Ernst Weiß Männer in der Nacht Erster Teil I Am Abend des 3. November 1838 bekam der Dichter Balzac durch die Hand seines alten Dieners François in seinem Landhaus von Les Jardies einen Brief von seinem Jugendfreund, dem Notar Sebastian Peytel in Belley. Balzac hielt eben nach zwölf Stunden ununterbrochener Arbeit inne; er zog seinen Atem tief, fast rasselnd ein, sein feistes, olivenfarbenes, rot getigertes Antlitz unter dem strotzenden, schwarzen, leicht angegrauten Haupthaar war von Schweiß bedeckt. Sein abwesender, großer Blick streifte über die noch kahlen, am Fußende grauen und feuchten Wände des Zimmers, den halb erloschenen, in die neue Mauer schlecht eingefügten, prächtigen alten Marmorkamin aus cipoliotischem, perlenfarben und blutfarben geädertem Gestein. Das Landhaus von Les Jardies war neu erbaut, nicht bezahlt und noch nicht ausgetrocknet, dennoch mußte es der Dichter bewohnen und konnte es kaum auf eine Stunde im Tage verlassen. Schon hatte Balzac seine volle Kraft wieder und wollte sich, mit einem wollüstigen Gefühl von Müdigkeit und sinnlichstem Verlangen zugleich, dem Schreiben wieder zuwenden, als er den Diener mit dem Briefe vor sich sah. Er mußte das wiederholte Klopfen und Rufen, womit dieser seinen Eintritt in das verbotene Zimmer entschuldigte, überhört haben. Nun hielt der Alte den bläulichen Umschlag mit den milchweißen Siegeln wie eine Hostie zwischen seinen Greisenhänden. Der Dichter überflog bloß die Aufschrift, der die Worte »Besonders eilig!« »Sehr dringend!« »Persönlich!« beigefügt waren. Da er aber, ohne seine Hände von den Manuskripten fortzunehmen, durch stummes Wegwenden seines mächtigen, löwenartigen Hauptes anzeigte, daß er durch nichts und durch niemand gestört sein wollte, legte der Diener, der sonst im Hause Gärtnerdienst versah, den Brief auf das Fensterbrett. Denn der Arbeitstisch war mit Papieren und Druckfahnen in einer dem Diener nicht verständlichen, aber deshalb nur um so heiligeren Ordnung bis an den Rand überladen. Die Abendsonne begann mit einem hingehauchten Bronzeton durch das dünne Papier hindurchzuschimmern. Der Dichter, nun doch aus der Ruhe und Sammlung gerissen, langte nach dem Briefe, wollte sich aber durch nichts in der begonnenen Arbeit, die ihn bis Mitternacht festhalten mußte, unterbrechen lassen. Um aber das Schreiben nicht aus den Augen zu verlieren (er war Peytel vor Jahren herzlich zugetan gewesen), lehnte er es an ein kleines, in goldenem Rahmen befindliches Porträt seiner schönen Geliebten, der Gräfin Hanska, und bedachte, daß er unter allen Umständen Zeit finden müsse, binnen jetzt und Mitternacht Peytels Brief zu lesen, zu beantworten und dann, sich selbst zur Freude, der geliebten Frau einen Brief zu schreiben. Denn in ihr lebte sein ganzes Leben. In diesem Augenblick bemerkte er, immer noch aufrecht stehend und seine großen, schwellend weißen Hände in die goldene Kette verstrickt, welche den Gürtel seiner Arbeitskutte bildete, daß der Brief des Notars, der sich dem geschliffenen Glas des Porträts angeschmiegt hatte und der bis zu dem kleinen, lindenblattförmigen Munde der polnischen Gräfin reichte, nun ebenso goldig durchwölkt schimmerte wie vorhin, als ihn der Diener an die Fensterscheibe bei Sonnenuntergang gelehnt hatte. Aber das Zimmer, der ihm immer noch fremde Raum, war jetzt sonderbar verändert. Nicht mehr Herbstnachmittag, sondern vor den Fenstern und auf dem wie eine Handfläche glatten Gartengelände dunkelste Nacht. Der tiefe Absturz, der bis zu den Schluchten von Sèvres steil abfiel, in völlige Schwärze getaucht. Der einzige Baum des Gartens nicht mehr zu erkennen. Nur ein rötliches Licht am Eisenbahnübergang nach Versailles, sehr fern – und hier: eine Kerze auf silbernem Leuchter auf dem Tisch, die handschriftlichen Blätter auf der einen Seite, die Druckfahnen auf der andern Seite des Leuchterfußes vorsichtig aufgeschichtet und nicht in ihrer Ordnung verrückt. Links von ihm der alte Diener, in seinen abgenutzten, gelbgrünen, nur bis zu den vorstehenden dürren Knien reichenden Gärtnerkittel gehüllt, wie er den zweiten Silberleuchter in der hoch erhobenen, festen, derbknochigen Hand hält und dem Herrn in solcher Ruhe leuchtet, daß die Kerze nicht flackert. Um vier Uhr nachmittags ging die Sonne unter. Um vier Uhr hatte er den Brief erhalten. Nun mußte es sechs Uhr geworden sein; zwei Stunden war er, ohne sich von der Stelle zu rühren, abwesend gewesen. Er mußte im Stehen geschlafen haben, den Blick geöffnet und nicht im mindesten von dem fremden Briefe, der jetzt im Kerzenschimmer wie vorhin im Herbstsonnenschein mattgolden glänzte, abgewandt. II Balzac öffnete den Brief, der von der Hand Charles Lablanches, eines ihm unbekannten Rechtsanwaltes aus Belley im Departement de l'Ain, stammte, und erfuhr durch die ersten Zeilen, daß der Brief auf die Bitte seines lieben Jugendfreundes Peytel geschrieben war. Die Schrift war eng, wie gestochen. Sie bezeugte, daß der Rechtsanwalt erst seit kurzem in seinem Gewerbe tätig war. Balzac selbst hatte zwischen seinem sechzehnten bis zwanzigsten Lebensjahre als Clerk in einem Notariatsbureau gearbeitet und wußte, daß die Schrift eines Rechtsmenschen sich schon in den ersten Jahren seiner beruflichen Tätigkeit so abnützt wie seine Schuhe oder sein Herz. Hier aber sprach eine unverdorbene, wohlmeinende, wenn auch etwas eitle Sinnesart, und was Lablanche in diesen feinen, leicht verschnörkelten Linienzügen von sich selbst und seiner Stellung zu Peytel aussagte, mußte für Lablanche einnehmen. Peytel war eines todeswürdigen Verbrechens peinlich angeklagt. Man hatte ihn vor einigen Tagen (wieviel Tagen, war nicht deutlich ersichtlich) verhaftet, man hielt ihn allgemein für schuldig, auch Lablanche glaubte an Peytels Unschuld nicht. Der Angeklagte wehrte sich, von der ersten Stunde der Haft angefangen, gegen andere oder gegen sich; denn wozu hätte man ihm sonst Handschellen angelegt? Der Notar Peytel hatte vor kurzem geheiratet und sich dann in Belley in Südfrankreich niedergelassen. Er besaß einen eigenen, schönen Wagen. Sein Diener Louis Rey lenkte das Gefährt, als sich der Notar mit seiner jungen Frau Felice Ende Oktober auf eine Vergnügungsreise nach Macon begab. Gegen zwei Uhr morgens, am ersten November, wurden die Einwohner des Städtchens Belley durch Lärmen, Pochen, Geschrei erweckt. Peytel war es, der zurückgekommen war. Er pochte an allen Türen, teils mit eisernen Türklopfern, teils indem er, durch die engen, krummen Straßen laufend, Kiesel auflas und, ohne dabei seinen Lauf und sein fast unartikuliertes Geschrei zu unterbrechen, die Steine gegen die verschlossenen Türen, an die hölzernen Fensterläden, an die nachtschwarzen Mauern warf. Der Schlaf einer kleinen Stadt ist fest. Auch war Lärm nachts nichts Ungewohntes, da der Postwagen von Lyon mit großem Gepolter, das dem Geprassel von Steinen nicht unähnlich klingt, achtspännig der hohen Steigung wegen bespannt, täglich gegen Morgen den kleinen Ort passierte. Trotzdem wurde dem Notar Peytel nach sehr kurzer Zeit geöffnet. Der junge Anwalt Lablanche war es, der den Notar in seinen Armen auffing. Aber der Notar war von einer so furchtbaren körperlichen und seelischen Aufregung ergriffen, daß er seinen Bekannten nicht erkennen konnte oder wollte. Peytel schrie: »Alle Ärzte zu Hilfe! Alle zu Hilf! Alle Ärzte zu Hilfe!« Aber nicht, wem zu Hilfe. Noch auch den Weg, den die Ärzte zu nehmen hätten, oder die Mittel und Werkzeuge, die sie mitbringen sollten, sondern bloß das eintönige, fast tierische, schauderhafte Gebrüll und sinnlose Rufen nach Hilfe. Der Anwalt und einige herbeigeeilte Bürger, in Nachtmütze und gestrickte Kamisole gehüllt, zitternd vor Kälte, in dem Nebel vermummt, der eben einem sehr starken Regen gefolgt war, die Hände bebend um flackernde Kerzen gespannt, alle umstanden den schreienden Notar. Er war ein starker, hoher, etwa fünfunddreißigjähriger Mann. Er trug einen Radmantel mit vielen Kragen, dessen Stoff sich unter den krampfhaften Bewegungen spannte und bauschte. Er wurde nicht müde, nach Ärzten zu rufen, ohne den Menschen zu nennen, dem diese Hilfe gelten sollte. Dann erscholl wieder sein fast tierisches Geheul, das, man weiß es nicht, entweder einem tiefen, für Menschen kaum noch erträglichen Kummer oder aber einem plötzlich ausgebrochenen unheilbaren Wahnsinn entspringen mußte. Aber wie das, da man den Notar doch als vernünftigen, erwerbstüchtigen, gemäßigten Mann kennt, der sogar Beziehungen zum Bischof unterhält? Den Eindruck des Natürlichen macht er nicht. Denn wer sollte von einem klugen, gebildeten Rechtsmenschen das Geheul eines angeschossenen Ebers erwarten, wenn ein solcher sich vor Schmerzen im Eichenlaub wälzt und sein Eberhaupt unter dem Laube zu verbergen sucht, wie gerade jetzt der Notar seinen entblößten Kopf mit den spitzen, weißen, vorstehenden Zähnen in den vielen erdbraunen Kragen seines Mantels? Endlich bringt man Peytel zur Polizeiwache, die sich der Kirche gegenüber befindet. Im Vorraum der Amtsstube bricht der Mann zusammen. Sein Kopf, seine Haare triefen vom Regen, das sieht man jetzt im Lampenschein der Kanzlei. Er mußte dem Wetter lange ausgesetzt gewesen sein. Die Hände sind blau von Kälte und zittern, aber es gibt kein Blut. Das düster funkelnde, gelblichgrüne, tiefe Auge weit aufgerissen und dabei doch ohne Ausdruck, ohne menschlichen Ausdruck wenigstens. Die Lippen, sehr stark gefärbt, zucken, wollen sich schließen und können es nicht. So stammelt er Worte, die ihm wider Willen zu entfließen scheinen, die er rasch noch einmal auffangen möchte und vor denen es ihm graut, ihm und den andern, die ihn umgeben. Nach und nach weichen sie aus seiner engsten Nähe. Sehr schwer sind die ersten Sätze in ihrem Zusammenhange verständlich. Dann aber werden sie deutlicher und müssen es sein. III Daß ein großes Unglück dem Notar begegnet, wird schon vor seiner Erzählung allen klar. Die Frauen, von denen einige ältere sich mit den Männern in die Amtsstube geschlichen haben, beginnen zu weinen, ohne zu wissen, warum. So berichtet Lablanche in seinem langen, mit äußerst feiner Schrift geschriebenen Briefe. Nicht ohne Grund hat Lablanche in den ersten Worten schon den großen Dichter Balzac so ehrfurchtsvoll begrüßt. Auch er, Lablanche, schreibt gern, und wie der Brief mit seiner genauen Schilderung bezeugt, nicht ohne Können und vor allem nicht ohne Schule, die er dem Meister Balzac verdankt. Nun der Bericht: Die Gattin, die Peytel abwechselnd »meine Frau«, dann »Felice« oder »die Alcazar« nennt, liegt hingestreckt im Reisewagen. Ernsthaft, schwer verwundet. Der Reisewagen hält an der letzten Kehre der Straße, beim Meilenstein vor Belley. Kurz nach dem Passieren der kleinen Brücke hat der schändliche Diener, Louis Rey, nach der Alcazar geschossen. Er, der Notar, hat in der ersten Wut, seiner Sinne nicht mächtig, den Mord durch gerechte Strafe gerächt. Auch den Louis Rey werde man ohne Leben am Wege finden. Kaum waren diese Worte, mit größerer Deutlichkeit und klarerer Bestimmtheit, als man sie dem tobenden Eber anfangs zugetraut hätte, heraus, als alle Anwesenden, die Frauen voran, durch die schmale, einflügelige Tür des Amtslokals sich drängen, um draußen laufend, an jeder Ecke um andere Neugierige vermehrt, die engen, krummen Straßen zu erfüllen. Sie werden geführt vom eilig dahinschießenden Notar, den von der einen Seite der Anwalt Lablanche, von der andern Seite der Bürgermeister stützt, indem sie seine scheinbar ganz erstarrten Hände durch die Falten des dicken Radmantels hindurch beim Laufen festhalten. So stürmt in immer beschleunigter Eile der Zug durch die Straßen. Der Morgenfrühschein erhellt die Häuser. Es geht bergauf, die Menschen rennen und keuchen. Auch Kinder haben sich eingeschlichen. Pferde hört man wiehern, und wirklich, keine tausend Schritt vor dem Orte steht der Wagen auf der Straße. Die Pferde halten ruhig, es sind derbe, erbsenbraune, gut genährte, stramme Tiere. Das eine scheint, den Kopf tief gesenkt, zu schlafen. Das andere reibt, vielleicht aus Hunger, sein halbgeöffnetes blaßrotes Maul an dem Geschirr, das man schon von weitem mit hellrotem Blute beschmutzt erkennt. Der Gaul versucht, sich von Kinnkette und Nasenriemen freizumachen, schlägt dazu mit dem buschigen Schweif, schon hebt und weitet das Pferd die Brust, um aufzuwiehern wie vorhin, aber angesichts der zahllosen Menschen scheint ihm der Mut dazu zu fehlen. So zittert es bloß mit der feinen, nassen Haut des Rückens und der Flanken. Kann denn die blöde Kreatur Gottes das Menschenblut wittern und davor zurückschaudern? Das übersteigt doch, was man an Vernunft diesen seelenlosen Geschöpfen zutrauen kann. Die junge Frau, ein zwanzigjähriges, blühendes Wesen, liegt, auf ihrer veilchenfarbenen, verknüllten und feuchtigkeitsgetränkten Seidenmantille gebettet, tief in dem Fuhrwerk. Ohne Zeichen des Lebens. Ihr ganzer Körper trieft vor Nässe, als schwämme er in Wasser. Und Wasser ist es auch. Nicht Blut oder doch nicht Blut allein. Das furchtbarste ist ihr ganz zerbrochenes Gesicht. Das Verdeck der Kutsche ist herabgelassen, man sieht das volle, regungslose Gesicht, das trotz der offenen Knochenhöhlen einen menschlichen Ausdruck bewahrt hat. Um den üppigen und dabei doch zarten Hals ist ein kleines goldenes Kettchen geschlungen. Die Gesichtsfarbe ist wie von der Sonne verbrannt, das kommt von dem Kreolenblut, das die Tote in ihren Adern führte. Ihre schönen Augen waren Kreolenaugen von einem besonders warmen, zärtlichen Braun, doch sind sie jetzt geschlossen. Weit waren die Augenbrauen geschwungen und sehr reich gewachsen. Nun scheinen sie verbrannt, in Zunder aufgelöst. Man könnte die einst so schöne Frau nicht erkennen, wüßte man nicht, wer sie ist. Ihre Beine, schlank und doch voll, sind fast nackt. Es stürmt in den Bäumen. Man müßte kein Mensch sein, wenn nicht dieser Anblick unter dem kalten, stürmischen Himmel jedem ans Herz griffe. Zwischen ihren Strümpfen und den zusammengerafften, dreifach übereinandergeschlagenen Röcken gleißt die feine Haut. Die schreckliche Wunde im Gesicht blutet leise. Dazu beginnt milder Regen, in dem totenähnlichen Schweigen der ungeheuren Menschenmassen ringsum deutlich hörbar, vom grauen Himmel herabzutröpfeln. Kein Wunder, wenn die Frauen, die sich halb aus Mitleid, halb aus Neugier um den Wagen geschart haben und von denen einige besonders fürwitzige das Verdeck des Wagens herabließen, im Anblick dieser stillen Blutströme nun kreischend den Schauplatz verlassen. Haben denn diese Blutströme nie zu rinnen aufgehört seit der Stunde des Verbrechens? Oder haben sie jetzt im letzten Augenblick zu rinnen erst begonnen, als der Mörder, Peytel, in ihre Nähe trat? Der Postwagen kommt rasselnd die Höhe herab. Die Peitschen knallen, die Bremsen kreischen. Doch man winkt ihm rechtzeitig, und er hält. Der Postillion untersagt den Fahrgästen, den Wagen zu verlassen. Auch schlafen noch die meisten. Inzwischen sind die Weiber bereits in der Nähe der Stadt. Noch haben sie, aneinander dicht gedrängt wie Hühner im Platzregen, zu kreischen nicht aufgehört. Sie haben im schnellen Laufe ihre Röcke hochgehoben und zeigen zwischen den hellen Strümpfen und dem dunklen, nassen Rockrande schmale Streifen silbernen Fleisches. Bloß Männer umstehen jetzt den Wagen. Der Maire zur Rechten, der Anwalt, ich, zur Linken des im Morgenfrost zitternden Gatten. Und ich flüstere, was alle fühlen: »Arme kleine Frau!« Vor uns dreien, sehr groß, der Polizeikommissar. Er rührt sich nicht von der Stelle. Aber der Gatte will, während er weit ausatmend seufzt und die weißen, schönen, starken, vorstehenden Zähne entblößt, die Hände durch die Falten des Radmantels hindurch von der Stütze oder der Fesselung durch uns freimachen, um nur schnell zu dem Arzte hinzueilen, der im Hintergrunde dieser Gruppe steht, er, eine fast ebenso hohe Gestalt wie der Polizeikommissar. Der Arzt sagt mit kalter Stimme, ohne mehr als einen einzigen flüchtigen Blick auf die Frau zu werfen: »Alle Hilfe kommt zu spät« – wobei er zögernd und in Gedanken hinzufügt: »hier.« Auf dem Erdboden, unter einer schweren, regengetränkten Decke, liegt noch ein totes Geschöpf, der Diener, und unweit von ihm seine Peitsche. Zwischen ihm und dem Wagen stehen zwei einfach gekleidete Männer: der Schmied und sein Sohn; sie blicken still, aber mit vielsagender Miene umher, als wüßten sie noch viel. Der Notar regt sich, er bäumt sich hoch auf. Will der Gatte dem Arzte zu Füßen fallen, ihn anflehen, sein kaltes Wort selbst Lügen zu strafen und doch noch einen Versuch zur Rettung und Belebung der vielleicht nur scheintoten Frau zu unternehmen? Oder will der Notar, von dessen fleischigen, tief roten, wie Korallen purpurn gefärbten Lippen sich nun ein langgezogenes Zischen loslöst, den Namen der oft und oft liebkosten Frau noch einmal formen und kann es nicht? IV Der Dichter ist mit der ersten Seite des Briefes zu Ende. Der Diener hat ihn längst verlassen, die Kerze, die er gehalten, steht, bis zur Mitte herabgebrannt, auf dem Marmorkamin. Noch spielt Balzac mit dem Briefumschlag, nähert sich, den Brief entfaltet in der Linken, der Feuerstelle, befühlt mit seinen breiten Daumen die milchweißen, glatten Siegel. Er möchte den Brief gerne vernichten, statt ihn zu Ende zu lesen, doch wagt er es nicht und verbrennt bloß die Hülle im Kamin, wobei die Siegel aufprasseln und aromatisch duften. Er setzt sich an den Tisch, den er mit dem Briefe wie mit einem Tischtuche zum Speisen deckt. Er gönnt sich weder Essen noch Schlaf. Schwer aufatmend erhebt er sich nochmals, nimmt das Bild der Gräfin fort, stellt es vorerst an den Kamin, dann aber, um ihren Blick nicht im Rücken zu haben, lehnt er es an die Fensterscheibe. Draußen ist völlige Nacht, totenstill. Er würde gerne schlafen, ruhen, sich an traumlosem Schlummer sättigen. Er ist gewohnt, von sechs Uhr abends bis zwölf Uhr zu schlafen. Nun kann er es nicht. Peytel wird, so berichtet der Brief, zum ersten Male verhört und erklärt folgendes: »Wir verließen am 31. Oktober Macon, es war elf Uhr morgens. In Bourg sind wir angekommen um fünf Uhr abends. Wir waren auf dem Rückwege. Ich hatte eine wichtige Nachricht erfahren, nichts Persönliches, eine Angelegenheit geschäftlicher Natur. Im Gasthofe ›Zur silbernen Sonne‹ haben wir unsere Mahlzeit eingenommen, um sieben machten wir uns auf den Weg, um die Nacht durchzufahren, denn am nächsten Tage, einem Feiertage, mußten wir zu Hause sein. Wir kamen durch Roussillon. Felice und ich saßen im Wagen, vor uns der Diener, der meine Pferde lenkte. Die Wolken standen schon am späten Nachmittag sehr dunkel am Himmel. Meine Frau, aus den Staaten gebürtig, eine Kreolin, war sehr empfindlich gegen Kälte. Der Regen begann zu tröpfeln. Wir passierten Fontenay. Hier geht der Weg vorbei, Sie wissen, vorerst an einem kleinen See. Die Straße hat hier weder Geländer noch Prellsteine am Rande. Schon auf dem Hinwege hatte die Alcazar Angst. Doch gehen meine Pferde, alte, aber noch starke Tiere, vollkommen sicher, sie kennen den Weg, der Diener auch. »Keine Angst!« sag' ich jetzt. Ich erinnere mich, auf der Hinreise habe ich Felice an dieser Stelle, leicht und zart, wie sie ist, mit meinen Armen aus dem Wagen herausgehoben. Von oben sieht sie, während sie ein wollüstiges und furchtsames, girrendes Lachen nicht unterdrücken kann (ich habe es noch in den Ohren), erst den smaragdfarbenen See, dann weiter in den tiefen grünen Kessel der Berge, wo unter weißem Schaum der Sturzbach rauscht. Die Frau kennt ja Angst nicht, wenn ich bei ihr bin, auch der Diener nicht, der sich, seiner sonstigen mürrischen Gewohnheit entgegen, diensteifrig umwendet und vom Bocke aus fragt, ob er nicht lieber aussteigen und die Pferde bis zu der kleinen Brücke am Zügel führen soll. Vergessen Sie nicht, das war auf dem Hinwege und vom Diener schlau bedacht. Denn hier hat er auf der Rückreise seinen teuflischen Plan ins Werk gesetzt. »Recht so!« sag' ich, er springt hinab und geht zu Fuß nebenher. Das war am Dienstag. Ich wollte der Alcazar die Zügel geben, doch wagt sie es nicht, sie zu nehmen, sie schmiegt sich tiefer in ihre blaue Mantille, nur ihr Gesicht läßt sie von der schönen Sonne bescheinen und lacht mich an, während ich kutschiere. Nun sind wir auf dem Heimwege; der Regen gießt in Strömen, wir sehen euren Kirchturm tief unter uns, der Wagen kreischt in den Federn, die Räder knarren, und das ganze Gefährt zittert, da man des hohen Abfalls wegen die Sperrketten eingelegt hat. Der Regen gießt, der Wind schlägt von der Seite herunter und in den Wagen hinein. Louis Rey hebt die Peitsche über dem Handpferd.»Vorsicht!« rufe ich. »Es dauert nicht mehr lange! Sachte voraus! Besser, du kommst herunter, führst die Pferde im Schritt!« Wir zittern im Wagen, der sich kaum vom Schleudern abhalten läßt, da die Sperrkette im Regen glitscht, die Alcazar liegt dicht an mich geschmiegt, hier zwischen dem ersten und zweiten Blatte meines Mantelkragens.« Er zeigt es deutlich, indem er mit beiden Fäusten den Kopf eines Menschen nachbildet. »Hier ist sie, ich fühle es noch, sie schläft und haucht mich mit ihrem warmen Atem an. Auch ich muß wie schlafbetäubt gewesen sein. Plötzlich höre ich den Knall einer Pistole. Das Aufblitzen des Pulvers habe ich gerade noch, wie ein kleines Feuer im Regen, blau glitzern sehen. Meine Frau schreit auf, während sie den Kopf aus meinem Mantel reißt, oder hat sie den Kopf schon vorher aufgerichtet und weggewendet? Vielleicht da, in dem Augenblick, als ich dem Diener den Befehl gab, herabzusteigen? Sie schreit auf: »Ach, mein armer Mann, nimm deine Pistolen, schnell!« Jetzt wird das Handpferd unruhig. Ich sehe, wie es ausschlägt, wie es mit seinem dicken, nassen Schweif um sich peitscht und die Laternenscheiben zertrümmern will, der Wagen springt klirrend förmlich zur Seite, nun geht es schnell und schneller, der Sperrhaken muß sich gelöst haben, wir rollen den steilen Abhang hinab, ohne Brüstung, ohne Geländer, wir hören den Wind sausen um unsere Ohren, der Kutschbock ist leer, der Mörder wird sich wohl unter dem Vordach verborgen halten oder wird herabgesprungen sein; ich reiße die Pistole aus der Tasche des Wagens, geladen ist sie noch vom vorigen Abend her, auch ein Hammer kommt mir unversehens unter die Hände. Er lag bei dem Gelde, das ich mitführte, in Gold, in sieben schweren Säcken. Ich sehe jetzt eine Gestalt nebenher am Wege laufen, über die Gebüsche springen, die am Straßenende gepflanzt sind, es ist trüb, unsichtig, der Regen strömt, der Sturm heult, ich halte mit der Pistole auf den geldgierigen Diener zu und schieße. Noch weiß ich nicht, warum, wo bleibt die klare Besinnung in solch einem Augenblick? Ich habe nicht das Einschlagen seiner Kugel gehört, ich habe nicht gemerkt, daß Felice getroffen ist, und doch weiß ich es. Was ein Mensch jetzt fühlt, kann ich nicht beschreiben.« Man labt den Notar, und er fährt fort: »Der Wagen, an der Wende der Straße angekommen und mit den Rädern ins dürre Gestrüpp verwickelt, fährt langsamer, ich komme über die Gebüsche hin an den keuchenden, dampfenden Rossen vorbei, ich renne aus Leibeskräften dem fliehenden Diener nach. Fast ist mir, als ob die Frau, mit den bloßen Händen ihr Kleid aufschürzend, von der andern Seite aus dem Wagen springt und sich, nun eher wimmernd als schreiend, im Nebel hinter dem Felsen verbirgt. Mich hält es nicht mehr, ich jage dem Elenden nach, aber meine Hand ist nicht ruhig, ich fehle den Raubmörder wie das erste Mal. Wütend fliege, stürze ich über ihn her, versetze ihm von rückwärts einen Schlag mit dem Hammer. Der Getroffene windet sich wie eine Natter, die man schlägt, er hebt seine Pistole, ich aber, schneller als er, der mich aus großen Augen halb teuflisch, halb entsetzt anglotzt, haue mit dem Hammer die alte Stelle, und im gleichen Augenblick wie die entgleitende Waffe, die hell auf die nackten Steine niederklirrt, fällt der Rey zusammen, der Mörder, sein Gesicht vergräbt er im Schlamme, seine gelockten, eitel glänzenden, schwarzen Haare breiten sich rings um sein Haupt aus. Er atmet wohl nicht mehr. Er ist still. Kein Blut zu sehen.« V Peytel fährt nach einer Pause fort: »Ich rufe meine Frau, ich schreie: Felice, Liebste, Felicia, zu mir! Keine Antwort, die Straße leer, verlassen, Nacht und Finsternis. Ich den Weg an der Wende herauf und herab, endlich bis zur Brücke, hier liegt sie im Wasser, Felice, meine Frau. Wie kam sie her? Warum? Um zu trinken? Sich die Wunden zu waschen? Kalt, erstarrt, ohne ein Zeichen des Lebens. Das Gesicht zerrissen, voll Blut, nicht zu beschreiben. Mit allen Kräften ziehe ich sie zu mir, ihre Röcke, ihre blaue Seidenmantille wollen nicht mit. Die Kleider gleiten, von der Feuchtigkeit schwer wie Blei, bis zu ihren Hüften, ich kann nichts ordnen, nur zurück! Nur zu Hilfe! Ins Leben, wie nur immer!« »Das kann nicht wahr sein«, schreibt hier der Anwalt Lablanche an den Rand. »Ich spreche, ich rede ihr zu, nur das Erschrecken hat sie fortgetrieben, die Furcht, wer weiß es, der Schuß hat sie betäubt, die Augenwimpern sind versengt, ich sehe es trotz der Finsternis, die Augenbrauen sind nur feuchter Staub, es ist Nacht, es ist Sturm und viel Gewitter am Himmel, ich fasse ihr ins Gesicht, ich greife ins Leere. Wäre es doch einen Tag zuvor oder eine Stunde nur! Ich rede sie an: ›Liebste, einen Augenblick nur hebe den Kopf, sieh mich an, hörst du mich nicht? Kann es denn sein?‹ Ich halte sie umschlungen, sie ist schwer, schwerer als sonst Menschen sind, gerade als ob sie sich mit Gewalt auf den Rücken legte, wie wenn sie mich mit aller Gewalt zu sich auf ihre Brust zöge. Ich falle nieder, wir rollen verschlungen ins Wasser, wir gleiten auf dem spitzen Geröll bis in den eiskalten Bach, mit der letzten Kraft reiße ich sie ans Ufer zurück. Hier hocke ich, keuche, blicke sie an, knöpfe ihr Kleid an der Brust auf – alles ist von dem Eiswasser so versteinert. In der Nähe muß ein Haus sein, auf dem Hinwege erblickte ich es. Ich stürze nach der Hütte, ich klopfe und rufe. ›Wer ist's?‹ ›Peytel‹, sage ich, ›der Notar.‹ ›Was gibt es?‹ ›Meine Frau ist verunglückt. Der Diener hat geschossen.‹ ›Wer da?‹ ruft die Stimme eines andern Mannes. ›Um Christi willen, nur heraus, meine Frau ist verwundet, ich bin es, der neue Notar.‹ Endlich kommen sie beide, Vater und Sohn, sie fragen: ›Wo?‹ Ich habe die Kraft nicht, stumm deute ich hinunter, dorthin, wo die Alcazar liegt. Die beiden finden den Körper: ›Die Dame ist nicht mehr!‹ ruft der Alte, indem er beide Hände wie Schalltrichter an seinen Mund legt. Sein weißer Bart rüttelt im Winde. ›Keine Hilfe? Keine?‹ schreie ich. Sie bringen Felice auf den Händen getragen. Ich kann sie nicht sehen, es ist zu furchtbar. ›Nicht zu hart!‹ rufe ich, als ihr kleiner Schuh beim Hinlegen an das Trittbrett des Wagens stößt. (Diese Äußerung hat Peytel nicht getan, bezeugen die Schmiede.) Sie führen, Vater und Sohn, den Wagen mit den Pferden zurück, sie haben die Frau der Länge nach darin gebettet. So hat das Gericht sie gefunden. Sie wollen nicht mit. Der Regen gießt. Ich sitze im Wagen, den Kopf der Frau lege ich auf meine Knie. Sie reichen mir die Zügel. Sie haben die Riemen in einen Knoten geschürzt, da ich mit der linken Hand kutschieren, mit der andern die leidende Frau stützen muß. Ich ergreife die Riemen, ich fahre behutsam die Wende hinab, der Stadt zu. Am Wege habe ich etwas gesehen. Ist es ein Sack? Ein Degen? Ein Sack mit Gold? Des Dieners Peitsche war es. Jetzt scheut das Handpferd. Es hebt sich im Geschirr. Das Gefährt schwankt, das Köpfchen meiner Frau sinkt herab. Die Laternen müssen erloschen sein im Sturm. Hinter mir kommen Schritte, es sind die Schmiede, die mich doch nicht verlassen wollen. Sie packen das böse Pferd bei der Kinnkette. ›Ein toter Mann liegt am Wege‹, schreit der Jüngere. ›Ich weiß es, ich weiß!‹ ruf' ich. ›Nur zu!‹ und hebe die Peitsche, die ich von dem Älteren bekommen und zwischen meinen Knien festgehalten habe. ›Jesus Maria!‹ heult der Alte. ›Der Wagen soll nur über ihn weg! Hinüber!‹ Aber die andern lassen es nicht zu. ›Man soll Tote nicht schlagen‹, meint der Alte. Ich lasse die Peitsche fallen, man hat sie neben ihm, dem ungetreuen Knecht gefunden.« Hier bricht das Verhör ab. Der Notar zeigt furchtbare Aufregung, will zu seiner Frau, er will sich von den umgebenden Gerichtspersonen freimachen, schlägt um sich und schreit. Da man Gewalttätigkeiten befürchtet, legt man ihm Handschellen an. Die Leute aus dem Orte, besonders die Frauen, waren furchtbar aufgebracht, sie drohten und rotteten sich vor dem Gerichtsorte zusammen. Zum Schlusse: Balzac wäre Peytels bester, sein einziger Freund. Peytel bitte um Balzacs Hilfe durch den Mund Lablanches, der ehrfurchtsvoll den großen Meister grüßte. VI Was der Dichter will: das Geschehene ungeschehen machen, das Fürchterliche, eben Erlebte vergessen – beides ist unmöglich. Vergebens läutet er jetzt seinem treuen François, der ihm ohne weitere Weisung eine kupferne Kanne mit stärkstem türkischem Kaffee bringt, wie es Balzac um Mitternacht gewohnt ist. Vergebens, daß der Dichter seine breiten Hände vor sein glühendes Gesicht legt, um sich in Dunkel zu hüllen. Vergebens, daß er, um näher, inniger zu sich und seinem Werk zurückzukehren, sich lange in dem geschliffenen Glase des Porträts wie in einem richtigen Spiegel betrachtet. Er sieht seinen gewaltigen Schädel, die schwarzen, schwer gelockten Haare, mit grauen Strähnen schon vermengt, aber noch hart wie Roßhaar, blank wie Indianerhaar in der herrlichen Freiheit Amerikas, die einem Balzac nie beschieden ist. Sein Hals, wie er aus dem offenen Arbeitshemd und aus dem Silberschimmer der seidenen Kutte auftaucht, ist licht, faltenlos, rund wie eine Marmorsäule oder wie der Hals der geliebten Hanska. Ausgewölbt und breit im Bogen, von düsteren Falten quer durchzogen die Stirne. Die Wangen voll, olivenfarbig, mit roten Flecken getigert, die Nase eckig und hart. Eine tiefe Falte um den Mund, schräg herab. Fleischig, sinnlich und schelmisch zugleich sind die Lippen unter dem hängenden buschigen Barte. Jetzt erblickt der Dichter seine Augen, braun, von goldenen Funken gesprenkelt wie die eines Luchses, aber scharf, ohne Ermüden selbst jetzt nach dieser schweren Nacht. Sein Wille, der sich in dem machtvollen, aufwärts gerichteten Kinn ausspricht, ist nicht zu brechen. Ruhig, massig, unerschütterlich steht der Dichter da. Sein Plan ist gefaßt, die Entscheidung für Peytel gefallen. Er wird, da er Peytel nicht vergessen, das Erlebte nicht auslöschen kann, dem Unschuldigen helfen, am nächsten Morgen nach Paris fahren, seinen früheren Chef, den Notar Marville, aufsuchen, damit er für Peytel plädiere. Jetzt kann Balzac bis zum Morgen arbeiten. Er ist sehr glücklich in seiner Arbeit. Gegen 5 Uhr sammelt er sich zu einem Briefe an die Gräfin Hanska. Von Peytel will er schweigen und der sehr geliebten Frau die schrecklichen Bilder ersparen. Dies der Brief:   Les Jardies, 4. November 38 Seit ich Ihnen zuletzt geschrieben, habe ich wie ein Rasender gearbeitet. Denn in diesen letzten Jahren gilt es siegen oder in unfruchtbarem Erfolg ersticken. Ich hatte für die »Presse« den Anfang der »Torpille« geschrieben, aber die »Presse« wollte es nicht. Ich habe den Anfang vom »Landpfarrer« geschrieben, das religiöse Gegenstück zu dem philosophischen Buch »Der Landarzt«. Ich habe das Vorwort zu den beiden demnächst erscheinenden Bänden, welche »Die ausgezeichnete Frau«, das »Haus Nucingen« und »Die Torpille« enthalten, verfaßt. Ich habe soeben die zwei Oktavbände »Wer Land hat, hat Krieg« vollendet, ferner für den Constitutionel den Schluß vom »Antiquitätenkabinett« unter dem Titel »Provinzrivalitäten« geschrieben. Nicht wahr, Sie verstehen, daß ich Ihnen unter dieser Lawine von Ideen und Arbeiten keine zwei Zeilen schreiben konnte? Wenn Sie wüßten, daß meine Verleger mir kein Geld geben wollen, daß ich drauf und dran bin, das Geschäft mit ihnen rückgängig zu machen, daß ich, um es rückgängig zu machen, 50 000 Franken brauche, daß aber im ganzen Buchhandel keine 50 000 aufzutreiben sind und daß, nachdem ich geglaubt habe, mein Leben sei nun in ruhige und glatte Bahnen gekommen, es mehr denn je gefährdet ist. Sie können ja nicht wissen, wie ein derartig ausgefülltes literarisches Leben wie das meine aus der Nähe aussieht. Was man Ihnen auch über mein Schreiben sagen mag oder was Sie davon halten mögen, seien Sie überzeugt, daß ich Tag und Nacht arbeite. Daß meine phänomenale Produktionskraft sich verdoppelt, verdreifacht hat. Daß ich es dahin gebracht habe, mehrere Druckbände in einer Nacht zu korrigieren, nachdem ich sie in zweiundeinemhalben Tag geschrieben habe! Endlich sind die Manuskripte alle im Druck und die Korrekturbogen im Rollen. Man wird mir nicht an Schnelligkeit zuvorkommen, denn nicht die mechanische Maschine mit ihren tausend Armen, sondern das Gehirn Ihres armen Freundes eilt voran!« VII Am nächsten Morgen hat sich der Dichter in dem Hof des Gerichtspalastes eingefunden. Der alte Notar Marville macht sich aus einer Gruppe von Anwälten los und eilt sofort auf Balzac zu. Nach kurzer Begrüßung sagt Balzac: »Ich komme wegen des Notars Peytel. Mir hat Lablanche in seinem Auftrag, und zwar sehr dringend, geschrieben. Ich bin entschlossen, mich für ihn einzusetzen, und will Sie um das gleiche bitten.« »Es ist das erste Mal seit Menschengedenken, daß man einen Notar des Mordes beschuldigt. Man kann die Augen nicht vor der Verderbtheit der Mittelklasse schließen. Selbst unsere konservative Zeitung enthält eine genaue Schilderung des Verbrechens.« »Doch nicht Peytels Verbrechen? Sie trauen diesem armen Jungen doch keinen Mord zu?« »Balzac zweifelt noch? Ich traue jedem alles zu, das betrachte ich als meinen Beruf. Dies schützt vor Enttäuschungen.« »Aber hören Sie doch! Er ist mein Freund. War meine einzige Gesellschaft lange Zeit.« »Nun, ich nehme an, Sie haben Beweise!« »Gewiß, den stärksten Beweis, mein Gefühl. Kenne ich die Menschen nicht? Mein Blick geht durch sie wie durch Glas. Vor mir hat man keine Geheimnisse.« »Das bezweifelt ja auch niemand. Aber womit kann ich Ihnen dienen?« »Übernehmen Sie die Verteidigung!« »Wüßte ich, daß er unschuldig ist, ich zögerte keinen Augenblick, obwohl jeder Tag Abwesenheit von Paris mich 500 Franken kostet. Ich täte es, sowenig ich mich sonst Ideale kosten lasse, schon der Ehre unseres Standes zuliebe. Aber, lieber Balzac, muß nicht viel gegen ihn sprechen, wenn es so weit gekommen ist? Wir haben das humanste unter allen Gerichtsverfahren Europas. Wird ein Verbrechen in Frankreich begangen, so kommt der Verdächtige zuerst einmal auf die Wache. Klärt sich hier die Angelegenheit nicht völlig auf, dann bittet man ihn zum Polizeikommissar. Dieser unterwirft den Betreffenden dem ersten Verhör. Ich sage ausdrücklich, ›den Betreffenden‹ und nicht ›den Angeklagten‹, denn noch der Polizeikommissar kann einen offenkundigen Irrtum in der Person und in der Sache aufklären, und kein weiteres Verfahren belastet dann den Unschuldigen. Erst wenn auch der Kommissar zur Überzeugung kommt, daß etwas Ernstes vorliegt, verhaftet man den Mann, führt ihn ins Depot der Präfektur. Nun steht er zur Verfügung des Untersuchungsrichters, der je nach der Schwere des Falles mehr oder minder schleunig herbeieilt. Noch ist die Haft provisorisch.« »Ach ja«, sagt Balzac, »das ist alles sehr schön, erschöpft aber die Sache noch lange nicht. Sie befinden sich hier im Hofe des Justizpalastes. Dort aber, in der Provinz, in Macon, stehen sich Ursache und Wirkung ganz anders gegenüber. Sie lesen das Protokoll, aber welche Intrige den Untergrund bildet, welche Rivalität zwischen zwei Provinzgrößen, das können Sie von hier unmöglich entscheiden.« »Lieber Herr Balzac, muß es denn überall ein Komplott geben? Es ist doch Menschenblut vergossen worden, das sagt genug.« »Das sagt gar nichts. Peytel ist nicht nur Angeklagter, er ist auch Zeuge. Er ist der einzig Überlebende.« »Vergessen Sie nicht, ohne zwingende Gründe hätte man einen Rechtsmenschen nicht verhaftet.« »Wieder muß ich Ihnen widersprechen. Gerade weil er ein Rechtsmensch ist, will das Gericht alle strengen Maßregeln gegen ihn anwenden, damit man nicht sage, es handle parteiisch für einen Notar.« »Aber die Stimme der Bevölkerung ist einstimmig gegen ihn.« »Das beweist erst recht, daß er unschuldig ist; lassen Sie mich die Provinz kennen!« »Wir leben doch in einem Rechtsstaate.« »Gestatten Sie mir, daß ich diese Tatsache ganz im allgemeinen anerkenne, aber im besonderen bezweifle. Ist denn die Ordnung des Rechts, die Sie mir eben so gütig auseinandergesetzt haben, als wäre ich ein blutiger Neuling und nicht Ihr alter gelehriger Schüler, ist denn die Ordnung des Rechtes bei uns so vollkommen, ist das Verfahren so fehlerfrei, daß noch nie ein Mann unschuldig angeklagt, verfolgt, verurteilt, gefoltert, gevierteilt oder gerädert worden ist?« »Was wollen Sie damit für Peytel sagen?« »Man darf vielleicht nicht alles offen aussprechen. Anklagen sind unnütz, wenn man nichts beweisen kann. Auch ich ziehe meinen Hut vor einer res judicata . Aber das kann ich nicht verschweigen: Das furchtbarste ist: gegen einen Unglücklichen ist jeder im Recht.« »Nun, Herr von Balzac, was dann?« »Wir können Peytel nicht allein lassen.« »Gut. Wenn Sie wollen, Herr von Balzac, dann werden wir ihn gemeinsam verteidigen. Sie, lieber Balzac, sind ebenso Rechtsgelehrter wie wir. Sie kennen die Sittlichkeit und ihre moralischen Gesetze, Ihnen ist das Recht als bürgerliche Funktion vertraut. Sie haben die Seelen der Menschen in Ihren Akten, in Ihren Romanen. Ich kenne den andern Teil des Rechtes, die Form. Mehr bedarf es nicht.« »Wußte ich es doch! Seien Sie versichert, teuerster Marville, hätte ich nicht die tiefste Überzeugung von der Unschuld meines Freundes, sähe ich diesen Mann Peytel nicht so klar vor mir, wie ich Sie an diesem klaren Wintermorgen sehe, ich hätte mich von meiner Arbeit nicht einen Schritt aus meinem Landhause weggerührt. Was mich ein verlorener Tag an Geld und Ruhm kostet, ist nicht auszurechnen. Aber dieser Peytel ist nicht der erste beste. Es ist schon einmal dagewesen, daß man ihn ungerechterweise beschuldigt hat. Als er vor sechs Jahren die Kasse von ›Le Voleur‹ zu verwalten hatte, fehlten tausend Franken. Wo sind sie? Peytel hat große Ausgaben gemacht, Wagen und Pferde gehalten, seine Freunde, wie mich, unterstützt: kein Zweifel, Peytel hat die Bücher gefälscht, der ›Dieb‹ war von einem Dieb bestohlen worden. Was wollen Sie, so beginnt ein Verbrechen, und der erste Schritt zum Schafott ist getan. Peytel borgt nun in aller Eile tausend Franken, vergrößert dadurch den Verdacht gegen sich, um so prachtvoller allerdings nachher auch sein Triumph. Wollen Sie wetten, daß wir einen Triumph auch in dieser Sache feiern, wie er in den Annalen der Gerichte nicht erlebt worden ist? Am Tage der Revision der Kasse macht der Kassierer des ›Voleur‹ Ordnung in der Lade des Schreibtisches. Da kommen plötzlich tausend Franken ans Licht, es ist eine alte, oft gebrauchte, zerknitterte Note, die sich an der Seite der Schreibtischlade eingeklemmt hat. Ich habe die Situation nie vergessen können. Und Sie werden dieselbe Situation bei du Tillet finden.« »Wer ist du Tillet?« »Eine wichtige Figur in Cäsar Birotteau.« »Und wer ist Cäsar Birotteau?« »Ein Buch, von dem bald ganz Paris widerhallen wird. Lassen Sie mich weitererzählen. Was tut du Tillet?« »Was tut Peytel?« »Ja, wie heißt er eigentlich? Sehen Sie, lieber Meister, da liegt schon die ganze Geschichte des Individuums in der modernen Gesellschaft. Im Anfang war der Name, sagt mit vollem Recht der Beginn des Evangeliums. Ich werde Ihnen nun den Mann zeigen, wie er wirklich ist.« »Ja, Peytel? Ich bin gespannt.« »Ja, Sie haben ganz recht. Im Jahre 1814, jedenfalls nach Napoleons Sturz (ich beschäftige mich jetzt sehr eingehend mit Napoleon, Sie werden bald die Früchte dieses Studiums sehen, aber dies ganz unter uns), meldet er sich bei Birotteau, dem Parfümeriehändler. Man hat ihn schon in einem andern Parfümerieladen abgewiesen. Aber das verdoppelt, verdreifacht nur seine Energie. Denn die jungen Leute aus der Provinz sind alle begeisterte Schüler des Korsen. Er verlangt Anteil am Gewinn, er, ein zwanzigjähriger Mann ohne Vermögen, ohne Warenkenntnis, ohne geschäftliche Verbindungen, ja ohne Namen. Unterbrechen Sie mich nicht, ich weiß ganz genau, was Sie fragen wollen, und werde Ihnen alle Fragen sofort beantworten. Er ist der uneheliche Sohn eines armen Mädchens aus Tillet, Sie kennen den Ort unweit Bordeaux. In einer Nacht des Jahres 93 hat die arme Magd im Garten des Pfarrers ein Kind zur Welt gebracht. Der gute Priester nimmt das Kind zu sich, tauft es auf den Namen Ferdinand, das ist der Name des Kalenderheiligen dieses Tages, er zieht es auf, hält es wie sein eigen Blut. 1804 stirbt der gute Priester, ohne ein ausreichendes Erbe für den elfjährigen Knaben zu hinterlassen. Nach Paris verschlagen, führt Ferdinand ein Flibustierleben.« »Herr von Balzac, kehren wir zur Wirklichkeit zurück!« »Wir sind mitten darin! Der junge Mensch nennt sich einfach Ferdinand, ohne Familiennamen. Diese Anonymität, das begreifen Sie am besten, ist von besonderem Vorteil für ihn. Denn wir kommen in die schwersten Jahre des Kaiserreiches, Napoleon preßt der Nation die letzten Blutstropfen aus. Unser Ferdinand wird in keiner Liste geführt, er lebt ruhig in Paris, während sich die edelgeborene Jugend Frankreichs auf den Schlachtfeldern verblutet. Im Jahre 15 erst hält er es für erforderlich, sich einen Zivilstand zu verschaffen. Er beantragt bei den Gerichten von Andelys, daß seinem Namen das ominöse ›du‹ beigefügt wird. Trotz seiner Jugend ist du Tillet mit allen Schlichen der Schikane vertraut, und das beweist sein fulminanter Aufstieg, wie ich Ihnen erzählen will.« Balzac ist mit äußerster Lebhaftigkeit bei der Sache. Mit seinen nervigen kurzen Armen gestikulierend, spricht er schnell, wobei bisweilen ein pfeifender Ton aus einer Zahnlücke hervorbricht. Er lebt ganz in seiner Romanfigur du Tillet. Peytel hat er völlig vergessen. Er verabschiedet sich von dem erstaunten Marville, ohne ihn zu Wort kommen zu lassen, und kehrt so schnell nach Les Jardies zurück, daß er noch vor Mittag wieder eintrifft. Er macht sich sofort an die Arbeit, um sechs Uhr abends begibt er sich zur Ruhe, lebt und arbeitet so drei Wochen ohne Unterbrechung. VIII Balzac hatte vor, am 29. November die Einweihung seines Landhauses Les Jardies mit einigen Freunden, und zwar dem Schauspieler Lemaître, dem Schriftsteller Gozlan, dem Anwalt Marville, seinem Verleger, einigen Bankiers, Malern und Journalisten, zu feiern. Zu seiner großen Beruhigung hatte er am Morgen dieses Tages von Peytel ein Schreiben bekommen, das etwas günstiger lautete als die früheren Nachrichten. Wohl enthielt auch dieser Brief die dringendste Bitte, Balzac möge zu ihm nach Bourg kommen, aber die schwerste Gefahr schien überwunden zu sein. »Die Handschellen sind abgenommen«, schrieb Peytel zum Schluß, »das Gutachten der Ärzte, welche den Körper meiner seligen Frau untersucht haben, lautet günstig.« Balzac erwartete gegen Abend seine Gäste vor der Villa. Im Galafrack, weißer Weste, kokett geschlungener hellblauer Krawatte stand er da, seine marmorfarbenen, großen, prachtvollen Hände stützte er auf den herrlichen Stock mit Türkisen und Smaragden. Der Weg von der grüngestrichenen Pforte bis zu der Schwelle des kleinen Landhauses war außerordentlich abschüssig. Keine Gärtner – oder Baumeisterkunst vermochte die Böschung zu überwinden. Deshalb tasteten sich die Gäste nur sehr vorsichtig durch den bis auf einen einzigen Baum völlig kahlen Garten, um nicht auf der glatten Lehmerde auszugleiten. Balzac zeigte den Gästen, von denen er den Schauspieler besonders ehrte, von der Terrasse die tief herbstliche, weithin schwebende Landschaft jenseits der Mauer, die schwarzblauen, leicht bereiften Wälder von Ville d'Avrai, die Abhänge im Nebel, in silbern gesponnenem Dunst, die Viadukte über der Straße, die Gegend so still, in den Abend versunken, keine Häuser, keine Menschen, kein Vieh in der Nähe, ein kleiner Bach in ruhigem Rieseln, die Luft rein, stark bewegt, die Wolken am westlichen Rande des dämmernden Himmels vereinigt und vom Winde zusammengescheucht, das Rauschen und Sausen der alten Bäume in der Stille deutlich vernehmbar von den fernen Wäldern her. Dies ist, sagt Balzac, der schönste Fleck der Erde im Umkreis von zwanzig Meilen und dabei von Paris nur eine Stunde entfernt. Die Stadt ist unter Hügeln gedeckt, verborgen. Die Gäste erkennen die Schönheit der Landschaft an. Zu bedauern ist nur, daß man in dem Garten weder gehen noch stehen kann. Man weiß nicht, ist es Ernst oder ein Witz, wenn Lemaître, ein schöner, eleganter Mann, anscheinend in die Bewunderung der Gegend versunken, sich bei der ersten Gelegenheit mit graziöser Verbeugung bückt und sich, der abschüssigen Böschung wegen, zwei Steinchen unter die Füße schiebt, wie man es bei Möbeln tut, die auf ungleichen Beinen stehen. Er müsse es tun, sagte er, da ihm sonst die Beine unter dem Leibe wegglitten. Balzac war gerade dabei, die ruhmvolle Vergangenheit seines Landgutes aus der Zeit Ludwig des Vierzehnten zu erzählen, dann rühmte er den Boden und stellte eine Rechnung des Erträgnisses an. »Sehen Sie dieses prachtvolle Stück Land?« fragte er. »Ja, ja, es ist unvergleichlich!« antwortet der Schauspieler. »Hören Sie! Unter Louis dem Vierzehnten pflanzte der berühmte Gärtner La Quintie hier Gemüse von seltener Art. Es war einzig und allein für die Tafel des Königs bestimmt.« »Ich verstehe«, sagte der Schauspieler. »Ich, Verehrtester, bin in der Lage, das Gemüse für die Besitzer der benachbarten Schlösser zu liefern. Ich habe Samen dieser vortrefflichen Kultur und werde ihn säen. Das sind 3000 Franken Einkünfte, die ich mir verschaffe.« »Ich kann Sie nur dazu beglückwünschen, Herr von Balzac.« »Das ist noch nicht alles. Der Boden an dieser Seite, an der Sonnenseite, ist ausersehen für Treibhäuser. Ich will Ananas hier pflanzen. Im Sommer will ich das Licht einfangen und konzentrieren. Im Winter kann die Heizung nicht sehr kostspielig sein. Der Gewinn ist unbedingt sicher, denn wenn ich eine Ananas mit 8 Franken 50 Centimes verkaufe, die in Paris sonst 15 Franken kostet, muß ich den ganzen Handel an mich ziehen. Das gibt, wenn ich 2000 Ananas im Jahre züchte, wobei ich die Miete für den Laden in Paris (ich wähle nur eine gute Gegend) abrechne, ebenso die Transportkosten, 17 450 Franken im Jahr. Ich beginne damit im kommenden Frühling. Darf ich Sie jetzt in mein Landhaus führen? Es ist alles noch ein wenig unfertig, aber wenn Sie mich das nächste Mal aufsuchen, werden Sie alles vollendet finden.« Die Wände des Landhauses waren kahl, außer den nötigsten Einrichtungsgegenständen befanden sich nur wenige Möbel in den Räumen, kein Teppich lag auf dem Boden. An den Wänden und Fußböden waren mit Kohle die Gegenstände angeschrieben, die an die betreffende Stelle gehörten. Man las: Eine Wandbekleidung aus Marmor von Paros. Ein Deckengemälde von Delacroix, ein Flügel von Erard, ein Schreibtisch aus Zedernholz. Eine Tapete von Aubusson. Türenverkleidung wie in Trianon, Fußboden: ein Parkett aus seltenen Hölzern von den Inseln. Inzwischen war die Tafel prachtvoll gedeckt worden, man setzte sich zu Tisch, wobei der Dichter fast nichts berührte, sondern seinen Hunger mit dem Dessert stillte, das aus besonders ausgesuchten Früchten, Birnen, Pfirsichen, Äpfeln, Ananas und Melonen, bestand. Wein und Champagner gab es in Fülle, Balzac begnügte sich für seine Person mit Wasser, und zum Schlusse der Mahlzeit, als die andern Gäste Champagner bekamen, bereitete er sich seinen Kaffee. Balzacs Verleger brachte den Trinkspruch aus: Kriegerische Eroberungen seien Frankreich nach dem Falle des größten aller Franzosen versagt. Aber jetzt sei die Zeit, mit friedlichen Waffen ein Weltreich aufzurichten, Europa, Rußland, England zu erobern. Das heiße: durch französische Kunst, durch Galliens Genie. Die Werke Balzacs und sein Ruhm drängen weit über die Grenzen des Landes. Balzac sei adelig, der erste Aristokrat Frankreichs (nach dem König), denn er adle alle Herzen! Sein Name werde auch die Grenzen der Zeit überschreiten, welche andern Sterblichen gesetzt seien, und er sei dessen gewiß: was dieses Haupt – er wies auf Balzac, der sich im Augenblicke nicht bei der Kaffeemaschine und dem Spirituslämpchen stören ließ –, was dieses Haupt geschaffen, was diese Hand gebildet, das müsse bleiben, wenn sie alle nicht mehr seien. Balzac mußte antworten und tat dies in folgenden Worten: Sooft sich echte Franzosen begegnen, Bürger oder Bauern, Dichter oder Schauspieler, Kaufleute oder Notare, Bauern oder Priester, immer fällt der Schatten Napoleons auf ihre Freude. Aber auch immer der Glanz Napoleons auf ihre Trauer. Mitten in seinem jetzigen, oft durch Schwierigkeiten gequälten Leben, wozu sich auch die Sorge um einen guten Freund (mit einem Blick auf Marville, der die Andeutung nicht zu verstehen scheint), um den unseligen Peytel geselle, kehre sein Geist immer wieder zu Napoleon zurück. Er könne die Gesellschaft, die sich hier versammelt habe, nicht besser ehren, als wenn er ihr die Ballade von Napoleon vortrage, die kühnste und ergreifendste Dichtung, welche die Weltgeschichte gedichtet und mit dem Blute Frankreichs auf diese ungeheure Manuskriptseite aufgeschrieben habe, wie sie Europa, in weitestem Sinne, und darüber hinaus die russischen Eisfelder, die Wüstenstriche Ägyptens, die Felsenriffe Sankt Helenas darstellten. Unter dem Schweigen der Nüsse knackenden und Champagner trinkenden Gesellschaft begann Balzac die Geschichte vom herrschenden, vom wankenden und sterbenden Napoleon. IX Nur kräftiger Wille, Charakter, Anstrengung, Kühnheit haben mich zu dem gemacht, was ich bin. Das ist das Wort Napoleons und seine Idee. Was er will, wollen alle: nicht allein den geistigen Sieg, sondern den Erfolg. Nicht bloß die moralische Überlegenheit, sondern die wirkliche Macht. Macht in der menschlichen Gesellschaft und über sie. Ihm war es gegeben, alles zu erreichen, er war dazu bestimmt, mehr als alles zu verlieren. Mit jungen Jahren noch stirbt er, vergiftet von der Sumpfluft Sankt Helenas, verhungert durch die Tücke der Engländer. Wir andern leben sein Leben zu Ende. Was er war, wird die Welt hundert Jahre lang nicht wieder sehen. Frankreich wird einen Napoleon nicht wieder tragen. Der Titel Kaiser der Franzosen war ihm genug, er wollte keine Vergleichung, nicht den Namen Imperator Augustus, nicht das Zauberwort Cäsar. Er herrschte. Auf Sankt Helena hat er gesagt: »Ich kann nur befehlen oder schweigen.« Beides hatte er nicht gelernt und konnte es doch. Macht wird im Sturm genommen, nicht ererbt und nicht erkauft. Das wissen wir alle. Der Wille entscheidet. Wenn Napoleon wollte, handelte er. Wenn Napoleon sprach, tadelte er. Sein Lob war Schweigen. Keinem Erbkönig hat man treuer gedient als ihm, als er befahl. Freilich, als er zu schweigen beginnen mußte, verließen ihn alle. Balzacs Glaube, una fides , ist nicht der Glaube der Welt. Aber welche geheimnisvolle Kraft war diesem Manne eingeboren! Dieser finstere, ungesellige Mann war der größte Meister im Verwenden von Menschen. Der steife, ungeschickte, im Grunde schüchterne korsische General spielte mit den Umständen, dem Erreichbaren, dem Möglichen, mit Wetter und Wind, Sonne und Schatten auf dem Schlachtfeld, mit den Alpengebirgen und den Grenzen der Länder. Das Leben, die Talente, die Leidenschaften seiner Marschälle, seiner Diener, seiner Staatsräte waren ihm Schachfiguren wie die, mit denen er als Leutnant der Artillerie im Café Procope gespielt hatte. Er blieb derselbe von der Zeit, da er als entlassener, kassierter Offizier hungrig durch die Straßen von Paris schlich, bis zum 18. Vendemiaire, wo er sein Geschick und damit das Geschick der französischen Revolution mit den Lafetten seiner kleinen Geschütze herumriß, entschieden, gewalttätig, ruhig, überzeugend und ein für allemal. Hier beginnt Napoleon. Sehen Sie den kleinen Mann (er war nicht größer als ich), olivengelb von Gesichtsfarbe; hellblaues, kaltes Licht in den tiefliegenden Augen; buschige, aber schöngeschwungene Augenbrauen darüber; das schwarze, straffe Haar schräg in die hellere Stirn gezogen; die Hände über dem Sattelknopf auf der goldverbrämten Purpurschabracke ineinander verschränkt; die magere und doch gedrungene Gestalt wie aus Erz gegossen. So hält sich Bonaparte auf dem breiten Rücken des im Kanonendonner unbeweglichen, durch den Pulverrauch unbekümmert groß blickenden arabischen Pferdes. Ich zeige Ihnen den Mann am 25. Juni 1800, drei Uhr nachmittags, auf der herrlichen Ebene von San Giuliano. 10 000 Mann feindliche Reiterei haben eben siegreich seine rechte Flanke überflügelt. Welch ein Getümmel, welch eine Szene! Bonaparte ist ruhig, er stellt die Gardegrenadiere in Schlachtordnung, er sammelt sie um eine Granitschanze in der Mitte dieser ungeheuren Ebene. Nichts kann die Unvergleichlichen erschüttern. Da konnte man wahrlich sehen, sagt Bonaparte, was eine Handvoll tapferer Leute vermag. Durch diesen hartnäckigen Widerstand wird die Linke des Feindes aufgehalten. Unsere Rechte wird derart bis zur Ankunft des Generals Monier unterstützt, daß man Zeit gewinnt. Österreichs Reiterei, Fußvolk, Artillerie wird en masse gegen das Gardebataillon geführt, aber vergeblich. Inzwischen hat General Monier das Dorf Castel-Varriolo durch einen tollen Bajonettangriff weggenommen. Da macht die feindliche Reiterei unvermutet eine schnelle Bewegung gegen meine Rechte. Desaix wird erwartet. Seine Division fehlt. Schon ist mein Heer im Wanken. Es ist erschüttert. Nun hat es bloß dieser feindlichen Attacke bedurft, und meine Truppen weichen in immer beschleunigtem Rückzug. Oder man nenne es Flucht. Denn der Feind ist voran: weit über hundert Kanonen speien Feuer gegen mich, Kartätschen und grobes Kaliber, das Feld steht in Flammen, der Himmel voll Wolken und Pulverrauch, die Wege zwischen den Feldern, die Steige in den Weinbergen, alles ist mit Flüchtigen, Verwundeten, Trümmern, Tieren und Toten bedeckt. Man hört Schreien, Kreischen, Wiehern der Hengste, und immer hindurch den Donner der Geschütze. Aber es schießen bloß die Österreicher noch. Unsere Artillerie schweigt, kein einziges Stück scheint zu feuern. Das Gewühl, die Verwirrung wird immer furchtbarer. Um mich wird alles leer. Es ist fünf Uhr nachmittags. Die Schlacht bei Marengo ist verloren. Der Feind stößt mutig weiter vor bis zum Dorfe San Giuliano, als wäre alles vorbei. Desaix trifft ein, ich und er müssen entscheiden. In San Giuliano habe ich jetzt gegen halb sechs Uhr in höchster Eile, aber mit sicherster Ruhe als letzten Einsatz die Division Desaix mit nur acht Stück leichter Artillerie im rechten Winkel zur Schlachtordnung aufstellen lassen. Alle Flüchtigen sammeln sich hinter dieser lebenden Schanze. Dies das Kommando. Der Feind bläht sich im Gefühl des Sieges auf. Ich erkenne es: zu weit. Er macht Fehler. Er spreizt seine Flügel wie ein alter Hahn mit schütteren Federn. Ich reite heran. Mein arabischer Gaul sprengt vor die letzten Kolonnen. Meine Gegenwart erfüllt die Truppen mit neuem Mut. »Kinder«, sage ich zur Truppe, auf die ich von meinem Araber herabsehe und die zu mir emporblickt, »erinnert euch daran, daß ich gewohnt bin, auf dem Schlachtfelde zu schlafen.« Sie schreien, ihr Jubelruf dringt bis an die Wolken, zerstäubt den Pulvernebel der Geschütze. Unter dem Rufe: »Es lebe die Republik! Es lebe der Erste Konsul!« greift mein unvergeßlicher Desaix im Sturmschritt das Zentrum der Österreicher an. Durch die Überflügelung ist ihr Zentrum geschwächt. Unsere Leute, Desaix an der Spitze, kämpfen unvergleichlich. Die Sonne verdunkelt sich. Es wird finster. In diesem herrlichen Augenblick wird der Feind geworfen. General Kellermann, der mit seiner Brigade schwerer Reiter während der letzten Stunde den Rückzug gedeckt hat, kommt meinem Befehl zuvor. Aus eigenen Stücken ist er gegen den Ort des stärksten Kanonendonners herangestürmt, er macht einen Angriff in so gelegenem Moment und mit derart unüberwindlicher Heftigkeit, daß er siegreich durchbricht und 5000 österreichische Grenadiere und in ihrer Mitte den General Zach, den österreichischen Generalstabschef, gefangennimmt. Mehrere feindliche Generale fallen, tapfer kämpfend. Meine ganze Armee folgt jetzt der Bewegung. Die Rechte des Feindes wird abgeschnitten. Ich habe 15 Fahnen, 40 Kanonen erobert, 8000 Gefangene gemacht. Der Feind hat in Bestürzung und Schrecken das Schlachtfeld geräumt. Desaix ist im Beginn seines Angriffes von einer Kugel getroffen worden. Er ist auf der Stelle gestorben. Als man mitten im stärksten Feuer dem kommandierenden General den Tod des Generals Desaix meldete, sagte er nur das einzige Wort: Warum ist mir nicht erlaubt zu weinen? Hier haben Sie Marengo. Hier beginnt Napoleon. X Ich, Balzac, bin diesem Manne nie begegnet. Ich war fünfzehn Jahre alt, als er nach Sankt Helena verbannt wurde. Aber es gibt Begegnungen zwischen Menschen, auch wenn sie einander nie sehen. Nun zeige ich Ihnen diesen Mann im Jahre 1804. In diesen vier Jahren, von Marengo bis jetzt, ist der Friede von Luneville geschlossen, die Ehrenlegion gegründet worden. Die Häfen von Antwerpen und Vlissingen hat man zu bauen begonnen, es sind Anlagen, die die größten Flotten aufnehmen können und nie zufrieren. Hier beginnt der große Baumeister Napoleon. Man errichtet hydraulische Werke bei Dünkirchen, Le Havre und Nizza, das Riesendock bei Cherbourg, den Hafen von Venedig, entwirft und trassiert die Chausseen von Antwerpen nach Amsterdam, von Mainz nach Metz, von Bordeaux nach Bayonne, man führt die Pässe über den Simplon, Mont-Cenis, Corniche und Mont-Genèvre, die die Alpen in vier Richtungen eröffnen und alle Bauten der Römer übertreffen. Dann baut man die Pariser Brücken, die Brücken von Savre, Tours, Lyon, den Rhein-Rhone-Kanal, leitet die Austrocknung der Pontinischen Sümpfe ins Werk. Hier nenne ich den Wiederaufbau der zerstörten katholischen Kirche, ich vergesse nicht die Schaffung neuer Industrien, den neuen Louvre, die Speicher, die Wasserzufuhr nach Paris, die Kais, den Wiederaufbau der Seidenwebereien in Lyon, mehr als vierhundert Zuckerfabriken, die Verschönerung der Schlösser, viele Millionen zur Stützung des Ackerbaues und der Viehzucht. Aber weitaus an erster Stelle, an entscheidender, steht das neue Gesetz. Der Code Napoléon ist geschaffen worden, in ungezählten schlaflosen Nächten hat der Herrscher mit seinem Kanzler, mit seinen Vertrautesten, seinen Getreuesten sein Gesetz geschaffen, er durchdachte es bis in die letzten Auswirkungen, bis in die entferntesten rechtlichen Möglichkeiten, denn es sollen Jahrhunderte darauf aufgebaut werden, es soll das Fundament sein für ein neues Frankreich. In diesen Stunden hat der nie Ermüdende eine der größten Leistungen Frankreichs vollendet. Denn auf dem Recht beruht alles, selbst das Unrecht. Wir haben Frieden. Die innere Verwaltung Frankreichs ist bis ins kleinste zentralisiert, ein glänzender Hof in den Tuilerien in Szene gesetzt, der Papst mit unserer Nation ausgesöhnt, die Beruhigung, die Festigung hat in den Seelen und Kirchen, der Wohlstand im äußeren Leben Einzug gehalten, der Schlund der Anarchie ist geschlossen. Man wird reich, es gibt wieder Millionen, man lebt gut, man feiert Feste, man verbraucht, der Handel blüht wie nie zuvor, alles ist das Werk eines einzigen, wortkargen, herrischen Mannes. Ein solcher Mann kann sich mit Karl dem Großen vergleichen und wird doch noch der Größere bleiben. Er kann den Heiland um seinen Ruhm beneiden und wird doch nicht lächerlich. Dieser Mann rief einmal aus: »Ich bin zu spät auf die Welt gekommen. Die Welt ist zu zivilisiert. Die Menschen sind zu sehr Räsoneure, sie wollen meine Übermacht über sie nicht verstehen. Ich bin aus anderm, gottähnlicherem Stoff geformt als die andern Menschen. In früheren Zeiten würden sie mir Altäre errichtet haben.« Da begreift man es, wenn Napoleon jetzt das Oberhaupt der Christenheit wie einen störrischen Korporal degradiert und daß unter dem Klang von seinen stählernen Sporen der Fels Petri in seinen Grundfesten zittert. Und wenn Napoleon sein Knie vor dem Papst nicht beugt, wenn er um einen Desaix nicht eine Träne weint, was kann ihm dann das Leben eines Duc d'Enghien bedeuten? Was ist ihm dann das Gesetz, das er geschaffen? Wie dieser Kerl Bonaparte dasteht, das will ich Ihnen im Buche Enghien zeigen. Man verhaftet auf seinen Befehl in fremdem Lande, im Badischen, einen emigrierten Bourbonen, einen jungen, hübschen Menschen mit goldenen Ringen in den Ohren. Man könnte ihn nicht unter einer ganzen Anzahl Mitverhafteter erkennen, wenn er nicht vorträte und sagte: Ich bin's. Er hat ein sanftes, volles Gesicht, wie alle Bourbonen, und feine, lange Hände, besitzt eine hohe, etwas gezierte Stimme, aber einen festen, entschlossenen Blick. Man schafft ihn schleunigst nach Vincennes, stellt ihn vor ein Kriegsgericht von acht Oberoffizieren. Ohne weitere Förmlichkeiten wirft ihm der Vorsitzende die Anklage entgegen: »Sie haben in Waffen gegen Ihr Vaterland gestanden!« Aber der junge Edelmann antwortet in stolzer Haltung, in der edlen Kraft des sittlichen Bewußtseins: »Ich habe die Rechte meiner Familie verteidigt. Und es ist gewiß, daß, wie die Sachen jetzt stehen, ein Condé nur mit den Waffen in der Hand nach Frankreich zurückkehren kann. Habe ich dies einmal getan, werde ich dies immer wieder tun. Ich bin Bourbone. In meinen Adern fließt das Blut der Könige dieses Landes. Meine Geburt, meine Ansichten zwingen mich, für alle Zeit ein Feind Ihrer Regierung zu sein. Aber ich habe Waffen gegen Frankreich nie getragen.« Dies sind Enghiens Worte und wären auch die meinigen gewesen. Balzac denkt wie er. Denn ich bin rasender Royalist. Solange ein Blutstropfen in meinen Adern fließt, werde ich es bleiben. Denn auch ich bin Edelmann. Man kann mich angreifen, karikieren, verhöhnen und, von meinen Schulden langsam auf dem Roste gebraten, zugrunde gehen lassen, ich bleibe Royalist, beuge mein Knie nur vor der legitimen Königsfamilie, mein Glaube ist katholisch, und nichts wird mich davon abbringen. So fühle ich mit Enghien und gegen Napoleon. »Ich weiß es«, sagt Enghien, »was ihr von mir wollt. Ich verberge mir nicht die Gefahr, in der ich mich befinde. Aber ich hoffe, daß man mir eine Unterredung mit dem Ersten Konsul nicht versagen wird.« Man wird es. Denn was ein Machtmensch nicht sehen will, wird er nicht sehen, was er nicht hören will, wird er nicht hören, und würde es mit tausend Posaunen ihm ins Ohr gebrüllt. Man urteilt ab. Ohne öffentliches Verhör. Ohne Zeugen. Ohne Dokumente. Ohne Verteidigung. Ohne Rekurs. Louis-Antoine-Henri de Bourbon, Duc d'Enghien ist schuldig: 1. die Waffen gegen die französische Republik getragen zu haben, 2. seine Dienste der englischen Nation, als einer Frankreich feindlichen, angeboten zu haben usw. Dies alles ist unerwiesen, konnte nie erwiesen werden, und so weiter fort bis 6., daß er an Verschwörungen gegen das Leben des ersten Konsuls, die auf Betreiben der Engländer angestiftet worden, teilgenommen habe. Das entschied. Mußte entscheiden für den ersten Konsul, der sein unersetzliches Leben der Nation schuldete. Es war die Zeit der Verschwörungen, Sie kennen die Namen, Pichegru und die andern. Man griff sein Leben an. Was anderes kann ihm, Napoleon, dann übrigbleiben, als sich der Nation anzuvertrauen, sich in ihren Schutz zu begeben und sich die Rechtmäßigkeit eines legitimen Herrschers zu sichern und damit die physische Unverletzlichkeit eines gekrönten Hauptes? Ich sagte es, das entschied. Man verurteilt den Herzog zum Tode. Doch General Hulin, das Haupt der Kommission, der Bastillestürmer von 1789, setzt sich nieder, um ein Begnadigungsgesuch an den Ersten Konsul abzusenden. Das Todesurteil war von Napoleon kommandiert worden, man hatte dem Kommando gehorcht. Aber gegen die Menschlichkeit war kein Befehl ergangen, und so schickt sich Hulin an, ihr Genüge zu tun. Er beschwor Napoleon, in seinem und der andern Offiziere Namen, von einer Strafe abzusehen, die das Gericht verhängen müsse, aber nicht vollziehen wolle. In diesem entscheidenden Moment tritt ein Mann hervor, der seit dem Beginn der Sitzung den Saal keinen Augenblick verlassen hat. »Was tun Sie da, Präsident?« – »Ich schreibe an den Ersten Konsul«, versetzte Hulin, »um ihm den Wunsch des Kriegsgerichts und den des Verurteilten mitzuteilen.« – »Ihr Geschäft ist zu Ende«, antwortet der Mann. Nur Fouché kann es sein. Wer anders als ein Abgesandter Bonapartes? Denn er wagt es, dem General Hulin die Feder aus der Hand zu reißen und die Unterredung mit den Worten: »Das übrige ist meine Sache!« zu beenden. Um drei Uhr morgens läßt man den Prinzen durch eine enge steinerne Treppe, die von Modergeruch erfüllt ist, in die Kasematten hinabsteigen. Offenbar waren es unterirdische Gänge und Stufen, angebracht in der dicken Umfassungsmauer der Festung. Der Prinz lächelt trübe, aber er lächelt. Man bringt mich in ein unterirdisches Gefängnis, denkt er. Da schlägt ihm ein frischer Lufthauch entgegen, der von unten entgegenweht. Er kommt ins Freie. Er stutzt, er erblaßt, er faßt sich. Nach einigen Schritten vorwärts sieht er ein Peloton Infanterie, welches, die Flinte im Arm, ihn zu erwarten scheint. »Ah, Gnade Gott«, ruft der Prinz, »so sterbe ich wenigstens den Tod des Soldaten!« Er wendet sich an einen der ihn begleitenden Gendarmen und fragt: »Kann ich noch den letzten Beistand eines Priesters erhalten?« »Um diese Stunde schlafen die Priester noch«, antwortet der Gendarm in grobem Ton. »Willst du denn wie ein Kapuziner sterben?« Der Prinz sagt: »Vorwärts denn!« Man kommt an den Fuß der Mauer des sogenannten Pavillons der Königin. Hier war ein Graben schon vor zwölf und mehr Stunden aufgeworfen. Hier sehen Sie Napoleon. Hier ist ein Mann in seinen Handlungen abgemalt, das ist die Wirkung der Ursache, die sich geistig in den Worten ausspricht: Ich, Napoleon, bin kein Mensch wie andere. Die Gesetze der Moral und Sitte existieren nicht für mich. Einige Stunden, bevor man den unseligen Prinzen verurteilt hat, ja sogar noch vor dem Augenblick, da man unter dem Schein eines falschen Rechtsverfahrens die Verhandlung gegen den Bourbonen eröffnet hat, war schon die Erde ausgehoben für sein Grab. Wer dies hört, mag er schwach sein oder stark, Bürger, Bauer, Edelmann, Pariser, Provinziale, Mann von Welt oder Weib aus der Gosse, kein Herz kann sich dem Herzog versagen, denn alle Sympathie gehört ihm. Ich bin, an äußeren Machtmitteln gemessen, schwach. Ein Schriftsteller mit den ungeheuersten Plänen, wovon meine bisherigen Arbeiten nur die philosophischen und sozialen Vorarbeiten sind; aber ich liebe Illusionen nicht, sie sind zu teuer. Sehen Sie mich an: trotz allem bin ich noch ein Mensch ohne effektive Macht. Ich habe wohl Willen und Kraft, aber es fehlt mir die reale Herrschaft, die heute, 1836, einzig und allein die Millionen in Gold geben können und die zu geben im Jahre 1804 einzig und allein Millionen von Bajonetten imstande waren. Aber, was Sie hier als Balzac sehen, mit allem, was er hat und ist, stellt sich in den Dienst der Unglücklichen. Reite ich an einem elenden Krüppel vorbei, dann nehme ich ihn auf mein Pferd. Fährt mein Kahn an einem Schiffbrüchigen vorüber, dann werde ich keine Sekunde zaudern, ihn in meine Barke zu heben. Kaum hat der unglückliche Prinz Atem schöpfen können, da wird er schon an den Rand des Grabens gestellt. Er zieht aus der Tasche eine Haarflechte, einen Ring, einen Brief. Er wendet sich an die Soldaten, er fragt mit vollkommen fester Stimme seine Mörder, ob einer unter ihnen es wohl unternehmen wolle, diese Gegenstände der Prinzessin von Rohan zu überbringen. Schon streckt ein Soldat den Arm vor, zum Zeichen dafür, daß er zu diesem letzten Liebesdienst entschlossen sei, den nie ein Mensch abschlagen darf, als der Offizier oder der Mann aus dem Verhandlungssaale von vorhin, der nun oben auf der Brustwehr steht und eine Laterne in der Hand hält, laut ausruft: »Niemand darf hier Aufträge von einem Verräter entgegennehmen!« Man zündet auf seinen Befehl Fackeln an der Flamme seiner Laterne an, wobei der Offizier sein Gesicht wegwendet, um nicht im helleren Lichte erkannt zu werden. Es ist dunkel, ohne Fackeln könnten die Soldaten nicht richtig zielen. Der Offizier sagt gleichmütig: »Feuer!« Es geschieht. Der Prinz, von vielen Kugeln getroffen, fällt ohne einen Laut. Man hebt den entseelten Körper auf, legt ihn mit seinen Kleidern, ohne deren Inhalt zu berühren, der sich später, bei der ehrenvollen Bestattung unter Louis XVIII. wieder vorfindet, in das Grab, wobei – fraglich, ob durch Zufall oder durch Absicht – das Antlitz des Prinzen nach unten gewendet ist. Die Richter waren Offiziere. Alles geschah auf vorhergegangenen Befehl, ohne den geringsten Schimmer von Recht. Deshalb versteht man es, daß die Beteiligten totenstill und gedrückt in aufgelöstem Zuge in die Festungswerke zurückkehren. Auf diesem Wege begegnet ihnen plötzlich in schnellstem Lauf der Oberrichter Réal. Er kommt auf Napoleons Befehl, den Prinzen sofort nach allen Formen des Rechts zu verhören. Und wann hat man ihm diesen unbeschreiblich wichtigen Auftrag übergeben? Um fünf Uhr morgens. Um diese Zeit war Enghien schon nicht mehr. Hier sehen Sie den Konsul, während die Räder laufen und der Wagen dem Abgrund zustrebt, scheinbar den Pferden in die Zügel fallen. Denn er wollte seinen Namen reinhalten, seinem Ruhm den Flecken ersparen. Wozu? Wozu der Schein? Gegen eine Million Bajonette gibt es keinen Appell. Er hatte im ägyptischen Feldzuge einmal 3000 Türken ertränken müssen. Damals mußte er. Diesmal wollte er. Er hatte die Macht. Um diese Zeit hält er Hof in Malmaison. Oberst Savary, der Kommandant von Vincennes, ein alter Soldat, kommt erschüttert, aufgelöst, fast von Sinnen, in Malmaison an. Kaum hat Josephine ihn erblickt, als sie in Tränen ausbricht. Madame Bonaparte weiß, alles ist vorbei. Der zweite Konsul schreit laut auf vor Verzweiflung. Man habe ihn entehrt, er überlebe die Unehre nicht. Der Erste Konsul überblickt die Szene mit kalten, aber düster brennenden Augen. Er befiehlt Savary zu sich in sein Kabinett, in die abgeschlossenen drei kleinen Räume der Bibliothek, wohin sonst nur der Geheimschreiber des Bonaparte, Meneval, Zutritt hat. Savary erzählt alles. Der Erste Konsul fragt: »Hat Réal den Prinzen gesprochen?« Kaum hat der Oberst mit Nein geantwortet, als zitternd, wachsbleich, fassungslos Staatsrat Réal erscheint und unter Stammeln sich entschuldigt, daß er seinen Auftrag nicht habe ausführen können. Der Erste Konsul steht wie ein Stück Erz da. Sein Gesicht sieht man, aber man durchschaut es nicht. Da haben Sie dieses gelblichfahle Antlitz, umrahmt vom langen, schwarzen, straffen Haar, tiefliegende, kalte Adleraugen von durchdringendem, hellem Blau, unter buschigen Brauen, ein starkes, vorspringendes Kinn, fest geschlossene Lippen über schönen, schmalen, spitzen Zähnen. Sein Blick ist zwingend, er zieht alle Menschen zu sich. Auf unbegreifliche Art wird man, wenn man unter seinem Blicke steht, selbst ein Stück Bonaparte, ein Stück des größten, gewaltigsten, ruhigsten, sichersten Mannes der bewohnten Kontinente. Dadurch bannt er alles. Nun stehen die ehrenwerten Männer wie Büßer, wie Verbrecher vor ihm. Er billigt nichts. Er tadelt nichts. Er entläßt alle. Schließt sich in die Bibliothek ein. Abends speisen einige Mitglieder der Familie Bonaparte bei ihm. Sie sind traurig. Keiner wagt zu sprechen. Der Erste Konsul hat seine Gemächer verlassen und sich an den Tisch gesetzt. Er ist still wie jedermann. Da tritt, gegen Ende des Mahles, Herr von Fontanes entsetzt ein. In Paris gehe ein unerhörtes Gerücht, der Herzog von Enghien sei erschossen. Kein rechtlich denkender Mensch könne das glauben. Man hört lautlos zu. Niemand regt sich. Napoleon bricht das Schweigen. Seine Stimme geht über die gebeugten Köpfe der Menschen. Nicht von dem Gegenwärtigen ist die Rede, noch trifft sein Wort einen der Anwesenden. Der Größenwahn des Mannes zeigt sich erschütternder nie als jetzt, da er mit Menschen zu sprechen scheint und so fern von ihnen ist als je nur ein Mensch, eingeschlossen in die einsamste Zelle. Da wird allen kalt, es schaudert alle. Denn was lebt für ihn? Drei Stunden spricht der sonst so schweigsame General über römische Herrscher, über Irrtümer des Tacitus, über Corneille, den er liebt, und Racine, den er achtet. Endlich entreißt es sich ihm. Er schließt sein endloses Geschwätz mit den kurzen Worten: »Man will die Revolution vernichten. Darum greift man meine Person an. Denn ich bin die Revolution. Ich, ich! Ich werde sie verteidigen!« Als alles schweigt und ihn anstarrt, sagt er leise und drohend: »Künftig wird man sich zweimal bedenken. Denn man weiß nun, wessen wir fähig sind.« Ohne seine Gattin noch seine Mutter anzusehen, ohne den zweiten Konsul eines Blickes zu würdigen, steht er auf und verläßt das Zimmer. Er konnte später keinem der Anwesenden verzeihen, daß er ihn in dieser Stunde gesehen hatte; er stürzte den zweiten Konsul, verstieß seine Frau Josephine, er hielt seiner Mutter die Hand zum Kusse hin. Sie aber stieß sie heftig zurück. Es war in einer Familiengesellschaft und Napoleon damals schon Kaiser. »Bin ich nicht Ihr Kaiser?« fragte er. »Bin ich nicht Ihre Mutter? Und sind Sie nicht vor allem und jedem mein Sohn?« Napoleon schwieg und küßte ihr die Hand. XI Das dritte Buch heißt Josephine. Ich schildere die junge Kreolin, schön, glänzend, lebenslustig, in erster Ehe mit Marquis Beauharnais verheiratet, der unter der Guillotine sein Leben läßt, während sie ihren Glanz mühsam durch die Wirren der Revolution rettet. Ich bringe diese reizendste aller eingewanderten Pariserinnen mit Bonaparte zusammen, dem finsteren, trockenen, aber leidenschaftlich in die schöne Witwe verliebten General. Ich lasse sie heiraten und drei Tage nachher sich trennen, da der Gatte sich seine Sporen verdienen muß. Und wie verdient er sie! Er wirft ganz Europa über den Haufen, nur auf einen Menschen scheint er keinen Eindruck zu machen, auf seine Gattin, auf Josephine. Ich lasse ihn folgenden kleinen Brief schreiben, es ist der 27. November 1796. Vergessen Sie nicht, wir haben schon den Willensmenschen vor uns, der am 18. Vendemiaire in die Massen seine prächtigen Kartätschen hineingefeuert hat, der zum Oberbefehlshaber in Italien ausersehen ist, der Montenotte und Millesimo geschlagen hat, der an der Brücke von Lodi an der Spitze seiner Truppen einen Sieg errungen hat, Rivoli, Solferino, Bassano heißen die unvergänglichen Schlachten des jungen Gottes. Er sehnt sich nach seiner jungen Frau, reitet weite Strecken, nur von seinem Adjutanten begleitet, und findet die Liebste nicht im Nest. Hier der Brief: »Ich komme in Mailand an, ich stürze in Deine Wohnung, um Dich zu sehen und in meine Arme zu schließen... Du bist nicht da. Du läufst herum, um Dich zu amüsieren. Du läufst fort, wenn ich komme. Du kümmerst Dich nicht mehr um Deinen lieben Napoleon. Deine Liebe war eine Laune. Deine Unbeständigkeit macht Dir ihn gleichgültig. An Gefahren gewöhnt, weiß ich, wie man dem Verdruß und dem Übel des Lebens abhilft! Das Unglück, das ich empfinde, ist unermeßlich. Ich hatte das Recht, damit nicht zu rechnen. Laufe Du nur dem Vergnügen nach. Die ganze Welt ist nur zu froh, wenn sie Dir gefällt, und Dein Mann allein ist sehr, sehr unglücklich. Ich mache den Brief wieder auf, um Dir einen Kuß zu geben.« So war der Mann. Aber derselbe Mann hat in der Notre-Dame-Kirche die Krone aus der Hand des Papstes gerissen und sich und Josephine zum Kaiser und zur Kaiserin gekrönt. Die Siege sind nicht mehr zu zählen. Austerlitz, Jena, Auerstedt, Preußisch-Eylau, Regensburg, Aspern, Wagram. Am 14. Oktober 1809 hat Napoleon 100 Millionen Menschen unter seinem Zepter. Frankreich ist das größte Land der Welt. Napoleon der mächtigste aller Machthaber. Alle Welt liegt ihm zu Füßen, wie nur einem Dichter die Welt in den Geschöpfen seines Genies zu Füßen liegt. Napoleon ist unersättlich wie die ewigen Götter. Wo wäre denn sonst ein Grund für unser Leben, als daß die Götter nicht satt zu bekommen sind an unsern Leiden, Freuden? Wir sind für sie wie die Gänge eines Soupers, das von Mitternacht bis Mitternacht aller Tage dauert. Der Wechsel, unser Verschwinden, unser Sturz erfreut und amüsiert sie, und so erfreut sie auch das große Essen, la grande pièce , genannt Napoleon. Am 26. Oktober 1809 ist er in Fontainebleau gegen neun Uhr morgens. Josephine trifft um fünf Uhr nachmittags da ein. In den dreizehn Jahren hat sich das Gefühl der Frau gewendet. Sie liebte heute Napoleon, und Napoleon liebte sie nicht mehr. Mit andern Worten, sie war um dreizehn Jahre älter geworden, und Napoleon kommandierte nicht mehr eine Brigade, sondern die Welt von der Nordsee bis nach Malta. Die Angst, ihren Gatten und damit ihre Stellung zu verlieren, vermehrte ihre Liebe zu ihm ins Unermeßliche. Ihr Gatte war es, der jetzt gewünscht hätte, sie möchte ihm untreu sein. Aber sie hütete sich wohl davor. Sie war jetzt ein Muster von Milde, Unterwürfigkeit. Sie war ganz Resignation und Güte. Unablässig suchte sie seinen Wünschen entgegenzukommen. Er fühlte sich verlegen, wenn er sie so demütig und ergeben sah. Er machte sich Vorwürfe, aber der Wille entscheidet; sein Entschluß war gefaßt, seit Anfang 1809 war für das offiziöse Frankreich Josephine nicht mehr auf der Welt, der Moniteur unterließ es auf Befehl des Kaisers, ihr an ihrem Geburtstage die offizielle Gratulation darzubringen. Die alternde Frau suchte sich der Schwiegermutter zu nähern, aber sie fand im Unglück keine Stütze bei ihr. Die Unglücklichen sind immer im Unrecht. Inmitten der unerhörtesten Feste bereitet sich die Trennung vor. Josephine ahnt, was kommt. Sie ist voll trüber Gedanken. Kein lautes Wort. Keine feste Haltung mehr. Glaubt sie sich unbemerkt, füllen sich ihre immer noch schönen Augen mit Tränen. Sie forscht ihre Umgebung aus. Niemand will ihr Rede stehen. Ich kenne das, ich habe das an dem teuersten Menschen miterlebt. Ich war Napoleon, und sie war Josephine. Meine Freunde wissen, wen ich meine. Am 9. Dezember kommt ihr Stiefsohn Eugen aus Mailand. Er ist vom Kaiser berufen worden, er soll ihr eröffnen, was er selbst ihr nicht zu sagen wagt. Die Scheidung ist beschlossen. Sie liebt ihn mit den letzten Fasern ihres Herzens. Gibt es eine grausame Ader im Gewebe des menschlichen Herzens, die zwingt, den zu lieben, der einem Schmerzen bereitet? Ich kannte eine, die sagte mir das sublime Wort: Je veux tes peines ! Am 15. Dezember finden sich Erzkanzler Fürst Cambacérès und die kaiserlichen Hausminister in den Tuilerien ein. Die Mutter des Kaisers, ihre Kinder, der Kaiser und seine Brüder. Die Kaiserin und ihre schöne Tochter Hortense tragen Trauerkleidung mitten in dem Gold der Uniformen und dem Geriesel der Federn der Tschakos, dem Glänze der vergoldeten Degen. Ich schildere hier den ganzen Prunk des Kaiserreichs, die Züge und Charaktere der ganzen Familie des Kaisers in einer einzigen großen Szene. Der Kaiser spricht: »Seit langem bin ich der Hoffnung beraubt, in meiner Ehe mit meiner geliebten Gattin, der Kaiserin Josephine, Kinder zu bekommen. Dieser Umstand hat mich bestimmt, die Verbindung mit ihr aufzugeben, eine neue Ehe zu schließen. In einem Alter von 40 Jahren«, schließt er, und seine übermenschenhaft klugen Augen funkeln ihr düsteres Feuer über die glanzvolle, totenstille Versammlung, »kann ich mich noch der Hoffnung hingeben, daß die Vorsehung mir Kinder schenken wird. Daß ich lange genug leben werde, um sie in meinem Geiste erziehen zu können.« Nun sollte Josephine sprechen, das Programm war wie alles an diesem zeremoniösesten aller Höfe vorgezeichnet, aber man hatte mit ihrem Schmerze nicht gerechnet, und sie konnte nicht das Protokoll vorlesen, das ihr Sohn für sie aufgesetzt und auf einen Bogen Papier geschrieben hatte, den sie nun in ihren kleinen, schwarz behandschuhten Händchen hielt. Nun bringt sie, auf einen Blick des Gatten, den sie so oft in ihren Armen gehalten und der sie nun nicht zu erkennen scheint, nun bringt sie, während ihre zitternde Hand kaum das Papier halten kann, die ersten Worte des Protokolls hervor. Aber es ist unmöglich, sie zu verstehen. Tränen – schmerzlichere, liebevollere hat eine Kaiserin nie geweint – ersticken ihre Stimme. Das Papier fällt auf den Boden. Stoßweise bricht es aus der gequälten Kreatur: »Ihr seht in mir eine unglückliche Frau... vor Euch... Ich werde bald sterben... die Scheidung tötet mich... Tut, was Ihr wollt, ich werde mich allem unterwerfen.« Ihr Sohn, der König von Italien, hebt das Papier auf. Er gibt es ihr, mit einer fieberhaften Handbewegung reicht sie es dem Minister, der es an ihrer Statt verliest. Das ist eine Szene des privaten Lebens, eine Szene der Weltgeschichte zugleich. Sie müssen in dem Alten Testamente nachlesen, um eine Begegnung von solcher Einfachheit wiederzufinden. Ich habe bei diesem Werke bloß nachzuschreiben. Gedichtet haben diese Ballade Gott und Napoleon. Jede Idee wird ihnen zur Handlung, jeder Gedanke zur wirklichen, atmenden Gestalt. In einer viel niedrigeren Sphäre werden Sie eine ähnliche Szene in meiner Eugenie Grandet wiedererkennen. Auch ich habe dies erlebt. Einmal ist es mir begegnet, daß ich meine Seele in einem zweiten Körper wiederfand, daß ich eine Frau liebte und sie mich. Ich nannte sie dilecta . Wir gaben einander alles, wir nahmen voneinander alles. 25 Jahre standen zwischen uns. Sie war eine Greisin, ich fast noch ein Knabe. Sie wurde krank. Sie schämte sich, mich zu sehen, so starb sie in der Einsamkeit. Keuscher hat Lucrezia nicht ihren Tod gefunden. Ich habe aus dem Munde einer andern unglücklichen Frau einmal ein Wort gehört, das diese zu ihrem Geliebten sprach. Ich werde es Ihnen sagen, Sie werden es ebensowenig vergessen wie ich. Ich traf sie, das lebende Ebenbild meiner dilecta , auf der Anklagebank des Geschworenengerichtshofes in Paris. Sie war die Nichte eines Marschalls von Frankreich, 45 Jahre alt, immer noch schön. Immer noch, bedenken Sie wohl. Sie hatte für ihren Geliebten Wechsel gefälscht. Er war geflohen, mit den Dirnen, für die er das Geld brauchte, sie stand allein. Sie nahm alles auf sich. Sie war in die Klauen von Wucherern geraten, aus solchen Schulden macht man sich nicht frei. Sie war die Frau eines Deputierten, eines Chefingenieurs der Brücken und Wege. Sie lebte in Wohlstand. Sie liebte und wurde nicht geliebt. Sie konnte nicht von sich das große Wort sagen, das auf dem Leichenstein so mancher Schönen steht: »Ich liebte, ward geliebt und starb.« Ihr Wort ist viel tiefer, viel bitterer, viel wahrer: » Je ne te demande que de me tromper assez bien, pour que je me croie aimée. « Was aus dieser Frau wurde, weiß ich nicht. Hätte sie nicht gefälscht, sondern gemordet, mein Herz hätte sie auch dann freigesprochen. Aber nicht von mir ist die Rede, sondern von Napoleon. So steht ein Mann gegen den Strom der Welt. Barmherzigkeit kennt man nicht. Notwendigkeit ist alles. Dieser Notwendigkeit hat Napoleon gehorcht. Er hat befohlen, sich geschieden, sich vereinigt, und alles war ihm untertan. Aber sein Wille war nicht erleuchtet, er konnte den wechselnden Appetit der gelangweilten Götter nicht verstehen. Und unfähig, sich den veränderten Notwendigkeiten unterzuordnen, unfähig, sich anzupassen, unfähig, zu begreifen, daß ein einzelner sich über seine Grenzen nicht ausdehnen kann und daß Leben soviel heißt wie Grenzen haben oder an Gott glauben (was das gleiche ist), unfähig, sage ich, zu vergessen, zu verzichten, muß er tiefer stürzen als je ein Mensch zuvor. XII Sehen Sie Napoleon nun in dem nächsten Buche, mit Blindheit geschlagen, sich in die Eisfelder Rußlands hineinwagen, tollkühner, als es der wahnsinnige Karl XII. gewesen. Napoleon, der die Geographie aller Länder des bewohnten Erdballes derart beherrschte, daß ihm keine Falte des Geländes, keine Vizinallandstraße, keine Erträgnisquelle, sei es in bezug auf Lebensmittel, Kleidung, Futter, Unterkunft oder was sonst ein Heer braucht, verborgen blieb, dieser umfassende Geist setzt nun eine halbe Million Menschen und 160 000 Pferde gegen ein unermeßliches, menschenarmes, arktisches Reich ohne Straßennetz, ohne Magazine, ohne schiffbare Flüsse und eisfreie Häfen in Bewegung. Alles war zu verlieren, zu gewinnen nichts. So verliert er alles. Mit Moskau verbrennt mehr als eine große Stadt. Beresina ist eines der größten Erlebnisse des größten Volkes auf Erden; es ist noch mehr, es ist das erste Wanken des größten aller Menschen, Napoleons. Wie konnte er die Wirklichkeit so verkannt haben, er, der den Geist des Realen so sehr liebte und die Ideologie, die rein gedankliche Übermacht so haßte? Von wem, wenn nicht von ihm, habe ich die ungeheure Liebe zu allem, was wirklich ist, vom schmutzigsten Winkel im Marais in Paris und dem schmutzigsten Winkel in der Seele eines Gobseck oder einer Madame Marneffe bis zur wirklichen, fleischgewordenen Seelenfigur meiner Seraphita? Napoleon ist mein Vater, und ich bin sein Sohn. Dieser Geist des Realen ist unsere Gottheit. Und dieser Gottheit sehen Sie ihn jetzt zum erstenmal abtrünnig. Ich kenne Rußland. Kein Muschik, aber auch kein Fürst wagt sich im Winter auf die Reise ohne Säcke mit Mehl, Grütze, Schinken, Speck, Zucker, Tee, Salz, hierzu Decken, Pelze und Federkissen, Hafer für die Pferde und Öl für die Laternen. Aber Napoleon durchzieht mit seinen ungezählten Massen das unfruchtbare Land und hat dies nicht bedacht. Tapferkeit ist herrlich, aber machtlos gegen Hunger. Man kann sich gegen die beherzten russischen Bärenmützen schlagen, aber nicht gegen Nordwind und Eiseskälte. Trotz alledem ist dieser Mann so groß, daß er nicht auf einmal untergehen kann. Aber in ihm selbst ist jetzt der Zug zur Vernichtung wie früher der Zug zum Herrschen und zur Macht. Hat er jetzt dem erbarmungslosen Element getraut, so traut ein Jahr später der ewig Mißtrauische den Österreichern, er verläßt sich auf die Habsburger, deren Undank notorisch ist, da es ja ein Sprichwort vom Dank der Habsburger gibt. Aber Napoleon stützt sich auf Kaiser Franz, dessen erbärmlichen Charakter jedes Kind durchschauen kann. Napoleon nahm stets (wie ich) bei den Handlungen der Menschen die gemeinsten Motive an, und mit Recht; bei Franz, wie später bei den Engländern, erwartet er Edelmut, ein Ding, das Franz nur vom Hörensagen kennt. Ich bringe nun die berühmte Unterredung Napoleons mit Metternich, den ich in Wien kennengelernt habe und den ich zu meinen besten Freunden zähle. Es ist der 10. August 1813. Napoleon sagt sich: Ich muß als der Überlegene wieder im Felde erscheinen. Nun habe ich Waffenstillstand. Österreich muß ich zum Verbündeten gewinnen. Ich habe Österreich zum Verbündeten schon gewonnen und kann ruhig das Letzte fordern, denn unsere Ziele und Mittel sind die gleichen. Franz ist Kaiser wie ich. Franz ist mein Schwiegervater, und Verwandte bekämpfen einander nicht. Nie wird, dies sagt ihm Balzac, ein Duell zwischen Menschen so entschieden, so erbarmungslos bis auf das Letzte ausgekämpft wie gerade zwischen Verwandten. Alle meine Bücher bewiesen dies mit wissenschaftlicher Sicherheit. Jedermann hat dies erlebt, bloß Napoleon weiß es nicht. Metternich bietet ihm die Alpen und den Rhein als Grenze, 80 Millionen Menschen bleiben Napoleon, wenn er will, statt der 100, die er hat. Aber Napoleon kann sich nicht zufriedengeben. Wer sich einmal an Millionen berauscht hat, wird nicht wieder nüchtern. Napoleon schwankt. Österreich, das ist Metternich und Franz, sind längst zum Abfall entschlossen, und der Fürst kann es sich nicht versagen, mit dem Löwen zu spielen, ihn zu quälen, sich an seinem ärgerlichen Gebrüll lebhaft zu ergötzen. Er läßt den Kaiser schreien, im Kabinett sich austoben und, ganz erschöpft von Wut, heiser von Vorwürfen, in seinem Lehnstuhl mit dem Gesicht aufs Knie niederfallen. »Keine Kapitulation!« flüstert heiser Napoleon. »Hören Sie, Metternich, ich schwöre es, zuvor muß das Blut von Generationen vergossen werden. Eher müssen meine Feinde auf den Höhen von Montmartre stehen, bevor ich auf einen Fußbreit Landes verzichte. Euer Souverän«, dabei steht er auf und beugt seine starre gelbe Maske mit den tiefliegenden Lichtern, den hellblauen, fest blitzenden Augen über Metternichs blankes, zartes, blond umflaumtes Gesicht, »Eure Souveräne, die auf dem Thron geboren sind, können die Empfindungen nicht begreifen, die mich bewegen. Sie mögen überwunden in ihre Hauptstadt zurückkehren und sind doch nicht weniger als zuvor. Aber ich«, und hier schüttelt er sein schwarzes, straffes Haupthaar, als stünde er auf freiem Felde allein, »ich bin Soldat. Ich bedarf der Ehre. Ich brauche Ruhm. Ich kann mich nicht geschwächt inmitten meines Volkes zeigen. Ich muß groß, ruhmvoll, bewundert bleiben.« Die Kaminuhr schlägt zwölf. Metternich erhebt sich kühl. Er hat klugerweise dem Kaiser das letzte Wort gelassen. Die Feindseligkeiten mögen beginnen, da es der Korse so will. Es muß sein, und Österreich ist Frankreichs Freund nicht mehr. In Österreich und Preußen jubeln die Massen über den gerechten Krieg, auf den Höhen flammen die Freudenfeuer auf. Aber Napoleon glaubte nicht, was er sah. Er hörte nicht, was er vernahm. Erst nach der Niederlage bei Leipzig werden Sie sehen, wie er den Umschwung des Geschickes ahnt. Denn es ist sein Stern, der ihn verläßt. Blassen, finsteren, versteinerten Gesichts, die Hände auf dem Rücken, geht der starke, düstere Mann mit schweren Bärenschritten auf und ab und ruft wiederholt aus: »Bonaparte, Bonaparte, vient au sécours de Napoléon!« Auf, auf, Bonaparte, und Napoleon zu Hilfe! Ich aber lasse ihn geschlagen sein und geschlagen werden, so wie es das Geschick mit ihm getan hat. Es folgen zwei Szenen des privaten Lebens bei dem welthistorischen Manne. Ich schildere die Frau, die zweite Gattin, die jüngere, schönere, die echte Prinzessin, die mit dem Diadem auf dem Haupte geborene Marie Louise von Österreich. Diese Frau hatte Napoleon gewählt, oder besser gesagt, Gott hat sie ihm in seinem Zorne gegeben. Diese Frau hat der Kaiser geliebt, oder besser gesagt, sie liebte ihn nicht. Er schenkte ihr blindes Vertrauen, und sie war so, wie sie folgende Szene zeigt. Die verbündeten feindlichen Herrscher sind in Paris eingezogen. Man hat davon gehört, daß Napoleon in Fontainebleau den Versuch gemacht hat, seinem Leben durch Gift ein Ende zu machen. Man ist der Ansicht, er sei verloren. Sofort wird ein Kurier an den Grafen von Saint-Aulaire abgesandt, den Kammerherrn der Kaiserin, um sie würdig auf den Tod ihres Gatten vorzubereiten. Sie befindet sich im Lustschloß zu Blois. Es ist Mittag. Graf Aulaire steht vor ihr. Der verhängnisvolle Brief befindet sich entfaltet in ihren Händen. Sie ist im Peignoir halbnackt aus dem Bette geschlüpft, hat die Füße mit den schwanengefütterten Pantoffeln beschuht und überfliegt nun aufgeregt mehrere Male den Brief. »Gibt es kein Mittel mehr, den Kaiser zu retten?« fragt sie. »Vielleicht ist er tot?« Saint Aulaire mußte antworten: »Es ist mehr als wahrscheinlich, daß zur Stunde unser Kaiser nicht mehr unter den Lebenden weilt.« Einen Augenblick herrscht vollkommene Stille. Der Graf, bestürzt, erschlagen, vernichtet, starrt todtraurig zur Erde. Marie Louise mißversteht diesen Blick und sagt in ihrem österreichischen Dialekt: »Was gucken Sie denn nach meinen Füßchen? Die Pantoffel taugen nichts, viel zu groß für meinen kleinen Fuß!« Sie lacht schelmisch über das ganze Gesicht, streift sich die herabfallenden blonden Flechten hinter das Ohr und schellt ihrer Kammerfrau um die Schokolade. So hat die Kaiserin, das wurde mir streng verbürgt, die Nachricht vom Tode ihres Gemahls aufgenommen. Am Abend klärt sich alles auf, und Marie Louise schreibt an ihren Mann. Er antwortet aus Fontainebleau: »Meine gute Louise, ich habe Deinen Brief erhalten, ich ersehe aus demselben allen Deinen Kummer. Das vermehrt den meinigen. Ich erfahre mit Vergnügen, daß der Graf Dir Mut zuspricht. Er rechtfertigt durch dieses edle Betragen die große Meinung, die ich von ihm hatte. Sage es ihm in meinem Namen! Er soll mir oft kleine Nachrichten über Deinen Gesundheitszustand schicken. Suche sogleich in die Bäder von Aix zu gehen. Bleibe gesund! Sorge für Deine Gesundheit! Sorge für Deinen Sohn, der Deine Pflege nötig hat. Ich bin im Begriffe, nach der Insel abzureisen, von wo ich Dir schreiben werde. Ich werde ebenfalls alles tun, um Dich zu empfangen. Schreibe mir oft. Adressiere Deine Briefe an Deinen Oheim. Lebe wohl, meine gute Marie!« Jetzt reist Napoleon durch Frankreich unter dem Schutze zweier österreichischer Offiziere. Man weicht ihm aus. Man bedroht ihn. Er muß sich in österreichische Uniform verkleiden, um der Wut der Menge zu entgehen. Mit 25 Jahren Brigadegeneral, mit 26 Oberfeldherr, mit 30 Erster Konsul, mit 35 Kaiser der Franzosen, mit 40 Halbgott und mit 45 Jahren ein verachteter, machtloser Flüchtling, so hat sich das Gericht Napoleon auf dem Speisetische der blasierten Götter geändert. Der Koch oben ist noch nicht zufrieden, und man wird diesen Braten mit einer andern Sauce probieren, ohne nach seinen Wünschen zu fragen. Denn was sind wir ihnen? XIII Aber Napoleon herrscht, er bleibt der ewige Herrscher selbst über einen winzigen Raum, über die kleinste aller Inseln. Denn man sieht von Elbas Hügeln die See von allen Seiten gegen das Eiland fluten. Aber selbst hier verleugnet sich Napoleons wahrhaft königliches Genie nicht. Er baut Kanäle, läßt die Hafeneinfahrt ausbaggern, verbessert den Boden der Insel, gründet Schulen, baut Straßen, schlägt Brücken. Steuer, Gerichtsverwaltung, Gesundheitszustand, nichts ist vergessen, mit Ausnahme der Rekruten. Seine greise Mutter hat den Kaiser nach Elba begleitet. Seine Frau hält sich fern. So leben in Porto-Ferraio drei Menschen schlicht: der Kaiser, seine Mutter und seine Schwester Pauline Borghese. Warum kam die Gattin nicht? Napoleon war nicht allein ein General, der danach hungert, sich wieder an die Spitze seiner Truppen zu stellen, nicht nur der Herrscher, der seine Krone zurückgewinnen will, er war nicht nur eine welthistorische Persönlichkeit, sondern auch ein Mann des privaten Lebens, ein Verbannter ohne Heim, ein Gatte ohne Frau und ein Vater, von seinem Sohne getrennt. Hier haben Sie die eine Wurzel seiner Flucht aus Elba. Auch die zweite bewegt sich im privaten Leben, nicht anders wie bei meinen Helden Rastignac oder Vater Goriot. Sehen Sie nun, wie sich alles auswirkt, wie Ursache und Wirkung wie zwei Mühlsteine zwischen sich eine ganze Welt zerreiben und zertrümmern. Stellen Sie sich vor, Napoleon mußte Elba verlassen, in Frankreich landen, die Besatzung der Städte Südfrankreichs durch Handstreich gewinnen, Paris erobern, Ludwig den Achtzehnten stürzen von seinem Throne, den Franzosen eine Verfassung geben, die Adler auf dem Maifelde weihen und die Standarten segnen, er mußte Belle-Alliance gewinnen und Waterloo verlieren, viele Hunderttausende von Menschen opfern und, rasender als die aus dem Himmel herabgejagten Cherubim, von dem Sitze des wiedereroberten Thrones herabsausen, niederbrechend unter ungeheurem Getöse; er mußte in Verbannung gehen, in tausendmal bitterere, schmählichere als auf Elba, in den furchtbaren Tod auf der verseuchten Insel, die er auf einem Schiffe mit der gelben Quarantäneflagge erreichen sollte – das alles, das alles bloß deshalb, weil er kein Geld hatte, weil die Verbündeten mit abgrundtiefer Gemeinheit ihm das Geld versagten. Fünf Millionen waren ihm jährlich zugesprochen, man hatte sie feierlich verbürgt, als er nach Elba ging, und nie hat man einen Sou bezahlt. Sehen Sie doch, was uns alle Tage bedrückt, was uns am Leben frißt, die Geldmisere ohne Ende; dasselbe Los traf den größten aller Lebenden. Leicht ist noch diese Geldmisere zu ertragen, wenn man zwanzig Jahre alt ist, wenn man, wie ich einmal, in einer Kammer im sechsten Stockwerk wohnt und mit 60 Franken im Monat lebt oder sich einredet zu leben. Noch im Alter von 30 Jahren war mein Ideal eine Rente von 1200 Franken im Jahr, eine Hütte an der Loire und die Freiheit. Nun muß ich Jahr für Jahr eine Viertelmillion verdienen oder zugrunde gehen. Denken Sie sich aber Napoleons Lage aus, der nicht einen Heller wirklich empfing. Er unterhielt einen Hofstaat, der winzig war für einen Napoleon, aber groß für einen Bankrotteur. Er hatte kein Geld zur Besoldung seiner Treuen. Wovon lebte also Napoleon auf Elba, wenn er nicht verhungern wollte? Von den Mitteln seiner alten Mutter, genauso, wie ich bis in mein 29. Jahr, und zwar nach meinem geschäftlichen Zusammenbruch, ausschließlich von den Mitteln meiner Mutter gelebt habe. So klein, Sie verzeihen das Wort, hackt der himmlische Koch die Großen hier. Am Vorabend des bedeutsamen Tages, am 25. Februar, zeigt sich der Kaiser heiterer als gewöhnlich. Er bittet seine Mutter und seine Schwester Pauline, eine Partie Ecarté mit ihm zu spielen. Bald danach verläßt er die beiden und zieht sich in sein Arbeitskabinett zurück. Er kommt nicht wieder, die Mutter betritt den Raum, um ihn zu rufen, trifft aber nur den Kammerherrn an, der sagt, Seine Majestät sei in den Garten gegangen. Es ist ein herrlicher, warmer Abend. Es ist Frühling. Der Mond sendet seine blitzenden Strahlen zwischen die festen, glatten Blätter der Bäume herab, die eben Blüten ansetzen. Den Kaiser sieht man mit raschen, energischen Schritten in den Alleen des Gartens auf und nieder gehen. Plötzlich bleibt er stehen und lehnt seinen herrlichen, knabenhaften, schmalen Kopf mit dem ungebleichten, starken, schwarzen, schlichten Haar an die Rinde eines Feigenbaums. »Ich muß das meiner Mutter sagen«, spricht er vor sich hin. Die Mutter hört diese Worte und geht zu ihm hin, die unerklärliche Spannung läßt ihre Stimme zittern: »Was macht Sie heute so unruhig?« Der Kaiser legt seine edlen, sehnigen, gelblichen Hände an seine unbeschreiblich klare, ebene Stirn, die nichts bis jetzt zu fürchten vermocht hat, und sagt nach einem Augenblick des Zögerns: »Ja, ich muß es Ihnen sagen, Mutter. Ich bitte Sie nur, keinem Menschen zu wiederholen, was Sie jetzt erfahren, auch meiner Schwester nicht.« Er lächelt, er küßt seine Mutter, wie wir alle es tun. »Ich benachrichtige Sie davon, daß ich heute nacht abreise.« »Wohin?« fragt die Mutter. »Nach Paris! Aber vorher bitte ich Sie um Ihren Rat.« Wie fühle ich, Balzac, in diesem Augenblick mit ihm. Ich selbst bin es, der vor seiner Mutter steht. Ich bin 22 Jahre alt und muß nach Paris, leben, siegen oder untergehen. Sie denkt nach, wie eine Mutter über das Schicksal eines Sohnes nachdenkt, und sagt: »Reisen Sie, mein Sohn! Folgen Sie Ihrem Schicksal. Lassen Sie mich einen Augenblick vergessen, daß ich Ihre Mutter bin. Es kann nicht der Wille des Schicksals sein, daß Sie durch Gift, Elend oder am Ende eines dürftigen, tatenlosen Lebens sterben sollen, wohl aber mit dem Schwerte in der Hand! Vielleicht wird Ihr Plan scheitern und der nahe Tod dem mißglückten Beginnen folgen. Aber hier können Sie nicht bleiben. Ich sehe es mit Schmerz ein. Ich habe nur die eine Hoffnung, daß Gott, der Sie in soviel Schlachten beschützt hat, Sie noch einmal beschützen wird.« Lätitia war würdig, Napoleons Mutter zu sein. Als sie ihn unter dem Herzen trug, machte sie das berühmte Treffen von Pontenuovo auf Korsika mit. Die Schlacht war verloren, die Familien der aufrührerischen Korsen mußten fliehen, darunter auch Napoleons Vater und Mutter. Man sammelte sich auf dem Monte Rotondo, eine halbe Tagereise von Corte. Ein schmaler Hirtensteig führt durch Urwald über nackte, düstere, unermeßliche Felsen auf die Spitze des Berges, der mit ewigem Schnee bedeckt ist. Hier und da finden sich in den Spalten Höhlen, in denen die Hirten im Unwetter ihre Zuflucht nehmen. Ich bin vor einigen Monaten auf Korsika gewesen (ein Millionenunternehmen führte mich hin) und habe die heilige Höhle gesehen, wo die Mutter Napoleons auf ihrer Flucht ein Versteck fand. Solange sie lebte, war Lätitia geizig bis zur häßlichsten Knauserei. Wenn es aber um das Schicksal ihres Sohnes sich handelte, warf sie die Millionen aus ihrer Schatzkammer, als wären es Kiesel. Sehen Sie, wie sie jetzt Abschied von ihrem Sohne nimmt. Schweigend begleitet sie ihn zum Portal des Gartens. Auch er schweigt. Ein großer Mann versteht es, von dem zu schweigen, was ihn am tiefsten bewegt. XIV Am 1. März hat der Imperator Frankreichs Boden bei Cannes betreten. Am 21. desselben Monats hält er siegreich Einzug mit seinem Heere in Paris. Der Thron ist wiedererobert, aber noch wankt er. Die Mutter kehrt zu ihrem Sohne nach Paris zurück. Man hat auf sie gewartet, und am Tage nach ihrer Ankunft leistet der Kaiser auf dem Maifelde den Eid auf die Verfassung und verteilt die Fahnen. Im Krönungswagen, der achtspännig bespannt ist, fährt er zur Feier. Er trägt ein weißes Seidengewand, sein Kopf ist mit einem Hute mit Federbüschen und Diamantagraffen geschmückt, den Krönungsmantel, Hermelin und Gold, hat man ihm über die Schultern geworfen. Der Erzkanzler Cambacérès ist in einen mit silbernen Bienen übersäten blauen Samtmantel gehüllt. Die Marschälle des Kaisers reiten neben den Wagenschlägen. Großoffiziere des Hofes, Kammerherren, Pagen, bewaffnete Herolde, alles ist in gleißender Pracht um den Kaiser versammelt. Still wogt und unabsehbar die ungeheure Menschenmasse. Im Sonnenlichte funkeln die Uniformen, über den riesengroßen, ehernen Adlern blähen sich die unvergeßlichen, verschlissenen, zerschossenen Fahnen von Marengo und Austerlitz. Bis an die Wolken dringt der Jubel, unbeschreiblich ist der Ausdruck der Freude auf den Gesichtern der alten Soldaten. Aber er ist düster. Er fühlt sich leidend. Er entbehrt des Schlafs. Am 12. Juni begibt er sich zum Heere. Nun berichte ich die Schlacht bei Waterloo. Napoleon hat 300 000 Mann in der Linie. Die Kerntruppen enthält die Nordarmee, die der Kaiser selbst kommandiert. Das alte Feuer, die unverminderte Hingebung bei den Gemeinen, bei den Frontoffizieren. Aber Napoleon ist nicht mehr der gleiche. Er hatte die andere Seite der Welt gesehen, die sonnenabgewandte, die man nicht durch Lichtstrahlen erkennt. Sein Genie konnte ihm die Gottheit nicht entreißen, nachdem sie es ihm einmal gegeben, aber sein Wille war im Schwanken. Er glaubte sich selbst nicht mehr. Zwei große Heere traten ihm entgegen. Lord Wellington, bis dahin unbesiegt, mit den Engländern, Norddeutschen, Holländern, Belgiern, steht in Nordwestbelgien. In dem südöstlichen Teil Belgiens haben Sie das zweite Heer, das preußische unter Blücher. Das erste Heer ist nicht stärker als 90 000, das zweite umfaßt 120 000 Soldaten. Kann Napoleon die Gegner vor ihrer Vereinigung schlagen, ist er wieder Herr der Welt. Gerade das gelingt. Unerwartet überschreitet Napoleon am 15. Juni morgens die belgische Grenze zwischen den Gegnern. In seiner Hand sind Truppen, stark wie Erz, im Feuer tausendmal geglüht. Beim Feinde stehen ungeübte, frisch ausgehobene Soldaten, schlecht bewaffnet, schlechter noch geführt. Napoleon wirft die schwachen preußischen Bataillone zurück, dringt gegen die Hauptmacht der Preußen vor und schlägt sie am 16. in der furchtbar blutigen Schlacht bei Ligny. Blücher hatte seine Truppen nicht vollzählig gesammelt, es waren Fehler über Fehler begangen worden. Die Verluste der Preußen sind ungeheure, 28 000 Mann, aber Napoleon hat nur 8500 Mann eingebüßt. Kann er jetzt Blüchers Armee rücksichtslos verfolgen, so wird die Blüchersche Armee zersprengt. Was tut Napoleon? Oder was tut Gott mit ihm? Napoleon schläft ein. Der Mann, der 18 Stunden täglich arbeiten konnte, wie ich es kann, schläft ein wie ein Kind nach dem Spiel. Aber als er erwacht, wäre es immer noch Zeit, wenn auch unter Schwierigkeiten, zur rücksichtslosen Verfolgung. Statt aber selbst alles anzuordnen, verläßt er sich auf Ney. Ney verläßt sich auf Marschall Grouchy und Grouchy auf den lieben Gott. Grouchy verschiebt die Verfolgung des geschlagenen Feindes auf den nächsten Tag, obwohl er heute nur zwei Stunden marschiert ist, und sonst war er doch der treueste der Treuen, hatte 20 Jahre lang seine Reitereskadronen ohne Tadel geführt und mit Bravour! Nun wendet sich der Kaiser gegen die Engländer, um ihnen das Schicksal der Preußen zu bereiten. Die Briten begaben sich in eine im voraus gewählte, aber schlecht gewählte Stellung bei Mont Saint-Jean, wodurch sie sich die Straße nach Brüssel sperrten. Wellington will nicht kämpfen, er will fort, und nur weil er infolge der elenden Rückzugslinien es nicht kann, muß er bleiben und die Entscheidungsschlacht annehmen. Es hat stark geregnet, die Luft ist feucht und undurchsichtig, der aufgeweichte Lehmboden (dieselbe Erde, wie ich sie hier in Les Jardies habe) erschwert die Bewegung, man kann die Truppen im Nebel und Regen nicht richtig führen, muß warten, bis sich die Sicht aufhellt, und an dieser Tücke des Wetters und des Bodens entscheidet sich Napoleons Untergang. Hätte man um vier Uhr morgens die Franzosen in Stellung bringen können, um sieben Uhr wäre der Sieg unser gewesen, ja selbst bis zwölf, bis drei nachmittags. Aber es wurde Abend. Alles lag daran, sich zu schlagen, bevor die Feinde sich gesammelt hatten, und mit jeder Stunde wurde diese Gefahr dringender. Man konnte auf Grouchy rechnen, aber er kam nicht. Man hatte ihn vor zwei Tagen mit 38 000 Mann, mit 108 Geschützen die Preußen verfolgen lassen, und er war noch nicht zurück! Er mußte den entsetzlichen Kanonendonner hören und jeden Augenblick erscheinen! Aber es wird Dämmerung, es wird Nacht und niemand kommt. Aber er konnte doch nicht mit 38 000 Mann in eine Schlucht gefallen sein, konnte doch nicht vom Erdboden spurlos verschwinden? Nein, Grouchy hielt sich buchstäblich an seinen Befehl, gegen jede Vernunft, er wußte, was er hätte tun müssen, und tat es dennoch nicht. Eine unbegreifliche Verblendung hatte ihn ergriffen, man kann sie kaum nachzeichnen, eine infernalische Dummheit, die man verstandesmäßig nicht erfassen wird. Außer daß Gott es so wollte. Grouchy hält mit seinen Truppen zwischen Ligny und Wavre. General Exelmans, der die Kavallerie befehligte, reitet in gestrecktem Galopp zu Grouchy. Man hört an dem furchtbaren Getöse, daß sich aus 1000 Kanonen zwei Riesenarmeen gegenseitig den Tod durch ihre Feuerschlünde zusenden. Der Blinde hätte es mit dem Stock fühlen müssen, denn der Boden wankte! Der General sagt in höchster Aufregung: »Der Kaiser steht im Kampf mit der englischen Armee. Ein so furchtbares Feuer bedeutet kein bloßes Treffen. Herr Marschall, wir müssen auf den Kanonendonner zumarschieren! Ich bin ein alter Soldat der italienischen Armee, ich habe Marengo mitgemacht. Tausendmal habe ich Bonaparte den Grundsatz aussprechen hören, immer auf den Kanonendonner loszumarschieren. Schwenken wir links ab, sind wir in zwei Stunden auf dem Schlachtfelde.« »Ich glaube, Sie haben recht«, erwiderte der unselige Grouchy, »aber ich komme dann in Gefahr, daß ich meinem Befehl nicht gehorcht habe. Mein Befehl lautet aber dahin, gegen Blücher nach Wavre zu marschieren.« Und dabei blieb es. Wäre Grouchy auf dem Schlachtfelde von Saint-Jean gewesen, wie es der englische und preußische Feldherr noch am Morgen des 18. Juni geglaubt hatten, hätte es das Wetter erlaubt, die französischen Truppen um vier Uhr morgens aufzustellen, wir hätten gesiegt, sie hätten alles verloren! Wellington wollte flüchten, konnte es wegen der schlecht gewählten Stellung nicht und mußte gegen seinen Willen abwarten, bis der Sieg wie ein Hagelwetter über ihn herabprasselte! Unsere Truppen herrlich, todesmutig, bewunderungswürdig im Sturm. Fußvolk, Reiterregiment auf Reiterregiment, zum Schluß die kaiserliche Garde. Aber ohne Grouchy kann sich der Kaiser nicht halten. Am Abend treffen die Preußen ein. Wellington dringt von vorne durch, von der Seite stoßen die Preußen ins Herz der Stellung. Um den Kaiser wird es leer. Lange hält er sich auf dem breiten Rücken des im Kanonendonner unbeweglichen, durch den Pulverrauch unbekümmert groß blickenden arabischen Pferdes. Ein kleiner Mann, olivengelb von Gesichtsfarbe, hellblaues, kaltes Licht in den tiefliegenden Augen, buschige, schöngeschwungene Augenbrauen darüber, das schwarze, straffe Haar schräg in die hellere Stirn gezogen, die Hände über dem Sattelknopf auf der goldverbrämten Purpurschabracke ineinander verschränkt. Das Feuer der Preußen nähert sich auf 500 Schritt. Es ist dunkel. Dörfer brennen. Man hört Schreien, Kreischen, Wiehern der Pferde, Flüchtige und Verwundete drängen sich im Dunkel, dazu immer noch der Donner der Geschütze, das Pfeifen der Infanteriegeschosse. Aber es schießen nur die Preußen und Engländer noch. Frankreichs Artillerie schweigt, es feuert kein einziges Stück. Der Kaiser reitet querfeldein. Sein Reisewagen mit seinem persönlichen Gepäck und der Bibliothek, die ihn nie verließ, ist schon in den Händen der Engländer. Die Schlacht von Waterloo ist verloren. xv Vielleicht, fährt Balzac fort, erzähle ich Ihnen diese apokalyptische Entscheidungsschlacht eines Willensdämons nur, um den Gedanken an die Entscheidung meines eigenen Lebens zu entgehen. Die Frau, die ich liebe, ist 2000 Meilen weit entfernt und durch furchtbare Schwierigkeiten und Hindernisse von mir getrennt. Der Freund, der mir ebenso nahe steht, ist ungerecht angeklagt, in höchster Gefahr, und noch habe ich keinen Schritt zu seiner Rettung unternehmen können. Das Werk, das ich begonnen habe und das mein Land so berühmt machen wird, als es das Werk eines einzelnen vermag, ist nicht vollendet, ja, im tiefsten Sinne noch nicht einmal begonnen. Ich habe wohl ein Haus und kann Sie auf meinem eigenen Grund und Boden bewirten, aber meine Schulden lassen mir wenig Ruhe, sorgenlose Tage wie den heutigen zähle ich zu den Seltenheiten. Aus allem gibt es einen Ausweg, eine Entscheidung bietet sich in jedem Augenblick, aber noch bin ich meines Entschlusses nicht sicher und gönne mir diese Erzählung als letzte Gnadenfrist. Lassen Sie mich zu Ende erzählen, denn wir sind dem Ende dieses großen Mannes nahe. Denn nun beginnt das furchtbare Buch, das die drei Worte: Malmaison, Bellerophon, Sankt Helena kennzeichnen. Am Tage nach der Schlacht bei Waterloo sagt Napoleon: »Alles ist noch nicht verloren. Ich vermute, daß, wenn ich meine Streitkräfte vereinige, mir 150 000 Mann bleiben. Meine Verbündeten und die Nationalgarde, die beherzt sind, werden mir 100 000 stellen, die Reserve 50000. Ich habe also 300 000 Mann, die ich gegen den Feind führen kann. Ich werde die Artillerie mit Luxuswagen bespannen. Ich werde 100 000 ausheben. Ich werde sie mit den Gewehren der Royalisten und des schlechtesten Teiles der Garde bewaffnen. Ich werde Massenaushebungen in der Dauphiné, im Lyonesischen, in Burgund, in Lothringen, in der Champagne veranstalten. Ich werde den Feind erdrücken...« Dies sagt er, tut es aber nicht, geht, in Paris angekommen, nicht in die Kammer, um die Kanaille zu bändigen, was er damals durch einen Blick vermocht hätte, sondern legt sich in die Badewanne, ißt und schläft, schläft. Sodann zieht er sich zu seiner Mutter, seiner Schwester nach Malmaison zurück. Im Anfang konnten sich die Seinen sein Auftreten nicht erklären. Man dachte, er hätte die Vernunft verloren. Zwei Tage wieder der Mann von Marengo! Aber er ist's nicht mehr! Er sah nicht, was er sah. Er hörte nicht, was er hörte. Die Verblendung des größten Geistes macht alle schaudern. Denn Napoleon versagt sich jede Anspielung auf seine gegenwärtige Lage. In Malmaison ist er, nur von. Savary begleitet, angekommen. Er blickt um sich, tut erstaunt, im Schlosse so wenig Leute zu bemerken. »Nun? Ich sehe keinen einzigen von meinen Adjutanten?« fragt er Savary. »Ja«, antwortet dieser, »viele Leute, die wir im Glück um uns sehen, verlassen uns im Unglück.« Napoleon scheint sich keine Gedanken über seine Lage zu machen. Sie ist günstig oder verzweifelt, je nachdem einer handelt. Günstig, denn die Preußen und Engländer, alte Rivalen und einander neidisch auf ihren Sieg, haben sich getrennt, sie marschieren jeder für sich nach Paris. Blücher, der der gefährlichere ist, hat nur 60 000 Mann. In Paris stehen unter Davout 70 000 Mann. Ungünstig, denn der Kaiser lebt nur in vergangenen Zeiten, erinnert sich der schönen Tage und Abende, die er in den ersten Zeiten seines Glücks mit Josephine hier verbracht hat. Die berühmten Rosen von Malmaison stehen in Blüte. Es ist herrliche, sommerliche, wolkenlose Zeit. Jede Stunde Verzögerung ist nicht einzuholen, und als sich der Kaiser besinnt, ist es zu spät. Er bittet die frech gewordene Regierung, mit dem infamen Fouché an der Spitze, man möge ihm die Reste des Heeres von Waterloo übergeben. Er verspricht, die Preußen und die Engländer einzeln zu besiegen. Er diktiert an die Regierung, statt mit dem Degen in der Hand in die Kammer zu treten, einen höflichen, herzlichen, ergreifenden Brief: »Ich erbiete mich«, schreibt er, »mich an die Spitze der Armee zu stellen, welche bei meinem Anblick ihren ganzen Mut wiedergewinnen, sich wie wahnsinnig auf den Feind stürzen und ihn für seine Frechheit strafen wird. Ich gebe mein Ehrenwort als General, als Bürger, als Soldat, daß ich das Kommando nicht eine Stunde länger behalten werde, als bis der Sieg errungen ist. Ich gelobe zu siegen, nicht für mich, sondern für Frankreich!« Das war Papier. Ein paar Kartätschen hätten alles entschieden. Daru, der treue General, schlägt ein Kriegsgericht über Fouché vor. Die Richter waren bereits ausgewählt, verläßliche Leute, noch aus der Zeit des Herzogs von Enghien. »Sie hätten mich gut bedient«, sagt Napoleon von ihnen auf Sankt Helena. Aber dürfen sie zusammentreten und Fouché zum Tode verurteilen? Napoleon wagt es nicht, und warum? Weil er nicht im Blute waten, nicht zum Abscheu des Menschengeschlechtes werden will. So zittert ein Pferd vor seinem eigenen Schatten und stürzt. Die Preußen haben sich Paris genähert, die Entscheidung muß fallen. Napoleon erwartet in Uniform, umgeben von seinen letzten Getreuen, die Antwort der provisorischen Regierung. General Becker kommt endlich mit der Antwort: Man wünscht Napoleons Hilfe nicht mehr! Der Sieger von Austerlitz fügt sich dem erbärmlichen Königsmörder Fouché. Der Halbgott unterwirft sich seiner eigenen, aus Dreck zusammengekleisterten Kreatur. Napoleon muß einen andern Namen auf der Flucht annehmen und nennt sich von jetzt General Becker. Er zieht einen flohbraunen Frack an. Eine kleine, unscheinbare gelbe Kalesche wartet auf der Landstraße beim Parkausgang, denn es ist keine Zeit zu verlieren. Nun sehen Sie die infame Tücke des Schicksals. Die Ereignisse haben sich so überstürzt, daß Napoleon nicht daran gedacht hat, sich Geldmittel für seine Flucht zu verschaffen. Selbst die Mutter, der immer segensreiche Geist, kann jetzt nicht helfen. Da erbietet sich Hortense, die Tochter Josephines, der verstoßenen, vernichteten, getöteten Gattin, ihr kostbares Brillantenhalsband dem Kaiser zu geben. Er lehnt es ab. Die Mutter beschwört ihn unter Tränen. Nun erlaubt er es, und die beiden Frauen machen sich an die Arbeit, trennen eine Falte des Rockes auf und verbergen hier das kostbare Schmuckstück. Der Schauspieler Talma, der vom Kaiser Abschied nehmen wollte, war Zeuge des letzten Wortes von Mutter und Sohn. Sie reichte ihm die Hand und sagte: »Adieu, mein Sohn.« Die Antwort des Kaisers war: »Meine Mutter, leben Sie wohl!« – In diesem Augenblick trat der alte Diener François zu dem Dichter. Er hatte schon vor längerer Zeit ihm etwas mitteilen wollen, aber nicht gewagt, ihn zu unterbrechen. Draußen hatte sich ein mäßig starker Wind erhoben, und der Regen brach kräftig nieder. Balzac gab dem Diener flüsternd Antwort auf seine Mitteilung und setzte seine Erzählung, wenn auch flüchtiger, fort: Nun bringe ich die ungeheure Szene auf dem Bellerophon mit allem, was vorhergeht und was so romanhaft ist, daß es selbst meine Phantasie nicht phantastischer erfinden könnte. Ich wiederhole den Wortlaut des berühmten Protestes, des Appells an den Edelmut der Engländer oder an die Hörner der Pferde, an die Wohltätigkeit der Wucherer... oder besser, ich schweige davon... XVI Ich schweige von Bellerophon, dem Charonschiff, dem Totenschiff. Wozu die ganze Kette von verblendeten Handlungen vor Ihnen, die so gütig und geduldig mir Ihre Aufmerksamkeit schenken, wozu diese apokalyptische Schicksalskette Glied für Glied vor Ihnen aufrollen, Sie wissen doch, wohin sie führt, auf Ihren Lippen sehe ich schon das unheilvollste Wort erscheinen: Sankt Helena. Aber, ist das Drama Napoleon schon bis jetzt überreich gewesen an den unerhörtesten dramatischen Wendungen, so hat der Weltgeist sich die größte, ich möchte sagen, die nach Applaus schreiende Wendung aufbewahrt bis an den Schluß. Daß aus einem Helden ein Heiliger werden kann, hat die griechische Sage in Herakles vorausgeahnt; unter den unsagbaren Leiden des vergifteten Deïanira-Hemdes, auf dem selbstgewählten, bis an die Wolken aufgeschichteten Holzstoß, im selbstgewählten Leiden erhebt sich der heidnische Held; heilig steigt er in seinem Schmerze gegen den Olymp, und hier folgt ihm Napoleon. Nicht in heidnischem Stolz und mit dem Lachen göttergleichen Übermutes, sondern in christlicher Demut, als der wahre Heilige der Zeit. Wenn Sie dies hören, will es Ihnen fürs erste sonderbar erscheinen. Aber sehen Sie die furchtbarste aller Inseln vor sich, schwarze Lavawände eines erloschenen Vulkans gegen das ewig unruhige Meer in rauhen, wilden Zacken unter dem bleigrauen Himmel getürmt, das ist der Schauplatz dieses Dramas. Nur Felsen, unförmige Steinklötze, unfruchtbares Geröll, keine Krume gewachsener Erde. Man muß Erde von England bringen, Erde für jeden Baum, den man pflanzt, Erde für jeden Weg, den man anlegen will, und Erde für jedes Grab. Die Felsen glänzen in schwärzer, gleißender Pracht an den wenigen sonnigen Tagen. Zwischen ihnen blinken Kanonenläufe, von denen die Insel starrt. In dieser Lavahölle kann kein Europäer atmen. Tritt er abends nach einem der unbeschreiblich bedrückenden, unerträglich niederbrütenden Tage vor die Schwelle, etwa in den »toten Wald«, die Anpflanzung verkrüppelter, vertrockneter Gummibäume, die in schütterem Halbkreis das Haus Napoleons, Longwood, umgeben, dann faßt sich der Kaiser nach der keuchenden Brust, er preßt die Hand auf das aufgebäumte Herz, denn er kann nicht atmen, atmen kann hier keiner frei, auch die Freien nicht. Ich sage Haus. Nein, es ist kein Haus, ein Kuhstall ist es, eine Pferdehütte, worin unzählige Geschlechter dieser Tiere fünfzig Jahre lang gehaust und gemistet haben, man hat vergessen, diesen Mist beim Umbau für den Kaiser fortzuräumen, bei trockenem Wetter brodelt der faulende Boden die furchtbarsten Gerüche aus, bei feuchtem splittern die morschen Planken, und das tief grüne, grauenhaft stinkende Wasser spült den widerlichsten Schmutz dem erbleichenden Kaiser zwischen die Füße. Auf dem Dache spielen Eidechsen, aber in den Gemächern, den engen, niederen Kammern, raschelt es bei Tage und bei Nacht, große silbergraue, packpapierfarbene, glattfellige, bösartige Ratten mit roten, glitzernden Augen treiben sich umher, benagen alles, lassen sich von keinem verjagen, auch vom Kaiser nicht, sie beißen den kranken Pferden in die Schenkel, sie schlagen ihre spitzen Zähne dem Grafen Bertrand, dem Freunde des Kaisers, in die Hand. So sieht das Haus des Kaisers aus. Es liegt hoch, auf kalter, unwirtlicher Ebene, in einem fürchterlichen Gelände, das schutzlos dem erdrückenden, schwülen Hauch der südlichen Winde ausgesetzt ist, aber ebenso auch dem eisigen Wetterbruch der Passate. Nie ist, auch in den gesünderen Teilen der Insel, ein Weißer sechzig Jahre alt geworden. Auch unter der besten Pflege, auf dem geschütztesten Teile von Sankt Helena hat sich ein Weißer niemals durch Jahre vor Dysenterie, Fieber, Erbrechen, Schwindel, Leberleiden zu retten gewußt. Wie erst dann in der übelsten, von allen Lebenden längst verlassenen Landschaft, die man dem Kaiser zugewiesen hat, es waren Kasematten in freier Luft; die Wände des Schlafzimmers standen unter einer knisternden Schicht von Salpeter, ein fürchterlicher Dunst ließ den Unseligen nicht einmal nachts aufatmen. War das nicht Leiden genug? Noch mehr. Kein Geld, keine Briefe von den Lieben, Zeitungen nur dann, wenn sie böse Nachrichten, Flüche und Verwünschungen der undankbaren Heimat enthielten; als Kerkermeister einen der verruchtesten, kältesten Verbrecher, den je die unwillige Erde getragen hat, eine Ausgeburt der britischen, verstandesharten Hölle, einen früheren, einen immerwährenden, hämischen, giftigen Spion, einen kleinen, erbärmlichen, grüngesichtigen, hautkranken Mann, den nur eines freute, einen großen Unglücklichen zu martern. So sah das Werkzeug aus, womit Gott Napoleon zu einem Christen machte. Denn die Menschen verlassen ihn. Hätte er nur noch ein Jahr länger gelebt, so wäre er mit seinem treuen Diener Marchand allein geblieben, allein gestorben. Die Mutter wollte zu ihm. Diese antike Gestalt verleugnete sich nie. Sie war würdig, die Mutter eines Halbgottes zu sein. Sie wurde würdig, eines Heiligen Mutter zu werden. Sie schrieb ihrem Sohn nach Sankt Helena: »Ich bin recht alt und weiß nicht, ob ich eine Reise von 2000 Meilen überstehen werde. Aber was liegt daran? Wenn ich dort sterbe, so sterbe ich wenigstens bei Dir.« Hier sehen Sie die Mater dolorosa , aber fern vom Kreuze ihres Sohnes, und das ist ihr schwerstes Leid. Er, der verlassene Sohn, der vereinsamte Vater, sehnt sich nach dem Kinde, dem lieben Sohn. Ein Wiener Forschungsreisender, der das Kind gesehen hat, will den Kaiser besuchen, der Kerkermeister läßt ihn nicht vor. Ein anderer hat eine Haarlocke von dem goldlockigen Prinzen gebracht. Sie muß durch die Hände von vier Vertrauten gehen, die Frau eines Kammerdieners muß in die Intrige gezogen werden, man muß Winkelzüge anwenden wie die von Verbrechern, bevor das bißchen stumme, blaß leuchtende Haar in die Hände des vereinsamten, unseligen, verlassenen Vaters gelangt. Noch nicht genug. Der Kaiser hat nicht hinreichend Geld, da man auch die Geldsendungen verbietet. Aber er muß leben, muß seine Getreuen und weniger Getreuen besolden. Er steht mit leeren Händen da. Sehen Sie nun den bleichen, den matt gebräunten Mann in seinem engen Schlafzimmer stehen, wohin er sein Feldbett von Austerlitz gerettet hat, und sich in aller Ruhe anschicken, sein Silbergeschirr zu zertrümmern. Mit einem Hammer schlägt er die bauchigen Gefäße flach wie Buchdeckel, an den Eisenstangen des Bettes hämmert er zwölf schwere Löffel zu einem Klumpen, den er, während er unter seinem großen, breitrandigen Strohhute hervor lächelt, erst in der einen, dann in der andern Hand wiegt. Und wie ein Kind beginnt er damit zu spielen, mit dem silbernen Balle zu jonglieren, als wär's die Weltkugel, die er vor einem Jahre zwischen seinen sehnigen Fingern gehabt hat. Eine Ratte wagt sich mit ihrem spitzen Köpfchen, leise pfeifend, vor. Der Kaiser schleudert seinen Silberball auf sie, trifft sie aber nicht, und das freche Tier ist eher versucht, mit den krallenbewehrten starken Vorderpfoten mit der Kugel zu spielen, als sich verjagen zu lassen. Man läßt den großen Mann hungern, gibt ihm übelriechendes Fleisch, das man vergraben muß, kahmigen Wein, der nicht einmal als Essig taugt. Er schweigt. Man nimmt ihm seinen kaiserlichen Namen. Er will sich nach dem geliebten Adjutanten von Marengo Murion nennen oder nach dem teuren General Duroc, auch das verbietet der Kerkermeister, denn dies sei ein Vorrecht fürstlicher Personen. Man nimmt ihm, dem Sterbenskranken, den guten Arzt O'Meara. Man bewacht den Kaiser, läßt ihn nicht einen Schritt allein ausreiten, überall sind Fahnensignale vorgesehen, eine blaue Fahne als Alarmsignal bei seiner Flucht, die man nie hißt. Und doch ist er entflohen, Napoleon ist nicht in der Hölle von Sankt Helena gestorben. Er ist so weit geflohen, daß Menschen ihn nicht mehr erreichen konnten, weder im Guten noch im Bösen, er hat sich gewandelt, denn er wurde Christ. Er klagte nicht mehr. »Ruft nur eure Klagen über ganz Europa«, sagte er seinen Treuen, »ich selber klage nicht.« Er hungerte nach Gott, als er nach der grauenhaften Einöde der Insel kam. Er sagte: »Wie glücklich wären wir hier« – hören Sie, meine Herren, glücklich sagte der Kaiser –, »könnte ich mein Leid Gott anvertrauen und von Ihm Heil und Glück erwarten!« Es war einer der ersten Abende. Die Sonne war spät untergegangen, die Luft, erfüllt von heißem, dunklem, schwarzem Staube, war kaum zu atmen. Vom Boden stieg der üble Brodem des verfaulten, verwesenden Unrats auf, in seinem winzigen Zimmer saß der Kaiser im gelben Lampenglanze unter den Seinen. »Habe ich kein Anrecht darauf?« fragte er. »Ich habe eine ungewöhnliche Laufbahn hinter mir, ohne ein Verbrechen begangen zu haben. Ich kann ohne Scheu vor Gottes Richterthron treten und seinen Richterspruch erwarten. Nie ist der Gedanke an Mord bei mir aufgestiegen.« Als er nach der Insel kam, hungerte Napoleon nach Gott, ich sagte es, aber er sättigte sich an ihm erst, als er schied. In den sechs Jahren wurde er Christ, er fand wohl nicht den Weg zur Kirche, er beugte sich nicht dem Stellvertreter Gottes, denn dazu fühlte er sich zu sehr selbst als Gott. Aber er sagte: »Nie habe ich an Gott gezweifelt. Denn wenn meine Vernunft nicht genügte, ihn zu begreifen, so erkannte sich doch mein Inneres in Ihm.« Eben dieses Innere wandelte sich jetzt, und er handelte jetzt wie ein Christ in der ganzen Gloriole seines Glaubens. Er fügte sich. Er sagte, niemand ist schuld an meinem Fall, nur ich selbst. Er nannte Sichfügen den wahren Triumph der Seele. Hier ist, meine Lieben, die Nachfolge Christi. Er wurde mild gegen die Menschen. Er sagte: »Es ist schwer, ihnen gerecht zu werden. Meine letzten Prüfungen gehen über das Menschenmögliche hinaus. Aber vielleicht sind schon Tränen der Reue geflossen? Und wer hat mehr Freunde und Anhänger in der Welt gehabt? Wer wurde mehr geliebt? Mein Schicksal hätte viel schwerer sein können.« Er kann fliehen. Montholon und Gourgaud kommen zu ihm und melden, es sei ein Kapitän im Hafen, der den Kaiser nach Amerika entführen wolle für eine Million Franken, zahlbar bei der Landung. Der Kaiser fragt die Getreuen um Rat, dann geht er einige Minuten schweigend in dem niedern, grauenhaft riechenden, düsteren Gemache hin und her und sagt endlich: »Lehnen Sie ab.« Ein anderes: Sein Arzt wird bei ihm plötzlich von einer Ohnmacht überfallen. Kann es anders sein? Ich habe ja seinen Wohnraum geschildert. Der Kaiser hebt den bleichen, kalten, zitternden, stummen Mann auf seine kraftvollen Arme, bettet ihn auf seinem schmalen Sofa. Als der Arzt endlich die Augen aufschlägt, sieht er den Kaiser neben sich knien. Hier das fahle, matt gebräunte Gesicht mit den blauen, tiefliegenden Augen, voll von einem Glanz, der nichts Menschenhaftes mehr an sich hat, die hohe Stirn, knabenhaft gewölbt, über die, ungebleicht, Strähnen des straffen schwarzen Haares niederfallen; auf den schmalen, blaß gewordenen Lippen ein Lächeln, das die unzerstörbar schönen Zähne des Kaisers enthüllt, ein tröstendes, ein gütiges Lächeln, ein heiliges. Hier hat ein Mensch sein Herz in Gottes Herz versenkt und sein Leid in Gottes Leid. Seine irdische Klugheit war nie leuchtender als jetzt, seine Tagebücher beweisen es. Aber dieser kristallklare, unbeschreiblich kluge Mann wurde jetzt überirdisch erleuchtet, und dies ist das grandioseste Schauspiel, das in der Seele eines europäischen Menschen sich je abgespielt hat. Ich versprach Ihnen, meine Herren, die Ballade vom herrschenden und wankenden, vom sterbenden Napoleon. Aber während die Kerzen hier an meinem Tische herabbrennen, ist daraus die Legende vom auferstehenden Napoleon geworden. Und so sind die letzten Szenen meines Werkes wie die ersten des Evangeliums. Eines Nachts erwacht der Kaiser in seinem engen Zimmer. Er schläft hier, weil das Bett zu schmal ist, die kleine Tür aber das Einbringen eines größeren Bettes nicht erlaubt, auf einer Lagerstatt, die aus dem Feldbette und dem nahe daran gerückten Sofa besteht. Über beide Liegestätten ist eines von den feingewebten kaiserlichen Damasttüchern gebreitet, das man aus dem Hofstaate gerettet hat. Es regnet in Strömen, es heult der Wind von den starren Lavafelsen her, die mageren Bäume winden sich im Orkan, und ihr Holz knarrt, als wollte es zersplittern. Aber nicht der Regen ist es, der so kräftig an das Fenster gepocht hat. Es müssen Gestalten draußen sein, denn man hört durch das Brausen des Sturmes heiser flüsternde Stimmen. Der Kaiser erhebt sich in weißem Hemde, die rote Madrasmütze auf dem Haupte, er tritt ans Fenster und öffnet es. Acht Matrosen der englischen Flotte stehen barhäuptig draußen im Regen, sie halten Blumen in den Händen und reichen sie mit freudigem, jungenhaftem Lächeln dem betroffenen Kaiser. Sie sind unter Lebensgefahr durch den strengen Kordon gebrochen, den der Kerkermeister um die Wohnstätte des Kaisers gezogen hat, sie müssen, wie ihre zerfetzten Matrosenjacken und ihre zerschundenen, blutig angelaufenen Hände beweisen, von der andern Seite, über die fast unzugänglichen Lavafelsen her, zum Kaiser gedrungen sein, um ihn zu grüßen wie die Hirten einst in Bethlehem den neugeborenen Heiland der Welt. Aber dies ist nur eine Seite aus dem Legendenbuch. Es lebte auf der Insel ein malaiischer Sklave, Tobias. Man hatte ihn vor Jahren von seiner herrlichen Insel in der Südsee mit einem Fischerboote geraubt, hatte ihn im Paradies gekauft, in die Hölle verkauft und hier ans Land geworfen. Er arbeitete an der schattenlosen Straße, schaufelte Erde, zerkleinerte Steine mit dem Hammer – vielleicht mit demselben Hammer, mit dem der Kaiser sein Silbergeschirr zertrümmert hatte. Der Kaiser sieht den Mann, der in gebückter Haltung, mit goldbraunem, nacktem, schweißüberströmtem Rücken an dem langsam höher werdenden Steinhaufen beschäftigt ist und der seine hundebraunen Sklavenaugen nicht von seiner Arbeit läßt. Denn auch er hat einen Sklavenhalter im Rücken. Der Kaiser wendet sich an seine Umgebung, die ihm das Wissenswerte erzählt. Der Kaiser hört zu, schweigt und sagt endlich: »Der arme Mensch ist seiner Familie beraubt, seiner Heimat, seiner selbst, gestohlen und verkauft. Das war ein großes Verbrechen.« Er schenkte ihm einen Napoleon, der arme Kerl blickt aus seinen Hundeaugen zu ihm auf und sagt in gebrochenem Englisch: »Guter Herr!« Der Kaiser sagt zu den Seinen: »Ich lese in Ihren Blicken, Sie denken, das ist nicht der einzige, der einzige hier, der solches duldet. Aber das ist es nicht. Ich bin es nicht. Auch das Unglück hat seinen Heroismus und seinen Ruhm. Wir kämpfen hier gegen die Unterdrückung alles Göttlichen... Aber er, er ist nur der arme Tobias. Und deshalb sieht er nicht so genau zu, er beugt sich in seiner Unschuld und arbeitet. Ich will ihn freikaufen. Er soll nicht hier sterben. – Ich könnte fliehen. Für meinen Sohn ist es viel besser, ich bleibe hier. Wäre Christus nicht am Kreuze gestorben, er wäre nicht Gottes Sohn.« So sehr hat der Gewaltige sein Selbst ausgelöscht. Wo sind die Worte: Nur kräftiger Wille, Anstrengung, Kühnheit haben mich zu dem gemacht, was ich bin? Ist er das noch, der sich zu dem verlassenen Malaien niederbeugt? Wo ist der Mann, der bedauert, daß er zu spät geboren sei, denn früher seien von den Menschen den Heroen seinesgleichen Altäre errichtet worden? Nein, jetzt hatte er die andere Seite der Welt gesehen, die sonnenabgewandte, die man nicht durch Lichtstrahlen erkennt. Unsere Welt, Marengo, Enghien, Josephine, Waterloo, das alles liegt unter ihm, weit entfernt, kaum mehr erkennbar. Er erzählt seine Schlachten, seine Tage, als hätte sie ein anderer erlebt. Man will Napoleon besuchen, Menschen sind weither zu ihm gereist. Er sagt einfach: Tote empfangen keine Besuche. Hier beugt sich mein Herz vor dem Größeren, hier begegnet Balzac Napoleon, über der Erde schweben beide, über ihrem Haß und ihrer Freude, ihren Genüssen, ihren Qualen, Ehren, Würden, Krankheiten, Gütern, ihrer Dauer und ihrer Nichtigkeit. XVII Balzac war mit seiner Erzählung noch nicht zu Ende, als sein Diener François zum zweiten Male eintrat, auf den Dichter zulief und ihm eine wichtige Nachricht ins Ohr zu flüstern schien. Der Dichter erhob sich, folgte dem Diener über die Terrasse ins Freie, wo man ihn zu der Mauer seines Anwesens rennen sah. Kaum ist aber der Dichter über die Schwelle, als die Versammlung der Gäste aufzuatmen beginnt und sich für das während der langen Erzählung auferlegte Schweigen durch um so lebhaftere und lautere Unterhaltung schadlos hält, denn nun folgen sich Rede und Gegenrede, nur von Gelächter unterbrochen, so schnell, daß man kaum weiß, wer das letzte Wort gehabt hat und wem man antworten soll. »Da haben Sie den großen Mann!« »Wen? Balzac oder Napoleon?« »Beide.« »Napoleon hält sich für einen Gott, und Balzac hält sich für Napoleon.« »Sein Fleiß, seine Arbeitskraft sind übermenschlich. Als er uns empfing, hatte er zehn Stunden angestrengtester Arbeit hinter sich.« »Wohin ist er entschwunden? Ein galanter Besuch?« »Ich sehe ihn oben im Garten stehen.« »Ja, nun erkenne ich ihn auch. Er stemmt sich gegen die Mauer mit seinen breiten Schultern und seinem riesigen Bauch, als wollte er die Mauer zum Einsturz bringen.« »Man wird es nie erfahren. Sein Diener hilft ihm. Beide ohne Mantel, ohne Hut und Regenschirm.« »Die Wege Gottes sind unergründlich. Die Wege Balzacs sind grundlos, denn man versinkt im Lehm.« »Auch an der andern Seite der Gartenmauer scheinen Leute mit Fackeln zu stehen.« »Gartenfest in der Villa Balzac.« »Mit Musikbegleitung, Gesang und Tanz.« »Er hat uns keine einzige Dame eingeladen.« »Aber der Wein läßt sich trinken.« »Es ist das Übliche. Wer hat einen Wagen bestellt?« »Ich habe sechs Plätze frei. Wer auf dem Bock sitzt, zahlt das Doppelte.« »Kinder unter sechs Jahren sind frei.« »Damen und kleine Hunde werden auf den Schoß genommen.« »Kommt unser Gastgeber nicht zurück? Überläßt er uns schutzlos dem Wind und Wetter und den erbarmungslosen Kalauern seiner Gäste?« »Werden wir ihn nimmer sehen?« »Er läßt uns allein. Vornehm wie er ist, damit wir in Ruhe über ihn herfallen können.« »Er wendet sich um. Man sieht sein Vollmondgesicht im Schein der Fackel. Dunkelrot. Der muß Blut haben!« »Er sieht uns an.« »Aber hören kann er uns nicht.« »Mir tut er leid. Er ist krank. Sein Auge ist gelb wie vom Fieber.« »Sie irren. Er hat die Gesundheit eines jungen Stieres. Nichts wirft ihn um.« »Wir können mit Stolz sagen, wir waren heute bei dem genialsten Mann von Paris zu Gast. Nie sah ich eine so fabelhafte Stirn bei einem Menschen.« »Kein Wunder, daß ihm dann kein Hut paßt. Sehen Sie nur, wie er sich, seiner Dicke ungeachtet, auf die Fußspitzen stellt und die Mauer von oben umfaßt und an seine breite Brust drückt, als wäre es die schönste Geliebte. Was soll das bedeuten? Sollte sie wanken wie sein Napoleon oder kurz vor dem Falle sein wie sein famoser Freund Peytel? Was bedeutet das?« »Nichts. Er ist verrückt. Ich habe seinen Hinterkopf betastet, wie er den Hinterkopf seines Vater Goriot betastet hat. Ich habe die Knochenauswüchse des Monomanen bei ihm entdeckt und wundere mich über nichts.« »Haben Sie seine Hände gesehen? Das sind Stücke fürs Museum, wenn man sie in Marmor abbildet oder in Gips gießt. Schöner als schön! Daran erkennt man den Adel. Adel verleugnet sich nicht.« »Mein Lieber, Balzac ist ein Plebejer. Er ist so adlig wie dieses Fischmesser hier. Sein Großvater ging hinter dem Pfluge. Sein Väterchen besorgte Nachtjacken und unaussprechliche Geschirre für die Kranken und machte Geschäfte mit den Nahrungsmitteln, die er den Insassen seines Hospitals entzog. So wird man reich in Paris und ebenso adlig. Sie glauben mir nicht? Würdigen Sie Balzacs Füße Ihrer Aufmerksamkeit. Ich kannte einen Schuster, der seine Kunden, je nach dem Fuß, den sie ihm hinreichten, mit ›Herr Graf‹ oder einfach ›mein Herr‹ ansprach oder mit ›du‹.« »Das ist eine Lüge, aber bezaubernd gesagt. Ich persönlich kenne den Herrn, bei dem wir zu Gast sind, nicht näher. Er ist Schriftsteller? Schreibt er unter seinem eigenen Namen?« »Sie beschämen nicht ihn, sondern sich selbst, mein Herr, wenn Sie seinen Namen nicht kennen. Sittenschilderung, geistiger Tiefblick, Beobachtungsgabe, Einsicht in die Seelen sind bei ihm unvergleichlich.« »Sie sind parteiisch. Sie sind sein Verleger.« »Bitte! Das sagt alle Welt. Lesen Sie den Schluß von Louis Lambert.« »Ich habe genug an dem Napoleon. Wir sind doch nicht in der Schule!« »Ich zitiere: Das Universum ist die Verschiedenheit in der Einheit. Solche Sätze formt nur ein überlegenes Genie, das seinesgleichen nicht hat. Hören Sie weiter: Die Bewegung ist das Mittel. Die Zahl ist das Ergebnis. Das Ende ist die Rückkehr aller Dinge zur Einheit, das ist zu Gott. Das sagt er auch in seinem Napoleon.« »Ja, ich verstehe. Der Frosch ist die Klapperschlange. Die Geldbörse ist der Maulwurf des Vermögens. Das Vermögen ist der verlorengegangene Bankrott.« »Ausgezeichnet! Das Ende des Endes ist, daß die Verleger all ihr Geld an unsern Herrn Dichter verlieren. Da kennt er keine Gnade!« »Er ist der nüchternste Geschäftsmann. Sie und mein Bankier kalkulieren nicht besser als er.« »Er will Napoleon nachahmen. Das wäre noch angängig. Aber er will außerdem reich sein wie ein Nabob, geliebt wie ein Don Juan, fruchtbar wie Dumas, gelesen von allen Dienstmädchen und Großfürstinnen Europas wie Eugène Sue. Das leiste ein Mensch!« »Nicht umsonst ist Tours seine Heimatstadt. Dorther kommen die unersättlichen Fresser.« »Sie übertreiben. Er ißt bloß Obst, er trinkt nur Wasser und Kaffee. Sein Leben ist ein ständiges Fasten. Er ist mäßig wie ein junges Mädchen.« »Er sieht Paris wie ein zugereister Provinziale. Da wimmelt es von Millionen, fürstlichen Soupers, faustgroßen Diamanten, Verbrechern à la Vautrin, Engeln à la Pauline (diese doppelt), Wucherern wie Gobseck, Vätern wie Goriot. Das mache einer nach! Hoho! Und immer Schnupfen in der großen Nase.« »Wie das?« »Sie können noch fragen: weil er immer den Hut vor sich selbst abnimmt!« »Hahaha!« »Lachen Sie, soviel Sie wollen. Eugénie Grandet, Louis Lambert, Père Goriot, Caesar Birotteau sind unsterblich. Sein Ruhm ist Frankreichs Ruhm.« »Da muß ich, so leid es mir tut, widersprechen. Bei den Eskimos mag er berühmt sein, bei den Botokuden. Wir haben zuviel Geschmack!« »Wir sind ihm zu große Räsoneure.« »Aber seine Bücher sind doch in unzähligen Exemplaren verbreitet, sie haben ihm Millionen eingebracht.« »Sie sagen das doch nicht im Ernst? Er ist von Schulden zerfressen wie ein Lazzarone von Läusen. Er hat sich an sie gewöhnt, sie an ihn, er spürt sie nicht mehr.« »Sie glauben ihm doch die berühmten Schulden nicht? Alles Größenwahn.« »Ein falscher Millionär!« »Nein, ein falscher Bankrotteur!« »Und hier das Sèvresporzellan? Die goldenen Leuchter? Das silberne Geschirr, die getriebenen Aufsätze?« »Kam heute aus dem Leihhaus, wandert morgen dorthin zurück. Er wollte uns blenden. Verzeihliche Eitelkeit.« »Nicht der erste Mann, den Frankreich im Elend verhungern läßt.« »Für einen Verhungerten hat er sich ein schönes Bäuchlein angemästet.« »Das hat er seinem Götzen Bonaparte nachgemacht.« »Napoleons Genie steckt aber nicht unter seiner Weste, sondern unter seinem Hut.« »Sechs Zoll Fett wärmen gut. Balzac braucht wie ein Bär keinen Pelz.« »Bauch oder nicht, ich werde seine Rollen auf der Porte Saint-Martin spielen.« »Man wird Sie auspfeifen und Ihnen das Haus über dem Kopfe anzünden.« »Seine Dramen sollen viel besser als seine albernen Romane sein.« »Das einzig Reizende an ihm ist sein Charakter. Er ist das reinste Kind und wird es bleiben.« »Endlich das erlösende Wort!« »Für sich selbst von der äußersten Anspruchslosigkeit...« »Ja, man sieht es. Fastet selbst beim Fest. Begnügt sich mit Möbeln, die er mit Kohle an die Wände geschrieben hat.« »Für die andern freigebig wie ein orientalischer Fürst.« »Ich wüßte nicht, worauf sich Ihre Behauptung beziehen könnte?« »Er hat leider nur Feinde!« »Es ist leichter, dreißig Bände Makulatur pro anno hinzuschmieren, als sich eine geachtete bürgerliche Position und entsprechende Gesellschaftsstellung zu sichern.« »Ich darf erwähnen, daß er in der Schule der schlechteste Schüler unter vierhundert war.« »Die Geschichte Napoleons hat er jedenfalls gut auswendig gelernt!« »Uns ließ er nicht zu Worte kommen. Auch wir haben unsern Napoleon erlebt, wenn auch nicht als Heiligen aus dem Kalender.« »Stoßt an, setzt an, trinkt aus! Der Wein ist gut. Wein ist besser denn Tinte.« »Lesen Sie Louis Lambert! Der rührendste Zauber eines einsamen, genialen Knaben ist in dem Buch! Erinnern Sie sich Paulines! Hier schreibt ein Herz für Herzen!« »Sehen Sie, wie doch Menschen irren können. Mir sagte man, wenn Balzac die Nachricht vom Tode seines Vaters erfährt, stellt er sich vor den Spiegel und betrachtet die Wirkung des Kummers auf seine Physiognomie.« »Das ist kein Widerspruch.« »Doch! Können Sie mir einen Mann nennen, der eine Träne bei seinen Romanen geweint hat?« »Männer weinen nicht.« »Die Frauen um so mehr. Sie liegen ihm dutzendweise zu Füßen, können aber sein göttliches Antlitz nicht sehen, weil sein Bauch dazwischen steht.« »Er ist der keuscheste aller Dichter.« »Keusch? Ja. Dichter? Nein. Er kann nicht richtig französisch schreiben. Napoleon war kein Franzose, sondern Korse. Aber er konnte französisch, unsere Sprache verdankt ihm so viel wie Racine, seine diktierten Briefe sind klassisch.« »An keinem Schriftsteller sah ich je einen so glühenden Drang zur Vollendung. Balzac ist...« »Lassen wir den Schriftsteller. Mich interessiert der Mensch. Man erzählt sich, er hätte Kräfte wie ein Neger!« »Da hat man Ihnen Märchen aus Tausendundeiner Nacht erzählt. Der Gute liebt nur mit seiner Feder! Er verliebt sich schriftlich, küßt schriftlich...« »Und bekommt schriftlich Kinder. Das ist das moderne neunzehnte Jahrhundert!« »Kehren wir zu seiner Schriftstellern zurück. Ich erkenne gewiß eine bestimmte Begabung an, denn der Erfolg hat immer irgendwie seine Berechtigung, aber diese ewige Übertreibung, diese Abwesenheit des guten Geschmacks. Keine Klarheit. Was nicht klar ist, ist nicht französisch. Er mag zu den Deutschen und Russen gehen!« »Laßt mich auch einmal zu Worte kommen. Jetzt will ich reden, und ihr könnt saufen. Sehen Sie ihn doch von seinem Lehmhügel zu uns herunterlächeln! Wie er im Regen trieft, wie er seine kurzen Ärmchen ausstreckt. Wie das Wasser über seine stark pomadisierten Haare herabläuft und an seinem schönen Husarenschnurrbart sich fängt. Sie müssen zugeben, wie dieser Kerl da an der Mauer steht: der Herrgott von Frankreich hat einen guten Tag gehabt, als er den Kopf mit der Jupiterstirne über diesen Fettbauch stülpte! Er ist der genialste, lassen wir es schon dabei, und dabei der allerphantastischste aller grauhaarigen Fettwänste, damit haben wir ihn erschöpft, glaube ich.« »Niemand hat ihn so verkannt wie Sie!« »Ich urteile nicht. Ich beschreibe.« »Mag sein, daß ihm Herzenszartheit fehlt. Aber sein Genie überschreitet alles gewohnte Maß. Mehr noch. Sein Innerstes ist gut, reich an Fülle des Wohlwollens, hilfsbereit.« »Gerade das bestreite ich. Balzac, ein Egoist von der bittersten Observanz. Dabei größenwahnsinnig bis zur Lächerlichkeit und darüber.« »Man lacht, man weint.« »Lobt ihn niemand, lobt er sich selbst.« »Eine so ungeheure Lebensfülle! Ein so unbändiger Wille zum Leben und Schaffen. Diese nicht zu zählende Vielfalt der Figuren.« »Eine so ungeheure Verzweiflung. Abstoßende, düstere Hoffnungslosigkeit. Atheismus, völlige Abwesenheit wahrer Gläubigkeit. Immer die gleiche Figur, einmal als Kaufmann, dann als Edelmann, dann als Verbrecher verkleidet. Immer ein Parvenü. Stets die niedrigsten Leidenschaften. Neid, Wollust, Habsucht. Die Eltern gegen die Kinder, die Kinder gegen die Eltern, die Gatten gegeneinander aufgebracht, alle Menschen gegen Gott empört. Das ist nicht religiös, nicht schön, nicht französisch.« »Aber wahr ist es! Das ist das Leben, wie wir es alle Tage sehen.« »Aber er sieht es nicht. Er sieht es nicht, Phantasie gebe ich zu. Wahrheit nicht. Das ist der Grund, weshalb er nicht faßt, nicht ergreift, nicht rührt. Er liebt nicht, wird nicht geliebt, hat keinen zum Freund und ist keinem Freund.« »Bitte, sehen Sie doch, die Mauer oben ist zusammengefallen. Wo sie stand, ist nichts mehr.« »Man hat nichts gehört.« »Sie ist lautlos gefallen. Balzac eilt an eine Stelle höher hinauf.« »Ja, mir fiel die Stelle schon auf, als wir vorhin durch den Garten gingen. Der Böschungswinkel ist zu groß.« »Zu klein, wollen Sie sagen.« »Es beginnt zu schneien. Der Arme tut mir leid. Der Diener hält seine Jacke über ihn.« »Sein Diener? Vielleicht sein Vater. Denn was seine Magd betrifft, sieht sie seiner Mutter verteufelt ähnlich!« »Lassen Sie mich fortsetzen, was ich Ihnen vorhin sagte.« »Beeilen Sie sich, denn Balzac scheint im Begriffe zu sein zurückzukommen.« »Ich kann Sie nur dessen versichern, daß Ihre Ansicht falsch ist. Er hat Freunde und ist ihnen Freund. Er hat sich eben des Notars Peytel, der des Mordes an seiner Frau und seinem Diener beschuldigt wird, in der herzlichsten Weise angenommen.« »Seine wiederholten Briefe aber nie mit einer Zeile beantwortet. Seine Verteidigung hat er Gott weiß wem überlassen.« »Sowenig er dazu verpflichtet ist, so wird er ihm doch beistehen, ihn retten.« »Er wird ihn zertreten, wie ich diese Nuß zertrete. Auf Teppiche brauchen wir in diesem Hause keine Rücksicht zu nehmen. Die Reste hebt niemand vom Boden auf. Das ist ihm Peytel. Ich wette jeden Betrag: ihm ist der Mensch als Mensch nichts. Hat er ihn benützt, in den Kehricht damit.« »Schluß der Debatte. Die Mauer ist ihrer ganzen Länge nach eingestürzt.« XVIII »Sie wird morgen der ganzen Länge nach wieder aufgebaut«, sagte Balzac, der eben eintrat. »Der Schaden ist nicht so groß. Wir versuchten, die Mauer zu stützen, denn es handelte sich nur um die Zeit des Regens. Bei trockenem Wetter hätte sie sich noch lange halten können. Die Nachbarn meinten es auch. Nun werden wir besseren Backstein sowie römischen Zement nehmen.« »Als Sie so eilig von uns Abschied nahmen«, sagte einer der Gäste, ohne dabei den Blick von Balzacs völlig mit Lehm beschmutzten, vom Regen aufgeweichten Kleidern zu lassen, »konnten wir Ihnen nicht danken für den hohen Genuß, den Sie uns durch Ihre kraftvolle und kühne Dichtung vom Kaiser bereitet haben. Nur Sie können so erzählen, daß es rührt, ergreift, daß man Tränen weinen möchte. So danke ich Ihnen«, und dabei erfaßt er Balzacs fette, nasse, kalte Hand, »im Namen aller.« Kaum hat sich der Dichter im Lehnstuhl niedergelassen und begonnen, seine Hände über den Kerzenflammen zu wärmen, als eine zierliche, scharfäugige alte Frau, scheinbar die Dienerin, eilig eintritt und mit vorgebeugtem Kopf wie eine scheu gewordene, aufgeschreckte Henne flüstert oder vielmehr zischt: »Die Herren sind da! Die Herren sind da!« »Wo bleibt denn François?« antwortet der Dichter, ohne weiter darauf einzugehen. »Er wollte nicht öffnen, seien Sie nicht böse, liebster Herr, die Herren schelten, ich bin zu schwach, es waren drei. Verzeihen Sie mir gütigst.« »Wo bleibt François?« wiederholt der Dichter, lauscht aber schon nach dem Vorraum, von wo man Stimmen hört, und sieht nach der außen ums Haus gelegten Treppe, die so leicht ist, daß man jeden Schritt deutlich vernimmt. »Er kann nicht kommen, muß die Kleider wechseln, er triefte wie aus dem Wasser gezogen. Sein Rock hängt auf dem Ofen, deshalb schickte er mich.« »Aber schweigen Sie nur! Wir werden schon alles gutmachen, und im übrigen öffnen Sie nie wieder ohne meinen ausdrücklichen Befehl.« Schon traten drei Herren in schwarzer Redingote ein, alle mit langen, grünlich angelaufenen Nasen, alle mit grauen, schüchtern blickenden Augen und rotbackigen, wenn auch mageren Wängelchen, als wären es drei Brüder, so sehr ähnelten sie einander. »Verzeihen Sie, wenn wir stören, wir haben es wiederholt versucht, immer vergebens«, sagt der magerste und rotbäckigste von ihnen, »vielleicht, dachten wir, treffen wir so spät abends den Herrn Marquis Balzac zu Hause. Dürfen wir Sie bescheiden um ein Wort unter vier Augen bitten?« »Wenn Sie mich so aufrichtig fragen und ich ebenso aufrichtig antworten soll«, sagte der Dichter, seinen gewaltigen Körper, feucht wie er war, tiefer in seinen rotledernen Lehnstuhl vergrabend, »dann sage ich nein.« »Wir sind bei dem elenden Wetter nicht zu unserm Vergnügen hergekommen«, sagt der zweite Besucher giftig. »Aglae«, sagt Balzac zur Frau, die stumm inmitten der erstaunten Gäste steht und ihre roten, abgearbeiteten Hände hinter ihrer dunkelblauen Schürze zu verbergen sucht, »Aglae, gib den Herren je einen Regenschirm und führe sie hinaus. Sie sind sehr kurzsichtig, führe sie daher mit aller Vorsicht.« »Kurzsichtig?« sagt der dritte. »Nicht im mindesten.« »Ich habe angenommen, daß Sie kurzsichtig sind«, sagt Balzac und steht endlich auf, »und zwar in solchem Maße, daß Sie nicht bemerkt haben, daß ich Gäste bei mir habe. Kurz- oder schwachsichtig in einem Maße, daß Sie nicht sehen können, wie lästig Sie mir sind!« »O bitte«, fängt nun wieder der erste, der höflichste, an. »Wir sind von den besten Absichten durchdrungen, brauchen Ihren Regenschirm nicht und werden Sie im gleichen Augenblick wieder allein mit Ihren werten Gästen lassen, in dem Sie mir diese fünf gestempelten Papiere einlösen. Wie sich die Herren hier alle überzeugen können, sind wir im Recht, ja wir sind sogar verpflichtet, zu kommen, zu mahnen und, wenn es leider sein muß, auch zu pfänden.« Hier wandte er sich zu der ganzen Gesellschaft, die zum Teil mit dem deutlichsten Ausdruck von Schadenfreude lächelte, zischelte oder, zum andern Teil, noch teuflischer, gar nichts sagte und bloß den dunkelrot gewordenen Dichter von der Seite ansah. »Bitte, meine lieben Herren, wollen Sie sich überzeugen. Hier Akzept vom 3. März, fällig am 3. Oktober, 64 000 Franken, hier quergeschrieben ein Autogramm unseres verehrten Barons von Balzac, hier ein zweites, vom 22. Mai, fällig am 22. Oktober, 2300 Franken ...« »Ach was, geben Sie her, und machen Sie, daß Sie fortkommen«, sagte der Dichter. »Ach was, Balzac«, sagte ebenso grob der zweite Mann, »wie wollen Sie uns bezahlt machen?« »Meinetwegen legen Sie die Siegel an, nur packen Sie sich fort und stören Sie uns nicht länger.« »Die Siegel? Sagen Sie doch freundlichst, wo? Können wir an das Klavier von Erard, das Sie da an den Fußboden mit Kreide aufgezeichnet haben, Siegel anlegen? Sollen wir die Tapete von Aubusson in Pfand nehmen oder das Deckengemälde von Delacroix, das seinen Wert hat? Das können Sie uns nicht zumuten. Hier hilft keine Dichterei. Wir bitten um reelle Werte.« »Mein lieber Leo«, wandte sich Balzac an seinen Verleger, »kannst du mir für ein paar Tage aus der Verlegenheit helfen?« »Wir wären aufrichtig dankbar«, sagte der dritte Gast, der in seiner Bosheit zischte wie eine Schlange. »Meine Herren, wir sind Angestellte, wir haben Frau und Kind, Geld ist Geld, wir tun nur unsere Pflicht.« »Gewiß, gewiß«, sagten die andern Gäste im Chor. »Nun, mein Freund, sieh zu, was du hast. Es genügt eine Anzahlung. Ich kenne die guten Herren, sie sind nicht so schlimm, wie sie sich geben«, sagte Balzac, der sich zu schämen und vor den Geldmenschen zu fürchten begann. Denn er appellierte an ihre Milde. »Es tut mir leid«, sagte der Verleger, ein schöner, hellblonder, vierschrötiger Mann mit einer ganz zarten Stimme, die man dem Riesen nie zugetraut hätte. »Was ich habe, sind 5 Franken. Die hatte ich deinem Diener zugedacht.« »Schön, das sind Witze«, sagten die Wucherer wie auf Kommando, »unsere Zeit ist nicht gestohlen. Wir können nicht ohne positives Ergebnis zurückkommen. Herr von Balzac hat bares Geld erhalten, und wir erwarten bares Geld zurück. An Geduld hat es uns nicht gefehlt. Wir sind zum fünften Male hier.« »Bleiben Sie, wenn es Ihnen Spaß macht, trinken Sie und essen Sie, was beliebt ...« sagte Balzac. Die Gäste und Balzac standen. Die drei Gläubiger setzten sich, nahmen die Teller in die Hand und drehten sie um, um auf der Rückseite die Marke des Porzellans zu sehen. Sie forschten mit einer Lupe nach dem Prägungsstempel der vergoldeten Aufsätze und Messer, wogen das Silbergeschirr in den Händen und flüsterten einander das Gewicht zu. »Was soll das heißen?« fragte Balzac sehr erregt. »Wir haben gewisse Rechte«, sagte der älteste der Gläubiger. »Sehen Sie doch, wozu der Streit? Alles ist in bester Ordnung und längst fällig.« »Auf mich hat niemand Rechte als Gott und mein Vaterland«, antwortete Balzac. Aber sie ließen sich nicht stören. Er wollte eine Champagnerflasche nehmen und sich oder seinen Freunden ein Glas einschenken, aber der Gläubiger packte die Flasche viel flinker und stellte sie hinter sich. Die Gäste nahmen Abschied, und Balzac hielt sie nicht zurück. Er begleitete sie zur Pforte, wo sie ihre Wagen bereits vorfanden. Auch ein großes Gefährt, das die Gläubiger hergebracht hatte, stand auf der Landstraße. Während man sich noch Abschiedsworte sagte, kamen die Gläubiger und schleppten zu zweit den schönen Tisch, den sie, mit den Füßen nach oben, in den Wagen legten. Der dritte brachte auf seinem Rücken, in ein Tafeltuch eingeschlagen, dumpf klirrendes Tafelgeschirr. Der Diener François, in weißem Kamisol und gestickter Zipfelmütze, drohte den Fremden aus dem kleinen Fenster seiner Gärtnerhütte, doch sie hörten nicht auf ihn. Balzac, dem es weh tat, seine mühsam gesammelten Kostbarkeiten zu verlieren und noch zusehen zu müssen, wie die drei Herren sie sorgsam in seine Damastservietten einwickelten, trat bei François ein. Aber er konnte nicht hindern, daß sie die kostbarsten Stücke in der Hand fortschleppten, einen riesigen Aufsatz aus vergoldetem Silber mit allegorischen Figuren, feines, dünnes, weißes Sevresporzellan, das von berühmten Künstlern mit der Hand bemalt war; kein Teller, keine Tasse, keine Schale hatte das gleiche Dekor. Balzac verließ die Gärtnerwohnung und stieg in sein Arbeitszimmer hinauf, vertiefte sich in dem stillen, leeren Räume in seine Schriften, sah das Bild der Gräfin in goldenem Rahmen an, gedachte seines Freundes Sebastian Peytel, des Mordes angeklagt in Bourg, und war nicht frei vom Gefühl der Schuld. Seine Kleider hingen ihm aufgeweicht und beschmiert am Körper. Den Einsturz der Mauer hatte er ganz vergessen, nun wurde er sich dessen bewußt und seufzte tief. Einer von den drei Gläubigern kam leise die Treppe herauf und pochte an Balzacs Tür, doch Balzac öffnete nicht, sondern verlöschte das Licht. Es begann zu schneien. Unten schleppten die Männer die schön geschnitzten, schweren Stühle einen nach dem andern in ihren Wagen, und ihre Gesichter troffen trotz der Kälte von Schweiß. Balzac hielt sein vom Regen feuchtes, schweres Beinkleid in der Hand. Als er unten die drei Gläubiger, gebückt unter ihrer Last, vorbeipilgern sah, konnte er es sich nicht versagen, einem von ihnen, und zwar dem jüngsten und giftigsten, seine Hose über den Nacken zu werfen, so geschickt, daß je ein Bein zur Rechten, eines zur Linken hing und ein dickes Bauchgespenst auf dem dürren, erbärmlichen Mann zu reiten schien. Der Mann, zu Tode erschreckt, blickte zum Himmel auf, als ob es Hosen regne, konnte aber Balzac in der Dunkelheit nicht erkennen und raste, über den glatten Lehmboden rutschend, unter lauten Rufen »Zu Hilfe, zu Hilfe!« dem Ausgang zu. Balzac tröstete sich. Das Silbergeschirr der Herzogin de Castries war viel schöner als das eigene, und solches wollte er sich kaufen, sobald die dringendsten Schulden bezahlt waren. Auch kannte er eine Quelle, wo ein italienischer Goldschmied das wunderbarste Silbergeschirr aus einem florentinischen Schlosse zum bloßen Metallwerte verkaufte. Bevor er sich nun (es war drei Uhr morgens) an die Arbeit setzte, blickte er hinaus. Sein Nußbaum bedeckte sich langsam mit Schnee, der sich zuerst in den Achseln der unteren Zweige, dann in denen der oberen, dann an den dickeren Zweigen und endlich an den feinsten Spitzen ansetzte. Weit schweigt die tief herbstliche, im Mondschimmer licht schwebende Landschaft, die weißen Wälder von Ville d'Avrai, die Abhänge im durchscheinenden Schneeschleier, im silbern gesponnenen Dunst. Die Gegend so still, in die Nacht versunken, keine Häuser, keine Menschen, kein Vieh in der Nähe, die Wolken am östlichen Rande des dämmernden Himmels vereinigt und vom Morgenwinde zusammengescheucht, ein kleiner Bach mit ruhigem Rieseln in der Nähe, die Luft rein, stark bewegt, das Rauschen und Sausen der alten Bäume in der Stille deutlich vernehmbar von den fernen Wäldern her. Balzac war an der Arbeit. Er zog seinen Atem tief, fast rasselnd ein, sein feistes, olivenfarbenes, rot getigertes Antlitz unter dem strotzenden, leicht angegrauten Haupthaar bedeckte sich mit Schweiß. Sein abwesender, großer Blick streifte über die noch kahlen, am Fußende grauen und feuchten Wände des Zimmers, den erloschenen, in die Mauer schlecht eingefügten prächtigen Marmorkamin aus cipoliotischem, perlenfarben und blutfarben geädertem Gestein. Sanft schimmerte der goldene Rahmen um das Porträt der geliebten Frau. Die Briefe seines Freundes knisterten unter dem Bilde, mit einem seidenen Faden gebunden. Jetzt hatte Balzac seine volle Kraft wieder und wandte sich, in dem wollüstigen Gefühl von Müdigkeit und sinnlichstem Verlangen zugleich, seiner Arbeit wieder zu und schrieb. Zweiter Teil I Drei Tage später erhielt Balzac, als er gerade einen Brief an die Gräfin Hanska schrieb, eine umfangreiche Sendung, die von der Hand Peytels geschrieben war und ein genaues, wörtliches Protokoll des letzten, wichtigsten Verhörs enthielt. Es zeigte die Anmerkung: ad verbum kopiert nach dem Akt des Königlichen Gerichtshofes zu Bourg, Zahl 23740 vom 30. November 1830. Dieses Verhör war vom Untersuchungsrichter Dusmenil mit dem Angeklagten Peytel aufgenommen. »Ihr Studiengang, Herr Notar?« »Ich bin bei meinen Eltern in der Nähe von Lyon aufgezogen, dort erhielt ich meinen ersten Unterricht im Lyzeum, habe sodann die Rechtsschule in Paris besucht, habe in den Jahren 1830 bis 1832 das literarische Blatt ›Le Voleur‹ geleitet, gleichzeitig meinen Dienst als Clerk bei dem Notar Carneton versehen und mich sodann im Alter von 32 Jahren um den Notariatsposten in Macon beworben.« »Erhielten ihn aber nicht. Warum?« »Ich hatte nicht die nötigen Studien vorher durchgemacht, oder es kann auch sein, daß der Kammer meine Probezeit von einundeinhalb Jahren zu kurz war. Ebenso möglich ist, daß der Kammer meine Liebe zur Literatur (ich habe den berühmten Balzac näher gekannt) verdächtig war.« »Man erzählt sich, die Kammer hätte Ihre Bewerbung abgelehnt, weil sich Zweifel an Ihrer Aufführung ergeben hätten.« »Das ist Verleumdung.« »Wir kommen darauf zurück.« »Man hat mir nie Vorwürfe gemacht. Wenigstens sind sie mir nie zu Ohren gekommen.« »Und wären sie Ihnen zu Ohren gekommen?« »Seien Sie sicher, ich hätte mich zu rechtfertigen gewußt. Ich bitte Sie, mir diese Verdachtsgründe doch anzugeben!« »Nun, später. Wir gehen zu einer andern Sache über. Wie hieß Ihre ermordete Gattin?« »Ermordet?« »Das ist doch sicher, wenn nicht von Ihnen ermordet, dann von dem Diener Louis Rey. Das geben Sie doch zu?« »Gewiß.« »Wo haben Sie Ihre Gattin kennengelernt, Herr Peytel?« »Bei ihrem Schwager, dem Herrn von Montrichard. Ich hatte sie auf einem Ball zuerst gesehen, den dieser Herr in Belley gab. Ich war von ihr bezaubert. Ich suchte den Schwager am nächsten Morgen auf. Ich schrieb an die Mutter. Man fragte Felice. Sie erwiderte damals meine Neigung. Es schien so. Wir haben uns schnell verständigt.« »Sie sollen, um die Mutter zur Einwilligung zu bringen, Ihre Vermögensverhältnisse besser geschildert haben, als sie waren.« »Ich habe mein Vermögen eher zu gering angegeben.« »Aber Sie hatten doch im Heiratskontrakt angeführt, daß Sie Ihre Notariatsstube, die Sie in Belley erhalten hatten, voll ausgezahlt hätten, während Sie noch 18 000 Franken darauf schuldeten. (Der Angeklagte schweigt.) Geben Sie also diese Lüge zu?«. »Sie haben doch sicherlich auch einmal einen Menschen geliebt. Um ein Mädchen wie Felice Alcazar zu gewinnen, würde mancher ganz andere Dinge verbrochen haben.« »Ihre Frau soll schon vor der Ehe einige Abneigung gegen Sie gezeigt haben.« »Um so mehr liebte ich sie.« »Sogar am Hochzeitstage hat es heftige Zwistigkeiten gegeben. Fast wäre es zu Tätlichkeiten gekommen. Die Frau soll den Myrtenkranz und den Schleier aus ihrem Haar gerissen, sich unter lautem Weinen unter das Bett verkrochen haben, von wo man sie fast mit Zwang hervorholen und zur Kirche bringen mußte.« »Ich entsinne mich dieser Sache nicht, glaube sie auch nicht. Bräute weinen oft.« »Aber in Ihrem jungen Ehestande sollen, den übereinstimmenden Zeugenaussagen zufolge, immer wiederkehrende Zerwürfnisse stattgehabt haben.« »Felice hat sich nie über mich beklagt.« »Vor der Welt waren Sie der liebevollste Gatte, Herr Notar, Sie überboten sich an Zartheit, Aufopferung, Schonung, Delikatesse und Wärme. Sie gaben ihr stets Beweise Ihrer Achtung und Rücksicht.« »Ich benahm mich nur, wie es meiner Neigung entsprach.« »Zwischen Ihren vier Wänden waren Sie von außerordentlicher Heftigkeit gegen sie. Ihre Wut soll an Wahnsinn gegrenzt haben. Ihr Auftreten war dann von der Art, daß Ihre Gattin ihre Seele Gott befahl.« »Sie legen doch nicht auf bloßes Gerede Wert? Wer nahm diese Gerüchte ernst?« »Wir suchen das mögliche Motiv für die Ermordung der Frau. Wir besitzen Beweise.« »Ich bitte darum. Diese Beweise interessieren mich.« »Wir haben in Ihren Papieren merkwürdige schriftliche Erklärungen obenauf gefunden, von der Hand Ihrer armen Gattin geschrieben, ganz als ob Sie wollten, daß wir sie zuerst lesen sollten.« »Ich habe also den Mord geplant und schon vorher mir die Einwilligung des Opfers dazu geholt?« »Das habe ich nicht behauptet, Herr Notar.« »Dann sind wir einer Meinung, Herr Staatsanwalt.« »Aber wie erklären Sie mir diese förmliche, feierliche Erklärung von der Hand der Ermordeten... Ich bitte und flehe dich an, noch ein letztes Mal. Ich beschwöre dich, bei der Asche meines Vaters. Wenn ich mich gegen diesen feierlichen Schwur vergehe, so mögest du mich einsperren, wo es dir gefällt.« »Meine Frau führte sich schlecht auf, ich machte ihr Vorwürfe. Ich drohte ihr mit Scheidung, sie schrieb freiwillig diese Erklärung.« »Was verstehen Sie darunter: ›Meine Frau führte sich schlecht auf‹?« »Darüber verweigere ich die Aussage.« »Warum?« »Man soll Tote nicht schlagen.« »Ist Ihnen bekannt, daß sich an diesem Punkte möglicherweise Ihr Schicksal entscheidet?« »Ich habe nichts zu sagen.« »Gut. Noch ein anderer Punkt. Hier liegen zwei Testamente. Ihres zugunsten der Frau, das Ihrer Frau zu Ihren Gunsten.« »Dies war der ausdrückliche Wunsch meiner Schwiegermutter. Ich habe meine Gattin nicht gedrängt. Sie ist ganz frei bei mir gewesen.« »Ihre finanzielle Lage haben wir im letzten Verhör klarzulegen versucht. Wir wollen jetzt die Lage dessen besprechen, den Sie als Mörder angeben. Sie sind Ankläger und einziger Zeuge zugleich gegen Louis Rey.« »Ich bin bereit.« »Wann haben Sie den jungen Menschen in den Dienst genommen?« »Im Juli dieses Jahres.« »Auf wessen Empfehlung?« »Meine Frau bat mich darum.« »Hatte sie einen besonderen Grund?« »Ich entsinne mich nicht.« »Wie waren Sie mit seinen Diensten zufrieden?« »Ich hatte mich über mehrere Veruntreuungen zu beklagen.« »Welche?« »Kleinigkeiten.« »Sie müssen deutlicher werden.« »Die Rechnungen für die Futtergelder stimmten nicht.« »Er hat die Summen gefälscht?« »Er hat Hafer verkauft.« »Können Sie Zeugen für dieses Faktum namhaft machen?« »Ich glaube... ich weiß es nicht.« »Nach allen Bekundungen soll er ein rechtschaffener Mensch gewesen sein.« »Aber ich hatte mich doch über ihn zu beklagen.« »Nun, Herr Notar, zur Hauptsache. Sie waren abends um fünf Uhr in Bourg angekommen, sind aber erst um sieben weitergefahren. Ist das nicht spät bei solch rauher Jahreszeit, bei so fürchterlichem Wetter?« »Ich wollte vorerst hier übernachten, dann besann ich mich, am nächsten Tag war Feiertag, ich konnte die Geschäfte auf der Präfektur nicht erledigen, ich habe mich entschlossen, die Nacht hindurch zu fahren. Die Frau hatte es auch gewünscht, sie hätte am nächsten Tage vielleicht Gäste bei sich sehen wollen.« »In Bourg hat man gesehen, wie Sie die Pistolen luden.« »Eben weil ich die Nacht hindurch fahren wollte.« »Noch in Roussillon soll Ihre Frau lebhaft gewünscht haben, nicht weiterzufahren.« »Das bestreite ich. Ich hätte ihren Wunsch vor den Menschen nicht abgeschlagen.« »Nun, das alles zugegeben! Bemühen Sie sich einen Augenblick lang, die Sachen so zu sehen, wie sie das Gericht sehen muß. Was wollte der Diener Rey? Wollte er sich an Ihrer Frau rächen? Oder galt der Schuß nicht ihr, sondern Ihnen?« »Wer kann Tote fragen?« »Nun ist erwiesen, Sie führten ziemlich viel Geld mit sich, Herr Peytel.« »Um es auf der Präfektur als Bürgschaft zu hinterlegen.« »Gut. Hat der Diener vielleicht einen Raubmord geplant? Aber er hatte doch keine Papiere, keinen Paß. Die Grenze ist zwar nahe, aber wohlbewacht, des Schmuggels wegen.« »Vom Schmuggel leben ganze Dörfer.« »Aber Sie hatten das Geld in Goldstücken, sieben Säcke, dreizehn Pfund schwer. Wie hätte der Raubmörder das fortschleppen sollen?« »Über das Gewicht ihrer Beute haben sich Räuber nie beklagt.« »Er, Rey, hätte nun zwei Menschen umbringen müssen. Dazu hatte er, wie Sie selbst zugeben, nur eine Pistole. Nicht einmal zum Sukkurs einen Dolch, ein Messer. Wie erklären Sie sich das?« »Wie hat der Mörder sich das erklärt?« »Sie dürfen nicht des Gerichtes spotten.« »Ich wehre mich nur meines Lebens.« »Das wird jeder verstehen. Aber weiter: Gut, der Mörder hat nach Ihnen geschossen, um Ihre sieben Goldsäcke zu bekommen. Es war Gold, mag sein, es hat ihn geblendet. Das Landvolk ist geizig, auf Geld erpicht. Ihnen, als dem Notar, möchte die Summe nicht besonders groß erschienen sein, für ihn aber, einen Findling, einen Knecht ohne Haus noch Schmaus, war sie ein riesiges Vermögen, eine diabolische Versuchung. Das alles zugegeben, das alles mit Ihren Worten gesagt, mit Ihren Augen gesehen, schön, Sie haben mich, den Staatsanwalt, auf Ihrer Seite. Nach dem Schusse nun, der Ihnen gilt, aber unseligerweise Ihre Frau trifft, ergreift er die Flucht.« »Nichts ist natürlicher.« »Aber ebendies tut er nicht!« »Sie legen mir Fallstricke!« »Ich beweise Ihnen, daß Sie selbst Ihrer Aussage nicht glauben, weil Sie ihr nicht glauben können. Es sind Wälder, Schluchten, Gestrüpp und Unterholz in der Nähe. Dorthin rettet er sich nach dem fehlgeschlagenen Versuch nicht, sondern er rennt die Straße entlang, neben dem Wagen einher. Er ist jung, schlank, hochgewachsen. Trotzdem holen Sie ihn alsbald ein!« »Ist das unmöglich?« »Unmöglich nicht. Nur wahrscheinlich ist es nicht. Und wäre es sogar so gewesen, daß Sie sofort aus Ihrem Wagen stürzen, ihm nachjagen. Statt dessen lassen Sie ihm seinen Vorsprung, holen sich Pistole und Hammer, dann erst eilen Sie ihm nach, ohne sich einen Augenblick um Ihre verwundete, blutende Frau zu bekümmern.« »Einmal werfen Sie mir vor, daß ich zu langsam den Wagen verlasse, dann wieder, daß ich nicht langsam genug bin.« »Weiter. Am Wege findet man die schwere Decke, die dem Diener des Regens wegen als Schutz gedient. Wie kam sie auf die Straße? Halten Sie es für möglich, daß der Diener, sofort nach dem ersten Schuß auf Sie, mit dieser schweren, regengetränkten Decke vom Kutschbock herabspringt? Ist ein Mensch auf Gottes Erdboden so verwegen, daß er, mit nichts anderem als einer abgeschossenen Pistole bewaffnet, sich Ihnen derart entgegenstellt, daß er nur eine Hand frei hat, da er mit der andern die Decke festhalten muß? Bedurfte er in dieser furchtbaren Situation, da er seinen Plan als gescheitert ansehen mußte, nicht der ganzen Spannkraft seines Körpers, der ganzen Leichtigkeit seiner Bewegungen?« »Und war es nicht ebenso möglich, daß die Decke einfach vom Wagen herabfiel?« »Wie kam sie dann in die Nähe des Dieners, während der Wagen sechshundert Schritt weiter am Wege stand?« »Es ist aber doch so gewesen. Denn wie sollte man es sich anders erklären?« »Nun aber das: Sie sagen selbst, daß Sie auf der linken Seite des Wagens gesessen. Der Diener lief aber auf der rechten. Dann hätte er über Sie, Herr Peytel, hinweg auf Ihre Frau schießen müssen!« »Es war dunkel, Sturm und Regen. Wer sagt Ihnen, daß Rey sein Ziel gesehen hat?« »Wer war nun sein erstes Ziel? Sie oder Ihre Gattin?« »Darüber werden wir nie Antwort haben.« »Nun sind, Herr Notar, die Schüsse aus nächster Nähe abgegeben worden. Sie erzählten uns aber nur von einem einzigen Schuß.« »In solch einem Augenblick beobachtet man nicht wie sonst. Man zählt Schüsse nicht wie Taler!« »Zugegeben. Die Schüsse sind aber aus so kurzer Entfernung abgegeben, daß die Wimpern oder Augenbrauen der Frau versengt sind. Wenn dem so ist, dann hätte der Diener seinen Arm auf Ihre Schulter stützen müssen. Und Sie merken nichts, wehren sich nicht?« (Darauf schweigt Notar Peytel.) »Mehr noch! Ein Mann von Ihrer Vorbildung wird diese Argumente würdigen können. Die Schüsse kamen aus verschiedener Richtung, einer von links, einer von rechts. Der Mörder mußte also um den Wagen rundherumgegangen sein!« »Oder das Opfer hat nach dem ersten Schuß den Kopf gewendet. Das ist die natürliche Lösung.« »Auch das zugegeben. Aber, mein Herr, die Schüsse kamen nicht aus einer Ladung, sie sind aus zwei Kugelrohren hervorgegangen. Der Mörder Rey hatte aber, das sagen Sie selbst, nur eine einschüssige Pistole. Er hat, wie Sie selbst sagen, nur einmal geschossen.« »Es gibt seltsame Kombinationen in der Wirkung der Feuerwaffen.« »Mehr noch! Ihre Frau hat, nachdem der erste und Ihrer Angabe nach einzige Schuß gefallen, ausgerufen: ›Ach, mein armer Mann, nimm deine Pistolen!‹ Wie das? Ihr Gesicht war getroffen. Sie konnte, einmal verwundet, kein deutliches Wort mehr hervorbringen.« »Ich habe es so verstanden.« »Mehr noch! Die Frau hat, Sie sagen es selbst, sich aus dem Wagen gestürzt, ist davongelaufen, um sich bei dem Bergbach in das Wasser zu werfen?« »Ich habe das nicht als Tatsache angeführt, sondern nur als natürliche Vermutung!« »Mehr noch! Sie haben auf dem Wege vom Schmied Ihren Wagen vorgefunden. Ihre Pferde haben also, statt im Trabe weiterzulaufen nach Belley, wo ihr Stall war, aus freien Stücken kehrtgemacht und haben die kaum begonnene Reise von neuem begonnen. Wie das?« »Darüber habe ich ebensowenig nachgedacht wie die Pferde.« »Aber, mein Lieber, doch darüber: Sie haben die Frau aus dem Wasser gezogen. Sie hielten Sie nur für ohnmächtig, nicht für tot. Die Ärzte erklärten zwar, schon der erste der zwei Schüsse hatte den sofortigen Tod zur Folge, aber Sie waren kein Arzt.« »Gewiß.« »Gewiß, und doch legten sie die Arme mit dem Gesicht voran auf die Erde, denn dies hat die Untersuchung ergeben!« »Auch Untersuchungen können irren.« »Gewiß, und doch taten Sie nicht das geringste, um sie zu sich zu bringen!« »Ich habe nicht gewußt, was ich getan habe!« »Der Instinkt hätte Sie lehren müssen, das Gegenteil davon zu tun, was Sie taten.« »Mein Instinkt war, sie aus dem Wasser zu ziehen, und das habe ich getan.« »Und daß man die geliebte Frau, die Sie bezaubert hat, jetzt nicht anders, als ob es sich um ein totes Kalb im Schlächterwagen handelte, quer in den Wagen geworfen! Wem greift so etwas nicht ans Herz? Wir verstehen das nicht. Oder, um die Wahrheit zu sagen, wir verstehen das nur zu gut. Ihr Werk war getan. Sie wollten sie ermorden, haben sie ermordet, der Rest war nicht der Rede wert.« »Mein Wunsch war, so schnell wie möglich nach Hause, zu Ärzten, unter ein Dach zu kommen.« »Nein, nein, die Sache ist nur zu klar.« »Ich hielt ihren Kopf auf meine Knie gebettet.« Mit diesem Worte schließt das Verhör. II Diesem Protokoll fügte Peytel hinzu: Wenn sein verehrter, geliebter Freund Balzac dies gelesen habe und noch an seine, Peytels, Unschuld glauben könne, dann solle er so schnell als nur möglich nach Bourg kommen. Die Hauptverhandlung sei für den 8. Dezember angesetzt. Die Verteidigung sei in mittelmäßigen Händen, Lablanche hätte sie bis jetzt geführt. Er, Peytel, verzweifle nicht an einem Erfolg, wenn Balzac die Zügel ergreife. Das Gutachten der Ärzte sei günstig. Er bitte um Nachricht, wenn Balzac nicht kommen wolle. Würde aber Balzac an ihn glauben können, dann werde er, Peytel, möge er verurteilt werden oder nicht, zu ihm nicht wie zu einem Menschen, sondern wie zu einem Gott aufsehen! Diesen Worten konnte Balzac nicht widerstehen. Er beschloß, die Entscheidungsschlacht anzunehmen und alles an die Rettung des Notars zu setzen. Der durch diese Ereignisse unterbrochene Brief Balzacs an die Gräfin Hanska hatte folgenden Wortlaut: »Ich erhielt Ihren letzten Brief und finde, daß unsere doppelte Existenz etwas Verwunderliches hat. Bei Ihnen tiefster Frieden, bei mir erbitterter Krieg. Bei Ihnen Ruhe, bei mir beständige Unruhe. Sie ahnen nichts von den neuentstandenen Qualen, deren Beute ich bin. Aber ich weiß nicht, weshalb ich zu Ihnen davon rede, denn Sie haben mir bewiesen, daß es meine Schuld ist und daß ich unrecht habe. Ich fühle mich weder körperlich noch geistig wohl, ich bin so entsetzlich abgemattet, daß es nicht ohne Gefahr für meinen Kopf ist. Ich habe weder Kraft mehr noch Mut. Die Hindernisse, die ich zu überwinden gewohnt bin, wachsen ins Ungeheure! Sie flößen mir Schrecken ein. Die Geldsorgen werden für mich allmählich, was für Orest die Furien waren. Ich übertreibe nicht. Ich habe so Fürchterliches durchgemacht, daß es mir unmöglich ist, Ihnen auch nur ein Wort davon zu schreiben, denn es wäre, als müßte ich es dann ein zweites Mal durchmachen. Ich war auf dem Punkt, ohne Brot zu sein, keine Kerzen, kein Papier mehr zu haben. Für mich gibt es keine Freuden mehr außer denen des Herzens. Ich habe Tag und Nacht gearbeitet. Die Reparaturen an der Mauer gehen ihrem Ende entgegen. Aber ich werde erst, wenn ich abgezahlt, was ich schulde – und was ich schulde, ist ein ganzes Vermögen –, einen ruhigen Genuß davon haben. Mein Haus verschlingt Tausendfrankenscheine wie das Meer Schiffe. Die Sorgen um die literarische Produktion vermehren und komplizieren sich infolge der Ansprüche der Verleger, die alle Bücher auf einmal von mir haben wollen, während die Kritiker finden, daß ich zuviel auf einmal mache. Wenn Sie mich wiedersehen, werden Sie mich tatsächlich sehr verändert finden, aber nur körperlich. Ich bin schrecklich gealtert. Ein alter Mann. In diesen letzten Tagen hat mich eine schreckliche Lust gepackt, aus diesem Leben zu gehen. Nicht durch Selbstmord, den ich immer für eine Dummheit gehalten habe, sondern indem ich nach Maître Jaques' berühmtem Muster meinen Kutscherkittel gegen das Gewand eines Koches austausche, das heißt: ich setze den Fall, daß meine Werke, mein Jardies, meine Schulden, meine Familie, mein Name, daß alles, was ich bin, tot und begraben sei oder nie existiert hätte und daß ich dann unter einem andern Namen, ja sogar ein anderes Aussehen annehmend, in ein fernes Land ginge, nach Nord- oder Südamerika, um dort ein anderes Leben zu beginnen, eine bessere Form des Daseins zu finden.« Bis dahin war der Dichter gekommen, als der Brief Peytels eingetroffen war. Nun setzte er folgende Nachschrift hinzu: »Ich bin über die Maßen aufgeregt über eine entsetzliche Sache, die Sache Peytel. Des Mordes angeklagt. Unschuldig. Ich muß den armen Jungen sehen. Ich reise in zwei Stunden nach Bourg.« Zweite Nachschrift: »Ich bin noch nicht fort. Ich suchte Geld. Endlich habe ich das Nötigste. Alles geht gut.« Plötzlich waren dem Dichter Mut und Lust am Leben wiedergekehrt. Er dachte an nichts, als daß er Peytel helfen, daß er den Unschuldigen retten müsse und daß er, Balzac, der einzige auf der Welt sei, der dies vermag. Er reiste ab. Die Verwaltung seiner Angelegenheiten in Les Jardies mußte auf seine Bitte seine alte Mutter übernehmen. III Infolge dieser Verspätung kam Balzac erst am 9. Dezember in Bourg an. Die Hauptverhandlung war vorüber, die Zeugen vernommen, die Anklagerede des Staatsanwalts gehalten. Am nächsten Morgen sollte der Verteidiger Mr. Lablanche sprechen und darauf das Urteil von der Jury gefällt werden. Balzacs erstes Wort ist: »Kann ich ihn sehen?«, worauf ihn Lablanche vom Posthofe zum Gerichtsgebäude führt. Der Anwalt holt sofort die Erlaubnis ein, daß Balzac den Gefangenen in der Zelle aufsuchen dürfe. Auf dieser Reise ist dem Dichter sein Plan bis in die Einzelheiten klar geworden. Muß er Europa verlassen, dann wird ihn Peytel, an dessen Freispruch er trotz des letzten Protokolls nicht einen Augenblick zweifelt, nach Amerika begleiten. Beider Vermögen ist dahin. Ihres Bleibens in Europa ist nicht länger. Balzac will dem Angeklagten wie ein Gott aus seinem Elend heraushelfen und von dann an wie ein leiblicher Bruder mit ihm verfahren und ihn nicht mehr von sich lassen, solange er lebt. Nun, als er Peytel wirklich wiedersieht, kann er sich seiner Rührung nicht wehren. In einer Ecke liegt der Mann auf dem Boden hingestreckt, völlig gebrochen. Blaß, ohne Ausdruck im Gesicht, in den Augen. Balzac beugt sich zu ihm hinab, ruft ihn beim Namen, und als der Notar nicht antwortet, faßt Balzac den Freund mit einer Hand unter den Nacken, mit der andern unter die zitternden Kniekehlen und hebt ihn, nicht anders, als wäre der bleiche, bärtige Notar sein Kind, auf seine kurzen, aber kraftvollen Arme. Er bettet ihn auf die Pritsche, die der unselige Mensch nicht hat erreichen können, weil ihm die Kraft zu den wenigen Schritten gefehlt hat. Oder hat er sein Gesicht an die Fliesen des schmierigen steinernen Fußbodens gepreßt, um es zu kühlen? Balzac rollt seinen Überrock zusammen, obwohl es sein einziges und unter den bewußten Umständen derzeit unersetzliches Kleidungsstück ist, und gibt es dem Notar, der sich schon lebendiger regt und bewußter um sich blickt, unter den Kopf. Beide atmen schwer. Die Luft in dem engen Raum ist von dem abscheulichsten Gerüche nach Urin und faulendem Kohl erfüllt, da die Luken der Kellerräume sich gerade unter dem Zellenfenster öffnen und der Dunst trotz der geschlossenen Scheiben den Zutritt hierher gefunden hat. Die kleine Lampe des Gefängniswärters, der mit Lablanche wispernd im Hintergrund sich hält, beleuchtet zur Genüge das Gesicht Peytels, seine schön gelockten, kastanienbraunen Haare, seine grauen oder grünlichen, durchdringenden Augen, seinen willensstark gezeichneten Mund, dessen äußerste Winkel sich nach innen zu wenden scheinen. Herrlich ernst ist sein Blick, wenn er, wie selten, aber jetzt eben, einem Menschen voll von vorne ins Gesicht schaut. Dann hat man das kaum zu beschreibende, nur nachzuerlebende Gefühl, jetzt endlich sei man dort, wohin man sich, unwissend im Grunde, zeit seines Lebens gesehnt; jetzt brauche man nur zu leben, gleichgültig, was zu tun oder zu denken, denn dieser da, der Notar, denke, fühle, handle für einen. So über alles beruhigend ist seine Nähe, besonders wenn er schweigt. Spricht er, dann fallen, wenn auch nicht in ungewöhnlich abstoßender Weise, seine Zähne auf. Sie sind zwar vollzählig und von angenehmer Elfenbeinfarbe, aber sie stehen wie bei Pferden etwas nach vorn, und die Oberlippe ist so kurz, daß sie oft das auffallend dunkelrote Zahnfleisch sehen läßt, wie denn die Lippen auch selbst tief dunkelrot, glänzend, korallenfarbig sind. Die Stimme aber hat keine Eigentümlichkeit, und im Gegensatz zum Blick vergißt man ihre Wesensart, sobald der Klang eben zu Ende ist, während die Gewalt des Auges in der Entfernung und in der Erinnerung sogar noch zuzunehmen scheint. Man sieht, daß der Notar jetzt gebrochen, daß er nicht fähig ist, einen logischen Satz, ja auch nur die übliche Begrüßungsformel auszusprechen. Denn seine wie Mörtel brüchigen, kalkweißen Züge wogen und zittern wie Wasser unter starkem Winde, und die Verzerrungen sind gerade bei diesem Menschen so schmerzlich anzusehen, von dem man weiß, daß er sich beherrscht und sich keine Schwäche durchgehen läßt. Dieser Widerstreit macht ihn für Balzac nur noch liebenswerter. Hat Balzac vielleicht doch, besonders während der ermüdenden Postwagenfahrt, manchmal leiseste Zweifel an dem Charakter des Notars nicht unterdrücken können (wenn er auch nie einen Mord für möglich hielt, eher schmutzige Vermögensverhältnisse), so ist er jetzt in der stummen Begegnung mit Peytel von einem noch nie erlebten Mitgefühl ergriffen und drückt dieses schweigend aus, indem er mit seiner schweren, festen und doch weichen Hand Peytel über die Wangen streicht. Er hat dabei ein halb schauriges, halb süßes Gefühl, denn die Wangen sind samtartig weich und dabei doch infolge zarter Blatternarben leicht angerauht. Noch ist in den Augen des Notars nichts von der Freude des Erkennens zu bemerken, ja kaum leuchtet ein Strahl des Verständnisses in ihnen auf. Das Gefühl, den Freund so gott-, menschen- und sogar von sich selbst verlassen vorzufinden, überwältigt Balzac bis zu Tränen. »Weinen Sie nicht«, sagt Peytel und hebt den Ärmel seines Rockes zu seinen Augen, als blende ihn das Licht oder als schäme er sich für den andern. Balzac tritt, ebenfalls von Scham ergriffen, einige Schritte zurück. Von hier sieht das Gesicht des Freundes anders aus, ein breiter, hell kastanienfarbener, ringförmiger Bart rollt sich um die vollen, bleichen Wangen bis an die kleinen, mädchenhaften, rosafarbenen Ohren des Mannes. Seine Hände hat er hinter dem Rücken an dem Rand der Pritsche verborgen, seinen Kopf etwas nach vorn an die Brust gedrückt, die Glieder ineinander verschränkt, so daß er mehr das Bild der Abwehr als des freudigen Wiedererkennens bietet. Dazu im ganzen Raum der fast unerträgliche schlechte Geruch, dem man bloß in der Nähe der Tür etwas entgehen kann; dorther dringt aber ein schauriger Hauch, wie aus Kellern, reiner zwar, aber nicht erquickender, durch das viereckige Loch der Zellentür hinein. Vielleicht empfindet Balzac in diesem Augenblick zum erstenmal Müdigkeit nach der langen und der geringeren Kosten wegen auf einem schlechten Platze der Postkutsche zurückgelegten Reise. Er hat Hunger, da in den letzten Stunden kein längerer Aufenthalt möglich war. Aber wenn er gehen will, so hält ihn das Gesicht des Freundes zurück, sein unbeschreiblich durchdringender Blick, sein ernstes Lächeln, das die schiefen Zähne entblößt, dabei aber gleichzeitig einen Ausdruck von Sanftheit und Klugheit wie unter einem fortgehobenen Tuche aufdeckt, auf den man im kellerartigen Gelaß eines auf Tod und Leben angeklagten Verbrechers am wenigsten gefaßt ist. Balzac tritt also wieder in die Zelle zurück, obwohl ihn Lablanche fortziehen möchte und ihm flüsternd Abendessen und ein gutes Zimmer in seinem Hause anbietet. Dies lehnt Balzac ab. Wenn man ihm aber etwas Essen hierher in die Zelle bringen kann, wird er dankbar sein. Vielleicht auch starken Kaffee, wozu sich die Bohnen, im Koffer des Dichters verpackt, im Posthofe vorfinden werden. Doch möge man die Papiere und Schriften nicht aus der Ordnung bringen, in der sie im Koffer geordnet sind. Peytel scheint zu schlafen. Sein aus feinem, schwarzgrünem Stoffe gefertigter Anzug ist vom Liegen auf dem Boden verknittert, und man stört den Schlafenden nicht, wenn man die Falten über der Brust und an den Hüften sehr vorsichtig glättet. In kurzem erscheint Lablanche wieder, ein fettes, gebratenes Huhn hat er in einer silbernen Kasserolle mitgebracht; die in eine Damastserviette eingehüllt ist, auch eine Kanne Kaffee ist besorgt; diese ist in einen seidenen Schal eingewickelt, damit sie sich länger warm halte. Das Huhn bringt Lablanche, den Kaffee trägt Mercenaire, der Schreiber des Anwalts, um eine Gelegenheit zu haben, den berühmten Mann aus der Nähe zu sehen. Balzac, ebenso von Diensteifer gegen Peytel erfüllt wie Lablanche gegen ihn selbst, schält das Fleisch von den festen Schenkeln des Huhns, schneidet auch die guten Stücke aus der Hühnerbrust heraus und füttert den wachgewordenen Notar mit seinem eigenen vergoldeten Taschenbesteck. Der Anwalt und dessen Schreiber sehen zu und schweigen. IV Balzac hat den übrigen Teil des Huhns sowie ein halbes Dutzend ausgezeichneter Winteräpfel verzehrt und beginnt nun den Plan der Verteidigung mit dem Anwalt zu besprechen, während Peytel wieder in seinen Zustand von Apathie versinkt. Lablanche meint, die Sache stünde schlecht, aber nicht schlechter, als man es hätte erwarten müssen. Auf die Frage Balzacs sagt er: Der Sachverhalt sei nur zu klar. Zwei Menschen seien ums Leben gekommen. Das Motiv der Tat sei zwar nicht aufgeklärt, aber als Täter komme einzig Peytel in Betracht, und er, Lablanche, habe dies dem jetzt so ruhig schlafenden Manne nie verhehlt, und dieser hätte sich mit dieser Auffassung auch zufriedengegeben. Sein Plan sei, am nächsten Tage mildernde Umstände zu beantragen. Diese könne er durchsetzen. Darauf starrt ihn Balzac zehn Minuten lang an, ohne den doch so einfachen Sinn dieser Worte begreifen zu können. Dem Anwalt, einem zarten, hellblonden, feinknochigen Mann ohne viel Haare auf dem Scheitel, wird der Aufenthalt in der kalten, übelriechenden Zelle in Gegenwart des sonderbaren Dichters und des schlafenden Peytel immer unbehaglicher. Er ist von der Arbeit des letzten Tages bis zum äußersten erschöpft, will sich zurückziehen und streckt Balzac eben seine Hand zum Abschied entgegen, als dieser unvermittelt aufsteht und, während sich das olivenfarbene Gesicht vom inneren Blutandrang erhitzt und aufschwillt, mit seinen großen Füßen aufstampft, die Hand des Anwaltes zurückstößt, den schlafenden Notar weckt und ihm, mehr als Befehl denn als Rat, folgendes vorschlägt: Erstens muß Lablanche zum Gefängnisdirektor gehen und zu erreichen suchen, daß Balzac die Nacht über im Zellengefängnis verweilt. Das wird man ihm nicht verweigern können. Tut man es dennoch, so soll man ihn, Balzac, als Rechtsbeistand namhaft machen. Sollte man die Anwesenheit noch einer andern Gerichtsperson für notwendig haken, so ist dagegen nichts zu tun, also auch nichts einzuwenden. Zweitens wird Balzac in dieser Nacht die Verteidigungsrede selbst entwerfen, entweder schreiben oder diktieren. Drittens wird er am nächsten Tage diese Rede selbst vortragen, wenn Lablanche sich weigern sollte, sie zu verlesen. Viertens wird Balzac auf Freispruch plädieren, auf die Auferlegung der Kosten an den Staat und auf eine Ehrenerklärung. Fünftens wird er den Notar sofort nach dem Freispruch mit sich nach Paris nehmen und für alles Weitere Sorge tragen. Lablanche sowie Peytel erklären sich mit diesem Plan einverstanden, Peytel durch einen mehr gehauchten als ausgesprochenen Satz, Lablanche durch lebhafte Äußerung der Zustimmung. Balzac pocht an die versperrte Tür der Zelle, sie wird geöffnet ohne Zaudern, offenbar hat man außen gehorcht und ist darauf vorbereitet. Lablanche eilt nun nach der Wohnung des Gefängnisdirektors, der sich aber nicht für zuständig erklärt. Man muß den Gerichtspräsidenten um seine Erlaubnis fragen. Inzwischen ist es spät nachts geworden. Wie spät, weiß keiner, da Balzac nie eine Uhr bei sich trägt, die Uhr des Notars stehengeblieben ist (in der Erregung des letzten Tages hat er vergessen, sie aufzuziehen) und der Anwalt die seine in dem abgelegten Amtstalar vergessen hat. Aber dies ist gleichgültig, Balzac wird dem Anwalt ein paar Zeilen an den Präsidenten mitgeben. Doch auch dies erweist sich als unmöglich, da weder Papier noch Schreibgerät in der Zelle vorhanden ist. Aber es darf kein Augenblick verloren werden. Lablanche entfernt sich, und die beiden Männer bleiben allein. Balzac fühlt sich unter der Gewalt des halb bezaubernden, halb bezwingenden Blickes, den Peytel aus seinem dunklen Winkel auf der Pritsche nach ihm aussendet. Balzac möchte bleiben, wo er ist, in der Nähe der Tür, im frischeren Lufthauche, dessen er, der schwer, fast keuchend atmende Mann, sehr bedarf. Auch pocht sein Herz so heftig, daß man die Schläge im totenstillen, hallenden, kahlen Raum deutlich hört. Auf dem Gefängniskorridor regt sich nichts, nur vom Turm des Gebäudes schlägt mit dünnem Glockenklang eine Uhr die Stunden und halben Stunden. Balzac muß sich überwinden, näher zu dem Notar hinzutreten und an ihn Fragen zu richten, die jener, seine Stimme ganz der Tonstärke und Höhe des Dichters anpassend, sofort beantwortet, so daß, von Pausen unterbrochen, nur eine einzige Stimme im Zellengemache zu sprechen scheint. Die Fragen beziehen sich auf die Örtlichkeit des Unglücksfalles, auf den Charakter der Frau Felice, auf die Veruntreuung des Dieners, auf die Geldverhältnisse des Notars. Die Zahlen, die Peytel nennt und die Balzac für seine Verteidigung braucht, übersieht er sofort. Er muß sie nicht aufschreiben und stellt im Kopfe die Rechnung Peytel und die Gegenrechnung Alcazar völlig klar auf. Dabei hat er keine andern Hilfsmittel als seine Finger, die er, je nach der Höhe der Zahlen, in bestimmter Weise ordnend zusammenlegt. Zum Schluß der Rechnung erweist sich Peytel als vermögender Mann. Das beruhigt sehr. Auch die Frage nach dem religiösen Bekenntnis und der Königstreue beantwortet Peytel zur Zufriedenheit Balzacs. Inzwischen ist Lablanche eingetreten mit der Erlaubnis des Präsidenten für den Dichter. Er hat heißen, starken Kaffee sowie Schreibzeug mitgebracht. Alles ist bereit, bloß ein Sitz für den Anwalt fehlt, da der schwere, massige Dichter den einzigen dreibeinigen Schemel besetzt hält und auf der Pritsche der immer noch sehr schwache Peytel liegen muß. Lablanche will die Nacht opfern ungeachtet seiner an Übelkeit grenzenden Schwäche, die sich in den schwarzen Ringen um seine Augen sowie in seinem weichen, schlaffen, schleifenden Gang ausspricht – aber wie ihn unterbringen? Balzac, der den Humor nicht verliert, findet als einzigen Ausweg, daß man den Nachtstuhl mit einem Brette überdeckt, das sonst als Wandregal für Wasserglas und Blechkrug gedient hat, und auf diesem Sitz hockt der Anwalt, seinen Seidenhut mit gütiger Erlaubnis der Anwesenden auf dem Kopfe, da es ihn seines schütteren Haarwuchses wegen in der kalten Zelle zu sehr friert; auf seinen dürren Knien liegt das Schreibheft, mit der linken Hand hat er das Tintenfaß wie ein Vögelchen, das den Schnabel aufreißt, umfaßt; mit der rechten führt er flink die Feder, wobei sich die Schriftzüge, klein, ebenmäßig gezogen, wie gestochen aneinanderreihen. Balzac diktiert. An schwierigen Stellen der Darlegungen hebt er sich, wie ein mächtiges belgisches Pferd in seinem Geschirr, auf seinem Schemel hoch; ist die Schwierigkeit überwunden, läßt er sich mit dröhnendem Krachen wieder niederfallen. Lablanche zuckt zusammen. Balzac merkt nichts. Mit völlig leidenschaftslosem Blick folgt der Angeklagte dem Diktat, als wäre nicht von ihm die Rede. Er ist nicht mehr derselbe, der vorhin, am Boden hingestreckt, Balzac zugeflüstert hat: Weinen Sie nicht! Auch Balzac ist verändert. Tiefer die Schatten unter den gewaltigen Nüstern, woraus der Atem rasselnd bricht, wenn er im Reden innehält, zusammengerückt und dunkler die Barthaare über den starken, bebenden Lippen, die Bärenlefzen gleichen, und machtvoll strahlt, alles beherrschend, die ungeheure, kuppelartig gewölbte Stirn im Halbdämmer der Zelle, des totenstillen, hallenden, mit blaßgelbem, dünnem Licht erfüllten Raumes. Jetzt ahnt man schon die Morgensonne, die, tief unter dem hochgelegenen Zellenfenster aufgehend, sich nur durch einen halb rosa, halb lichtgrün schwebenden Nebel zwischen den braunen Brettern der Fensterverschalung andeutet. Bevor es ganz hell geworden ist, ist die Rede beendet. Lablanche verspricht, sie noch einmal zu überlesen, bevor er sie vor den Geschworenen vorträgt. Um neun Uhr morgens ist die Fortsetzung der Verhandlung anberaumt, um Mittag kann das Urteil gesprochen und der Freund in Freiheit gesetzt sein, so hofft es der Dichter, der mit Lablanche zusammen die Zelle verläßt. V Dies der Wortlaut der Rede, verfaßt von Balzac, gehalten von Lablanche, Anwalt in Belley, am Tage der Schlußverhandlung. »Hoher königlicher Gerichtshof! Meine Herren Geschworenen! Der Notar Peytel aus Belley ist des Mordes, des Totschlags angeklagt. Der Herr Staatsanwalt hat auf Verurteilung und Todesstrafe angetragen, ich plädiere auf Freispruch und Auferlegung der Kosten an den Staat. Was war die Tat? Es ist kein Mord an einem Fremden; es ist nicht das Blut eines Beliebigen vergossen worden, dem der Mörder vor dem Augenblick der Tat zum erstenmal begegnet ist. Nein, es ist ein Verbrechen geplant, ersonnen, ausgeführt gegen einen Menschen, der dem Herzen des Angeklagten der Nächste hätte sein müssen, an seiner Gattin, der einzigen Geliebten seines Lebens, der künftigen Mutter seiner Kinder. Das Verbrechen, wäre es wirklich begangen, erscheint jedermann so furchtbar, daß alles vor dem Mörder zurückweichen müßte wie vor einem längst in Verwesung übergegangenen moralischen Kadaver, daß ihm keiner auch nur um einen Schritt näherträte, als es unbedingt die augenblickliche Notwendigkeit erfordert, und daß ich, der Verteidiger, mein Amt nur wider Willen und um der Form zu genügen übernommen hätte. Aber in mir dürfen Sie einen solchen Mann nicht sehen. Ich, Lablanche, Notar und Rechtsanwalt in Belley, habe die Verteidigung des Angeklagten auf mich genommen nicht aus Gründen der Form, sondern weil das tiefe, nie und durch nichts zu erschütternde Gefühl in mir lebt, man begeht Unrecht an diesem Manne Peytel . Ich nenne ihn nicht mehr Notar, er ist es nicht mehr, ich nenne ihn nicht mehr Gatten, denn er hat sein geliebtes Weib auf ewig verloren, ich nenne ihn nicht mehr Bürger und geachtetes Mitglied seiner Gemeinde, denn er sitzt hier auf der Armensünderbank. Er hier allein. Dort drüben die andern, die gestern gegen ihn gezeugt haben. Hier, Angesicht zu Angesicht, sitzen die, die heute über ihn richten und rechten werden. Richten wollen! Aber können Sie es denn? Haben alle die Zeugenaussagen und Sachverständigengutachten Ihnen den Charakter dieses stummen Mannes enthüllt? Können Sie sagen: Dieser war es. Dieser da hat seine Hände mit dem Blute seiner jungen Frau befleckt! Er gehört mit Recht vor dieses Assisengericht. Er gehört vor dieses Kruzifix, gegen dessen heiliges Urbild er gefrevelt hat. Er gehört vor dieses Porträt unseres allergnädigsten Herrn Königs, dessen ihm übertragenes Amt als Notar er geschändet hat. Er gehört morgen vor das Tor dieses Hauses, man trage ihm seinen Sarg voran. Man bestelle Geistliche, um ihn auf seinem Gang zum Schafott zu begleiten. Man rufe den Henker, damit er Peytel ermorde, weil er gemordet hat. Gemordet aus Geldgier? Aus verschmähter Liebe? Aus Wut gegen das Weib? Was war der Grund einer so verabscheuungswürdigen Tat? Wer von Ihnen sagt mir den Grund eines Verbrechens, wie man es in unserem friedlichen, königstreuen Departement seit Menschengedenken nicht erlebt hat? Wie verträgt sich Geldgier mit verschmähter Liebe? Diese Motive vereinen sich nicht, sowenig sich Schwarz mit Weiß, Gut und Böse miteinander vereinen. Sie haben nur die Wahl: Entweder ist dieser Mann auf der Anklagebank der verruchteste, schwärzeste Bösewicht, oder er ist rein wie Gold. Ihr Schweigen sagt alles, Ihre Rührung bezeugt Ihre Zustimmung. Peytel ist kein Mörder, er ist ein Mann von gutem Herzen und doppelt unserem Herzen teuer.« An dieser Stelle der Rede werden aus dem Zuschauerräume Stimmen des Unwillens laut. Der Präsident rügt dies als der Würde des Ortes widersprechend und gibt Lablanche ein Zeichen, fortzufahren. Statt auf diese Zurufe einzugehen und aus der Erregung der aufgebrachten Menschen neue Argumente zu schöpfen, las der Anwalt mechanisch weiter: »– unserem Herzen teuer. Dieser Mann ist nicht fähig, sich zu verstellen, nicht fähig, zu fälschen und zu lügen. Wie sollte er da eines Mordes, eines lange im voraus bedachten Verbrechens fähig sein, ohne daß seine nächsten Angehörigen, besonders die unglückliche Frau Felice, die doch wie alle Frauen furchtsam ist, den geringsten Verdacht schöpfen? In den Adern Peytels fließt nicht das dünne, weiße Blut der Lüge: war einer unter uns redlich, Peytel war es. Sie haben keine Beweise gegen seine Redlichkeit und deshalb auch keine Beweise für seine Täterschaft. Er hat uns diese Schreckensnacht vom 3. November geschildert. Er sagte: So war es. Mag sein, daß er manches verschwiegen hat. Aber wem zuliebe verschwiegen? Sein Schweigen ehrt ihn mehr als alles andere. Nur durch dieses ehrenhafte Schweigen ist es zu erklären, daß das gewaltsame Dahingehen zweier Menschen trotz langer Verhöre nicht geklärt worden ist, und doppelt hoch steigt der Mann in unserer Achtung, der es in seiner Hand hatte, sich durch ein Wort freizumachen und es doch nicht tat, um das Andenken eines Menschen nicht zu beschmutzen, den er liebte.« (Rufe von den Tribünen: »Spitzfindigkeit! Rabulistik! Heuchelei! Robert Macaire! Pariser Sitten!«) »Hat man das bedacht? Hat man auch die Interessen des Angeklagten unparteiisch gewürdigt? Man vergesse nicht, vom Augenblick der Verhaftung ist der Angeklagte wehrlos, das Gericht muß nicht allein anklagen, es muß auch Vormundstelle an ihm vertreten, muß auch das Gute und Günstige nicht übersehen, das im Leben des eingekerkerten Mannes für ihn spricht!« (»Hat man getan!«) »Das hat man nicht getan. Was war das Motiv, aus dem heraus Peytel das Verbrechen soll begangen haben? Geldgier, Habsucht, das wirft man ihm vor. Aber hat denn der Angeklagte jemals in seinem fünfunddreißigjährigen Leben sich eine Unredlichkeit zuschulden kommen lassen?« Man schweigt. Man schweigt aber nicht ganz, man flüstert und munkelt, die Notariatskammer zu Macon hätte gewußt, was sie tat, als sie die Bewerbung des Peytel ablehnte. Was war der Grund? Wir bitten den Vorstand jener ehrenwerten Kammer, aufzustehen gegen Peytel und zu sagen: Dies und dies. Er hat gestohlen oder betrogen oder falsche Kontrakte aufgesetzt oder seine Kenntnis der Gesetze anderweitig mißbraucht. Er hat in Paris ein lasterhaftes Leben begonnen. Möge er es in Paris beschließen. Wir wollten in Macon keinen lasterhaften Notar. Hatten wir nicht recht? Hatten wir ehrenwerten Notare der ehrenwerten Stadt Macon nicht allen Grund, uns gegen diesen stillen, duckmäusigen Verbrecher zu wehren? Denn siehe: er hat gemordet. Seine Frau ist tot. Sein Diener schwimmt im Blute. Wir aber sitzen auf unsern guten Stühlen und sehen zu, wie Peytel gerechterweise enthauptet wird. Denn kein Mensch ohne Ehre. Una fides . Bitte, meine Herren aus Macon, treten Sie doch vor! Wiederholen Sie, was ich eben gesagt habe! Der Mann da wird sich nicht wehren. Er wird schweigen. Er wird sein Recht für sich sprechen lassen, weil er weiß, es spricht für ihn. Es gibt stumme Argumente und Beweise, die nicht protokolliert werden und doch zu Recht bestehen!« (Diese Stelle und das darauffolgende Schweigen verfehlten ihre Wirkung nicht.) »Weiter! Peytel hat sich unschuldig gefühlt. Er bot seinen Gegnern die Stirn, er ging in den Nachbarort Belley und wurde hier als Notar angenommen.« (»Leider!« Der Präsident lächelt verlegen und rügt diesen Zwischenruf nur durch einen Blick.) »Aber diesen schmutzigen Verdacht der Notariatskammer kann er nicht fortwaschen. Man weiß gar nicht, wie sehr ein Verdacht der Unredlichkeit, die Anschuldigung eines unordentlichen Lebens auf das ganze künftige Dasein eines Mannes in öffentlicher Stellung wirkt. Wir sind in der Provinz. Peytel, ein Fremder, ein eben erst Eingewanderter, bekommt eine ehrenvolle, gute, ertragreiche Stellung. Neid auf allen Seiten. Man haßt ihn, man will ihn nicht, er hat keine andern Verteidiger als mich.« (Lachen und Rufe der Entrüstung) »Weiter, er bekämpfte den Wucher in einer Stadt, wo viele vom Wucher leben.« (»Beweise! Unerhört!«) »Er selbst war anspruchslos. Seine Tarife waren niedriger als die der Notare anderswo. Da hieß es: unredlicher Wettbewerb. Weiter: er hat, um der Unsittlichkeit zu steuern, die Heiratskontrakte an Mittellose unentgeltlich ausgefertigt. Ist das ein Zeichen von Habsucht? Er hat sich mit dem Herrn Bischof in Verbindung gesetzt und ist in seinem Palais empfangen worden und hat seinen Segen erbeten. Das gereicht beiden Teilen nur zur Ehre, denn das Konkubinat ist sittlich höchst verwerflich und dem Staate schädlich.« (»Zur Sache!«) »Er ist arm. Seine Gattin reich. Er will sie beerben, und weil sie mit ihren zweiundzwanzig Jahren nicht freiwillig sterben will, ermordet er sie auf der Straße mit dem Diener Rey. Peytel ist arm, ich sagte es. Denn er hat nur ein Haus, Wert 40 000 Franken, ein Gartengrundstück, 8000 Franken, hat einen prachtvollen Weinberg, 5600 Franken, hat von seiner Mutter ein Erbe zu erwarten, 30 000 Franken, Hypotheken, Forderungen, Schmuckgegenstände 19 500 Franken, auf die Anwaltstube vorausbezahlt 35 000 Franken: alles in allem 97 000 Franken. Rechnet man die neue Wohnungseinrichtung, Pferde, Wagen, Stallungen hinzu, addiert man die laufenden Einnahmen und Erbschaftsgebühren aus Hinterlassenschaften, so kommt man auf 114 000. Die Mitgift der Frau betrug dagegen bloß 60 000. Man hat sich in der jungen Ehe gegenseitig zu Erben eingesetzt. Warum? Weil der geldgierige Notar es wollte? Nein, die Mutter der Frau wünschte es, und deshalb geschah es. Rechnen wir doch, da wir nun einmal in der Provinz so gute Rechner sind, rechnen wir den Saldo, das Endresultat dieses Mordes! Ich habe dies getan, ich habe alle Passiva gegen die Aktiva gesetzt. Und das Resultat? 8311 Franken 48 Centimes hätte der Mörder im besten Falle einziehen können. Und deshalb diese Tat? Das war es nicht. Ist Felicia Peytel bloß des Geldes wegen gemordet worden, dann ist sie heute noch am Leben und steht eben vor dem Spiegel oder nimmt ihre Morgenschokolade ein. Ein Leidenschaftsverbrechen also? Was bleibt denn noch übrig? Ist ihm die junge, schöne Gattin verhaßt? Verachtet er sie wegen ihrer Mängel, ihrer ungeordneten Erziehung, ihres unausgeglichenen Benehmens? Sind das die Gründe, die einen Mann mit gesundem Menschenverstand auf den Weg bringen, der hier vor den Assisen endet? Nein. Also empfindet er eine sträfliche Leidenschaft für eine andere Frau? Nicht das geringste ist hier bekanntgeworden, und die Provinz hat doch nicht nur einen guten Kopf für das Rechnen, sondern auch gute Augen zum Spionieren und gute Zungen zum Weitererzählen. Unüberwindliche Abneigung? Aber er hat sie doch aus Liebe geheiratet, er hat sich bezaubert gezeigt durch die schönen Augen, den anmutigen Wuchs, die reinen, lebhaften Farben seiner Frau. Wenn er sich abgestoßen fühlte, woher dann der Plan der späten Hochzeitsreise? Warum schmiegt sich die Gattin so eng an ihn, wenn sie doch Grund hatte zur Furcht? Welches Motiv wir auch annehmen, ob besondere Liebe zum Geld und zu den irdischen Gütern oder Gleichgültigkeit gegen sie, besondere Liebe zu der jungen Frau oder unwiderstehliche Abneigung gegen sie, immer nur konnte es geschehen sein mit der Absicht, in der Hoffnung, glücklicher, unabhängiger, freier zu werden. Glücklich dieser Angeklagte Peytel? Unabhängig der Mensch, der auf alles verzichten muß, der kaum noch lebt? Frei der Mann, der zwischen zwei Gendarmen des Königs auf einer Bank sitzt, auf der man Menschen seines Standes seit Menschengedenken nicht gesehen hat? Nun aber hören Sie! Ein racheglühender, eifersüchtiger Spanier, ein von dämonischen Leidenschaften verblendeter Mann aus den niedersten Kreisen hätte nicht unvernünftiger, rasender handeln können als er, der akademisch gebildete, wohlerzogene, mit allen Pariser Wassern gewaschene Rechtsgelehrte. Verborgen konnte seine Tat nicht bleiben. Hat er sie wirklich vollbracht, mußte sie ihn hierherführen, und er mußte dies wissen. Wer erklärt mir dies? Nach einem Leben voller Vernunft und guter Bürgerlichkeit, ja er selbst ein Hüter der Bürgerlichkeit, ein Erbverwalter, Prozeßschlichter, ein Ehestifter unter Armen, ein sparsamer, aber freigebiger Mann, ein so sittenreines Individuum, wie man es sittenreiner in unserm strengen Departement de l'Ain nicht wird finden können, er soll sich der Gattin aus Überliebe oder Überhaß durch Pistolenschüsse haben entledigen wollen! Nein, ein Notar kennt die Wege des Gesetzes, er hat Abwege nicht nötig. Seine Art der Trennung ist die gesetzliche Scheidung. Wenn er auch nur einen Tropfen Blut verspritzt, dann ist seine Tat der Ausfluß der unsinnigsten Unvernunft, das Werk eines hirnverbrannten, tollwütigen Narren, der bloß unsere mitleidvolle Schonung und ärztliche Hilfe, nicht unsere Gerechtigkeit anrufen und beanspruchen kann. Das sehen wir alle ein, Staatsanwalt und Geschworene, Zeugen und Freunde der Verstorbenen. Hier werden Sie mir nicht widersprechen. Hier ist ein Widerspruch nicht möglich. Entweder hat Peytel die Tat nicht begangen, oder er ist dabei seiner fünf Sinne völlig beraubt gewesen! Die Straße ist immer belebt. Der Schmied und sein Sohn wohnen ganz in der Nähe; sind durch Rufen, durch Pochen zu erwecken. Die diebischen Fischer liegen die ganze Nacht auf den Kähnen. Die Zollwächter halten sich die ganze Nacht hindurch hinter den Büschen verborgen, um auf Schmuggler zu fahnden. Das ist kein Schauplatz, ausgeklügelt für ein strafloses Verbrechen! Man kennt ihn ja, man weiß, wer er ist. Ich bin es, der neue Notar, ruft er dem Schmiede zu. Handelt so ein Mörder? Und wozu das zweite Opfer? Louis Rey ein Bauernknecht, Peytel ein Städter, nicht der jüngste mehr. Wer wird im Zweikampf der stärkere bleiben? Und setzen Sie den Fall, Rey wäre lebend aus dem Kampfe hervorgegangen, dann säße er hier, des Raubmords angeklagt. Das nennt sich Justiz. Einer muß der Mörder sein, der andere das unschuldige Lamm. Hat immer der Überlebende unrecht? Hat immer der Tote recht? Oder die Tote? Wir wissen nicht, was sich in der Herbstnacht auf der Bergstraße zugetragen hat. Wir werden es nie wissen. Aber glauben dürfen wir. Wir dürfen Peytel glauben, der noch nie gelogen hat. Denn er wurde untadelig befunden bis jetzt. Cui bono , wem zum Vorteil soll die Tat begangen sein? Der Diener, ein namenloser Findling, kann fliehen, sich der sieben Säcke Goldes freuen. Aber was soll Peytel, wenn ihm die Tat gelingt? Welchen Vorteil kann er gewinnen? Das Höchste seines Daseins, das Leben seiner Frau, sein eigenes hat er aufs Spiel gesetzt. Es gibt keinen gleich hohen Gewinn, die Partie kann nur mit Verlust enden. Es ist keine Lösung möglich. Er hat nicht gemordet. Mit Mühe ist er selbst in der unseligen Nacht dem Tode entgangen. Ich selbst empfange ihn, wie er atemlos durch die Straßen eilt und nach Hilfe ruft, in meinen Armen. Ich spreche ihm Mut zu, er soll sich fassen, soll uns sagen, was sein Ruf, sein verstörtes Aussehen bedeuten, was diese unartikulierten Laute, die uns im Ohre dröhnen werden, solange wir am Leben sind. Meine Herren Geschworenen! Hohes Gericht! Es war soviel die Rede von der wollenen Decke, die den Mörder oder den Ermordeten bedeckt hat und die man auf der Straße fand. Aber, meine Herren, lassen Sie doch die Pferdedecke, wo sie war, ziehen Sie lieber die Decke von dieser Tat! Und können Sie es nicht, dann glauben Sie ihm, der da vor Ihnen steht. Sehen Sie hin, sehen Sie diesen tief bedauernswerten Menschen! Nun schweigen seine Lippen, sind seine Arme ohne Kraft, die Augen gesenkt, nicht mehr aufgerissen, wie sie es waren, als ich ihn damals sah, aufgerissen von Schmerz um die geliebte Frau, um die er geworben hat, die er mit ihren Schwächen und wegen ihrer Schwächen geliebt hat! Er hat nichts Böses über sie ausgesagt. Ich habe das Wort von ihren Schwächen gefunden. Er hat mir streng verboten, Felicia Alcazar zu belasten. Er hat mir noch heute nacht zugeflüstert, man soll Tote nicht schlagen! Und ich bitte Sie, ich appelliere an das hohe königliche Gericht, schlagen Sie Peytel nicht, schlagen Sie diesen Toten nicht! Sprechen Sie ihn frei!« (Laute Entrüstungsrufe im Publikum, die der Präsident streng rügt.) »Sprechen Sie ihn frei. Sie werden einen Toten freigesprochen haben. Sebastian Peytel existiert nicht mehr. Vor Ihnen steht ein geschlagener, vernichteter Mann. Seines Bleibens wird hier nicht sein. Er hat seinen Stab zerbrochen, sein Amt zurückgelegt. Er will in fremde Länder, nach Amerika. Denn er kann unter Ihnen nicht mehr leben. Geben Sie ihm die Freiheit, das einzige, was Sie ihm geben können, was er von Ihnen annehmen kann. Denn alles andere steht bei Gott!« VI Noch während der Rede hatte das feindliche Gemurmel, das zischende Lachen und boshafte Flüstern nicht einen Augenblick lang aufgehört. Der Haß gegen Peytel war offenbar. Die Rede wirkte nicht. »Es faßt nicht, ergreift nicht, es rührt nicht«, flüstert der Dichter vor sich hin, glaubt sich unbemerkt, doch kennen ihn viele hier, und jeder hat es gehört. Dabei hätte Balzacs Rede, hätte er den Mut gefunden, sie selbst vorzutragen, Peytels Freispruch auch gegen die Überzeugung der Richter bewirkt. Im Munde des zarten Anwalts, der seine innere Überzeugung nicht ganz verbergen konnte, mußte sie aufreizend wirken. Andrerseits hätte man Peytel nach einer larmoyanten Rede Lablanches mildernde Umstände bewilligt, und zwar aus zwei Gründen, erstens, weil kein Geständnis vorlag, sondern nur Indizien, zweitens, weil man im Interesse des Rufes der Provinz gern das Äußerste vermieden hätte. Nun aber war alles verändert, die Jury zog sich zurück, um nach einer auffallend kurzen Beratung in den Saal zurückzukehren und das Verdikt auszusprechen. Die Schuld Peytels wurde einstimmig bejaht. Mildernde Umstände wurden nicht zugebilligt, und es wurde, ebenfalls mit Stimmeneinheit, die Todesstrafe gegen Peytel verhängt. Es ist Mittag. Die Sonne fällt stark in den hellen, kahlen Raum. Sie beleuchtet geradezu das Gesicht des Verurteilten, der das Verdikt stehend anhört. Die Sonne, über den Schnee, der im Gerichtsvorhof liegt, bläulich funkelnd herübergeworfen, erhellt seine schön gelockten, kastanienbraunen Haare, seine grünlichen, durchdringenden Augen, seinen willensstark gezeichneten Mund, dessen äußerste Winkel nach innen sich zu verbergen scheinen. Herrlich ernst sein Blick, wenn er, wie gerade jetzt, seine Todesrichter von vorn anschaut. Der Freund hat das kaum zu beschreibende, nur nachzuerlebende Gefühl, jetzt endlich sei er dort, wovor er immer geschaudert. Zwischen zwei Gendarmen, die Arme wohl noch frei und fessellos, aber dennoch schrecklicher gebunden als sonst jemand, vom Haß aller umgeben, hilflos gegen die Gewalt, wehrlos gegen das Unrecht, ein Stück lebendes Fleisch, das sich schädlich gezeigt hat, das man vertilgen will und wird – davor muß er sich zeit seines Lebens, unwissend im Grunde, gefürchtet haben, er muß dieser Stadt, diesem Raum, diesen Richtern und Gendarmen ausgewichen sein, um ihnen doch zu begegnen und jetzt ohne Rettung ausgeliefert zu sein. Balzacs tiefer, fast stöhnender Seufzer geht in den Beifallsbezeigungen der erregten Menge, die endlich befriedigt ist, unter. Um so mehr beherrscht sich Peytel. Er lächelt, er entblößt seine elfenbeinfarbigen Zähne, öffnet die Lippen, wobei sein tief dunkelrotes, korallenfarbiges, glänzendes Zahnfleisch sichtbar wird. Es ist im Grunde kein Lächeln, sondern eher die Anstrengung, die zu einem solchen führen müßte, ohne die Wirkung. Trotzdem oder eben deshalb hat dieser Augenblick etwas Schauriges, halb Süßes, halb grauenhaft Abschreckendes, und das um so mehr, als die Augen des Verurteilten, ohne ein Zucken der dichten, hellbraunen Wimpern, sich plötzlich von einem bläulichen Grün in ein stechendes, geschliffenes Silbergrau wandeln. In seiner schönen, sehnigen Hand preßt der Notar sein goldgelbes Seidentuch zusammen, das aus dem Besitze des Anwaltes stammt und das nachts zum Warmhalten der Kaffeekanne gedient hat. Aber noch ist die Verlesung des ganz kurz gehaltenen Urteils nicht zu Ende, als sich alles löst: die Lippen sinken über den elfenbeingelben Zähnen zusammen, das Lächeln hört auf, die Hände weichen auseinander, das Seidentuch fällt knisternd zur Erde. Es ist sehr still geworden. Der Dichter, der bleich, schweißbedeckt, zitternd vor Erregung, neben dem Notar steht, von ihm bloß durch die hellgelbe, hölzerne Barriere geschieden, bückt sich nach dem Tuche, obgleich ihm bei seiner Leibesfülle und nach der Aufregung der letzten Stunden selbst diese Bewegung schwerfällt. Er nimmt das Seidentuch, reinigt es vom Staube und reicht es Peytel hinauf. Peytel sieht Balzac schweigend mit seinem kalten, grauen, funkelnden Blicke an. Das war alles. VII Die von Balzac verfaßte Rede hatte bei dem Richterkollegium trotz allem ihre Spuren hinterlassen, und als Lablanche mit Balzac auf Grund einiger formaler Fehler ein Kassationsgesuch eingereicht hatte, wurde dieses an die höhere Stelle weitergegeben. Balzac wurde auch weiterhin der Zutritt zu dem Gefangenen gestattet, obwohl die Haft jetzt schärfer geworden war. Um so weniger zu erklären war es, daß Peytel, der im übrigen völlig ruhig und gefaßt sich zeigte, die Besuche des Dichters nicht annehmen wollte. Balzac hatte den Freund, den er nach dem Beisammensein in Paris, so viele Jahre vorher, fast vergessen hatte, von neuem liebgewonnen. Er dachte oft mit einem unerklärlichen Gefühl der Zärtlichkeit an ihn, wie es zwischen Männern in reiferem Alter selten ist, er rechnete auf seine Freilassung, bereitete alles für ein neues Gerichtsverfahren vor, dem dann der Freispruch unbedingt folgen mußte, worauf er mit ihm an der Hand ohne weiteren Aufenthalt Europa verlassen wollte. Tagsüber arbeitete Balzac in gewohnter Weise. Täglich holte er Erkundigungen von Peytel ein, doch erhielt er täglich denselben Bescheid: daß es Peytel gut ginge, daß er für Balzacs Anteilnahme dankbar sei. Doch lud er ihn nicht zu sich ein, der Anwalt schwieg verlegen still, wenn die Rede darauf kam, und erschien Balzac unaufgefordert im Gefängnisgebäude, wurde er nicht vorgelassen. So ging es durch mehr als acht Tage. In der zehnten Nacht träumte Balzac, den der Schlaf am Schreibtische in der schlecht geheizten und beleuchteten Gasthofstube (denn er hat kaum Geld für das Nötigste) über seinen Manuskriptseiten überrascht hatte, folgenden Traum von seinem Freunde Peytel: Man hat eben Peytel zum Richtplatz geführt. Nun kniet er mit entblößtem Oberkörper auf dem Schafott, Balzac gerade gegenüber. Auf seiner schönen, breiten, glatten Brust, die von oben her der hell kastanienfarbene, stark gelockte Bart beschattet und der mit seinem Zittern die feine Haut zu streicheln scheint, leuchtet ein aus Brillanten gebildetes, russisches, doppelarmiges Kreuz, wie es einmal die Gräfin Hanska getragen hat. Sie muß irgendwo den Dichter so an ihre Brust gepreßt haben, daß das Kreuz sich auf seiner Brust, in roten Striemen allerdings und in schmerzvoller Zeichnung, abgebildet hat. Doch von der Geliebten tut selbst der Schmerz wohl. Um so gespenstischer ist es jetzt, dasselbe Kreuz mit den zwei Querbalken an der Brust des knienden Delinquenten anzutreffen, der doch der Gräfin nie im Leben begegnet ist. Aber es ist keine Zeit zu verlieren, der entscheidende Augenblick naht, man merkt es an der besonders vollkommenen Stille. Die Guillotine blitzt, sie fällt von selbst, denn es ist niemand auf der Richtstelle zu sehen, bloß in weitem Umkreis eine unzählbare, aber ebenfalls totenstille, regungslose Menschenmasse. Nur das Fallen des Messers durchbricht die lautlose Stille, es klingt hölzern, fast wie das Klappern eines Küchenmessers auf dem Hackbrette, wenn der Koch das »Große klein schneidet«. Die Hände des Verurteilten, bis dahin jammervoll verkrampft, lösen sich im Augenblick. Kein Tropfen Blut strömt aus dem in der Mitte scharf bis auf die Locken und feinen Nackenhaare zerteilten, kreisrunden, rosenroten Hals. Die Sonne, eben erst völlig aufgehend, bricht sich mit unbeschreibbarem Glanze auf der perlenweißen, durch keinen Blutstropfen verunreinigten Brust, wo das helle, wie aus kochendem Licht gebildete Edelsteinkreuz trotz der Enthauptung sich nicht von seinem Platze gerührt hat. So bleibt das Bild durch lange Zeit, ohne daß sich das Geringste ändert. Bloß die Sonne wandert höher; stumm die versammelte Menge; der schwarze, von Menschen erfüllte Platz; weiß die Brust des immer knienden Toten; unter ihm, zwischen seine Hände herabgeglitten, das abgeschlagene Haupt. Die beiden Hände des Toten oder Märtyrers umgeben das abgeschlagene Haupt mit einem Ringe, der aus beiden ausgestreckten Zeigefingern und beiden Daumen gebildet wird. Die geliebten Züge des Freundes, leicht von Blattern gekörnt und doch nichts von ihrer blumenblattartigen Zartheit verlierend, strahlen nur um so feuriger, sammeln sich fester. Keine Glocke läutet. Keine Trommel schlägt. Kein Priester spricht. Kein Blut fließt. So steht das Bild unerschütterlich da. Dritter Teil I In diesem zu zeitloser Dauer ausgesponnenen Augenblick wurde der Dichter durch Lablanche geweckt. Peytel wünschte seinen Besuch, wenn möglich sofort. Sie eilten zum Gefängnis. Balzac, unordentlich gekleidet, knöpfte auf dem Wege die Weste und die bauschigen Beinkleider fester, während sein Schritt stärker auf den Boden trat und sein vom Schlafe noch gedunsenes Gesicht in der kalten Luft sich schnell belebte. Er sah Lablanche fest an und erwartete, daß der Anwalt, der offenbar sehr erregt war, zu sprechen beginne, dieser aber schwieg, ganz gegen seine Gewohnheit. Das Zellengefängnis fanden sie trotz der späten Stunde noch voller Leben, die Korridore heller als sonst beleuchtet, ein starkes Aufgebot von Gendarmen vor dem Portal, im Hofe der Conciergerie eine Menge Männer um ein mäßig hohes Gerüst versammelt, das aber schon vollendet schien, denn einzelne Hammerschläge klangen nur so, als würden sie spielend und nur, um die Sicherheit des Gerüstes zu bekunden, ausgeführt. Der Anwalt und Balzac wurden unverzüglich auf den Passierschein des Präsidenten hin durch den Eingang gelassen, man gab ihnen auch ohne weiteres den Durchgang durch drei gut bewachte eiserne Gittertüren frei, die in einen abgelegenen Trakt des Gefängnisses führten. Denn Peytel war nicht mehr in dem Raum, den er bis zu seiner Verurteilung bewohnt hatte. In der neuen Zelle, die nun vor dem Anwalt und dem Dichter aufgeschlossen wird, ist nichts von dem furchtbaren Geruch nach Urin und faulendem Kohl zu spüren, der das alte Gemach verpestet hat. Aber etwas anderes, Grauen- und Furchterweckendes geht von der kleinen, sauber gehaltenen Kammer mit dem abschüssigen Fußboden aus, die nichts enthält als, in die Wand zu einer kleinen Höhlung eingelassen, ein auf Eisenstäben zurückschlagbares Lager. Es muß hart sein, da es nur aus einer von innen her kräftig versteiften, vier Finger hohen Matratze besteht. Ferner sieht der Dichter ein Kreuz aus schwarzem Holze, ohne den Heiland, an der Fensterwand, jedoch so hoch oben, daß auch ein gut gewachsener Mann es mit ausgestrecktem Arme nicht erreichen oder herunterreißen kann. Kein Tisch, keine Bank, kein Waschgerät. Ihnen entgegen tritt Peytel im grauen, warmen Gefängniskleide, mit sehr blassen, aber völlig ruhigen Zügen. Als Lablanche fragt, ob Peytel etwas brauche, verneint er zuerst, dann ergreift er einen ziemlich großen, hellgrauen eisernen Krug, der in der Ecke steht, gießt den Inhalt – es ist sonderbarerweise roter Wein – in ein dreieckiges Loch, das, in den Steinfußboden der Zelle eingelassen, als Ausguß dient, gibt den Krug, indem er sich von der Hand ein paar verspritzte Tröpfchen abwischt, Lablanche in die Hand und sagt mit einer etwas heiseren Stimme: »Doch, mein Lieber! Kann ich von meinem eigenen Wein haben, wird es mir recht sein.« – »Gewiß, mit größter Leichtigkeit. Man hat ihn schon vorbereitet«, antwortet Lablanche. »Sie sehen, wir haben Ihren Wunsch erfüllt. Nun erfüllen Sie auch den unsern. Wir glauben alle noch an einen Erfolg unserer Schrift, mir erscheint er fast sicher, und der Bote verspätet sich nur infolge der schlechten Wege. Trotzdem ...« »Was soll's?« sagt Peytel heiser. »Sie wissen es doch. Der Geistliche, Abbé Moncelle ...« »Ach, Moncelle! Genügt Balzac nicht? Er ist ein so prachtvoller Mönch wie nur ein anderer.« »Sie scherzen!« »Nicht im mindesten. Ich werde meine Sachen mit dem Himmel regeln, ich bin Notar und weiß, was ich Gott schuldig bin.« »Unser Kassationsgesuch ist doch nicht etwa verworfen?« fragt Balzac entsetzt. Er ist durch diese Nachricht so vernichtet, so niedergeschmettert im wahrsten Sinn, daß er eine Stütze sucht und keine andere findet als die in die Wand eingelassene Matratze, an der er sich festhalten will, die sich aber aus ihrer aufrechten Lage in den Scharnieren rasselnd löst und klirrend niederfährt. »Ich habe gebeten, Sie zu verschonen, Herr von Balzac, und Ihren Besuch habe ich mir erst für heute vorbehalten. Behaglichkeit werden Sie von meinem Besuchszimmer nicht erwarten, der Boden ist kalt, von dem vergossenen Weine schlüpfrig, kaum daß man sich halten kann. Aber es ist geheizt, durch diese Öffnung kommt warme Luft, man wird die Nacht überdauern können. Bloß heißt es mit Vorsicht auf den schlüpfrigen Boden treten, damit man nicht ausgleitet.« Er spricht noch lange, Dinge ohne Wichtigkeit und Beziehung berührend, während Balzac immer tiefer in seine Kleider versinkt, immer stärker trotz seines dicken Überrockes friert. Er fühlt seine Beine nicht mehr sicher unter sich, nun hat er sich auf der knarrenden, aber fest gebauten Matratze niedergelassen und starrt den schwatzenden Notar an. Dieser fährt fort: »Nun, lieber Lablanche, erfüllen Sie unsern Wunsch, schicken Sie uns das Verlangte, lassen Sie uns dann bis morgen allein. Will unser Herrgott Wunder tun, hat er bis dahin Zeit. Wenn nicht, dann wird mir Ihr Besuch willkommen sein, und der Form wegen werde ich auch den Abbe empfangen. Mehr darf von mir billigerweise nicht verlangt werden.« Lablanche verläßt mit einer stummen Verbeugung die Zelle. Nun wendet sich der Verurteilte Balzac zu. II Peytel hat sich zu Füßen des Dichters niedergelassen; sein mit schön gelockten braunen Haaren bedeckter Kopf lehnt sich an Balzacs Knie. Er sieht Balzac, aber Balzac sieht ihn nicht. Schwer atmend, seinen Atem fast rasselnd ausstoßend, mit seinem dunkel olivenfarbigen, rotgetigerten Antlitz nach der Wand zu liegt der Dichter auf der Pritsche, seine beiden Hände unter dem schweren Kopf verschränkt, und zwischen seinen mattgelben Fingern fließen die schwarzen und grauen fettigen Strähnen des straffen Haupthaares. Von seinen fleischigen Lippen dringt, mit Pfeifen untermischt, die Rede leise und ohne Bestimmtheit. »Ich kann nicht glauben, was Sie sagen ... Sie hätten mich früher benachrichtigen müssen ... haben Sie kein Gnadengesuch eingereicht?« flüstert Balzac, der die Wärme des unter ihm hingekauerten Peytel auf sich eindringen fühlt. Der andere antwortet, scheinbar ganz ruhig, den Ton Balzacs mit derselben Lautstärke aufnehmend, so daß nur eine Stimme im Räume gesprochen zu haben scheint, eine Stimme freilich, die manchmal zittert, manchmal nicht, manchmal pfeift und ein andermal glatt von den Lippen geht: »Ich habe durchaus nichts vergessen. Ich war Notar. Ich kenne die Form.« »Es muß gelingen. Man kann keinen Justizmord an Ihnen begehen.« »Möglich bleibt alles. Gelingt es, wollen wir uns dessen freuen, aber es ist klug, mit allem zu rechnen, auch mit dem Wahrscheinlichen.« Das Schloß der Zelle wird geöffnet, nachdem man schon früher den Schritt der Wache im Korridor näherkommen gehört hat. Ein Gendarm tritt in voller Paradeuniform ein, das weißglänzende Bandelier kreuzweise über der Brust, ein aufgepflanztes Bajonett an der rechten Seite. Er bringt den Krug. Sein Kamerad wartet draußen, das Licht der Gefängnislampe spiegelt sich mit einem blitzartigen Aufzucken auf der aufgestellten blauweißen Schneide. Doch sieht es so aus, als ob beide Gendarmen den Notar kennen und den Dienst hier nicht zum erstenmal verrichten. Der Notar riecht an dem Krug und sagt: »Er ist gut.« Dann gräbt er in den Taschen des Gefängniskittels, kann aber das Gesuchte nicht finden. Er greift tiefer, während ein halbes Lächeln seinen willensstarken Mund umspielt und sich sogar in die hell kastanienfarben gekräuselten Haare des Ringbartes fortsetzt. Er langt tiefer in die Taschen, faßt endlich unten im doppelten Saume den gesuchten Gegenstand, der durch eine aufgegangene Naht hinabgeschlüpft ist. Es ist eine schöne goldene Uhr, schmal wie ein Taler. »Hier, zur Erinnerung an mich«, sagt er und lächelt deutlicher, ja, jetzt erst ist es ein richtiges Lächeln, nicht mehr das kalte Grinsen von vorhin, das aussieht, als hätte man einer Leiche die Lippen mit einer Nadel künstlich zu einem Lächeln geformt. »Zur Erinnerung«, sagt er und blickt den Gendarmen nun von vorn mit seinem herrlichen, ernsten Blick an und will ihm die Uhr geben. »Aber es ist verboten, Herr Notar, Geschenke hier im Hause« (der Gendarm vermeidet das Wort Gefängnis) »anzunehmen.« »Sie haben recht«, sagt der Notar, »die Vorschrift ist dagegen, und es könnte Sie Ihren Posten und Ihr Brot kosten. Dann will ich die Uhr Herrn von Balzac übergeben, der sie Ihnen nach meinem Tode ausfolgen wird.« Der Wächter antwortet nun nichts mehr, sieht sich in der Zelle nicht weiter um, geht ab und versperrt die Tür von außen. »Die Kette der Uhr«, sagt Peytel, »hat man mir fortgenommen, ich hätte mich an ihr erhängen können. Warum man davor Angst hat, da man doch mit meinem Ableben in nächster Zeit (an morgen glaube ich selbst nicht) rechnet, weiß nur die Justiz. Fassen Sie es nicht als Bestechungsversuch auf, wenn ich dem armen Teufel, dessen Geduld ich so lange in Anspruch genommen habe, ein Präsent mache. Hat doch auch unsere Königin Marie Antoinette ihren Wächtern vor ihrem Tode Geschenke gemacht, am Vorabend ihres Todes.« Als Balzac aufschrickt und sich erheben will, drückt ihn Peytel nieder. »Bitte, bleiben Sie. Was man tun konnte, hat man getan. Flucht wäre unmöglich. Als Sie zu mir kamen, mußten Sie drei Gittertore und drei bis an die Zähne bewaffnete Posten passieren. Man muß mit allem rechnen, und gerade die auffällige Milde macht mir den morgigen Tag verdächtig.« »Sie widersprechen sich!« »Ich überlege. Daß man Sie zu mir gelassen hat, daß man mir die Uhr bis jetzt nicht abgenommen hat, daß man mich allein läßt, sogar ohne den Judas an der Öffnung in der Zellentür, scheint mir ein Beweis, daß alle Vorbereitungen getroffen sind, daß man an alles gedacht hat. Der Weg der Justiz ist unverrückbar festgesetzt. Man hat das Gerüst im Hofe aufgerichtet und des harten Bodens wegen Schwierigkeiten mit den Holzpfeilern gehabt. Man will also der beleidigten Sittlichkeit Genüge tun. Man will es aber in der mildesten Form. Denn mein Geständnis fehlt ihnen. Deshalb fühlen sie sich bei ihrem Todesurteil nicht wohl. Ich weiß es. Das ist der Grund auch, weshalb man meinem Freund statt des Abbés Zutritt gestattet, es ist freilich auch meine Herzensbitte gewesen, und ich habe keine andere geäußert seit dem Tage meiner Verhaftung. Nun müssen Sie trinken, man hat den Wein aus meinem Hause geholt und zu diesem Zweck die Siegel an der Kellertür lösen und wieder befestigen müssen. Nun bitte ich Sie, zu trinken. Wir haben Gäste stets gern gesehen, Felice und ich. Nun bewirte ich Sie als letzten Gast und ärmlich genug. Der Wein wäre gut. Er stammt aus meinem Weingut bei Macon, es ist Südseite, eine sehr edle Rebe und Beerenauslese. Man muß dieses ...« Er vollendet den Satz nicht, sondern erhebt sich und reicht dem Dichter den Krug, der etwa vier Liter fassen mag. Offenbar hat der Krug früher dazu gedient, das Waschwasser für die Zellengefangenen zu enthalten. Der Dichter kostet den Wein, und während er die ersten Tropfen des unvergleichlichen Getränkes mit seiner dicken Zunge gegen den Gaumen preßt, nähert sich ihm Peytel; Peytel schlingt seinen linken Arm, der in den flauschigen, aber doch strengen Stoff der Gefängniskleidung gehüllt ist, um Balzacs schwellenden, wie eine Marmorsäule weißen, festen Hals; seine seidenweiche, sehr fein gekörnte, sehr kühle Wange legt er an Balzacs feistes, aufgeschwollenes Gesicht, seine Lippen bringt er, wobei sich die Lippenwinkel zum erstenmal ausweiten und das dunkelrote, korallenfarbige, obstduftende Zahnfleisch sichtbar werden lassen, ganz in die Nähe von Balzacs Lippen, die schlürfend auf dem Rande des Kruges ruhen. Beide Männer trinken zu gleicher Zeit. Ihre Blicke begegnen einander nicht. Ihr Atem hebt sich in gleicher Schnelligkeit, der des Dichters schwerer unter der fein gefältelten, wenn auch zerknitterten Hemdbrust, der des Gefangenen leichter unter dem knisternden, rauhen, grobhaarigen Gefängniskittel. Der Wein hat einen unbeschreiblichen Blumengeschmack, dem doch eine, wenn auch kaum zu ahnende Spur von dem eigenartigen Duft der gärenden Erde, besonders wie sie im Herbst auf Waldwegen nach einem Regen in der Sonne trocknet, beigemischt ist. Man trinkt den Wein, aber er löscht den Durst so wenig, daß man nie absetzen möchte. Balzac tut es dennoch. Kaum hat er's getan, als auch Peytel seinen Mund entfernt. Er nimmt den Krug in beide Hände, wobei Daumen und Zeigefinger einen Ring um das hellgrau blinkende Gefäß bilden. Dann stellt er ihn in eine Ecke, vorsichtig legt er die flache goldene Uhr darunter, denn der Boden der Zelle ist abschüssig, und das schwere Gefäß steht nicht sehr sicher. Es fällt kein Wort. Die Männer sehen schweigend einander an ... Das Gefängnishaus, obwohl in ihm so viele Männer in dieser Nacht wachen, ist totenstill. Es ist noch vor Mitternacht. III »Sie können nicht schweigen, ich weiß es«, beginnt der Notar, »Sie sprechen alles aus, denn in Ihnen ist kein Arg, bitte, lassen Sie mich reden, morgen kann ich es vielleicht nicht mehr, unterbrechen Sie mich nicht!« Dabei legt er seinen trockenen, nach Wein duftenden, wie ein Kressenblatt weich anzufühlenden Handrücken flüchtig an Balzacs Mund. »Ihre Pläne tragen Sie auf den Lippen, schweigen können nur wir Notare, wohl auch die Geistlichen, die man ihres Schweigens wegen bezahlt. Dennoch habe ich den Geistlichen abgelehnt und Sie gebeten ...« Zerstreut langt er durch den offenen Hemdschlitz des Dichters vorn an dessen Brust, wo sich eine silberne, geschwärzte kleine Denkmünze vorgedrängt hat, die das Bild der heiligen Jungfrau von Czenstochau trägt. »Wäre es Ihnen möglich, lieber Freund, mir bei diesem Bild, an das Sie zu glauben scheinen, zu schwören, daß Sie niemals und niemandem gegenüber etwas davon verraten werden, was Sie in dieser Nacht erfahren? Gut, es bedarf keines Schwures, ich sehe es an Ihren Augen, die ich seit zwanzig Jahren kenne und die mir immer schöner erschienen sind als die Augen aller andern Menschen. Deshalb habe ich mich an Sie gewandt, als man mich verhaftet hat – und Sie sind gekommen, als man mich verurteilt hat. Liebster, hören Sie und glauben Sie mir, Reue empfinde ich nicht! Nur Scham, wie sie Männer vor Männern empfinden. Menschlich ist nur das Männliche in uns, und deshalb will ich Ihnen sagen, was ich dem Gericht verschwiegen habe. Dusmenil, der Untersuchungsrichter, hätte sich für den Triumph, mir das Geständnis herausgelockt zu haben, dankbar erwiesen, man hätte mich gnadenweise nach den Kolonien geschickt, glaube ich. Dabei liebe ich das Leben. Als ich vorhin die Lippen an den Krug setzte, hätte ich ewig so trinken mögen! Ich habe gerne gelebt. Ich möchte noch lange leben. Besonders grauenvoll ist mir der Gedanke, wie ich sterben soll. Ich möchte tausendmal lieber gehängt werden, werden Sie das für möglich halten?« Er lachte bei diesen Worten ein leichtes, halb gurrendes, halb heiseres Lachen und wühlte mit seinen weißen, weichen Fingern in dem hell kastanienfarbenen, reich gekräuselten Barte. »Es ist ein furchtbarer Gedanke, besonders für einen Notar, daß man zerstückelt und zerteilt werden soll. Das ist grauenhaft, davor fürchte ich mich, ich leugne es nicht.« Hierbei öffnete er gierig seinen Mund, zog die wie bei einem Pferde etwas vorstehenden, mattweißen, hohen Zähne des Oberkiefers über die Unterlippe bis an den Bart, den er nun mit seinen Zähnen emporkämmte. Man hörte deutlich im totenstillen Raum das zischende Knistern des Bartes. Die Augen des Notars schlossen und öffneten sich taktmäßig, seine weißen, samtartigen Wangen blähten sich auf und sanken zusammen. Er schwieg. Der unersättliche Hunger nach Leben war bei dem stummen Mann sehr ergreifend für den Dichter, dem die Tränen aufstiegen. »Keine Gefühle!« sagte Peytel, äußerlich sofort wieder völlig beruhigt. »Was sollen Gefühle? Was gibt es zu klagen, wenn alles entschieden ist! Ich lebe gern. Ich würde, hätte ich die Wahl, mein ganzes Leben in dieser Zelle, selbst von Menschen ganz abgeschlossen, verbringen. Keine andere Erde unter mir haben als diesen steinernen, abschüssigen Fußboden, keinen andern Himmel über mir als diese kahle, graue Decke, keinen andern Laut als das Schlagen der Turmuhr, kein anderes Ruhelager und Sterbebett als diese harte Pritsche, deren Eisenstäbe man bis Mittag im Rücken eingebohrt fühlt, wenn man die Nacht auf ihnen liegend verbracht hat. Das alles wäre mir recht, aber es kann nicht sein, das sehe ich selbst. Daher muß man alles in Ordnung bringen, wie es einem gebildeten Manne geziemt, und dem Rechte seinen Lauf lassen, denn dieses Recht war unser tägliches Brot bis heute, und wir haben es geehrt, solange es für andere gelten sollte. Nun darf man ihm nicht ins Gesicht schlagen, wenn es uns selbst nahekommt. Ich weiß selbst, Menschen wie ich dürfen nicht weiterleben. Bis jetzt habe ich kein Wort davon gesagt, was mich bewegt, ich möchte beginnen, ich wage es nicht, es hält mich fest. Ich trinke den ganzen Abend schon, und doch löst es meine harte Zunge nicht. Was kann das sein? Lassen Sie mir noch Zeit, wir wollen uns von etwas anderm unterhalten ... Erinnern Sie sich noch daran, wie ich Sie in der Rue Cassini aufsuchte? Als wir die massenhaften Rechnungen in Ordnung brachten? Sie hatten eine gute Dame immer zur Seite. Lebt sie noch? Wir wußten nie, wer sie war. Sie nannten sie Dilecta, aber es war keine Italienerin. Sie gaben sie als Ihre Geliebte aus, aber es muß Ihre Tante gewesen sein. Denn sie war doppelt so alt wie Sie, mager und grau, blaß im Gesicht, und lange Schmachtlocken liefen ihr an den eingefallenen Schläfen bis auf den runzeligen Hals hinab. Jedenfalls war es ein lustiger Streich. Sie war eine Erbtante, die Sie schon zu Lebzeiten beerbten, liebster Herr Balzac, denn sie ließ ein schönes Geld in Ihrem Unternehmen, das sie nie wiedergesehen hat. Aber auch das ist es nicht, was ich Ihnen sagen wollte. Wenn mir diese kleine schwarze Heilige einen Wunsch offen ließe, was würde Peytel verlangen? Perus Gold, Balzacs Ruhm, Napoleons Macht? Mein Wunsch wäre viel bescheidener. Ich möchte noch einmal ein achtjähriger Junge sein. In diesem Alter aß ich gelbe, kernige, frische Karotten so gern. Ich stahl sie aus den Feldern, nein, ich riß sie aus den Beeten der Gärten, denn es ist ein edles Gemüse, die Karotten sind die Artischocken der Provinz. Ich stopfte meine Taschen damit voll, man erwischte mich und nannte mich ›le voleur‹. So nannte ich dann meine Zeitschrift, an der in Paris mitzuarbeiten Sie mir einst die Ehre erwiesen ... was Ihnen unvergessen sei. Wir waren einmal jung, beide«, dabei hob er seine leichte Hand über Balzacs Scheitel, ohne ihn zu berühren, »wir konnten uns in früheren Tagen den Tod nicht vorstellen, erinnern Sie sich, Sie gehen mit mir aus Ihrer Wohnung, nicht Rue de Cassini, es war Rue de Roi Doré, den Seine-Quai entlang, wir hatten uns zu Tode gerechnet, tausend neue Pläne geschmiedet, wir wollten trinken, lachen, uns zerstreuen, da kommt Ihnen der Gedanke, oder hatte ich ihn? Wir beschließen, uns die Hände mit einem Taschentuch zusammenzubinden und uns über die Böschung in die Seine hinabrollen zu lassen, wir dachten nicht, wir konnten es uns nicht denken noch vorstellen mit aller unserer jungen Phantasie, daß man sterben, ertrinken könnte, wir lachten, daß die Häuserwände dröhnten, ich binde Ihnen die Hände zusammen, knüpfe meinen Knoten, Sie können mir dann dasselbe nicht tun, sondern ich verpflichte mich, mit meinen Zähnen den Knoten an meinen Händen festzuhalten, so wollten wir uns das Leben nehmen, konnten das Lachen aber nicht einen Augenblick unterdrücken, wir stoßen ab, es ist dunkel, das Wasser zieht, wir rollen wie Äpfel den Abhang hinunter, der Himmel rollt über uns, jetzt kommt die steinerne Böschung, man spürt das trotz des Rausches an den krachenden und schmerzenden Schultern, dauert es jetzt noch eine Sekunde, man könnte sich nicht mehr halten, selbst wenn man wollte, so rasend geht es, man ist drei Sekunden vor dem Tode oder ein halbes Jahr oder ein halbes Jahrhundert. Morgen wird es sein, gutes, klares Wetter, kalt, aber klar. So enden wir, weil wer es gewollt hat? Nicht in der Seine, sondern in einer häßlichen, aber warmen Kneipe in der Nähe der Hallen, wo Sie drei Dutzend englische Austern essen und ich sechs Koteletts, wir enden nicht, oder wir enden doch, wer weiß es? Sie werden es verstehen, daß einer, der morgen sterben muß, sich noch einmal an dem Klange seiner Stimme freut, und das bin ich! Ich ende so, Sie enden so. Mich tötet der Scharfrichter mit seinem Beil, und Sie tötet ein guter Arzt mit seiner Medizin und die Undankbarkeit der Welt.« »Nein, lieber Peytel«, sagt Balzac, der sich jetzt erst völlig gefaßt hat, »wir haben jetzt keine Zeit, an meinen Arzt zu denken. Kehren wir zur Wirklichkeit zurück. Ich will heute nacht noch mit der Eilpost nach Paris. Vorher muß ich den Präsidenten dazu bewegen, die Vollstreckung des Urteils aufzuschieben. Ich verbürge mich dafür. Ich kenne meine Wirkung auf Menschen. Wenn ich will, bin ich Napoleon. Was er zu tun auf Erden übriggelassen hat, will ich, in meiner Weise, vollenden. Sie sind mir lieb geworden, Peytel, ich könnte es nicht ertragen, Sie unschuldig dahingemordet zu wissen. Der König sehnt sich danach, uns, den Legitimisten und Katholiken, einen Dienst zu erweisen; ich baue darauf, daß er mich empfängt; und empfängt er mich, ist alles gewonnen!« »Was kann ich gewinnen?« fragt Peytel mit kalter Stimme. »Das Leben! Die Partie kann unmöglich höher gespielt werden.« »Ich bin verloren.« »Nein. Alles gegen alles. Wie Sie sieht einer nicht aus, der morgen sterben soll. Ich plane ein Drama, Mercadet, darin kommt eine Szene ähnlicher Art vor. Sie wissen, der große Finanzier, der Brigant der Börse. Sie kennen die Geschäftswelt, Sie können mir bei der Arbeit behilflich sein.« »Wie ich? Hier in der Zelle?« »Aber ich rechne doch sicher mit Ihrem Freispruch. Der Wille kann alles! In vierzehn Tagen sind Sie frei. Ich addiere meine Energie zu der Ihren, die Summe übersteigt alles menschliche Maß. Ich habe bis jetzt alles erreicht. Wir schreiben Mercadet in zehn Tagen. Sie übersiedeln zu mir nach Les Jardies. Es ist für alles gesorgt. Die Aufführungen sind auf drei Monate ausverkauft, wenn unsere beiden Namen auf den Affichen stehen.« »Aber ich bin doch hier!« »Nein, Sie sind dort. Jedes Haus trägt 5000 Franken. Meine Schulden sind gedeckt. Wir reisen. Ich habe Europa satt, ebenso wie Sie! Wir reisen! Vielleicht in einem eigenen Schiff, das ein Freund von mir in Amsterdam chartert. Ich habe Paris geschildert und damit Europa erledigt. Wir werden Asien, Afrika, China schildern. Vorher will ich nach Sankt Helena, denn ich will einen Roman Napoleons, etwa in acht Bänden, schreiben. Erst will ich die Weltgeschichte darin zusammenfassend erledigen, dann will ich der Kolumbus der tropischen Kontinente sein. Wir werden um die Welt fahren, werden schwarze Diener und Sklavinnen haben. Wir werden uns in Java niederlassen, in dem besten Klima der Welt, wo alles hundert Jahre alt wird.« »Liebster Balzac, wo sind Sie? Sehen Sie mich doch einen Augenblick an! Sind wir beide berauscht? Ich bin nüchtern, ich bin bei Verstand. Die Kassation ist verworfen. Mein Gnadengesuch ist zwar mit Unterstützung des Präsidenten auf dem Wege, durch eine eilige Stafette abgesandt. Aber kann ich noch auf einen Erfolg zählen? Rechnet sonst jemand damit? Die Guillotine ist aufgerichtet. Was sollen da Napoleon und alle Romane? Lablanche hat von mir Abschied genommen. Ich habe in seine Hände testiert. Der Geistliche wartet unten in der Kanzlei, auf seinem Feldbette ruhend, daß ich ihn rufen lasse. Alles ist bereit. Ich sollte es nicht sein? Sie sprechen von der Gnade des Königs. Sie ist wie die Gnade Gottes. Jeder kann darauf hoffen, aber keiner darauf bauen. Jeder andere Schuldige hat mehr Anspruch darauf, begnadigt zu werden, als ich, selbst ein Lacénaire. Denn mein Verbrechen fällt aus der Reihe. Ein Notar darf stehlen. Blut gehört nicht zu seinem Geschäft. Sie wollen Louis Philippe um Gnade anflehen. Es wird vergebens sein. Denn er war früher Lehrer, Sie wissen es, und die Lehrer lieben das Mittelmäßige zu sehr! Es ist nichts zu tun. Er wird mich nicht begnadigen. Er wird es wollen und es nicht wagen, denn Mut ist heute die Sache der Könige nicht mehr! Er hat noch Fieschis Höllenmaschine in den Gliedern. Es gibt nichts Grausameres als die Furchtsamen!« »Nichts kann ich tun?« ruft Balzac mit so schmerzlichem Ausdruck, daß Peytel sich nahe an ihn drängt und flüstert: »Leise! Leise, liebster Freund! Wir dürfen uns nicht vergessen! Sie fragen: Nichts kann ich tun? Doch! Doch! Sie sollen mir zuhören, wenn ich meine Seele befreien will, und in diesem Augenblick fühle ich, ich kann es. IV Sie müssen trinken, Sie müssen Ihrem Wein Ehre antun. Denn ich habe Ihnen eine kleine Überraschung zugedacht. Sie sollte erst nach meinem Tode Ihnen zu Ohren kommen, aber ich kann es mir nicht versagen, Ihnen heute schon zu geben, was Sie aus der Hand eines Lebenden leichter nehmen können als aus der eines Toten. Das Weingut, auf denn dieser Wein wächst, muß nach meinem Tode parzelliert werden. Das beste Stück Grund ist Ihnen zugedacht. Sie können den Wein hier keltern lassen, man sendet Ihnen dann ein Gebinde zu. Dies ist nur ein kleiner Dank für Ihre Rede. Carneton, mein Lehrer, hätte sie nicht schöner aufgebaut. Trinken Sie, es wird Ihnen wohltun. Ich bin nüchtern und berauscht zugleich. Das kann dieser Wein. Zur Sache nun. Man hat mich des Mordes an Felice Annunciata Alcazar, einundzwanzig Jahre alt, angeklagt, und ich habe vor den Assisen gesagt: Nein, ich bin nicht schuldig. Vor Ihnen, Honoré de Balzac, sage und erkläre ich: Ja, ich bin schuldig. Bitte, unterbrechen Sie mich mit keinem Wort, keiner Silbe, denn es muß sein. Ich bin bereit, Generalbeichte abzulegen. Als ich Ihnen schrieb, als ich Sie hierher zerrte, wollte ich, daß ein Mensch wenigstens an meine Unschuld glaube. Ich schrieb Ihnen: ›Würden Sie an mich glauben können, dann würden Sie mir, gleich, ob ich verurteilt werde oder nicht, nicht mehr wie ein Mensch erscheinen, wie zu einem Gott würde ich aufschauen zu Ihnen.‹ Nun ist es so gekommen, daß man mich verurteilt hat. Nun ist es gekommen, daß Sie bei mir in den letzten Tagen meines Lebens weilen. Vor der Welt kann es nichts mehr ändern, ob ich gestehe oder nicht. Aber in Ihnen kann es noch etwas ändern, in dem einzigen Menschen, den ich mit meinem ganzen Herzen und meiner ganzen Seele herbeigewünscht habe. Sie sollen mich nicht fragen noch auch mich trösten. Denn ich will sprechen und muß es, wenn ich auch nicht wollte. Ich habe vor dieser Frau Felice Alcazar keine andere Frau besessen. Ich bin bis zu meinem vierunddreißigsten Lebensjahr keusch geblieben. Das ist möglicherweise nur Zufall, denn es erklärt nichts, entschuldigt nichts. Diese Frau hat sich vor mir aufgetan wie ein Abgrund unter einer Gletscherspalte. Ich setzte meinen Fuß darauf und dachte, es trägt. Da war ich im Sinken, und nichts mehr hielt auf Erden mich auf. Es geht um mein Leben, das weiß der fallende Mensch, aber das rettet ihn nicht. Daraus entnehmen Sie, lieber Freund, daß es keine ganz glückliche Ehe war. Die Alcazar war schön. Schwarzblau das Haar wie angelaufener Stahl, aber weich wie gesponnene Faser, unbeschreiblich die Augen, schräg geschnitten, amarantbraun mit goldenen Punkten, fast wie die Ihren. Man sagt, die Luchse hätten ähnliche. Rings um die Augensterne war viel Weißes, Bläuliches, das sollen alle haben, die aus den Tropen stammen. Diese Frau heiratete ich aus Liebe. Ihr Vermögen war nicht übel, ich konnte es brauchen, aber es gibt in der Provinz viel reichere Erbinnen, es lebt noch manche Eugenie Grandet, wenn auch nicht mit dreiundzwanzig Millionen wie die Ihre. Ich kannte sie von einem Ball ihres Schwagers, des Herrn Montrichard, Sie erinnern sich seiner aus der Verhandlung; ein großer, spazierstockdünner, brauner Mann, mit einem Gesicht, wie aus altem Zeitungspapier gemacht. – Ich hatte bei dem Balle meinen Platz rechts neben Felice; die Musik begann, ihr Kavalier hatte sich entfernt, um ein wenig Eis am Büfett zu besorgen, sie sah sich um, ihr Blick fiel auf mich, er fiel, im wahrsten Sinn des Wortes, wie ein scharfer Metallsplitter sich von einer Drehbank löst und auf einen Menschen fällt, der zu seinem Unglück zufällig in der Nähe ist; kein Mensch freut sich solch einer Wunde. Was soll das sein? fragte ich mich, stand aber doch auf und wandte mich zu ihr. Dieses braune Geschöpf mit den wulstigen, fast weißen Lippen, dieses Mädchen mit den rot funkelnden, großen Negeraugen, sie schielt ja, sie schielt – so schön die Augen an sich sein mögen, das Schielen entscheidet. Denn nichts habe ich mehr gehaßt als schielende Frauen, und eine schielende Frau heiratete ich. Sie wich aus, als ich aufstand und mich vor ihr verbeugte, sie hob die Schultern, schöne, runde, makellose Schultern, perlmutterfarben glänzend – manche Frauen haben einen geradezu farbigen, regenbogenschimmernden Glanz in ihrer Haut, aber vielleicht nicht immer, nur an so verfluchten, fürchterlichen Tagen, wo das kommen muß, was nie kommen soll, denn sie hebt die Schultern, hilflos und abwehrend zugleich, so daß die Achseln aus den Trägern des Kleides (es war silberne Spitze) hervorsteigen und sie jetzt mit beiden Händen das Kleid zurechtrückt, dabei den Kopf zurücklegt, die Schultern wie frierend einander nähert und die Brüste zwischen ihren Armen derart zusammenpreßt, daß sie in furchtbar lockender und abstoßender Weise zugleich hervortreten und dadurch die weiße Seide knisternd fast bis zum Reißen anspannen. Sie spricht kein Wort, kräuselt nur die unter dem dunklen Haar blasse, niedrige Stirn, zieht die Lippen zwischen ihre schönen, kleinen Zähne, als schäme sie sich dessen, daß die Lippen so breit und wulstig sind. Oder scheinen sie nur so auf den ersten Blick? Sie sieht sich nach ihrem Kavalier und Tischherrn um, einem reichen und ihr sehr ergebenen Gutsbesitzer aus der Umgegend hier, mit dem sie so gut wie verlobt war; er kann aber nicht kommen. Wir stehen stumm und ohne Regung einander gegenüber. Schon will ich gehen, da reicht sie mir aus eigenem Willen den Arm, sie geht neben mir, eine ebenmäßige, schlanke Gestalt, nicht viel kleiner als ich. Als sie nun schlangenhaft weich und schwer sich an meinen Arm hängt, atme ich den Geruch nach heißem Harze, wie es im Sommer schwitzend aus den strotzenden Nadelhölzern bricht, und plötzlich greift mir eine grauenvolle und mit Worten in ihrer Wollust nicht zu schildernde Empfindung an das Innerste, nämlich in dem Augenblick, da ich ihre linke Brust meine rechte Achsel streifen fühle. Sie drängt sich heraus, nun durch den stolzen Gang nach vorwärts gehoben, ganz wie die mit schweren, prallen, schütteren Beeren behangenen Weinreben, wenn sie, unter dem dünnen, heißen, knisternden Laube noch verborgen, aber nur um so heißer von der Mittagssonne erhitzt und in ihrer Schwere fast metallisch, einem Mann beim Durchwandern seines Weinberges die Knöchel streifen. Noch jetzt werde ich, so gering der Anlaß scheint, dieses Gefühl von äußerstem Entsetzen und furchtbarster (furchtbar muß es heißen, und furchtbar wurde es), furchtbarer Wollust nicht los; ich ahne es, so ferne und so bestimmt, als ich damals an diesem Abend alles Kommende vorher wußte, daß mich jetzt, daß mich morgen, wenn die weiche, schwere Hand des Henkers meine Achseln faßt, um sie nach rückwärts zu wenden, damit er freies Spiel habe, daß sie mich nicht anders streifen wird, als damals Felice mich streifte. Auch sie scheint es getroffen zu haben, wenn auch nicht so stark. Sie findet Kraft zu einem Gespräch, das sie mit unsicherer Stimme zwar, aber sonst wie üblich beginnt. Denn es bringt das hervor, was alle Mädchen der Provinz sagen, wenn sie sich zum Sprechen verpflichtet fühlen. Warum dann nicht lieber schweigen! Meine Freude sind sanfte, tiefe, holde Stimmen. Ihnen, liebster Balzac, könnte ich stundenlang zuhören. Ich tat es schon vor Jahren, ohne zu erfassen, was Sie erzählten, und Sie erzählten so gut! So tief war ich bezaubert vom bloßen Klang Ihrer Stimme. In meinem Zimmer versuchte ich Ihre Stimme nachzuahmen, aber mir fehlten Ihre Gedanken, ich ahnte sie mit dem Gefühl, aber ich traf sie nie. Wie könnte es denn auch sein? Der Mann, der eine ganze Gesellschaft in seinem Kopfe geschaffen hat, wie sollte man als ein gewöhnlicher Sterblicher seine Stimme nachahmen können? Die Götter wohnen nicht unter den Menschen. Oder doch! Sie wohnen da, sind aber hier nicht zu Hause. Es ist mir ein Trost, daß Sie in dieser Stunde bei mir sind. Vielleicht wird mir in dieser Nacht alles klar, ich kann beichten und frei sein. Das ist schön. Ich erzähle, wie Felice spricht. Aber wie das schildern? Wenn sie aus ihrer schmalen, lichten, hellbraunen, mit feinsten queren Fältchen gerunzelten Kehle rollend einen Papageienschrei nach dem andern hervorstößt, rauh, kreischend, sich überschlagend – wobei sich in den Tropen auf Guadeloupe auf Papageienkörpern grüne Federn starr erheben mögen ... hier in diesen Zügen regt sich nichts. Mich aber überläuft es kalt, es graut mir, und doch kann ich nicht genug davon bekommen, ja es zieht meine armselige Phantasie weiter, ich muß daran denken, mit dieser Frau mußt du leben, abends nach der Arbeit, morgens nach dem Erwachen wirst du diese Papageienschreie hören und darfst nicht einmal durch aufgerissene Augen, durch sich zusammenkrampfende Hände andeuten, wie verhaßt sie dir sind. Denn: Hast du nicht gewählt? Du hast also gewählt? An diesen wulstigen, ebenfalls quer gerunzelten Lippen, die trotz ihrer Jugend schon Falten tragen, mußt du hängen, zwischen diese kleinen, scharfen, meißelartigen, wie geschliffenen Zähne mußt du deine eigenen Lippen zwängen, die noch nie den Mund einer Frau berührt haben. Diese schweren und doch schlanken, an sich gehaltenen und sich bei jedem Schritte füllenden Hüften müssen sich dir nähern, näher, als du einen Körper, welches Menschen oder welchen Tieres immer, in deiner Nähe geduldet hast, man wird aneinandergepreßt heißen Atem in der kühlen Kirche aushauchen, auf weißem Teppich knien, und über dem Dufte des Weihrauchs wird lebhafter, lebendiger, glühender die Welle von glühendem Harz zu dir strömen, die von diesem Mädchen ausgeht und ausgehen wird, Nacht für Nacht und Jahr für Jahr – bis sie müde, vertrocknet, alt und grau geworden, neben dir, der du müde, vertrocknet, grau geworden bist, auf der Bank vor deinem Hause oder auf einer Terrasse deines Weinberges sitzt. Alle diese Gedanken nehmen nicht mehr als den Zeitraum von einer Minute ein, freilich einer entscheidenden. Sie entschied gegen mich. Schon kommt ihr Kavalier, der Gutsbesitzer, mit dem Glase voll Orangenwasser, ich verabschiede mich, sie schaut mich mit einem furchtsamen, aber zugleich verächtlichen Blick an, vor dem ich meine Augen senken muß. Als ich aufsehe und sie nicht mehr vor mir habe, fühle ich, daß etwas Bindendes zwischen uns bestehen muß. Ich verschwinde. Wäre ich verschwunden! Mein Herzblut gäbe ich darum, Gott weiß es, mein bestes Blut gäbe ich dafür, ihr das Leben zurückzugeben, an dem sie mit so großer Liebe hing. Man muß es gesehen haben, wie sie, wenn sie sich allein glaubte, mit der einen Hand die andere wie einen wundervollen Apfel betastete, nicht anders als es Kinder tun, sehr kleine, völlig unmündige Kinder, die mit einem Teil ihres winzigen Körpers spielen, als wäre es ein Spielzeug. Denn sie fühlte sich so gern leben. Wenn sie mit mir im Walde spazierenging, wenn sie über die knisternden Tannennadeln leise lief, wenn sie ein kleines, im Sommer halb versiegtes Bächlein überschritt, über dem, im grünen Waldesdunst unbeweglich stehend, die Mücken schwärmten, sie konnte es nicht lassen, ihr Köpfchen über das Wasser zu halten, die Gerüche in ihre feinen Nüstern einzusaugen, die über dem Waldwasser standen, die Mücken bissen sie nicht, ihr Gesicht war grünlich angehaucht, ihr Haar voll Tannennadeln, sie schließt die Augen; damit man ihr Schielen nicht sieht, tut sie, als blende sie die Sonne. Es knistert, saust im Walde, ihr Körper duftet nach Wald, nach frischem Harze, nach ihren einundzwanzig Jahren. Mit ihrer schönen schlanken Hand strich sie durch die klebrigen, mit üppigen Pollen reich besetzten Farne, sie wagte sich im Herbst in die Brombeerbüsche und kletterte zwischen die wilden Rosensträucher, die eine rote, kleine, harte Frucht tragen, die ich nie gekostet hatte, da ich sie für gefährlich hielt. Die Dornen faßten bei ihr nicht, die giftigen Rosenfrüchte aß sie ohne Schaden, man hätte ihr Gift reichen können, es hätte bei ihr nicht gewirkt. Sie konnte tun, was sie wollte, alles tat ihr gut, bis zu ihrem letzten Tag. Sie ist jung gestorben, vielleicht hat sie deshalb ihr Leben so rein genossen. Ich aber tue nicht, was ich muß. V Wußte je ein Mensch genau, was er tun sollte, war ich es. Es war richtig, den Salon zu verlassen, sich heimzubegeben. Für ein großes Glück mußte es gelten, als Notar in der kleinen, aber reichen Stadt angenommen zu sein. Damit hätte ich mich zufriedengeben können. Statt dessen bleibe ich. Erkundige mich, wenn auch unauffällig, nach dem Namen des Mädchens, ihrer Familie, ihrem Vermögen, denn dieses gehört mit zur Personenbeschreibung. Ich hätte ruhig arbeiten, meine Notariatsakte sauber formulieren, die Parteien, die bestellt waren, zu einer wichtigen Verhandlung in mein Arbeitszimmer bitten sollen. Statt dessen gehe ich am nächsten Tage zu dem Schwager, kaum daß es Mittag geworden ist. Statt dort ein paar Dankesworte für die Einladung auszusprechen, die mir ohnehin als Standesperson zukam, halte ich bei dem Schwager unvermittelt um Felices (schon nenne ich sie so), um der jungen Alcazar Hand an. Felice liebt mich nicht. Denn was sollte sie an mir lieben? Meine gesellschaftliche Stellung ist umstritten, da die Notariatskammer in Macon mich vor aller Welt abgewiesen hat und ich hier, in Belley, nur gnadenweise aufgenommen bin. Mein Vermögen kann man bei bestem Willen nur als mäßig bezeichnen, die Schulden, wenn auch nicht drückend, sind bedeutend genug, das Einkommen künftiger Zeiten noch unsicher wie alles. Schön bin ich nicht, mit Blattern gezeichnet, Frauen gegenüber außerdem sehr schüchtern. Und doch! Das Blut entscheidet. Nicht der Wille. Felice gibt nach wenigen Tagen ihr Jawort. Sie liebt mich nicht. Denn ihr Blick, halb verachtungsvoll, halb furchtsam, sagt alles. Sagt er nicht alles? Hat sie etwas zu verbergen, etwa eine unerwünschte Leibesfrucht, die mein trotz allem ehrlicher Name decken soll? Nichts, nichts von dieser Art. Keine Frau wurde in der Hochzeitsnacht reiner befunden als sie. Aber ist es noch Reinheit zu nennen, wenn eine Frau, nein, ein Mädchen sich an ihrem Hochzeitstage, völlig angekleidet, bräutlich geschmückt, vor allen Menschen, ja vor der eigenen Mutter verkriecht und jeden mit ihren kleinen Fäusten, mit ihren scharfen Nägeln zurückschreckt? Ich finde mich, pünktlich, wie es einem Notar geziemt, in meinem Bräutigamsfrack im Hochzeitshause ein. Der Schwager, Herr von Montrichard, empfängt mich, und sein birnenförmiges, aus altem Zeitungspapier fabriziertes Gesicht ist noch mehr in die Länge gezogen als sonst. Ich schweige. Er schweigt. So sitzen wir, beide in Frack, weißer Binde und weit ausgeschnittener weißer Weste einander gegenüber, ich mit meinen Blumen im Arm, die mir mit jedem Augenblick lästiger werden. Die Mutter stürzt herein. Sie schluchzt. Da sie sich gepudert und geschminkt hat, bestrebt sie sich, die Tränen noch innerhalb ihrer großen, goldbraunen, bläulich-weiß umspiegelten Augen aufzufangen, aber es ist vergeblich, denn sie strömen so fessellos, daß sie den Weg über die vollen, bereits etwas hängenden, wachsfarbenen Wangen schnell gefunden haben und sich nun auf der Korsage des ausgeschnittenen zitronengelben Seidenkleides sammeln. Man erzählt mir alles. Niemand kennt den Grund. Die Braut hat freiwillig gewählt. Aber ich? Soll ich mich endlich zurückziehen? Man weiß es nicht. Soll ich es versuchen, meine Braut zu bewegen, vernünftig zu werden, soll ich mich bemühen, sie zur Realität zurückzuführen, wie Sie es nennen, der große Meister des Realen? Man wird mich nicht hindern! Ich bin frei, im engsten und weitesten Sinn des Wortes. Im Grunde aber so furchtbar unfrei, daß mir der jetzige Augenblick in dieser fensterlosen Gefängniszelle (die Luke oben kann als Fenster nicht gelten), auf dieser erbärmlichen Pritsche, in diesem fürchterlichen Raum, wo nichts Halt hat, denn auch der Boden ist abschüssig wie in der Hölle, daß mir selbst diese sicherlich strenge Haft als etwas Freies erscheint, gehalten gegen den Vormittag meines Hochzeitstages. Es ist nicht die erste Demütigung meines Lebens noch die letzte. Selbst Napoleon, unser allergrößter Meister und stärkster Lehrer, hat von Brienne bis Helena Demütigungen genug erduldet. Wem bleiben sie erspart? Ich kann also auch diese Demütigung, meine Braut an ihrem Hochzeitstage, an unserm Tage, in Tränen und versteckt und verkrochen zu wissen, auf mich nehmen und meines Weges gehen, noch als der, der ich kam. Ich überlege klug. Ich fresse meine Pein in mich, die entsetzliche, ich muß es gestehen, die bitterste, aber sie stört mein Gesicht nicht aus meines Herzens Sanftheit, dessen bin ich sicher, denn ich beherrsche mich. Es gilt zu rechnen, und so rechne ich denn. Ziehe ich mich jetzt endgültig zurück, so wird das schlechte Licht nicht auf mich, sondern auf die Braut fallen. Denn die Provinz denkt zwangsmäßig, und daß Sie das nicht in Ihrer Rede bedacht haben, hat uns sehr geschadet. Wäre ich an meinem Hochzeitstage zurückgetreten, meine Braut hätte unter einem Makel gestanden, ich wäre an Ansehen gestiegen. Denn man kennt mich. Ich bin eine öffentliche, eine Amtsperson. Man konnte meine erste Bewerbung zurückweisen, aber nicht mich an meinem Ehrentage zurückstoßen. So kann dieses unvorhergesehene Ereignis nur zum Schaden der Braut ausschlagen, wenn ich nun mit einer stummen Verbeugung gegen Schwager und Mutter der Braut das Zimmer verlasse und alles andere, die Absage an den Geistlichen, die amtlichen Zeremonien der Familie überlasse. Weshalb erzähle ich Ihnen, Liebster, diese Einzelheiten so sorgfältig? Weil es mir im Innersten graut vor dem Augenblick, da ich die Pistole heben werde, fester ihren vom Regen schlüpfrig gewordenen Griff fassend. Ich sage es noch einmal, es graut mir im fürchterlichsten Winkel meiner verlorenen Seele vor dem Augenblick, da ich den Hammer packe, wo ich meine Hände mit Blut beschmutze, denn Blut ist Schmutz, ich weiß es, mit Blut beschmutze, mit einem Saft, mit einer Farbe, die ich immer gehaßt habe. Denn mir graute vor dem Wein, den meine Eltern in ihrem Weingut kelterten, weil er Blut ähnlich sieht. Aber es muß sein. Ich tue nicht, was ich müßte, sondern was ich muß. Das Notwendige wird nicht erklärt. Nachdem ich den ersten Schritt schon richtig getan, mich von den Angehörigen mit einer korrekten Verbeugung verabschiedet habe, als wäre es für immer, gehe ich auf den kühlen, schön mit Fliesen und feinen Teppichen gedeckten Vorplatz hinaus, aber statt auf die Straße trete ich in Felices Zimmer. Habe ich nicht in meiner Brust gerade hier, gerade jetzt das unbeschreibliche Gefühl, endlich bin ich dort, wohin ich mich zeit meines Lebens immer gesehnt habe? Felice muß in dem Zimmer weilen, denn es ist der Raum von einem heute besonders starken Duft nach siedendem Harze erfüllt, er scheint leer, die Dienstboten sind abwesend, in der Küche, im Hofe, ich weiß es nicht, ich rufe, meine Stimme klingt freudig, hell, voll Humor, als müsse es so sein, daß der Bräutigam am Hochzeitstage ohne die Mutter das Zimmer seiner störrischen Angebeteten betritt, daß er mit seinen zitternden Notarshänden die Bettdecke berührt, auf der sein Brautgeschenk, ein kostbarer spanischer Schal, ausgebreitet ist und in allen Regenbogenfarben wie die Schultern der schönen Dame schimmernd daliegt, aber unter der Decke sind nur Kissen, Polster, noch warm von einer menschlichen Wärme, aber kein Leben, kein menschlicher Körper. Aber wo ist denn die Unselige, wenn nicht hier? Dringt nicht jetzt eben aus einem Winkel ein unterdrücktes Stöhnen? Ich kenne die Stimme, den grauenhaft widerwärtigen und grauenhaft bezaubernden Papageienschrei, und meiner bemächtigt sich im selben Augenblick ein so herzbeklemmendes Mitleid, daß ich, wie Sie einmal zu mir, zu dem unsichtbaren Wesen flüsternd sage: ›Weinen Sie nicht!‹ Die grünen Rolläden vor den Fenstern sind herabgelassen, im nahen Garten blühen die Mandelbäume, können aber mit ihrem durchdringenden, süßbitterlichen Geruch nicht den Duft nach Harz verdrängen, der im. Zimmer fast greifbar liegt. Das Auge gewöhnt sich an die Dunkelheit, das Ohr an das Schweigen. Denn meinen Worten ist keine Antwort zuteil geworden, es herrscht Totenstille. Ich knie nieder, ich sehe Felice. Sie hat sich unter das Bett an die nackte Erde hinabgezwängt, denn der Teppich reicht nicht unter das Bett, die Hände hat sie vors Gesicht geschlagen, regungslos, als lebte sie nicht mehr. Ich spreche nicht. Ich rufe nicht; ich bitte sie auch nicht mehr, nicht zu weinen. Denn sie weint nicht, sowenig Tote weinen. Ich bitte nicht. Denn es gibt nichts mehr auf der Welt, das die Bitterkeit auflösen könnte, die mir jetzt mein Herz zusammenpreßt und die alles erstickt. Sie, lieber, wirklich geliebter Freund, haben gewiß auch Bitternisse im Leben ausgekostet, ohne Bitterkeit wird man nicht so groß wie Sie. Aber ich bitte Gott, er möge Ihnen Augenblicke wie diesen ersparen. Sprechen Sie nicht! Was ich sagen muß, ist so schwer, daß ich, einmal unterbrochen, nicht weiter könnte, und weiter muß ich doch, und heute nacht ist der letzte Termin, denn an einen späteren glaube ich nicht mehr. Sehen Sie mich nun in meinem Feiertagskleide vor dem Bette knien, sehen Sie, was außer mir und Ihnen kein anderer Mensch gesehen und erlebt hat, wie das Mädchen mich mit ihren nackten, trotz der Dunkelheit perlmutterfarben schimmernden Armen noch näher an sich zieht, wie sie mir den nackten Mund mit den vollen, blassen, quer gerunzelten Lippen bietet, wie sie sich im Halbdunkel an meine Kehle drängt, wie sie sich mit ihren scharfen, meißelartigen, eng aneinandergereihten Zähnen an meinem Hals festsaugt und dabei die Stirne, die an der Haargrenze etwas lichter gefärbt ist, runzelt, als wolle sie weinen, und wirklich, ohne mich freizulassen, ohne sich aus ihrer fürchterlichen Lage fortzurühren, beginnt ein kreischendes Schluchzen, das mit einem girrenden Lachen abwechselt, aber nur um so bitterer klingt. Tränen füllen ihre schönen, großen Augen, sie sieht mich nicht deutlich, fühlt nur, daß ich wegstrebe, und will mich fester halten, enger noch an sich pressen, mich, der die allzu nahe Berührung mit Frauen zeit seines Lebens gescheut hat, so wie er seine Hände von Blut und seinen Kopf von Wein freihielt. Nichts von alledem ist mir gelungen. Ich, ein kluger, sanfter Provinznotar, bin auf die fürchterlichste Weise verloren, Sie sehen es selbst, und weiß den Grund nicht. Aber vielleicht wissen Sie ihn, denn vor Ihnen tun sich alle Herzen wie Bücher auf. Vor Ihnen sind wir wie vor Gott. Wir haben keine Geheimnisse, wir schütten unsern Abgrund (es ist nicht das rechte Wort, aber ich weiß kein besseres) in Gottes Abgrund, unsern Zwiespalt in seinen, und das tut uns wohl. Was war es: Liebe? Haß? Wahnsinn? Allzu klarer Blick? Völlige Verkennung der Wirklichkeit? Prophetisches Erschauen der Zukunft? Lüge? Mangelnde Erziehung? Schlechte Rasse? Negerblut? Komödie? Kehren wir zu den Tatsachen zurück: eine halbe Stunde später stehen wir vor dem Priester, ohne daß er sich über eine Verzögerung beklagen kann, eine Stunde später vor dem Standesamt. Man übergibt mir die Titel der Wertpapiere, dreiprozentige Staatspapiere, die man heute noch unangetastet in meinem Tische finden wird, abends vereinigt sich an unserer Hochzeitstafel die Blüte der Gesellschaft unserer Stadt, der Bischof, der Präsident der Ackerbaugesellschaft, die drei Seidenfabrikanten, die großen Kaufleute, der Seminardirektor und alle andern Größen. Denn von diesem Tage an bin ich einer von ihnen. Meine Frau blickt mich an. Ich sitze ihr gegenüber. Sie lächelt in einem, wie es scheint, reinen und ungetrübten Glück. Sie schielt nicht. Ja, selten hat mich ein Blick tiefer getroffen, selten strahlte er offener aus einer Seele in eine andere. Ich bin still, ich habe erreicht, was ich wollte. Ich wollte Bürger dieser Stadt sein und geachtet, ich bin es. Ich wollte dieses Mädchen, Felice Alcazar, besitzen und werde es. Mein Dasein ist gesichert, mein Haus gut gebaut, gut gegründet und gestützt. Ich bin Notar, habe Anspruch auf die hiesigen Testamente, Ehekontrakte, Kodifizierung von Verträgen, Erbschaftsklauseln aller Art. Alle Güterkäufe gehen durch meine Hand. Keine Hütte, kein Wiesengrund, keine Kuh oder Schafherde wechselt den Besitzer, ohne daß man sich in meiner Stube trifft. Ich kann mit einem gesicherten Wohlstand rechnen, mit einem arbeitsreichen, aber an Erfolg nicht armen Mannesalter, mit einem friedlichen, sorgenlosen Greisenalter. Nachts die Freuden, tagsüber die Arbeit und der Beruf. Das ist das Ideal des Bürgers. So bin ich. Nachts ist Felice still, zärtlich, schüchtern, mädchenhaft. Ich liebe sie mehr als je zuvor.« VI Die Gefängnisuhr schlägt. »Wir haben noch viel Zeit vor uns«, sagt Peytel, »denn gegen elf Uhr müssen Sie gekommen sein, nun ist es erst Mitternacht, es ist eine Stunde vergangen, wir haben noch viermal soviel Zeit vor uns. Oft dachte ich: Hättest du Paris nie verlassen! Ich bin Ihnen, das wissen Sie, sehr nahe gestanden. Vielleicht wissen Sie es nicht, denn wie viele Menschen mögen Sie bewundern! Ich kannte nie einen großen Menschen außer Ihnen. Hätte ich nur immer neben Ihnen leben dürfen! Geschäftliche Transaktionen sind Ihnen nichts Fremdes. Ich hätte Ihnen dienen können. Ich bin Notar, Sie sind Dichter. Ich bin Kaufmann, Sie sind Poet. Wir bleiben getrennt, aber eine tiefe Sympathie verbindet uns auf immer. Nun keine Gefühle mehr. Ich muß weiter, bis dorthin, wo es kein Weiter mehr gibt. Felice und ich sind ein Ehepaar. Hier bin ich, ein fünfunddreißigjähriger Mann, ernst, nicht ohne Ehrgeiz, nicht ohne Wünsche. Ich kann mich nicht ändern, ich gebe mich, wie ich bin, erfülle alles, wozu mich mein Beruf, meine Ehre, mein Gefühl verpflichten. Wir hatten kaum einige hundert Worte vor unserer Ehe miteinander gesprochen, das will die Sitte so in der Provinz, man lernt einander erst nach der Trauung kennen. Ich trete in die Ehe mit hohen Erwartungen reiner Freude ein, trotz allem. Es ist doch viel, ein lebendes Wesen neben sich zu wissen. Kehre ich von meiner Arbeit zurück, dann habe ich oft auf dem Heimweg das Gefühl beseligender Unruhe. Aber mich erwartet nicht das, was ich erwarte. Wie oft muß ich von den Dienstboten hören, meine Frau sei, statt auf mich zu warten, der ich zu regelmäßiger Stunde heimkehre, zu ihrer Mutter in das früher von ihr bewohnte Haus gegangen und erwarte mich dort. Weiß sie, die Alcazar, nicht, daß ich dieses Haus wie die Hölle hasse, daß ich nie die Demütigung vergessen kann, die sie mir dort bereitet hat? Ich gehe hin, es treibt mich zu ihr, ich steige sogar die Treppe hinauf, höre Felices Stimme, ihr Lachen, ihr Gurren – alles frei und losgelassen wie nie, wenn sie bei mir ist. Ich blicke auf die steinernen Fliesen, auf den türkischen Teppich, aber ich wage mich nicht in den Raum, der für mein Gefühl immer vergiftet bleibt, ich stehle mich wieder lautlos hinab, warte unten auf sie, die oben tanzt und tollt, und es ist schon lange nach Mitternacht, da erst tritt sie, in meinen schönen spanischen Schal gehüllt, schlank und flink, als käme sie von einem Geliebten, nur von meinem Diener Louis Rey begleitet, unter den Torweg. Ich gehe seitlich hinter ihnen her, sie sehen mich nicht, weil das Licht von Louis' Laterne mehr auf den Boden als nach oben fällt, aber ich sehe sie und höre ihr Geplauder, das sich auf die nichtigsten Dinge bezieht. Warum erzähle ich diese minimale häusliche Szene, die sich schon deshalb nicht mehr oft wiederholte, weil Felices Mutter, an eine zweite Ehe denkend, die allzu häufigen Besuche der Tochter in ihrem Hause nicht gern sah? Warum klammere ich mich immer an das Bild der jungen, blühenden Frau? Sie ist von dem Lichte des Dieners untenher sanft beleuchtet, so daß die bauschigen Rüschen und gekräuselten Besatzstücke ihres weiten seidenen Rockes, wie aus biegsamem Metall gemacht, in Schlangenwindungen und in Schlangenglanz aufleuchten, dabei sendet die alte, große, mit Messingfäden übersponnene Laterne auch einen sehr ruhigen, rötlichen Schimmer nach oben, auf das Gesicht meiner Frau, das nun, wie von einem Bühnenlicht getroffen, einen zauberhaften, frischen, ganz kindlichen Ausdruck erhält. Wenn man sterben muß, wie mir morgen bestimmt ist, dann will man lieber das Bild dieser jungen, lebenstrahlenden Frau vor Augen haben, aber nicht das zerbrochene, das in Fleisch und Gebein aufgerissene, das stumme, aus dem Blut fließt und immer fließen wird. Man klammert sich an die guten, an die besseren Tage, und doch reißt es einen vorwärts zu dem unseligsten Muß , das je einen mittelmäßigen (mittelmäßig sage ich, nicht unschuldig) Notar und Staatsbürger zu dem gemacht hat, was ich heute bin. Aber sehen Sie jetzt, wie ich an einem andern Tage mit Felice lebe. Wir sitzen abends nach dem Spaziergang im Walde, von dem ich Ihnen schon berichtet habe, daheim bei der Lampe. Ich fühle, während wir beide schweigen, mit der klarsten Deutlichkeit ihren schielenden Blick, mit Haß und mehr noch mit Furcht getränkt, auf mir haften, wie die Indianer ihre Pfeile mit Gift tränken, niemand sonst könnte es sehen, nur der, den es trifft. Entschuldigen Sie den romantischen Vergleich, es ist der Vergleich eines Provinznotars. Nun tritt der Diener ein, Louis Rey, den ich auf ihren Wunsch aufgenommen habe und der mit ihr zugrunde gegangen ist, Sie wissen es. Kaum ist er über die Schwelle, da hellt sich ihr Gesicht auf. ›Ziehe mir die Schuhe aus, Dummer! Knöpfe mir die Stiefelchen auf!‹ sagt sie und hält ihm ihre in diesen Schuhen besonders winzig wirkenden Füßchen hin, denn die Schuhe sind schmutzig geworden beim Gehen über die immer etwas feuchten Waldwege; bei uns hier in der bergigen, stark bewaldeten Gegend trocknen die Wälder nie aus, das macht sie so üppig, so prachtvoll, so strotzend an Duft und blühendem Gewächs. Ich blicke auf. ›Nein, warte doch‹, sagt sie und hebt den Diener am Kragen seines Kittels in die Höhe, denn er hat sich schon wortlos gebückt. ›Warte! Laß es sein!‹ In ihre Augen tritt ein Ausdruck von Frechheit und Angst zugleich: ›Unser Herr, unser Herr erlaubt es nicht. Er traut dir nicht!‹ Der Diener geht. Auf seinem undurchsichtigen Gesicht ist nichts zu lesen. Ich fasse den Klingelzug, und die Kammerfrau erscheint. Aber Felice blickt sie erstaunt an und fragt: ›Wozu?‹ Ich entlasse durch stummen Wink die Kammerfrau, denn man kann vor dem Dienstpersonal in der Provinz kein lautes Wort reden, ebensogut könnte man seine häuslichen Zerwürfnisse auf dem Marktplatz abmachen. Ich schweige, bis wir, spät, zu Bett gehen, und selbst dann schweige ich. Aber ich hasse sie von neuem. Ohne Eifersucht, glauben Sie mir. Eine Frau in Paris ist zu allem fähig, man sieht es an Ihrer Madame Marneffe, eine Frau in der Provinz nicht. Ich haßte sie und wußte doch, es erreicht sie nicht. Sowenig die Dornen bei ihr faßten, wenn sie sich mit ihren zarten Armen und ihrer feinen Haut in die Brombeerbüsche hineinwagte, sowenig scheint sie jetzt, als wir stumm nebeneinander in den hohen Kissen liegen und mit offenen Augen vor uns hinbrüten, von dem berührt, was zwischen uns vorgefallen ist. Aber das ist nur Schein. Ich will mich außerhalb des Hauses zerstreuen; als einziges Vergnügen bleibt uns die Jagd. Ich schaffe hierzu einen ausgezeichneten, langhaarigen Schäferhund an. Felice freut sich wie ein Kind, als sie das schlanke, hochgewachsene, gut dressierte Tier zu Gesicht bekommt. Es ist noch nicht viel über ein Jahr alt, und seiner Klugheit ungeachtet ist es jederzeit zum Spielen aufgelegt. Nun spielen wir zu dritt im Speisezimmer, und der Schwager, als Landjunker ebenfalls ein Hundefreund, sieht, als er uns besucht, in der Mitte des Zimmers unter umgeworfenen Stühlen und herabgezerrten Decken einen einzigen Knäuel, die Frau, den Notar und den Hund. Wir lachen, wir sind unbekümmert, und mein Herz geht wieder auf. Das ihre nicht. Nachts will ich mich ihr nähern. Sie wehrt mich ab, indem sie pfeift. Den Hund hört man in seinem Zwinger bellen. ›Felice, pfeife nicht!‹ sage ich. ›Du sollst es nicht!‹ ›Warum sollte ich nicht? Mein Pfeifen verstößt nicht gegen unsern Kontrakt.‹ ›Alle Welt hört es‹, sage ich flüsternd, meinen Mund an ihr kleines, im Lampenlichte rosenrot schimmerndes Ohr gepreßt. ›Sei stille, ich bitte dich darum sehr.‹ Sie pfeift weiter, wie ein auf der Landstraße angegriffener Mensch seinem vagierenden Hunde, so durchdringend, daß nun nicht nur der Hund in seiner Hütte tobt, sondern auch alle Leute in meinem Hause unruhig werden. In mir geht etwas über, ich fühle, in mir bricht etwas, es hat sich etwas gelöst, ich kann mich nicht halten, ich fasse ihre Hand, ich kann mich nicht beherrschen, ich beginne das Händchen wie unter einer Weinkelter zu pressen und warte, daß auch hier, wie unter einer Weinkelter, rote, trübe Tropfen zu fließen anfangen. Ihre langen Fingernägel schneiden mir ins Fleisch. Wenn einer blutet, bin ich es, aber es geht weiter, denn es muß sein; denn was aus mir kommt, kommt so, als hätte sie es mit Gewalt aus mir herausgesaugt. Nie habe ich bis dahin solche Dinge getan noch solche Worte gesagt: ›Ich will dich noch klein machen‹, flüstere ich, während ihr furchtsames Pfeifen in ein angstvolles Wimmern übergeht, ›so klein.‹ Nun verstummt sie. Draußen jagt der Wind, es gibt Regen und unruhige, stürmische Zeit. Ich kleide mich an, doch kann ich das Haus nicht verlassen, da mich dies in dem kleinen Orte unmöglich machen würde. Ich gehe in dem Schlafzimmer hin und her, und sie folgt mir mit ihrem rötlich funkelnden, schielenden Blick nach. In dieser Nacht beschloß ich, mich von ihr zu befreien. Am nächsten Tage kehre ich von meiner Arbeitsstube in mein Haus zurück. Hier sehe ich die Frau, spielend mit dem Hunde beschäftigt. Kaum bin ich eingetreten, als sie dem Tiere befiehlt, sich hinzulegen. Es tut, was ihm befohlen. ›Pfeife!‹ sagt sie zu dem Hunde. Das Tier ist still und blickt treu auf zu ihr, die mit ihrem hellbraun getönten Gesicht, mit den großen, amarantfarbenen, goldfunkelnden Augen, mit den weißen, wulstigen, quer gerunzelten Lippen über ihm steht und lächelt. Nun setzt sie ihren kleinen Fuß im silbergestickten Pantoffel dem liegenden Hunde auf den Kopf. ›Pfeife! Er ist da!‹ Das Tier vermag nichts anderes, als zu keuchen. Nun tritt sie fester auf. ›Ich will dich klein machen!‹ und steht nun mit ihrem ganzen Gewicht auf dem schmalen Kopfe des gequälten Hundes, aber ihr schielender, goldbrauner Blick gilt nicht ihm, sondern mir. ›So klein will ich dich machen.‹ Sie wiegt sich in den vollen, anschmiegenden Hüften und lacht. Ich reiße sie mit Gewalt herunter. Der Hund, der nur durch ein Wunder einer stärkeren Verletzung entgangen ist, schleicht, während er aus Angst Wasser verliert, zur Türe, die er erst durch Kratzen mit den Pfoten, dann mit dem aufgerissenen nassen Maul zu öffnen versucht. Ich lasse ihn denn auch sofort hinaus. Hier ist der Anfang. Verstehen Sie das, Liebster, verstehen Sie eine Frau, die so handelt?« Balzac steht von der Pritsche auf, wo sein schwerer Körper eine tiefe Delle hinterlassen hat. Wie er hin und her geht, erfüllt er mit seinem gewaltigen Körper fast die ganze Zelle. »Ich kann Ihnen nur mit Ihren eigenen Worten antworten«, sagt er. »Als der Untersuchungsrichter Sie bei dem ersten Verhör fragte, wie zwei Schüsse aus einer Ladung hervorgehen konnten, haben Sie ihm geantwortet: ›Es gibt seltsame Kombinationen in der Wirkung der Feuerwaffen.‹ Aber wie seltsam sind erst die Kombinationen in den Waffen der Seele! Wer weiß das besser als ich? Dürfte ich erzählen, wie Sie erzählen, Sie würden vieles in meinem beneideten Leben ähnlich finden mit dem Ihren. Sprechen Sie! Ich höre. Ich glaube Ihnen. Was Sie erzählen, erfindet man nicht.« Auch Peytel war aufgestanden. Die Männer, nebeneinander in dem engen Raum einhergehend, umkreisten einander in stetiger Bewegung. Der Krug wanderte aus einer Hand in die andere. »Die Alcazar hatte kleine Hände mit milchweißen, langen, ovalen, glänzenden Fingernägeln. Meine Eltern waren Bauern, sie hatten ihre Felder und Gärten unweit Lyon. Sie gruben ihren Weinberg, ihren Ackergrund um, fütterten das Vieh, und meine Mutter wusch im Flusse wie alle andern Frauen des Ortes. Ihre Hände waren grob, gröber als ihr Brot. Meine Schwester hatte Fingernägel, wie aus Baumrinde geschnitzt. Die meinen, obgleich gepflegt (das habe ich in Paris zuerst gelernt), waren verdorben durch die Schreiberarbeit, denn man wühlt nicht ohne üble Wirkung zehn Stunden des Tages in staubigen Aktenfaszikeln. Aber mein Mädchen hatte Nägel, geschliffenes Perlmutter, rosenfarbig oder milchweiß durchschimmernd, je nachdem sie die Hände hob oder senkte. Nun hören Sie! An dem Abend, welcher der erzählten Szene folgt, komme ich heim. Die Arme sitzt weinend über ihrem Nähtischchen aus Rosenholz, ihre Hände bluten, besonders die linke. Sie hat die Nägel mit der Stickereischere so tief abgeschnitten, daß das arme Fleisch darunter blutet. ›Hier‹, sagt sie und hält mir das Pfötchen halb lachend, halb weinend vor die Augen, ›bist du zufrieden?‹ Ich verstehe. Es ist geschehen, weil ihre Nägel gestern, als ich sie strafte, mir ins Fleisch gegangen sind, ich habe Mitleid mit der Unseligen. ›Hier‹, sagt sie noch einmal und hält mir die Fingerspitzen an die Lippen, ›weil du Blut so sehr liebst.‹ Das Mitleid mit der Frau ist verschwunden. Ich sehe bloß von ihren weit auseinander schielenden Augen Tränen rinnen. Ich streite aber nicht, und die Versöhnung kommt auf die übliche Weise zustande. Aus dieser Zeit stammt das schriftliche Bekenntnis, das auch dem Untersuchungsrichter aufgefallen ist. Es ist um so merkwürdiger, als es ganz ohne Zwang abgegeben worden ist. Es vergehen einige Wochen, die Ernte ist gut, wir kommen in den Herbst. Jetzt schließen die Bauern ihre Verträge ab. Mein Notariat hat Arbeit in Fülle. Ich dachte in dieser Zeit oft an Sie. Von der Alcazar halte ich mich fern. Ich liebe Blut? Nie habe ich zusehen können, wie man einer Ente den Hals durchschneidet, es schaudert mich, sehe ich ein Kalb abgestochen werden. Auf der Jagd schieße ich wohl, aber aus der Ferne. Blut bekommt man wenig zu sehen, Klagen nicht zu hören. Jetzt soll es heißen: ›Weil du Blut so sehr liebst.‹ Manchmal, es ist wahr, atme ich tief in dem Gedanken, daß Felice nicht mehr sei. Es ist wahr, ich habe den Gedanken an ihr Wegscheiden keinen Augenblick völlig vergessen. Was mich anfangs entzückt hat, der Geruch nach Wald, nach siedendem Harze, bezaubert mich lange nicht mehr. Aber von da bis zu einem Pistolenschuß, bis zu dieser ›seltsamen Kombination in der Wirkung der Feuerwaffen‹ ist es noch weit, sonst wären alle Männer Mörder und die Frauen nicht minder. Aber sie, Felice, ist aufgeblüht. Ihre Formen sind voller geworden, ihre blauschwarzen, früher etwas dürftigen Haare üppiger. Schwebend in ihrer aufgehenden Fülle kommt sie leise hinter meinen Lehnsessel, wenn ich abends nach der stummen Mahlzeit über meinen Akten sitze, und versucht mich zu küssen. Aber dieses Wort, ich liebe Blut , hat uns geschieden, so gut, wie die königliche Kammer in Bourg unsere Ehe hätte scheiden können. Aber sie wird nicht müde. Wohl entfernt sie sich mit ihrem eigenartigen, schwebenden, sich hebenden Gange; lange verschwendet sie ihre zärtlichsten Liebkosungen an den Jagdhund, der ihr treuester Freund geworden ist und den sie zu ihren Füßen auf ihrer Bettdecke schlafen läßt. Ich aber hindere sie an keiner noch so tollen Laune mehr. Dann schleicht sie zu mir, läßt sich zu meinen Füßen, in ihrem leichten Seidenkleide zusammenrauschend, nieder, und während sie den Mund zu einem unbeschreiblich wollüstigen Lächeln verzerrt oder auflöst, rafft sie mit plötzlichem, flammendem Griff ihre Kleider am Halse zusammen, am gedämpft elfenbeinfarbenen, quer gerunzelten, bebenden Halse, als fürchte sie, jemand risse ihr die Kleider vom Leibe oder fahre nach ihrer bloßen Kehle. Dazu flüstert sie mit ihrer heiseren Papageienstimme, wobei ihre Augen im hellen Lampenlicht wie Speere zu leuchten und ganz geradeaus, tief und brennend zu schauen vermögen, das kurze Wort: ›Das läßt Sie kalt?‹ Man hat für solch eine Äußerung nur ein Achselzucken. Aber am nächsten Abend, in großer Gesellschaft (ich zähle die Namen nicht auf, es war ganz Belley), zeigte sie ihre vollen Schultern. Es sind schöne, makellose Schultern, wer weiß es, wenn nicht ich? Manche Frauen haben einen farbigen, regenbogenartigen Glanz in ihrer Haut, vielleicht nicht immer, nur an so verfluchten Tagen, wo das kommen muß, was nie kommen sollte. Denn sie hebt die Schultern, hilflos und abwehrend zugleich, so daß die nackten Achseln aus den Trägern des Kleides hervorsteigen und sie jetzt das Kleid mit beiden Händen zurechtrücken muß. Die weiße Seide spannt sich knisternd bis zum Reißen an, und knisternd kommen auch die Worte aus ihrem blassen, weißen Negerinnenmunde, auf den aller Anwesenden Augen gerichtet scheinen: ›Das läßt Sie kalt?‹ Man lacht, sie kräuselt nur ihre niedrige Stirne, zieht die Lippen ein, als schäme sie sich dessen, daß sie so dick und wulstig sind. Da war ihr Kassationsgesuch abgewiesen. Vielleicht können nur Männer neben Männern in Frieden leben. Ich sehe, Sie sind müde, Balzac. Aber welches Lager kann ich Ihnen anbieten? Auf der Pritsche hält es niemand lange aus, die Stäbe schneiden ins Fleisch, ich weiß es. Ich fahre fort. Das Verfahren muß seinen Fortgang nehmen, da, wie ich sagte, das Kassationsgesuch verworfen ist.« »Ihres?« »Meines nicht minder als das meiner Frau. Wir machen die späte Hochzeitsreise. Wir lassen unsern schönen Wagen mit den zwar alten, aber kräftigen Gäulen bespannen und gehen auf ein paar Tage aus Belley fort. Zuerst nach Macon. Ich hatte Geld mit, ich konnte darüber verfügen, es entweder als Bürgschaft bei der Präfektur in Macon hinterlegen oder damit flüchten. Es reichte für lange. Das Wetter war. schön. Wie sonderbar ist der klare Herbst, der warme Himmel, der wolkenlose – die Berge in gesättigtem Grün, in feuchter, unverwelkter Frische – die Weinberge in Stufen und Terrassen auf den Hängen, bunt gesprenkelt, kupferrot, honiggelb und braun – die düsterroten Trauben dazwischen und die blauschwarzen, die, mit zartestem Reif bedeckt, unter dem vielfach vertrockneten, raschelnden Laube sich vordrängen und matt wie Perlen in der Abendsonne glitzern. Wie sonderbar, die Menschen zwischen den Weinbergmauern zur Arbeit gehen zu sehen am Morgen, wie sie zurückkehren am Abend. Sie grüßen mich, weil sie mich kennen. Weil sie mich nicht kennen? Einerlei. Ich sitze im Wagen, der nach altem Leder, nach den Messingbeschlägen riecht, nach den mitgenommenen Speisen, nach einigen Tropfen vergossenen Weines, denn beim Rütteln des Wagens fällt wohl ein Tropfen daneben. Ich kenne den Geruch gut, da ich das Fuhrwerk schon seit Jahren benutze. Zu zweit sitzen wir in den glänzenden, schon etwas zerschlissenen, aber bequemen Kissen. Zu zweit gehen wir fort, einer kehrt zurück. Wir sind heiter, scheint es. Wir streiten nicht, scheint es. Ich knacke Nüsse und schäle sie, denn man will die junge Frau verwöhnen, es scheint so. Ich hebe die Frau an der gefährlichsten Stelle aus dem Wagen, und sie lacht wie ein Kind, es scheint so. Die Frau schmiegt sich an mich und vertraut mir, es scheint so. Hier ist die Situation vor der Tat. Man ist Notar, Standesperson. Wenn man Pläne hat, wie Peytel sie hat, bringt man sie draußen zu Ende, nicht daheim. Das weiß ich.« VII Draußen ist noch tiefe Nacht. Man kann, da das Zellenfenster unerreichbar hoch ist, bloß vom Boden her einen kleinen Streifen des schwarzen Nachthimmels sehen, wenn man sich auf den Rücken legt. Man hört Schritte auf dem Hofe, die ersten an diesem Tage. »Der Boden ist hart. Es friert. Es wird ein schöner Tag. Wir müssen ruhen. Beide. Ich brauche meine Kräfte für morgen.« Peytel zieht seinen warmen, gelblichbraunen Gefängniskittel ab, verschränkt die Ärmel des Kleidungsstückes, als wäre dies ein lebendes Wesen, auf dem Rückenteil und breitet das Ganze sachte auf dem abschüssigen, kalten Boden der Zelle aus. Hier ist das Lager, auf dem man den Rest der Nacht verbringen kann. Balzac hat seine geschlossene Weste am Leibe geöffnet, denn er braucht viel Luft zum Atmen. Nun streckt er sich hin, unter das herabgelassene Gefängnisbett, unter die grüne, dünne Matratze, die seinen Kopf vor dem Lichte der Laterne bewahrt. Er hat seinen Schädel auf die machtvoll geäderten, kreuzweise hinter dem Haupte verschränkten Arme gebettet. Neben ihm Peytel, der Fensterwand zugekehrt, dort, wo früher der Weinkrug seinen Platz gefunden hat. Dieser wird nun zwischen den ruhenden Männern geschützt untergebracht. Beide trinken abwechselnd, in langen Zügen, an der gleichen Stelle des scharfen Randes, die aber nun durch die Lippen der Männer erwärmt und ihrer Schärfe beraubt wird. Die goldene Uhr schimmert am steinernen Fußboden und tickt laut. Nach kurzem Schweigen beginnt Peytel, ohne seinen Freund anzusehen: »Ich dachte vorige Nacht daran. Selbst die schlimmen Tage in Paris waren besser als die guten hier. Ich war im Jahre 1830 krank, Sie pflegten mich. Ich hatte die schwarzen Pocken, Sie waren nicht abzuschrecken. Sie waren in Geldnöten – wann waren Sie dies nicht? –, brachten mir doch eine frische Ananas an mein Bett. Es war dunkel im Zimmer, meiner entzündeten Augen wegen. Sie blieben eine Stunde bei mir. Als ich, mit Gottes und Ihrer Hilfe genesen, Ihnen nach ein paar Wochen danken wollte, traf ich Sie nicht an, Sie bezahlten drei Wohnungen und nächtigten in einer vierten. Endlich sagt man mir: ›Sie dürfen nie nach Balzac fragen, sondern nur nach Doktor Mège, nach Madame Durand oder Vicomte Allonzé, denn Balzac soll die Wache als Bürgergardist beziehen, das tut er nicht, und wenn sie ihn in vier Teile teilen; nun jagen sie ihm nach, Polizei und Platzmajor hetzen hinter ihm her, er soll acht Tage Arrest absitzen.« Gut, ich folge diesem Rat, aber vergebens. Ich muß eine Entscheidung treffen, eine wichtige, eine tödliche, ich begegne allen Menschen, nur Ihnen nicht, endlich sehe ich Sie plötzlich an der Ecke des Boulevard des Italiens vor mir. Mein bekümmertes Aussehen fällt Ihnen auf. ›Was haben Sie, Peytel? Wie geht unsere Zeitschrift, der Voleur?‹ ›Oh, warum soll sie nicht gehen? Es hält sie doch niemand. Mit einem Wort, sie ist gewesen. Und wie eine treue Ehefrau hat sie nichts hinterlassen als Schulden.‹ ›Schulden‹, sagen Sie, ›ich bin an sie so gewöhnt, daß ich ohne Schulden mir das Leben gar nicht mehr vorstellen kann. Aber, wollen Sie wetten, daß es mir diesmal gelingt, innerhalb dreier Wochen alle Schulden loszuwerden und noch so viel übrigzubehalten, daß ich Papiere kaufen kann, die mir der Baron Rothschild unter dem Siegel des strengsten Geheimnisses namhaft gemacht hat (Nordbahn! Kohlen!) und die auf das Dreifache steigen müssen?‹ ›Ich wünsche es Ihnen‹, sage ich. ›Wieviel ist es eigentlich?‹ fragen Sie, als ich mich bereits verabschieden will. ›Eintausendfünfhundert, lieber Balzac.‹ ›Ist das alles?‹ ›Alles.‹ ›Nun, lieber Notar‹, sagen Sie, denn damals war ich wieder Notar und bewarb mich um die Stelle in Macon, und Sie wußten das, ich hatte meine Entscheidung getroffen, aber es war nicht die rechte, ›lieber Notar‹, sagen Sie, ›haben Sie die Rechnungen zufällig hier?‹ ›Ich trenne mich auch im Schlafe nicht von ihnen.‹ ›Nun, dann geben Sie her. Das ist für mich eine Kleinigkeit. Meine Schulden belaufen sich heute auf gut 180 000 Franken. Ich stehe im Augenblick vor dem Abschluß eines fabelhaften Generalvertrages mit meinem Verleger. Ich nehme Ihre Rechnungen zu den meinen. Gott wird für alles sorgen und in seiner Stellvertretung auf Erden Werdet, mein großer Verleger, den ich mit meinen neuen vierzehn Romanen zum Millionär machen will!‹« »Das ist mir leider nicht ganz gelungen«, antwortet plötzlich Balzac unter seinem grünen Matratzendach hervor. »Werdet, der nie einen Kreuzer besaß, mußte Bankrott machen. Er hätte mich beinahe in den Abgrund mitgerissen, denn ich hatte die Schwachheit, ihm Wechsel zu unterschreiben, für die ich nie Gegenwert bekam. Ich mußte die Wohnung Rue Cassini auf immer verlassen. Mit großer Mühe sicherte ich mir mein Mobiliar vor jeglicher Verfolgung. Das Jahr 1830 war ein wahres Beresina für mich. Sie dürfen sich nicht wundern, wenn ich Sie etwas aus den Augen verloren habe.« Peytel, auf seinem Kittel neben Balzac ausgestreckt, liegt Balzac gegenüber, denn der Raum der Zelle ist klein. Doch berühren sich weder die Hände noch Knie, noch die Füße. Auf Peytels schöner, breiter, glatter Brust, die von obenher der hell kastanienfarbene, stark gelockte Bart beschattet und mit seinem Zittern die feine Haut zu streicheln scheint, leuchtet das geschwärzte silberne, in der düsteren Zelle funkelnde Muttergottesbild, das er sich umgehangen hat, weil sonst in dem Raum keine Möglichkeit besteht, es vor dem Zertretenwerden zu schützen. Die goldene Uhr hat Balzac zu sich genommen. Die Hände des Notars sind vor seinem nun doch sehr blassen, samtartig angerauhten Gesichte gekreuzt, und seine Stimme klingt durch diese Hände stark gedämpft. Sie hat jetzt in so hohem Maße die Klangfarbe von Balzacs Stimme angenommen, daß Balzac das Echo seiner eigenen Rede zu vernehmen glaubt. Das wirkt um so geheimnisvoller, als Peytel jetzt einen Satz wiederholt, den Balzac in seiner Napoleonerzählung ausgesprochen hat, der freilich noch aus einem früheren Gespräch mit dem Notar stammen kann, denn es ist in der Pariser Zeit oft vorgekommen, daß die beiden Freunde einander bis nach Hause begleitet haben, und zwar hat erst Peytel den Dichter zu seiner Wohnung geleitet, dann gingen beide zurück nach Peytels Wohnung, dann wieder zurück nach Balzacs Wohnung, in immerwährendem Gespräch über Geld, Ruhm, Verleger und Napoleon, bis die Sonne aufging und beide etwas beschämt sich in der Mitte des Weges trennten. »Es gibt Begegnungen zwischen Menschen«, sagt Peytel, »auch wenn sie einander nie begegnen. Wir blieben einander nahe. Wenn ich einen Menschen bewundert habe, waren Sie es. Sie waren für mich der Gott. Man muß etwas anbeten können. Es gibt Menschen, die Sie einen Halb-Gascogner, einen herkulischen Silen, ein spätreifes Wasserkopfkind, einen dicken Königsprinzen nannten; einen lauten Schreier, einen gewaltigen Arbeiter, einen von sich selbst betrogenen Betrüger, ein von Gehirn und Geist betrunkenes Genie, das nicht einmal die ewige Misere nüchtern machen kann. Ich aber begriff das nicht. Sie sind nicht aus unserm Stoff gemacht. Ich denke an meine Frau. Das soll ebenso leben und sterben können wie Sie? Ich habe nie etwas Schöneres gesehen, als wenn sich Ihr Gesicht im Sprechen belebte, es war ein Neues, die Geburt Balzacs aus Balzac. Einst besuchte ich Sie, zitternd vor Erwartung, man kann es nicht anders nennen, man läßt mich nur ungern vor, man sagt, er arbeite. Ich stehe vor Ihrem Kabinett. ›Er ist nicht allein‹, denke ich, denn ich höre ein Stöhnen, ein Wolluststöhnen, verzeihen Sie mir das widerliche Wort. Aber es kann doch nicht sein, denn es gibt kein Kleiderrascheln, bloß Ihr schweres Atmen, das Kritzeln Ihres Kieles, das leichte Aufstoßen der Feder auf dem Grunde des Tintenfasses, dann kracht Ihr Fauteuil, eine Weile herrscht Ruhe, Sie seufzen herzzerbrechend, Sie gehen mit schnellen, federnden Schritten, wie ein gefangener Bär in seinem Zwinger hin und her, Sie blasen die Luft von sich, Sie stampfen auf den Boden, Sie sprechen zu sich, aber ich will nicht hören, was es ist, denn ich schäme mich vor Ihnen. Zart schleiche ich mich von der Tür fort, trete sacht auf den weißen, herrlichen Teppich, der Ihren Salon bedeckt. Damals war ich zum letztenmal bei Ihnen. Es war im Sommer 33, ein herrlicher Abend, denn ich vergesse ihn nie.« »Ja, lieber Peytel, 1833, das war ein prachtvolles Jahr für mich!« sagt Balzac, der lebhaft geworden ist und der immer lebhafter wird. »Das Jahr 1833 war ein herrliches Jahr für mich. Ich hatte Unglück, aber ich war größer als mein Unglück. In der Zeit von vierzehn Tagen verkaufte ich fünfzig Spalten an die ›Chronique de Paris‹, und zwar für 1000 Franken, hundertundzwanzig Spalten an die ›Presse‹ für 8000 Franken, einen Artikel für den ›Dictionnaire‹ für 1000 Franken, das macht 10 000 Franken, hören Sie, liebster Freund, damit waren Ihre Schulden leicht gezahlt. Ich habe, wie Sie mich da sehen, dreißig Nächte durchgearbeitet, ohne zu Bett zu gehen. Ich habe geschrieben: ›Die zerbrochene Perle‹, ›Eine alte Jungfer‹, ein Werk, das Sie sicher gelesen haben, es ist eine wichtige Studie aus der Provinz, besonders für einen Notar. Ferner habe ich damals ›Das Geheimnis der Ruggieri‹ für Werdet beendet, den eben erwähnten Pseudomillionär, ich ließ die letzten zwei Bände der ›Sittenstudien‹ erscheinen, die Verbesserungen haben mich blutigen Schweiß gekostet, wahrscheinlich haben Sie mich bei dieser Beschäftigung überrascht, ferner ›Die Torpille‹ und, sehr wichtig, ›Die Leiden des Erfinders‹, das Werk heißt natürlich jetzt ›Die Suche nach dem Urstoff‹. Diese verkaufte ich zusammen mit der ›Ausgezeichneten Frau‹ um 12 800 Franken, die Rechnung ist ganz einfach, denn ›Ein großer Mann aus der Provinz in Paris‹ und die ›Heritiers Boisrouge‹ mußten mir 31 000 Franken tragen. Ich brauchte mich nicht mehr auf die morsche Planke Werdet zu stützen, ich konnte mit einem reichen und soliden Haus für die letzten Bände, vierzehn sind es, der ›Sittenstudien‹ abschließen, die Autorentantieme dafür betrug 50 000 Franken, wovon ich 30 000 abhob. Ich hatte Pflichten. Ich mußte mir meine Unabhängigkeit schaffen. Die unbarmherzige Logik des Geldschrankes diktiert alles. Dies ist eine meiner Entdeckungen. So einfach sie klingt, bis zu meiner Zeit erkannte sie niemand in ihrer ganzen Bedeutung. Ich wiederhole: Auch der unbarmherzige Geldschrank hat seine Logik. Man muß sein, wie man ist. Jeder steht allein und ist identisch mit einem Saldo bei der Bank und bei Gott. Und doch kann ich schwacher Mensch der Versuchung nicht widerstehen, mich für Unglückliche zu interessieren. Bei mir ist der Unglückliche immer im Recht. Es ist meine innerste Natur, diesen Unglücklichen zu mir auf mein Pferd oder in meine Barke zu nehmen.« »Wer weiß das besser als ich? Höre, Honoré, ich mag morgen mein Leben enden oder noch Jahre vor mir haben, ich werde es nie vergessen, wie du dich mir am ersten Tage der Verhandlung hier vor mir gezeigt hast. Einer beugt sich zu mir herab, einer ruft mich beim Namen... Ohne daß ich Ihnen antworten kann, nehmen Sie mich auf Ihre kraftvollen, warmen Arme. Sie betten mich auf die Pritsche, die ich, wankend nach den furchtbarsten Erregungen, nicht mehr habe erreichen können, Sie rollen Ihren Überrock zusammen, ein kostbares, neues Kleidungsstück, das Sie vielleicht sich nicht ersetzen können, pressen es zusammen, um es mir unter den Nacken zu legen, Sie atmen mit mir die abscheuliche Luft, die mit ihrem Gestank nach faulendem Kohl und noch Üblerem mir den Atem verschlägt. Sie geben mir von Ihrem Brot, Sie stärken mein Herz, Sie setzen alles an meine Sache, an die ich nicht mehr glaube.« »Doch!« sagt Balzac. »Doch!« »Sie sind das einzige, was mir bleibt. Denn Ihnen beichte ich. Von Ihnen erwarte ich Absolution. Und jetzt zum Schluß. VIII Nun sehen Sie mich am 2. November vorigen Jahres im Gasthofe zu Macon, so fest entschlossen, ohne meine Frau heimzukehren, wie es nur je ein Mensch gewesen ist, einen andern ums Leben zu bringen. An Louis Rey dachte ich nicht. Er hat mir als Stallknecht und Kutscher redlicher gedient, als man es von seinesgleichen sonst zu erwarten hat. Was ich in dem Verhöre über ihn Nachteiliges ausgesagt, ist falsch. Ich hätte diese Angaben nicht gemacht, wenn der arme Teufel Angehörige hinterlassen hätte, denen die üble Nachrede hätte schaden können. Aber er stand allein in der Welt. Er war ein Findling, und wir haben seinen richtigen Namen nie gewußt. Setzen Sie den Entschluß: Felice muß fort! als unabänderliche Größe hin, und nehmen wir wie Napoleon das alles als ein analytisches Problem der Mathematik. Integrieren Sie meine Lage, meinen Charakter, den Charakter meiner Frau, die Möglichkeit, die Frau an einer gefährlichen Stelle des Weges, etwa bei Mount-Grigoux, in die tiefe Schlucht zu stürzen, die günstige Beschaffenheit der Witterung, Regen, Gewitter, völlige Dunkelheit. An jeder Stelle weiter im Gebirge blieb die Möglichkeit bestehen, das Vorhaben auszuführen, daher mußten wir unsern Weg tiefer ins Gebirge nehmen. Die Rechnung ist nun so aufgestellt. Der Plan richtig. Die Vorbereitungen angemessen. Vergessen Sie, liebster Balzac, nicht: der Mann, den Sie Ihres Vertrauens gewürdigt haben, ist ein Mörder. Er war es immer, ohne daß er selbst es bis zu seinem fünfunddreißigsten Jahre wußte. Dazu hat ihn die Natur geschaffen, dabei muß es bleiben. Meine Frau muß es geahnt haben. Trotzdem hat in ihrer Seele ein Gefühl bestanden, das der Liebe zu mir ähnlich war. Und damit löst sich vieles. Denn setzen Sie in der Rechnung: Peytel – Alcazar für Peytel Verbrecher, bis dahin ohne Tat; Unhold, bis dahin Notar; Säufer, fünfunddreißig Jahre ohne Wein; Blutmensch, bis zum entscheidenden Tage ohne Blut, so verstehen Sie alles, oder fast alles, was ich Ihnen über Felices Benehmen am Hochzeitstage, also über ihr Verbergen und dann doch Hervorkommen, Küssen, Sichwehren und Weinen, über die Szene mit dem Hunde und endlich mit den abgeschnittenen Nägeln gesagt habe. Sie, die Alcazar, wußte, wer ich war. Sie hat dementsprechend, wie ich heute sagen muß, für eine Frau außerordentlich folgerecht gehandelt. Für ihre Liebe verdient sie keinen Vorwurf. Es gibt Menschen, die Unrat lieben. Weshalb soll eine schöne, junge, wenn auch schielende Frau mit etwas unreinem Blut (warmes Negerinnenblut war dabei) nicht auch einen Peytel lieben? Sie hat es getan und bewies durch die Tatsache die Möglichkeit. Sie kann diesem Mann, Peytel, aus dem Grunde ihres Herzens zugetan sein und, heute begreife ich es, indem ich es Ihnen erzähle, und doch Angst vor ihm empfinden. Denn auch ich fühle Angst vor Ihnen und Liebe zugleich. Wohl läßt sie, Felice, daheim den Hund zu ihren Füßen schlafen, nachdem sie sich seines Gehorsams und seiner Hundeliebe versichert hat. Ist sie aber in Gefahr, ruht sie erst einmal tief auf den glänzenden, warmen, schwellenden Kissen des Wagens und hat bloß einen, den schlafenden Diener zum Schutz, ist sie mit mir in weiter Nacht allein – da vergißt sie ihre Angst, bald gibt sie sich innig ihrer Liebe hin, führt meine Hand, die schon den schweren Griff der Pistole erfaßt hat, an ihren Leib, und ihren Kopf mit den vielen, traubenartig herabhängenden Flechten schmiegt sie in den Kragen meines Mantels. Bis hierher ist alles geklärt. Aber was ich Ihnen jetzt zu sagen im Begriffe bin, bringt eine neue Tatsache, die seltsamerweise den Ärzten und auch Ihnen entgangen ist. Den Ärzten, die den toten Körper der unseligen Frau untersucht haben. Ihnen, der Sie die tote Seele des unseligen Mörders angesehen haben. Meine Gattin befand sich in guter Hoffnung. Darauf bezieht sich meine Briefstelle: das Gutachten der Ärzte sei günstig. Denn sie haben dies nicht gesehen. Mich aber bringt ebendieser Umstand ins Verderben. Nicht als ob er die Last meiner Sünde vergrößerte, sondern weil ich mit dieser Größe, ich, ein rechnender Mörder, nicht gerechnet habe. Und doch hätte es der Blinde mit dem Stock fühlen können. Schon weil die Frau in letzter Zeit so sanft, freundlich, gefällig sich gezeigt. Ich fühlte es und schrieb es auch ihrer Mutter. Der Brief liegt bei den Akten. Hier erst, in Macon, erfahre ich den Grund. Und zwar so: Sie kritzelt nach dem Souper etwas im Scheine der Tischkerzen auf einen Zettel, zerreißt dann hastig das Papier, eine bloß halbseitig beschriebene Wirtshausrechnung. Ihre kleinen, noch vom Scherenschnitt verunzierten und doch bezaubernd reizenden und aufreizenden Hände sind mit der violetten Tinte über und über beschmutzt. Ich will sie fragen, sie will nicht sagen, was es ist. Endlich höre ich es, undeutlich von ihren blassen, vollen, quergerunzelten Lippen geraunt, wobei sie einen möglichst deutlichen Ausdruck verwenden will, ohne daß dies ihre Schüchternheit und ihr Schamgefühl zuläßt. Gibt es etwas Natürlicheres in einer jungen Ehe? Mir ist es ein Schlag vor den Kopf. Ich bleibe betäubt, als hätte man in meinem Kopfe statt in der Kirchenglocke mit kupfernem Schlegel das kommende Fest eingeläutet. Ich weiß nicht mehr, was ich tue. Statt mein Vorhaben (es war ja ein Muß für mich) zu Ende zu führen, mich ihrer zu entledigen und sie aus ihrem nie zu lösenden Konflikte, der Liebe zu einem elenden Mörder, derart zu lösen, daß es wenigstens bei einem Opfer bleibt, ändere ich kopflos wie Napoleon bei Waterloo meine Taktik, oder besser gesagt, ich schlafe in meiner Betäubung ein und lasse mich, halb erwacht, von den Umständen treiben, statt sie zu kommandieren. So kehre ich denn am nächsten Morgen, aber nach was für einer unbeschreiblichen Nacht, zurück, obgleich ich Feiice kein Gran weniger hasse als zuvor. ›Zurück, Rey‹, sage ich dem Diener, ›es geht heim, wir müssen am Festtag zu Hause sein.‹ So geschieht es denn. Ich sage, ich hasse sie, aber es kann Ihnen nicht verständlich sein. Denn womit sollte ich beginnen, einem, der satt ist und satt immer gewesen ist, das Wesen des Hungers klarzumachen? Einen Menschen liebe ich, das sind Sie, Balzac. Einen Menschen hasse ich, das war sie, die Alcazar. Wie erklärt sich das? Mir erscheint das aber so logisch, daß ich nicht nur nichts bereue, sondern auch nicht verstehe, daß ein anderer Mörder je bereut hat. Aber beichten will ich, denn beichten muß jeder Mensch vor seinem Tode. Bitte, reden Sie jetzt nicht, ich lasse Ihnen nachher das Wort und werde Sie nicht unterbrechen. Sie, Felice, muß fort, das steht fest. Aber das Wie ist durch das bei Kerzenschein erfolgte Geständnis ihrer Mutterschaft völlig aus der Ordnung gebracht. Statt einen neuen Plan zu schmieden, und es hätten sich mit Leichtigkeit tausend andere Möglichkeiten gegeben, begehe ich eine infernalische Dummheit nach der andern. Nur meine Dummheit, nicht meine besondere Bosheit und Tücke erklärt Ihnen, was bis jetzt dem Gericht unerklärlich geblieben ist. Wir fahren heim. Sie hat den Kopf mit den schweren, traubenartig herabhängenden Flechten zwischen die Blätter meines Radmantels gebettet. Es kommt ein rauher Wind von den waldigen Bergen. Es wird schnell Nacht. In Roussillon könnte man übernachten. Rey schlägt dies vor, ich, ganz kopflos, sage nein und lade vor den Augen aller Wirtshausgäste, denen ich ohnedies auffällig bin, meine Pistolen. Wir fahren weiter. Sie wacht auf, blickt mich an. Sie schielt nicht, so wenig wie an dem Hochzeitsabend. Ich sitze an ihrer linken Seite. Sie muß etwas vorrücken, um mich von vorne ansehen zu können. Ihre veilchenblaue Seidenmantille, von der Wagenlaterne goldig angehaucht, knistert, und ein Duft von Iris mischt sich mit dem altbekannten Geruch des Wagens. Sie lächelt, wie es scheint, in einem reinen, ungetrübten Glück. Selten hat mich ein Blick tiefer getroffen, selten strahlte er offener aus einer Seele in die andere. Aber aus der andern nicht zurück. Sie muß in Gedanken bei dem erwarteten Kinde sein, jetzt. ›Fühle doch her‹, flüstert sie schüchtern und führt meine Hand mit dem Zynismus der unbefleckten Unschuld an ihren Leib, der sich unter der Seide rundet, ›fühle doch ...‹ Ich antworte nicht, das geht über meine Kraft. Jeder Mord ist Selbstmord. Es ist nur gerecht, daß ich so ende. Wenn Sie das Reue nennen wollen, gut, dann bereue ich. Ich bereue nicht wie ein Eremit im Roman, ich bereue wie der Notar aus Belley, denn ich sage Ihnen, es ist etwas Widernatürliches um das Blut. Blut paßt für einen Bürger nicht, es ist unanständig, sich mit Blut zu beflecken. Es krampft sich alles dagegen auf, man will es nicht tun und wird es nicht tun. Indessen ist es Mitternacht geworden, Belley kommt in die Nähe, wir sind auf dem Berge, unten sieht man schon die Lichter blinken, ich erkenne die Fenster der Fabriken, die Lampen in den Studierstuben des Priesterseminars, die Pferde wiehern, nasse, feuchte, waldesduftende Luft schlägt von den Bergbächen und dem gefallenen Laub zu mir herein, die Pferde gehen unruhig, sie wittern den Stall, Louis Rey, auf dem Kutschbock, hat seine schweren Glieder gegen den Regen in die schwere Decke gehüllt, er nickt oben, er muß tief schlafen, denn er hat das Wiehern der Pferde (das linke ist besonders laut und schlägt stark mit dem Schweif gegen die Laterne) nicht gehört. Nun sind wir zurück, die Lichter laufen immer näher, als stünden wir still im Sturme und die Stadt hübe sich uns entgegen. Sie fühlen, es ist das gleiche wie mit Ihnen damals an der Seine. Wir können nicht halten, in einer halben Stunde sind wir daheim, ich habe mir geschworen, ohne die Frau zurückzukehren, zu Ihnen zu flüchten, mit Ihnen in fremde Länder zu gehen, als Ihr Bruder, als Ihr dienender Freund, aber dieses Mädchen lehnt mir im Arm, unter meiner rechten Achsel schwillt und brütet ihre große Brust, sie haucht ihren Atem in die Blätter meines Mantels, und nichts kann mich retten vor ihrer allzu nahen Nähe, ich fürchte mich, ich zittere und schließe die Augen, aber sie drängt sich noch näher an mich. Gibt es etwas Grausameres als die Furchtsamen? Aber sehen Sie doch, daß Sie es mit einem Mörder zu tun haben, denn ich habe meinen Entschluß gefaßt, ich habe ihn geladen wie meine Pistolen. Aber bin ich mit Blindheit geschlagen? Muß ich die zweite infernalische Dummheit begehen? Statt den Diener zu wecken, ihn vom Bock herunterzujagen, damit er die Pferde am Zügel führe und mir Zeit lasse, die Frau aus dem Wagen zu heben – diese Stelle war ja dieselbe, die Probe der Tat war längst gelungen –, statt dessen ergreift mich ein Gefühl der Scham vor dem Manne. Ich schlage ihm mit dem Hammer leicht auf den Hinterkopf, mit der Absicht, ihn zu betäuben, und dies gelingt. Ich tat es nicht gern, ich brauchte Überwindung, ihn zu treffen. Er springt vom Wagen und schnauft, ohne eine Klage hören zu lassen. Hätte er's doch getan! Ich aber frage mich ebenso tonlos, mit kalten Lippen: ›Werde, ich schießen? Werde ich schießen?‹ Und schon tue ich es. Der Diener ist indessen etwas zu Bewußtsein gekommen, er stürzt, immer noch stumm, nach dem Wagenschlag, noch sehe ich seine aufgerissenen, maßlos erstaunten, gar nicht schmerzlichen Augen, ich werfe mich, denn jetzt kommt es darauf an, gegen ihn, mache ihm ein Ende. Die Frau lebt noch. Sprechen kann sie nicht mehr. Ich schleppe sie zum Wasser, stoße sie über die Steine, sie aber klammert sich an mich, und ich bestehe nicht darauf. Ich verlasse sie, ich wende den Wagen um, er steht nun in der Richtung Macon. Der Wind hat sich etwas gelegt. Der einzige Zeuge ist tot. Meine Frau wußte vielleicht nicht, daß ich den Schuß abgefeuert, und wußte sie es auch, sie hätte mich nicht verraten. Sie stöhnt. Ihre Schönheit, alles ist dahin. Ich habe nie echtes Mitleid mit ihr empfunden. Jetzt war es so. Aus reinem Mitleid, bedenken Sie, ich bin doch Mörder, bloß um dieser Regung von Menschlichkeit Gehör zu geben, Ihnen nachzueifern, der Sie sich über das Bett eines Blatternkranken beugen, helfe ich ihr hinüber. Dieser Akt von Menschlichkeit kostet mich morgen meinen Kopf. Wäre es nur gleich der nächste Tag! Aber davon sind wir noch weit, wir stehen allein auf der totenstillen Straße. Man muß etwas tun. Man weckt den Schmied, man nennt sich beim Namen, Sebastian Peytel, der Mann, der ich früher war, der neue Notar zu Belley. Man führt die zwei fremden Männer an das Ufer, man hebt den Körper auf, so leicht ist er jetzt geworden, selbst in den schweren, vom Wasser getränkten Seidenkleidern, man hebt ihn in den Wagen, und nun zur Stadt. Ein anderer ist es, nicht ich. Sehen Sie doch, Peytel, der nach Belley zurückkehrt nach seiner kurzen Hochzeitsreise! Wie er an alle Türen pocht, teils mit den eisernen Türklopfern, teils, indem er Steine, kühle, gute, schwere, nasse, glatte Steine von der Erde aufliest und, immer schneller durch andere krumme, enge Straßen laufend, unter unartikuliertem Geschrei die Steine gegen die verschlossenen Türen schleudert, an die hölzernen Fensterläden, an die nachtschwarzen Mauern, denn überall wohnen Menschen und glücklichere als er. Hier sehen Sie den jungen, blonden Lablanche, meinen Nachfolger im Amte, wie er mich in seinen dünnen Armen auffängt, er ist als der erste wach, und sein ist der Preis, der Lohn und das Erbe. Ich bin nichts mehr. Einer schreit: ›Alle Ärzte zu Hilfe! Alle zu Hilf'!‹ Wer will mir helfen? Einer kann es, der ist noch fern! Ja, ich weiß gut, wem zu Hilfe, aber ich sage es nicht. Ich weiß den Weg, den sie werden nehmen müssen, denn morgen wird man es ja sehen, hier über die Treppen durch drei Gittertüren zum Hofe, zwischen den Gendarmen, die Hände am Rücken gebunden, mein langes Haar am Nacken und den Bart an der Kehle verschnitten. Ich weiß wohl die Werkzeuge und Mittel, die sie brauchen, das Messer dreieckig geschliffen, den Strick gut angerauht und die Scharniere geölt. Aber sie wissen es nicht, der Anwalt, die herbeigeeilten Bürger von Belley, in Nachtmützen und gestrickte Kamisole eingepackt, sie zittern vor Kälte, sie schaudern, im Nebel vermummt. Man erkennt mich, wie ich sie erkenne, und man ruft mich: ›Herr Notar! Liebster, wertester Herr Peytel!‹ Ich möchte mich gerne verbergen, in den vielen warmen engen Blättern des Radmantels verstecken, aber für meine Größe gibt es kein Versteck, man wird mich aufspüren, und ich muß Ihnen noch den Weg weisen, als täte dies nicht schon die Blutspur von selbst. Nun seht doch meine Hände, ihr seht sie bloß blau von Kälte, aber Blut werdet ihr nicht sehen. Das riechen nur die Auserwählten, meine Frau, die gewesene, die einzige, die zählte zu den Auserwählten, sie roch das Blut, bevor es noch vergossen war, und doch konnte sie sich nicht davor schützen. Ja, ich weiß es, meine Augen sind weit aufgerissen, schmerzlicher, als es die Augen des armen Rey waren, und doch werdet ihr in ihnen nichts lesen, wenn selbst der treueste Diener mit der Todeswunde am Haupte nichts darin zu lesen vermocht hat! Meine Lippen haben ihr Blut nicht gelassen, ich weiß, sie zucken, wollen sich schließen und können es nicht – so brechen die Worte aus ihnen, die er, Peytel, rasch wieder auffangen möchte, vor denen es ihm graut, und auch den andern graut es, die um ihn herumstehen, denn sie weichen, nach und nach weichen sie alle aus seiner nächsten Nähe. Hat er sich doch vor der allzu nahen Nähe seiner geliebten Gattin gefürchtet, nun soll Raum um ihn sein, Leere, Stille, hohes Atmen und Schweigen. Aber schon drängen sich die Anwesenden, die Frauen wie immer zuerst, durch die schmale, einflügelige Tür des Amtslokals, um draußen laufend, an jeder Ecke um neue neugierige Weiber und Kinder vermehrt, die engen, krummen Straßen zu füllen. Allen voran ich, der ich wenigstens einmal im Leben an der Spitze der ganzen Stadt gehe, von der einen Seite stützt mich Lablanche, von der andern der Maire; stützen nennen sie es, fesseln nenne ich es; wollen sie denn auch nur auf einen Augenblick meine Hände freilassen, die sie durch die Falten des dicken Radmantels gepackt haben? So stürmt, in immer beschleunigtem Zuge, das Volk durch die Straßen. Der Morgenfrühschein erhellt die Häuser, es geht bergauf, die Menschen rennen und keuchen, jetzt hört man meine Pferde hungrig, die armen, wiehern. Hier halten sie ruhig, ich erkenne sie, sie erkennen mich nicht, und doch taten sie das oft, wenn ich sie früher im Stall besuchte. Das eine scheint zwar, den Kopf tief gesenkt, zu schlafen, aber das andere wacht, es reibt aus Hunger sein halbgeöffnetes, hellrotes Maul an dem Geschirr, daß sie alle, mit Freude, wie ich zitternd fühle, als mit rotem Blut beschmutzt erkennen. Der Gaul versucht, sich von Kinnkette und Nasenriemen freizumachen, er schlägt mit dem buschigen Schweif, er hebt die breite Brust, um zu wiehern wie vorhin, aber nun fehlt ihm der Mut wie mir. So zittert er bloß mit der feinen, feuchten Haut des Rückens wie ich. Und sollte ich es nicht? Sieht denn nicht jeder jetzt im silbern gesponnenen Frühschein die junge Frau, mein zwanzigjähriges, blühendes Herz auf ihrer veilchenfarbigen, feuchtigkeitsgetränkten Seidenmantille gebettet? Was mir morgen geschehen kann, ist nichts gegen diesen Augenblick. Ihr ganzer Körper trieft vor Nässe. Das furchtbarste ist ihr ganz zerbrochenes Gesicht. Napoleon hatte vier Millionen Menschen auf dem Gewissen, und dennoch starb er ruhig auf Sankt Helena und ist Frankreichs Stolz. Warum sollte ich morgen nicht ebenso ruhig sterben können? Es soll doch schneien, man soll nicht alles aus der Nähe sehen, auch nicht mich und meinen Tod. Mir ist es genug, wenn es der einzige Mensch meines Lebens, wenn mich Balzac gesehen hat. Es ist gut, daß es regnet. Regen reinigt sehr. Die schreckliche Wunde im Gesicht blutet leise. Dann beginnt milder Regen, in dem totenähnlichen Schweigen der ungeheuren Menschenmasse ringsum deutlich hörbar, vom grauen Himmel herabzutröpfeln – und mögen die Frauen im Anblick dieser toten Frau kreischend den Schauplatz verlassen, Frauen gibt es stets genug –, aber – –. Der Postwagen aus Lyon kommt rasselnd die Höhe herab, die Peitschen der zwei Kutscher knallen, die Bremsen kreischen, alles flieht, was Röcke anhat, bloß Felice kann nicht fort. Ich werde es nie vergessen, ich mag nicht mehr leben, denn keine Nacht ist sicher vor ihr. Ist das Reue, dann bereue ich millionenmal. Denn ist etwas grauenvoll, dann ist es, von Toten zu träumen. Bloß Männer umstehen jetzt den Wagen. Schon werde ich, ich fühle es, ruhiger. Peytel kehrt zu Peytel zurück. Den Maire habe ich zur Rechten, den Anwalt zur Linken, so kam ich hinauf auf den Berg aus der Stadt. Jetzt aber kommt vor uns drei, sehr groß, der Polizeikommissar zu stehen. Im Hintergrunde hält sich der andere, der Arzt, eine ebenso hohe Gestalt wie der Polizeikommissar. Ich will zu ihm hineilen, denn der Ärzte sind wir sehr bedürftig in diesem schweren Leben, alle. Aber kaum hat der Arzt seinen flüchtigen Blick auf die Frau geworfen, als er schon sagt: »Alle Hilfe kommt zu spät.« – Weiß er es, warum half er früher nicht? Was nützt es uns, daß er jetzt seine großen, weißen, gepflegten Hände aus der Tasche seines Mantels zieht, als wollte er sagen, wenn einer, er könne es, seine Hände seien Wunderhände, aber machtlos gegen den Tod? Auf dem Erdboden, unter seiner schweren, regengetränkten Decke, liegt noch ein Geschöpf, das glücklichste von uns allen, das ich im Tode geschlagen und im Leben gut behandelt habe, Louis Rey, der treue Diener, der Treue. Er rührt sich nicht, seine Finger weit ausgestreckt, scheinen nach der Peitsche zu langen, die unweit von ihm liegt. Ich aber, der Gatte, ich, Sebastian Peytel, aus Lyon gebürtig, Notar aus Belley, Balzacs Freund, Felice Alcazars Gatte – gewesen, er ist es gewesen und nie mehr, auch im Traum nicht, dessen freue ich mich heute. Heute freue ich mich, daß Sie bei mir sind, Balzac. Aber das macht mir das Sterben schwer. Heute freue ich mich, daß ich endlich die ungeliebte Frau auf ewig von mir lasse, durch meinen Tod, dies macht mir das Sterben leicht. Ich bereue nichts. Und doch, Liebster, Einziger, ich vergesse es nie, wie sich von meinen Lippen gegen meinen Willen ein langgezogenes Zischen loslöst, in der Morgenfrühe, mitten im Blut. Das Gericht zu meiner Seite, den toten Diener zu meinen Füßen, meine Pferde mit Blut befleckt, keine freundliche Seele rings um mich. Wie jetzt aus meinem Innern ein langgezogener Klagelaut losbricht, als wollte ich den Namen der oft und oft liebkosten Frau noch einmal formen, und ich kann es nicht.« IX Diesem langen Bekenntnis folgte während einer vollen Stunde Schweigen. Die Männer waren nebeneinander auf der Erde gelagert, kaum daß sie sich lautlos erhoben, um den Krug mit Wein an die Lippen zu führen. Als es vier Uhr schlug, begann Balzac, während er sich aus seiner liegenden Haltung auf die Ellbogen aufrichtete und mit seinen goldgesprenkelten, blauen Augen, mit seinem schrägen Löwenblick den Notar umfaßte: »Und Sie wollen wirklich, lieber Freund, daß ich Ihnen so Furchtbares glaube? Nein, Sie erfinden für einen Notar gut genug, aber doch nicht so, daß man glauben muß. Ich weiß, warum Sie das erzählen. Sie sind ein Märtyrer Ihrer Ehe. Sie sind ein echter Katholik. Den Mörder Rey machen Sie zum redlichen Diener, die ehebrecherische Kreolin zur liebenden Gattin. An Ihnen, hier im Kerker, bewährt sich die Nachfolge Christi. Es gibt eine Vornehmheit des Charakters – lassen Sie mich ausreden, Sie haben es mir zugesagt, mein liebster, armer Freund –, welche die Menschen nie verstehen werden. Aber ich verstehe Sie. Ein Mörder fühlt nicht wie Sie. Spricht nicht, schweigt nicht wie dieser Mann, der seinen letzten Kittel ausgezogen hat, um mich weicher zu betten. Klebt Blut an Ihren Händen, dann habe ich Menschen nie gekannt. Es ist im tiefsten Sinne christlich, was Sie tun. Sie nehmen die Sünde des Rey auf sich. Wenn einer ruhig sterben kann, sind Sie es. Ich habe Sie durch eine ungeschickte Verteidigungsrede ins Verderben gebracht. Ohne mich wären Sie vielleicht frei. Zum Lohne dafür wollen Sie mir einen Weinberg vererben. Sehen Sie mich an. Das Leben hat die Tränenorgane bei mir ausgedörrt wie bei dem alten Goriot, aber jetzt möchte ich weinen. Sie müssen sterben. Statt Verwünschungen auf Ihre Feinde zu häufen, wollen Sie sie segnen. Wenn Sie diese Nacht zu Gottes Füßen niederlegen, werden Ihnen viele Sünden vergeben sein.« Peytel sprang auf. Den hohen, geschmeidigen Körper preßte er an die Wand, sein weißes, leicht gekörntes Gesicht beugte er nach rückwärts, um den Freund aus besserer Entfernung sehen zu können. Er hob die grüne Matratze in die Höhe, damit mehr Licht auf die Züge Balzacs falle. Sein Mund war aufgerissen, so daß die wie bei einem Pferde etwas vorstehenden, elfenbeinfarbenen, starken Zähne, in dem dunklen Zahnfleisch eingepflanzt, in ihrer ganzen Länge sichtbar wurden, sein Bart begann zu zittern, und bald zitterte der ganze, hohe Mann, so daß der Weinkrug erklirrte. Er wollte sprechen und konnte es nicht. Endlich ballte er seine Hände, so daß die Nägel ihm nach innen schlugen, faßte sich durch den entstandenen Schmerz und sagte: »Sie mißverstehen mich, Herr von Balzac. Ich habe die Wahrheit gesagt, so wahr ich in wenigen Stunden vor Gott zu treten habe. Ich habe getan, was ich getan habe, und, wie Sie sehen, zweifelt auch niemand daran.« »Aber ich zweifle daran und werde zweifeln, solange ich lebe.« Balzacs Stimme hat lauten Metallklang, der sich in der engen Zelle dröhnend bricht. »Ich werde nicht ruhen, auch wenn Sie es nicht erleben, bevor Ihre Ehre, Ihr Andenken wiederhergestellt sind. Vor allem aber werde ich Ihr Leben retten. Ich lasse Sie nicht zugrunde gehen. Ich will es nicht. Ich falle dem Präsidenten zu Füßen. Mein Wille ist der Bruder des Willens Napoleons. Ein Mann wie Sie darf nicht unrühmlich untergehen. Und wenn es doch sein soll, dann werde ich Sie wiedererwecken. Mit zehn Flaschen Tinte und zehn Ries Papier, unterstützt von einem kräftigen Willen, hat Martin Luther ganz Europa umgekehrt. Ich werde das Meinige tun. Sie sind nicht einfach Sebastian Peytel, ein Notar wie tausend andere in Südfrankreich. Für mich sind Sie der wahre Heilige unserer Zeit.« »Aber wo sind Sie denn?« sagt Peytel. »Welches Motiv sollte ich jetzt, in articulo mortis , haben, zu lügen und mich fälschlich zu beschuldigen? Sagten Sie mir nicht selbst, solche Dinge erfindet man nicht?« »Was habe ich, Balzac, nicht schon alles erfunden!« »Aber warum? Warum sollte ich lügen?« »Ich weiß es, auch das weiß ich!« wiederholt Balzac, immer noch kräftig schreiend, wobei rostrote Flecken sein olivenfarbiges Gesicht bedecken. »Ich weiß es.« »Ich will noch mehr tun«, beginnt Peytel von neuem, indem er sich von Balzac wegwendet, den linken Arm gegen die an der Decke brennende Gefängnislampe ausstreckt und das Licht auf seiner Hand aufzufangen sucht, bis die Hand rot durchleuchtet wird, »ich muß noch mehr tun, da es Gottes Wille zu sein scheint, daß ich nichts zurückbehalten soll. Meine Beichte war nicht vollständig. Vielleicht wehren Sie sich deshalb dagegen. Ich habe immer noch nicht das Letzte gesagt. Vielleicht hat meine Beichte deshalb nicht überzeugt. Ich habe gemordet auch des Geldes wegen. Ich hatte Schulden. Die Rechnung, die Sie damals im Untersuchungsgefängnis aufgestellt haben, stimmte nicht. Mein Geschäft ging schlecht. Die dreiprozentigen Renten werden sich nie mehr in meinem Tische zusammenfinden. Ich habe alles verloren. Ich hatte sogar bei Rey Schulden, das sagt doch alles, besonders in der Provinz. Ich wollte zu Ihnen. Zurück nach Paris. Ich wollte nicht als Bettler bei Ihnen, Lieber, in Paris anklopfen. Verstehen Sie das nicht? Ferner, die Notariatskammer hatte mit ihrer Ablehnung nicht unrecht. Die Leute wußten Belastendes, sie haben es großmütigerweise nicht zu Protokoll gegeben. Der Appell in Ihrer Rede, worin Sie die Notare dort schmähten, war unrecht. Die waren großmütiger, als es zu erwarten war. Und noch etwas gibt es, was mich drückt. Ich hätte Felice nicht roh bei den Haaren packen sollen, als ich ihr hinüberhalf. Ich vergesse es nie. Ich hätte es nicht tun sollen.« »Was tun sollen? Nein, liebster Freund, nichts mehr von ›tun sollen‹. Lassen Sie mich vor Ihnen niederknien« (Balzac tut es), »lassen Sie mich in diesem feierlichen Augenblick die wundertätige Medaille an Ihrer Märtyrerbrust küssen!« (Balzac tut es.) »Sie opfern sich für mich, das ist zuviel. Sie haben meinetwillen diese kühne, kraftvolle Dichtung vom Mörder Peytel geschaffen. Sie sagten sich: Balzac hat viel für mich geopfert. Er läßt sein Haus im Stich, er hat die Arbeit an seinem Napoleon, vielleicht seinem besten Werk, mir zuliebe unterbrochen, denn hier läßt sie sich nicht fortsetzen, er wendet viel Geld an meine Sache, er, der im Augenblick so arm ist, daß er seine Wirtshausrechnung nicht bezahlen, einen Brief an seine Braut nicht frankieren kann, er hat seine unsterbliche Aufgabe im Stich gelassen, er weiß nur noch von einem Roman, der heißt Peytel. Er hat sich in die Bresche geworfen, er hat mich verteidigt, mit bestem Wissen und Gewissen, meisterhaft, viel zu meisterhaft. Es ist nicht gelungen. Balzac denkt bedrückt: Einen Unschuldigen verteidigen und ihm nicht zum Heil, sondern zum Untergang verholfen haben! Balzac muß unter Gewissensbissen leiden, schlaflose Nächte werden ihn quälen, jetzt und später noch viel mehr. Nun will Peytel, der edelste der Edlen, seine Dienste mit dem herrlichsten Gegendienst erwidern: Er nennt sich freiwillig Mörder. Denn nur dann ist Balzac unschuldig an Peytels furchtbarem Geschick! Besser, tausendmal besser ist es, so denkst du, Peytel, daß mich mein Balzac für einen Mörder hält, als daß er meinetwegen die Ruhe seines Herzens verliert! So erklärt sich alles, so wird alles gelöst.« Peytel antwortet lange nicht. Er ist erblaßt und zittert, doch vermag er sich zu beherrschen. Er schlägt die Matratze ganz in ihre Höhlung hinein, sie fällt mit einem Klappen, ähnlich wie ein Küchenmesser, in ihre Ruhelage zurück. Jetzt endlich hat sich Peytel gefaßt, und seine eben noch wie Mörtel brüchigen, kalkweißen Züge färben sich besser, sie sammeln sich zu einem festen, starren Ausdruck. Herrlich ernst ist sein Blick, dabei doch völlig fern, gerade jetzt, wenn er Balzac voll von vorne ins Gesicht blickt. »Wer sind Sie eigentlich? Ist das der Mann, den ich geliebt habe? Kann einer so von sich besessen sein, daß er mir um seinetwillen eine derartige Komödie zutraut? Wenn ich in drei Stunden sterben soll, dann soll ich an Balzacs schlaflose Nächte denken, an seine allzu meisterhafte Rede? Sind Sie wahnsinnig? Gegendienste!! Sind Sie Napoleon vor dem Brande von Moskau? Sind Sie Nero, der lebendig gewordene Gott des Größenwahns? Gibt es keinen Gott als Balzac, und Balzac ist sein eigener Prophet?« Als Balzac, sehr betroffen, schwieg, kam ihm Peytel nach, die Zelle war eng, das Bett zurückgeräumt, man konnte sich vor dem Notar nicht retten, und so spricht er Balzac leise ins Ohr: »Das Böse in uns, lieber Honore von Balzac, so quälend, so grauenhaft es ist, man kann es doch beherrschen, es wäre einem Untertan, wenn man unbedingt wollte. Aber das infernalisch Dumme nie. Mir waren Sie mehr als der größte Dichter Europas. An Sie, nicht an meine Rettung, habe ich geglaubt. An Sie habe ich geglaubt wie an einen Gott, dem jeder einmal begegnen will. Nun machen Sie mir das Sterben leicht. Ich lasse nichts Lebenswertes hinter mir. Gestern, liebster Herr, schämte ich mich vor Ihnen. Heute, mein großer, allzu großer Freund, schäme ich mich für Sie. Sie heißen Balzac, aber Sie sind es nicht. Gestern fragten Sie: ›Nichts kann ich für Sie tun?‹ Doch! sage ich heute, lassen Sie mich allein.« Als Balzac unbeweglich stehen bleibt, die großen Füße in die dicken Säume des auf der Erde verknäulten Gefängniskittels verstrickt, faßt ihn Peytel lächelnd an den Schultern und wiegt den massigen, gewaltigen Mann sachte hin und her: »Leben Sie wohl! Ihr Fanatismus wird mich leicht überleben. Sie sind der Stärkere. Ich füge mich. Es ist unbegreiflich, was mir eben begegnet ist, aber, und das tröstet mich, ebenso unbegreiflich wie alles andere...« Während sich Peytels Stimme ins Unverständliche verliert, drängen seine Hände sanft den Dichter zur Gefängnistür, als wäre sie ebenso leicht zu öffnen und zu schließen wie einst die Tür seiner Notariatsstube. Aber so groß die Stille während der ganzen Nacht war, es müssen Leute doch draußen gehorcht haben. Denn im gleichen Augenblick öffnet sich die Tür, es treten die Wächter mit Lichtern ein, denen in der nächsten Minute schon Lablanche und der Präsident auf den Fersen folgen. Balzac erbleicht, er denkt, Peytels letzte Stunde sei gekommen. Aber dies ist nicht der Fall. Der Erzbischof von Lyon ist bereit, ein neues Gnadengesuch zu unterstützen, man verspricht sich viel davon, denn er ist mit dem König eng befreundet. Die Vollstreckung des Urteils wird bis dahin trotz des Unwillens der Bevölkerung verschoben. Auch für Balzac bringt Lablanche eine Nachricht. Die greise Mutter Balzacs ist nachts aus Paris angekommen und erwartet Balzac im Gasthofe. Der Mörder bleibt immer noch mit starrem Blick an Balzac geheftet. Nun aber tritt er, ohne auf den Präsidenten noch auf Lablanche zu achten, zurück in den Winkel der Zelle, wo er neben Balzac gelegen, hebt vorsichtig das Bein über den verknäuelten Gefängniskittel, ergreift den blechernen Krug, aus dem die Freunde den letzten Wein getrunken hatten, wäscht sich mit dem roten, berauschend riechenden Wein die im Kerzenlicht funkelnden schönen Hände. Vierter Teil I Als Balzac gegen vier Uhr morgens in den Gasthof zurückkehrte, sagte man ihm, seine Mutter hätte sich vor wenigen Stunden, ohne eine Mahlzeit eingenommen zu haben, zur Ruhe begeben. Sie erwarte ihn morgen zu passender Zeit. Aber Balzac war nicht imstande, diesen Augenblick abzuwarten, er stieg die Treppe zu ihrem Zimmer empor, bekreuzigte sich auf dem Treppenabsatz vor dem Bilde der Jungfrau, faßte in den Schlitz seines Hemdes, an die kühle, schweißbedeckte Brust, wo er durch lange Jahre die wundertätige Medaille der schwarzen Jungfrau von Czenstochau getragen hatte, und breitete die Fläche seiner Hand über die leere Stelle aus. Dies tat ihm wohl. Er fand das Zimmer seiner Mutter und pochte leise an die Tür. »Wer da?« fragt ihre helle, klare, trotz des plötzlichen Erwachens ruhige Stimme. »Ich bin es, Ihr Sohn.« »Warum wecken Sie mich tief in der Nacht?« »Ich muß mit Ihnen sprechen. Verzeihen Sie mir!« »Es ist gut«, sagte sie, kam mit hörbaren Schritten aus dem Bett, schob den Türriegel zurück, kehrte ebenso still wieder in das Bett zurück, während sie halblaut flüsterte: »Warten Sie doch noch!« Denn schon trat mit schweren Schritten der Sohn in das dunkle Zimmer. »Hierher!« sagte sie und streckte dem Dichter ihre sehr warme, weiche, zarte Hand entgegen, die ein wenig nach Blumen, ein wenig nach Seife roch, eine gewichtlose Greisenhand, die, wie ein halbverdorrtes Blumenblatt, von Balzacs starken, durstigen Lippen angesogen, sich ihm an den Mund schmiegte. »Zürnen Sie mir nicht«, begann mit sonderbar stumpfer Stimme der Sohn, »daß ich Sie aus Ihrem Schlaf störe. Zu jeder andern Stunde meines Lebens wäre mir Ihr Schlummer heilig gewesen. Denn ich weiß, was Schlafen bedeutet. Aber... ich kann es nicht allein ertragen, ich bitte, hören Sie mich an, bevor es mich erdrückt.« »Willst du dich nicht setzen, mein Sohn? Du findest einen Lehnstuhl am Kamin. Ich hoffe, du befindest dich wohl und hast hier den gewünschten Erfolg gehabt. Ich bin nachts gekommen. Das Wetter war schlecht, der Postwagen hatte eine starke Verspätung. Mein erster Weg war zu dir. Die Tür war offen, deine Kerzen brannten noch an deinem Tische, wir dachten an alles mögliche, endlich erfuhr ich, du hättest vor einer Minute mit dem Anwalt Lablanche das Haus verlassen.« »Ich habe dich nicht erwartet. Warum keine Nachricht vorher?« »Zu einem Briefwechsel reichte die Zeit nicht mehr. Nun zu den Tatsachen: Dein Besitz in Les Jardies ist in höchster Gefahr. Du mußt innerhalb von fünf Tagen 70 000 Franken zusammenbringen, oder das Haus ist verloren.« »Was soll mir jetzt Les Jardies? Meine Gedanken sind anderswo. Ich bin hier, um meinen Freund Peytel zu retten. Du weißt es. Ich habe ihn tiefer in sein Elend gestoßen, als es sein bösester Feind mit Willen hätte tun können.« »Ganz recht«, antwortete die Mutter von ihren hohen, ebenmäßig geschichteten Kissen her, wo sie mit ihrem kleinen, dreieckigen Gesichtchen, den silbernen, zierlich gesträhnten und gelockten Haaren ruhte, eben noch erkennbar im hingehauchten Morgenschein, »es ist im Grunde sehr gut so. Dein Haus und Grundstück, alles wird formell subhastiert. Ein Strohmann wird es erwerben. Oder, besser gesagt, es wird einen Kampf zwischen zwei Strohmännern geben. Der eine ist von deinen Gläubigern bestimmt (Pivisquart, du kennst ihn nicht). Den Taxator in Sèvres, La Fleur, haben sie bestochen, ich kenne das Gesindel. Das erste Angebot wird unverschämt niedrig sein. Tun wir nichts dagegen, so geht dein Haus, das ich (ich rechne dabei die unselige Mauer für nichts), das dich also 217 000 Franken gekostet hat, für 60 bis 70 000 Franken weg. Stellen wir aber, und das ist der Zweck dieser mühevollen Reise, einen Strohmann hin und geben wir ihm einen Betrag von 70 000, ja auch nur von 60 000 in die Hand (darum mußt du dich eben kümmern), dann, verlasse dich auf meinen Rat, dann bleibt das Haus dein eigen, du magst es in den nächsten Wochen zurückkaufen, du brauchst es nicht für einen Tag auch nur zu verlassen, du kannst arbeiten, das Nötige verdienen, und nichts hindert dich, dein schönes Leben weiterzuführen wie bisher.« »Nichts hindert mich! Nichts hindert mich!« schrie Balzac und sank an dem Bette in seiner ganzen schweren Leibesfülle zusammen. Erstickend wogte die dumpfe Luft unter dem Bette zu dem mühselig atmenden Manne empor. »Ich kann nicht mehr mit Tinte schreiben, wenn ein anderer mit Blut schreibt. Sie haben, teuerste Mutter, Ihren so viel beneideten Sohn oft unter seinen Mühen und Nöten stöhnen oder lachen gehört, aber so zu Tode getroffen war er nie wie heute. Wie sollen Sie das je begreifen, daß mein liebster, einziger Freund mit vollem Recht zum Tode verurteilt ist? Ist es nicht komisch zum Sterben, daß ich unter den unzähligen Menschen, die ich hätte gewinnen können, gerade den infamsten mir zum Freunde ausgewählt habe, daß ich mich wohl fühlte neben ihm, ich vermag nicht zu sagen, wie sehr!« »Weshalb soll ich das nicht begreifen?« sagte die Mutter ruhig. »Das alles ist einfach genug. Du suchst Modelle für deine blutigen Romane, und in Peytel hast du eines gefunden.« »Ja, blutig ist er«, sagte Balzac, »und seine Strafe ist zu milde eher als zu streng. Aber sage mir nur das eine: weshalb werde ich gestraft? Wie rettet ein Mensch meiner Art sich vor solch einem Peytel, wie rettet er sich? Glaube mir, meine Mutter, jetzt spreche ich zu dir vom Grunde meines Herzens. Es wäre schön gewesen, in Frieden neben diesem Manne zu leben. Schön ist es, sich selbst zu begraben und sich nicht nachzutrauern. Alles hinter sich zu lassen und in später Jugend, ein Vierzigjähriger, sich gewinnen. Ich habe noch Kraft zu ungeheurer Arbeit in mir, Freude zu grenzenlosem Leben, denn alles Frühere bis zum heutigen Tage, bis zum 16. Januar, ist nur ein Beginn. Nein, nicht heute beginnt es, sondern an dem Tage, als ich Peytels Brief abends spät in Les Jardies empfing. Mir ist, als hätte ich Bruder und Schwester nicht gekannt, bevor ich Peytel kannte. Es soll nicht sein, daß ein irdischer Mensch, mit seinen irdischen, wenn auch reinen Wünschen, sich dem verlorenen Sünder, dem verworfenen Verbrecher nähert, denn da ist sein Platz nicht mehr. An Gottes Statt waltet der geweihte Priester. Der hat keinen Namen, er hat kein eigenes Herz, keinen eigenen Willen, sondern sein Name heißt Christus, sein Herz heißt Heiland, sein Wille nennt sich Evangelium. Es soll nicht sein, daß einer das klare Recht, wie es unter Redlichen gilt, beugt um der Liebe seines Freundes willen. Es soll nicht sein, daß ein Mann antwortet, in der Nacht, in der letzten Stunde, wenn der Beichtende im engen, abschüssigen, eisig stillen Zellenraume seine Frage an Gott richtet. Hätte ich geschwiegen! Hätte ich ihm meine geweihte Medaille mit dem Bilde der schwarzen Mutter Gottes still an die Lippen gehalten und mit ihm gebetet, Vaterunser oder Stella maris , den englischen Gruß, wir wären in Frieden geschieden, wir wären glücklich geschieden. Wie furchtbar verloren bin ich jetzt! Wir sprechen. Wir denken und forschen, er aber stirbt. Ich bin ein Mann der Tat. Ich war es. Denn Werke zu zeugen, den Lebenden gleich, nur unvergänglicher als die Lebenden, das ist meine Kraft. Nicht Menschen zu versöhnen. Ich wollte den Freund mit sich selbst versöhnen. War das Besessenheit und Eitelkeit? Ich dachte im Ernst daran, mich unserm König zu Füßen zu werfen und ihn um die Begnadigung Peytels anzuflehen. War das Dummheit, infernalisch und unbesiegbar? Niemand konnte mich von diesem Beginnen abhalten als Peytel selbst. Das war unser beider Verderben. Denn nicht zu retten ist die Aufgabe des Priesters. Wohl sind die Hände gefaltet und aneinandergeschlossen, aber das Ohr und die Seele des Beichtvaters sind offen und wehren sich gegen nichts. Ich aber wehrte mich gegen alles. Ich bäumte mich auf. Ich wollte nicht. Ich wollte nicht sehen noch hören. Er war der Stärkere, wie ein Pferd faßte er mich an der Mähne, griff mir in die Nüstern ohne Erbarmen, drückte meinen Nacken nieder, bis meine Knie brachen, bis ich mich im Staube wälzte. Denn für diesen Mann fehlt mir die Kraft. Den Abgrund seiner Seele in den Abgrund meines Glaubens zu versenken, das wäre meine Kraft gewesen, meine Gnade, meine Barmherzigkeit. Hören. Schweigen. Mit dem Sünder beten. Lösen kann nur Gott. Begreifen Sie das, meine liebe Mutter?« »Solange der gesunde Menschenverstand nachkommen kann, wirst du in mir stets eine aufmerksame Zuhörerin haben. Bis jetzt gebe ich dir völlig recht.« »Nein, Teuerste, nicht um Recht handelt es sich. Denke nicht von mir: da liegt er, der gute, dicke Mann, er überlegt seine seltsamen Erlebnisse wie den Plan eines neuen Romans. Es ist nicht so. Ich fühle mich klein bis zur Vernichtung. Ich bin es. Was soll ich tun? Lasse ich meine Augen offen, sehe ich die Welt in dem klaren, weißen Morgenlicht, wie er sie sieht, der Unselige, der Verurteilte. Nein, ich schließe die Augen, aber entrinne ich ihm so? So nahe fühle ich ihn, daß meine Haare sich in seinem kalten Atemhauch knisternd heben, so nahe habe ich ihn, schon tritt er, Peytel – warum zittert noch alles in mir, wenn ich die zwei grauen, kalten Silben ausspreche? ...« »Oh, wo bist du, mein lieber Sohn? Wo du jetzt bist, dorthin kann dir deine Mutter nicht folgen. Du hast genug erlebt, Herrliches, Trauriges und Schweres allezeit die Fülle. Was bewegt dich gerade an diesem verworfenen Notar aus Belley? Das fasse ein anderer, ein jüngerer. Ich nicht.« »Einer konnte ihm helfen. Das war ich. Er wollte sich vor mir beugen, wie man sich vor Gott beugt. Aber als er mich sah, wie ich in Wirklichkeit bin, wusch er sich seine Mörderhände in dem Wein, an dem ich meinen Durst gelöscht habe. Er ist ein Verbrecher und über und über mit Blut bedeckt. Aber bin ich deshalb nicht doch ein eitler, hartherziger, verworfener, von sich selbst besessener Narr, ein Don Quichotte, der sich statt der Ritterrüstung ein Meßgewand umgetan hat? In meiner Hand trage ich ein falsches Viatikum, und an meinen Hostien erstickt der Beichtende, er muß verzweifeln. Den letzten Blick Peytels glüht das schärfste Glüheisen nicht aus meiner Seele, dieses Zeichen ist mir eingebrannt bis ans Ende wie meinem Vautrin.« »Nur weiter mit Vautrin! Mehr noch von dem glühenden Stempel der Galeerensträflinge! Jetzt kommst du dorthin, wo du zu Hause bist, da findest du Ruhe und Frieden und ich, deine Mutter, mit dir!« »Aber er nicht! Aber er nie Er wollte Absolution! Er sehnte sich mit der letzten Kraft seiner elenden Seele nach einem, der ihn anhörte. An Bord schiffbrüchiger Kauffahrteischiffe ist es Sitte, daß ein Matrose dem andern die Beichte abnimmt, wenn alles im Sturm verloren ist. Unter allen Menschen gilt dieses Recht. Ich habe es mit Füßen getreten. Er wollte doch nur, daß ich ihn anhöre. Daß ich schweige, auf seinem Mantel auf der Erde ruhend, unter dem kleinen Dach der grünen Matratze, während er spricht. Er war freigebig, vornehm, ein bürgerlicher Fürst. Er gab mir meinen Lohn im voraus, einen Weinberg bei Macon. Den treuen Geistlichen, der die ganze Nacht auf einem Feldbette in der Kanzlei wartend verbrachte, wies er entschlossen von sich, um meinetwegen. Denn mich liebte er, der tausendmal vom Schicksal Verdammte. Ich kann es nicht einmal ausdenken, daß er um meinetwillen seine furchtbare Tat getan hat, daß er, um einmal in meiner Nähe leben zu können, die geliebte Frau um des geliebten Mannes willen verraten, vernichtet hat! Ich wußte, was er nicht wußte, denn er schämte sich vor mir, er schämte sich vor sich selbst. Ich wußte es, und doch habe ich ihn, Peytel, meinen Freund, trotz allem meinen Freund, verlassen, ich habe ihn nicht gehört, ich habe ihn verleugnet, ich habe ihn seelisch guillotiniert, bevor er diese barbarische Strafe körperlich erleidet. Nun sag und richte mich, als meine Mutter, die ich wie die Gerechtigkeit immer gefürchtet habe und geliebt, ist meine Sünde nicht ebenso groß wie seine?« »Ich sage nicht ja, nicht nein. Wenn du morgen oder, besser gesagt, heute im Laufe des Vormittags mein Urteil hören willst, werde ich es dir nicht vorenthalten. Lebendig machst du damit deinen Freund nicht mehr. Aber es kann den Seelendeuter und Herzensschauer immer interessieren. Jetzt aber schlafe! Schlafe um meinetwillen. Denn du bist meine Stütze. Auch ich habe Rechte auf dich, da ich dir mein ganzes Vermögen geopfert habe zum Schaden deiner Geschwister. Schlafe, denn deine Aufgaben sind noch groß.« »Schlafen! Mit solchen Bildern vor Augen?« »Du fürchtest dich? So laß deine alte Mutter ihrem großen, allzu großen Sohn eine Anekdote zum Einschlafen erzählen, es ist derselbe Fall wie der deine, die Ähnlichkeit ist nicht zu verkennen. Und wenn die Anekdote vielleicht nicht ganz wahr ist, echt ist sie doch und kann dich zerstreuen, so Gott will.« »Sprich, liebste Mutter.« II Die Mutter begann, als sich der Dichter auf einem schmalen, harten, mit dünnem Samt bedeckten Kanapee niedergelassen hatte: »Nun gut, in Paris lebte in meiner Jugend ein Künstler, Herr de Blince.« »Guter Adel?« fragte Balzac. »Ach, mein Sohn, genauso alt und ehrwürdig wie der unsere, oder besser gesagt, der deine. Ein Aristokrat aus eigner Macht wie Napoleon. Jeder sein eigener Fürst, sein eigener Ahne.« »Gibt es nicht Dokumente, die beweisen, daß unser Geschlecht im fünften Jahrhundert ein Kloster gegründet hat in der Nähe der kleinen Stadt Balzac?« »Du sagst es, und es soll Leute geben, die es glauben. Nun stelle dir vor, eben aus diesem Kloster stammt ein Abbé, ein kleiner, dicker, fettiger, schwarzlockiger, rotbackiger, etwas angegrauter Mönch, lustig, ein wenig schwerhörig und niemals dem Bereich des Klosters in die große Welt entflohen. Verstehst du das? Nun, zu diesem Mönch kommt eines Morgens ein abgemagerter, blonder, langgestreckter Herr, blaß und traurig, gebeugt unter der Last seines Ruhmes, de Blince.« »Das bin ich?« fragte Balzac zerstreut. »Nein, du bist der Mönch«, antwortete die Mutter. »Du lachst, ich fahre fort. An allen Straßenecken muß man den Namen des weltberühmten Künstlers finden, Egmont Percy de Blince, kein Mensch der guten und der fast ebenso guten Gesellschaft, der seinen Namen nicht kannte.« »Ich habe Romane von ihm nie gelesen«, sagte Balzac in Gedanken. »Wer spricht von Romanen? Er war Kunstpfeifer, der genialste Kunstpfeifer der bewohnten Kontinente, mit dem schönsten, leisesten, beseeltesten Pfiff, den je eine menschliche Kehle oder die äußerste Spitze der Lippen hervorgebracht hat. Sehen Sie nur, mein liebster Junge, den Mann in der Tracht des Ancien Régime auf der Bühne, im überreich gestickten, prachtvoll pfauenblauen Frack, mit weißseidener Weste. Sie war wie aus Blättern der Kamelie zusammengefügt. Es funkelt eine unnachahmliche Perücke im Puderglanze auf seinem Köpfchen und hebt so seine blauen, etwas kleinen Augen. Auf seinen schönen, wenn auch plumpen Händen glitzern Brillantringe, die Taschen hat er voller Tabatieren, die Knopflöcher voller Ehrenzeichen und Orden. Denke, lieber Honore, jetzt nicht daran, daß du noch nicht Ritter der Ehrenlegion bist ...« Wie wenig kennt mich die Mutter, die mich geboren hat, dachte der Sohn. Meine Gedanken sind heute nicht bei Ehren und Würden. »Einerlei«, fährt die Mutter mit ihrer hohen, kristallklaren, etwas schneidenden Stimme fort, »hier oben steht er auf dem Podest. Das Orchester, ehrfürchtig durchschauert, blickt zu dem großen Manne empor, diesem Geiger ohne Violine, Flötisten ohne Flöte, denn sein ganzes Instrument sind seine zwei schmalen, feinen Lippen. Aber sein Organ ist, so weich, so süß, so schmelzend! Die aus Palmenholz geschnitzte Panflöte (nein, Lorbeerholz wird es sein) hat keinen holderen Ton. Freilich ist für das gemeine Ohr diese überirdische Flötenstimme nicht gleich aus den Oboen und andern Holzinstrumenten herauszuhören, aber dann kommt ja der große Augenblick, wofür die Creme von Paris ihr Honorar in Gold bezahlt hat. Das Solo des Kunstpfeifers beginnt. Er pfeift, gewiß. Man hört zwar kaum etwas, höchstens das Rauschen von Engelsfittichen, aber wer kann einem unhörbaren Gesänge widerstehen, wenn man den Sänger die Lippen nach vorn zusammenpressen sieht, als forme er ein Cœur-As aus ihnen, wobei die sehr schönen, perlenweißen Zähne hervorschimmern. Seine bläßlichen Wangen füllen sich, sie erröten sanft wie die Blätter einer aufblühenden Zentifolie im Zephirhauch, seine Brust hebt sich und senkt sich unter dem aus echten Spitzen bauschig gearbeiteten Jabot, seine schönen, schräg geschnittenen blauen Augen leuchten Zärtlichkeit, Sehnsucht, Frömmigkeit, Wollust, Ahnung, Trauer, Wehmut und Heiterkeit, wie ist das alles auf dem Gesicht des Pfeifers abgemalt! Nur Barbaren wären nicht durch diesen Orpheus und durch seine unhörbar feinen Triller und Koloraturen bezwungen. Ganz Paris ist zu Tränen gerührt. Kannst du das hören? Siehst du das vor dir, mein liebster, großer, alter Junge?« »Ja, ich sehe«, antwortete der Sohn sehr leise. Er sah seinen Freund wieder. Es liegt in der Zelle ein Mann auf dem Boden hingestreckt, völlig gebrochen. Blaß, ohne Ausdruck in dem Gesicht, in den Augen. Balzac beugt sich hinab zu ihm; ruft ihn beim Namen, aber der Notar antwortet nicht. Ist er auf immer verstummt? Aber Balzac faßt den Freund mit der rechten Hand unter den Nacken, mit der linken unter die zitternden Kniekehlen und hebt ihn, nicht anders, als wäre der bleiche, bärtige Notar sein Kind, auf seine kurzen, aber kraftvollen Arme, bettet ihn auf die Pritsche, rollt seinen Überrock zusammen und gibt ihn dem Notar unter den Kopf und die Schultern. »Siehst du das vor dir?« wiederholt die Mutter mit lauter Stimme. »Ich sehe«, sagt der Sohn und denkt: Ich habe keine Mutter. »Gut. Du seufzest, ich fahre fort. Schon hat de Blince geendet, was man vor allem an dem matten und doch glücklichen Aufflammen seiner blauen Augen und an dem Fallenlassen der Hände erkennt, da überschüttet alles den großen Mann mit Blumen, mit gestickten Taschentüchern, mit Billetts, mit in Seide eingewickelten goldenen Tabatieren, er verdient Geld in Tonnen, jeder Pfiff von seinen Lippen ist ein Louis in Gold. (Wärest du doch ein de Blince! Aber du bist zu echt!) Alles, was ein Mensch sich wünscht, das hat und besitzt de Blince, und doch, wer hätte das gedacht, er wird seines Lebens nicht froh, er ist traurig, er schließt sich ab, seine Schläfen werden grau wie Eis und fallen ein, man fragt ihn, er schweigt, wendet sich zur Gesellschaft, wo er verschwindet in der Menge. Er hat nur einen Wunsch, er möchte beichten. Hier beginnt deine Geschichte, lieber Sohn. Er will Ruhe, er will Absolution, und dies ist nicht der letzte Wunsch eines Verworfenen, sondern der erste eines Verwöhnten. Darin besteht die Ähnlichkeit und der Gegensatz. Verstehst du das?« Balzac schweigt. Balzac sieht seinen lieben Freund bei der Verurteilung. Peytel ist beherrscht. Er lächelt. Er entblößt seine elfenbeinfarbigen Zähne, öffnet die Lippen. Rings der Gerichtssaal, ohne die Ruhe des Gerichts, ohne den Frieden der endgültigen Entscheidung. Es ist im Grunde kein Lächeln, eher die Anstrengung, die zu einem solchen führen müßte. Deshalb hat dieser Augenblick etwas Schauriges, halb Süßes, halb grauenhaft Erschreckendes. Denn die Augen des Verurteilten, ohne ein Zucken der dichten, hellbraunen Wimpern, wandeln sich plötzlich von einem bläulichen Grün in ein stechendes, geschliffenes Silbergrau. In seiner schönen, sehnigen Hand preßt der Notar ein goldfarbenes Seidentuch zusammen und läßt es fallen. Alles schweigt. Balzac nimmt das Seidentuch, reinigt es vom Staube und reicht es dem Freunde hinauf. Der Mörder sieht Balzac schweigend mit seinem kalten, funkelnden Blick an. Das ist alles. »Ist das alles?« setzt die Mutter den stummen Gedankengang fort, ohne auch nur eine Pause von einer Sekunde eingeschoben zu haben. »Ist das alles? fragen de Blince' Freunde. Sie wissen Rat, kennen einen vortrefflichen, prächtigen, echt christlichen Priester. De Blince sucht ihn auf, ich habe ihn vorhin schon beschrieben. De Blince verspricht ihm eine namhafte Summe für die Armen des Ortes, eine größere für die Kirche, man ist entzückt, man gefällt einander. Er riecht gut, der dicke Mönch, nach gebratenen Kastanien und würzigem, heißem Wein, zwar ist er schwerhörig, aber eben deshalb liebt ihn die gute Gesellschaft nur um so mehr. Schon kniet de Blince aufgeregt im Beichtstuhl. Der dicke Mönch sieht ihn ernsthaft an. Beide seufzen. Endlich entschließt sich der Sünder und flötet zart mit seiner schönen Stimme: ›Ich bin de Blince. Ich habe nie gepfiffen.‹ ›Nie gepfiffen?‹ wiederholt der Geistliche (das bist du) erstarrt. Er ist wie aus den Wolken gefallen: Bin ich's, bin ich's nicht? wie das so zu gehen pflegt. Fliegen summen im Kirchenschiff, die Kinder kreischen draußen auf dem Gottesacker, dann schweigt alles, und de Blince bekennt: ›Nein, hochwürdiger Herr, überhaupt nie!‹ ›Ha!‹ sagt der Geistliche und schweigt. ›Ich habe nie gepfiffen‹, wiederholt der Künstler (ein Künstler war und blieb er) in großer Bedrängnis. ›Dies bedrückt mich. Mein Erfolg vermag mir keine innere Befriedigung zu verschaffen, ich fühle, daß mein Tun mit den Lehren Christi im Widerspruch steht. Ich bedauere dies in Demut, und meine Reue ist aufrichtig.‹ ›Ja, nun‹, fragt der Geistliche mit neuem Mut, ›was soll das sein?‹ ›Ich sag's, Hochwürden, nie ist ein Pfiff, so groß auch nur wie ein Sperling, nein, was ein Sperling auf seinem Fluge verliert, aus meinem Munde gekommen.‹ ›Hu‹, sagt der Mönch, schwerhörig wie er ist, ›ein Sperling, und aus dem Munde?‹ ›Nein‹, antwortet geduldig der Künstler und gute Mensch, denn auch das war er, de Blince, ›ein Sperling nicht. Kein Pfiff. Hier‹ – er zeigt auf die Lippen und flüstert: ›nichts!‹ ›Ich hab's‹, sagt der Mönch und lacht, daß das Fett mit dem Schweiß aus seinen dicken Backen bricht, denn nun freut er sich. ›Nun gut. Mein bester Herr, auch ich, wie Sie mich da sehen, mit meinen zweiundsiebzig Jahren, ha, ich habe noch nie gepfiffen! Einer kann's, einer nicht. Ich weiß nicht, ob's eine Sünde ist. Wir wollen ...‹ ›Aber ich bin doch de Blince ...‹ ›Lassen Sie mich ausreden. Wir wollen's auf jeden Fall zu den läßlichen Sünden zählen. Und was noch, mein lieber Sohn?‹ ›Aber ich bin doch de Blince, de Blince, von dem alle Welt spricht!‹ ›De Blince, ich verstehe. Doch was tut der Name des Sünders zur Sache?‹ ›De Blince hat nie gepfiffen‹, sagt der Mann im Erlöschen. Dabei spitzt er die Lippen, pfeift aber so wenig wie je zuvor. ›Sagt' ich's nicht?‹ frohlockt der Mönch. ›Nie gepfiffen. Hier laßt uns Hütten bauen. Da bleiben wir. Das ist die Lösung des Rätsels, das Geheimnis der Scharade. Nun, ich bin glücklich, Ihnen sagen zu können, wenn Sie weiter keine Sünden drücken ...‹« Im Verlöschen sah der müde Balzac die Frau des toten Freundes vor sich: am schönsten Tag, am müdesten, mildesten Abend. Wie sie neben ihm, dem lieben Gatten, im Walde spazierengeht, wie sie über die knisternden Tannennadeln leise läuft, wie sie ein kleines, im Sommer halb versiegtes Bächlein überschreitet, über dem, im Waldesdunste unbeweglich stehend, die Mücken schwärmen. Sie kann es nicht lassen, ihr Köpfchen über das Wasser zu halten. Denn sie lebt so gern, sie fühlt sich so gern leben. Sie saugt in ihre feinen Nüstern die Gerüche ein, die über dem Waldwasser wogen. Die Mücken stechen sie nicht, ihr Gesicht ist grünlich angehaucht, ihr schwarzblaues, schweres Haar ist voll von Tannennadeln und von hellstem Licht. Sie schließt die Augen. Damit man ihr Schielen nicht sehe, tut sie, als blende sie die Sonne. Ihr Körper, der voll und üppig aus der knisternden Seide des Kleides sich erhebt, duftet nach Wald, nach frischem, eben dem Baumstamme entfließendem Harz, nach ihren einundzwanzig Jahren, nach ihrer unberührten, schönen Jugend. Sie stirbt jung, deshalb ist ihr letzter Tag so voller Fülle und hoher sommerlicher Pracht und so rein mit dem schüchternen Lächeln über ihren allzu vollen, quer gerunzelten Lippen, mit dem feinen Beben über ihrem weißen, mädchenhaften Halse. So verlöscht sie leise, ohne schmerzlichen Laut. Dem Müden tut es gut, in der Stunde des Eindämmerns ihrer zu gedenken. Dem Erschütterten tut es wohl, sich an ihrem Andenken zu laben, bevor er ganz vergeht. Die Mutter des Dichters, die nun ganz wach und frisch geworden ist, zwitschert weiter und bringt, selbst oft von Lachen und Gurren unterbrochen, ihre Trostgeschichte zu Ende: ›Charmant‹, sagt der dicke Mönch (vergiß nicht, du bist der Beichtvater, ich sehe dich in deiner Kutte, wie du leibst und lebst, du bist ein einsiedlerischer Mensch, und man wird nie einen guten Gatten und Vater aus dir machen, das ganz unter uns), da glänzt nun der gottselige Mönch über sein ganzes Gesicht, da er selten noch einen so freigebigen und so sündenlosen Sünder vor sich gesehen hat wie diesen de Blince. ›Ich bin entzückt‹, sagt er, ›Ihnen die Absolution geben zu können. Erheben Sie sich im Gebet zu Gott. Wenn Sie nichts anderes verschuldet haben, werden Sie dereinst freudig vor Gottes Thron treten können. In Hinkunft pfeifen Sie oder pfeifen Sie nicht, ganz, wie es Ihnen behagt. Beten Sie, der Sicherheit halber, dreizehn Vaterunser und sieben Stella Maris , und Sie werden in Ruhe leben und in Frieden sterben können.‹ De Blince steht auf. Er benimmt sich manierlicher als dein ungezogener Notar, denn er zieht den Hut, klopft schweigend den Staub von den Knien und nimmt seinen Weg zurück nach Paris. Jeden Abend können Sie ihn an der Porte Saint-Martin (das Theater ist natürlich erfunden, du weißt es), Sie können ihn also in irgendeinem Vorstadttheater pfeifen hören oder, besser gesagt, pfeifen sehen. Nun, können Sie mir folgen, mein lieber Junge, haben Sie mich verstanden?« Aber der Sohn hörte nicht. Er lag in tiefem Schlaf. III Im Traume kehrt der Arbeiter zu seinem Tagewerk, der Sündige in seine Hölle, der Selige in sein Paradies zurück und der Halbgott in seine Menschlichkeit. Balzac sah sich im Traume, wie er am Abend des dritten November durch die Hand seines alten Dieners Francois einen Brief bekam. Eben hielt er nach zwölf Stunden ununterbrochener Arbeit inne, er zog seinen Atem tief, fast rasselnd ein. Er sah sich selbst, sein Antlitz, feist, olivenfarben, rot getigert unter dem strotzenden, schwarzen, leicht ergrauten Haupthaar. Sein abwesender, großer Blick streifte die noch kahlen, am Fußende grauen und feuchten Wände seines Zimmers bis zu dem halberloschenen, in die neue Mauer schlecht eingefügten, prächtigen alten Marmorkamin aus cipoliotischem, perlenfarben und blutfarben geäderten Gestein. Schon hatte der Dichter seine volle Kraft wieder und wollte sich, mit einem wollüstigen Gefühl von Mattigkeit und sinnlichstem Verlangen zugleich, der Arbeit wieder zuwenden, als er den Diener mit dem Briefe seines Freundes vor sich sah. Wie konnte er das wiederholte Pochen überhört haben? Schwer war er zwar, mühselig; sich aus dem knarrenden, harten Stuhl zu erheben, einen Schritt zu gehen, ohne Stütze aufrecht zu stehen machte ihm Mühe, aber schwerhörig war er nicht, vernahm er doch sonst den leisesten, schüchternsten Laut, das Zirpen einer Grille, das Krachen der Fußböden, das Sausen des Windes von den fernen Wäldern her in der großen, schönen Stille hier. Nun hielt der Alte den Brief, den bläulichen Umschlag mit den schwarzen Siegeln wie eine Hostie zwischen den faltigen Händen. Eine Hostie reichte man ihm dar, schwarz gesiegelt, einem Sterbenden bestimmt. Durch stummes Wegwenden seines mächtigen, löwenartigen Hauptes zeigte er an, daß er durch nichts, durch niemanden gestört sein wolle, und dem verschmähten Brief blieb kein anderer Platz als das Fensterbrett. Der weiß berauhten, eisigen Fensterscheibe schmiegte er sich an. Die Abendsonne begann mit einem hingehauchten Bronzeton durch das dünne Papier hindurchzuschimmern, während das Zimmer, der ihm immer noch fremde Raum, sich in einer Sekunde bis zum Unerkennbaren veränderte. Nicht mehr Herbstnachmittag, sondern vor dem Fenster und auf dem wie eine Handfläche glatten Gartengelände dunkelste Nacht. Der tiefe Absturz, der bis zu den Schluchten von Sevres abfiel, in völlige Schwärze getaucht. Der einzige Baum des Gartens nicht zu erkennen, nur ein rötliches Licht am Eisenbahnübergang nach Versailles, sehr fern, und hier eine Kerze in silbernem Leuchter auf dem Tische, die handschriftlichen Blätter auf der einen Seite, die Druckfahnen auf der andern Seite des Leuchterfußes vorsichtig aufgeschichtet und nicht in ihrer Ordnung verrückt. Links von ihm der alte Diener, in seinen abgenutzten, gelbgrünen, nur bis zu den vorstehenden, dürren Knien reichenden Gärtnerkittel gehüllt, wie er den zweiten Silberleuchter in der hocherhobenen, festen, derbknotigen Hand hält und seinem Herrn in solcher Ruhe leuchtet, daß die Kerze nicht flackert. Um vier Uhr nachmittags ging die Sonne unter, nun muß es viel später sein. Der Diener ist uralt geworden, seine Hände fast schwarz, mumienartig vertrocknet, wie überwinterte Weinranken ganz verholzt, das Auge leer, mit weißen Ringen um den matten Stern der Mitte, die Lippen aber vom zahnlosen, weichen Munde nach innen gesaugt, als kaue er an ihnen. Aber Balzac steht aufrecht da, ebenso ein hoher Greis wie sein Diener. Seine geschrumpften, wie spätwinterliche Äpfel runzligen, mit schwellenden, schwarzblauen Adern überzogenen, vom Alter gebräunten Hände hat er in die goldene Kette verstrickt. Einst, in jungen, in guten Tagen, spannte sie sich, wenn er sie einfach um seine Hüften wand, nun ist sie doppelt geschlungen und klirrt doch, denn die Ringe sind frei und gelöst über den dürren Knochen seines biblischen Alters. Von der immer noch hohen, wie ein weißer Lampenschirm gewölbten Stirn rieseln ihm leuchtende, straffe Haare, sie sprießen in schneefarbenem Gerinnsel an den Winkeln des sehr gelösten, aber noch vollen Mundes, an den glatten Schläfen, an dem zarter gewordenen machtvollen männlichen Kinn. Peytel ist dreißig Jahre schon tot. Es ist sehr still um den Greis. Er sieht seine Augen, im alten Leben blühend, zurückgeworfen, zurück, lange zurück durch das alte, klare Glas, welches das Porträt seiner schönen, lange schon toten Geliebten bedeckt. Die golden durchfunkelten, durchdringenden Augen des uralten Dichters sind das einzig Vertraute im Wandel der verflossenen Zeit. Die schwarzen Siegel an dem Briefe müssen, durch einen Funken der Kerze vielleicht, Feuer gefangen haben. Sie prasseln, sie duften nach Tannennadeln tief im Walde, einst als er neben andern ging und blühte mit ihnen. Der Brief beginnt zu schwelen, zu brennen, er entgleitet den zitternden, kraftlosen Greisenhänden und fällt in schwebendem Fluge vor den Kamin, wobei sich die Flamme des lohenden Papiers in dem blutfarbenen, in dem perlenweißen Gestein noch lange spiegelt. Nachwort und Zeittafel aus ©-Gründen gelöscht. Re.