Jörg Wickram Der Goldfaden In neuhochdeutsche Sprachform gebracht von Clemens Brentano Wie täglich ein großer Leu zu der Herde des Hirten Erich kam und ihm dieselbe in allem Frieden hüten half. Vor vielen und langen Jahren lebte in dem Königreich Portugal ein armer Mann mit Namen Erich, welchen Gott in seiner Armut mit vielen Kindern, Söhnen und Töchtern, gesegnet hatte. Diese Kinder aber hatte Gott mit so wunderbarer Schönheit auf die Welt kommen lassen, daß Erich alle seine Armut und schwere Arbeit über ihnen vergaß; denn sobald er abends vom Felde nach Hause kam, legte er seinen Pickel und seine Hacke von sich, nahm seine fröhlichen schönen Kinder zu sich und scherzte so vergnügt mit ihnen, als hätte er den ganzen Tag keine Müdigkeit empfunden. Doch blieben die Kinder nicht lange bei ihm; denn ihre gute Art war so allgemein bekannt, daß die reichen Kaufleute sie eins ums andere, wie sie heranwuchsen, von dem Vater begehrten, sie auch gar fleißig und wohl erziehen ließen; und wenn sie dann zu mannbaren Jahren gelangten, wurden sie durch ihre Wohltäter alle sehr ehrbar ausgestattet und versorgt. Dem guten Erich selbst aber wollte niemand zu Hilfe kommen, und das währte so lange, bis seine Hausfrau Felizitas ihres letzten Sohnes genas, mit welchem Kinde den guten Leutlein viel Heil und Glück auf Erden gekommen ist. Erich, der gute, fromme und getreue Arbeiter, hatte jetzt von der Gemeinde, in der er wohnte, das Vieh zu hüten übernommen. In diesem seinem Hirtenamte begab sich ein seltsames Wunder, welches eine ihm damals unbekannte Vorbedeutung seiner Zukunft gewesen. Als er einst bei seiner Herde auf dem Felde war und ihm seine Hausfrau Felizitas das Morgenbrot hinausbrachte, setzten sie sich unter einem schattigen Baum zusammen, die Sonnenhitze zu fliehen, und aßen, was ihnen Gott beschert hatte, mit Freuden. Plötzlich fangen seine beiden Hunde sehr ungewöhnlich und ängstlich zu bellen an, und das Vieh läuft mit großem Bangen und Schnauben zusammen. Erich, der gute Hirt, ergreift seinen Hirtenstab und läuft schnell zu seiner Herde. Da er aber mitten in seine Herde kommt, erblickt er einen grausamen, mächtigen Leuen unter seinem Vieh, dessen Anblick ihm nicht wenig Schrecken brachte. Der Leu aber sah ihn ganz gütlich an und empfing ihn mit demütiger Gebärde und schlug mit seinem Schweif die Erde wie ein Hund, der sich seinem Herrn demütig und dienstbar bezeigt. Erich kam darüber in große Verwunderung und wußte nicht, was er beginnen sollte. Da verließ ihn der Leu ganz friedsam, ohne die Herde zu verletzen. Erich, der gute Hirt, kehrte wieder zu seiner Hausfrau zurück, die seiner noch unter dem Baum mit der Speise wartete. Als sie ihn aber so ganz bleich und vor Schrecken entfärbt sah, erschrak sie gar sehr, stand bald von der Erde auf und sprach: »O Erich, mein lieber und getreuer Hauswirt, was bedeutet deine schnelle Entfärbung, ach sage mir um Gottes willen, was hat dich so sehr erschreckt?« Erich, der Hirt, tröstete seine liebe Hausfrau, so gut er konnte, und sagte ihr alles, was ihm mit dem Leuen begegnet war, worüber die gute Frau sich nicht wenig verwunderte. Nun saßen sie wieder nieder, ihr Mahl zu vollenden, und als es über Mittag geworden war, ging die gute Felizitas wieder nach Hause. Noch nicht fern von ihrem Mann aber, begegnete auch ihr derselbe Leu, worüber sie in großen Schrecken geriet. Der Leu aber bewies sich auch gegen sie, wie gegen Erich, ganz freundlich und friedsam. Sie lief demnach gleich zu ihrem Mann zurück, und dieser behielt sie bei sich bis gegen Abend, da die Sonne unterging; denn er fürchtete, sie möge zu Schaden kommen, weil sie hohen Leibes war. Zu Abend, als er mit ihr und seiner Herde hineingezogen war, erzählte er die Geschichte einigen Nachbarn, welche es aber für einen Scherz und für keine Wahrheit annehmen wollten, und da er nicht streiten wollte, ließ er es also hingehen und schwieg hernach über die Sache. Seine Frau aber wollte nicht mehr hinaus auf das Feld; denn sie war bereits in großen Sorgen, der Schrecken, den sie gehabt, möge der Frucht, die sie unter dem Herzen trug, Schaden bringen. Auch Erich gedachte heimlich daran und bat darum Gott täglich mit ganzem Fleiß, er möge seinem Weib einen freudigen Anblick bescheren. Nun war der Ruf von dem Leuen in dem Lande weit herum erschollen; denn er kam täglich zu Erich, dem Hirten, und ging unter seinem Vieh so heimlich heimisch, vertraut. wie ein Hund herum, der von Jugend auf das Vieh zu hüten gewohnt ist. Wenn es dann Abend ward, ging er mit gemachsamen Schritten wieder in den Wald. Da nun auch der König von diesem zahmen Leuen hörte, hatte er seine Freude daran und befahl bei Verlust seiner Gnade, daß keiner dem Leuen einen Schaden antun sollte. Auch kamen viele reiche Bürger und Kaufleute von allen Orten, den Leuen zu sehen, den man täglich bei Erich auf dem Felde finden konnte, wodurch seine Frömmigkeit endlich so bekannt ward, daß der Zulauf des Volkes sich immer mehr vergrößerte, und sie brachten ihm Fleisch und Brot mit, so daß der Leu ganz wohl gefüttert wurde. Als er nun eine solche Freundschaft von jedermann empfand, ward er endlich so heimlich, daß er alle Nacht jeden Abend. mit Erich nach Hause zog und mit seinen Hunden als ein Wächter vor seiner Hütte lag. Des Morgens zog er wieder mit dem Hirten Erich und seiner Herde zu Feld, und dies währte so lange, bis Felizitas ihrer Entbindung ganz nahe war; auch scheute sie sich vor dem guten Leuen gar nicht mehr. Nun war ein reicher Kaufmann in der Stadt, dem hatte neulich seine Frau einen kleinen Sohn geboren. Dieser Kaufmann kam täglich mit anderer Gesellschaft zu Erich auf das Feld, um den wunderbaren Leuen genugsam zu beschauen, brachte ihm auch immer seine Speise mit. Eines Tages kam er abermals und fand Felizitas bei ihrem Manne auf dem Feld. Sie saß bei dem Leuen, der hatte sein Haupt in ihrem Schoß liegen. Der Kaufmann wunderte sich sehr hierüber, besonders da er sah, daß sie hohen Leibes war. Der Leu aber kannte den Kaufmann geschwind, weil er ihm oft Speise gebracht hatte, und bewies sich darum sehr freundlich gegen ihn. Herrmann, so hieß der Kaufmann, fragte nun den Hirten Erich, wie lange der Leu schon in seiner Gesellschaft sei und wie lange seine Hausfrau mit dem Kind gehe; des ihn alles der Hirt mit kurzen und einfältigen schlichten, einfachen. Worten gründlich berichtete. Herrmann sagte nun: »Mein lieber Erich, ich bitte dich, wenn dir Gott ein Kind beschert, du wollest mich nicht verschmähen und mich zu einem Gevatter annehmen. Dagegen verspreche ich dir, das Kind als mein eigen Fleisch und Blut zu erziehen und es neben meinem natürlichen Sohne in gleicher Liebe und Erlernung wie auch in Kleidung, Speise und Trank zu unterhalten. So ihm dann Gott seine Tage erstreckt und zu mannbaren Jahren führt, so will ich es mit einer dankwerten Ehesteuer begaben, es sei gleich ein Knabe oder eine Tochter. Auch will ich dich und dein Weib dermaßen versehen, daß ihr eure Nahrung mit besserer Ruhe gewinnen mögt als bisher.« Diese Zusage und diesen Trost nahm Erich, der Hirt, mit großen Freuden und Dank an. Also segnete sie Herrmann, der Kaufmann, ritt wieder in die Stadt und sagte alles seinem Weib; die willigte mit Freude darein und erwartete die Zeit mit Verlangen. Wie Felizitas im Beisein der Frau Laureta, des Kaufmanns Weib, einen Sohn gebar und was sich weiter mit Lotzmann, dem Leuen, begeben hat. Da nun die Zeit verlaufen und Felizitas, Erichs Weib, die Frucht, die ihr Gott beschert, getragen hatte und sie jetzt die Kindeswehen bereits umgaben, hat sie bald ihren Hauswirt in die Stadt nach ihrer zukünftigen Gevatterin geschickt; denn so hatte es Herrmann verordnet. Der ist auch schnell mit seinem Weib und anderen guten Freunden auf einem hängenden Wagen ??? wo gesessen und dem Dorf zugefahren, in welchem der Hirt Erich seine Wohnung hatte. Sie waren aber noch nicht lange da, als es mit der guten Felizitas recht ernst geworden, so daß sie in Gegenwart Lauretas und anderer züchtiger Frauen einen schönen jungen Sohn zur Welt brachte. Sogleich lief Laureta zu ihrem Gemahl Herrmann und begehrte für diese Nachricht ein fröhliches Botenbrot von ihm. Er freute sich auch gar herzlich, insonderheit als er vernahm, daß sie eines jungen Sohnes genesen war. Als sie nun das Kind gebadet, haben sie auf seiner linken Brust gegen dem Herzen ein Muttermal gefunden gleich einer Leuentatze. Sobald Herrmann und die Gesellschaft solches gesehen, sprachen sie alle einstimmig, gewißlich werde ein männlicher und teurer Held aus diesem Kinde werden. Laureta als ein geschäftiges und fürsichtiges fürsorgliches, umsichtiges. Weib sorgte auch für alles, was der armen Felizitas not war, damit sie bald wieder zu ihren Kräften kommen möchte. Hernach ordneten sie an, das Kind zur Taufe zu tragen. Felizitas aber ist mit köstlichem Bettgewand, Decken und Kissen so reichlich versehen worden, als es nur eine reiche Bürgersfrau haben mochte. Da man nun das Kind aus dem Haus getragen, nahte sich der Leu herzu und fing mit grausamer Stimme ganz schrecklich zu brüllen an, gleich als wollte man ihm seine eigenen jungen Leuen rauben. Als nun der Kaufmann dies gesehen, hat er mit seinen guten Freunden beschlossen, weil der Leu so friedsam und freundlich jetzt lange Zeit bei Erich, dem Hirten, gewohnt, so wollten sie das Kind Leufried mit seinem Namen nennen; wie denn auch geschehen ist. Das Kindlein ward mit großen Freuden zu und von der Taufe getragen, und hernach hat Herrmann eine köstliche Mahlzeit in dem Wirtshaus zubereiten lassen und männiglich dazu berufen, Weib und Mann, wer nur in dem Dorf daheim war. Vor all diesen Gästen hat er dem Hirten Erich einen Hof übergeben und ihn als seinen Meier darauf gesetzt. Das Kind aber hat er seiner rechten Mutter zu guter Pflege anbefohlen, bis es zum wenigsten ein Jahr alt geworden. Auch hat er ihr alle Tage köstliche Speise und Trank zugeschickt. Sobald sie nun wiederhergestellt war, hat Hirt Erich seinen Hirtenstab abgelegt und ist auf des Kaufmanns Meierhof, der nahe an der Stadt gelegen, gezogen; hat auch seinen Leuen mit sich genommen. Dieser ward je länger, je heimlicher bei ihm; denn sooft er in die Stadt ging, seine Geschäfte zu verrichten, lief Lotzmann, der Leu, mit ihm und ward dort von jedermann gekannt und gespeist. Zuletzt aber, als dem König zuviel von dem frommen Tiere gesagt worden war, nahm er ihn an seinen königlichen Hof, worüber Hirt Erich so sehr betrübt ward, als wäre ihm einer seiner blutsverwandten Freunde mit Tode abgegangen. Nicht weniger trauerten auch Felizitas und Herrmann. Dies sei genug von dem Leuen gesagt bis zu seiner Zeit. Leufried, das Kind, ward ganz mütterlich und wohl ernährt, so daß das Kindlein in kurzen Tagen gar schön und freches Leibes freches Leibes – munter. ward; denn seine Mutter Felizitas ward von Herrmann und seinem Weib mit allem Nötigen unterhalten, so auch ihr Mann. Dafür aber hielten sie ihrem Herrn auch das Seine gar wohl und häuslich zusammen, so daß er in kurzer Zeit einen großen Vorrat auf seinem Hofe spürte; denn Gott gab ihnen beiden sonderliches besonderes. Glück, weil sie gottesfürchtig, fromm und gerecht lebten, ihrer Herrschaft nichts zu veruntreuen begehrten. Dergleichen Meier findet man leider zu unserer Zeit nicht viel, deren aber sind viele, welche drei oder vier Güter zusammen übernehmen, sie ungemistet lassen und sie gänzlich aussaugen; wenn sie dann nicht mehr tragen mögen, stellen sie sie ihrem Lehnsherrn wieder zu Händen. Davon sei nun zumal genug geredet. Wie Leufried von seiner Mutter genommen und in die Stadt zu seinem Paten gebracht ward, der ihn gar zärtlich auferzog. Als nun Herrmann, der Kaufmann, gedenken konnte, sein angenommener Pflegesohn habe der Muttermilch genugsam genossen, weil er über ein Jahr alt war, so schickte er nach dem Meier Erich und seinem Weib, befahl auch, daß sie das Kind mitbringen sollten. Es geschah mit gutem Willen. Die kamen beide an einem Sonntagmorgen mit dem Kinde. Herrmann hatte eine herrliche Mahlzeit zubereiten lassen, zu welcher er alle seine guten Freunde berief. Da nun jedermann zu Tisch saß, sprach er vor ihnen allen also: »Ihr meine lieben, angenehmen Freunde und Gönner, damit niemand gedenken möge, mein Versprechen sei bei dem Weine oder im Schlaftrunk geschehen, so bitte ich euch alle als Zeugen, wie ich mit meiner Gemahlin Laureta verabredet und mit ihrem guten Willen beschlossen habe, dieses Kind, so ihr hier vor euch seht, hinführo nicht anders als meinen eigenen Sohn, den mir Laureta zur Welt gebracht, zu halten. Damit sei aber nicht gesagt, als solle es sich je seiner Eltern entschlagen, sondern all mein Gesinde soll es dahin weisen, daß diese seine natürlichen Eltern sind; diese mögen es auch täglich fleißig besuchen. Ist es dann bis zu seinen mannbaren Jahren gekommen, so will ich ihn mit einer ehrlichen Tochter verbinden und aussteuern wie meinen eigenen und einigen einzigen. Sohn. Dem allen zum Zeugnis habe ich euch zu diesem Mahle berufen, darum seid fröhlich mit mir!« Dieses Versprechen gefiel ihnen allen wohl, und nun trug man Speise und Trank auf, bis das Mahl mit großen Freuden vollendet war. Herrmann befahl seinem Weibe, das Kind in guter Pflege zu halten, und das tat auch Laureta nach ihres Mannes Befehl. Hirt Erich aber und sein Weib, wiewohl sie wußten, daß ihr Kind wohl und ehrlich besorgt wurde, schieden dennoch mit großem Trauern aus der Stadt; denn das elterliche Herz ward in ihnen erregt. Da sie aber täglich in des Kaufmanns Haus kamen, vergaßen sie bald des Trauerns, weil sie ihr Kind vor ihren Augen gedeihen sahen. Als nun Leufried und des Kaufmanns Sohn ein wenig zu Verstand kamen, ließ sie Herrmann in die Schule gehen, wo sie denn in kurzer Zeit fleißig und gar wohl studierten. Insonderheit verwunderte man sich sehr über Leufrieds hohen und sinnreichen Verstand. Alle anderen Schüler hatten auch eine besondere Achtung vor ihm und warfen ihn gemeinsam zu ihrem König und Regenten auf. Leufried, nachdem er zu einem König erwählt worden war, fing an, alle Ämter zu besetzen, wie er einem jeden besonders vertraute. Da er nun sein Reich auf das fleißigste angeordnet hatte, war die ganze Menge der Schülerlein in ihren Spielstunden ihm auf das getreueste unterworfen. Es war aber noch eine Schule in der Stadt Salamanka, in welche viel mehr adlige Knaben gingen als in Leufrieds Schule. Diese rotteten sich zusammen, verachteten die andere Schule mit ihrem König, weil er eines Hirten Sohn und nicht von Adel geboren war. Diese Verachtung nahmen Leufrieds Untertanen sehr übel, brachten es auch vor ihren König, der meinte, daß ihm großes Unrecht dadurch geschähe, und ermahnte sie deshalb, den Schimpf an seinen Feinden zu rächen; was sie ihm alle zu tun versprachen. Nun war ein junger adliger Knabe in Leufrieds Schule, welcher alles, was er vernahm, Leufrieds Feinden hinterbrachte. Diese warfen nun auch einen König unter sich auf, der war ein junger, frecher und stolzer Edelknabe. Alsbald sagten die beiden Schulen ohne Vorwissen ihrer Schulmeister einander ab, einander absagen – Fehde ankündigen. bestimmten einen Platz, auf welchem sie künftigen Sonntag eine Schlacht gegeneinander liefern wollten. Leufried war das gar wohl zufrieden und rüstete sich auf das beste mit seinen Gesellen, damit er seine Feinde besiegen möchte. Wie sich Leufried zur Schlacht rüstete, seinen Gesellen Harnische von Baumrinde machte, wie er aber hernach bei seinem Schulmeister verklagt ward, weil er einen Knaben hart strafen und mit Ruten schlagen ließ. Leufried berief alle seine Untertanen zusammen und ermahnte sie, die Sache unverzagt anzugreifen. Damit sie aber besser als ihre Feinde gerüstet und verwahrt geschützt. sein möchten, sollte sich ein jeder Rücken- und Brustharnisch von Baumrinden machen. Dieser Ratschlag gefiel allen sehr wohl, und sah sich ein jeder heimlich nach solchen Baumrinden um, daraus machten sie sich Armzüge, Rücken- und Brustharnisch, wodurch sie vor Stößen und Streichen ziemlich verwahrt waren. Dies aber nahm der verräterische Edelknabe gar fleißig wahr und zeigte es bei der ersten Gelegenheit dem anderen Könige auch an, der sich nun ebenfalls mit Harnisch und anderer Wehr rüstete. Auf dem bestimmten Sonntag kamen sie nun an dem abgeredeten Orte beisammen. Leufried aber als ein vorsichtiger Junge war selbst seiner Gesellen Anführer und Hauptmann. Er nahm alsbald einen Hügel zu seinem Vorteil ein, worauf er seine Feinde erwartete. Als sie nun beiderseits zu Felde lagen, begehrte Leufried, mit dem anderen König, seinem Gegner, ein Gespräch zu halten. Das bewilligte jener sogleich, und sie unterredeten sich da miteinander, daß sie keine schädlichen Waffen, von Eisen oder Stahl gemacht, brauchen wollten, keine Kolben Keulen. oder spitzige Stecken, sondern hölzerne Schwerter; es sollte auch von beiden Seiten kein Stein geworfen werden. Aber mit Leimen Lehm. oder weicher Erde sollte einem jeden erlaubt sein zu werfen. Nun griffen sie sich einander an. Der andere König versuchte es mehrmals, Leufried aus seinem Vorteil zu treiben, aber es wollte ihm nicht gelingen; denn die auf der Höhe des Hügels warfen stark mit Erdschollen zu, und ihre Gesellen hielten mit ihren hölzernen Schwertern unten ihre Feinde mutig ab, so daß Leufrieds Gegner endlich aus Müdigkeit weder mehr werfen noch schlagen konnten und sich bereits auf die Flucht machten. Leufried folgte ihnen nach, und sie bekannten sich überwunden. Den anderen König aber nahm er gefangen, der mußte ihm und seinen Gesellen Frieden zusagen. Nun ward ihm aber von dem Jungen gesagt, der ihn immer heimlich verraten hatte; den ließ er vor sich bringen und ihn mit Ruten übel hauen. Dieser nun klagte die Schmach seiner Mutter, die brachte es vor den Vater, und der erzürnte sich dermaßen über Leufried, daß er ihn bei dem Schulmeister verklagte und ihm sagte, wenn er den Jungen nicht dafür strafen wolle, so wolle er ihn selber strafen. Der Schulmeister sagte ihm das zu, und damit er seinen Fleiß, ihm zu dienen, spüren möchte, wollte er gleich nach Leufried senden und ihn in seiner Gegenwart bestrafen. Dies vernahm einer aus Leufrieds Gesellschaft; der säumte sich nicht lange, schlich zu ihm und zeigte ihm den ganzen Handel an, worüber der gute, arme König gar übel erschrak. Er wußte nicht, wie er sich halten sollte. Er war jetzund nicht gar zwölf Jahre alt, jedoch besann er sich kurz, ging nach Hause, setzte sich heimlich in eine Schreibstube und schrieb seinem Pflegevater Herrmann einen Brief folgenderweise: »Wiewohl mir, allerliebster Herr und Pate, viel Gutes von Euch widerfahren ist, dazu meinem Vater und meiner Mutter noch täglich widerfährt, so muß ich mich doch aus großer Furcht und Scham jetzt von Euch scheiden. Das macht, weil mich meine Mitgesellen zu einem König erwählt und mich jetzt mein Schulmeister in Gegenwart eines Edelmanns schlagen will, weil ich seinen verräterischen Sohn habe strafen lassen. Ei, wie sehr müßte ich mich vor meinen Feinden schämen, die ich so tapfer überwunden habe, wie sollte sich mein Widerpart größlich erfreuen, wenn er vernähme, daß ich, meiner Gesellen König, so übel mit der Rute abgefertigt und meines Reichs entsetzt worden sei. Darum, lieber Herr und Vater, bitte ich Euch, wollet mir durch Gott vergeben. Dagegen verspreche ich Euch, solange mir Gott mein Leben fristet, Eure guten und elterlichen Lehren nie zu vergessen, sondern mich alle Zeit darnach zu richten, bitte auch, ihr wollet Euch meinen armen Vater und meine Mutter befohlen sein und sie meine Torheit nicht entgelten lassen. Ich aber, Leufried, fahre dahin. Gott erhalte Euch und die Euren in langer Gesundheit.« Als nun der gute Leufried seinen Brief geschrieben und mit Wachs zugemacht, ist er ganz traurig zum Abendessen gegangen, was Herrmann, der Kaufmann, bald wahrgenommen, und als er ihn gefragt, was ihm fehle, hat er mit gar schwacher und trauriger Stimme geantwortet, ihm fehle gar nichts, als daß er gern einmal seinen Vater besuchen möchte. Das erlaubte ihm sein Herr mit gutem Willen. Leufried hatte aber nicht im Sinn, zu seinem Vater zu kommen, und sagte das allein, damit er von seinem Herrn desto weniger verargwohnt würde. Er besann sich auch nicht lange, legte seine schlechtesten Kleider an und ging seiner Straße, aber nicht des Willens wiederzukommen. Er steckte seinen Brief in seinen Schülersack und fuhr davon. Wie Leufried an eines Grafen Hof in die Küche kam und Küchenbube ward, auch wie ihn der Meister Koch sehr liebgewann, weiter von seinem schönen Singen. Leufried zog mit großem Leid von dannen; denn er wußte wohl, sein Vater und seine Mutter würden ihn mit großem Kummer suchen, wie auch geschah. Seinem Herrn, dem Kaufmann, war auch herzlich leid um den Knaben, besonders als er den Brief in seinem Schulsack fand, wodurch ihm denn alle Hoffnung benommen wurde, daß der Knabe wiederkommen möge. Nicht minder trauerten seine Schulgesellen um ihren König; dies blieb also. Leufried, der gute Junge, zog so lange, bis er sein bares Geld, das ihm in guten Jahren geworden war, ganz verzehrt hatte. Er war auch gar weit aus dem Land, so daß er hoffen konnte, es werde ihn niemand mehr erfragen. Er kam in eine schöne Stadt, darin ein mächtiges Schloß war, da hielt ein Graf Hof. Leufried dachte in seinem Sinn, möchte mir das Glück soviel Gnad verleihen, daß ich auf das Schloß an Hof kommen möchte, ich wollt mich ganz muckerlich fleißig. halten, damit ich mit der Zeit ein reisiger berittener, tapferer. Knecht werden möchte. In solchen Gedanken ging er für die Pforte des Schlosses. Nun war kurz vorher dem Meister Koch ein Küchenbube entlaufen. Sobald Leufried vor die Pforte kam, klopfte er an, fragte den Pförtner, ob man keines jungen Knaben in dem Schloß bedürfe. Der Pförtner gab ihm gute Antwort, sagte ihm, er solle eine Weile warten, er wolle ihn dem Koch ansagen. Dann kam er wieder mitsamt dem Koch. Sobald dieser aber Leufried ersehen, sagte er: »Lieber Sohn, ich sorge, du seist mir zu jung, sonst wollte ich's mit dir wagen.« »Lieber Meister«, sagte Leufried, »Ihr sollt Euch meine Jugend und kleine Person nicht irren lassen, ich will Eure Befehle so tapfer ausrichten, als sei ich gleichwohl noch so groß.« Der Koch verwunderte sich ob der klugen Rede des Jungen, nahm ihn bei der Hand und führte ihn in die Küche. Darin übte sich Leufried gar tapferlich; denn alles, was ihm sein Meister unter die Hand gab, griff er so frisch an, als wenn er all seine Tage dabeigewesen wäre. Auch sang er so fröhlich zu seiner Arbeit, daß er allen die Zeit kürzte, welche um ihn waren. Sein Meister gewann ihn lieb und wert, nicht weniger alles Hofgesinde. Wenn er nun zur Sommerszeit seine Geschäfte nach dem Abendmahl verrichtet hatte, war es seine Gewohnheit, hinten am Schloß in einem schönen Garten ein oder zwei Liedlein mit heller Stimme zu singen, welchem Gesang jedermann fleißig zuhorchte; denn Leufried, der Jüngling, hatte eine gar liebliche und süße Stimme. Der Graf hatte eine schöne Tochter mit Namen Angliana. Die hatte ihr Zimmer hinten am Schloß, darin lebten bei ihr viel schöne Jungfrauen, welche ihr als einer Meisterin aller Zucht und Höflichkeit zugesellt waren; denn ihre selige Mutter hatte sie in allem wohl unterrichtet. Sie hatte den Preis aller künstlichen Arbeiten, als im Sticken, Stricken, Nähen oder was nur in Seide und Gold kann gebildet werden, und übertraf wohl die Arachne, welche sich unterstand, mit der Pallas um die Wette zu wirken; mit Gesang und Saitenspiel, Lauten und Harfen wäre sie der Sappho selbst nicht gewichen. Sie war auch mit jedermann freundlich und gegen alles Hofgesinde sanftmütig. Da, wie gesagt, die Fenster ihres Gemaches in jenen Garten gingen, so hatte sie nicht wenig Freude von des Jünglings Gesang; der Graf aber konnte ihn in seinem Gemach nicht hören. Dies ging so den Sommer fort, bis jetzt der Herbst vergangen und der trübe Winter mit seinen dicken und schwarztrüben Wolken daherzog. Da ward Leufried nicht mehr in dem Garten gehört. Wenn aber das Hofgesinde Winterszeit in den Stuben Kurzweil trieb, brachten sie Leufried stets mit guten Worten dahin, daß er seine Stimme hören ließ, woran dann sein Meister Koch eine große Freude hatte. So kam Leufried in solchen Verkehr mit den Hofleuten, daß sie ihm viel und mancherlei Reiterliedlein zustellten; auch fing er den Winter bereits selbst an, künstliche kunstvolle. Texte und Liedlein zu dichten, hatte auch außerhalb seines Geschäftes kein anderes Sinnen noch andere Gedanken. Man hatte ihn so lieb, daß ein jeder um ihn sein wollte, und es ward ihm von den jungen Edelleuten manch gutes Geschenk gemacht, daß er in kurzem zu schönen Mitteln kam. Wenn ihm dann etwas verehrt ward von Gold oder Geld, gab er es allemal seinem Meister aufzubewahren, und wenn er genug zusammengebracht, ließ er sich schöne Kleider machen, so daß er neben seiner Hofkleidung sehr köstliche und schöne Kleider immer erhielt. Dies bleibe jetzt also, ferner wollen wir sagen, was sich weiter mit Leufried begeben hat. Wie Angliana, des Grafen Tochter, nach ihrer Gewohnheit allem Hofgesinde das neue Jahr gab und allein Leufrieds, des Küchenbuben, vergaß, worüber er herzlich. betrübt war. Als nun in selbigem Winter das neue Jahr angekommen war, teilte die Jungfrau Angliana allem Hofgesinde nach ihrer Gewohnheit eine Gabe aus, jedem nachdem er geadelt oder mit einem Amt versehen war, und dem geringsten unter den Stallbuben ward wenigstens ein schönes Schnupftüchlein. Nach empfangener Gabe liefen diese nun zusammen, und zeigte jeder vor, was ihm die Jungfrau verehrt hatte. Von ungefähr war nun der gute Leufried auch zugegen und hatte, als sie sein Neujahr sehen wollten, nichts zu zeigen, weil er leider nichts empfangen hatte; doch tröstete er sich und gedachte, wer weiß, die Jungfrau mag dich nicht kennen, ich will ihr aber unter die Augen gehen, sie wird mich vielleicht noch in Gnaden erkennen. Also begab sich Leufried oft mit Fleiß auf Wege und Straßen, da er gedachte, Angliana könne vorüberkommen; aber alles blieb umsonst, denn sie achtete seiner nicht. Das betrübte nun den Jungen herzlich; denn Kupido hatte ihn mit seinem Geschoß verwundet, also daß er in großer, inbrünstiger Liebe gegen Jungfrau Angliana entzündet ward und kein Tag noch Stunde, ja kein Augenblick hinging, in dem er nicht die Schönheit der Jungfrau aufs höchste ermaß und in seiner heimlichen Seele betrachtete. Eines Tages hatte Leufried alle seine Geschäfte gar früh nach seines Meisters Befehl verrichtet, und alles Hofgesinde kam in der großen Hofstube zusammen; denn es war auf einen Sonntag gar grausam kalt. Als sie sich nun umsahen, den Meister Koch und seinen Unterkoch auch in der Stube fanden, Leufried aber nirgends zu sehen war, so wunderten sie sich alle und fragten den Meister nach ihm. Der sagte: »Gewiß, ich weiß nichts von ihm; denn sobald er sein Geschäft verrichtet, ist er aus der Küche gegangen, wohin, ist mir unbekannt, vielleicht, daß er in der Stadt etwas zu bestellen hat.« Es hatte aber eine gar andere Gestalt um Leufried, sein Gemüt war hart beschwert. Er saß im Garten an einer verborgenen Stelle und klagte seinen Jammer und sein Leid sich selbst; denn sonst wollte er niemanden in seinem Vertrauen haben. »O Glück«, sprach er, »wie bist du so wankelmütig gegen mich, du hast mich in meiner Kindheit aus meines Vaters armem strohbedecktem Hüttlein genommen, in welchem mir viel besser gewesen wäre; hätte ich der zarten und süßen Tage nicht empfunden, so wäre ich jetzund meines Vaters oder eines anderen Hirten Diener, der mich mit Speise und Kleidung versähe. Die frischen und lauteren Quellen wären mir lustig zu trinken, desgleichen die fette und süße Milch der Geißen und Kühe. Jetzt zöge ich zu Mittag aus mit dem Vieh; wenn dann die Sonne zu Gnaden zur Ruhe. gehen wollte, zöge ich wieder heim und vertriebe die Zeit bis zum Nachtmahl in der warmen Stube oder beim Feuer. Des Morgens wäre es mir eine kleine Mühe und Arbeit, in den Wald zu gehen und mir eine Fahrt dürren Holzes zusammenzuraspeln; wenn ich das nach Haus brächte, würde das Mahl damit gekocht. Sommerszeit aber würde es noch besser mit mir aussehen; denn ich mag wohl sprechen, im Anfang des Lenzes hat kein Volk unter allen Ständen mehr Kurzweil, Freude, Lust und Wonne als die Hirten in dem Feld. Jetzt sehen sie die Wunder Gottes, wie die laublosen Bäume, die im Winter gleichsam erstorben scheinen, ihr Laub wieder hervorbringen, mit süßem Geruche und schöner Blüte. Was soll ich sagen von dem lieblichen Gesänge der Vögel, welche mit zitternder Stimme zusammensingen und je einer den anderen zu übertreffen meint. Die Lustbarkeit der vielgefärbten Blümlein mit unzählbaren Gestalten, die geben den Anschauenden auch nicht wenig Ergötzlichkeit, Wollust und Freude. Aller dieser Dinge muß ich armer Leufried beraubt sein, und nur dich, unstetes Glück, mag ich darum schelten; denn du hast mich von meinem lieben Herrn und Ernährer vertrieben. Ach! warum hast du mich aus meines Vaters Haus genommen? Du warst nicht zufrieden, mich von meinem Herrn so treulich und wohlerzogen zu sehen, nein, du hast mich in meiner Jugend unter meinesgleichen Knaben zu einem König und Regierer machen wollen, und diese Regierung ist die Ursache all der Trübsal, in der ich so hart verstrickt bin. Wer ist doch in der Welt, der mich trösten mag, da ich in die mit so großer Liebe entzündet bin, die mich vor allem Hofgesinde ausgeschlossen und verachtet hat. Ach, wäre es je möglich, daß sie mir nur in all meinem Leben ein freundliches Wort zuspräche, ich wollte anderes nicht begehren, als in ihrem Dienste zu leben und zu sterben. Was bedarf sie aber meines Dienstes, ich bin ein armer Hirtensohn und aus dem niedrigsten Stand geboren. Zu ihrem Dienste stehen viel Ritter, Grafen und Edelleute, ja deren sind viele, die ihr zu dienen verlangen." Also klagte der gute Jüngling noch lange, bis er vor Frost nicht länger in dem Garten bleiben konnte, und da auch die Zeit kam, daß er sein Geschäft in der Küche verrichten mußte, ging er ganz trostlos aus dem Garten an seine Arbeit. Da man ihn um seine Abwesenheit fragte, sagte er, er sei in der Stadt spazieren gewesen, die lustigen Gebäude der Bürger zu beschauen. Wie Leufried eines Tages von dem Grafen in dem Garten bei einem Rosenstock gefunden ward, als er nach seiner Gewohnheit gar lieblich sang; wie ihn der Graf aus der Küche nahm. Da nun der Winter vergangen, auch der liebliche und süße Mai alle Felder erfrischte und mit zierlichen Blümlein bekleidete, fing Leufried seinen alten Brauch zu müßigen Zeiten wieder an; denn er hatte das Feuer der Liebe zum Teil abgekühlt, indem er alle Orte vermied, wo er Angliana begegnen konnte. Eines Tages nun saß er im Garten unter einem Rosenstock, und da er gar nicht glaubte, daß noch irgend jemand zu dieser Zeit in den Garten kommen werde, sang er mit heller Stimme so lieblich, daß ihm die Vögel mit ihrer Stimme Antwort geben mußten. Von ungefähr nun begab es sich, daß der Graf mit etlichen fremden Herren in den Garten spazierenging. Dem Grafen war Leufried nie bekannt geworden. Die Fremden wunderten sich des angenehmen Kurzweils, den ihnen der Graf nach ihrer Meinung hatte zubereiten wollen. Als aber der Graf gleich ihnen von dem angenehmen Gesang überrascht schien, waren sie sehr erstaunt. Ganz in sich versunken stehend und lauschend, ließ der Herr Leufried eine Strophe aussingen und sprach alsdann: »Fürwahr, das ist mir ein seltsamer Sommervogel in meinem Garten, dergleichen ich noch nie darin gespürt habe.« Mit diesen Worten näherte er sich dem Rosenstrauch und sah den Jüngling Leufried, wie er fröhlich singend darinnen saß. Da standen die Herren still, bis er sein Lied geendet, und traten dann zu ihm in das Rosenzelt hinein. Als Leufried den Grafen erblickte, erschrak er so sehr, daß er vor großem Schrecken nicht aufstehen konnte, und da dies die Herren wahrnahmen, redete der Graf ihn freundlich an: »Jüngling, sei guten Muts, unser Zusammentreffen soll dir noch zu großem Glück gereichen. Wie ich an deiner Kleidung sehe, bist du von meinen Leuten, was aber für ein Amt du bekleidest, ist mir unbekannt, und darum sage mir's aufrichtig, ist es zu geringe, so will ich dir es bessern.« Da sagte ihm Leufried all seine Sache, und der Graf sprach weiter: »Du sollst deiner guten Stimme und deines Wohlsingens genießen, ich will dich in meiner Tochter Angliana Zimmer zu einem Kammerbuben machen, da magst du bessere Tage haben dann in der Küche.« Da nahm ihn der Graf von Stund an und führte ihn zu seiner Tochter. Wie Leufried Angliana erblickte, da ward die Flamme seiner Liebe von neuem entzündet, und er fühlte sie heftiger brennen als jemals; aber er hielt sie sehr heimlich im Herzen verborgen und war voll Freude, ein Diener seiner Jungfrau zu werden. Der Graf sprach: »Angliana, liebe Tochter, ich weiß wohl, daß du in deinem Zimmer eines züchtigen Knaben als Diener und Boten bedarfst, darum habe ich dir diesen Jungen jetzt hergebracht, den magst du nach deinem Gefallen in deinem Dienst gebrauchen; denn sonst soll er mit keinen anderen Geschäften beladen werden.« Also redete der Graf mit seiner Tochter. Leufried war ein überaus schöner Jüngling, dabei ganz züchtiger Gebärden. Das hatte die Jungfrau bereits gar fleißig wahrgenommen und dankte deswegen ihrem Vater sehr freundlich, daß er sie in allen Dingen so väterlich versorge. Nun nahm der Graf Abschied von seiner Tochter und Leufried auch. Schnell lief er voller Freude zu seinem guten Meister Koch und erzählte ihm den ganzen Verlauf seines Glücks. Dieser, wiewohl er Leufried sehr ungern in der Küche entbehrte, gönnte ihm doch von Herzen, daß er einen also gnädigen Herrn an dem Grafen gewonnen hatte, ermahnte ihn auch, seines Dienstes recht fleißig zu warten, damit er einst ein noch besseres Amt erreichen möge. Das versprach ihm Leufried, dankte ihm auch ganz herzlich für alles Gute, was der Meister Koch ihm erwiesen, und nahm einen freudigen Abschied aus der Küche. Sein neues Amt aber wußte er so trefflich und mit solcher Geschicklichkeit zu verrichten, als wäre er sein ganzes Leben lang in Frauenzimmern und an fürstlichen Höfen gewesen. Angliana, welche inzwischen erfahren, daß Leufried ebender Knabe wäre, der ihr im Sommer mit seinem Wohlsingen im Garten so manche Freude gemacht hatte, war auch sehr vergnügt, daß er ihr Diener geworden. Nicht weniger freuten sich ihre Jungfrauen darüber; denn sie hofften, Leufried werde ihnen mit seinem Gesang manchen Kurzweil machen, wie dann auch öfters geschehen. Dies blieb also. Wie Leufried von Angliana zu singen gebeten ward und wie er ein Klageliedlein auf seine Armut machte, worin er die Jungfrau gar säuberlich traf. Da nun Leufried sich so tapfer und verdienstlich in seinem Amte hielt, ward ihm Angliana gar wohl geneigt und seiner gänzlich gewohnt, so daß sie einst also zu ihm redete: »Leufried, ich werde von meinen Jungfrauen berichtet, daß du über alle Maßen wohl singen kannst, und darum ist mein Begehren an dich, daß du mich deine Stimme auch hören ließest.« Leufried stand da ganz schamrot vor der Jungfrau und sprach mit züchtigen Worten also zu ihr: »Gnädige, wohlgeborene Jungfrau, o wäre mir, Euer Gnaden zu gefallen, etwas viel Größeres und Schwereres zu vollbringen aufgelegt, mit allem Fleiß wollte ich es unternehmen.« Und hiermit begann er gar lieblich zu singen. Er hatte aber vorher schon ein Lied gedichtet, in welchem er seine Armut gar herzlich klagte wie auch, daß ihm Angliana nichts zum neuen Jahr geschenkt. Keine der Jungfrauen verstand des Liedes Bedeutung, außer Angliana allein, welche sich jetzt erst erinnerte, daß sie ihn unter allen Hofdienern allein nicht bedacht hatte. Sie bezog das Lied aber nicht gleich auf sich, doch hätte sie gern gewußt, wen Leufried damit meinte, und bat ihn darum oft, das Liedlein von der Armut zu singen, welches also gedichtet war: Im Ton: Geh mir aus den Bohnen. O Armut, unerträglich Joch! Wie sehr bist du verachtet, Wer wollte dich behausen doch, Wenn er so recht betrachtet, Wie ganz unwert Du bist auf Erd, Vor dir möcht einem grausen, Hättst du all Kunst, Es war umsonst, Niemand will dich behausen. O Armut, Armut, schwere Bürd, Wie hast du mich beschweret, Auf Erden niemand funden wird, Der dich zum Freund begehret. Kömmst du ins Haus, Gehst nie mehr raus, Versperrst die Tür dem Glücke, Und pocht es an, Drängt sich heran, Du, Armut, stößt's zurücke. So ging's mir auch zum neuen Jahr, Da mußt ich dein entgelten. Ward nicht gezählt, Zurückgestellt, Drob ich dich immer schelte. Ich ward veracht' Und nicht bedacht Vor allem Hofgesinde, Die man sonst all Beschenkt mit Schall, Darum bin ich dein Feinde. Als nun Angliana genugsam verstand, daß dieses Lied ihrethalben gemacht sei, fragte sie nicht darum und schwieg ganz still dazu. Auch hütete sie sich fürbaß, Leufried irgendein Geschenk zu machen; denn sie hatte sich insgeheim vorgenommen, was wir zu seiner Zeit schon erfahren werden. Doch hörte sie nicht auf, sich gnädig und liebreich gegen Leufried zu bezeigen, bat ihn oft, vor ihr zu singen, und zuzeiten begehrte sie auch das Armutsliedlein zu hören. Das tat nun Leufried sehr gern und schickte sich auch mit allen seinen Kräften zu jeglichem Dienste seiner Jungfrau; die nahm das oft wahr, und also verging die Zeit mit ihnen. Der Herbst mit seinen kühlen Lüften hatte jetzt die dichten Bäume laublos gemacht. Der Winter kam mit rauher Gewalt, alle Felder und Äcker waren mit Schnee bedeckt, und also kam das neue Jahr. Dies war die Zeit, in welcher Angliana ihren Vorsatz ausführen wollte. Sie rüstete sich mit mancherlei Gaben für das Hofgesinde, und nur für Leufried hatte sie absichtlich nichts zubereitet, und zwar allein, um mit ihm auf schickliche Art über die Meinung jenes Liedleins zu sprechen zu kommen, ob er es von ihr oder einer anderen gesungen hätte. Wie Leufried abermals von Angliana bei ihren Neujahrsgaben ausgeschlossen ward und wie sie ihm darnach spottweise einen goldenen Faden von ihrem Stickrahmen gab. Es fügte sich aber am Neujahrstag, daß Angliana ihrer Gewohnheit nach tat. Sie befahl Leufried, alles Hofgesinde zu einer bestimmten Stunde auf ihr Zimmer zu berufen, daß sie die Neujahrsgabe von ihr empfingen. Leufried war sehr willig hierzu; denn er hoffte, Angliana werde ihn gewiß wohl begaben, da er ihr Diener war und stets auf ihren Dienst wartete. Als sie aber versammelt waren, jeglicher auch seine Gabe empfangen hatte, von dem ersten bis zu dem letzten, und die Reihe nun an den guten Leufried kam, sagte Angliana mit leeren Händen: »Deiner, Leufried, habe ich wahrlich vergessen, aber gedulde dich, ein anderes Jahr will ich dich zweifach belohnen.« Dies aber tat sie allein, um zu versuchen, wie sich der Jüngling halten werde. Leufried wendete sich mit einem großen Seufzer von der Jungfrau; ihre Worte hatten ihm gleich einem Schwert das Herz durchschnitten. Ganz schamrot verließ er das Gemach, begab sich auf sein Kämmerlein und begann recht von Herzen zu weinen und zu klagen. Als aber Leufried den anderen Morgen sein Amt wieder in Anglianas Gemach verrichtete, stand er vor der Jungfrau, die an einem Rahmen gar köstliches Gewirk wirkte, und seufzte in seiner Betrübnis gar schwer und tief. Die Jungfrau merkte dies gar wohl, doch tat nicht dergleichen, weil ihre Jungfrauen noch meist in ihrer Stube waren. Als diese sie aber verlassen hatten und Leufried, sooft er sie anblickte, immer noch gar tief und schwermütig seufzte, sagte sie mit lachendem Munde und freundlichen Worten zu ihm: »Mein lieber Leufried, wisse, daß ich dich um zwei Dinge gern fragen möchte, erstens, ob du jenes Lied von der Armut, das du vorigen Sommer so oft gesungen, selbst gedichtet hast und wen es berührt; sodann möchte ich wissen, was dich doch heute und gestern so zu tiefen Seufzern bewogen, davon wollest du mir, lieber Leufried, nichts verhehlen.« Der Jüngling schwieg nicht lange auf die Frage der Jungfrau und sprach: »Wohlgeborene, gnädige Jungfrau, ich bin bereit, Euch die beiden Fragen zu erklären. Jenes Liedlein habe ich selbst gedichtet, und Euer Gnad ist allein schuld daran; denn vor einem Jahr hat Euer Gnaden, wie auch gestern, alles Hofgesinde beschenkt, allein mich armen Küchenbuben ausgeschlossen. Nun aber, da ich Euer Diener geworden und Ihr mich abermals übergangen habt, bin ich darüber in solches Trauern und Seufzen gefallen.« Da die Jungfrau dies von Leufried vernommen hatte, gedachte sie heimlich bei sich, wie sie dem guten Jungen abermals zu klagen verursachen wollte, damit er ihr etwa noch ein Liedlein davon machen sollte. Jedoch nahm sie sich vor, ihm bald hernach eine reiche Verehrung zu geben. In solcher Gesinnung nahm sie einen gezwirnten Goldfaden, der an ihrem Wirkrahmen hing, und gab ihn mit spöttlichen Worten dem guten Leufried, sprechend: »Damit du, lieber Diener, nicht abermals klagen mögest, ich hätte dich vor allen gänzlich zurückgesetzt, so nimm diese reiche und köstliche Gabe und bewahre sie wohl, damit du sie mir aufs Jahr abermals vorzeigen und dartun könnest, wie du meine Gaben verehrst.« Leufried empfing den Goldfaden mit großer Freude und sprach: »Gnädige Jungfrau, diese Gabe will ich so wohl aufbewahren, daß ich nimmermehr darum kommen werde.« »Das tu«, sagte Angliana, »damit wirst du mich bewegen, dir in Zukunft mehr noch zu schenken.« So redete Angliana zu dem Jüngling; aber seine große Liebe war ihr gänzlich verborgen, auch dachte sie wohl gar nicht daran, wie der Jüngling den Goldfaden bewahren würde. Leufried aber nahm Urlaub von der Jungfrau und ging eilends in sein Gemach. Wie Leufried heimlich in seiner Kammer sich mit einem Messerlein die Brust öffnete, den Goldfaden in die Wunde legte und sie mit köstlichen Salben wieder zuheilte. Als sich Leufried jetzt ganz allein wußte, nahm er ein scharfes Federmesser, öffnete seinen Wams auf der Brust und schnitt sich unter der linken Brust, recht bei dem Herzen, die Brust auf, legte seinen lieben Goldfaden in die Wunde und nähte dieselbe nicht ohne großen Schmerz mit einer Nadel wieder zu. Doch hatte ihn die Liebe gegen die Jungfrau mit solcher Gewalt gefangen, daß er keinen Schmerz mehr achtete, und da er sich vorher bei des Grafen Wundarzt um heilsame Salbe beworben hatte, so heilte er seine Wunde bald dermaßen zu, daß er wenig Schmerz mehr fühlte. Forthin verrichtete er sein Amt wie vorher in Anglianas Stube, und diese gab sehr acht, ob er noch einige Schwermut verriete, aber fand ihn nun immer eines sehr fröhlichen Gemütes. Da er ihr nun zu Gefallen noch oft singen mußte, gedachte er bei sich selbst: Nun mag ich wohl mein Herz gegen die Jungfrau auftun, daß sie es allein bemerke, und nahm er sich vor, ein Lied von dem Goldfaden zu dichten und es vor ihr zu singen. Da sie sein Armutsliedlein verstanden hatte, gedachte er, sie werde nun auch diesem wohl nachsinnen, und so setzte er sich zu gelegener Stunde hin und dichtete folgendes Liedlein: Im Ton: Ach Lieb mit Leid. Groß Leid und Schmerz Hat mir mein Herz Vor einem Jahr beladen; In diesem Jahr Hat mir fürwahr Von rotem Gold ein Faden Das Leid zerstört Und schnell verzehrt Mein Trauern und mein Schmerzen, Bin ganz fröhlich, Und nun mag ich Auch singen, springen, scherzen. Den Faden ich Gar fleißiglich Hab in mein Herz verborgen; So Tag und Nacht Ist er bewacht, Drum bin ich ohne Sorgen. In starkem Schrein, Im Herzen mein Der Faden ist behalten; Wer ihn will han, Der muß fortan Die Brust mir erst zerspalten. Der Frauen Zier Den Faden mir Gegeben hat mit Freuden, Demant noch Gold, Noch reicher Sold Soll je von ihm mich scheiden. Du Faden mein Sollst bei mir sein, Und müßt ich leiden Schaden, Will ich ohn Leid In Ewigkeit Liebhaben diesen Faden. Mit ganzem Fleiß lernte Leufried dieses Lied, und wenn Angliana ihn zu singen ermahnte, hat er immer zuerst vom Goldfaden gesungen. Angliana, welche eine gescheite Jungfrau war, konnte nicht genug nachdenken, wie Leufried doch immer den Faden möchte bewahrt haben; denn sie verstand wohl, wie er ihren Goldfaden in dem Liede meinte, darum beschloß sie, den Jüngling, sobald sie mit ihm allein sein würde, um alles zu befragen. Nun begab es sich, daß Angliana auf einen Sonntag sich krank stellte, ihre Jungfrauen allein zur Kirche gehen ließ, und da sie glaubte, ganz ungestört zu sein, rief sie Leufried zu sich und sprach: »Mein lieber Leufried, hast du wohl meinen Goldfaden wohl aufbewahrt? So du ihn mir zeigen kannst, soll dir ein viel köstlicheres Geschenk statt dessen werden.« »Gnädige Jungfrau«, sprach da Leufried, »den Schlüssel, mit welchem ich den Behälter des lieben Goldfadens aufschließe, habe ich in meinem Gemach, so es Euer Gnaden beliebt, will ich den bald holen.« »Das wäre mein Wille«, sagte die Jungfrau, »aber eile.« Da lief Leufried schnell nach seinem Gemach, holte das scharfe Schreibmesserlein und kehrte zu Angliana zurück, eröffnete sein Wams vorn auf der Brust, und ehe es sich Angliana versah, schnitt er sich die zugeheilte Wunde auf und zog den Goldfaden ganz unerschrocken wieder heraus. Da Angliana dies sah, ward sie vor Schreck ganz bleich; denn Leufried fing stark an zu bluten. Sie nahm das Messer und den Goldfaden von ihm und bat ihn mit gefalteten Händen gar beweglich, zu dem Wundarzt zu gehen und sich verbinden zu lassen, damit ihm kein größerer Schaden erwachse. Da sprach Leufried gar freundlich: »Gnädige Jungfrau, Ihr sollt Euch ob meiner Wunde nicht entsetzen, ich habe mich das erstemal selbst geheilt und gehe jetzt hin, mich zu verbinden.« »Das tue«, sagte Angliana, »aber kehre bald wieder zu mir.« In großen Freuden schied da Leufried; denn er liebte die Jungfrau so inniglich, daß er den Schmerz seiner aufgerissenen Wunde gar nicht fühlte. Er verband sich, weil ihn Angliana darum gebeten, viel fleißiger, als er sonst getan hätte; denn es war ihm schier, als wäre es das Herz der Jungfrau selber, das er verwundet habe. Dann legte er auch andere Kleider an und tat sein blutiges Gewand beiseite. Als aber Leufried sie verlassen hatte, nahm Angliana den Goldfaden und wusch ihn in lauterem Wasser, da war er so glänzend und unversehrt, als wenn er erst vom Rahmen gekommen wäre; des konnte sich die Jungfrau nicht genug verwundern. Noch mehr aber bewunderte sie den Jüngling, der sich ihr zuliebe schon zweimal mit scharfem Messer an seinem Leib versehrt hatte. Von dieser Stunde an ward Angliana gar schwer vom Pfeil der Liebe Kupidinis verwundet. Sie wartete mit gar großem Verlangen auf den Jüngling, um zu sehen, ob er blaß oder schwach geworden. Da Leufried bald mit guter Gestalt und fröhlichem Angesicht zurückkehrte, ward sie nicht wenig durch seinen Anblick erfreut. Es war aber jetzt an der Zeit, daß die Jungfrauen aus der Kirche zurückkehren sollten, und Angliana konnte nicht mehr mit Leufried reden, wie es ihr ums Herz war, sie sagte aber allein: »Leufried, verlange jetzt nicht die versprochene Gabe; denn die Zeit erlaubt es nicht. Morgen aber will ich dir ein Päcklein vor all meinen Jungfrauen irgendwohin zu tragen geben, damit aber gehe allein auf dein Gemach und bewahre es mit allem, was du darin finden wirst, auch wird ein Brief darinnen sein, dessen Inhalt nimm fleißig wahr und folge seinem Befehl. Jetzt aber verlasse wieder mein Gemach und warte an der Tür; denn gewiß werden meine Jungfrauen nicht lange mehr ausbleiben.« Leufried begab sich ganz zitternd vor großer Freude wieder auf seine Stelle, und gleich darauf kehrten Anglianas Jungfrauen aus der Kirche zurück. Wie Angliana am folgenden Tag in ihrem innersten Gemach Leufried einen Brief schrieb und ihm denselben mit vielen Kleinodien überreichte. Angliana hatte jetzt kein ander Sinnen und Denken mehr als allein Leufried, den Jüngling. Stets lag ihr der große Schmerz im Sinn, den er um ihretwillen gelitten, und immer hatte sie ihn vor Augen, wie er seine Brust eröffnete und den Goldfaden aus der blutenden Wunde nahm. In solchen Betrachtungen brachte sie den größten Teil des Tages zu. Ihre Jungfrauen, welche diese Veränderung in ihrem Gemüt bemerkten, sorgten, sie möge mit großer Krankheit behaftet sein und getraue nicht, es zu sagen, was ihr fehle. Darum gingen sie miteinander zu Rat, und eine Ritterstochter unter ihnen, mit Namen Kordula, sprach also zu den übrigen: »Liebe Jungfrauen und Gespielen, es ist gewiß keine unter uns, welche nicht mit Kummer bemerkt, wie sich unsere Jungfrau Angliana seither an Fröhlichkeit des Herzens und munterer Gesichtsfarbe verändert hat. Gewiß muß sie an gar schwerer Krankheit leiden und will uns solches verbergen, um uns den Kummer zu ersparen. Sie stellt sich darum stets fröhlich gegen uns, aber es geschieht solches gewiß mit ängstlichem und bekümmertem Herzen. Darum rate ich, daß wir sie insgesamt bitten, uns ihr Leid nicht länger zu verhehlen; denn sollte die Sache traurig werden, so könnten wir vor unserem Herrn Grafen in schwere Verantwortung gezogen werden.« Alle Jungfrauen lobten diesen Vorschlag und begaben sich sogleich miteinander zu Angliana, und Kordula, die besonders ein großes Herz zu ihrer Jungfrau trug, sprach im Namen aller anderen: »Gnädigste Jungfrau, unser aller große Liebe und Treue zu Euch führt uns mit der Bitte hierher, uns die Ursache Eurer Schwermut zu eröffnen; denn Euer Stillschweigen scheint uns ein unverdientes Mißtrauen und schmerzt uns gar sehr. Darum seht auf unsere Liebe und sagt uns die Ursache Eurer schweren Gedanken, vielleicht, daß wir einen Rat erdenken können, Euch zu helfen.« Angliana aber antwortete: »Meine getreuen Jungfrauen, ich danke euch herzlich für die Sorge, die ihr meinetwegen getragen, aber tröstet euch gänzlich, in kurzem wird mein Anliegen zu gutem Ende gelangen. Darum bitte ich von euch, daß ihr mich heute in meinem inneren Gemach der Ruhe allein genießen laßt.« Also beurlaubte sie die Jungfrauen. Leufried, der emsige Türhüter, stand vor dem äußeren Gemach, und sooft er die Tür aufgehen hörte, wartete er in banger Freude, ob ihn seine Jungfrau zu sich rufen würde. Sie aber saß in ihrem innersten Gemach und schrieb einen Brief, der also lautete: »Viel Glück und Wohlfahrt wünsche ich Dir aus Grund meines Herzens, Du mein allerliebster Jüngling. Länger ist es mir nicht möglich, Dir die große und inbrünstige Liebe zu verbergen, die ich in aller Zucht und Ehre zu Dir trage; denn Du hast mit Deinem Herzen auch das meine eröffnet, und mit dem darin verborgenen Goldfaden hast Du mich gebunden und gefangen. Ganz zu eigen will ich mich Dir geben, und sollte ich darum alles Gut meines Vaters verlieren; denn ich weiß wohl, daß eine Liebe gleich der Deinigen zu mir um meines Vaters Gut nicht zu erkaufen wäre. Willst Du mir aber folgen, so will ich Dir wohl Wege anzeigen, wie wir beide mit Gunst und Willen meines Vaters noch lange beieinander leben können; denn ich kenne Dich eines so herrlichen Verstandes, daß Du in aller Geschicklichkeit Dich bei meinem Vater beliebt machen und Dir einen gnädigen Herrn an ihm gewinnen wirst. Doch sollst Du, mein Jüngling, unsere Liebe ganz verborgen treiben und Dir niemanden so vertraut sein lassen, ihm unsere Liebe zu eröffnen. So will ich auch gegen Dich handeln, und damit diese unsere Liebe stet und fest sei, so nimm von mir zu einem Zeichen diesen Ring, welcher mir sehr wert und teuer ist; denn meine liebe selige Mutter hat ihn mir als ein Gedenken auf ihrem Todbette gegeben, und Du sollst ihn Dir auch um ihretwegen lieb sein lassen, wenn ich Dir anders auch lieb bin; doch daran zweifle ich nicht. Die anderen Kleinodien und Gaben, die Du in diesem Päcklein finden wirst, die nehme anstatt des Goldfadens zu einem glückseligen Jahr. Ich bitte, verschmähe ihren geringen Wert nicht; denn Du sollst noch viel mehr von mir erwarten. Mein lieber Leufried, hast Du irgendein Anliegen zu mir, das Du mir mitteilen möchtest, so tue es allezeit schriftlich. Hiermit sei Gott befohlen, der pflege Dein in steter Gesundheit.« Da Angliana diesen Brief mit ihrem eigenen Siegelring geschlossen hatte, band sie ihn in ein Päcklein nebst dem Ring, einem schönen Hemd und einem sehr köstlichen Barett. Am Abend nun kamen ihre Jungfrauen wieder, um ihr Wohlsein zu erfahren, sie fanden sie aber ganz wohlgemut und guter Farbe, wodurch sie große Freude empfingen. Da nun das Nachtmahl vollbracht war und das Gestirn durch den tiefen blauen Himmel schaute, gingen alle zu Bette und brachten die Nacht mit gar süßem Schlafe zu. Wie Angliana Leufried das Bündlein gibt in der Gegenwart aller ihrer Jungfrauen. Aurora, die edele Morgenröte, brachte jetzt mit Freude den neuen Tag daher. Die Nachtigall und andere Vöglein begrüßten ihn mit Freuden, und Angliana stand auf, legte gar zierliche Gewand an und saß an einem Fenster, den Gesang der Vöglein zu hören, durch welchen sie eines gar frischen und fröhlichen Gemüts ward. Nun hatte Leufried aber die Nacht ganz ohne Schlaf hingebracht; denn er konnte den Tag gar nicht erwarten, um zu erfahren, mit was für Kleinodien ihn die Jungfrau beschenken wollte. Er stund auf, legte seine schönsten Kleider an, ging mit großen Freuden in den Garten. Ohne zu wissen, daß Angliana, seine liebste Jungfrau, schon aufgestanden sei und jetzo an dem Fenster sitze, nahm er seinen gewöhnlichen Platz unter der Rosenlaube und begann mit gar fröhlicher Stimme zu singen. Das nahm Angliana gar bald wahr und spitzte ihre Öhrlein und lauschte freudig auf den Gesang ihres lieben Jünglings. Leufried blickte von ungefähr durch den Hag und sah seine liebste Jungfrau an dem Fenster, die mit einem schönen Hündlein und einem Papagei Kurzweil trieb, doch aber gar fleißig auf seinen Gesang lauschte. Oh, da war es Leufried gar wohl zumute, als er seine Liebe zugegen wußte. Er sparte keinen Fleiß in seinem Gesang und sang, so schön er immer konnte, bis ihm die Zeit schien, auf seinen Dienst zu warten; da ging er vor der Jungfrau Gemach. Nun kamen auch Anglianas Jungfrauen und wünschten ihr einen seligen Tag; sie fragte sie, ob Leufried, der Jüngling, nicht vor dem Zimmer stehe. Die Jungfrauen sprachen: »Ja.« »So ruft mir ihn«, sagte Angliana, »er soll meinem Herrn und Vater etwas Nötiges bringen.« Der Jüngling trat in großer Freude herein, gleich einem, der aus einem finsteren Gewölbe kömmt und urplötzlich den klaren Schein der Sonne erblickt. Also war auch dem Jüngling, da er seine Jungfrau Angliana anblickte. Er wünschte Angliana zuvor, dann allen ihren Gespielen einen fröhlichen und glückseligen Tag. Die Jungfrau war nicht weniger erfreut durch seinen Anblick und begann mit ihm zu scherzen: »Mein lieber Leufried, sage mir doch, was dich heute nur so früh aus deinem Bett getrieben und zu solchem fröhlichen und guten Gesange verursacht; denn die Nachtigall, die Drossel und die anderen Waldvöglein sind dir heute nicht viel vorangegangen, du bist ihnen mit deiner süßen Stimme bald gefolgt und hast mich auch wahrlich gezwungen, daß ich dir mit aller Lust und Fleiß habe zuhören müssen, und wenn ich gleich weiß, daß du nicht mir zu Dienst gesungen hast, so lass' ich mich das doch gar nicht kümmern. Die Jungfrau aber, welcher du also freundlich dienst, muß dir gewiß sehr angenehm dafür zu danken wissen, sonst wollte ich sie sehr unverständig und hartherzig nennen. Nun gestehe mir, lieber Leufried, welche unter diesen meinen Jungfrauen dich so ganz früh ermuntert und erweckt, sie soll mir wahrlich die liebste in meiner Gesellschaft sein.« Die Jungfrauen konnten sich der scherzhaften Worte Anglianas nicht genug verwundern, und eine sah immer ganz schamrot die andere an; denn jede meinte, Angliana habe auf sie geredet. Auch Leufried ward nicht weniger schamrot, was ihm dann seine Schönheit noch verdoppelte; denn er war von Natur eines weißen Angesichts, eines langen, geraden, wohlgebauten Leibes und einer aufrichtigen, tapferen Stirn, sein Haar gesponnenem Golde zu vergleichen, schön und zierlich gekraust. Er hatte eine starke und vollkommene Brust, überhaupt war er nicht allein der schönste Jüngling des Hofes, sondern er übertraf auch alle Jünglinge des Landes an Gestalt, Schönheit und Tugend. Da ihn Angliana nun lange mit ihren Scherzreden geneckt hatte, gab er ihr folgende Antwort: »Gnädigste Jungfrau, ich nehme Euren Scherz zugut, da Ihr mich aber fragt, wem ich zu Dienst gesungen, so sage ich Euch, daß nur eine lebt und leben wird, der ich mein Herz so ganz geöffnet, und daß sie es weiß, daß ich ihr einziger, fleißiger und steter Diener bin und bleiben will, bis an mein letztes Ende. Ich erkenne aber wohl, daß mir nicht gebührt, zu so edlen Jungfrauen, als sie Eures Hofes sind, Liebe zu tragen; denn ich armer Jüngling bin ihnen zu gering. Doch soll mich meine niedere Geburt nimmer von Jungfrauen und Frauendienst abwenden, und so hoffe ich dann auf die Wahrheit eines alten Sprichwortes: Frauendienst war nie umsonst, was eine nicht erkennt, dankbar anerkennt das vergilt die andere.« So endete er seine Rede an die Jungfrauen, welche seine große Schönheit noch nie so wohl betrachtet hatten als eben heute; denn der Jüngling hatte sich heute besonders zierlich angekleidet und war in der Unruhe seines freudigen Herzens sehr bewegt. Angliana nahm das Päcklein, das sie für ihn zusammengebunden, gab es ihm vor allen ihren Jungfrauen mit den Worten: »Leufried, mein lieber Jüngling, nimm dieses Päcklein und bringe es meinem Herrn und Vater, sage ihm, es enthalte das Begehrte. Sodann komme wieder in unsere Gesellschaft, damit wir kurzweilige Gespräche mit dir haben können; das soll dich nicht verdrießen, wer weiß, wie ich oder meine Jungfrauen dir unsere Neckereien in Zucht und Ehren vergelten können.« »Gnädige Jungfrau«, sprach Leufried, »Euer Scherz mit mir wird stets mein fröhlichster Kurzweil sein.« Also ging Leufried von seiner Jungfrau in großen Freuden. Er konnte kaum erwarten, bis er in seine Kammer kam, damit er die Gaben sehen möge, die in dem Päcklein verborgen waren. Als er in seinem Gemach das Päcklein geöffnet, las er, ohne nach den Kleinodien zu sehen, vor allem den Brief seiner Jungfrau, und da er ihn gelesen und gar oft und zärtlich geküßt hatte, besah er die Kleinodien und den Ring; in den war eingesetzt ein schöner blauer Saphir. Mit dieser Farbe hatte die Jungfrau die Stetigkeit ihrer Liebe zu dem Jüngling anzeigen wollen. Er nahm den Ring, hing ihn an seinen Hals und sprach: »Nun freue dich, Leufried, denn zu dieser Stunde hat dich das Glück hoch erhoben. Ach, wer möchte wohl glücklicher sein auf der ganzen Erde als ich, der glückselige Leufried! O du mein liebster Vater, meine liebe Mutter und ihr allerliebsten meine Pflegeeltern, Herr und Frau, wollte Gott, meine Wohlfahrt wäre euch bekannt, damit ihr euch auch mit mir ergötzen und erfreuen könntet. Ach, sollten meine Schulgesellen, die mich für ihren König erwählt hatten, nun mein Glück wissen, sicher würden sie meine jetzige Seligkeit über aller Könige Lust hochhalten, aber dies soll und kann nicht geschehen, weil mir meine liebste Jungfrau die höchste Heimlichkeit anbefohlen hat. Wenn mir aber einst Gott und das Glück Gnade leihen, so will ich alle die Meinigen meines Glückes teilhaftig machen.« Da Leufried sich nun genugsam an den Gaben Anglianas erfreut hatte, zog er sich aus, legte das schöne geschenkte Hemd an und kehrte zu den Jungfrauen zurück, mit welchen er noch mancherlei Scherz und Kurzweil hatte. Auch ward er in kurzer Zeit von allen gar hoch geehrt, und mochten sie keine rechte Freude haben, wo Leufried nicht zugegen war. Dies währte so lange, bis er gar groß und stark heranwuchs und der Graf ihn aus der Jungfrauen Zimmer zu seinem eigenen Kämmerling annahm. Hierüber waren Leufried und Angliana sehr betrübt; denn nun konnten sie sich nicht mehr mit so gutem Fug nahe und vertraut sein, wenn er gleich mehr als andere Hofdiener in ihre Nähe kam; denn der Graf ließ alles, was er bei seiner Tochter zu bestellen hatte, durch Leufried ausrichten. Ihrer beider große Liebe zueinander war dem Herrn aber noch gänzlich verborgen. Wie Leufried, der Kämmerling, von dem Grafen weggeschickt wurde und in einem Wald ein schönes Hündchen fand und wie ihm mit diesem Hündlein seltsame Abenteuer begegneten. Leufried, der nun aus seiner Jungfrau Dienst gekommen und des Grafen Kämmerling geworden war, hielt sich in allem so wohl, daß ihn der Graf in allen seinen Geschäften gebrauchte. Eines Tages, da ihn der Graf auf eine weite Reise zu einem anderen Grafen, der ihm verwandt war, geschickt hatte, verirrte sich Leufried in einem großen Wald, und als er den ganzen Tag darin hin und her geritten war, vernahm er endlich gegen Abend ein Geräusch, als werde in dem Wald gejagt. Daraus schöpfte er Trost, weil er hoffte, von den Jägern den rechten Weg zu erfahren. Indem kam ein schöner weißer Hund auf ihn zugelaufen, der hatte dem Jäger das Leitseil zerrissen, das Halsband aber hatte er noch. Da er Leufried gewahr wurde, sprang er gar freundlich an ihm hinauf. Leufried schmeichelte ihm und sagte: »Mein liebes Hündchen, ich wollte, du verstündest meine Worte, ich wollte dich dann bitten, daß du mich auf den rechten Weg brächtest.« Der Hund aber hatte die Spur seines Wildes verloren und blieb bei Leufried. Da ritt dieser ihm nach und glaubte, er würde so die Jäger finden. So brachte ihn der Hund bald auf einen wohlgebahnten Weg längs einem Wildhag bis zu einem freien Waldplan, wo die Jäger ein großes Feuer gehabt hatten. Er fand da noch Heu und Futter, das die Pferde der Jäger zurückgelassen hatten. Damit mußte sein Roß zufrieden sein; und so blieb Leufried mit dem Hund diese Nacht an diesem Ort; denn er fürchtete, sich noch tiefer zu verirren. Als aber die Nacht vergangen war und der andere Tag am Himmel anbrach, saß Leufried zu Roß und ritt bis zu des Waldes Ende, dann fort die Straße bis zu einer Brücke über ein großes Wasser. Jenseits stand ein kleines Häuslein, vor welchem ein alter Mann saß, der seine Netze und Fischgarne flickte. Leufried ritt zu ihm und grüßte ihn gar freundlich, und der Alte dankte ihm. »Lieber Vater«, sagte Leufried, »ich bitte, wollet mich zurechtweisen, daß ich wieder zu den Leuten kommen möge; denn ich bin seit gestern in dem Walde irregeritten, auch weiß ich gar nicht, in welches Herrn Lande ich sein mag.« Der gute alte Mann hatte großes Mitleid mit ihm und fragte, ob er auch in der Zeit gar nichts gegessen hätte. »Nein«, sagte Leufried, »und darum möchte ich auch zu den Leuten, um meinen Hunger zu ersättigen.« »So steigt ab«, sprach der Alte, »mein Weib soll Euch zu essen geben.« Das nahm Leufried an zu großem Dank, stieg ab und ging in des Fischers Häuslein. Sein Weib machte ihm zu essen, was sie Gutes haben mochte. Leufried aß mit großer Lust, denn der Hunger war sein Mitesser; und da er sich wohl ersättigt hatte, belohnte er des Fischers Weib, saß wieder zu Pferd, dankte dem Fischer auch freundlich und fragte ihn nach der rechten Straße; die zeigte der alte Mann ihm gar tugendlich. So schied Leufried von dannen und verrichtete sein Geschäft. Und da er auf der Heimkehr wieder in die Landschaft kam, wo er das schöne Hündlein gefunden, erging es ihm wie folgt. Der Herr des Forstes war gar traurig um den verlorenen Hund, ließ deswegen an allen Orten umfragen, ob er was von dem Hunde erfahren möchte. Von ungefähr übernachtete nun Leufried bei einem Wirt, der ganz besonderen Auftrag wegen des Hundes hatte. Leufried, der sich nichts Arges versah, zog sein Pferd in den Stall und ging dann mit seinem Hündlein in die Stube. Der Wirt empfing ihn mit guten Worten, aber mit falschem Herzen; denn er erkannte den Hund gar wohl. Er befahl einem seiner Knechte, er solle schnell zu dem Forstherrn reiten, der Hund sei gefunden, und er solle sogleich einen tüchtigen Boten, ihn abzuholen, schicken; denn es sei ein gar kecker und frecher Gesell, der den Hund führe, und getraue er sich nicht allein, ihm den Hund abzugewinnen; was sich denn nachmals auch als wahr befand. Wie Leufried während dem Nachtimbiß von einem Diener des Forstherrn überfallen ward und wie er sich seiner mit großer Not erwehrte und zuletzt doch mit dem Hündlein davonkam. Es ist von alters her ein Sprichwort: Ein frommer Wirt ist seines Gastes Herrgott, bei einem Schalk findet man ein rauhes Lager. Also geschah auch dem guten Jüngling. Er versah sich keines Argen, sondern glaubte, er hätte einen guten Wirt erlangt, der aber war sein Verräter. Sogleich auf des Wirtes Nachricht sandte der Forstherr einen seiner Diener, und dieser war ein auserlesener, mutwilliger Reiter. Leufried saß an dem Tisch und hatte den Hund bei sich auf der Bank liegen. Der Knecht kam hinein und rief den Hund bei seinem Namen Treu. Der Hund aber wollte nicht von Leufried aufstehen; dies verdroß den Reiter gar hart. Da trat er zu Leufried und sprach ganz hochmütiglich: »Du elender Jüngling, wie darfst du so frevel sein, meinem Herrn seinen liebsten Hund gewaltsam hinwegzuführen, ich sage dir, es soll dir nimmer guttun. Das bedenke und gib den Hund von dir, wenn du anders deine Haut ganz behalten willst.« »Guter Gesell«, sprach Leufried, »du beschuldigst mich einer schmählichen Sache, die ich nicht erleiden mag; denn ich habe den Hund nicht mutwillig entführt, sondern er ist mir, als ich mich im Wald verirrt, zugelaufen, hat mich auf den rechten Weg gebracht und ist bei mir geblieben aus freiem Willen, ohne alle Bande und Strick, und läuft ganz frei mit mir.« »Dafür soll dich alles Übel treffen«, sagte der Reiter, »ich merke wohl, du brauchst Künste mit diesem Hund, die sollen dir zu großem Schaden geraten.« Und mit diesen Worten zückte er seinen Fausthammer und meinte Leufried zu Boden zu schlagen. Der aber war nicht faul, sprang vom Tisch auf, zückte sein gutes Schwert und drang fast sehr hart auf den Reiter, so daß ihm dieser aus seinen Streichen weichen mußte. Da sprang der verräterische Wirt dem Reiter zu und wollte ihn beschützen, aber Leufried drang mit so großem Grimm auf den Wirt ein und schlug ihn mit dem ersten Streich dermaßen auf das Haupt, daß er mit einem lauten Schrei zu Boden sank. Der Reiter war indes entsprungen. Leufried wollte ihm nach, aber er hatte schon sein Roß gefunden und sich von dannen gemacht, im Dorf aber einen solchen Lärm von der Sache angestellt, daß die Bauern alle zusammengelaufen waren. Da Leufried dies sah, gedachte er bei sich selbst: Hier ist nicht lange harren, setzte geschwind zu Pferd und machte sich von dannen; denn er sorgte, hätten ihn die Bauern gefangen, es hätte ihm große Not daraus erwachsen können. Da nun der Reitknecht ohne den Hund zu seinem Herrn kam, ward dieser sehr zornig über ihn. Der Knecht aber getraute sich nicht zu sagen, wie es ihm eigentlich ergangen war, sonst wäre er in großes Gespött gekommen, darum ließ er alles beim Nächsten bleiben und faßte sich kurz in seiner Erzählung. Dergleichen Eisenbeißer finden sich wohl noch zur Zeit, welche alle Welt in einem Streich vermeinen umzubringen, wenn sie aber ihren Mann vor sich haben, schlagen sie gewöhnlich mit den Fersen drein. So tat dieser Reiter; denn er brauchte seines Pferdes Füße für Harnisch und Wehr. Das bleibe also. Leufried, der gute Jüngling, war ohne Urlaub seines Wirts davongeritten, hat auch niemanden nach dem nächsten Weg gefragt, doch behalf er sich mit einem Kompaß, den er mit sich führte, daran er ungefähr abnehmen konnte, ob er in der Richtung seiner Heimat reiste. Also ritt er nach seinem Kompaß bis zu einem Brüderhaus, darin war ein alter Bruder, ein frommer und guter, getreuer Mann. Leufried rief mit lauter Stimme vor dem Bruderhäuslein: »Ist jemand hierin, der tue so freundlich an mir und weise mich auf die rechte Straße; denn ich bin des Weges unerfahren.« Der Waldbruder kam behend herfür, empfing Leufried gar freundlich, fragte ihn, wohinaus seine Reise ging; des ihn Leufried gründlich berichtete. »Guter Freund«, sagte der Bruder, »Ihr seid etwas von der Straße geritten. Auch könnt Ihr wahrhaftig in drei Stunden nicht zu einer Herberge gelangen. Darum bitte ich Euch, steigt ab. Ich will Euch einen Bissen Brot und Fleisch, auch einen Trunk frisches Wasser geben, damit Ihr Euch ein wenig erlaben mögt.« Dies nahm Leufried mit großem Dank an und stieg vom Pferd. Der Bruder deckte ihm ein Tischlein unter einem grünen Baum vor seinem Häuslein und trug gar gutes, wohlschmeckendes Brot und Fleisch auf. So deuchte es Leufried, er hätte seit langem nicht so wohl gezecht; denn es war jetzt über Mittag, und sein Hunger gar groß. Dem Pferd gab der Bruder ein Mäßlein Gerste und bedachte auch das Hündlein wohl. Als Leufried sich so gut ersättigt hatte, fragte er den Waldbruder um seine Zeche, der aber wollte nichts nehmen. Da schenkte ihm Leufried einiges Geld und ritt, nachdem sie sich einander freundlich gegrüßt hatten, des Weges, den ihm der gute Bruder gezeigt hatte. Wir wollen ihn ruhig vollends heimreiten lassen und jetzt ein wenig sagen von seinem Vater und seiner Mutter, auch von seinem Herrn, dem Kaufmann, der ihn erzogen, wie es ihnen nach Leufrieds Abschied ergangen: denn wir sie schier lange verlassen haben. Wie der Kaufmann Herrmann nach dem Hirten Erich und seiner Hausfrau, die das Vieh auf dem Feld hüteten, schickte, daß hie ihm Rechnung ablegen sollten, worüber der Hirt sehr erschrak; denn er hatte in vielen Jahren nicht abgerechnet, und wie ihn Felizitas, sein Weib, tröstete. Ihr habt gehört, wie Leufried ohne Urlaub seiner Eltern und Pflegeeltern hinweggegangen war, welche nun schon in das achte Jahr nichts von ihm vernommen hatten, wußten auch nicht, ob er lebendig oder tot sei. Vater und Mutter klagten sein Hinscheiden täglich mit großem Jammer; denn sie standen alle Jahre in Sorgen, der Kaufmann Herrmann werde sie von dem Hof stoßen, und weil ihr Sohn Leufried nicht mehr zugegen sei, möge er argwöhnen, als wüßten sie um seine Flucht. Doch machten sie sich solche Sorge gar umsonst; denn Herrmann hatte aus dem Brief, welchen Leufried zurückgelassen hatte, wohl ersehen, daß der Hirt Erich und Felizitas sowenig von des Knaben Abschied erfahren als er. Es fügte sich an einem Tage, daß Herrmann, der Kaufmann, zu Erich, seinem Meier, schickte: er solle sich nun mit seiner Hausfrau unterreden; denn er wollte in kurzen Tagen Rechnung von ihm haben. Als die guten Leute dies vernahmen, erschraken sie gar sehr; denn sie hatten in vielen Jahren keine Rechnung abgelegt, auch hatte es ihnen ihr Herr noch niemals zugemutet. »Ach Gott«, sagte Erich, »jetzt geschieht uns das, wovor mir schon so lange Jahre bange gewesen. Warum bin ich nicht mehr in meinem alten Stand! Wir säßen jetzt ruhig in unserem armen Häuslein. Wenn ich des Tages mein Vieh gehütet hätte, wäre ich darnach aller Sorge entladen gewesen und hätte mich in keine Rechnungen und große Verwirrung zu stecken brauchen. Wohl dem, der in Armut und frei lebt und keinen Dienst zu versehen hat! Hat jemand ein Amt, eine Pflege oder Schaffnerei und ist gegen jedermann billig, so wird er von gemeinen, unwahrhaftigen Leuten hintergangen. Sie bringen es mit Schmeicheln und List dahin, daß er ihnen vertraut, leiht und borgt; dann schwellen die Zinsen zu einem großen Haufen an, dann kömmt der Herr, dessen Schaffner oder Pfleger er ist, will abrechnen, will bezahlt sein, wie dann auch ganz billig. Ach Gott, da stehen dem Schaffner von den Zinsleuten die Zinsen noch aus, der Herr erzürnt über ihn, stößt ihn von seinem Dienst. So findet man bisweilen Zinsleute so leichtfertig, die Eid und Ehre verschwören, sie hätten den Zins entrichtet, was ihnen doch nie in den Sinn gekommen. Ist dann der Schaffner rauh, streng und ernstlich und begehrt zu rechter Zeit, was seinem Herrn gebührt, so wird er von allen ein Hund, Tyrann und Wüterich gescholten. Geht dem Herrn nun alles nach Willen ein, tragen Hof, Acker, Feld und Vieh großen Übernutz, so ist der Meier liebgehalten, kömmt aber Mißwachs in die Frucht, Unfall in das Vieh, so daß man Einbuße hat, alsbald wird der Meier gar unwert, der Herr legt alle Schuld auf ihn. Nun bezeuge ich mit der Wahrheit, daß ich meinem Herrn in aller Treue gedient, ihm all sein Gut zum genauesten zusammengehalten habe, doch ist mir als einem armen, einfältigen Bauersmann, der mit der Schrift nie umgegangen, nicht möglich, Rechnung abzulegen, da mein Herr in langen Jahren keine von mir begehrt hat. Ach, meine liebe Felizitas, gib hierin deinen guten und getreuen Rat. Wollte Gott, unser Sohn Leufried wäre vorhanden, es sollte mit uns nicht dahin gekommen sein. Ich fürchte aber, unser Gevatter denkt, als wüßten wir etwa von unseres Sohnes Flucht.« Felizitas, als eine getreue Ratgeberin ihres lieben Mannes, sprach da zu ihm: »Mein allerliebster Erich, bekümmere dich nicht um die Botschaft unseres lieben Herrn und Gevatters; denn ich kenne ihn gar wohl, er wird uns nichts Unmögliches zumuten. Als ich vergangenen Markt bei ihm gewesen, habe ich auch nichts als alles Gutes an ihm verspürt. Er fragte ganz freundlich, wie es dir ginge, ob du noch frisch und gesund seist, und besonders, ob wir nichts von Leufried hörten. Ich entgegnete ihm freundlich und bat ihn, uns den Ungehorsam Leufrieds nicht entgelten zu lassen, da seine Flucht ohne unser Wissen geschehen. Darauf erwiderten der Herr und die Frau: ›Das wissen wir wohl alles aus einem Brief, den Leufried zurückgelassen‹; ›und‹, sagte der Herr, ›ich bin gewisser Hoffnung, nicht zu sterben, ohne Leufried zuvor noch wiedergesehen zu haben. Auch zweifle ich nicht, daß es, wo er auch sei, recht gut mit ihm stehe; denn ich habe seit einiger Zeit manchen fröhlichen Traum von ihm gehabt.‹« Mit diesen und dergleichen Worten tröstete Felizitas ihren Gemahl, so daß er zuletzt eine gute Hoffnung gewann, seine Sache werde gut vor seinem Herrn bestehen. Da nun der bestimmte Tag gekommen war, gingen Erich und Felizitas in die Stadt zu ihrem lieben Herrn und Gevatter und dessen Frau. Da wurden sie gar ehrlich und wohl empfangen, wodurch Erich einen rechten Trost gewann und nicht mehr so traurig war. Wie der Meier Erich von seinem Herrn gar wohl begabt wurde und derselbe ihn von neuem auf seinem Hof bestätigte und ihm alle Güter zu einem Erblehen übergab. Herrmann, der Kaufmann, hatte ein gutes Mahl zubereiten und dazu viele ehrbare Leute einladen lassen. Als nun die Zeit kam, daß sie alle versammelt waren, nahmen sie das Handwasser und setzten sich zu Tisch, sagten Gott dem Herrn auch Lob und Dank für die Nahrung, die er ihnen täglich bescherte. Darnach brachten die Diener das Essen nach seiner Ordnung, gar köstlich und wohlbereitet; der Trank ward in schönen Kredenzen und Trinkgeschirren fürgetragen. Erich samt seinem Weib waren auch zugegen, und da nun die Mitte der Mahlzeit war, begann Herrmann, der Kaufmann, vor ihnen allen zu seinem Meier Erich also zu reden: »Mein allerliebster und allergetreuster Diener Erich, mir sind deine getreuen und fleißigen Dienste wohlbekannt, die du mir nun seit zwanzig Jahren schon geleistet hast. Tägliche Erfahrung zeigt mir, daß mein Hof und die zugehörenden Güter sich stets verbessern, auch nimmt der Viehstand nicht ab, und doch verkaufe ich eine große Menge Viehs. Da ich nun bedenke, daß Gott der Herr vielen ihre Güter um ihrer Diener willen gemehrt und gesegnet hat, wie dem Laban um Jakobs willen, dem Potiphar durch Joseph, so glaube ich auch, daß der Herr meine Güter durch deine treuen Dienste also segnet. Und nun zeige mir an, mein lieber Erich, wieviel Vieh du noch auf dem Hof hast, großes und kleines, davon gebe mir die Hälfte, und die andere Hälfte behalte als dein eigenes Gut, so auch alle Frucht in der Scheuer. Auch Acker und Wiesen teile ich mit dir, und sodann stelle ich alle meine Güter und den Hof als ein Erblehen dir und deinen Kindern um einen billigen Zins aus. Das will ich hiermit in Gegenwart aller dieser Herren und guten Freunde dir versprochen haben.« Darauf bot Herrmann seinem Meier Erich und der Hausfrau Felizitas die rechte Hand als ein glaubwürdiges Zeichen seiner Zusagung. Wer war fröhlicher als Erich und Felizitas! Die sich vorher einer schweren Rechnung versehen hatten, die erhalten jetzt eigenes Vieh und Gut. Die Freude ging ihnen so nahe zu Herzen, daß sie beide herzlich zu weinen anhüben, sie wußten auch vor großer Freude weder dem Herrn noch der Frau zu danken. Sie beflissen sich aber, da sie wieder zu Haus kamen, einer gar getreuen Haushaltung und dankten Gott immer für seine große Wohltat; auch geriet alles, was sie anfingen, zu Glücke. Das währte so lange, bis ihr Sohn Leufried wieder ins Land kam, da ward ihr Stand noch viel gebessert. Jetzt wenden wir uns wieder zu unserem Leufried. Wie Leufried wieder nach Hause kam, das schöne Hündlein mit sich brachte und wie ihn Angliana rufen ließ, daß er ihr alles erzählte, wie es ihm ergangen und besonders wie er das schöne Hündlein gewonnen habe. Leufried, jetzt aller Sorgen frei, kam mit großen Freuden nach Hause und brachte sein schönes Hündlein mit sich. Als er nun seinem Herrn alles, was er ausgerichtet, angezeigt hatte, ging er in sein Gemach und legte andere Gewande an, um ehrbarlich vor seiner lieben Jungfrau zu erscheinen. Angliana hatte seine Ankunft schon erfahren, da säumte sie sich nicht lange und schickte eine ihrer geheimsten Jungfrauen zu dem Jüngling mit der Bitte, er möchte ja bald zu ihr kommen. Leufried kam nun eilends in ihr Gemach, sie empfing ihn gar freundlich und fragte ihn um die Ursache seines langen Ausbleibens. Da erzählte er ihr alles nach der Länge. »Leufried«, sagte Angliana, »woher hast du denn das schöne Hündlein?« Da ihn die Jungfrau so fleißig nach dem Hündlein fragte, gedachte Leufried, sie begehrt das nicht umsonst also genau zu wissen. Vielleicht gedenkt sie, ich habe das Hündlein jemandem wider seinen Willen genommen oder es mit Unrecht überkommen. Darum sprach er: »Gnädige Jungfrau, ich kann Euch alles das nicht verschweigen«, und so erzählte er ihr, wie er verirrt war im Walde, wie ihn das Hündlein herausführte, dann von dem alten Fischer, der ihn speiste, vom verräterischen Wirt, von dem verjagten Reiter und zuletzt von dem guten Waldbruder, der ihn gespeist und auf die Straße gebracht hatte. Angliana konnte sich über das Abenteuer mit dem Hündlein nicht genug verwundern und sprach: »Fürwahr, Leufried, du sollst diesem edlen Hunde seine Treue und Freundschaft nie vergessen. Ich will ihn auch mit einem schönen Halsband zieren, welches er von mir wegen seiner Treue tragen soll. Du sollst ihn auch in Zukunft mit seinem Namen nicht anders nennen als Treu.« Leufried versprach da, der Jungfrau in allem zu willfahren. Wie Angliana dem Hündlein ein schönes Halsband stickte mit perlenen Treuen sehr künstlich und wie das Hündlein zu der Jungfrau kam und gar zärtlich erzogen wurde. Da Angliana und Leufried sich mit freundlichem Gespräch ganz wohl ergötzt hatten und es sie Zeit deuchte, zu scheiden, nahm der Jüngling einen freundlichen Urlaub von ihr und ging nach seiner Gewohnheit vor seines Herrn Gemach, allda seines Dienstes zu warten. Die Jungfrau bedachte sich aber nach seinem Abschied nicht lange und nahm in ihrem Gemach von Stund an schöne Perlen, Samt und Seide zur Hand und begann dem Hündlein ein reiches und köstliches Halsband zu sticken, eine schöne Treu von Perlen auf jeder Seite und mit vergoldeten Spangen geziert, desgleichen mit einem vergoldeten Schloßring oder Haften zusammengefügt. Als nun das Halsband mit allem Fleiß gearbeitet worden, hat sie eine ihrer liebsten Jungfrauen, der sie am besten vertraute, in ihr inneres Gemach gerufen und also zu ihr gesprochen: »Meine vertrauteste und liebste Florina, ich bitte dich, du wollest dich nicht anders gegen mich erzeigen, als ich allezeit in dich großes Vertrauen gehabt. Füge dich, sobald du nur kannst, zu dem Jüngling Leufried, sage ihm, sobald er Zeit habe, soll er zu mir in mein Gemach kommen mit seinem schönen weißen Hündlein; denn ich habe demselben dieses Halsband mit eigener Hand gewirkt und will es ihm auch selbst anlegen.« Florina wollte soeben dem Befehl ihrer Jungfrau nachkommen, als sie von ungefähr durch das Fenster in dem Lustgarten Leufried mit seinem Hündlein kurzweilen sah. Bald sprang sie mit Freuden die Treppe hinab und kam in den Garten. Da Leufried sie erblickte, merkte er gleich, daß sie ihn suchte, und da er ihre Botschaft empfangen hatte, folgte er ihr freudig in Anglianas Gemach, die ihn freundlich empfing. Sie nahm das Halsband, legte es dem Hündlein um seinen Hals und sprach: »Lieber Leufried, ich habe dem schönen Hündlein dieses Halsband versprochen, und ist es gleich nicht sehr künstlich gearbeitet, so bitte ich dich doch, es an ihm in acht zu nehmen und ihn darum noch besser zu pflegen, ihn auch hinfüro nicht anders als Treu zu nennen.« Leufried antwortete züchtiglich mit freudigem Herzen: »Liebste Jungfrau, ich danke Euch herzlich für Eure Gabe und will mich ganz nach Eurem Befehl halten.« »Das ist mein Wille«, sagte Angliana, »und wäre es mir sehr leid, wenn du um diesen schönen Hund kommen solltest.« Der Jüngling verstand wohl an den Worten der Jungfrau, daß sie den Hund gern eigen hätte. Darum nahm er ihn bei dem neuen schönen Halsband und führte ihn zu der Jungfrau Angliana und sprach: »Gnädige, liebe Jungfrau, so es Euer Gnaden nicht beschwerlich sein wollte, wäre es meine untertänigste Bitte, dieses Hündlein von mir zu einem Geschenk anzunehmen, dieweil es mir nicht wohl zu verwahren möglich sein will; denn mein Herr schickt mich öfter und weiter als seine übrigen Diener aus. Sollte mir dann das Hündlein mitsamt dem köstlichen Halsband entkommen und solltet Ihr Euch etwas darum betrüben, so müßte es mich ja ewig gereuen, daß ich diesen Bracken je in meinem Leben gesehen. Darum bitte ich Eure Gnaden, daß Sie diesen schönen Hund von mir annehme.« »Das will ich mit Freuden tun«, sagte Angliana, »und des schönen, edlen Hündleins gar wohl pflegen; dir aber, mein liebster Leufried, soll dieses reiche Geschenk vergolten werden.« Also wurden viel freundliche Worte von Leufried, Angliana und den anderen Jungfrauen getrieben, bis jetzt die Zeit des Nachtimbisses angekommen war und man die Glocke zu Hof läutete, welche alles Hofgesinde zur Tafel rief. Leufried verließ nun seine liebste Jungfrau und wartete nach wie vor fleißig auf sein Amt; dies blieb also eine Weile. Wir wollen aber wieder von dem Kaufmann Herrmann reden und wie es ihm mit seinem eigenen liebsten Sohne ergangen ist. Wie Walter, des Kaufmanns ehelicher Sohn, seinen Vater gar sehr bat, ihm zu erlauben, seinen liebsten Bruder Leufried zu suchen, was ihm der Vater kaum erlauben wollte und ihm doch zuletzt bewilligte. Ihr werdet euch noch wohl erinnern, wie Leufried von Herrmann nebst seinem eigenen Sohne Walter gar ehrlich und wohl auferzogen wurde. Walter lebte nun seit Leufrieds Abscheiden in steter Traurigkeit um seinen liebsten Gesellen und Bruder und hatte sich fest vorgenommen, so ihm Gott sein Leben bis zu den mannbaren Jahren verlängerte, wolle er nicht unterlassen, seinen liebsten Bruder und Gesellen aufzusuchen, er sei auch in welchem Land er immer wolle. Ebenso hatte Leufried ein großes Verlangen nach ihm und faßte den Entschluß, seinen Jugendbruder einmal unbekannterweise heimzusuchen und ihn, wenn es ihm möglich würde, heimlich aus dem Lande zu führen. Walter war jetzt schon erwachsen, ein sehr schöner und gerader, dabei wohlgelehrter Jüngling. Eines Tages drang er mit freundlichen Worten in seinen Vater. »Mein Vater«, sagte er, »willst du mir wohl eine kleine Bitte gewähren; denn ich kann nun weder Tag noch Nacht mehr ruhen, wenn ich nicht erfahre und ergründe, wo mein liebster Bruder und erster Gesell hingekommen sei; ich meine Leufried, den du in gleicher Liebe mit mir auferzogen hast. Darum gelangt meine herzlichste Bitte an dich, du wollest mir ein kleines Zehrgeld mitteilen und ein Pferd schenken, so will ich meinen lieben Bruder und Freund aufsuchen. Dabei kann ich auch das Land ein wenig erkundigen und erfahren. Du darfst, mein liebster Vater, dich keines Übeln an mir besorgen noch daß ich das Meinige unnütz vertun oder mich böser Gesellschaft anhängig machen sollte; denn ich habe gottlob von meinem Schulmeister und Präzeptor genug erfahren, was böse Gesellschaft tun mag, derhalb ich mich all mein Tage ihrer enthalten will. Allein erlaube mir, bester Vater, diese Reise zu vollbringen.« Herrmann, der Kaufmann, empfing durch die Worte seines Sohnes nicht wenig Unmut; denn er schlug ihm nicht gern eine Bitte ab und willigte doch auch nicht gern in diese Reise. Deswegen begann er gar freundlich also zu seinem Sohne zu sprechen: »O Walter, mein einziger und liebster Sohn, wolle mich, deinen Vater, und auch deine liebe Mutter nicht in solche Betrübnis setzen. Welche große Trauer würdest du über uns bringen, wenn du uns also in unserem Alter verlassen wolltest! Was gedenkst du, Leufried zu suchen, ich sorge, er sei schon längst zugrunde gegangen; denn ich zweifle nicht, er hätte, wenn er noch lebte, uns schon längst grüßen lassen; denn ihm ist unsere große Liebe und Freundschaft zu ihm gar wohl bekannt. Ist er nun nicht mehr in diesem Leben, so würde alle deine Mühe und Not, ihn zu suchen, verloren sein. Sollte er aber noch nicht umgekommen sein und hat uns gar vergessen, was solltest du dich dann bemühen, ihn in fremden, unerkannten Landen zu suchen. Bleibe du bei uns, suche dir andere Freunde und Gesellen zu Lust und Kurzweil; denn fürwahr, ich sorge, Leufried ist nicht mehr am Leben.« Als Walter seines Vaters Worte hörte, wiewohl er ihm immer von Jugend an gehorsam gewesen war, mochte er ihm diesmal doch nicht gehorchen und bat ihn darum von neuem, er möchte ihn ziehen lassen, und versprach ihm, nirgends zu säumen und so bald als möglich wiederzukommen. Als nun der Vater sah, daß es alles nicht abzuwenden war, willigte er endlich ein, und Walter rüstete sich schnell zur Reise. Die Mutter erhob noch ein großes Klagen, aber Herrmann redete es ihr aus, gab seinem Sohn eine gute Zehrung Reisegeld. und mietete ihm einen frommen und getreuen Knecht, der ihn begleiten und ihn bedienen sollte. Also ritt der gute junge Walter von Vater und Mutter mit seinem Knecht hinweg und begehrte jetzt nichts anderes, als seinen Leufried zu erfahren. zu erkunden, auszukundschaften. Wie Walter und sein Diener zu drei bösen Buben in den Wald kamen, von denen sie geplündert und kleiderlos an einen Baum gebunden wurden. Walter, der gute Junge, war jetzt mit seinem Knecht bereits an die vierzehn Tage geritten. Überall fragten sie nach Leufried, aber konnten von niemandem einen rechten Bescheid erhalten; denn Leufried hatte sich nirgend noch recht zu erkennen gegeben, und darum konnte niemand etwas von seinem Herkommen wissen. Auch war er schon ein ansehnlicher, gerader Reitersmann geworden und durfte seinen Feinden wohl unter die Augen treten. Walter aber glaubte, er sei der Schule und dem Studieren nachgezogen, darum fragte er in allen Schulen nach ihm, wo er in eine Stadt kam. Es begab sich eines Tages, daß die zwei Reisenden durch einen großen, dicken Wald ziehen sollten, wovor ihnen gar sehr grauste. Vor dem Wald stand eine Herberge oder ein Wirtshaus, in welchem sich die Kaufleute oft zu versammeln pflegten, bis ihrer eine gute Zahl zusammenkämen, damit sie sicher durch den Wald reiten konnten in Gesellschaft; denn es geschah viel Mord und Räuberei in dem Wald. Der Wirt in der Herberge warnte die zwei Jungen gar treulich, sie sollten sich nicht allein auf den Weg wagen, sondern auf Gesellschaft warten. Diese Warnung hörten drei große Schälke und Mörder, die in dem Wirtshaus lagen. Sie stellten sich an, als wären sie Juweliere, gingen mit Gestein um und wären willens, nach Lissabon zu reisen und dort Edelgestein zu kaufen, und stellten sich ganz furchtsam. Der Wirt hatte Mitleid mit ihnen und sagte: morgen kämen gewiß viele Kaufleute, da könnten sie sicher reisen. Da die drei Schelme aber von den Kaufleuten sagen hörten, welche kommen sollten, sorgten sie, die zwei Jungen möchten ihnen entgehen. Darum nahmen sie eine Abrede miteinander, nach welcher der Älteste unter ihnen nicht mehr bleiben wollte. Er sagte, er wolle es auf gut Glück wagen. Ihm sei vormals in diesem Walde nichts widerfahren, und er werde diesmal wohl auch glücklich durchkommen. Da sprachen die anderen: »Wohlan, es sei mit dir gewagt, und wollen wir uns alsbald rüsten.« Als Walter und sein Gesell dies hörten, glaubten sie diesen nassen Knaben durchtriebenen Burschen. und verlangten von ihnen, in ihre Gesellschaft aufgenommen zu werden. Die Schelme aber weigerten sich einigermaßen und sprachen: »Wir können euch nicht wohl folgen, da ihr zu Roß und wir drei zu Fuße sind.« Da sprach der treuherzige Walter zu ihnen: »Liebe Gesellen, wollt ihr euch brüderlich mit uns halten, so ist der Sache wohl zu tun; legt eure Kleider und Päcke auf unsere Pferde, so wollen wir unsere Reitstiefel ablegen und mit euch zu Fuß durch den Wald gehen.« Dieser Vorschlag ward angenommen, und als sie gegessen und den Wirt bezahlt hatten, zogen sie dem Walde zu. Walter und sein Knecht besorgten sich gar nichts, waren guten Muts. Da aber die drei Schelme meinten, sie seien zu ihrem Vorhaben tief genug in dem Wald, fielen sie die guten Jünglinge ungewarnt rücklings an, nahmen ihnen ihre Gewehre und Kleider und banden sie mit Stricken an einen starken Tannenbaum. Der Älteste unter ihnen riet, man sollte sie beide umbringen, daß sie ihnen mit ihrem Geschrei keine Verfolger machten. Die Jüngsten aber hatten Mitleid mit ihnen und wollten mit der Beute zufrieden sein und ihnen das Leben schenken. Ach, welche große Not umgab den armen Walter; denn er glaubte immer, sie würden den Rat des Ältesten befolgen. »Wohlan«, sprach da der Alte, »wenn sie sollen leben bleiben, so laßt uns nicht lange hier verweilen«, und somit eilten sie mit den beiden Pferden davon. Walter, der gute junge Mann, begann da kläglich zu weinen und Gott seinen Jammer und sein Elend zu klagen: »Liebster Vater und Mutter, sollte euch die Angst und Not kund sein, in der ich jetzt stehe, ich sorge, es würde euch euer Herz zerspringen. Ach Gott, hätte ich dem Rat meines Vaters gefolgt und wäre ruhig bei ihm geblieben, so wäre mir dieses große Elend nicht zugestoßen! O du mein lieber Diener, soll ich dir deine treuen Dienste also belohnen, so muß ich ewig bereuen, daß ich dich je gesehen; und sind die Räuber gleich davon, so stehen wir doch elendig gebunden, und werden die Wölfe oder Bären uns zerreißen.« So klagte Walter, sein Diener aber sprach ihm immer freundlichen Trost ein; denn er hoffte, sie würden gewiß bald erlöst werden. Wie Lenfried gen Lissabon reiten will und in die obengenannte Herberge kommt. Wie der Wirt ihm aber gesagt, daß vor einigen Stunden mehrere Kaufleute zu Fuß nach dem Wald seien, macht er sich eilends auf den Weg, sie noch einzuholen, und da kommt er zu den drei Mördern. Die drei Mörder nahmen, damit man sie desto weniger verfolgen sollte, den Rückweg. Nun begab es sich aber, daß Leufried von seinem Herrn, Gold zu holen, nach Lissabon geschickt worden war und in dieselbige Herberge kam, kurz nachdem sie jene mit Walter verlassen hatten. Da ihm nun der Wirt riet, die fünf Kaufmänner noch einzuholen, um die Gesellschaft zu verstärken, so gab er seinem Gaul die Sporen und war noch nicht gar eine Stunde geritten, als ihm die drei Schelme mit den zwei geladenen Pferden entgegenkamen. Da sie Leufried so allein daherreiten sahen, sagte der Alte: »Munter, liebe Brüder, jetzt setzt tapfer zusammen, ich hoffe, wir wollen noch alle drei beritten werden.« Indem kam Leufried nahe zu ihnen, versah sich keines Argen und fragte sie, freundlich grüßend, ob nicht fünfe vor ihm mit zwei leeren Pferden durch den Wald gezogen seien. Da sprach der Alte: »Sie sind nicht weit von dir«, ging damit zu Leufrieds Pferd, hielt das beim Zaum, zückte vom Leder und sprach: »Steig ab, schnell und bald, oder du mußt uns dein Leben lassen.« Leufried, ein guter Reitersmann, säumte da nicht lange, zückte sein gutes Schwert und hieb dem Alten die Hand an dem Zaum herunter, eilte dann streng kraftvoll. auf die anderen und schlug kräftiglich drein. Der Alte konnte vor Schmerz und Schrecken sich gar nicht mehr wehren, so wollten die zwei anderen auch gern entfliehen. Leufried war ihnen aber so auf den Hacken, daß er dem einen bald das Schulterblatt zerspaltete und dem anderen, der sich in einer Dornenhecke verfing, sein Schwert bis ans Heft durch den Leib stieß. Der andere lag und blutete in Ohnmacht. Da stieg Leufried ab und hieb ihm den Kopf gar herunter. Der alte Bösewicht begehrte der Stangen und bat um Fristung seines Lebens. Da sprach Leufried: »Du schändlicher Mörder und Verräter, du mußt mir anzeigen, wo ihr die Pferde herhabt und was ihr darauf führt.« Alsbald sagte ihm der Schalk alles, was sich mit den zweien zugetragen. Da band er ihm den stumpfen Arm mit einem Hemde zu, das er von den anderen gerissen hatte, saß dann auf sein Pferd und trieb den Räuber mit den zwei Rossen vor sich her. Bald kamen sie an den Ort, wo Walter und der Knecht an Bäumen gebunden standen, die erschraken gar sehr, als sie den alten Mörder vorauskommen sahen; denn sie glaubten, er komme, ihnen das Leben zu nehmen. Da Leufried die beiden aber erblickte, erbarmten sie ihn gar sehr. Er stieg ab und löste ihnen ihre Bande auf; die hatten ihnen gar tiefe Wunden geschnitten. Wer war fröhlicher als die guten Jünglinge! Leufried gab ihnen ihre Gewande und Schwerter wieder und fragte nach allen Umständen, wie sie in solches Elend gekommen seien. Und da sie ihm erzählten, wie der alte Bösewicht so streng nach ihrem Leben gedrungen und so gar keine Erbarmung mit ihnen gehabt, geriet Leufried in einen grimmen Zorn gegen ihn und sprach: »Da du diese jungen Männer mit Liebkosen verführt hast, daß sie sich deiner Verräterei ohne Mißtrauen übergeben haben, du aber noch weniger Erbarmen als deine Gesellen mit ihnen gehabt hast, so soll dir auch dein verdienter Lohn darum werden.« Leufried nahm einen Strick, mit welchem Walter gebunden gewesen, und hängte den alten Bösewicht an einen Ast. Dann saßen sie auf zu Roß und beschlossen, nach dem Wirtshaus zurückzureiten und dort den Tag mit Speis und Trank sich zu erquicken; das waren sie alle wohl zufrieden. Als sie nun den Weg so hinritten und sich miteinander ersprachen, fragte Leufried unter anderem, was ihr Wesen und ihr Geschäft wäre oder wohin sie reiten wollten. Da sprach Walter mit betrübter Stimme: »Mein lieber Herr, ich hätte Euch gar lange davon zu sagen; denn ich reite keiner Kaufmannschaft oder anderem Gewerbe nach. Damit Ihr aber alles wohl vernehmt, will ich heute in der Herberge meine ganzen Lebensumstände und die Ursache meiner Reise nach der Reihe erzählen.« Dies gefiel Leufried wohl, und als sie an der Herberge abstiegen, erkannte sie der Wirt gar wohl und fragte um die Ursache ihrer Rückkehr, freute sich auch gar sehr, wie er hörte, wie sie durch Leufrieds Tapferkeit aus der großen Gefahr entkommen waren. Nun zur Abendzeit wurden die Tische bereitet, da kamen noch sechs Kaufmänner aus Galizien, die wollten auch durch den Wald und über das unwegsame Gebirge; die wurden von dem ganzen Vorfall durch den Wirt berichtet, und freuten sie sich sehr ob der großen Männlichkeit Leufrieds, besonders da sie hörten, daß er morgen mit ihnen über das Gebirge reiten wollte. Wie bei dem Nachtimbiß Walter von Leufried um seine versprochene Geschichte gefragt ward, und wie sie einander erst erkannten, was für große Freude brach da nicht aus! Der Imbiß ward freudig begonnen. Leufried aber, begierig, die versprochene Erzählung Walters zu hören, sprach zu diesem: »Guter Mann, ich bitte Euch, Ihr wollet mir versprochenermaßen anzeigen, was Eures Gewerbes ist und was Euch in diesen Wald gebracht.« Da sprach Walter: »Ihr habt mir und meinem Gesellen zu gebieten; was Ihr Mögliches von uns begehrt, soll geschehen; denn Ihr habt uns heute aus großer Not geholfen.« Da begann er: »Mein Vater heißt Herrmann und treibt große Kaufmannschaft zu Salamanka durch den Wechsel Handel. nach Venedig, Brabant, Spanien und in viel andere Lande« – und so erzählte Walter fein ordentlich und mit vieler Liebe alles, was sich mit dem Hirten Erich, mit dem Leuen und mit Leufried zugetragen, auch von seinem unglücklichen Königreich in der Schule und wie Leufried entflohen, auch wie er sich von Jugend auf vorgenommen, sobald er zu mannbaren Jahren kommen werde, nicht eher zu ruhen, bis er seinen lieben Gesellen und Bruder wiederfinde. »Und dies war nun die Ursache meiner Reise, in der mir solcher Unfall begegnete.« Leufried empfand eine gar große Lust und Freude, seinen liebsten Bruder so reden zu hören, tat sich auch eine große Gewalt an und ließ ihn immerfort erzählen; denn, wenn ihm gleich alles bekannt war, so hörte er solches doch mit großer Freude so unerkannt aus seines liebsten Bruders Mund. Noch hätte er gern gewußt, welche Gestalt es zur Stunde mit seinem liebsten Vater und seiner Mutter hätte, und fragte weiter: »Lieber, guter Gesell, ist dir es keine Beschwerde, so sage mir deinen Namen.« »Ich heiße Walter«, sagte der Jüngling, »denn also nennt mich jedermann.« »Nun, mein liebster Walter«, sagte da Leufried, »wie ist es denn seither dem armen Hirten und seinem Weib gegangen, sind sie auch noch am Leben?« »Sicher, ja«, erwiderte da Walter, »sie fahren wohl mit ihrer Armut; denn mein Vater hat den halben Hof, Vieh, Frucht und Acker ihnen zu eigen gegeben, dazu alle Frucht in der Scheuer mit ihnen geteilt und den Hof ihnen und ihren Kindern zu einem ewigen Erblehen ausgesetzt.« Da Leufried dies alles vernommen hatte, konnte er die Tränen in seinen Augen nicht länger mehr zurückhalten; er hatte der Freude zu große Gewalt angetan und mußte nun weinen. Da er sich nun ein wenig ein männliches Gemüt geschöpft hatte, bot er dem Jüngling Walter seine Hand und sagte mit lauter Stimme: »Freue dich, mein liebster Bruder und Gesell! Leufried, den du suchst, der bin ich selbst. Darum laß dein Trauern fahren und sei fröhlich mit mir! Ich bin auf meiner ersten Ausflucht gleich in eines Grafen Dienst zu Merida gekommen, bei welchem es mir gar wohl ergeht. Nun bitte ich dich, reite mit mir gen Lissabon und dann mit an meines gnädigen Grafen Hof. Dir soll wohl dort gepflegt werden, und ich hoffe, da Erlaubnis von meinem Herrn zu erlangen, meine Heimat, Eltern und Ernährer zu besuchen.« Da Walter diese Worte von Leufried hörte, umgab ihn so große Freude, daß er nicht wußte, ob er lebendig oder tot war. Er fing vor großer Freude an zu weinen, daß er schluchzte. Die anderen Kaufleute verwunderten sich sehr ob dieser unversehenen Sachen. Also begannen sie von neuem fröhlich zu trinken und Freude miteinander zu haben, vertrieben den größten Teil der Nacht mit Freuden, und den Morgen darauf nahmen sie ihren Weg durch den finsteren Wald über das wilde Gebirge mit großen Freuden. Wie Leufried mit Walter gen Lissabon gekommen und wie sie dort Lotzmann, den Leuen, an des Königs Hof gefunden, der so freundlich mit ihnen scherzte, als ob er sie noch kannte. Des Abends spät kamen sie nach Lissabon und zogen bei einem guten Wirt ein, der sie gar freundlich empfing. Des anderen Tages richtete Leufried seine Befehle aus, dann ging er mit Walter und seinem Knecht spazieren. Sie besahen die Stadt nach ihrem Gefallen. Da fanden sie viel köstliche Kaufmannschaft von allerhand Waren, die man nur irgend in der Welt verlangen konnte. Sodann kamen sie an des Königs Hof, da fand Walter einen Landsmann, welcher aus seiner Stadt gebürtig und vor langen Jahren mit ihm und Leufried zur Schule gegangen war. Walter erkannte er eher als Leufried; denn es war eine längere Zeit, daß er diesen nicht gesehen hatte, aber Walter erinnerte ihn gar bald an Leufried; denn er war auch auf der Schule in seinem Königreiche gewesen. Als sie nun gute Kundschaft Bekanntschaft. miteinander erneuert hatten, führte sie der Jüngling an alle Orte des königlichen Palastes. Da sahen sie mancherlei Tiere, so aus Indien und Arabien gekommen waren, woran Leufried und Walter große Freude nahmen. Sodann führte er sie in einen großen Tiergarten, in dem Hirsche und Rehe und sonst allerlei Tiere herumschwärmten. Aber da sahen sie auch einen großen Leuen ungebunden mit und bei den anderen Tierlein gehen, des sich Leufried nicht genug verwundern konnte. Er fragte, wie doch der Leu so zahm und wo er hergekommen, da ward er dessen berichtet. Walter, der schon mehr von diesem Leuen gehört hatte, sprach da zu ihm: »Leufried, fürwahr, wie mich dünkt, wird dies ebender Leu sein, welchen dein Vater erzogen hat.« »Sicher«, sagte da ihr Landsmann, »denn der König hat ihn aus dem Kastell, welches nahe bei unserer Stadt Salamanka liegt, allein wegen seiner großen Heimlichkeit erhalten.« Leufried sagte: »Wahrlich, so ist der Leu die Ursache meines Namens und daß ich Leufried getauft worden bin; wollte Gott, mein lieber Vater möchte wissen, daß ich diesem guten Lotzmann so nahe bin.« Mit dieser Rede nahte sich Leufried dem Leuen, sprach ihn an und sagte: »Lotzmann, mein lieber Bruder, wenn es möglich wäre, daß du mich so wohl erkenntest, als du meinen Vater erkannt hast, du würdest mir deine Tatze geben.« Dieses geredet, bot er dem Leuen seine rechte Hand an, der ging gar friedlich zu ihm und gab ihm eine Tatze. Da verwunderten sich die anderen; denn sie hatten den Leuen nur allein mit seinen Wärtern also vertraulich gesehen. Da sie nun alles nach Wunsch gesehen hatten, begaben sie sich wieder nach ihrer Herberge und hatten mit ihren Reisegefährten einen guten Mut. Den anderen Tag aber ging Leufried aus, sich in den Kramläden umzusehen, ob er seiner Jungfrau Angliana etwas zum Geschenke kramen kaufen. könnte, denn ihrer vergaß er niemals. Er fand gar bald alles nach Wunsch und kramte auch Gaben für alle die Jungfrauen, die in dem Frauenzimmer Anglianas waren. Und als er nun wieder mit Briefen abgefertigt war und seinem Herrn alle Geschäfte ausgerichtet hatte, wollte er nicht länger zu Lissabon verweilen und ritt alsbald mit Walter und seinem Diener heimwärts, gelangte auch ungefährdet und unangefochten zu Hause an. Angliana fragte täglich ihre vertraute Jungfrau, ob sie etwas von Leufried vernommen hätte, und bat sie sehr, sobald sie hörte, wie es um Leufried stünde, es ihr ja nicht zu verbergen; das versprach ihr Florina zu tun. Wie Leufried mit seinem Gesellen an einem Sonntag unter dem Amt heimkam, da der Graf und Angliana in der Kirche waren, und wie das Hündlein, als Leufried mit Walter auch in die Kirche kam, ihn eher als alle anderen wahrnahm. An einem Sonntagmorgen, ehe man aus der Predigt kam, ritt Leufried auf das Schloß mit seinem Gesellen. Sie stellten ihre Pferde in den Stall und gingen miteinander zur Kirche. Sobald Leufried in die Kirche trat, ist das Hündlein seiner gewahr worden und hat gar unruhig in dem Gestühle, worin Angliana mit den Jungfrauen war, an der Tür zu kratzen angefangen, so daß sie ihn haben aus dem Gestühl herauslassen müssen. Da kam dann der Hund mit schnellem Lauf zu Leufried, sprang an ihm hinauf und erfreute sich seiner Ankunft größlich. Angliana aber hatte sehr auf das Hündlein achtgegeben und war darum die erste unter allen ihren Jungfrauen, die Leufried ersah, worüber sie herzlich erfreut ward. Nun hatte der Graf die Gewohnheit an seinem Hofe, daß alle Sonntage seine Tochter mit ihren Jungfrauen an seiner Tafel essen mußte, worauf Angliana sich heute gar sehr freute. Sie winkte Florina, ihrer Jungfrau, und sagte ihr heimlich in ein Ohr, daß es die anderen Jungfrauen nicht hören konnten: »O Florina, du magst mir jetzt kein Botenbrot abgewinnen; denn ich habe Leufried schon mit meinen Augen gesehen.« Da zeigte sie der Jungfrau, wo der Jüngling stand, und Florina erwiderte ihr mit Freuden: »Gnädige Jungfrau, ich freue mich von Euretwegen der Ankunft des Jünglings, damit Ihr auch wieder fröhliche Gebärden zeigt; denn seit der Jüngling weg gewesen ist, seid Ihr so traurigen Angesichts erschienen, als hätte Euch eine schwere Krankheit niedergeschlagen.« Als nun der Gottesdienst vollendet war, hat man zu Hof geblasen, wie denn alle Feiertage die Gewohnheit war; sonst pflegte man nur mit der Tischglocke zu läuten. Der Graf mit seinem Hofgesinde ging aus der Kirche. Da sah er Leufried. Der verbeugte sich vor ihm und überreichte ihm die Schriften, die er für ihn aus des Königs Hauptstadt gebracht hatte. Da der Herr die Briefe gelesen, lobte er Leufried seines Fleißes und sagte zu ihm: »Leufried, du sollst diese Mahlzeit mit an meiner Tafel essen, damit ich neue Zeitung, wie dir's gegangen und was dir auf der Reise begegnet ist, von dir erfahren könne.« Nun bemerkte der Graf Walter und fragte Leufried, wer dieser schöne Jüngling sei. »Gnädiger Herr«, sagte Leufried, »dieser ist mein lieber Bruder, und ist er allein mit seinem Knecht ausgeritten, mich aufzusuchen; denn meine Eltern haben, seit ich sie verlassen, gar nichts mehr von mir erfahren können.« »So denke daran«, sprach der Graf, »deinen Bruder mit zur Tafel zu bringen; denn ich möchte ihn gar gern kennenlernen.« Als sie nun zu Hof gekommen, hat man das Wasser auf die Hände genommen und sich ein jeder, wie es ihm angewiesen worden, gesetzt. Angliana trat, nachdem sich jedermann gesetzt, gar köstlich gekleidet, mit allen ihren Jungfrauen in den Saal. Alle, die sie erblickten, verglichen sie eher mit einem Engel als mit einem Menschen. Ich aber will sie ein wenig abmalen, damit der Leser ihre Gestalt vor sich gespiegelt sehe. Sie war von einer ziemlichen angemessenen. Länge, im wohlgeschickten Verhältnis, ihr Haupt aufrichtig, ihr Haar gelb und etwas gekräuselt, ihr Stirnlein rund und breit, mit lichtbraunen, wenig gebogenen Augenbräulein geziert, ihre Äuglein nach Falkenart klar und geschwind, das Näslein ein wenig gebogen in ziemlicher Schärfe, die Wänglein mit schönen Grüblein und mit Rosenfarbe geziert. Das Mündlein, einem Rubin gleich an Farbe, allezeit sich ein wenig lächelnd erzeigte. Dem Elfenbein gleich weiß waren ihre Zähnlein, schmal und klein nach rechter Ordnung gesetzt, das Kinn doppelt obeinander, an dem oberen Kinn ein wohlgeschicktes Grüblein, ihr Hälslein rund und länglich, weiß wie der Schnee. Ihre Brust war stark und breit, ihre Arme und Händlein ganz wohl formiert, die Hüften voll und geschwungen, in summa: ihr ganzer Leib hätte von Apelles nicht zierlicher gemalt werden mögen. Sie war auch mit Herz und Gemüt ihrer Schönheit ganz gleichförmig, züchtig, gebärdsittig, sittsam in den Gebärden. freundlich gegen jedermann, getreu und gerecht. Nicht weniger Schönes hatte Leufried, der Jüngling, an sich, dabei eines Leuen Mut, doch gegen jeden mild; die Gerechtigkeit förderte er allezeit, so haßte er auch die Schalkheit, hatte große Lust zu Pferden, zu aller Zeit war er geneigt zum Dienst der Frauen und Jungfrauen. Zuvörderst aber fürchtete er Gott und half den Armen nach seinem besten Vermögen; denn er vergaß nie sein Herkommen. Dies lassen wir nun bleiben und sagen fürbaß, wie es bei dem Imbiß gegangen ist. Wie Leufried dem Grafen seine Abenteuer auf der Reise erzählt, wobei Angliana gar wohl aufmerkt, und wie nach der Tafel Leufried der Jungfrau seine Geschenke und den übrigen auch ihre Gaben bringt. Sobald sie die ersten Trachten Portionen. gegessen hatten, sagte der Graf: »Lieber Leufried, du hast mir heute gesagt, dieser Jüngling sei dein Bruder, nun sage mir auch, was ihn hierhertreibt und wie du ihn gefunden.« Der Graf aber fragte allein, weil er fürchtete, Walter sei gekommen, um Leufried mit sich hinwegzuführen. Da sprach Leufried: »Mein lieber Bruder ist auf Abenteuer ausgeritten und hat deren genug gefunden«, und also erzählte er alles von den Räubern nach der Reihe, wie es sich zugetragen, und dann von der Freundlichkeit des guten Leuen Lotzmann gegen ihn und wie er von diesem Leuen seinen Namen habe wie auch von seinem Vater und seinen Pflegeeltern. Also erzählte Leufried seinem Herrn Grafen alles, der sich nicht genug darob verwundern konnte und bei sich selbst gedachte: Gewiß wird dieser Junge noch ein vornehmer Mann werden und hoch hinankommen. Angliana merkte stillschweigend und mit großem Fleiß auf alle Reden Leufrieds und besonders auf seine Tapferkeit gegen die drei Mörder und seine große Vertraulichkeit mit dem Leuen. So ward die Mahlzeit fröhlich vollbracht, und als jeder sich nach seinem Gemach begab, nahm Leufried Urlaub von dem Grafen und sagte ihm, er habe einige zierliche Arbeiten von Lissabon mitgebracht, die er den Jungfrauen verehren wollte. Das ward ihm von dem Grafen gütlich erlaubt. Also begab er sich mit seinem Gesellen in sein Gemach und nahm seine Kleinodien hervor. Er hatte keine Ruhe, bis er seine Geschenke ausgeteilt hatte. Er legte sie in eine schöne Lade und gab sie Walters Diener. Dann gingen sie alle drei vor das Gemach der Frauen und ließen sich anmelden. Da wurden sie gar bald eingelassen. Angliana empfing sie freundlich, und Leufried sprach: »Gnädige Jungfrau, damit Ihr erkennen mögt, daß ich Euer gedacht und auch Euer Gnaden Jungfrauen, so habe ich nicht unterlassen können, einer jeden etwas Besonderes zu kaufen, nach meinem guten Willen und geringen Vermögen, damit, so Euer Gnad oder die Jungfrauen über kurz oder lang auch einmal verreisten, sie meiner auch gedenken möchten.« Mit diesen Worten schloß er seine Lade auf und gab zuerst der Jungfrau Angliana ihren Kauf. Das war eine gar schöne und köstlich gewirkte Haube, von Gold und Perlen geziert auf das schönste. Die Jungfrau Florina, welche Angliana am liebsten hatte, hatte er besonders wohl bedacht. Er gab ihr eine köstliche Schleppe und ein Paar Handschuhe mit einem silbernen Mahlschlößlein; Vorhängeschloß den übrigen Jungfrauen aber gab er nur Handschuhe. Dies machte sie zum Teil argwöhnisch, und glaubten sie nicht anders, als Leufried sei in Florina entzündet; denn daß er Angliana und diese ihm Holdschaft trug, das gedachten sie gar nicht. Angliana vor allem dankte dem Jüngling gar freundlich für seine reiche Schenkung, desgleichen auch die anderen Jungfrauen. Keine aber unter ihnen allen wußte oder konnte gedenken, was Leufried mit dem Mahlschloß meinen mochte, doch ließen sie es hingehen, nur Angliana und Florina dachten der Sache sehr nach. Da er nun seine Gaben verteilt hatte, wollte er hinweggehen, Angliana aber, welche wohl wußte, daß ihm der Vater dazusein erlaubt hatte, bat ihn dazubleiben und sprach: »Leufried, mein lieber Jüngling, ich bitte Euch, wollet nicht so eilends von uns scheiden, sondern mit uns ein wenig Sprache halten. Sagt uns doch, wie gefallen Euch die schönen Jungfrauen von Lissabon, Ihr habt sie gewiß wohl beschaut, da Ihr gute Zeit dazu gehabt habt.« Leufried antwortete: »Ihr fragt mich, wie mir die schönen Fräulein von Lissabon gefallen, so sage ich dann aus rechtem, ernstem Herzen, wo ich meine Tage hingeritten und gewandert bin, habe ich allewege schöne und züchtige Jungfrauen und Frauen gefunden, jedoch haben sie mir an einem Orte mehr als an dem anderen gefallen, bin auch einer mehr als allen anderen günstig. Gott wolle, daß ihr mein Dienst angenehm sein möchte, das wäre die größte Freude, die mir zukommen könnte in diesem zergänglichen Leben.« Nun standen Florina und Angliana mit Leufried allein beieinander an dem oberen Ende des Saals. Florina hatte ihr Mahlschloß noch in den Händen und spiegelte es in der Sonne, nur immer denkend, was doch mit diesem Schloß gemeint sei. Angliana, als eine kluge Jungfrau, sagte: »Florina, wie gefällt dir das Mahlschloß, was glaubst du, das Leufried damit gemeint habe, weil er dir es vor allen anderen gegeben?« Florina antwortete: »Das befremdet mich nicht wenig, gnädige Jungfrau, fürwahr, es macht mir ganz weitschweifende Gedanken.« Da sprach Leufried mit lachendem Munde: »Mit Eurer Erlaubnis, gnädige Jungfrau, will ich diesen Zweifel lösen, damit Florina ihr Gemüt nicht weiter beschweren darf. braucht. Dieses Mahlschloß, edle Jungfrau, habe ich Euch in aller guten Meinung verehrt, weil ich wohl an meiner gnädigen Jungfrau bemerke, daß sie Euch vor allen anderen vertraut, und ich gab Euch dieses Schloß, daß Ihr alle ihre vertrauten Reden in Euer Herz gar wohl verschließen sollt.« Dieser Worte lachte Angliana züchtiglich und sprach: »Fürwahr, Florina, bewahre den Schlüssel des Schlosses gar wohl, damit dir nicht etwa ein falscher Schwätzer darüber komme und dir die Geheimnisse entwende.« Florina verstand Leufrieds und Anglianas Meinung gar wohl und faßte sich ihre Worte recht zu Herzen, nahm sich auch recht fest vor, alles, was ihre gnädige Jungfrau ihr vertraue, recht geheimzuhalten. Hier reitet der Graf mit seinem Hofgesinde gen Lissabon auf die Hochzeit; was für Wunder sich mit Lotzmann, dem Leuen, zugetragen. Der Graf dachte oft allem nach, was ihm Leufried von dem Leuen erzählt hatte, und fand ein solches Vergnügen daran, daß er sich fest vornahm, bei erster Gelegenheit den Leuen in Gesellschaft Leufrieds zu besuchen. Kurz hernach begab es sich, daß der Graf auf eine Hochzeit geladen ward, die sehr groß war und in Lissabon gehalten wurde; doch äußerte er sich gegen Leufried gar nicht, daß er eine sonderliche Begierde hätte, den Leuen zu sehen, damit er nicht denken möge, als glaube er ihm seine Erzählung nicht. Da nun die Zeit kam, daß jedermann auf der Hochzeit sollte erscheinen, ließ der Graf all sein Volk in gleiche Farbe kleiden und ritt mit großem Pomp gegen Lissabon, aber unter allen war ihm Leufried immer der nächste. Sie kamen auch durch den Wald und sahen den Mörder mit der einen Hand noch da hängen, wobei der Graf wohl erkannte, daß ihm Leufried die Wahrheit angezeigt habe. Da nun die Hochzeit vorüber war, ging der Graf einst mit seinem Hofgesinde in dem Garten des Königs spazieren, in welchem allerhand Tierlein herumliefen. Er gedachte wohl an den Leuen, und auf sein Begehren ward er bald in einen besonderen Hof gebracht, wo Lotzmann sich gewöhnlich aufhielt. Da aber der Leu seinen lieben Leufried sah, ergriff er ihn sogleich mit seiner rechten Tatze und wollte ihn zu sich heranziehen. Leufried begann mit ihm zu scherzen, und der Leu erzeigte sich so ganz freundlich gegen ihn, daß alle Umstehenden darüber erstaunten. Des Königs Hofmeister, der zugegen war, fragte den Grafen, wer dieser Jüngling wäre. Da erzählte ihm der Graf alle Umstände von dem Leuen und dem Jüngling. Da ward auch der König bald davon unterrichtet und verlangte den Jüngling zu sehen. Leufried ward ihm vorgestellt, und hörte der König die ganze Geschichte Leufrieds und des treuen Lotzmann mit großer Freude und Verwunderung und befahl, daß Lotzmann, der Leu, vor ihn gebracht werde. Alsbald ging Leufried in den Tiergarten und lockte den Leuen, der lief mit ihm gleich einem zahmen Hund bis vor den König, da scherzte Lotzmann gar tugendlich mit dem Jüngling. Des erstaunte der König mit allen Gegenwärtigen gar sehr, und gefiel ihm auch Leufried mit Weise und Gebärde fast wohl. Derhalben redete er mit dem Grafen, ob er ihm denselben nicht als einen Diener überlassen wollte. Da sprach der Graf zu dem König: »Allergnädigster Herr, Euer Königliche Majestät soll wissen, daß dieser mein allerliebster Diener ist. Durch ihn allein verrichte ich alle meine Geschäfte; ohne ihn weiß ich nichts auszurichten. Alles, was ihm von mir befohlen wird, endet er gar fleißig. Darum gelangt meine untertänigste Bitte an Eure Majestät, Ihr mögt mich dieses meines liebsten Dieners nicht berauben.« Der König liebte den Grafen gar sehr und ließ daher die Sache beruhen, begehrte Leufrieds nicht mehr. Also blieben sie bei zehn Tagen zu Lissabon und hatten viel Freude, Kurzweil und Wollust. Leufried konnte aber des Leuen gar nicht mehr ledig werden, er mochte gehen, wohin er wollte, der Leu folgte ihm allezeit auf dem Fuß nach, und wenn man ihn nachts in den Garten sperren wollte, hob er so traurig an zu brüllen, daß weder der König noch sonst jemand schlafen konnte. Da man dem König die Ursache von des Leuen Gebrüll angesagt hatte, befahl er, ihn nicht mehr einzusperren, sondern ihn mit Leufried laufen zu lassen, wohin er wolle. Also lag Lotzmann jede Nacht bei Leufried und seinem Herrn in der Kammer. Als aber jetzt der Hof ein Ende nahm und jedermann wieder nach Hause kehren wollte, befahl der Graf dem Tiergartenmeister, den Leuen zu verwahren, daß er ihnen nicht nachlaufe. Dies geschah, aber Lotzmann erhob ein grausames Geschrei, wollte weder trinken noch essen, so daß der Tiermeister besorgte, er möchte umkommen, und den König fragen ließ, wie er sich verhalten solle. Der König erkannte nun genugsam des treuen Lotzmann Gemüt und befahl, ihn loszulassen und nicht aufzuhalten, wenn er auch mit Leufried von dannen ziehe. Kaum war der Leu losgelassen, so suchte er seinen Jüngling und blieb ganz beharrlich bei ihm, und wenn ihn der Tiermeister hernach anrühren wollte, unterstand er, sich zu wehren. Nun nahm der Graf Urlaub von dem König und saß auf zu Roß mit seinem Gesinde. Lotzmann sprang fröhlich vor ihnen allen her, und als der König dies sah, sagte er zu dem Grafen, er solle Lotzmann, den Leuen, mit ihm laufen lassen; denn er fürchtete, daß er, eingesperrt, vor Trauer sterben oder vor großem Zorn ganz wütend werden möge. Also lief Lotzmann mit ihnen davon, und Leufried war gar voll hoher Freude. Wie Leufried nach seiner Zurückkunft zu seiner allerliebsten Jungfrau gerufen wurde und welche große Freude sie über die Ankunft des Leuen empfing. In kurzen Tagen kamen sie mit großen Freuden nach Hause. Angliana erfuhr bald, daß ihr Jüngling angekommen und den Leuen mitgebracht habe, von welchem sie schon so vieles gehört. Sogleich ließ sie ihm sagen, er möge seinen liebsten Gefährten mit sich bringen und ihr von seiner Reise erzählen. Leufried nahm da sogleich Lotzmann zu sich und begab sich in den schönen Garten, wohin ihn die Jungfrau beschieden hatte. Sie empfing ihn mit großen Freuden; bei ihr war niemand als allein Florina, die Jungfrau, vor welcher sie nun keine Heimlichkeit mehr hatte. Als nun Angliana den großen, schönen Leuen ersehen hatte und dabei seine große Liebe zu Leufried bedachte, sprach sie zu Florina: »O meine vertraute Freundin und Schwester, hieran muß ich wohl abnehmen, daß dieser Jüngling mit sonderlicher Gnade von Gott begabt ist; denn dieser Leu hat sich, als Leufried noch unter seiner Mutter Herzen lag, schon zu seinem Vater gesellt und mit ihm das Vieh gehütet, was sicher zu verwundern ist. Ich schweige nun von der Freundschaft, die er ihm in seiner Kindheit erzeigt hat. Was mich aber vor allem erstaunen macht, ist, daß der Leu den Jüngling nach so vielen Jahren wiedererkannt hat, und ich kann wohl daraus ermessen, daß Leufried ein Gemüt gleich diesem Leuen haben muß, und hat er das wohl schon an den drei Mördern bewiesen. Darum, o meine liebe Florina, sollst du nie mehr andere Gesinnung von mir vernehmen, als daß dieser Jüngling einer Königin wohl wert wäre, und so er mir jemals zu einem Mann vertraut würde, wollte ich dieses Geschick vor aller irdischen Freude und Wonne annehmen.« Damit wendete sie sich zu dem Jüngling und sprach: »Leufried, mein liebster Freund, dir ist nun wohl meine große Liebe und Gunst zu dir bekannt, auch hoffe ich, deine erste Liebe zu mir sei noch nicht erloschen, und ist meine Hoffnung gerecht, richtig. so begehre ich, daß du mir offenbarst, welchergestalt dein Herz und deine Liebe zu mir gesinnt ist.« Da antwortete Leufried der Jungfrau mit großen Freuden: »O meine gnädige Jungfrau, wie mein Herz und meine Liebe zu Euch gesinnt und geartet ist, vermag ich weder mit Worten noch mit Schrift auszusprechen, es wäre dann, daß Ihr in mein Herz sehen könntet. Doch von geringen Eltern geboren, gebührt mir nicht, mein Gemüt ganz vor Euch zu entdecken; denn nimmer kann mir werden, was ich heimlich begehre.« »Des sei ganz sicher und getrost«, sprach Angliana, »wenn du meiner in Ehren begehrst, so sei gewiß, ich will dir werden. Wärest du aber anders gegen mich gesinnt, so würde ich dich ganz aus meinem Herzen schließen und dir nimmer eine Gunst erweisen.« Darauf erwiderte Leufried: "Das sei fern von Euch, zu glauben, daß ich je unordentliche Liebe zu Euch getragen hätte, und lebte einer, der solches täte, und würde mir bekannt, fürwahr, er müßte mir sein Leben darum lassen; denn mein Herz hat nie anders zu Euch gestanden als in allen Züchten und Ehren, und solches sollt Ihr mir ganz und gar zutrauen. Mir mag auch keine größere Freude auf Erden werden, als Euer Diener zu bleiben.« »So nimm dann hin«, sagte Angliana, »zum Pfand meiner Treu, daß ich dich von nun an für meinen rechten, einigen und steten Ehegemahl halten will. Daß auch weder meines Vaters Gut noch irgend etwas anderes mich daran verhindern soll, zu dessen Pfand nimm hin dieses Kleinod und Ringlein als ein wahres, unzerbrochenes Zeichen wahrer Liebe, Treue und Freundschaft.« Über diese Worte ward Leufried so hoch erfreut, daß er auf der Jungfrau Rede gar nicht antworten konnte, stand also in seinem Angesicht ganz entfärbt, blickte die Jungfrau mit weinenden Augen an, und als er sich erholt, sprach er: »O gnädige Jungfrau, solcher Erwiderung meiner Liebe habe ich mich nie versehen; denn ich bin deren nicht würdig. Da mich aber das Glück so herrlich anblickt, da Ihr mir so wohlwollt, so verspreche ich Euch von dieser Stunde an, mich so zu befleißen, daß ich bald von jedermänniglich in Ritterspielen gepriesen und gelobt werde.« »Damit«, sprach Angliana, »wirst du mir, liebster Leufried, einen besonders großen Gefallen erweisen.« Als nun die zwei so mancherlei freundliche Gespräche miteinander hatten und Jungfrau Florina das alles mit anhörte, erschrak sie darüber gar sehr, wünschte auch heimlich in ihrem Herzen, daß sie weder Angliana noch Leufried jemals gesehen hätte; denn sie fürchtete, der Graf werde sie einst in Verdacht nehmen, als hätte sie zu solchen Dingen Hilfe und Steuer Vorschub. geleistet. Die gute Florina war also gar betrübt und bekümmert, hingegen waren Leufried und Angliana in großen Freuden. Da nun die Zeit kam, daß sie scheiden mußten, nahmen sie liebreichen Abschied voneinander, und ging jedes in sein Gemach. Wie Florina große Sorge trug, die Liebe ihrer Jungfrau möge an den Tag kommen, und sie mit gar züchtigen Worten strafte. Da nun Florina mit Angliana in ihr Gemach gekommen war, begann sie je länger, je mehr der Sache nachzudenken. Diese Veränderung bemerkte Angliana gar bald und sprach zu ihr: »Meine liebe Florina, meine Vertrauteste unter allen meinen Jungfrauen, was verursacht dich doch auf diesen Tag zu solchem Trauern, da du mich doch nie in größeren Freuden als heute gesehen hast? Weißt du nicht, daß man spricht, mit Betrübten soll man trauern, mit Fröhlichen soll man fröhlich sein? Warum freust du dich denn nicht auch mit mir, da du doch vernommen hast, daß der, den ich vor aller Welt über alle Welt. liebe, mich auch liebt; denn du bist ja zugegen gewesen, da ich ihm und er mir stete und ewige Treue versprochen. Ich habe dich auch allein darum zu mir genommen, daß du diese meine Liebe wissen möchtest und dich mit mir erfreuen, du aber machst mich wahrlich mit deiner bekümmerten Gestalt etwas unmutig, so daß ich gedenke, du trauerst um Leufried, den ich mir als meinen allerliebsten ami (franz.) Freund. erwählt habe.« Mit diesen Worten beschloß Angliana ihre Rede. Florina seufzte tief und sprach: »O Jungfrau, das Mißtrauen, das Ihr jetzt in mich habt, trifft mich nicht. Stets bin ich Euch getreu und verschwiegen gewesen, aber ich habe nicht gedacht, daß die Sache so weit kommen sollte, daß Ihr Euch mit Leufried ohne Vorwissen Eures Herrn und Vaters vermählen solltet. Und dies ist allein eine Ursache meines Trauerns, wenn ich bedenke, wie oft ich der Bote zwischen Euch und dem Jüngling gewesen bin, aber Euer beider großer Liebe zueinander ist mir gänzlich verborgen gewesen. Wenn ich auch gleich Euren guten Willen für ihn wohl merkte, so habe ich dessen Grund doch allein in seiner Geschicklichkeit und Treue, Euch zu dienen, gesucht. Sonst hätte ich mich gewiß nimmermehr erboten, Euch einige Botschaften auszurichten. Gedenkt, allerliebste Jungfrau, welch großer Kummer kann mir daraus entspringen, sollte Euer Herr und Vater dergleichen von mir erfahren; ohne Gnade müßte ich den Hof schimpflich verlassen. Ach mir Armen, wie wollte ich dann die Schande gegen meine Eltern verantworten, ich dürfte ihnen gewiß nie wieder unter die Augen treten. Darum habe ich, liebe Jungfrau, nicht wenig Ursache zu trauern, Gott wolle, Leufried wäre von mir nie erkannt gekannt. worden. Daß Ihr aber mich im Verdacht habt, als bewege mich der Verlust des Jünglings zum Unmut, das ist fern von mir; denn ich habe nie eine besondere Holdschaft zu ihm getragen, bin ihm auch nie feind gewesen. Da er mehr als irgendein anderer Jüngling in Euren Gemächern verweilte, uns auch oft mit seinem Wohlsingen und seinem scherzhaften Gespräch die Zeit gekürzt, habe ich ihn fast gern gehört; bin derhalben desto williger gewesen, den Jüngling, so Ihr mir's befohlen, zu berufen, besonders wenn er von fremden Landen zurückkehrte, habe auch ich nie gedacht, daß Ihr anders als ich gegen ihn gesinnt wäret, auch ist keine Jungfrau in Eurer Gesellschaft, der ich des Jünglings halben etwas anderes zugetraut hätte. Darum, liebste Jungfrau, wollet selbst betrachten, ob ich füglich Ursache habe zu trauern oder nicht.« Angliana empfing aus Florinas Reden einigen Schrecken und fürchtete, sie möge sich von ihr wenden und sie in ihrer Liebe nicht mehr unterstützen, da sie ohne den Dienst der Jungfrau ihrem liebsten Jüngling unmöglich etwas entbieten konnte und sich auch keiner anderen ihrer Jungfrauen zu vertrauen wagte. Sie begann deswegen freundlich zu ihr zu reden und sprach: »Gehabe dich wohl und sei aller deiner Sorgen los, du meine allergetreuste Florina! Dir soll kein Übel noch Arges jemals daraus entstehen, da noch niemand auf Erden als ich, Leufried und du um diese Liebe weiß. Auch zweifle ich gar nicht, Leufried wird meine Liebe und das treue Versprechen, das ich ihm getan, keinem Menschen offenbaren. Solches bin ich auch von dir gewiß, und sollte ich auch so unglücklich sein, daß mein Vater des Handels inne würde, will ich alles doch dahin spielen, daß du auf keine Art in Verdacht kommen kannst. Nur bitte ich dich, breche deine Treue nicht an mir und bleibe meine getreue Ratgeberin. Sei auch ganz versichert, daß ich mit meiner Gescheitigkeit meinen Vater noch einst dahin bringen will, daß er mir Leufried mit seiner vollen Gunst und aus freundlichem Willen zu einem lieben Gemahl geben soll.« »Das gebe und schicke Gott«, sagte Florina, »größere Freude könnte mir im Leben nicht werden. Damit aber, liebste Jungfrau, wir nie von falschen Schwätzern vermeldet werden, so vertraut keinem Menschen mehr etwas von dieser Liebe, auch legt Leufried ans Herz, daß er sich Eurer Liebe und Gunst nicht zuviel überhebe, sondern sich nach wie vor gegen alles Hofgesinde freundlich halte. Doch soll er seinen Zutritt, den er stets in das Frauenzimmer gehabt, nicht vermindern, sondern im alten Brauch halten, sonst könnte leicht ein Verdacht kommen, und mir nur allein sollt Ihr Eure Sendungen an ihn vertrauen. So sollt Ihr gewiß sein, daß ich es alle meine Tage nimmer offenbaren will.« So beredeten sich die zwei Jungfrauen und machten einen festen Anschlag, bei dem es in Zukunft bleiben sollte. Wie Walter eines Tages mit Leufried in das Gemach der Jungfrau Angliana ging und ein Schachbrett auf dem Tisch liegen fand und wie er mit der Jungfrau im Schach zog in der Gegenwart des Grafen. In großen Freuden lebten die zwei Liebhabenden lange Zeit, auch gewann der Graf Leufried so lieb, als wenn er sein leiblicher Sohn gewesen wäre. Da der Leu ihn noch immer unaufhörlich begleitete, schöpfte der Graf allerlei wunderliche Gedanken darum, bedachte oft des Jünglings seltsame Geburt und zweifelte nicht, daß er noch einst eines großen Namens werden würde. Nun war Leufried schon von Angliana beschieden, er möge zuzeiten in das Frauenzimmer kommen. Und es begab sich eines Tages, daß er mit Walter in der Jungfrauen Gemach trat, als Angliana kurz zuvor mit ihrer Gespielin im Schach gezogen hatte; das Brett stand mit den Steinen noch auf dem Tisch. Walter, der des Spiels ein besonderer Meister war, sprach, da er das Schachbrett sah: »O Bruder, jetzt erquickt sich mein Herz und Gemüt, da ich dieses reiche Schachspiel sehe, ach, wäre ich nur einmal so glücklich, daß ich einmal genug dieses Spiel ziehen und meinen Kurzweil damit haben dürfte.« Angliana hatte diese Worte gehört, und da sie glaubte, es könne ihr niemand im Schachspiel obsiegen, sagte sie freudig: »Walter, mein lieber Freund, seid Ihr des Spiels berichtet, kundig. so ziehen wir eins oder zwei für die Langeweile, um was Ihr wollt.« »Gnädige Jungfrau«, sagte Walter, »ich bin ein Schüler des Spiels, darum will mir nicht gebühren, um einen Gewinn zu ziehen; denn ich sorge, Euer Gnad wird mir zu geschickt sein.« »Das laßt bleiben«, sagte Angliana, »laßt uns eine Zeitlang kurzweilen.« So setzten sie sich an das Spiel. Angliana brauchte alle ihre Kunst, aber Walter war ein kluger Jüngling, er nahm fleißig alle die Vorteile wahr, welche die Jungfrau gebrauchte. Das erste, andere und dritte Spiel ließ er sie gewinnen. »Gnädige Jungfrau«, sprach sodann Walter, »ich bemerke jetzt, wenn nicht Gewinn oder Verlust auf diesem Spiele steht, so werde ich es nimmermehr lernen, darum soll es hinfort um etwas gelten.« »Das bin ich sehr wohl zufrieden«, sagte die Jungfrau, »es gelte, was Ihr wollt.« Walter hatte an seinem Finger ein gar schönes Ringlein, das zog er herab und sprach: »Gnädige Jungfrau, dieses Ringlein steht zu Gewinn, so es Euer Gnad gewinnt, so sollt Ihr es haben, wenn Ihr aber verliert, sollt Ihr es selbst schätzen und mir dessen Wert ersetzen.« Angliana war das sehr wohl zufrieden. Sobald sie nun in das Spiel kamen, gebrauchte Walter alle seine Geschwindigkeit und Kunst, die er je erlernt hatte, und ehe Angliana ihr Spiel nur in Ordnung hatte, war sie Schach und matt, so daß sie keinen Stein mehr anrühren konnte, worüber sie dann ganz schamrot dasaß. Währenddem kommt der Graf in seiner Tochter Gemach, findet die beiden Jünglinge darin und Walter, des Kaufmanns Sohn, Leufrieds geschworenen Bruder, mit Angliana, seiner Tochter, im Schach ziehen. Die Jünglinge erschraken beide gar sehr, daß es der Graf bald wahrgenommen hatte. Er sprach deshalb mit lachendem Mund zu den beiden Jünglingen: »Ihr Gesellen, die Sache gefällt mir ja übel von euch, ich sehe wohl, daß ihr meiner Tochter Angliana zu stark im Schachspiel seid; denn zwei wissen leicht mehr als einer. Auch sehe ich, Angliana hat sich in diesem Spiel gar sehr verzogen, ihr Spiel steht auf allen Wegen Schach und matt. Liebe Tochter, gib dieses Spiel auf und fange ein neues an, so will ich dir mit meinem Rat beistehen und Gewinn und Verlust mit dir teilen.« Nun hob Angliana das Spiel auf und zog von neuem mit Walter, der sich nun noch mehr befliß, um den Grafen mitsamt Angliana zu besiegen, und so zogen sie auch nicht lange, daß Walter dem Grafen und seiner Tochter Schach bot. Der Graf konnte sich über die geschwinden Züge Walters nicht genug verwundern, begann das zweite Spiel und verdoppelte den Gewinn. Walter aber blieb ganz unerschrocken und gewann dem Grafen alle Spiele ab. Da der Graf nun ersah, daß er nichts gegen ihn vermochte, standen sie auf und beurlaubten sich von Angliana. Da es aber Zeit zum Nachtmahl war, nahm sie der Graf mit zu Tisch. In großen Freuden verzehrten sie das Nachtmahl. Die anderen Diener des Grafen durften ihre Mißgunst über Leufried nicht merken lassen; denn sie hatten wohl zu Lissabon, als der König Leufried zu seinem Diener verlangte, vernommen, wie sehr ihn der Graf liebte, und so schwiegen sie dann zur Sache, bis zur Zeit, da das Glück Leufried gar scheel ansah, wie wir hernach vernehmen werden. Wie Angliana in Gegenwart einer Hofnärrin, die sie in ihrem Zimmer hatte, Leufried einen schönen Ring gab mit einem sehr köstlichen Stein und wie ihrer beider Liebe offenbar ward. Die Jungfrau Angliana hatte in ihrem Zimmer eine gar kurzweilige Fatzmännin Possenreißerin und geborene Närrin, mit der sie sich oft scherzend erlustigte, vor der sie auch gar nichts verbarg; denn sie gedachte gar nichts Übles von ihr. Als aber das unstete Glück nicht länger erdulden noch leiden mochte, daß diese zwei Liebhabenden ihre Liebe in so stiller Weise verborgen trügen, hat es sich ganz von ihnen gewandt und sie mit allem Unfall Unglück umgeben. Denn es begab sich, daß Angliana ihrem liebsten Jüngling einen sehr schönen und köstlichen Ring von ihrer Hand in Gegenwart der Närrin schenkte, ganz ohne Sorgen, daß ihre Heimlichkeit dadurch an den Tag kommen sollte. Die Närrin aber hatte alles gar wohl in acht genommen. Und es begab sich auch einige Tage nachher, daß eine Jungfrau aus Anglianas Gefolge verheiratet ward und eine gar fröhliche Hochzeit gehalten wurde. Leufried war zugegen, auch kam Angliana dahin mit allen Jungfrauen und auch der Närrin. Da man nun zu Tische saß, diente Leufried nebst den anderen Dienern des Grafen zu Tische und wartete seiner liebsten Jungfrau fleißig auf. Die Närrin ging auch von einem Tisch zum anderen, und da sie Leufried seiner liebsten Jungfrau einen goldnen Becher vorsetzen sah, fing sie laut an zu lachen und sprach: »Wann wird die Zeit doch kommen, daß ihr zwei auch ein so fröhliches Fest feiert, nun hast du den Ring doch schon empfangen.« Diese Worte hörten die Jungfrauen insgemein. Angliana und Leufried wurden ganz schamrot, jedoch ward nichts weiter geredet. Florina drückte diese Worte mit großen Sorgen in ihr Herz und gedachte manchmal, wie doch dieser Argwohn den anderen Jungfrauen ausgeredet werden möchte, brauchte auch allen Fleiß und Ernst dazu, aber es blieb alles umsonst; denn sie hatten die Worte der Närrin gar wohl verstanden. Da aber die Hochzeit ihr Ende nahm, begab Florina sich heimlich zu Leufried und sprach: »O Leufried, wie habt Ihr Eure Liebe so gar offenbar gemacht; denn alle Jungfrauen haben ein gar großes Gerede darüber. Ach, was hat doch meine Jungfrau gedacht, daß sie sich vor der bösen Närrin nicht mehr gehütet, die wird nun von ihrem Geschwätze nicht ablassen, man bringe sie denn mit besonderen Listen dazu.« »Liebste Jungfrau«, sprach da Leufried, »ich bitte Euch, um Eurer großen Liebe zu Angliana willen, gebt mir einen getreuen Freundesrat, daß ich die schnöde Närrin davon abbringe.« Florina antwortete ihm: »Leufried, ihr müßt Euch selbst zu der Närrin verfügen und ihr einen Brief mit dem Ring übergeben und ihr sagen, Ihr hättet bei dem Goldschmied etwas an dem Ring sollen machen lassen und in dem Brief den Preis der Arbeit gemeldet, sie solle beides der Jungfrau übergeben. So könnt Ihr der boshaften Närrin die Sache aus dem Sinn bringen, auch wäre zu wünschen, daß der Ring der Angliana in Gegenwart aller ihrer Jungfrauen zurückgegeben würde, dann wollte ich es meinen Gespielen wohl ausreden, der Närrin keinen Glauben mehr beizumessen.« Dieser Rat gefiel Leufried sehr wohl, und versprach er Florina, den Anschlag gleich ins Werk zu richten. Er gedachte aber nicht, daß ihm das Glück also widerwärtig erscheinen möchte, wie ihr alsbald hören werdet. Wie Leufried den Brief und Ring der Närrin gab, daß sie ihn Angliana übergeben solle, wie diese aber alles falsch verstand und den Brief dem Grafen übergab. Leufried setzte sich in seinem Gemach gleich an sein Schreibtischlein und schrieb seiner Jungfrau folgenden Brief: »Meine auserwählte und allerliebste Jungfrau, ich vermag nicht auszusprechen noch zu schreiben, wie großen Unmut und Schrecken mir die unbedachte Rede der boshaften Närrin vor allem Frauenzimmer gebracht hat. Es erwächst mir zweifacher Schmerz daraus; denn ich muß fürchten, daß unsere Liebe durch falsche Schwätzer ausgebracht und wir voneinander getrennt werden, ja daß ich vor unserem Herrn in Gefahr meines Leibes und Lebens stehe; aber das alles bekümmert mich nicht so sehr, als wenn ich gedenke, daß Ihr hart von Eurem Vater meinethalben gehalten werden solltet. Diesem Unglück womöglich zuvorzukommen, habe ich mich mit Florina beraten und übersende Euch hier diesen Brief und Ring, als hättet Ihr mir ihn zum Goldschmied zu bringen befohlen, und mögt Ihr der unnützen Närrin immer einiges Geld mir zu überbringen geben, damit sie glaubt, ich solle den Goldschmied damit bezahlen. Meinen Ring behaltet mir, bis uns das Glück eines Tages wieder in stiller Weise zusammenführt. Hiermit wünsche ich Euch und mir eine solche Stunde, in welcher wir ohne alle Furcht und Angst beieinander sein mögen.« Da Leufried den Brief geschrieben und mit seinem Petschaft verschlossen hatte, suchte er die Närrin auf, die ihrer Gewohnheit nach von einem Haus zum anderen in der Stadt herumschwärmte. Als er sie in einem Kaufmannsladen mit den Dienern scherzen fand, sprach er sie mit lachendem Munde an, als sollte er sie nach Hof berufen. Die Närrin folgte ihm bis vor das Schloß, wo der Jüngling glaubte, von niemandem gesehen zu werden. Der Graf aber stand auf dem höchsten Turme des Schlosses, von welchem er die ganze Stadt übersehen konnte. Er sah Leufried bei der Närrin und ihr den Brief mit dem Ring geben. Er dachte nicht, daß der Brief seiner Tochter zustünde, vermutete aber, einer anderen Hof Jungfer, und fing also heimlich mit sich selbst zu reden an: »Gewiß untersteht sich Leufried, etwa eine Jungfrau aus meiner Tochter Gefolge zu erwerben und sie durch die einfältige Närrin zu gewinnen. Ich muß das erfahren; denn sollte er eine von Adel oder vielleicht eines größeren Namens mit List hintergehen, das möchte mir und meiner Tochter zu großer Nachrede geraten.« Also fügte sich der Graf eilends hinab, damit er der Närrin zuvorkam. Und als Leufried vermeinte, alle seine Sachen auf die geschickteste Art angefangen zu haben, da ging es ihm recht unglücklich aus; denn sobald er von der Närrin gegangen, ist sie gleich dem Grafen zu Gesicht gekommen. Der Graf sprach sie an und hat sie gefragt, was ihres Geschäfts wäre. Da antwortete sie eilends, sie bringe einen Ring vom Goldschmied, der gehöre seiner Tochter mit dem Brief. »So gib mir diese Dinge«, sagte der Graf, »denn ich bin auf dem Weg zu meiner Tochter begriffen.« Alsbald gab sie ihm den Brief, er erkannte den Ring und sah wohl, daß er nicht anders gearbeitet war als vorhin. Den Brief öffnete er und las ihn von Anfang bis zu Ende. Als er aber ein wenig gelesen hatte, ist er in seinem Gemüte erzürnt und ganz grimmig gegen Leufried geworden, ist also in sein Gemach gegangen und hat mit sich beratschlagt, wie er es denn anfangen solle, daß seine Tochter in kein Gerede oder andere Gefährlichkeit käme; denn er dachte fleißig daran, wie es dem Fürsten von Salerno gegangen, der den Jüngling Guiskard wegen seiner Tochter ermorden ließ, und diese ihrem Geliebten ganz freiwillig mit Gift nachfolgte. Daneben bedachte er auch die ritterlichen Taten und das ritterliche Gemüt, das er oft an Leufried erfahren hatte. Dennoch ward er mehr und mehr durch den Zorn als durch die Vernunft überwunden und nahm sich gänzlich vor, Leufried heimlich umzubringen; aber sein Anschlag schlug ihm fehl, wie ihr bald vernehmen werdet. Wie der Graf einen verwegenen Schalk bestellte, er solle Leufried heimlich auf der Jagd umbringen und dann vorgeben, es habe ihn ein Schwein erhauen. Wenig Ruhe hatte der Graf weder Tag noch Nacht; denn er dachte stets nach, auf welche Art er Leufried umbringen möchte. Zuletzt riet ihm ein böser Engel folgendes: Er hatte an seinem Hof einen überschwenglich bösen Buben, derselbe war ein Jäger, dem kein Mutwille noch Schande zuviel war. Eines Tages rief ihn der Graf heimlich in sein Gemach, legte ihm seinen bösen Anschlag vor und sprach: »Mein lieber Diener, du mußt wissen, daß ich dir vor allen meinen anderen Dienern wohl traue; ich habe nun alle meine Hoffnung zu dir gestellt, du werdest mich in einem gewissen Vorhaben treulich unterstützen. Wisse, daß mich einer meiner Diener gröblich an meiner Hoheit geschmäht hat, und ich kann nicht ruhen, bis ich ihn schwer gestraft. Damit ich das aber leichter anrichten könne, so will ich ihn mit dir und anderen Jägern auf die Jagd schicken, und du sollst ihn dort zur Seite führen und ermorden, dann magst du leicht vorgeben, er sei durch ein hauendes Schwein umgekommen. Wo du mir aber in diesem Fall dienst, sollst du reichlich von mir belohnt werden. Ich will aber, daß du keinem Menschen davon sagst, wie geheim er dir auch sei. So weiß ich dich auch mannlich genug, einen solchen ohne andere Hilfe selbst zu erschlagen. Darum, mein lieber Diener, magst du mir deinen Willen zu erkennen geben.« Der schalkhaftige Jäger sprach: »Gnädiger Herr, sollte ich mich in Eurem Dienst in noch größere Gefahr und Sorge begeben, so sollte mir das nicht beschwerlich fallen; denn an einem Manne ist mir wenig gelegen. Solange ich ein Jäger bin, habe ich mich nie vor einem Bären, Schwein oder Hirsch entsetzt. Ja, je feuriger die gewesen sind, je größere Lust habe ich empfangen, sie zu erlegen. Darum möge Euer Gnaden mir noch mehrere anzeigen, die Euch widerwärtig, und sie mir mit Namen nennen, ich will die Sache mit aller Lust zu Ende bringen, ohne daß jemals ein Mensch davon erfährt.« »So gelobe mir das«, sprach der Graf, »damit ich dir ganz vertrauen mag.« Zur Hand gelobte ihm das der Schalk. Nun sprach der Graf: »Es ist Leufried, den ich vor allen meinen Dienern geliebt und an meinem Hofe groß gemacht habe, der übernimmt sich also, daß er sich untersteht, meine Tochter zu seinem Weibe zu begehren. Dies habe ich auf einem seltsamen Wege erfahren, und du sollst mir den stolzen Knaben ohne Erbarmen ermorden.« Der lose Vogel, so böse und frevel er auch war, entsetzte er sich doch nicht wenig, als er Leufrieds Namen hörte; denn ihm war unverborgen, wie dieser oftmals so ganz mannlich gehandelt hatte. »Gnädiger Herr«, sagte er, »jeden unter Eurem Hofgesinde wollte ich mich lieber unterstehen zu erschlagen als diesen; denn ich weiß wohl, wo er mich nur ein wenig in Verdacht nimmt, werde ich den Kampf nicht bestehen, darum muß ich ihn durch große List überwinden. Zudem wird er auch niemals allein gesehen, daß nicht Walter, sein Landsmann und geschworener Bruder, bei ihm sei, wiewohl ich mich Walters auch gar nicht entsetze.« Der Graf merkte an dem Schalk, daß ihn der Scherz gereuen wollte, darum stärkte er ihn mit großen Zusagungen und sprach: »Du sollst dich weder Walters noch irgendeines anderen entsetzen, sondern wer sich Leufrieds annimmt, den schlage gleich ihm zu Tode, damit tust du mir einen großen Gefallen.« Also ward Leufried und sein getreuer Bruder jämmerlich an die Axt gegeben, aber durch ihren Leuen aus aller Angst und Not erlöst, der von seinen Gesellen in keiner Not gewichen ist. Als nun der Graf vermeinte, seinen Anschlag mit dem Verräter beschlossen zu haben, hat er ihn wieder heimlich entlassen, und als er allein war, gedachte er bei sich selbst: Nun ist es doch immer schade um einen solchen kühnen Helden, der sich keines Mannes je entsetzt hat und soll von einem solchen Schalk so ganz ungewarnt erschlagen werden. Was gedenke ich, solches Übel zu vollbringen! Könnte ich doch den Jüngling an des Königs Hof nach Lissabon verschicken und ihm dabei zu verstehen geben, wo er sich mehr an meinem Hof finden ließ, daß ich ihn ohne alle Gnade wollte hängen lassen. Aber das mag sich auch nicht schicken; denn erführ solches meine Tochter, so möchte sich noch Ärgeres begeben, ich weiß ja wohl, daß solches Feuer nicht zu löschen sein wird. Auch ist vielleicht der Jüngling zu großem Glücke geboren, da es sich so wundersam mit seiner Geburt und seinem ganzen Leben verhalten hat. Ist ihm nun ein solches Glück von dem Himmel verheißen, so vermag ich dies doch nimmermehr von ihm zu wenden. Nun aber, was würde man sagen, wenn meine Tochter an eines Hirten Sohn vermählt würde, um die so mancher Graf und Ritter geworben, wahrlich, ich würde aller Welt zu großem Spotte werden. Aber was ist das mehr? Ist doch auch David von geringem Stamme gewesen, und hat ihm doch Saul seine Tochter gegeben. Solches will aber die Welt jetzt nicht mehr bedenken und daß wir gleich alle von einem Vater und einer Mutter gekommen. Und sind jetzt wohl gleich viel große Stände auf Erden, so kommen sie doch allein von Tugend, welche Leufried so sehr ziert. Aber dem allem sei, wie ihm wolle, so hat er doch darin den Tod verschuldet, daß er sich hinter meinem Rücken untersteht, um meine Tochter zu werben, da ich ihm doch nie Arges zugetraut habe. Darum muß mein Wille ergehen, es komme mir daraus, was da wolle. Also redete der Graf lange mit sich selbst und nahm sich vor, den Verräter selbst, sobald er den Totschlag begangen, auch zu ermorden. Wie Leufried durch einen Kammerbuben heimlich gewarnt ward, sich vor dem Jäger zu hüten. Der Graf, während er den Anschlag mit dem Jäger faßte, glaubte sich ganz allein in seinem Gemach. Es war aber neben diesem eine andere Kammer, in welcher des Grafen Harnische und Gewehre hingen; in der war von ungefähr ein Kammerbube, der dem Grafen seine Harnische und Waffen putzen sollte. Dieser hörte alle Worte, die der Graf mit sich selbst und dem Jäger redete. Der Knabe hielt sich ganz still; denn er fürchtete, wenn der Graf wisse, daß ihm sein Anschlag bekannt geworden sei, möge er ihn auch umbringen lassen. Da aber der Graf aus der Kammer gegangen war, ging auch der Knabe eiligst von dannen, mit dem festen Vorsatz, den Jüngling vor seinem Unglück zu warnen, wo er es anders zuwege bringen könnte. Er fügte sich heimlich in den Marstall zu dem Pferde des Jünglings, schrieb ein Zettlein und band das dem Pferd an seinen Kamm, damit, wenn der Jüngling das Pferd kämmen und striegeln wollte, er den Zettel finden möge. Der Zettel aber lautete also: »O Jüngling, deine heimliche Liebe ist bekannt geworden, darum stellt man dir hart nach dem Leben. Des sei gewarnt und hüte dich mit Fleiß vor dem mörderischen Jäger.« Solcher Zettel schrieb der Bube etliche und steckte ihm auch einen in sein Kammerschloß. Und als Leufried nachts in seine Kammer gehen wollte und den Schlüssel nicht in das Schloß bringen konnte, fand er den anderen Zettel, den er nicht ohne großen Schrecken las, fügte sich auch eilends zu seinem Bruder Walter und offenbarte ihm alles. »O Leufried«, sagte dieser, »laß uns nicht säumen, eilends von hinnen zu fliehen, denn hat der Graf sich solches vorgenommen, so wirst du ihm schwerlich entrinnen.« »Fürwahr«, sagte Leufried, »mein Herr ist mir heute begegnet und hat mich ganz zornig gegen seine Gewohnheit angesprochen und ist auch ganz über mich errötet. Solches gibt mir genügsame Anzeigung, daß ich nicht umsonst gewarnt worden bin. Dazu hat mich der Jäger auch so freundlich nie angesprochen als heute, woraus ich auch abnehmen muß, daß er mit Listen gegen mich umgeht. Darum, lieber Walter, wollest du stracks gerüstet sein; denn ich will mich morgen an dem Schalk versuchen und ihn in der Frühe ansprechen, mit mir und dir in den Wald spazierenzureiten. Alsdann will ich wohl mit Listen aus ihm bringen, ob er mir nach meinem Leben trachtet oder nicht. Befinde ich ihn dann zweifelhaft, so soll er dermaßen von mir bestanden besiegt. werden, daß er keinem mehr so mörderischerweise nachstellen möge.« Also gingen die zwei Jünglinge in großen Sorgen zu Bett. Die Nacht war ihnen sehr lang, Leufried klagte oft, daß er jemals an des Grafen Hof gekommen sei und Angliana seiner Dienste und Liebe wahrgenommen habe. »O Leufried«, sagte Walter, »ich stehe jetzt um dein und mein Leben in größeren Sorgen, als da mich die Räuber an den Baum gebunden hatten; denn gewiß wird der Graf noch andere Praktiken angerichtet haben, damit, wenn ihm das eine fehlschlägt, ihm doch das andere gelinge.« Dieweil sie so in großen Ängsten lagen, hörten sie ganz leise an ihrer Kammer anklopfen. Leufried stand geschwind auf und fragte, wer klopft, doch nahm er vorher sein gutes Schwert zu Händen. Der Junge gab aber nur leise Antwort und sprach: »O ihr Jünglinge, versperrt mich nicht lange heraus; denn ich komme euch zu großem Trost und bin auch ebender, so euch treulich mit seinem Schreiben gewarnt hat.« Sobald Leufried dies hörte, schloß er auf und ließ den Knaben herein. Der erzählte ihm von Wort zu Wort alles, was er von dem Grafen und seinem Jäger gehört hatte, und sie wurden dadurch wieder etwas getröstet, daß sie sich nur vor dem Jäger zu fürchten hatten. Der Junge verband sich, mit ihnen davonzulaufen, und also blieben sie die Nacht beieinander. Doch baten sie den Knaben, an dem Hof zu bleiben, bis zu einer besseren Zeit. Wie Leufried und Walter mit dem Jäger in den Wald ritten, der Leu Leufried stets nachlief und wie der Jäger mit einem Spieß nach Leufried schoß, ihn aber verfehlte. Als nun die Morgenröte herangekommen, rüstete sich Leufried samt seinem Gesellen, und packten sie alle ihre Kleinodien und Barschaft so geschwindig zusammen, als sie nur immer konnten. Dann begab sich Leufried zu dem Jäger und sprach ihn freundlich an, mit ihm ins Holz zu reiten. Er sei neulich mit seinem Hunde auf eines Hirschen Spur gekommen, hätte ihm aber nicht folgen mögen, weil ihn die Nacht überfallen. Der Jäger war dies gar wohl zufrieden, wollte es aber noch vorher dem Herrn ansagen, damit er nicht von ihm gestraft werde. Nun begab sich der Schalk eiligst zu dem Grafen und zeigte ihm an, daß heute der Tag sei, an dem er solle gerächt werden, worüber der Graf große Freude hatte. Also befahl Leufried seinem Gesellen Walter, ein wenig vorauszureiten und an einem bestimmten Orte des Waldes ihn zu erwarten. Lotzmann, der Leu, hat sich auch schnell aufgemacht und ist seinen Gesellen gefolgt. Sobald sie nun in den Wald kamen, hat sich der Jäger stets versäumt und ist hinter Leufried hergeritten. Das hat dieser aber nicht gestatten wollen, worauf der Jäger etwas vor ihn getrabt, dann sein Pferd schnell umgewendet und seinen Spieß mit aller Stärke nach Leufried geschossen hat. Leufried aber sah sich vor und sprengte aus dem Schuß, fiel sodann den Bösewicht mit gezücktem Schwerte an und schrie: »Nun merke ich, daß du schändlicher Verräter meinen Tod geschworen. Darum soll dir dein verdienter Lohn werden; denn heute sollst du von meiner Hand sterben.« Der Schalk wehrte sich, so gut er mochte. Sobald aber Lotzmann, der Leu, solchen Ernst ersah, riß er den Jäger mit Gewalt vom Roß, brachte ihn unter sich und erwürgte ihn. Walter hörte Leufrieds Geschrei und eilte herzu. Da vernahm er alles und sah auch noch den Leuen, wie er den Mörder grimmig zerriß. Nun ritten sie eilends durch den Wald nach Lissabon zu und sodann nach ihrem Vaterland. Walter kam zuerst mit seinem Knecht in seines Vaters Haus, aber Leufried stellte in einer Herberge ein und ging eine Zeitlang in der Stadt herum, ohne von jemand als seinem liebsten Gesellen Walter und dessen Diener gekannt zu sein. Wie den Grafen große Reue überkam, da er vernahm, daß ihm sein Anschlag mißlungen war, und wie er Angliana und Florina mit rauhen Worten anfuhr. Da der Graf glaubte, der Verräter wäre seinem Befehl nachgekommen, hat er mit großer Freude auf ihn gewartet. Da aber nun die Nacht herangekommen und der Mörder nicht wiederkehrte, ist er ganz angsthaftig geworden, daß Leufried noch im Leben sein möge. Ach, sagte er zu sich selbst, wie wird mir's gehen, wenn Leufried den Jäger überwunden hat und kommt zu dem König und begehrt, sein Diener zu werden. Da werden alle meine bösen Anschläge offenbar werden. Ich sollte vorher bedacht haben, daß dem Jüngling niemand obsiegen wird. Warum habe ich ihn nicht mit meiner eigenen Hand umgebracht oder habe ihm meine Tochter zu einem Weib gegeben? Wer weiß, der Jüngling möchte sich so wohl und ritterlich gehalten haben, daß ich ihn ganz liebgewonnen hätte. Wohlan, ich will nach meiner Tochter und ihrer Helferin schicken, sie auch mit Worten dermaßen strafen, daß sie mir nichts verschweigen werden. Alsbald ist der Graf in seiner Tochter Zimmer gegangen mit brennenden Augen, zornigem Antlitz und Gebärden, worüber beide Jungfrauen ohne Maßen erschrocken sind; denn der Graf sagte: »Angliana, gedenke, daß du morgen zur Primzeit sechs Uhr morgens. mit Florina in mein Gemach kommst; denn ich habe etwas Nötiges mit euch zu reden.« Wer war erschrockener als die beiden Jungfrauen, und Florina gedachte sogleich bei sich: Wehe uns! Der Graf hat Leufrieds Brief durch die Närrin bekommen. Ach, wie wird es mir armen Jungfrau gehen! Ich sorge, Leufried hat mich in seinem Schreiben verraten. Als der Graf wieder hinweggegangen war, weinte Angliana bitterlich, so auch Florina. Dadurch alle die anderen Jungfrauen auch in Mitleid bewegt wurden und alle mit trauerten und weinten, wiewohl keine wußte warum. Angliana erholte sich zuerst, wischte die Tränen von ihrem Angesicht, sprechend: »O ihr meine liebsten, getreusten Gespielen, ihr habt gewiß den Zorn meines Vaters bemerkt; ich bin es, die es allein verschuldet hat. Ich habe Leufried, den edlen und teuren Jüngling, in ganzer Treue, Zucht und Ehre geliebt. So ist er meiner Liebe auch würdig, ja er verdient seiner Tugend und Mannheit wegen wohl eines Königs Tochter. Wer ist an unserem Hof mehr von meinem Vater gepriesen und belobt worden als Leufried. Wer hat mehr tapfere und männliche Stücke begangen als dieser Jüngling! Solches muß ihm mein Herr und Vater selbst bezeugen. Ach, möchte ich nur wissen, ob der Jüngling von meinem Vater umgebracht oder bloß weggeschickt worden. Hat er ihn umgebracht wegen meiner Liebe, so will ich ihm in Leid und Schmerz eine getreue Nachfolgerin sein; denn solange ich nicht erfahren mag, wie es um meinen lieben Jüngling steht, will ich mich aller Speise und Nahrung enthalten und meinen Leib so lange kasteien, bis meine Seele sich nicht mehr erhalten mag. Hat ihn mein Vater aber nur von dem Hof verwiesen, ei, so hoffe ich, noch gute Stunden zu erleben, daß ich ihn wiedersehen werde. Darum, meine liebe Florina, sei getrost! Dir soll meinetwegen nichts von meinem Vater geschehen. Ich will dich gegen ihn verantworten, du bist es allein, die mir diese Liebe abgeraten und mir alle die Gefahr und Sorge vorgestellt, die mich jetzt getroffen. Das aber wollte ich ja alles gern mit Geduld ertragen, aber ich fürchte, mein Vater hat sich von seinem Zorn überwinden lassen und getan, was ihn manchmals reuen wird.« Sobald sie solches geredet, hat sie ihre Jungfrauen beurlaubt und sich nach ihrer Schlafkammer begeben, sich auch in ihren Kleidern auf ihr Bettlein gelegt und mit sich selbst jämmerlich angefangen, ihren Jüngling zu beweinen; denn sie glaubte nicht anders, als der Graf habe ihn umgebracht. O du mein herzallerliebster Leufried, hast du von wegen deiner Treue und Liebe eines bösen Todes sterben müssen, so muß mich deine Schönheit und Zucht immer gereuen. Warum hat mein Vater solches nicht an mir gestraft und mich statt deiner töten lassen? Solche Klage trieb sie die ganze Nacht über und sehnte sich nach dem Tag, von ihrem Vater zu vernehmen, wie es um den Jüngling stehe. Nicht minder hatte Florina eine schwere Nacht; denn sooft sie entschlummerte, kamen ihr schwere Träume für, und das währte so lange, bis der Morgenstern den jungen Tag freudig heraufbrachte. Wie Leufried von seinen Eltern erkannt wird, desgleichen auch von Herrmann, was für große Freuden da fürgegangen. Hier wollen wir ein wenig schweigen von dem Grafen und seiner Tochter und wollen anzeigen, mit was für großen Freuden der gute, fromme Hirt Erich und sein Gemahl Felizitas umgeben wurden, als sie vernommen haben, daß ihr Sohn nach Hause gekommen, frisch und gesund, auch ein so schöner und gerader Jüngling geworden war. Es begab sich, nachdem des Kaufmanns Sohn, Walter, mit großem Frohlocken von seinen Eltern empfangen, auch von ihnen gefragt ward, ob er Leufried gefunden habe, daß dieser von Anfang bis zu Ende alles berichtete. Er erzählte, wie ihn die Räuber mißhandelt und Leufried ihn errettet, auch was sich an des Königs Hof mit Lotzmann, dem Leuen, zugetragen hatte und wie dieser noch bei Leufried war. Er sagte aber nicht, daß Leufried schon in der Stadt in der Herberge wäre; denn dieser hatte ihm solches verboten. Auf den künftigen Sonntag ließ sich Leufried von seinem Wirt eine köstliche Mahlzeit bereiten und überlegte mit Walter, daß er ihm seinen Vater und seine Mutter dazu einladen sollte wie auch seinen Schulmeister, von dem er also ohne Urlaub hinweggelaufen wäre. Das geschah also. Walter kam des Sonntags morgens zu seinem Vater und sprach: »Lieber Vater, wisse, daß ich heute von einem Diener des Königs Botschaft von Leufried erhalten habe. Dieser Diener des Königs läßt dich freundlich bitten, du wollest mit der Mutter und meinem Schulmeister zu ihm kommen und das Morgenmahl mit ihm essen; denn er habe gar viel mit euch von Leufried zu reden.« Herrmann, der Kaufmann, sagte: »Das bin ich sehr wohl zufrieden; wiewohl ich seines Tuns genugsam Bericht von dir empfangen habe, will ich gern dennoch vernehmen, was er seinem Schulmeister zu entbieten hat.« Demnach hat Herrmann seine Ordnung mit seinem Weibe gemacht, und sind sie also mit großen Freuden zu dem Imbiß gegangen, auch ist der Schulmeister von Walter zu dem Mahle geführt worden. Währenddem hat Leufried einen Boten auf den Meierhof zu seinen Eltern geschickt und ihnen sagen lassen, wie er eine Botschaft von ihrem Sohn an sie auszurichten habe. Der gute Meier, so in langer Zeit von seinem Sohne nichts vernommen, machte sich samt seinem Weibe eilends auf den Weg und eilte der Stadt zu, kam auch in die Herberge. Leufried, so noch von niemandem erkannt war, stand bei Herrmann und seinem Schulmeister, und trug man jetzt schon das erste Gericht auf den Tisch. Und als sie kaum niedergesessen waren, trat Meier Erich und seine Hausfrau Felizitas in den Saal und fragte nach dem fremden Gaste; der ward ihnen alsbald gezeigt. Er aber verstellte sich, als ob er sie nicht kannte. Sein Gesell Walter sagte zu ihm: »Freund, hier mögt Ihr Eures Gesellen Leufried Vater und Mutter sehen. Sie kommen gekleidet nach ihrem Gewerbe; denn sie nicht wie Leufried an fürstlichen Höfen viel zu schaffen gehabt haben.« »Ich sehe sie sehr gern«, sagte Leufried, nahm sie damit beide und setzte sie zu der Tafel. Das Mahl ward mit großen Freuden vollendet und ward gar viel von Leufried auf allen Seiten geredet; niemand aber glaubte ihn so nahe. »Ach«, sagte Felizitas, »ließe mich Gott den Tag erleben, daß ich meinen liebsten Sohn einmal sehen sollte, mir möchte keine größere zeitliche Freude geschehen«, fing damit an, bitterlich zu seufzen und viele Tränen zu vergießen. Solches bewegte Leufried dermaßen, daß er von der Tafel aufstehen mußte. Da ging er zu seinem Pferd, bei dem lag Lotzmann, der Leu, auf dem Stroh an einer Kette gebunden. Leufried sagte zu ihm: »Komm her, mein lieber Geleitsmann und treuer Gefährte, jetzund will ich dir deinen ersten Meister zeigen«, ließ ihn damit von der Kette und führte ihn in den Saal zu seinen liebsten Gästen und sagte: »Nun sieh dich wohl und eben um, mein lieber Lotzmann, ist auch jemand an dieser Tafel, der dir bekannt ist?« Alsbald ist der Leu zu Erich, seinem alten Herrn, gegangen und hat sich mit gar freundlichen Gebärden gegen ihn erzeigt; den hat Erich zur Stund erkannt und mit gar großen Freuden gesehen und angeredet. Herrmann, der Kaufmann, sagte überlaut: »Wahrlich, ihr lieben Freunde, mich will schier bedünken, Leufried sei nicht fern von uns, es betrügen mich dann meine Gedanken, so ist er in diesem Saal.« Leufried wollte sich nicht mehr verbergen, er umfing seinen Vater und sagte: »Gegrüßt seist du, mein allerliebster Vater! Sei wohlgemut; denn hier ist Leufried, welchen du begehrst zu sehen. Und du, meine herzliebste Mutter, gehabe dich wohl; denn jetzt siehst du Leufried, deinen Sohn.« Da war sehr große Freude in dem Saal, und als er sie alle freundlich gegrüßt, haben sie sich wieder zusammengesetzt. Da sprach Laureta, des Kaufmanns Weib: »Ach, mein lieber Leufried, wie hast du es über dein Herz mögen gewinnen, uns so lange hinzuhalten, bis du dich zu erkennen gegeben; nun weißt du doch, daß du nicht minder von meinem Herrn geliebt wirst als von deinen Eltern.« Darauf sagte Leufried: »Des bin ich wohl versichert, daß ich mich aber so langsam zu erkennen gegeben, ist allein darum geschehen, daß ich in Sorgen stand, ihr möchtet wegen meiner heimlichen Flucht noch großen Zorn gegen mich hegen. Da ich nun aber alle Gunst und Liebe von euch vernehme, auch mein Schulmeister mir ganz vergeben hat, der doch große Ursache, gegen mich zu zürnen, hatte, bin ich jetzt mit Freuden umgeben.« Also ward die übrige Zeit mit großen Freuden vollbracht, und blieb Leufried etliche Tage bei seinem Herrn. So waren sie beieinander; wir wollen aber sagen, wie es dem Grafen und seiner Tochter ergangen. Wie Angliana und Florina vor den Grafen gekommen und was er mit ihnen geredet und wie des Grafen Diener den Jäger im Wald sehr verwundet und zerrissen fanden. Wir haben gehört, wie der Graf seiner Tochter und Florina befohlen, morgens um Primzeit in sein Gemach zu kommen. Als aber jetzt die Stunde da war, sind sie beide mit erschrockenem Herzen vor des Grafen Gemach gegangen. Der hatte jetzt schon von seinen Dienern, die er den Jäger zu suchen ausgeschickt hatte, vernommen, daß der Schalk ganz übel zerrissen und verwundet in dem Wald tot liege; ob ihm dies aber von einem Bären oder Schwein geschehen, konnten sie nicht wissen. So hatten sie auch sein Pferd ganz erschrocken in dem Wald mit zerrissenem Zaum irrsam laufend gefunden, seinen Spieß aber ein gutes Stück Weges von ihm aufrecht in einer Hecke stecken sehen. Aus diesen Zeichen konnte der Graf wohl erraten, wie die Sache beschaffen war, sagte seinen Dienern, sie sollten nur hingehen, er könne sich schon denken, wie es dem Jäger ergangen sei. Da die Diener ihn verlassen hatten, traten Angliana und Florina herein, wünschten dem Grafen einen seligen Tag, aber er dankte ihnen beiden nicht, sondern fuhr seine Tochter mit harten Worten an. »Angliana«, sagte er, »warum hast du mich, deinen Vater, so ganz in den Wind geschlagen, schändlich betrogen und übergeben, nach eines armen Hirten Sohn getrachtet, da dir doch wohl deinesgleichen ein namhafter und teurer Ritter hätte werden mögen? Nun aber hast du mir meinen Stamm und Namen verkleinert, das kannst du nicht leugnen: denn ich habe dafür einen Ring und einen Brief, welche dir der verschmähte Hirtensohn durch deine Närrin zugesendet hat. Solchen Anschlag hat deine schöne und liebe Gespiel Florina dem Hirtensohn geraten. Den Lohn aber, so du, Florina, mit verdienst, magst du gänzlich von mir erwarten. Das ist also die Guttat, die ich dir und Leufried bewiesen, doch bin ich wohl der Hoffnung, dem ungetreuen Jüngling sei schon sein verdienter Lohn geworden.« Darauf sagte Angliana: »O Vater, es ist mir nicht möglich, mich gegen Euch zu verantworten. Ich muß gestehen, ich habe mir diesen Jüngling wegen seiner Tugend und adligen Sitten und seinem ritterlichen Gemüte auserwählt, bin aber doch immer so behutsam gewesen, daß mir noch Euch keine Schande noch Schaden daraus hätte erfolgen mögen. So hat auch niemand an dem Hof etwas von meiner Liebe merken können als allein Florina. Diese aber hat mir sogleich mit großem Ernste abgeraten, aber nichts hat an mir gefruchtet. Darum, liebster Herr und Vater, sollt Ihr niemandem die Schuld geben als mir allein. Ich bitte Euch um aller Liebe und Treue willen, die Ihr mir sonst getragen, wenn Ihr dem Jüngling Pein oder Marter angerichtet oder ihn vielleicht gar umgebracht habt, so wollet mir nicht mehr Barmherzigkeit beweisen als ihm und mich in gleicher Strafe halten; denn wenn ich nicht erfahren kann, wo er hingekommen ist, soll mich kein Mensch davon abbringen, ihm in steter Treue und Freundschaft zu folgen. Denn keine Speise noch Trank soll mich wieder erquicken, bis ich erfahre, wie es um meinen liebsten Leufried steht. Verflucht sei der Tag, an dem die schändliche Närrin in mein Zimmer gekommen; denn sie ist die Ursache, daß Leufried so erbärmlich hat sein Leben verlieren müssen. Ich weiß, daß der edle Jüngling noch Rittersorden mit seiner männlichen Hand würde gewonnen haben. Wer wollte mir unrecht geben, daß ich ihn von Euch zu meinem liebsten Ehegemahl begehrt hätte.« Dies redete Angliana mit kläglichem Seufzen und Weinen, woran der Graf abnehmen konnte, sie werde nicht wieder fröhlich werden, bis sie ihren Jüngling erfahren hätte, und sagte also: »Tochter, ziehe hin mit deiner Jungfrau und wisse, daß Leufried nicht umgekommen ist. Wo er aber hingekommen, dem frage ich nicht nach. Er aber hüte sich bei meiner Ungnade, je wieder meinen Hof zu betreten, sonst muß er von meiner Hand den Tod leiden.« Also schied Angliana mit großem Jammer und gewundenen Händen aus ihres Vaters Gemach, ging in ihre Schlafkammer, legte von sich alle ihre köstlichen Kleinodien, Ketten und Ringe, legte an schwarze Trauerkleider, ließ auch keine andere Jungfrau mehr zu sich als Florina und Kordula. Diese suchten oft, sie von ihrem Vorhaben abzuwenden, trugen ihr auch vielerlei gute Speisen und Trank zu, deren sie aber nicht genießen wollte. Sie brachte ihre Zeit allein mit traurigen Gedichten hin, deren sie etliche von sich und ihrem Leufried dichtete, wiewohl sie noch nicht wissen mochte, wo er hingekommen war. Jetzt dichtete sie, als sei er von ihrem Vater auf das Meer in ein Schiff verkauft worden, dann machte sie ein Gedicht, als wenn er in einem Kerker verschlossen wäre und sie säße täglich an der Türe des Kerkers und wollte ihm eine Gesellin seiner Gefängnis werden. Dies war ihre Arbeit und Kurzweil, womit sie ihre Zeit hinbrachte. Wie Kordula und Florina von dem Grafen befragt wurden, warum seine Tochter also verschlossen in der Kammer sitze, und wie er nach Leufried schicken ließ, dieser aber auf keine Weise kommen wollte. Als nun Leufried zu Hof nicht mehr gesehen wurde, auch Angliana gar nicht mehr zum Vorschein kam, da hat erst alles Hofgesinde auf der Närrin Worte ein besonderes Gedenken gewonnen, und war um Leufried nicht wenig Klage; denn sie waren ihm alle sehr gut. Da aber der Graf wahrnahm, wie sich Angliana hielt, ließ er die beiden Jungfrauen, Florina und Kordula, welche Angliana allein zu sich ließ, vor sich in den Garten berufen. Florina war voller Furcht und ist mit erschrockenem Herzen vor dem Grafen auf die Knie gefallen, desgleichen auch Kordula. Er hieß sie aber aufstehen; denn er hatte nicht aus bösem Willen zu ihnen gesendet, sondern nur, um zu erfahren, wie sich seine Tochter hielt. Und da er der Jungfrau Kordula versprochen hatte, sie ohne Zorn anzuhören, so sprach sie: »Gnädiger Herr, unsere liebste Jungfrau wird weder essen noch trinken, bis sie erfahren, wo Leufried hingekommen ist. Jetzo führt sie eine ernstliche Zeit mit Weinen und Klagen, nichts redet sie, nichts gedenkt sie als an ihren Jüngling, der ihr Herz ganz gefangen und besessen hat. Darum, gnädiger Herr, so Ihr das Leben Eurer Tochter liebt, so müßt Ihr unserer Jungfrau ihren liebsten Jüngling anzeigen; denn Trost, Warnung, Strafe und Lehre mag nicht an ihr verfangen. Ich habe mit Florina so vieles an ihr versucht, aber alles umsonst.« Dieweil Kordula so mit dem Grafen sprach, weinte sie ganz züchtiglich dazu, welches der Graf desto mehr beherzigte. Nicht weniger Tränen vergoß auch die getreue Florina, sie schlug ihre beiden Hände ineinander und kniete hinter ihrer Gespielin. Dies nahm der Graf alles gar wohl wahr und sprach: »So geht hin und sagt meiner Tochter, der Jüngling sei noch im Leben und samt seinem Gesellen und Leuen heimlich von meinem Hofe geritten, habe mir auch meinen liebsten Jäger erschlagen; des soll sie ganz gewiß sein und ihr Klagen und Trauern fahrenlassen.« Als die beiden Jungfrauen mit züchtigem Urlaub von dem Grafen geschieden waren, haben sie eilends Angliana diese Botschaft überbracht. Wiewohl sie etwas Trost davon empfangen, hat dennoch die Trauer in ihr geschwankt. Der Graf aber ist in seinen Sessel niedergesessen und hat der Sache gar tief nachgesonnen: Will mich denn das Glück also haben, wohlan, so tröste ich mich doch, daß Angliana einen solchen Jüngling erwählt hat, der mit Tugend und Mannheit hoch von Gott begabt ist. Ach, wäre mir doch die Sache vor langem bewußt gewesen, leicht hätte ich den König bewegt, ihn zum Ritter zu schlagen und mit Wappen, Schild und Helm zu begeben. Alsdann wäre es mir nicht zu verweisen gewesen, wie jetzt. Wüßte ich den Jüngling nur zu finden, ich wollte ihn durch einen Boten zurückberufen lassen. Solches gedacht, stand der Graf auf, schrieb dem Jüngling einen Brief und sicheres Geleit und ließ einen Boten damit nach Lissabon reiten; denn er glaubte gewißlich, der Jüngling sei an des Königs Hof. Auch unterrichtete er den Boten, wie er dem Jüngling mit Worten anliegen sollte, wenn er etwa auf den Brief nicht traute. Der Bote ritt hin mit großen Freuden; denn auch ihm war des Jünglings Abschied sehr leid gewesen. Diesen Boten lassen wir reiten und sagen, wie sich Leufried derzeit gehalten hat. Wie Leufried zu Salamanka in der Stadt in großem Trauern war, täglich eine Zeitlang ins Feld spazierenging und seine liebste Jungfrau beklagte. Leufried war jetzt bei zehn Tagen in Salamanka, und wenn er um die Leute war, bezeigte er sich ganz fröhlich. Sobald er aber des Nachts in sein Bette kam, klagte er herzlich um seine liebste Jungfrau. Er nahm sich auch täglich eine Stunde oder etliche für, in denen er in das Feld spazierenging ohne alle Gesellschaft, setzte sich dann etwa an eine verborgene Stätte, wo er von niemandem mochte gehört werden, und fing allda an, sein Unglück zu betrauern: O Glück, wie bist du mir so ganz zuwider! Was ziehst du mich armen Jüngling nieder! Du hast mich gar fälschlich angelacht, mich mit deinem süßen und glänzenden Schein angesehen, und so ich meine, dir am angenehmsten zu sein, überschüttest du mich mit aller Bitterkeit. Niemand soll sein Vertrauen und Hoffen zu dir, unstetes Glück, setzen; denn du bist ganz unbleiblich, unstet. undankbar und wankelmütig; und so man dich am allernächsten meint, bist du am allerfernsten. Hast du mich armseligen Jüngling nicht aus niederem Stand gleich in meiner Kindheit zu einem guten Anfang gebracht, da meiner, eines armen Hirten Sohn, gar herrlich gepflogen ward in meines Herrn Haus? Nicht minder ward ich seinem Sohne in Essen, Trinken, Gewändern gleichgehalten. O hättest du mich in solchem Anfang bleiben lassen und nicht mit falschem Schein angelacht. Aber du wolltest mich aus einem jungen Kind zu einem König haben. Das aber nicht lange gewährt hat; denn ich mußte bald aus meinem Reich entlaufen und aus einem König ein Küchenbube werden. Auch ließest du mich nicht lange in diesem Stand, ich mußte in der Frauen Gemach Diener werden. Allda tat Kupido auch das Seinige dazu, verwundete und schoß seinen scharfen Strahl auf mich dermaßen, daß ich in brennender Liebe gegen meine liebste Jungfrau hart entzündet ward. Bei ihr, ungetreues Glück, sahst du mich also an, daß ich und sie in Hoffnung war, unsere Liebe sollte unzertrennt und unauflöslich bleiben. Was hast du mir aber jetzt durch deine falsche Tücke angerichtet! Ohne Abschied habe ich von ihr scheiden müssen, mag kann. auch gar nicht wissen, wie es ihr geht! Doch stehe ich in schwerem Zweifel, ob sie meinetwillen nicht schmählich und hart gehalten wird. Alles Hofgesinde wird auf sie mit Fingern zeigen. Oh, warum bin ich nicht an dem Hof geblieben und habe meinen Tod von ihrem Vater genommen! Wie mag ich leben ohne meine liebste Jungfrau! Was wird sie doch jetzt für ein Vertrauen zu mir haben, da ich Flüchtiger im Elend sie verlassen habe! Dieser und dergleichen Klagen führte Leufried unzählige, und als es ihm Zeit dünkte, nahm er seinen Weg wieder der Stadt zu. Es stand aber eine schöne Linde vor der Stadt, unter der stand Leufried ein wenig, sich umzusehen. Da sah er von fern einen Boten eilends daherpostieren, postieren – als Kurier reisen, laufen, rennen. und als er näher zu ihm kam, erkannte er ihn; denn es war seines Herrn, des Grafen, Bote. Leufried erschrak zum Teil, stand aber dennoch still, um zu vernehmen, wie es seiner liebsten Jungfrau ginge. Wie der Bote zu Leufried unter der großen Linde kam und ihm freudig des Grafen Brief übergab. Der Bote hatte sich kaum Leufried genähert, als er ihn erkannte. Er sprang eilends von seinem Pferd, zog seinen Brief aus der Tasche und sagte: »Gegrüßt seist du, mein allerliebster Jüngling. Dein Anblick bringt mir herzliche Freude, so bringe ich dir auch gute Botschaft von unserem Herrn. Gott wollte, wir wären jetzund bei ihm; denn er hat ein großes Verlangen nach dir.« Hiermit übergab er ihm des Grafen Brief. Wiewohl Leufried den Boten nie anders denn als einen redlichen Knecht erkannt hatte, sorgte er dennoch, der Graf hätte ihn auch mit Geschenken bestochen gleich dem Jäger. Darum empfing er den Brief von ihm und sagte: »Lieber Bote, ich bitte, du wollest in die Stadt mit deinem Pferde ziehen und es in der nächsten Herberge an die Pforte stellen, da will ich, sobald ich diesen Brief gelesen habe, zu dir kommen und gute Gesellschaft halten.« Dies war der Bote zufrieden, zog also in die Stadt und versah sein Roß mit gutem Futter. Dieweil ging Leufried vor die Stadt und las den Brief, worin sein Herr, der Graf, ihn ermahnte, wieder heimzukehren, ihm auch Friede und Geleit genugsam versicherte. Leufried aber sorgte allezeit, es möchte ein Betrug darin verborgen sein. Er ging in seines Herrn, des Kaufmanns, Haus und wappnete sich in ein gutes Panzerhemd, damit, im Fall ihn der Bote ungewarnt mit heimlicher List auf seines Herrn Geheiß umbringen wollte, er sich seiner entsetzen entledigen. möchte. Er nahm auch Walter und seinen Diener mit sich; denn die beiden wußten um alles. Sonst aber sagte er niemandem etwas davon. Alsbald er nun in die Herberge kam, bat er den Wirt, ihm gut aufzutragen und ihn samt seiner Gesellschaft in ein besonderes Gemach zu setzen; solche Mühe wolle er wohl bezahlen und vergelten. Dies alles ward nach seinem Willen vollstreckt. Sobald sie zu Tische kamen, konnte Leufried nicht länger verziehen warten. und fragte von Stund an den Boten, wie es doch um seine allerliebste Jungfrau stünde; denn er hätte in dem Brief wohl verstanden, daß seine Liebe allem Hofgesinde bekannt sei. Der Bote sagte: »Jüngling, ich bin guter Hoffnung, ihre Sachen werden nun besser stehen; denn ehe ich von Hof wegritt, vernahm ich von Kordula, einer ihrer Jungfrauen, sobald sie wahrgenommen, du seiest hinweg und bei ihrem Vater in Ungnade, habe sie aller Zier und Kleidung, auch alles, so zu Lust und Freude dienen möchte, nicht mehr gebrauchen wollen, ihre Trauerkleider hervorgesucht und keiner Speis noch Tranks mehr genossen, so lange, bis ihr Vater ihr gemeldete Jungfrau samt Florina schickte, die dir sehr wohl bekannt ist. Die beiden haben der Jungfrau gewisse Botschaft von ihrem Vater gebracht, daß du nicht umgekommen noch gefangen seist, sondern ohne Urlaub mit deinem Bruder Walter und dem Leuen von Hof weggeritten, ihr auch dabei versprochen, in kurzem zu erfahren, wo du hingekommen. Und hat mich mein Herr in derselben Zeit mit dem Brief abgefertigt, den ich dir übergeben habe, sodann mir auch mündlichen Befehl gegeben, auf das freundlichste mit dir zu reden, damit du mit mir wiederkehrst; denn er stand fürwahr in großen Sorgen um seine Tochter. Nun merk mich! Sobald mir der Brief und Befehl gegeben war, habe ich mich ganz stillerweise zu Kordula, der Jungfrau, verfügt und ihr meine Reise und Befehle angesagt, damit Angliana desto mehr Trost von ihr empfangen möge. Ich wäre auch selbst gern bei ihr gewesen, konnte aber solches mit keiner Schicklichkeit zuwege bringen. Diese Worte, liebster Leufried, sollst du mir alle glauben und meine Treue zu einem sicheren Pfand annehmen, daß ihm also sei.« Leufried kannte, wie gesagt, diesen Boten als einen frommen, wahrhaftigen und getreuen Gesellen, gab ihm derhalb guten Glauben und sagte: »Mein getreuer Bote, wer hat dir angezeigt, daß ich hier zu Salamanka bin?« »Das habe ich«, sagte der Bote, »zu Lissabon an des Königs Hof erfahren; denn mein Herr meinte nicht anders, als ich würde dich an des Königs Hof finden.« »Lieber Bote«, sagte Leufried, »was gibst du mir aber für einen Rat? Mein Herr hat mir zuvor streng nach dem Leben getrachtet, einen falschen Mörder dazu bestellt, der mich mit einem Spieße durchstechen sollte. Nun muß ich sorgen, dieweil mich das Glück vor solchem Unfall bewahrt, man möge mir ein anderes Bad zurichten und mein Herr möge mich bloß mit guten Worten zu sich locken, um seinen Zorn an mir zu rächen.« Der Bote antwortete: »Das wird meinem Herrn sehr nachteilig sein, dieweil du sein Geleit mit seinem Insiegel von ihm hast. Das magst du samt deinem Freunde Walter zu Lissabon an des Königs Hof lassen; sodann mein Herr Gewalt an dir brauchen wollte, würde er dies schwer gegen den König verantworten können.« »Wohlan«, sagte Leufried, »laß uns die Sache heute nacht beschlafen, jedoch sollst du morgen früh bereit sein; denn ich will mich auch rüsten. Will dann mein Bruder Walter mitreisen, so ist's mir sehr lieb.« Da sagte Walter: »Lieber Bruder, wie möchte ich dich von mir lassen, so daß ich nicht wissen möchte, wie es dir ginge! Ich will diese Fahrt mit dir wagen, du aber sollst meinem Vater nichts davon sagen, sonst wird er uns die Reise nicht erlauben, weil er deine Umstände nicht kennt.« Als sie nun gegessen und getrunken hatten, gingen sie zu Bett und erwarteten den folgenden Tag mit Verlangen. Wie Leufried mit seiner Gesellschaft nach Lissabon reitet und was er mit Walter beschloß. Leufried und sein liebster Bruder Walter brachten am Abend das Ihrige in Ordnung, nahmen Urlaub von Vater und Mutter und empfahlen ihnen Lotzmann, den Leuen, treulich. Sobald nun der Tagstern am Himmel erschien und die Vögel mit fröhlichem Gesang den neuen Tag verkündeten, sind sie zu Roß gesessen und haben den Weg nach Lissabon mit begierigem Herzen vor sich genommen. Leufried bedachte sich auf solcher Reise mannigfach, wie er sich halten wollte. Zuletzt riet ihm Walter, dem Grafen und seiner Tochter zu schreiben, daß er noch frisch und gesund sei, daß er aber so lange in Lissabon bleiben wolle, bis er eine ritterliche Tat begangen und Rittersorden erlangt habe. Dieser Rat gefiel Leufried wohl, wenn anders Walter die Briefe selbst überbringen wollte. Dies versprach ihm Walter; denn er fürchtete nicht, daß der Graf irgend Gewalt an ihm ausüben würde. Leufried aber hatte einen heimlichen Anschlag gefaßt, mit dem Grafen und seiner Tochter selbst zu reden, den er selbst seinem vertrauten Bruder nicht sagte. Da sie nun nach Lissabon kamen, schrieb er folgenden Brief an Angliana: »Meinen Gruß, Heil und alle Wohlfahrt Euch zuvor! Meine herzallerliebste Jungfrau, wie große Trauer mein Hinscheiden von Euch mir gebracht, vermag ich nicht zu beschreiben, aber noch viel mehr beschwert mich Euer hartseliges Leben, in welchem ich Euch ganz elendiglich habe verlassen müssen. Denn sooft ich bedachte, mit wieviel Kummer Ihr überschüttet gewesen, hat mir mein Herz in meinem Leibe geweint; denn gewiß war es Euch sehr traurig, daß der, zu dem Ihr alles Vertrauen gesetzt hattet, so flüchtig und ohne Urlaub von Euch geschieden, da ich Euch doch oft versprochen habe, bis in den Tod nicht von Euch zu weichen und allen Unfall willig mit Euch zu leiden. Mit schweren Gedanken habe ich zu Herzen genommen, wieviel zornige, harte und sträfliche Worte Ihr von Eurem Herrn Vater habt hören müssen. Ich schweige der großen Scham vor allem Hofgesinde, welches von Euch gesagt: Seht, wie hat sich unsere Jungfrau so wohl verheiratet, ist sie doch mit einem verlaufenen, hinflüchtigen Jüngling von niederer Geburt behaftet. Solches gedachte ich, doch ist es besser ergangen; denn der Bote Eures Herrn Vaters hat mir wohl erzählt, daß alles Hofgesinde ein Erbarmen mit uns gehabt. Daß ich durch des treuen Schildbuben Warnung vor dem grimmen Zorn Eures Vaters geflohen, wollet mir nicht verdenken; denn er hätte mich sicher erschlagen, und Ihr würdet die übrige Zeit Eures Lebens in Sehnen und Klagen verzehrt haben. Darum glaubt, daß ich nicht anders als je gegen Euch gesinnt bin und daß ich auf künftigen Sonntag gewiß bei Euch sein werde und Euer liebliches Angesicht anschauen will. Ihr werdet mich aber in verwandelter Gestalt sehen; denn ich lasse mir von grünem Tuch eine Waldbruderkutte machen, ein schönes Büchlein einbinden gleich einem Gebetbuch, in dem werdet Ihr nach aller Länge meine endliche Meinung vernehmen; denn es ist mir nicht möglich, Euch zu lassen. Gott pflege Euer, meine allerliebste Jungfrau.« Diesen Brief nahm Leufried, versiegelte ihn mit seinem Petschaftring und schrieb dem Grafen auch einen Brief, in welchem er ihn um Verzeihung bat, für das gnädige Geleit dankte und ihm seinen Willen bekanntmachte, nicht eher zurückzukehren, als bis er den Ritterorden erlangt hätte. Mit diesem Brief ritt Walter mit dem Boten den nächsten Weg zu des Grafen Schloß. Wie Leufried sich einen Mönchsrock machen ließ und einen künstlichen weißen Bart dann in den Wald des Grafen ritt, sein Pferd bei einem Waldbruder stehenließ. Nicht lange nach Walters Wegreiten ging Leufried zu einem Gewandschneider und ließ sich eine Kutte und Kapuze machen von wüstem, grobem grauem Kotzentuch. Dann sah er sich nach einem langen künstlichen venedigischen Barte um und ritt mit diesem Tag und Nacht in kurzer Zeit zu dem großen Forste, der nahe bei seines Herrn Schloß lag. In demselbigen Walde wohnte ein frommer Klausner, der vorzeiten der liebste Diener von des Grafen Vater gewesen war, ein freudiger und sehr kühner Held, der in Stürmen und Schlachten viele umgebracht hatte. Einst drückte ihn sein Gewissen, und er meinte, er möge nicht selig werden, wenn er sich nicht von der Welt absondere, klagte das mit weinenden Augen seinem Herrn und meldete ihm seinen Entschluß, in die Wildnis zu gehen. Dem Grafen gefiel sein Willen gar wohl, und er sprach zu ihm: »Wähle dir eine der zwei reichen und schönen Abteien in meiner Grafschaft, um darin ein Laienbruder zu werden, beide liegen in rauhen und finsteren Wäldern.« Er antwortete aber: »Bewahre mich Gott vor dem Klosterleben, welches voll allen Überflusses ist, wie uns der hochgelehrte Bruno von Bamberg in seinem Buch, der Renner genannt (weil er alle Stände der Welt darin durchrennt), gründlich zu verstehen gibt. In diesem Buche habe ich von meinem und aller Reiter und Hofleute Stand wohl gelesen, so daß mich Reiterordens noch Hoflebens nicht mehr gelüstet. So ich mir aber unter zweien eines erwählen sollte, hoffte ich, die Seligkeit eher im Hofleben als im Mönchsleben zu erlangen. Denn ich habe nie anderes bei ihnen gefunden als Ehrgeiz. Ein jeder wollte gern am Brett sein; ist einer Prokurator oder Superior, so sinnt er von Stund an darauf, Prior oder Abt zu werden. Neid und Haß wohnen mit Haufen bei ihnen, ja was ich in der Welt fliehen will, würde ich im Kloster finden. Darum vergönnt mir, in dem großen Forst ein Hüttlein zu bauen, wie ich dann das mit Reis und Laub wohl zu machen weiß.« Da ließ ihm der Graf im Wald eine Kapelle und ein Bruderhäuslein bauen, ihm auch täglich seine Nahrung vom Hofe zukommen. Zu diesem Bruder kam Leufried des Nachts geritten bei hellem Mond, und es war nicht weit von Mitternacht, als er vor die Zelle kam. Er klopfte züchtiglich an. Der Bruder aber konnte ihn nicht hören; denn er war noch an seinem Gebet in der Kapelle, die stand ein wenig tiefer in den Wald hinein. Die Zelle stand an einem Felsen, daraus ein lustiger Brunnen sprang. Leufried dachte: Ich mag den guten Bruder nicht weiter bemühen, ich will weiter in den Wald hineinreiten zu der Köhlerhütte, vielleicht sind die Köhler in ihr Dorf gegangen, so finde ich doch Stallung und Heu für mein Pferd. Also trabte er gemachsam durch den Wald. Als er aber nicht lange geritten war, sah er einen hellen Glanz durch die Bäume scheinen, darob er sich nicht wenig verwunderte. »Nun bin ich«, sagte er, »noch nicht bei der Köhlerhütte; was Feuer oder Licht mir hier entgegenscheint, so hat mich auch niemand können verraten; denn niemand weiß von meinem Anschlag. Sind es aber meines Herrn Diener, welche die Nacht vielleicht auf der Jagd bleiben, wie soll ich mich da verhalten? Es möchten vielleicht etliche unter ihnen sein, so auch ihr Wartgeld Aufpasserlohn. auf mich hätten, daß sie mich erschlagen sollten. Wohlan, es sei, wie es wolle, so muß es gewagt sein.« Wie des Jägers Geist zu Leufried kam und sich sehr übel beklagte, ihm auch alles erzählte, welcher Anschlag auf ihn gemacht worden war. Leufried ließ seinem Gaul volle Macht, wo er hintraben wollte. Als er nun dem Feuer näher kam, fing sein Gaul an zu schnauben, schlagen und zittern, es lag ihm auch der Schweiß auf seinem ganzen Leibe. Auch den Jüngling befiel ein Grausen, und stiegen ihm seine Haare zu Berge. Er machte das Kreuz über sich, sprach auch zu sich selbst: Nun habe ich manche Gefahr überstanden, zu Lande und zu Wasser, dermaßen bin ich aber nie geängstigt worden. Doch es sei, was es wolle, im Namen Gottes reite ich darauf zu. Indem fing sein Pferd an zurückzuschreiten, zu stampfen und zu springen. Leufried faßte eines Mannes Mut, sprach seinem Gaul tapfer zu, gab ihm die Sporen und sprengte zu dem Glanze hin. Da vernahm er ein klägliches Geschrei, aus welchem er abnahm, daß es ein Gespenst war. Indem kam er ganz nahe herzu. Da sprach der Geist: »O weh und ach, du teurer Jüngling, wie werd ich um deinetwillen so hart gepeinigt! Weh mir, Leufried, daß ich je Übles gegen dich unternommen! Warum ließ ich den Grafen nicht selbst sein Heil an dir versuchen!« Leufried ward von diesem Gesichte so erschüttert, daß er nicht mehr des Jägers gedachte und sprach: »Du arme Kreatur, wer du bist, weiß ich nicht, ich möchte dir aber meinetwillen wohl gönnen, daß du zur Ruhe kämst. Sage mir, wer du bist und warum du von meinetwillen solchen Jammer leidest.« Das Gespenst antwortete: »Ach, leider, glücklichster Jüngling, ist es nicht lange her, daß ich dich um Geld umbringen wollte, aber dein Leu zerriß mich, und da mir nicht die Zeit geblieben war, Gott den Allmächtigen um Verzeihung zu bitten, so muß ich nun ewig in solchem Elend bleiben, und mag mir niemand helfen.« Leufried, wiewohl er alles wußte, fragte doch den Geist, wer ihm seinen Tod aufgetragen habe. Da antwortete das Gespenst: »Leufried, es ist nicht not, dir solches zu erzählen; denn du weißt es genugsam.« Nun verschwand der Geist mit großem und jämmerlichem Geschrei und schlug also die Feuerflammen um sich her, daß Leufried nicht anders meinte, als der ganze Wald würde sich entzünden. Indem sah er den Mond wieder durch die Bäume herglänzen und ritt in großem Schrecken weiter. Ach, dachte er, muß dieser Jäger ewig verdammt sein, da er in so bösem Fürnehmen Vorhaben. dahingestorben, wie muß es dann manchem Kriegsmann und Räuber ergehen, die keiner anderen Ursache halb ausziehen, dann zu rauben, brennen und töten, und anderes bringt sie nicht in so böse Sünde als der verfluchte und schändliche Geiz. In solchen Gedanken ritt Leufried lang in dem Wald. Zuletzt hörte er eine menschliche Stimme von ferne singen und fröhlich sein. Leufried gedachte: Nach diesem Getön will ich reiten, da mag mir mehr Kurzweil werden als bei dem armseligen Jäger. Er ritt eine kleine Weile, kam auf einen ebenen Platz und Weg und sah die Kohlenhütte von weitem. Des ward er sehr froh; denn die Nacht war ihm lang geworden. Wie Leufried zu den Köhlern kam in finsterer Nacht, wie sie freundlich mit ihm redeten und ihm alles erzählten, was in der Gegend von ihm geredet worden war. Leufried kam zu den Köhlern; die waren streng an ihrer Arbeit, sie sangen und waren leichtsinnig. fröhlich. Er sprach ihnen freundlich zu und bat sie um eine Herberge. Sie empfingen ihn gar gut und sagten, so er vorliebnehme, wollten sie gern ihr Bestes tun. Leufried stieg von dem Pferd ab; das führten sie in eine Hütte und gaben ihm Gerste und Heu, machten ihm auch eine gute Streu. Sie fragten Leufried, ob er Hunger hätte, und als er ihnen das bejaht, brachten sie ihm gut gesalzenes Fleisch mit Brot und einen frischen Krug mit Bier. Er saß nieder und zechte, bis er ganz satt war, dann stand er bei den Köhlern und sah ihrer Arbeit zu. Einer unter ihnen, ein lustiger Gesell, fragte ihn, woher er komme und wer ihm einen so guten Wirt gewiesen habe. Leufried antwortete ihm scherzhaft: »Es steht in des Wirts Gefallen, wie er mich halten will, aber die Wahrheit zu bekennen, bin ich in langer Zeit keines Wirts so froh geworden, noch hat mir Speise und Trank irgend so wohl geschmeckt.« ??? wohin nahe. Der ihn also angeredet, blickte ihn oft an und dachte stets: Dieser Jüngling ist gewiß Leufried, nach welchem der Graf so ernstlich fragen läßt. Wüßt ich es, ich wollte morgen einen guten Botenlohn verdienen und ihn meinem Herrn anzeigen. Leufried merkte das wohl und gedachte, der geschwätzige Vogel mag mich leicht verkundschaften, ich will ihn auf die Probe stellen, ob er mich kennt. Da sprach er: »Lieber Köhler, sagt mir doch, wie lange habt Ihr nun in diesem Revier Kohlen gebrannt?« Ihm antwortete einer: »Es ist jetzund an die zehn Wochen, daß wir Tag und Nacht hier gearbeitet, keiner auch in ein anderes Bett gekommen ist, als wir sie hier unter den Bäumen von Laub gemacht und in die Hütten getragen haben. So Ihr die nicht für gut nehmt, müßt Ihr die Nacht ungeschlafen sein.« »Das bin ich wohl gewohnt«, sagte Leufried, »seid Ihr so lange in diesem Wald gewesen, sagt mir, ist nicht ein junger Reitersmann etwa zu Euch gekommen zu zweit und hat einen Löwen mit sich geführt?« »Sicher nein«, sagte der Köhler, »ich habe dich wahrlich für ihn angesehen und geglaubt, du seist der Jüngling, der immer an meines Herrn Hof mit dem Leuen gegangen. Ich habe mich schon gefreut, morgen ein Geschenk von meinem Herrn zu kriegen, so ich ihm anzeigte, daß er noch am Leben sei; denn zu Hof hat man großes Verlangen nach dem Jüngling.« »Das weiß ich gar wohl«, sagte Leufried, »denn ich bin auch einer von meines gnädigen Herrn Hofgesinde und reite jetzund manchen Tag, um Leufried zu suchen, kann aber nichts anderes von ihm vernehmen als dies: Vor drei Nächten lag ich bei einem glaubwürdigen Wirte, der mir gesagt, unseres Herrn Bote sei den Tag vorher mit einem Brief von Leufried an den Grafen von Salamanka zurückgekehrt, wo derselbe mit seinem Leuen sei. Ob das so ist, will ich morgen bald erfahren.« »Wohlan«, sagte der Köhler, »ich hätte alles verwettet, du wärst Leufried selbst gewesen.« »Das nimmt mich nicht wunder«, sagte Leufried, »denn ich bin oft für ihn angesprochen worden.« Also ließen sie's gut sein und vertrieben die Nacht mit anderem Geschwätz. Leufried half ihnen Holz scheiten und tragen, um die Zeit zu kürzen. Da nun der Tag anbrach, schenkte er ihnen einiges Geld, wofür sie ihm sehr dankten, und nun ritt er zu des Waldbruders Zelle. Wie Leufried zu dem Waldbruder kommt, den er vor seiner Zelle im Wald sitzen fand, und wie ihn der Bruder empfing. Leufried hatte gar große Begierde, daß er zu dem Beghart oder Waldbruder käme, hatte auch gute Kundschaft mit ihm und wußte, daß er nicht von ihm ausgeschlagen würde. Als er nun zu der Kapelle kam, fand er den Bruder zunächst dabei an einem lustigen Brunnen sitzend. Er grüßte ihn gar freundlich und hielt mit seinem Pferd ein wenig still. Der Bruder dankte ihm, sah ihn gar ernstlich an und verwunderte sich über seine Zurückkunft, dieweil er von etlichem Hofgesinde vernommen, wie er weggeritten sei und niemand ihn zu finden wüßte. Als er ihn aber ganz wohl erkannte, sagte er: »Leufried, mein lieber Freund, bist du es, oder betrügt mich mein Gesicht? Ich meine nicht; daß du so verwegen seist, nach dem, was ich gehört, daß du in meines gnädigen Herrn Land reist. Bist du aber Leufried, dafür ich dich dann halte, so bitte ich, du wollest dich eilends aus dem Lande machen. Ich sorge, solltest du meinem Herrn unter die Augen kommen, du möchtest dein Leben nicht bewahren, es sei denn, daß mein Herr eines anderen bedacht sei denn vor einem Monat.« Leufried zog sein Geleit, so ihm der Graf mit seinem Siegel geschickt hatte, herfür und sagte: »Reichard, lieber Bruder, ich bitte, du wollest dieses offene Geleit lesen, so mir vom Herrn ist nach Salamanka zugeschickt worden.« Reichard sagte, alsbald er den Brief gelesen hatte: »Des freu ich mich im Grund meines Herzens; denn dein Hinscheiden hat mich sehr bekümmert. Nun sage mir, bist du schon zu Hof gewesen, oder bist du erst willens hinzureiten?« »Das bin ich, lieber Bruder Reichard, noch unbedacht, komme auch darum zu dir, daß ich hierin deines Rates pflegen will.« »So weiß ich dir«, sagte der Bruder, »in diesem Falle gar nicht zu raten. Wenn ich aber des jetzigen Herrn Sinn und Gemüt so wohl erkannt als seines Vaters, der vor langer Zeit mit Tod abgegangen, wollt ich dir wohl zu raten wissen. Denn was er mit dem Mund versprach und zusagte, hielt er ganz getreulich, wiewohl ich von diesem auch nicht anders gehört habe. Dazu bist du von Jugend auf um meinen gnädigen Herrn gewesen, darum du ihn billig besser denn ich kennen solltest.« »Sicher«, sagte Leufried, »habe ich ihn nie gegen jemanden Gewalt brauchen sehen, sondern allezeit als einen frommen und milden Herrn erkannt. Ich aber will mich dennoch nicht so gar weit bloßgeben, ich habe denn zuvor mit meiner liebsten Jungfrau in eigener Person geredet, wie ich das schon will zuwege bringen. Du sollst wissen, mein lieber Bruder, ich habe mir zu Lissabon heimlich einen Rock, Mantel und Kappe, auch einen ganz kontrefetischen contrefaire – (franz.) nachahmen, verstellen. Bart machen lassen, damit ich mich in die Gestalt eines Einsiedels verkleiden mag. Sodann habe ich meiner liebsten Jungfrau durch meinen lieben und vertrauten Bruder Walter von Salamanka geschrieben, daß ich auf künftigen Sonntag zur Kirche sein wolle. Alsda werde sie mich in eines Begharts oder Einsiedels Gestalt vor der Kirche sehen und persönlich mit mir reden. Ich wollt ihr auch mit meiner Hand ein schönes Büchlein präsentieren, darin sie beschrieben finden wird meine Geburt und mein ganzes Leben bis auf diese gegenwärtige Zeit, auch was ich mir endlich fürgenommen habe, weiter zu tun oder mein Leben darob zu verlieren. Nämlich, daß ich eine Zeitlang an des Königs Hof Dienst suchen und mich dermaßen bei dem König anbringen will, also daß ich hoffe, in kurzer Zeit Ritter geschlagen zu werden, damit ihr Vater nicht täglich an mein schlechtes Herkommen, sondern auch an mein Leben und meine mannlichen Taten gedenken tu.« Reichard, der Bruder, sagte: »Leufried, lieber Freund, bist du dieses Vorhabens, so mußt du fleißig mit der Sache umgehen, damit dir nicht begegne mit dem Buch wie mit dem Ring und Brief, so du meintest, der Jungfrau sollte solches werden, und käme ihrem Vater zu Hand. Des ich alles gute Erfahrnis habe von einem Schildbuben, der mir täglich meine Kost vom Hof in diesen Wald bringt; denn derselbe sagte mir auch in der Beichte, wie er deines Heils eine Ursache sei und dich vor dem falschen Jäger gewarnt habe.« »Ach Gott«, sagte Leufried, »möchte ich diesen Buben sehen, der wird mir in allem meinem Anschlag der allerfürnehmste Helfer sein.« »Des sei getrost«, sagte Reichard, »es sei denn, daß er in dieser Nacht verschieden, so wird er, ehe zwei Stunden verschienen sind, bei mir in diesem Wald sein. Darauf magst du dich wohl bedenken, was du mit ihm zu reden habest.« Leufried sprach: »Mein lieber Reichard, was sagte dir doch der Bube in den letzten zwei Tagen, hat er meinen Bruder nicht zu Hof gesehen?« »Nein, gar nichts«, sagte Reichard, »denn wir sind in dreien Tagen deinethalben gar nicht zu Red gekommen.« »Nun bin ich ganz gewiß«, sagte Leufried, »daß mein Gesell auf diesmal zu Hof ist.« Also hatten sie mancherlei Gespräch miteinander, bis auf die Zeit, da der Knabe mit dem Brot kommen sollte. Wie der Schildbube mit dem Essen kam, und seine große Freude, als er Leufried ersah. Es war in dem Walde einen Roßlauf weit von dem Ort, da Reichard seine Zelle hatte, ein sehr hoher Stein auf einer glatten Säule. Auf denselbigen ward dem Bruder alle Morgen seine genannte Speis gebracht von dem Schildbuben oder einem anderen an dem Hof. Der Stein war oben gemacht wie ein Kasten, darüber man einen anderen, dünnen Stein deckte, damit die Vögel und andere geschwinde Tiere dem Bruder in seiner Abwesenheit die Speise nicht hinwegnehmen möchten. Denn also war die Ordnung, so man den Bruder bei dem Stein nicht fand, legte der das Essen darein, so es darbrachte, und ritt darnach wiederum seine Straße. Es geschah auch oft, daß er das Essen auf zwei Tage zusammenkommen ließ; sodann, der das Essen in den Stein brachte, das alte noch fand, nahm er dasselbige heraus und stellte das frische hinein. Solches geschah allein darum, daß man den Bruder an seiner Andacht und seinem Gebet nicht verhindern sollte. Reichard samt dem Jüngling gingen zu dem Stein. Leufried aber tat seine Kappe an, damit, so ein anderer dann der Bube käme, er nicht erkannt würde. Sie saßen aber nicht lange bei gemeldetem Stein, da kam der Knabe mit der Speis. Reichard hat ihn seiner Gewohnheit nach freundlich empfangen und gefragt, was für neues Gespräch zu Hof sei. »Ich habe«, sagte der Bube, »gute Botschaft gehört; denn ohngefähr in vier Tagen sind meinem Herrn Briefe gekommen von dem teuren Jüngling Leufried, der soll jetzt zu Lissabon sein an des Königs Hof. Denn sein geschworener Bruder Walter hat mir das alles selbst gesagt.« »Ach«, sagte Reichard, »mein lieber Sohn, dir hab's gesagt, wer da woll, so sag ich dir für eine ganze Wahrheit, daß er zu Lissabon nicht ist, weiß auch kein Mensch in Lissabon, wohin er gekommen sei. Des bin ich gut berichtet; denn sobald Walter und der Bote von Lissabon hinweggeritten sind, ist Leufried an dem Hof verloren worden.« »Ach, das erbarme Gott«, sagte der Knabe, »so sorge ich, daß er durch heimliche List, so mein Herr auf ihn gemacht, vielleicht gefangen oder aber gar zugrunde gegangen ist.« Fing damit kläglich an zu weinen. Als nun Reichard und Leufried sein getreues Herz ersahen, hat der Bruder angefangen und gesagt: »Die Wahrheit, lieber Sohn, habe ich dir gänzlich gesagt; daß ihm auch also sei, so nimm wahr, hier ist Leufried.« Damit zog er ihm die Kappe von seinem Haupt. Der Junge vor Freuden nicht mehr auf dem Pferd bleiben mochte, er sprang zur Erden, empfing Leufried mit großen Freuden und sagte: »O Leufried, sollte meine gnädige Jungfrau jetzund dich so nahe wissen, ich glaube, sie würde aus großer Freude in eine Krankheit fallen; denn ihr Verlangen nach dir ist nicht auszusprechen. Aber ihr Kummer, den sie gehabt, hat sich zum Teil in Trost verwandelt; denn sobald dein Bruder Walter für meinen gnädigen Herrn gekommen und mein Herr deinen Brief gelesen, hat er denselben mit Walter seiner Tochter zugeschickt, damit sie ohne allen Argwohn dich noch im Leben glaube. Es hat auch Walter meine gnädige Jungfrau aller Sachen berichtet, wie ich euch beide bei nächtlicher Weil vor dem mörderischen Verräter gewarnt habe, weshalb mir dann meine Jungfrau von der Stunde an viel Gutes erwiesen hat. So ist auch auf den heutigen Tag alles Hofgesinde in sehr großen Freuden. Das ganze Frauenzimmer ist in großem Jubilieren, dieweil sie dich noch frisch und gesund wissen; denn wir alle in gemeiner Schar haben von deinetwegen großen Kummer und Leid gehabt, jetzund aber wissen sie allesamt deine Wohlfahrt.« Dieser Rede freute sich Leufried sehr, gab nun auch erst dem Schreiben, so ihm von dem Grafen zugekommen, gänzlichen Glauben. Jedoch beharrte er auf seinem Fürhaben, nicht eher am Hof zu wohnen, er hätte dann zuvor dem König etliche Zeit an seinem Hof gedient. Er bat den Knaben mit allem Ernst, er solle ihn weder gegen Walter noch keinen anderen Menschen vermelden, damit er seinem Fürnehmen desto stattlicher möchte nachkommen. Das versprach ihm der Bube, und wie es ihm Zeit gedeucht, saß er wieder auf sein Pferd und ritt gen Hof; denn es war eben um die Zeit, daß man zu Hof zu Tisch läuten sollte, wie denn Brauch ist. Wie Leufried an einem Sonntag vor der Kirche stand, ihn Angliana zur Stund erkannte und ihm ein Almosen zu geben befahl. Am nächsten Sonntag vermummte sich Leufried in seine Kappe und seinen Mantel, machte vor sich seinen langen Bart und ging durch den Wald den nächsten Weg auf den Hof zu, in der einen Hand ein großes Paternoster, in der anderen ein kleines Kruzifix auf einem Stab. Als er nun an die Pforte des Vorhofs kam, ward er ohne alle Rechtfertigung hineingelassen; denn der Pförtner meinte nicht anders, denn es wäre Reichard, der Einsiedler. Leufried stand vor der Kirche und wartete, daß man zur Kirche gehen sollte; denn sie stand im Vorhof. Als es nun um die Zeit war, kam das Hofgesinde nach Ordnung nacheinander her. Der Graf aber kam diesmal nicht zur Kirche; denn er war nicht gar wohlauf. Es hat aber Angliana die Stunde kaum erwarten mögen; sie tat sich gar köstlich an und befahl auch allen ihren Jungfrauen, ihre hochzeitlichen festlichen. Kleider anzulegen. Deswegen ein Argwohn unter ihnen entstand, Leufried werde gen Hof kommen, aber keine unter ihnen allen wußte, in welcher Gestalt er seinen Anschlag hatte, allein Florina und Kordula, denen hat Angliana alle Sachen zu verstehen gegeben. Als man nun zu dem Amt läutete, kam Angliana mit ihren Jungfrauen in so schöner Gestalt daher, als wenn eine Schar Engel dahergegangen wäre. Alsbald sie nun vor die Kirche kam, hat sie ihren liebsten Bruder ersehen, der ihr dann mit großer Reverenz entgegenkam. Sogleich gab ihm Angliana ein köstliches Kleinod samt ein paar Handschuhen, darin auch ein Brief verborgen war. Sie sagte: »Bruder, ich bitte, du wollest mein bei diesem Almosen eingedenk sein.« »Des seid ohne Zweifel, gnädige Jungfrau! Ich bitte auch, Euer Gnad möge von mir dieses Betbüchlein empfangen und mit Fleiß durchlesen; denn Ihr werdet darin finden, was Euch wohlgefällt.« Also hat die Jungfrau das Buch empfangen von dem Bruder und der nächsten ihrer Jungfrauen, Florina, befohlen zu verwahren. Florina und Kordula aber haben nicht können vor den Bruder gehen, sie gaben ihm durch ihr Winken zu verstehen, daß sie ihn erkannten. Aber die anderen Jungfrauen insgeheim haben sich des Bruders verwundert, wer er doch sein möge oder von wannen er doch käme, daß ihre Jungfrau sich sein soviel angenommen. Jedoch war allgemein die Rede unter dem ganzen Hofgesinde, es sei Bruder Reichard aus dem Wald einmal zu Hof gekommen. Demnach das Amt nun geendet und man zu Tisch läutete, ist jedermann wieder aus der Kirche gegangen, und der vielgemeldete Schildbube verfügte sich zu Florina: »Ach, gnädige Jungfrau«, sagte er, »mag ich nicht mit Eurer Gunst verschaffen, daß diesem Bruder etwas Gutes aus der Küche werde; denn er ist mir sehr wohl bekannt, es ist auch nicht lange, daß ich ihn in einer anderen Gestalt sah.« Die Jungfrau verstand des Knaben Worte wohl, darum sagte sie: »Junge, geh in die Küche und sage zu dem Meister Koch, daß er dir genügsame Speis und etwas Gutes gebe, für dich und den Bruder; führe ihn etwa in eine Pfortenstube und sei fröhlich mit ihm. Nach dem Imbiß komm zu mir in mein Gemach, so will ich dir eine Historie anzeigen und geben, welche du dem Bruder bringen sollst, damit er seine Zeit in dem Wald kürzen mag.« Dies ward alles nach der Jungfrau Befehl ausgerichtet. Als nun Leufried das Mahl genommen, hat er dem Buben befohlen, des Morgens die Historie mit sich zu bringen, ist demnach mit großer Freude wieder in den Wald gegangen und hat den Brief, so er von Angliana empfing, gelesen, darin sie ihm den Schildbuben zum treulichsten empfahl, dieweil er ihn durch seine Warnung vor dem Tod bewahrt hätte. Tat ihm auch unter anderem zu wissen, wie Walter in so großen Ehren bei dem Grafen gehalten würde. Sie bat ihn auch, wenn er hinwegscheiden wollte, daß er zuvor wieder in seiner angenommenen Kleidung zu Hof kommen möchte, damit er von ihrem Vater auch gesehen würde; dies möchte ihm über Nacht sehr zustatten kommen. Dies alles tat Angliana aus einer besonderen List; denn sie hoffte, dadurch Leufried an dem Hof zu behalten, aber es war umsonst; denn er wollte einmal dem Versprechen, so er dem Grafen getan, nachkommen. Wie Angliana nach Walter schickt, ihm alle Sachen offenbart, wie Leufried vorhanden, auch was sie in eigener Person mit ihm geredet habe. Leufried war jetzund wieder bei seinem Freund und vertrauten Bruder in dem Wald. Angliana dachte fleißig nach, durch welche Mittel sie zuwege bringen möchte, daß Leufried von seinem Fürnehmen abstünde und daß er nicht von ihr verreisen sollte, sondern an dem Hof bleiben; denn sein Hinscheiden war ihr ganz beschwerlich. Alsbald sie von Tisch aufgestanden, schickte sie nach Walter, daß er ohne Verzug zu ihr käme. Walter war der Jungfrau Befehl gehorsam und ist eilends zu ihr gekommen, und Angliana hat ihn gar freundlich und mit großen Freuden empfangen und mit lachendem Munde also zu ihm geredet: »O Walter, so du heute bei mir gewesen wärst, du hättest deinen lieben Bruder Leufried in eigener Person gesehen und mit ihm reden mögen.« Walter sagte: »Gnädige Jungfrau, das kann ich gar nicht verstehen, wie ihr es meint; denn ich je nicht denke, daß Leufried so nahe gekommen sei und sich vor mir verborgen hätte, und wo ein solches geschehen wäre, sollte es mich nicht wenig an ihm verdrießen.« Darauf antwortete Angliana: »Du sollst, mein lieber Walter, in keinem Weg gedenken, daß dies aus Mißtrauen oder Argwohn geschehen sei. Daß Leufried mit mir geredet, ist in verborgener und veränderter Gestalt gewesen. Er sprach mit mir vor allen meinen Jungfrauen, deren ihn aber keine erkannt hat; denn er war in eines Waldbruders Kleidung. Daß er sich aber vor dir verhalten, ist darum geschehen, daß er gesorgt hat, du würdest entweder so gar erschrocken oder so gar fröhlich geworden sein, daß an deiner Gebärde abzunehmen gewesen wäre, Leufried stecke in dieser verborgenen Kleidung. Er aber hat mir ernstlich geschrieben, du sollest auf den morgenden Tag mit dem Schildbuben zu ihm kommen; denn der Bube weiß den Ort wohl, wo sich dein Bruder diesmal aufhält, nämlich bei Reichard, dem Waldbruder, im Forst.« Da dies Walter von der Jungfrau vernahm, ging ihm vor Freude und Angst sein Haar gen Berg, wiewohl er keine Sorge des Grafen halber mehr haben durfte; brauchte. denn er war täglich um den Grafen und merkte nichts anderes von ihm, als daß er ein gutes Herz zu Leufried trug. Er sorgte aber, wo der Graf inne würde, daß Leufried in solcher Verkleidung an den Hof gekommen wäre, ihm aber auf sein Schreiben so gar abgeschlagen hätte zu kommen, möchte er ihm das zu großem Arg und übel aufnehmen und vielleicht gedenken, Leufried hätte einen heimlichen Anschlag auf ihn gemacht. »Oh, gnädige Jungfrau«, sagte Walter, »dieweil Leufried willens gewesen ist herzukommen, warum ist er dann nicht mit uns geritten, da ihm mein gnädiger Herr so freundlich zugeschrieben und sicheres Geleit zugesagt hat? Ach, was gedenkt er doch? Mit seiner Weise könnte er mich auch bei meinem Herrn in Argwohn bringen, als wenn ich auch in keinem Guten hergekommen wäre.« Darauf sagte Angliana: »Lieber Walter, sei mit alledem zufrieden; denn ich habe einen Weg gefunden, dadurch wir allesamt wieder zu Frieden und Ruhe kommen werden, wo mir anders Leufried und du folgen wollen. Aber vor allen Dingen mußt du dich zu Leufried fügen und ihm sagen, daß er gedenke und nicht hinwegscheide, er habe dann zuvor, wie ich ihm befohlen, sich meinem Vater in nämlicher Kleidung sehen lassen.« Also nahm Walter seinen Abschied und versprach der Jungfrau Angliana eigentlich, fest, bestimmt. auf den morgenden Tag Leufried in dem Wald zu besuchen, ging mit Urlaub von ihr, den Schildbuben zu suchen, und machte auch seinen endlichen Bescheid mit ihm, daß er morgens ohne alle Gesellschaft mit ihm zu Leufried reiten wollte; wie dann des Morgens geschah. Wie der Schildbube und Walter des Morgens zu Leufried in den Wald kamen und was sie miteinander geredet haben. Sobald nun der Schildbube von Walter verstanden, daß ihm Angliana alle Sachen eröffnet habe, ist er sehr zufrieden gewesen und hat von Stund an Speis und Trank genugsam zugebracht für Reichard und Leufried, damit sie morgens ungehindert in den Wald reiten möchten und desto früher aufsein. Als sie nun ihren Bescheid gemacht, sind sie zu Bett gegangen und haben die Nacht ohne alle Sorgen geschlafen. Des Morgens, alsbald der Tag anbrach und die Pforten geöffnet wurden, ritten sie dem Wald zu. Sie fanden Reichard in seiner Zelle am Gebet, Leufried aber schlafend auf einem Haufen Laub und Gras, so er sich selbst zusammengeraspelt. Alsbald ging Walter zu ihm, stieß ihn mit einem Fuß in die Seite und sagte: »Einem Waldbruder geziemt nicht, also lange zu schlafen, er sollte vor langem an seinem Gebet sein.« Leufried erkannte zur Stund die Stimme seines Gesellen und sprang auf in gar großer Scham und Angst, dieweil er nicht meinte, daß Walter seines heimlichen Anschlags Wissen trüge. Er sagte mit ganz demütiger Stimme: »Oh, Walter, mein allerliebster Bruder, ich bitte dich, du wollest mir nicht verargen, daß ich mich also vor dir verborgen und heimlich gehalten habe. Wahrlich ist das in keiner Untreue geschehen; denn ich habe alle Freundschaft und brüderliche Treue an dir verspürt. Dies ist aber allein darum geschehen, daß ich gesorgt, wo du um mein Fürhaben wüßtest, du würdest mir nicht gestattet haben, ihm nachzukommen. Ich weiß auch, so du mich erkannt hättest, als du vergangenen Sonntag mit dem Hofgesinde bei mir vorbeizogst, du wärst in den allergrößten Sorgen und Ängsten gewesen; derhalben ich dich gar nicht habe bekümmern wollen. Ich bitte dich aber freundlich, sage mir doch, von wem ich dir bin verkundschaftet worden?« Da antwortete Walter: »Mich hat wahrlich, Leufried, nicht wenig bekümmert, daß du dich also von mir verstohlen hast. Wie ich aber solches um dich verschuldet habe, ist mir unbekannt. Mir wäre auch deine Zukunft noch verborgen, so ich das nicht von Angliana erfahren hätte, die mir das auf den gestrigen Tag eröffnet hat. Hast du nicht gesorgt, dich möchte jemand gegen den Grafen verkundschaftet haben? Was meinst du, daß er anderes daraus gedacht oder genommen haben würde, als daß du ihm heimlich nachstellst? So mußte ich Unschuldiger gewiß auch darob gelitten haben, dieweil ich andere Briefe von dir gebracht hatte, die dann deinem jetzigen Wesen gar ungleich lauten, ja gewiß keinem Ding so ungleich sehen, als wenn wir Verräterstücke hätten treiben wollen. Derhalben ich mich billig über dich zu beklagen habe, wirst mich auch nimmermehr zufriedensetzen, es sei dann, daß du dich dem Grafen zu erkennen gebest. Bist du mir noch in deiner alten Treue und Freundschaft verwandt, so gewähre mir dies einzige, so ich dich bitten will, das ist nämlich das erste. Sodann begehrt auch Angliana von dir, daß du in deinem Einsiedelskleid gen Hof kommst, selbst mit dem Grafen Sprache haltest und dich ihm zu erkennen gebest, alsdann wird aller Argwohn bei ihm erlöschen.« »Das will mir nicht gebühren«, sagte Leufried, »und ob mich gleich mein Herr gar nicht mehr haßt und mir laut seinem Schreiben gar verziehen hat, so muß ich dennoch meinen Briefen nach, so ich ihm zugeschickt habe, handeln.« Darauf sagte Walter: »Du hast ihm wahrlich fein Wort gehalten, dieweil du am Sonntag zu Hof gewesen bist und mit deiner Jungfrau in eigener Person geredet hast. Wie willst du das, wo es der Graf erfährt, verantworten? Nun darfst du dich doch gar nicht vor ihm besorgen. Ich bin von dem Tag an, als ich ihm deine Schriften überantwortet habe, täglich um ihn gewesen, habe allezeit an seiner Tafel sitzen müssen. Da wird kein Imbiß hingebracht, daß er dein nicht zum freundlichsten gedenkt, ist auch noch im Willen, mich nach dir gen Lissabon zu senden. So du aber deinem Versprechen Folge leisten willst, magst du dich in deiner Kappe und verstellten Kleidung zu dem Grafen begeben, ihn erstlich um Verzeihung bitten, darnach ihm dein Fürnehmen mündlich zu verstehen geben. Dabei wird er wohl abnehmen, daß du ihm nicht mehr mißtraust, sondern seinem Schreiben Glauben gegeben hast. Alsdann zeige ihm an, du habest diese fremde Kleidung allein darum angezogen, damit du von dem Hofgesinde nicht erkannt würdest und dennoch mit ihm in eigener Person reden könntest. Dies wird dir gewißlich große Gunst bei ihm erlangen, und magst auch desto sicherer und mit mehr Fried und Freuden an des Königs Hof wohnen.« Dieser Rat gefiel Leufried nicht übel, er nahm sich auch gänzlich vor, dem also nachzukommen, jedoch sagte er: »Walter, auf dein Vertrauen will ich deinem Rate folgen, doch mit dem Beding, daß du zuvor dem Grafen meine Ankunft ansagst, dabei ganz fleißig wahrnehmest, was er hierzu antworten wolle, was er für eine Farbe, in seinem Angesicht bekömmt, wie ihm seine Augen im Haupt scheinen, ob er seine Zähne nicht zusammendrückt und einen unsteten Gang annimmt. Gibt er dir Antwort aus großem zornigem Herzen, wird sein Angesicht ganz feuerrot und bald darauf wieder bleich, so ist es ein Zeichen verborgenen Zorns. Oder so er seine Augen im Haupt hin und wider wendet, mit seinen Füßen stolpert und mit den Händen zittert, sollst du gewiß sein, daß er seinen Zorn noch härter dann je gegen mich trägt. Wo du dann diese Zeichen an ihm wahrnimmst, sollst du dich nicht lange zu Hof säumen, sondern bald samt deinem Diener zu mir herreiten, wo wir uns denn gleich bei Nacht aufmachen und von hinnen reisen. Der Mond ist jetzund im Vollschein, auch weiß ich Wege und Straßen, damit uns niemand nachspüren mag, und werden wir aus dem Land kommen ohne jemandes Anfechten." Also ward dieser Anschlag von beiden Jünglingen beschlossen. Walter ritt wieder gen Hof, und sobald er mochte, fügte er sich zu dem Grafen, erzählte ihm alles, so ihm Leufried befohlen hatte, und nahm mit Fleiß aller Dinge wahr, ob er ein Zeichen des Zorns an ihm spüren möchte. Da war aber kein Zorn mehr, sondern alle Freude; denn sobald der Graf vernahm, daß Leufried des morgenden Tages gen Hof kommen sollte, befahl er, eine herrliche Mahlzeit zu bereiten, und kündete das auch seiner Tochter Angliana; denn ihm war noch nicht bewußt, daß Leufried zu Hof gewesen war. Als nun Walter solchen guten Willen an dem Grafen spürte, schickte er von Stund an Leufried Botschaft durch den Schildbuben, daß er nicht säume, sondern des Morgens gen Hof käme; denn alle Sachen stünden ganz wohl und recht. Als Leufried dies vernahm, ward er wohlzumut und erwartete mit Freuden des künftigen Tages, an dem er seine liebste Angliana wiedersehen sollte. Wie Leufried zu dem Grafen kam in Einsiedelsgestalt und wie ihn der Graf in sein Gemach mit sich führte. Des Morgens früh stand Leufried auf und nahm Urlaub von seinem Mitbruder, dem Einsiedel; der wünschte ihm viel Glück zu seinem Fürnehmen, auch daß er einen gnädigen Herrn haben möchte. Also machte sich Leufried eilends auf und kam vor die Pforte, ehe daß sie geöffnet ward. Er saß davor, bis sie aufging. Da zog er hinein, ging in die Kirche und wartete auf seinen Bruder Walter; denn er hatte es mit ihm so abgeredet, daß er in der Kirche auf ihn warten wollte. Es verging nicht lange, da kamen Walter und der Schildbube miteinander. Sie waren seiner Ankunft sehr froh. Walter sagte ihm alles das, so er von dem Grafen gehört hatte. Davon gewann Leufried keinen kleinen Trost. In solcher Weil stand der Graf auch auf, legte sein Gewand an, lag demnach an einem Laden Fenster. in seinem Gemach und hörte dem Gesang der Vögel zu, davon er sich dann größlich erlustigte. Der Schildbube aber ersah den Grafen an dem Fenster und sagte das den beiden Jünglingen an. Walter säumte sich nicht lange, fügte sich vor des Grafen Gemach und klopfte ganz säuberlich an. Des Grafen Kammerbube schloß zuhand das vordere Gemach auf und fragte Walter, was sein Geschäft wäre. Walter sagte: »Ist mein Herr auf, so wollest mich ihm ansagen; denn ich habe etwas Nötiges bei Ihr Gnaden auszurichten.« Der Knabe sagte es dem Grafen; sobald der nun Walter ersehen hat, gedachte er von Stund an, Leufried wäre vorhanden. Walter tat dem Grafen seine Reverenz, wünschte ihm einen glückseligen Morgen. Der Graf dankte ihm gar freundlich, fragte ihn und sagte: »Walter, was bedeutet dein frühes Anklopfen? Sag, ist etwas Neues vorhanden?« »Gnädiger Herr«, sagte Walter, »der Einsiedel, von dem ich Euer Gnaden auf den gestrigen Tag gesagt habe, der ist schon vorhanden.« »Das höre ich gern«, sagte der Graf, »sage mir, Walter, wo ist er?« »Gnädiger Herr«, sagte Walter, »er sitzt in der Kirche und wartet, was ihm Euer Gnaden für einen Bescheid geben wollen.« »So gehe hin«, sagte der Graf, »und sage ihm, daß er zu mir hinten an mein Gemach in den Garten komme, da werden wir uns nach aller Notdurft miteinander besprechen.« »Das soll eilends geschehen«, sagte Walter. Er ging schnell hin zu Leufried und sagte ihm des Grafen Befehl. Leufried fügte sich von Stund an in den Garten, da fand er seinen Herrn ganz allein, ohne alle Diener. Leufried fiel dem Grafen zu Fuß und sagte: »Ach, mein gnädiger, lieber Herr, ich armer Diener bitte Euer Gnad durch Gott, mir zu verzeihen; denn ich habe gar größlich an Euch gesündigt.« Der Graf sagte: »Leufried, steh auf und sei getrost! Dir ist alles vergeben, so du je wider mich getan hast, wiewohl ich dir solches nie zugetraut habe. Dieweil aber das Glück dir dermaßen so gar günstig ist, kann ich nicht darwider fechten. Ich sehe, daß alle menschlichen Ratschläge wider den Willen des Allmächtigen nichts vermögen auszurichten. Darum so lass' ich alles fahren, und wird jetzt nichts nötiger sein, dann daß wir ratschlagen, wie doch der Sache zu begegnen sei, damit ich nicht von anderen Rittern und Grafen getadelt werde. So wäre mein erster Rat und endliche Meinung, du zögest an des Königs Hof und beklagtest dich meiner Ungnade. So weiß ich dir den König dermaßen günstig und gnädig, daß er nicht lassen wird, mir eilends zu schreiben, daß ich dich in Gnaden aufnehme. Sodann mag ich mich gegen männiglich entschuldigen und sagen, der König hat es also mit mir geschafft, den habe ich ja nicht erzürnen dürfen. So du aber einen geschickteren und füglicheren Weg weißt, magst du mir denselbigen anzeigen.« Leufried sagte: »Gnädiger Herr, ich bitte, Euer Gnad woll mir nicht verargen und mir vergönnen zu reden. Ich habe mir gänzlich vorgenommen, dem König eine Zeitlang zu dienen, damit ich in ritterlichen Taten auch etwas geübt und erfahren werde. Ich bin berichtet von etlichen aus des Königs Hofgesinde, wie daß er Reisige mustern werde, dieselbigen dem König aus Kastilien zu schicken; denn er wird gar gewaltig von denen aus Galizien überzogen. Sodann diese Reise vorgehen sollte, wäre es eine gar gelegene Sache für mich. Ich wollte mich auch vor einen Reisigen lassen bestellen und mich dermaßen unterstehen in den Handel zu schicken, daß ich nicht wenig Ehre und Ruhm davontragen wollte. Dies ist mein endliches Vorhaben, Wille und Meinung, werde auch sonst keine Ruhe haben weder Tag noch Nacht, meinem Willen sei dann ein Genüge geschehen. Damit mag ich mich vor Afterrede bewahren, daß nicht etwa meiner Mißgünstigen einer sagen möchte: Was hat doch Leufried gesehen, in welchen Scharmützeln oder Schlachten ist er gewesen und brüstet sich dennoch so hoch herfür. Diesem vorzukommen, weiß ich mir keinen gewisseren Weg.« Diese Meinung gefiel dem Grafen aus der Maßen wohl, sagte auch Leufried zu, ihn auf das beste mit Roß und Harnisch zu versehen, ihm auch einen Buben zu geben, damit ihm seine Bestallung bei dem König gebessert würde. Wie sie also in dem Garten an die zwei Stunden beieinander gewesen, führte der Graf Leufried mit in sein Gemach, gab ihm andere Kleidung, hieß ihn den Kotzen von sich legen, jedoch erfuhr er zuvor von ihm, was ihn doch in solchem Kleid zu schlafen verursacht habe, was ihm Leufried alles der Länge nach erzählte. Wie Leufried mit dem Grafen zum Imbiß ging, darob sich alles Hofgesinde größlich verwunderte. Wie nun Leufried und der Graf lange genug miteinander gesprochen hatten und es jetzund um den Imbiß wurde, hat man die Hofglocke angezogen, männiglich kam zu Hof und saß an seine verordnete Tafel. Der Graf aber brachte Leufried und Walter mit sich in den großen Saal, darob sich alles Hofgesinde großlich verwunderte; denn es wußte niemand, wie oder wann Leufried zu Hof gekommen wäre, wiewohl ihm niemand von allem Hofgesinde das Glück mißgönnte, sondern große Freude ob seiner Ankunft hatte. Als man nun das Wasser genommen und zu Tisch gesessen, hat man das Essen aufgetragen. Der Imbiß ward mit Lust und Freuden vollbracht, und war Leufried schon all sein Unmut verschwunden; es mangelte ihm allein, daß er seine liebe Angliana nicht bei sich an dem Tisch haben mochte. Jedoch tat er in keinem Weg desgleichen, sondern erzeigte sich, mit Weis und Gebärd ganz fröhlich. Nicht minder Freude hatte Walter, daß er seinen liebsten Bruder und Gesellen bei seinem Herrn am Tische sitzen sah, da er doch ein solches ganz unmöglich geschätzt hatte. Nun war es jetzund eben in dem halben Imbiß, da kam eine königliche Post eilends reitend, mit einem Brief in der Hand. Sobald er nun von seinem Pferd gestiegen, ist er eilends in den großen Saal gegangen und übergab dem Grafen des Königs Brief, dessen Inhalt war, daß der Graf ohne Verzug in dreizehn Tagen an des Königs Hof erscheinen sollte und sich auch mit aller Notdurft, so ihm vonnöten wäre, versehen, als nämlich mit Harnisch und Wehr, so gut er könnte; denn des Königs Meinung war, den Grafen zum Obersten über seine Reisigen zu machen. »Auf meine Treu«, sagte der Graf, »Leufried, mich dünkt, wir haben den Krieg schon vor der Türe. Darum laß dich nur nicht sehr darnach verlangen, ich denke, wir sollen sein all genug bekommen.« »Das freut mich in meinem Herzen«, sagte Leufried, »es sagt mir auch mein eigenes Herz, wir werden gänzlich im künftigen Krieg gelingen.« Nun war der Jungfrau Angliana gar nichts davon zu wissen, daß der Jüngling vorhanden und mit ihrem Vater zu Tische saß. Es hätte ihr dies der Schildbube gern zu wissen getan, er konnte aber zu der Zeit nicht abkommen. Alsbald aber jetzund das Mahl vollendet war und die Tafeln aufgehoben, kam er mit größten Freuden zu der Jungfrau, begehrte das Botenbrot von ihr und tat ihr alles zu wissen, was sich zugetragen hatte; davon ihr Herz sich in unermeßlichen Freuden hob. Sie gab dem Buben ein reiches Botenbrot, dessen er denn auch wohlzumut ward. Dann hat sich Angliana an ein Fenster gestellt, wo sie gewiß war, daß ihr Vater mit dem Jüngling vorbeigehen werde, wie denn bald geschehen ist. Bei und neben ihr standen ihre Jungfrauen und zuallernächst Florina und Kordula. Als nun der Graf samt seinen Dienern aus dem Saal ging und Leufried zunächst bei ihm, sprach Angliana: »Liebe Florina, sage mir, wer ist der schöne Jüngling, so mit meinem Vater aus dem Saal geht?« Florina, die sein vorher nicht wahrgenommen, hat jetzt Leufried zuerst gesehen und, von Freuden gänzlich in ihrem Angesicht errötet, gesagt: »O Jungfrau, jetzund mögt Ihr wohl fröhlicher sein, als einer Jungfrau auf Erden je ward; denn Ihr seid sicher, daß Leufried in allen Gnaden bei Eurem Herrn und Vater ist. Jetzund bedürft Ihr niemanden mehr, der Euch tröste, dieweil Euer Trost wieder zu Gnaden gekommen und ohne alle Sorge an dem Hof wohnen darf.« »Nun wüßte ich gern«, sagte Angliana, »wie doch die Sache zugegangen und wer die Dinge so bald verhandelt hat; denn ich weiß, daß Leufried am nächst verschienenen Sonntag am vergangenen Sonntag. des noch gar nicht gesinnt gewesen ist, sonst hätt er sich in die scheußliche Kleidung nicht verstellen dürfen. brauchen. Wohlan, ich weiß die Sache wohl von Walter zu erfahren.« Wie Angliana mit ihren Jungfrauen in den Garten spazierenging, der Graf samt Leufried und Walter auch dahin kam und seiner Tochter den Brief, so ihm von dem König zugekommen, zu lesen gab. Angliana gedachte bei sich selbst: Wie magst du doch mit Glimpf Anstand zu dem Jüngling kommen? Sie nahm ihre zwei liebsten Jungfrauen, Florina und Kordula, und ging hinten zu ihrem Gemach hinaus in den Garten; denn sie wußte wohl, es würde nicht lange dauern, bis der Graf seiner Gewohnheit nach auch in den Garten käme, was denn auch geschah. Sobald nun der Graf seine Tochter ersehen, wendete er sich zu Leufried und seinem Gesellen und sagte mit lachendem Mund: »Fürwahr, Leufried, du hast einen guten Boten, der dir so schnell postiert hat.« Leufried, ganz schamrot, antwortete dem Grafen: »Gnädiger Herr, ich weiß sicher von nichts.« Damit ist der Graf zu seiner Tochter gekommen: »Angliana«, sagte er, »du bist wahrlich eines klugen Verstandes; denn ich wollte erst Walter nach dir schicken, so bist du vor mir in dem Garten. Ich kann dir, liebe Tochter, die Botschaft nicht verhalten, so mir von dem König gekommen ist. Darum lese diesen Brief selbst und gib mir darnach auf meine Frage dein Gutbedünken zu verstehen.« Angliana empfing den Brief von ihrem Vater und las ihn bis zu Ende, davon sie nicht wenig betrübt wurde, und fing gar kläglich an zu weinen, dieweil sie wohl bedenken konnte, daß ihr Vater, ein alter, betagter Mann, des Krieges nicht mehr geübt, sondern guter Ruhe gewohnt. So wußte sie auch wohl, daß Leufried nicht lassen würde, mit ihm zu ziehen, derhalb ihr zweifach Sorge und Leid zuhanden ging. »Liebe Tochter«, sagte der Graf, »ich bitte, du wollest deinen guten und kindlichen Rat mit mir teilen; du siehst, wie ich gefaßt bin. Meine jungen und fröhlichen Tage sind dahin, ich werde nicht mehr stärker, sondern allezeit schwächer; denn es ist mit mir weit über Mittag. Dennoch will mir gebühren, meinem Herrn, dem König, gehorsam zu sein. Ich bin auch ganz Vertrauen zu ihm, daß er mich nicht mit harter Last beschweren wird. So vertröste ich mich auf Leufried, der ist jung, frech mutig. und stark, den will ich mir zu meinem Leib für mich. vorbehalten, daß er allein auf mich warten soll. mir zu Diensten sein soll. Darauf, liebe Tochter, gebe mir dein Gutbedünken zu verstehen.« Angliana, welche vor Jammer nicht reden noch ihrem Vater Antwort geben konnte, erholte sich zuletzt, fing an und sprach: »Oh, mein herzliebster Herr und Vater, mir ist in solchem Fall nicht möglich, wenig oder viel zu raten; denn ich weiß wohl, wenn ich Euch schon meines Herzens Willen und Meinung zu verstehen gebe, also daß ich rate, daheim zu bleiben, das mir dann die allergrößte Freude auf Erden wäre, so weiß ich, daß Ihr mir darin nicht folgt. Sollte ich Euch dann raten, in den Krieg zu ziehen und des Königs Gebot gehorsam zu sein, will mir noch viel weniger und gar nicht gebühren. Darum, herzlieber Herr und Vater, will ich Gott mein Anliegen empfohlen haben, ihn aus Grund meines Herzens bitten, Euch in alle Wege zu bewahren. Wollte Gott, mir wäre es möglich, diesen Krieg zu wenden, damit Ihr, mein liebster Herr und Vater, in Eurem Land bleiben möchtet, auch viele andere in Ruhe und Frieden wären, viel Witwen und Waisen unbeleidet, das wäre meine höchste Freude auf Erden.« Der Graf antwortete: »Meine liebe Tochter, ich zweifle gar nicht, dein Herz und dein Mund reden gleich. Jedoch bin ich sonder Zweifel, daß dich noch eine Sache nicht wenig betrübt, wiewohl du mir die nicht entdeckt hast. Ich weiß aber, daß dich dein Abschied von Leufried nicht wenig betrübt, da du gehört hast, daß ich ihn mit mir nehmen und zu meinem Leutnant haben will. Das aber soll dich gar nicht beschweren; denn ich bin guter Hoffnung, alle seine Wohlfahrt steht in diesem Krieg. Wo er sich anders ritterlicher Sachen, des ich nicht zweifle, annimmt, so mag er jetzund am füglichsten den Orden der Ritterschaft erlangen. Alsdann wird mir desto minder verweislich sein, daß ich dich ihm zum Weibe gebe. Wer wollte darnach nicht sagen, Leufried hätte mit seiner Hand und nicht durch Gunst den Orden der Ritterschaft erlangt, darum er dich dann billig zum Weib haben soll.« Als nun die Jungfrau Angliana diese Worte von ihrem Vater vernahm, gedachte sie wohl, daß ihm nicht anders wäre, als ihr Herr und Vater gesagt hatte, sprach also: »Dieweil es denn, mein allerliebster Herr und Vater, keinen anderen Weg haben mag, wohlan, so muß ich aus einer solchen Not eine Tugend machen, bitte Euch aber um aller Liebe willen, Ihr wollet Euch auf das allerbeste verwahren und dem Glück nicht zuviel vertrauen; denn es hat sich zuweilen sehr freundlich erzeigt, aber hinter sich tausendfältige Gefahr verborgen.« Diese und dergleichen Gespräche hatte der Graf mit seiner Tochter. Als nun aber Angliana Zeit däuchte, nahm sie Urlaub von ihrem Herrn Vater und ging samt ihren beiden Jungfrauen in ihr Gemach, zum Teil betrübt und zum Teil fröhlich, als sie jetzund ungezweifelt erkannte, daß ihr liebster Leufried bei ihrem Vater in höchsten Gnaden war. Wie der Graf seinen ganzen Hof zusammenrufen ließ und ihnen seine vorgenommene Reise zu wissen tat, dabei allen befahl, sich aufs fürderlichste zu rüsten, und wie Angliana dem Leufried eine Livree gab. Den anderen Tag gab der Graf Befehl, daß man all sein Hofgesinde, von Adel oder nicht, zusammenberufen sollte. Das ward nach seinem Willen eilends vollzogen. Als sie nun gemeinlich beieinander waren, ließ er den königlichen Brief vor ihnen allesamt verlesen, ermahnte sie demnach auf das freundlichste, sich gut zu rüsten, damit er bei dem König nicht als ein Nachlässiger möchte angesehen werden, sagte auch dabei, welchen es am Roß, Harnisch oder anderem Zeug abginge, die sollten das dem Rüstmeister anzeigen, damit sie nach dem besten möchten versehen werden. Diese Botschaft vernahmen sie allzumal mit großen Freuden; denn ein jeder meinte, Ehre und Gut in diesem Zug zu bekommen. Der Graf ließ all sein Hofgesinde von Fuß auf neu kleiden, in einer gleichen Farbe und Livree. Angliana aber stickte ihrem Vater und Leufried einem jeden eine schöne Livree von Perlen und Gold sehr künstlich. Als die nun gearbeitet waren, schickte sie nach Leufried, gab ihm die beiden Livreen und sagte: »Nimm hin, mein teurer Jüngling, von mir diese Livree, die eine für dich, die andere für meinen lieben Herrn und Vater. Du aber wollest bei der deinen mein zu aller Stund und allen Zeiten eingedenk sein, dich desto mannlicher und ritterlicher beweisen, darneben auch gewahrsamlich handeln, keinen kleinen Feind verachten; denn zu vielmalen geschieht, daß ein kleiner einen großen und gewaltigen überwindet, wie ich das in vielen alten Historien finde. Ich bitte dich auch, liebster Leufried, wollest ein getreues Aufsehen auf meinen Herrn und Vater haben, damit ihm nichts Arges widerfährt. Dir ist sein Alter und seine Schwachheit unverborgen, darum wollest ihn dir befohlen sein lassen. Ich wünsche auch nichts mehr, denn daß ich meinen Vater in dieser Livree und Kleidung wiedersehen möge und daß du, mein liebster Leufried, den Orden der Ritterschaft in der deinen erlangst und mir die als ein gestrenger Ritter wieder zu Gesicht bringst. Ach, wie möchte mir in diesem zeitlichen Leben mehr Freude und Glück zuhand gehen!« »Allerliebste Jungfrau«, sagte Leufried, »mit großen Freuden habe ich diese Eure Gabe von Euch empfangen, verspreche Euch auch bei der großen und herzlichen Liebe, so ich nun lange zu Euch getragen habe, Euch nicht mehr unter Augen zu kommen, ich habe dann das gute und wahrhaftige Zeugnis, daß ich ein oder mehr tapferer und ritterlicher Stücke begangen habe. Hoffe, mich auch bei Eurem Vater dermaßen verdient zu machen, daß er mir selbst bei dem König um den Orden der Ritterschaft werben soll.« »Das wolle Gott«, sagte Angliana, »denn also war auch unser erstes Fürnehmen und unser letzter Abschied.« Nachdem sie nun etliche Stunden mit sehr freundlichem Gespräch beieinander verharrt hatten, dauchte es Leufried Zeit und nahm einen freundlichen Urlaub von seiner liebsten Jungfrau, damit er sich auch nach Notdurft versehen möchte. Kam also zu seinem Herrn, dem Grafen, brachte ihm die Livree von seiner Tochter, davon der Graf nicht wenig Freude nahm. Er schickte auch nach seinem Rüstmeister und befahl ihm, Leufried mit Roß und Harnisch und Wehr zu versehen, wie er in eigener Person reiten wollte. Dies alles ward nach des Grafen Befehl ausgerichtet. Also machte sich sein Volk in wenigen Tagen gar wohl gerüstet, so daß kein Fürst solchermaßen mit wohlgerüstetem und gutgeordnetem Volk an des Königs Hof erschien; davon er dann von anderen Grafen und Herren hoch gepriesen ward. Sie gönnten ihm wohl auch die Ehre, daß er ein Oberster über die Reisigen sein sollte. Wie der Graf mit seinem Volk hinwegscheidet. Leufried seine liebste Angliana in großem Leid verläßt, davon sie sehr krank ward, und wie Walter zu Hof blieb und seinem Vater eine Botschaft zuschickte. Als nun die Zeit verlief und der Tag sich näherte, daß jedermann zu Lissabon erscheinen sollte, hat der Graf auf einen bestimmten Tag in seinem Lande umblasen lassen, daß alle, so zur Reise verordnet waren, an seinem Hof erscheinen sollten. Da ist kein Zurückbleiben gewesen, sondern alle gar auf bestimmte Zeit auf einen Tag zu Hof geritten kamen. Allda hat der Graf eine fürstliche Mahlzeit gehalten, alle Bürger freundlich geladen und sich mit ihnen geletzt, dabei gebeten, sich in seinem Abwesen bürgerlich und freundlich miteinander zu halten; das sie ihm dann allesamt mit Willen zu tun versprachen. Als aber Angliana jetzund den Ernst ersah, daß kein Hintersichsehens Zurückbleiben mehr da war (denn der ganze Hof war erfüllt mit dem Ton der Trompeten und Heerpauken, so war in allen Ställen ein großes Wiehern von Pferden, an allen Orten klapperten die Harnische und lief zu einer um den anderen, dabei Angliana gänzlich abnahm, daß ihr liebster Herr und Vater samt Leufried hinscheiden müßten), ist sie in großes Trauern gefallen und besorgte jetzund nichts Übleres, dann Leufried würde vor seinem Abschied nicht mehr zu ihr kommen. Als sie aber ein kleines verzogen, gewartet, verweilt ist ihr Vater samt Leufried, im ganzen Küraß angetan, dahergetreten. Der Graf sagte: »Angliana, meine liebe Tochter, es ist schon all mein Volk vorhanden, haben sich alle gar nach dem tapfersten aufgeputzt, darum will mir nicht länger gebühren zu harren. Ich bitte, du wollest dir unser Hinscheiden nicht lassen schwer sein; denn ich traue Gott dem Herrn, wir wollen unsere Sache bald dahin gebracht haben, daß wir wieder zu Haus kommen. Ich will dir den Walter hierlassen, dem habe ich Befehl an meinem Hof gegeben, er wird dir ein getreuer Hausvogt sein in meinem Abwesen. Und dabei lass' ich dir meinen Schildbuben, derselbige soll von und zu dem Haufen reiten, damit du jederzeit erfahren magst, wie alle Sachen stehen. Desgleichen sollst du mir auch allewege schreiben, wie dir's geht. Fürwahr, ich hab kein größeres Kreuz, denn daß ich dich nicht alle Tage vor mir sehen solle. Hiermit, liebe Tochter, befehle ich dich Gott dem Herrn, der wolle deiner pflegen in langer Gesundheit! Gehab dich wohl, meine liebe Tochter!« Solches geredet, ging der Graf von seiner Tochter, dann er das Weinen nicht mehr verhalten mochte. Angliana gebärdete sich auch sehr kläglich, daß sie wohl zu erbarmen war. Leufried jammerte das sehr, also daß er gewollt hätte, daß er von ihr gewesen wäre. Er bot der Jungfrau seine Hand und sprach: »Ach, meine liebste Jungfrau, ich bitte, Ihr wollt Euch nicht so hart bekümmern, sonst macht Ihr Eurem Herrn Vater seine Reise gar viel schwerer, denn sie ihm sonst gewesen wäre. Seid getrost, Ihr sollt gewiß alle Monat zum wenigsten Post von uns haben. Gott gesegne Euch, meine liebste Jungfrau! Ich hoffe, wir werden einander in kurzer Zeit mit großen Freuden wiedersehen.« »O Leufried«, sagte Angliana, »wie läßt du mich in so großem Jammer! Ich sorge, mein Herz wird mir vor Leid zerbrechen; denn jetzund sehe ich dich und meinen lieben Vater hinreiten, eurem Feind entgegen, der dann mit großem Grimm und gewehrter Hand euch begegnen wird. Sooft ich dies gedenken werde, wie mag ich fröhlich sein?« »Seid getröstet«, sagte der Jüngling, »meine allerliebste Jungfrau! Wir hoffen, das Glück wird auf unserer Seite sein, damit wir unsere Feinde ritterlich erlegen und mit großem Triumph wieder zu Land kommen.« Damit umfing er die Jungfrau und schied in großem Leid von ihr. Angliana konnte vor schmerzlichem Weinen kein Wort mehr sprechen, blieb also bei ihren Jungfrauen in großem Leid sitzen, bis man jetzund aufblies und jedermann sich zu Roß schickte. Indem saß der Graf auf, grüßte sein Volk allesamt und ritt zum Schloß hinaus durch die Stadt. Ihm zunächst ritt Leufried, sodann aller Adel, so er im Land hatte, sehr wohl geputzt. Da geschah ein jämmerliches Klagen und Weinen von dem gemeinen Volk, als wenn man ihren Herrn gleich zu Grabe tragen wollte. Angliana stellte sich zuoberst in ihrem Gemach in ein Fenster, damit sie dem Zug lange nachsehen mochte. Sie wünschte ihm viel Glück und eine fröhliche Heimfahrt nach, und als sie aber jetzund niemand mehr hat sehen mögen, können. ist sie in ihr Gemach gegangen und hat den Tag gar nichts anderes getan dann seufzen, klagen und weinen, auch kein Speis und Trank gebraucht, bis der andere Tag erschienen ist. Walter aber ist die erste Tagreise mit Leufried geritten und hat sich genugsam mit ihm unterredet, wie er sich in der Zeit halten sollte. Er gab auch Leufried einen Brief, den sollte er zu Lissabon besorgen, damit er gen Salamanka seinem Vater geschickt würde, so möchte sein Vater wissen, was seine Geschäfte wären. »Sonst weiß ich wohl«, sagte Walter, »wird mein Vater in großen Sorgen meinethalben stehen.« Also blieb Walter die Nacht bei Leufried. Morgens nahmen sie Urlaub voneinander, und ritt jeder seines Weges; Walter wieder gen Hof und Leufried mit dem Grafen gen Lissabon, wo sie dann von dem König gar herzlich empfangen wurden; denn sie kamen mit einem schönen Zug geritten, davon der König nicht kleine Freude nahm. Es ward auch in kurzer Zeit alle Ordnung gemacht und gegeben, damit ein jeder wissen mochte, was sein Befehl war. So kam dem König auch täglich Post von seinem Volk, wie der König von Kastilien täglich großen Schaden tat. Darum begehrten sie Hilfe und Entschickung von ihm, und wenn die Hilfe schon nicht sehr groß wäre, wollten sie dem Feind dennoch in kurzer Zeit einen Abbruch tun und ihn dermaßen abkehren, daß ihm in nach. Portugal nicht mehr gelüsten sollte. Denn sie hatten den Feind dermaßen erfahren, daß nichts hinter ihm war, dennoch aber waren sie gar zu schwach, und war kein reisiger Zug vorhanden, so sie entschicken entlasten. mochte. Sobald der König diese Botschaft vernahm, hatte er sein Volk auch schon beieinander und ließ verordnen, daß man des Morgens aufblasen sollte und den nächsten anziehen. abziehen, aufbrechen. Das alles geschah nach Befehl des Königs. Wie der König aus Kastilien von des Königs Volk in der Nacht überfallen ward und gar hart geschlagen. Mit großen Freuden ist des Königs Volk ausgezogen, haben auch ihre Kundschaft gar gut gehabt, wo sie des Feindes Wachen möchten aufheben. Sie hatten ihre Schildwachen in das Gebirge gestellt, darin wußten sie aber nicht soviel Gelegenheit und heimliche Wege als die Portugiesen. Als aber der König von Portugal alle Kundschaft erfahren hatte, führte er sein Fußvolk in aller Ruhe über das Gebirge, seine Reisigen aber hat er vor dem Gebirge lassen halten, ist also in ganzer Stille die ganze Nacht übergezogen und hinter des Feindes Lager gekommen. Er hatte auch zuvor allem Landvolk Befehl gegeben, daß sie einen besonderen Haufen machten, mit welchem sie den Feind auf der linken Seite haben angreifen sollen. Sodann hat er seine Haufen in zwei Teile geteilt und dem einen verordnet, mit dem Feind auf der rechten Seite zu treffen. So haben sich auch eine gar große Menge portugiesischer Bauern in den Wäldern mit Schleudern und Bögen versteckt gehabt. Des alles der Feind gar kein Wissens hatte. Als nun der König durch Losung und heimliche Briefe verständigt worden, daß all sein fürgenommener Anschlag nach seinem Willen angegangen, hat er allen Haufen befohlen, ein grausames Geschrei anzustimmen, die Heerpauken und Trompeten stark gehen zu lassen und mit solchem Geschrei den Feind an dreien Orten anzugreifen; das dann auch also vollzogen worden ist. Den Reisigen aber hat er befohlen, gar in stiller Hut zu bleiben, solange sie den Feind unter Augen sähen über das Gebirge kommen. Als nun aber sein Anschlag ganz glücklich ausgegangen, haben die Portugiesen mit einem großen und grausamen Geschrei angegriffen, davon der Feind nicht kleinen Schrecken empfing. Auf welche Seite er sich wendete, so schlugen die anderen zwei Haufen ihn von hinten, mußte also mit Gewalt die Flucht nehmen über das Gebirge. Allda kamen sie erst unter die Bauern, so sich versteckt hatten, die warfen sie stark mit Steinen, desgleichen schossen sie grausam mit Pfeilen. Da war keine Gegenwehr, es begehrte allein ein jeder zu fliehen, so schnell er konnte. Als sie nun über das Gebirge hinüberkamen, unterstunden versuchten. sie, sich erst wieder zu sammeln und ihrem Feind Widerstand zu tun. Das war aber auch umsonst; denn die Reisigen brachen mit ganzer Gewalt in sie. Davon wurden sie so gar verzagt, daß sie nichts anderes dann Gnade begehrten, warfen ihre Wehre von sich und gaben sich ganz gutwillig gefangen. Also war von diesem Haufen gar keiner übriggeblieben, so nicht erschlagen, verwundet oder gefangen ward; dessen denn der König nicht ein kleines Herz faßte. Er sammelte sein Volk eilends zusammen, damit er dem anderen großen Haufen auch einen Abbruch tun möchte. Als er sein Volk ziemlich gespeist hatte, ließ er den ganzen hellen Haufen zusammen in einen Ring berufen. Als sie nun zusammen waren, hat ihnen der König zum vordersten großen Dank für ihren mannlichen und ritterlichen Sieg gesagt, demnach ihre Fürsichtigkeit sehr gepriesen und sie zuletzt ermahnt, daß sie nicht verdrossen sein sollten, sondern dem Feind noch weiter abbrechen Abbruch tun, schädigen. und nachhängen; dieweil der Schrecken noch in ihnen wäre, möchte man gar Großes ausrichten; denn sollte man lange verziehen, so wäre zu besorgen, daß sich der Feind wieder stärkte, alsdann müßten sie gar große Gefahr bestehen, dann so sie sie jetzt gleich verfolgten. Also ward mit einhelliger Stimme dem Rat des Königs gefolgt und eilends dem Feind entgegengezogen. Der König von Kastilien aber war in eigener Person bei dem Haufen, führte ihn auch in gar guter Ordnung, also daß die Portugiesen eine härtere Nuß mit ihm krachen mußten denn mit dem anderen Haufen; und so der Kastilier nicht so gar wenig gewesen, hätten die Portugiesen große Gefahr bestehen müssen. Als nun die Haufen zusammengekommen sind, haben sie sich nicht lange bedacht, sondern einander tapfer angegriffen. Da sie beiderseits wußten, daß ein jedes Heer seinen König bei sich hatte, fochten sie desto mannlicher. Die Reisigen trafen zu beiden Seiten gar wohl, die Kastilier aber, wie oben gemeldet, hatten keinen Nachdruck Nachschub. und wurden ganz matt von langem und emsigem Streiten. Zuletzt unterstanden sie sich, in ihre Wagenburg zu weichen. Das nahm Leufried vor allen anderen wahr, und mit etlichen Reisigen verrannte er ihnen die Wagenburg, trieb die Feinde also mit Gewalt wieder zum Streit. Da das der König von Kastilien ersah, mochte er wohl abnehmen, daß seines Volks gar zuwenig war, und unterstund sich zu fliehen. Dem aber kam der Graf zuvor und eilte mit seinem ganzen Reisigenhaufen auf ihn. Als nun der König sah, daß ihm die Flucht auch fehlgeschlagen, eilte er behende der Wagenburg zu und vermeinte, da hineinzukommen. Leufried aber, sonder alle Gesellschaft, rannte mit eingelegtem Speer so stark auf den König, daß er Roß und Mann zu Haufen warf. Da nun der König befand, daß er überwunden war, begehrte er der Gnade, gab sich Leufried in Sicherheit und gefangen und begehrte von Stund an, daß der Frieden angeblasen würde; denn er sorgte um sein getreues Kriegsvolk. Also ward Frieden geblasen und der Streit mit großem Schaden der Kastilier geendigt. Leufried kam mit seinem gefangenen König vor den König von Portugal und überantwortete ihm den in seine Gewalt. Also nahm er ihn in Gelübde, desgleichen all sein Volk. Das ließ er ganz wehrlos abziehen, den König aber und seine Räte führte er mit sich gen Lissabon und zog also mit kleinem Verlust, aber mit großer Beute wieder heim. Wie Leufried zum Ritter geschlagen ward in Gegenwart des Königs von Kastilien und wie der Schildbube der Jungfrau Angliana die Botschaft brachte. Mit großem Triumph und Frohlocken ritt der König von Portugal ein; denn er brachte seinen Feind samt allen Räten mit sich gefangen, davon das ganze Königreich zu Ruhe und Frieden gekommen war. Sobald der König in seinen Palast kam, ließ er Leufried für sich bringen, desgleichen den König von Kastilien samt allen seinen gefangenen Räten. Als sie nun allesamt zu Wege stunden, fing der König an und erzählte vor ihnen allen Leufrieds ganzes Wesen, Leben. wie er so wunderbarlich im Mutterleib von Lotzmann, dem Leuen, erkannt worden war, auch was er bis zu der Zeit für tapfere und kühne Taten begangen, diesen Streit auch durch sein mannliches und fürsichtiges Gemüt zu Ende gebracht hatte, darum er dann billig den Orden der Ritterschaft tragen sollte; schlug ihn alsbald vor ihnen allen zum Ritter, darob Leufried und sein Schwieger, der Graf, nicht wenig Freude nahmen. Es gab ihm auch der König Wappen und Schild mit schöner Blasonierung. blasonner – (franz.) ein Wappen erklären. Also ward Leufried auf einen Tag geadelt und zum Ritter geschlagen. Alsbald der Schildbube selbiges erfahren, ist er eilends zu seinem Herrn gegangen und hat ihn auf das freundlichste gebeten, er wollte ihn einmal heimreiten lassen, damit er der Jungfrau Angliana alle vorgefallenen Geschichten zu wissen täte. Dies war der Graf gar wohl zufrieden, ließ zuhand einen Brief an seine Tochter schreiben und schickte ihr den durch den Buben. Der säumte sich nicht lange auf der Straße; denn er sorgte stets, es möchte ihm ein anderer zuvorkommen und das Botenbrot bei der Jungfrau erwerben, dieweil er wohl wußte, daß sie mit großem Seufzen und Verlangen gehofft, wann ihr doch einmal von ihrem Vater und Leufried Botschaft käme. Er kam in kurzen Tagen an des Grafen Hof. Sobald er von seinem Pferd gestiegen war, hat er eilends nach Angliana geforscht; der ist der Bube durch ihren Kämmerling angesagt worden. »Ach«, sagte die Jungfrau, »wo der Bote keine gute Botschaft bringt, sollt Ihr ihn für mich nicht kommen lassen.« Der Kämmerling antwortete: »Wahrlich, gnädige Jungfrau, ich kann nichts anderes an ihm spüren, als daß er sehr fröhlich und wohlzumut ist.« »So bringt ihn ohne Verziehen für mich, damit ich möge erfahren, wie es um meinen lieben Herrn Vater eine Gestalt habe, desgleichen um sein Volk.« Zuhand ist der Junge mit großen Freuden für die Jungfrau gebracht worden, die ihn mit gar fröhlichem Angesicht und freundlichen Worten empfangen hat. Der Bube aber, sobald er seine Reverenz getan, fing zur Stund an und sagte: »Gnädige Jungfrau, Ihr seid mir von Rechts wegen ein reiches Botenbrot schuldig; denn ich verkünde Euch fröhlichere Botschaft, als man Euch auf Erden jemals verkündet hat. Nämlich, Euer Herr und Vater ist ganz frisch und gesund, so ist der Krieg gänzlich vollendet; dann Euer allerliebster Leufried hat den König von Kastilien selbst gefangen und unserem Herrn und König überantwortet, der ihn zu großen Ehren gefördert; denn er hat ihn auf einen Tag geadelt und zum Ritter geschlagen zu Lissabon auf dem königlichen Palast. Des werdet Ihr in diesem Brief gar gründlichen Bericht empfangen.« Als Angliana diese Botschaft von dem Jungen vernahm, darf niemand fragen, ob sie auch fröhlich geworden sei, das mag ein jeder bei sich selbst wahrnehmen. Sie nahm den Brief, schloß ihn auf und fand darin alles wahr sein, was ihr der Bub angezeigt hatte. Sie schloß nun einen schönen Kasten auf, nahm daraus zehn Dukaten und verehrte die dem Knaben, der ihr die Botschaft gebracht hatte. Wie Angliana nach Walter sendet und ihm den Brief zu lesen gab, den der Knabe von ihrem Vater gebracht, und welche großen Freuden er daraus empfing. In großen, unsäglichen Freuden war Angliana, mit ihr erfreuten sich auch alle ihre Jungfrauen, insonderheit Florina und Kordula. Sie schickte auch nach Walter, der kam eilends; denn er meinte, der Jungfrau wäre etwas Übles widerfahren. Sobald er nun in ihr Gemach kam, ging sie ihm mit großen Freuden entgegen, empfing ihn gar freundlich. »Oh, Walter«, sagte sie, »ich muß dich der großen Freude auch teilhaftig machen; denn uns ist gar gute Botschaft von meinem Vater gekommen.« Damit gab sie ihm den Brief. Walter las ihn von Anfang bis zu Ende, davon sein Herz in großen Freuden schwebte. »Oh, Angliana, ich sage Euch sicherlich«, sprach Walter, »dieser Brief erfreut mich mehr, als mich die vorige Nacht ein Traum erfreute.« »Wie war der?« sagte Angliana. »Mir träumte«, sagte Walter, »wie ich meinen liebsten Bruder und Gesellen Leufried in einem großen Gedränge und Scharmützel inmitten unter seinen Feinden ersähe, die allesamt mit Kräften auf ihn schlugen und sehr viel tödliche vergiftete Pfeile auf ihn schössen, Er aber arbeitete mühte. sich mit großer Macht und geschwinden Streichen unter seinen Feinden. Zuletzt aber verschwand mir Leufried vor Augen und war der Streit geendigt. Nun sah ich einen Jüngling mit entblößtem Haupt, nichts darauf dann einen schönen Kranz von Lorbeerzweigen. In seiner linken Hand führte er einen gebunden und gefangen, derselbe war mit einem gar köstlichen Küraß gekleidet, sein Haupt mit einem glänzenden Helmlein gedeckt, das Visier vorgeschlagen, also daß ihn niemand erkannte. Der Jüngling mit dem Lorbeerkranz führte in der rechten Hand ein bloßes Schwert, allenthalben mit menschlichem Blut besprengt. Ich sah ihm mit ganzem Ernst unter sein Angesicht, es war mir gänzlich, als sollte ich ihn kennen, hätte ihn auch sehr gern angesprochen. Sein Angesicht aber war sehr erschrecklich anzusehen, deshalb unterließ ich, mit ihm zu reden. Also ging er vorüber mit dem Gefangenen und überantwortete ihn dem König. Als mich aber solches Gesicht gar angsthaft in meinem Schlaf machte, erwachte ich zuletzt gänzlich, lag die übrige Nacht in schweren Gedanken und bedachte stets, wie nur also Leufried aus meinem Gesicht verschwunden wäre. Nun aber bin ich wohl zufrieden, und mir ist schon des Traumes Deutung durch diesen Brief aufgelöst. Dann daß ich Leufried aus meinem Gesicht verlor, ist nichts anderes, als daß er mir vorher nicht anders bekannt gewesen ist dann als ein schlechter schlichter. Reutersmann und aber jetzt durch sein Schwert und mannliche Hand den Orden der Ritterschaft erlangt hat. Dieses zeigt mir der Lorbeerkranz an, so er auf seinem Haupte trug. Darum, liebste Jungfrau, erfreut mich diese Botschaft sehr.« Als sie nun ihre Zeit mit mancherlei Gesprächen kürzten, lief der Schildbube allenthalben an dem ganzen Hof umher, um Walter zu suchen, damit er auch ein Botenbrot von ihm bekommen möchte. Zuletzt ward ihm gesagt, wie er in der Frauen Gemach bei Jungfrau Angliana wäre. »So ist mein Anschlag umsonst«, sagte der Knabe. Nun fing er erst an, dem anderen Hofgesinde die Botschaft zu verkündigen. Das Geschrei kam auch in die Stadt unter die Bürger, die wurden mit großen überschwenglichen Freuden umgeben. Als sie vernahmen, daß ihr liebster Herr noch frisch und gesund war, wurden allenthalben in der Stadt Freudenfeuer gemacht, auch kleideten sich alle Bürger in eine gleiche Farbe, damit sie ihrem Herrn mit Freuden und zierlich möchten entgegenreiten und zu Fuß einen feinen Haufen ins Feld führen. Als nun der König einen steten und ewigen Bund mit dem König von Kastilien aufrichtete, hat er auch alle Kriegskosten bezahlen müssen. Alsdann hat ihn der König wiederum in sein Land ziehen lassen, ist auch alles Kriegsvolk beurlaubt worden und der Graf mit seinem Volk wieder heimgezogen. Wie der Graf mit allem seinem Adel wieder zu Land kommt und mit großem Frohlocken von seinen Bürgern und seiner Tochter empfangen ward. Des Grafen Untertanen putzten sich sehr köstlich auf und zogen ihrem Herrn mit einem aufrechten Fähnlein entgegen. Diejenigen aber, welche Pferde hatten, ritten ihm allesamt in einer Kleidung entgegen, worüber der Graf nicht wenig Lust und Freude genommen; denn er sah daran die Liebe seines Volkes. Also kamen sie mit Freuden und Frohlocken in die Stadt. Als nun Angliana vernahm, daß ihr lieber Vater samt ihrem allerliebsten Ritter gekommen war, schmückte sie sich mit allen ihren Jungfrauen auf das zierlichste, ging ihrem Vater entgegen, als er zu Hof einritt, und empfing ihn gar freundlich und mit großen Freuden. Ritter Leufried ritt ihm auf dem Fuß nach mit gar fröhlicher Gebärde. Als er seine liebste Jungfrau erblickte, ist er vor großen Freuden ganz in seinem Angesicht errötet, nicht minder ist Angliana von seinem Anblick erfreut worden. Alsbald sind sie von ihren Pferden abgestiegen und in den großen Saal gegangen, darin haben sie ihre Harnische von sich gelegt und sich ganz entwaffnet. Bald sind eine große Anzahl von Tafeln gedeckt und jeder nach seiner Würde zu Tisch gesetzt worden. Da ist eine fürstliche Mahlzeit bereitet gewesen; denn Angliana hatte alles nach dem Köstlichsten und Scheinbarlichsten Glänzendsten, Prächtigsten. angeschickt, darob der Graf ein großes Wohlgefallen hatte. Es ist auch nicht minder auf allen Trinkstuben in der ganzen Stadt große Freude gewesen; denn alle Bürger samt ihren Weibern haben ihr Essen zusammengetragen und so freundlich und fröhlich miteinander gelebt, daß der Graf ein großes Wohlgefallen darob gehabt. Er hat auch der gemeinen Bürgerschaft allerhand Gaben und Geschenke verehrt, damit sie desto unbekümmerter möchten in Freuden leben. Zu Hof war etliche Tage ein großes Jubilieren und wurde großer Hof gehalten; denn der Graf hat alle seine Ritterschaft eine Zeitlang beieinanderbehalten. Als sie aber wohl ausgezecht hatten, sind sie mit Urlaub des Grafen ein jeder wieder zu Haus geritten. Doch bat der Graf die nächsten Insassen, daß sie ungefähr in acht Tagen wieder zu Hof erscheinen möchten; denn er hätte ein gar nötiges Geschäft zu verrichten. Das ward ihm von ihnen allen versprochen. Also ritten sie von Hof. In der Zeit aber schickte sich sich schicken – sich versehen. der Graf mit allem, was zu einer solchen Hochzeit vonnöten war, als mit Kleidung, Speis und Trank; wiewohl niemand wissen mochte, was er Sinns wäre, denn allein Angliana und Leufried, der Ritter. Nun war ein Freiherr nicht weit von dem Grafen in einer anderen Stadt. Derselbige war auch von der Reise gewesen und war ein Witwer, sehr reich an Gut, Land und Leuten, so daß er den Grafen an Reichtum übertraf; dabei aber war er ein ungetreuer und zorniger Mann. Als nun alle von Hof geschieden waren, blieb er noch länger in der Stadt in einer Herberge und ließ eine Werbung an den Grafen gelangen um seine Tochter Angliana. Das schlug ihm der Graf gänzlich ab und gab ihm zu verstehen, wie er seine Tochter schon einem Ritter versprochen hätte und demselbigen seine Zusage leisten wollte, darum ließ er ihm für seine ehrliche Werbung großen Dank sagen. Als dies dem Freiherrn gesagt wurde, erzürnte er sich ohne Maßen hart, verbarg aber seinen Zorn, damit er sich an dem Grafen möchte rächen. Als er nun durch andere Mittel erfuhr, wer der Ritter war, dem Angliana versprochen worden, trachtete er mit Ernst dem Ritter nach seinem Leben, ließ es auch heimlich halten, damit er ihn möchte in sein Gefängnis bringen. Dies aber ist Leufried von einem guten und getreuen Freund angesagt worden, damit er sich möchte vor ihm verwahren. Leufried, der Ritter, hat alles zu Ohren gefaßt und ist nicht mehr vor die Stadt geritten, er habe denn seinen guten Harnisch an, er hat sich auch ob solchem Aufsatz Anschlag, Hinterhalt. gar nicht besorgt, wo er nicht mit Hinterlist und ungewarnter Sache überfallen würde. Wie der Graf samt Walter und anderen Dienern von dem Freiherrn angerannt, zwei von des Grafen Diener erstochen. Walter gefangen und der Graf an einen Baum gebunden, aber von Leufried wieder erlöst ward. Leufried ließ diese Warnung gar nicht merken, damit es ihm nicht als eine Verzagtheit zugemessen würde. Eines Tages begab es sich, daß der Graf mit etlichen seiner Diener auf ein Schloß ritt, auf welchem er lange nicht gewesen war. Das ward aber durch einen dänemarkischen Roßkäufer dem Freiherrn verkündet, demselbigen ward auch für ganz gewiß angesagt, wie Leufried mit seinem Schwieger, dem Grafen, reiten würde. Der Freiherr versammelte bald ein Geschwader Reiter, denen befahl er, sich eilends beritten zu machen, desgleichen sich mit Harnisch und Gewehr wohl zu verwahren; denn sie müßten ein mannliches Ritterstück begehen. Dies alles ward nach seinem Befehl ausgerichtet, und er brachte in der Eile auf zehn Pferde zusammen. Der Graf versah sich gar nicht; denn ihm war von einem Feind gar nichts zu wissen, dieweil er mit allen seinen Insassen in gutem Frieden war. Er nahm zu sich vier seiner Diener, desgleichen Leufried und Walter, also daß sie zu sieben ritten. Nun wollte sich Unglück machen; denn als sie auf eine halbe Meile geritten waren, fiel dem Grafen ein, wie er etliche Briefe, an denen ihm viel gelegen war, daheim vergessen hatte. Er wollte diese Briefe keinem Diener zu holen vertrauen; dann er sorgte, die Sache möchte nicht nach seinem Willen ausgerichtet werden. Darum befahl er dem Ritter Leufried, die Sache zu versehen. Nun war keiner unter ihnen allen in seinem Harnisch angetan als er, und er ritt schnell und behende wieder zurück. Er war auch noch keine halbe Meile von seinem Schwieger gekommen, da hat sie der Freiherr in einem Wald auf einer Wegscheide angefallen, und ehe sie gewarnt wurden, hat er ihm zwei seiner Diener erstochen und mit lauter Stimme gerufen: »Es sei dann, daß ihr euch allesamt gefangengebt, sonst müßt ihr heute den Tod von uns leiden.« Der Graf entsetzte sich größlich ob einem so schnellen Überfall; denn er sah den plötzlichen Tod seiner Diener vor Augen und hatte niemanden mehr bei sich als zwei seiner Diener und Walter, die waren auch ganz erschrocken. Da war nicht lange zu bedenken; denn sie waren mit gewaffneten Reisigen ganz umringt, derhalb begehrten sie des Friedens. Der Freiherr eilte allein auf Walter; dann er war in gleicher Gestalt wie der Ritter Leufried, darum er ihn für Leufried hielt. Er nahm ihn und die beiden Diener, den Grafen aber befahl er an einen Baum zu binden und sagte: »Dieweil Ihr diesen Bauernsohn mir fürgezogen und ihm Eure Tochter vor mir gegeben habt, will ich Euch zur Schmach also stehenlassen.« Seine Diener führten die Gefangenen davon. In diesem Schimpf kam Ritter Leufried geritten und ersah in dem ersten Augenblick seinen Herrn an den Baum gebunden und den Freiherrn noch bei ihm halten. Ritter Leufried sah an der Gestalt seines Herrn wohl, daß seine Sache nicht recht beschaffen war, auch hatte ihm der Freiherr zuvor gedroht. Darum machte er wenig Umstände, sondern zückte von Stund an sein gutes Schwert und sagte: »Gnädiger Herr, wer hat Euch solche Schmach bewiesen? Das zeigt mir an, ich will das mit meinem ritterlichen Schwert rächen oder mein Leib und Leben darob verlieren.« Der Freiherr, welcher ein stolzer und gar wütiger Mann war, erkannte den Ritter zur Stund an seiner Sprache und sah wohl, daß er nicht den Rechten gefangen hatte. Er sagte aus großem Hochmut zu Leufried: »Du bäurischer Ritter, dir soll auf diesen Tag nichts Besseres widerfahren, darum säume dich nur nicht lange.« Der Ritter zückte behende sein scharfes und gutes Schwert und haute damit ganz kräftiglich nach dem Freiherrn. Der zuckte sein Haupt aus dem Streich, also daß Leufried sein verfehlte und hieb seinem Roß einen großen Teil von seinem Haupt hinweg. Davon das Roß ganz ergrimmte und in großen Schmerzen und Zorn durch den Wald ganz schnell lief. Leufried eilte ihm mit verhängtem Zaum auf dem Fuße nach, so lange, daß dem Gaul anfing schwach zu werden und er unter dem Freiherrn niederfiel. Ritter Leufried sagte aus großem Zorn: »Herr, Ihr müßt Euch auf diesen Tag gefangengeben, und nur bald, sonst müßt Ihr mir Euer Leben in diesem Walde lassen, davor wird Euch niemand gefristen.« schützen. Der Freiherr unterstand, sich mit Gewalt zu wehren, schrie damit seinen Dienern zu, die aber waren weit von ihm. Ritter Leufried ergrimmte so gar über ihn, daß er ihn nicht mehr begehrte gefangenzunehmen, sondern mit ganzer Kraft auf ihn zuschlug. Damit machte er den Herrn so ganz matt, daß er sich nicht mehr wehren mochte. Alsobald begehrte er der Gefangenschaft. Also nahm ihn Leufried gefangen, doch mußte er ihm zuvor sein Schwert überantworten. Also führte er ihn behende wieder zu seinem Herrn. Da ward er erst aller Sachen berichtet, wie es mit den zwei Dienern gegangen war, da lief ihm erst sein Herz vor Zorn über. Also mußte ihm der Freiherr eilends geloben und schwören, ihnen beiden nachzufolgen. Also führten sie ihn auf das Schloß, welches dann nicht gar ein Vierteil einer Meile von diesem Ort war. Daselbst vermeinte Leufried seinen Gesellen und die anderen zwei Diener zu finden; denn er gedachte, sein Herr hätte die von sich gesendet und wäre erst darnach mit den anderen zwei Knechten angegriffen worden. Als er aber vernahm, daß Walter gefangen war, schwur er bei seinem ritterlichen Orden, daß er nimmer ruhen noch rasten wollte, sein Gesell wäre dann seiner Gefängnis ledig und los, und wo dies nicht auf dieselbige Nacht geschehe, so wollte er den Landsherrn mit seiner eigenen Hand umbringen. Dies alles sagte er dem Freiherrn unter die Augen, davon er sich nicht wenig entsetzte. Dieser begehrte zuhand, daß man ihm Papier und ein Schreibzeug geben sollte, so wollte er eilends einen Brief schreiben und denselbigen seinem Burgvogt zuschicken, damit die Gefangenen nicht in harte Gefängnis gelegt würden. Dies ward ganz eilends vollstreckt, wie er begehrt hatte. Wie Walter wieder ledig geworden und Leufried großes Gut von dem Freiherrn fordert von wegen der erschlagenen Diener des Grafen. Als nun der Freiherr den Brief geschrieben hatte, wollte ihn Leufried nicht lassen zuschließen, er habe ihn dann zuvor gelesen; denn er besorgte, der Landsherr möchte geschwinde einen anderen Verrat anrichten und etwa sein Volk heimlich zusammenmahnen und sich unterstehen, ihn mit Gewalt zu entledigen. Als aber der Brief nach seinem Gefallen geschrieben war, gab er ihn dem Landsherrn, der verschloß ihn zuhand und überschickte denselbigen durch Leufried seinem Burgvogt. Als aber Leufried nicht gar eine Meile in den Wald geritten war, fand er des Freiherrn Diener, die waren seiner Zukunft froh; denn sie meinten, ihr Herr trabte durch den dicken Wald her. Bald aber sehend, daß er es nicht war, erschraken sie gar sehr; denn sie waren eines Teiles von ihren Pferden abgestanden und hatten Walter und die beiden Diener an Bäume gebunden, Schimpf und Spott mit ihnen getrieben und hatten ihren Hauptharnisch abgelegt. Leufried, der Ritter, nahm dies wohl wahr; denn er hatte seinen liebsten Bruder, Walter, schon erblickt. Er bedachte sich nicht lange, sprengte mit verhängtem Zaum unter sie, strengte sie mit rauhen Worten an setzte sie mit rauhen Worten zur Rede. und sagte aus ganzem Zorn: »Ihr ungetreuen und verräterischen Straßenräuber, sagt an, wie dürft ihr einen solchen frommen Herrn auf seinem Grund und Boden also mit Gewalt und wider alles Recht mit großer Schmach fahen und anbinden, ihm auch seine Diener, welche sich alles Guten zu euch versehen, so jämmerlich ermorden und umbringen? Ihr müßt euch mir, wie euer Herr, auf diesen Tag gefangengeben oder allesamt von meiner ritterlichen Hand sterben.« Damit zückte er sein Schwert und schlug mit ganzen Kräften nach einem, welcher zu seinem Hauptharnisch eilen wollte, und zerspaltete ihm sein Haupt bis auf das halbe Angesicht. Derselbige fiel geschwind tot zur Erde. Nun eilte Ritter Leufried zu zwei anderen, dem einen schlug er des ersten Streichs sein Haupt von der Achsel hinweg, dem anderen stieß er sein Schwert oben bei seinem Hals zwischen dem Harnisch hinein, daß er auch gleich tot zur Erde sank. Als nun die anderen die strenge und mannliche Tat an dem Ritter sahen, erschraken sie dermaßen, daß sie nicht auf ihren Beinen stehen konnten, sondern fielen auf ihre Knie, um Gnade bittend. Unter diesen sieben war auch der Burgvogt, welchem Leufried den Brief von seinem Herrn hatte bringen sollen. Als der vernahm, daß sein Herr auch gefangen war, erschrak er ohne Maßen und gab sich von Stund an mit den anderen gefangen. Also nahm Leufried Sicherheit von ihnen und ließ die anderen Diener reiten, den Landvogt aber führte er gefangen mit sich. Walter und seine beiden Mitgefangenen wurden beide ledig gemacht und saßen größlich erfreut auf ihre Pferde. »Oh, mein liebster Leufried«, sagte Walter, »wie hast du uns aus so großen Ängsten und Nöten erlöst, sonst wären wir in schwere und harte Gefängnis gekommen; denn dieser Burgvogt hat uns damit hart bedroht.« Der Ritter Leufried antwortete: »Also soll man den Gästen rechnen, welche die Rechnung vor dem Wirte machen. Diesem Burgvogt soll wohl geschehen als einem, der feindliche tiefe Gruben gegraben hat und selbst hineinfällt. Hat er einen solchen Übermut an euch Unschuldigen begehen wollen, soll ihm auch nicht bessere Barmherzigkeit widerfahren. Denn ich will ihm ein härteres Gefängnis verschaffen, denn er an euch wohl verschuldet hat.« Von diesen Worten ward dem Burgvogt sehr angst, er entschuldigte sich, so gut er mochte. Da sie auf das Schloß kamen, darauf der gefangene Freiherr war, sagte Leufried zu ihm: »Herr, Ihr habt meinen gnädigen Herrn wider alle Rechte und Landfrieden, sonder alles Absagen Aufkündigung des Friedens. in seinem eigenen Land gefangen, ihm auch zwei seiner Diener, ehe dann sie zur Wehr gekommen sind, erstochen. Dasselbige steht Euch als einem Landsherrn nicht wohl an, Ihr werdet auch wenig Ruhm davon erlangen, wo das von Euch gesagt wird. Es hat aber Gott dies nicht vertragen mögen; denn er läßt kein Übel ungestraft. Er hat mich dazu kommen lassen, daß ich meinen liebsten Herrn ledig gemacht, Euch hergegen an seiner Statt gefangen habe. So ist mir auch mein liebster Gesell von Euch gefangen gewesen, denselbigen samt meines Herrn Dienern habe ich wieder ledig gemacht, nicht durch Euren geschriebenen Brief, sondern durch meine ritterliche Faust und mein gutes Schwert. Dies haben drei Eurer Diener wohl erfahren, die gleich sowohl als meines Herrn Diener in dem Wald tot liegen. Die übrigen sind alle auf diesen Tag meine Gefangenen, müssen sich auch nach ihrer gegebenen Sicherung auf einen gelegenen Tag stellen. Den Burgvogt aber, als den Obersten, habe ich in meiner Gewalt behalten wollen, damit ich Euch nach meinem Gefallen ranzionieren rançonner – (franz.) jemandem ein Lösegeld auferlegen. möge. Ihr habt mich gehaßt, um was mir das Glück vor Euch beschert hat, das soll Euch von mir vergolten werden, will mich auch des vor Königlicher Majestät hoch beklagen, der soll mich an Euch rächen.« Von diesen Worten erschrak der Freiherr gar sehr, dieweil ihm die ritterliche Tat unverborgen war, die Leufried im vergangenen Kriege vollbracht hatte. Er begab sich derhalb ganz willig in des Ritters Ranzion; was er ihm auflegen würde, wollte er gern tragen und leiden, er sollte ihn nur nicht vor dem König verklagen und zuschanden machen. Wie der Graf den Freiherrn samt dem Burgvogt mit sich heimführt und Ritter Leufried sie beide seiner liebsten Jungfrau übergab, nach ihrem Gefallen mit ihnen zu verfahren. Als nun Leufried und der Graf bedachten, wie das Schloß, darauf sie waren, nicht so gar fest sei, sorgten sie, die Knechte, so wieder zu Land gekommen waren, möchten sie verkundschaften und das Landvolk in einen Tumult bewegen, daß es sich unterstünde, mit Gewalt ihren Herrn zu befreien. Darum säumten sie sich nicht lange, führten die beiden Gefangenen ganz gewahrsamlich und ritten wieder heim. Sobald sie nun zu Hof kamen, hat sich jedermann über die Gefangenen verwundert; denn niemand versah sich eines Unfriedens oder Lärms. Dieses Geschrei ist bald vor Angliana gekommen, die sich nicht lange säumte, sondern samt ihrem Frauenzimmer zu ihrem Vater ging. Sobald übergab Ritter Leufried die beiden Gefangenen seiner liebsten Jungfrau und tat ihr dabei die Ursache ihrer Gefängnis zu wissen. Darüber verwunderte sich die Jungfrau größlich und befahl, die beiden Gefangenen auf das sicherste zu verwahren, bis sie sich mit ihrem Vater und dem Ritter genugsam unterredet hätte. Also ließ man sie in einer besonderen Stube von gewaffneten Männern hüten. Nach zwei Tagen kamen auch die anderen Knechte und stellten sich wie sie; dann sie es dem Ritter im Wald zugesagt hatten. Sie wurden mit ihrem Herrn in derselben Stube verwahrt. Als nun Angliana mit ihrem Vater und dem Ritter zu Rat gegangen war, haben sie die anderen Diener für ledig erkannt, dieweil sie alles, so sie gehandelt haben, auf Befehl ihres Herrn haben tun müssen. Den Burgvogt aber haben sie wegen seiner Drohworte bei seinem Herrn bleiben lassen und diesem eine Ranzion aufgelegt, nämlich tausend Dukaten. Desgleichen hat er sich gegen den Grafen gar hoch verschreiben müssen, ewigen Bund und Frieden mit ihm zu halten, in gar keinem Weg wider ihn noch die Seinen zu handeln denn gütlich und wozu er Fug und Recht habe. Den Burgvogt haben sie um fünfzig Dukaten ranzioniert. Die Ranzion ist schnell erlegt worden, und hat sich der Landsherr in keinem Weg gesperrt, damit er vor dem König nicht verklagt würde, hat sich auch demnach so ganz freundlich gegen und an dem Grafen gehalten, desgleichen an Ritter Leufried, daß sich des nicht genug zu verwundern war. Als alles ausgerichtet war, ist er samt seinem Burgvogt wieder nach Hause geritten. Nun dachte er erst nach, wie unbillig er dem Ritter aufsätzig gewesen ist, und also ist dieser Unwille auch zergangen. Wie die Hochzeit mit Angliana gehalten wurde und was große Freuden da hingegangen sind mit Tunieren und Tänzen. Als nun dieser Span Hader, Zwist. verrichtet war, hat ihm der Graf mit Fleiß nachgedacht, wenn er länger mit seiner Tochter Hochzeit verziehen sollte, würde ihm etwa ein anderer Herr aufsätzig und möchte ihm nach seinem Leben stellen. Er hat also, sobald es ihm möglich war, alle Dinge, so dazu vonnöten, zugerüstet. Er hat in allen seinen Wäldern und Forsten befohlen zu jagen, das dann auch geschehen ist. Seine Untertanen und was von Adel gewesen haben sich mit ganzem Fleiß dazu geschickt, so daß in wenigen Tagen sehr viel Wildbret zusammenkam an seinem Hof. Auch haben sie sehr viel Geflügel von Fasanen, Haselhühnern, Feldhühnern, Pfauen, Auerhahnen und anderem dem Grafen überschickt. Als der Tag der Hochzeit kam, sind die, so dazu geladen gewesen, mit Haufen und ganz köstlich erschienen, samt Frauen und Jungfrauen. Da ward jeder nach seiner Würde und seinem Adel empfangen, und ward die Hochzeit mit großer Herrlichkeit angefangen. Keine Kosten wurden gespart, der Spielleute und Schalksnarren war eine große Summe, da wurden auch mancherlei Schauessen und Hofessen fürgetragen, von Fleisch und Fischen gar unzählbare Gerichte. Nachdem aber zu jeder Zeit der Imbiß vollbracht, wurden köstliche und zierliche Tänze gehalten. Dazu wurden vielerlei andere Kurzweilen angerichtet, als mit Turnieren, Rennen, Stechen, Ringen, Springen und andere Ritterspiele, den schönen Frauen und Jungfrauen zu gefallen. Die Hochzeit währte etliche Tage, und war da an keiner Freude noch Kurzweil ein Mangel. Als sie nun beendet war, fuhr jedermann wieder zu Haus. Angliana und Leufried aber lebten gar freundlich miteinander; denn Angliana befand sich kurz hernach schwanger, davon gar große Freude an dem ganzen Hof entstund, insonders bei Leufried und dem alten Grafen. Als sich nun eine gute Zeit verlaufen und Angliana gar nahe das halbe Ziel erreicht hatte, ist Leufried in gar großen Freuden gewesen und hat sehr oft an seine lieben Eltern gedacht, was große Freuden sie haben würden, wo ihnen seine Wohlfahrt zu wissen käme. Derhalben trachtete er Tag und Nacht, wie er zuwege bringen könne, daß er seinen Eltern alles melden möchte; ist also mit seinem lieben Gesellen zu Rate gegangen. Da hat ihm Walter zugesagt, in eigener Person heimzureiten, damit ihm alles nach seinem Willen möchte ausgerichtet werden. Also machte sich Walter auf, ritt den nächsten Weg heimwärts und vollbrachte in wenigen Tagen seine Reise. Da darf niemand fragen, was große Freuden Erich, dem Meier, und seinem Weib zugestanden sind, als sie vernommen haben, daß ihr Sohn mit so großem Glück umgeben war. Nicht minder hat auch der Kaufmann, des Walters Vater, und sein Weib Freude gehabt, haben sich auch endlich fürgenommen, Leufried selbst zu besuchen, wie denn auch kurz hernach geschehen ist. Wie Leufried sich viel Kurzweil nahm mit seinem Hündlein und dem Leuen Lotzmann und wie er einem Hirsch mit dem Leuen nacheilte, von welchem er in einem Schenkel verwundet ward. Als nun Leufried mit seiner liebsten Angliana in großen Freuden lebte, daneben in aller Gottesfurcht sich beflissen, suchte er oft in müßiger Zeit mit seinem Hund und Lotzmann, dem Leuen, Freude und Kurzweil in den lustigen grünen Wäldern, darin er manches Stück Hochwild aufspürte und erlegte. Eines Tages begab es sich, da Leufried glaubte, Angliana habe ihr Ziel schon erreicht, daß er sich täglich befliß, mit seinem Hund und Leuen das Hochwild in dem Wald zu suchen. Einstmals trieb sein Hund einen mächtigen Haupthirschen auf, dem setzte Lotzmann, der Leu, tapfer zu. Leufried sprang von seinem Pferd und zückte sein Schweinschwert, damit er den Leuen möchte entsetzen; denn er sorgte, der Hirsch möchte ihm Schaden fügen. Der Hirsch aber, sobald er das glänzende Schwert ersehen, hat sich eilends zu Leufried und gänzlich von dem Leuen gewendet und Leufried mit den vordersten Enden seines scharfen Geweihs dermaßen in seinem rechten Schenkel verwundet, daß er ganz heftig anfing zu bluten. Er ist behende von seinem Leuen gerächt worden, der ergriff den Hirsch ganz grimmig in einer Seite und riß ihm die gar weit auf, daß ihm sein Eingeweide zur Erde fiel und er eilends tot war. Leufried aber wurde von dem vielen Blut, so von ihm lief, ganz schwach; er setzte sich wieder zu Roß und ritt, wie er mochte, zu einem kühlen Brunnen, sich ein wenig mit frischem Wasser zu erquicken. Er stieg von seinem Pferde ab, schöpfte Wasser und tat einen frischen Trunk, kam wieder ein wenig zu sich selbst und verstopfte und verband seine Wunden mit guten heilsamen Kräutern. Wie Leufried von seinem Herrn, dem Kaufmann, und Waller bei einem Brunnen liegend gefunden ward. Indem begab es sich, daß sein Herr, der Kaufmann, samt seinem Sohn geritten kam und ebendie Straße durch den Wald nahm, wo der verwundete Leufried bei dem Brunnen lag, der jetzund schmerzenshalber nicht mehr stehen, reiten noch gehen konnte. Walter erkannte von Stund an seinen Gesellen, wußte aber nicht, daß es ihm so trübselig ergangen war, bis daß ihm Leufried alle Sachen eröffnete, was ihm mit dem Hirsch begegnet wäre. Er empfing seinen Herrn gar freundlich, konnte aber vor großen Schmerzen nicht mit ihm reiten, sondern bat Walter, sie beide sollten bald zu Hof reiten und verschaffen, daß ihm eine Roßbahre gebracht würde. Sie säumten sich nicht lange und ritten eilends zu Hof. Wie Angliana von dem Kaufmann und seinem Sohn Walter vernahm, daß Leufried von einem Hirschen tödlich verwundet war, und sie von Stund an in den Wald zu ihm lief. Das Geschrei kam eilends für Angliana, wie daß ihr liebster Gemahl Leufried heftig von einem Hirschen verwundet wäre und in dem Wald vor großen Schmerzen gar ohnmächtig läge. Darob empfing Angliana großen Schrecken, nahm viele gute und kräftige Latwergen und wollte niemanden erwarten, sondern eilte zu Fuß hinaus auf die Straße an den Brunnen. Allda fand sie Leufried in großer Ohnmacht liegen; denn er hatte sich gar hart verblutet. Angliana war mit großem Herzeleid umfangen; denn sie stand um ihren liebsten Herrn in großen Sorgen. Wie sehr sie ihn rief, so wollte er ihr gar keine Antwort geben; zuletzt kam ihm von ihrem steten Rufen sein verschwundener Geist wieder. Er blickte seine liebste Frau mit einem großen Seufzer an und sagte: »O du meine liebste Gemahl, wie schwach und kraftlos bin ich an meinem Herzen.« Angliana tröstete ihn, so gut sie konnte, sie erquickte ihn auch mit guten, kräftigen Konfekten, süßem Backwerk. so sie mit sich genommen. Indem kam auch sein Herr samt Walter mit einer Roßbahre und brachten einen Wundarzt mit sich, so ihm ernstlich das Blut stillte und darnach seine Wunden verband. Sie huben ihn dann auf die Roßbahre, Angliana setzte sich zu ihm hinauf und legte sein Haupt in ihren Schoß. Sobald sie nun zu Hof kamen, ist der alte Graf der Geschichte innegeworden, und als er eilends aus großem Schrecken eine Stiege hinablaufen wollte, sind ihm beide Füße ausgeglitten, und da er von Leib ein großer und schwerer Mann war, ist er gar hart die Stiege hinabgestürzt, also daß man ihn für tot von dannen trug, davon ein neues Leid zu Hof entstand. Der Graf ward von seinen Dienern in einen Saal getragen und auf sein Schlafbett gelegt. Alles, was möglich war, ward mit ihm versucht, aber gar umsonst. Da nun der Graf befand, daß sein Ende sich gar schnell herannahte, schickte er sich an, ganz christlich zu sterben, und ordnete seine Sachen zum besten, so er in solcher Zeit zuwege bringen mochte. Am dritten Tag aber verschied er ganz selig und ward mit großem Trauern und Klagen von den Seinen zur Erde bestattet und herzlich beweint. Es wurden aber solche Geschichten Leufried gar verhalten, bis er wieder seiner Wunden genesen würde. Wie Leufried großes Leid um seinen Schwieger trug und wie er nach seinen Eltern und Geschwistern schickte und der Kaufmann samt seinem Sohn wieder heimritt. Die gute Pflege und Wartung, so Leufried täglich bewiesen wurden, brachten ihn in kurzen Tagen wieder zu seinen verlorenen Kräften. Ehe er seiner empfangenen Wunden ganz genesen war, war ihm der Tod seines Schwiegers ganz verborgen, bis er auf einen Tag seine Hausfrau zur Rede setzte, welche Ursache doch verhinderte, daß der alte Herr ihn so gar nicht in seiner Krankheit besucht hätte. Von diesen Worten ward Angliana gar hart betrübt, fing an kläglich und bitterlich zu weinen und erzählte Leufried alles, was sich in der Zeit zugetragen hatte. Da Leufried solches vernahm, gehub er sich dermaßen übel, daß männiglich in Sorgen stunden, er würde in eine schwerere und größere Krankheit fallen, dann die vorher gewesen war, derhalben ihn der Kaufmann und sein Sohn, desgleichen Angliana trösteten, so gut sie mochten. Leufried aber klagte nicht mehr, als daß er ihn vor seinem Ende nicht noch einmal hatte sehen mögen. Zuletzt nahm er sich vor, nach seinem allerliebsten Vater zu schicken, desgleichen nach seiner Mutter, so noch mit etlichen seiner Geschwister auf vielgedachtem Meierhof in großer Arbeit ihre Nahrung gewinnen mußten. Darauf machte Leufried geschwind seine Ordnung, schickte zwei seiner vertrautesten Diener nach ihnen. Die kamen in kurzen Tagen dahin und richteten ihre Botschaft ganz fleißig aus, davon die zwei alten Menschen herzlich erfreut wurden. Sie verkauften eilends, was sie hatten, Vieh, Acker, Wiesen, Haus und Hof, und machten das alles zu barem Geld. Da fand der gute Erich erst, wie reich er war; denn er brachte eine ziemliche Barschaft zusammen, nahm Urlaub von seinen guten Freunden und Nachbarn und ritt mit großen Freuden mit seines Sohnes Dienern davon. Als sie nun zu Leufried kamen, sind sie gar freundlich von ihm und seiner Gemahlin empfangen worden, desgleichen von all seinem Hofgesinde. Kurz darnach kamen die Räte zusammen und sagten Leufried, dieweil der gute alte Herr also durch Unglück umgekommen wäre, sei es hoch vonnöten, daß er sich jetzt huldigen und schwören ließe, dieweil ihm die ganze Grafschaft von wegen seiner Gemahlin zugefallen wäre. Bald darnach ließ Leufried seine Ordnung geben in allen Flecken und Städten und setzte einem jeden seinen Tag an, auf welchen er kommen wollte, den Eid von ihnen zu empfangen; das dann in kurzen Tagen also vollzogen ward. Demnach ordnete Leufried zu Hof alle Sachen auf das allerbeste, gebot auch dem Hofgesinde, daß sie all insgemein seinem Vater und seiner Mutter Zucht und Ehre beweisen sollten, sie in keinem Weg desto geringer achten, darum daß sie einfältige Bauersleute wären; denn er hätte dennoch Fleisch und Blut von ihnen empfangen. Daß ihm aber Gott zu solchem hohen Stand geholfen, habe er ihm größlich zu danken; denn er hätte sonst auch in den Äckern seine Nahrung suchen müssen: »Aber Gott hat mich durch seine gnädige Fürsehung dahin kommen lassen, so daß ich meinen Eltern auch zustatten kommen mag. Des ich und ein jeder nach dem göttlichen Gesetz schuldig ist zu tun, so wir anders lange leben wollen in dem Land, so uns der Herr geben wird, wie er selber in den zehn Geboten verheißen hat.« Dies und anderes ward dem Hofgesinde fürgehalten, sie kamen auch solchem Befehl ganz geflissen nach. Auch ward Hirt Erich und sein Weib von Angliana in hohen Ehren gehalten, desgleichen von ihrem Sohn Leufried; denn er lebte in großen Freuden mit ihnen. Als nun der Kaufmann auf ein Vierteljahr bei ihnen gewesen war, nahm er samt seinem Sohn Urlaub von Leufried. Walter aber sagte ihm zu, in kurzer Zeit wieder bei ihm zu sein; denn es hatte Angliana eine schöne Jungfrau an dem Hof, so von gutem Adel geboren, aber sehr arm war. Derselbigen ward Walter sehr günstig und zeigte es seinem Gesellen Leufried an. Dieser gewann eine besonders große Freude hierdurch und sagte Walter, wann er wieder zu Land käme, wollte er ihm diese zu seiner Gemahlin geben und ihn darnach zu seinem Hofmeister annehmen; des Walter sehr wohl zufrieden war. Er ritt mit seinem Vater heim, säumte sich aber nicht lange und machte seine Ordnung, damit er bald wieder zu Leufried, seinem liebsten Bruder, kommen möchte. Da dies seine Eltern bemerkten, gedachten sie wohl, Walter wird nicht mehr von Leufried kommen. Deshalb nahmen sie sich gänzlich für, all ihr Gut, so sie hatten, zu barem Geld zu machen und in Leufrieds Grafschaft zu ziehen. Ihrem Sohn Walter sagten sie gar nichts davon, schrieben aber Leufried von diesem Anschlag, davon er nicht minder erfreut wurde, als da ihm seine liebsten Eltern zu Hause gekommen waren. Wie der Kaufmann samt seinem Weib zu Leufried gekommen und wie Walter die schöne Jungfrau zu seinem Weib nahm. Der Kaufmann besann sich nicht lange, brachte seine Sachen in Ordnung, und was er von Schulden nicht einziehen konnte, das befahl er einem seiner vertrauten Freunde, dem er eine Vollmacht zustellte. Als er sich ganz reisefertig gemacht, nahm er sein Weib und fuhr mit Freuden davon. Sie säumten sich gar nicht auf der Straße und kamen in gar kurzen Tagen zu ihrem liebsten Sohn und zu Leufried. Ihre Ankunft brachte ihnen allen große Freude, und ward eine Zeitlang zu Hof mit allerlei Kurzweil zugebracht. Bald darnach brachte Leufried die Sache dahin, daß Walter der schönen Jungfrau vermählt ward, jedoch mit Willen ihrer beider Eltern. Denn der Jungfrau Vater war sehr arm, aber von gutem Adel und Walter nicht so ein Geldnarr, wie man deren viele findet. Er begehrte allein einer frommen und züchtigen Tochter, die ward ihm nach seinem Wunsch und Willen beschert. Denn eine solche wird niemandem zuteil, sie werde ihm dann von Gott dem Herrn beschert, wie Salomon klärlich davon schreibt. Die Hochzeit ward mit großen Kosten gehalten, das alles aber richtete Leufried aus. Als nun die Hochzeit auch vergangen war, wie dann alle weltliche Freude ein Ende nimmt, setzte Leufried den Walter auf ein schönes Schloß, so ein gar großes Einkommen hatte, und gab es ihm zum Lehen. Seinen Herrn aber, Walters Vater, behielt er am Hof als seinen Hofmeister und geheimsten Rat. Denn er war ein sehr weiser Mann, dabei ganz gütig und ein Vater der Armen, darum er Leufried allezeit dahin wies, daß er seine Untertanen nicht hart beschwerte. Daraus erfolgte, daß er von allem seinem Landvolk gar in großen Ehren, lieb und wert gehalten ward. Gott wollte, man fände solcher Räte viel an den Fürsten- und Herrenhöfen, welche dem armen Völklein so geneigt und günstig wären. Aber man findet leider der Suppenfresser und Federklauber viel mehr, so die Herren reizen, ihre armen Schäflein zu scheren und den Armen die Haut gar über die Ohren zu ziehen. Ihr habt gehört, in welcher Gestalt Leufried sein Regiment anfing, auch daß er sonder weisen und guten Rat gar nichts handelte, derhalb ihm alle seine Handlungen glücklich und wohl ausgingen. Seine Eltern hielt er in großen Ehren. Den armen Leuten bewies er viel Gutes und teilte große Almosen aus, wo er sah, daß es die Notdurft erheischte. Was er in Gütigkeit abschaffen konnte, da vermied er mit allem Fleiß Zank und Hader. Zum Weidwerk hatte er besondere große Lust und Begierde, dazu ihm dann sein Leu und Hund wohl dienten. Friedsam und ganz freundlich lebten Angliana und Leufried miteinander, die Kinder, so ihnen Gott bescherte, zogen sie in großer Gottesfurcht auf. Darum ihnen zu beiden Seiten, Jungen und Alten, großes Glück zu Hand ging, bis sie Gott aus diesem Jammertal zu der ewigen Freude und Seligkeit berief, zu der alle die kommen werden, welche in dem Willen Gottes leben, denen will er die ewige Glorie geben. Dazu helfe uns Gott der Vater, Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist. Amen.   Hier endet der Goldfaden, zuerst an den Tag gegeben durch Georg Wickram von Colmar,              Straßburg,           bei J. Fröhlich, 1557.