sich‹, sagte Herr Stein – außerdem war glücklicherweise niemand zugegen – ›Bruno schwimmt wie ein Neufundländer, und selbst wenn er nicht wieder herauskäme, so ist er ritterlich im Dienste der Damen gestorben. Das ist immer ein Trost.‹ – Glücklicherweise kam Bruno nach ein oder zwei ängstlichen Minuten wieder ans Land geschwommen, und Herr Stein half ihm beim Heraussteigen, dann gingen sie beide lachend von dannen und ließen mich mit dem nassen Hut in der Hand – ein rührendes Bild – ganz allein stehen. – Übrigens scheint mir Herr Stein doch übelgenommen zu haben, daß ich seinen Liebling in diese Gefahr brachte. Wenigstens ist er heute morgen nicht auf der Promenade erschienen, bei Tische sehr einsilbig gewesen und hat die Literaturstunde, die er mir wöchentlich zweimal gibt, absagen lassen, ›weil er Kopfschmerz habe‹, was ihn freilich, wie ich von meiner Stube aus beobachten kann, nicht hindert, in der glühenden Nachmittagssonne draußen im Garten mit unbedecktem Haupt eine halbe Stunde lang, die Arme untereinandergeschlagen, auf einem Fleck zu stehen und in das Wasserbecken eines Brunnens zu starren, von dem eine Najade aus Sandstein lächelnd auf ihn herabschaut – er ist ein wunderlicher Heiliger.« Zweiundvierzigstes Kapitel Es war an dem Abend desselben Tages, an welchem Helene von ihrem Schreibtische aus Oswald am Brunnen der Najade beobachtete, daß in einem Zimmer des »Kurhauses« in Fichtenau, berühmt durch Doktor Birkenhains große Heilanstalt für Geisteskranke, zwei Personen, eine Dame und ein Herr, in der Nähe der geöffneten Balkontür saßen. Es dämmerte bereits; Kurgäste kamen bestäubt von ihrer Nachmittags-Promenade zurück, von Zeit zu Zeit rollte eine elegante Kutsche vorüber, in der, vornehm in die schwellenden Kissen gedrückt, schön geschmückte Frauen saßen, Dann wurde es stiller auf der Straße; drüben über den Gärten schimmerte der Abendstern aus dem safranfarbenen Himmel. Die Dame in der Tür des Ballons hatte die Augen auf den Stern gerichtet, der Herr, der tiefer im Zimmer saß, die seinen auf das Antlitz der Dame. Die beiden hatten seit einer halben Stunde kaum ein Wort gesprochen; jetzt stand der Herr auf, trat nahe an den Stuhl der Dame und sagte leise: »Ich will fort, Melitta!« »Wann kommen Sie morgen wieder?« »Ich komme morgen nicht wieder; ich will fort von Fichtenau, heute abend noch.« Melitta stand auf und blickte, sich für einen Augenblick auf das Geländer des Balkons lehnend, in die schon dunkle Straße hinab. Dann trat sie wieder in das Zimmer zurück und sagte. »Reisen Sie direkt nach Cona zurück?« »Nein, ich will die Zeit, die mir noch bleibt, zu einer kleinen Reise benutzen; vielleicht komme ich wieder über Fichtenau.« »So lassen Sie mir die Czika bis dahin; es soll ein Pfand sein, daß Sie hierher zurückkommen.« »Wünschen Sie es, Melitta?« »Sie sind wieder einmal sehr gut gegen mich gewesen.« »Also bloße Dankbarkeit?« »Und – Freundschaft.« »Leben Sie wohl, Melitta!« »Reisen Sie glücklich, Oldenburg!« Der Baron ging mit langsamen Schritten nach der Tür; dort angelangt, blieb er stehen, dann kam er noch einmal zurück und sagte: »Haben Sie immer geglaubt, daß ich Ihr Freund sei, Melitta?« »Ja.« »Haben Sie je geglaubt, daß ich Sie liebe?« Melitta schwieg. »Nie? Zu keiner Zeit?« fragte der Baron mit dumpfer Stimme. »Lassen Sie das Vergangene vergangen sein!« »Nein, Melitta, lassen Sie uns davon sprechen. Ich finde ja eine Gelegenheit wie diese vielleicht nicht zum zweitenmal im Leben wieder; nein, nein! Denn das alte gute Verhältnis zwischen uns ist tot, seitdem ich unsinnig genug war, Ihnen zu zeigen, daß ich Sie liebte – und über diesen Schlund, der da zwischen uns aufklaffte, gibt es keine Brücke. Für den Augenblick hat uns die Not zusammengeführt, oder, wenn Sie lieber wollen: mein alter Aberglaube, ich müsse zu Ihnen eilen, an Ihrer Seite stehen, wo und wann Sie in Not, in Bedrängnis irgendwelcher Art sind; sobald ich aus diesem Zimmer gehe, sind wir uns wieder Fremde, Melitta, um unserer alten Freundschaft willen, bei der Erinnerung an die gemeinsam verlebte selige Jugendzeit, sagen Sie mir, haben Sie nie geglaubt, daß ich Sie liebe?« »Ich weiß es nicht –« »Das ist hart«, sagte der Baron leise, »das ist hart.« Er ließ sich auf einen Stuhl sinken, stützte den Arm auf die Lehne und verbarg sein Gesicht in der Hand. »Und wenn ich nicht an Ihre Liebe glaubte«, sagte Melitta, »wer ist denn schuld daran? Wer hatte die Szene im Garten der Villa Serra di Falco arrangiert? Ich oder Sie?« »Wie?« sagte der Baron, sich emporrichtend. »Sind Sie wirklich ein solcher Neuling in der Liebe, daß ich Ihnen in allem Ernst die Erklärung zu dieser Farce geben muß? Glauben Sie wirkliche daß ich – dem doch sonst so leicht nichts entgeht – Sie nicht schon länger hinter den Myrtengebüschen bemerkt hatte, ehe ich zu Hortenses Füßen sank, und die Sonne, obgleich sie untergegangen war, und der Mond, obgleich er nicht schien, und die Sterne, die es besser wußten, zu Zeugen meiner heißen Liebe anrief? Das hätten Sie auch nur einen Augenblick für Ernst gehalten?« »Was war es denn?« »Eine Allegorie. Ich wollte Ihnen zeigen: Sieh! dies bleibt mir übrig, wenn du meine Liebe verschmähst! Du zwingst mich, der ich immerdar vor einer Heiligen anbeten möchte, in den Armen einer Buhlerin Vergessenheit zu suchen. Melitta, Melitta, gestehe es! Du wußtest recht gut, daß dies eine Farce war, aber es war dir bequem, sie für Ernst zu nehmen. Du wolltest von mir befreit sein, selbst um den Preis – eines Mißverständnisses!« »Und wenn dies mein Wille gewesen wäre? – Und ich will annehmen, es war mein Wille – Ist es nicht des Mannes Pflicht, den Willen einer Frau, noch dazu einer Frau, die er liebt, zu ehren?« »Habe ich es nicht getan? Bin ich nicht noch in derselben Nacht auf ein Wort, ja auf einen Wink hin, abgereist, bin ich nicht drei lange Jahre wie Ahasver ruhelos durch alle Lande geirrt, und habe ich, als ich dann endlich zurückkehrte – zurückkehrte, weil mir eine Ahnung sagte, daß dir ein Unglück bevorstände – nicht jede Gelegenheit, mit dir zusammenzutreffen, sorgfältig vermieden? War es mein Wille, daß ich dich auf dem Balle in Barnewitz traf? Ist es mein Wunsch gewesen, der uns hier zusammenführte? Nein, Melitta, du kannst nicht über mich klagen. Ich habe meine Liebe zu dir lange, lange Jahre – denn ich liebe dich, seitdem ich denken kann, seitdem ich weiß, daß Nachtigallengesang und Sonnenschein und Wogenrauschen köstlich sind – tief versteckt im Herzen getragen; und wenn ich einen Augenblick töricht genug war, die Hoffnungslosigkeit dieser Leidenschaft zu vergessen, so habe ich diese Torheit schwer genug gebüßt. Wußte ich doch schon als Knabe, daß du dein Pferd und deinen Hund lieber hattest als mich; und doch zwang ich den schwer verletzten Stolz, und doch demütigte ich mich wieder und immer wieder vor dir; ich, der ich nie in meinem Leben eine Bitte über die Lippen bringen konnte!« Der Baron war aufgesprungen und setzte seine ruhelose Wanderung durch das Zimmer eine Zeitlang schweigend fort, dann blieb er abermals vor Melitta stehen und sagte: »Ich habe mich noch tiefer gedemütigt. Ich habe gesehen, daß das Weib, nach dem sich meine Seele sehnt wie der Gekreuzigte nach einem Labetrunk, von einem andern geliebt wird; habe gesehen, daß sie diesen andern wiederliebt mit jener Liebe, um die ich Gott auf meinen Knien tausend und tausendmal mit heißen Tränen gebeten habe – und habe nicht mit der Wimper gezuckt; ich habe der Schlange Eifersucht den Kopf zertreten – ja, und mehr! Ich habe redlich versucht, diesen Glücklichen nicht zu hassen, ich bin ihm entgegengekommen mit Gruß und Handschlag, ich habe mir sein Vertrauen, seine Liebe zu erwerben gesucht, nicht, um zum Verräter an ihm und an dir zu werden, sondern weil ich fühlte, daß mir dein Glück teurer war als alles, und daß der, den du liebtest, auch von mir geliebt werden oder von meiner Hand sterben müsse.« »Sie sind fürchterlich, Oldenburg!« rief Melitta, sich halb vom Stuhle erhebend. »Soll denn nicht der geheimste Winkel meines Herzens vor Ihnen verborgen bleiben?« »Ich bin nicht fürchterlich«, sagte der Baron, »ich bin nur unbequem; das ist das Recht des Freundes. Glaube nicht, daß ich mich auf krummen Wegen in dein Geheimnis gestohlen habe! Ich habe nur die Augen nicht geschlossen, das ist alles. Oder glaubst du, man lerne nicht zuletzt die leiseste Regung in einem Gesicht verstehen, das man stets im Wachen und ach, wie oft im Traume vor sich sieht? Und dann, wenn man die Hoffnung, je geliebt zu werden, aufgegeben hat, so will man wenigstens die Überzeugung haben, daß derjenige, dem dieses Glück zuteil wird, auch kein Unwürdiger ist.« »Oldenburg!« »Es ist kein Unwürdiger, aber – ich bin dein Freund, Melitta! Deiner würdig ist er nicht. Er hat viele große und schöne Eigenschaften, ich weiß es wohl; aber sein Charakter ist noch nicht im dreimal heiligen Feuer des Unglücks gestählt, und so weiß er auch das Glück noch nicht zu schätzen. Er hat eine unendliche Empfänglichkeit für alles, was schön und anmutig ist, und deshalb betet er dich an; aber, weil er seiner Natur nach eben für alles empfänglich ist, wird es ihm unendlich schwer, nicht über dem Anmutigeren und Schöneren das Schöne und Anmutige zu vergessen; das heißt: treu zu sein. Er ist ein Dichter, und des Dichters Liebe ist das Ideal. Er wird das köstlichste Gefäß beiseite schieben, weil sein feines Auge doch irgendwo einen Flecken daran bemerkt hat; er wird alles, was ihm die Erde bietet, gierig ergreifen und verächtlich wieder fortwerfen, weil es eben irdisch, weil es, und wäre es noch so himmlisch, doch immer mit einem Erdenrest behaftet ist.« »Sie sagen mir nichts, Oldenburg, was ich mir nicht schon hundert und tausendmal selbst gesagt hätte.« »Ich weiß es. Die Beurteilung solcher Naturen kann Ihnen nicht schwer werden, denn auch Sie sind diesem Dämon untertan. Aber Sie sind ein Weib, und über euch hat der Dämon nicht wie über uns unbedingte Gewalt. Ihr, und wenn ihr euch auch noch so sehr sträubt, laßt euch zuletzt doch in der Liebe Fesseln schlagen und seid stolz auf diese Fesseln; der Mann, und wenn er im Anfang noch so sehr mit dem neuen Schmucke prunkt, schleudert ihn zuletzt doch von sich. Und so wird es geschehen.« »Nein, nein!« »Ja, Melitta; es wird geschehen, und das ist das Unglück, das ich über deinem teuren Haupte wie eine finstre Wetterwolke schweben sah. Glaube es mir, der Schlag wird über kurz oder lang auf dich niederschmettern, und wenn du dann zerschmettert am Boden liegst und nicht mehr leben magst und doch nicht sterben kannst – dann, Melitta, dann vielleicht wirst du die Qualen begreifen, die ich erduldet; dann wirst du mir im Herzen das Unrecht abbitten, das du mir getan! Wollte Gott, du kämest nie zu dieser Erkenntnis! Der Preis ist ungeheuer, aber du wirst ihn bezahlen müssen. Leb wohl, Melitta! Verzeihe, daß ich dir weh getan habe; es wird nicht wieder geschehen. Es ist das erste, und es ist das letzte Mal, daß ich so zu dir geredet. Leb wohl, Melitta!« Melitta hatte das Gesicht in die Hände gedrückt; bei der Dämmerung, die in dem Gemache herrschte, waren nur noch eben die Umrisse ihrer Gestalt zu erkennen. – Sie wollte oder konnte nicht antworten. »Gott segne dich, Melitta!« sagte der Baron, und die Stimme des stolzen Mannes klang weich und mild wie eines Vaters Stimme. Als Melitta die Tür sich hinter ihm schließen hörte, sprang sie von dem Stuhle auf und tat rasch einige Schritte, als wollte sie ihn zurückrufen. Aber mitten im Zimmer blieb sie wieder stehen. »Nein, nein!« murmelte sie. »Es ist besser so, ich darf ihm keinen Schimmer von Hoffnung lassen.« Sie ging langsam zu ihrem Stuhl zurück. Sie setzte sich wieder, sie bedeckte das Gesicht wieder mit den Händen. Und nun brachen die lange zurückgehaltenen Tränen in Strömen aus ihren Augen. »Ich weiß es ja, daß es so kommen wird«, murmelte sie, »aber weshalb den kurzen Traum des Glücks so grausam stören.« Dreiundvierzigstes Kapitel Der Postbote, der am Abend den Brief Helenes nach der Stadt trug, war am Morgen desselben Tages schon einmal dagewesen. Er hatte Oswald ein Schreiben aus Grünwald von einem seiner dortigen Bekannten gebracht, der auch zugleich einer von den wenigen war, mit dem Professor Berger in einem intimeren Verhältnisse stand. Der Bekannte, ein Dozent an der Universität, schrieb Oswald, daß er ihm die schleunige Nachricht von einem Ereignisse schuldig zu sein glaube, das seit gestern nachmittag die ganze Stadt in die größte Bestürzung versetzt habe. Professor Berger sei ganz plötzlich, zum wenigsten ohne daß irgend jemand eine Ahnung von seiner Krankheit gehabt habe, wahnsinnig geworden. Er sei um vier Uhr, wie gewöhnlich, in seine Vorlesung über Logik gekommen, habe angefangen zu dozieren, scharfsinnig, geistreich, wie immer. Dann hätte seine Rede begonnen, verworren und immer verworrener zu werden, so daß ein Student nach dem andern die Feder niedergelegt und den Nachbar voll Verwunderung und Schrecken angestarrt habe. »Wissen Sie, meine Herren«, habe Berger gerufen, »was der Jüngling von Sais erblickte, als er den Schleier hob, der das große Geheimnis barg – das große Geheimnis, das der Schlüssel sein sollte zu den verworrenen Rätseln des Lebens? Sehen Sie, meine Herren, hier nehme ich meinen Kopf auseinander, die eine Hälfte in diese, die andere in jene Hand – was erblicken Sie in dem Kopfe des berühmten Professor Berger, zu dessen Füßen Sie sitzen, seinen weisen Worten zu lauschen, und sie mit abscheulich kritzelnden Federn in Ihre langweiligen Hefte zu schreiben? Was erblicken Sie? – Genau dasselbe, was der Jüngling von Sais erblickte, als er den Schleier von der Wahrheit hob: Nichts! Absolut nichts, nichts für sich, nichts an sich, an und für sich: Nichts! Und daß dieses hohle, öde Nichts des Pudels Kern sei, daß all unser bestes Streben nichts sei, wir unser Herzblut an nichts und wieder nichts setzen, sehen Sie, meine Herren, das hat den Jüngling von Sais toll gemacht, das hat mich verrückt gemacht, und wird auch Sie um den Verstand bringen, wenn Sie irgendwelchen aus Ihren Spatzenköpfen zu verlieren haben. Und nun, meine Herren, machen Sie Ihre dummen Hefte zu, damit das abscheuliche Kritzeln endlich einmal aufhört, und stimmen Sie mit mir in das tiefsinnige und erhebende Lied ein: Oh, da sitzt 'ne Flieg' an der Wand!« Berger habe darauf mit lauter Stimme, und das Katheder mit den Fäusten bearbeitend, angefangen zu singen, sei dann im Auditorium an den Wänden entlang gelaufen, nach imaginären Fliegen haschend, habe dann jedesmal die Hand geöffnet, hineingeschaut und triumphierend gerufen: »Nichts, meine Herren, sehen Sie, nichts und wieder nichts!« Der Bekannte schloß den Brief mit der Mitteilung, daß Professor Berger sogleich am folgenden Tage auf den Rat seiner Ärzte nach Fichtenau in die berühmte Heilanstalt des Doktor Birkenhain transportiert sei; er habe alles gutwillig mit sich geschehen lassen, nachdem man ihm vorgeredet, man wolle ihm das große Ur-Nichts zeigen. Oswald war durch den Inhalt dieses Briefes tief erschüttert. Er hatte in Berger seinen Freund geliebt und geehrt; er hatte sich des wunderlichen Mannes Liebe in hohem Grade erworben; er hatte tiefere Blicke als wohl irgend jemand sonst in diesen reichen Geist getan. Wie oft hatte er dem Außerordentlichen mit entzücktem Schweigen zugehört, wenn dieser, von einem scharfsinnigen und genau formulierten Satze ausgehend, plötzlich aus dem Gebiete der Logik in eine Welt geriet, die sich ihm nur durch eine höhere Intuition erschließen konnte, und nun Traum an Traum und Gesicht an Gesicht reihte, so phantastisch, so märchenhaft, aber auch so schön und rein, daß Oswald alles andere darüber vergaß und leibhaftig in dieser Fata Morgana umherzuwandeln glaubte, bis der Magier mit einem Worte höhnenden Schmerzes und wilder Verzweiflung die köstliche Spiegelung versinken ließ. Und nun war dieser reiche Geist zerstört und diese hohe Intelligenz in des Wahnsinns öde Nacht versunken! – Oswald erschien dies so ungeheuer, so unfaßbar, daß ihm war, als sei die Welt aus den Fugen gegangen, als müsse jetzt, nachdem diese erhabene Säule gestürzt, alles in grause Trümmer zerfallen. Wenn dies geschehen konnte, was war dann noch unmöglich? Dann war ja auch wohl Freundschaft ein Märchen und Liebe eine Fabel – dann mochte ja auch wohl etwas mehr hinter dem Zufall zu suchen sein, der ihm heute morgen den augenblicklichen Aufenthaltsort Oldenburgs verriet. – Als Oswald nämlich einen Blick auf die Aufschriften der Briefe warf, die der Postbote aus seiner Tasche genommen hatte und durch die Hand laufen ließ, um den für Oswald bestimmten herauszusuchen, fiel ihm einer auf, auf dem die Adresse offenbar von Oldenburgs höchst eigentümlicher und schwer mit einer andern zu verwechselnder Handschrift war. Der Brief war an des Barons Verwalter in Cona adressiert. Weshalb sollte der Baron nicht an seinen Verwalter schreiben dürfen? Aber Oswald erfuhr zugleich durch den Poststempel den Ort, von welchem aus dieser Brief abgesandt war; dieser Ort war derselbe, wohin man Berger geschickt hatte, derselbe, wo Herr von Berkow seit sieben Jahren – und wo Melitta seit vierzehn Tagen war, das heißt, zwei Tage länger, als die geheimnisvolle Reise Oldenburgs gedauert hatte! In dem ausführlichen Briefe Melittas, den Oswald vor einigen Tagen durch Baumann erhielt, hatte sie des Barons Anwesenheit mit keinem Worte erwähnt; Baumann selbst aber mußte durch Bemperlein davon unterrichtet gewesen sein, denn er war in Verlegenheit geraten, als er die Personen nannte, die bei dem Besuche, welchen Melitta ihrem sterbenden Gemahl machte, zugegen gewesen waren. Warum dieses geheimnisvolle Wesen bei einem Manne, der die Gradheit und Offenheit selbst schien? War er dazu beauftragt, oder hatte er, der die Verhältnisse der Herrin so genau kannte, seine besonderen, gewichtigen Gründe, die Wahrheit zu verheimlichen? Dies waren die schlimmen Gedanken, die durch Oswalds Hirn zogen, als er im heißen Nachmittagssonnenschein barhaupt an dem Brunnen der Najade stand und bewegungslos in das Wasser starrte, während Fräulein Helene an ihrem Schreibtisch Betrachtungen darüber anstellte, ob sie selbst vielleicht die Ursache dieser Verstimmung sei. Ehe sie indessen darüber zu einem Resultat gekommen war, klopfte es an ihre Tür. Das junge Mädchen schloß sofort ihre Schreibmappe und schien ganz in Lamartines Voyage en Orient vertieft, als sich auf ihr Herein die Tür öffnete und die Baronin ins Zimmer trat. »Störe ich dich, liebe Helene?« »Durchaus nicht, liebe Mama!« sagte das junge Mädchen aufstehend und ihrer Mutter entgegengehend. »Du bleibst heut so außergewöhnlich lange auf deinem Zimmer, daß ich doch sehen wollte, was dich denn so fesselte. Lamartines Voyage? Nun, ein recht hübsches Buch, aber ein wenig überspannt, wie mir scheint. Freilich, in meinen Jahren bekommt man eine etwas andere Ansicht von dem Leben und so auch von den Büchern und Menschen. Aber ich freue mich, daß du nicht müßig bist, daß du das Talent hast, dich zweckmäßig zu beschäftigen. Ich fürchtete schon, die Monotonie unseres Lebens hier würde doch gar zu sehr von dem muntern Treiben in der Pension abstechen und du würdest diesen Unterschied schmerzlich empfinden. Wir können dir hier so wenig bieten! Das war immer mein Refrain, wenn der gute Vater darauf drang, dich endlich einmal aus der Pension zu nehmen.« »Aber ich versichere dich, liebe Mama, du hast dir ganz unnötige Sorge meinethalben gemacht«, sagte Fräulein Helene, die dargebotene Hand der Mutter an die Lippen ziehend, »ich fühle mich hier sehr glücklich, und wie wäre das auch anders möglich! Bin ich nicht im elterlichen Hause, wo mir alle mit Liebe oder doch mit Freundlichkeit entgegenkommen? Habe ich nicht alles, was ich nur wünschen kann? Ich wäre wahrlich sehr, sehr undankbar, könnte ich das auch nur einen Augenblick vergessen.« »Du bist ein gutes, verständiges Kind«, sagte die Baronin, ihre schöne Tochter auf die Stirn küssend, »ich werde noch recht viel Freude an dir erleben. Das ist meine sichere Hoffnung, wie es mein tägliches Gebet ist. Ach, meine liebe Tochter, glaube mir, ich bedarf gar sehr dieses Trostes, wenn ich nicht den vielen Sorgen, die auf mich einstürmen, unterliegen soll.« Die Baronin hatte sich auf ein kleines Sofa gesetzt; sie schien sehr erregt und trocknete sich mit dem Taschentuche die nassen Augen. »Was hast du, liebe Mama?« sagte Fräulein Helene mit wirklicher Teilnahme. »Ich bin nur ein unerfahrenes Mädchen, aber wenn du Vertrauen zu mir haben kannst, teile dich mir mit. Wenn ich dir auch nicht raten und helfen kann, so vermag ich doch vielleicht dich zu trösten, und das würde mir eine große Freude bereiten.« »Liebes Kind«, sagte die Baronin, »du bist lange – komm, setze dich her zu mir und laß uns einmal recht vertraulich miteinander reden –, du bist so lange vom elterlichen Hause entfernt gewesen und warst noch so jung, als du es verließest, daß du notwendigerweise von unseren Verhältnissen so gut wie gänzlich ununterrichtet bist. Du glaubst, wir seien reich, sehr reich; aber es ist beinahe das Gegenteil der Fall, für uns Frauen wenigstens. Das ganze große Vermögen fällt nach des Vaters Tode – den der allgütige Gott in seiner Gnade noch recht lange verhüten möge – an deinen Bruder. Mir bleibt, außer einer sehr geringen Witwenpension, nichts – und du, mein armes Kind, gehst gänzlich leer aus.« »Aber, Mama, ich hörte doch immer, daß Stantow und Bärwalde dem Vater gehörten und daß er darüber ganz frei verfügen könne?« »Du irrst, mein Kind; die beiden Güter gehören nicht dem Vater. Sie werden ihm vielleicht einst gehören, wenn sich der eigentliche Erbe bis zu einer gewissen Zeit nicht meldet. Ich kann über diesen Punkt nicht ausführlich sein, liebes Kind, weil ich dabei gewisse Verhältnisse deines Onkels Harald berühren müßte, über die man mit einem jungen Mädchen lieber nicht spricht. Genug, auf die Güter können wir nicht mit Bestimmtheit rechnen. Alles, was uns bleibt, sind einige tausend Taler, die dein Vater und ich bis jetzt von unserer Rente haben erübrigen können.« »Liebe Mama, mache dir meinethalben keine Sorge«, sagte Fräulein Helene, »ich bin in Hamburg nicht verwöhnt, und der Luxus, mit dem mich hier deine Liebe umgeben hat, ist mir etwas ganz Neues. Ich werde auch mit wenigem zufrieden und glücklich sein können – und dann, der gute Vater ist ja jetzt, Gott sei Dank, wieder so munter und rüstig, hat sich von dem Fieberanfall in Hamburg so auffallend schnell erholt, daß wir uns seiner Liebe und Fürsorge gewiß noch recht lange werden erfreuen können.« »Das gebe Gott!« sagte die Baronin. »Aber ich fürchte, wir müssen uns auf das Schlimmste gefaßt machen. Der Vater ist keineswegs so rüstig, wie du glaubst. Er kränkelt fortwährend, obgleich er es uns so wenig wie möglich merken läßt. Der Hamburger Arzt schilderte mir des Vaters Zustand als sehr bedenklich. Sollte er uns entrissen werden, dann würdest du leider Gelegenheit erhalten, die Stichhaltigkeit deiner Grundsätze zu erproben. Aber, mein Kind, du kennst das Leben nicht. Es läßt sich leicht von Armut sprechen, wenn man sie nur vom Hörensagen kennt. Ich kenne sie aus Erfahrung; ich war ein armes Mädchen, als mich dein Vater heiratete; ich weiß, was es heißt, ein Kleid wenden und wieder wenden, weil man kein Geld hat, ein neues zu kaufen; ich weiß, welchen tausendfachen Demütigungen ein armes Mädchen von Adel ausgesetzt ist.« »Es wird anders und besser kommen als du denkst, teuerste Mama. Ich weiß nicht, ist es meine Jugend oder ist es der schöne leuchtende Sommertag – ich kann unsere Lage nicht in dem trüben Lichte sehen. Ich werde –« »Mich mit einem reichen und würdigen Mann verheiraten?« sagte die Baronin mit einem Lächeln, das ihr sehr sonderbar stand. »Aber Mama –« »Ich weiß es wohl, daß du etwas anderes sagen wolltest, meine Tochter. Es ist ein Scherz von mir, aus dem hoffentlich ein recht erfreulicher Ernst wird. Du stehst in den Jahren, wo es einem jungen Mädchen wohl erlaubt ist, in Zucht und Ehren einem solchen Gedanken in ihrem Herzen Raum zu geben. Wohl ihr, wenn sie ihre Wahl auf einen Würdigen lenkt, besser noch, wenn sie dieselbe ihren Eltern überläßt, die nur ihr Glück wollen und durch die reiche Erfahrung eines langen Lebens in diesem Bemühen unterstützt werden.« »Aber Mama, bis dahin hat's noch lange Zeit.« »Sehr wahrscheinlich, mein Kind; indessen, man kann nicht wissen, was der Himmel über dich beschlossen hat, ihm muß man in diesen, wie freilich auch in den anderen Dingen des Lebens, alles anheimstellen. – Aber wer ist nur der Mann, der dort so lange unbeweglich am Brunnen steht; ich habe meine Lorgnette in meinem Zimmer gelassen.« ,.Es ist Herr Stein, Mama; er steht dort schon seit einer halben Stunde mindestens; ich glaube, er ist festgewachsen.« »Ein wunderlicher Mensch, dieser Stein«, sagte die Baronin. »Er hat für mich geradezu etwas Unheimliches. Es ist schlechterdings unmöglich, aus ihm klug zu werden. Wie gefällt er dir, liebe Helene?« »Aber, Mama, ich habe wirklich noch nicht darüber nachgedacht; und bei solchen Leuten kann eigentlich doch von Gefallen oder Mißfallen kaum die Rede sein. Ich dächte, sie wären sich alle gleich, oder wenigstens sind die Unterschiede so gering, daß man sie nicht wohl bemerken kann; – der eine heißt Stein, der andere Timm – das ist doch im Grunde alles.« »Du hast recht, liebe Tochter«, sagte die Baronin. »Diese Leute sind Statisten, man sieht sie nur, wenn die handelnden Personen einmal abgetreten sind. Glücklicherweise kann ich dir in allernächster Zukunft eine andere und bessere Gesellschaft versprechen.« »Und die wäre?« »Dein Cousin Felix. Ich erhielt soeben einen Brief von ihm – der Postbote ist noch draußen in der Küche, du kannst ihm einen Brief mitgeben, wenn du vielleicht ein paar Zeilen nach Hamburg schreiben willst – er meldet uns seinen Besuch auf morgen oder übermorgen an. Aber war das nicht deines Vaters Stimme? Adieu, liebes Kind; mache dich zurecht, wir wollen etwas früher essen und dann noch eine Visite bei Plüggens machen.« Die Baronin küßte ihre Tochter auf die Stirn und verließ das Zimmer. Fräulein Helene holte eilig den auf die Seite geschobenen Brief wieder hervor, um noch dazu zu schreiben: »Mama, die mich soeben verläßt, ist doch wirklich sehr gut und freundlich zu mir. Sie kündigte mir einen Besuch an: Cousin Felix (der Leutnant). Es wird wohl durch ihn etwas mehr Leben nach Grenwitz kommen, denn auf Herrn Stein scheint man nicht mehr rechnen zu können. Er stellt noch immer am Brunnen. Adieu, dearest, dearest Mary!« Vierundvierzigstes Kapitel Wer sich für Albert Timm spezieller interessierte, konnte bemerken, daß diesem Herrn in den letzten Tagen irgend etwas Besonderes zugestoßen sein mußte. Zwar ließen sich der schwarze Frack, den er jetzt ständig trug, die größere Sorgfalt, die er auf seine Toilette verwandte, und andere mit seinem äußeren Menschen geschehene Veränderungen füglich durch die Anwesenheit Fräulein Helenes und die gehobenere Stimmung, die durch sie in die Gesellschaft auf Schloß Grenwitz gekommen war, erklären, aber wie sollte man den Ernst deuten, der jetzt häufig auf seiner weißen Stirn und in seinen hellen blauen Augen lag, wie die Schweigsamkeit, zu der er, der sonst keine Minute still sein konnte, sich oft auf Stunden verurteilte, wie vor allen Dingen den rastlosen Fleiß, mit dem er jetzt halbe Tage lang über sein Reißbrett gebeugt stand und zeichnete und tuschte? Allerdings hatte Herr Timm während der kurzen Abwesenheit der Familie nur den harmlosen Freuden eines angenehmen ländlichen Aufenthaltes gelebt bis zu dem Augenblicke, wo er, von einer plötzlichen Anwandlung von Fleiß ergriffen, in die Registratur ging, die alten Flurkarten zu holen, und bei dieser Gelegenheit ein kleines, mit einem rotseidenen Faden zusammengebundenes Paket Briefe fand, in deren Lektüre er durch das Rollen des Wagens, der die Familie Grenwitz so unverhofft zurückbrachte, gestört wurde. Indessen, es war ganz gegen Alberts Natur, über einen Müßiggang, dem er sich längere oder kürzere Zeit hingegeben, Reue zu empfinden; und überdies arbeitete er so schnell und gewandt, daß es ihm ein kleines war, auch größere Versäumnisse in sehr kurzer Zeit nachzuholen. Die Flurkarten, die neuen oder die alten, waren es sicher nicht, über die er sich den Kopf zerbrach. Davon würde man sich überzeugt haben, wenn man an dem Nachmittage einen Blick in sein Zimmer geworfen hätte, das er, sehr gegen seine Gewohnheit, hinter sich abgeschlossen. Herr Timm saß auf dem kleinen Sofa in seiner Stube, ein Bein untergeschlagen, den Kopf in die Hand gestützt, und aus seiner Zigarre mächtige Wolken blasend, offenbar in tiefes Nachdenken verloren. Neben ihm auf dem Sofa lagen die Briefe, die er in dem Repositorium der Registratur gefunden. Es waren ihrer nicht viele, alle von derselben zierlichen Hand auf ziemlich graues Papier geschrieben, wie man es noch vor einigen Jahrzehnten ganz allgemein selbst zu Briefen benutzte. Die Briefe mußten wohl dieses Alter haben, denn die Tinte war ganz vergilbt und konnte so einigermaßen das Datum ersetzen, das in sämtlichen Briefen fehlte. »Es muß sich etwas mit diesen Briefen anfangen lassen«, sagte Albert, leise mit sich selbst redend, »ich weiß nur nicht gleich was. Wenn es mir gelänge, die Antworten dazu zu finden, so müßte es doch mit dem Teufel zugehen, wenn ein so schlauer Kopf wie der meine dem großen Geheimnis nicht bis in seine verborgenste Höhle nachspürte. Auf der richtigen Spur, denke ich, bin ich schon jetzt. Daß Mutter und Kind gestorben sein sollten, ist so unwahrscheinlich wie möglich. Die Marie war allem Anschein nach ein wahres Kernmädel, und das bißchen Jammer und Kummer wird ihr das Herz schon nicht gebrochen haben. Das Kind aber aus dieser wilden Ehe hat sich jedenfalls des legitimen Vorrechts aller illegitimen Sprößlinge, weniger hoch- als wohlgeboren zu sein, zu erfreuen gehabt. Die Mutter also oder das Kind oder beide leben noch. Leben sie aber – und ich wünsche und hoffe es – so wissen sie entweder nichts von dem kostbaren Kodizill zum Testamente des seligen Bruder Lüderlich oder sie sind davon unterrichtet. In dem letzteren Fall, der nicht sehr wahrscheinlich ist – denn vor einer so fetten gebratenen Taube den Mund zu verschließen, überstiege doch alles, was ich von menschlicher Dummheit bis jetzt gehört und gesehen habe, und das will sehr viel sagen –, müßte man sie zu bestimmen suchen, von ihrem guten Rechte Gebrauch zu machen; in dem ersten Fall, dem bei weitem wahrscheinlicheren, müßte man ihrer erbarmungswürdigen Unwissenheit freundlichst zu Hilfe kommen; in jedem Falle – und da liegt der Hase im Pfeffer – müßte man erst wissen, wo sie denn überhaupt zur Zeit sich befinden. Daß sie sich in allzugroßer Nähe einen Zufluchtsort gesucht haben sollten, ist nicht wohl anzunehmen. Denn einmal würde Harald, der jedenfalls kein Mittel unbenutzt ließ und das Geld nicht schonte, sie nach der Flucht gefunden haben, zweitens pflegen die Leute bei solchen Gelegenheiten so weit zu laufen, als es irgend möglich ist, und drittens scheint dieser Monsieur d'Estein ein viel zu schlauer Fuchs gewesen zu sein, um sich vor dem Löwen, der ihm auf der Fährte war, nicht sicher mit seinem Täubchen zu verstecken. Überhaupt ist dieser Monsieur eine sehr irrationale Größe, die sich in meiner Rechnung als ein äußerst störender Faktor erweist. Wenn er nicht bald nachher gestorben ist, so hat er jedenfalls noch viel Unsinn angerichtet, vielleicht gar die kleine Marie geheiratet, das Kind adoptiert und die beiden zurück nach Frankreich oder nach Amerika oder sonstwohin geführt, wo für mich die Welt mit Brettern zugenagelt ist, und mir so den ganzen Spaß verdorben. Das wäre schändlich, denn die Geschichte könnte wirklich über alle Begriffe spaßhaft werden. Ich möchte wohl die Gesichter von den beiden sehen, wenn ich vor sie träte und sagte: Meine armen Schelme, was gebt ihr mir; wenn ich euch zu einem hübschen Vermögen von einigen hunderttausend Tälerchen verhelfe? Oder auch – und das wäre nicht minder bequem, ja vielleicht ein gut Teil bequemer – wenn ich mich eines schönen Nachmittags bei der guten Anna-Maria introduzierte und sagte: Entschuldigen Sie, meine Gnädigste, wenn ich störe; aber ich habe – unter den Papieren meines Vaters, der, wie Sie wissen, mit Ihrem verstorbenen Vetter Harald in Geschäftsverbindung stand, gewisse Papiere aufgefunden, die mich in den Stand gesetzt haben, die rechtmäßigen Besitzer von Stantow und Bärwalde mit Gewißheit angeben zu können. Mein Rechtlichkeitsgefühl und die spezielle Verehrung, die ich für Sie und Ihr Fräulein Tochter empfinde, liegen sich nun sehr bedeutend in den Haaren. Das erstere befiehlt mir, von meiner Entdeckung den pflichtschuldigen Gebrauch zu machen, die letztere heißt mich, die Sache zu vertuschen. Wie wäre es, hochverehrte Frau, wenn Sie meiner vollkommen uneigennützigen Verehrung mit einigen tausend Talern, die ich, auf Ehre, sehr notwendig brauche, zu Hilfe kämen?« Dieser Gedanke schien für Herrn Timm etwas Begeisterndes zu haben. Er sprang vom Sofa auf und ging mit raschen Schritten, lebhaft gestikulierend, in seinem Gemache auf und ab. »Das könnte eine wahre Schatzgrube für mich werden«, murmelte er, »ich wollte das stolze Weib ängstigen, daß ihre großen grauen Augen noch einmal so groß würden; ich wollte ihr Daumschrauben ansetzen und jedesmal, wenn ich Geld brauchte, die Schraube etwas fester anziehen. Sie würde alles und jedes tun, ehe sie es auf einen Prozeß ankommen ließe. Dann wäre ich so ein Stück von Herr im Hause, dann könnte ich die Narrenmaske fallenlassen und mich einmal in meiner wahren Gestalt zeigen. Dann könnte ich bestimmen, wen Fräulein Helene heiraten soll, ja könnte sie selber heiraten, wenn ich wollte, und jedenfalls der Ankunft meines guten Freundes Felix, die mir die gute Anna-Maria in allem Vertrauen mitteilte, mit aller Ruhe entgegensehen. Zwar bin ich auch so nicht besonders unruhig darüber, denn Freund Felix war der würdige Schüler seines Meisters und schlug die Volte nicht schlechter als ich, und wenn ihn sein alter Adel nicht geschützt hätte, so wäre es ihm wahrscheinlich nicht besser ergangen. So freilich kam der Fähnrich Baron Felix von Grenwitz mit einer Warnung davon, und der Fähnrich Albert Timm mußte springen. Ich bin doch neugierig auf unser Wiedersehen. Vielleicht kennt er mich nicht mehr; vielleicht wird er versuchen, den unbequemen Gast möglichst bald aus dem Hause und sich aus den Augen zu schaffen. Ha, wie sollte das Blatt sich wenden, wenn diese verdammten Briefe nicht so frauenzimmermäßig gerade über die wichtigsten Punkte flüchtig weghuschten!« Albert setzte sich wieder auf das Sofa und begann die Briefe, obgleich er sie jetzt schon so ziemlich auswendig wußte, noch einmal der Reihe nach – er hatte sie sorgfältig numeriert – zu lesen.   Nr. 1. Mein Herr! Ich kenne Sie nicht und wenn Sie derselbe sind, der sich vor einigen Wochen im Tiergarten so unaufgefordert in die Unterhaltung mischte, die ich mit meinem Begleiter führte und sich von dem letzteren eine so derbe Zurechtweisung zuzog; derselbe, der mich jetzt allabendlich, wenn ich aus dem Geschäft nach Hause gehe, verfolgt – so werden Sie es begreiflich finden, daß ich sehr wenig Lust verspüre, Sie kennenzulernen. Ich bitte, verschonen Sie mich mit Ihren Zudringlichkeiten, zu denen ich vor allem auch Ihre Briefe rechne. Ich würde diesen, wie die andern, unbeantwortet gelassen haben, wenn ich nicht fürchtete, durch fortgesetztes Schweigen Ihre Kühnheit zu begünstigen. Sollte es wirklich Männer geben, welche der direkten Bitte einer Frau, und noch dazu einer unbeschützten und schutzlosen Frau, widerstehen können? Marie Montbert.   Nr. 2. Mein Herr! Sie scheinen allerdings die Wege zu kennen, durch die man sich die Verzeihung einer Frau, die man beleidigt hat, gewinnt. – Welches auch die Motive waren, von denen Sie bei Ihrer Handlung geleitet wurden, – Sie haben viel Tränen getrocknet, Sie haben eine ganze Familie von der Verzweiflung gerettet. Ich selbst konnte nichts mehr für meine armen Landsleute tun – als nur Gott bitten, ihnen einen Retter zu senden. Er hat Sie gesandt. Beweisen Sie sich dieser Gnade würdig! Bedenken Sie, daß, wer Lohn begehrt, seinen Lohn dahin hat, und lassen Sie nicht Ihre Linke wissen, was Ihre Rechte tat. Ihre ergebene Dienerin Marie Montbert. Nr. 3. Was wissen Sie von dem Schicksal meines Vaters? Um Gottes willen, mein Herr, spielen Sie nicht mit dem Herzen eines Kindes! Sie wollen von einem Obrist der großen Armee, in dessen Regiment er den Feldzug nach Rußland mitmachte, ganz genaue Einzelheiten über ihn während der Kampagne und die näheren Umstände bei seinem Tode kurz vor dem Übergang über die Beresina erfahren haben. Es klingt dies alles so unwahrscheinlich – und doch, woher könnten Sie es wissen, wenn nicht aus sicherer Quelle? – Auch der Name des Obristen, wie ich aus Briefen meines Vaters an meine Mutter ersehe, stimmt. Ich weiß nicht, was ich glauben soll – aber weshalb mir diese Mitteilungen, die, ich gestehe es, von unendlichem Wert für mich sind, nicht in meiner Wohnung – ich will sagen: in der Wohnung der guten Frau, die bei mir seit langen Jahren Mutterstelle vertritt? Weshalb dieses geheimnisvolle Rendezvous? Weshalb ein Kind, das Nachricht von dem Tode seines Vaters erwartet, zwingen, einen Schritt zu tun, den dieser Vater, wenn er lebte, niemals billigen würde? Ich werde nicht umsonst an Ihr Herz appellieren; ich weiß, daß es der Großmut fähig ist. Meine Wohnung ist Marienstraße 21. Wenn Sie die drei engen Treppen nicht scheuen, so werde ich morgen, Sonntag, zwischen 10 und 12 Uhr zu Ihrem Empfang bereit sein. Ihre ergebenste Dienerin Marie Montbert. Nr. 4. Sie bestehen auf dem Rendezvous, das, wie Sie sagen, durchaus kein geheimnisvolles sei, denn es fände auf offener Straße statt, an einem der lebhaftesten Punkte der Stadt und zu einer Zeit, wo die Straßen noch von Fußgängern schwärmten. Sie wollen mir die Gründe, die Sie bestimmen, meinen Wunsch, »so schmerzlich es Ihnen auch sei«, nicht zu erfüllen, selbst sagen, und Sie schwören mir, ich werde diese Gründe, wenn ich sie erfahre, billigen. Sind Sie dessen so gewiß? – Aber freilich, Sie sind der Geber – ich die Empfängerin – ich muß mich wohl Ihren Wünschen fügen; daß Sie mich täuschen wollten, will ich, kann ich nicht denken. Sie sind einmal so großmütig gegen Arme und Hilflose gewesen, Sie können das andere Mal gegen ein armes, hilfloses Mädchen nicht so ungroßmütig sein. M. M.   Nr. 5. Herr Baron! Nochmals meinen innigsten, herzlichsten Dank! Dank auch für die Zartheit, mit der Sie alles eingeleitet hatten! Wie bitter Unrecht habe ich Ihnen getan! Aber konnte ich ahnen, daß Sie mich mit dem Herrn Obristen von St. Cyr selbst bekanntmachen würden? Daß ich aus dem Munde dieses Veteranen in meiner geliebten Muttersprache den Heldentod meines Vaters sollte erzählen hören? Sie wollten nicht, daß der Obrist die Tochter eines Helden, den letzten Sproß einer einst reichbegüterten, angesehenen Familie in so dürftigen Verhältnissen fände; Sie wollten mir die Verlegenheit ersparen, den Grafen von St. Cyr und den Baron von Grenwitz in einer Dachkammer zu empfangen. Sie zogen es vor, mich als Erzieherin in einer Ihnen nahe verwandten Familie vorzustellen – und es war am Ende recht sind billig, daß ich in Ihrer Gesellschaft den kranken und von der Reise angegriffenen alten Herrn in seinem Hotel aufsuchte. Nochmals vielen, vielen Dank! Auch dafür, daß Sie auf dem langen Rückweg vom Hotel bis zu meiner Wohnung den frischen Schmerz durch ein Schweigen ehrten, das Ihnen bei Ihrem lebhaften Naturell gewiß nicht leicht geworden ist. Wodurch habe ich denn nur das Interesse, welches Sie an meinem Schicksal nehmen, verdient? Ich bin doch wahrlich recht unartig und unfreundlich gegen Sie gewesen! Sie fragten mich zuletzt, ob ich jetzt glaube, daß Sie es gut mit mir meinen? Dieser Brief mag Ihnen darauf Antwort geben. Sie verlassen morgen die Stadt – reisen Sie glücklich, und lassen Sie sich durch die beifolgende kleine Arbeit – ich habe sie in dieser Nacht gefertigt – manchmal erinnern an Ihre dankbare Marie Montbert. »Nun ist das Püppchen geknetet und zugerichtet«, sagte Albert, der mit einem gar seltsamen und unheimlichen Eifer – wie ein Beschwörer, der die Rezepte eines Nebenbuhlers in der schwarzen Kunst studiert – die schon mehrmals gelesenen Briefe wieder las. »Dieser Harald, das muß man ihm lassen – war der richtige Rattenfänger. Ich möchte nur wissen, was für eine Sorte von Obrist das gewesen sein mag, der dem dummen Ding das Märchen von der Beresina aufband. Vielleicht der Teufel Oberster, jedenfalls einer seiner Helfershelfer – die Sache muß dem braven Harald ein schmähliches Geld gekostet haben. Indessen, es wurde zweckmäßig vertan, denn in Nr. 6 hat er schon sehr bedeutende Progressen gemacht.«   Nr. 6. Kaum kann ich zu mir selbst kommen! Sie wieder hier um meinetwillen! Hier, weil die Sehnsucht nach mir Ihnen keine Ruhe ließ! Mein Gott, mein Gott, wohin soll dies führen! Sie sind ein reicher Edelmann – ich bin ein blutarmes Mädchen, das, mögen meine Ahnen gewesen sein, wer sie wollten – mit seiner Hände Arbeit sich das tägliche Brot verdient. Meine Vernunft sagt mir, daß aus dem allen für mich nur Unglück über Unglück erfolgen kann, daß ich Sie fliehen muß – ich weiß nicht, was ich Ihnen gestern gesagt, was ich Ihnen versprochen habe – geben Sie mir mein Wort zurück! Ich kann Sie heute – ich darf Sie nie, nie wiedersehen. Ich beschwöre Sie, reisen Sie wieder ab. Sie müssen es, wenn Sie mich wirklich lieben. Leben Sie wohl viel tausendmal! Ihre Marie.   »Was so ein acht Tage Abwesenheit nicht alles bewirken können«, sagte Albert, sich die Zigarre, die ihm in dem Eifer des Lesens ausgegangen war, wieder anzündend, »Ihre Marie! Ausgezeichnet! Wie sich der biedere Harald wohl ins Fäustchen gelacht haben mag, als er diese larmoyante Epistel las. Aber weiter!«   Nr. 7. Nehmen Sie den köstlichen Schmuck, den heute ein unbekannter Mann für mich abgegeben hat, wieder. Womit habe ich es verdient, daß Sie so niedrig von mir denken? Daß ich Sie liebe, liebe, trotzdem meine Vernunft mir deshalb die entsetzlichsten Vorwürfe macht, Sie wissen es, ich habe es nicht länger vor Ihnen verbergen können, verbergen wollen; aber weshalb mir nicht wenigstens den Trost lassen, daß diese meine Liebe rein von jedem unedlen Nehengedanken ist! Diese kostbaren Rubinen, dieses rote Gold – es brennt in meiner Hand wie glühende Kohlen – lassen Sie mich, wie Sie mich fanden! Wenn das arme schmucklose Mädchen Ihre Liebe gewinnen konnte, so sehen Sie ja selbst, daß Armut und Dürftigkeit sich recht gut mit Liebe verträgt.   »Sehr hübsch gesagt«, äußerte Albert, diesen Brief zu den andern legend, »aber doch sehr dumm! Armut und Liebe vertragen sich gerade so gut wie Wasser und Feuer. Ich möchte die feurige Liebe kennen, die nicht ausginge, wenn ihr ein Eimer Armut über den Kopf geschüttet wird! Pah, das muß ich besser wissen! Ich glaube, ich wäre albern genug, die kleine Marguerite zu heiraten, wenn ich ein Mann in Amt und Würden mit vom Staat garantierter guter Beköstigung wäre, aber da ich weiter nichts bin als ein armer Teufel mit einem famosen Appetit und wahrem Patentmagen, so wäre es doch reiner Selbstmord, wollte ich die schon knapp genug zugemessene tägliche Ration noch mit einem andern teilen! Liebe! Unsinn! Liebe ist höchstens ein ganz wünschenswertes Dessert zum Diner des Lebens. Ein gutes Diner ohne Dessert – bon! Ein Diner mit Dessert – noch besser, aber ein Dessert ohne Diner! – Nun, für Frauenzimmer mag auch das genügen; aber mit meiner Konstitution verträgt es sich nicht. Ob die gute Marie, wenn sie noch lebt, wie ich sehr stark hoffe, jetzt nicht doch manchmal beklagt, daß sie die kostbaren Rubinen und das rote Gold anderen jungen Damen, die es weniger verdienten, zugewandt hat? Im nächsten Brief wird die tugendhafte kleine Person sogar ganz übermütig.«   Nr. 8. Sieh, sieh, mein Lieber; also auch eifersüchtig können Sie sein! Wer hätte dem Baron Harald von Grenwitz solche bürgerliche Schwäche zugetraut! Ich soll eine andere Wohnung beziehen; weshalb? Damit ich im Winter nicht vor Frost und im Sommer vor Hitze umkomme; nicht alle Tage ein paarmal Gefahr laufe, mir auf den engen, steilen Treppen den Hals zu brechen? Bewahre! Nur weil die Madame Schwarz, bei der ich wohne, dem gnädigen Herrn nicht gefällt und weil der gnädige Herr in Erfahrung gebracht hat, daß ein junger Franzose, ein Monsieur d'Estein, mit mir auf demselben Flur wohnt, daß ich mit besagtem Monsieur auf einem sehr vertrauten Fuß stehe, ja mit ihm, selbst des Abends spät, Arm in Arm, auf der Straße gesehen worden bin! Entsetzlich! Aber im Ernst, teuerster Harald, Sie haben wahrlich keine Ursache, sich zu beklagen. Die Madame Schwarz ist eine sehr ehrbare, ausgezeichnete Frau, der ich unsäglich viel verdanke und die, solange ich denken kann, eine Mutter für mich gewesen ist; und was Monsieur d'Estein anbetrifft, so wird Ihre Eifersucht sich wohl wieder schlafen legen, wenn ich Ihnen sage, daß es derselbe kleine, ältliche Herr ist, an dessen Arm Sie mich zum erstenmal im Tiergarten sahen. Monsieur d'Estein könnte den Jahren nach mein Vater sein, wie er denn auch der Freund meines Vaters war. Er stammt wie wir aus einer Familie französischer Refugiés und wäre wohl schon längst in das geliebte Land seiner Väter zurückgekehrt, da er hier gar keine Verwandte, ja nicht einmal Freunde hat, wenn er nicht fürchten müßte, dort, wo alle Welt die Sprache spricht, in der er hier Unterricht erteilt, Hungers zu sterben. Er ist sehr wunderlich, aber das bravste Herz von der Welt. Er würde für mich durchs Feuer gehen und au désespoir sein, wenn er nur die leiseste Ahnung von unserem Verhältnisse hätte. – Dies alles würde ich Ihnen schon gestern abend gesagt haben; aber ich wollte einmal sehen, ob Sie auch Widerspruch vertragen könnten. Sind Sie jetzt zufrieden? Au revoir, monsieur le Baron. Votre très-méchante Marie M.   »Dies ist die einzige Notiz über diesen Monsieur d'Estein«, sagte Albert, den Brief auf den Schoß sinken lassend und nachdenkliche Wolken aus seiner Zigarre blasend, »ohne Zweifel derselbe, welcher in der Erzählung der Alten als Schacherjude wieder auftritt, um das Terrain vorläufig zu rekognoszieren, und hernach die Entführung der bedrängten Unschuld bewerkstelligt. Ich fürchte, es sind hier einige Briefe verlorengegangen, denn, als der nächstfolgende geschrieben wurde, waren die Affären schon sehr weit gediehen.   Nr. 9. Soeben erhalte ich den – was soll ich es verschweigen! – längst erwarteten Brief Ihrer Frau Tante. Sie schreibt mir mit zitternder, aber doch leserlicher Hand, daß sie das Lebensglück ihres geliebten Großneffen höher stelle als die Ruhe der wenigen Tage, die sie noch zu leben habe; ja, daß sie sich freue, eine so dringende Veranlassung zu haben, nach dem Stammsitz ihrer Väter, dem Orte ihrer Geburt, wo sie denn nun auch zu sterben gedenke, eine Reise, die letzte vor der großen Reise, anzutreten. Sie werde am 13. von St. abreisen und bereits vor mir in Grenwitz angekommen sein, »da Sie ein tête-à-tête mit meinem wilden Neffen so sehr fürchten, liebes Kind«. – Ich kann nicht sagen, wie unaussprechlich mich so viel Güte und Liebe rührt! Wie dankbar ich der alten herrlichen Dame bin, wie ich mich freue, ihr die welken, lieben Hände zu küssen! Ja, Harald, wenn sie, die Greisin, die Älteste Deines ritterlichen Geschlechts, mich Deiner würdig gefunden hat, wenn sie unsere Liebe segnet, dann will ich mit tausend Freuden die Deine sein. Nur eins schmerzt mich, daß ich bei Nacht und Nebel wie ein Dieb von hier, von der Frau, die ich wie eine Mutter liebe, von dem Manne, der mir Vater und Bruder gewesen ist, fortschleichen soll. Und doch – es geht nicht anders. Du hast recht: sie würden das Ganze ein romantisches Abenteuer schelten. Sie kennen Dich ja nicht, sie wissen ja nicht, wie treu und gut Du bist. Aber Lebewohl darf ich ihnen doch wenigstens schriftlich sagen! Ihnen in ein paar Worten für alle Güte und Liebe danken und sie über den Schmerz, den ich ihnen jetzt bereiten muß, auf eine fröhliche Zukunft vertrösten. Ach, wäre diese Zukunft doch erst Gegenwart! Ihr neuer Kammerdiener, der mir übrigens viel weniger gefällt als der alte mit dem treuen, ehrlichen Gesicht, meldete mir gestern abend, daß alle Vorbereitungen auf übermorgen früh getroffen seien. Es ist mir lieb, daß ich in Ihrer Equipage und in Begleitung Ihrer Leute fahren soll; der Gedanke einer so weiten Reise hat so viel weniger Peinliches für mich. Auf baldiges, köstliches Wiedersehen, Du Vielgeliebter! M. M.   »Nun ist das Vögelchen ins Garn gegangen«, sagte Albert, diesen Brief, den letzten, zu den andern legend, und alle wieder sorgfältig mit dem rotseidenen Bande zusammenbindend, »das übrige könnte man sich zur Not denken, wenn man es nicht aus der langen Geschichte der alten Hexe, der guten Freundin meines ausgezeichneten Freundes Stein, wüßte. Ich glaube, die Alte könnte noch mehr erzählen, wenn sie wollte. Ich muß mir ihre Gunst zu erwerben suchen und mir freien Zutritt in ihre Salons verschaffen. Sollte sie nicht noch manches aus dem Nachlasse von Fräulein Unschuld in ihrem Besitz haben, das zu weiteren Entdeckungen führen könnte? Die Kleine hat jedenfalls bei der eiligen nächtlichen Flucht ihre Kisten und Kasten nicht sorgfältig ausgekramt, und die Alte eine gute Nachlese an Bändern, Strümpfen, Schuhen und warum nicht auch Briefen gehalten. Das alles mag in sicherer Ruhe in der großen, hölzernen Lade, auf der ich mir an jenem Nachmittag die Rippen wund gelegen habe, seiner Auferstehung entgegensehen. Das ist ein Gedanke!« Albert war aufgestanden und hatte sich vor den Spiegel gestellt, um zu sehen, wie sich ein so geistreicher Kopf denn eigentlich ausnehme. »Das ist ein Gedanke«, und er warf seinem Spiegelbilde eine Kußhand zu, das dieses in Anbetracht der Vortrefflichkeit des Originals freundlich erwiderte – »ein ganz famoser Gedanke, den ich ausführen muß, es koste, was es wolle. Vielleicht war der Schacherjude ein wirklicher rechter Israeliter und Abgesandter des Monsieur d'Estein; vielleicht hat er der Kleinen nur einen Brief überbracht, in dem der Plan der Flucht entworfen war, und dieser Brief fände sich, und mit dem Briefe in der Hand könnte man der Flüchtigen auf die Spur kommen.« Herr Timm hielt plötzlich in seinem Monologe inne, und sein Gesicht verdüsterte sich: »Verdammt«, murmelte er, »nun fehlt es wieder am Besten, an dem nervus rerum, an der Wünschelrute, mit der ich den Schatz heben könnte. Offenbar werde ich zur Erreichung meines Zweckes einige Reisen machen müssen, zum mindesten nach Berlin, um Marienstraße Nr. 21 drei Treppen hoch im Hofe gewisse Erkundigungen anzustellen; aber Reisen kosten Geld, und mein aktives Vermögen besteht jetzt aus 5 Silbergroschen, von denen einer, glaube ich, nicht einmal echt ist. Ich muß eine Zwangsanleihe bei der kleinen Marguerite machen. Es geht wahrlich nicht anders. Ich wollte es ja auch neulich schon, als plötzlich die interessante Familie wieder einrückte und unserem idyllischen Leben ein Ende machte. Freilich, diese verdammten Karten müssen erst fertig sein; sonst läßt mich Anna-Maria nicht aus ihren Klauen. Ich muß schon in den sauren Apfel beißen.« Und Herr Timm zündete sich eine frische Zigarre an, entriegelte die Tür, beugte sich über sein Reißbrett und zeichnete mit einem Eifer, als ob er in der Welt keine anderen Pläne kenne als die, mit denen sich ein tüchtiger Geometer von Berufs wegen abgeben muß. Fünfundvierzigstes Kapitel Baron Felix war angekommen – mitten in der Nacht. Er war bei guter Zeit von dem Fährdorfe in seinem eigenen Wagen aufgebrochen, als es dem Kammerdiener schwer aufs Herz fiel, der Toilettenkasten seines Herrn möchte sich nicht bei dem übrigen Gepäck befinden, da er ihn unter die Bank des Bootes zwischen seine Füße gestellt und wahrscheinlich stehengelassen hatte. Schüchterne Hindeutung Jeans auf die Möglichkeit dieses Falles – großer Zorn von seiten des Barons Felix und Androhung von Ohrfeigen, Stockprügeln und Entlassung – auf offener Landstraße angestellte Nachforschung – schließlich, da sich das corpus delicti wirklich nicht fand, Umkehr. Leider war unterdessen das Fährboot mit dem hochwichtigen Kasten unter der Bank bereits abgesegelt. Bis es wieder an der Landungsbrücke anlegte, vergingen mehrere Stunden, denn es war unterdessen Windstille eingetreten und die Leute hatten sich mit den schweren Rudern – zur Verzweiflung des Baron Felix, der sie vom Strande aus durch ein Taschenteleskop beobachtete – Zoll um Zoll hinüberarbeiten müssen. So war der Abend bereits tief hereingesunken, als der Baron zum zweiten Male – diesmal mit dem Kasten – von dem Fährdorfe aufbrach. Er war in einer fürchterlichen Laune. Er hatte versprochen, heute noch auf Grenwitz einzutreffen, da er »den Augenblick, seine schöne Cousine zu sehen, nicht erwarten könne«. Eine Verzögerung seiner Ankunft konnte ihm leicht übel ausgelegt werden. Besser also, in tiefer Nacht, als gar nicht kommen. Auf der andern Seite aber war eine nächtliche Fahrt durch Wald und feuchtes Moor – noch dazu in einem offenen Wagen – keineswegs nach dem Geschmacke des jungen Exleutnants, der – jedenfalls infolge der ungeheuren Strapazen auf dem Exerzierplatze und bei den Paraden – sehr an Rheumatismus litt und eine Erkältung wie die Pest fürchtete. Er wählte also von den zwei Übeln, sich dem Verdacht der Gleichgültigkeit oder der Gefahr einer Erkältung auszusetzen, das kleinere und drohte nur, daß er von der Größe seines Schnupfens morgen früh die Größe der Strafe für Jeans Nachlässigkeit werde abhängen lassen. Es war deshalb eine nicht unbedeutende Beruhigung für Jean, als sein Herr am nächsten Morgen (man hatte die nächtliche Ruhe des Schlosses so wenig wie möglich gestört und sich von einem der herausgepochten Bedienten die schon längst bereitstehenden Zimmer anweisen lassen) mit sehr guter Laune erwachte, seinen Kakao wie gewöhnlich im Bett zu trinken begehrte und nachdem er sich halb hatte ankleiden lassen – die zweite, wichtigere Hälfte besorgte er eigenhändig –, ihn fortschickte, um Herrn Timm, dessen Anwesenheit auf dem Schlosse er erfahren hatte, bitten zu lassen, ihn auf ein paar Minuten auf seinem Zimmer zu besuchen. »Ah voilà, lieber Timm, wie geht es Ihnen?« sagte Baron Felix, das letzte Wort auffallend markierend, als der Angeredete bald darauf eintrat. »Sie entschuldigen, daß ich Ihnen so früh lästig falle: aber ich – zum Teufel, nun hat der Esel von Jean wieder heißes statt warmes Wasser gebracht – entschuldigen Sie! – Jean, warmes Wasser, Nilpferd! – Nun sagen Sie, wie geht es Ihnen, lieber Timm? Freue mich, Sie hier so zufällig zu treffen. Wie geht es Ihnen?« und der Baron streckte dem Angeredeten einen der Finger seiner linken Hand, die er eben abgetrocknet hatte, entgegen. »Danke, Baron, passabel!« sage Albert, den dargebotenen Finger sehr flüchtig mit etwa zwei Fingern seiner Hand berührend. »Ich glaubte schon, Sie würden mich gänzlich vergessen haben.« »Bewahre«, sagte Felix, »freute mich, wie gesagt, heute morgen sehr, als Jean mir die Gesellschaft hier erzählte und ich Ihren Namen hörte. Aber wie gottvoll Sie sich in Zivil ausnehmen! Wirklich gottvoll, auf Ehre!« und Felix blieb, eine Bürste in der einen und einen kleinen Toilettenspiegel in der anderen Hand, vor Albert stehen, ihn von Kopf bis zu den Füßen wie ein fremdes merkwürdiges Tier ansehend. »Meinen Sie?« sagte Albert trocken. »Freut mich, kann Ihnen leider das Kompliment nicht zurückgeben, da ich erst die folgenden Stadien Ihrer Toilette abwarten muß. Aber das eine kann ich Ihnen sagen – jünger sind Sie unterdessen nicht geworden. Haben Sie nicht noch eine Zigarre?« »Dort auf dem Tisch«, sagte Felix, »in dem Ebenholzkästchen – Sie müssen die Feder nach unten drücken – nicht jünger geworden? Aber hoffentlich doch auch nicht älter, ich meine auffallend – zum wenigsten erfreue ich mich, wie Sie sehen, noch meiner sämtlichen Zähne und zum mindesten fünf Sechstel meiner Haare –« und Felix bürstete mit unendlichem Wohlgefallen die allerliebsten kurzen braunen Locken, die noch ziemlich üppig seinen wohlgeformten Kopf bedeckten. »Nun, mit den Haaren mag's noch gehen«, sagte Albert, der jetzt auf einem Sofa Platz genommen hatte und den vor dem Spiegel eifrig beschäftigten Felix mit heimlicher Schadenfreude musterte, »aber wo haben Sie nur alle die Falten in Ihrem Gesicht herbekommen? Die scharfe Morgenbeleuchtung ist wirklich nichts mehr für Sie. Ich machte Ihnen früher das Kompliment, Sie hätten eine frappante Ähnlichkeit mit Byron; aber jetzt sehen Sie wenigstens wie Byrons Vater aus. Und dann – Sie waren niemals durch Fülle ausgezeichnet, jetzt sind Sie auf ein Minimum reduziert.« »Je schlanker, desto eleganter«, meinte Felix, »und übrigens kommt das wieder; ich wurde in der letzten Zeit etwas knapp gehalten.« »Das alte Leiden?« »Nun, wenigstens eine neue Auflage.« »Vermehrt oder verbessert?« »Es ging noch; aber damit ist es jetzt vorbei. Wir sind solid geworden; wir werden uns zur Ruhe setzen – wie finden Sie diese Beinkleider? Ist es nicht eine geistreiche Kombination des militärischen und des Zivilschnitts? Ganz meine Erfindung! – Wir werden heiraten –« »Das sollten Sie bleibenlassen, Baron!« »Weshalb?« »Wenigstens sollten Sie eine ältere, verständige Dame heiraten.« »Weshalb?« »Weil Sie, fürchte ich, über kurz oder lang doch einer mütterlichen Freundin bedürftiger sein werden als einer anspruchsvollen jungen Gemahlin.« »Pah, mon cher, ich habe die Ehre, aus einer Familie zu stammen, in der man ungestraft lüderlich sein darf. Ein bißchen Rheumatismus – das ist das Äußerste. Was sagen Sie zu diesem Rock?« »Gar nichts; Sie wissen, ich war nie ein Kenner in diesen Dingen.« »Freilich, Sie waren stets das unsaubere Gefäß, in welches sich die Schale des Zorns unseres guten Obristen leerte. Wissen Sie, daß sich der arme Teufel erschossen hat?« »Nein, weshalb?« »Weil er die Schande nicht hat überleben wollen, daß bei der letzten großen Parade, die zweite Kompanie mit Tuchhosen statt mit weißen Hosen angerückt kam, und er deshalb vom Kommandierenden ob dieser ›Schweinerei‹ einen fürchterlichen Rüffel besah.« »Gott hab ihn selig!« »Amen. Apropos! Wie lange sind Sie denn schon hier auf Grenwitz? Ich höre seit Wochen? Da müssen Sie die Gesellschaft ja aus- und inwendig kennen. Ja, was ich eigentlich wissen wollte: Wie befindet sich denn mein würdiger Onkel und meine vortreffliche Frau Tante? Und wie hat sich denn meine Cousine – haben Sie schon eine solche Uhr gesehen? Doppelter Sekundenzeiger – der Zeiger oben zeigt Monat und Datum – direkt aus London – ich glaube, es ist die erste, die auf dem Kontinent getragen wird. Apropos! Wer kann denn heute nacht das hübsche, schwarzäugige, kleine Ding gewesen sein, das wir auch aufgestöbert hatten und das im allerliebsten Nachtkostüm über den Flur huschte – es schien eine Art Wirtschafterin oder dergleichen. Ihr habt doch weiter keinen Besuch auf dem Schlosse?« »Nein –« »Also ganz en famille? Wollen Sie gefälligst die Klingel über Ihrem Kopfe ziehen? Ich dächte, ich sähe heute ganz ausnehmend wohl aus – Jean! Habe ich dir nicht gesagt, Kamel, daß du diesen Rock hier nicht tragen sollst – gleich zieh den neuen an! Und dann geh und frage bei der gnädigen Herrschaft an, ob ich jetzt meine Aufwartung machen dürfe.« »Die Frau Baronin haben schon zweimal nach dem Herrn Baron gefragt.« »Nun, dann sag, ich würde gleich kommen. – Au revoir, lieber Timm, ich hoffe, Sie an der Mittagstafel zu sehen –« und Felix warf noch einen letzten Blick in den Spiegel, goß etwas Eau de Cologne auf sein weißes Taschentuch und schritt durch die Tür, die ihm Jean öffnete, davon, ohne sich weiter nach Albert, der ihm auf dem Fuße folgte, umzusehen. Dieser schaute dem Enteilenden mit einem höhnischen Lächeln auf den schmalen feinen Lippen nach: »Lieber Timm«, murmelte er, »ich will dir den lieben Timm und das Sie anstreichen, du Affe!« Es war am Abend desselben Tages. Man hatte soeben die Mahlzeit, die bei gutem Wetter jetzt stets auf der Terrasse eingenommen wurde, beendet und bereitete sich zu einem gemeinschaftlichen Spaziergange, den man, auf den Vorschlag der Baronin, durch den Buchwald nach dem Strande machen wollte. Oswald hätte sich ausschließen mögen, da ihm in seiner augenblicklichen Stimmung die Gesellschaft peinlich war, aber Felix, der ein großes Gefallen an dem schweigsamen, ernsten Mann zu finden schien, hatte ihn so lange gebeten, kein Störenfried und Spielverderber zu sein, daß er sich endlich, zu Brunos großer Freude, zum Mitgehen entschloß. So brach man denn auf und gelangte bald in den schönen Wald, wo in den grünen Zweigen noch die roten Abendlichter spielten. Felix hatte der Baronin den Arm gegeben; Fräulein Helene ging an ihres Vaters Seite; Oswald, Albert und die Knaben und Mademoiselle Marguerite gingen voran oder folgten, bald einzeln, bald paarweise, wie der schmale Waldweg es eben erlaubte. Felix, den sein Arzt besonders vor Erkältung gewarnt hatte, fand es im Wald doch kühler und feuchter, als er vermutete, und er wünschte im stillen sehnlichst, daß die Partie sich nicht so sehr in die Länge ziehen möchte. Indessen hielt er es natürlich für geraten, seinen geheimen Wünschen keine Worte zu leihen, sondern dem reizenden Einfall »dieses romantischen Spazierganges« ein Kompliment zu machen. »Es freut mich, wenn ich damit Ihrem Geschmack entsprochen habe, lieber Felix«, sagte Anna-Maria, »ich gestehe, ich hätte Ihnen so viel Sinn für die einfachen Freuden des Landlebens nicht zugetraut. Wie gut trifft es sich, daß auch Helene diesen Geschmack teilt. Ihr werdet einmal ein recht verständiges, solides Leben führen, wie es sich für eure Verhältnisse schickt.« »Nun, meine Verhältnisse, liebe Tante –« »Werden sich bessern, ich bin davon überzeugt; aber Sie werden viel zu tun haben, lieber Felix, bis Sie ganz frei aufatmen können. Wie lange hat es gedauert, bis selbst wir nur die allergrößten Hindernisse aus dem Wege geräumt hatten! Und von einer wirklichen Beherrschung der Situation können wir erst ein paar Jahren sprechen, wenn Stantow und Bärwalde uns hoffentlich nicht mehr länger vorenthalten werden können und die übrigen Güter in neuen und, ich denke, besseren Pacht kommen. Sie sollten Ihre Güter auch neu vermessen lassen, lieber Felix. Sie finden in Timm einen fleißigen und geschickten Arbeiter. Ich bin ganz überrascht, daß Sie den jungen Mann schon von früher her kennen; von der Kadettenschule, nicht wahr?« »Ja, liebe Tante; er war ein großer –« »Liebling – ich glaube es gern; ist er es doch auch hier bei uns allen.« »Das wollte ich nun eigentlich nicht sagen«, versetzte Felix lachend, »indessen man hatte ihn allerdings im allgemeinen sehr gern. Er war der unermüdlichste Spaßmacher; und wenn es sich um einen Geniestreich handelte, so stand er sicher an der Spitze. Indessen, man tut gut, ihm den Daumen etwas aufs Auge zu halten; er gehört zu den Leuten, die, wenn man ihnen den kleinen Finger gibt, die ganze Hand nehmen.« »In der Tat!« sagte Anna-Maria, die Augenbrauen in die Höhe ziehend. »Ich habe den jungen Menschen bis jetzt stets für die Bescheidenheit selbst gehalten; für viel bescheidener als etwa unsern Herrn Stein.« »Wirklich?« meinte Felix. »Ich hätte nun gerade gedacht, daß Herr Stein sich seiner Stellung vollkommen bewußt ist.« »Nun, Sie werden ihn noch näher kennenlernen. Er ist einer der arrogantesten Menschen seines Standes, die mir je vorgekommen sind.« »Wir wollen ihm das austreiben«, sagte Felix, seinen äußerst winzigen Schnurrbart drehend, »mit solchen Leuten muß man kurzen Prozeß machen. Ich kenne das. Diese Leute sind sich alle gleich. Sobald sie merken, daß wir sein wollen, was wir von Rechts wegen sind – die Herren im Staat und im Haus – kriechen sie zu Kreuz. Sie werden nur übermütig durch unsere Schuld. Man muß sie fortwährend in dem Bewußtsein ihrer Stellung halten. Sie sind zu gut gegen den Menschen gewesen; das ist alles. Ich wunderte mich, offen gestanden, schon heute mittag, mit welcher Nachsicht sich Fräulein Helene seine Zurechtweisung – ich weiß nicht mehr, um was es sich handelte – gefallen ließ.« »Nun, Helene ist sonst nicht gerade seine Freundin; wie sie denn überhaupt eine wahrhaft aristokratische Antipathie gegen alles Plebejische hat. Nähren Sie diese Grundsätze ja! Ich glaube, Sie werden so den nächsten Weg zu ihrem Herzen finden.« »Nun, ich denke, dieser Weg wird ja wohl nicht so übermäßig schwer zu entdecken sein«, sagte Felix mit selbstgefälligem Lächeln, »ich habe einige Erfahrung in diesem Kapitel, ma chère tante!« »Die Sie in diesem Falle brauchen werden, lieber Felix. Helene ist ein sehr eigentümlicher, schwer zu berechnender Charakter. Ich gestehe, daß ich noch nicht gewagt habe, ihr unser Projekt offen darzulegen. Ich wollte erst die Wirkung abwarten, die Sie ohne Zweifel auf ihr Herz hervorbringen werden. Sie haben hier die beste Gelegenheit, sich ihr in dem liebenswürdigsten Lichte zu zeigen; ja nicht einmal einen Nebenbuhler haben Sie zu fürchten. Wir leben sehr zurückgezogen, und ich werde mit Eifersucht darüber wachen, daß diese Zurückgezogenheit auch während Ihres Aufenthaltes so wenig wie möglich gestört wird.« »Verzeihen Sie, liebe Tante, wenn ich in diesem Punkte anderer Meinung bin«, sagte Felix, »ich müßte mir wahrscheinlich mein teures Lehrgeld wiedergeben lassen, wenn ich den Vergleich mit den jungen Standesgenossen hier auf dem Lande scheuen zu müssen glaubte. Im Gegenteil: Jeder, den ich aus dem Sattel hebe, ist ein Schritt näher zu meinem Ziele, wenn es denn wirklich so sehr weit gesteckt sein sollte. Nein! Bitten Sie so viel Gesellschaft wie möglich. Machen Sie meine und Helenes Anwesenheit zu einer Veranlassung, kleine Diners, Soupers, Tees zu geben; und hernach fassen wir alles in einem großen Ball zusammen, auf dem dann unsere Verlobung der ganzen Gesellschaft mitgeteilt wird, die dann natürlich über ein Ereignis, das sie seit Wochen erwartet hat, in ein obligates Staunen gerät.« »Sie sind kühn, lieber Felix«, sagte die Baronin, der diese Methode, auch der Kostspieligkeit wegen, nur halb gefiel. »Wozu hätte ich denn sonst des Königs Rock so lange Jahre getragen?« erwiderte Felix, seiner Tante galant die Hand küssend. Währenddessen von der Baronin und Felix so ruhig über Helenes Schicksal debattiert wurde, hatte zwischen dieser und ihrem Vater ein Gespräch stattgefunden, das die feingesponnenen Pläne der Baronin und den vermeintlich raschen Siegeslauf des jungen Exleutnants auf eine gar eigentümlich naive Weise durchkreuzte. Der alte Baron liebte seine schöne Tochter mit aller Liebe, deren sein braves Herz fähig war, liebte sie um so mehr, als er über die Gerechtigkeit der Bestimmungen, die das junge Mädchen von dem Majoratsvermögen ausschlossen, von jeher nicht geringe Zweifel gehabt hatte. Dazu kam, daß er die Zurücksetzung sehr wohl empfand, die die Tochter von seiten der Mutter bis dahin erfahren hatte, wenn er auch zu schwach gewesen war, Maßregeln dagegen zu ergreifen und vor allem der Hamburger Verbannung ein Ende zu machen. Auch dem Heiratsprojekt hatte er seine Zustimmung nur gegeben, weil ihm Anna-Maria eingeredet hatte, so könne die Ungleichmäßigkeit in dem Schicksal der beiden Kinder am besten ausgeglichen werden, da Helene, als die Gattin Felix' nach Maltes etwaigem Tode, dann gewissermaßen zur Erbschaft gelangte, wenigstens in den vollen Genuß des Vermögens käme. Aber auch hier hatte er Helenens vollkommen freie Zustimmung als unumgängliche Bedingung festgesetzt, wogegen er sich wieder verpflichtet hatte, die Leitung der Angelegenheit den geschickten Händen seiner Gemahlin zu überlassen und vor allem sich vor einer vorzeitigen Enthüllung des Planes in acht zu nehmen. Nun aber hatten die Eindrücke in der letzten Zeit an diesen Vorsätzen und Entschlüssen arg gerüttelt. Zuerst war ihm in Hamburg, als ihn ein plötzlicher Fieberanfall auf das Krankenlager warf, der Gedanke gekommen, er könne in nächster Zeit sterben und Helene dann ganz verlassen dastehen, ohne seinen Rat, ohne sein Veto, das er, im äußersten Falle, der Ausführung der Pläne Anna-Marias entgegenzusetzen, fest entschlossen war. Er hatte seine Tochter immer geliebt, jetzt betete er sie an. Sie war so schön, so stolz, und gegen ihn, den alten Vater, so freundlich bescheiden, daß sein Herz, wenn er dachte, er könnte aus dem Leben gehen, ohne das Schicksal dieses seines Lieblings sichergestellt zu haben, Angst und Trauer zugleich empfand. Wäre nun Felix der Mann gewesen, wie er sich den Gemahl seiner Tochter wünschte, so hätte noch alles gehen mögen. Aber das war Felix keineswegs. Der alte Baron war seinerzeit auch ein junger Baron und war wie Felix Offizier gewesen. Er wußte sehr wohl, welchen Versuchungen ein junger und reicher Edelmann in dieser Lage ausgesetzt ist; er selbst war diesen Versuchungen nicht immer entgangen und hatte in seinem reiferen Alter, als sein von jeher ernst gestimmter Geist die naturgemäße Richtung erlangt hatte, mit bitterer Reue die Sünden seiner heißblütigen Jugend beklagt. Er hatte an seinem Vetter Harald das lebendige Beispiel gehabt, wohin die ungezügelten Leidenschaften zuletzt führen, und sein durch die Liebe zu seiner Tochter und durch die Erfahrung in diesem einen Falle doppelt scharfes Auge erkannte sofort, daß sein Neffe Felix in einem hohen Grade der Sklave dieser Leidenschaft gewesen sein mußte, vielleicht noch war. Er hatte den jungen Mann vor ein paar Jahren gesehen, als dieser eben die Kadettenschule verließ. Damals hatte er eine angenehme Erinnerung an den schlanken, kräftig gebauten Jüngling mit dem frischen hübschen Gesicht und den lebhaften hellen Augen davongetragen; jetzt sah er von dieser allerliebsten Erscheinung nur noch einen traurigen Schatten. Eine gespenstige Magerkeit, tiefe Furchen in dem jugendlich-alten Gesicht, die großen blauen Augen gläsern oder von einem fieberhaften Glanze leuchtend und stets mit dem starren, frechen Blick, der deutlicher spricht als eine lange Lebensbeschreibung – die Bewegungen hastig und fahrig, offenbar in der Absicht, die innere Mattigkeit und Schlaffheit zu verdecken, die Rede vorlaut und über alles mit derselben souveränen Oberflächlichkeit weghuschend – das ganze Wesen von einer krankhaften Eitelkeit wie zerfressen – so oder ungefähr so erschien ihm Felix, trotzdem seine Menschenfreundlichkeit hier wie überall die schlimmsten Flecken des Bildes gutmütig vertuschte. Es tat ihm leid, daß er sich von seiner Gemahlin das Versprechen hatte abnehmen lassen, in dieser Angelegenheit nicht selbständig handelnd aufzutreten. Es kam ihm vor, als ob er sich mit diesem Versprechen doch übereilt habe, und auf jeden Fall hielt er dafür, daß eine geschickte Sondierung, wie denn Helene selbst in diesem Punkte denke, kein Bruch des Versprechens sei. So sagte er, nachdem sie eine Weile schweigend nebeneinander hergegangen waren, ihren Arm in den seinen legend: »Wie befindest du dich, meine Tochter?« »Ich danke, Vater, gut, weshalb?« erwiderte Fräulein Helene, etwas überrascht über diese plötzliche Frage. »Ich dächte, du sähest etwas blaß aus.« »Das kommt nur von der ungünstigen Beleuchtung hier unter den grünen Bäumen«, antwortete das junge Mädchen heiter, »ich befinde mich aber wirklich ganz wohl.« »Ich fürchtete immer, der plötzliche Wechsel der Luft, der Lebensweise, des Umgangs würde dir schädlich sein. Du bist zu lange vom Hause fortgewesen.« »Das ist nicht meine Schuld, lieber Vater.« »Ich weiß es wohl, ich weiß es wohl; aber meine Schuld ist es auch nicht; ich habe stets der Abkürzung der Pensionszeit das Wort geredet, aber – »Nun, ich bin ja endlich hier, und wir wollen das Versäumte möglichst nachholen. Wir wollen recht viel zusammen spazierengehen; ich will dir aus deinen Lieblingsbüchern vorlesen; es soll ein reizendes, stillvergnügtes Leben werden.« Und das junge Mädchen nahm die Hand ihres Vaters und führte sie an ihre Lippen. »Du bist ein gutes, liebes Kind«, sagte der Baron, und seine Stimme zitterte etwas, »gebe Gott, daß ich mich deiner noch recht lange zu erfreuen habe.« »Aber, bester Vater, schon wieder solche hypochondrische Gedanken! Du bist ja jetzt, Gott sei Dank, wieder so rüstig wie immer. Weshalb sollten wir nicht noch lange glücklich zusammenleben!« »Aber wenn du uns verließest.« »Ich sterbe fürs erste noch nicht, deshalb sei nur ganz unbesorgt«, sagte Fräulein Helene lachend. »Das wollte auch Gott verhüten! Aber Eltern und Kinder werden ja nicht bloß durch den Tod getrennt! Wenn du nun heiratest, so müssen wir uns doch darauf gefaßt machen, dich abermals zu verlieren, nachdem wir dich kaum wiedergewonnen haben.« »Aber, Papa, du sprichst ja gerade, als ob ich womöglich morgen schon heiraten soll! Ich denke gar nicht daran. Auch die Mutter fing gestern davon an. Wollt ihr mich denn wirklich so gerne wieder fort haben?« »So, so, also deine Mutter hat schon mit dir gesprochen, hm, hm!« sagte der alte Baron, der natürlich nicht anders dachte, als daß die Baronin mit dem längst besprochenen und vorbereiteten Plan endlich hervorgetreten sei, und der die Zeit, den Tag vor Felix' Ankunft, auch ganz passend gewählt fand. »So, so! hm, hm! Nun, und wie gefällt dir denn dein Cousin?« »Wer? Felix?« fragte Helene, die für den Augenblick in ihrer Unbefangenheit den Zusammenhang dieser Frage mit dem Vorhergehenden nicht einmal ahnte. »Ja.« »Er kommt mir vor wie der Champagner, den wir heute mittag tranken. Die ersten Tropfen schmeckten recht gut, als ich das Glas eine Weile hatte stehenlassen, fand ich den Wein sehr fade und abgeschmackt. – Aber ihr habt mich doch nicht etwa für Cousin Felix bestimmt?« fragte Fräulein Helene, der dieser Gedanke jetzt erst durch den Kopf schoß, mit großer Lebhaftigkeit. »Bewahre, das heißt, ganz wie du willst; ich will sagen, es wird deinem Willen in dieser Hinsicht nie ein Zwang auferlegt werden«, erwiderte der alte Baron, der weder die Wahrheit sagen durfte noch lügen wollte, mit ziemlicher Verwirrung. Helene antwortete nicht, aber der angeregte Gedanke arbeitete in ihrem lebhaften Geiste weiter. Sie verglich das gestrige Gespräch, das sie auf ihrem Zimmer mit ihrer Mutter gehabt hatte, mit dem soeben geführten. Es bedurfte nicht einmal eines so scharfsinnigen Kopfes, als der ihre war, um den Zusammenhang zwischen diesen beiden Unterredungen und den Sinn der hingeworfenen Andeutungen zu entdecken. Ihr stolzes Gemüt empörte sich, wenn sie dachte, daß man, ohne sie zu fragen, ohne ihre Meinung einzuholen, im voraus über ihr Schicksal entschieden und ihre Hand versprochen habe; daß dieser Felix, vor dem ihr reines, keusches Herz sie instinktiv warnte, vielleicht schon in diesem Augenblick sie als die Seine betrachtete! Diese Gedanken nahmen sie so ganz in Anspruch, daß sie nicht einmal in das bewundernde: Ah, wie schön, wie herrlich! einzustimmen vermochte, in das die übrige Gesellschaft ausbrach, als man einige Minuten später aus dem Walde auf den Rand des hohen Ufers hinaustrat. Die Sonne war soeben in das Meer gesunken und schien die in allen Schattierungen von Rot und Gold prangenden Wolken in einem Strudel hinter sich herzuziehen. Von dem Punkte, wo sie untergegangen war, schossen lichte Streifen durch die Wolken nach allen Seiten bis hoch hinauf in den durchsichtigen blauen Himmel. Die See war nach dem Horizonte hin ein Feuermeer, und auf einzelnen höheren Wellen zitterten die goldenen Funken bis zum Strand herüber. Das hohe vielfach zerklüftete Kreideufer und der Buchwald, der es krönte, waren von dem roten Abendschein wie von einer bengalischen Flamme angestrahlt. Ringsumher tiefe feierliche Stille, nur unterbrochen von dem dumpfen Rauschen der Wogen unten auf den Kieseln des Strandes und dann und wann von dem grellen Schrei einer Möwe, die über den erregten Wassern flatterte. Die Gesellschaft stand gruppenweise da, verloren in Betrachtung des herrlichen Schauspiels, das mit jedem Augenblicke wechselte. Oswald, dem die ewigen Ausrufe der Bewunderung, an denen sich besonders die Baronin und Felix überboten, nachgerade langweilig wurden, hatte sich etwas von den übrigen entfernt und sich auf die bloßliegende Wurzel einer mächtigen Buche gesetzt. »Haben Sie noch einen Platz für mich?« fragte Helene, die ihm gefolgt war. »Ich räume Ihnen gern den meinigen ein,« sagte Oswald aufstehend. »Nur für einen Augenblick; ich weiß nicht, der Spaziergang hat mich außerordentlich müde gemacht.« »Sie sind heute morgen vielleicht zu lange im Garten gewesen.« »Nein, aber à propos, wie kommt es, daß ich Sie heute und auch schon gestern nicht gesehen habe?« »Bloßer Zufall.« »Das freut mich.« »Weshalb?« »Ich fürchtete, aufrichtig gestanden, ich hätte Sie aus dem Garten vertrieben; ich dachte, dies ewige Sichbegegnen mit derselben bewußten Person wäre Ihnen unleidlich geworden.« »Sie denken in der Tat äußerst bescheiden von der bewußten Person.« »Nein, spotten Sie nicht; ich dachte es im Ernst – ja und noch mehr: Sie sind seit vorgestern abend sehr still und, wie mir vorkam, besonders kurz gegen mich. Sie haben mir auch gestern meine Literaturstunde, auf die ich mich so sehr freute, nicht gegeben. Bin ich vielleicht unwissentlich die Veranlassung –« »Wie meinen Sie?« »Nun, ich rede manchmal, was vielleicht hart und anmaßend klingt, wenigstens ist mir dieser Vorwurf oft gemacht worden; aber ich meine es wirklich nicht so –« Und Helene blickte mit ihren großen dunkeln Augen freundlich zu Oswald empor, der in Bewunderung ihrer Schönheit und in Erstaunen über diese plötzliche und unerklärliche Milde und Teilnahme verloren, vor ihr stand. »Was sehen Sie mich so seltsam an?« »Daß sich so viel Güte hinter so viel Stolz verstecken kann!« »Ist es denn die Welt wert, daß wir ihr unser Herz zeigen?« »Eine sonderbare Frage in dem Munde eines so jungen Mädchens.« »Freilich, wir dürfen ja über nichts nachdenken. Wir sind, wenn's hoch kommt, hübsche Puppen, mit denen man spielt und die man an den ersten besten verschenkt, der merken läßt, daß er uns gern haben möchte.« »Cousine«, rief Felix, »wir wollen zum Strande hinabgehen; wollen Sie mit?« »Nein!« sagte Helene, ohne sich nach dem Sprechenden umzuwenden. »Es ist eine reizende Partie«, rief Felix. »Möglich«, erwiderte das junge Mädchen kurz, ohne ihre Stellung zu verändern. Felix kam zu dem Platze, auf dem sich Oswald und Helene befanden, herüber und sagte. »Aber, Helene, Sie werden doch diese erste Bitte, die ich an Sie richte, nicht abschlagen?« »Weshalb nicht?« erwiderte diese, und der Ton ihrer Stimme klang eigentümlich scharf und bitter. »Ich kann das Bitten und die Bittenden nicht leiden, das können Sie nicht früh genug lernen.« »Haben Sie sich den Fuß vertreten, teuerste Cousine?« »Weshalb?« »Weil Sie so unbeweglich sitzen und in so schauderhafter Laune sind«, erwiderte Felix lachend und ging ohne ein Zeichen, daß ihn das Benehmen Helenens irgend verletzt habe, zu den übrigen. »Wollen Sie sich nicht der Gesellschaft anschließen, Herr Doktor?« fragte Helene, auf deren Wangen noch die Erregung der letzten kleinen Szene brannte, als jetzt die andern den ziemlich steilen Weg, der zum Strand führte, hinabzusteigen begannen. »Sie wünschen allein zu sein?« »Nicht doch; im Gegenteil, ich freue mich, wenn Sie hierbleiben wollen. Nach der geistreichen Unterhaltung von heute mittag und heute abend fühlt man das Bedürfnis, endlich einmal ein verständiges Wort zu sprechen. Sie haben mir noch immer nicht gesagt, ob ich Ihnen, ohne es zu wissen und zu wollen, durch irgendeine unvorsichtige Bemerkung vielleicht, weh getan habe?« »Nein, durchaus nicht. Ich habe vorgestern abend eine Nachricht erhalten, die mich sehr betrübt. Erinnern Sie sich des Professor Berger von Ihrer Badereise nach Ostende vor drei Jahren?« »Ei gewiß! Wie könnte man den vergessen! Mir ist, als ob ich ihn gestern gesehen hätte, so deutlich steht er vor mir mit seinen geistvollen Augen unter den buschigen Brauen und stets mit einem Bonmot auf den Lippen. Was ist mit ihm? Er ist doch nicht gar tot?« »Nein, schlimmer als das – er ist wahnsinnig geworden.« »Um Gottes willen! Der Professor Berger – dieses Bild der Klarheit und Geisteshoheit! Wie ist das möglich? Wissen es die Eltern schon?« »Nein, und bitte, sagen Sie auch nichts; ich könnte es jetzt nicht ertragen, daß darüber gesprochen würde.« »Sie hatten den Professor wohl recht lieb?« »Er war mein bester, vielleicht mein einziger Freund.« »Wie beklage ich Sie«, sagte Helene, und auf ihrem schönen Antlitz war die Teilnahme, die sie empfand, deutlich zu lesen, »ein solcher Verlust muß fürchterlich sein. Und Sie stehen hier ganz allein mit Ihrem Kummer, und keiner nimmt teil an Ihrem Schmerz.« »Ich bin das von jeher gewohnt gewesen.« »Haben Sie denn keine Eltern, keine Geschwister, Verwandte?« »Meine Mutter starb, als ich noch ein Kind war; mein Vater vor mehreren Jahren; Geschwister habe ich nie gehabt; Verwandte, wenn ich welche habe, nie gekannt.« Helene schwieg und zeichnete mit der Spitze ihres Sonnenschirms Linien in den Sand. Plötzlich hob sie den Kopf und sagte in einem Ton, der halb wie eine Klage und halb wie eine Herausforderung klang: »Wissen Sie, daß man Eltern und Geschwister und Verwandte haben und doch recht allein sein und sich recht einsam fühlen kann? Und Sie haben es doch immer gut; Sie sind ein Mann; Sie können für sich selbst handeln, während –« Das junge Mädchen brach ab, als fürchtete sie, sich von ihren Empfindungen zu weit hinreißen zu lassen. Sie stand auf und trat einige Schritte von Oswald weg dicht an den Rand des steilen Ufers. – Es war ein wundersam schönes Bild, diese stolze, schlanke Gestalt auf dem lichten Hintergrunde des goldenen Abendhimmels, der ihr herrliches Haupt wie mit einem Glorienschein umgab. Und wie ein Engel des Himmels erschien sie Oswald, in dessen krankes Herz ihre guten, mitleidigen Worte wie milder Regen auf eine welke Blume gefallen waren. Und nun zum ersten Male erinnerte er sich wieder des Gespräches, das er am Tage seiner Zurückkunft von Sassitz mit dem Doktor gehabt hatte. Also wirklich! Dies holde, herrliche Geschöpf sollte auch verkauft werden, wie Melitta verkauft worden war! Sie sagte es selbst! Aus ihrem eigenen Munde hatte er es nur eben gehört: Sie hatte keinen Freund! Sie stand allein da in der Welt! Sie konnte nicht für sich selbst handeln! Und sie hatte noch Mitleid und Trost für ihn, sie, die sie selbst des Mitleids und des Trostes – nein, tätiger Hilfe – so sehr bedurfte! Da gellte von dem Strande, auf dem die übrigen jetzt angekommen waren, ein Schrei empor – und wie Helene, die sich vom Schwindel ganz frei wußte, noch einen Schritt näher an den Rand trat und sich über den Abhang beugte, ein zweiter, noch greller, noch schriller, noch angstvoller. »Um Himmels willen«, rief Helene, »was kann denn da geschehen sein? Mir deucht, es war Brunos Stimme. Lassen Sie uns hinab!« Der Weg zum Strande, der sich im Zickzack an den Kreidefelsen hinwand, war trotz seiner Steilheit im Nu von den jungen Leuten zurückgelegt. Als sie atemlos unten ankamen, sahen sie Bruno ohnmächtig, von Albert gehalten, während die andern ratlos umherstanden. »Holen Sie Wasser, schnell!« sagte Oswald, Albert den Knaben abnehmend und diesem das Halstuch abknöpfend und die Kleider öffnend, woran noch niemand gedacht hatte. »Wie ist denn dies gekommen?« fragte Helene, die kalten Hände Brunos in ihre Hände nehmend und angstvoll in sein schönes blasses Gesicht starrend. »Es weiß es niemand von uns«, sagte die Baronin. »Es wird ein Anfall von Schwindel sein«, meinte Felix. Unterdessen hatte Oswald von dem Wasser, das Albert – in Brunos Hut – gebracht hatte, des Knaben Stirn und Schläfen und Brust reichlich benetzt. Helene erinnerte sich, daß sie ein Fläschchen Eau de Cologne bei sich führe, und half Oswald in seinen Bemühungen. Es gelang ihnen in kurzem, den Ohnmächtigen wieder zu sich zu bringen. Er schlug langsam die großen Augen auf, sein erster Blick fiel auf Helene, die sich über ihn beugte. »Bist du tot, ganz tot?« murmelte er, die Augen wieder schließend. Man glaubte, er habe den Verstand verloren. »Komm zu dir, Bruno!« sagte Helene, den Knaben mit leiser Hand über Stirn und Augen streichelnd. Bruno ergriff diese Hand und drückte sie fest auf seine Augen, durch deren geschlossene Wimpern sich zwei große Tränen drängten. Dann richtete er sich mit Oswalds Hilfe vollends auf. »Mir ist wieder ganz wohl!« sagte er. »Ich bin wohl gar ohnmächtig gewesen? Wie lange habe ich so gelegen?« »Nur ganz kurze Zeit«, sagte Oswald, Brunos Gesicht mit seinem Taschentuche abtrocknend und den Anzug wieder in Ordnung bringend. »Du hast uns einen rechten Schrecken verursacht; was hattest du denn nur?« fragte die Baronin. »Ich weiß es nicht«, antwortete der Knabe, dessen blasse Wangen plötzlich hohe Purpurglut bedeckte, »es kam so plötzlich. Danke, danke, ich glaube, ich kann jetzt mit Herrn Steins Hilfe ganz gut weiterkommen.« »Wir wollen wieder umkehren«, sagte die Baronin. »Daß einem doch jedes, auch das bescheidenste Vergnügen durch irgendeinen Unfall verleidet wird!« Man stieg langsam das Ufer wieder hinauf und trat, ziemlich einsilbig und verstimmt, den Rückweg durch den Wald an. Felix, der sich zu erkälten fürchtete, ermahnte zu größerer Eile; Oswald bemerkte trocken, er wolle die übrige Gesellschaft nicht aufhalten, man möge ihm indessen erlauben, mit Bruno langsam zu folgen. Helene erklärte, daß sie bei Bruno bleiben würde; der alte Baron, der bei dem ganzen Vorfall eine große, wenn auch tatlose Teilnahme an den Tag gelegt hatte, schlug vor, die Gesellschaft sollte sich in einen Vortrab und einen Nachtrab teilen, er selbst wolle bei dem letzteren bleiben. »Du wirst dir den Schnupfen holen, lieber Grenwitz«, sagte die Baronin, »ich dächte, du kämest mit uns.« »Nein, ich werde bei den anderen bleiben«, sagte der alte Baron mit einer Bestimmtheit, die alle überraschte. Er gab seiner Tochter den Arm, blieb aber in der Nähe Oswalds und Brunos, eine harmlose Unterhaltung, wie er sie liebte, mit ihnen führend und sich von Zeit zu Zeit nach des Patienten Befinden erkundigend. »Ich befinde mich wohl, ganz wohl«, versicherte dieser ein Mal über das andere; doch fühlte Oswald, daß er sich fest auf seinen Arm stützte und daß seine Hände kalt waren. Sie kamen, lange nach den anderen, auf dem Schlosse an. Der alte Baron wünschte gute Besserung, als Oswald sich sofort mit Bruno auf dessen Zimmer begab, wo er den Knaben sich sogleich zu Bett legen ließ. »Du bist kränker, Bruno, als du zugeben willst«, sagte er, sich zu ihm aufs Bett setzend, »nicht wahr, du hast deine alten Schmerzen?« »Ja«, sagte Bruno, dessen Zähne zusammenschlugen, und auf dessen Stirn der kalte Schweiß stand. Oswald beeilte sich, die alten Hausmittel, wie jenes erste Mal, herbeizuschaffen; und es gelang seinen Bemühungen auch jetzt, das Übel zu beheben, wenigstens die Schmerzen in kurzer Zeit zu lindern. »Wirst du auch mir nicht sagen, Bruno, was dich so bewegt hat?« fragte Oswald da. »Doch«, sagte der Knabe, »ich wollte es nur nicht in der anderen Gegenwart, weil ich ihr albernes Gelächter schon im voraus hörte. Ich war etwas zurückgeblieben und durch einen Vorsprung des Ufers von ihnen getrennt. Ich dachte immer, ihr würdet nachkommen, und deshalb ging ich so langsam und blickte oft nach oben. Da sah ich plötzlich Helene ganz nahe an den Rand des Ufers treten, das an dieser Stelle wohl hundert Fuß und darüber lotrecht hinabfällt. Ich schrie laut auf in entsetzlicher Angst, da trat sie noch näher – bog sich sogar herüber – und da wurde es mir schwarz vor den Augen – nun und das übrige weißt du ja. Aber ich höre Malte kommen. Gute Nacht, Oswald.« »Gute Nacht, du Wilder!« Oswald küßte seinen Liebling auf die Stirn und ging nachdenklich auf sein Zimmer. Er lehnte sich in das offene Fenster und schaute lange, in Sinnen und Brüten verloren, in den Garten hinab. Die Nacht war finster, nur hier und da schimmerte ein Stern auf Augenblicke durch den Wolkendunst. Manchmal rauschten die Bäume lauter auf, als sprächen sie ängstlich in einem wirren, unruhigen Schlaf; der Brunnen der Najade plätscherte dazwischen, leise und abgebrochen. Dein Leben gleicht dieser Nacht, sprach Oswald bei sich, hier und da ein Stern, der so bald wieder verschwunden ist, und sonst alles chaotisches Dunkel. Du hast recht, guter Berger: Unser Leben ist ein hohles Nichts, und wer nur überhaupt einen Verstand zu verlieren hat, muß ihn darüber verlieren. Wolltest du, daß dir dein Schüler so bald als möglich nachfolgen könnte, als du mich hierher schicktest? Da bist du nun an demselben Orte, wo Melitta ist und auch Oldenburg. Vielleicht siehst du sie, wenn sie Arm in Arm an deiner Zelle vorübergehen; vielleicht kommt dir bei der Gelegenheit der Verstand wieder, den andere Leute bei dem Anblick verlieren würden. Ich könnte ja auch eine kleine Reise nach Fichtenau machen, meine guten Freunde zu besuchen; wer weiß? Vielleicht gefällt mir der Ort so sehr, daß ich gleich da bleibe. »Wie geht es Bruno?« tönte eine Stimme aus dem Garten herauf. Es war Helenes Stimme. Oswald sah ihr helles Gewand durch das Dunkel heraufschimmern. »Ich danke, gut!« antwortete er hinab. »Schlafen Sie wohl!« Und das helle Gewand verschwand in den Büschen. »Nein, das Leben ist mehr als ein hohles Nichts«, murmelte Oswald, indem er das Fenster schloß, »hätte Berger dieses Mädchen gesehen, er hätte wieder an das Leben geglaubt. Und doch! Er hat sie ja gesehen, gesehen und bewundert und besungen und ist doch wahnsinnig geworden! Öde alles und dunkel und gespenstisch und in dem öden gespenstischen Dunkel eine holde, freundliche Stimme, die uns schlafen gehen heißt.« Sechsundvierzigstes Kapitel Eine Zeit fieberhafter Spannung war für die vor kurzem noch so stille Gesellschaft auf Schloß Grenwitz hereingebrochen. Brunos plötzlicher Unfall, von dem er sich übrigens schon am nächsten Tage erholte, hätte für den Scharfsichtigeren ein Symptom von dem sein können, was da alles unter der glatten Hülle geselliger Höflichkeit und peinlich genau beobachteter Formen in der Tiefe gärte und kochte: geheime Liebe und tief versteckter Haß! Feindschaften unter der Maske trefflichsten Einvernehmens und guter Kameradschaft! Herzliche Sympathien, die sich unter dem Anschein von Gleichgültigkeit, ja Abneigung verbargen! Selbst die Physiognomie des äußeren Lebens war verändert. Die tiefe, fast beängstigende Stille, die sonst in dem weiten Raume herrschte, den der Schloßwall einschloß, wurde jetzt gar vielfach gestört. Baron Felix mochte es sich nicht versagen, wenigstens einer oder der andern seiner gewohnten Beschäftigungen in der Einsamkeit von Schloß Grenwitz nachzuhängen. Am Tage nach seiner Ankunft waren seine beiden schönen Reitpferde glücklich angelangt, und so konnten bei den weiteren Ausflügen wenigstens zwei der Herren beritten gemacht werden. In einem entlegeneren Teile des Gartens war unter seiner Leitung ein kleiner Schießstand hergerichtet worden, und in den späteren Nachmittagsstunden ertönte jetzt sehr oft (zu der Baronin geheimem Entsetzen) der kurze, scharfe Knall gezogener Pistolen bis in die geheiligte Stille der nach dem Garten gelegenen Wohngemächer. Oswald, Albert und selbst Bruno waren in keinem Augenblick vor Felix sicher, der fortwährend auf der Jagd nach einem Gefährten zu dieser oder jener Unternehmung war, und stets so lange bat und quälte, bis man sich wohl oder übel seinen Wünschen fügte. Mit der Änderung seines Lebens, über die er mit der Baronin so viel korrespondiert hatte, war es ihm keineswegs Ernst. Das Garnisonsleben war ihm langweilig geworden; die Schar der Gläubiger immer dringender und seine Situation derart, daß, als er betreffenden Orts um längeren Urlaub einkam, man ihm zu verstehen gab, er täte, wenn seine Gesundheit wirklich so angegriffen sei, vielleicht besser, sogleich seinen Abschied zu nehmen. Gerade in dieser kritischen Zeit machte ihm die Baronin von Grenwitz ihre Anerbietung betreffs Helenes. Felix, der hier einen Ausweg fand, an den er noch gar nicht gedacht hatte – denn Anna-Marias Gemütlosigkeit in Geldangelegenheiten war ihm aus Erfahrung bekannt – griff mit beiden Händen zu, obgleich eine Heirat nicht eben nach seinem Geschmacke war. Indessen war er bereit, sich auf jeden Fall auch in diese Bedingung zu fügen. Wie angenehm war er deshalb überrascht, als ihm in seiner Cousine, die er bis dahin nicht gekannt hatte, ein Wesen entgegentrat, schöner, anmutiger als irgendeine der Damen, die er bisher mit seiner Neigung beehrt hatte – ein Wesen, das, die Seine zu nennen, den Stolzesten der Stolzen entzückt haben würde. So waren denn nicht zwei Tage vergangen, als Felix für seine schöne Cousine in seinem Herzen eine Leidenschaft fühlte, die freilich, genau betrachtet, bloße Eitelkeit war, ihm selbst aber wie ein Wunder vorkam; und so konnte er denn nicht müde werden, die Baronin von seiner Liebe zu unterhalten und sich auch gegen die übrigen, besonders Oswald, über die Herrlichkeit eines auf das Höchste gerichteten Strebens auszulassen. Er zweifelte nicht einen Augenblick daran, daß seine Leidenschaft erwidert werde. Hatte er nicht bis jetzt noch überall reüssiert? War sein Glück bei den Frauen nicht sprichwörtlich selbst unter den Kameraden, von denen sich doch so ziemlich jeder einzelne für einen Paris oder Adonis hielt? Und hatte er nicht schon so oft erfahren, daß sich die Liebe hinter dem Anschein der Gleichgültigkeit, ja der Abneigung verbirgt? Freilich trieb seine schöne Cousine die Komödie ziemlich weit; freilich behandelte sie ihn mit einer Kälte, einer Geringschätzung, die manchmal geradezu beleidigend war – aber er ließ sich dadurch in dem felsenfesten Glauben an seine unwiderstehliche Liebenswürdigkeit nicht beirren und verspottete die Baronin, wenn diese ihn wieder und wieder zur Vorsicht ermahnte. Denn Anna-Maria sah, da keine persönliche Eitelkeit die Klarheit ihres Blickes trübte, in dieser Angelegenheit viel schärfer als Felix. Sie, die an sich selbst die Energie des Charakters so hoch schätzte, mußte im stillen die konsequente Gleichmäßigkeit in Helenens Betragen, die bescheidene Festigkeit, mit der sie ihre Ansichten aussprach und behauptete, bewundern. Es war ein Etwas in der stolzen Schönheit ihrer Tochter, wovor sie sich unwillkürlich beugte. Helene war nach jenem Abend am Strande womöglich noch stiller und zurückhaltender geworden. Sie flüchtete, wenn sie irgend konnte, in die Einsamkeit ihres Zimmers. War sie in der Gesellschaft, schloß sie sich am liebsten an ihren Vater an, oder suchte es auf den Spaziergängen so einzurichten, daß Bruno ihr Begleiter war. Sie hatte stets einen kleinen Dienst für ihn: Bald mußte er ihr den Hut, bald die Mantille tragen; bald hatte er ihr eine Blume zu pflücken, die auf der andern Seite des Grabens wuchs; bald ihr an einer steileren Stelle des Ufers die Hand zu reichen. Bruno unterzog sich dem Dienste mit einem milden Ernst, der freilich den Spott des Baron Felix zuweilen herausforderte, für jeden aber, der sich für den Knaben interessierte und die wilde Unbändigkeit seiner Natur kannte, etwas unendlich Rührendes hatte. Sein Wesen schien wie umgewandelt, sobald Helenes Blick auf ihm ruhte. Er war dann sanft und freundlich, dienstfertig und zuvorkommend; ein Wort von ihr, ein Wink nur ihrer langen, dunklen Wimpern genügte, ihn, wenn er sich ja einmal von seiner alten Heftigkeit hinreißen ließ, sofort zu besänftigen. Diese Heftigkeit machte sich vor allem gegen Felix Luft, gegen den er einen Haß und eine Verachtung empfand, die er sich kaum zu verbergen bemühte. Stets hatte er ein höhnisches, bitteres Wort für ihn in Bereitschaft; die mancherlei kleinen Blößen, die jener sich in seiner maßlosen Eitelkeit der Gesellschaft gegenüber gab, fanden in Bruno einen unerbittlichen, grausamen Verfolger, der um so lästiger war, als seine Jugend ihn nicht als ebenbürtigen Gegner erscheinen ließ, gegen den man nicht mit anderen Waffen kämpfen konnte als höchstens mit einem von oben herab geführten Hiebe, der meistens ganz vortrefflich pariert wurde. Felix selbst empfand dies einigermaßen, und wenn ihm der Knabe auch nicht gefährlich erschien, so war er ihm doch im hohen Grade unbequem. Wo Helene war, da war auch Bruno, und traf es sich ja einmal auf den Spaziergängen, daß sie allein zurückgeblieben war, und war Felix eben im besten Zuge, von der Liebe im allgemeinen – denn weiter war er noch nicht gekommen – zu sprechen, so gesellte sich wie auf Verabredung Bruno zu ihnen, und Felix, der von Botanik und Mineralogie nicht das mindeste verstand, blieb nichts übrig, als die beiden ihren naturwissenschaftlichen Bestrebungen zu überlassen. Wie würde er sich gewundert haben, wenn er gehört hätte, daß diese Verhandlungen abgebrochen wurden, sobald er aus dem Gehörkreise war; daß Bruno, die Blume, über die sie soeben gesprochen hatten, zerraufend, durch die Zähne sagte: »Sieh, Helene, so zerreißest du mein Herz, wenn du schwach genug bist, diesen Felix zu lieben!« – »Das alte Lied, Bruno?« – »Ja, das alte Lied; und ich will dir es singen, solange ich noch Atem in der Brust habe: Meinst du, ich weiß nicht, was es bedeutet, wenn Tante und Felix die Köpfe zusammenstecken sind von Zeit zu Zeit verstohlen auf dich blicken? Oh, mein Auge ist scharf, und mein Ohr ist es nicht minder. Gestern, als ich an ihnen vorüberstrich, meinte der saubere Herr: Sie wird schon zur Vernunft kommen! Sie – das bist du: und zur Vernunft kommen, heißt: sie wird ihren Stolz so weit vergessen, und einen solchen jämmerlichen eitlen Pfau, wie ich bin, heiraten.« – »Aber wie kommst du nur auf diese Gedanken, Bruno?« – »Nun, ich dächte, sie lägen nahe genug; und dir gehen sie auch durch den Kopf, oder weshalb blicktest du oft so in dich versunken vor dich hin und dann plötzlich zu Felix oder zu Oswald hinüber, als ob du sie miteinander verglichest. Ja, vergleiche sie nur immer! Du wirst dann den Unterschied entdecken zwischen einem Manne und – einem Affen.« – »Du hast wohl Herrn Stein sehr lieb, Bruno? Ist er denn immer so still und traurig, wie jetzt?« – »Bewahre, er kann so ausgelassen sein wie ein Füllen, ich weiß nicht, was ihm fehlt, oder ich weiß es wohl, aber –« »Aber?« – »Aber ich darf es nicht sagen; oder ja, dir darf ich es sagen, denn du bist nicht wie die anderen Menschen. Mir ist immer, als müßtest du mir ins Herz sehen dürfen, wie sie sagen, daß uns Gott ins Herz sieht.« – »Bruno, ich will nicht, daß du ein Geheimnis verrätst.« – »Ich verrate nichts, denn Oswald hat mir nie ein Wort gesagt. Ich weiß nur, daß er so still und traurig ist, seitdem Tante Berkow fort ist. Es wurde doch heute mittag darüber gesprochen, wie lange sie wohl noch fortbleiben, ob sie wohl nach Herrn von Berkows Tode wieder heiraten würde, und da sah ich, wie Oswald sich entfärbte und während des ganzen Gespräches die Augen nicht von seinem Teller hob. Und dann, als Felix meinte, daß Baron Oldenburg, der ja auch, wie er ganz zufällig durch einen Freund erfahren, nach Fichtenau gereist sei, vielleicht darüber nähere Auskunft geben könnte, hob er schnell, mit einem zornigen Blick zu Felix hinüber, den Kopf und öffnete den Mund, als ob er etwas sagen wollte; aber er sagte nichts und biß sich in die Lippen; und heute abend ist er noch ganz besonders verstimmt.« – »Und das alles heißt?« – »Das alles heißt, daß Oswald Tante Berkow sehr lieb hat und daß er nicht mag, wenn über sie gesprochen wird; ebensowenig wie ich es mag, wenn Tante und Felix über dich sprechen.« – »Ach, du weißt ja nicht, was du redest.« – »Natürlich, das ist immer das Ende vom Liede; ich weiß nichts; ich bin ein dummer Junge; heisa, heisa, hopsasa! Ich habe keine Ohren zu hören, keine Augen, zu sehen? Warum? Weil ich erst sechzehn Jahre alt bin und mein Bart noch einiges zu wünschen übrigläßt.« Ob Helene über diese Mitteilung im stillen nicht doch eine Art von Enttäuschung empfand, ob sie die Melancholie in Oswalds großen blauen Augen nicht doch anders erklärt hatte – darüber hätte sie selbst keine Rechenschaft zu geben vermocht; auf jeden Fall aber wurde das Interesse, das sie seit dem Abend am Strande für Oswald zu empfinden begonnen, bedeutend erhöht. Sie fing an, ihn genauer als vorher zu beobachten; sie war aufmerksam auf jedes seiner Worte; sie sang und spielte vorzugsweise gern die Lieder und Musikstücke, die seinen Beifall hatten; sie freute sich, als er wieder wie früher des Morgens in den Garten kam, und empfand es mit einiger Genugtuung, daß der jetzt so Schweigsame bei diesen Gelegenheiten stets gute freundliche Worte für sie hatte und auf jedes von ihr angegebene Thema, bald ernst, bald launig, immer aber mit dem herzlichen Ton eines älteren Bruders einging, der einer lieben Schwester gern von seinem reicheren Wissen mitteilt. Und wenn das stolze, für alles Schöne und Edle tief empfängliche Herz des jungen Mädchens sich dem Zauber von Oswalds Persönlichkeit nicht zu entziehen vermochte, so war es auf der andern Seite Opposition gegen die ihr immer deutlicher werdenden Pläne ihrer Mutter, was sie gerade jetzt an einem Manne, über welchen ihr aristokratisches Auge doch sonst wohl weggeblickt hätte, ein höheres Interesse nehmen ließ. Die verschiedenartigsten Empfindungen bekämpften sich in ihrem Herzen, wie oft an einem tiefblauen Sommerhimmel leichte graue Wolken durcheinander treiben und fließen, bis der Sturm in seiner Vollgewalt hereinbricht. Siebenundvierzigstes Kapitel Die Baronin hatte dem von Felix geäußerten Rat, sich an dem geselligen Leben des Adels der Umgegend lebhafter zu beteiligen, nach reiflicher Überlegung folgen zu müssen geglaubt, und es dauerte nicht lange, als fast kein Tag verging, an dem nicht die Familie entweder in die Nachbarschaft gebeten war, oder, was noch häufiger geschah, selbst Besuch zu empfangen hatte. Man schien entzückt, daß Schloß Grenwitz, früher wegen seiner Gastlichkeit mit Recht weit und breit berühmt, wieder der Vereinigungspunkt der geschäftigen Müßiggänger werden sollte: man billigte höchlichst Anna-Marias Entschluß, das klösterlich stille Leben mit einem neuen glänzenderen und einer so alten ruhmreichen Familie würdigeren zu vertauschen; man sagte ihr so viele Schmeicheleien über ihre Unterhaltungsgabe, über ihr Talent, große Gesellschaften zu arrangieren, daß sie die Kosten, die diese ihr ganz ungewohnte Gastfreundschaft veranlaßte, vor ihrem eigenen Gewissen durch die unumgängliche Notwendigkeit der Maßregel, so gut es gehen wollte, zu entschuldigen suchte. Oswald hatte auf diese Weise schon mehrere der ihm vom Balle in Barnewitz her bekannten Gesichter wiedergesehen; aber noch keines von denen, die ihm ein vorzüglicheres Interesse abgewonnen hatten. Es war ein eigentümlicher Zufall, daß an einem Nachmittage, teils gebeten, teils ungebeten, sich beinahe alle zusammenfanden, die damals für ihn mehr oder weniger merkwürdig geworden waren. Mit sehr verschiedenen Empfindungen sah er nach und nach Barnewitz mit seiner Gemahlin Hortense, Cloten, den Grafen Grieben und andere eintreten und sein Interesse wurde geradezu ein peinliches, als zuletzt ganz unerwartet noch ein Wagen vorfuhr, aus dem Adolf und Emilie von Breesen und die Tante Breesen stiegen, deren zahnlosen Mund und spitze Zunge er noch sehr wohl in Andenken hatte. »Hierher, mein feiner, junger Herr!« rief die alte Dame, als sie nach den ersten Begrüßungen ihn erblickte. »Warum sind Sie nicht uns zu besuchen gekommen, wie Sie versprochen hatten? Habe ich Sie deshalb meinem ungeratenen Neffen als das Muster eines wohlerzogenen jungen Mannes, der da weiß, was er alten Damen schuldig ist, vorgestellt? Habe ich deshalb Ihre Aussprache des Französischen meiner naseweisen Nichte als mustergültig gerühmt! Schämen Sie sich! Ich beehre Sie mit meiner Ungnade!« »Ich verdiene diese durchaus nicht, gnädige Frau!« sagte Oswald. »Ich konnte nicht kommen, wie ich wollte, und gesetzt, ich hätte wirklich eine Unterlassungssünde begangen, so bin ich doch wahrlich, auch ohne Ihre Ungnade schwer genug gestraft.« »Ja, ja – schöne Redensarten, daran fehlt es Ihnen nicht. Sind Sie auch im Herzen nicht weniger unartig wie die andern jungen Leute, so sind Sie doch manierlicher, und schon deshalb muß ich Ihnen verzeihen. Hier haben Sie meine Hand; und nun sehen Sie zu, wie Sie mit meiner Nichte fertig werden, ohne daß sie Ihnen die hübschen Augen auskratzt.« Damit wandte die alte lebhafte Dame Oswald den Rücken und ließ ihn allein mit der hübschen Emilie, die, ohne die Augen von dem Boden zu erheben, mit leicht geröteten Wangen und unruhig wogendem Busen vor ihm stand. Oswald war fest entschlossen, das kindische und doch gefährliche Spiel mit dem leidenschaftlichen Mädchen nicht wieder zu beginnen. Er wünschte und hoffte, daß sie selbst zur Besinnung gekommen sei, und er sah es deshalb nicht ungern, als Fräulein Emilie einige gleichgültige Worte, die er an sie richtete, scheinbar unbefangen beantwortete und sich sodann zu einer Gruppe junger Mädchen gesellte, die sich um Helene geschart hatte, den modischen Schnitt eines weißen Kleides zu bewundern, das sie heute zum ersten Mal trug. Auch seine Begegnung mit Herrn von Cloten war weniger unerquicklich, als er nach ihrem letzten unverhofften Zusammentreffen auf Oldenburgs Solitüde erwarten konnte. Der junge Edelmann tat sehr erfreut, ihn nach so langer Zeit wiederzusehen, erkundigte sich angelegentlich nach Oldenburg, erinnerte an das Pistolenschießen in Barnewitz und fragte, ob Oswald ihm heute Revanche geben wollte. Oswald war einigermaßen gespannt, zu sehen, wie sich Cloten und Barnewitz gegeneinander benehmen würden. Zu seiner nicht geringen Verwunderung schien zwischen diesen beiden Herren das vollkommenste Einvernehmen zu herrschen. Oldenburg hatte sich in dieser Angelegenheit als ein ausgezeichneter Diplomat bewiesen. Er hatte jedem der beiden eingeredet, daß der andere nach seinem Blute lechze, und so die beiden Männer, die, nicht ohne alle Ursache, das Leben, das sie führten, viel zu behaglich fanden, um ohne gewichtige Veranlassung daraus zu scheiden, für seine Vermittlungsvorschläge geneigt gemacht. Herrn von Barnewitz hatte er Clotens Liebeshandel mit Hortense als eine ganz unschuldige Tändelei dargestellt und geschworen, wie er überzeugt sei, daß dieser junge Mann mit jener Dame zu keiner Zeit in einem intimeren Verhältnis gestanden habe als viele andere Bekannte, zum Beispiel er selbst. Dem jungen ländlichen Don Juan dagegen hatte er den Rat gegeben, in Barnewitz' Gegenwart ein paarmal ungezogen gegen Hortense zu sein, und vor allem sich irgendeine der Damen ihres Zirkels auszuwählen, um ihr möglichst auffallend den Hof zu machen. Cloten, äußerst froh, sich so leichten Kaufs aus dem fatalen Handel zu ziehen, hatte Oldenburgs Rat pünktlich befolgt und von Stund an begonnen, Fräulein von Breesen in seiner läppischen Weise zu huldigen. Er war indessen bisher in seinen Bemühungen sehr wenig glücklich gewesen, hatte im Gegenteil viel Spott und Hohn aus dem Munde des übermütigen Mädchens über sich ergehen lassen müssen. Seine Liebesversicherungen wurden mit ironischen Bemerkungen zurückgewiesen und seine Ritterdienste mit einer Gleichgültigkeit entgegengenommen, die ihn zur Verzweiflung gebracht haben würden, wenn es ihm wirklich Ernst gewesen wäre. Und es war ihm, wie es in solchen Dingen zu gehen pflegt, nach und nach wirklich Ernst mit der anfänglich so leichtsinnigen Tändelei geworden. Fräulein Emilie war so reizend selbst in ihrem Übermut, so liebenswürdig selbst in ihrer Ungezogenheit, daß der unglückliche Vogelsteller sich von Tag zu Tag tiefer in die Netze, die er selber gelegt hatte, verstrickte und jetzt alles darum gegeben haben würde, ein freundliches Wort aus dem angebeteten Munde zu erhalten. Wie überrascht war er deshalb, wie außer sich vor Entzücken, als ihm Fräulein Emilie, die er kaum noch anzureden wagte, heute mit der größten Freundlichkeit entgegenkam, ihn auf dem Spaziergang, den man durch den Garten machte, zum Begleiter erwählte, ihren Sonnenschirm von ihm tragen, sich Blumen von ihm pflücken, ein im Saale vergessenes Taschentuch von ihm holen ließ, mit einem Worte, scheinbar alles tat, die ihm in den letzten Wochen zugefügten Beleidigungen in einer Stunde wiedergutzumachen. Cloten war überglücklich; seine wasserblauen Augen strahlten; er drehte ohne Aufhören seinen kleinen blonden Schnurrbart und lächelte dumm vergnügt, sooft ihm eine Äußerung, wie: »Nun, Cloten, kann man gratulieren?« oder: »Recht so, Cloten, nur nicht ängstlich!« und ähnliche ins Ohr gezischelt wurden. Oswald wußte nicht, was er von dieser Komödie denken sollte. Im Anfang glaubte er, Emilie wolle ihm nur zeigen: Sieh! Es fehlt mir nicht an Bewunderern. Er konnte nicht annehmen, daß ein so geistvolles und – mochten ihre Fehler sein, welche sie wollten – immerhin liebenswürdiges, und jedenfalls sehr hübsches Mädchen sich ernstlich für einen so faden Menschen wie Cloten, interessieren könnte. Als der Abend aber hereinbrach, die Gesellschaft sich aus dem Garten allmählich in die nach dem Rasenplatz führenden Zimmer zurückzog sind zuletzt nur noch Emilie mit Herrn von Cloten unermüdlich draußen promenierte, mußte er sich wohl der Meinung der Gesellschaft anschließen, daß die Verlobung zwischen Cloten und Fräulein von Breesen nicht mehr lange auf sich warten lassen werde. Es tat ihm leid um das Mädchen, das sich so wegwerfen konnte; dann aber dachte er wieder: Du brauchtest dir wahrlich wegen eines so leichtsinnigen Geschöpfes keine so großen Gewissensbisse zu machen. Sie sind im Grunde eines des andern vollkommen würdig. Ob sich dieser Cloten nicht schämt, vor den Augen der Frau, die er liebte, ein solches Schauspiel aufzuführen? Er wandte sich zu Hortense von Barnewitz, die in einer Fensternische des Saales ganz allein stand. Die hübsche Blondine schien, sehr gegen ihre Gewohnheit – denn sie war eine der gefeiertsten und verwöhntesten Damen – diese Vernachlässigung von seiten der Herren heute gern zu sehen. »Werden Sie heute nicht tanzen, gnädige Frau fragte Oswald. »Soll denn getanzt werden?« antwortete Hortense, wie aus einem Traume erwachend. »Gewiß. Die Baronin läßt das Klavier in den Saal schaffen. Herr Timm hat sich erboten, zu spielen; ich wollte mir erlauben, die gnädige Frau um den ersten Tanz zu bitten, im Fall Sie sich noch nicht versagt haben.« »Ich mich versagt? Bewahre! Die Zeiten sind vorüber, wo ich auf Wochen voraus zu jedem Tanz engagiert war. Ich überlasse das jetzt den Jüngeren.« »Sie belieben zu scherzen.« »Keineswegs. Sie sind der erste, und weil ich fürchte, daß Sie auch der letzte sein werden, will ich lieber gar nicht anfangen, sondern Sie bitten, sich ein wenig zu mir zu setzen und die Zeit, die Sie mit mir vertanzen wollten, in aller Ruhe zu verplaudern. Ist es Ihnen recht?« »Die Frage beantwortet sich selbst«, sagte Oswald, Hortense einen Stuhl herbeiziehend. »Setzen Sie sich auch!« sagte diese. »Ich höre, Herr Doktor, Sie haben ein großes Talent zur Satire; lassen Sie mich eine Probe dieses Talentes hören; an Stoff kann es Ihnen ja nicht fehlen, wenn Sie von unserm Standpunkt aus einen Blick auf die Gesellschaft hier im Saale werfen. Welche von den Damen halten Sie für die hübscheste?« »Sie meinen die am wenigsten häßliche?« »Sie Spötter! Freilich, außer einigen erträglichen Toiletten ist nicht viel Hübsches wahrzunehmen. Wie finden Sie Helene Grenwitz?« »Ich finde sie gar nicht, trotzdem ich sie überall mit den Blicken suche.« »Dort rechts von der Tür. Sie spricht mit ihrem Cousin Felix. Wie steht denn die Angelegenheit? Hat Felix sich noch immer nicht erklärt?« »Jedenfalls nicht gegen mich.« »Das glaube ich gern. Aber glauben Sie, daß er sich erklären wird?« »Nein.« »Weshalb?« »Weil ich die Sache für unerklärlich halte.« »Schwärmen Sie etwa für Fräulein Helene?« »Ganz unendlich.« »Sie interessieren sich überhaupt wohl besonders für junge Mädchen, die eben aus der Pension kommen«' »Nur, wenn sie wirklich interessant sind.« »Nicht immer; oder Sie wollen doch nicht behaupten, daß Emilie Breesen dies Beiwort verdient?« »Ich habe noch nie für Fräulein von Breesen geschwärmt.« »Desto mehr die Kleine für Sie. Lisbeth von Meyen ist die Vertraute von Emiliens Liebeskummer geworden, und Lisbeth hat natürlich die ganze Sache ausgeplaudert.« »Aber das ist ja unmöglich!« »Beruhigen Sie sich nur! Sie sehen ja, das gute Kind hat sich schnell genug wieder getröstet. Heute schwärmt sie für Cloten; ein andermal wird sie für einen andern schwärmen. Die Kleine hat Talent, sie kann es noch weit bringen. Mich dauert nur der arme Cloten.« »Aber weshalb begibt er sich in die Gefahr?« »Freilich, und noch dazu ohne seinen Mentor.« »Wer ist das?« »Baron Oldenburg. Er wird den Rat seines edlen Freundes mißverstanden haben und die kleine Emilie aus purem Mißverständnis heiraten.« »Sie belieben in für mich unergründlichen Rätseln zu sprechen, gnädige Frau.« »Ich bitte um Verzeihung. Sagen Sie, Sie sind wirklich, wie die Fama sagt, in der kurzen Zeit der Busenfreund des Barons geworden?« »Die Fama hat in diesem Falle, wie stets, aus der Mücke einen Elefanten gemacht.« »Glauben Sie, daß ich es gut mit Ihnen meine?« sagte Hortense, und sie blickte Oswald voll in die Augen. »Ich habe keinen Grund, das Gegenteil anzunehmen«, antwortete dieser, den das Gespräch, welches er ganz absichtslos angeknüpft hatte, auf eigentümliche Weise zu interessieren begann. »So folgen Sie meinem Rat: Hüten Sie sich vor dem Baron wie vor Ihrem schlimmsten Feind!« »Weshalb?« »Weil er falsch ist bis in das innerste Herz hinein.« »Sie kennen den Baron genau?« »Leider!« »Und – verzeihen Sie mir, wenn ich eine so schwere Beschuldigung eines Mannes, den ich – ich gestehe es – bis jetzt hoch geachtet habe, nicht sofort zu glauben vermag – haben Sie Beweise von des Barons Falschheit?« »Tausend für einen. Es bleibt unter uns, was ich Ihnen erzählen werde?« »Das verspreche ich.« »So hören Sie. Sie kennen meine Cousine Melitta. Nun, sie hat ihre Schwächen wie wir alle, aber sie ist doch im Grunde eine charmante Frau, die ich sehr lieb habe, und um die es mir leid tun sollte, wenn sie sich, wie es den Anschein hat, wieder in dieselben schlechten Hände gibt, aus denen ich sie mit so viel Mühe glücklich erlöst zu haben glaubte. Wenn Melitta nicht so gut ist, wie sie sein könnte – Oldenburg allein hat es auf dem Gewissen. Er hat ihr, als sie noch ein junges Mädchen war, mit seinen tollen Ideen den Kopf verdreht, daß sie zuletzt nicht mehr Recht von Unrecht unterscheiden konnte. Er hat, als sie endlich die ausgezeichnete Partie mit Herrn von Berkow gemacht hatte, das ganze, im Anfang so schöne Verhältnis zerstört; und wenn Berkow zuletzt vor Eifersucht toll geworden ist, es kann niemand verwundern, der es, wie ich, mit angesehen hat, wie es die beiden trieben. Endlich gelang es mir, bei Melitta auszuwirken, daß sie Oldenburg auf einige Zeit wenigstens fortschickte. Er ging; aber, als wir vor ein paar Jahren Italien bereisten, stellte sich Oldenburg wieder ein – ob zufällig, ob von Melitta herbeigerufen – ich lasse es unentschieden. Nach ihrem Benehmen sollte ich freilich das letztere vermuten. Das alte Lied begann von neuem. Einsame Promenaden, Austausch von Liebesschwüren, wobei sie sich selbst durch die Anwesenheit dritter Personen nicht genieren ließen – mit einem Worte: Es war für jemand, die, wie ich, etwas streng in solchen Sachen denkt und die, wie ich, Melitta noch dazu so aufrichtig liebte, ein recht häßliches Schauspiel. Vergebens bat und beschwor ich Melitta, an ihren kranken Gemahl, an ihr Kind zu denken. Ich predigte tauben Ohren. Da entschloß ich mich zu einem verzweifelten Mittel. Um ihr Oldenburgs Treulosigkeit, von der mir von anderen Seiten die fabelhaftesten Dinge erzählt waren, zu beweisen, ließ ich mich herbei, ihn glauben zu machen, ich selbst interessiere mich für ihn. Es gehörte dazu nicht viel, denn der Baron ist ebenso eitel, wie er verräterisch und zügellos in seinen Leidenschaften ist. Bald verfolgte er mich jetzt mit seinen Huldigungen – natürlich, ohne sich Melitta gegenüber zu verraten. Dabei sprach er so lieblos, so schlecht von meiner armen Cousine, daß ich kaum imstande war, die Maske, die ich vorgenommen hatte, festzuhalten. Und doch mußte ich es, bis Oldenburg von seiner Leidenschaft hingerissen, blind in das Netz rannte, das ich ihm stellte. Ich wußte es so einzurichten, daß er – es war im Garten der Villa Serra di Falco bei Palermo – mir eine feurige Liebeserklärung machte, während Melitta sechs Schritte davon hinter einem Myrtengebüsche stand. Die Arme! Es war eine schmerzliche Operation, aber ich konnte ihr nicht anders helfen. Oldenburg war natürlich am andern Morgen verschwunden. Ich suchte Melitta zu zerstreuen, so gut es ging, und ich muß gestehen, sie zeigte sich gefaßter, als ich nach einer so schmerzlichen Enttäuschung, einer so tiefen Demütigung für möglich gehalten hätte. Ich hoffte, daß diese grausame Lehre, die sie empfangen, ihr ein für allemal über Oldenburg die Augen geöffnet hätte; hoffte es um so mehr, als der Baron ihr durch mehrjährige Abwesenheit Zeit genug zur Besinnung ließ. Da plötzlich tauchte er vor einigen Wochen ganz unerwartet wieder auf. Mir ahnte sofort nichts Gutes – denn das Erscheinen dieses Mannes ist immer von etwas Außergewöhnlichem begleitet. Wie er es angefangen hat, sich wieder Melittas Gunst zu erwerben, wie es möglich ist, daß Melitta schwach genug sein konnte, ihm wieder ihre Gunst zu gewähren – ich weiß es nicht –, denn beide haben in einem hohen Grade das Talent, ihre Handlungen den Blicken der Menschen zu entziehen. Soviel steht fest: eine Aussöhnung – von der wir bei einem so erfahrenen Paare annehmen müssen, daß sie eine vollständige war – kam zustande, und damit die Feier dieser Aussöhnung möglichst geheim bleibe, machen sie eine gemeinschaftliche Badereise; und wohin? Nach Fichtenau, dem Orte, wo der Gemahl Melittas seit sieben Jahren krank liegt! Wahrlich, ich bedauere Melitta. Wenn sie darauf ausging, ihren Ruf zu ruinieren, sie hätte es hier bequemer haben können. Denn gesetzt auch, Berkows tödliche Krankheit ist nicht fingiert, was hat denn Oldenburg, der diese Krankheit jedenfalls mit veranlaßt hat, dabei zu tun? Und glaubt denn Melitta, daß der Baron sie nach dem Tode Berkows heiraten wird? Du lieber Himmel! Wenn Oldenburg alle Frauen heiraten sollte, denen er in seinem Leben Liebe geschworen, er müßte sich ein Serail anlegen, in welchem alle Stände von der Herzogin bis zur Kammerjungfer, alle Nationen und ich glaube auch alle Rassen vertreten wären. Aber mein Gott, was ist Ihnen? Sie sind ja ganz blaß geworden! Sind Sie nicht wohl?« »Es ist nur die übergroße Hitze«, sagte Oswald, sich erhebend, »ich bitte um Verzeihung, wenn ich Sie so plötzlich verlasse. Ich will versuchen, ob die frische Abendluft mich wieder herstellt.« Er machte Hortense eine sehr förmliche Verbeugung und entfernte sich, ohne ihre Antwort abzuwarten. »Nun, was bedeutet denn das?« fragte diese sich, indem sie dem Forteilenden verwundert nachsah. »Hat meine vortreffliche Cousine auch hier eine Eroberung gemacht? Und habe ich, ohne es zu wissen und zu wollen, zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen? Ich glaube, aus dem jungen Menschen wäre etwas zu machen. Freilich – ich muß jetzt etwas vorsichtig sein; Barnewitz ist nach der letzten Affäre mit Cloten ein wahrer Othello – da kommt ja das Ungetüm – nun, lieber Barnewitz, siehst du dich auch einmal nach deiner verlassenen kleinen Frau um? Ich sitze hier nun schon den ganzen Abend und schmachte nach dir.« »Warum tanzt du denn nicht?« »Meinst du, daß es mir Vergnügen macht, wenn du nicht dabei bist?« »Ich habe mit dem jungen Grieben und anderen ein kleines Jeu arrangiert; aber ich kann schon einmal mit dir herumspringen! Komm! Sie fangen eben einen Walzer an. Das ist so meine Force!« Und das Paar trat in die Reihe der Tanzenden. Unterdessen irrte Oswald ruhelos in dem Garten umher. Aus den offenen Fenstern und Türen der Zimmer strahlten die Lichter; um den Rasenplatz herum hatte Anna-Maria Laternen von buntem Papier aufstellen lassen, die der helle Mondschein ziemlich überflüssig machte. Von Zeit zu Zeit traten einzelne Paare auf den Platz hinaus und promenierten in der balsamischen Nachtluft. Es war eine festliche, heiter schöne Szene, die Oswalds verdüstertes Gemüt beleidigte. Er erstieg den Wall, setzte sich auf eine Bank und starrte, den Kopf in die Hand gedrückt, in das Wasser des Grabens, auf dem die Mondesstrahlen unheimlich glitzerten. »Wäre es nicht besser, du machtest deinem elenden Dasein ein schnelles Ende«, murmelte er, »als daß du dir zur Qual und keinem zur Freude die Bürde des Lebens weiter schleppst? Willst du denn fortvegetieren, bis dir jede Illusion zerstört ist, bis du alles und jedes, was du wert und heilig hieltst, über Bord geworfen hast, über Bord hast werfen müssen? Willst du denn warten, bis dir die Geduld vollends ausgeht wie dem edlen, großherzigen Berger? So also sieht das Bild der Frau aus, vor der du wie vor einer Heiligen gekniet hast? Das ist der Mann, dessen Hand in der deinen zu halten dir eine Ehre schien? Du warst ihr nichts als ein Spielball ihrer hochadeligen Laune, und er hat seinen allerliebsten freiheitlichen Scherz mit dir getrieben'? Aber das ist ja nicht möglich! Nicht möglich? Warum denn nicht? Ist die Welt, in der sich diese Menschen bewegen, nicht durch und durch verfault und verrottet? Ist ihr ganzes Leben nicht eine gemeine Intrige? Betrügt hier nicht die Gattin den Gatten? Und dieser jene? Verkauft nicht der Vater die Tochter? Verkuppelt nicht die Mutter ihr eigen Fleisch und Blut? Verrät nicht der Freund den Freund? Plaudert eine Kokette nicht die Geheimnisse der andern aus? Weshalb wähnst du denn, sie würden mit dir, dem Plebejer, dem Arbeiter für Lohn und Brot besser verfahren? Und doch, und doch! Es ist entsetzlich! Das Weib, das du angebetet wie eine Gottheit, die Maitresse eines andern, ihn betrügend, dich betrügend, um von ihm wieder betrogen zu werden! Und du, gutmütiger Narr, kämpfst wie ein Wahnsinniger mit deiner Leidenschaft für das holde, herrliche Geschöpf, die einzig Reine in diesem Hexensabbat, denn sie ist rein und gut, oder es gibt nichts Reines auf dieser Welt. Nein. nein! Und wenn alles um dich her Lug und Trug ist und schwarzer, tückischer Verrat – auf diesen einen hohen Stern willst du dein Auge heften – es ist dein Stern! Nur das unerreichbare Hohe ist deiner Liebe wert! Um die Irrlichter, die auf dem Sumpfe tanzen, mögen sich die Molche mit den Kröten zanken.« Ein leichtes Geräusch an seiner Seite machte ihn aus seiner gebückten Stellung auffahren. Eine schlanke Mädchengestalt in einem weißen Gewande stand vor ihm. Durch eine Lücke in dem Laubdache oben fiel ein Mondenstrahl auf die schlanke, weiße Gestalt. Es war Emilie von Breesen. »Still!« sagte sie, als Oswald sich mit einem leisen Ruf der Verwunderung erhob. »Ich sah Sie aus dem Saale gehen; ich bin Ihnen gefolgt, weil ich Sie sprechen will, sprechen muß. Ich werde Sie nicht lange aufhalten. Es bedarf nur eines Wortes, eines einzigen Wortes, das über mein Leben entscheiden soll. Liebst du mich? Ja oder nein?« Das junge Mädchen hatte Oswalds Hand ergriffen, die sie mit krampfhafter Heftigkeit preßte. »Ja oder nein?« wiederholte sie in einem Tone, der die Leidenschaft, die in ihr wühlte, deutlich genug verriet. Aber Oswalds Ohr war taub gegen diesen Ton; sein Herz verschlossen wie das Haus eines Mannes, den die Diebe in der Nacht zuvor bestohlen haben. »Sie irren sich ohne Zweifel in der Person«, sagte er mit schneidendem Hohne. »Ich heiße Oswald Stein; Herr von Cloten ist, soviel ich weiß, drinnen im Saale«, und er suchte seine Hand aus der des Mädchens loszumachen. »Habe ich das verdient?« rief Emilie mit von Tränen fast erstickter Stimme, und sie ließ die Arme wie in Verzweiflung sinken. »Die Nacht ist kühl«, sagte Oswald, »der Tau beginnt zu fallen; Sie werden sich in dem leichten Anzug erkälten. Darf ich die Ehre haben, Sie in den Saal zurückzubegleiten?« »O mein Gott, mein Gott«, murmelte Emilie, »das ertrage ich nicht! Oswald stoße mich nicht so von dir! Wie hab ich mich nach diesem Augenblick gesehnt! Wie habe ich mir tausend und tausendmal wiederholt, was ich dir alles sagen wollte! Wie habe ich gehofft, daß du mich wieder in die Arme nehmen würdest – oh, mein Himmel, was rede ich? Oswald, habe Mitleid mit mir! Du kannst meinen Übermut von heute abend nicht so grausam strafen wollen. Ich wollte dich ein wenig necken; ich dachte jeden Augenblick, du würdest zu mir treten, und da wollte ich dir alles sagen. Aber du kamst und kamst nicht; und ich mußte die Komödie weiterspielen, so schwer es mir wurde.« »Sind Sie sicher, mein Fräulein, daß Sie nicht selbst noch in diesem Augenblicke Komödie spielen?« Emilie antwortete nicht. Sie sank mit einem leisen Stöhnen auf die Bank, preßte ihr Gesicht in die Hände und schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Oswald trat dicht vor die Unglückliche und sagte in milderem Ton: »Wollen Sie mir ein paar Augenblicke ruhig zuhören?« Emiliens einzige Antwort war ein krampfhaftes Schluchzen. »Glauben Sie mir«, fuhr er fort, »ich bedaure von ganzem Herzen, daß eine solche Szene wie diese möglich wurde, und ich fühle, daß ich einzig und allein die Schuld davontrage. Hätte ich Ihnen an jenem Abend gesagt, was ich Ihnen heute sagen muß, Ihr Stolz würde alles längst entschieden haben. – Ich kann Sie nicht lieben; das klingt sehr wunderlich gegenüber einem so holden, liebenswürdigen Geschöpf, aber es ist dennoch wahr. Warum wollen Sie nun Ihre Liebe an jemand verschwenden, der sich des kostbaren Geschenkes so ganz unwürdig zeigt? Warum nicht jemand damit beglücken, der mehr Talent zum Glücklichsein und zum Beglücktwerden hat als ich? – Ich bin gerade jetzt in einer sehr gedrückten Stimmung, die mich wohl noch mehr wie gewöhnlich unfähig macht, die Dinge und die Menschen in dem rechten Lichte zu sehen. Verzeihen Sie mir daher, wenn ich Sie vorhin durch bittere, unüberlegte Worte gekränkt habe, zu denen ich kein Recht habe und die ich nicht hätte brauchen dürfen, selbst wenn ich im Rechte gewesen wäre. Ich bitte, ich beschwöre Sie: Vergessen Sie, was zwischen uns vorgefallen ist! Und lassen Sie sich vor allem durch diese Kränkung nicht zu Entschlüssen verleiten, die Sie später und zu spät bereuen würden. Sie haben gesehen, was es heißt, seine Liebe einem Unwürdigen schenken. Sollte Ihnen diese Erfahrung in der Wahl, die Sie über kurz oder lang treffen werden, zustatten kommen, so will ich gern für den Augenblick von Ihnen verkannt sein, gern Ihren Haß, selbst Ihre Verachtung auf mich geladen haben.« Emilie hatte, während Oswald sprach, allmählich zu weinen aufgehört. Jetzt stand sie auf und sagte in beinahe ruhigem Ton: »Es ist genug! Ich danke Ihnen, Sie haben mir die Augen geöffnet. Sie sollen nie wieder von mir belästigt werden. Sagen Sie mir nur noch dies eine: Werde ich einer anderen geopfert? Lieben Sie eine andere?« »Ja«, sagte Oswald nach kurzem Bedenken. »Es ist gut! Und nun hören Sie dies! Wie ich Sie geliebt habe, mit aller Glut meines Herzens, so hasse ich Sie jetzt; und wie ich noch vor wenigen Minuten mein Leben freudig für Sie dahingegeben haben würde, so heiß wünsche ich jetzt mich für diese Schmach an Ihnen zu rächen. Und ich werde mich rächen; ich werde –« Wiederum brach sie in ein leidenschaftliches Weinen aus; aber sie bezwang sich sogleich wieder. »Sie sind es nicht wert, daß ich so viel Tränen um Sie weine. Nun setzen Sie Ihrem Benehmen die Krone auf und folgen Sie mir auf dem Fuße in den Saal, damit doch ja die Welt erfahre, welche Närrin ich gewesen bin.« Und sie eilte von Oswald fort, den Wall hinab, an dem Rasenplatze vorüber nach dem Saal, wo noch immer eifrigst getanzt wurde. Von Cloten, der sie überall in den Zimmern vergeblich gesucht hatte und jetzt melancholisch an einen Türpfosten gelehnt stand, erblickte sie sofort und kam eiligst auf sie zu. »Mein gnädiges Fräulein! Haben mich in wahre Todesangst versetzt! War bei Gott au désespoir! Glaubte wahrhaftig, der Himmlischen einer habe Sie mir entführt.« »Ich habe in aller Stille über das, was Sie mir vorhin sagten, nachgedacht, Herr von Cloten«, antwortete Emilie. »Wahrhaftig! Sie sind ein Engel! Und ich darf hoffen?« fragte Cloten, der die geröteten Augenlider und das aufgeregte Wesen des jungen Mädchens natürlich zu seinen Gunsten auslegte. »Gehen Sie zu meiner Tante!« »Wirklich? Wahrhaftig? Ich kann es nicht glauben«, rief der junge Mann, und sein freudiger Schrecken war keineswegs gemacht. »So gehen Sie nicht!« antwortete Fräulein Emilie in einem sonderbaren Ton. »Mein Gott, Emilie, Engel, zürnen Sie nicht! Ich eile, ich fliege –« Und Herr von Cloten entfernte sich in augenscheinlichster Verwirrung, um Emiliens Tante aufzusuchen. Emilie blieb auf demselben Platze stehen, bleich, die Arme verschränkt, die großen Augen starr auf die Gruppen der Tanzenden geheftet, ohne mehr zu sehen, als wenn sie die Blicke ins Leere gerichtet hätte. »Sie sind klüger als wir andern!« sagte eine Stimme dicht neben ihr. Es war Felix von Grenwitz; er hatte sich auf einen Stuhl geworfen und trocknete sich mit einem Batisttaschentuche die nasse Stirn. »Lächerlich, bei der Hitze herumzuspringen, ich dächte, wir hörten endlich einmal auf. Und nun hat gar noch Helene Herrn Timm am Klavier abgelöst; das Mädchen hat doch wahrlich wunderliche Einfälle. Meinen Sie nicht auch, Fräulein Emilie?« »Vielleicht fehlt es ihr an einem Tänzer.« »Unmöglich.« »Nun, vielleicht an dem rechten Tänzer.« »Das heißt?« »An dem, mit welchem sie gern tanzt.« »Ich bin stets hier gewesen.« »Sie bilden sich doch nicht etwa ein, daß Sie der Glückliche sind?« »Wer denn sonst?« »Wissen Sie nicht, wo Herr Stein geblieben ist?« »Nein, weshalb?« »Ich frage nur Fräulein Helenens halber. Bemerken Sie nicht, wie sie die großen, stolzen Augen fortwährend ruhig, aber unaufhörlich durch den Saal schweifen läßt?« »Das kann doch unmöglich Ihr Ernst sein?« »Weshalb denn nicht? Ist Herr Stein nicht ein sehr hübscher Mann? Und hat nicht Helene, wie Sie selbst sagen, wunderliche Einfälle?« »Mein Fräulein«, sagte Felix ernst, »wollen Sie mir die Gnade erweisen, mir zu sagen, ob Sie besondere Gründe zu dieser eigentümlichen Vermutung haben?« »Natürlich habe ich besondere Gründe.« »Und wollen Sie die Güte haben, mir diese Gründe zu nennen?« »Nein.« In diesem Augenblick kam Herr von Cloten mit vor Freude strahlendem Gesicht. »Mein gnädiges Fräulein«, sagte er, »Ihre Frau Tante wünscht Sie zu sprechen. Darf ich die Ehre haben, Sie zu ihr zu begleiten?« »Sogleich!« sagte Emilie, und dann zu Felix: »Verlassen Sie sich auf das, was ich Ihnen sagte; ich habe scharfe Augen und Ohren.« Sie nahm Clotens Arm. Der Sache muß ich auf den Grund kommen, sagte Felix bei sich, als die beiden sich entfernt hatten. Helenens Benehmen in den letzten Tagen ist wirklich auffallend. Er trat an das Klavier: »Soll ich Ihnen die Blätter umschlagen, Helene?« »Danke«, antwortete Helene trocken, »ich spiele aus dem Kopf.« Nach einer kleinen Pause: »Bitte, Cousin, gehen Sie fort; es ängstigt mich, wenn jemand so dicht hinter mir steht.« »Ich dächte, Doktor Stein hätte gestern eine halbe Stunde lang hinter Ihnen gestanden, ohne daß Sie irgendwelche Angst verraten hätten.« »So werde ich aufstehen«, sagte Helene, griff ein paar schnelle Schlußakkorde und ging, ohne das Ach der mitten im Tanze Gestörten zu beachten, von dem Klavier fort. Das ist stark, sagte Felix bei sich. »Weshalb hörte denn Helene so plötzlich auf zu spielen?« fragte herantretend die Baronin, die die Szene aus der Entfernung beobachtet hatte. »Ich weiß es nicht; sie wird mir wohl etwas übelgenommen haben. Sie ist doch eigensinniger und launischer, als ich dachte. Meinen Sie nicht auch, Tante, daß der Mensch, der Stein, mit seinen korrupten Ansichten einen schädlichen Einfluß nicht bloß auf Bruno, sondern auch auf Helene ausübt?« »Ich habe Ihnen ja immer gesagt, daß ich dem Menschen nicht im mindesten traue.« »So jagen Sie ihn fort.« »Ohne alle Veranlassung?« »Pah, die findet sich. Wollen Sie mir die Erlaubnis geben, eine zu suchen?« »Aber ohne daß ein Skandal daraus wird.« »Lassen Sie mich nur machen.« »Es muß so eingerichtet werden, daß er selbst um seine Entlassung bittet.« »Weshalb?« »Ich habe meine Gründe – und Felix, sagen Sie Grenwitz nichts davon. Er ist in der letzten Zeit so rechthaberisch und eigensinnig geworden! Ich fürchte sogar, er sinnt darauf, unser Projekt mit Helene zu stören. Ich bitte Sie, Felix, seien Sie vorsichtig! Ich wäre außer mir, wenn die Sache sich zerschlüge, nachdem ich sie schon unter der Hand nach allen Seiten als ein fait accompli dargestellt habe.« »Pah! Tante, schon wieder ängstlich? Vertrauen Sie mir: Ich pflege zu Ende zu bringen, was ich anfing.« Achtundvierzigstes Kapitel Als Oswald, nach der peinlichen Szene mit Emilie von Breesen auf sein Zimmer kam – denn zur Gesellschaft zurückzukehren, war ihm unmöglich –, sah er auf seinem Tische ein versiegeltes Paket liegen, das während seiner Abwesenheit dort hingelegt sein mußte. Schon der Zusatz der Adresse: »Hierbei die bewußten Bücher mit vielem Dank zurück. Ihr getreuer B.« sagte ihm, von wem dieses Paket gebracht worden war, und was es enthielt. Und seltsam! Er zögerte, die Siegel zu lösen. Es war ihm, als ob er kein Recht mehr zu Melittas Briefen habe, seitdem sein Herz ihr nicht mehr ganz gehörte; als ob vor allem sie, deren Herz er nie vollständig besessen, nie das Recht gehabt, ihm diese Zeichen der Liebe zu geben. Endlich, fast mechanisch, öffnete er das Paket. Es waren drei Bücher darin. Aus dem mittleren fielen zwei Briefe – der eine von Melitta, der andere von Bemperlein. Melittas Brief enthielt nur wenige herzliche Worte, die »über die lange Trennung klagten, in der sich mit dem weiten Raum auch noch so vieles andere zwischen die Herzen, die einst voller Seligkeit aneinandergeschlagen, drängen könnte«; und schließlich die Hoffnung eines recht baldigen Wiedersehens ausdrückten. Der Brief trug keine Unterschrift. »Er könnte ja in fremde Hände fallen«, sagte Oswald bitter. »Ich will noch großmütiger sein, ich will diesen Zeugen eines Verhältnisses, dessen sie sich zu schämen beginnt, vernichten«, und er verbrannte das Papier an der Flamme des Lichtes. Der Brief von Bemperlein war ausführlicher, aber er handelte fast nur von Professor Berger. Bemperlein war während seines kurzen Aufenthaltes in Grünwald sehr viel in der Gesellschaft des Professors gewesen, an den ihn Oswald so warm empfohlen hatte, und hatte sich die Gunst des wunderlichen Mannes im hohen Grade erworben, ebenso wie er sich seinerseits für den genialen Gelehrten begeisterte. Man kann sich daher sein Entsetzen vorstellen, als Doktor Birkenhain ihm eines Tages mitteilte, soeben sei der Professor Berger in das Krankenhaus abgeliefert worden. Bemperlein schrieb Oswald, daß er sogleich um die Erlaubnis gebeten habe, Berger besuchen zu dürfen; daß ihm diese Erlaubnis gegeben sei, und daß er seitdem jeden Tag viele Stunden bei dem Kranken zugebracht habe, der seine Gesellschaft jeder andern vorziehe. Berger spreche größtenteils vollkommen vernünftig, nur komme er bei der geringsten Veranlassung auf seine fixe Idee des Nichts zurück. Er finde es ganz in der Ordnung, daß man ihn in eine Irrenanstalt gebracht habe, denn, sagte er, der Unterschied zwischen den Leuten draußen und denen drinnen bestehe nur darin, daß jene das werden könnten und eigentlich werden müßten, was diese schon seien. Wenn zum Beispiel Doktor Birkenhain nur einmal seinen Kopf auseinandernehmen wollte, so würde er dessen absolute Hohlheit mit eigenen Augen wahrnehmen und sich in seinem Hause ein behagliches, sonniges Zimmer anweisen lassen, um in aller Stille über das Ur-Nichts nachzudenken. Bemperlein schrieb, daß Doktor Birkenhain Bergers Wahnsinn nur für temporär halte und die bestimmte Hoffnung habe, den ausgezeichneten Mann in kurzer Zeit seinen Freunden und Schülern geheilt zurückzusenden. »Was uns selbst angeht«, schloß Bemperlein, »so wird Ihnen die gnädige Frau ja wohl alles der Ordnung gemäß berichtet haben. Ich füge nur noch hinzu, daß unsers Verbleibens hier, Gott sei Dank, nun wohl nicht mehr lange sein wird. Herr von Berkow wird täglich schwächer; die Schwindsucht macht reißende Fortschritte. Birkenhain gibt ihm nur wenige Tage. Wir bleiben auf jeden Fall, bis alles entschieden ist. Ich sehe diesem Augenblick mit einer Ungeduld entgegen, die ganz rein von Selbstsucht ist. Aus dem Tode dieses Unglücklichen, der nun seit Jahren kaum noch zu den Lebenden gehört, wird für zwei Menschen ein neues Leben erblühen – zwei Menschen, die mir unendlich wert und teuer sind.« »Wirklich?« sagte Oswald, den Brief auf den Schoß sinken lassend. »Bist du dessen so gewiß, guter Bemperlein? Freilich, was ahnt dein reines Herz von adeligem Betrug und freiherrlicher Tücke? Und doch! Weshalb erwähnt auch er Oldenburgs Anwesenheit nicht? Was hat er davon, ein Faktum zu verschweigen, von dem er wissen mußte, daß es mich interessieren würde? So ist auch er in dem Komplott? Wohl; so wirst du fortan dich auf niemand verlassen als auf dich selbst! Unter den Wölfen muß man heulen, und der ist ein Narr, der unter Betrügern und Lügnern den ehrlichen Mann spielen will. Heuchelt ihr – ich kann es auch; spielt ihr Komödie – ich will nicht im Parterre sitzen; lacht ihr euch ins Fäustchen – ich werde nicht weinen, und wer zuletzt lacht, lacht am besten.« »Ich freue mich, Sie in so ausgezeichneter Laune zu treffen«, sagte eine Stimme hinter ihm. Oswald fuhr von seinem Stuhle empor und starrte die lange Gestalt, die plötzlich, wie aus dem Boden gewachsen, vor ihm stand, erschrocken an. »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte Baron Oldenburg, Oswald die Hand, welche dieser zögernd ergriff, entgegenstreckend, »daß ich wie Nikodemus in der Nacht bei Ihnen erscheine. Aber ich komme diesen Augenblick erst von meiner Reise zurück und hörte von einem Bedienten, der mit einem Präsentierbrett voll Gläser und Tassen an mir vorbeirannte, Sie seien auf Ihr Zimmer gegangen. Der Mann hatte eben nur noch Zeit, mir den Weg zu beschreiben, und klapperte mit seinen Gläsern weiter. Da bin ich denn nun, und, wie gesagt, freue mich, Sie in guter Stimmung zu finden, denn sonst hätte ich kaum den Mut, Ihnen zu sagen, weshalb ich da bin. Wissen Sie, wo wir heute nacht vor einem Monat waren? Es ist die Nacht, welche uns die braune Gräfin zum Rendezvous bestimmte. Nehmen Sie noch so viel Interesse an mir und unserer kleinen Pflegebefohlenen, um mich zu dem bewußten Platze zu begleiten?« »Ich stehe in wenigen Minuten zu Ihrer Verfügung«, sage Oswald; »erlauben Sie nur, daß ich mich zu unserer Fahrt zurechtmache.« Er nahm eins der beiden Lichter, die auf dem Tische brannten und ging in die Nebenstube. »Ziehen Sie sich ja warm an«, rief ihm Oldenburg nach, »es ist jetzt sehr kühl gegen Morgen, noch dazu im Walde.« »Hm!« murmelte er, als Oswald verschwunden war, »er sieht bleich und angegriffen aus und war weniger freundlich, als seine Gewohnheit ist. Er wird doch nichts von meinem Aufenthalte in Fichtenau, den ich ihm so sorgfältig verheimlichte, erfahren haben? Ich muß ihn ein wenig aushorchen. Es wäre fatal, denn ich spreche mit niemand gern über mein Verhältnis zu Melitta, mit ihm am wenigsten.« Unterdessen sagte Oswald, während er sich umzog, vor sich hin: »Jetzt gilt es klug sein wie die Schlange. Spielt Ihr mit mir, so will ich mit Euch spielen.« Er trat wieder ins Zimmer. »Ich bin bereit.« »So wollen wir aufbrechen. Mein Wagen hält vor dem Tor«, sagte der Baron, während sie die Treppe, die nach dem Garten führte, hinunterstiegen, »die Czika sitzt, in meinen Mantel gehüllt, darin. Meinen Sie nicht auch, daß es geraten ist, das Kind zu der Zusammenkunft mitzunehmen? Wenn die Zigeunerin wirklich des Kindes Mutter ist, so sind wir ihr wohl diese Aufmerksamkeit schuldig. In jedem Fall kann sie sich überzeugen, daß das Kind lebt und gesund ist und sich in seinen neuen Verhältnissen wohl befindet. – Aber was bedeutet denn dies rege Leben im Schloß? Anna-Maria ist doch sonst keine Freundin von Festgelagen. Ist Malte vielleicht fortgelaufen gewesen und wieder zurückgekehrt und wird dem Kalbe jetzt ein Kalb geschlachtet?« »Es handelt sich nicht um einen verlorenen Sohn, sondern um eine wiedergefundene Tochter«, sagte Oswald, sich zu einem scherzhaften Tone zwingend, »Fräulein Helene ist aus der Pension zurück. Seitdem reiht sich Fest an Fest.« »Tempora mutantur«, sagte Oldenburg, »das muß ja eine Circe von Mädchen sein, die solche Metamorphosen zuwege bringen kann. Ist sie schön?« »Mir erscheint sie so.« »Lassen Sie uns einmal an das Fenster treten«, sagte Oldenburg, als sie im Garten über den Rasenplatz gingen, »ich bin unendlich neugierig, dies Wunder zu sehen. Es wird uns ja niemand bemerken.« Er schritt nach der Treppe, die auf den Perron hinaufführte. Oswald folgte. Die Türe war jetzt, wo es draußen kühler wurde, geschlossen, auch die Fenster; aber die Vorhänge waren nicht heruntergelassen; man konnte von diesem Standpunkte aus alles beobachten, was in den blendend hell erleuchteten Zimmern vorging. Als sie an das Fenster traten, saß ihnen gerade gegenüber Helene am Klavier, Felix stand hinter ihrem Stuhl. Er beugte sich über sie und schien eifrig mit ihr zu sprechen. Oldenburgs falkenscharfes Auge hatte sogleich die Gruppe erfaßt: »Wer ist der junge Mann?« fragte er. Oswald antwortete nicht; die Unterlippe zwischen die Zähne gepreßt, die starren Augen nicht von den beiden am Klavier wegwendend, stand er da. Felix beugte sich noch tiefer; Oswald preßte die Lippe, daß das Blut durch die Haut sprang. Da erhob sich Helene plötzlich und schritt durch die Gruppen der Tänzer hindurch, die durch das Aufhören der Musik wie am Boden gefesselt waren, oder lachend weiterzutanzen versuchten, gerade auf das Fenster zu, vor welchem Oldenburg und Oswald sich befanden, die ein paar Schritte zurück in den Schatten traten. Sie blieb, in der Fensternische angelangt, stehen, die Arme über dem Busen verschränkt, die großen, dunklen Augen auf den Mond gerichtet, dessen goldene Scheibe draußen in dem tiefblauen nächtlichen Himmel schwamm. Ihr von der Aufregung der eben mit Felix gehabten Szene noch leidenschaftlich erregtes, in dem Strahl des Mondes geisterhaft bleiches, von dem herrlichen blauschwarzen Haare eingerahmtes Gesicht gemahnte den Baron an die schönste der antiken Medusen. Ein Herr – es war Adolf von Breesen – trat an sie heran und sprach zu ihr. Sie antwortete ihm kurz, ohne die Stellung zu verändern, ohne kaum die Lippen zu regen. Er verbeugte sich und trat zurück. – Dann, als ob sie sich eines andern besonnen hätte, wandte sie sich und schritt wieder zum Klavier zurück, setzte sich und begann von neuem zu spielen. Wie von einem Zauberstabe berührt, kamen die Paare der Tanzenden wieder in Bewegung – und das bunte Bild, das Oldenburg und Oswald zuerst erblickt hatten, war wiederhergestellt. »Wer war der Fant, der dieses Intermezzo veranlaßte?« fragte Oldenburg, als sie wieder in den Garten hinabgingen. »Felix von Grenwitz, ihr Cousin.« »Ein allerliebstes Püppchen; und die junge Schönheit soll die Puppe zum Gemahl haben; nicht?« »Ich glaube.« »Und wie erscheint Ihnen das?« »Wie die Welt dem Hamlet: ekel, schal und flach und unersprießlich.« »Meine böse Ahnung geht in Erfüllung«, murmelte Oldenburg durch die Zähne. »Sie sagten?« »Ich dachte eben daran, ob Karl wohl den Wagen in die Höhe geschlagen hat, damit meine kleine Czika nicht ganz unter freiem Himmel sitzt. Freilich, ihr wäre es am liebsten, wenn sie nie eine andere Decke über sich hätte. Auf unsrer Reise jubelte sie jedesmal, sooft wir in die Nacht hineinfuhren und sie die vielgeliebten Sterne über sich leuchten sah.« »Und – darf man fragen, was Sie so plötzlich aus unserer Nähe riß?« fragte Oswald und seine Stimme bebte. »Eine Angelegenheit, die eigentlich nur indirekt für mich von Bedeutung ist. Die Krankheit eines Mannes, dessen Tod auf das Geschick einiger Personen, die mir wert sind, von großem Einfluß sein kann.« Der Baron wartete, ob Oswald etwas erwidern würde. »Ich war eitel genug, zu glauben, daß meine Abreise eine Sensation in der Gesellschaft hier erregen würde«, fügte er hinzu, als Oswald schwieg, »dies scheint indessen nicht der Fall gewesen zu sein.« »Man ist seit so langen Jahren gewohnt, Sie unvorbereitet kommen und gehen zu sehen, daß man sich nachgerade daran gewöhnt hat«, sagte Oswald, »doch da hält Ihr Wagen, glaube ich.« »Wo ist Czika, Karl?« fragte der Baron. »Sie liegt im Wagen fest eingeschlafen«, antwortete der Kutscher, der vom Bocke gestiegen war, den Tritt herabzulassen, »ich habe sie sorgfältig zugedeckt.« »Wir wollen sie zwischen uns nehmen, wie damals, als wir von Barnewitz kommend, sie auf der Landstraße fanden.« Der Baron war schon im Wagen. »Bist du es, Herr?« fragte das Kind, aus dem Schlaf erwachend, »Ja, mein Herz.« »Wer ist der Mann bei dir?« »Dein Freund, der Mann mit den blauen Augen.« »Er soll bei uns bleiben«. murmelte Czika schlaftrunken, sich an Oswald, der nun auch eingestiegen war, schmiegend. »Czika ist müde; Czika will in deinen Armen schlafen.« »Ich glaube«, sagte der Baron, als sich der Wagen in Bewegung setzte, »Sie haben einen unauslöschlich tiefen Eindruck auf Czika gemacht. Sie spricht sehr oft von Ihnen und fragt, warum der Mann mit den blauen Augen – so bezeichnet sie Sie stets – nicht wiederkommt? Es ist doch ein wunderlich Ding, das Menschenherz; ein unergründliches Rätsel, zu dem der Weiseste der Weisen keinen Schlüssel hat. Wer erklärt uns das Wunder der Sympathien und Antipathien? Welche Mühe habe ich mir gegeben, das Herz dieses Kindes mir zu eigen zu machen! Ich möchte so gern etwas auf der Welt mein eigen nennen! Und ist es mir gelungen? Ich weiß es nicht. Sie folgt mir, aber nur wie ein Kind, dem die Mutter gesagt hat: Geh mit dem Herrn und sei hübsch artig! Ich bin ihr heute noch, was ich ihr am ersten Tage war. Ich habe sie mit der zärtlichsten Sorge umgeben. Sie nimmt alles hin, wie eine Gabe, die man nicht ausschlägt, um den Geber nicht zu beleidigen.« »Aber machen es nicht alle Kinder mehr oder weniger so?« erwiderte Oswald. »Ist es nicht ihr gutes Recht, sich lieben zu lassen, ohne weiter dankbar dafür zu sein? Und dann, was ist am Ende eine Liebe, die auf Dank rechnet? Heißt es nicht auch hier: Wer Lohn begehrt, der hat seinen Lohn dahin?« »Mögen Sie das nie an sich selbst erfahren!« sagte der Baron mit bewegter Stimme. »Und mögen es andere nie durch Sie erfahren. Wüßten Sie, was hoffnungslose Liebe ist, wüßten Sie auf der anderen Seite, was es heißt: Das Gefühl mit sich herumtragen, Liebe, warme aufrichtige Liebe mit Kälte, mit Gleichgültigkeit erwidert zu haben – Sie würden nicht so sprechen. Nein, nein! Grausam gewesen zu sein gegen ein Herz, das uns liebt, ist eine Erinnerung, die auf unserm Gewissen brennt, und die kein neue Liebe, und wäre sie wirklich reiner als die, die wir damals fühlten, wieder auslöscht!« »Und haben Sie diese Erfahrung an sich selbst gemacht?« »Leider, ja! Ich habe in meinem Leben viele Verhältnisse angeknüpft und wieder gelöst, ohne daß ich darüber Gewissensbisse empfunden hätte. Wußte ich doch nur zu wohl, daß die guten Herzen nicht brechen würden! Es waren Conta meta Geschäfte, bei denen jeder seine Rechnung gefunden hatte, oder die, schlimmstenfalls, den einen oder den andern und meistens beide Partner so bettelarm ließen, wie sie vorher gewesen waren. Nur einmal – und ich war damals noch ziemlich jung, und das gereicht mir einigermaßen zur Entschuldigung – nur einmal habe ich mich des Frevels schuldig gemacht, ein Wesen, von dem ich überzeugt sein konnte, daß es mich treu und aufrichtig liebte, mit schnödem Undank zu belohnen. Die Geschichte würde mir unvergeßlich sein, auch wenn sie nicht durch die Begegnung mit der braunen Gräfin auf eine wunderliche Weise mir wieder in die Erinnerung gerufen wäre. Habe ich Ihnen nicht erzählt, wie ich einst vor vielen Jahren im fernen Ungarlande, als ich mich auf dem Gute eines Bekannten zum Besuch aufhielt, ganz zufällig ein Zigeunermädchen fand –« »Ja«, sagte Oswald, »ich erinnere mich Ihrer Erzählung, die durch das Hereintreten Herrn von Clotens unterbrochen wurde, sehr wohl. Ich vergaß hernach, Sie um die Fortsetzung zu bitten. War es nicht so? Sie hatten das Mädchen gefunden, als Sie fern von der Wohnung, in dem Walde umherschweiften, in einem Zigeunerlager, das für den Augenblick von der übrigen Bande verlassen war. Sie erblicken und sie lieben, war eins. Sie verlebten mit ihr in der romantischen Einsamkeit mehrere glückliche Tage. Die Geschichte schloß mit folgendem Tableau. Zigeunerlager im Walde – Sonnenuntergang – unter dem überhangenden Dache einer breitastigen Buche ein liebendes Paar auf schwellendem Moosteppich –« »Ihr Gedächtnis ist gut«, sagte der Baron, »auch haben Sie die Stimmung, welche ich damals dem Bilde gab, getreu reproduziert. Ich werde nur nachträglich noch einige Schlagschatten hineinzeichnen müssen. – Ich saß also mit der Zingarelle – Xenobi war ihr süßer Name – in der von Ihnen angedeuteten Situation. Ich sang das alte Finklerlied von der Liebe, die nimmer enden würde, und das holde Vögelchen traute der alten falschen Weise und schmiegte sich innig und inniger an mein Herz. Da plötzlich ertönte Hufschlag durch den stillen Wald und das Lachen und Schwatzen einer fröhlichen Kavalkade. Ich hatte kaum noch Zeit, die Kleine unsanft von meinem Schoß zu stoßen und mich zu erheben, als die Schar schon unter den hohen Bäumen hervor auf den Platz gesprengt kam. Es waren meine Wirte: der junge Graf Cryvany mit seinen Schwestern und mehrere Herren und Damen aus der Nachbarschaft. Sie können sich die nun folgende Szene denken. Ich wurde sofort umringt und mit Fragen überschüttet: Wo ich gewesen? Wie ich hierher gekommen sei? – ›Ich dachte, die Wölfe hätten Sie zerrissen!‹ rief der eine; ›oder Sie hätten sich aus unglücklicher Liebe erschossen‹, ein anderer. – ›Ich habe des Rätsels Lösung!‹ schrie ein dritter: ›Liebe freilich ist im Spiel, aber beileibe keine unglückliche. Sehen Sie dort!‹ und er deutete mit dem Stiel seiner Reitpeitsche auf meine arme Xenobi, die sich bei der Annäherung der Kavalkade scheu hinter dem dicken Stamm der Buche versteckt hatte. – Ein allgemeines Gelächter belohnte den Witzbold. Nur ein Gesicht blickte finster drein. Es war die jüngste und hübscheste der Schwestern, der ich noch zuguterletzt den Hof gemacht hatte und die, glaube ich, in ihrer Weise – was freilich nicht viel sagen will – mich mit ihrer Neigung beehrte, mir wenigstens schon einige nicht mißzuverstehende Zeichen ihrer Gunst gegeben hatte. Ich schämte mich plötzlich meiner armen Xenobi ganz entsetzlich und hatte nur den einen Wunsch, mich aus der Affäre zu ziehen, ohne die stolze Georgina zu beleidigen. Ich spielte den Entrüsteten, ich behauptete, tagelang im Wald umhergeirrt und nur eben erst auf das Zigeunerlager gestoßen zu sein. ›Woher hat denn das Mädchen die goldene Kette um den Hals, die wir kürzlich noch an Ihnen bewunderten?‹ fragte Georgina. – Ich hätte Georgina ermordet, können. Xenobi kam dem Fassungslosen zu Hilfe. – ›Hier, Herr!‹ sagte sie. ›Nimm, was ich dir gestohlen habe‹, und sie reichte mir das Geschmeide. Ich werde die zitternde Hand, dies von Schmerz und Zorn entstellte Gesicht des armen Geschöpfes nie vergessen. – ›Machen wir, daß wir nach Hause kommen!‹ rief Herr von Cryvany, ›es zieht ein Wetter herauf‹. – Ich bestieg das Pferd eines der Bedienten, und fort ging es durch den dämmrigen Wald. Ich wagte nicht, mich nach Xenobi umzublicken. Georgina, an deren Seite ich ritt, würde es mir nie vergeben haben. Ich hatte mir die Gunst der Dame vollständig wiedererobert, aber um welchen Preis! Als ich am Abend des folgenden Tages – früher konnte ich mich nicht von der Gesellschaft losmachen – in den Wald gerannt war, mein Unrecht wiedergutzumachen, fand ich wohl nach vielem Suchen den Platz, aber nicht mehr Xenobi. Die Bande hatte, als sie ihren Schlupfwinkel verraten sah, ihre Zelte abgebrochen und war wer weiß wohin gezogen. Von Xenobi habe ich nie wieder eine Spur entdecken können.« Der Baron schwieg und blies den Rauch seiner Zigarre in mächtigen Wolken in die Luft. »Sehen Sie«, hub er nach einer langen Pause wieder an, »ich bin fromm genug oder abergläubisch genug, wenn Sie wollen, um anzunehmen, daß ich durch diese Tat einen Fluch auf mich geladen habe, den keine Reue wieder sühnt. Und nun werden Sie auch begreifen, was mir Czika ist – ein Engel im eigentlichsten Sinne des Wortes, ein holder Bote des Himmels, der mir Friede, Friede! in das kranke Herz singt. Hat mir das Bild des Kindes doch schon seit Jahren vor der Seele geschwebt, glaubte ich doch die Erfüllung meiner Träume schon zweimal leibhaftig vor mir zu sehen. Hier ist die rote Rose Xenobi noch einmal, aber in dem Morgentau süßester Unschuld. Die rote Rose hat nun der Sturm des Lebens wohl schon lange geknickt, und hätte ich sie auch damals treuer bewahrt – was würde die Welt, die kalte, freche, lästernde Welt aus der romantischen Liebe eines Barons und einer Zingarelle zuletzt gemacht haben! Damals war ich zu jung und hätte die Geliebte vor dieser schnöden Welt nicht verteidigen können; jetzt bin ich ein Mann geworden und habe bloß ein Kind, einen Findling zu schirmen und zu schützen. Ich werde der Zigeunerin geben, was sie verlangt, und wärmsten, aufrichtigsten Dank in den Kauf. Ich hoffe, sie hat die Verabredung nicht vergessen. Halt, Karl! – Wir müssen hier aussteigen, um durch den Wald zu gehen. Ich kenne den Pfad von früher her noch ziemlich gut. Es ist die Stunde, welche uns die braune Gräfin bestimmte. Wir kommen gerade zur rechten Zeit.« »Wollen wir nicht doch die Kleine lieber hier lassen?« sagte Oswald. »Weshalb?« fragte der Baron, der schon aus dem Wagen gestiegen war. »Das Kind hängt sehr an der Frau, die ja am Ende doch seine Mutter ist. Vielleicht wird es bei ihrem Anblicke von der alten Liebe zum Waldesleben erfaßt, und es gibt zum mindesten eine peinliche Szene.« Oswald sprach die Worte leise, denn Czika regte sich in seinen Armen. »Czika will mit«, sagte das Kind plötzlich, »Czika will in den Wald und den Mond und die Sterne durch die Zweige tanzen sehen. Czika kennt jeden Baum und jeden Busch.« Sie stand auf dem feuchten Waldboden und klatschte vor Vergnügen in die Hände und tanzte und lachte und rief: »Kommt, kommt! Du, Herr, und du, Mann mit den blauen Augen! Czika will euch einen schönen Platz zeigen, Czika kennt jeden Baum und jeden Busch im weiten Wald.« Sie huschte auf einem schmalen Pfad, der sich von dem Wege, auf dem der Wagen hielt, seitwärts in den dichtesten Forst schlug, vorauf, wie eine wilde Katze durch die Büsche schlüpfend, deren dünne Zweige wieder hinter ihr zusammenschlugen. Nur mit großer Mühe folgten die beiden Männer. Czika war nicht zu bewegen, ihren Lauf zu hemmen. Ihre einzige Antwort auf das: Nicht so schnell, nicht so schnell, Czika! Nimm uns mit, Czika! war der helle, lustige Schrei des jungen Falken, den sie wieder und wieder, lauter und schriller, wie Antwort heischend erschallen ließ. Plötzlich ertönte die Antwort durch den stillen Wald, derselbe stolze Schrei, dessen sich Oldenburg und Oswald noch so deutlich von jenem Morgen erinnerten, als die Zigeunerin aus der Ferne den Ruf der Kleinen erwiderte. Da leuchtete ein roter Schein, der mit jedem Augenblick heller und heller wurde, durch die hohen Stämme der Bäume. »Wir sind gleich am Ziele«, sagte der Baron, welcher voranging. Wirklich traten sie nach wenigen Minuten auf die Lichtung heraus, die Oswald von dem Nachmittage, als er sich auf dem Wege zu Melitta verirrt hatte, so unvergeßlich war. Auf derselben Stelle, nicht weit vom Rande des Sumpfes, wo damals die Zigeunerin ihre Mahlzeit kochte, brannte jetzt wieder ein Feuer, aber groß und mächtig, wie um die Szene in das hellste Licht zu setzen. Die Kronen der mächtigen Bäume glühten purpurot oder tauchten in schwere Schatten, je nachdem die Flamme des Holzstoßes emporloderte oder zusammensank; von dem dunklen Wasserspiegel des Sumpfes erglänzte der Widerschein – und, umflossen von dieser magischen Beleuchtung, erblickten die Männer, als sie atemlos den Saum der Lichtung erreichten, die braune Gräfin auf den Knien vor Czika, die sie mit Küssen und Liebkosungen überhäufte; während das Kind sich vergeblich bemühte, sie vom Boden emporzuziehen und sich endlich zu ihr auf die Knie warf, ihr Haupt an dem Busen des Weibes verbergend. Schweigend und regungslos standen die beiden Männer, tiefergriffen von dem Schauspiel einer so leidenschaftlichen Zärtlichkeit. Da erhob sich die Zigeunerin, und das Kind in die Hand nehmend, trat sie auf die beiden zu und sagte zu Oldenburg, der sie mit weitaufgerissenen Augen anstarrte: »Kennst du mich, Herr?« In diesem Augenblick leuchtete die Flamme hoch auf, und jeder Zug in dem edelstolzen Gesicht des ägyptischen Weibes und jede Linie ihres schlanken, hohen Leibes war wie vom Tageslicht erhellt. »Xenobi!« schrie der Baron, seine Arme ausbreitend. »Xenobi!«' Das braune Weib stürzte sich mit einem Schrei wahnsinnigen Entzückens an seine Brust und klammerte sich an ihn, als ob sie sich nie wieder von dem geliebten Manne trennen wolle. Aber im nächsten Moment schon riß sie sich los, trat ein paar Schritte zurück und stand da, unbeweglich, die Hände über den vollen Busen faltend. Czika stand zwischen ihr und dem Baron, die großen dunklen Augen voller Verwunderung von diesem zu jener, von jener zu diesem wendend. Der Baron nahm sie bei der Hand und sagte, näher an die Zigeunerin tretend, in einem Tone, der, sosehr er sich auch zu beherrschen suchte, deutlich die ungeheure Erregung verriet, die in ihm wühlte. »Xenobi ist dieses Kind –« Er vermochte nicht weiterzusprechen; er rang mühsam nach Worten. Endlich stammelte er: »Dein und mein Kind?« »Ja, Herr!« sagte die Zigeunerin, ohne sich zu regen; die dunkeln glänzenden Augen fest auf das Antlitz des Barons heftend. Oldenburg hob das Kind in seinen Armen empor und drückte es an seine Brust. Oswald fühlte, daß er die drei allein lassen müsse, und zog sich bis an den Rand des Waldes zurück. Dort setzte er sich. Es war dieselbe Stelle, auf der er an jenem Nachmittage gelegen hatte, als er den köstlichen Traum von Melitta träumte, und von wo aus er hernach Czika auf dem Cymbal hatte spielen hören, während die braune Gräfin am Feuer schaffte und mit ihrer tiefen, weichen Stimme die ungarische Volksweise sang. Wie vieles hatte sich nicht seit jenem Tage geändert! Was hatte er nicht alles gewonnen und wieder verloren! Damals hatte sein Herz der schönen Frau so sehnsuchtsvoll entgegengeschlagen; heute erfüllte die Erinnerung an sie seine Seele mit Trauer und Schmerz. Warum hatte sie ihn so unendlich glücklich gemacht, wenn ihre Liebe doch nur die souveräne Laune eines Augenblicks war, nur ein hübsches Spiel, der Stunden Einerlei auszufüllen, über den momentanen Bruch ihres Verhältnisses zu Oldenburg besser hinwegzukommen? Würde die hochgeborene Dame, die stolze Aristokratin, ihn über kurz oder lang nicht verleugnen, verleugnen müssen, wie der Mann da das arme Zigeunermädchen vor seinen Freunden verleugnet? Und hatte er diesen Gedanken nicht immer schon mit sich herumgetragen? Hatte sich dieser Gedanke nicht selbst in den sonnigsten Augenblicken der Liebe wie ein düsterer Schatten zwischen ihn und die reizende Frau gestohlen? Hatte er nicht, als der Name Oldenburgs zum ersten Male sein Ohr berührte, in diesem Manne, wie von einem Dämon getrieben, seinen Nebenbuhler erkannt! Und mußte er sich nicht eingestehen, daß dieser Mann alles besitze, in dem Herzen einer stolzen Frau eine heroische Leidenschaft zu entflammen? Rang und Reichtum, eminente Gaben, den Mut des Ritters ohne Furcht und Tadel, und gerade genug vom Libertin, um ein Weib, das nicht ganz reinen Herzens ist, zu bestricken? Und wie gut stand ihm sein Weltschmerz und die Duldermiene? Sollte man, wenn man ihn hörte, nicht glauben, er werde nächstens in die Wüste gehen und sich von Heuschrecken nähren? Jetzt wird er die Zigeunerin mit sich auf seine Solitüde nehmen, damit die Einsamkeit bis zu Melittas Rückkehr etwas weniger einsam sei! So wühlte sich Oswald geflissentlich tief und tiefer in die bittersten Empfindungen hinein. Er hatte ein dumpfes Gefühl davon, wie krank er war, wie abgehetzt und müde, wie unfähig, über sich selbst zur Klarheit zu kommen. Er wäre am liebsten gestorben, um all dem Wirrsal zu entfliehen, wie ein Schwimmer, wenn er fühlt, daß ihn die Kräfte verlassen, und weiß, daß keine Rettung mehr für ihn ist, sich in den Abgrund sinken läßt. Er drückte das Gesicht in seine Hände, um nichts mehr zu sehen und zu hören. Eine Hand, die sich auf seine Schulter legte, riß ihn aus seinem wirren Traum. Es war Oldenburg. Der Baron war allein. Das Feuer des Holzstoßes flammte nur noch auf Augenblicke empor und drohte zu verlöschen. Der Mond, über den graue Wolkenschleier zogen, flimmerte geisterhaft in dem dunklen Wasser des Sumpfes. Unheimlich zischelte und flüsterte der Wind in den langen Binsen des Ufers. »Wo ist Czika?« fragte Oswald. »Fort«, erwiderte der Baron, »lassen Sie uns aufbrechen. Es ist spät.« »Wird sie nicht wiederkommen?« »Ich weiß es nicht.« »Und Sie haben zugegeben, daß dies Kind, Ihr Kind, der Zigeunerin folgt in die weite Welt!« »Was sollte ich tun? Ist es nicht ihr Kind tausendmal mehr als meines? Hat sie es nicht mit Schmerzen geboren, es genährt und gepflegt und beschirmt alle diese Jahre, durch Regen und Sonnenschein, in Not und Armut, im wilden Wald, auf der offenen Landstraße? Hat sie nicht für dies Kind gebettelt und gestohlen und vielleicht getan, was noch schlimmer ist? Was habe ich für mein Kind getan, nichts – nichts, als seine Mutter vor den Augen eines vornehmen Pöbels wie einen verlaufenen Hund von mir gejagt, einer elenden Kokette zuliebe! Nein, nein! Ich habe kein Anrecht an diesem Kinde!« Während der Baron so sprach, stieß er mit dem Fuße die halbverkohlten Feuerbrände aus dem Holzstoß in den Sumpf, daß sie zischend verlöschten. »Weshalb hat denn die braune Gräfin Sie aufgesucht? Weshalb Ihnen das Kind in die Hände gespielt? Weshalb dieses Rendezvous selbst herbeigeführt?« »Sie wollte den Geliebten ihrer Jugend, den einzigen Mann, den sie vielleicht je geliebt hat, noch einmal sehen; sie wollte ihm das Kind, sein, Kind, in die Hände legen und zurücktauchen in ihre Waldesnacht. Aber sie kann ohne das Kind nicht leben und das Kind nicht ohne sie. So mußte ich denn beide ziehen lassen.« »Aber weshalb nicht beide mit nach Cona nehmen?« »Soll ich den Falken an die Kette legen? Der Falke fühlt sich nur wohl in dem unermeßlichen Äthermeer; er stirbt in der dumpfen Stubenluft. Kommen Sie! Es ist für uns zivilisierte Menschen die höchste Zeit, daß wir ins warme Bett kommen.« Der Baron stieß den letzten Brand hinunter ins Wasser und wandte sich, zu gehen. Zwischen den hastig treibenden Wolken hervor blickte der Mond trübäugig in das schwarze Wasser des Sumpfes, und Oswald war es, als ob die langen Binsen, die am Rande wuchsen, flüsterten: Hier ist kühle Ruh' für alles Erdenleid. Neunundvierzigstes Kapitel »So! Aus der Verlegenheit wären wir glücklich!« sagte Albert, ein Paket Wertpapiere in eine voluminöse, abgetragene Brieftasche stopfend, die unter andern auch verschiedene Schreiben in kaufmännischer Hand enthielt, die, obgleich die meisten darunter von nicht ganz neuem Datum, noch immer nicht beantwortet waren. »Es ist doch alles in allem ein gutes kleines Frauenzimmer; nicht übermäßig gescheit – aber das ist in diesem Falle nur eine Tugend mehr. Ich glaube wirklich, ich könnte meine Natur so weit verleugnen, die kleine Samariterin zu heiraten. Vielleicht führe ich gar nicht so schlecht dabei. Wer weiß? Am Ende steckt noch irgendwo in einem verborgenen Winkel meines Innern der Keim zu einem soliden Spießbürger, der nur der Wärme des häuslichen Herdes bedarf, um sich glorreich zu entwickeln. Die Sache ist freilich, wie ich mich kenne, äußerst problematisch, aber so ganz und gar unmöglich ist sie denn doch nicht. Ich sehe mich schon im Geiste an der Seite der kleinen Frau des sonntags nachmittags ehrsam durch die Felder wandern, das Lied der Spatzen und die Philippiken der treuen Ehehälfte gegen die steigende Unverschämtheit der Bäcker und Fleischer mit langen Ohren einsaugend, während vor uns her zwei junge Weltbürger watscheln, die eine flüchtige Ähnlichkeit mit einer mir sehr werten Person haben, und hinter uns aus einem, von einem Mädchen für alles gezogenen Wägelchen ein feines Stimmchen erschallt, das den beredtesten Kommentar zu den staatsökonomischen Abhandlungen der kleinen Frau liefert.« Albert stöhnte, als ob er sich auf dieser imaginären Promenade den Fuß an einen sehr reellen Stein gestoßen hätte. Er sprang von dem Sofa auf und ging, die Arme auf dem Rüchen, nachdenklich im Zimmer auf und ab. »Die Karten sind fertig«, sagte er, vor seinem Zeichentische stehenbleibend, »Anna-Maria hat mich abgelohnt; ich habe eigentlich hier nichts mehr zu tun, und die Frage der gnädigen Frau, wann ich abzureisen gedächte, war auch ziemlich deutlich. Wie ich diese stolze nichtsnutzige Brut hasse – alle, keinen und keine ausgenommen, nicht einmal die schöne hochnäsige Helene, die mich immer mit so kühler Verachtung aus ihren großen Augen ansieht; und am wenigsten meinen edlen Freund Felix, der, glaube ich, nicht übel Lust hätte, mir Hörner aufzusetzen, ehe ich noch zu diesem Schmuck ein legitimes Recht habe. Könnte ich doch euch allen, wie ihr da seid, einen recht gründlichen Schabernack spielen, daß ihr euer Leben lang an mich denken solltet! Euch zum Beispiel den Erben von Stantow und Bärwalde in der Person – ja, in welcher Person? Hic haeret aqua. Aus den Briefen, die ich habe, ist wohl etwas, aber nicht viel zu machen. Ich kann noch nicht einmal die vortreffliche Anna-Maria damit ins Bockshorn jagen. Fände ich nur Gelegenheit, den Koffer der alten Mutter Clausen durchzustöbern! Es ist bei mir zur fixen Idee geworden, daß da etwas zu finden sein muß. Aber vergebens, daß ich die Gelegenheit gründlich studiert habe, daß ich Tag und Nacht ums Haus geschlichen bin, einen Moment abzuwarten, ob die Alte sich einmal daraus entfernt; sie sitzt darin fest wie eine Kröte unter dem Stein. – Ad vocem dieses liebenswürdigen Jünglings! Ich habe schon daran gedacht, ob man ihn nicht nolens volens zum Prätendenten machen könnte; denn die ganze Farce als einen lustigen und nebenbei lukrativen Maskenscherz anzusehen, wird ihm wohl seine dumme Ehrlichkeit nicht erlauben. Es ist merkwürdig, wie ehrlich die Leute sind, denen es an nichts fehlt! Und dieser Stein ist gar nicht einmal so glücklich situiert. Er hatte kein Vermögen – warum sollte er sich sonst mit anderer Leute Kindern plagen? Er wäre gerade der Mann, ein anständiges Vermögen durchzubringen. Und es paßt soweit alles. Er hat genau das erforderliche Alter; er hat, wie er mir gesagt hat, seine Mutter kaum und andere Verwandte, excepto patre, nie gekannt. Und überdies hat er eine zufällige, aber frappante Ähnlichkeit mit der älteren Grenwitzer Linie. Ich wollte, ich wäre er, das heißt mit meinem Hirn dazu. In welcher fragwürdigen Gestalt wollte ich bald vor euch hintreten!« Ein schüchternes Klopfen an der Tür unterbrach Alberts Meditationen. Da auf sein Herein niemand eintrat, ging er selbst und öffnete. Ein kleiner, blondköpfiger, barfüßiger Bauernknabe stand da und schaute mit nicht allzu klugen Augen fragend zu ihm auf. »Zu wem willst du, Kleiner?« »Sind Sie der Kandidat auf dem Schlosse?« »Jawohl!« sagte der allezeit zu Scherz und Kurzweil aufgelegte Albert. »Mutter Clausen hat mich hergeschickt –« »Wer?« »Mutter Clausen hat mich hergeschickt –« »Komm herein, Kleiner«, sagte Albert, den Knaben bei der Hand in das Zimmer führend, und die Tür hinter ihm schließend: »Was will denn Mutter Clausen von mir?« »Mutter Clausen liegt auf den Tod, und hat mich hergeschickt zu dem Herrn Kandidaten, er soll doch noch einmal zu ihr kommen.« Der Knabe atmete tief auf, als er die Bergeslast seiner Kommission vom Herzen hatte. Albert griff nach seiner Mütze. »Ich komme gleich mit dir, oder lauf nur voran, und sag', ich käme gleich. Und höre! Wenn dich jemand im Schlosse fragt, woher du kommst, sag nur: Du hättest deine Bestellung schon ausgerichtet. Hier hast du einen Silbergroschen und nun mache, daß du fortkommst!« Der Knabe entfernte sich, über Alberts großmütigem Geschenk Alberts wohlüberlegten Befehl, sich möglichst schnell davonzumachen, vergessend. Er setzte sich, unten auf dem Schloßhofe angekommen, auf den Rand des Brunnens der Najade und überlegte, den Groschen in der Hand herumdrehend, ob er sich jetzt gleich die ganze Welt, oder vorläufig nur den Stieglitz kaufen sollte, den ihm ein anderer Bauernknabe heute morgen angeboten hatte? Er mochte wohl eine Viertelstunde da gesessen haben, bis er zuletzt, vom vielen Umherlaufen ermüdet, einnickte. So fand ihn Oswald, der von einem einsamen Spaziergange zurückkehrte. Da das Bild des auf dem Rande des Brunnens schlafenden zerlumpten Knaben ihn interessierte, trat er näher. Der Knabe fuhr in die Höhe und rieb sich verwundert die Augen. »Wie kommst du hierher, Kleiner?« fragte Oswald. »Mutter Clausen hat mich hergeschickt!« sagte jener, der in diesem Augenblicke nicht wußte, ob er seine Bestellung schon ausgerichtet hatte oder nicht. »Was ist mit Mutter Clausen?« fragte Oswald, der sofort ahnte, es müßte seiner alten Freundin etwas zugestoßen sein. »Mutter Clausen hat mich hergeschickt«, wiederholte der Knabe, »sie liegt auf den Tod und läßt dem Herrn Kandidaten sagen, er möchte –« Mehr hörte Oswald nicht. – Die gute, alte Frau, an der er im Anfang so lebhaftes Interesse nahm und die er doch in der letzten Zeit so ganz vergessen hatte, im Sterben, vielleicht allein, ohne Hilfe, ohne daß ihr eine freundliche Hand das Kissen glättete – er eilte, was er konnte, durch das kleinere Tor auf dem Wege hin, der zu den Häuslerwohnungen führte, denselben Weg, welchen Albert eine Viertelstunde zuvor, mit nicht geringerer Eile zurückgelegt. Albert war, als der Knabe sich entfernt hatte, durch den Garten nach dem kleinen Tor geschlichen. Niemand hatte ihn fortgehen sehen. Die Familie war ausgefahren; Oswald glaubte er auf seinem Zimmer. Fortes fortuna iuvat; dachte er, während er unter den Weidenbäumen, mit denen der Weg besetzt war, hinlief. Es ist jetzt noch alles auf dem Felde. Die Alte hätte sich keine passendere Stunde zum Sterben aussuchen können. Ich will nur hoffen, daß sie schon tot ist, wenn ich komme, und ich so aller unnötigen Auseinandersetzungen überhoben bin. In wenigen Minuten hatte er das Dorf erreicht; aber er vermied die Hauptstraße und lief lieber an den Gärtchen, die hinter den Hütten lagen, entlang, bis er zu der Wohnung Mutter Clausens kam. Hier sprang er über den niedrigen Zaun und trat durch die offene Hintertüre auf den kleinen Flur. Er horchte, ob sich etwas im Hause rege. Er hörte nichts als das Ticken der großen Schwarzwälderuhr aus der Stube Jochens, und von der Dorfstraße her das Lachen von ein paar Kindern – Mutter Clausens kleinen Pflegekindern – die sich in der Abendsonne im Sande balgten. »Jetzt nur um Himmels willen keine mitleidige Seele bei der Kranken in der Stube«, murmelte Albert, leise die Tür, die zu dem Stübchen der Alten führte, aufdrückend. Er trat auf den Fußspitzen ein. Es dunkelte schon in dem niedrigen engen Raum. Alberts erster Blick fiel auf die große Lade, die noch wie damals in der Ecke stand; sein zweiter auf die Gestalt der Alten. Sie saß auf dem großen Lehnstuhle, »in dem Baron Oskar gestorben war«. Sie hatte ihren Sonntagsstaat angelegt; ihr Eichenstock lehnte neben ihr – man hätte glauben sollen, sie hätte sich bereitgemacht, nach Faschwitz in die Kirche zu gehen, und sei nur eben noch ein wenig eingenickt, sich auf den langen, langen Weg vorzubereiten. »Bist du es, Junker!« sagte sie mit zitternder Stimme, und sie hob das Haupt mit dem schneeweißen Haar empor und blickte nach der Tür. »Tritt näher – ganz nahe, daß ich dich mit der Hand berühren kann. Wo bist du? Es ist dunkel um mich her, ich sehe dich nicht. Scheint nicht der Mond durch die Bäume? Hörst du, wie die Nachtigall singt? Horch! Wie süß, wie schön! Oskar, du darfst die Liese nicht verlassen; sie weint sich sonst die alten Augen aus. Und dem Harald mußt du sagen, daß er die arme Marie nicht so quält. Sonst muß sie hinaus in die wilde Nacht. Leb wohl, liebes Kind! Ja, ja, ich will alles verbrennen; es liegt sicher in der Lade. Mutter Clausen kann nicht lesen; es kommt der Rechte schon zur rechten Zeit.« Der Kopf der Sterbenden sank herab auf die Brust. Albert glaubte sie tot. Er trat an die Lade, hob den schweren Deckel und durchwühlte hastig und doch methodisch genau den Inhalt. Es lagen Frauenkleider darin, die nicht der Mutter Clausen gehört haben konnten, städtische Kleider, wie sie junge Mädchen vor fünfundzwanzig Jahren trugen; verwelkte Blumensträuße, verblichene Bänder, ein paar einfache Schmucksachen: ein Band von roten Korallen, ein kleines goldenes Kreuz an einem schwarzen Sammetbande. Das alles mochte für einen andern von hohem Interesse sein, aber für Albert hatte es nicht das mindeste. Er wurde ungeduldig, als er, ein Stück nach dem andern herausnehmend, nichts von dem fand, was er suchte. Endlich – da! Auf dem Boden des Koffers, in der Ecke, unter einer schwarzseidenen Robe versteckt – ein ziemlich bedeutendes Paket – Briefe, Papiere – das war's! – Er ließ es in die Tasche seines Rockes gleiten; er nahm mit beiden Armen, was er aus dem Koffer genommen hatte, stopfte es hinein, so gut es gehen wollte, drückte den Deckel wieder zu – und, wie er sich jetzt von den Knien aufrichtete, waren das nicht Schritte, die eilig näher kamen? Im Nu war er an dem Fensterchen, das von der Stube aus in das Gärtchen hinter dem Hause führte. Er riß es auf, er zwängte sich mit einer Schnelligkeit hindurch, die dem gewandtesten Gauner zu hoher Ehre gereicht haben würde; kroch auf allen vieren durch die Johannisbeerbüsche. sprang über den niedrigen Zaun und war im nächsten Augenblick in den goldenen Wogen eines Roggenfeldes verschwunden. Als Albert seinen Rückzug durch das Fenster eben bewerkstelligt hatte, trat Oswald, atemlos von seinem raschen Lauf, in das Zimmer. Er glaubte schon zu spät zu kommen, er kniete neben der Alten nieder und nahm ihre welken, erkalteten Hände in die seinen. Und diese Berührung schien die Sterbende noch einmal zum Leben zu erwecken. Sie richtete sich gerade auf und sagte, dem vor ihr Knienden die Hände aufs Haupt legend, mit einer Stimme, die schon von jenseits des Grabens herüberzutönen schien: »Der Herr segne und behüte dich! Der Herr gebe dir Frieden!« »Amen!« murmelte Oswald. Die Hände der Alten glitten sanft auf ihren Schoß. Oswald blickte empor. Der Schein der untergehenden Sonne fiel durch das niedrige Fenster; das Antlitz der Alten war wie verklärt in dem rosigen Licht. Aber das rosige Licht verschwand; und der graue Abend schaute herein auf das bleiche Antlitz einer Toten. Oswald drückte ihr die Augen zu. – Von drüben her schallte durch die offene Tür das monotone Ticktack der Wanduhr; von der Straße tönte das Lachen und Jauchzen der spielenden Kinder. »Was weiß das Leben vom Tode? Was der Tod vom Leben? Was die Ewigkeit von beiden?« murmelte Oswald, als er sich nach einigen Minuten von der Seite der Toten aufrichtete und die Tränen abwischte, die ihm heiß über die Wangen rollten. Fünfzigstes Kapitel Am nächsten Morgen noch vor dem Frühstück war Herr Timm abgereist. Er hatte den Baron gebeten, ihn bis nach Bergen, dem nächsten Städtchen, fahren zu lassen, von dort wolle er Extrapost nehmen. Der gastfreundliche Baron fragte, ob es denn so große Eile habe. ob er sich nicht ein paar Tage von seiner angestrengten Arbeit ausruhen wolle? Da Albert indessen gestern abend einen bedeutenden Auftrag erhalten zu haben vorgab (der Postbote hatte ihm in der Tat einen Brief gebracht), so ließ sich dagegen allerdings nichts einwenden, und der Baron befahl dem schweigsamen Kutscher, die schwerfälligen Braunen anzuspannen. Herr Timm sagte allen flüchtig Lebewohl und fuhr von dannen. Es vermißte ihn niemand – niemand, mit Ausnahme der kleinen Genferin. Aber sie vergoß ihre heißen Tränen in der Stille ihres Stübchens und die Gesellschaft sah von ihrem Kummer nichts als die rotgeweinten Augen, die sie durch heftigen Kopfschmerz erklären zu können hoffte, wenn sie jemand danach fragte. Es fragte sie aber keiner. Hatten doch alle genug mit sich selbst zu tun! War doch jeder vollauf mit dem beschäftigt, was ihm zunächst am Herzen lag. Der Tod der alten Frau war für Oswald ein neuer Schlag. Es war, als ob sein verdüstertes Gemüt nicht zur Ruhe kommen, als ob an seinem Himmel der letzte helle Streifen verschwinden und gänzliche Nacht ihn umgeben sollte! Er hatte Mutter Clausen nur selten gesehen, aber es war jedesmal unter so eigentümlichen Verhältnissen gewesen; er hatte jedesmal einen so tiefen, ja erschütternden Eindruck von diesen Begegnungen davongetragen, daß ihm jetzt war, als hätte er eine Ahne verloren, deren zärtliche Liebe er mit Gleichgültigkeit und Undank vergolten hatte. Wie bestimmt hatte er sich vorgenommen, als er das letzte Mal mit Albert in ihrer Hütte gewesen war, die alte Frau nicht wieder aus den Augen zu verlieren; nachzufragen, ob er ihr in irgendeiner Weise dienen, irgendwie ihr einsames Alter erfreuen könne? Sie hatte seiner in ihrer letzten Stunde gedacht; er hatte in allen diesen Tagen keine Minute Zeit gehabt, an sie zu denken. Sie hatte nicht sterben mögen, ohne ihm ihren Segen zu geben. Was hatte er im Leben Gutes getan, diesen Segen zu verdienen? – Was half es nun der Toten, daß er für ihr Begräbnis Sorge trug, daß er mit Bruno hinter dem Leiterwagen herging, auf dem man ihren schmucklosen Sarg über die Heide nach Faschwitz fuhr, ihn auf dem dortigen Friedhofe in die Gruft zu senken, daß er nach Grünwald schrieb und eine kleine Marmortafel bestellte, auf daß ihr Grab nicht wie einer Geächteten Grab sei? Wie hätte ihm die Lebende für den geringsten Teil all der Mühe, die er sich jetzt um die Tote gab, so herzlich gedankt! Und war es, weil er ihn so wenig verdient hatte, daß der Segen der Sterbenden nicht in Erfüllung ging? Der Frieden, den sie für ihn herabflehte mit dem letzten Hauch ihres Mundes, wollte nicht einziehen in sein Herz. Wie ein Verzweifelter kämpfte er mit der rasenden Leidenschaft, die sich wie ein Orkan über ihn gestürzt hatte, aber jeder neue Tag mußte ihn nur immer mehr in seiner Ohnmacht überzeugen. Brachte ihn doch jeder neue Tag oft auf lange Stunden in die Gesellschaft des schönen Mädchens; trat sie ihm doch mit einem freundlichen Lächeln auf den stolzen Lippen entgegen, sobald der leuchtende Sommermorgen die kurze und für ihn so lange Nacht verdrängt hatte; saß er ihr doch bei Tische gegenüber; brachten die Unterrichtsstunden, gemeinsame Spaziergänge, hundert andere Gelegenheiten, die in einem so kleinen Kreise auf dem Lande beinahe unvermeidlich sind, ihn wieder und immer wieder mit der Herrlichen in Berührung! Und wohl mochte es einem leidenschaftlichen Herzen schwerfallen, von so viel Schönheit, Anmut und Geist nicht gerührt zu werden. Empfanden doch alle, die mit Helene in Berührung kamen, den wunderbaren Zauber ihrer Persönlichkeit; schien es doch fast unmöglich, nicht mit Heftigkeit für oder gegen sie Partei zu nehmen; gab es doch selbst in der Gesindestube unter den Leuten lebhafte Szenen, da der schweigsame Kutscher, auf die junge Baronesse anspielend, brummte: Es sei nicht alles Gold, was glänze, worauf die alte brave Köchin erwiderte: Zu schlechten und mißgünstigen Menschen kämen die lieben Engel allerdings nicht, was dann eine unerquickliche Debatte über schlechte Menschen im allgemeinen und besondern herbeiführte, bei der es von beiden Seiten ziemlich scharf herging und verschiedene helle Streiflichter auf die Familienangelegenheiten der gnädigen Herrschaft geworfen wurden. Denn selbst in diesen Regionen war man so ziemlich darüber einig, daß der Baron Felix sich nicht bloß zum Vergnügen so lange auf Schloß Grenwitz aufhielt; ja Felix' Kammerdiener behauptete: es gäbe gewisse Leute, die über gewisse Dinge eine ziemlich gewisse Auskunft geben könnten, daß aber Verschwiegenheit die erste Pflicht eines guten Bedienten sei. Er wolle nur so viel sagen, daß sein Herr eine Sache, die er angefangen habe, auch zu Ende bringe, und daß er selbst der unmaßgeblichen Meinung sei, es gebe kein Mädchen auf Erden, das seinem Herrn auf die Dauer widerstehen könne – eine Behauptung, die von dem weiblichen Teil der Gesellschaft mit großer Entrüstung zurückgewiesen wurde. Was den Blicken dieser Leute nicht entging, konnte Oswalds durch die Liebe hundertfach geschärftem Auge nicht verborgen bleiben. Mußte er doch täglich wahrnehmen, wie Baron Felix alles aufbot, sich die Gunst seiner schönen Cousine zu erwerben, alle Gewandtheit, die er sich in tausend Intrigen auf den glatten Parketts großstädtischer Salons angeeignet, allen Witz, mit dem ihn die Natur keineswegs kärglich versehen hatte; alle Vorteile, die ihm sein Verhältnis als naher Verwandter gestattete. Mußte er doch sehen, mit welcher Umsicht die Baronin diese Bemühungen auf alle Weise unterstützte und Felix in jeder Hinsicht ebenso unermüdlich wie geschickt sekundierte. Zwar sagte er nein oder schwieg, wenn Bruno nach Tische, nach einem Spaziergang mit zornigem Antlitz eine Frechheit von »dem Affen, dem Felix« erzählte; aber er wußte recht gut, daß der Knabe nicht falsch gesehen oder gehört hatte, und sein einziger Trost war, daß Helenes Stolz in die Verbindung mit einem ihrer so ganz und gar unwürdigen Mann nun und nimmermehr willigen werde. Was Fräulein Helene selbst betraf, so ging sie ihren stillen Weg, ohne scheinbar weder nach rechts noch links zu blicken, nur daß in der letzten Zeit ihr Betragen noch zurückhaltender, ihre Miene noch vornehmer, ihr Lächeln noch seltener geworden war. Sie wußte sehr wohl, daß sie in dem Kampfe, der ihr drohte, vergeblich an das Herz der kalten, egoistischen Mutter, vergeblich an die Einsicht des alten, schwachen Vaters, vergeblich an die Ritterlichkeit des frivolen, zügellosen Felix appellieren würde, und daß sie sich auf niemand verlassen könnte als auf sich selbst. Aber dieses Bewußtsein diente nur dazu, den Mut des hochherzigen Geschöpfes anzuschüren und zu entflammen. Die Annäherung, die zwischen ihr und der Mutter stattgefunden hatte, war nur eine scheinbare gewesen. Zwischen der Baronin, die nur weltliche Zwecke kannte und verfolgte, und ihrer Tochter, die einem vielleicht übertriebenen, immer aber hochsinnigen Idealismus huldigte, war auf die Dauer keine Vereinigung möglich. Das sprach Helene wiederholt in den Briefen aus, welche sie jetzt häufig an ihre liebste Freundin und einzige Vertraute, Miß Mary Burton, nach Hamburg schrieb. »Dearest Mary«, hieß es in einem, »wie oft hast du dich über das grausame Geschick beklagt, das dich mit Reichtum überschüttete, um dir alle Verwandten zu rauben, Eltern, Geschwister, Cousins und Cousinen – alle jene Freunde und Freundinnen, die uns die Natur selbst mit auf den Lebensweg gibt. Aber, glaube mir, liebes Mädchen, es gibt noch ein schlimmeres Los als das deine. Die Wehmut, die dich bei dem Gedanken erfaßt, allein dazustehen in der Welt, ist nicht ohne eine gewisse Süßigkeit. Wie oft sprachst du mit Entzücken von deinem Bruder Harry, der dir in der Blüte seiner Jahre geraubt wurde, von deiner Schwester Kitty, der holden Blume, die so früh verwelkte – du sagtest, sie seien dir nicht gestorben, könnten dir nicht sterben, denn sie lebten schöner und herrlicher in deiner Erinnerung fort. Die Schatten der lieben Toten umschwebten dich überall, sie seien dir eine liebe Gesellschaft, in der du dich unendlich wohler fühltest, als oft, sehr oft in der kalten, egoistischen, die dich umgibt. O gewiß: Das Leben ist der Güter höchstes nicht; aber die Liebe ist es. Das Leben ohne Liebe ist ganz wertlos. Deine Verwandten sind gestorben, aber sie leben dir; meine Verwandten leben, aber für mich sind sie tot. – Es ist ein grauses Wort, teuerste Mary, aber ich streiche es dennoch nicht wieder aus, denn es ist wahr, und wir haben ja geschworen, uns nie die Wahrheit zu verhehlen, koste uns ihr Bekenntnis noch so viel. Ja, sie sind tot für mich, meine Verwandten, und ob ich gleich die Hälfte meines Lebens hingeben möchte, sie ins Leben zu rufen – mit frommen Wünschen ist hier nichts getan. Wer leidet denn für uns? Doch nur die, in deren Herzen wir allezeit eine sichere Zufluchtsstätte finden vor allem Leid, das uns bedrängt, vor allen Zweifeln, die uns ängstigen; die nichts wollen als unser Glück und unser Glück nicht in der Erfüllung ihrer eigenen Wünsche, in der Befriedigung ihrer eigenen Selbstsucht erblicken. Und ist dies nicht der Fall bei den Meinigen? Kann ich ihnen mein Herz erschließen? Muß ich nicht stets fürchten, bei ihnen anzustoßen, wenn ich spreche, wie ich denke? Fragen sie nach meinen Neigungen? Ängstigen sie mich nicht vielmehr mit Zumutungen, mit Andeutungen, die mir das Blut erstarren machen? Freilich mein guter alter Vater – er würde, wenn es zum Äußersten käme, mich nicht verlassen; aber großer Gott, ist denn die Furcht, es könnte bis dahin kommen, nicht schlimm genug? Und ist denn der Beistand, den man sich ertrotzen muß, etwas, worauf wir mit vollem Vertrauen, mit gläubiger Zuversicht blicken können? Ach, Mary, ich kann dir nicht sagen, wie fremd, wie unheimlich mir der Geist ist, der in meinem elterlichen Hause waltet, wie sehr ich mich zurücksehne nach unserem stillen Pensionsleben, wo wir, wenn uns auch die Welt draußen verschlossen war, in unseren Träumen und ach vor allem in unserer herzlichen Freundschaft eine schönere und reichere Welt fanden. Hier hab ich niemand, dem ich einen Blick in diese Welt verstatten möchte, niemand als einen Knaben, bei dem ich auf Verständnis nicht rechnen kann, und einen Mann, den ich lieben könnte, wenn er mein Bruder wäre, und von dem mich jetzt eine unübersteigliche Kluft trennt. Du weißt, von wem ich spreche. Ich will dir nicht verschweigen, daß ich in letzterer Zeit an diesem Mann ein Interesse genommen habe, das ich nie für möglich gehalten hätte – ein Bekenntnis, das deinen Spott herausfordern wird und das ich dir dennoch, kraft der Heiligkeit unseres Kovenant, schuldig bin. Vielleicht fühle ich mich nur deshalb zu ihm hingezogen, weil er unglücklich ist. Er steht wie du allein, ganz allein in der Welt; seine Mutter hat er kaum gekannt, seinen Vater schon vor Jahren verloren, Brüder und Schwestern nie gehabt. Er ist noch jung, aber reiche Herzen erleben viel in kurzer Zeit, und er muß viel erlebt und viel gelitten haben. Es liegt eine Schwermut auf seiner hohen Stirn, in seinen tiefblauen großen Augen, die für mich etwas unendlich Rührendes hat; manchmal zuckt es so schmerzlich um seinen Mund, daß ich viel, sehr viel darum geben könnte, dürfte ich zu ihm treten und sprechen: Sage mir, was dich quält; vielleicht kann ich dir helfen, und vermag ich auch das nicht, kann ich doch mit dir fühlen. Wir beide, teure Mary, sind in der Überzeugung aufgewachsen, daß die unteren Stände mit dem Adel der Geburt auch des Adels der Gesinnung entbehren, daß wir bei ihnen auf ein Verständnis dessen, was uns hoch und teuer ist, in keinem Falle rechnen können. Ich gestehe, daß ich seit meiner Ankunft in Grenwitz von diesem Vorurteil – denn so muß ich es jetzt bezeichnen – in manchen Punkten zurückgekommen bin, daß ich wenigstens jetzt eingesehen habe, wie sich zu der Regel doch auch Ausnahmen finden. Stein ist eine solche Ausnahme. Ich habe noch kein Wort aus seinem Munde gehört, das den Plebejer verraten hätte, dagegen viele, sehr viele, die mir aus der Seele gesprochen waren, die ein lautes Echo in meinem Herzen fanden. Er spricht mit einer Anmut, wie ich es noch von keinem Menschen gehört habe, mit einer reichen Modulation der Stimme, die wie Musik in meinem Ohre klingt, so daß ich oft noch stundenlang nachher versuche, die Art und Weise, den Tonfall, mit dem er dieses oder jenes sprach, in meiner Erinnerung zurückzurufen. Es liegt für mich ein unendlicher Zauber in einer schönen klangreichen Stimme, es ist mir immer, als sprächen die Menschen mit dem Herzen; als könnte ich oft schon nach wenigen Worten sagen: Dies ist ein guter, dies ist kein guter Mensch. Und bei Stein wenigstens trifft es zu. Ich habe schon manche Proben von seiner Herzensgüte gesehen. So starb vor ein paar Tagen in unserem Dorfe eine alte Frau, die früher Wirtschafterin auf dem Schlosse gewesen war und von dem Vater eine kleine Pension hatte. Niemand kümmerte sich um sie, nur Stein, der auch nach ihrem Tode für ihr Begräbnis Sorge trug, ja, sie zu ihrer letzten Ruhestätte, mit Bruno, den weiten Weg bis zum Friedhofe begleitet hat. Das ist ihm im Schlosse sehr übel ausgelegt worden, und ich mußte sehr lieblose Bemerkungen darüber mit anhören; besonders von einer gewissen Person, die Gott danken sollte, wenn er sie nur einmal zu einer so guten Tat kommen, geschweige denn eine solche wirklich ausführen ließe. Aber ich will dieser Person nicht die Ehre antun, noch mehr Worte über sie zu verlieren. Ich habe beschlossen, daß sie in Wirklichkeit für mich nicht existieren soll, und so soll sie es auch nicht in Worten.« Dieser Brief, in dem sich Fräulein Helene so unumwunden über die Personen ihrer Umgebung aussprach, wurde nie beantwortet, denn er gelangte nie an seine Adresse. Einundfünfzigstes Kapitel Es war in der Nachmittagsstunde. Der alle Baron nickte in dem Wohnzimmer. Er saß in dem großen Schaukelstuhl; die Zeitung, in der er gelesen hatte, war ihm aus der welken, herabhängenden Hand geglitten. Er sah recht verfallen aus in diesem Augenblicke; recht wie ein alter Mann, der nicht mehr viele Jahre zu leben hat und dessen Leben die leichteste Krankheit ein rasches Ende machen kann. – So dachte Anna-Maria, die ihm gegenüber auf ihrem gewöhnlichen Platze gesessen und ihn eine geraume Zeit, in tiefes Nachdenken verloren, aufmerksam betrachtet hatte. Jetzt erhob sie sich leise und trat vor die Pendeluhr über dem Kamin. Es war bald vier, die Stunde, in der nach der unwandelbaren Ordnung des Hauses der Kaffee getrunken werden mußte – im Garten, wie stets, wenn das Wetter es erlaubte. Die Baronin stand im Begriff, ihren Gemahl zu wecken, sie besann sich indessen eines anderen, schritt durch die offene Tür in den Garten hinab und fragte den Bedienten, der das Kaffeeservice in die Laube trug, ob Baron Felix schon gerufen sei? »Noch nicht, gnädige Frau!« – »So gehen Sie hinauf; ich ließe ihn bitten, doch womöglich sogleich zu kommen, und hören Sie! Sagen Sie Mademoiselle, ich wollte heut selbst den Kaffee servieren, sie möge nur in der Wäschekammer bleiben.« – »Zu Befehl, gnädige Frau.« – »Und was ich sagen wollte, Sie brauchen die anderen noch nicht zu rufen.« – »Zu Befehl, gnädige Frau.« Der Mann ging seine Aufträge auszurichten. Anna-Maria schritt an der Laube vorüber in einen langen, ganz überwölbten Buchengang, der von dem großen Rasenplatze aus mehrere hundert Schritte bis an ein Gehölz führte, in dem eine kleine verfallene Kapelle stand. Sie schien ganz vergessen zu haben, daß sie Felix in die Laube beschieden hatte, denn sie ging immer weiter, die Augen auf den Boden geheftet, bis sie das Ende des Ganges und die Kapelle erreicht hatte. Es war eine liebliche, süß melancholische Stelle. Uralte Riesenbäume umwölbten den Platz mit ihren breiten Laubkronen, daß kaum ein Sonnenstrahl sich hineinstehlen konnte. Der Boden war mit dichtem Moos bedeckt; langes Gras wuchs zwischen den umhergestreuten Steinfliesen; die weitklaffenden Spalten des alten Gemäuers waren von dunkelgrünem Efeu übersponnen; hier sind da ragte ein hoher blühender Busch aus den Ruinen. Auf dem morschen Kreuz in einer der leeren Fensternischen saß ein Vögelchen und sang. Das war der einzige Laut, den man vernahm. Er schien die Stille ringsumher nur noch stiller zu machen. Einen Liebhaber der Einsamkeit würde der Platz entzückt haben. Aber die Baronin erhob kaum einmal die Augen vom Boden, sich flüchtig umzusehen. Sie hatte überhaupt sehr wenig Sinn für Sonnenstrahlen, die durch ein dichtes Laubgitter zittern, für blaue Schatten und andere Requisiten landschaftlicher Schönheit, und heute vorzüglich war ihr Geist von ganz anderen Dingen in Anspruch genommen. Sie setzte sich auf die Steinbank unmittelbar unter der leeren Fensternische, in der das Vögelchen sang, nahm aus der Tasche ihres Kleides einen Brief und begann ihn noch einmal zu lesen. Es war der Brief, den Helene heute morgen in dem guten Glauben, daß das Wort der Mutter, sie werde sich nie um ihre Korrespondenz kümmern, eine Wahrheit sei, geschrieben und in dem vollen Vertrauen auf die Heiligkeit des Briefgeheimnisses ihrem Kammermädchen übergeben hatte mit dem Auftrage, ihn in die Küche zu tragen, wo der Postbote sich an einer Tasse Kaffee erquickte. Das Mädchen war der Baronin auf dem Flur begegnet und von dieser gefragt worden, von wem der Brief sei? Auf die Antwort: Von dem gnädigen Fräulein, hatte die Baronin sich den Brief geben lassen, mit der Weisung, den Postboten hernach zu ihr aufs Zimmer zu senden, sie selbst habe noch mehrere Aufträge für ihn. Und hier saß sie nun auf der steinernen Bank neben dem alten Gemäuer unter der Fensternische, in der das Vögelchen so lustig zwitscherte, und studierte den Brief, den unseligen Brief, den sie nun schon beinahe auswendig wußte. Die Frucht von dem Baume der Erkenntnis, die sie so freventlich gestohlen, war bitter, sehr bitter. Sie hatte ihre Tochter nie geliebt; jetzt aber haßte sie ihre Tochter. Also wirklich! Ihr schlimmster Verdacht bestätigt! Für alle ihre Güte mit schwarzem Undank belohnt! Des Egoismus von ihrem eigenen Kinde angeklagt! In allen ihren Plänen von diesem Starrkopf durchkreuzt! Helene im besten Einverständnis mit den beiden Verhaßten! Fräulein von Grenwitz in Liebe zu einem Mietling, einem gemeinen Menschen, der bei ihren Eltern in Lohn und Brot stand! Denn was bedeuteten zuletzt all die schönen Phrasen von Oswalds Herzensgüte, von dem Anteil, den sie an seinem geheimen Kummer nahm? Die Baronin verstand sich freilich schlecht auf die Sprache der Liebe; soviel aber wußte sie, die Gleichgültigkeit spricht so nicht. Dahin also war es gekommen! Helene wollte Krieg! Gut – sie sollte ihn haben. Es sollte sich zeigen, wer die Stärkere war: die Mutter oder die Tochter. Jetzt zurückweichen? Zugeben, daß dieses ungeratene Kind ihren Willen durchsetzt? Den jahrelang erwogenen Vorsatz einer törichten Mädchenlaune opfern? Nimmermehr! Aber was jetzt tun? Noch einmal es mit scheinbarer Güte versuchen oder die Maske fallen lassen und befehlen, wo mit Bitten nichts auszurichten war? Und vor allem: wie weit Felix in das Geheimnis einweihen? Würde sich nicht sein Stolz regen, wenn er erführe, wie tief er in den Augen Helenens stand, wie sehr sie ihn verachtete? Konnte er nicht zurücktreten und setzte dann Helene nicht doch ihren Willen durch? Triumphierte die Tochter dann nicht doch über die Mutter? Ehe die Baronin über diesen Punkt mit sich ins klare kommen konnte, vernahm sie Schritte ganz in ihrer Nähe. Sie faltete eiligst den Brief zusammen und verbarg ihn hastig in der Tasche ihres Kleides. Felix hatte niemand in der Laube gefunden und, zufällig einen Blick in den Buchenwald werfend, die Baronin in der Tiefe zu erblicken geglaubt. »Also doch«, sagte er, als sich die Baronin bei seiner Annäherung erhob, »ich wußte wahrlich nicht, ob Sie es waren. Der Kaffee steht in der Laube; aber, wie König Philipp auf dem Thron, einsam und allein. Es scheint sich alle Welt, wie ich, verschlafen zu haben.« »Setzen Sie sich hierher zu mir, lieber Felix«, sagte die Baronin, »es hat mit dem Kaffee keine so große Eile. Wir können hier ungestörter sprechen als dort.« »Ein allerliebst verschwiegenes Plätzchen zu einem ehrbaren Rendezvous«, erwiderte Felix lachend, neben der Baronin auf dem Bänkchen Platz nehmend. In diesem Augenblick verstummte das Vögelchen, das oben in der Fensternische gesessen hatte und flog in einen der Bäume. Das bleiche, von dunkeln Locken eingerahmte Gesicht eines Knaben erschien in der Höhlung und schaute herunter, um sofort, nachdem es die beiden erblickt hatte, wieder zu verschwinden. »Daß Sie doch noch immer zum Scherz aufgelegt sind, lieber Felix«, sagte die Baronin. »Noch immer?« erwiderte Felix. »Was ist denn geschehen, weshalb ich weinen sollte? Sie können wohl nicht vergessen, was ich neulich abends sagte? Pah! Ich habe mich lange von dem Schreck erholt; es war ein blinder Schuß, glauben Sie mir!« »Ich wollte, ich könnte Ihre Zuversicht teilen, lieber Felix; aber ich habe meine guten Gründe, anderer Meinung zu sein. Ich habe Helene seitdem genauer beobachtet; ich kann mich von dem Gedanken nicht losmachen, daß doch etwas an der Sache ist.« »Aber, verzeihen Sie mir, Tante; Sie haben ein bewunderungswürdiges Talent, alles schwarz zu sehen. Es war ein kindischer Einfall von der kleinen Breesen; sie wollte mich ärgern – voilà tout! Ich kann Helenen nicht zutrauen, daß sie mir einen Schulmeister vorzieht. Es wäre ja lächerlich, horriblement lächerlich«, sagte der Exleutnant und betrachtete wohlgefällig seine lackierten Stiefel. »Und gesetzt auch, Helene könnte sich nicht so weit vergessen, – daß es nur die törichte Laune eines Augenblicks wäre, versteht sich ohnehin von selbst –, sind Sie denn mit ihrem Betragen, Ihnen gegenüber, zufrieden?« »Sie wird ihr Betragen ändern, sobald sie sieht, daß wir Ernst machen.« »Und wenn sie sich nicht ändert?« »Nun, so sind wir Gott sei Dank noch nicht verheiratet«, sagte Felix in der Bewunderung seiner Stiefel verloren, wahrscheinlich nicht genau wissend, was er sagte. »Dann dürfen wir ja auch unser Gespräch abbrechen«, sagte die Baronin sich erhebend, »wenn Sie mit einer solchen Gleichgültigkeit von dem Scheitern eines Planes sprechen können, an dessen Ausführung, sollte ich denken, uns beiden gleich viel gelegen sein muß, so verlohnt es sich auch nicht der Mühe, weiter darüber zu reden.« »Aber teuerste Tante«, sagte Felix aufspringend und der Baronin die Hand küssend, »Sie sind auch wahrlich heute in einer schauerlichen Laune. Wie können Sie ein Wort, bei dem ich mir, auf Ehre, nicht das mindeste gedacht habe, so übelnehmen? Es fuhr mir so heraus. Sie wissen ja, daß meine Zunge vieles spricht, was ich beileibe nicht verantworten möchte. Setzen Sie sich wieder, ich bitte Sie. Sie sagten, wenn Helene ihr Betragen nicht ändert? Meine ernste Antwort ist: So heirate ich sie doch. So etwas findet sich, wenn man nur erst im Wagen sitzt; auf der ersten Station wird geweint; auf der zweiten wird geschmollt; auf der dritten fängt man an zu lächeln; auf der vierten –« »Genug!« sagte die Baronin. »Sie sind ein unverbesserlicher Leichtfuß, der –« »Überall da hingelangt, wo er hingelangen will. Und deshalb lassen Sie Ihre Bedenken fahren und uns zum Kaffee gehen, der sonst wahrlich kalt wird.« »Nicht so schnell!« sagte die Baronin, »Wozu raten Sie denn nun?« »Wozu ich immer geraten habe. Sagen Sie Helenen – da ich ja doch einmal mich auf keinen Fall direkt in die Sache mische« soll –, du heiratest deinen Vetter, Baron Felix von Grenwitz, und zwar binnen hier und irgendeiner beliebigen Zeit. Abgemacht, Sela.« »Ist das Ihr Ernst?« »Mein wohlerwogener Ernst. Wann wollten Sie den großen Ball geben?« »Übermorgen.« »Gut. Das ist eine vortreffliche Gelegenheit, der Gesellschaft unsere Verlobung anzukündigen. Sagen Sie Helene, wenn du am Donnerstag abend nicht Felix' Verlobte bist, gehst da am Freitag früh in die Pension zurück. Sie sollen sehen, das hilft.« »Ich fürchte, die Drohung dürfte den entgegengesetzten Erfolg haben. Man hat Helene in Hamburg viel zu sehr verwöhnt. Ich glaube, sie ginge lieber heute zurück als morgen.« »Eh bien! So schicken Sie die kleine Widerspenstige nach Sundin in die Musterpension von Fräulein Bär. Es ist das freilich, wie mir die kleine Breesen, die dort erzogen ist, neulich mitteilte, eher eine Strafanstalt als eine Pension; aber je schlimmer, desto wirksamer – ich meine, die Drohung, denn daß es ma chère cousine nicht zum Äußersten kommen lassen, sondern sich, genau zur rechten Zeit, besinnen wird, daraufhin will ich mich hängen lassen. Verzeihen Sie, Tante; ich weiß, Sie lieben die starken Ausdrücke nicht.« »Es ist wirklich eine recht üble Angewohnheit von Ihnen«, sagte die Baronin, sich erhebend, während Felix ihrem Beispiele folgte. »Die ich Ihnen zu Gefallen ablegen werde«, erwiderte er, der Baronin den Arm bietend. »Noch eins«, sagte diese, stehenbleibend, »glauben Sie, daß Grenwitz darein willigen wird?« »Ob ich das glaube?« rief Felix mit einem für den alten, guten Baron wenig schmeichelhaften Lachen. »Ob ich das glaube? Ma foi, chère tante, da müßte mein sehr würdiger Onkel doch nicht beinahe zwanzig Jahre unter Ihrem Kommando gestanden haben. Wie lange habe ich denn die Ehre, unter Ihnen zu dienen? Ein paar Wochen, und ich dächte, ich wäre schon ganz passabel gedrillt.« »Sie sind ein Schmeichler«, sagte die Baronin gütig, »aber man kann Ihnen nicht bös sein.« Und das Paar entfernte sich, Arm in Arm. Als die Stimmen nicht mehr zu vernehmen waren, schaute das Knabengesicht wieder vorsichtig zu der Fensternische heraus. Es war noch bleicher als vorhin. Der Knabe streckte nach den Davongehenden drohend den Arm aus, und seine Lippen murmelten einen grimmigen Fluch. Dann, als die beiden nicht mehr zu sehen waren, ließ er sich aus der Fensternische herab auf die Bank, wo sie gesessen hatten. Neben der Bank, in dem dicken Moose, lag ein schlechtzusammengefalteter Brief, den die Baronin aus der Tasche verloren hatte. Der Knabe hob ihn auf, und als er sah, daß er von Helenes Hand war, drückte er ihn mit stürmischer Zärtlichkeit an seine Lippen. Dann verbarg er ihn sorgsam in seiner Brusttasche, blickte sich noch einmal vorsichtig um, und war im nächsten Augenblick im dichten Gebüsch verschwunden. Zweiundfünfzigstes Kapitel Die Behauptung von Felix' vielgewandtem Kammerdiener betreffs der Unwiderstehlichkeit seines Herrn in Liebesaffären war zwar als eine Beleidigung des schönen Geschlechts im allgemeinen und des in der Küche versammelten weiblichen Dienstpersonals im besonderen von diesem letzteren aufs heftigste bestritten worden, der Vielgewandte indessen hatte dazu nur geheimnisvoll gelächelt, sich, nach der Weise seines Herrn, in den Stuhl zurückgelehnt, die Beine von sich gestreckt und mit einem vielsagenden Zwinkern seines rechten Auges auf die geblickt, die in dem unerquicklichen Disput die höchste moralische Entrüstung und die größte Zungenfertigkeit zeigte. Die hübsche Luise war auf diesen Blick hin sehr rot geworden und so plötzlich verstummt, daß es selbst die Aufmerksamkeit des schweigsamen Kutschers erregte und ihn zu der Wiederholung seiner früheren Bemerkung veranlaßte, es sei nicht alles Gold, was glänze. Darauf hatte die hübsche Luise zu weinen angefangen, die alte, brave Köchin sich ihrer angenommen und gemeint, der Herr Kammerdiener solle sich schämen, durch gehässige »Insinuationen« und »mechante« Blicke ein armes Mädchen in schlechten Ruf zu bringen; der Vielgewandte, der bemerkte, daß er zu weit gegangen sei, sich sodann zu der Erwiderung genötigt gesehen: wie es ihm nicht eingefallen sei, auf irgendeine der anwesenden Damen direkt anzuspielen, und daß er mit seinem Zwinkern schlechterdings gar nichts habe sagen wollen. Diese Erklärung hatte denn schließlich den so freventlich gestörten Frieden der um den Küchenherd versammelten Gesellschaft wiederhergestellt. Indessen verhielt sich die Sache genauso, wie der Vielgewandte angedeutet hatte. Baron Felix war noch nicht vierundzwanzig Stunden auf dem Schlosse gewesen, als er schon Mademoiselle Marguerite und die hübsche Luise als diejenigen Personen herausgefunden hatte, die besonders gut geeignet sein dürften, ihm die Langeweile des Landlebens und die Unbequemlichkeit einer Brautwerbung tragen zu helfen. Er hatte Albert, den buon camerata so vieler ähnlicher Heldentaten in der Kadettenzeit, über Mademoiselle auszuholen versucht und seinem Jean den Auftrag erteilt, die Moralität der hübschen Luise gelegentlich auf die Probe zu stellen. Albert war einen Augenblick im Zweifel gewesen, ob er Felix' saubern Plan nicht wenigstens so weit begünstigen sollte, um einen Grund zu haben, auf den er sich stützen könnte, wenn es ihm später vielleicht einmal darauf ankäme, mit Marguerite zu brechen. Dann aber hatten die Eifersucht und der Haß, den er gegen seinen früheren Kameraden empfand, doch den Sieg davongetragen. Er hatte Felix erzählt, wie er ganz bestimmt – von Mademoiselle selbst – wisse, daß sie – »mit einem Kandidaten der Theologie, der Himmel weiß, wo? Ich glaube in Grünwald« – verlobt sei, daß er selbst versucht habe, sich die Gunst der schwarzäugigen Genferin zu erwerben, und also von der gänzlichen Hoffnungslosigkeit – »nach dieser Seite hin etwas auszurichten«, vollkommen überzeugt sei. Felix, obgleich er sonst nicht der Mann war, sich durch dergleichen Mitteilungen einschüchtern zu lassen, tröstete sich um so leichter über das Fehlschlagen dieses seines Planes, als ihm der Vielgewandte gesagt hatte, daß eine sofort angestellte forcierte Rekognoszierung nach der andern Seite durchaus von dem günstigsten Erfolg gekrönt worden sei und daß er seinem Herrn schon im voraus zu dieser Akquisition gratulieren zu können glaube. Don Juan Felix hatte darauf unter Beistand des Vielgewandten nach allen Regeln langgeübter Kunst das Vögelchen in das Garn zu locken versucht und sich denn auch nicht weiter gewundert, als es schon nach wenigen Tagen in die kunstgerecht aufgestellten Netze flatterte. Die Einrichtung des Schlosses mit seinen labyrinthischen Korridoren, seinen vielen großen und kleinen Treppen, auf denen man unversehens in Etagen gelangte, in die man gar nicht wollte, mit seinen unzähligen Türen, von denen die eine aussah wie die andere, machte für jemand, der die Lokalität nicht ganz genau kannte, die Durchführung eines galanten Abenteuers zu einer äußerst schwierigen und bedenklichen Sache. Das hatte auch Felix erfahren, indem er sich einigemal auf seinen nächtlichen Wanderungen gründlich verirrte und nur mit der äußersten Mühe und nach stundenlangem, vorsichtigem Umhertappen sein Zimmer wiedergewann. Er zog es deshalb vor, in dem Garten, der sich mit seinen schattigen Gängen und stillverschwiegenen Lauben auch ganz vortrefflich dazu eignete und in den man sowohl aus der Leutewohnung wie aus dem Herrenhause ohne große Mühe gelangen konnte, den angesponnenen Roman weiterzuführen. So hatte er sich denn auch in dieser Nacht aus dem Schlosse gestohlen und harrte in den dichten Bosketts, von denen aus man die Seitenfront des alten Schlosses und die Leutewohnung, die in einer Linie daran gebaut war, beobachten konnte, seines armen Opfers. Die Schloßuhr schlug zwölf – die Stunde, welche er zum Rendezvous bestimmt hatte. Der Mond schien hell, die Tautropfen auf den Blumen und Blättern glitzerten in seinen Strahlen; Felix konnte auf seiner Uhr sehen, daß die Schloßglocke eine Viertelstunde zu spät geschlagen hatte. Die Lichter im Schloß waren erloschen; nur in zwei der Fenster des hohen Parterres schimmerte durch die roten Vorhänge der Schein einer Lampe. Es war Helenes Zimmer. Felix sah in regelmäßigen Zwischenräumen die undeutlichen Umrisse ihrer Gestalt hinter dem Vorhang – offenbar schritt sie im Zimmer auf und ab. Dann mußte sie sich wieder an das Klavier gesetzt haben, denn einzelne Töne, den Lauten des Vogels gleich, der im hellen Mondschein träumend sein Lied zu singen versucht, irrten durch den stillen Garten; die Töne flossen zusammen zu Akkorden und endlich strömte in vollen rauschenden Wogen Beethovens herrliche Sonate pathétique, wie der Gesang eines Engels, der um Mitternacht mit ausgebreiteten Flügeln über die Erde schwebt, und alles Erdenleid und alle Erdenqual in seinem göttlichen Herzen sammelt und ausströmt in ein feierliches Lied voll unendlicher Schwermut und himmlischer Süßigkeit. Felix empfand in diesem Augenblick, wo er, den Arm auf eine Urnensäule gelehnt, lauschend dastand, eine Art von Gewissensbiß darüber, daß er, der Wüstling, der Unreine, die Hand auszustrecken, die Augen zu erheben wagte zu ihr, der Keuschen, Reinen. Er nahm sich in diesem Augenblicke vor, ein anderes Leben zu beginnen, die Torheiten abzustreifen, und er glaubte allen Ernstes, daß er nur zu wollen brauche, um zu können. Er hörte mit einer gewissen Andacht der Musik zu. Er war Kenner genug, um zu fühlen, daß die Sonate nicht schöner, nicht seelenvoller gespielt werden konnte, er sagte bei einzelnen Passagen leise bravo! bravo! als ob er sich in einem Konzertsaale befände. Aber Helene und Beethoven, Tugend und Musik und was sonst alles in diesen Minuten durch sein Hirn gezogen sein mochte – alles war im Nu versunken wie eine Fata Morgana, als sein Ohr jetzt den leisen Schritt eines Menschen vernahm. Der Schritt kam von einer anderen Seite, als Felix erwartete. Indessen, die hübsche Luise mochte ja einen Umweg gemacht haben, um die breiteren, von dem Mondschein allzu hell beschienenen Gänge in der unmittelbaren Nähe des Schlosses zu vermeiden. Der Schritt kam näher und näher, und Felix, der auf den Einfall geriet, sich ein wenig suchen zu lassen, drückte sich dicht in die Gebüsche. Wie groß war aber sein Erstaunen, als er statt der hübschen Luise Bruno an sich vorüberschleichen sah. Im ersten Augenblick mußte Felix über diese Enttäuschung lachen; im nächsten aber schon fiel ihm ein, daß durch diese Dazwischenkunft sein Rendezvous mehr wie bedenklich werde und daß es unter diesen Umständen wohl das geratenste sein könnte, sich in das Schloß zurückzustehlen. Wer weiß, wie lange sich der Junge hier herumtreiben wird; am Ende ist er gar verliebt oder er ist verrückt oder beides, denn es sieht nach beidem aus; oder er ist mondsüchtig und geht so ein paar Stunden hier spazieren. Der verdammte Bengel! Überall steht er im Wege; ich hätte große Lust, ihm nächstens einige fühlbare Beweise meiner freundschaftlichen Gesinnung zu geben. Auf jeden Fall will ich ihm das Feld räumen. Jetzt kann man noch als verspäteter Liebhaber eines Mondscheinabends auftreten; später geht das nicht mehr gut. Aber der Tante wollen wir doch von diesen nächtlichen Exkursionen der Zöglinge des Herrn Stein erzählen. Felix hatte den Weg nach dem Schlosse fast zurückgelegt, ohne Bruno zu sehen, und schon hoffte er, daß der Knabe sich aus dem Garten entfernt habe und sein Rendezvous doch noch zustande kommen könne, als er, über einen kleinen offenen Platz schreitend, der halb vom Mondschein erhellt und halb im Schatten lag, Bruno auf einer Bank sitzen sah, die Augen nach Helenes Fenster gerichtet, aus denen noch immer die Tonwellen rauschten. Der Knabe schien so in andächtiges Zuhören verloren, daß er Felix erst bemerkte, als dieser schon ganz nahe war. »Weshalb treibst du dich denn hier noch so spät umher?« sagte Felix, dessen Ärger sich mindestens in einigen unfreundlichen Worten Luft machen mußte. »Ich werde es der Tante sagen.« »Bekümmere dich um deine eigenen Angelegenheiten,« sagte Bruno, der in der ersten Überraschung aufgesprungen war und ein paar Schritte auf den Platz getan hatte, trotzig stehenbleibend, als er in dem Herankommenden den verhaßten Felix erkannte. »Du bist ein naseweiser Bursche«, sagte Felix. »Und du ein gemeiner Schurke«, erwiderte Bruno. »Der dich für deine Unverschämtheit züchtigen wird«, sagte Felix, dem mit untereinandergeschlagenen Armen vor ihm stehenden Knaben einen Backenstreich versetzend. Bruno taumelte ein paar Schritte zurück; Felix sah, nicht ohne leichten Schauer zu empfinden, wie die Augen des Knaben buchstäblich glühten; dann brach ein dumpfer, röchelnder Schrei aus seiner Kehle – ein mächtiger Sprung, wie eines Leoparden, der sich auf seine Beute stürzt – und im nächsten Moment lag Felix am Boden und die starken Hände Brunos schlossen sich wie eiserne Klammern um seine Kehle. Er rang wie ein Verzweifelter, den Knaben von sich abzuschütteln und wieder in die Höhe zu kommen, aber vergebens. Sooft er sich auch mit dem Körper emporbäumte, sooft er Bruno von sich fortzudrücken versuchte, jedesmal fühlte er seine Anstrengungen von einer unwiderstehlichen Kraft paralysiert, und fester und fester schlossen sich die schlanken Finger um seinen Hals. »Laß mich los, Bruno«, stöhnte er. »Befiehl deine Seele Gott, denn du mußt sterben«, knirschte Bruno. Felix fühlte, wie seine Kräfte ihn verließen, während die seines Gegners mit jedem Augenblick zu wachsen schienen. Todesangst ergriff ihn. Er wollte um Hilfe rufen, aber kein Laut entrang sich seinen bebenden Lippen; er fühlte ein dumpfes Sausen in den Ohren, das immer lauter und lauter wurde; vor seinen Augen wurde es Nacht, durch die Millionen kleiner Sterne schossen – wüste Gedanken jagten wie vor dem Sturmwind treibende Wolken durch sein Gehirn – plötzlich, als ihn der letzte Schimmer von Bewußtsein zu verlassen drohte, fühlte er, wie die entsetzliche Last von seiner Brust verschwand – und als er endlich die Kraft fand, sich vom Boden zu erheben und um sich zu blicken, war er allein. Der Mond schien hell vom tiefblauen Himmel; das Licht in Helenens Zimmer war erloschen; die Musik war verstummt. Felix hätte glauben können, den Kampf mit Bruno geträumt zu haben, wenn nicht die heftigen Schmerzen, die er an mehr als einer Stelle des Körpers fühlte, seine über und über mit Sand bedeckten Kleider und der ringsumher aufgewühlte Boden ihm zur Genüge bewiesen hätten, daß dies alles nur zu wirklich gewesen war. Mit einem von Wut erfüllten Herzen schleppte er sich in das Schloß, wie ein Wolf, der die Hürde beschleichen wollte, aber von einer edlen Dogge zerzaust und zerrissen in den Wald zurückhinkt. Dreiundfünfzigstes Kapitel Die Baronin hatte noch an demselben Abend den Brief Helenens vermißt. Diese Entdeckung erfüllte sie mit nicht geringer Unruhe. Wie leicht konnte der Brief in fremde, dies heißt, in Hände fallen, die ihn Helenen wieder auslieferten, und wie viel hatte sie sich dann dem stolzen, unbeugsamen Mädchen gegenüber vergeben! Jeder Vorteil, den sie durch die genaue Kenntnis von dem Gemütszustand ihrer Tochter über diese errungen und den sie durch Anspielungen, Drohungen so geschickt auszubeuten gedacht hatte, war unwiederbringlich verloren. Es war fatal, äußerst fatal! Die Baronin erinnerte sich ganz genau, den Brief in die Tasche ihres Kleides gesteckt zu haben, als Felix den Gang herauf kam. Wahrscheinlicherweise hatte sie ihn also an der Kapelle verloren. Sie erinnerte sich, daß sie während der Unterredung mit ihrem Neffen einmal das Taschentuch gezogen hatte, um die Beleidigte mit noch größerer Würde zu spielen. Indessen war es heute abend zu spät, noch Nachforschungen anzustellen; sie mußte es sich gefallen lassen, eine beinahe schlaflose Nacht zuzubringen und den Morgen mit einem heftigen Kopfweh herandämmern zu sehen. Sie ging alsbald in den Garten nach der Kapelle. Der Brief war nicht da; auch nicht in dem Buchengange oder in der Laube. Im höchsten Maße verdrießlich über diesen bösen Zufall kehrte die Baronin ins Schloß zurück. Dort erwarteten sie andere Unannehmlichkeiten. Oswald schickte herunter, um zu melden, daß Bruno sich nach einer schlechten Nacht sehr unwohl fühle, und daß er bitte, man möge einen reitenden Boten zu Doktor Braun senden. Auch ließ er bitten, Malte für heute unten zu behalten, da er, bis der Doktor käme, Bruno nicht allein lassen möchte. Die Baronin ließ zurücksagen, sie hoffe, daß es mit Brunos Unwohlsein nicht viel auf sich habe und daß die in dem Unterricht eintretende Pause nicht zu lange dauern werde. Übrigens würde heute im Laufe des Vormittags noch sowieso in die Stadt geschickt. Ein paar Stunden später ließ Felix sich entschuldigen, wenn er heute nicht zum Frühstück komme; er fühle sich nicht ganz wohl; gedenke indessen, an der Mittagstafel zu erscheinen. Felix verspürte in der Tat noch einige unangenehme Folgen seines Kampfes mit Bruno. Zuerst und vor allem die brennende Scham, einem Knaben unterlegen zu sein, vielleicht nur einem Zufall, einer plötzlichen Anwandlung von Großmut sein Leben zu verdanken. Sein ganzer Leichtsinn gehörte dazu, ihm über diese unangenehme Empfindung wegzuhelfen. Er suchte sich einzureden – und nach und nach gelang es ihm auch –, die Sache sei so ernsthaft nicht gewesen, und wenn er nicht, als Bruno sich so unerwartet über ihn stürzte, ausgeglitten wäre, und wenn darin sein »verdammter Rheumatismus« ihm nicht die Arme gelähmt hätte, würde er ja »den Jungen abgeschüttelt haben wie eine Fliege, ihm eine tüchtige Tracht Schläge obendrein gegeben haben«. Daß vorläufig er die Schläge bekommen und daß die Fliege fest zuzupacken verstand, das bewiesen die blauen Flecken, die er auf der Brust, am Halse, an den Armen aus dem Kampfe als sicheres Zeichen der Niederlage davongetragen hatte. Der Vielgewandte geriet in einiges Staunen, als er seinen Herrn in einem Zustande sah, der nur zu sehr an die selige Kadettenzeit erinnerte, wo Franzbranntwein und aqua Goulardi zu den notwendigsten Toiletterequisiten gehörten. Der Vielgewandte bewies, daß er die Kunst, Beulen und blaue Flecken zu behandeln, ebensowenig verlernt habe, als sein Herr das Talent eingebüßt hatte, sieh solche zu holen, und schon gegen Mittag sah er sich in einem salonfähigen Zustande. Dennoch zweifelte er, ob er bei der Tafel erscheinen solle oder nicht. Der Gedanke, Bruno gegenüberzutreten, des Knaben dunkle Augen voll Hohn und Schadenfreude auf sich ruhen zu sehen, vielleicht gar in Oswalds Blicken wahrzunehmen, daß er von den Ereignissen der verwichenen Nacht vollkommen unterrichtet sei, war ihm äußerst peinlich. Es fiel ihm daher ordentlich eine Last vom Herzen, als Jean berichtete, die Tafel werde heute sehr klein sein, denn Junker Bruno und der Herr Doktor würden nicht erscheinen. So warf er denn noch einen Blick in den Spiegel, goß sich etwas Essbouquet mehr als gewöhnlich auf sein Batisttaschentuch und schritt leicht und frei durch die Tür, die ihm der Vielgewandte pflichtschuldig öffnete. Auch die Baronin fühlte sich nicht wenig erleichtert, als sie im Laufe des Morgens keine Veränderung in Helenens Betragen oder auf ihrem Gesicht, in ihren großen Augen zu erblicken vermochte. Die Baronin war heute morgen ganz besonders zuvorkommend gegen Helene. Indessen war das Mittagsmahl nichts weniger als belebt, obgleich Felix sein ganzes Unterhaltungstalent aufbot. Der alte Baron hatte sich persönlich nach Brunos Befinden erkundigt und war ärgerlich, daß noch immer nicht nach dem Doktor geschickt war; wenn auch heute nachmittag ein Wagen in die Stadt führe, verschiedenes zu der großen Gesellschaft morgen Benötigtes zu holen, so sei das kein Grund, weshalb nicht einer von den Leuten heute morgen hätte hinreiten können. Die Baronin war verstimmt über diesen ihr in Gegenwart der andern ausgesprochenen Tadel und meinte, sie habe freilich nicht bedacht, daß es sich um Bruno handle, der allerdings größere Ansprüche machen dürfe wie zum Beispiel sie selbst, die an einem sehr heftigen Kopfweh leide, oder Felix, der ebenfalls die ganze Nacht und den ganzen Vormittag unwohl gewesen sei. Helene hob die Augen kaum von ihrem Teller und öffnete kaum einmal den Mund; die Augen der kleinen Marguerite waren heute noch verweinter als in den vorhergehenden Tagen. Felix und Malte sprachen sich nach und nach auch aus, und zuletzt war es so stumm um den Tisch her, daß die Diener nicht wußten, wie sie nur leise genug auftreten sollten. Die Baronin und Felix blieben nach Tische allein, da der Baron sich ausnahmsweise auf sein Zimmer zurückgezogen. Felix hatte während der Mahlzeit überlegt, ob er nicht doch besser täte, das Ereignis von gestern abend – natürlich nach seiner Auffassung – zu erzählen, bevor Bruno Gelegenheit habe, sich gegen irgend jemand, Oswald ausgenommen, darüber zu äußern. So benutzte er denn das tête-à-tête mit der Baronin, ihr mitzuteilen – versteht sich, lachend und mit der Bitte, die kuriose Geschichte nicht weitergelangen zu lassen – wie er gestern abend durch den hellen Mondschein verlockt worden sei, noch etwas im Garten zu promenieren, wie er Bruno in einer höchst eigentümlichen Weise um die Fenster Helenes habe schleichen sehen, wie er den Jungen zu Bett geschickt habe, darüber mit ihm in Streit geraten, mit dem Fuße ausgeglitten, hingefallen und für einen Augenblick der Besiegte gewesen sei. Natürlich nur für einen Augenblick, dann habe Bruno die verdienten Schläge erhalten, und die würden wohl auch der Grund seiner heutigen Krankheit sein. Die Baronin fühlte sich durch diese humoristische Schilderung einer sehr ernsten Begegnung auf das unangenehmste berührt. Ihre Befürchtungen betreffs des Briefes regten sich wieder. Bruno zur Nachtzeit unter Helenens Fenster? Was hatte er da zu tun? Der Umstand sah sehr verdächtig aus. Wenn Bruno den Brief gefunden hätte! Wenn er gestern abend die Absicht gehabt hätte, ihn Helenen wieder zuzustellen! Die Baronin stöhnte bei diesem entsetzlichen Gedanken. »Was haben Sie, liebe Tante?« »O nichts. Ich seufze nur aber das Unglück, welches uns dieser Stein ins Haus brachte. Wenn ich etwas in meinem Leben bedaure, so ist es, den Menschen nicht am ersten Abend wieder fortgeschickt zu haben, wie ich wirklich große Lust hatte: Es hat nicht leicht jemand einen so unangenehmen Eindruck auf mich gemacht wie dieser junge Mann.« »Aber Tante, so holen Sie doch nach, was Sie an jenem ersten Abende leider versäumten: Jagen Sie ihn fort. Ich begreife wahrhaftig nicht, weshalb Sie so viel Umstände mit ihm machen.« Die Baronin wollte nicht sagen, daß sie die tausend Taler nicht verschmerzen würde, welche Oswald kontraktlich zu fordern hatte, wenn ihm im ersten Jahre seines Engagements gekündigt würde. Ehe sie indes eine Antwort bereit hatte, ertönte auf dem Flur die quäkende Stimme des Pastor Jäger, der sich nach »der gnädigen Herrschaft« erkundigte. Einen Augenblick später trat seine Hochehrwürden an der Seite seiner Gemahlin ins Zimmer. Es bedurfte keines besonders scharfsinnigen Auges, um sofort zu sehen, daß etwas ganz Außerordentliches dem würdigen Paar begegnet sein mußte. Der Pastor trug den ganz neuen schwarzen Frack, den er nur bei den feierlichsten Gelegenheiten anzuziehen pflegte, und Primula hatte eine äußerst malerische Verzierung von Kornähren an ihrem gelben Strohhute, so daß sie heute noch eine Schattierung gelber aussah wie gewöhnlich. Der Blick des Pastors suchte vergeblich die gewohnte Demut zu heucheln; die runden Brillengläser selbst glitzerten triumphierend; und was Primula betrifft, so hatte sich ihr poetisches Gemüt jetzt von allem Erdenrest befreit; sie durfte scheinen, was sie war. »Ich komme, gnädige Baronin«, sagte der Pastor, Anna-Maria galant die Hand küssend, »einmal, mich nach Ihrem und der lieben Ihrigen werten Befinden pflichtschuldigst zu erkundigen, sodann, Ihnen die Mitteilung eines Ereignisses zu machen, daß wir – ich darf ja wohl sagen wir, meine edle Gönnerin? – schon lange freilich erwarteten, erhofften, will ich lieber sagen, dessen, endliches Eintreffen uns indes doch wohl alle überrascht. Ich bin als Konsistorialrat nach Sundin berufen worden. Auch ist mir die Stelle eines Vormittagspredigers an der Hauptkirche so gut wie gewiß.« »Warum nicht: gewiß, Jäger«, sagte Primula, »ich dächte, das Schreiben des Ministerialrates ließe nur eine Auslegung zu.« »Ei, das sind ja herrliche Nachrichten, meine lieben Freunde«, sagte die Baronin, »erlauben Sie, daß ich Ihnen meinen Neffen, Baron Felix, vorstelle – Herr und Frau Pastor, wollte sagen: Konsistorialrat Jäger, lieber Felix – das sind ja herrliche Nachrichten. Also endlich! Nun, ich habe es ja immer gesagt; über kurz oder lang mußte es doch kommen; freilich wir verlieren viel; aber das Glück der Freunde muß uns teurer sein als der eigene Vorteil. Nehmen sie meinen herzlichsten Glückwunsch entgegen.« »Auch den meinigen«, sagte Felix. »Danke, meine gnädige Frau; danke, Herr Baron, danke, danke!« sagte der Pastor, sich vergnügt die Hände reibend, »ja, ja! Unverhofft kommt oft, und gehofft kommt auch wohl einmal. Als meine letzte größere Schrift, in welcher ich den eigentlichen Wortlaut des Titels eines verlorengegangenen Werkes des Kirchenvaters Philochrysos bis zur Evidenz nachwies, in allen kritischen Journalen eine so – ich darf wohl sagen – außerordentliche Anerkennung fand, konnte ich den Erfolg mit ziemlicher Gewißheit zum voraus angeben.« »Wann werden Sie uns denn verlassen?« »Nun zu Michaelis spätestens; wahrscheinlich aber noch früher.« »Du nimmst dir zu viel vor, Jäger, zu viel!« hauchte Primula in zärtlichen Tönen. »O diese Männer, diese Männer! Jeder ist ein Prometheus, der den Himmel stürmen möchte.« »Wer hat mich denn zu meinem kühnen Streben begeistert, wenn nicht du?« sagte der Pastor, Primula dankbar die Hand drückend. »Schießen Sie mit der Pistole?« fragte Felix, um dem Gespräch eine andere Wendung zu geben. »Nun; ein wenig; ich will sagen: soviel wie gar nicht. Ich war wohl früher auf der Hasen- und Hühnerjagd nicht ganz unglücklich – omen in nomine, ha, ha, ha! – Aber seitdem das Konsistorium sich sehr energisch gegen diese lärmenden Vergnügen ausgesprochen hat, liegt das Eisen müßig in der Halle – um mit dem Dichter zu sprechen.« »Du kannst jetzt in deiner Eigenschaft als Konsistorialrat der edlen Waidmannskunst wohl wieder obliegen, Jäger«, sagte Primula. »Ha, ich denke es mir herrlich, so mit vorgestreckter Pistole einem Wildschweine gegenüberzutreten.« »Ich würde indessen Ihrem Herrn Gemahl raten, sich zu dieser Jagd mit einer Büchsflinte und womöglich auch einem Hirschfänger zu versehen«, sagte Felix lachend, »aber im Ernst, Herr Konsistorialrat, wollen Sie ein wenig mit mir nach der Scheibe schießen«« »Gewiß, gewiß!« rief der Pastor aufspringend. »Ich stehe zu Ihren Diensten, zu Ihren Diensten.« Der Pastor war blaß geworden; aus seiner Aufregung zu schließen, hätte man glauben sollen, es handle sich um ein Duell auf Leben und Tod. »Willst du nicht doch lieber bleiben?« sagte Primula, der plötzlich die Sache in einem sehr bedenklichen Lichte erschien. »Du bist heute nicht so ruhig wie sonst; wenn dir ein Unglück passierte, gerade jetzt, wo du dem Ziel deiner Wünsche so nahe bist, Jäger, ich ertrüge es nicht«, und die Dichterin brach in Tränen aus und klammerte sich an ihren Gemahl an, dessen Anstrengungen, sich von der süßen Last zu befreien, keineswegs sehr energisch waren. »Gustava«, murmelte er, »liebes Gustchen, es ist weniger gefährlich, als du denkst. Sind Ihre Pistolen mit einem Stecher versehen, Herr Baron?« »Allerdings«, sagte Felix, den diese Szene nicht wenig amüsierte. »Wenn sie gestochen sind, dürfen Sie nicht niesen, oder ich stehe für nichts.« »Bleibe, bleib, mein Jäger«, flehte Primula. »Es wird nicht so gefährlich sein«, sagte der Pastor mit bleichen Lippen. »Das meinte neulich auch Kamerad von Schnabelsdorf«, sagte Felix, »›nehmen Sie sich in acht, Schnabelsdorf‹, sagte ich. – ›Dummes Zeug‹, sagte Schnabelsdorf, und faßt die Pistole an der Mündung. Im nächsten Augenblick war er um einen Finger ärmer.« »Dies entscheidet«, sagte Primula, sich emporrichtend, »Jäger, du bleibst, ich befehle es dir. Befasse dich nicht mit Dingen, die du nicht verstehst, Pistolenschießen ist kein Kinderspiel.« So triftigen Gründen wußte selbst ein so geistreicher Kopf wie der des Pastors nichts entgegenzusetzen. Er ließ sich wieder in seinen Stuhl sinken und sagte, sich den Schweiß mit dem Taschentuch von der Stirn wischend: »Sie sehen, Herr Baron: Ehestand ist Wehestand. Wenn Sie einmal erst verheiratet sind, wird der glänzende Kavalier auch vor dem umsichtigen Hausvater zurücktreten müssen. Aber, wie ist mir denn, man darf ja wohl gratulieren?« Und der Pastor ließ den Kopf erst auf die rechte Schulter sinken, um die Baronin anzulächeln; sodann auf die linke, um Felix dieselbe Gunst zu erweisen. »Fragen Sie in ein paar Tagen wieder nach«, erwiderte die Baronin ausweichend. »Was ich sagen wollte: Hat man denn gar keine Vermutung, wie die Erkrankung des Professor Berger, die ja jetzt das Tagesgespräch ist, und uns aus mehr als einem Grunde lebhaft interessiert, so plötzlich gekommen ist?« fragte die Baronin. »Nun, meine Gnädigste, plötzlich können wir wohl so eigentlich nicht sagen«, erwiderte der Pastor, sein Gesicht in die ernstesten Falten legend und seine Mundwinkel herabziehend, »ich gestehe, daß mich dies Ende in keiner Weise überrascht hat und daß ich den Professor im Grunde stets für mindestens halbwahnsinnig gehalten habe. Wer mit Berger behauptet, daß alle sogenannten Beweise von dem Dasein Gottes, des allmächtigen Schöpfers Himmels und der Erden, auf einen Trugschluß, eine petitio principii hinausliefen, der ist schon wahnsinnig, auch wenn er noch scheinbar wie ein Vernünftiger spricht. Wer über die geheiligten Institutionen des Königtums von Gottes Gnaden und des Erbadels freventlich spotten, sie Überreste einer barbarischen Zeit, die hinter uns liegt, nennen kann, der ist schon toll, obgleich er Professor ist und Kollegia vor einem überfüllten Auditorium liest. Ich weiß es wohl, daß geschrieben steht: Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet; aber ich kann mich dennoch, diesen Fall erwägend, nicht entbrechen zu sagen: Dies ist der Finger des Herrn.« »Wie wär's mit einer Partie Kegel, Herr Pastor?« sagte Felix, der in der offenen Tür gestanden und nicht zugehört hatte. »Mit Vergnügen«, rief der Pastor, »auf diese Kugeln verstehe ich mich. Ich war meiner Zeit in Grünwald ein famoser Kegelschütze.« »Nach dem Kaffee, lieber Felix«, sagte die Baronin, »ich habe noch mit dem Pastor über einige ernste Dinge zu sprechen. – Ist es nicht entsetzlich, lieber Pastor Jäger, daß wir den Zögling eines so abscheulichen Menschen in unserem stillen Hause haben? Daß ich die unschuldige Seele meines Kindes solchen Händen anvertrauen soll? Um Himmels willen! Raten Sie mir, wie werde ich den Menschen auf eine passende Weise wieder los?« »Sie können ihn nicht ohne weiteres fortschicken?« »Wir haben uns gegenseitig auf vier Jahre verbindlich gemacht, und wenn wir nun also –« »Ich versteh', ich verstehe«, sagte der Pastor, der Anna-Marias Geiz sehr wohl kannte, »hm, hm, wir müßten einen Grund haben, hm, hm! Es ist jetzt eine Verordnung vorbereitet, nach welcher die Hauslehrer ein Zeugnis des Pfarrers ihres betreffenden Kirchspiels über ihre Religiosität und Moralität beizubringen haben. Wir wollen es Herrn Doktor Stein schwer machen, ein solches beizubringen«, und der Pastor lächelte schlau. »Wissen Sie schon das Neueste, meine Herrschaften«, rief Felix, ein Billett in der Hand haltend, das ihm soeben von dem Bedienten, der das Kaffeeservice in die Laube trug, übergeben war, »Cloten hat sich mit der kleinen Breesen verlobt; hier schickt er mir als seinem besten Freunde die erste Karte; die anderen kriegen erst morgen welche.« »Ich kann Ihnen ein Paroli bieten«, sagte der Pastor. »Was denken Sie, gnädige Frau, wer seit gestern abend wieder hier ist?« »Nun?« »Frau von Berkow.« »Nicht möglich!« »Ich weiß es ganz genau. Sie hat, einem schon vor seiner Krankheit geäußerten Wunsch ihres Gemahls zufolge, seine Leiche von Fichtenau hierher schaffen lassen. Der Sarg kommt noch in dieser Nacht, um morgen von mir auf dem Faschwitzer Kirchhof eingesegnet zu werden. »Dann können wir die schöne Frau wohl nicht zu unserem Ball morgen einladen.« »Aber Felix!« sagte die Baronin mit einem vorwurfsvollen Blick. »Der Kaffee steht in der Laube«, meldete der Bediente. »So kommen Sie, meine Lieben!« sagte die Baronin. Vierundfünfzigstes Kapitel Unterdessen hatte Oswald an Brunos Bette böse, angstvolle Stunden verlebt. Brunos aufgeregtes Wesen in der letzten Zeit hatte ihn schon mehr als einmal ernstlich besorgt gemacht. Die Ausbrüche leidenschaftlicher Heftigkeit, wie Oswald sie an Bruno von den ersten Wochen ihres Zusammenlebens kannte und die dann eine Zeitlang fast gänzlich aufgehört hatten, waren jetzt häufiger und gewaltiger als je. Ein Widerspruch, das Mißlingen eines Unternehmens, einer Arbeit, eine verletzende Äußerung über Tisch aus dem Munde der Baronin – waren hinreichend, die Dämonen in ihm zu entfesseln. Vergebens, daß Oswald ihn bat und beschwor, diese Heftigkeit abzulegen, durch die er sich seinen Feinden gegenüber so viel vergebe, die es seinen Freunden oft unmöglich mache, für ihn Partei zu ergreifen – »ich kann nicht anders«, war seine stete Antwort, »es kommt über mich mit einer Gewalt, der ich nicht zu widerstehen vermag. Es kocht in mir auf, es nagt an meinem Herzen, es hämmert in meinen Schläfen, und dann weiß ich nicht mehr, was ich spreche oder tue«. – Wenn dann Oswald sagte, er könne, wenn er nur wolle, so antwortete er trotzig: »Schilt mich nur auch wie die anderen; mache nur gemeinschaftliche Sache mit den anderen. Ich will keine halben Freunde; wer nicht für mich ist, der ist wider mich.« – Dann, wenn er sah, wie er Oswald durch diese und ähnliche Reden gekränkt hatte, warf er sich stürmisch in seine Arme und bat ihn unter heißen Tränen um Verzeihung. – »Habe Mitleid mit mir«, rief er. »Du weißt nicht, wie grenzenlos unglücklich ich bin.« – Vergebens, daß Oswald in ihn drang, zu sagen, ob er irgend etwas Besonderes auf dem Herzen habe? Ob die wilde Sehnsucht in die Ferne, von der er früher so gefoltert wurde, jetzt wieder in ihm übermächtig sei? – »Ich weiß es selbst nicht«, sagte Bruno, »ja, ich möchte fort, weit, weit von hier, um nimmer wiederzukehren; und dann möchte ich doch auch wieder nicht fort, nein, nicht fort, nicht um alles in der Welt; ich weiß es nicht; ich glaube, ich möchte am liebsten sterben.« Oswald riet hin und her, was denn nur die Ursache dieses sonderbaren Zustandes sein möchte; aber wie nahe er auch manchmal der Wahrheit kam, den eigentlichen Kern des Geheimnisses, das der Knabe in der tiefsten Tiefe seines Herzens vor jedem, vielleicht vor sich selbst, scheu verbarg, entdeckte er doch nicht. Er tröstete sich mit dem Gedanken, daß ja die Zeit des Übergangs aus dem Knaben- in das Jünglingsalter für alle eine Periode innerer und äußerer Stürme zu sein pflege, und daß bei so mächtigen Naturen wie Bruno die Revolution verhältnismäßig gewaltiger sein müsse. Er hatte oft mit Bruno über Verhältnisse gesprochen, die dem erschlossenen Auge nicht länger verborgen bleiben können, denn er hielt es für die heilige Pflicht eines Erziehers, gerade in diesem Punkte der wühlenden Neugier, dem grübelnden Scharfsinn des Neophyten entgegenzukommen, und ihm die Tür zum Heiligtum der Natur lieber zu erschließen als zuzugeben, daß der Jünger durch Schuld zur Wahrheit gelange. Er wußte, daß Brunos Sinn edel und sein Herz rein. Er war nach dieser Seite hin vollkommen ruhig; er ahnte nicht, daß Bruno, edel und rein wie er war, mit allen Kräften seiner starken Seele, mit der ganzen Glut der eben erst erwachten Sinnlichkeit, mit der stummen Verzweiflung einer ersten Leidenschaft, die keine Erwiderung findet und finden kann, seine schöne Cousine liebte. Er hatte Helene nie vorher gesehen. Als er vor drei Jahren etwa in das Haus seiner Verwandten kam, war das junge Mädchen schon in der Pension. Es wurde selten in der Familie von ihr gesprochen, und vielleicht erregte gerade dies und noch mehr der Umstand, daß, wenn man von ihr sprach, es meistens in kühlen Ausdrücken geschah, Brunos Aufmerksamkeit. Der Verlassene ahnte in der Verbannten eine Leidensgefährtin. Nach und nach gestaltete sich für ihn das sehr undeutliche Bild der Entfernten zu einer Art von Ideal, einem Inbegriff von allem Schönen und Herrlichen, das seine reiche Phantasie erträumte. Der Name Helene, in dessen weichem Klang er sich berauschen konnte wie in dem Duft der Hyazinthe, trug nicht wenig dazu bei, ihm diese Gestalt seiner Einbildungskraft lieb und teuer zu machen. Dann waren auch Zeiten gekommen, wo er dem Kultus der schönen Unbekannten untreu geworden war, wo er in Tante Berkow den höchsten, vollendeten Ausdruck des »Ewigweiblichen« zu erkennen glaubte, wo er sich durch ein freundliches Wort Melittas, für ein: Du lieber Junge! für ein Streicheln seiner Haare von ihrer lieben Hand unbedenklich in jede Todesgefahr gestürzt haben würde. Gerade in der ersten Zeit von Oswalds Anwesenheit in Grenwitz hatte seine Liebe zu Tante Berkow in der Blüte gestanden. Melittas um ein paar Jahre jüngeren Knaben hatte er ebenso wie einen jüngeren Bruder behandelt, wie ihm die jugendlich schöne Mutter oft nur wie eine ältere Schwester erschienen war. Da Melitta gerade in jener Zeit häufig nach Grenwitz herüberkam, und Bemperlein, um seinem Julius Gesellschaft zu verschaffen, den Umgang der Knaben aufs eifrigste protegierte, so fehlte es Bruno nicht an Gelegenheit, Tante Berkow zu sehen, ihr hundert kleine Pagendienste zu leisten, ihr in den Sattel zu helfen, Bella oder Brownlock eine halbe Stunde umherzuführen, mit der Reitpeitsche, dem Federhut und den Handschuhen hinter ihr zu stehen, wenn sie danach fragte. Tante Berkow war in dieser Zeit sein drittes Wort, und Oswald hatte es sich gern gefallen lassen, wenn ihm Bruno lange Geschichten erzählte, in denen Tante Berkow immer die erste Rolle spielte. Melitta hatte vielleicht nicht wenig dazu beigetragen, daß Bruno in Monaten ein Stadium der Entwicklung zurücklegte, zu dem weniger feurige Naturen ebenso viele Jahre brauchen. Sie hatte sich in ihrer Harmlosigkeit des Irrtums schuldig gemacht, zu glauben, daß sie einen Knaben, der schon beinahe Jüngling war, noch als Kind behandeln dürfe, daß sie sich mit ihm kleine Freiheiten erlauben könne, die schon in ganz kurzer Zeit ganz große Freiheiten gewesen sein würden. Sie hatte nicht bedacht, daß die Sinnlichkeit in dieser Zeit ein Schlaf in der Morgendämmerung ist, den die leiseste Störung verscheuchen kann; daß die Begierde in dieser Periode wie ein Feuer ist, das in grünem Holze langsam fortglüht und bei dem geringsten Windstoß in heller Lohe emporflammt. Sie würde außer sich gewesen sein, wenn man ihr gesagt hätte, daß sie in aller Unschuld einer Unschuld gefährlich gewesen sei. Und doch war es der Fall. Melitta selbst sah zuletzt ein, daß sie Bruno nicht länger, wie sie es bisher getan, mit Julius oder auch nur mit Malte auf eine Stufe stellen dürfe; und wenn sie jetzt »von den Knaben« sprach, so meinte sie damit vorzüglich die beiden letzteren. Sie hatte angefangen, Bruno wie einen Freund, wie einen jungen Bruder zu behandeln, wie einen Pagen, den man noch halbe Frauendienste tun läßt, von dem man aber weiß, daß man sich im Fall der Not auf sein mutiges Herz und seinen starken Arm verlassen könnte. Und in der Tat, ein Kenner würde in einem Ringkampf, in irgendeiner athletischen Übung unbedingt auf Bruno gegen viel ältere und scheinbar gefährlichere Gegner gewettet haben. Die klassische Statue eines Merkur oder jugendlichen Bacchus konnte nicht zarter gegliedert, nicht ebenmäßiger geformt sein als Brunos schlanker und bei aller Schlankheit starker Körper. Für Oswald war es schon eine Lust, den Knaben nur gehen zu sehen. Er war entzückt, wenn er Bruno beim Baden am Strande des Meeres beobachten durfte, wie der Knabe von einem Felsblock zum anderen sprang, mit einer Sicherheit, die das Gefühl der Furcht gar nicht aufkommen ließ, bis er den am weitesten hinausliegenden erreichte, von dem er sich kopfüber in die Wellen stürzte. Dabei war für Bruno eine Gefahr nicht vorhanden, oder vielmehr, er wollte nicht, daß dergleichen für ihn existiere. Wenn es irgendetwas auszuführen gab, das andere auszuführen Anstand nahmen: ein durchgehendes Pferd aufzuhalten, eine Kirsche von dem obersten Gipfel eines hohen Baumes zu holen, über einen Graben zu springen, der ohne Brücke nicht passierbar schien, – Bruno mußte das Wagstück unternehmen; er zitterte vor Verlangen, seine Wange glühte; er warf einen bittenden Blick auf die, welche er liebhatte, und man mußte ihn gewähren lassen sind ließ ihn gewähren, weil man sich sagte: Er kann mehr als die übrigen. So war Bruno: ein Jüngling mehr wie ein Knabe, mit einem Herzen, an dessen Feuer sich eine tote Welt hätte beleben können. So sah er Helenen. Und alle Melodien, die in ihm geschlummert hatten, erklangen, und alles, was er bisher Schönstes und Lieblichstes geträumt hatte, stand wahr und wirklich, verkörpert vor ihm. Der Knabe traute seinen Augen kaum; er war wie geblendet, wie trunken; er war wie jemand, der aus einem schönen Traum zur schöneren Wirklichkeit erwacht und nicht zu sprechen, ja kaum zu atmen wagt, um das, was er noch immer halb und halb für eine Sinnestäuschung hält, nicht zu verscheuchen. So ging er in den ersten Tagen nach der Rückkehr der Familie wie im Traum umher, gegen die Gewohnheit mild und freundlich gegen alle. Dann aber verschwand die Traumesseligkeit und das Entzücken über die köstliche Wirklichkeit wurde zum Schmerz. Ruhe hatte er nie gehabt, und leicht war sein Herz nie gewesen; aber jetzt folterte ihn eine Unrast, die ihm Schlaf und Hunger und Durst verscheuchte, die wie ein wildes Fieber in ihm brannte, und sein armes Herz war wie ein Mann, der, was er Liebstes und Teuerstes hat, auf seinen Schultern vor dem verfolgenden Feinde davonträgt und schaudernd dem Augenblick entgegensieht, wo er unter der Last zusammenbrechen wird. Er wagte Helenens Namen nicht auszusprechen, aus Furcht, sein Geheimnis zu verraten; er wagte nicht mehr, die Augen zu ihr aufzuschlagen. Und dennoch sah er alles, was um ihn her vorging, und der Plan der Baronin blieb für ihn nicht lange ein Geheimnis. Sein Haß gegen Felix kannte keine Grenzen, und er gab sich wenig Mühe, diesen Haß zu verbergen. Er forderte den Roué bei jeder Gelegenheit durch höhnische und satirische Bemerkungen heraus, immer in der Hoffnung, Felix werde doch endlich einmal den hingeworfenen Handschuh aufheben; aber dieser ließ sich, wie alle, welche im Grunde sich und die ganze Welt verachten, sehr viel gefallen und erwiderte des Knaben grausame Sarkasmen mit mehr oder weniger guten Witzen, so daß er die Lacher meistens auf seiner Seite behielt. Und dann hatte er andererseits doch auch wieder eine viel zu gute Meinung von sich, um sich mit einem Gegner, den er so tief unter sich glaubte, in einen ernstlichen Streit einzulassen. Wäre er gestern auf Bruno, der ihm sein Rendezvous gestört hatte, nicht so ärgerlich gewesen, und hätte Bruno sich nur ein wenig glimpflicher ausgedrückt, es wäre auch selbst jetzt noch nicht zum Äußersten gekommen. Und Felix konnte von Glück sagen, daß der Kampf keinen schlimmeren Ausgang für ihn genommen hatte. Er war dem Tode näher gewesen, als er wohl selber glaubte. Brunos Haß war durch die Vorgänge des Tages zur Raserei geworden, und Felix' brutale tätliche Beleidigung machte das Gefäß des Zornes und Hasses überlaufen. Und nun, nachdem der Lavastrom den Krater durchbrochen – was konnte ihn in seinem vernichtenden Laufe aufhalten? Daß Felix von seiner Hand sterben müsse, daß ihn Gott in seine Hände geliefert habe, damit er, koste es, was es wolle, das Weib, das er anbetete, von dem Scheusal, das er so glühend haßte, befreie, – das war in den kurzen und doch so langen Minuten, wo er mit Felix rang und auf Felix' Brust kniete, der einzig blutigrote Lichtschein in der Nacht seiner Seele. Wenige Sekunden nur – und Felix stand nicht wieder auf. Da war Bruno durch einen Schrei dicht neben ihm von seiner fürchterlichen Arbeit aufgeschreckt worden. Emporblickend hatte er flüchtig eine weibliche Gestalt gesehen, die er im ersten Augenblick für Helene hielt. Er hatte sein Opfer losgelassen und war aufgesprungen. Die Gestalt hatte sich eilig entfernt, er war ein paar Schritte gefolgt, bis jene in der Richtung nach dem Leutehaus verschwunden war und er seinen Irrtum eingesehen hatte. Sich wieder über seine Beute stürzen, nachdem er einmal weggescheucht, war ihm unmöglich; er sah, wie Felix nach einigen vergeblichen Versuchen sich in die Höhe richtete. Das war ihm genug gewesen; er konnte sich in seine Kammer und in sein Bett stehlen, ohne einen Mord auf dem Gewissen zu haben. Und doch war er kaum weniger erregt. Sein Herz hämmerte, seine Pulse flogen; glühende Hitze und Fieberfrost wechselten miteinander ab. Das verworren klare Bild der Kampfesszene drängte sich immer wieder in den Vordergrund; der Triumph, seinen Todfeind so gänzlich besiegt zu haben, wurde durch den Gedanken verbittert, daß Helene trotzdem noch immer nicht frei sei. Das quälte ihn fast noch mehr als die heftigen Schmerzen, die er, sobald er nur einigermaßen zur Ruhe gekommen war, in der Seite empfand, und die gar nicht nachlassen wollten, ja, wie es schien, nur immer heftiger wurden und sich von einem anfänglich kleinen Punkte aus immer weiter verbreiteten. Es war eine lange, bange Nacht für den unglücklichen Knaben, diese kurze Sommernacht. Gegen Morgen ließ ihn die Müdigkeit in einen Zustand verfallen, der sich vom Wachen nur dadurch unterschied, daß noch fürchterlichere Bilder durch sein Gehirn jagten. Er fuhr, vom Schmerz geweckt, wieder auf; er versuchte sich zu erheben, um Oswald zu wecken, der in dem Zimmer nebenan schlief – Malte schlief schon seit Wochen unten – aber er vermochte es nicht. Endlich – es dauerte lange, bis sein Stolz sich dazu entschließen konnte, rief er Oswalds Namen. Ein paar Augenblicke später war Oswald an seinem Bette. Er erschrak, als er den Knaben erblickte, in dessen Gesicht diese eine Nacht furchtbare Verwüstungen angerichtet hatte. Das schwarze Haar hing in verworrenen Locken über das bleiche Gesicht, die dunklen Augen waren tief in den Kopf gesunken und glühten im Fieber. »Gib mir Wasser!« rief Bruno, sobald Oswald in seine Kammer trat. »Um Gottes willen, was ist dies, Bruno?« sagte Oswald, während der Knabe gierig von dem Wasser, das er ihm reichte, trank. »Warum hast du mich nicht früher gerufen; so schlimm ist ja der Anfall noch nie gewesen.« »Es ist nicht der alte Schmerz«, sagte Bruno, »aber es wird wieder vorübergehen; es ist schon jetzt bedeutend besser. Ängstige dich nicht, Oswald; sieh, wenn ich so liege, fühle ich es weniger, fast gar nicht; es war nur in der Nacht so bös; nun, da du hier bist und die Sonne scheint, wird es gleich besser.« »Es soll sofort jemand zu Doktor Braun reiten!« sagte Oswald aufspringend. »Nein, nein«, bat Bruno, »tue es nicht; du weißt, wie fatal mir das immer ist. Jetzt ist überdies noch niemand im Hause auf; du würdest dich vergeblich bemühen. Und dann – ich wollte dich um etwas bitten. Komm, setze dich wieder zu mir aufs Bett; ich fühle, daß ich nicht aufstehen kann, und es ist die höchste Zeit, daß der Brief in Helenens Hände kommt.« Oswald glaubte, Bruno deliriere; er faßte unwillkürlich nach des Knaben Stirn. Bruno lächelte. Es war ein schwermütiges Lächeln. »Nein, nein«, sagte er, »fürchte nichts, ich bin noch vollkommen bei Sinnen. Höre selbst, ob alles, was ich dir sagen werde, nicht ausgezeichnet zusammenpaßt.« Bruno erinnerte nun Oswald, wie er von Anfang an behauptet habe, Felix sei gekommen, sich mit Helene zu verloben. Bis gestern habe er allerdings keinen unumstößlichen Beweis dafür gehabt; seit gestern sei aber auch dafür gesorgt. Er erzählte nun weiter, wie er am Nachmittage die alte Kapelle im Garten, seinen Lieblingsplatz, wo er am ungestörtesten seinen Grillen nachhängen konnte, aufgesucht habe und durch Stimmen in seiner Nähe aus dem Schlaf, in den ihn der schwüle Tag versenkt, aufgeweckt worden sei; wie er notgedrungen das Gespräch zwischen der Tante und Felix habe belauschen müssen, wie er, als sie fortgegangen, den Brief Helenens gefunden habe. Wie es ihm gestern nicht möglich gewesen, ihr den Brief zuzustellen; wie er den Plan gehabt, ihr denselben in der Nacht, wenn sie wie gewöhnlich bei offenem Fenster spiele, mit ein paar Zeilen, worin er ihr sagte, wo und wann er den Brief gefunden, in ihr Zimmer zu werfen. Wie er sie nicht habe erschrecken wollen und gewartet habe, bis sie ans Fenster treten würde, es zu schließen, um ihr mit ein paar Worten zu sagen, um was es sich handle; und wie er von Felix überrascht sei und wie es ihm leid tue, daß er den Elenden nicht vollends erwürgt habe. Die leidenschaftlichen und doch so klaren, so überzeugenden Worte Brunos machten auf Oswald den fürchterlichsten Eindruck. Morgen schon sollte das Entsetzliche geschehen; allem Anschein nach ahnte sie nichts davon. Man wollte sie durch Überraschung zwingen; ihr ein Wort abnötigen, das sie hernach zurückzunehmen zu stolz sein würde. Und welche Bewandtnis hatte es mit diesem Brief, von dem Bruno und Oswald nur die Aufschrift kannten, der mit Helenens Petschaft zugesiegelt gewesen war und den die Baronin doch offenbar verloren hatte. Daß dieser Verrat im Spiele sei, daß dieser Brief den Zwecken der Baronin hatte dienen müssen, daß es notwendig sei, diesen Brief wieder in Helenens Hände gelangen zu lassen, damit sie erfuhr, welcher Waffen man sich gegen sie bediene, und sie diese Waffen in dem nötigen Augenblick, der morgen schon eintreten mußte, gegen ihre Gegner richten könne – das alles war natürlich auch Oswald sofort klar, und nur über den einzuschlagenden Weg konnten sie sich anfänglich nicht einigen. Bruno wollte, daß Oswald Helenen nicht nur den Brief gebe, sondern ihr auch den Inhalt des Gesprächs zwischen der Baronin und Felix mitteile. Oswald erklärte, daß das letztere schlechterdings unmöglich sei; Bruno in seiner Eigenschaft als Verwandter und als erklärter Günstling Helenens, dürfe sich schon eher eine solche Indiskretion erlauben; ihm, dem Fremden, verbiete die Schicklichkeit jede Anspielung auf so delikate Verhältnisse. »Aber«, rief Bruno, »ich denke, du bist ihr Freund; ich denke, du hast sie lieb! Wie kannst du dich denn nur durch solche Bedenken, ob dies oder das auch nach den Regeln des Komplimentierbuches erlaubt sei oder nicht, abhalten lassen, wenn es sich um das Wohl oder Wehe ihres ganzen Lebens handelt. Denke, wenn man ihr durch Überraschung das Ja abpreßt; ich würde verrückt, ich ertrüge es nicht –« »Und dennoch, Bruno, ich muß über diesen Punkt schweigen; ich kann darüber nicht reden – ich nicht.« »Weshalb du nicht?« »Weil – ich sagte dir ja schon, weil ich ein Fremder bin; weil sie mir sagen könnte, sagen würde: Mein Herr, was geht dies alles Sie an? Den Brief will ich ihr geben, es ist ihr Eigentum: sie kann verlangen, daß der Finder es ihr sobald wie möglich wieder zustellt – und bedenke doch, Bruno, dies einzige Faktum spricht ja laut genug. Sie wird dann wissen, wessen sie sich von jener Seite zu versehen hat, und der Angriff trifft sie auf ihrer Hut.« »So willst du ihr den Brief geben?« »Das will ich, und zwar sofort. Ich denke, Helene wird heute wie gewöhnlich ihre Morgenpromenade machen. Aber wie steht es mit dir?« »Besser, viel besser«, sagte Bruno, der von den heftigsten Schmerzen gefoltert wurde, aber fürchtete, daß Oswald in der Sorge um ihn die einzige Gelegenheit, Helenen zu sehen und zu sprechen, versäumen könnte, »viel besser, wenn ich die Hand so in die Seite drücke, fühle ich beinahe gar nichts. Mache nur, daß du in den Garten kommst, und höre: Grüß sie von mir und sage ihr nicht, daß ich krank bin, nur ein wenig unwohl – ich bin ja auch eigentlich nicht krank –« Der Knabe sank auf sein Lager zurück und gab sich Mühe, Oswald freundlich anzulächeln. Aber es war ein schmerzliches Lächeln trotz alledem, und als die Tür sich hinter Oswald geschlossen hatte, verbarg Bruno sein Gesicht in dem Kissen, um das dumpfe Stöhnen zu ersticken, das ihm die Qualen seiner Seele ebenso auspreßten wie die Schmerzen seines Körpers. Fünfundfünfzigstes Kapitel Oswald hatte vergeblich über die Stunde hinaus, in der Helene in dem Garten zu erscheinen pflegte, gewartet. Gerade heute kam sie nicht. Er ging mehrmals an ihrem Fenster vorüber, ohne sie zu sehen. Er kehrte endlich, da es im Hause lebhafter zu werden begann, zu Bruno zurück, der ihn mit der größten Ungeduld erwartete. Bruno war außer sich, daß dieser Versuch mißlungen war; Oswald versuchte ihn zu beruhigen, indem er hervorhob, wie aller Wahrscheinlichkeit nach die Baronin und Felix die Durchführung ihres Planes bis auf den letzten Augenblick verschieben würden, es also auch morgen früh noch immer Zeit sein würde, den Brief in Helenes Hände gelangen zu lassen. »Und jetzt«, sagte Oswald, »muß ich Anstalten treffen, daß nach dem Doktor geschickt wird, denn die Ungewißheit über deinen Zustand ist mir unerträglich.« Leider sollten Oswalds Bemühungen ohne Erfolg bleiben. Der Bediente, der ihm die Antwort der Baronin, »es werde im Laufe des Vormittags sowieso ein Wagen in die Stadt fahren«, überbringen sollte, hatte nicht gewagt, ihm diese Bestellung zu machen, sondern gesagt: Es solle sogleich ein Bote hingeschickt werden. So vertröstete er sich bis gegen Mittag. Da kam der alte Baron, sich persönlich nach Brunos Zustand zu erkundigen. Er sagte: Soviel er wisse, sei noch gar nicht in die Stadt geschickt; er wolle indessen sogleich dafür sorgen. Der alte Herr war ordentlich böse geworden über diese »unverzeihliche Saumseligkeit«; Oswald glaubte jetzt bestimmt, daß man sich beeilen werde, das Versäumte nachzuholen. Indessen verging Stunde auf Stunde, der Abend brach herein, und noch immer wollte sich kein Doktor Braun blicken lassen. Er ging selbst hinunter, sich zu erkundigen, was denn nun geschehen war? Der Wagen, der gegen Mittag in die Stadt gefahren war, war eben zurückgekommen; auch hatte der mit der Bestellung Beauftragte sie ausgerichtet; »aber der Herr Doktor sind auf vierundzwanzig Stunden verreist, und das Mädchen sagte: Sie solle alle, die kämen, an Dr. Balthasar – den Kollegen Brauns – weisen. Nun wußte ich aber nicht, ob ich dahin gehen sollte«, Oswald geriet in Zorn über diese abermalige Verzögerung. Er begab sich sofort zum Baron, den er bei der übrigen Gesellschaft im Garten fand; sagte ihm, was vorgefallen sei, und bat um die Erlaubnis, selbst in die Stadt reiten zu dürfen, damit endlich einmal etwas in dieser Sache geschehe. »Ich verlasse Bruno ungern«, sagte er, »aber ich sehe kein anderes Mittel.« »Die Krankheit wird ja so gefährlich nicht sein«, sagte Anna-Maria. »Das zu beurteilen vermag ich so wenig wie Sie«, erwiderte Oswald scharf, »mir erscheint Brunos Zustand bedenklich, und ich halte es für meine Pflicht, diese meine Ansicht zur Geltung zu bringen, bis ich von jemand, der ein Urteil darüber hat, eines andern belehrt werde.« »Kommen Sie«, sagte der alte Baron, »Wir wollen den Jochen fortschicken. Sie brauchen nicht von Bruno zu gehen. Jochen ist ein verständiger Mensch; man kann sich auf ihn verlassen.« Oswald machte der Gesellschaft eine sehr förmliche Verbeugung und entfernte sich mit dem Baron. »Es ist hübsch, wenn ein junger Mann ein so sicheres, festes Auftreten hat«, sagte Pastor Jäger ironisch. »Der Apoll von Belvedere!« sagte Primula, man wußte nicht recht, ob ebenfalls ironisch oder in einem Anfall poetischer Ekstase. »Ich denke, Seine Hoheit wird nächstens von dem Piedestal herabsteigen«, sagte Felix. »Die gestrengen Herren regieren bekanntlich nicht lange«, sagte die Baronin mit einem bedeutungsvollen Blick nach dem Pastor, den dieser mit einem schlauen Zwinkern seines rechten Auges über das runde Brillenglas sofort beantwortete. »Bruno fehlt auch alle Tage etwas anderes«, sagte Malte, sich Zucker über seine Erdbeeren streuend. Helene sagte nichts. Sie saß da, den Blick fest auf die Erde geheftet. Jetzt stand sie auf und ging, ohne ein Wort zu sagen aus der Laube dem Schlosse zu. »Du kommst doch wieder, Helene?« rief ihr die Mutter nach. »Ich glaube kaum«, antwortete Helene, sich umwendend, »es wird mir etwas zu kühl hier draußen.« Sie setzte ihren Weg fort. Die Baronin und Felix warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Der in die Stadt geschickte Jochen war in der gehörigen Zeit zurück, um zu melden, daß er Dr. Balthasar nicht getroffen habe. Er sei auf ein entferntes Gut gefahren, wo sich ein Mann den Arm gebrochen. Man wolle ihm indessen, sobald er zurückkomme, was wohl vor Einbruch der Nacht nicht geschehen werde, die Bestellung ausrichten, und zweifle nicht, daß er ihr Folge leisten werde, wenn er selbst nicht zu angegriffen sei. Dabei mußte sich denn also Oswald beruhigen, so gut er es vermochte. Brunos Zustand war so ziemlich derselbe geblieben. Die Schmerzen hatten vielleicht etwas nachgelassen, aber sich über eine größere Fläche verbreitet. Er gab sich die größte Mühe, Oswald, dessen Angst mit jeder Stunde wuchs, je später es wurde, ohne daß ärztliche Hilfe erschien, seine Befürchtungen auszureden. »Es ist nichts; es wird morgen schon wieder besser sein; daß der Brief noch immer in unseren Händen ist, macht mir viel größere Sorge als meine Krankheit. Könntest du nicht einen Versuch machen, Oswald, ihn, wie ich gestern wollte, durchs Fenster in ihr Zimmer zu werfen? Wenn dir Felix begegnet, sag ihm nur, er solle an gestern Nacht denken, dann wird er sich schon aus dem Staube machen; oder besser, sage nichts, und tu, was ich leider nicht getan habe, erwürge ihn auf der Stelle.« Endlich, als Oswald die Hoffnung schon beinahe aufgegeben hatte, kam Dr. Balthasar. Es war ein alter Mann, den die vielen Geschäfte des Tages verdrießlich gemacht hatten und der etwas von »Lappalien, derentwegen man die Leute um ihre Ruhe bringe«, durch die Zähne murmelte. Er untersuchte Bruno kaum, sagte: Es würde sich schon von selbst geben, übrigens wolle er morgen wiederkommen und eine Einreibung mitbringen. »Nun sind wir auch noch so klug wie vorher«, sagte Oswald, als der Doktor wieder fort war. »Ich sagte dir ja gleich, es hat nichts zu bedeuten. Leg dich schlafen, Oswald, du brauchst es ebenso nötig wie ich.« Indessen, die beiden fanden nicht viel Ruhe in dieser Nacht. Oswald hatte sein Sofa neben Brunos Bett stellen lassen und blieb angekleidet, um jeden Augenblick bereit zu sein. Brunos Zustand blieb derselbe, nur daß seine Unruhe immer größer wurde und er in immer kürzeren Zwischenräumen zu trinken verlangte. Gegen Morgen war Oswald eingeschlafen; Bruno weckte ihn, als die Sonne eine Stunde über dem Horizont war. »Oswald, ich kann dich nicht länger schlafen lassen, so leid es mir tut, du mußt in den Garten, es ist die höchste Zeit. Wenn du Helene auch heute nicht triffst, so stehe ich auf und gehe zu ihr, und wenn ich darüber sterben sollte.« »Wie geht es dir?« »Besser.« »Das sagst du stets.« »Mache nur, daß du fortkommst.« Oswald ging in den Garten und suchte die Wallpromenade auf, wo er nun schon manchen Morgen mit nicht leichtem Herzen dem schönen Mädchen begegnet war. Aber so schwer wie heute war ihm das Herz nie gewesen. Brunos Krankheit, die jetzt hereindrohende Katastrophe in dem Familiendrama, dessen Entwicklung er mit so schmerzlichem Interesse verfolgt hatte und in dem er jetzt die zweideutige Rolle eines Zwischenträgers zu spielen verdammt war – das alles lastete auf seiner Seele und machte, daß er von dem wonnigen Morgen nichts empfand, nichts bei dem warmen Sonnenschein und den bläulichen Morgenschatten, nichts bei dem Duft der unzähligen Blumen, nichts bei dem Schwirren und Tanzen der Myriaden von Insekten, nichts bei dem Jubilieren der Vögel in den Bäumen. Konnten ihm die Blumen seinen Liebling wieder gesundmachen? Konnten ihm die Vögel Helenen herbeisingen? Doch da! Da schimmerte ihr Kleid zwischen den Bäumen des Walles herüber. Das mußte sie sein. Sie schritt rascher vorwärts, sobald sie ihn bemerkt hatte – es schien ihr selbst daran gelegen, ihn zu sprechen. »Gott sei Dank, daß Sie kommen«, rief sie ihm schon von weitem entgegen, »ich habe fast die ganze Nacht vor Sorge und Angst nicht geschlafen. Es geht gut – nicht wahr? Sie würden ihn ja auch sonst nicht verlassen haben?« »Es geht besser, wenigstens sagt Bruno so; aber ich fürchte, nichts weniger als gut. Sie wissen, er ist ein Held, auch im Ertragen von Schmerzen.« »Ja, das ist er!« sagte Helene. »Ich liebe ihn wie einen Bruder; nein, viel, viel mehr als einen Bruder. Der Gedanke, ihn zu verlieren, ist für mich entsetzlich. Sie glauben nicht, wie ich mich seinetwegen quäle.« »Gewiß nicht mehr als er sich Ihrethalben«, sagte Oswald. »Wie das?« fragte Helene, ihre großen Augen forschend auf Oswalds Gesicht heftend. »Ich will nicht durch eine lange Einleitung die kostbaren Augenblicke, in denen ich ungestört mit Ihnen sprechen kann, verlieren«, sagte Oswald. »Diesen Brief hier, dessen Aufschrift von Ihrer Hand ist, der Ihnen also ohne Zweifel gehört, hat Bruno vorgestern abend gefunden, an der Kapelle unmittelbar nach einer Unterredung, welche die Frau Baronin mit Baron Felix über Familienangelegenheiten auf derselben Stelle gehabt hatte und die Bruno, der sich zufällig in der Kapelle befand, mit anzuhören nicht umhin konnte. Er hat mich gebeten, Ihnen Ihr Eigentum wieder zuzustellen. Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß es von dem Augenblick an, wo es in Brunos Hände gelangte, heilig gehalten worden ist.« Helenens Verwirrung war mit jedem Worte, das Oswald sprach, größer geworden. Purpurglut wechselte auf ihrem schönen Angesicht mit einer geisterhaften Blässe. Ihr Busen wogte; ihre Hand zitterte, als sie den Brief, den ihr der junge Mann überreichte und auf den sie nur einen Blick zu werfen brauchte, um ihn als denselben zu erkennen, den sie gestern morgen an Mary Burton geschrieben hatte, entgegennahm. Entsetzen über den schwarzen Verrat, den man an ihr geübt; jungfräuliche Scham, ihre innersten, geheimsten Gedanken schonungslos profaniert zu sehen; der Unwille, daß jemand, er sei, wer er sei, erfahren habe, wie sie von den Ihrigen, von ihrer eigenen Mutter schmachvoll behandelt worden sei – alles stürmte auf sie ein, wie ein Orkan, vor dessen Gewalt jeder Widerstand vergeblich ist. Und dies letzte Gefühl des beleidigten Stolzes fand zuerst einen Ausdruck. »Ich danke Ihnen«, sagte sie, sich zu ihrer ganzen stattlichen Höhe emporrichtend, »für Ihren Eifer, mir zu dienen. Indessen, Sie und Bruno haben der Sache, wie es scheint, ein weit größeres Gewicht beigelegt, als sie in der Tat verdient. Ich habe diesen Brief, weil einiges darin stand, was ich nach reiflicher Überlegung nicht gutheißen konnte, geflissentlich nicht abgehen lassen; ich werde ihn aus der Tasche verloren haben. Ich erinnere mich, daß ich gestern abend in der Nähe der Kapelle wir; ich –« Weiter vermochte sie nicht zu sprechen die Tränen, die sie so lange zurückgehalten, brachen gewaltsam hervor, und rollten über ihre Wangen. Sie wandte sich ab, sie fühlte, daß sie sich nicht länger würde beherrschen können und winkte Oswald mit der Hand, sie allein zu lassen. Oswald war vielleicht nicht weniger außer sich als Helene. Seine Liebe zu dem schönen, stolzen Mädchen, für das er so freudig sein Leben hingegeben hätte und von dem er jetzt so verkannt zu werden fürchten mußte, wogte wie ein freigewordener Quell in ihm empor und erfüllte seine Brust bis zum Zersprin g en. Er hätte ihr zu Füßen stürzen, ihr alles, alles, was er so lange vor ihr verborgen, gestehen mögen; aber er bezwang sich und sagte so ruhig wie er vermochte: »Ich versichere Sie, mein gnädiges Fräulein, daß diese Szene Ihnen kaum peinlicher sein kann als mir selbst und daß ich sie um keinen Preis herbeigeführt haben würde, wenn mir Brunos fieberhafte Ungeduld, die ich durch eine Weigerung zu steigern fürchten mußte, eine Wahl gelassen hätte. Es ist mir schmerzlich, sehr schmerzlich, von Ihnen verkannt zu werden; ich ahnte es gleich, daß es Ihnen unmöglich sein würde, den Boten von seiner Botschaft zu trennen.« Er verbeugte sich vor dem noch immer weinenden Mädchen sind wandte sich zu gehen. »Nein, nein!« rief sie, wie, um ihn zurückzuhalten, die Hand nach ihm ausstreckend. »Sie dürfen so nicht gehen. Mögen es die verantworten, die mich zum Äußersten getrieben haben, wenn ich die Ehre meiner Familie, die Ehre der Meinigen preisgeben muß. Ja, Sie haben mir einen Dienst geleistet, einen großen Dienst. Dieser Brief ist nur durch Verrat in die Hände derer gekommen, die ihren Raub so schlecht zu bewahren verstanden. Dieser Brief trennt mich auf immer von den Meinigen; er soll mich nicht auch von Bruno trennen, den ich so herzlich liebe, von Ihnen, der Sie stets so gut und freundlich zu mir gewesen sind. Ich habe Sie immer für einen Freund gehalten, Sie immer hoch geschätzt und geehrt – wie hoch, das möge Ihnen dieser Brief selbst beweisen. Lesen Sie ihn! Wenn alle Welt weiß, wie ich über Sie denke, so dürfen Sie es am Ende ja wohl auch wissen.« Und das junge Mädchen reichte Oswald den Brief hin. Ihr Antlitz glühte, aber nicht mehr vor Zorn und Scham. Ihre dunkeln Augen leuchteten, aber wie einer Heldin, die sich für eine heilige Sache zu opfern im Begriff steht. »Lesen Sie nur!« sagte sie mit einem eigentümlichen Lächeln, als Oswald sie ungläubig anstarrte. »Fürchten Sie nicht, daß es mich hinterher reuen wird. Ich weiß, daß Ihr Herz einer andern gehört, die seit gestern wieder in unserer Nähe ist. Bruno, der alles weiß, hat es mir verraten. Ich will von Ihnen nichts, als was ich schon habe – Ihre Freundschaft. Lesen Sie den Brief, und wenn Sie ihn gelesen haben, verbrennen Sie ihn in Gottes Namen.« Ehe Oswald sich von seinem grenzenlosen Erstaunen über diese wunderbare Rede nur so weit erholen konnte, ein einziges Wort über die Lippen zu bringen, war das junge Mädchen schon die Treppe, die von dieser Stelle in den Garten führte, hinab und eilte durch die blumenreichen Beete dem Schlosse zu. »Was ist das?« fragte Oswald bebend. »Narrt mich denn ein Traum? Melitta zurück? Und jetzt zurück – gerade jetzt!« Es war ein schauerliches Lachen. Oswald sah sich erschrocken um, ob ein anderer gelacht habe – ein schadenfroher Dämon, der sich an seiner Qual weidete. Er hielt den Brief noch immer in seiner Hand. Es war ihm, als ob er erst, wenn er diesen Brief lese, Melitta ganz verlieren, erst jetzt das letzte Band, das ihn an Melitta fesselte, zerreißen würde. Für einen Augenblick erschien ihm Helene wie eine schöne Teufelin, die an ihn herangetreten sei, ihn zu versuchen. Wenn er diesen Brief ungelesen verbrannte? Konnte dann nicht alles gut werden? Konnte ihm Melitta nicht doch erhalten bleiben? Und indem er so dachte, hatte er den Brief entfaltet und ihn zu lesen begonnen. Er war mit der Lektüre zu Ende und saß nun, den Kopf in die Hand gestützt, in der Ecke der Bank, auf die er sich, ohne zu wissen, was er tat, gesetzt hatte. Vor ihm auf dem Erdboden spielten die Lichter mit den Schatten; in den dichten Laubkronen über ihm flüsterte der Morgenwind und sangen die Vögel, in dem Garten unten wiegten sich bunte Schmetterlinge über den Blumenwäldern der Beete; er sah das alles, er hörte das alles, aber er empfand nichts dabei, nichts, als das eine, daß, wenn es ein Paradies auf Erden für ihn gegeben hätte, er jetzt auf immerdar daraus vertrieben sei. Sechsundfünfzigstes Kapitel Es war einige Stunden später. Die Baronin saß in ihrem Zimmer auf ihrem gewöhnlichen Platze in der Nähe der geöffneten Fenstertür. Sie hatte eine Stickerei auf dem Schoße; aber ihre Hände waren müßig; nur, wenn sich Schritte der Tür, die nach dem Flure führten, näherten, nahm sie schnell die Arbeit auf und nähte ein paar Stiche, um sie, sobald der Schritt vorüber war, wieder in den Schoß sinken zu lassen. Das wiederholte sich mehrmals, denn es war heute ein sehr lebhaftes Treiben im Schlosse. Die Vorrichtungen zu dem Ball heute abend hielten alles in Atem und machten es der wirtschaftlichen Baronin sehr schwer, hier so müßig zu sitzen, während ihre Gegenwart in Küche und Speisekammer so nötig war. Aber sie hatte Fräulein Helene bitten lassen, wenn sie mit ihrem Klavierspiel fertig sei, zu ihr zu kommen, und Helene sollte sie ruhig, gelassen, zu einem freundschaftlichen, ernsten Gespräch aufgelegt finden. Äußerlich wenigstens. In ihrem Herzen sah es freilich anders aus. Zwar die Sorge um den Brief schien sich als unnötig erwiesen zu haben. Offenbar war er noch nicht wieder in Helenens Hände gelangt, und das war für den Augenblick die Hauptsache. So konnte man doch alle Pfeile, die man aus der Lektüre gesammelt hatte, abschnellen, ohne fürchten zu müssen, daß sie auf den Schützen zurücksprängen. Nichtsdestoweniger hatte die kluge und mutige Frau nie einer Unterredung mit irgend jemand – und sie hatte doch, da die ganze Last der Verwaltung des großen Vermögens fast ganz allein auf ihren Schultern lag, manche wichtige Verhandlung zu führen gehabt – so voll Unruhe entgegen gesehen. Sie gab sich alle Mühe, diese Unruhe zu bekämpfen, ja, wenn irgend möglich, in einer versöhnlichen, friedlichen, freundschaftlichen Verfassung zu sein. Sie geriet sogar bei diesem Versuch in eine Art larmoyanter Stimmung. Vielleicht waren, alles in allem, Tränen das beste Mittel, das edle Herz der Tochter zu rühren und sie für ihre selbstischen Zwecke zu gewinnen. Da klopfte es an die Tür. Die Baronin griff schnell nach ihrer Arbeit. Auf ihr »Herein!« trat Helene in das Zimmer. Die etwas kurzsichtige Frau bemerkte nicht gleich, daß das edelstolze Antlitz des jungen Mädchens sehr bleich war, aber nicht von jener krankhaften Farbe, wie sie die Feigheit auf die Wangen malt, sondern von jener Marmorblässe, die sich sehr wohl mit Augen verträgt, aus denen eine heroische Seele leuchtet. »Es tut mir leid, liebe Tochter«, sagte die Baronin, »daß ich dich heute in deinem Morgenfleiße stören muß. Ich habe dich rufen lassen, um über eine Sache von der äußersten Wichtigkeit recht ruhig, recht freundschaftlich mit dir zu sprechen. Aber setze dich doch! Dort mir gegenüber auf den Stuhl, in welchem dein Vater zu sitzen pflegt.« »Ich danke«, sagte Helene, stehenbleibend. Der abgemessene, fast kurze Ton, in dem das junge Mädchen diese beiden Worte aussprach, machte die Baronin von ihrer Arbeit jäh in die Höhe blicken. Sie bemerkte jetzt zum ersten Male die blassen Wangen ihrer Tochter, und ihre eigenen Wangen entfärbten sich. »Du fühlst dich doch nicht unwohl?« sagte sie, und ihre Stimme war weniger fest als sonst. »In diesem Falle wollen wir unsere Unterredung auf eine gelegenere Zeit verschieben. Du wirst so schon für heute abend deine Kräfte nötig haben.« »Ich fühle mich vollkommen wohl«, erwiderte das junge Mädchen, »ich stand sogar eben im Begriff, dich um eine Unterredung bitten zu lassen, da auch ich dir eine Sache von Wichtigkeit mitzuteilen habe.« »Du mir?« sagte die Baronin, ihre großen, tiefliegenden Augen spürend auf das bleiche Antlitz ihrer Tochter heftend. »Du mir? Was kann das sein? Laß doch hören!« »Es ist dies!« sagte Helene. »Ich fand vorgestern abend in der Nähe der Kapelle einen Brief –« Die Baronin hob ihr Haupt und warf Helenen einen Blick zu, in dem Bestürzung, Zorn, Furcht und Trotz auf eine seltsame Weise gemischt waren. »Einen Brief«, fuhr Helene fort, »den ich vorgestern morgen geschrieben und Luisen zur Besorgung übergeben hatte. Der Brief war natürlich, als ich ihn Luisen gab, versiegelt, als ich ihn wiederfand, war er erbrochen. Ich kann nicht glauben, daß Luise, die mir überdies zugetan scheint, ein solches Interesse an meiner Korrespondenz nimmt, um sich auf die Gefahr hin, ihren Dienst zu verlieren, eines solchen Vergehens schuldig zu machen, muß also annehmen, daß irgend jemand sonst im Schloß es der Mühe wert hält, meinen Geheimnissen nachzuspüren. Nun war es meine Absicht, zu fragen, was du mir in dieser Sache zu tun rätst.« Die Baronin hatte, während Helene sprach, sehr eifrig genäht. Jetzt blickte sie wieder auf und sagte: »An wen war der Brief?« »An Mary Burton.« »Hast du dich in dem Briefe frei geäußert?« »Wie man an eine Freundin eben schreibt.« »Standen Sachen darin, von denen du nicht gerne möchtest, daß sie anderen zu Gesicht kämen?« »Allerdings.« »Auch nicht deinen Eltern?« Helene schwieg. »Auch nicht deinen Eltern?« »Ja.« »Zum Beispiel, daß deine Eltern für dich tot sind, ebenso wie deine übrigen Verwandten?« »Du hast den Brief gelesen?« »Wie du siehst.« »So habe ich nichts weiter zu sagen und zu fragen.« Helene verbeugte sich und wandte sich, zu gehen. »Bleib«, sagte die Baronin, »wenn du nichts weiter zu sagen hast, so habe ich noch mehrere Fragen an dich zu richten, die du mir gütigst beantworten wirst. Was den Brief betrifft, so beruhige dich. Wenn Eltern ihren Kindern die Erlaubnis geben, frei zu korrespondieren, tun sie's in der Erwartung, daß die Kinder dieser Erlaubnis würdig sind. Sehen sie sich in dieser Erwartung betrogen, nehmen sie ihre Erlaubnis zurück. Darin liegt nichts Außerordentliches. Das aber ist außerordentlich, wenn ein Kind, das von seinen Eltern nur Liebe erfahren hat, sich von seinen Eltern lossagt; das ist außerordentlich, wenn ein Kind die Stirn hat, dies zu denken, eine Hand es niederzuschreiben, den Mut, dieses schriftliche Bekenntnis ihrer Armut anderen unter die Augen zu bringen. Was hast du darauf zu erwidern?« »Nichts.« »Und wenn nun dieses Kind die Gefühle der Liebe, die sie ihren Eltern, der Zuneigung, die sie ihren übrigen Verwandten zum mindesten schuldet, nur verleugnet, um Fremde damit zu beglücken, eine sogenannte Freundin zum Beispiel, die weiter kein Verdienst hat, als mit ihr in einer Pension gewesen zu sein; einen Knaben, der aus Gnade und Barmherzigkeit in dem Hause ihrer Eltern aufgenommen wurde; einen bezahlten Diener ihrer Eltern – jawohl, mein Fräulein, einen bezahlten Diener, mit dem die Eltern nebenbei im höchsten Grade unzufrieden sind –, was hast du darauf zu erwidern?« »Nichts.« »Und wenn nun deine Eltern dir doch verzeihen; wenn deine Verwandten, obgleich du es nicht verdienst, dir ihre Liebe dennoch nicht entziehen wollen; wenn du siehst, daß Eltern und Verwandte sich die Hände reichen, mit vereinten Kräften dich, die schon mehr als halb verloren ist, zu retten; wenn deine Eltern dir in der Person eines Gemahls einen Freund und Beschützer geben wollen, der dich in Zukunft vor solchen Torheiten – ich will einmal einen milden Ausdruck wählen – vor solchen Torheiten, wie du sie an Mary Burton geschrieben hast, bewahren wird; und wenn einer deiner liebenswürdigsten Verwandten die Güte haben will, dieses schwierige Amt eines Gatten, Freundes und Lehrers bei dir zu übernehmen, wirst du darauf wieder nichts zu erwidern haben?« »Doch«, sagte Helene, die, ohne eine Miene zu verändern, bleich und still dagestanden hatte, die großen dunkeln Augen mit dem Ausdruck unerschütterlichen Mutes auf ihre Mutter richtend, die bei den letzten Worten aufgestanden war und ihr jetzt gegenüberstand, »doch! Ich habe darauf zu erwidern, daß ich tausendmal lieber sterben, als Felix' Gattin werden will.« Sie sagte das ruhig, langsam, gleichsam jede Silbe wägend. »Und wenn deine Eltern es befehlen?« »So kann ich nicht, und so werde ich nicht gehorchen.« »Und wenn sie heute abend der versammelten Gesellschaft deine Verlobung mit Felix ankündigen?« »So werde ich der versammelten Gesellschaft sagen, was ich dir soeben gesagt habe.« »Ist das dein wohlerwogener Entschluß?« »So wahr mir Gott helfe: ja!« »Nun denn! So sage ich mich von dir los, wie du dich von mir losgesagt hast! So gehe denn hin und wirf dich dem Bettler in die Arme! Aber nein! Noch gibt es Mittel, diese Schande wenigstens vor der Welt zu verbergen. Morgen packst du deine Sachen; übermorgen gehst du in die Pension zurück.« Ein Strahl wie von Freude brach aus Helenens dunklen Augen, und ein zartes Rot flog über ihre bleichen Wangen. »Ich gehe gern«, sagte sie. »Aber nicht nach Hamburg«, sagte die Baronin, und es lag eine grausame Ironie in Ton und Wort, »ich habe genug von Mary Burton. Du gehst nach Sundin. Ich habe schon an Fräulein Bär geschrieben. Sie ist nicht ganz so nachsichtig wie Madame Bernhard, aber mit der Zeit der Güte und Nachsicht ist es jetzt auch vorbei. Begib dich auf dein Zimmer! Um sechs Uhr wünsche ich dich zum Ball angezogen zu sehen. Überlege dir noch einmal, was du tun willst. Ich gebe dir bis dahin Bedenkzeit. Du kannst gehen.« Helene ging, ohne ein Wort zu erwidern, nach der Tür. Als sie sie fast erreicht hatte, trat der alte Baron herein. »Wo willst du hin, mein Mädchen?« sagte er, die Hand freundlich nach ihr ausstreckend. Helene ergriff die Hand; drückte sie an ihre Lippen und sagte: »Verurteile mich nicht, Vater, ohne mich gehört zu haben.« Dann eilte sie aus dem Zimmer. »Was hat das Mädchen?« sagte der alte Herr, ihr voller Erstaunen nachsehend. »Komm, Grenwitz«, sagte die Baronin, »ich habe über eine Sache von Wichtigkeit mit dir zu sprechen.« Siebenundfünfzigstes Kapitel Die Unterredung zwischen der Baronin und ihrem Gemahl dauerte eine geraume Zeit, aber Anna-Maria war heute nicht glücklich in ihren diplomatischen Bemühungen. Ebensowenig wie sie imstande gewesen war, den Stolz ihrer Tochter zu beugen, vermochte sie den sonst so fügsamen Gatten diesmal zu ihren Ansichten zu bekehren. Schon öfters in den langen Jahren ihrer Ehe hatte sich in dem Gatten, der ihrer höheren Einsicht sonst so blindlings vertraute, der mit einer Art von abgöttischer Verehrung an ihr hing, ein Geist des Widerspruchs geregt, oft, wo sie es am wenigsten erwartete. Sie hatte durch kluge, rechtzeitige Nachgiebigkeit dann jedesmal dergleichen Meinungsverschiedenheiten zu beseitigen gewußt, was ihr um so leichter geworden war, als es sich meistens um höchst gleichgültige Dinge handelte. Heute aber hatte sie nicht bedacht, daß der Baron ja am Ende doch sein Kind lieben und dann natürlich ihr Glück, ihre Ruhe höher anschlagen könnte als alle weltlichen Vorteile. Und nun geschah wirklich das Unglaubliche. Der alte Herr erklärte mit großer Entschiedenheit, daß er die Vorteile, die allen Beteiligten aus einer Verbindung zwischen Felix und Helene erwachsen könnten, durchaus zu würdigen wisse; daß er sich sehr gefreut haben würde, wäre diese Verbindung zustande gekommen, daß es aber schließlich doch die Ruhe und das Glück Helenens sei, um die es sich handle, und daß, wenn Helene erkläre, Felix nicht lieben zu können, die Sache damit ein für allemal abgemacht sei. Dabei blieb er, mochte Anna-Maria sagen, was sie wollte. Und Anna-Maria ließ es an Worten, ja selbst an Tränen nicht fehlen. Vergebens, daß sie Helenens Trotz, Helenens unkindliches Benehmen in der eben stattgehabten Unterredung mit den schwärzesten Farben schilderte; vergebens, daß sie dem alten Mann mit dem Äußersten drohte, ihm drohte, daß er nur zu wählen habe zwischen seiner treuen Gattin und seiner ungehorsamen Tochter, daß sie in ihrem eigenen Hause nicht die Schmach erleben wolle, ihr eigen Kind über sich triumphieren zu sehen – der alte Herr behauptete die einmal eingenommene Position mit einer zähen Hartnäckigkeit: Helene sei nicht schlecht; sie habe sich in ihrer Heftigkeit vergessen können, aber sie sei nicht schlecht, sie werde die Mutter um Verzeihung bitten, wenn sie sie beleidigt habe; aber gesetzt, sie sei nicht so gut, wie er glaube, gesetzt, sie habe sich gegen ihre Mutter vergangen, so sei das doch immer kein Grund, sie in eine ihr verhaßte Ehe zu zwingen. – Alles, was die Baronin erlangen konnte, war, daß, wenn Helene sich nicht nachgiebig zeigen sollte, sie dies elterliche Haus auf einige Zeit verlassen müsse. Der Baron willigte darein, weil er diese Trennung für das beste Mittel hielt, Mutter und Tochter wieder zusammenzubringen, wenn sich die Leidenschaft nur erst auf beiden Seiten ein wenig gelegt haben würde; und er hatte nichts dagegen, daß man Helene nach Sundin anstatt nach Hamburg schicke, da er so viel öfter Gelegenheit hatte, seine Tochter zu sehen, und er überhaupt in der Stille die ganze Maßregel für ein Provisorium hielt, dessen vermutlich sehr kurze Dauer die lange Reise nach Hamburg gar nicht verlohne. – Anna-Maria ihrerseits mußte sich notgedrungen mit diesem Resultat zufriedengeben, um so mehr, als sie fürchtete, daß Helene, wenn man sie zum Äußersten treibe, die fatale Angelegenheit mit dem Briefe zur Sprache bringen werde. Dieser Gedanke hatte sie überhaupt in der ganzen Unterredung weniger energisch erscheinen lassen, als wohl sonst ihre Gewohnheit war. Das böse Gewissen hatte sie feig gemacht und diese Feigheit dem Baron seinen Sieg wesentlich erleichtert. Er küßte seine Gemahlin auf die Stirn, wie er es nach einer Szene größerer oder kleinerer Uneinigkeit stets zu tun pflegte, dankte ihr für ihre Bereitwilligkeit, sich seinen Ansichten und Wünschen zu akkommodieren, und sprach die Hoffnung aus, daß in kurzer Zeit der gestörte Familienfrieden vollkommen wiederhergestellt sein werde. »Es drückt mir das Herz ab, wenn ich sehe, daß die, welche ich am meisten liebe auf Erden, unter sich uneins sind«, sagte der gute alte Mann, und die Tränen standen ihm in den Augen. »Ich habe Gott alle Tage gebeten, er möge mich erleuchten, daß ich in dieser Sache das Rechte tue, wie ich es denn gern in allen Dingen täte. Es schmerzt mich, wenn ich dich gekränkt haben sollte, liebe Anna-Maria, denn ich weiß, zu welcher Dankbarkeit ich dir verpflichtet bin; aber ich habe auch Pflichten gegen meine Tochter und darf nicht zugeben, daß du sie mit dem besten Willen von der Welt unglücklich machst. Gott weiß, daß ich nur euer aller Bestes will; und nun, liebe Anna-Maria, laß uns zu Tisch gelten, denn, wenn ich nicht irre, hat Johann schon zweimal gerufen.« Die Baronin sollte heute nicht zu Ruhe kommen. Das melancholische Mittagsmahl, an dem weder Oswald, der Bruno nicht verlassen wollte, noch Helene, die sich mit Kopfschmerzen entschuldigen ließ, teilgenommen hatten, war vorüber, und der Baron eben fortgegangen, um sich mit Helenen auszusprechen und sich nach Brunos Befinden zu erkundigen. Die Baronin war mit Felix allein geblieben und jetzt in der äußerst peinlichen Lage, ihm sagen zu müssen, daß ihr gemeinsames Projekt an dem hartnäckigen Widerstand Helenens und der Unbeugsamkeit des Barons gescheitert sei. Und das sollte sie eingestehen, sie, die sich so viel auf die unbeschränkte Herrschaft, die sie über ihren Gemahl, über alle ihr Näherstehenden ausübte, zugute tat; sie, die diese ganze Unterhandlung nicht nur geleitet, sondern auch den ersten Impuls dazu gegeben, Felix zuerst den Vorschlag gemacht, Felix die Bedingungen gestellt hatte. Bedingungen, denen jener zum Teil schon nachgekommen war! Wie bereute sie es jetzt, den Brief unterschlagen zu haben! Sie hatte nicht viel mehr daraus gelernt, als was sie so schon wußte, und wieviel hatte sie sich vergeben! Sie durfte jetzt nicht mit voller Strenge gegen Helene auftreten; durfte ihre »unkindliche Gesinnung«, ihre »lächerliche Bevorzugung – um die Sache nicht schlimmer zu bezeichnen – dieses Stein« dem Baron gegenüber nicht zu sehr hervorheben. Sie wußte, daß er – besonders in seiner jetzigen Stimmung – einen solchen Vertrauensbruch niemals sanktionieren würde. Ja, selbst gegen Felix, ihren Vertrauten, durfte sie nicht ganz offen sein. Sie mußte ihm sagen, daß sie die Schlacht verloren habe, und hatte nicht einmal den Trost, ihm beweisen zu können, daß es nur durch einen unglücklichen Zufall geschehen sei. So mußte also der bittre Kelch geleert werden. Felix traute seinen Ohren kaum. Er, Felix von Grenwitz, ausgeschlagen, zurückgewiesen, mit Verachtung behandelt und in dem einzigen Fall, wo er wirklich ernste Absichten gehabt hatte? Von einem Mädchen, das eben aus der Pension kam? Und möglicherweise wem geopfert? Einem obskuren Menschen, dessen ganzes Verdienst darin bestand, beinahe wie ein Gentleman auszusehen? Felix tat, als ob der Untergang der Welt durch diese Zeichen verkündet sei. Und Helenen zu verlieren – darüber würde sich Felix getröstet haben, aber auch die Aussichten auf Bezahlung seiner Schulden, oder genauer, auf eine so wesentliche Erhöhung seines Kredits – das war das schlimmste, das, worüber Felix von Grenwitz nicht so leicht hinwegkam. Helenens Aussteuer, die Summe, die ihm sein Onkel vorschießen wollte, den zugrunde gewirtschafteten Gütern wieder aufzuhelfen – nein, so konnte man nicht mit ihm spielen wollen. Er hatte alles getan, was in seinen Kräften stand, er hatte seinen Abschied genommen; er war von der Baronin autorisiert worden, vor der Gesellschaft seine Bewerbung um Helene nicht zu verschweigen – jetzt war Dienst, Braut, Ehre – alles verloren. »Ich werde mir eine Kugel durch den Kopf jagen!« rief Felix. Die Baronin suchte den Aufgeregten zu beruhigen, und es gelang ihr, nachdem sie ihm die feierliche Versicherung gegeben, daß trotz der Erfolglosigkeit seiner Bewerbung die übrigen Verabredungen nicht rückgängig gemacht werden sollten. Nachdem sie sich über diesen äußerst wichtigen Punkt geeinigt, konnten sie mit größerer Ruhe über einige andre sprechen, vor allem über den eigentlichen Grund von Helenens Weigerung. Zu Felix' nicht geringem Erstaunen behauptete die Baronin heute geradezu, daß ein geheimes Liebesverhältnis zwischen Oswald und Helene bestehe. Sie wollte nicht sagen, was sie veranlaßte, eine frühere Vermutung jetzt für Gewißheit auszugeben; aber sie blieb bei ihrer Behauptung, bis Felix zugab, daß die Sache freilich lächerlich, aber doch nicht geradezu unmöglich sei. – »Der Mensch ist ein schlauer Intrigant«, sagte er. »Timm hat mich gleich im Anfang vor ihm gewarnt; ich habe nicht viel darauf gegeben, weil die beiden auf einem sehr guten Fuß zu stehen scheinen. Indessen, ich sehe doch ein, Timm hat recht gehabt.« In diesem Augenblick wurde der Baronin ein expresser Brief aus Sundin eingehändigt. »Von Herrn Timm«, sagte sie erstaunt, den Brief erbrechend, »ich bin doch neugierig, was mir der zu schreiben hat. Er hat doch sein Geld richtig erhalten. Entschuldigen Sie, lieber Felix.« Das Erstaunen, die Bestürzung, der Schrecken, der sich, während die Baronin las, auf ihrem Gesicht malten, waren so ausgeprägt, daß Felix nicht umhin konnte, zu sagen: »Aber Tante, was haben Sie? Sie sind ja wie die Wand so weiß geworden?« »Oh, es ist schändlich!« sagte die Baronin, »es ist schändlich, diese Buben! Es ist eine abgekartete Sache! Ein gemeines Komplott! Diese Buben!« »Aber um Himmels willen, was gibt es denn?« rief Felix. »Hier, lesen Sie!« sagte die Baronin, ihm mit zitternder Hand den Brief hinreichend. Felix nahm den Brief und las: »Gnädige Frau! Es ist nicht meine Schuld, wenn Ihnen der Inhalt dieses Schreibens mißfallen sollte. Sie wissen, mit wie großer Verehrung ich an Ihnen und Ihrer Familie hänge, mit welchem Eifer ich Ihnen stets meine geringen Dienste gewidmet, wie dankbar ich für die liebenswürdige Gastfreundschaft gewesen bin, die Sie mir stets und besonders in den letzten, so glücklich verlebten Tagen bewiesen haben. Wenn ich daher etwas sage oder tue, was mit diesen Gefühlen im Widerspruch zu stehen scheint, so können Sie mit Bestimmtheit annehmen, daß dieser Widerspruch eben nur scheinbar ist, und daß mich ein höheres Prinzip als persönliche Freundschaft und individuelle Hochachtung zum Handeln zwingt: nämlich die Achtung vor der Gerechtigkeit, die wir allen schuldig sind. Dieses mir innewohnende Rechtlichkeitsgefühl aber (ein Erbstück ohne Zweifel meines seligen Vaters) will, daß ich Ihnen eine höchst eigentümliche Entdeckung, die ich in diesen Tagen gemacht habe, und die für Sie von einer gewissen Bedeutung sein dürfte, nicht einen Augenblick länger vorenthalte. Sie wissen, daß mein verstorbener Vater die Stellung eines Advokaten in Grünwald bekleidete, daß seine Praxis ebenso groß war wie der Ruf seiner Rechtlichkeit, Gewissenhaftigkeit und Klugheit, und daß die angesehensten Familien des Landes zu seiner Klientel gehörten. Unter anderen stand er auch mit dem verstorbenen Herrn Baron Harald von Grenwitz in steter Geschäftsverbindung, aus der sich, wie mir mein seliger Vater oft erzählt hat, wenn er auf vergangene Zeiten zu sprechen kam, eine Art Freundschaft entwickelte. Wenigstens behauptete mein Vater, daß der verstorbene Baron ihn selbst in den delikatesten Familienangelegenheiten wiederholt konsultiert habe. Die Wahrheit dieser Behauptung wird bestätigt durch die Entdeckung, von der ich eben spreche. Sie besteht in der ganz zufälligen Auffindung mehrerer Bündel Briefe und Papiere, die sämtlich dem Herrn Baron Harald gehörten und die dieser meinem Vater zu einem Zwecke, der nicht angegeben (denn es befindet sich dabei keine Erläuterung weder von der Hand meines Vaters, noch der des Barons), übermacht hat. Aller Wahrscheinlichkeit nach sollten sie meinem Vater dienen, ihm die Auffindung jenes Kindes, dem der Herr Baron in dem Kodizill seines Testaments das bewußte Legat aussetzte, zu erleichtern oder überhaupt möglich zu machen. Soviel wenigstens steht fest, daß eine solche Recherche nur mit Hilfe dieser Briefe und Papiere angestellt und zu einem glücklichen Resultat gebracht werden kann. Auch bin ich überzeugt, daß nur sein plötzlicher Tod meinen Vater verhindert hat, dieses Resultat herbeizuführen, und daß ein geschickter Jurist noch zu jeder Zeit die Fäden, die der Hand meines Vaters entfielen, wieder aufnehmen könnte. Die Schriftstücke sind a) ein Bündel Briefe einer gewissen Mademoiselle Marie Montbert an Baron Harald von Grenwitz; b) ein dito des Herrn Barons an Mademoiselle Montbert; c) mehrere Briefe eines gewissen Monsieur d'Estein an Mademoiselle Montbert; d) verschiedene Familienpapiere der Mademoiselle Montbert; e) eine vollständige Abschrift des von dem Herrn Baron Harald hinterlassenen Testaments nebst dem Kodizill, in dem, wie Ihnen bekannt ist, nicht nur die Bedingungen angegeben sind, die der Herr Erblasser an die Auslieferung des Legats geknüpft hat, sondern auch die Mittel und Wege, die am wahrscheinlichsten zu einer Entdeckung des zu jener Zeit noch ungeborenen Kindes resp. dessen Mutter führen können. Sie wissen, daß in diesem Erläuterungsbericht die Namen der Mademoiselle Montbert und des Monsieur d'Estein vorkommen, und es versteht sich von selbst, daß die genannten Personen mit denen, die jene Briefe schrieben, identisch sind. Bis hierher hat alles, was ich Ihnen berichtete, für den Unbefangenen und Unbeteiligten wenigstens, nichts besonders Überraschendes. Was ich Ihnen aber jetzt zu sagen habe, ist so außerordentlich, daß ich um die Erlaubnis bitten muß, Ihnen darüber mündlichen Bericht erstatten zu dürfen. Ich will nur so viel andeuten, daß in den Briefen des Mr. d'Estein der Name vorkommt, den dieser Herr, nachdem er die Flucht der Mademoiselle Montbert von Grenwitz bewerkstelligt haben würde, für die Zukunft annehmen zu wollen erklärt, und daß dieser Name (Sie brauchen nur das d' und E wegzulassen) mit dem Namen eines Herrn, der seit einiger Zeit in Ihrer Familie lebt, übereinstimmt. Ich füge hinzu, wie ich für mein Teil von der Identität dieser Person mit dem noch immer unbekannten Erben von Stantow und Bärwalde (besonders auch infolge von Mitteilungen, die mir die bewußte Person über ihre Familienverhältnisse und frühesten Erinnerungen machte) durchaus überzeugt bin. Doch ist diese meine individuelle Überzeugung natürlich noch immer nicht bewiesen, und ich nehme daher Anstand, sie, wie ich wohl müßte, der bewußten Person mitzuteilen, um nicht Hoffnungen in ihr zu erregen, die doch möglicherweise nicht realisiert werden könnten. Ich breche hier ab, um meinem mündlichen Referat (kommen Sie vielleicht in nächster Zeit nach Sundin? Oder befehlen Sie, daß ich Ihnen in Grenwitz aufwarte?) nicht zu viel vorwegzunehmen und dem Papiere nicht unnötigerweise noch mehr anzuvertrauen. Genehmigen Sie, gnädige Frau, den Ausdruck usw.« »Hier ist noch ein Verte!« sagte Felix, das Blatt umwendend. »P. S. Ich habe die Absicht, sämtliche Papiere, da sie mir in meiner Wohnung nicht sicher genug verwahrt scheinen, einem Advokaten zu übergeben, im Falle Sie nicht (was aber schleunigst geschehen müßte) anders darüber verfügen sollten.« »Da schaut der Fuchs zum Loche heraus!« sagte Felix. »Im Falle Sie nicht anders darüber verfügen sollten, unterstrichen; d. h. haben Sie die Güte, mir die Summe zu nennen, die Sie für diese Papiere zahlen zu können glauben, und die Sache bleibt unter uns. – Ja, ja, der Timm ist ein geriebener Bursche, das habe ich schon vor heute gewußt!« »Also glauben Sie, daß er wirklich diese Papiere gefunden hat?« fragte die Baronin erstaunt. »Warum nicht?« sagte Felix. »Ich finde das Ding äußerst wahrscheinlich und rate Ihnen, sich die Papiere in aller Eile zu kaufen, ehe sie im Preise steigen.« »Und glauben Sie auch, daß dieser – daß dieser Mensch – ich kann es kaum über die Lippen bringen, daß dieser Stein wirklich Haralds Sohn ist?« »Möglich ist es immer!« sagte Felix. »Nein, es ist nicht möglich«, rief die Baronin mit großer Heftigkeit, »es ist alles ein höllischer Lug und Trug, ein abgekartetes Spiel zwischen den beiden Gaunern. Die Briefe sind gefälscht, sind von beiden, während sie hier die Köpfe zusammensteckten, geschmiedet und geschrieben worden. Es ist eine pure Erfindung, um uns einen Schrecken einzujagen und Geld abzuschwindeln – oder gar! Jetzt hab ich's! Sehen Sie denn nicht Felix, wo das alles hinaus will? Auf Helene haben sie es abgesehen! Dem einen Geld, dem andern das Mädchen! Wahrhaftig! Trefflich, trefflich! Schade, daß Helene nicht auch darüber an Mary Burton geschrieben hat, denn ich wette, sie ist mit im Komplott! Aber nichts sollen sie haben! Nichts, nichts, nicht einen Taler – keinen Groschen!« »Nehmen Sie die Sache nicht zu leicht, Tante!« sagte Felix. »Timm ist ein sehr gewitzter Bursche, und wenn die Briefe wirklich gefälscht sind, so können Sie sich darauf verlassen, daß es keine Stümperarbeit ist und uns sehr viel zu schaffen machen kann. Wollen Sie meinen Rat hören?« »Nun?« »Lassen Sie mich morgen oder wann es ist, nach Sundin gehen und mit Timm sprechen. Ich habe in früheren Zeiten schon manche absonderliche Unterhandlungen mit ihm geführt; er weiß, daß er mir kein X für ein U machen kann. Ohne Geld kommen wir freilich nicht los; aber ich kriege die Papiere billiger als Sie oder ein anderer.« »Und was soll mit Herrn Stein geschehen?« »Den jagen wir mit Schimpf und Schande fort. Wollen Sie mir auch dies Geschäft überlassen?« »Ja, tun Sie, was Sie wollen, aber befreien Sie mich von diesem Menschen!« »Ich will es schon machen. Es findet sich heute abend wohl eine Gelegenheit. Mit je mehr Eklat es geschieht, desto besser. Es soll ihm schon die Lust vergehen, mit uns noch einmal anzubinden. Sie werden doch dem Onkel nichts von alldem sagen?« »Um Himmels willen nicht!« rief die Baronin. »Er wäre imstande, heute noch Herrn Stein als unsern lieben Verwandten der Gesellschaft vorzustellen. Er ist ja schon beinahe kindisch! Ich kann mich von heute an in nichts mehr auf ihn verlassen.« »Nun denn«, sagte Felix, seiner Tante die Hand küssend, »so verlassen Sie sich auf mich. Wir wollen die Sache schon glücklich zu Ende bringen. – Aber ich glaube, liebe Tante, es ist die höchste Zeit, daß wir Toilette machen. Um Himmels willen! Fünf Uhr! Und um sechs fängt die Gesellschaft an – wie soll ich in einer Stunde fertig werden!« Achtundfünfzigstes Kapitel Wagen auf Wagen rollten durch das große Tor auf den Schloßplatz und hielten vor dem Portale still. Geputzte Damen und Herren stiegen aus und wurden von den Dienern vorläufig in die Garderobezimmer gewiesen, um einige Minuten später in der weitgeöffneten Flügeltür, die in die Gesellschaftsräume im Erdgeschoß führte, von dem alten Baron und Felix empfangen zu werden. Nach und nach versammelte sich so ziemlich der gesamte Adel der Umgegend. Schon die glänzenden Equipagen, in denen man heute gekommen war – die meisten waren mit vier, einige sogar mit sechs herrlichen Pferden bespannt, Vorreiter in allen möglichen bunten Livreen nicht zu vergessen – noch mehr aber der gewählte Anzug der Herren, die glänzende Toilette der Damen bewiesen, daß man sich auf ein Fest im größesten Stil vorbereitet hatte. Man glaubte auch mit ziemlicher Gewißheit angeben zu können, um was es sich heute eigentlich handelte, hatten doch die Baronin und Felix es an Hindeutungen auf ein Ereignis, das möglicherweise in nicht allzu langer Zeit eintreten könnte, keineswegs fehlen lassen! Die Baronin und Felix hatten sich durch diese voreiligen Anspielungen, wie es schien, einen schlimmen Tag bereitet und sollten jetzt die Erfahrung machen, daß es viel leichter sei, den Mund der Fama zum Reden als zum Schweigen zu bringen. Sie hatten alle Mühe, die bedeutungsvollen Mienen der Bescheideneren, die zarten Andeutungen der Neugierigen, die direkten Fragen der Zudringlichen zu übersehen, zu überhören, ausweichend zu beantworten, und bei diesem Fegefeuer doch noch die offizielle gesellschaftliche Freundlichkeit und Höflichkeit zu bewahren. Die Gesellschaft schien im allgemeinen entschlossen, an dem Glauben einer Verlobung zwischen Felix und Helene festhalten zu wollen, und vertröstete sich auf die Abendtafel, wo man ja doch endlich mit der Wahrheit hervortreten werde. Nur einige Scharfsinnige wollten aus gewissen Anzeigen schließen, daß die Aussicht auf das bewußte Ende wohl nicht so ganz ungetrübt sei, wie die meisten anzunehmen schienen. Sie machten darauf aufmerksam, daß das Benehmen der Baronin heute um vieles förmlicher sei wie gewöhnlich, ja in manchen Augenblicken geradezu verlegen; daß der alte Baron außerordentlich zerstreut sei, und keineswegs den Eindruck eines glücklichen Familienvaters mache; und was das Brautpaar selbst betreffe, so sei es zum mindesten auffallend, daß Baron Felix sich unausgesetzt in großer Entfernung von seiner Cousine halte, und Fräulein Helene, obgleich sie sich nie durch große Lebhaftigkeit auszeichne, heute offenbar mehr wie eine schöne kalte Marmorstatue als ein junges Mädchen an ihrem Verlobungstage aussehe. Die Aufmerksamkeit der Gesellschaft wurde für einige Zeit von diesem problematischen Brautpaare abgelenkt, als jetzt, nachdem die ganze Gesellschaft fast versammelt war, ein wirkliches Brautpaar erschien, dessen Verlobung in den letzten Tagen eine so ungemeine Sensation erregt hatte: Fräulein Emilie von Breesen an dem Arme Arthurs von Cloten. Das junge Paar hatte zwar schon die üblichen Visiten gemacht; aber die Nachbarschaft war groß. Zu einigen hatte man beim besten Willen noch nicht kommen können, andere hatte man zu seinem größten Bedauern nicht zu Hause getroffen – es gab noch eine Menge Gratulationen in Empfang zu nehmen und zu erwidern. Fräulein von Breesen, Herr von Cloten bildeten den Gegenstand und Mittelpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit hier im Kreise der Damen, dort im Kreise der Herren, Herr von Cloten schien überglücklich; er lachte und schwatzte unaufhörlich, und es schien ein halbes Wunder, daß von seinem blonden Schnurrbart auch nur ein einziges Härchen übriggeblieben war – so unausgesetzt wirbelte und drehte er ihn durch die Finger. Fräulein Emilie schien ihr Glück mit größerer Gelassenheit zu tragen; ja, jene Minorität der Scharfsichtigen wollte eine trübe Wolke auf ihrer Stirn bemerken, soviel Mühe sich auch ihr reizender Mund gab, freundlich zu lächeln; man behauptete, daß ihr Auge oft ruhelos über die Gesellschaft schweife, ohne auf ihrem glücklichen Bräutigam auch nur einen Moment zu verweilen. Es gab heute überreichen Stoff zu pikanten Klatschereien. Das Verhältnis von Clotens zu der ebenso liebenswürdigen wie gefährlichen Hortense von Barnewitz war in dieser Gesellschaft, in der es von Geschichtenträgern und Gebärdenspähern wimmelte, durchaus kein Geheimnis geblieben, und die letzte große Gesellschaft in Barnewitz, auf der es zwischen Cloten und dem Gemahl Hortenses zu einer so unerquicklichen Szene kam und Hortense die Unvorsichtigkeit beging, gerade in diesem Augenblick in Ohnmacht zu fallen, hatte den letzten dünnen Schleier von dem Verhältnis fortgezogen. Nun war man äußerst neugierig, zu beobachten, wie sich Hortense in ihren Verlust schicken werde, und vor allem, ausfindig zu machen, wen die blonde Menschenfischerin zum glücklichen Nachfolger ihres treulosen Galan erkoren habe. Die einen rieten auf den Grafen Grieben, die andern auf Adolf von Breesen. Beide bewarben sich eifrigst um die gefährliche Gunst der Circe. Für jenen sprach der Umstand, daß er ein verschmähter Bewerber der koketten Emilie, und als solcher ganz besonders zum Nachfolger Clotens sich zu qualifizieren schien: für diesen, daß er bei weitem der Hübscheste, Gewandteste und Kühnste der ganzen Schar war – lauter Eigenschaften, die die kluge Hortense sehr wohl zu schätzen wußte. »Ich pariere auf Grieben«, sagte der junge Sylow, »zwölf Flaschen Champagner! Wer hält?« »Ich«, rief von Nadelitz, »pah, da müßte ich Breesen nicht kennen!« »Sechs Flaschen Reugeld bis zum Kotillon heute abend?« »Ha, ha! Hört ihr's? Er verliert die Courage schon; aber angenommen; angenommen!« »Wirklich ein famoses Weib, die Barnewitz!« sagte von Plüggen. »Ich wollte, ich stände auch auf der Kandidatenliste.« »Nun, zu der Ehre ist leicht zu gelangen«, meinte ein anderer. »Ich weiß nicht, was ihr an der Barnewitz findet«, sagte von Sylow. »Da ist doch die Berkow eine ganz andere Erscheinung. Ich wollte, die Berkow wäre hier.« »Das wollten wohl noch mehrere!« sagte ein anderer. »Aber ihr wißt doch, daß Berkow tot und Melitta seit vorgestern zurück ist?« »Eine alte Neuigkeit.« »Auch daß sie sich in kurzem mit Oldenburg verloben wird?« »Unsinn!« »Ihr könnt euch drauf verlassen; ich habe es von der Barnewitz. Die wird es doch wohl wissen.« »Kommt denn Oldenburg heute nicht?« »Ich hörte von Felix, daß er zugesagt habe; aber Oldenburg hat ja seine besonderen Gewohnheiten.« Melittas Rückkehr und der Tod Herrn von Berkows wurden nicht bloß im Kreise der Jüngeren lebhaft debattiert. Melitta war eine der gefeiertsten Damen der Gesellschaft und hatte trotzdem merkwürdigerweise wenig Neider und Feinde. Hin und wieder wurde ihr ein etwas exzentrisches Wesen, eine Neigung zum Besonderen, Ungewöhnlichen zum Vorwurf gemacht; dieser meinte, sie sei ihm zu gebildet; jener, sie kokettiere mit dem Liberalismus – aber im allgemeinen wurde ihre Liebenswürdigkeit, ihre Gutmütigkeit und Anspruchslosigkeit doch willig anerkannt; abgesehen davon, daß der Zauber ihrer Erscheinung über allen Widerspruch erhaben war. Man freute sich, daß sie endlich von dem Alp, der so lange auf ihrem Herzen gelastet, erlöst sei, und war äußerst begierig zu wissen, wen sie demnächst mit ihrer Hand beglücken werde. Denn daß eine so junge, lebenslustige Frau jetzt, da sie sich wieder frei fühlen durfte, nicht lange unvermählt bleiben könne, schien unzweifelhaft. In der allerletzten Zeit war, man wußte nicht recht durch wen, das Gerücht verbreitet worden, Baron Oldenburg habe bei weitem die meisten Aussichten; ja, ganz unter der Hand erzählte man sich, eine Intimität zwischen dem Baron und Melitta habe von jeher bestanden, und Herr von Berkow habe zu sehr gelegener Zeit den Verstand verloren. Man trug sich sogar mit gewissen Details aus der Geschichte dieses geheimnisvollen Verhältnisses, die, wenn sie begründet waren, den Ruf Melittas einigermaßen kompromittieren mußten. Man wußte nicht, von wem diese Gerüchte ausgegangen waren. Die scharfsichtigere Minorität meinte: von Hortense Barnewitz, und das Ganze sei eine Rache an Oldenburg für einen gewissen guten Rat, den er seinem Freunde Cloten vor einiger Zeit gegeben, und den Cloten so blindlings befolgt habe, daß er sich, als er die Augen auftat, zu den Füßen Emiliens von Breesen wiederfand. Unterdessen war die achte Stunde, in welcher der Ball beginnen sollte, herbeigekommen. Die Baronin eröffnete ihn an der Hand des Grafen Grieben. Graf Grieben hatte trotz des schmetternden Kreischens seiner Stimme alle Mühe, die Musik zu überschreien, die auf seinen speziellen Wunsch voranging, da er auf den geistreichen Einfall gekommen war, die lange Reihe der tanzenden Paare nicht nur durch die Säle des Schlosses, sondern auch um den großen Rasenplatz und weiter in die dichtesten Teile des Gartens hinein und aus ihm wieder zurück in den Ballsaal zu führen, wo er die Polonäse mit einem feierlich langsamen Walzer schloß. »Das ist so gute alte Sitte, gnä'ge Frau!« kreischte er vergnügt der Baronin ins Ohr. »Mein Vater selig hielt's so und mein Großvater selig. Die Alten kannten den Rummel. Jugend hat keine Tugend. Meinen Sie nicht auch, gnä'ge Frau?« »Jawohl, jawohl!« sagte die Baronin. Tanz reihte sich an Tanz. Die Geigen quinkelierten, der Baß brummte dazwischen. Die Gesichter der Tänzer fingen an, sich zu erhitzen; die Damen begannen ihre Fächer häufiger zu benutzen; die Diener, die in den Pausen mit Erfrischungen umhergingen, sahen die Präsentierbretter immer schneller geleert – aber die rechte Lust wollte sich doch nicht entzünden; es war, als ob ein Schleier über der Gesellschaft hing. »Weiß der Teufel, was das heute ist«, sagte der junge Grieben, sich die Stirn wischend, als er in einer der Pausen an eine Gruppe von Herren, die mitten im Saal stand, herantrat, »man tanzt sich fast die Beine ab, aber es geht nicht; man kommt nicht in Zug.« »Nun, Sie können lange tanzen, bis Sie Ihre Beine abgetanzt haben«, sagte von Sylow, »aber Sie haben recht; ich habe schon ein paar Flaschen getrunken; je mehr ich trinke, desto melancholischer werde ich.« »Mir geht es ebenso«, sagte ein dritter, »ich weiß nicht, woran es liegt; der Ball in Barnewitz neulich war viel amüsanter.« »Woran es liegt?« sagte von Breesen. »Nun, ich dächte, das wäre klar genug. Der alte Baron sieht aus wie ein Hahn, wenn's regnet; die Baronin wie eine entthronte Hekuba – heißt ja wohl Hekuba? – Felix fängt mit jedem Händel an, der in seine Nähe kommt, und Fräulein Helene hat, glaube ich, den ganzen Abend noch nicht drei Worte gesprochen. Und dabei soll ein Mensch vergnügt sein? Mir ist, als ob eine Leiche im Haus wäre.« »Nun, einen Kranken zum wenigsten gibt's«, sagte von Plüggen. »Der alte Baron erzählte mir's eben: Bruno liegt schon seit gestern zu Bett.« »Deshalb ist auch wohl Doktor Stein nicht unten«, sagte Graf Grieben, »ich glaubte, er habe noch ein Exerzitium zu korrigieren und werde später erscheinen, ha, ha, ha!« »Seien Sie still, Grieben«, meinte Hans von Plüggen, »Sie haben neulich ganz anders über den Doktor gesprochen.« »Ich habe gesagt, daß er ein verdammter Geck ist, dem ich bei nächster Gelegenheit seinen Standpunkt klarmachen würde, und das sage ich noch.« »Das ist wörtlich, was auch Felix vorhin sagte – der Doktor scheint ja im allgemeinen recht hübsch bei den Herren angeschrieben zu sein.« »In desto höherer Gunst steht er bei den Damen«, bemerkte von Nadelitz ironisch. »Jawohl«, sagte von Breesen, »er soll neulich auf dem Balle drei Schwestern auf einmal unglücklich gemacht haben.« »Wenigstens haben sie sich nicht die Augen ausgeweint, wie man sich von Fräulein von Breesen erzählt«, erwiderte Nadelitz, den die Anspielung Breesens auf seine drei Schwestern ärgerte. »Ich verbitte mir dergleichen!« sagte von Breesen auffahrend. »Was einem recht ist, ist dem andern billig.« »Ich habe keine Namen genannt.« »Weil ohnehin jeder wußte, wen Sie meinten.« »Aber, ihr Herren, tant de bruit pour une omelette!« sagte von Plüggen. »Ich glaube, ihr werdet euch noch dieses Menschen wegen in die Haare fahren, damit die, welche behaupten, daß er Fortune bei unseren Damen mache, doch ja recht behalten.« »Wißt ihr schon das Allerneueste?« sagte von Cloten, plötzlich seinen blonden Schnurrbart in die Gruppe steckend. »Nun?« »Denkt euch, dieser Stein – doch st, da kommt Grenwitz – kein Wort, wenn ich bitten darf.« »Nun, meine Herren«, sagte Felix, »wollen Sie nicht die Güte haben, zum Kontertanz anzutreten; ich habe schon zweimal das Zeichen geben lassen.« Felix sagte das in einem beinahe gereizten Tone. Sein sonst nicht gerade blühendes Gesicht war stark gerötet. Augenscheinlich hatte er der Flasche schon mehr als rätlich zugesprochen. Als der Tanz zu Ende war, fanden sich die Herren, die vorhin durch Felix' Dazwischenkunft in ihrer Unterhaltung gestört waren, wie auf Verabredung wieder zusammen. »Nun, wo ist Cloten mit dem Allerneuesten?« fragte von Sylow. »Hier!« sagte Cloten herantretend. »Denkt euch, dieser Stein – wir sind doch entre nous?« »Ja, ja, nur weiter!« »Hat die Frechheit, – nun ratet einmal mit wem? – ein Verhältnis anzuknüpfen –« »Aber, Cloten, Sie sind unerträglich! Werden Sie endlich einmal mit Ihrer Neuigkeit zu Platz kommen?« »Mit Helene Grenwitz«, sagte von Cloten in einem hohlen Geisterton. »Nun, das wäre nicht übel«, sagte von Sylow. »Das sieht dem Burschen ähnlich«, meinte von Grieben. »Hinc illae lacrimae!« sagte Breesen. »Und was das schönste ist«, fuhr Cloten fort, »Fräulein Helene hat gar nichts dagegen; au contraire, ist bis über die Ohren in ihn verschossen. Ist das nicht allerliebst?« »Von wem hast du denn diese Mordgeschichte, Cloten?« fragte Adolf von Breesen. »Aus sehr guter Quelle«, erwiderte Cloten mit einem bedeutungsvollen Zwinkern nach der Gegend des Saales, wo eben Emilie von Breesen, mit Helene sprechend, stand. »Hm, hm!« sagte Breesen. »Die Geschichte ist nicht unwahrscheinlich«, meinte von Sylow. »Nun erklärt sich die Leichenbittermiene, die Grenwitzens heut ohne Ausnahme machen.« »Ich sagte ja gleich, daß hier irgend etwas los sei«, meinte von Breesen. »Es ist mir übrigens sehr lieb, daß ich mich mit dem Burschen nicht tiefer eingelassen habe, wozu ich anfänglich – ich gestehe es offen – wirklich einige Lust hatte. Der Mensch hat wahrlich etwas ungemein Bestechendes.« »Er schießt famos«, sagte Sylow nachdenklich. »Famos oder nicht«, sagte Cloten, »ich glaube gar, ihr Herren, wir lassen uns so viel von dem Menschen gefallen, weil er nicht schlecht schießt. Nein, ihr Herren, das geht nicht, geht wahrhaftig nicht! Ich schlage vor, wir suchen unsere Fehler wiedergutzumachen und behandeln den Menschen, wenn er sich wieder unter uns blicken läßt, mit der insignesten Geringschätzung – wahrhaftig!« »Auf Ehre«, sagte Graf Grieben, »Cloten hat recht. Ich werde den Burschen das nächste Mal mit der Reitpeitsche traktieren.« »Schade, daß er nicht hier ist, damit Sie Ihre Drohung gleich in Ausführung bringen können«, sagte von Breesen ironisch. »Quand on parle du loup –« sagte von Sylow, »da kommt er ja! Und sein Pylades Oldenburg natürlich bei ihm.« Wirklich zeigten sich in diesem Augenblick durch die weitgeöffnete Flügeltür Oswald und Oldenburg in dem Nebenzimmer. Sie sprachen einige Minuten miteinander; dann trat Oldenburg in den Saal, während Oswald von dem alten Baron draußen festgehalten wurde. Neunundfünfzigstes Kapitel Oswald hatte während des ganzen Tages Brunos Bett nur auf Augenblicke verlassen, nachdem er von jener denkwürdigen Unterredung mit Helene zurückgekommen war. Er hatte in der Pflege des lieben Kranken sich selbst zu vergessen gesucht. Bruno selbst vergaß seine Schmerzen, als ihm Oswald erzählte, er habe Helene gesprochen und den Brief in ihre Hände gelegt; ja er bemerkte nicht einmal Oswalds bleiches Gesicht und verstörtes Wesen. »Nun ist alles gut«, rief er, »jetzt weiß sie, woran sie ist. Jetzt können sie ihr nichts mehr anhaben; jetzt ist sie auf ihrer Hut. Oh, der eine Gedanke schon hat mich gesund gemacht.« Leider war das aber nicht der Fall. Die Schmerzen in der Seite stellten sich schon nach wenigen Minuten mit desto größerer Heftigkeit wieder ein. Oswald hoffte mit Bestimmtheit, daß Doktor Balthasar sein Versprechen halten und im Laufe des Vormittags kommen werde. Aber der Vormittag verging, und kein Doktor ließ sich sehen. Brunos Zustand wurde nicht schlimmer, aber auch nicht besser, und Oswald war zu sehr Laie, um sich zu sagen, daß ein Zustand, der nicht besser wird, sich eben verschlimmert. Indessen ließ es ihm keine Ruhe, bis gegen Mittag, wo der Arzt noch immer nicht gekommen war, ein reitender Bote in die Stadt geschickt wurde. Der Bote brachte freilich die von Doktor Balthasar verordnete Einreibung aus der Apotheke mit, meldete aber, daß der Doktor selbst nicht in der Stadt gewesen sei, und Doktor Braun erst heute abend zurückkommen würde. Er sei selbst in der Wohnung des letzteren gewesen und habe dem Mädchen gesagt, daß der Herr Doktor, wenn irgend möglich, doch ja noch kommen möchte. Oswald war dem verständigen Menschen, der selbst an Brunos Krankheit den lebhaftesten Anteil nahm, sehr dankbar für diese Umsicht. Er atmete ordentlich auf, als er hörte, daß Braun, auf den er ein felsenfestes Vertrauen hatte, nicht mehr fern sei. Unterdessen vergaß er nicht, das von dem Kollegen verschriebene Mittel anzuwenden, das indessen sich ohne allen Erfolg zeigte, bis Bruno endlich bat, von dieser nutzlosen Kur abzustehen. So vergingen, eine nach der anderen, die langen, langen Stunden, die nur der Kranke kennt, der sich ruhelos auf seinem Lager wälzt, und der, die Seele voll unaussprechlicher und ach so hilfloser Angst an diesem Lager sitzt und auf den Arzt harrt, der nicht kommen, und auf das kleinste Symptom der Besserung, das sich nicht zeigen will. Der alte Baron schickte einige Male hinauf und ließ sich nach Brunos Befinden erkundigen; kam auch am Nachmittage selbst, dankte Oswald mit großer Herzlichkeit für seine Sorge, klopfte Bruno auf die heißen Wangen und sagte: Wenn er recht bald gesund würde, sollte er auch das Reitpferd haben, das er sich schon so lange gewünscht hätte. »Es tut mir leid«, sagte er zu Oswald, als dieser ihn zur Tür hinaus begleitet hatte, »daß gerade heute die Gesellschaft sein muß. Es wäre mir schrecklich, denken zu müssen, daß hier im Schlosse ein Fest gegeben wird, während einer der Meinigen gefährlich krank liegt.« Oswald suchte, soviel er es vermochte, den guten alten Herrn zu beruhigen, obgleich sein eigenes Herz voll schwerer Sorge war. Auch wagte er nicht, dem Baron gerade jetzt einen Entschluß mitzuteilen, der in diesen letzten Stunden bei ihm zur Reife gekommen war. Es stand jetzt für ihn fest, daß seines Bleibens in diesem Hause nicht länger sein dürfe. Wie er fürder ohne Bruno würde leben können; wie er sich von der Seligkeit, Helenen täglich zu sehen, würde lossagen können – er wußte es nicht. Er wußte nur das eine: du mußt fort. Das wiederholte er sich immer, während er Brunos Kissen glättete, Brunos heiße Hände in die seinen nahm, ihm das üppige Haar aus der Stirn strich, seine glühenden Lippen netzte. »Wenn meine Mutter lebte, sie könnte mich nicht besser pflegen«, sagte Bruno, ihm dankbar die Hand drückend. »Du hast deine Mutter nie gekannt, Bruno?« »Kaum, ich war erst drei Jahre, als sie starb. Aber von meinem Vater weiß ich noch.« Und nun fing der Knabe mit fieberhafter Lebendigkeit an von seinem Vater zu erzählen: wie schön und groß und stark er gewesen sei, nicht so schlank wie du, aber noch breiter in den Schultern, und mit langen dunklen Locken, die ihm bis auf die Schultern wallten wie dem König Harfagar. Und von dem kleinen Gute, hoch oben in Dalekarlien, das der Vater mit noch zwei Knechten ganz allein bewirtschaftet habe. Und wie geschickt der Vater in allem gewesen sei, und wie er die Axt zu führen verstanden habe, trotzdem er in seiner Jugend Page an dem Hofe der Königin gewesen war und ihr die lange seidene Schleppe getragen hatte bei den prunkenden Festen. Und von Thor, dem schnellen Traber, den der Vater vor den Schlitten spannte, und von den nordischen Winternächten, wenn die Sterne an dem schwarzen Himmel funkelten wie Diamanten, Rubinen und Smaragden, so hell, daß der Schnee in ihrem Scheine glitzerte. Und von dem Nordlicht, wie es plötzlich am Horizont aufflammt und seine Feuerarme bis zum Zenit hinaufstreckt. »Wir müssen zusammen einmal nach Schweden reisen«, sagte er, »der Winter ist hier nur Kinderspiel; da sollst du einmal Schnee und Eis zu sehen bekommen! Hier ist es heiß, unerträglich heiß – ich wollte, ich läge in Eis und Schnee.« Und der Knabe warf sein Haupt ruhelos auf dem Kissen umher und verlangte zu trinken. Da tönte Musik herauf aus dem Garten. »Was ist das?« fragte Bruno, in die Höhe fahrend. Oswald trat ans Fenster. »Es ist die ganze Gesellschaft«, sagte er, »sie kommen eben zwischen den Bäumen heraus. Graf Grieben und deine Tante eröffnen den Zug. Sie wollten hier an unserem Fenster vorüber, aber der Baron, der mit der Gräfin Grieben folgt, bedeutet ihnen, den andern Weg einzuschlagen. Die ersten Paare verschwinden schon wieder; aber immer neue Paare tauchen auf.« »Ist Helene schon vorüber?« fragte Bruno, sich in die Höhe stemmend. »Nein, noch nicht.« »Oh, daß ich nicht aus dem Bette kann!« rief Bruno, von der Anstrengung und dem heftiger gewordenen Schmerz ermattet zurücksinkend. »Da ist sie.« »Doch nicht mit Felix?« »Nein, mit einem jungen Mann, den ich noch nicht gesehen habe.« »Gleichviel«, sagte Bruno, »mit allen, nur nicht mit Felix.« »Jetzt sind die letzten vorüber«, sagte Oswald, sich wieder zu Bruno ans Bett setzend. Brunos Unruhe schien erhöht durch diese direkte Erwähnung Helenens, die beide wie auf Verabredung seit dem Morgen vermieden hatten. Er fing wieder an, von Helene zu sprechen. Oswald sollte ihm erzählen, was sie angehabt, ob sie schön, sehr schön ausgesehen habe, viel schöner als alle übrigen Damen? Ob sie gelächelt habe, ob sie einen Blick nach dem Fenster emporgeworfen? »Oh, könnte ich doch nur aufstehen! Könnte ich sie doch nur noch einmal sehen!« »Du wirst sie ja bald wiedersehen, Bruno.« »Ich weiß es nicht; gerade heute möchte ich sie nur einmal, nur auf einen Augenblick sehen. Es ist mir, als ob ich ihr etwas zu sagen hätte, was mir das Herz abdrückt. Und dann, wenn sie den Felix fortschickt, und sie wird es tun – so soll sie ja wieder in die Pension zurück, und da kann es lange dauern, bis ich sie wiedersehe. Aber ich bleibe auch nicht hier, wenn sie fort ist. Komm mit, Oswald, wir wollen nach Hamburg. Du bist ja so klug und geschickt, du wirst schon die Beschäftigung finden, und ich auch – irgendeine, gleichviel welche, wenn ich nur in ihrer Nähe sein darf, sie nur von Zeit zu Zeit sehen darf.« Er verfiel in eine Art Halbschlaf, aus dem er plötzlich wieder emporfuhr. »Warum ist Helene fortgegangen?« »Du träumst, Bruno; sie ist nicht hiergewesen.« »Auch Tante Berkow nicht?« »Nein, Bruno.« »Wie deutlich ich beide gesehen! Sie kamen Hand in Hand zur Tür herein; Helene in weiß, mit einem Kranz von dunkelroten Rosen im Haar; Tante Berkow in schwarz, das Haar, wie sie es immer trägt. Tante Berkow führte dir Helene zu, und ihr sankt euch in die Arme und weintet und küßtet euch; und dann trat Tante Berkow an mein Bett und sagte: ›So, Bruno, nun kannst du schlafen gehen.‹ Da fielen mir die Augen zu; es wurde Nacht um mich her, ich sank mit dem Bett tiefer und tiefer und schneller und immer schneller – darüber bin ich vor Schreck aufgewacht.« »Fühlst du dich kränker, Bruno?« fragte Oswald, den die Phantasien besorgt machten. »Im Gegenteil«, erwiderte Bruno, »der Schlaf hat mir sehr wohlgetan. Meine Schmerzen sind bedeutend geringer; aber ich fühle mich sehr matt. Ich glaube, ich könnte schlafen.« Er legte sein Haupt auf die Seite; aber schon nach wenigen Augenblicken fuhr er wieder auf: »Oswald, willst du mir einen recht, recht großen Gefallen tun?« »Gewiß! Was soll ich?« »Bitte, zieh dich an und gehe hinunter in die Gesellschaft.« »Um alles in der Welt nicht.« »Bitte, bitte, tu's mir zuliebe. Sieh! Ich fühle mich ja jetzt viel besser und möchte gern schlafen und werde auch schlafen. Da kannst du mir ja doch nicht helfen.« »Aber was soll ich unten?« »Sieh, Oswald«, sagte Bruno, »ich möchte doch Helene so unbeschreiblich gern sehen. Und ich kann nicht auf; ich fühle gar keine Kraft in meinen Gliedern. Wenn nun du sie siehst, so ist mir, als hätte ich sie auch gesehen. Bitte, bitte! Geh hinunter! Du brauchst ja niemand zu sprechen; nur, wenn es möglich ist, sage Helenen, ich ließe vieltausendmal grüßen – und wenn du das gesagt hast, und sie hat vielleicht geantwortet: Und grüßen Sie Bruno auch von mir! – dann komme schnell, recht schnell wieder, daß du den Ton, in dem sie es gesagt hat, nicht vergissest. Und höre, Oswald, da ich gerade daran denke: Es könnte ja doch sein, daß ich plötzlich sterbe, nein, – lache nicht! Ich rede im Ernst – dann gib nicht zu, daß man mich umkleidet; ich will so, wie ich gestorben bin, in den Sarg gelegt werden. Sieh! – Du weißt, daß ich stets ein Medaillon auf dem Herzen trage; es ist von meiner Mutter, aber nicht deshalb allein halte ich es so heilig! Es liegt eine Locke von Helenens Haar darin, die ich ihr gleich in der ersten Zeit einmal im Scherz abgeschnitten habe. Wenn mir das Medaillon genommen würde – ich glaube, ich hätte keine Ruhe im Grabe. Und nun, bitte, geh! Es wird sonst so spät.« Oswald wußte nicht, was er tun sollte. Gab er dem Verlangen des Knaben nicht nach, so mußte er fürchten, dessen fieberhafte Unruhe, die sich jetzt fast gänzlich gelegt zu haben schien, wieder hervorzurufen. Auf der anderen Seite war ihm der Gedanke, ihn, wenn auch nur auf kurze Zeit, zu verlassen, sehr peinlich. Und doch hätte er auch Helenen so gern gesehen – nur für einen Augenblick – mußte sich doch in diesen Stunden alles entschieden haben. Bruno machte seinen Zweifeln ein Ende. »Du hast es mir versprochen«, sagte er traurig, »und nun willst du nicht, du hast mich nicht lieb!« Oswald ging in das Nebenzimmer, sein Schlafgemach, und kleidete sich um. Er hatte sich wohl noch nie in einer solchen Stimmung zu einer Gesellschaft angekleidet. Das Ganze erschien ihm eine schauerliche Ironie. Er erschrak, als er sein verwüstetes Gesicht im Spiegel betrachtete. In diesen letzten Stunden schien er um ebenso viele Jahre gealtert zu sein. Er trat wieder an Brunos Bett. »Laß dich doch einmal betrachten«, sagte der Knabe, sich halb aufrichtend. »Wie stattlich du aussiehst! Wie schön! – küsse mich, Oswald!« Oswald nahm den Knaben in seine Arme und küßte ihn auf die schönen, stolzen – jetzt ach, so bleichen Lippen. Dann ließ er ihn sanft auf das Kissen gleiten. »Ich fühle mich sehr, sehr wohl«, sagte Bruno, »beeile dich nicht, ich werde, bis du zurückkommst, köstlich schlafen.« Sechzigstes Kapitel Auf dem Vorsaal unten begegnete er dem Baron Oldenburg. »Ich hätte große Lust, wieder umzukehren«, sagte Oldenburg nach der ersten, von beiden Seiten ziemlich förmlichen Begrüßung, »ich glaubte nicht, daß die Gesellschaft so groß sei, bin zu Pferde gekommen und, wie Sie sehen, nicht ganz etikettemäßig angeputzt. Wer ist denn alles da?« »Ich komme selbst erst in diesem Augenblick von oben«, erwiderte Oswald, »Bruno ist seit vorgestern krank; jetzt hat er mich fortgeschickt, weil er schlafen will.« »Oh, das tut mir ja leid«, sagte Oldenburg, »der Junge wird hoffentlich nicht ernstlich krank werden. Sagten Sie mir nicht, daß er ein großer Liebling von Ihnen sei?« »Ja. Haben Sie keine Nachricht von –« »Von meiner Czika? Nein.« Oldenburgs Gesicht verdüsterte sich. »Wollen wir eintreten?« fragte er. In einem der Nebenzimmer zum Ballsaale begegneten sie dem alten Baron. Oldenburg ging nach einer kurzen Begrüßung in den Saal, Oswald mußte dem alten Herrn einen ausführlichen Bericht über Brunos Befinden während der letzten Stunden machen. »Nun, das ist ja schön, recht schön«, sagte er, »daß wir noch so mit einem blauen Auge davongekommen; ich fürchtete schon, es würde ein Nervenfieber werden. Gehen sie doch zu meiner Tochter und sagen Sie ihr, daß es sich mit Bruno bessert; sie hat sich schon ein paarmal nach ihm erkundigt.« Oswald trat in den Saal. Man fing eben wieder einen Tanz an, den letzten vor der großen Pause, in der in den Sälen oben gespeist werden sollte. Er blieb in der Nähe der Tür auf dem Tritt des niedrigen Diwans, der sich um den ganzen Saal herumzog, stehen. Die Paare der Tanzenden wechselten; bald kamen diese, bald jene in seine Nähe. Einmal stand Emilie von Breesen, die mit ihrem Bräutigam tanzte, dicht vor ihm. Sie tat, als ob sie ihn nicht bemerkte; sie lachte und scherzte, vielleicht etwas zu laut – von Cloten dagegen machte von dem Vorrecht der Leute in seiner Situation, die gleichgültigsten Dinge im Flüsterton mit obligatem bedeutungsvollem Lächeln in die Ohren zu raunen, den ausgedehntesten Gebrauch. Oswald hatte von der plötzlichen Verlobung dieser beiden gehört; er wußte wohl am besten, wie sie zustande gekommen war. Er erinnerte sich, wie wegwerfend Emilie an dem Abend in Barnewitz sich über Cloten geäußert hatte. Jetzt war sie seine Braut. – Es wird eine unglückliche Ehe werden, dachte Oswald, und er mußte sich sagen, daß er nicht den kleinsten Teil der Schuld an diesem Unglück trage. Ein paar Augenblicke später kam Helene in seine Nähe. Sie tanzte mit von Sylow. Oswald hatte sie schon längere Zeit beobachtet und bemerkt, daß sie schweigend und kalt wie eine Marmorstatue neben ihrem Tänzer stand, der die Hoffnungslosigkeit seiner Bemühungen, eine Konversation zustande zu bringen, eingesehen zu haben und den Kronleuchtern eine spezielle Aufmerksamkeit zu widmen schien. Sobald sie Oswald erblickte, flog ein Strahl des Lebens über die schönen ernsten Züge. Sie winkte ihn mit den Augen zu sich heran. »Wie geht es Bruno?« »Danke! Besser; er wollte schlafen.« »Bleiben Sie hier?« »Nein! Ich werde sofort wieder hinaufgehen.« »Grüßen Sie Bruno – und hier! Nehmen Sie ihm diese Rosenknospe mit.« Helene nahm eine Rosenknospe aus dem Bukett, welches sie in der Hand trug, und gab sie Oswald, der sie mit einer Verbeugung entgegennahm. Er bemerkte, daß von Sylows Aufmerksamkeit sich plötzlich von den Kronleuchtern abgewandt hatte und daß die Augen des jungen Edelmannes mit einem Ausdruck, der ihm durchaus nicht gefiel, auf ihm hafteten. Im nächsten Augenblick stand ein anderes Paar auf der Stelle. »Hast du deinen alten Anbeter nicht gesehen, Emilie?« sagte Cloten. »Wen?« »Dort drüben, den Doktor Stein. Er stand vorhin dicht hinter uns. »Ach da! – Meinen alten Anbeter? Du bist wohl toll, Arthur!« »Nun, nun! Sei nur nicht bös! Ich glaube ja kein Wort von der ganzen Geschichte. Aber um Himmels willen, sieh doch nur! Er spricht jetzt mit Helene Grenwitz; sie gibt ihm eine Rose. Nein, da hört doch aber alles auf! Wahrhaftig, alles!« »Ich sagte dir ja, daß die beiden vollkommen einig seien. Er sticht euch alle aus.« »Wahrhaftig – es ist stark! Aber ich habe dafür gesorgt, daß die Geschichte unter die Leute kommt.« »Was hast du getan?« »Nun, ich habe weitererzählt, was du mir vorhin unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitteiltest. Der ganze Saal weiß es schon.« »Aber das hatte ich dir nicht erlaubt.« »Ich glaubte in deinem Sinne zu handeln. Herr Stein wird es bereuen, wenn er sich nicht schleunigst mit seiner Rosenknospe entfernt.« »Was hast du vor?« »Oh, wir wollen nur dem Burschen seinen Standpunkt klarmachen. Es wird eine gottvolle Geschichte, wahrhaftig! Ich erzähle sie dir nachher.« Der glückliche Bräutigam führte seine Braut, da der Tanz zu Ende war, nach ihrem Platz zurück und wandte sich zu von Sylow, der auf ihn zukam. »Hast du gesehen, Cloten?« »Na ob!« »Es ist ein wahrer Skandal.« »Ich bedaure nur den armen Felix.« »Das müssen wir ihm doch erzählen. Weißt du nicht, wo er ist?« »Er sagte vorhin, das Tanzen langweile ihn; er wolle zu den Spielern gehen. Barnewitz hat, glaube ich, eine Bank aufgelegt. Wir können auch hin; es wird nicht mehr getanzt vor Tische. Es ist gerade noch Zeit, ein paar Louis zu gewinnen. Kommst du mit?« »Natürlich.« Emilie von Breesen hatte die Unterredung der beiden aus der Ferne beobachtet. Sie sah, wie sie lachend, Arm in Arm, den Saal verließen. Auch Oswald sah sie nicht mehr. Eine entsetzliche Angst ergriff sie. Sie hatte in ihrer eifersüchtigen Wut zuerst Oswalds Namen mit dem Helenens in Verbindung gebracht; sie hatte, sich an Oswald zu rächen, schon vor einigen Tagen Felix die Entdeckung, die sie gemacht zu haben glaubte, mitgeteilt. Sie hatte heute abend wieder davon angefangen, um den geistlosen Neckereien Clotens ein Ende zu machen. Jetzt erst merkte sie, daß sie zu weit gegangen sei und daß sie vielleicht Oswald, den sie trotz alledem noch mit der ganzen Kraft ihres leidenschaftlichen Herzens liebte, einer großen Gefahr ausgesetzt habe. Sie hätte ihn vielleicht in der Raserei ihrer Eifersucht mit ihren eigenen Händen töten können – aber ihn den brutalen Mißhandlungen Clotens und der anderen aussetzen – der Gedanke war ihr fürchterlich. Sie blickte wie hilfesuchend im Saale umher. Ihr Bruder kam in ihre Nähe. Sie rief ihn. »Was willst du, Kleine?« »Hast du den Doktor Stein schon gesehen?« »Ja, weshalb?« »Du wolltest ihn ja während der Jagdzeit auf ein paar Tage zu uns einladen. Es wäre doch unartig, wenn wir uns jetzt gar nicht um ihn kümmerten.« Emilie war sehr rot geworden, als sie das sagte; ihre ganze Geistesgegenwart schien sie verlassen zu haben. »Ihn zu uns einladen?« rief Adolf von Breesen. »Nun, das fehlte wahrhaftig noch! Damit die albernen Klatschereien, die Lisbeth über dich und ihn aufgebracht hat, doch ja unsterblich werden – ihn zu uns einladen? Lieber wollte ich –« »Ich bitte dich, Adolf! Sei still, der halbe Saal kann ja hören, was da sagst.« »Kleine!« sagte der junge Mann in leisem, aber bestimmtem Ton. »Das gefällt mir nicht. Du weißt, ich habe dich lieb, wie ein Bruder nur seine Schwester lieben kann; aber gerade deshalb muß ich dafür sorgen, daß du dich in keine solche Torheiten tiefer einläßt. Und ich werde dafür sorgen, verlaß dich drauf!« Damit wandte er ihr den Rücken und ging den anderen nach zum Saal hinaus. Emilie hatte Mühe, ihre Tränen zurückzuhalten. Ihre Angst wuchs mit jeder Sekunde. Es mußte Rat geschafft werden – so oder so. Sie ging auf Helene zu, die nicht weit von ihr mit andern Damen auf dem Diwan saß und sagte: »Auf ein Wort, Helene!« »Was ist's?« sagte Helene, aufstehend. »Komm ein wenig weiter hierher. – Helene, du hast den Doktor Stein lieb, nicht wahr?« »Wie kommst du darauf?« erwiderte Helene, und die Glut schoß ihr in die bleichen Wangen. »Gleichviel, ich habe ihn auch lieb; ich habe ihn sehr lieb, wenn du willst – und deshalb bitte ich dich, sage ihm – du kannst es, ich kann es nicht, sonst würde ich es selber tun – er solle sich aus der Gesellschaft entfernen. Cloten und mein Bruder und die anderen sind sehr aufgebracht über ihn. Ich fürchte, sie führen etwas gegen ihn im Schilde. Bitte, bitte, Helene, sage ihm: er solle fortgehen – gleich – ich wäre außer mir, wenn ihm auch nur die geringste Beleidigung von meinem Bruder oder von Cloten zugefügt würde.« »Aber wo ist er?« sagte Helene, welche die von Emilie ausgesprochenen Befürchtungen, freilich nicht ganz aus denselben Gründen, nur zu wahrscheinlich fand. »Ich glaube, er ist schon wieder nach oben gegangen.« »Wenn du es nicht gewiß weißt, verlasse dich nicht darauf. Frage doch den Bedienten da!« »Haben Sie Herrn Doktor Stein nicht gesehen?« »Er ist drüben, gnädiges Fräulein, in den Spielzimmern.« »Oh, mein Gott, was sollen wir tun?« sagte Emilie. »Baron Oldenburg«, rief Helene, »wollen Sie die Güte haben, einen Augenblick hierher zu kommen?« »Mit Vergnügen, mein Fräulein«, sagte der Baron, der, die Hände auf dem Rücken, ein Gemälde an der Wand betrachtete. »Was hast du vor, Helene?« »Laß mich nur! Wollen Sie mir einen Gefallen tun, Herr Baron?« »Mais sans doute!« »Suchen Sie den Doktor Stein auf; er ist drüben in den Spielzimmern, und sagen Sie ihm, ich ließe ihn bitten, sogleich zu Bruno zurückzukehren. Merken Sie wohl, Herr Baron, sogleich!« Es bedurfte nicht Oldenburgs Scharfblick, um zu sehen, daß dieser Auftrag, den ein Diener ebensogut hätte ausführen können, von tieferer Bedeutung war. Helene hatte die größte Mühe gehabt, die Worte in einem einigermaßen unbefangenen Tone hervorzubringen, und Emiliens mit dem Ausdruck der gespanntesten Erwartung auf ihn gerichtetes, von der innern Erregung blasses Gesicht, war ein sehr deutlicher Kommentar zu Helenens Worten. »Ist das alles, mein Fräulein?« »Ja.« »Ich gehe, Ihren Auftrag sofort und pünktlich auszurichten!« sagte der Baron, sich verbeugend und mit selbst für ihn ungewöhnlich langen Schritten den Saal verlassend. Unterdessen hatte Oswald, nachdem Helene mit ihm gesprochen, sich zwecklos in den Zimmern umhergetrieben. Es war seine Absicht gewesen, sogleich hinaufzugehen; der Gedanke, Bruno, wenn er wirklich, wie er hoffte, eingeschlafen sein sollte, nur zu stören; vielleicht der unbestimmte Wunsch, Helenen noch einmal zu sehen, und jene dunkle dämonische Macht, die den Menschen, unbekümmert um sein Wohl oder Wehe, seinem Schicksal entgegentreibt, ließen ihn nicht dazu kommen. Ohne kaum zu wissen, wie er dorthin geraten war, fand er sich plötzlich in einem Zimmer auf der andern Seite des Flurs, wo sich eine Menge Herren um einen großen Tisch drängten. Einige saßen, die meisten standen. Herr von Barnewitz saß in der Mitte und hielt die Bank. Er mußte viel Glück gehabt haben. Große Haufen von Gold- und Silberstücken und Kassenscheinen lagen vor ihm und vermehrten sich mit jedem Augenblick. Felix saß in seiner Nähe. Er pointierte sehr eifrig, aber, wie es schien, nicht besonders glücklich. Sein Gesicht war stark gerötet, seine Augen mit Blut unterlaufen, die Adern auf seiner Stirn geschwollen. Er hörte wenig auf die Herren, die hinter ihm standen und von denen einige ihn noch aufzumuntern, andere zurückhalten zu wollen schienen. Oswald kam ihm zufällig gerade gegenüber zu stehen; Felix bemerkte ihn erst nach einiger Zeit; man hätte sehen können, daß von dem Augenblick an seine Unruhe noch größer wurde; er trank ein Glas auf das andere aus der neben ihm stehenden Weinflasche und verdoppelte und verdreifachte seine Einsätze, ohne einen andern Erfolg, als daß er doppelt und dreifach so viel und so schnell verlor als vorher. Eben war wieder eine Rolle Goldstücke zu den übrigen, die vor Barnewitz aufgehäuft waren, gewandert; Felix griff in die Brieftasche, die vor ihm lag, und holte eine Kassenanweisung heraus. »Sie werden doch nicht das Ganze auf einmal setzen wollen, Grenwitz?« sagte von Grieben, seine lange Gestalt zu ihm niederbeugend. »Sie sind wohl toll, Grenwitz?« sagte Cloten, der mit Sylow soeben herantrat. »Ach was sagte Felix, »das andere hält nur auf.« »Faites votre jeu, Messieurs!« rief Barnewitz, ein neues Spiel Karten zur Hand nehmend. »Haben Sie gesetzt, Grenwitz?« »Jawohl!« »Cœurdame für mich. Damen immer für mich. Danke, Grenwitz, kommen Sie bald wieder so.« Felix schien für den Augenblick diesem Wunsche nicht entsprechen zu können. Sein wirrer Blick irrte über den Kreis derer, die den Tisch umstanden, und blieb auf Oswald haften. »Sie da«, rief er plötzlich überlaut, »holen Sie mir doch einmal ein Glas Wein!« Oswald wurde erst, als die Augen aller sich auf ihn wandten, inne, daß diese groben Worte an ihn gerichtet waren. »Der Mensch scheint nicht hören zu können«, rief Felix »Sie sollen mir ein Glas Wein holen, verstanden!« »Ich glaube, ein Glas Wasser würde Ihnen dienlicher sein«, sagte Oswald, ohne seine Stellung zu verändern, mit ruhiger Stimme. Es war so still in dem Zimmer geworden, daß man eine Nadel hätte fallen hören können. »Wie gefällt Ihnen das, meine Herren?« sagte Felix, um sich blickend. »Mein Onkel hält sich eine allerliebste Sorte Diener, meinen Sie nicht?« »Zeigen Sie ihm doch, wer Herr im Hause ist«, sagte von Sylow. »Oder lassen sie ihn eine Stunde nachsitzen«, meinte von Grieben. »Oder geben Sie ihm die Rute, mit der er seine Buben züchtigt«, sagte von Cloten. »Oder strafen Sie ihn mit der Verachtung, die er verdient«, rief von Breesen. Oswald wandte seine Augen von einem zum andern, wie ein Löwe, der nicht weiß, ob er sich auf die Hunde, die ihn umheulen, stürzen soll oder nicht. Seine Gestalt war hoch aufgerichtet. Vielleicht zitterte die Hand, die er auf den Tisch gelegt hatte, etwas; aber sicher nicht aus Feigheit. »Werden Sie gehen oder nicht?« rief Felix aufspringend und dicht vor Oswald tretend. »Treiben Sie die Unverschämtheit nicht zu weit«, sagte Oswald, die Rosenknospe, die er für Bruno von Helene erhalten hatte, in das Knopfloch steckend, »ich müßte sonst an Ihnen ein Exempel für die übrigen Burschen statuieren.« Felix faßte nach Oswalds Brust. Oswald packte ihn mit starken Armen, riß ihn in die Höhe und schmetterte ihn zu Boden, daß die Gläser und das Geld auf dem Tische erklirrten. »Wer hat Lust, der zweite zu sein?« rief er mit Donnerstimme. »Kommt heran, ihr feigen Wölfe, die ihr nur in Rudeln jagt!« Seine Augen blitzten vor Kampfeslust; seine Brust wogte; seine Hände ballten sich krampfhaft; er achtete in diesem Moment sein Leben keine Nadel wert. Das sahen alle, und keiner wagte, seine Herausforderung anzunehmen. Felix hatte sich wieder aufgerafft und war in die Arme der ihm zunächst Stehenden zurückgetaumelt. Er war betäubt von dem schweren Fall; Blut strömte ihm aus Nase und Mund. Ein drohendes Murren lief durch die Schar. Man hörte einzelne Stimmen: »Sollen wir das dulden?« – »Schlagt ihn nieder!« – »Er darf nicht lebend vom Platz!« Sie drängten an ihn heran; ein wüstes Schreien und Toben brach aus dem Haufen; Oswalds Blicke suchten den heraus, welcher zunächst an die Reihe kommen sollte. Da stand plötzlich Oldenburg neben ihm. »Wie, meine Herren«, rief er, sich zu seiner ganzen stattlichen Höhe emporrichtend, »zwanzig gegen einen? Der Kampf ist doch ein wenig ungleich. Wollen Sie sich nicht lieber noch ein paar Bediente zur Hilfe rufen?« Dies Wort wirkte wie ein Zauber. Es stellte für jeden die schimpfliche Szene in das rechte Licht. Die Verständigeren wußten dem Baron Dank, daß er ihnen eine Schande erspart hatte, die der nächste Augenblick über sie gebracht haben würde. Nur einige schienen seine Dazwischenkunft übel zu empfinden. »Die Sache geht Sie nichts an, Baron«, rief Grieben trotzig. »Erlauben Sie, Herr von Grieben«, rief Oldenburg, »die Sache geht mich aus zwei Gründen etwas an. Einmal, weil ich es für die Pflicht eines jeden Mannes halte, darauf zu sehen, daß es bei solchen Affären anständig und ehrlich zugeht, und zweitens, weil ich die Ehre habe, Herrn Doktor Stein meinen Freund zu nennen. Wenn Sie oder irgendeiner der Herren mich für das, was ich hier gesagt habe, zur Rechenschaft ziehen zu müssen glauben, so stehe ich gern zu Diensten. Vorläufig aber verstatten Sie mir, daß die Angelegenheit meines Freundes, des Herrn Doktor Stein, wie es sich unter Männern ziemt, zu Ende geführt wird. Ich werde in wenigen Augenblicken wieder unter Ihnen sein, Ihre Aufträge entgegenzunehmen. Wollen Sie mir Ihren Arm geben, Herr Doktor?« Der Baron nahm Oswalds Arm in den seinen und führte ihn durch die Schar der jungen Edelleute, die bereitwilligst Platz gab, hindurch zum Saale hinaus. Draußen angelangt, sagte er: »Gehen Sie nur auf Ihr Zimmer. Ich folge Ihnen in wenigen Minuten. Es verstellt sieh von selbst, daß Sie der Beleidigte sind.« »Ja.« »So werde ich Felix von Grenwitz in Ihrem Namen auf Pistolen fordern.« »Ihn und wer sonst noch Lust hat, einen Gang mit mir zu machen.« »Wir wollen uns vorläufig mit Grenwitz begnügen. An den andern ist Ihnen ja auch wohl so viel nicht gelegen. Wann?« »Sobald wie möglich natürlich; morgen früh meinetwegen.« »Bon. Zehn Schritt Distance etwa?« »Oder fünf?« »Zehn reicht aus. Das übrige überlassen Sie mir. Also, au revoir in Ihrem Zimmer.« Der Baron kehrte auf den Schauplatz der letzten Szene zurück, wo natürlich die Sache von zwanzig Zeugen zugleich besprochen wurde, die bei Oldenburgs Eintreten verstummten. Oldenburg entledigte sich seines Auftrags an von Grieben, der es übernommen hatte, Felix zu sekundieren. Es wurde ein Rencontre auf die fünfte Stunde des folgenden Tages (im Fall Felix sich bis dahin noch nicht erholt haben sollte, auf die zehnte) verabredet; das Rendezvous: ein kleines Wäldchen auf dem Gute Herrn von Clotens. Dann folgten die Herren in wenig festlicher Stimmung der schon zweimal an sie ergangenen Aufforderung, sich in den Ballsaal zu verfügen, um die Damen zur Abendtafel hinauf zu begleiten. Felix war schon vorher von einigen auf sein Zimmer geführt worden, da er zu berauscht und von seinem Falle noch zu betäubt war, um weiter an der Gesellschaft teilnehmen zu können. Oldenburg begab sich zu Oswald zurück. Als er ihn nicht in seinem Zimmer fand, und ihn bei Bruno vermutete, aus dessen Zimmer das Licht durch die halbgeöffnete Tür schimmerte, ging er leise dorthin und sah Oswald über des Knaben Bett gebeugt. »Wie steht es?« fragte er. »Ich fürchte, schlecht«, sagte Oswald, emporblickend, »sein Schlaf ist sehr unruhig, und der Puls fliegt.« »Lassen Sie mich sehen«, sagte Oldenburg, »ich verstehe mich auf dergleichen.« »Er ist in der Tat sehr krank«, sagte er nach einer kleinen Pause. »Wie lange währt denn dies schon, und wie hat es angefangen?« Oswald gab mit fliegenden Worten eine Schilderung von Brunos Krankheit. »Und der Schmerz hatte vor einer Stunde völlig nachgelassen?« fragte Oldenburg. »Ja, fast gänzlich –« »Dann machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt. Ich vermute, es war von Anfang zweifellos eine Entzündung, und jetzt ist der Brand hinzugetreten. Einer von uns muß nach dem Doktor. – Er sah nach der Uhr. Es ist zehn; ich wollte vor Tisch wieder nach Hause reiten. Mein Almansor steht in diesem Augenblick gesattelt vor der Tür. Reiten Sie nach der Stadt. Ich bin hier vielleicht nützlicher als Sie. Sie haben hellen Mondschein. Der Weg ist gut. Es ist eine halbe Meile. In zehn Minuten spätestens müssen Sie dort sein. Ziehen Sie Ihren Frack aus und einen Überrock an. So! Peitsche und Sporen brauchen Sie nicht. Almansor ist noch ganz frisch. Schonen Sie ihn nicht.« Der Baron hatte Oswald den Rock anziehen helfen, ihm den Hut auf den Kopf gesetzt. Oswald ließ alles mit sich geschehen. Er fand sich erst auf Almansors Rücken wieder, als ihm der Nachtwind um die Ohren pfiff und Bäume und Häuser, Hecken und Felder und Gärten rechts und links im Mondschein gespensterhaft an ihm vorüberflogen. Und jetzt war er auf der weiten Heide, die sich hinter dem Dorfe bis nach Faschwitz erstreckt. Er sah den Mondschein unheimlich glitzern in dem schwarzen Wasser der tiefen Torfgräben; er hörte von Zeit zu Zeit den heisern Schrei eines Sumpfvogels, den er aus seinem Neste aufgeschreckt hatte; sonst nichts, nichts als den dumpfen Donner von Almansors flüchtigen Hufen und den Nachtwind, der seufzend und klagend über die Heide strich. Und jetzt, als er mitten auf der Heide war – ist das nicht ein anderer Hufschlag außer dem Almansors, oder ist es nur das Echo? Es kommt näher und immer näher; Almansor spitzt die Ohren und greift aus, schneller und immer schneller, als flöhe er vor dem Tod. Und doch kommt es näher und immer näher. Oswald blickt sich um und ein Grausen packt ihn, als er jetzt dicht hinter sich eine lange schwarze Gestalt auf einem schwarzen Pferde bemerkt, dessen Hufe den Boden nicht zu berühren scheinen. Noch eine Sekunde, und der schwarze Reiter ist an seiner Seite, die Pferde jagen Kopf an Kopf und schnauben sich an aus weit geöffneten Nüstern. »Was beliebt?« rief Oswald, sein Grausen bemeisternd. »Nicht viel!« erwiderte der schwarze Reiter mit einer tiefen Stimme. »Wollte nur vermelden, daß meine gnädige Frau seit vorgestern zurück; ich dachte, der junge Herr wüßten's vielleicht nicht. Nichts für ungut, junger Herr! Gute Nacht und gute Verrichtung!« Der Reiter warf sein Roß herum; Almansor stürmte weiter; im nächsten Augenblick schon war Oswald wieder allein. War dies die Ausgeburt seines überreizten Hirns? War's Wirklichkeit? War es ein Phantom? War es der alle Baumann auf dem Brownlock gewesen? Oswald hätte es nicht zu sagen gewußt. Und wieder flogen Bäume und Häuser, Hecken und Gärten rechts und links gespensterhaft im Mondschein an ihm vorüber. Ein Hund fuhr heulend nach Almansors Hufen. Im nächsten Augenblick schon war alles verschwunden und unübersehbare Kornfelder wogten und zischelten auf beiden Seiten der Landstraße. Dann schimmerten Lichter herüber, näher und näher. Eine helle Glocke schlug einen Schlag an; schon ein viertel auf elf, und wieder Häuser rechts und links, Bäume und Hecken und Gärten. Dann ein dunkles Tor, und dann den Hufschlag Almansors auf dem Straßenpflaster. »Wo wohnt der Doktor Braun?« »Die Straße zu Ende; das letzte Haus links.« Vor dem bezeichneten Hause hielt ein Wagen. Aus der offenen Haustür und den offenen Fenstern in den Parterrezimmern schimmerte Licht. »Ist der Doktor zu Hause?« »Hier!« sagte Doktor Braun am Fenster erscheinend. »Von wo her?« »Von Grenwitz. Ich bin's. Eilen Sie; Bruno liegt auf den Tod.« »Wollte eben hinaus«, rief Doktor Braun, schon in der Tür. »Setzen Sie sich zu mir. Ich will selber fahren. Karl kann Ihr Pferd langsam zurückreiten. Sitzen Sie? Ja; dann fort.« Der Wagen donnerte durch die dunklen Straßen, durch das enge Tor, hinaus in die stille Mondnacht, die über Feldern und Gärten und Wäldern und Wiesen so duftig und träumerisch lag, denselben Weg, den Oswald vor wenigen Minuten gekommen war. Die kräftigen Pferde des Doktors griffen mächtig aus, schon waren sie wieder auf der Heide. Es war nicht viel gesprochen worden von beiden Seiten. Oswald hatte von Brunos Krankheit, wie es der Laie pflegt, Bericht erstattet, auf Nebendingen verweilend und das Wichtigste auslassend. Doktor Braun hatte einige kurze Fragen getan. Dann hatten sie eine Zeitlang geschwiegen. »Sie müssen sich auf das Schlimmste gefaßt machen!« hub Doktor Braun an. »Es ist, nach dem, was Sie mir gesagt haben, sehr wahrscheinlich, daß wir Bruno nicht mehr am Leben finden.« Oswald antwortete nicht. Ein Stöhnen brach aus seiner Brust, wie eines Gefolterten, wenn die Schrauben noch um eine Windung angezogen werden. Der Doktor hieb auf die Pferde, die nun im Galopp weiterstürmten. Ein paar Minuten später hielt der Wagen vor dem Portal. Das ganze Schloß schimmerte vom Licht. Aus dem Speisesaale rauschte die Musik. Die Diener liefen geschäftig ab und zu. Als sie in Brunos Zimmer traten, erhob sich der Baron von dem Bett, über das er gebeugt stand. »Gott sei Dank, daß Sie kommen!« sagte er. »Ich habe schon an vielen Krankenlagern gewacht; so lang aber ist mir keine Stunde geworden.« Er trocknete sich seine Stirn; sein ernstes Gesicht war bleich; er schien aufs tiefste ergriffen. Doktor Braun untersuchte den Kranken, dann blieb er neben dem Bett stehen, ohne die andern anzublicken. »Ist keine Hoffnung?« »Keine.« Da richtete sich Bruno halb auf: »Bist du's Mutter? Kommst mich einzulullen? Wie geht doch noch die alte Weise?« Und in wunderbar süßen Tönen, leise, ganz leise, wie die Klänge einer Äolsharfe, begann er ein schwedisches Lied zu singen, wie es ihm wohl seine Mutter vor langen Jahren gesungen haben mochte. Er lehnte sich wieder in das Kissen zurück. Durch die tiefe Stille im Zimmer tönte nur noch das Schluchzen Oswalds; auch die Augen der beiden andern Männer standen voll Tränen. »Bist du es, Oswald?« fragte Bruno. »Weshalb weinst du? Guten Abend, Herr Doktor; wie kommen Sie hierher? Es geht wohl zu Ende mit mir? Wo ist Baron Oldenburg? Geben Sie mir die Hand. Sie sind sehr gut gegen mich gewesen. Doktor, muß ich sterben so frisch und jung? Sagen Sie es mir, ich bin kein Feigling, ich habe es schon seit gestern gewußt; muß ich sterben? – Dann, Oswald, eine Bitte: ich will es dir ins Ohr sagen.« Oswald beugte sich über ihn. Er erhob sich und ging nach der Tür. Oldenburg war ihm gefolgt. »Ich weiß, was er will!« sagte er. »Er hat in seinen Phantasien schon hundertmal nach ihr verlangt; ich will sie rufen. Es ist ja eines Sterbenden letzte Bitte.« Er entfernte sich, Oswald trat wieder an das Bett. »Kommt sie?« »Ja.« »Lege mir das Kopfkissen etwas höher, Oswald, und stelle die Lampe dahin, daß der Schein über mich weg gerade auf sie fällt. Danke, so ist es recht.« »Sie kommt nicht – doch! War das nicht ihre Stimme? Schraube die Lampe tiefer, Oswald – es wird so hell im Zimmer. Helene!« Ein seliges Lächeln flog über sein Gesicht. »Helene! Wie bleich du bist und doch wie schön! Gib mir die Rose von deinem Busen! Oh, weine nicht! Laß mich deine Hand küssen, Helene!« Helene neigte sich zu ihm und küßte ihn auf den Mund. Bruno schlang seine Arme um ihren Hals. »Ich liebe dich, Helene!« Seine Arme glitten auf die Decke zurück. Doktor Braun zog Helene sanft in die Höhe. Er beugte sich über das Bett und lauschte einen Augenblick. Indem er sich wieder aufrichtete, strich er mit der Hand leise über die Augen des Toten. Einundsechzigstes Kapitel Es war drei Tage nach den Ereignissen dieser Nacht. In der Frühe des Morgens hatte es geregnet; jetzt in den Vormittagsstunden blickte die Sonne auf Augenblicke aus den schweren Wolken, die sich lang und langsam vor einem feuchten Westwinde nach Osten ihr entgegenwälzten. Auf dem Kirchhofe zu Faschwitz gingen in der Lindenallee, die von dem einen Ende bis zum andern führt sind die Gräber der Adeligen von denen der gewöhnlichen Sterblichen trennt, zwei Personen in ernsten Gesprächen auf und ab. Vor der einen Tür des Kirchhofs, aus der man unmittelbar auf die Landstraße gelangt, hielt eine mit zwei Pferden bespannte elegante Kutsche. Neben der Kutsche hin und her führte ein Reitknecht zwei schöne Pferde am Zügel. Kutscher und Reitknecht unterhielten sich nur im halblauten Ton, als ob sie den alten Mann mit dem langen eisgrauen Schnurrbart, der auf einem der Prellsteine an der Kirchhofstür saß und von Zeit zu Zeit die tiefliegenden ernsten Augen durch das Gitter der Tür auf die in dem Lindengange Auf- und Abwandelnden wandte, in seinen Betrachtungen nicht stören wollten. Die Auf- und Abwandelnden waren Melitta und Oldenburg. Melitta war nicht in Trauer, aber ihr liebes schönes Gesicht hatte einen Ausdruck von Schwermut, den man wohl früher nicht darin gesehen hatte. Selbst das Lächeln, mit welchem sie manche Bemerkung ihres Begleiters beantwortete, war nicht das alte, freudige – es war wie die Sonnenblicke heute aus den trüben melancholischen Wolken. »Und Sie wollen wirklich fort?« fragte sie, eine Pause, die in dem Gespräche eingetreten war, unterbrechend. »Ich ritt nach Berkow hinüber, Ihnen meinen Abschiedsbesuch zu machen und Sie zu fragen, ob Sie noch irgend Befehle für mich hätten. Daß dies keine leere Form war, können Sie daraus sehen, daß ich Ihnen, als ich Sie nicht fand, hierher auf den Kirchhof gefolgt bin, obgleich Kirchen und Kirchhöfe, wie Sie wissen, durchaus nicht den Orten angehören, die ich mit Vorliebe aufsuche.« »Und wohin wollen Sie diesmal Ihre Schritte lenken?« »Ich weiß es noch nicht. Was soll ich hier? Da ich für die nicht leben kann, für die ich leben möchte, und da es in unserer engbrüstigen Zeit an jedem großen Zweck gebricht, an dessen Erreichung ein Mann sein Leben setzen könnte, so will ich denn auch, ein anderer Peter Schlemihl, meinen eigenen Schatten suchen gehen. Ich fürchte nur, daß ich ihn niemals wiederfinde, oder daß, wenn ich ihn finde, er sich wieder von mir trennt wie das letzte Mal.« »Haben Sie Xenobis Spur nicht verfolgt?« »Nein. Es würde mir auch nichts geholfen haben. Wandernde Zigeuner hinterlassen keine Spuren, so wenig wie ein Schiff, das durch die Wogen streicht. Wenn ich nicht wiederkommen sollte, Melitta, lassen Sie sich ihre Büste geben, die ich in Rom von dem jungen Goldoni anfertigen ließ und die jetzt in Cona in meinem Arbeitszimmer steht. Oder wollen Sie sie sogleich haben?« »Nein«, sagte Melitta, »behalten Sie sie immerhin. Ihre unendliche Güte verdiente wohl einen besseren Lohn als kalten Marmor.« »Oder Marmorkälte!« sagte Oldenburg lächelnd. »Die empfinde ich nicht gegen Sie, Oldenburg«, sagte Melitta mit Wärme, »wahrhaftig nicht. Ich liebe Sie wie einen um ein paar Jahre älteren Bruder, der halb und halb Vaterstelle an uns vertreten hat und zu dem wir mit freudiger Verehrung und Dankbarkeit emporblicken. Es ist unser Schicksal, daß Sie mich mit einer anderen Liebe lieben müssen, daß ich Sie mit keiner anderen Liebe lieben kann.« »Es ist unser Schicksal, Melitta, jawohl! Und nun lassen Sie uns nicht weiter davon sprechen. Gegen das Schicksal läßt sich nichts tun. Wir können nur das Haupt beugen und die Lorbeerkrone oder den Todesstreich schweigend entgegennehmen. Das habe ich in den letzten Tagen lernen können, wenn ich es sonst noch nicht gewußt hätte. Und nun, Melitta, da du mich selbst deinen Bruder genannt hast, laß mich auch wie ein Bruder mit dir sprechen. Darf ich?« »Ja«, sagte Melitta, die den Kopf bei diesen letzten Worten Oldenburgs gesenkt hatte, leise nach einer kleinen Pause. »Bekämpfe deine Liebe zu Oswald! Ich kann dir nicht raten, den Pfeil mit einem Ruck aus der Wunde zu ziehen, denn ich fürchte, dein Leben würde mit deinem Blute entströmen; aber sträube dich auch nicht gegen die Wirkungen der Zeit, die fast so allmächtig ist wie das ewige Schicksal. Du wirst nach einigen Wochen, einigen Monaten, gleichviel, aber du wirst in kurzem ruhiger über das alles denken; willst du mir, deinem Bruder, versprechen, diese ruhigeren und weiseren Gedanken nicht wie eine Versündigung an deiner Liebe von dir zu weisen?« »Ja.« »Denn, Melitta, er ist dir doch verloren, auch wenn er diese seine neueste Leidenschaft überwinden sollte. Er wird sich auf seiner tollen Jagd nach dem Ideal, das er nie auf Erden außer sich finden kann, weil es nur in seinem Hirn lebt, in eine andere und wieder in eine andere Liebe stürzen; immer wähnen: dies ist, wonach du bis jetzt vergeblich gesucht, und immer wieder das Trügerische dieser Illusion erkennen, bis er zuletzt in der Verzweiflung über sein Schlemihltum irgendeinen Schritt tut, der ihn aller weiteren Sorgen um die konfuse Welt überhebt. Die letzten Tage haben ihn diesem unvermeidlichen Ziele um ebenso viele Jahre näher gebracht. »Wie steht es auf Grenwitz?« »Felix ist jetzt außer Gefahr, obgleich man ihn in den ersten Stunden aufgegeben hatte. Er wird aber wohl sein Leben lang ein Invalide bleiben – eine schwere Strafe für jemand, der, wie er »geschwelgt in der Blumen Süßigkeit und jede Blume brach«. Oswalds Kugel hat nur um eines Haares Breite ihr Ziel verfehlt. Felix wird Brunos Tod sein Leben zu danken haben. Oswald hat während des Duells kein Wort gesprochen, seine Miene blieb unbeweglich; nur als Felix stürzte, flog eine Art von Lächeln über sein blasses Gesicht; er schien das Bild der vollkommensten Ruhe, und nur, wer ihn genauer betrachtete, sah, wie es in ihm wühlte, und bemerkte, daß von Zeit zu Zeit ein Fieberschauer durch seinen Körper zuckte. Er hatte sich bei der ganzen Affäre mit einem Takt benommen, der selbst der Schar seiner Gegner Achtung abnötigte. Sogar Cloten fühlte sich gedrungen, in die bewundernden Worte auszubrechen: ›Es ist wahrhaftig schade. daß der Mensch nicht von Adel ist.‹« »Und Helene?« »Sie reiste ein paar Stunden vor dem Duell mit ihrem Vater nach Sundin. Ich glaube, man will das Mädchen dort in einer Art anständiger Verbannung lassen, bis eine Aussöhnung mit der Mutter zustande gebracht werden kann. Die gute Frau ist vorläufig ganz außer sich, und nur die Vorstellungen Clotens und anderer, daß Felix durchaus der Beleidiger gewesen ist und durch sein Betragen das Duell unvermeidlich gemacht hat, haben sie verhindert, Himmel und Hölle und die ganze Polizei gegen Oswald in Bewegung zu setzen.« »Und – Oswald?« »Ich denke, er hat dir geschrieben.« »Nichts über seine Pläne für die Zukunft.« »Von denen weiß ich auch nichts. Wir haben kaum drei Worte miteinander gewechselt. Ich weiß nur, daß er, um den Ausgang des Duells abzuwarten, sich während dieser letzten Tage in Bergen beim Doktor Braun aufgehalten hat. Ich freue mich über diese Wahl seines neuen Freundes. Braun scheint ein ebenso liebenswürdiger wie geistreicher und verständiger Mann zu sein. Gebe der Himmel, daß er unserem Telemach ein weiserer Mentor ist, als ich ihm bei dem besten Willen zu sein vermochte. – Aber ich muß jetzt scheiden, Melitta. Mein Almansor schlägt sich sonst die Hufeisen ab. Hast du noch etwas hier zu tun?« »Nein«, sagte Melitta, »wir können gehen.« »Wirst du oft hierher zurückkehren?« »Schwerlich. Ich habe nur sehen wollen, ob meinen Anordnungen Folge geleistet ist. Sie wissen am besten, daß der Tote hier schon seit langen Jahren nicht, ja daß er eigentlich nie für mich gelebt hat.« »Dann laß uns gehen, Melitta.« Der Baron nahm den Arm der jungen Frau und führte sie die Allee hinauf. Sie sprachen weiter kein Wort. Der alte Baumann öffnete den Schlag der Kutsche. Oldenburg hob Melitta hinein und stand einen Augenblick, den Hut in der Hand, an dem offenen Fenster. Als die Pferde anzogen, reichte ihm Melitta die Hand, die er an seine Lippen drückte. Er verweilte noch ein paar Minuten und sah dem davonrollenden Wagen nach. Dann winkte er dem Reitknecht, bestieg seinen Almansor und ritt im Galopp nach der entgegengesetzten Richtung. Diese letzte Szene hatten zwei Männer beobachtet, die in demselben Momente, als Melitta und Oldenburg den Kirchhof verließen, durch die zweite Tür, die auf die Dorfstraße führte, eingetreten waren und auf ein frisches Grab, in der Nähe der Tür, auf der adeligen Seite, und auf ein etwas älteres auf der andern Seite, Kränze gelegt hatten. Es waren Oswald und Doktor Braun; beide in Reisekleidern. Sie standen Arm in Arm auf der Treppe der Kirche und sahen der Abschiedsszene zwischen Oldenburg und Melitta zu. Als der Baron Melittas Hand küßte, flog ein ironisches Lächeln über Oswalds bleiches, verfallenes Gesicht. »Lassen Sie uns machen, daß wir fortkommen«, sagte er. »Mir ist, als brennte mir der Boden unter den Füßen.« »Ich bin bereit«, sagte der Doktor. »Wenn es nach meinem Willen gegangen wäre, hätten Sie diese Gegend schon längst verlassen, und wenn es nach meinem Willen geht, kommen Sie nie wieder hierher zurück. Die Reise, die wir vorhaben, wird Sie wieder zu sich selbst bringen. Sie haben viel verloren, aber nichts, was sich nicht wieder gewinnen ließe. Sie haben Vernunft und Wissenschaft, des Menschen allerhöchste Kraft, verachtet; und doch ist für Sie nur Rettung zu hoffen von eben dieser Kraft, denn – Sie erinnern sich der Worte Ihres Lieblingsdichters: – was Amor uns entwendet, Kann Apoll nur wiedergeben: Ruhe, Lust und Harmonien Und ein kräftig rein Bestreben – Kommen Sie! Lassen Sie die Toten ihre Toten begraben! Für Sie muß jetzt ein neues Leben beginnen.« Zweite Abteilung (Durch Nacht zum Licht) Erstes Kapitel Der rote Sonnenball hing tief am Horizonte. In den Schluchten des Gebirges dämmerten bereits blaue Schatten, während die waldbekrönten Hänge im warmen Abendschein erglühten. Das Laubholz prangte in dem bunten Schmuck des Herbstes; aber es kam seltener vor in diesem Teil der Berge, wo Schluchten ab, Schluchten auf, über die wellenförmigen Rücken der Hügel weg tiefdunkle Tannenwaldungen sich breiteten. Auf der Landstraße, die rechts und links mit zwerghaften Obstbäumen besetzt, in vielfachen Windungen dem Kamm des Höhenzuges zustrebte, fuhr langsam einer jener altmodischen, breitsitzigen, mit Hemmschuh wohlversehenen und mit zwei starkknochigen, steifbeinigen Gäulen bespannten Wagen, wie man sie hier in den Städten mietet, wenn man eine mehrtägige Tour in das Gebirge machen will. Die Pferde lagen mit vornübergebeugten Köpfen fest im Geschirr und arbeiteten sich mühsam Schritt vor Schritt hinauf, denn der Weg war steil und der Wagen schwer, obgleich der Kutscher mit einem gelegentlichen: Hot, Brauner! Hü, Fuchs! den sinkenden Mut der Tiere anfeuernd, nebenher ging und die beiden Herren, die das Fuhrwerk seit einigen Tagen in Gebrauch gehabt hatten, schon am Fuß des Berges ausgestiegen waren und gemächlich ein paar hundert Schritt hinterdreinschlenderten. Es waren ein Paar junge Männer, die nach ihrer Haltung und ihren Mienen offenbar der besten Klasse der Gesellschaft angehörten. Sie waren beide hochgewachsen und, wie es diesem Alter ziemt, schlank und elastisch; der eine, etwas kleinere, um dessen Mund und Wangen sich ein dichter, glänzend schwarzer Bart zog, wäre mit seinem feinen, geistreichen Gesicht dem ruhig prüfenden Auge von Männern wohl als der Bedeutendere erschienen, obgleich er nicht ganz so groß und bei weitem nicht so schön war wie sein Gefährte, der in den Städtchen und Dörfern, durch die sie kamen, die Blicke der schmucken Weiber und Mädchen ausschließlich auf sich zog. Die beiden jungen Männer waren eine Zeitlang, durch die Breite des Weges, der hier, zur Verzweiflung der Pferde und Fußgänger mit kleinen Steinchen beschüttet war, getrennt, schweigend nebeneinander hergegangen; jetzt, nachdem sie die böse Stelle passiert, näherten sie sich wieder, und der mit dem dunklen Bart, die Hand zutraulich auf seines Begleiters Schulter legend, sagte in freundschaftlichem Ton: »Eh bien, Oswald! Weshalb so still?« »Ich gebe die Frage zurück«, antwortete der andere, die schönen ernsten Augen auf den Gefährten wendend. »Ich genieße mit vollen Zügen die Herrlichkeit dieser abendlichen Landschaft«, sagte Doktor Braun, »und der Genuß, wissen Sie, ist wortkarg, weil er vor lauter Genießen keine Zeit zum Sprechen hat. Aber sagen Sie selbst, ist es nicht wundervoll, dieses Thüringen? Ist es nicht wert, das Herz Deutschlands, also das Herz des Herzens dieses unseres Weltteils und somit der bewohnten Erde zu sein? Bleiben Sie einen Augenblick stehen; wir haben gerade hier einen Blick, der einzig sein würde, wenn er in diesen lieblichen Bergen nicht tausend und aber tausend seinesgleichen hätte. Da ist das Tal, aus dem wir heraufgestiegen sind; Sie können jetzt deutlich den mäandrischen Lauf des weidenbesetzten Baches durch die Wiesen unterscheiden. Da liegt das Dorf, ein schmutziges Nest in der Nähe und jetzt, – wie schön! – eingehüllt in seinen bunten Blättermantel und mit den blauen Rauchsäulen, die so gerade aus den Schornsteinen steigen und allmählich an der Wand des Berges zu einem blauen durchsichtigen Gewölk auseinanderwehen! Und nun diese prachtvollen, mit Tannen bestandenen Hügel! Wie sie sich in tiefen satten Farben hintereinander abheben! Und nun dieser Durchblick links auf die blauen Berge, über die wir heute morgen gekommen sind! Und über dem allen dieser einzig schöne Himmel, klar und tief und unergründlich wie eines geliebten Weibes Auge! Oh, es ist etwas Göttliches in diesen Linien und Lichtern! Sie sind wahrlich mehr als eine bloße Augenweide, als eine Studie für den Maler; sie enthalten einen Trost für uns und eine Mahnung. Ein Blick in das zauberische Antlitz der Mutter Natur lullt unser wildes Herz zur Ruhe, läßt uns die abenteuerlichen Fratzen unserer sogenannten Kultur vergessen, stimmt uns zurück auf den tiefen Grundton unseres Wesens und erweckt oder wiederbelebt in uns den Glauben, daß alles Wahre, Hohe und Schöne unendlich einfach ist und daß der Quell der Befriedigung für jeden fließt, der nur mit reinen Sinnen danach sucht.« Oswald hatte, während Doktor Braun diese Worte lebhaft und eindringlich sprach, wie es seine Weise war, die Arme übereinandergeschlagen, mit trüben Blicken in die Ferne gesehen. Jetzt, als sein Begleiter aufgehört hatte zu sprechen, sagte er und es schwebte ein ironisches Lächeln um seinen Mund: »Sind Sie dessen so gewiß? Und gesetzt, es wäre so, wie Sie sagen: Was kann der Unglückliche dafür, daß seine Sinne nicht rein sind, daß er mit Blindheit geschlagen ist und den Quell der Befriedigung nimmer findet? Noch heute abend werden wir einem solchen Unglücklichen gegenüberstehen. Öffnen Sie ihm die blinden Augen, reinigen Sie seine verstörten Sinne, und ich will Sie wie einen Gott verehren!« Doktor Braun schien über diese Worte, die zuletzt in einem leidenschaftlichen und bittern Ton gesprochen wurden, betroffen. Er schwieg einige Augenblicke, während sie den Berg weiter hinaufschritten, dann sagte er: »Ich glaubte, unsere lange Reise würde Sie ruhiger und heiterer gestimmt haben, Oswald. Ich beginne an meiner ärztlichen Kunst zu verzweifeln, jetzt, da ich sehe, daß die alten bösen Träume noch so mächtig in Ihnen sind wie zuvor. Sie schienen fast geheilt von der verderblichen Sucht, sich wie der Heinesche Jüngling an den Strand des Meeres zu setzen und die rauschenden Wogen nach den uralten qualvollen Rätseln des Lebens zu fragen, und nun?« »Nun langweile ich Sie wieder mit den alten Jeremiaden? Nein, Franz, ich will Ihrer Seelenheilkunst keine Schande machen und mir Mühe geben, die Welt so schön und vernünftig zu finden wie Sie. Es war das nur eine Reminiszenz aus der Vergangenheit. Daß sie mir gerade jetzt kommt, jetzt, wo wir dem Ziele unserer Wallfahrt uns nähern, wo ich dem edlen unglücklichen Manne, den ich so unendlich verehre und liebe, dem ich so viel verdanke, nach einer so langen Zeit, wo sich für ihn und mich so viel, so viel verändert hat, wieder unter die Augen treten soll – ist das nicht so natürlich, so begreiflich! Ich bin treulich Ihrem Rat gefolgt, soweit ich es vermochte. Ich habe das Vergangene vergangen sein lassen; ich habe die Kunst des Vergessens fleißig geübt, ich habe der Lebenden nicht gedacht und selbst die Schemen geliebter Toten, wenn sie sich an mich drängten, in den Hades zurückgewiesen; aber hier erscheint die Gestalt eines Lebendigen, der gestorben ist, eines Gestorbenen, der noch lebt, und ich finde in meinem Hirn und Herzen keinen Zauberspruch, diese ehrfurchtgebietende, tränenwerte Gestalt zu meistern wie die anderen.« »So lassen Sie uns umkehren«, sagte Dr. Braun mit großer Lebhaftigkeit. »Wenn Sie in sich nicht die Kraft fühlen, den Standpunkt, den Sie eingenommen haben, zu behaupten gegen jeden Einwurf, gegen jede Autorität, so wäre es Wahnsinn, sich in diese Gefahr zu stürzen. Lassen Sie uns umkehren; noch ist es Zeit.« »Nein«, sagte Oswald, »das wäre feig und töricht zugleich. Wir besiegen die Gefahr nicht, vor der wir fliehen. Ich muß Berger sehen und sprechen. Diese Zusammenkunft wird die Probe zu dem Exempel sein, an dem wir jetzt nun schon vier Wochen rechnen. Entweder ich erhole mich an dem Anblick des Wahnsinnigen vollends von meinem eigenen Wahnsinn, oder –« »Hier gibt es kein Oder!« rief Franz. »Wahrlich, Oswald, wenn ich Sie so reden höre, ich könnte Sie hungern lassen, dursten lassen, bis Sie wieder zur Vernunft kommen oder der Vernunft die Ehre geben. Sie sind ein rätselhafter Mensch, eine durch und durch problematische Natur. Es sind in Ihrem Charakter Widersprüche, zu denen ich selbst nach unserem intimen Verkehr noch immer nicht die Erklärung gefunden habe. Die Faktoren, aus deren Multiplikation der fertige Mensch als Produkt hervorgeht: Naturanlage und Erziehung müssen bei Ihnen in einer ganz sonderbaren, seltenen Weise gemischt gewesen sein. Ich habe es bisher immer vermieden, von Ihrer Jugendzeit zu sprechen, aus einer durch die Zurückhaltung, der Sie sich im intimen Umgange befleißigen, sehr erklärlichen Scheu. Aber meine Freundschaft zu Ihnen ist größer als diese Bedenken, die ja doch im Grunde sehr kleinlich sind. Wie wäre es, Oswald, wenn Sie mir, während die Sonne dort glorreich hinter den Bergen untergeht und unsere armen Pferde sich mühsam den Berg hinaufquälen, etwas aus Ihrem früheren Leben erzählten – so wenig oder so viel, wie es Ihnen passend erscheint. Wollen Sie?« »Gern!« sagte Oswald. »Ich selbst habe in diesen Tagen oft an meine Jugend denken müssen. Wenn man, wie ich es jetzt tue, versucht, sich auf irgendeinem gegebenen Punkte seines Lebens zurechtzufinden, ist man genötigt, die Bahn bis zum Anfang zurückzumessen. Freilich sind Sie der erste und vielleicht der einzige Mensch, dem ich einen Blick in diese dunkeln Regionen meines Daseins gewähre und gewähren möchte.« »Um desto aufmerksamer werde ich sein«, antwortete Doktor Braun. Zweites Kapitel »Um mit dem Anfang anzufangen«, sagte Oswald nach einer Pause, in welcher er seine Erinnerung zusammenzurufen schien, »so bin ich in Berlin geboren. Mein Vater war ein Sprachlehrer, meine Mutter eines Handwerkers Tochter. Sie sehen also, daß ich auf das Prädikat hochgeboren jedenfalls keinen Anspruch machen kann und daß mein Haß gegen den Adel der ganz natürliche, gesunde Haß des Plebejers gegen die Aristokratie, des Parias gegen die Brahminenkaste ist. Weshalb mein Vater kurze Zeit nach meiner Geburt – ich war und blieb das einzige Kind meiner Eltern – aus Berlin nach dem kleinen pommerschen Hafenort übersiedelte, habe ich nie erfahren können; wie ich denn überhaupt von der Geschichte meiner Eltern, von allem, was da vor meiner Geburt geschehen ist, möglichst wenig erkundet habe. Ich weiß nicht, ob ich überhaupt Verwandte väterlicher oder mütterlicher Seite besitze. Sollte es der Fall sein, so sind sie mir jedenfalls gänzlich unbekannt. Auch meiner Mutter erinnere ich mich nicht deutlicher, als wie man sich an Wesen erinnert, die einem im Traume erschienen sind. Noch jetzt träume ich manchmal von einer jungen schönen Frau mit großen, blauen, süßen Augen. Sie spricht in sanften Tönen Worte, die ich nie verstehe, die mir aber wie Musik des Himmels vorkommen und mich jedesmal selbst im Schlaf zu Tränen rühren. Ich weiß, daß dieses liebliche Traumbild, dies stets ganz unverändert erscheint, meine Mutter ist. Sie starb, als ich das vierte Jahr noch nicht zurückgelegt hatte. Wenn es einem Manne je gelingen könnte, bei einem der Mutter beraubten Kinde der Mutter Stelle zu ersetzen, so hätte mein Vater die Aufgabe gelöst. Er hat mich, als ich ein kleines Kind war, in den Schlaf gesungen und gesprochen; er hat, wenn ich krank war, an meinem Bettchen Tag und Nacht gewacht; er hat mit mir in der Bodenluke gesessen und aus einer kleinen Tonpfeife abwechselnd mit mir bunte Seifenblasen in die Luft hinausgesandt; er hat mir das A-B-C gelehrt und wie man aus Baumrinde Schiffe macht; er hat mir die ersten lateinischen Vokabeln beigebracht, so gut wie Schwimmen und Schlittschuhlaufen; er hat mir die ersten Lektionen im Griechischen und zugleich im Pistolenschießen und Fechten gegeben. Ich habe, bis ich zur Universität ging, keinen anderen Freund gehabt als ihn. Es war ein unergründlich wunderlicher Mann, schon in seiner äußern Erscheinung. Denken Sie sich eine fast zwerghafte, aber sehr wohlproportionierte, außerordentlich gewandte und bewegliche, Sommer und Winter, früh und spät mit einem schwarzen abgeschabten Frack, schwarzen Kniebeinkleidern, schwarzen Strümpfen und Schnallenschuhen bekleidete Gestalt, die, es mochte die Sonne scheinen oder regnen, stets mit dem Hut in der Hand über die Straßen ging. Denken Sie sich auf dieser kleinen Gestalt einen, vielleicht im Verhältnis etwas zu großen Kopf, mit einer festen, an den Schläfen kahlen Stirn, unter der ein Paar stechende Augen hervorblitzten, und mit einem Gesicht, das, scharf und fein und streng, das Lachen entweder nie gekannt hatte oder es seit vielen, vielen Jahren verlernt zu haben schien – so haben Sie das Bild meines Vaters, des alten Kandidaten, wie ihn in der Stadt jedermann und selbst die Gassenjungen nannten, mit denen ich, wenn sie sich über seine Erscheinung lustig zu machen wagten, manchen blutigen Strauß ehrlich ausgefochten habe. Übrigens paßte, außer etwa dem Beiwort alt, jener Spitzname gar nicht auf meinen Vater. Er hat sich, soviel ich weiß, in seinem Leben um kein Amt, weder geistliches noch weltliches, beworben; und er wäre auch, trotz seiner eminenten Gelehrsamkeit, zu keinem tauglich gewesen, denn er hätte sich bei seiner wunderlichen Gemütsart und seinen Sonderlingslaunen in keines zu fügen verstanden. Welche bitteren Erfahrungen, welch trauriges Geschick meinen Vater zu dem wunderlichen Heiligen, der er war, gemacht hatten – ich habe in späteren Jahren oft und vergebens darüber gerätselt. Es war ein menschenscheuer Hypochonder, der, soweit es ihm möglich war, jede Berührung mit der Gesellschaft aufs sorgfältigste mied, und der infolgedessen auch von jedermann aufs sorgfältigste gemieden wurde. Die auf Bildung und Religiosität Anspruch machten, erklärten ihn für einen Zyniker, weil er sich von allen gesellschaftlichen Formen emanzipiert hatte, und für einen Atheisten, weil er sich niemals in einer Kirche sehen ließ; der Pöbel bekreuzigte sich vor ihm, wie vor einem, der offenbar mit dem Gottseibeiuns in näherem Verhältnis stand, als einem ehrlichen Christenmenschen lieb ist. Hätte er zweihundert Jahre früher gelebt, würde man ihn ohne Zweifel als Hexenmeister und Zauberer verbrannt haben. Allerdings muß ich gestehen, daß der gebildete und ungebildete Pöbel nicht so ganz unrecht hatte, wenn er meinem Vater Ideen und Ansichten zutraute, die in das Hirn eines gewöhnlichen Menschen nicht passen. Er hatte die unsäglichste Verachtung vor allem Autoritätsglauben, da er sich dadurch in der Freiheit seines Denkens beeinträchtigt sah, und einen glühenden Haß gegen alle weltliche Tyrannei, weil sie die Freiheit seines Handelns aufhob. Er erklärte die Republik für die einzige Staatsform, unter der sich ein Mann, der den richtigen point d'honneur habe, glücklich fühlen könne. Jede Bevorzugung der einzelnen oder der wenigen vor den vielen sei eine Ungerechtigkeit, die nur durch die Frechheit jener und durch die lammherzige Feigheit dieser erklärlich werde. Zwischen einer Schafherde, die sich von einem stumpfsinnigen Knecht und einem bissigen Köter zur Schlachtbank treiben, und einem Volk, das sich von einer im Verhältnis unendlich geringen Anzahl Menschen gängeln und hudeln lasse – sei der Unterschied am Ende so gar groß nicht, nur daß die Menschen ihrer Schande ein hübsches Mäntelchen umhängten, wozu die Schafe allerdings nicht imstande seien. Vor allem grimmig war der Haß, mit dem mein Vater den Adel haßte. Er verfügte über ein ganzes Lexikon von schmähenden Beiwörtern, sobald er auf diesen Stand zu sprechen kam. Nie setzte er einen Fuß in das Haus eines Adeligen, und Schüler von Adel, die sich bei ihm meldeten, wurden ohne alle Umstände zurückgewiesen. Einmal, als wir mit der Pistole nach der Scheibe schossen – eine Fertigkeit, in der er exzellierte –, sagte er mir, daß er in jüngeren Jahren gehofft habe, sich durch eine Kugel an einem Adeligen zu rächen, der ihn tödlich beleidigt hatte. Unglücklicherweise sei der Mann vor der Zeit gestorben. Das ist die einzige Andeutung, die ich je von meinem Vater über sein früheres Leben gehört. Und in dem fast ausschließlichen Umgange mit diesem Manne hin ich aufgewachsen. Wunderlich wie er selbst, war auch das Verhältnis, das zwischen uns stattfand. Obgleich mein Vater mehr für mich tat, als sonst die Eltern zusammen für ihr Kind tun, obgleich er eigentlich nur für mich lebte und darbte – so glaube ich doch nicht, daß er mich wahrhaft liebte. Er war ein rein spiritualistischer Mensch. Entweder war sein Herz einmal in seinem Leben tödlich getroffen von einem Schlage, den es nie wieder überwand, oder er hatte auf der Retorte seines Skeptizismus alle Gefühle zu Gedanken verflüchtet. Er tat, was er tat, aus Pflicht, aus Überzeugung des Rechten; denn, wie er selbst sagte: ›Die Gerechtigkeit steht über der Liebe; sie leistet alles, was die Liebe leisten kann und doch noch ein gut Teil mehr.‹« »Mehr und auch nicht so viel«, warf Franz ein, »was wir für geliebte Menschen aus Neigung tun, sollen wir für die andern aus Gefühl des Rechts tun, das heißt aus der Überzeugung, daß die Interessen aller Menschen solidarisch sind. Liebe und Gerechtigkeit verhalten sich wie Individuum und Gattung. Die eine darf ohne die andere nicht sein, denn wir brauchen sie beide. All die tausend kleinen Zärtlichkeiten, mit denen wir geliebte Menschen überschütten, kann die Gerechtigkeit uns nicht lehren, ebenso wie uns die individuelle Liebe überall da im Stich läßt, wo es sich um die andern, das heißt um die Genossenschaft, die Nation, die Menschheit handelt.« »Sie mögen recht haben«, erwiderte Oswald, »und das erleichtert mir auch ein Geständnis, das ich soeben tun wollte. Ich ehrte meinen Vater hoch, aber ich liebte ihn nicht; ja, ich empfand oft – worüber ich mir freilich erst viel später klargeworden bin – eine an Abneigung grenzende Scheu und Furcht vor dem sonderbaren Mann. Ich wundere mich jetzt freilich kaum noch darüber, seitdem ich eingesehen habe, daß zwei grundverschiedene Wesen, wie meinen Vater und mich, die Natur nicht leicht schaffen kann. Wir waren uns körperlich so unähnlich, wie wir es an Gemütsart und Neigungen waren. Ich liebte schon als Knabe leidenschaftlich Glanz und Pracht und alles, was schön ist in Natur und Menschenwelt. Ich begeisterte mich für diejenigen unter meinen Schulkameraden, die sich des Jugendschmuckes blonder Locken, roter Wangen und leuchtender Augen erfreuten; ich verkehrte gern in den Häusern, wo es nach meinen damaligen Begriffen fein und vornehm herging. Ich hielt sehr viel auf meinen Anzug und hörte es gar nicht ungern, daß die Frauen mich einen hübschen Jungen nannten. Sie können sich denken, wie wenig im Grunde ein Bursche mit dieser Neigungen und Bedürfnissen zu der Gesellschaft eines einsamen menschenscheuen Hypochonders paßte, dessen Lebensweise er natürlich halb und halb zu teilen gezwungen war. Denn obgleich mein Vater mir eine Freiheit ließ, die mit seinen sonstigen strengen Ansichten nicht recht in Einklang zu bringen war, obgleich er meinen aristokratischen Neigungen für schöne Kleider und den Komfort des Lebens in einer Weise nachgab, die mir noch bis auf diese Stunde unbegreiflich ist, so wußte ich doch, daß ich ihn durch diese meine Sympathien für eine Welt, die er verabscheute, aufs innigste kränkte, und gab mir deshalb Mühe, an dem Leben möglichst wenig Geschmack zu finden. Das gelang mir um so eher, als ich sehr bald in der Einsamkeit, zu der ich mich im Anfang nur mit Widerstreben verurteilte, eine Quelle entdeckte, durch die die ödeste Wüste in das blühendste Paradies umgeschaffen wird – ich meine die kastalische Quelle der Poesie. Wir bewohnten ein kleines Haus, dessen hintere Mauer ein Teil der Stadtmauer war. In meinem Stübchen war das einzige niedrige Fenster durch die ellendicke Mauer durchgebrochen, so daß das Ganze einem Gefängnisse ähnlicher sah als irgend etwas anderm. Und doch, welche seligen Stunden habe ich in diesem Stübchen verlebt! Aus meinem Fenster hatte ich einen unbegrenzten Blick über Wall und Graben der Stadt weg, auf glatte, mit schönen Baumgruppen garnierte Teiche, über saftige, hier und da mit Weiden bewachsene Wiesen bis zu dem Meere, von dem ein dunkelblauer Streifen durch die grünen Bäume herüberblitzte. Hier an diesem Fenster saß ich des Sommerabends, wenn die Sonne, wie dort, strahlend und herrlich unterging, das Herz bis zum Überfließen voll von chaotischen Gefühlen, und in dem Hirn Gedanken spinnend, so bunt und schön und ach auch so vergänglich wie Seifenblasen. Ich erinnere mich noch an ein paar Verse aus einem Gedicht, das ich als Student an einem trüben Herbstabend in Berlin machte, während ich, in dumpfes Brüten verloren, über meinen Büchern saß und der Tage dachte, die aus dem Becher der Zeit so hell und funkelnd hinabgetropft waren in das Meer der Ewigkeit: Und wenn des Abends dann der Sonne letzte Strahlen Mich grüßten durch mein Fensterchen hinein, Wie konnt' ich mir so schön die Zukunft malen, Sie mußte golden wie der Himmel sein! Und dann ergriff mich ein unendlich Sehnen, Ich wünschte heiß mich in die Ferne weit; – Jetzt bin ich fern – es fließen meine Tränen – O kämst du wieder, holde Jugendzeit! Doch, was soll ich länger bei der Schilderung eines Verhältnisses verweilen, das mir selbst um so rätselhafter wird, je deutlicher ich es Ihnen zu schildern versuche. Wenn ich je in meinen Kinderjahren eine herzliche Zuneigung zu meinem Vater empfunden hatte, so nahm sie in demselben Maße ab, als ich älter und selbständiger wurde. All die Gefühle, all die Zärtlichkeit, die man in natürlichen Verhältnissen an Mutter und Brüder und Schwestern und Freunde ausgibt – ich mußte sie in meinem Herzen verschließen, denn ich hatte kein Vertrauen zu dem, der mir, wie die Sache nun einmal lag, jene alle hätte ersetzen müssen. Durch den beständigen Umgang mit einem so düstern, so skeptischen Geiste, nahm mein Gemüt eine Farbe an, die zu meinem sanguinischen, leidenschaftlichen Temperament sehr wenig stimmte. Ich war ein Epikureer in der Schule eines Stoikers. ein Sybarit in dem Umgange eines zynischen Philosophen. Meine üppige Phantasie träumte die herrlichsten Welten, die mein trockner Verstand mitleidslos wieder zerstörte, ich verzehrte mich in spitzfindigen Grübeleien, während mein heißes Blut mir das Herz zum Zerspringen füllte; ich saß in meiner Klause und studierte in alten staubigen Scharteken, während sich mein abenteuerlustiger Sinn nach den Wundern des Orients und nach großen Taten sehnte. Das ging so fort, bis ich in meinem neunzehnten Jahre die Universität bezog. Von meinem Vater trennte ich mich ohne Schmerz. Wie er diese Trennung empfand – ich weiß es nicht. Er sprach zu mir beim Abschied wie ein Philosoph, der seinen Jünger entläßt, indem er mir noch einmal alle die Hauptlehren seiner herben Weltweisheit ins Gedächtnis rief; und in demselben Ton waren auch die Briefe, die er mir in regelmäßigen Zwischenräumen schrieb. Es wurden ihrer nicht viele, denn ungefähr ein halbes Jahr später erhielt ich ein Schreiben von dem Magistrat meines Heimatortes, in dem mir in kurzen, dürren Worten der Tod meines Vaters gemeldet wurde. Er hatte ein kleines Vermögen hinterlassen, das er nach und nach aus seinen Ersparnissen für mich gesammelt hatte und das bei mäßigen Ansprüchen für meine Studienzeit und vielleicht auch noch etwas länger ausreichen mochte. Ein Testament fand sich nicht, ebensowenig wie Familienpapiere, Briefe, Tagebücher oder dergleichen, woraus ich möglicherweise einige Aufklärung über die Geschichte meiner Eltern hätte gewinnen können. So stand ich denn ganz allein da in der Welt, ein Jüngling an Jahren mit der Lebensmüdigkeit eines Greises: viel zu alt für meine Kommilitonen, die mir wie spielende Kinder erschienen, und doch auch viel zu jung und viel zu unerfahren, als daß ich den Lockungen einer genußsüchtigen Stadt hätte Widerstand leisten, als daß ich in diesem Babel, ohne mich vielfach zu verirren, hätte umherwandern können. Wie wäre das auch einem Jüngling möglich gewesen, bei dem der Strom des vollen, jugendlichen Lebens so lange künstlich zurückgestaut war! Ich wurde der Held mehr als einer Intrige, der ich mich im Grunde schämte und auch zu schämen große Ursache hatte; ich wurde von den Frauen verhätschelt und das unschuldig-schuldige Opfer herzloser Koketten. Ich machte viele Erfahrungen, ohne weise zu werden – das Schlimmste, was einem Menschen begegnen kann. Und dabei war das merkwürdige, daß ich die Genüsse, denen ich frönte, durchaus verabscheute, daß mein Herz, während ich es an unedle Weiber wegwarf, nach einer edlen Liebe verschmachtete; daß ich mich mit den ungeheuerlichsten Plänen trug, während ich meine Kräfte in lauter sinnlosen Zerstreuungen vergeudete. Ein Freund, der damals einigen Einfluß auf mich ausübte, riß mich aus diesem Strudel, in dem ich über kurz oder lang untersinken mußte. Er riet mir, nach Grünwald zu gehen. Ich folgte seinem Rat. Von diesem Augenblick an kennen Sie die Geschichte meines Lebens, zum wenigsten in den Umrissen. Sie wissen, daß ich in Grünwald den unglücklichen Mann kennenlernte, zu dem wir jetzt wallfahren. Sie werden sich nun auch erklären können, wie unmöglich es gerade für mich sein mußte, dem Zauber von Bergers dämonischer Persönlichkeit zu widerstehen; wie ich in seinem Umgang nur noch tiefer in die Dornen der Widersprüche geriet, an denen mein Herz verblutete. Berger wollte, daß ich nach Grenwitz ging, in einer adeligen Familie eine Stelle zu übernehmen, für die ich, wie der Erfolg gelehrt hat, genausogut paßte wie der Habicht in den Taubenschlag. Sie sind den einzelnen Phasen meines dortigen Lebens als aufmerksamer Zuschauer mit den Augen des Philosophen und des Freundes zugleich gefolgt. Wieviel Sie davon gesehen, wieviel Sie davon begriffen, wie vieles Ihnen unklar geblieben ist – ich weiß es nicht und will es nicht wissen. Über einen Teil dieser Ereignisse mag ich nicht reden; über einen andern darf ich es nicht. Als die Katastrophe, die Sie vorausgeahnt hatten, hereinbrach und die frivole Welt, in der ich mich dort bewegte, mir über dem Kopf zusammenstürzte – da standen Sie treulich zu mir; Sie rissen mich aus diesem Wirrsal und luden sich damit eine Last auf die Schultern, über die Sie im stillen wohl schon mehr als einmal geseufzt haben werden. Aber nein! Das ist nicht möglich! Sie sind so klug, wie Sie weise, und so weise, wie Sie gut sind. Sagen Sie, Franz, welcher Odysseus hat Sie erzeugt, welche Penelope geboren, daß Sie Pallas Athene, die Göttin der Weisheit, immerdar so sichtbarlich in ihren gnädigen Schutz genommen hat?« »Ich glaube, es ist in meinem Leben alles auf ganz gewöhnliche Weise zugegangen«, sagte Franz lachend, »und denken Sie nur ja nicht, daß ich von der Scylla nicht gefährdet und von der Charybdis nicht geschädigt worden bin! Ich habe wie Sie auf dem Punkte gestanden, an mir selbst zu verzweifeln. Was mich gerettet hat, ist eine Überzeugung, die zuerst in dämmernder Ahnung, dann immer klarer und deutlicher und zuletzt mit siegreicher Gewißheit in meiner Seele aufging, die Überzeugung nämlich, daß diese Welt ein Kosmos ist, in dem jeder von uns, er sei auch, wer er sei, mit Notwendigkeiten seine bescheidene Stelle auszufüllen hat. Dieser Gedanke hat mein Herz mit der freudigen Ruhe erfüllt, ohne die zuletzt das Leben unerträglich werden muß. Ich sagte mir: Diese Welt, von der du im Grunde so wenig weißt, ist ein so alter, solider, wohlgegründeter Bau, daß du an dem Plan nicht verzweifeln darfst, auch wenn du ihn nicht ganz begreifen solltest. Dieses Menschengeschlecht, dessen Geschichte vielleicht auf ebensoviel Millionen Jahre berechnet ist, als wir jetzt davon Jahrtausende kennen, ist ein so unergründlich wunderbares Phänomen der schaffenden Kraft, daß du in deinem Leben, und wenn es noch so lange währte, nur zu lernen und immer wieder zu lernen hast. Die Kunst, sagt Goethe, hat nie ein einzelner Mensch besessen; aber, setze ich hinzu, die Philosophie ebensowenig. Von dieser Überzeugung ausgehend, faßte ich den Entschluß, in dem Leben Sinn und Verstand finden zu wollen, und ich kann nicht anders sagen, als daß ich meine Bemühungen von einigem Erfolg gekrönt gesehen habe. Schon auf der Schule mißtrauisch gegen die Resultate des rein spekulativen Denkens, widmete ich mich einer Wissenschaft, in der uns die psychischen Vorgänge gleichsam ad oculos demonstriert werden – der Medizin, zumal ihre praktische Ausübung noch den Vorteil hat, uns in fortwährende, intimste Berührung mit den übrigen Menschen zu bringen, von denen wir uns – sage man, was man will von der Poesie der Einsamkeit – stets nur zu unseren eigenen Nachteil entfernt halten. Wer die Solidarität aller menschlichen Interessen – das oberste Prinzip aller politischen und moralischen Weisheit – begriffen hat, weiß auch, daß seine individuelle Existenz nur ein Tropfen in dem ungeheuren Strome ist und daß diese Tropfen-Existenz weder das Recht noch die Möglichkeit der absoluten Selbständigkeit hat. Wenn die Menschen wie reife Früchte vom Baume fielen, möchte es schon eher gehen. So aber, wo wir von einer Mutter mit Schmerzen geboren werden, um jahrelang die hilflosesten aller Geschöpfe und der treuen Pflege der Eltern ganz und gar überlassen zu sein, wo wir, wenn uns das Schicksal hold ist, unter Brüdern und Schwestern aufwachsen, um alle Freuden des Lebens mit ihnen nicht nur zu teilen, sondern erst von ihnen zu erhalten; wo wir noch später jeden wahren Genuß, jedes Fest der Seele nur mit anderen genießen und feiern können – da dürfen wir uns denn auch nicht länger sträuben, zu sein, was wir wirklich sind: Menschensöhne, Kinder dieser Erde, mit dem Recht und der Pflicht, uns hier auf diesem unseren Erbe auszuleben nach allen Kräften, mit den anderen Menschensöhnen, unseren Brüdern, die mit uns gleiche Rechte und freilich auch gleiche Pflichten haben. Sehen Sie, Oswald, so wird die Welt ein Kosmos, und wir hören auf, Atome zu sein, die, wer weiß woher und wohin, ohne ein vernünftiges Gesetz in dem unendlichen Raum umherwirbeln. Der Fehler Ihres Lebens, in den Sie freilich bei einer so wunderlich verlebten Jugend fast mit Notwendigkeit fallen mußten, ist, daß Sie stets nur für sich, nie wahrhaft für die andern gelebt haben. So sind Sie in eine ganz schiefe Stellung zur Welt geraten, in der Sie der Welt und die Welt Ihnen nichts nützen konnte. Das wird jetzt anders werden. Sie haben der Freundschaft zu mir das Opfer gebracht, einen Schritt zu tun, der, ich fühle es wohl – und jetzt besser, als zuvor –, Ihrem ganzen Naturell äußerst peinlich sein mußte. Aber ich bin überzeugt, Sie werden später diesen Schritt segnen. Das Probejahr, das Sie auf dem Sundiner Gymnasium absolvieren wollen, wird auch in anderer Hinsicht für Sie ein Probejahr werden. Es wird sich zeigen, ob Sie den schwersten aller Siege, den Sieg über sich selber, über die eigene souveräne Willkür erkämpfen können. Ich wollte, Sie wären wie ich mit einem guten und klugen Mädchen verlobt, und müßten arbeiten und müßten kämpfen, wenn nicht zu eigenem Nutz und Frommen, so doch für sie, die Ihnen tausendmal teurer ist als das eigene Leben, und Sie sollten sehen, wie leicht, wie spielend leicht Ihnen dieser Kampf und dieser Sieg sein würde!« Oswald antwortete nicht. Er fühlte sich von der Wahrheit der Worte seines Gefährten überzeugt, aber auch zugleich in einer peinlichen Weise beschämt. Denn das Antlitz der Wahrheit ist streng und flößt dem, der ihr nicht mit Hintansetzung aller individuellen Neigungen, mit ganzer Seele anhängt, ein Grauen ein. So gingen sie schweigend nebeneinander her, bis sie den Gipfel des Berges und zugleich den Wagen erreichten, der dort oben ihrer harrte. Sie stiegen wieder ein, und bergab ging es jetzt in raschem Trabe dem Städtchen zu, das in dem Busen eines von waldumkränzten Bergen ringsum eingeschlossenen Tales, schon in duftiges Abendgrau gehüllt, zu ihren Füßen lag. Es war das Ziel ihrer heutigen Fahrt, und wenigstens für Oswald, der ganzen Reise – der Badeort Fichtenau, weit und breit berühmt durch seine reizende Lage, durch seine stärkenden Fichtennadelbäder und in neuester Zeit durch die große und trefflich geleitete Anstalt für Geisteskranke, die der intelligente und in der Psychiatrie vielerfahrene Doktor Birkenhain vor einigen Jahren dort gegründet hatte. Es waren wunderliche Empfindungen, die Oswalds Herz erfüllten, während er, in seine Ecke gelehnt, Bäume und Felsen an sich vorbeitanzen und sich mit jedem Hufschlag der Pferde auf dem steinigen Boden dem Orte näher geführt sah, mit dem sich in den letzten Monaten seine Gedanken so viel und so peinlich beschäftigt hatten. Wie gleichgültig war der Name an sein Ohr geklungen, da er ihn zuerst in Grenwitz, als des Aufenthaltsortes von Melitta von Berkows krankem Gemahl, erwähnen hörte! Kannte er doch da Melitta noch nicht, wußte er doch noch nicht, daß er wenige Tage später in den Fesseln der Liebe dieses liebenswürdigen Weibes schmachten würde! Dann hatte er, obgleich selten und immer nur mit Widerstreben ausgesprochen, den Namen von ihren Lippen vernommen, und der Ort hatte für ihn in seiner damaligen seligen Stimmung die unheimliche Bedeutung gewonnen, die für den Besitzer eines herrlichen, prachtvollen Hauses ein dunkles Zimmer hat, das er nicht gern öffnet und wovon er nur ungern spricht, weil sich vor Jahren einmal eine ihm nahestehende Person darin entleibte. – Dann war die Zeit gekommen, wo Melitta, Doktor Birkenhains Einladung folgend, ihren sterbenden Gemahl zu besuchen ging – dann die peinlichen, schlimmen Tage, wo er sie in Fichtenau wußte an der Seite des todkranken Gatten; wo er von Fichtenau aus ihre Briefe erhielt, in denen jedes Wort ein sehnsuchtsvoller Kuß war. Da war ihm Fichtenau abwechselnd wie das Grab und die Wiege seines Glückes erschienen, je nachdem er durch Herrn von Berkows Tod die Hindernisse einer Verbindung mit Melitta aus dem Wege geräumt oder sich von ihr gerade durch dieses Ereignis für immer getrennt sah. – Dann kam der unselige Tag, wo er erfuhr, daß der Mann, in dem er von vornherein instinktiv seinen gefährlichsten Nebenbuhler erkannt hatte, sich bei Melitta befand; als böse Zungen ihm die gehässigsten Auslegungen dieses auffallenden Schrittes ins Ohr zischelten und er, der Unglückliche, diesen anstößigen Verleumdungen mit nur zu willigem Ohr lauschte, weil er selbst schon an seiner Liebe zum Verräter geworden war, weil er, wie ein Schiffbrüchiger, der, sich und seinen Raub zu retten, den besten Freund mitleidlos von dem schaukelnden Brette in die Tiefe stößt, Melitta opferte, um seine neue Leidenschaft für die schöne Helene vor sich selbst zu rechtfertigen. – Und endlich, um das Maß vollzumachen, dem Verstörten, von tausend qualvollen Gefühlen Zerrissenen gleichsam den Beweis zu liefern, daß die ganze Welt aus den Fugen sei und es auf eine Verirrung mehr oder weniger nicht ankomme, mußte dieser Ort, wo, wie er wähnte, das vor kurzem noch so heißgeliebte Weib sich in den Armen eines geistreichen Roués für die Augenblicke, die sie an dem Sterbebette ihres Gemahls zubrachte, entschädigte, derselbe Ort sein, wohin man den von ihm so hochverehrten Freund und Lehrer brachte, als sein Genius die strahlende Fackel in der öden Nacht des Wahnsinns ausgelöscht hatte. Da – und besonders, als nun kurze Zeit darauf der Tod ihm den Knaben raubte, den er mit brüderlichster Liebe umfing und sein Verhältnis mit der hochadeligen Familie auf eine so eigentümliche Weise gelöst wurde – als er den Nebenbuhler, von seiner Kugel auf den Tod verwundet, zu seinen Füßen liegen und er sich von dem geliebten Mädchen, und wäre es nicht aus tausend anderen Gründen, schon durch diese Tat für immer getrennt sah – da war ihm zu Sinnen, als ob es für ihn auf Erden keine passendere Zufluchtsstätte gebe als eine Zelle neben der seines Freundes und Lehrers in Doktor Birkenhains berühmter Heilanstalt für Geisteskranke zu Fichtenau. So hatte er denn auch, als er mit Doktor Braun zu der Reise aufbrach, die dieser ursprünglich zur Verfolgung wissenschaftlicher Zwecke projektiert hatte, sogleich nach Fichtenau gewollt; aber Braun hatte den Besuch des Ortes unter diesem und jenem Vorwande immer hinauszuschieben gewußt; und zwar aus guten Gründen. Er hatte – ohne Oswalds Wissen – direkt an Doktor Birkenhain geschrieben und ihn um eine detaillierte Schilderung von Bergers Zustand gebeten. Doktor Birkenhain antwortete, daß bei Berger von Wahnsinn nur insoweit die Rede sein könne, als er an der fixen Idee der absoluten Nichtigkeit aller Existenz leide, im übrigen aber im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte sei, ja daß er ihn jetzt schon aus seiner Anstalt entlassen haben würde, wenn der Kranke nicht ausdrücklich eine Verlängerung seines Aufenthalts gewünscht hätte. Doktor Braun sagte sich nun, daß unter diesen Umständen ein Besuch in Fichtenau für Oswalds exzentrisches und jetzt mehr als je aufgeregtes Gemüt mit der größten Gefahr verknüpft sei. Der Anblick eines Wahnsinnigen würde ihn zu Besinnung gebracht haben, der Verkehr mit einem selbst noch in seinen Verirrungen genialen Hypochonder konnte ihm möglicherweise in seinen ausschweifenden Ideen noch bestärken. In dieser Besorgnis hatte Franz den Besuch von Fichtenau an das Ende und nicht, wie Oswald wollte, an den Anfang der Reise gebracht, indem er hoffte, der vielfache Verkehr mit fremden Menschen, die wohltätigen Eindrücke einer Fahrt durch die schönsten, im festlichsten Schmucke des Herbstes prangenden Gegenden würden Oswald zu einer ruhigeren, vernünftigeren Ansicht des Lebens bringen und ihn so befähigen, Berger mit Überlegenheit, wenigstens ohne Gefahr für sich selbst, gegenüberzutreten. Jetzt sah sich Franz in dieser Hoffnung betrogen. Oswalds aufgeregtes Wesen gefiel ihm keineswegs und er wäre am liebsten umgekehrt, wenn dazu jetzt noch eine Möglichkeit gewesen wäre. So nahm er sich wenigstens vor, während er von Zeit zu Zeit einen prüfenden Blick auf Oswald warf, der, in seine Ecke gedrückt, mit starren Augen auf das Städtchen herabsah, den Besuch so viel als möglich abzukürzen und den Freund während der Dauer so wenig als möglich mit Berger allein zu lassen. Drittes Kapitel Die Sonne war bereits seit einer halben Stunde hinter dem breiten Rücken des tannenbewaldeten Hügels untergegangen, der Fichtenau von der Westseite einschließt, als der Wagen mit den beiden Freunden aus den Bergen heraus in die Talebene gelangte, in der das Städtchen liegt. Die müden Pferde, erfreut über den glatten Boden und das leichtere Rollen des Wagens, griffen wacker aus in der sichern Hoffnung auf baldigen Abendhafer, und angefeuert durch die schrillen Töne einer Klarinette, die nebst obligaten dumpfen Trommelschlägen aus einem dichten Kreis von Menschen herüberschallten, der sich auf der Gemeindewiese unmittelbar vor dem Eingang in das Städtchen um eine Seiltänzerbande versammelt hatte. Der Weg führte an diesem Orte vorüber, und da die gaffende Menge die etwas höherliegende Landstraße dicht besetzt hatte, war der Kutscher genötigt, langsamer zu fahren und zuletzt, da die Leute trotz seines Scheltens und Fluchens sich in der Lust des Schauens nicht stören ließen und wie angenagelt auf ihren Plätzen standen, stillzuhalten. Allerdings konnte man den guten Leuten ihre Unhöflichkeit nicht so hoch anrechnen, denn in diesem Augenblicke gaben die wandernden Künstler ihr vorzüglichstes Stück, das sie immer bis zum Schluß der Vorstellung aufsparten, um ihre Zuschauer mit einem möglichst günstigen Eindruck zu entlassen. Aus dem kleinen Zirkus war bis zu dem Gipfel einer mäßig hohen, aber breitastigen Eiche, die den Gemeindeanger schmückte, ein Seil gespannt, von dem dünnere Stricke rechts und links nach dem Boden liefen, wo sie von stämmigen Burschen, die sich im Interesse der Kunst freiwillig zu diesem Dienst erboten hatten, festgehalten wurden. Die schriller kreischende Klarinette und die immer lauter donnernde Pauke verkündeten, daß der große Augenblick gekommen sei, in dem, wie die Zettel an den Straßenecken verkündet hatten, »der berühmte Akrobat, John Cotterby aus Ägypten, genannt die ›Fliegende Taube‹, eine an der Spitze eines vierhundert Fuß hohen Turmes befestigte Fahne auf einem ausgespannten Seile herabzuholen und sie auf demselben Wege rückwärts schreitend zurückzubringen, vor einem hohen Adel und kunstliebenden Publikum Fichtenaus mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung auszuführen die Ehre haben werde.« Nun war freilich aus dem vierhundert Fuß hohen Turm eine vierzig Fuß hohe Eiche geworden; und die Feinde und Neider behaupteten, daß durch diese Abänderung des Programms das Wagstück an Gefährlichkeit ebenso verliere wie an Interesse. Aber war es Herrn John Cotterbys aus Ägypten Schuld, daß die Kaiserlichen im Dreißigjährigen Kriege den Turm der kleinen Kirche am Markt bei einer Belagerung Fichtenaus, das von den Schweden besetzt gehalten wurde, herunterkanonierten, daß die Väter der Stadt schon seit zwei Säkulis alljährlich beschlossen, diesen Turm wieder aufzubauen, sobald einmal bessere Zeiten für Fichtenau kämen und schließlich, daß diese Zeiten noch immer nicht gekommen waren? Und jetzt erschien unter dem Quinkelieren der Klarinette und dem Tamtam der Pauke, zu denen sich in diesem feierlichen Augenblicke noch das Geklingel eines Triangels und das Kreischen einer verstimmten Fiedel gesellte, auf dem kleinen, mit schmutzigen Laken behangenen Schafott, dem irdischen Ausgangspunkt seiner himmlischen Reise, ein hübscher, prächtig gewachsener Bursche mit dunklem, von einem schmalen Messingreif zusammengehaltenen Lockenhaar, in weißen, enganliegeden Trikots und einem blauseidenen Wamse, auf dessen Schulterstücke zwei Flügel genäht waren. Ein ermutigender Beifallsruf, in dem das Zischen der Gegner ungehört verhallte, begrüßte den Künstler, der sich nach allen Seiten mit jener Grazie verbeugte, die ein ausschließliches Geheimnis von Kunstreitern, Seiltänzern und sonstigen Angehörigen der luftigen Gilde ist. Aber der Beifallsruf verstummte, als jetzt gegen aller Erwarten eine unförmliche dicke Gestalt, die sich durch eine weiße Zipfelmütze, große blaue Schürze, und vor allem durch eine unförmliche purpurrote Nase als Bierwirt oder dergleichen darstellte, hinter dem sich verbeugenden Künstler auf das Schafott geklettert kam, ihm derb zwischen die Ikarusflügel auf den Nacken schlug und ihm einen ellenlangen Streifen Papier präsentierte, der unter diesen Umständen kaum etwas anderes als eine unbezahlte Rechnung sein konnte. Der Künstler schien durch dieses unerwartete Hereinbrechen der derben Realität in die heitern Gefilde der Kunst in die bitterste Verlegenheit gesetzt zu werden. Eine pantomimische Szene folgte, in der er durch häufiges Achselzucken und vergebliches Zupfen an den Stellen seiner Trikots, wo bei Beinkleidern, die in größeren Dimensionen angelegt sind, die Taschen zu sitzen pflegen, seine Zahlungsunfähigkeit beteuerte und durch Händeringen und flehentliche Gebärden den plumpen Wirt zu christlicher Nachsicht ermahnte, während dieser durch schreckliche Grimassen und wiederholtes Schlagen mit der Faust in die Fläche der Hand seine unerbittliche Hartherzigkeit genugsam an den Tag legte. Das Publikum von Fichtenau und Umgebung, von dem ein nicht kleiner Teil die Sache für baren Ernst nehmen mochte, sperrte Mund und Nase bei diesem seltsamen Schauspiel auf. Aber die Spannung wurde noch erhöht, als jetzt auf einen Wink des rotnasigen Wirtes zwei schnurrbärtige Gesellen in blauen Fracks und schwarzen dreieckigen Hüten, in denen niemand den strafenden Arm der Gerechtigkeit verkennen konnte, auf die Bühne geklettert kamen, unter fürchterlichem Gesichterschneiden und Gestikulationen den unglücklichen Künstler ergriffen und ihm die zahlungsunfähigen Hände auf den geflügelten Rücken banden. Und jetzt trat aus den Zweigen der Eiche, da, wo das Seil um den mächtigen Ast geschlungen war, die Gestalt eines lieblichen Genius hervor, mit einem Kranz im Haar und in der Hand eine bunte Fahne. Bei dem Erscheinen des himmlischen Boten befiel die Diener der irdischen Gerechtigkeit und den hartherzigen Wirt ein jäher Schrecken. Sie ließen ihr Opfer los und stürzten unter allen Zeichen tiefster Zerknirschung in die Knie, während die »Fliegende Taube« die Banden von den Händen streifte und mit einer Geschicklichkeit und Geschwindigkeit, die seinem Namen und Ruf alle Ehre machte, den schwanken Pfad, der zum Himmel führte, hinanzulaufen begann. – In der Mitte angekommen, ließ er sich vor der himmlischen Erscheinung, die ihm ohne Aufhören mit der bunten Fahne Ermutigung zuwinkte, auf die Knie nieder, richtete sich sodann wieder auf, drehte sich um und machte, der Erde und aller Erdenfurcht entrückt, den zerknirschten Verfolgern eine Geste, die unter der Bezeichnung »jemandem einen Esel bohren« bekannt ist. Beifallsruf und Gelächter begleiteten den humoristischen Künstler bis hinauf in den Himmel, wo er aus den Händen des Genius, der dann in den Zweigen verschwand, den Kranz auf das Haupt gesetzt und die Fahne in die Hand gedrückt erhielt, und wieder hinab zu dem Schafott, wo ihn die bekehrten Häscher mit vielen Bücklingen empfingen, während der reuige Wirt in einer edlen Wallung die lange Rechnung von einem Ende bis zum andern durchriß und so den Zuschauern die tröstliche Gewißheit gab, daß die Freiheit der »Fliegenden Taube« für heute wenigstens nicht weiter gefährdet sei. Die Vorstellung war zu Ende. Die Ansprache des Wirtes und zugleich Direktors der Gesellschaft, der jetzt als Epilogus allein auf dem Schafott geblieben war und dem hohen Adel und kunstsinnigen Publikum von Fichtenau und Umgegend für morgen eine noch viel glänzendere Vorstellung versprach, wurde mit lautem Jubel aufgenommen und die Zuschauer entfernten sich langsam, während seit einigen Minuten ein gelegentliches Klappern von Geldstücken auf Tellern an eine Pflicht erinnerte, der nachzukommen einigen Undankbaren unnötig schien und anderen, Dankbaren, zu ihrem größten Bedauern, unmöglich war. Indessen waren bei weitem die meisten der Zahlungsfähigen ehrlich genug, den klappernden Teller an sich herankommen zu lassen, und wen die Ehrlichkeit nicht hielt, den bannte die Neugier, wie wohl der Genius aus der Eiche, den man bis jetzt nur aus der Ferne erblickt hatte, in der Nähe aussehen möchte. Denn niemand Geringeres als der Bote Apollos sammelte für die Bedürfnisse seiner Söhne auf Erden. Und der schlaue Direktor hätte keine bessere Wahl treffen können. Der Genius (man wußte kaum, war es ein Mädchen oder ein Knabe) blickte aus so einzig schönen braunen Augen so bescheiden bittend in die Gesichter, daß sich die Börsen mit den Herzen öffneten. Freundliche Worte begleiteten das Kind überallhin, und einer und der andere behäbige Spießbürger glaubte sich für seinen Groschen auch das Recht erworben zu haben, es in die braunen Wangen zu kneifen – eine Liebkosung, die indessen jedesmal sehr ungnädig von dem Genius aufgenommen wurde. Der Kutscher hatte, sobald sich das Gedränge hinreichend verlaufen, weiterfahren wollen, aber Franz und Oswald, die dem Schauspiel von Künstlers Erdenwallen und Apotheose mit großem Interesse und hier und da herzlichem Lachen gefolgt waren, befahlen ihm, halten zu bleiben, bis der behend durch die Menge schlüpfende Genius auch zu ihnen gekommen wäre. Der Genius ließ nicht lange auf sich warten – ein Reisewagen, mit zwei Herren darin, wog mindestens ein Dutzend Fichtenauer Spießbürger auf. Franz suchte in seiner Börse nach kleiner Münze, als er durch einen lauten Ausruf Oswalds erschreckt wurde. »Was gibt's?« fragte er, verwundert zu Oswald aufblickend, der im Wagen in die Höhe gesprungen war. Oswald antwortete nicht, sondern war mit einem Satz aus dem Wagen auf dem Boden und eilte auf den Genius zu, der, sobald er den jungen Mann erblickte, den Teller samt den Silber- und Kupfermünzen fallen ließ und sich ihm in die Arme stürzte. »Czika, bist du es denn wirklich?« »Ja, Mann mit den blauen Augen!« antwortete das Kind, noch an seinem Halse, zärtlich und innig; dann aber, sich plötzlich gewaltsam losreißend und ängstlich nach dem Wagen blickend: »Kommst du mit dem andern?« »Nein, Czika!« sagte Oswald, wohl wissend, daß Oldenburg mit dem andern gemeint sei. – »Bist du denn allein?« »Nein; Mutter ist bei mir; Mutter verläßt die Czika nicht. Komm, Herr, hilf mit das Geld sammeln«, und das Kind bückte sich nieder und suchte nach den im Sande zerstreuten Münzen. »Oldenburgs Kind in einer Seiltänzerbande!« murmelte Oswald, in der Verwirrung, die sich seiner Seele bemächtigt hatte, mechanisch Czikas Bitte Folge leistend und neben ihr auf den Knien das umhergestreute Geld zusammenraffend. Das kunstliebende Publikum von Fichtenau fand diese Begrüßung und Umarmung eines scheinbar vornehmen Herrn und eines Seiltänzerkindes merkwürdiger als alles, was es an diesem Abend gesehen hatte. Jung und alt drängte sich in dichtem und immer dichter werdendem Kreise heran und schien entschlossen, nicht vom Platz zu weichen, als bis es eine Aufklärung dieser rätselhaften Begebenheit erhalten hätte. Franz, der vom Wagen aus die Szene mit angesehen hatte, war kaum weniger verwundert gewesen als die andern. Im nächsten Augenblick indessen fielen ihm die mysteriösen Gerüchte ein, die über ein Zigeunerkind in der Gegend zirkuliert hatten, das der Baron Oldenburg mehrere Wochen lang auf seiner Solitüde beherbergt habe, bis es ihm eines Tages wieder entlaufen sei. Und mit jener Schnelligkeit der Kombination, die guten Köpfen eigentümlich ist, schloß er, daß Oswald, der jedenfalls bei seiner Intimität mit dem Baron um das Geheimnis wußte, in dem schönen Genius das Zigeunerkind erkannt habe. Sein nächster Gedanke war, in Oswalds eigenem Interesse die wunderliche Szene abzukürzen und die Sensation, die sie schon erregt hatte, möglichst zu vertuschen. Er sprang also aus dem Wagen, eilte auf Oswald zu und sagte: »Um Himmels willen, Oswald, lassen Sie uns fort. Es ist ja ein leichtes, zu erfahren, wo die Leute wohnen; Sie können sie ja zu jeder andern Zeit aufsuchen.« Oswald, der jetzt, nachdem sich das erste überwältigende Erstaunen, die Czika unter solchen Verhältnissen wiederzufinden, bei ihm gelegt hatte, die Wunderlichkeit der Situation wohl erkannte, fand Franz' Rat zu vernünftig, als daß er ihm nicht hätte folgen sollen. Die Czika hatte ruhig, als wäre nichts vorgefallen, ihr Sammelgeschäft wieder begonnen; ja, sie warf nicht einmal einen Blick auf Oswald, der jetzt, von Franz beinahe gezogen, nach dem Wagen zurückschritt. Der Wagen rollte davon. Die Menge verlief sich um so schleuniger, als die Kühle des bereits stark dunkelnden Abends sie an die warme Suppe in der warmen Stube zu Hause mahnte. Viertes Kapitel Es war etwa eine Stunde später. Der Abend war vollends herabgesunken. Die Berge von Fichtenau hatten sich in den doppelt dichten Schleier der Nacht und des Nebels gehüllt; vom dunkeln Himmel blinkten zwischen treibenden Wolken hier und da einzelne Sterne hervor. In den Straßen des Städtchens war es still geworden; aus den Fenstern der niedrigen Häuser schimmerten Lichter. Die Leute saßen nach dem frugalen Abendessen um das Ofenfeuer und erzählten einander von den Wundern der Stärke, Geschicklichkeit und Gewandtheit, deren Zeuge sie draußen auf der Finkenwiese gewesen waren, und von dem verrückten Herrn, der das hübsche Zigeunerkind, während es mit dem Teller umherging, vor allen Leuten umarmt hatte. – Die alte halbtaube Großmutter, die neben dem Ofen in ihrem Lehnstuhl nickte, und die Geschichte nur halb gehört hatte, meinte: »Ja, ja, Zigeuner sind Kinder des Satans, das weiß alle Welt. Mein Urgroßvater selig hat noch ihrer fünf mit verbrennen helfen auf der Finkenwiese.« In der »Grünen Mütze«, einer Fuhrmannskneipe am Eingange in das Städtchen, nahe an der Finkenwiese, ging es heute abend sehr lebhaft zu. Die »Grüne Mütze« war das Hauptquartier der wandernden Seiltänzerbande und mithin in diesen Tagen für das Fichtenauer Publikum ein anziehender Punkt. Der lange Tisch in der tabaksraucherfüllten Trinkstube konnte heute die Zahl der Gäste nicht fassen, obgleich sie sich eng genug auf den Bänken zusammendrängten; besonders nach dem obersten Ende zu, wo die Künstler im vollen Gefühl ihrer Bedeutung und im Hochgenuß einer freien Zeche saßen und tranken. Der Direktor, Herr Kaspar Schmenckel, präsidierte, wie sich's gebührte. Er hatte die Zipfelmütze abgesetzt und die große blaue Schürze samt den hineingestopften Kissen beiseite getan, und erschien nun in der ebenso bequemen wie eleganten Tracht eines Herrn, der Rock und Weste ausgezogen hat und sich über die mangelhafte Reinlichkeit seiner Wäsche im Bewußtsein seines Künstlerruhmes und seiner breiten gestickten Beinkleiderträger hinwegsetzt. – Eine größere Veränderung hatte Herr John Cotterby aus Ägypten, der seinem Herrn und Meister zur Rechten saß, mit seiner Toilette vornehmen müssen. Er trug jetzt einen grauen kurzen Rock mit grünen Aufschlägen und sah, alles in allem, einem hübschen Tiroler-Burschen, der er in Wirklichkeit war, ähnlicher als einem Sohne des geheimnisvollen Landes, das der Nil durchströmt, wenn nicht der schmale Messingreif, der noch immer seine dunkeln Locken zusammenhielt und das entsetzliche Deutsch, das er höchst kunstreich radebrechte, seine mystische Abstammung hinreichend bezeugt hätten. – Von den beiden andern Künstlern, die weiter unten am Tisch saßen, war der eine ein bescheidener, stiller, langer Mensch, der es mit seiner Kunst ernst nahm und stets darüber grübelte, wie er in seiner berühmten Produktion »das tanzende Riesenfaß« noch einen neuen Zug anbringen könnte, der andere, der Clown der Gesellschaft, eine kugelrunde, possierliche Person, die jedesmal, wenn sie mit einem der Gäste anstieß, eine neue Fratze schnitt. Der Vorfall heute abend auf der Finkenwiese zwischen dem Reisenden und der Czika, über den sehr eifrig debattiert wurde, war zu merkwürdig, als daß ihn Herr Schmenckel nicht in seiner Weise hätte ausbeuten sollen. Nun war freilich die Zigeunerin erst vor einigen Tagen, als er mit seiner Truppe durch die Berge von Braunburg nach Fichtenau zog, ganz zufällig mit ihrem Kinde zu ihm gestoßen, und Herr Schmenckel wußte von ihrer Vergangenheit so wenig wie irgendeiner der Anwesenden; aber um so freieres Spiel hatte seine Phantasie bei der Erfindung eines Märchens, das sich den neugierigen Gästen aufheften ließ. »Ja, ihr Herren«, sagte Direktor Schmenckel, »das ist eine geheimnisvolle Geschichte, und ich möchte sie wohl erzählen, wenn selbige nicht gar so sehr unglaublich wäre.« »Erzählen Sie, erzählen Sie, Herr Direktor«, schrie ein halbes Dutzend Stimmen. »Ein neues Seidel für den Herrn Direktor; ein anderes halbes Dutzend.« »Darf ich erzählen, Cotterby?« fragte Herr Schmenckel. »Diderunkankinsavalilaloramei«, antwortete der Ägypter, der keine Ahnung hatte, wozu sein Herr und Meister die erbetene Erlaubnis haben wollte. »Danke, Cotterby«, sagte Herr Schmenckel, »meine Herren! Ihr Wohl! – Also wie ich die Bekanntschaft von Madame Xenobi oder Kussuk Arnem, wie sie eigentlich heißt, gemacht habe. Aber die Geschichte ist fast unglaublich und spielt in gewisse Regionen hinein, die mich zwingen, nur in allgemeinen Andeutungen –« »Oh, das tut nichts! – Erzählen Sie nur!« riefen die Zuhörer, noch näher zusammenrückend. »Na, so hören Sie denn! – Kurze Zeit, nachdem ich Herrn Cotterby in Ägypten für meine Gesellschaft gewonnen, gab ich einige Vorstellungen in Konstantinopel auf dem Platze vor dem Palast des Sultans, der sich ganz ungemein für unsere Kunst interessierte und uns die Erlaubnis gegeben hatte, das Seil an der obersten Zinne des Palastes, auf dem flachen Dache selbst, zu befestigen. Nun müssen Sie wissen, daß in dem obersten Stockwerk dieses Palastes die Frauen des Sultans wohnen, weshalb man ihn auch Harem nennt. Ich hatte immer gewaltiges Verlangen danach gehabt, einmal in einen solchen Harem zu gelangen, der sonst für alle streng verschlossen ist. Und nun erst recht, nachdem mir Cotterby gesagt hatte, daß, wenn er an dem obersten Stock vorbeikäme, ihn immer die schönsten schwarzen Augen durch die Ritzen der Bretter anblitzten. – Was tue ich also? Ich sage zu Cotterby: ›Cotterby‹, sage ich, ›Sie können ja alles, was Sie wollen. Wie wär's, wenn Sie mich morgen in die Karre nähmen und oben auf dem Dache absetzten. Ich muß einmal sehen, wie's da oben aussieht. Sie können mich morgen ja wieder auf demselben Wege zurückbringen. Wollen Sie?‹ – ›Warum nicht?‹ sagt Cotterby, ›wenn ich Ihnen damit einen Gefallen tun kann.‹ – Am nächsten Tage steckte ich mich in die Karre; Cotterby karrt mich auf das Dach, stülpt die Karre um, und, da bin ich denn oben auf dem Dach, ganz allein, denn Cotterby war, um kein Aufsehen zu erregen, sogleich wieder umgekehrt. – Nun mögen Sie mir glauben oder nicht, meine Herren; aber ich versichere Sie, daß mir in dieser Situation doch etwas wunderlich zumute war. Wie leicht konnte aus den Dachluken der schwarze Kopf eines Wächters auftauchen – und dann wäre es um mein Leben geschehen gewesen. Indessen, ich saß nun einmal in der Falle. Als ich noch so überlege, was ich nun beginnen soll, höre ich mit einem Male Säbelrasseln und Sporenklingen auf der Treppe, die zu dem Dache führt. Es war der Sultan selbst, der Herrn Cotterby von oben herab bewundern wollte. Ich, in meiner Herzensangst, laufe nach dem nächsten Schornstein, der aus dem Dach herausragt, krieche hinein und plumps! – zum Besinnen war keine Zeit – so eine zwanzig Fuß heruntergerutscht und wohin glauben die Herren? Direkt in den Kamin von der Schlafstube der Favoritin des Sultans. – Hier muß ich indessen die geehrten Herren um Verzeihung bitten, wenn ich, um die Ehre einer Dame nicht zu kompromittieren, nur andeutungsweise so viel sage, daß die nächsten vierundzwanzig Stunden zu den schönsten gehören, die ich in meinem Leben gehabt habe, daß ich am folgenden Tage von Herrn Cotterby, der etwas der Art geahnt haben mußte und eine noch größere Karre wie gewöhnlich mitgebracht hatte, auf die angegebene Weise abgeholt wurde – daß wir noch in derselben Nacht Konstantinopel verließen und seit dieser Nacht meine Gesellschaft um eine vorzügliche Künstlerin reicher und der Palast des Sultans um seine schönste Blume ärmer war.« Herr Schmenckel sah sich triumphierend um. Er konnte mit dem Eindrucke, den seine Geschichte auf die in atemloser Spannung Horchenden hervorbrachte, zufrieden sein. – In diesem Augenblick kam die Dame, die an der Kasse zu sitzen pflegte und überhaupt die inneren Angelegenheiten der Gesellschaft verwaltete, eilig in die Trinkstube gerannt und flüsterte Herrn Direktor Schmenckel etwas ins Ohr, wovon die Gesellschaft nur die Worte: braunes Weib – fortgelaufen – verstehen konnte. Des Direktors Gesicht verfinsterte sich zusehends. Er murmelte etwas von Teufel und Dreinschlagen und verließ den Tisch, ohne auch nur sein Seidel auszutrinken. Die Nachricht aber, die dem Direktor eben geworden, bestand in nichts Geringerem als darin, daß die Zigeunerin samt ihrem Kinde in ihrer Kammer, im ganzen Hause nicht zu finden sei. Mamsell Adele hatte diese Entdeckung gemacht, als sie die beiden aus ihrer Kammer zum gemeinschaftlichen Mahle der Frauen der Gesellschaft, das in einer anderen Kammer serviert war, holen wollte. Für Herrn Schmenckel war diese Nachricht ein Blitz aus heiterm Himmel. Die Flucht der Zigeunerin und ihres Kindes war ihm, was einem Menageriebesitzer der Tod seiner besten Löwin samt ihren Jungen ist. Er verlor in den beiden ein Kapital, das er für so gut wie nichts erworben und welches doch die reichsten Zinsen zu bringen versprach – den Schmuck, die Zierde, den Glanz, die Poesie seiner Gesellschaft. Selbst Herr John Cotterby aus Ägypten wäre leichter zu ersetzen gewesen als ein Genius mit so schönen Augen, mit so freundlich-ernstem Lächeln, das den filzigsten Spießbürger in einen leichtsinnigen Verschwender umwandelte. Herr Schmenckel geriet in einen ganz unglaublichen Zorn, dessen erster Ausbruch sich natürlich gegen die Überbringerin der Hiobsbotschaft wendete, um so mehr, als Herr Schmenckel das eifersüchtige Temperament dieser Dame aus langjährigem, vertrautem Umgang hinreichend kannte. Er beschuldigte sie in beleidigenden Ausdrücken, die Zigeunerin durch ihre Intrigen zur Flucht gezwungen zu haben. – Mamsell Adele antwortete in einem Tone, der ihre innere Erregung nur zu deutlich verriet. Herr Schmenckel konnte, wenn er getrunken hatte, Widerspruch nur schwer vertragen, und Mamsell Adele fühlte kaum die schwere Hand des Meisters auf ihrer Wange, als sie so laut und schrill zu zetern begann, daß die Trinker drinnen von ihren Biergläsern in die Höhe fuhren und nach der Tür eilten, in der Meinung, es sei auf dem Flur ein Unglück geschehen. Der Anblick so vieler ungebetener und unerwünschter Zeugen brachte den um die Ehre seiner Gesellschaft besorgten Direktor einigermaßen wieder zu sich, und die Dame, die ihre Ehre vor so vielen Männern kompromittiert sah, vollends außer sich. Vorher hatte sie gedroht, den Direktor ihre Nägel fühlen zu lassen, jetzt fügte sie der Drohung die Tat hinzu. Das Staunen des kunstsinnigen Publikums von Fichtenau, den gefeierten Künstler, den Helden so vieler Abenteuer in solcher Not und Bedrängnis zu sehen, war außerordentlich. Einige wollten Frieden stiften, andere lachten und hetzten, wieder andere (Männer in blauen Blusen und Gamaschen, die regelmäßig mit Roß und Wagen in der »Grünen Mütze« einkehrten und die Seiltänzerwirtschaft, die sie in ihrem gewöhnlichen Komfort störte, mit mißgünstigem Auge betrachten) sprachen laut von Lumpenpack und Hinauswerfen, was denn wieder von den Kunstenthusiasten äußerst mißliebig aufgenommen wurde. Zornige Gesichter, drohend erhobene Arme; schimpfende Stimmen hinüber und herüber: endlich ein Gewirr, in dem selbst der Wirt der »Grünen Mütze«, der, die kurze Pfeife im Munde, in der Küchentür lehnte, nichts einzelnes mehr zu unterscheiden vermochte. Fünftes Kapitel Oswald hatte, nachdem er mit Franz in dem eleganten Kurhause von Fichtenau gastliche Aufnahme gefunden, dem Verlangen, die kleine Czika noch heute abend aufzusuchen, nicht widerstehen können. Er hoffte von der braunen Gräfin zu erfahren, wie sie in diese wunderliche Gesellschaft geraten sei, und zugleich sie zu bereden, entweder zu Oldenburg zurückzukehren oder ihm doch wenigstens das Kind zu überlassen. Er glaubte durch Klugheit bewirken zu können, was der Heftigkeit des Barons unmöglich gewesen war, um so mehr als die braune Gräfin ihm wohlzuwollen schien, und die kleine Czika offenbar zu ihm größeres Vertrauen hatte als zu dem »andern«, der ihr Vater war. Überdies fühlte er eine persönliche Zuneigung zu dem schönen Kinde und der Zigeunerin, die ihm an jenem verhängnisvollen Nachmittage, als er sich auf dem Wege zu Melitta im Walde verirrte, zuerst begegnet waren und so gleichsam sein Verhältnis zu Melitta vermittelt hatten. Hernach waren sie wieder auf so seltsame Weise in seine Bekanntschaft mit Oldenburg verflochten worden. Und dann war es noch ein anderes Gefühl, was Oswald zu raschem Handeln trieb. Die Dankbarkeit, zu der ihn Oldenburgs ritterliche Hilfe bei Brunos Tod und in dem Duell mit Felix verpflichtet hatte, drückte ihn. Er mochte einem Manne nicht verpflichtet sein, gegen den er von vornherein eine fast instinktive Abneigung empfunden, den er hernach während seiner Liebe zu Melitta als seinen Nebenbuhler gefürchtet hatte; einem Manne, dessen kühne Kraft seinem schwankenden Geiste, sosehr er sich dagegen sträubte, gewaltig imponierte, und den er dennoch – der Himmel weiß, mit welchem Recht! – der Charakterlosigkeit und Zweideutigkeit des Betragens zieh; ja, von dem er, wenn Oldenburgs und Melittas Verhältnis dem Bilde entsprach, das die Barnewitz und andere Gebärdenspäher und Geschichtenträger davon entwarfen – während der ganzen Zeit auf die demütigendste Weise düpiert war. Gelang es ihm jetzt, diesem befreundeten Feinde einen großen Dienst zu leisten, ihm sein Kind, das er schon verloren gegeben hatte, wieder zuzuführen – so war die drückende Schuld der Dankbarkeit abgetragen, so war die Rechnung quitt, und Oswald Stein brauchte vor dem Baron Oldenburg nicht die Augen beschämt niederzuschlagen! Diese Gedanken und Empfindungen erfüllten Oswalds Seele, während er in Begleitung des Hausknechtes aus dem Kurhause durch die stillen Straßen des Städtchens nach der »Grünen Mütze« schritt, die ihm von Franz als das Hauptquartier der Seiltänzer bezeichnet worden war. Franz selbst war im Kurhause zurückgeblieben, da er zu diskret war, sich in ein Geheimnis zu drängen, das man vor ihm verbergen zu wollen schien. Oswald hatte nämlich, als er ihm lachend erzählte, wie er es angefangen habe, den Leuten die wunderliche Szene mit dem Seiltänzerkinde zu erklären, ein Schweigen beobachtet, das Franz kaum anders auslegen konnte, als: sein Gefährte wolle oder dürfe über diese Angelegenheit sich nicht weiter auslassen. Er hatte deshalb, als Oswald bemerkte, es sei heute abend wohl schon zu spät geworden, um Berger noch aufzusuchen, bloß: Ich glaube auch! geantwortet und Oswald seine Begleitung nicht angeboten, als dieser, nachdem er eine Viertelstunde lang schweigend in dem Zimmer auf und ab gegangen war, erklärte, noch eine Promenade in der Abendkühle machen zu wollen. Franz fügte sich in die Launen seines launenhaften Gefährten um so leichter, als er in diesem Augenblicke mit seinen eigenen Angelegenheiten beschäftigt war. Er hatte gehofft, in Fichtenau einen Brief seiner Braut vorzufinden, sich aber in seiner Erwartung getäuscht gesehen. Das Ausbleiben des Briefes erfüllte ihn mit einiger Sorge, um so mehr, als Sophie sonst sehr pünktlich zu schreiben pflegte und ihre Ankunft in Fichtenau sich überdies schon um einige Tage verspätet hatte. Er tröstete sich mit der Hoffnung, daß die letzte Post, die, wie man ihm sagte, jeden Augenblick eintreffen müsse, den sehnlichst erwarteten Brief bringen würde. Unterdessen erreichte Oswald das Haus gerade in dem Augenblicke, als es einen Teil seines krausen Inhaltes durch die offene Haustür auf die Straße entsandte, wo der Massenkampf, der bis dahin auf dem Flur gewütet, sich in einzelne Gruppen aufzulösen begann, die, den Trümmern eines umhergestreuten Scheiterhaufens gleich, noch für einen Moment um so heller aufflackerten, um im nächsten aus Mangel an Nahrung zu verlöschen. Der Friede wurde um so leichter hergestellt, als eigentlich niemand so recht wußte, weshalb man sich überhaupt mit solcher Wut befehdet, und es für nichts und wieder nichts gerade genug blaue Augen und rote Striemen gegeben hatte. Freilich war die Aufregung noch immer groß und der Lärm noch immer laut genug, aber es war das nur die Brandung des Meeres nach dem Sturm – hohe Wellen, deren beste Kraft schon gebrochen ist. Man fluchte und schimpfte, man drohte und prahlte – aber man setzte sich wieder und ertränkte den Rest der Feindseligkeiten in Bier. Die Sorge um Czika hatte bei Oswald den Widerwillen, den ihm unter anderen Umständen diese wüsten Szenen eingeflößt hätten, kaum aufkommen lassen; glücklicherweise sah er weder sie noch Xenobi in diesem Wirrwarr, aber schon der Gedanke, daß die beiden in ein solches Pandämonium geschleudert seien, war ihm entsetzlich und befestigte in ihm den Entschluß, sie, es koste, was es wolle, daraus zu erlösen. Er drängte sich durch die Streitenden und Scheltenden, die seiner gar nicht achteten, hindurch, sich bei diesem, bei jenem nach der Ursache des Streites und nach der Zigeunerin und ihrem Kinde erkundigend. Niemand hatte Zeit oder Lust, ihm Rede zu stehen, bis er sich endlich zufällig an einen jungen Menschen wandte, der etwas weniger wüst als die übrige Gesellschaft aussah und der ihm erzählte: Es seien ein paar von der Seiltänzerbande davongelaufen – eine Zigeunerin mit ihrem Kinde – und darüber sei die Schlägerei entstanden. Übrigens sei der Mann, der sich eben das Blut aus dem Gesicht wischte und so lebhaft gestikulierte, der Direktor der Truppe und an den möge sich der Herr nur wenden, wenn er noch mehr wissen wolle. Oswald atmete bei diesen Worten des jungen Menschen hoch auf. Xenobi und Czika waren fort, gleichviel, wohin, wenn sie nur aus dieser Hölle erlöst waren. Er überlegte einen Augenblick, ob es nicht geratener sei, umzukehren, ohne sich mit den Seiltänzern weiter einzulassen; aber das Verlangen, mehr zu erfahren – vielleicht den Ort, wohin sich Xenobi möglicherweise gewendet haben könnte, überwand diese Bedenken, und er trat auf die Person zu, die ihm als der Chef der Gesellschaft bezeichnet war. Herr Direktor Schmenckel besaß, sobald sich nur der erste Sturm der Leidenschaft gelegt hatte, in einem hohen Grade jene philosophische Resignation, die sich in das Unvermeidliche mit Würde schickt und zu einem schlechten Spiel möglichst gute Miene macht. Da die Zigeunerin einmal weg war, so konnte er sich durch Lamentieren darüber nur noch lächerlich machen, und einem edlen Charakter ziemt es, zu vergessen und zu vergeben. Er tat deshalb, als ob nichts geschehen sei, was er nicht schon längst erwartet hätte. »Undankbarkeit ist der Welt Lohn. – Wie gewonnen, so zerronnen. – Heute mir, morgen dir! – Lassen's uns wieder niedersetzen, ihr Herren – Direktor Schmenckel läßt sich durch so etwas nicht aus der Fassung bringen – wir haben noch andere Mittel, ein hochgeschätztes Publikum zu unterhalten, und Sie sollen sehen, daß die Vorstellung, die ich morgen mit hoher obrigkeitlicher Bewilligung – Was beliebt dem Herrn? Wünschen mich zu sprechen? Steh' zu Diensten – Ein Direktor muß immer auf dem Platze sein –« und Herr Schmenckel folgte Oswald um so lieber, als die Erscheinung eines elegant gekleideten Herrn ein Umstand war, der nicht verfehlen konnte, einiges Aufsehen zu erregen. »Was befehlen Euer Gnaden«, fragte Herr Schmenckel, als sie draußen waren. »Ich wollte Sie bitten, mir womöglich über die Zigeunerin, die, wie ich höre, sich erst heute abend von Ihrer Gesellschaft entfernt hat, einige Auskunft zu geben«, erwiderte Oswald. Herr Schmenckel stutzte; die Frage kam ihm verdächtig vor; er warf bei dem trüben Licht der Laterne vor dem Hause einen prüfenden Blick in Oswalds Gesicht und erkannte den Herrn, der die Czika umarmt hatte. Herr Schmenckel wußte nicht recht, was er von dem Interesse, das der fremde junge Herr an dem hübschen Zigeunerkinde nahm, denken sollte. »Hm«, sagte er, um Zeit zur Überlegung zu gewinnen, »weshalb wollen Euer Gnaden das wissen?« »Das kann Ihnen gleich sein«, antwortete Oswald, »genug, wenn ich die Auskunft, die ich wünsche, nicht umsonst haben will«, und er drückte Herrn Schmenckel einen Taler in die Hand. »Danke, Euer Gnaden«, erwiderte Herr Schmenckel, »Geld ist unter allen Umständen eine angenehme Sache, indessen möcht ich doch gern –« »Aber ich begreife nicht, weshalb Sie Anstand nehmen, mir das wenige, was Sie von der Frau wissen, mitzuteilen.« »Hm«, sagte Herr Schmenckel, »vielleicht ist das, was ich weiß, so wenig nicht. Wenn man jemand dreizehn Jahre lang in seiner Gesellschaft gehabt hat –« »Aber ich habe ja die Zigeunerin erst in diesem Sommer auf – gleichviel, aber weit von hier und allein getroffen.« »Wohl möglich«, sagte der schlaue Direktor, »es ist heute abend nicht das erste Mal, daß mir die Xenobi weggelaufen ist, aber sie ist doch jedesmal wiedergekommen.« »Seit dreizehn Jahren!« sagte Oswald, dem dieses Märchen durchaus glaublich schien. »Wie alt war denn das Kind, als sie zu Ihnen kam?« »Wie alt?« fragte Herr Schmenckel. »Ei! Euer Gnaden, als sie zu mir kam, hatte sie kein Kind, das muß ich am besten wissen.« »Sie?« sagte Oswald, und ein Schauder überlief ihn. »Sie?« »Nun weshalb nicht, Euer Gnaden? Schau ich Euer Gnaden aus, als ob sich ein hübsches junges Ding nicht in mich verlieben könnte, das noch dazu bei mir in Lohn und Brot stand? Ich sage Euer Gnaden, ich hab noch ganz andere Eroberungen in meinem Leben gemacht. Sind Euer Gnaden je in Petersburg gewesen. Da ist die Fürstin – aber freilich, ich darf über diese Dame nicht so sprechen, wie –« »Mit einem Worte«, sagte Oswald, sich gewaltsam zusammenraffend, »so ist die Czika Ihr Kind?« »Beschwören will ich's nicht«, sagte Herr Schmenckel lächelnd; »aber daß es mein's sein könnte und ich es immer als mein's angesehen habe, das kann ich beschwören, Euer Gnaden.« »Und Sie glauben, daß die Zigeunerin sich wieder einstellen wird?« »Oh, darauf können sich Euer Gnaden verlassen; sie hat es nirgends so gut wie bei mir.« »Aber warum entfernt sie sich denn so oft von Ihnen?« »Ja schaun's, Ihr Gnaden! Die Weiber sind ein wunderliches Volk«, sagte Herr Schmenckel, »und je besser man es mit ihnen meint, desto sicherer kann man sein, daß sie uns ein X für ein U machen. Treu und Glauben ist bei ihnen nicht zu finden, und besonders die Zigeunerinnen –« »Es ist gut«, sagte Oswald, den der Ekel überwältigte, »ich spreche mit Ihnen ein andermal weiter darüber.« Und er entfernte sich eilig. Herr Schmenckel sah ihm einige Augenblicke nach und kam zu der Überzeugung, daß es mit dem feinen jungen Herrn offenbar nicht ganz richtig sei. Er schüttelte den Kopf, steckte den Taler, den er noch in der Hand hielt, in die Tasche und verfügte sich in die Trinkstube zurück, wo mittlerweile der Friede wieder so vollständig hergestellt war, daß sich sämtliche Anwesende zur gemeinschaftlichen unisonen Absingung des beliebten Volksliedes: »Blau blüht ein Blümelein« vereinigen konnten. Während Oswald diese so bedenklichen Mitteilungen über die arme Czika entgegennahm, erwartete Franz seine Rückkehr mit der größten Ungeduld. Die Post hatte wirklich den sehnlichst herbeigewünschten Brief seiner Braut gebracht und dieser Brief die unbestimmte Furcht, mit der er sich in diesen letzten Tagen getragen, nur zu sehr bestätigt. Sophie schrieb mit einer Hand, die die Angst beinahe unleserlich gemacht hatte, daß ihr Vater von einem Schlaganfall betroffen worden sei, der die Ärzte das Schlimmste befürchten lasse. Der Vater sei noch in diesem Augenblick (mehrere Stunden nach dem in der Nacht eingetretenen Anfall) sprachlos und unfähig sich zu bewegen. Wenn noch Rettung für ihren Vater sei, so könne die Hilfe nur von dem kommen, zu dem ihr Vertrauen ebenso groß sei wie ihre Liebe. Franz' Entschluß war sofort gefaßt; er bestellte, da der Kutscher, mit dem er gekommen war, nicht weiterfahren zu können erklärte, Extrapost, um die nächste Station der Eisenbahn womöglich noch in derselben Nacht zu erreichen. Seine holde, süße Braut in so bitterer Not und Bedrängnis – wachend und weinend an dem Krankenbette, vielleicht an dem Sarge ihres Vaters – und er, ihr Trost und ihre Hoffnung, über achtzig Meilen entfernt – es war ein Gedanke, der auch ein so festes Herz wie das seine um seine Ruhe bringen konnte. Der Boden brannte ihn, unter den Füßen. Die paar Minuten, bis der Wagen aus der Post herbeigeschafft wurde, erschienen ihm eine Ewigkeit. Da kam der Wagen und mit ihm Oswald. Franz teilte ihm die soeben erhaltene Nachricht mit sowie seinen Entschluß, sofort abzureisen. Er bat den Freund mit fliegenden Worten, nicht länger in Fichtenau zu verweilen, als es unumgänglich notwendig sei, und vor allem den Termin innezuhalten, zu dem man ihn in Sundin am Gymnasium erwartete. Oswald war durch die mancherlei wunderlichen Abenteuer der letzten Stunden so gleichsam auf alles Außerordentliche vorbereitet, daß er die Mitteilung mit einer Art von Gleichgültigkeit entgegennahm. Er versprach indessen, was Franz von ihm verlangte, während er ihn zum Wagen begleitete. »Wissen Sie was, Oswald«, sagte Franz, schon im Wagen, »kommen Sie mit mir! Sie werden diese Zumutung sonderbar finden, aber das Sonderbarste ist oft das Vernünftigste.« »Es geht nicht, Franz«, sagte Oswald«,ich kann nicht wieder abreisen, ohne Berger auch nur gesehen zu haben, und überdies –« »Ich weiß alles, was Sie mir sagen können«, erwiderte Franz, »und offen gestanden, habe ich eigentliche Gründe für meine Zumutung gar nicht; nur ein Gefühl, als ob ich Sie nicht allein hierlassen dürfe, als ob die Luft hier herum für Sie mit Unheil angefüllt sei. Kommen Sie mit mir, Oswald!« »Ich will Ihnen sobald als möglich folgen.« »Dann leben Sie wohl! Fort, Schwager!« Franz drückte noch einmal Oswalds Hand. Der Wagen rollte eilends über das holprige Pflaster des Städtchens davon. »Schade, daß der Herr sobald wieder fort mußte«, sagte Louis, der Oberkellner des Kurhauses, der mit der Serviette unter dem Arm und der Feder hinter dem Ohr neben Oswald stand. »Ein charmanter Herr! – Wollen der Herr Doktor jetzt soupieren? Der Herr Doktor finden noch charmante Gesellschaft im Speisesaale.« Oswald ging in das Haus zurück. Hätte Franz in diesem Augenblick noch einmal seine Aufforderung wiederholt, Oswald würde sich nicht länger geweigert haben, ihm zu folgen. Seitdem ihn Franz verlassen, war es ihm, als ob sein guter Engel von ihm gewichen und die Luft in Fichtenau für ihn mit Unglück angefüllt sei. Sechstes Kapitel Am nächsten Tage erwachte Oswald spät aus einem durch wunderliche, unheimliche Träume vielfach gestörten, unerquicklichen Schlaf. Der Vormittag verging, ohne daß er sich hätte entschließen können, den schweren Gang zu Doktor Birkenhains Anstalt anzutreten; er verschob den Besuch bis auf den Nachmittag und redete sich ein, er werde dann in besserer Stimmung und besser vorbereitet sein, Berger unter die Augen zu treten. Er ging am Mittag zur Table d'hôte hinab, die trotz der vorgerückten Jahreszeit noch zahlreich von Vergnügungsreisenden und Kurgästen besucht war und mußte, während er still hinter seiner Flasche saß, dem Gespräch einiger junger Handlungsbeflissenen zuhören, das sich über tausend Gegenstände erging, unter anderem auch über die Flucht der Zigeunerin mit ihrem Kinde und über den Skandal, der infolgedessen den Frieden der »Grünen Mütze« und die nächtliche Ruhe eines nicht unbeträchtlichen Teils des Städtchens gestört hatte. Einige der jungen Herren, die gestern der Vorstellung auf der Finkenwiese beigewohnt hatten, rühmten gegen die heute erst angekommenen Kollegen die Schönheit der Zigeunerin und bedauerten lebhaft das plötzliche Verschwinden einer so famosen Person. Auch die Kleine sei ein famoses Ding gewesen, mit ganz famosen Augen. Ein verrückter Engländer, der des Weges gekommen, habe sich sofort in sie verliebt und es sei die allergrößte Wahrscheinlichkeit, daß besagter Engländer, von dem man hernach weder etwas gehört noch gesehen, die Zigeunerin entführt habe. Über das Schicksal Xenobis und der Czika nicht eben beruhigt, verließ Oswald den Tisch, um sich wieder auf sein Zimmer zu begeben. Er war natürlich jetzt noch weniger als vorher in der Stimmung, Berger aufzusuchen, und es kostete ihn nicht geringe Überwindung, endlich dem Kellner zu klingeln und den sofort Erscheinenden über den Weg nach Doktor Birkenhains Anstalt zu befragen. »Doktor Birkenhains Anstalt, mein Herr? Ganz in der Nähe, mein Herr! Der bequemste Weg führt durch unsern Garten auf die Höhe, dann immer links auf der Höhe am Fluß entlang fort, bis Sie an ein großes Haus kommen. Das ist Doktor Birkenhains Anstalt, mein Herr! Haben vielleicht einen Verwandten oben? Kommen oft Herrschaften zu uns, Verwandte bei Doktor Birkenhain zu besuchen. Erst in diesem Sommer war eine Dame mehrere Monate bei uns, auch aus Ihrer Gegend. Sehr schöne Dame, kennen der Herr vielleicht – eine Frau von Berkow mit ihrem Bruder, einem Baron von Oldenburg – sehr langer Herr mit einem schwarzen Bart –« »Ist Baron Oldenburg ein Bruder der Dame?« fragte Oswald nicht ohne einiges Widerstreben. »Ei jawohl, mein Herr! Die Herrschaften waren ja fast zwei Wochen lang zusammen hier. Aber der Herr Bruder mußten fort, bevor der Herr von Berkow starb – hartes Schicksal für eine schöne, junge Frau. Werden der Herr zum Souper zurück sein? Nein? Aber doch die Nacht bei uns verweilen? Dachte mir gleich! Sonst nichts zu befehlen? – Wie lange Sie gehen? Oh, höchstens zehn Minuten, werde den Herr selbst bis auf den Weg bringen.« Oswald wanderte, nachdem der geschwätzige Kellner ihn verlassen, auf dem Pfad dahin, der an der Abdachung des langgestreckten Hügels allmählich höher führte. Links unter ihm plätscherte, von hohen Bäumen überwölbt, die Fichte, ein klares, forellenreiches Bergwasser, von dem das Städtchen seinen Namen hat. Hier und da blickte es freundlich zwischen den Bäumen hervor, um alsbald wieder zu verschwinden, wie ein neckisches spielendes Kind. An einer Stelle hatte man den Flüchtling angehalten und ihn gezwungen, die Räder einer Mühle zu treiben. Das mochte dem Wildfang schlecht gefallen. Er stürzte sich wie im Zorn durch die enge hölzerne Rinne, rüttelte sind schüttelte aus Leibeskräften an den Schaufeln und stürzte dann zischend und kochend in ärgerlichem Ungestüm davon. Oswald setzte sich der Mühle gegenüber auf das niedrige Geländer des Weges und schaute lange in das Wasser hinab, wie es brodelte und schäumte, Wirbel in Wirbel drehend, Welle durch Welle verdrängend. Er dachte an Melitta, wie oft sie wohl diesen Weg am Arm »ihres Bruders« zurückgelegt und an dieser Stelle, deren malerische Schönheit ihrem Blick gewiß nicht entgangen war, verweilt haben mochte. Er fühlte sich zum Sterben traurig. Seine Gefühle kochten durcheinander wie die Wasser zu seinen Füßen, seine Gedanken wirbelten und kreisten, wie die Schaumblasen auf den Wellen. War denn der Haß nicht so blind wie die Liebe? Gab es denn ein Recht und ein Unrecht? Die Welt sollte ein Kosmos sein? Ja, für den, dessen Blick nur immer auf der glatten Oberfläche des Flusses weilt, da wo er zwischen schattigen Bäumen über ebenen Boden lustig dahinströmt: aber auch für den, der in seine Tiefe dringt, wo alles chaotisch durcheinander braust und rauscht? Auf, auf, zu ihm, dem Mann der Schmerzen! Er hat in des Lebens Tiefe geblickt; er soll mir sagen, was er da erschaute, welche Larven und Gespenster, daß er voll Schauder und Grausen das edle Antlitz verhüllte! Oswald sprang wieder auf und ging den Weg, der jetzt immer steiler wurde, hinauf, bis er an ein großes Gebäude kam, das, etwas von der Straße entfernt, auf einer mäßigen Anhöhe zwischen Gärten und Nebengebäuden gelegen und von einer hohen Mauer auf allen Seiten umgeben, für die Wohnung eines Privatmannes zu schloßartig und für ein Schloß zu gefängnismäßig aussah. Es war Doktor Birkenhains Anstalt. Nicht ohne Herzklopfen klingelte Oswald an der verschlossenen eisernen Gittertür. In dem Pförtnerhäuschen öffnete sich ein Fenster; der Pförtner schaute heraus und fragte nach seinem Begehr. Oswald wünschte Doktor Birkenhain zu sprechen. »Sind Sie schon gemeldet?« »Ja.« »Ihr Name?« Oswald nannte seinen Namen. Der Mann blickte auf eine Tafel, die die Namen der Angemeldeten enthalten mochte; dann steckte er den Kopf wieder zum Fensterchen heraus: »Nur gerade über den Hof nach der Haupttür; dort noch einmal zu klingeln.« Die Tür tat sich auf und schloß sich wieder hinter dem Eingetretenen. Oswald ging über den geräumigen, mit Kies bestreuten, hier und da mit Büschen und Bäumen bepflanzten Vorhof dem Hause zu. Auf einer Bank unter einem dieser Bäume saß in einer Gruppe von mehreren Personen ein junger, sehr wohlgekleideter Mann. Als Oswald an ihm vorüberschritt, erhob sich der junge Mann, trat auf ihn zu und sagte, indem er mit einer höflichen Verbeugung den Hut zog. »Ich habe gewiß die Ehre, mit dem Kaiser von Fez und Marokko zu sprechen?« Als Oswald diese wunderliche Frage verneinte, schüttelte der junge Mann traurig den Kopf und sagte, indem er Oswald mit einem leeren Blick ansah: »Es ist merkwürdig; der Kaiser hatte es mir doch so fest versprochen, mich noch in diesem Sommer abzuholen, und der Sommer geht zu Ende, und der Kaiser kommt nicht; ich werde wohl bis nächsten Sommer warten müssen. Dann aber kommt er ganz gewiß. Meinen Sie nicht auch?« »Ich zweifle keinen Augenblick daran«, erwiderte Oswald. Ein schwacher Strahl von Freude zuckte über das blasse Gesicht des Unglücklichen. Er verbeugte sich abermals, setzte seinen Hut wieder auf und schritt zu seinem Platze auf der Bank zurück. Oswald gelangte zu der Haupttür, klingelte und wurde von einem Diener, der öffnete und nach seinem Namen fragte, in ein Zimmer geführt, mit der Anweisung, ein wenig warten zu wollen, Doktor Birkenhain würde alsbald erscheinen. Es war ein hohes, schönes Gemach; ausgezeichnete Ölgemälde schmückten die Wände; zwischendurch antike Köpfe und Büsten auf Konsolen: der Apoll von Belvedere, der Zeus von Otricoli, die Ludovisische Juno; auf Tischen mitten in dem Zimmer Bücher und Kupferwerke – alles atmete den heitern Genuß des Daseins; nichts erinnerte daran, daß man sich in einem Hause der Krankheit und des Todes befinde. Nach einigen Minuten trat Doktor Birkenhain herein. Oswald hatte sich natürlich von diesem Manne, der in der letzten Zeit von einer so verhängnisvollen Bedeutung für ihn geworden war, ein Bild entworfen, und war jetzt nicht wenig erstaunt, als er fand, daß von diesem Bilde auch nicht ein Zug paßte. Er hatte sich Doktor Birkenhain als einen Ehrfurcht gebietenden Greis vorgestellt, voll Gravität und Würde, und sah sich jetzt einem Manne gegenüber, der nicht viel älter sein konnte als er selbst, zum wenigsten das dreißigste Lebensjahr schwerlich überschritten hatte – lang und dürr, mit schlichtem hellbraunem, nicht allzu dichtem Haupthaar und spärlichem Schnurr- und Kinnbart – ein mageres Gesicht von einer kränklich gelben Farbe – eine hohe Stirn, große hellblaue Augen, denen man es auf den ersten Blick ansah, daß sie gewohnt waren, in der Seele des Menschen zu lesen, und deren durchdringende Schärfe auf die Dauer fast unerträglich wurde. Nach der ersten Begrüßung und nachdem Doktor Birkenhain bedauert hatte, daß es ihm nicht vergönnt gewesen sei, die Bekanntschaft seines Kollegen Braun zu machen, der sich durch seine Abhandlung über den Typhus mit einem Schlage einen Platz unter den ersten Pathologen Deutschlands erworben habe, sagte er: »Ich habe Ihrem Besuch mit großer Spannung entgegengesehen, weil ich mir von Ihrem Wiedersehen mit Berger sehr viel verspreche. Ich weiß von Herrn Bemperlein und auch aus Bergers eigenem Munde, daß Sie der vertrauteste Freund und sozusagen der Liebling des unglücklichen Mannes sind – es wenigstens vor dem Ausbruch seiner Krankheit waren. Wenn etwas imstande ist, das bei Berger fast bis auf den letzten Funken erloschene Interesse am Leben wieder zu entfachen, so ist es die Liebe – nicht die allgemeine Menschenliebe, die nur ein anderer Ausdruck für Egoismus ist, sondern die ganze spezielle Liebe für ein bestimmtes Individuum, an dessen Freuden und Leiden er einen sympathischen Anteil nimmt. Die Liebe ist das realste aller Gefühle, das sich am kräftigsten gegen die Vernichtung wehrt und alle anderen überdauert. Der größte Psycholog, der vielleicht je gelebt hat und dem wir Irrenärzte sehr viel verdanken, Shakespeare, läßt seinen Lear noch kurz vor dem Ausbruche des Wahnsinns zum Narren sagen: Mir blieb ein Stückchen vom Herzen noch und das bedauert dich. Dies Stückchen vom Herzen ist der gesunde Punkt, von dem die Heilung ausgehen muß, auch bei Berger. Ich bitte Sie deshalb, Berger auf alle Weise für Ihr individuelles Schicksal zu interessieren. Erzählen Sie ihm von Ihren Plänen und Entwürfen, von Ihren Hoffnungen und Wünschen; von Ihren Freuden und Leiden. Besonders von diesen, wenn Sie davon zu berichten haben und – verzeihen Sie dem Arzt die Indiskretion! – ich glaube, daß Ihre Mitteilungen besonders nach dieser Seite hin ziemlich ausgiebig sein werden. Sie lächeln? Nun, vielleicht irre ich mich, und ein gewisses Etwas in Ihrem Gesicht ist der Ausdruck eines physischen und nicht psychischen Vorganges – aber, wie dem auch sein mag, verhüllen Sie vor Berger nicht die Schatten- und Nachtseiten Ihrer Existenz. Im Gegenteil: Klagen Sie, und je eindringlicher, je schmerzlicher, desto besser; aber klagen Sie wie ein Kranker, der nach Gesundheit schmachtet, wie ein eingefangener Vogel, der sich nach Freiheit sehnt. Das Unglück geliebter Menschen rührt uns tausendmal mehr als unser eigenes, und die Last, die Berger bei sich selbst kaum noch beachtet, wird ihm unerträglich dünken, sobald er sie auf den Schultern eines andern sieht, den er liebt. Denn, ich wiederhole es, nur so ist diesem Manne beizukommen. Gegen Vernunftsgründe ist er, der scharfsinnige Denker, der alle Philosophen in- und auswendig kennt, in einen undurchdringlichen Harnisch gehüllt. Gegen einen Beweis von der Würde und Realität des Lebens bringt er Ihnen zehn andere, die das Gegenteil dartun; und wo Sie ein Haar spalten, spaltet er das gespaltene noch einmal. Übrigens brauchen Sie nicht zu fürchten, daß er Sie, wie sonst wohl, in philosophische Dispute verwickeln wird. Die Wissenschaft, aus der er sonst in so vollen Zügen trank, ist ihm ein Greuel; er mag nichts davon hören und sehen. Und noch eins: Wie lange gedenken Sie in Fichtenau zu verweilen?« »Vier bis fünf Tage höchstens.« »Sehr gut; ich wollte Sie eben bitten, Ihren Besuch nicht länger auszudehnen. – Es handelt sich darum, auf Berger einen bedeutenden Eindruck zu machen, und zu der Freude, Sie wiederzusehen, muß der Schmerz kommen, Sie sobald wieder zu verlieren. Vielleicht, daß wir ihn so in die Welt zurücklocken, von der er sich jetzt voll Ekel abwendet.« »Ist Berger von meiner Ankunft unterrichtet?« »Nein; ich wollte auch die Überraschung zu Hilfe nehmen. Damit wir den Eindruck ganz rein haben, werde ich Sie nicht zu ihm begleiten. Sie werden mir dann erzählen, wie er Sie empfangen hat. Er pflegt um diese Zeit seinen Spaziergang in die Berge zu machen, den er manchmal bis in den Abend ausdehnt. Ich lasse ihn ganz frei gewähren, da jede Restriktion schädlich sein würde, wie es denn überhaupt jetzt nur noch sein freier Wille ist, der ihn hier hält. Begleiten Sie ihn auf diesem Spaziergange, die Herzen erschließen sich unter dem Himmelsdome leichter als unter einer Zimmerdecke. Noch eins« , fuhr Doktor Birkenhain fort, während sie sich von ihren Plätzen erhoben, »Sie werden Berger auch in seinem Äußern verändert finden; suchen Sie auch da, mit aller Schonung natürlich, einzuwirken. Solche scheinbare Kleinigkeiten sind von der größten Bedeutung; ein fehlender Handschuhknopf kann einen Dandy um seine gute Laune bringen, und wir haben eine andere Stimmung im Schlafrock und eine andere im Frack. – Nun wollen wir gehen, wenn es Ihnen recht ist; ich will Sie selbst bis an Bergers Tür bringen.« Die beiden Herren gingen aus dem Empfangszimmer auf den mit Fliesen ausgelegten Flur, die breiten steinernen Treppen hinauf, durch hohe, helle, luftige Korridore. Es begegneten ihnen mehrere Personen, die Oswald nicht für Kranke gehalten haben würde, wenn Doktor Birkenhain es ihm nicht gesagt hätte; so vernünftige Antworten gaben sie auf die hingeworfenen Fragen des Arztes. »In diesem Flügel ist die Station für die leichtesten Kranken«, sagte Doktor Birkenhain, »bei dem schönen Wetter sind die meisten im Garten oder auf dem Hofplatz. – Wie geht's, Herr Kommerzienrat?« »Danke, Herr Doktor!« erwiderte der Angeredete, ein außerordentlich wohlhäbig aussehender Mann, der mit einer Gießkanne in der Hand vorüberging, »Danke; es würde ganz gut gehen, wenn –« Der Kommerzienrat trat mit einem Blick auf Oswald dem Doktor näher und flüsterte ihm etwas ins Ohr, wovon Oswald nur die Worte: Bündel Heu – in der Seite – verstehen konnte. »Oh, das ist das wenigste«, erwiderte Birkenhain in einem Ton, dessen Zuversichtlichkeit für den größten Hypochonder überzeugend sein mußte, »das wollen wir schon wegkriegen.« – Der Kranke drückte seinem Arzt dankbar die Hand und entfernte sich, augenscheinlich über den glücklichen Ausgang seines vermeintlichen Leidens beruhigt und getröstet. »Ich wollte, Bergers Fall wäre so leicht wie dieser«, sagte Doktor Birkenhain, während sie in dem Korridor weiterschritten, »aber mit Pillen und Latwergen ist seiner Krankheit nicht beizukommen. So, nun gehen Sie den Korridor zu Ende, die letzte Tür links ist Bergers. Ich bin äußerst begierig, was Sie mir zu erzählen haben werden. Wollen Sie morgen bei mir speisen? Ich werde mir ein Vergnügen daraus machen, Sie meiner Frau vorzustellen. Um drei Uhr. Ist's Ihnen recht? Also au revoir!« Doktor Birkenhain reichte Oswald die Hand und trat in eine der Türen, an denen sie eben vorbeigekommen waren. Oswald ging den Korridor allein zu Ende, voll von dem bedeutenden Eindruck, den der Mann, der ihn soeben verlassen, auf ihn gemacht hatte, und zugleich voll Unruhe über die Rolle, die ihm zuteil war. Er sollte in Berger die Freude an einem Leben wiedererwecken helfen, das für ihn selbst beinahe alles Interesse verloren hatte! War er unter allen nicht der am wenigsten zu einer solchen Mission Geeignete? Und doch hatte er sie übernommen! Er mußte sie ausführen! Oswald kam an die bezeichnete Tür. Auf der braunen Täfelung stand mit Kreide und offenbar von Bergers Hand geschrieben: »Lasciate ogni speranza, voi che entrate!« Ein Schauer durchrieselte Oswald. Er blieb unschlüssig vor der Tür stehen, bevor er es über sich gewinnen konnte, zu klopfen. Er lauschte, ob sich nichts drinnen rege; er hörte nichts. Endlich faßte er sich ein Herz und klopfte. Da er keine Antwort erhielt, klopfte er lauter; abermals keine Antwort. Eine bange Furcht ergriff ihn; er öffnete hastig die Tür und trat in das Zimmer. Siebentes Kapitel Oswalds Furcht war unnötig gewesen. Mitten in dem großen, durch die heruntergelassenen Vorhänge halbdunklen Gemache saß Berger an einem mit Büchern bedeckten Tische. Er hatte den gesenkten Kopf in beide Hände gestützt und schien zu schlafen, denn er regte sich, obgleich er mit dem Gesicht zur Tür zu saß, selbst dann noch nicht, als Oswald bis an den Tisch getreten war. Oswald wagte nicht, ihn zu wecken. Er blieb an dem Tisch stehen und schaute mit Augen, die sich, ihm kaum bewußt, mit Tränen füllten, auf den Dulder. Welche Verwüstungen hatten diese wenigen Monate in dem einst so stolzen energischen Gesicht angerichtet! Das dunkle lockige Haar war ergraut; die massive, wie aus Granit gehauene Stirn schien, da die Schläfen kahl geworden waren, noch gewaltiger und imponierender. Ein voller Bart, den Berger sonst nicht trug, floß silbergrau von Wangen, Lippen und Kinn herab. Die Hände, die einst so sorgsam gepflegten rundlichen Hände waren so mager, so durchsichtig mager geworden! Und dieser Anzug! Eine blaue Bluse anstatt des schwarzen Rockes, an dem kein Federchen geduldet wurde; ein grobes, zerknittertes Hemd an ihm, der früher Luxus mit feinster, blendendweißer Wäsche trieb! Auf dem Tisch ein abgetragener runder Filz und ein Stock, der offenbar noch vor kurzer Zeit der integrierende Teil einer Dornenhecke gewesen war, anstatt des sorgsam gebürsteten Pariser Hutes und des Bambusrohres mit dem goldenen Knopf! – Wenn solche Veränderungen mit dem äußern Menschen vorgehen konnten, welche Revolutionen mußten in der Seele Tiefen stattgefunden haben! Berger regte sich. Er hob die Stirn, schlug die Augen auf und blickte auf Oswald. Die Augen waren tief und klar, und schienen größer als sonst. Kein Zucken verriet Erstaunen, Verwunderung oder Schrecken über den unerwarteten Anblick. »Ich hatte soeben nur von dir geträumt, Oswald!« sagte er, sich erhebend, mit einer leisen Stimme, von der alle frühere Schärfe und Kraft gewichen schien. Oswald konnte sich nicht länger beherrschen. Er schluchzte laut auf und warf sich stürmisch in Bergers Arme. All das Leid, das er erlitten – erst jetzt, an der Brust dieses Mannes glaubte er es wahrhaftig zu fühlen; alle Tränen, die sein Herz geblutet, und sein Auge nicht geweint hatte, erst jetzt, in den Armen dieses Mannes, der so viel erduldet, glaubte er sich ihrer nicht schämen zu dürfen. Berger hielt ihn mit den Armen umfangen wie ein Vater den Sohn, der aus der Ferne heimkehrt, in der er sich von Trebern nährte. »Weine nur!« sagte er. »Weine! In Tränen erleichtert sich das allzuvolle junge Herz. Als ich jung war wie du, da habe ich geweint wie du – jetzt hat mein Auge das Weinen verlernt.« »Berger, lieber, lieber Berger!« »Ich wußte, daß ich dich so wiedersehen würde; ich habe dich längst erwartet. Ich dachte nicht, daß du es in der öden Wüste auch nur so lange aushalten würdest. Weine nur! Die Tränen sind der Preis, um den wir unsere Seele zurückkaufen aus dem kläglichen Handel, den wir eingingen, noch ehe wir wußten, was wir taten. Bevor wir dem Dasein entsagen, müssen wir erkennen, daß es besser ist, nicht da zu sein. Der eine kommt früher zu dieser Einsicht, der andere später. Freue dich, daß du zu denen gehörst, die in der bitteren Qual der Sansara schon einen Vorschmack des süßen Nirwana haben.« Er ließ Oswald aus seinen Armen und griff nach dem Hut und dem Stock auf dem Tische. »Komm!« sagte er. Oswald war von dieser Szene so erschüttert, daß er nur an Bergers wunderlichen Anzug dachte, um zu fühlen, daß es schlechterdings unmöglich sei, diesem Manne von solchen Dingen zu sprechen. Er hätte ebensogern eine Mutter, die über der Leiche ihres Kindes weint, an eine Nachlässigkeit der Toilette erinnert, an eine Schleife, die sich verschoben, an ein Band, das aufgegangen ist. Sie gingen durch die langen Korridore, die breite steinerne Treppe hinab zum Hause hinaus. Als sie über den Hof schritten, kam der junge Mann, der auf der Bank saß, und wiederholte die Frage, die er vorhin an Oswald gerichtet hatte: »Ich habe gewiß die Ehre, mit dem Kaiser von Fez und Marokko zu sprechen.« »Nein«, antwortete Berger, »der Kaiser kommt nicht, verlassen Sie sich darauf!« »Kommt nicht?« sagte der junge Mann, und sein bleiches Gesicht wurde noch bleicher und seine Augen irrten unruhig umher. »Kommt nicht? Woher wissen Sie das?« »Weil, wenn er käme, es dir nicht zum Glück, wie du wähnst, sondern nur zu deinem gänzlichen Verderben gereichen würde. Warum willst du, daß er kommt? Damit er dir Gold bringt, das du verspielst, und Juwelen, die du an deine Mätressen verschenkst; damit er dir die Mittel zu einem Leben gewährt, dem entronnen zu sein, du deinem Gott, wenn du an einen Gott glaubst, auf den Knien danken müßtest. Was du für einen Stern der Verheißung hältst, ist nur ein Irrlicht auf dem Sumpfe. Trau seinem Schimmer nicht, er lockt dich hierhin und dorthin und immer tiefer in den Morast. Kehr ihm entschlossen den Rücken zu! Noch einmal sage ich dir: Der Kaiser kommt nicht, und es ist ein Glück für dich, daß er nicht kommt.« »Kennen Sie denn Se. Majestät so genau?« stotterte der junge Mann. »Sehr genau«, sagte Berger, und ein eigentümliches Lächeln spielte auf seinem Gesicht, »sehr genau, nur zu genau. Auch mich hat Se. Majestät lange genasführt. Ihnen verspricht er Geld und Gut, mir versprach er – es bleibt sich gleich, was; und so verspricht er jedem etwas anderes, um jeden zu narren und zu äffen. Die Einsicht, daß es mit Se. Majestät Versprechungen eitel Wind ist, das ist der Weisheit Anfang – wie es denn auch ihr letzter Schluß ist.« Diese Worte sprach Berger mit plötzlich abfallender Stimme, wie zu sich selbst. Er achtete des jungen Mannes nicht weiter, der mit einem unbeschreiblich traurigen Gesicht, den Hut in der Hand, dastand; auch Oswalds nicht, der schweigend und durch die eben erlebte Szene aufs peinlichste berührt, neben ihm her weiterschritt. Berger mußte ahnen, was in der Seele seines Begleiters vorging, denn als sie durch die Pforte, die ihnen ohne weiteres geöffnet wurde, getreten waren und nun auf der Landstraße dahinschritten, die erst an dem Fluß entlang, dann über eine Brücke auf das jenseitige Ufer und von dort höher und immer höher in die Berge führte, unterbrach er plötzlich das Schweigen und sagte: »Du wunderst dich, daß ich mit dem armen Schelm nicht glimpflicher verfuhr, daß ich ihm seine wahnwitzigen Illusionen so grausam zerstörte. Diese scheinbare Grausamkeit ist im Grunde Wohltat.« »Wer ist der Unglückliche?« »Ein Graf Maltan aus unserer Gegend. Er hat binnen wenigen Jahren ein Vermögen von Millionen in sinnlosen Ausschweifungen durchgebracht. Jetzt hofft und harrt er auf den fabelhaften Kaiser, der ihm wiederbringen soll, was er verlor.« »Aber wenn der junge Mann dadurch, da Sie ihm diesen einzigen letzten Trost rauben, den schwachen Rest seines Verstandes vollends verliert –« »Du sprichst wie Doktor Birkenhain. Ich muß lachen, wenn ich sehe, wie dieser Mann in seinem blinden Optimismus sich gegen die Kraft stemmt, die den Menschen unaufhaltsam zur Vernichtung treibt, dem Kinde gleich, das einen Strom mit seinen Händchen aufzuhalten versucht. Mein Studium hier besteht in der Beobachtung dieses eigentümlichen Kampfes, der erhaben sein würde, wenn er nicht lächerlich wäre. Diese Ärzte tappen im dunkeln, wie bei einem Blindekuhspiel, und glauben die Krankheit zu kurieren, wenn sie die Symptome fortschaffen. Sie wissen nicht, sie ahnen nicht, daß eben das Leben selbst der Schuh ist, der uns drückt, das Nessuskleid, das uns bei lebendigem Leibe verbrennt; und daß diesen Schuh auszuziehen, dieses Kleid von sich zu streifen, nicht nur das beste, sondern auch das einzige Mittel ist, der öden Qual des Daseins zu entrinnen.« Sie waren, von der Landstraße abbiegend, auf eine Lichtung im Walde gelangt, die mit Moos und Heidekraut dicht übersponnen war. Vor ihnen sah man über die Wipfel der Tannen weg in die Ebene, aus der sie emporgestiegen waren und weit in das Hügelland hinein; hinter ihnen zog sich der Wald bergauf höher und höher. – Es war still, lautlos still um sie her. Lange weiße Fäden wehten durch die dünne klare Luft. Die Blumen waren verschwunden; die Vögel hatten ihre Lieder, die Zikaden ihr Schwirren verlernt; der Sommer war tot und die Natur saß in stummem Schmerz an seiner Leiche. Selbst der herrliche Sonnenschein war wehmütig wie einer Witwe Lächeln; das Blau des Himmels matt und krankhaft wie einer Trauernden verweintes Auge. Berger hatte sich auf einen niedrigen Baumstumpf gesetzt, Oswald sich neben ihn in das dichte Heidekraut gelagert. In dieser Waldesstille, die ihn so lebhaft an die Forsten von Grenwitz und Berkow und an die schmerzlich süßen Tage, die er dort verlebt, erinnerte, überkam ihn jener Drang, sich mitzuteilen, der uns in manchen Momenten mit unwiderstehlicher Heftigkeit befällt. Wie es den katholischen Christen treibt, die tiefverborgenen Geheimnisse seiner Brust dem Priester, seinem personifizierten Gewissen, ins Ohr zu murmeln, so trieb es Oswald, dem unglücklichen Mann an seiner Seite, in dem er von Anfang an sein zweites Ich erkannt hatte, alles zu beichten, was er erlebt, erstrebt, gefehlt und gesündigt hatte in dieser letzten, für ihn so ereignisreichen, verhängnisvollen Zeit. Er dachte nicht an Doktor Birkenhains Weisung, Berger auf jede Art für sein Schicksal zu interessieren und dem Kranken gegenüber die Rolle eines Arztes zu spielen. War er doch selbst so krank! Aber, wie es auch in seinem Herzen wühlte – der Mann an seiner Seite hatte Schlimmeres erduldet; was er sich selbst kaum zu gestehen wagte – ihm, dem Manne, der gesenkten Hauptes in dem dunklen Labyrinth der Seele umherwanderte und keinen Weg zum Licht des Tages zu finden wußte – ihm durfte er alles, alles sagen. Und, stockend im Anfang, und dann immer lebhafter, leidenschaftlicher erzählte er ihm, was er zu erzählen hatte: seine Liebe zu Melitta, seine Liebe zu Helenen, seine Freundschaft für Bruno; und wie ihm die Eifersucht und der Wankelmut des Herzens jene, und die Verkettung der Umstände diese und der Tod den herrlichen Knaben geraubt hatten. Berger hatte, das Kinn in die Hand stützend und mit großen Augen unablässig in die Ferne blickend, ohne Oswald auch nur einmal zu unterbrechen, schweigend zugehört. Endlich, als der junge Mann mit der schmerzlichen Klage schloß: »Warum haben Sie mich in dieses Wirrsal geschickt? Warum haben Sie mich so lange in der Irre gelassen?« erhob er das Haupt, wandte die Augen auf ihn und sagte langsam und bedächtig: »Weil du auch dies erfahren mußtest, weil du, als du in Grünwald bei mir warst, noch immer an die große Lüge glaubtest, die wir Leben nennen, weil der Trotz, mit dem du diese Lüge bejahtest, gebrochen werden mußte. Ich habe dich den kürzesten und sichersten Weg zur Erkenntnis geführt. Ich wußte, daß du dich blenden lassen würdest von der trügerischen Spiegelung, daß du mit pochendem Herzen, mit lechzender Zunge durch den öden, heißen Sand eilen würdest, weiter, unaufhaltsam weiter, nach dem blauen See mit dem waldbegrenzten Ufer, der sich vor dir zurückzog in demselben Maße, in dem du dich ihm zu nähern glaubtest, bis du endlich, in deiner Qual dir und deinem Dasein fluchend, zusammenbrechen würdest. Freue dich! Du hast es überstanden, und in ebensoviel Wochen, als ich dazu Jahre brauchte, den ersten, den schwersten Kursus durchgemacht: Du hast die Augen aufgeschlagen und angesehen, was da war, und siehe! Es war nicht gut! Dir ist der Wert des Lebens, der Zweck des Lebens problematisch geworden: Du hast angefangen zu begreifen, daß es mit jener Behauptung schaler Optimisten: Das Leben sei des Lebens Zweck, nicht seine Richtigkeit hat – man müßte denn seine Beruhigung in dem Erstreben eines Zieles finden, das sich nie erreichen läßt, oder das, wenn es in jedem Augenblick erreicht wird, in keinem Augenblick erreicht zu werden verdient. Du hast gesehen, daß Lug und Trug und Dummheit und Gemeinheit sich in Wahrheit, Ehrlichkeit, Weisheit und Hoheit unauflöslich verweben. Diese Erkenntnis, die nur den stumpfsinnigen Sklaven kaltläßt, der die Peitschenhiebe seines Treibers grinsend entgegennimmt, edele Seelen aber zum Tode betrübt, ist der Anfang der Weisheit, ist die Vorhalle zum großen Geheimnis.« »Und das große Geheimnis?« Berger antwortete nicht; er schaute wieder mit jenem trüben, starren Blick in die Ferne. Oswald wagte nicht, seine Frage zu wiederholen. Diese Stille ringsumher! Still flossen die feinen Sommerfäden durch die helle Luft; still wob der Abendsonnenschein sein goldenes Netz über das Heidekraut des Bodens und die dunkelgrünen Wipfel der Tannen. So saßen sie stumm nebeneinander – stumm und traurig wie zwei im Walde verirrte Kinder. Aber während der Mann, der mit dem Leben abgeschlossen, dem es fürchterlicher Ernst war mit seiner Weltverachtung, sich widerstandslos tiefer und tiefer in den Abgrund seiner Schmerzen sinken ließ, kämpfte die junge ungebrochene Lebenskraft in dem andern gewaltsam hinauf zur Luft und zum Licht. »Was ist es, das sich in mir in diesem Augenblicke, wo ich es am wenigsten erwartete, gegen Ihre herbe Weisheit auflehnt?« fragte er, zu Berger aufschauend. »Mein Verstand sagt mir, daß Sie recht haben; aber – mein Auge trinkt den Zauber dieser abendlichen Landschaft, trinkt ihn bis ins Herz hinein und in meinem Herzen flüstert eine Stimme: Die Welt ist so schön, so schön! Und wenn auch das Leben dir Bitternisse ohne Zahl zu kosten gibt, doch ist es süß. – Sagen Sie, Berger, haben Sie je geliebt mit aller Kraft der Seele? Und kann die Liebe sterben wie der Sommer und die Blumen und der warme Sonnenschein?« Berger lächelte – es war ein sonderbares, unheimliches Lächeln. »Ob ich geliebt habe?« Er senkte den Blick und hob mit seinem Stabe von der Moosdecke zu seinen Füßen ein Stück ab. »Was frommt es«, sagte er, »den Schleier heben, den so viele Jahre über die Vergangenheit breiteten? Du siehst, was drunter ist, ist Moder und Verwesung. Und doch«, sagte er nach einer Pause, »es ist gut, wenn du auch das erfährst. Höre! Es sind jetzt dreißig Jahre her – ich stand damals in deinem Alter, aber ohne deine Erfahrungen gemacht zu haben, in frischer ungebrochener Kraft mich an das Leben klammernd, das mir süß und köstlich schien wie eine liebe Braut. Wenn je ein Mensch geschwärmt hat für Freiheit und Schönheit, für all die bunten Phantasmagorien, mit denen der blinde Drang, der uns ins Dasein rief, sich selbst zu beschönigen und die jämmerliche Hohlheit des Daseins zu verdecken sucht – wenn je ein Mensch für die blutlosen Schemen, die man Ideale nennt – begeistert war – so bin ich es gewesen. Ich glaubte, Tor, der ich war, daß die ewige Seligkeit schon hier auf Erden erreicht sei, überall, wo im freien Lande freie Menschen wohnten. Ich glaubte an ein Vaterland und habe auf den Schlachtfeldern von Leipzig und Waterloo mit meinem Blute meinen Glauben besiegelt. Ich kam zurück, voll des heißen Dranges, das angefangene Werk zu vollenden. Aber ehe ich darangehen konnte, die Wunden zu heilen, die der Krieg dem Vaterlande geschlagen, mußte ich an die Heilung meiner eigenen Wunden denken. Man schickte den Rekonvaleszenten nach Fichtenau. Damals sah es noch anders aus in Fichtenau. Es existierte noch kein Kurhaus und keine Heilanstalt für Geisteskranke – nichtsdestoweniger wurde der Ort nicht leer von Fremden, denn der poetische Nimbus, den die großen Männer von Weimar über diese Täler ausbreiteten, lockte die Menge. Ich hielt mich fern von ihr und lebte einzig meiner Gesundheit und meinen Studien. Ich wohnte in dem Hause eines alten Rektors, mit dem ich bekannt geworden war und dessen Freundschaft ich kultivierte, weil er eine verhältnismäßig große Bibliothek besaß und Bücher dazumal und besonders in diesem Winkel nicht so leicht zu haben waren wie jetzt. Aber der alte Rektor besaß außer seiner Bibliothek noch einen andern Schatz – eine wunderschöne Tochter. Die Tochter wurde mir bald interessanter als die Bibliothek. Du hast mich gefragt, ob ich je geliebt mit aller Kraft der Seele. Wenn du Eleonoren gekannt hättest und wüßtest, wie voll und mächtig damals mein Herz schlug – du würdest nicht haben zu fragen brauchen. Es war ein Sommertag – ein paradiesisch schöner Sommertag. Wir waren nach Tische in den Wald gezogen – eine bunte Gesellschaft – jung und alt. Wir lagerten uns in dem Schatten der Tannen auf das schwellende Moos. Wir scherzten und lachten – ich auch, obgleich es mir gar nicht nach Scherz und Lachen zumute war. Wie mein Auge an ihrer reizenden Gestalt hing, während sie in der Gesellschaft mit schalkhafter Anmut die Honneurs machte; wie mein Ohr den Ton ihrer silberklaren süßen Stimme trank! Es war das alte Sirenenlied, das schon vor tausend und tausend Jahren erklungen ist, und nach tausend und tausend Jahren noch immer erklingen wird – bis die Zeit erfüllet ist. Nach dem Kaffee schweiften wir durch den Wald; gruppenweis, paarweise wie der Zufall und die Laune es wollten. Ich war Eleonoren gefolgt, die sich einen Strauß von Waldblumen pflückte – ich half ihr, obgleich ich nicht viel von dergleichen verstand und wegen meiner Wahl von dem neckischen Mädchen ausgelacht wurde. Aber sie wurde stiller und stiller, je tiefer wir in den Wald gerieten und je weiter wir uns von den andern entfernten. Je stiller und ängstlicher sie wurde, desto lebhafter und kühner wurde ich. Ihre Schweigsamkeit und ihre Röte auf den Wangen verrieten mir, was ich im stillen gewünscht, vom Himmel in heißen Gebeten erfleht und doch nicht zu hoffen gewagt hatte. Da traten wir heraus auf diese Lichtung. Dieselben Berge, die dort vor uns liegen, blauten herüber und dieselbe Sonne, die dort vom Himmel blickt, goß ihr blendendes Licht verschwenderisch auf uns hernieder. Und das goldene Licht glänzte auf ihrem dunklen lockigen Haar und leuchtete auf ihren weißen runden Schultern – und hier auf dieser selben Stelle sind wir uns in die Arme gesunken und haben uns unter heißen Tränen ewige Liebe und Treue geschworen. Der Stumpf, auf dem ich hier sitze, war damals eine junge schlanke, kräftige Tanne, und ich war jung und schlank und voll übermütiger Kraft. Der Baum ist umgehauen und ins Feuer geworfen; ich – ich bin geworden, was ich bin.« Berger schwieg und wühlte mit seinem Stabe in dem Moose zu seinen Füßen. Oswald schaute voll Ehrfurcht auf den unglücklichen Mann; aber er wagte nicht, zu sprechen, ja nicht einmal Bergers herabhängende Hand zu ergreifen. Auf Bergers Gesicht lag eine hehre Ruhe; keine Miene verriet, was in diesem Augenblick in seinem Herzen vorging; aber er sah nicht aus wie einer, der Mitleid heischt und Mitleid erwartet. »Nicht auf einmal«, fuhr er plötzlich fort, »die Kraft in mir war groß und konnte nur allmählich gebrochen werden. – Ich sprach, als wir nach Hause gekommen waren, mit dem Alten; er hatte mich lieb und freute sich von Herzen unsrer Liebe. Wenige Tage darauf ging ich auf die Universität zurück, um meine Studien, die der Krieg unterbrochen hatte, wieder aufzunehmen. Ich studierte mit einem eisernen Fleiß, denn mein Wissensdurst war nicht minder groß als mein Wunsch, sobald als möglich in den Stand gesetzt zu werden, Eleonoren als meine Gattin heimführen zu können. Ich kam deshalb nur selten und nur auf kurze Zeit nach Fichtenau, um mich in Eleonorens Liebe zu sonnen und mit neuem Mut und neuen Kräften zu meinen Arbeiten zurückzukehren. Aber ich hatte noch eine andere Geliebte, die ich mit nicht geringer Schwärmerei anbetete – die Freiheit. Ich teilte diese Leidenschaft mit vielen andern edlen Jünglingen. Wir wollten unser Blut auf so viel Schlachtfeldern nicht umsonst vergossen haben; wir wollten nicht, nachdem wir den einen Löwen glücklich gebändigt, so vielen Schakalen und Wölfen zur Beute fallen. Aber die Schakale waren auf ihrer Hut, und die Wölfe brachen in unsre Hürde. Ich bekleidete seit einem Jahr ein kleines Schulamt in der Provinz; ich hatte alles zu meiner Hochzeit vorbereitet – der Termin war festgesetzt; ich zählte die Tage und Stunden –, da werde ich eines Nachts von Bewaffneten aus dem Bette geholt. Meine Papiere wurden versiegelt – und die nächste Nacht schlief ich in der Kasematte einer Festung. Oder vielmehr: ich schlief nicht; ich tobte, ich raste, ich rang mir die Hände an den Gittern meines Käfigs blutig. Nach und nach tröstete ich mich mit der Hoffnung, daß diese Gefangenschaft nicht lange dauern könne, und Eleonore – nun sie würde dies bittre Los ertragen wie eine Heldin. Ein zweiter Egmont, sah ich die Freiheit und die Geliebte nur in einem Bilde. Durch Nacht zum Licht! Durch Kampf zum Sieg! Das war der Zauberspruch, mit dem ich das schlangenhaarige Scheusal Verzweiflung, wenn es sich an mich drängen und seine Tatzen in mein Herz schlagen wollte, zurückzuscheuchen suchte. Der Zauberspruch sollte Zeit haben, seine Kraft zu erproben – ich blieb fünf Jahre lang ein Gefangener. Wohl war während dieser Zeit, die ich nach dem Schlag des Herzens und dem Fall der Tropfen maß, die von der feuchten Decke des Kerkers sickerten, mein Glaube an die vermeintliche Göttlichkeit der Weltordnung arg erschüttert worden – aber, ich sagte dir, meine Lebenskraft war groß und mein Wille zum Leben übermächtig. Ich hatte in den stillen, öden Nächten, wo ich mich ruhelos auf meinem harten Lager wälzte, wohl das große Wort, das uns erlöst, vernommen, aber ich hatte es nur halb und nicht einmal halb verstanden. Ich hatte es in der langen Lehrzeit eben erst zu buchstabieren begonnen; das Leben sollte mich noch in seine harte Schule nehmen, bevor ich es fließend lesen lernte. Ich war kaum aus meiner Haft entlassen, als ich – du kannst dir denken, mit welchen Gefühlen – hierher nach Fichtenau eilte. Ich hatte im Anfange meiner Gefangenschaft einen und den andern Brief von Leonore erhalten, in dem sie mich zur Standhaftigkeit, zum Ausharren beschwor, bei demselben Gott, zu dem sie allstündlich ihre Gebete um meine Freiheit sende. Diese Briefe waren seltener geworden, bis sie nach zwei Jahren ungefähr ganz ausblieben. Das war mir das Schmerzlichste; aber ich glaubte stets, daß nur die Grausamkeit meiner Kerkermeister mir diese Labetropfen versage und biß die Zähne zusammen und fluchte meinen Peinigern. Ich hatte den Leuten Unrecht getan. Tief in der Nacht kam ich nach Fichtenau. Ich fuhr direkt nach dem wohlbekannten Hause, ich sprang aus dem Wagen, ich riß an der Klingel. Da öffnete sich oben ein Fenster, ein altes Weib schaute heraus und fragte nach meinem Begehr. Ich fragte nach dem Rektor. ›Der ist seit drei Jahren tot‹, war die mürrische Antwort. ›Und wo ist seine Tochter?‹ ›Da müssen Sie den vornehmen Herrn fragen, der mit ihr vor drei Jahren davongelaufen ist‹, sagte das Weib und warf das Fenster zu. Ich stand wie vom Donner gerührt. Dann lachte ich laut auf, aber ich verstummte plötzlich vor einem stechenden Schmerz in meinem Herzen, denn Oswald – ich hatte Eleonore geliebt. Wie ich in den Gasthof gekommen bin, weiß ich nicht. In der Nacht schreckte ich die guten Leute durch wildes Gelächter und wahnsinniges Toben aus dem Schlaf – sie brachen in meine verschlossene Stube – ich lag im Delirium. Die Kerkerluft hatte an meinen Nerven gezehrt und der fürchterliche Schlag, der mich so unvorbereitet getroffen, das morsche Gebäude ganz erschüttert. Ich rang vier Wochen lang mit dem Tode, aber ich klammerte mich zu fest an das Leben, und der Tod ließ seine Beute fahren. Wohl mir! Der Tod wäre nicht der rechte Tod gewesen; er hätte mich dem Leben wieder ausgeliefert. Wenn ich jetzt sterbe, so sterbe ich für immer.« Ein Schauer durchrieselte Oswald. Was bedeuteten diese mystischen Worte: Für immer sterben? Enthielten sie das große Geheimnis, von dem ihn jetzt noch ein dichter Vorhang trennte? »Meine Rekonvaleszenz«, fuhr Berger fort, »dauerte lange, denn meine Kräfte waren bis aufs äußerste erschöpft worden. Ich schlich an einem Stabe durch die Gassen des Städtchens und freute mich, wenn ich jeden Tag ein paar Fuß höher bergan steigen konnte, bis ich es endlich so weit gebracht hatte, daß ich diesen Platz hier erreichte – den Zeugen eines Schwures, der, wie ich erwähnte, für die Ewigkeit geschworen war und der verweht war wie der Hauch des Mundes. Hierher kam ich jeden Tag, um über mein verlorenes Glück zu weinen und mit dem Himmel zu hadern, der seine Sonne scheinen läßt über die Ungerechten und auf Gerechte seine Blitze schleudert. Denn ich war, wie Lear, ein Mann, an dem mehr gesündigt war, als er sündigte. Ich hatte es treu und gut gemeint mit allem, was ich erstrebt und gewollt im Leben. Ich hatte mein Vaterland geliebt, wie ein Kind die Eltern liebt, mit gläubiger Seele – und zum Dank dafür hatte es mich fünf Jahre im Kerker schmachten lassen; ich hatte Eleonore angebetet mit jedem Blutstropfen meines Herzens – und zum Lohn dafür hatte sie mich verraten. Ich hatte bis zu diesem Augenblicke so gelebt, daß ich hintreten konnte vor alle Welt und sprechen: Wer kann mich einer Sünde zeihen – und doch! Und doch! Ich marterte mein Hirn mit dem Versuch der Lösung dieser Widersprüche ab. Ich hatte noch immer nicht begriffen, daß das Leben selbst die große Sünde ist, aus der alle andern mit derselben Notwendigkeit fließen, mit der der Stein, der einmal in Bewegung gesetzt ist, unaufhaltsam in den Abgrund rollt. Aber so viel wurde mir doch klar, daß es kein Gott der Liebe sein kann, der eine Welt erschuf und schafft, in der die Sünden der Väter an den Kindern und Kindeskindern heimgesucht werden; eine Welt, die überall nach dem jesuitischen Grundsatz regiert wird, daß der Zweck die scheußlichsten Mittel heiligt. Ich hatte bis jetzt an den Dingen und Menschen nur überall die guten Seiten aufgesucht, jetzt hatte das Leid, das mich selbst betroffen, mein Auge aufgetan für die Leiden aller Kreatur. Ich dachte jetzt daran, daß auf jedem Blatte der Geschichte eine Schaudertat verzeichnet steht, vor der sich unser Haar sträubt und unser Blut gerinnt; ich dachte daran, daß in jedem Menschenherzen eine dunkle Stelle ist, an der er verhüllten Angesichts vorüberschreitet; daß noch kein Mensch das Licht erblickte, für den nicht eine Stunde kam, in welcher er wünschte, er wäre nicht geboren; ich dachte daran, daß das Leben unzähliger Menschen nichts weiter als ein verzweifelter Kampf mit der grimmen Not ist; daß Krankheit und Sünde und Reue und Sorge – die trefflichen Minierer – unser Leben aushöhlen wie die Maden die Frucht; daß unsere beste Freude ein Tanz über Gräbern ist und daß, wenn das Leben wirklich köstlich war, der unerbittliche Tod ein Spott und ein Hohn ist für dies köstliche Leben. – Und ich sah mich um in der Natur, aus der die Poeten eine Idylle machen, und sah, daß sie entweder tot und fühllos ist, oder, wo sie lebt und fühlt, dazu blutige Drama des menschlichen Daseins nur in roherer, nackterer Form wiederholt. Ich sah, daß die einzelnen Geschlechter der Tiere in grimmiger, unversöhnlicher, von keinem Gottesfrieden unterbrochener Fehde begriffen sind und daß ihre Kriege mit einer brutalen Grausamkeit geführt werden, neben der sich manchmal die raffiniertesten Martern der Inquisition noch sehr unschuldig ausnehmen. Und während ich so Stück für Stück die bunten Lappen abriß, mit denen die Feigheit und der Aberwitz die Wunden und Pestbeulen des Lebens zu verhüllen sucht, erwachte in mir ein Gefühl, das meinem Herzen bis dahin fremd gewesen war, der Haß. Es war nur die Liebe in anderer Form, trotzdem ich mir einredete, ich hätte die Treulose vergessen; es war nur ein anderer Ausdruck der Bejahung des Lebens, von dem ich noch immer nicht lassen konnte, trotzdem ich mir einbildete, ich hätte mit dem Leben abgeschlossen. Wenn man das Leben wirklich verneint, so weiß man nichts mehr von Haß und Liebe. Damals aber haßte ich, heiß, wie ich geliebt hatte. Mein ganzes Sinnen und Trachten konzentrierte sich bald in dein einen glühenden Wunsch der Rache. Rache! Rache! An ihm, an ihr! So schrie eine Stimme in mir, die nicht zum Schweigen zu bringen war. In Fichtenau kannte man mein Schicksal und interessierte sich dafür mit jener wohlfeilen Sympathie, die sich von der Skandalsucht und der Schadenfreude freihalten läßt. Man erzählte mir, ohne daß ich darum fragte, alles, was man von Eleonores Flucht wußte. Um dieselbe Zeit, als ihre Briefe ausblieben, war ein junger polnischer Graf nach Fichtenau gekommen und hatte bei dem alten Rektor die Wohnung bezogen, die ich früher gehabt hatte. Das ganze Städtchen war bald voll gewesen von seiner Schönheit und seinem Reichtum. Man hatte Eleonoren mit einem so gefährlichen Hausgenossen geneckt; sie hatte dergleichen Scherze ihrer Freundinnen mit großer Indignation zurückgewiesen. Bald aber sagte man ihr nicht mehr ins Gesicht, was man von ihrem Verhältnis mit dem jungen Grafen dachte, sondern tuschelte sich nur in die Ohren, daß man sie da und da des Abends spät mit ihm gesehen habe; daß die goldene Kette, die sie auf einmal trage, auch wohl nicht aus dem Nachlaß ihrer Mutter sei. Und dann kam ein Tag, wo man sich nicht mehr ins Ohr tuschelte, sondern laut auf der Straße erzählte: des Rektors Eleonore sei über Nacht mit dem schönen Grafen davongegangen und der alte Mann, ihr Vater, der so schon lange gekränkelt, sei über diese Nachricht so erschrocken, daß er auf den Tod liege. Wirklich war der Alte ein paar Tage später gestorben. Von Eleonoren hatte man seitdem nichts gehört. Glücklicherweise wußte man auch den Namen des Grafen, und mehr bedurfte ich nicht, um den Racheplan auszuführen, den ich entworfen. Ich nahm den kleinen Rest meines Vermögens und machte mich auf die Reise. Zuerst nach Warschau. Dort kannte man den Grafen recht gut; es war ein junger Wüstling, der aus der Verführung von Frauen und Mädchen ein Gewerbe machte. Ein Bekannter wollte ihn vor zwei Jahren mit einem schönen Mädchen, das nach der Beschreibung Eleonore sein mußte, in Venedig gesehen haben. Ich reiste nach Venedig. Dort erinnerte man sich seiner wohl; er hatte zwei Monate daselbst gelebt und war dann nach Mailand gegangen. Von Mailand schickte man mich nach Rom. Dort traf ich einen Jugendfreund, einen Maler. Er hatte den Grafen und Eleonore oft gesehen und das unglückliche Mädchen bedauert, noch ehe er wußte, in welchem Verhältnis ich zu ihr stand. Er erzählte mir, daß der Graf sie sehr schlecht behandelt habe, daß er sie jedem lachend angeboten habe, mit dem Bemerken, man könne ihm keinen größeren Freundschaftsdienst bezeigen, als wenn man ihn von dieser Last befreie. – Hier stockte der Maler, und wollte nicht weiter berichten. Ich beschwor ihn, mir alles zu sagen, ich sei auf das Schlimmste gefaßt. Endlich teilte er mir denn mit, daß sich zuletzt wirklich ein Nachfolger des Grafen in der Person eines französischen Marquis, zum mindesten eines soi-disant Marquis, gefunden habe, der mit Eleonore nach Paris gegangen sei. Das sei vor ungefähr einem Jahre geschehen. Der Graf halte sich jetzt, soviel er wisse, in Neapel auf. Ich ging nach Neapel, mit meinem Freund, dem Maler. Ich hatte ihm mitgeteilt, daß ich an dem Grafen Rache nehmen wolle. Er meinte, das werde mir sehr schwerfallen, denn der Graf sei ebenso mutig und verschlagen, als er wollüstig und grausam sei. Da ich aber auf meinem Vorsatz bestand, so erbot er sich, mich zu begleiten. Ich nahm diesen Freundschaftsdienst an, denn der Maler hatte viele Verbindungen mit dem Adel und konnte mich in die Kreise einführen, in denen sich mein Feind bewegte, und die mir sonst verschlossen oder doch schwer zugänglich gewesen wären. Wir kamen nach Neapel. Der Graf war noch da, der verhätschelte Liebling der Frauen und der Schrecken der Väter und Ehemänner. Dem Maler gelang es ohne Mühe, mich einzuführen. Ich besuchte jede Gesellschaft, um mit dem Grafen zusammenzutreffen, was bisher der Zufall noch immer verhindert hatte. Endlich traf ich ihn in einer großen Soiree bei dem russischen Gesandten. Ich sah ihn in dem ganzen Glanze seiner wirklich herrlichen Schönheit und mit dem Zauber seiner chevaleresken Anmut in einer Gruppe von Herren und Damen. Ich trat an der Hand des Malers mitten in diese Gruppe hinein. ›Herr Graf‹, sagte der Maler. ›Der Doktor Berger aus Fichtenau wünscht Ihre Bekanntschaft zu machen; erlauben Sie, daß ich ihn Ihnen vorstelle.‹ Bei dem Worte Fichtenau wurde der Graf bleich und verlor die Fassung, so daß es allen Herumstehenden auffiel. ›Ich will Sie nicht länger aufhalten, Herr Graf‹, sagte ich vortretend. ›Ich wünsche nur von Ihnen den augenblicklichen Aufenthaltsort der jungen Dame zu wissen, die Sie vor drei Jahren aus ihrem väterlichen Hause entführten und zuletzt in Rom an einen französischen Schwindler verkuppelten.‹ Ich sprach diese Worte ruhig, langsam, jede Silbe abwägend. Meine Stimme beherrschte den ganzen Salon, denn es war nach meinen ersten Worten so still geworden, daß man eine Nadel hätte fallen hören. Der Graf war noch bleicher geworden, aber er faßte sich alsbald wieder und sagte: ›Und was gibt Ihnen das Recht zu dieser Frage, für die Sie in der Tat die Zeit und den Ort äußerst schicklich gewählt haben?‹ ›Ich hatte das Unglück, der Verlobte der jungen Dame zu sein.‹ ›Und wenn ich Ihnen die erwünschte Auskunft verweigere?‹ ›So erkläre ich Sie vor diesen Damen und Herren für das, was Sie vom Wirbel bis zur Sohle sind: ein gemeiner Schurke.‹ Bei diesen Worten schleuderte ich ihm meinen Handschuh ins Gesicht und verließ, nachdem ich mich in kurzen Worten bei den Versammelten für die von mir provozierte Szene entschuldigt, vom Maler begleitet, die Gesellschaft. Eine Beleidigung der Art konnte nach der Anschauung der Welt, in welcher der Graf lebte, nur mit Blut gesühnt werden, um so mehr als ich, um dem Aristokraten jede Ausflucht zu versperren, in meiner Offiziersuniform in der Gesellschaft erschienen war und der sehr geachtete Name des Malers mich vor dem Verdacht schützte, ein bloßer Abenteurer zu sein. Überdies hatte sich der Graf durch die Gunst, in der er bei der Damenwelt stand, in der Männerwelt so verhaßt gemacht, daß ihm jeder die von mir widerfahrene schmachvolle Behandlung gönnte und er durch die Weigerung, sich mit mir zu schlagen, um den letzten Rest seines Ansehens gekommen sein würde. Er hatte unter dem Achselzucken seiner wenigen Freunde und dem offenen Hohnlächeln seiner zahlreichen Feinde gleich nach mir die Gesellschaft verlassen, und schon eine Stunde darauf erhielt ich von ihm eine Herausforderung auf den Morgen des folgenden Tages. Das war alles, was ich gewollt hatte; ich vernahm die Nachricht mit einer Art von Jubel; die wenigen Stunden bis zu dem Augenblicke, wo ich den Ehrenräuber Eleonores, den Mörder meines Erdenglücks, vor der Mündung meiner Pistole haben würde, erschienen mir eine Ewigkeit. Ich konnte es in dem engen Zimmer unseres Hotels nicht aushalten; ich mußte das Rachefieber, das in mir brannte, in der balsamischen Nachtluft kühlen. Mein Freund bat mich, von diesem Vorsatze abzustehen, da ich mich, wie er mit ironischem Lächeln sagte, unter diesen Umständen bei einer nächtlichen Promenade leicht auf den Tod erkälten könnte. Als ich heftig und aufgeregt, wie ich war, auf meinem Wunsche bestand, begleitete er mich zwar, aber nicht, ohne sich und mich vorher mit Dolchen bewaffnet zu haben. Ich sollte bald erfahren, wie viel gründlicher der Maler den Charakter meines Feindes und die Art des Volkes, unter dem wir uns befanden, studiert hatte; denn wir waren kaum ein paar hundert Schritte von unserm Hotel entfernt und wollten eben durch eine Seitengasse auf die Toledostraße biegen, als wir uns von vier Männern, die plötzlich aus dem Schatten der Häuser heraustraten, mit einer unglaublichen Wut angegriffen sahen. Glücklicherweise war der Maler ein riesenstarker Mann, und auch mir fehlte es weder an Kraft noch an Geistesgegenwart. Die Mörder schienen auf einen so energischen Widerstand nicht vorbereitet. Nach wenigen Augenblicken ergriffen sie die Flucht. Ich wollte ihnen nachsetzen. ›Laß sie laufen‹, sagte der Maler, indem er seinen blutigen Dolch abwischte, ›ich fürchte, ich habe den einen von ihnen etwas zu tief geritzt. Aber der Kerl ließ es sich auch gar zu angelegen sein, die paar Zechinen des Grafen redlich zu verdienen.‹ Mir war die Lust, noch weiter zu promenieren, vergangen. Wir kehrten auf dem nächsten Wege in unser Hotel zurück und erwarteten voll Ungeduld die bezeichnete Stunde. Der Maler suchte mir zu beweisen, daß ich mich mit einem Menschen, der zum Meuchelmord seine Zuflucht nehme, nicht schlagen könne, sondern ihn niederschießen müsse wie einen tollen Hund; ich erwiderte ihm, daß ich durchaus die letztere Absicht habe und das Duell für mich nichts weiter sei als eine leere Form. Wir erzürnten uns beinahe bei diesem Disput. Ganz unnötiger Weise. Der Morgen kam, wir waren noch vor der Zeit auf dem Platze; aber kein Gegner ließ sich sehen. Endlich, nach einer Stunde, erschien der Sekundant des Grafen, ein junger italienischer Edelmann – bleich und verstört. Er sagte uns, daß es ihm außerordentlich leid tue, uns so lange haben warten zu lassen, aber es sei nicht seine Schuld. Der Graf sei gestern abend spät, nachdem er – der Sprecher – ihn verlassen noch einmal ausgegangen mit der Weisung an seinen Kammerdiener, nicht bis zu seiner Rückkunft aufzubleiben. Seitdem sei spurlos verschwunden. Es sei die höchste Wahrscheinlichkeit, daß ihn ein Unfall betroffen habe, denn daß ein Mann von der hohen gesellschaftlichen Stellung des Grafen sich einem Duell durch die Flucht entziehen sollte, sei eine Annahme, deren Lächerlichkeit auf der Hand liege. Der Maler erwiderte, daß wir Zeit zum Warten hätten und daß aufgeschoben ja darum noch nicht aufgehoben sei. Der Edelmann versprach, uns sofort zu benachrichtigen, sobald er etwas über das Verbleiben des Grafen in Erfahrung gebracht haben würde. Aber der Graf blieb verschwunden, und ich mußte zuletzt einem Verdachte beipflichten, den der Maler schon am Abend des Zusammentreffens mit den Meuchelmördern ausgesprochen hatte, nämlich, daß der Graf selbst bei dem Attentat beteiligt und wahrscheinlich der von den vieren gewesen sei, der sich durch die Heftigkeit seines Angriffs vor den andern so auszeichnete und infolgedessen von der starken Hand des Malers so empfindlich bestraft wurde. Entweder war er infolge der in dem Handgemenge erhaltenen Wunde gestorben, oder, was größere Wahrscheinlichkeit hatte, er war nur verwundet und hielt sich verborgen, um den Erklärungen, wie er in diesen Zustand gekommen sei, zu entgehen; den Nachforschungen der Polizei auszuweichen, die sich – wahrscheinlich auf Antrieb der Feinde des Grafen – bei dieser Gelegenheit ausnahmsweise sehr tätig zeigte, und endlich einem Gegner zu entrinnen, der gewisse Dinge, für die man in seinen Kreisen nur ein frivoles Lächeln hatte, so plebejisch ernst nahm. Wie dem nun sein mochte; mein Gegner ließ sich nicht wieder blicken und ich mußte, nachdem meine Angelegenheit vier Wochen lang das Thema aller Salons gewesen war – denn die Sache hatte ungeheures Aufsehen gemacht –, unverrichteter Sache wieder von Neapel abreisen. Ich ging über Rom – wo ich von meinem Freunde Abschied nahm – nach Paris. Hatte ich doch meine Aufgabe erst halb und kaum halb erfüllt, blieb mir doch noch das Schwerste zu überstehen. Ich fürchtete mich, Eleonore wiederzusehen; ebensosehr, als ich es wünschte. Du wirst mich fragen, wie ich noch dies Interesse an einem Wesen nehmen konnte, das mit meinem Glück ein so frevelhaftes Spiel getrieben und durch ihr Davonlaufen mit dem Franzosen den Rest der Achtung, den ihr die Flucht mit dem Polen aus dem väterlichen Hause etwa noch gelassen, vollends verscherzt hatte. Aber, ich sagte dir: ich hatte Eleonoren geliebt, mit einer glühenden, dämonischen Liebe, deren Feuer noch immer nicht ausgebrannt war und ach, noch lange, lange brennen sollte, nachdem ihr Gegenstand schon verzehrt; und dann: Ich wußte, daß Eleonore, mochte sie auch noch so leichtsinnig gehandelt haben, im Grunde nicht unedel dachte, daß nur die schrecklichste Not sie in Rom zum Verlassen des Mannes, dem sie ursprünglich hierher aus Liebe folgte, gezwungen haben konnte und vor allem, daß sie jetzt, im Falle sie ja noch lebte, sicherlich grenzenlos unglücklich war. Ich kam in Paris an. Ich kannte die Stadt sehr gut, denn ich hatte ihr schon zweimal in Begleitung vieler Tausende bewaffneter Reisegefährten einen Besuch abgestattet. Überdies war ich wohl versehen mit Empfehlungsbriefen des Malers und vornehmer Franzosen und Italiener, deren Bekanntschaft ich in Neapel gemacht hatte. Eine kurze Nachforschung bestätigte den gleich zu Anfang von dem Maler gehegten Verdacht, daß der Marquis, der Eleonoren aus Rom entführte, ein Charlatan gewesen sei. Ein Marquis solchen Namens existierte nicht, hatte nie existiert, jedenfalls nicht im Faubourg St. Germain. Ich mußte meine Nachforschungen anderen weniger aristokratischen Quartieren zuwenden. Auf meinen Kreuz- und Querzügen war ein Franzose, ein junger Gelehrter, dessen Bekanntschaft ich schon früher gemacht hatte, mein beständig treuer Begleiter. Es war ein liebenswürdiger Mensch, der mir sehr zugetan war und sein Leben hindurch mein treuer Freund geblieben ist. Ich hatte ihm, wie ich wohl nicht anders konnte, meine traurige Geschichte erzählt, und er, der mir an Welterfahrung, besonders Erfahrung der kleinen Welt Paris weit überlegen war, hatte mich zuerst auf den Gedanken gebracht, Eleonore im Quartier Latin und in anderen noch geringeren Quartieren zu suchen. ›Paris‹, sagte der Franzose, ›ist ein Ort, wo Menschen und Dinge selten lange denselben Wert behalten; sie steigen oder fallen im Preise mit ungeheurer Geschwindigkeit. Während des einen Jahres können sehr traurige Metamorphosen mit dem armen Mädchen vorgegangen sein. Hat sie sich nicht das Leben genommen – und dieser Fall ist nicht wahrscheinlich, weil sie sich schon in Rom getötet haben würde, wenn sie zum Sterben Mut hätte –, so ist sie jedenfalls tief gesunken. Ich sage Ihnen: Machen Sie sich auf das Schlimmste gefaßt.‹ Du kannst dir denken, wie mein Herz bei solchen Worten, deren Richtigkeit ich nur zu gut erkannte, bluten mußte. Mir war zumute wie einem Manne, der auf einem See nach der Leiche seines ertrunkenen Kindes fischt. Eines Abends, als wir ziellos durch eine der belebtesten Vorstädte irrten, überraschte mich mein Begleiter durch die Frage: ›Hatte Eleonore Talent zum Tanzen?‹ Auf meine Erwiderung, daß sie stets eine Meisterin in dieser Kunst gewesen sei, sagte er: ›Wir hätten eher daran denken sollen. Sonderbar, daß es mir nicht eingefallen ist, danach zu fragen.‹ Er war von dem Gedanken, der ihm plötzlich durch den Kopf geschossen war, so erfüllt, daß er mich nicht einmal einer Antwort würdigte, als ich zu wissen verlangte, was denn die Tanzkunst mit unserer Angelegenheit zu tun habe? Er rief einen Fiaker an. Wir fuhren wieder in die Stadt zurück. Wir stiegen aus. Es war eines jener Tanzlokale, die in Paris damals nicht so glänzend wie heute, aber nicht weniger häufig und nicht weniger besucht waren. ›Sehen Sie sich um, ob Sie Eleonore entdecken können.‹ Wir durchsuchten den Saal, Eleonore war nicht da. ›So lassen Sie uns weiter.‹ Wir fuhren nach einem zweiten Lokal; und als unsere Nachforschungen auch dort fruchtlos waren, nach einem dritten und vierten. Ebenso vergebens. Ich war von den wüsten Szenen, die ich gesehen, von dem Staub und der Hitze, die in diesen überfüllten Sälen herrschte, von der Anstrengung, aus so vielen Personen, die fortwährend den Ort veränderten, eine bestimmte herauszufinden, durch die Aufregung des Suchens und die Angst, zu finden, was ich suchte, so angegriffen, daß ich meinen Begleiter bat, für heute wenigstens die nutzlose Jagd aufzugeben. ›Nur noch ein einziges Lokal‹, erwiderte er, ›ich habe es mit Willen bis zuletzt aufgespart, weil die Wahrscheinlichkeit, sie dort zu finden, freilich sehr groß, aber auch sehr schrecklich ist.‹ ›Wie meinen Sie das?‹ ›Die Lokale, die Sie bis jetzt gesehen haben‹, erwiderte der Franzose, ›erfreuen sich, obgleich es schon schlimm genug darin hergeht, noch einer gewissen Ehrbarkeit. Das Publikum ist über die Maßen leichtsinnig, übermütig, frivol, aber mit wenigen Ausnahmen nicht eigentlich verderbt. Es sind Etudiants mit ihren »Frauen«, Kommis mit ihren Grisetten, der bessere Ouvrier, der sich mit seinem Mädchen einen guten Tag machen will. Die Gesellschaft, in die ich Sie jetzt führen werde, ist eleganter, aber bei weitem nicht so harmlos. Es ist ein Haus, das besonders von jungen vornehmen Wüstlingen aus den aristokratischen Quartieren, die sich für die in den Salons ausgestandene Langeweile entschädigen wollen, von Ausländern, die nach Paris kommen, um ihre Gesundheit zu ruinieren und ihr Vermögen durchzubringen, frequentiert wird, und das weibliche Publikum ist zu diesem Zwecke entsprechend. Es besteht aus den schönsten, aber auch verderbtesten Mädchen, gewandten Menschenfischerinnen, die heute mit vier Pferden fahren, um morgen im Hospitale zu sterben, besonders Ausländerinnen: Kreolinnen, Mädchen aus England, Italien, Deutschland, die alle hier ihre Landsleute finden. Bereiten Sie sich darauf vor, einen – hoffentlich vergeblichen – Blick in ein Pandämonium zu werfen.‹ Wir kamen an. Wie stiegen eine breite Marmortreppe hinauf. Mein Herz klopfte furchtbar; ich konnte mich kaum auf den Füßen halten; eine Ahnung sagte mir, daß ich am Ziele meiner Irrfahrten angekommen sei, daß der entstellte Kopf der Leiche im nächsten Augenblick aus den schwarzen Wassern auftauchen werde. Wir traten in den glänzend erleuchteten Saal. Von dem Orchester rauschte eine bacchantische Musik und im bacchantischen Taumel rasten die Tanzenden durcheinander. Der Glanz der Lichter, die schmetternden Trompeten, das Gedränge, die Hitze, der narkotische Duft von üppigen Parfüms, mit denen der Saal erfüllt war, und die fürchterliche Aufregung, in der ich mich befand, versetzten mir den Atem. Ich mußte mich für einen Moment an eine Säule lehnen und die Augen schließen, um wieder zu mir selbst zu kommen. Als ich so in einer halben Ohnmacht dastand, schlug eine Stimme an mein Ohr, bei deren erstem Laut ich, wie von einer Natter gestochen, emporschnellte. Das Ohr ist ein treuer Mahner; es vergißt eine Stimme, deren Töne einst dem Herzen hold und lieb waren, im Leben nicht wieder; es hatte mich nicht betrogen. Dicht vor mir, so daß ich sie beinahe mit der Hand hätte erreichen können, stand in lebhafter Unterhaltung mit einem jungen, schönen Kavalier ein Mädchen, schlank und hoch, mit großen, braunen Augen, die im fieberhaften Glanze leuchteten, mit einem Gesicht, das vielleicht für ein so junges Geschöpf zu scharf, zu sehr vom Leben mitgenommen, aber noch immer schön war – und dieses Mädchen – war Eleonore. Sonderbar, bei dem Ton ihrer Stimme hatte mein Herz zusammengezuckt, wie damals, als ich in Fichtenau in der Nacht vor dem Hause des Rektors stand und das alte Weib mir aus dem Fenster herunterrief, Eleonore sei davongelaufen. Aber nach diesem Krampfe wurde es still, ganz still. Die zu straff gespannte Saite war gesprungen; sie gab keinen Ton, weder des Jammers noch der Freude mehr. Ich sah so kalt auf Eleonore herab, als sei sie ein Bild an der Wand. Ich hörte die Worte, die sie zu ihrem Tänzer sprach, wie man Worte in dem Stadium der Ohnmacht unmittelbar vor der Bewußtlosigkeit hört – als würden sie am anderen Ende des Saales gesprochen. Ich musterte ihre ganze Erscheinung, selbst ihren Anzug mit der kühlen Ruhe eines Künstlers. Ich bemerkte, daß sie geschminkt war und daß sie ihre dunklen Wimpern und Augenbrauen noch dunkler gefärbt hatte. Ich bemerkte, daß sie das Haar ganz in derselben Weise trug, wie ich es ihr selbst einmal nach einem antiken Kopfe arrangiert, und wie sie es seitdem, so lange ich sie sah, immer getragen. Ich hörte alles, sah alles und hörte und sah doch nichts; denn ich hatte kein Verständnis mehr für das, was ich sah und hörte. Mein Begleiter, der sich während der Zeit im Saal umgesehen hatte, trat in diesem Augenblick an mich heran. ›Ich habe keine, die Ihrer Beschreibung gleicht, entdecken können‹, sagte er. ›Gott sei Dank! Ich atme ordentlich leicht, ich möchte die, welche wir suchen um alles in der Welt nicht hier gefunden haben. Aber, mon Dieu, was ist Ihnen, Sie sehen ja aus wie eine Leiche.‹ ›Ich habe sie gefunden.‹ ›Wo?‹ ›Da.‹ Er nahm sein Glas und blickte mit gespanntestem Interesse einige Sekunden auf Eleonore, die noch immer, ohne zu ahnen, wer zwei Schritte von ihr entfernt war, dastand und mit ihrem Tänzer konversierte und kokettierte. Dann ließ er mit einem mitleidigen Achselzucken das Glas fallen. Sein Gesicht war sehr ernst geworden. ›Pauvre homme‹, murmelte er. Da schmetterte die Musik noch lauter vom Orchester herab; eine neue Tour in der Française begann; die Reihe kam an Eleonore. – Sie hatte sich, seitdem ich sie zum ersten Male auf einem Balle der Bürgerressource von Fichtenau hatte tanzen sehen, sehr in dieser Kunst vervollkommnet; ja – ich kann sagen, daß ich weder vorher noch nachher etwas Vollendeteres gesehen habe. Es war die entzückendste Anmut eines sich hinüber- und herüberwiegenden Wasserstrahls und dabei eine Leidenschaftlichkeit, wie sie vielleicht sonst nur noch bei den Zingarellas von Spanien und den Ghawazies von Ägypten getroffen wird. In diesem Moment war es das sanfte Werben schmachtenden Liebessehnens, im nächsten die wahre Seele der Leidenschaft, die in jedem Nerv zuckt und in jeder Muskel zittert, aber in dem einen, wie in dem andern der herrlichste Rhythmus wundervoll durcheinander verschlungener, und doch unendlich harmonischer Bewegungen. – Dieser Tanz war Gesang – ein Gesang der Liebe – aber nicht der träumerischen, lindenduftatmenden, mondscheinbestrahlten deutschen, sondern der sinnlichen, sonnedurchglühten, narkotischen, orientalischen Liebe. Und dabei war ihr Gesicht ruhig, kaum ein Muskel regte sich, keine Spur von dem widerwärtigen stereotypen Lächeln so vieler berühmter Tänzerinnen. Nur ihre Augen brannten in einem unheimlichen und mit jedem ihrer Schritte, jeder ihrer Bewegungen intensiver werdenden Feuer. Es war, als ob die Ruhe ihres Tänzers, der alle Pas mit sehr viel Grazie, aber mit vornehmer Nachlässigkeit, als komme er sich bei der ganzen Sache einigermaßen lächerlich vor, mehr ging als tanzte, das leidenschaftliche Weib zur Verzweiflung bringe und sie ihn durch alle Künste, in denen sie Meisterin war, aus seiner blasierten Apathie reißen wollte. Vielleicht war es wirklich so, vielleicht schien es auch nur – aber immerhin gewann der Tanz dadurch ein reiches dramatisches Leben und gewährte den Herumstehenden das anziehendste Schauspiel. ›Ah, la belle Allemande!‹ rief ein Enthusiast an meiner Seite. ›Grands Dieux, comme elle est jolie!‹ ein anderer! ›Bravo, bravo!‹ und er klatschte wütend in die Hände, und die andern Zuschauer folgten seinem Beispiel: ›Bravo, bravo! Vive la reine Eleonore! Vive la belle Allemande!‹ Mein Freund faßte mich am Arme und zog mich tiefer in die Kolonnade, unter der wir standen, zurück. ›Kommen Sie‹, sagte er. ›Wohin?‹ ›Fort von hier.‹ ›Nimmermehr!‹ ›Sie können sich doch unmöglich für ein Geschöpf wie dieses noch interessieren! Was wollen Sie von ihr? Ich sage Ihnen! Sie ist verloren, rettungslos verloren!‹ ›Das wollen wir sehen!‹ murmelte ich. Der Franzose zuckte die Achseln: ›Ihr Deutschen seid eine seltsame Nation. Aber dann folgen Sie wenigstens meinem Rate. Geben Sie hier nicht zu einer Szene Veranlassung, die Ihnen ein halb Dutzend Duelle auf den Hals ziehen könnte. Besuchen Sie das Mädchen morgen oder wann Sie wollen. Was zu wissen nötig ist, will ich in wenigen Minuten zusammen haben.‹ Ich sah ein, daß sein Rat vernünftig war. Ich warf mich, während er durch die Menge davonschlüpfte, auf einen Sessel und stützte meinen Kopf in meine Hände. Es waren ein paar gräßliche Augenblicke. Meine Schläfen hämmerten, meine Glieder flogen – und doch war es still in mir, totenstill und kalt. Und, Oswald, in diesen Augenblicken, wo ich, das Gesicht in die Hände gedrückt, in stummem, fürchterlichem Schmerz, einsam unter der lärmenden Menge saß, während mein Abgott, die Geliebte meiner Jugend, das Weib, zu dem ich in meiner Kerkernacht gebetet hatte wie zu einer glorreichen Heiligen, wenige Schritte von mir entfernt nach den Klängen einer wollüstigen Musik den wollüstigen Tanz der Herodias tanzte – da, Oswald, nahm ich für immer Abschied von dem Glück, vom Leben – da riß der Vorhang, der mir bis dahin das große Geheimnis verborgen hatte, mitten auseinander, und ich stand schaudernd an der Schwelle, die ich noch nicht zu überschreiten wagte und erst viele, viele Jahre später überschritten habe, denn noch hatte ich den Kelch nicht bis zur Hälfte geleert. Der Tanz hatte aufgehört. Um mich her wurde es lebhafter; Lachen und Scherzen, das Rauschen von Gewändern dicht an meinem Ohr. Man nahm an den kleinen Tischen Platz, mit Eis und Champagner die Glut zu kühlen – auch an meinen Tisch kam ein Paar, das keinen anderen Platz finden oder den Schlafenden für keinen gefährlichen Lauscher halten mochte. ›Sie lieben mich wirklich, Eleonore?‹ sagte eine weiche Männerstimme. ›Ja, Charles!‹ ›Von ganzem Herzen?‹ ›Von ganzem Herzen.‹ Ich dachte, welchen Eindruck es wohl auf Eleonore machen würde, wenn ich plötzlich mein bleiches Gesicht von der Tischplatte erhöbe und zu ihr spräche: Das hast du auch zu mir gesagt vor einigen Jahren auf der Wiese im Walde von Fichtenau; aber ich bezwang mich und lauschte dem Gespräch, das noch eine Weile in derselben Weise fortging. Zuletzt sagte der Kavalier: ›Und wann werde ich Sie wiedersehen?‹ ›Wann Sie wollen –‹ ›Das heißt?‹ ›Daß ich für meine Freunde immer zu Hause bin.‹ ›Und wo ist zu Hause? ‹ ›Boulevard des Capucins numéro dix-sept, fragen Sie nur nach Mademoiselle Eleonore –‹ ›Adieu, ma reine!‹ ›Sie wollen schon fort?‹ ›Leider muß ich.‹ ,Weshalb?' ›Meine Braut erwartet mich im Salon ihrer vortrefflichen Frau Mutter und wird au désespoir sein, daß ihr getreuer Seladon sie so lange schmachten läßt –‹ ›Sie haben eine Braut? Oh, Sie Unglücklicher!‹ ›Ich hoffe, Sie werden mir mein Unglück tragen helfen.‹ ›Nous verrons.‹ Und das Paar entfernte sich lachend; Eleonorens seidenes Gewand streifte mich, als sie an mir vorüberschritt. Mein Begleiter trat wieder zu mir und legte die Hand auf meine Schulter. ›Ich weiß alles‹, sagte er. ›Ich auch‹, antwortete ich, den Kopf emporhebend. ›Woher?‹ ›Sie hat es mir selbst gesagt.‹ Der Freund glaubte, ich rede irre. ›Kommen Sie‹, sagte er, ›die Hitze greift Sie sehr an.‹ Du kannst dir denken, daß ich in dieser Nacht nicht viel schlief. Ich entwarf und verwarf tausend Pläne, wie ich Eleonore aus dieser Hölle retten könne, denn daß ich sie retten müsse – daran hatte ich keinen Augenblick gezweifelt. Ich stand am Morgen auf, ohne zu einem bestimmten Entschlusse gekommen zu sein. Ich fürchtete nicht für mich. Denn mein Herz konnte nicht tiefer zerfleischt werden, als es gestern abend geschehen war; ich fürchtete für Eleonoren, daß ein plötzliches Wiedersehen sie zu entsetzlich demütigen, vielleicht vernichten würde. Und doch wußte ich nach mehreren Tagen der Unentschlossenheit keinen bessern Rat, als gerade zu ihr zu gehen. Mein Freund schüttelte zu allem den Kopf. ›Aber, mon cher‹, rief er einmal über das andere. ›Sie lieben das Mädchen ja noch immer!‹ Hatte er recht? Ich weiß es nicht. Jedenfalls war diese Liebe anderer Art als die gewöhnliche, denn sie wußte nichts von verletztem Stolz, gedemütigter Eitelkeit – ja, nicht einmal von der Furcht, sich möglicherweise durch den Versuch der Rettung eines Wesens, das gar nicht gerettet sein wollte, lächerlich zu machen. Ich ging, nachdem ich mit mir einig geworden, des Vormittags nach dem Hause an dem Boulevard. Der Portier lächelte, als er auf meine Frage, ob hier Mademoiselle Eleonore wohne, sein: ›Oui, Monsieur, au troisième‹, antwortete. ›Mademoiselle wird schwerlich schon zu sprechen sein‹, fügte er hinzu, ›sie ist erst gegen Morgen nach Hause gekommen.‹ Ich stieg die mit Teppichen belegten Treppen hinauf; in der dritten Etage stand auf einem Porzellanschilde neben einem Klingelzug: Mademoiselle Elénore de Saint-Georges. Der wievielte Name mochte dies sein, den die Unglückliche führte, seitdem sie den ehrlichen Namen ihres Vaters abgelegt hatte? Ich schellte. Eine häßliche Person, die halb Magd und halb Kammerfrau zu sein schien und die durch die Reinlichkeit ihres Anzuges und die affektierte Ehrbarkeit womöglich nur noch häßlicher wurde, öffnete und fragte nach meinem Begehr. Ich wünschte Mademoiselle Eleonore zu sprechen. ›Mademoiselle ist unwohl und nimmt heute keine Besuche an.‹ – ›Ich muß sie sprechen.‹ – ›Unmöglich‹, sagte das Weib, ›ich habe soeben nach einem Arzt geschickt‹, und sie wollte die Tür wieder schließen. – ›Aber, Madame, der Arzt bin ich.‹ – ›Ah, c'est autre chose; entrez, Monsieur, entrez!‹ Sie führte mich durch ein kleineres Vorzimmer in ein hohes, stattliches, mit beinahe fürstlicher Pracht ausgestattetes Gemach und bat mich, einige Augenblicke zu verweilen, bis ihre Gebieterin erscheinen würde. ›Ist Mademoiselle schon aufgestanden?‹ ›Ja, ich komme sogleich zurück.‹ Sie verschwand durch einen dichten Vorhang. Ich blieb mitten in dem Gemache stehen und blickte auf all die Pracht, die mich umgab, auf all die herrlichen Spiegel, die üppigen Gemälde von Watteau und Boucher in ihren breiten Goldrahmen, die chinesischen Pagoden auf dem marmornen Kaminsims, die Vasen und Schalen von dem feinsten Porzellan, auf die schwellenden Sofas und Diwans mit derselben Andacht, mit welcher ein Arzt auf die kostbare Manschette einer Hand blickt, die er amputieren soll. War ich doch als Arzt hierher gekommen, hatte ich doch nur als Arzt das Recht, hier zu sein! Die Kammerfrau erschien wieder und bat mich, ihr zu folgen. Sie schlug den Vorhang zurück, um mich durchzulassen. Ich trat in einen halbdunklen, mit weichen Teppichen, wie alle die Zimmer, belegten und dunkelroten Seidentapeten ausgeschlagenen Raum, das Schlafgemach der Gebieterin, und dann wieder durch einen Vorhang in ein anderes schönes helles Gemach. Von der Ausstattung dieses Gemachs sah ich nichts mehr; ich sah nur die schlanke weiße Gestalt, die sich bei meinem Eintreten von dem Diwan, auf dem sie gekauert hatte, erhob, und mir einige Schritte entgegentrat. Und diese schlanke weiße Gestalt mit dem bleichen, verfallenen, schönen Gesicht, aus dem die großen dunklen Augen mit fast gespenstischer Klarheit leuchteten – dieses schöne, geistig und physisch gebrochene, verlorene Wesen war meine angebetete, einst wie eine Rose in Unschuld und Jugend prangende Eleonore. ›Ich habe Sie rufen lassen, Doktor –‹, sagte sie mit leiser Stimme. Da sah sie mir genauer ins Gesicht. Ihr Mund verstummte; sie starrte mich an mit Augen, die sich fast aus den Höhlen drängten – dann brach sie mit einem gellenden Schrei zusammen, noch ehe ich oder die daneben stehende Kammerfrau sie in den Armen auffangen konnten. Wir trugen sie auf den Diwan zurück. Sie war totenbleich und kalt; ich glaubte einen Augenblick, der jähe Schreck habe den dünnen Faden zerrissen, an dem ihr Leben hing. Ich hätte den Tod als die Erlösung aus einer Hölle, als eine Gnade des Himmels begrüßt. Bald aber überzeugte ich mich, daß das Leben sie noch nicht aus seinen Banden lassen würde. Ich verstand genug von der Medizin, um zu wissen, was ich in diesem Falle zu tun hatte. Während ich um die Ohnmächtige beschäftigt war, fragte ich die Kammerfrau, ob Eleonore dergleichen Zufälle öfter habe? Wie es überhaupt mit ihrer Gesundheit stehe? Das Weib glaubte einem Arzt gegenüber die ehrbare Maske fallen lassen zu müssen. Sie sei erst seit einem halben Jahre bei Mademoiselle in Dienst; seitdem sei es mit Mademoiselle reißend bergab gegangen. Aber Mademoiselle lebe auch gar zu wild. Alle Nächte bis drei, vier Uhr morgens getanzt oder beim Champagner hingebracht – das könne ja niemand aushalten, zumal ein von Natur so zartes Geschöpf. Sie flehe Mademoiselle täglich an, dies Leben aufzugeben; aber sie erhalte jedesmal zur Antwort: ›Je schneller es vorbei ist, desto besser.‹ ›Und vorbei wird es denn wohl auch bald sein‹, heulte das Weib, ›und ich werde meine arme junge Gebieterin verlieren, die ich, obgleich sie nicht lebt, wie sie sollte, lieb habe wie mein eigenes Kind.‹ Da begann die Ohnmächtige sich zu regen. Ich schickte die Kammerfrau fort, mit dem Auftrage, mir Riechsalz aus der Apotheke zu verschaffen, weil ich, wenn Eleonore vollends erwachte, ohne Zeugen mit ihr sein wollte. Die alte Heuchlerin hatte sich kaum entfernt, als Eleonore die Augen wieder aufschlug und mich mit wirren, ungläubigen Blicken ansah. Ich bemerkte, daß in dem Maße, als ihr das Bewußtsein zurückkam, das Entsetzen über meinen Anblick von neuem zunahm und eine zweite Ohnmacht hereindrohte. Dies bleiche Zurückschrecken vor einem, dem sie sonst mit offenen Armen entgegenflog, war mir schmerzlicher als alles und rührte mich bis zu Tränen. Ich empfand in meinem Herzen keine Spur von Haß, Zorn, nicht einmal von Verachtung – nein, nur Mitleid, grenzenloses unsägliches Mitleid. Ich weiß nicht, was ich sprach – aber es mußten wohl gute, milde Worte der Liebe und Vergebung sein; denn die starren Züge fingen allmählich an, milder zu werden; die schreckensgroßen Augen wurden feucht, und zuletzt brach sie in leidenschaftliches Weinen aus, ihren Kopf an meiner Brust, der ich noch immer an ihrer Seite kniete, verbergend. Es war ein entsetzliches Weinen; es war, als ob alle Tränen dieser letzten Jahre, die sie unter Lachen und Scherzen verborgen, aus ihren tiefsten Quellen hervorbrächen und sich nimmer erschöpfen würden – dazwischen ein Schluchzen, als ob ihr das Herz brechen wollte, ein Schreien, als ob ihr Inneres von zweischneidigen Schwertern durchwühlt würde. – Ich habe nie, weder vorher noch nachher etwas Ähnliches, einen solchen fühlbaren Ausbruch der Reue einer mit Sünden befleckten, aber von Natur nicht unedlen Seele gesehen. Unsere Rollen schienen auf eine seltsame Weise ausgetauscht. Es war, als ob sie die Beleidigte, ich der Beleidiger wäre; ich erschöpfte mich in Bitten, in flehenden Worten, um linderndes Öl in einen Schmerz zu gießen, der mit so stürmischer Heftigkeit wütete. Nach und nach gelang es mir, sie einigermaßen zu beruhigen. Sie weinte, den Kopf in die eine Hand gestützt, nur noch still vor sich hin, während ich, ihre andere Hand – wie weiß und schlank und durchsichtig ihre Finger geworden waren! – in meinen Händen haltend, zu ihr sprach, wie ein Bruder in einem solchen Falle zu seiner Schwester sprechen würde. Ich bat sie, in mir ihren Bruder zu sehen, mir zu vertrauen als ihrem besten, vielleicht ihrem einzigen Freunde. Ich beschwor sie bei allem, was ihr heilig sei, bei der Erinnerung an ihre Jugendzeit, bei dem Andenken an ihre Eltern, die nun beide in der kühlen Erde ruhten – sich aus diesem Strudel zu reißen, der sie über kurz oder lang verschlingen müßte, mir zu folgen, gleichviel, wohin; wenn sie wollte, in eine menschenleere Wüste, an das Ende der Welt, nur fort, fort von hier, aus diesem glänzenden Elend. ›Es ist zu spät! Zu spät!‹ murmelte Eleonore. ›Du bist gut, ich weiß es, unsäglich gut; aber es ist zu spät, zu spät.‹ Ich weiß nicht, wie lange dieser Kampf gedauert hätte, wenn nicht ein eigentümlicher Zwischenfall eingetreten wäre, der ihn wider all mein Erwarten schnell zu meinen Gunsten entschied. Während ich noch an Eleonores Seite kniete, hörte ich plötzlich ein: ›Superbe!‹ hinter mir. Ich sprang erschrocken empor. Vor mir stand ein elegant gekleideter junger Mann, der, das Glas im Auge, mich von oben bis unten und von unten bis oben betrachtete: ›Superbe‹, wiederholte er. ›Mademoiselle, ich wünsche Ihnen Glück zu dieser neuen Eroberung.‹ Der junge Mann war derjenige von Eleonorens Liebhabern, der sich durch seine verschwenderische Freigebigkeit gewissermaßen das Recht erworben hatte, der einzige zu sein. Er wußte, daß Eleonore ihm nicht eine rigorose Treue bewahrte, und kümmerte sich nicht eben darum; aber er liebte es nicht, mit seinen Nebenbuhlern in derselben Wohnung zusammenzutreffen, die er mit fürstlicher Pracht für seine Mätresse hatte herrichten lassen. ›Ich bitte mir eine Erklärung dieser Szene aus, Mademoiselle‹, sagte er, sich von mir zu Eleonoren wendend, in einem Ton beleidigender Geringschätzung, der mir alles Blut aus den Wangen zum Herzen trieb. Ich öffnete den Mund zu einer heftigen Antwort, aber Eleonore kam mir zuvor. Sie war, sobald sie den Eingetretenen erblickte, emporgesprungen und stand jetzt, mich ein wenig zurückdrängend, zwischen mir und ihm. ›Dieser Herr‹, sagte sie, auf mich deutend, ›hat sich ein Recht erworben, hier zu sein.‹ ›Wodurch?‹ ›Durch das Unglück, mich einmal geliebt zu haben.‹ ›Ah, Mademoiselle‹, erwiderte der junge Mann mit ironischem Lächeln, ›dies Unglück teilt Monsieur mit vielen anderen.‹ ›Mein Herr!‹ sagte ich. ›Welche Ansprüche Sie auch an Mademoiselle haben mögen, ich habe ältere Rechte, und ich werde es nicht dulden, daß Sie eine Dame, mit der ich einst verlobt war, in meiner Gegenwart beschimpfen.‹ ›Ah‹, sagte der junge Mann, ›Sie waren mit Mademoiselle verlobt? In der Tat! Da werden Sie sie auch wohl noch heiraten und ich‹ – mit einem Blick in dem Zimmer umher – ›werde die Dummheit haben, Mademoiselle auszustatten? Sehr gut ausgedacht, in der Tat.‹ ›Halten Sie ein, mein Herr!‹ rief Eleonore, sich zu ihrer ganzen Höhe emporrichtend. ›Es ist genug. Sie denken mich halten zu können, mich beleidigen zu können, weil ich Geschenke von Ihrer Hand entgegennahm. Hier haben Sie zurück, was Sie mir gaben. Da und da und da!‹ Und sie riß mit fieberhafter Hast die goldenen Armbänder und das andere Geschmeide, das sie trug, ab und warf es dem jungen Manne vor die Füße. Diese Leidenschaft, mit der sie dies alles tat, war zu augenscheinlich, um verkannt zu werden, und imponierte dem Dandy sichtlich. ›Ich habe genug von dieser Szene‹, murmelte er, ›wir sprechen uns wieder, Mademoiselle; hier ist meine Karte, Monsieur!‹ und er eilte zur Tür hinaus. ›Komm, komm!‹ rief Eleonore, ›nicht einen Augenblick länger bleibe ich hier; lieber auf dem Grund der Seine als hier.‹ Ich nahm sie beim Wort. Ich bat sie, sich umzukleiden, während ich in ihrem Namen an den Marquis de Saintonge (so hieß der Liebhaber Eleonorens) schrieb und ihm die Wohnung, die er für Eleonoren gemietet und alles, was er ihr sonst geschenkt, wieder zur Verfügung stellte. Wir verließen die Wohnung, übergaben die Schlüssel dem Portier und den Brief einem Kommissionär zur sofortigen Bestellung, und einige Stunden später hatten wir, nachdem ich meine Angelegenheiten geordnet und von meinem Freunde Abschied genommen, die Stadt hinter uns. Unsere Reise sollte vorläufig nicht weit gehen. Schon wenige Stationen von Paris erkrankte Eleonore so, daß wir in einem Städtchen haltmachen mußten. Der herbeigerufene Arzt, glücklicherweise ein geschickter Mann, erklärte, daß sich bei der Mademoiselle, meiner Schwester (dafür galt Eleonore), alle Symptome einer Gehirnentzündung zeigten. Seine Diagnose war nur zu richtig gewesen. Schon am folgenden Tage kam die fürchterliche Krankheit zum Ausbruch. Während die Ärmste phantasierte von den heißen Orgien im Jardin aux Lilas und dem kühlen Schatten ihrer heimischen Wälder, vom Marquis de Saintonge und anderen Pariser Bekanntschaften und von mir, der ich ihr bald als ein rettender Engel, bald als ein Rachegott erschien, hatte ich, an ihrem Lager sitzend, Zeit genug zur Überlegung. Bei meiner hartnäckigen Verfolgung der Spur Eleonorens war ich viel mehr von einem dunklen Drange als von klaren Absichten geleitet gewesen, am wenigsten hatte ich an die Möglichkeit einer so wunderlichen Situation gedacht, als in welcher ich mich jetzt befand. Aber in der Ratlosigkeit war der eine Gedanke über jeden Zweifel erhaben, daß ich Eleonore, wenn sie die Krankheit überstehen sollte, nimmer wieder verlassen dürfe. In der Tat stellten sich nach einiger Zeit Zeichen der Besserung ein, und eines Morgens verkündete mir der Arzt, daß eine glückliche Krisis eingetreten und Eleonore vorläufig aus aller Gefahr sei. ›Indessen‹, fügte er mit ernster Miene hinzu, ›ich glaube Ihnen nicht verhehlen zu dürfen, daß nach menschlicher Berechnung die Zeit, welche ihrer Schwester noch zu leben bleibt, nicht mehr sehr lang sein wird. Ich habe eine Lungenkrankheit diagnostiziert, die schon entsetzliche Fortschritte gemacht hat. Ich kenne Ihre Verhältnisse nicht und weiß nicht, ob sie Ihnen erlauben werden, meinem Rate zu folgen. Mein Rat ist aber der: Gehen Sie mit Ihrer Schwester in ein südliches Klima, nach Italien, womöglich Ägypten. Einem rauheren Klima würde Mademoiselle in der kürzesten Zeit erliegen.‹ Mein Entschluß war sofort gefaßt. Ich hatte in Deutschland, wo mir als Nachkur meiner fünfjährigen Kerkerhaft jede öffentliche Lehrtätigkeit untersagt war, nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren. Mein Vermögen war im Verlauf meiner Irrfahrten bis auf einen sehr bescheidenen Rest zusammengeschrumpft; aber ich konnte diesen Rest ebensogut in Italien ausgeben als anderswo; überdies glaubte ich im Auslande meine Sprachkenntnisse noch am besten verwerten zu können; und schließlich – ich hatte keine Wahl. Ich würde lieber das Äußerste erduldet, als etwas unterlassen haben, das zu Eleonorens Wohl dienen konnte. Einige Tage später waren wir nach Italien unterwegs. Ich siedelte mich zwei Meilen von Genua, unmittelbar an der Küste des herrlichsten Meeres an. Das Glück wollte, daß ich in der Familie eines reichen Engländers, der sich zu einem ähnlichen Zwecke wie ich in dem Orte aufhielt, Unterrichtsstunden erhielt, deren Ertrag mich jeder äußern Sorge überhob. Desto größer war meine Sorge für Eleonore. Die Flucht aus Paris war so eilig gewesen und für Eleonore so ganz nur das Resultat eines augenblicklichen Impulses; ihre gleich darauf eintretende Krankheit hatte ihre Willenskraft so vollständig gelähmt, daß sie sich in einer Art von Betäubung allen meinen Anordnungen willig gefügt hatte und eigentlich erst jetzt zu einem Verständnis ihrer Lage kam. Ich hatte nicht bedacht und fühlte erst jetzt an Eleonorens Benehmen mir gegenüber, daß in dieser Abhängigkeit von dem Manne zu leben, den sie so schmachvoll verraten, in der beständigen Nähe dessen, vor dem sie sich am liebsten in der Tiefe der Erde verborgen hätte, die härteste Strafe für ein Wesen sein mußte, bei dem der letzte Funken von Ehrgefühl noch nicht erloschen war. Eleonore sprach dies geradezu aus; aber sie fügte hinzu: ›Diese Sühne ist hart, aber sie ist gerecht; nur so konnte ich zu einer Erkenntnis dessen kommen, was ich an dir gefrevelt habe.‹ – Wenn Eleonore so in der Zerknirschung der Reue eine Milderung ihrer Gewissensqualen fand, so hatte ich für mein namenloses Leid nur den für eine bescheidene Seele sehr dürftigen Trost, an Eleonoren zu handeln, wie es mir das Gewissen vorschrieb. Ich konnte ungestört den Schmerzenskelch bis auf den letzten bittersten Tropfen leeren. Das war also die Erfüllung des köstlichen Glücks, von dem ich in den goldenen Tagen von Fichtenau und selbst noch in der Nacht der Festungskasematten geträumt hatte! Diese bleiche kraftlose Gestalt, die gesenkten Hauptes an meinem Arme auf der Höhe des Felsenufers im Abendsonnenschein dahinschritt, an derem Schmerzenslager ich wachte, wenn sie die Krankheit tagelang in das Zimmer bannte, in deren gebrochenes Herz ich, der ich selbst des Trostes ermangelte, lindernden Balsam zu träufeln hatte – war das Mädchen, das ich mir zum Weibe erkoren, in dem ich die künftige Mutter meiner Kinder ahnungsvoll angebetet hatte. Und doch ist es gut, daß ich auch das erlebte. Es war eines Abends. Ich hatte die Kranke, die heute besonders aufgeregt war und ängstlich nach Luft und Licht verlangte, auf meinem Arm aus dem Fischerhäuschen getragen, in dem wir wohnten, bis auf den Rand der schwarzen Basaltfelsen, die hier das Meer umsäumen, und ihr dort von Kissen ein Lager bereitet. Die Sonne ging in strahlender Herrlichkeit im Meere unter. Kaum ein Lüftchen kräuselte die glatte Fläche der See, von der, wie von einem Spiegel, die smaragdnen und goldnen Lichter, die an dem Himmel prangten, reflektiert wurden. Auch auf das bleiche Gesicht der Kranken fiel ihr zauberischer Schimmer – die rosige Lüge – mit der die Sonne und das Leben die Nacht und den Tod verhöhnen. Und in dieser Stunde nahm Eleonore Abschied von der Sonne und dem Leben. Sie sagte mir, daß sie mich stets geliebt habe, selbst in dem Augenblicke, als Eitelkeit und Sinnlichkeit sie verblendeten; daß ihr ganzes Leben seit diesem Augenblick nur der stete qualvolle Versuch gewesen sei, sich zu betäuben. Sie möchte nicht genesen, auch selbst nicht dann, wenn es möglich wäre, daß ich ihr wieder meine Liebe schenkte. Sie sei nicht wert, meine Sklavin, geschweige denn mein Weib zu sein. Sie schaudere vor diesem Gedanken zurück. – ›Oh, nimmer, nimmermehr‹, fuhr sie fort, und aus ihren großen dunklen Augen leuchtete ein himmlisches Feuer, ›nimmer hier auf dieser Erde, wo ich an dir so furchtbar gefrevelt habe. Aber, wenn dieser entweihte Leib zerfallen und die Seele von der Fessel, die sie in den Staub zog, befreit ist, dann werde ich dich umschweben, dann werde ich deiner harren, und wenn du kommst, wird deine Seele meine Seele küssen, und ich werde in diesem Kusse erlernen, daß alles gesühnt und alles vergessen und vergeben ist.‹ Ich sagte ihr, daß ich ihr alles längst vergeben habe, daß ich sie liebe mit einer reineren, heiligeren Liebe als in den Tagen unseres Glücks. Ich küßte weinend ihre weißen Hände und ihren bleichen Mund. ›Das ist unser Hochzeitstag!‹ flüsterte sie. ›Armer, armer Mann!‹ Sie sank in die Kissen zurück. Ich trug die ganz Erschöpfte nach der Hütte und auf ihr Lager. Es war das letzte Mal. In dieser Nacht starb Eleonore.« Berger war aufgestanden, Oswald war seinem Beispiele gefolgt. Jener war mit den Erinnerungen, die soeben, von seiner mächtigen Phantasie mit aller Schärfe und Klarheit der Wirklichkeit ausgestattet, an seines Geistes Auge vorübergezogen waren, dieser mit dem eben Gehörten so vollauf beschäftigt, daß sie kaum des Weges achteten, der sie durch dunkle Tannenwaldungen höher und höher führte. Da traten sie heraus aus den Bäumen auf den kahlen Gipfel des Berges, der von den Bewohnern die Gockeleia genannt wird und der bei weitem höchste ist ringsum unter seinen Brüdern und Schwestern. Die Sonne war bereits untergesunken, aber der westliche Himmel prangte noch in der Glut des Abendrots, von dem ein schwächerer Abglanz selbst den östlichen Horizont rosa färbte. Hier und da blickte eine der höheren Bergkuppen, in Purpurlicht getaucht, dem scheidenden Gestirn des Tages nach; aber in den weiteren Tälern lagerten schon graue Abendschatten und weißliche Nebel zogen in den engeren Schluchten. Die Tannen, die zu den Füßen der Wanderer ihre grünen Häupter emporhoben, standen starr und still wie eine vor Erwartung atemlose Menge. Berger blickte, auf seinen Stab gestützt, in die Abendsonnenglut hinein, von der in jedem Moment eine Farbe verschwand und eine andere verblaßte. Oswalds Auge hing an seinen Mienen, die sich – war es die Wirkung des geisterhaften Lichts, war es nur der Ausdruck eines inneren Vorganges – mit jedem Augenblick mehr zu vergeistigen schienen. Plötzlich ließ Berger seinen Stab fallen, breitete die erhobenen Hände wie zum Gebet aus und sprach: »Mutter Nacht, urewige, urgewaltige, aus deren Schoß sich die Kreatur in ihrem wilden Lebensdrange losreißt, um nach langer Irrfahrt reuig und demütig für immer an deinen treuen mütterlichen Busen zurückzusinken, sei mir gegrüßt auch in deinem schwachen irdischen Abbild! Du abgrundtiefer Born der Vergessenheit, du süße Wiege ungestörter Ruhe, wie sehne ich mich doch so nach dir von ganzem Herzen! O nimm sie von mir, diese öde Qual des Lebens; erspare mir den täglichen Kummer, diese müden Augen zu einem Lichte aufzuschlagen, das ihnen so verhaßt ist; nimm diesen Erdenrest, der befleckend auf mir haftet und der in demselben Maße, daß er sich verringert, nur um so peinlicher wird! Laß ihn, o laß ihn bald verzehrt sein! Ich weiß es wohl, ich könnte zu dir kommen, wenn ich noch einen Schritt täte auf diesem Felsenrande, aber ob auch mein Gebein im Sturz zerschmetterte, doch würde die Seele keine Ruhe finden, denn sie hätte in dem Kelch des Lebens noch einige Tropfen, vielleicht, wer weiß es, die bittersten von allen gelassen. Nein, nein! Weiche von mir, Teufel, der du mich in den Abgrund lockst. Der Abgrund ist nicht der Tod, sondern das Leben mit aller seiner Herrlichkeit. Ich kenne das alte Stück; du hast es auch ihm gespielt, dem Sohne des Zimmermanns von Nazareth! Aber er wies deine Lockungen von sich – Ehre, Macht und Weibergunst, um zu dürsten, zu hungern und nicht zu haben, wohin er sein Haupt lege, um in der Nacht auf dem Ölberge mit kalten Schweißtropfen den letzten Erdenrest von sich abzuwaschen und, im Leben schon verklärt und heilig, zu Golgatha am Kreuz den Tod des Schächers zu sterben. Oh, daß ich hinausziehen könnte in die Lande und predigen das Wort, das heilige Wort, das uns erlöst für nun und immerdar, das Wort, das uns wieder zurückbringt zur guten, lieben, milden Mutter Nacht, die wir verließen, um in der Sonnenglut des Lebens mit lechzender Zunge und pochenden Schläfen Höllenqualen zu erdulden, das Wort, das heilige, unaussprechliche Wort, das zu eitel Spott und Hohn geworden in dem frevlen Mummenschanz, mit dem sie ihrem Gott zu dienen wähnen. Vergib ihnen, Mutter, denn sie wissen nicht, was sie tun; sie würden ja gern zu dir kommen, wenn sie Ohren hätten, deine sanfte Stimme zu hören, und Augen, deine milde Schönheit zu sehen. Ich sehe dein heiliges Antlitz; es lächelt mir Trost und Hoffnung zu; ich höre deine Stimme, sie flüstert: Warte, warte nur noch eine kurze Zeit, und du sinkst zurück zur ewigen Ruh in meinen treuen Arm!« Der rosige Schimmer war von dem Himmel verschwunden, graue Dämmerung breitete sich in den Tälern; in den Wipfeln der Tannen begann der Abendwind zu flüstern und zu raunen. Ein Schauer packte Oswald. Ihm war, als ob die mystische Nacht, an die Berger sein Gebet gerichtet, ihn schon mit ihrem Grabeshauch anwehte, als ob die Sonne versunken sei, um niemals wieder aufzugehen. Aber dieser Schauer war nicht ohne ein seltsames Gefühl der Lust. Der narkotische Duft der Todesgedanken, den ihm Bergers ekstasische Worte zutrugen, drang ihm mit dem Duft der Heidekräuter und der Tannen bis ins Herz. Er dachte an Helene und Melitta, aber nicht mit der qualvollen Unruhe von heute morgen, sondern in stiller Wehmut, wie man an geliebte Tote denkt; er dachte an die Verwirrungen und Irrungen des bunten Dramas seiner Grenwitzer Tage, aber es kam ihm vor wie ein Schattenspiel an der Wand; er dachte an die Zukunft, aber sie hatte keinen Reiz für ihn, sie flößte ihm weder Furcht noch Hoffnung ein – es war, als ob sein ganzes Wesen sich in sich selbst zurückziehe, als ob die andern weder so viel Liebe noch so viel Haß verdienten. So saß er, den Kopf in die Hand gestützt, auf einem Felsblock und schaute in den Abend hinein, der seine dunklen Schwingen immer breiter über den Himmel spannte. Eine Hand legte sich auf seine Schulter. »Komm!« sagte Berger. »Laß uns zu den Toten zurückkehren.« Sie stiegen von dem Gipfel herunter und tauchten in die feuchte Waldesnacht. Berger schien jeden Pfad und jeden Stein im Gebirge zu kennen. Er schritt, sich von Zeit zu Zeit auf seinen Knotenstock stützend, mit einer Rüstigkeit voran, die Oswald, ein so guter Fußgänger er war, das Folgen schwer machte. So waren sie an eine Wiese mitten im Herzen des Waldes gekommen. Als sie am Saume des Holzes hinschritten, blinkte plötzlich von der andern Seite ein Lichtschein herüber. Er kam von der Flamme eines Reisighaufens, der eben angezündet wurde. In dem hellen Kreis um die Flamme bewegten sich zwei Gestalten – eine Frau, wie es schien, und ein Kind. Oswalds scharfes Auge bestätigte eine Ahnung, die ihm sofort die Seele durchzuckt hatte. Es waren Xenobi und die Czika. Er eilte, so schnell ihn seine Füße tragen konnten, quer über die Wiese fort nach der Flamme zu. – Aber er hatte kaum die Hälfte der Entfernung zurückgelegt, als er bis an die Knöchel im feuchten Grunde versank. Er sah, daß er nicht weiterkommen könne. Er rief hinüber, so laut er konnte: »Xenobi, Czika, ich bin's, Oswald!« Aber sein Ruf hatte kaum den stillen Wald aus seiner Ruhe geschreckt, als das Feuer erlosch und mit dem Feuer die Gestalten der Zigeunerinnen verschwanden. Alles war still – totenstill. Oswald hätte glauben können, seine Phantasie habe ihm einen tückischen Streich gespielt. »Was hattest du?« fragte Berger, als Oswald zu ihm zurückkam. »Sahen Sie das Feuer nicht?« »Es war ein Irrlicht auf dem Sumpfe«, erwiderte Berger. »Laß uns weitergehen!« Achtes Kapitel Als die beiden Wanderer aus den Bergen heraus an die ersten Häuser des Städtchens gelangten, war es vollkommen Nacht. Oswald hatte sich ganz der Führung Bergers anvertrauen müssen und war der Meinung gewesen, daß er auf dem nächsten Wege zu Doktor Birkenhains Anstalt zurückkehren werde. Er war daher einigermaßen erstaunt, als er jetzt bemerkte, daß sie sich dem Städtchen vom entgegengesetzten Ende genähert hatten. Da standen die hochbeladenen Fuhrmannswagen, da sah man durch das offene Hoftor auf den geräumigen Hof, da brannte in der Laterne von grünem Glase über der Haustür ein trübseliges Licht und beleuchtete melancholisch die eine Hälfte der großen Mütze von Blech, die einst in den Tagen des Glanzes in grüner Ölfarbe geprangt, seitdem aber manchen Sturm erlebt und von Wind und Wetter und Regen um ihre Jugendfrische gebracht war; da erschallte aus den spärlich erhellten vier niedrigen Fenstern rechts von der Haustür das Geklirr von Gläsern, die von durstigen Trinkgästen energisch auf den Tisch gestoßen wurden, und der konzentrierte Lärm einiger zwanzig nicht allzu zarter Männerstimmen, die sich alle auf einmal vernehmen ließen. Es hätte so vieler unverkennbarer Zeichen nicht bedurft, um Oswald daran zu erinnern, daß er sich in dem gastlichen Schatten der »Grünen Mütze« befand. Das ganz unverhoffte Wiedersehen der Zigeunerin im Walde hatte ihn auf das lebhafteste an diese Angelegenheit erinnert, die er über der Begegnung mit Berger beinahe vergessen hatte. Er hätte Berger, dessen Scharfsinn in der Enträtselung verworrener Situationen und problematischer Naturen er früher oft zu bewundern Gelegenheit gehabt, gern in dieser Sache um Rat gefragt, aber er scheute sich, einen Geist, der fortwährend in den geheimnisvollen Tiefen der Mystik grübelnd umherwandelte, mit Geschichten zu behelligen, in denen der Direktor Schmenckel eine Hauptrolle spielte. Wie erstaunt war er daher, als Berger, an der Tür der »Grünen Mütze« angekommen, stehenblieb und sagte: »Mich dürstet; laß uns hier einen Augenblick eintreten.« »Hier?« sagte Oswald, der vor dem Gedanken zurückschreckte, den schwärmerischen zartsinnigen Mann, dem der Duft des Tabaks ein Greuel war, in eine so wüste Gesellschaft zu bringen. »Es sind sehr rohe Gesellen, die hier verkehren.« »Was tut es?« erwiderte Berger. »Sind es doch Menschensöhne!« Mit diesen Worten trat er durch die offene Haustür auf den Flur, wo gestern abend der Kampf zwischen den Kunstenthusiasten und ihren Gegnern stattgefunden hatte, und durch die ebenfalls offene Stubentür in die Trinkstube. Sie gewährte heute so ziemlich denselben Anblick wie gestern vor und nach der Rauferei, nur daß der Tisch, an dem die Künstler saßen, heute von den übrigen Gästen bedeutend weniger gesucht schien. Herr Schmenckel war ein viel zu guter Philosoph, als daß er sich durch dies beleidigende Benehmen der Freunde um seine gute Laune hätte bringen lassen sollen. Sein dickes Gesicht strahlte heute so rötlich wie je, seine verschwollenen Äuglein zwinkerten heute noch so listig wie je aus dem roten Gesicht; seine Wäsche war heute noch vielleicht um eine Schattierung weniger sauber, aber die Beinkleiderträger waren um keine Linie schmäler und um keine der gestickten Rosen ärmer geworden. »Wie findet Ihr das Bier, Cotterby?« sagte er, die breite Faust auf die Schulter der »Fliegenden Taube« legend. »Sauer!« war die lakonische Antwort des Angeredeten, der heute, wo der Genius in der Eiche seinen Flug nicht geweiht hatte, viel weniger applaudiert war. »Pah«, sagte Herr Schmenckel. »Ihr seid verwöhnt, Cotterby. Freilich, so gut, wie wir es in Ägypten tranken, ist es nicht; aber es ist doch gut, sehr gut. Ihr Wohl, meine Herren!« In diesem Augenblicke traten Berger und Oswald in die Trinkstube und näherten sich dem Tische, an dem die Künstler saßen, als dem am wenigsten besetzten. Herrn Schmenckels scharfes Auge hatte die neuen Ankömmlinge kaum bemerkt, als er sich von seinem Platze erhob, auf Oswald zuschritt, sich tief vor ihm verbeugte und mit einer Stimme, die darauf berechnet war, alle zu übertönen, sagte: »Ah, Euer Gnaden, Herr Graf, das ist einmal schön, daß Sie einen armen Künstler in seiner niedrigen Herberge zu besuchen kommen! Ihr Wohl, Herr Graf, und auch Ihres, alter Herr! Ach! Das war der erste Schluck, der mir heute abend geschmeckt hat. Merkwürdig! Schlechte Gesellschaft verdirbt gutes Bier, gute Gesellschaft macht schlechtes gut. Bin ein Freund von Geselligkeit, Herr Graf. Sehe, daß Sie es auch sind; wollen Sie die Güte haben, mich mit dem alten Herrn bekannt zu machen. Direktor Schmenckel weiß gern, mit wem er zu tun hat.« Oswald warf einen Blick auf Berger, um zu sehen, welchen Eindruck diese Umgebung und Gesellschaft auf ihn mache, und danach sein Verhalten Herrn Schmenckel gegenüber zu bestimmen. Zu seiner Verwunderung schien Berger mit einem gewissen Interesse dem Geschwätz des Seiltänzer-Direktors zuzuhören. Er hatte seinen Hut auf die Lehne des Stuhles gehängt, seinen Dornenstock neben sich gestellt und lehnte sich jetzt mit beiden Armen auf den Tisch, ganz wie einer, der so schnell nicht wieder fortzugehen gedenkt. »Ich heiße Berger«, sagte er auf die Frage des Direktors. »Professor Berger«, fügte Oswald hinzu, in der guten Absicht, Herrn Schmenckel durch den Titel zu imponieren und die Zudringlichkeit des Mannes in Schranken zu halten. »Professor?« wiederholte Herr Schmenckel, mit einem Blick auf Bergers blaue Bluse und verwirrten Bart. »Sehr gut! Darf ich Sie mit meinem Freunde Cotterby bekannt machen? Herr John Cotterby aus Ägypten, genannt die ›Fliegende Taube‹, Herr Berger, genannt Professor.« »Wollen wir wieder aufbrechen?« fragte Oswald, den das Benehmen Herrn Schmenckels in nicht geringe Verlegenheit setzte. »Ich denke, wir bleiben noch ein wenig«, erwiderte Berger. »Ihre Faust, alter Knabe«, sagte Herr Schmenckel, Bergers magere, schmale Hand ergreifend und kräftig schüttelnd. »Sie gefallen mir ganz ausnehmend. Wenn Ihr Filz einmal vollends aus dem Leim geht und Ihre Bluse weder Stich noch Fetzen hält – dann kommen Sie zu mir. Direktor Schmenckel wird sich ein Vergnügen daraus machen, einen Mann wie Sie als ein Mitglied seiner Gesellschaft zu begrüßen. Ihr Bart allein ist eine Zierde für die Gesellschaft. Sie würden in einer Pantomime Furore machen. – Was sagen Sie zu unserer heutigen Vorstellung, Herr Graf?« »Ich war leider verhindert, ihr beizuwohnen«, erwiderte Oswald, den ein Lächeln auf Bergers Lippen zu einem Eingehen auf die sonderbare Unterhaltung ermutigte. »Oh, da haben Sie viel, sehr viel verloren«, sagte der Direktor in dem Tone aufrichtigen Bedauerns und seinen dicken Kopf hin und her wiegend. »Die Vorstellung war die glänzendste, die wir seit langer Zeit gegeben haben. Direktor Schmenckel hat bewiesen, daß die momentane Abwesenheit einiger schätzenswerter Mitglieder seiner Gesellschaft keinen Einfluß auf ihre Leistungen im allgemeinen ausübt. Ich will nicht von mir sprechen, obgleich ich glaube, daß mir mein berühmtes Schmenckelspiel mit den drei achtundvierzigpfündigen Kanonenkugeln von niemand auf der Welt nachgemacht wird und meine Fontaine d'argent mit den zwanzig silbernen Bällen bis jetzt noch unerreicht ist – aber, meine Herren, Sie hätten heute Herrn Cotterby an dem Trapez sehen sollen! Ich sage Ihnen, die Ringelaffen von der Insel Sumatra sind Schufte dagegen, ganz elendigliche Schufte! Und dann Herr Stolzenberg mit seinem Riesenfaß! Ich sage Ihnen – rücken Sie heran, Stolzenberg! Ein Künstler wie Sie braucht nicht so bescheiden zu sein, und dem Herrn Grafen kommt es auf ein Seidel mehr oder weniger nicht an. Und dann, Herrn Pierrot als Disloqueur! – Kommen Sie zu uns, Pierrot – Künstler müssen zusammenhalten. – Ich sage Ihnen, Herr Graf, Ihr Taschenmesser ist ein Ladestock gegen Herrn Pierrot. Ich habe schon oft gesagt: Pierrot, wenn wir einmal zusammen auf der Eisenbahn fahren, bezahle ich nur für mich, Sie nehme ich franko in meiner Hutschachtel mit. Ein guter Witz, Herr Graf, nicht wahr? Aber der Professor hat ein leeres Glas, und wahrhaftig ich auch! Ich glaube, der Kerl, der Stolzenberg, hat heimlich mein Seidel ausgetrunken, und weiß Gott, sein's dazu. Trinken Sie auch aus, Pierrot. Sie ersparen dem hübschen Mädchen einen Weg! Hier, mein Schatz, fünf frische Seidel; aber frisch, mein Engel, wie die Rosen auf Ihren schönen Wangen. Lieben Sie die hübschen Weiber auch, Herr Graf? So'n schönes Kind mit braunen Augen, dunklem Haar und schlankem Leibchen wie die Czika? He? Die lassen S' nur noch ein paar Jahre älter sein; da sollen Sie Ihre Freude daran erleben.« »Haben Sie noch keine Nachricht von den beiden?« fragte Oswald. Herr Schmenckel, der keine Ahnung davon hatte, wo die Zigeunerinnen möglicherweise geblieben sein könnten, der es aber für unrecht hielt, die Hoffnung des reichen Liebhabers schöner Zigeunerkinder auf ein baldiges Wiedersehen des jüngsten Gegenstandes seiner Narretei ganz zu vernichten, zwinkerte schlau mit den verschwollenen Äuglein, legte den Zeigefinger nachdenklich an die Nase und sagte: »Sind nicht weit von hier – im Walde. – Habe sichere Kundschaft – könnte sie haben, wenn ich wollte – will nicht – Weiber müssen sich ausschmollen – kommen dann ganz von selbst wieder und sind auf lange Zeit von ihren Mucken kuriert. Ja, das muß man kennen! Die Weiber sind ein schwieriges Kapitel. Sie sind sich alle gleich und doch ist keine wie die andere. Was sagt Ihr dazu, alter Knabe?« »Ich glaube, daß Sie ein großer Philosoph sind, von dem noch mancher manches lernen könnte«, erwiderte Berger, Herrn Schmenckel mit einem seltsamen Lächeln in das Gesicht blickend. »Ja, das wollte ich meinen«, sagte der Direktor, seine breite Brust hervordrängend und die Fäuste in die Seite stemmend. »Der Schmenckel weiß, wie der Hase läuft, und wer ihm ein X für ein U machen will, der muß früh aufstehen. Aber es ist auch kein Wunder, wenn ich ein bißchen auf der Welt Bescheid weiß; bin ich doch darin herumgeschüttelt worden, von oben nach unten, von unten nach oben, wie ein Stöpsel in einer leeren Flasche.« »Eine leere Flasche!«, sagte Berger, »der Vergleich ist sehr wahr, sehr treffend, wie kommen Sie darauf?« »Wie ich darauf komme?« erwiderte der Direktor mit verwunderter Miene. »Wie ich darauf komme? Vermutlich, weil ich ein leeres Glas vor mir habe.« »Es scheint, als ob Ihnen der Trank des Lebens bis jetzt gemundet hätte«, sagte Berger, während Herr Schmenckel die Zeit, bis das frische Glas kam, dazu benutzte, sich eine kurze Tonpfeife zu stopfen. »Ja, und warum denn nicht?« erwiderte der Direktor, die Pfeife an der Flamme des auf dem Tisch stehenden Talglichtes anzündend und für einige Momente den Blicken der Anwesenden hinter blauen Wolken verschwindend. »Das Leben ist ein kreuzlustiges, pudelnärrisches Ding für den, der, wie Kaspar Schmenckel, das Herz auf dem rechten Flecke hat. – Danke, mein Schatz!« »Ich bin nicht Ihr Schatz, Herr Direktor«, sagte das Mädchen schnippisch, indem es den Arm, den Herr Schmenckel um ihre Taille geschlungen hatte, unsanft zurückstieß und einen verstohlenen Blick auf Oswald warf. Herr Schmenckel erwiderte diese beleidigende Zurückweisung dadurch, daß er die fünf Fingerspitzen der rechten Hand gegen seine dicken Lippen drückte und der Enteilenden einen Kuß nachwarf, sodann das linke Auge schloß und mit dem rechten den ihm gegenübersitzenden Oswald listig anzwinkerte. »Schmuckes Ding, Euer Gnaden, he? Tut, als ob es mich fressen wollte und ist bis über die Ohren in mich verliebt.« »Sie scheinen viel Glück bei den Frauen zu haben«, erwiderte Oswald, um doch etwas zu sagen. »Ja, wie man's nehmen will, Euer Gnaden«, sagte Herr Schmenckel, wohlgefällig lächelnd. »Die Weiber sind wie das Wetter. Heute zu heiß und morgen zu kalt; heute scheint die Sonne, morgen regnet's. Man muß sich eben halt alles von ihnen gefallen lassen, wie vom lieben Herrgott selber.« »Das käme doch im Grunde nur auf Sie an«, sagte Berger, dessen Blick unverwandt nur auf dem jovialen Gesellen weilte, als könnte sein Geist ein so wunderliches Phänomen nicht fassen. »Wie das, alter Knabe? Ihr meint, man solle sie alle zusammen laufen lassen? Na, alter Herr, das mag für Euch ganz gut sein, aber Kaspar Schmenckel müßt Ihr so etwas nicht zumuten. Der Tausend auch! Die Weiber laufen lassen? Lieber tot und begraben sein.« »Das wäre allerdings das beste«, sagte Berger. »Hört, alter Herr«, erwiderte der Direktor, »versündigt Euch nicht! Ich sage noch einmal, das Leben ist ein gutes Ding und den Teufel soll man nicht an die Wand malen. Ei was! Warum laßt Ihr Euer Bier schal werden und schneidet ein Gesicht wie ein Lohgerber, dem die Felle weggeschwommen sind? Hier, stoßt an mit Kaspar Schmenckel! So, das ist recht. Der Schmenckel ist ein lustiges Haus und mag gern lustige Leute in seiner Gesellschaft sehen. He, ihr Herren, wie wär's mit einem hübschen Lied? Cotterby, Ihr habt eine Stimme wie eine Nachtigall. Kommt, stimmt mit ein! Kennen Euer Gnaden dies Lied von den Schwaben?« »Nein, aber singen Sie es nur.« »Na, Stolzenberg, Pierrot, singt mit!« Und Herr Schmenckel nahm die Pfeife aus dem Mund, lehnte sich in seinen Stuhl zurück und begann mit einem dröhnenden Baß, während seine drei Gesellen den Chor bildeten. »Guten Morgen, Spielmann, Wo bleibst du so lang? Da drunten, da droben, Da tanzen die Schwoben Mit der kleinen Killekeia, Mit der großen Kumkum. Da kamen die Weiber Mit Sicheln und Scheiben Und wollten den Schwoben Das Tanzen vertreiben Mit der kleinen Killekeia, Mit der großen Kumkum.« »Gelt, ihr Herren, das ist ein schönes Lied!« rief Herr Schmenckel, nachdem er als Finale den Tisch mit seinen beiden Fäusten bearbeitet hatte, daß die Gläser zu tanzen begannen. »Es erinnert mich an eine hübsche Geschichte, die ich den Herren doch erzählen muß. Ihr könnt hernach weitersingen, Cotterby!« Der Ägypter schien diese Unterbrechung etwas übelzunehmen; aber Herr Schmenckel bemerkte es nicht oder wollte es nicht bemerken. Er tat einen tiefen Zug aus seinem Glase und sagte zu dem Schenkmädchen, das der Gesang oder die Anwesenheit des jungen vornehmen Fremden wieder an den Tisch gelockt hatte: »Gehen Sie ein bißchen weiter weg, mein Schatz. Die Geschichte, die Direktor Schmenckel erzählen will, ist keine Geschichte für junge Mädchen.« Die hübsche Kleine wurde bis über die Ohren rot und entfernte sich schleunig mit einem Blick auf Oswald. Herr Schmenckel räusperte sich, lehnte sich vornüber auf den Tisch und begann mit einer Stimme, die in diesem gedämpften Ton noch heiserer klang als gewöhnlich: »Meine Herren, Sie wissen, es gibt für den denkenden Menschen zwei Arten von Frauenzimmern, solche, die dienen, und solche, die sich bedienen lassen. Aber für die Liebe existiert dieser Unterschied nicht, denn die Liebe beherrscht sie beide. Diese Erfahrung habe ich nun zwar des öfteren in meinem Leben gemacht, niemals aber ist es mir so deutlich demonstriert worden als vor einigen – hier sah sich Herr Schmenckel scheu um, ob auch kein unberufenes, besonders weibliches Ohr die chronologische Notiz, die er zu geben im Begriffe war, auffangen könnte – zwanzig Jahren in Petersburg. Ist einer von den Herren je in Petersburg gewesen?« Man verneinte die Frage. »Wie kamen Sie nach Petersburg, Herr Direktor?« sagte ein Lichtenauer Bürgerssohn, der sich mittlerweile der Gesellschaft angeschlossen hatte. »Beim Schmenckel«, erwiderte der Direktor im Ton der Belehrung, »darf man sich nimmer wundern, wenn er an einem Orte gewesen ist. – Petersburg, meine Herren, ist eine schöne Stadt, was Sie schon daraus ersehen können, daß die Paläste des Kaisers und aller Großen aus blitzblankem, blauem und weißem Eis erbaut sind.« »Wie ist denn das möglich?« fragte der Bürgerssohn, »die müssen doch im Sommer schmelzen?« »Im Sommer«, sagte Herr Schmenckel, ohne sich einschüchtern zu lassen, »im Sommer? Ja, da kommen Sie schön an! Ich sage Ihnen, Herr, es gibt in Petersburg keinen Sommer. Schnee und Eis und Eis und Schnee das liebe lange Jahr hindurch von Silvester bis wieder Silvester. Also: wir waren in Petersburg und es gefiel uns da sehr gut – uns, das heißt, der berühmten Kunstreiter-Gesellschaft meines Onkels und damaligen Direktors Franz Schmenckel, in der ich als Herkules engagiert zu sein die Ehre hatte. Ich kann wohl sagen, daß wir Furore machten, besonders unsere Pferde; denn die Russen kennen Pferde nur von Hörensagen; höchstens daß der Kaiser vielleicht zwei oder drei zottige, wie große Hunde aussehende Tiere in seinen Ställen hat. Alle übrigen fahren, wie ich schon bemerkte, nur mit Rentieren, selbst die Kavallerie ist darauf angewiesen, und ich versichere Sie, meine Herren, daß so ein russischer Garde-Kürassier-Leutnant auf seinem Rentierhengst sich gar nicht so übel ausnimmt. Wir hatten ganz ungeheuren Zulauf. Der Kaiser und der ganze Hof waren jeden Abend in unserm Zirkus. Se. Majestät applaudierte so wütend, daß er alle fünf Minuten ein neues Paar weißer Glacéhandschuhe anziehen mußte, weil sie die andern zerklatscht hatte. In den Zwischenakten hatte ich an der Tür der kaiserlichen Loge zu stehen, um Se. Majestät hinter die Kulissen und in die Pferdeställe zu führen, wo Allerhöchstdieselbe den besten Pferden huldvoll auf den Hals zu patschen und den hübschesten Damen der Gesellschaft in die Wangen zu kneifen geruhte. Vor allem aber hatte ich mich der Gunst des Kaisers zu erfreuen. Warum, weiß ich selbst nicht; aber so viel ist gewiß, daß der Kaiser mich gleich am ersten Abend in seine Loge rufen ließ und vor dem ganzen Hofe zu mir sagte: ›Herr Schmenckel‹, sagte er, ›Sie sind nicht nur der stärkste, sondern auch der schönste Mann, den ich je gesehen habe. Bitten Sie sich eine Gnade aus.‹ – ›Eure Majestät‹, erwiderte ich, mich anmutig verbeugend, ›ich bitte um Ihr ferneres geschätztes Wohlwollen.‹ ›Das sollen Sie haben, und den Adel dazu‹, rief Se. Majestät im höchsten Enthusiasmus, ›geben Sie mir Ihre starke Hand, Herr von Schmenckel! Mit einer Kompagnie solcher Männer wie Sie diktiere ich die Gesetze für die Welt.‹ Seit diesem Augenblicke waren wir geschworene Freunde. ›Von Schmenckel, kommen Sie heute abend zu einer Tasse Karawanentee zu mir! – Wollen Sie heute abend nach der Vorstellung ein Glas Wutkipunsch mit mir trinken, lieber von Schmenckel! – Sie wissen, ganz unter uns, vielleicht ein paar Herren und Damen vom Hofe? – Wollen Sie?‹ – so ging es einen Tag wie alle Tage. Nun, meine Herren, der Schmenckel aus Wien ist nicht stolz, aber er bewegt sich gern in guter Gesellschaft –« Hier machte Herr Schmenckel eine verbindliche Verbeugung gegen seine Zuhörer – »Und ein Kaiser ist und bleibt am Ende immer ein Kaiser und man freut sich doch, wenn man mit ihm sozusagen auf Du und Du steht. Es waren famose Abende, die ich so im Schoße der kaiserlichen Familie zubrachte. Die Herren vom Hofe waren sehr liebenswürdig und die Frauen –« Herr Schmenckel drückte die Augen zu und warf eine Kußhand gegen die Decke des Zimmers. »Die Frauen! Ich sage Ihnen, meine Herren, wer die russischen Frauen nicht gesehen hat, hat gar keine Frauen gesehen. Diese Haare, diese Augen, dieser Wuchs, dieses Feuer – und wenn der Schmenckel viertausend Jahre alt werden sollte, er wird den Winter in Petersburg nicht vergessen. Die russischen Frauen sind schön, und Sie werden einen Anflug von Neid empfinden, meine Herren, wenn ich Ihnen sage, daß ich unter den schönsten der schönen die Auswahl hatte. Das klingt wie Aufschneiderei, meine Herren; aber, ich kann Ihnen nicht helfen, es war so. Ich bekam ganze Wagenladungen voll Locken, Blumensträußen und Billets, die alle anfingen: ›Göttlicher Schmenckel‹ oder ›Apollo Schmenckel‹, und alle endigten: ›Ich erwarte Sie da und da zu der und der Stunde.‹ Aber, wie das so zu gehen pflegt, diejenige, um deren Gunst es mir am meisten zu tun war, gehörte nicht zu meinen Verehrerinnen. Es war eine junge, sehr schöne Dame, die ich Abend für Abend im Zirkus sah. Aber sie tat immer entsetzlich vornehm und kalt, obgleich ich mich immer nur vor ihr verbeugte, wenn ich beklatscht wurde. ›Wie gefallen Ihnen unsere Damen, Schmenckel?‹ fragte mich der Kaiser eines Abends, als wir Arm in Arm in seinem Salon auf und ab spazierten. ›So, so, la, la, Euer Majestät!‹ erwiderte ich; denn Verschwiegenheit war immer Kaspar Schmenckels Stärke. ›Sie sind schwer zu befriedigen‹, sagte der Kaiser, ›wie finden Sie die kleine Malikowsky?‹« »Wie war der Name?« fragte plötzlich Berger, der, die Stirn in die Hand gestützt, dagesessen hatte, den Kopf emporhebend. »Malikowsky, alter Herr!« wiederholte Herr Schmenckel. »Noch ein Seidel, Herr Wirt! Erlauben die Herren, daß ich mir meine Pfeife stopfe.« Oswald blickte auf Berger. Es war ihm, als ob ein seltsames Zucken in den stillen ernsten Zügen wühlte und die Augen eine ungewöhnliche Erregung verrieten; aber schon im nächsten Moment hatte Berger den Kopf wieder in die Hand gestützt, und Herr Schmenckel fuhr in seiner Erzählung fort. ›Die kleine Malikowsky?‹ fragte ich, ›wer ist das?‹ ›Haben Sie denn die Dame in Schwarz nicht bemerkt, gleich links neben der kaiserlichen Loge? Blasses Gesicht, großes Auge, etwas langes Kinn.‹ ›Doch, Majestät! Aber die scheint mir ein scheuer Vogel.‹ ›Possen, lieber Schmenckel, alles Possen! Im Vertrauen, die Dame stand in etwas näherer Beziehung zu unserm Hause, als mir lieb war. Wir haben ihr einen Mann verschafft, einen heruntergekommenen polnischen Edelmann; ihr Ruf ist nicht gut, seiner ist schlecht; er hat nichts; sie hat eine halbe Million Seelen –‹« »Wieviel ist das in Preußisch-Kurant, Herr Direktor?« fragte der dicke Stammgast, ein Viktualienhändler seines Zeichens. »Fünf Millionen Taler, sechsundzwanzig Silbergroschen, vier Pfennig –, so passen sie sehr gut zusammen. Wenn sie ihn einmal los sein will, schickt sie ihn auf ihre Güter in Polen – eben jetzt ist er wieder unterwegs. Die erobern Sie sich und ich will sagen, der Schmenckel ist nicht nur der stärkste und schönste, er ist auch der glücklichste Mann auf der Welt.‹ ›Euer Majestät Wunsch ist für mich Befehl‹, erwiderte ich, ging nach Hause und überlegte, wie ich das Herz der Schönen gewinnen könnte. Nur dadurch, daß du etwas tust, was vor dir noch kein Mann getan hat, sagte ich zu mir, und da, meine Herren, erfand ich das berühmte Schmenckelspiel mit den drei vierundachtzigpfündigen Kanonenkugeln. Am ersten Abend spielte ich mit einer Fangball – sie lächelte; am folgenden mit zweien – sie klatschte in die Händchen; am dritten mit allen dreien – sie warf mir einen Blumenstrauß zu. Jetzt war ich meiner Sache gewiß. Hier aber, meine Herren, muß ich Sie um Entschuldigung bitten, wenn ich meiner Gewohnheit gemäß, sooft eine Dame ins Spiel kommt, von dem Verlauf der Geschichte nur andeutungsweise so viel sage, daß noch an demselben Abend ein allerliebstes Kammerkätzchen bei mir erschien und mich bat, sie zu ihrer Gebieterin zu begleiten, die vor Liebe zu mir sterbe; daß der Schmenckel aus Wien ein viel zu gutes Herz hat, als daß er jemand sollte sterben lassen; und daß die folgenden vier Wochen zu den schönsten seines Lebens gehören.« »Ihr seid ein glücklicher Mensch, Direktor!« sagte der Fichtenauer Bürgerssohn, der seit vier Jahren die Tochter eines Ratsherrn heimlich liebte und schon so weit mit ihr gekommen war, daß sie ihm einmal beinahe einen Kuß gegeben hätte. »Wie man's nehmen will, junger Mann«, erwiderte Herr Schmenckel mit väterlichem Wohlwollen, »wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Ich wollte hier eigentlich meine Geschichte zu Ende sein lassen; aber zu Nutz und Frommen solcher jungen heißblütigen Gesellen, wie Ihr, Herr Kanzleischreiber Müller, und Ihr Cotterby, Ihr Tausendsakramenter, und Ihr Pierrot, Windbeutel, der Ihr seid, muß ich selbige halt schon auserzählen. Na, merken Sie auf, ihr Herren! Das Kammerkätzchen war nicht weniger in mich verliebt als ihre Herrin, denn, wie ich schon vorher bemerkte, vor der Liebe sind alle Weiber gleich. Was geschieht also? Eines schönen Abends, als ich – in allen Züchten und Ehren, ihr Herren, so wahr ich Kaspar Schmenckel heiße – bei der Dame, wie gewöhnlich meinen Tee trinke, klopft es plötzlich sehr heftig an die Tür, die in die Zimmer des Grafen führte und die von innen verschlossen war. ›Aufgemacht! Aufgemacht!‹ – ›Um Gott, der Graf!‹ flüsterte die Gräfin schreckensbleich, ›die Nadeska hat uns verraten!‹ – ›Aufgemacht, Himmelelement, aufgemacht!‹ – ›Na, das ist eine schöne Bescherung‹, sage ich, ›was wird denn nun?‹ – ›Schmenckel, retten Sie mich!‹ – ›Mit Pläsier, aber wie?‹ – ›Ich eile in meine Schlafstube und schließe hinter mir ab.‹ – ›Sehr schön, aber ich?‹ – ›Sie sind hier eingebrochen, durch das Fenster‹ – dabei riß sie die Fensterflügel auf, nahm den Armleuchter – verschwand durch die zweite Tür, schloß ab und fing an, aus Leibeskräften: ›Hilfe! Hilfe!‹ zu schreien. Na, meine Herren, stellen Sie sich meine Situation vor. Ehe ich mich noch besinnen konnte, was ich tun sollte, brachen die Türflügel auseinander und der Graf mit zwei Pistolen in der Hand stürzte herein und vier bis fünf Kerle mit Lichtern und Knütteln hinterher.« »Wie sah der Graf aus?« fragte Berger dumpf, ohne den in die Hände gestützten Kopf zu erheben. »Ja, alter Herr, viel Zeit, ihn mir zu besehen, hatte ich nicht. Ich weiß nur, daß es ein schöner langer Kerl war mit vor Wut blitzenden Augen. ›Habe ich dich, Schurke?‹ brüllte er. – Puff, simm! sauste mir die Kugel am linken; puff, simm! eine andere am rechten Ohr vorbei. Na, ihr Herren, das war doch am Ende auch nicht die rechte Art und Weise, sich bei Kaspar Schmenckel zu introduzieren. Was werde ich also tun? Ich packte meinen Herrn Grafen um den Leib und warf ihn zum Fenster hinaus, und damit, im Fall er sich etwas zerbrochen hätte, gleich Hilfe zur Hand wäre, einen seiner Bedienten hinterher. Die andern ergriffen das Hasenpanier und liefen, was sie laufen konnten; ich ihnen nach durch die Zimmer auf den Vorsaal, die Treppe hinunter; und, meine Herren, als ich erst so weit war – den Weg durch die Haustür auf die Straße fand ich ganz allein. Wie findet Ihr die Geschichte, Professor?« und Herr Schmenckel legte seine breite Hand auf Bergers Schulter. Berger hob den Kopf in die Höhe. Sein Gesicht war totenbleich; seine Augen rollten; das graue Haar hing ihm über die Stirn. »Wenn du die Wahrheit sprechen kannst, Mensch!« sagte er mit einer hohlen, unheimlichen Stimme, »antworte mir: Hast du die Wahrheit gesprochen?« »Ich glaub', der alte Herr hat ein wenig zuviel getrunken«, sagte Herr Schmenckel. »Ja, ich habe zuviel getrunken«, rief Berger, heftig mit den Händen gestikulierend, »zu viel von dem eklen Gebräu dieses jämmerlichen, nichtsnutzigen Lebens, und der Trank ist mir zu Kopf gestiegen.« Es war ein fürchterliches Lachen; aber den halbberauschten Zechern kam es sehr lustig vor. »Ho, ho, nun kommt der Professor in Gang!« rief Herr Schmenckel, sich die Seiten haltend. »Rede halten, Rede halten! Der Professor soll 'ne Rede halten.« Oswald war aufgesprungen und zu Berger getreten; er versuchte in seiner Herzensangst den Exaltierten mit freundlichen Worten zu beruhigen und zum Fortgehen zu bewegen. Berger achtete nicht auf ihn. Er stand da, sich mit beiden Händen auf den Tisch lehnend, wie Oswald es ihn im Auditorium hatte tun sehen. »Schreiben Sie, meine Herren«, rief er, »es ist die Quintessenz des langen Syllogismus, dessen einzelne Teile ich Ihnen soeben analysiert habe: ›Ich stieg auf einen Birnenbaum, Rüben wollt' ich graben, Da hab' ich all mein Leben lang Keine besseren Pflaumen gegessen.‹ Sie werden mir antworten, daß dies keine spekulative Idee, sondern ein altes Schlemperlied ist, aber, meine Herren, in einer Welt, wo die Guten verhöhnt und von schadenfrohen Dämonen genasführt werden; wo der Aberwitz mit der Schellenkappe auf dem Haupt regiert und seine erhabenen Gedanken von der Dummheit, der Gemeinheit, der Brutalität ausführen läßt – da ist eben die Spekulation ein Schlemperstückchen und die Idee – die glorreiche, hochherrliche Idee – das sind Sie ja eben selbst, meine Herren, gemeine, rohe Gesellen, wie Sie sind.« »Oho, nit so grob, Alter«, rief Herr Schmenckel, der kaum noch lachen konnte. »Ja, ja, Sie selbst«, fuhr Berger heftiger und immer heftiger werdend fort, »Sie selbst, Herr Direktor Kaspar Schmenckel aus Wien, Sie repräsentieren die Gerechtigkeit des Himmels. Die Idee kann nichts ohne Sie; Sie sind die Idee, die inkarnierte Idee! Ich sagte Ihnen, das Leben sei nichtswürdig, aber nein – das ist noch viel zu viel – es ist Ihrer würdig.« »An mein Herz, alter Knabe«, rief Herr Schmenckel, Berger an seine breite Brust drückend, »du bist ein kreuzfideles Haus, wir müssen Brüderschaft trinken.« Er ließ Berger aus den Armen und griff nach dem Glase. In demselben Augenblick sank Berger, die Hand aufs Herz pressend, mit einem gellenden Schrei ohnmächtig zusammen. Es war ein Schrei, fürchterlich, wie der Hilferuf eines Ertrinkenden in dem Augenblicke des Untersinkens; ein Schrei, der den wüsten Lärm in der Stube übertönte, das Singen und Geschnatter zum Schweigen brachte und die Zecher bestürzt von ihren Sitzen in die Höhe fahren ließ. Sie drängten sich mit verstörten Gesichtern herzu und glotzten mit den stumpfsinnigen von Bier stieren Augen auf den Unglücklichen, den Oswald vom Boden aufzurichten sich bemühte. Niemand legte Hand an, dem jungen Manne zu helfen. Der Schrecken schien die Leute paralysiert zu haben. »Will mir denn keiner beistehen?« rief Oswald, die Last des leblosen Körpers in den Armen haltend. Diese letzten Worte wurden an Herrn Schmenckel gerichtet, der bis jetzt mit offenem Munde und starren Augen, die Tabakspfeife in der einen, das Bierglas in der andern Hand, regungslos dagestanden hatte. Oswalds Aufforderung brachte ihn wieder zur Besinnung. »Habt recht, Herr Graf«, sagte er, »müssen was tun für den alten Herrn.« Er legte seine Pfeife auf den Tisch, nahm Oswald den noch immer besinnungslosen Berger aus den Armen, hob ihn in die Höhe und trug ihn aus dem Zimmer, wie ein Löwe eine tote Gazelle wegträgt. Oswald und der Wirt folgten. »Hier, hier herein«, sagte der Wirt, die Tür des auf der andern Seite des Flurs liegenden Zimmers öffnend, wo die vornehmeren Reisenden abzusteigen pflegten. Herr Schmenckel legte den Ohnmächtigen auf das Sofa. »Der alte Herr hat nichts Ordentliches im Magen gehabt«, sagte Direktor Schmenckel im Ton der Belehrung flüsternd zu Oswald, der sich um den Kranken bemühte, »Euer Gnaden hätten ihm erst vorher ein tüchtiges Stück Schinken mit Schwarzbrot und einen Nordhäuser geben lassen sollen.« Da begann Berger sich zu regen. Er schlug die Augen auf und blickte die um ihn Herumstehenden verwundert an, wie jemand, der aus einem schweren Traum erwacht. Dann richtete er sich mit Oswalds Hilfe vollends auf und sagte mit leiser Stimme: »Ich danke euch, meine Freunde. Ich habe euch Mühe gemacht. Wir sind in diesem Leben einer auf den andern angewiesen. Ich denke, euch bald wiederzusehen; vielleicht, daß ich euch noch einmal eure Liebe vergelten kann. Komm, Oswald, wir wollen gehen.« »Fühlen Sie sich kräftig genug? Soll ich nicht lieber einen Wagen kommen lassen?« »Nicht doch; Roß und Wagen ist nicht für mich und meinesgleichen.« Er schritt nach der Tür. Plötzlich blieb er wieder stehen. »Gib den Leuten, was wir schuldig sind, Oswald, wir dürfen nichts schuldig bleiben auf Erden.« Oswald bezahlte dem Wirt die Zeche, in die, zur sichtlichen Befriedigung Herrn Schmenckels, auch was die Seiltänzer verzehrt hatten, eingerechnet wurde. Einige Augenblicke später hatten er und Berger das Haus verlassen und schritten durch die stillen Gassen von Fichtenau zurück nach Doktor Birkenhains Anstalt. Berger beobachtete ein Schweigen, das Oswald nicht zu unterbrechen wagte. Der junge Mann machte sich im stillen heftige Vorwürfe über seine Unbesonnenheit, Berger so lange in solcher Gesellschaft gelassen zu haben. Er glaubte, daß es vor allen Dingen die Hitze und der ungewohnte Genuß des starken Bieres gewesen sei, was Berger in den exaltierten Zustand gebracht habe. Er hatte keine Ahnung, in welch enger Beziehung die fratzenhaft abenteuerliche Geschichte des Seiltänzerdirektors, auf die er nebenbei kaum hingehört hatte, mit der Leidensgeschichte des unglücklichen Freundes stand. Er dachte an Doktor Birkenhain, und wie schlecht er den Auftrag des Arztes erfüllt habe; er überlegte bei sich, ob seine Anwesenheit nicht eher schädlich als dienlich für Berger und ob es nicht, für den Kranken sowohl als für ihn selbst, geratener sei, wenn er Fichtenau sobald als möglich wieder verließe. So waren sie schweigend bis auf den Weg gelangt, der an der Mühle vorbei zu dem Torweg von Doktor Birkenhains Anstalt zuführte, als Berger plötzlich sagte: »Du mußt heute noch reisen, Oswald!« »Heute?« »Heute lieber, als morgen. Du mußt noch einmal in die Wüste hinaus; ich kann es dir nicht ersparen. Und ich selbst, ich habe noch viel zu lernen, worin du mir nicht helfen kannst. So müssen wir uns trennen. Geh du deine Straße; ich will die meine gehen; es ist dieselbe, und ob ich dir auch ein wenig voraus bin, du lernst schnell und wirst mich bald einholen. Bis dahin, Oswald, lebe wohl!« Berger schloß Oswald in seine Arme und küßte ihn. Oswald war tief bewegt. »Laß mich bei dir bleiben«, sagte er mit von Tränen halb erstickter Stimme, »laß mich bei dir bleiben, um nie wieder von dir zu gehen. Ich hasse die Welt, ich verachte die Welt wie du.« »Ich weiß es wohl«, sagte Berger, »aber die Welt verachten ist nur das erste Stadium von den dreien bis zu dem großen Geheimnis.« »Und welches ist das zweite Stadium? Nenne es mir, daß ich es im Fluge durchmesse!« »Sich selbst verachten.« »Und – das dritte?« Sie standen an dem Torweg. Berger zog die Klingel, die Tür sprang auf. »Und das dritte, letzte Stadium?« »Verachten, daß man verachtet wird.« »Und das Geheimnis selbst, das große Geheimnis?« »Wer die drei Stadien durchgemacht hat, weiß es und versteht es, ohne daß er fragt. Wer danach fragt, weiß es nicht und würde es nicht verstehen. Oswald, lebe wohl! Auf Wiedersehen!« Berger drückte Oswald noch einmal an sein Herz und trat durch die Pforte, die sich sofort wieder hinter ihm schloß. Oswald blieb vor der Pforte stehen, einem Bettler gleich, dem der Trunk, um den er bat, verweigert wurde. Dann ging er gesenkten Hauptes den Weg, den er mit Berger gekommen war, zurück. Die Nacht war dunkel; kaum ein Stern an dem trüben, wolkenbedeckten Himmel; die Pappeln am Wege raunten und zischelten und der Mühlbach unten schwatzte es nach: Die Welt verachten – sich selbst verachten – verachten, daß man verachtet wird! Neuntes Kapitel Zu derselben Zeit, als Oswald mit Berger von dem Gipfel der Gockeleia die Sonne in dem grünen Wäldermeer der Berge versinken sah, war in dem Kurhause ein Gast abgestiegen, dessen Ankunft in dem Hotel eine gewisse freudige Bewegung hervorrief. Es war eine junge, schöne, in einen dunkeln eleganten Anzug gekleidete Dame in Begleitung eines nicht minder schönen, aber blaß und kränklich aussehenden Knaben von zwölf Jahren, und eines alten Mannes, der sich durch einen eisgrauen Schnurrbart und eine martialische Haltung auszeichnete und halb der Freund, halb der Diener der Dame zu sein schien. Die Dame war im Sommer desselben Jahres – damals ohne den Knaben – mehrere Wochen lang in Fichtenau gewesen, um ihren Gemahl, der sich seit sieben Jahren in Doktor Birkenhains Heilanstalt befand, dem Tode entgegensiechen und endlich sterben zu sehen, und ihr trauriges Schicksal nicht minder als ihre Unendliche Güte und Milde gegen jedermann, besonders gegen Kranke und Arme, hatten ihr die Liebe und Verehrung der Einwohner des Städtchens in so hohem Grade erworben, daß man noch jetzt in mehr als einer Familie das Andenken der »guten Frau« dankbar segnete. Aber auch dieses Mal schien keine freudige Veranlassung die Dame nach Fichtenau geführt zu haben, denn sie war kaum von dem Wirt selbst unter vielen Bücklingen und Komplimenten in den Salon der Belétage geführt worden und hatte sich dort in den zwei links daran stoßenden Zimmern – das Zimmer rechts konnte der gnädigen Frau leider nicht sofort eingeräumt werden, da es noch von einem Reisenden bewohnt sei, der aber jedenfalls nur bis morgen bleibe – mit Hilfe des alten Dieners einquartiert und den Knaben, der von der Reise sehr angegriffen war, zu Bett gebracht, als sie sich hinsetzte und einige Zeilen an Doktor Birkenhain schrieb, mit denen sich der alte Diener in Begleitung des Hausknechts sogleich auf den Weg nach der Heilanstalt machte. Nach einer Stunde war Doktor Birkenhain, den alten Diener neben sich, in seinem Einspänner vor dem Kurhause vorgefahren, war zu der Dame in den Salon gegangen und hatte eine lange Unterredung mit ihr gehabt, die wohl nicht sehr erfreulichen Inhalts gewesen sein konnte, denn Jean, der Zimmerkellner, hatte, als er den Tee in den Salon brachte, gesehen, daß die gnädige Frau geweint und sich bei seinem Eintritt die Augen getrocknet hatte. Doktor Birkenhain war nach dieser Unterredung noch einmal an das Bett des schlafenden Knaben getreten, hatte ihm die Hand auf das Herz gelegt, sich dann über ihn gebeugt, und, das Ohr auf die entblößte Brust drückend, längere Zeit gehorcht, dann hatte er sich wieder aufgerichtet, den Schläfer sorgsam zugedeckt, ihm das volle lockige Haar aus der bleichen feinen Stirn gestrichen und sich mit einem Lächeln auf den Lippen, das die strengen ernsten Züge des Mannes eigentümlich verklärte, zu der Dame gewandt, die, das Licht in der Hand, mit dem gespannten Ausdrucke schmerzlicher Ungewißheit in dem lieben schönen Gesicht dagestanden hatte und den Arzt jetzt ängstlich fragend ansah. »Beruhigen Sie sich, gnädige Frau!« sagte er, »ich kann mich allerdings noch nicht mit Gewißheit aussprechen, aber was ich bis jetzt beobachtet habe, flößt mir die beste Hoffnung ein, daß es mit unserem kleinen Patienten nicht so schlecht steht, als meine Grünwalder Herren Kollegen angenommen haben.« Ein Freudenstrahl erhellte das Gesicht der Dame, ihre großen dunklen Augen füllten sich mit Tränen. Doktor Birkenhain nahm ihr das Licht aus der Hand und geleitete sie in den Salon zurück. »Ich komme morgen früh wieder«, sagte er, indem er Hut und Stock nahm, »lassen Sie, wenn es Sie beruhigt, den allen Baumann bei Julius wachen. Sie selbst legen sich zeitig zu Bett und nehmen eins von diesen Pulvern. Sie sind sehr angegriffen und bedürfen der Ruhe.« »Bleiben Sie noch einen Augenblick, Doktor!« sagte die Dame. »Ich muß Sie noch etwas fragen.« Ihre Züge verrieten eine große Erregung; ihr Busen hob und senkte sich unruhig; sie schien einen Gedanken aussprechen zu wollen, der ihr zu fürchterlich war, als daß sie ihn hätte in Worte kleiden können. Doktor Birkenhain legte Hut und Stock wieder auf den Stuhl. »Setzen Sie sich, gnädige Frau«, sagte er, wieder neben ihr auf dem Sofa Platz nehmend. »Ich weiß, was Sie mich fragen wollen; ich habe diese Frage schon den ganzen Abend in Ihren angstvollen Augen, auf Ihren zitternden Lippen gelesen. – Sie glauben nicht an die Herzkrankheit, welche die Grünwalder Ärzte diagnostiziert haben; wenn Sie daran glaubten, wären Sie, so hoch Sie auch von meinen geringen Erfahrungen und Kenntnissen denken mögen, doch nicht gerade zu mir gekommen. Sie glauben, daß das Übel tiefer liegt, daß es – mit einem Worte – ein erbliches Übel, der erste Keim, der Beginn einer Krankheit ist, die schon einmal für Sie so verhängnisvoll geworden. Habe ich recht?« Die Antwort der Dame war ein Strom von Tränen, der wie eine lange zurückgehaltene Flut unwiderstehlich aus ihren Augen brach. Sie drückte schluchzend ihr Taschentuch gegen das Gesicht. »Liebe gnädige Frau«, sagte der Arzt, die Hand der Weinenden ergreifend, »ich bitte, ich beschwöre Sie, beruhigen Sie sich. Es ist, soviel ich aus dem schriftlichen Bericht meiner Kollegen, aus Ihren eigenen Worten und aus meiner Beobachtung urteilen kann, auch nicht der mindeste Grund vorhanden, der Ihren schrecklichen Verdacht bestätigte. Der Wahnsinn ist erblich, ja; er pflanzt sich viele Generationen fort, bald hier, bald dort, oft nach langen Zwischenräumen wieder auftauchend, aber in der Familie Ihres Gemahls ist erwiesenermaßen der Fall Herrn von Berkows der erste, solange die Familie existiert, das heißt, seit Jahrhunderten. Und dieser Ausnahmefall hatte seine besonderen, sehr traurigen Ursachen, die sich nur auf das betreffende Individuum beziehen und sich in ihren Wirkungen nur an diesem Individuum äußern. Herr von Berkow war von Natur sehr gesund, ja auffallend kräftig organisiert, aber – es spricht ein Arzt zu Ihnen, gnädige Frau – er hatte diese kräftige Organisation durch ein ausschweifendes Leben zerrüttet. Was anderen in seiner Lage zur Rettung wird – die Ehe mit einem keuschen, reinen Wesen –, wurde ihm zum Verderben, denn er fühlte seine Unwürdigkeit, fühlte sie so tief, daß er an Ihrer Verzeihung, an Ihrer Liebe verzweifelte und sich widerstandslos einer finstern Melancholie überließ, in der er bald seinen Lebensmut vollends aufzehrte. – Die Sünden des Vaters werden nicht heimgesucht werden an dem Kinde. Sollte sich wirklich eine Herzkrankheit herausstellen, so ist sie jedenfalls noch sehr wenig vorgeschritten und kann, zumal bei Julius' Jugend und übriger kräftiger Konstitution erfolgreich bekämpft werden. Darum, gnädige Frau, lassen Sie Ihre Sorge fahren; vertrauen Sie mir und – vertrauen Sie Ihrem Stern, von dem doch endlich einmal die Wolken verschwinden müssen, die ihn bis jetzt verschleierten.« »Meinem Stern?« sagte die Dame mit einem wehmütigen Lächeln. »Meinem Stern? Ach, Doktor, ich fürchte, der ist, wenn er jemals existiert hat, für immer untergegangen.« »Das wollen wir sehen«, sagte Doktor Birkenhain, sich erhebend. »Ich glaube nun einmal an gute Sterne, und vor allem an Ihren guten Stern. Wer so schön und so lieb und so gut ist wie Sie, der darf, der soll nicht unglücklich sein. Gute Nacht«' Doktor Birkenhain ergriff die Hand der Dame, führte sie ehrfurchtsvoll an seine Lippen und verließ das Zimmer. Sie saß, nachdem der Arzt sie verlassen, lange Zeit den Kopf auf die Hand gestützt, in tiefes Sinnen versunken. Wie in einem Traum zogen die Bilder ihres Lebens an ihres Geistes Aug' vorüber. Sie sah sich als rotwangiges wildes Kind in ihres Vaters Parke spielen mit einem ernsten, ungelenken Knaben, dem sie manchmal herzlich gut war und den sie ein anderes Mal nicht ausstehen konnte; der, bald stolz und herrisch, sich ihren Launen widersetzte, bald, wenn sie ihm freundlich begegnete, keine Mühe und keine Gefahr scheute, ihre kindischen Wünsche zu erfüllen. Sie sah sich einige Jahre später in der Gesellschaft desselben Knaben und einiger anderer Knaben und Mädchen in dem Saale ihres väterlichen Schlosses nach den Tönen einer Violine sehr zierliche Pas machen, zum Entzücken vieler erwachsener Männer und Frauen, welche die kleine Kokette mit Lobsprüchen und Liebkosungen überschütteten; und sie sah den Knaben, dessen Ungeschicklichkeit sie in ihrem Übermut verspottete und verhöhnte, in einer Fensternische sitzen und bitterlich weinen. Sie sah sich, wieder einige Jahre später, in dem morgenfrischen Glanze sechzehnjähriger Schönheit und von allen Seiten umworben und gefeiert und den süßen, köstlichen Trank aus dem rosenumkränzten Becher des Lebens mit durstigen Zügen ahnungslos schlürfend, von Freude zu Freude gaukelnd, wie ein leichtbeschwingter Schmetterling von Blume zu Blume, und doch in diesem seligen Genießen in der Tiefe des Herzens von einer wühlenden Unruhe erfüllt, der die goldige Gegenwart grau und farblos erschien im Vergleich mit der wunderherrlichen, farbenprangenden Zukunft, die alle Träume, alle Wünsche erfüllen würde. Sie hatte in dieser Zeit den ernsten, ungelenken Knaben aus den Augen verloren. Welch traurige Rolle hätte er auch gespielt in dieser duftenden, blühenden, nachtigallengesangerfüllten, kosenden, tändelnden Feenwelt! Aber die Zukunft war Gegenwart geworden und hatte von allem, was sie verheißen, nichts erfüllt. – Ein giftiger Tau war auf die bunten Blumen gefallen und hatte ihnen Farbe und Duft geraubt; die Nachtigallen waren verstummt, und über der frühlingprangenden Welt hing ein grauer, düsterer Schleier – ein Schleier, durch den hindurch entsetzliche Szenen vorüberhuschten – ein Vater, der vor der Tochter auf den Knien liegt und sie bei seinem grauen Haupt, das er sich zerschmettern müsse, wenn sie seinen Wünschen nicht nachkomme, beschwört, einen Mann zu heiraten, den sie nicht liebt, vor dem ein instinktives Gefühl die Reine, Unschuldige warnt – ein Gatte, der – – weg, weg ihr Bilder, ihr grausigen Bilder, bei deren Erinnerung die Unglückliche nach so vielen Jahren noch jetzt schaudernd ihr Gesicht in den Händen verbirgt! Und da tritt wieder die Gestalt des jetzt zu einem stolzen, kalten Mann gewordenen düstern, trotzigen Knaben heran, der ihr gegenüber den Stolz in Demut und die Kälte in unendliche Güte und Liebe verkehrt, der ihr ratend, tröstend, helfend zur Seite steht, der, soviel er vermag, das Leid von ihr wendet, und wo er es nicht vermag, es ihr tragen hilft, ja, alles womöglich auf seine Schulter nimmt. Wohl kommt ihr in dieser Zeit der Gedanke, daß dieser Mann mehr wert sei als alle ihre phantastischen Träume, aber noch immer kann sie von den Idealen nicht lassen, die nun einmal ihr jugendliches Herz erfüllt haben. Sie quält den Mann, wie sie den Knaben quälte, sie schickt ihn auf Reisen, wie sie ihn früher aus dem Garten schickte, wenn er sich ihren Launen nicht sklavisch fügen wollte. Und nun kommen die friedlichen Bilder in der grünen Öde ihres Landgutes verlebter Jahre, in denen die Gestalten eines schönen, zarten Knaben, eines gutmütigen, pedantischen Gelehrten und eines alten graubärtigen Dieners in den verschiedensten und immer ähnlichen Situationen stets wiederkehren – friedliche Bilder, über deren heiteren Farben doch ein gewisser Hauch der Wehmut, der unerfüllten Hoffnung, der unbefriedigten Sehnsucht liegt. Zwar denkt sie noch oft an den Mann, den sie in die Verbannung gesandt hat, aber nicht mehr mit dem freundlichen Herzen, das sich seiner Undankbarkeit im Grunde schämt. Es hat sich ein bitteres Etwas hineingemischt in ihre Gefühle gegen den Mann, seitdem er – es war auf einer Reise in Italien – gewagt hat, offen mit seiner Liebe hervorzutreten, sie ihn mit jener schlechten Logik, welche Verharren in einer kapriziösen Laune für Konsequenz nimmt, zurückgewiesen, und er, stolz wie er ist, sie sofort beim Worte genommen hat und seitdem in Ägypten und Nubien verschwunden ist. Sie bildet sich ein, daß sie angefangen hat, den Gespielen ihrer Jugendjahre, den treuen Freund in aller Not und Gefahr, zu hassen, und ein Psycholog hätte ihr sagen können, daß der Haß der wilde Bruder der holden Schwester Liebe und nur die Gleichgültigkeit ein undurchdringlicher Panzer für ein Frauenherz ist. Und nun tritt in die friedliche Szenerie die Gestalt eines Mannes, dessen Schönheit ihr kunstsinniges Auge entzückt, dessen sanfte Freundlichkeit sie umspielt wie linder Frühlingshauch, dessen Melancholie in ihrem sich nach Glück sehnenden Herzen ein Echo findet – eines Mannes, der alles in allem nur eine Verkörperung ihrer Träume scheint. Und wie in einem Traume nimmt sie seine Liebe entgegen, erwidert sie mit tausendfacher Glut – sie will die Gefahr nicht sehen, sie will nicht erwachen, sie will einmal in ihrem Leben glücklich sein. Aber der Morgen steigt herauf; es ist nicht möglich, die Augen länger geschlossen zu halten und den Traum zu bannen. Der wider alles Erwarten zurückgekehrte Freund tritt warnend vor sie hin, und schon im nächsten Moment geht seine Prophezeiung in Erfüllung. Schlag auf Schlag bricht das Unglück herein, dessen Ahnung ihn aus den Ruinen von Karnak nach seiner nordischen Heimat trieb. Die Nachricht von dem bevorstehenden Tode des Mannes, dessen Namen sie führt, reißt sie aus den Armen des Geliebten; sie eilt, eine Pflicht zu erfüllen, die ihr um so heiliger ist, je wonnevoller das Glück, in dem sie sich in diesen letzten Wochen gewiegt – und sie kehrt zurück, das Herz voll freudiger Hoffnung und zugleich voll banger Ahnung, und sie hört und sieht, daß der Mann, dem sie sich mit grenzenloser Liebe hingegeben, sie verraten hat, und daß, wie zur Strafe für ihr kurzes, heimliches Glück, ihr einziges Kind, der schöne, liebenswürdige Knabe, ihr Trost, ihre Wonne, ihr Stolz, daniederliegt an einer Krankheit, in der sie den Anfang eines Leidens sieht, dessen Ausgang und fürchterliches Ende sie eben an dem Vater des Kindes erfahren hat. Aber dieser zweite Schlag ist vielleicht für sie ein Segen. Er betäubt sie so, daß sie die Wunde, die ihrem Herzen geschlagen ist, kaum fühlt. Die Liebe des Weibes versinkt in dem Abgrund der Mutterliebe. Sie wacht an des Knaben Bette Tag und Nacht, sie hat nur Aug' und Ohr für seine Bedürfnisse, seine Wünsche; und als er sich etwas erholt, macht sie sich mit ihm auf die Reise zu dem Manne, in dessen Erfahrung sie grenzenloses Vertrauen setzt, von dessen Lippen sie die Entscheidung über Leben und Tod – nein, was schlimmer, tausendmal schlimmer ist als der Tod! – entgegennehmen will. Und er hat entschieden; er hat ihr nicht alle Hoffnung geraubt, er hat ihr Mut zugesprochen – ihr Knabe wird leben; er wird gesunden; die Sünden des Vaters sollen nicht heimgesucht werden an dem Kinde. Und jetzt, wo ihre Seele von der entsetzlichen Last befreit ist, denkt sie zum erstenmal wieder an ihre verratene Liebe. War dieser Verrat nicht eine Strafe für sie, daß sie zuerst nach ihrem und dann nach ihres Kindes Glück gefragt, für den Verrat, den sie an ihrem Kinde geübt? War die Liebe zu einem Manne, der ihr ganzes Herz erfüllte, nicht Verrat an ihrem Kinde? Hier in diesem Zimmer hatte sie in den warmen Abenden des verflossenen Sommers so oft von einer Zukunft geträumt, deren Erfüllung diese Gegenwart war, in der sie der Strom des Lebens zurückgetrieben hatte, an denselben Ort, fast in dieselbe Situation. War es nicht, als wollte ihr das Schicksal Zeit geben, noch einmal zu überlegen, ehe sie handelte, ehe sie ihr Glück und das ihres Kindes in Hände legte, die viel zu schwach waren, ein solches Gut mannhaft zu verteidigen? Hier in diesem Zimmer hatte sie der Freund vor jenen Händen gewarnt, die mit knabenhafter Kühnheit nach allem Höchsten griffen, um in kindischer Laune das Schönste und Herrlichste, als wäre es Trödelware, wieder fortzuwerfen. Hier in diesem Zimmer hatte er ihr eine Prophezeiung gemacht, die Wort für Wort schon jetzt in Erfüllung gegangen war! Hier in diesem Zimmer hatte er die Worte zu ihr gesprochen: ›Und wenn du dann von diesem Schlage zerschmettert am Boden liegst und zu sterben wünschest und doch nicht sterben kannst, dann wirst du erkennen, welche Qualen ein Herz erduldet, wenn es seine Liebe und Treue verschmäht und verraten sieht; dann wirst du mir im Herzen das Unrecht abbitten, das du mir getan!‹ Wo war er jetzt, dieser treue, edle Mann, der – sie hatte es oft gefühlt, aber nie mehr als in diesem Augenblicke – ihrethalben seine stolze Kraft in Tatlosigkeit oder sinnlosen Abenteuern vergeudete, wie ein Baum, dem das Herz gebrochen ist, üppig in Zweige und Blätter schießt, ohne jemals Früchte zu bringen? Wieder irrte er ruhelos wie Ahasver durch die weite öde Welt. Als sollte er nie etwas sein eigen nennen, war ihm das Kind, das er geliebt, ehe er wußte, daß es sein Kind war, wie ein kurzer schöner Traum wieder verschwunden. Er hatte es ziehen lassen, weil ihm sein Gerechtigkeitsgefühl sagte, daß er kein Anrecht habe an diesem Wesen, für das er nichts getan als ihm zum Dasein verholfen. Sollte es denn wirklich sein Schicksal sein, Liebe zu säen und Gleichgültigkeit zu ernten? Nein, nein! Nicht Gleichgültigkeit! Wenn auch nicht Liebe, wie er sie fühlte, wie er sie wollte, aber auch nicht Gleichgültigkeit! Empfand sie denn nicht herzliche Freundschaft, aufrichtige tiefe Hochachtung für ihn? Hätte sie nicht Jahre des Lebens darum geopfert, ihm sein Kind wieder zu schaffen? Wo war er jetzt? Sie hatte sich so daran gewöhnt, ihn in allen trüben Stunden ihres Lebens an ihrer Seite zu sehen, daß sie ihn nun, wo er zum ersten Male fern blieb, schmerzlich vermißte. Und doch, welche Ansprüche hatte sie denn an eine Liebe, die sie hundertmal zurückgewiesen, die sie durch ihre Liebe für einen anderen so tief, so tief beleidigt hatte? Die junge Frau war so in diesen Gedanken verloren, daß sie nicht hörte, wie es leise an ihre Türe pochte. Die Tür wurde geöffnet und ein altes, schnauzbärtiges Gesicht schaute herein. Hinter dem schnauzbärtigen Gesicht stand die hohe Gestalt eines Mannes. »Gnädige Frau!« sagte der Schnauzbart, »ein guter Freund, der eben angekommen ist, wünscht womöglich noch heute abend seine Aufwartung zu machen.« »Wer ist es?« fragte die Dame, sich erstaunt von ihrem Sitze emporhebend. Da trat die hohe Gestalt in das Zimmer. »Oldenburg!« rief die Dame. »Oldenburg! Sind Sie es denn wirklich?« »Ja, Melitta!« sagte der Baron, die ausgestreckte Hand der Dame ergreifend und an seine Lippen führend. »Ich bin es wirklich.« Der alte Diener hatte während dieser Begrüßung, sich die Hände reibend und das Paar mit einem Blick betrachtend, in dem sich Angst und Hoffnung malten, dagestanden. Als er den unverkennbaren Ausdruck freudiger Überraschung auf dem schönen Antlitz der geliebten Herrin bemerkte und die Träne, die in ihrem Auge erglänzte, als der Baron sich über ihre Hand beugte, traten ihm selbst die Tränen in die Augen. Er ging mit geräuschlosen Schritten aus dem Zimmer, schloß leise die Tür – und wer den alten Mann weiter beobachtet hätte – aber es beobachtete ihn keiner, würde gesehen haben, daß er vor der Tür die Hände faltete und mit zitternden Lippen ein heißes Gebet in den grauen Bart murmelte – ein Gebet, das Gott für diese Begegnung zwischen seiner Herrin und dem Manne, den er von allen allein ihrer würdig achtete, dankte und ihn anflehte, er möge in seiner unendlichen Gnade noch jetzt in der elften Stunde – alles, alles zum Besten wenden! Der Baron war, nachdem der alte Baumann das Zimmer verlassen, mit langen Schritten, wie es seine Gewohnheit war, wenn er ein Gefühl, das ihn zu überwältigen drohte, niederkämpfen wollte, schweigend auf und ab gegangen. – Melitta hatte sich auf das Sofa gesetzt, da eine Erregung, die vielleicht nicht minder groß war als die Oldenburgs, ihr die Kraft zum Stehen raubte. Nach einigen Augenblicken kam der Baron, nahm neben ihr auf dem Sofa Platz und sagte mit einer sanften Stimme, in der auch nicht die mindeste Spur der rauhen Heftigkeit seines Wesens zu entdecken war: »Und Sie fragen mich nicht, Melitta, was mich durch Nacht und Nebel hierher in diese Berge, in dies Städtchen und in dies Zimmer geführt hat?« »Nein!« erwiderte Melitta, ihm voll und klar in die Augen sehend, »nein! Weiß ich es doch, ohne daß ich frage.« »Ich danke dir, Melitta!« Weiter antwortete er nichts; aber die ganze Seele des Mannes lag in den wenigen Worten. »Ja, und noch mehr«, fuhr Melitta fort, »ich hatte nur eben noch lebhaft an Sie gedacht, – an den treuen Freund, der mir noch stets in jedem Unglück mit Rat und Tat zur Seite stand, sooft ich auch seinen Rat verschmähte und die Opfer, die er mir brachte, mit Undank belohnte.« »Opfer – Undank«, sagte Oldenburg, und es schwebte ein wehmütiges Lächeln auf seinen Lippen, »das sind Worte, Melitta, die ohne Bedeutung für uns – ich will sagen für mich sind; es wenigstens jetzt sind, wie ich auch früher darüber gedacht haben mag. Endlich findet sich einmal jeder in sein Schicksal, und wenn der gefangene Löwe seine Verzweiflung ausgetobt hat und seine Kraft an den Eisenstäben seines Käfigs erlahmt ist, legt er sich in die Ecke und ist für die Zukunft so fromm wie ein Lamm. Doch lassen wir das! Ich bin nicht hierher gekommen, um für mich zu plädieren und eine Sache, die durch alle Instanzen verloren ist, noch einmal hervorzusuchen; ich bin nicht meinethalben hier, sondern deinethalben. – Ich erfuhr in Grünwald, wohin mich Geschäfte riefen, daß Julius gefährlich erkrankt sei, daß du dich mit ihm nach Fichtenau auf den Weg gemacht habest. Ich fürchtete sogleich das Schlimmste und bin Tag und Nacht gereist, um dir zu helfen, wenn ich konnte. Glücklicherweise ist unsere Angst unnötig gewesen; ich habe unten Birkenhain gesprochen, der eben von dir kam. Er hat mich vollständig beruhigt und meint, daß du, sobald du dich erholt, in Gottes Namen zurückreisen kannst. Das ist alles, was ich wissen wollte, und nun, nachdem der Zweck meiner Reise erfüllt und ich noch, als eine Zugabe gütiger Götter, dich begrüßt und deine liebe Hand in der meinen gehabt habe – Gott befohlen, Melitta! Und möge uns das Unglück – denn das Glück hat mit uns nichts zu schaffen – so bald nicht wieder zusammenführen!« Der Baron sprach diese letzten Worte mit lächelnder Miene, aber durch den Ton, in welchem er sie sprach, klang ein schmerzliches Weh – das Weh eines großmütigen, liebreichen Herzens, für das die weite, reiche Welt keine Heimat hat. Er hatte zum Abschied Melittas Hand genommen und wollte sich erheben; aber er vermochte es nicht, denn die liebe Hand erwiderte nicht nur warm den Druck der seinen – er fühlte, er glaubte zu fühlen, daß Melitta ihn noch nicht von sich lassen wollte; daß sie es gern sähe, wenn er noch bliebe. Es war ihm das so neu; er blickte sie verwundert fragend an, ob es denn wirklich möglich, ob denn wirklich seine Gegenwart für sie nicht peinlich sei? »Sie dürfen noch nicht fort«, sagte Melitta mit einer gewissen Hastigkeit, während eine fliegende Röte für einen Augenblick ihre bleichen Wangen färbte, »ich kann es nicht ertragen, daß, während alle Welt meine Freundlichkeit rühmt und jeder Bettler zufrieden von mir geht, ich in Ihren Augen stets als eine Bildsäule erscheine, die niemals gibt und immer nur nimmt, ohne auch nur ein Danke zu sprechen. Sie haben mir noch kein Wort von sich selbst gesagt; kein Wort darüber, wie es Ihnen in aller dieser Zeit ergangen ist. Sie kommen hundert Meilen weit her, um sich nach meinem Julius umzusehen und wollen fort, ohne daß ich nur hätte fragen können, ob Sie von Ihrer Czika eine Kunde erhalten haben. Ist das großmütig? Ja, ist das auch nur recht von Ihnen?« Der Baron sah Melitta, während sie dies sprach, fast erschrocken an. »Melitta«, antwortete er mit einem Ernst, der etwas Feierliches hatte, »man darf in einem Todkranken die Sehnsucht nach dem Leben nicht entfachen. Verwöhnen Sie mich nicht aus purem Mitleid durch eine Freundlichkeit, die Ihnen nicht von Herzen kommt!« »Nicht von Herzen?« erwiderte Melitta mit leiser Stimme, »freilich, ich habe diesen Vorwurf verdient; ich darf mich nicht beklagen.« »Ich habe Ihnen keinen Vorwurf machen wollen, Melitta!« »Und doch trifft er mich. Ja, Oldenburg, es muß heraus; es drückt mir sonst das Herz ab. Ich fühle mich Ihnen gegenüber tief beschämt. Die Last der Dankbarkeit, die Sie auf mich laden, drückt mich zu Boden.« »Eine Last, Melitta? Eine Last! Ich habe Sie bei Gott durch das wenige, was ich im Leben für Sie tun konnte, nicht belästigen wollen.« »Sie wollen mir nicht glauben! Ich kann die Worte nicht messen und wägen wie Sie! Wenn in Ihrem Herzen nichts für mich spricht, wenn Sie nicht mit dem Herzen hören wollen, dann –« Tränen erstickten ihre Stimme. »Was ist das«, sagte Oldenburg, sich mit beiden Händen an den Kopf greifend. »Träume ich denn? Ist dies mein Kopf, dies meine Hand? Bin ich Oldenburg? Sind Sie Melitta? Sie, die Sie weinen, weil ich, Adalbert Oldenburg, Sie nicht verstehe oder nicht verstehen will?« »Sie sollen mich verstehen«, sagte Melitta, ihre Tränen trocknend, mit einer bei ihr ganz ungewöhnlichen Heftigkeit. »Sie haben mich im Leben so oft schwach und haltlos gesehen, daß Sie mir die Kraft zu einer Entschließung gar nicht mehr zutrauen. Und doch habe ich diese Kraft; und wenn ich sie habe, verdanke ich sie Ihnen, Adalbert. Sie haben in der Krankheit meines Kindes zu mir gesprochen, und ich habe mein Herz gegen Ihre Stimme nicht verschlossen. Ich habe sie deutlich gehört in den langen bangen Stunden der Nächte, die ich an dem Lager meines Kindes wachend und weinend verbrachte. Da habe ich mein Kind mit stillen heißen Tränen um Verzeihung beten, wenn ich jemals vergessen konnte, daß ich Mutter war; da habe ich mir gelobt, daß ich es nun und nimmer wieder vergessen wollte, da habe ich –« Sie stockte, brennende Scham übergoß ihre Wangen mit Purpurglut; aber sie raffte sich gewaltsam empor – »Da habe ich eine Leidenschaft abgeschworen, die mich vor mir selbst, vor meinem Kinde – und Adalbert, vor Ihnen erniedrigt.« »Halte ein, Melitta! Halte ein!« rief Oldenburg aufspringend. »Du bist außer dir! Du bist nicht allein mit dir! Du bist in der Gegenwart eines dritten, eines Mannes, der dich liebt, Melitta! Er will nicht hören, was du nur dir selbst vertrauen darfst!« »Laß mich ausreden, Adalbert! Ich vertraue deiner Güte, wie ich deiner Kraft vertraue. Ich habe dir noch nicht alles gesagt, was ich mir zugeschworen an meines Kindes Krankenlager. Ich habe da oft an dein Kind gedacht und daß du durch ein entsetzliches Schicksal um deines Kindes Liebe betrogen bist, wie um das Herz des Weibes, das du liebst. Und da habe ich mir gelobt, daß, wenn ich dich auch nicht beglücken kann, wie du es verdienst; wenn auch zu viel, zu viel geschehen ist, was dich und mich auf immer trennt – ich doch dir dein Los will tragen helfen, soweit ich kann; ich dich wieder mit dem Leben versöhnen und selber für dich leben will, soweit ich es vermag!« Melitta hatte sich während der letzten Worte von dem Sofa erhoben. Sie stand da mit hochgeröteten Wagen und leuchtenden Augen. Oldenburg hatte ihr zugehört mit atemloser Spannung, in einer Erregung, die mit jedem ihrer Worte mächtiger wurde. Seine Augen blitzten, seine Brust wogte, er preßte die Hände gegen sein Herz, das ihm schier zerspringen wollte vor seliger Lust. Als Melittas letztes Wort verklungen war, trat er auf sie zu, kniete vor ihr nieder und sagte mit einer Stimme, tief und stark wie der Klang eines ehernen Schildes: »Und nun höre meinen Schwur, Melitta! So wahr ich dich geliebt habe, seit ich denken kann, so wahr mir in der Nacht meines Lebens nur ein Stern gestrahlt hat; so wahr ich in der Wüste des Lebens nur deshalb ziel- und zweck- und ruhelos umhergeirrt bin, weil ich verzweifelte, daß dieser Stern mir jemals freundlich leuchten könne – so wahr will ich von diesem Augenblicke an mit aller Kraft, die mir gegeben ist, nach dem Höchsten ringen; abtun alle kleinliche Schwäche und Verzagtheit, und die Zeit wieder einbringen, die ich in Tatlosigkeit vergeudet habe. Und, so wahr mein Herz jetzt von einer Seligkeit erfüllt ist, die keine Worte aussprechen können, so wahr will ich nicht ruhen und nicht rasten, bis du mich liebst, wie ich dich liebe, bis du die Meine bist – hörst du, Melitta, mein Weib!« Er war aufgesprungen. »Und nun, Melitta –« rief er – und seine Worte waren wie Jubelgesang, »lebe wohl! Es duldet mich nicht mehr unter diesem Dach; die ganze weite Welt ist zu eng für mich geworden. Leb wohl! Leb wohl, bis wir uns wiedersehen!« Er schloß Melitta stürmisch in seine Arme und küßte sie auf die Stirn. Dann eilte er zum Zimmer hinaus. Melitta war wie versteinert mitten in dem Gemache stehengeblieben. Sie hatte weder die Kraft gehabt, Oldenburg zurückzuhalten noch seine Lebewohl zu erwidern. Sie legte die Hände gegen ihre pochenden Schläfen. Was habe ich getan? Was habe ich gesagt? fragte sie sich. Und die Stimme in ihrem Herzen antwortete: Nichts, dessen du dich vor dir selbst, vor deinem Kinde zu schämen brauchtest. Sie eilte in das anstoßende Gemach. Sie lehnte sich über den schlafenden Knaben. Da hörte sie das Rollen eines Wagens, der schnell von der Tür des Hotels abfuhr. »Er ist es!« murmelte sie aufhorchend, und dann, ihr Gesicht in die Kissen drückend, weinte sie bitterlich. Zehntes Kapitel Oswald hatte, nachdem er Berger an der Pforte des Irrenhauses verlassen, durch den Abschied von dem unglücklichen Manne und seine letzten grausigen Worte tief erschüttert, in trübes Sinnen verloren, den Weg von der Heilanstalt an dem Fluß entlang fast wie ein Nachtwandler zurückgelegt. Was er seit seiner Ankunft gestern abend in Fichtenau gehört, gesehen, erfahren – all die Eindrücke, die auf ihn losgestürmt, all die Gedanken, die in ihm angeregt, all die Leidenschaften, die in ihm entfesselt waren, wirbelten in seinem Hirn und Herzen chaotisch durcheinander. Er hatte ein dunkles Gefühl davon, daß dieser Zustand zuletzt zum Wahnsinn führen müsse, ja daß er schon eine Art Wahnsinn sei. Sollte er nicht umkehren und an die Pforte pochen, die sich soeben hinter Berger geschlossen? War dieses Haus mit seinen hohen Gefängnismauern nicht das beste Asyl für Herzen, die der Welt so müde waren wie das seine? Oder besser noch: sollte er sich nicht über das niedrige Geländer hinab in den Fluß stürzen, der unter ihm, tief und still, geräuschlos wie eine Schlange, zwischen den hohen, steilen Ufern dahinschoß? Konnte er so nicht sicher sein, die heiße Stirn für immer zu kühlen, die hämmernden Pulse in den Schläfen auf ewig zum Schweigen zu bringen? Durfte er hoffen, aus einem Labyrinth, in dem ein so hoher edler Geist, wie der Bergers, rettungslos verwirrt war, den Ausgang zum rosigen Licht zu finden? War ihm nicht Berger an Kraft des Geistes wie an Adel der Seele überlegen? – Und doch und doch! Oswald stand vor dem Kurhause. Eine Chaise, die eben angekommen, hielt noch angespannt vor der Tür. In dem Speisesaal sah er zwei Herren in eifrigem Gespräch an dem Ende der langen Tafel sitzen. Es war ihm; als ob Doktor Birkenhain der eine sei. Es verlangte ihn durchaus nicht nach einer Begegnung mit dem Arzte, dessen Auftrag in betreff Bergers er so kläglich ausgeführt hatte. Er wollte ihm, ehe er abreiste, einige Zeilen schreiben, in denen er sich mit dringenden Geschäften und Bergers speziellem Wunsch entschuldigte, wenn er, ohne sich persönlich zu empfehlen, abgereist sei. Er ging auf sein Zimmer und schellte. »Geht die Post noch heute nacht?« »In einer halben Stunde, mein Herr.« »Ich will mit der Post fort. Besorgen Sie mir einen Platz und die Rechnung!« sagte Oswald, schon mit dem Packen seiner Sachen beschäftigt. »Sogleich, mein Herr!« »Ja, ja! Ich will fort, fort von hier«, murmelte Oswald mit Leidenschaftlichkeit, sich in dem Entschluß der letzten Minute bestärkend. »Fort von hier, ehe noch mehr Unglück über mich hereinbricht.« »Die Rechnung, mein Herr!« sagte der wiedereintretende Kellner. »Danke bestens, mein Herr. Der Herr brauchen sich gar nicht so sehr zu beeilen. Sie haben noch fünfundzwanzig Minuten Zeit; die Post ist drei Schritt von hier. Glaubten, der Herr würde noch die Nacht bleiben. Hätten sonst dies Zimmer an eine Dame geben können, die soeben angekommen ist und den Salon nebenan und zwei Zimmer bestellt hat. Mußten ihr die Zimmer links geben, die freilich für eine so schöne Dame nicht gut genug sind.« Der Kellner sprach diese Worte in einem Flüstern, das auf eine gewisse Undichtigkeit der Türen in dem Kurhause schließen ließ. »Wer ist die Dame?« fragte Oswald, indem er seinen Koffer zuschnallte. »Eine Frau von Berkow; alte Bekannte von uns. Erzählte dem Herrn schon heute morgen davon. Werde sogleich den Hausknecht schicken, daß er den Koffer auf die Post trägt. Sonst nichts zu befehlen, mein Herr?« Der Kellner verließ mit einer kühnen Schwenkung seiner Serviette das Zimmer. Oswald richtete sich in die Höhe. Sein Gesicht war totenbleich. Er mußte sich an dem Tisch halten; seine Glieder flogen. Hatte er denn recht gehört? Melitta hier? In diesem Hause? In dem nächsten Zimmer? Wie kam sie hierher? Was wollte sie hier? Wen suchte sie hier? Hier an diesem Orte, an den sich für sie so wichtige Erinnerungen knüpften? War dies ein Zufall? War es Absicht? War es möglich, daß sie seinethalben hier war? Hatte sie das Ziel seiner Reise in Erfahrung gebracht? Suchte sie ihn? Hatte sie den Brief, den er ihr von Grenwitz aus, nach Brunos Tode und eine Stunde vor dem Duell mit Felix nach Berkow schrieb, den Brief, in dem er ihr mit einer apathischen Grausamkeit, die er für Heroismus hielt, sagte, daß sein Herz ihr nicht mehr ganz gehöre, daß er sie und sich selbst nicht täuschen wolle und könne, daß er für immer von ihr – und vielleicht von dem Leben – Abschied nehme, nicht erhalten? Oder hatte sie ihn erhalten und mit der Ungläubigkeit eines liebenden Herzens gelesen, das die Treulosigkeit nicht versteht, weil es selbst nur treue Liebe kennt? War sie hier, ihm zu sagen, daß sie ihm verziehen habe, daß sie noch immer seine Melitta sei? Würde sie, wenn er jetzt zu ihr eilte und ihr zu Füßen sänke, den Reuigen vom Boden aufheben, ihm sagen, daß alles vergessen und vergeben sei, daß sie ihm nie gezürnt habe? Er lauschte, ob sich nebenan etwas rege. Er hörte nichts, nichts als das Klopfen seines ungestüm pochenden Herzens. Sie war allein! Sie harrte vielleicht seines Kommens! Sollten sie wirklich wiederkehren, die seligen Tage von Berkow? Sollte wirklich noch alles, alles gut werden? Er lauschte; er hörte nebenan die Tür gehen. Es wird ein Kellner sein, der einen Auftrag ausgerichtet hat! Eine tiefe Männerstimme! Die weiche Stimme einer Frau! Die weiche Stimme war Melittas Stimme; aber die andere? Er lauschte. Die Stimmen wurden lauter, deutlicher. Ein konvulsivisches Zucken flog über das Gesicht des Lauschers; ein heiseres, unheimliches Lachen brach aus seiner Kehle. Der Mann, der mit Melitta so eifrig sprach – war Baron Oldenburg! Das Sofa, auf dem die Redenden saßen, stand dicht an der Tür, welche die beiden Zimmer verband. Oswald konnte nicht alles verstehen, was sie sprachen; aber wozu denn auch das? Die Zusammenkunft der beiden hier in diesem abgelegenen Städtchen, das schon einmal der Ort ihrer verstohlenen Rendezvous gewesen war, sprach beredt genug. So hatte er denn doch recht gehabt! So hatten die beiden ihn von Anfang an genasführt! Er hatte an Melitta nicht gefrevelt, was sie nicht an ihm gesündigt hatte. Die Rechnung war quitt! Es klopfte an die Tür. Der Hausknecht erschien, den Koffer des Herrn auf die Post zu bringen. »Es ist die höchste Zeit, mein Herr. Der Postillion hat schon zweimal geblasen.« Oswald folgte mechanisch dem Manne über den Korridor weg zum Hause hinaus über die dunkle Straße an den Postwagen. Eine Minute später rollte der Wagen über das holprige Pflaster davon. Der Postillion blies ein lustiges Liedel in die stille Nacht hinaus, und Oswald summte zur Melodie den Text: Sich selbst verachten; die Welt verachten; verachten, daß man verachtet wird! Elftes Kapitel Es war in der ersten Frühstunde eines trüben Herbsttages. In den Bergen von Fichtenau braute der Nebel so dicht, daß, wer auf der Landstraße dahinfuhr, die sich gleich hinter dem Städtchen, steil aufsteigend, in die Wälder verliert, kaum die ersten Tannen an dem Rande unterscheiden konnte. An dem Wegrande, an einer Stelle, wo sich zwei Straßen kreuzten, saßen Xenobi und die Czika. In dem Graben vor ihnen weidete ihr treuer Gefährte auf allen Irrzügen, der kleine Esel mit dem roten Federbusch auf dem Kopf und der roten Schabracke auf dem Rücken, das kurze, halbfaule Gras. Es schien ihm nicht sonderlich zu munden: Er schüttelte oft unwillig den dicken Kopf, als wollte er sagen: Ich bin genügsam, aber es hat alles seine Grenzen. Auch der Zigeunerin und dem Kinde konnte das Wetter nicht eben behagen. Sie saßen da, jedes in ein grobes Tuch gehüllt, stumm und regungslos wie zwei ägyptische Statuen. Diese Haltung, die an dem Weibe erklärlich sein mochte, hatte etwas Unheimliches bei einem so jungen Geschöpf wie Czika. Und auch Xenobi selbst war nicht mehr das stahlkräftige Weib, wie es Oswald an jenem Sommernachmittage im Walde von Berkow gesehen hatte. War es nur der Einfluß des Wetters, oder war es Krankheit und Kummer – aber in ihren Zügen war wenig mehr zu erblicken von der stolzen Energie, die sie früher so auszeichnete. Ihre Stirn war von schmalen Falten durchfurcht; ihre Augen waren tiefer in den Kopf gesunken und leuchteten nicht mehr in dem alten Glanz, wie sie jetzt den Blick nach jener Gegend richtete, als ihr scharfes Ohr das Geräusch eines Wagens vernahm, der von Fichtenau heraufkam. »Sie sind es nicht«, murmelte sie, den Kopf wieder sinken lassend. Nach einigen Minuten tauchte eine wohlverschlossene, von zwei Pferden gezogene Reisechaise aus dem Nebel auf. Vorn auf dem Bock neben dem Kutscher saß ein alter Mann mit einem langen, eisgrauen Schnurrbart. Er wandte sich oft halb um, einen Blick in das Innere des Wagens zu werfen und die Insassen – eine Dame und einen Knaben – ehrerbietig freundlich anzulächeln. So hatte er auch die Zigeunerin nicht bemerkt, die, eine vornehme Dame im Wagen erblickend, eine Gabe zu heischen, herantrat. Wie erstaunt war er deshalb, als er sah, daß die Dame ihm plötzlich, mit allen Zeichen äußerster Bestürzung, zurief, halten zu lassen, und noch ehe der Wagen hielt, auf der Landstraße stand. »Isabel, sind Sie es! Und die Czika! Gott, welches Glück«, rief Melitta, die Zigeunerin bei den Händen ergreifend, »nun lasse ich euch nicht wieder fort! Gott, welches Glück, welches Glück!« und die junge Frau umarmte mit Tränen in den Augen das Zigeunerweib. Die aber machte sich fast gewaltsam los und trat einen Schritt zurück, die Arme über der Brust kreuzend und Melitta mit einem argwöhnischen, beinahe feindlichen Blick ansehend. »Kennst du mich nicht mehr, Isabel?« sagte Melitta, »ich bin es ja! Denkst du nicht mehr an die Tage in Berkow vor fünf Jahren? Das ist mein Julius! Und wie groß und schön die Czika geworden ist!« Melitta eilte auf Czika zu, schloß das Kind in ihre Arme und herzte und küßte es. Julius war aus dem Wagen gesprungen, der alte Baumann vom Bock herabgeklettert. Sie sprachen zu Xenobi, die ihrer nicht achtete, sondern mit angstvollen Augen auf Melitta blickte, die jetzt, Czika an der Hand, wieder auf sie zutrat. »Isabel!« sagte Melitta, »du mußt, du mußt mir die Kleine geben. Ich darf, ich kann nicht ohne sie weiterreisen.« »Warum willst du uns nicht lassen, wie wir sind«, sagte die Zigeunerin. »Du bist eine Edeldame, du taugst für das Haus; die Zigeunerin gehört in den Wald. Ich kann nicht mit dir gehen.« »So gib mir die Czika.« »Willst du mir deinen Knaben geben?« Melitta wußte nicht, was sie darauf erwidern sollte. Sie fühlte zu tief, daß die Zigeunerin nicht anders handeln könne, daß sie an der Stelle der Zigeunerin ebenso handeln würde. Und doch! Die beiden wieder ziehen lassen in die weite Welt? Oldenburgs Töchterchen, nach dem er sich so sehnte, das er noch immer suchte, wieder verschwinden zu sehen, nachdem ein Zufall, wie er vielleicht nie im Leben wieder eintrat, es ihr in den Weg geführt – sie konnte den Gedanken nicht ertragen und brach, wie ein Kind, das sich hilflos und ratlos sieht, in Tränen aus. Die Zigeunerin schien gerührt. Sie nahm und küßte Melittas Hand. »Du bist sehr gut!« sagte sie, »ich weiß es. Ich würde dir die Czika lieber geben als jedem anderen.« Sie stand nachdenklich da; plötzlich ergriff sie Melitta wieder bei der Hand und führte sie etwas an die Seite. »Weißt du«, sprach sie, »wer der Czika Vater ist?« »Ja.« »Und tust du, was du tust, des Vaters halber oder des Kindes?« Melittas Wangen färbten sich. »Um beider willen«, antwortete sie nach einigem Zögern. »Wohin gehst du jetzt?« »Nach Hause, nach Berkow.« »Und bleibst dort?« »Ja, diesen Winter wenigstens.« »So höre mich. Ich schwöre dir bei dem großen Geist, ich will dir die Czika bringen, sobald ich verspüre, daß ich versammelt werden soll zu meinen Vätern. Das ist vielleicht sehr bald. Mehr kann ich nicht, mehr darf ich nicht versprechen.« Melitta fühlte, daß sie sich mit diesem Versprechen begnügen müsse. Sie kannte den Charakter der braunen Gräfin zu gut, um nicht zu wissen, daß, wenn sie einmal einen Entschluß gefaßt hatte, alle Bitten, alle Vorstellungen vergeblich seien. So stieg sie denn, nachdem sie Xenobi und das Kind noch einmal umarmt, traurig in den Wagen, der sich dann alsbald wieder in Bewegung setzte. Das Rollen der Räder und der Hufschlag der Pferde waren verhallt. Wieder saßen die Zigeuner am Rande des Weges. Da kam abermals ein Fuhrwerk von Fichtenau herauf. Man hörte schon von weitem das Hot und Hü des Fuhrmanns und das Klirren der Ketten, mit denen die Pferde angeschirrt waren. Wenige Minuten später tauchte der Wagen aus dem Nebel auf. Es war ein riesiger Kasten – ein ganzes Haus auf vier Rädern, bis unter das Dach und noch hoch oben über dem Dach mit Kasten und Kisten, Pauken und Trompeten, Kulissen, Stangen und Leitern, Küchen- und Seiltänzergerätschaften aller Art vollgepfropft. Die vier Pferde, die diese Arche Noä zogen, hatten genug zu tun. Vor dem Wagen her gingen der Ägypter Cotterby, der Künstler mit dem Riesenfaß, Herr Stolzenberg, und der Komiker, Herr Pierrot. Sämtliche Herren trugen bunte Schals um den Hals gewunden und kurze Pfeifen im Munde. Aus dem offenen Fenster der Arche ertönte Kindergeschrei und die kreischende Stimme Mamsell Adeles. Hinter dem Wagen gingen in eifrigem Gespräch, wie es schien, Herr Direktor Schmenckel (ebenfalls mit einem bunten Schal um den Hals und einer kurzen Pfeife im Munde) und ein Mann in blauer Bluse mit einem Knotenstock in der Hand und einem alten Filz auf dem Kopf, dessen Bekanntschaft Direktor Schmenckel vor einigen Abenden unter höchst eigentümlichen Verhältnissen in der Trinkstube zur »Grünen Mütze« machte, der sich seitdem öfters in dem genannten Gasthause hatte sehen lassen, und sich heute morgen, als die Seiltänzer kaum aus dem Städtchen heraus waren, ganz unverwandt zu ihnen gesellte. Als der Wagen an den Kreuzweg gekommen war, hielt der Fuhrmann an, um seine dampfenden Pferde sich verschnaufen zu lassen. – Die Zigeunerin mit ihrem Kinde trat heran und wurde von den Seiltänzern freundlich begrüßt. Herr Direktor Schmenckel schüttelte ihr die Hand und patschte Czika väterlich auf die braune Wange. »Ist gut, Xenobi, daß ihr wieder hier seid!« sagte er, »es wollte, hol' mich der Kuckuck, ohne euch gar nicht mehr gehen. – Adies, Professor! Danke für freundliche Begleitung! Du mußt hier umkehren; find'st sonst den Weg nicht zurück nach Fichtenau.« »Ich gehe noch ein Streckchen mit«, erwiderte der Mann in der Bluse. »Mir soll's recht sein«, sagte Herr Schmenckel, »je weiter, je lieber. So ein altes, braves Haus wie du trifft man nicht alle Tage.« Das Fuhrwerk setzte sich wieder in Bewegung. Nach einigen Augenblicken war alles – Wagen, Pferde und Menschen in dem dichten grauen Nebel verschwunden. Zwölftes Kapitel Die Stadt Sundin spielte in vergangenen Zeiten eine bedeutendere Rolle als jetzt. Sie war ein angesehenes Glied der alten Hansa und rivalisierte mit Hamburg, Lübeck und Bremen an Macht und Reichtum. Ihre Schiffe fuhren auf allen nordischen Meeren, und auch in den Häfen von Genua und Venedig wehte nicht selten die Sundiner Flagge. Die Bürger waren ein breitschultriges, hartköpfiges, in Liebe und Haß starkes und allewege tüchtiges Geschlecht, das nicht ohne Grund auf seine Freiheiten und Gerechtsame stolz war, und auf die zwischen sumpfigen Teichen und dem Meere geschützte Lage und auf die hohen Mauern und Wälle ihrer Stadt, noch mehr aber auf die breite Wehr an ihrer Seite und das mutige Herz in der Brust felsenfest vertraute. Noch im Dreißigjährigen Krieg bewährte Sundin im heißen Kampfe gegen die Kaiserlichen seinen alten Ruhm, und die Erinnerung an die glorreichen Taten der Väter ist bis auf den heutigen Tag lebendig in den Herzen der jetzigen Bewohner. Freilich, es muß jetzt von dem alten Ruhme zehren, denn die neue Zeit hat nichts zu seiner Vermehrung getan. Seitdem die Schiffahrt nicht mehr mit den wenig tiefgehenden Fahrzeugen auskommt, wie sie in den langen, vielfach gewundenen Wasserstraßen des Sundes, an dem die Stadt liegt, einzig verwandt werden können; seitdem der Handel sich andere Wege gesucht und andere Märkte geschaffen hat, ist Sundin langsam aber stetig von seiner stolzen Höhe heruntergestiegen und zuletzt auf das Niveau einer simplen Provinzialstadt herabgesunken, die in der großen Welt der Politik und des Handels nicht weiter zählt. Indessen, trotzdem der Hafen versandet ist, die Wälle geschleift und von der ellendicken Stadtmauer nur noch Trümmer vorhanden sind, liegt auf der alten Hansestadt noch immer ein melancholischer Hauch ehemaliger Größe, der den sinnigen Wanderer anmutet wie den Gelehrten der Moderduft eines vergilbten Pergaments. Sosehr sich auch die jetzigen Bewohner gemüht haben, ihrer Stadt ein möglichst triviales, nüchternes Aussehen zu geben – sie haben doch manche poetisch winklige Gasse nicht gerademachen können, manches alte Haus mit schmalem, hohem, reich verziertem Giebel stehenlassen müssen. Und über dem Gewirr der Straßen, Gassen und Gäßchen ragen die gewaltigen Türme herrlicher Kathedralen, die für die jetzigen Verhältnisse Sundins viel zu prächtig sind und des Abends, wenn man sich vom Meere her dem Hafen nähert und der graue Wassernebel über das Ganze einen ahnungsvollen Schleier breitet, besonders aber in der Nacht, wenn sie ihren ehrwürdigen Schatten weit hin über die Stadt werfen, die im Mondenschein zu ihren Füßen schläft, die Illusion des Altertümlichen vollkommen machen. Im übrigen ist Sundin für die Provinz, in der es liegt, noch immer eine wichtige Stadt. Wenn seine Flagge auch nicht wie sonst auf allen Meeren weht, so wimmelt es doch zu allen Zeiten in seinem Hafen von kleineren Kauffahrteischiffen und Booten, und auf den Werften liegen stets mehrere Fahrzeuge auf dem Stapel. Wenn seine Mauer auch von den Kaiserlichen in Trümmer geschossen ist, und seine Wälle von den Franzosen geschleift sind, so ist es doch noch immer eine Festung, deren Kommandant nicht ruhig schlafen würde, bevor nicht von allen Torwachen der Rapport eingelaufen ist, daß »nichts Besonderes vorgefallen«. Wenn die Stadt auch ihre alten Privilegien verloren und die stolze Freiheit und Selbständigkeit eingebüßt hat, so ist sie doch wiederum als integrierender Teil eines großen Ganzen um manche Vorteile reicher geworden. Sundin ist nicht nur die Garnisonsstadt für ein Bataillon Infanterie und ein halbes Regiment Artillerie, sondern auch der Sitz der Regierung des Bezirkes sowie eines höchsten Gerichtshofes. Überdies ist Sundin die Residenz des in dieser Provinz und besonders in diesem Teile der Provinz so mächtigen, reich begüterten Adels. Wenn die Kornernten auf ihren weiten Feldern eingeheimst sind, wenn die Blätter von den Bäumen ihrer Parks wehen und die Krähen aus den entlaubten Wäldern in die Städte ziehen, dann kommen alle die Grafen und Barone und kleinen Herren drüben von der Insel und aus der Umgegend in ihren schwerfälligen, vierspännigen Staatskarossen zur Stadt gefahren und richten sich ein für den Winter mit Kindern, Dienerschaft, Hauslehrern und Gouvernanten in den stattlichen Häusern, die sich den Sommer über durch öde Schweigsamkeit, heruntergelassene Fenstervorhänge und das Gras, das zwischen den Steinen der Rampen in idyllischer Ruhe wuchs, vor gewöhnlichen Häusern auszeichneten. Dreizehntes Kapitel Es ist Herbst. Die Türme von Sundin ragen aus dem Nebel, der aus dem Meere steigt wie graue Riesen der Vorzeit, und um die grauen Riesentürme flattern und schreien die Krähen und Dohlen, die aus den unwirtlichen Wäldern in die warme Stadt gezogen. Die Sonne ist bereits seit einer Stunde im Meere untergesunken. Der letzte blutrote Streifen der schweren, tief ziehenden Wolken ist verblichen. In den Straßen der Stadt ist es still geworden, und der Laternenmann entzündet eine nach der andern die Öllampen, deren spärliches Licht nur dazu dient, den Nebel noch dichter und die Dunkelheit noch dunkler zu machen. Eben hat er vor dem Portale eines großen, massiven Hauses in einer der vornehmsten Straßen zwei besonders stattliche und helle Laternen angezündet, – zum ersten Male in diesem Jahre – ein Beweis, daß die hochadlige Familie, der dies Haus erb- und eigentümlich gehört und die den Sommer stets und manchmal auch den Winter auf ihren Gütern zu verleben pflegt, erst seit heute ihre Stadtresidenz bezogen hat. Doch sind die nach der Straße blickenden Fenster des Hotels dunkel. Sie erhellen sich überhaupt selten, nur bei feierlichen Gelegenheiten, wenn die Familie eine der steifen Abendgesellschaften gibt, zu der selbstredend nur der Adel und von den Bürgerlichen höchstens die obersten Spitzen der Behörden geladen werden. Für gewöhnlich aber bleiben diese Prunkgemächer verschlossen wie die hohen Säle und Zimmer auf dem Stammschlosse, und die Familie begnügt sich mit den weniger pomphaften Räumen, die nach dem Hof hinaus liegen, und dem überaus bescheidenen, anspruchslosen Sinn der Herrin bei weitem mehr zusagen, besonders auch deshalb, weil diese Räume weniger schwer zu heizen und die Forsten des Grenwitzer Majorats nur für die lächerlich geringe Summe von jährlich zehntausend Talern verpachtet sind. In einem dieser (übrigens noch immer stattlichen) Zimmer sitzt die Baronin Grenwitz auf dem Sofa an einem runden, teppichbedeckten Tische, auf dem zwei Wachskerzen brennen. Sie scheint seit den letzten acht Wochen um ebenso viele Jahre gealtert. Ihre Stirn ist eckiger und schmaler geworden; ihre Augen sind noch größer und noch um vieles starrer und unheimlicher als sonst. Ihr gegenüber in einem großen, weichgepolsterten Lehnstuhl lungert in einer halb liegenden Stellung ihr Neffe Felix. Der junge Mann trägt den rechten Arm in einer Binde und die krankhafte Blässe seines verwüsteten Gesichts kontrastiert seltsam mit den wie immer sauber gescheitelten und gelockten Haaren und der wie immer überaus sorgfältigen Toilette. Zwischen den beiden auf dem Tische sind Briefe und Papiere ausgestreut, die alle von derselben hübschen Hand geschrieben sind. Die Baronin und Felix scheinen soeben die Lektüre dieser Schriftstücke beendet und die Gedanken, die dadurch in ihnen erregt sind, noch nicht so weit gesammelt zu haben, um sie aussprechen zu können. Sie brüten schweigend über dem empfangenen Eindruck, während der Pendel in der Rokokouhr auf dem Kamine sein monotones Ticktack durch die Stille des Zimmers ertönen läßt. Endlich unterbrach der junge Mann das Schweigen. »Die Sache sieht ernsthafter aus, als wir beide gedacht haben«, sagte er, sich in seinem Lehnsessel in die Höhe richtend und das zuletzt gelesene Papier wiederum zur Hand nehmend. »Ich glaube noch immer von alledem kein Wort«, erwiderte die Baronin. »Das ist stark, liebe Tante! Trotzdem Sie die ganze miserable Geschichte schwarz auf weiß gelesen.« »In Timms Hand! Von Timms Hand! Was kann der Bube nicht alles erfunden und zusammengeschrieben haben!« »Sicher nichts, als was in den Originalen steht.« »Und weshalb schickt er uns nicht die Originale selbst?« »Aber, verzeihen Sie, liebe Tante, diese Frage ist beinahe naiv. Uns die Originale ausliefern, das heißt: die Waffen, die er gegen uns in Händen hat, wäre ein Edelmut oder ein Leichtsinn, den Sie einem so schlauen Fuchs wie meinem guten Freunde Timm doch unmöglich im Ernst zumuten können. Daß er nicht entlarvt, sondern nur von uns überlistet oder überrumpelt zu werden fürchtet, beweist sein Anerbieten, die Originale jederzeit in Gegenwart eines unparteiischen Dritten unserer genauesten Prüfung zu unterwerfen. Nein, nein, liebe Tante, geben Sie sich keinen leeren Hoffnungen hin. Diese Briefe und Papiere existieren wirklich, darauf können Sie Gift nehmen.« »Was?« »Ich meine, darauf können Sie sich verlassen. Ich meinerseits bin von der Verwandtschaft des Monsieur Stein mit der Familie der Grenwitz überzeugt wie von meinem eigenen Dasein und hasse demzufolge den Menschen, wie man einen unbequemen Verwandten zu hassen pflegt, besonders wenn er ein so naseweiser, eitler, aufgeblasener, impertinenter, verdammter Schuft ist wie dieser Halunke von einem nichtsnutzigen Federfuchser.« Diese Flut von keineswegs salonfähigen Wörtern würde unter andern Umständen unzweifelhaft dem Exleutnant eine Zurechtweisung seiner hochmoralischen Tante zugezogen haben. In diesem Augenblick war die Dame mit wichtigeren Dingen beschäftigt. »Aber bewiesen ist ja doch noch gar nichts«, sagte sie mit halsstarriger Heftigkeit, »solange die Identität dieses Menschen mit dem Kinde dieser Marie Montbert nicht durch unumstößliche Dokumente festgestellt ist. Die Möglichkeit, ja die Wahrscheinlichkeit der Sache zugegeben, so werden wir doch nicht für Möglichkeiten und Wahrscheinlichkeiten Hunderte von Talern wegwerfen sollen.« »Hunderte?« erwiderte Felix mit einer Art von verächtlichem Lächeln. »Sagen Sie dreist Tausende! So billig läßt uns Timm nicht aus seinen saubern Krallen.« »Das kann Ihr Ernst nicht sein«, sagte die Baronin, ihre Augenbrauen in die Höhe ziehend. »Soweit kann und wird der Mensch seine Unverschämtheit nicht treiben.« »Nous verrons«, antwortete der Dandy lakonisch und ließ sich in seinen Lehnstuhl zurücksinken. Eine Pause in dem Gespräch der Mitschuldigen trat ein, die von Felix dazu benutzt wurde, die Nägel seiner Finger einer eingehenden Musterung zu unterwerfen, und von der Baronin, die auf dem Tisch zerstreuten Papiere nach den Nummern (denn sie waren alle sorgfältig numeriert) zusammenzulegen und zu ordnen. »Der Herr bleibt lange«, sagte die Baronin. »Er spielt den Gleichgültigen«, erwiderte Felix. »Ich kenne das von früher her. Wenn er vorgab, müde zu werden und nach Hause gehen zu wollen, konnte man sicher sein, daß er entschlossen war, die Bank zu sprengen.« In diesem Augenblick meldete ein Diener: »Herr Geometer Timm wünscht seine Aufwartung zu machen.« »Lassen Sie ihn eintreten«, sagte die Baronin, sich mit gewohnter Würde emporrichtend; aber ihre Stimme war weniger fest als sonst. »Bewahren Sie um Himmels willen Ihre Ruhe, Tante!« sagte Felix in fliegender Eile, während der Diener Timm zu rufen ging. »Sobald der Schuft merkt, daß unser Puls schneller geht, zieht er die Daumschrauben um eine Windung fester an.« »Ich bin vollkommen ruhig«, erwiderte die Baronin, während die ungewöhnliche Röte auf ihren Wangen und der schnelle Atem gerade das Gegenteil verkündeten. Eine halbe Minute gespannter Erwartung von seiten der im Zimmer Befindlichen, und die Tür ging auf, und Herr Albert Timm trat mit leichten Schritten in das Zimmer. Seine Erscheinung war, abgesehen von seiner Toilette, die ein wenig städtischer und sorgfältiger schien, genau dieselbe, wie Anna-Maria sie noch vom Sommer her in der Erinnerung hatte: dieselbe weiße klare Stirn, dieselben hintenübergekämmten blonden Haare, dieselben frischen, roten Backen, dasselbe übermütige Lächeln auf dem hübschen glatten Gesicht. Wenn die Baronin ihren Liebling, trotzdem er sich so gar nicht verändert hatte, jetzt mit sehr anderen Augen ansah, so lag die Schuld offenbar auf ihrer Seite, und Herr Timm konnte dem kalten Empfang ohne Zweifel keinen Einfluß auf die Wärme seiner Begrüßung verstatten. »Guten Abend, gnädige Frau! Guten Abend, Baron!« sagte Herr Timm mit seiner klaren, frischen Stimme, indem er Anna-Maria die ihm nur mit Widerstreben dargebotene Rechte küßte und Felix freundschaftlich die Linke (die andere Hand lag in der Binde) schüttelte. »Freue mich ausnehmend, Sie so wohl und munter aussehend zu finden, Frau Baronin; und was Sie angeht, Baron – na, so kann man wenigstens sagen: den Umständen angemessen. Sie erlauben, daß ich Ihrem Beispiele folge –« Und Herr Timm rückte einen von den schweren Lehnstühlen, die um den Tisch standen, heran, setzte sich hinein und schaute die beiden mit Augen an, die, soweit man es durch die Brillengläser sehen konnte, vor Übermut oder Schadenfreude glitzerten. »Höchst komfortabel«, fuhr er fort, die Füße von sich streckend und mit den flachen Händen auf die Lehnen klopfend. »Und der Herr Baron ist noch auf Grenwitz geblieben? Muß jetzt verteufelt unheimlich sein in dem großen, alten, feuchten Kasten.« »Der Baron hatte noch einige notwendige Geschäfte abzuwickeln«, sagte die Baronin, um doch etwas zu sagen. »Geschäfte!« rief Herr Timm. »Wie kann sich nur jemand, wie der Baron, dessen Geschäft doch offenbar darin besteht, keine Geschäfte zu haben, um Geschäfte kümmern. Unbegreiflich!« »Sie müssen das doch ganz gut begreifen können, Timm«, sagte Felix, »ich wüßte sonst nicht, weshalb Sie sich in eine bewußte Angelegenheit gemischt hätten.« »Eine Angelegenheit ist kein Geschäft«, replizierte Timm. »Aber man macht manchmal eins daraus«, sagte Felix. »Zum Beispiel, wenn man von Juden Geld borgt und sie hernach, wenn's an das Bezahlen geht, auf Wucher verklagt« erwiderte Timm. Diese Reminiszenz aus Felix' Kadettenleben war so wenig nach dem Geschmack des Exleutnants, daß er sich ungeduldig in seinem Stuhl herumwarf und mit hörbar gereiztem Ton sagte: »Ich dächte, wir können endlich einmal zur Sache kommen.« »Mit Vergnügen«, sagte Herr Timm, seinen Stuhl um einige Zoll näher an den Tisch rückend, mit einer Miene, die seine Worte durchaus nicht Lügen strafte. »Sie haben die Güte gehabt«, begann Felix, während die Baronin mit gefurchter Stirn und gesenkten Augenlidern düster in ihren Schoß starrte, »uns auf unseren Wunsch Kopien von den bewußten Briefen und so weiter zu senden, die Sie unter den zurückgelassenen Akten Ihres verstorbenen Herrn Vaters gefunden haben wollen –« »Sie meinen: gefunden haben, Baron.« »Meinetwegen: gefunden haben. Wir können das zugeben, ohne uns etwas zu vergeben; denn wie Sie nun vermittels dieser Papiere dem fabelhaften Sohne meines Onkels Harald zu seinem Rechte verhelfen wollen – wie Sie in einem Ihrer Briefe sich auszudrücken die Güte haben –, ist auf keine Weise abzusehen.« »Das kommt darauf an, welchen point de vue man überhaupt für die Frage nimmt«, erwiderte Herr Timm. »Und darf ich bitten, mir den Ihrigen etwas genauer anzudeuten?« »Warum nicht; ich mache mir sogar ein spezielles Vergnügen daraus. Meiner Meinung nach liegt die Sache etwa so: Ich habe hier eine Reihe von Dokumenten und Papieren, die nicht nur über das Verhältnis des Baron Harald mit Mademoiselle Marie Montbert das klarste Licht verbreiten, sondern auch in der Hand eines klugen, praktischen Mannes (wie es jeder beliebige gute Advokat ist) einen Faden abgeben würden, um über das Verbleiben besagter Marie Montbert, respektive ihres Kindes, das heißt also: über das Verbleiben der im Testamente des Baron Harald als Erben von Stantow und Bärwalde bezeichneten Personen eine sichere Kunde zu gewinnen.« »Was nennen Sie sicher, Herr Timm?« fragte die Baronin. »Was sich beweisen läßt, gnädige Frau. Beweisen läßt sich aber, daß die von mir angedeutete Person, in der ich durch eine glückliche Verkettung höchst eigentümlicher, fast wunderbarer Umstände den bewußten Erben gefunden zu haben glaube, erstens denselben Namen führt, den Monsieur d'Estein (ich bitte Sie den Brief Nr. 25 einzusehen) nach der Entführung der Marie Montbert von Grenwitz annehmen zu wollen erklärt; zweitens, daß ein Mann namens Stein in Begleitung einer jungen Person, die für seine Frau, und eines Kindes, das für seinen Sohn galt, kurze Zeit nach Baron Haralds Tod in Wolgast einwanderte.« »Woher wissen Sie das?« fragte Felix. »Weil ich selbst dort gewesen bin und die alte Frau gesprochen habe, in deren Haus Herr Stein vom ersten bis zum letzten Tage seines Aufenthaltes in jener Stadt gelebt hat.« »Weiter.« »Drittens, daß dieser Herr Stein dieselbe Person ist, die Marie Montbert von Grenwitz entführte, das heißt, Monsieur d'Estein, der, sich der jungen Dame anzunehmen, einzig und allein das Recht und die Pflicht hatte.« »Weshalb dieselbe Person?« »Weil der Mann, der die Entführung bewerkstelligte, genauso aussah wie der Mann, der wenige Monate später in Wolgast einwanderte.« »Das dürfte denn doch schwierig zu beweisen sein!« rief Felix mit ungläubigem Lächeln. »Nicht so schwierig, als Sie vielleicht glauben. Ich habe, ganz zufällig, den Mann aufgefunden, bei dem sich Monsieur d'Estein – schon damals unter dem Namen Stein – vierzehn Tage lang aufgehalten hat, um die Gelegenheit in Grenwitz zu erspähen, und der auch hernach in der Nacht der Entführung das Paar in seinem Wagen von Grenwitz bis an die Fähre, über die Sie heute noch gekommen sind, gebracht hat. Dieser Mann heißt Clas Wendorf, wohnt in Faschwitz und ist jedermann, auch dem Pastor Jäger, als ein durchaus glaubwürdiges Individuum bekannt. Eine Konfrontation dieses Mannes mit der Frau Pahnke in Wolgast würde die Identität des Entführers der Marie Montbert, das heißt des Monsieurs d'Estein, mit dem französischen Sprachlehrer Stein bis zur Evidenz klarmachen.« Die Baronin und Felix warfen sich während dieser Auseinandersetzung Blicke zu, die die Bestürzung, in die sie durch die unwiderstehliche Logik von Herrn Timms Argumenten versetzt waren, deutlich genug verrieten. »Sie haben die vier Wochen gut angewandt«, sagte Felix. »Es geht so«, sagte Herr Timm gemütlich. »Die Tage sind jetzt schon ein wenig kurz. Überdies mußte ich, um mein Versprechen zu halten, niemand in die Sache blicken zu lassen, bevor ich Ihnen vollständige Mitteilung gemacht hatte, bei den Erkundigungen, die ich einzog, sehr vorsichtig zu Werke gehen. Wenn wir hernach ohne diese Vorsichtsmaßregeln operieren und alle Hilfsmittel, die uns das Gesetz in die Hand gibt, benutzen können, so läßt sich in vier Tagen mehr tun, als jetzt in ebensoviel Wochen.« Und Herr Timm rieb sich vergnügt die Hände. »So denken Sie wirklich daran, diese abenteuerliche Geschichte ins Publikum zu bringen?« sagte Anna-Maria mit einem Ton, der ironisch sein sollte. »Ich verstehe Sie nicht, gnädige Frau«, erwiderte Herr Timm mit einer Miene treuherziger Einfalt, die ihm in einem Lustspiel den Applaus der Kenner des Parketts eingetragen haben würde. »Ich meine: Beabsichtigen Sie in der Tat gegen unsern Wunsch und Willen eine Familienangelegenheit, die doch uns allein angeht, die nebenbei schon seit vielen Jahren begraben und vergessen ist, der Öffentlichkeit, das heißt dem Gespött und dem Geklatsch plebejischer gemeiner Menschen preiszugeben?« Der Applaus der Kenner würde sich bei weiterer Beobachtung von Herrn Timms ausdrucksvollem Gesicht erneuert haben. »Gegen Ihren Wunsch und Willen – eine Angelegenheit, die Sie allein angeht. – Ich habe wirklich nicht das Vergnügen zu wissen, wie ich die Worte der Frau Baronin deuten soll. Ich kann unmöglich glauben, daß es gegen den Wunsch einer Dame von dem bekannten strengen Rechtlichkeitsgefühl der Baronin von Grenwitz ist, wenn der letzte Wille eines Sterbenden heilig gehalten wird; wenn der Zufall oder die Vorsehung es so fügt, daß dieser Wille gegen alles Menschenerwarten nach soviel Jahren doch noch zur Ausführung gelangt; ich kann nicht glauben, daß Sie – aber was rede ich denn? – Sie werden mich auslachen, daß ich den Scherz, mit dem Sie meine vielleicht übergroße Dienstfertigkeit ironisierten, einen Augenblick für Ernst genommen habe. Weiß ich doch besser als andere, daß ich ganz in Ihrem Sinn gehandelt habe, wenn ich die aufgefundenen Dokumente, das heilige Vermächtnis Dahingeschiedener, als einen Schatz bewahrte; wenn ich, soviel in meinen Kräften lag, getan habe, den Schatz zu heben. Weiß ich doch, daß Ihr Zögern, Ihre Ungläubigkeit, Ihr Mißtrauen nur aus der edlen Furcht stammt, in dem Herzen eines Ihrer Mitmenschen glänzende Hoffnungen zu erwecken, die vielleicht – denn unmöglich, wenn auch sehr unwahrscheinlich, ist ja nicht, daß wir uns irren – der Erfolg nicht realisiert. Weiß ich doch, daß alle Beteiligten in dieser Sache nur einer Meinung sind, nur einer Meinung sein können, daß vor allem Ihr edler Herr Gemahl, dem Sie ohne Zweifel von dem allem ausführliche Mitteilung gemacht haben, sich freut, eine alte, glücklicherweise noch nicht verjährte Schuld abzutragen.« Die Situation einer eingefangenen Bärin, die die immer heißer werdenden Platten ihres Käfigs zwingen, sich auf die Hinterfüße zu stellen und graziös zu tanzen, während sie am liebsten durch das Gitter brechen und ihre Peiniger zerreißen möchte, gleicht aufs Haar der, worin sich die Baronin von Grenwitz befand, als Herr Timm mit so grausamer Ironie an eine Rechtlichkeit und Billigkeit appellierte, die sie ihr Leben lang zur Schau getragen hatte und von der sie eben nur den Schein besaß. In ihrem stolzen, egoistischen Herzen kochte es. Wut und Rache erfüllten ihre Seele. Sie hätte Timm, der mit lächelnder Miene vor ihr saß, vergiften, erdolchen, erwürgen mögen. Und sie konnte nichts, nichts, als ihren ohnmächtigen Grimm verschlucken und mit soviel Ruhe, als sie aufbringen konnte, sagen: »Wir sehen die Sache nicht ganz so an wie Sie, Herr Geometer; und es ist auch kein Wunder, daß Sie, der Sie draußen stehen, nur die Außenseite zu Gesicht bekommen. Ich fühle mich leider heute abend zu angegriffen, um Ihnen meine Ansicht von der Sache darzulegen. Ich habe meinen Neffen Felix gebeten, dies an meiner Statt zu tun, und bitte Sie deshalb, was er Ihnen mitteilen wird, so anzusehen, als ob ich selbst es Ihnen gesagt hätte. Ich bin überzeugt, daß Ihnen die Wahl zwischen der Freundschaft der Familie Grenwitz und der eines namenlosen Abenteurers nicht schwerfallen wird. Leben Sie wohl, Herr Geometer.« »Bedaure unendlich, daß wir nicht länger das Vergnügen haben können, gnädige Frau«, sagte Herr Timm, die fortgehende Baronin bis zur Tür des nächsten Zimmers begleitend, »hoffe, daß es nur eine vorübergehende Indisposition ist, die eine längere Ruhe beseitigen wird. Wünsche wohl zu schlafen, gnädige Frau!« Und Herr Timm schloß die Tür hinter der Baronin, kam wieder zurück, setzte sich Felix gegenüber in den Lehnstuhl, stemmte die Hände auf die Knie und sagte in einem kurzen, trocknen Ton, der seltsam mit der glatten Freundlichkeit seiner bisherigen Redeweise kontrastierte: »Eh bien!« Es erfolgte nicht sogleich eine Antwort. Die beiden betrachteten ein paar Sekunden lang einer den andern mit scharfen, argwöhnischen Blicken, wie zwei Kämpfer, die sich ihre Blößen gegenseitig ablauern wollen, wie zwei falsche Spieler, von denen jeder weiß, daß er dem andern sehr genau auf die Finger sehen muß und dabei doch noch immer vor einer Teufelei nicht sicher ist. Dazu kam, daß sie von der Zeit her, wo der Portepeefähnrich Baron von Grenwitz den Portepeefähnrich Albert Timm in der Schlinge stecken ließ und sich selbst salvierte (es handelte sich um eine fatale Wechselsache), eine alte Rechnung miteinander abzumachen hatten, und Felix wußte sehr wohl, daß Albert zu denen gehörte, die sich, wenn das Gesetz oder die Macht auf ihrer Seite ist, von ihren Schuldnern auf Heller und Pfennig bezahlen lassen. Er mußte deshalb seine ganze Gewandtheit aufbieten, um trotz des unbehaglichen Gefühls, das ihn, einem so gerüsteten, schonungslosen Gegner gegenüber, befiel, mit einer gewissen gutmütigen Offenheit, die ihm sehr seltsam stand, zu antworten: »Ich denke, Timm, wir behandeln die ganze Affäre ohne alle Heuchelei und Winkelzüge wie zwei Menschen, die die Welt kennen und wissen, was sie wollen.« »Wenn Sie so genau wissen, was Sie wollen, wie ich weiß, was ich will, so wird der ganze Handel sehr einfach sein«, antwortete Albert trocken. »Nun sagen Sie aufrichtig, was wollen Sie denn?« »Ich bin der Verkäufer, Sie der Käufer; es kommt Ihnen also zuerst zu, deutlich auszusprechen, was Sie von mir wollen.« »Wir wollen die Originale jener Kopien dort auf dem Tisch und Ihr Ehrenwort, daß Sie niemals gegen irgendwen, sei es, wer es sei, durch Schrift oder Rede oder auf irgendeine Weise von der Entdeckung, die Sie gemacht haben, etwas verlauten lassen.« »Bon! Die Forderung ist klar.« »Und Ihre Gegenforderung?« Albert beugte sich etwas vornüber und sagte mit leiser, aber sehr deutlicher Stimme – während seine Augen fest auf dem Gegner ruhten: »Zwanzigtausend Taler Preußisch-Kurant, zahlbar binnen hier und acht Tagen. »Sie sind des Teufels«, rief Felix, trotz seiner Schwäche aus dem Lehnstuhl auffahrend und in dem Zimmer umherrennend, »zwanzigtausend Taler, das ist ja ein ganzes Vermögen!« Albert zuckte die Achseln: »Die Zinsen zweier Jahre von dem Kapitale, das in Stantow und Bärwalde steckt. Sie müssen ja am besten wissen, was Ihnen das Legat wert ist.« »Aber das ist ja horribel!« rief Felix, noch immer im Zimmer umherlaufend, »horribel!« »Schreien Sie nicht so, Grenwitz; oder Ihre Leute hören es in der Küche. Setzen Sie sich gefälligst und lassen Sie uns von der Sache reden wie zwei Männer, die die Welt kennen.« Die unerschütterliche Kaltblütigkeit und der schneidende Hohn, mit dem Albert diese Worte sprach, wirkten wie eine Dusche auf Felix' leidenschaftliche Heftigkeit. Er setzte sich wieder und sagte in ruhigerem Tone: »Meine Tante wird niemals eine so hohe Forderung bewilligen.« »Das sollte mir der Frau Baronin und Ihretwegen leid tun, denn, wenn Sie auf meinen Vorschlag nicht eingehen, so – haben Sie sich für die Folgen nur selbst verantwortlich zu machen.« »Sie sprechen, als ob es einzig und allein von Ihnen abhinge, wer die beiden Güter haben soll.« »Und von wem sonst sollte es abhängen?« erwiderte Albert – und seine Lippen schienen dünner, seine Nase spitzer, sein Gesicht schärfer zu werden, während er sprach, »ich sage Ihnen, ich habe das Netz bis auf einige Maschen, die ich absichtlich offen ließ, bis ich Ihre Entscheidung vernommen, so dicht und stark gewebt, daß ich es Ihnen jederzeit über dem Kopf zusammenziehen kann und Sie sich eher zu Tode zappeln, als es zerreißen werden. Sie wissen, Grenwitz, daß ich mich eines guten Kopfes für dergleichen erfreue. Sie wissen auch, daß ich Ihnen gegenüber durchaus keine Veranlassung habe, den Großmütigen zu spielen.« »Mir gegenüber? Ich persönlich habe nicht das mindeste Interesse an der Sache.« »Ich glaube, Sie halten mich für ein Kind, Grenwitz. Wollen Sie Fräulein Helene nicht heiraten und sind die beiden Güter nicht die Aussteuer der jungen Dame?« »Ich Helene heiraten? Wer sagt das? Es fällt mir nicht im Traum ein.« »Gut, so heiraten Sie sie nicht; so überlassen Sie die junge Schönheit einem Menschen, den Sie vor allen andern zu hassen Ursache haben, der schon jetzt als Ihr begünstigter Nebenbuhler – so sagt wenigstens die böse Welt – aufgetreten ist und der in den Augen Fräulein Helenens dadurch nicht gerade schlechter werden wird, wenn er als Vetter und rechtmäßiger Erbe eines bedeutenden Vermögens zum zweiten Male kommt.« Felix war bei diesen Worten seines unerbittlichen Peinigers abwechselnd blaß und rot geworden. Seine durch die Erwähnung des fatalen Handels mit Oswald tief verletzte Eitelkeit krümmte sich wie ein zertretener Wurm. Er konnte nicht umhin, sich zu gestehen, daß Albert in diesem Augenblicke der bei weitem Stärkere, und daß er, der sich auf seine Klugheit und Gewandtheit so viel einbildete, machtlos in der Hand eines im Grunde so verachteten Gegners war. »Ziehen Sie mildere Saiten auf, Timm«, sagte er fast kleinlaut. »Ich will es zugeben, mir liegt ungeheuer viel daran, daß die Geschichte totgeschwiegen wird, und wenn es auf mich ankäme, so würde ich mich vielleicht zur Zahlung der Summe, die Sie fordern, verstehen. Aber Sie kennen meine Tante und wissen, daß Sie es lieber auf das Äußerste ankommen lassen, als sich so tief ins Fleisch schneiden wird. Ich sage Ihnen, Timm: Es geht nicht; es geht auf Ehre nicht! Und was wollen Sie auch mit so vielen, Gelde auf einmal? Sie können es in ein paar Unglücksnächten beim Roulette verlieren und sind dann ärmer, als Sie vorher waren. Kommen Sie! Ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Wir zahlen Ihnen ein Jahr lang monatlich vierhundert Taler und nach Ablauf des Jahres sechstausend Taler auf einem Brett.« »Macht zusammen zehntausendachthundert«, antwortete Albert, »reicht nicht; und überdies, welche Sicherheit habe ich, daß die Termine richtig gehalten werden?« »Die Dokumente, die in Ihrer Hand verbleiben und die erst bei Auszahlung der sechstausend von Ihnen ausgeliefert werden.« »Hm!« sagte Albert, »es ist nicht viel; aber unter guten Freunden darf man die Sache nicht so genau nehmen. Machen wir es schriftlich.« »Wozu? Wenn wir unser Wort nicht halten wollen, brechen wir es doch, und überdies, die Ehre der Familie Grenwitz könnte ein Dokument der Art, wenn es in falsche Hände käme, leicht stärker kompromittieren, als uns lieb sein dürfte, und würde, alles in allem – nur eine Waffe mehr in Ihren Händen sein. Wollen Sie die ersten vierhundert sofort?« »Ich dächte, es wäre das beste.« Felix stand auf, nahm eins der Lichter und ging an ein Schreibpult, das in der Tiefe des Zimmers stand, öffnete einen Schrank, nahm ein paar Banknoten heraus und legte sie vor Albert auf den Tisch. »Zählen Sie!« »Ist nicht nötig«, sagte Albert, nach einem kurzen scharfen Blick auf die Pakete, »Ihre Frau Tante verzählt sich nicht. – So, Grenwitz, die Angelegenheit wäre glücklich geordnet. Und nun lassen Sie uns eine Flasche Wein darauf trinken: Das viele Sprechen hat mich ganz durstig gemacht. Erlauben Sie, daß ich die Schelle ziehe.« »Bitte.« Felix befahl dem eintretenden Bedienten, eine Flasche Rheinwein und zwei Gläser zu bringen. Es war Felix nicht unlieb, daß Albert in eine gemütliche Stimmung geriet; er hatte ihn noch um etwas zu fragen; worüber ihm niemand bessere Auskunft geben konnte. »Sie haben gesehen, Timm«, sagte er, während er die Gläser füllte, »daß ich Ihnen so weit entgegengekommen bin, als ich konnte. Eine Liebe ist der andern wert. Wollen Sie mir einen Gefallen tun?« »Lassen Sie hören.« »So sagen Sie mir: Wie stehen Sie mit der kleinen Marguerite?« »Weshalb interessiert Sie das?« »Weil ich mich für die Kleine interessiere.« »Und weshalb glauben Sie, daß es mir ebenso geht?« »Weil ich euch beide in Grenwitz beobachtet habe und sodann aus – nun, aus verschiedenen anderen Gründen.« »Zum Beispiel?« »Ich will aufrichtig sein. Ich habe aus lieber Langerweile schon früher in Grenwitz und noch mehr während meiner Krankheit angefangen, der Kleinen den Hof zu machen, und damit aufgehört, sie wirklich ganz charmant und höchst begehrungswürdig zu finden. Die Kleine tut aber so spröde, daß sie notwendig ein ernstliches Attachement haben muß. Ich wüßte niemand, der mir den Rang abgelaufen haben könnte, als Sie.« »Sehr schmeichelhaft«, sagte Albert. »Ich bin in der Tat mit der jungen Dame so gut wie verlobt.« »Aber Timm, wollen Sie denn mit offenen Augen ins Verderben rennen! Sie und eine Frau! Und noch dazu eine arme Frau! Wo haben Sie denn Ihre früheren Grundsätze gelassen. Aufrichtig, ich hätte Ihnen eine solche Torheit nicht zugetraut.« »Ich mir auch nicht«, erwiderte Albert, sein Glas leerend und wieder füllend. »Lieben Sie das Mädchen?« »Da fragen Sie mich wirklich mehr als ich selber weiß.« »Hören Sie, Timm, ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Wir sind heute einmal in einer spekulativen Stimmung. Lassen Sie mir das Mädchen und ich übernehme die dreihundert Taler, um die Sie die Ärmste angepumpt haben.« »Wer sagt das?« rief Albert auffahrend. »Ihre augenblickliche Heftigkeit zum Beispiel; außerdem aber auch die kleine Luise, Helenens Kammerjungfer, und nebenbei meines Kammerdieners Schatz, die zufällig sah, wie Marguerite Ihnen im Grenwitzer Park das Geld gegeben hat.« »Dummes Zeug!« sagte Albert. »Ärgern Sie sich nicht!« sagte Felix, »sondern seien Sie froh, daß sich jemand findet, der gutmütig genug ist, Ihnen die unbequeme Last abzunehmen. Wollen Sie?« »Wir sprechen schon noch darüber«, sagte Albert aufstehend und nach seinem Hut greifend. »Leben Sie wohl, Grenwitz!« »Adieu! Seien Sie vernünftig, Timm, und sehen Sie sich bald einmal wieder nach Ihrem alten Kameraden um.« Das würdige Paar schüttelte sich die Hand, Albert entfernte sich rasch. Sein Gesicht war finsterer als bei seiner Ankunft. Entweder hatte ihm der zweite Teil der Unterhaltung nicht gefallen, oder er hielt es auch nur in seinem Interesse, den Beleidigten zu spielen. Felix, der ihn von früher her ziemlich genau kennen mußte, neigte zu der letzteren Ansicht. Vierzehntes Kapitel Um dieselbe Zeit, als im Hotel Grenwitz diese Verhandlung stattfand, wanderte vor einem großen Hause in einer der Vorstädte Sundins ein junger Mann mit jener Ungeduld auf und ab, die das Herz eines rechtschaffenen Liebhabers erfüllt, der an einem kühlen Herbstabend in dichtem Nebelgeriesel auf die Dame seines Herzens wartet, die er »Schlag sieben Uhr – aber komm ja pünktlich!« aus einem Kränzchen abholen sollte und um halb acht noch immer in lebhaftester Konversation an dem hellerleuchteten Fenster hinter der weißen Gardine sitzen sieht, oder sitzen zu sehen glaubt. »Daß doch selbst die gescheitesten Frauen eine so äußerst vage Vorstellung von der Zeit haben«, murmelte der junge Mann, seine Uhr hervorziehend und bei dem spärlichen Lichte einer glimmenden Zigarre die Zeit ablesend, »es ist ein psychologisches Faktum, das ich nächstens in einer eigenen Monographie behandeln werde.« Er warf das Zigarrenende fort, das ihm den Schnurrbart zu versengen drohte, und schaute zu dem erleuchteten Fenster empor. Gott sei Dank! man bricht auf! Dunkle Schatten schweben an den Gardinen hin und her! Jetzt nur noch den Mantel umgebunden, den Hut aufgesetzt, einen Abschiedskuß – dann noch eine kurze Konversation von zehn Minuten über den Ort des nächsten Kränzchens – sodann noch einen Abschiedskuß – das Fenster wird dunkler, in dem Hausflur wird es heller – jetzt noch eine Schlußdebatte auf der letzten Treppenstufe – enfin! – »Kommst du endlich, Kleine?« sagte Doktor Braun, die schlanke Mädchengestalt, die aus dem Hause getreten und leichten Schrittes durch den kleinen Garten, der das Haus von der Straße trennt, geeilt war, an der eisernen Gitterpforte in Empfang nehmend. »Armer Franz, du hast doch nicht schon gewartet?« antwortete das Mädchen, sich zärtlich in den Arm ihres Bräutigams schmiegend. »Oh, nicht doch, kaum der Rede wert, eine halbe Stunde etwa.« »Ich wußte wirklich nicht, wie spät es war. Die Zeit ist mir so schnell vergangen, trotzdem das Kränzchen heute nur aus zwei Personen bestand. Rate: aus welchen?« »Aus dir vielleicht?« »Sehr weise! Und weiter?« »Helene Grenwitz?« »Richtig! Sie läßt dich schönstens grüßen. Denke dir, sie wird nun doch wohl bei der Bärin bleiben, trotzdem ihre Eltern den Winter über in der Stadt wohnen werden und, ich glaube, heute schon angekommen sind. Das wird einmal wieder etwas zu klatschen geben. Die arme Helene tut mir von Herzen leid.« »Weshalb?« »Wie du fragst! Ist es nicht schon schlimm genug, daß die ganze Stadt es merkwürdig findet, daß ein Mädchen von sechzehn – nein sechzehn und einem halben Jahr – noch einmal in Pension geschickt wird, nachdem sie kaum vier Wochen zu Hause gewesen ist? Und solange Grenwitzens nicht in der Stadt wohnten, ließ es sich zur Not erklären, aber jetzt – ich finde es ganz abscheulich. Die Leute müssen ja wer weiß was von ihr denken, und man kann es ihnen sogar nicht übelnehmen, wenn sie Helenen mit dem Duell zwischen ihrem Vetter und deinem liebenswürdigen Freund Stein in Verbindung bringen.« »Und was sagt Fräulein Helene?« »Nichts; du kennst sie ja. Sie spricht nie von Familienangelegenheiten; höchstens, daß sie einmal ihres alten Vaters erwähnt, den sie sehr zu lieben scheint. Sie ist still und ernst, aber nicht eigentlich traurig.« »Ich glaube, sie ist viel zu stolz, als daß sie wirklich traurig sein könnte.« »Wie das?« »Trauer ist eine passive Stimmung, die Stimmung jemandes, der einsieht, daß er gegen das Geschick nicht ankämpfen kann und sich wohl oder übel zum Dulden bequemt. Es gibt aber Charaktere, die sich wehren, solange es geht, und wenn es nicht mehr geht, nicht die Waffen in demütiger Ergebung strecken, sondern sie zerbrechen und dem Sieger trotzig vor die Füße werfen.« Sophie schmiegte sich inniger an den Geliebten und sagte nach einer Pause: »Ich gehöre nicht zu den Charakteren, Franz. Ich bin nicht zu stolz, um traurig zu sein; ich bin in dieser letzten Zeit oft recht traurig gewesen. Ich war es schon, als du mit Herrn Stein abgereist warst, trotzdem ich doch damals eigentlich gar keine Ursache dazu hatte. Und nun gar neulich, als Vater krank wurde und ich an seinem Bette saß und meine größte Angst nächst der, Vater könnte sterben, die war, daß du meinen Brief nicht erhalten hättest, und dich immer weiter und weiter von mir entferntest, während mein Herz vor Sehnsucht nach dir fast zerbrach. Du bist doch, ehe du mich abholtest, noch einmal da gewesen?« »Natürlich. Es geht besser. Ich bat ihn, sich wieder niederzulegen; aber er bestand darauf, bis zu unserer Zurückkunft aufzubleiben.« »Und ich habe so viel Zeit verplaudert! Laß uns schneller gehen!« »Es kommt nun auf ein paar Minuten mehr oder weniger nicht an; und überdies möchte ich gern definitiv mit dir über unsere Zukunft sprechen. Wir müssen endlich einmal aus diesem Provisorium heraus, das weder Gott – ich meine der Natur – noch den Menschen angenehm ist und mit jedem Tag lästiger wird. Ein unverheirateter Mann ist ein Fisch; aber ein Bräutigam ist weder Fisch noch Fleisch. Wenn zwei Menschen durch die Liebe Mann und Weib sind in ihrem eigenen Herzen und Gewissen, so sollen sie es auch vor den Menschen sein, können anders die äußeren Bedingungen der Ehe erfüllt werden. Das ist aber bei uns der Fall. Wir haben genug zum Leben und mehr brauchen wir vorläufig nicht; das andere findet sich. Summa summarum: Wollen wir unsere Hochzeit auf heute über vier Wochen festsetzen?« »Aber Franz, ich bin noch nicht zur Hälfte mit meiner Aussteuer fertig!« »So heiraten wir mit der halben Aussteuer.« »Und was wird der Vater dazu sagen; du weißt, wie unsäglich schwer es ihm wird, mich von sich zu lassen; und soll ich gerade jetzt dies Opfer von ihm fordern, wo er meiner mehr als je bedarf? Ich habe nicht den Mut, ihm den Vorschlag zu machen.« »Aber ich habe ihn; dein Vater weiß, daß ich nicht weniger aufrichtig als er selbst dein Bestes will; und er ist viel zu verständig, um nicht einzusehen, daß es so bei weitem am besten ist. Komm, mein Mädchen, lasse den Kopf nicht hängen. Heute über vier Wochen sind wir Mann und Frau.« »Ach, Franz, ich wollte, wir wären es erst. Aber ich fürchte, ich fürchte; der Himmel meint es nicht so gut mit uns!« »Warum nicht? Er meint es gut mit allen, die den Mut haben, ihr Glück zu wollen. Denn, wie sagt der Dichter: In unsrer Brust sind unsres Schicksals Sterne.« Die Eile, zu welcher Franz drängte, hatte in der Krankheit von Sophies Vater einen sehr triftigen Grund. Franz wußte als Arzt am besten, daß das Leben des vortrefflichen Mannes nur noch an einem schwachen Faden hing. Er hatte sich von dem Schlaganfall, der ihn vor nun ungefähr vierzehn Tagen betroffen, allerdings sehr schnell erholt; aber mehrere böse Symptome verkündeten, daß ein zweiter und dann, bei der nervösen, überaus fein organisierten Natur des Mannes, vielleicht tödlicher Anfall möglich, ja sogar wahrscheinlich sei. Starb aber der Vater, bevor die Verbindung zwischen seiner Tochter und Franz zustande gekommen war, so wäre das arme Mädchen, dessen Mutter schon lange in der Erde ruhte, und das weder Geschwister noch sonstige Verwandte hatte, in eine sehr kritische Lage gekommen. Denn, daß unter diesen Umständen das Haus des Mannes, den sie liebte, ihre einzige Heimat sei, würde die Welt nicht haben begreifen können. Heute zum ersten Male war der Geheimrat auf ein paar Stunden wieder aufgestanden und hatte sich in einem Lehnstuhle aus seinem Schlafzimmer vor den Kamin des Wohnzimmers rollen lassen. Er hatte darauf bestanden, daß seine Tochter, die seit dem Beginn seiner Krankheit sein Lager kaum verlassen halte, in ihr Kränzchen ging; er hatte seinen Schwiegersohn, der interimistisch seine Praxis übernommen hatte und der gegen Abend ihn zu besuchen kam, nach wenigen Minuten wieder weggeschickt: Er wollte allein sein; er wollte die erste Stunde, wo er den fürchterlichen Druck auf seinem Gehirn geringer fühlte, zum Nachdenken über seine Situation benutzen. Er würde eine so schädliche Aufregung freilich als Arzt einem Patienten streng verboten haben; aber jetzt war er Arzt und Kranker zugleich und konnte an sich selbst erfahren, daß der Arzt gar manches fordern kann, was der Kranke beim besten Willen zu leisten nicht imstande ist. Und wohl mochte es dem Geheimrat schwer werden, die graue Schattengestalt der Sorge zu verscheuchen, die sich, je dunkler es im Zimmer wurde, immer dichter und dichter an ihn herandrängte. Wie schlimm es in physischer Hinsicht um ihn stand, konnte ihm, der wer weiß wie viel ähnliche Fälle beobachtet und wieder beobachtet hatte, am wenigstens verborgen sein. Er wußte nur zu wohl, daß er von nun an geistig und körperlich ein Krüppel sein und bleiben werde, daß er nur noch das Gnadenbrot des Lebens esse, daß der Tod jeden Augenblick die verfallene Schuld einkassieren könne. Und doch war dies, sosehr er auch am Leben hing, sein geringster Kummer. Der Arzt sträubte sich nicht gegen das allgewaltige Geschick, dem er mit aller Kunst noch keinen hatte entreißen können; der Schüler Epikurs wußte, daß Wonnen und Schmerzen, Freuden und Leiden in dem Gewebe unserer Existenz untrennbar vereinigt sind. Aber, was ihm das Herz unsäglich schwer machte, war der Gedanke, daß es ihm nun unmöglich sein würde, seine zerrütteten Vermögensverhältnisse zu ordnen, daß er als ein Bankrotteur aus dem Leben gehen, daß er seine Gläubiger durch seinen Tod um ihr Eigentum betrügen würde. Der Unglückliche seufzte, während er das tiefgebeugte Haupt in den Händen verbarg. Und seine Tochter, seine geliebte Tochter! Wo war die Hoffnung geblieben, sie einst mit einem Vermögen ausstatten zu können, das die gemeinen Sorgen des Lebens auf immer von der Verwöhnten, Verzärtelten fernhalten sollte, ihr die Mittel gewähren sollte, immerdar eine behagliche Existenz zu führen, wie sie sich für die feinbesaitete Natur des jungen Mädchens einzig zu ziemen schien? Jetzt konnte er ihr nicht nur kein Vermögen – nein, nicht einmal einen ehrlichen, fleckenlosen Namen hinterlassen! Sie hatte keine Ahnung von der mißlichen pekuniären Lage ihres Vaters. Er hatte nie den Mut gehabt, ihr kindliches Gemüt mit Sorgen zu verdüstern, die er von sich selbst, solange es ging, fernhielt. Sie nahm mit Sicherheit an, daß ihr Vater, wenn nicht ein reicher, so doch vermögender Mann sei, daß sie sich den bescheidenen Luxus, mit dem sie sich umgab, unbedenklich gestatten könnte. Und war sie die einzige, die sich in diesem Wahne befand, die er aus Scheu vor peinlichen Auseinandersetzungen in diesem Wahne gelassen hatte? Dachten seine Freunde nicht ebenso? Vor allem der jüngste und liebste seiner Freunde, der Mann, der das Herz seiner Tochter gewonnen hatte und dem er selbst mit herzlicher, freundschaftlicher, väterlicher Liebe zugetan war, der durch sein biederes, edles Wesen, durch seinen Geist und seine Güte diese Liebe, diese Freundschaft im reichsten Maße verdiente? Was würde er sagen, was würde er tun, wenn er erführe, was er über kurz oder lang doch einmal erfahren mußte; ja, was ihm der Vater seiner Braut, wenn er nicht allen Ansprüchen auf den Namen eines ehrlichen Mannes entsagen wollte, unter diesen Umständen ohne allen Verzug mitzuteilen gezwungen war? Der Geheimrat drückte sein Gesicht fester in die zitternden Hände und stöhnte laut wie ein von grausamen Qualen Gefolterter. Und plötzlich fühlte er sich von weichen Armen sanft umschlungen, und eine Mädchenstimme rief ängstlich: »Vater, liebes Väterchen, du bist gewiß wieder recht krank!« und die freundliche, feste Stimme eines Mannes, der eine seiner Hände ergriffen hatte, um nach dem Puls zu fühlen, sagte: »Sie sind zu lange aufgeblieben, Papa! Wir müssen machen, daß wir wieder ins Bett kommen.« Wie ein erquickender Regen auf eine sonneversengte Pflanze, so fielen diese Stimmen, diese Worte lind und labend in das Herz des armen, an Leib und Seele kranken Mannes. Er legte seine Arme um den schlanken Leib des Kindes und zog es an sein Herz in langer, stummer Umarmung. Er hätte weinen können, wenn er sich nicht geschämt hätte. Sophie fragte wieder und wieder, ob er sich kränker fühle; Franz, der nach Licht geklingelt hatte, bat immer dringender, er möge nicht durch längeres Aufbleiben das mühsam Gewonnene wieder aufs Spiel setzen. Der Geheimrat wollte nichts von Zubettgehen hören; er fühle sich in dem Lehnstuhl ganz behaglich und durchaus nicht angegriffen. Überdies habe er mit Franz zu sprechen. Sophie möge nur ruhig das Abendbrot besorgen. Franz, dessen Scharfblick die Unruhe, die Aufregung des Patienten nicht entgangen war, hielt es für das beste, seinem Wunsche Folge zu leisten, und winkte seiner Braut, sie allein zu lassen. Sophie entfernte sich mit einem ängstlich fragenden Blick auf Franz, den dieser mit einem ermutigenden Lächeln beantwortete. Die Tür hatte sich kaum hinter der schlanken Gestalt des jungen Mädchens geschlossen, als der Geheimrat Franz' Hand ergriff und mit einer Stimme, die vergebens nach Festigkeit rang, sagte. »Ich habe Ihnen etwas mitzuteilen, Franz, das ich unter diesen Umständen, wo ich jeden Augenblick auf den Tod gefaßt sein muß, nicht länger verschweigen kann, ohne ehrlos zu handeln.« »Was ist es, Papa?« fragte Franz, einen Stuhl dicht an den Platz des Geheimrats rückend und seine Hände freundschaftlich in die seinen nehmend. »Das ist es!« sagte der Geheimrat! – und nun erzählte er Franz, daß er im Laufe der Jahre, zum Teil infolge eines Mangels an weiser Sparsamkeit, zum Teil durch vielfältige Darlehen, die er an Arme, Bedürftige aller Art gemacht und niemals wiederbekommen habe, tief in Schulden geraten sei; daß er gehofft habe, sich durch verdoppelten Fleiß in den nächsten Jahren wieder heraufzuarbeiten, eine Hoffnung, die, wie er jetzt nur zu schmerzlich fühle, nicht in Erfüllung gehen werde. Der Geheimrat machte hier eine Pause, sei es, weil er für den Moment zu erschöpft war; sei es, weil er von Franz eine Antwort erwartete. Als der junge Mann aber mit niedergeschlagenen Augen in seinem Schweigen verharrte, fuhr der Kranke nach dieser Pause mit leiserer und erregterer Stimme fort: »Verzeihen Sie, lieber Franz, daß ich in einem vielleicht sträflichen, aber sehr erklärlichen Egoismus so lange mit dieser Enthüllung Ihnen gegenüber gezögert habe. Es ist eine schreckliche Aufgabe, Menschen betrüben zu müssen, die man lieb hat; Menschen ärmer machen zu müssen, die man mit allen Gütern dieser Erde überschütten möchte.« Er schwieg und versuchte seine Hände aus den Händen des jungen Mannes zu ziehen, gleichsam als habe die Entdeckung, die er soeben gemacht, die vertraute Freundschaft gestört und aufgehoben. Aber Franz rückte nur näher an den Kranken und sagte, ihm mit seinen klaren, treuen, klugen Augen tief in die Augen sehend: »Ich habe Sie ruhig aussprechen lassen, Papa; nun lassen Sie mich dasselbe tun. – Wenn jemand einem Freunde, den er liebt, einen unermeßlichen kostbaren Schatz schenkt, einen Schatz, an dem das Herz des Freundes so hängt, daß er ohne ihn nicht mehr leben könnte und möchte, und der Geber spräche nun zum Freunde: ›Lieber, während ich diesen Schatz hütete, habe ich, wie du dir denken kannst, auf die Leitung und Regelung meiner übrigen Angelegenheiten nicht die nötige Sorgfalt verwenden können. Es sind da einige Gläubiger, die bezahlt sein wollen und bezahlt werden müssen. Willst du nicht die Sache übernehmen? Du bist jünger und rüstiger, und du hast keinen Widerwillen gegen Geschäfte‹ – wenn, sage ich, der Geber also zu dem so reich Beschenkten spräche, und dieser wollte antworten: ›Den Schatz, der mich in alle Zukunft so unermeßlich reich macht, nehme ich freilich, aber was deine übrigen Angelegenheiten betrifft, so siehe zu, wie du fertig wirst; ich will nichts damit zu schaffen haben‹, – würde man ihn, der so antwortete, nicht mit Recht für ein Ungeheuer von Herzlosigkeit, für ein Scheusal von Undankbarkeit halten? Genauso aber liegt die Sache zwischen uns. Der großmütige Geber sind Sie, der so überreich Beschenkte bin ich, der unermeßlich kostbare Schatz ist meine, unsere Sophie. Zwischen uns kann nicht mehr von Mein und Dein die Rede sein; was ich besitze, gehört Ihnen, der Sie mir in der dreifach ehrwürdigen Gestalt des Freundes, des Lehrers, des Vaters erscheinen. Was ich aber besitze, sind zehn- bis elftausend Taler, die ich von einer Tante, die ich nie gesehen habe, erbte, und die Ihnen jederzeit zur Verfügung stehen. Ich weiß, daß diese Summe nicht genügt, Sie von den eingegangenen Verbindlichkeiten zu befreien. Aber eine Erleichterung, eine Hilfe wird sie Ihnen immer sein, und ich bitte, ja ich beschwöre Sie, von dieser Hilfe den ausgedehntesten Gebrauch zu machen. – Nein, Papa, schütteln Sie nicht den Kopf! Es hilft Ihnen nichts. Sie sind Sophie, mir und sich selbst die Erfüllung meiner Bitte schuldig. Und dann: Ich will Sie nicht um eine Gefälligkeit bitten, ohne auf eine äquivalente Gegenleistung zu dringen. Wir haben den Termin unserer Hochzeit immer noch nicht festgesetzt. Wir scheuten uns, mit der Sprache herauszurücken, weil wir Ihren Widerspruch, zum mindesten Ihre mit Widerstreben gegebene Einwilligung fürchteten. Jetzt bin ich kühn geworden und bitte nicht um Flandern, noch Gedankenfreiheit, König Philipp, sondern um die Erlaubnis, deine Infantin, Donna Sophia, heute über vier Wochen als mein ehelich Gemahl heimführen zu dürfen. Sieh! Da ist sie selbst! – Knie nieder, Mädchen, und danke deinem Herrn und Vater für seine Güte. Er willigt in unsere Vermählung heute über vier Wochen.« Sophie, die bei Franz' letzten Worten in das Zimmer getreten war, eilte auf den Vater zu: »Gutes, liebes Väterchen! Herzallerliebstes Väterchen!« rief sie, den Geheimrat umarmend und ihn zärtlich auf Stirn und Lippen küssend. Der Geheimrat war in einer unbeschreiblichen Erregung. Seine zitternden Lippen versuchten umsonst ein Wort hervorzubringen; seine tränenüberströmten Augen wandten sich bald auf die vor ihm kniende Tochter, bald auf den Mann, der über ihn gebeugt dastand und seinen Arm vertraulich um seinen Nacken geschlungen hatte. Sein von der Krankheit angegriffenes Gehirn vermochte nicht das Chaos der auf ihn einstürmenden Gedanken zu bewältigen, aber in seinem Herzen sagte vernehmlich eine Stimme, daß er nun ruhig sterben könne. Franz, der nicht ohne Grund fürchtete, daß die heftige Gemütserschütterung eine Verschlimmerung in dem Zustande des Kranken herbeiführen könne, beeilte sich, dieser Szene ein Ende zu machen. Er klingelte und hieß den eintretenden Bedienten, ihm beim Zubettbringen des Herrn zu helfen. Der Geheimrat ließ alles ohne Widerrede mit sich geschehen. Franz und der Diener rollten den Stuhl bis an die Tür des nächsten Gemaches, die schon von Sophie geöffnet war, hoben ihn über die Schwelle und schlossen die Tür hinter sich, während Sophie allein in dem Wohnzimmer zurückblieb. Nach einigen Minuten kam Franz zurück. Er war bewegt, wie Sophie ihn kaum je gesehen hatte; aber sie sah auch zugleich, daß diese Bewegung keine schmerzliche war. Seine Augen blitzten, sein Schritt war elastisch wie eines Siegers Schritt, und seine sonst etwas scharfe Stimme klang weicher und voller, als er jetzt, die Geliebte fast stürmisch in seine Arme schließend, sagte: »Freue dich, Mädchen, es geht alles gut, vortrefflich. Ich habe dem Papa seine Einwilligung abgeschmeichelt und abgetrotzt. Sagte ich dir nicht, in vier Wochen sind wir Mann und Frau? Sagte ich dir nicht: In unserer Brust sind unsers Schicksals Sterne? Oh, ich fühle einen ganzen Himmel in meiner Brust! Liebe, liebe Sophie!« »Lieber, lieber Franz.« Und die Liebenden hielten sich lange innig umschlungen. Dann, als die Flut herrlichster Gefühle sich zu ruhigeren Wogen sänftigte, wanderten sie Arm in Arm in dem Gemache auf und ab, und ihre Stimmen waren leise wie ihre Schritte auf dem Teppich, und was sie flüsterten war süß und traulich wie das von einem roten Schleier gedämpfte Licht der Lampe, die auf dem Tische vor dem Sofa brannte. Sie waren so in ihr bald ernstes, bald heiteres, und von einem gelegentlichen halb unterdrückten Lachen oder verstohlenen Kuß unterbrochenes Gespräch vertieft, daß jemand, der um diese Stunde fast täglich in das Haus des Geheimrats kam, erst dreimal an die Tür pochen mußte, ehe sie beide zu gleicher Zeit mit Herein antworteten. Fünfzehntes Kapitel »Guten Abend, hochverehrliches christliches Brautpaar«, sagte der darauf ins Zimmer Tretende, »störe ich Sie vielleicht in Ihrer Andacht?« »Guten Abend, Bemperchen«, erwiderte Sophie, sich aus Franz' Arm losmachend und dem kleinen Mann, der zierlichen Schritts auf sie zukam, herzlich die dargebotene Hand drückend, »Sie kommen gerade zur rechten Zeit, mich gegen diesen Erzspötter in Schutz zu nehmen.« »Guten Abend, Bemperlein«, sagte Franz, »Sie kommen gerade zur rechten Zeit, mir diese halsstarrige Sünderin überzeugen zu helfen.« »Ehe ich das eine tun und das andere lassen kann«, erwiderte Herr Bemperlein, seine Handschuhe ausziehend und sie sorgfältig zusammenlegend, »erlaube ich mir, mich nach dem Befinden des Herrn Geheimrats pflichtschuldigst zu erkundigen.« »Es geht viel besser«, erwiderte Franz. »Ich schloß das aus Ihrer heitern Stimmung«, sagte Bemperlein. »Nun, das freut mich sehr. So können wir doch heute endlich einmal zu Abend essen, ohne daß uns, wie in den letzten vierzehn Tagen, jeder Bissen vor Wehmut und Trauer im Grunde steckenbleibt. Ad vocem Abendessen: Wie steht es damit, Fräulein Sophie? Ich, der ich nicht wie Sie das Glück habe, mit dem Nektar der Liebe meinen Durst und mit der Ambrosia traulichen Geschwätzes meinen Hunger stillen zu können, empfinde eine nicht mißzudeutende Regung nach irdischer Speise und Trank.« »Ich glaube, das Abendessen steht schon seit einer halben Stunde auf dem Tisch«, sagte Sophie, »ich hatte es wahrhaftig ganz vergessen.« »So lassen Sie uns keine Minute länger zögern«, sagte Bemperlein, Sophie den Arm bietend und sie den wohlbekannten Weg in das anstoßende Gemach führend, wo stets gespeist wurde. »Ich fürchte, die Kartoffeln sind eiskalt«, sagte Sophie, den Deckel von einer Schale abhebend. »So haben sie genau die Temperatur dieses Fisches«, sagte Franz, ihr die Schüssel präsentierend. »Oder dieser Sauce«, sagte Bemperlein, ihr die Sauciere von der andern Seite darreichend. Sophie zuckte die Achseln: »Nichts wird so warm gegessen, wie es gekocht ist, meine Herren. Das muß ich als zukünftige Hausfrau wissen.« »Wir heiraten nämlich heut über vier Wochen, Bemperlein«, sagte Franz. »Das heißt, wenn Ihr Frack, den Sie schon, seitdem Sie in Sundin sind, machen lassen wollen, bis dahin fertig wird, Bemperlein; sonst unter keiner Bedingung«, sagte Sophie. »Der Frack wird fertig! Der Frack wird fertig!« rief Herr Bemperlein, »und sollte ich ihn selber zurechtschneidern, nähen und bügeln.« »Das würde ein schönes Kleidungsstück werden, Bemperchen.« »Vielleicht nicht so schlecht, wie sie glauben. Es wäre wenigstens nicht der erste Frack, den ich mir höchst eigenhändig fertigte.« »Unmöglich, Bemperlein!« rief Franz voll Erstaunen. »Was ich Ihnen sage. Es ist nun freilich schon ein wenig lange her – fünfzehn Jahre etwa – und ich war dazumal, in meiner Robinson-Crusoe-Periode, erfinderischer und fleißiger als jetzt; aber für unmöglich halte ich die Sache auch noch heute nicht.« »Aber was zwang Sie denn, so wunderliche Experimente anzustellen?« »Die Erfinderin aller Künste, die Not. Sie wissen, Fräulein Sophie, daß ich zu denjenigen Kindern Gottes gehöre – oder vielmehr gehörte, denn jetzt bin ich in meiner Eigenschaft als wohlsituierter Sundiner Privatgelehrter, der mehr Stunden hat, als er geben kann, in eine andere Rangklasse versetzt –, denen das Himmelreich versprochen ist, weil sie auf Erden nichts ihr eignen nennen. Infolgedessen war ich, als ich damals aus den elysäischen Gefilden meines Heimatdorfes nach Grünwald kam, gezwungen, eine Art von Zikadendasein zu führen und alle unnötigen Ausgaben zu vermeiden. So verfiel ich denn unter anderem auf den sehr naheliegenden Gedanken, ob es nicht möglich sein sollte, sich auch in unserem tinteklecksenden Säkulum die nötigen Kleidungsstücke selbst zu fertigen, wie weiland Eumäus, der göttliche Sauhirt. Gedacht, getan. Ich hatte eine vertraute Freundschaft mit einem Knaben geschlossen – er hieß Christian Süßmilch, der Sohn von dem alten Schneidermeister Süßmilch in der Langenstraße –, der durchaus Schneider werden sollte und durchaus ein Gelehrter werden wollte. Wir machten einen Konvenant, daß ich, wenn Papa Süßmilchs Stentorstimme Feierabend verkündigt hatte, den Zumpt und den Rost mit ihm traktierte, wogegen er mich lehren sollte, wie man die Nadel und das Bügeleisen führt. Unsere Studien wurden mit ebensoviel Eifer wie Heimlichkeit betrieben, denn ich fürchtete nicht ohne alle Ursache den Spott meiner Mitschüler und er die sichertreffende Elle seines Vaters und Lehrherrn. Oh, es waren köstliche Stunden, die wir so zusammen verlebten, Stunden, die er und ich nie vergessen werden. Ich sehe uns noch beim traulichen Schein einer Tranlampe auf meinem kleinen Dachstübchen zusammensitzen – an einem Herbstabend wie heute, wenn der Regen auf die Ziegel dicht über unseren Köpfen tappte und die Rinne gurgelte und die Eulen und Dohlen auf dem Turm der nahen Nikolaikirche krächzten und schrien. Wir aber froren nicht, trotzdem kein Feuer in dem kleinen Kanonenofen brannte, denn die heilige Flamme der Freundschaft durchströmte unsere Adern mit sanfter Glut, und ich nähte, daß der Faden rauchte, und er lernte in seiner Grammatik, daß ihm der Kopf dampfte, und wenn ich dann die Naht nach allen Regeln der Kunst genäht hatte und er sein ›tüpto, tüpteis, tüptei‹ ohne Anstoß aufsagen konnte, so sanken wir uns gerührt in die Arme und beneideten keinen König auf dem Thron um seine Herrlichkeit.« Herr Bemperlein schwieg und blickte gerührt in sein Glas. »Die alte Zeit soll leben, Bemperlein!« sagte Franz. »Und die neue«, erwiderte Bemperlein mit dem Brautpaare anstoßend. »Aber wie war das mit dem Frack, Bemperchen?« fragte Sophie, »es war doch nicht gar Ihr Konfirmationsfrack?« »Richtig geraten, schöne Dame; es war mein Konfirmationsfrack. Die Zeit der Einsegnung war vor der Tür. Ich hatte von einem Kaufmann, dessen Kinder ich im Lesen und Schreiben unterrichtete und bei dem ich auch wöchentlich einen Freitisch hatte, Tuch zu einem Frack geschenkt bekommen. Der brave Mann sagte mir sogar: Ich sollte ihn nur bei seinem Schneider auf seine Kosten machen lassen. Ich glaubte indessen, die Güte des Mannes zu mißbrauchen, wenn ich auch dies Geschenk noch annähme, und bat um die Erlaubnis, den Frack bei meinem eigenen Schneider machen lassen zu dürfen. Nun, wer der ›eigene Schneider‹ war, können Sie sich denken. Christian Süßmilch und ich wollten uns beinahe totlachen über den genialen Witz; und wir beschlossen, sofort ans Werk zu gehen und ein Meisterstück zu liefern, das unserm ›eigenen Schneider‹ Ehre machen sollte. Aber, o des Jammers! Papa Süßmilch war hinter unsere ›verdammten Schliche‹ gekommen, wie er in seiner banausischen Redeweise die Weihestunden der Freundschaft und Arbeit zu nennen beliebte. Er hatte eine griechische Grammatik entdeckt, die Christian beim Eintritt des böotischen Vaters in die Hölle unter die Lumpen zu schleudern pflegte und eine Folge dieser entsetzlichen Entdeckung war die, daß er zuerst einmal seine Elle auf dem Rücken des attischen Jünglings entzweischlug und zweitens ihm bei Androhung sofortiger Enterbung und Verbannung aus dem väterlichen Hause kategorisch befahl, in Zukunft allen Umgang mit mir gänzlich und durchaus abzubrechen. Weinend erzählte mir der treue Freund das Entsetzliche, als ich ihm tags darauf an der Straßenecke begegnete, wie er eben ein fertiges Beinkleid zu einem der Kunden seines Vaters trug. ›Aber ich beuge mich nicht länger unter diese Tyrannei‹, rief er mit einer Armschwenkung, die einem Demosthenes Ehre gemacht haben würde, ›noch diesen einen Sklavendienst‹ (und er schlug dabei mit der geballten Faust auf die sauber zusammengefalteten Inexpressiblen) ›und dann gehe ich hinaus in die weite Welt. Willst du mit?‹ Nur mit Mühe konnte ich den armen Jungen beruhigen; ich wußte, daß ihm der Gedanke, mir nun nicht bei meinem Frack helfen zu können, weher tat als alles andere. Ich erinnerte ihn an das Gebot, das uns befiehlt, Vater und Mutter zu ehren, auf daß es uns wohlgehe und wir lange leben auf Erden; ich sagte ihm, daß sein Vater doch endlich nachgeben werde; und was den Frack betreffe, so würde der Schüler seinem Meister Ehre machen. – Christian schüttelte wehmütig den Kopf: ›Du wirst nicht fertig, Anastasius‹, sagte er, ›du wirst nicht fertig, auch angenommen, daß du mit dem Zuschneiden zustande kommst.‹ – ›Was gilt die Wette, Christian?‹ rief ich, ›du siehst mich heute über acht Tage bei der Einsegnung in der Kirche in dem Frack, den ich ohne deine Hilfe machen werde, und da sollst eingestehen, daß er gut gemacht ist. Gewinn' ich, schenkst du mir deinen Dompfaffen, gewinnst du, gebe ich dir die Odyssee in der Heyneschen Ausgabe. Willst du?‹ – ›Topp!‹ sagte Christian, trotz seines Jammers lächelnd. ›Ich sollte eigentlich nicht wetten, weil du doch verlierst; aber wenn du willst, so sei's.‹« »Nun, und wer gewann die Wette?« fragte Sophie eifrig. »Am nächsten Sonntag, in der Nikolaikirche«, sagte Herr Bemperlein, und seine Stimme zitterte und seine Brillengläser wurden feucht, »am nächsten Sonntag kniete ich zwischen vielen Jünglingen an dem Altar, und die Orgeltöne fluteten durch die hohen Hallen und der Priester murmelte den Segen Gottes über uns, aber ich hörte von allem nichts; ich sah nur immer nach der Empore hinauf zu einem Knaben mit langen braunen Haaren und braunen Augen, der mir Kußhände zuwarf und dessen liebes Gesicht vor Stolz und Freude darüber erglänzte, daß sein Freund gegen all sein Erwarten so stattlich aussah, und der, als an mich die Reihe kam, daß der Herr mich segnen und behüten möchte und sein Antlitz leuchten lassen über mich, fromm die Hände faltete und mit gebeugtem Haupte für mich inbrünstiglich betete.« Bemperlein schwieg. Er hatte die Brille, die immer trüber geworden war, abgenommen und rieb die Gläser mit dem Taschentuche wieder blank. »Und was ist aus Christian geworden?« fragte Franz. »Er ist jetzt Professor der alten Sprachen an einem belgischen hochberühmten Lyzeum; seine Grammatik über den dorischen Dialekt ist epochemachend für die Sprachwissenschaft. Ich hatte vorgestern einen sechzehn Seiten langen Brief von ihm.« »Und was ist aus dem Frack geworden?« fragte Sophie. »Er hängt noch heutzutage wohlerhalten als teures Andenken in meinem Schrank«, erwiderte Herr Bemperlein, die Brille wieder aufsetzend und Sophie schalkhaft anlächelnd, »Ja, und was noch mehr sagen will: Er paßt mir noch heute so gut, als er mir damals paßte, und ich kann mich in ihm jederzeit vorstellen, falls mein gnädiges Fräulein an der Wahrheit dieser wahrhaftigen Geschichte zweifeln sollte.« »Wollen Sie mir eine Bitte erfüllen, Bemperchen?« sagte Sophie mit ungewöhnlichem Ernst, ihm die Hand entgegenstreckend. »Jede!« sagte Bemperlein mit Enthusiasmus, die Hand des Mädchens ergreifend. »Lassen Sie sich zu meiner Hochzeit keinen neuen Frack machen, sondern kommen Sie in dem alten, der für Sie durch so herrliche Erinnerungen geweiht.« »Ist das Ihr Ernst?« »Zweifeln Sie daran?« »Nun gut«, sagte Herr Bemperlein, Sophie die Hand küssend, »ich will in dem Frack, den ich mir zu meiner Konfirmation selbst gemacht habe, Ihr Brautführer sein.« Die kleine Gesellschaft beendigte ihr kaltes Abendbrot und begab sich in das trauliche Wohnzimmer zurück, wo Sophie den Tee bereitete, während Franz ging, sich nach des Geheimrats Befinden umzusehen. Er kam mit der erfreulichen Kunde zurück, daß Papa, seit dem Beginn seiner Krankheit zum ersten Male in einem ruhigen, erquickenden Schlafe liege, in den er, wie der Diener, der diese Nacht bei ihm wachte, erzählte, alsbald gefallen sei, nachdem er noch eine Zeitlang mit gefalteten Händen abgebrochene Worte gemurmelt hatte. Franz sagte, daß die Rekonvaleszenz von diesem Augenblick rasch fortschreiten werde und daß er jetzt die beste Hoffnung für eine mögliche vollständige Wiederherstellung habe. Sophie umarmte und küßte ihn für diese frohe Botschaft und Herr Bemperlein schwur, daß er von heute abend an außer den vier heiligen Evangelisten noch einen höchst unheiligen, namens Franziskus, kenne und verehre. Sie hatten sich um den Kamin herumgesetzt. Der Dampf der Teemaschine und der Rauch der Zigarren, die sich die Herren angezündet hatten, stieg in Wolken zu der Büste des Zeus hinauf, der nun zu einem behaglichen Jupiter Xenius wurde. Franz war in einer eigentümlich aufgeregten Stimmung, die sich Sophie durch die Freude über die günstige Wendung erklärte, die die Krankheit des Vaters genommen hatte, die aber einen noch ganz anderen Grund hatte. Es war die nervöse Erregung, die auch den Mutigsten vor dem Beginn der Schlacht überkommt, und Franz fühlte und wußte, daß der Kampf des Lebens heute für ihn in Wahrheit entbrannt war. Hatte er doch die ernstesten Verpflichtungen übernommen, die von unabsehbaren Folgen für seine, für Sophiens Zukunft sein konnten! Lag doch von heute an die ungeheuerste Verantwortung auf seinen Schultern! Sah er doch plötzlich das Meer, auf dem das Fahrzeug seines und ihres Glückes schwamm, von den gefährlichsten Klippen angefüllt, die sicher zu durchsteuern, es eines allzeit klaren Kopfes, eines allzeit mutigen Herzens, einer allzeit festen Hand bedurfte! Sophie ahnte nicht, was ihr Verlobter empfand, als sie jetzt in Gemeinschaft mit Bemperlein anfing, sich die Zukunft nach ihrem Geschmack auszumalen – ein kleines, behagliches Paradies voll Ruhe, Frieden und Sonnenschein. »Sie müssen auch heiraten, Bemperchen«, rief sie. »Mit dem größten Vergnügen«, erwiderte Herr Bemperlein, »finden Sie nur erst die Hauptsache.« »Das wäre?« »Ein Mädchen, das mich lieben will, und das ich lieben kann.« »Ich werde Ihnen eins aussuchen, Bemperchen. Ich kenne Ihren Geschmack und weiß ganz genau, wie die zukünftige Frau Professor Bemperlein beschaffen sein muß.« »Da wäre ich doch neugierig«, sagte Herr Bemperlein, sich behaglich in seinem Lehnstuhl zurechtrückend. »Zuerst«, sagte Sophie, »was das Äußere betrifft – denn Sie legen doch auch etwas Gewicht auf das Äußere, Bemperchen, oder nicht?« »Doch, doch!« sagte Bemperlein eifrig. »Nun wohl! So darf Ihre Zukünftige nicht eben groß sein.« »Weshalb nicht?« »Weil Sie selbst kein Riese sind, Bemperchen, und Sie wissen: Nur gleich und gleich gesellt sich gern. Ich schlage deshalb vor, daß sie zierlich und manierlich ist, ein hübsches kleines Figürchen mit dunkelm Haar und dito Augenpaar, gewandt, anstellig, munter und beweglich. Sind Sie's zufrieden?« »Hm!« sagte Bemperlein, »nicht übel; gar nicht übel! Weiter!« »Sodann, was die Vermögensumstände angeht, so darf sie nicht reich sein. Sie wissen, weshalb?« »Weil ich mit dem Gelde doch nichts anzufangen wüßte?« »Das meine ich. Habe ich recht?« »Vollkommen. Aber nun erklären Sie mir noch nachträglich, weshalb die in Frage stehende Dame gerade braunes Haar und braune Augen haben soll?« »Ich habe, soviel ich weiß, nur von dunkelm Haar und dunkeln Augen gesprochen; aber wenn Sie die braune Farbe vorziehen, Bemperchen –« »Ich vorziehen!« sagte Herr Bemperlein eifrig, »ich vorziehen! Warum nicht gar!« »Bemperchen, Sie sind rot dabei geworden! Die Sache ist verdächtig! Meinst du nicht auch, Franz?« »Höchst verdächtig«, bestätigte Franz, »ich trage darauf an, daß der Inkulpat auf das allerschärfste inquiriert und auf jede Weise zu einem offenen und umfassenden Geständnis persuadieret werde.« »Ja, er soll gestehen; er soll gestehen!« rief das übermütige Mädchen in die Hände klatschend, »er soll sich über diese verräterische Röte seiner Wangen verantworten. Angeklagter, ich frage Sie auf Ihr Gewissen: Kennen Sie eine Dame mit braunem Haar und Augenpaar?« »Aber, wie Sie auch fragen, Fräulein Sophie!« erwiderte Herr Bemperlein, noch röter werdend als vorhin. »Eure Rede, Angeklagter, sei ja, ja! oder nein, nein! Was darüber ist, ist vom Übel.« »Nun denn: ja!« sagte Herr Bemperlein lachend. »Haben Sie, als Sie von dem braunen Haar und Augenpaar sprachen, an diese Dame gedacht?« »Ja«, antwortete Herr Bemperlein nach einigem Zögern. »Da haben wir's! Er hat an sie gedacht! Er hat an sie gedacht!« rief Fräulein Sophie und schnappte vor Vergnügen mit den Fingern. »Aber, wer ist sie?« warf Franz ein. »Wir werden es gleich erfahren. – Angeklagter, wohnt sie in dieser Stadt?« »Ja.« »Franz, nimm zu Protokoll: Sie wohnt in dieser Stadt. Angeklagter: Sehen Sie sie oft?« »Nein.« »Hm! Haben Sie sie heute gesehen?« »Aber, Fräulein So –« »Keine Ausflüchte! Haben Sie sie heute gesehen?« »Nun, ich merke schon, ich komme besser weg, wenn ich nur gleich alles offen gestehe«, sagte Herr Bemperlein, der trotz seiner Bemühung, unbefangen auszusehen, immer befangener geworden war. »So hören Sie denn, gestrenger Herr Untersuchungsrichter und Sie, diabolisch lächelnder Herr Beisitzer, die sonderbare Geschichte, die mir heute passiert ist und die eigens darauf angelegt scheint, mich aus einer Verlegenheit in die andere zu bringen.« »Erzählen Sie, Bemperchen! Erzählen Sie«, rief Sophie, »die Sache wird romantisch.« »Nun denn, Sie wissen, Fräulein Sophie, daß Grenwitzens heute morgen in die Stadt gekommen sind.« »Wir sind davon unterrichtet. Weiter, Angeklagter!« »Sie wissen aber noch nicht, daß die Baronin gleich nach ihrer Ankunft an mich geschrieben und mich gebeten hat, sie noch im Laufe des Tages zu besuchen. Sie habe über eine Sache von der äußersten Wichtigkeit mit mir zu sprechen.« »Die Sachen der Baronin sind immer von der äußersten Wichtigkeit«, meinte Franz. »Das wußte auch ich und beeilte mich deshalb nicht eben mit meiner Visite. Gegen Abend indessen, kurz vorher, ehe ich hierher kam, war ich dort.« »Nun, um welche Bagatelle handelte es sich?« »Ich habe es nicht erfahren, denn ich hatte nicht das Glück, vorgelassen zu werden. In der Haustür begegnete ich Herrn Timm, der in solcher Eile war, daß er mich fast über den Haufen lief und eben nur noch Zeit hatte, zu sagen: ›Wie zum Teufel kommen denn Sie hierher, Bemperlein?‹ Im Vorzimmer, in welches mich der Bediente gewiesen hatte, traf ich Mademoiselle Marguerite.« »Hat sie braune Augen, Bemperchen?« »Sie hat braune Augen, Fräulein Sophie, sehr schöne braune Augen, die in diesem Augenblicke um so glänzender erschienen, als sie voll heller Tränen standen.« »Oh!« sagte Fräulein Sophie, »weshalb denn?« »Weiß ich es? Ich war, weil ich niemand im Zimmer vermutete, ohne anzuklopfen eingetreten. Bei meinem Erscheinen fuhr die junge Dame, die mit dem Kopf auf dem Tisch schluchzend dasaß, empor und suchte, so gut es gehen wollte, ihre Tränen zu verbergen. Sie erwiderte auf meine Frage, ob die Baronin zu sprechen sei, sie wolle gehen und nachsehen. Sie ging aber nicht, wenigstens nur bis an die nächste Tür, wo sie stehenblieb, um abermals in Tränen auszubrechen. Sie können sich meine Verlegenheit denken. Ich kann niemand weinen sehen, geschweige denn ein so junges, armes, hilfloses Geschöpf wie Mademoiselle Marguerite. Ich trat also auf sie zu, faßte sie bei der Hand – ich konnte bei Gott nicht anders – und sagte – was sollte ich sonst sagen? – ›Weshalb weinen Sie, Mademoiselle?‹ Ihre Tränen flossen nur noch reichlicher. Ich wiederholte meine Frage wieder und wieder. ›Je suis si malheureuse!‹ war alles, was sie endlich herausschluchzte. Dabei blieb es. Das arme Kind tat mir von Herzen leid. Ich fragte, ob ich ihr helfen könne? Sie schüttelte weinend den Kopf. Ich suchte sie zu trösten, und sagte alles, was man in einer solchen Situation zu sagen pflegt. Nach und nach wurde sie ruhiger, trocknete sich die Augen, drückte mir die Hand und sagte: ›O vous êtes bon.‹ Damit schlüpfte sie aus der Tür. Ich war so klug, als ich vorher gewesen war. Nach einigen Minuten kam nicht sie, sondern Baron Felix, um mir zu sagen, daß seine Tante unendlich bedaure, mich heute Abend nicht mehr sehen zu können. Sie sei von der Reise zu angegriffen. Ich möchte morgen wiederkommen. Da Baron Felix es ebenfalls sehr eilig zu haben schien, empfahl ich mich schleunigst. Als ich schon in der Tür war, rief er mir nach: ›Apropos, Her, Bemperlein, wissen Sie nicht, wann der Doktor Stein kommen wird?‹ ›Ich glaube, in diesen Tagen‹, erwiderte ich und ging. Da haben Sie meine romantische Geschichte.« »Die manches zu denken gibt«, sagte Franz. »Ich möchte nebenbei auch wohl wissen, wann Oswald kommen wird. Er sollte eigentlich schon hier sein.« In diesem Augenblick kam das Mädchen herein, um Franz eine Karte zu bringen. »Ist der Herr noch draußen?« rief Franz aufspringend. »Nein, Herr Doktor. Er fragte, ob Sie allein wären. Ich sagte, Herr Bemperlein sei noch im Zimmer. Da sagte er, er wolle ein andermal wiederkommen, und ging fort.« »Wer ist es?« fragte Sophie. »Oswald!« erwiderte Franz. »Fatal; ich hätte ihn gern gesprochen.« Sechzehntes Kapitel Oswald war vor einigen Stunden in Sundin angekommen. Der frühe Herbstabend brach bereits herein, als er sich auf der Chaussee der alten Stadt näherte. Die hohen Türme dämmerten wie Ossianische Riesenleiber durch den wogenden grauen Nebel; Nebel zog auf den tiefen Wiesen zwischen der Chaussee und dem Meere; Nebel wallte auf der weiten Wasserfläche zwischen dem Festlande und der Insel. Oswald hüllte sich fröstelnd dichter in seinen Mantel und drückte sich in die Ecke des Kabrioletts. Was wollte er in Sundin? Er wußte es selber nicht. Auch die kleinen von den Nordoststürmen kahlgefegten Bäume an der Westseite, die an seinem dumpfen Blick in öder Monotonie vorüberhuschten, wußten es nicht; auch die starkknochigen Postgäule, die, von der Nässe triefend, vornübergebeugten Kopfes mechanisch dahintrotteten, wußten es nicht; auch der alte, schnauzbärtige Kondukteur, der vor lieber Langerweile seine Passagierliste zum hundertsten Male aus der Seitentasche herausholte und durchblätterte, wußte es nicht. Es wußte eben keiner, es hätte denn die Krähe sein müssen, die sich im Walde verspätet hatte und jetzt einsam und melancholisch über den Postwagen weg zur Stadt zog und im Nebel verschwand. Einsam und melancholisch! Und doch durfte sie sicher sein, in den Türmen der altersgrauen Kirchen, auf den langen Dächern der hohen Giebelhäuser eine Schar von Brüdern und Schwestern zu finden, die sie mit heiserem Gekrächz willkommen heißen würden; und irgendwo ein Mauerloch, in dem sie über Nacht, während der kalte Nachtwind durch die Schallöcher und um die Schornsteine pfiff, von dem sommerlichen Leben im grünen Tannenwalde behaglich träumen konnte. Wer aber harrte seiner in der grauen öden Stadt? Wo sollte er einen Ruheort finden? Und die Bäume tanzen immer gespenstiger an dem Wagen vorüber; und die Gäule schütteln immer ungeduldiger die schweren Kummete, und der Nebel ballt sich immer dichter und finsterer zusammen, und durch den dichten, finstern Nebel schauen trübäugig einzelne Lichter, und jetzt schlägt der Huf der müden Pferde auf das Pflaster, und jetzt rollt der Wagen über die Zugbrücke, durch das enge Tor in die engen, winkligen, schlechtgepflasterten Straßen der Stadt und hält vor dem Postgebäude still. Die plötzliche Ruhe nach dem viele Stunden langen Klappern, Schütteln und Stoßen ist unendlich süß für den, der das Ziel seiner Reise erreichte, und unbeschreiblich unheimlich für den, dessen Reise kein Ziel hatte, oder dem das erreichte Ziel kein erwünschtes ist. Er möchte, das Klappern, Schütteln und Stoßen begönne von neuem, und es klapperte, schüttelte und stieße ihn weiter und weiter, von allen Menschen weit in die ewige Nacht. Ein ödes, unwohnliches Gemach; zwei eben angezündete Kerzen auf dem Tisch vor dem Sofa; ein Koffer auf dem Gestell, eine Hutschachtel auf dem Stuhl daneben; ringsumher Stille, nachdem der Tritt des Kellners auf dem langen, schmalen Korridor verhallte. – Oswald fand diese Situation wenig dazu angetan, einen Melancholischen heiter zu stimmen. Er beeilte sich, aus dem Gemache und aus dem Hause zu kommen. Es war ursprünglich seine Absicht gewesen, Franz aufzusuchen, den einzigen in Sundin, von dem er eines herzlichen Empfanges, eines freudigen Willkommens versichert sein durfte; aber er gab diese Absicht bald wieder auf und wanderte ziellos und zwecklos durch die Straßen. – Er kannte die Straßen, die Plätze, durch die er schon von Grünwald aus wiederholt gewandert war, gar nicht wieder, und wenn er sich wirklich an dies oder jenes zu erinnern glaubte, so war es nur, wie man in einem Traum Unbekanntes und Weites, Nahes und Fernes chaotisch durcheinander mischt. Endlich geriet er in eine der Straßen, die nach dem Hafen führen. Hier war er besonders zu Hause, denn der Hafen mit seinem Gewimmel von Booten und Schiffen, seinem Meerdunst und Teergeruch, seinen monoton klingenden Matrosenliedern und rastlos klopfenden Hämmern und Beilen und knirschenden Sägen war ihm immer der liebste Punkt der alten Stadt und das wiederholte Ziel seiner Spaziergänge gewesen. Aber auch an dieser sonst belebtesten Stelle der alten Hansestadt war es heute abend öde und tot. Hier und da schimmerte durch ein Kajütenfenster ein Licht; dann und wann erscholl von dem Verdeck eines Schiffes das Bellen eines Hundes oder der heisere Ruf eines Matrosen – sonst Nacht und Schweigen überall. Er wanderte auf dem weit ins Meer hineingebauten Damme, an dem nach der Seeseite zu Fahrzeug neben Fahrzeug ankerte, bis zu der äußersten Spitze. Hier stand er, in dumpfes Brüten und Sinnen versunken, lange Zeit und schaute mit untergeschlagenen Armen in die dichte Finsternis hinaus, die auf dem Meere lagerte, und horchte auf das leise, gleichförmige Plätschern des Wassers, das unter ihm unaufhörlich an den Quadern des Dammes leckte und züngelte. War, was da vor ihm lag, sein vielgeliebtes Meer, auf dem sich seine Träume, seine Hoffnungen so oft mit dem Fluge der Möwen gewiegt hatten, war es der dunkle Abgrund, in den seine Hoffnungen und Träume wie die Schätze eines gescheiterten Schiffes auf immer unwiederbringlich gesunken waren? Drüben, jenseits der schwarzen Wasserwüste, lag die Insel, so nah und doch so fern, wie die Zeit, die er dort verlebte, die kurze Spanne Zeit, die alles umschloß, was er von Glück und Frieden je im Leben gekannt hatte. Ein Fährboot, das von der Insel herüberkam, fuhr dicht an der äußersten Spitze des Dammes vorüber, auf der er stand. Er hörte das taktmäßige Eintauchen der schweren Ruder ins Wasser und das eigentümlich dumpfe Kreischen gegen die Pflöcke; er hörte die verworrenen Stimmen der nächtigen Passagiere. Er ging in die Stadt zurück und kam über den Marktplatz. Von dem Turm der Nikolaikirche tönten die feierlichen Akkorde eines Chorals, mit dem man, alter Sitte gemäß, in Sundin allabendlich um neun Uhr dem dahingeschwundenen Tag Lebewohl sagt. Oswald hörte zu, bis der letzte Ton verklungen war. Er dachte an den Tod und an das große Geheimnis, das das Grab nicht erschließt, sondern nur noch dunkler macht, und wie glücklich doch die Menschen sein müßten, die in dem Glauben an den Heiland und Erlöser ihre Zuversicht finden. Das langgezogene »Heraus!« des Postens vor der Hauptwache riß ihn aus seinen Träumereien. Eine quäkende Stimme kommandierte: »Gewehr auf! Gewehr ab! Helme ab zum Gebet!« Frömmigkeit auf Kommando – Herzensergießung nach dem Paragraphen des Wachtdienstes! In einem wohlgeordneten Staate muß alles geregelt sein. Warum bist du, sprach Oswald weiter bei sich, während er nach dem Tore schritt, nicht ein Pedant unter Pedanten, da dir das Schicksal nun einmal mißgönnt, unter Römern ein Römer zu sein? Weshalb sträubst du dich gegen den Kamm, über den sich alle diese guten Schafe geduldig scheren lassen? Du könntest es ja doch auch bequemer haben wie andere! Es mag sich alles in allem gar nicht so schlecht in dem Großvaterstuhl eines Amtes, wie Berger es ausdrückt, sitzen; die Schlafmütze einer Würde mag vor manchem Rheumatismus, der einen sonst aus der windigen Welt anweht, schützen, und wer ein tugendsam Weib hat, der lebt noch einmal so lange, und wenn er dann nun doch endlich gestorben ist, so blasen sie hoch vom Turm, daß die ganze Stadt es vernimmt und für das Heil seiner Seele betet. Über ihm rauschten die Bäume, mit denen die Vorstadtstraße, in der, wie er zufällig wußte, die Pensionsanstalt des Fräulein Bär lag, besetzt war. Der Nachtwind hatte die Nebeldecke zerrissen und die Sichel des zunehmenden Mondes schwankte durch die gespenstisch flatternden Wolken. Ein Reiter jagte nach der Stadt zu an ihm vorüber. Das Tier schnaufte und die Funken sprühten. Im nächsten Moment hallte der Hufschlag auf dem Pflaster schon dumpf und fern, wieder lauter und wieder dumpfer und verhallte endlich ganz. Gewiß jemand, der nach dem Arzt reitet – ein Gatte vielleicht, dessen Frau in Kindesnöten, ein Vater vielleicht, dessen einziger Sohn im Sterben liegt. – Oswald dachte an die Nacht, in der Bruno starb, und an den grausigen Ritt über die Heide von Grenwitz nach Faschwitz. Wenn Bruno am Leben geblieben wäre! Es war Oswald, als würde dann alles anders gekommen sein; als wäre er erst durch den Tod des vielgeliebten Knaben so grenzenlos arm geworden; als hätte er mit ihm gegen eine Welt in Waffen ankämpfen können. Mit ihm und für ihn! Für Bruno wäre ihm kein Opfer zu schwer gewesen, selbst nicht das Opfer seiner Liebe zu Helene. Bruno, aber auch nur ihm, hätte er das schöne Mädchen gern und willig gegeben. Gegeben? Was hatte er denn zu vergeben? Er, der Bettler? Da stand er vor dem Hause des Fräulein Bär und lehnte sich an das eiserne Gitter des Gartens. In dem Hause war kein Fenster mehr erleuchtet. Die Bewohnerinnen mußten schon zur Ruhe gegangen sein. Er dachte an die Sommernächte, wenn er im Park von Grenwitz stundenlang nach dem offenen Fenster mit den heruntergelassenen Vorhängen emporschaute, aus dem die Töne des Klaviers durch die stille, weiche Luft zu ihm herüberwehten; und dann noch stundenlang, wenn das Licht hinter den roten Vorhängen erloschen und die Musik verstummt war, zwischen den Beeten und unter den Buchen des Walles auf und nieder wandelte, manchmal, bis der erste Purpurstreifen des Frührots den östlichen Horizont säumte und die Vögel in dem dichten Gezweig über ihm schlaftrunken zu zwitschern begannen. Ein Windstoß sauste durch die beiden hohen Pappeln rechts und links von der Pforte und zischelte unheimlich in den dürren Blättern. In dem Hause klappte ein Fensterladen – ein Hund in einem Nachbarhause begann zu heulen. Oswald schauderte wie im Fieber. Die momentane Aufregung nach einer langen Fahrt im Postwagen war vorüber; er fühlte sich matt und krank. Er knöpfte seinen Überrock fester zu und wandte sich, in die Stadt zurückzukehren. Ein Wagen kam ihm im schnellsten Rollen entgegen. Ein Reiter mit einer Laterne in der Hand sprengte vorauf – derselbe wohl, der vorhin, wie toll, durch die schwarze Nacht in die Stadt gejagt war. Sollte es wohl Doktor Braun sein, der da fährt? – Der Gedanke, den Freund möglicherweise nicht zu Haus zu treffen, erweckte in Oswald den Wunsch, ihn zu sehen und zu sprechen. In wenigen Minuten – denn die Entfernungen in Sundin sind nicht eben bedeutend – stand er vor dem Hause, das ihm vom Kellner als Franz' Wohnung bezeichnet war. Das Mädchen, das die Haustür öffnete, sagte, der Herr Doktor sei nebenan beim Geheimrat; er sei des Abends stets beim Geheimrat. Oswald erfuhr, daß Bemperlein im Salon sei – Bemperlein, der einzige, mit Ausnahme des alten Baumann, der von seinem Verhältnisse zu Melitta wußte, der einzige, vor dessen Begegnung er zurückbebte, dessen vorwurfsvoller Blick – im Fall er von den letzten Ereignissen noch nicht unterrichtet war – ihm gleicherweise peinlich sein mußte. Auf der Straße besann er sich erst, daß sein Fortgehen, nachdem er einmal dagewesen war, geradezu unerklärlich und lächerlich sei. Das verstimmte ihn womöglich noch mehr, als er es schon war. Er hätte sich am liebsten in den Tiefen der Erde verbergen, im Schlaf das Elend des Lebens vergessen mögen. Im Schlaf? Weshalb nicht im Wein, wenn der Schlaf nicht zur Hand ist? »The best of life is but intoxication«, sagt Lord Byron und dort, wo die einsame Laterne in der düstern Halle zwischen den Steinpilastern hervordämmert, ist der Eingang zum alten Ratskeller. Hinab die lange breite Treppe mit den niedrigen Stufen, hinab in den Bauch der Erde, wo man nichts fragt nach Gefühlen, die das Herz schwer, und nach Gedanken, die den Kopf wirbeln machen. Siebzehntes Kapitel Oswald kannte von früher her das Lokal wohl. Er war gelegentlich mit Berger in dem Keller gewesen, ohne sich um die übrige Gesellschaft, die er noch etwa vorfand, zu kümmern. So hauchte ihn denn die feuchtkühle, mit dem Modergeruch der jahrhundertjährigen Mauern und der frischen Blume heurigen Weines angefüllte Atmosphäre befreundet an, und er fand, ohne viel zu suchen, den Weg zu der niedrigen Tür, die links in die Trinkstube führte. Es war in diesem Augenblicke außer dem Aufwärter niemand in dem langen, gewölbten, spärlich erhellten Raum als ein einzelner Gast, der mit dem Rücken nach der Tür saß und sich durch Oswalds Eintreten keineswegs in seiner Beschäftigung stören ließ. Oswald, der, etwas von ihm entfernt, an einem kleinen runden Tische Platz genommen hatte, bemerkte nicht ohne einige Verwunderung den Berg von Schalen, der sich vor dem unermüdlichen Esser bereits aufgetürmt hatte und noch lange nicht seine höchste Höhe erreicht zu haben schien. Zum mindesten lehnte sich der Mann nur von Zeit zu Zeit in seinen Stuhl zurück, um mit augenscheinlichem Behagen ein Glas Wein zu schlürfen, und ging dann stets wieder mit einem Eifer ans Werk, der für die Güte der Austern nicht minder als für die Vortrefflichkeit des Magens ihres Konsumenten sprach. Die letzte Schale klappte auf den Berg herunter, und die letzten Tropfen flossen aus der Flasche ins Glas. »Sic transit gloria mundi«, sagte der Mann. – »Indessen, diese Gloria ist leicht wieder aufzufrischen. Karole, bringen Sie mir noch ein Dutzend dieser wackern Meeresbewohner und eine halbe Flasche dieses höchst schätzenswerten Josephhöfers.« Oswald horchte auf. Die Stimme war ihm sehr bekannt, sie erinnerte ihn an vergangene glücklichere Tage. Diese klare, frische Stimme hatte ihn schon manchmal erquickt und ermutigt wie den Gefangenen der Wind, der durch das offene Fenster seines Kerkers streicht; sie verfehlte auch heute nicht die gewohnte Wirkung auf sein verdüstertes Gemüt. Unter allen war dieser Mann gerade derjenige, dessen Gesellschaft ihm heute abend willkommen war. So stand er denn auf, trat auf ihn zu und begrüßte ihn mit Lebhaftigkeit. »Ah! Dottore, Dottore!« rief der Austernesser, in die Höhe fahrend und die dargebotene Hand ergreifend. »Sie hier? Nun das ist doch mal ein gescheiter Einfall des sonst so dummen Zufalls! Karole, eine ganze Flasche statt einer halben und einige Dutzend statt eines!« »Bin ich Ihnen in diesem Augenblicke wirklich eine persona grata, Timm?« sagte Oswald, neben Albert Platz nehmend. »Persona grata? In diesem Augenblick!« rief Albert Timm, »Don Oswaldo, Don Oswaldo! Ich habe Sie, bei Gott, seitdem wir in Grenwitz voneinander Abschied nahmen, schmerzlich vermißt und freue mich, freue mich sehr, daß Sie endlich wieder hier sind, Wo zum Kuckuck haben Sie denn nur so lange gesteckt? Ich habe mich bei aller Welt nach Ihnen erkundigt. Seit wann sind Sie zurück?« »Seit drei Stunden etwa.« »Und sind natürlich so nüchtern, wie Sie aus dem Postwagen gestiegen sind, Sie sehen wenigstens gerade so aus; Karole, Karole! Wo der Schlingel bleibt! Endlich! Hier, Dottore, ist Speise für einen gesunden Magen und ein Labetrunk für ein krankes Herz! Stoßen Sie an! Willkommen in Grünwald!« »Eine Liebe ist der andern wert, Timm!« sagte Oswald, während Albert die Gläser wieder füllte. »Ich kann Ihnen sagen, daß ich mich von ganzem Herzen freue, gerade Ihnen am ersten Abend, den ich wieder in dieser Stadt verlebe, zuerst begegnet zu sein. Lassen Sie uns noch einmal anstoßen: Auf gute Kameradschaft!« »Ein Wort, ein Mann!« rief Timm, kräftig in Oswalds dargebotene Hand einschlagend. »Wir wollen redlich zusammenhalten. Weiß es Gott, es ist in diesem Krähwinkel kein Überfluß an Leuten, mit denen man zusammenhalten könnte und möchte. Aber dieser Bund zweier edler Seelen muß auch in einem edleren Stoff gefeiert werden. Karole! Eine Flasche Sekt – Röderer und frappé – sonst bei den Gebeinen meines Roller, schlägt der Blitz meines Zornes in deinen kahlen Schädel! Und nun kommen Sie, Dottore mio, und erzählen Sie mir von Ihren Irrfahrten. Oder erzählen Sie mir das auch ein andermal und sagen Sie mir zuvörderst, denn das interessiert mich vor allem, ob die Fama nicht gelogen hat, die von den letzten Szenen des Trauer-, Schau- und Lustspiels Ihres Grenwitzer Lebens so pudelnärrische Dinge in die Welt ausposaunt hat?« »Ehe ich diese Frage beantworten kann«, sagte Oswald, den die Austern, der Wein, Timms Gesellschaft und die ganze Atmosphäre nach und nach in eine behagliche Stimmung versetzten, »muß ich vor allem wissen, was denn die Fama berichtet hat?« »Wollen Sie es wirklich wissen?« »Ohne Zweifel.« »Nun denn, mein wackerer Junker aus der Mancha – es hört's kein profanes Ohr in diesen der Freundschaft und Liebe geweihten Hallen –, stoßen Sie an und trinken Sie aus! Aus, bis auf den letzten perlenden Schaum: ihr Wohl! ihr – kleingeschrieben! Das Wohl der Einzigen, Holden, Süßen, des Mädchens mit dem bläulich schwarzen Rabenhaar und den dunklen, meerestiefen Augen! Aus! sage ich, bei den Gebeinen der zehntausend Jungfrauen von Köln, aus! Wie, edler Don, schämt Ihr Euch nicht, die Dame Eures liebeüberfließenden Herzens zu verleugnen? Und wem gegenüber zu verleugnen? Mir, dem weisen Merlin, der ich das Gras kann wachsen und die Augen kann seufzen hören! Habe ich das Seufzen Eurer schönen Augen nicht gehört in den sonnigen Tagen, die nicht mehr sind, als Ihr und sie, zwei Kinder seltener Art, unter den Rosenbüschen der Unschuld spieltet und glaubtet, es beobachte Euch keiner, selbst nicht der Schöpfer Himmels und der Erden, der Euch den warmen Odem einblies, mit dem Ihr kosend von süßer Minne flüstertet? Und habe ich es nicht gehört, wie Euch die Schlangenzungen umzischelten, habe ich es nicht gesehen, mit welchem ingrimmigen Haß Euch die Basiliskenblicke anstierten? Oh, ich habe dies alles und noch mehr gesehen und gehört, und ich wußte im voraus, daß es so kommen würde, aber ich schwieg, denn Reden ist wohl Silber, aber Schweigen ist Gold, und wer sich in Herzensangelegenheiten mischt, dem wäre besser, er ginge hin und setzte sich in die Nesseln.« »Sagen Sie, Timm, haben Sie – haben Sie sie gesehen, seitdem sie in Grünwald ist?« »Ich habe sie gesehen, hoher Herr! Nicht einmal, sondern viele Male, an der Seite anderer junger Huldinnen, unter denen sie erschien wie die glühende Rose von Saron zwischen bescheidenen Gänseblümchen, dahinschreitend über Grünwalds Pflaster, durch Grünwalds Gassen – und die Pflastersteine auf den Straßen und die Mauersteine in den Häusern, sie bekamen Sprache und redeten und sangen: Gepriesen seist du, Gebenedeite unter den Weibern; Hallelujah!« »Sie ist bei Fräulein Bär, nicht?« fragte Oswald, der es für töricht hielt, einem so scharfsinnigen Beobachter wie Albert gegenüber, seine Liebe für Helene ganz und gar in Abrede zu stellen. »Ja, sie ist bei der Bärin, dieser Perle aller weiblichen Argusse. Dort weilt sie und sitzt am Fenster und sieht die Wolken ziehen über die Wipfel der Pappeln hin – und wenn Sie des Mittags zwischen zwölf und eins dort vorübergehen wollen, so können sie selbst sie dort sitzen sehen, wie ich sie sah, sooft ich dort zu dieser Stunde vorüberkam. Und immer hob sie ihre dunklen Augen, und immer blickte sie mich fragend an: Kannst du von ihm mir keine Kunde sagen; von ihm, dem einzig heißgeliebten Mann? Ha, Oswald, ich, ein prosaischer Klotz, spreche in Versen, wenn ich des holden Kindes denke, und Sie, der Sie ein Dichter sind, wollen leugnen, daß Sie sie lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüte? Schämen Sie sich, Sie sind nicht wert, daß ich mich so viel um Sie kümmere, wie ich es tue; daß ich in diesen Wochen vielleicht jeden Tag öfter an Sie gedacht habe als Sie während der ganzen Zeit an mich. Aber Undank ist der Welt Lohn und – he, Karole, wo bleibt der Sekt? – ich werde mir in Zukunft über Sie und Ihr Schicksal nicht weiter den Kopf zerbrechen.« Timm stützte den Kopf in die Hand, wie es Oswald schon während der letzten zehn Minuten getan hatte. Eine Pause trat ein, während der kahlköpfige Karl eine Flasche Champagner in einem Kübel mit Eis brachte, sie ein paarmal in dem Eise umdrehte und sich darauf geräuschlos, wie er gekommen war, wieder entfernte. »Ich bin nicht undankbar, Timm«, sagte Oswald herzlich, indem er sein und Alberts Glas aus der Flasche füllte, »ich bin es wirklich nicht, bin's auch in diesem Falle nicht. Und wenn ich an Ihre Freundschaft bis jetzt nicht so recht glaubte, so kam es daher, weil ich mir bewußt war, sie so wenig verdient zu haben. Stoßen Sie mit mir an! Sie wissen, mit einem Melancholicus, wie ich einer bin, darf man es nicht so genau nehmen!« »Ja, das soll Gott wissen!« rief Timm mit dem alten lustigen Gelächter, das blonde Haar, das ihm über die Stirn gefallen war, nach hinten schlagend und sein Glas mit einem Zuge leerend. »Und ich habe oft schon darüber gerätselt, wie doch ein Kerl, der alle Anwartschaft auf den intensivsten Genuß des Lebens hat, zu einer Weltanschauung kommt, die sich einzig für kranke Kanarienvögel und andere Invaliden zu ziemen scheint. Wenn sie aus blöder Scheu niemals angefangen hätten, zu genießen, oder Ihre Kraft im Genuß verbraucht hätten, wollte, ich nichts sagen; aber da offenbar das eine so wenig der Fall ist wie das andere, so wüßte ich wirklich nur eines, was Ihnen fehlen könnte.« »Und das wäre? Herr Timm stützte die Ellenbogen auf den Tisch und das glatte Gesicht in die weißen Hände und lächelte Oswald schlau an. »Und das wäre, Timm?« »Zehntausend Taler jährlich Rente.« Oswald lachte. »Ein höchst prosaisches Mittel gegen den Weltschmerz.« »Aber ein radikales, und das gerade bei Ihnen unfehlbar anschlagen würde.« »Weshalb gerade bei mir?« Timm schenkte die Gläser wieder voll, zündete sich eine frische Zigarre an und sagte: »Heine teilt, wie Sie wissen, die Menschen in zwei Klassen: in fette Griechen und magere Nazarener. Ich habe diese Unterscheidung stets ebenso praktisch wie tiefsinnig gefunden. Jene glaubten an die heilige Frau von Melos, diese beten zur schmerzensreichen Mutter. Der heitere, fröhliche Genuß der guten Dinge dieser Welt ist für die einen, mürrische Entsagung und grübelnde Aszese für die anderen. Damit nun beide zu ihrem Rechte kommen, die Griechen sich ausleben und die Nazarener sich ausbeten können, müssen die ersteren notwendig Geld und zwar viel Geld haben, und die letzteren arm und zwar sehr arm sein.« »Ehe Sie in Ihrer Auseinandersetzung weitergehen, Timm, sagen Sie mir zuvörderst: In welche Klasse gehören denn Sie?« »Zu beiden, oder in keine von beiden, wie Sie wollen. Ich habe den guten Magen, die gesunden Zähne, die feinen Sinne, mit einem Worte, die Genußsucht und die Genußfähigkeit des Griechen; aber auch die den Nazarenern zur Ausübung ihrer spezifischen Tugenden nötige Zähigkeit und Genügsamkeit. Ich habe das unschätzbare Talent des Kamels, lange dursten zu können, ohne dabei den Mut und die Kraft zu verlieren. – Im Gegenteil, bei mir dient die Entbehrung nur dazu, den Appetit zu schärfen und den nächsten Trunk köstlicher zu würzen. Wenn ich die wüste Strecke durchlaufen habe, und – wie jetzt zum Beispiel – die Zweige der Mimose und die Fächer der Palme über mir wehen und der eiskalte Quell – wie jetzt zum Beispiel – aus dem Felsen – wollte sagen aus der Flasche schäumt und perlt –, dann beuge ich meinen langen Kamelhals und trinke, trinke, trinke und segne die dürre, braune Wüste, die mir zu diesem göttlichen Durst verhalf.« Und Herr Timm stürzte ein volles Glas Champagner hinunter mit der hastigen Gier eines Wanderers, dessen Zunge am Gaumen klebt. Oswald betrachtete, den Kopf in die Hand gestützt, den übermütigen Gesellen ihm gegenüber mit einem eigentümlichen neidischen Wohlgefallen. Wie scharf und keck und bei aller Schärfe und Keckheit fein und geistreich war dies fast knabenhafte, glatte, hübsche Gesicht! Wie gut stand ihm der übermütige Hohn, der um die beweglichen Nasenflügel zuckte und die scharfgeränderten roten Lippen krümmte! Wie flogen von diesen Lippen die Worte so schnell wie gefiederte Pfeile, von denen jeder ins Schwarze trifft. Welche souveräne Verachtung jeder Phrase, aller Ziererei, aller Lappen, mit denen Heuchler und Toren die nackte Blöße bemänteln, sprach aus des Mannes ganzer Haltung, aus der Art, wie er den Kopf in den Nacken warf, oder den Rauch der Zigarre von sich blies, oder die Flasche aus dem Kühler nahm, umschüttelte und sich das alle Augenblicke leere Glas wieder voll schenkte! Wie leicht trug dieser Mann die schwere Bürde des Lebens, leicht wie ein Löwe mit der geraubten Gazelle über Hecken und Gräben springt. Oswald war, sich Vergessenheit zu trinken, hierher gekommen. Er hatte, was er gewollt. Seine Stirn glühte, während er, dem Beispiele seines Gefährten folgend, ein Glas nach dem andern hinuntergoß. Er hatte sich seit langer, langer Zeit nicht so frei und glücklich wie in diesem Augenblick gefühlt. »Was nun Sie anbetrifft, edler Ritter«, fuhr Timm fort, »so sind Sie ein Grieche, ohne die Mittel zu haben, es stets sein zu können, und ohne die Kamelgabe, die Zeit, wo Sie es nicht sein können, der nächsten vergnüglichen Zukunft einfach auf die Rechnung zu setzen. Statt dessen spielen Sie den Nazarener und befinden sich dabei genauso wohl wie ein Adler, dem man die Flügel und die Fänge beschnitten und einen Ring um das Bein gelegt hat. So schlägt nun die nicht verausgabte überflüssige Kraft nach innen und hemmt den normalen Gang Ihrer durchaus auf heiteres Genießen angewiesenen Natur. Es ist nicht des erste Mal, daß ich Sie auf diesen Widerspruch Ihres Wesens aufmerksam mache. Erinnern Sie sich, was ich Ihnen schon in Grenwitz sagte? Sie hassen den Adel, Sie hassen die Reichen, Sie hassen die Mächtigen, weil es Ihnen in allen zehn Fingern juckt, adlig und reich und mächtig zu sein. Gehen Sie mir doch mit Ihrem moralischen Firlefanz von dem Adel der Gesinnung, dem Reichtum des reinen Herzens, der Macht der Wahrheit! Es ist ja alles Trödelware für den, der weiß, wie es auf dem Markt des Lebens zugeht. Pah, was hat ein Mann von Ihrer Jugend, Ihrer Liebenswürdigkeit, Ihrer hübschen Fratze – denn, weiß es Gott, Oswald, Sie sind ein verdammt hübscher Kerl. ein Mann, dem die Weiber ungebeten um den Hals fallen, mit Keuschheit; was hat ein Mann wie Sie von durchweg aristokratischen Neigungen und Tendenzen mit Armut zu schaffen? Es ist ja geradezu lächerlich! Sie müßten nicht ein armer Schullehrer, sondern ein steinreicher Baron sein wie diese Grenwitzens, mit denen Sie nebenbei eine mit jedem Tage frappanter werdende Ähnlichkeit haben, da könnten Sie Ihr Leben genießen und sich hernach mit einigem Grund eine Kugel durch den Kopf jagen. Dann könnten Sie die schöne Helene heiraten, könnten mit einem Worte tun und lassen, was Sie wollten. Deshalb wiederhole ich: Ihnen fehlen zehntausend Taler jährlich Rente. Ich wollte, ich könnte sie Ihnen verschaffen. Ich tät's, und sollte ich sie sonstwoher nehmen.« »Ich glaube, Sie wären dazu imstande, Timm.« »Weshalb nicht? Und wäre es auch nur aus Neugierde zu sehen, wie Sie sich in diesem Falle gegen Ihren alten Freund benehmen würden.« »Ich würde es, davon seien Sie versichert, mit dem Mammon machen, wie ich es als Junge mit den Kirschen machte, die ich geschenkt bekam –« »Was machten Sie damit?« »Ich teilte sie redlich mit meinen Freunden.« Albert sah Oswald starr in die Augen. Plötzlich sagte er, wie aus einem Traum erwachend: »Ich bin ein schnurriger Kerl, Oswald, so ungläubig wie ein Heide und doch an allerlei Vorbedeutungen hängend wie ein altes Weib. Als ich hier vorhin so einsam saß und meine Austern aß, da dachte ich: Du hast zufällig ein paar Taler in der Tasche und möchtest sie gern mit einem guten Freund verkneipen. Und dabei kam ich, wie Wallenstein in dem bekannten Monologe, auf die Frage: Wer es wohl von allen denen, mit denen ich hier Abend für Abend verkehre, mit mir am besten und ehrlichsten meint, und daß es der sein sollte, der zuerst zur Tür hereinkäme. Aber seltsam: Es ist ganz gegen die Gewohnheit keiner von allen gekommen! Statt dessen kamen Sie, an den ich nicht im entferntesten gedacht hatte. Oswald, ich weiß nicht, wie Sie über dergleichen denken, und es ist möglich, daß ich Sie mit meiner Bitte beleidige; ich bin es gewohnt, meine Freunde du zu nennen. Wollen wir uns du nennen?« »Von Herzen gern«, rief Oswald. »Hier ist noch für jeden ein Glas in der Flasche.« »Und aus dem Glase, aus dem ich mit dir Smollis getrunken, soll kein anderer wieder trinken«, rief Albert und schleuderte sein Glas an die Erde. Oswald tat desgleichen, aber der Klang der zerspringenden Gläser gellte schrill und häßlich durch sein Ohr wie das Lachen schadenfroher Dämonen. Der kahle Karl, welcher an dem andern Ende der Halle hinter seinem Bureau gesessen und genickt hatte, fuhr bei dem Lärm in die Höhe und kam schlaftrunken herangeschlurft, in der Meinung, man habe ihn gerufen. »Wie ist's, Oswald«, sagte Timm, »ich denke, wir trinken noch eine. Wir kommen so jung nicht wieder zusammen.« »Nein!« sagte Oswald, »laß es genug sein. Mir brennt der Kopf. Und ich muß morgen bei Hinz und Kunz Visiten machen. Was haben wir zu bezahlen?« »Halt!« rief Herr Timm, Oswald in den Arm fallend. »Mein ist der Helm, und mir gehört er zu! Karole, wenn du von diesem Herrn einen roten Heller nimmst, so zerschmettere ich diese leere Flasche auf deinem kahlen Schädel. Hier! Mach dich bezahlt von diesem Wische für heute abend und für die letzten Male, und von dem, was übrigbleibt, kaufe dir meinetwegen eine Perücke, Karole!« Bei diesen Worten hatte Herr Timm aus einem ansehnlichen Paket Banknoten, das er aus der Rocktasche nahm, einen größeren Schein gezogen und ihn dem Kellner eingehändigt, der über den plötzlichen Reichtum in den Händen eines seiner am schlechtesten zahlenden Gäste einigermaßen verwundert schien. Zum mindesten grinste er höchst eigentümlich, als er den Schein entgegennahm, während Herr Timm das Paket mit der Miene äußerster Sorglosigkeit wieder in die Tasche schob und den Hut schief auf den Kopf drückend sang: »Im Walde haust der böse Wolf, Im Stalle blöken die Schafe; Derweil ich trinke im Keller tief, Schlafe, süß' Liebchen, schlafe!« Sie standen oben auf der Straße. Der Nebel hatte sich gänzlich verzogen, und der Mond schien klar vom dunklen Himmel. Die Laternen waren ausgelöscht, und tiefe Schatten wechselten mit hellen Streifen in den engen Gassen zwischen den hohen Giebelhäusern. Ein Nachtwächter, der mit langem Spieß und urvorweltlichem Horn an der Straßenecke stand, rief die zwölfte Stunde ab. Sonst war alles totenstill auf den leeren Straßen, durch die Oswald und Albert jetzt Arm in Arm, wie es guten Freunden und Duzbrüdern zukommt, dahinschritten; Oswald, ungewöhnlich erhitzt und aufgeregt, Albert so munter und frisch, als ob er im Ratskeller von Grünwald nur Wasser getrunken hätte. Sie sprachen über die Herren vom Rat und vom Gymnasium, bei denen Oswald morgen Visite machen wollte, über Oswalds Gymnasialkarriere überhaupt, die Albert für einen so abenteuerlichen Plan erklärte, wie er eben nur einem edlen Manchaner in den Sinn kommen könne, bis sie vor der Tür des Hotels anlangten. Hier wünschten sie sich gute Nacht. Oswald trat ins Haus; Albert schlenderte, die Hände in den Taschen, weiter die Hauptstraße entlang. Plötzlich aber blieb er stehen und schien sich einen Augenblick zu besinnen. Dann bog er in eine Nebenstraße und verschwand endlich in einem Gäßchen kleiner schlechtgebauter Häuser, deren Äußeres nicht besser war als der Ruf, in dem die Bewohner und Bewohnerinnen bei dem soliden Teile der Bevölkerung Grünwalds standen. Achtzehntes Kapitel Die Dienstwohnung des Gymnasialdirektors Doktor Moritz Klemens prangt heute abend in ungewöhnlichem Glanz. Nicht nur sind in der »guten Stube« und in der Wohnstube die Überzüge von sämtlichen Sofas, Sofakissen und Stühlen entfernt und über die enthüllte Pracht herrlichster Stickereien das verschwenderische Licht zweier Lampen und eines halben Dutzend Stearinkerzen ausgegossen; auch das Studierzimmer des Direktors auf der einen und das Wohn- und Schlafgemach der beiden Töchter auf der andern Seite sind durch Wegräumung des Arbeitstisches hier und der Betten dort in Salons umgeschaffen und ebenfalls mit je einer Lampe und drei Kerzen erleuchtet worden. Durch sämtliche Räume wallt der aromatische Duft des Räucherpulvers. »Ich dächte, unsere lieben Gäste ließen etwas lange auf sich warten«, sagt Direktor Klemens, zum zwölften Male seit den letzten zwölf Minuten nach seiner Uhr sehend, während er in nervöser Erregung im Zimmer auf und ab wandelt. »Ich begreife auch nicht, wo die Leutchen bleiben«, sagt Frau Direktor Klemens, sich für einen Augenblick auf dem Sofa niederlassend und die erhitzte Stirn mit dem Taschentuche trocknend, »ich hatte Doktor Stein noch ausdrücklich gebeten, ja vor sieben hier zu sein, weil ich seine Rolle noch mit ihm durchgehen wollte.« »Wird er denn den Hauptmann lesen können?« meint Fräulein Thusnelde Klemens, vor dem Spiegel ihren Kopfputz in Ordnung bringend. »Du denkst, dein Wimmer kann ganz allein gut lesen«, ruft Fräulein Fredegunde Klemens aus dem Nebenzimmer her, wo sie ebenfalls vor dem Spiegel noch mit ihrer Toilette beschäftigt ist. »Mindestens liest er so gut wie Breitfuß«, erwiderte Fräulein Thusnelde in gereiztem Ton. »Aber Kinder, ihr werdet euch doch nicht noch gar zanken«, sagt die Mutter beschwichtigend. »Fredegunde kann das Necken nicht lassen«, sagt Thusnelde. »Und du willst immer oben hinaus!« ruft Fredegunde, in der Tür erscheinend. »Um Gottes willen, Kinder, ich bitte euch, seid still«, flüstert Doktor Klemens mit ängstlicher Stimme, die Hände wie flehend erhebend, »ich höre jemand auf dem Vorsaal.« In der Tat wird in diesem Augenblick von dem Dienstmädchen die Tür geöffnet, und herein schreiten: Herr Professor Snellius, Frau Professor Snellius und Fräulein Ida Snellius. Der gestörte Familienfriede der Familie Klemens ist sofort wiederhergestellt. Man begrüßt die Eintretenden so herzlich wie möglich. Die lange Begrüßung zwischen den Familien Klemens und Snellius ist noch nicht zu Ende, als sich abermals die Tür öffnet, um den Doktor Kübel nebst Frau und Tochter einzulassen. Ihnen folgen die Herren Doktoren Wimmer und Breitfuß. »Da wäre ja unser Kränzchen nun wohl beisammen«, sagt Direktor Klemens, sich sanft die Hände reibend und die Stimme mäßig erhebend, »und nur unsere lieben Gäste fehlen noch.« »Unsere Gäste, liebster Kollega?« sagt Professor Snellius, »ich denke, es handelt sich nur um den Singularis von hospes.« »Minime!« ruft der Direktor, »ich habe Ihnen, meine Damen und Herren, heute abend einen Dualis, ja sogar einen Pluralis von Überraschungen zugedacht. Es werden außer unserem neuen Kollegen Stein noch zwei Gäste kommen, von denen ich mir für unseren geselligen Kreis sehr viel verspreche. Raten Sie, wer?« »Aber, Moritz, es sollte ja eine Überraschung sein«, sagt Frau Klemens in vorwurfsvollem Ton. »Ich glaube, Liebe, es ist besser, wir bereiten das Kränzchen darauf vor. Ist es doch unser Wunsch, die Betreffenden nicht bloß für einen Abend als Gäste zu haben, sondern sie dauernd für unser Kränzchen zu gewinnen, und müssen wir doch zu diesem Zweck nach den Statuten, die du selbst entworfen hast, die Einwilligung sämtlicher Beteiligten haben.« »Wer ist es, Herr Direktor?« fragt Doktor Wimmer. »Sie spannen uns auf die Folter.« »Ein Herr, dessen Name in der Gelehrtenrepublik einen guten Klang hat, und eine Dame, die für Sie als lyrischen Dichter von ganz besonderem Interesse sein wird, Kollege Wimmer.« »Eine Dame?« ruft Herr Wimmer, indem er sich mit der Hand durch sein sorgsam gepflegtes reiches Haar fährt, für welche unzeitige Regung der Eitelkeit er durch einen strafenden Blick der Dame, deren Locke er auf dem Herzen trägt, bedacht wird. »Ja, eine Dame, Kollege, ein hochbegabtes lyrisches Talent.« »Ohne Zweifel Primula; ich meine Frau Konsistorialrat Jäger«, ruft Herr Wimmer. .,Richtig geraten, die Dichterin der Kornblumen und der Interpret der Fragmente des Chrysophilos, werden heute abend eine Gastvorstellung geben, die hoffentlich zu einem dauernden Engagement führen wird«, sagt Herr Direktor Klemens mit seinem sanftesten Lächeln. Ein erstauntes, langgezogenes Ah! bezeugt das Interesse, das die Gesellschaft an dieser Nachricht nimmt. »Ich hatte auch noch einen andern Grund, Jägers gerade heute zu bitten«, fährt der Direktor fort, »es war, wenn Sie wollen, eine Rücksicht der Humanität gegen unsern neuen Kollegen Stein. Er ist ganz fremd in unserm Kreis und scheint überdies scheu, befangen und wenig gewohnt, sich in größeren Zirkeln zu bewegen. Nun aber sind, wie er mir selbst heute morgen sagte, Jägers spezielle Bekannte von ihm aus früherer Zeit – aus der Zeit seines Hauslehrerlebens – und er wird sich ohne Zweifel freuen, an diesem Abend unter so viel halb oder ganz fremden Gesichtern auch einigen Bekannten zu begegnen.« »Diese zarte Rücksicht ehrt Sie, Kollega«, sagt Professor Snellius, dem Direktor die Hand drückend, wobei der elegische Zug um seine Nasenflügel deutlich hervortritt. »Aber ich denke, Frau Direktor, die Rollen sind alle verteilt«, sagt Doktor Wimmer, der den Max hat, und jeder Veränderung um so mehr entgegen ist, als seine geliebte Thusnelde die Thekla liest, und er auf die Einstudierung seiner Rolle vier Wochen angestrengtesten Studiums verwandt hat. »Ich habe Doktor Stein den Hauptmann gegeben, der noch nicht besetzt war«, sagt Frau Direktor Klemens in dem Tone jemandes, der keinen Widerspruch gewohnt ist und keinen Widerspruch duldet. »Das ist eine hübsche kleine Rolle und er kann darin zeigen, ob er zu lesen versteht oder nicht. Ich hätte sie freilich gern einmal vorher mit ihm durchgelesen, aber er mag nun sehen, wie er fertig wird. Was Jägers betrifft, so habe ich ihnen den Deveroux und Macdonald zuerteilt, die ebenfalls noch unbesetzt waren.« »Aber, verehrte Frau Direktor«, meint Doktor Kübel, »sollten diese Rollen für unsere Debütanten wohl ganz geeignet sein?« »Weshalb nicht, lieber Doktor?« fragt die Frau Direktor mit einem ungeduldigen Stirnrunzeln. »Ich meine nur, weil es ihnen gerade nicht besonders lieb sein dürfte, sich bei uns gleich das erste Mal als Mörder zu introduzieren?« ruft Doktor Kübel. Frau Direktor, deren Stirn sich bei diesen Worten des scherzhaften Kollegen in noch tiefere Falten gelegt hat, will etwas erwidern, vermag es aber nicht, da sich in diesem Augenblick die Tür öffnet, um Herrn und Frau Jäger ins Zimmer zu lassen. »Ah, mein würdiger Freund!« ruft Konsistorialrat Jäger, nachdem er Klemens und Snellius begrüßt, dem Doktor Kübel, bei dem er selbst noch Unterricht gehabt hat, mit Wärme die fetten weißen Hände drückend, »wie freue ich mich doch, mein hochverehrter Lehrer, Sie in so herrlichem Wohlsein anzutreffen! Wahrhaftig, man möchte von Ihnen wie Wallenstein von sich selbst sagen, daß über Ihrem braunen Scheitelhaar die schnellen Jahre machtlos hingezogen. Ja, ja: Mens sana in corpore sano – das habe ich in jener Zeit von Ihnen gelernt; aber Sie haben selbst geübt, was Sie lehrten. – Herr Doktor Wimmer, ich freue mich ausnehmend, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen; Sie sind mir und meiner Frau durch ihre reizenden »Maiglöckchen« schon lange lieb und wert. Erlauben Sie, daß ich Sie meiner Gustava vorstelle; ich möchte die Kornblumen und die Maiglöckchen gern zu einem Strauß vereinigt sehen! Herr Doktor Breitfuß, ich bin glücklich, einem jungen Gelehrten von Ihren Verdiensten zu begegnen. Ihre herrlichen Monographien über Origines und Eusebius haben mir bei Abfassung meiner ›Fragmente‹ die wesentlichsten Dienste geleistet. Ich bin entzückt, meinen Dank jetzt endlich persönlich abtragen zu können.« Während so Konsistorialrat Jäger im Kreise der Herren sich schlangengleich von einem zum andern windet, durchflattert Primula sylphenhaft den Zirkel der Damen. Sie sagt den älteren Damen ein verbindliches Wort; sie beneidet Thusnelde und Fredegunde Klemens um ihre »reizenden, tiefpoetischen« Namen; sie gratuliert Ida Snellius zu ihren Fortschritten im Portugiesischen und klopft Marie Kübel auf die errötenden Wangen und nennt sie ein liebes, gutes Kind. »Aber der Kollege bleibt auch wirklich ein wenig gar zu lange«, sagt Direktor Klemens, nach der Uhr sehend, »ich dächte, Auguste, du ließest den Tee servieren.« »Wen erwarten Sie noch, Wertgeschätzter?« fragt Konsistorialrat Jäger den Direktor. »Wessen Fuß trat noch über diese Schwelle nicht?« fragt Primula die Direktorin. In demselben Moment, wo die beiden Angeredeten den Mund zu einer Antwort öffnen, öffnet sich auch die Türe, und Oswalds hohe Gestalt erscheint in dem Rahmen. Neunzehntes Kapitel Das Eintreten des Nachzüglers erregte eine gewisse Sensation, um so mehr, als man seiner Ankunft mit einiger Spannung entgegengesehen hatte. Oswald war in diesem Kreis vollkommen fremd. Er hatte bis jetzt nur mit dem Direktor und auch mit diesem nur geschäftlich verkehrt. Heute mittag, als er seine Visiten machte, hatte er, mit Ausnahme der Familie Kübel, niemand zu Hause getroffen. Die Herren waren begierig, den neuen Kollegen, die älteren Damen, einen jungen Mann, der möglicherweise noch einmal ihr Schwiegersohn werden konnte, die jungen Damen die neue Akquisition für ihre geselligen Zusammenkünfte zu sehen, zu mustern, zu kritisieren. Infolgedessen entstand eine Pause in dem munter schwirrenden Gespräch und aller Augen richteten sich unverwandt auf ihn. Oswald schritt, uneingeschüchtert durch dieses Kreuzfeuer von Blicken, auf die Frau Direktor zu, küßte ihr die Hand, entschuldigte sich mit wenigen Worten wegen seines späten Kommens und bat sie, ihn den übrigen Damen, die zu kennen er noch nicht das Glück habe, vorzustellen. Nachdem diese Zeremonie in aller Form ausgeführt, wandte er sich zum Direktor, darauf wieder zu den Damen, um noch einmal der Frau Direktor einige verbindliche Worte zu sagen und sodann mit Primula ein Gespräch anzuknüpfen, auf das die Dichterin mit ganz besonderem, auffälligem Eifer einging. Primula hatte Oswald wegen seiner »schönen, ritterlichen, echt romantischen Erscheinung«, wie sie zu sagen beliebte, vom ersten Augenblicke in ihr poetisches Herz geschlossen und all die Abmahnungen ihres vorsichtigen Gatten waren nicht imstande gewesen, den Strom ihrer sympathetischen Empfindung dauernd zu hemmen. Sie hatte zwar auf dem Lande den Verhältnissen Rechnung tragen und schließlich die gefallene Größe auch ihrerseits fallenlassen müssen; aber sie hatte sich vorgenommen, »sobald ihre gebundene Psyche jemals freier die Schwingen regen könnte, dem Zuge ihres Herzens frei zu folgen«. Dieser Augenblick war jetzt gekommen; sie begrüßte Oswald, der ihr durch die »überaus romantische Katastrophe auf Schloß Grenwitz« noch viel interessanter geworden war, mit der doppelten Wärme und Freundschaft und Bewunderung. Indessen ließ sich Oswald, der entschlossen war, die Damen sich womöglich sämtlich geneigt zu machen, nicht lange von der Dichterin aufhalten; er sprach ernst mit den älteren; er scherzte mit den jüngeren, und hatte nach Verlauf von zehn Minuten offenbar das gewünschte Ziel erreicht. Währenddessen war er von den Herren, die sich um Herrn Jäger versammelt hatten, eifrig beobachtet worden. Der Interpret der Fragmente des Chrysophilos haßte Oswald mit einem ganz gesunden langatmigen Haß. Oswald war dem eitlen Mann niemals mit der Aufmerksamkeit, die er beanspruchte, entgegengekommen, hatte ihn ihm Gegenteil, besonders in der letzten Zeit in Grenwitz, mit ganz unverhohlener Geringschätzung behandelt. Der Konsistorialrat Jäger hatte die dem Pastor Jäger angetane Beleidigung nicht vergessen und wartete nur auf eine passende Gelegenheit, die so lange aufgesammelte Summe des Hasses abzutragen. Indessen war er viel zu klug und zu feige, offen mit der Sprache herauszugehen, als ihn jetzt die Herren vom Gymnasium über Oswald, den »er ganz genau zu kennen« behauptete, befragten. Er begnügte sich mit mysteriösen Andeutungen, wie: Ein junger Mann, über den sich viel sagen ließe; – Sie werden ihn ja selbst kennenlernen, meine Herren; – ich will wünschen, daß er sich mittlerweile die Hörner etwas abgelaufen hat; hm, hm! Er ist, wie Sie wissen, der Schüler Bergers. Nun, Berger war ein bedeutender Mann, ein glänzender Geist; aber er sitzt jetzt in der Heilanstalt zu Fichtenau und es zeigt sich wieder einmal, daß nicht alles Gold ist, was glänzt; hm, hm! – »Wenn wir das gewußt hätten, Kollega«, sagte Direktor Klemens heimlich zu Professor Snellius. Professor Snellius zuckte die Achseln und erwiderte. »Ich hoffe viel von dem Vorteil, den er aus unserm Umgang schöpfen wird. Der Verkehr mit wahrhaft gebildeten, gelehrten –« »Wahrhaft humanen«, schaltete der Direktor ein. »Wahrhaft humanen Menschen«, fuhr der Professor fort, »ist das beste Mittel der Erziehung zur wahren Bildung und Gelehrsamkeit –« »Und Humanität«, ergänzte der Direktor. »Was halten Sie von dem neuen Kollegen, Wimmer?« fragte Doktor Breitfuß, der mit großem Mißfallen bemerkt hatte, wie lustig Fredegunde Klemens, die sich sonst durch einen gewissen, mürrischen Ernst auszeichnete, mit Oswald scherzte und lachte. »Ich glaube, daß der Herr ein großer Geck ist«, erwiderte Herr Wimmer, sich durch die Haare fahrend, »er hat eine Manier, sich über sitzende Damen zu beugen, die geradezu unerhört ist. Ich fürchte, ich werde niemals sehr intim mit ihm werden.« »Aber das wird zu arg!« rief Herr Breitfuß und schritt mit der Absicht, die Konversation Fredegundens und Oswalds zu stören, auf das Paar zu, verlor aber unterwegs den Mut und nahm, den verfehlten Angriff zu maskieren, dem ihm begegnenden Dienstmädchen eine Tasse vom Präsentierbrette, mit der er in der Hand – ein Bild hilfloser Verlegenheit – mitten im Zimmer stehenblieb. Aus dieser Situation befreite ihn die Frage der Direktorin an die Gesellschaft, ob man jetzt mit der Lektüre des Wallenstein – dem eigentlichen Zweck des Zusammenseins – beginnen wolle? Alles erhob sich; die Herren griffen nach den Büchern, die sie bei ihrem Eintritt in die Fensterbretter und auf die Schränke gelegt hatten. Die Damen holten ihre Exemplare aus ihren Nähbeuteln; Frau Jäger brauchte nach dem von ihr mitgebrachten nicht lange zu suchen; sie trug es seit ihrem Eintreten in der Hand. Eine sanfte Röte fieberhaft gespannter Erwartung ergoß sich über ihre welken Züge; ihre wasserblauen Augen schmachteten Oswald mit sanfter Begeisterung an, als er jetzt auf sie zutrat und ihr den Arm bot, um sie ins nächste Zimmer zu führen. »Mit welcher Rolle werden denn Sie uns erfreuen, gnädige Frau?« fragte Oswald. »Doch was will ich denn? Es gibt im Wallenstein nur eine Rolle für Sie, wie es in dieser Gesellschaft nur eine für diese Rolle gibt.« »Sie Spötter«, sagte die Dichterin, ihn mit dem Buche sanft auf den Arm schlagend, »was hätte denn ich vor anderen voraus?« »Aber, Gnädigste, es kann doch nur eine Meinung darüber sein, daß der poetischste Charakter in dem Stück auch durch den poetischsten Charakter in der Gesellschaft repräsentiert werden muß; und wiederum doch auch nur darüber eine Ansicht, wer jener und wer dieser ist.« »Und wer – ich will einmal die kindische Schüchternheit überwinden – wer wäre dieser und jener!« fragte Primula mit schmelzender Stimme, die verklärten Augen zu Oswald erhebend. »Erlauben Sie mir für einen Moment das Exemplar, das Sie da in der Hand tragen. Danke! Ich bemerke, es liegt ein Zeichen darin. Lassen Sie uns sehen, wo es liegt. Dritter Aufzug. Erste Szene. Gräfin Terzky, Fräulein von Neubrunn. Thekla unterstrichen. Ich danke Ihnen, Thekla!« »Das ist ein Zufall!« rief die errötende Dichterin, das Buch, das ihr Oswald mit einer ironischen Verbeugung wieder überreicht hatte, an ihren Busen drückend. »Ich schwöre es Ihnen bei allen neun Musen, daß dies ein Zufall ist.« »Und ich schwöre Ihnen beim Vater Apollo selber und bei sämtlichen übrigen Olympiern dazu, daß ich an keinen Zufall glaube, höchstens an den glücklichen, der mich heute abend wider alles Erwarten mit einer Freundin – ich darf Sie ja wohl so nennen? – zusammengeführt hat.« »Ob Sie mich so nennen dürfen?« rief die Dichterin, Oswalds Arm zärtlich an sich pressend. »Ob Sie es dürfen? Oh, glauben Sie mir, Stein, ich bin seit dem Augenblicke, da Sie den Fuß über unsere niedrige Schwelle setzten, Ihre Freundin gewesen; ich habe Sie stets in Schutz genommen, wenn prosaische Gemüter, die keine Ehrfurcht vor dem Großen und Schönen haben –« Primula mußte dem überströmenden Quell der Zärtlichkeit, den Oswald so glücklich erschlossen hatte, Einhalt tun, denn sie langte in diesem Augenblicke in dem Nebenzimmer an, wo ein Teil der Gesellschaft um einen langen Tisch, der mit einem weißen Tuch bedeckt und mit zwei Lampen und zwei Lichtern erleuchtet war, bereits Platz genommen hatte. An dem oberen Ende stand Frau Direktor Klemens, die Gründerin und Leiterin des »dramatischen Kränzchens«, überschaute ihre Gesellschaft wie ein Hirt die Herde und wies den noch umherirrenden Gliedern ihre Plätze an, wobei sie heftig mit ihren starken Armen gestikulierte und ihre tiefe Stimme lauter erschallen ließ, als vielleicht unumgänglich nötig war. »Setzen Sie sich zu Fredegunde, Doktor Breitfuß! Wollen Sie neben meiner Tochter Thusnelde Platz nehmen, Doktor Stein! Frau Konsistorialrat Jäger, Sie placieren sich gefälligst bei Professor Snellius; Herr Konsistorialrat, Sie bei Frau Doktor Kübel. So, nun säßen wir ja endlich!« Frau Direktor ergriff nun eine große Schelle, die vor ihr auf dem Tische stand, und begann damit eine halbe Minute lang mit der Energie eines Parlamentspräsidenten zu läuten, der die zornigen Stimmen einiger hundert durcheinander schreiender Volksvertreter übertönen will. Da die absolute Stille, die in der Gesellschaft herrschte, endlich durchaus keinen Vorwand für die Entfaltung einer so energischen Kraftanstrengung mehr bot, so setzte Frau Direktor die Schelle wieder auf den Tisch und ergriff statt ihrer einen halben Bogen Papier, auf dem, wie auf einem Theaterzettel, die Rollen des Stücks nebst den betreffenden Personen der Gesellschaft, denen sie zugeteilt waren, verzeichnet standen. »Meine Damen und Herren!« sprach sie darauf, die Mienen der zu ihr aufschauenden Gemeinde wohlgefällig musternd, »Sie wissen, daß wir in der viertletzten Sitzung Wallensteins Tod von Schiller für die diesmalige Zusammenkunft ausgewählt haben. Da in dem herrlichen Stück leider mehr Rollen sind, als wir besetzen können, so sah ich mich genötigt, unterschiedliche, die mir weniger wichtig schienen, zu streichen. Indessen blieben doch auch so noch einige unbesetzt und würden unbesetzt geblieben sein, wenn uns nicht einige liebe Gäste heute abend mit ihrer Gegenwart erfreut und mir es durch ihre gütig zugesagte Unterstützung möglich gemacht hätten, den Rollenzettel ganz nach meinem Wunsch anzufertigen. Obgleich nun die meisten von Ihnen schon wissen, welches ihre Rolle ist, so will ich der Ordnung wegen und vor allem unserer lieben Gäste halber den Zettel von Anfang an noch einmal vorlesen.« Frau Direktor räusperte sich und las unter dem ehrfurchtsvollen Schweigen der Gesellschaft: »Wallenstein, Direktor Klemens Octavio Piccolomini, Professor Snellius Max Piccolomini, Doktor Wimmer Terzky, Fredegunde Klemens Illo, Doktor Kübel Buttler, Doktor Breitfuß Gordon, Frau Doktor Kübel Seni, Fräulein Ida Snellius Herzogin, Frau Professor Snellins Gräfin Terzky, Meine Wenigkeit Thekla, Thusnelde Klemens Fräulein Neubrunn, Marie Kübel Schwedischer Hauptmann, Doktor Stein Deveroux Macdonald } } Hauptleute in der Wallensteinschen Armee { { Herr und Frau Konsistorialrat Jäger« Oswald. dem diese originelle Besetzung nicht wenig Vergnügen gemacht hatte, mußte sich auf die Lippen beißen, um nicht laut herauszulachen über die albernen Gesichter, die die beiden Letztgenannten machten, als sie ihre Namen in so inniger Verbindung mit den Namen der Mörder des Helden nennen hörten. Herr Jäger zog die Mundwinkel so tief herunter, wie Oswald es noch nie beobachtet hatte, und Primula, die so weiß wie der Spitzenkragen auf ihrem gelbseidenen Kleid geworden war, schien die größte Lust zu haben, in Tränen auszubrechen. Das also war der Triumph, den er, den sie sich für den heutigen Abend versprochen hatten! War dies das gastfreundliche Haus von Menschen, die sich so viel auf ihre vollendete Humanität zugute taten? War es die bluttriefende Höhle vertierter Troglodyten? War er der Interpret der Fragmente des Chrysophilos, oder war er es nicht? War sie die gefeierte Dichterin der Kornblumen, oder war sie es nicht? Brach nicht ein Schrei der Entrüstung aus den Kehlen aller, die mit eigenen Ohren die Entweihung in Wissenschaft und Kunst so berühmter Namen vernommen hatten? Der Konsistorialrat und seine Gattin sahen sich über den Tisch mit Augen an, in denen ein aufmerksamer Beobachter diese und noch mehr Fragen der Art hätte lesen müssen; ließen sodann ihre Blicke über die Tafelrunde schweifen, den Eindruck zu erkunden, den eine solche Blasphemie auf die Anwesenden notwendig hervorgebracht haben mußte. Aber niemand schien etwas Besonderes in diesem schmählichen Hohn auf alle gelehrte und dichterische Berühmtheit zu finden, niemand, mit Ausnahme vielleicht des alten dicken Doktor Kübel, der einen erstaunt fragenden Blick Jägers mit einem freundlichen Grinsen erwiderte, und Oswald, der Primula, die auf der linken Seite neben ihm saß (auf der rechten hatte er Thusnelde Klemens), zum Zeichen seines Beileids unter dem Tische die Hand drückte. Im übrigen achtete niemand auf die verhöhnten Dulder; jeder war in Gedanken mit seiner Rolle und mit dem Eindruck, den er auf die übrigen hervorbringen würde, beschäftigt und erwartete nur das Signal zum Anfang, das jetzt von der Direktorin durch ein minutenlanges Läuten mit der Glocke gegeben wurde. Der Direktor Klemens stellte nun in seiner sanftesten Redeweise an Fräulein Ida Snellius die Aufforderung, herabzukommen, da der Tag anbreche und Mars die Stunde regiere; worauf ihn die angeredete junge Dame mit einer Stimme, die entweder durch die zu große Entfernung des Astronomen oder durch die Befangenheit der Vortragenden bis zur Unhörbarkeit undeutlich war, bat, »sie noch die Venus betrachten zu lassen, die eben aufgehe und wie eine Sonne im Osten glänze.« Diesem interessanten Aufgang entsprach das übrige vollkommen; Direktor Klemens machte aus dem Wallenstein das sanfte Mitglied einer friedlichen Brüdergemeinde, Professor Snellius aus dem klugen, verstellungsreichen Octavio einen überaus hölzernen Pedanten; Doktor Wimmer winselte und heulte den edlen Sohn des unedlen Vaters so, daß unnennbarer Jammer jedes fühlende Herz befallen mußte; Doktor Kübel schien den wilden Illo für die Waschfrau Chamissos und Doktor Breitfuß den verschlossenen Buttler für einen marktschreierischen Zahnbrecher zu halten; Gräfin Terzky wurde in Frau Direktor Klemens Munde zu einem Pappenheimischen Kürassier und Thekla in dem ihrer Tochter Thusnelde zu einem verliebten Nähmädchen. Und dabei dieser heilige Eifer, der offenbar alle beseelte und sie trieb, schon lange bevor sie wieder an die Reihe kamen, in ihrem Buche nach ihrer Rolle zu blättern, wodurch ein fortwährendes geheimnisvolles Rauschen und Rascheln hervorgebracht wurde; diese ungeschminkte Begeisterung, mit der man besonders hervorragende Leistungen, wie die des Kollegen Wimmer, aufnahm; diese selbstlose Bescheidenheit, mit der sich weniger begabte Talente, wie Fräulein Marie Kübel, eine Zurechtweisung von seiten der Direktorin Klemens gefallen ließen, der nach den Statuten des Kränzchens das Recht zustand, den Leser zu unterbrechen und ihn auf diesen oder jenen Fehler im Vortrage aufmerksam zu machen. Unterdessen saß Konsistorialrat Jäger in seinem Stuhle zusammengekauert unbeweglich da, die Winkel des Mundes so energisch nach unten gezogen, daß die Linie die Gestalt eines Hufeisens beschrieb, während er mit den kleinen grünen Augen über den Rand seiner großen runden Brillengläser seine Gattin, die Gefährtin seiner Leiden, die Teilhaberin seiner Schmach, anblinzelte. Die Dichterin warf sich bald mit untereinandergeschlagenen Armen in den Stuhl zurück und ließ die Blicke an der Decke haften, bald lehnte sie sich vornüber und stützte das kornblumengeschmückte Haupt in die Hände. Jetzt lächelte sie das Lächeln unsäglicher Verachtung; jetzt gähnte sie, wie von der entsetzlichsten Langenweile gequält. Oswald war äußerst begierig, zu sehen, was sie tun würde, wenn an sie die Reihe käme; denn sie hatte ihm schon gleich zu Anfang in fieberhafter Aufregung zugeflüstert: »Ich lese nicht; verlassen Sie sich darauf: Ich lese nicht.« Aber seine Neugier sollte nicht so schnell befriedigt werden, denn nachdem sich Herr Wimmer am Schluß des dritten Aktes mit Aufbieten all seiner Stimmittel »zum Sterben bereit« erklärt hatte, begann Frau Direktor Klemens wiederum mit aller Macht zu läuten und gab damit das Signal zu der großen Pause, die (nach § 25 der Statuten) bei fünfaktigen Stücken jedesmal nach dem dritten und bei vieraktigen nach dem zweiten Akt eintrat, und in der (nach § 26) Wein und Backwerk zur Erfrischung gereicht werden mußte. Um den Bestimmungen dieses Paragraphen nachzukommen, verließ man den Tisch und begab sich nach dem Salon in der lebhaft angeregten Stimmung einer Gesellschaft, die eben von einem hohen Kunstgenuß kommt. Man saß und stand mit den Gläsern in der Hand im Zimmer umher und sprach von dem Stücke und von der Deklamation. Man war darüber einig, daß Kollege Wimmer diesmal wie stets den Preis davongetragen habe, und daß Fräulein Marie Kübel noch immer nicht laut genug spreche, obgleich ihre Fortschritte im allgemeinen zu beloben seien. Die Herren stellten sich untereinander Zensuren aus und gaben sich natürlich gegenseitig die Nummer Eins. Die Damen sprachen von dem herrlichen Dichter, von dem keuschen Adel seiner Verse. Fräulein Ida Snellius behauptete, daß Schiller sie vielfach an Euripides erinnere, und nun wirbelten die Namen Sophokles, Goethe, Shakespeare, Schiller, Aristophanes, Calderon, Äschylus, Plautus und Terenz wie Schneeflocken durcheinander. Oswald spähte nach der Dichterin der Kornblumen, die er seit dem Anfang der Pause aus den Augen verloren hatte. Er fand sie in einer Fensternische des zweiten Salons (sonst jungfräuliches Schlafgemach der beiden Fräulein Klemens) mit ihrem Gemahl eifrig flüstern. Er wollte sich bescheidentlich zurückziehen; aber Primula sprang, sobald sie ihn erblickte, auf ihn zu, ergriff seine Hand und zog ihn mit in die Fensternische. »Reden Sie leise«, sprach Primula mit hohler Geisterstimme. »Was gibt es?« fragte Oswald in demselben Ton. »Sie sollen mir sagen, ob ich lesen darf?« hauchte Primula. »Jäger hat kein Gefühl für diese Schmach.« »Doch, Gustchen, doch!« flüsterte er. »Aber ich möchte eine Szene vermeiden; ich bitte dich, Gustchen, was werden die Leute sagen, wenn – oh, ich darf gar nicht daran denken.« »Ich möchte mich der Meinung des Herrn Konsistorialrat anschließen«, sagte Oswald, »ich sehe nicht, wie Sie gerettet werden können, nachdem Sie einmal in die Löwengrube gefallen sind.« »Ich, die Dichterin der Kornblumen, ein Mörder, ein feiler Meuchelmörder«, wimmerte Primula, »nimmermehr, nimmermehr!« »Es ist schändlich«, bestätigte Oswald, »aber der Interpret des Chrysophilos ist in derselben Lage, und Sie sehen: Er erträgt mit Würde sein hartes Los.« Ein Händedruck des eitlen Herrn belohnte Oswald für diese Schmeichelei. »Oh, ihr Männer habt kein Gefühl für Beleidigungen«, schluchzte Primula, »nun gut, ich will es versuchen, aber wenn –« Das Sturmgeläut der Präsidentinglocke aus dem Nebenzimmer ließ Primula ihren Satz nicht beendigen. Sie schritt den beiden Herren voran mit der Miene jemands, der, geschehe, was da will, seinen Entschluß gefaßt hat. »Jetzt kommt bald an Sie die Reihe, Kollege«, sagte Herr Wimmer zu Oswald; während man (unter fortwährendem Sturmläuten) wieder Platz nahm, »ängstigen Sie sich nur nicht, und lesen Sie frisch drauf los. Wenn's auch das erste Mal ein wenig hapert; das nächste Mal geht es schon besser und die Übung macht den Meister.« »Den ich in Ihnen verehre und bewundere«, erwiderte Oswald, sich verbeugend. »Nun, nun!« sagte Herr Wimmer, sich lächelnd durch die Haare fahrend. »Es könnte noch besser sein. Freilich, als ich vor einiger Zeit Holtei hörte, gestehe ich, daß mir das alte Wort: ›Anch io son' pittore‹ unwillkürlich auf die Lippen kam.« »Ich glaub' es gern«, versicherte Oswald. Die Glocke schwieg und Kollege Breitfuß erhob (als Oberst Buttler) seine Stimme und schrie, daß die Fenster klirrten: »Er ist herein. Ihn führte das Verhängnis.« Die Mordnacht in dem Schlosse zu Eger entwickelte sich nun rasch von Szene zu Szene. Oswald war so gespannt darauf, wie Primula sich benehmen würde, deren Aufregung, je mehr man sich dem verhängnisvollen Augenblick näherte, sichtbar zunahm, daß er die Nachricht des Fräulein Neubrunn, »der schwedische Herr« sei da, ohne alles Herzklopfen vernehmen und vier Zeilen später ganz kaltblütig die Prinzessin Thekla-Thusnelde wegen seines »unbesonnenen, raschen Wortes« um Verzeihung bitten, ja sogar die auffallende Wärme des Tons, mit welchem Fräulein Klemens die Worte sprach: »Ein unglücksvoller Zufall machte Sie Aus einem Fremdling schnell mir zum Vertrauten« gänzlich überhören konnte, obgleich dieser Ton Herrn Wimmer alles Blut zum Herzen trieb und Fredegunde ob desselben ihrem Doktor Breitfuß einen sehr bezeichnenden Blick zuwarf. Er achtete nicht des beifälligen Gemurmels, das ihm seine Erzählung von dem Tod des Reiterobersten einbrachte; auch die folgenden Auftritte gingen spurlos an ihm vorüber, bis denn endlich das verhängnisvolle Netz sich ganz über dem Haupte des Friedländers zusammenzieht und der finstere Buttler in der Heimlichkeit seines Zimmers die Mörderrollen verteilt. Schon ist Major Geraldin mit seinem blutigen Auftrage davongeeilt und jetzt ist der Augenblick gekommen, wo auf der Bühne der Vorhang sich auseinandertut und die grimmen Hauptleute Deveroux und Macdonald in Koller und Kanonen, die langen Schwerter an der Seite, vor ihrem Regimentschef erscheinen. Was wird sie tun? dachte Oswald, der sah, daß das Gesicht der Dulderin bald blaß und bald rot wurde, sie wird nicht lesen. Aber Primula überwand den edlen Unwillen, der ihr Herz schwellen machte, räusperte sich und sagte mit der sanften Stimme einer Heiligen, die sich in die Hände der Henkersknechte gibt: »Da sind wir, General.« Die Direktorin, welcher, da es doch zwei waren, der Akzent auf wir liegen zu müssen schien, verbesserte, kraft des ihr nach § 73 der Statuten zustehenden Rechtes: »Da sind wir , General.« Das war zuviel. Die zu straft gespannte Bogensehne riß; die beleidigte Dichterin erhob sich, klappte ihr Buch zu und sagte mit bleichen Lippen: »Es tut mir leid, wenn ich die Gesellschaft durch meine Erklärung, nicht weiter lesen zu können, stören sollte. Aber, da ich eine Rolle, zu der ich mich – mit Gewalt – zwingen muß, nicht einmal lesen – kann – ohne –« Sie konnte nicht weitersprechen und brach, in ihren Stuhl zurücksinkend, in ein konvulsivisches Weinen aus. Die Bestürzung, die durch dieses Benehmen Primulas in der harmlosen Gesellschaft hervorgebracht wurde, konnte nicht größer sein. Man sprang von den Stühlen empor; man drängte sich um die schluchzende Dichterin; man fragte einander, was der Dame fehle, und den Gatten, ob seine Gemahlin oft dergleichen Anfälle habe? Niemand ahnte die eigentliche Ursache von diesem Zustande, dem die Herren durch Zureden, die Damen durch Eau de Cologne beizukommen suchten. Aber Primula wollte von beidem nichts wissen. Sie sprang nach wenigen Sekunden vom Stuhle auf; erklärte mit Entschiedenheit, nach Hause gehen zu müssen, und verschwand an dem Arme ihres Gatten, der zu dieser ganzen Szene ein sehr albernes Gesicht gemacht hatte, ohne irgend jemand gute Nacht zu sagen. In dem Augenblicke, als die durch das Verschwinden der Gastfreunde äußerst bestürzte Gesellschaft im Salon noch durcheinanderstand und sprach, wurde Oswald ein Brief übergeben, den, wie das junge Mädchen sagte, ein junger Mann, der auf Antwort warte, soeben überbracht habe. Oswald erbrach das Billett, in dem weiter nichts stand, als: »Mach, daß Du fort kommst. Ich warte auf der Straße. Dein Timm.« Oswald ließ sich einen so vortrefflichen Vorwand, aus einer Gesellschaft zu entkommen, die ihm mit jedem Augenblicke unerträglicher wurde, nicht entgehen. Er habe eine Nachricht erhalten, die ihn nötige, sofort nach Hause zu eilen. In der nächsten Minute stand er auf der Straße. »Gott sei Dank, daß ich fort bin!« rief er, Timm, der ihn lachend in Empfang nahm, beim Arm ergreifend und mit sich fortziehend. »Konnt's mir denken«, rief Herr Timm, »daß du Höllenpein ausstandst; dachte, dem armen Schelm muß geholfen werden. Komm, wir wollen den gelehrten Staub, so du verschluckt hast, mit edlem Wein hinunterspülen.« Zwanzigstes Kapitel In der Pensionsanstalt von Fräulein Bär schrieb Helene an Mary Burton: »Es ist das erste Mal seit langer, langer Zeit, teuerste Mary, daß ich den Mut in mir fühle, Dir auf Deine Briefe – denn es liegt jetzt ein ganzes Paket da – zu antworten. Aber ich konnte es nicht über das Herz bringen, Dir, die Du jetzt in die große Welt, in die Du gehörst, eingetreten und neulich gar bei Hofe vorgestellt bist – Dir, der Braut und in kurzer Zeit der Gemahlin eines englischen Peers, zu schreiben, daß ich, Helene von Grenwitz, der Du eine so glorreiche Zukunft prophezeitest – vorläufig wieder erst einmal in die Pension zurückgeschickt bin; in Pension geschickt wie ein ungezogenes Kind, in Pension geschickt wie ein Gänschen vom Lande! – Du staunst, Du lächelst ungläubig; Du lispelst ein: ›'t is impossible!‹ und wenn Du nun endlich meinen wiederholten Versicherungen Glauben schenken mußt, so fassest Du mich bei beiden Händen und rufst: ›Aber was heißt dies? Warum dies?‹ und zwingst mich, die traurige Geschichte von Anfang an zu erzählen. Nun, ich sehe keine Möglichkeit, dieser Pein zu entrinnen, aber daß ich sie abkürze, soviel ich vermag, wirst Du begreiflich finden. Also kurz, wenn auch nicht gut. Das Verhältnis zu meiner Mutter, über das ich Dir im Anfang so befriedigend schrieb, wurde infolge meiner entschiedenen Weigerung, die Gattin meines Vetters Felix zu werden, von Tag zu Tag schlimmer, bis der offene Bruch, den ich schon lange vorausgesehen, zuletzt unvermeidlich war. Ich habe mich bei der ganzen Affäre benommen, wie ich es mir und Dir schuldig zu sein glaubte. Es war ein heißer Kampf, das kann ich Dich versichern. Meiner Mutter entgegenzutreten, erfordert Mut, und mein Vater unterstützte mich, schwach wie er ist, nur schwach. Nun wohl! Der Kampf ist vorüber – die Toten sind begraben und die Wunden fangen an zu heilen. Ja, Mary, die Toten! Mein Bruno, mein Stolz, mein Ritter ohne Furcht und Tadel, mein vielgeliebter Bruno ist nicht mehr! Er ist gestorben im Kampfe für mich und hat seine junge Heldenseele in einem Kusse auf meine Lippen ausgehaucht. Der wilde Schmerz über seinen Verlust – denn als ich ihn nicht mehr hatte, wußte ich erst, was ich an ihm besessen – machte mich stumpf und gleichgültig gegen alles und gegen alle um mich her. Wie dieser Knabe mich geliebt hat, so kann und wird niemand auf Erden mich wieder lieben. Ich war ihm Sonne und Luft und Licht, ich war ihm Essen und Trinken; ich war ihm Schlafen und Wachen, ich war ihm das Leben. Wie oft, wenn er es mich mit glühenden Wangen und leuchtenden Augen und zitternden Lippen versicherte, habe ich ihn wegen seiner Überschwenglichkeiten ausgelacht und gesagt: ›Bruno, du bist ein Närrchen!‹ Jetzt gäbe ich viele Jahre meines Lebens darum, könnt' ich es aus seinem stolzen Munde nur noch einmal hören! Eine Ahnung, die ich nicht loswerden kann, sagt mir, daß ich in Bruno, mit Bruno alles, was die Erde von Seligkeit mir gewähren kann, gefunden haben würde, und daß ich mit ihm jede Aussicht auf ein irdisches Glück unwiederbringlich verloren habe. Du lächelst, Du meinst: Ein Knabe! aber ich sage Dir: Du hast Bruno nicht gekannt. Verlange nicht, daß ich Dir über dies alles ausführlich berichte. Ich kann es nicht! Mein Herz ist zu voll. Die Erinnerung an meinen toten Liebling verläßt mich keinen Augenblick, und ich möchte am liebsten die Feder aus der Hand legen sind mich satt weinen. Sag, Mary, soll es denn wirklich unser Schicksal sein, wie wir so oft in melancholischen Stunden behaupteten, unbefriedigt, ohne Freude, ohne Glück durch das Leben zu gehen, und ohne Hoffnung, daß die Zukunft die Wünsche der Gegenwart erfüllen wird? Soll das Glück nur immer aufleuchten wie eine Fata Morgana – zauberisch schön und ebenso vergänglich; oder uns stets in einer Gestalt erscheinen, die, mag ihr innerer Wert noch so groß sein, doch unseren verwöhnten Sinn, unsere Vorurteile, wenn Du willst, verletzt? Freilich, Dein Los scheint ein anderes werden zu wollen. In der Sphäre, in die Du durch Geburt und Erziehung gehörst, findest Du den Mann, der Deinem Herzen teuer gewesen sein würde, selbst dann, wenn Dein Verstand die Wahl Deines Herzens nicht gebilligt hätte. Ein Held, ein Mann, ein Lord! Glückliche, dreimal Glückliche, die Du jemand gefunden hast, zu dem Du, stolz, wie Du bist, hinaufschauen mußt. Lächle Dein feines aristokratisches Lächeln über – Deine Freundin in der Pension! Freilich, ich habe es sehr gut in dieser Pension. Man geht mit mir um nicht wie mit einer Schülerin, sondern wie mit einem Gast, und ich bin der Vorsteherin, einem Fräulein Bär, aufrichtig dankbar für die Güte, die zarte Rücksicht, mit der sie mich behandelt, als wüßte sie alles. Vielleicht weiß sie alles. Dergleichen Ereignisse in Familien, wie die unsere, pflegen nicht verschwiegen zu bleiben. Habe ich selbst doch vieles, was im genauesten Zusammenhang mit meiner Verlobungsangelegenheit steht, erst mehrere Wochen später erfahren, nicht durch meinen Vater, mit dem ich während dieser ganzen Zeit korrespondierte, der mich auch ein paarmal von Grenwitz aus besuchte (mit meiner Mutter, die seit einigen Tagen, wie ich höre, in Sundin ist, bin ich außer aller Verbindung), sondern durch eine junge Dame, ein Fräulein Sophie Robran, eine frühere Pensionärin der Anstalt, deren Bekanntschaft ich hier machte und mit der ich eine Art von Freundschaft geschlossen habe. Sie ist die Braut unseres Grenwitzer Arztes, der nach Sundin übergesiedelt ist, und somit sind ihre Nachrichten aus guter Quelle. Sie hat mir erzählt, was erst nach meiner Abreise von Grenwitz stattgefunden und der Vater mir sorgsam verschwiegen hat, daß der junge Mann, von dem ich Dir schon im Sommer schrieb, unser Hauslehrer, der Doktor Stein, mein Ritter und mein Rächer geworden ist, insofern wenigstens, als er sich mit Felix geschlagen und meinem Herrn Vetter eine Lektion erteilt hat, die dieser, wie ich aus derselben Quelle erfahren habe, so leicht nicht wieder vergessen wird. Ich kann Dir nicht sagen, wie wunderlich mich diese Nachricht berührte. Zuerst – Dir darf ich es ja gestehen – verletzte es meinen Stolz, daß mein Name nun mit dem Namen eines Mannes, wie Herr Stein, zusammen durch die Welt getragen werden sollte; daß ein Fremder, ein Mietling, sich in meine Angelegenheiten keck gemischt hatte, als wäre er ein Verwandter und ein Ebenbürtiger. Aber dann dachte ich an das alte Wort, daß, wenn die Menschen schweigen, die Steine reden würden; dachte daran, daß kein Bruder sich brüderlicher, kein Ritter sich ritterlicher gegen mich hätte benehmen können, als es dieser Mann vom ersten Augenblick an getan hat; dachte vor allem daran, daß dieser Mann meines Brunos teuerster Freund war – und ich vergaß meinen Stolz und fühlte nicht ohne einige Verwunderung, daß ich diesem Manne für seine viele Liebe und Güte dankbar sein konnte – ohne daß mich dieser Dank, wie es doch sonst stets bei mir ist, gedrückt hätte. Ja, noch mehr, ich fühlte ein Bedürfnis, ihn, der, wie ich hörte, auf Reisen war, wiederzusehen, ihm persönlich meinen Dank abzustatten; und als ich ihn (der jetzt ebenfalls in Sundin lebt) heute ganz unerwartet an dem Fenster, an dem ich saß, vorübergehen sah, da – Du wirst mich auslachen, Mary, da fühlte ich, daß, als ich seinen Gruß erwiderte, mir alles Blut in die Wangen schoß, und, als er vorüber war, habe ich ihm noch lange nachgesehen, und dann habe ich mich in das Fenster zurückgelehnt und dem Andenken Brunos, das durch Steins Anblick so plötzlich und so mächtig bei mir wachgerufen wurde, heiße Tränen geweint. Ich möchte, ich könnte ihn einmal ungestört sprechen. Doch hier muß ich abbrechen. Ich höre Fräulein Robran, die mit mir zu musizieren kommt, mit Fräulein Bär im Nebenzimmer.« Helene erhob sich, den beiden Damen, die auf ihr Entrez! ins Zimmer traten, entgegenzusehen. Sophie Robran eilte Fräulein Bär voraus und umarmte Helenen mit einer liebenswürdigen Lebhaftigkeit, die mit der salonmäßig vornehm ruhigen Haltung der jungen Aristokratin einigermaßen kontrastierte. »Ich habe eine ordentliche Sehnsucht nach Ihnen gehabt, Helene! Warum haben Sie mich seit neulich Abend nicht besucht, wie Sie versprachen? Fräulein Malchen hat Sie doch nicht gar etwa daran verhindert?« »Point du tout!« erwiderte Fräulein Bär, die Brille auf die Stirn schiebend, um wohlgefällig ihrem Liebling in die großen, freundlichen blauen Augen zu schauen: »Du weißt, Sophiechen, daß Helene ganz frei über ihre Zeit disponieren kann. – Aber weshalb ich eigentlich komme, liebe Helene! Hier ist ein Brief für Sie, den einer Ihrer Diener überbrachte; ich glaube von Ihrem Herrn Vater.« Helene nahm den Brief mit einer Verbeugung entgegen, warf einen Blick auf die Adresse und sagte: »In der Tat von meinem Vater!« und legte ihn auf eine Briefmappe, die sie beim Eintritt der Damen zugeklappt hatte. »Ich will nicht länger stören«, sagte Fräulein Bär, »Sophiechen kommt, Sie zum Musizieren abzuholen. Soll ich Ihnen das Mädchen nachschicken? Und wann?« »Sie kommen doch mit, Helene?« sagte Sophie, die sich auf einen Stuhl an das Instrument gesetzt hatte und einen Klavierauszug durchblätterte. »Ich habe sehr schöne neue Lieder bekommen. Ein ganz herrliches von Schumann, das müssen wir zusammen durchsehen.« »Recht gern«, erwiderte Helene, »indessen, ich möchte nicht lange bleiben, da ich heute abend notwendig einen Brief nach England zu beendigen habe, der morgen früh fort muß. Ich danke deshalb für das Mädchen, Fräulein Bär. Ich werde noch vor Dunkelwerden wieder zu Hause sein.« »Ganz wie Sie wollen, liebe Helene«, sagte Fräulein Malchen, erst Helene flüchtig und dann Sophie Robran herzlich auf die Stirn küssend. »Adieu, mes enfants!« Und Fräulein Bär ließ die Brille wieder auf die Nase gleiten, legte ihre Stirn in die geschäftsmäßigen Falten und rauschte davon. »Wie geht es Ihrem Herrn Vater?« fragte Helene. »Danke«, erwiderte Sophie, »es geht ihm viel besser; er ist heute schon wieder ein paar Stunden länger aufgeblieben. Aber, nun lesen Sie auch Ihren Brief, Helene; und dann machen Sie, daß Sie fertig werden.« »Sogleich«, sagte Helene, den Brief erbrechend; während Sophie weiter in den Noten las. Nach einigen Minuten blickte sie auf und sah Helenen den Brief in der herabhängenden Hand haltend, den Kopf in die andere gestützt, offenbar in tiefes Nachdenken versunken dasitzen. Die langen Wimpern verhüllten die strahlenden Augen, und die dunklen Brauen waren wie in Unwillen zusammengezogen. »Was ist Ihnen?« rief Sophie, das Notenbuch zuklappend und aufs Klavier legend. »Haben Sie schlimme Nachrichten erhalten?« »Nicht doch!« erwiderte Helene, die bei dem ersten Ton von Sophiens Stimme sich wieder zusammenraffte und zu lächeln versuchte. »Nicht doch! Mein Vater wird morgen kommen, das ist alles.« »Um hierzubleiben?« »Ja.« »Und – Sie, Helene?« »Ich dachte eben darüber nach. Mein Vater stellt es mir frei; indessen –« Das junge Mädchen schwieg, und derselbe halb nachdenkliche, halb trotzige Gesichtsausdruck von vorhin war wieder da. Sie schien die Anwesenheit Sophiens vergessen zu haben. Plötzlich fragte sie, die Blicke noch immer zu Boden senkend: »Würden Sie, wenn Sie beleidigt wären, jemals zuerst die Hand zur Versöhnung bieten?« Sophie wurde durch diese Frage, deren Sinn ihr nicht verborgen war, einigermaßen in Verlegenheit gesetzt. Helene hatte zu ihr niemals über ihre Angelegenheiten gesprochen, nicht einmal in Andeutungen. Sie wußte also – durfte also von alledem nichts wissen, und doch vertrug es sich schlecht mit Sophiens geradem Sinn und ihrer Freundschaft zu Helene, eine Unwissenheit und Teilnahmlosigkeit zu affektieren, die ihr fremd waren. »Es kommt darauf an«, antwortete sie nach einer kleinen Pause, »wie die Beleidigung war, und vor allem, wer der Beleidiger war.« »Wieso?« »Es gibt Beleidigungen, mein' ich, die es nur dadurch werden, daß wir ihnen diese Bedeutung unterlegen, und Beleidiger, die es niemals werden können – niemals werden sollten – ich meine, die uns so nahestehen, mit denen wir durch die Natur so eng verbunden sind, daß es unnatürlich sein würde, wenn –« »Sie uns haßten«. unterbrach Helene schnell Sophie. »Wenn nun aber doch dieser Fall einmal einträte; wenn nun aber doch sich haßte, was sich lieben sollte; sich verfolgte, befeindete, bekämpfte, was sich unterstützen, gegenseitig helfen und tragen sollte – wie dann?« Helene war aufgestanden; ihr Gesicht glühte; ihre Augen funkelten; ihre Hände ballten sich – das Bild eines Wesens, das des Kampfes froh ist und nur den Sieg oder Tod, aber nimmer Ergebung kennt. »Ich weiß es nicht«, erwiderte Sophie, sich zu einer Ruhe zwingend, die sie nicht besaß, »das weiß ich aber, daß ich für meine Person niemals in die Lage kommen könnte. Ich würde Bruder oder Schwester, und nun gar Vater oder Mutter, die, mir das Leben gaben, niemals hassen, möchte geschehen, was da wollte. Sind sie doch – ich selbst. Wie kann man sich selber hassen?« »Wissen Sie das wirklich so gewiß?« erwiderte Helene. »Woher wissen Sie es? Sie haben niemals weder Bruder noch Schwester gehabt, Ihre Mutter ist Ihnen so früh gestorben; Ihr Vater hat Sie, wie Sie mir selbst sagten, von jeher mit grenzenloser Liebe überschüttet; alle Welt hat Sie geliebt und geehrt – wie Sie es gewiß verdienen; diese alte strenge Dame selbst sieht in Ihnen, dem jungen Mädchen, das noch vor wenig Jahren ihre Schülerin war, heute schon eine ebenbürtige Freundin – aber ich – ich habe andere – doch wir verplaudern die Zeit und noch dazu über recht sonderbare Dinge. Eilen wir, daß wir an Ihren Flügel kommen.« Es war nicht das erste Mal. daß Helene einem Gespräch, das vertraulich zu werden drohte, plötzlich eine gleichgültige Wendung gegeben hatte. Sophie mußte sich darein fügen, obgleich ihr dieser Mangel an Vertrauen weh tat, um so mehr, als sie fühlte, wie einsam Helene dastand, wie ganz nur auf sich angewiesen, und welche Wohltat es für sie gewesen sein würde, hätte sie ihr übervolles Herz in das teilnehmende Herz einer wahren Freundin ausschütten können. Sie fühlte sich deshalb auch diesmal nicht durch Helenens stolze Schweigsamkeit beleidigt, im Gegenteil! Sie war mehr als je entschlossen, sich in Helenens Vertrauen lieber hineinzustehlen und hineinzuschmeicheln, als Stolz mit Stolz, und Schweigsamkeit mit Schweigsamkeit zu erwidern. Die jungen Damen, nachdem sie bei Sophie angelangt waren, hatten fast ohne Unterbrechung musiziert, bis es in dem zu ebener Erde gelegenen tiefen Zimmer zu dunkeln begann. Sie hörten auf, weil sie nicht mehr gut sehen konnten, und gingen nun Arm in Arm im Gemache auf und ab, während die Musik noch in ihren Seelen nachzitterte und selbst Helenens stolzes Herz milder und weicher fühlte. Es war vor allem ein neues, von einem jüngeren Meister komponiertes Lied gewesen, das sie in schmerzlich süßer Weise an ihren toten Liebling erinnert hatte. Noch klangen ihr die traurig klagenden Worte mit der traurig klagenden Melodie im Ohr: »Und soll ich sterben so frisch und jung, Ade dann, du goldener Sonnenschein, Und Mondenschimmer und Sternenlicht, Und ade, schwarzäugiges Mägdelein. Ich hab' euch ja so geliebt, Und soll nun sterben so jung!« Sie dachte an die Nacht, als Baron Oldenburg sie mitten aus der Reihe der Tanzenden heraus an Brunos Sterbebett holte; sie sah bei ihrem Eintritt das Auge des Knaben dunkel aufflammen in dem totenblassen Gesicht. »Und soll nun sterben so jung!« murmelte sie, wie wenn sie mit sich selbst spräche. »Es scheint dies Lied auf Sie einen ebensogroßen Eindruck zu machen wie auf den Doktor Stein«, sagte Sophie. »Auf wen?« rief Helene, jäh aus ihrer Träumerei erwachend. »Auf den Doktor Stein«, wiederholte Sophie so ruhig, als hätte sie sich nie Gedanken gemacht über das Verhältnis, das möglicherweise zwischen Oswald und Helene stattfand. »Wann haben Sie ihn gesehen?« fragte Helene wieder in ihrer ruhig vornehmen Weise. »Gestern abend, hier, zum erstenmal. Er war schon zwei Tage in der Stadt, ohne Franz gesprochen zu haben. Gestern traf Franz ihn zufällig auf der Straße und brachte ihn mit. Sonst hätten wir wohl noch länger auf seine Visite warten können.« »Weshalb das?« »Nun, er sah gerade nicht so aus, als ob ihm der Besuch besonderes Vergnügen mache. Indessen kann ich darüber weniger urteilen, da ich ihn gestern zum ersten Male in meinem Leben sah. Mir schien es, offen gestanden, als ob ihm überhaupt nichts auf Erden Vergnügen machen könnte. Franz sagt, das sei durchaus nicht der Fall, fand aber selbst, daß Herr Stein sich in der kurzen Zeit, wo sie sich nicht gesehen, merkwürdig verändert habe. Wie war er denn, solange Sie ihn kannten?« Sophie glaubte zu fühlen, daß Helenens Herz, als sie diese Frage möglichst unbefangen tat, höher schlug. Doch war von dieser Erregung nichts in dem Ton zu merken, mit dem sie antwortete: »Ich habe Herrn Stein selten oder nie anders als in Gesellschaft gesehen, und Sie wissen, da hat man wenig Gelegenheit, die Menschen zu sehen, wie sie wirklich sind. Er schien meistens ernst, fast traurig, sehr reserviert und verschlossen, besonders in den letzten Wochen. Doch mochten dazu auch die in meiner Familie herrschenden Verhältnisse nicht wenig beitragen. Wie war er denn gestern?« »Es ist das schwer zu beschreiben für jemand, der, wie ich, kein großer Psycholog ist«, antwortete Sophie, entschlossen, auf jeden Fall, auch wenn sie Helene verletzen sollte, die Wahrheit zu sagen. »Er schien mir lustig, ja ausgelassen, aber nicht heiter; gesprächig, aber nicht mitteilsam; witzig, aber nicht unterhaltend; mit einem Wort, eine lebendige Vereinigung von lauter Gegensätzen, die auf mich, die ich das leicht Verständliche, Klare, Einfache liebe, offen gestanden, einen peinlichen Eindruck gemacht hat. Besonders mißfiel es mir, wie er über seinen Beruf und über seine hiesigen Verhältnisse sprach. Er schien alles nur wie ein leeres Spiel zu betrachten. Er schilderte eine Gesellschaft, die er bei Direktor Klemens mitgemacht, und schüttete eine wahre Flut von Hohn und Sarkasmus über die armen Menschen aus. Er beschrieb seine feierliche Einführung in die Schule, die gerade an demselben Morgen stattgefunden hatte, und stellte das Ganze wie eine Szene auf einem Puppentheater dar. Franz hatte mir gesagt, daß er etwas Faustisches in seinem Wesen habe; mir ist er wie ein rechter Mephisto vorgekommen. Auch fand ich ihn nicht so schön, wie Franz ihn mir geschildert hatte. Er sah bleich und verfallen aus, als wäre er krank oder hätte mehrere Nächte nicht geschlafen. Ich mußte wahrlich an das: Es steht ihm an der Stirn geschrieben, daß er nicht mag eine Seele lieben, oder wie es heißt, denken.« »Da muß er sich allerdings sehr verändert haben«, sagte Helene. Der Ton, in dem das junge Mädchen diese Worte sprach, war so traurig. Es tat Sophie leid, daß sie sich von der geheimen Antipathie, die sie gegen Oswald empfand, noch mehr vielleicht aber von dem Wunsche, Helene durch lebhaften Widerspruch zu reizen, und sie so gleichsam für ihre Verschlossenheit zu bestrafen, hatte hinreißen lassen. »Doch soll dies«, sagte sie einlenkend, »nicht etwa mein endgültiges Urteil über Oswald Stein sein; es ist nur eben ein erster Eindruck. Wenn ich ihn öfter sehe, werde ich wohl anders über ihn denken. Ich glaube sogar, daß bei mir ein wenig Eifersucht mit unterläuft. Franz machte so gar viel aus ihm, und Sie wissen, wir Bräute sind in dieser Beziehung ein wenig engherzig. – Da fällt mir übrigens ein, daß er jeden Augenblick kommen kann«, rief sie, sich selbst unterbrechend. »Wer?« fragte Helene, »Oswald?« »Ich hatte es wahrhaftig ganz vergessen. Ich gedankenloses Mädchen!« »Was ist es denn?« »Stein und Franz hatten sich für heute verabredet. Und Franz ist gleich nach Tisch für meinen Vater aufs Land gefahren. Ich sollte Stein absagen lassen! Ob's wohl noch Zeit ist?« »Es ist halb sechs«, sagte Helene, ans Fenster tretend, und nach der Uhr sehend. »Es ist beinahe dunkel geworden; ich muß machen, daß ich nach Haus komme.« In diesem Augenblick wurde an die Tür gepocht. »Er ist es«, riefen die beiden jungen Damen, zusammenschreckend wie ein paar Rehe, wenn im Walde ein Schuß fällt. Das Pochen wiederholte sich. »Was sollen wir tun?« flüsterte Helene, die ihre ganze Selbstbeherrschung verloren zu haben schien. »Offenbar Herein sagen! Was sonst«, erwiderte Sophie, unwillkürlich lachend. »Herein!« In dem Halbdunkel, das in dem Gemach herrschte, mochte es dem Eintretenden nicht möglich sein, die darin Befindlichen zu erkennen. Er blieb wie zaudernd an der Tür stehen. »Nur näher, Herr Doktor«, sagte Sophie, Helenens Hand festhaltend. »Ich bitte um Entschuldigung, daß ich Sie im Dunkeln empfange, aber es soll gleich hell werden.« Oswald war bei diesen Worten herangetreten und hatte sich vor den Damen verbeugt. Offenbar hatte er Helene, die dem Fenster abgewandt stand, noch nicht erkannt. »Ich habe um Entschuldigung zu bitten«, sagte er, »denn ich habe die Damen ohne Zweifel gestört. Aber da ich niemand auf dem Vorsaale fand –« Er schwieg plötzlich; das Blut schoß ihm zum Herzen. Ein Schauder überrieselte ihn. War die stumme Gestalt neben Fräulein Robran nicht Helene? Dieser Kopf, dessen schöne Umrisse er so oft andächtig bewundert hatte – sie mußte es sein. Er hörte kaum noch, daß Sophie sagte: »Sie erkennen wohl Fräulein von Grenwitz gar nicht? Ich will nur selbst gehen, uns Licht zu besorgen«, er hörte nur die Tür sich hinter Fräulein Robran schließen; er wußte nur, daß er mit ihr allein war. Er kniete vor ihr nieder und preßte ihre Hand an die Lippen. Die Überraschung und die Dunkelheit begünstigten Oswalds Kühnheit. Helene zitterte so heftig, daß sie alles geschehen lassen mußte und nur noch eben die Kraft hatte zu sagen: »Um Gottes willen, Oswald – stehen Sie auf! Ich bitte Sie, stehen Sie auf!« Es war die höchste Zeit; denn schon kam Sophie zurück, gefolgt von dem Diener, der eine Lampe trug. Oswald gelang es, seiner Bewegung Herr zu werden; Helene dagegen wandte sich unter dem Vorwande, daß sie der plötzliche Lichtschein blende, nach dem Fenster und blickte, während Sophie Franz' Abwesenheit erklärte, auf die Straße. »Dann will ich die Damen keinen Augenblick länger durch meine Gegenwart um den Genuß einer traulichen Unterhaltung bringen«, sagte Oswald, sich zum Abschied verbeugend. »Ei, Herr Doktor«, erwiderte Sophie munter, »sind Sie ein solcher Feind von traulichen Unterhaltungen, daß Sie durch Ihre Gegenwart dergleichen unmöglich machen? Setzen Sie sich lieber, und strafen Sie meinen Franz nicht Lügen, der Sie den unterhaltendsten Gesellschafter nennt. Kommen Sie, Helene, nehmen Sie hier am Kamine Platz. Fräulein Bär wird sich die Augen nicht ausweinen, wenn Sie auch etwas länger ausbleiben.« Oswald war im Begriff gewesen, den ihm angebotenen Platz anzunehmen; als er indessen hörte, daß Helene möglicherweise nicht bleiben würde, begnügte er sich, Sophiens Aufforderung vorläufig mit einer stummen Verbeugung zu erwidern. »Ich danke, liebe Sophie«, sagte Helene, sich aus dem Fenster umwendend, »aber ich muß in der Tat fort – ein andermal.« Sie hatte scheinbar ihre gewöhnliche Ruhe wiedergewonnen; nur ein scharfer Beobachter hätte vielleicht in dem etwas lebhafteren Rot der schönen Wangen die letzte Spur einer vorangegangenen Erregung und in den gesenkten Augenlidern die Absicht bemerkt, sie vor den Blicken der anderen zu verbergen. Oswald, der nach einem Mittel ausspähte, Helene noch ein paar Augenblicke zu halten, sah den Flügel geöffnet und Notenblätter aufgeschlagen. »Oh, bitte, bitte, mein gnädiges Fräulein«, sagte er, »wenn Sie noch eine Minute Zeit haben, singen Sie dies Lied! Es verdient, von Ihnen gesungen zu werden.« »Wir sind es schon vorhin durchgegangen«, sagte Sophie, »es ist in der Tat schön, und Fräulein von Grenwitz singt es vortrefflich. Wollen Sie, liebe Helene?« Sie hatte schon, Helenens Einwilligung für selbstverständlich haltend, sich an den Flügel gesetzt und blickte jetzt, ein paar präludierende Akkorde greifend, erwartend auf Helene. So sah sich diese genötigt, ihren Hut, den sie schon in der Hand hatte, wieder hinzulegen und an den Flügel zu treten. Oswald stand in der Entfernung von wenigen Schritten an das Gesims des Kamins gelehnt, die Blicke unverwandt auf die beiden schlanken Mädchengestalten gerichtet, in diesem Augenblick zweifelnd, welche von den beiden Erscheinungen – nicht die schönere, denn das war unbestritten Helene – aber die interessantere war. Helene kam ihm beinahe fremd vor; er mußte sich ordentlich erst in ihre Schönheit wieder hineinleben, und doch machte sie nicht mehr den überwältigenden Eindruck von ehemals. Er glaubte, es sei die ungewohnte Umgebung, die fesselnde Erscheinung Sophies, die ihn in seiner Andacht störe – er wußte nicht, daß seit der Zeit, wo er Helene zuletzt gesehen hatte, der Spiegel seines Geistes trüber geworden und nicht mehr imstande war, ein reines Bild auch rein zurückzuwerfen. – Vergebens suchte er einen Blick Helenens zu erhaschen. Wenn Sophie, in ihre vielgeliebte Musik vertieft, seine Anwesenheit wirklich vergessen hatte, so schien es zum mindesten mit Helene nicht anders zu sein. Sie hob die Augen nicht einmal von den Notenblättern auf. Oswald freute sich dessen. Er schloß daraus, daß seine stürmische Begrüßung von vorhin, wenn auch vergeben, so doch nicht vergessen war. Man war von einem Lied ins zweite und vom zweiten ins dritte und vierte gekommen. Plötzlich aber erklärte Helene, nun nach Hause gehen zu müssen. Oswald, der nicht anders glaubte, als daß eine Dienerin aus der Pension draußen warte, sann eben darüber nach, wie er seine Bitte, sie begleiten zu dürfen, am schicklichsten einkleiden könne, als ihn Sophiens Frage: »Aber werden Sie denn noch allein gehen können?« dieser Mühe erhob. Was war natürlicher, als daß er mit einer höflichen Verbeugung Fräulein von Grenwitz seine Begleitung anbot, und Fräulein von Grenwitz mit einer kaum merklichen Neigung des stolzen Hauptes sie annahm. Sophie nestelte eben der jungen Dame den Sammetmantel zu und band ihr noch ein weißes Tüchelchen um den Hals, »auf daß Ihrer Stimme kein Schaden geschieht, liebe Helene!« Oswald stand mit dem Hut in der Hand daneben, als die Tür, ohne daß man ein Klopfen gehört hätte, sich öffnete und Herr Bemperlein rasch ins Zimmer trat. Oswald, der mit dem Rücken nach der Tür zu stand, wurde Bemperleins erst gewahr, als er sich auf Sophiens Gruß: »Guten Tag, Bemperchen!« nach dem Kommenden umwandte. In demselben Moment erkannte auch Herr Bemperlein Oswald. Sie hatten sich seit jener Nacht, wo Bemperlein Melitta nach Fichtenau abzuholen kam und die Liebenden im Park überraschte, nicht wieder gesehen. Sie waren damals in herzlicher Freundschaft geschieden; und heute, als sie sich nach Monaten wiedersahen, streckte keiner dem andern die Hand entgegen, lächelte keiner dem anderen freundlich zu, begrüßte keiner den andern mit einem herzlichen Wort. Ihr ganzes Willkommen bestand aus einer förmlichen Verbeugung und einigen nichtssagenden Phrasen, so daß Sophie, welche bis jetzt geglaubt hatte, daß Bemperlein und Oswald auf dem besten Fuße ständen, nicht wenig verwundert war und nicht recht wußte, wie sie sich in diesem ganz unvorhergesehenen Fall benehmen sollte. Indessen dauerte diese peinliche Situation nicht lange, denn Sophie hatte kaum Herrn Bemperlein Fräulein von Grenwitz vorgestellt, die, wenn sie sich wirklich des in früheren Jahren häufiger gesehenen Hauslehrers auf Berkow erinnerte, jedenfalls nicht für gut fand, dieser Erinnerung Worte zu leihen, als Helene und Oswald das Zimmer verließen. Sophie begleitete sie noch zur Tür hinaus, während Bemperlein, die Hände auf dem Rücken, die Augen starr auf den Boden geheftet, an dem Kamin stehenblieb. Es war beinahe Nacht, als Helene und Oswald auf die schlecht erleuchtete Straße traten. »Welchen Weg nehmen wir?« fragte Oswald. »Ich denke, es gibt nur einen.« »Nicht doch; wir können auch über den Wall gehen. Der Weg ist näher, und es geht sich angenehmer dort als auf dem schlechten Steinpflaster.« »Wie Sie wollen.« »Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten?« Es war das erste Mal, daß Oswald Gelegenheit hatte, Helenen zu führen. Er beeilte sich nicht, das Vergnügen, Arm in Arm mit dem geliebten Mädchen durch die Nacht zu wandern, abzukürzen. Der Weg, den er vorgeschlagen, war nicht nur der bei weitem längere, sondern auch der bei weitem dunklere. Er führte zwischen der Stadtmauer und dem Festungswalle hin – eine angenehme Promenade im Sommer und bei Tage; aber jetzt an einem finsteren Herbstabend wenig empfehlenswert. »Es ist doch dunkler, als ich gedacht«, sagte Oswald, als sie aus dem dumpfigen Stadtmauertor, wo die letzte Laterne brannte, auf den Wall gekommen waren, »sollen wir lieber wieder umkehren?« »Meinethalben nicht; ich gehe ganz gern so.« »Hüllen Sie sich wenigstens recht fest in Ihren Mantel; der Wind weht scharf vom Meer herüber, und die Luft ist feucht und kalt.« Sie gingen einige Minuten schweigend. Das trockene Laub der Bäume, mit denen die Promenade besetzt war, raschelte unter ihren Füßen; klagende Töne strichen durch die Luft. »Wie mag es jetzt im Grenwitzer Park aussehen?« fragte Oswald. »Das dachte ich eben auch«, erwiderte Helene. »Ich möchte, ich könnte in diesem Augenblicke dort sein.« »Was wollten Sie da?« »Ich wollte in den wohlbekannten Gängen, zwischen den Taxushecken unten im Garten, unter den Buchen oben auf dem Wall umherschweifen und mich mit der Mondessichel, die durch die Wolken schwankt, und mit dem Nachtwind, der durch die Bäume und um das Schloß rauscht, unterhalten von seligen Stunden, die nicht mehr sind und nimmer wiederkehren können.« »So denken Sie gern an Grenwitz zurück?« »Sollte ich es nicht? Habe ich doch die glücklichsten Tage meines freudelosen Daseins dort verlebt! Was kümmern mich jetzt die Bitternisse, die in diesen Kelch berauschender Süßigkeit gemischt waren? Ich weiß von ihnen nichts mehr. Mir ist, als hätte ich damals zum ersten und letzten Male in meinem Leben wahrhaft gelebt, und als sei ich gestorben mit den Blumen auf den Beeten und mit dem Sonnenschein, der des Morgens durch die taufrischen Zweige spielte und bunte Schatten auf den Weg streute. Wohl ihm, dessen Leben wirklich mit jenem köstlichen Sommer zu Ende war!« »Wohl ihm!« flüsterte Helene. »Ja, wohl ihm! Er hat eine Stunde lang in dem Anschauen dessen geschwelgt, was ihm das Schönste, das Herrlichste war, und ist dann dahingeschwunden wie ein rosiger Morgenduft vor den Strahlen der vielgeliebten Sonne. Er hat sie nicht zu kosten gebraucht, die schwüle Hitze und den erdrückenden Staub des Mittags. Er hat sich nicht vor dem scharfen Wind des Abends schaudernd zu verhüllen brauchen, er hat die schöne bunte Welt nicht in öde Nacht versinken sehen. – Verzeihen Sie mir, mein gnädiges Fräulein; es ist heute abend schon das zweite Mal, daß ich mich von der Erinnerung an meinen toten Liebling fortreißen lasse. Aber ich kann Ihnen nicht sagen, wie wunderbar Ihr Anblick und Ihre Nähe sein Andenken in mir wachrufen. Die vernarbten Wunden fangen wieder an zu bluten; die trockenen Augen wieder an zu tropfen.« »Geht es mir denn anders?« sagte Helene, und ihre Stimme zitterte. »So haben Sie ihn auch geliebt? Aber nein, das wollte ich nicht fragen. Wie hätten Sie ihn nicht lieben sollen, der so schön, so tapfer, so gut war, so hinreißend liebenswürdig, und der Sie so liebte, so unsäglich liebte! Oh, Fräulein von Grenwitz, wissen Sie denn wohl, wie sehr er Sie geliebt hat? Wissen Sie, daß er Sie bis in den Tod, daß er Sie mehr als sein Leben geliebt hat?« »Ich weiß es!« sagte Helene leise. »Mehr als sein Leben«, fuhr Oswald leidenschaftlich fort, »über den Tod hinaus. Es war an dem letzten Tage, wenige Stunden vor seinem Tode, als er mir ein Medaillon zeigte mit einer Locke von Ihrem Haar, das er auf der Brust trug, und mich bat, es ihm ins Grab zu geben. Ich habe ihm seinen Wunsch nicht erfüllen können. Sie erinnern sich, daß ich am nächsten Morgen schon das Schloß verließ, ohne zu wissen, ob – ich jemals wieder den Fuß über die Schwelle würde setzen, ob ich den teuren Toten bis zum letzten Augenblicke würde bewachen dürfen. Der Gedanke war mir entsetzlich, daß jenes Kleinod in profane Hände kommen könnte, ich nahm es daher mit der Absicht, es Ihnen, die Sie den einzig rechtmäßigen Anspruch darauf haben, zurückzustellen. Ich habe es stets – ich habe es noch in meinem Gewahrsam. Wann, befehlen Sie, daß ich es Ihnen zusende?« Sie hatten das Festungstor passiert und gingen in der Vorstadtstraße unter den hohen sausenden Pappeln. Bei dem ungewissen Licht des Mondes, der eben aus den treibenden Wolken hervorlugte, suchte Oswald in Helenens Gesicht zu lesen. Es schien ihm bleich und heftig erregt. Ihr Arm lehnte sich fester auf seinen Arm, als sie nach einer Pause antwortete: »Ist Ihnen das Medaillon sehr lieb?« »Das können Sie fragen?« »Nein, nein! Verkennen Sie mich nicht – ich bin nicht undankbar, bin gegen Liebe und Freundschaft nicht unempfindlich. Behalten Sie das Medaillon! Behalten Sie's zur Erinnerung an Ihren, an unsern Liebling.« »Nur zur Erinnerung an ihn? Es ist Ihr Haar, Fräulein Helene! – Nur zur Erinnerung an ihn?« »Und – an mich!« Oswald nahm die Hand, die auf seinem Arm ruhte und führte sie an seine Lippen. »Ich habe nichts getan, wodurch ich so große Huld und Gnade verdient hätte; aber freilich, wäre Gnade denn noch Gnade, wenn man sie verdienen könnte?« »Sie wollen mich durch Ihre Bescheidenheit erdrücken. Sie wollen, daß ich Ihnen danken soll für alle Ihre Güte, wie ich Ihnen danken müßte und doch nicht danken kann. Sie sind immer gut gegen mich gewesen; Sie haben zu mir gestanden, als ich selbst von meinen nächsten Verwandten angefeindet wurde, und noch zuletzt –« »Habe ich nichts getan, was ich nicht jeden Augenblick mit Gefahr meines Lebens wieder tun würde. – Doch hier sind wir an Fräulein Bärs Haus. Ist die Gittertür verschlossen?« »Nein.« Sie gingen durch den kleinen Garten bis zur Haustür. Oswald schellte. »Werde ich Sie wiedersehen?« »Ich komme öfter zu Robrans.« Die Tür wurde von innen aufgeriegelt. »Gute Nacht.« »Gute Nacht.« Die Tür wurde aufgeschlossen. »Auf Wiedersehen!« flüsterte Oswald, noch einen Kuß auf Helenens Hand drückend. »Auf Wiedersehen!« flüsterte Helene. Im nächsten Augenblick war sie im Hause verschwunden. Ohne recht zu wissen wie, war Oswald in die Stadt zurückgekommen. Wo die Marktstraße auf den Markt mündet, in dem großen Eckhause waren die Fenster hell erleuchtet; Wagen auf Wagen rollte vor die Tür; geputzte Damen und Herren stiegen aus und verschwanden im Portale. Als Oswald, dicht an den Häusern hinschreitend, in unmittelbarster Nähe der Tür angekommen war, fuhr eben wieder ein Wagen vor. Der Kutscher parierte die feurigen Pferde zu gewaltsam, und der Bediente, der eben im Begriff stand, vom Bock zu springen, wurde unsanft auf die Erde geschleudert. Er raffte sich sogleich wieder auf, aber der Schmerz mußte gar groß sein; er blieb wie betäubt stehen. Oswald; der eine einzelne Dame im Coupé bemerkt hatte, die schon, des Öffnens der Tür harrend, aufgestanden war, griff nach dem Drücker, öffnete, und die Dame, ihre kleine weißbehandschuhte Hand ahnungslos auf seinen Arm legend, schwebte in einer Wolke von Musselin und Spitzen herab. In diesem Augenblick, wo das Licht aus dem Portale hell auf beide fiel, stieß die Dame einen leisen Schrei aus, Oswald mit großen Augen anstarrend. Eine glühende Röte ergoß sich über ihr Gesicht. Ihre Augen flammten auf – es mochte unentschieden bleiben, ob in Liebe oder Haß. Ihre Lippen zuckten – augenscheinlich hatte die plötzliche Überraschung sie gänzlich überwältigt. Der Bediente, der mit dem Hut in der Hand herangehinkt kam, löste den Zauber. »Verzeihen Sie, gnädige Frau –«, begann der Mann. Über Oswalds Gesicht zuckte ein spöttisches Lächeln. »Ich gratuliere, gnädige Frau«, sagte er leise, ihr die Hand bietend, sie die Stufen hinaufzuführen. Oswald fühlte, daß die schlanken Finger sich sehr fest in die seinen legten. »Sie haben es ja gewollt«, flüsterte sie, und jetzt war es entschieden, daß die großen, grauen Augen nicht Haß, sondern Liebe blickten. »Besten Dank! Lassen Sie sich doch einmal bei mir sehen. Ich garantiere, daß Cloten Sie freundlich empfangen wird.« Sie waren auf der letzten Treppenstufe angelangt. Oswald verbeugte sich. »Also auf Wiedersehen, Herr Doktor?« »Auf Wiedersehen!« Die junge Dame rauschte in das Portal. Oswald stieg die Stufen hinab, an dem lahmen Bedienten vorüber, der, sich noch immer die Knie reibend, seinen improvisierten Kollegen verwundert anblickte. »Emilie von Breesen«, murmelte Oswald, indem er weiterschritt, »die reizende Emilie – Frau von Cloten? Und bloß, weil ich es gewollt? Und wenn ich es nun nicht will, nicht länger will? Was dann?« Einundzwanzigstes Kapitel In den nächsten acht Tagen waren die letzten Krähen aus den Wäldern in die Stadt gekommen und hatten ihre Winterquartiere in den Kirchtürmen bezogen; auch behauptete man in gut unterrichteten Kreisen, daß von den adeligen Familien, die den Winter in Sundin zu residieren pflegten, keine von einiger Bedeutung mehr draußen sei. Das regere Leben, das auf einmal in der sonst so stillen Stadt sich bemerklich machte, bewies das zur Genüge. In dem Theater waren jetzt die Proszeniumslogen, die ausschließlich für den Adel reserviert waren, stets gefüllt. Des Nachts wurden die guten Bürger von Sundin durch das Rollen schnell fahrender Karossen aus ihrem ersten Schlaf aufgeschreckt, und zwölf Stunden später donnerten dieselben Karossen abermals durch die Straßen, da die nächtlichen Ruhestörer um diese Zeit ausgeschlafen hatten und das Bedürfnis fühlten, einander nach so langer Zeit wiederzusehen und ihre Ansichten über die interessanten Ereignisse der letzten Ballnacht gegenseitig auszutauschen; wie oft der junge Graf Grieben mit dem jüngsten Fräulein von Nadelitz getanzt und welch sonderbaren Kopfputz die alte Baroneß Renzien aufgehabt habe. Gestern war bei Griebens großer Ball gewesen; auf morgen hatten Grenwitzens zu einer Soiree – der ersten, die sie in dieser Saison gaben – eingeladen. Da die Etikette erforderte, daß man sich nach einer Gesellschaft und ebenso vor einer Gesellschaft nach dem Befinden der betreffenden Gastgeber erkundigte, so mußten heute bei Griebens und bei Grenwitzens Visiten gemacht werden. Das Rollen der Wagen wollte deshalb heute mittag kein Ende nehmen. Wenn Besuche in größerer Zahl zu erwarten standen, waren im Hotel Grenwitz die sonst verschlossenen Empfangszimmer nach vorn heraus geöffnet. So auch heute. Ein Dutzend Visiten waren schon abgefertigt, ein anderes Dutzend wurde noch erwartet. Es befand sich augenblicklich niemand im Salon als die Baronin und der Baron. Sie hatten eben die Frau von Nadelitz mit ihren drei Töchtern unter Lächeln und Scherzen zum Salon hinauskomplimentiert; aber die Tür hatte sich kaum hinter jenen Damen geschlossen, als der alte Herr sich mit der Miene äußerster Verdrossenheit in einen Lehnstuhl fallen ließ und Anna-Maria sich ihm gegenüber auf das Sofa setzte mit einem Gesicht, von dem jede leiseste Spur von Lächeln hinter Wolken tiefsten Unmuts verschwunden war. Augenscheinlich hatte, ehe der Besuch kam, zwischen ihnen eine unerquickliche Szene stattgefunden, und es handelte sich jetzt darum, wer von beiden zuerst den unterbrochenen Dialog wieder aufnehmen würde. Diesmal war es gegen die Gewohnheit, daß der alte Herr, der mit nervöser Erregung aus seiner goldenen Tabaksdose eine Prise nahm, den Deckel zuklappte, und sagte, als ob ihm Anna-Maria eben jetzt und nicht bereits vor einer halben Stunde das Stichwort gebracht hätte: »Bleiben? Es muß doch alles einmal ein Ende nehmen – wir können doch Helene nicht für ewig bei Fräulein Bär lassen.« »Ich bin es nicht gewohnt«, erwiderte Anna-Maria, ihre Stickerei zur Hand nehmend, »heute so zu sprechen und morgen so. Andere Leute mögen anders darüber denken. Wir würden uns vor aller Welt lächerlich machen, wenn wir Helene nach vier Wochen wieder ins Haus nähmen.« »Es sind beinahe sechs Wochen«, brummte der Baron. »Vier oder sechs, das bleibt sich gleich.« »Für mich nicht; ich bin ein alter Mann, ich kann morgen sterben.« »Das sagst du schon seit zehn Jahren.« »Wenn ich es seit zehn Jahren sage«, erwiderte der Baron mit vor Aufregung zitternder Stimme, »so ist es, weil ich mich seit zehn Jahren noch keinen Tag gesund gefühlt habe. Und einmal wird doch der Morgen kommen, wo ich nicht mehr bin, und deshalb möchte ich meine Tochter so bald als möglich wieder um mich haben.« »Nach deinem Sohn fragst du nichts; ob Malte krank oder gesund ist, das kümmert dich nicht. Und doch ist es Malte, auf dem alle unsere Hoffnungen ruhen. Du solltest Gott danken, daß du einen Sohn hast, auf den das Majorat forterben kann; statt dessen ist es Helene und immer wieder Helene, um die sich bei dir alles dreht.« »Ich danke Gott, daß ich einen Sohn habe, und danke dir, daß du mir einen Sohn geboren hast, nicht aber deshalb, weil er mein Erbe, sondern weil er mein Fleisch und Blut ist, das ich lieben kann wie meine Tochter auch. Was das Majorat anbetrifft, so kennst du meine Ansicht darüber seit langer Zeit. Ich verabscheue ein Institut, das nur dazu dient, Zwietracht in der Familie zu säen.« Der Baron nahm abermals eine Prise, augenscheinlich in der Absicht, sich zu beruhigen. Doch schien das Mittel diesmal die entgegengesetzte Wirkung zu haben, denn er fuhr nach dieser Unterbrechung mit noch größerer Erregtheit fort. »Weshalb hast du deine Tochter durchaus an Felix verheiraten wollen? Weil Felix möglicherweise einmal Majoratsherr wird! Weshalb protegierst du Felix? Weil er möglicherweise einmal Majoratsherr wird! Weshalb muß ich Felix um mich sehen, den ich nicht leiden kann und meine Tochter entbehren, die ich liebe? Weil Felix möglicherweise Majoratsherr wird.« »Wiederhole dich nicht so oft, lieber Grenwitz«, sagte Anna-Maria mit einer Ruhe, die mit den roten Flecken auf ihren Wangen und dem stechenden Blick ihrer großen grauen Augen nicht recht harmonierte, »und ereifere dich überhaupt nicht ganz unnötigerweise so sehr; du wirst deinen Husten wieder bekommen. Da kannst, Gott sei Dank, nichts daran ändern. Was aber mich anbetrifft, so erlaube, daß ich anders darüber denke und daß ich nach dieser Seite hin tue, was ich für meine Pflicht halte. Wenn du gegen deine Kinder keine Pflichten hast, ich habe welche. Wenn du deine Tochter womöglich dem ersten besten Abenteurer gäbst, der sie haben will, oder den sie haben will – du brauchst nicht ungeduldig mit deinem kranken Fuß zu stampfen und du wirst deinen Tabak auf den Teppich schütten, wenn du so heftig mit der Dose auf die Lehne klopfst –, ich sage, wenn dir es gleichgültig ist, wen Helene heiratet, mir ist es nicht gleich. Ich habe die Heirat mit Felix befürwortet, nicht aus Eigensinn, den ich andern überlasse, sondern weil ich die Heirat für eine gute Partie hielt, für die beste, die ein Mädchen ohne Vermögen machen kann. Wie wenig eigensinnig ich bin, kannst du schon daraus sehen, daß ich seit Felix' Unfall und seit der Doktor ihn für schwindsüchtig hält, durchaus nicht mehr so sehr für die Heirat bin. Im Gegenteil, sobald es sich als sicher herausgestellt haben sollte, daß Felix nur noch kurze Zeit zu leben hat, so werde ich die erste sein, die ihn fallenläßt, um so mehr, als von ihm nur Schulden zu erben sind.« Der alte Herr schien durch diesen kaltblütigen Egoismus nichts weniger als angenehm berührt. Er hatte, wie schon oft in der letzten Zeit, ein dunkles Gefühl davon, daß seine Gattin eigentlich ein sehr schlechtes Herz habe, und er seufzte tief. »Sei wenigstens gut gegen sie, wenn sie heute morgen uns zu besuchen kommt«, sagte er plötzlich, nachdem er einige Minuten in dumpfem Brüten dagesessen hatte. »Ich habe noch stets gewußt, was ich zu tun habe«, antwortete die Baronin, von ihrer Arbeit aufblickend und die Augenbrauen in die Höhe ziehend, »ich werde es auch in diesem Falle wissen.« Der Baron war durch diese Versicherung innerlich keineswegs beruhigt. Aber bevor er für seine Bedenken die rechten Worte gefunden hatte, öffnete der Bediente die Tür und meldete: »Herr und Frau von Barnewitz.« »Haben wir endlich das Vergnügen?« sagte Anna-Maria, mit dem huldvollen Lächeln, das sie für solche Gelegenheiten stets bereit hatte, den Eintretenden ein paar Schritte entgegengehend. »Ganz auf unserer Seite, gnäd'ge Frau!« rief der Fuchsjäger, der Baronin die magere Hand küssend. »Ganz auf unserer Seite. Konnten, bei Gott, nicht früher. Gestern mittag angekommen; gestern abend bei Griebens. Schade, daß Sie nicht da waren; famos, sage ich Ihnen, beinahe so gut amüsiert wie auf der letzten Treibjagd. Meine Frau hat sich ennuyiert; hatte keinen rechten Anlauf. Leute ennuyieren sich immer, wenn sie keinen Anlauf haben.« »Sie müssen Karls Ausdrucksweise entschuldigen«, sagte Hortense, bei der Baronin auf dem Sofa Platz nehmend, »er hat in den letzten sechs Wochen fast ausschließlich mit seinen Reitknechten und Förstern verkehrt.« »Und mit dir, mein Schatz, nicht zu vergessen!« rief Herr von Barnewitz, überlaut lachend. »Na, Hortense, brauchst nicht so bös zu werden. Ein Scherz muß unter Eheleuten erlaubt sein.« »Wie sieht es denn bei uns aus?« fragte Anna-Maria, der Unterhaltung eine andre Wendung zu geben. »Oh, es geht«, sagte Herr von Barnewitz. »Das Winterkorn steht im allgemeinen gut; stellenweise haben die Mäuse Schaden getan. Der Sommer war gar zu heiß. Ich denke, daß die Nässe sie jetzt ein bißchen mürbe machen wird. Apropos Nässe, Grenwitz! Wir müssen die Grabenangelegenheit endlich einmal regulieren. Wir ersaufen sonst, bei Gott, gelegentlich noch alle miteinander. Ich habe vor einigen Tagen auch mit Oldenburg gesprochen. Er gehört durch sein Vorwerk Cona mit zu unserer Feldmark. Er war auch der Meinung, daß die Sache womöglich noch in diesem Herbst in Angriff genommen werden müßte.« »Ei, seit wann bekümmert sich denn der Baron um die Landwirtschaft? Das ist ja ganz was Neues«, sagte Anna-Maria. »Ganz was Neues, gnäd'ge Frau«, bestätigte Herr von Barnewitz, »das Allerneueste, seitdem er von seiner letzten Reise zurück ist, also ungefähr seit vierzehn Tagen. Ich glaube, er schnappt nächstens über.« »Oder heiratet Ihre Cousine Melitta«, sagte die Baronin lächelnd. »Sollte das nicht auf dasselbe herauskommen?« warf Hortense dazwischen. »Aber, liebe Hortense, wer wird so satirisch sein!« sagte die Baronin, der spottsüchtigen Blondine schalkhaft mit dem Zeigefinger drohend. »Bist eifersüchtig, Schatz; bist eifersüchtig!« rief Herr von Barnewitz. »Hast ihr stets ihre Pousseurs beneidet, weil sie immer an jedem Finger einen hatte!« »Es ist eine rechte Kunst, von den Herren gefeiert zu werden, wenn man kein Mittel der Koketterie unbenutzt läßt«, sagte Hortense, ihre Mantille so weit fallen lassend, daß ihre weißen Schultern zum Vorschein kamen. »Na, so schlimm ist sie nun auch nicht«, meinte der Gatte. Hortense zuckte die weißen Schultern. »Schlimm ist ein relativer Begriff. Melitta hat in ihrem Leben so viel Anlaß zum Skandal gegeben, daß man es bei ihr allerdings nicht so genau nimmt.« »Dasselbe dürfte auch bei Baron Oldenburg der Fall sein«, meinte Anna-Maria. »Möglich«, sagte Hortense, »ich kenne Oldenburg nicht näher –« Hier mußte der Fuchsjäger notwendig sein Taschentuch ziehen und sich mit großem Geräusch schneuzen. »Nicht näher«, wiederholte Hortense, die irgendeine mysteriöse Verbindung zwischen ihren Worten und dem Schneuzen ihres Gemahls entdecken mußte, mit Nachdruck: »Aber wenn er sich über Melittas letzte Affäre wegsetzen kann, so muß er allerdings – viel vertragen können.« »Letzte Affäre?« sagte Anna-Maria, ihre Augenbrauen in die Höhe ziehend. »Ei, ei! das ist ja das erste, was ich höre.« »Geschwätz, gnäd'ge Frau, Geschwätz«, sagte Barnewitz, der sich erinnerte, daß Melitta seine leibliche Cousine sei und daß er als Junge von siebzehn Jahren das schöne zwölfjährige Mädchen angebetet hatte, »nichts als Geschwätz von einigen alten Katenweibern.« »Alte Katenweiber haben oft noch recht unbequem scharfe Augen«, bemerkte Hortense mit einem aufmerksamen Blick nach den Stuckornamenten der Zimmerdecke. »Sie machen mich in der Tat neugierig«, sagte Anna-Maria, sich in ihrer Sofaecke zurechtrückend. »Es ist dummes Zeug, gnäd'ge Frau, ich versichere Sie«, sagte Barnewitz ärgerlich. »Ein paar alte Weiber aus unserm Dorfe, die nachts im Berkower Forst Holz stahlen – ich wüßte sonst nicht, was sie um die Zeit da zu tun hätten –, erzählen, daß Melitta in ihrem Waldhäuschen heimliche Zusammenkünfte mit Gott weiß wem gehabt hat.« »Das ist ja eine sehr pikante Geschichte«, sagte Anna-Maria. »Ja, und sie wird noch dadurch pikanter«, sagte Hortense, die unverwandt die Augen nach der Decke gerichtet hielt, »daß der glückliche Gott weiß wer stets auf dem Wege von Grenwitz gekommen ist und sich auf demselben Wege wieder entfernt hat.« Anna-Marias Augen wurden bei dieser Nachricht so groß, wie sie überhaupt werden konnten. »Wann soll dies geschehen sein?« fragte sie streng. »Ich will nicht hoffen –« »Oh, beunruhigen Sie sich nicht!« unterbrach sie Hortense, »Felix ist erst sehr viel später gekommen. Es war um die Zeit, als wir den Ball gaben und Oldenburg, der mit Karl die Tischzettel verteilte, meine Cousine von Ihrem Doktor Stein zu Tisch führen ließ und ihn hernach in seinem Wagen nach Hause brachte; – eine rührende Aufmerksamkeit, die in diesem Fall etwas unwiderstehlich Komisches hat; ebenso wie die Wärme, mit der sich Oldenburg hernach Herrn Steins annahm, als Ihr Neffe Felix die fatale Geschichte mit ihm hatte. Oh, es ist wirklich zu lustig! Aber das muß man meiner Cousine lassen, sie versteht's unter ihren – Freunden Freundschaft zu stiften.« Der alte Baron hatte während dieser Unterhaltung schweigend und, wie es schien, vollkommen teilnahmslos dagesessen. Um so mehr überraschte die Heftigkeit, mit der er jetzt, den grauen Kopf unwillig schüttelnd, sagte: »Frau von Berkow ist eine liebe Dame, die ich schätze; Baron Oldenburg ist ein Ehrenmann; ich habe ihn stets und kürzlich, als ich in wichtigen Geschäften mit ihm zu tun hatte, als solchen kennengelernt. Es tut mir weh, meine Herrschaften, daß ich Sie in dieser harten und lieblosen Weise sprechen höre – sehr weh! sehr weh!« Und der alte Mann zitterte vor innerer Erregung so, daß er die Prise, die er zwischen den Fingern hatte, kaum zur Nase führen konnte. Von Barnewitz nickte mit dem Kopfe, als ob er sagen wollte: Der Alte hat so unrecht nicht; aber Hortense war nicht in der Laune, die verdiente Zurechtweisung geduldig hinzunehmen. »Lassen Sie sich das nicht so unlieb sein, Herr Baron«, erwiderte sie höhnisch, »Sie wissen, daß der Name dieses Herrn Stein auch noch sonst eine gewisse Berühmtheit in der Chronik dieses Sommers erlangt hat. Je öfter man ihn also mit meiner Cousine zusammen nennt, desto seltener kann man ihn mit den Namen anderer Damen in Verbindung bringen.« Es war ein Glück für den alten Herrn, daß er diese auf Helene gemünzte Anspielung nicht verstand, da es ihm nie auch nur im entferntesten in den Sinn gekommen war, seine Tochter habe zu dem Streit zwischen Oswald und Felix die Veranlassung gegeben. Indessen mochte Hortense doch fühlen, daß sie zu weit gegangen sei. Sie beeilte sich deshalb zu bemerken, es sei schon sehr spät, und wollte sich eben zum Fortgehen erheben, als ein neuer Besuch gemeldet wurde, der zum Bleiben zwang. Es sollte niemand von Hortense von Barnewitz sagen, daß sie einer Nebenbuhlerin das Feld geräumt habe. Und das war in mehr als einer Hinsicht Emilie von Cloten, die soeben ihrem Gatten voran in den Salon rauschte. Emilie war seit vierzehn Tagen verheiratet. Sie hatte es vorgezogen, keine längere Hochzeitsreise zu machen als von dem Gute ihrer Eltern, wo die Vermählung stattgefunden hatte, nach Sundin. Sie wollte den Anfang der Saison nicht versäumen. Sie dürstete, auf dem Schauplatz ihrer nächsten Triumphe zu erscheinen, um von vornherein jede Konkurrenz unmöglich zu machen. Emilie von Breesen wollte nicht umsonst Frau von Cloten geworden sein, nicht umsonst die Frau eines Mannes, mit dem sie sich in einer eifersüchtigen Laune verlobt, den sie aus purer Kaprice geheiratet hatte. Der Erfolg, den sie auf den ersten Bällen dieser Saison gehabt, entsprach ihren kühnsten Hoffnungen. Sie sah die Männerwelt zu ihren Füßen, und das Bewußtsein der Macht ihrer Reize war ein vortreffliches Relief ihrer koketten Schönheit. Siegesgewißheit strahlte aus ihren mandelförmigen grauen Augen, Siegesgewißheit lächelte schalkhaft aus den Grübchen ihrer rosigen Wangen; Siegesgewißheit verkündete selbst das Rauschen ihres langen seidenen Kleides und das Winken und Nicken der weißen Straußenfeder auf dem reizenden Hütchen von schwarzem Sammet, unter dem das hellbraune glänzende Haar in üppigen Flechten hervorquoll. Herr von Cloten seinerseits schien schon angefangen zu haben, das hohe Glück, der Gemahl einer so glänzenden Dame zu sein, einigermaßen problematisch zu finden. Er hatte um die Augen herum ein ganz klein wenig von dem Ausdruck einer Truthenne, die sich wochenlang über der Hoffnung des Glücks, dermaleinst junge, anständige Truthühner auf dem Hofe spazieren führen zu können, halb blödsinnig gesessen und geträumt hat, und nun plötzlich ihre Brut als wilde, übermütige Entlein auf den Teich hinausschwimmen sieht. Wer ihn früher gekannt hatte, mußte die Bemerkung machen, daß er seinen blonden Schnurrbart weniger häufig drehte und seine Stimme nicht mehr ganz so selbstgefällig schnarrte. Vielleicht trug zu dieser sichtlichen Verstimmung auch die unerwartete und jedenfalls unerwünschte Begegnung mit seiner treulos und etwas feig verlassenen Geliebten bei, wie umgekehrt dieser selbe Umstand die gute Laune der jungen Frau wesentlich zu erhöhen schien. Hatte sie doch das angenehme Bewußtsein, Hortense gestern abend vollständig verdunkelt zu haben. Weshalb sollte sie jetzt bei dem Anblick ihrer Nebenbuhlerin etwas anderes als innige Freude empfinden? Sie mit allen Zeichen herzlichster Freundschaft bewillkommnen und teilnehmend fragen, ob sie ihre Kopfschmerzen von gestern abend verschlafen habe? »Wie schade, liebe Barnewitz, daß Ihre Migräne Sie zwang, vor dem Kotillon wegzugehen. Ich versichere Sie, es war der reizendste Kotillon, den ich je mitgemacht habe. Fürst Waldernberg – Sie wissen, daß ich mit dem Fürsten den Kotillon aufführte – Max Grieben hatte uns dringend darum gebeten – kannte eine Menge der reizendsten Touren, wie sie auf den Hofbällen in Berlin getanzt werden. Ich sage Ihnen, ein solcher Kotillon ist in Sundin noch nicht getanzt. Nicht wahr, Arthur, es war zu allerliebst!« »Oh, gewiß, gewiß!« schnarrte der gehorsame Gatte, der mit der verwachsenen Komtesse Stilow hatte tanzen müssen. »Ich versichere Sie, meine Herrschaften, es war gottvoll, auf Ehre, gottvoll!« »Mir schien die Gesellschaft, offen gestanden, ein wenig gemischt«, sagte Hortense, die seit Emiliens Eintreten noch um einige Grade blasierter aussah, »ich habe nicht weniger als vier, sage vier, bürgerliche Artillerie-Offiziere gezählt.« »Gott, das ist wohl möglich«, sagte Emilie, »obgleich ich allerdings keine Zeit gehabt habe, sie zu zählen. Ich habe sogar mit einem getanzt – Schulz oder Müller, oder wie er hieß, der nebenbei so ausgezeichnet walzte, wie man es sich nur wünschen kann.« »Aber, liebe Emilie, konnten Sie denn das nicht vermeiden?« fragte Hortense, ihre Mantille in die Höhe ziehend. »Ganz dieselbe Frage, die Fürst Waldernberg an mich stellte. ›Durchlaucht‹, antwortete ich, ›ich schwärme gerade auch nicht für die Artillerie, aber ich tanze doch noch lieber mit einem Bürgerlichen, als daß ich sitzenbleibe.‹« Die Erwähnung eines Unglücks, das Hortense gestern abend zweimal begegnet war, versetzte die genannte Dame in eine Aufregung, die die zarte Rosaschminke auf ihren Wangen vollständig überflüssig machte. Sie wollte eben die Torheit begehen, durch eine heftige Antwort zu verraten, wie sicher sie der von Emilien geschleuderte vergiftete Pfeil getroffen hatte, als der Bediente »Herr und Frau Konsistorialrat Jäger« meldete. Der Mann war so wohl geschult, daß er diesmal nicht wie sonst die Gemeldeten sogleich ins Zimmer ließ, sondern die Tür hinter sich schloß und, der weiteren Befehle seiner Herrschaft gewärtig, kerzengrade an derselben stehenblieb. »Sie erlauben, meine Herrschaften«, sagte Anna-Maria in entschuldigendem Tone, zu der übrigen Gesellschaft gewandt, »daß ich Herrn und Frau Jäger empfange? Die Leute haben sich stets treugesinnt und ihrer Stellung bewußt gezeigt. Ich halte es für unsere Pflicht, dergleichen Menschen zu protegieren.« Auf einen Wink der Gebieterin entfernte sich der Bediente, und alsbald erschienen der Fragmentist und die Dichterin, unter tiefen Verbeugungen, die von der adligen Gesellschaft mit kaum merklichem Kopfnicken erwidert wurden. Nur der alte Baron erhob sich, schüttelte beiden die Hand und hieß sie in seiner ungeschminkten, herzlichen Weise willkommen. Primula blickte etwas verschüchtert aus den blauen Kornblumen hervor, mit denen ihr Hut garniert war, während der Herausgeber des Chrysophilos mit gekrümmtem Rücken herantrat, der Baronin die huldvoll dargebotene Hand küßte, sich dann tief vor den beiden anderen Damen, nicht ganz so tief vor den Herren verbeugte, und sich nach einigem Zögern auf den Rand eines Stuhls setzte, der etwas außerhalb des Kreises stand, den Kopf auf die rechte Seite geneigt, harrend, ob jemand sich gemüßigt fühlen würde, ihn mit einer Frage zu beehren. Das Gespräch der Herrschaften drehte sich eben um ein höchst interessantes Thema, um die Person Sr. Durchlaucht, des Premierleutnants Fürsten Waldernberg, der vor einigen Wochen von seinem Garderegiment in der Residenz nach dem in Grünwald garnisonierenden Linienbataillon abkommandiert, und von dem ersten Augenblick seines Auftretens der Löwe des in der Stadt versammelten Landadels geworden war. »Ich möchte nur wissen, weshalb er eigentlich abkommandiert ist«, sagte von Cloten. »Felix, mit dem ich gestern über ihn sprach – apropos, gnäd'ge Frau, es ist sehr gut, daß Felix das Zimmer hütet, er sieht wirklich recht schlecht aus; – Felix meint, der Fürst werde wohl wieder einen Ehrenhandel gehabt haben; er soll der leidenschaftlichste Mensch sein, der sich denken läßt.« »Gott, Arthur«, sagte Emilie, »du sprichst, als ob Leidenschaft ein Verbrechen wäre; ich wollte, es hätte mancher mehr davon.« »Sind die Waldernbergs nicht slawischer Abkunft?« fragte Hortense. »Mir deucht, der Fürst sieht wie ein Mongole aus.« »Oh, Sie haben ihn nicht wie ich in der Nähe betrachtet, liebe Barnewitz«, sagte Emilie; »er ist einer der schönsten Männer, die ich je gesehen habe, und er tanzt wie ein Gott.« »Ich glaube, daß die Waldernbergs eine ursprünglich polnische Familie sind«, meinte Anna-Maria. »Bewahre, gnäd'ge Frau!« rief von Cloten. »Rein germanisch, auf Ehre, rein germanisch.« »Ich bin überzeugt, daß uns Konsistorialrat Jäger darüber etwas Genaueres mitteilen kann«, sagte die Baronin, sich mit huldvollem Lächeln zu dem Gelehrten wendend. »Allerdings, meine Gnädigste«, rief dieser, froh, eine Gelegenheit zum Auskramen seines Wissens gefunden zu haben, »allerdings, es hat mir stets bei meinen historischen Studien ein ganz besonderes Vergnügen gewährt, den Genealogien der adligen Geschlechter nachzuforschen, und so habe ich denn auch der Geschichte der Familie Waldernberg, die in vieler Hinsicht eine sehr interessante ist, eine besondere Aufmerksamkeit zugewandt. Die Waldernbergs sind, wenn meine Gnädigste mir diese Berichtigung verstauen will, in der Tat rein germanischer Abkunft. Sie stammen ursprünglich aus Franken und sind erst mit dem deutschen Orden nach Preußen gekommen. In späterer Zeit haben sie sich allerdings mit polnischen adligen Familien vielfach verschwägert, wie sie denn außer in der Lausitz, wo die Stammherrschaft Waldernberg liegt, in Russisch-Polen reich begütert sind. Auch der jetzige Fürst hat beides, sarmatisches und germanisches Blut in seinen Adern. Seine Mutter, die Frau Fürstin Stephanie Letbus aus dem Hause Waldernberg, vermählte sich im Jahre achtzehnhundertzweiundzwanzig in Petersburg, wo sie seit ihrer frühesten Jugend residiert hatte – ich erwähnte schon vorhin, daß ein Teil der Besitzungen in Rußland liegt – mit dem Grafen Konstantin Malikowsky, dem letzten Sprossen einer ehemals sehr reichen und mächtigen, später aber verarmten polnischen Familie. Der Kaiser Alexander, der, wie man sagt, nach beiden Seiten hin Verpflichtungen hatte (hier lächelte Herr Jäger ein schüchternes Lächeln), sowohl gegen die junge Fürstin, die Hofdame bei der Kaiserin war und sehr schön gewesen sein soll, als auch gegen den Grafen, dessen Familie hauptsächlich durch russische Güterkonfiskationen ruiniert war, soll die Heirat zustande gebracht haben, obgleich der Ruf des Grafen – die gnädigen Herrschaften verzeihen die Wahrhaftigkeit des historischen Forschers – einigermaßen, wie soll ich gleich sagen, anrüchig war. Kavaliere müssen sich austoben – das versteht sich; aber Graf Malikowsky hat es vermutlich ein wenig zu arg getrieben. Wie dem auch sei – aus der Ehe des Grafen Konstantin Malikowsky mit der Fürstin Stephanie Letbus stammt der Fürst, der bis vor wenigen Jahren in russischen Diensten stand, dann, als mit dem letzten Fürsten Waldernberg der Mannesstamm der Familie ausstarb und die Herrschaft Waldernberg als erledigtes Lehen an die Krone fiel, durch die Gnade seiner Majestät sukzessionsfähig erklärt wurde und als gefürsteter Graf von Malikowsky-Waldernberg, Erbherr von Letbus – in unsere Dienste trat.« Die Gesellschaft war mit der tiefsten Aufmerksamkeit dem genealogischen Vortrage des gelehrten Herrn gefolgt, mit derselben Aufmerksamkeit ungefähr, mit der eine Gesellschaft gewöhnlicher Krähen dem Bericht einer Eule über die Abstammung eines Kolkraben zuhören würde, der von einem Flügelende bis zum andern fünf Schuh mißt. In das andächtige Schweigen ertönte urplötzlich die Stimme des Bedienten, der die Tür aufriß und in das Zimmer schrie: »Se. Durchlaucht der Fürst von Waldernberg.« Die Meldung des Bedienten elektrisierte die im Salon versammelte Gesellschaft. Im nächsten Augenblick standen alle ohne Ausnahme kerzengrade vor ihren Stühlen, die erwartungsvollen Blicke starr nach der Tür gerichtet, durch deren weit aufgesperrte Flügel der Fürst so rasch eintrat, daß Anna-Maria ihm nicht ganz die drei Schritte, welche die Etikette erheischte, sondern nur einen und einen halben vom Sofa aus entgegengehen konnte. »Sie haben die Güte gehabt, Madame«, sagte der Fürst im reinsten Französisch, indem er der Baronin leicht die Hand küßte, »mich mit einer Einladung zu beehren, bevor ich Gelegenheit hatte, mich dieser Aufmerksamkeit würdig zu machen. Verstatten Sie mir, daß ich versuche, das Versäumte nachzuholen.« »Ein Versuch, mein Fürst«, antwortete Anna-Maria mit ihrem huldvollsten Lächeln, ebenfalls auf französisch, »der bei einem Kavalier wie Sie des Erfolges sicher ist. Erlauben Sie, daß ich Ihnen die Gesellschaft vorstelle. – Der Baron, mein Gemahl – Herr und Frau von Barnewitz – Herr und Frau Cloten –« »Ich habe bereits die Ehre –« sagte der Fürst lächelnd. »Konsistorialrat Jäger – ein vortrefflicher Gelehrter und treuer Freund unseres Hauses: Frau Konsistorialrat Jäger, eine Dame, deren poetisches Talent Aufmunterung verdient.« Der Fürst verbeugte sich gegen jede der ihm vorgestellten Personen mit Würde und Höflichkeit, und gab, indem er neben Anna-Maria auf einem Lehnsessel Platz nahm, das Signal zum Niedersitzen. Der Fürst und die Baronin nahmen die Kosten der Unterhaltung im Anfang fast ausschließlich auf sich, bis es Hortense gelang, sich durch eine dazwischen geworfene Bemerkung des Wortes zu bemächtigen und es eine Zeitlang zu behaupten, zum größten Ärger Emiliens, die ihrer Gegnerin diesen Triumph unbestritten lassen mußte, da sie sehr mangelhaft französisch sprach und der rapiden Rede der Nebenbuhlerin kaum zu folgen vermochte. Hortense, die Emiliens Schwäche kannte, trieb die Bosheit sogar so weit, sich alle Augenblicke mit einem qu'en dites vous, chère amie? N'est ce pas, Emilie! an sie zu wenden und sie so zu Antworten zu zwingen, die mindestens in der Form sehr viel zu wünschen ließen. Der älteren der beiden Damen gewährte dieser Triumph über ihre jüngere Rivalin ein Vergnügen, das sich zum Entzücken steigerte, als der Fürst Emilie zuletzt kaum noch beachtete und sich ganz dem Reiz von Hortenses pikanter Unterhaltung hingab. Indessen war Emilie zu keck und leichtsinnig, um sich durch eine momentane Niederlage um ihren guten Humor bringen zu lassen. Der Fürst war, obgleich sie ihn vorhin, ihre Nebenbuhlerin zu ärgern, so gerühmt hatte, gar nicht nach ihrem Geschmack, und wenn er nicht, wie er es gestern den ganzen Abend getan, deutsch mit ihr sprechen wollte, so mochte er es bleibenlassen. Sie hatte schon während der ganzen Visite eine Gelegenheit erspäht, mit Frau Jäger ins Gespräch zu kommen, von der sie vermutete, daß sie ihr Nachricht von Oswald geben könne, den sie seit dem letzten Zusammentreffen neulich abend nicht wieder gesehen hatte. So benutzte sie denn jetzt den günstigen Augenblick, wo der Fürst sich mit Hortense und der Baronin, der Baron mit dem Konsistorialrat, und von Barnewitz mit ihrem Gemahl unterhielt, um sich bei Primula nach dem jungen Manne, der im Sommer bei Grenwitzens Hauslehrer war, Fels glaube ich, oder Berg, oder wie er sonst hieß, zu erkundigen, da eine ihr bekannte Familie einen Erzieher suche. Emilie hatte sich nicht geirrt; Primula konnte über Herrn Stein – nicht Fels, obgleich er ein Felsenherz hat, nicht Berg, obgleich er berghoch über anderen Männern steht – ganz genaue Auskunft geben. Er komme fast alle Tage zu ihr (Oswald war einmal dagewesen); er sei wie ein Kind im Hause und ihr in treuer Freundschaft ebenso verbunden wie im gleichen Streben nach dem Höchsten. Sie glaube freilich nicht, daß Oswald jetzt eine Stelle annehmen werde, da er in den »dumpfen Banden der Schule schmachte«, indessen, sie wolle ihm das Anerbieten mitteilen. »Tun Sie das lieber nicht, beste Frau«, sagte Emilie nach kurzem Bedenken, »Sie wissen, daß Herr Stein – wie konnt' ich doch den Namen vergessen! – nicht ganz friedlich aus unserem Kreise geschieden ist. Er möchte das Anerbieten, wenn es ihm so gebracht wird, ohne weiteres zurückweisen. Können Sie nicht – wie machen wir das nur? – ja! so geht's! Können Sie es nicht so einrichten, liebe Frau Konsistorialrat, daß ich, wie zufällig, einmal mit Herrn Stein bei Ihnen zusammentreffe! Ich habe so schon lange den Wunsch gehabt, einmal den Arbeitstisch der Dichterin der Kornblume zu sehen!« »Sie entzücken mich durch Ihre Güte«, rief Primula, »ich kann nur, wenn Sie wirklich in meine einfache Hütte treten wollen, mit dem Zeus der geteilten Erde sprechen: Sooft du kommst, sie soll dir offen sein.« Emilie war so in dies interessante Gespräch vertieft, daß sie ihr Gemahl daran erinnern mußte, die Gesellschaft sei im Begriff, aufzubrechen. Der Fürst hatte sich erhoben; die anderen waren seinem Beispiel gefolgt. »Madame«, sagte der Prinz, »j'ai l'honneur –« das Wort erstarb ihm auf den Lippen, denn ihm gegenüber in einem hohen Wandspiegel erschien plötzlich die Gestalt eines wunderschönen Mädchens, das eben, ohne vom Bedienten angemeldet zu werden, in den Salon getreten war. Er wandte sich fast erschrocken um und trat mit einer tiefen Verbeugung beiseite, der jungen Dame Platz zu geben, damit sie zur Baronin gelangen könnte. Die allen, mit Ausnahme des Barons und der Baronin unerwartete Erscheinung Helenens überraschte und interessierte jeden in seiner Weise. Nur der Fürst, der sie heute zum ersten Male sah, wußte nichts von dem Zwist in der Familie; für die andern war die Grenwitzer Katastrophe schon seit Wochen ein mit Eifer, Gründlichkeit und Scharfsinn nach allen Seiten hin ventiliertes Thema der Unterhaltung gewesen; und infolgedessen diese erste Begegnung der Tochter und der Eltern das fesselndste Schauspiel. Indessen, wenn man etwas Außerordentliches erwartet hatte, so sah man sich getäuscht. Der Baron, der Helene entgegengegangen war und sie auf die Stirn geküßt hatte, verriet allerdings einige Erregung; aber Mutter und Tochter begrüßten sich mit einer höflichen Kälte, die der Neugier und Skandalsucht der versammelten Gebärdenspäher und Geschichtenträger sehr wenig Stoff bot. »Ah, guten Tag, liebes Kind«, sagte die Baronin auf französisch, Helenen ebenfalls, aber sehr flüchtig auf die Stirn küssend, »du kommst ja zu recht gelegener Zeit. Erlauben Sie, mein Fürst, daß ich Ihnen meine Tochter Helene präsentiere. – Seine Durchlaucht, der Fürst von Waldernberg, liebe Tochter.« Helene erwiderte ruhig die tiefe Verbeugung des Fürsten, und wandte sich dann zu Emilie von Cloten, von der sie mit großer Herzlichkeit bewillkommnet wurde. Emiliens schnellem Blick war der Eindruck nicht entgangen, den die hinreißende Schönheit Helenens auf den Fürsten gemacht hatte. Mochte doch der Fürst bewundern, wen er wollte, wenn nur Hortense um ihren Triumph kam. »Oh, wie reizend«, rief sie, Helene umarmend, »daß du dich einmal sehen läßt. Ich wollte schon alle Tage zu dir kommen; wir haben uns ja eine Welt zu erzählen!« Und sie faßte die Freundin bei beiden Händen und zog sie ein paar Schritte fort, um mit leiserer Stimme zu sagen: »Du, der Fürst ist weg, totalement weg! Er verwendet keins seiner schwarzen Augen von dir. Wenn du ihn haben willst, ich will ihn dir lassen. Er tanzt sehr schön, aber er ist nicht mein Genre. Muntre ihn ein wenig auf; die Barnewitz ärgert sich so darüber! Denke dir, die alte Kokette will noch immer die erste Rolle spielen, trotzdem sie sich jetzt selbst die Adern blau schminkt und gestern bei Griebens zweimal sitzengeblieben ist. Wie geht es dir bei der Bärin? Und apropos: hast du nichts von Oswald Stein gehört? Gott, ich werde den Abend bei euch nicht vergessen! Wir kamen mit unserer Warnung zu spät, aber er hat sich gut herausgerissen. Selbst Arthur sagt, er habe sich ganz wie ein Kavalier gehalten. Dreh' dich nicht um, der Fürst kommt hierher. Er wird dich auf morgen zum ersten Walzer engagieren wollen. Er tanzt trotz seiner Hünengestalt wundervoll.« Die schlaue Emilie hatte ganz recht gehabt. Der Fürst hatte in der Tat, während er sich noch immer mit der Baronin unterhielt, fortwährend nach Helene hinübergeblickt und so zerstreut geantwortet, wie jemand zu antworten pflegt, dessen Gedanken ganz woanders sind. Plötzlich unterbrach er eine glänzende Phrase Anna-Marias mit der Frage, ob morgen getanzt würde und ob er in diesem Falle die Erlaubnis habe, Fräulein von Grenwitz um einen Tanz zu bitten? Als beide Fragen mit einem huldvollen oui, monseigneur! beantwortet wurden, trat er mit einer Verbeugung zu den jungen Damen heran. »Ich bitte um Verzeihung«, sagte er auf Deutsch, »wenn ich die Damen in ihrer Unterhaltung störe. Aber ich kann nicht fortgehen, ohne wenigstens den Versuch gemacht zu haben, mich für morgen eines Tanzes zu versichern. Darf ich hoffen, gnädige Frau? Werde ich die Ehre haben, mein gnädiges Fräulein?« Emilie und Helene verneigten sich und der Fürst verabschiedete sich darauf mit einer Eile, die deutlich bewies, daß ihn nur die Erledigung dieses wichtigen Punktes noch gehalten hatte. Der Aufbruch Seiner Durchlaucht war für die übrige Gesellschaft, die nur darauf gewartet hatte, das Signal, sich ebenfalls zu verabschieden, zu großer Zufriedenheit der Kutscher und Bedienten unten auf der Straße, die, ebenso wie ihre Pferde, anfingen, nachgerade ungeduldig zu werden. Die Equipagen waren davongerollt. Das Empfangszimmer im Hotel war wieder leer bis auf den Baron und die Baronin; Helenen hatten Clotens in ihrem Wagen mitgenommen. Der unterbrochene Dialog konnte wieder aufgenommen werden. Aber es geschah nichts. Der alte Mann fühlte sich zu angegriffen, und bei Anna-Maria war die Frage, ob Helene in der Pension bleiben solle oder nicht, in ein ganz neues Stadium getreten – seitdem – und das war seit zehn Minuten ungefähr – ihrem ehrgeizigen Kopfe der Gedanke gekommen war, ob es nicht doch, alles in allem, besser sei, sich wieder mit ihrer Tochter zu versöhnen, die mindestens ebensoviel und vielleicht mehr Aussicht habe als eine andere junge Dame, Fürstin von Waldernberg-Malikowsky, Gräfin von Letbus zu werden. Zweiundzwanzigstes Kapitel Franz hatte als einer der Vertreter des Geheimrats in seiner ärztlichen Praxis – einen andern Teil hatte ein Kollege übernommen – während der nächsten Wochen vollauf zu tun. Schwerer aber als seine Berufsgeschäfte lastete auf ihm die Ordnung der Geschäftsverhältnisse seines Schwiegervaters, die äußerst verwickelten Natur waren. Es stellte sich nach und nach heraus, daß die Schulden des Geheimrates keineswegs so bedeutend sein würden, wenn es möglich wäre, das Geld, das er überall ausstehen hatte, wiederzubekommen. Aber darauf war in den wenigsten Fällen zu rechnen. Die Schuldner des Geheimrats wohnten meistens in Dachkammern und Kellerwohnungen; es waren Krüppel und Lahme, mit Gebrechen aller Art Behaftete, sehr häufig Waisen und Witwen; nicht minder häufig aber auch schlechte Subjekte, die die wohlbekannte Liberalität des Geheimrats auf schnöde Weise gemißbraucht hatten. Welche unerhörte und auch so vergebliche Anstrengungen hatte dieser Mann gemacht, das Danaidenfaß des Proletariats zu füllen, mit welchem Eifer sich zum armen Manne gemacht, um die Armut rings um sich her zu vertilgen, dem fabelhaften Pelikane gleich, der seine Jungen mit dem eigenen Blute ätzt! In welche Verlegenheiten hatte er sich gestürzt, um andere aus der Verlegenheit zu reißen, wie oft sich um den Schlaf gebracht, damit sein Nachbar ruhig schlafen könne! Um anderer Leute Schulden zu bezahlen, sich selbst zu Wucherzinsen Geld geborgt, um anderen Leuten in ihrem Geschäft weiterzuhelfen, sich in Spekulationen eingelassen, von denen er nichts verstand, die aber, wenn man den Unternehmern glaubte, einschlagen und hundertfache Prozente bringen mußten und die natürlich nie einschlugen und dem leichtgläubigen, gutmütigen Geheimrat neue und immer neue Verbindlichkeiten aufluden. In diesem Wust von mehr oder weniger unklaren Verhältnissen sich zurechtzufinden, und in jedem Falle zu entscheiden, was für den Augenblick und in Zukunft dabei zu tun war, hätte einem gewiegten Advokaten schwerfallen müssen, geschweige denn Franz, der in solchen Geschäften natürlich wenig bewandert war. Aber die Liebe verlieh ihm hundertfache Kraft und schärfte sein natürliches Zartgefühl in dem eigentümlichen Verhältnis zu seinem Schwiegervater, wo er fortwährend zu ermutigen, zu beschwichtigen, zu überreden hatte. »Würde ich mich doch keinen Augenblick besinnen«, sagte er dann wohl, »Ihnen ins Wasser nachzuspringen, wenn ich Sie in der Gefahr des Ertrinkens sähe; und würden Sie und würde doch jeder das alles in allem natürlich finden. Jetzt, wo Sie in einer Gefahr sind, die für manche etwas viel Gräßlicheres hat als die Todesgefahr – denn ihr zu entrinnen, stürzen sich viele unbedenklich in den Tod – riskiere ich für Sie, nicht etwa mein Leben, das Sie mir nicht wieder schaffen – nein, nur ein paar tausend Taler, die Sie mir, wenn Sie gesund werden, wozu ja jetzt die schönste Hoffnung ist, jederzeit zurückerstatten können, und an denen, wenn sie wirklich verlorengingen, auch weiter nichts gelegen ist.« So suchte Franz dem Schwiegervater über manche trübe Stunde wegzuhelfen, in der das Gefühl der Krankheit und das Bewußtsein seiner Lage gar zu schwer auf seiner Seele lastete. Franz hoffte, daß die vortreffliche Natur des Mannes das übrige tun würde. In der Tat hatte der Geheimrat kaum die Überzeugung gewonnen, daß – dank der umsichtigen, energischen Hilfe seines Schwiegersohnes – auch wenn er sogleich sterben sollte, auf seinem Namen keine Unehre haftenbleiben würde, als er sich aller Sterbegedanken entschlug und an nichts dachte als daran, sobald als möglich wieder gesund zu werden. »Nicht ganz gesund«, sagte er, »denn das werde ich nicht wieder, aber halb gesund oder zwei Drittel, gerade gesund genug, um das Heu, das jetzt naß auf dem Schwaden liegt, trocken auf den Boden bringen zu können. Ich fühl' es jetzt, ich habe noch ein paar Abendstunden vor mir; ich will sie gut benutzen. Sie sollen mir, lieber Franz, außer Ihrem baren Gelde nicht auch noch Ihre Zukunft zum Opfer bringen.« Gerade in dieser Zeit geschah es, daß ein berühmter Universitätslehrer in der Residenz durch eine Monographie über den Typhus, die Franz in diesem Sommer herausgegeben hatte, an einen seiner begabtesten Schüler erinnert wurde. Er schrieb an Franz, um ihm zu diesem Werke zu gratulieren, das von seinem durchdringenden Scharfsinn ebenso rühmliches Zeugnis ablege wie von seiner bei einem so jungen Manne staunenswürdigen Gelehrsamkeit. – »Aber«, fuhr der Brief fort, »indem ich Ihnen im Namen der Wissenschaft für Ihr Buch danke, erlaube ich mir zugleich, Ihnen einen Vorschlag zu machen, den ich in ebenso schleunige wie ernste Erwägung zu ziehen bitte. Zu Ostern wird die Stelle des ersten Assistenzarztes an dem hiesigen großen Krankenhaus frei. Ich wüßte unter unseren jüngeren Gelehrten keinen, dem ich sie so gern anvertrauen würde wie Ihnen.« Der Gelehrte verbreitete sich sodann weiter über die Vorteile, die für Franz aus dieser Stelle erwachsen würden, und schloß mit den Worten: »Sie sehen, es bietet sich Ihnen hier eine Aussicht, die günstiger nicht gedacht werden kann. Ich bin, wie Sie wissen, ein sehr nüchterner Beobachter der Menschen und Dinge; aber wie die Verhältnisse an unserer Universität sind, kann es nicht ausbleiben, daß Sie in wenigen Jahren zum ordentlichen Professor avancieren. Ich bin überzeugt, daß mein Freund Robran, den ich bestens zu grüßen bitte, die Sache ebenso ansehen wird. Sprechen Sie mit ihm darüber und antworten Sie mir möglichst bald.« Franz hatte geantwortet – aber ohne mit seinem Schwiegervater gesprochen zu haben. Er hatte das Anerbieten, dessen Vorteile ihm natürlich nicht entgangen waren, abgelehnt. Die Karriere, in die man ihn hineinhaben wollte, war, obgleich sie dem Manne der Wissenschaft die besten Chancen bot und auch schließlich den weltlichen Ehrgeiz glänzend zu befriedigen versprach, doch für die ersten Jahre voraussichtlich nicht nur sehr wenig lukrativ, sondern erheischte ein unabhängiges, wenn auch kleines Vermögen, das Franz – seit einigen Tagen nicht mehr besaß. Er hatte sich durch seine Großmut in die Lage gebracht, in einer Zeit, die er notwendig noch zu seiner wissenschaftlichen Fortbildung bedurfte, auf den Gelderwerb bedacht sein zu müssen. Und zu diesem Zwecke war Sundin und die Situation, in der er sich hier als Schwiegersohn des gesuchtesten Arztes befand, ausnehmend geeignet. Deshalb – fahr wohl du glänzende Spiegelung von einem in der Fülle geistiger Arbeit und geistigen Genusses mächtig dahinrauschenden Leben! »Weg du Traum, so hold du bist, Hier auch Lieb' und Leben ist.« So tröstete sich Franz, während er den geliebten Menschen seinen Ehrgeiz, seine Hoffnungen zum Opfer brachte, und seine größte Sorge war nun die, daß diese geliebten Menschen, vor allem seine Braut, nicht etwa von diesem Opfer erführen. Diese Sorge schien indessen unnötig. Sophie erklärte sich die Wolken, die sich auf Franz' Stirn in Augenblicken lagerten, wo er sich unbeobachtet glaubte, einfach aus der Überlast seiner ärztlichen Geschäfte, und seine häufigen langen Zusammenkünfte mit dem Vater aus demselben Grunde. Seitdem der Zustand des Vaters keine direkte Besorgnis mehr einflößte, war der glückliche leichte Sinn Sophiens wieder in seine Rechte getreten. Sie besorgte emsig ihre Aussteuer und klagte gegen Franz in komischer Weise über den Wirrwarr, der durch die gleichzeitige Besorgung so vieler und so verschiedenartiger Dinge in ihrem Kopf hervorgebracht würde. Wie sehr würde die frohe Laune, deren sie sich in dieser Zeit erfreute, gestört worden sein, wo sie sich wie ein singendes, zwitscherndes, flatterndes Vögelchen ihr Nest zusammentrug, wenn sie die Verhandlungen zwischen dem Vater und Franz mit angehört; wenn sie erfahren hätte, daß das Geld, mit dem sie heiteren Mutes die langen Rechnungen bezahlte, aus Franz' Kasse floß! Über den Kummer, bis zum Termin ihrer Hochzeit, auf dessen Innehaltung Franz mit einer bei ihm ganz ungewöhnlichen Hartnäckigkeit bestand, nicht fertig zu werden, hatte sie sich mittlerweile getröstet; ja im Grunde hatte sie das Unglück, mit einigen Dutzend noch nicht gesäumter oder gezeichneter Handtücher, Tischtücher, Servietten mehr oder weniger ihre Wirtschaft anzufangen, niemals für ein so gar großes gehalten. So war denn für Sophie in dieser Sturm- und Drangperiode nichts empfindlicher, als daß der trauliche Zirkel, der sich allabendlich um den Kamin des Wohnzimmers zu versammeln pflegte, so gut wie gestört war. Der Vater mußte, obgleich er jetzt jeden Tag länger aufblieb, doch sehr früh sein Lager aufsuchen; Franz war oft bis tief in die Nacht hinein in der Stadt oder hatte in seiner Wohnung zu arbeiten; auch der Dritte im Bunde, der alte Kandidat, wie er sich selber nannte, Bemperlein ließ sich seit einiger Zeit nicht mehr sehen, so daß Sophie sich endlich selbst auf den Weg machte, um ihn in seiner Wohnung aufzusuchen, da sie nicht anders glaubte, als er sei krank und Franz habe es ihr aus übertriebener Zärtlichkeit verschwiegen. Aber sie fand den alten Kandidaten sehr fleißig und beschäftigt, aber offenbar nicht lebensgefährlich krank. Bemperlein entschuldigte sich mit seinen Arbeiten – wie Sophie wohl glauben könne, daß er etwas übelgenommen habe! Er, etwas übelnehmen! Und Sophien übelnehmen! – es sei wirklich nur die Arbeit schuld und zum Beweise werde er noch heute abend zur gewöhnlichen Zeit kommen und die gewöhnliche Zeit dableiben. Sophiens blaue Augen konnten, obgleich sie ein wenig kurzsichtig waren, in der Nähe doch recht scharf sehen, und so war ihnen ein gewisser Schleier von Verlegenheit, der über Bemperleins ehrlichem Gesicht hing, während er auf die langweilige Arbeit schimpfte, nicht entgangen. Als nun die junge Dame langsam nach Haus schritt und darüber nachdachte, was wohl von Bemperleins Fortbleiben der eigentliche Grund sein möchte, stieß sie, als sie um eine Straßenecke bog, beinahe an einen Herrn, der ihr sehr raschen Schritts entgegenkam. »Pardon!« sagte der Herr, an seinen Hut greifend und weitereilend. Es war Oswald Stein. Er hatte Sophie offenbar nicht erkannt. Diese unerwartete Begegnung gab Sophiens Gedanken plötzlich eine andere Richtung. Es fiel ihr ein, daß Bemperlein nicht wieder in ihrem Hause gewesen war, seitdem er Oswald, der eben mit Helenen fortgehen wollte, dort getroffen; daß die Begegnung der beiden Herren sehr kalt, befremdend kalt gewesen war, und daß Bemperlein, über sein Verhältnis mit Oswald gefragt, ausweichend geantwortet hatte. Hatte Oswald, der seitdem einige Abende auf kürzere Zeit, einmal zusammen mit Helene Grenwitz, dagewesen war, Bemperlein verscheucht? War Bemperlein eifersüchtig? Da Sophie von Bemperleins früherem Verhältnis zu Oswald nichts wußte, so war es erklärlich, daß sie trotz ihres Scharfsinns in ihren Vermutungen jetzt so weit am Ziel vorbeischoß. Die Wahrheit lag in der Tat ganz woanders. Wenn Anastasius Bemperlein jemand, den er einmal hochgeschätzt und innig geliebt hatte, nicht mehr die Hand zum Gruß reichen mochte, so konnte man versichert sein, daß in die Milch seiner Denkungsart ein sehr starkes Gift geträufelt war. Anastasius Bemperlein hatte Oswald Stein ganz vertraut. Er hatte ohne Furcht das Glück und das Leben geliebter Menschen in seiner Hand gesehen. Er hatte all seine schweren Bedenken gegen eine Verbindung bekämpft, die so rasch geschlossen, die auf der so unsicheren Basis gänzlich verschiedener sozialer Stellungen ruhte. Er hatte sich gesagt: Das alles sei ja eitel Tand im Vergleich mit dem unschätzbaren Wert wahrer Liebe. Ist doch die Liebe stärker als Glaube und Hoffnung; wie sollte sie nicht mächtiger sein als bornierte Vorurteile? – Er war schließlich dahin gelangt, in der Vereinigung Oswalds und Melittas einen Sieg der reinen Menschlichkeit über die Barbarei der Zivilisation, einen Triumph der Wahrheit über die Liebe zu erblicken. Aber auch nur auf dieser sittlichen Höhe war das Verhältnis gerechtfertigt und möglich. Sank einer der beiden unter das Niveau, so waren beide verloren. Bemperlein kannte Frau von Berkow seit sieben Jahren; er wußte, daß ihr Herz gut und treu war; Bemperlein kannte Oswald seit ebensoviel Wochen, und er glaubte, daß Oswald ihrer wert sei. Er glaubte es, weil – er mußte, weil ihm ein Zweifel an dem Geliebten seiner vielgeliebten Herrin ein Frevel schien. Und doch hatte sich dieser Zweifel an ihn herangeschlichen, langsam, leise, wie sich im Traum ein greuliches Ungeheuer, dem wir vergebens zu entrinnen suchen, an uns heranwälzt. Er hatte diesen Zweifel bekämpft, bis es nicht mehr länger möglich war. Melitta war von ihrer zweiten Reise nach Fichtenau, zu der Bemperlein vergeblich seine Begleitung angeboten hatte, zurückgekehrt; aber, nachdem sie sich eine Stunde in Grünwald aufgehalten, sogleich mit Julius nach Berkow weitergereist, ohne nach Bemperlein geschickt zu haben. Bemperlein erfuhr, daß sie dagewesen, erst durch den alten Baumann, der, Julius' Sachen zu ordnen und andere Kommissionen auszurichten, in der Stadt zurückgeblieben war. Bemperlein hatte mit dem alten Mann niemals über Oswald gesprochen. Diesmal fing jener selbst davon an. Er erzählte, daß Herr Stein zu gleicher Zeit mit ihnen in Fichtenau gewesen, aber, trotzdem er vom Kellner der gnädigen Frau Anwesenheit erfahren, ohne sich ihr vorzustellen, abgereist war. Hier schwieg er, augenscheinlich, um zu hören, wie Bemperlein diese Nachricht aufnehmen würde. Als Bemperlein aber nichts weiter, als: So, so! – in der Tat! darauf erwiderte, vermochte der Alte nicht länger an sich zu halten und schüttete sein ganzes volles Herz und damit die volle Schale seines Zornes über Oswald aus. Er habe dem Musjö vom ersten Augenblicke an nicht über den Weg getraut, und nun sei es ja sonnenklar, daß der schlechte Mensch die arme gnädige Frau schändlich betrogen habe. Überdies habe er, Jakob Baumann, mit der gnädigen Frau gesprochen, in aller Ehrerbietung, denn er sei nur ein Dienstmann und kenne seine Stellung, aber auch mit allem Ernst, denn er habe sie als Kind auf den Armen getragen und sie immer väterlich geliebt, und sie habe ihm gebeichtet, wie sie's noch stets bei solchen und ähnlichen Gelegenheiten getan, nicht ganz und nicht halb, aber für ihn, der sie so genau kenne wie die Fläche seiner Hand, gerade genug. Und da habe er, Jakob Baumann, großes Verlangen gehabt, den Musjö, der seiner gnädigen Frau so mitgespielt, niederzuschießen wie einen tollen Hund, und es habe wenig daran gefehlt, so hätte er es auch getan, »einmal in der Nacht auf der Heide zwischen Grenwitz und Faschwitz«. Aber jetzt danke er doch Gott, der seinen Arm zurückgehalten und ihm dies Verbrechen erspart habe, um so mehr, »als er es nicht hat geschehen lassen, daß die Geschichte der armen gnädigen Frau das Herz brach, sondern ihr die Augen aufgetan und ihr den Weg gezeigt hat, auf dem allein für sie auf Erden Heil zu finden ist«. Welches dieser Weg sei, darüber hatte sich der alte Mann nicht weiter ausgelassen, sondern war aufgestanden und, als wolle er alle weiteren Fragen unmöglich machen, schnell zum Zimmer hinausmarschiert. Dies Gespräch, das seine schlimmsten Befürchtungen bestätigte, hatte Bemperlein tief ergriffen, und es hatte den peinlichsten Eindruck auf ihn gemacht, als er, noch voll von diesen Empfindungen, zu Robrans kam und der erste, der ihm dort entgegentrat – Oswald war. Ja, diese Begegnung hatte ihn so peinlich berührt, und eine mögliche Wiederholung dünkte ihn so abscheulich, daß er ganze acht Tage brauchte, sich von diesem Schrecken zu erholen, und wer weiß, wie lange er noch gebraucht haben würde, wenn Sophie nicht gekommen wäre und seiner Unentschlossenheit ein Ende gemacht hätte. Und doch hatte ihn in diesen acht Tagen so nach seiner Freundin verlangt! Glücklicherweise traf er Sophie dieses Mal allein, als er nach einer Stunde im Wohnzimmer erschien. Franz war eben dagewesen und hatte versprochen, später wiederzukommen. Es fiel Sophie auf, daß Bemperlein mehrmals fragte: »Aber wir werden doch sonst keinen Besuch haben?« Und sie brachte diese Frage natürlich mit den Vermutungen, die sie über Bemperleins Wegbleiben angestellt hatte, in Verbindung. So sagte sie denn, nachdem sie Bemperlein, der mit dem Schüreisen unablässig in den Kohlen rührte, eine Zeitlang schweigend beobachtet hatte: »Nicht wahr, Bemperchen, der eigentliche Grund, weshalb Sie acht Tage lang nicht gekommen sind, ist, weil Sie Oswald Stein hier zu begegnen fürchteten?« »Wer sagte Ihnen das?« fragte Bemperlein, erschrocken in seiner Beschäftigung innehaltend. »Eine Frage ist keine Antwort«, erwiderte Sophie. »Nur heraus mit der Sprache, Bemperchen! Geheimniskrämerei ist im Verkehr mit so klugen Leuten wie ich ein schlecht rentierendes Geschäft. Ich weiß alles.« »Was wissen Sie?« rief Bemperlein in großer Aufregung von seinem Stuhl in die Höhe fahrend. »Aber, Bemperchen!« sagte Sophie. »Wie können Sie nur so wenig Rücksicht auf meine Nerven nehmen! Es wird einem ja ganz unheimlich, wenn man Sie mit dem glühenden Eisen in der Hand dastehen sieht wie den Mann bei Shakespeare. Beruhigen Sie sich nur wieder! Ich weiß gar nichts. Aber Sie würden mir in der Tat einen Gefallen tun, wenn – aber erst setzen Sie sich einmal wieder und stellen den Schürer aus der Hand! So! Wenn Sie mir in aller Ruhe und Freundschaft sagten, was Sie eigentlich haben, denn je länger ich Sie betrachte, desto veränderter kommen Sie mir vor.« »Fräulein Sophie«, erwiderte Bemperlein, »Sie wissen, man kann selbst gegen seine vertrautesten Freunde – und ich habe zu niemand in der weiten Welt größeres Vertrauen als zu Ihnen – nicht immer ganz offen sein, weil unsere Geheimnisse in vielen Fällen nicht bloß unsere Geheimnisse, sondern auch die anderer sind, und insofern von uns heilig gehalten werden müssen.« »Aber, Bemperchen«, sagte Sophie, »Sie können doch unmöglich glauben, daß ich mich in Ihre Geheimnisse stehlen will! Ich bin weder so unbescheiden noch so neugierig. Lassen wir die Sache ruhen und sprechen wir von was anderem!« »Nein, nein«, rief Bemperlein eifrig, »lassen Sie uns davon sprechen! Sie glauben nicht, wie ich mich danach gesehnt habe, mit Ihnen über – über gewisse Dinge – gewisse Personen – die –« Herr Bemperlein hatte schon wieder das noch nicht erkältete Schüreisen ergriffen und störte emsiger als je in den glühenden Kohlen. Sophie sah diesem seltsamen Treiben kopfschüttelnd zu. Es kam ihr flüchtig der Gedanke, Bemperlein könnte sich bei der Arbeit übermäßig angestrengt und sein Kopf infolgedessen etwas gelitten haben. »Was mein Nichtkommen betrifft«, fuhr Bemperlein plötzlich fort, »so haben Sie darin ganz recht gehabt. Ich bin weggeblieben, weil ich mit Oswald Stein nicht wieder zusammentreffen wollte.« »Aber«, sagte Sophie, »Franz hat mir doch gesagt, daß Sie und Stein sehr gute Freunde gewesen wären. Wodurch seid ihr denn auseinandergekommen?« »Wodurch?« antwortete Bemperlein. »Ja, Fräulein Sophie, das ist es ja eben, was ich Ihnen so gern sagen möchte und doch nicht sagen darf. Würden Sie mit jemand umgehen, oder vielmehr, würden Sie nicht jemand auf alle Weise auszuweichen suchen, der einen Dritten, den Sie ebensosehr lieben wie verehren, tödlich beleidigt hat?« »Gewiß«, sagte Sophie, »denn dann hätte er ja mich selbst beleidigt. Aber sind Sie auch gewiß, daß die Sache sich wirklich so verhält? Haben Sie auch beide Teile gehört? Was mich betrifft, so bin ich eben nicht sehr entzückt von Herrn Stein, oder offen gesagt, er mißfällt mir desto mehr, je öfter ich ihn sehe; aber Franz, der sonst so klug ist und die Menschen so durchschaut, schwärmt doch förmlich für ihn. Wie wäre das möglich, wenn Stein ein schlechter Mensch wäre?« »Ich habe nicht gesagt, daß er schlecht ist«, erwiderte Bemperlein, eine große Kohle bearbeitend, »schlecht ist überhaupt ein relativer Begriff; und was ich schlecht gehandelt nenne, nennt Herr Stein vielleicht nur leichtsinnig oder cavalièrement gehandelt oder dergleichen. Ich nenne aber schlecht gehandelt, wenn einer –« Hier unterbrach sich Bemperlein und hieb wiederum auf die große Kohle los. »Wie würden Sie es zum Beispiel nennen – ich spreche hier nicht von Herrn Stein –, wenn einer einem armen, abhängigen verwaisten, hilflosen Mädchen, das niemand, niemand auf der weiten Welt hat, der es schützen könnte und würde, so lange von Liebe vorschwatzt, bis das Mädchen an diese Liebe glaubt, sie zu heiraten verspricht mit allen heiligen Eiden; und sie dann hernach an einen Wüstling verkauft und verrät, verkaufen, verraten will – oh, es ist schändlich, schändlich!« »Aber, um Gottes willen, Bemperchen! Hat Oswald so etwas getan?« »Ich sagte Ihnen schon, ich spreche nicht von Herrn Stein. Es gibt mehr Kavaliere auf der Welt, von denen einer dem andern so ähnlich sieht wie eine Natter der andern Natter.« »Liebes Bemperchen, bitte, bitte, stellen Sie den Schürer hin – ich kann es wahrhaftig nicht mehr aushalten. Nehmen Sie diese Schlummerwalze, wenn Sie durchaus etwas in den Händen haben müssen.« »Danke!« sagte Bemperlein, den Schürer fortstellend und die Walze nehmend und darauf, die Walze wie ein Kind im Arm haltend, in Schweigen versinkend. Sophie fing jetzt allen Ernstes an, sich über Bemperleins aufgeregten Zustand zu beunruhigen. Wie erschrocken war sie aber, als Bemperlein alsbald wieder aufsprang, das Kissen aus dem Arm auf die Erde fallenließ, mit beiden Knien auf dasselbe hinkniete, eine ihrer Hände mit seinen beiden Händen ergriff und das Gesicht tief herabbeugend, in jämmerlichsten Tönen stöhnte: »Oh, Fräulein Sophie! Fräulein Sophie!« »Um Himmels willen, Bemperchen«, rief die junge Dame, »stehen Sie auf! Wenn jemand Sie so sähe – uns so sähe! –« »Lassen Sie mich!« murmelte Herr Bemperlein. »Ich muß es Ihnen sagen und kann es Ihnen nicht sagen, wenn Sie mich mit Ihren großen Augen dabei ansehen.« Sophie wußte im ersten Augenblick nicht, ob sie über diese unerwartete Liebeserklärung lachen oder weinen sollte. Um Bemperleins willen hatte sie fast Lust zu dem letzteren, während sie für ihre Person mehr zu dem ersteren geneigt war. »Bemperchen«, rief sie. »Bemperchen, besinnen Sie sich doch, was Sie sagen! Bedenken Sie doch, was Sie tun!« »Ich weiß es« , murmelte Bemperlein, »ich hab es mir selbst hundert- und tausendmal gesagt: in meinem Alter –« »Davon ganz abgesehen«, sagte Sophie, bei der die Neigung zum Lachen allmählich die Oberhand gewann, »wie können Sie, Franz' bester Freund, und – wofür ich Sie wenigstens bis zu diesem Augenblicke gehalten habe – mein bester Freund –« »Ich werde Ihr Freund, ich werde Franz' Freund bleiben«, rief Bemperlein mit Lebhaftigkeit. »Liebe und Freundschaft werden zusammen in meinem Herzen Raum finden; die eine wird die andere nur noch inniger, noch tiefer, noch reiner, noch heiliger machen.« »Aber, Bemperchen, mit solcher hohen platonischen Liebe verträgt es sich nicht, daß Sie à la Don Carlos auf den Knien liegen. Wenn Franz in diesem Augenblick zur Tür hereinkäme –« »Und wenn er käme«, rief Bemperlein aufspringend; »il n' y a que le premier pas qui coûte; ich fühle jetzt, nachdem ich das erste Wort gesprochen, nachdem ich mit Ihnen gesprochen, Mut, es aller Welt zu sagen. Franz wird meine Wahl billigen, wenn er sie kennt, wie ich sie kenne.« »Wie Sie mich kennen?« »Und auch Sie werden es tun«, rief Bemperlein, ohne auf Sophiens Unterbrechung zu achten, die Schlummerwalze wie eine Fahne schwenkend. »Sie werden dem armen Mädchen Freundin und Schwester sein; Sie werden es sein um meinetwillen, der ich Sie so unendlich schätze und liebe; Sie werden es auch ihretwillen sein, denn, glauben Sie mir, Sophie, sie verdient es.« »Aber von wem reden Sie denn eigentlich, Bemperchen?« »Ich dachte, Sie wüßten es schon längst«, sagte Bemperlein, erschrocken stehenbleibend; und dann setzte er mit leiser Stimme hinzu: »Marguerite Martin, Grenwitzens Gouvernante.« Glücklicherweise für Sophie war die Aufregung, in der sich Bemperlein in diesem Augenblicke befand, zu groß, als daß er hätte imstande sein sollen, die Verwirrung zu bemerken, in die sie die unerwartete Lösung des Knotens versetzt hatte. Sie war so nahe daran gewesen, eine große Albernheit zu begehen, indem sie ihrem Freunde eine so große Albernheit zutraute! Und doch ärgerte sie sich ein ganz klein wenig, daß sie nicht selbst der einzige Gegenstand von Bemperleins Anbetung war. Freilich berührte diese Regung Sophiens Seele nur momentan, wie ein leichter Wind die spiegelklare Fläche eines tiefen Sees nur im Vorübergehen kräuselt, und noch ehe Bemperlein sich von der Betäubung erholen konnte, in die ihn das Aussprechen des großen Wortes versetzt hatte, war sie wieder ganz die teilnehmende, kluge Freundin, nach der Bemperlein in seiner Herzensnot verlangte. Über das Faktum selbst, daß Bemperlein, der ruhige, jungfräuliche Bemperlein, von einer Leidenschaft ergriffen werden könnte, wunderte sie sich im Grunde gar nicht. Ihre Hauptsorge war, daß der bescheidene, arglose, trotz seiner dreißig Jahre unerfahrene Freund in die Schlinge einer Kokette gefallen seit, könne, und diese Sorge war um so begründeter, als sie die braunen Augen Marguerites schon einige Male in einem Zusammenhange hatte erwähnen hören, der diesen Verdacht zu bestätigen schien. Ihre erste Frage war deshalb: »Kennen Sie denn Mademoiselle Marguerite auch, Bemperchen? Das heißt, wissen Sie, daß sie ein gutes Mädchen ist, daß sie ein gutes Herz hat – mit einem Worte, daß sie meines braven Bemperchens würdig ist?« »Sie meiner würdig?« rief Bemperlein mit großem Enthusiasmus. »Sie wollen sagen, ob ich ihrer würdig bin!« »Ich habe genau das sagen wollen, was ich gesagt habe. Ich, als Ihre beste Freundin – denn diese Würde lasse ich mir vorläufig noch nicht nehmen – habe das Recht und die Pflicht, streng zu sein und zu prüfen, ehe ich ja und amen sage.« »Oh, Fräulein Sophie, ich versichere Sie, meine Marguerite ist ein Engel.« » Ihre Marguerite? Ei sieh doch einer das löwenkühne Bemperchen! Seid Ihr schon so weit? Aber, Scherz beiseite, Bemperchen! Was wissen Sie von der Engelhaftigkeit Ihrer Marguerite? Ich meine von der Engelhaftigkeit, die auch für andere Sterbliche erkennbar ist? Kommen Sie her! Setzen Sie sich ruhig zu mir an das Feuer und erzählen Sie mir alles ordentlich von Anfang an. Hier haben Sie die Schlummerwalze wieder – das Schüreisen lassen Sie auf jeden Fall stehen.« Trotz der scherzhaften Worte klang die Stimme Sophiens so treu und gut, und ihre großen blauen Augen blickten so teilnehmend und freundlich, daß Bemperlein nicht die mindeste Scheu mehr spürte, das liebe Mädchen in das Allerheiligste seines Herzens zu führen und ihr alles zu sagen, was er selbst kaum zu denken wagte. »Sie erinnern sich, Fräulein Sophie«, begann er, »daß ich Ihnen und Franz neulich erzählte, wie ich zu Grenwitzens ging, um zu erfahren, was die Baronin, die nach mir geschickt hatte, von mir wollte. Ich habe Ihnen auch erzählt, daß ich in dem Vorzimmer Mademoiselle Marguerite traf und welch eigentümliche Szene ich mit ihr erlebte. Ich habe Ihnen aber nicht erzählt, und habe es mir auch so wenig wie möglich merken lassen, welchen Eindruck diese Szene auf mich gemacht hatte. Wenn jemand wie ich in großer Armut aufgewachsen ist und oft mit Not und Sorge zu kämpfen hatte, so lernt er aus dem Grunde, was es heißt, hilflos und verlassen zu sein. Deshalb ist es auch ganz selbstverständlich, daß unsereiner, wenn er jemand leiden sieht, ganz anders fühlt und denkt als der, der nie in ähnlichen Lagen war; und so werden Sie es auch natürlich finden, daß ich das Bild des armen, verlassenen, weinenden Mädchens nicht wieder loswerden konnte. Immer sah ich sie vor mir stehen, wie sie an der Tür gestanden hatte, die zu den Zimmern der Baronin führt, schluchzend und die kleinen Händchen auf die Augen drückend, während die hellen Tränen durch die schlanken Finger rieselten. Immer tönten mir die Worte im Ohr: ›Oh, que je suis malheureuse!‹ und ich quälte mich damit ab, herauszukriegen, weshalb das arme Mädchen denn so sehr unglücklich sei? Denn daß es noch etwas mehr war als das Gefühl ihrer Abhängigkeit überhaupt, daß sie nicht deshalb so weinte, weil sie wieder einmal, wer weiß zum wievielten Male ungerechterweise Schelte bekommen – das hätte ich beschwören mögen. Ich quälte mich so darüber, daß ich die ganze folgende Nacht nicht schlafen und am andern Tage kaum die Zeit erwarten konnte, wo die Baronin mich empfangen wollte. Endlich schlug es zwei Uhr. Ich begab mich in das Hotel und wurde sogleich vorgelassen. Die Baronin war allein in ihrem Zimmer. Sie war ausnehmend gnädig, erkundigte sich nach Frau von Berkow; fragte, wie es mir in Sundin gehe, ob ich schon hinreichend Privatstunden zu geben habe und rückte endlich mit der Sprache heraus. Sie könne sich nicht entschließen, ihren Malte auf das Gymnasium zu schicken aus Gründen, die sie mir auseinandersetzte, die aber zu dumm waren, als daß ich sie wiederholen möchte, ebensowenig aber wage sie es nach den traurigen Erfahrungen, die sie gemacht – so lauteten ihre Worte – es noch einmal mit einem Hauslehrer zu versuchen. Sie habe den Entschluß gefaßt, ihn jetzt im Hause durch Privatlehrer unterrichten zu lassen, die natürlich erprobte und gesinnungstüchtige Männer sein müßten, und – dies war des Pudels Kern – ob ich, den sie außerordentlich schätze, sie in diesem Werke unterstützen und ihrem Sohne täglich ein bis zwei Stunden Unterricht in den alten Sprachen erteilen wolle? – Nun können Sie sich denken, Fräulein Sophie, daß ich unter anderen Verhältnissen die Zumutung rundweg zurückgewiesen haben würde, denn, abgesehen von allem, was sonst dagegen sprach, kann ich offenbar meine Zeit besser anwenden, als daß ich sie dem albernen Jungen opfere, den ich noch dazu niemals habe leiden können; aber ich bedachte, daß ich auf diese Weise Gelegenheit gewinnen würde, öfter mit der armen Marguerite zusammenzukommen, und da ich nichts eifriger wünschte, als das, so schien mir der Vorschlag der Baronin ein Wink des Himmels und ich akzeptierte ihn ohne weiteres.« »Bravo, Bemperchen!« sagte Sophie, »ich sehe, daß Sie für eine harmlose kleine Intrige doch mehr Talent haben, als ich Ihnen zutraute.« »Oh, es kommt noch besser«, erwiderte Bemperlein lächelnd. »Sie werden über mein Genie staunen. Im weiteren Verlauf des Gespräches kam die Baronin auch auf den französischen Unterricht zu sprechen und äußerte, es sei sehr unbequem, daß sie, trotzdem sie eine Französin im Hause habe, auch einen französischen Lehrer werde nehmen müssen, da sie zu Mademoiselles grammatikalischen Kenntnissen sehr wenig Vertrauen habe. Ich sagte sogleich – ich weiß noch jetzt nicht, wo ich den Mut dazu hernahm –, ich sei überzeugt, Mademoiselle würde die Grammatik sehr schnell lernen und hernach in alle Zukunft lehren können, wenn sie nur ein einziges Mal einen grammatikalischen Kursus durchgemacht habe. Meine Zeit sei freilich sehr beschränkt, wenn aber eine halbe Stunde täglich – die Baronin ließ mich gar nicht ausreden und nahm ohne weiteres mein Anerbieten an. Schon am nächsten Tage sollte der Unterricht beginnen.« »Wann hatten Sie die Zusammenkunft mit der Baronin, Bemperchen?« »Gestern vor acht Tagen, an demselben Tage, als ich, noch voll von dieser Unterredung und von einer anderen, die ich, gleich als ich nach Hause gekommen war, mit – mit – ich kann nicht sagen, Fräulein Sophie, mit wem, gehabt hatte, zu Ihnen eilte und hier Herrn Stein traf.« Bemperlein schwieg; sein gutmütiges Gesicht verdüsterte sich, und er griff wieder nach dem Schüreisen. Sophie nahm es ihm ruhig aus der Hand, stellte es noch weiter weg und sagte: »Sie waren an dem Abend aufgeregt und gingen bald wieder fort. Steht denn die andere Unterredung mit dem geheimnisvollen Unbekannten in irgendeiner Verbindung mit Ihrer Geschichte?« »Nicht in direkter«, erwiderte Bemperlein, sich wieder an die Schlummerwalze haltend, »nur insofern, als sie mein Interesse an der armen Marguerite noch steigerte, der – und die Folge hat meine Vermutung auf die merkwürdigste Weise bestätigt – vielleicht etwas Ähnliches passiert sein konnte – doch lassen wir das! – Am nächsten Tage also begann der Unterricht. Die Lektion mit dem Bengel, dem Malte, war vorbei; ich war allein in dem Zimmer zurückgeblieben und erwartete meine Schülerin. – Ihnen kann ich es sagen, Fräulein Sophie – nicht ohne Herzklopfen. Warum weiß ich freilich selbst nicht. Ich weiß bloß noch, daß ich mir auf einmal wie ein recht schlechter Mensch vorkam. Ich hatte in meinem Leben noch keine Komödie gespielt; und dieser grammatikalische Unterricht war doch nichts weiter als eine Komödie. Ich hatte große Lust wegzulaufen; aber da das doch nun einmal nicht ging, konnte ich nichts weiter tun, als meinen Vatermörder zurechtzupfen, vor dem Spiegel eine zierliche Verbeugung machen und mit meinem besten Akzent fragen: ›Ah, bonjour, Mademoiselle, comment vous portez-vous?‹ Als ich diese Frage zum dritten Male – und diesmal zu meiner vollen Befriedigung – wiederholt hatte, trat die Erwartete mit einem Buche in der Hand ins Zimmer, und ich geriet durch die Furcht, sie möchte meine Anstandsübungen vor dem Spiegel gesehen haben, in eine solche Verwirrung, daß ich über und über rot wurde und etwas stammelte, was möglicherweise französisch war, jedenfalls aber sehr dumm gewesen sein muß, denn Mademoiselle Marguerite lächelte und sagte etwas von bonté und enseigner, und dann weiß ich nur, daß wir einander gegenüber an dem Tische saßen und ohne ein Wort zu sprechen, in den Büchern blätterten. – Was soll ich Ihnen noch weiter erzählen, Fräulein Sophie? Das Beste und Notwendigste wüßte ich doch nicht zu sagen. Ich bin seit einer Woche jeden Tag eine Stunde lang mit Marguerite ungestört zusammen gewesen. Grammatik haben wir nicht getrieben, zum wenigsten sind wir über die erste Seite nicht hinausgekommen – aber dafür hat sie mir das Buch ihres Lebens aufgeschlagen, und ich habe es lesen dürfen, Wort für Wort, von der ersten bis zur letzten Seite. Ich sage Ihnen, Fräulein Sophie, es ist kein schlechtes Wort darin, und keine Seite, deren sie sich zu schämen hätte. Sie hat sich wie ich durch die Welt schlagen müssen, das arme Ding – oh, viel schlimmer als ich! Ihre Eltern sind so früh gestorben, daß sie sie nie gekannt; Geschwister, Verwandte hat sie nie gehabt, außer einer bösen Tante, die ihr ein Höllenleben bereitet, bis sie mit vierzehn Jahren unter fremde Leute gekommen ist, die sie doch wenigstens nicht geschlagen haben wie die höllische Tante. Ach, Fräulein Sophie, wenn ich Ihnen erzählte, was das arme Ding schon gelitten hat, Sie würden sagen: So etwas ist nicht möglich; und Ihr Herz würde überfließen vor Mitleid, wie meines übergeflossen ist.« Herr Bemperlein schwieg, weil er vor Bewegung nicht weitersprechen konnte. Sophie nahm seine Hand und sagte: »Gutes Bemperchen!« Bemperlein erwiderte warm den Druck und fuhr, nachdem er sich einige Male, um seine Rührung zu bemeistern, laut geräuspert hatte, also fort, »Sie hat mir nichts verschwiegen; auch nicht, daß sie in der letzten Zeit mit einem schlechten Menschen (ich wiederhole, Fräulein Sophie, daß es nicht Herr Stein ist) ein Verhältnis gehabt hat; mit einem Menschen, der sie auf die unwürdigste Weise genasführt und betrogen und an einen notorischen Roué hat verkuppeln wollen. Doch diese Geschichte ist so niedrig, so gemein, daß ich sie Ihnen nicht einmal mitteilen möchte, selbst wenn ich Marguerite nicht versprochen hätte, keinem, er sei, wer er sei, je die betreffenden Personen zu nennen. – Und nun –«, schloß Bemperlein, indem er Sophiens beide Hände in die seinen nahm, »was sagen Sie zu dem allem?« Sophie wurde durch die plötzliche Frage einigermaßen in Verlegenheit gesetzt. Sie hatte sich aus einzelnen hingeworfenen Äußerungen Helenens, Oswalds und ihres Verlobten von Marguerite ein Bild entworfen, das keineswegs sehr schmeichelhaft für die junge Dame war; und auch Bemperleins Erzählung war nicht imstande gewesen, ihr einmal gefaßtes Vorurteil ganz zu beseitigen. Es tat ihr weh, daß sie den armen Mann, dessen gutes Gesicht jetzt mit einem aufgeregten, ängstlichen Ausdruck auf sie gerichtet war, als ob von ihrem Ausspruch Leben und Tod abhinge, durch einen Zweifel an der Vollkommenheit seiner Auserkorenen kränken sollte, und doch! Lügen konnte und mochte sie nicht, und antworten mußte sie nun einmal. So sagte sie denn mit einer allerliebsten Präzeptormiene, das Köpfchen nachdenklich von einer Seite auf die andere bewegend. »Es ist mit der Liebe ein eigenes Ding, Bemperchen. Ich habe während der Zeit, daß ich Franz kenne und liebe, oft darüber nachgedacht. Es ist nicht alles Gold, was glänzt, und nicht alles Liebe, was wie Liebe aussieht. Es gibt Empfindungen, die als solche sehr lobenswert, aber trotz alledem nicht Liebe sind, und die wir uns ja hüten müssen, für Liebe zu nehmen. Und je edler ein Herz ist, desto leichter gerät es in Gefahr, einen solchen Irrtum zu begehen, gerade wie der Vertrauensvollste sich am leichtesten falsches Geld für richtiges in die Hände stecken läßt; ich zum Beispiel, die, wenn ein falsches Viergroschenstück auf dem Markt war, es sicherlich, wenn ich nach Hause komme, in meinem Portemonnaie habe. Es gibt aber keine Empfindung, die der Liebe so ähnlich sieht, und durch die sich deshalb ein edles Herz so leicht täuschen läßt, wie das Mitleid. Wäre es nicht doch möglich« – und hier legte die junge Dame ihre Hand auf Bemperleins Hand –, »daß, wie Ihr Interesse für Fräulein Marguerite zuerst aus dem Mitleid entsprang, es noch bis auf diesen Augenblick, nicht eigentliche Liebe, sondern eben nur Mitleid ist?« Bemperleins Gesicht war bei dieser gelehrten Auseinandersetzung immer länger geworden. Er hatte sich von Sophie eine wärmere Aufnahme seiner Nachricht versprochen. Fast kleinlaut fragte er daher: »Aber, Fräulein Sophie, wie unterscheidet sich denn Liebe von Mitleid? Ist nicht die Nächstenliebe, die doch die reinste Form der Liebe ist, mit dem Mitleid identisch?« »Die Nächstenliebe wohl«, erwiderte Sophie, »aber nicht die Liebe, von der wir sprechen, die Liebe, die man empfinden muß, wenn man jemand heiraten will; die Liebe zum Beispiel, die ich für Franz empfinde und die Franz für mich empfindet. Das ist noch etwas ganz anderes, ganz anderes« – und sie wiegte gedankenvoll das Haupt. »Aber was ist es denn?« rief Bemperlein voll Verzweiflung. »Wie soll man erfahren, ob man wirklich liebt?« »Das ist sehr schwer«, erwiderte Sophie, »und auch wieder sehr leicht. Haben Sie zum Beispiel nur immer das Verlangen gehabt, Fräulein Marguerite aus ihrer abhängigen Stellung in eine bessere versetzt zu sehen, sie zu beschützen, zu beschirmen vor aller Not und Gefahr; oder haben Sie auch manchmal gewünscht –« Hier stockte Sophie und wurde rot. »Nun?« fragte Bemperlein eifrig. »Ihr einen Kuß zu geben«, sagte Sophie, entschlossen, der Sache auf den Grund zu kommen, selbst auf die Gefahr hin, indiskret zu werden. »Wenn's weiter nichts ist«, sagte Bemperlein triumphierend, »die Frage kann ich mit Ja beantworten.« »Bravo! Und haben Sie ihr auch schon einen Kuß gegeben?« »Nein!« »Haben Sie ihr denn schon Ihre Liebe gestanden?« »Nein!« »Wissen Sie denn, daß sie Sie wiederliebt?« »Nein!« Die immer geringer werdende Herzhaftigkeit dieser Verneinungen war so komisch, daß sich Sophie des Lachens kaum enthalten konnte. »Aber«, rief sie, »wie wollen Sie denn das erfahren?« »Ich werde sie fragen«, sagte Bemperlein entschlossen. »Sehr gut! Und wenn sie nun Nein antwortet?« »Das kann sie nicht, das wird sie nicht«, rief Bemperlein, blaß vor großer Aufregung. »Ich habe daran noch gar nicht gedacht, aber das wäre schrecklich! Ich – ich habe es mir so schön ausgemalt, wenn sie mein Weib würde, für das ich arbeiten könnte, und das ich lieben könnte und das mich wiederliebte. Denn ich muß jemand von ganzem Herzen lieben, und ich muß fühlen, daß ich von ganzem Herzen geliebt werde, oder ich bin der unglücklichste Mensch von der Welt. Oh, Fräulein Sophie, nicht wahr, Marguerite wird nicht Nein sagen?« Seine Stimme zitterte und seine Augen standen voll Tränen. Das gutmütige Mädchen war kaum weniger gerührt. Die Leidenschaftlichkeit Bemperleins hatte eine sympathetische Saite in ihrem Herzen angeschlagen. Sie fühlte sich plötzlich verpflichtet, die junge Liebe ihres dreißigjährigen Schülers aus allen Kräften zu beschützen. »Wissen Sie was«, sagte sie mit großer Entschiedenheit, »Wir wollen das bald erfahren. Bringen Sie die Marguerite einmal zu mir.« Bemperlein atmete hoch auf. »Darf ich das wirklich?« »Nun natürlich; ich kann nicht gut zu ihr gehen, weil das auffallen würde, aber hierher kann sie ohne Aufsehen kommen. Sagen Sie ihr nur, ich wünschte sie kennenzulernen. Wenn sie Sie liebt, wird sie sich nicht lange bitten lassen. Haben wir sie erst einmal hier, so findet sich das andre von selbst. – Ja, ja«, fuhr die junge Dame fort, und schnappte vergnügt mit den Fingern, »so geht's, so geht's. Und wenn wir gute Freundinnen werden, so habe ich noch einen andern Plan – oh, Bemperchen, einen andern Plan, wenn Sie den wüßten – ich sage Ihnen, einen Plan, – nein, nein! – Sie kriegen es nicht zu wissen – und Franz auch nicht – St! Da kommt er! Kein Wort von unserm Geheimnis!« Dreiundzwanzigstes Kapitel Mit Felix war in dieser Zeit eine traurige Veränderung vorgegangen. Wie an einem Hause, dessen Holz der Schwamm zerfressen hat, nur ein Strebepfeiler weggenommen zu werden braucht, um es der Gefahr des Einsturzes nahe zu bringen, so hatte die schwere Verwundung, die er in dem Duell mit Oswald davongetragen, seinen ganzen, durch ein überaus wüstes Leben zerrütteten Organismus vollends erschüttert. Die Kugel hatte keine edleren Teile verletzt, an der sorgfältigsten ärztlichen Behandlung hatte es nicht gefehlt, dennoch wollten die Wunden nicht heilen. Und als es damit anfing, besser zu werden, hatten sich plötzlich höchst bedenkliche Symptome einer schon weit vorgeschrittenen Lungenkrankheit gezeigt. Die herbeigerufenen Ärzte schüttelten den Kopf und sprachen von der Notwendigkeit einer Luftveränderung, eines längeren Aufenthaltes in südlicheren Klimaten. Aber Felix wollte von allem, was andere doch so deutlich sahen, nichts sehen. Die lumpigen Schrammen? Pah! Ich bin schon anders gezeichnet gewesen! Das bißchen Fieber? Lächerlich! Mir ist nach einer tollen Nacht schon schlimmer zumute gewesen! Meine Lunge? Dummes Zeug; was versteht die alte Perücke, der Balthasar, von meiner Lunge; ich pfeife was auf alle gelehrten Perücken. Felix von Grenwitz ist so leicht nicht totzumachen. Seit einigen Tagen aber stand es mit seiner Gesundheit so schlecht, daß selbst sein Leichtsinn sich gegen die Möglichkeit einer ernsteren Gefahr nicht länger verschließen konnte. Die kaum geheilten Wunden brachen wieder auf; ein schleichendes Fieber nagte Tag und Nacht an seinen Nerven, und wenn er kaum eingeschlafen war, weckte ihn ein quälender Husten aus so schrecklichen Träumen, daß Schlaflosigkeit im Vergleich noch eine Wohltat schien. Zu der Sorge, die ihm seine Krankheit machte, kamen andere, die er sonst sehr leicht genommen hatte, die aber jetzt sein ohnedies angegriffenes Gehirn noch mehr verwirrten und seine hypochondrische Stimmung verdüsterten. In seine Krankenstube drängten sich einzelne Leute, die sich durchaus durch die Bedienten nicht hatten abweisen lassen – Leute mit höchst bedenklichen Physiognomien und auffallend schmutziger Wäsche, die, wenn sie denn endlich vorgelassen waren, eine große Brieftasche öffneten und dem Herrn Baron ein »kleines Wechselchen« präsentierten, zweitausend, dreitausend Taler – »eine wahre Kleinigkeit für den Herrn Baron«. Vielleicht wäre es Felix leicht gewesen, diese ominösen Papiere einzulösen, wenn er jetzt war, was er zu sein hoffte, als er sie aus der Hand gab, nämlich: der erklärte Bräutigam Helenens, der Schwiegersohn eines der reichsten Grundbesitzer der Provinz. Aber leider war er das doch nun nicht, hatte auch keine Aussicht es zu werden – und konnte sich infolgedessen auch nicht weiter wundern, wenn die Baronin in den Privataudienzen, die er jedesmal nachsuchte, sooft eine jener verdächtigen Gestalten die Schwelle seines Zimmers überschritten hatte, sich bedeutend weniger geschmeidig zeigte als vor einigen Wochen, wo die Sonne seiner unüberwindlichen Liebenswürdigkeit noch im Zenit stand. Felix wußte recht gut, daß seine Tante sich zu einer Freigebigkeit, die ihrer Natur so gründlich widersprach, nur darum verstand, weil sie in ihm den Mitwisser des großen Familiengeheimnisses erblickte. Aber auch dieses einzige, unersetzliche Band hielt nur noch an dem letzten Faden. Es unterlag nämlich keinem Zweifel, daß nur die Furcht vor der »bornierten Ehrlichkeit des Barons«, wie die Baronin sagte, sie abhielt, es in dem mit Albert Timm entbrannten Kampfe aufs Äußerste ankommen zu lassen, und Felix war keineswegs ganz sicher, ob selbst diese Furcht sie bewegen könnte, den zwischen ihm und Albert geschlossenen Kontrakt zu sanktionieren. Er hatte deshalb bis zu diesem Augenblick noch nicht gewagt, ihr die Höhe der Summe anzugeben, für die er Alberts Verschwiegenheit erkauft hatte. Felix' Zaghaftigkeit in dieser ganzen Angelegenheit hatte einen triftigen Grund in seiner eigenen mißlichen Lage. Er mußte die Tante in möglichst guter Stimmung erhalten, um ihr die Summen abzulocken, die er für seine persönlichen Bedürfnisse brauchte. Es war ja später noch immer Zeit, ihr in betreff Timms reinen Wein einzuschenken. Wie grimmig auch Felix Oswald haßte und wie entsetzlich es ihm auch gewesen wäre, wenn es dem Verhaßten mit Alberts Hilfe gelang, sich in den Besitz des Vermögens zu setzen und am Ende doch Helene zu gewinnen – so mußte das alles dem Augenblick und seinen gebieterischen Forderungen untergeordnet werden. So standen die Sachen, als am Morgen nach der Soiree, an der Felix natürlich nicht teilnehmen konnte, die Baronin, nachdem sie sich vorher hatte anmelden lassen, dem Patienten einen Besuch abstattete. Felix saß in einen weiten Schlafrock gehüllt, fröstelnd dicht an dem heißen Ofen. Die großen, einst so übermütigen, jetzt so gläsern starren Augen und die krankhafte, scharf abgeschnittene Röte auf seinen magern Wangen zeugten von den reißenden Fortschritten, die die Krankheit in den letzten Tagen gemacht hatte. Er erhob sich, einigermaßen verwundert über diesen Besuch außer der gewöhnlichen Zeit, halb aus seinem Stuhl und streckte der Tante seine abgemagerte, fieberheiße Hand entgegen: »Bon jour, ma tante! Soll ich sagen, so früh oder so spät noch auf? Denn Ihr habt ja beinahe bis an den hellen Morgen getanzt. Ich habe den Baß bis hier in mein stilles Zimmer hinein hören können: brum! brum! bis ich fast verrückt über dem Gebrumm wurde; und wenn Sie mir das Fluchen nicht abgewöhnt hätten, ma tante, ich hätte, hol' mich der Teufel, den verdammten Kerl, der das Gebrumm fabrizierte, bis in den tiefsten Pfuhl der Hölle verwünschen können.« »Ich hoffe, daß es mit Ihrer Gesundheit heute nicht schlechter geht als mit Ihrem Fluchen«, sagte Anna-Maria lächelnd, indem sie vor dem Kranken in einem Lehnsessel Platz nahm und eine Handarbeit in Ordnung brachte, ein Beweis, daß sie es auf einen längeren Besuch abgesehen hatte, »aber im Ernst, lieber Felix, ich habe Sie aufrichtig bedauert, und komme, Sie wegen der nächtlichen Störung um Entschuldigung zu bitten.« »Sie sind ja heute außerordentlich gnädig, liebe Tante.« »Ich dächte, das wäre ich immer«, erwiderte Anna-Maria, »nur daß es Leute gibt, die sich durchaus nicht davon überzeugen können.« »Ich gehöre nicht zu diesen, liebe Tante.« »Ich weiß es, Felix, und Sie werden mir das Zeugnis geben, daß ich stets für Sie getan habe, was in meinen Kräften stand.« »Jawohl, jawohl«, murmelte Felix und überlegte, ob der Augenblick wohl geeignet sei, gegen seine Tante ein kleines Geschäft zu erwähnen, in das er sich vor nun beinahe drei Monaten eingelassen hatte und das in wenigen Tagen reguliert werden mußte. »Die Gesellschaft – die übrigens pünktlich zwei Uhr fünfzehn Minuten aufgebrochen ist, lieber Felix – war gestern abend recht animiert«, fuhr die Baronin fort, »und es hat mir von Herzen leid getan, daß Sie nicht daran teilnehmen konnten. Es wäre wirklich Zeit, daß Sie sieh endlich einmal wieder gesund meldeten.« »Das weiß Gott«, seufzte der Patient, sich ungeduldig in seinem Lehnstuhl herumwerfend, »man wird hier in dieser verdammten Spelunke noch ganz zum Hypochonder. Aber erzählen Sie ein wenig von gestern. Wer war denn alles da?« »Oh, nicht eben viele; ich liebe, wie Sie wissen, die großen Feten nicht: Griebens, Nadelitzens, Barnewitzens, Clotens –« »Die Zusammensetzung ist nicht schlecht«, meinte Felix, »haben sich denn Hortense und Emilie nicht die Augen ausgekratzt?« »Nicht doch! Sie sind die besten Freundinnen von der Welt, und überdies hatten sie gestern um so weniger Ursache, sich gegenseitig den Vorrang streitig zu machen, als darüber, nach dem allgemeinen Urteil der Gesellschaft wenigstens, schon anderweitig entschieden war.« »Oh, in der Tat! Und wer war denn der Vogel Phönix?« »Ihre Cousine, lieber Felix«, sagte die Baronin, die Stiche auf ihrer Arbeit zählend, »sie sah in der Tat ausnehmend schön aus, so daß selbst ich davon überrascht war, ebenso wie von der Bewunderung, die ihr von allen Seiten gezollt wurde.« Felix horchte hoch auf. Das Lob Helenens aus der Mutter Munde war eine so neue Melodie, daß er seinen Ohren nicht traute. »Es scheint, als ob die letzten Wochen doch einen recht guten Einfluß auf sie ausgeübt haben«, fuhr die Baronin fort, »Sie hat ein gut Teil von ihrer hochmütigen Arroganz verloren; die Gräfin Grieben machte mir gestern ein Kompliment über ihre sittsame, echt weibliche Haltung.« »Sie verzeihen, liebe Tante«, sagte Felix mit großer Bitterkeit, »daß ich mich über diese günstige Metamorphose nicht ebenso freue. Ich wollte, sie wäre einige Wochen früher eingetreten. Vielleicht läge ich dann nicht hier, hilflos wie ein Pferd, dem die Flechsen durchgeschnitten sind«, und er schlug heftig mit der gesunden Hand auf die Lehne des Stuhls. »Ich gestehe, daß Sie einigen Grund haben, sich über Helene zu beklagen«, sagte die Baronin, »indessen, Haß und Rache sind sehr unchristliche Empfindungen, zumal unter Verwandten, die von Natur darauf angewiesen sind, sich gegenseitig zu lieben –« »Oh, gewiß«, unterbrach sie Felix, »Sie haben ganz recht, liebe Tante! Auf diese Voraussetzung war ja auch unser ganzer Plan gebaut; nur schade, daß Fräulein Helene nicht viel von der natürlich angewiesenen christlichen Verwandtenliebe wissen wollte.« »Sie sind bitter, Felix, und wie gesagt, ich räume ein, Sie haben sich zu beklagen. Aber lassen Sie uns jetzt von der Sache sprechen, die mich eigentlich veranlaßt hat, Sie heute morgen so früh zu besuchen. – Ihr Gesundheitszustand, lieber Felix, macht mir so große Sorge, daß ich heute nacht noch einmal ernstlich darüber nachgedacht habe und jetzt zu einem Entschlusse gekommen bin. Sie müssen – und zwar sobald als möglich – die besprochene Reise nach Palermo antreten.« Felix sollte heute morgen aus einer Verwunderung in die andere fallen. Die von den Ärzten schon seit zwei Wochen dringend angeratene Reise war von Anna-Maria einfach aus dem Grunde beanstandet worden, weil weder Felix »wie sie glaube«, noch sie selbst die dazu nötigen Mittel für den Augenblick disponibel hatten. Auf einmal waren diese Mittel vorhanden! Wer die Konsequenz der Baronin kannte, mußte sich sagen, daß nur etwas ganz Absonderliches sie zu dieser plötzlichen Willensänderung bewogen haben konnte. Was dieses Etwas aber war, erfuhr Felix in dem weiteren Verlauf dieser wichtigen Unterredung nicht. Es war ihm im Grunde auch gleichgültig. Die letzten qualvollen Tage und Nächte hatten seine Kraft gebrochen; der leichtsinnige Übermut, den er bis dahin prahlerisch zur Schau getragen, war einer finstern Verstimmung gewichen, in der nur der eine Gedanke lebendig war, um jeden Preis wieder gesund zu werden. Zu diesem höchsten Zweck waren ihm alle Mittel recht. Wollte seine Tante ihm zu der Reise, die auch er jetzt für eine Notwendigkeit erkannt hatte, das nötige Geld geben – gut! Und um so besser, je mehr sie gab! Warum sie gab; jetzt gab, nachdem sie vor wenigen Tagen die Aufbringung der Reisekosten für eine positive Unmöglichkeit erklärt hatte – was fragte er danach? Kaum mehr als jemand, der in Gefahr ist zu ertrinken, danach fragt, woher der rettende Balken geschwommen kommt, an den er sich im letzten Moment noch anzuklammern vermag. Als die Baronin sich nach einer Stunde erhob und ihre Arbeit zusammenpackte, war die italienische Reise eine beschlossene Sache. Schon in den nächsten Tagen, wenn Felix' Zustand sich nicht verschlimmerte, sollte sie angetreten werden. »Sie wissen, lieber Felix«, sagte Anna-Maria, »ich hin dafür, daß etwas, was einmal geschehen soll und muß, bald geschieht. Und hier ist noch dazu offenbar Gefahr im Verzuge. Ich würde mir ewig einen Vorwurf daraus machen, hätte ich nicht, was in meinen schwachen Kräften steht, getan, diese drohende Gefahr von Ihnen abzuwenden.« Felix führte die ihm gnädig dargereichte knöcherne Hand der Tante an seine Lippen, und Anna-Maria verließ das Zimmer. »Der alte Drache!« murmelte Felix, indem er erschöpft in seinen Lehnstuhl zurücksank. »Was mag ihr nur in die Krone gefahren sein, daß sie mit einem Male so spendabel wird? Ein wahres Glück, daß ich ihr nicht gesagt habe, wieviel der Schuft, der Timm, fordert. Einmal freilich wird sie's wohl erfahren müssen; aber nicht, bevor ich in Sizilien bin. Uff! Mein Arm! Ich muß eine gründliche Kur gebrauchen, und am Ende ist sich doch jeder selbst der Nächste.« Der leichtsinnige Patron! dachte Anna-Maria, während sie die langen Korridore entlang nach ihrem Zimmer zurückschritt; es ist hart, daß ich, nachdem ich schon so viel für ihn bezahlt habe, auch noch diese horrible Ausgabe für ihn machen soll. Aber es geht nicht anders. Aus dem Hause muß er, und dies ist die anständigste und am wenigsten auffallende Weise, auf die ich ihn loswerde. Vierundzwanzigstes Kapitel Es war spät am Abend desselben Tages. In der Pensionsanstalt des Fräulein Bär waren die Fenster schon seit zwei Stunden dunkel, bis auf eins, das nach dem Garten hinter dem Hause sah. Das Licht kam aus einer Lampe, welche ganz in der Nähe auf einem Bureau stand, und an diesem Bureau saß Helene von Grenwitz und schrieb: »Du Kluge, Stille, mit Deinen klugen, stillen blauen Augen! Ach, wer wie Du so stets sich selber gleich durch das Leben gehen könnte! Wer doch wie Du in sich selbst den Frieden hätte, in dem sich wie in einem tiefen stillen See alles in klaren Farben und scharfen Umrissen spiegelt! Was Dir heute gut erscheint, erscheint Dir auch morgen so; was Du heute für recht hältst, erklärst Du auch morgen nicht für unrecht. Das Maß, mit dem Du die Menschen missest, ist das unwandelbar gleiche, strenge; wer es nicht erreicht, den erkennst Du nicht für Deinesgleichen und behandelst ihn danach heute wie morgen und alle Tage mit der milden Freundlichkeit, die im Grunde eine kühle Gleichgültigkeit ist, und um die ich Dich so oft beneidet habe. – Wie ist das alles bei mir so anders, so ganz anders! Mein Herz ist ein wildbewegtes Meer und die Bilder des Lebens verzittern darin, schwankend und wechselnd und mich ängstigend wie ebenso viele Gespenster. Zwar auf der Oberfläche! – Nun ja, da ist's scheinbar ruhig genug – wenigstens sagen es die Leute und ich fühle es selbst; aber in der Tiefe? Da kocht es und wühlt es – da keimen Wünsche, die ich mir kaum selbst zu gestehen wage; da sprießen Gedanken, vor denen ich selbst erschrecke; da blüht die Sehnsucht nach einem unsäglich hohen, unsäglich köstlichen Glück, die Sehnsucht, die ich Dir oft – und ach, niemals so, wie ich sie wirklich fühle – geklagt habe und die Du lächelnd in das Reich der Träume verwiesest. Solltest Du recht haben? Sollte die Stimme, die oft in stiller Nacht – wie jetzt – aus meiner Seele ruft, klagend, sehnsuchtsvoll, verzweifelnd – nie ein Echo finden? Mir glüht die Stirn – meine Augen brennen – mein Herz pocht in ungeduldigen Schlägen. Was willst du, ungestümes, wildes Herz? Liebe? Ja! Macht und Ehre und Glanz und Herrlichkeit? Ja! – Wie aber, wenn du beides nicht auf einmal haben kannst; wenn da das eine oder das andere opfern müßtest? Wie dann? Was willst du opfern? Die Liebe – nein! Die Herrlichkeit? nein, o nein! – Nun denn! So poche rastlos unbefriedigt weiter und quäle mich ohn' Erbarmen, bis diese Hand und dieses Haupt es müde werden, deine fiebernden Schläge zu zählen. Ich sehe Deine weichen blauen Augen erwartungsvoll auf mich gerichtet; ich sehe auf Deinen Lippen die Frage zittern: Was hast du, dearest? Oh, Liebste, Teuerste, Du sollst es mir sagen. Seit einiger Zeit verstehe ich mich selbst nicht mehr. Ich schrieb Dir, daß ich Herrn St. zufällig vom Fenster aus wiedergesehen habe, und daß ich sehr wünschte, ihn einmal allein zu sprechen. Dieser Wunsch sollte noch an demselben Tage in Erfüllung gehen. Ich traf ihn bei Fräulein R. und er begleitete mich, da die Dienerin nicht kam, nach Hause. Wir hatten unterwegs ein Gespräch, das mich sehr erregte, da es von Bruno handelte, und ich hatte endlich Gelegenheit, Herrn St. den Dank abzustatten, den ich ihm von meiner Verlobungsaffäre her schuldete. Ich war tief bewegt, als er vor der Tür Abschied von mir nahm. Der Zauber, den dieser Mann stets auf mich ausgeübt hat und den ich nur von mir abzuschütteln vermag, wenn ich von ihm nichts sehe und höre, war in seiner Nähe wieder mächtig geworden. – Ich fühlte das und gerade deshalb – Du kennst mich – vermied ich es nicht, ihn wiederzusehen, obgleich ich es leicht gekonnt hätte. Zwei Abende darauf traf ich ihn abermals, ebenfalls bei Fräulein R. Diesmal war, als wir nach Hause gingen, die Dienerin zugegen, aber da wir französisch sprachen – das Herr St. entzückend schön spricht; er sagte mir, er sei durch Abstammung ein halber Franzose –, war unsere Unterhaltung doch ungeniert. Was die zwei Tage gut gemacht hatten, verdarben diese zwei Stunden Zusammensein wieder, und ich erkannte zu meiner größten Beschämung – und mit Röte der Scham auf den Wangen schreibe ich es nieder –, daß das Gefühl, das mich in seiner Nähe überkommt, stärker ist als mein Stolz. Nicht, als ob er mir durch Geisteshoheit, durch Manneskraft eben imponierte! Durchaus nicht. Er gleicht, streng genommen, gar nicht dem Ideal, das ich von dem Helden, den ich lieben könnte, im Herzen trage: Aber es ist in dem Ton seiner Stimme, in dem Blick seiner großen blauen Augen, in seinem ganzen Wesen ein Etwas, das mich unsäglich rührt. Und dann – ich will Dir ja alles sagen –, ich weiß, daß er mich liebt, und wie es wohl unter diesen Verhältnissen nicht anders sein kann, hoffnungslos liebt, und das macht mir ihn wert wie den Dolch mit der blanken Damaszenerklinge und dem goldenen Griffe, den ich als Mädchen von zwölf Jahren einmal in der Rüstkammer von Grenwitz fand, wie einen herrlichen Schatz mit mir auf mein Zimmer nahm und von dem ich mich seitdem nicht wieder getrennt habe. Ich weiß es – Oswald und der Dolch – sie beide gehören mir, nur mir. Es ist so unendlich süß, etwas sein eigen zu nennen, von dem niemand weiß, niemand ahnt und das doch zu uns stehen wird, uns helfen wird in der letzten Gefahr, wenn alle andern uns verlassen haben. Wenn ich Oswalds Blick auf mich gerichtet sehe, so ist mir zu Sinnen, wie wenn ich den Dolch halb aus seiner sammetnen Scheide zücke und in der Sonne funkeln lasse. Aber es liegt Gefahr in diesem Funkeln. Wie oft hab' ich die Waffe dann ganz herausgezogen, die haarscharfe Spitze mir aufs Herz gesetzt und zu mir gesagt: Ein Druck – und du atmest nicht mehr. Und es liegt Gefahr in der Nähe dieses Mannes; ein Wort von ihm, und er hat aufgehört für mich zu leben, und wenn ich schwach genug wäre, es zu erwidern. – – Ich darf nicht daran denken; nicht daran denken, wie nah ich schon dem Abgrund gestanden habe! Ich hatte mir vorgenommen, nicht wieder zu Fräulein R. zu gehen und diesen Entschluß auch durchgeführt. Vorgestern gegen Abend, als ich allein im Garten war – die andern waren, Fräulein Bär an der Spitze, auf ihrem gewöhnlichen Spaziergange –, hörte ich das Brausen des nahen Meeres so deutlich, daß mich eine unwiderstehliche Sehnsucht befiel, mein Lieblingselement einmal wieder von Angesicht zu Angesicht zu sehen. Unser Garten stößt an eine Parkanlage, die sich unmittelbar bis ans Ufer erstreckt. Sie gehört der Stadt und ist, wie ich höre, im Sommer eine gesuchte Promenade. Im Herbst aber, noch dazu in dieser kühlen, feuchten Abendstunde, hatte ich in den breiten Alleen unter den hohen Bäumen nie jemand bemerkt. So öffnete ich denn die nicht einmal verschlossene Pforte und trat hinaus. Es war dunkler im Park, als es im Garten gewesen war; lauter rauschte der Abendwind durch die kahlen Äste der mächtigen Buchen; deutlicher hörte ich das Brausen der See. Unter meinen Füßen raschelte das Laub; über mir krächzten ein paar Krähen, die auf den schwankenden Zweigen keine Ruhe finden mochten. Ich hüllte mich fester in meinen Schal und schritt weiter. Das mit jedem Augenblick tiefer hereinsinkende Dunkel und der kühle feuchte Atem des Waldes und des Meeres übten den alten Zauber auf mich aus, den ich so oft als kleines Mädchen empfunden hatte. Ich verspürte nicht die mindeste Furcht; die Seligkeit, einmal mit mir und meinen Gedanken allein zu sein, allein in einer Umgebung, die so ganz zu meinen Gedanken stimmte, ließ ein solches Gefühl gar nicht aufkommen. Ich eilte weiter und immer weiter wie in einem Traum, bis ich an das Ende der großen Allee kam. Dort öffnet sich ein kleiner von hohen Bäumen fest überwölbter Platz, dessen eine Seite vom Meere selbst begrenzt wird, das bis unmittelbar an das mäßig hohe, aber steile Ufer brandet. Ein eisernes Geländer faßt den Rand ein. Bänke stehen hier und da für die Spaziergänger, die sich, von der Wanderung ermüdet, an der Kühle des Platzes und der Aussicht auf das Meer erquicken wollen. Ich lehnte mich auf das Geländer und blickte hinein in die dunkelnde und im Dunkel leuchtende Wasserwüste und sah Welle auf Welle rastlos heranrollen und auf den glatten Kieseln des schmalen Vorstrandes zerschäumen. Ihr Donnern, das jedes andere Geräusch übertäubte, war Wiegengesang für mein wildes Herz und lullte mich in wunderliche Träume von einem Glück, das tief und grenzenlos war, wie das tiefe, grenzenlose Meer, an dessen im Dunkel verzitterndem Horizont mein Blick hing; und – hätte das Glück sonst einen Reiz für mich! – ebenso voll schauerlicher Geheimnisse und unberechenbarer Gefahren. Da schlug in unmittelbarster Nähe eine Menschenstimme an mein Ohr. Ich fuhr aus meiner gebückten Stellung in die Höhe, und vor mir stand Herr St. ›Ich bitte um Verzeihung‹, sagte er, ›wenn ich Sie in Ihren Phantasien störe; aber der Zufall, Sie zu dieser Stunde an diesem Platze zu treffen, ist zu seltsam, als daß ich darin nicht etwas mehr als einen bloßen Zufall erblicken sollte.‹ Ich war über diese plötzliche Begegnung so erschrocken, und das Unpassende meines Schritts wurde mir mit einem Male so klar, daß ich kalt und scharf erwiderte: ›Wie meinen Sie das, mein Herr? Ich will hoffen, daß es in der Tat ein Zufall ist, was mir in diesem Augenblick das Vergnügen Ihrer Gegenwart verschafft.‹ Er trat einen Schritt zurück. ›Verzeihen Sie, mein gnädiges Fräulein‹, sagte er, ›ich wußte nicht, daß meine Gegenwart Ihnen so lästig sei.‹ Er verbeugte sich und ging. Der Ton, in dem er gesprochen hatte, schnitt mir ins Herz. Als er ein paar Schritte fort war, konnte ich's nicht länger ertragen. Ich nannte seinen Namen. Im nächsten Augenblick war er wieder an meiner Seite. ›Herr St.‹, sagte ich, ›verzeihen Sie mir. Ich war erschrocken! ich wußte nicht, was ich sagte.‹ ›Nein, nein‹, sagte er, ›Sie hatten ganz recht. Es ist kein Zufall, der uns hier zusammenführt; von meiner Seite wenigstens nicht. Ich sah Sie in den Park treten; ich bin Ihnen gefolgt; ich hatte Sie keinen Augenblick aus den Augen verloren.‹ ›Und kommen Sie häufiger hierher?‹ fragte ich, indem wir anfingen, die lange Allee wieder hinaufzugehen. ›Ja‹, erwiderte er, ›für einen Unglücklichen sind das Dunkel und die Einsamkeit die passendsten Gefährten.‹ Ich hatte nicht den Mut zu fragen, weshalb er unglücklich sei; wir gingen schweigend nebeneinander weiter. Ich beschleunigte den Schritt, denn der alte Zauber kam wieder über mich und ich wollte ihm entfliehen. Nach wenigen Minuten näherten wir uns der eisernen Gittertür, die aus dem Park in den Garten führt. Zwischen den dichten Büschen, unter den hohen Bäumen war es sehr dunkel. Mein Herz schlug zum Zerspringen. Ich war fest entschlossen, koste mich es auch das Leben, seine Liebe, sollte er jetzt von Liebe sprechen, zurückzuweisen und dennoch – dennoch wünschte ich, daß er spräche, zürnte ich ihm, daß er nicht sprach. Es waren vielleicht nur wenige Sekunden, aber sie dünkten mich eine Ewigkeit – eine Ewigkeit von Furcht und Hoffnung. Da standen wir an der Tür. Oswald öffnete sie. Ich dankte ihm und wünschte ihm gute Nacht. Er antwortete nur mit einer schweigenden Verbeugung. Als die Tür hinter mir in das Schloß fiel, zuckte ich zusammen, wie ein Gefangener, der das Kerkertor, das ihn für immer vom Leben trennt, hinter sich zuschlagen hört. Ich wollte im ersten Augenblick die Hand durch das Gitter strecken und ihm sagen – ich weiß nicht was – aber ich bezwang mich und ging, ohne mich umzusehen, raschen Schrittes nach dem Hause. Und als ich auf meinem Zimmer angekommen war, habe ich mich auf das Sofa geworfen und bitterlich, bitterlich geweint, wie ich nie in meinem Leben geweint habe, nie geglaubt hatte, daß Helene von Grenwitz weinen könne. Dann aber raffte ich mich empor und schwor mir zu, diese Schwäche, die mich so tief gedemütigt, koste es, was es wolle, zu überwinden. Ist doch mein Stolz mein einzig Gut, die blanke Waffe, mit der in der Hand ich mich jedem Gegner gewachsen fühle; selbst meiner Mutter! – Ich dachte mit Schaudern an den Moment, wo ich mich in dem Bewußtsein, mich vor mir selbst erniedrigt zu haben, auch vor ihr erniedrigen müßte; wo ich ihr nicht mehr mutig in die großen, kalten, strengen Augen schauen könnte! Ich wußte, wußte es mit unumstößlicher Gewißheit, daß dieser Moment mein letzter sein würde. Und so begab ich mich hernach zu Bett; aber es wollte kein Schlaf in meine Augen kommen. Ich lag da, die Hände über der Brust gekreuzt, und wiederholte mir unablässig, was ich mir zugeschworen, und wenn das Herz vor einem unsäglich jammerreichen Gefühl, das mir die Tränen in die Augen trieb, so schwer, ach so schwer wurde – so setzte ich die Spitze des Dolches auf das ungehorsame, rebellische Herz, und dann wurde es wieder ruhiger, demütiger; es mochte fühlen, daß es in dem Kampfe zwischen Stolz und Liebe doch keine Aussicht auf den Sieg habe. Zuletzt schlief ich ein und träumte, ich sei mit meiner Mutter versöhnt. Sie bedeckte mich mit Küssen und Juwelen; aber die Küsse waren eisig und die Juwelen erkälteten mich bis ins innerste Mark. Doch ließ ich es geschehen, und sie nahm mich bei der Hand und führte mich durch dunkle Gänge in das hellerleuchtete Schiff einer Kirche, das voll Menschen war. Die Augen aller dieser Menschen waren starr auf mich gerichtet. Dann war es plötzlich nicht mehr meine Mutter, die mich an der Hand hielt, sondern ein großer fremder Mann in einer Uniform, die von Gold und Diamanten blitzte. Das Gesicht konnte ich nicht sehen, er hielt es beständig nach der andern Seite gewandt. So traten wir an den Altar, auf dessen Stufen der Priester stand. Die Orgel brauste und Gesang flutete durch die hohen Hallen. Über dem Priester hing ein großes Kruzifix, so wie in der Kapelle von Grenwitz eins hängt, das ich oft als Kind voll Grausen betrachtet habe. Auch jetzt kam dieses Grausen wieder über mich, denn das Bild schüttelte, während er sprach, immer mit dem Kopfe, und als ich genauer hinsah, trug es die Züge von Oswald, aber verzerrt und totenbleich, und in der Seite des Bildes stak mein Dolch bis an den goldenen Griff und schwarze Blutstropfen fielen lang und langsam herunter. Da öffnete es den Mund und schrie laut auf, laut und gellend und vor dem Schrei zerstob die Menge, die Gewölbe krachten zusammen, und der Mann an meiner Seite wurde zum Gerippe. Vergebens, daß ich mich seinem Griff zu entziehen suchte. Es umschlang mich mit seinen Knochenarmen und fuhr mit mir hinab in finstere Tiefen – schneller, immer schneller, bis ich vor allem Entsetzen erwachte. Der trübe Herbstmorgen blickte in mein Zimmer, aber noch immer glaubte ich, die Posaunen zu hören, und es dauerte geraume Zeit, bis ich mich überzeugen konnte, daß es die Hörnertöne eines Trauermarsches waren von einem militärischen Leichenzug, der an dem Hause vorüber nach dem nahen Friedhofe ging. Ich versuchte zu lächeln über den wunderlichen Traum, und es gelang mir – weil ich es wollte , weil ich den leeren Schreckensbildern einer aufgeregten Phantasie keinen Einfluß auf meine Entschlüsse zugestehen wollte . Überdies konnte ich mir bei ruhiger Überlegung wohl erklären, wie ich zu diesem Traum gekommen war. Am Abend vorher hatte ich Oswald im Schmerz von mir Abschied nehmen sehen; an diesem Tage sollte ich meiner Mutter nach langer, langer Zeit zum ersten Male gegenübertreten. Mein Vater hatte diese Zusammenkunft vermittelt; er wünschte, mich auf einer Gesellschaft zu haben, die man zu geben beabsichtigte – ich mochte dem guten Vater diese Bitte nicht abschlagen. Ich ging am Morgen zur Visitenzeit hin. Das Wiedersehen war weniger peinlich, als ich erwartet hatte. Es war glücklicherweise viel Besuch da – Clotens, Barnewitzens usw., auch ein Offizier – ein Fürst Waldernberg – ein außerordentlich stattlicher, stolzer, wenn auch nicht schöner Mann. Er ließ sich mir natürlich vorstellen und bat mich um den ersten Walzer. Bald darauf brach der Besuch auf, ich mit. Emilie von Cloten – ich habe Dir schon von ihr geschrieben – gratulierte mir, während sie mich in ihrer Equipage nach der Pension zurückfuhr, zu meiner »Eroberung«. Ich erwiderte ihr, daß ich für Eroberungen, die so leicht zu machen wären, danke. ›Das ist Geschmackssache‹, antwortete Emilie lachend. ›Ich für mein Teil finde, daß, was man nicht im Fluge erobert, nicht des Eroberns wert ist. Bei mir heißt es immer: l'amour ou la vie. Freilich, ich bin eine Schwalbe und lebe von Mücken. Königsadler wie du müssen eine stolze Beute haben, die sich auch nötigenfalls zur Wehr setzen kann. Mir ist diese fürstliche Beute, offen gestanden, zu stolz. Aber für dich – c'est autre chose. Gleich und gleich gesellt sich gern.‹ Die leichtfertigen Worte der Schwätzerin hatten meine Neugier rege gemacht; ich nahm mir vor, während der Gesellschaft den Fürsten etwas genauer zu beobachten. In der Stimmung, in der ich war, kam es mir gelegen, meinen Stolz an dem Stolz eines andern zu messen. Hatte ich mir doch zugeschworen, nie wieder einem weicheren Gefühl Eingang in mein Herz zu verstatten; und da war es mir eine Art von Beruhigung, daß es noch andere Menschen gäbe, die ebenso dächten wie ich. Meine Mutter empfing mich am Abend des folgenden Tages mit einer Güte – die ich zum mindesten nicht um sie verdient hatte. Es war offenbar ihre Absicht, mir zu zeigen, daß sie es auf eine wirkliche Versöhnung abgesehen habe. Sie küßte mich auf die Stirn, nahm mich bei der Hand und führte mich zu den Damen, die mich ebenfalls mit Zuvorkommenheit überhäuften. Es schien, als ob das ganze Fest nur meinethalben gefeiert würde; als ob sich alles nur um mich drehte. Wo ich saß und stand, hatte ich einen Kreis von Herren und Damen um mich wie eine Königin. Es war das erste Mal, seit ich von Grenwitz fort bin, daß ich mich wiederum unter meinesgleichen in stattlich schönen Zimmern bewegen konnte. Ich fühlte, deutlicher, als ich es je gefühlt, daß dies die Umgebung sei, in der ich einzig frei auftreten, daß dies die Luft, in der ich einzig frei atmen könne, daß ich, mit einem Worte, zum Herrschen und nicht zum Dienen geboren sei. Es erschien mir auf einmal als eine keineswegs schwere Aufgabe, den Schwur zu halten, den ich in der Nacht mit glühenden Tränen in meine Seele gebrannt hatte; ich lächelte über – die Phantasien des Mädchens in der Pension! Und lächelnd nahm ich die Huldigungen entgegen, die man mir verschwenderisch zu Füßen legte. Unter diesen Huldigenden befand sich auch Fürst Waldernberg. Ich brauchte mich nicht näher nach seinen Verhältnissen zu erkundigen. Alle Welt beeilte sich, mir darüber Auskunft zu geben. Er ist ein geborener Russe und unermeßlich reich. Die Güter seiner Mutter, einer Fürstin Letbus, liegen in allen Teilen Rußlands; Fürst von Waldernberg ist er ebenfalls durch seine Mutter, die aus diesem Hause stammt. Seit er zur Sukzession kam, ist er aus russischem in unsere Dienste getreten. Sein Vater ist ein Graf Malikowsky. Die Eltern leben noch beide, er ist das einzige Kind. Du siehst, liebe Mary, hier tritt zum ersten Male in meinen Briefen ein wirklicher Grande auf, der euren stolzen Herzögen und Marquis ebenbürtig ist; und ich dachte an Dich, während die schwarzen Augen des Fürsten, mochte er noch so fern von mir stehen, beständig zu mir herüberblitzten, ob ich in Deinen Augen, wärest Du zugegen, wohl ein aufmunterndes Lächeln sehen und darin lesen würde: Er ist Deiner wert! Ich hoffe es, denn das Aussehen und die Haltung des Fürsten sind so vornehm wie sein Rang. Ich bemerkte mit einiger Beschämung, wie traurig sich unsere jungen Herren neben ihm ausnahmen und wie sich alle vergeblich bemühten, seine Art zu gehen und sich zu tragen, nachzuäffen. Er unterhielt sich mehrmals angelegentlich mit mir. Eine seiner Äußerungen ist mir im Gedächtnis geblieben, weil sie mir aus der Seele gesprochen war. Ich fragte ihn, weshalb er, der Tausende und aber Tausende von Leibeigenen habe, in der Armee diene wie unsere jungen Adeligen, die nichts auf der Welt besäßen als ihren Degen? ›Weil‹, antwortete er, ›ich zu stolz bin, da herrschen zu wollen, wo ich es nicht im strengsten Sinne des Wortes kann.‹ – ›Wie das, Durchlaucht?‹ – ›Ich bin nicht Souverän. Meine Ahnen waren es; ich muß jetzt büßen für die Schwäche meiner Ahnen.‹ – ›Würden Sie nicht die Oberhoheit aufgegeben haben?‹ – ›Nimmermehr!‹ erwiderte er – und es war dies das einzige Mal, wo ich eine Art von Bewegung in seinem kalten, stolzen Gesicht sah. – ›Nimmermehr! Tausendmal lieber mein Leben! Aber‹, fügte er nach einer kleinen Pause hinzu, ›ich kenne jemand, der auch lieber sterben, als sich demütigen würde.‹ – ›Und wer wäre das?‹ – ›Sie selbst, mein gnädiges Fräulein.‹ Die Gesellschaft endete tief in der Nacht. Papa ließ mich in unserer Equipage nach Hause fahren. Mama versprach, am nächsten Tage – das war heute – meinen Besuch zu erwidern. Wirklich war sie am Vormittag bei mir. Sie war wiederum sehr gütig, sagte mir viel Schmeichelhaftes über mein Benehmen gestern abend und daß sie (ebenso wie der Vater) dringend wünsche, mich wieder bei sich zu Hause zu haben. Indessen sollte es ganz bei mir stehen, ob ich überhaupt, und wann ich zurückkommen wollte. ›Du hast nicht ganz deinen freien Willen gehabt, als du gingst‹, sagte sie, ›so will ich wenigstens die Beruhigung haben, daß dein Kommen ganz freiwillig ist.‹ ›Und Vetter Felix?‹ – ›Er reist in einigen Tagen nach Italien. Es versteht sich von selbst, daß ich dir nicht zumute, mit ihm zusammen in unserm Hause zu sein.‹ In der Tat, wenn meine Mutter es nicht redlich mit mir meint, so hat sie zum mindesten den rechten Weg zu meinem Herzen getroffen. Ich bin halb und halb entschlossen, zu tun, wie sie und der Vater wünschen.« – Das junge Mädchen saß, die Arme über dem Busen gekreuzt, in den Stuhl zurückgelehnt und starrte, in Träumen versunken, vor sich hin. Mechanisch horchte sie auf das Sausen des Nachtwindes in den Pappeln vor dem Fenster, in das sich von Zeit zu Zeit der dumpfe Donner des am Ufer aufrauschenden Meeres mischte. Diese Musik rief mit den Erinnerungen frühester Kindheit ganz andere Empfindungen wach als die, in die sie sich zuletzt hineingeschrieben. Da plötzlich fuhr sie zusammen und lauschte atemlos nach dem Fenster. Durch die klagenden Laute des Windes ertönte der Gesang einer weichen, tiefen Stimme. Dann rauschte der Wind wieder laut auf, und die Stimme verwehte; dann klang es wieder deutlich herauf. Helene bebte an allen Gliedern. Sie wußte, daß der Sänger nicht bis in das hochgelegene Zimmer sehen konnte; aber ihr war, als ob seine Augen – die blauen träumerischen Augen – auf ihr ruhten. Sie wagte nicht, sich zu rühren, sie wagte kaum zu atmen. Noch einmal, aber schon ferner, kaum noch vernehmlich, sang es – ›Und muß nun sterben so jung!‹ Helene dachte des Bildes im Traum, des blassen Gekreuzigten, der so wehmutvoll sein Haupt schüttelte, als der Priester über sie den Segen sprach; und sie dachte an den Dolch, der bis zum goldenen Griff ihm in die Seite gestoßen war, und an die Blutstropfen, die lang und langsam herunterfielen, und sie drückte schaudernd ihr Antlitz in beide Hände. Fünfundzwanzigstes Kapitel Oswald war in dieser Zeit haltloser und unglücklicher, als er es je gewesen. Bergers Lehre von der dreimaligen Verachtung war ein böser Same, der bei ihm auf einen nur zu fruchtbaren Boden gefallen. Und seit er sich von Melitta verraten glaubte, um mit größerer Leichtfertigkeit an ihr zum Verräter werden zu können, hatte er den besten Teil seiner Selbstachtung unwiederbringlich eingebüßt. Es half ihm nicht, daß er bei dem Bruch seines Verhältnisses zu Melitta alle Schuld auf sie wälzte, daß er sie eine herzlose Kokette nannte, die ihn auf die schmählichste Weise betrogen habe und jetzt in den Armen ihres Buhlen über das arme Opfer lache. Immer wieder raunte ihm eine Stimme, die nicht zum Schweigen zu bringen war, zu: Du lügst, du lügst! Ein Weib, das so tiefe, liebevolle Augen hat, ist nicht herzlos; ein Weib, das solcher Liebe fähig ist, ist keine Kokette; ein Weib, das so edel fühlt und denkt, verrät den Mann nicht, von dem sie weiß, daß sie sein Glück und seine Seligkeit ausmacht. Und selbst seine Liebe zu Helene war nur noch ein schwacher Abglanz jener himmlisch reinen Flamme, die während seiner Liebe zu Melitta sein Herz, wie der Mond die Nacht, erhellt hatte. Es war in dieser Liebe viel von dem düster lodernden Feuer einer gierigen, verzehrenden Leidenschaft, einer Leidenschaft, die keine heilige Scheu vor ihrem Gegenstande kennt. Zu dem allem kam, daß er sich in seiner Stellung grenzenlos unbehaglich fühlte. Seine Tätigkeit am Gymnasium widerte ihn an, nachdem er kaum damit begonnen hatte. Schon die dumpfe Luft einer Schulstube und der Lärm einer ausgelassenen Knabenschar waren eine Qual für seine überreizten Nerven. Und nun die Herren Kollegen: dieser von verwaschener Humanität überfließende Direktor Klemens; dieser stocksteife, hölzerne Professor Snellius; dieser bei so wenig Witz so äußerst behagliche Doktor Kübel; diese gelehrten Löwen Wimmer und Breitfuß? Gulliver, als er den Yahoos begegnete, konnte gegen sie keinen größeren Widerwillen empfinden als Oswald gegen diese Schar, mit der in tagtägliche genaue Berührung zu kommen, seine Stellung ihn zwang. Und diese Yahoos waren noch dazu äußerst zuvorkommend und zutunlich; schienen gar keine Ahnung ihrer Häßlichkeit zu haben; überhäuften den Ankömmling mit allen möglichen Liebenswürdigkeiten; luden ihn unablässig zu Kegelabenden, Whistpartien, ästhetischen Tees und dramatischen Lesekränzchen ein! Schienen sich an seine reservierte Haltung, an seine zurückweisende Kälte gar nicht zu kehren – im Gegenteil, das alles nur für die Unbehilflichkeit eines jungen Mannes zu halten, der sich noch nicht eben viel in guter Gesellschaft bewegt hat und notwendig aufgemuntert werden muß. Auch die Damen mußten von dieser Idee ganz erfüllt sein, besonders Frau Direktor Klemens, die offen erklärte, sie wolle den scheuen jungen Menschen, der so allein in der Welt stehe, ein wenig unter ihre mütterlichen Flügel nehmen, und bereits angefangen hatte, diese Drohung in Ausführung zu bringen. ›Ich mag Sie gern, lieber Stein‹, sagte die energische Dame. ›Sie haben sich durch Ihren Hauptmann einen Platz in unserm Lesekränzchen und in meinem Herzen erobert. Ich halte es für meine Pflicht, unsere jüngeren Kollegen heranzubilden. Die wahre Humanität lernt sich nur im Umgange mit gebildeten Frauen. Sehen Sie unsern Kollegen Wimmer! Was war das für ein schüchterner, unbeholfener Mensch, als er vor zwei Jahren von Halle hierher kam, und was für einen charmanten jungen Mann hab' ich seitdem aus ihm gemacht! Nun, mit Gottes Hilfe wird's mir mit Ihnen nicht schlechter gelingen.‹ Oswald übersah die wirkliche Gutherzigkeit, die diesen und ähnlichen Ergüssen zugrunde lag, und hielt sich nur an die lächerliche Form, die er mit Albert, den er jetzt regelmäßig des Abends aufsuchte, schonungslos verspottete. Aber es gab in Sundin, außer der Direktrice des dramatischen Kränzchens, eine andere Dame, welche ältere und bessere Rechte auf die Humanisierung des jungen Wildfangs zu haben glaubte und ihrer Rivalin die Rolle, die sie sich angemaßt hatte, um so weniger gönnte, als sie von ihr noch anderweitig in ihren heiligsten Gefühlen auf das tödlichste beleidigt war. Primula zitterte noch immer, sooft sie an den schrecklichen Abend dachte, wo man sie hatte zwingen wollen, der Mörder eines großen Feldherrn und Helden zu werden, und ihr einziger Trost war, daß sie die ihr zugemutete schmähliche Rolle kaum angefangen, geschweige denn zu Ende gelesen. Aber wie dem auch war, ihr Haß und ihre Verachtung gegen die Menschen, die sie so unwürdig behandelt hatten, blieben sich gleich. Sie erklärte, daß der plötzliche unvermutete Anblick der Frau Direktor Klemens für sie von den allergefährlichsten Folgen sein könne. Ja, sie trieb in den ersten Tagen nach dem Ereignis die Vorsicht so weit, so oft sie ausging, ihren Gatten oder den Diener Lebrecht zwanzig Schritte vor sich hergehen zu lassen, um rechtzeitig von der etwaigen Annäherung des »Gorgonenhauptes« benachrichtigt zu werden; und obgleich sich allerdings nach kurzer Zeit diese krankhafte Reizbarkeit einigermaßen legte, so versetzte doch noch immer das bloße Aussprechenhören von dem Namen der Übeltäterin sie in eine nervöse Stimmung. Indessen ein so gleichsam passiver Widerstand gegen eine Nebenbuhlerin genügte dem unternehmenden Geiste Primulas nicht. Die Feindin, und nicht bloß sie, sondern ihre ganze Sippe und ihr ganzer Anhang, durften nicht bloß stillschweigend verachtet, sondern mußten positiv gedemütigt werden. Ins Herz mußte man sie treffen, oder, wie die Dichterin sich ausdrückte: Der flammende Brand mußte ihnen auf den eigenen Herd geschleudert werden. Das konnte aber nur auf eine Weise geschehen, nur dadurch, daß man das dramatische Kränzchen in die Luft sprengte, indem man ein anderes Kränzchen neben jenem errichtete, das, unter Primulas Vorsitz, die ganze Intelligenz von Sundin in sich vereinigte und das der Schulleute so verdunkelte wie der Mond einen Fixstern letzter Größe. Einem solchen Kränzchen vorzustehen, war Primulas seligster Traum gewesen, als sie noch im sanften Schein der Abendröte an der Seite des Fragmentisten durch die Felder von Faschwitz wandelte und sich, in holder Ahnung der Triumphe, die sie dereinst feiern würde, von blauen Zyanen einen Kranz für ihr blondes Haar wand. Diesen Traum glaubte sie der Erfüllung nahe, als sie, den Wallenstein in der Hand und die Rolle der Thekla Wort für Wort im Kopf, über die Schwelle des Empfangszimmers bei Direktor Klemens schritt. Mußte doch dieser Abend zu einem Triumph für sie werden, stand es doch zu erwarten, daß, sobald sie die ersten Verse gelesen, ein ungeheurer Beifallssturm ausbrechen, alle sich erheben und Männer und Frauen wie aus einem Munde rufen würden: Heil, dreimal Heil dem stolzen Licht, Das jetzt in unser Dunkel bricht! Oh, Sängerin mit hohem Sinn, Sei du nun unsre Königin! Oh, sag' zu unsren Bitten: ja, Liederreiche Primula! Nun freilich war es sonnenklar, daß sie den falschen Weg zum Ziele eingeschlagen. Es fiel ihr wie Schuppen von den Augen. Was sollte sie, die sinnige Kornblumenkränzchenwinderin bei dem Kampfe tragischer Leidenschaften, die Dichterin hochberühmter Oden in einem dramatischen Kränzchen? Ein lyrisches Kränzchen mußte es sein, und ein solches lyrisches Kränzchen im offenen ausdrücklichen Gegensatz zu dem dramatischen Kränzchen der Direktor Klemens zu gründen, war der große Gedanke, der »wie ein mächtiger Frühlingssturm, lind und doch unwiderstehlich, tausend Keime weckend und doch alles andre vor sich niederwerfend, durch ihrer Seele tiefste Schluchten brauste«. – Wer mochte solchem Anhauch der Begeisterung widerstehen? Gewiß nicht der Fragmentist, der von einem gleichen Ehrgeize erfüllt und durch das Benehmen der Schulmänner in seiner Eitelkeit auf das empfindlichste beleidigt war. Er wurde der erste Schüler der Prophetin. Aber eine Prophetin und ihr Schüler, meinte Primula, machen noch keine Gemeinde aus, und Mann und Frau, sie mögen so geistreich sein, wie sie wollen, sind, wenn sie des Abends an ihrem Teetisch sitzen, noch kein Kränzchen. Die erste Bedingung für das Zustandekommen eines solchen war daher, daß sich die Prophetin und ihr Schüler Teilnehmer für ihr Kränzchen zu gewinnen suchten. Die Sache war nicht so leicht. Herr Jäger war in der Sundiner Sozietät, die er als armer Student nur aus der Ferne gesehen hatte, verhältnismäßig wenig orientiert. Seine Gemahlin dagegen kannte als siebente Tochter des weiland Grünwalder Superintendenten Doktor Dunkelmann freilich die Gesellschaft, aber die Gesellschaft, für die sie lange, lange Jahre durch ihre Überspanntheiten ein Gegenstand des Schreckens und des Spottes zugleich gewesen war, kannte sie auch; und obgleich die blonde Fischerin schon seit mehreren Tagen vom Morgen bis zum Abend am Ufer saß und das Netz auswarf, hatten sich doch erst sehr wenige Fische fangen lassen. Das würde nun für die ehrgeizige Dichterin höchst schmerzlich gewesen sein, wenn unter den wenigen Gefangenen nicht auch ihr erklärter Liebling Oswald gewesen wäre. Sein Benehmen an jenem Abend hatte ihm das Herz Primulas, von dem er schon ein großes Stück besaß, ganz gewonnen und auch bis zu einem gewissen Punkte das Herz des Fragmentisten. Beide hatten ihn dringend gebeten, die »Gastfreunde von Argos in den Ebenen des Skamander« nicht zu vergessen und Oswald war in einer Anwandlung von boshafter Neugier der Einladung gefolgt, hatte sich während des Besuches mit dem Konsistorialrat und der Konsistorialrätin in Sarkasmen gegen die Schulmänner und ihre Damen überboten und war zuletzt, als Primula ihren Kränzchenplan aufs Tapet brachte, mit dem größten Enthusiasmus darauf eingegangen. Er hatte versprochen, Herrn Geometer Albert Timm, der als geistreicher Kopf jedermann in Sundin bekannt war, für die Sache zu interessieren und die Dichterin hatte ihn für diesen glücklichen Gedanken vor den Augen ihres Gemahls umarmt. Seit diesem Besuch war kein Tag verflossen, an dem nicht ein poetisches Epistelchen von Primula an Oswald eingelaufen wäre, in dem sie sich nach dem Fortgang seiner Bemühungen erkundigte – Epistelchen, die Oswald sorgfältig aufhob, um sie am Abend im Ratskeller einer geschlossenen Gesellschaft vorzulesen, die sich das »Rattennest« nannte und in die er seit einigen Tagen von Albert Timm eingeführt war. Es war etwa eine Woche nach dem Ball bei Grenwitzens, als ihm abermals eine dieser auf rosa Papier geschriebenen Anfragen durch Herrn Jägers Diener Lebrecht überbracht wurde. Es mußte diesmal etwas Besonderes sein, denn Lebrecht, ein junger, blasser, verhungert aussehender Mensch von fünfzehn Jahren, der bis noch vor wenig Monaten Waisenknabe gewesen war, blieb an der Tür stehen und sagte mit seiner hohlen Waisenhausstimme: ›Um Antwort wird gebeten.‹ Der Brief war abermals ein poetischer und lautete: An einen jungen Aar, der durch die Wolken flog. Der junge stolze Aar, Warum doch weilt er fern In grauer Krähenschar, Er, meines Lebens Stern? Hab' ich es doch so gern, Das braune Adlerhaar Des hochgebornen Herrn Mit blauem Augenpaar! Weiß nicht, wie mir geschah! O köstlicher Gewinn! Seit ich ins Aug' ihm sah, Ist meine Ruhe hin. Doch sternhoch ist sein Sinn, Er schätzt nicht, was ihm nah, Daß ich ihm gar nichts bin, Ich weiß es – Primula. Oswald las die Verse zwei-, dreimal durch, ohne zu begreifen, wie man auf solchen Unsinn eine Antwort verlangen oder geben könne, bis er ganz unten in der Ecke ein mikroskopisches tournez s'il vous plaît entdeckte. Er wandte das Blatt um; auf der andern Seite stand: Lieber O., ich muß mich ausnahmsweise einmal zur Prosa zwingen. Ich war neulich in einer hochadeligen Gesellschaft, aus der ich Ihnen allerlei erzählen kann, wenn Sie es hören wollen. Heute abend besucht mich eine Dame (aus eben der Gesellschaft), die sehr deutlich den Wunsch hat blicken lassen, mit Ihnen bei mir zusammenzutreffen, und die Ihnen etwas mitzuteilen hat, was vielleicht für Ihre Zukunft entscheidend wird. Allerdings sollte es mich innig schmerzen, wenn ich Sie verlöre; aber meine Freundschaft für den jungen Adler (s. p. 1) ist so rein wie das Element, das er mit seinen mächtigen Flügeln peitscht. Wollen Sie um sieben Uhr sein bei Ihrer Dienerin Primula. Ein freudiger Schrecken überfiel Oswald. Wer anders konnte die junge Dame sein als Helene? Freilich der Schritt war kühn; aber was wagt die Liebe nicht? – Er warf mit fliegender Feder ein paar Zeilen aufs Papier und gab sie Lebrecht mit der ernsten Mahnung, das Briefehen ja nicht zu verlieren – eine Mahnung, die durch das äußerst stupide Aussehen des gewesenen Waisenknaben einigermaßen gerechtfertigt schien. Die Stunden, die er noch bis zum Abend hinzubringen hatte, schienen ihm zu schleichen. Dazu wollte das Unglück, daß er gerade an diesem Nachmittag zwei Lektionen geben mußte in einer höheren Klasse, deren Schüler er durch sein ungleichmäßiges Benehmen gegen sich aufgebracht hatte. Sie ließen es heute, wo ihr junger Lehrer launischer schien als je, nicht an Neckereien und Widerspenstigkeiten aller Art fehlen, und Oswald ließ sich dadurch zu einer leidenschaftlichen Heftigkeit hinreißen, die zwar die Ruhe in der Klasse sofort wiederherstellte, über die er sich aber mehr ärgerte als über alles andere. Mißmut und Zorn im Herzen verließ er das Gymnasium. Nicht weit davon begegnete ihm Franz. Keine Begegnung konnte ihm in diesem Augenblick ungelegener sein. Er hatte die Freundschaft dieses trefflichen Menschen sehr wenig gepflegt, kaum daß er ein oder das andere Mal (und meistens nicht in der Absicht, Franz zu treffen) bei Robrans gewesen war. Er wußte, daß er sich durch dies Benehmen gegen einen Mann, dem er so viel verdankte, einer häßlichen Undankbarkeit schuldig machte; aber lieber das, als das peinliche Gefühl der Demütigung, das er jedesmal empfand, sooft der prüfende Blick des Freundes auf ihm ruhte. »Wie geht's, Oswald?« sagte Franz, von der anderen Seite der Straße herüberkommend und ihm herzlich die Hand schüttelnd. »Sie müssen verteufelt viel zu tun haben, daß Sie sich gar so selten sehen lassen.« »Nicht eben viel«, erwiderte Oswald, »aber das wenige, was ich zu tun habe, ist desto unangenehmer.« »Wieso?« »Diese Schule! Eine einzige Stunde in der schnöden Tretmühle verdirbt mir die Laune für die übrigen dreiundzwanzig des Tages, Lieber Straßenkehrer als Schulmeister.« »Ich wußte es im voraus, daß Ihnen das Ding anfänglich nicht behagen würde«, sagte Franz mit seinem freundlichen warmen Lächeln, »aber, Oswald, Sie wissen ja: Es nimmt ein Kind der Mutter Brust – und so weiter; und dann, bedenken Sie doch: Entsagung, Opferfreudigkeit erfordert jeder Beruf und wäre es der – eines Straßenkehrers. Adieu, Oswald; ich muß in dies Haus hinein. Kommen Sie recht bald einmal zu uns; ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzuteilen.« Damit ging Franz in das von ihm bezeichnete Haus; Oswald setzte seinen Weg fort. Entsagung, Opferfreudigkeit, murmelte er; das klingt sehr schön von den Lippen jemandes, der sich in seinem Beruf behaglich fühlt. Es ist doch nichts widerwärtiger, als ewig mit solchen allgemeinen Phrasen geschulmeistert zu werden, die auf die Situation, in der wir uns befinden, passen wie die Faust aufs Auge. Timm hat wirklich recht: Franz ist ein langweiliger Pedant. Er lenkte seine Schritte nach der Wohnung seines Pylades. Albert wohnte im Schatten der Brigittenkirche, in dem Hause des Küsters Tobias Gutherz, eines Mannes, der in dem Geruch ganz besonderer Heiligkeit stand, so daß niemand recht begreifen konnte, weshalb der höchst unheilige Mieter gerade diesen Mietsherrn gewählt hatte, und noch weniger, wie sich beide schon seit langen Jahren so gut vertragen konnten. Albert war zu Hause. Er lag auf seinem Sofa und las. Der Duft einer feinen Havanna erfüllte das Gemach, das in seiner grenzenlosen Unordnung ein ausnehmend passender Rahmen für den jungen Wüstling war. »Ah, sieh' da, Pompei, meorum prime sodalium«, sagte er, bei Oswalds Eintreten das Buch auf die Erde schleudernd und sich aufrichtend, »ich dachte soeben an dich, ob dir wohl der Horaz, wenn du ihn deinen Buben vom Katheder herab interpretierst, ein so vergnügtes Gesicht macht, wie mir, wenn ich ihn hier bei einer echten Havanna auf dem Sofa lese. Ist das ein famoser Bengel! Ich denke mir ihn immer als einen kleinen Kerl mit etwas kahlem Kopf, einer Andeutung von einem Bäuchelchen, lebhaften schwarzen Augen und üppigen kußgewohnten Lippen, der, die Hände auf dem Rücken, durch die Straßen Roms schlendert, und links einer hübschen Dirne zuwinkt, nach rechts eine malitiöse Bemerkung über einen Spießbürger macht und dessen ganze Moral sich in die Worte zusammenfaßt: Vivat Falerner und schöne Mädchen, ohne sie leben, lohnt nicht der Müh'. Habe ich recht?« »Ich glaube wohl.« »O Himmel, diese Grabesstimme! Was ist denn nun wieder los? Hast du einen Wechsel zu bezahlen?« »Diese verdammte Schule!« »Ist's weiter nichts? Schick' sie zum Teufel, der sie erfunden hat.« »Mais il faut vivre, wie der Schneider zu Herrn von Talleyrand sagte.« »Je n'en vois pas la nécessité, wie Herr von Talleyrand antwortete, zum wenigsten nicht die nécessité, so zu leben.« »Wie denn anders? Ich habe noch etwa dreihundert Taler; wenn ich damit zu Ende bin, und das dürfte bald sein, muß ich arbeiten oder mir eine Kugel durch den Kopf jagen.« »Daß du ein Narr wärst! Ein Kerl wie du, der tausend Mittel und Wege hat, fortune zu machen!« »Zum Exempel?« »Zum Exempel, wenn er die kleine Grenwitz heiratet, die, meiner Meinung nach, nichts eifriger wünscht.« »Das ist leichter gesagt als getan.« »Vielleicht doch nicht, wenn man den rechten Weg einschlägt.« »Und der wäre?« »Mache, daß man dir das Mädchen geben muß, man mag wollen oder nicht.« »Was ist mit diesem Rätselwort gemeint?« »Du bist heute merkwürdig schwer von Begriffen.« Albert legte sich in die Sofaecke zurück und blies blaue Ringe in die Luft; Oswald brütete düster vor sich hin. Er überlegte, ob er Timm wohl das Geheimnis des Rendezvous, zu dem er heute abend eingeladen war, mitteilen könnte. Endlich kam fast gegen seinen Willen heraus: »Ich habe heute einen kuriosen Brief von Primula empfangen; ich möchte wohl wissen, ob du besser daraus klug werden kannst als ich.« »Laß hören«, erwiderte Albert, in die Bewunderung eines prachtvollen Ringes, den er soeben zustande gebracht hatte, verloren. Oswald las die Ode an den jungen Aar und das mysteriöse Postskript. Albert sprang vom Sofa in die Höhe. »Kerl, du bist der wahre Hans im Glück!« rief er. »Die Sache ist ja sonnenklar. Die junge Dame kann niemand anders sein als die kleine Grenwitz. Das Mädchen ist wahrhaftig zehnmal gescheiter und mutiger als ihr jüngferlicher Galan, der die edle Kunst, die Gelegenheit beim Schopfe zu ergreifen, so wenig versteht. Im Ernst, Oswald, die Karten liegen jetzt so gut, wie du sie dir nicht besser wünschen kannst. Freilich mit der Eroberung der Festung wird's nicht so schnell gehen. Die Jägerin hat offenbar mehr geschwatzt, als sie sollte; aber gleichviel: In den Laufgräben bist du, und wenn du nicht weiterkommst, so ist es deine Schuld. Wann sollst du bei Primula sein?« »Um sieben.« »Jetzt ist es fünf; wir haben noch zwei Stunden Zeit. Komm! wir müssen den Operationsplan reiflich bei einem Glase guten Stoffs überlegen. Karl der Kahle hat einen herrlichen Markobrunner, und aus diesem Brunnen sollst du zuvor trinken, daß deine Unternehmung Mark und Nachdruck hat und keine Spur von des Gedankens kränklicher Blässe. Komm!« Sechsundzwanzigstes Kapitel Primula saß in ihrem Studierzimmer an einem mit neuen Büchern, Journalen und Papieren bedeckten Tische. Nach dem Empfangszimmer, das gleichfalls erleuchtet war, stand die Tür offen. Sie hatte soeben ein längeres Gedicht beendigt, das noch heute Abend an die Redaktion eines belletristischen Journals geschickt werden mußte, in dessen Briefkasten schon dreimal, unter der Chiffre »P. V. in S.« die Notiz gestanden hatte: Hochverehrte Frau! Wir harren sehnlichst auf das versprochene Manuskript. – Da lag es nun, das versprochene Manuskript! Eben war das letzte Pünktchen über das letzte i gemacht, und schon sollte es hinaus in die weite, liebeleere Welt, bevor noch er, der sie zu all diesen glühenden Strophen begeisterte, eine Zeile davon gehört hatte. – Wenn er nur so früh käme, daß sie ihm wenigstens doch ein paar Verse vorlesen könnte, ehe die junge Frau von Cloten anlangte, in deren Beisein es natürlich nicht möglich war! Da, horch! war das nicht die Klingel an der Haustür? Die Haustür wird geöffnet – eine weiche Männerstimme – er ist's! Er ist's! Dank, ihr gütigen Götter! Primula warf einen schnellen Blick in den Spiegel, der über ihrem Arbeitstische hing, und strich sich die blonden Locken aus dem blassen Gesicht, ergriff eine Feder und fing an (ohne Tinte darin zu haben) mit nervöser Heftigkeit auf einem weißen Blatt Papier zu kritzeln. »Störe ich, verehrte Frau?« fragte bald darauf die weiche Stimme neben ihr. »Ah, mein Gott!« rief die Dichterin, die Feder aus der Hand werfend. »Sie sind's, Oswald! Hatte ich Sie doch gar nicht kommen hören!« »Sie waren so freundlich, verehrte Frau, mich in dem reizendsten Briefchen, das ich je gelesen –« »Sie Schmeichler! Wenn Sie die einfachen Verse von heute morgen so loben, was werden Sie dann zu diesen sagen, die ich heute abend, das Herz voll von Ihnen, mit glühender Stirn und pochendem Herzen geschrieben habe. Ich muß Ihnen wenigstens den Anfang vorlesen. Sie kommt vielleicht so bald noch nicht, vielleicht gar nicht. Bitte, bitte, nehmen Sie Platz. In einer halben Stunde muß es auf die Post. Hören Sie! Was sagen Sie zu diesen originellen Versen, die mich eines Freiligrath nicht unwürdig dünken. Die Überschrift lautet: Der Löwe am Kap . Muß ich Ihnen sagen, wer der Löwe ist? Wenn die glühe Sonnenscheibe sank dem Hottentottenkrale, Wenn die Nacht herniedertauet, die gespenstisch blasse, fahle, Wenn am Horizontessaume sich erhebt des Mondes Schale, Dann an der Lagune Rande brüllt es laut mit einem Male. Der einmal entfesselte kastalische Quell war nicht mehr zu hemmen. Oswald mußte sich in sein Schicksal ergeben. Plötzlich ertönte die Hausglocke. Der Ton schien für die Dichterin nur ein Signal zu sein, mit doppelter und dreifacher Geschwindigkeit zu lesen, wobei sie ihrem Hörer, gleichsam um ihn am Entfliehen zu hindern, die Hand auf den Arm legte. Noch fehlten vielleicht nur noch dreißig Strophen, da rauschte in dem Nebenzimmer ein seidenes Gewand, und in der offenen Tür, die nach dem Empfangszimmer führte, stand plötzlich die graziöse Gestalt Emilie von Clotens. »Ich störe doch nicht, liebe Frau?« fragte die junge Dame, mit einem halb scheuen, halb kecken Blick auf Oswald, »sonst gehe ich sogleich wieder.« »O nein, nein«, erwiderte Primula in einem wehmütigen Ton, das Manuskript auf den Tisch legend und sich erhebend, »durchaus nicht! Ich las nur eben meinem jungen Freunde Stein ein paar Verse aus einem Gedicht – o Gott, es ist bereits halb acht, das Paket muß vor acht auf der Post sein. Liebe Frau von Cloten, bester Stein, entschuldigen Sie mich für den hundertsten Teil eines Augenblicks. Verweilen sie solange in dem Salon; sobald ich das Paket expediert habe, bin ich bei Ihnen.« Damit schob die aufgeregte Dichterin ihre Gäste ohne viele Umstände in das Nebenzimmer, indem sie dabei Oswald zuflüsterte: »Jammer, nur von einer Dichterseele zu fassen! Die letzten Verse sind gerade die schönsten!« Sie ließ die Portiere fallen, sei es, um ungestört zu sein, sei es, um nicht zu stören; und Oswald und Emilie standen einander gegenüber, Oswald sprachlos vor Erstaunen über die so seltsame und unerwartete Auflösung des Rätsels, und Emilie ebenfalls trotz ihrer Gewandtheit und Keckheit für einen Moment ratlos; aber schon im nächsten hob sie die gesenkten Wimpern, lachte Oswald schelmisch aus ihren großen grauen Augen an und sagte rasch und im Flüsterton: »Sie glaubten doch nicht, daß es ein Zufall ist, der uns hier zusammenführt?« »Ich weiß nicht, was ich glauben soll«, antwortete Oswald, unwillkürlich denselben raschen und heimlichen Ton anschlagend. »So hat Ihnen Frau Jäger noch nichts mitgeteilt?« »Was?« »Ich habe ihr weisgemacht, ich hätte den Auftrag, Sie zu fragen, ob Sie in einer mir befreundeten Familie eine Stelle annehmen wollten. Natürlich ist kein Wort davon wahr. Mich führt nichts hierher, als –« Ein Blick der glänzenden Augen und ein Zucken des reizenden Mundes füllten die Pause, die die junge Dame in ihrer Rede machte, aus. Oswald vermochte noch immer nicht, sich in die eigentümliche Situation zu finden. Er hatte Helene erwartet, er fand Emilie – Emilie, deren lieblich kokette Erscheinung ihn so wunderbar an einige der reizendsten und zugleich peinlichsten Szenen in dem wirren Drama seines Lebens mahnte, Emilie, der gegenüber er sich von vornherein zu einer entsagungsvollen Rolle verurteilt hatte, aus der der Übergang in die eines Liebhabers nicht eben leicht war. Von den verschiedensten Empfindungen auf einmal bestürmt, suchte er vergeblich nach Worten. »Weshalb sind Sie nicht zu uns gekommen, wie Sie neulich versprochen?« fuhr Emilie, durch Oswalds Schweigen einigermaßen entmutigt, in dem Tone eines verzogenen Kindes fort, dem ein hübsches Spielzeug vorenthalten wird und das deshalb große Lust hat, in Tränen auszubrechen, »ist es recht, die Bitte – die unschuldige Bitte einer Dame nicht zu erfüllen, und sie dadurch zu einem Schritt zu zwingen, den sie kaum vor sich selbst, geschweige denn vor dem Urteil der Welt verantworten kann?« Oswald trat unwillkürlich einen Schritt zurück und erwiderte in halb ernstem, halb spöttischem Ton: »Es scheint, gnädige Frau, daß es mein Schicksal ist, Ihnen stets durch meinen plebejischen Mangel an ritterlicher Galanterie beschwerlich zu fallen.« Emiliens liebreizendes Gesicht, das bis dahin im rosigsten Lächeln gestrahlt hatte, wurde leichenblaß. Ihre großen Augen wurden noch größer und starr wie die Augen jemandes, der einen heftigen physischen oder psychischen Schmerz zu erdulden hat; um ihre bleichen Lippen zuckte es krampfhaft, als ob sie etwas sagen wolle und doch nicht die Kraft dazu finden könne. Ihre Glieder zitterten, sie griff nach der Lehne eines Stuhls, der in ihrer Nähe stand. So tief hatte der Pfeil nicht verwunden sollen. Oswald schämte sich seiner Grausamkeit, um so mehr, als es ihm mit der katonischen Strenge, die er herausgekehrt hatte, so gar ernst nicht war. Er trat lebhaft auf Emilie zu; er ergriff ihre Hand, die er festhielt, obgleich sie schwache Anstrengungen machte, sie ihm wieder zu entziehen; er beschwor sie in leidenschaftlichen Worten, ihm zu verzeihen: er bereue, was er gesagt habe; – sein Herz sei krank, sein Kopf verwirrt, sein Mund spreche oft, wovon sein Kopf und sein Herz nichts wüßten. – Sie solle ihm Gelegenheit geben, zu sich selbst zu kommen, sich vor sich selbst und vor ihr zu rechtfertigen. Emiliens Schmerz schien durch diese Worte und vielleicht mehr noch durch den innigen Ton, in dem sie gesprochen wurden, einigermaßen gelindert zu werden. Sie hatte sich auf den Stuhl gesetzt, auf dessen Lehne ihre kleine Hand vorher gezittert hatte; ihre Tränen begannen reichlich zu fließen, sie duldete es, daß Oswald, der sich über sie beugte, die Hand mit Küssen bedeckte, während er nur noch in leisen Worten, die mit jedem Augenblick leidenschaftlicher und zärtlicher wurden, ihre Verzeihung für seinen Wahnsinn – wie er es nannte – erflehte. Ihr Weinen wurde sanfter, wie eines kleinen Kindes Weinen, dem die Puppe, die ihm verweigert wurde, nun endlich doch unter Küssen und Liebkosungen in die Arme gelegt wird. Beide, Oswald sowohl wie Emilie, schienen ganz vergessen zu haben, daß sie sich in einem fremden Hause befanden, wo jeder nächste Augenblick ihnen eine beschämende Verlegenheit bereiten konnte, und sie durften von Glück sagen, daß ein ebenso unerwarteter wie lächerlicher Zufall ihnen die Besinnung wiedergab, die sie in der berauschenden Süßigkeit des ersten Neigens von Herzen zu Herzen verloren hatten. Plötzlich ertönte nämlich aus dem inneren Gemach ein so gellender Schrei, daß die beiden entsetzt in die Höhe fuhren und von dem einen Gedanken getrieben, die Dichterin stehe von oben bis unten in hellen Flammen, in ihr Zimmer stürzten. Der erste Blick, als sie die Portiere auseinanderschlugen, belehrte sie nun freilich, daß Primula nicht in Lebensgefahr sei, und als sie nähereilten, sahen sie denn auch, was geschehen war. Primula hatte, verloren in Bewunderung einer ganz besonders gelungenen Strophe, der sie noch im letzten Augenblick durch eine glückliche Verbesserung einen unbeschreiblich pathetischen Charakter gegeben, statt der Sandbüchse das Tintenfaß ergriffen und seinen reichlichen Inhalt bis auf den letzten Tropfen über ihr Manuskript und von dort in einem schwarzen Sturzbach auf den Schoß ihres gelbseidenen Kleides geschüttet. Und da stand sie nun, die vom grausamsten Zufall verhöhnte Dulderin – stumm, nachdem der erste wilde Schrecken ihr den gellenden Schrei ausgepreßt hatte, die mit Tinte arg besudelten Hände und die wasserblauen tränenden Augen zur Zimmerdecke erhoben, als wollte sie den Vater Apollo selbst zum Zeugen anrufen des grauenhaften Schicksals, das eines seiner begabtesten Kinder getroffen. Oswald und Emilie hatten Mühe, ihr Lachen über diesen Anblick zurückzuhalten; aber alle Anstrengung, ernst zu bleiben, war vergeblich, als jetzt die Dichterin in tragischem Schmerz ihr Antlitz in beide Hände druckte und einen Augenblick nachher, wie der wildesten Zone wildeste Krieger, mit schauerlichen Flecken betupft, vor ihnen stand. »Lacht nicht, meine Freunde«, sagte die beleidigte Dame mit sanfter Stimme, »es ziemt den Freunden des verfolgten Genius nicht, zu jener argen Welt zu gehören, die es liebt, das Strahlende zu schwärzen –« Die zum Weinen wie zur ausgelassensten Lustigkeit allezeit gleich bereite Emilie konnte hier nicht länger widerstehen. Sie warf sich in einen Lehnstuhl und lachte, daß ihr die Tränen in die Augen kamen. »Frau von Cloten«, sagte Primula mit Würde, »ich muß Ihnen sagen, daß Ihr Benehmen für ein zartbesaitetes Gemüt wie das meinige etwas tief Verletzendes hat«; dann sich zu Oswald wendend, mit dem Tone des sterbenden Cäsar: »Oswald, das habe ich nicht um Sie verdient!« und sie wandte sich zu gehen. »Liebste, beste Frau!« rief Emilie aufspringend und ihr in den Weg tretend. »Ich bitte tausend-, tausendmal um Verzeihung, aber sehen Sie selbst, ob es menschenmöglich ist, dabei ernst zu bleiben.« Und sie drängte Primula mit sanfter Gewalt an den Trumeau, vor dem sich sonst die Dichterin an ihrem eigenen musenhaften Anblick zu begeistern pflegte. Jetzt aber war Hineinschauen, einen Schrei ausstoßen, wie wenn sie das Haupt der Gorgo erblickt hätte, und dann ohne weitere Vorbereitung Oswald, der glücklicherweise dicht hinter ihr stand, ohnmächtig in die Arme fallen, das Werk eines Augenblicks. »Bitte, klingeln Sie nach dem Mädchen«, sagte Oswald, indem er die Ohnmächtige nach dem Sofa trug. Auf Emiliens Sturmläuten erschien denn auch alsbald Primulas Zofe; aber schon hatte die Dichterin sich soweit erholt, daß sie die Augen halb aufgeschlagen und mit matter Stimme zu Oswald und Emilie sagen konnte: »Ich danke euch, meine Freunde! Ihr hattet ein Recht zu lachen: du sublime au ridicule il n'y a qu'un pas. Aber jetzt verlaßt mich, verlaßt eine, Unglückliche, die das Leid, was sie betroffen, still in sich verwinden muß! Kein Wort, o kein Wort! Verlaßt mich!« Einem so bestimmt ausgesprochenen Wunsch mußte Folge geleistet werden. Fünf Minuten später standen Emilie und Oswald, denen der schläfrige Lebrecht die Treppe hinuntergeleuchtet hatte, auf der Straße. »Mais, mon Dieu!« sagte Emilie. »Ich habe gar nicht daran gedacht, daß ich meinen Wagen erst eine halbe Stunde später bestellt habe.« »So wird Ihnen wohl nichts übrigbleiben, als meine Begleitung anzunehmen und zu Fuß zurückzukehren.« Emilie legte ihren Arm in den Oswalds; und so gingen sie ein paar Augenblicke schweigend nebeneinander. Es war ein sehr dunkler, stiller Abend. Die Herbststürme hatten die Bäume kahlgefegt und ruhten jetzt von ihrer wochenlangen Arbeit. Der Winter stand vor der Tür, aber zögerte noch ein Weilchen, ehe er mit seiner starren Faust daran klopfte. Auf den Straßen war es äußerst finster. Emilie schmiegte sich eng an ihren Begleiter, der des Weges durchaus kundig schien. »Wissen Sie unsere Wohnung?« fragte sie. »In der Süder-Vorstadt, meine ich?« – Es war dies dieselbe, in welcher auch die Pensionsanstalt des Fräulein Bär lag. »Ja. Es ist ein weiter Weg.« »Desto besser.« Ein sanfter Druck des runden Armes belohnte Oswald für diese Galanterie. Sie waren, ohne weiterzusprechen, in ziemlich raschem Gange bis ans Tor gekommen. Sobald sie außerhalb der Stadt waren, fingen sie wie auf Verabredung an, langsamer zu gehen. Oswald fühlte, daß das junge Weib hier an seinem Arme in seiner Gewalt sei, daß es in seiner Macht stehe, sie – nach ihrem Sinne wenigstens – glücklich zu machen. Die tugendhafte Wallung von vorhin, bei der der Stolz, der sich nicht wegwerfen will, bedeutend mitgespielt hatte, war längst verflogen. Die koketten Reize Emiliens, deren Macht er in der Fensternische von Barnewitz schon hinreichend empfunden, hatten ihre unausbleibliche Wirkung nicht verfehlt; und wenn er in diesem Augenblicke auch an die glänzendere Schönheit Helenens und an das dachte, was er seine wahre Liebe nannte, so diente dies nur dazu, ihm die Süßigkeit einer verstohlenen und gewissermaßen verbotenen Leidenschaft desto berauschender zu machen. »Zürnen Sie – zürnst du mir noch, Emilie?« sagte er mit dem einschmeichelndsten Ton seiner weichen tiefen Stimme. »Ich dir zürnen!« erwiderte Emilie, und sie schmiegte sich noch enger und inniger an ihren Begleiter. »Kann man da zürnen, wo man nichts möchte, als nur immer lieben, unsäglich lieben und –« »Und was, du Holde –« »Vielleicht auch ein wenig wiedergeliebt werden.« Das klang so kindlich, treu und gut, daß Oswald nicht begreifen konnte, wie er jemals die Liebe dieses liebenswürdigen Geschöpfes habe von sich weisen können. »Und doch«, sagte er, »hast du mir einst gezürnt und hattest, weiß es der Himmel, der mit seinen goldenen Sternen auf uns herniederblickte, auch Ursache dazu. Wie soll ich dir vergelten, du Großmütige, was ich – oh, ich darf gar nicht an jenen Abend auf dem Balle in Grenwitz denken.« »Wirklich?« erwiderte Emilie heiter. »Oh, dann ist alles wieder gut, dann will ich nichts beklagen von allem, was seitdem geschehen ist.« »Von allem, was geschehen ist? Was ist geschehen?« »Wie du fragst! Bin ich nicht Frau von Cloten? Und weshalb bin ich es? Doch nur, weil du meine Liebe verschmähtest. Oh, Oswald, ich kann dir nicht sagen, wie es in mir tobte, als ich dich an jenem Abend verlassen hatte. Mein Herz wollte brechen; ich hätte laut aufschreien können, ich hätte mich an die Erde werfen und mich totweinen können. Und doch schickte ich Cloten zu meiner Tante; um bei ihr um mich anzuhalten. Wie ich das konnte? Du kennst uns Frauen nicht, wenn du danach fragst. Cloten oder ein anderer, es war mir alles gleich in diesem Augenblick. Ich hatte nur den einzigen Gedanken, mich an dir zu rächen, indem ich mich so tief unglücklich machte als nur möglich; damit du mein Unglück auf dem Gewissen hättest, damit ich einst zu dir sagen könnte: Du hast es ja nicht anders gewollt.« »Dies Einst ist früher gekommen, als du wohl selbst gedacht hast; ich wollte freudig Jahre meines Lebens geben, ja auf der Stelle wollte ich sterben, könnte ich dich dadurch wieder so frei machen, wie du warst, als wir uns zum erstenmal in Barnewitz sahen.« »Was hätte ich von meiner Freiheit, wenn ich dich verlieren müßte?« erwiderte Emilie zärtlich und neckisch. »Nein, nein, Oswald, zehntausendmal lieber so, wie es jetzt ist. Wenn du mich ein wenig liebhaben willst –« »Kannst du daran zweifeln?« »Vielleicht; aber gleichviel, ein wenig nur, und ich bin zufrieden: mag ich dann immerhin Frau von Cloten heißen; magst du dann immerhin eine andere lieben –« »Eine andere?« »Ja, mein Herr, eine andere, die allerdings sehr schön, aber auch ebenso stolz wie schön ist, und die, das können Sie versichert sein, ihrem Stolz unbedenklich ihre Liebe opfern würde, wenn sie, woran ich übrigens zweifle, wirklich lieben kann. Oh, Oswald, ich wollte, du hättest sie gestern abend gesehen! Ich weiß, die Leute schelten mich kokett, und ich mag's auch wohl sein, wenn's darauf ankommt, einen Narren am Seil zu führen; aber dann tu' ich's lustig und nicht mit keuschem Augenniederschlagen wie Helene. Ich kann dir sagen, daß ich mich gestern für dich geschämt habe. Ich dachte, der arme Mensch verschmachtet vor Liebe, während die Dame seines Herzens sich hier nach Herzenslust die Kur machen läßt, und von wem? Von dem Ausbund aller dünkelhaften Aufgeblasenheit, die je in einem bunten Rock steckte; von dem König aller Ballhelden in Lackstiefeln und tadellosen Glacés; von dem Musterbild unsrer jungen Laffen, die ihm vergebens seine Kopfhaltung nachzuäffen und sein Non, Ma'am, oui, Ma'moiselle! nachzuschnarren suchen.« »Und wer ist dieser Held?« fragte Oswald mit einem Lachen, das nicht ganz natürlich klang. »Ein russisch-preußischer Fürst Waldernberg – Waldernberg-Malikowsky-Letbus –« »Ist es nicht ein schwarzer Mann, so lang, wie sein Name, mit einem Gesicht, wie ein melancholischer Bulldog?« »Ganz derselbe. Schön ist er nicht; witzig ebensowenig, wahrscheinlich auch nicht einmal gut – aber, was tut's? Bei der Aussicht, Fürstin von Waldernberg-Malikowsky-Letbus zu werden, und über einige hunderttausend Seelen zu kommandieren, kann man über die Seelenlosigkeit seines Gemahls schon gnädiglichst den Schleier der dunklen seidenweichen Wimpern fallen lassen.« Während Emilie so den Dämon der Eifersucht zu ihrer Hilfe rief, waren sie in die unmittelbare Nähe von Fräulein Bärs Haus, an dem ihr Weg vorüberführte, gekommen. Emilie schwieg und zuckte zusammen, denn aus dem Schatten der Pappeln vor der Gartenpforte löste sich plötzlich eine riesige, in einen langen Mantel gehüllte Gestalt ab, die dort gestanden haben mußte, und kam langsam an ihnen vorüber. »Quand on parle du loup« – flüsterte Emilie, als sie einige Schritte weitergegangen waren, »wenn es weniger dunkel wäre, so würde das ein interessantes Renkontre gewesen sein.« Die Begegnung des Fürsten zu dieser Stunde, an diesem Orte war eine Bestätigung von Emiliens Worten, die nicht stärker sein konnte. Der Tropfen Eifersucht, der eben in sein Herz getröpfelt war, setzte sein Blut in Flammen und brachte ihn mit jäher Schnelligkeit in jene verzweifelte Stimmung, in der Emilie an jenem Abend in Grenwitz war, als sie, von Oswald zurückgewiesen, Zorn gegen ihn und Eifersucht gegen Helene im Herzen, hinging und Clotens Braut wurde. Nur war der Unterschied, daß Emilie den Mann, in dessen Arme sie sich stürzte, nie geliebt, und auf Oswalds Herz die reizende Frau, die jetzt so verführerisch fest an seinem Arme hing, vom ersten Augenblick an einen tiefen Eindruck gemacht hatte. »Wir sind an Ort und Stelle«, sagte Emilie, als sie bald darauf an einer auf derselben Seite der Straße gelegenen Villa anlangten. Zwischen der Villa und dem Nachbarhause führte ein Weg, den Oswald kannte, direkt in den Park. Er lenkte in diesen Weg ein; Emilie zauderte für einen Moment. »Fürchtest du dich?« flüsterte er. »Mit dir!« erwiderte sie noch leiser. Aber ihr Mut konnte doch so groß nicht sein, denn während sie die Strecke zwischen den beiden Häusern und dann den abschüssigen Pfad, der zuletzt über eine kurze gewölbte Holzbrücke in den Park führte, hinabgingen, schlug ihr das Herz zum Zerspringen, und als sie nun unter die hohen Bäume traten, durch deren entblätterte Zweige der Nachtwind in dumpfen Tönen rauschte, blieb sie stehen und sagte: »Es ist recht dunkel hier.« »So fürchtest du dich doch, du Liebe?« erwiderte Oswald, sein Gesicht so tief herabbeugend, daß sie seinen Atem auf ihrer Wange fühlte. »An deiner Seite nicht, und ginge es in den Tod.« Sie hing an seinem Hals; die Lippen, die sich heute nicht zum ersten Male berührten, vermählten sich in einem langen, glühenden Kuß. Sie wandelten in der Allee auf und ab. Was galt es ihnen, daß sie kaum die Stämme der Bäume wenige Fuß von ihnen erkennen konnten, daß der kalte Hauch des Meeres sie anwehte – je dunkler es war, desto weiter war ihnen die Welt entrückt, die von ihrer Liebe nichts wissen durfte; je kälter es war, desto öfter konnte er ihr den seidenen Schal dichter um den schlanken Leib hüllen, desto inniger konnte sie sich an seine Brust, in seine Arme schmiegen. Die ganze Glut der Leidenschaft, die in ihrem heißen Herzen brannte, loderte auf in wilden Feuergarben. Sie küßte des Geliebten Hände, sie küßte seinen Mund, sie lachte, sie weinte, sie war außer sich: »Oh, nimm mich mit dir, Oswald! Wohin du willst, ans Ende der Welt, wo uns niemand kennt, uns niemand unsere Liebe neidet. Ich frage nicht nach Rang und Reichtum. Ich habe nicht zu arbeiten gelernt; aber für dich wird mir nichts zu schwer sein. – Du lachst, du glaubst mir nicht. Oh, stelle mich auf die Probe! Nimm mich zu deinem Weib, mach mich zu deiner Sklavin, mir gilt es gleich, wenn ich nur bei dir sein kann! – Und, Oswald, wenn du mich nicht mehr liebst, dann sag es mir gerade heraus; oder nein, sag es mir lieber nicht! Nimm, ohne ein Wort zu sprechen, einen Dolch und stoße ihn mir ins Herz, und dann, wenn's ja doch vorbei ist, laß mir aus Barmherzigkeit die Wollust, meine Seele in einem Kuß auf deinen Lippen auszuhauchen.« So sprach unter Küssen und Kosen das leidenschaftliche Weib, bald klagend, bald jubelnd, bald in abgebrochenen, stammelnden Lauten, bald in stürmischen fliegenden Worten – einem jungen Vögelchen gleich, das alles, was seine klopfende Brust erfüllt, auf einmal herausschmettern und flöten möchte und es doch nur bis zum Zwitschern und hier und da zu einem hellen Ton bringt. Sie konnte es nicht begreifen, daß Oswald sich weigerte, ihr morgen vor aller Welt einen Besuch zu machen und fortan die Gesellschaften, die sich in ihrem Hause versammelten, zu besuchen. Sie malte sich ein solches Verhältnis mit den reizendsten Farben aus. »Cloten ist oft halbe Tage lang außer dem Hause. Wenn du erst einmal bei uns eingeführt bist, so können wir die herrlichsten Stunden ungestört miteinander verleben.« »Nimmermehr.« »Wie, nimmermehr? Möchtest du das nicht?« »Wohl möchte ich es; aber die Frage ist, ob ich es kann? Wie kann ich aber in deine Gesellschaft zurückkehren, aus der ich so, wie ich es getan, geschieden bin? Es ist von je mein Grundsatz gewesen, nie wieder den Fuß über die Schwelle eines Hauses zu setzen, in dem man mich einmal, gleichviel, ob wissentlich oder unwissentlich, beleidigte. Denn was einmal geschah, kann und wird öfter geschehen, und wenn es nicht geschieht – das Vertrauen und die Harmlosigkeit des Verkehrs sind doch fort, und die kommen, wie die Unschuld, nimmer wieder.« »Aber was gehen dich denn die andern Menschen an? Wen ich nicht sehen und beachten will, den sehe und beachte ich eben nicht.« »Das kannst du, aber siehst du denn nicht, daß das in meinem Falle ganz unmöglich ist? Oder glaubst du, daß Herr von Barnewitz, der junge Grieben, und wer noch zu der Sippe gehört, mich unbeachtet lassen würden?« »Sie sollen nicht zu uns kommen, kein einziger soll zu uns kommen. Ich will niemand empfangen, und wen ich empfange, so empfangen, daß ihm die Lust wiederzukommen vergeht.« »Aber Emilie, Kind, das alles sind ja bunte Seifenblasen, die vor dem ersten Hauch der Wirklichkeit zerplatzen. Und wenn du dich wirklich mir zuliebe mit deiner Gesellschaft in einen Kampf einlassen wolltest, in dem du nebenbei immer den kürzeren ziehen müßtest, wird dein Mann mir, den er gewiß nicht liebt, zu lieben auch gar keine Ursache hat, dasselbe Opfer bringen?« »Arthur tut, was ich will; ich kann von Arthur alles verlangen.« »Und wäre er ein solcher Tor«, sagte Oswald heftig, »ich will in diesem Blindekuhspiel nicht mitspielen. Wenn dein Mann dich wirklich liebt, um so schlimmer für dich und mich und für ihn. Ich weiß, daß ihr Frauen in solchen Fällen die beneidenswerte Kunst besitzt, eure rechte Hand nicht wissen zu lassen, was die linke tut; aber wir Männer sind anders organisiert; ich zum wenigsten. Ich rede hier nicht von moralischen Bedenken, über die man sich zur Not noch wegsetzen kann, wenn man den, dessen Vertrauen man täuscht, aus dem Grunde verachtet; aber ich würde Höllenqualen, die alle Wonne unsrer Liebe nicht beschwichtigen könnte, erdulden, wenn ich mit meinen leiblichen Augen den Mann, den ich verachte, seinen Arm in plumper Vertraulichkeit um deinen Leib schlingen sähe; wenn ich des Abends von euch ginge und wüßte, daß du – oh, ich mag es nicht aussprechen, was ich nicht einmal auszudenken wage.« Emilie warf sich schluchzend in Oswalds Arme: »Oh, laß mich immer bei dir bleiben! Laß mich nicht wieder in mein Haus zurückkehren! Ich will ihn nicht wiedersehen! Er soll nie wieder meine Hand berühren! Ich habe ihn ja nie geliebt! Oh, Oswald, hab Erbarmen mit mir! Laß mich nicht so schwer büßen für etwas, das ich ja doch nur aus rasender Liebe zu dir getan habe.« »Armes, unglückliches Kind«, murmelte Oswald, sie zärtlich an sich drückend, »armes unglückliches Kind; und unglücklich durch mich! Das ist das bitterste Leid! Emilie, Holde, Süße, weine nicht so! Dein Schluchzen zerreißt mein Herz! Laß ab von dem Manne, der dich schon so unglücklich gemacht hat, und nichts weiter kann, als dich nur noch unglücklicher machen! Vergiß, daß du mich je gesehen hast! Kehre zurück zu deinem Gatten. Du wirst mit ihm nicht glücklich werden, aber wer ist denn glücklich auf dieser Welt! Du wirst dich an ihn gewöhnen, wie sich der Mensch zuletzt an alles gewöhnt. Und so wird dir der Strom des Lebens verfließen, im Anfang vielleicht noch unwillige Wellen schlagend, dann allmählich ruhiger und träger, bis er zuletzt in das tote Meer dumpfer Resignation gleichgültig mündet. Oh, mein Gott, mein Gott! – Komm, Emilie! Es hilft uns nichts, daß wir einander unser Leid klagen. Die Nacht ist kalt, deine Haare, deine Kleider sind naß von dem Nebelgeriesel wie deine Augen von Tränen. Du mußt nach Haus.« Er schlang seinen Arm um ihren Leib und führte sie den Weg, den sie gekommen waren, zurück. Emilie ließ es geschehen. Ihr leises Schluchzen hörte allmählich auf; sie schien die Hilflosigkeit ihrer Lage zu begreifen. Plötzlich aber, als sie auf der Brücke waren, die aus dem Park herausleitet, blieb sie stehen, faßte Oswalds beide Hände und sagte mit leiser, festes Stimme: »Ich hab es mir überlegt, und anders ist es nicht. Ich will ohne dich nicht mehr leben, seitdem ich weiß, wie köstlich das Leben mit dir ist. Wenn du mich nicht lieben kannst, so beschwöre ich dich bei allem, was dir heilig ist, sage es mir. Ich will kein Wort erwidern, kein Wort. Ich will nicht weinen, nicht klagen. Du sollst von mir nicht belästigt werden. Was ich dann tue, das weiß ich.« »Emilie –« »Nein, laß mich ausreden. Ich sage dir, ich will nicht ohne dich leben. Wenn du mich nicht liebst, kann es dir ja gleichgültig sein, was aus mir wird. Wenn du mich aber liebst, so wirst, so mußt du fühlen, daß wir uns auch, so oder so angehören müssen. Wie das geschehen kann – ich weiß es jetzt noch nicht; aber ich werde darüber nachdenken, und du wirst darüber nachdenken, und wir werden einen Ausweg finden. Jetzt, sage mir: Liebst du mich oder nicht?« »Ich liebe dich!« sagte Oswald, und er glaubte in diesem Augenblick, was er sagte. Emilie warf sich in seine Arme. »Und ich liebe dich, Oswald, wie dich ein Weib nie geliebt hat, wie dich nie ein Weib auf Erden lieben wird. Und nun«, fuhr sie in ruhigem Tone fort, während sie langsam weiterschritten, »laß uns unsere Lage überdenken. Vorläufig, das sehe ich wohl, muß es so bleiben, wie es ist; aber auch so muß ich dich von Zeit zu Zeit sehen, wenn ich nicht wahnsinnig werden soll. Hier in der Stadt, wo tausend Augen uns bewachen, ist es schwer; aber ich habe einen andern Plan. Drüben in Fährdorf wohnt meine alte Amme, die mir unbedingt ergeben ist. Sie ist Witwe und hat einen einzigen Sohn in meinem Alter, der für mich durch Wasser und Feuer geht. Sie ist kränklich; ich schicke ihr alle Tage etwas, habe sie auch schon besucht, und es wird nicht auffallen, wenn ich sie wieder besuche. Ihr Sohn ist Steuermann auf einem Fährboote, das ihr gehört, und er wird uns sicher und verstohlen hinüber und herüber bringen. Wenn in einigen Wochen, vielleicht schon Tagen, das Eis hält, ist die Sache noch viel einfacher – willst du, Oswald?« »Der Plan ist gut«, sagte Oswald, »besonders deshalb, weil ich keinen besseren wüßte. Wann wollen wir ihn in Ausführung bringen?« »Morgen, wenn du willst.« »Wann?« »Um fünf Uhr nachmittags. Das heißt, wir dürfen nicht zusammen hingehen. Ich will schon früher fahren. Du kommst nach, wenn es dunkel ist. Die Rückfahrt findet sich. Die Wohnung der Witwe Lemberg – vergiß den Namen nicht – ist das letzte Haus links am Strand. Oh, Oswald, Oswald, denke die Seligkeit mit dir stundenlang ungestört beisammen zu sein! Doch jetzt, mein Oswald, geh! Man darf dich nicht sehen; ich muß allein nach Hause gekommen sein. Leb wohl – leb wohl – auf Wiedersehen.« Die schlanke Gestalt Emiliens war heimlich durch das Dunkel bis an die Tür der Villa geschlüpft. Oswald hörte die Glocke ziehen. Die Tür wurde geöffnet und schloß sich wieder. Oswald war allein. Er war allein; allein mit einem Herzen, in dem es finster war wie die finstre Nacht, die wie ein schwarzes Leichentuch über der kalten, starren Erde lag. Kein Hoffnungsschimmer am Himmel und in seiner Seele; dunkel, alles dunkel vom Aufgang bis zum Niedergang. Er konnte es zu keinem bestimmten Gedanken bringen, nur zu dem einen, daß er sterben möchte, daß es ein Glück für ihn sein würde, wenn er seinem Leben ein Ende machte. Für ihn und für andere! Heftet sich nicht das Unglück an seine Fersen? War es nicht sein Schicksal, Verwirrung und Leid zu bringen, wohin er kam? Und dieser neueste Bund, den er geschlossen, unwiderruflich, wenn er nicht treulos sein wollte, wie – wie er es noch stets gewesen! Melitta – Helene – Emilie! Was hatte Emilie vor den andern voraus, als daß sie zufällig die letzte war? So irrte er, von den Furien des eigenen Gewissens gejagt, in dem Park umher bis an den Strand und wieder zurück und wieder an den Strand und wieder zurück. Die feuchtkalte Luft durchnäßte seine Kleider, er achtete es nicht; er stieß sich an den triefenden Stämmen, er ritzte seine Hände an dem Hagedorn – er fühlte es nicht. Verwünschungen gegen die Vorsehung, gegen die Menschen, gegen sich selbst murmelnd, trank er in vollen Zügen aus dem Kelch der Leiden, die sich der Mensch in seines Sinnes Torheit gegen der Götter Willen und des Schicksals Schluß bereitet. Siebenundzwanzigstes Kapitel Einige Tage später war beim Geheimrat Robran in dem Wohnzimmer eine kleine Gesellschaft versammelt, bestehend aus dem Geheimrat selbst, seiner Tochter, Franz und einer jungen Dame, die von Bemperlein bei Robrans eingeführt war: Mademoiselle Marguerite Martin. Man hatte zu Abend gegessen, nachdem man vergeblich eine Stunde lang auf Herrn Bemperlein gewartet. Jetzt saß man um den Kamin; auf einem Tische in der Nähe Sophiens stand statt der Teesachen heute eine kleine Bowle, aus der die junge Dame aber nur selten ein oder das andere Glas füllte. Die Konversation war nicht eben belebt; es schien ein Schleier von Wehmut über den Gesichtern aller zu hangen. Kein Fremder hätte glauben sollen, daß diese stille melancholische Gesellschaft nichts mehr oder nichts weniger feierte, als was man im gewöhnlichen Leben einen »Polterabend« zu nennen pflegt. Und doch war dies der Fall. Morgen in den ersten Vormittagsstunden sollte in der Kirche das junge Paar von Prediger Schwarz eingesegnet werden, um dann eine Stunde später nach Berlin abzureisen, wohin Franz dringende Geschäfte riefen. In den Plänen, die Franz für die Zukunft entworfen hatte, war nämlich noch in der elften Stunde vor seiner Verheiratung eine große Veränderung eingetreten. Das Opfer, das er in aller Stille und Heimlichkeit der Ruhe und dem Glück der Seinigen bringen wollte, war nicht angenommen worden. Als er an Professor Kurzenbach schrieb, daß er die ihm zugedachte Ehre der Stelle eines ersten Assistenzarztes an dem Universitätskrankenhaus ablehnen müsse, glaubte er die Sache ein für allemal abgetan. Aber Kurzenbach war nicht der Mann, einen ihm liebgewordenen Gedanken so leicht aufzugeben. Er schrieb abermals an Franz, und – das hatte Franz nicht erwartet – zugleich an dessen Schwiegervater. So erfuhr der Geheimrat, was ihm, nach Franz' Absicht, wenigstens bis alles entschieden war, unbekannt bleiben sollte. Als Franz eine halbe Stunde später ihn zu besuchen kam, empfing er ihn mit dem Brief Kurzenbachs in der Hand. In dieser Stunde der Entscheidung fand Robran seine ganze alte Geisteskraft und Beredsamkeit wieder. »Sehen Sie denn nicht, teuerster Franz«, sagte er, »daß dies ungeheure Opfer, das Sie mir so leichten Mutes und – Sie müßten sonst kein vom Weibe Geborener sein – schweren Herzens bringen, mich durch seine Größe niederdrückt und sozusagen moralisch vernichtet? Sie haben Ihr Vermögen für mich hingegeben. Ich unterschätze das wahrhaftig nicht; indessen, das hat schon mancher Vater freudig für seinen Sohn getan, weshalb sollte es nicht auch umgekehrt einmal ein Sohn für einen Vater tun? Aber, indem Sie diese Stelle ausschlagen, opfern Sie mir etwas, das sich nicht mehr zählen und berechnen läßt. – Sie opfern mir Ihre Zukunft. Sie opfern mir den Ehrgeiz, der jedes edle, männliche Herz erfüllt, es in dem Berufe, dem man angehört, zur höchstmöglichen Vollkommenheit zu bringen; ja, was am schwersten in die Waagschale fällt: Sie opfern mir auch, worüber Sie gar nicht frei verfügen können: die Pflicht, die Sie gegen Ihre Mitmenschen haben. Wem wie Ihnen viel gegeben ist, von dem kann und muß auch viel gefordert werden. Sie finden in Berlin einen Wirkungskreis, um den Sie selbst ein Cäsar beneiden würde, wenn ein Cäsar überhaupt jemals begreifen könnte, worin das wahre Herrschertum des Menschen besteht. Sie werden in Wirklichkeit sein, wie die römischen Schmeichler ihre Neronen und Heliogabale nannten: decus und deliciolae generis humani: eine Zierde und Wonne des Menschengeschlechts, denn Sie werden, wie einst der göttliche Nazarener, Blinde sehend und Lahme gehend und die unter der dumpfen Grabesdecke ihrer Leiden Gebetteten vom Tode auferstehen machen. Und von Ihren Worten und Werken begeisterte Schüler werden ausziehen in alle Lande, und so wird der Kreis Ihrer Wirksamkeit wie der jedes wahrhaft großen und guten Menschen eine unendliche Peripherie gewinnen. Was Sie hier leisten können, das können andere auch. Was Sie dort leisten können, das können wenige, und es ist recht und billig, daß jeder Soldat in der großen Fortschrittsarmee da marschiert, wo seine Stelle ist in Reih und Glied. Und nun abgesehen von diesen innern und moralischen Gründen, die Sie gebieterisch zwingen, auf den Ruf des großen Geistes, der durch Kurzenbachs Mund Ihnen geworden ist, mit Hier! zu antworten, so sprechen auch selbst die äußeren Verhältnisse mehr für als gegen die Sache. Ich weiß sehr wohl, welche Motive Sie zu Ihrer Weigerung bestimmten; aber – verzeihen Sie, Franz, wenn ich ganz aufrichtig spreche – sollten Sie dabei, wenn auch nicht Ihre Kraft überschätzt, so doch die meinige zu gering angeschlagen haben? Ich weiß es: der Tod hat mich nur vorläufig gezeichnet, um mich bei nächster Gelegenheit desto sicherer zu treffen; indessen, so bald tritt diese Gelegenheit denn doch vielleicht nicht ein; ich schätze, wenn Sie nicht etwas Besonderes dagegen haben, mein Leben immer noch auf zwei, drei Jahre, vielleicht noch länger. So lange werde ich meine Kranken besuchen nach wie vor, und wenn ich nicht allein fertig werden sollte, so werde ich mir jemand wählen, der mir nicht eine so gefährliche Konkurrenz machen kann wie mein vortrefflicher Schwiegersohn, den man mir jetzt schon hier und da vorzuziehen anfängt. Im Ernst, Franz, wir stehen uns vorläufig hier nur im Wege. Und wenn's doch einmal darauf ankommt, Geld zu machen, so ist es besser: Sie gehen nach Osten und scheren Ihre Schafe, und ich schere hier im Westen die meinen.« Franz war durch diese Argumente nicht ganz überzeugt; aber er fühlte, daß der Geheimrat als Mann von Ehre nicht anders handeln könne. So ging er denn zu seiner Braut und sagte ihr, daß er einen Ruf nach Berlin erhalten habe. Was sie dazu sage? »Ob du dem Ruf folgen mußt«, erwiderte Sophie nach kurzer Überlegung, »das zu entscheiden, muß ich natürlich dir und dem Vater überlassen, denn ich verstehe nichts davon. Wenn's aber sein muß, werde ich gewiß nicht nein sagen. Wann sollen wir fort?« »Ich muß gegen Weihnachten spätestens da sein; aber auch jetzt schon muß ich gleich nach unserer Hochzeit auf ein paar Tage hinüber, um das Terrain zu rekognoszieren.« »So reise ich mit dir. Du sollst sehen, daß ich gar nicht so unpraktisch bin, wie du glaubst.« Wenn Sophie so ruhig, beinahe kühl über einen Plan sprach, der für ihre und Franzens Zukunft entscheidend war, dessen Ausführung sie von Vaterstadt und von Vaterhaus, von ihren Freundinnen und Bekanntinnen, von tausend und aber tausend Gewohnheiten vielleicht für immer trennte, so war ihr doch der Gedanke unsäglich schmerzlich, von dem Vater, den sie so liebte, von dem sie so sehr geliebt wurde, scheiden zu sollen. Aber sie wußte, daß er in der Stunde der Entscheidung an den Grundsätzen, die er der Tochter eingeprägt, festhalten und von ihr dieselbe Festigkeit erwarten würde. Von diesem Momente an war Sophiens ganzes Sinnen und Trachten darauf gerichtet, alles im Hause zu ordnen, daß der Vater nach ihrer Entfernung wenigstens den Komfort des Lebens, an den er sich nun einmal gewöhnt hatte, nicht vermißte. Vor allem handelte es sich darum, ein weibliches Wesen zu finden, das ihre Stelle an der Tafel und beim Teetisch ausfüllen und überhaupt die Leitung der häuslichen Angelegenheiten übernehmen könnte. Ihre Wahl war bald getroffen. Bemperlein hatte auf Sophiens ausdrücklichen Wunsch ihr Mademoiselle Marguerite schon am nächsten Tage nach der denkwürdigen Unterredung vor dem Kaminfeuer zugeführt. Sophie hatte an der hübschen schwarzäugigen Französin großes Gefallen gehabt und Bemperlein aufrichtig zu seiner Wahl gratuliert. Schon damals war Sophie der Gedanke gekommen, ob Marguerite nicht später, wenn sie selbst verheiratet war, dem Vater die Wirtschaft führen könnte. Jetzt beeilte sie sich, diesen Gedanken zur Ausführung zu bringen. Der Vater, auf den »die kleine Lacerte«, wie er das zierliche Figürchen nannte, einen sehr günstigen Eindruck gemacht hatte, fand den Plan seiner Sophie »so übel nicht«; Franz »billigte« ihn, und was Bemperlein anbetrifft, so verstand es sich von selbst, daß er mit Enthusiasmus darauf einging. Er als die geeignetste Person erhielt demzufolge den Auftrag, Marguerites Sinn in dieser Hinsicht zu erforschen und bei einem so feinen Diplomaten wie Anastasius Bemperlein, meinte Sophie, sei es selbstverständlich, daß der entschiedenste Erfolg seine delikate Mission kröne. Marguerite erklärte, daß sie die ihr zugedachte Ehre annehmen werde, sobald sie sich von ihren jetzigen Verhältnissen losgemacht habe. Jetzt fehlte also weiter nichts, als die Entlassung der Demoiselle Marguerite aus ihrem bisherigen Verhältnisse zu bewirken. Das ging zu aller Erstaunen leichter als man erwartet hatte. Der Baronin waren die klugen Augen ihrer Gouvernante schon lange unbequem gewesen, besonders, seitdem in ihrem Hause so mancherlei vor sich ging, was eine scharfe Kritik nicht wohl vertragen konnte. Überdies hatte sie stets den Grundsatz gehabt, mit ihrem Dienstpersonal in bestimmten Intervallen zu wechseln, da sie die Erfahrung gemacht haben wollte, daß »nur neue Besen gut fegten«; und Marguerite war schon weit über die gewöhnliche Zeit in ihrem Hause gewesen. So gab sie ihr denn ohne weiteres den geforderten Abschied und erlaubte sogar, daß sie schon an einem der nächsten Tage in das Haus des Geheimrats übersiedelte, daß Marguerite dabei in Anbetracht der bedeutenden Unbequemlichkeiten, ja offenbaren pekuniären Einbußen, die der Baronin aus ihrem plötzlichen Fortgehen erwüchsen, auf das Gehalt des laufenden Quartals verzichten mußte, verstand sich um so mehr von selbst, als »die junge Person«, wenn sie der Baronin fünf Jahre lang mit unermüdlichem Eifer gedient, doch am Ende nichts weiter getan hatte als »ihre Pflicht und Schuldigkeit«. So war Marguerite ein Mitglied der Familie des Geheimrats geworden, und es war daher natürlich, daß sie heute abend bei diesem, im engsten Kreise der Familie gefeierten Feste nicht fehlen durfte. Auch war sie die einzige, die die Kosten der Unterhaltung ohne Mühe bestreiten konnte. Zwar gab sie sich ersichtlich Mühe, dem Ernst des Augenblicks gerecht zu werden und die Gefühle der andern nicht durch unzeitige Lustigkeit zu beleidigen, aber bei ihrer angebotenen Lebhaftigkeit wurde es ihr nicht leicht, lange schweigsam zu sein, wie ein vergnügter Kanarienvogel, dem man das Bauer zugedeckt hat, sobald der erste Schreck vorüber ist, wieder lustig anfängt zu schmettern. »Aber ich möchte doch um alles in der Welt wissen, wo Bemperlein bleibt«, sagte Sophie, nach der Uhr sehend, »er hatte versprochen, um acht Uhr hier zu sein; jetzt ist es bereits halb zehn.« »Vielleicht kann uns Fräulein Marguerite Auskunft geben«, sagte der Geheimrat. »Moi? Pas du tout!« erwiderte Marguerite, froh eine Gelegenheit zum Sprechen zu finden. »Ich nicht habe ihn gesehen seit gestern abend. Ich glaube beinahe, daß er ist krank, denn er sah diese Tage aus sehr aufgeregt.« »Ich war heute bei ihm«, sagte Franz. »Nun!« sagte Sophie. »Ja, denkt euch: Ich habe den seltsamen Menschen gar nicht zu Gesicht bekommen. Er rief durch die verschlossene Tür, er könne mich nicht sehen; er habe eine wichtige Arbeit, von der er keinen Augenblick fort dürfe.« »Es wird doch nichts passiert sein?« fragte Sophie. »Willst du nicht lieber noch einmal zu ihm gehen, Franz?« »Recht gern«, sagte Franz, sein Glas leerend und aufstehend. In demselben Augenblick erschallte aber vom Hausflur her das unterdrückte Gelächter der Mädchen und des Bedienten. Alsbald ging auch die Tür auf, und herein trat eine wunderlich herausgeputzte Gestalt, die sich durch zwei mächtige, an den Schultern angeheftete Gänseflügel, durch einen Bogen in der Hand, nebst obligatem Köcher mit Pfeilen auf dem Rücken, durch einen Kranz auf dem Kopf unzweifelhaft als Amor präsentierte, wenn auch die Brille nicht ganz zu der diesem Gott charakteristischen Blindheit und der schwarze Anzug zu der klassischen Nacktheit stimmen mochte, in der sich der Sohn der Liebesgöttin fast ausschließlich gefällt. Diese seltsame Gestalt näherte sich zierlichen Schrittes der Gesellschaft am Kamin, blieb in angemessener Entfernung stehen, verbeugte sich und sprach: »Hochverehrliches christliches Brautpaar, sehr würdiger christlicher Brautvater und liebwerte Demoiselle! Ich bin, wie jeder leicht erkennt, Der große Gott Amour. Wenn's irgendwo im Herzen brennt, Dann brennt durch mich es nur. Wer meinen Köcher rasseln hört, Der schlägt die Augen nieder; Der Pfeil, der von dem Bogen fährt, Durchbohret West' und Mieder. Und wen so traf ins Herz der Schuß, Um den ist es geschehn; Von meiner Kunst, o Publikus, Sollst du ein Pröbchen sehn.« Hier nahm Amor mit großer Ostentation einen Pfeil aus dem Köcher und sagte: »Haben Sie keine Angst, meine Herrschaften, die Sehne ist sehr schlaff und die Pfeile haben, wie Sie gefälligst bemerken werden, faustgroße Gummibälle statt der Spitzen.« Darauf legte er den harmlosen Pfeil auf den harmlosen Bogen und schnellte ihn auf Sophie ab, die ihn geschickt mit der Hand auffing und mit komischem Pathos ans Herz drückte. Diese Prozedur wiederholte sich bei Franz mit der Ausnahme, daß dieser den Gummiball an den Kopf bekam. Nachdem Amor also bewiesen, daß er nicht vergeblich drohe, fuhr er fort:   »Nun ist's den beiden angetan, Und hin ist ihre Ruh'; Man sieht es ihnen deutlich an: Es drückt sie wo der Schuh. Sie ruhen und sie rasten nicht, Mag's brechen oder biegen, Bis daß der Pfaffe Amen spricht, Und sie sich endlich kriegen. Dann heißt's: Ade, du Elternhaus, Ich muß nun in die Welt hinaus! Ade, ade, lieb' Väterlein, Ade, es muß geschieden sein! Ade, du traute Freundesschar, Für die ich Licht und Leben war! Ade, ihr lieben Leute! Ihr habt mich nur noch heute; Wann morgen blinkt der Abendstern, Dann bin ich viele Meilen fern.« Diese letzten Verse sprach Amor mit sehr bewegter Stimme. Die Gesichter der Gesellschaft um den Kamin, die im Anfang von Heiterkeit geglänzt hatten, waren nach und nach ernster geworden; von der halboffenen Tür, in der sich die Dienstleute drängten, vernahm man unterdrücktes Schluchzen. »Trinken Sie ein Glas Bowle, Bemperchen«, sagte Sophie, Amor ein Glas präsentierend. »Auf Ihr Wohl, Fräulein Sophiechen«, erwiderte Amor, das Glas auf einen Zug leerend. »Nun setzen Sie sich aber wieder, ich bin noch nicht fertig.« Amor trat jetzt einen Schritt zurück, klapperte mit seinem Köcher, wie, um sich zu überzeugen, daß er sich noch nicht verschossen habe, und sprach darauf also:             »So schrecklich, wie dies Beispiel zeigt, Ist Amors grause Macht; Doch wird's nicht immer ihm so leicht, Manch' Herz ist streng bewacht; Es schwärmt der gute Jüngeling –« Bei diesen Worten blickte Amor anbetungsvoll auf Mademoiselle Marguerite –     »Sie aber ist ein schnippisch Ding. Wenn er von seiner Liebe spricht, So sagt sie: ick versteh' Sie nicht.« Bei dieser für die Eingeweihten sehr verständlichen Anspielung konnte sich niemand eines Lächelns erwehren, aus dem aber ein lautes Gelächter wurde, als Mademoiselle Marguerite, die von allem, was Amor sagte, kaum ein Wort verstand, aus dem Lachen der anderen aber merkte, daß irgend etwas ganz besonders Witziges gesagt sein müsse, sich zu Sophie wandte und ganz laut fragte: »Qu'est-ce qu'il dit?« Amor hatte Humor genug, in das Gelächter der anderen mit einzustimmen; aber alsobald fuhr er mit noch größerem Ernst als vorhin fort:         »Da kommt in allergrößter Eil' Der Jüngling denn zu mir, Und fleht: Mit deinem schärfsten Pfeil Triff's böse Mädchen hier –« Bei diesen Worten legte Amor die Hand aufs Herz.           »Damit sie wisse, wie es tut, Wenn einer liebet treu und gut. Und ich sodann: Mein feiner Knab', Dein Flehen rühret mich, Den schärfsten Pfeil, den ich nur hab', Ich schieß' ihn ab für dich. Wen dieser traf ins junge Herz, Der fühlt gar bald den Liebesschmerz.« Amor präsentierte einen Pfeil, den er bei den letzten Worten aus dem Köcher genommen hatte. An der Gummikugel war ein Zettel befestigt, auf dem etwas geschrieben stand, was man aus der Entfernung nicht lesen konnte. Er zielte auf Mademoiselle Marguerite und rief mit erhobener Stimme:             »Wenn das nicht gut für Liebe ist, Sagt's mir, wenn Ihr was Bess'res wißt.« Der Pfeil flog vom Bogen, Mademoiselle Marguerite in den Schoß. Amor aber wartete den Erfolg seiner Heldentat nicht ab, sondern wandte den mit Gänseflügeln geschmückten Rücken und eilte, von dem Gelächter der Gesellschaft gefolgt, zur Tür hinaus. »Was steht auf dem Zettel, Marguerite?« »Den Zettel müssen Sie zeigen, Mademoiselle!« »Das versteht sich!« So riefen Sophie, Franz und der Geheimrat durcheinander. Aber Marguerite hatte kaum einen Blick auf den Zettel geworfen, als ihr ausdrucksvolles Gesicht von dunkler Röte übergossen wurde. Sie riß in aller Eile das Papier ab und warf es in den Kamin; Sophie aber, die dies erwartet hatte, war sofort mit dem Schüreisen bei der Hand und schnellte den Zettel, ehe ihn die Flamme ergreifen konnte, geschickt heraus. Marguerite wollte ihr das Dokument entreißen; Sophie lief damit fort, Marguerite hinterher, während Franz und der Geheimrat sich über die Anstrengungen der kleinen Lacerte, an der schlanken Sophie, der sie kaum bis an die Schultern reichte, hinaufzuspringen, höchlichst ergötzten. Bei ihrer Jagd kamen die jungen Damen in die Nähe der Tür, und da Bemperlein, der sich unterdessen seiner himmlischen Attribute entledigt hatte, gerade hereintrat, so stürzte ihm Marguerite, die ihren Lauf nicht so schnell hemmen konnte, direkt in die Arme. »Seht Amors heilige Macht!« rief Sophie bei diesem Anblick jubelnd. »Hier, Marguerite, haben Sie Ihren Zettel wieder. Nachdem ich diesen Erfolg gesehen, will ich gar nicht mehr wissen, was auf dem Rezept gestanden hat.« Bei diesen Worten überreichte sie mit einem tiefen Knicks Marguerite den Zettel, die ihn eiligst im Busen verbarg. »Sie haben Ihre Sache brav gemacht, Bemperchen«, sagte die übermütige junge Dame sodann, »ich muß Sie notwendig auch umarmen.« Damit nahm sie den hocherrötenden Bemperlein ohne weiteres bei den Schultern und gab ihm einen herzlichen Kuß. »Ich rufe Sie zum Zeugen, Herr Geheimrat«, rief Bemperlein, »daß die Damen sich um mich reißen, ohne daß ich ihnen die geringsten Avancen mache, und daß, wenn Franz mich fordert, ich ihm keine Satisfaktion zu geben brauche.« Durch Bemperlein war ein anderer Geist in die Gesellschaft gekommen und Scherz und Lachen die Ordnung des Abends geworden. Die gute Laune des kleinen Kreises stieg in demselben Maße, als das Niveau in der Bowle sank. Nur Marguerite war stiller als vorher, indessen man hatte den Scherz weit genug getrieben und ließ die kleine Lacerte in Ruh; achtete auch nicht weiter darauf, wenn sie den Platz am Kamin verließ und in dem großen Zimmer auf und ab gehend, ihren Gedanken nachhing; ja Franz, Sophie und der Geheimrat, die in ein wichtiges Familiengespräch geraten waren, bemerkten nicht, daß Bemperlein geräuschlos aufgestanden war, sich Marguerite zugesellt und mit ihr ein leises Gespräch angeknüpft hatte, das bald so interessant wurde, daß sie notwendig das tiefe Erkerfenster aufsuchen mußten, wo sie vor den Blicken der Gesellschaft am Kamin durch die breiten Falten des schweren Vorhangs gänzlich verborgen waren. Indessen war das Gewebe dieses Vorhangs nicht dicht genug, auch die Schallwellen vollständig zu brechen, und so geschah es denn, daß nach Ablauf von ungefähr fünf Minuten die am Kamine durch ein Geräusch erschreckt wurden, das aus dem Erker kam und unmöglich durch etwas anderes hervorgebracht sein konnte, als dadurch, daß die Lippen zweier Menschen längere Zeit aufeinander geruht und sich plötzlich wieder getrennt hatten. Mit der Entstehung dieses höchst eigentümlichen Geräusches hing es aber so zusammen: Als das promenierende Paar – ganz zufällig – in den dunklen Erker geraten war, hatte Mademoiselle Marguerite sogleich wieder umkehren wollen, der löwenkühne Bemperlein aber hatte ihre Hand ergriffen und im eindringlichen Tone gesagt: »Haben Sie gelesen, was auf dem Zettel stand?« Nun hatte Marguerite es allerdings gelesen, aber sie wäre keine kleine Lacerte gewesen, wenn sie auf eine so direkte Frage nicht mit: »Non, Monsieur!« hätte antworten sollen. »Erlauben Sie denn, daß ich es Ihnen sage?« Die kleine Lacerte fing hierauf ein ganz klein wenig an zu zittern, ohne weder ja noch nein zu sagen; Herr Anastasius Bemperlein aber, der mit großem Scharfsinn das Zittern und das Schweigen zu seinen Gunsten auslegte, schlang seinen Arm um die Taille der kleinen Lacerte und flüsterte ihr ins Ohr: »Mademoiselle Marguerite Martin! Je vous aime de tout mon cœur.« Da das Zittern infolge dieser loyalen Erklärung nur noch zunahm, ohne daß von seiten der Dame irgendein Versuch gemacht wurde, sich den Armen des Ritters zu entziehen, so sagte dieser noch leiser und dringender: »Marguerite, antworten Sie mir: Lieben Sie mich? Ja oder nein?« Da Marguerite auf diese kurze Frage mit einem kaum hörbaren: »Oui!« geantwortet hatte, so blieb einem in Liebesaffären so ausnehmend bewanderten Manne wie Herrn Anastasius Bemperlein offenbar nichts anderes übrig, als die Dame noch fester in seine Arme zu schließen und ihr einen schallenden Kuß auf die nicht widerstrebenden Lippen zu drücken. »Oh, mon Dieu!« rief die kleine Lacerte, erschrocken aus des Ritters Arm schlüpfend. »Sei nur ruhig«, erwiderte der Ritter, »sie müssen es ja doch erfahren.« Sprach's, faßte die kleine Dame bei der Hand, schlug den Vorhang zurück, trat, wie der Edelknappe im Taucher, »sanft und keck« auf die Freunde zu und sagte: »Meine Freunde, ich habe das unausprechliche Vergnügen, Ihnen Fräulein Marguerite Martin als meine liebe Braut vorzustellen.« Da Bemperlein unter dem Siegel der Verschwiegenheit Sophie in sein Geheimnis eingeweiht, und diese es unter demselben Siegel an Franz und den Vater weitergegeben hatte, so konnte, besonders nach der Amorszene und nun gar nach dem Kuß im Erker, durch diese Nachricht eigentlich niemand so recht gründlich überrascht werden. Indessen waren die Glückwünsche von seiten der Freunde darum nicht weniger warm. Die Männer schüttelten sich herzlich die Hände. Sophie küßte Marguerite mit einer bei ihr sehr ungewöhnlichen Rührung, und es dauerte eine geraume Zeit, bis die hochgehenden Gefühlswogen sich wieder zu einem klaren Spiegel ebneten. »Wir müssen ein solches Ereignis auch äußerlich durch eine entsprechende Feierlichkeit dokumentieren«, sagte der Geheimrat, griff nach der Klingel und hieß den eintretenden Diener, die letzte von den zwölf Flaschen Johannisberger Kabinett bringen, die er alljährlich von einem Fürsten, den er durch seine Kunst vom Tode errettet hatte, zum Geschenk erhielt. Und als der edle Wein in den Gläsern funkelte, sprach der Geheimrat: »Meine Lieben! In froher Stunde spricht sich's gut von vergangenem Leid, und so laßt denn auch mich das heiter schöne Bild des Augenblicks in einen dunklen Rahmen fassen, aus dem seine glänzenden Farben noch um soviel heller strahlen werden. – Ich habe in diesen letzten Leidenstagen, wo ich, dessen Pflicht und Amt es ist, zu helfen, wo ich kann, selbst so ganz hilflos auf dem Krankenbette lag, oft an ein Wort denken müssen, ein klagendes, tränenreiches Wort, das die von Kriegsdiensten überbürdeten römischen Plebejer einst ihren stolzen irdischen Göttern, den Patriziern, zuriefen: Sine missione nascimur! zu deutsch, ihr Mädchen: ›Ohne Urlaub werden wir geboren‹. Ob unsere Kräfte in der endlosen Reihe der Kriege, die Ihr im Namen des Vaterlandes zu Euerm Nutz und Frommen führt, aufgerieben werden, ob unsere Äcker brachliegen und unsere Weiber und Kinder sterben und verderben – Euch kümmert's nicht. Zu den Waffen, zu den Waffen! tönt Euer Ruf jahraus, jahrein; und wir, wir müssen fronden jahraus, jahrein: Sine missione nascimur.« Der Geheimrat tat einen tiefen Zug aus seinem Glase und fuhr mit bewegter Stimme fort: »Auch wir, so dachte ich weiter, auch wir Kinder des neunzehnten Jahrhunderts werden ohne Urlaub geboren. Die ungeheuren Aufgaben, die uns gestellt sind in der Wissenschaft, in der Politik, auf jedem Gebiete menschlicher Tätigkeit, nehmen von frühester Jugend auf unsere Kräfte in eine erdrückende Fronde. Zu den Waffen, zu den Waffen! – so ergeht auch an uns der ewige Ruf, ob unsere Waffen nun Feder oder Pinsel, Pflug oder Hammer, Zirkel oder Lanzette sind. Und die Arbeit, die unerbittliche, gebieterische Arbeit, was fragt sie nach dem Arbeiter? Ob seine Schläfen im Fieber pochen, ob sein Hirn bis zum Wahnsinn überreizt ist, ob seine Glieder vor Ermattung zittern – sie kümmert es nicht. Sie lohnt ihm mit Armut, Krankheit und Not und verlangt von ihm, dem Gemißhandelten, dem Geächteten die Taten eines Herkules. Ja meine Freunde, auch wir sind Proletarier im Frondienst der Arbeit wie jene römischen Proletarier im Frondienst des Krieges und können mit ihnen klagen und sagen: Sine missione nascimur! Und dennoch, fragte ich mich: Wie ist es möglich, daß wir, Schwächlinge und Epigonen, wie wir sind, Taten vollbringen, neben denen sich die des Herkules und anderer Heroen wie die Spielereien von Pygmäen ausnehmen? Daß unsere wegen ihrer Schlaffheit und Tatlosigkeit vielgescholtene Zeit trotz alledem und alledem ein kreißender Berg ist, der nicht lächerliche Mäuse, sondern schnaubende Dampfrosse, Riesenwerke der Industrie, Triumphe der Erfindsamkeit aller Art ohne Unterlaß gebiert? Nur dadurch, meine Freunde, daß sich das Verhältnis eines Zeitalters, wo der Kampf und die Arbeit der Menschheit von einzelnen Heroen getan wurde, während die große Masse als ein stumpfsinniges, tatenloses Gesindel schreiend hinterherzog, gerade umgekehrt hat. Heutzutage gilt der einzelne, und wäre er noch so bedeutend, wenig; die ganze Kraft liegt in der Masse, die in dicht geschlossener Kolonne, langsam aber unaufhaltsam auf der Bahn des Fortschritts weiterdrängt. Das ist noch nicht vielen klargeworden; ja Herrscher, Fürsten und Fürstenknechte, die eine dunkle Ahnung von der Sache haben, möchten in ihrem brutalen Egoismus und ihrer frivolen Eitelkeit die alte Zeit wieder heraufführen, wo der einzelne alles und die Menge nichts war; aber es hilft ihnen wenig. Mit dem todesmutigen Instinkt der Wanderratte ausgerüstet, marschiert die Fortschrittsarmee in langer, unabsehbarer Linie heran, Schulter an Schulter, der Hintermann in den Fußtapfen des Vordermanns, und wenn hier oder da eine Lücke entsteht, so schließt sie sich auch in demselben Momente wieder. Und dieser Gedanke, meine Freunde, den ich mir so recht klarzumachen suchte, hatte etwas wunderbar Tröstendes für mich. Ich dachte: Was ist daran gelegen, ob du heute oder morgen zusammenbrichst; hinter dir marschiert ein jüngerer, stärkerer Krieger, der sofort über dich weg an deine Stelle treten und mit denselben Waffen, die deiner ermattenden Hand entfielen, Größeres vollbringen wird denn du.« Bei diesen Worten drückte der Geheimrat innig die Hand seines Schwiegersohnes; Sophie aber, die schon lange mit den Tränen gekämpft hatte, warf sich schluchzend in ihres Vaters Arme. »Nein, nein, mein Kind«, sagte dieser, ihr das weiche Haar liebevoll streichelnd, »du mußt nicht weinen; ich wollte dir und euch allen ja eben beweisen, wie wir nicht weinen und klagen, sondern uns freuen müssen, daß wir in den andern und mit den andern unüberwindlich und unsterblich sind. Ja, es ist ein schönes und wahres Wort, das ich noch heute in Freiligraths Glaubensbekenntnis las: Am Baum der Menschheit drängt sich Blüt' an Blüte'. Ich sehe hier um mich herum alles knospen und blühen, einen ganzen Menschenfrühling im kleinen. Wie lang' wird es dauern, und diese Knospen und Blüten werden zu herrlichen Blumen und Früchten reifen. Ob ich's erlebe? Ich wünsche es, ich hoffe es; aber selbst, wenn es nicht sein sollte, wenn es mir nicht vergönnt wäre, eure Kinder um meine Knie spielen zu sehen – nun denn, ihr Lieben: Leid will Freud' und Freud' will Leid haben. Wo Blüte sich an Blüte drängen soll, da muß das dürre Holz herausgehauen und in den Ofen geworfen werden, und wenn's geschieden sein muß, sei's, wenn auch nicht fröhlich, doch mutig geschieden.« Während der Geheimrat sprach, hatte man vor den Fenstern auf der Straße ein dumpfes Geräusch von Tritten und das verworrene Gemurmel gedämpfter Stimmen gehört; dann war es wieder lautlos still geworden, und als der Geheimrat das letzte Wort sprach, da erschallte in den prachtvollen Tönen eines gewaltigen Männerchors, leise wie Frühlingswehen und doch mächtig wie Donnersturm: »Es ist bestimmt in Gottes Rat. –« Die im Zimmer ergriff es, wie wenn eine überirdische Stimme zu ihnen spräche. Sophie lehnte schluchzend ihr Haupt an ihres Vaters Brust; in den Augen der Männer standen die hellen Tränen; Marguerite, obgleich sie kein Wort verstand, war so ergriffen, daß sie ihr Taschentuch vor das Gesicht drückte und laut weinte. Dann erhoben sich alle und traten in den dunklen Erker. Unter dem Fenster auf der sehr breiten Straße in einem weiten, von hellen Laternen bezeichneten Halbkreis standen die Sänger – Männer des Handwerkervereins, den der Geheimrat vor Jahren gestiftet hatte und dessen Präsident Franz in den letzten Wochen gewesen war; weiterhin eine dunkle Menschenmenge, Kopf an Kopf, Männer und Frauen, Bürger, Studenten, Arbeiter – lautlos, regungslos, wie in einer Kirche. Und mächtiger fluteten die Toneswellen:             »Nur mußt du mich auch recht versteh'n. –« Die Töne waren verhallt; die Laternen wurden ausgelöscht: still, wie sie gekommen war, entfernte sich die Menge. Wieder war es dunkel auf der Straße, aber in den Herzen der Menschen, die da oben im Erker standen und sich innig umfangen hielten, war es hell wie an einem wonnigen Maienmorgen. Achtundzwanzigstes Kapitel Die weiten Wälder von Berkow standen entlaubt. Wo sonst durch grüne Dämmerung Vögel singend schlüpften und Käfer und Mücken summend schwärmten, pfiff jetzt der kalte Herbstwind durch kahle Äste und Zweige, und wo an den knorrigen Eichen das dürre Laub noch haftete, da flüsterte es nicht mehr lieblich wie in der schönen Sommerzeit, sondern raschelte unheimlich und unwirsch. Nur die Tannen taten, als ob die Jahreszeit nichts mit ihnen zu schaffen hätte; aber auch ihr Nadelhaar hatte sich dunkel gefärbt, und sie sahen, da alles um sie her kahl war, schwärzer und schauriger aus. Auch in dem Garten hinter dem Schlosse war der rauhe Herbst durch die dichte Taxushecke, mit der er von allen Seiten umgeben war, hereingeschnaubt, hatte die Blumen von den Beeten gefegt und die langen Gänge voll dürrer, nasser Blätter geweht. Auf der Terrasse unter dem breitastigen Tannenbaum, dem Lieblingsplätzchen der Herrin, stand nur noch das runde Tischchen mit der Marmorplatte, weil sein Fuß fest in der Erde wurzelte; aber die grünen Bänke und Stühle waren ins Gartenhaus getragen. Auf dem Platz vor dem Hause sah es melancholisch aus. Die nach dieser Seite fast immer geschlossenen Läden wurden eben von innen durch eine alte, runzlige Hand geöffnet, worauf ein altes, runzliges Gesicht mit einem eisgrauen langen Schnurrbart auf ein paar Minuten herausschaute, um zu beobachten, wie ein hoch mit Holz beladener Wagen von vier kräftigen Gäulen mit Mühe durch den tiefen Schlamm geschleppt wurde, der den Seiteneingang des Hofes zwischen den beiden Scheunen selbst im Sommer zu einer bedenklichen Passage machte. Der alte Mann zog unwillig die buschigen Augenbrauen zusammen, wie der Knecht mit Hott und Hü und manchen Peitschenhieben die Kraft der Tiere aufs äußerste antrieb. Er murmelte etwas von: Infamer Schlingel! in den grauen Bart; erhob aber seine Stimme nicht zu einigen kräftigen Flüchen, wie's sonst wohl seine Gewohnheit; denn schließlich war doch nicht der Knecht schuld, sondern der Pächter, der seit fünf Jahren nicht dahin zu bringen gewesen war, die böse Stelle auszubessern. Der alte Mann versenkte sich in dies unerquickliche Thema, die alten scharfen Augen dabei auf die bleichenden Gebeine eines Habichts heftend, den er vor vielen Jahren schoß, und zur Warnung aller Missetäter in den Lüften auf der Erde an die Scheunentür nagelte, bis die Stimme eines Knaben, der eben aus dem Garten getreten war und sich auf dem Hofraum umgesehen hatte, zu ihm heraufschallte. »Holla! Baumann!« Beim Ton dieser Stimme hellte sich das Gesicht des alten Mannes auf, wie wenn ein Sonnenschein über eine rauhe Gebirgslandschaft gleitet. Es war dieselbe Stimme, zum mindesten derselbe Ton in der Stimme, der dem alten Mann nun schon seit dreißig Jahren und darüber das Herz erwärmt hatte. Er legte sich mit den beiden Ellbogen in das Fenster und schaute herab in das schöne, zu ihm emporgewandte Gesicht des Knaben mit den hellbraunen freundlichen Augen. »Was gibt's, Junker?« »Will Er nicht ein bißchen mit mir ausreiten, Baumann?« Der alte Mann warf einen prüfenden Blick hinauf nach dem Himmel, an dem trübe, schwere Wolken zogen, schaute dann wieder hinab und sagte: »Es sieht bedenklich aus, Junker. Ich vermeine, wir haben in einer halben Stunde einen tüchtigen Regen oder auch Schnee, was noch vraisemblabler ist.« »Ach, Baumann, Er hat auch immer was einzuwenden«, antwortete der hübsche Junge schmollend, »der Pony steht sich die Beine steif, und ich habe so große Lust zu reiten.« »Na, na!« brummte der alte Mann. »Wir sind ja erst gestern bis nach Cona gewesen.« »Das ist was Rechtes! Die halbe Meile! Und der Doktor sagte: Ich soll alle Tage ausreiten.« »Ja, wenn es der Doktor sagt, so hilft es wohl nicht«, erwiderte Baumann, der nur nach einem triftigen Grund gesucht hatte, um mit Ehren nachgeben zu können. »Ich will nur noch hier die Fenster in dem Saal schließen, dann komme ich hinab. Gehen Sie nur derweilen zur Frau Mama und sagen Sie ihr Adieu!« »Ja, aber mach Er nur schnell.« »Na, na!« sagte der alte Mann, und sein grauer Kopf verschwand vom Fenster. Der Knabe eilte in das Haus zurück, aber seine Mutter war in dem »Gartensaal« nicht zu finden, auch nicht in der »roten Stube« nebenan. So stürmte der Knabe aus dem Gartensaal in den Garten, den langen Gang zwischen den Taxuspyramiden hinab nach der Terrasse. Da er die Mutter hier nicht fand, überlegte er, ob er sich nicht mit diesem Versuch begnügen könne. Er stand einen Augenblick nachdenklich da, und schon wollte er den Rücken wenden, als ihm einfiel, daß Baumann ihn ganz gewiß unterwegs fragen würde: »Junker, haben Sie der Frau Mama Adieu gesagt?« und daß er sich dann schämen würde, wenn er, wie er doch nicht anders könnte, mit Nein antworten müßte; und er sprang mit einem Satz die Stufen, die zur Terrasse führten, hinab und lief tiefer in den Garten, dabei von Zeit zu Zeit Mama rufend. »Hier!« antwortete plötzlich eine Frauenstimme ganz in der Nähe, und rasch um ein dichtes Gebüsch biegend, das, im Schutz alter dickstämmiger Linden, noch einen guten Teil seiner Blätter behalten hatte, stürzte er beinahe seiner Mama in die Arme. »Was gibt's, mein Wildfang?« sagte Melitta, ihre Hände auf des Knaben Schultern legend. »Wir wollen ausreiten«, sagte der Knabe, der vor lauter Eile kaum Zeit zum Sprechen hatte. »Aber der Himmel sieht sehr trübe aus.« »Oh, Baumann sagt – nein, das sagt Baumann auch. Aber ich habe so große Lust zum Reiten. Bitte, liebe, liebe Mama!« »Wenn es nicht schon so spät wäre«, sagte Melitta, nach ihre, Uhr sehend, »möchte ich wohl mit.« »Ach, bitte, liebe Mama, tu's ein andermal. Du mußt dich erst umziehen, und dann fängt es vielleicht vorher noch an zu schneien; und es wird gar nichts daraus.« »Da könntest du recht haben«, antwortete Melitta lächelnd, »Dann mach, daß du fortkommst. Zieh dir aber den Überrock an.« Sie küßte den Knaben auf den roten Mund, und der Knabe sprang lustig davon, um nach fünf Minuten mit dem alten Baumann, der unterdessen Julius' Pony selbst gesattelt hatte – er überließ das Satteln des Ponys ebenso wie das von Melittas Pferden nie dem Stallknecht –, aus dem Haupttore in die kahlen Felder hineinzugaloppieren. Melitta wandelte, nachdem der Knabe davongeeilt war, wieder in den Gängen, zwischen den langen künstlich verschnittenen Buchenhecken und den Taxuspyramiden auf und ab. Es waren dies dieselben Gänge, in denen sie an einem schönen Sommernachmittage, als die Sonne rote Strahlen durch das grüne Laubdach auf die in üppigster Blumenfülle prangenden Beete schoß, Arm in Arm mit Oswald gewandelt war. Wie hatte sich seitdem die Szene verändert! Wo war der rote Sonnenschein hingeschwunden, wohin das grüne Laub und die bunten Blumen? War dies dieselbe Erde, deren weicher, balsamischer Odem war wie ein Kuß des Geliebten? Dieselbe Erde, deren Gewand so hochzeitlich prangte, die beim funkelnden Licht unzähliger Sterne so bräutlich den hohen Himmel umarmte? Auf dieser Bank hatte sie an Oswalds Seite an jenem Sommernachmittag gesessen, der für sie und ihn so verhängnisvoll werden sollte; und sie hatten zwei weißen Schmetterlingen zugeschaut, die sich auf den weichen Flügeln über den Blumenwäldern der Beete wiegten und sich haschten und verfolgten und dann emporstiegen in die blaue Luft, einen Augenblick sich umarmend, dann sich trennend, um hierhin und dorthin in die grüne Wildnis hineinzuflattern. »Ob diese Schmetterlinge sich wohl wiedersehen im Leben?« hatte sie gefragt, und Oswald hatte geantwortet: »Wohl möglich; aber ob, wenn sie sich wiedersehen, es mit derselben Lust geschieht, das ist eine andere Frage.« Sie hatte Oswald seit der Nacht, wo sie das erste Mal nach Fichtenau reiste, nicht wiedergesehen. Wenn sie ihn jetzt wiedersähe? Sie bebte bei dem Gedanken zusammen; denn sie fühlte in diesem Augenblick, daß sie es wünschte. Hatte sie ihn doch so unendlich geliebt, war sie doch mit ihm so unsäglich glücklich gewesen. Aber nein! Vernunft und Stolz geboten ihr, den Treulosen zu vergessen, der nur erobern, aber nicht das Eroberte erhalten konnte. Sie kreuzte die Arme noch fester unter dem Busen und ihr Gesicht blickte beinahe finster, als sie weiterschritt; aber bald erhellte es sich wieder; und jetzt lachte sie sogar leise in sich hinein. Sie mußte wieder an den Ausdruck von Oldenburgs Gesicht denken, als sie neulich abends, wo das Wetter so furchtbar war und er dennoch zur gewöhnlichen Zeit aufstand, um nach Hause zu reiten, zu ihm sagte: »Willst du nicht lieber zur Nacht hierbleiben, Adalbert?« und er sie nun einen Moment scharf ansah und dann mit einer gewissen Hast und Verlegenheit die Einladung kurz zurückwies und sich empfahl. Oldenburg, dessen Moralität man stets so arg verketzerte, der in dem Ruf stand, in seinem Leben unzählige Liaisons dangereuses gehabt zu haben, so jungfräulich schüchtern, so zärtlich besorgt für den guten Ruf einer Frau! – Warum behandelte er sie so anders als die Schar der andern Weiber, an deren Lippen er sich so bald sattgeküßt? – Wird er heut wohl kommen? Die Stunde, wenn der Huf seines Almansor auf dem Pflaster des Hofes aufzuschlagen pflegte, ist schon vorüber. Die junge Frau blickte bedenklich zu den grauen Wolken hinauf, die immer tiefer und tiefer sich senkten und aus denen jetzt einzelne Schneeflocken, die ersten in diesem Jahre, lautlos herabschwebten, um auf der schwarzen Erde nach wenigen Augenblicken wieder zu zerfließen. Wenn Julius nur nicht zu weit reitet! Aber er ist ja in des alten Baumanns Hut. Vielleicht sind sie nach Cona geritten und kommen mit Oldenburg, der sich zwischen seinen Büchern verspätet hat, zurück. – Sie werden tüchtig durchgefroren sein, wenn sie kommen und da ist es wohl gut, wenn der Tee schon fertig auf dem Tisch steht. Melitta ging in das Haus zurück und bestellte das Abendbrot und die Lampen, denn es war beinahe dunkel geworden, und sie wollte gern noch etwas in Oldenburgs Tagebuch blättern. Er hatte ihr vor einiger Zeit daraus vorgelesen, und als er an dem Abend mit der Lektüre nicht fertig wurde, das Buch dagelassen und sie gebeten, für sich selbst weiterzublättern, und als sie ihn lächelnd an die Gefahr erinnerte, sein Tagebuch in den Händen einer Dame zu lassen, erwidert, es stehe in denn Buche so wenig wie in seinem Herzen etwas, das sie nicht erfahren dürfe. Im Gegenteil! Er wünsche, daß sie alles lese, er wolle nicht besser und auch nicht anders scheinen, als er sei. Sie öffnete das Buch, und wie sie darin blätterte, stieß sie auf eine Stelle, die ihr bis dahin entgangen war: Man sagt, die Liebe sei für die Männer bloß ein Luxus, für die Frau aber ein Bedürfnis; ein passer le temps für jene, eine Lebensaufgabe für diese. Aber wie oft ist gerade das Umgekehrte der Fall! Wie oft ist für die tatenlose, müßige Frau (ich spreche hier von den wohlhabenden Klassen) die Liebe ein Luxusartikel neben vielen anderen, für den tatkräftigen, fleißigen Mann aber das reine erquickende Element, aus dem er sich immerfort neue Kraft und neuen Mut saugen muß! Für den Arbeiter (und das ist am Ende jeder Mann, er mag Ministerpräsident oder des Ministerpräsidenten Schuster sein) ist, wie Virgil es so schön ausdrückt, die Nacht der Preis des Tages. Und dazu kommt noch dies. Der Mann ist für Zärtlichkeit viel dankbarer als die Frau. Eine Frau, besonders wenn sie schön ist, wird von Jugend auf mit Aufmerksamkeit überhäuft; wohin sie kommt, sind hundert Hände bereit, ihr zu dienen; stets hat sie einen Hof von Schmeichlern und Bewunderern um sich her. Ist es nicht natürlich, daß ihr, wie den übrigen Großen der Erde, der Kopf verdreht wird, daß ihr die Huldigung des einzelnen nicht mehr so viel sein kann, daß die Liebe infolge des zu reichlichen Angebots bei ihr sinkt? – Und nun der Mann! Wenn er nicht ausnahmsweise ein Prinz ist, wird im Leben stets so kurzer Prozeß mit ihm gemacht! Auf der Schule, auf der Universität hat er wohl, wenn das Glück ihm günstig ist, sogenannte Freunde, die ihm das Dasein einigermaßen verschönern; aber kaum ist er in das praktische Leben eingetreten, ist auch die Freundesschar plötzlich, und zwar für immer, zerstoben, und er steht allein, muß allein allen Schmerz, alle Not – und was beinahe ebenso schlimm ist – alle Freude tragen. Die Gesellschaft erschließt sich ihm; aber wann? Nachdem er Erfolg gehabt hat; und bis dahin? Bis dahin ist ein langer, staubiger, schattenloser, entsetzlicher Weg, der ihm den besten Teil seiner Lebenskraft und Lebensfreude unwiederbringlich raubt. Hat er aber Erfolg gehabt, so wird er, wenn er vorher mit Geißeln gepeitscht war, jetzt mit Skorpionen gezüchtigt. Selbst seine Freunde werden jetzt seine Nebenbuhler; und er sieht sich, einzig auf sich, auf seine Kraft, auf seinen Mut angewiesen, gegenüber einer Welt in Waffen, einer mitleidslosen, neidischen, schadenfrohen, im besten Falle gleichgültigen Welt. Und o der Seligkeit, wenn nun hier in diesem wüsten Gedränge eine warme, weiche Hand seine Hand treulich faßt und eine liebe Stimme zu ihm spricht: Sei stark! Harre aus! Wenn alles dich verläßt, ich will dich nicht verlassen; wenn andere dir deine Triumphe neiden, mich werden sie selig machen, und wenn dir dein Werk mißlingt und sie dich verspotten und verhöhnen, oder es dir wohl gelungen ist, sie aber gleichgültig und kalt daran vorübergehen – dann sollst du dein müdes Haupt an diese Brust lehnen, dann will ich dir den köstlichen Balsam guter, teilnehmender, tröstender Worte träufeln in dein armes, zerrissenes Herz! – Oh, dreimal glückseliger Mann! Jetzt laß die Welt ihr Ärgstes tun, du zitterst nicht, du zagst nicht! In deines Weibes Liebe hast du den Punkt des Archimedes, auf den dich stützend, du die Welt aus den Angeln hebst. Und so habe ich denn in meinem Leben mehr als einen Mann kennengelernt, der an dem Weibe seiner Wahl mit einer Liebe hing, die schlechterdings grenzenlos war, die mit dem stetigen Glanz des Nordsterns unerlöschlich, unwandelbar durch die Nacht seines Lebens brannte; und ganz gewiß, wo wir in der Geschichte einen Arnold Winkelried finden, der todesmutig der Freiheit eine Gasse brach, der tat es um der Freiheit willen? Ja! Um des Vaterlandes willen? Ja! Aber vor allem tat er es für Weib und Kind, die ihm der Auszug und die Quintessenz von Welt und Leben waren. Melitta ließ das Buch in den Schoß sinken, und schaute sinnend vor sich nieder; dann legte sie es auf den Tisch und trat an das Fenster. Es war beinahe dunkel geworden, und statt der einzelnen Flocken von vorhin fiel der Schnee jetzt ziemlich dicht herab, zerschmolz auch nicht mehr an der Erde, sondern hatte bereits eine dünne weiße Decke über den Rasenplatz gebreitet. – Melitta fing an, sich über das lange Ausbleiben ihres Julius ernstlich zu bekümmern. Sie machte sich Vorwürfe, daß sie den Knaben noch so spät hatte fortreiten lassen. Und auch Oldenburg kam nicht. Wenn er hier wäre, würde sie ihn bitten, den beiden entgegenzureiten. Wie gern würde er's tun. Sie ging voll Sorge in das Speisezimmer, rechts neben dem Gartensaal, vor dessen Fenstern man eine kurze Strecke weit auf den Weg, der in den Wald über Grenwitz nach Cona führt, sehen konnte. Der Schnee fiel jetzt so dicht, daß man kaum noch den Waldrand hoher düsterer Tannen erblickte, obgleich er nur einige hundert Schritte entfernt war. Sie öffnete das Fenster und lehnte sich weit hinaus, der Flocken nicht achtend, die auf ihr dunkles Haar wehten und auf ihrer Stirn zerflossen. – War das nicht Hufschlag? – Da kommen sie aus dem Walde, eins, zwei, drei dunkle Gestalten: Oldenburg, der Alte und zwischen ihnen Julius; Almansor und Brownlock im Trabe, der Pony in der Mitte, um nur mitkommen zu können, im vollen Lauf. Melitta weht mit dem Taschentuch und ruft, und Julius antwortet mit seinem lustigen Hallo und schlägt den Pony mit der Gerte über den Hals, worauf der Pony unwillig den krausen Kopf schüttelt und in eine so wütende Karriere fällt, daß er seine langbeinigen Nebenbuhler schließlich doch noch um die Länge seiner eigenen stumpfen Nase schlägt. Die Reiter springen aus den Sätteln. Julius läuft auf das Fenster zu und ruft: »Ich war doch der erste, Mama!« »Ja«, erwiderte Melitta, »mach nur, daß du hereinkommst, und sag Onkel Oldenburg, er solle sich nicht so lange bei Almansors Sattel aufhalten.« Neunundzwanzigstes Kapitel Es war nach dem Tee. Julius war bereits zu Bett gegangen. Der alte Baumann hatte die Sachen abgeräumt und sich dann mit einem wohlwollenden Blick auf seine Herrin und ihren Besuch entfernt. Melitta und Oldenburg waren allein in der »roten Stube«. »Weshalb bist du heute so verstimmt?« sagte Melitta, die auf dem Sofa saß, während der Baron seiner Gewohnheit gemäß langsam im Zimmer auf und ab schritt. »Ich bin nicht verstimmt.« »Nun denn, nachdenklich?« »Das eher. Ich habe heute nachmittag einen Brief von Birkenhain gehabt. Hattest du in den letzten Tagen einen Brief von ihm?« »Nein; weshalb?« »Hm!« »Ist das eine Antwort?« »Gewiß, und zwar eine sehr vieldeutige. Hm bedeutet sehr viel –« »In diesem Falle zum Beispiel?« »Weißt du, daß wir aller Wahrscheinlichkeit nach, ohne eine Ahnung davon gehabt zu haben, mit Czika und Xenobi und mit Oswald zu gleicher Zeit in Fichtenau gewesen sind?« Melitta wurde sehr rot und wußte nicht sogleich, was sie erwidern sollte. Oldenburg ließ ihr aber auch keine Zeit zu einer Erwiderung, sondern nahm Birkenhains Brief aus der Tasche, setzte sich an den Tisch, Melitta gegenüber und sagte: »Birkenhain schreibt nämlich, nachdem er mir auf meine Anfrage wegen Julius Auskunft erteilt – Julius soll mindestens bis Neujahr mit allem Unterricht verschont werden –, folgendes: Sie haben sich, Herr Baron, in Ihren Briefen so oft und so teilnehmend nach dem Professor Berger erkundigt, dessen Bekanntschaft Sie bei mir im Sommer gemacht hatten, daß es Sie interessieren wird, von diesem in der Tat außerordentlichen Manne wieder einmal zu hören. Sie erinnern sich aus den Gesprächen, die Sie mit ihm geführt haben, daß sein Wahnsinn zu der Kategorie der philosophischen gehörte und daß er seinen Fundamentalsatz oder vielmehr seine fixe Idee von der absoluten Nichtigkeit alles Seins – dem großen Urnichts, wie er es nannte – mit der ganzen Gelehrsamkeit und dem ganzen Scharfsinn, die ihm in so reichem Maße zu Gebote standen, verteidigte. Meine Hoffnung, den ausgezeichneten Mann in kurzer Zeit herstellen zu können, erwies sich leider als vergeblich, und ich gestehe, daß die Methode, die ich bei ihm einschlug, vielleicht nicht die richtige war. Ich wollte durch Klaustration, Entziehung von Büchern usw. ihm die Empfindung des Verlassenseins, der Langeweile wecken und damit zugleich die Komplementsempfindungen der Sehnsucht nach Gesellschaft, nach Unterhaltung, mit anderen Worten: die Lust am Leben. Aber ich hatte den Fonds von innerm Leben, der dem Kranken zu Gebote stand, bei weitem zu gering angeschlagen. Er hätte jahrelang von den Schätzen seines Geistes zehren können, und die einzige Folge meiner Bemühungen war, daß er sich ungestört tiefer in sein bodenloses Urnichts versenkte. Indessen hoffte ich doch noch immer auf eine günstige Reaktion, die meiner Meinung nach bei einem so kräftigen Geiste, wie Berger trotz alledem war, nicht ausbleiben konnte. In dieser Zeit – es war genau an demselben Tage, als Sie mit Frau von Berkow hier waren, und ich vergaß damals nur bei der Eile, die Sie hatten, mit Ihnen von diesen Dingen, die mich höchlichst interessierten, zu sprechen, kam mir ein Besuch, der sich bei mir für Berger angekündigt hatte, gerade recht. Es war dies ein junger Mann, namens Doktor Stein« – Oldenburg blickte nicht auf, als er an diese Stelle gekommen war –, »von dem mir ein jüngerer Grünwalder Kollege, in dessen Gesellschaft er reiste, geschrieben hatte, daß er der Liebling und vertrauteste Freund Bergers gewesen sei. Ich versprach mir von diesem Besuche die günstigsten Resultate, eine Hoffnung, die allerdings einigermaßen abgeschwächt wurde, als ich die persönliche Bekanntschaft des Herrn Stein machte, eines auffallend schönen, vornehm aussehenden Mannes, der aber, bei offenbar bedeutenden Gaben und tüchtiger Bildung, mit sich und der Welt so zerfallen schien, wie wir das leider in unserer tat- und haltlosen Zeit, die weder weiß, was sie will, noch, was sie soll, nur zu häufig in höherem oder geringerem Grade bei den begabtesten Individuen finden. Freilich hätte ich bei reiflicher Überlegung mir voraussagen können, daß jemand, an den sich Berger in der allerletzten Zeit vor dem Ausbruche seines Wahnsinns so innig attachierte, wohl ebenfalls ein Hypochonder sein mußte. Aber er war nun einmal da und die Sache nicht mehr rückgängig zu machen; überdies hatte ich Herrn Stein, ehe ich ihn zu Berger ließ, sehr bestimmte Instruktion seines Verhaltens gegeben und erwartete nun mit großer Spannung das Resultat dieser Zusammenkunft, bei der ich geflissentlich nicht zugegen war. Dieses Resultat war eigentümlich. Als ich von der Unterredung mit Ihnen und Frau von Berkow nach Hause kam, begab ich mich sogleich zu dem Kranken, der unterdes mit seinem Besuch auf meinen Wunsch einen Spaziergang in den Wald gemacht hatte. Mein erster Blick überzeugte mich, daß etwas Besonderes mit ihm vorgegangen sein mußte. Er ging in heftiger Erregung auf und ab. Sowie er mich sah, blieb er vor mir stehen und sagte: ›Was halten Sie von meiner Theorie, Doktor, die sich praktisch noch nicht erprobt hat?‹ – ›Nicht viel!‹ erwiderte ich, ›wie kommen Sie aber darauf?‹ – ›Oh, es ist mir heute abend ein Gedanke gekommen, der so naheliegt, so nahe, daß ich nicht begreife, wie ich nicht schon früher darauf gekommen bin.‹ – Ich bat ihn, sich näher zu erklären. ›Ich kann es jetzt nicht‹, sagte er, ›aber sobald ich dazu imstande bin, soll es gewiß geschehen.‹ – Ich mußte mich mit diesem Versprechen begnügen, denn es war vergebens, daß ich weiter in ihn drang. Ich hoffte von Herrn Stein mehr zu erfahren. Er war noch in derselben Nacht abgereist, dringender Geschäfte halber, wie er mir in einem Briefchen, das von einer der nächsten Stationen datiert war, am folgenden Tage schrieb. Was zwischen ihm und Berger verhandelt war, blieb für mich ein Geheimnis; ich hörte nur von andern, daß sie am Abend in einer Fuhrmannskneipe gesehen worden waren, wo sie mit Seiltänzern an einem Tisch gesessen und getrunken hatten, die sich zufällig im Orte aufhielten und durch eine schöne Zigeunerin mit einem noch schöneren Kinde« – Oldenburgs Stimme zitterte etwas, als er diese Worte las –, »die zur Gesellschaft gehörten, ebensoviel Furore machten als durch ihre Kunststücke. Berger war an den folgenden Tagen sehr still und in sich gekehrt; ich ließ ihn ruhig gewähren, denn ich wollte in die Krise, die in seinem Zustande offenbar eingetreten war, nicht störend eingreifen. Er hatte von Anfang an Freiheit gehabt, zu gehen und zu kommen, wann er wollte. Es fiel deshalb auch weder den Wärtern noch dem Pförtner auf, daß er am Morgen des siebenten Tages – es war der Tag, an dem Frau von B. abreiste – gegen acht Uhr morgens die Anstalt verließ. Aber diesmal stellte er sich im Laufe des Tages nicht wieder ein wie sonst stets, auch nicht zur Nacht, auch nicht am folgenden Tage. Er war und blieb verschwunden. Meine Stimmung infolge dieses Ereignisses können Sie sich leicht denken. Indessen war ich, trotzdem die Recherchen, die sofort mit aller Energie und Umsicht angestellt worden, kein Resultat hatten, fest überzeugt, daß Berger nicht gewaltsam Hand an sich gelegt haben könne. Er hatte sich zu oft und mit großem Nachdruck gegen dieses Mittel, ›den gordischen Knoten nur noch fester zu schlingen‹, wie er es nannte, ausgesprochen. Ein Brief von seiner Hand, den ich kurze Zeit darauf mit dem Poststempel einer kleinen norddeutschen Stadt erhielt, bewies mir zu meiner nicht geringen Freude, daß ich mich nicht geirrt hatte. In diesem Briefe bat mich der seltsame Mann um Verzeihung, wenn er mir durch seine heimliche Entfernung von Fichtenau unruhige Tage bereitet haben sollte; aber er habe nicht gewußt, wie er den Gedanken, von dem er mir Rechenschaft zu geben versprochen, anders hätte ausführen können. Die Expedition, auf der er sich in diesem Augenblick in Gesellschaft sehr guter Leute und schlechter Musikanten befinde, sei eben die Ausführung dieses Gedankens, der Gedanke selbst aber sei der, daß er die Aszese, die praktische Seite seiner Theorie von der Nichtigkeit des Seins, nicht zwischen den vier Wänden seines Zimmers, überhaupt nicht in der Einsamkeit, sondern nur in der Menschenwelt, und zwar vorzugsweise in den tiefsten Schichten dieser Welt, in die er jetzt hinabgestiegen sei, zur Geltung bringen könne. Ich solle ihn, wenn ich irgendein Interesse an ihm nähme, dabei nicht stören und gewärtig sein, daß er mir seinerzeit die Resultate seiner Expedition, die sehr günstig zu werden versprächen, mitteilen würde.« Oldenburg faltete Birkenhains Brief, nachdem er ihn soweit gelesen, wieder zusammen und blickte zu Melitta hinüber. »Wie ist es, Melitta«, sagte er, »du bist doch mehrere Tage in Fichtenau gewesen; hast du von dieser schönen Zigeunerin und ihrem Kinde, von denen mir eine Ahnung sagt, daß es Xenobi und Czika gewesen sind, auch etwas gehört?« »Noch mehr«, erwiderte Melitta, »es waren Xenobi und Czika, und ich habe sie gesehen und gesprochen.« Oldenburg stützte den Kopf in die Hand. »Also doch!« murmelte er. »Und du – warum hast du mir nichts gesagt?« »Weil ich deinen Kummer um die Verlorne zu erneuern fürchtete, weil ich – höre mich an, Adalbert, ich will dir es sagen; ich hätte es dir längst schon gesagt, wenn ich dazu den Mut gehabt hätte.« – Und sie erzählte Oldenburg ihr Zusammentreffen mit der braunen Gräfin im Walde von Fichtenau, wie sie sich bemüht, die Zigeunerin zu bereden, mit ihr zu kommen, welchen Schmerz es ihr bereitet, als all ihr Bitten, all ihr Zureden nichts fruchteten; und schließlich, wie sie Xenobi das Versprechen abgenommen habe, ihr das Kind zu bringen, wenn sie einmal anderen Sinnes werden sollte, und daß sie der festen Überzeugung lebe, es werde dies früher oder später geschehen. Während die junge Frau so sprach, liefen ihr die Tränen über die Wangen, und ihre Stimme zitterte vor innerlichster Erregung. Oldenburg stand auf und küßte ihr schweigend die Hand; dann ging er mit starken Schritten in dem Gemach auf und ab, während Melitta weitererzählte, wie sie kurz vorher, ehe sie die Zigeunerin getroffen, den Wagen der Seiltänzer überholt habe, und daß sie sich auch erinnere, einen Mann in blauer Bluse, den sie für einen Landmann gehalten, unter den Seiltänzern gesehen zu haben. »Es ist kein Zweifel«, fuhr sie fort, »daß die guten Leute und schlechten Musikanten, von denen Berger in seinem Briefe an Birkenhain spricht, niemand anders sind als eben diese Seiltänzer, denen er sich angeschlossen und mit denen er, wie aus dem Briefe hervorgeht, nach Norddeutschland, vielleicht sogar in unsere Nähe gewandert ist. Wenn Birkenhain den Ort genannt hätte, möchte ich dir raten, sofort dahin zu reisen und alles zu versuchen, Xenobi mit dir zurückzubringen; so aber würdest du dich nur wieder auf eine Irrfahrt begeben, von der du um eine schöne Hoffnung ärmer, verstimmt und krank heimkehrtest. Ich rate dir deshalb: Schreibe an Birkenhain und warte, ehe du etwas unternimmst, seine Antwort ab! Freilich kann und will ich dir nicht verhehlen, daß ich es, alles in allem für besser halte, du überlässest die Entwicklung dieses wunderbaren Verhältnisses vertrauensvoll der Zukunft. Xenobi hat tausend Mittel und Wege, dir zu entschlüpfen, wenn sie will; ihr Entschluß, zu uns zurückzukehren, oder uns Czika zu überlassen, muß das Werk ihres freien Willens sein.« »Wenn du meinst, daß Abwarten in diesem Falle das beste ist, weshalb rätst du mir denn, das Gegenteil zu tun?« »Weil ich fürchte, daß es dir unmöglich sein wird, ruhig stillzusitzen, nachdem du die Spur der Verlorenen wieder aufgefunden hast; weil ich weiß, daß du dich schmerzlich nach deinem Kinde sehnst, weil ich fühle, daß die Resignation, zu der du dich jetzt verurteilt hast, unnatürlich ist, und endlich –« »Endlich?« »Weil, wenn ich dir zurede, nichts zu tun, um Czika wiederzugewinnen, es den Anschein haben möchte, als wünschte ich dir ein solches Glück nicht, und ich möchte um alles nicht, daß auch nur der leiseste Verdacht einer solchen Lieblosigkeit auf mir haftete.« »Das Menschenherz ist ein wunderlich Ding«, sagte Oldenburg, nachdem er seine Zimmerpromenade eine Zeitlang schweigend fortgesetzt hatte, »kannst du es glauben, Melitta, daß ich jetzt beinahe möchte, du zeigtest dich weniger bereit, mir mein Kind und das Weib, das es geboren, wiederzugeben?« »Unmöglich, Adalbert!« »Und doch ist es so. Ich habe mir vorgenommen, stets gegen dich so rückhaltslos wahr zu sein, wie ich es gegen mich selbst bin, mich wenigstens zu sein bemühe, und da kann ich dir auch dies nicht verschweigen. Früher, als du mir unerreichbar fern schienst wie die himmlischen Sterne, sehnte ich mich wohl nach anderen Menschenherzen, an ihnen zu erwarmen, an ihrem Schlage zu fühlen, daß es um mich her nicht tot sei wie in mir; oder ich stürzte mich in tolle Exzesse und halsbrechende Abenteuer, um doch wenigstens so zu irgendeinem Gefühl des Daseins zu kommen. Jetzt ist das mit einem Schlage anders geworden. Seitdem mir der leiseste Hoffnungsschimmer, du könntest doch noch dereinst mein Weib werden, aufgegangen ist, steht die Welt in ewiger Jugendschöne wieder vor mir da; aber nun möchte ich auch die Quelle, aus der ich mir diese Verjüngung getrunken habe, von aller Beimischung rein und ungetrübt erhalten. Wie du mir alles bist, so möchte ich, daß ich dir alles wäre; daß du kein anderes Verlangen hättest, als geliebt und immer mehr geliebt zu werden, wie ich kein anderes Verlangen habe, als dich zu lieben und immer mehr zu lieben. Was kümmert uns die andere Welt? Sie ist für mich versunken und vergessen.« Melitta hatte gesenkten Hauptes diesen Sturm von Leidenschaft über sich hinrauschen lassen. Als Oldenburg schwieg, griff sie nach dem Tagebuche, das aufgeschlagen vor ihr auf dem Tische lag, wandte ein paar Blätter um und las: »Der Mann strebt seiner Natur nach ins Allgemeine und Grenzenlose; bei der Frau, wie sie denn überhaupt der Natur nähersteht, ist der charakteristische Zug aller Kreatur, die Eigenliebe, viel schärfer ausgeprägt. Der Mann repräsentiert die Zentrifugal-, die Frau die Zentripetalkraft der moralischen Welt. Ginge es bloß nach jenen, so würde die Welt bald ein einziges großes Wolkenkuckucksheim sein; ginge es nur nach diesen, so erhöben wir uns niemals über die Spitzen der Halme, die über dem Lerchennest in der Ackerfurche nicken. Das Mittel, die beiden entgegengesetzten Pole zu binden, ist die Liebe. In der Liebe zu einem reizenden Weibe lernt der Mann, daß er nicht bloß Bürger im Reiche der Geister ist; in der Liebe zu einem edlen Manne lernt die Frau, daß es noch höhere Interessen gibt als die des häuslichen Herdes. Sie müssen sich also gegenseitig ergänzen; sie muß ihn daran erinnern, daß die Menschheit aus Menschen besteht; er sie die großen Worte der Neuzeit: Freiheit, Brüderlichkeit, an denen unsere begabtesten Frauen erst buchstabieren, fließend lesen lehren.« Melitta klappte das Buch zu und blickte zu Oldenburg hinauf, der, die Arme über die Brust gekreuzt, in einiger Entfernung vor ihr stand. »Du hattest recht«, sagte er, »mich nicht zum Apostaten meiner eigenen Überzeugungen werden zu lassen, und nur das eine möchte ich wissen, ob dein Bekehrungseifer ganz lauter ist, ob die Priesterin nicht bloß deshalb den Sünder so eifrig an die Gottheit weist, weil ihr die verlangenden Blicke, die er auf sie selbst richtet, lästig werden.« »Oldenburg!« »Ja, Melitta, es muß heraus, es drückt mir sonst das Herz ab. Du weißt, wie unsäglich, wie grenzenlos ich dich liebe. Der Wunsch, dich zu besitzen, ist allmächtig in mir; ich habe ihn so lange genährt, daß mein ganzes Wesen ihm zugeströmt ist, sich in ihm konzentriert hat. Ohne dich bin ich nichts, mit dir wage ich es gegen eine Welt in Waffen. Ich weiß es wohl, daß man das Gute um des Guten willen tun muß, und daß, wer einen Lohn begehrt, seinen Lohn dahin hat; aber ich bin kein Heiliger, ich bin ein Mensch mit menschlichen Schwächen und Leidenschaften, die ihm wie ein wildes Meer über dem Kopf zusammenschlagen, wenn nicht die liebe, geliebte Hand rettend seine ausgestreckte Hand ergreift. Melitta, sag, daß du die Meine sein willst, und meine Taten sollen nicht geringer sein als meine Worte.« Oldenburg war auf demselben Platze, in derselben Stellung stehengeblieben. Wie in seiner Haltung, so lag in dem Ton seiner Stimme mehr Trotz als Bitte. Melitta fühlte das wohl; aber sein Stolz beleidigte sie diesmal nicht, wie es doch schon so oft der Fall gewesen war. Sie antwortete in einem beinahe demütigen Tone: »Laß uns nicht übereilt handeln, Adalbert! Wie lieb du mir bist, das weißt du, und das muß dir vorläufig genug sein. Sieh, Adalbert, dieser Brief kommt gerade recht, uns an unsere Pflichten zu erinnern. Du mußt dein Kind wiederhaben; ich würde keine Stunde meines Lebens wieder froh werden, müßte ich wirklich fürchten: die Liebe zu mir hätte in deinem edlen Herzen das heiligste Gefühl erstickt. Und Adalbert, bedenke auch dies! ich glaube es gern: Du liebst das arme Weib nicht mehr, das einst die Leidenschaft des Jünglings entflammt hat; aber sie ist die Mutter deines Kindes! Was willst du zu deiner Czika sagen, wenn sie dich dereinst fragt, warum denn eine andere als das arme Weib, das sie Mutter nennt, die Gattin ihres Vaters ist?« »Wo hast du Oswald Stein, seitdem du ihn in Fichtenau gesprochen, zum letzten Mal getroffen?« Oldenburg sprach diese wenigen Worte langsam und mit schneidender Schärfe. Melitta wurde dunkelrot. »Wer sagt dir, daß ich ihn überhaupt in Fichtenau gesehen habe?« »Ich dachte es mir nur. Vielleicht, daß du mir diese Begegnung verschwiegen hast wie jene andere.« »Und wenn ich ihn nun in Fichtenau gesehen hätte?« »So wäre das gerade, was ich erwartet habe.« »Und wenn ich ihn nun seitdem wiedergesehen hätte?« »So bewiese mir das, daß mein Hierherkommen für mich ebenso unschicklich wie für dich unbequem ist.« Oldenburg ging quer durch das Zimmer und nahm von dem Tischchen vor dem Spiegel Reitpeitsche und Handschuhe. Als er wieder vor Melitta vorüberkam, blieb er stehen und sagte: »Gute Nacht, Melitta.« – »Gute Nacht«, erwiderte die junge Frau, ohne die Augen aufzuschlagen. Er wartete einen Augenblick und noch einen, ob sie ihn ansehen, ob sie nicht noch ein Wort sagen werde, aber er wartete vergeblich. Kein Wort, kein Seufzer entrang sich seiner gepreßten Brust; er ging nach der Tür, öffnete sie leise und schloß sie ebenso geräuschlos wieder. Melitta fuhr in die Höhe. Sie eilte nach der Tür; aber, anstatt sie zu öffnen, lehnte sie sich nur mit hocherhobenen Armen daran und brach in leidenschaftliches Weinen aus. »Ich wußte es ja, daß es so kommen würde«, murmelte sie. »Armer, armer Adalbert.« Plötzlich ertönte Hufschlag dicht vor dem Fenster. Sie eilte von der Tür nach dem Fenster und riß es auf, lehnte sich weit hinaus und rief: »Adalbert, Adalbert!« aber der Sturm, der ihr die eisigen Schneeflocken ins Gesicht schlug, verwehte ihre Stimme, und der schwarze Schatten von Roß und Reiter, der noch eben über die weiße Fläche durch die graue Nacht lautlos dahinglitt, war im nächsten Augenblick verschwunden. Dreißigstes Kapitel Der Winter war während der Nacht über die Insel gebraust, und noch immer wirbelte der Schneestaub, den er bei seiner eiligen Fahrt vom Nordland her aufstöberte, dicht herab auf Dächer und Bäume, auf Wiesen und Felder. Oldenburg schien sich heute an diesem melancholischen Schauspiel nicht satt sehen zu können. Er stand am Fenster seiner Arbeitsstube auf der Solitüde und schaute unverwandt in die schneeerfüllte Luft. Er hatte den Tag über viele Stunden so gestanden und kaum einmal seinen Hermann beachtet, der mit sorgenvoller Miene ab und zu ging, und mehrere große Koffer, die in dem Zimmer offen standen, voll Kleider, Wäsche und Bücher packte. Auch des treuen Dieners treue Gattin Thusnelde, die behäbige dicke Haushälterin, hatte sich wiederholt in dem Zimmer zu schaffen gemacht und einmal sogar gewagt, dem Herrn zu sagen, daß das Essen fertig sei, darauf aber keine Antwort erhalten als: »Es ist gut, Alte!« Seitdem waren schon wieder mehrere Stunden verflossen. Der Baron hatte gleich nach Tische wegfahren wollen; aber er hatte noch immer nicht Befehl zum Anspannen gegeben. Daß sich das Wetter aufklären würde, hoffte er wohl schwerlich, denn die Vorratshäuser des Schnees schienen unerschöpflich und überdies wäre es das erste Mal gewesen, daß er sich von der Ausführung eines Entschlusses durch schlechtes Wetter hätte abhalten lassen; auch war, wenn er noch vor Abend die Fähre erreichen wollte, Mittag die späteste Zeit der Abreise gewesen. Er hatte im Laufe des Tages wiederholt gefragt: »Ist niemand dagewesen?« und dann jedesmal, wenn der alte Hermann, wie er wohl nicht anders konnte: »Nein, Herr Baron!« geantwortet hatte, sich wieder zum Fenster gewandt und mit den Fingern weiter auf den Scheiben getrommelt. Jetzt war es auch nicht eben mehr wahrscheinlich, daß noch jemand kommen würde. Der schmutzig rote Streifen tief am westlichen Horizont verkündete, daß die Sonne, die den ganzen Tag unsichtbar gewesen war, im Meere versank. Der Sturmwind, der gegen die Fenster rasselte und klagend und heulend um das Haus und durch die hohen Wipfel der Tannen fuhr, zerriß die Schneeluft, und die unendliche graue Wasserwüste mit ihren schaumgekrönten Wellen breitete sich vor den Blicken des einsamen Mannes am Fenster aus in schauerlicher Erhabenheit. Er öffnete die Tür und trat auf den Balkon; er lehnte sich auf das Geländer, durch dessen eiserne Stäbe der Wind in schrillen Tönen pfiff. Er warf keinen Blick auf die hohen Kreideufer, die sich rechts und links weit und weiter erstreckten in einem ungeheuren Halbkreise, und die jetzt mit den starren Wäldern, die sie auf ihren schroffen Stirnen trugen, von der untergehenden Sonne für einen Augenblick blutrot angestrahlt waren. Er schaute nur immer hinab, wo hundert Fuß unter ihm das wilde Meer zwischen den Felsblöcken des Ufers donnernd brandete. Der weiße Gischt wirbelte in den scharfen Ecken der steilen Wände, von dem wilden Winde emporgetrieben, manchmal bis hinauf zu ihm und netzte ihm mit eiskalten Tropfen Stirn und Haar und Bart. Aber er achtete es nicht. In seiner Seele sah es wilder und stürmischer aus als da draußen in der Natur. Es war ihm, als wäre er ganz allein in der verödeten Welt, als bräche eben für diese verödete Welt die ewige Nacht herein und als wäre er verdammt, weiterzuleben in dieser ewigen Nacht. »Es ist ganz recht«, murmelte er, »warum warst du der Hans Narr, der sich wieder ruhig an dem Seile führen ließ, von dem er doch nun mittlerweile wissen mußte, wohin es ihn führte! Und doch! Sie war so lieb, so gut in dieser Zeit, wie sie es nie gewesen! Konnte ich mein Ohr dem Sirenengesange verstopfen, der mir nie so nah und so süß getönt hatte! Sirenengesang – das ist es eben! Was weiß ein Weib von der treuen Liebe, deren ein Männerherz fähig ist! Kaprice alles, alles eitel Tand und Spielerei! Ein Paar blaue Augen, eine glatte Zunge und höfliche Manieren dazu – so muß das Püppchen ausstaffiert sein, wenn es den guten Kindern gefallen soll. Ob das Püppchen ein Herz in der Brust, Hirn im Schädel hat, das kümmert sie nicht. Im Gegenteil: das ist so unbequem, so langweilig, das paßt ja gar nicht in die Puppenstube. Und so sei es denn abgetan, das Narrenkleid, für nun und immer! Wie das Abendrot dort an den Felsen verbleicht, so will ich von meiner Seele wegwischen diese rosige Lüge, und rauh werden wie das winterliche Meer, und wie mich niemand liebt, so will ich niemand lieben. Ich will durch das Leben ziehen, einsam, wie jener Schneevogel sich dort durch die pfadlose Luft schwingt, unbekümmert wie er, ob irgendwo am Ufer unter überhangenden Felsen das schützende Nest bereit ist.« »Das werden Sie nicht; denn Sie sind ein Mensch und der Mensch ist viel mehr als die Vögel unter dem Himmel.« Oldenburg wandte sich verwundert um nach dem, der in einem tiefen, festen Tone diese Worte gesprochen. Dicht hinter ihm stand Baumann. »Ich komme«, fuhr der alte Mann, Oldenburgs ängstlich fragenden Blick beantwortend, fort, »im Auftrage der Frau von Berkow.« »Was ist's?« sagte Oldenburg, dem alles Blut aus den Wangen zum Herzen getreten war. »Sprechen Sie es aus! Frau von Berkow ist sehr krank – nicht wahr?«. »Nicht Frau von Berkow!« erwiderte Baumann. »Eine andere Frau, die vor einer Stunde samt ihrem Kinde zu uns auf den Hof gekommen ist, und die Sie, Herr Baron, vor ihrem Ende, das vielleicht nahe bevorsteht, noch einmal zu sehen wünscht!« Eine Frau – mit einem Kinde! Wie ein Schleier fiel es dem Baron von den Augen. »Kommen Sie!« sagte er. – Vor der Tür der Solitüde stand Melittas mit zwei kräftigen Braunen bespannter Schlitten. Die Männer stiegen ein, Oldenburg ließ sich von dem Kutscher hinten auf der Pritsche Zügel und Peitsche geben, und fort ging es im Galopp durch die düstern Tannen; aus den Tannen hinaus in das ebene, sich nach Faschwitz zu allmählich senkende Land, das jetzt eine weite, von dem grauen Horizont begrenzte Schneefläche war, von der die spärlichen, mit Schnee bedeckten Bäume und Hütten sich kaum abhoben. Auch der Weg war verschüttet und selbst die Gleise, die der Schlitten vorhin gemacht hatte, schon wieder zugeweht. Man mußte mit der Gegend sehr vertraut und überdies ein so kundiger Rosselenker sein, wie es Oldenburg war, um in dieser Wildnis hügelauf, hügelab, zwischen bodenlos tiefen Mooren hindurch in vollem Rosseslauf dahinjagen zu können. Kaum ein Wort wurde unterwegs gesprochen, nach einer halben Stunde hielt der Schlitten mit den dampfenden Pferden vor dem Herrenhause von Berkow. Sie gingen in das Haus. »Wollen der Herr Baron nur gefälligst in den Gartensaal treten«, sagte der alte Baumann. Er ging voran in den Gartensaal, wo auf dem Tisch eine Lampe, und in dem Kamin ein verlöschendes Feuer brannte. Der Alte schob die Lampe höher, fachte das Feuer wieder an, und verschwand dann durch die Tür, die in die »rote Stube« führte. Oldenburg hatte sich an den Kamin gestellt, seine kalten Hände zu wärmen. Tausend Gedanken auf einmal wirbelten durch sein Hirn, er schritt ein paarmal durch das Gemach, dann stellte er sich wieder an den Kamin. »Melitta hatte recht«, murmelte er. »Ehe dies Unrecht nicht gesühnt ist, kann von Glück für mich nicht die Rede sein. Und wie soll es gesühnt werden? Ist es doch der Fluch der bösen Tat, daß sie fortzeugend Böses muß gebären. Es war der Schatten von heute, der gestern schon auf unsere Seelen fiel. Wie stumpfsinnig war ich, wie verblendet vor Leidenschaft, daß ich die Mahnung nicht verstand! Aber es ist entsetzlich, daß die Erinnyen uns bis in den Tempel verfolgen, wo wir uns reinigen wollten von aller Schuld, bis in das Heiligtum, das unser ganzes Glück umschließt.« Das Rauschen eines Gewandes hinter ihm schreckte ihn empor. Er wandte sich um, und vor ihm stand Melitta, blaß und ernst, die schönen, lieben Augen glänzend von der Spur frisch geweinter Tränen. »Melitta«, sagte Oldenburg, die Hände nach ihr ausstreckend, »kannst du mir verzeihen?« »Ich habe dir nichts zu verzeihen, Adalbert«, erwiderte sie, ihre Hände in die seinen legend, »laß uns geduldig tragen, was wir doch tragen müssen.« Sie sahen sich ein paar Momente schweigend in die Augen. »Es liegt noch manches zwischen uns«, sagte Oldenburg traurig, »ich kann dir nicht bis auf den Grund der Seele schauen.« »Wir müssen eben geduldig sein«, sagte Melitta. Oldenburg ließ ihre Hände los. »Wie geht es ihr?« »Sie ist sehr schwach; in einem Zustand zwischen Schlafen und Wachen; aber sie erkennt mich wohl und hat schon mehrmals nach dir gefragt.« »Ist Czika bei ihr?« »Ja.« »Darf ich sie sehen?« »Laß mich erst einmal allein hingehen. Ich komme alsbald zurück.« Nach einigen Minuten, während deren Oldenburg mit untergeschlagenen Armen, die Augen nicht vom Boden hebend, in dem Saale auf und ab gegangen war, erschien Melitta wieder in der Tür: »Komm!« Oldenburg folgte ihr durch die »rote Stube«, in ein halbdunkles Gemach. Melittas Schlafgemach. Es war das erste Mal in seinem Leben, daß er es betrat, und während sie hindurchgingen, fuhr ihm der Gedanke durch den Kopf, welch verhängnisvoller Augenblick ihm den Zutritt in dieses Heiligtum verschaffte. An der Tür auf der entgegengesetzten Seite blieb Melitta stehen und flüsterte: »Hier ist sie.« Sie traten ein. Es war ein großer, äußerst stattlicher, in der Rokokomanier überladen dekorierter und möblierter Raum, der zu den Fremdenzimmern in der Fronte des Hauses gehörte. Schwere gelbseidene Vorhänge verhüllten die Fenster; die Stühle und Sofas waren mit demselben Stoff überzogen, der getäfelte Fußboden blinkte in dem Schein des Feuers, das in dem Kamin brannte. Auf dem von Amoretten getragenen Sims des Kamins stand eine vergoldete Stutzuhr, die den von Genien und Schmetterlingen umflatterten Eingang einer Grotte darstellte, aus deren Öffnung, sooft die Stunde schlug, ein Sensenmann hervortrat. Gemälde im Geschmack jener Zeit, mit gezierten Schäfern und wohlfrisierten Schäferinnen in breiten, verschnörkelten Goldrahmen schmückten die Wände. Von der Stuckdecke hing ein mächtiger Kronleuchter von Glaskristallen, die bei dem wechselnden Licht, das in dem Gemache herrschte, in allen Farben des Regenbogens spielten. Und inmitten dieser Pracht, in einem großen Himmelbette, dessen seidene Vorhänge halb zurückgeschlagen waren, ruhte auf schneeigen Kissen ein armes, todkrankes Weib, das im fernen Ungarlande hinter einer Hecke das Licht der Sterne erblickt und zeit ihres Lebens nur in Scheunen und Ställen und öfter noch auf der öden Heide unter freiem Himmel oder im wilden Walde unter hohen Buchenhallen die Nächte zugebracht hatte. Ihre großen, im Fieber erglänzenden Augen wanderten unruhig über all die Herrlichkeiten, die sie umgaben, hin und blieben dann immer wieder auf ihrem Kinde haften, als sei dies der einzige Punkt, wo ihr geängstigter Geist sich wieder auf sich selbst besinnen könnte. Czika stand vor dem Bett, gekleidet in die phantastisch bunte Tracht, die sie zu tragen pflegte. Ihr schönes Gesichtchen war noch ernster und sorgenvoller als sonst. Sie verwandte keinen Blick von der Mutter. Man sah ihr an, daß sie ein volles Verständnis der Lage hatte; daß sie sehr wohl wußte, daß es der Tod sei, der ihrer Mutter braune Wangen so gelb und die roten Lippen so bleich machte, und mit so großen, kalten Schweißtropfen die schmerzlich gefurchte Stirn betaute. An einem Tischchen in der Nähe des Bettes stand der alte Baumann. Er war eifrig beschäftigt, einen kühlenden Trank zu bereiten, und er blickte von seiner Beschäftigung kaum auf, als jetzt Melitta und Oldenburg geräuschlos in das Zimmer traten. Aber das scharfe Ohr der Kranken hatte sie wohl gehört. Ein schwaches Lächeln der Befriedigung flog über ihr verwüstetes Gesicht. Sie winkte die beiden mit den Augen zu sich heran. Czika war, wie sie an das Bett traten, zwischen sie zu stehen gekommen. Xenobi schien das mit Befriedigung zu sehen. Das Lächeln wurde heller, dann verschwand es wieder, und in ihrem gebrochenen Deutsch sagte sie: »Legt eure Hände auf Czikas Kopf!« Oldenburg und Melitta taten es. Oldenburgs Hand zitterte, als er die weichen Locken des schönen jungen Hauptes berührte. »Und gebt mir die beiden andern Hände!« Xenobi nahm die Hände, und als sie die Kette so geschlossen sah, murmelte sie etwas, das jene nicht verstanden und das ein Fluch oder Segen oder beides sein mochte, denn der Ausdruck ihres Gesichts wechselte bei jedem Wort. Dann sagte sie: »Schwört, daß ihr die Czika nicht verlassen wollt.« »Wir schwören es«, antwortete Oldenburg, während Melitta, unfähig, ein Wort hervorzubringen, nur die Lippen bewegte. Xenobi ließ ihre Hände los, um ihre eigenen Hände über die Brust zu kreuzen. »Nun laßt Xenobi allein«, sagte sie mit sehr leiser Stimme, »nur Czika soll hierbleiben und der alte Mann.« Oldenburg und Melitta blickten sich und dann den Alten an, der jetzt mit dem Trank in der Hand an das Bett trat. Er nickte mit dem ehrwürdigen grauen Haupte, als wollte er sagen: »Tut, was sie verlangt!« Oldenburg wagte nicht zu widersprechen. Er nahm Melittas Arm und führte sie aus dem Zimmer. Die Uhr auf dem Kamin hakte zum Schlagen aus. Der Sensenmann drinnen machte sich bereit, aus seiner Höhle hervorzutreten. Sie gingen in den Gartensaal zurück. Keines sprach ein Wort. Oldenburg warf sich am Kamin in einen Lehnsessel und starrte düster in die verglimmten Kohlen; Melittas Hand legte sich auf seine Schulter: »Adalbert!« Er schaute fragend zu ihr empor. »Nicht wahr, du reisest nicht fort?« »Wenn du es nicht wünschest – nein!« »Und willst du geduldig warten, bis – bis du mir auf den Grund der Seele schauen kannst?« »Ja.« »Gib mir die Hand darauf.« Oldenburg drückte ihre Hand gegen sein Gesicht; sie fühlte seine Tränen fließen. Dann setzte sie sich ihm gegenüber und versank wie er in stilles Brüten. Das Klingeln eines Schlittens unterbrach das Schweigen. Es war Doktor Balthasar. Oldenburg sagte dem alten Herrn, während er sich die Hände am Kaminfeuer wärmte, um was es sich handle. »Hm! Hm!« sagte Doktor Balthasar. »Weiß schon, war schon damals herzkrank – rheumatisches Fieber – Reise bei dem Hundewetter – kommt nicht wieder auf – hm, hm – wo ist sie denn? – Wollen mal nachsehen.« Als die drei sich zu gehen wandten, tat sich die Tür des Saales auf und der alte Baumann trat, Czika an der Hand, herein. »Sie kommen zu spät!« sagte er zu Doktor Balthasar. Melitta zog Czika unter lautem Weinen an ihr Herz. »Hm, hm!« sagte Doktor Balthasar. »Alte Geschichte – immer gerufen, wenn nichts mehr zu tun ist – hm, hm – wollen mal nachsehen.« Einunddreißigstes Kapitel Zwei Männer aus dem Dorfe hatten unter Aufsicht des alten Baumann in dem Park von Berkow auf einer Stelle an dem Rande des Buchenwaldes den tiefen Schnee weggeschaufelt und in der schwarzen Erde ein tiefes Grab gehackt und gewühlt, und in dem tiefen Grabe schlief nun die Zigeunerin nach ihrer ruhelosen Wanderung durch das bunte ruhelose Leben, das ihr so wenig Glück gebracht, den tiefen, ewigen Schlaf. Als nach einigen Tagen das Wetter sich aufgeklärt hatte, und es möglich gemacht worden war, die Gänge im Garten und durch den Park bis zu der Stelle am Waldesrande freizumachen, wanderte Melitta mit ihrem Julius und der kleinen Czika den Weg nach dem Grabe, das jetzt mit einem Granitblocke bedeckt war, auf dessen einer glattpolierten Seite der Name Xenobis stand. Melitta führte das braune Kind an der Hand und sprach mit ihm viel öfter als mit ihrem Sohne, der aber auch seinerseits mit einer Art von ritterlicher Zärtlichkeit um das Kind bemüht war. »Wenn die Bahn erst ein bißchen besser ist, dann will ich dich im Schlitten fahren, Czika. Oh, ich habe einen wunderschönen Schlitten; ich will ihn dir zeigen, wenn wir wieder nach Hause kommen. Und wir wollen beide ganz allein fahren; der Pony kennt mich besser als irgendeinen; ich brauche bloß mit der Zunge zu schnalzen, so geht er davon wie der Wind, und wenn ich sage: Brrr, Pony! so steht er still wie ein Lamm. Nicht wahr, Mama, ich darf mit Czika ganz allein spazierenfahren?« »Wenn Czika mit dir fahren will, warum nicht.« Czikas dunkles Gesichtchen hatte sich bei Julius' kühnen Worten ein wenig aufgehellt; aber alsbald zog wieder eine Wolke über ihre Stirn. »Czika wollte, sie hätte Hamet wieder«, sagte sie, mit den braunen Gazellenaugen in die Ferne starrend. »Wer ist Hamet, Czika?« fragte Julius. »Hamet? Hamet ist Czikas Esel.« »Pah, ein Esel!« rief der Knabe, die Oberlippe verächtlich krümmend; aber ein Blick der Mutter genügte, ihm eine fliegende Schamröte über das ganze Gesicht zu jagen. »Wo ist dein Esel, Czika?« fragte er mit freundlicher Teilnahme. »Hamet ist tot. Mutter und ich haben ihn im Walde eingescharrt.« »Ach, das ist ja schade. Laß es gut sein, Czika; ich will dir einen andern kaufen. Weißt du, Mama, der Förster Griebenow in Faschwitz hat einen großen Esel, mit so langen Ohren, Czika! Der Pony scheut immer, wenn wir ihm begegnen. Aber das schadet nichts. Er muß sich daran gewöhnen, sonst gibt's was« – bei diesen Worten schwang Julius seine Gerte – »ich will's ihm schon austreiben. Nicht wahr, Mama, ich darf mit Baumann hinüberreiten und Czika den Esel kaufen? Griebenow hat ihn mir schon ein paarmal angeboten. Nicht wahr, Mama?« »Gewiß«, sagte Melitta, »er soll auch Hamet heißen.« »Oh, das wird schön«, rief Julius, »und dann reiten wir alle drei spazieren. Du auf der Bella, ich auf dem Pony und Czika auf dem Hamet, und dann – aber, ich fürchte, Hamet wird nicht mitkommen können«, unterbrach er sich selbst und machte dabei ein sehr bedenkliches Gesicht. »So reiten wir langsam.« »Ja, das ist auch wahr. Wir wollen ganz langsam reiten, Czika; ich möchte um alles nicht, daß du herunterfielst.« So plauderte der Knabe und Melitta sah mit innigster Freude, daß sein Geplauder und munteres Wesen auf Czika nicht ohne Wirkung blieben. Sie dachte der Zeit, wo die braune Gräfin zum erstenmal nach Berkow kam und wie sie schon damals, ehe sie noch eine Ahnung davon hatte, daß dies Kind Oldenburgs Kind sei, den Wunsch gehabt, es bei sich zu behalten und mit ihrem Julius zusammen zu erziehen, und wie wunderbar ihr Wunsch nun doch endlich in Erfüllung gegangen. Und dann schweiften ihre Gedanken in die Zukunft hinaus, ob wohl eine Zeit kommen werde, wo sie von diesen Kindern als von »unsern Kindern« sprechen dürfte, und als sie jetzt an dem Granitblock angelangt waren und sie einen Kranz von Immortellen darauf gelegt hatte, da schloß sie die beiden in ihre Arme, herzte und küßte sie und sagte: »Meine Kinder, meine lieben, lieben Kinder.« Melitta beschäftigte sich so viel mit Czika, daß Julius, wenn er das hübsche kleine Mädchen nicht selbst so lieb gehabt hätte, deswegen hätte leicht eifersüchtig werden können. Czika schlief auch bei der Mama, und die Mama brachte sie alle Abend selbst zu Bett – oder vielmehr auf ihr Lager, denn Czikas Bett bestand vorläufig noch aus wollenen, auf der Diele ausgebreiteten Decken, da sie mit ihrem gewöhnlichen melancholischen Ernst erklärt hatte, Czika stirbt, wenn ihr sie in ein Bett legt. Die Kleine suchte ihr Lager sehr früh auf, meistens sobald es draußen dunkel geworden war, so daß Oldenburg, der erst immer um diese Zeit von Cona herüberkam, sie nicht mehr im Zimmer fand. Einige Male war er dann mit Melitta an das Lager getreten, aber er tat es jetzt nicht mehr, da das Kind einen so leisen Schlaf hatte, daß das leiseste Geräusch es erweckte. Er begnügte sich deshalb, von Melitta zu hören, daß es »ihrer Tochter« wohl gehe, daß sie mit »ihren Kindern« spazieren gewesen oder ausgefahren, daß »ihre« Czika sie heute zum ersten Male »Mutter« genannt habe. »Ich fürchte, sie wird mich niemals Vater nennen mögen«, siegte Oldenburg traurig. »Wir müssen Geduld haben, Adalbert«, erwiderte Melitta. Hermann hatte die Koffer seines Herrn mit größerem Vergnügen wieder ausgepackt, als er sie an jenem melancholischen Tage vollgepackt hatte. Oldenburg dachte nicht mehr daran zu reisen, seitdem Melitta ihn zu bleiben genötigt hatte, und das Haus von Berkow jetzt alles umschloß, woran sein Herz hing. Jeden Tag gegen Dunkelwerden klingelte sein Schlitten auf dem Hof von Berkow, und die junge Frau begrüßte oft noch auf der Hausschwelle ihren täglichen Gast. Seit dem Abend, der ihm sein Kind wiedergeschenkt hatte, war Oldenburg ruhiger und heiterer, als er es je gewesen. Er schien sich Melittas Wort, daß sie am besten geduldig trugen, was sie doch einmal tragen müßten, zu Herzen genommen zu haben. Er wußte recht gut, was die Geliebte damit habe sagen wollen; recht gut, warum sie ihm noch immer nicht mit ihren lieben, schönen Augen klar in die Augen sehen konnte. Er beklagte es, daß es so war, aber er, der den Adel von Melittas Seele besser kannte als irgend jemand, hätte sich am meisten gewundert, wenn es anders gewesen wäre. Melitta liebte den Mann nicht mehr, der ihr Herz in einer unbewachten Stunde im Sturm der Leidenschaft eroberte, aber die Wunde, die dieser Liebe Lust und Leid ihrem Herzen geschlagen, blutete noch und auch hier mußte die Zeit bewirken, was dem Raisonnement nicht möglich war. Die eigentümliche Situation, in der Oldenburg sich Melitta gegenüber befand, war nicht ohne Einfluß auf seine ganze augenblickliche Denk- und Empfindungsweise. Die Geduld, die Klugheit, die Vorsicht, deren er bedurfte, um das Fahrzeug seines Glücks endlich in den Hafen zu steuern, ließen ihn auch die Weltverbesserungspläne, mit denen er sich früher trug, als unausführbar beiseite legen. Dafür widmete er sich mit allem Eifer der Verwaltung seiner Güter und verfolgte die Politik des Tages mit nimmer müdem Interesse. Er bedauerte, daß er, als im Sommer der Landtag zusammentraf, die Zeit, die er dem Vaterlande schuldete, an den Ufern des Nil verträumt hatte. Neue Quellen des Volkswohls zu öffnen schien ihm jetzt wichtiger, als die des Nil zu entdecken. Er spürte in seiner stillen Solitüde den Sturm der Revolution, der aus Frankreich heraufdrohte und der mit seinem ersten Stoß das Gewitter, das dumpf über dem eigenen Vaterlande brütete, entfesseln konnte. Melitta nahm teil an seinen Hoffnungen, Befürchtungen, an seinen Wünschen, seinen Plänen, selbst an seiner Ungeduld, daß die Stunde, von der er fühlte, daß sie kommen müsse, bald kommen möge. Sie begriff es vollkommen, daß er nach Paris zu gehen wünschte, um mit den alten Freunden, die er dort hatte, die neu gewonnenen Ansichten auszutauschen. Er wußte, daß sie nur an ihn dachte, und gerade deshalb entschloß er sich zur Reise. Kurz vorher erfuhren sie von der jetzt mitteilsameren Czika einen wunderlichen Umstand. Das Kind fing plötzlich an, nachdem in ihrer Gegenwart Paris mehrere Male genannt war, von einem alten Manne zu sprechen, der schon längere Zeit bei ihnen gewesen sei, und zuletzt die Mutter und sie hierher geleitet habe. Nicht weit von dem Hoftore von Berkow sei er erst umgekehrt. Der Mann habe auch nach Paris gewollt. Sie drangen weiter in das Kind und konnten nicht zweifeln, daß der alte Mann, von dem es sprach, Berger gewesen war. Warum er die so treu Begleiteten an der Schwelle des Hauses fast verlassen hatte? Was er in Paris wollte? »Vielleicht«, meinte Oldenburg, »will er sich überzeugen, daß der kreißende Berg der Revolution abermals ein Nichts gebären wird.« Dennoch berührte ihn die Nachricht seltsam. Er hatte Berger in Fichtenau kennengelernt, als er während des Sommers Melitta dort besuchte, und damals mit dem scharfsinnigen, enthusiastischen Manne manches philosophische und politische Gespräch geführt, in dem das Wort Revolution häufig genug vorkam. »Der Moderdunst der Festungskasematten und die Stickluft des Polizeistaates, die ich mein Leben lang habe einatmen müssen – das hat mich gemacht, was die Leute verrückt nennen« – hatte der Professor einmal gesagt; »mir ist manchmal, als ob nur ein Atemzug freier Luft im Vaterlande mir die Last wegheben würde, die hier ruht«; und dabei hatte er auf die Brust gedeutet. »Ein Atemzug freier Luft im Vaterlande!« Oldenburg wiederholte sich das Wort, während er seinen Koffer packte. »Jawohl! Das wird uns allen, allen, die Brust leichter machen.« Zweiunddreißigstes Kapitel Felix von Grenwitz hatte die von den Ärzten verordnete Reise nach Nizza angetreten. Er war gern in die Verbannung gegangen. In Sundin hatte er nichts mehr zu gewinnen und höchstens den letzten Hoffnungsschimmer auf Genesung zu verlieren. Seine Existenz in Italien war ihm von seiner großmütigen Tante, die recht gut wußte, daß er kaum noch ein paar Monate zu leben habe, auf mehrere Jahre hinaus zugesichert worden. Er hatte alle seine Angelegenheiten geordnet, über alles mit der Tante gesprochen, und nur über die eine fatale Geschichte mit dem Menschen, dem Timm, nicht. Er ließ Anna-Maria in dem guten Glauben, daß der freche junge Mann von ihm vollständig eingeschüchtert und mit ein paar Hundert Talern abgefunden sei, da er selbst durchaus keine Lust hatte, seiner Tante durch Anrühren dieses wunden Punktes die so notwendige gute Laune zu verderben. Brieflich, dachte Felix, arrangiert sich so etwas am besten und wenn sie sieht, daß das Ding nicht zu ändern ist, wird sie sich schon darein finden. So reiste er denn ab, begleitet von den aufrichtigen Glückwünschen seines Oheims und den Ermahnungen seiner Tante. Gott sei Dank, daß er weg ist, dachte die Baronin, während sie, das Taschentuch vor die Augen drückend, durch die Schar der Dienstboten nach ihrem Zimmer zurückschritt; jetzt unverzüglich Helene wieder her – das andere findet sich. Noch am selben Tage machte sie einen Besuch in der Pension und hatte zuvörderst eine lange Unterredung mit Fräulein Bär. Die Baronin war heute sehr weich. Sie hatte soeben einem lieben Verwandten, dessen Schicksal ihr unendlich am Herzen lag, voraussichtlich auf lange Zeit, vielleicht für immer Lebewohl gesagt. Ihr Herz war infolgedessen tief betrübt. »Ach glauben Sie mir, mein liebes Fräulein«, sagte sie, »es ist hart, sich von einem Jüngling, den man wie seinen eigenen Sohn geliebt hat, in dieser Weise trennen zu müssen; sehen zu müssen, wie eine fröhliche, junge Kraft so grausam gebrochen ist und mit ihr all die Hoffnungen geknickt sind, die man für die Zukunft auf sie gesetzt hatte. Und auch die arme Helene wird den Schlag schmerzlich empfinden. War doch, wenn mich nicht alles trügt, eine reine Neigung zwischen den beiden jungen Verwandten emporgeblüht, die vom Himmel selbst so sichtbar füreinander bestimmt waren, eine Neigung, die sich, wie das ja so häufig ist, anfänglich hinter einer scheinbaren Aversion keusch verbarg, daß ich selbst eine Zeitlang getäuscht wurde, und – ganz entre nous, liebes Fräulein – dem armen Kinde deshalb recht böse war. Jetzt weiß ich es besser. Aber um so größer ist mein Verlangen, das liebe Kind wieder bei mir zu haben. Würden Sie mir es sehr übelnehmen, liebes Fräulein, wenn ich das Ihren gütigen, klugen Händen anvertraute teure Kleinod so bald wieder entführte?« Fräulein Bärs klarem Verstande entgingen die Widersprüche zwischen dem früheren und dem jetzigen Benehmen der Baronin keineswegs. Sie nahm also das Vertrauen der gnädigen Frau mit Zurückhaltung entgegen und fragte bloß, ob Helene gleich jetzt oder erst später in das elterliche Haus zurückkehren solle? »Ich denke, wir überlassen das dem lieben Kinde selbst«, erwiderte Anna-Maria, die noch immer eine mögliche Weigerung Helenens fürchtete, »ich weiß, sie ist sehr gern bei Ihnen und überdies möchte ich sie durchaus nicht in ihren Studien, Liebhabereien und Plänen derangieren. Helene ist bereits von meinen Wünschen unterrichtet. Im Augenblick wollte ich weiter nichts, als Sie, liebes Fräulein, bitten, Ihren Einfluß auf das Kind zu meinen Gunsten, zugunsten einer armen, durch einen schweren Verlust betrübten Frau geltend zu machen.« Anna-Maria hatte kaum die Pension verlassen, als Fräulein Bär sich zu Helene begab, ihr die eben stattgehabte Unterredung mitzuteilen. Sie hatte zu diesem Zweck ihre goldene Brille abgenommen und die offiziellen Falten von der Stirn gewischt. »Lassen Sie uns offen gegeneinander sein, liebe Helene«, sagte sie, die schlanke, weiße Hand der jungen Dame vertraulich in ihre knöchernen Finger nehmend, »meine liebe Sophie hat mir gleich im Anfang unserer Bekanntschaft Andeutungen gemacht, die das sonst unbegreifliche Benehmen Ihrer Frau Mutter einigermaßen erklären. Sie brauchen nicht rot zu werden, liebes Kind. Es ist dabei kein Wort gesprochen worden, das Ihnen irgendwie zur Unehre gereichte; im Gegenteil, wir beide, Sophie und ich, haben Sie, die Sie in so frühen Jahren so vieles zu erdulden hatten, nur innig bedauert. Wir sahen in Ihrer Entfernung aus dem elterlichen Hause nur ein Art von Verbannung, zu gleicher Zeit aber meinten wir, daß mein Haus unter diesen Umständen Ihnen ein wünschenswertes Asyl gewähren könnte. Sollte dies wirklich der Fall gewesen sein, sollten Sie vielleicht selbst jetzt noch dieses Asyl bedürfen, so sagen Sie es mir. Es ist nicht meine Art, Zwietracht zu säen, noch dazu zwischen Mutter und Tochter, aber wie die Sachen einmal liegen, halte ich es für kein Unrecht, Partei zu ergreifen.« Das alte Fräulein schwieg, Helene war bewegter, als es wohl sonst ihre Art war, aber ihre Selbstbeherrschung verließ sie doch auch jetzt nicht. Mit einem beinahe heiteren Tone sagte sie: »Sie sind sehr gütig gegen mich, Fräulein Bär, gütiger als ich es verdiene; aber Ihre fürsorgliche Güte hat Ihnen, glaube ich, mein Verhältnis zur Mutter in einem allzu ungünstigen Lichte gezeigt; wir haben uns eine Zeitlang etwas schroffer gegenübergestanden, doch das ist alles von meiner Mutter hoffentlich so vergessen, wie es von mir vergessen ist. Sie wissen, wie gern ich in Ihrem Hause bin, wie wohl ich mich hier fühle; sollte aber meine Mutter, wie es den Anschein hat, wünschen, daß ich zu ihr zurückkomme, so halte ich es für meine Pflicht, diesem Wunsche zu gehorchen, ohne danach zu fragen, ob es mit meinen persönlichen Neigungen übereinstimmt oder nicht.« Fräulein Bär war durch diese Antwort keineswegs angenehm überrascht. Sie war dem jungen Mädchen mit offenem Herzen entgegengekommen; sie hatte sich gewissermaßen, um Helene Vertrauen einzuflößen, bloßgestellt, und nun anstatt des Vertrauens, anstatt der Offenheit Zurückhaltung und diplomatische Kälte! Die gute alte Dame fühlte sich tief verletzt und verließ in dieser Stimmung das Zimmer, nachdem sie mit vielem Geschick das Gespräch auf gleichgültigere Dinge hinübergespielt hatte. Daß die Baronin das Herz ihrer Tochter, zum wenigsten nach einer Seite hin kannte, hatte sie heute durch ihr Benehmen bewiesen. Es schmeichelte Helenens Stolz, daß die Mutter sich mit ihrem Wunsche nichts einmal direkt an sie zu wenden wagte, sondern sich dabei hinter Fräulein Bär steckte. Ihr Entschluß, in das Haus ihrer Eltern zurückzukehren, war bereits an dem Abend gefaßt, als sie den letzten Brief an Mary Burton schrieb. Die junge Engländerin hatte, aus ihrer Hamburger Pension kaum in ihr Vaterland zurückgekehrt, eine der glänzendsten Partien gemacht, die zu jener Zeit in England gemacht werden konnten. Helene erinnerte sich noch recht gut, wie der Roman, der so unerwartet schnell und glücklich zu Ende gespielt worden war, angefangen halte. Sie und Mary hatten als Mädchen von vierzehn Jahren in Gesellschaft der Pensionsvorsteherin und eines halben Dutzend anderer jungen Mädchen von Hamburg aus einen Ausflug nach Helgoland gemacht und bei dieser Gelegenheit ein englisches Kriegsschiff besichtigt, das dort vor Anker lag. Die Offiziere hatten die reizende Gesellschaft mit größter Zuvorkommenheit empfangen und bewirtet; ja zuletzt noch auf dem Quarterdeck einen Ball arrangiert, der überaus heiter gewesen war. Besonders hatte der Kapitän der Fregatte, ein noch junger, schöner, von der südlichen Sonne gebräunter Mann, den jungen Damen gefallen und würde ihnen noch mehr gefallen haben, wenn er seine Landsmännin Mary Burton nicht so sehr vor den übrigen Schönheiten ausgezeichnet hätte. Miß Mary Burton mußte sich infolgedessen hinterher gar viel mit ihrem Fregattenkapitän necken lassen, bis man die Fahrt nach Helgoland und alles, was damit zusammenhing, über neueren und wichtigeren Ereignissen allmählich vergaß. Aber zwei hatten die Sache nicht vergessen und das waren eben der Fregattenkapitän und Miß Mary Burton. Als die junge Dame drei Jahre später nach England zurückkehrte, war eine der ersten Personen, denen sie in dem Salon einer vornehmen Verwandtin begegnete, Kapitän Crawley, oder vielmehr, da sein Vater und ein älterer Bruder inzwischen gestorben und er so ganz unerwartet die Titel und die Reichtümer der Familie geerbt hatte: Lord Crawley de Crawley. Acht Tage später wurde die vornehme Welt durch die Verlobung Seiner Herrlichkeit mit Miß Mary Burton (einer Dame, die schlechterdings niemand kannte) auf das höchste überrascht. Niemand aber konnte durch diese Nachricht eigentümlicher berührt werden als Helene von Grenwitz. Sie war die intimste Freundin Marys gewesen; man hatte sie stets mit Mary zusammen gesehen, zusammen genannt, aber man hatte sie auch immer für die bei weitem Schönere und Bedeutendere gehalten, und niemand hatte diesem Urteil freudiger beigestimmt als die bescheidene Mary selbst. Mary betete ihre glänzende Freundin an; Helene Grenwitz war in ihren Augen ein unerreichbares Ideal; sie ordnete sich ihr bei jeder Gelegenheit unter, und wenn die jungen Mädchen für die Zukunft sich ihre Pläne und Hoffnungen mitteilten, so baute Mary für Helene die prachtvollsten Schlösser, während sie sich mit einer strohbedeckten Hütte am Rande eines murmelnden Baches begnügte. Helene hatte diese Huldigungen entgegengenommen wie eine Prinzessin die Aufmerksamkeiten ihrer Hofdame. Mary hatte ihr so oft gesagt, daß sie viel schöner, reizender sei als sie selbst. Und nun mußte diese demütige Freundin die glänzendste Heirat machen, durch die sie mit einem Male in die höchsten Sphären der Gesellschaft erhoben, ja mit einigen regierenden Häusern verschwägert wurde. Helene durfte gar nicht daran denken. Aber jetzt, wo ihr eine Gelegenheit geboten wurde, mit Ehren aus dieser sie demütigenden Lage zu kommen; jetzt, wo ihre stolze Mutter sich zu Bitten, die sie nicht einmal selbst hervorzubringen wagte, verstand; jetzt konnte über den Weg, den sie einzuschlagen hatte, kein Zweifel sein; und wenn Fräulein Bär in ihrer Gutmütigkeit ihr die Pension als ein Asyl anbot, so wußte sie eben nicht, um was es sich in diesem Augenblick handelte. Helene ging, nachdem Fräulein Bär sie verlassen, mit verschränkten Armen in ihrem Zimmer auf und ab. Endlich trat sie an das Fenster und starrte in den herbstlichen Abend hinein. An dem Himmel zogen langsam schwere, dunkle Wolken, unter welchen leichte graue Wölkchen pfeilschnell dahinschwebten. Die beinahe kahlen Zweige der schlanken Pappeln wiegten sich in dem scharfen Winde sausend und zischend hinüber und herüber; eine Krähe, die des Weges kam, setzte sich auf ein Paar Augenblicke auf den obersten Wipfel eines der Bäume, ließ sich mit herüber und hinüber wiegen, krächzte, als ob sie sich über die ungastliche Behandlung ärgere, und flog dann wieder davon. – Helene öffnete das Fenster. Der kühle, feuchte, mit dem herben Dufte der modernden Blätter vermischte Hauch des Abends wehte sie an. Lauter rauschten die Pappeln in dem Garten und die hohen Buchen des Parkes, und zwischendurch tönte in monotonen Kadenzen der dumpfe Donner der Meereswogen am Gestade. Sie lehnte sich hinaus; sie achtete nicht der Feuchtigkeit der Luft, die im Nu ihre schwarzen Haare mit einem tauigen Schleier überzog. Sie starrte nur immer hinein in den mit jedem Augenblick dunkler werdenden Abend. Seltsame Visionen zogen durch ihr Hirn. Stolze Paläste erhoben sich am Rande blauer Seen, in denen sich dunkle Wälder spiegelten; und aus dem Palast ritt ein lustiger Jagdzug mit Hallo und Trara, und an der Spitze des Zuges eine junge Dame auf einem Zelter neben einem Manne, der seinen schäumenden Rappen lässig lenkte und sein dunkles Gesicht fortwährend auf die junge Dame neben ihm wandte; und alles, soweit das Auge reichte – Schloß und See und Wald und Felder, die sich weit und weiter am Ufer hinbreiteten, unabsehbar ins Land hinein –, gehörte der jungen Dame auf dem Zelter und ihrem Gemahl, dem Ritter auf dem feurigen Rappen. Und dann versanken Schloß und Wälder und Felder in dem See, und der See erweiterte sich zu einem Meer, das an dem hohen, mit Buchenwäldern gekrönten Kreidefelsenufern aufrauschte; und oben auf den hohen Ufern in der Abendsonnenglut stand dieselbe junge Dame, die vorhin auf dem Zelter ritt, neben einem Mann – der nicht der Ritter auf dem Rappen war – und sie schauten zusammen hinaus auf das herrliche Schauspiel der in dem wogenden Wellengebiete versinkenden Sonne, und wie sie so standen und schauten, fügten sie wie betende Kinder ihre Hände ineinander und sahen sich an mit liebevollen, tränenüberströmten Augen. Da rauschte der Wind lauter in den schlanken Pappeln und das junge Mädchen fuhr empor aus ihren Träumereien. – Sie warf einen Blick in die graue Dämmerung des Parkes. Zwei Gestalten, ein Mann und eine Frau, wandelten Arm in Arm an der Öffnung zwischen den Bosketts vorüber, nur einen Augenblick lang, aber das scharfe Auge des jungen Mädchens hatte beide erkannt, glaubte mindestens beide erkannt zu haben. Ein Gefühl, wie sie es noch nie gehabt hatte, überkam sie. Sie mußte sich überzeugen, ob sie recht gesehen hatte, ob wirklich Oswald Stein mit Emilie Cloten zu dieser Stunde an diesem Orte sich treffen konnten. Im nächsten Augenblick war sie die Treppe, die nach dem Garten führte, hinab, durch den Garten geeilt und stand jetzt an der Pforte, die aus dem Garten in den Park führte. – Mit einem Male war ihr Mut verschwunden – sie schämte sich einer Regung, die sie zu einem so unweiblichen, so häßlichen Schritte verleiten konnte. Eben wollte sie wieder in das Haus zurückkehren, als die beiden Gestalten den Gang, der an der Gartenpforte vorüberführte, wieder heraufkamen. Sie drückte sich hinter den Pfeiler des Tors, um nicht gesehen zu werden; das Herz schlug ihr zum Zerspringen, und jetzt – sie waren es, waren es, die hier, in heimlichem, eifrigem Gespräch vorübergingen! Also genarrt! Und genarrt von wem? Von einem Menschen, den eine Emilie Cloten gewinnen konnte! Sie schritt, in tiefes Sinnen verloren, nach ihrem Zimmer zurück. Einmal blieb sie stehen und sagte, tief aufatmend: »Gott sei Dank, daß ich schon vorher entschlossen war, zu meinen Eltern zurückzukehren!« Dreiunddreißigstes Kapitel Das Gerücht – man wußte nicht, wer es zuerst aufgebracht hatte –, Fürst Waldernberg bete die schöne Helene von Grenwitz an, ja die Verlobung werde nicht lange auf sich warten lassen, erhielt sich und wurde durch eine Menge Einzelheiten bekräftigt, deren Auffindung dem Spürsinn der betreffenden Geschichtenträger und Gebärdenspäher alle Ehre machte. Die Gräfin Grieben wußte auf das bestimmteste, daß der Fürst beinahe alle Abend zu Grenwitzens komme; Frau von Nadelitz, daß er jeden Mittag nach der Parade auf seinem prachtvollen tscherkessischen Hengst an der Pension des Fräulein Bär vorüberreite: Frau von Sylow, daß er, in seinen Mantel gehüllt, mehrere Nächte stundenlang vor dem Hause auf und ab patrouilliert sei; Hortense Barnewitz flüsterte der Komtesse Stilow ins Ohr: »Jetzt weiß ich, weshalb der arme Felix Hals über Kopf nach Italien geschickt wurde«, und Komtesse Stilow meinte darauf: »Sie sollen sehen, liebe Hortense, es dauert nicht acht Tage, so ist Helene, die für immer verbannt schien, wieder bei ihren Eltern.« Ein Lächeln des Triumphes erhellte aber aller Gesichter, als die Prophezeiung der zahnlosen Komtesse Stilow nun wirklich in Erfüllung ging und Helene Grenwitz aus ihrem bescheidenen Stübchen in der Pension des Fräulein Bär in die stattlichen Räume des Hotel Grenwitz übersiedelte. Merkwürdigerweise schien der alte Baron, der diesen Schritt früher so dringend gewünscht hatte, jetzt am wenigsten darüber erfreut. Der alte Herr war in der letzten Zeit ausnehmend launisch, widerspruchsvoll und heftig gewesen, daß man den sonst so gutmütigen, freundlichen Mann kaum wiedererkannte, und jedermann die arme Anna-Maria, die dieses Kreuz mit so christlicher Geduld und Sanftmut trug, bedauerte und bewunderte. »Ach, glaube mir, liebe Helene«, sagte die Baronin zu ihrer Tochter, als sie beide am ersten Abend auf dem Sofa im Salon saßen, nachdem der Baron das Gemach verlassen hatte, um zu Bett zu gehen, »es ist jetzt recht schwer mit deinem Vater auszukommen, und ich bedarf deiner freundlichen Stütze mehr als je. Malte ist noch zu jung, und ich fürchte zu herzlos, als daß ich zu ihm Vertrauen haben könnte. Ich bin so lange gewohnt, alles allein zu tragen, daß ich mich in das Glück, eine Freundin und Vertraute zu haben, kaum zu finden weiß.« Und die Baronin vergoß Tränen, während sie ihre Nähsachen zusammenpackte, um dem Gemahl in das eheliche Schlafgemach zu folgen. In der Tat schien das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter sich für die Zukunft viel günstiger als früher gestalten zu wollen. Sie behandelten sich wie zwei Gegner, die ihre Stärke gegenseitig erprobt und gefunden haben, daß sie doch besser tun, Hand in Hand zu gehen. Fürst Waldernberg war, seitdem Helene wieder im Elternhause weilte, fast allabendlicher Gast. Anna-Maria sorgte dafür, daß der Fürst und Helene stets möglichst ungestört blieben; und da in diesen Kreisen die älteren Herrschaften ihre Zeit schlechterdings nur mit Kartenspielen hinzubringen vermochten, und jüngere Leute selten eingeladen wurden, so gelang ihr das meistens ganz vortrefflich. Der Fürst und Helene waren in dem kleinen einfenstrigen Boudoir neben dem großen dreifenstrigen Salon, wo die Kartentische standen, oft stundenlang allein, bis man zur Tafel ging, wo sie dann, während die andern die Glücksfälle des Spiels eifrig durchsprachen, wiederum so ziemlich auf sich selbst angewiesen waren. Es sprach für die konversationellen Talente des Fürsten, daß die junge anspruchsvolle Dame seiner Unterhaltung nicht müde wurde. Und doch konnte sie, was er vorbrachte, für gewöhnlich nicht eigentlich interessant nennen, jedenfalls nicht die Art, wie er es vorbrachte. Niemals hörte sie ihn in lebhafterem Ton und schnellerem Tempo sprechen; es war immer derselbe monotone Silbenfall, wie wenn die einzelnen Worte Soldaten und die Sätze Sektionen wären, die in gleichmäßigem Schritt und Tritt vorbeimarschierten. Helene fand es deshalb auch bezeichnend, daß der Fürst sich am liebsten der französischen Sprache bediente, obgleich er auch das Deutsche korrekt und fließend sprach. Manchmal meinte sie, der Umstand, daß die Unterhaltung fast ausschließlich in dem fremden Idiom geführt wurde, trüge wesentlich dazu bei, ihr die Fremdartigkeit dieses Geistes weniger fühlbar zu machen. Dazu kam, daß der Fürst wie in seinem Äußern, so in seiner Denk- und Empfindungsweise, Russe und nicht Deutscher war. Die Erinnerungen seiner Kindheit, seiner Knaben- und Jünglingsjahre, bis auf die kurze Zeit, die er in Paris und jetzt nun in Deutschland verlebte, waren russisch. Er war Page an dem Hofe des Kaisers Nikolaus gewesen, und der tägliche Anblick dieses prächtigen Monarchen, mit dem er sogar, wie man behauptete, besonders in Gestalt und Haltung, eine gewisse Ähnlichkeit hatte, nicht ohne Einfluß auf seinen Charakter geblieben, wie er selbst sagte. Seine militärische Erziehung hatte er in der Kadettenanstalt des Michailowschen Palastes erhalten, desselben Palastes, durch dessen gewaltige Räume in jener schauerlichen Nacht der Kaisermord dröhnend schritt. Ähnliche Geschichten wußte der Fürst gar manche zu erzählen, und sie verfehlten ihre Wirkung nicht auf das Gemüt des phantastischen Mädchens. Es war damit wie mit den Abenteuern, mit denen der kriegerische Mohr die Seele des venezianischen Patrizierkindes berauschte. Desdemona mochte vor dem Blut, das in jenen Erzählungen in Strömen floß, schaudern; aber der Held erschien ihr nur um desto bewunderswerter, und wenn es Helenen aus diesen Palasterinnerungen des russischen Pagen auch oft eisig kalt anwehte, so bestrickte sie doch das Geheimnisvolle und Schauerliche mit einem unwiderstehlichen Zauber. Sie träumte sich in ein Leben hinein, im Vergleich mit dem das Leben, das sie jetzt führte, gar kleinlich und kläglich erschien. Sie sah sich als Ehrendame an einem Hofe, wo Schönheit und Geist noch so viel vermögen; sie dachte sich als die Seele großartiger Unternehmungen, als die Vertraute von Generalen und Staatsleuten; und dann blickte sie aus ihren Träumereien auf zu dem finsteren, ruhigen Antlitz des riesengewaltigen Mannes, der sie mit seinen sonderbaren Geschichten in diese sonderbaren Phantasien gewiegt hatte, und fragte sich, ob sie es wohl wagen werde, an dieser Hand die hohen Regionen zu betreten, wohin sie die heißesten Wünsche ihres stolzen, ehrgeizigen Herzens trugen. Dem schönen jungen Mädchen gegenüber legte der Fürst die kühle Zurückhaltung ab, die er gegen alle andern beobachtete. Er sprach selbst über seine Familienverhältnisse mit großer Offenheit. Er sagte, daß er von seinen Eltern eigentlich nur seine Mutter kenne, daß er seinen Vater nur sehr selten zu sehen bekomme. Seine Mutter lebe in Petersburg, wo ihr Einfluß bei Hofe noch immer sehr groß sei, obgleich eine unheilbare Krankheit die einst bildschöne, lebenslustige Frau in wenigen Jahren verwüstet und zur trübsinnigen Schwärmerin gemacht habe. Sein Vater, Graf Malikowsky, bringe den größten Teil des Jahres auf Reisen zu, besonders in Bädern, da er, trotz seiner Jahre und Kränklichkeit, den heiteren Genuß des Lebens noch immer leidenschaftlich liebe und stets das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden suche. Er stehe zu seinem Vater eigentlich in gar keinem Verhältnis. Alle Jahre schrieben sie sich einmal oder zweimal bei besonderen Gelegenheiten kurze Briefe; jetzt habe er den Grafen, als er im Sommer in Berlin dem Könige den Eid leistete, zum letzten Mal gesehen, und er sei über sein verfallenes Aussehen, das der alte Herr vergebens durch die raffiniertesten Toilettenkünste zu verstecken sich bemühe, erschrocken gewesen. Der Graf und die Gräfin harmonierten, wie das bei so verschiedenen Naturen erklärlich sei, sehr wenig miteinander. Der Graf komme alle Jahre einmal nach Petersburg, stelle sich bei Hofe vor, zeige sich ein oder das andere Mal im Palais Letbus und verschwinde dann wieder, um von Zeit zu Zeit aus Homburg, Baden-Baden, Wiesbaden »freundliche Grüße« an seine Gemahlin zu senden. Auch daß dem Fürsten daran gelegen war, sie mit seinen Ansichten bekannt zu machen, entging Helene nicht. »Ich halte den Kriegerstand«, sagte er einmal, »nicht nur für den edelsten, sondern auch für den nützlichsten; für den edelsten, weil er allein jede Kraft des Mannes wachruft und erprobt, für den nützlichsten, weil er die Grundbedingung für alle übrigen Stände ist, die ohne ihn gar nicht existieren könnten. Daß der Bauer in Frieden seinen Kohl bauen, der Handwerker ruhig in seiner Werkstatt sitzen, der Künstler ungestört in seinem Atelier, der Gelehrte in seinem Studierzimmer arbeiten kann, das haben sie dem Krieger zu verdanken, der für sie am Tore schildert, des Nachts für sie die Straßen patrouilliert, lärmende Pöbelscharen zu Paaren treibt und gegen den Feind, der das Land bedroht, in den Kampf zieht. Mit diesem Stande verglichen sind alle andern niedrig und gemein, und daß er der unbestritten höchste und edelste ist, zeigen auch die Herrscher, indem sie sich für gewöhnlich und nun gar bei feierlichen Gelegenheiten in seine Tracht kleiden. Deshalb sollte aber auch nur ein Adliger Offizier werden dürfen. Daß man neuerdings auch angefangen hat, den Bürgerlichen Zutritt zu unseren Reihen zu verstatten, halte ich für einen beklagenswerten Fehler, der sich früher oder später empfindlich an uns rächen wird.« »Aber glauben Sie denn, daß der Bürgerliche unbedingt zu dem Berufe untauglich ist?« fragte Helene. »Ohne Zweifel«, erwiderte der Fürst mit Nachdruck. »Jagd und Krieg müßten durchaus dem Adel reserviert bleiben, nicht, weil Bürgerliche überhaupt nicht auch eine Büchse abschießen oder einen Säbel schwingen, sondern weil sie es nicht in dem rechten Geist, mit dem rechten Geiste können. Der bürgerliche Geist ist nun einmal ein spezifisch anderer als der adlige; es sind das Unterschiede, die sich nicht mehr in Worte fassen lassen, die aber nichtdestoweniger vorhanden und für jeden – für mich zum wenigsten – sehr fühlbar sind. Nehmen Sie zum Beispiel den Begriff der Standesehre. Ein Bürgerlicher, der keine Ahnen hat, die denselben Degen führten, den er jetzt an der Seite trägt, – was kann es ihm sein, ob er diesen Degen vor jedem Flecken rein bewahrt oder nicht? Ich habe noch keinen bürgerlichen Offizier gekannt, bei dem es mir nicht mindestens zweifelhaft gewesen wäre, ob er bei einer tätlichen oder groben wörtlichen Beleidigung den Beleidiger sofort niederstoßen würde. Nun aber frage ich Sie, wie kann bei solch einem Mangel an dem richtigen point d'honneur überhaupt von kriegerischem Sinn und Geist die Rede sein? Aber die Frage hat auch eine praktische Seite. Der Geist der Neuerung, des frechen Ungehorsams gegen die von Gott eingesetzte Ordnung regt sich überall. Dieser Geist kann nicht, wie man in unserem Staate leider angefangen hat, durch Güte und Konzessionen, sondern nur durch eiserne Strenge und Gewalt niedergehalten werden. Des gemeinen Soldaten, der drei Jahre lang in unserer Zucht und Aufsicht gewesen ist, sind wir sicher, nicht ebenso des bürgerlichen Offiziers. Schicken Sie einen Zug unter Anführung eines Leutnant Schulze oder Müller gegen einen rebellischen Pöbelhaufen, und es ist zehn gegen eins zu wetten, er wird in ihm irgendeinen Bruder oder Vetter Schulze oder Müller entdecken und infolgedessen Anstand nehmen, im rechten Augenblick Feuer! zu kommandieren. Nehmen Sie dagegen die Offiziere aus dem Adel und nur aus dem Adel, so kann dergleichen gar nicht vorkommen, und Sie können mit einem Bataillon den Aufruhr einer ganzen Stadt wie Sundin zu Boden schmettern.« Gegen die Zugeständnisse, die der König in dem Frühling des Jahres durch die Zusammenberufung des versammelten Ständetages der liberalen Partei und dem Zeitgeist überhaupt gemacht hatte, sprach sich der Fürst mit großer Entschiedenheit aus. »Ich sehe nicht ab«, sagte er, »wohin dies Treiben führen soll. Wenn der König, wie ich gern glaube, nicht will, daß sich ein Blatt Papier zwischen ihn und sein Volk stelle, nach dessen Paragraphen er regieren muß, so dürfte er auch nicht einmal den Schatten des Konstitutionalismus heraufbeschwören. Dem Schatten folgt der Körper. Ich gestehe, daß ich über die Langmut des Königs, diesen frechen Schreiern gegenüber, empört bin und daß ich lange Zeit Anstand genommen habe, ob ich einem Monarchen, der so die ersten Pflichten eines gottbegnadeten Amtes verkannte, mit Ehren dienen könne.« Wenn so der Fürst seine russisch absolutistischen Ideen zum Maßstab der Dinge machte, so geschah es wohl, daß sich in Helenens Herzen etwas wie ein mit Grauen gemischter Widerwillen gegen den, der in kaltem Ton so Unmenschliches behauptete, zu regen begann. Aber wenn sie auch zu einer andern Zeit vor den furchtbaren Konsequenzen der Grundsätze des Fürsten zurückgeschaudert sein würde, so hatte jetzt die Wunde, die ihrem stolzen Herzen Oswalds Verrat geschlagen, sie schwer gereizt und in das andere Extrem gestürzt! Helene haßte Oswald; sie weinte Tränen des Zornes und der Scham, wenn sie dachte, wie teuer ihr dieser Mann und wie nah sie der Gefahr gewesen war, ihm zu zeigen, wie lieb sie ihn hatte. An dem Verrat selbst zweifelte sie jetzt durchaus nicht mehr. Das Benehmen Emiliens war seit einiger Zeit so verändert, daß es auch den Unbefangensten auffiel. Die junge Frau floh jetzt die Gesellschaft ebenso, als sie sie früher gesucht hatte, und wenn sie es nicht vermeiden konnte, in ihren alten Zirkeln zu erscheinen, hatte sie nur Spott und Hohn für alles, wofür sie vormals schwärmte. Sie fand die Offiziere albern; erklärte Tanzen für ein kindisches Vergnügen und einen bal masqué für den Gipfel aller Lächerlichkeit. Sie behandelte die Damen mit unverhüllter Ironie und die Herren mit offener Verachtung, besonders ihren Gemahl, der bei dem allem gar nicht wußte, wie ihm geschah. Die meisten lachten und sagten: Es ist eine Laune von der kleinen Frau; sie wird schon wieder zur Vernunft kommen; andere, die weniger harmlos waren, meinten: Dahinter steckt mehr. Wenn eine junge Frau die ganze Welt, ihren Gemahl nicht ausgeschlossen, in dieser Weise behandelt, so tut sie es sicher einem Mann zuliebe, der für sie die ganze Welt ist. – Wer dieser Glückliche sein mochte, darüber zerbrach man sich vergebens die Köpfe. Die einen rieten auf den jungen Grafen Grieben, der ihr früher den Hof gemacht hatte, die andern auf Herrn von Sylow, wieder andere sogar auf den Fürsten Waldernberg, – und nur Helene Grenwitz wußte, daß alle sich irrten und daß der Gegenstand von Emiliens Liebe nicht in den aristokratischen Kreisen Sundins zu finden war. Hätte Anna-Maria geahnt, welch trefflichen Bundesgenossen sie in diesem Augenblick für die Ausführung ihres großen Planes an Oswald Stein hatte, sie würde diesem »so überaus abscheulichen und gefährlichen jungen Mann« weniger gram gewesen sein. Jedenfalls schien sich das Verhältnis zwischen dem Fürsten und Helene ganz nach ihrem Wunsche gestalten zu wollen. Sie hielt es wenigstens für ein gutes Zeichen, daß Helene nicht darauf drang, die Unterhaltungen in dem kleinen Salon neben dem Spielzimmer durch Hinzubitten anderer junger Leute zu beleben, und als sie kürzlich die Bemerkung wagte: Das wäre ein Schwiegersohn nach meinem Sinn, nicht die schönen Brauen verächtlich zusammenzog, sondern die dunklen Wimpern auf die errötenden Wangen senkte. Vierunddreißigstes Kapitel In das wilde Allegro von Oswalds jetzigem Leben tönte wie Äolsharfenklänge die Erinnerung an alles, »was sein einst war«; an seine schwärmerische Jugendzeit, wo rosige Wölkchen den Horizont umsäumten, hinter dem die geheimnis- und wundervolle Zukunft lag; an die seligen Tage von Grenwitz, wo sich für ihn die alte Sage vom Paradiese wiederholen zu wollen schien; an seine Freundschaften mit großen, zum mindesten guten Menschen: mit Berger, Oldenburg, Franz, Bemperlein – wohin, wohin dies alles? Die Jugend versunken für immer und mit ihr all die holden rosigen Träume der Jugend; aus dem Paradiese nichts geblieben als der bittere Geschmack der Frucht von dem Baume der Erkenntnis, daß Wankelmut der Seele und treue Liebe nimmer Hand in Hand gehen können. Und seine Freunde? – Von Berger hatte er am Tor des Irrenhauses wohl auf ewig Abschied genommen; in Oldenburg haßte er jetzt seinen Nebenbuhler und den reichen Aristokraten, den Sohn des Glücks, der sich leicht hinwegschwingt über die Hindernisse, an denen andere ihre Kraft ausgeben; – gegen Franz, der sich seiner in einer der verwickeltesten Lagen seines Lebens so brüderlich angenommen, hatte er sich der gröbsten Undankbarkeit schuldig gemacht, die er vergebens durch die Unmöglichkeit zu rechtfertigen suchte, mit dem in sich gefesteten, sich streng begrenzenden, leidenschaftslosen Mann bei seiner entgegengesetzten Natur auf die Dauer Freundschaft zu halten. – Und von Bemperlein, dem guten, harmlosen, ehrlichen Menschen, der ihm eine so enthusiastische Freundschaft entgegengetragen hatte, trennte ihn das quälende Bewußtsein, ihn in seiner geliebten Herrin tödlich beleidigt zu haben, so daß, wenn er ihm auf der Straße begegnete, er in peinlicher Verlegenheit nach der anderen Seite blickte. Und was hatte er für so viel verlorenes Glück eingetauscht? Die allerdings seltenen Augenblicke, in denen Oswald nicht umhin konnte, über seine Situation ernstlich nachzudenken, waren unerfreulich genug. Seine Stellung an der Schule war jetzt nach kaum drei Monaten so gut wie unhaltbar. Direktor Klemens vielgerühmte Humanität reichte nicht mehr hin, alle die großen und kleinen Sünden, deren sich Oswald in seinen dienstlichen Beziehungen schuldig machte, mit dem Mantel der Liebe zuzudecken, und Frau Direktor Klemens erklärte vor dem versammelten dramatischen Kränzchen, daß sie eine Schlange an ihrem Busen genährt. Aber Oswald hatte noch mehr zu verantworten als diese Treulosigkeit. Sein Verhältnis mit der jungen Frau von Cloten, in das er sich aus Laune halb und halb aus wirklicher Neigung so Hals über Kopf gestürzt hatte, fing an, auf seiner Seele mit bleiernem Gewicht zu lasten, um so mehr, als die leidenschaftlich unbesonnene Natur der Dame jeden Augenblick das Geheimnis zu verraten drohte. – »Dich zu lieben, von dir geliebt zu werden, ist mein einziger Wunsch und Wille – alles andere ist mir gleichgültig« sagte sie, sollte sie jetzt, wo ihr Herz zum ersten Male wußte, was es wollte, ihre ausschweifenden Wünsche zügeln? Vergebens, daß Oswald sie an die Pflichten seiner Stellung, an die äußere Beschränktheit seiner ganzen Lage erinnerte. – »Ich begreife nicht, wie du noch wählen kannst zwischen der Langweile, deine Buben zu unterrichten, und dem Vergnügen, das wir eines in des andern Gesellschaft haben; laß doch die alte dumme Schule und lebe für mich.« – »Aber, liebes Kind, ich lebe jetzt schon beinahe nur für dich, und wenn das noch eine Zeit so fortgeht, wird mein Direktor nicht nur nichts dagegen haben, sondern selbst den Wunsch aussprechen, daß ich ausschließlich für dich lebe.« – »Oh, das wäre zu herrlich«, rief Emilie, in die Hände klatschend, »dann gehen wir nach Paris, oder nach irgendeinem andern Ort, wo uns nicht so viele alberne Menschen auf Tritt und Schritt belauern.« Oswald zuckte die Achseln. »Und wovon leben in Paris?« Emilie machte ein langes Gesicht; im nächsten Moment aber lachte sie schon wieder und rief: »Das findet sich, wenn wir nur erst fort wären!« Das Verlangen, aus Sundin wegzukommen, wo in der Tat ihr Verhältnis jeden Augenblick der Gefahr einer für beide gefährlichen Entdeckung ausgesetzt blieb, war in der letzten Zeit bei Emilie so groß geworden, daß sie bei jeder Gelegenheit darauf zurückkam. Sie wollte Oswalds Liebe in vollen Zügen ungestört genießen und sich nicht jede halbe Stunde verstohlenen Zusammenseins durch tagelange Sorge und Angst gewinnen. Bis jetzt hatten sie ihre Rendezvous entweder in Primulas Boudoir oder drüben in Fährdorf bei Emiliens alter Amme, der Frau Lemberg, gehabt, wohin jetzt, da die Meerenge zwischen der Insel und dem Festland mit dickem Eis bedeckt war, die Überfahrt keine Schwierigkeit machte. Primula war in das Verhältnis eingeweiht, nachdem Emiliens Unbedachtheit eine lächerliche Entdeckungsszene herbeigeführt, und sie hatte, nachdem ihre erste eifersüchtige Regung glücklich vorüber war, diesen »Liebesbund« ausnehmend romantisch, die Liebenden in ihrer Hilflosigkeit gegenüber einer »kalten, lieblosen Welt« höchst bejammernswert und sich selbst als Beschützerin so »heroischer Leidenschaft« vollkommen bewunderungswürdig gefunden. In diese Rolle redete sie sich nun immer tiefer hinein, und die Abonnenten der »Zeitlosen«, in deren »Album« Primula Veris jetzt ihre Gedichte schrieb, bekamen von nichts weiter als von »lichtscheu krummen Liebespfaden«, »geheimer Liebe still verschwiegenem Tun«; und vor allem von »des treuen Bundes keuscher Wächterin« zu lesen, unter welcher letzteren Bezeichnung man, wie es in einer der folgenden Strophen ausdrücklich hieß, nicht etwa an »den Mond, den kalten Gesellen« zu denken hatte. Für Emiliens Plan schwärmte sie. »Flieht, meine Freunde«, sagte sie, »flieht unter einen milderen Himmel als diesen rauhen kimmerischen, der nur über wilden Zyklopen und seelenlosen Ichthyophagen graut. In Schnee und Eis will selbst der Freundschaft blaue Zyane kaum gedeihen, geschweige denn der wilden Liebe rote Rose.« Oswald war nicht so blind, daß er das Wahnsinnige dieses Projektes nicht hätte einsehen sollen, aber einerseits sagte ihm auch wieder das Abenteuerliche zu, andererseits lockte ihn der Gedanke, sich aus all diesem Wirrsal mit einem kühnen Schritt befreien zu können, gleichviel, wohin der Schritt führte; und schließlich war bei ihm aus der frivolen Koketterie mit der reizenden Emilie eine Leidenschaft geworden, die, wenn sie nicht sein Herz erwärmte, zum mindesten seine Phantasie entflammte, und gegen die er sich um so weniger wehrte, als er in ihr eine Art von Entschuldigung für seinen sonstigen Wankelmut fand. Er fing an, den Fluchtplan in ernstliche Überlegungen zu ziehen, um so mehr, als der Rest seines kleinen Vermögens, wie es bei der Lebensweise, die er jetzt führte, wohl nicht anders sein konnte, sehr rasch zusammenschmolz, und mithin, was einmal geschehen sollte, bald geschehen mußte. Oswald hätte in dieser Bedrängnis gern Alberts Rat vernommen; aber er wagte jetzt nicht mehr über Emilie mit ihm zu sprechen. Im Anfang freilich hatte er von seinem neuesten Roman dann und wann ein Wort fallen lassen, und der kluge Albert hatte, ohne Oswald durch neugierige Fragen lästig zu sein, in kurzem so ziemlich alles, was er zu wissen wünschte, herausgebracht. Er wußte, daß Oswald bei der Frau Jäger und drüben in Fährdorf heimliche Zusammenkünfte mit der jungen leichtsinnigen Frau hatte, und er ließ sich auch dadurch nicht irremachen, daß Oswald über Emilie plötzlich zu sprechen aufhörte, sondern schloß nur daraus, daß das Verhältnis in ein Stadium getreten sei, wo Schweigen Pflicht war. So weit hatte es nun freilich nach Timms Wunsch nicht kommen sollen. Timm hatte nichts dagegen, daß Oswald seiner Geschmack am aristokratischen Leben durch eine Liebelei mit der vornehmen Dame auffrischte und sich so noch mehr von der Notwendigkeit, ein Vermögen zu besitzen, überzeugte, aber es paßte ihm gar nicht, daß aus dieser Liebelei eine Liebschaft in bester Form wurde, von der sich gar nicht berechnen ließ, was noch alles daraus entstehen mochte, und die vor allem Oswalds romantischer Liebe zu Helenen verderblich zu werden drohte. Und doch hatte auf diese Liebe Timm eigentlich seinen ganzen Plan aufgebaut. Wenn Oswald nichts bewegen könnte, sich in den Erbschaftsstreit mit der Familie Grenwitz einzulassen, so sollte die Hoffnung, auf diese Weise Helenen zu, erobern, den Ausschlag geben. So durfte denn Oswald nicht für Helenen, aber auch umgekehrt, Helene nicht für Oswald verlorengehen. Und auch dieser letztere Fall war neuerdings möglich geworden. Albert, der die Augen überall hatte, war es nicht entgangen, daß Fürst Waldernberg tagtäglich zu Grenwitzens kam; und auch sonst hatte er mehrere verdächtige Zeichen eines im besten Fortgang begriffenen Verhältnisses zwischen dem Fürsten und Helene entdeckt; so bei einem Gärtner verschiedene herrliche Buketts, die vom Fürsten bestellt waren und »heute abend ins Hotel Grenwitz geschickt werden sollten«. Außerdem hatte er, seitdem der Schnee lag und die adelige Jugend Sundins glänzende Schlittenpartien nach allen Richtungen arrangierte, Helene wiederholt an der Seite des Fürsten in einem prachtvollen Schlitten gesehen, dessen kostbare Decken und in russischer Weise nebeneinander angeschirrte drei Pferde ihn als Eigentum Sr. Durchlaucht bezeichneten. Er hatte Oswald wiederholt auf einen so gefährlichen Nebenbuhler aufmerksam gemacht, aber immer nur ausweichende Antworten erhalten. Diese Lage der Dinge mißfiel Albert durchaus. Im Hotel Grenwitz hatte er sich seit längerer Zeit nicht sehen lassen. Seine vierhundert Taler für Monat November hatte ihm Felix, der die Summe von seinem Reisegeld nahm, bei seiner Abreise zugeschickt; mit dem Ersuchen, sich für die Zukunft »in allen geschäftlichen Angelegenheiten« direkt an seine Tante, die Frau Baronin, wenden zu wollen. Albert hatte von dieser Erlaubnis bis jetzt noch keinen Gebrauch gemacht, da es selbst für ihn schwer hielt, in dem bescheidenen Sundin vierhundert Taler in einem Monat durchzubringen und er überdies gerade in der letzten Zeit Glück im Pharao gehabt hatte. Indessen nahm er sich vor, diesen Besuch baldmöglichst zu machen und bei der Gelegenheit die Situation genauer zu studieren. Gerade in diesen Tagen geschah es, daß Albert eines Abends, als er eben ausgehen wollte, durch die Stadtpost einen Brief erhielt, dessen Lektüre ihn so verstimmte, daß er seine ursprüngliche Absicht, in den Ratskeller zu gehen, vorläufig aufgab und statt dessen einen Besuch bei seinem Hauswirt, dem Küster Tobias Gutherz, machte, jenem Mann, der mit dem Geruch seines heiligen Lebenswandels das ganze alte Quartier enger winkliger Straßen um die alte Brigittenkirche erfüllte. Albert Timm trat mit dem Hut auf dem Kopfe in das Stübchen hinter dem Sprechzimmer und fand Gutherz im Begriff, sich ein Glas seines Lieblingsgetränkes zu bereiten. »Kannst mir auch eins zurechtmachen«, sagte Albert, seinen Hut auf einen Stuhl schleudernd und sich selbst in die Ecke des vortrefflich gepolsterten Sofas werfend. »Wie gewöhnlich, Albertchen?« sagte Tobias, ein zweites Glas nebst Teelöffel aus dem Wandschrank nehmend und neben dem dampfenden Wasserkessel auf den Tisch stellend. »Eher ein bißchen mehr als weniger.« – Während Herr Tobias nach diesem Rezept den heißen Trank zurechtbraute, starrte Albert schweigend vor sich hin. »Du bist heute nicht in guter Laune, Albertchen!« sagte Tobias, von seiner Beschäftigung aufblickend. »Müßte lügen, wenn ich das Gegenteil behaupten wollte.« »Was gibt's? Hat die kleine Luise dir's angetan?« »Der Teufel soll die kleine Luise holen.« »Oder ist dir ein Wechselchen präsentiert, an das du nicht mehr gedacht hattest?« »So etwas der Art.« »Na, was ist's denn?« fragte Tobias, den für Albert bereiteten Grog umrührend und das Glas vor ihn auf den Tisch setzend. »Hier nimm einen Schluck, und dann heraus mit der Sprache!« Albert nahm das Glas, kostete, und als er sich überzeugt, daß in allen Punkten das rechte Maß getroffen, leerte er es auf einen Zug bis zur Hälfte. »Nun?« sagte Tobias. »Du erinnerst dich, daß ich in Grenwitz während des Sommers ein Verhältnis mit der kleinen schwarzäugigen Hexe von Französin anfing«, sagte Timm. »Weiß schon«, sagte Tobias mit schlauem Lächeln, »um was es sich handelt.« »Nichts weißt du; das Ding war in einer Hinsicht so scheu wie eine wilde Ente. In anderer Hinsicht war sie freilich auch wieder dumm genug, wie du schon daraus sehen kannst, daß sie mir die Dreihundert borgte, die sie in der Sparkasse hatte.« »Das war edel von ihr.« »Ja, aber jetzt will sie sie wiederhaben.« »Hast du ihr einen Wechsel gegeben?« »Nein.« »So sag, du hast nichts bekommen, abgemacht Sela!« »Das geht nicht so leicht. Sie hat Freunde, mit denen ich es nicht gern verderben möchte.« »Wieso?« »Ich sagte dir doch, daß Marguerite seit einiger Zeit nicht mehr bei Grenwitzens ist?« »Nein, kein Wort. Wo denn?« »Bei Geheimrat Robran.« »Wie kommt sie dahin?« »Ich glaube, durch den Kandidaten Bemperlein, den Duckmäuser, der, wie ich hörte, jetzt des Geheimrats rechte Hand, und wie andere sagen, mit meiner Poussage verlobt ist.« »Wohl bekomm's; aber wer hat dich denn nun eigentlich gemahnt?« »Der alte Geheimrat selbst. Hier –«, bei diesen Worten zog Albert den Brief, den er vor einer halben Stunde erhalten hatte, aus der Tasche, »schreibt der alte Sünder: Geehrter Herr! Wie mir Fräulein Marguerite Martin, die mir jetzt die Ehre erweist und so weiter. Da die Beziehungen, welche früher zwischen Ihnen und der jungen Dame bestanden, gänzlich und für immer – Sie wissen am besten weshalb – abgebrochen sind, so werden Sie es selbstverständlich finden, daß Sie als Mann von Ehre ein Kapital, das Ihnen unter so ganz anderen Voraussetzungen zur Disposition gestellt wurde, keinen Augenblick länger behalten können. Schließlich noch eine Bemerkung. Die junge Dame selbst würde aus einer leicht erklärlichen Scheu die ganze Sache wahrscheinlich auf sich haben beruhen lassen, wenn ich nicht, zufällig von der Baronin Grenwitz hörend, daß Fräulein Martin während der Zeit ihres Aufenthalts in jener Familie ein kleines Kapital sich erspart habe, in die junge Dame gedrungen wäre und so den Sachverhalt erfahren hätte; und so weiter. Nun, Was meinst du dazu?« fragte Albert, den zerknitterten Brief wieder in die Tasche steckend. »Die Sache liegt allerdings schlimm«, erwiderte Ehren-Tobias, sich den ergrauenden Kopf kratzend. »Der Geheimrat gilt so viel in der Stadt, besonders jetzt, wo er, der Teufel mag wissen wie, seine Schulden bezahlt hat, daß du nicht gegen ihn aufkommst; ich fürchte, du wirst blechen müssen.« »Ich fürchte es auch«, sagte Albert. »Die verdammte Plaudertasche, die Baronin: Es ist bloße Rache an mir; aber sie soll's mir büßen. Ich will die Daumschrauben anziehen, daß –« Albert schwieg und goß den Rest aus seinem Glase hinunter. »Höre, Albertchen«, sagte Tobias, »in welchem Verhältnis stehst du eigentlich zur Baronin? Ich hoffe, Albertchen, mein Junge, daß du zu dem vielen Gelde, das du in letzter Zeit – ich kann wohl sagen, sehr gegen deine Gewohnheit – hast blicken lassen, auf anständige Weise gekommen bist?« »Erst sage mir, was es für eine Bewandtnis hat mit dem Verhältnis zwischen dir und Grenwitzens, auf das du schon ein paarmal geheimnisvoll hingedeutet hast.« »Willst du mir dann sagen, wie du zu dem Gelde kommst?« »Ja.« »Gut! So wollen wir uns erst jeder noch ein Glas zurechtmachen und dann ans Erzählen gehen; aber reinen Mund gehalten, Albertchen, reinen Mund gehalten!« »Eine Krähe hackt der andern die Augen nicht aus.« Herr Tobias nickte schmunzelnd, mischte mit kunstgerechter Hand den Grog, knöpfte seine schwarze Weste auf, lehnte sich in den Stuhl zurück und sprach: »Ich war nicht immer in Sundin und nicht immer Küster in St. Brigitten.« »Weiß! Berlin hat die unbestrittene Ehre, dich den ihren zu nennen, und wessen Küster du gewesen bist, ehe du hierher kamst und Küster an St. Brigitten wurdest, wird der Teufel wohl am besten wissen.« Tobias lächelte vergnügt in sich hinein und schlurfte behaglich seinen Grog. »Nicht so grob, Albertchen«, sagte er, »sonst erzähle ich nicht weiter. Mein Vater war Bedienter, und ich wurde von der zartesten Jugend auf zu demselben Berufe bestimmt. Wie groß mein Talent in dieser Beziehung war, magst du daraus entnehmen, daß ich, als ich kaum zwanzig Sommer zählte, mindestens schon ein Dutzend Herren gehabt hatte. Um diese Zeit kam mir der Gedanke, endlich einmal mein eigener Herr zu sein, und da ich mir während meiner Dienstzeit ein nicht unerkleckliches Sümmchen gespart hatte« – hier lächelte Ehren-Tobias mit dem linken Auge und dem linken Winkel seines Mundes –, »besaß ich Kapital genug, um eine kleine Wirtschaft anzufangen.« »Mag auch 'ne Wirtschaft gewesen sein«, meinte Albert. »Allerdings!« sagte Tobias, indem er noch ein Stück Zucker in seinen Grog tat, »zum mindesten war in meiner Wirtschaft das schöne Geschlecht sehr stark vertreten. Da ich das Prinzip hatte, nur weibliche Bedienung in meinem Lokal zu haben und das »Café Gutherz« immer stark frequentiert wurde, so hatte ich fast immer sechs bis acht junge Damen, welche die Honneurs machten, bei mir.« Albert Timm lehnte sich in seine Ecke zurück und brach in ein schallendes Gelächter aus, während Ehren-Tobias nur lächelte – diesmal mit dem rechten Auge und dem rechten Mundwinkel. »St! st! Albertchen«, sagte er, »die Leute hören es auf der Straße. Wie kann ein kluger Jüngling so unvorsichtig laut lachen; ich habe mein ganzes Leben lang nur gelächelt und habe mich dabei sehr gut gestanden. Doch das beiseite. – Die jungen Mädchen waren natürlich immer hübsch, ja ich kann wohl sagen, daß ich von allen meinen Kollegen stets die hübschesten hatte. Dies verdankte ich aber, ehrlich gestanden, weniger mir selbst als dem Scharfblick und dem Geschmack einer Dame, mit der ich früher, als ich mal mit ihr bei einer Herrschaft zusammen diente, ein zärtliches Verhältnis gehabt hatte und jetzt noch immer in freundschaftlichem und geschäftlichem Verkehr stand. Frau Rosa Pape war eine vortreffliche Frau, deren Gesellschaft von den anständigsten Damen nicht bloß gesucht, sondern auch obendrein mit schwerem Gelde bezahlt wurde und deren Nachtklingel die ganze, sehr stark bevölkerte Straße, in der sie wohnte, kannte. Aber Rosa Pape interessierte sich nicht bloß für junge Frauen, sondern auch ganz konsequenterweise für diejenigen, die es noch einmal werden konnten, und so hatte sie denn unter den hübschen Stubenmädchen und Näherinnen eine nicht minder ausgebreitete Kundschaft als unter den Regierungs- und Kommerzienrätinnen. Infolgedessen war niemand besser als sie imstande, die Bekanntschaft solcher jungen Personen mit jungen Kavalieren, die sich nach einer temporären Lebensgefährtin sehnten, zu vermitteln, und da sie sich immer sehr anständig für ihre Hilfeleistungen bezahlen ließ, so war ihr Publikum das nobelste, das sich denken läßt: lauter Herren von, Barone, Grafen, ja selbst Prinzen von Geblüt wandten sich vorkommenden Falls an die verwitwete Frau Rosa Pape. Eines schönen Tages kam nun Frau Rosa zu mir und teilte mir mit, daß ein steinreicher Baron ihrer Bekanntschaft sich sterblich in ein hübsches Kind verliebt und sie beauftragt habe, ihm das Mädchen, koste es, was es wolle, zu schaffen. Sie habe auch schon mit dem Baron einen herrlichen Plan entworfen, zu dessen Ausführung aber noch ein ›Kammerdiener‹ nötig sei. Es sei Geld, viel Geld bei der Affäre zu verdienen; ob ich Lust habe, mit von der Partie zu sein. Nun hatte ich gerade in der letzten Zeit einige unangenehme Auseinandersetzungen mit der Polizei gehabt, die leicht zu noch unangenehmeren Folgen führen konnten; und ich ergriff daher mit Freuden die Gelegenheit, mich in so anständiger Gesellschaft eine Zeitlang aus Berlin zu entfernen. Vierundzwanzig Stunden später war ich mit der jungen Dame, um die es sich handelte, in dem Wagen meines neuen Herrn auf dem Wege nach – nun rate einmal, Albertchen?« »Das mag der Kuckuck wissen! Aber du wolltest mir nicht deine ganze interessante Lebensgeschichte erzählen, sondern sagen, wie du nach Grenwitz gekommen bist«, sagte Albert, der, mit seinen Angelegenheiten beschäftigt, der Erzählung Ehren-Tobias' nicht die gewöhnliche Aufmerksamkeit gewidmet hatte. »Du hörst ja, daß ich schon auf dem Wege dahin bin«, sagte dieser, Albert über den Rand seines Glases mit dem linken Auge anzwinkernd, »denn mein neuer Herr war der Baron von Grenwitz und das Ziel unserer Reise Schloß Grenwitz, wo du in diesem Sommer gewesen bist.« Ein Indianer, der in dem Grase der Prärie die Spur des Feindes entdeckt, den er tagelang vergeblich verfolgt, kann nicht alle Sinne schärfer anspannen, als es Albert tat, sobald er diese letzten Worte vernommen, die ihn in Ehren-Tobias eben jenen Kammerdiener erkennen ließen, der in der Erzählung der Mutter Clausen eine so zweideutige Rolle gespielt hatte. Aber er verriet mit keiner Miene, keinem Worte, wie wichtig ihm die eben gemachte Entdeckung war, sondern fragte mit vortrefflich gespielter Unbefangenheit: »Der alte Baron? Der Tausend! Wer hätte dem alten Knaben dergleichen zugetraut.« »Nicht der jetzige, sondern sein Vetter aus der älteren Linie, Baron Harald, oder der wilde Harald, wie er noch immer bei denen, die ihn gekannt haben, heißt. Ich sage dir, Albertchen, es war ein fideles Leben, das wir anno achtzehnhundertzweiundzwanzig auf Schloß Grenwitz führten. Wein und Weiber die Hülle und die Fülle; und dabei Komödie gespielt, zum Totschießen lächerlich. Denke dir: meine gute Freundin Rosa –« »War denn die auch da?« »Allerdings! Habe ich dir denn nicht gesagt, daß der Baron sie als Großtante engagiert hatte?« »Als was?« Tobias lächelte – diesmal mit beiden Augen und Mundwinkeln: »Sie spielte mit Perücke und Krückstock die alte Großtante des Barons, da das alberne Ding, die Marie – Marie Montbert hieß der Aff' und war ein schmuckes Mädel, daß einem die Augen übergingen, wenn man sie sah –, was wollte ich doch sagen? Ja! Die Marie hatte eine Anstandsdame aus der Familie des Barons als conditio sine qua non, wie wir Lateiner sagen, gemacht. Na, nun hatte sie ihre Anstandsdame, eine famose Anstandsdame, he, Albertchen he!« und Ehren-Tobias kicherte und stieß Albert freundlich in die Seite. »Und wie ging die Sache zu Ende?« fragte Albert, der Eile hatte, über das, was er schon wußte, wegzukommen. »Ja, ich habe sie nicht zu Ende kommen sehen, denn wir, das heißt: Rosa und ich, brannten schon vorher durch. Offen gestanden, fürchteten wir, die Geschichte möchte schief ablaufen, denn Marie hatte in Berlin manche Freunde, die Lärm machen und uns alle zusammen, zum wenigsten mich und Rosa, in des Teufels Küche bringen konnten. So empfahlen wir uns denn eines schönen Tages, oder vielmehr in einer schönen Nacht, ohne Abschied zu nehmen, nachdem wir noch eins oder das andere, was uns gerade in die Hände kam, als Andenken an Grenwitz mitgenommen. Hier in Sundin trennten wir uns, oder wurden getrennt. Ich wurde nämlich so krank, vermutlich von dem guten Leben, das wir in Grenwitz geführt, daß ich nicht weiterkonnte, und hier ins Spital gebracht werden mußte. Was ich damals für ein Unglück hielt, schlug mir hinterher zum größten Glück aus. Denn der verstorbene Superintendent, der damals Spitalgeistlicher war, verliebte sich so in mein bescheidenes Lächeln, daß er mich, als ich wieder gesund war, notwendig zum Bedienten haben mußte – na, und von dem Bedienten eines Geistlichen bis zum Küster ist nur ein Schritt«; und Herr Tobias schlürfte behaglich den Rest aus seinem Glase. »Und hast du von deiner Freundin Rosa je wieder etwas gehört?« »Sie lebt in Berlin und treibt ihr Geschäft mit der doppelten Buchführung schwunghafter als je. Wenn du mal nach der Residenz kommst, Albertchen, vergiß ja nicht, sie zu besuchen. Sie wohnt Gertruden- und Roßstraßenecke, zwei Treppen hoch.« »Wir wollen uns das doch gleich notieren«, sagte Albert, die Adresse in seine Brieftasche schreibend, »aber was ist denn aus der Marie, oder wie das dumme Ding hieß, geworden?« »Ja, das ist eine kuriose Geschichte. Kurze Zeit nachdem wir fort waren, ist wirklich einer ihrer Freunde, ein Herr von Estein, gekommen und hat sie dem Baron wegstibitzt, der sich darüber so schwer geärgert hat, daß er bald darauf gestorben ist. Aber nun kommt das Kurioseste von allem. Denke dir, Rosa ist kaum wieder in ihrem Geschäft, als sie nachts herausgeklingelt wird. Von wem? Von eben dem Herrn von Estein, und zu wem? Zu eben derselben Marie, die in Kindesnöten liegt.« »Nicht möglich!« rief Albert, einen Augenblick die angenommene Gleichgültigkeit vergessend. »Was ich dir sage. Rosa hat es mir damals gleich geschrieben und ich habe mich halb totgelacht über den Spaß. Erst ein Mädchen verkuppeln und dann –« Tobias lachte diesmal gegen seine Grundsätze gerade heraus. Albert stimmte ein. »Sehr gut, wirklich sehr gut! Vielleicht weiß Frau Rosa auch, was aus dem Kinde geworden ist?« »Möglich«, sagte Tobias, »aber ich glaube, sie will nichts davon wissen. Sonst hätte sie sich wohl gemeldet, als Baron Harald damals in allen Blättern dem, welcher ihm über das Verbleiben der Marie Auskunft geben könnte, eine große Belohnung bot. Ich glaube, sie hat die Folgen der Geschichte gefürchtet und hat's gemacht wie ich und reinen Mund gehalten, bis zwanzig und einige Jahre lang Gras darüber gewachsen ist. Na, aber nun, Albertchen, ist die Reihe an dir, mir zu erzählen, wie du in letzter Zeit zu deinem Gelde kommst.« »Tausend! Da fällt mir ein, daß ich noch in den Keller muß«, rief Albert aufspringend. »Adieu, Tobias, ein andermal – ich kann wahrhaftig nicht bleiben.« Und Albert setzte seinen Hut auf und entfernte sich eiligst, ohne sich an das Schmollen seines Wirtes und Gastfreundes zu kehren. Fünfunddreißigstes Kapitel Seit einigen Tagen war Helene von Grenwitz die Braut Sr. Durchlaucht des Fürsten Raimund von Waldernberg, Grafen von Malikowsky, Erbherr zu Letbus. Vorläufig allerdings im stillen, da es noch geraume Zeit brauchte, bis die Präliminarien des Bundes, der die durchlauchtige Familie Waldernberg mit der hochgeborenen Familie Grenwitz auf immer vereinigte, abgeschlossen waren, und überdies die öffentliche Feier der Verlobung in der Residenz stattfinden sollte, wohin der Fürst gleich nach Neujahr zu seinem Regiment zurückkehrte und auch die Eltern des Fürsten – die Mutter aus Petersburg, der Vater aus Paris – zu kommen versprochen hatten. So hatte die Baronin also ihr großes Ziel glücklich erreicht, und die triumphierende Freude darüber war ihr eine reichliche Entschädigung für alle Demütigungen und Enttäuschungen, für alle die in Sorge und Angst durchwachten Nächte der letzten Monate. Sie trug ihr Haupt so stolz wie nie zuvor. Verdankte sie doch alle Erfolge, die sie im Leben gehabt hatte, und so auch diesen letzten größten nur sich allein; verdankte sie doch nur ihrer Klugheit, Mäßigung, Umsicht und Schlauheit, daß sie aus einem simplen adligen Fräulein, das keinen Pfennig im Vermögen hatte, Baronin von Grenwitz und Schwiegermutter des Fürsten Waldernberg geworden war! Hatte sie doch ihr Leben lang nicht bloß mit den Verhältnissen, sondern mit den ihr zunächst stehenden Personen kämpfen müssen: mit ihrem schwachen, energielosen, für große Pläne unzugänglichen Gemahl, mit ihrer stolzen, eigenwilligen Tochter! Hatte sie doch für alle denken und sorgen, ihnen gleichsam das Glück aufnötigen müssen! Die Mienen der Beglückten freilich verrieten wenig oder nichts von innerer Freude und Erhebung; im Gegenteil, seitdem dies entscheidende Wort gesprochen, war ein Schleier von Verlegenheit, ja von Unmut über ihre Mienen gefallen. Des Fürsten dunkles Gesicht war noch um eine Schattierung dunkler geworden, und seine schwarzen Augen hingen oft mit einem eigentümlichen unerklärlichen Ausdruck an den schönen, stolzen Zügen seiner Verlobten, die auffallend blaß und still einherschritt und einer kalten Marmorstatue viel ähnlicher sah als einer glücklichen Braut. Indessen diese melancholische Stimmung schien gerechtfertigt durch die Sorge für den Vater, der schon lange gekränkelt hatte und nun mit einem Male sehr ernstlich krank wurde. In der Nacht, die dem Verlobungstage folgte, hatte der alte Herr wieder einen Gichtanfall bekommen, und die herbeigerufenen Ärzte erklärten sofort, daß sie diesmal für den Ausgang nicht stehen könnten. Seit dem Augenblick war Helene an das Schmerzenslager des Vaters gebannt, um so mehr, als er nur sie um sich sehen, nur aus ihren Händen die Medizin nehmen, nur von ihr sein Kissen geglättet haben wollte. Der frühe Winterabend begann hereinzubrechen. Auf der Straße, die mit hohem Schnee bedeckt war, herrschte tiefe Stille, die nur von Zeit zu Zeit durch die Klingel eines Schlittens unterbrochen wurde. Niemand war bei dem Kranken als Helene. Sie saß dicht an seinem Bett, hielt seine welke, in Fieber zuckende Hand in ihren warmen, weichen Händen und suchte, so gut es ging, seine immer größer werdende Unruhe zu beschwichtigen. Unterdessen wandelte die Baronin in dem halbdunkeln Salon des Erdgeschosses auf und nieder. Die Krankheit ihres Gemahls gab ihr viel zu denken. Wenn der alte Mann sterben sollte – und die Ärzte machten so sehr ernste Gesichter –, so mußte sich ihre Lage sehr wesentlich verändern, aber sie war im ganzen mit dieser Veränderung keineswegs unzufrieden. Freilich die Ersparnisse aus den Einkünften vom Majorat, die bis jetzt ihr und Helenen zugute gekommen waren und nach dem Tode des Barons bis zu Maltes mündigem Alter zum Kapital geschlagen wurden, gingen dann verloren; aber die Gesamtsumme dieser Ersparnisse belief sich jetzt schon auf mehrere hunderttausend Taler, alle in guten Papieren angelegt – eine kleine Summe, wenn man sie mit dem Majoratsvermögen verglich; aber immerhin genug, wenn man Stantow und Bärwalde, die beiden Güter aus dem Nachlasse Haralds, dazurechnete. In diesem Augenblick wurde der Baronin ein Brief gebracht. »Von Felix«, murmelte sie, einen Blick auf das Kuvert werfend, und sie trat an das Fenster. Der Brief, offenbar von der zitternden Hand eines Kranken mühsam geschrieben, lautete: Liebe Tante! Seit einigen Tagen geht es mit meinem Befinden so spottschlecht, daß, wenn dieser Brief in Ihre Hände gelangt, ich möglicherweise nicht mehr am Leben bin, kann man dies von Schmerz geplagte, gottverdammte Vegetieren überhaupt noch Leben nennen. Wie's aber auch kommt, es ist die höchste Zeit, daß ich Ihnen über die Timmsche Angelegenheit reinen Wein einschenke. Timm ist nicht, wie ich Ihnen gesagt habe, bereits abgefunden; er hat, bis das Legat Onkel Haralds verjährt ist, monatlich 400 Taler, und dann, wenn er bis dahin reinen Mund hält, weitere 6000 Taler zu fordern, die Sie ihm geben werden, wenn Sie nicht durch den Halunken in des Teufels Küche gebracht sein wollen. Pro Monat November habe ich ihm bereits 400 vor meiner Abreise von Sundin geschickt. Ich kann nicht weiter. Ihr treuer Felix. Die Baronin trat vom Fenster zurück, ging an den Kamin, legte den Brief auf die glühenden Kohlen und wartete bis die Flamme ihn erfaßt und verzehrt hatte. Dann schritt sie langsam in dem Zimmer, in dem es bereits zu dunkeln begann, auf und ab. Sie murmelte Verwünschungen gegen Felix, gegen Albert, gegen Oswald leise durch die Zähne. »Nicht einen Pfennig soll der Schuft haben, nicht einen roten Pfennig! Ich werde ihn zu mir kommen lassen und es ihm ins Gesicht sagen, und daß er sich hüten soll, noch ein einziges Wort – Was gibt's?« unterbrach sie sich, als der Bediente abermals ins Gemach kam. »Herr Geometer Timm wünscht in Geschäftsangelegenheiten seine Aufwartung zu machen.« Anna-Maria schrak zusammen. Dieses ungerufene Kommen des gefährlichen jungen Menschen sah wie eine Drohung aus. Sie hatte auf einmal alle Lust verloren, Herrn Timm ins Gesicht zu sagen, daß er nicht einen roten Pfennig von ihr zu erwarten habe. »Melden Sie Herrn Timm, ich ließe sehr bedauern, ihn nicht empfangen zu können; der Herr Baron sei gefährlich erkrankt!« »Das habe ich ihm schon gesagt, Frau Baronin; aber er meint, er müsse Sie in wichtigen Angelegenheiten sprechen und wolle Sie nur zwei Minuten aufhalten.« »So lassen Sie ihn kommen, aber – Sie können Licht bringen, Johann, und dann im Vorzimmer bleiben, im Fall ich etwas auszurichten hätte.« »Zu Befehl, Frau Baronin.« Gleich darauf trat, von dem Bedienten, der die Tür wieder hinter ihm schloß, hereingeführt, Albert Timm in das Zimmer. »Guten Tag, oder vielmehr guten Abend«, sagte der junge Mann, indem er sich der Baronin mit scheinbar vollkommener Unbefangenheit näherte, »ich bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn ich zu einer ungelegenen Zeit komme. Der alte Herr ist krank, höre ich? Hoffe, es wird nicht viel zu sagen haben; wäre wieder fortgegangen; aber ich habe Ihnen in der bewußten Angelegenheit eine neue wichtige Entdeckung mitzuteilen, die keinen Aufschub verstattet. Wollen wir uns indessen nicht setzen? Sie erlauben?« Und Herr Albert Timm schob mit einem Ruck der Baronin einen Lehnsessel hin und hatte sich in dem nächsten Augenblick in einen andern gesetzt. Anna-Maria war noch immer nicht mit sich einig, welches Benehmen sie gegen diesen Menschen annehmen sollte. Aber sie fühlte wohl, daß man so leicht mit Herrn Albert Timm nicht fertig werde. So nahm sie denn auf dem dargebotenen Sessel Platz und sagte in ihrem feierlichsten Ton: »Sie werden entschuldigen, wenn ich Sie unter den Ihnen schon vom Bedienten mitgeteilten traurigen Umständen ersuche, sich möglichst kurz zu fassen, Herr Geometer.« »Bitte, bitte«, sagte Albert, »ganz mein Fall; bin im Handumdrehen fertig. Die Sache ist die: Ganz zufällig, wie denn überhaupt der Zufall eine merkwürdige Rolle in dieser Angelegenheit spielt, habe ich in Erfahrung gebracht, daß zwei Personen noch existieren, die zu der Zeit, als Fräulein Marie Montbert in Grenwitz lebte, im Dienste des Baron Harald standen und von dem Herrn Baron mit seinem ganz besonderen Vertrauen beehrt wurden, besonders auch in die ganze Entführungsgeschichte vollkommen eingeweiht waren, und wie ich nicht zweifle, bereit sein würden, in einem etwaigen Erbschaftsprozeß vor dem Gericht als Zeugen aufzutreten. Die Aussagen dieser Personen würden um so schwerer ins Gewicht fallen, als sie beide sich nicht nur des besten Leumundes erfreuen, sondern schon durch ihre Lebensstellung besonderes Vertrauen erwecken. Die eine dieser Personen ist Küster in hiesiger Stadt, ein allgemein geachteter Mann; die andere – eine Frau – lebt in Berlin und ist trotz ihres hohen Alters noch immer in ihrem Berufe – der nebenbei ein halb ärztlicher ist – tätig. Wenn ich überhaupt je gezweifelt hätte, daß der bewußte junge Mann wirklich, ich meine, vor Gericht erweislich, der Sohn des seligen Baron Harald von Grenwitz sei, so würde dieser Zweifel nach diesen neuesten Entdeckungen vollkommen bei mir geschwunden sein, und ich glaube, Frau Baronin, daß Sie mir darin beistimmen werden.« »Darf ich Sie ersuchen, Herr Geometer, mir zu sagen, zu welchem Zwecke Sie mich mit diesen Mitteilungen beehren?« erwiderte die Baronin mit der Ruhe, die sie sich in Geschäftsverhandlungen zur unumstößlichen Pflicht gemacht hatte. »Recht gern, Frau Baronin; ich komme eigentlich nur deshalb, Sie wissen, daß man für einen Vogel in der Hand mehr fordern kann als für einen, der vorläufig noch auf dem Dache sitzt, und daß, wer ein Ding billiger verkauft, als es wert ist, gerechten Anspruch auf den Titel eines Narren hat. Nun kennen Sie die Bedingungen, unter denen ich Baron Felix versprochen habe, in der bewußten Erbschaftsangelegenheit reinen Mund zu halten –« »Verzeihen Sie, daß ich Sie unterbreche, Herr Geometer. Ich weiß nichts von solchen Bedingungen; ich habe meinem Neffen Auftrag gegeben, Sie, einzig und allein zu dem Zweck, uns vor Ihnen Ruhe zu verschaffen, durch irgendeine beliebige Summe abzufinden, und mein Neffe hat mir noch vor seiner Abreise die Versicherung gegeben, daß diese Angelegenheit definitiv erledigt ist. Ich muß sie also ein für allemal bitten, nicht wieder auf abgetane Sachen zurückzukommen und mich zu entschuldigen, wenn ich Sie heute nicht länger mehr bei mir sehen kann.« Die Baronin wollte sich erheben, als Albert mit einem so scharfen, schneidenden Tone sagte: »Bitte, behalten Sie noch einen Moment Platz, Frau Baronin!«, daß sie diesem Befehl halb aus Verwunderung und halb aus Furcht Folge leistete. »Ich habe es satt, länger mit mir spielen zu lassen«, fuhr Albert in demselben Tone fort. »Wenn Baron Felix Ihnen nicht gesagt hat, was wir untereinander abgemacht haben, so ist er einfach zu feig dazu gewesen. Übrigens kommt auch gar nichts darauf an, ob Sie die alte Verabredung kennen oder nicht, denn ich komme gerade deshalb, um Ihnen zu sagen, daß ich nach den neuesten Entdeckungen nicht länger gesonnen bin, Sie so leichten Kaufes loszulassen. Ich fordere jetzt rund und klar vierzigtausend Taler, zahlbar binnen hier und vierzehn Tagen und ersuche Sie, mir ebenso rund und klar zu antworten, ob Sie zahlen wollen oder nicht.« »Diese Unverschämtheit geht zu weit«, sagte Anna-Maria, sich von ihrem Sitz erhebend und nach der Schelle greifend, die neben ihr auf dem Tische stand. »Lassen Sie das Ding stehen«, sagte Albert, »das Klingling könnte Ihnen teuer zu stehen kommen. Bedenken Sie wohl, was Sie tun! Wenn wir aufhören, gute Freunde zu sein, so gibt's einen Kampf auf Tod und Leben; und seien Sie versichert, Albert Timm gibt keinen Pardon. Noch einmal: Wollen Sie zahlen oder nicht?« In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet. Der Bediente trat mit zwei brennenden Armleuchtern herein, dicht hinter ihm kam der Fürst. Der Bediente stellte die Leuchter auf den Tisch und entfernte sich; der Fürst bemerkte erst, als er das halbe Zimmer schon durchschritten hatte, daß außer der Baronin noch jemand da war. »Ah pardon, Madame«, sagte er, »ich glaubte von dem Bedienten zu vernehmen, daß Sie allein seien. Befehlen Sie, daß ich mich wieder entferne?« »Nicht doch, mein Fürst«, erwiderte Anna-Maria, »ich habe mit dem jungen Menschen nichts mehr zu reden«, und sie machte gegen Albert eine Handbewegung, die ausdrücken sollte, daß er entlassen sei. Albert Timm wedelte mit dem Hut, den er in den auf den Rücken gelegten Händen hielt und sagte, den einen Fuß ein wenig vorstreckend: »Es scheint mir, gnädige Frau, Sie wollen, daß ich meine letzte Frage in Gegenwart dieses Herrn wiederhole?« »Wer ist der junge Mensch?« fragte der Fürst, einigermaßen verwundert über Alberts Benehmen und das aufgeregte Wesen der Baronin. »Ein Mensch«, antwortete diese, »der uns seit einiger Zeit unter dem Vorwande, im Besitz von Gott weiß welchen Familiengeheimnissen zu sein, mit unverschämten Forderungen verfolgt, so daß ich mich wohl genötigt sehen werde, die Polizei gegen ihn in Anspruch zu nehmen.« Der Fürst blickte Albert aus seiner stattlichen Höhe herab von oben bis unten an, ging dann langsam nach dem Tisch, nahm das silberne Glöckchen und schellte. Der Bediente trat sofort herein. »Führen Sie diesen Menschen hinaus!« sagte der Fürst. Der Bediente war über diesen Befehl so erstaunt, daß er nicht wußte, ob er recht gehört hatte oder nicht. Er blickte mit einem verlegenen Gesicht von dem Fürsten auf Herrn Albert Timm, der noch immer, mit dem Hute wedelnd, ruhig dastand; von Herrn Albert Timm auf den Fürsten. »Haben Sie nicht gehört«, sagte dieser letztere, die schwarzen Brauen drohend zusammenziehend. Der Mann trat einen Schritt auf Timm zu. »Ich will Ihnen die unangenehme Alternative, von mir die Nase eingeschlagen zu bekommen oder aus dem Dienst gejagt zu werden, ersparen, guter Freund«, sagte Albert, »und deshalb selber gehen. Was Sie anbetrifft, Frau Baronin, so sprechen wir uns in kurzer Zeit wieder, aber aus einem andern Ton; und was Sie angeht, junger Mensch , so möchte ich Ihnen den guten Rat geben, sich künftig nicht in Angelegenheiten zu mischen, die Sie trotz der pompösen Airs, die Sie sich geben, durchaus nichts angehen.« Der Fürst machte eine Bewegung nach seiner linken Seite hin. Glücklicherweise hatte er den Degen im Vorzimmer abgelegt. Albert aber wartete weitere Entschließungen des Schwergereizten nicht ab, sondern verließ mit einer spöttischen Verbeugung das Gemach. Der Fürst sah ganz verblüfft drein, die Baronin blickte verlegen zu Boden. »So etwas könnte bei uns in Rußland nicht vorkommen«, sagte der Fürst. »Ich bedaure, daß Sie der Zufall zum Zeugen einer so unangenehmen Szene gemacht hat«, sagte die Baronin. In diesem Augenblick kam der Bediente schreckensbleich wieder ins Zimmer gestürzt und rief atemlos: »Gnädige Frau, kommen Sie geschwind, der gnädige Herr liegt im Sterben!« »O mon Dieu!« rief die Baronin. »Wo ist meine Tochter?« »Fassung, Madame, Fassung!« sagte der Fürst. »Ertragen Sie, was ertragen werden muß! Wollen Sie sich auf meinen Arm stützen? Sie da, leuchten Sie uns!« Sechsunddreißigstes Kapitel Um dieselbe Zeit waren in der Konditorei neben der Hauptwache am Markt – dem Versammlungsorte der Sundiner jeunesse dorée – zwei Herren eifrig am Billardtische. Die beiden Herren waren von Barnewitz und von Cloten. Von Cloten, der in allen Künsten sich auszeichnete, die keinen guten Kopf, sondern nur ein scharfes Auge und eine sichere Hand erfordern, hatte seinem Gegner alle Partien abgenommen und war in einer ebenso vortrefflichen Stimmung, als der andere ärgerlich dreinschaute. »Noch eine, Barnewitz?« sagte Cloten triumphierend, als er eben die zwölfte Partie mit einem glänzenden Ball beendigt hatte. »Danke!« sagte Barnewitz, seine Queue auf das Billard werfend, »bin heute nicht in der rechten Stimmung, kann überhaupt bei dem verdammten Zwielicht nicht gut spielen.« »Wollen uns die Lampen anstecken lassen.« »Nein, danke! Ein andermal! Kannst mir morgen vormittag Revanche geben.« Cloten legte jetzt seine Queue ebenfalls hin, trat vor den Spiegel und drehte sich den blonden Schnurrbart, während Barnewitz sich auf ein Sofa warf und gähnte. »'s ist verdammt langweilig«, sagte er; »man weiß doch bei Gott nicht, wie man den Nachmittag hinbringen soll.« »Wollen spazierengehen.« »Bei der Hundekälte?« »Partie Pikett?« »Ist auch langweilig.« »'ne Flasche Rotspon?« »Geht schon eher.« »Ernst! Eine Flasche Pichon und Licht!« Der Kellner bracht, das Verlangte. Cloten warf sich Barnewitz gegenüber in einen Lehnstuhl und streckte die Beine von sich. »Nun?« »Nun?« »Weißt du nichts?« »Nein; du?« »Nein.« Eine lange Pause trat ein, während deren die Herren schweigend ihren Wein schlürften und ihre Zigarren rauchten. »Wie geht's deiner Frau, Cloten?« fragte von Barnewitz plötzlich. »Danke, gut; weshalb?« erwiderte Cloten, über diese brüske Frage nicht wenig verwundert. »Nun, man wird doch nach deiner Frau fragen dürfen; oder ist auch das nicht einmal erlaubt?« »Allerdings, aber wie kommst du darauf?« »Weil sie in den letzten Tagen so außerordentlich liebenswürdig war.« »Ist das etwas so Merkwürdiges?« fragte Cloten, nicht ohne einige Verlegenheit seinen Schnurrbart drehend. »Gewiß; denn sie hatte die Zeit vorher alle, dich nicht ausgenommen, so schauderhaft traktiert, daß man über diesen plötzlichen Wechsel einigermaßen erstaunt sein durfte. Übrigens ist's nicht mir allein aufgefallen, alle Welt spricht darüber.« »Die Welt sollte sich doch nur an ihre eigene Nase fassen«, sagte Cloten, mit vor Ärger zitternder Hand sein Glas füllend. »Gewiß; aber sie tut's nun einmal nicht.« »Der Teufel soll sie holen.« »Meinetwegen; aber wenn du lieber von etwas anderem sprechen willst, mir ist 's recht. Ich dachte nur, daß ich als dein ältester Freund die Pflicht hätte, dich auf gewisse Dinge aufmerksam zu machen.« »Nun, so komm endlich einmal heraus mit der Sprache, was soll's, was gibt's?« »Ich werde mich wohl hüten, wenn du bei dem ersten Worte schon in eine so verteufelte Aufregung gerätst.« »Ich bin nicht aufgeregt«, rief Cloten und stieß sein Glas auf den Tisch, daß der Fuß abbrach und der Wein auf die Platte strömte. »Du bist ein wunderlicher Mensch«, sagte Barnewitz. »Warte doch, bis du Ursache hast, dich zu ereifern. Was ist's denn bis jetzt? Man erzählt sich, daß ihr nicht gerade Seide miteinander spinnt, daß deine Frau ihre eigenen Wege geht, daß ihr euch manchmal zankt, und so weiter!« »Wer erzählt sich das?« »Alle Welt.« »Und was glaubst du davon?« Barnewitz zuckte die Achseln. »Ich möchte dir nicht gern weh tun, Arthur; aber leugnen kann ich's nicht, daß mir das Betragen deiner Frau höchst verdächtig vorkommt. Es scheint mir, wie so ziemlich unserm ganzen Kreise unzweifelhaft, daß sie irgendein Verhältnis hat, und ich glaube auch, daß ich in Beziehung auf die Person die richtige Fährte habe.« »Ich beschwöre dich, daß du mir alles sagst, was du weißt«, sagte Cloten mit pathetischer Gebärde. »Erinnerst du dich der Gesellschaft, die ich im Sommer gab? Aber, was solltest du nicht; wir wollten uns ja damals gegenseitig die Köpfe einschlagen! Nun, schon auf dieser Gesellschaft hat deine Frau mit dem verdammten Bengel, dem Doktor Stein, auf eine Weise kokettiert, daß es allen auffiel, auch mir. Ich hatte die Sache indessen vollkommen vergessen, bis ich gestern wieder daran erinnert wurde. Ich war gestern, wie du dich erinnerst, früher von Stilows weggegangen, weil mir, offen gestanden, der Wein zu schlecht war und ich großen Durst hatte. So geriet ich denn in den Ratskeller, wo die Gesellschaft freilich gemein genug, der Wein aber vortrefflich ist. Es saßen so ein Dutzend Menschen: Literaten, Schauspieler und sonstiges Gesindel um einen Tisch, unter ihnen unser alter Bekannter, der Feldmesser Timm, der das große Wort führte. Ich setzte mich in einiger Entfernung, ließ mir ein paar Dutzend Austern und eine Flasche Champagner geben und hörte zu, weil ich wohl zuhören mußte. Sie sprachen Gott weiß was für verrücktes Zeug, von dem ich kein Wort verstand und wollte eben einnicken, als plötzlich dein Name genannt wurde, oder vielmehr nicht dein Name, sondern der deiner Frau. Natürlich war ich sofort wieder hell wach. – ›Wer ist das?‹ fragte einer. ›Eine ganz famose Person‹, sagte Timm. – ›Nun, und die poussiert Freund Stein?‹ – ›So ist es.‹ – ›Ein verteufelter Kerl, dieser Stein. Wie ist er denn an die gekommen?‹ – ›Das ist eine lange Geschichte‹, sagte Timm, und nun steckten sie die Köpfe zusammen und sprachen so leise, daß ich das übrige nicht verstehen konnte. Jedenfalls lachten sie dabei wie toll, und ich hatte große Lust, ihnen meine Flasche an die Köpfe zu werfen.« »Weshalb hast du's nicht getan?« fragte Cloten. »Ich fange in einem fremden Lokal nicht gerne Skandal an; es ist mir zu oft schlecht bekommen«, erwiderte Barnewitz, sich den Rest in sein Glas gießend. Eine Pause entstand, die Cloten mit den in heftigem Ton ausgestoßenen Worten unterbrach: »Ich glaube kein Wort von alledem!« Barnewitz zuckte die Achseln. »Es ist auch das Beste, was du tun kannst.« »Ich verbitte mir dergleichen!« rief Cloten auffahrend. »Ich sage nichts, als was die Welt sagt«, erwiderte Barnewitz, sein Glas behaglich schlürfend. »Du meinst, über dich sagt die Welt nichts?« fragte Cloten höhnisch. »Was sagt die Welt von mir?« rief Barnewitz, jetzt ebenfalls aufspringend. »Der Teufel soll den holen, der es wagt – und ich dächte, du hättest vor allen Grund, deinen Mund zu halten.« »Grund oder nicht, ich sehe nicht ein, weshalb ich nicht ebensogut sprechen darf wie du.« »Du!« sagte Barnewitz, die Hände in die Taschen steckend, mit höhnischem Grinsen. »Du denkst wohl Wunder, welches Glück du bei den Damen machst.« Die Herren waren gezwungen, ihren Wortwechsel abzubrechen, denn gerade jetzt wurde die Tür zum Billardzimmer geöffnet und der Konsistorialrat Jäger, nachdem er durch seine runden Brillengläser einen vorsichtigen Blick hineingeworfen, schlich in das Gemach. Auf des Herrn blassem Gesicht trat heute das stereotype Lächeln mit den heruntergezogenen Mundwinkeln um so mehr hervor, als er sich offenbar Mühe gab, die Stirn in die ernstesten Falten zu legen und durch die runden Brillengläser möglichst melancholisch dreinzuschauen. So näherte er sich den beiden Edelleuten, machte ihnen eine sehr verbindliche Verbeugung und sagte: »Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn ich die Herren störe, indessen –« »Kommen Sie her«, sagte Barnewitz, der sehr froh über diese Störung war, »trinken Sie ein Glas Pichon mit; Kellner, noch eine –« »Bitte, bitte, danke ergebenst, bedaure nochmals unendlich, daß ich die Herren in diesem gemütlichen Plauderstündchen unterbreche, indessen ich hörte in Ihrem Hause, Herr von Cloten, daß ich Sie hier finden würde, und eine Sache von Wichtigkeit, die ich Ihnen mitzuteilen habe –« »Genieren sich die Herren nicht«, sagte Barnewitz, »ich gehe so lange ins Lesezimmer.« »Bitte, bitte – ich habe nur drei Worte –« »Na, immerzu, ruft mich nur, wenn ihr fertig seid.« Mit diesen Worten ging Barnewitz in das Nebengemach, wo er, die Ellenbogen auf den Tisch und das Haupt in die Hände gestemmt, sich in die Lektüre des Sundiner Amtsblattes vertiefte. Er war kaum fort, als Jäger sich zu Cloten wandte und in geheimnisvollem Flüstertone sagte: »Herr von Cloten, ich habe Ihnen eine Nachricht mitzuteilen, die Sie erschrecken wird.« Cloten wurde blaß und trat einen Schritt zurück. Sein erster Gedanke war, daß sein Pferdestall in Brand geraten und Arabella und Macdonald, seine beiden Vollblutpferde, ein Raub der Flammen geworden. Aber der Konsistorialrat ließ ihn nicht lange in dieser schrecklichen Ungewißheit, sondern sagte mit hohler Stimme, die Mundwinkel so tief herunterziehend, daß sie unter dem Kinn wieder zusammenzustoßen schienen: »Ihre Frau Gemahlin –« »Ha!« rief Cloten. »Was soll's, was gibt's?« »Ich weiß es nicht«, erwiderte Jäger, »aber ich fürchte Schlimmes. Sehen Sie dieses Blatt? Ich hab es soeben auf dem Schreibtisch meiner Frau gefunden – doch bevor ich Ihnen, was auf dem Blatte steht, vorlese, schwören Sie mir, daß Sie nie sagen wollen, von wem diese Nachricht ursprünglich stammt.« »Ich schwöre, was Sie wollen«, sagte Cloten, »was hat's mit dem Blatt auf sich?« »Gleich, gleich, lassen Sie mich nur erst sagen, daß seit einigen Monaten eine Freundschaft zwischen Ihrer Frau Gemahlin und meiner Frau entstanden war, deren Intimität mich einigermaßen in Verwunderung setzte, besonders nachdem ich bemerkt hatte, daß sich zu diesen Zusammenkünften, die rein poetische Zwecke verfolgen sollten – Sie wissen, Herr von Cloten, daß meine Frau Direktrice des lyrischen Kränzchens ist –, stets, oder doch wenigstens sehr oft, eine dritte Persönlichkeit gesellte, gegen die ich, offen gestanden, von früher schon eine unüberwindliche Antipathie hatte. Diese Persönlichkeit ist –« »Der Doktor Stein, weiß schon, weiter«, sagte Cloten mit atemloser Hast. »Sie wissen schon – in der Tat«, sagte Herr Jäger mit einem Lächeln, das unheimlich hinter den Brillengläsern hervorglitzerte, »Oh, so ist mir ja der schwerste Teil meiner Mitteilungen erspart. Nun, Herr von Cloten, wenn Sie es bereits wissen, will ich nicht weiter erwähnen, wie in meine ahnungslose Seele der erste Feuerfunke des Verdachtes fiel, wie dieser Funke durch mancherlei höchst eigentümliche Beobachtungen zur Flamme angeschürt wurde, die mein Herz, das für das Glück meiner Brüder schlägt« – hier legte der Konsistorialrat die schwarzbehandschuhte Hand auf die linke Brust – »zu verzehren drohte. Meiner Frau den Umgang mit der betreffenden Persönlichkeit zu verbieten, wagte ich nicht. Sie wissen, Herr von Cloten, Dichtergemüter sind exaltiert, und der ästhetische Standpunkt –« »Aber ich bitte Sie, kommen Sie zur Sache«, rief Cloten, »was steht denn auf dem Blatte?« »Sehen Sie!« sagte Jäger, das Papier auseinanderfallend. »Es ist das Konzept eines Gedichtes, das ich, noch naß, auf dem Schreibtisch meiner Frau, die, wie mir das Mädchen sagte, einen Besuch zu machen ausgegangen war, soeben fand. Darf ich es Ihnen lesen?« »Ja, in des Teufels Namen«, rief Cloten, »obgleich ich nicht begreife –« »Sie werden es sofort«, erwiderte der andere, rückte sich seine Brille zurecht, schob das Licht etwas näher und las mit halblauter, schnurrender Stimme, während ihm der junge Edelmann über die Achsel auf das Papier sah: »Sundin, den zehnten Dezember 1847 – Sie sehen, das Datum stimmt genau. Ins Album einer Fliehenden Du fliehst! – Es leuchten die funkelnden Sterne Bei der sausenden Jagd durch kimmerische Nacht; Du fliehst! Und ach, es folgte dir gerne, Die so treu deine heimliche Liebe bewacht! Doch die eh'lichen Ketten, die harten, die kalten, Mich fest auf dem Lager, dem freudlosen, halten – Du fliehst – ich bleib in kimmerischer Nacht. Sie sehen diese poetischen Übertreibungen einer sonst so keuschen, liebevollen Seele«, sagte Herr Jäger, der die letzten Verse mit etwas unsicherer Stimme gelesen hatte. »Weiter, weiter«, rief Cloten. Der andere fuhr fort.         »Du fliehst! Es blitzen die schnee'gen Gefilde Es donnert der Huf auf der Fläche von Eis, Es schreckt dich die Nacht nicht, die schaurige, wilde, Es lockt dich der Liebe unendlicher Preis. Du fliehst! Und mit Recht, was soll denn die Stolze, Die Schöne beim Gatten, der Puppe aus Holze Und Leder? Was soll ihr ein Lager von Eis!« »Das geht auf mich!« sagte Cloten vor Wut mit den Zähnen knirschend. »Ohne Zweifel, ohne Zweifel«, erwiderte der Konsistorialrat, »aber hören Sie weiter!        Du fliehst! Und drüben am felsigen Strande, Im Häuschen der Amme, so traut und so klein, Da fallen die schweren, die fesselnden Bande, Da nennst du ihn dein, da nennt er dich sein. Da stürzen die feurigen Bäche zusammen, Da lohen zum Himmel die sprühenden Flammen, In der Kammer der Alten, so nieder und klein. Du fliehst! Doch ach! nicht dort ist der Hafen; Zu nah ist der Späher; sein Auge, es wacht; Wollt ihr selig den Schlaf der Vergessenheit schlafen, Flieht, bis ein milderer Himmel euch lacht! Flieht bis zur »Seine« geweihetem Strome, Wo »Notre-Dame« vom heiligen Dome Mit Mutteraug' über Liebende wacht.« Der Konsistorialrat faltete das Blatt zusammen, schob es wieder in die Tasche und sagte: »Dieses Gedicht machte mich, der ich die Dichtweise meiner Gattin kenne und weiß, daß sie ihre Stoffe gern aus dem Leben nimmt, sehr bestürzt. Wie erschrak ich aber, als ich, von dem Vorrechte des Gatten Gebrauch machend und weiter zwischen den umhergestreuten Papieren kramend, dies Zettelchen fand« – hier faßte er in die Westentasche –, »kennen Sie diese Handschrift, Herr von Cloten?« »Es ist die Hand meiner Frau!« rief der junge Edelmann, einen Blick auf das Papier werfend: »Es bleibt bei der Verabredung, liebe Primula! Alles ist bereit. Rendezvous drüben bei der Lemberg. Morgen um diese Zeit liegt eine Welt zwischen uns. Werde ich Sie noch einmal umarmen? Ich bin bis drei Uhr zu Haus. Gern, sehr gern sähe ich Sie – aber dürfen Sie es wagen, ohne Verdacht auf sich zu lenken? Ich überlasse es Ihnen. Adieu, adieu, Teuerste! Noch heute frei! Oh, ich kann den Gedanken nicht fassen. Adieu! Tausendmal adieu!« – »Himmelhöllenelement!« rief Cloten, das Papier in der Hand zerknitternd und in die Tasche steckend. »Jetzt wird mir alles klar. Wußte ich doch gar nicht, was dies ewige Besuchen der alten Person in Fährdorf zu bedeuten hatte! Aber ich will ihnen das Spiel verderben; ich will –« Da Herr von Cloten in diesem Augenblick so recht eigentlich noch nicht wußte, was er wollte, schwieg er und lief wie ein von heftigen Zahnschmerzen Geplagter im Zimmer auf und ab. Der andere betrachtete ihn, den Kopf auf die rechte Schulter geneigt und die Hände aneinanderlegend, durch seine runden Brillengläser wie eine Eule das Flattern eines Gimpels, der sich auf einer Leimrute gefangen hat. »Sie können nicht glauben, teuerster Herr von Cloten«, sagte er, »wie tief meine Seele über dies alles betrübt ist, und glauben Sie, ich hätte gewiß geschwiegen, wenn es nicht eines guten Schäfers Pflicht wäre, das Lamm aus dem Rachen des Wolfes zu reißen. Denn ein Wolf ist dieser Mensch. Ich habe ihn vom ersten Augenblick als solchen erkannt; aber man wollte ja nicht auf mich hören. Jetzt kommt es an den Tag. Noch diesen Morgen war der Kanonikus Schwarz, einer der Scholarchen des Gymnasiums, bei mir und erzählte mir, daß auf Antrag des Direktor Klemens bereits eine Disziplinaruntersuchung gegen den entsetzlichen Menschen eingeleitet sei, deren Resultat ohne allen Zweifel die Entlassung, seine schimpfliche Entlassung zur Folge haben werde; und während ich noch überlege, wie man am besten, am schlagendsten dokumentieren könne, daß man den Wolf in Schafskleidern wohl erkannt habe, muß mir eben jetzt der Zufall diese Papiere in die Hände spielen, die den klarsten Beweis liefern, daß alles Schlimmste, was man diesem Menschen nachsagte, noch immer nicht schlimm genug war. Ich wußte vom ersten Augenblick an, was die Pflicht mir gebot. Sicher, daß meine Gattin nie erfahren werde, wie ich sie sozusagen in dieser Sache bloßgestellt habe; der Diskretion eines Edelmanns gewiß, eilte ich –« »Ich muß Barnewitz mit ins Vertrauen ziehen«, rief plötzlich Cloten; und er machte eine Bewegung nach dem Zimmer, wohin sich Barnewitz zurückgezogen hatte. »Um Gott, Herr von Cloten«, rief der Erschrockene, »wollen Sie mich unglücklich machen? Bedenken Sie, Sie haben geschworen, mich und meine Frau nicht zu verraten –« »Dummes Zeug«, sagte Cloten, »Sie wollen doch nicht, daß ich allein mich auf eine solche verdammte Geschichte – Barnewitz!« »Was gibt's?« sagte der Gerufene, von seinem Amtsblatt aufschauend. »Komm einmal her! Ich habe dir etwas Wichtiges mitzuteilen.« Barnewitz kam, und Cloten erzählte ihm mit fliegenden Worten, um was es sich handle, während Jäger, sich verlegen die Hände reibend, danebenstand. »Es ist kein Zweifel«, schloß Cloten, »ich will's nur gestehen, ich habe auch schon einen ähnlichen Verdacht gehabt; freilich auf den Halunken, den Stein, wäre ich nicht gefallen. Aber es trifft alles ein. Ich weiß, daß sie heute wieder nach Fährdorf hinüber wollte, und jetzt fällt mir ein, daß sie ganz gegen ihre Gewohnheit ausdrücklich sagte, sie würde vor Abend nicht zurückkommen; und da du nun gestern abend auch – oh, es ist kein Zweifel, kein Zweifel! Was soll ich tun? Was soll ich tun?« – und der junge Mann schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn. »Was du tun sollst?« sagte Barnewitz. »Sie laufen lassen, wohin sie will.« »Verzeihen Sie«, sagte der Konsistorialrat, »das würde einen ungeheuren Skandal geben, dem jetzt, meiner Meinung nach, durch energisches Handeln noch vorgebeugt werden kann.« »Der Herr hat recht«, sagte Cloten, »wir dürfen sie nicht weglassen; aber ich allein – willst du mir helfen, Barnewitz?« »Avec plaisir«, antwortete Barnewitz, »ich habe so stets eine Pike auf den Bengel gehabt.« »Aber periculum in mora, meine Herren. Sie müssen sich sofort auf den Weg machen«, sagte der Konsistorialrat. »Das wollen wir«, sagte Cloten, »komm, Barnewitz, ich kann dir unterwegs mitteilen, was ich für einen Plan entworfen habe. Der Konsistorialrat begleitet uns noch ein Streckchen.« »Recht gern, recht gern«, erwiderte er. »Meine Zeit ist freilich beschränkt, sehr beschränkt. Ah – zu dieser Tür hinaus; bitte, bitte, gehen Sie voran!« Und die drei Herren verließen eiligst das Lokal. Siebenunddreißigstes Kapitel Die breite Eisfläche zwischen dem Festlande und der Insel war seit Wochen schon eine ungeheure Brücke. Man hatte beinahe vergessen, daß der Fuß auf gefrorenes Wasser trat und der Huf des Pferdes so laut an die Tür über dem Abgrunde pochte. Was sollte man auch fürchten, wenn man die dicken Blöcke sah, welche die Fischer zur Warnung um die für die Fische ausgehauenen großen Löcher stellen, vorausgesetzt, daß man nicht unvorsichtigerweise hineinlief oder -fuhr, was doch am Tage kaum möglich war. Und solange nur die schrägen Wintersonnenstrahlen auf dem blanken Eise glitzern, das rechts und links von der Stadt meilenweit den Sund bedeckt, wimmelt es auf »der Bahn« von Fußgängern und Schlitten, die meistens mit einem, oft aber auch mit zweien und gar nicht selten mit vier Pferden bespannt sind. Wenn aber die Sonne untergegangen ist, wenn dann die Nebel anfangen, dichter zu wallen, wird der schwarze bewegliche Faden, der sich den Tag über von der Stadt nach dem Fährdorfe zog, dünner und dünner. Die Fischer, die meilenweit draußen in den Waken gefischt haben, kommen auf ihren niedrigen Schlitten herein. Aufrecht auf diesen Schlitten stehend, die sie mit einer langen, unten mit einer eisernen Spitze versehenen Stange forttreiben, huschen sie mit wunderbarer Geschwindigkeit, einer hinter dem andern, durch den grauen Nebel, anzuschauen wie Gespenster der Öde, wie Geister des Nordlands. Und jetzt leuchten hüben und drüben Lichter auf, vereinzelt von der Insel her, auf der Stadtseite häufiger und weiterhin sichtbar; und jetzt beginnen auch die Sterne, die vorher nur hier und da aus dem Abendhimmel herabschauten, in Masse zu glänzen und zu funkeln und zu schimmern, daß sich das Auge nicht satt sehen kann an dieser Pracht. Aber es achtet niemand darauf. Der schwarze bewegliche Faden ist verschwunden, nur hier und da noch ein verspäteter Wanderer, der seine Schritte beschleunigt, obgleich er weiß, daß ihm kein Unglück passieren kann, wenn er sich auf der Bahn hält; oder ein einspänniger Schlitten wie sie zur Vermittelung des Verkehrs von Fischern und Fährleuten in großer Anzahl während des Winters ausgerüstet und vom Publikum eifrigst benutzt werden. Ein solcher Schlitten fuhr jetzt eben in schnellem Trabe durch den Abend dahin, der mit jedem Augenblick dunkler und nebliger auf die Eisfelder herabsank. In dem Schlitten saß außer dem Fuhrmann nur noch ein Passagier, der eine Pelzmütze tief in das Gesicht gedrückt und den Mantelkragen hoch heraufgeschlagen hatte. Solange sie in der Nähe des Hafens noch heimkehrenden Schlitten und Fußgängern begegneten, wurde zwischen dem Fuhrmann und seinem Passagier kein Wort gewechselt; als sie aber draußen hinauskamen auf die weite Eiswüste, die Lichter der Stadt hinter ihnen im Nebel verdämmerten und der Hufschlag des krausmähnigen Kleppers dumpfer ertönte, richtete sich der Herr aus seiner Ecke auf und sagte: »Alles in Ordnung, Claus?« »Alles, Herr«, erwiderte der Bursche, sich halb auf seinem Sitze umwendend. »Hast du von deinem Vetter Nachricht?« »Ich bin gestern selbst noch einmal da gewesen; er wird Schlag fünf bei Barow am Strande halten. Er nimmt seine beiden besten Pferde. Sie können damit in einem Trabe bis morgen um diese Zeit fahren.« »So viel braucht's gar nicht. Du kennst doch die Bahn bis Barow?« »Ob ich sie kenne! Ich bin alle Tage herüber gewesen. Aber ich möchte einem, der keinen Bescheid weiß, nicht raten, nach der Seite zu fahren.« »Weshalb?« »Die Barower haben Wake bei Wake ins Eis gehauen, und wo sie aufhören, fangen unsere Fährschen an. Man hat rechts und links immer blankes Wasser neben sich. Hü, Foß!« Der Klepper beschleunigte sein Tempo, und die beiden Männer versanken in Schweigen. Beide spähten und horchten in die Nacht hinein, aber mit sehr verschiedenen Empfindungen. Für Claus Lemberg war das Ganze ein vergnügliches Abenteuer, das ihm ungemein zusagte, da es seine starken Nerven auf wohltuende Weise anregte und diejenigen Eigenschaften seines Charakters, auf die er am meisten Gewicht legte: Mut und Verschlagenheit, zur Geltung brachte. Der andere war sich bewußt, einen Schritt zu tun, der über sein Schicksal und über das Schicksal eines anderen Wesens entscheiden mußte, einer Frau, die sich durch ihre hingebende, aufopfernde Liebe Anspruch auf seine Liebe erworben hatte, die Rang und Reichtum – jeden Vorzug ihrer Geburt und ihres Standes von sich geworfen hatte, um ihm, nur ihm zu gehören, und die dort drüben, von wo jetzt die Lichter herüberzuschimmern begannen, voll Angst und Sorge seiner harrte. Und so war denn auch sein Herz voll schwerer Sorge. Er hatte die Brücke hinter sich abgebrochen; er eilte in eine Zukunft hinein, die so schwarz war wie die Nacht, die ihn umgab, aber bei weitem nicht so voll heller, funkelnder Sterne. Doch gleichviel – der Würfel ist geworfen; zurück geht's nicht mehr, so denn vorwärts, vorwärts. – »Was ist das! Ist das nicht ein Schlitten, der hinter uns her kommt?« Oswald richtete sich halb in die Höhe und lauschte, aber Claus' scharfes Ohr hatte schon die Richtung erfaßt, aus welcher der Schall kam. »Es ist ein zweispänniger Schlitten von drüben«, sagte er, etwas rechts aus der Bahn biegend, »die Pferde greifen gut aus; gleich werden wir dran sein.« Fast unmittelbar darauf sahen sie auch schon den Schlitten – eine dunkle Masse, die durch die Nacht blitzschnell dahinglitt. Als sie aneinander vorüberkamen, fragte eine Stimme: »Wir sind doch auf der Bahn?« »Nur immer zu!« war Claus' Antwort. »Und das Eis hält für zwei Pferde?« »Auch für vier.« »Danke!« »Keine Ursach'!« Und die Schlitten setzten sich wieder in rasche Bewegung. »Sonderbar«, murmelte Oswald, »mir war, als ob ich Oldenburgs Stimme gehört hätte. Welch wunderliche Streiche einem die Phantasie doch spielt.« Die noch übrige Strecke bis Fährdorf wurde wieder schweigend zurückgelegt. In wenigen Minuten langten sie an. Aus den Häuserchen oben auf dem Uferrande schimmerten Lichter. Unten an der Fährbrücke, wo das Gasthaus steht, ging es noch lebhaft zu. Die Fenster waren erleuchtet; Musik ertönte; Schlitten standen vor der Tür. Claus hielt; Oswald stieg aus. »Ich fahre am Strande hin, bis zu unserem Hause«, sagte Claus, »und warte, bis Sie kommen. Aber eilen Sie sich. In einer halben Stunde geht der Mond auf.« »Hab keine Sorge. Wir wollen dich nicht warten lassen.« Oswald ging an dem Gasthause vorüber die steile Dorfstraße hinauf, bog dann links ab und eilte an den kleinen Häusern, die hart am Rande des Ufers erbaut sind, dahin, bis er an das letzte kam. Durch eine Ritze des Ladens, mit dem das niedere Fenster verschlossen war, dämmerte ein schwaches Licht. Oswald pochte dreimal in bestimmten Zwischenräumen an den Laden. Gleich darauf wurde die Tür vorsichtig geöffnet. Oswald schlüpfte hinein. Auf dem Flur stand eine alte, hochgewachsene, starkknochige Frau, mit einem Licht in der Hand; neben ihr eine junge schlanke Gestalt, die sich Oswald, sobald er eingetreten war, in die Arme stürzte: »Kommst du endlich?« »Ich komme auf die Minute.« »Gleichviel; ich bin fast gestorbene vor Ungeduld.« »Ist alles bereit?« »Ja.« »Hat dich jemand gesehen, als du fortfuhrst?« »Niemand, außer der Jägerin. Sie wollte mich durchaus herüberbegleiten; ich konnte es ihr nicht ausreden. Sie ist drinnen im Zimmer.« »Die tolle Person.« »Schilt sie nicht, wir sind ihr viel Dank schuldig; sei freundlich zu ihr.« »Sie wird die Verfolger auf unsere Spur bringen.« »Ich fürchte nichts. Cloten ist ganz sicher. Ich habe ihm gesagt, daß ich vor Abend nicht wieder zurückkäme.« Emilie zog Oswald in das niedere Stübchen, wo Primula an dem Tisch stand und Tee machte. Sobald sie Oswald erblickte, eilte sie in seine Arme. »Oswald«, rief sie, »dies ist der letzte Augenblick! Noch eine Tasse Tee mit Rum, dann sei's geschieden, kühn und ohne Wanken!« »Die Augenblicke sind kostbar«, sagte Oswald, sich aus der Umarmung Primulas losmachend. »Wir müssen fort, Emilie.« »Nicht, ohne vorher diesen Trank geschlürft zu haben«, sagte Primula, den Tee in die Tasse gießend. »Sie wissen, Oswald, draußen ist's kalt, und bei dieser Nachtluft frieren auch wir, wir ewigen Götter.« Primulas Versuch, scherzhaft zu sein, mißglückte, Tränen erstickten ihre Stimme; sie setzte sich auf einen Schemel, drückte, die Hände vor das Gesicht und schluchzte. Aber schon im nächsten Augenblicke sprang sie wieder empor. »Keine weibische Schwäche, Primula!« rief sie, »Hier heißt es, stark sein. Trinkt, meine Freunde, trinkt, und dann hinaus in die dunkle Nacht und das sterneglänzende Leben!« »Komm, Oswald«, sagte Emilie, die schon reisefertig dastand, »die Jägerin hat recht; eine Tasse Tee kann uns nicht schaden; auf ein paar Minuten kommt es nicht an.« »Ich wollte, wir wären fort«, sagte Oswald, ihr die Tasse, die sie ihm bot, aus der Hand nehmend. Er hatte kaum diese Worte gesprochen, als sehr stark an die Fensterladen gepocht wurde. Alle sahen sich erschrocken an. »Hallo!« rief eine Stimme. »Um Gottes willen, es ist Arthur«, sagte Emilie. »Wir sind verloren.« »Lebt wohl, meine Freunde!« rief Primula und sprang in die Kammer nebenan, nachdem sie vorher vergeblich versucht hatte, die Tür des großen Kleiderschrankes aufzureißen. »Still!« sagte die alte Frau. »So leicht fängt man uns Fährsche nicht. Sprechen Sie kein Wort!« Sie trat an das Fenster und rief: »Wer ist da?« »Ist vielleicht Frau von Cloten hier? Ich habe ihr eine wichtige Nachricht zu bringen.« Die Alte wandte sich um und flüsterte: »Machen Sie, daß Sie fortkommen; ich will sehen, daß ich ihn hier aufhalte. – Was wollen Sie?« Oswald und Emilie hörten die Antwort nicht mehr. Verstohlenen Schrittes, sich an den Händen haltend, schlichen sie aus dem Gemache, über den Flur nach der Tür, die hinten zum Hause hinaus auf den Rand des Ufers ging. Von dort führte eine Treppe hinab an den Strand. Unten hielt der Schlitten. Einmal im Schlitten, waren sie gerettet. »Bleib hinter mir«, sagte Oswald, als sie an die Tür kamen. Die Tür war durch eine eiserne Krampe verschlossen. Oswald öffnete vorsichtig. Alles war still. Der Winterhimmel mit seinen Sternen schaute herein. »Es ist niemand hier«, flüsterte Oswald, »komm!« Sie waren kaum herausgetreten, als die Tür mit großer Gewalt zugeschlagen wurde, von jemand, der dahinter gestanden hatte, und sich jetzt, wie um den Fliehenden den Rückzug abzuschneiden, mit seinen breiten Schultern dagegenlehnte. Oswald erkannte bei dem Licht der Sterne und des Schnees in der breitschultrigen Gestalt den Herrn von Barnewitz. »Wir sind verraten«, murmelte er, »aber sie sollen es büßen. Fort, Emilie, in den Schlitten; ich komme nach.« »Aber nicht sogleich!« sagte von Barnewitz, auf Oswald zuspringend und ihn mit beiden Händen an den Schultern fassend. Oswald riß sich los und ein paar Schritte zurückspringend, um Spielraum zu haben, ergriff er eine jener mit Eisen beschlagenen Piken, deren sich die Fischer bei ihren Schlitten bedienen und von denen einige dicht neben ihm an der Wand lehnten, und führte damit einen so gewaltigen Streich nach seinem Gegner, daß dieser trotz seiner ungeheuren Körperkraft und riesigen Figur ohne einen Laut von sich geben, zu Boden stürzte. In einem Nu hatte Oswald Emilie eingeholt und seinen Arm um ihren Leib schlingend, trug er sie beinahe die steile Treppe hinab. Unten an der Treppe auf dem Schnee des schmalen Strandes hielt der Schlitten. Er hob Emilie hinein und stieg selbst nach. »Wir sind verraten, Claus«, sagte er, »fahr zu, es geht um Tod und Leben.« Claus schnalzte mit der Zunge; der Klepper schüttelte die krause Mähne und trabte davon. »Dacht's mir«, sagte Claus, sich halb umdrehend, »seit einer Minute hält ein Schlitten nicht hundert Schritte von hier am Strande. Ich sah, daß zwei Männer ausstiegen und das Ufer hinaufkletterten; ich wollte eben nach und Sie warnen, da kamen Sie schon die Treppe hinab. Nun hat's nichts mehr zu sagen. Ich wollte die Pferde sehen, die Claus Lemberg seinen Fuchs einholen.« »Da kommen sie schon«, sagte Oswald, der währenddessen nach hinten geschaut hatte. »Wo steht das Kästchen, Claus, das ich dir gab?« »Dicht hinter Ihnen im Stroh.« Oswald öffnete das Kästchen, nahm eine der beiden Pistolen, die es enthielt, heraus und spannte den Hahn. »Um Gottes willen, Oswald, was willst du tun?« sagte Emilie, die, solange sie im Schlitten waren, noch kein Wort gesprochen hatte. »Den ersten, der Hand an mich zu legen wagt, über den Haufen schießen.« »Oh, mein Gott, mein Gott!« »Für wen fürchtest du? Für mich oder für ihn? Noch ist es Zeit. Er wird dir sicher verzeihen, wenn du jetzt umkehrst; dir höchstens in Barnewitz' Gegenwart eine kleine Strafpredigt halten.« »Wie du nur so sprechen magst! Ich umkehren! Lieber tot auf dem Grunde des Meeres.« »Auch dazu kann Rat werden«, murmelte Oswald. Es schien Oswald klar, daß der Klepper, so schnell er auch die scharfbeschlagenen Hufe auf das Eis hieb, mit den zwei Rassepferden, die den Schlitten der Verfolger zogen, nicht auf die Dauer um die Wette laufen konnte. Der Vorsprung von einigen tausend Schritten, den er hatte, konnte nicht groß in Rechnung kommen, da die Entfernung von Fährdorf bis nach dem Dorfe Barow auf dem Festlande über eine Meile betrug. »Noch einmal, Emilie: Was wünschest du, daß ich tue, wenn sie uns einholen?« fragte Oswald, sich zu Emilie herabbeugend, die, in ihren Pelz gehüllt, schweigend dasaß. »Daß du dich verteidigst wie ein Mann.« »Und wenn ich unterliege?« »So springe ich in die erste Wake, der wir begegnen. Besser auf dem Grunde des Meeres als zurück zu ihm.« »Ist das dein wohlerwogener Entschluß?« »So wahr ich lebe und dich liebe.« Oswald beugte sich herab und küßte das schöne blasse, kalte Antlitz. »Nun ist es gut«, sagte er, »nun komme, was will.« Es waren entsetzliche Minuten, und die schauerliche Umgebung erhöhte noch das Schauerliche der Situation. Lautlose Stille ringsumher, nur unterbrochen von dem rastlosen Hufschlag des flüchtigen Kleppers und von dem eigentümlich sausenden ächzenden Ton, den ein Gegenstand hervorbringt, der mit großer Schnelligkeit über eine Eisfläche dahingleitet – und so weit das Auge reichte, die fürchterliche Öde einer mit dünnem Schnee überdeckten Ebene, über der der Horizont nach allen Seiten wie eine bleierne Glocke lag. Denn selbst die Sterne waren jetzt in dem feinen Nebel verschwunden, und dennoch wurde es mit jedem Augenblick heller und heller. Am grauen Himmel verkündete ein rötlicher Streifen den aufgehenden Mond. Man konnte den Schlitten der Verfolger deutlicher sehen: ein großer, schwarzer Flecken, der immer größer und schwärzer wurde, in dem Maße, als die Helligkeit am Himmel zunahm. Seit sie Fährdorf verlassen hatten, waren wenige Minuten verflossen, doch dünkten sie Oswald eine Ewigkeit. Er spähte vorwärts aus nach dem Ufer, aber es war noch nicht zu entdecken; er sah hinterwärts nach den Verfolgern; wieder war der große, schwarze Flecken größer und schwärzer geworden. Und heller und heller wurde es am Himmel; schon blinkte das geisterhafte Licht auf dem schwarzen Wasser in den Waken und auf den weißen Eisblöcken, die wie Prellsteine am Rande lagen, und immer größer und schwärzer wurde der große schwarze Flecken hinter ihnen. »Wir holen es nicht, Claus«, sagte Oswald. »Was gilt die Wette, Herr?« erwiderte Claus. »Ich will den Fuchs lebendig fressen, wenn er nicht gewinnt. Herr, so ein Pferd gibt's nicht weiter. Wir sind unser zwanzig Fährsche und dreißig Sundinsche, und jeder hat einen guten Gaul vor dem Schlitten, aber der Fuchs schlägt sie alle, alle. Hü, Fuchs!« Und als ob der Fuchs sich durch das Lob seines Herrn zu noch größerer Schnelligkeit angespornt fühlte, schüttelte er seine krause Mähne und hieb mit noch rascherem Tempo seine scharfen Hufe auf das Eis. »Aber die Pferde dort sind keine gewöhnlichen.« Claus lachte. »Und deshalb gerade habe ich keine Sorge. Sie halten's nicht aus. Und überdies fürchten sie sich vor den Waken. Noch ein paar Minuten und sie bleiben zurück, oder ich will den Fuchs lebendig fressen.« Sei es, daß die Pferde Clotens in der Tat bei dieser ungewohnten Jagd über das glatte Eis weg zu ermüden begannen, oder die schwarzen Wasser der Waken den Verfolgern den Mut raubten – aber Claus' Prophezeiung fing an in Erfüllung zu gehen, nachdem er sie kaum ausgesprochen hatte. Trotzdem es heller und heller am Himmel heraufdämmerte, wurde der schwarze Punkt hinter ihnen merkbar kleiner und undeutlicher; und als jetzt der Vollmond über den Rand des Horizonts aufstieg und sein bleiches Licht über die weiten Flächen ausgoß, war der schwarze Flecken auf dem Schneegefilde verschwunden. »Nun, habe ich's nicht gesagt?« fragte Claus, sich umwendend und seine weißen Zähne zeigend, »daß es keine Pferde gibt, die den Fuchs auf dem Eise einholen? Hü, Fuchs!« Claus hatte sich wieder zu seinem Pferde gewandt. Über dumpfdonnernde Tiefen weg, vorbei an unheimlich im Mondschein glitzernden Wassern ging die pfeilschnelle Fahrt hinein in die öde Nacht. Um ihre Ohren pfiff der eiskalte Nachtwind, der klagend und heulend über die Schneefelder strich. Oswald und Emilie waren sich in die Arme gesunken. Froh der entronnenen Gefahr, in der Seligkeit einer Liebe, deren holde Blumen sie am Rande des Abgrundes pflückten, vergaßen sie gern auf Augenblicke, wie tief und schreckensvoll dieser Abgrund war. Achtunddreißigstes Kapitel Es war im März. In Frankreich war wenige Wochen vorher die Republik proklamiert worden. Das ungeheure Ereignis verbreitete in konzentrischen Kreisen seine Wirkung über die ganze zivilisierte Erde. Auch Berlin war seit einigen Tagen davon erfaßt, und eine fieberhafte Aufregung hatte sich der Geister bemächtigt – eine Verwirrung, ein nervöses Zittern, wie sie den Menschen ergreifen, der aus tiefem Schlaf urplötzlich zum hellen Licht des Tages aufgeschreckt ist und noch nicht recht weiß, wo ihm der Kopf steht. Und dabei ein heimliches Grauen vor dem Dunkel der Nacht, in der man so lange in den dumpfen Banden eines unnatürlich tiefen Schlafes zugebracht, ein verworrenes Gefühl, daß es doch etwas sehr Herrliches um das goldene Taglicht sei; ein hoffnungsfrisches Recken, ein tatendurstiges Dehnen in allen Gliedern, so daß den Wächtern, die den riesengewaltigen Schläfer im Schlaf beobachtet und bewacht hatten, schier unheimlich wurde und sie untereinander sprachen: »Wir werden ihn in eiserne Banden schnüren müssen, sonst steht er am Ende noch gar auf, und dann wäre es um uns geschehen.« An einem schönen hellen Abend ging es »Unter den Zelten«, dem Hauptvergnügungsorte des soliden Bürgers, sehr lebhaft zu. Wer indessen dem Treiben der letzten Tage in der großen Stadt fremd geblieben war, hätte für den ersten Augenblick zweifeln können, ob dies eine politische Versammlung oder ein Volksfest sei. Vielleicht war es beides. Hatte man doch die Arbeit, die strenge Zuchtmeisterin, um einen Nachmittag, vielleicht nur um eine Stunde betrogen; erweckte doch schon der Umstand, daß man in Masse da war, daß kein Polizist so leicht wagen würde, hineinzureden oder gar einzugreifen, ein Gefühl des Übermutes und der Überkraft, eine nicht alltägliche, gehobenere, freudigere Stimmung, zumal da der Frühlingshimmel so herrlich blauete, die schlanken, blätterlosen Zweiglein und Ästlein der Baumwipfel des Parks sich so klar und scharf von dem blauen Himmel abhoben, und die Abendsonne so warm und hoffnungsreich herabschien auf die Tausende von Menschen, die unten auf dem weiten Platze zwischen den Kaffeehäusern und dem Fluß auf der einen und dem Parke auf der andern Seite durcheinanderwogten sind -drängten, besonders nach der hölzernen Tribüne am Rande des Parkes, die sonst für die Musici bestimmt war, von der aber heute eine Musik gar eigener Art erschallte, eine Musik, dem Volke so ganz ungewohnt, und vielleicht deshalb ihm kostbarer als die herrlichsten Walzer von Strauß und Lanner. Weiter zu nach den Kaffeehäusern aber, wo man die Redner nicht mehr wohl verstehen konnte, ging es lustiger zu. Da konnten die Kellner kaum so viel Gläser voll Bieres herbeischaffen, wie von den durstigen Kehlen geleert wurden; da boten Semmel- und Wurstverkäufer ihre Ware an, da quäkten die Zigarrenjungen mit den schrillen, unreifen Stimmen, da trieben selbst Gaukler und Taschenspieler ihr lustiges Handwerk. Durch die wogende Menge schlenderten Oldenburg und Berger. Der Professor ließ seine Augen unruhig über die Menge schweifen und teilte seinem Begleiter die Bemerkungen, die er machte, mit leidenschaftlicher Energie mit, worauf dann jener lächelnd mit dem Kopfe nickte oder ein kurzes Wort erwiderte. »Aber glauben Sie denn, daß sich dies Volk jemals zu einer Revolution wird aufrichten können?« fragte Berger nach einer längern Pause. »Weshalb nicht?« »Sehen Sie diese stupiden Gesichter, hören Sie diese frivolen Scherze, mit denen sie sich über den Ernst der Situation und zugleich über das dumpfe Gefühl ihrer eigenen Nichtigkeit wegzuhelfen suchen; bemerken Sie dort, wie das Volk zu derselben Stunde, wo zuerst von Freiheit und Recht öffentlich zu ihm gesprochen wird, auch noch Zeit und Lust hat, an panem und circenses zu denken – und Sie haben genug beisammen, um den letzten Funken der Hoffnung zu ersticken, daß diese Menschen je für ihre Freiheit nicht bloß reden, sondern auch kämpfen werden.« »Der alte Pessimismus, Berger! Und das jetzt, wo nach so vielen dunklen Leidensjahren die goldene Sonne endlich wieder scheint!« »Gerade dieser Sonnenstrahl ist es, der mein Herz mit solcher Ungeduld erfüllt. In den grauen Wintertagen finden wir es natürlich, daß die Bäume die kahlen Äste zum Himmel strecken; wenn aber die ersten Frühlingslüfte wehen und der Himmel blaut, sehnen wir uns unendlich nach dem grünen, im Winde säuselnden und rauschenden Blättermeer. Und nun gar, wenn der Winter so lang und so hart war, daß er uns unsere Kraft unwiederbringlich geraubt hat und wir nicht hoffen dürfen, bis in den Sommer hinein zu leben.« »Die Toten reiten schnell! Sie haben es in Paris gesehen!« In diesem Augenblicke trat ein Mann, der die beiden Herren schon seit einiger Zeit beobachtet hatte, wie jemand, der nicht recht weiß, ob er seinen Augen trauen soll oder nicht; an sie heran und sagte zu Berger: »Seid Ihr es denn wirklich, Professor?« »Ei, sieh da, Herr Direktor«, erwiderte Berger, sich von Oldenburgs Arm losmachend und dem, der ihn angeredet hatte, die Hand reichend, »wie kommen Sie denn hierher?« »Ach Gott«, sagte der Mann, »das ist 'ne traurige Geschichte; wollt Ihr ein paar Schritte mit mir kommen, ich möcht Euch gern allein sprechen.« Oldenburg betrachtete die Gestalt nicht ohne Bewunderung. Es war ein mächtiger Leib mit breiter, hochgewölbter Brust und langen Armen, auf dem ein nicht minder mächtiger Kopf saß. In den plumpen, aufgedunsenen Gesichtszügen sprach sich neben viel Gutmütigkeit und jovialer Laune eine Art von Schlauheit und Verschmitztheit aus, die aber durchaus harmloser Natur war. Es konnte dem Manne, seiner äußeren Erscheinung nach, nicht eben besonders gehen. Sein grauer Filzhut hatte offenbar manchen Sturm erlebt, bevor er in diesen zerknitterten Zustand kam. Der schwarze, äußerst schäbige, mit altersgrauen Schnüren besetzte Sammetrock hatte einstmals bessere Tage gesehen, ebenso wie die weiten leinenen Beinkleider, deren Farbe jetzt nicht mehr wohl zu bestimmen war, oder die Stiefel, die auf bedenkliche Weise aus den Nähten zu platzen begannen. Ein rotseidenes, mit einer gewissen Absichtlichkeit nachlässig um den sonnverbrannten, muskulösen Hals geschlungenes Tuch vollendete den Charakter heruntergekommener Künstlerschaft, der dieser Erscheinung aufgeprägt war. Berger sprach einige Minuten angelegentlich mit dem Manne, darauf entfernten sie sich noch mehr, und Oldenburg sah, wie der Professor seine Börse zog und dem andern mehrere Geldstücke in die Hand gleiten ließ. Gleich darauf trennten sie sich; der Mann verschwand in der Menge, Berger kam wieder zurück. »Wer war diese sonderbare Figur?« »Ein Mann, von dem ich Ihnen schon viel erzählt habe: Herr Direktor Kaspar Schmenckel aus Wien.« »Oh«, rief Oldenburg, »weshalb haben Sie mir das nicht gesagt? Ich hätte Czikas einstigen Brotherrn doch gern kennengelernt.« »Er wird uns in den nächsten Tagen aufsuchen; der arme Mann ist in Verzweiflung; seitdem ihn Xenobi und Czika verlassen, hat ihn Unglück über Unglück getroffen. Sein Clown ist ihm gestorben, sein erster Künstler weggelaufen, und die andern hat er, weil er sie nicht bezahlen konnte, entlassen müssen. Jetzt treibt er sich hier in den Kneipen umher und gibt Vorstellungen auf eigene Hand.« »Wir müssen für ihn sorgen«, sagte Oldenburg, »er hat Czika gut behandelt und sich meinen Dank verdient. Überdies scheint er ein braver Kerl. Doch lassen Sie uns nach Hause gehen. Die Sache verläuft sich, wie sich voraussehen ließ, für heute im Sande.« Als die beiden gingen, stand gerade ein junger Mann auf der Rednerbühne, der allen unbekannt war und dessen eigentümliche Erscheinung die Aufmerksamkeit der Leute in ungewöhnlich hohem Grade fesselte. »Meine Herren«, rief er mit lauter heller Stimme, während ein spöttisches Lächeln um seine feinen Lippen flog, »was würden Sie von einem Manne sagen, der den schärfsten Pfeil im Köcher und auch den stärksten Bogen hat, diesen Pfeil abzuschießen, und der es denn nun doch aus übergroßer Gutmütigkeit vorzieht, den Pfeil anstatt vermittels des Bogens mit der schwachen Hand abzuschnellen? Nun, meine Herren, wir gleichen durchaus diesem törichten Manne. Der Pfeil im Köcher ist die Adresse mit den neun Wünschen, wie wir die gerechten Forderungen des Volkes bescheidentlich nennen; die Deputation aus unserer Mitte, durch die die Adresse Sr. Majestät morgen zugestellt werden soll, ist die schwache Hand. Wie weit wird sie den Pfeil tragen? Bis zur Schwelle des Königsschlosses – nicht weiter! Ich sage Ihnen, meine Herren, die schwache Hand der Deputation wird vergeblich an die Pforte pochen; Seine Majestät wird unsere Wünsche nicht entgegenzunehmen geruhen, und die Deputation wird unverrichteter Sache zurückkehren.« Bei diesen Worten des Redners ging ein Brausen durch die Versammlung, wie wenn über das Meer ein heftiger Windstoß fährt. Einzelne riefen »Bravo«, so besonders der starke Herr im abgetragenen Sammetrock, der sich bis dicht an die Tribüne durchgedrängt hatte und dem Redner mit großem Beifall, den er durch Kopfnicken, Grunzen und Bravorufen kundgab, zuhörte. Aber der bei weitem größte Teil war offenbar gegen alle extremen Schritte; auf jeden Bravorufer kamen hundert Kopfschüttler und Zischer. Der junge Mann ließ sich durch diese Zeichen der Unzufriedenheit nicht einschüchtern, sondern wiederholte mit großem Nachdruck: »Die Deputation wird unverrichteter Sache zurückkehren! Und uns geschieht damit ganz recht. Weshalb brauchen wir die Hand zum Pfeileschleudern, wenn der Bogen unbenutzt daneben im Grase liegt? Wollen Sie wissen, wo der Bogen ist? Der Bogen sind wir, das heißt: die ganze Versammlung. Wenn wir acht- bis zehntausend, wie wir hier sind, in geschlossenem Zuge, die Adresse von dem Sprecher voraufgetragen, hinrücken vor das Schloß – ich wollte die Türen sehen, die sich nicht vor uns öffneten, die Schranzen, die uns den Eingang zu verweigern wagten, den Höfling, der sich erfrechte, uns zu sagen: Meine Herren, Se. Majestät sitzt beim Tee und kann Sie nicht empfangen.« »Bravo, bravo!« schrie der starke Herr in dem Sammetrock und klatschte wütend in die Hände. Aber der Menge mißfiel diese Humoristische Behandlung einer so ernsten Sache durchaus. Zischen, Pfeifen, Schreien ertönte von allen Seiten; nur mit Mühe gelang es dem Präsidenten, einem Herrn in breitkrämpigem Hut und mit langem Bart, durch energisches Klopfen mit seinem Rohr auf den Tisch die Ruhe so weit wiederherzustellen, daß der Redner fortfahren konnte. Der seinerseits nahm jetzt die ganze Kraft seiner hellen Stimme zusammen und schmetterte in die Versammlung hinein: »Ich habe den Antrag, in corpore aufs Schloß zu ziehen, nicht gestellt, weil ich glaubte, daß er durchgehen werde, sondern nur, um Ihnen zu zeigen, wes Geistes Kinder Sie sind. Pioniere der Freiheit hat Sie ein Vorredner genannt! Jawohl! Die Freiheit wird es weit mit Ihnen bringen, wenn Sie nicht einmal jetzt imstande sind, aus dem Vertrauensdusel sich aufzuraffen, in dem Sie schier dreißig Jahre geschlafen.« Was der junge Mann etwa noch weiter sprach, konnte man nicht verstehen, denn bei den letzten Worten war der Sturm, der schon lange gegrollt hatte, losgebrochen, und der kecke Redner wäre schwerlich ungestraft davongekommen, wenn nicht der starke Herr in dem Sammetrock ihn, sobald er von der Tribüne herabkam, enthusiastisch umarmt und damit zu seinem Freund und betreffenden Falls zu seinem Schützling erklärt hätte. Mit einem Mann aber von so herkulischem Bau anzubinden, mochte niemand Lust haben. Zum wenigsten erlaubte man den beiden, unangefochten die Versammlung zu verlassen. Die neuen Freunde bogen in eine der Alleen, die in der Nähe der Tribüne vor dem Platz der Volksversammlung in den Park führte. Sobald sie allein waren, schüttelte der Herr im Sammetrock noch einmal dem jungen Mann mit den blonden Haaren die Hand und sagte mit großer Herzlichkeit: »Ich freue mich ganz ausnehmend, die Bekanntschaft einer so kreuzbraven Haut gemacht zu haben.« »Gleichfalls, gleichfalls!« erwiderte der junge Mann, seinen Bewunderer mit dem scharfen, schnellen Blick seiner blauen Augen musternd und zu diesem Zweck seine Brille mit dem Zeigefinger höher auf die Nase schiebend: »Mit wem habe ich die Ehre?« Der Herr im Sammetrock trat einen Schritt zurück, warf sich in die Brust, lüftete seinen vielgeprüften Filz und sagte: »Ich bin der Direktor Kaspar Schmenckel aus Wien.« »Ah«, erwiderte der andere leichthin, »freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen. Mein Name ist Timm, Albert Timm.« »Sie sind nicht von der Kunst?« fragte Herr Schmenckel zutraulich. »Wie meinen Sie?« fragte Albert ausweichend. Herr Direktor Schmenckel machte die Gebärde jemandes, der einen sehr schweren Gegenstand mit beiden Händen schnurgerade in die Luft wirft, um ihn mit dem Nacken wieder aufzufangen. »Aha!« sagte Albert. »Verzeihen Sie, daß mir ein Mann von Ihrer Bedeutung persönlich noch nicht bekannt war; aber ich bin erst seit wenigen Tagen hier.« »Konnt's mir denken«, erwiderte Herr Schmenckel, als sie jetzt Arm in Arm weiterschritten, »sind ein ganz andrer Kerl wie die Lumpen hierzulande; sprechen frei von der Leber weg, wie's Ihnen ums Herz ist. Kaspar Schmenckel liebt solche Leute, und wenn er Ihnen mit irgend etwas dienen kann, sagen's nur gerade heraus!« »Sehr verbunden, Herr Direktor. Die Ehre Ihrer Bekanntschaft ist schon erfreulich genug. Ich vermute, daß Sie mit Ihrer Truppe jetzt hier in der Residenz Vorstellung geben?« »Vorstellung geben?« fragte der Direktor Schmenckel und räusperte sich. »Offen gestanden, finden Sie Kaspar Schmenckel augenblicklich nicht in floribus. Ich habe mich aus manchen Gründen genötigt gesehen, meine alte Truppe aufzulösen, und bin jetzt mit der Organisation einer neuen beschäftigt – eine Aufgabe, die indessen, wie Sie sich wohl denken können, ihre Schwierigkeit hat. Unterdessen –« »Privatisieren Sie?« »Gewissermaßen, ja: das heißt, ich gebe noch immer von Zeit zu Zeit in Freundeskreisen Vorstellungen, aber nur, um nicht aus der Übung zu kommen, wissen Sie.« »Natürlich.« »So bin ich heute Abend in einem sehr noblen Lokal, das von der besten Gesellschaft besucht wird, gewissermaßen engagiert, und wenn Sie mir die Ehre erzeigen wollen –« »Sehr gütig.« »Sie werden dort lauter brave Leute finden, vor denen man sich nicht zu genieren braucht – alles Demokraten vom reinsten Wasser, obgleich sie verzweifelt wenig Wasser trinken, sollt' ich meinen. Ich gehe schon den ganzen Winter in dem ›Dustern Keller‹ aus und ein, aber niemals so gern und so oft, als seit den letzten acht Tagen, wo wir eine neue Wirtin haben.« »In der Tat?« »Ich werde stolz darauf sein, Sie mit ihr bekannt zu machen. Frau Rosa Pape ist ein Muster ihres Geschlechts.« »Wie sagten Sie?« fragte plötzlich Herr Timm mit großer Lebhaftigkeit. »Ich sagte, Frau Rosa Pape sei ein kapitales Frauenzimmer.« »Sagten Sie nicht, die Dame sei erst seit kurzem Inhaberin des Geschäfts?« »Allerdings, sie war bis dahin in einer – andern Branche beschäftigt; die französische Revolution hat sie zur Kellerwirtin gemacht.« »Das ist originell.« »Nicht wahr? Aber Frau Rosa ist auch ein Original. Sie hat einen wunderbaren Blick fürs Geschäft, und als in Paris der Spektakel losging, sagte sie: ›Jetzt kommt eine goldene Zeit für Kellerwirtinnen mit weiblicher Bedienung!‹ – Einen Tag darauf hatte sie den ›Dustern Keller‹ gepachtet.« »Ich bin äußerst begierig, die Bekanntschaft einer so trefflichen Dame zu machen.« Unter diesen Gesprächen waren die beiden Freunde auf wenig betretenen Parkpfaden in die Nähe des herrlichen Tores gekommen, das von dieser Seite unmittelbar aus dem Park in die Stadt führt. Die Versammlung vor den Zelten war, gleich nachdem sie sie verlassen hatten, auseinandergegangen; schon berührte die Spitze des unabsehbaren Zuges, der sich von jener Seite heranwälzte, das Tor. Hier stießen die Massen der Hereinkommenden auf die Scharen derer, die noch immer aus der Stadt nach dem Park zogen. Es konnte nicht ausbleiben, daß sich die Menge stopfte, zumal vor der Wache in unmittelbarer Nähe des Tors, wo eine Kompanie, Gewehr bei Fuß, aufmarschiert war. Die Leute blieben stehen, sich über diese außerordentliche Maßregel ihre Bemerkungen mitzuteilen; andere traten heran, zu sehen, was da zu sehen sei; in einem Nu war die Wache mit einem aus vielen Hunderten von Menschen bestehenden Halbkreis umringt, der mit jedem Augenblick enger wurde. Der die Kompanie kommandierende Hauptmann, ein langer Offizier mit einem verbissenen Ausdruck in dem scharf markierten Gesicht, schoß wütende Blicke auf die ihn umgebende Menge, ohne sie indessen eines Wortes zu würdigen. Man sah, wie es in ihm kochte. Plötzlich kommandierte er mit ärgerlich quäkendem Tone: »Stillgestanden, richt' euch! Gewehr auf! Bataillon soll chargieren, geladen!« Die Ladestöcke rasselten, im Nu war das Kommando ausgeführt. Es hatte vorläufig nur eine Drohung für die Menge sein sollen; aber man bewirkte gerade das Gegenteil von dem, was man gewollt hatte. Den Zunächststehenden wurde durch die von hinten Herandrängenden das Zurückweichen unmöglich, und diese hatte das Rasseln der Ladestöcke nur noch neugieriger gemacht. Ein verderblicher Zusammenstoß des Militärs mit dem Publikum schien unvermeidlich. Da drängte sich durch die Gaffer ein langer Herr und trat gerade auf den Hauptmann zu: »Erlauben Sie auf ein Wort.« »Was wollen Sie?« »Mein Name ist Oldenburg; ich habe die Ehre, mit Herrn Grafen Grieben zu sprechen?« Der Offizier faßte salutierend an seinen Helm: »Freue mich, Sie nach langen Jahren wiederzusehen, Herr Baron. Kommen wie gerufen; werde mich genötigt sehen, auf die Kanaille da Feuer geben zu müssen.« »Gerade um das zu verhindern, erlaubte ich mir, mich Ihnen vorzustellen. Sie haben ein einfaches, aber unfehlbares Mittel, alle diese Leute zum Weitergehen zu bringen und so unsägliches Unglück zu verhüten.« »Das wäre?« »Lassen Sie Ihre Mannschaft in die Wache treten!« »Wo denken Sie hin? Dem Pöbel eine solche Konzession machen! Überdies ist es gegen die Instruktion.« »So fordern Sie die Leute wenigstens auf, nach Hause zu gehen!« »Ich habe keine Lust, mich mit der Krapüle in eine Unterhaltung einzulassen.« »Wollen Sie es mir denn gestatten?« »Wie's Ihnen beliebt«, erwiderte der Offizier, sich mit kalter Höflichkeit von Oldenburg abwendend. Oldenburg trat ein paar Schritte auf den dichten Kreis zu und sagte, seine Stimme so laut wie möglich erhebend: »Meine Herren, Ihr Stehenbleiben hier an dieser Stelle ist für Sie nicht ohne Gefahr. Viele von Ihnen sind ja selbst Soldat gewesen und wissen, daß der Soldat nach den Paragraphen seines Wachtbuchs handeln muß. Zwingen Sie deshalb Ihre Brüder, die hier in Waffen stehen, nicht, diese Waffen gegen Sie zu wenden. Lassen Sie uns von unserem Rechte der freien Bewegung Gebrauch machen und weitergehen. Es wird ja auch nachgerade langweilig, hier immer auf demselben Fleck zu stehen.« »Er hat recht!« rief ein vierschrötiger Bürger mitten aus dem Gedränge. »Ich fange schon an, auseinanderzugehen!« Die Leute lachten, und als die schrille Stimme eines Zigarrenbuben anfing zu singen: »Immer langsam voran, immer langsam voran!« setzte sich der dichte Haufen in Bewegung, zumal in diesem Augenblick Geschrei und Lärmen, das von einer andern Seite ertönte, die Neugierigen lockte. Eine Strecke die herrliche Hauptstraße weiter hinauf war es zwischen dem Publikum und einer der vielen Patrouillen, die von dem Schloß nach dem Tor, von dem Tor nach dem Schloß seit einigen Stunden hin und her marschierten, zu dem Zusammenstoß gekommen, der an der Wache durch Oldenburgs kluges und mutiges Dazwischentreten noch glücklich vermieden war. Der Führer der Patrouille – eine zweite marschierte, sich möglichst in gleicher Höhe mit dieser haltend, auf der andern Seite der Straße – war ein Offizier von riesigem Wuchs, dessen finster drohende Miene den festen Entschluß verkündigte, die geringste Widersetzlichkeit sofort zu ahnden. Auch war ihm, wie er an der Spitze seiner Mannschaft einherschritt, bis jetzt alles so scheu ausgewichen, daß er zu dein verachtungsvollen Lächeln, welches von Zeit zu Zeit über sein dunkles Gesicht zuckte, einigermaßen recht zu haben schien. Da kam er an eine Stelle, wo sich von der Straße ein enger, aber für gewöhnlich sehr stark frequentierter Durchgang abzweigte. Diese Passage war mit Menschen, die sehen wollten, was auf der Hauptstraße vorging, vollgestopft. Von dort drängten andere dagegen. So sammelte sich hier ein gewaltiger Menschenknäuel, in dem die Verwirrung den höchsten Grad erreichte, als jetzt durch die heranmarschierende Patrouille eine zweite Stockung in die sich so schon nur mit Mühe fortbewegende Masse kam. »Platz da!« herrschte der Offizier, rücksichtslos in den Haufen hineinschreitend. Die zunächst Stehenden wichen rechts und links auf die Seite; aber die andern drängten wieder zu. Ein buntes Durcheinander entstand, in dem der Offizier mit nur wenigen seiner Leute von der Truppe getrennt wurde. »Platz da!« wiederholte der Offizier in noch barscherem Tone. »Machen Sie nur selber Platz«, rief ein junger Mann aus dem Haufen. Er hatte es kaum gerufen, als der Offizier auf ihn zusprang, ihn am Kragen ergriff und mit einem Ruck seines starken Armes seinen Leuten zuschleuderte: »Nehmt den Schreihals fest«, rief er. Die Soldaten ergriffen den jungen Mann, der vergeblich sich loszureißen versuchte. »Stoßt den Hund nieder, wenn er sich widersetzt!« herrschte der Offizier. Ohne Zweifel würden die Soldaten diesen Befehl ausgeführt haben, wenn in diesem Moment nicht Herr Schmenckel sich vor den Offizier hingestellt und ihm zugeschrien hätte: »Geben Sie den Mann los, Eure Gnaden! Oder das Wetter soll dreinschlagen!« Der Gardeoffizier und der Mann aus dem Volke standen sich einen Augenblick lang gegenüber, zwei riesengewaltige Männer, überraschend ähnlich an hohem Wuchs, gewölbter Brust, breiten Schultern und langen, muskelkräftigen Armen; ja, wie sie sich so mit zornigen Blicken anstarrten, ähnlich im Ausdruck der massiven plumpen Züge. Doch nur einen Augenblick standen sie so; im nächsten hatte der Offizier seinen Gegner mit aller Macht vor die Brust gestoßen, um ihn aus seiner unmittelbaren Nähe zu bringen und Raum für seinen Degen zu gewinnen. Indessen, er hätte ebensogut einen Felsen von der Stelle rücken können als den Mann im Sammetrock. Der aber reckte seine mächtigen Arme aus, ergriff den Offizier um den Leib, hob ihn vom Boden auf und schleuderte ihn mit solcher Gewalt gegen die Soldaten, die zu tun hatten, ihren Arrestanten zu halten, daß Offizier, Soldaten und Arrestant in einem Haufen über- und untereinander rollten. »Hurra!« schrie die entzückte Menge. »Hurra! Hurra! Drauf! Nieder mit der Soldateska!« Herr Schmenckel mußte sich von der Hilfe und dem Mut der Menge nicht viel versprechen. Er zog mit einem Ruck den Arrestanten aus dem Haufen heraus und war mit ihm, ehe sich noch der Offizier wieder aufraffen konnte, in dem Gedränge, das ihm bereitwillig Platz machte, verschwunden. Es war die höchste Zeit, denn jetzt war es den von ihrem Führer getrennten Sektionen gelungen, die Menschenmauer zu durchbrechen. Der Offizier sprang auf die Füße und kommandierte mit einer vor Wut kreischenden Stimme: »Links aufmarschiert! Marsch! Marsch! Zur Attacke Gewehr rechts! Fällt das Gewehr!« »Hurra, hurra!« riefen die Soldaten, indem sie im Geschwindschritt auf die wehrlose Menge eindrangen, die heulend und schreiend auseinanderstob. Neununddreißigstes Kapitel Während in dem Brennpunkte der Stadt solche Szenen stattfanden und die Bewohner dieser und der nächstgelegenen Straßen in fieberhafte Aufregung versetzten; hier die Menge vor einer anrückenden Militärtruppe davonlief, um sich an einem für den Augenblick nicht bedrohten Punkte abermals zu sammeln, Verhaftungen in Masse vorgenommen wurden, Verwundungen nicht ausblieben und so die Erbitterung von beiden Seiten in beängstigender Weise wuchs – lebten die Bewohner der abgelegenen Quartiere ohne die geringste Kunde dieser Vorgänge in einem tiefen Frieden, der in einem gemeindeangerumgebenen idyllischen Landstädtchen nicht größer sein konnte. In einem kleinen einstöckigen Hause einer dieser stillen Straßen an einem Fenster, das auf ein hübsches Vorgärtchen ging und durch eine Glaskugel mit Goldfischen, einen Messingbauer mit einem grüngelben Kanarienvogel, durch Blumen in Töpfen und Vasen als das Lieblingsplätzchen einer Dame bezeichnet war, saßen kurz vor Sonnenuntergang Sophie und Bemperlein in eifriger Unterhaltung. »Und Franz ist mit seinen hiesigen Verhältnissen ganz zufrieden?« »Ganz! Wie würde sich der gute Vater gefreut haben, wenn er –« Die junge Frau vollendete den Satz nicht, sondern wandte sich nach dem Fenster und machte sich etwas mit ihren Blumen zu schaffen. Bemperlein betrachtete sie ein Weilchen liebevoll durch seine Brillengläser, dann legte er leicht seine Hand auf ihren Arm und sagte: »Sie müssen sich nicht bloß stark zeigen, liebe Freundin; Sie müssen es auch sein – Sie, die Tochter eines solchen Vaters!« »Sie haben recht, Bemperchen; ich will versuchen, so stark und vernünftig zu sein, wie ich aussehe. Aber jetzt lassen Sie uns von was anderem sprechen. Was sagt denn Marguerite zu dem neuen Plane?« »Sie ist entzückt oder charmé, wie sie sagt. Ich glaube aber allen Ernstes weniger über die Verbesserung unserer Lage – obgleich, ganz entre nous, liebe Freundin, ein verheirateter Student ein höchst eigentümliches Amphibium ist – als darüber, daß sie jetzt wieder in Ihrer Nähe leben kann. Sie glauben gar nicht, welchen Eindruck Sie auf ma petite femme gemacht haben!« »Das gute Herz! Und ich habe so wenig für sie getan, für sie tun können! Habe sie eigentlich immer nur geneckt, und noch am letzten Abend – wissen Sie noch Bemperchen, wie Sie als Amor erschienen, ihr euch in dem Fenster den verhängnisvollen Kuß gabt und Papa hernach beim Hochheimer die köstliche Rede hielt, die letzte, die ich aus seinem Munde gehört habe? Jetzt weiß ich erst, was zu der Stunde sein edles Herz bewegte. Er nahm nicht bloß für damals, er nahm für immer von uns Abschied.« Sophie kämpfte die Rührung, die sie zu überwältigen drohte, gewaltsam nieder und fuhr fort: »Ich habe so wenig für Marguerite getan und sie im Gegenteil so viel für mich! Wissen Sie, Bemperchen, daß ich schwach genug war, ordentlich eifersüchtig auf die Kleine zu werden, als ich aus Papas Briefen sah, in wie hoher Gunst sie bei ihm stand und wie er sich gegen eure Verheiratung fast nicht weniger hartnäckig wehrte als gegen die unsere?« »Und doch ist diese Verheiratung nur durch seine Bemühungen so bald zustande gekommen; zum mindesten hat Marguerite es nur ihm zu danken, wenn unsere Einrichtung so glänzend ausfiel, wie ich sie mit meinen schwachen Kräften allerdings nicht hätte herstellen können. Sie wissen doch, was ich meine?« »Die Timmsche Angelegenheit? Marguerite hat mir davon geschrieben. Was mich dabei am meisten gewundert, ist, daß Timm so prompt das Geld zurückbezahlt hat.« »Wir alle sind erstaunt gewesen, niemand mehr als ich, der ich wußte, daß er bis über die Ohren in Schulden steckte und schon aus diesem Grunde dem Papa riet, von seinem Versuch als von einem ganz vergeblichen abzustehen. Mir hat die ganze Affäre viel Kopfzerbrechen verursacht, sowenig Ursache gerade ich habe, Herrn Timm hold zu sein, so hat's mir doch leid getan, als er gleich darauf einer Wechselschuld wegen, die er vielleicht nur um uns zu bezahlen, kontrahiert hatte, in den Turm wandern mußte, in dem er, soviel ich weiß, noch heute sitzt.« »Oh!« sagte Sophie. »Hat's mein alter Anbeter also endlich doch durchgesetzt?« »Ihr alter Anbeter?« »Ja, wissen Sie das nicht? Ich habe noch mit Timm zusammen Tanzstunde gehabt, und ich kann sagen, daß ich mit niemand lieber getanzt und mich unterhalten habe als mit ihm. Er ist ein höchst geistreicher und, wenn er will, sehr liebenswürdiger Mensch, um den es wahrhaftig Jammer und Schade ist, daß er mit seinen herrlichen Gaben so unverantwortlich wirtschaftet. Er hat in dieser Beziehung die größte Ähnlichkeit mit –« »Mit Oswald Stein, wollen Sie sagen, nur zu! Ich habe das bittere Gefühl glücklich besiegt, das mich jedesmal bei Nennung dieses Namens überkam. Er existiert für mich nicht mehr, besonders nach seinen letzten Abenteuern.« »Das ist nicht recht, Bemperchen. Sie wissen, ich habe Stein nie besonders gemocht, aber seitdem ihr alle gegen ihn seid und selbst Franz, der ihn noch immer in Schutz nahm, anfängt, mit in den Chor einzustimmen, habe ich große Lust, mich auf seine Seite zu schlagen.« »Natürlich«, sagte Bemperlein, mit einem leisen Anflug von Bitterkeit, »ist es doch eine alte Erfahrung, daß die Frauen viel, ich möchte sagen alles einem Manne verzeihen, der, was er tut, für euch tut oder doch zu tun scheint. Mußte ich doch neulich selbst von meiner Marguerite, die ihn sonst nicht ausstehen konnte, ein in den sanftesten Tönen hingehauchtes pauvre homme! hören. Pauvre homme! Nun frage ich einen vernünftigen Menschen! Also, wenn jemand wie ein ungezogenes Kind durch das Leben rast, statt nach Grundsätzen, stets nur nach seinen souveränen Launen handelt; wenn er wie ein Kind alles haben muß, was ihm gefällt, um es, wenn's ihm nicht mehr gefällt, in törichtem Zorn und Übermut wieder zu zerbrechen – wenn er, statt seinen Nächsten zu lieben, mit seines Nächsten Frau bei Nacht und Nebel durchgeht, so sagt man von ihm, womöglich mit einer Träne des Mitleids im schönen Auge: Pauvre homme!« »Bravo, Bemperchen«, rief Sophie beinahe mit der alten Lustigkeit, »bravo! Sie könnten nicht schöner predigen, wenn Sie selbst der betreffende unglückliche Nächste wären! Aber, sagen Sie, hat man denn von den losen Vögeln noch immer keine Nachricht?« »Soviel ich weiß, nein! Es ist, als hätte die Erde sie eingeschluckt.« »Aber wie erträgt denn der verratene Gatte sein grenzenloses Leid?« »Ach, man sollte sich eigentlich dieser Menschen wegen gar nicht weiter ereifern«, erwiderte Bemperlein unmutig, »Sie sind es nicht besser wert und wollen es nicht anders haben. Denken Sie sich, Fräulein Sophie, wollte sagen: Frau Sophie – dieser Mensch, dieser Cloten, der, als Stein mit seiner keuschen Penelope durchgegangen war, tat, als ob die Sonne niemals wieder für ihn scheinen könnte, hat sich nicht nur in überraschend kurzer Zeit getröstet, sondern dasselbe Unglück, das jener in sein Haus getragen hat, in seines Nachbars Hause ebenfalls angerichtet. Herr von Barnewitz, der Vetter der Frau von Berkow – der mit dem breiten roten Bart, wissen Sie, und den breiten Schultern – oh, Sie müssen ihn ja gesehen haben – nein? Na, es kommt auch nicht darauf an – eh bien, Herr von Barnewitz kommt neulich zu ungelegener Zeit nach Hause, findet – so erzählen sich die Leute – die Tür zum Zimmer seiner Frau verschlossen, wittert Unrat, zerschlägt ein Fenster, reißt den ganzen Fensterflügel heraus, steigt ins Zimmer, erwischt Herrn von Cloten, der eben von der Dame zu einer Hintertür hinausgeschoben wird, und hat eine Auseinandersetzung mit dem edlen Paar, infolge deren Hortense nach Italien und Herr von Cloten, nachdem er acht Tage lang das Bett gehütet, auf seine Güter gereist ist, ohne von jemand Abschied zu nehmen.« »Da haben ja die Sundiner Klatschschwestern wieder etwas zu reden gehabt!« »Das können Sie glauben, fast so viel, als damals bei der Verlobung von Helene Grenwitz mit dem Fürsten Waldernberg.« »Wie steht es denn damit?« »Soviel ich weiß, soll die Verlobung, ich meine die eigentliche, offizielle, in diesen Tagen hier in Berlin stattfinden. Anna-Maria sagte mir neulich, daß sie mit Helene Anfang März hier eintreffen werde.« »So sind Sie also mit der Familie in Verbindung geblieben?« »Ich hatte keinen rechten Grund, meine Stunden aufzugeben. Anna-Maria beehrte mich fortwährend mit ihrer besonderen Gnade und überdies habe ich mich in der letzten Zeit mehr mit ihrem Wesen ausgesöhnt. Ich glaube, wir haben ihr vielfach unrecht getan. Sie hat gewiß ihre bedenklichen Seiten, aber man muß auch so gerecht sein, anzuerkennen, daß die Verhältnisse, in denen sie lebt, eigentümlich genug sind. Wenn sie Helene einen reichen Mann verschafft, so tut sie nicht mehr und nicht weniger, als was alle Frauen in ihrer Lage auch tun würden. Und ihre Lage ist keineswegs so glänzend, wie wir glaubten. Seit dem Tode des Barons hat sie von dem ganzen großen Vermögen außer dem, was sie bis jetzt gespart hat, und das kann – für die Ansprüche solcher Leute wenigstens – nicht allzuviel sein, eine verhältnismäßig geringe Witwenpension; und auch die fällt weg, im Falle Malte dem Beispiele seines Cousins Felix nachfolgen und auch an der Auszehrung sterben sollte, was nebenbei im höchsten Grade wahrscheinlich ist. Der Junge besteht jetzt schon nur aus Haut und Knochen.« »Da wäre ja allerdings Helenens glänzende Heirat eine Art von Notwendigkeit im Sinne dieser Leute, obgleich ich überzeugt bin, daß es für Helene eine traurige Notwendigkeit ist.« »Weshalb?« »Im Vertrauen! Ich glaube, ihr Herz hatte sich bereits nach einer andern Seite entschieden, als sie dem Fürsten das Jawort gab. Wollte Gott, sie wäre von Anfang an weniger zurückhaltend gegen mich gewesen; vielleicht wäre alles anders gekommen.« »Glauben Sie das nicht, in diesem Mädchen steckt ein hartnäckiger Stolz, den kein einzelner Mensch, den, glaube ich, nur das Schicksal beugen kann. Sie wird niemand einen unbedingten Einfluß auf ihre Entschließungen gestatten.« »Sagen Sie, Bemperchen, was ist denn eigentlich an dem Gerücht, das Ihre Frau von Berkow und den Baron miteinander in einem – sehr intimen Verhältnisse leben läßt?« fragte Sophie nach einer kleinen Pause. »Nichts, reinweg gar nichts«, sagte Bemperlein mit großem Eifer, »ich möchte nur wissen, was die Leute eigentlich wollen! Es besteht eine Freundschaft zwischen ihnen, die sich von ihren gemeinsam verlebten Jugendjahren her datiert. Das ist alles. Wenn sie Nachbarn sind und sich infolgedessen häufig sehen, so ist doch das wahrhaftig ganz unverfänglich. Sie könnten sich ja heiraten, wenn sie sonst nur wollten. Anstatt dessen reist der Baron nach Paris und läßt sie in Schnee und Eis auf dem einsamen Berkow. Das beweist doch sonnenklar, daß von Liebe zwischen ihnen die Rede nicht ist, oder es müßte denn eine kuriose Liebe sein.« In diesem Augenblick schrak Sophie freudig zusammen. In dem Fensterspiegel hatte sie die Gestalt eines schlanken, eleganten, schwarzbärtigen Mannes erblickt, der die nicht eben belebte Straße eiligen Schrittes heraufkam. »Franz kommt!« rief die junge Frau, während ihre großen blauen Augen aufleuchteten und ein tieferes Rot ihre Wangen färbte. »Verstecken Sie sich, Bemperchen!« »Aber, wohin?« rief Herr Bemperlein, von dem Fenstertritt herabspringend. »Nur dort hinter die Portiere! Halten Sie in der Mitte fest, daß sie nicht auseinanderfällt – so!« Die Klingel an der Haustür ertönte, unmittelbar darauf wurde die Stubentür geöffnet, und Franz trat schnell ein. »Ist Bemperlein nicht gekommen?« »Siehst du ihn etwa hier?« Nun sah Franz Herrn Anastasius Bemperlein freilich nicht, wohl aber auf einem Stuhl einen Herrenhut und überdies die Falten der Portiere in einer Weise arrangiert, die nur dadurch möglich war, daß eine Hand hineingegriffen hatte und jetzt die beiden Teile fest zusammenhielt. Er sagte: »Dieser Bemperlein ist doch ein ganz unzuverlässiger, leichtfertiger, gewissenloser Springinsfeld; ein Mensch ohne Treu und Glauben, ohne Grundsätze; ein Scharlatan, von dem es mir schon hundertmal leid getan hat, daß ich ihn meinem Freunde Herrn Professor Planke als Bibliothekar so lange empfohlen habe, bis er ihn mit tausend Talern jährlich angestellt hat; ein Don Juan von einem Bemperlein, der mit den Frauen seiner Freunde heimliche Zusammenkünfte hat, beim Nachhausekommen des Ehemannes sich hinter der Portiere versteckt, und dabei so dumm ist, seinen Hut im Zimmer stehenzulassen; ein Harlekin von einem Bemperlein –« »Halt«, sagte Bemperlein, den Vorhang auseinanderschlagend, »ich bin erkannt.« Die beiden Freunde eilten aufeinander zu und umarmten sich mit großer Herzlichkeit. »Wißt ihr, wen ich soeben gesehen habe?« sagte Franz, nachdem man das Notwendigste durchgesprochen. »Nun?« riefen Bemperlein und Sophie. »Den Baron Oldenburg und Frau von Berkow.« »Unmöglich!« rief Bemperlein, einen verlegenen Blick auf Sophie werfend, den diese mit einem schalkhaften Lächeln beantwortete. »Was ich euch sage. Ich begegnete ihnen in der Nähe des Schlosses Arm in Arm. Frau von Berkow hat mir ihre Adresse gegeben und mich gebeten, sie zu besuchen. Da! Sie hat die Kinder mit, und ich vermute, daß sie längere Zeit hierbleiben wird. Ich sagte ihr, daß wir Bemperchen heute erwarten, und sie war über diese Nachricht sehr erfreut. Auch Baron Oldenburg läßt grüßen und Ihnen sagen, daß er seit gestern mit Professor Berger von Paris zurück sei. Ihr wißt doch, daß sich die beiden in Paris getroffen und die ganze Revolution mitgemacht haben? Sie logieren Hotel de Russie Unter den Linden. Ich habe Frau von Berkow geraten, wenn sie nicht ganz besonders dringende Geschäfte hier halten, die Stadt zu verlassen, da wir voraussichtlich sehr unruhige Tage haben werden. In der Friedrichstraße schwirrt und wirrt es wie in einem Ameisenhaufen. Adjutanten und Ordonnanzen jagen ventre à terre durch die Straßen. An der Friedrich- und Bärenstraßen-Ecke sah ich sogar schon Kanonen aufgefahren. Unter den Linden soll es zu einem blutigen Zusammenstoß gekommen und ein Gardeoffizier von dem Volke arg mißhandelt sein. Einige nannten den Fürsten Waldernberg. Der Lärm ist so groß gewesen, daß das Publikum das Opernhaus, trotzdem ein neues Ballett gegeben wird, gleich nach Beginn der Vorstellung wieder verlassen hat. In der Fischerstraße hat ein Volkshaufe einen Angriff auf einen Waffenladen gemacht, und ein Bekannter will in der Grünstraße die Anfänge einer Barrikade gesehen haben. Mit einem Worte: Die Stadt ist in einer fieberhaften Aufregung, und deshalb, liebes Weibchen, wär es recht gut, du verschafftest uns Tee mit Rum, anstatt hier zu stehen und mit offenem Munde den Schreckensnachrichten zu lauschen.« Sophie fiel ihrem Gatten um den Hals, drückte ihm einen Kuß auf die Lippen und eilte zur Tür hinaus, um das Abendbrot zu besorgen. Die beiden Freunde setzten sich unterdessen auf das Sofa und besprachen mit Ernst und Gründlichkeit ihre eigenen und die öffentlichen Angelegenheiten. Vierzigstes Kapitel Es war heute abend kaum noch ein Platz zu haben in den vier oder fünf großen Räumen, aus dem der »Dustre Keller« bestand. Elise, Berta und Pauline, die Schenkmädchen, hatten zu tun, wenn sie jedem durstigen Gast das gefüllte Seidel bringen und bei jedem sich wenigstens doch so lange aufhalten wollten, bis er Zeit gehabt, ihnen in die Wangen zu kneipen oder mindestens ein verbindliches Wort zu sagen. Die Wirtin des Kellers hatte eben ihren Platz hinter dem Büfett verlassen, um die Runde durch den Keller zu machen, hier einem Bekannten vertraulich auf die Schulter zu klopfen, dort einen Fremden willkommen zu heißen, hier ein enthusiastisches Lob über die Trefflichkeit des Biers huldvoll entgegenzunehmen, dort einen etwaigen Tadel dadurch zu entkräften, daß sie das Glas des Klägers an den Mund führte und daraus einen Schluck tat, der für einen durstigen Weidmann eben recht gewesen wäre. So war sie denn jetzt auch an ein paar Männer herangetreten, die in einer Ecke allein an einem kleinen Tische saßen und, die Köpfe zusammensteckend, sich im Flüsterton mit einem Eifer unterhielten, der deutlich genug bewies, daß der Gegenstand ihres Gespräches für sie von ungewöhnlichem Interesse war. »Nun, Schmenckelchen, wie geht's?« sagte Frau Rosalie, die fette Hand auf die breite Schulter des starken Herrn im Sammetrock legend, »mir deucht, Ihr seht ein wenig echauffiert aus. Trinkt nur nicht zuviel, damit Ihr hernach Eure Kunststücke ordentlich macht. Ihr habt heute ein großes Publikum.« »Ich fürcht', ich werd' heute Abend nichts Gescheites mehr zusammenbringen«, sagte der Direktor, dessen aufgedunsenes Gesicht sehr stark gerötet war, mit lallender Zunge. »Aber, Schmenckel, Ihr habt es ja versprochen!« erwiderte Frau Rosalie, und ihre Augen blickten nichts weniger als freundlich. »Eine Liebe, wißt Ihr, ist der andern wert.« »Mein Freund Schmenckel besinnt sich noch, verehrte Frau!« sagte der Begleiter des Direktors. »Er ist für den Augenblick nur etwas angegriffen von einem Renkontre, das wir vor einer Stunde Unter den Linden gehabt haben. Übrigens freue ich mich ganz ausnehmend, verehrte Frau, daß ich durch Herrn Schmenckel Ihre neue Adresse erfahren habe; ich habe Sie nach Ihrer alten seit zwei Tagen in der ganzen Stadt vergeblich gesucht.« Frau Rosalie Pape warf einen prüfenden Blick auf den Sprecher. Es lag in seiner ganzen Erscheinung und in seiner Art zu sprechen ein Etwas, wodurch sie sich angenehm berührt fühlte. »Mit wem habe ich das Vergnügen?« fragte sie. »Ganz auf meiner Seite! Wollen Sie uns nicht für einen Augenblick die Ehre Ihrer Gesellschaft gönnen?« sagte der junge Mann, Frau Rosalien den noch unbesetzten Stuhl am Tische präsentierend. »Mein Name ist Albert Timm – aus Sundin –, ich habe einen Empfehlungsbrief an Sie von einem alten Freunde, der Sie bestens grüßen läßt. Darf ich mir erlauben, dieses Dokument in Ihre schönen Hände zu legen?« und Herr Timm überreichte der Frau einen unversiegelten Brief, den er aus einer sehr schäbigen Brieftasche genommen hatte. Frau Rosalie schien über diese Mitteilung ein wenig betreten. Sie warf abermals einen noch schärfer prüfenden Blick auf den Fremden, entfaltete den Brief, wandte sich, so daß das Licht der Gasflamme darauf fiel und las: Liebe Rosalie, Überbringer dieses ist ein sehr guter Freund von mir, dem Du unbedingt vertrauen kannst. Er wird Dir in Beziehung auf die *witzer Geschichte eine Mitteilung machen, daß Dir die Augen übergehen werden. Wenn Du und Jeremias ihm beistehen wollt, zweifle ich nicht, daß wir einem gewissen Erben zu seiner Erbschaft und uns zu einem Profit verhelfen können, der sich gewaschen hat. Adies! Es mag Dir immerhin wohl gehen, aber auch Deinem, Dich noch immer zärtlich liebenden T. G. »Sie kennen die Hand?« fragte Herr Timm. als die Frau, nachdem sie den Brief zweimal sorgfältig gelesen, und dann nicht minder sorgfältig zusammengefaltet und in die Tasche gesteckt hatte, jetzt mit einem mißtrauischen Blick zu ihm aufschaute. »Die Hand kommt mir allerdings bekannt vor«, erwiderte sie. »Vorläufig die Hauptsache. Das übrige will ich Ihnen zur gelegenen Zeit schon sagen. Ich hoffe, daß Sie mir noch heute abend das Vergnügen und die Ehre einer vertraulichen Unterhaltung gewähren. Ich bin überzeugt, daß wir vor morgen früh die besten Freunde sind.« Die Zuversicht und Bestimmtheit in dem Auftreten des jungen Mannes imponierte Frau Rosalie entschieden. Sie erwiderte den vertraulichen Druck von Alberts Hand und erhob sich, da gerade in diesem Augenblick eines der Mädchen des »Dustern Kellers« herantrat, zu melden, daß man am Büfett nach der Gebieterin verlange. Albert wandte sich zu Schmenckel, der in seine Gedanken so vertieft war, daß er der Unterredung zwischen seinem Freunde sind Frau Rosalie wenig oder gar keine Aufmerksamkeit geschenkt hatte, und sagte, die abgebrochene Unterhaltung wieder aufnehmend: »Ich begreife nicht, wie Sie auch nur einen Augenblick zweifeln können. Ich sage Ihnen, wie ihr euch so einander gegenüberstandet, fiel mir die Ähnlichkeit auf, obgleich ich in dem Augenblicke wahrhaftig nicht viel Zeit hatte, lange Beobachtungen zu machen. Ich gebe zu, der Zufall ist ganz wunderbar, der euch nach so vielen Jahren zum ersten Male, ohne daß ihr von eurer gegenseitigem hochverehrlichen Existenz auch nur eine Ahnung habt, an diesem Orte und zu dieser Stunde zusammenbringt; aber was ist's denn weiter? Ich habe allen Respekt vor dem Zufall, denn er hat mir schon oft im Leben aus der Patsche geholfen, wenn's mit allem Verstand der Verständigen Matthäi zum letzten war. Und dieser Zufall ist zu famos, als daß er nicht etwas mehr als bloßer Zufall sein sollte. Und was ist's denn schließlich so Wunderbares? Sie sind vor zweiundzwanzig Jahren der Galan eines wollüstigen Weibes. Der Gemahl ist während der ganzen Zeit verreist und kommt nur nach Hause, um nachzusehen, wie groß die Hörner sind, die seine treue Gattin für ihn in Bereitschaft hat, und sich nebenbei von dem Galan zum Fenster hinauswerfen zu lassen. Die Dame hat in ihrer Ehe nur ein Kind gehabt und dieses einzigen Kindes Alter stimmt auf ein Haar. Sie sind, sagen Sie, im Herbst Achtzehnhundertfünfundzwanzig in Petersburg gewesen, und der Fürst ist im Juni sechsundzwanzig geboren.« – »Woher wissen Sie denn das aber?« fragte Herr Schmenckel und kraute sich ungläubig den dicken Kopf. »Ich sage Ihnen, Mann, daß ich es weiß. Das kann Ihnen doch genug sein. Und gesetzten Falls, der Bursche wäre Ihr Sohn nicht, so –« »Aber warum sollt' er denn nicht mein Sohn sein?« rief Herr Schmenckel und schlug mit seiner schweren Faust auf den Tisch. »Seh ich aus, als ob ich dazu nicht imstande wäre?« Albert nahm die Brille ab, wischte die Gläser rein, setzte sie sich wieder auf, schaute lachend in des Seiltänzers hochgerötetes Gesicht und sagte gemütlich: »Hört mal, Alter, Ihr seid der närrischste Kauz, der mir in meinem Leben begegnet ist. Erst spreche ich mich vergeblich heiser, um Euch zu beweisen, daß Ihr der Vater von diesem hoffnungsvollen Jüngling seid, und bei der bloßen Annahme, Ihr wäret es nicht, werdet Ihr grob und prügelt mich am Ende noch durch. Ich wollte aber nur dies sagen: gesetzten Falls, der Bursche ist nicht Euer Sohn, so kommt darauf auch nicht so viel an. Wir wollen vorläufig einmal auf den Busch klopfen, vorläufig einmal anfragen, ob sich die gnädige Frau Fürstin noch eines gewissen Herbstes in Petersburg erinnert und so weiter, und so weiter – ich setze meinen Kopf gegen einen hohlen Kürbis –, wir jagen sie ins Bockshorn, daß ihnen die Rubel nur so aus den Ärmeln fallen.« »Aber werden Sie uns nicht die Polizei auf den Hals schicken?« meinte Herr Schmenckel, den Kopf schüttelnd. »Pah! Sie werden froh sein, wenn sich kein Dritter hineinmischt! Es gibt für Leute wie wir keinen besseren Bundesgenossen als so ein schlechtes Gewissen – ich sage Ihnen, ich habe Erfahrungen in diesem Fach.« Herr Schmenckel dachte über den verzwickten Fall so tief nach, daß ihm der Kopf glühte. Plötzlich kam ihm ein Gedanke, der, wenn auch nicht Licht in die rätselhafte Angelegenheit, so doch in den Charakter seines neuen Freundes werfen konnte. »Aber«, sagte er, »was habt denn nur Ihr eigentlich für ein Interesse an der ganzen Geschichte?« »Pfui, Herr Direktor«, antwortete Albert mit großer Indignation, »eine solche Frage hätte ich Ihnen nicht zugetraut! Haben Sie mich nicht aus den Klauen der Soldaten gerettet? Wäscht eine Hand nicht die andere? Gibt's auf der Welt nicht ein solches Ding wie Dankbarkeit? Wenn Sie partout ein armer Teufel bleiben und auf den Jahrmärkten herumziehen wollen, während Sie eine anständige Pension von einigen tausend Rubeln jährlich in Ihrem eigenen Hause verzehren und in Ihrer eigenen Equipage fahren können – mir ist es recht! Verzeihen Sie, daß ich Sie mit diesen Dingen behelligt habe, und lassen Sie uns von etwas anderem sprechen.« »Aber so nehmen Sie doch Vernunft an«, rief Schmenckel ängstlich, »es fällt mir ja gar nicht ein, es Ihnen irgendwie übelzunehmen, daß Sie mich partout zu dem Vater von einem Fürsten machen wollen. Aber daß ich einen so vornehmen Sohn hab und gleich das erste Mal, daß ich ihn erschau', sollt' durchgewamst haben, das ist doch dann so erstaunlich, wenn Kaspar Schmenckeln das andere erzählen täten, er glaubt's nimmer.« »Ich sehe nicht ein«, sagte Albert, »weshalb das erstaunlicher ist, als daß ich von den Tausenden in der Volksversammlung ganz zufälligerweise Eure Bekanntschaft mache, daß wir unter tausend Offizieren gerade dem Fürsten in den Weg laufen, ich ihn ganz zufälligerweise von früher her kenne, seinen Namen weiß, Ihnen den Namen nenne und Sie an den Namen eine Reminiszenz aus Ihrem Wanderleben knüpfen, die uns zu einer so unbezahlbaren Entdeckung verhilft. Ich kann Sie versichern, daß ich im Anfang fast ebenso erstaunt gewesen bin wie Sie, aber dergleichen dauert bei mir, Gott sei Dank, nicht lange.« Albert warf sich in seinen Stuhl zurück und stocherte sich die Zähne. Schmenckel betrachtete mit unendlicher Verwunderung, in die sich eine Art von Grauen mischte, den Mann, der sich selbst durch eine so außerordentliche Begebenheit nicht aus der Fassung bringen ließ. Es war mehrere Stunden später. In dem »Dustern Keller«, in dem es heute nacht sehr lebhaft zugegangen, waren nur noch wenige Gäste hier und da zerstreut, kleine Gruppen von drei und vier Personen – Leute von zum Teil wunderlichem Aussehen, Männer in schäbiger, manchmal phantastischer Kleidung mit verwüsteten, interessanten Gesichtern. Doch auch diese Gruppen lösten sich allmählich auf; eine Flamme nach der andern wurde von den armen Mädchen ausgelöscht, die schon seit einer Stunde hier und da in den Ecken, mit den hübschen Köpfen auf den runden Armen, geschlafen hatten, und zuletzt war niemand mehr da als Herr Schmenckel, der auf einem der Sofas schnarchte, und zwei andere Herren, welche mit der Wirtin des Lokals an einem runden Tischchen bei einer Flasche Champagner saßen. Der eine dieser Herren war Albert Timm, der andere ein Mann in mittleren Jahren, der erst vor einer Stunde etwa gekommen und von Frau Rosalie Herrn Timm als der Bruder seines Sundiner Wirtes, Herr Jeremias Gutherz, vorgestellt worden war, und den Albert seiner Kleidung und seinem ganzen Aussehen nach für einen kleinen Bürger in nicht unebenen Verhältnissen gehalten haben würde, für einen Gewürzkrämer vielleicht oder Tabakshändler, wenn nicht in den schmalen, von dichten Brauen überschatteten Augen ein Etwas gelegen hätte, das anzudeuten schien: die Beschäftigung des Herrn sei keine ganz so harmlose, zum mindesten nicht immer eine so harmlose gewesen. Die drei Personen hatten eine sehr eifrige Unterredung geführt, deren Resultat Albert jetzt zusammenfaßte. »Es handelt sich also um zweierlei«, sagte er, »einmal, uns einen Einblick in die Taufregister der St. Marienkirche, oder noch besser, eine vidimierte Abschrift des Taufzeugnisses zu verschaffen, zweitens um die Auffindung der Hauptperson in dieser Komödie, ich meine des Herrn Oswald Stein.« »Woraus wissen Sie denn aber, daß er sich hierher wenden wird?« fragte der Mann mit den seltsamen Augen. »Ich vermute es nur. Er schrieb mir vor acht Tagen aus Paris: er könne sich dort nicht mehr halten und müsse suchen, der Heimat näher zu kommen, solange er die Reise noch bezahlen könne. Mir scheint es unzweifelhaft, daß er sich hierher gewandt hat oder wenden wird, wo er, wie ich von ihm selbst weiß, schon als Student literarische Verbindungen der verschiedensten Art angeknüpft hatte und deshalb noch am leichtesten hoffen darf, für sich und seine Holde Subsistenzmittel herbeizuschaffen. Nur glaube ich nicht, daß er unter seinem wahren Namen auftreten wird, um sich nicht etwaigen unangenehmen Begegnungen mit den Verwandten der Frau von Cloten auszusetzen, die ihm, wie ich weiß, überall nachspüren und ihn hier sicher sehr bald entdecken würden.« »Die Erledigung dieses Punktes überlassen Sie meinem Freunde hier«, sagte Frau Rosalie, dem Herrn mit den sonderbaren Augen die Hand vertraulich auf den Kopf legend, »und nun, Ihr Herren, glaube ich, ist es Zeit, daß wir uns trennen. Morgen ist auch wieder ein Tag. – Ja, aber was fangen wir denn mit dem Kerl da auf dem Sofa an, der heute für zwölf getrunken hat?« »Wir werden ihn nach Hause bringen müssen, wenn Sie, schöne Frau, nicht ein Plätzchen für ihn in Bereitschaft haben« – erwiderte Albert mit einem bezeichnenden Blick. »Sie Schäker!« sagte die Dame, Albert in die Wangen kneipend, »ich werde Ihnen das lose Maul stopfen.« »Aber hoffentlich doch nur mit einem Kusse!« »Sie loser Vogel!« rief die Frau und schien nicht übel Lust zu haben, das Mittel in Anwendung zu bringen. Albert wandte sich plötzlich zu Herrn Schmenckel und fing an, ihn erst schwächer, dann stärker und zuletzt aus allen Leibeskräften zu schütteln. »Uff«, lallte der Riese im Schlaf, »laßt mich los, ich will schon mit dem Bub fertig werden.« »Was will er?« sagte der Herr mit den sonderbaren Augen. »Oh, er schwatzt im Schlaf«, sagte Albert, »geben Sie mir einmal ein Glas Wasser, Elischen, ich glaube, das wird ihn am ersten zu sich bringen.« Endlich stand der Koloß aufrecht da, und man gelangte, wenn auch nicht ohne einige Mühe, die Kellertreppe hinauf auf die Straße. Die Nacht war sehr finster, kein Stern am Himmel sichtbar. Der Wind wehte in klagenden Stößen durch die öden Gassen und drohte die flackernden Gaslichter ebenfalls auszulöschen. Herr Schmenckel kam in der frischen Luft wenigstens so weit zu sich, daß er seine Begleiter zärtlich umarmte, ihnen ewige Freundschaft schwor und jedem hunderttausend Silberrubel versprach, sobald es sich als sicher herausgestellt, daß der Fürst Waldernberg, den er heut' Unter den Linden durchgeprügelt, wirklich sein Sohn sei. So kamen sie an das Haus und schließlich auch in das Stübchen des Hintergebäudes, in dem Herr Schmenckel seine Wohnung aufgeschlagen. Der Riese taumelte auf sein dürftiges Lager; und seine beiden Begleiter entfernten sich, nachdem Herr Jeremias mit einer Blendlaterne, die er zu Timms nicht geringer Verwunderung aus der Tasche zog, in alle Winkel des Zimmers geleuchtet, wo sonderbare Gerätschaften: eiserne Kugeln, Reifen von Messing, Stangen und Stäbe von allen Sorten, Trommeln und Trompeten und Flitterkram jeder Art in wüster Unordnung aufeinander geschichtet waren. »Nun müssen Sie das Maß Ihrer Güte vollmachen«, sagte Timm, als sie wieder auf der Straße standen, »und mir sagen, wie ich nach Hause komme. Ich wohne –« »Weißes Roß in der Falkenstraße Nr. 43, nach hinten«, unterbrach ihn Herr Jeremias Gutherz, indem er seine Laterne verschloß und in die Tasche steckte. »Sind Sie des Teufels?« rief Herr Timm, unwillkürlich einen Schritt zurücktretend. »Wie können Sie meine Wohnung wissen, die ich hier noch niemand gesagt habe?« »Glauben Sie, daß ein so bedeutender Redner der Volksversammlung unter den Zelten uns lange unbekannt bleiben kann?« sagte der Mann mit der Blendlaterne. »Uns? Wer ist uns?« fragte Timm. »Das kann Ihnen gleich sein. Jedenfalls möchte ich Ihnen den Rat geben, Ihre Redeübungen lieber innerhalb Ihrer vier Pfähle zu halten, schon unserer Angelegenheit wegen, die arg ins Stocken geraten möchte, wenn Sie eingesteckt würden.« »Pah«, sagte Timm, »glauben Sie denn, daß mir etwas an dem Ruhm eines politischen Märtyrers liegt? Ich habe den Leuten eine Rede gehalten, weil ich überhaupt gern rede, und zweitens, weil ich mich über die Spatzenköpfe ärgerte.« »Desto besser«, sagte der andere trocken. Timm warf, indem sie eben jetzt unter einer Gaslaterne hinschritten, einen Blick auf seinen Begleiter, und der rätselhafte Ausdruck der Augen des Mannes und die Blendlaterne und das »Uns« wurde ihm plötzlich klar. »Entschuldigen Sie, Herr Gutherz«, sagte er, »ich glaube von Ihrem Herrn Bruder gehört zu haben, daß Sie ein sehr geschätztes Mitglied der geheimen Polizei sind.« Der Mann mit den sonderbaren Augen lächelte: »Ihr seid ein schlauer Fuchs!« sagte er. »Und habt eine feine Nase. Mein Bruder hat's Euch nun freilich nicht gesagt, denn er weiß nichts davon, und Rosalie auch nicht, denn die weiß es freilich, hat aber ihre Gründe, reinen Mund zu halten; also –« »Wird's mir wohl der Teufel gesagt haben«, unterbrach ihn Timm, dem diese gelungene Probe seines Scharfsinns die alte Sicherheit wiedergegeben hatte. »Ich glaube, ich hätte es in Eurem Fache weit bringen können.« »Das käme vielleicht nur auf Sie an.« »Wieso?« Der Mann mit den seltsamen Augen antwortete auf diese Frage nicht, sondern sagte, als sie jetzt an einer Ecke angekommen waren: »Das ist Ihre Straße. Ich komme heute vormittag um elf Uhr zu Ihnen. Da wollen wir denn die Angelegenheit weiter besprechen. Die Männer trennten sich. Ihr Fußtritt verhallte in den einsamen Straßen, während über die hohen Dächer schon das graue Morgenlicht herüberlugte. Einundvierzigstes Kapitel In einem stattlichen Zimmer eines stattlichen Hotels Unter den Linden saßen am Abend des folgenden Tages Melitta und Oldenburg auf dem Sofa. Auf dem Tische brannte eine Lampe; angezündete Lichter standen auf den Spiegeltischen und auf dem Sims des Kamins. Frau von Berkow erwartete heute abend noch mehr Besuch, und Oldenburg hatte nur das Recht des Hausfreundes, vor der bestimmten Zeit zu kommen, in Anspruch genommen. »Ich finde, du bist heute abend sehr schweigsam, Adalbert!« sagte Melitta, die Arbeit, an der sie genäht hatte, auf den Tisch legend und sich mit einem freundlichen Lächeln zu Oldenburg wendend. »Ich schwatze dir von den Kindern vor, wie kräftig der Junge geworden ist und wie hübsch Czika in den modernen Kleidern aussieht, und du schaust drein, wie – nun wie nur gleich?« »Wie der Ritter von der traurigen Gestalt, ohne Zweifel; wenigstens fühle ich mich so von dem Scheitel bis zur Sohle«, erwiderte Oldenburg aufstehend und einen Gang durch das Zimmer machend. »Daß ich nicht wüßte!« sagte Melitta. »Ich dachte, du nähmest dich in diesem grauen Anzug nach der neuesten Pariser Mode ganz besonders stattlich aus.« »Ohne Scherz, Melitta; ich bin in der Tat in einer traurigen Gemütsverfassung.« »Das ist ein allerliebstes Kompliment für mich, die ich nur dir zuliebe – hören Sie wohl, mein Herr, nur, um Ihnen eine, wie ich hoffte, angenehme Überraschung zu bereiten – aus meinem traulichen Nest die lange Reise mit den Kindern hierher mache in diese langweilige Stadt, und mir jetzt am Ende noch sagen lassen muß: Du hättest auch wohl zu Hause bleiben können.« »Willst du es glauben, Melitta, daß mir dieser Gedanke wirklich gestern und heute schon ein paarmal gekommen ist?« »Das ist stark!« erwiderte Melitta und wußte im Augenblick nicht, ob sie die Worte Oldenburgs für Wahrheit oder für Scherz nehmen sollte. Der Baron ließ sie nicht lange in dieser Ungewißheit; er setzte sich wieder zu ihr, ergriff ihre Hand und sagte: »Liebe Melitta, meine Worte klingen sehr hart, aber frage dich selbst, ob ich als Mann nicht so fühlen und denken muß. Daß ich dir für deine Güte in tiefster Seele dankbar bin, das weißt du, solltest du wenigstens wissen. Auch daß du für mich deinen guten Ruf aufs Spiel setzest, schlage ich so hoch eben nicht an, denn es ist ein jämmerlich Ding um das Urteil der Welt; ich hab's mein Leben lang verachtet. Es ist etwas ganz anderes, was mich hindert, rechte Freude an diesem Wiedersehen zu haben; und ich will dir offen sagen, was dieses Etwas ist. Sieh, Melitta, es ist dem Manne angeboren, daß er für das, was er liebt, auch sorgen und schaffen will, ja noch mehr, daß er die Geliebte in einer gewissen Abhängigkeit von sich sehen will, ich meine: abhängig von seiner Kraft, seinem Mut, seiner Einsicht. An der Unmöglichkeit, das Verhältnis so zu gestalten, ist manche starke Liebe schon gestorben, verzehrt sich manche starke Liebe. So auch meine Liebe zu dir. Ich kann, wie die Sache jetzt liegt, nur, sozusagen, im Vorbeigehen für dich leben, sorgen und schaffen, nicht zu jeder Stunde, jeder Minute, wie ich es wünsche, wie ich es muß, wenn ich glücklich sein will. Auf dem Lande, wo wir, die Nachbarn, ungestört und unbelauscht oft halbe Tage lang beisammensein konnten, ging es noch, und dennoch war das Gefühl der Halbheit so peinlich für mich, daß ich den politischen Verhältnissen dankbar war und gern nach Paris ging, um mir einbilden zu können, es läge zwischen dir und mir nur die Entfernung und weiter nichts. Hier nun aber, in der großen Stadt, überkommt mich das leidige Gefühl mit doppelter Gewalt; ja, es ist, als ob der Moment, in dem wir uns hier getroffen haben, ausgesucht wäre, mir das Verkehrte, das Geschraubte, das Unnatürliche unseres Verhältnisses so recht zu Gemüte zu führen. Wir stehen hier auf einem Vulkan, der jeden Augenblick zum Ausbruch kommen kann. Schon schwankt der Boden unter unseren Füßen, und ehe noch viele Tage vergehen, werden wir unerhörte Dinge erleben. Ich zittere nicht vor der Entscheidung:, im Gegenteil, ich sehne sie herbei, denn sie ist notwendig und wird für uns zum Heile ausschlagen. Aber um in den Tagen der Not und Gefahr, die über unser Volk hereinbrechen, fest zu stehen, um ein ganzer Mann nach außen sein zu können, muß ich erst in mir selbst zur Ruhe kommen, und das kann ich unter diesen Verhältnissen nicht, das kann ich nur, wenn ich weiß, daß ich für Weib und Kinder rede, handle, kämpfe und, wenn es sein muß, falle.« Des Barons Stimme zitterte, obgleich er sich augenscheinlich Mühe gab, so ruhig und überzeugend wie möglich zu sprechen. Er hatte sich noch näher zu Melitta gebeugt, die ihr schönes Haupt tief gesenkt hatte. Als er schwieg, blickte sie auf und zeigte Oldenburg ein bleiches Gesicht. Sie sagte mit leiser Stimme: »Wollte Gott, Adalbert, ich könnte dir, um deinet-, um meinet-, um unser aller willen, das Weib sein, dessen du entbehrst.« »Weshalb kannst du es nicht?« »Du weißt es.« »Aber, Melitta; soll denn die Erinnerung an diesen Mann, den du unmöglich noch lieben kannst, von dem du selbst sagst, daß du ihn nicht mehr liebst, uns ewig trennen! Hast du dein Unrecht, wenn es unrecht war, dem Zuge eines Herzens, das sich frei wußte, zu folgen – nicht durch tausend Tränen gesühnt? Bist du mir nicht noch, was du mir immer warst? Und, wenn doch einmal zwischen uns abgerechnet werden soll, hast du mir, wenn du mich würdigst, dein Gatte zu sein, nicht mehr zu vergessen und zu verzeihen als ich dir? Ist es vernünftig, die Frau zu dem Opfer eines rigorosen Sittengesetzes zu machen, über das sich der Mann mit Leichtigkeit hinwegsetzt? Wer hat dies unvernünftige Gesetz geschaffen? Nicht ich, noch du – was sollen darin du und ich sich ihm beugen? Ich sage dir, der Tag der Freiheit, der heraufdämmert, wird diese und noch manche Satzung, die ein finsterer Mönchssinn ausgrübelte, die Natur zu knebeln und zu quälen, aufheben und die Blätter, auf denen sie verzeichnet stehen, in alle vier Winde wehen.« »Wenn dieser Tag kommt – und wenn er mir kommt«, erwiderte Melitta, »ich will ihn mit freudigem Herzen begrüßen. Ist es wirklich ein Wahn, was mich hindert, in deine Arme zu fliegen und zu sprechen: Nimm mich, ich will dein sein nun und immerdar! – Habe Mitleid mit mir! Ich leide ja ebensoviel darunter wie du; aber Adalbert: Ich bin ein Weib; und das Weib kann wohl auf den Tag der Erlösung hoffen und harren, aber für diesen Tag kämpfen wie ihr, kann es nicht. Und bis dieser Tag kommt, bis ich mich so frei fühle, wie ich mich fühlen muß, wenn ich mit Ehren die Deine sein will, muß es bleiben, wie es ist.« Melitta hatte dies mit einer leisen, traurigen Stimme gesagt, und Oldenburg fühlte, daß es Grausamkeit sei, weiter in sie zu dringen. Er nahm ihre Hand, küßte sie und sagte: »Laß es gut sein, Melitta! Ich bin geduldig. Und dann: Der Tag der Erlösung, den du erharrst, muß ja doch einmal kommen.« In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet, und der alte Baumann meldete den erwarteten Besuch an. Melitta fuhr sich mit dem Taschentuche über die Augen, während Oldenburg Sophie entgegenging, die von ihrem Gatten und Bemperlein begleitet, soeben zur Tür hereintrat. Melitta und Sophie sahen sich heute abend zum ersten Male, aber man bemerkte nichts von der Förmlichkeit einer ersten Begegnung. Die beiden Damen hatten voneinander (besonders Sophie von Melitta) so oft und so viel gehört, daß sie sich selbst bis auf die Einzelheiten der äußern Erscheinung bekannt waren. Dennoch betrachteten sie sich, während sie sich die Hände reichten und die ersten Worte wechselten, mit nicht geringer Aufmerksamkeit, wobei denn Sophie die Bemerkung machte, daß Melitta viel weicher und milder erschien, als sie sich die vornehme Dame gedacht hatte, und Melitta umgekehrt, daß Sophie lange nicht so ernst und athenenhaft dreinschaute, wie nach Bemperleins Beschreibung die kluge, geistreiche Tochter des Geheimrats dreinschauen mußte. Auch den Baron Oldenburg sah Sophie heute zum ersten Male ebenso wie er sie, und sie warf vom Sofa aus manchen prüfenden Blick nach dem langen graugekleideten Mann, der in der Mitte des Zimmers mit den beiden Herren plauderte, während er ebenso von seinem Standpunkte aus die beiden Damen beobachtete und fand, daß sie in der üppigen Fülle des gleicherweise weichlockigen Haares und in dem Schnitt und Ausdruck der großen Augen eine gewisse Ähnlichkeit hatten, wie zwei Rosen, von denen die dunklere, vollere den schönen Kelch vollkommen erschlossen hat, während die andere hellere die zart gefärbten Blätter eben erst zum Licht des Tages entfaltet. An Stoff zur Unterhaltung fehlte es dem Kreise nicht in diesen aufgeregten Tagen, wo eine fieberhafte Unruhe in den Geistern aller wühlte, weil auf alle der Schatten, den die kommenden großen Ereignisse vor sich her warfen, gleicherweise drückte. – »Ich bin im Herzen Republikaner«, sagte Franz, »aber ich trage kein Verlangen danach, die Republik proklamiert zu sehen, weil ich nicht glaube, daß uns das eben wesentlich weiterbringen wird, solange wir das Übel nicht bei der Wurzel erfassen. Des Übels Wurzel sehe ich aber in dem dumpfen Pfaffenglauben, der die Natur der Dinge auf den Kopf stellt und die Menschen statt zu freien Bürgern dieser Erde zu Heloten eines transzendenten Dogmas erzieht, und anstatt die Solidarität der Interessen aller Menschen zu proklamieren, – eine These, welche die Vernunft begreifen und die Tatkraft üben kann, dunkel von einer allgemeinen Bruderliebe lallt, gegen die sich, in dem Sinne wenigstens, wie man sie geist- und sinnlos von tausend Kanzeln und Kathedern predigt, jedes gesunde Gefühl sträubt.« »Ich weiß nicht, Herr Doktor«, erwiderte Oldenburg, »ob Sie dabei die Wirkung, die ein nach den Prinzipien der Vernunft geordnetes öffentliches Wesen – res publica, meine Damen, nannten es die Römer, und weil diese Bezeichnung die Sache am besten deckt, kommen die modernen Völker, die aus dem geheimen Wesen oder vielmehr der offenbaren Verwesung des Polizeistaates ein freies und fröhliches Leben machen wollen, immer wieder auf sie zurück – ich weiß nicht, sage ich, ob Sie den Unterschied zwischen einer vernunftgemäßen und einer unvernünftigen Staatsform doch nicht zu gering anschlagen. Abgesehen davon, daß die persönliche und, sozusagen, materielle Freiheit die freie Bewegung auf den geistigen Gebieten notwendig im Gefolge hat, so wird auch ganz gewiß die verderbliche Wirkung vernunftwidriger Religionslehren in der Republik viel geringer sein als in einem absoluten Staate, gerade so wie schädliche Dünste, die in einem geschlossenen Raume vielleicht tödlich sind, in der freien Luft ohne Gefahr eingeatmet werden können. Und dazu kommt noch dies: In einem Staate, der despotisch regiert wird, ist es nur zu gewiß, daß die weltliche Tyrannei mit der geistlichen ein Schutz- und Trutzbündnis eingeht, was in einem freien Staate, wo die Gewalt in aller Händen ruht, nicht wohl möglich ist. Das Muckertum in England zum Beispiel – obgleich ich England keineswegs als einen freien Staat im höchsten Sinne des Wortes ansehe – flüchtet sich in einsame Fabrikdistrikte, oder bildet in den Städten obskure Konventikel, um die sich schließlich niemand kümmert; bei uns ist es eine Macht, deren furchtbare Wirkung wir alle gefühlt haben, ein Gift, das sich in allen Adern des Staatskörpers verbreitet und jede gesunde Kraft paralysiert. Um es mit einem Worte zu sagen: In einem freien Staate kann der einzelne noch so krank sein, aber das gemeine Wesen ist und bleibt deshalb doch ein Gemeinwohl; in dem Polizeistaate gibt es wohl gesunde Private, aber das gemeine Wesen ist nur eine große allgemeine Krankheit. Ich möchte, Sie hätten die Verhandlung mit angehört, die ich in Paris mit Berger über die schwere Not einer Zeit geführt habe, die beinahe nur noch problematische Naturen hervorbringt.« »Wo ist der Professor?« fragte Bemperlein. »Ich hatte der Frau Doktor Hoffnung gemacht, den alten Freund ihres Vaters heute abend hier zu sehen.« »Ich weiß es nicht«, erwiderte Melitta, »Wissen Sie es nicht, Oldenburg?« »Nein; ich habe ihn in der Volksversammlung von meinem Arme verloren. Ich glaube indessen sicher, daß er noch kommt.« »Problematische Naturen«, sagte Franz, der, dem angeregten Gedanken nachhängend, den letzten Teil des Gespräches überhört hatte, »wissen Sie, Herr Baron, daß ich diesen Goetheschen Ausdruck schon in Verbindung mit Ihrem Namen hörte, und zwar aus dem Munde eines Mannes, der mir sehr teuer gewesen ist und an dem auch Sie, soviel ich weiß, großen Anteil genommen haben? – Sie brauchen nicht ungeduldig auf den Tisch zu trommeln, Bemperlein; ich weiß, daß Sie sich ganz gegen Ihre sonstige fromme Denkungsart in einen höchst unfrommen Haß gegen Oswald Stein hineingeredet haben, und ich erwähne unseres gewesenen Freundes hier auch nur, weil er mir, ebenso wie sein Lehrer Berger, immer als ein Typus der problematischen Naturen erschienen ist.« Da Franz von dem Verhältnis Oswalds zu Melitta auch nicht die mindeste Ahnung hatte, so entging ihm natürlich die Röte, die so plötzlich in den Wangen der Dame aufflammte, daß sie sich, um sie zu verbergen, tief auf ihre Arbeit beugte; und die Heftigkeit, mit der Bemperlein sagte: »Ich dächte, Franz, dieser Mensch wäre einer Erwähnung gar nicht mehr wert«, reizte ihn nur zum Widerspruch. »Denken Sie das auch, Herr Baron?« sagte er, sich zu Oldenburg wendend. »Sollten Sie auch einen Menschen schonungslos verdammen, dessen größtes Unglück es vielleicht ist, in dieser Zeit geboren zu sein?« »Nein«, sagte Oldenburg ruhig und ernst, »ich habe das alte Wort, daß wir nicht richten sollen, um nicht selbst gerichtet zu werden, nicht vergessen. Ich habe stets die herrlichen Gaben, mit denen die Natur jenen Mann verschwenderisch ausgestattet hat, aufrichtig bewundert, und es stets lebhaft bedauert, wie ich es dennoch bis zu diesem Augenblick tue, daß ein so reicher Geist wie ein allzu üppig emporgeschossener Baum nur taube Blüten tragen sollte, von denen keine sich zur Frucht entwickelt.« Während Oldenburg so sprach, hatten seine Augen fest auf Melitta geruht, die jetzt ihr Antlitz wieder erhoben hatte und ihn ihrerseits so prüfend anblickte, als wollte sie ihm bis auf den Grund der Seele schauen. Franz interessierte sich für Oswald noch immer zu sehr, als daß ihn Oldenburgs Worte nicht innig hätten erfreuen sollen. Er erwiderte deshalb in lebhaftem und herzlichem Ton: »Ich war überzeugt, daß Sie so über Herrn Stein urteilen würden. Weiß ich doch aus Steins eigenem Munde manche Äußerungen von Ihnen, die mir bewiesen, ein wie tiefes Verständnis Sie für seinen Seelenzustand hatten, und zeigte mir doch Ihre Intimität mit Berger, daß Sie ein Arzt sind für die Kranken, nicht aber für die Gesunden, – lieber Bemperlein, die bekanntlich keines Arztes bedürfen. Berger und Stein sind zwei Naturen, die sich in Anlagen, Temperament und Charakter in überraschender Weise gleichen. Wie hätten sie, die sich an Jahren so verschieden sind, auch sonst so schnell innige Freundschaft schließen können – eine Freundschaft, die, fürchte ich, mehr als alles dazu beigetragen hat, in Stein die ausschweifenden Ideen zu nähren und zu befestigen, die ihn über kurz oder lang zum Wahnsinn oder Selbstmord führen müssen.« »Aber Sie sehen doch, Franz«, sagte Bemperlein, »daß Berger den Alp seiner Krankheit, die jedenfalls mehr physische als psychische Ursachen hatte, glücklich von sich abgeschüttelt, und dadurch allein bewiesen hat, daß in ihm eine ganz andere Kraft steckt als in Stein.« »Den Tag nicht preisen, bevor der Abend kommt!« erwiderte Franz. »Ich wünsche natürlich so lebhaft wie jeder von Ihnen, daß der Professor vollständig genesen sei, aber ich kann als Arzt nicht anders sagen, als daß ich einen Rückfall keineswegs für unmöglich halte, und wenn ich nicht sehr irre, Bemperlein, so erwähnten Sie noch gestern abend, daß mein verstorbener Schwiegervater sich genauso über seinen Zustand ausgesprochen habe.« »Aber das wäre ja entsetzlich!« sagte Melitta. »Ich behaupte nicht, gnädige Frau, daß es so kommen wird, ich sage nur, daß es so kommen kann.« »Haben Sie an Berger in der letzten Zeit etwas Besonderes bemerkt?« fragte Melitta, zu Oldenburg gewandt. »Ja«, sagte dieser nach einigem Bedenken, »ich kann es nicht leugnen, daß mir in den letzten Tagen sein Wesen viel aufgeregter vorgekommen ist. Seit der Februar-Revolution, an der wir, wie Ihnen bekannt sein wird, tätigen Anteil genommen haben, scheint eine fieberhafte Ungeduld in ihm zu wühlen, die mich oft an die Unruhe eines Löwen erinnert hat, der grollend hinter seinem Käfiggitter rastlos auf und ab geht. Die Minuten werden ihm zu Stunden, die Tage zu Wochen. Vergeblich, daß ich ihn daran erinnere, die Geschichte der Ideen zähle nach Jahrtausenden. – ›Ich habe keine Zeit‹, ist seine stete Antwort, ›wenn Sie wie ich vierzig Jahre durch die Wüste gewandert wären, würden Sie die Sehnsucht des müden Pilgers, nur einmal die Luft des gelobten Landes der Freiheit zu atmen, begreifen. Dieses Zaudern und Zagen, dieses Schwanken und Wanken werden mich nur zur Verzweiflung bringen‹. – Aber meine Herren, was ist das?« Alle lauschten. Von ferne her kam, das Rasseln der Wagen übertönend, ein gleichförmig zitternder dumpfer und doch starker Ton. »Es ist der Generalmarsch«, sagte Oldenburg, und seine Wangen röteten sich, »ich kenne den Klang.« Oldenburg hatte diese Worte kaum gesprochen, und die Gesellschaft erhob sich eben, um an die Fenster zu treten, als die Tür aufgerissen wurde und ein Mann in das Zimmer stürzte, in dem man Berger kaum noch wiedererkennen konnte. Sein langes graues Haar hing in wahnsinnigen Streifen um sein Haupt; Gesicht und Bart waren mit Blut besudelt, das aus einer Wunde auf der Stirn zu kommen schien; sein Rock war hier und da zerfetzt, als wenn scharfe Instrumente hineingeschnitten oder -gestochen hätten. Seine Augen glühten, sein Atem keuchte, als er jetzt, dicht an den Tisch herantretend und die Gesellschaft anstarrend, mit heisern Tönen rief: »Auf! Auf! Ihr sitzt und schwatzt, während draußen eure Brüder und Schwestern gemordet werden! Auf! Auf! Mit diesen unsern bloßen Händen wollen wir ihre Bajonette zerbrechen und die Henkersknechte erwürgen.« »Er wird ohnmächtig«, rief Franz, indem er Berger, der schon, während er sprach, wie ein Trunkener geschwankt hatte und jetzt zusammenbrach, in den Armen auffing. Die Männer sprangen hinzu und trugen den Ohnmächtigen auf das Sofa. »Etwas Eau de Cologne, gnädige Frau«, sagte Franz, »danke, ängstigen Sie sich nicht, es hat diesmal noch nichts zu sagen, aber ich fürchte für die Zukunft.« Die Gesellschaft umstand den Kranken, dessen Atemzüge ruhiger wurden, während draußen der Generalmarsch in der Ferne verhallte. Zweiundvierzigstes Kapitel In einem Zimmer der dritten Etage desselben Hotels saß zu eben der Stunde eine junge Dame, die mit ihrem Gatten – dafür nahm man wenigstens den Herrn, der sie begleitete – unlängst in dem Hause angekommen war. Da auf den Reiseeffekten »Paris« stand und der Herr mit der Dame französisch gesprochen hatte, so nahm man im Hause an, daß es Franzosen seien, um so mehr, als das Hotel gerade von Franzosen sehr stark frequentiert wurde. Frau Hauptmann Schwarz, die Besitzerin des Hotels, hatte selbst die Fremden auf ihr Zimmer geführt, und, da die junge Dame angegriffen und leidend aussah, teilnehmend gefragt, ob sie etwas für Madame tun könne? Der Herr hatte gebeten, Tee zu besorgen und im übrigen alle Dienstleistungen abgelehnt; bald darauf war er ausgegangen. Er war kaum fünf Minuten fort, als eine Droschke, die seit dem Augenblick, wo die Fremden gekommen waren, ein paar Schritte die Straße weiter hinauf gehalten hatte, vor dem Hause vorfuhr. Ein junger Mann stieg aus und fragte den Portier, ob ein Herr oder eine Dame, die vor einer Viertelstunde etwa aus Paris gekommen wären, zu Hause seien? Als der Portier antwortete, daß der Herr soeben mit dem Bemerken, er werde in einer Stunde etwa wiederkommen, das Haus verlassen habe, Madame aber, soviel er wisse, sich auf ihrem Zimmer befinde, bat der junge Mann, ihn unverzüglich zu ihr zu führen. Der Portier – ein vielerfahrener Mann – sah, daß der junge Mann, der übrigens offenbar den höheren Ständen angehörte, sehr aufgeregt war, und da ihm neun Uhr abends nicht die ganz geeignete Zeit schien, eine Dame, die allein auf ihrem Zimmer war, in einem ehrbaren Hotel aufzusuchen, sagte er, er glaube nicht, daß die Dame noch zu sprechen sei; ob der Herr nicht lieber morgen früh wiederkommen wolle? »Ich habe es sehr eilig«, sagte der junge Mann, »ich – ich muß die junge Dame in – Familienangelegenheiten sprechen. Wollen Sie nicht einmal nachfragen lassen, ob sie nicht noch Besuch empfängt, und ihr« – er besann sich einen Augenblick – »und ihr diese Karte bringen.« Die Hand des jungen Mannes zitterte so sehr, als er die Karte hinreichte, und sein Gesicht war so blaß und verstört, daß der Portier mehr wie überzeugt war, die Sache sei nicht richtig und die Zusammenkunft des jungen Herrn mit der französischen Dame könne nur auf Kosten des ausgegangenen Herrn stattfinden. »Was will ich denn«, sagte er, »da hängt ja der Schlüssel; sie sind alle beide ausgegangen.« Der junge Mann hielt das Etui noch in der Hand. »Ich bin überzeugt«, sagte er, indem er ein Goldstück aus dem Etui nahm und es dem Portier in die Hand drückte, »daß die Dame zu Hause ist und daß sie mich empfangen wird, wenn man ihr die Karte bringt.« Der Portier war ein ehrlicher Mann, aber er hatte eine zahlreiche Familie und mußte morgen das Schulgeld für die beiden ältesten Kinder bezahlen. »Drei Treppen, die zweite Tür auf dem Korridor links«, sagte er mürrisch. Der junge Mann sprang, immer drei Stufen auf einmal nehmend, die Treppe hinauf und klopfte an die bezeichnete Tür. »Entrez!« antwortete eine leise Stimme. Die junge Dame war, nachdem ihr Begleiter sie verlassen – er hatte nach der langen Fahrt das Bedürfnis gefühlt, noch ein Stündchen in den Straßen umherzuwandern – unbeweglich in der Sofaecke sitzen geblieben, den Kopf in die eine Hand gestützt, während die andere schlaff an ihrer Seite herabhing. Der Schein der Lichter auf dem Tische vor ihr fiel hell in ihr Gesicht. Es mochte ein gar reizendes Gesicht sein, wenn es, wie es wohl konnte, von Übermut und Lebenslust strahlte; aber jetzt war es blaß und die Züge vom Weinen wie verzerrt. Die großen grauen Augen starrten auf den Fußboden; die schönen Brauen waren düster zusammengezogen und die Lippen aufeinandergepreßt. Mechanisch hatte sie Entrez! gesagt, als der Kellner klopfte, um den Tee zu bringen; sie hatte nicht einmal emporgeblickt, während er die Sachen auf dem Tisch ordnete, und er mußte seine Frage, ob Madame noch etwas zu befehlen habe, zweimal wiederholen, bevor sie mit einem kurzen Nein! antwortete; ja sie hatte, sobald er die Tür hinter sich geschlossen, vergessen, daß er dagewesen, und sagte, als es unmittelbar darauf wiederum klopfte, ebenso mechanisch wie das erste Mal: »Entrez!« »Emilie!« Die junge Dame fuhr mit einem Schrei in die Höhe und starrte den jungen Mann, der vor ihr stand, mit weitgeöffneten Augen an, als ob sie jäh aus tiefem Schlaf erwache und nicht wisse, ob das, was sie da vor sich sah, ein Traumbild sei oder Wirklichkeit. »Emilie!« wiederholte der junge Mann und breitete seine Arme aus. »Adolf!« rief sie, sich an seine Brust werfend, »Adolf!« Die Geschwister hielten sich umschlungen, wie sie sich in den Tagen ihrer Kindheit umschlungen hatten, wenn der Bruder aus den Ferien nach Hause kam und die Schwester ihm schon bis an die Grenze des Parks entgegengegangen war; aber heute riß Emilie sich alsbald aus seinen Armen, und rief, die Hände, wie um ihn abzuwehren, vor sich streckend: »Wo kommst du her? Was willst du hier?« »Kannst du das fragen, Emilie?« erwiderte er traurig. »Was ich hier will? Dich! Woher ich komme? Von Paris, wo ich nach monatelangem Suchen deine Spur fand, in dem Augenblicke, als du abreistest, und von wo ich dir von Stadt zu Stadt, von Gasthof zu Gasthof gefolgt bin, ohne daß es mir einmal gelungen wäre, dich allein zu finden. – Nicht, als ob ich mich vor ihm fürchte!« sagte der junge Mann, indem er sich unwillkürlich stolz zu seiner vollen stattlichen Höhe aufrichtete. »Aber ich wollte freundlich und gut mit dir sprechen, und ich wußte, daß mir das in seiner Gegenwart nicht möglich sein würde.« Adolf von Breesen näherte sich seiner Schwester und wollte ihre Hand ergreifen; sie wich vor ihm zurück. »Was willst du von mir?« murmelte sie. »Emilie«, sagte er traurig, »ist das die alte Liebe? Emilie! Kind! Besinne dich! Was soll ich anders wollen, als dich aus diesem unwürdigen Verhältnis befreien, das dir schon längst zur Qual geworden ist. Oh, sage nicht nein! Ich sehe es ja an deinen Augen, an deinem blassen Gesicht, folge mir! Bei unseren alten Vater, der aus Gram um dich vergeht, bei dem Andenken an unsere selige Mutter, bei allem, was dir heilig ist, beschwöre ich dich, folge mir!« Emilie hatte sich schluchzend und ihr Gesicht in den Händen verbergend in die Sofaecke geworfen. Adolf kniete vor ihr nieder. Er nahm ihre Hände in die seinen, er küßte ihr die Stirn und Haar und Augen; er sprach zu ihr in beredten Worten, wie sie auch einfache Menschen finden, wenn ihr Herz von treuer Liebe voll ist. Er sagte ihr, daß er nicht daran denke, sie zu ihrem Gatten zurückzuführen, den er selbst niemals habe leiden können, den sie gegen seinen Willen geheiratet habe; daß sie niemals in ihre Heimat zurückkehren solle, wenn sie es nicht wünsche, daß er mit ihr in ein fernes Land gehen, daß er sie nie verlassen wolle. Er berührte alle Saiten ihrer Seele, von denen er wußte, von denen er hoffte, daß sie ihm antworten würden. Aber es war lange Zeit vergeblich. »Ich kann ihn nicht verlassen«, war alles, was sie unter Schluchzen und Tränen immer wiederholte. »Aber um Gottes willen, Emilie«, rief der junge Mann, »ist es denn möglich, daß eine Torheit so lange währt? Ist es denn möglich, daß du diesen Menschen noch immer liebst?« »Ja, ja, ich liebe ihn; liebe ihn mehr, als ich ihn je geliebt habe«, schluchzte sie. Adolf sprang empor und ging ein paarmal mit heftigen Schritten im Zimmer auf und ab. Dann trat er wieder an Emilie heran und sagte: »Ich will es glauben, weil du es sagst; aber Emilie, bei deiner Ehre – denn deine Ehre ist es, die auf dem Spiel steht – beantworte mir diese Frage: Bist du ebenso auch noch von seiner Liebe überzeugt?« Ein heftigeres Weinen war Emiliens Antwort, und in dem Weinen schüttelte sie mit dem Kopfe. »Oh, mein Gott«, sagte Adolf bitter, »bist du so tief gesunken, daß du einem Manne folgst, der dich nicht liebt? Dem du zur Last bist? Der viel darum gäbe, wenn er dich nur wieder los wäre? Ist das meine stolze Schwester? So will ich denn unser altes Wappen zerbrechen und vor jedem Lump auf der Straße die Augen niederschlagen und, wenn mich jemand einen Buben schimpft, tun, als hätte ich es nicht gehört.« Der junge Mann schlug sich mit der geballten Faust vor die Stirn, und Tränen des Zornes und der Scham drangen aus seinen Augen. Emilie sprang von dem Sofa auf. »Komm!« sagte sie hastig. »Komm! Du hast recht! Ich bin ihm zur Last! Er wird froh sein, wenn er mich los ist, komm!« »Gott sei gelobt!« rief Adolf. »Sogleich wollen wir fort!« sagte Emilie, in dem Gemache hin und her irrend und leidenschaftlich die Hände ringend, »ich will ihn nicht wiedersehen. Ich will ihm schreiben –« »Ja, ja!« sagte Adolf. »Hier ist ein Blatt aus meinem Portefeuille, Tinte und Feder ist hier; – schreib ihm, aber nur wenige Worte!« Emilie setzte sich an den Tisch, aber sie hatte kaum ein paar Buchstaben geschrieben, als sie von neuem in Tränen ausbrach. »O Gott, o Gott!« sagte sie, die Feder sinken lassend. »Ich kann es nicht.« »Gib mir!« sagte Adolf, ihr die Feder aus der Hand nehmend. »Ich will es tun. Binde unterdessen deinen Mantel um; ich bin gleich fertig.« Während Emilie sich den Mantel umband, schrieb Adolf mit fliegender Feder ein paar Zeilen. Er war nicht eben gewandt in solchen Dingen, aber in diesem Augenblick kamen ihm die Ausdrücke wie von selbst. »Bist du bereit?« »Ja!« Sie gingen die Treppe hinunter. Es begegnete ihnen niemand. Adolf gab dem Portier den Schlüssel zum Zimmer. »Sagen Sie dem Herrn, wenn er nach Hause kommt, Madame sei ausgegangen und würde wohl so bald nicht wiederkommen.« Adolf hatte Emilie in die Droschke gehoben. Die Droschke fuhr in ungewöhnlicher Eile davon. »Hm!« murmelte der Portier, indem er den Schlüssel zu den andern hing. »Ich dacht's mir gleich, daß es so kommen würde. Nun, ich kann die Leute nicht halten, wenn sie partout davon wollen.« Dreiundvierzigstes Kapitel In der Wilhelmstraße, der vornehmsten Straße Berlins, war kurz vor Neujahr durch den Hausmeister des Fürsten Waldernberg ein großes schönes Hotel, dessen Besitzer vor einiger Zeit gestorben war, gekauft worden. Der Fürst selbst, der bald darauf von Sundin eintraf, hatte die innere Einrichtung überwacht und trotz der verschwenderischen Pracht, mit der sie ausgeführt wurde, so gefördert, daß er schon Ende Januar mit seiner zahlreichen Dienerschaft und seinem Marstall aus dem Hotel in der Bärenstraße, wo er bis dahin residiert hatte, in die Wohnung übersiedeln konnte. Er bezog den einen Flügel des Erdgeschosses. Der andere Teil blieb vorläufig leer, da der Fürst in der Einrichtung dem Geschmack und den Wünschen seiner Braut, die nebst ihrer Mutter Anfang Februar von Sundin erwartet wurde, nicht vorgreifen wollte. Mit desto größerem Eifer ließ er an der Ausstattung der Beletage arbeiten, deren prachtvolle Räume für die Fürstin Mutter, die den übrigen Teil des Winters in Berlin zuzubringen gedachte, sowie zur Aufnahme der erwarteten Gäste bestimmt waren. Der Fürst hatte die Freude, auch diese Arbeit vollendet zu sehen, als er am 1. März die Residenz verließ, um seine Mutter von Stettin abzuholen, wo das Dampfschiff, das sie von Petersburg nach Deutschland brachte, am nächsten Tage ankommen mußte. Zu gleicher Zeit waren durch seinen Hausmeister für seinen Vater, den Grafen Malikowsky, der von München aus seine bevorstehende Ankunft angekündigt hatte, in dem Hotel de Russie Unter den Linden eine Reihe von Zimmern gemietet worden. In einem der prachtvollen Salons des Hotel Waldernberg, in einem weichgepolsterten Lehnstuhl, der nahe an den Kamin gerückt war, in dem ein lustiges Feuer brannte, saß die Fürstin Letbus. Dicht neben ihr, die hohe Gestalt zu ihr herabgebeugt, wie um der Mutter selbst die Anstrengung des lauteren Sprechens zu ersparen, stand der Fürst. »Adieu, liebe Mama«, sagte der Fürst, indem er sich noch tiefer herabbeugte und die feine, welke Hand der Mutter an seine Lippen führte, »es ist Zeit, daß ich gehe, wenn ich die Ankunft des Zuges nicht versäumen will.« »Adieu, mein lieber Sohn«, erwiderte die Fürstin, »heiße deine Braut in meinem Namen willkommen. Sage ihr, daß ihr meine Mutterarme geöffnet sind. Hat der Graf zugesagt, sich an dem Empfange der Damen zu beteiligen?« »Ja, liebe Mama.« »Nun denn, mein lieber Sohn, gehe mit Gott, der deinen Ausgang und deinen Eingang segnen möge!« Sie hauchte einen Kuß auf die Stirn des Fürsten, der sich erhob und über die dicken Teppiche des Fußbodens geräuschlos zur Tür hinausschritt. Die Fürstin blieb, nachdem der Sohn sie verlassen hatte, in dem Lehnstuhl zusammengekauert sitzen. Es waren keine tröstlichen Gedanken, die in diesem Augenblicke durch ihr Hirn zogen, denn der Ausdruck ihres bleichen Gesichtes wurde immer düsterer, und immer starrer blickten die schwarzen Augen in die Flamme des Kamins, so daß sie in dem Widerschein des Feuers unheimlich funkelten und blitzten. Zuletzt schauderte sie aus dieser Starrheit auf und drückte auf die Feder der silbernen Glocke, die dicht neben ihr auf einem Tischchen stand. Unmittelbar darauf trat ihre erste Kammerfrau Nadeska herein. »Was befiehlt meine Fürstin?« sagte Nadeska, mit einer Stimme, durch deren leisen unterwürfigen Ton eine gewisse Vertraulichkeit hindurchklang. »Laß die Lichter in den Zimmern anzünden, Nadeska, und hörst du, Nadeska, daß die ganze Dienerschaft sich zum Empfang der Damen in dem Hausflur aufstellt. Wen hast dir zu ihrer speziellen Bedienung bestimmt?« »Ich dächte: Katinka, Mademoiselle Virginie und von den deutschen Mädchen Marie und Luise.« »Es ist gut. Du selbst empfängst die Damen an der Tür und begleitest sie auf ihr Zimmer.« »Hat meine Fürstin sonst nichts zu befehlen?« »Nein, Nadeska.« Die Kammerfrau verneigte sich und ging nach der Tür. Als sie sie beinahe erreicht hatte, rief die Fürstin sie zurück. Sie trat wieder an den Stuhl. »Hast du den Grafen heute vormittag beobachtet, Nadeska?« »Ja, meine Fürstin.« »Hast du nichts Besonderes bemerkt?« »Er schien noch stutzerhafter und geschminkter als früher.« »Sonst nichts?« »Nein.« »Nadeska, ich habe eine unbeschreibliche Angst, daß er etwas gegen uns im Schilde führt.« »Sie haben diese Angst stets gehabt, meine Fürstin, sooft der Graf einen Besuch machte, und haben sie jetzt mehr als sonst, weil Sie ganz bestimmt erwarteten, daß er der Einladung des Fürsten nicht folgen würde.« »Ja, sieht es nicht wie Hohn aus, daß er kommt? Was will er hier? Aber es ist nicht das allein. Er hat gestern wiederum eine enorme Summe von mir verlangt.« »Die Sie ihm hoffentlich gegeben haben.« »Nein, Nadeska. Meine Geduld ist erschöpft wie meine Kasse. Michail sagte mir, daß er das Geld nicht schaffen könne.« »Er muß es schaffen. Bedenken Sie, was auf dem Spiele steht!« »Aber diese Tyrannei ist unerträglich!« rief die Fürstin, und die großen schwarzen Augen leuchteten im Widerschein des Feuers wie glühende Kohlen. Nadeska zuckte die Achseln. »Was wollen Sie dagegen tun! Sie wissen, der Graf haßt Sie ebensosehr wie den Fürsten. Wenn er seinem Hasse nicht nachgibt und das Wort ausspricht, das Mutter und Sohn auf immer trennen würde, so ist es nicht Furcht vor der Schande – wann hätte sich der Graf jemals etwas aus der Schande gemacht! – sondern nur Furcht vor der Armut, die er noch mehr haßt, als Mutter und Sohn zusammengenommen. Lassen Sie ihn heute erfahren, daß ihm sein Schweigen nichts mehr einbringt, und er wird es morgen brechen.« Die Gräfin ächzte wie eine Gefolterte, indem sie ihre mageren Hände zusammenpreßte. »Oh, Nadeska, Nadeska«, wimmerte sie, »warum mußte der Graf in jenem unglücklichen Augenblick kommen! Warum mußtest du deinen Posten verlassen in dieser einen Stunde, die alles entschied! Nur fünf Minuten vorher gewarnt, und der Graf hätte mich allein gefunden, und wie groß auch sein Verdacht sein mochte, er hätte auch diesmal keine Beweise gehabt.« Nadeska stand seitwärts und etwas hinter der Gebieterin. Sie konnte also ungestraft eine höhnische Fratze ziehen, bevor sie in noch demütigerem Tone antwortete: »Verzeihen Sie, Fürstin! Dieses Mal war doch auch ohne das ein sehr sprechender Beweis da. Freilich, ein böser Zufall war es immer, daß die Geburt des Fürsten neun Monate nach der Nacht erfolgte, in welcher er von einem fremden Manne, den er im Zimmer seiner Gemahlin fand, zwanzig Fuß hoch durch das Fenster auf den Schnee geworfen wurde.« Die Erinnerung an diesen Vorfall verscheuchte für diesen Augenblick die Melancholie der Fürstin. Die lächerlichen, abscheulichen Szenen jener tollen Nacht zogen mit Klarheit an ihrem inneren Auge vorüber, und das Bild des Helden, des Mannes aus dem Volke, den die hochgeborene Dame mit ihrer Gunst beehrt hatte, erschien ihr wieder, wie es ihr damals erschienen war: ein Ideal übermütiger Jugend und Manneskraft. »Ob er wohl noch lebt?« fragte sie, ganz in diese Erinnerung verloren. »Wer, meine Fürstin?« fragte Nadeska, die recht gut wußte, an wen die Gebieterin jetzt dachte. Die Fürstin antwortete nicht, und Nadeska begann geräuschlos die Lichter in dem Salon anzuzünden. Eine wollüstige Dämmerung verbreitete sich in dem Gemache, die heller und heller wurde, ohne den sanften Charakter zu verlieren, denn sämtliche Lichter brannten in Kelchen von rosigem Glase. Es war dies das einzige Licht, das die reizbaren Nerven der Fürstin ertragen konnten; auch am Tage, der für sie erst spät am Nachmittage anfing, waren die Fenster stets mit rosenroten Vorhängen geschlossen; Spötter behaupteten, die Fürstin scheue das freche Licht des Tages nur, weil es für ihren durch eine ausschweifende Jugend und ein frühes Alter verwüsteten Teint allzu ungünstig sei. Nadeska hatte eben die letzte Kerze angezündet, als die diensthabende Kammerzofe in das Gemach schlüpfte und ihr etwas ins Ohr flüsterte. »Was gibt's, Nadeska?« fragte die Fürstin. »Der Graf läßt sich melden«, erwiderte die Vertraute. Die Fürstin schrak zusammen. »Was kann er wollen?« sagte sie. »Er sollte jetzt auf dem Bahnhofe sein!« »Er wird sich in der Zeit geirrt haben.« »Möglich. Laß ihn kommen, aber bleib im Zimmer.« Auf einen Wink Nadeskas entfernte sich die Kammerzofe, die in demütiger Haltung an der Tür gewartet hatte. Gleich darauf trat raschen Schrittes der Graf Malikowsky herein, kam auf die Fürstin zu, küßte ihr verbindlich die Hand und sagte, indem er sich in einen der Lehnstühle, die um den Kamin herum standen, sinken ließ: »Sie wundern sich, Alexandrine, daß ich nicht mit den andern zugleich erscheine –« »In der Tat.« »Glauben Sie nicht, daß es Mangel an Aufmerksamkeit für die Braut meines Sohnes ist« – der Graf sprach dies letztere Wort mit ganz besonderer Betonung und zeigte dabei seine falschen weißen Zähne –, »im Gegenteil, gerade die zarte Sorge, die ich dem Wohl des jungen Paares widme, treibt mich, ich kann sagen, atemlos hierher. Eine Entdeckung, die ich heute – aber, darf ich bitten, Alexandrine, daß sich Ihre Kammerfrau entfernt; meine Mitteilung erfordert unbedingtes Geheimnis« – flüsterte der Graf, sich zu seiner Gemahlin hinüberbeugend. »Laß uns allein, Nadeska, aber bleib im Nebenzimmer«, sagte die Fürstin. »Alexandrine«, sagte der Graf, als sich die Kammerfrau entfernt hatte, um in dem Nebenzimmer ihr Ohr an das Schlüsselloch zu legen, »Sie hatten gestern nicht die Güte, meiner, durch hartnäckige Verluste im Spiel erschöpften Kasse mit der geringen Summe, um die ich Sie bat, auszuhelfen. Nun hätte ich das übelnehmen können in Anbetracht des eigentümlichen Verhältnisses, in dem wir zueinander stehen; indessen: ich für meine Person weiß mich einzuschränken und möchte um alles in der Welt nicht Ihnen oder meinem Sohne beschwerlich fallen. Um so mehr tut es mir leid, daß ich schon wieder Ihre Kasse in Anspruch nehmen muß, diesmal freilich nicht für mich, sondern für jemand, der allerdings größere Ansprüche machen kann als ich.« »Ich bin nicht so glücklich, den Sinn Ihrer Worte auch nur zu ahnen«, erwiderte die Fürstin, sich mit halbgeschlossenen Augen in die Kissen ihres Stuhles zurücklehnend. »Vielleicht«, sagte der Graf, indem er in die Tasche seines Fracks faßte und einen Brief herausnahm, den er mit den in gelbe Glacéhandschuh gepreßten zitternden Händen auf seinem Knie entfaltete, »wird dieser Brief, der mir vor einer halben Stunde durch einen jungen Menschen überbracht wurde, die gewünschte Aufklärung geben. Erlauben Sie, daß ich Sie mit der Lektüre behellige.« Der Graf wartete keine Antwort ab, sondern klemmte seine goldene Lorgnette auf die Nase und las, indem er dabei von Zeit zu Zeit über die Gläser weg auf die Fürstin hinüberblickte: »Hochgeborner Herr Graf! In dem Augenblicke, wo Se. Durchlaucht der Fürst Waldernberg seine junge Braut, Baroneß Helene von Grenwitz, in die Arme der Fürstin Mutter führt, ist es gewiß wünschenswert, daß unter allen Mitgliedern der Familie die Harmonie walte, ohne die auch weniger wichtige Feste leicht einen unerfreulichen Charakter annehmen. Sie selbst, hochgeborner Herr Graf, haben, indem Sie über gewisse Vorgänge, die in der Nacht vom 21. bis 22. September 1824 im Hotel Letbus in St. Petersburg stattfanden, den Schleier christlicher Liebe und weiser Vergessenheit fallen ließen, ein Beispiel gegeben, dem ich gern folgen würde, wenn die Umstände es mir erlaubten. So aber bleibt mir nur die Alternative, meine Angelegenheit bei Sr. Durchlaucht selbst zu befürworten, oder denjenigen, die Ursache haben, gewisse Dinge vor Sr. Durchlaucht zu verheimlichen, beschwerlich zu fallen. Ich erlaube mir deshalb, mich an Sr. Exzellenz den Grafen Malikowsky, als die zur Vermittelung des Geschäfts geeignetste Person zu wenden, mit dem Ersuchen, mir unverzüglich 50 000 (schreibe fünfzigtausend) Silberrubel bei einem der hiesigen Bankiers anzuweisen, widrigenfalls ich mich eben genötigt sehen würde, Sr. Durchlaucht selbst in Person meine Aufwartung zu machen. In der Zwischenzeit (die ich auf acht Tage de dato bestimmen möchte) verharre ich usw. Direktor Kaspar Schmenckel aus Wien. P. S. Sollten Sie vorziehen, persönlich mit mir zu verhandeln, so bin ich jeden Abend von 7 Uhr an im ›Dustern Keller‹, Gertrudenstraße Nr. 15, zu finden. D. O. Nun, was sagen Sie, Alexandrine?« fragte der Graf, indem er seine Lorgnette fallen ließ und den Brief wieder in die Tasche steckte. »Daß das Ganze ein schlecht erfundenes Märchen von Ihnen ist.« »Comment?« rief der Graf in einem Erstaunen, das diesmal nicht affektiert war. »Glauben Sie wirklich, mein Herr«, sagte die Fürstin zitternd vor Wut und einer heimlichen Furcht, es könne doch etwas Wahres an der Sache sein, »daß ich in eine so plumpe Falle gehen werde, daß ich nicht sehe, wo das alles hinaus soll, daß Sie auf diese schamlose Erfindung nur deshalb gefallen sind, weil ich Ihrer tollen Verschwendung nicht auch noch den Rest meines Vermögens opfern will?« »Wahrhaftig, Alexandrine, wer Sie so hörte, sollte glauben, daß Ihr Gewissen so rein wäre wie meine Handschuhe. Der Zorn macht Sie ja blind, Teuerste! Bemerken Sie doch gütigst, daß in dem Briefe Dinge vorkommen, von denen ich gar keine Ahnung habe, noch haben kann, zum Beispiel: der so überaus aristokratische Name des betreffenden Ehrenmannes. Bekanntlich hatte ich bis jetzt noch nicht die Ehre, zu wissen, wessen Blut in den Adern meines Sohnes fließt. Und überdies haben Sie ja ein unfehlbares Mittel, die Echtheit dieses Briefes zu ermitteln. Lassen Sie sich den Verfasser – ich meine den des Briefes – kommen! Er wird sich doch in den fünfundzwanzig Jahren so sehr nicht verändert haben, daß Sie ihn nicht wiedererkennen sollten.« »Sie denken, ich werde das nicht tun? Sie irren sich. Ich bestehe darauf, daß Sie mir diesen Popanz, mit dem Sie mich einzuschüchtern versuchen, vorführen. Geben Sie mir den Brief!« »Warum nicht?« erwiderte der Fürst. »Hier! Aber, Alexandrine, ich hoffe, daß diese Zusammenkunft in meinem Beisein geschieht, sonst würde ich mich vor Eifersucht nicht zu lassen wissen.,« »Teufel!« »Oh, mein Engel, nennen Sie so den Mann, dem Sie so viel Dank schuldig sind?« »Dank schuldig? Ihnen? Ich, der ich Sie aus dem Elend aufgelesen habe!« »Wofür ich Ihnen einen ehrlichen Namen gab.« »Einen ehrlichen Namen, der durch jedes schnödeste Laster und jede schändlichste Sünde geschleift –« »Und doch immer noch gut genug war für die Freundin –« »Hüten Sie sich!« »Weshalb? Der Himmel ist hoch und der Zar ist weit. Übrigens haben Sie recht, zu verlangen, daß auf dieses eine Verhältnis kein übermäßiger Wert gelegt werde. Weiß doch jedermann, daß Ihnen in einer gewissen Beziehung jeder Rang und Stand gleich war.« »Das geht zu weit, ich –« »Beruhigen Sie sich, ma chère! Ich höre soeben einen Wagen vorfahren. Jedenfalls sind es die lieben Unsrigen. Wir müssen Ihnen ein Beispiel ehelicher Liebe und Freundschaft geben.«   Es war ungefähr zwei Stunden später. Helene von Grenwitz wanderte, nachdem sie die Kammerfrau verlassen hatte, unruhig in ihrem Zimmer auf und ab. Die Baronin, die von der Reise sehr angegriffen war, hatte sich bereits in ihr Schlafgemach begeben. Helene konnte nicht schlafen. Ihre Seele war von einer unbestimmten und deshalb um so fürchterlicheren Angst bedrückt. Sie kam sich inmitten der Herrlichkeit, die sie umgab, vor wie ein Kind in einem verzauberten Schlosse, wo aus jedem Winkel, in welchen der Schein der Lichter weniger hell fällt, hinter jeder seidenen Gardine, die der Luftzug leise bewegt, ein unsägliches Grauen hervortreten kann. War das die Erfüllung ihrer stolzen Hoffnungen! Sie vermochte den Eindruck, den der Empfang im Salon der Fürstin auf sie gemacht hatte, nicht wieder loszuwerden. Noch immer fühlte sie die eisigkalten Lippen der Fürstin auf ihrer Stirn; noch immer sah sie das widrig freche Lächeln des Grafen und die finstere Miene des Fürsten. Es war ein unheimlicher Geist, der durch dieses Haus ging. Und diesem Geiste hatte sie sich ergeben, hatte sie ihre Freiheit, ihre Mädchenträume, ihre Zukunft geopfert! Um was dafür zu gewinnen? Hohe Stellung, Reichtum! – Wie wenig begehrenswert ihr das alles in diesem Augenblicke vorkam! Wie gern sie das alles hingegeben hätte, eine Ahnung des seligen Glücks zurückzurufen, das in dem Sommer des vergangenen Jahres ihr Herz erfüllt hatte, wenn sie aus ihrem kühlen Gemach in den goldigen Morgensonnenschein des Parkes hinaustrat und, langsam zwischen den Blumenbeeten auf und ab wandelnd, bei jeder Wendung um ein dichteres Boskett Oswald zu begegnen hoffte. Wie weit, wie unerreichbar weit lag jetzt dies alles hinter ihr! Weit, wie das Paradies der Kinderjahre, das kein Sehnen und kein Frühling zurückbringt! Wieder und immer wieder schweiften ihre Gedanken nach Grenwitz; tausend kleine Szenen, die sie vergessen zu haben glaubte, erwachten in ihrer Erinnerung – ein Spaziergang mit Bruno und Oswald durch die Felder, als die Abendsonne tief am Horizont wie ein ungeheurer Feuerball in dem goldstrahlenden Äther hing und über dem reifenden Korn glänzende Lichter wogten, während hoch über ihnen, verloren im tiefen Blau des Himmels, die Lerchen jubelten; ein anderes Mal, als sie am heißen Nachmittage, ermüdet von dem monotonen Summen und Schwirren der Insekten, auf einer Bank in einem kühlen Baumgang des Gartens eingeschlummert war und sie in dem Augenblick erwachte, als ihr jemand – es war Bruno – einen Kranz von dunkelroten Rosen aufs Haupt setzte, während wenige Schritte davon entfernt ein anderer – Oswald war's – hinter einem Baum versteckt lauschte. Und immer waren es Bruno und Oswald, die die friedlichen Bilder belebten – elysische Gestalten in elysischen Gefilden! Waren doch beide tot. – Helene hatte, als Oswalds Flucht mit Emilie das unerschöpfliche Thema des Gesprächs in Sundin war, unbeschreiblich gelitten, denn erst jetzt, als sich eine Welt zwischen ihn und sie gelegt, fühlte sie, wie teuer ihr dieser Mann gewesen war. Zwar bemühte sie sich ernstlich, diese Leidenschaft zu bemeistern und sich mit dem Schicksal, das sie sich selbst bereitet, auszusöhnen; aber nur zu oft ertappte sie sich darauf, daß sie die Persönlichkeit ihres Verlobten mit der Oswalds verglich, um immer wieder zu dem Resultat zu kommen, daß jenem alles fehlte, was diesen in ihren Augen so liebenswürdig gemacht hatte: die anmutig elegante Gestalt und Haltung, die geistvollen und doch so zärtlichen Augen, die tiefe und doch so weiche Stimme, der immer wechselnde und immer interessante Ausdruck des edlen Gesichts. – Nie hatte sie lebhafter als an diesem Abend gefühlt, wie stumm ihr Herz ihrem Verlobten gegenüber war. Sie dachte mit Entsetzen daran, daß, als der Generalmarsch auf der Straße geschlagen wurde, von fern her das Brausen und Toben der Volksmenge ertönte und der Fürst aufsprang, um an seinen Posten zu eilen, sie weiter nichts empfunden hatte, als daß dies eine vortreffliche Gelegenheit sei, sich in ihre Gemächer zurückzuziehen. Und immer schwerer wurde dem jungen Mädchen das Herz und immer trüber wurde es vor ihren Augen. Sie kam sich grenzenlos unglücklich vor; sie hatte Mitleid mit sich selbst, daß sie so allein sei, daß niemand ihren Kummer teile. Aber hatte sie sich denn diese isolierte Stellung nicht selbst bereitet, hatte sie die guten Menschen, die ihr mit offenem Herzen entgegengekommen waren, nicht mit kühler Höflichkeit zurückgewiesen? Wie sehnte sie sich jetzt nach dem braven alten Fräulein Bär, nach der klugen, herzigen Sophie Robran! Aber war nicht Sophie in Berlin? Konnte sie die Freundin, die sie in der letzten Zeit in Sundin so vernachlässigt hatte, hier nicht wieder aufsuchen? Helene klammerte sich an diesen Gedanken wie an einen Rettungsanker, und fragte sich seufzend, während sie ihr schönes Haupt in den seidenen Kissen verbarg, ob sie denn wirklich die stolze Helene sei, die gemeint hatte, einsam ihre Bahn wie ein Stern über den Himmel ziehen zu können, unbekümmert am das Treiben der Menschlein da unten in den niedrigen Menschenhütten! Vierundvierzigstes Kapitel Die Aufregung in der Stadt nahm mit jedem Tage zu. Vergebens, daß man Truppen über Truppen ansammelte und Tag und Nacht in den Kasernen zum Gefecht bereit hielt; daß man jeden Volkshaufen mit bewaffneter Hand auseinandertrieb und die Schreier auf alle Weise einzuschüchtern suchte. Jeder Tag brachte neue und immer verhängnisvollere Unruhen; die Ansammlungen des Volks, besonders auf den weiten Plätzen in der Nähe des Schlosses, wurden immer bedrohlicher; immer öfter ertönte die aus gellendem Pfeifen und Hurrarufen eigentümlich komponierte Volksfanfare, und immer seltener konnte das durch wochenlangen überstrengen Dienst gegen das Volk erbitterte Militär diesem prickelnden Reizmittel widerstehen. Immer häufiger wurde auf jener Seite von den Pflastersteinen, die man schon hier und da aufzureißen begann, auf dieser von der blanken Waffe Gebrauch gemacht. Bereits war die Zahl der mehr oder weniger schwer Verwundeten, die in die öffentlichen Hospitäler abgeliefert waren, sehr bedeutend. Besonders verhängnisvoll war der letzte Tag gewesen. Eine Abteilung Gardekürassiere hatte, mit verhängten Zügeln und gezogener Waffe dahersprengend, einen Volkshaufen in eine der dem Schlosse benachbarten Straßen hineingetrieben, deren Ausgang von der andern Seite durch ein Pikett Dragoner besetzt war, die niemand durchließen. Eine Szene grauenhafter Verwirrung entstand in dieser von beiden Seiten zusammengequetschten Menge, in die die Reiter, links und rechts Säbelhiebe austeilend, erbarmungslos ihre Pferde hineinzwangen. In das Angstgeheul der Weiber und Kinder, in das Rachegeschrei der Männer mischten sich die Flüche der Soldaten, aber auch Drohungen und Verwünschungen, die ihnen aus den Fenstern der Häuser von friedlichen Menschen zugerufen wurden, die erst der Lärm in der Straße von ihrer Arbeit aufgeschreckt hatte. – So verbreitete sich die Bewegung in immer weiteren Kreisen, und selbst in den entferntesten Stadtteilen bildeten sich Gruppen auf den Straßen, als man erfuhr, daß auch die wegen ihres Leichtsinns verrufene Kaiserstadt an der Donau eine vollständige Revolution gemacht, daß auch dort das alte System gestürzt und der Vater der völkerberückenden Kabinettspolitik, der Altmeister, durch dessen erbärmliche Künste ein ganzes Menschenalter sich hatte gängeln lassen, aus seiner Herrscherstellung vertrieben sei. Man jauchzte diesen ungeheuren Taten, die noch einen Monat vorher die Sanguinischsten für unmöglich erklärt haben würden, tausendstimmigen Beifall zu und einer fragte den andern, ob man die schändlichen Mißhandlungen einer Kaste dulden solle, wenn es nur eines mutigen Entschlusses bedürfe, um Freiheit sind Gleichheit im Staate wiederherzustellen? Während so nach und nach selbst die Gleichgültigsten in den Strudel der Revolution hineingezogen wurden, saß einer auf seinem Zimmer, unbekümmert um alles, was rings um ihn her vorging, in apathischer Regungslosigkeit. Als Oswald gestern abend von seinem ziellosen Umherirren in den menschenüberfüllten Straßen nach Hause kam, das Zimmer leer und den Brief von Emiliens Bruder auf dem Tische fand, hatte er so laut aufgelacht, daß eine alte Dame, die die Zimmer nebenan bewohnte, aus ihrem ersten Schlaf aufgeweckt wurde. Dann hatte er sich auf das Sofa geworfen; er war zu abgespannt und müde, um zu Bett gehen zu können. Aber nach einiger Zeit fuhr er mit einem Schrei in die Höhe. Er war mit Emilien Arm in Arm am Rande eines Abgrunds, liebkosend und liebeflüsternd, einherspaziert; plötzlich war sie von seiner Seite in die Tiefe gestürzt, von Fels zu Fels, in schauderhafte Schlünde, aus denen ihr Jammern und Hilferufen bis zu ihm empordrang. Oswald suchte lange vergeblich das entsetzliche Bild loszuwerden, es hatte sich allzutief in sein überreiztes Gehirn geprägt. Er hätte gern im Schlaf Ruhe und Vergessenheit gesucht, aber obgleich er sich noch matter wie vorher fühlte, war doch die Müdigkeit ganz von ihm gewichen. Tausend Gedanken und Bilder jagten sich in regelloser Folge durch sein Hirn, ohne daß er imstande gewesen wäre, diesen tollen Spuk zu bannen. Er konnte nichts als untätig dem Treiben der Fiebergeister zusehen. Die Szenen der letzten Tage vermischten sich unaufhörlich mit Bildern aus der frühesten Jugend; und der große Herr, mit dem sie auf der letzten Station in einem Coupé gefahren, verwandelte sich urplötzlich in den alten Ausrufer seiner Vaterstadt, dessen Klingel für die Buben so anziehend gewesen war wie die Flöte des Rattenfängers von Hameln. Gewaltsam raffte er sich aus diesem Zustand auf. Er zog die Glocke und bat, das Feuer, das ausgegangen war, wieder anzumachen. Dann setzte er sich an das Fenster und dachte an die ersten Abende in Paris, wo er in seiner bescheidenen Wohnung in dem fünften Stock eines Hauses im Quartier Latin mit Emilie am Kamin saß und sie sich gegenseitig gratulierten, endlich einmal »bei sich zu Hause« zu sein. Sie hatten sich über das Bedenkliche ihrer Lage mit Scherzen und Küssen hinwegzuhelfen gesucht und herrliche Pläne für die Zukunft geschmiedet. Aber aus der goldigen, hoffnungsreichen Zukunft war eine graue trostlose Gegenwart geworden; die Scherze waren verstummt, und die Küsse waren kälter und kälter geworden. Und dann kamen Abende, wo Oswald, verstimmt und mißmutig über vergebliche Wege zu Verlegern, die von seinen Manuskripten »keinen Gebrauch machen konnten«, nach Hause kam und Emilie in Tränen fand – in Tränen, von denen er sich sagen mußte, daß er und nur er allein sie verschuldet hatte. Dann kamen unselige Szenen, wo die Reue über die eigene Torheit sich hinter Anklagen des Wankelmutes und der Lieblosigkeit des anderen verbarg und in dem Hinüber und Herüber unfreundlicher Worte der Liebe zartes Blümlein mitleidslos zertreten ward. Und doch war es hier immer Emilie gewesen, die die Hand zur Versöhnung geboten hatte. »Ich mache dir keine Vorwürfe«, hatte sie dann oft gesagt, »ich wäre ganz glücklich, wenn ich nur sähe, daß du es bist. Aber daß du es nicht bist, durch meine Schuld nicht bist, das preßt mir Tränen aus.« Oswald hatte damals gezweifelt, daß sie die Wahrheit gesprochen – heute sagte ihm eine Stimme, daß es doch so war und daß sie ihn nie verlassen haben würde, wenn er nicht selbst sie von sich getrieben hätte. Er nahm den Brief, den er auf dem Tische gefunden, und starrte auf das: »Lieber, lieber Oswald« –, das von Emiliens zitternder Hand geschrieben und hernach von der andern Hand durchgestrichen war und auf die beiden Flecken auf dem Papier – die Spur der Tränen, die ihr die Trennung von ihm ausgepreßt hatte. Er ließ den Brief in die Flamme fallen und seufzte tief, als er sah, wie sie gierig das Blatt erfaßte und verzehrte und der Zugwind die schwarze Asche davonführte. So war auch das vorbei, vorbei! Und wie er, den Kopf in die Hand gestützt, in die verglimmenden Kohlen starrte, fingen die Fiebergeister wieder an, ihre tollen Tänze zu tanzen. Bildschöne Gesichter sahen ihn an mit großen, liebevollen Augen und schnitten dann plötzlich eine häßliche Mohrenfratze; Direktor Klemens und Professor Snellius kamen gravitätisch einhergeschritten im wichtigen Gespräch, das sie auf einmal abbrachen, um eine übermütige Polka zu tanzen; Melitta, Helene und Emilie schwebten rosenbekränzt in einer goldenen Wolke hernieder, die zu einem Regen wurde, in dem die drei Hexen aus dem Macbeth ihre Schlangenhaare schüttelten. – So verging die lange, bange Nacht. Als die Dämmerung in die Fenster hereingraute, wurden die Fiebergeister blasser und immer blasser. Er öffnete das Fenster und ließ den kalten Morgenwind seine heißen Schläfen kühlen. Das erquickte ihn etwas; aber als es auf der Straße anfing, lebhafter zu werden, schloß er das Fenster wieder und ließ die Vorhänge herunter; er mochte von dem Leben, das er so haßte, nichts sehen und nichts hören. In dem Hotel war Emiliens Flucht nicht eben aufgefallen. Der einzige, der etwas Genaueres von der Sache wußte, der Portier, fühlte im heimlichen Bewußtsein seiner Mitschuld keine Neigung, sich weiter darüber auszusprechen. Man glaubte also, wenn man überhaupt in diesen vielbewegten Tagen Zeit hatte, sich um solche Nebensachen zu bekümmern, daß die Dame nicht, wie man anfänglich gemeint, die Gemahlin, sondern die Schwester des Herrn, und der zweite Herr, der sie abgeholt, der Gemahl der Dame gewesen sei. So nahm auch die Wirtin des Hotels, Frau Hauptmann Schwarz, an, als sie am Mittag des folgenden Tages sich bei Oswald melden ließ. Frau Hauptmann hatte die Gewohnheit, sich, wenn ihre Gäste drei Nächte unter ihrem Dache geschlafen, am vierten Tage persönlich nach ihrem Befinden und etwaigen Wünschen zu erkundigen, und auf diese Weise eine Art von persönlichem Verhältnis anzubahnen, wie es ihrem Herzen Bedürfnis war. Nun war Oswald freilich erst gestern abend gekommen, aber der junge Mann hatte in dem Blick seiner Augen und dem Ton seiner Sprache ein Etwas gehabt, das sie wunderbar an vergangene Zeiten und an ein Wesen mahnte, das sie sehr geliebt und dessen Verlust sie noch immer nicht verschmerzt hatte. Sodann kam er aus Frankreich, dem Lande, aus dem jene schöne, junge unglückliche Freundin gestammt, und wohin sie sich wahrscheinlich später gewandt hatte. Freilich, sie hatte nie wieder Nachricht von sich gegeben, das arme Mädchen, und so war es nicht eben wahrscheinlich, daß sie noch am Leben war, aber das hinderte die Frau Hauptmann nicht, sich jedesmal über die Ankunft eines neuen Franzosen in ihrem Hause ganz besonders zu freuen, weil ihr damit wenigstens die Möglichkeit gegeben schien, etwas über die Verlorene in Erfahrung zu bringen. Wie erstaunt und betrübt war deshalb die gute Frau, als sie Oswald heute morgen so bleich und verfallen fand – ein Schatten nur noch des stattlichen Mannes von gestern abend. Er hatte eine schlechte Nacht gehabt? Freilich, das mußte eine recht böse, schlechte Nacht gewesen sein, die einen jungen Mann so herunterbringen konnte. Ob sie nach dem Doktor schicken solle? Nein? Aber eine Tasse Bouillon mit einem Ei abgerührt? Die gute alte Dame trippelte davon, um den Bouillon selber zu besorgen, den niemand so gut wie sie zu bereiten verstand. Und während sie in der Küche damit beschäftigt war, schüttelte sie einmal über das andere ihre graues Haupt, weil der Monsieur Oswald – so hatte sich der Fremde genannt – so sehr gut deutsch sprach und so recht krank und unglücklich schien und trotzdem der Verlorenen nur um so ähnlicher sah. Ihr kamen dabei die Tränen in die Augen, und sie nahm sich vor, selbst auf die Gefahr hin, indiskret zu werden, nach der Ursache seines Kummers zu fragen. Mit diesem Vorsatze betrat sie abermals Oswalds Zimmer und fand den jungen Mann in derselben Stellung, wie sie ihn verlassen hatte, auf dem Sofa sitzend, die Arme über die Brust gekreuzt; die matten, schmerzlich starren Augen auf den alten französischen Kupferstich an der Wand gegenüber geheftet, der die an den Felsen gekettete und von dem Drachen bewachte Andromeda darstellt, zu deren Rettung Perseus mit dem Gorgohaupt durch die Lüfte herbeieilt. Er hatte das Bild heute morgen in der Dämmerung zuerst bemerkt, und bei dem mangelhaften Lichte lange gerätselt, was es wohl darstellen möchte, bis er es endlich, als es heller wurde, herausgebracht hatte. Das Bild war manieriert, wie alle Produkte der Zeit, in der es entstand. Die Andromeda war ein wenig zu klein geraten, ein Kind fast in dem Verhältnis zu dem sehr langen und sehr schlanken Heros, der, eben den Fuß auf den Felsen setzend, zum Schlage gegen das Ungeheuer ausholt, das ihn mit weitgeöffnetem Rachen anschnaubt und mit giftigen Basiliskenaugen anstiert. Dennoch war es nicht ohne Geist in der Konzeption und nicht ohne Feinheit in der Ausführung. Besonders war das Aufleuchten der Hoffnung in den kindlich schönen Zügen des Mädchens und der heroische Zorn in dem Antlitz des Jünglings vortrefflich wiedergegeben; und die Szenerie – ein einsamer Fels in dem grenzenlosen Meere, über dessen Horizont die Morgensonne aufsteigt, deren Strahlen über die Wellen fort bis an den Felsen zittern – hatte etwas von Claude Lorraines heiterer Kraft und Großheit. Oswald hatte mit einem Gefühl schmerzlicher Wehmut das Bild wieder und wieder betrachtet. Der schöne Sinn der alten Mythe, daß kühner Mut den, der ihn besitzt, mit Götterflügeln über Länder und Meere trägt, daß der Held mit dem Blick seiner Augen schon die Gefahr bändigt und schließlich nur ihm die holde Blume der Liebe und Schönheit auf rauhem Felsen in dem öden, unwirtlichen Meer des Lebens blüht – hatte ihn, den Mutlosen, den Träumer schmerzlich an alles erinnert, was er Liebes und Schönes im Leben schon besessen hatte, nur, um es nach so kurzer Zeit auf immer wieder zu verlieren. Auch jetzt, während die Frau Hauptmann sich auf seine Bitte zu ihm gesetzt hatte, und ihm von der Aufregung, die in der Stadt herrsche, von den blutigen Szenen, die gestern abend gar nicht weit von ihnen, in der Brüderstraße, vorgefallen wären, von den Volksversammlungen unter den Zelten erzählte und über die schlimme Zeit klagte, wo alles drunter und drüber gehe und man zuletzt nicht mehr wisse, wer Koch und wer Kellner sei, richteten sich seine Augen wiederholt auf das Bild an der Wand. Die Frau Hauptmann bemerkte es und sagte: »Ja! So sah es vor fünfundzwanzig Jahren auch aus. Es gehörte einem Landsmann von Ihnen, einem lieben, braven Herrn, der viele Jahre bei mir gewohnt hat und den ich wie eine Schwester liebhatte – das Bild ist noch hier, aber er –« Hier seufzte sie so tief, daß Oswald, den das eigene Leid nicht für das Leid anderer abgestumpft hatte, mitleidig fragte: »Er ist tot, der Herr, nicht wahr?« »Ich weiß es nicht«, erwiderte die alte Dame, »er ist in die Welt hineingezogen, um ein Mädchen, das ich als mein Kind erzogen hatte – ein süßes, herziges Geschöpf –, vom Verderben zu retten; aber er ist nicht wiedergekommen, und sie ist nicht wiedergekommen, und ich beweine ihren Verlust, obgleich jetzt beinahe fünfundzwanzig Jahre darüber verflossen sind. Haben Sie, Monsieur – ach es ist eigentlich töricht, daß ich danach frage, aber möglich ist ja am Ende alles auf der Welt –, haben Sie je etwas von einer Mademoiselle Marie Montbert und einem Monsieur d'Estein gehört?« Die alte Dame hatte diese Frage so oft getan und so oft nur ein kurzes non, Madame, zur Antwort erhalten, daß sie kaum Oswalds bedauerndes Achselzucken beobachtete und mit Lebhaftigkeit fortfuhr: »Ach, ich dachte es wohl; niemand weiß mir etwas von ihnen zu sagen. Die Welt ist so groß und der Menschen sind so viele, und in dieser großen Welt und in dem Menschengetreibe, wie leicht sind da zwei Unglückliche vergessen und verschollen!« Das Benehmen der alten Frau war bei aller Herzlichkeit so fein und würdig, die tiefliegenden, aber noch immer lebhaften Augen blickten so freundlich und sanft, und ihre Stimme klang so treu und so gut, daß Oswald sich wunderbar von ihr angemutet fühlte und sie mit einer Wärme, die ihm von Herzen kam, bat, ihm etwas Näheres von jenen beiden Personen mitzuteilen, deren unglückliches Schicksal sie nach so langer Zeit noch so schmerzlich beklagte. Die Frau Hauptmann strich die schwarzseidene Schürze glatt und erzählte in schlichten Worten ihre Geschichte. Ihr Gemahl, eine tapfere, aber überaus wüste und unbändige Natur, hatte sie durch seine Verschwendung schon Jahre vorher, ehe er bei Waterloo durch einen heldenmütigen Tod die Sünden seines Lebens quitt machte, gezwungen, für ihren Unterhalt selbst zu sorgen. Sie hatte in einem Hintergebäude des Hauses, dessen Herrin sie jetzt war, eine geräumige Wohnung innegehabt, von der sie den größeren Teil an einzelne Herren wieder vermietete. Immer hatte sie gesucht, mit ihren Abmietern auf einem freundschaftlichen, zum wenigsten guten Fuß zu stehen. Mit keinem war ihr das so gut gelungen als mit einem Herrn, namens d'Estein, dem Abkömmling einer Familie französischer Refugiés, der sich sein mühseliges Brot durch Unterrichtgeben in der unvergessenen Sprache seiner Heimat verdiente. Monsieur d'Estein war ein herzensguter, voller Schrullen steckender Hagestolz, der mit der ganzen Welt zerfallen war und mit jedem, der ihn darum bat, seinen letzten Bissen Brot teilte. Er hatte über alles seine ganz besonderen Ideen und trug sich fortwährend mit weltumstürzenden Plänen, während er dabei so harmlos wie eine Grille lebte. Monsieur d'Estein hatte bereits mehrere Jahre bei ihr gewohnt und war ihr in dieser Zeit ein lieber treuer Freund geworden, dem sie ohne Bedenken ihre mancherlei Sorgen und Nöte klagen konnte, als eines Tages Monsieur Montbert, ein französischer Obrist, Monsieur d'Estein, seinen Verwandten, zu besuchen kam. Der Obrist war auf dem Wege nach Rußland – es war im Jahre 1812 – und er hatte ein Töchterchen von acht Jahren bei sich, ein liebliches Geschöpf, das der Obrist vielleicht um so zärtlicher liebte, als es sich nicht des Vorzuges einer legitimen Geburt erfreute und niemand auf der Welt hatte, der es liebte und beschützte, als den Vater, den die Kriegsstürme stets von einem Ende Europas nach dem andern fegten. Bis jetzt hatte er sie auf allen seinen Zügen bei sich gehabt: aber der sonst so tapfere Mann schauderte vor dem Gedanken, sein Kleinod den Gefahren einer Winterkampagne, deren Ausgang er ahnen mochte, preiszugeben, und die eigentliche Veranlassung seines diesmaligen Besuches – schon 1807 war er auf einige Monate in Berlin gewesen – war, Monsieur d'Estein zu bitten, solange der Feldzug dauere, die Sorge für die kleine Marie zu übernehmen, und wenn er nicht wiederkehren sollte – da waren die Familienpapiere, da war bar und in Wechseln das Vermögen, das er besaß und – die Freunde sahen sich in die Augen und drückten sich die Hände. Der Obrist küßte sein Töchterchen, versprach ihr, in einem Schlitten mit zwei Rentieren aus Rußland zurückzukommen, küßte sie noch einmal, rief: Adieu, mon cher! Adieu, ma petite! schwang sich auf sein Pferd und ritt davon. Der Oberst Montbert machte sein Versprechen mit dem Rentierschlitten nicht wahr; sein Töchterchen wartete und wartete auf den Schlitten und den Vater, bis sie ein großes Mädchen war, aber Schlitten und Vater kamen nicht. Marie war ein großes schönes Mädchen geworden, so schön, daß sie in der ganzen Nachbarschaft nur die schöne Marie hieß. Sie war auch ein gutes Mädchen, mit einem Herzen, das sich mit den Fröhlichen freuen und mit den Leidenden weinen konnte. Ihr einziger Fehler war eine allzu lebhafte Phantasie, ein Hang für das Außerordentliche, Wunderbare – das Erbteil ihres Vaters, des französischen Reiterobristen, dessen abenteuerlustiger, phantastischer Sinn, wie Monsieur d'Estein behauptete, nah an Wahnsinn gestreift hatte. Der Frau Hauptmann und Monsieur verursachte die Charaktereigentümlichkeit ihres Pfleglings viel schwere Sorge, besonders Monsieur, dem bei seiner herben, nüchternen Sinnesart alles Phantastische ein Greuel war. Das Mädchen darf keine Zeit zum Träumen haben, pflegte er zu sagen; sie muß denken und handeln lernen. Sie muß in der schweren Prosa des Lebens ein Gegengewicht gegen ihre bunte Traumwelt haben. In spanischen Schlössern kann kein Mensch wohnen. Nach diesen Maximen entwarf er einen Erziehungsplan für die kleine Marie, dessen Zweckmäßigkeit Frau Hauptmann trotz der unbegrenzten Achtung, die sie vor Monsieurs Verstand und Charakter hatte, niemals recht einleuchten wollte. Marie sollte in den einfachsten Kleidern gehen wie die Kinder kleiner Handwerker; sie sollte jede häusliche Arbeit verrichten lernen, und als sie erwachsen war, trieb Monsieur die Konsequenz gar so weit, daß er sie zu einer achtbaren Putzmacherin in die Lehre gab – man konnte ja nicht wissen, ob ihr das in ihrem späteren Leben nicht noch recht nützlich würde. Frau Hauptmann schüttelte zu dem allem den Kopf; aber sie söhnte sich auch wieder mit Monsieurs Handlungsweise aus, wenn sie bedachte, wie gut er's doch meinte, und besonders, wenn sie sah, wie trefflich das Mädchen dabei gedieh, wie es mit jedem Tage klüger und schöner wurde und in seinem bescheidenen Kattunkleidchen und dem einfachen Strohhütchen feiner und vornehmer aussah wie eine Geheimratstochter. Frau Hauptmann war stolz auf das Mädchen; sie selbst hatte nie Kinder gehabt, aber sie meinte, daß sie ein eigen Kind nicht mehr geliebt haben würde. Und war sie denn nicht des Kindes Mutter? Hatte sie es nicht in gesunden Tagen gehegt und in kranken gepflegt? Und hing es dafür nicht an ihr mit so zärtlicher Liebe, wie nur eine Tochter an ihrer Mutter hangen kann? Frau Hauptmann war ordentlich eifersüchtig auf diese Liebe; sie hatte so wenig Liebe in ihrem Leben erfahren und sah es gar nicht so ungern, daß Marie zu ihr offenbar mehr Vertrauen und Liebe hatte als zu ihrem Pflegevater. Aber dieser war seinerseits nicht weniger eifersüchtig; ja, es kam Frau Hauptmann manchmal vor, als ob Monsieur noch andere als väterliche Empfindungen gegen die schöne Nichte hege und als ob seine Erziehungsmethode, die Marie ganz in den kleinen Kreis der Häuslichkeiten bannte, nicht bloß durch pädagogische Rücksichten bestimmt sei. Monsieur war um diese Zeit erst vierzig Jahre alt. Es war dies kaum mehr als der Schatten eines Verdachtes, dem aber die folgenden Ereignisse Körper gaben. Eines Abends – es war an einem Sonntag – kam Monsieur von dem Spaziergang, den er mit Marie in den Park gemacht hatte, sehr verstimmt nach Hause. Auch Marie schien aufgeregt und hatte die Spur von Tränen in ihren schönen Augen. Sie ging gleich nach dem Abendessen zu Bett, und Frau Hauptmann bat Monsieur nun so lange, zu erzählen, was sich ereignete, bis er ihr endlich willfahrte. Marie und er waren in traulichen Gesprächen in den schattigen Gängen des Parks auf und ab gewandelt, und endlich in eine der Gartenrestaurationen getreten, weil Monsieur dem durstigen Kinde ein Glas Limonade reichen lassen wollte. Sie hatten kaum Platz genommen, als zwei Herren, die vorher weiter weg gesessen hatten, sich an dem Tischchen dicht neben ihnen niederließen. Monsieur, der den Herren den Rücken zukehrte, beachtete sie nicht weiter und wurde erst auf sie aufmerksam, als er sah, daß Marie, während er mit ihr sprach, einen halb verlegenen, halb neugierigen Blick neben ihm vorbei nach jener Richtung warf. Er wandte sich um, zu sehen, was es gäbe. Es war ein auffallend schöner Mann – Monsieur konnte das trotz all seines Ärgers nicht leugnen –, eine hohe, ritterliche Gestalt, ein herrlicher Kopf, ein edles, wenn auch etwas verwüstetes Gesicht, große, dunkelblaue Augen, die vornehm und freundlich zugleich blickten, als der Herr jetzt den Hut ziehend, in sehr gutem Französisch – Monsieur und Marie hatten, wie gewöhnlich, französisch gesprochen – fragte, ob es ihm und seinem Begleiter vergönnt sei, sich der Gesellschaft von Monsieur und Mademoiselle anzuschließen? Nun war Monsieur der höflichste Mensch von der Welt; aber, behauptete er, es habe in dem Wesen des vornehmen Herrn ein Etwas gelegen, das ihn sofort mit tiefem Widerwillen gegen ihn erfüllte, und er habe deshalb kurz und trocken geantwortet, daß er und Mademoiselle vorzögen, allein zu bleiben. Es hatte darauf einen kurzen Wortwechsel zwischen ihm und dem Fremden gegeben, der damit endete, daß er selbst aufstand und, um der Sache ein Ende zu machen, Marie aus dem Garten führte. Von diesem Abend an datierte sich eine merkliche Veränderung in Mariens Benehmen. Sie, die sonst so Heitere, Gleichmütige, ließ das Köpfchen hangen, war bald blaß und bald rot, bald ausgelassen lustig, bald zum Sterben traurig – weder Monsieur noch Frau Hauptmann wußten, was sie daraus machen sollten. Zu allem Unglück wurde Monsieur in der Zeit so krank, daß er das Zimmer hüten mußte und infolgedessen die Pflege der Frau Hauptmann mehr wie gewöhnlich in Anspruch nahm, so daß Marie sich vielfach selbst überlassen blieb. Sonst hatte sie Monsieur regelmäßig des Abends aus dem Atelier, in welchem sie arbeitete, abgeholt, jetzt mußte sie den Weg allein machen. Was nun während dieser Zeit geschehen, in welche Schlingen das arme unglückliche Mädchen gefallen ist – Frau Hauptmann hatte es nie erfahren. Aber eines Morgens, als sie die Kleine wecken wollte, fand sie das Zimmer leer und auf dem Tisch ein Briefchen, in dem die Unglückliche schrieb, daß Gründe, über die sie sich nicht näher erklären dürfe, sie zwängen, die Stadt zu verlassen; daß sie ihre Wohltäter mit tausend Tränen um Verzeihung bitte, wenn sie ihnen jetzt ihre Liebe nur mit scheinbarer Undankbarkeit lohne; daß sie aber zu Gott hoffe, es werde bald ein Tag kommen, wo all dieses Leid sich in Freude verwandele. Dieser Tag war nie gekommen, dafür hatte sich für die arme Frau Leid auf Leid gehäuft. Monsieur war über die Nachricht von Mariens Flucht beinahe wahnsinnig geworden und hatte mit furchtbarem Eid geschworen, daß er von dieser Stunde an nicht ruhen und nicht rasten wollte, bis er Marien aus den Händen des schändlichen Verführers befreit und sich persönlich an ihm gerächt habe. Monsieur d'Estein war der Mann, sein Wort zu halten. In dem kleinen, schwächlichen Körper lebte ein energischer Geist. Das zeigte sich jetzt, wo eine freche Hand das Glück seines Lebens grausam zerstört hatte. Denn die Frau Hauptmann konnte nicht länger zweifeln, daß der sonderbare Mann die Verlorene mit all der Leidenschaft, die so verschlossenen, wunderlichen Naturen eigentümlich ist, geliebt habe. Er betrieb die Nachforschungen mit einer rastlosen Tätigkeit, die von Erfolg gekrönt war. Er hatte die rechte Spur gefunden. Wohin sie führte? – – Er sprach sich darüber nicht aus, wie er denn überhaupt die ganze Angelegenheit selbst vor seiner alten Freundin in tiefes Geheimnis hüllte. Er packte in seinen Koffer, was er zu einer längeren Reise brauchte, riß sich von der Weinenden los, mit dem Versprechen, in acht Tagen spätestens Nachricht von sich zu geben – aber seitdem waren nun beinahe fünfundzwanzig Jahre vergangen, und Frau Hauptmann wartete noch immer, daß Monsieur sein Versprechen erfüllte. Die alte Dame hatte, in ihre Erinnerungen verloren, ganz vergessen, daß es nicht sowohl ihre Absicht gewesen, das eigene Leid zu klagen, als das des jungen Fremden in Erfahrung zu bringen; und sie wurde erst durch die Blässe von Oswalds Gesicht, die, während ihrer Erzählung nur immer zugenommen hatte, daran erinnert. »Aber Sie sind wirklich kränker als Sie glauben, lieber junger Herr«, unterbrach sie sich. »Ihre Hand ist glühend heiß und – verzeihen Sie einer alten Frau! – Ihre Stirn brennt. Erlauben Sie mir, daß ich nach unserm Arzt schicke!« »Bitte, lassen Sie das!« sagte Oswald, sich gewaltsam emporraffend, »ich will Ihnen gestehen, ich bin die ganze Nacht schlaflos gewesen, wahrscheinlich aus übergroßer Abspannung infolge der langen Reise.« »So legen Sie sich wenigstens jetzt noch einige Stunden hin!« bat die alte Dame. »Ich weiß es wohl: die Jugend kann des Schlafes nicht entbehren, wie wir alten Leute.« »Das will ich«, sagte Oswald, während sich Frau Hauptmann erhob. »Sie sollen sehen: der Schlaf macht alles wieder gut.« »Das gebe Gott«, erwiderte die alte Dame, Oswald noch einmal freundlich die Hand drückend, »bitte, bitte, keinen Schritt weiter! Ich werde nach einigen Stunden wieder anfragen.« Die Tür hatte sich kaum hinter der Frau Hauptmann geschlossen, als Oswald wie vernichtet in den Sofa zurücksank. Was hatte er eben gehört! Daß dies die Fortsetzung der Geschichte sei, die ihm im vorigen Sommer die alte Mutter Clausen in Grenwitz erzählt hatte – an jenem Abend, als er mit Timm in ihrer Hütte Schutz vor dem Regen suchte –, daran hatte er schon nach den ersten Worten der Frau Hauptmann nicht mehr gezweifelt. Stimmten doch alle Umstände! – So, genauso, wie die alte Dame den fremden Kavalier geschildert hatte, blickte noch heute das Porträt des Barons Harald von Grenwitz aus seinem breiten Goldrahmen; und hatte nicht das arme schöne Mädchen, die unglückliche Verführte, Marie geheißen, wie die Pflegetochter des Monsieur d'Estein! Aber das war es nicht, was ihm jetzt das Blut erstarren machte und alle seine Glieder wie im Fieber schüttelte. Es war eine andere, furchtbare Ahnung, die aus den Tiefen seiner Seele mit dämonischer Gewalt heraufstieg. Oder waren es auch nur die Fiebergeister, die am lichten Tage ihren schauerlichen Spuk von neuem begannen? War es Wahnsinn, daß in seiner erhitzten Phantasie aus dem Monsieur d'Estein, dem grillenhaften französischen Sprachmeister, sein Vater, der alte wunderliche Mann wurde? Und aus der schönen Tochter des französischen Obristen die schöne junge Frau mit den holdseligen Augen, um deren Knie er als Kind an hellen Sommermorgen in dem lauschigen Garten hinter der Stadtmauer gespielt hatte, während die weißen Schmetterlinge sich über dem blauen Rittersporn wiegten? Und in immer wilderer Hast jagten sich die tollen Gedanken. Alte, längst vergessene Eindrücke erwachten und gaben deutliche Antwort über die Kluft der Jahre hinweg; seltsame, Zweifel, mit denen sich der Knabe, der Jüngling getragen hatte, kamen wieder und sagten: Du hast ja nun die Lösung! So vieles Unerklärliche in seinem Leben zeigte auf einmal den tiefen verborgenen Sinn. Nicht greisenhafte Schwäche war es also gewesen, was die alte Mutter Clausen trieb, in seinem Gesicht fortwährend nach den Zügen des Barons Oskar zu suchen, »der mit dem Wodan stürzte«, und nicht eine phantastische Laune, daß Albert Timm erklärte: Sie haben das leibhaftige Gottseibeiunsgesicht der Grenwitzer Barone! Oswald sprang vom Sofa auf nach dem Spiegel. Ein totenbleiches Gesicht mit unheimlich leuchtenden Augen stierte ihn an: Sieh da! Ist der böse Geist noch immer nicht zur Ruhe? Sind ihm noch nicht genug Opfer gefallen? Erzeugt er sich in seinen Opfern immer wieder? Kann der Vampir nicht an seinen eigenen Blicken sterben? Eine Kugel? Was? So gerade über den pochenden Schläfen ins fieberhafte Hirn – sollte die dem Spuk nicht ein Ende machen? Doch, das ist der rechte Tod nicht, sagt Berger; ist nur Tausch. Was bringt denn den rechten Tod, aus dem die Seele nimmer wieder zu diesem gottverfluchten Dasein erwacht? Oswald fuhr mit einem Schrei zusammen – eine Hand erfaßte seinen Arm und über die Schulter des Spiegelbildes weg schaute eine höhnisch lachende Fratze ihn an. »Hoho!« sagte Albert Timm. »Willst du unter die Komödianten, Dottore, daß du vor dem Spiegel stehst und Monologe deklamierst, die einem ehrlichen Menschen eine Gänsehaut verursachen könnten? Gottverfluchtes Dasein? Laß dich doch mal bei Licht besehen, Schatz! In der Tat! Du siehst bedenklich aus! Die kleine Emilie, he? Sei froh, daß sie fort ist, bevor sie dich zum Schatten deines Schattens machte! Du siehst, ich weiß alles und weiß noch ein gut Teil mehr, was, wenn du's hörst, dir wieder Lust zum Leben beibringen soll, du melancholischer Dänenprinz, du! Aber, bevor ich mein Wissen auskrame – laß eine Flasche Portwein kommen oder dergleichen; ich bin heute morgen noch so trocken wie ein Stockfisch.« Albert Timm wartete Oswalds Antwort nicht ab, sondern klingelte selbst und bestellte Portwein und Kaviar. »Haben keinen? Gehen Sie in den ›Dustern Keller‹, gleich um die Ecke. Mann, nicht drei Schritt von hier. Machen Sie eine Empfehlung von Albert Timm an Frau Rosalie Pape und kommen Sie im Fluge zurück, Sie blondgelockter Jüngling!« Herrn Timms Behauptung, daß er heute morgen noch nichts getrunken habe, war offenbar erlogen. Er verbreitete einen sehr merkwürdigen Duft von Spirituosen um sich her, sein Gesicht war stark gerötet und seine Augen weniger hell als sonst. Seine Wäsche war noch unsauberer als gewöhnlich, und der braune Überrock hatte mit verschiedenen weißen Wänden und schmutzigen Tischen allzunahe Bekanntschaft gemacht. Herrn Timms Umstände hatten sich, seit ihn Oswald zum letztenmal sah, augenscheinlich bedeutend verschlechtert. Er stellte das auch gar nicht in Abrede, im Gegenteil, er hob unaufgefordert den Schleier von dem reizlosen Bilde seiner letzten Monate. »Das Pech hat mich auf Schritt und Tritt verfolgt«, rief er, sich auf das Sofa werfend und die Beine von sich streckend. »In dem Augenblick, als ich die Entdeckung gemacht hatte, die ich dir mitteilen werde, sobald der Wein getrunken sein wird, verschwandest du spurlos aus Sundin. Am nächsten Tage hob die Polizei unseren Klub auf, als wir beim Pharao saßen, und konfiszierte – ich hielt gerade Bank – meine ganze Barschaft von einigen hundert Talern, die ich um so nötiger brauchte, als am nächsten Morgen ein Wechsel von ebenfalls einigen hundert Talern fällig war, den ich natürlich nun nicht bezahlen konnte. Der verdammte Manichäer ließ mich ins Loch sperren, wo ich denn bis vor acht Tagen etwa gesessen habe. Wie ich losgekommen bin? Mein Wirt – lassen wir das! Ich stehe wieder auf freien Füßen, und da kommen der Wein und der Kaviar. Hier, Oswald, tu mir Bescheid! Es lebe, wer sich tapfer hält! Kerl, ich sage dir, ich bin außer mir vor Freude, daß ich dich so bald aufgetrieben habe. Ich hatte mich schon auf eine lange Jagd gefaßt gemacht. Und nun will ich dir eine Geschichte erzählen, daß du vor Verwunderung die Hände über den Kopf zusammenschlagen und vor Staunen aus der Haut fahren sollst. Jawohl, aus der Haut! Denn du mußt den ganzen miserablen Menschen, als welchen ich dich hier vor mir sehe, aus- und den andern anziehen, so ich für dich ohne alle dein Verdienst und Würdigkeit bloß aus purer Freundschaft mit saurer Mühe bereitet habe. Und nun noch einen Schluck und dann ans Werk!« Herr Timm schob den Teller, den er unterdessen geleert hatte, von sich, stürzte ein volles Glas hinunter, schenkte sich wieder ein, holte aus der Tasche ein Bündel Papiere, die er vor sich auf den Tisch legte, stemmte die beiden Arme auf, lachte Oswald an und sagte: »Was gibst du mir, mon cher, wenn ich dich nun so nolens volens aus einem armen Schlucker zu dem Sohne eines Barons mit nebenbei einem Erbe von zirka fünfzehn- bis zwanzigtausend jährlicher Rente mache? Aber ich sehe, du bist wirklich etwas stark angegriffen. Ich will dich nicht länger auf die Folter spannen. Höre!« Daß Timm ihm die Bestätigung seiner Ahnung brachte, ihm gleichsam schwarz auf weiß bewies, daß er nicht geträumt habe, jede ausschweifende Phantasie durch ein schriftliches Dokument zu einem Faktum machte, das sich vor Gericht beweisen ließ – Oswalds bis zum Wahnsinn überreiztes Gehirn sah in dem allen nichts Außerordentliches. Da waren die Familienpapiere Marie Montberts. Ihr eigentlicher Name war der ihrer deutschen Mutter, Marie Herzog, die, nach Paris verschlagen, dort die Geliebte des Obristen Montbert geworden war. Und Herzog, das wußte Oswald, war der Familienname seiner Mutter. Hier war – durch Timms unermüdliche Tätigkeit und geheimnisvolle Konnexionen herbeigeschafft – eine Abschrift aus dem Kirchenbuche über die am 1. Dezember 1823 in der St. Marienkirche stattgehabte Trauung des Herrn d'Estein, genannt Stein, und der Marie Elisabeth Herzog. Und dann hier die Abschrift eines Taufzeugnisses: Am 22. Dezember 1823 wurde dem Herrn Amadeus Stein und seiner Ehefrau Marie, geborene Herzog, ein Sohn geboren, der in der heiligen Taufe, den 23. Januar 1824, den Namen Oswald empfing. Hier waren die Briefe, die Marie an den Baron gerichtet; hier ein Brief Herrn d'Esteins an Marie aus dem Sommer desselben Jahres, worin er ihr schreibt, daß er endlich ihren Aufenthalt in Grenwitz erfahren; sie bei ihrer Seelen Seligkeit beschwört, ihm zu folgen, daß er alles zur Flucht bereit habe. »Du siehst, es stimmt alles aufs Haar«, sagte Timm, nachdem er mit vielem Scharfsinn alle Fäden der verwickelten Angelegenheit entwirrt und zu einem festen Gewebe vereinigt hatte, »die Identität der Personen kann durch Dokumente und durch Zeugen zugleich bewiesen werden, und das Zeugnis der Frau Rosalie Pape, die deine Mutter verkuppelt hat und hernach bei deiner Geburt und bei deiner Taufe zugegen gewesen ist, schnellt alle möglichen Pfiffe und Kniffe der Gegenpartei in die Luft. Zwar wird das Weib ein Zeugnis, das es in der Tat einigermaßen kompromittiert, nicht gern hergeben, aber für Geld kann man den Teufel tanzen sehen. Also deshalb habe ich keine Sorge. Meine einzige Sorge ist, daß du die Sache nicht mit der nötigen Energie betreiben wirst. Ich will dir nur gestehen: Ich fürchtete das bei den einigermaßen verrückten Ansichten, die du über manche Dinge hast, so daß ich im Anfang ganz und gar zweifelte, ob es sich überhaupt der Mühe verlohne, dir von meiner Entdeckung Mitteilung zu machen, und ich infolgedessen gegen die Baronin einige Winke fallen ließ, die aber nicht sehr gnädig aufgenommen wurden.« »Mit einem Worte«, sagte Oswald, und er wurde noch blasser, als er es schon war, »du hast die Entdeckung an die Baronin verkaufen wollen, und sie hat dir nicht den Preis bezahlt, den du fordertest.« »Sieh, sieh!« sagte Albert mit aufrichtiger Bewunderung. »Du entwickelst da einen Sinn für Geschäfte, den ich dir gar nicht zugetraut hätte. Nun, nimm an, die Sache sei so, wie du sagst. Das kann und wird dich nicht hindern, von deinem guten Rechte Gebrauch zu machen. Aber, Freundchen, periculum in mora! Wenn du nicht bloß der Neffe, sondern der Schwiegersohn Anna-Marias werden willst, mußt du dich beeilen. Es ist so gekommen, wie ich dir schon im Winter sagte, daß es kommen würde. Helene hat sich mit dem Fürsten Waldernberg versprochen; die öffentliche Verlobung soll in diesen Tagen stattfinden und zwar hier. Anna-Maria ist gestern abend angekommen und im Hotel Waldernberg bei der alten Fürstin Letbus, der Mutter Seiner Durchlaucht, abgestiegen. Nun habe ich, um in dem feindlichen Lager die nötige Verwirrung zu bereiten, die unsern Angriff unterstützen soll, bereits eine herrliche Mine gegraben, die noch heute platzen muß. Ich bin wie von meinem Leben überzeugt, daß Helene den Fürsten nicht liebt und daß sie noch im letzten Augenblick nein sagen würde, wenn sie wüßte, daß du ihr Vetter bist und sie das Vermögen, das sie durch ihre Vetterschaft verliert, aus den Händen des Gemahls zurückerhalten kann. Daß die Sache sich aber so verhält, wird sie nur einem Menschen auf Erden glauben, und dieser Mensch bist du selbst. Oswald, bedenke, was auf dem Spiel steht. Ein einziger mutiger Schritt – und das Mädchen, das du – leugne es nicht! – zum Rasendwerden liebst, ist dein! Ein Vermögen, das deine kühnsten Wünsche übersteigt, ist dein! Du hast mit einem Schlage alles, wonach andere jahrelang vergeblich rennen, wofür sie, wenn sie die Chance hätten, ohne sich lange zu besinnen, ihr Leben einsetzen würden! Die Überraschung bewirkt Wunder. Fahre nach dem Hotel Waldernberg in der Wilhelmstraße; laß dich bei der jungen Baroneß melden! Sag ihr, wenn es sein muß, in Gegenwart der Mutter, nicht, daß du sie heiraten willst – denn das versteht sich hernach von selbst –, sondern, daß du jetzt unter den und den Umständen die Entdeckung gemacht hast, und ich will meinen eigenen Kopf fressen, wenn dir das Mädel nicht um den Hals fällt und ihren Fürsten zum Teufel schickt.« Albert hatte sich darauf gefaßt gemacht, diesen abenteuerlichen Plan von dem zaghafteren Oswald zuerst auf das entschiedenste verworfen und im besten Falle erst nach langer Debatte angenommen zu sehen. Wie freudig war er deshalb überrascht, als jener, der während der ganzen Verhandlung, den Kopf in die Hand gestützt, schweigend dagesessen hatte, jetzt sich erhob und sagte: »Du hast recht. Es gibt nur das eine Mittel. Ich muß selber hingehen und zwar sogleich.« »Bruderherz!« rief Timm aufspringend und Oswald mit Heftigkeit umarmend. »Das ist das vernünftigste Wort, das du in deinem Leben gesprochen hast.« Oswald machte sich mit einem Schauder, der dem aufgeregten Timm entging, aus dieser Umarmung los. »Laß mich jetzt allein«, sagte er, »ich bin, wie du dir denken kannst, von dieser Unterredung angegriffen. Ich muß mich zu der Szene, die mir bevorsteht, sammeln.« »Um Himmels willen, nur keine neuen Bedenken!« rief Timm. »Frische Fische, gute Fische! Ich fürchte, sobald ich dir den Rücken kehre, fallen dir tausend Aber ein.« »Ich gebe dir mein Wort, daß ich noch in dieser Stunde hingehen werde. Die Papiere läßt du doch hier? Ich könnte sie der Baronin gegenüber gebrauchen.« Albert warf einen mißtrauischen Blick auf Oswald. Er gab die Papiere ungern aus der Hand. Wenn Oswald falsch spielte, wenn – aber es war keine Zeit sich lange zu bedenken. Und in Oswalds Wesen lag ein Etwas, das jeden Widerspruch gewagt erscheinen ließ – eine Entschiedenheit in dem festgeschlossenen blassen Munde, ein düsteres Feuer in den großen Augen – Timm hatte ihn so noch nie gesehen. Es war nicht mehr der alte wankelmütige Oswald Stein, es war der Sohn Haralds von Grenwitz, der da vor ihm stand. »Meinetwegen«, sagte er, »mache, was du willst. Ich sehe wohl, daß du zum Äußersten entschlossen bist. Aber, Oswald, wenn der große Wurf gelingt, und jetzt zweifle ich nicht mehr, daß er gelingt – vergiß nicht den, der dir die Würfel in die Hand gedrückt hat.« »Sei überzeugt«, sagte Oswald mit einem unheimlichen Lächeln, »daß du in dieser Angelegenheit, was den materiellen Vorteil betrifft, nicht schlechter fahren sollst als ich selbst.« Albert Timm wollte Oswald noch einmal umarmen. Der indessen machte eine ungeduldig abwehrende Bewegung. »Na, ich sehe«, sagte Albert ohne alle Empfindlichkeit, »du bist schon mitten in deiner Rolle. Ich will dich nicht länger aufhalten. Adieu, Oswald! Mache deine Sache gut! Es ist jetzt drei Uhr. Ich komme um vier wieder und frage, wie es abgelaufen ist. Adieu solange!« Oswald ging, als Albert fort war, mit langsamen Schritten im Zimmer auf und ab. Dann trat er vor den Kupferstich und betrachtete ihn lange mit starren Augen. »Es ist zu spät«, murmelte er, »ich kann ihr Retter nicht werden, kann sie nicht mehr befreien von dem Felsen, an den das Schicksal sie geschmiedet. Aber sehen will ich sie noch einmal und mein Andenken von der Schmach reinigen, die dieser Schurke auf mich gehäuft hat. Sie soll nicht glauben, daß ich mich je unwürdiger Mittel bedienen konnte.« Er trat an den Tisch und legte die Papiere zusammen. Dann fing er an, sich zu dem Gange, den er vorhatte, anzukleiden. Er kam nicht schnell damit zustande. Seine Glieder waren wie abgestorben; er mußte sich mehrmals hinsetzen, um einen Anfall von Schwindel vorübergehen zu lassen. Endlich war er fertig. Er steckte die Papiere in die Tasche und verließ das Zimmer. Fünfundvierzigstes Kapitel Durch die wenig belebte Straße, in der Doktor Braun wohnte, fuhr ein Wagen, dessen rasches Rollen manches neugierige Gesicht ans Fenster lockte. Es war eine herrschaftliche, mit zwei wundervollen Pferden bespannte Kutsche, an derem Schlage ein großes Wappen prangte. Auf dem Bock neben dem Kutscher saß ein Jäger in glänzender Livree. Die Kutsche hielt vor dem Hause des Doktor Braun, der Jäger sprang vom Bock, riß den Schlag auf; eine junge, sehr elegant gekleidete Dame stieg aus und trat rasch durch den kleinen Garten vor der Tür ins Haus. »Ist Frau Doktor Braun zu sprechen?« »Ich weiß nicht«, antwortete das Mädchen, und warf dabei einen scheuen Blick auf den schwarzen Sammetmantel und das reizende weiße Hütchen der Dame, »ich will nachsehen.« »Ist nicht nötig«, sagte Sophie, die plötzlich im Schmuck einer sehr langen Schürze in der Tür der Küche erschien, »hier bin ich schon.« »Liebe Sophie!« »Liebe Helene!« Sophie zog die Freundin in die Stube, nestelte ihr mit vor Freude zitternden Händen den Mantel los, nahm ihr den Hut ab, faßte sie bei den Händen und rief: »Nun, laß dich doch einmal bei Lichte besehen, du Liebe – schön, wie immer, wunderschön! Aber so blaß und so ernst und angegriffen, wie mir scheint. Kann ich etwas zu deiner Erquickung tun? Du siehst, ich habe die Küchenschürze noch um.« Helene lächelte. Es war ein schwermutvolles Lächeln, das ihre dunklen Augen nur noch dunkler machte. »Ich danke dir, Sophie! Ich wollte mich nur an deinem Anblick erquicken. Ach, du weißt nicht, wie ich mich nach dir gesehnt habe.« Die beiden jungen Damen hatten sich bis zu Sophiens Abreise von Sundin Sie genannt. Die Freude des Wiedersehens hatte das schwesterliche Du geboren. Sophie dachte daran, als sie das erste Du aus Helenens stolzem Munde hörte. Es rührte sie, und noch mehr der traurige Ton, in dem Helene sagte, daß sie sich nach ihr so gesehnt habe. Ein solches Geständnis, das die Pensionärin von Fräulein Bär sicher nicht gemacht hätte, kleidete die Braut des Fürsten Waldernberg gar seltsam. Das alles fuhr Sophie durch den Kopf, während sie, Helenens beide Hände noch immer festhaltend, ihr tief und tiefer in die dunklen Augen sah. »Arme Helene!« sagte sie; sie wußte kaum, daß sie es sagte. Aber in Helenens Herzen erweckten die leisen mitleidsvollen Worte alle die Herzensgeister, die die letzte bange Nacht mit ihr gewacht und kaum gegen Morgen eine Stunde lang mit ihr in unruhigem Schlafe gelegen hatten. Mitleid mit sich selbst, wie sie es nie gekannt hatte, ergriff sie, die Tränen kamen ihr in die Augen, und sie warf sich in Sophiens Arme, das schöne blasse Antlitz an der Freundin Busen verbergend. »Um Himmels willen, liebe Helene, was hast du«, sagte Sophie, jetzt ernstlich bestürzt, »ich habe dich ja nie so gesehen, nie geahnt, daß ich dich so sehen würde und am wenigsten jetzt, wo ich glaubte, es sei in deinem Leben alles Herrlichkeit und Freude.« »Hast du das wirklich geglaubt?« fragte Helene, sich aufrichtend, und Sophie mit den großen, starren Augen forschend anblickend. Sophie senkte vor diesem Blick die Wimpern. Sie mochte nicht Nein sagen, und Ja zu sagen, erlaubte ihr ihre Ehrlichkeit nicht. Aber dieses Schwanken dauerte bei ihr nicht lange. Jetzt oder nie war der Moment, Helenen alles mitzuteilen, was sie so lange schon auf dem Herzen gehabt hatte. »Helene«, sagte sie, klar und ruhig mit ihren tiefen blauen Augen aufblickend, »ich kann nicht lügen und mag nicht lügen, keinem Menschen gegenüber und zumal dir gegenüber nicht, die ich so herzlich liebhabe. Komm, süße Seele, setze dich zu mir hier aufs Sofa und laß uns sprechen, wie's Schwestern geziemt, die wir, wenn nie wieder, doch wenigstens in dieser Stunde sein wollen. Wenn du nicht Aufrichtigkeit von mir wünschest, weshalb wärst du denn, da du so viel glänzendere Freundinnen haben könntest, gerade zu mir gekommen? Habe ich recht?« »Sprich weiter!« sagte Helene, als sei nur die Stimme der Freundin zu hören, für sie schon ein Trost und eine Erquickung. »Du hast mich gefragt«, fuhr Sophie immer mutiger werdend, fort, »ob ich wirklich glaube, daß du jetzt glücklich bist? Ich glaube es nicht. Du siehst nicht aus wie eine Glückliche. Dein schönes blasses Gesicht sagt nein, wenn deine Zunge auch ja sagen sollte. Ich habe oft und oft in deinem Gesicht gelesen, lange, lange Geschichten, von denen du Stolze, Schweigsame mir kein Wort gesagt, und ich will dir erzählen, was ich gelesen. Darf ich?« »Sprich weiter, Sophie! Sprich weiter!« »Ich habe hier auf deiner Stirn gelesen, daß deinem Geiste nur das Große, das Außerordentliche genügt, und selbst das kaum – und hier in deinen zauberisch schönen Augen, daß dein Herz sich, wie nur ein Menschenherz es kann, nach Liebe sehnt. So ist von jeher ein Zwiespalt gewesen zwischen deinem Kopf und deinem Herzen. Du willst herrschen und willst lieben zu gleicher Zeit, und, liebe Helene, das geht nicht an. Die Liebe, die echte Liebe – und es gibt ja nur die eine – ist demütig; sie duldet alles und glaubt alles; sie will nichts, als eins sein mit dem Geliebten, in Freud und Leid. Sieh, süße Seele, mir ist das Glück solcher Liebe zuteil geworden, und ich weiß deshalb, was ich sage. Franz und ich haben nur einen Willen. Er will das Gute, ich will's mit ihm, und sollten unsere Ansichten wirklich einmal auseinandergehen – die Herzen bleiben doch verbunden; da findet sich denn das andere ganz von selbst. Alle Freude ist doppelt groß, und alles Leid trägt sich doppelt leicht. Ich hab's erfahren, als mein guter Vater starb. Was hätte aus mir werden sollen, wenn ich Franz nicht gehabt hätte.« »Ich hatte, als mein Vater starb, niemand«, sagte Helene tonlos. »Ich weiß es, liebes Herz, und ich habe mich oft, wenn ich daran dachte, wie einsam du warst und wie du so keine Menschenseele hattest, der du dein Leid klagen konntest, an die Brust meines Franz geworfen, der dann manchmal gar nicht wußte, was mich so plötzlich und gewaltig zu ihm trieb. Du stehst allein, selbst jetzt noch, wo du im Begriff bist, dich zu vermählen, und, was tausendmal schlimmer ist, du bist in deinem Herzen überzeugt, daß es so bleiben, daß dein Gatte nie dein Freund, dein Bruder, dein Geliebter sein wird, vor dem deine Seele so klar und offen liegt wie ein kristallheller Bergsee, in den die liebe Sonne bis auf den tiefsten Grund hinabblickt.« »Nie, nie!« murmelte Helene. »Ich wußte es ja«, sagte Sophie traurig, »aber Helene, wenn es schon schlimm genug ist, daß du den Fürsten heiraten willst, ohne ihn zu lieben, so ist es noch viel, viel schlimmer, daß du sein Weib wirst, während du in deinem Herzen eines anderen Mannes Bild trägst.« – Eine dunkle Röte ergoß sich über Helenens Gesicht, als Sophie mit fester Stimme diese letzten Worte sprach und sie dabei mit den großen blauen Augen so ernst und vorwurfsvoll anblickte. »Nein, süßes Mädchen, schäme dich nicht, daß du ihn geliebt hast. Deshalb tadle ich dich nicht, denn er ist ein ungewöhnlicher Mensch, ausgestattet mit allem, was wohl ein Mädchenherz fesseln kann. Ich tadle dich auch nicht, daß du ihn noch liebst – wer kann die Liebe so leicht aus seinem Herzen reißen! – Aber, Helene, da dem so ist, heirate den Fürsten nicht! Du darfst es nicht, aus Achtung vor dir selbst, aus Achtung vor ihm, wenn er achtungswürdig ist.« »Es ist zu spät«, sagte Helene, ihr Gesicht in den Händen verbergend. »Nun und nimmermehr!« rief Sophie leidenschaftlich. »Nie ist es zu spät, einen Irrtum zu bekennen, der dich und ihn grenzenlos unglücklich machen muß. Versteh mich wohl, Helene! Ich spreche nicht für jenen unglücklichen Mann, der deine Liebe, wenn er ihrer je würdig war, woran ich zweifle, jetzt durchaus verscherzt hat. Ich bin niemals seine Freundin gewesen; die sogenannten glänzenden Eigenschaften lassen mich ziemlich kalt, wenn sie die Güte des Herzens nicht zur Folge haben. Aber weil er deiner nicht würdig, mußt da deshalb einen Mann heiraten, für den, mag er sonst noch so vortrefflich sein, nun einmal dein Herz stumm ist? Oh, Helene, ich wollte, ich könnte mit Engelszungen reden, um dein stolzes Herz zu rühren, daß du dich demütigtest vor der Wahrheit, daß du alle Herrlichkeit der Welt gering achtetest vor der Seligkeit, mit dir selbst übereinzustimmen.« Helene bebte zusammen, als ob wirklich der Himmlischen einer zu ihr spräche. »Oh, du bist gut«, rief sie, »wäre ich doch wie du!« »Du kannst es sein, wenn du nur willst!« »Aber wie entrinnen aus diesem Wirrsal? Ich habe mein Wort gegeben; wie kann ich es zurücknehmen?« »Sprich ganz offen mit dem Fürsten«, sagte Sophie, der dieser Ausgang das einfachste und natürlichste schien. »Lieber tot«, murmelte Helene. In diesem Augenblick wurde an die Tür gepocht; der Jäger trat herein mit einem Billett in der Hand. Er blieb kerzengerade an der Tür stehen. »Gnädigen Baronesse gehorsamst zu vermelden, daß dies Billett soeben aus dem Palais hierher gesandt ist.« Helene griff hastig nach dem Billett. »Von meiner Mutter.« Sie warf einen Blick hinein und zuckte heftig zusammen. »Was ist's, Helene?« »Meine Mutter hat soeben Nachricht aus Sundin erhalten, daß mein Bruder sehr schwer erkrankt ist. Sie muß augenblicklich zurück.« »Armes Mädchen!« rief Sophie. »Wie blaß und erschrocken du bist. Soll ich mit dir fahren?« »Nein, nein!« sagte Helene. »Bleib! Ich muß allein hin. Leb wohl, liebe Sophie! Leb wohl!« Sie riß sich aus Sophiens Armen. Sophie geleitete sie bis zum Wagen. Sie hielt die Hand der Freundin fest in der ihren und sagte: »Laß von dir hören, Helene! Was du auch tust, folge der Stimme deines warmen Herzens, es rät dir besser als der kalte Verstand.« »Ich will es«, erwiderte Helene, schon im Wagen, »verlaß dich drauf; ich will es. Leb wohl.« Der Jäger schloß die Tür. Der Wagen donnerte davon. Sophie sah ihm nach, bis er um die nächste Ecke gebogen war. Dann schritt sie langsam, das liebe Gesicht sinnend zur Erde geneigt, in das Haus zurück. Sechsundvierzigstes Kapitel In einem Zimmer der Beletage des Hotel de Russie Unter den Linden befanden sich an diesem Nachmittag Berger und Direktor Schmenckel. Sie hatten eine lange Unterredung miteinander gehabt, und Herr Schmenckel erhob sich, um zu gehen. Berger stand ebenfalls auf. »Sie wissen doch genau, was Sie sagen sollen?« »Ich sollt' halt meinen«, erwiderte Herr Schmenckel und räusperte sich. »Wollen wir's lieber doch noch einmal durchsprechen?« »'s könnte vielleicht nicht schaden«, erwiderte Herr Schmenckel. »Sagen Sie also, es täte Ihnen leid, daß Sie der Fürstin solche Ungelegenheiten bereitet. Sie selbst würden nie auf diesen Plan gekommen sein, wenn der Mensch – wie nannten Sie ihn doch?« »Timm!« »– Sie nicht darauf gebracht hätte. Jetzt wären Sie zur Einsicht gekommen, daß Ihre Handlungsweise sich für einen ehrlichen Mann nicht zieme, und Sie geben der Fürstin Ihr Wort, daß nimmer wieder ein Laut von dieser Angelegenheit über Ihre Lippen kommen solle.« »Kommen solle!« wiederholte Herr Schmenckel. »Was den Menschen, den Timm beträfe, so sollte sich Ihre Durchlaucht nur nicht ängstigen, und ihn, wenn er etwa die Frechheit hätte, zu kommen und ihr Geld abzufordern, durch ihre Bedienten zur Tür hinauswerfen lassen. Da Sie ihn in keiner Weise unterstützen würden, so hätte der Skandal, den er möglicherweise erregen könnte, nichts zu bedeuten. Haben Sie es jetzt ordentlich im Kopf?« »Ich denk' es wird nun gehen«, sagte Herr Schmenckel nachdenklich. »Und was die Hauptsache ist, Sie nehmen kein Geld von der Fürstin an, weder viel, noch wenig. Vergessen Sie das ja nicht.« »Will's schon machen!« sagte der Direktor, mit einem plötzlichen Entschluß den Hut auf den Kopf drückend. »Adies, Herr Professor!« »Adieu!« sagte Berger, ihm die Hand reichend. »Gehen Sie, und werden Sie wieder der ehrliche Mann, der Sie bis dahin gewesen sind.« »Und nun«, murmelte Berger, als die Tür sich hinter Herrn Schmenckel geschlossen hatte, »ist der Augenblick gekommen, die alte Schuld quitt zu machen.« Er trat an das Bureau und nahm aus einer Schublade ein Kästchen von Ebenholz und ein Medaillon. Dann verließ er sein Zimmer und ging den Korridor entlang, bis er an eine Tür gelangte, an der er einen Augenblick lauschend stehenblieb. Der Schlüssel steckte im Schloß. Berger zog ihn geräuschlos ab und klopfte: »Entrez!« rief eine krähende Stimme. Berger trat ein. Der, den er suchte, stand mit dem Rücken nach der Tür vor dem Spiegel, eifrig beschäftigt, die glänzend braunen Löckchen seiner Perücke über der Stirn zu ordnen. Er wandte sich in der Meinung, daß es der Kellner sei, nicht nach dem Eintretenden um. Dieser ließ einen schnellen Blick durch das Zimmer gleiten, schloß die Tür ab und schritt dann bis mitten in das Gemach, wo er regungslos stehenblieb. »Was wollen Sie?« sagte der Graf Malikowsky, der jetzt mit seiner Krawatte beschäftigt war. »Mit Ihnen eine alte Rechnung quitt machen«, erwiderte Berger. Der Graf wandte sich erschrocken um und starrte in Bergers bleiches, ernstes Gesicht, das durch das schwarze Pflaster auf der Stirn noch bleicher und ernster erschien. »Wer sind Sie? Was wollen Sie?« rief der Graf. »Mein Name ist Berger. Was ich will, habe ich Ihnen bereits gesagt.« »Wenn Sie eine Forderung an mich haben, wenden Sie sich an meinen Kammerdiener. Ich befasse mich mit dergleichen nicht.« »Ich weiß es wohl«, sagte Berger, ohne eine Miene zu verändern, »daß der Graf Malikowsky Forderungen, die man an ihn persönlich gerichtet hat, gern durch andere Leute beantworten läßt, und wären diese andern selbst Meuchelmörder; diesmal aber, hoffe ich, werden Sie eine Ausnahme von der Regel machen.« Bei diesen Worten trat er an den runden Tisch, der in der Mitte des Zimmers stand, setzte das Ebenholzkästchen darauf und nahm die beiden Pistolen, die es enthielt, heraus. Der Graf hatte diesem Beginnen mit einem Erstaunen, das ihn sprachlos und bewegungslos machte, zugesehen. Der Anblick der Pistolen brachte ihn indessen wieder zu sich, er eilte nach der Tür. Berger vertrat ihm, die Pistolen in der Hand, den Weg. »Ein Versuch noch, mir zu entwischen«, sagte er, »ein Hilferuf, und ich schieße Sie nieder. Treten Sie an jene Seite des Tisches, mir gegenüber; so!« »Der Mensch ist verrückt«, murmelte der Graf, indem er, an allen Gliedern zitternd, Bergers Befehl Folge leistete. »Wohl möglich«, sagte Berger mit einem unheimlichen Lächeln; »wenn ich's aber bin, so bin ich es zum nicht geringsten Teil durch Sie, mein Herr Graf. Sie kennen mich nicht mehr?« »Nein! In der Tat, nein!« »Kann sein; ich habe mich, seitdem ich zum letzten Male die zweifelhafte Ehre hatte, Ihnen gegenüberzustehen, einigermaßen verändert; ich will Ihrem Gedächtnisse zu Hilfe kommen. Kennen Sie auch diese nicht mehr?« Er drückte das Medaillon auf und hielt es dem Grafen über den Tisch hinüber entgegen. Der Graf setzte seine goldene Lorgnette auf und blickte auf das Bild in der Kapsel. Es war das auf Email zierlich gemalte Porträt eines wunderschönen braunäugigen Mädchens, in der Tracht des Anfangs der zwanziger Jahre. »Eleonore!« rief der Graf, einen Schritt zurückprallend. »Ja, Eleonore«, wiederholte Berger, das Medaillon wieder schließend und zu sich steckend, »und nun werden Sie ja wohl auch hoffentlich wissen, wer ich bin und was das für eine Rechnung ist, die wir miteinander abzumachen haben.« Der Graf war selbst durch seine Schminke hindurch totenbleich geworden; seine falschen Zähne klapperten, er mußte sich in einen Stuhl, der an dem Tische stand, sinken lassen, da er sich nicht mehr auf den Beinen halten konnte. Berger schien sich an diesem kläglichen Anblick zu weiden. »Wie die Memme zittert«, sagte er, »wie ihm das faule Herz in der öden Brust an die Rippen pocht um das bißchen nichtsnutzige Leben! Elender Feigling, der nur den Mut hat, unschuldige Mädchen zu verführen, und in die Knie sinkt, sobald ihm ein Mann entgegentritt! Hier, nimm die Pistole, und mach einem Leben voll Schande durch einen halbwegs ehrlichen Tod ein Ende.« »Ich kann nicht!« keuchte der Graf. »Haben Sie Mitleid mit mir! Sie sehen, ich bin ein vor der Zeit alter Mann; meine Hände zittern vor Gicht; ich kann keine Feder, geschweige denn eine Pistole festhalten.« »Freilich«, sagte Berger, »der Mensch ist weiter nichts als ein übertünchtes Grab! Da wäre es wohl eine noch härtere Strafe, wenn man ihn leben ließe?« Er senkte die Stirn und sann einen Augenblick nach. »Sei's denn«, murmelte er. Er legte die Pistolen wieder in das Kästchen. Der Graf atmete auf. »Ich habe mich nach dieser Stunde gesehnt dreißig Jahre lang; ich dachte wunder wie süß der Trank der Rache sein würde, aber das Gefäß, in dem er mir geboten wird, ekelt mich an; ich mag ihn nicht.« Berger hatte das gesagt, als ob er mit sich selber spräche. Jetzt hob er den Kopf, heftete seine durchdringenden Augen auf den Grafen, der noch immer zusammengekauert in seinem Stuhl zitterte, und sagte: »Ich bin mit Ihnen fertig. Ich will Ihnen Ihr jämmerliches Leben lassen, aber unter einer Bedingung. Noch in dieser Stunde reisen Sie von hier ab und lassen sich nie wieder in Deutschland sehen. Ich will nicht, daß ein Bube wie Sie deutsche Luft atmet.« »Wie Sie wollen, was Sie wollen«, sagte der Graf, »ich will froh sein, wenn ich aus dem verdammten Lande weg bin.« Berger steckte das Pistolenkästchen in die Tasche. Da tönte von der Straße herauf wilder Lärm. Berger war mit einem Satze am Fenster, das er in wilder Hast aufriß. Volksscharen, Männer, Weiber und Kinder, wälzten sich die Linden hinab. Wir sind verraten! Man schießt auf uns! Zu den Waffen, zu den Waffen! »Zu den Waffen, zu den Waffen!« schrie Berger, die Arme in die Luft schleudernd. »Endlich, endlich! Habe Dank, du großer Geist!« Er wandte sich vom Fenster, packte den Grafen, den die Neugier von seinem Stuhle emporgetrieben hatte und der ihm jetzt in den Weg kam, an der Brust, schüttelte ihn mit Riesenkraft und schrie: »Hörst du, Memme, zu den Waffen! Ein ganzes Volk ruft es. Weiber und Kinder! Jetzt sollen all die alten Sünden quitt gemacht werden, die du und deinesgleichen seit dreißig Jahren auf euch geladen habt.« Er stieß den Halbentseelten verächtlich von sich, schloß die Tür auf und stürzte hinaus. Er rannte an einen Offizier, der eilig zum Zimmer hinein wollte. Es war der Fürst Waldernberg. »Entschuldigen Sie, mein Vater, wenn ich meinem Versprechen, Sie zur Fürstin zu begleiten, nicht nachkommen kann«, sagte der Fürst atemlos. »Sie hören, daß die Emeute wieder im besten Gange ist, ich erwarte jeden Augenblick, daß Generalmarsch geschlagen wird.« Der Graf war von der Szene mit Berger noch ganz außer sich. Er stierte den Fürsten mit einem bleichen, verstörten Gesicht an. »Was haben Sie, mein Vater?« fragte der Fürst, der jetzt erst diese Veränderung bemerkte. »Scheren Sie sich zum Teufel, Herr, mit Ihrem Vater!« rief der Graf. »Ich bin Ihr Vater nicht, will nicht Ihr Vater sein. Wenn Sie Ihren Vater sehen wollen, gehen Sie zu Ihrer Frau Mama, Sie werden ihn eben jetzt da finden.« »Was heißt das, mein Vater?« sagte der Fürst, der zu fürchten begann, der Graf sei wahnsinnig geworden. »Mein Vater!« höhnte der Graf. »Köstlich, herrlich! Aber ich habe das Possenspiel satt. Meinetwegen geht alle zum Teufel!« Er riß an dem Glockenzuge. »Den Wagen vorfahren lassen, hören Sie!« schrie er den Kellner an. Und dann zum Fürsten gewandt: »Wollen Sie jetzt gehen, Herr, oder nicht?« Der Fürst sah aus wie jemand, der nicht weiß, ob er seinen Augen und Ohren trauen soll. Plötzlich schien er einen Entschluß gefaßt zu haben. Er warf noch einen Blick auf den Grafen, der jetzt wie toll umherrannte, und verließ eilig das Gemach. Siebenundvierzigstes Kapitel Herr Schmenckel wanderte langsam die Linden hinab nach der Wilhelmstraße. Er hatte die Arme auf den Rücken gelegt und den Hut tief in die Stirn gedrückt; die Leute gingen ihm aus dem Wege, denn er stierte unverwandt auf das Straßenpflaster und murmelte fortwährend Unverständliches durch die Zähne. Aber Herr Schmenckel war keineswegs betrunken oder verrückt; er war nur etwas aufgeregt und repetierte die Lektion, die ihm Berger eingeprägt hatte. Es war ein saurer Gang; aber Herr Schmenckel fühlte, daß er nur seine Pflicht tue, wenn er das Komplott, in das der schlaue Timm ihn verwickelt, wieder zerstöre. Ein wahres Glück, daß er sich in seiner Herzensangst dem Professor entdeckt hatte! Wie der zu reden wußte, daß es einem ordentlich angst und bange wurde. Der Schmenckel hat's ja immer gesagt, daß hinter dem Professor etwas ganz Besonderes stecke. Und daß die Czika nun schließlich doch ein Baronenkind war, das verwunderte den Kaspar Schmenckel aus Wien gar nicht. Es hatte so kreuznärrische Augen gehabt, das Mädel, und er hatt's auch immer ganz besonders gut behandelt; da war's am Ende gar nicht so wunderbar, daß Baron Oldenburg dem alten ehrlichen Kasperle eine Hausmeisterstelle auf seinen Gütern angeboten hatte, wo er fortan ohne Sorgen leben konnte. Nein, Kaspar Schmenckel aus Wien brauchte von niemandem Geld zu erschwindeln, Kaspar Schmenckel konnte wieder frei den Kopf erheben. »Zum Tausend, Alter, kommt Ihr erst jetzt?« rief plötzlich eine scharfe Stimme, »Ihr solltet ja schon mit Eurer Visite fertig sein.« Albert war in der Wilhelmstraße in der Nähe des Hotel Waldernberg auf und ab patrouilliert, um den Erfolg von Oswalds Unterredung mit der Baronin Grenwitz zu erfahren. Herrn Schmenckel glaubte er um diese Zeit schon auf dem Wege nach dem »Dustern Keller«, wo sie sich ein Rendezvous gegeben hatten für den Fall, daß sie sich auf der Straße verfehlen sollten. Albert hatte nicht umsonst Schmenckel eine Stunde früher als Oswald nach dem Palais geschickt. Damit Oswalds Zusammenkunft mit der Baronin die rechten Früchte tragen konnte, mußte die Baronin zuvor einen gewissen Brief gelesen, und damit die Wirkung des Briefes nicht paralysiert wurde, Herr Schmenckel mit der Fürstin konferiert haben. Er war deshalb über Herrn Schmenckels Zuspätkommen aufs höchste entrüstet. »Es ist rein um närrisch zu werden«, fuhr er in noch ärgerlicherem Tone fort, »nicht einen Augenblick kann man Euch allein lassen, so gibt's eine Dummheit.« »Oho! Nicht so grob, Freundchen«, entgegnete Herr Schmenckel, der sich im Bewußtsein seiner tugendhaften Vorsätze dem schlangenklugen Mitschuldigen gewachsen fühlte, »sonst komm ich dir auf den Buckel!« »Nun, nun«, sagte Albert einlenkend, »zwischen Freunden muß ein offenes Wort erlaubt sein. Macht nur jetzt, daß Ihr hineinkommt, so kann noch alles nach Wunsch ablaufen. Ihr seid doch heute morgen beim Grafen gewesen?« »Nein«, brummte Herr Schmenckel. »Aber zum Teufel, weshalb denn nicht!« rief Timm, dessen Ärger sich von neuem regte. »Weil ich nicht wollte«, sagte Schmenckel trotzig, »weil ich mit Euch überhaupt nichts mehr zu tun haben will.« »Aha«, sagte Timm, »Ihr möchtet die Fettfedern allein ziehen? Ich habe mir die Finger verbrannt, um Euch die Kastanien aus dem Feuer zu holen? Nein, teuerster Freund, so dumm sind wir nicht; für nichts ist nichts.« »Ich will nicht einen Kreuzer von dem Sündengeld«, rief Schmenckel, »ich will der Fürstin sagen, daß ich ein ehrlicher Kerl bin und daß sie sich nicht weiter ängstigen soll.« »Schaust du aus dem Loch?« sagte Timm. »Also bloß ein klein wenig verraten wollt Ihr mich? Nehmt Euch in acht, der Spaß könnte Euch teuer zu stehen kommen!« »Ich werde tun, was mir gefällt!« sagte Schmenckel, eine sehr entschlossene Miene annehmend und mit langen Schritten weitergehend. »Ihr kommt nicht in das Haus!« rief Albert und packte Schmenckel fest am Arm. Schmenckels Antwort auf diese Herausforderung war ein Stoß, der seinen Gegner sehr unsanft über das Trottoir weg gegen die Wand schleuderte. Im nächsten Augenblick hatte sich die Tür des Palais hinter Schmenckel geschlossen. Durch den Wortwechsel mit Albert war er in eine Art von heroischer Stimmung geraten, die sich ausnehmend zu der Unterredung, der er entgegenging, eignete. So geschah es denn, daß er sich weder durch die glänzende Livree des Portiers noch durch die Pracht der Zimmer, die er durchschreiten mußte, imponieren ließ. Aber der Mut sank ihm plötzlich wieder, und das Herz schlug ihm hoch, als der Bediente jetzt vor einer Tür stehenblieb und leise sagte: »Hier befinden sich Ihre Durchlaucht, treten Sie nur ohne anzuklopfen ein; Sie werden erwartet.« Herr Schmenckel fuhr sich mit der Hand durch sein dichtes Haar, räusperte sich, klemmte den abgeschabten Hut fest unter den linken Arm, öffnete mit der Rechten entschlossen, wenn auch vorsichtig, die Tür und trat ein. Eine rosige Dämmerung umgab ihn, und in der rosigen Dämmerung bemerkte er zwei Frauen, von denen die eine in einem Lehnstuhl am Kamin saß, in dem trotz des warmen Wetters ein helles Feuer brannte, die andere etwas seitwärts hinter dem Lehnstuhle stand. Beide Frauen richteten, als er sich ihnen näherte, die Augen mit durchdringenden Blicken auf ihn. Dieser Empfang veranlaßte ihn, kleinere und immer kleinere Schritte zu machen, und dann, nachdem er den Raum zwischen Tür und Kamin kaum halb zurückgelegt hatte, plötzlich stehenzubleiben. »Treten Sie näher, lieber Freund«, sagte die Dame. Herr Schmenckel trat noch zwei sehr kleine Schritte heran und blieb abermals stehen, fest entschlossen, den auf ihn gerichteten, funkelnden Augen, komme, was da wolle, nicht eine Linie näherzutreten. »Sie sind der Mann, der an den Grafen Malikowsky vorgestern geschrieben hat?« sagte die Dame hinter dem Stuhl. »Ja, Ihr' Gnaden.« Herrn Schmenckel war es, als ob diese Worte, die er doch ohne Zweifel selbst hervorgebracht hatte, am andern Ende des Saals von einem andern gesprochen wären. Er wurde sehr rot und räusperte sich, um sich zu überzeugen, daß wirklich er es sei, der mit den Damen sich unterhalte. »Sie heißen Schmenckel?« fragte die Dame, hinter dem Stuhl. »Ja, Ihr' Gnaden.« »Und waren vor vierundzwanzig Jahren in Petersburg?« »Ja, Ihr' Gnaden.« »Und kamen zu der Zeit manchmal ins Hotel Letbus?« »Ja, Ihr' Gnaden.« »Kennen Sie mich noch?« Herr Schmenckel richtete seine Augen, die überall im Zimmer, nur nicht auf den beiden Frauen geweilt hatten, auf die Sprecherin und sagte nach einigem Bedenken: »Ich sollt's halt meinen, obgleich ich's just nicht beschwören möcht'! Wenn's nicht gar so lang her wär, wollt' ich sagen, Sie sind die Nadeska, das Kammermädel von der gnäd'gen Frau, die mir im Anfang immer die schönen Briefchen und die Rosenbuketts von der gnäd'gen Frau in den Schwarzen Bären brachte.« Nadeska beugte sich über die Gebieterin und flüsterte ihr einige Worte ins Ohr, worauf diese in demselben Ton etwas erwiderte. Darauf entfernte sich Nadeska. »Wollen Sie sich nicht setzen, Herr Schmenckel?« sagte die Fürstin, sobald sie allein waren. Herr Schmenckel nahm ihr gegenüber auf dem Rande eines Lehnstuhls Platz. »Kennen Sie denn auch mich?« fragte die Dame. Herr Schmenckel verbeugte sich, indem er dabei die Hand aufs Herz legte. »Warum haben Sie sich nicht direkt an mich gewandt?« fuhr die Fürstin im Ton sanften Vorwurfs fort. »Weshalb mußten Sie den Grafen ins Vertrauen ziehen? Bin ich jemals ungroßmütig gegen Sie gewesen? War es meine Schuld, wenn unsere letzte Zusammenkunft so endete?« Herr Schmenckel wollte etwas erwidern, aber die Fürstin ließ ihn nicht zu Worte kommen. »Wenn ich gewußt hätte, daß Sie noch lebten und wo Sie lebten, ich würde reichlich für Sie gesorgt haben; ja, ich bin noch diesen Augenblick gern dazu bereit. Aber unter einer Bedingung: brechen Sie jede Verbindung mit dem Grafen ab, lassen Sie sich nie wieder bei ihm sehen, und vor allen Dingen, wagen Sie nie, sich dem Fürsten zu nähern! Solange Sie diese Bedingungen halten, fordern Sie, was Sie wollen, und wenn Alexandrine Letbus es erfüllen kann – es soll geschehen.« Die Fürstin streckte ihre durchsichtigen Hände aus; ihre schwarzen Augen schimmerten wie von Tränen; die rosige Dämmerung verklärte ihre bleichen, noch immer schönen Züge. Herr Schmenckel fuhr sich mit der Hand über die Augen. »Lassen Sie mich auch einmal sprechen, gnädige Frau«, sagte er, »ich bin der Schandbub' nicht, den Sie aus mir machen. Es wär' mir ja nimmer eingefallen, Ihro Gnaden, dem Herrn Grafen, je so ein' Brief zu schreiben, wenn ich nicht von einem kreuzschlechten Menschen – Timm ist sein Name – dazu beredet worden wär'. Ich wußt' ja gar nicht, daß der Kaspar Schmenckel aus Wien einen so gar vornehmen Herrn Sohn hätt'! Aber der Timm sagt' zu mir: ›Auf den Busch klopfen‹, sagt' er, ›kann man immer, das schadet nicht.‹ Da hat er mir den Brief geschrieben und selbst zum Grafen getragen. Der ist noch am selben Abend zu mir in den ›Dustern Keller‹ gekommen und hat gesagt, daß es ihm recht sei, wenn ich Euer Gnaden, der Frau Fürstin, 's Leben bissel sauer machte; aber an den Fürsten selbst sollt' ich mich nicht wenden, dann wär' der Spaß mit einem Male vorbei. Und dann wär's auch zu viel, was ich gefordert hätt', ein Viertel so viel wär' auch genug; er wollt' selbst deswegen mit Euer Gnaden, der Frau Fürstin, sprechen, und heut' vormittag sollt' ich zu ihm kommen und da sollt' ich's Geld in Empfang nehmen. – Nun mögen Euer Gnaden, die Frau Fürstin, es glauben oder nicht, aber der Schmenckel aus Wien ist 'ne ehrliche Haut, die niemand nichts zuleide tun kann, geschweige denn einer schönen Dame, die sehr gut gegen den armen Kaspar gewesen ist. Und als nun Euer Gnaden zu mir schickten und mir sagen ließen: ich sollt' halt nur selber vorsprechen, da sagt' ich zu mir: Kaspar, sagt' ich, geh' zur gnäd'gen Frau und sag' ihr so und so, und sie sollt' nur ruhig sein, der Schmenckel würd' sich nimmer wieder bei ihr sehen lassen, und was das Geld anbetrifft, ich sag' Euer Gnaden, nicht ein' Kreuzer davon könnt' ich anfassen, wenn auch gleich ein Gulden draus würd'. Und so Euer Gnaden, Frau Fürstin, Gott befohlen! Und wenn wir uns nicht wiedersehen sollten, bleiben S' hübsch gesund und haben S' nur kein' Angst vor dem Kaspar Schmenckel; der tut Ihnen nimmer was. Ich küß' die Hand, Euer Gnaden.« Mit diesen Worten erhob er sich und machte seine schönste Verbeugung. »Guter Mann«, sagte die Fürstin mit zitternder Stimme. Ihre Augen weilten mit Wohlgefallen an der herkulischen Gestalt des Mannes, der der Vater ihres Sohnes war. Die außerordentliche Ähnlichkeit beider sowohl in Figur als Gesichtsbildung, erfüllte sie mit einer wehmütigen Freude. Sie dachte der Tage, wo dieser Mann, ein Löwe an Kraft und Gewandtheit, wenn nicht ihr Herz, so doch ihre Sinne beherrscht; aber in demselben Augenblicke überkam sie auch die Furcht, der Sohn könne den Vater bei ihr finden, – ihr Sohn, der stolze, jähzornige Mann, könnte jemals erfahren, daß der Possenreißer, der Seiltänzer sein Vater, der Vater des Fürsten zu Waldernberg sei. »Du mußt fort«, sagte sie hastig, »hier –« sie streifte von ihrem Finger einen prachtvollen Ring, dessen Brillanten im Schein des Feuers in allen Farben des Regenbogens blitzten, »– keinen Widerspruch! Nimm! Ich habe ihn lange getragen, schon damals, als dich Nadeska zum ersten Male zu mir führte; nimm ihn zum Andenken an Alexandrine Letbus! Doch jetzt fort, fort!« Sie berührte die Feder der silbernen Glocke, die neben ihr auf dem Tische stand. Nadeska trat herein. »Führe ihn hinaus. Sorge, daß euch niemand sieht.« Nadeska ergriff Herrn Schmenckel bei der Hand, der gern noch etwas erwidert hätte, aber zu verlegen und zu verwirrt war, um ein Wort hervorzubringen, und zog ihn durch eine Tapetentür, die links neben dem Kamine auf einen schmalen Korridor ging, von dem man auf eine Nebentreppe in den Hof gelangte. Die Fürstin sank erschöpft in die Kissen ihres Lehnstuhls zurück und bedeckte Stirn und Augen mit der Hand. Sie bemerkte nicht, daß eine Portiere, rechts neben dem Kamin, deren Falten sich schon einige Male während ihrer Unterredung mit Herrn Schmenckel leise bewegt hatten, auseinandergeschlagen wurde und der Fürst hereintrat. Sie hörte ihn erst, als er dicht vor ihr stand. Sie schlug die Augen auf und in demselben Momente stieß sie einen Schrei des Entsetzens aus, – sein unerwartetes Erscheinen und ein Blick in das todesbleiche, wildverstörte Antlitz sagten ihr, daß er alles gehört habe. »Gnade, Raimund, Gnade!« schrie sie, die krampfhaft gefalteten Hände zu ihm emporstreckend. Raimunds breite Brust hob und senkte sich, als wehre sie sich gegen eine fürchterliche, erdrückende Last, und seine Stimme klang wie ein heiseres Röcheln, als er jetzt nach der Tür, durch die Schmenckel sich entfernt hatte, deutend sagte: »War dieser Mann, der soeben von dir ging, mein Vater?« »Gnade, Raimund, Gnade! Willst du deine Mutter töten?« »Besser, du hättest mich nie geboren, als von einem solchen Vater!« Der gewaltige Mann zitterte, als ob ein heftiges Fieber ihn schüttelte – ein Stöhnen, das schauerlich durch das prächtige Gemach hallte, brach aus seiner Brust. »Um aller Heiligen willen, Raimund, höre mich an; ich will dir alles sagen.« »Ich brauche nichts mehr zu hören. Ich weiß nur schon zu viel. Der Graf hat mich Bastard gescholten; ich glaubte, er sei wahnsinnig; er hat mir nur den rechten Namen gegeben.« Er griff mit den Händen nach der Seite, – er hatte den Degen im Vorzimmer abgelegt. Seine Augen blickten wild umher, als suche er eine Waffe. Seine Mutter verstand den Blick: »Raimund, Raimund, was willst du tun?« »Der Sache so schnell als möglich ein Ende machen.« »Kein Mensch wird es je erfahren –« »Wird es erfahren? Wer weiß es denn noch nicht? Nadeska, der Graf, dieser Mann, – soll meine Ehre, mein Rang, mein Vermögen von der Laune einer Kammerfrau, von der Diskretion eines herzlosen Roué, von der Schweigsamkeit eines Straßenhelden abhängen? Soll ich warten, bis es die Leute auf der Gasse mir nachrufen?« »Ich will die Menschen töten, die es wissen; sie sollen sterben – alle sollen sie sterben, wenn nur du mir bleibst.« »Und wenn sie stürben, und wenn niemand es wüßte als du und ich; ja Mutter, wenn du gestorben wärst und das Geheimnis wäre in meiner Brust begraben, ich würde es selbst da nicht sicher glauben. Ich würde mich und meine Schmach in dem tiefsten Grund der Erde verbergen.« Die Fürstin bedeckte das blasse Gesicht mit den mageren Händen. Aber hier war keine Zeit, sich müßigem Jammer hinzugeben. Sie kannte den Charakter ihres Sohnes zu wohl, um nicht zu wissen, daß es sich um Tod und Leben handele. »Raimund«, rief sie, wieder emporschnellend, »du tötest nicht bloß dich, du tötest auch mich. Bist du doch mein alles, meine Sonne und mein Licht! Ich habe nie ein Kind gehabt außer dir. Du weißt nicht, was es heißt, ein Kind haben und lieben, noch dazu, wenn man, wie ich, so unglücklich im Leben war! Ich habe den Grafen nie geliebt. Wie konnte ich auch einen Menschen lieben, der seine Kraft wie sein Vermögen in den abscheulichsten Ausschweifungen vergeudet hatte. Ich wurde seine Gemahlin, weil – weil der Zar es wollte. Und ich war damals noch so jung und so leichtsinnig, aufgewachsen in dem Glanz und der Üppigkeit des glänzendsten und üppigsten Hofes. Ich war dem Grafen nicht treu – so wenig wie er mir, ihm war es im Grunde gleich; aber er wollte eine Gewalt über mich erlangen, die mich zwang, seiner sinnlosen Verschwendung machtlos zuzusehen. Er hatte mir sicher schon lange aufgelauert, bis es ihm endlich, ich weiß noch heute nicht, durch welchen unglücklichen Zufall oder durch welchen schändlichen Verrat gelang, mir das Geheimnis zu entreißen. Seit dem Augenblick ist mein Leben ein Leben unter des Henkers Beil gewesen, das mich vor der Zeit zu einer alten Frau gemacht hat. Ich habe nichts gehabt als dich und deine Liebe – die einzige warme Stelle in einer eisig kalten Welt. Raubst du mir die, so muß ich unterliegen. Raimund, ist dies der Dank für alle meine Liebe?« Der Sohn hatte, während die Mutter so Wahrheit und Dichtung künstlich und klüglich mischte, mit einer Miene zugehört, die so finster war wie eine schwarze Gewitterwand. »Gib mir die Möglichkeit zu leben«, sagte er, »und ich will leben. So kann ich es nicht. Ich kann nicht leben mit dem Bewußtsein, daß mein Blut nicht edler ist als das, das in den Adern meines Stallknechts fließt.« »Bin ich nicht deine Mutter?« »Ist jener Clown nicht mein Vater?« »Ja, Raimund, er ist es; und ihm verdankst du die stolze Kraft, ihm verdankst du, daß alle andern Männer neben dir Schwächlinge sind. Wolltest du lieber des Grafen Sohn sein, der Erbe seiner marklosen Schwäche, seines vergifteten Blutes? Und wähnst du denn, daß in den Adern unseres Adels nur adeliges Blut rollt, daß dein Fall der einzige ist, wo ein entartetes Geschlecht durch gesundes Proletarierblut sich wieder regeneriert hat? Soll ich dir aus unseren Kreisen einige Geschichten erzählen, dir sagen, von wem deine Freundin Ludmilla ihre dunkle Farbe und ihre bezaubernden schwarzen Augen, und dein Jugendfreund, Michael Oronzoff, sein lockiges, blondes Haar hat? Und glaubst du, daß es in anderen und höheren Regionen anders und besser ist?« Die Fürstin hob sich halb aus ihrem Stuhl empor und flüsterte einige Worte so leise, daß sie eben nur das Ohr des Sohnes erreichen konnten. Er aber schüttelte finster den Kopf. »Steht es so mit uns«, sagte er, »so mögen wir nur unsere Degen zerbrechen, unsere Wappenschilder in den Kot werfen. Ich habe meine Ehre blank bewahrt; ich habe keine Schuld, aber ich will die Schuld der anderen sühnen, ehe sie noch größer wird, ehe ich, ohne es zu wissen und zu wollen, tiefer in diese Sümpfe gerate. Weißt du, daß der Mann, mit dem ich vor drei Tagen auf der Straße in ein Handgemenge geriet, jener Mann war?« – der Fürst deutete nach der Tür, durch die sich Herr Schmenckel entfernt hatte – »Weißt du, daß ich um ein Haar meinen Degen mit dem Blute dessen gefärbt hätte, der mich erzeugt hat? Nein, nein! Das Maß ist übervoll.« »Und deine Braut?« Der Fürst zuckte zusammen. Die Fürstin sah, wie tief dieser Pfeil ihm ins Herz gedrungen war. Ein Schimmer von Hoffnung, sie könne in diesem Kampfe doch noch Siegerin bleiben, ging ihr auf. »Willst du dein höchstes Glück vernichten, diesen Engel von dir weisen? Willst du dich vor ihr erniedrigen, vor ihr, der Stolzen, der Schönen? Unmöglich kannst du das! Du bist gefesselt an das Leben mit Ketten von Stahl und mit Ketten von Rosen. Die einen kannst du, die anderen darfst du nicht zerreißen.« »Es ist vergeblich«, sagte der Fürst, »du kannst mir diese fürchterliche Last hier« – er legte die Hand auf die Brust – »nicht wegreden. Lebe wohl!« Er wandte sich zu gehen. »Raimund«, kreischte die Fürstin, von ihrem Stuhl emporfahrend und den Sohn umklammernd, »was hast du vor?« »Nichts Schimpfliches, davon sei überzeugt«, sagte er, indem er sich mit sanfter Gewalt aus ihren Armen loszumachen suchte. »Lebe wohl!« »So gehe hin, Barbar, und töte –« sie konnte nicht ausreden; die ungeheure Aufregung dieser beiden letzten Szenen war zu viel für ihre zerrütteten Nerven, sie sank ohnmächtig in ihren Stuhl. In diesem Augenblick kam Nadeska zurück. Ein Blick auf die Szene im Salon sagte ihr, was geschehen war. »Sie werden die Ärmste töten«, rief sie, indem sie der Ohnmächtigen zu Hilfe eilte. »Und weshalb das alles? Es wird nie verraten werden.« Der Fürst lachte. Es war ein schauerliches Lachen. »Meinst du, Nadeska?« sagte er. »Wenn du nun aber im Schlafe sprächest? Oder hast du auch deine Träume an die Fürstin verkauft?« Achtundvierzigstes Kapitel Als der Fürst wie ein von den Furien gejagter Orest durch die Vorzimmer eilte, begegnete er der Baronin Grenwitz, die von der Fürstin Abschied zu nehmen kam. Er glaubte vor Scham in die Erde sinken zu müssen, als sie ihm mit ihren großen Augen starr und prüfend ins Gesicht sah. Sie sagte etwas zu ihm, aber er hörte nicht, was es war. Es sauste ihm in den Ohren. Er stieß ein paar unartikulierte Töne aus, die eine Entschuldigung vorstellen sollten. Dann stürzte er fort. Die Baronin sah ihm mit düsteren, mißtrauischen Blicken nach. Anna-Maria hatte, seitdem sie das Palais betreten, keine frohe Minute gehabt. Der Empfang gestern Abend hatte sie auf die peinlichste Weise berührt. Die erzwungene Haltung des Fürsten, die vergeblichen Bemühungen der Fürstin, einen freundlicheren Ton in der Gesellschaft hervorzurufen, der kaum verschleierte Hohn, mit dem der Graf jedes wärmere Wort lächerlich zu machen suchte – das alles hatte sie mit banger Sorge für Helenens Zukunft erfüllt. Sie hatte die ganze Nacht schlaflos dagelegen und darüber gerätselt, und sie war – sie wußte selbst nicht warum – immer wieder zu dem Resultat gekommen, die Fürstin habe sich einmal in ihrem Leben eine Untreue zuschulden kommen lassen und müsse dafür noch heute die brutale Tyrannei des Grafen dulden. Vielleicht; daß zu diesem Resultat die allerdings auffallende Unähnlichkeit des Vaters und des Sohnes mitgewirkt hatte. So war sie in der übelsten Laune und mit heftigstem nervösem Kopfschmerz dazu sehr spät aufgestanden und hatte es gar nicht ungern gesehen, daß Helene am Nachmittag ihre Freundin Sophie zu besuchen fuhr. Kaum war Helene aus dem Hause, als der Baronin zwei Briefe überbracht wurden, der eine aus Sundin, der andere aus der Stadt. Sie erbrach den Sundiner Brief zuerst. Die Nachricht von Maltes Krankheit erfüllte sie mit namenloser Angst. Sie hatte von seiner Geburt an für sein Leben gefürchtet; so sollte ihre Furcht also doch in Erfüllung gehen! Und wenn Malte starb – was Gott in seiner großen Gnade noch gnädig verhüten wolle! – so fiel, da jetzt auch Felix nicht mehr war, das Majorat an einen Hauptmann von Grenwitz, den Sohn von ihres verstorbenen Gemahls Vetter, einen armen schwedischen Edelmann, den sie nie gesehen hatte, den sie niemals hatte sehen wollen. Der sollte fortan Herr sein auf Grenwitz? Wahrhaftig, da wäre es ihr noch lieber gewesen, wenn es sich herausgestellt hätte, daß Oswald Stein Haralds rechtmäßiger Sohn war. Mechanisch erbrach sie den zweiten Brief. Er war von Albert Timm und lautete: Gnädige Frau! Nach unserer letzten Begegnung werden Sie es selbstverständlich finden, daß ich die Waffen, die ich bis dahin für Sie gebraucht hatte, gegen Sie wandte. Herr Stein ist von allem unterrichtet. Ehe ein Jahr vergeht, ist er – verlassen Sie sich darauf! – Herr von Stantow und Bärwalde, und Sie werden überdies die Zinsen von vierundzwanzig Jahren zu zahlen haben, d. h. Sie werden ruiniert sein. Ich könnte mir nun schadenfroh die Hände reiben; aber Albert Timm ist eine gutmütige Seele und will Ihnen zum Dank für Ihren Undank einen guten Rat geben. Machen Sie Frieden mit Herrn Stein, bevor es zu spät ist! Besser ein magerer Vergleich als ein fetter Prozeß, den man noch dazu verliert. Ich schicke Ihnen den Gegner noch heute zu, empfangen Sie ihn freundlich, und wenn Sie ganz klug sein wollen, geben Sie ihm Ihre Tochter, die er bis zur Raserei liebt. Mit der fürstlichen Heirat ist es sowieso nichts, sintemalen der Fürst nicht eines Grafen, sondern eines Seiltänzers Sohn ist, und die Sache so steht, daß die Welt nächstens mit einem großartigen Skandal erfreut werden dürfte. Doch widerstehe ich dem Wunsch, Ihnen über diese interessante Sache nähere Aufklärungen zu geben, die Sie wahrscheinlich ebenso unbeachtet lassen würden als gewisse andere Enthüllungen. Vielleicht, daß Sie nach der Unterredung mit Herrn Stein anderen Sinnes werden und sich vor allem auch überzeugen von der aufrichtigen Freundschaft, mit der ich verbleibe der gnädigen Baronin untertänigster Diener. Zu jeder anderen Zeit würde die Baronin in diesem Brief nur einen Versuch von seiten des Herrn Timm, die verlorengegangene Position wiederzugewinnen, gesehen haben; aber heute morgen war ihr Gemüt so verdüstert, daß ihr alles und so auch dieser Brief in einem anderen Lichte erschien. Was war denn am Ende in dieser Welt des Lugs und Trugs nicht möglich? Daß dieser Timm mehr wußte als andere Leute, lag auf der Hand, und jedenfalls war doch die Konsequenz merkwürdig, mit der er die Wahrheit seiner Behauptung aufrechterhielt; ja, hatte nicht Felix noch durch seine letzten Briefe bewiesen, daß er an dem Faktum selbst in keiner Weise zweifle? Die sonst so energische Frau fühlte sich ganz erdrückt unter der Wucht all dieser Sorgen. Und nun kam Helene, nach der sie geschickt hatte, gar nicht wieder und in einer Stunde ging der Zug, den sie benutzen mußte, wenn sie noch morgen früh in Sundin sein wollte! Und noch waren die Sachen nicht gepackt, noch nicht entschieden, ob Helene bleiben oder mitkommen wollte, noch nicht von der Fürstin und dem Fürsten Abschied genommen! Doch das letztere konnte ja auch in Helenens Abwesenheit geschehen. Der Drang des Augenblicks entband von den strengen Vorschriften der Etikette, und hatte sie doch die Fürstin gestern abend gebeten, zu jeder Zeit unangemeldet zu ihr zu kommen! So verließ denn Anna-Maria ihr Gemach und schritt eilig über die Korridore und durch die Vorzimmer, als plötzlich die Tür, die zu dem Kabinett der Fürstin führte, aufgerissen wurde, der Fürst, offenbar in der fürchterlichsten Aufregung, herausstürzte und, ohne ein Wort mit ihr zu sprechen, weitereilte. »Das ist doch seltsam«, sagte die Baronin. Da wurde die Tür wieder aufgerissen, Nadeska kam eilends mit verstörtem Gesicht heraus. »Wo ist die Fürstin?« fragte die Baronin. »Drinnen. Sie ist krank; es kommt niemand auf mein Klingeln. Ich wollte eben die Leute holen.« »Tun Sie das«, sagte die Baronin, »ich will unterdessen bei Ihrer Durchlaucht bleiben.« Nadeska schien dies Arrangement keineswegs zu gefallen, aber sie fand keinen Vorwand, der Baronin den Zutritt zu verweigern. Sie eilte fort, während Anna-Maria in die rosenrote Dämmerung von der Fürstin Gemach trat. Die Fürstin lag in ihrem Lehnstuhl am Kamin. Die halbgeschlossenen Augen und die krampfhaft zuckenden Finger zeigten, daß der umnachtete Geist noch immer vergebens nach Bewußtsein rang. »Schaff mir meinen Sohn zurück, Nadeska«, murmelte sie, »er soll nicht mit ihm ringen: der Vater ist stärker als der Sohn. Siehst du, siehst du, wie er ihn um den Leib packt und in die Höhe hebt, jetzt wird er ihn zu Boden schleudern, hier gerade zu meinen Füßen, da, da –« Die Unglückliche verfiel in Weinkrämpfe, in die sich gräßliches Lachen mischte. Zwischendurch phantasierte sie: »Laßt es nur den Grafen nicht wissen; der Graf sagt's der Baronin, die Baronin sagt's der schönen Tochter, und hernach will die schöne Tochter den Seiltänzersohn nicht. Da kommt er schon mit dem zerschmetterten Kopfe –« Ein fürchterlicher Schrei brach aus der Brust der Gemarterten. Sie fuhr in die Höhe und starrte die Baronin mit verstörten Blicken an. Gleich darauf sank sie aufs neue bewußtlos in den Stuhl zurück. Nadeska kam mit ein paar russischen Mägden. Der Kammerfrau schien sehr viel daran gelegen, die Baronin zu entfernen. »Die Fürstin hat oft die Anfälle«, sagte sie in ihrer glatten, demütigen Weise, während die Dienerinnen die Ohnmächtige aufhoben und in ihr Schlafgemach trugen. »Sie muß dann ganz allein sein; die Nähe jeder fremden Person verschlimmert ihren Zustand.« »Ich werde nicht stören, meine Liebe«, sagte die Baronin kalt, »um so weniger, als ich noch in dieser Stunde abreisen muß. Ich werde mich schriftlich bei Ihrer Durchlaucht entschuldigen.« Die Baronin begab sich in einer unbeschreiblichen Aufregung in ihre Gemächer zurück. Was hatte sie gesehen! Was gehört! Der Anblick des halb wahnsinnigen Fürsten, das verdächtige Benehmen der Kammerfrau, die offenbar in diesem Familiendrama hinter den Kulissen nur zu gut Bescheid wußte – was sollte sie denken? Was sagen? Was tun? Es war das erste Mal in ihrem Leben, daß die kluge und energische Frau vollständig ratlos war. Aber sank nicht der Boden unter ihren Füßen, brach nicht wie morsches Rohr zusammen, was sie für stolze unzerstörbare Pfeiler ihres Glücks gehalten? Der Fürst ein Bastard! Ein jahrelang mühsam verborgen gehaltenes Familiengeheimnis der schimpflichsten Entdeckung nahe! Und in ihrem eigenen Hause, stand es denn da besser? Ihr Sohn, der rechtmäßige Erbe des Vermögens, zum Tode erkrankt – der illegitime Sproß des Vorgängers in der Herrschaft aus der Verschollenheit auftauchend, in der Rechten ein Testament, das ihn zum Herrn des Vermögens machte, das die Baronin seit ihrer Verheiratung als das ihrige angesehen hatte! Wo ein Ausweg aus diesem Labyrinth? Und was würde Helene zu dem allem sagen? Wie würde ihr Stolz sich winden, wenn sie erfuhr, daß der Diamantenschmuck des fürstlichen Ranges nichts war als schnödes schlechtes Glas, mit dem zu schmücken, eine Kurtisane sich wohl bedacht hätte? Ein Wagen rollte schnell in den Hof des Palais. Helene kam zurück. Der Baronin schlug das Herz, als ob jetzt erst die Entscheidung eintrete. Ein paar bange Augenblicke, und die schöne Tochter eilte, bleich und verstört, in das Zimmer und warf sich der Mutter mit einer Leidenschaftlichkeit in die Arme, die gegen ihre sonstige gemessene, fast kalte Haltung seltsam abstach. »Gott sei Dank, daß du kommst!« sagte Anna-Maria. »Ich muß fort; ich wollte dich fragen, ob du mich begleiten willst?« »Kannst du das fragen?« rief Helene. »Ich hierbleiben und ohne dich? Hier, wo mich die Mauern erdrücken!« »So bist du nicht gern hier, Helene?« »Nein, nein! Ich liebe den Fürsten nicht; ich habe ihn nie geliebt!« Und Helene verbarg ihr Gesicht an dem Busen der Mutter. Die Baronin war aufs höchste überrascht. Was Helene da sagte und noch mehr der Ton, in dem sie es sagte, dazu ihr seltsam von Leidenschaft durchglühtes Wesen gaben ihr einen nie geahnten Einblick in das Herz des jungen Mädchens. Sie hatte ein dunkles Gefühl davon, daß ihr große weite Regionen des Lebens bisher gänzlich verborgen geblieben waren und daß sie, trotz all der Klugheit, auf die sie sich so viel zugute tat, bisher im dunkeln getappt hatte. »Warum hast du ihm denn dein Wort gegeben?« fragte sie. »Ich weiß es nicht; ich war – ich wußte nicht, was ich tat. Aber jetzt weiß ich es; ich kann den Fürsten nicht heiraten; ich muß mein Wort zurück haben; wenn du darauf bestehst, daß ich es halte, so muß ich sterben.« »Und wenn ich nun nicht darauf bestehe?« Helene sah die Baronin mit starren, verwunderten Augen an. »Höre mich an, mein Kind. Ich habe heute morgen Entdeckungen gemacht, die mich, milde gesprochen, äußerst beunruhigt und mir die Überzeugung eingeflößt haben, daß wir in der ganzen Angelegenheit mit einem Mangel an Vorsicht zu Werke gegangen sind, der sich möglicherweise sehr schwer hätte rächen können.« »Ich verstehe dich nicht, Mutter«, sagte Helene. »Ach, es ist auch kaum zu begreifen«, klagte Anna-Maria, »ich weiß gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Ich bin eine unglückliche Frau!« Und die Baronin warf sich wie gebrochen in einen Stuhl und fing an, bitterlich zu weinen. Helene hatte die Mutter noch nie weinen sehen. Der ungewohnte Anblick rührte sie tief. Sie kniete neben ihr nieder und suchte sie mit schmeichelnden, freundlichen Worten zu trösten. Aber es war vergeblich. »Es ist nicht nur dies, obschon es schon schlimm genug ist«, schluchzte Anna-Maria, »auch wir sind mit einer ähnlichen Schmach bedroht!« – Und in dem Drang des Momentes, getrieben von dem Verlangen, sich, koste es was es wolle, an einen andern anzuschließen, erzählte sie in fliegenden Worten von den Ansprüchen, die Oswald möglicherweise auf ihr Vermögen habe, und daß, wenn die Ansprüche gerichtlich anerkannt würden, sie, die Mutter und die Tochter, Bettlerinnen seien. Helene hatte dieser Erzählung in atemloser Spannung zugehört. Ihre Farbe wechselte in jedem Augenblick, ihre Augen waren fest auf die Mutter gerichtet; ihre Hände hielten die Hände der Mutter krampfhaft umfaßt. »Bettlerinnen, sagst du? Besser das, und ein reines Gewissen haben, als in der Fülle dieses Glanzes vor Angst vergehen! Komm, Mutter, ich fürchte mich nicht vor der Armut! Du hast mir oft gesagt, daß du arm gewesen bist, ehe du den Vater heiratetest. Warum soll ich etwas vor dir voraushaben? Ich sehe nicht, daß dich der Reichtum glücklich gemacht hat, auch den Vater nicht; er hat es mir in seinen letzten Augenblicken gestanden. Ich habe es noch eben mit meinen eigenen Augen gesehen, wie viel glücklicher als wir die Menschen sind, die nichts haben als ihre Liebe; auf nichts vertrauen als auf ihre eigene Kraft. Ich habe Kraft; ich kann und will für dich arbeiten, wenn es nötig sein sollte. Aber jetzt laß uns fort von hier. Du bist krank und angegriffen, deine Hände sind eiskalt und deine Stirn brennt – bleib hier sitzen. Ich will deine Sachen packen. Du brauchst dich um nichts zu bekümmern, ich bin in fünf Minuten fertig.« »Nein«, sagte die Baronin, »laß das mich mit Hilfe unserer Marie besorgen. Du kannst ein anderes Geschäft übernehmen. Wir können nicht fort, ohne wenigstens schriftlich von der Fürstin Abschied zu nehmen, da ihr Unwohlsein und unsere Eile nichts anderes zuläßt. Schreib ihr in wenigen Worten: freundlich und höflich, nicht mehr und nicht weniger als das unumgänglich Notwendige.« »Ich will es tun«, sagte Helene, indem sie sich an das Bureau setzte, während die Mutter sich in die Schlafgemächer begab. Helene hatte kaum die Feder in der Hand, als ein Geräusch hinter ihr sie von dem Papier aufblicken machte. Mitten im Zimmer stand Oswald, bleich wie der Tod, die großen, im Fieber leuchtenden Augen auf sie gerichtet. Helene war so erschrocken, daß ihr die Stimme versagte und daß sie keine Bewegung zu machen imstande war. Sie glaubte im ersten Moment, eine Erscheinung zu sehen. »Ich bin es wirklich«, sagte Oswald, »verzeihen Sie mein plötzliches Erscheinen. Ich fragte nach der Baronin; man hat mich hierher gewiesen.« »Ich will die Mutter rufen«, sagte Helene tief aufatmend, indem sie sich erhob. »Bleiben Sie«, sagte Oswald, »ich bitte Sie darum; ich habe nur zwei Worte zu sagen; ich sage sie Ihnen lieber und leichter als der Baronin.« In Oswalds Erscheinen und Wesen lag etwas so Feierliches, daß Helene nicht den Mut fand, seine Bitte abzuschlagen. »Wollen Sie sich nicht setzen«, sagte sie tonlos, indem sie sich wieder in ihren Stuhl sinken ließ und auf einen anderen in ihrer Nähe deutete. Oswald regte sich nicht. »Ich weiß nicht, gnädiges Fräulein«, sagte er, »ob Ihnen Ihre Frau Mutter von gewissen Intrigen erzählt hat, mit denen sie seit einiger Zeit belästigt wird und deren Seele Herr Timm ist?« »Ich habe heute morgen das erste Wort davon gehört.« »Ebenso wie ich. Und das ist es gerade, was mich hierher getrieben hat. Ich kann den Gedanken nicht ertragen, ja ich könnte nicht ruhig sterben, wenn ich denken müßte, daß Sie, Fräulein von Grenwitz, glauben könnten, ich hätte mich je so unwürdiger Mittel und eines so niedrigen Werkzeugs gegen Sie bedienen können. Wollen Sie das auch Ihrer Frau Mutter sagen?« »Ich will es.« »Und sagen Sie ihr auch, und glauben vor allem Sie selbst es mir, daß ich nichts so schmerzlich beklage, als daß man Sie je mit dieser Sache behelligt hat.« »So ist es doch nur eine Erfindung des Herrn Timm?« »Nein, nein, mein Fräulein«, erwiderte Oswald mit traurigem Lächeln, »eine Erfindung jenes Menschen ist es nicht. Ich fürchte nur zu sehr, daß es die lautere Wahrheit ist, und das ist der zweite Grund, weshalb Sie mich hier sehen.« »Sie glauben doch nicht, daß wir uns jemals sträuben würden, gerechte Ansprüche anzuerkennen?« »Sie werden gar nicht in diesen Fall kommen; ich fühle keinen Wunsch in mir, diese Ansprüche zu erheben. Ich wurde das nie und unter keinen Umständen getan haben, und jetzt am allerwenigsten.« Er warf einen Blick im Zimmer umher. Die Pracht der Ausstattung erinnerte ihn schmerzlich daran, wo er war. »Jetzt am allerwenigsten«, wiederholte er, »hier sind die Papiere, die in dieser unglücklichsten aller Geschichten beweisend sind. Ich wünsche, daß Ihre Frau Mutter sie in Gewahrsam nimmt, um auf alle Fälle gegen die Machinationen jenes Menschen gesichert zu sein.« Er legte das Paket Papiere, die ihm Timm vor einigen Stunden überbracht hatte, vor Helene auf das Bureau und verbeugte sich zum Abschied. »Einen Augenblick noch«, sagte Helene, indem sie sich ebenfalls erhob, »glauben Sie, daß meine Mutter, daß ich ein solches Geschenk annehmen werde? Was hat Ihnen das Recht gegeben, so klein von uns zu denken?« »Ich glaube, mein gnädiges Fräulein, daß Ihr Stolz diesmal irrt. Es handelt sich selbstverständlich nur um mich, der ich den sehr verzeihlichen Wunsch habe, mich von einem häßlichen Verdachte zu reinigen. Es war unnötige mich daran zu erinnern, daß es der Mutter des Majoratsherrn von Grenwitz, daß es der Braut des Fürsten von Waldernberg ziemlich gleichgültig sein kann, ob sie ein paar hunderttausend Taler mehr oder weniger im Vermögen haben.« »Die Verhältnisse haben keinen Einfluß auf unsere Pflichten«, erwiderte das junge Mädchen, sich aufrichtend und die schöne Lippe verächtlich krümmend, »und glauben Sie nur nicht, daß es der Stolz des Reichtums und des hohen Ranges ist, der mich so gleichgültig gegen Ihr Anerbieten macht. Diesen Augenblick sind wir im Begriff, nach Sundin abzureisen, wo mein Bruder auf den Tod erkrankt ist, und dort auf dem Pult liegt der Anfang eines Briefes, worin ich der Fürstin zu schreiben gedachte, daß ich nun und nimmermehr die Gattin ihres Sohnes werden könne.« Die dunklen Augen Helenens leuchteten, das heiße Blut färbte die lieblichen Wangen tiefer, sie war Oswald so schön, so einzig schön nie erschienen. Und das in diesem Moment, wo er bereits im Herzen Abschied genommen von einem Leben, das keinen Reiz mehr für ihn hatte! Gerade jetzt mußte ihm das Ideal seiner glänzendsten Träume, nicht in unerreichbarer Ferne – nein, in unmittelbarer Nähe erscheinen, dem kühnen Wunsch, dem festen Willen vielleicht erreichbar! Weshalb sagte sie ihm, daß sie den Fürsten nicht heiraten werde, und sagte es in diesem herausfordernden Ton, wenn sie ihn – den Schwankenden, Treulosen, Wankelmütigen – nicht demütigen wollte durch die Kraft des Entschlusses, mit dem sie der Herrlichkeit entsagte, nur um sich selbst treu zu bleiben? Diese Gedanken jagten in wilder Flucht durch Oswalds Gehirn, das, überreizt durch Schlaflosigkeit und Fieberträume, mit einer wunderbaren Schnelligkeit arbeitete und die Resultate kompliziertester Gedankenreihen in schwindelndem Fluge erfaßte. Er wußte, daß sie ihm dies nimmermehr gesagt haben würde, wenn sie ihn nicht zu irgendeiner Zeit geliebt hätte, vielleicht noch liebte, und dabei wußte er auch mit unumstößlicher Gewißheit, daß er und sie durch alles, was geschehen war, auf immer unwiederbringlich voneinander geschieden seien. Es war deshalb keine Bitterkeit, sondern nur tiefste Trauer in dem Ton, in dem er jetzt, die Augen unverwandt auf das schöne Antlitz des Mädchens gerichtet, sagte: »Lassen Sie uns einander nicht mit heftigen, lieblosen Worten betrüben. Wer weiß, ob wir im Leben noch viele Worte miteinander zu wechseln haben werden! Mir ist zumute wie einem Sterbenden, und was ich spreche, spreche ich nicht für mich, der ich keine Wünsche mehr hege, sondern aus innerstem Drang nach der Wahrheit, von deren heiligem Antlitz ich mich nur zu oft im Leben abgewandt habe. Helene, ich habe Sie geliebt von dem Augenblick, als ich Sie zum ersten Male an jenem unvergeßlichen Sommerabend im Park von Grenwitz sah; und ich weiß es auch: wenn ich mir selber treu geblieben wäre, Sie würden mich wiedergeliebt haben, Sie würden einst die Meine geworden sein. Aber, weil ich mich selbst verlassen, haben auch Sie sich von mir gewandt, und jetzt liegt zwischen uns eine Kluft, die niemals ausgefüllt werden kann. Und was uns einander auf immer nahe zu bringen schien – die Entdeckung, die ich heute morgen machte – hat uns erst recht auf ewig getrennt. Ich fühle es wohl: Sie werden nun und nimmermehr ein Geschenk, wie Sie es nennen, von mir annehmen wollen; und ich wollte eher meine Hand auf glühende Kohlen legen, als sie nach dem Erbe des Mannes ausstrecken, der meine Mutter zur unglücklichsten aller Frauen gemacht hat. Dazwischen gibt es keinen Vergleich, wäre auch alles andere, wie es sein sollte. Und nun, Helene, ehe wir – wohl auf immer – scheiden, habe ich eine Bitte: Reichen Sie mir über die Kluft weg, die uns trennt, die Hand, zum Beweis, daß Sie mir verziehen haben.« Helene legte ihre Hand in die ausgestreckte Hand Oswalds. So standen sie und sahen sich einander tief in die Augen, und wie sie so schauten, sahen sie alle die goldigen Sommermorgenstunden, die sie im Park von Grenwitz unter säuselnden Bäumen verlebt, und alle die purpurnen Abende, an denen sie durch den grünen Buchenwald bis zum Meeresstrande wanderten – und dann sahen sie nichts mehr, denn ein grauer Tränenschleier hatte sich über die lieblichen Bilder gedeckt. »Leb wohl, Helene!« »Leb wohl, Oswald!« »Für immer!« »Für immer!« Oswald preßte die Geliebte nicht in die Arme. Eine heilige Scheu hielt ihn gefesselt. Er ahnte es: Die Zeit der Sühne, die ihm noch blieb, war kurz, und, einen neuen Schwur zu besiegeln, den zu halten er keine Kraft in sich fühlte, war kein Entgelt für so viele gebrochene Schwüre. Er ließ die Hand, die er noch immer in der seinigen hielt, los und – im nächsten Augenblick war Helene allein. Sie stand noch, die Augen starr auf die Tür gerichtet, durch die Oswald verschwunden war, als die Baronin wieder in das Zimmer trat. »Es ist die höchste Zeit, Helene«, sagte sie, »der Wagen hält unten. Bist du bereit?« »Ja.« »Was sind das für Papiere dort auf dem Tische?« »Hat er sie nicht wieder mitgenommen?« »Wer?« »Oswald.« »War er hier? Was wollte er?« »Nimm die Papiere zu dir, Mutter. Er brachte sie dir.« »Helene, du bist bleich und hast geweint; was bedeutet dies? Liebst du diesen Mann? Soll ich auch mein letztes Kind verlieren?« »Sei ruhig, Mutter; ich werde dich im Unglück nicht verlassen. Doch da liegt ja noch der Brief an die Fürstin. Einen Augenblick, Mutter!« Sie setzte sich an das Bureau und schrieb mit fliegender Feder einige Zeilen. »So, jetzt ist auch das geschehen. und ich bin wieder frei! Komm, Mutter, ich will dir zeigen, daß ich noch Kraft und Mut genug zum Leben habe. Komm!« Und sie zog die Baronin, die sich willig der höheren Energie ihrer Tochter fügte, mit sich fort aus dem Gemach. Eine Minute darauf hatten die beiden Damen das Palais Waldernberg und eine halbe Stunde darauf Berlin verlassen. Neunundvierzigstes Kapitel Als Oswald, ohne kaum zu wissen, wohin er sich wandte, die Straße hinabeilte, fühlte er sich plötzlich von jemand am Arm ergriffen. Es war Albert. Albert hatte nach dem Zusammentreffen mit Herrn Schmenckel seinen Beobachtungsposten in der Nähe des Palais auf einige Zeit aufgeben müssen, um sich in dem Hofe eines der nächsten Häuser das Blut abzuwaschen, das nach der Berührung von Herrn Schmenckels schwerer Faust seiner Nase und seinem Munde reichlich entströmt war. Er war so zornig, wie er es kaum je im Leben gewesen. Es war die Wut des Jägers, dem das Wild die kunstreich gewebten, schlau gestellten Netze plump zerrissen hat. Dieser Tölpel von einem Schmenckel mit seiner dummen Ehrlichkeit! Wie hatte er den Menschen bearbeitet, wie hatte er ihm die Zukunft golden ausgemalt, und nun? Es war zum Rasendwerden! Der schöne, leichte, sichere Gewinn dahin! Und weshalb? Um nichts und wieder nichts, um einer ehrlichen Laune willen. Und wenn nun Oswald eine ähnliche Dummheit begeht! Man kann die Spatzenköpfe ja keinen Augenblick allein lassen. Und dabei will das verdammte Blut gar nicht stehen. So hatte er weder Herrn Schmenckel noch den Fürsten wieder aus dem Palais kommen, noch hatte er Oswald hineingehen sehen, und er kam jetzt noch eben zur rechten Zeit, um diesen, der die Straße hinabeilte, einzuholen. »Hallo, Herr!« »Was gibt's?« »Ja, das frage ich.« »Bist du's?« »Wer sonst? Wie ist es abgelaufen? Hat die Alte klein beigegeben?« und er wollte vertraulich seinen Arm in Oswalds Arm legen. Oswald trat einen Schritt zurück: »Rühre mich nicht an«, sagte er, »oder ich zerschmettere dir den Kopf an der Wand.« »Hoho«, sagte Albert, jetzt seinerseits zurückweichend, »ist der auch verrückt geworden?« »Elender Bube!« knirschte Oswald, »Mensch, der aus dem Laster eine Spekulation und aus der Gemeinheit ein Gewerbe macht; lasse dich nie wieder auf meinem Wege sehen, oder du wirst es bereuen!« Er wandte sich von Timm, der in dem ersten Augenblick blaß geworden war und dann in ein tolles Gelächter ausbrach, und eilte weiter. Es war ihm einerlei, wohin ihn seine Füße trugen! Er ging wie im Traum, und wie Traumbilder erschien ihm auch, was er sah und hörte: die neugierigen, erschrockenen Gesichter von Kindern und Frauen in den Fenstern und Türen; die dichten Haufen von Männern, die sich unter wilden Gestikulationen und lauten Ausrufungen Unerhörtes mitzuteilen schienen und dann auseinanderstoben, wenn eine Patrouille anmarschiert kam; das Rennen und Laufen, das Schreien und Pfeifen von Straßenbuben; und dazwischen das Wimmern der Sturmglocken von den Türmen. Dann, je weiter sich Oswald von dem vornehmen Quartier, aus dem er kam, entfernte, wurde ein anderer Ton deutlicher; ein eigentümliches Knattern und Prasseln und ein dumpfer Donner, von dem die Häuser selbst erzitterten. Aber das alles vermochte nicht, ihn aus seinem wachen Traume aufzurütteln; der Schmerz um das eigene zerstörte Lebensglück hatte ihn taub und blind gemacht gegen den Schmerz eines ganzen gemißhandelten Volkes. Da schreckte ihn jäh ein fürchterlicher Anblick empor: Aus einer Seitenstraße kam eilenden Laufs ein junger Mensch, rufend: »Verrat, Verrat! Sie schießen auf uns!« Des jungen Menschen Bluse war zerrissen und mit Blut befleckt; sein Antlitz war bleich, sein Haar verwirrt; er taumelte wie ein Trunkener, und plötzlich stürzte er, unmittelbar vor Oswald, zusammen. Oswald hob ihn auf. Im Nu hatte sich ein Haufe von Männern und Frauen um sie gesammelt. »Er stirbt!« riefen die Männer, »Fluch über unsere Henker!« Die Weiber heulten, eines rief: »Nehmt ihn doch dem Herrn ab! Seht ihr nicht, daß der sich selbst kaum auf den Beinen halten kann?« Ein Mann nahm den Sterbenden aus Oswalds Armen. Da fühlte Oswald sich von jemand aus dem Gedränge gezogen. Als er sich umwandte, erblickte er Berger. Oswalds Seele war in den letzten Stunden von so viel Außerordentlichem bestürmt worden, daß selbst das Seltsamste, Unerwartetste ihn vorbereitet traf. Und wenn es einen Menschen gab, den er in diesem Augenblick zu sehen wünschte, so war es sein Freund und Lehrer, sein Schicksalsgenosse. Oswald fragte nicht Wie und Woher?, er stürzte sich dem Wiedergefundenen in die Arme. »Gut, daß du da bist«, sagte Berger hastig, »komm, lasse die Toten ihre Toten begraben. Wir wollen schaffen und arbeiten, solange es Tag ist.« Sie eilten zusammen weiter. Mit jedem Schritte, den sie machten, kamen sie dem Krater der Revolution, die seit ein paar Stunden zum Ausbruch gekommen war, näher. In diesem Stadtteil erhoben sich schon, von tausend tapferen und geschickten Händen aufgetürmt, Barrikaden, die von todesmutigen Männern und Knaben, meistens aus den niederen Volksklassen, besetzt wurden. Man konnte von der Widerstandsfähigkeit dieser improvisierten Festungen keine allzugroßen Hoffnungen haben, wenn man sah, daß die meisten aus einem, wenn es hoch kam, aus mehreren umgestürzten Wagen, abgerissenen Planken und anderen in der Eile zusammengerafften Gegenständen erbaut waren, und daß die Waffen ihrer Verteidiger zumeist in alten rostigen Säbeln, Lanzen, Flinten ohne Schloß und ähnlichen Instrumenten bestanden. Berger blieb hier stehen, Rat erteilend, anfeuernd, mit seiner tiefen tönenden Stimme: Zu den Waffen! Zu den Barrikaden! rufend; aber sooft Oswald sich an dem Bau einer derselben beteiligen wollte, hielt er ihn davon zurück: »Nicht hier!« sagte er. »Dies sind nur unsere Vorposten, die doch wieder eingezogen werden müssen. In diesen geraden breiten Straßen lassen sich keine Barrikaden mit Erfolg verteidigen. Das Gros der Revolution steht weiter, zurück.« So kamen sie in eine Straße, die in ein dichtbevölkertes Quartier des Kleinhandels und des Kleingewerbes führte. Aus dieser Straße gelangte man durch eine schmale Gasse in eine andere, in der der »Dustre Keller« lag. Überall hier schwirrte und wirrte es wild durcheinander. Vom Schloßplatz her krachten die Gewehrsalven und schmetterten die Kanonenschläge; aber noch nirgends sah man den Anfang von Barrikaden. »Sind diese Menschen wahnsinnig!« rief Berger. »Wenn sie sich hier nicht verschanzen wollen, wo soll es denn geschehen?« Auf den Stufen eines Eckhauses, umdrängt von Volkshaufen, stand ein Herr mit weißer Halsbinde und sprach eifrig auf die Leute ein: »Se. Majestät hat die Deputation huldvoll zu empfangen geruht –« »Was da Majestät!« schrie eine zornige Stimme. – »Se. Majestät geruht jetzt eben huldvollst, seine getreuen Untertanen niederzukartätschen!« rief eine andere. »Meine Herren«, schrie der Redner, »geben Sie nicht Gefühlen des Hasses und der Rache Raum! Se. Majestät willigt in die Zurückziehung des Militärs, sobald Sie die Waffen aus der Hand gelegt –« »Und ihre Kehlen dem Messer des Mörders dargeboten haben«, rief mit gewaltiger Stimme Berger, der plötzlich neben dem Redner in der weißen Halsbinde auf der Treppe erschien. Sein graues Haar hing ihm wild um das unbedeckte Haupt; seine Augen glühten, es war, als ob die Revolution selbst Gestalt und Stimme angenommen hätte. »Nun«, rief er weiter, »ihr zaudert und verhandelt noch immer, während eure Brüder wenige Straßen von euch ermordet werden? Mußt du ewig glauben, du gläubiges, so oft und so schmählich betrogenes Volk, nun, so glaube: dir wird keine Konzession gemacht, die du nicht erkämpft, und keine Freiheit gewährt, die du nicht mit deinem Blute bezahlt hast. So feilscht und marktet denn nicht länger, gebt ihn her, den teuren Preis um das teure Gut! Um der Freiheit willen, greift zu den Waffen!« »Zu den Waffen! Zu den Waffen!« donnerte es von allen Seiten. »Wir wollen siegen oder sterben! Zu den Waffen!« Die waffenlosen Arme streckten sich wie zum Schwur in die Luft. Berger war von der Treppe hinabgesprungen. Man umringte ihn; man drückte ihm die Hände. Einige forderten ihn auf, die Sache in die Hand zu nehmen, da es doch ohne Führer nun einmal nicht gehe. Berger sah sich um. Plötzlich eilte er auf einen langen Herrn los, der sich rasch durch die Menge drängte. »Das ist der Mann«, schrie er, den langen Herrn bei der Hand fassend. »Er muß unser Führer sein! Treten Sie auf die Treppe, Oldenburg, und sprechen Sie!« Oldenburg war mit einem Satze auf der Treppe. »Mein Herren!« rief er, seinen Hut lüftend. »Huldigen wir der Mode des Tages und bauen wir eine Barrikade. Ich habe vor zwei Wochen eine kurze Lehrzeit im Barrikadenbau auf den Straßen von Paris durchgemacht. Wenn Sie in Ermangelung eines Bessern sich meiner Künste bedienen wollen – ich bin herzlich gern bereit, mit Ihnen zu bauen, mit Ihnen zu kämpfen, mit Ihnen zu siegen, wenn's sein kann, mit Ihnen zu sterben, wenn's sein muß.« In dem stählernen Klang von Oldenburgs Stimme, in seiner leichten und doch so eindringlichen Art zu sprechen, lag ein Zauber, dem der Volkshaufe nicht widerstehen konnte. Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es aller Herzen. »Sie sollen unser Führer sein«, rief es von allen Seiten, »der Schwarzbart soll unser Führer sein.« »Nun denn!« rief Oldenburg mit erhobener Stimme: »Alle Mann hoch an die Barrikade!« Ein wunderbares Treiben folgte diesem Zauberwort. In die wild durcheinander wogende Menge kam plötzlich Ordnung. In all den Köpfen lebte nur der eine Gedanke, sich ein Bollwerk zu schaffen, und alle Hände arbeiteten nur nach dem einen Ziel. »Wir müssen in zehn Minuten fertig sein, meine Herren«, rief Oldenburg, »oder wir täten besser, gar nicht anzufangen.« Oldenburg machte durch unerschütterliche Kaltblütigkeit und geniale Schnelligkeit des Blicks und des Entschlusses seinem Anführerposten Ehre. Er schien auf allen Punkten zugleich zu sein, und seine klare tönende Stimme glaubte man an allen Punkten zugleich zu hören. Hier wurde auf seine Anordnung das Pflaster aufgerissen, dort wurden die Fliesen des Trottoirs ausgehoben und damit die umgeworfenen Wagen, die als Basis der Barrikade dienen mußten, nach der Außenseite gepanzert. Türflügel, Rinnsteinbrücken, mit Sand gefüllte Säcke vervollständigten die Festigkeit des Baues, der mit einer Schnelligkeit heranwuchs, die mit dem Fieber der Leidenschaft, das in allen Pulsen pochte, Schritt hielt. Jede Sehne, jede Muskel war bis zum äußersten angespannt; Knaben trugen Lasten, die in ruhigen Augenblicken kaum ein Mann hätte bewältigen können; Männer, die sonst vielleicht nur die Feder zu führen gewohnt waren, schienen plötzlich Muskeln von Stahl bekommen zu haben. Vor allen aber zeichnete sich ein Mann in einem abgeschabten Sammetrocke aus, in Vergleich mit dessen Taten die Leistungen der andern nur Pygmäenwerk waren. Wo es etwas zu heben oder zu schleppen gab, rief man lachend nach dem Herkules, wie den Mann im Sammetrock der Volkswitz nach den ersten fünf Minuten getauft hatte – und der Herkules sprang hinzu, reckte seine mächtigen Arme aus, oder stemmte seine breiten Schultern dagegen, und die Zentnerlast schien plötzlich federleicht zu werden. »Bravo, Herr Schmenckel!« rief Oldenburg, dem Herkules auf die Schultern klopfend. »Aber schonen Sie Ihre Kraft, wir werden sie noch nötig haben.« »Pah, Euer Gnaden, Herr Baron«, erwiderte Herr Schmenckel, indem er sich mit dem Ärmel über sein von Schweiß triefendes Gesicht fuhr, »das will noch nicht viel sagen.« »Herkules, hierher!« erschallte es von einem andere Punkte. »Komm' schon«, schrie Herr Schmenckel und sprang dahin, wo man seiner bedurfte. »Jetzt fehlt es am Besten noch«, murmelte Oswald, indem er das mit jeder Sekunde wachsende Werk überschaute und einen prüfenden Blick auf die Dächer der die Barrikade flankierenden Häuser warf, die man auf seinen Rat abzudecken begann, »wenn Berger keine Waffen bringt, ist Mühe und Arbeit umsonst.« Da kam Berger in Begleitung von zehn oder zwölf Männern. Jeder von ihnen trug eine Büchse. Ein paar andere schleppten Säcke, in welchen sich Munition befand. Berger, der schon tagelang vorher die Gelegenheit zur Revolution, die er vorausgeahnt, studiert hatte, kannte alle Waffenläden in der Runde und hatte sich jetzt der Vorräte des einen bemächtigt. Ein Jubelruf erschallte, als die kleine Schar bei der Barrikade anlangte. Gleich darauf wurde noch eine alte, lange, einläufige Vogelflinte und ein verrosteter Karabiner mit Pfannenschloß aus irgendeiner Rumpelkammer herbeigeschafft, und zuletzt noch zwei Paar Pistolen aus den Wohnungen einiger Offiziere, die man mit Hilfe des Adreßkalenders in der unmittelbarsten Nähe ausgekundschaftet hatte. Die Waffen wurden verteilt, und jedem Schützen sein Posten auf der Barrikade angewiesen; jeder Schütze hatte einen Mann als Lader bei sich; in der Küche des Erdgeschosses eines der nächsten Häuser wurden unter Aufsicht eines alten einäugigen Mannes, der schon die Befreiungskriege mitgemacht und sich zu diesem Posten erboten hatte, Kugeln gegossen; Straßenjungen, die lustigen Sturmvögel des Barrikadenkampfes, sollten die Kugeln den Kämpfern zutragen. Die Viertelstunde, die Oldenburg als die längste Zeit, in der man fertig werden müsse, bestimmt hatte, war verlaufen; und schon der nächste Moment bewies, wie richtig er gerechnet. Die Büchsen waren kaum geladen und die Männer eben an ihre Posten getreten, als ein Bataillon Infanterie die Straße heranmarschiert kam. An seiner Spitze ritt ein Major. Er ließ in einiger Entfernung von der Barrikade seine Truppe haltmachen und ritt bis auf wenige Schritte heran. Es war ein alter grauhaariger Mann mit einem gutmütigen Gesicht, dem offenbar bei Erfüllung seiner blutigen Pflicht nicht sonderlich wohl war. Seine Stimme klang hohl und zitterte ein wenig, als er jetzt, so laut er vermochte, rief: »Ihr da! Ich muß hier mit meinen Leuten durch, und wenn ihr das Ding, das ihr da gebaut habt, nicht gutwillig wegräumt, so muß ich von der Schußwaffe Gebrauch machen. Das sollte mir eurethalben leid tun!« Oldenburg trat auf die Barrikade. »Im Namen der Männer hier«, sagte er, seinen Hut höflich gegen den Major lüftend, »erkläre ich Ihnen, daß wir entschlossen sind, einer für alle und alle für einen zu stehen und die Barrikade zu halten, solange es möglich ist.« Oldenburgs Erscheinung und seine Rede imponierten dem alten Krieger sichtlich. »Sie sind der Anführer von den Leuten?« »Ich habe die Ehre.« »Sie scheinen ein verständiger Mann. Da müssen Sie doch einsehen, daß das Ding da nicht lange halten kann und daß ihr mit euren paar Schüssen nicht weit kommen werdet. Reißt das Ding herunter, und die Sache ist gut.« »Es tut mir leid, Ihnen diesen Gefallen nicht tun zu können und meine erste Entscheidung wiederholen zu müssen.« »Nun denn«, rief der alte Mann mehr verdrießlich als zornig, »so soll euch alle der Teufel holen!« Mit diesen Worten warf er sein Pferd herum und galoppierte zu seiner Truppe zurück. Oldenburg war froh, daß die Unterredung zu Ende war. Sein schneller Blick hatte ihm gezeigt, daß das gütige Zureden des Majors seinen Einfluß auf die Menge nicht verfehlt hatte und daß mehr als einer unentschlossen und zaghaft dreinschaute. Er wandte sich um und rief: »Ist einer unter Ihnen, der es süßer findet, für das Vaterland und die Freiheit leben zu bleiben, als zu sterben, der möge es jetzt sagen! Noch ist es Zeit.« Die Männer standen regungslos und lautlos. Wohl mochte manches Herz stärker gegen die Rippen pochen; aber jeder fühlte, daß der Würfel geworfen und daß jetzt umzukehren, schimpflicher Verrat sei. Da schlugen drüben die Trommeln den Sturmmarsch und ihr eherner Klang schmetterte die letzten Bedenken weg. »Jeder Mann an seinen Posten!« rief Oldenburg mit einer Stimme, die hell wie Trompetenton das Rasseln der Trommeln übertönte. »Kein Schuß fällt, kein Stein wird geschleudert, bevor ich das Zeichen gebe.« Oldenburg blieb auf der Barrikade stehen und sah die Kolonne im Sturmschritt heranrücken. In der Mitte die Tambours und der Major, der mit seiner Grabesstimme kommandierte. »Bataillon halt! Legt an! Feuer!« Die Salve krachte, die Kugeln hagelten in die Barrikade und gegen die Wände der Häuser. »Gewehr rechts, marsch, marsch!« »Hurra!« schrien die Soldaten, indem sie sich mit gefälltem Bajonett gegen die Barrikade stürzten. »Hurra!« schrie Oldenburg, indem er noch immer auf der Barrikade stehend, den Hut schwenkte. Und die Büchsen der Barrikadenverteidiger krachten, und die Steine prasselten von den Dächern auf die Köpfe der unglücklichen Soldaten hinab, und als der Rauch und Staub sich verzog, sah man die Kompagnie, die in kriegerischer Ordnung heranmarschiert gekommen war, in wilder Verwirrung sich zurückziehen, vorauf ein reiterloses Pferd und zwischendurch kleine Truppen von drei, vier Mann, die Tote oder Verwundete eiligst aus dem Bereiche der Barrikade trugen. Von den Männern des Volkes war nur einer, und selbst der durch keine feindliche Kugel verwundet. Der alte Karabiner war bei dem ersten Schusse gesprungen, und ein Stück davon hatte den Nebenmann des Schützen leicht am Kopf gestreift. Dieser Unfall trug indessen nur zur Erhöhung der guten Laune bei. Man schrie Hurra, man gratulierte einander, man lachte, man scherzte, man war in der besten Stimmung. Oldenburg teilte die Siegesfreude nicht. Von der Notwendigkeit des Kampfes war er ebenso überzeugt, wie ihm ein glücklicher Ausgang problematisch war. Er hatte die Februartage in Paris mit durchlebt und durchfochten, und der Unterschied der beiden Revolutionen konnte ihm nicht entgehen. Dort hatte er ein Volk gesehen, das mit dem vollen Bewußtsein der Unhaltbarkeit der Regierung, gegen die es sich auflehnte und mit dem vollen Verständnis der Situation in den Kampf zog – hier fand er die größte Unklarheit über die endlichen Ziele, und zum Teil die naivste Unkenntnis in betreff der gegenwärtigen Lage. Aber, sagte er sich, ist es doch nicht immer die freie, geistgeborene Tat, deren der Genius der Menschheit zu seinen Zwecken bedarf. Wirkt er doch auch in dem dunklen Triebe, der aus geheimnisvollen Tiefen unaufhaltsam zum Lichte drängt. Wenn diese harmlosen und im Grunde wenig politischen Menschen, die die geringsten Zugeständnisse zur rechten Zeit befriedigt haben würden, nicht für den freien Staat der Zukunft, sondern nur gegen die brutale Herrschaft einer einzelnen Kaste fechten – die großen Folgen können nicht ausbleiben, und wer ein krankes Glied abschneidet, rettet dadurch vielleicht den ganzen Körper. So suchte sich Oldenburg die schweren Bedenken, die ihm die Physiognomie dieser Revolution einflößte, wegzuphilosophieren. Er war auf dem Platze vor dem Schlosse gewesen, als die verhängnisvollen zwei Schüsse fielen, die das Signal zum Ausbruch wurden, und das Militär seine ersten Attacken auf das wehrlose Volk machte. Er und andere wackere Männer hatten vergeblich dem Blutvergießen Einhalt zu tun gesucht, indem sie sich mit Gefahr des Lebens durch die Soldaten drängten und den kommandierenden Offizieren den Wahnsinn dieser Metzeleien klarzumachen sich bemühten. Offener Hohn und im besten Falle mürrisch grobe Abweisung war alles, was man ihren Gründen entgegenzusetzen hatte. Als Oldenburg sah, daß er so nichts mehr nützen könne, und daß es bis zum Äußersten gekommen sei, hatte er Melittas Wohnung Unter den Linden zu erreichen gesucht, um sie und die Kinder vor dem hereingebrochenen Sturm in Sicherheit zu bringen. Aber er hatte einen weiten Umweg machen müssen, denn schon hielt das Militär alle Zugänge von der Schloßseite her besetzt, und nur mit Mühe entging er mehrmals der Gefahr, verhaftet zu werden. So kam es, daß er erst in dem Augenblick im Hotel anlangte, als bereits die Sturmglocken ertönten, von der Schloßseite her die Gewehrsalven krachten und einzelne Kanonenschläge die Fenster klirren machten. Er ließ sich eben nur so viel Zeit, im Hotel nach Melitta zu fragen, wo er denn zu seiner Freude vernahm, daß sie schon seit einer Stunde mit den Kindern zu Frau Doktor Braun (in eine Vorstadt, bis wohin der Aufstand schwerlich dringen konnte) gefahren sei, und dann hatte er sich, von seiner einzigen Sorge befreit, mit ausgebreiteten Armen in den Strom der Revolution geworfen. Und jetzt stand er, nachdem der erste Sturm glücklich zurückgeschlagen war, mit über der Brust gekreuzten Armen auf der Barrikade an einer sichern Stelle, von wo er zugleich die Bewegungen des Feindes und den Raum hinter der Verschanzung überschauen konnte, und erwartete voll Ungeduld die Rückkehr Bergers, der sich mit einer Patrouille aufgemacht hatte, um womöglich noch mehr Waffen aufzutreiben und sodann die Verbindung mit den nächsten Barrikaden herzustellen. Denn bis jetzt fehlte es noch gänzlich an einer Organisation des Aufstandes. Kein gemeinsamer Plan machte ein gemeinsames Handeln möglich; an jeder Barrikade wurde ein isolierter Kampf gekämpft. Dazu kam, daß es bereits stark zu dunkeln begann, und die Nacht, wenn sie auch dazu beitragen mochte, das Militär über die Stärke seines Feindes im unklaren zu lassen, doch auch schon die nur allzugroße Verwirrung auf seiten des Volkes noch steigern mußte. Berger, der in diesem Augenblicke kam, brachte noch einige Gewehre, aber sonst wenig tröstliche Kunde. Die nächsten Straßen waren zwar ebenfalls verbarrikadiert, aber die Barrikaden meistens sehr schwach und noch schwächer besetzt, zumal die in der unmittelbar benachbarten Straße. »Ich glaube, sie werden sich dort nicht allzulange mehr halten«, sagte Berger, »und dann sind wir verloren, weil uns das Militär durch diese enge Gasse hier in den Rücken kommen kann. Wir müssen notwendig auch diese Gasse sperren und besetzen, was mit leichter Mühe geschehen wird; ich habe Oswald und Schmenckel den Auftrag gegeben, diese Arbeit auszuführen.« »Wem?« sagte Oldenburg, der keine Ahnung hatte, wie Oswald hierher kommen sollte, und sich deshalb verhört zu haben glaubte. Aber er hatte keine Zeit, Bergers Antwort abzuwarten, denn schon ertönte wiederum der Sturmmarsch, und die zweite Kompagnie rückte heran. Diesmal ritt der Major nicht auf seinem Schimmel mit. Der alte Mann, den bei dem ersten Sturm eine Kugel am Kopf verwundet hatte, war bereits auf dem Wege ins Lazarett. Der zweite Sturm war hartnäckiger, wenn auch nicht erfolgreicher als der erste. Der kommandierende Hauptmann ließ in rascher Folge drei Salven hintereinander geben, und dann warfen sich die Soldaten mit großem Ungestüm auf die Barrikade. Aber da Oldenburg mit vollem Bedacht sein Feuer bis zu diesem Moment aufgespart, so war der Anprall höchst verderblich für die Stürmenden, die in allernächster Nähe von den Kugeln und Dachziegeln so arg mitgenommen wurden, daß sie abermals, unter Mitnahme ihrer Verwundeten, eilend den Rückzug antraten. Aber diesmal hatten auch die Verteidiger ihre Verluste. Ein junger Mann, der sich unbesonnen ausgesetzt hatte, wurde durch die Brust geschossen und war auf der Stelle tot, einem andern hatte eine von der Mauer zurückprallende Kugel den Arm zerschmettert. So hatten die Barrikadenmänner die Bluttaufe bekommen, und jetzt erst fühlten sie sich mit der Sache der Revolution unauflöslich verbunden. Männer, die sich heute zum ersten Male sahen, schüttelten einander die Hände und gelobten sich, zusammen auszuharren und bis in den Tod gegen die Tyrannei zu kämpfen. Frauen gingen zwischen den Kämpfern umher und reichten ihnen Wein und Brot. Unter diesen Samariterinnen zeichneten sich mehrere durch ihre stattliche Erscheinung oder sorgfältige, ja elegante Toilette aus. Es waren Damen aus der guten Gesellschaft, die sonst jedem Volkshaufen sorgsam auszuweichen pflegten und die heute abend die Leidenschaft der Nächstenliebe, die sie sonst nur im stillen Kreise ihrer Familie geübt, auf dem hallenden Markt des Lebens im größeren und heiligeren Sinne betätigen durften. Und nun wurden auf Oldenburgs Rat, der die Vorteile dieser Maßregel von Paris her kannte, in den Fenstern aller Häuser, die von der Barrikade beherrscht wurden, Lichter entzündet und so eine feierliche Illumination improvisiert, zu der der volle Mond, der klar und mild aus dem blauen Frühlingshimmel herabschaute, reichlich beisteuerte. Es war ein seltsamer Gegensatz; die hehre Ruhe dort oben in den himmlischen Gefilden und hier unten die in dem Fieber der Revolution zuckende Stadt, in der sich das Geheul der Sturmglocken mit dem Krachen der Kanonen, dem Geprassel des Kleingewehrfeuers und dem Hurrarufen und Wutgeschrei der Kämpfer vermischte. Und um das grausige Bild noch grausiger zu machen, wälzten sich jetzt über die Dächer fort lange glühende Rauchwolken. Es war an mehreren Stellen zugleich Feuer ausgebrochen, das die Stadt einzuäschern drohte – wer hatte heute nacht Zeit, zu löschen und zu retten! Oldenburg suchte mit den Augen Berger, der aber nirgends zu entdecken war, er wollte ihn fragen, was es mit Oswald zu bedeuten habe, denn es fiel ihm jetzt ein, daß er vorhin eine Gestalt gesehen, die ihn flüchtig an Oswald Stein erinnerte. Da ertönte lautes Geschrei aus der Nebengasse her, und einige Schüsse krachten. Oldenburg, der nicht anders glaubte, als daß das Militär die Barrikade genommen habe und jetzt durch die Gasse herandringe, raffte eilig einen Teil seiner Leute zusammen und stürzte mit ihnen nach der bedrohten Seite. In der Tat war hier ein Überfall am Werke gewesen und die Gefahr nur durch Schmenckels Riesenkraft und Oswalds und Bergers todesmutige Tapferkeit abgewendet worden. Oswald hatte sich den Barrikadenbauern angeschlossen, um Oldenburg aus den Augen zu kommen, den er zu seiner nicht geringen Verwunderung mitten in dem Volksgewühl auf der Treppe des Eckhauses als Redner und hernach als Anführer der Barrikade erblickt hatte. Es war ihm unmöglich, dem Manne, den er bald wie ein höheres Wesen verehrt, und bald als seinen schlimmsten Feind gehaßt hatte, jetzt gegenüberzutreten und so den alten Streit in seinem Busen von neuem anzufachen. Er war so müde, so sterbensmüde! Der Sturm um ihn her war wie Wiegengesang für sein müdes, krankes Herz, und während er bei dem ersten Sturm auf die Barrikade, den er noch mit abschlagen half, die Kugeln um sich pfeifen hörte, dachte er nichts als: Möchte doch eine davon für dich bestimmt sein! Er sprach dieses Gefühl gegen Berger aus, als sie, auf der fertigen Barrikade sitzend, sich einen Augenblick von ihren ungeheuren Anstrengungen ausruhten. »Nein«, erwiderte Berger, »so ist es nicht recht. Der Tod als solcher bezahlt die Zeche nicht; er zerreißt die unbezahlten Rechnungen nur und wirft sie den Gläubigern vor die Füße. Aber der Tod für die Freiheit, ja – der bezahlt sie.« Er ergriff Oswalds Hand, sich scheu umsehend, wie um sich zu vergewissern, daß ihn niemand höre: »Ich fürchte mich vor dem Leben, Oswald. Eine schauerliche Zufluchtsstätte ist der Tod, aus dem man nicht wieder erwachen kann. Der Tod des Selbstmörders ist nach meiner Philosophie solch ein Tod; wäre er das nicht, so hätte ich mir schon längst das Leben genommen. Denn sterben, um vor sich selbst zu fliehen, ist leichter, als für andere zu leben. Ich habe es jetzt erfahren. Ich habe aus dem Kelch des Menschensohnes, der sich zu den Zöllnern und Sündern setzt, getrunken; aber der Trank ist grauenhaft bitter, Oswald! Im Anfang hatte ich noch Mut und Kraft; aber jetzt, nachdem ich dies Leben kaum ein halbes Jahr geführt, ist mein Mut geschwunden und meine Kraft gebrochen. Meine Nerven ertragen es nicht mehr. Darum habe ich diesen Tag, an dem das Volk sich endlich emporgerafft hat aus seiner schmachvollen Apathie, mit namenlosem Jubel begrüßt. Wenn ich für mein Volk sterben kann heute, wo ich es zum ersten Male seit einem Menschenalter nicht verächtlich finde – so ist dies ein Glück, wie ich es so groß und schön nimmermehr gehofft habe. Und dann«, fuhr er nach einer Pause fort, »ist mir heute auch noch viel anderes Glück beschieden. Ich habe meinen ältesten und am meisten gehaßten Feind und meinen jüngsten und am meisten geliebten Freund wiedergefunden.« Er drückte Oswalds Hand, der lächelnd sprach: »Den ältesten Feind wiedergefunden? Das nennen Sie ein Glück?« Berger erzählte Oswald mit wenigen Worten seine Begegnung mit dem Grafen Malikowsky heute morgen, und daß Schmenckel, der mit ihnen gewaltig an der Barrikade gearbeitet, der Vater des Fürsten Waldernberg sei. »Der Proletarier eines Fürsten Vater, der Fürst eines Proletariers Sohn – das gäbe einen hübschen Stoff zu einem modernen Romane«, sagte er mit düsterem Lächeln. »Vielleicht kann ich Ihnen ein Pendant zu Ihrer Geschichte geben«, erwiderte Oswald; und er teilte Berger die Entdeckungen mit, die er vor wenigen Stunden in betreff seiner Geburt gemacht hatte. »Das ist wunderbar«, sagte Berger, »sehr wunderbar. Und sagtest du mir nicht, daß du Helene geliebt hast?« »Mehr als mein Leben.« »Und hast die Welt und ihre Herrlichkeit doch von dir gewiesen, um treu zu bleiben deiner alten Fahne?« Oswald schüttelte den Kopf. »Nein, Berger«, sagte er, »ich bin nicht so gut und so groß, wie Sie in Ihrer Güte und Größe glauben. Sie konnte nie die meine werden. Es war zu viel geschehen, das sich nie vergibt und noch weniger vergißt. Ich hatte ihr eine andere vorgezogen und sie mir einen andern. Eben jener Fürst Waldernberg war ihr Verlobter.« »Ist er es denn nicht mehr?« »Nein. Ich fand sie im Begriff, die Stadt zu verlassen. Sie hat sich noch in der zwölften Stunde darauf besonnen, daß sie ein Herz im Busen trägt, dessen Sehnen aller Reichtum der Welt nicht stillen könnte.« »Wunderbar, wunderbar«, murmelte Berger, »ihr beide, der Baronensohn, der sich zu den Proletariern hält, der Proletariersohn, der unter den Fürsten sitzt, Nebenbuhler um die Gunst derselben Dame! Und die, dich verschmähend, weil sie von deiner noblen Abkunft keine Ahnung hat, und den Fürsten wählend, weil sie glaubt, daß in seinen Adern dasselbe Blut rollt, auf das sie so stolz ist. Schade, schade, daß dies die Welt nicht weiß und wissen darf. Sie würden dann vielleicht dahinterkommen, was es mit dem Unterschiede von adeligem und bürgerlichem Blut auf sich hat!« »Sie scheinen es mit diesem Unterschied jetzt allerdings nicht mehr so genau wie früher zu nehmen; ich erinnere mich einer Zeit, wo Sie es für eine moralische Unmöglichkeit erklärten, der Freund eines Adeligen zu sein.« »Du spielst auf meine Freundschaft zu Oldenburg an«, sagte Berger ruhig. »Ich sage dir, Oswald, wenn es je einen Menschen gibt, der es verdiente, daß man ihn liebt und ehrt, so ist es Oldenburg. Wenn ich mich je vor einem Menschen demütigen und meinen Herrn und Meister in ihm erkennen könnte, so wäre es wiederum Oldenburg. Ich weiß, daß du ihm grollst, weil die Frau, die du verlassen hast, in ihm schließlich ihre Welt fand. Das ist nicht recht, Oswald! Oldenburg hat stets mit Freundschaft von dir gesprochen. Es wäre mir sehr lieb, Oswald, wenn ich euch versöhnt wüßte, bevor ich von euch auf immer scheide.« »Erst kommt die Reihe an mich«, sagte Oswald, »wissen Sie, Berger, was Sie in Grünwald sagten? Du wirst vor mir sterben, sagten Sie, die große Schlange hat ein zähes Leben, und du bist weich, viel zu weich für diese harte Welt.« »Das war damals. Dies letzte Jahr hat die große Schlange alt und stumpf gemacht. Doch, was ist das?« Ein Lärm, der aus einer Kellerkneipe, deren Treppe nicht weit von ihnen mündete, herauftönte, machte die beiden Männer von ihren Sitzen auffahren. Sie ergriffen ihre Waffen und eilten, gefolgt von anderen Männern, die mit ihnen die Barrikaden besetzt hielten, dem Keller zu, wo jetzt rasch hintereinander mehrere Schüsse fielen. Es waren dies dieselben Schüsse, die auch Oldenburg aus seiner momentanen Ruhe auf der Barrikade emporgeschreckt hatten. Fünfzigstes Kapitel Albert Timm war nach dem heftigen Wortwechsel mit Oswald stehengeblieben und hatte dem Enteilenden mit einem so grellen Lachen, daß die Vorübergehenden ihn verwundert anschauten, nachgeblickt; dann war er in einer anderen Richtung davongeeilt, heftige Worte vor sich hinmurmelnd, mit den Zähnen knirschend und die Fäuste ballend. Albert Timm war wütend, und er hatte Ursache dazu. Seine Lage war eine verzweifelte. Die Schulden, die er in Sundin und anderswo hinterlassen hatte, drückten ihn nicht besonders; aber auch mit der geringen Barschaft, die er mit nach Berlin genommen, war er schon seit mehreren Tagen zu Ende, und wenn selbst das nicht so viel sagen wollte, so waren doch all die herrlichen Aussichten auf eine glänzende Zukunft, wie sie ihm seine lebhafte Phantasie vorgegaukelt hatte, zerstoben wie bunte Seifenblasen. So hatte er, sich und die ganze Welt verfluchend, schon mehrere Straßen zurückgelegt und kam jetzt in Quartiere, wo die Revolution schon ihre Fahne erhoben hatte. Er freute sich dessen, nicht weil er irgendwelche Sympathien für die Sache des Volkes und der Freiheit gehabt hätte, sondern aus dem instinktiven Bewußtsein, daß er, der Abenteurer, der Heimatlose, in einer Zeit der Verwirrung und des Umsturzes zwar nichts verlieren, möglicherweise aber viel gewinnen könnte. Das gab ihm seine ganze Elastizität wieder; er schrie lustig Hurra mit der Menge, stimmte aus voller Kehle in den Ruf: »Zu den Waffen! Auf die Barrikaden!« ein und hatte ordentlich seine Freude daran, als der Lärm und Tumult, je weiter er nach dem »Dustern Keller« – dem Ziel seines Weges – kam, in rascher Steigerung wuchs. So gelangte er in diese Straße, gerade in dem Augenblicke, als auch Oswald und Berger von einer andern Seite dort eintrafen. Er bemerkte die beiden wohl, auch Herrn Schmenckel, der, halb Berger suchend, halb sich von dem Strome der Revolution treiben lassend, ebenfalls bis hierher gekommen war. Durchaus nicht gewillt, sich vor seinen beiden Feinden sehen zu lassen, drückte er sich auf die Seite und wollte eben in die Nebengasse hineinbiegen, als er sich von jemand am Rockschoß festgehalten fühlte. Als er sich umsah, erblickte er seinen Freund und Gönner, Ehren-Jeremias Gutherz. »Nun, wie ist's abgelaufen?« fragte der geheime Polizist, der mittlerweile Timms Freundschaft sich erworben und in seine Intrigen vollkommen eingeweiht war. »Alles vergebens!« erwiderte Timm ärgerlich, »Mühe und Arbeit umsonst, ganz umsonst! Ich könnte die beiden Schufte« – er deutete auf Oswald und Schmenckel – »in der Hölle braten lassen.« »So, so!« sagte der Mann. »Das müßt Ihr mir in Ruhe erzählen. Kommt mit zu Rosalien; aber erst wollen wir doch noch hören, was der verrückte Professor dort zu sagen hat.« »Kennt Ihr den?« fragte Timm. »Still! Wir kennen ihn! – Belogenes Volk – Sehr gut! Zu den Waffen – Ausgezeichnet! Warte! Dich wollen wir kriegen! Und da kommt ja auch noch der lange pommersche Baron, der in den Volksversammlungen so aufrührerische Reden führt – Da haben wir ja das ganze Nest zusammen! Barrikaden bauen – Bravo! Hurra! Alle Mann an die Barrikaden. Hurra!« sagte der Polizist und schwenkte seinen Hut in vortrefflich gespielter Begeisterung. Dann griff er Timm beim Arm und sagte: »Nun wollen wir machen, daß wir wegkommen, sonst bauen uns die Kerle noch mit in die Barrikade hinein.« Die beiden Spießgesellen drückten sich in die Nebengasse und verschwanden im«Dustern Keller«. Frau Rosalie Pape empfing sie mit ungewöhnlicher Herzlichkeit: »Nun, ihr Schäfchen, kommt ihr mit vollem Beutel? Hat's gefleckt, he?« »Ein andermal!« sagte der Geheime. »Jetzt schaff uns Bier, wir müssen bald weiter.« »Ohne mir gesagt zu haben, wie's steht mit –«, sagte die Frau entrüstet und machte mit Daumen und Zeigefinger die Bewegung des Geldzählens. Herr Timm zuckte statt der Antwort mit den Achseln und zog die beiden leeren Taschen seines Beinkleides heraus. Frau Pape war eine cholerische Natur, und das Fehlschlagen so großer Hoffnungen erfüllte sie mit einer Entrüstung, die sich in einer Flut von Schimpfwörtern Luft machte. In diesem Augenblick ertönten die Salven von dem Sturm auf die Barrikade. Und fast unmittelbar darauf erschallte großer Lärm vor den Kellerfenstern. Man begann die Barrikade zu bauen, die die Straße sperren sollte. Der geheime Polizist und Timm, die durch eines der Fenster verstohlen herausschauten, sahen Oswald, Berger, Schmenckel und andere Männer bei der Arbeit. Sie retirierten, gefolgt von der Wirtin, tiefer in den Keller hinein, »Das sieht reizend aus!« sagte der Polizist. »Wir sind von allen Seiten eingeschlossen, und wenn sie uns hier finden, schlagen uns die Schufte womöglich tot.« »So schlimm steht es noch nicht«, sagte das Weib, »ich will euch glücklich hinausbringen. Kommt mit mir!« Sie führte die beiden aus dem letzten Zimmer durch eine Tür ein paar Stufen hinab in einen noch tieferen Keller, der als Vorratsraum diente. An der Mauer brannte ein Gasflämmchen. Das Weib drehte die Gasflamme höher. »So«, sagte sie, »nun geht durch die Tür!« – sie deutete auf eine eiserne Tür der Wand gegenüber. »Ihr kommt dann auf einen langen schmalen Hof; auf dem haltet euch links; so kommt ihr durch das Haus von meinem Brauer auf die Straße. Adieu!« »Ist sie immer offen?« fragte Timm, als er fand, daß die eiserne Tür nicht verschlossen war. »Nur heute«, erwiderte Röschen, »wir müssen noch mehr Bier herein haben. Die Kerle sind ja wie die Schwämme.« Als die beiden durch die eiserne Tür auf den Hof des Nachbarhauses, von diesem in das Haus und so schließlich oberhalb der Barrikade auf die Straße, die an diesem Teil schon von Militär besetzt war, gelangt waren, blieben sie stehen und blickten sich an. Ein und derselbe Gedanke schoß beiden durch den Kopf. »Das wäre eine famose Mausefalle«, sagte Albert. »Wenn Ihr dabei helfen wollt«, erwiderte der Geheime, »so habt Ihr bei dem Präsidenten gewonnenes Spiel. Wir brauchen solche Leute wie Ihr. Ich habe schon auf alle Fälle über Euch mit dem Alten gesprochen.« »Und Rache an den verdammten Schuften hätten wir obendrein.« »Die Sache ist freilich nicht ohne Gefahr«, meinte der andere,. »Wer nicht wagt, nicht gewinnt«, sagte Timm, »der Gedanke, meine Freunde auf eine so angenehme Weise zu überraschen, ist zu spaßhaft. Wenn Ihr nicht von der Partie sein wollt, tu ich es allein.« »Nun, denn, kommt«, sagte der Polizist, »wollen sehen, ob die Herren vom Militär darauf eingehen.« Und die beiden schritten geradewegs auf den Oberst zu, der wütend über den hartnäckigen Widerstand der Barrikade in der Straße, die er zu nehmen kommandiert war, umgeben von seinen Offizieren, in einiger Entfernung hielt. Als Frau Rosalie, nachdem sie ihren Freunden fortgeholfen, in das Schenklokal zurückgelangte, fand sie Herrn Schmenckel mit zehn oder zwölf andern Barrikadenmännern, die sich hier nach den Strapazen gütlich tun wollten. Es waren meistens alte Kunden des »Dustern Kellers«, dieselben haarbuschigen Gesellen, die schon so manche Nacht vorher hier die Köpfe zusammengesteckt und auf die »verrotteten Zustände, die schändliche Polizeiwirtschaft, die vertierte Soldateska« geschimpft hatten. Herr Schmenckel hatte immer in hohem Ansehen bei diesen Leuten gestanden; jetzt, wo man gesehen, daß er nicht bloß freimütig reden, sondern auch mutig handeln konnte, war er der gefeierte Held des Tages. Unter diesen Umständen hielt Rosalie es für geratener, die Ausführung ihrer Rache lieber noch etwas aufzuschieben und die Bedienung der Barrikadenmänner dem hübschen Elischen zu überlassen, während sie selbst sich an das Kontor setzte. Das hübsche Elischen wollte Herrn Schmenckel ganz besonders wohl. Sie hatte vorhin einen Teil des Gesprächs zwischen der Wirtin, Timm und Gutherz mit angehört, und es war ihr sehr verdächtig vorgekommen, daß sich die beiden durch die Hintertür entfernt. Elischen glaubte ihrem Liebling von dem Geschehenen Mitteilung machen zu müssen, und wäre es auch nur gewesen, um Herrn Schmenckel zu beweisen – was sie schon hundertmal behauptet –, daß Frau Rosalie eine falsche Katze sei. Schmenckel verkannte keinen Augenblick die Wichtigkeit von Elischens Mitteilungen. Wenn es im Keller eine Hintertür gab, durch die man in die Straße gelangen konnte, und Timm und Gutherz, dem Schmenckel gar nicht traute, diese Tür kannten, so war es jedenfalls sehr rätlich, nachzusehen – ob diese Tür auch wohl verschlossen sei. Schmenckel ließ Elischen von seinem Schoß auf den Boden gleiten und erzählte den Männern am Tisch, was er soeben gehört. Alle waren seiner Meinung, daß unverzüglich eine Rekognoszierung nach dieser Seite vorgenommen werden müßte. In dem Augenblick, als die Männer ihre Waffen ergriffen und sich nach der Tür wandten, die in den von dem Mädchen bezeichneten Lagerkeller führte, wurde sie von der andern Seite aufgestoßen und ein Haufe Soldaten stürzte herein, zwischen ihnen Albert Timm und der Geheime. Das so plötzliche Erscheinen der blanken Helme und Gewehre und die Schüsse, die die Soldaten, glücklicherweise ohne zu treffen, abfeuerten, erfüllten einige der Barrikadenmänner mit einem so panischen Schrecken, daß sie Hals über Kopf die Kellertreppe hinauf auf die Straße stürzten. Hier begegneten ihnen Berger und Oswald, die durch die Schüsse herbeigerufen waren, und nun Schmenckel zu Hilfe eilten, der bis jetzt ganz allein gegen die Übermacht kämpfte. Schmenckel hatte einem der Soldaten das Gewehr, das jener soeben erfolglos auf ihn abgefeuert hatte, entrissen, und mit dem Kolben, und, als dieser abgesprungen war, mit dem eisernen Lauf so mächtig auf die Eingedrungenen losgeschlagen, daß bereits zwei oder drei kampfunfähig am Boden lagen und die andern in vollem Entsetzen zur Tür wieder hinausretirierten. Dort aber trafen sie auf ihre nachfolgenden Kameraden, und so entstand eine fürchterliche Verwirrung, die grauenhaft wurde, als Oswald, Berger, Schmenckel und die andern Männer, die sich von ihrer Überraschung erholt hatten, in den Lagerkeller drangen, der nun der Schauplatz eines überaus grimmigen Kampfes wurde. Die Angreifer waren in diesem Augenblick vielleicht um die Hälfte stärker als ihre Gegner, und dazu waren sie viel besser bewaffnet, aber diese Vorteile wurden durch die ungestüme Tapferkeit Bergers und Oswalds und vor allem durch Schmenckels Riesenkraft reichlich aufgewogen. Der gewaltige Mann schwang unermüdlich seine fürchterliche Waffe, und kein Streich fiel vergeblich auf die Köpfe der unglücklichen Soldaten. So mähte er sich bis zu der Tür durch, die auf den Hof führte, und zu der jetzt einige der im Keller befindlichen, von Entsetzen erfaßten Soldaten hinauswollten, während immer neue von jener Seite nachdrangen. Und nun hatte er dies Ziel erreicht. Mit den unwiderstehlichen Händen ein paar der zwischen Tür und Angel Eingekeilten am Genick packend und sie in den Keller hinreißend, schlug er die schwere eiserne Tür zu, schob den gewaltigen Riegel davor, lehnte sich mit seinem breiten Rücken dagegen und rief, während er seinen Flintenlauf im Wirbel schwang: »Nun haben wir sie beisammen, Professor! Hinaus und herein kommt keiner mehr. Dafür lassen S' nur den Kaspar sorgen.« Das Grausige dieser entsetzlichen Szene, wo in einem engen, dumpfigen, kaum erhellten, unterirdischen Raume Menschen wie wilde Tiere gegeneinander wüteten, hatte jetzt seinen höchsten Grad erreicht. Die Angreifer wehrten sich wie Verzweifelte; aber da ihnen die donnernden Kolbenstöße ihrer Kameraden gegen die eiserne Tür keine Hilfe gewährten, so war der endliche Ausgang des Kampfes nicht zweifelhaft. Doch hätte das Gemetzel noch lange dauern können, wenn jetzt nicht Oldenburg mit einem Teil seiner Mannschaft von der Barrikade in dem Keller erschienen wäre und gedroht hätte, jeden Soldaten, der nicht sofort die Waffen strecken würde, augenblicklich über die Klinge sprangen zu lassen. Die Soldaten, die keine Aussicht auf Rettung mehr hatten, ergaben sich und stiegen einer nach dem andern aus dem tieferen Keller in das Lokal, wo sie sofort entwaffnet wurden. Die armen Menschen gewährten einen jämmerlichen Anblick. Es war kaum einer unter ihnen, der nicht mehrere Wunden davongetragen hätte. Ihre schmucken Uniformen zerfetzt, atemlos, bleich vor Schrecken und Ermattung, mit Staub und Schmutz und Blut besudelt – so standen sie da –, umringt von den Barrikadenmännern, unter denen ebenfalls keiner war, der nicht ähnliche Spuren des Kampfes an sich getragen hätte. Aber noch barg der Keller Fürchterlicheres. Als man mehr Licht herbeigeschafft hatte, entdeckte man, daß zwei Körper regungslos in dem Blute lagen, ein Soldat und ein Zivilist. Der Soldat hatte sich auf seiner wilden Flucht das Bajonett seines eigenen Gewehrs durch die Brust gerannt und war wohl augenblicklich tot gewesen; dem Zivilisten hatte ein fürchterlicher Hieb den Schädel zerschmettert; er röchelte noch, als man ihn die Treppe hinauftrug, verschied aber nach wenigen Augenblicken. Man glaubte anfangs, es sei einer der Barrikadenmänner, aber es kannte ihn niemand. Auch Oswald trat an den Tisch, auf dem der Tote lag, und als er einen Augenblick prüfend in das entstellte Antlitz geschaut hatte, sah er zu seinem Entsetzen, daß die starre blutende Masse niemand anders war als der König aller lustigen Gesellen, der unerschöpfliche Spaßvogel und Lustigmacher – sein buon compagno so mancher durchschwärmten Nacht, derselbe Mann, von dem er sich vor wenigen Stunden in Hader und Streit getrennt hatte – Albert Timm. Einundfünfzigstes Kapitel Eine Stunde später war in dem Kampf an der Barrikade eine Pause eingetreten. Das Linienregiment, das nun schon fünfmal vergeblich gestürmt, war durch einige Bataillone Garde verstärkt worden, die bis jetzt an einer andern Stelle gekämpft und schon mehrere Barrikaden genommen hatten. Die Taktik dieser Truppen bestand darin, daß sie nicht in ganzen Kolonnen, sondern in aufgelösten Schützenzügen rechts und links an den Häusern der Straße so gedeckt wie möglich vorgingen, um sich dicht vor der Barrikade zu einer Sturmkolonne zu vereinigen. Aber wenn so ihre Verluste weniger bedeutend waren, konnten sie sich doch auch keiner bessern Erfolge rühmen. Die Belagerten sparten ihr Feuer so systematisch und gaben in dem rechten Augenblicke ihre Salven, die noch dazu seit der letzten Stunde viel kräftiger geworden waren, so kaltblütig ab, daß ihre Position geradezu uneinnehmbar schien. Wirklich hatte seit einigen Minuten das Feuer von seiten des Militärs aufgehört, und die Barrikadenmänner konnten sich ein wenig von ihrer blutigen Arbeit verschnaufen. Es tat ihnen wahrlich not. Zum größeren Teil auf das äußerste erschöpft, pulvergeschwärzt, fast alle leichter oder schwerer verwundet, saßen und lagen sie einzeln und in Gruppen umher, wunderlich beleuchtet von dem roten Lichte der Wachtfeuer, die man mitten auf der Straße entzündet hatte, dem weißen Schein der Kerzen in den Fenstern und den milden Strahlen des Vollmondes, der noch immer groß und still oben in dem blauen Äther schwamm. Zwischen den Gruppen der Kämpfer sah man Frauen und Mädchen, die ihnen aus den Küchen der Nachbarhäuser Lebensmittel zutrugen. Auch an Wein und Bier fehlte es nicht, und hier und da hatten die Leute des Guten zuviel getan. Aus einer oder der andern Gruppe erschallte von Zeit zu Zeit rohes Jauchzen, Johlen und Schreien, das aber meistens bald einer Stille Platz machte, die nach solchem Ausbruch doppelt unheimlich war. Auf einer der Barrikade eingefügten Tonne saß Oldenburg. Er ließ die langen Beine herabhängen und blies mächtige Dampfwolken aus seiner Zigarre. Er zweifelte keinen Augenblick daran, daß, wenn die Barrikade übergehen sollte, er an der Spitze der Männer, die er in den Kampf geführt, fallen würde; aber daran dachte er am wenigsten. Der Tod für die Sache der Freiheit war ihm nicht fürchterlich, ja er glaubte etwas wie eine leise Todessehnsucht in seinem Herzen zu verspüren. Schien doch die süße, fest gehegte Hoffnung, Melitta bald die Seine nennen zu dürfen, seit den letzten Tagen weiter als je hinausgerückt. Er konnte sie nicht tadeln, daß die Erinnerung ihres Verhältnisses mit Oswald wie ein Alp auf ihrer Seele lastete und es ihr unmöglich machte, die Augen mutig zu dem besseren und treueren Manne aufzuschlagen; aber gerade weil er das Gefühl das sie trennte, ehren mußte, stand er ratlos und hoffnungslos da. Er hatte sich oft das Wort wiederholt, das Melitta, wenn sie ihn traurig sah, so rührend zu sprechen wußte, das Wort Geduld! – Aber vergebens! Er verzehrte sich in der Ungeduld, für sein Glück nichts tun zu können, als müßig die Hände in den Schoß zu legen sind auf ein unbestimmtes Etwas mit gläubiger Seele zu harren. Da brach die Revolution aus, und Oldenburg atmete auf wie Tausende mit ihm. Hatte doch jeder eine unerträgliche Last getragen, die er jetzt loszuwerden hoffte! Es war Oldenburg lieb, daß Melitta nicht zugegen war. Er hatte ihr gleich beim Beginn des Barrikadenbaues durch den alten Baumann Kunde sagen lassen, und daß er sie dringend bitte, an dem sichern Orte, wo sie sei, zu bleiben. Er dachte bei sich, als er den alten Mann entsandte: Wir sehen uns entweder nie oder glücklicher als vorher wieder; jetzt müßte nur noch Oswald dasein und an meiner Seite für die Freiheit und Melitta kämpfen. Der Ausgang sollte mir ein Gottesurteil sein und Melitta dem Überlebenden den Kranz des Sieges reichen. Und sein Wunsch ging in Erfüllung. Seit einer Stunde kämpfte Oswald an seiner Seite, kämpfte, wie jemand, dem der Tod lieber ist als das Leben. Wo es eine unter den feindlichen Kugeln schadhaft gewordene Stelle der Barrikade auszubessern, oder sonst etwas Gefährliches zu tun gab, da war Oswald sicher zu finden, und da Oldenburg gerade die bedenklichsten Posten für sich selbst in Anspruch nahm, so kamen sie sehr oft dicht nebeneinander zu stehen. Aber sobald die Gefahr vorüber, zog sich Oswald sofort zurück, und Oldenburg folgte ihm nicht, da die Absicht, ihm auszuweichen, zu augenscheinlich war. Und doch drängte es den edlen Mann, in dieser Stunde, die vielleicht für beide die letzte werden konnte, dem ehemaligen Freunde zu sagen, daß sie, was auch geschehen war, vergessen und sich die Hände reichen wollten, die so tapfer für eine große und gute Sache zu streiten wußten. Seine Blicke hafteten jetzt auf Oswald, der in einiger Entfernung von ihm, die Büchse in der Hand, mit Berger neben einem der Wachtfeuer stand. In der wechselnden Beleuchtung traten die Gestalten bald in helles Licht, bald flog ein schwarzer Schatten über sie hin. Das gab ihnen etwas Seltsames, Überirdisches. Oldenburg mußte an die Schemen denken, die an den Ufern des Acheron dem Fährmann winken. Er erhob sich und trat auf die beiden zu. »Nun, ihr Herren«, sagte er, »werden wir uns dieser Ruhe lange erfreuen?« »Ich glaube nicht«, erwiderte Oswald, »sie haben sich entweder nur momentan verschossen, oder sie ziehen noch Verstärkungen heran.« »Das letztere ist wohl das Wahrscheinlichere. Was meinen Sie, Berger?« Berger hatte, die Arme über der Brust gekreuzt und mit den großen Augen unverwandt in die Flamme sehend, dagestanden. Plötzlich streckte er die Hände vor sich hin und sagte in einem hohlen geisterhaften Ton: »Horch! Sie kommen! Die Erde zittert unter ihnen. Wie sie die Gäule peitschen, die es müde sind, immer neue Gewaltmittel gegen das arme Volk herbeizuschleppen! Da springen sie herab. Und nun stopft nur die ehernen Schlünde voll bis zum Bersten, wir wollen –« »Berger!« sagte Oldenburg, ihm die Hand auf den Arm legend. Berger zuckte zusammen, wie jemand, der jäh aus einem tiefen Traume geweckt wird. Er blickte verstört umher. »Was gibt's?« fragte er, Oldenburg anstarrend. »Sie sind durch die übermäßigen Anstrengungen erschöpft, Berger, legen Sie sich eine Stunde hin. Ich will Sie rufen lassen, wenn es not tut.« »Erschöpft«, sagte Berger, indem er wieder in seinen träumerischen Zustand zurückfiel, »jawohl, erschöpft, bis zum Tode erschöpft; aber deshalb genügt auch eine Stunde nicht. Wenn ich schlafen soll, so sei es wenigstens den ewigen Schlaf!« In diesem Augenblick trat Schmenckel, der die Wache auf der Barrikade gehabt hatte, an die Gruppe heran und sagte: »Es ist halt etwas Besonderes im Werk; ich glaube es geht jetzt mit Kanonen los.« Berger fuhr in die Höhe. »Sagte ich es nicht«, rief er. »Die Stunde der Entscheidung naht. Auf, auf, ihr wackern Männer, allesamt! Noch einen lustigen Tanz mit den schlangenhaarigen Furien des Lebens und dann zur ewigen Ruh' in die kühle Todesnacht. Auf! auf!« Bei diesem Ruf sprangen einige der Kämpfer empor von ihren Lagerstellen am Feuer, griffen zu den Waffen und eilten Berger nach an ihre Posten. Andere blieben liegen und lachten über den tollen Alten und den blinden Lärm. Aber auch sie waren rasch genug auf den Beinen, als jetzt ein Schlag, der die Häuser in ihren Grundfesten erbeben machte, losschmetterte und Kartätschenkugeln in die Barrikade und gegen die Häuserwand prasselten. »Jetzt wird es ernst«, sagte Oldenburg, sich zu Oswald wendend. Aber der Platz, wo Oswald gestanden hatte, war leer. »Er weicht mir aus«, sprach Oldenburg traurig, »und doch, mein Gewissen ist rein; ich habe mir nichts gegen ihn vorzuwerfen.« Er eilte nach der Barrikade, wo jetzt die Anwesenheit des Hauptmanns nötiger war als je. Zu der einen Kanone, die den Reigen eröffnete, hatten sich noch drei andere gesellt, und beinahe ununterbrochen krachte der Donner und rasselte der eiserne Hagel gegen die Barrikade. Es war kein Zweifel: Man wollte Bresche legen und dann den Sturm mit voraussichtlich besserem Erfolge wiederholen. Oldenburg, der das Leben der Leute nicht unnütz aufs Spiel setzen wollte, hatte Befehl gegeben, so gedeckt wie nur möglich sich aufzustellen und das Feuer der Belagerer nicht zu erwidern, sondern jeden Schuß bis zu dem Augenblick des Sturmes aufzusparen. Außerdem hatte er die Steinschleuderer auf den Dächern um das Doppelte verstärkt. Zuletzt wählte er die Männer, die sich bisher am mutigsten gezeigt hatten, zu einem Elitekorps aus, das sich dem stürmenden Feinde blindlings entgegenwerfen und kämpfen sollte, bis die anderen Zeit gehabt hätten, sich hinter die Barrikaden der Nebenstraße zu retten. Oldenburg hatte kaum diese Anordnungen getroffen, als die Batterie mit noch fürchterlicherer Gewalt zu arbeiten begann und dann plötzlich verstummte. Einen Augenblick tiefe Stille. Tiefe Stille, und dann der eherne Klang von zwanzig Trommeln, die den Sturmmarsch schlagen. Und mit jedem Schlage rückt die Kolonne näher heran – eine lebendige Mauer, scheinbar unaufhaltsam in ihrem Andrang. Kein Laut erschallt auf der Barrikade. Oben auf den Dächern stehen die Männer und Knaben, die schweren Steine in den Händen; in den Fenstern der Häuser, an den Schießscharten der Barrikade selbst lauern die Schützen, die Büchse halb zur Wange schon erhoben. Und mit dem Takte der Trommeln rückt die lebendige Mauer heran. Deutlich schon sieht man die schmucken Gardeuniformen; man sieht die bartlosen Gesichter der Leute und das schwarze, finstere, bärtige Antlitz des riesigen Offiziers, der voranschreitet. Und jetzt ruft der Offizier ein Kommando, das die Trommeln verschlingen, und wie er mit dem blitzenden Degen winkt, rufen die Soldaten: Hurra! hurra! hurra! und stürzen eilenden Laufs heran. Aber ehe sie die Barrikade erreichen, krachen zwanzig Feuerschlünde, schmettern Hunderte von Steinen in die lebendige Mauer und sie schwankt und wankt wie eine Meereswoge, die mit vornüberhängendem Kamm gegen den Felsenstrand heranschäumt. Doch rollt sie weiter und jetzt prallt sie gegen die Barrikade. Der Offizier reißt mit seinen großen Händen Stücke heraus. Nichts scheint seiner Riesenstärke widerstehen zu können. Da springt ihm ein Mann im Samtrock, der als Waffe den Lauf eines Gewehrs schwingt, von dem der Kolben abgebrochen ist, entgegen. Als der Offizier den Mann erblickt, taumelt er wie vom Blitz getroffen zurück. Das bringt seine Leute in Verwirrung und hemmt für einen Moment ihr Anstürmen. Die Barrikadenmänner benutzen diese Pause und geben eine volle Salve. Der Offizier fällt mit dem Gesicht vornüber tot zur Erde; mit ihm stürzt ein halbes Dutzend seiner Leute mehr oder weniger schwer verwundet. Ein fürchterlicher Schrecken bemächtigt sich der Soldaten. Vergebens suchen die Offiziere sie in den Kampf zu treiben. Die Barrikade ist abermals gerettet; man schreit einmal über das andere Hurra, man umarmt sich mit Tränen der Freude in den Augen. Aber der Sieg ist teuer erkauft. Während ein Teil der Besatzung die halb zerstörte Barrikade wieder aufbaut, ist der andere Teil mit den Verwundeten und Toten beschäftigt. Der im Samtrock trägt den Leichnam eines Mannes herbei, der in der ersten Reihe wie ein Held gefochten hat, und von den feindlichen Bajonetten durchbohrt, an ihrer Seite gefallen ist. Oldenburg eilte herbei, ihnen zu helfen. »Ist er tot?« »Ja.« Sie legen ihn neben einem der Feuer hin auf die Erde. Das bleiche Antlitz ist so still, so voll Frieden, und um die blassen Lippen schwebt ein sanftes, seliges Lächeln. Oldenburg schaut zu Oswald herüber, der an der andern Seite neben der Leiche kniet. Er erschrickt. Das Antlitz des jungen Mannes ist bleich wie des Toten Antlitz, und seine Augen stieren wie im Wahnsinn. »Mein Gott, Oswald, Sie sind verwundet?« »Ich fürchte, ja«, erwidert Oswald und sinkt neben Bergers Leiche zusammen. Zweiundfünfzigstes Kapitel Seit der Nacht der Barrikaden ist die Sonne zweimal aufgegangen. Ein wunderlieblicher Frühlingstag blaut über der ungeheuren Stadt. Von dem lichten Himmel heben sich scharf die prächtigen Paläste ab, deren gewaltige Säulen und reichgeschmückte Friese in der goldenen Morgensonne gebadet sind. Und in der goldenen Morgensonne baden sich auch Tausende und aber Tausende glücklicher Menschen, die in unabsehbaren festlichen Scharen die Stadt durchwallen. »Armes Volk!« sprach Oldenburg bei sich, während er hinabschaute auf die wogenden Menschen. »Armes, wundersüchtiges Volk! Als ob alle Heiligen des Kalenders dir helfen könnten, wenn du dir nicht selbst hilfst. Als ob die Sünden eines Menschenalters in einer Nacht gesühnt, als ob ein todkranker Staat an einem Tage gesunden könnte! Du willst schon vergeben und vergessen, denen, die dir noch niemals, niemals etwas vergeben und was du, nach ihrem Sinn, an ihnen gesündigt, niemals vergessen haben; niemals vergessen werden; noch tragen deine Häuser die Spuren des brudermörderischen Kampfes, noch sind die Dächer, deren Steine du in deiner Verzweiflung auf die Köpfe deiner Feinde hinabschleudertest, abgedeckt; noch ist das Pflaster nicht wieder eingefügt, das du aufrissest, dir einen Wall zu schaffen gegen frechen Übermut; noch sind die Toten nicht begraben, die ihr Blut für dich vergossen – noch harren auf ihrem Schmerzenslager zum Tode Verwundete der Stunde der Erlösung!« Das Hotel beherbergte zwei dieser Opfer. Unten, ein paar Fuß von der Straße, auf der die fröhlichen Menschen vorüberwimmelten über die Stelle, wo vorgestern nacht die Barrikade ragte, lag in einem Sarge ein bleicher Mann, von dessen Wangen ein grauer Bart weit auf die breite Brust herabfloß über eine tiefe Wunde, der vorgestern nacht das Blut des edelsten Herzens entströmt war. Und hier in diesem selben Zimmer lag auf seinem Leidenslager hingestreckt ein junger Mann, der an der Seite des grauen Schwärmers tödlich verwundet wurde, und dessen üppige Jugendkraft bis zu dieser Stunde unter unsäglichen Qualen mit dem unbarmherzigen Tode gekämpft hatte. Nach dem Sturm, bei dem Berger fiel und Oswald die Todeswunde empfing, hatte das Militär keinen neuen Angriff gemacht. Sei es, daß man die Position wirklich für uneinnehmbar hielt, sei es, daß die schwankenden Gemüter, bei denen die Entscheidung war, hemmend in die Operationen eingriffen, sei es, daß der Tod des Fürsten Waldernberg, der mit einer an Raserei grenzenden Kühnheit den letzten Angriff geleitet hatte und bei dem Sturm gefallen war, eine Bestürzung in den Reihen der Soldaten verbreitete, die ihre Führer die Erfolglosigkeit eines abermaligen Versuchs voraussehen ließ – man hatte sich begnügt, von Zeit zu Zeit durch eine Kartätschenladung die Barrikadenmänner aufzuschrecken; endlich war gegen fünf Uhr morgens der letzte Schuß gefallen. Oldenburg hatte auf seinem Posten ausgehalten, bis er sich überzeugte, daß in der Tat kein abermaliger Angriff zu befürchten stehe und das Militär Befehl zum Rückzug erhalten habe. Dann erst hatte er Schmenckel, der als sein treuer Knappe kaum von seiner Seite gewichen war, zu sich gerufen, und sie hatten zusammen die schon halb abgeräumte Barrikade, als die letzten aller, verlassen. Schmenckel hatte noch in der Nacht Oldenburg mit Tränen in den Wimpern erzählt, daß der Offizier, der vor ihren Augen gefallen, sein Sohn gewesen sei. Oldenburg hatte den sehr verworrenen Bericht von des ehrlichen Kaspars sehr verworrenem Leben mit nicht geringem Erstaunen angehört, besonders die Geschichte der letzten Tage – die Intrigen des unseligen Albert Timm, dessen Leichnam in das Hospital getragen war, des schlauen Jeremias Gutherz, der den Überfall in den »Dusteren Keller« geleitet, und der der erste gewesen war, der sich aus dem Staube machte; die Konferenzen mit dem Grafen Malikowsky und der Fürstin Letbus; und daß Timm ihm auch gesagt habe, auf welche Weise er aus Oswald Stein alle Tage, die er wolle, einen Baron Grenwitz machen könne. Oldenburg kannte die Welt und besonders die vornehmen Regionen, in die Schmenckels Geschichten hineinspielten, zu genau, als daß er an der Möglichkeit, ja Wahrscheinlichkeit solcher Vorkommnisse hätte zweifeln sollen. Wußte Oswald von seiner Abstammung? – Doch das war ja am Ende so gleichgültig! Es war nicht anzunehmen, daß der Tod zwischen dem Sohne des Barons Harald oder des Lehrers Stein einen besonderen Unterschied machen würde, und Oswald gehörte dem Tode. Eine Stunde nach seiner Verwundung war es entschieden. Um diese Zeit kam die erste ärztliche Hilfe, deren sich die Barrikade zu erfreuen hatte, in der Person des Doktor Braun, der in Begleitung Melittas anlangte. Melitta war noch bei Sophie gewesen, als der alte Baumann die Nachricht vom Ausbruch des Kampfes brachte, und daß Oldenburg die Barrikade kommandiere. Melitta war sogleich entschlossen gewesen, zu Oldenburg zu eilen, und Sophie sah nur zu wohl, daß es Franz in einer Stunde, wo Tausende ihr Leben aufs Spiel setzten, nicht zu Hause litt, und trug es deshalb still, als er erklärte, Melitta begleiten zu wollen. Der alte Baumann und Bemperlein, der ebenfalls anwesend war, sollten bei Sophie bleiben und sich ihrer und der Kinder annehmen. Melitta und Franz hatten einen mühseligen Weg, bis sie endlich nach mehrstündiger Wanderung auf den größten Umwegen und oft mit Gefahr des Lebens ihr Ziel erreichten. Das Wiedersehen mit der Geliebten entschädigte Oldenburg tausendmal für alles, was er ihrethalben gelitten hatte. Melitta umarmte und küßte ihn unter Tränen in Brauns Gegenwart, sie hing sich an seinen Arm, sie konnte sich nicht trennen von dem, den sie nicht mehr am Leben zu finden gefürchtet hatte, und den sie jetzt, von Pulver geschwärzt, in der ganzen Glorie seiner stolzen Mannheit wiedersah, bis er ihr ins Ohr flüsterte, daß im Hotel Oswald auf den Tod verwundet liege. Da hatte Melitta ihren Arm aus seinem Arm gezogen und hatte – ernst und bleich, aber nicht bestürzt – gesagt, daß sie den Kranken pflegen wolle, wie es ihre Pflicht sei. Seitdem war ein Tag und eine Nacht vergangen – eine Ewigkeit für die, die am Lager des von Höllenqualen Gefolterten wachten, der sich jetzt in seiner Raserei im Bette aufbäumte, so daß es Schmenckels ganzer Kraft bedurfte, ihn zu halten, und ein anderes Mal in sich überstürzender Hast die Bilder schilderte, die sich in wahnsinniger Fülle durch sein überreiztes Gehirn drängten. So hatte er, der sonst so Verschwiegene, das Geheimnis seiner Geburt enthüllt und damit niemand so sehr überrascht, als die gute Frau Hauptmann, die sich lange nach ihrer Marie gesehnt und nun den Sohn Mariens endlich gefunden hatte, nur, um ihn sterben zu sehen. Die alte Dame schwebte wie ein guter Geist lautlos durch das Zimmer, und wenn sie gerade im Augenblicke nicht beschäftigt war, sah man, wie sie die Hände faltete und betete, daß ihr der Sohn der geliebten Tochter erhalten bleiben möge. Aber dazu war schon seit dem ersten Augenblick keine Hoffnung mehr gewesen. Franz hatte sofort erklärt, daß Oswald sterben müsse, daß er einen, höchstens zwei Tage noch leben könne. Es sei nicht wahrscheinlich, daß er vor dem Tode noch einmal zum Bewußtsein erwache. Melitta sah diesem Augenblick, wenn er eintreten sollte, mit Wehmut entgegen. Sie wußte jetzt, daß sie Oswald nur noch als einen unglücklichen Bruder liebe. Oswald hatte in seinen Phantasien ihren Namen nicht einmal über die Lippen gebracht; er hatte immer nur von einer lieben, schönen Frau gesprochen, gegen die er arg gesündigt habe, und die ihm, was er an ihr gefrevelt, nicht verzeihen könne. Die Erinnerung daran hatte dem Unglücklichen Tränen ausgepreßt; und Melitta hatte ihm die Tränen von den Wangen gewischt und nur immer gewünscht, sie könnte ihm sagen, daß sie ihm längst verziehen habe. Da seufzte der Verwundete so tief, daß Oldenburg sich schnell im Fenster umwandte und an das Bett trat, wo Melitta saß. Aber das Seufzen war kein Schmerzenslaut gewesen, nur der letzte tiefe Atemzug einer Brust, von der die Last des Lebens für immer genommen ist. Dreiundfünfzigstes Kapitel Und wieder ist die leuchtende Frühlingssonne zweimal aufgegangen, wieder trägt die ungeheure Stadt ein festliches Kleid; aber die Farbe des Kleides ist die der Trauer, denn das Fest, das sie feiern, ist ein Totenfest. Schwarze Fahnen wehen von den Türmen und den Zinnen des Schlosses, Trauerflore sieht man überall aus den Fenstern hangen, mit Trauerfloren sind die Hüte der Frauen, sind die Hüte der Männer, sind die Arme der Unzähligen alle umwunden, die nach dem herrlichen Platz in dem Herzen der Stadt wallen, wo zwischen den im Mittagssonnenschein gebadeten Tempeln auf einer Estrade die Särge derer stehen, die in der Schreckensnacht fielen – einhundertsiebenundachtzig Tote – darunter Frauen und Kinder – unschuldige Blumen, die dem grausen Schnitter, als er die Garben mähte, aus denen die Saat der Freiheit geerntet werden sollte, unter die erbarmungslose Sense kamen. Und selbst damit ist die blutige Ernte noch nicht vollendet. Noch liegen in den Hospitälern, in den Häusern, überall in der Stadt Schwerverwundete, von denen noch mancher den goldenen Tag der Freiheit nimmer schauen wird. Und nun beginnen von allen Türmen in feierlichen Klängen die Glocken zu läuten – dieselben Glocken, die in der Barrikadennacht den Schlachtruf heulten. Die kirchliche Handlung ist vollendet. Der Zug setzt sich in Bewegung. Ein Zug, wie ihn die Stadt nimmer sah, wie er vielleicht einzig ist in der Welt Geschichten. Da schweben die gelben, von reichen Kränzen umwundenen Särge in unabsehbarer Reihe auf den Schultern der Bürger hin durch die blaue Frühlingsluft und zwanzigtausend Menschen jeden Alters und Standes geben ihnen das Geleit. An jedem Sarge ist ein Zettel mit dem Namen des Toten. Namenlose Namen! Wer war Oswald Stein? Wer war Eberhard Wolfgang Berger? Was tut der Name? Was tut es, was sie im Leben waren, was sie im Leben taten und litten, fehlten und sündigten, strebten und irrten? Der Tod für die Freiheit krönt alles Streben, sühnt alle Schuld. Das fühlen, das sagen die Hunderttausende, die, rechts und links in gedrängten Reihen am Wege stehend, den Zug an sich vorüberziehen lassen, und vor jedem Sarge die Häupter ehrfurchtsvoll entblößen. Und so geht der unabsehbare Zug lang und langsam in lautloser feierlichen Stille zum Tore hinaus nach seinem Ziel, dem Hügel vor der Stadt, wo von den Barrikadenkämpfern an den Tagen vorher ein großes Viereck ausgeschaufelt ist. Der Zug geht in die Grube hinein. Die Träger setzen ihre Särge stille nieder und schreiten weiter, und so die anderen, bis der Zug hindurch ist. Und die Tausende stellen sich in andächtigem Schweigen ringsumher. Gewehrsalven krachen, und an den Gräbern seiner Märtyrer betet ein ganzes Volk. Und einer aus dem Volke – ein langer, schwarzbärtiger Mann – erhebt seine Stimme und spricht: »Für wen beten wir, liebe Brüder? Für die Toten? Sie bedürfen der frommen Wünsche nicht in ihrer kühlen Grabesruhe, in ihrem ewigen Schlaf. Aber wir, die Lebenden! Uns ist nicht das schlechtere, doch das schwerere Los gefallen. Wir sollen schaffen und wirken in dem heißen Staub der Alltäglichkeit, rastlos, ruhelos, denn nimmer schläft die Tyrannei. Wir sollen arbeiten und schaffen, daß die Nacht nicht wieder hereinbreche, in der es dem Braven unheimlich und nur dem Schlechten heimlich war; die Nacht, durch deren dunkle Schatten so viel romantische Larven und phantastische Gespenster huschten; die Macht, die so arm war an gesunden Menschen und so reich an problematischen Naturen – die lange schmachvolle Nacht, aus der nur der Donnersturm der Revolution durch blutige Morgenröte hinüberführt zur Freiheit und zum Licht.«