Johanna Spyri Am Felsensprung Erzählung 1. Kapitel Beim Holzlesen Der ›Schneerücken‹ heißt ein hoher Berggrat, der auf der einen Seite in ein liebliches Tal mit grünen Wiesen und reich belaubten Fruchtbäumen, auf der anderen Seite in tiefe, felsige Schluchten herabschaut, wo der schäumende Wetterbach durchrauscht. Er kommt von dem grauen Gletscher herunter, den man hoch zum Himmel ragen sieht. Und so wild und gewaltig stürzt dieses Bergwasser daher, daß es unten in der Schlucht an den Felsstücken, die ihm im Wege liegen, hoch aufspritzt und mit furchtbarem Tosen über die niedrigeren Steinblöcke hinwegfließt. Am lautesten tost und schäumt der wilde Fluß an einer Stelle, wo einst die gewaltigen Felstücke sich von dem hohen Berggestein losgemacht hatten und heruntergestürzt waren. Diese hemmen nun den Lauf des Wassers so sehr, daß es sich einmal schäumend zwischen ihnen durchzwingen und einmal hoch über sie hinwegfluten muß. Dieser Ort heißt: »Am Felsensprung«. In diese einsame Bergschlucht hinein, wo kaum eine Menschenstimme vernommen werden kann wegen des unausgesetzten Tosens und Donnerns des wilden Wassers, hatten doch Menschen ihre Häuser gebaut. Hart an dem hohen Felsen stand ein Häuschen mit kleinen Fenstern und einem Schindeldach, auf dem große Steine die Schindeln festhalten mußten, damit der Wind sie nicht wegblase. Da wohnte Josef der Flößer mit seiner Familie. Seinen Zunamen hatte er von seinem Handwerk her. Er mußte die großen Holzstücke überwachen, die weiter oben in den Wetterbach geworfen wurden. Sie sollten abwärts schwimmen, bis sie beim großen Staatsgebäude, das unten im Tal lag, ans Land gezogen wurden. Oft blieben die Blöcke hinter den hohen Steinen im Fluß hängen, oder sie wurden an das Land geschwemmt und blieben im Gesträuch liegen. Dann mußte der Flößer sie wieder flott machen, damit sie weiter schwimmen konnten. Am Ufer machte er das mit den Händen, wenn er sie dabei auch manchmal an den scharfen Felsen blutig rieb. Mußte er aber die Holzstücke mitten im wirbelnden Wasser freimachen, dann nahm er die lange Holzstange mit dem eisernen Haken zur Hand. Er sprang draußen im Fluß von einem Stein auf den anderen, und wo ein Stück Holz festsaß, wurde es von dem eisernen Haken ergriffen und weitergestoßen. Die Arbeit des Flößers war mühsam und manchmal auch recht gefährlich. Und was er dabei verdiente, war gerade so viel, daß er kümmerlich mit seiner Frau, der fleißigen Marthe, und seinen vier Kindern leben konnte. Oberhalb des Flößerhauses, kaum hundert Schritte entfernt, war noch ein Häuschen. Das klebte wie ein Vogelnest am Felsen und war so klein, daß nicht mehr als zwei Personen darin wohnen konnten. Es lebte nur noch eine darin, die alte Mutter Silvia. Sie wurde von allen so genannt, die sie kannten und je gekannt hatten. Die Mutter Silvia saß fast immer in ihrem kleinen Stübchen und spann ihren Flachs. Hatte sie dann nach Tagen ihre Arbeit vollendet, so bereitete sie sich auf ihre große Reise vor. Sie mußte den hohen Schneerücken besteigen und auf der anderen Seite ins Tal hinabwandern bis zu dem großen Dorf, wo die schönen steinernen Häuser standen und der Kramladen war. Dorthin trug sie ihre schön gesponnenen Stränge und bekam ihr Geld dafür, von dem sie lebte. Woher der Flachs kam, den sie nachher spann, wußte man nicht, denn die Mutter Silvia hatte kein Feld, sie besaß nichts, als ihr Stübchen und ihr Kämmerlein. Aber irgendwoher kam der Flachs, denn die Mutter Silvia spann immer wieder. Diese zwei Häuschen waren weit und breit die einzigen menschlichen Wohnungen. Zu den Häusern und der kleinen Kirche auf dem Schneerücken hatte man mehr als eine Stunde weit in die Höhe zu steigen. Der Herbst war gekommen und hatte früh schon rauhe Tage mitgebracht. Dort unten am Felsensprung war es auch immer früher kalt und rauh, als oben an den sonnigen Berghängen. Denn die Sonne ging früh hinter den hohen Felsen unter, dann wurde es gleich feucht und kalt in der Schlucht. Über den Felsen im Gehölz sauste der Wind durch die alten Tannen und Lärchenbäume und schüttelte ihnen die Blätter und Nadeln herunter. Ein kräftiger Junge, der unter den Bäumen das dürre Holz zusammenlas, schaute von Zeit zu Zeit um sich, als müßte er jemand bewachen. In einiger Entfernung ging ein schmales, blasses Mädchen von Baum zu Baum und verrichtete dieselbe Arbeit. Jetzt ließ es die Zweige aus seiner Schürze auf den Boden fallen und lehnte sich, als ob es Schutz suchte, an einen Tannenbaum. Jetzt hob der Junge den Kopf. »Feieli«, rief er hinüber, »fürchtest du dich, weil der Wind die Bäume so schüttelt?« »Nein, nein«, rief das Mädchen zurück, »aber ich kann fast nicht atmen, der Wind läßt mich nicht und macht mich auch so müde.« Das Kind war noch bleicher geworden und setzte sich am Baum nieder. »Laß nur alles liegen, Feieli, und tu gar nichts mehr, ich will schon alles selbst machen«, rief der Bruder nun in beschützendem Ton, »ich will schon genug zusammenbringen, damit die Mutter zufrieden ist, das sollst du jetzt gleich sehn.« Und der Junge raffte nun mit solchem Eifer seine Holzstückchen unter allen Bäumen zusammen, daß er in kurzer Zeit einen ganzen Haufen aufgeschichtet hatte. Jetzt stand er neben dem sitzenden Feieli, aus dessen schmalem, farblosem Gesichtchen zwei große dunkle Augen voller Liebe zu ihm aufschauten, während er sich den Schweiß trocknete. »Du mußt immer doppelt arbeiten, Jos, weil ich so wenig tue«, sagte das Kind wehmütig, »wenn ich nur bald stärker wurde.« »Das ist ganz gleich, und einmal wirst du schon stärker, wenn du groß bist«, tröstete der Bruder. »Aber komm, Feieli, jetzt habe ich Holz genug, wir wollen noch ein wenig dort sitzen, wo man das Wasser kommen sieht.« Damit zog Jos das Feieli vom Boden auf und hinter sich her bis zum Rand des Felsens, von wo man den schäumenden Wetterbach schon eine Strecke weit daherstürzen sah. Hier setzten sich die Kinder unter die verwitterte uralte Tanne, deren langen Äste über die Felswand niederhingen. Jos und Feieli waren des Flößers älteste Kinder. Sie waren bald nacheinander zur Welt gekommen und wurden beide dem Vater nach benannt. Aber ihre Namen wurden so abgekürzt, wie sie jetzt gerufen werden. Der elfjährige Jos sah breit und kräftig aus und war gerade das Gegenteil von dem zehnjährigen, zartgebauten Schwesterchen. Ihr hätte man wohl drei Jahre weniger als dem stämmigen Bruder gegeben. Jos ging, so oft es die Arbeit des Vaters erlaubte, die er schon an manchen Tagen zu verrichten hatte, zur Schule auf den Schneerücken hinauf. Und dann freute er sich, denn er hatte viel Freude beim Lernen. Am liebsten hätte er alles gelernt, was nur zu erlernen war. Das zarte Feieli konnte ihn nur wenig begleiten, obwohl es auch zur Schule gehen sollte. Aber der Weg war so lang und im Winter so verschneit, daß der starke Junge oft fast nicht durchkommen konnte. Das Feieli blieb aber doch nicht so ganz unwissend, denn die größte Freude des Jos war es, seiner Schwester alles zu erzählen und zu erklären, was er gelernt hatte. Das Feieli war sein bester, eigentlich sein einziger Freund, mit dem er alles besprechen mußte. Das Kind liebte auch den Jos über alles, und wenn er erzählte, was er gelernt hatte, dann schaute es mit seinen ernsten, großen Augen unverwandt zu ihm auf und sagte kein Wort. Und diese Aufmerksamkeit und die Erwartung in den sprechenden Augen regte den Jos zu immer neuen Mitteilungen und eigenen Gedanken an. Jetzt war der schönste Augenblick seines Tages gekommen. Fröhlich wischte er die letzten Schweißtropfen von seiner Stirn, setzte sich auf seinem Stein zurecht und sagte: »Sieh jetzt das Wasser, Feieli, wie es dort herausgeschossen kommt und an den Steinen aufspritzt. Nicht wahr, du meinst, das tut es immer. Das stimmt nicht! Weiter unten, weit, so weit wie du noch nie warst, mündet es in ein anderes Wasser, und dann laufen sie zusammen und kommen noch in ein größeres, und das ist dann ein See. Der ist so breit und tief, daß ein großes Schiff darüber fahren kann und ganz ohne Ruder. Nicht wahr, das kannst du nicht begreifen, Feieli? Aber es stimmt, und ich weiß, wie es geht. Ein Mensch hat eine Maschine erfunden, die treibt das Schiff. Und jetzt möchte ich noch gern wissen, wie die Maschine ist. Weißt du, Feieli, Schiffe kann ich schon machen aus Holz, und die schießen auf dem Wetterbach wohl allein davon. Aber auf dem stillen Wasser würden sie nicht mehr weiterkommen. Daß sie aber dort weiterfahren, das möcht ich so recht verstehen und machen können!« »Wer kann das machen?« fragte Feieli, das sehr aufmerksam den Worten des Jos gefolgt war. »Wie die heißen, die alles zuerst erfinden und ausdenken, weiß ich nicht«, antwortete Jos, »aber nachher machen es die Mechaniker, die haben große Werkstätten, da werden dann die Maschinen gemacht.« »Könntest du nicht Mechaniker werden, Jos?« fragte das Feieli rasch, und vor freudiger Hoffnung flog eine leichte Röte über das bleiche Gesicht. »Das ist gerade, was ich Tag und Nacht denke, Feieli«, sagte der Bruder mit großer Befriedigung. Denn daß das Feieli nun auch auf seinen Gedanken gekommen war, gab ihm neue Zuversicht. »Und siehst du«, fuhr er eifrig fort, »ich arbeite auch immer, sobald ich nur einen Augenblick Zeit habe, an einer Schiffsmaschine, sieh«, damit zog Jos aus seiner Tasche ein wunderliches Stück Blech, an dem zwei Drahträder festgenagelt waren, je eines an einer Seite. »Sieh, Feieli«, und Jos ließ die Räder sich rasch drehen, »das kommt dann in das hölzerne Schiff hinein, dann muß es laufen.« Das Feieli schaute bewundernd auf die kunstreiche Erfindung. Dann richtete es seine großen, glänzenden Augen auf den Bruder und sagte voller Verlangen: »O Jos, was könnten wir tun, damit du bald ein Mechaniker werden könntest? Aber dann müßtest du gewiß fort, und ich könnte es fast nicht mehr aushalten, wenn du nicht mehr da wärst.« Auf das schmale Gesichtchen kam ein Ausdruck von solcher Traurigkeit, daß der Jos es nicht ertragen konnte. Augenblicklich rief er: »Nein, nein, daran mußt du nicht denken! Ich will dir sagen, was ich noch im Sinn habe. Wenn ich dann ein Mechaniker bin, dann kann ich viel verdienen, und dann bist du immer bei mir, und wir leben miteinander ganz fröhlich. Und du mußt keine schwere Arbeit mehr tun und kein Holz sammeln. Wenn ich dann ein Schiff fertig gemacht habe, fahren wir miteinander darin auf einem großen Wasser umher, weißt du, so auf einem breiten, glatten, nicht wie der Wetterbach ist. Nicht wahr, dann haben wir's gut? Dann mußt du nicht mehr husten und frieren und so herumkeuchen, um der kleinen Buben willen. Dann mache ich, daß es dir immer gutgeht, und ich arbeite nur noch ganz allein. Aber was hast du? Frierst du, Feieli?« Das Kind war schon ein paarmal zusammengeschauert, aber die Beschreibung des Jos hatte es so erfüllt, daß es nichts anderes gefühlt hatte. Als der Jos zu Ende war, merkte es seinen Zustand. »Ja, es ist kalt und auch spät. Sieh, es wird schon dunkel«, sagte es ängstlich. Jos sprang auf. Auch er hatte über seinen Plänen alles vergessen. Er lief zu der Stelle zurück, wo sein Holzbündel lag, schwang es rasch auf seinen Rücken und wollte losrennen. Aber das Feieli kam nicht nach, es keuchte unter seiner Last und hustete ohne Unterlaß. »Laß alles liegen, Feieli, ich hole es schon noch«, rief Jos mitleidig, »komm, du mußt nicht so husten.« Das Feieli folgte ihm. Es brachte seine Last nicht weiter, kaum konnte es dem rennenden Jos nachfolgen. Unten beim Häuschen angekommen, warf Jos sein Bündel hin und lief wieder zurück. Die Mutter stand in der offenen Tür, sie kochte die Kartoffeln zum Abendessen in der kleinen Küche, in die man unmittelbar von dem schmalen Felsenweg eintrat. »Komm, komm«, rief sie dringend dem herannahenden Kind zu, »komm, Feieli, mach doch ein wenig geschwinder! Wo bleibt ihr denn auch so lange? Warum läuft er wieder fort? Der hat doch immer etwas anderes im Kopf. Geh schnell hinein und sieh zu, daß die Buben nichts anstellen. Die Kartoffeln sind gleich fertig, und der Vater kommt auch bald. Lauf, lauf, Feieli, mach den Tisch zurecht, bring die Buben zum Schweigen, hörst du, wie sie lärmen?« Das Feieli war immer noch stehengeblieben, weil es gern der Mutter erklärt hätte, warum der Jos wieder zurückgelaufen sei und daß er nichts Unrechtes im Kopf habe. Aber dazu kam es nicht. Es war immer so mit der Mutter. Die gute Marthe hatte viel zu tun und noch viel mehr, weil sie meinte, gleich im allerersten Augenblick und noch im allerletzten des Tages müsse man etwas mit den Händen tun, sonst sei die Zeit verloren. Bald nachdem das Feieli drinnen mit großer Mühe die zwei kleinen Buben hinter den Tisch gebracht und jedem seinen runden Löffel in die Hand gegeben hatte, kam von oben herunter der Jos mit seinem zweiten Bündel und von unten herauf der Vater mit der großen Stange über der Schulter. Er hatte einen anstrengenden Tag gehabt, das konnte man, ihm ansehen. Jetzt lehnte er seine Stange ans Häuschen und trat herein. Gleich darauf saß die ganze Familie in der kleinen Stube um den viereckigen Tisch, und mit großem Appetit bissen sie alle in die dampfenden Kartoffeln. Nur das Feieli schien keinen Hunger zu haben. Es führte ein paarmal den Löffel in die große Schüssel ein, aus dem alle die saure Milch schöpften. Sie legte ihn dann weg und schaute staunend zu, wie die zwei kleinen Buben immer weiter aßen, bis alles aufgegessen war. Dann sagte die Mutter eilig: »Nimm sie, Feieli, nimm sie, damit wir fertig werden.« Feieli sollte die zwei Buben in ihre Schlafkammer bringen. Das war keine leichte Sache, und mit aller Anstrengung brachte das Feieli sie nicht weiter als bis zum Ofen. Denn wie es auch an dem vorderen Buben zog, damit er die erste Stufe erreichte, es brachte ihn nicht hinauf, es half alles nichts. Endlich kam der Jos aus dem Geißenstall wieder herein. Er half nun von unten herauf mit so kräftigen Stößen nach, daß die Buben mühelos hinaufrollten. Nun war denn auch für Feieli der Feierabend gekommen. Als es nun in dem kleinen Kämmerlein auf seinem Bett lag, da mußte es immer noch nachdenken, ob es denn nicht irgend etwas tun könnte, damit der Jos ein Mechaniker würde. 2. Kapitel Das Feieli führt einen Entschluß herbei Das lebendige Wasser des Wetterbachs, der immer rauschend dahinzog, hatte auf den Jos von jeher einen großen Eindruck gemacht. Er hatte schon als kleiner Junge aus jedem Stückchen Holz ein Schiffchen gezimmert und die großen Blätter der Haselnußstaude als Segel darauf gebunden. Ebenso übte der Bach auch einen starken Einfluß auf die kleinen Brüder aus, nur in anderer Weise. Der fünfjährige Bartli und der vierjährige Töffeli waren immer aus allen Kräften bemüht, zu den tosenden Wellen hinunterzugelangen. Deshalb mußte man ständig auf sie aufpassen. Denn wären sie einmal dahin gekommen, so wären sie auch sicher hineingefallen und augenblicklich fortgeschwemmt und verloren gewesen. So hatte die Mutter Marthe eine Erfindung gemacht, damit die Buben ohne Gefahr draußen bleiben konnten und doch nicht immer beaufsichtigt werden mußten. In der Nähe des Häuschens stand ein kleiner Fichtenbaum, festgewurzelt im Felsengrund, so daß er viel Rütteln und Schütteln vertragen konnte, ohne zu wanken. Hierher führte die Mutter morgens ihre kleinen Buben, band jedem eine dicke Schnur um das eine Bein, und knöpfte das andere Ende an dem Fichtenbaum fest. Wenn dann die Buben zum Wasser hinunter wollten, so ging es wohl ein paar Schritte weit, dann aber blieben sie stecken. Dann erhoben sie ein furchtbares Geschrei, das aber niemand stören konnte, denn der Wetterbach war noch viel lauter und übertönte sie. Dann zappelten sie hin und her und stießen mit dem einen Fuß in ihrem großen Zorn in die Luft hinein. Wenn aber alles nichts half und der Fichtenbaum sie doch nicht losließ, so setzten sie sich schließlich auf den Boden und fingen mit Sand und Steinen zu spielen an. Dann dachten sie auf einmal wieder an das Wasser, und das Geschrei fing von vorne an. An Regentagen aber, wenn sie nicht draußen sein konnten, hatte das Feieli die schwere Aufgabe, sie in der Stube zu beaufsichtigen. Jeden Augenblick entwischte einer zur Tür hinaus und war schon halb den Abhang hinunter gerannt, bevor das Feieli ihn erreichte. Und dann war meistens der zweite auch schon nachgelaufen, und es hatte alle seine Kräfte aufzubieten, um sie beide zu halten und wieder zurückzubringen. Es geschah auch nicht selten, daß sie das zartgebaute Feieli zu Boden rissen. Wenn aber der Jos von weitem so etwas sah, dann lief er in solchem Zorn auf die Buben zu, daß sie sich voller Schrecken hinter das Feieli niederduckten. Aber er zog sie hervor und rüttelte und schüttelte sie so lange, bis das gute Feieli für sie bat, er möge sie nun gehenlassen, sie würden jetzt wieder brav sein. Sie waren dann auch ganz zahm und verhielten sich ruhig, solange Jos in der Nähe war. Kehrte er ihnen den Rücken zu, so ging es bei den beiden bald wieder los. Dem Feieli war der Bruder ein großer Trost und Halt, denn es hatte doch das Gefühl, einen Beschützer in der Nähe zu haben, wenn es sich nicht mehr zu helfen wußte. Der Morgen nach dem kühlen Abend, als Jos und Feieli ihr Holz gesammelt hatten, war ein heller Sonntagmorgen. Schon früh hatte die Mutter den Bartli und den Töffeli an ihren Ort bringen und festbinden können. Nun putzte sie die Fenster, und das Feieli half mit und rieb aus Leibeskräften an den trüben Scheiben herum. Eben jetzt trat die alte Silvia aus ihrem Häuschen und kam den schmalen Weg herunter. Das Sonntagskäppchen saß so hübsch auf den weißen Haaren, und die frische Schürze auf dem dunklen Festtagsrock war so reinlich anzusehn, daß jeder seine Freude daran haben mußte. Beim Flößerhäuschen blieb sie stehen, schaute einen Augenblick dem Treiben zu. Dann sagte sie: »Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, Marthe. Wissen Sie auch, daß heute der Tag des Herrn ist? Ich meine, Sie dürften auch einmal daran denken und Ihre Arbeit ein wenig einstellen.« »Gott dank Euch, Mutter Silvia«, antwortete Marthe. »Sie brauchen aber nicht so streng mit mir zu sein. Sie wissen ja, wie unsereins die Woche über von früh bis spät so viel zu tun hat, daß man keinen Finger stillhalten kann. Und dann ist nur das Nötigste getan, damit auch jeder etwas auf dem Leib hat und keinen Hunger leidet. Wenn ich aber etwas sauber machen will, so muß ich den Sonntag dazu nehmen. Ich möchte wissen, wie ich noch zwei Stunden weit in die Kirche gehen könnte.« »Ich will jetzt nicht gerade von der Kirche reden. Es ist wahr, daß wir es schwer haben, hinzukommen«, bestätigte die Mutter Silvia. »Aber am Sonntag könnten Sie doch den lieben Gott etwa um Kraft für die kommende Woche bitten und ihm danken, daß er es Ihnen in der vergangenen hat gutgehn lassen. Sie sind eine brave Frau, Marthe, aber es fehlt Ihnen doch etwas, und darum kommen Sie zu keiner Ruhe. Es heißt: Bete und arbeite. Sie tun aber nur das zweite, vom ersten wissen Sie nichts. Und Sie könnten es doch wohl brauchen, es bringt den Segen auf die Arbeit und Ruhe und Frieden für den Feierabend.« »Ich denke, der liebe Gott wird nicht so unzufrieden mit mir sein, wenn ich tue, was ich kann. Er weiß ja wohl, wie schwer ich's habe«, gab die Marthe zurück. »Ja, Marthe, Sie tun so, als ob das Beten eine Last wäre«, sagte die Mutter Silvia ernsthaft. »Es ist eine Wohltat, daß wir zu unserem Gott beten und von ihm uns Trost und Kraft für das harte Leben erflehn dürfen. Es ist tröstlich zu wissen, daß er uns beisteht, wenn uns kein Mensch helfen kann. Die Stunde kann noch kommen, da Sie erfahren, was es für uns bedeutet, einen barmherzigen Gott anrufen zu können. Wissen Sie, Marthe, das Schwerste in diesem Leben ist nicht die Arbeit. Und wäre sie noch so hart, wenn man sie nur mit gesunden Gliedern verrichten kann. Es gibt noch ganz anderes zu ertragen. – Aber was hat denn das Feieli?« unterbrach die Alte plötzlich ihren Gedankengang, indem sie zur Seite blickte, wo das Kind an das Fenster lehnte und beide Hände gegen die Brust gedrückt hielt. Es sah schneeweiß aus. »Ist dir nicht wohl?« fragte die Mutter jetzt auch besorgt. »Ich habe vorher nie gesehen, daß dir etwas fehlt. Man kann ja nicht alles merken, wenn man immer alle Hände voll zu tun hat. Wo tut's dir weh? Geh ein wenig zu den Buben, du kannst etwas mit ihnen spielen. Such ihnen Steinchen und rote Blätter.« Das Feieli wollte gleich gehen, aber die Mutter Silvia sagte: »Die sitzen ja still da drüben. Laßt das Kind ein wenig Sonntag haben. Laßt es eine Strecke mit mir gehn, die Morgensonne wird ihm guttun. Ich gehe den Schneerücken hinauf, so weit, bis ich die Glocken von oben läuten höre. Bis hinauf zur Kirche kann ich nicht gehen, aber die Glocken will ich hören, es bringt mir den Sonntag ins Herz.« Marthe willigte ein, und Feieli kam leise heran. Aber die Mutter Silvia schüttelte den Kopf: »Nicht so, Feieli, nicht so! Geh hinein und zieh dein Sonntagsröcklein an und deine guten Schuhe, sonst kommen dir keine Sonntagsgedanken. In den Alltagsfetzen schleppt man das Alltägliche mit sich herum. Geh nur, ich warte!« Es war ein freudiger Ausdruck auf Feielis Gesicht gekommen. Es wollte so gern einmal Sonntag haben und ordentlich angezogen sein, aber es stand still und schaute fragend zu der Mutter hinüber. »Ja, so geh, wenn's doch die Mutter Silvia haben will«, sagte sie. Und als das Kind fröhlich weggelaufen war, fügte sie hinzu: »Es wundert mich nur, daß Sie auf die Kleider so viel Wert legen, die paar Schritte weit werden Ihnen nicht viel Leute begegnen.« »Das tu ich nicht wegen der Leute«, entgegnete Mutter Silvia, »aber der Sonntag ist ein Festtag, und was sich die Woche über an Schmutz angesetzt hat, das gehört nicht in den Feiertag. Und das saubere äußere Kleid wirkt auch manchmal auf das Innere zurück. Binde ich meine saubere Schürze am Sonntagmorgen um, so muß ich gleich denken: Bist du jetzt auch so fleckenlos nach innen wie nach außen? Und das treibt mich, ein Sonntagsgewand für meinen ganzen Körper zu suchen, das ist ein großer Segen, den mir der Sonntagsrock bringt.« »Hört, Mutter«, sagte Marthe ein wenig eilig, »ich habe nun einmal nicht so viel Zeit, über das alles nachzudenken. Sie mögen in manchem schon recht haben, aber Sie müssen bedenken, was ich alles zu arbeiten habe.« »So behüte Sie Gott, Marthe! Wenn ich Ihnen in etwas beistehen kann, so ruft mich. Kräfte habe ich nur wenige, aber der Wille ist gut.« Damit trippelte die Alte fröhlich den Felsenpfad hinauf, gefolgt von Feieli, das nun in seinem Sonntagsröckchen so ordentlich und sauber aussah, wie ein frisch erwachtes Frühlingsblümchen. Aber es war ein sehr zartes Blümchen, dem der erste Windstoß alle Blättlein verwehen konnte. Eine Zeitlang gingen die beiden schweigend hintereinander her. Mutter Silvia wollte wohl gern ein wenig ihren Sonntagsgedanken nachgehen, das Feieli mochte über etwas nachdenken, es schaute mit seinen großen Augen ganz ernsthaft vor sich hin. Als sie an die Stelle kamen, wo der Felsenpfad in den breiteren Weg einmündet, konnten die beiden nun nebeneinander gehen. Mutter Silvia schaute ein paarmal zu dem Kind hin, dann sagte sie: »Feieli, was denkst du in deinem Herzen, wenn wir so schweigend miteinander wandern?« »Ich denke den ganzen Tag und die ganze Nacht, wenn ich nicht schlafen kann, immer das gleiche«, antwortete das Kind. »So? Und was denn?« fragte die Alte weiter. »Immer denke ich, was ich machen könnte, daß der Jos ein Mechaniker wird«, sagte das Feieli. Darüber mußte die Mutter Silvia sich sehr wundern. Sie hatte noch gar nichts davon gehört und fragte nun das Feieli, wie denn der Jos zu dem Wunsche komme, und was Vater und Mutter dazu sagen? Nun erzählte ihr das Kind, wie Jos von jeher Schiffe gemacht und alles ausgedacht habe. Wie sie allein schwimmen könnten, und wie er schon eine Maschine nachgemacht habe, die wirklich die Schiffe vorwärts treibe. Bei der Erzählung wurde das Feieli immer eifriger, seine Augen glänzten immer feuriger, und zuletzt sagte es mit einem Ausdruck brennenden Verlangens: »Meinen Sie, daß er es werden kann, Mutter Silvia?« Sie antwortete aber nicht gleich, sondern sagte, erst müsse man doch wissen, wie Vater und Mutter darüber denken. Da berichtete ihr das Kind, daß sie beide bis jetzt nicht den Mut gehabt hätten, Vater oder Mutter zu fragen. Denn am Abend, wenn der Vater heimkomme, sei er müde und rede kein Wort mehr, und die Mutter habe nie Zeit für ein Gespräch. Und Jos habe auch gesagt, wenn er nur einmal zur Mutter Silvia hinüber könnte und fragen, was sie meine. Die alte Mutter sagte, zuerst müsse man mit dem Vater und der Mutter reden und hören, ob sie einverstanden seien. Dann könne man erst weiter denken. Aber das Feieli war nicht zufrieden mit der unbestimmten Antwort. Es schwieg eine Weile, dann schaute es mit demselben brennenden Verlangen zu der Alten auf und fragte wieder: »Mutter Silvia, aber glauben Sie, daß der Jos ein Mechaniker werden kann?« Als die alte Mutter das große Verlangen in Feielis Augen erblickte, ging es ihr zu Herzen. Sie konnte es nicht aussprechen, daß sie wenig Hoffnung in der Sache hatte, ermunternd sagte sie: »Siehst du, Feieli, wenn das ein guter Weg für den Jos ist, kann ihn der liebe Gott schon ermöglichen, das können wir aber nicht wissen. Und vor allem muß der Junge mit Vater und Mutter reden. Jetzt wollen wir aber still sein und zuhören, wie schön es läutet.« Vom Schneerücken herunter hörte man jetzt die Sonntagsglocken erklingen, und durch die weite Stille trug der Wind die Töne so hell und deutlich herunter, als kämen sie ganz aus der Nähe. Mutter Silvia faltete die Hände und blieb stehen, bis der letzte Ton verhallt war. Das war ihr sonntäglicher Kirchgang, bis sie der hohe Schnee daran hinderte, so weit zu kommen. Jetzt öffnete sie die gefalteten Hände und sagte: »Nun wollen wir wieder zurückgehen, Feieli.« Als sie nun wieder nebeneinander hergingen, sagte sie nach einer Weile: »Hast du denn auch schon daran gedacht, wie schön es sein muß, wenn wir einmal zu dem langen, friedvollen Sonntag eingehen in die Ewigkeit, wo keine Unruhe und kein Leid mehr ist?« Das Feieli antwortete, daran habe es noch nie gedacht. Aber wenn ihm etwas weh tue und es zuhause keine Ruhe finden konnte, so denke sie an den Jos – sie freue sich darauf, wenn er einmal Mechaniker sei, dann wollen sie zwei zusammen leben und miteinander auf dem stillen Wasser fahren. »Wir wollen jetzt noch ein wenig darüber hinaus denken, Feieli«, sagte Mutter Silvia, nachdem sie dem Kind aufmerksam zugehört hatte. »Und weil du immer an den Jos und seine Schiffe denkst, so will ich dich ein Sprüchlein von einem Schiffchen lehren, das sage ich mir oft vor, und es macht mich fröhlich in meinem Herzen. Es heißt so: ›Muß zuletzt mein Schifflein noch In die dunkeln Fluten sinken, Seh ich schon von drüben doch Sonnenhelle Wasser blinken, Weiß, nun ist es nicht mehr weit Nach der stillen Ewigkeit.‹ Feieli mußte das Verschen nachsagen. Und als sie wieder unten am Felsensprung angekommen waren, wollte Mutter Silvia es noch einmal hören, und Feieli sagte es, ohne steckenzubleiben. Dann nahm sie Abschied von dem Kind und ging zu ihrem Hüttchen. Feieli aber lief so schnell es konnte den Abhang hinunter, denn es wollte nicht länger warten, bis es wieder mit dem Jos zusammen war. Es mußte ihm ja berichten, was die Mutter Silvia gesagt hatte, daß der liebe Gott schon helfen könne, nur müsse man zuerst mit Vater und Mutter reden. Jos stand schon hinter dem Fichtenbäumchen und schaute nach dem Feieli aus. Er lief ihm entgegen und zog es schnell in die Gebüsche hinein. Hinter den großen Brombeersträuchern setzte er sich dann auf den Boden und nahm seine Schiffsmaschine aus der Tasche, er hatte etwas Neues daran erfunden. Das Feieli setzte sich ganz nahe zu ihm hin und betrachtete mit dem größten Erstaunen die Erfindung. Jos erklärte ihm, nun werde noch ein hölzerner Kasten in das Schiff hineingezimmert, da komme dann die Maschine hinein. Und wenn zuletzt noch das Ding erfunden sei, wo der Dampf hineinkomme, dann könnte das Schiff ganz leicht den Wetterbach hinauffahren, den spritzenden Wellen entgegen. Aber das war eigentlich nicht sein höchstes Ziel, er hatte noch ganz andere Fahrten im Sinn. Nun schilderte er dem Feieli mit Eifer die selbst arbeitende Schiffsmaschine, und so feurig wurden seine Worte und seine Augen dabei, daß das Feieli auch ganz aufgeregt wurde und schnell vom Boden aufstand. »So komm«, sagte es und nahm ihn bei der Hand, »wir wollen noch heute den Vater und die Mutter fragen. Die Mutter Silvia hat gesagt, der liebe Gott könne dir schon helfen, aber zuerst müsse man zu den Eltern gehn.« Jos stand ein wenig zögernd auf. Noch nie hatte er von seinen stillen Plänen ein einziges Wort zum Vater oder zur Mutter zu sagen gewagt. Denn er hatte das bestimmte Gefühl, daß er auf Widerstand stoßen würde. Aber nun, da er das Feieli so zuversichtlich sah und von ihm hörte, daß auch die Mutter Silvia die Sache nicht für unmöglich hielt, wurde auch er mutig. Er erfaßte Feielis Hand, und stumm vor Erwartung stiegen sie zusammen zum Häuschen hinab, um die große Frage Vater und Mutter vorzulegen. 3. Kapitel Wie Feieli einen Weg sucht Eben hatte die Mutter die Milch auf den Tisch gestellt und das große schwarze Brot hingelegt, denn am Sonntag gab es auch ein wenig Brot dazu, nicht nur Kartoffeln, da sah sie von der offenen Küchentür aus die beiden Kinder herankommen. »Komm, Feieli, komm, lauf ein wenig geschwinder«, rief sie ihm entgegen, »mach die Buben los und bring sie zum Essen, der Jos soll den Vater holen.« Das Feieli kam schnell herbei, und der Jos sprang über die Steinblöcke hinunter dem Wasser zu. Er sah sich aber noch einmal um und kam schnell wieder zurückgelaufen, denn er hatte gesehen, wie die beiden Buben sich gebärdeten. Jeder riß am Feieli und stieß und schlug mit dem einen freien Fuß aus. Denn jeder wollte zuerst losgebunden und drinnen am Tisch sein. Das Feieli konnte aber weder den einen noch den anderen losmachen, so rissen sie es hin und her. Mit einem Satz sprang Jos zu, packte mit jeder Hand einen am Genick und schüttelte rechts und links tüchtig zu. »Ihr Schlingel«, rief er grimmig aus, »so macht ihr es immer mit dem Feieli und stoßt und plagt es. Aber wartet nur, wenn ihr es noch ein einziges Mal stoßt, so pack ich euch alle beide und ziehe dort den höchsten Ast vom Baum herunter und binde euch beide daran fest. Und dann laß ich ihn wieder in die Luft hinaufschnellen, und ihr fliegt mit, und dort oben hängt ihr und zappelt und könnt dann sehn, wer euch wieder herunterholt. Habt ihr verstanden?« Der Bartli und der Töffeli bejahten ganz kleinlaut die Frage, denn die schreckliche Aussicht, so in die Luft hinaufzuschnellen und oben am Ast zu zappeln, hatte sie ganz zahm gemacht. Als der Jos das sah, ging er, und das Feieli konnte nun ohne Mühe seine Arbeit vollenden. Als nun alle drinnen um den Tisch saßen, schauten sich Jos und Feieli einander von Zeit zu Zeit immer wieder an. Sie verstanden beide ganz gut, was jeder von ihnen dachte. Aber es durfte immer noch keines mit der Sache herausrücken. Schon war die große Schüssel auf dem Tisch fast ganz leer, nur die kleinen Buben löffelten noch mit aller Anstrengung einige Tropfen heraus. Der Vater hatte den Löffel weggelegt. Jetzt sah Feieli den Augenblick kommen, da er nach seiner Kappe langte und hinausging – dann war es zu spät, vielleicht für lange Zeit. »Vater«, rief es auf einmal, so ängstlich, daß die Eltern beide erschrocken aufsahen, was es denn gäbe, – »wir haben noch etwas fragen wollen.« Nun rückte auch der Jos mit der Sprache heraus, denn nun war ein Anfang gefunden. Er sagte, er möchte gern fragen, ob er nicht ein Mechaniker werden könne, der Schiffe baut. Jetzt hatte die Mutter genug gehört. »Um Himmels willen, wer redet dir solche Sachen ein?« rief sie jammernd aus. »Das fehlt noch, daß du dir solches Zeug in den Kopf setzt. Wo sollte bei uns das Geld zu einer Lehre für einen solchen Beruf herkommen? Wie kommst du nur auf so etwas, von dem weit und breit noch kein Mensch gehört hat? Ich habe aber immer gedacht, du kämst auf dumme Gedanken, wenn du so mit Messer und Bohrer an jedem Stück Holz herumgestochen hast, anstatt etwas Gescheiteres zu tun. So endet's dann immer.« »Wir wollen ihn jetzt deswegen nicht schelten«, fiel hier der Vater ein, »ich habe auch einmal so etwas gemacht und aus allen Holzklötzchen Räder geschnitten. Ich wollte ein Mühlenmacher werden, denn ich sah immer die Mühlräder gehen, wenn ich an der Mühle vorbeikam. Es ist mir dann aber von selbst vergangen, und ihm wird's schon auch vergehn. Im Frühling wird er zwölf und kommt aus der Schule. Dann kann er tüchtig helfen beim Flößen, und ihm vergehen solche Gedanken.« »Nein, Vater, das vergeht mir niemals«, sagte Jos. Er hatte mit einer Aufregung zu kämpfen, die ihm fast den Atem nahm, während das Feieli mit den Tränen kämpfte. »Aber meinst du denn, Vater, das kann ich nie erlernen, nie, solange ich lebe?« »Ja, ja, das mein ich, das ist nicht anders«, sagte der Vater bestimmt und stand auf. »Schlag dir's nur ganz aus dem Sinn. Zu so einer Lehre muß man Geld haben, viel mehr für ein einziges Jahr, als ich in zweien verdiene. Denke nur nicht mehr daran, das ist das Beste.« Damit ging der Vater hinaus, und der Jos lief ihm mach, denn er mußte seinem Schmerz draußen Luft machen. Jetzt wußte er, woran er war. Das Feieli schluchzte leise in sich hinein, es mußte sich aber noch überwinden, denn während des Gesprächs waren die zwei kleinen Buben fest eingeschlafen und mußten jetzt in die Kammer hinaufgeschafft werden. Als es aber später allein war in seinem Kämmerlein, da weinte es erst lange Zeit und wußte keinen Trost. Es schlief auch die ganze Nacht nicht, denn es mußte immer daran denken, ob es denn nicht irgendeine Hilfe für den Jos ausfindig machen könnte. Als am anderen Morgen das Feieli sah, wie traurig der Jos hinter dem Vater her zur Arbeit schlich, lief es ihm leise nach, winkte dem Bruder und sagte tröstend: »Sei nur nicht so traurig, ich habe in der Nacht etwas ausgedacht. Ich kann dir vielleicht doch helfen, du mußt nicht denken, daß jetzt alles aus ist, Jos. Es wird alles gut werden.« Diese zuversichtlichen Worte machten dem Jos wirklich neuen Mut. Sein Gesicht hellte sich auf. »Meinst du?« fragte er, und sah das Feieli dankbar an. Es nickte ganz ermunternd, und nun ging der Jos mit neuer Hoffnung im Herzen an seine Arbeit. Das Feieli strengte sich heute besonders an, der Mutter so viel wie möglich zu helfen, damit sie mit ihm zufrieden sei. Gegen Abend fragte es dann zaghaft, ob es nicht einmal zur Mutter Silvia hinüber dürfe, es möchte gern ein wenig mit ihr reden. Die Mutter meinte, mit der alten Nachbarin werde es wohl nicht viel zu reden haben, aber es habe brav gearbeitet, es könne gehen. Die Mutter Silvia saß am Spinnrad. Sie empfing das Feieli sehr freundlich. Es mußte sich zu ihr setzen und ihr sagen, wie es mit dem Husten gehe und ob es gestern nicht zu müde geworden sei, es sei so bleich heute. Da sagte das Feieli, es habe die ganze Nacht nicht schlafen können, sondern immer an etwas denken müssen. Und jetzt wolle es die Mutter Silvia fragen, ob sie ihm einen großen Gefallen tun werde. »Was denn, Feieli?« fragte sie freundlich. »Ich möchte so gern spinnen lernen«, erwiderte es, »und dann wenn ich große Stränge gesponnen hätte, so wie sie es machen, dann könnte ich über den Berg gehen und sie verkaufen und das Geld sparen. Und nach und nach hätte ich dann so viel, daß der Jos doch noch in die Lehre gehen und Mechaniker werden könnte. Denn Vater und Mutter haben gesagt, das könne er nie tun, weil es viel mehr Geld kostet als sie haben.« Das Feieli war, während es sprach, so aufgeregt geworden, daß seine Wangen jetzt wie dunkelrote Rosen glühten. Die Mutter Silvia hatte schweigend zugehört und das erregte Kind aufmerksam betrachtet. Als es alles gesagt hatte, schaute es mit seinen glänzenden Augen erwartungsvoll zu der alten Mutter auf. »Ja, das ist schon recht, Feieli, daß du gern dem Jos helfen willst«, sagte diese jetzt bedächtig, »aber wenn du nun spinnen kannst, woher kommt dann der Flachs, den du spinnen mußt, um Stränge verkaufen zu können?« Daran hatte das Feieli gar nicht gedacht. Es wurde auf einmal schneeweiß. Ja, woher sollte es auch Flachs nehmen? Zaghaft fragte es jetzt: »Wo nehmen Sie ihn her, Mutter Silvia?« Sie lächelte ein wenig und sagte: »Das könnte ich dir schon erzählen, wenn es dir etwas helfen könnte. Aber komm, ich erzähl dir's, es kann doch zu etwas gut sein. Du kannst daraus sehen, wie der liebe Gott uns unerwartet hilft und uns einen Weg zeigt, wo wir nicht denken müssen, wir kommen nicht mehr weiter. Verstehst du, was ich da sage, Feieli?« »Ja, ja, gewiß«, sagte das Kind eifrig und schaute begierig auf, um zu hören, wie der liebe Gott helfen könne, wenn wir gar keinen Weg mehr vor uns sehen. Die Mutter Silvia hörte auf zu spinnen und begann: »Ich habe einen einzigen Sohn, Feieli, und er war meine einzige Freude. Mein Mann war früh gestorben, als der Dietli kaum zwei Jahr alt war. Hier in dem Häuschen wohnte ich mit dem Buben, und wir lebten fröhlich zusammen. Gab es auch manchmal harte Arbeit und wenig Brot, so hatte ich doch meinen kleinen Dietli, und er durfte nie Mangel leiden. Er wurde groß, brav und gut und wir teilten alles miteinander. Da sagte er eines Tages: ›Wenn es dir recht ist, Mutter, so will ich die Lise zur Frau nehmen.‹ Die Lise wohnte auf der anderen Seite vom Schneerücken weit unten im Tal. Sie hatte einen schönen Hof und war Herrin über alles, denn die Mutter war tot und der Vater schon alt. Ich sagte: ›Tu's mit Gott!‹ Dann ging er und wohnte unten bei der Lise, denn sie wollte ihn für sich haben. Zuerst kam er noch ein paarmal am Sonntag zu mir, dann nicht mehr, und ich dachte, wenn sie nur den Frieden haben, so will ich schon vergessen sein. Dann kamen ein paar schwere Jahre für mich. Und zuletzt sah ich nichts anderes vor mir, als daß mir mein Häuschen weggenommen werde und ich in meinen alten Tagen noch betteln müsse. Meinst du, es sei mir da nicht auch schwer gewesen, Feieli? Ich verzagte auch, aber ich sagte im stillen zu mir: ›Du kannst mich nicht verlassen, Du selbst versprichst es mir, Und soll der Weg durch Trübsal gehn, So geht er doch zu dir.‹ Da kommt auf einmal mein Dietli gelaufen, und vor Weinen kann er fast nicht reden. Er hatte auch wieder einen kleinen Dietli gehabt, der mußte nun etwa fünf Jahre alt sein. Endlich sagte er: ›Mutter, der Dietli ist uns gestorben, gestern abend am Scharlach, es ist uns alle Freude genommen.‹ Und wie ich nun ein wenig mit ihm geredet und ihm Trost zugesprochen hatte, sagt er wieder: ›Ich muß dir noch etwas sagen, Mutter. Ich habe gestern nacht zur Lise gesagt: Es ist gewiß auch nicht recht, daß wir die Mutter so verlassen. Ich war ihr auch so lieb, wie uns der Dietli war, und jetzt hat sie nichts mehr von mir. Da wurde die Lise ganz kleinlaut und sagte, wir haben vielleicht etwas an dir verschuldet, wir wollen es gutmachen. Da haben wir ausgemacht, wir wollen dir das Flachsfeld unten am Haus geben, wo der Dietli immer die blauen Blümlein sehen wollte. Jetzt will ich dir den Flachs, wenn er gehechelt und geröstet ist, immer bringen.‹ Das haben sie getan, und seither geht es mir gut. Und seit der Dietli den Weg zu mir wieder gefunden hat, kommt er auch öfter im Jahr. Siehst du, Feieli? So kann der liebe Gott auf einmal in einer Art helfen, wie wir's gar nicht voraussehen konnten.« Das Feieli war mit der größten Spannung den Worten der Mutter Silvia gefolgt. Jetzt sagte es mit einem Seufzer: »Auf die Art kann mir der liebe Gott den Flachs nicht schicken, aber vielleicht auf eine andere. Meinen Sie nicht, Mutter Silvia?« »Ja, ja, Feieli, das meine ich auch«, bestätigte diese. »Der liebe Gott hilft jedem auf eine besondere Weise, es ist auch nicht gesagt, daß er dir nun gerade Flachs schickt wie mir. Er weiß wohl einen anderen Weg für dich und den Jos. Du mußt nur nicht vergessen, dem lieben Gott alles recht zu sagen und ihn herzlich zu bitten, daß er uns helfe, wo wir keinen Weg mehr vor uns sehen.« Das Feieli war froh zu wissen, daß es doch etwas tun konnte. Es hatte nie so recht gewußt, daß man so dem lieben Gott im Himmel alles sagen kann, auch solche Sachen, wie die traurige Lage vom Jos, die ihm so sehr am Herzen lag. Es ging nun zufrieden wieder nach Hause. Denn wenn es auch mit dem Spinnen nichts geworden war, so konnte es doch hoffen. Wenn es den lieben Gott recht darum bitten wurde, so zeigte er ihm einen anderen Weg, wie es für den Jos etwas tun könnte, damit er sein Ziel erreichte. 4. Kapitel Ein gutes Wort und eine Stärkung zur rechten Zeit Die Herbsttage wurden immer rauher. Noch öfter mußten Jos und Feieli zu dem Wald hinaufsteigen und dürre Zweige sammeln. Aber die Arbeit wurde dem Feieli immer schwerer, und der Jos sagte jetzt gewöhnlich, sobald sie ans dichte Holz kamen: »Bleib du nur da im Sonnenschein und setze dich dort an den Baum, ich will schon genug Holz zusammenbringen.« Und das Feieli schaute ihn mit seinen sprechenden Augen dann so dankend an, daß er für alle Mühe belohnt war. Er hätte gern noch mehr für sie getan, denn er konnte sehen, wie schwach es war, wenn es auch nicht klagte. Dann kam der Winter. Da war nun keine Rede davon, daß das Feieli auch nur ein einziges Mal den langen Weg zur Schule hinauf machen konnte. Es hatte nun vom Morgen bis zum Abend die Buben zu beaufsichtigen, damit sie nicht aus der Stube huschten und hinunter zum Wasser liefen. Es hatte aber nicht mehr die Kraft, mit ihnen fertig zu werden, und konnte sie nur zurückhalten, indem es die Tür zuriegelte und den Schlüssel hoch oben an einen Nagel hing. Da es sich aber den ganzen Tag immer mit den Buben beschäftigen mußte, war es am Abend so müde, daß es sich kaum mehr auf den Beinen halten konnte. Aber dann kam immer noch die Zeit, auf die es sich den ganzen Tag gefreut hatte, und die es seine Müdigkeit vergessen ließ. Dann kam der Jos nach Hause, und seine Anwesenheit wirkte so beruhigende auf die Kleinen, daß sie sich gleich still hinter den Tisch setzten, die kleinen Finger ineinander hakten und probierten, wer der Stärkere sei. Die Mutter kochte draußen das Abendessen, und so im Halbdunkel setzten sich dann Jos und Feieli in einen Winkel und fingen an, ihre Zukunftspläne zu besprechen. Und über beide kam dabei eine solche Freude, daß sie alles um sich her vergaßen. Manchmal kam der Jos ein wenig traurig nach Hause und meinte, es werde doch aus allem nichts. Es gebe auf der ganzen Welt keinen Weg, auf dem er zu seinem Ziel kommen könne. Aber dann wurde das Feieli doppelt eifrig und sagte so zuversichtlich, der liebe Gott wisse bestimmt einen, sie müßten nur noch ein wenig warten, der Mutter Silvia sei es genauso gegangen. Dann wurde der Jos wieder freudig und zuversichtlich. Wenn dann das Feieli seinen bösen Husten hatte und ganz elend davon wurde, dann wußte der Jos so prachtvoll zu schildern, wie es einmal sein werde, wenn das Feieli mit ihm im warmen Sonnenschein auf dem großen stillen Wasser umherfahre. Dort wurde es sicher ganz gesund werden und nie mehr husten müssen. Seine Worte überzeugten das Feieli so sehr, daß es glaubte, schon jetzt keinen Husten mehr zu haben. Der Winter war lang, aber endlich nahmen die kalten Tage doch ein Ende. Der warme Föhn brauste wieder hinter den Bergen hervor und wehte die großen Schneemassen in alle tiefen Schluchten und Wasser hinein. Der Wetterbach schwoll hoch an und rauschte noch wilder daher, und an den hohen Steinblöcken im Felsensprung spritzten die Wellen so hoch empor, daß alle Fensterscheiben am Flößerhäuschen davon benetzt wurden. Auf der schmalen Bank am Häuschen saß jetzt das Feieli im Frühlingssonnenschein und schaute nachdenklich zu, wie die hohen Wasserwogen dahinrollten. Nebenan unter dem Fichtenbäumchen zappelten und schrien die kleinen Buben vor Freude über die Wasserspritzer, die sie trafen, und dann vor Zorn, daß sie ihnen nicht entgegenlaufen und sich immer mehr bespritzen lassen konnten. Aber die Mutter hatte jetzt eingesehen, daß das Feieli viel zu schwach war, die Buben zu beaufsichtigen. Sie hatte daher beschlossen, daß sie von früh morgens bis abends am Fichtenbäumchen festgebunden blieben. Inzwischen sollte das Feieli in der Sonne auf der Bank sitzen, damit es wieder zu Kräften komme. Auch dem Feieli war der erfrischende Schaum des Bergwassers höchst willkommen, wenn er ihm Gesicht und Hände benetzte. Es trank die kalten Tropfen alle begierig auf, denn es litt jetzt immer an einem brennenden Durst. Viel Wasser nacheinander konnte es nicht trinken, es wurde zu elend davon, und etwas anderes hatte es nicht. Die Milch mochte es auch nicht, die löschte ihm den Durst nicht. Es meinte, wenn nur die sauren Äpfel reif wären, die würden seinen Durst am besten löschen. Jos war auch schon zu allen Bauern am Schneerücken gelaufen und hatte nach sauren Äpfeln gefragt, aber es waren keine mehr zu bekommen. Dann tröstete der Jos das Feieli mit der Hoffnung, die Erdbeeren würden gewiß bald reif, wenn die Sonne so warm scheine. Er sah auch jeden Tag nach ihnen, ob sie blühten und wollte die allerersten bringen, noch ganz unreif, wenn sie so recht sauer seien. Aber auch dieser feine, kalte Wassersprudel erfrischte das Kind für einen Augenblick in seinem heißen Durst. So saß das Feieli an einem sonnigen Morgen wieder auf seiner Bank und schaute nachdenklich auf die brausenden Wellen hinab, die in wilden Sprüngen einander jagten und in die Tiefe stürzten. Es hörte nicht, daß die Mutter Silvia von oben herunterkam und sich zu ihm auf die Bank niedersetzte. »Feieli«, sagte sie, ihm freundlich auf die Schultern klopfend, »an was denkst du, wenn du so aufmerksam auf das rollende Wasser hinunterschaust?« Das Kind fuhr bei der unerwarteten Bewegung leise zusammen, aber es schaute erfreut der Mutter Silvia in die Augen, denn es war immer froh, sie zu sehen. Es fühlte sich in ihrer Nähe geborgen. »Ich habe an etwas gedacht, das Sie mir gesagt haben«, erwiderte das Feieli. »Wissen Sie noch, Mutter Silvia, wie Sie von dem dunklen Bach gesprochen haben, wo man drüber muß und auf der anderen Seite kann man schon das sonnenhelle Wasser sehen?« Die Mutter Silvia nickte bejahend. »Und was hast du dir dann dabei gedacht?« »Ich habe gedacht, wenn die Wellen so sind wie hier im Wetterbach und es dann noch dunkel ist, dann ist es zum Fürchten. Muß man sich sehr fürchten, Mutter Silvia, wenn man hinüber muß?« fragte das Kind und richtete erwartungsvoll seine großen, ernsthaften Augen auf die Alte. »Feieli«, sagte diese langsam, »ich will dir etwas sagen. Du weißt, daß unser Herr Jesus auf die Erde gekommen ist, um uns aus allem Elend zu helfen und daß er für uns alle gestorben ist. So weiß er am besten, wie schwer es ist, durch den dunklen Bach zu kommen, und er will uns helfen. Weißt du, weiter unten, wo der Wetterbach noch breiter wird, dort liegt ein Schifflein auf der anderen Seite, das ist an einem starken Seil festgemacht. Und wenn es nun herüberkommt, so wird es wohl von den wilden Wellen auf- und niedergeworfen, aber siehst du, es kann ihm nichts Böses begegnen. Es kann nicht versinken, das starke Seil hält es über der Tiefe wie eine feste Hand. Wenn wir nun hinüberfahren müssen, dann können wir dem Fährmann drüben zurufen: Komm, bring uns doch in deinem sicheren Schiffchen hinüber! Siehst du, Feieli, so geht es, wenn wir über den dunklen Bach in die stille Ewigkeit hinüberfahren sollen. Dann dürfen wir unseren Herrn Jesus so anrufen und bitten: ›O komm doch und halte du mein Schifflein fest und führe mich hinüber!‹ Dann sind wir sicher und haben nichts zu fürchten.« Das Feieli war mit angehaltenem Atem den Worten der Mutter gefolgt. Jetzt atmete es tief auf und sagte: »Oh, das ist gut!« Da hörte man Stimmen und Schritte oben vom Felsenweg herunterkommen. Die Mutter Silvia stand auf. Sie sagte: »Es kommen Leute daher, da können wir doch nicht mehr miteinander reden, ein andermal will ich wiederkommen und sehen, wie es dir geht.« Dann drückte sie dem Feieli die Hand und ging. Es geschah dann und wann an schönen Frühlings- und Sommertagen, daß von der anderen Seite vom Schneerücken aus dem großen Tal Leute herüberkamen, um den wilden Wetterbach beim Felsensprung anzusehen und weiter unten noch das Höllenloch zu besuchen. Das war eine Höhle, die tief in einen Felsen hineinführte. Sie war so dunkel, daß man mit einem brennenden Wachskerzchen in der Hand darin herumgehen mußte, wenn man sich nicht überall an den Felsenspitzen stoßen und verletzten wollte. Eine solche Gesellschaft mußte es sein, die jetzt von oben herunterkam. Es waren mehrere Knaben und Mädchen und hinter ihnen eine Frau, die unterhielt sich mit dem Jos, den sie wohl auf dem Weg getroffen hatte. Die Knaben rannten sogleich alle auf das Wasser zu und kletterten auf die hohen Steine darin. Die Mädchen liefen zu dem Fichtenbäumchen und schauten sich mit Staunen und Lachen die zwei kleinen, festgebundenen Buben an, die jetzt ganz stumm mit weit aufgerissenen Augen dastanden und die ungewohnte Erscheinung anstarrten. Die Frau hatte den Jos ins Haus hineingeschickt und trat jetzt zum Feieli. Sie setzte sich zu ihm, schaute teilnehmend das blasse Gesichtchen an und fragte, ob ihm etwas fehle, ob es Schmerzen habe? Das Feieli antwortete, es tue ihm nichts weh, es sei nur so schwach, und nun säße es in der Sonne, daß ihm die Kraft wiederkomme. Jetzt kam Jos heraus und berichtete, die Mutter erlaube, daß er der Gesellschaft den Weg zum Höllenloch zeige. Sie könnten aber nicht dem Wasser nachgehen, weil der Wetterbach jetzt zu wild sei, man müsse erst hoch in den Wald hinaufsteigen, und das sei sehr viel weiter. Sofort rief die Frau nun ihre Kinder zusammen. Jos mußte einen großen Korb auf den Rücken nehmen, denn man hatte das Mittag- und Abendessen darin eingepackt. Dann machte sich die Gesellschaft wieder fröhlich auf den Weg. Die Frau schaute sich aber noch einmal voller Teilnahme nach dem blassen Kinde um. Es mußte ihr sehr leid tun, denn als sie eben in den Wald traten, schaute sie noch einmal zurück und blieb eine kleine Weile stehen. Dann rief sie den Jos an ihre Seite und fing an mit ihm von seiner Schwester zu reden. Sie fragte, ob das Kind schon lange krank sei, was ihm fehle und ob es nie über Schmerzen klage. Da erzählte Jos ausführlich alles, was er wußte. Das Feieli sei nach und nach so geworden, zuerst hätte es beim Holzlesen im Herbst furchtbar gehustet, dann habe sie über einen brennenden Durst geklagt. Auch erzählte er, wie er bei allen Bauern am Schneerücken saure Äpfel gesucht und keine gefunden habe. Jetzt könne er kaum erwarten, daß die Erdbeeren groß werden. Dann würde er dem Feieli welche heimbringen. Die werden ihm dann schon den Durst ein wenig löschen, besonders die unreifen. Während des Gesprächs war die Gesellschaft unversehens beim Höllenloch angekommen, der Jos wollte nun gleich umkehren und davonrennen, aber die Frau hielt ihn zurück. »Wart Junge, wart«, sagte sie freundlich, »du hast etwas für dich verdient, hier.« Und er bekam ein schönes Silberstück in die Hand gedrückt. »Und dann sollst du dem kranken Schwesterchen noch etwas mitbringen. Ihr Kinder könnte euer Butterbrot ohne die Johannisbeeren essen, das meint ihr doch auch?« Die Kinder stimmten alle zu, daß das Feieli die Johannisbeeren bekomme, und die Mutter holte einen steinernen Topf aus dem Korb und gab ihn dem erstaunten Jos. »Ist es für den Durst?« fragte er. Als sie es bejahte, wurde er vor Freude ganz rot. Jetzt rief er nur noch eilig: »Danke Gott tausendmal!« Dann lief er mit seinem Topf im Arm davon und hörte nicht zu rennen auf, bis er wieder im Felsensprung angekommen war. Noch saß das Feieli auf der Bank, die Buben waren nicht mehr da. Es war Mittagszeit. Gewiß hatte es wieder keinen Hunger, die anderen mußten drinnen beim Essen sitzen. »Für den Durst, Feieli, für den Durst!« rief ihm von weitem schon der Jos zu und hob seinen Topf hoch in die Luft. Ganz verwundert schaute es ihm entgegen. Jetzt war er da. Aber er stürzte noch ins Haus, er mußte doch einen Löffel haben. Endlich konnte er den Topf aufmachen und hervorholen, was dem Feieli guttun sollte. Auf dem Löffel lag eine dunkelrote Masse, die ganz durchsichtig in der Sonne funkelte. Das Feieli hatte so etwas noch nie gesehen, wie weiches, rotes Eis war es anzuschauen. Mit Verlangen führte es jetzt den Löffel an den Mund und nippte daran. Dann steckte sie einen Löffel voll in den Mund. »Ist's gut, Feieli?« fragte hocherfreut der Jos, der wohl gesehen hatte, mit welchem Verlangen die trockenen Lippen an dem roten Saft sich erfrischten. »Oh, es ist das Beste, was ich bekommen habe, solange ich lebe. Das macht so kühl und wohl! Es hat mir fast ganz den Durst gelöscht.« Das Feieli hatte ganz rosige Wangen in diesem Augenblick, denn die kleinste Anstrengung brachte ein flüchtiges Rot auf sein Gesicht. »Das macht dich gewiß ganz gesund, Feieli!« frohlockte der Jos. »Nimm noch ein wenig, komm.« Und er tauchte nochmals den Löffel in den Topf und brachte ihn ganz voll heraus. »Meinst du?« fragte das Kind zaghaft, »man darf vielleicht nicht soviel davon essen.« »Der ganze große Topf gehört ja dir, Feieli«, sagte Jos triumphierend, »komm, nimm den noch, und dann noch einen!« Jetzt ergriff das Feieli den Löffel wieder und schaute erst die schimmernd rote, durchsichtige Masse mit Freude an. Daß es sich noch einmal daran erfrischen durfte und nachher immer noch mehr haben sollte, bis der ganze große Topf leer war, das konnte es gar nicht fassen. Eben wollte es wieder nippen, da hielt es den Löffel noch zurück. »Nein, versuch du es jetzt einmal, Jos, du mußt auch davon essen. Probier, wie gut es ist!« Aber um keinen Preis der Welt hätte der Jos etwas davon genommen. »Nichts! nichts!« sagte er abwehrend, »das reicht gerade so lange, bis die Erdbeeren kommen, und dann kommen die Pflaumen und nachher die sauren Äpfel. So sollst du jetzt gar keinen Durst mehr leiden, Feieli, das ganze Jahr über.« Mit dem höchsten Genuß schaute er jetzt zu, wie das Feieli auch den zweiten Löffel begierig schlürfte und sich dann ganz befriedigt an die Mauer lehnte. Nun deckte er sorgsam das Papier wieder auf den Topf und band ihn zu. »Du mußt jetzt hineingehen zum Essen, du bekommst wegen mir gewiß alles kalt«, sagte das Feieli fürsorglich. »Aber versprich mir noch etwas, Jos: Nicht wahr, heute abend willst du aufpassen, daß du die Leute zurückkommen siehst, und dann zu der Frau gehen und ihr sagen, ich laß ihr vielmals danken. Sie habe mir das Allerbeste gegeben, das es nur gibt.« Der Jos versprach's und ging nun in die Stube, um seine kalten Kartoffeln zu essen. Aber sie schmeckten ihm so gut wie noch nie, denn er sah immer das Feieli vor sich, wie verlangend es den kühlenden Saft geschlürft hatte. Dazu lobte ihn die Mutter und sagte ihm so freundliche Worte wie selten. Er hatte ihr sein großes Silberstück übergeben, und sie sagte, er sei gewiß recht ordentlich und anständig zu der Frau gewesen, sonst hätte er nicht so viel bekommen. Jos konnte am Abend die Gesellschaft nicht entdecken. Sie mußten ihren Weg oben durch den Wald genommen haben und nicht mehr zum Felsensprung hinabgestiegen sein. Das tat dem Feieli so leid, daß es nicht darüber hinwegkommen konnte. Jeden Tag, wenn es sich an dem kühlenden Fruchtsaft erfrischte, mußte der Jos aufs neue versprechen, daß er der Frau in seinem Namen tausendmal danken wollte, wenn er sie vielleicht einmal auf dem Schneerücken oder im Tal antreffe. Jos versprach dem Feieli fest, den Dank auszurichten, aber er traf die Frau nie. So konnte er Feielis Auftrag nicht ausführen, so gern er es auch getan hätte. 5. Kapitel Feielis Freude Die letzten Tage des April waren gekommen, und das Wetter war sehr wechselhaft. Schien einmal die Sonne recht hell und warm, so zogen am folgenden Tag um so dunklere und dichtere Wolken daher und gossen ganze Ströme in den schon so hoch angeschwollenen Wetterbach hinunter. Aber heute war es, als ob kein Schatten und kein Wölklein mehr am Himmel und auf der Erde zu finden wären. Draußen auf der Bank im strahlenden Sonnenschein saß das Feieli und schaute mit hellglänzenden Augen bald zu dem blauen Himmel auf, bald zu dem sonnenbeschienenen, sprudelnden Wasser nieder. Eine ganz strahlende Freude leuchtete aus seinem Gesicht, so daß der Jos in froher Verwunderung ausrief : »Was hast du, Feieli? Bist du auf einmal wieder ganz gesund?« »Oh, jetzt habe ich etwas gefunden, Jos, das ich tun kann. Oh, wenn ich dir's nur sagen könnte. Aber ich will dir lieber noch nichts sagen, es wurde dich vielleicht jetzt noch nicht so sehr freuen, aber dann nachher, dann freut es dich um so mehr!« Jos machte fragend die Augen weit auf: »Ist es etwas wegen unserer Sache? Weißt du jetzt einen Weg?« Das Feieli nickte bejahend und schaute so glücklich drein, und seine Augen glänzten so wunderbar, daß der Jos es immer ansehen mußte. »Kann ich's dann bald wissen?« fragte er jetzt voll fröhlicher Erwartung, denn der Ausdruck in Feielis Augen war so glückverheißend, daß er ganz sicher wurde, nun hatte es einen Ausweg gefunden. »Ja, vielleicht bald«, erwiderte das Feieli, »wenn ich jetzt nur die Mutter Silvia noch etwas fragen könnte. Aber ich kann nicht bis dort hinaufgehen, von der Haustür bis hier zur Bank war es mir fast zu weit.« »Bleib du nur ganz still sitzen, ich werde sie holen«, beruhigte sie der Jos und rannte gleich zum Hüttchen der Alten hinauf. Es dauerte auch gar nicht lange, so kam diese schon herangetrippelt. Und sobald sie bei der Bank ankam, fragte sie: »Was hast du denn so Freudiges heute, Feieli? Du siehst so fröhlich aus.« »Jetzt weiß ich, wie ich dem Jos helfen kann«, gab es mit leuchtenden Augen zur Antwort, »aber ich möchte Sie noch gern etwas fragen« Die Alte hatte sich zu dem Kind gesetzt und erwartete seine Frage. »Mutter Silvia«, fing es wieder an, »wenn man dann in die stille Ewigkeit eingefahren ist, kann man dann auch noch zurücksehen und wissen, was die daheim machen, die nicht mitgefahren sind ?« Die Alte antwortete nicht gleich. Erst nach einer Weile fragte sie: »Wie kommst du auf diese Frage, Feieli? Hat die denn etwas damit zu tun, daß du dem Jos helfen kannst?« »Ja, das hat sie«, nickte das Feieli, »und jetzt will ich Ihnen alles sagen. Jeden Tag habe ich weniger Kraft, ich kann schon fast nicht mehr von der Haustür bis hier auf die Bank kommen, und ich weiß schon, wie es kommen wird. Zuletzt habe ich gar keine Kraft mehr, dann sterbe ich. Und wenn ich dann drüben bin, so komme ich ja zum lieben Gott. Und dann kann ich ihm alles erzählen, wie es ist mit dem Jos, und kann ihn so lange bitten, bis er ihm helfen will. Er wird ihm doch helfen?« Die Mutter Silvia nickte, sie meinte auch, es müsse so kommen. »Aber ich sähe dann so gern die große Freude vom Jos«, fuhr das Feieli fort, »darum habe ich Sie das gefragt. Meinen Sie, daß ich das sehen kann?« Die Mutter Silvia nahm die Hand des Kindes und sagte mit Rührung: »Feieli, das ist mir eine große Freude, daß du so froh bist, hinüberzugehen und zum lieben Gott zu kommen, der dich ruft. Und wenn du auch nicht zurücksehen könntest, so ist doch eines sicher, daß ich dir bald nachkommen werde. Und dann will ich dir berichten von der Freude, die der Jos erlebt.« Das war ein ganz neuer Gedanke für das Feieli. Sie war glücklich über die freudige Aussicht, daß die Mutter Silvia auch bald nachkommen und ihm von allem erzählen und mit ihm zusammen in der stillen Ewigkeit wohnen werde. »So behüte dich Gott, Feieli, und auf Wiedersehen!« sagte jetzt die Alte, indem sie aufstand und die Hand des Kindes noch einmal drückte. Dann wandte sie sich und ging. Aber noch einmal schaute sie zurück, und Feieli winkte ihr noch einmal zu. Während der kommenden Nacht brach ein Unwetter los, wie seit langer Zeit keines vorgekommen war. Oben im Wald krachten hohe, feste Tannen in dem rasenden Sturm zusammen. Und das Flößerhäuschen bekam solche Stöße, daß man glaubte, es müsse in den Wetterbach hinuntergeschleudert werden. Unten schwoll das Wasser immer höher und höher, und zwischen den Felsen durch dröhnte und donnerte der Bach, als wollte er sie zersprengen. Als der Morgen kam, sah man, daß das wilde Wasser schon bis zum Fichtenbäumchen hinaufkam. Und spritzte der Wind wieder die Wellen auf, so übergoß es alle Fensterscheiben am Häuschen. Dazu ballten sich die schwarzen Wolken von Zeit zu Zeit so zusammen, daß es ganz dunkel wurde. Dann auf einmal stürzte ein solcher Strom von Regen und Hagel nieder, daß der Wetterbach immer weiter anschwoll und vor Wut heulte. So ging es den ganzen Tag über. Schon am Morgen war der Flößer mit dem Jos fortgegangen, es gab nun Arbeit auf allen Seiten, und sie war gefährlich, das wußte die Frau Marthe wohl. Sie hatte einen bösen Tag, sie wußte nicht mehr, was sie tun oder lassen sollte. Alle Augenblicke dachte sie: Der Sturm reißt das Haus nieder. Dann jammerte sie wieder: »Was wird nur aus dem Vater und dem Jos werden!« und lief an die Haustür, um zu horchen, ob sie noch nicht zurückkommen. Aber sie hörte nur den tobenden Wetterbach. Dann ging sie wieder in das Zimmer, wo die kleinen Buben schrien, denn sie wollten nicht allein sein. Dann eilte sie hinauf in Feielis Kämmerlein, wo das Kind zu Bett lag, denn heute morgen war es liegengeblieben, als es aufstehen wollte, es war zu schwach gewesen. Da hatte die Mutter angeordnet, es solle heute liegenbleiben und sich ausruhen. Wenn dann die Sonne wieder komme, könne es wieder hinaus. Das Feieli war gern liegengeblieben, es war so kraftlos. Schon mehrmals war die Mutter heraufgekommen und hatte laut geklagt, dann war sie fortgelaufen. Jetzt kam sie wieder. Das Feieli lag ganz still auf seinem Kissen. Wenn der Sturm einen Wasserguß an das kleine Fenster hinaufspritzte und laut heulte dazu, machte es die Augen auf und schaute hin. Dann schloß es sie wieder und lag völlig ruhig da. »Ach Feieli, was ist das für ein Wetter!« jammerte die Mutter, »ich weiß auch nicht, wie ich überall sein kann. Die Buben wollen nicht allein sein, und draußen muß ich immer wieder nachsehen, ob ich noch nichts vom Vater und vom Jos entdecken kann. Und dich kann ich auch nicht allein lassen, du mußt dich ja auch fürchten.« »Nein, Mutter«, sagte das Feieli leise, »laß mich nur allein, ich fürchte mich nicht, ich kann so etwas Schönes denken, wenn es still ist. Ich träume von dem sonnenhellen Wasser dort drüben, und ich weiß schon, wer das Schifflein sicher lenkt, wenn der Bach so tost und es so dunkel wird.« Die letzten Worte sagte das Feieli immer leiser. Es schloß die Augen und atmete in langen Zügen. »Es will ein wenig schlafen«, sagte die Mutter und ging leise zur Tür hinaus. Gegen Abend ließ der Sturm nach. Der Flößer kam endlich mit Jos heim. Sie hatten schwere Arbeit gehabt, aber es war alles ohne Unfall getan worden. Marthe war sehr erleichtert und erzählte, welche Angst sie ausgestanden hatte. Dann setzte sie ihnen das Abendessen vor. »Was macht das Feieli?« fragte Jos, und die Mutter berichtete, wie ruhig es bei dem Sturm gewesen und wie es eingeschlafen sei. Sie ging jetzt, um einmal wieder nach ihm zu sehen. Es lag noch ganz so da, wie sie es verlassen hatte. Ein Zug des Friedens und tiefer Ruhe lag auf dem stillen Gesichtchen. Die Mutter beugte sich ein wenig herab, denn das Kind war so blaß. Es atmete nicht mehr, das Feieli war gestorben. Einen Augenblick lang stand die Mutter starr da. Sie hatte keine Ahnung gehabt, daß ihr das Kind so schnell genommen werden könnte. Sie hatte keine Zeit gehabt, sich um das Kind zu kümmern. Was hatte sie ihrem Kind in diesem Leben Gutes geboten? Gar nichts. Doch hatte sie das Feieli so liebgehabt, und nun war alles aus, sie konnte nichts mehr für das Kind tun. Es war fort, fort für immer. Jetzt brach die Mutter zusammen. Am Bett des Kindes kniete sie nieder und schrie: »O Gott im Himmel, nimm doch das Kind zu dir und ersetz ihm, was ihm gefehlt hat. O straf mich, wenn ich vor deinen Augen nicht bestehen kann, aber nimm das Kind in deinen Himmel! O nimm es zu dir und laß es ihm gutgehen!« Der Jos war in die Kammer eingetreten und hörte die Mutter schluchzen und beten. Er sah auf das Feieli. Es sah so friedlich aus, aber so ernsthaft, er nahm es bei der Hand. Sie war ganz kalt. Auf einmal schrie er auf: »Ist es tot? Ist das Feieli tot?« Die Mutter stöhnte und drückte ihren Kopf an das Bett des Kindes. »Wo ist es jetzt? Wo ist das Feieli?« schrie Jos wieder auf. »Mutter, kann man es nicht mehr zurückrufen? Hat es ganz allein gehen müssen? Oh, es hat sich ja gefürchtet! Wo ist es, Mutter? Wo ist es?« Jetzt war auch die Mutter Silvia in das Kämmerlein eingetreten, sie wollte sehen, wie es dem Feieli gehe. Als sie den Jos so aufschreien hörte, verstand sie gleich alles. Sie trat an das Bett heran und warf einen Blick auf das friedvolle Gesichtchen. Dann legte sie dem Jos die Hand auf die Schulter und sagte: »Sieh es an, sieh, wie still und friedlich es aussieht! Weißt du, wo es jetzt ist? Beim lieben Gott ist es und bittet für dich. Das war seine letzte Freude, daß es gehen und für dich bitten konnte.« »Ich will auch zum lieben Gott«, rief Jos, während die heißen Tränen seine Wangen herunterliefen. Er warf sich neben der Mutter auf die Knie und rief schluchzend: »O lieber Gott, das Feieli hat gar nichts Gutes auf der Erde gehabt, und jetzt hat es schon sterben müssen. O mach, daß es ihm gutgeht und daß es nicht allein sein und sich nicht fürchten muß! O laß es ihm wohl sein!« Die Mutter Marthe fing auch wieder zu schluchzen an. Aber die Mutter Silvia sagte jetzt leise: »Sie haben beten gelernt, den Segen hat ihnen das Kind erworben«, dann verließ sie still die Kammer. Unten trat sie noch in die Stube ein. Der Flößer saß müde am Tisch bei den zwei kleinen Buben. »Nachbar«, sagte sie, »Ihr Feieli liegt oben wie ein Englein. Geht und seht es an, dem geht es gut, es ist im Himmel.« »Hat es schon alles überstanden? Es ist ihm zu gönnen. Wie konnte es so leise fortgehen?« fragte der müde Mann, so als wollte er sagen: »So täte ich es auch gern.« »Es gibt einen Helfer, der kann uns leise hinüberführen. Das Feieli hat ihn angerufen, wir wollen es auch tun, Nachbar.« Die Mutter Silvia gab ihm die Hand und wollte gehen. Der Flößer hielt sie noch fest. »Seht, Mutter, wenn ich manchmal so von einem hohen Stein auf den anderen springen muß und unter mir das hohe Wasser brüllen höre und weiß, tust du einen Fehltritt, so bist du verloren, da muß ich oft zu unserem Herrgott hinaufrufen: Hilf du mir doch hinüber! Und dann muß ich manchmal denken: Das wird wohl dein letzter Stoßseufzer sein.« »Das wird es und meiner auch, aber wir wollen ihn auch manchmal vorher tun, Nachbar, damit uns der liebe Gott nicht überhört, wenn wir nur so ein einziges Mal rufen.« Jetzt drückte die Alte ihrem Nachbar die Hand und ging weg. Am Morgen darauf hatte der Jos einen schweren Gang zu tun. Er hatte den Auftrag, zum Schreiner zu gehen, der auf der anderen Seite vom Schneerücken unten im Tal wohnte. Bei dem sollte Jos das hölzerne Bettlein bestellen, in dem das Feieli in die Erde gelegt werden sollte. Ein leuchtender Sonnenschein lag über Berg und Tal an diesem ersten Maientag, und vom gestrigen Regen her funkelte und schimmerte es ringsum auf den hellgrünen Blättern der jungen Buchen. Jos lief dahin und hob nicht ein einziges Mal den Kopf in die Höhe, er sah nichts von dem Leuchten ringsum. Er konnte keinen Augenblick vergessen, warum er auf der Straße war und was er auszurichten hatte. Von Zeit zu Zeit wischte er schnell eine Träne aus den Augen. Es war der Weg, auf dem er an manchem schönen Sommertag mit Feieli zur Schule hinauf gewandert war. Über den Schneerücken hin blies ein frischer Wind, und als nun Jos oben war, fing er noch schneller zu laufen an, denn nun ging es abwärts auf der anderen Seite. So rannte er immer weiter, bis ihm auf einmal ein angenehmer Duft in die Nase stieg, so daß er einen Augenblick lang stehenblieb. Er schaute um sich. Hier unten war der Mai in seiner ganzen Fülle eingezogen. Rote und weiße Blüten schimmerten auf allen Bäumen. Auf der Hecke vor ihm lagen die Weißdornblüten wie dichter Schnee. Darüber wiegten eine ganze Reihe lilafarbiger Fliederbäume ihre vollen Blumentrauben, die so würzig dufteten. Goldschimmernde Akazienzweige hingen darüber hin, und über allem stiegen zwitschernd und jauchzend die Vögel in den blauen Himmel hinauf. Jos stand eine kurze Weile still und starrte in den Glanz und die ganze Maienherrlichkeit hinein. Sie brannte wie Feuer in sein Herz, er konnte das Schimmern und Leuchten nicht mehr ansehen. Wo er stand, warf er sich auf die Erde und schluchzte laut auf: »Und das Feieli muß in den dunklen Boden hinein!« und in herzzerbrechendem Jammer blieb er liegen und weinte und stöhnte in die Erde hinein. Jetzt trat eine Frau aus der Laube im Garten heraus und beugte sich über die Hecke. »Was hast du, Junge, was fehlt dir?« fragte sie mit freundlicher Stimme und ging die Hecke entlang, um auf den Weg hinaus zu kommen. Jos stand auf und wollte davonlaufen. Eben jetzt trat die Frau auf den Weg hinaus und stand vor ihm. Er starrte sie an, er hatte sie erkannt. Jetzt stürzten ihm die Tränen aufs neue aus den Augen. Es kam ihm alles wieder in den Sinn. Mit halb erstickter Stimme sagte er: »Das Feieli möchte sich bei Ihnen tausendmal bedanken.« Die Frau schaute mit tiefer Teilnahme auf den Jos. Sein großes Leid ging ihr zu Herzen. Sie hatte ihn jetzt auch erkannt und konnte gleich erraten, woher sein brennender Schmerz kam. »Komm mit mir herein und erzähl mir alles«, sagte sie so herzlich, daß Jos ihr gern folgte. Sie hatte ja auch dem Feieli etwas Gutes getan. Drinnen in der großen Stube war kein Mensch. Die gute Frau setzte sich auf den alten Lehnstuhl, und Jos mußte sich vor sie hinsetzen. Als nun ihre guten Augen so teilnehmend auf ihm ruhten, wurde es ihm ums Herz leichter, und er erzählte ihr alles. Er sprach vom Feieli und seinem Leben und von den Plänen und Hoffnungen, die sie miteinander geteilt hatten, und von Feielis Krankheit und der großen Stärkung, die ihm der Johannisbeersaft gebracht hatte. Auch von Feielis täglichem Dank ihr gegenüber berichtete er noch, und wie es dann gestern abend auf einmal ganz still geworden sei. Er sagte, wohin er nun gehen müsse, und bei dieser Erinnerung überkam der Schmerz den Jos aufs neue, er konnte kein Wort mehr sagen. Die Frau hatte schweigend zugehört. Jetzt fing sie an, den Jos zu trösten. Sie sagte ihm, das Feieli sei ein überaus zartes Kind gewesen, das habe sie damals gleich gesehen. Und sie habe bei sich denken müssen: Was wird dem armen Kind im Leben bevorstehen! Es wird nur Mühe und Leiden und kummervolle Tage kennenlernen. Statt dessen habe der liebe Gott das Kind allem Leiden enthoben und zu sich genommen, wo nur Freude und ein Dasein voller Wonne sei. Das können wir uns nur vorstellen, wenn wir so von Glanz und Duft umgeben in den blauen Himmel hineinschauen wie heute morgen. Daran solle Jos nun denken, wie wohl es jetzt dem neu erwachten Feieli dort oben sei, viel wohler noch, als wenn es mit ihm auf seinem selbstgebauten Schiff gefahren wäre. Die Frau hatte so zuversichtlich und so liebevoll zu ihm gesprochen, daß Jos einigermaßen getröstet war. Er stand jetzt auf, um seinen Weg fortzusetzen. Draußen lief er aber nicht so dahin wie vorher. Er schaute alle Augenblicke zu dem leuchtenden Himmel auf, und einmal mußte er fast laut rufen: ›O Feieli, wenn du nur auch ein einziges Mal herunterschauen könntest, damit ich auch sicher wüßte, wo du bist!‹ Die Frau hatte dem Jos noch lange mit teilnehmenden Blicken nachgeschaut. Sein großes Leid, das kurze Leben des zarten Feieli und die still gehegten Hoffnungen der beiden Kinder hatten sie tief bewegt. Jetzt ging sie in die Stube zurück, setzte sich an ihren Schreibtisch und schrieb an alle ihre Freunde unten in der Stadt. In allen Briefen stand dasselbe. Es waren zehn Tage vergangen, seit das Feieli aus dem Flößerhäuschen fortgetragen worden war. Eben trat der Vater mit Jos aus der Tür, um wieder zur Arbeit zu gehen. Da erblickte Jos die Frau vom jenseitigen Tal, die er so gut kannte. Er lief ihr gleich entgegen. Sie sagte, sie komme um diese Zeit, damit sie auch den Vater treffe, sie habe mit ihm und der Mutter zu reden. Sobald die erstaunte Marthe sich drinnen in der Stube neben sie gesetzt und der Vater und Jos an den Ofen gelehnt vor ihr standen, sagte die Dame: »Wenn es Ihnen recht ist, Flößer, und auch Ihrer Frau, so will ich Ihren Jos zur Stadt in die Lehre bringen, in ein großes Geschäft, das ich kenne, wo er Mechaniker werden kann. Sie brauchen sich um kein Kost- und Lehrgeld zu kümmern. Gute Freunde von mir unten in der Stadt interessieren sich auch für den Jos und wollen helfen, daß er gut und gründlich diesen Beruf erlerne. Aus ihm soll werden, was ihm und Ihnen Freude machen wird.« Der Flößer und seine Frau waren so überrascht, daß sie kein Wort sagen konnten. Jos hatte immer größere Augen gemacht, während die Dame sprach. Es war, als wollte er damit ihre Worte verschlingen. Jetzt rief er auf einmal aus: »Das kommt vom Feieli!« und große Tränen schossen ihm in die Augen, denn die Mutter Silvia hatte ihm mehrmals erzählt, was Feielis letzte Freude gewesen war. Von den vielen Danksagungen der Eltern begleitet, verließ die gute Frau das Flößerhäuschen. Und die Freude, die nun wieder aus den Augen des Jos leuchtete, als sie ihm die Hand zum Abschied reichte, sagte ihr mehr, als alle Worte es hätten tun können. Im Flößerhäuschen bleibt jeden Abend Frau Marthe zuletzt noch eine Weile mit ihren kleinen Buben am Tisch sitzen und betet mit ihnen. Sie hat nicht mehr das Gefühl, daß ihr dazu die Zeit fehle, sondern daß das die segensreichste Zeit ihres Tages sei, in der sie Kraft und Freudigkeit für die harte Arbeit schöpfen kann. Der Flößer hat das Wort der alten Mutter Silvia nie vergessen, daß so ein einziger Ruf, den er einmal in der Not tun wollte, vom lieben Gott auch überhört werden könnte. Er sitzt gern dabei am Abend, wenn die Mutter mit den Buben betet, und wenn sie das Gebet beendet hat, sagt er meistens: »Marthe, wir wollen auch noch darum beten, daß uns der liebe Gott einmal gnädig hinübernehme, wie er das Kind genommen hat.« Der Jos ist seit drei Jahren unten in der Stadt, und sein Meister kann der Dame am Schneerücken nicht genug sagen, mit welch außerordentlichem Fleiß und Geschick der Junge bei seiner Arbeit sei. Er müsse auch ein ganz eigenes Verständnis für die Sache haben, denn schon mehrmals habe er ihn, den Meister, auf Dinge aufmerksam gemacht, die ihm für sein Geschäft von großer Wichtigkeit waren. Wenn am Samstagabend seine Kameraden ihn oftmals necken und sagen: »Komm doch morgen einmal mit uns, du brauchst nicht immer in die Kirche zu laufen und besser sein zu wollen als wir«, dann antwortet er kein Wort, denn darüber will er nicht reden. Aber am anderen Morgen geht er regelmäßig wieder in die Kirche und hört gespannt auf jedes Wort. Immer mit dem Verlangen im Herzen, daß der Herr Pfarrer nun wieder vom ewigen Leben zu reden anfange und ihm von neuem die Gewißheit gebe, daß es denen am wohlsten ist, die der liebe Gott zu sich genommen hat. Und die frohe Hoffnung, daß wir einmal wieder mit ihnen zusammenkommen, tröstete ihn. Denn sein liebes Feieli hatte den ersten Platz in seinem Herzen eingenommen. Was er auch tut und denkt, alles muß er im stillen immer noch mit dem Feieli besprechen. Und er merkt auch, daß es ihn immer fortzieht, wenn seine Kameraden ihn bei ihren lärmenden Feiertagsfreuden festhalten wollen. Die Mutter Silvia war fröhlich, als sie die Stunde herannahen fühlte, da sie das Versprechen halten konnte, das sie dem Feieli gegeben hatte. Lange schon hat sie ihm die Nachricht von der Freude des Bruders und seinen schönen Aussichten überbracht.