Johann Karl Wezel Lebensgeschichte Tobias Knauts, des Weisen, sonst der Stammler genannt Aus Familiengeschichten gesammlet Vorreden zur zweiten, verbesserten Auflage des 1. Bandes 1777 Meinen Lesern habe ich nichts zu sagen, als daß ich mich unendlich freue, daß ihnen mein Tobias Knaut in seiner ersten Gestalt Vergnügen und Langeweile gemacht hat; ich wünsche, daß er ihnen nach seiner neuen Umbildung keines von beiden weniger verschaffen, nicht weniger Schlaf machen und vertreiben mag. Meinen Beurteilern sage ich für verständiges unparteiisches Lob, für gesunden unparteiischen Tadel den verbindlichsten Dank, den übrigen, die weder gesund noch unparteiisch urteilen konnten oder wollten – nicht ein Wort. Da mein Tobias Knaut durch die Güte seiner Leser sich itzt in einem neuen Feierkleide vor den Augen des Publikums hinstellt, so erlauben Sie ihm, daß er seinen Freunden vor allen Dingen sagt, wie glücklich sich sein Verfasser schätzt, daß Sie sein Freund sind und daß er mit jedem um den Rang kämpfen wird, der Sie inniger und aufrichtiger zu lieben glaubt als er. So wenig Sie, hoffe ich, auch ohne meine Versichrung hieran zweifeln werden, so durfte ich doch meiner Eigenliebe das Vergnügen nicht versagen, meine Leser zu berichten, wie sehr ich mir selbst gefalle, daß ich Ihnen gefallen konnte. Wezel Erster Band Simia quam similis, turpissima bestia, nobis! Ennius ap. Cic. Vorrede Gewiß ist es freilich nicht, ob diese Schrift dem Leser, wenn er sie durchblättert, ebenso vieles Vergnügen verschaffen wird oder kann , als sie ihrem Verfasser verschaffte, da er sie schrieb; und doch ist sie bloß wegen der Vermutung, daß dieses geschehen könnte, aus einem Manuskripte zu einem Buche geworden. An sich war sie zu einer Ergötzlichkeit bestimmt, die mich, bei einem Sommeraufenthalte auf dem Lande, an regnichten, trüben Tagen, in meinen Erholungsstunden, den Verlust der Gesellschaft und des Spazierengehens nicht fühlen lassen und die Runzeln, die Nachdenken und ernsthafte Beschäftigungen auf der Stirn und im Kopfe versammelten, zerstreuen sollte. Durch eine sehr natürliche Verbindung der Ideen – wenigstens für einen Menschen mit einem kleinen Autortriebe sehr natürliche Verbindung der Ideen – fiel mir ein, daß mehrere ehrliche Leute sich in ähnlichen Umständen befinden, daß in meinem Leben an mehrern Tagen Wolken am Himmel und Runzeln auf der Stirne sein könnten; und so wurde beschlossen, daß dieser erste Band gedruckt werden und nach der größern oder geringern Anzahl meiner regnichten, trüben Stunden bald oder langsam ein zweiter, ein dritter, ein vierter und kein einziger weiter nachfolgen sollte – es müßte denn sonderbarerweise mir zeitiger einfallen, nicht mehr zu schreiben, oder noch sonderbarerweise andre Leute zeitiger aufhören, lesen zu wollen. Läse nun niemand nicht einmal den ersten Band, so wäre das wohl ein wunderlicher Streich, den ich mir mit Hülfe meines ganzen Vorrates von Demut in der Geschwindigkeit nicht gleich erklären könnte; allein ich müßte außerordentlich wenig Anlage zu einem Autor haben, wenn ich die Langeweile und den Überdruß des Publikums in meinem Plane die geringste Veränderung machen ließe. Geschrieben würden alle vier Bände, mit dem einzigen Unterschiede, daß ich sie alsdann allein, und zwar ungedruckt , lesen würde; und noch bin ich nicht gut dafür, ob ich nicht sogar auch diesen Autortrotz fahrenlassen und das ekle Publikum fragen würde, mit was für einem andern Gerichte ich ihm zu seinem größern Nutzen oder größerm Vergnügen dienen könnte. Verlangte man nun alsdann nichts als lauter bloß nützliche Bücher von mir; Bücher, worinnen das Paar Wahrheiten einnehmend vorgetragen würde, die der menschliche Verstand in den Augenblicken eilfertig aufliest, da er sich unter der Sonne in einem Zirkel von einem höchstens fingerlangen Diameter herumdreht; Bücher, die das wenige, was man bei einer so hurtigen Umdrehung, wodurch noch obendrein der Kopf leicht wirblicht und die Aufmerksamkeit gehindert wird, bei einem flüchtigen Umsehen beobachten kann, mit so einer Deutlichkeit und Überredung lehrten, daß mancher Gutmeinende Regeln seines Verhaltens und Ersparung vieler Fehltritte daraus lernen könnte; Bücher, die durch den Wert der Sachen und nicht durchs Kleid reizten, die unmittelbar zu dem Verstande und dem Herzen redeten, ohne die Phantasie zu ihrem Sprecher zu gebrauchen; Bücher, voll Solidität, voll Tiefsinn, Scharfsinn, Empfindung und – ach, wer weiß, was das begehrliche Publikum noch weiter verlangen möchte? – eine solche Foderung würde allerdings für mich so unerwartet als bestürzend sein. Indessen, wenn das Publikum , d. h. der größere Teil der Leser, eine solche Foderung tun könnte – vorausgesetzt, daß meine Kräfte nicht unter den Kräften der übrigen irdischen Autoren wären, vorausgesetzt, daß die ganze Nation solche Bücher lesen würde –, so könnte ich bloß in den regnichten Stunden eines siebzig- oder achtzigjährigen Lebens die sämtlichen Mitglieder dieser Nation zu weisen, vernünftigen und – tugendhaften? – wenigstens nicht lasterhaften Menschen machen; und gut und gern wollte ich auch in diesem Zeitraume alles, was sie dazu machen könnte, doppelt und dreifach gesagt haben. Fielen nun gar in dieser Periode sehr viele nasse Jahre ein wie das vergangene siebzigste und einundsiebzigste – oh, so könnte ich in der einen Hälfte eines solchen Lebens meine Mitbürger zu wahren Menschen schreiben und die andre Hälfte, zur Belohnung meiner Arbeit, unter glücklichen Menschen verleben. Wie feuert ein solcher Gedanke an! und wie sehr wäre es alsdann der Mühe wert, Autor gewesen zu sein! Aber um dieses erhabene Projekt zu bewerkstelligen, müßte ich vorher die Menschen alle ihre Fehler und Gebrechen lehren und – ye Gods! – sie überzeugen, daß es Fehler sind, daß dieser und jener Sterbliche sie besitzt – mir schwindelt! –, und wenn ich Myriaden Jahre lebte und in diesem ganzen Leben keine Minute Sonnenschein, sondern lauter Regenwetter vom Morgen bis zum Abend wäre – ich bin gewiß, ich wünschte mir am Ende davon noch einmal so viele Myriaden, um doch den leidlichen Anschein von guter Hoffnung, daß meine Bemühungen mit der Zeit etwas fruchten könnten, nicht so ganz vereitelt zu sehn. Vorderhand lasse ich also das weitläuftige Projekt, zur Besserung der Bewohner des bekannten Erdbodens zu schreiben, ganz und gar fallen und bitte alle diejenigen, die sich gutherzigerweise damit zu befangen gedenken, es gleichfalls fallenzulassen, wenn sie nicht – das Geld zu Unterhaltung ihrer nächtlichen Lampe wegwerfen wollen. Alles, was ein Mann tun kann, den das Verhängnis unter der Konstellation eines Schriftstellers nun einmal hat geboren werden lassen, ist, daß er mit den Lesern zu spielen scheint und, wie ein weiser Pädagoge, unvermerkt Unterricht in das Spiel mischt. Alles das hat Horaz schon vor achtzehnhundert Jahren, und wie viele haben es nach ihm innerhalb der achtzehnhundert Jahre gesagt! Aber das hat doch keiner unter ihnen gesagt, daß ich diesen Rat in meiner gegenwärtigen Schrift auszuführen versuche . Keine Rolle scheint sich in dieser Absicht für einen solchen Schriftsteller, der – admissus circum praecordia ludit, besser zu schicken als die Rolle eines stillen, gleichgültigen Beobachters, der den größten Teil des polizierten menschlichen Geschlechts als prädestinierte Toren , einen geringern Teil als prädestinierte Dummköpfe und den schwächsten als unglückliche Schlachtopfer des Lasters betrachtet. Die Letzten muß er beklagen und, da er sie nicht bessern kann, ihre Rettung der Zeit und dem Zufalle überlassen; für diese schreibt also ein solcher Autor nicht, und wer weiß, ob irgendeiner, von welcher Art er sei, für sie mit Nutzen schreiben kann? Ebensowenig schreibt er für die Klasse der Dummköpfe: Sie verstehen sein Spiel nicht; und wer sie bessern wollte, müßte – Tiere abzurichten gelernt haben. Nichts bleibt ihm also übrig als der klügere Teil des menschlichen Geschlechts – die prädestinierten Toren . Für diese schreibe er; spiele lächelnd mit ihnen und stoße heimtückisch ihnen den Pfeil in die Seite, und wenn sie es fühlen, dann hole er gleich den Spiegel her, um sie die Grimassen, die sie dabei machen, sehen zu lassen. Gewiß werden sie doch wenigstens ein wenig rot werden, und so ist immer noch Hoffnung vorhanden, den Grad ihrer Torheit vermindert zu sehn – alles, was ein Autor erwarten kann! Ein andres Geschäfte für diesen Schriftsteller wäre, von den mehr verschuldeten Torheiten diejenigen abzusondern, die einen näheren Grund in der Unvollkommenheit und Gebrechlichkeit unsrer Natur haben. In dieser Hinsicht würde er den menschlichen Tugenden alle die prächtigen Lumpen abreißen, die ihr Nichts bedecken. Eine gewisse Gattung von Toren, die alle ihre guten Handlungen als Wirkungen ihrer tugendhaften Entschließungen voller Stolz ansehen und das Gute andrer Menschen durch eine zu genaue Zergliederung weit unter das ihrige erniedrigen, könnte daraus lernen, in ihrer Kritik weniger strenge zu sein und über ihren Stolz mehr zu erröten, wenn sie belehrt würden, daß ihre sogenannte Frömmigkeit zuerst sich vor dem Jahre, als sie den großen Fall zur Hintertreppe herunter taten, in ihrem Kopfe angesetzt hat oder daß sie heute ihren Feinden von Herzen vergeben, weil die glücklich wiederhergestellte Öffnung des Leibes sie heute von der großen Unverdaulichkeit befreit hat, in welcher sie ihnen gestern den Tod wünschten. – Eine andre Gattung, die, durch die Strenge unsrer moralischen Taxatoren abgeschreckt, lieber nicht als mühsam tugendhaft sein wollen, könnten bei der Gelegenheit erfahren, daß die menschliche Tugend wie jede Pflanze wächst, daß zu ihrem Anbaue nichts erfodert wird, als daß man Zeit und Witterung bei ihrer Bestellung in acht nimmt, das Ungeziefer zuweilen abliest, sie zuweilen begießt, und daß sie recht gut fortkömmt, wenn der Boden nur nicht toter Leim ist. Sehr vielerlei Geschäfte könnte ich diesem Autor noch auftragen; allein ich habe noch drei Bände und folglich auch noch drei Vorreden zu schreiben: Für diese werde also das Gute, das ich noch sagen könnte – welches bei jedem Autor immer mehr beträgt als das Gute, das er gesagt hat  –, heilig aufbewahrt! Unterdessen könnten einige Mutwillige aus obiger Theorie den boshaften Schluß ziehen, als wenn der Herr Verfasser für sein Büchelchen keine andre Leser als prädestinierte Toren erwartete oder wünschte, und das wäre doch ein ärgerlicher Mißverstand! –Jeden, der ihn liest, wird er, solange er liest, für den Gescheutesten, den Weisesten etc. halten. Wenn diese Erklärung keine Leser anlockt, so muß er Geld daraufsetzen, daß ihn jemand liest. Noch ein andrer Mißverstand! Man könnte ihn auch bei dem ersten Anblicke für einen von den Nachtretern des Tristram Shandy ansehen, deren Köpfe mit dem süßen Gefühle der menschlichen Schwachheiten, womit ihr Vorgänger seine Schriften parfümiert hat, wie mit dem süßlichen Geruche eines Räucherpulvers so angefüllt sind, daß sie vor Schwachheit – taumeln. Am meisten ist diese Mißkennung von gewissen Leuten zu besorgen, die kein fremdes Gesicht sehen können, ohne auf der Stelle eine Ähnlichkeit mit einem andern bekannten Menschengesichte ausfündig zu machen, und wenn sie auch nur in einer Blatter oder Narbe bestünde – und in dem gegenwärtigen Falle des Autors kann keine Ähnlichkeit als höchstens die anscheinende Unordnung stichzuhalten scheinen. Er hätte auch sogar nicht daran gedacht, wenn ihm nicht etliche Leute wohlmeinend so eine Vergleichung ins Ohr gesagt hätten. »Soviel Ehre es für mich sein würde«, sagte die bescheidene +++ zur Frau †††, »Ihrer Tante ähnlich zu sein, so bin ich doch lieber mir ähnlich« – und wenn jemand einen Beweis verlangt, daß ich Ursache habe, auch mit einer so bescheidnen Dreistigkeit zu sprechen, der kann ihn in der Form hören. Ein ganzes Jahr lang hatte ein Teil dieser Kleinigkeit bald vergessen in meinem Schreibepulte gelegen, als ich Sternen erst aus dem Richterischen Abdrucke seiner Schriften kennenlernte, ohne ihn vorher anders als aus der unvollständigen Beschreibung eines Freundes zu kennen, der die Übersetzung gelesen hatte. Als ich ihn selbst gelesen, so entstund in mir der Einfall, mein Manuskript hervorzusuchen und mich meines Helden, dessen merkwürdiges Leben beinahe unbeschrieben geblieben wäre, von neuem anzunehmen. Die erste Hälfte dieses Buchs und der Plan der ganzen Geschichte ist also gewiß keine Nachahmung, wofern es unmöglich ist, ein ungelesnes Buch nachzuahmen; und wenn ich überhaupt jede Vergleichung mit irgendeinem andern gedruckten Buche verbitten dürfte, so glaubte ich so beurteilt zu werden, wie ich beurteilt zu werden wünschte. Diese Bitte an Rezensenten und Leser habe ich darum für schicklich und nötig geachtet, weil sich bei den meisten Mitgliedern dieser beiden Zünfte ein gewisser vergleichender Ton der Beurteilung eingeschlichen hat, daß man einem ehrlichen Mann nie geradezu sagt, ob seine Nase völlig gerade ist, sondern daß ihr, um Evanders Nase zu sein, nichts fehlt, als daß sie nicht zwischen Evanders Augen steht. Eine von den beiden Nasen muß offenbar zu kurz dabei kommen! Die Erfüllung dieser Bitte wird zugleich verhüten, daß man mein Buch nicht aus einem falschen Gesichtspunkte ansieht. Mag doch immerhin niemand so erzählt haben oder gewöhnlich so erzählen! gewöhnlich niemand den Plan seiner Erzählung mit so schwachen Fäden, oft nur mit einem Menschenhaare, zusammenhängen! – Ich weiß es, der meiste Teil der Leser fodert eine fest zusammengeknüpfte, nie unterbrochne, in gleicher Linie fortgehende Reihe der Begebenheiten, und ich für meinen Teil finde nichts Einschläferndes als solche Erzählungen in gerader Linie. Lieber mache ich mir selbst zuweilen mit meinen Gedanken einen kleinen Ausweg, wenn ich sie lese, und der Erzähler, der mich immer bei der Hand hält und nicht einen Fingerbreit vom geraden Wege weglassen will – von dem reiße ich mich gewiß los, ehe wir sechs Schritte miteinander gegangen sind. Mein Plan sollte dem Plane der wirklichen Begebenheiten ähnlich sein: alles ohne Ordnung scheinen und nichts ohne Endzweck sein . Oder auch: Man betrachte mein Buch als einen langen Spaziergang, wo man nicht mit einer so festgesetzten Marschroute als bei einer Reise nach Paris ausgeht. Der Ort, wohin wir wollen, ist bestimmt, selbst der Weg, der uns dahin bringen soll; aber unterweges lockt uns eine schöne Blume auf der nahen Wiese – sollten wir denn nicht ein paar Schritte vom Wege abgehn und sie pflücken? – Es reizt uns ein Wasserfall; es ist eine Anhöhe in der Nähe, auf welcher eine vortreffliche Aussicht sein soll – wir wollen sie besteigen! – Zuweilen kehren wir wohl gar bei einem Freunde ein, und nach einem kurzen Aufenthalte kommen wir wieder auf unsern Weg zurück. So eine Einkehr ohngefähr ist in diesem Bande die Geschichte des wiedergefundenen Sohns. – Allerdings gibt es Leute, die es als eine Tändelei ansehn, wenn man um einer Blume, um einer Aussicht willen vom Wege geht; aber gewiß liegt die Schuld daran, weil sie den Schnupfen oder ein blödes Gesicht haben. Auf diesem Wege, müssen meine Leser denken, fände sich eine treuherzige, ehrliche Menschenfigur zu ihnen, netto drei Ellen hoch und anderthalben in der größten Breite, auf der rechten Seite des Gesichts voller Simplizität und Gutherzigkeit und auf der linken voller tückischen Schalkhaftigkeit. Das gute Geschöpf – wofür sie ihn halten wollten, käme bloß darauf an, auf welcher Seite sie ihn gehen ließen – erzählte ihnen bald ein Anekdotchen von der Madam  ♀, der gnädigen Frau  , dem Herrn von  ♂ und zu  , und andern; bald erzählte er unter veränderten Namen ihnen ihre eigne Geschichte; bald ließ er ein paar Anmerkungen aus seiner Studierstube mit unterfallen, und was er allenfalls weiter noch tun könnte; und dieser Gesellschafter, der neben ihnen herschlendert, ist niemand – als der Herr Autor. Sollte man übrigens sich bereden können, daß mutmaßlicherweise dieser Mann mit der Zeit auch kleinere und größere erträgliche, ernsthafte Werkchen schreiben könnte, so wäre er nicht ungeneigt, etliche dergleichen, die teils in seinem Kopfe, teils in seinen Papieren vergraben liegen, hervorzuziehen und ihnen die Gestalt eines Buchs zu geben; aber so bald nicht. – Einer meiner Ureltern aß keinen Bissen, ohne ihn vorher durchs Mikroskop betrachtet und das, was seiner Meinung nach schädlich war, abgelesen zu haben. Freilich ging es so langsam zu, daß er vom Mittagessen aufstand, wenn andre Leute sich zur Abendmahlzeit niedersetzten; aber sein Leben wurde dadurch außerordentlich nüchtern, jeden Tag ersparte er eine Mahlzeit, und – der Mann ist fünfundneunzig Jahre geworden! Wäre auch mein Autorleben nur die Hälfte so lang – ohne Mikroskop könnte ich doch nicht schreiben. Aber wahrhaftig, ich verschwöre es, in meinem Leben wieder eine Vorrede zu schreiben! Indem ich meine durchlese, so steht doch auf jeder halben Seite – der Herr Verfasser und sein Buch! Wer mich darüber tadelt, dem gebe ich es als eine Preisaufgabe auf, eine Vorrede zu schreiben und nicht mit einer Silbe an sein wertes, kleines Ich zu denken. Zur Büßung dafür will ich, mir selbst zum Trotze, hier dem ganzen Geschwätze ein Ende machen, ohne mit einem Worte an meinen Namen zu denken. W. –   – orbitur ab ovo. Horat. 1. In einem der unbekanntesten Winkel Deutschlands, nicht weit vom Thüringer Walde, lebte ein Schulmeister, dessen vollständiger Name eigentlich Christian Knaut war und den wegen eines roten Kopfs, womit einer von seinen Urgroßvätern die Familie verunehrt hatte, das sämtliche Kirchspiel, selbst den vornehmern Teil desselben nicht ausgenommen, Rotkopfs Christel zu nennen pflegte. Er hatte, solang er denken konnte, von der Welt niemals mehr oder weniger kennengelernt als den kleinen Fleck, worauf er seine natürlichen Bedürfnisse abwartete; und von der sogenannten großen Welt war ihm auch weiter nichts bekannt, als was er aus einem sehr nahen Umgange mit gewissen Herren wußte, denen er bei dem Monarchen des Dorfs, in dessen Diensten er fünfzehn mühselige Jahre zubrachte, auf einem zinnernen Teller zu essen und zu trinken überreicht hatte. Doch ein ziemlich glückliches Nervensystem, die kurzweiligen Übungen, wodurch seine Kameraden seinen Verstand und die Gegenwart seines Geistes oft auf eine sehr harte Probe stellten, ein paar abgelebte Bücher, in welchen unter einem Haufen Unsinn doch hin und wieder Spuren anzutreffen waren, aus welchen sich vermuten ließ, daß sie ein Mensch geschrieben haben möchte, und endlich die nachdrücklichen Zurechtweisungen seines gebietenden Herrn hatten ihm so etwas von dem zweideutigen Dinge verschafft, das man gemeinen Menschenverstand zu nennen pflegt. Außerdem hatte er sich noch, ich weiß nicht, wie, so viele Geschicklichkeiten im Lesen und Schreiben erworben, daß sein Herr, der Patron des Kirchspiels, kein Bedenken trug, ihm zu Belohnung der großen Geduld, womit er Ohrfeigen und Ribbenstöße in seinen Diensten ertragen hatte, von den ganzen Nachkommen des Dorfes die eine Hälfte der Seele – denn die andre gehörte dem Herrn Pfarr – und den ganzen Körper anzuvertrauen. Die Orgel konnte er zwar nicht spielen, und überhaupt hatte ihn die Natur in Ansehung der musikalischen Gaben am meisten vergessen; allein die glänzendsten Talente eines Bachs würden an ihm verschwendet gewesen sein, weil das Kirchspiel keine Orgel hatte, und obgleich seit dem Ende des Sukzessionkriegs an allen vier Bußtagen ansehnliche Kollekten dazu gesammelt worden waren, so hatte doch das gesammelte Kapital in den Händen der Kassierer so viele Unglücksfälle erlitten, daß die Gemeine sich noch immer begnügen mußte, sich mit ihrem andächtigen Geschrei nach den Bewegungen zu richten, die sich in dem Gesichte des Schulmeisters und des gnädigen Herrn von Zeit zu Zeit äußerten; denn unter vielen andern Wundergaben hatte zur Beförderung des Gottesdienstes der Himmel diesem lieben Herrn auch einen betäubenden Baß verliehen. Ohne Zweifel aus dieser Ursache hatte das Schicksal, das vielleicht zuweilen weniger, doch selten mehr Fähigkeiten gibt, als man braucht, außer dem Talente zur Musik unserm Herrn Knaut auch die Stimme versagt, und man darf sich daher nicht wundern, wenn für ihn das Leben seines Patrons wichtiger war als für irgendein andres Mitglied der Gemeine. Eine Einnahme von dreißig Gülden war freilich kein reichlicher Ersatz für den Abgang an Kräften, den sein Arm und seine Lunge bei seiner Berufsarbeit täglich erlitt, und ohne die Wunderhülfe eines Kobolds oder andern dienstfertigen Geistes scheint es nicht sehr begreiflich, wie er nebst einem zahlreichen Ehesegen von neun Kindern nicht verhungern mußte. Inzwischen war durch eine frühzeitige Übung in Beschwerlichkeiten über die Werkzeuge seiner Empfindung eine so starke Rinde gewachsen, daß ein Unglück sehr ungestüm hätte sein müssen, um sich bis an sein Herz durchzudrängen. Er befand sich meistenteils so ziemlich in dem Zustande einer Schnecke: Sturm und Ungewitter mag um dieses stoische Tier her alles in Bewegung und Furcht setzen, es kriecht deswegen weder geschwinder noch langsamer seinen Baum hinauf und kriecht gelassen immer fort, bis der Baum von dem Sturme fällt, und alsdenn fällt es mit, versteckt sich in seine Schale; und nun schlage, werfe man es, so lange man will, es bleibt ruhig, man müßte denn unverschämterweise seinen Panzer zerquetschen. Wenn die Bosheit der Menschen unsern lieben Knaut plagen wollte, so zog er die Hörner ein, und wenn dieses noch nicht genug war, so zog er sich hinter seine Unempfindlichkeit zurück und tat weiter nichts, als was in dergleichen Fällen sein Sinnbild tut – er schwitzte. Man kann leicht vermuten, daß also die Freude keinen größern Reiz für ihn hatte: im Grunde hatte er ihrer wenig zu genießen; aber auch selbst die wenigen, die ihm das Schicksal unachtsamerweise zuweilen zuwarf, ließ er, ohne daß sein Blut in die geringste Bewegung gesetzt wurde, so ungerührt vor sich vorbeifliegen, daß er nicht einmal die Arme nach ihnen ausstreckte. Wenn seine anvertraute Schulherde eine Exekution notwendig machte – und in dieser Notwendigkeit glaubte er sehr oft sich zu befinden –, so strafte er zwar nachdrücklich, aber so kaltblütig als ein Richter, der, unbekümmert, wer recht hat, bloß um seinem Amte ein Gnüge zu tun und den Streit zu endigen, bestraft. Wenn nach überstandner Schulfröne der Aufwand seines sehr mäßigen Tisches ihm noch Zeit genug zu einer Pfeife stinkenden Tobak und einem Glase verdünnten Biere übrigließ, so waren seine Wünsche und seine Bedürfnisse befriedigt; und wenn er beides, ausgestreckt auf seiner Bank, ohne die Gegenwart seiner Frau genießen konnte, so beschämte er den Diogenes in seinem Fasse. – Man sagt auch, daß er einzig in diesen Fällen etwas der Zufriedenheit ähnliches sowie in den entgegengesetzten eine Art von Betrübnis zu fühlen geglaubt habe. Seine Frau, die er dreizehn Jahre vor dem Anfange dieser Geschichte heiratete, hatte ihn in den Besitz eines Reichtums von fünfzig Gülden gesetzt; allein in einer Zeit von zween bis drei Monaten hatte dieser Schatz schon eine weite Reise durch den Kramladen des Dorfes in die nächste Stadt und von da wer weiß wie weit getan; und nun, da es unmöglich war, ihn wieder zurückzuholen, hatte sich es seine unbillige Frau zur Pflicht gemacht, es ihm jeden Tag in dem hämischsten Tone zu sagen, wie gut sie itzo leben könnten, wenn sie in den ersten zween Monaten ihrer Ehe mehr gehungert hätten. Doch mit seiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit wies er sie damit von sich, daß es einerlei wäre, ob sie vor dreizehn Jahren gehungert hätten oder nachher. Seine Frau – denn nachdem meine Leser den Charakter des Mannes kennen, so können sie nicht anders als neugierig sein, ob der Himmel seine guten Eigenschaften mit einer würdigen Gattin belohnt hat –, seine Frau also gehörte unter diejenigen Damen, die der künftige Held dieser Geschichte, als sein Verstand durch die große Welt aufgeklärt worden war, Aprilweiber zu nennen pflegte; genug, sie war eine von denen, bei welchen der scharfsinnigste Beobachtungsgeist und die ausgebreiteste Kenntnis des weiblichen Herzens nicht zureicht, um die Regeln, nach welchen sie empfinden, denken und handeln, zu entdecken. Zuweilen sprang sie mit einem lächelnden oder vielmehr grinsenden Gesichte des Morgens aus dem Bette und überhäufte ihren Ehegatten mit den süßesten Namen und den zärtlichsten Liebkosungen, die er gemeiniglich, hingelehnt auf den Tisch, stumm und mit der gleichgültigen Miene eines Vornehmen annahm, dem der Arme ein Geschenk bringt; doch lieber entbehrte er sie ganz, weil er sich unglücklicherweise etlichemal so sehr vergessen und einen minutenlangen Wohlgefallen dabei empfunden hatte und darüber seine Pfeife ausgelöscht war. Mitten unter diesen Liebkosungen fuhren plötzlich alle ausgetrocknete Muskeln ihres Gesichts in die abscheulichste Wut zusammen, und nun hörte Herr Knaut mit der nämlichen Kälte ein ganzes Lexikon von Schimpfwörtern und Schmähungen aus ebendem Munde, der ihn vor einem Augenblicke durch die verbindlichsten Schmeicheleien beinahe aus seiner Unempfindlichkeit herausgeschwatzt hatte. Wenn der Paroxysmus zu lange dauerte, so legte er die Pfeife nieder und ging zu seinen Zuhörern, die ihm meistenteils ihre Gegenwart durch Lärmen und Schreien schon längst angekündigt hatten. Ebensooft stund sie mürrischer als ein Kater auf, der seine Nebenbuhler belauscht, und ebensoschnell wurde sie die gefälligste und feurigste Liebhaberin. Man will einmal in einem Vormittage sechsundvierzigmal eine solche Veränderung des Horizonts in ihrem Gesichte wahrgenommen haben. Ihre Kinder liebte sie niemals zärtlicher, als wenn sie, in einen hölzernen Kasten wohl eingepackt, auf den Kirchhof gebracht werden sollten, wo einmal ihre Liebe in so heftige Aufwallungen geriet, daß sie die Träger, als sie die Bezahlung für ihren Transport foderten, mit Faustschlägen von sich wies, weil sie nach ihrem Vorgeben nicht gesonnen wäre, die Grausamkeit, die sie an ihrem mütterlichen Herzen durch die Entfernung ihres Kindes ausgeübt hätten, zu belohnen, wiewohl das Publikum des Dorfs damals eine andre Ursache von diesem Eifer angab. Wenn sie befahl, so zitterte alles außer dem Herrn des Hauses; und selbst die unvernünftigen Tiere hatten eine so heilige Furcht vor ihr, daß sie lieber noch einen Tag länger hungerten, als das Futter von ihren Händen annahmen. 2. Von der Verbindung dieser zwei so liebenswürdigen Geschöpfe war Tobias Knaut die erste Frucht, ein in jeder Betrachtung merkwürdiger Mann, dessen Leben und Schicksale wir unsern Lesern zu erzählen unternommen haben. Nach dem Willen des Vaters sollte er eigentlich wegen der großen Ähnlichkeit mit ihm, besonders wegen der ungewöhnlich dicken Oberlippe, den väterlichen Namen Christian Knaut bekommen; allein die Mutter, die schon seit dem zweiten Hochzeittage ein Gelübde getan hatte, jedes ihrer Kinder, das seinem Vater ähnlich sein würde, zu ersäufen, gebot, ihn Tobias zu nennen, und alle Anwesende brummten ein demütiges Ja. Doch will man behaupten, daß bei dieser Gelegenheit der Vater die obere Lippe ein wenig in die Miene des Mißfallens verzogen und daß er sogar zu lachen geschienen habe, als nachher die Wöchnerin wegen eines heftigen Zankes mit ihrem neugebornen Tobias gefährlich krank wurde. Indessen muß ich diesem sanftmütigen Manne, der mir als Ahnherr meines Helden wichtig genug sein muß, zum Ruhme nachsagen, daß dieses die beiden stärksten Ausbrüche seiner Affekten in seinem Leben gewesen sind, und man kann daraus mutmaßen, wenn ohngefähr der dritte heftige Anfall des Affekts sich zugetragen haben wird.   Ich weiß nicht, ob ein Afrikaner oder ein Europäer, ein »Alter« oder ein »Neuer« die Anmerkung gemacht hat oder ob sie gar in meinem eignen Gehirne gebrütet worden ist, in welchem Falle man mir es nicht übel deuten wird, wenn ich den Beifall des Lesers als eine unausbleibliche Folge erwarte: Man hat also angemerkt, daß man, wo nicht alle, doch die meisten gegenwärtig unerklärbaren Erscheinungen, die sich an vielen Menschen zum Erstaunen des Gelehrten und Ungelehrten zeigen, sehr leicht würde erklären können, wenn jemand eine genaue und umständliche Geschichte ihrer Schicksale im Mutterleibe, von dem ersten Augenblick ihres Daseins bis nach ihrer Geburt, bekanntmachte. Freilich ist die Foderung eine Foderung des Unmöglichen, und wenn derjenige, der sie täte, gar ein Leuwenhökianer, Leibnizianer oder so etwas wäre, so könnte die Geschichte eines einzigen solchen possierlichen Dinges, das wir Seele nennen, vor seiner menschlichen Existenz, wenn sie alle Wanderungen eines Samentierchen seit seiner ersten Ausreise enthalten sollte, die Geschichte des chinesischen Reiches beschämen; allein diese Bemerkung enthält so viel Wahres, daß ich ihr meinen Beifall nicht versagen könnte, wenn ich auch gewiß wüßte, daß sie nicht in meinem Kopfe entstanden ist. Wie unvollständig und oft wie wenig pragmatisch muß daher ohne meine Schuld diese Geschichte werden! Und wieviel selbstzufriedner würde ich während meiner Erzählung zuweilen auf meine Herren Mitbrüder herabsehen können, wenn ich die mannigfaltigen Quetschungen und nachteiligen Lagen nach der Reihe herzusagen wüßte, welchen der ungeborne Knaut in seinem ersten Aufenthalte bei den gewaltsamen Erschütterungen und heftigen Bewegungen ausgesetzt war, in welche sein Wohnhaus oft durch den Zorn der Mutter geraten mußte; wenn ich die Mischung seiner Säfte zeigen könnte, wie sie stufenweise durch die öftere Ergießung der mütterlichen Galle befördert worden oder wie durch die unordentliche Aufwallung und beständige Hitze des mütterlichen Bluts an gewissen Orten die Lebensgeister ganz ausgetrocknet und andre hingegen häufig damit überschwemmt worden sind. Wirklich hatte er auch bei seinem Eintritte in die Welt schon viele Merkmale seiner erlittnen Widerwärtigkeiten an seinem Körper, denn er sahe mehr einer alten aus dem herkulanischen Schutt gegrabnen Statue, der durch die vieljährige Last der Kopf in die breitgedrückten Schultern hineingequetscht worden ist, als einem Geschöpfe ähnlich, das mit der Zeit die menschliche Figur annehmen soll. Diese abenteuerliche Bildung, deren Beschreibung wir bis zu einer andern Stelle aufheben wollen, wurde durch die väterlichen und mütterlichen Züchtigungen zu demjenigen Grade der Vollkommenheit gebracht, welche in den künftigen Zeiten seines Lebens ihm viele Bewunderungen und noch mehrere unglückliche Zufälle verursachen wird. Am meisten hatten seine Sprachwerkzeuge gelitten: Diese waren so ungelenk und so unbiegsam, daß er schon fünf Jahre lang die Beschwerlichkeiten des menschlichen Lebens ausgestanden hatte, als er zum erstenmal seinen Vater mit einem sehr unvernehmlichen Lallen rufen konnte, und der Name Mutter war ihm so schwer, daß er ihn in seinem ganzen Leben nicht ausgesprochen hat. Manche wollen zwar behaupten, daß dieses darum geschehen sei, weil ihm seine Mutter niemals Gelegenheit gegeben, sie bei einem so zärtlichen Namen zu nennen. Andre sagen sogar, er habe einen so starken Haß auf dieses Wort geworfen, daß er sich eine freiwillige harte Buße auferlegt, wenn er es unversehenerweise nur gedacht habe; und dieses wollen diese unbilligen Verleumder daher beweisen, daß es einer seiner Hauptgrundsätze gewesen sei, wer die Menschen eine probate Methode lehrte, ohne Mutter geboren zu werden, sei ein größrer und für das menschliche Geschlecht nützlichrer Mann, als wer sie zuerst den Samen in die Erde zu streuen und aus Körnern Brot zu bereiten gelehrt hat, größer als Solon, Lykurg und alle andre Wohltäter der Menschheit. Doch die schwärzeste Bosheit kann keine strafbarern Unwahrheiten jemals ausgesonnen haben! – So tolerant ich sonst bin, so bringt doch bei dieser Gelegenheit, wo die Ehre meines Helden bei dem schönen Geschlechte in so große Gefahr gerät, der Eifer für ihn mein Blut in eine so theologische Wallung, daß nicht viel fehlte – ich hätte mit aller polemischen Höflichkeit auf meine Gegner geschimpft. Als ein Geschichtschreiber, der aus Quellen schreibt, könnte ich zwar dreist versichern, daß sich diese frevelhafte Meinung nirgends unter den umständlichsten und zuverlässigsten Nachrichten von seinen Grundsätzen findet, daß sie sogar etlichen widerspricht, von denen es ausgemacht ist, daß sie die seinigen gewesen sind; und, könnte ich hinzusetzen, wäre nur die geringste Spur vorhanden, daß er widersprechende Grundsätze gehabt, würde ich ihn wohl der Ehre gewürdigt haben, sein Leben zu erzählen? Da ich ihm nun diese Ehre erzeigt und ihn dadurch zugleich in meinen Schutz genommen habe, so muß es allen Lesern, die sich auf die historische Kunst verstehen, sole clarius in die Augen leuchten, daß die obgedachte Beschuldigung die schwärzeste Erdichtung ist, womit die Bosheit jemals die Geschichte verunstaltet hat. Noch mehr! Ich könnte aus geheimen und ungedruckten Tagebüchern seiner Seele unwiderleglich und unumstößlich dartun, daß seit seiner Entfernung aus dem väterlichen Hause, von der ersten Sekunde an, als er den Fuß aufhob, um herauszugehn, bis zu dem letzten Atemzuge niemals einen Augenblick der Gedanke: meine Mutter! sich unter seinen Ideen aufgehalten hat; und von einer nicht vorhandnen Idee kann nichts bejaht noch verneint werden, das ist bekannt; folglich – – Doch weg mit den historischen Spitzfündigkeiten! Meinen kürzesten, deutlichsten, bündigsten Beweis will ich wie in allen Sachen also auch hier gebrauchen. In gehöriger Form steht er also: Mir ist es unbegreiflich. – – – – – – – – – und so ins unendliche fort. Den will ich doch sehen, der wider diesen Beweis etwas einzuwenden weiß! 3. Vielleicht könnten einige schwergläubige Leute, denen die Wahrheit niemals Wahrheit ist, wenn sie nicht in dem nämlichen Kleide erscheint, in welchem sie sie alle Tage sehen – vielleicht könnten solche , sage ich, bei der vorhergehenden Deduktion gravitätisch sich beim Kinne fassen und mit einer verachtenden vielbedeutenden Miene denken oder sagen: »Qu'est ce que celà prouve? Dies sagte bekanntermaßen der ehrwürdige Pater Malebranche bei Erblickung eines damals berühmten Gedichts. « – O vielerlei, meine Herren! wie zum Exempel, daß Sie und alle sogenannte vernünftige Kreaturen von dem selbstzufriedensten Weisen bis zu dem kleinsten Geiste in ihren Deduktionen, Dissertationen, Argumentationen a priori und a posteriori, Orationen, Annotationen, Konversationen, und wie dergleichen Manufakturen des menschlichen Verstandes und Witzes weiter heißen mögen, keinen andern Beweis jemals gebrauchen als den meinigen und, worüber Sie vielleicht den Kopf noch befremdeter schütteln werden, keinen andern jemals gebrauchen können . Freilich läßt Sie Klugheit oder Selbstbetrug – was es ist, will ich nicht entscheiden – ihn nicht mit einer so einfältigen Aufrichtigkeit, wie ich getan habe, in seiner völligen Blöße darstellen. – Sie rüsten das hölzerne Bild mit einem Harnisch, Degen, Spieß, Helm aus, und nun ehrt es jeder Unwissende als den streitbarsten Held; nur der vorwitzige Weise geht lächelnd vor ihm vorüber, und wenn man ihn deswegen für einen feigen Bewundrer desselben hält, so kehrt er gelassen zurück und wirft mit einem leichten Stoße die Rüstung um; und – wer hätte das geglaubt? – ein hölzernes Bild steht da, das wie eine Marionette von seinem Künstler an versteckten Fäden regiert wurde. »Sehr dunkel!« brummt ein gerunzeltes Gesicht aus einer ernsthaften Perücke hervor – Kann sein! Also etwas deutlicher! Wenn Sie, vir amplissime, doctissime etc. etc. in einem Lehnstuhle hingestreckt, auf die aufgestützte Hand den schweren Kopf legen, auf der Stirn große Gebürge von Runzeln aufwerfen, den Mund, gleich einem Volkan, öffnen und alsdenn die Auswürfe Ihres Kopfs auf ein Papier hinwerfen – Wenn Sie mit allen diesen fürchterlichen Anstalten zum Beispiel beweisen wollen, daß der Mensch – der Himmel vergeb es Ihnen! – das verdorbenste Tier unter der Sonne ist – Wenn Sie nun das Blatt mit einer ungeheuren Last witzelnder Philosophie, Argumenten und mitunter auch mit Fragmenten Ihrer Galle wie mit einer Lava überströmt haben – was ist dann zum Vorschein gekommen? – Nichts weiter als: »Die Ideen, die der Zufall durch die Sinne in meinen Kopf warf oder durch die Wirkungen meines körperlichen Systems, des Blutes, der Lebensgeister oder durch die eignen unwillkürlichen Bewegungen, unwillkürlichen Leidenschaften und Empfindnisse der Seele hervorgebracht worden sind, wollen sich auf keine Weise so untereinander vereinigen und in Ordnung stellen, daß daraus der Satz entstünde: Der Mensch ist das vollkommenste Tier auf seinem Planeten, das bei mancherlei Gebrechen viele Vollkommenheiten besitzt« – oder noch kürzer zu reden, mir ist es unbegreiflich. Wozu nun ein so großer Lärm, ein so großer Aufruhr? – Der Berg brüllte, blähte sich auf und warf – Asche aus. Wenn die Dame – doch exempla sunt odiosa; also lieber eine allgemeine Moral – oder lieber gar keine! – Meinetwegen! Doch einen kleinen medizinischen Rat an das denkende Publikum kann ich nicht vergessen. Ich empfehle nämlich und preise allen und jeden an: ein kräftiges Mittel wider Schwindel, fliegende Hitze, Aufwallung des Geblüts, Gallenfieber, hypochondrische Zufälle und für alle andre die Konstitution des Körpers und der Seele angreifende Übel, wie viele und welcherlei Namen sie haben mögen. – Allen nun, die mit dergleichen benannten und unbenannten Krankheiten geplagt sind oder in Gefahr stehen, über lang oder kurz damit befallen zu werden, denen rate ich, sich in allen ihren Gedanken, Reden und Schriften nie eines andern als obgedachten Beweises, wovon der Herr Autor zu Ende des vorhergehenden Absatzes eine eigenhändige Probe gegeben, zu bedienen oder, wenn ihnen etwa die daselbst vorgeschriebne Form aus mancherlei Ursachen nicht beliebte, doch bei ihren Gedanken, Reden und Schriften, sooft etwas behauptet oder verneint wird, nie etwas anders zu denken, als was der Inhalt mehr bemeldeten Beweises besagt, auch niemals zu erwarten, daß ein andrer Mensch ihre Behauptungen und Verneinungen völlig so überzeugend wie sie selbst finden, noch mit ihnen völlig gleichförmig denken wird, wenn es auch gleich so scheinen oder er sich es selbst überreden sollte und daher den Dissentienten die Erlaubnis zu geben, mit ihnen zugleich recht zu haben, und diese ganze Diät so kalt und ohne die geringste Erhitzung zu beobachten, als wenn gar keine Gewißheit in der Welt möglich wäre. Beispiele von Leuten, an welchen dieses Mittel sich als probat erwiesen hat, würden einem jeden ohne Mühe sich darstellen, wenn er die Geschichte jeder Art, die Geschichte seiner Freunde und Bekannten durchzugehn gesonnen wäre, und der Verfasser dieser Nachricht beruft sich dabei auf das Exempel des Sokrates, Plato, Demokrits, Montaigne, Locke, Search und so vieler andrer auserwählten Lieblinge der Weisheit, die andre lehrten, was sie selbst gegenwärtig glaubten , und niemals, was andre glauben sollten . 4. Vielleicht ist dieses medizinische Gewand, in welches ich meine Moral gehüllt habe, in unsern Tagen das schicklichste, wo unsre Weltweisen zum Teil in ihren Erklärungen von den unerklärbaren Wirkungen der Seele so medizinisch, so anatomisch geworden sind, daß wohl nur noch die übrigen Jahre dieses erleuchteten Jahrhunderts verfließen müssen, um anatomische Theater für die Seelen errichtet und in den philosophischen Hörsälen Geisterskelette vorgezeigt und zergliedert zu sehn. – Möchte das gütige Schicksal mich so lange noch sehen und hören lassen, bis meine Mitbrüder zu dieser Stufe der menschlichen Weisheit hinaufgeklettert sind! und sollte ich auch nur kraftlos unten stehen und über diese erhabnen Köpfe vor Freuden klatschen oder vor Verwundrung den Kopf schütteln müssen. – Meine Leser werden es also nicht wider die Klugheit finden, wenn ich meine Moral inskünftige öftrer dieses Modekleid tragen lasse. Indessen – eben itzt fällt mir's ein – wen hätte ich unter die obigen Beispiele toleranter und ihrer eignen Schwäche sich bewußter Männer mit größerm Rechte setzen müssen als meinen Held, Tobias Knaut? zumal da er schon in seinen frühesten Jahren die rühmlichsten Beweise von dieser glücklichen und Menschen so anständigen und nützlichen Unparteilichkeit gegen seine und andrer Meinungen gegeben hat. Wenn jemand begierig ist, es zu wissen, so will ich ihm erzählen, wie er zu dieser höchsten Weisheit des Sokrates schon früher als dieser Weltweise gelangt ist. Sokrates mußte erst wer weiß wie alt werden, in einer unglücklichen Schlacht eine Probe von der Geschwindigkeit seiner Beine ablegen, als Ratsherr seiner Stadt einen starken Verweis für die Unwissenheit erdulden, die er durch die schlechte Verwaltung seines Amts bewies, das er mit so vieler Gewissenhaftigkeit und Patriotismus führte, als der elendeste, unerfahrenste Kopf seiner Zeit kaum würde getan haben; er mußte endlich – was mehr als alles dieses war! – eine Frau nehmen, um die weise Gelassenheit zu lernen, die meinem Held so wenige Beschwerlichkeiten und Anstalten kostete, daß sie ihm schon, als er noch Häuser von Leimen oder ähnlichen Materialien baute, den Bänken in seines Vaters Hörsaale predigte und, mit einem Worte, kaum denken und noch nicht reden konnte, in einem größern Maße eigen war als vielleicht dem Sokrates nach einer zehnjährigen Galeerensklaverei unter der Aufsicht der Xantippe. Doch genossen beide darinnen ein gleiches Glück, daß sie von gleichen Lehrmeisterinnen und nach einer gleichen Methode in ihrer Weisheit unterrichtet wurden; denn die Natur oder das Schicksal oder wie man es nennen will, weiß geschickter als der erfindungsreichste theatralische Kopf schon in den ersten Szenen des Lebens Situationen vorzubereiten, Charaktere anzulegen und die sämtlichen Vorschriften des Aristoteles, Batteux und aller andern despotischen Kunstrichter genauer zu beobachten als kein französischer Schriftsteller und, was das wichtigste ist, eine natürlichere und mehr zusammenhängende Komödie oder Tragödie hervorzubringen als der treueste Untertan jener strengen Gesetzgeber. Schon als Embryo empfing Tobias Knaut ein reichliches Maß von dem kalten, langsam fließenden Blute seines Vaters in seine Adern und einen gleich starken Überfluß wässeriger Teile in alle seine Säfte; und weil diese glückliche Mischung in seinem Vater nicht entstanden, sondern seit seinem achten Ureltervater, in aufsteigender Zahl, die Wirkungen davon verspüret worden waren und dieser, wie alle geschickte Ärzte seiner Zeit vermuteten, sie dem häufigen Genüsse des Wassers in einem zehnjährigen Gefängnisse vornehmlich zu verdanken hatte, so kann sich gewiß keine Familie, und wenn sie auch ihre Vorfahren vom Inachus an zu berechnen wüßte, einer Familientugend mit so vielen Ahnen rühmen als die knautische. Mögen doch immer viele große Häuser die Tapferkeit, und was weiß ich mehr? so gut als Sporn und Degen unter ihre Erbschaftsstücke rechnen und vielleicht gar sich einbilden, daß ein jeder aus ihnen ein eignes Sensorium, einen sechsten Sinn oder so etwas für ihre Familientugend erb- und eigentümlich von der Natur bekommen habe: es sind doch an jeder einzelnen Person eines so tugendhaften Hauses meistenteils so viele Abweichungen und Unterschiede, daß man kaum auf die Gedanken gekommen sein würde, eine solche allgemein angeerbte Vollkommenheit zu vermuten, wenn nicht Geschichtschreiber, Dichter, Lobredner es als einen Glaubensartikel anzunehmen geböten. Bei einer jeden Person wird diese göttliche Begeistrung, dies himmlische Feuer, oder wie es sonst noch heißen mag, bei ganz verschiednen und einander oft so entgegengesetzten Gegenständen in Flammen gesetzt, daß einige Leute, die ihr Vergnügen an Einwürfen finden, sich unterstanden haben, die sukzessive Mitteilung desselben mit einer freigeisterischen Verwegenheit ganz zu leugnen, gerade als wenn ein Feuer kein Feuer bliebe, wenn es bald mit Kiefern, bald mit Tannen, bald mit Eichenholze usw. unterhalten würde. Sylvestern fahren die Lebensgeister in völligem Galopp durch Arm und Beine, wenn er einen Hasen erblickt. – Karl gerät in Konvulsion, wenn er den Spieltisch kommen sieht. – Bei Wilhelm hat das Familienfeuer seinen Sitz im rechten Arme und läßt die Rücken der Dragoner die schmerzhaftesten Beweise von seiner Wirklichkeit empfinden, die diese armen Leute doch niemals geleugnet haben. – Bei Felix lodert es in hellen Flammen aus Augen, Mund, Nase und * hervor; der gute Mensch wird gewiß noch ein Märtyrer seiner Familientugend werden, und alle diese gewaltsamen Wirkungen entstehen – bei dem Anblick eines schönen Mädchens. – In Traugott und Ehrenfrieden äußert sich es auf eine beinahe gleiche Art, nämlich bei beiden an animalibus: Jener prügelt seine Bauern lahm, und dieser reitet seine Pferde tot. – Unter den vier übrigen, die ich bloß aus Liebe zur Wahrheit, aber sehr ungern, anführe, weil sie meinen Satz zu widerlegen scheinen, ist eine völlige Gleichheit; sie scheinen die Missionaren ihres Familiengeistes zu sein, denn alle sind gleich unermüdet beschäftigt, ihn in unendlichen Strömen über das sogenannte schöne Geschlecht ausfließen zu lassen, und sie tun ihre Pflicht mit einem brünstigern Eifer als jemals ein Missionar der Jesuiten in China oder Paraguay. Alle diese Helden sind von einem Geschlechte, leibliche Brüder, von einem Geiste beseelt, und doch einander wie ungleich in den Äußerungen ihrer Familientugend! Glückliche Familie der Knaute! Muster der Familientugend! In dir waren Vater und Sohn, Vetter und Muhmen in allen lateralen und kollateralen Linien, ascendendo und descendendo, von dem achten Ureltervater an bis auf meinen Helden von einer so völligen, ununterbrochnen Gleichheit, so gleich, ut – ovum ovo – ach, viel zu wenig! –; so gleich, daß eine Person völlig die andre war; so gleich, als wenn sie von einem Meister, in einer Form, von einem Metalle, zu einer Zeit gegossen wären; so gleich, daß ein Vater von mehrern Kindern sie brandmarken mußte, um sie unterscheiden zu können, und oft zween Brüder ihre Kinder wirklich verwechselten, ohne mehr von ihrem väterlichen Instinkte belehrt zu werden als Julius Romanus, da er die Arbeit Eine Kopie eines Gemäldes vom Raphael, in dem Jul. Roman, die Draperie gemalt hatte. eines Fremden für seine ansah und diesem sein väterliches Recht geraubt hätte, wäre er von ihm nicht sichtbar überführet worden, daß das Kind seinen Namen führte; so gleich, daß der Sohn des verstorbnen Vaters nichts als der wiederaufgestandne Vater zu sein schien, der nach einem kurzen Spaziergange in das Gebiete des Todes zurückgekommen wäre, um unter einem andern Taufnamen durch dieses abenteuerliche Leben noch einmal durchzukriechen. Die ganze Familie war ein Körper, in dessen Gliedern die vollkommne Übereinstimmung herrschte, die der alte Maenius Agrippa seiner uneinigen Republik anpries; alle waren gleich untätig, gleich unempfindlich. Freilich hätte der Magen zuweilen sich beschweren können, daß Hände und Füße ihn nicht so bedienten, als er wünschte; hingegen wurde aber auch, wie vielen Familienkörpern widerfährt, der Kopf niemals schwindlicht. Viel zu verdauen hatte der Magen der Familie nicht, das ist wahr; denn Armut ist so gut der beständige Anteil der Knaute als ehemals der Kurier, der Kamiller und andrer natürlichen Philosophen, gewesen; ein unausbleibliches annexum ihrer Familientugend war es – aber, meine Leser werden sich zu entsinnen wissen, aus einem überladnen Magen steigen böse Dünste auf und machen die Atmosphäre im Kopfe so düster, so schwer, als die Seite der Welt – quod nebulae malusque Jupiter urget. Aus einer solchen Schwere der Luft im Kopfe entstehen Wirbelwinde, Stürme und andre dergleichen schädliche Wirkungen. – Was für ein Lärm, Getöse und Gepolter mag das in dem armen Kopfe sein! – Und was kann endlich anders daraus erfolgen, als daß man taumelt und – fällt. So sind schon eine Menge reicher und großer Familien gestürzt und haben sich den Kopf zerschmettert; oder zuweilen ist er ihnen, ehe sie noch fallen konnten, von der Gewalt der innerlichen Stürme wie durch ein Erdbeben zerrissen und zerplatzt; und eben dadurch, daß die Familie meines Helden wegen ihrer Armut keine solche innerlichen Erschütterungen auszustehn hatte, sondern in allen ihren Köpfen die glücklichste Windstille herrschte, eben dadurch konnte sie sich von dem zwölften Jahrhunderte an in einem unaufhörlich blühenden Zustande erhalten. Die Tugend unsers Knauts ist also eine Tugend von guter Familie, und ich bin fest überzeugt, daß nach der genealogischen und heraldischen Logik keine einzige Einwendung wider ihr Altertum und die Anzahl ihrer Ahnen gemacht werden kann. 5. Wie lehrreich für das Publikum würde es sein, wenn ein so großer Geist wie Siebmacher – oder wenn er auch, beiläufig gesagt, noch größer wäre – statt einer Wappensammlung eine Sammlung der Familientugenden veranstaltete! wenn er bis zu ihrem ersten Ursprunge hinaufstiege, die verschiedenen Veränderungen, die sie auf ihrer Wanderung durch so viele Körper – oder Seelen, wie man will – erlitten hat, erzählte; und alsdann müßte man doch ohne Kopf geboren sein, wenn man über die gegenwärtig sonderbaren Erscheinungen, die sich an manchen menschlichen Maschinen äußern, erstaunen oder sich im geringsten nur verwundern wollte. Warum Eugenius den ganzen Teil des Tages, den ihm der Schlaf übrigläßt, nichts tun kann als sich füttern? Warum er, ehe noch ein gemeiner Magen das genoßne kaum zu verdauen angefangen hätte, schon wieder hungert und also die abwechselnde Beschäftigung des Essens und der Verdauung sein ganzes tägliches Leben allen andern menschlichen Verrichtungen wegnimmt? – Was zu verwundern? Der große Stifter seiner Familie, Adelbertus, der Dicke, hat von dem Mäusegifte gegessen, das der griechische Kaiser – wenn doch keine Namen in der Welt wären! Sie sind nur eine Folter für das Gedächtnis, und wenn man sie braucht, so sind sie niemals bei der Hand –, also, das der griechische Kaiser N. im Jahre N. bei einem Kreuzzuge durch seine Länder unter das Mehl mischte, womit er seine lieben Nebenchristen aus dem Okzident bewirtete. Die davon starben, litten weiter keinen Schaden; allein, die davonkamen, waren desto schlimmer daran. Das Gift brachte in allen ihren Säften eine solche Schärfe hervor und zog besonders in den Magendrüsen eine solche beißende Feuchtigkeit zusammen, daß die armen Leute schon verdauten, sobald nur der Bissen hinuntergeschluckt war. Unter diesen Unglücklichen befand sich der obgenannte glorreiche Adelbert, der durch diesen unmenschlichen Streich des Kaisers so sehr litt, daß er, um sich nur des Hungers zu erwehren, täglich dreißig Pfund Speise zu sich nehmen mußte, da ihm in seinem vorigen natürlichen Zustande die Hälfte zureichend gewesen war; und demungeachtet wurde er nicht eher satt als nach seinem Tode. Seinem Sohne, den er nach seiner Rückkunft von diesem blutigen Feldzuge modo legitimo zeugte, wurde durch die Zeugung die ganze Anlage des väterlichen Magens nebst allen scharfen und beißenden Säften desselben mitgeteilt; diese Anlage nebst allem Zubehör pflanzte sich von Sohn zu Sohne fort, und immer hing sich bei jedem neuen Transporte eine Vermehrung an wie an einem Schneeballen, der im Schnee fortgewälzt wird, bis endlich die Werkzeuge der Verdauung und die dazugehörigen Säfte denjenigen Grad der Vollkommenheit erreichten, zu welchem sie in der Person des Eugenius gelangt sind. Warum Amasius alles in der Welt tun kann, essen, trinken, schlafen, h++, liegen, stehen, gehen, etc. etc., genug alles, was menschliche Gliedmaßen verrichten können, nur nicht – denken? Warum ihm der Kopf wehe tut, sobald er nur ein Buch sieht, wenn es auch ein Gesangbuch wäre? – Und das ist ein Wunder? Empfing nicht einer seiner größten Vorfahren, der tapfre Hollfried, zu Anfange des fünfzehnten Jahrhunderts nach dem Turnierspiele von dem Meistersänger Othobald einen gewaltsamen Stoß auf das Hinterteil des Hauptes mit dem Siegesliede, das ihm dieser in einem saubern schweinsledernen Bande zum Glückwunsche überreichte und wofür er aus Verachtung gegen die göttliche Dichtkunst nur die Hälfte des gewöhnlichen Preises geben wollte? Der verachtete Dichter geriet in eine poetische Wut, rief die sämtlichen Truppen des Apolls zu Hülfe und schlug seinen geizigen Held gerade auf den Ort, unter welchem das Gehirnmark liegt. Das Siegeslied war ungeheuer dick, der Schlag heftig, und eine Nerve im Gehirne zersprang; die Lebensgeister liefen heraus und ließen ihr altes Bette ganz leer. In seinen Nachkommen traten sie noch mehr über ihre Ufer, bis endlich im Amasius alle Dämme durchrissen, die Überschwemmung allgemein wurde und zuletzt ein völliger Abfluß derselben aus dem Kopfe erfolgte. Wenn man überdies bedenkt, daß bei dem außerordentlichen Anstoße des Gedichts an den Kopf etliche von den poetischen Gedanken aus dem Buche herausgefahren und, durch welchen Weg es auch immer geschehen sein mag, vielleicht in den Kopf des Hollfrieds geschlichen sind – denn poetische Gedanken sind feiner als Geruchstäubchen, feiner als ein Atom –, wer kann sich nun nicht völlige Ursache von dem Verhalten des Amasius geben? Diese fremden Gäste verursachten eine große Gärung in den Lebensgeistern, und vermöge der bekannten Assoziation der Ideen erfolgt in allen Nachkommen des Hollfrieds bei dem Anblick eines jeden Buchs diese Gärung von neuem und macht die guten Leute schwindlicht. So viel Licht könnte eine solche Sammlung über die moralische Geschichte unsrer Zeit verbreiten; freilich gehörte ein übermäßiger Fleiß, eine unumschränkte Geduld und oft ein mikroskopisches Auge zu einem solchen Sammler; indessen, wenn man meinen Landsleuten, den Herren Deutschen, das letztere erlassen wollte – welches aber auch alle unsre Nachbarn nicht gern sich würden zumuten lassen –, so würde keine Nation, außer der unsrigen, in der Welt sein, von der man mit besserm Erfolge dieses Werk zustande gebracht sehen könnte. Ließen meine Landsleute nach so vieler Ehre, die sie unsrer Nation schon erworben haben, mich – minimam partem nationis in jedem Verstande – das Glück und zwar noch vor der Vollendung dieser Geschichte erleben, unter dem Artikel Knaut die ganze umständliche Deduktion von der Familientugend meines Helden zu erblicken – was täte ich denn für Freuden? – was denn nun geschwind? – Ja, dieses Dintenfaß, woraus auf dieses Blatt In kleinen Bächelchen sich Scherz und Ernst ergießen, Dem mit der Bitte stets sich meine Feder naht: Laß weisen Unterricht durch meinen Schnabel fließen! Für Narren bessernden Spott, für Weise lächelnden Scherz! Für den, der mich regiert, Unsterblichkeit! Dies Dintenfaß sei dann – Entzücken fühlt mein Herz! – Den Musen insgesamt zum Nachttopf dankbar geweiht. Und meinem Satyr sei dann dieser Kiel geweiht, Der Stolz der weisesten, der Schmuck der schönsten Gans Im schönsten Flügel einst. – Mit ernster Gravität Und schwerem Gang schritt sie, des Dorfes schönste Gans, So stolz ein Philosoph, gemästet mit Weisheit, kaum geht. An jedem Tag bewundert daher: Die Kirmse kam, es kam, ich weiß nicht, wer? Gevatter Just, Gevatter Hans, Man schlachtete, man aß des Dorfes schönste Gans. Aus ihrem Fittich ward denn diese Feder gerissen, Am Feuer gehärtet, geschnitzt mit dem Stahl Für meine Grillen zu einem Kanal, Und könnt' ich sie auch kaum noch missen, Doch sei sie meinem Satyr geweiht, Sobald uns solch ein Werk des deutschen Fleißes erfreut! Sie mag, wenn ihm mit dem Kopf ein schüchternes Nymphchen erschienen Und er am Wasser laurt, in seinem Herzeleid Dem armen Kauz zum Mückenwedel dienen. 6. Ja, im völligen Ernst tue ich dieses Gelübde. Wenn mir nur auch die Natur ein so kaltes, ruhiges Blut wie meinem Helden verliehen hätte, um die Erfüllung meines Wunsches gelassen abwarten zu können! Zwar in meinem Helden hatte die knautische Familientugend schon durch eine fremde Vermischung gelitten, und sein ältrer Bruder Melchior war der letzte aus seinem Stamme, der sie unverfälscht besaß, und folglich war das Ende seines Lebens das Ende dieser so merkwürdigen Familie, und die zahlreiche Nachkommenschaft von ihm und den übrigen Brüdern kann nicht dazu gerechnet werden, weil sie das Gepräge derselben nicht an sich haben, ebensowenig als ein silberner Pfennig unter die Groschen gehört, wenn er auch gleich die Größe dazu hätte. Bei unserm Tobias mochten sich etliche Tropfen von dem mütterlichen Blute in die Adern geschlichen haben, und wenn diese aus dem Herze in die große Pulsader übergehen sollten, so drängten sie sich so hastig durch, daß eine unordentliche Erschütterung in der ganzen Maschine entstand, und alsdann war er kein Knaut mehr. Inzwischen hielt ihn seine kluge Mutter durch ihre Erziehung wieder schadlos: Durch einen despotischen Schlag drückte sie dergleichen Bewegungen sogleich nieder und hätte dadurch beinahe wider ihren Willen einen wirklichen Knaut aus ihm gemacht. Was machst du schon wieder? Bist du nicht ein – ? Hast du keine Ehre im Leibe? Willst du schweigen? Willst du gehen? Bist du nicht so ein – wie dein Vater? Soll ich dich schlagen, daß du – und noch dreiundneunzig andre Fragen – ich möchte mich außer Atem schreiben, wenn ich sie alle hersagen wollte, welche, mit obigen zusammengerechnet, hundert ausmachen, geradesoviel, als eine weibliche Lunge in einem Atemzuge tun kann – alle diese hundert Fragen stürmten oft auf einmal wie ein Kartätschenschuß auf den armen Jungen los. Ein Doktor, der durch alle Stufen richtig auf den Parnaß hinangestiegen ist und bei jedem Schlagbaume sein Wegegeld richtig abgegeben hat, würde bei einer solchen Menge Fragen verwirrt geworden sein, gestottert, gehustet und sich geräuspert haben, ob er gleich sonst jede Frage, die sich warum anfängt – die schwersten unter allen! –, entscheidend und ohne Anstoß wie ein fleißiger Katechismusschüler zu beantworten weiß. Kein Wunder also, daß in dem Kopf des armen Tobias die Lebensgeister so ängstlich untereinander liefen, Treppe auf, Treppe nieder, rechts und links, die Kreuz und die Quere, übereinander wegstolperten, sich in Winkel verkrochen – kurz, daß es in seinem Kopfe so zuging wie in einem Hause, wo sich die Frau während der Abwesenheit ihres sparsamen Ehegemahls mit ihrem Kammermädchen oder andern Lieblingen ein kleines Fest veranstaltet hat und durch sein fürchterliches Klopfen an die Haustüre in ihrer Freude gestört wird. Wirklich konnte auch der gute Bube bei einem solchen innerlichen Lärme und aus großer Bemühung, alle Fragen auf einmal zu beantworten, gar keine beantworten, sondern blieb, wenn er mit verwirrtem Gesichte seine Examinantin eine Zeitlang angestaunt hatte, sprachlos stehen oder fuhr in seiner vorhabenden Beschäftigung ungehindert fort, bis ihre Hände durch einige Hiebe ihm das fernere Nachdenken über den Sinn ihrer Fragen ersparten und seine ganze Person an einen andern Ort durch einen Stoß versetzten. 7. Am öftersten ereigneten sich dergleichen Auftritte im Geschmacke des italienischen Theaters, bei Gelegenheit seiner Lieblingszeitvertreibe. Es gibt Meinungen, die, wie das Geld aus einer Hand in die andre, aus einem Kopf in den andern gehen, ebenso wie das Geld bald beinahe vollwichtig, bald einen Gran oder mehr zu leicht sind, in und außer Kurs gesetzt werden und bei jedem Besitzer unterwegs durch etwas Schmutz zuweilen mehr oder weniger unscheinbar gemacht werden. In dieser Nationalphilosophie – in manchen Fällen könnte sie eine Urbal-, eine Familialphilosophie, heißen – ist ein Artikel, der der Natur schuld gibt, daß sie Kinder schon das im kleinen zu verrichten antreibe, was sie als Männer zu tun bestimmt wären, und daß also das Kind das Modell von dem Manne sei. Wahres ist genug in dieser Meinung, unter gewissen Ausnahmen, wie in allen solchen allgemein angenommnen Sätzen: Sie haben ihren innerlichen Gehalt; der Philosoph muß die äußerliche Unsauberkeit, die sie verunstaltet, abwischen und sie nach dem Münzfuße probieren; zuweilen muß er mit einem feinen Stichel dem Gepräge nachhelfen oder ein paar Buchstaben gar hinzu ätzen, aber allzeit belehren, wie die Aufschrift auf beiden Seiten gelesen und verstanden werden soll. Gewiß ist es, daß die Gegenstände, an welchen wir unsre ersten Erfahrungen machen, die Art, wie sie auf uns wirken – daß die Personen, von welchen wir die ersten Elemente der Sprache und zugleich auch der menschlichen Erkenntnis lernen, ihr Betragen gegen uns und andre, sogar ihre Gebärden, ihre Mienen – daß endlich der Fluß, in welchen unsre Lebensgeister zufälligerweise durch die äußerlichen Ursachen der Luft, der Witterung usf. oder durch die innern Bewegungen der Maschine, durch die Wirkungen der Speisen in den ersten Jahren gesetzt werden – daß alle diese Umstände zusammengenommen und vielleicht noch viele andre, die ich übersehen oder die in den genannten enthalten sind und itzt nicht so umständlich auseinandergesetzt werden können – daß alle diese Umstände, sage ich, der erste Boden und folglich auch der erste Nahrungsstoff für unsern Charakter sind. Die Natur gibt den Samen zur Pflanze und streut ihn aus; unsre äußern Verhältnisse in den ersten Jahren sind der aufgeschüttete Boden, wo der Same sich zur Pflanze entwickeln – denn gekeimt hat er schon vor der Geburt – und wo die entwickelte Pflanze Wurzel fassen soll; sie sind das Vehikel der Nahrung für die Pflanze, und von dieser Nahrung hängt es zum Teil ab, ob die Pflanze enge oder weite Röhren, geschmeidige oder starre Fasern, viel oder wenig Marks haben soll. – Hernach mag andrer Boden hinzugeschüttet werden, der ganz andre Nahrungsteile enthält, die Pflanze mag in ein fremdes Klima versetzt werden; ihre Bestandteile werden freilich verändert, die alte Materie verfliegt, aber die neue setzt sich doch immer in der alten Form an, oder das ganze Gewächs erstirbt. Die ihr in der Person eines Kindes den moralischen Charakter einer ganzen Familie und also auch meistenteils ihr Schicksal in euren Händen habt und so willkürlich als der Töpfer mit seinem Tone und oft auch so verächtlich damit umgeht!, ihr Ammen, Kinderweiber, Kinderwärterinnen, Gouvernantinnen, Hofmeisterinnen – oder was für ehrwürdige Namen ihr Aufseherinnen der ersten Jugend weiter führen mögt! – und ihr Eltern, die das Schicksal arm genug sein ließ, um eure Kinder nicht durch andre, sondern durch euch selbst zu verwahrlosen!, möchtet ihr doch nur diese einzige Seite in meinem Buche lesen und sie – verstehen, so verstehen, daß ihr wenigstens die Wichtigkeit eurer Pflicht und euren Einfluß in die Wohlfahrt der Familien und des ganzen Staates lerntet! Und könntet ihr sie vollends so verstehen, daß sie euch mit einem kleinen Winke den Weg wies, alle eure Pflichten zu erkennen und auszuüben, und ihr ihn hernach selbst durch eignes Nachdenken weiter fändet – oder noch besser, wenn ich eine glückliche Methode wüßte, euch dieses Nachdenken einzupfropfen und darauf euch dieses Kapitel statt einer Magenarznei zu lesen gäbe –, ich bildete mir ein, mehr Verdienst um den Staat zu haben als Doktor Pamphilius, der auf vierzig Foliobogen die Ansprüche eines Hauses auf ein Stück Land, drei Meilen lang, zwei Meilen breit, wortreich und gründlich bewies – mehr als der gelehrte Abulfaragius, der die Leute vom Tode errettet, damit sie sich nach ihrer Genesung wundern können, daß während ihrer Krankheit die Auflagen so unmenschlich vermehrt worden sind – mehr als alle Politici, Ecclesiastici, Juridici und wie die verdienstvollen Leute der Staaten weiter heißen mögen. 8. In die Philosophie der Frau Knaut mußte auch der obige Satz aus der allgemeinen Landesphilosophie, ich weiß nicht, durch welchen Weg, gekommen sein; denn so unwillig sie auch aus andern Ursachen darüber war, so bewunderte sie doch die unglaubliche Emsigkeit, mit welcher ihr Tobias die leimerne Hinterwand der väterlichen Wohnung zerkratzte, um in einer nahgelegnen Pfütze Baumaterialien daraus zu verfertigen, und die unbeschreibliche Geduld, mit welcher er halbe Tage lang in jeder Witterung unter freiem Himmel sitzen und seinen gesammelten Vorrat zu Häusern, Kirchen und Palästen verarbeiten konnte. Ebensosehr erstaunte sie oft über den unaufhaltsamen Eifer, mit welchem er den Bänken der Schulstube predigte und, der Verfolgungen ungeachtet, die seine Predigt von ihr auszustehen hatte, als der unüberwindlichste Märtyrer in seinem Berufe fortfuhr. Sie sähe in allen diesen sonderbaren Äußerungen, die sie für Wirkungen der Natur hielt, nichts weiter, als was in dem engen Zirkel ihrer Begriffe, aber doch ganz am Ende der Peripherie lag, nämlich, daß die Natur von ihr verlange, ihren Sohn einen fetten Diener des göttlichen Worts werden zu lassen, ohngefähr wie der Herr Magister im Dorfe; die Ursache, die diese Wirkungen hervorbrachte und die eigentlich ihren Augen viel näher war, übersähe sie – ein gewöhnlicher Fehler der Sterblichen! Indessen beging die gute Frau in ihrer ganzen Auslegung keinen andern Fehler, als den alle menschliche nomina Substantiva, utriusque generis et numeri zu begehen pflegen, die ihre Weisheit aus einem Kompendium mit der Frau Knaut gelernt haben. Insgesamt deuten sie die freiwilligen Beschäftigungen der Kindheit bloß auf die Wahl der Lebensart und des Standes – der moralische Charakter – ach, wer wird sich auf den besinnen? – Der Charakter als Hofrat, als Superintendent, als Leibmedikus, dergleichen Charakter fallen einem wohl ein – insgesamt halten sie diese Äußerungen der Kindheit für Winke der Natur, die den Eltern weisen, zu welchen unter der letzten Art von Charakteren sie das Kind geführt wissen will. Das ist die Unsauberkeit, die sich während des Kurses an diese Meinung angehängt hat; dadurch sind etliche Buchstaben in der Aufschrift unleserlich und der Sinn zweideutig geworden. Wenn sich meine Leser oder Leserinnen, die ich etwa zufälligerweise haben könnte, die Mühe geben wollten, unter ihren Urteilen über ihre und ihrer Freunde junge Familie eine kleine Musterung anzustellen, so würden sie alle finden – Ausnahmen könnten wohl wider mein Wissen statthaben –, daß sie samt und sonders nach dem Muster der Frau Knaut, so gut und richtig als ihre Hauben und Schlafmützen nach dem papiernen Muster, zugeschnitten sind und daß bloß das Muster schuld daran ist, wenn sie einen Fehlschnitt getan haben. 9. Zu der Zeit, als der junge Tobias seine Gliedmaßen zu menschlichen Verrichtungen zu gebrauchen anfing und also zuweilen ein Bedürfnis, sie zu beschäftigen, fühlte, sahe sich der Patron des Kirchspiels genötigt, auf die untertänig gehorsamste und treu devoteste Vorstellung des Pfarrs, die schon bei dem Antritte seines Amtes vor sechs Jahren geschehen war, der Kirchenkasse die Erlaubnis zu geben, daß sie eine neue Pfarrwohnung bauen ließ. Der arme Mann hatte nebst seiner Familie schon manche Überschwemmung vom Regen und überhaupt die Witterungen aller vier Jahrszeiten in seiner Stube so gut ausgestanden als sein Hund vor der Tür; er hatte Husten, Gicht und die Frau Magisterin einen großen Auswuchs an dem rechten Beine durch diese unmenschliche Lebensart sich zugezogen; seine ganze Nachkommenschaft, geborne und ungeborne, geriet in Fäulnis und versprach nichts als einen elenden Haufen Krüppel, Schwindsüchtige und dergleichen. Alle die Beschwerlichkeiten des Seelsorgers und die Gefahr, ihn bei strenger Kälte, Schloßenwetter oder heftigen Regengüssen ertrinken, verhageln oder erfrieren zu sehn, waren noch keine dringenden Bewegungsgründe, den Bau zu unternehmen, wenn nicht ein wichtigrer Umstand die Beschleunigung desselben erfodert hätte. Ihre Gnaden hatten an der einen Querseite des Pfarrhauses einen vortrefflichen Schießstand; die Kugel pfiff durch zwei Buchenhecken bis an die Scheibe – o wie der Teufel! – nach Ihre Gnaden selbsteignem Ausdrucke. Der Stand selbst war ein kleines Häuschen, mit einem erträglichen Saale, aber so gebaut, daß in der daran stoßenden Stube der Pfarrwohnung im ganzen Jahre nicht mehr als am längsten Tage eine halbe Stunde Dämmerung war; welches freilich für den gegenwärtigen Bewohner kein Schaden war, weil er diesen Teil des Hauses wegen der täglich mehr und mehr drohenden Gefahr des Einsturzes gänzlich geräumt hatte und in die beßre Hälfte geflüchtet war. An der rechten Seite des Platzes, vom Schießhause aus gerechnet, erhub sich von der Hecke an ein Berg von mittelmäßiger Höhe, mit einem schattichten Birkenhaine bepflanzt, und dehnte sich an der Hinterseite der Pfarrwohnung weit über das Dorf hinaus, von dem ein Teil zerstreut auf ihm lag. Sonst rieselten etliche Quellen an seinem Fuße längst der Hecke hin, sammelten sich ein wenig über der Mitte zu einem Bächelchen, das etliche Ruten hinter der Schießmauer, wo sich der Berg in ein Tal verlor, zwei oder drei Fuß hoch murmelnd hinunterstürzte; aber weil die geschwätzige Laune der Schützen das sanfte Geräusch der Quellen überstimmte und kein einziger durch eine minutenlange Aufmerksamkeit dankbar dafür sein wollte, so wurde die Quelle unwillig und verstummte, und, was ganz natürlich daraus folgen mußte, der Bach murmelte auch nicht mehr – oder ganz prosaisch gesagt: die Quellen vertrockneten, und ich weiß nicht, warum. Sonst war der Birkenhain die Residenz aller Arten von Vögeln in dem ganzen Bezirke des Ritterguts; aber das menschenfeindliche Knallen der Büchsen und das lärmende Getöse der Gesellschaft machte sie schüchtern, und sie flohen. Von der andern Hecke an streckte sich eine unübersehliche Fläche von beblümten Wiesen hinaus, durch die ein mäßiger Fluß – der Name ist leicht in der Geographie zu finden! – sich in vielfältigen Krümmungen hindurchschlängelte. Längst der Wiese hin stund die übrige Hälfte des Dorfes, und mitten darinnen erhub sich das Schindeldach des herrschaftlichen Palastes. Schön war der Platz, und Götter würden hier bei einem Glase Nektar, nach der Scheibe zu schießen, sich nicht geschämt haben, wenn Götter Zeit hätten, nach der Scheibe zu schießen. Alles, was die Kunst daran gearbeitet hatte, schrieb sich von der Erfindungskraft und dem Fleiße des verstorbnen Herrn Pastors her, der in einer zahlreichen Gemeine, bei den beschwerlichsten Reisen auf zwei Filialdörfer, kurz, bei der arbeitvollsten Pfarre im Lande noch Zeit genug übrighatte, den ganzen Tag auf diesem geliebten Platze zuzubringen und seine unbezwingbare Neigung zum Schießen täglich an einer oder zwei Scheiben auszulassen – wohl zu merken, allzeit in Gesellschaft des gnädigen Herrn und etlicher Schmarotzer, die sich wechselweise bei dem letztern ablöseten. Niemand hatte nach seinem Tode ein größeres Recht auf diesen göttlichen Lustort, weil ihn niemand besser zu gebrauchen wußte, als der gnädige Herr; auch war er ihm wirklich in einem Testamente vermacht worden. Doch als ein Mann, der seine Rechte verstund, besann sich der benannte Erbe, daß der Herr Testator keine Gewalt gehabt hatte, einen Platz zu verschenken, der einen Teil von den zur Pfarr gehörigen Wiesen ausmachte. Aber besitzen mußte er den Platz oder doch willkürlich ihn gebrauchen können, solange er lebte. Um also seine Ehre (sein Gewissen) nicht zu beleidigen, so tat er dem neuen Pfarr bei seinem Anzuge sein Verlangen kund, den seine Ernsthaftigkeit ohnehin zu einem beschwerlichen Mitgliede der Schießgesellschaft gemacht hatte, wenn er auch der nie fehlende Apoll gewesen wäre; vergaß nicht zu bemerken, wie groß seine Liebe und Hochachtung für die Gerechtigkeit sei, daß er den ganzen Platz sehr leicht sich hätte anmaßen können, ohne daß jemand erfahren hätte, daß es ein geraubtes Kirchengut sei – gerade als wenn ein unterlaßnes Bubenstück das Lob der Tugend verdiente – und daß es endlich bloß von ihm abhänge, ob er alle Tage seines künftigen Amtes die Gnade genießen wolle, seinen gnädigen Herrn in der Nähe seines Hauses zu riechen und zu hören. Der Pfarr, ein guter, ehrlicher Mann, der so nachsichtig gegen die törichsten Bedürfnisse andrer Menschen und am meisten gegen ihre Vergnügungen war, daß er lieber bis an die Knöchel in den Kot trat, um nur den Dorfkindern ihre Drehkreuze, ihre Äugellöcher und dergleichen nicht zu zertreten – dieser gutherzige Mann machte am Ende eines jeden Perioden in der Rede des Patrons eine Verbeugung, so gut und tief sein dicker Körper es erlaubte, und freute sich sehr mit seinem ganzen Gesichte – bis ans Herz reichte die Freude über eine solche Nachbarschaft nicht –, seinem Herrn Collator schon bei dem Anfange seines Amtes einen Gefallen zu tun; dies war seine ehrliche natürliche Sprache. Aber der Herr Major – so hieß er – fand sie nicht so ganz natürlich, und Leute, die ohne Sehrohr andern ins Herz zu sehen vorgeben, wollen versichern, daß der Mangel an gehörigen wohlstilisierten Komplimenten die einzige oder doch eine mitwirkende Ursache gewesen sei, warum der Bau des Pfarrhauses, sooft man es auch versprach, so lange verschoben wurde; zum wenigsten soll diese Ursache wie ein kleiner heimtückischer Schadenfroh in einem Winkel des Herzens gelegen und alle Bewegungsgründe wider den Bau auf die entgegengesetzten losgehetzt haben. Hiezu kam noch: Die Gewissenhaftigkeit des Pfarrers konnte nicht zugeben, daß dieses eine Dienstbarkeit der Pfarrwohnung werden sollte, und verlangte eine schriftliche Versichrung darüber, die seine Nachfolger dafür sicherte. Sie wurde ihm gegeben nach vielen Versicherungen bei dem gnädigen Wort und Ehre – aber mit einem verzerrten, sauren Gesichte, und der Pfarr legte sie vergnügt in das Kirchenarchiv. Die Traktaten waren geschlossen; sechs Jahre lang hatten die Sparren und Balken des Pfarrhauses vor dem Knallen des Gewehrs und dem Lärm der hochadeligen Gesellschaft alle Tage gezittert und das ganze Gebäude in einer beständigen erdbebenmäßigen Bewegung erhalten. Für den Pfarr war die Beschwerlichkeit gering, weil ihn seine Pflicht, den größten Teil des Tages außer dem Hause zuzubringen, nötigte, und seine Familie, von der Frau bis auf das jüngste fünfvierteljährige Kind – denn in dieser Beschaffenheit erhielt er beständig seine Familie –, war von Gichtflüssen teils wirklich taub, teils auf dem Wege dazu. Nach einer so langen glücklichen Ruhe kam auf einmal einem Sud-Sudwestwinde die Lust an, bei einem Gewitter mit aufgeblasenen Backen auf den schwächsten Teil des Hauses, der von dem Berge nicht beschützt war, loszustürmen. So gebrechlich er war, so hielt er sich doch lange und tapfer; doch endlich mußte er seinem zu unverschämten Gegner weichen. Der Giebel stürzte herunter, ein Stück vom Dache hintendrein, Balken, Steine, Schindeln fuhren, wie geschwänzte Feuerdrachen, in der Luft hin; alles stürzte auf das Schießhaus, zerschmetterte das Dach, warf einen großen Teil der Decke in den Saal herunter – die Gesellschaft, die gerade sehr zahlreich war, flohe, fiel übereinander her, schrie, fluchte; einer verrenkte das Bein; einer wurde von einem Steine an der linken Schulter gequetscht, ein andrer im Herausdrängen mit dem empfindlichsten Teile des Leibes an die Türpfoste gedrückt und war in großer Gefahr, in Zukunft einem elenden Eunuchen zu gleichen; alle wurden beschädigt, doch keiner mit Lebensgefahr. Keine Marine kann einen angenehm schrecklichern Anblick darstellen als dieser Sturm auf dem festen Lande. Die gnädige Frau, die kaum vorher in ihrem Kabinett über dem Netzknüpfen mit ihrem geliebten Joli auf dem Schoße eingeschlummert war, fuhr bei dem entsetzlichen Krachen plötzlich auf, ließ ihren Joli fallen, und Joli – zerbrach ein Bein. Dieser traurige Vorfall ließ nichts als eine unangenehme dreifache Wahl übrig: Entweder mußte das Pfarrhaus neu gebaut und der Schießstand zugleich ausgebessert werden – oder jenes wurde wieder mit einem neuen Giebel ausgeflickt, und bei dem nächsten Sturmwinde mußte wieder die ganze Gesellschaft gequetscht, beschunden, gedruckt werden, Joli mußte noch ein Bein zerbrechen usw. – oder endlich mußte der Herr Major zu Hause bleiben, die Rechnungen seines Verwalters durchlesen, ein Buch zur Hand nehmen und verschiedene Sachen daraus lernen, die Ihre Gnaden Ehre gemacht hätten, denn spielen war ihm ein zu langweiliger Zeitvertreib. Von diesem dreifachen Entweder und Oder kam ihm das letzte gar nicht in den Kopf – das zweite schlug sogleich die Frau Majorin nieder – und das erste wählte der Herr Major sogleich, als ihm das erste Stück Gips von der Decke des Schießhauses auf den Kopf fiel, ohne an einen andern möglichen Fall zu denken. Das Haus wurde also gebaut, und zwar auf Unkosten der Kirche. Die Kirchenvorsteher hatten nichts als die kleine unmaßgebliche Bedenklichkeit dawider, daß die Kirche sich schon vor etlichen Jahren ganz und gar ausgegeben hätte und dahero ihr ganzes Hab und Gut gegenwärtig in nichts als einem abgerißnen silbernen großen Schloßbleche bestünde, das ehemals ihr Vermögen in einem eichnen Kasten verwahrt hätte und nunmehr in dem vernagelten Kasten selbst verwahrt würde, weil der Fall sobald nicht vorkommen möchte, daß der Kasten geöffnet zu werden brauchte und doch leicht jemand, es zu stehlen, hätte verleitet werden können. Die Bedenklichkeit war freilich ziemlich gegründet; allein der Herr Major wollte – und es geschah. Ein Kapital wurde aufgekündigt; es machten wohl verschiedene Gläubiger Ansprüche darauf und wären unverschämt genug gewesen, sich in das ganze aufgekündigte Kapital zu teilen und die Hand immer noch offen zu behalten – die Unmenschen! Konnte denn der Herr Pfarr unter freiem Himmel wohnen? War er nicht so schon elend genug geworden? Sollte denn der Herr Major in täglicher Lebensgefahr sein? Oder sollte er gar nicht schießen? Sollte Joli noch ein Bein zerbrechen? – Alle diese Gründe beherzigten zuletzt diese unbilligen Leute, nachdem sie ihnen der Herr Major sehr einleuchtend vorgestellt hatte. 10. Diesem ganzen Baue, von dem Legen des ersten Grundsteins bis auf das Einschlagen des letzten Nagels, hatte der junge Tobias so unermüdet, so aufmerksam beigewohnt, als wenn ohne seinen Beistand die Vollendung des Gebäudes sich noch Jahrhunderte verzögern würde; und er konnte um soviel leichter diese freiwillige Arbeit über sich nehmen, da er schon frühzeitig das Leere und Eitle der menschlichen Wissenschaften in einem so vorzüglichen Grade kannte, daß er sogar die Buchstaben, weil sie Elemente der Wissenschaft sind, nicht zu lernen würdigte und also nichts bessers zu tun wußte. In drei Vierteljahren war der Bau geendet und folglich auch diese Gelegenheit vorüber, seine Nerven in Wirksamkeit zu setzen – denn einmal ist es nun nicht anders; solange wir Menschen sind, so fühlen wir ein unvermeidliches Verlangen darnach. Unsre Lebensgeister laufen auf und nieder wie ein geschäftiges Mädchen, das nichts zu tun hat – und wenn sie auch so dick wie meine Dinte und ihre Kanäle nicht elastischer als Eichenholz wären, sie ruhen doch nicht eher, als bis ihr ihnen etwas zu tun gebt, und solltet ihr auch nur Papierchen drehen oder Fliegen an einen hölzernen Griffel spießen oder ein Drehkreuzchen auf dem Tische herumlaufen lassen – Beschäftigungen, die kaiserliche Majestäten in Rom ihrer nicht unwürdig achteten. – Ebendiese Notwendigkeit brachte meinen Helden auf den Einfall, einen neuen Bau nach seinem eignen Plane anzufangen und darinne so lange fortzufahren, als seine Laune diese Beschäftigung unterhaltend finden würde. War diese Laune vorüber – und das mußte doch bei einem menschlichen Körper selbst von der knautischen Komplexion wenigstens zweimal in einem Tage sich zutragen –, was nun zu tun? Alle Begriffe, womit die Sinne seine Einbildungskraft versorgt hatten, waren innerhalb des Distriktes aufgelesen worden, worauf die Kirche, die neuerbaute Pfarrwohnung und das Schulhaus stunden. Unter allen diesen Vorstellungen hatte ihn keine so lebhaft gerührt als der Pfarr auf der Kanzel, wie er mit offnem Munde und mit hin und her sich bewegenden Händen, mit herumflatternden Ärmeln, undantibus manicis, und dem übrigen geistlichen Ornate auf die Zuhörer keuchend herabschreit. Da er zum ersten Male seiner Baumeisterrolle überdrüssig geworden war, siehe da! – ein Pfarr mit einer gepuderten Parücke, auf der Kanzel predigend, trat in dem Guckkasten seiner Einbildungskraft hervor, und der Maurer mit dem Schurzfelle nebst den Häusern, die vorher da gewesen waren, verschwanden. – Warum aber gerade der Pfarr? nach dem Maurer? – das weiß ich euch ebensowenig zu sagen, ihr lieben Leute, als warum ihr in der Karte spielt, wenn ihr Kegel zu schieben aufgehört, oder warum ihr an den Tambourrahmen geht, wenn ihr das Filet weggelegt habt; ebensowenig, als warum ihr auf dem Braunen reitet, wenn ihr von dem Schimmel gestiegen seid. – In Tobias' Guckkasten konnte ebensogut der Vater, wie er seine Schulkinder prügelt, hervortreten, oder die Mutter, wie sie die Kuh melkt, oder – wie viele Oder sind noch möglich! Der Pfarr kam nun – was kann ich dafür? – und kam allzeit, sooft der Maurer wegging. 11. Um diese Erklärung zu finden, brauchte man kein einziges Werkchen de regulis interpretandi gelesen zu haben; wenigstens konnte sie doch in der Gestalt in dem Verstande der Frau Knaut hervortreten: Tobias hat bauen sehn, und weil er gern einen Zeitvertreib haben will, so tut er's nach, weil er den Pfarr hat predigen sehn, so tut er's aus dem nämlichen Grunde nach. – Das bloße Faktum und eine gewöhnliche Dosis gemeinen Menschenverstand – und die Erklärung ist da! Aber die Seelen, die in Menschenköpfen wohnen, gehen nun nicht allezeit den geradesten Weg. – Frau Knaut! der grüne Rock hängt ja hier vor der Nase! der ist ja gut genug! – Aber nein, lieber langt sie über den ganzen Kleiderschrank hin und holt den braunen; und warum denn? – Je, wer wird denn heute einen grünen Rock anziehn? Geradeso und nicht anders kam die Frau Knaut dazu, daß sie, um sich die Zeitvertreibe ihres Sohns zu erklären, die Natur herholte. – Je, wer wird ihm denn die Lust dazu gegeben haben außer der Natur? – Die gute Großmutter Natur! Was für wunderliches Zeug werden die Menschen nicht endlich ihren alten Schultern zu tragen geben! Die Menschen begehen Torheiten über Torheiten, und wie die Schulknaben, wenn der Präzeptor fragt: wer hat's getan? – einer wälzt die Schuld auf den andern, bis sie zuletzt auf einem armen, unschuldigen Abwesenden liegenbleibt –, so lassen wir die Natur die Schuld aller unsrer Fehltritte tragen, weil sie sich nicht so gut verantworten kann als wir. Eudox küßt alle Mädchen, greift ihnen an das Knie, und wenn sich gar eine von seinen kleinen Händen in einen Busen hineinstehlen kann, so grinst der kleine Bube wie ein Tiger vor Freuden. – Ein schnakischer Junge! sagt die Frau Mutter. Ja, wie doch die Natur ihre Gaben wunderlich austeilt! Eudoxen trägt sein Naturell dahin, sich bei dem Frauenzimmer beliebt zu machen. Er wird einmal in Assembleen und auf Bällen ein unentbehrlicher Mensch werden. Hingegen Friedrich – ist ein stiller, gesitteter Knabe, fleißig, ordentlich, zwar etwas schläfrig. – O unerträglich! Weiter kann er nichts tun als studieren und einmal ein Amt zu bekommen suchen, wo er seine Person nicht sehr zu zeigen braucht. Soviel Ehre wird er unserm Hause nicht machen als Eudox; er hat nun einmal das Naturell nicht dazu. Heißt das etwas anders, als die Natur machte Eudoxen zu einem Gecken und Friedrichen zu einem klugen Manne? – Aber wenn hatte denn die Natur ihr geheimes Tagebuch verloren? und wenn haben es denn Ihre Gnaden gefunden? – Denn anderswoher konnten Sie wohl diese Absichten der Natur nicht so entscheidend vorzutragen wissen. Würde Eudox wohl auf den Einfall gekommen sein, wie ein kleiner Habicht auf den Busen und den Schoß der Mädchen loszuschießen, wenn er nicht seinen würdigen Herrn Vater soviel galante Komödien hätte spielen sehn, so viele galante Unternehmungen seines vergangnen Lebens hätte erzählen hören? Konnten bei Eudoxen nach einem solchen Beispiele, mit einer solchen Anlage zum Witz und bei dem täglichen Anhören verliebter Ideen, mußten nicht unvermeidlich solche Verbindungen und Assoziationen der Ideen in seinem Kopfe entstehen, die seinen lebhaften Körper so erstaunende Proben von seiner künftigen Größe ablegen ließen? Konnte er bei dem Beifalle, den die gnädige Mama ihm nach jedem seiner verliebten Kinderstreiche zuklatschte, jeden derselben für etwas anders als einen Beweis einer Vollkommenheit und eines Vorzuges vor den übrigen ihm bekannten Menschenkindern ansehen? Würde Friedrich wohl der langsame, schläfrige Knabe geworden sein, wenn man ihn nicht von aller Gesellschaft hinweg auf die Stube seines melancholischen Hofmeisters relegiert hätte? wenn man nicht jedes seiner Worte durch verachtende Unachtsamkeit erstickt und mit lautem Gelächter jedem, auch dem unbesonnensten Einfalle des Bruders hervorgeholfen hätte? – Hatte die Natur, da sie dem einen elastische Nerven, rasche Lebensgeister und flüchtige Teile in seine Säfte gab, eine weitre Absicht, als daß er zu den Verrichtungen des menschlichen Lebens geschickt sein sollte, die eine plötzliche Entschließung, schnelle Ausführung und einen gewissen Grad von Verwegenheit verlangen? Da sie dem andern Bindfaden statt der Nerven, Lebensgeister, die nicht anders als im Schritte gehen konnten, und dicke Säfte gab, was wollte sie mehr, als ihn zu einem Manne bestimmen, der durch Behutsamkeit, Überlegung, Ernsthaftigkeit sich um die langsamem Geschäfte des Lebens verdient machen sollte? 12. Glaubt mir, ihr lieben Eltern, ihr seid die Eltern eurer Kinder in jedem Verstande: Eltern ihres Körpers – Eltern ihres Charakters, ihres Glücks. Nur noch ein klein wenig Geduld, meine lieben Leser, wenn ich bitten darf! In etlichen Minuten haben meine Lebensgeister den moralischen Kanal durchlaufen, und alsdenn will ich gleich wieder etwas erzählen, um den allmählich heranschleichenden Schlummer zu verjagen – oder noch besser! ich will Sie schon aufwecken, wenn es Zeit ist. Eure Reden und Handlungen, ihr Eltern und die ihr nebst diesen die erste Gesellschaft ihrer Kinder seid, machen sie zu Bösewichtern und zu rechtschaffnen Männern; die Natur gibt euch in eurem Kinde nichts als einen Guckkasten oder eine Zauberlaterne mit weniger oder mehr gut geschliffnen Gläsern und einer halb angezündeten Lampe, weiter nichts! Ihr müßt Öl zuschütten; ihr müßt Bilder hinter die Gläser stellen. Kann der Mechanikus dazu, wenn ihr ein beschmiertes oder gar ein leeres Blatt dahinterstellt oder die Lampe dunkel brennen laßt? – Hütet euch also – – – Nun waren sie durch! Ich wäre selber so froh, als es meine Leser nur immer sein könnten, wenn die Erzählungskanäle in meinem Kopfe häufiger oder doch wenigstens länger wären; aber so sind die Lebensgeister kaum darinnen – husch! sind sie wieder heraus und gleich in eine moralische Röhre hinein – und nun könnte ein Schiff durch den königlichen Kanal in Languedoc gehen, in Toulouse seinen Zoll bezahlen, die Garonne durchlaufen, bei Bordeaux seine Schiffsfahrer aussteigen und sich ihren übelverdauenden Magen mit so vielen Flaschen, als sie bezahlen können, kurieren lassen und wohl gar noch ins abendländische Meer hinausfahren, ehe meine Lebensgeister mit ihrem Wege durch den moralischen Kanal fertig sind. Aber was ist zu tun? Ich werde ein paar Röhren zustopfen müssen, wenn ich nicht will, daß sich meine Leser die Köpfe schwindlicht schlafen. 13. Aufgewacht meine Herren und Damen! – ich hab's wohl gedacht; was kann ich dafür, daß Sie nicht zeitiger zu schlafen angefangen haben? Sie werden sich zu entsinnen wissen, daß ich in dem – gern zitiere ich zwar nicht, aber weil Sie geschlafen haben, so ist es doch nicht zu verlangen –, daß ich in dem – sechsten Absatze gegen das Ende und – im siebenten zu Anfange gemeldet habe, wie wenig die Frau Knaut die ersten natürlichen Regungen von dem doppelten Berufe ihres Sohns begünstigte. Warum? das wird sich gleich offenbaren. Wie in Staaten, so in kleinen Familien, und wie in kleinen Familien, so in Staaten. Wie mancher ehrliche General mußte Kränkungen und Verdrießlichkeiten erdulden, weil er von seinen zum besten seines Fürsten geführten Kriegen erzählte, wenn Ihre Majestät, die Frau ++, neugierig waren, die Beschreibung der neuangekommenen Palatine von der gegenüber sitzenden Dame zu hören, und vor dem unhöflichen Manne nicht zum Worte kommen konnte! – Mußte nicht Saboutier vor Ärgernis sterben, weil er die Ehre des hohen Geburtsfestes beleidigt und in einem schlechten Tuchkleide erschienen war, als jedermann soviel Gold und Seide trug, als er selbst wog? Tausend dergleichen Beispiele könnten einem ehrlichen Manne beifallen, wo in verfloßnen Zeiten Leute – elevés au rang des Dieux – in dem goldgestickten Schleppkleide nicht anders und aus keinen andern Gründen handelten als Frau Knaut, die Schulmeisterin, im kamlottnen Unterrocke. Recht hatte sie allerdings, wenn sie ungehalten war, daß der Naturtrieb ihres Tobias in so schmutzigen Materialien arbeitete und daher die Reinlichkeit der Kleidung nicht sehr befördern konnte. – »Wie du aussiehst, da –? Glaubst du, daß die Kleider vom Himmel fallen?« etc. etc. Tobias, ohne im geringsten den Beweis seines Unrechtes abzuwarten, schleppte seine Figur mit der gewöhnlichen Langsamkeit in die Stube, legte ernsthaft, wie ein Prälat, seinen ganzen Ornat ab, der meistenteils mit so vielerlei Erdarten bekleckt war, daß sich zu seiner Erläuterung ein ganzer Quartband amoenitatum physicarum oder curiositatum physico-oeconomicarum oder auch Selectorum ex historia naturali mit einem großen Titelkupfer in Imperialfolio, den Ornat meines Helden vorstellend, hätte drucken lassen; und alsdann ging er im bloßen Hemde, in puris naturalibus, ebenso langsam zu seiner Berufsarbeit zurück, als er sie verlassen hatte. »Tobias, hast du denn keine Ehre im Leibe? Vergißt du denn ganz, wer deine Mutter und dein Vater ist? Willst du –« etc. etc. Nun stand also der arme Junge zwischen Ökonomie und Ehre eingeklemmt da und wußte nicht, wie er herauskommen sollte, und noch viel weniger, wie er hineingekommen war. Mitleidig sahe er seine unbarmherzige Mutter die schönen Schlösser, die ihn mehr Arbeit und Schweiß gekostet hatten als den ägyptischen Königen ihre Pyramiden, mit Sturm erobern, zerstören und in den elenden Leimhaufen verwandeln, aus dem sie entstanden waren. Ohne Waffen, im bloßen Hemde, wie konnte er da seine Festungen wider einen so erbitterten Feind verteidigen? Geduldig – denn Ungeduld oder Widersetzlichkeit, dachte der philosophische Tobias, baut meine Schlösser doch nicht wieder auf– ein weiser Gedanke! –, geduldig ging er, legte seinen getrockneten Ornat wieder an und – predigte. Zuweilen strömte seine Beredsamkeit, gleich der Beredsamkeit des Ulysses, Wenn die mächtige Stimm aus der Brust gewaltig hervorbrach, Und die Worte sich stark, wie ein Winterregen, ergossen und zwar ungehindert fort; doch zuweilen wurde ihr Fluß plötzlich, wenn er im besten Laufe war, gehemmt. Wer hätte glauben sollen, daß ein Gegenstrom, der eigentlich, zwanzig Schritte von ihm, in der Küche sich ergoß, bis in die Schulstube auf ihn wirken könnte? – So entfernt können Ursachen ihre Wirkungen hervorbringen! Mittags und abends, wenn in den Magen der Hunger und auf dem Herde das Wasser zu poltern anfing, versammelte sich auf dieses Signal das Parlement des Dorfs in der Küche der Frau Knaut. Die Mitglieder desselben waren die Frau Knaut, als Sprecherin eine alte Frau, die, eigentlich zu reden, weder die Besoldung noch den Titel einer Magd bei der Frau Schulmeisterin hatte, sondern für eine Erkenntlichkeit die schmutzigen Verrichtungen, die für ihren Stand zu niedrig waren, über sich nehmen mußte und, die Nachricht vollständig zu machen, von ihrer Mutter den Namen Anne Heimberten empfangen hatte; denn, soviel man wußte, war sie ohne Vater Anne Heimberten geworden. Meistenteils, wenigstens doch einmal des Tags, kam auch die Frau Pastorin herbeigehinkt – das werden ihr meine Leser nicht übelnehmen, wenn sie sich an den großen Schwamm erinnern, der ihr, bei der beständigen feuchten Witterung ihres alten Wohnhauses, aus dem rechten Beine gewachsen war. – Das vierte Mitglied war die Kammerjungfer der gnädigen Frau, die aber sehr oft, wenn ihre Gebieterin zu lange geschlafen hatte oder die Morgenandacht bei dem Putztische zu lange dauerte, in eigner Person nicht erscheinen konnte; doch bei wichtigen Angelegenheiten tat die dicke Hanne, die Hausmagd, als ihre freiwillige Agentin statt ihrer den Vortrag. Ohne Ausschreibungsbrief und andre dergleichen vorgängige Zeremonien versammelte sich dieses weibliche Staatskollegium, bloß nach einen gewissen innerlichen natürlichen Zuge, so regelmäßig als kein einziges männliches Parlement in Frankreich und in England. Jedes unter den Mitgliedern hatte sein eignes Fach, nämlich jedes tat den Vortrag über solche Vorfälle, wovon es nach seinen Umständen die zuverlässigsten oder doch wenigstens die zahlreichsten Nachrichten einholen konnte; und ihre Gerichtsbarkeit erstreckte sich zwar eigentlich nur zwo Meilen in der Runde, doch wenn in ihrem Gebiete zuweilen die Sachen langsam gingen, so taten sie einen Sprung über ihre Grenze, oft einen recht herzhaften Sprung, sechs, acht Meilen weit, bis in die nächste Stadt. In diesem Falle konnte niemand so weit schreiten als die Kammerjungfer; die andern hüpften wohl auch, aber sie kamen nicht weit und stolperten gleich in ihren eigentümlichen Bezirk wieder zurück. Was aber in diesem lebte und webte, es mochte zum Lehr-, Nähr- oder Wehrstande gehören, Pudelmützen oder Parucken, Degen oder Mistgabeln, Korsette oder Jacken tragen, kurz, alles, was nur von den Naturkündigern zum Tierreiche gerechnet wird und das Herz hatte, sich in diesem Umkreise blicken zu lassen, mußte eine strenge Behandlung seiner Angelegenheiten erfahren. Kein Wort, keine Bewegung, kein Atemzug, kein Fleckchen im Leibe und außer dem Leibe blieb vor den scharfen Augen dieser Richterinnen verborgen. Außerdem besaßen sie eine Kunst, die manchen schwerbegreifenden Richtern zu wünschen wäre: Wenn nicht genug Data, genug Umstände vorhanden waren, den statum causae gehörig zu formieren, so wußten sie doch aus den wenigen bekannten eine so zusammenhängende Geschichte auf die geschickteste Weise herauszupressen, daß man eine Seele von Stroh hätte haben müssen, um sie nicht höchst wahrscheinlich und höchst begreiflich zu finden; und diese Geschichten, die wie der Honig aus vielerlei Blüten zusammengesaugt waren, hatten auch allzeit, wie der Honig, eine ganz andre Farbe, einen ganz andern Geschmack als der Saft, aus welchem sie zubereitet waren. Ohne den Kopf in große Allongeparucken versteckt zu haben oder auf Wollsäcken wie auf begeisternden Dreifüßen zu sitzen, waren ihre Debatten zuweilen sehr hitzig; sie fochten, sie kämpften, sie teilten sich in Parteien; zuweilen hatte der Vortrag die Figur orationis perpetuae, zuweilen wurde er zur altercatio, zuweilen zum Terzett, und oft wuchs er gar zum Quattro an. In diesem Falle war entweder die höchste mögliche Einigkeit oder die höchste mögliche Uneinigkeit unter ihnen; entweder stimmten sie bloß ein oder war ein jedes so voll von der vorhabenden Materie, daß eins mit Gewalt durch die Rede des andern durchbrechen mußte. Sogar über sich selbst waren sie sehr strenge Beurteilerinnen; doch wurde allzeit die bei öffentlichen Gerichten gewöhnliche Vorsicht gebraucht: Die Person, deren Sache eben vorgenommen wurde, durfte niemals gegenwärtig sein. Wenn die Frau Pastorin die Session verlassen hatte, so erhub sich ein Gelächter unter den übrigen, anfangs in einem leisen, leisen piano und nahm endlich bis zum höchsten fortissime zu; und alsdenn, Frau Pastorin! – wer die erste Bekanntschaft mit ihrem Namen in der Küche der Frau Schulmeisterin machte, mußte sie notwendig für einen Teufel oder für eine Brut davon, so scheußlich wie seine Tochter im Milton, halten. – Gewiß war es die unter den größten und den kleinsten Köpfen so gewöhnliche – obtrectatio – deutsch? – bei den Handwerksleuten in jedem Stande, Amt und Berufe – Brotneid; bei Geschöpfen von einer höhern Klasse – Rang-, Ehr-, Ruhm-, Verdienstneid; nichts andres war es, als was den Themistokles und Aristides um ihre beiderseitige Freundschaft und diesen ehrlichen Mann ins Exilium brachte; was den Caesar und Pompejus, den Titus und Domitian, Boileau und Perrault, Ecken und Luthern, Gottscheden und Bodmern, die Frau Geheimerätin A und die Frau Geheimerätin B, die Kammerjungfer C und die Kammerjungfer D entzweite und jedes bewog, wider das andre auf seine Art Krieg zu führen – mit dem Degen, mit der Feder, mit Schimpfwörtern, mit Verleumdungen, mit dem Blatteisen. – Ebendieses Ding, diese Eifersucht, dieser Neid oder wie man es nennen will – das ich, beiläufig zu sagen, unter die physischen Kräfte der Seele rechne und wovon das wißbegierige Publikum in der nächsten Ausgabe meiner Pneumatologie gleich nach der vis inertiae der menschlichen Seelen ein eignes lesenswürdiges Kapitel mit der Aufschrift: vis obtrectatoria, und darinnen eine Erklärung finden wird, ohngefähr auf den Schlag, wie Cartesius die magnetischen Kräfte erklärt – diese vis obtrectatoria brachte in der Abwesenheit der Frau Pastorin die obengemeldeten Wirkungen in den Lungen und Zungen der zurückgebliebnen drei Mitglieder dieser Versammlung hervor. Die Frau Pastorin nahm in der Session über alle übrige aus einem doppelten Grunde den Vorsitz: erstlich, weil sie Frau Pastorin hieß; zweitens, weil sie eine Ehefrau war. Außerdem trug sie Hauben mit Karkassen, und an beiden Hüften hatte ihre Kleidung eine kleine Erhöhung, die einer Knospe nicht unähnlich sah, aus welcher mit der Zeit eine Konsideration hervorwachsen könnte; und dafür sahn es auch wirklich die wunderlichen Leute an, da doch die eine Erhöhung an der rechten Hüfte des Auswuchses wegen nötig war und die andre bloß diente, den Körper im Gleichgewichte zu erhalten. Die Karkassen und, was ich beinahe vergessen hätte, die Allongen, die wie große Kometenschwänze sich quer über ihre Hauben ausbreiteten, waren freilich Todsünden, die ich nicht zu verteidigen vermag, wiewohl sie vielleicht nur dienen mochten, den ganzen Staat, wovon einen Teil der böse Auswuchs nötig machte, im Gleichgewichte zu erhalten. Die nämliche Strenge mußte die Kammerjungfer nach ihrem Abtritte von der Frau Schulmeisterin und der dicken Anne erfahren; und da es sehr wenig Politik verraten würde, wenn ich die Geheimnisse der Kammerjungfern durch die Hände des Setzers ins Publikum kommen lassen wollte, so sage ich kein Wort weiter. Unglücklicherweise fühlte der junge Tobias seinen Beruf zum Predigen nicht eher und nicht später als während diesen Versammlungen und konnte ihn auch zu keiner andern Zeit ausüben, weil den übrigen Teil des Tages der Vater mit der Schuljugend des Kirchspiels seinen Rednerstuhl einnahm. Die Beredsamkeit meines Helden war ein Ideal von Beredsamkeit, so wie es Cicero in seinem »Orator« schildert, und beinahe durchgängig von der erhabnen Art; nichts als eine Reihe von Ausrufungen, Fragen, tiefgeholten Seufzern – eine eigne Figur in der Kanzelrhetorik! – Diese affektenvolle Sprache, die vielleicht keiner unsrer heutigen Prediger in schönem Geschmacke so sehr in seiner Gewalt haben mag, erfoderte eine starke Anstrengung der Stimme, einen heftigen, schreienden Ton, wie er für einen Redner sich schickt, der nichts Geringers, als Leidenschaften zu erregen, zur Absicht hat. Solange seine Mutter in der Küche den Vortrag hatte, so konnte seine Beredsamkeit ungehindert so stark wie der Rheinfall rauschen und die Herzen seiner Zuhörer wie Steine und Klötze mit sich fortwälzen; denn die ihrige war völlig eine Oktave höher gestimmt, und wenn die seinige dem Rheinfälle glich, so war ihre allen Meeren zusammengenommen gleich. Wenn aber die Kammerjungfer auftrat – alsdann, Tobias, wurde der Strom deiner Beredsamkeit plötzlich mitten in seinem Laufe verdämmt. Das arme Mädchen hatte in einem verliebten Duelle, wo sie ihre Tugend tapfer verteidigte, aber doch endlich unterliegen mußte, eine Kontusion oder Verrenkung am Halse bekommen; ein ungeschickter Chirurgus sah es für einen Anlauf der Mandeln an, kurierte sie nach dieser Meinung, und der Hals verschwoll. Durch die Hülfe beßrer Hände erhielt zwar ihr Hals seine vorige schlanke Länge größtenteils wieder; doch blieb zeitlebens eine starke Engbrüstigkeit, ein kurzer Atem und eine äußerst schwache und heischre Stimme zurück. Ihre Beredsamkeit konnte also nicht mit Feuer und Flammen um sich werfen, sondern sie war ganz in der Manier des Caesars, simplex, pressum, elegans dicendi genus. Die Zuhörer mußten alle Nerven ihrer Ohren anstrengen und konnten doch bei dem Gepolter des einkochenden Wassers oder dem Gezische der überlaufenden Suppe kaum etwas vernehmen. Ihre Erzählungen waren allzeit wichtig, weil sie aus dem Schlafzimmer der gnädigen Frau kamen; und nun stürmte vollends Tobias mit vollen Affekten über das arme, winselnde Stimmchen so gewaltsam her, daß der Ton nicht weiter als aus der Lunge zwischen die Vorderzähne kommen konnte, alsdann von der schweren Küchenluft zurückgestoßen wurde und im Halse erstickte. Sollte die Frau Knaut hierbei nicht in die äußerste Wut geraten? – Was geschah? Sie bat die Rednerin um einen Augenblick Geduld, stürzte den pathetischen Redner vom Rednerstuhle, jagte ihn mit Ohrfeigen und Stößen, um die Hitze seiner Begeisterung zu dämpfen, in die Wohnstube, und nun blieb er so lange in dem Zustande, der – wenn uns doch unsre Philosophen mit Namen versorgten, sie haben ja so nichts zu tun; itzt fehlt mir schon wieder einer! – Genug, die Sache ist: Tobias saß auf dem Stuhle, den Ellebogen auf den Tisch und den Kopf auf die Hand gestützt, und tat weiter nichts, als daß er alles, was in dem Horizonte seiner Sinne, das heißt, von den zwei ihm gegenüber stehenden Wänden und einem Winkel der Stube auf ihn wirkte, in seinem Körper gewisse Veränderungen hervorbringen ließ – oder vielmehr nicht ließ , denn er konnte es ja nicht hindern! –, also gewisse Veränderungen litt, nach deren Veranlassung die Seele auch aus ihrem eignen Vorrate statt eines Intermezzos ein paar mit jenen Veränderungen verwandte Vorstellungen hervortreten ließ – verstehen Sie es, meine Herren? – es ist eine abscheuliche Sache mit den philosophischen Erklärungen. Sie sind nichts als Angelhaken; ihr dachtet: Ei, das ist ein Fraß! aber ihr seht die Angel nicht, die dem Regenwurme im Leibe steckt. – Begierig schnappt ihr zu – pump! steckt euch die Angel im Halse; und nun könnt ihr kauen, die Zunge vorwärts oder rückwärts wenden, die Muskeln an euren Kinnbacken rechts oder links drehen – ihr werdet sie doch nicht los, bis sie euch jemand bedächtlich aus dem Halse zieht. Sitzt die Spitze im Fleische, so ist's vorbei, und am Ende, wenn ihr auch von der Angel wieder befreit seid, so habt ihr doch weiter nichts in eurem Magen als – einen Regenwurm. – Ich bin noch die Angel zu rechter Zeit gewahr geworden; schon wollte ich zuschnappen, aber ich besann mich, daß ich am Ende an meiner langen Erklärung doch nichts weiter gehabt hätte als: Tobias tat nichts als hören, sehen, riechen, schmecken, fühlen und erinnerte sich von Zeit zu Zeit an ein paar ehemals schon gedachte Sachen, oder er tat, was die meisten menschlichen Maschinen täglich tun. Das klingt nun freilich nicht halb so gut als mein erster Anfang; es ist sogar falsch; denn der gute Tobias tat bei allen diesen so wenig als das Papier, worauf ich dieses schreibe; aber es scheint doch verständlich – und das ist genug. 14. Was für eine hübsche Sache wäre es doch um das Schriftstellerhandwerk, wenn wir die Ideen unsrer Leser so zu regieren wüßten, wie die Marionettenspieler ihre Puppen! Wenn wir nur an einem Faden ziehen dürften, und siehe! – gleich ständ in ihrem Kopfe die Idee, die wir gerade itzt brauchten, in ihrem völligen Schmucke da, mit ihrem ganzen Gefolge von Ideen, das ihnen so nötig ist als den Theaterkönigen das ihrige, um völlig für das gehalten zu werden, was sie sein sollen! Aber so mögen wir armen Leute uns den Hals wund schreien und unsre Federn tagelang noch so gravitätisch auf dem Papiere herumwandeln lassen – umsonst! der Leser denkt, was er kann , und niemals, was er soll . Keine von den Ideen, die wir durch den Arm in die Feder, durch die Feder auf Schreibepapier, von dem Schreibepapiere durch die Hand des Setzers und Druckers auf Druckpapier und von dem Druckpapiere in die Köpfe unsrer Leser übergehen lassen; unter allen diesen, sage ich, kömmt keine einzige unverändert an ihrem bestimmten Orte an, keine einzige mit der nämlichen Gesichtsfarbe, der nämlichen Kleidung, und, was noch wichtiger ist, keine bringt alle und die nämlichen Gefährten mit sich, die sie in unserm Kopfe umgaben und durch ihre Gesellschaft der Hauptidee ebendie Dienste taten, die die Charitinnen der Venus tun – ohne sie wäre Venus eine schöne Frau; aber in ihrer Gesellschaft, mit ihnen verglichen, ist sie Venus . Weit, sehr weit ist allerdings der Weg, den eine solche Idee gehen muß, und wenn sie ja ohne sonderliche Zufälle ankömmt, so findet sie einen andern Schauplatz, andre Dekorationen, andre Mitspieler. Wie ist es nun möglich, daß sie völlig in dem Glanze, völlig in dem vorteilhaften Lichte erscheinen kann, in welchem sie sich zuerst dem Schriftsteller zeigte? Oder, ganz deutlich gesagt, wie kann der Leser bei den Worten des Schriftstellers völlig das in seinem ganzen Umfange denken, was dieser selbst dabei dachte, wenn sie nicht beide einen Kopf, einen Vorrat von Ideen, eine Empfindungskraft haben? Also bleibt es dabei, jeder Schriftsteller müßte ein ebenso guter Marionettenspieler sein, als die meisten von uns Taschenspieler sind. Wieviel sollte mir es itzt helfen, wenn ich diese Kunst wüßte! Gleich in der Sekunde, als der Leser den letzten Buchstaben von dem vorigen Absatze angesehn hatte, mußte in seinem Kopfe der Gedanke hervortreten: Aber wozu gibt uns der Mann solche elende Dorfgeschichtchen, Auftritte aus der Schulmeisterküche zu lesen? Wenn er uns über ein komisches Spiel will lachen lassen, warum läßt er uns nicht lieber über eine Komödie aus der feinern Welt lachen? Warum müssen die Personen so niedrig und die Begebenheiten so gering sein? – Hierauf träte dann meine Antwort in der Gestalt eines muntern, lebhaften Greises hinter der Szene hervor. Ihr guten Leute, sprach er, das menschliche Leben ist eine , ist dieselbe Komödie. Nichts ist verschieden als der Schauplatz, die Dekoration, die Namen und der Anzug der handelnden Personen. Räumt in dem vorigen Absätze die Küche aus! Schafft das Tellerbrett, die alte Bank, den Herd hinaus! Behängt die Wände mit seidnen Tapeten, haute oder basse lice, wie ihr wollt, setzt ein Kanapee, sechs Krüppelstühle hinein und auf jeden eine Dame im Fischbeinrocke! Glaubt ihr denn, daß ihr etwas Bessers hören werdet? – Ebendieselbe Küchenszene, in einem Visitenzimmer gespielt! – Lernt, ihr , die ihr euch andre Menschen zu sein dünkt, weil ihr andre Kleider tragt, daß ihr und die Geringsten eurer Mitgeschöpfe durch mehr nicht unterschieden seid als durch – nichts Damit junge Kunstrichter des neunzehnten und der folgenden Jahrhunderte ohne alle kritische Gewissensskrupel zu Werke gehen können, wenn sie etwa gesonnen wären, in einer Einleitung in die schönen Wissenschaften, in einem Cours des belles lettres, einer Theorie oder einer andern Aftergeburt des Witzes und der Philosophie, die alsdann nach der Mode sein mag, dieses Werk zu zergliedern – aus dieser Ursache sei es der späten Nachwelt in dieser Anmerkung gesagt, daß dieser ganze 14. Absatz weder aus dem Kopfe noch aus der Feder des H. Verfassers geflossen ist, sondern daß er ganz von seiner geistreichen Muhme, die eben, als er den letzten Punkt zum vorhergehenden Absatze aus der Feder tröpfeln ließ, ihren Anfall von Schriftstellerlaune bekam, sich hastig des Papiers bemächtigte und mit glühender Stirne den ganzen Absatz hinschrieb, ohne daß sie durch Nachdenken eine sekundenlange Pause machte. Zur Erläuterung der so männlichen Moral, die sie darinnen predigt, muß man wissen, daß Tages vorher eine ihrer Gönnerinnen ihren sehr tiefen Reverenz nur mit einem seichten Kopfnicken beantwortet hatte. – Wie viele gute Satiren auf fremde Fehler haben wir schon einem seichten Komplimente zu verdanken gehabt! . Vielleicht ist einigen von meinen Lesern der Einwurf, aber ohne die Antwort, schon bei dem ersten Blatte eingefallen; aber damals war es zu zeitig; bis hieher wenigstens mußten sie warten, und dann – ein Einwurf ohne Antwort ist weniger nütze als gar keiner. 15. »Ist dein Vater nicht gescheut?« – Eine so reichhaltige Frage, daß ich gewiß so viel darüber sagen könnte, als jemals über eine Frage de possibili gesagt worden ist! Vor der Hand aber will ich weiter nichts, als eine Erzählung von den dabei vorkommenden Umständen, ihrer Veranlassung und ihren Folgen, eine kurze, kurze Betrachtung darüber und eine damit zusammenhängende lange, lange Erzählung versprechen. Viel zu schreiben und doch immer wenig zu lesen! »Ist dein Vater nicht gescheut?« – so rief die Mutter meines Helden, an die eine Pfoste der Hintertür mit dem Rücken gelehnt, das Gesicht nach dem Orte zugekehrt, wo Tobias unter der Beihülfe seines Vaters ein prächtiges Lustschloß baute; so rief sie, aber mit einem Tone, mit einem so epischen Tone, daß er sich in Prose gar nicht beschreiben läßt, – wie neun-, zehntausend gewaffnete Krieger, Wenn der Kampf des Mavors beginnt ; oder – wie Kraniche mit wildtönendem Fluge, Wenn sie den Winter und dicht herniederströmenden Regen Fliehen, über des Ozeans Wogen hineilen. Sie tragen, Mit dem Verderben und Tod der Pygmäer bewaffnet, die Lüfte Hoch durchschwebend, traurige Streite mit sich hernieder ; oder – wie um des Kaystrius Ström', auf der asischen Wiese, Zahlreiche Scharen geflügelter Vögel, Scharen von Gänsen Oder Kranichen und langhalsichten Schwänen, die Flügel Schlagend, sich schnell hin und wieder bewegen und schreiend sich Sitze Auf dem Boden erwählen – und weit erschallet die Wiese ; oder Wie fünfzig Ochsen wohlgemut, Wenn sie um eine Kuh sich zanken Und keiner unter ihnen ruht, Bis neunundvierzig wanken; Sie brüllen all und insgemein, Was muß das für ein Brüllen sein! Der Herr Verfasser. Kurz, die Frau Knaut sagte es mit einem Tone, der so stark war, als alle das Geschrei und der Lärm zusammen genommen, den Homer, Virgil, Milton, Glover, Klopstock, Tasso und die übrigen sogenannten Heldendichter in ihren sämtlichen Epopeen Menschen und Vieh haben machen lassen und die Dichter künftiger Zeiten und Nationen werden machen lassen, und gleichwohl würde unter diesem gewiß nicht kleinen Lärme ein musikalisches Ohr die Stimme der Frau Knaut noch deutlich unterschieden haben; – und mit einer Miene! – Diese war zu original und vielleicht seit der Schöpfung der Welt niemals in einem menschlichen Gesichte gewesen; kein Wunder also, wenn sie kein Dichter vor mir geschildert hat – mit einer Miene! Aber wenn ich sie recht schildern soll, so muß ich die Sache anders anfangen. Also – jeder Ausdruck eines Affekts im Gesichte besteht in gewissen und jeder Empfindung eignen Zusammenziehungen oder Ausdehnungen der äußern Haut, die durch besondre Bewegungen der Muskeln hervorgebracht werden, folglich ist das Gesicht nichts anders als eine papierne Laterne, durch welche die Empfindungen hell oder düster durchschimmern, nachdem das Papier ausgedehnt oder stark zusammengefaltet ist. Nun –ja, da sitz ich! weiter geht's nicht. Also anders! Man denke sich das Gesicht der Frau Knaut als ein Gemälde von einem Gebäude mit drei Stockwerken: Das unterste endigt sich mit dem Rande der Oberlippe; das zweite geht bis an die Öffnung der Nasenlöcher, und das dritte hört mit den Grenzen des Kopfs auf. In jedem wohnt eine besondre Empfindung, und sieht – sozusagen! – zum Fenster heraus. Aus dem untersten Stockwerke guckt die Verwundrung, aber nur mit dem halben Kopfe und lauschend hinter der Freude, die sie wegdrängt, um sich bis an die Brust herauszulegen. Die Freude ist ein wildes, tückisches Mädchen, mit zerstreuten Haaren und einer frechen, schadenfrohen Miene, die Verwunderung ein altes, runzlichtes Mütterchen mit stieren Augen und halbgeöffnetem Munde, der zwei Reihen Brandstellen von verwüsteten Zähnen sehen läßt. In dem zweiten zeigt sich die Scham, als ein schüchternes Mädchen an der Seite des Fensters hinter dem Vorhange lauschend; mit der einen Hand öffnet sie zitternd das Fenster, doch kaum eine Viertelspanne weit, mit der andern zieht sie den Vorhang vor das halbbedeckte Gesicht. In dem dritten sind alle zwei Flügel offen, und bis an die Mitte des Leibes hervorragend, liegt der Zorn da, den Kopf auf die eine Hand gestützt; die andre schlägt er geballt an die knirschenden Zähne: ein finstrer, glühender, schrecklicher Riese, mit emporstrebenden Haaren und aufgeblasenen Naselöchern. Das Haus selbst ist ein modernes Gebäude im gotischen Geschmack, unregelmäßig, mit etlichen schönen Zieraten, die der unschickliche Ort und die Gesellschaft von mehrern schlechten zu Häßlichkeiten macht. Ist dies Gemälde nicht einer ebenso weitläufigen Erklärung wert als das Gemälde des Cebes? Nichts davon zu sagen, daß es weit weniger einem Maler schwerfiele, es zu malen, da die Komposition dieses Philosophen unter den geschicktesten Händen ein elendes Geklecke werden würde. Meines braucht keinen Dietrich, keinen Mengs, nur einen – – – Dem Leser wird die Erlaubnis gegeben, nach seiner Bekanntschaft und nach seinen Kenntnissen diese Lücke mit einem beliebigen Namen auszufüllen. . Außerdem hat es das Verdienst, daß es die Vorderseite von dem Kopfe der Frau Knaut natürlicher und sinnlicher vorstellt, als jemals eine Allegorie getan hat. Erklärung: Das Haus ist, wie gesagt, der Kopf der Frau Knaut, der dem Zuschauer die Vorderseite zukehrt. Aus dem untersten: Die erste Empfindung der Frau Knaut, als sie ihren Mann mit ihrem Sohne Leimenhäuser bauen sah, war Verwundrung, einen so bärtigen Mann bei solchen Beschäftigungen zu finden und ihn seit ihrer Bekanntschaft zum ersten Male dabei zu finden. Diese Empfindung herrschte kaum drei Tertien, als sie eine tückische, schadenfrohe Freude wegstieß, eine Freude, mit dem armen Manne abermals zanken und ihm mit Anschein des Rechtes einen derben, wochenlangen Verweis geben zu können; eine Freude, daß sie während des Verweises eine Woche lang für klüger erkannt werden mußte als ihr Mann, wobei ihre Selbstliebe sich ein herrliches Fest versprach. In dem zweiten: Eine Sekunde darauf überfiel sie Scham, da sie bedachte, daß dieses so kindische, sich so erniedrigende Geschöpf ihr Mann war und sie also selbst einen Teil der Schande tragen mußte. Doch diese Empfindung dauerte kaum den sechzigsten Teil einer Tertie, und sie wollte eben das Fenster öffnen, als der Zorn in dem Stockwerke über ihr zu lärmen anfing; husch! – lief sie davon. Daß ihr Stockwerk besonders klein gegen die übrigen ist, daran ist die Bauart des Kopfes schuld. Auf die Scham war bei der Frau Knaut gleich bei der ersten Anlage sehr wenig gerechnet worden, und zuletzt mußte das arme schüchterne Ding gar aus dem Hause ziehn. In dem dritten: – 3 Tert. die Verwundrung, 1 Sek. – die schadenfrohe Freude, – 1 / 60 Tert. die Scham. Summe 1 Sek. – 3 1 / 60 Tert. – also 1 Sek. 3 1 / 60 Tertien; nachdem sie sich in die Hoftür gestellt und ihren Mann bei dem Leimhaufen erblickt hatte, schwellte der Zorn die Muskeln ihres Gesichts auf Zur verwilderten Miene. Den schwarzen Busen erfüllte Zornige Wut, das Auge blitzte gleich lodernden Flammen. Drohend blitzt' es zuerst auf Tobias , und also begonn sie: »Ist dein Vater nicht gescheut!« 16. Wer wundert sich noch, daß alles dieses so geschwind zuging? Das Gewitter war nahe; also Blitz und Schlag war eins. Kaum war der erste fürchterliche Ton durch die Lippen der Frau Schulmeisterin hindurchgefahren, als der Vater erschrocken den Kopf über die Schultern herumwarf, um sich nach dem Stande des Gewitters umzusehen, in ebendem Augenblicke sich unbewußt aufsprang, sich unbewußt den Leimenklumpen aus den Händen fallen ließ und, wie vom Donner gerührt, mit offnem Munde starr dastand. Zu gleicher Zeit oder vielleicht einige Augenblicke eher, als der Vater diese Wirkungen spürte, stürzte Tobias gerade vor sich hin – patsch! mit dem Gesichte in sein Lustschloß hinein. Korinthische, dorische, römische Säulen, Kälberzähne, Triglyphen, Gesimse, alles wurde durch diesen plötzlichen Fall in die Höhe geprellt und fiel als ein unförmlicher Klumpen auf und neben den hingestreckten Baumeister herab. Alle Zugänge, wodurch Ideen in einen menschlichen Kopf hineinkommen können, waren von der eindringenden sehr nassen Baumaterie verstopft; Augen und Ohren waren wie die Häuser einer belagerten Stadt mit Mist und Unflat verlegt. Also war eine Antwort auf eine so gewaltige Frage unmöglich, wenn sie auch nicht halb so bedenklich zu beantworten gewesen wäre und ihre Beantwortung nicht halb so viel Gegenwart des Geistes erfodert hätte. Sie blieb dann unbeantwortet, denn Tobias hatte sie vor Schrecken gar nicht verstanden. Allein den Vater, dessen Verstand sie in Zweifel zog, war sie in ihrer völligen Stärke, mit der völligen Kraft ihrer Bedeutung, bis in das große allgemeine Behältnis der Ideen hineingedrungen, hatte von der Büchse, in welcher die Ideen des Stolzes und der Eigenliebe verwahrt lagen, den Stöpsel verrückt, und gleich sprangen alle wie die cartesianischen Teufelchen in die Höhe, zogen an dem Faden, an welchem der rechte Arm regiert wird, und siehe! – der rechte Arm hub sich in die Höhe, bewegte sich in gerader Linie rückwärts und fuhr alsdann wie ein Blitz auf den Backen der Frau Knaut los, wo die sämtlichen Finger der Hand, deutlich in Kot ausgedrückt, ihre Fußtapfen zurückließen. Die arme Frau, die eher den Tod ihres Mannes als diesen heroischen Streich von ihm vermutet hätte, war – nicht aus den Wolken gefallen; nein, das wäre viel zu wenig! – von der äußersten Grenze des Empyreums, wo es sich in das Nichts verliert, bis in den untersten Pfuhl des Tartarus, in den großen Berg hinein, woraus Milton seine Teufel Kanonen gießen läßt, Tausendmal tausend Sonnenmeilen herab. Das heißt aber, menschlicherweise zu reden, weiter nichts gesagt als: Die Frau Knaut war im höchsten Grade erstaunt. Wie konnte es auch anders sein? Gewohnt, über den Kopf ihres Mannes zu tyrannisieren und ihn mit oder ohne Beulen und blaue Flecken nach eignem Willkür gehen zu lassen, wie konnte sie anders als argwohnen, daß die ganze Herzhaftigkeit ihres Mannes sich wider sie verschworen habe, ihr die Beulen alle mit Wucher wieder zu ersetzen, die sie ausgeteilt hatte? daß sie ihr Mann unrecht verstanden und das für ein geliehenes Kapital angesehn habe, was sie doch für ein freiwilliges Geschenk gehalten wissen wollte? – Eine traurige Aussicht! besonders da die Schuld groß war. – War nun diese Betrachtung oder bloß der körperliche Schmerz die Ursache davon, genug, der Schlag versetzte sie in eine so wehmütige Empfindung, daß gleich nach dem Empfange desselben die Tränen häufig die Backen herabrollten; anfangs einzeln, wie die Regentropfen bei einem stillen Gewitter, das sich nur erst durch einen fürchterlichen Schlag angekündigt hat – aber in großen, großen Tropfen; doch kurz darauf fing es an, stromweise zu regnen wie ein Wolkenbruch – und zu donnern! aus dem Munde der gemißhandelten Ehefrau! – Das war ein Wetter! »Willst du mich umbringen? Willst du auch ein Mörder werden wie deine Schwester, du –?« und so weiter. – Meine Leser werden ohne Zweifel kein Vergnügen daran finden, diesem fürchterlichen Schloßenwetter länger zuzusehn; geschwind wollen wir also davon weglaufen, und bis es vorüber ist, will ich unterdessen mein Versprechen halten und ihnen die Veranlassung oder den ersten Ursprung dieser tragisch-komischen oder komisch-tragischen Szene aufrichtig erzählen. Aber vorher werden sie mir erlauben, daß ich meinen Held rette, daß ich ihn – freilich voll Schmutz, das ist nun einmal nicht zu ändern – aus den Trümmern seines zerstörten Gebäudes aufstehn, heimlich zur Tür hineinschleichen und sich in das Bette verstecken lasse. Ohne Zweifel mochte ihn das ungestüme Lärmschlagen der Mutter aus der ersten Betäubung erweckt haben, und um völlig bei diesem Kriege neutral bleiben zu können, so hatte er kein besseres Mittel finden können als zu fliehen und sich zu verstecken, wo man ihn am wenigsten vermutete. 17. Der Pflicht des Geschichtschreibers habe ich also Genüge getan; mein Held ist glücklich aus dem Wetter in Sicherheit gebracht. Gegenwärtig ist nichts wichtiger für mich, als der Pflicht des Schriftstellers Genüge zu tun und die Wißbegierde meiner Leser zu befriedigen. Eigentlich könnte ein scharfsinniger Kopf bei der vorhergehenden Erzählung sehr viele Fragen aufwerfen: zum Exempel auf welchen Backen hat der Schulmeister seine Frau geschlagen? aus welchem Auge tröpfelte die erste Träne? schlug er mit der geballten Faust oder mit der flachen Hand? welches von beiden würde weher getan haben? Und endlich würde man in ein so weites Feld hineingeraten sein wie jener ehrliche Mann – Strephon hieß er, ich kann es wohl sagen –, der einer untröstlichen Witwe beweisen wollte, daß nichts Gescheuteres im Unglück wäre, als sich zu trösten, und, nachdem er ein Blatt mit Trostgründen angefüllt hatte, den Rest von zween Bogen dazu anwandte, daß er scharfsinnig untersuchte, ob der Mensch Mensch sein könnte, wenn er statt zwei Augen nur eins hätte, und endlich mit einer Widerlegung des Leibnizischen Satzes vom determinierenden Grunde beschloß. – Aber wer kann so viel antworten, als scharfsinnige Leute fragen können? Wir wollen daher unsre ganze Erörterung auf zwo Fragen einschränken: 1. Wie kam Herr Knaut auf den Einfall, Leimhäuser mit seinem Sohne zu bauen? 2. Wie ließ er sich's einkommen, die Frage seiner Frau so sehr übelzunehmen? Zween Tage vor dieser Begebenheit, nämlich am Tage Allerheiligen, hatte dem Herkommen nach der gnädige Patron des Kirchspiels, der Herr Pfarr, beide sitzend, der Herr Schulmeister und zween Kirchenväter, alle drei stehend, die leeren Büchsen des Kirchenvermögens visitiert oder Kirchrechnung gehalten, das heißt, eigentlich zu reden, sie bezeugten alle schriftlich, daß sie in allen Geldbehältnissen der Kirche keinen Pfennig gefunden hätten und also Einnahme und Ausgabe einander in diesem Jahre völlig gleich gewesen sein müßte. Nachdem dergestalt die Rechnungen richtig befunden worden waren, so mußte die Kirche diesen redlichen Kuratoren ihres Vermögens aus Dankbarkeit einen Schmaus geben, bei welchem der Schulmeister mit den zween Kirchvätern an einer besondern Tafel so viel aß und trank, als wenn er bis zur Kirchrechnung künftigen Jahres davon zehren müßte. Besonders überschwemmte er seinen Magen mit einer unendlichen Menge schlechten Landweine, bei dem die Säure die Stelle des Geistes vertrat; mit einem Worte, Herr Knaut wurde berauscht, so berauscht, als wenn er aus dem Becher der Circe getrunken hätte, denn er sprach und handelte wie ein Schwein – so berauscht, daß er fühllos und beinahe leblos nach Hause getragen, ins Bette gelegt, von seiner Frau gescholten wurde, ohne daß er sich dessen mehr bewußt war als das Bette, das er bespie. Wissen Sie sich nicht mehr zu besinnen, meine Herren, wie Ihnen den zweiten Tag nach einem Rausche war? oder überhaupt, wie Ihnen den zweiten Tag nach jedem lebhaften Vergnügen ist, das Sie seit langer Zeit nicht genossen haben? oder, wenn Sie das noch nicht finden können, wie Ihnen überhaupt nach jedem Vergnügen ist? – Ich sehe wohl, Sie sind schlechte Beobachter; ich bin nicht dabei gewesen und will Ihnen doch alles haarklein erzählen. – Fühlten Sie nicht, wenn Sie zum ersten Male darauf ausgeschlafen hatten, in dem Körper eine Mattigkeit, eine Untüchtigkeit zu allen Verrichtungen? Gegen die Hälfte des Tages hatte diese Trägheit allmählich abgenommen? Es war immer noch ein Grad davon da; aber die Lebensgeister fingen an, ungestüm durch den Kopf hin und her zu laufen? Ihre Einbildungskraft stellte Ihnen alle Szenen des gestrigen Vergnügens untereinandergeworfen vor? Sie dachten, Sie redten nichts anders als davon, solange Sie denken und reden konnten? Sie schliefen zum zweiten Male aus; Sie setzten sich an Ihren Tisch; Sie wollten Akten lesen, ein Programm schreiben, Spitzen stricken oder so was – zwo Zeilen, noch eine – eine halbe – ah, ah, gähnten Sie – noch sechs Zeilen – und nun gar eine Seite – weg mit den Akten! – Sie gingen in der Stube spazieren; Sie wollten gern etwas tun, aber Sie wußten nicht was, denn Langeweile hatten Sie. Kurz, es ging in Ihrem Kopfe zu wie in Ihrem Magen. Beide hatten verdaut, beide waren leer, beide waren durch Überladung in eine zu große Beweglichkeit versetzt worden, die immer in beiden noch fortdauerte, und da sie nichts mehr zu verdauen fanden, so nagten sie an sich selber. In diesem Zustande stellten Sie sich ans Fenster; Sie sahn eine Viertelstunde die Leute die Gasse auf und nieder gehen, Sie drehten Papierchen, Sie drehten Ihren Barbet beim Schwanze. Sie setzten sich zu Tische – pfui! wie das schmeckt! – Der Wein ist schal! – Ihre Nerven waren überspannt; keine Speise, die nicht den schon vorhandnen Grad von Anspannung erfoderte, um eine angenehme Empfindung hervorzubringen, war reizend genug für sie; die Nerve gab also gar keinen Ton. Ebenso ging es Ihrer Seele! Ihre Lebensgeister hatten sich einmal einen gewissen Weg gemacht, eine große, breite Landstraße, und nichts war imstande, sie durch einen Ausweg auf die ehmalige Straße zurückzubringen, bis sie endlich sich von selbst wieder dahin verirrten. In einem solchen Zustande konnte der Doktor Ergastulus, – – dies große Licht der Welt, Der jedermann für dumm, sich nur für weise hält, dieser erleuchtete Philosoph, der mehr Bücher gelesen, als meine Leser und ich gesehn haben, dieser große Mann, sage ich, konnte in einem solchen Zustande Gellerts Fabeln oder wohl gar Gleims Liederchen in die Hand nehmen und gähnend sie von einem Ende bis zum andern durchblättern. Noch itzt pflegt Longimanus, der größte Staatsmann, den ein Pferd jemals getragen hat, in einer solchen Verfassung, in welcher er sich doch wöchentlich wenigstens einmal befindet, sich auf das Kanapee zu setzen und Mendelsohns »Phädon« vor sich zu legen und, wenn ihn dieser Anblick ermüdet, vor das Thor zu reiten und – nach Sperlingen zu schießen. Schon wieder ertappe ich hier unsre Philosophen auf einer Nachlässigkeit. Man suche in allen Systemen in Quart und Oktav; umsonst! da ist kein Name für diesen Zustand zu finden, wenigstens kein allgemeiner . Jede Art von Menschen hat sich zwar für diejenige Gattung des Zustandes, in die sie nach ihren Umständen oft geraten kann und die alle unter dem obengenannten Zustande, in welchem sich ein Mensch den zweiten Tag nach einem Rausche befindet, wie unter ihrem Geschlechte begriffen sind, eigne Benennungen ersonnen; aber wozu nützt uns das? – In der Mönchsphilosophie heißt er der Zustand der Kontemplation oder auch zuweilen Regungen des Fleisches und Blutes; die Bigotten nennen ihn die geistliche Nüchternheit, die geistliche Armut, die Erwachung des alten Adams; die Freigeister den Sieg der Vernunft über die Religion; Leute vom Handwerke nennen ihn den blauen Montag, den gelben Dienstag usw. und ernsthafte, gesetzte Leute – Faulheit. – Alles Gattungen von demjenigen Zustande, für welchen ich einen generellen Namen vermisse! Könnte man ihn nicht statum evacuititatis nennen? – Es wäre doch ein Name! 18. Gewiß ist auch hier eine Unterscheidung nötig; denn Herr Knaut befand sich den ersten Tag nach seinem Kirchrechnungsschmause in einer ganz andern Verfassung als Sie, meine Herren, wie ich Sie im vorhergehenden Absatze erinnerte. Er schlief den ganzen Tag, taumelte gegen Abend aus dem Bette, um sich zu verwundern, daß es schon Tag wäre, schlief zum zweiten Male aus, und den andern Tag ging es ihm natürlich wie Ihnen. Kopf und Magen hatten verdaut; was zu tun? Ernsthafte Schulbeschäftigungen wären ihm eine Pein gewesen; außerdem waren auch Ferien. Hätte er sich noch einmal betrinken können, so wäre er nicht in diese Verlegenheit gekommen; aber so schleppte er sich verdrossen von einem Orte zum andern, bis er durch eine fatale Verknüpfung von Ursachen und Wirkungen in den Hof geriet, seinen Tobias Lustschlösser bauen sah, und weil etwas tun für das unruhige Ding, die Seele, besser ist als nichts tun, so setzte er sich zu ihm und half den Lustschloßbau vollenden. War das ein Verbrechen? Tat der ehrliche Mann etwas anders, rief meine Muhme mit hypochondrischem keuchendem Tone, als was Weise, was Reiche, Vornehme und überhaupt Leute, die nach der gewöhnlichen Sprache in guten Umständen sind, besonders in großen Städten, alle Tage tun? Sie haben nichts zu tun; sie wollen nichts tun; sie können nichts tun; aber etwas muß doch getan sein. Diese Leute sind wohl daran in dergleichen Verlegenheiten – sie spielen, sie schwatzen, sie – was weiß ich, was sie alles tun? Aber ein elender Landschulmeister, wozu soll der seine Zuflucht nehmen, wenn ihn die Langeweile beschleicht, als – daß er Leimhäuser baut? Die erste Frage ist beantwortet, und ich hoffe zur Befriedigung meiner Leser. Um völlig methodisch zu verfahren, schreite ich nunmehr zur andern: Wie ließ sich Herr Knaut einfallen, die Frage seiner Frau übelzunehmen? oder, wie man die Frage näher bestimmen könnte, warum schlug er seine Frau itzt, da sie doch sonst allein dieses Vorrecht gehabt hatte? oder, am allernähesten bestimmt, warum war ihm eine so gelinde Anfrage empfindlich, da er doch sonst Unverschämtheiten und Schläge geduldig ertragen hatte? Sehr viele Hypothesen ließen sich zur Auflösung dieser Fragen machen, und Gelehrsamkeit ließe sich in Menge dabei auskramen. Von entscheidenden, determinierenden, wirkenden, Final-, Kausal-, Existentialursachen könnte ich meinen Lesern sehr viel mitteilen, zumal da ich ihnen seit dem zwölften Absätze keine Minute Ruhe vergönnt habe. Doch für diesesmal mag es um den Ruhm der Gelehrsamkeit sein! – und auch um Ihren Schlaf! Unter allen möglichen Ursachen war keine natürlicher, als daß in seinen Nerven noch ein Rest von der Tätigkeit war, in welche seine Lebensgeister durch den vorgestern getrunknen Wein gesetzt worden waren. In einem Winkel seines Kopfs lauschte überdies wie im Hinterhalte das Andenken an die ausgestandnen Beleidigungen, ohne daß sich der gute Knaut selber davon bewußt war. – Bei jedem andern Zustande des Körpers würde es nicht eine Linie aus seinem Winkel hervorgekrochen sein; doch itzt , da der Arm schon durch seine eigne Lebhaftigkeit ohne Zutun der Seele nach dem Backen der Frau Knaut seinen Weg nahm, so gab ihm jener verborgne Feind noch den letzten Stoß. Der Arm fuhr wie ein Donnerkeil in seiner Richtung fort, und Knaut, dessen Arm es doch eigentlich war, glaubte selbst mit der festesten Überzeugung, daß ihn nichts als die gegenwärtige Beleidigung in diese Richtungslinie gesetzt habe. Ging es Alexandern, Caesarn, Augustus, dem Helden +, dem Helden ++, dem Helden +++ anders? Die guten Leute glaubten insgesamt ihren Feinden vergeben zu haben, ihre Beleidigungen längst vergessen zu haben; aber wie sich doch große Leute irren können! Augustus, als er für den Cicero zu bitten unterließ, dachte in dem Augenblicke an nichts weniger, als daß die Umstände es nicht erlaubten, daß eine fatale Notwendigkeit ihn zwänge – Kann sein! Aber ohne sein Wissen lag ganz hinten in einer Ecke des Kopfs, wo es niemand gesucht hätte, das tollendus est, wie ein Stück alter, verdorbner Sauerteig und hatte noch Schärfe genug, die ganze Masse seiner Bewegungsgründe zu durchsäuern, und wenn die Notwendigkeit vorher schwer zu übersteigen war, so wurde sie nun unübersteiglich . Würde Caesar – aber wozu so alte Beispiele? – Warum ließ in dem Kriege vom Jahre 1+++ der große Held * die Stadt * beschießen? eine Stadt, für deren Einwohner er wider jeden Feind zu fechten versprach, als er seinem Fürsten und seinem Vaterlande den Eid der Treue schwor! Warum mußten viele hundert seiner Mitbürger von Bomben zerquetscht, von dem Schutt ihrer einstürzenden Häuser erstickt werden? Warum ebenso viele die Belohnungen ihrer Arbeit, die Früchte ihrer Industrie von den Flammen verheeren sehen und mit Not durch die Flucht ihr Leben retten, um von den Händen ihrer Feinde ein dürftiges Almosen zu bitten, das ihre Beschützer ihnen unentbehrlich gemacht hatten? – Es war unvermeidlich! Der Feind hatte die Stadt besetzt; eine der größten Städte im Lande war in seinen Händen. Mußte man sie ihm nicht entreißen? Besonders da ihre Einwohner treuloserweise mit ihren einquartierten Feinden so zufrieden waren, daß sie mit ihnen aßen, tranken, spielten, tanzten? Strafbar war es, daß sie ihre Eroberer als freundliche Gäste und ihre Beschützer als überlästige Verwüster ansahen. – Dieses und nicht eine Silbe mehr war in dem Kopfe des Belagerers, als er die erste Kanone nach dem Stadtturme richten ließ; aber in seinem Blute lag noch eine alte Beleidigung – ein Bewillkommungskompliment, das ihm der Stadtmagistrat bei seiner Durchreise vor acht Jahren nicht abgestattet hatte. Bei dieser Gelegenheit fing es von neuem an in seinem Blute zu gären; er glaubte seine Mitbürger als Rebellen zu strafen und strafte sie – wegen einer Unhöflichkeit . Franziska – – nam sic magnis componere parva soles nam Stultus ego – Franziska, dies weinerliche winselnde Geschöpfchen, so voll von romanhaften Empfindungen, daß sie ungern auf einen Grashalm tritt, aus Furcht, ihn zu zerdrücken – die Kammerjungfer der Frau Xrätin dort in dem meergrünen Hause – dies liebe Kind wurde ebenso von sich selbst hintergangen. Unbarmherzig prügelte sie mit ihren Feenhänden den dicken Hannibal, den Haushund, weil der gute Narr sich über die Ankunft der Frau vom Hause so herzlich gefreut und diese Freude eine so heftige Wirkung in seine Glieder gehabt hatte, daß er sich vergaß und ihr das schöne kirschfarbne Kleid von Batavia mit der teuren Spitzenfrisierung unflätigerweise – besudelte. Die Zofe stritt freilich pro aris et focis; sie mußte bei dergleichen Vorfällen die Gerechtigkeit handhaben; aber gewiß hätte das einfältige Tier, der Hund, sich unter zwölf Schlägen zehn ersparen können, wenn er nicht unbedachtsamerweise vor dem Jahre, den dritten Pfingsttag, nachts vierzig Minuten auf zwölfe gebollen hätte, gerade als der Sekretär des Herrn ++ aus dem Hinterhause kam und Franziska in ihrer Stube besuchen wollte. Der Kammerdiener, ihr Neider, entdeckte die verliebte Zusammenkunft, und nun war es so gut, als hätte sie das ganze Haus entdeckt. Dieser Gedanke lag wie ein kleiner Cupido in ihrem Herzen, und der Patriotismus für das Kleid ihrer gnädigen Frau war nur der Bolzen, den der rachsüchtige Bube von seinem Armbruste in ihren Kopf schoß; aber Franziska hörte weder die Saite vom Armbruste noch den Bolzen rauschen, als er losgeschossen wurde. Als eine episodische Frage könnte noch untersucht werden, warum die Frau Knaut sich mit ihren Bedenklichkeiten über den Verstand ihres Ehemannes nicht unmittelbar an ihn selbst, sondern an den unmündigen Tobias wandte; allein dieser Punkt soll in meiner Pneumatologie als ein Beispiel zu dem Kapitel von den verlorengegangnen Bewegungsgründen der menschlichen Handlungen deutlich und umständlich in das Licht gesetzt werden, und um diesem Kapitel nicht seine Neuheit zu benehmen, lasse ich hier den Faden dieser Untersuchung aus den Händen fallen. 19. So geht es euch, ihr armen Sterblichen! rief ... Um uns nicht zu weit zu verlieren, Herr Autor, darf man wohl um die versprochne lange, lange Erzählung bitten? Die lange Erzählung? – Ja und auch die kurze Betrachtung. Wenigstens die erstere! wenn auch die letztere nicht gleich bei der Hand wäre! Recht gut! Wundern muß ich mich aber doch, daß die Leser, denen wir Schriftsteller eigentlich bloß deswegen etwas erzählen, um in ihnen nützliche Betrachtungen zu veranlassen, mit so voller Begierde nach der Erzählung greifen und die Betrachtungen als ein zu sättigendes Gericht stehenlassen. Den Rand vom Gerichte, mit welchem euch eure Köche die Schüssel einfassen, um euch einen Wink zu geben, was für ein vortreffliches Essen sie enthält, und ohne welchen tausend Leuten, die keine Köche halten können, das Essen außerordentlich gut schmeckt – diesen Rand schlingt ihr begierig hinunter, ach, um des bißchen Butterteiges, des bißchen Zuckers willen? – Das verlohnt sich wohl der Mühe! – Und für das Gerichte, das eine bessere, solidere Nahrung für euren halbverdorbnen Magen wäre als der Butterteig – für das Gerichte dankt ihr! Hm! Hm! Dies ist die versprochne kurze Betrachtung, und nun gleich zur langen Erzählung! Dafür kann ich aber nicht, daß dieser und der folgende Absatz die symmetrische Schönheit meines Buches so sehr stören, daß sie wie Kinderfinger an der Hand eines ausgewachsnen Menschen aussehen. Warum drängt man mich so? 20. »Willst du mich umbringen? Willst du auch ein Mörder werden wie deine Schwester?« Diese zwo Fragen fuhren nach dem Empfange der Ohrfeige aus dem Munde der Frau Knaut und machten der vom Ärger erstickten Wut ein wenig Luft. Kein Mensch ist neugierig genug gewesen, eine Erläuterung über diese wichtigen Fragen zu verlangen, und wenn ich nicht schon lange zum voraus dafür gesorgt hätte, so wäre die schönste Geschichte, die der Kommentar über jene Worte ist, unerzählt geblieben. 21. Geschichte des wiedergefundenen Sohns Der Herr von L. heiratete das Fräulein O-r und mit ihr ein Vermögen von sechsundvierzigtausend Talern, wovon, vermöge der väterlichen Verordnung, im Falle, wenn sie ohne Sohn starb, drei Teile an ihre Schwester und der vierte an den Herrn von L. verfallen sollte. Ihr Tod war also das Glück ihrer Schwester, die kurz vor ihrer Verheiratung mit dem Herrn von L. mit dem Grafen S++ vermählt war, der sie nahm, um mit ihr die Anwartschaft auf die sechsundvierzigtausend Taler ihrer Schwester zu heiraten, da ihm diese ihre Hand und also auch den Besitz ihrer sechsundvierzigtausend Taler abgeschlagen hatte. Eltern sind allzeit doppelt strafbar, die durch eine grillenhafte Aufteilung ihres Vermögens den schwachen, selbstsüchtigen menschlichen Herzen ihrer Kinder die schwesterliche und brüderliche Liebe schwermachen; höchst strafbar sind sie, wenn sie durch eine Anwartschaft den Tod des einen für das andre wünschenswürdig werden lassen, und sie müssen für die Bosheiten und Verbrechen leiden, die ein solches Verhältnis ihrer Kinder veranlaßt. Wäre es auch an sich möglich, daß zwo Familien, worunter eine so offenbar ihren Vorteil aus dem Untergange der andern erwachsen sieht, ebenso aufrichtige Freundschaft gegeneinander haben könnten, als wenn ihr Eigennutz ganz uninteressiert wäre, so würde es doch in dem gegenwärtigen Falle bloß deswegen schlechterdings unmöglich gewesen sein, weil der Graf S++ – Graf S++ war. Er hatte dem Anscheine nach den besten und im Grunde den schlechtesten Charakter; er war der gewissenhafteste, der untrüglichste Mann in Kleinigkeiten, bei der Aussicht auf große, erhebliche Vorteile der gewissenloseste, der treuloseste Bösewicht. Er war der freundlichste, der liebreichste, der gefälligste Mann; er konnte zum besten seiner Freunde und Lieblinge Summen von seinem Vermögen anwenden, ohne die geringste Hoffnung eines Ersatzes und mit einer so großen Aufopferung seiner selbst, daß er oft sehr mäßig leben mußte, wenn andre, die durch ihn glücklich geworden waren, nach Maßgebung ihrer ehemaligen Umstände im Überflusse lebten. Alle seine anscheinenden guten Handlungen waren Wirkungen seines Stolzes, und er hätte bei den nämlichen Gelegenheiten ebenso viele böse begangen, wenn sie ohne Verletzung desselben möglich gewesen wären; sooft sich der Eigennutz mit diesem abfinden konnte, so war keine Maschine so verächtlich, so sträflich, die nicht zur Erreichung seiner Absicht in Gang gesetzt wurde. Seine Gemahlin war in Jahren mit ihm verheiratet worden, wo der Charakter schon einen zu starken festgewachsenen Stamm hat, um eine ganz neue Krümmung anzunehmen, aber doch immer noch Biegsamkeit genug, daß einzelne Äste und Zweige anders gezogen werden können. Wenn sie daher gleich selbst nicht Böses genug tat, selbst nicht Plane und Entwürfe zu unerlaubten Endzwecken machte, so war ihr doch ihres Mannes Art zu handeln so gewöhnlich geworden, daß sie seine Maßregeln niemals, auch geheim nicht, mißbilligte, und daß sie nicht geradeso handelte wie er, daran war nichts als die Eingeschränktheit ihres Kopfes schuld. Sie war bei einer Verwandtin von ihrem vierten Jahre an erzogen worden, bei einer Verwandtin, die einen so kleinen Vorrat von Begriffen sich in ihrem ganzen Leben gesammelt hatte, daß sie alle in dem Arbeitsbeutel Platz genug hatten. Unter dieser Aufsicht hatte sie bis in ihr neunzehntes Jahr nichts getan, als daß sie mit ihrer Aufseherin am Tische saß und – nach dem gewöhnlichen Ausdrucke – arbeitete, sich mit ihr in ein paar Häuser von Menschen oder Tieren transportieren ließ, Verbeugungen machte, Komplimente herlispelte, eine halbe Stunde, wie auf den Stuhl gepfropft, dasaß, von Zeit zu Zeit durch Verbeugungen zu erkennen gab, daß sie noch lebte, dann aufstund, wieder Verbeugungen machte, wieder Komplimente sagte und nach Hause an ihren Arbeitstisch wieder zurück reiste. Bei einer solchen Kultur kann der fruchtbarste Boden höchstens nichts als langes Gras und Binsen tragen. Und wer kann sich noch wundern, daß es ihrer Seele nicht besser ging, daß diese eigentlich ein ganz leeres Blatt blieb, wie es aus der Fabrik der Natur gekommen war, und an allen ihren Geschicklichkeiten gar keinen, sondern der Mechanismus des Körpers allein allen Anteil hatte, daß sie nicht Verstand genug hatte, so original boshaft zu sein wie ihr Gemahl, sondern allenfalls nur zu einer Maschine bei seinen Unternehmungen zu dienen? Ebensowenig kann man sich wundern, daß sie nach der wenigen Wirksamkeit, in welche sie in ihren ersten Jahren gesetzt wurde, und der wenigen Erfahrung, die sie daher machen konnte, eigentlich gar keinen Charakter mit in ihren Ehestand brachte, das heißt, keine Grundsätze, keine Regeln, die sie in ihren Handlungen bestimmten und leiteten – nein, sie folgte dem jedesmaligen Antriebe der Ideen, die zufälligerweise in ihr, durch irgendeine von den bekannten Ursachen der Ideen, entstanden. Am allerwenigsten wird man sich endlich wundern, daß bei einer so frühzeitigen Entfernung und beständigen Abwesenheit von ihrer Schwester ihre schwesterliche Liebe in keine helle Flamme, sondern kaum ins Glimmen hatte geraten können. Nun setzte sich vollends der Eigennutz in das Herz hinein neben das glimmende Fünkchen der Schwesterliebe und fachte wie ein Alchimist mit aufgeblasenen Backen sein Feuer auf seinem Herde an, und ehe man sich's versah – weg war das bißchen Schwesterliebe! Ganz von dem Dampfe des größern Feuers erstickt! Nichts als ein halbrauchender Brand! Und im kurzen rauchte und knisterte er auch nicht einmal mehr! ohne daß die Natur euch zu Gefallen, ihr Weltweisen, die ihr schwesterliche und brüderliche Liebe auf ihre Rechnung schreibt, nur mit einem einzigen Hauche dem erlöschenden Fünkchen wieder aufhelfen wollte – oder blies sie vielleicht erst, da es schon aus war? –Ja, das war zu spät! Und auch nicht ein Fünkchen blieb davon übrig! Ihr Gemahl, der Graf, für dessen Herz Liebe und Freundschaft eine fremde, nie gefühlte Empfindung war, hatte im Grunde für seine Schwägerin, die Frau von L. nicht einen Gran mehr Liebe als seine Gemahlin und hätte lieber über ihren Tod sich die Augen rot geweint, als ihr zu ihrer Vermählung Glück gewünscht; doch durch eine mehr als gewöhnliche Verstellung wußte er diese Gesinnung so zu verbergen, unter Gefälligkeiten, Dienstfertigkeit, Freundlichkeit, hinter einem Schwall von feinen und nichts weniger als übertriebenen Komplimenten so zu verstecken, daß man wenigstens halb allwissend sein mußte, um die Betrügerei wahrzunehmen. Hingegen seine Gemahlin, sosehr sie Frauenzimmer war, konnte diese Kunst nicht zur Hälfte so gut. Sie vermied sorgfältig jede Gelegenheit, ihre Schwester und ihren Gemahl zu sehen, und wenn sie genötigt war, sie zu sehen, so hatte ihre Sprache, ihre Gebärden und ihr ganzes Betragen einen so gezwungnen, frostigen Ton, daß – nicht viel Scharfsinn erfodert wurde, um die Uneinigkeit ihres Herzens und ihrer Miene wahrzunehmen. Wenn ihre Nerven gerade eine starke Spannung vertragen konnten, so glänzte ihr Gesicht von Freundlichkeit, als wenn es mit ihr wie mit einem Firnis dicht überzogen wäre; aber der Firnis war zu stark aufgetragen, und dann – wie bald wird eine Nerve schlaff! Bei einem zweistündigen Besuche hielten die ihrigen höchstens eine halbe Stunde die gewaltsame Anspannung aus, und sogleich mußten Migräne, Vapeurs, Kopfweh und andre dergleichen Übel, die dem schönen Geschlechte in jedem Notfalle auf einen Wink zu Diensten sind, zu Hülfe gerufen werden, um den Mißton nicht merken zu lassen, der notwendig entstehen mußte, da sich die Saiten heruntergezogen hatten. Überhaupt vergrößere man die Verstellungskunst des weiblichen Geschlechts, sosehr man will, mit einer satirischen oder ernsthaften Miene – ich schüttle den Kopf! Man kann ihre Grade nach dem Thermometer abmessen. Solange ihr Blut den Grad der natürlichen Lebenswärme oder der gemäßigten Hitze nicht übersteigt, so buchstabiere und lese man ihre Gesichter ganze Tage durch, umsonst! sie bleiben unerklärliche Inschriften, wozu man das Alphabet noch nicht gefunden hat, besonders wenn gar eine andre Neigung oder Empfindung dazukömmt und wie ein scharfer Wind das Blut abkühlt und den Merkurius im Wetterglase niederdrückt. Aber nur fünf Linien steige die Hitze über jenen Grad, welches in einer so veränderlichen Atmosphäre wie die weibliche sehr leicht geschehen kann, und das ganze Herz ist in ihrer Miene, und jede Bewegung wird an ihnen zum Verräter. – Allerdings haben Frauenzimmer beweglichere, geschmeidigere Nerven, die sie selbst schnell und zu einem hohen Tone anspannen und leicht in eine Bebung versetzen können; aber sie sind dünne, sehr fein! Ebenso leicht ermüden sie! Die Haut, die ihr Gesicht bedeckt, nimmt leicht und schnell jede Falte, jede Gestalt an; aber sie ist zu fein, zu durchsichtig, und wer nur leidlich gute Augen hat, wie leicht kann der durchsehen! 22. Der Herr von L., ohne eben die besten Augen zum Beobachten zu haben, sähe auch wirklich durch die Miene seiner Schwägerin in ihr ganzes Herz hinein; doch so leicht ihm dieses wurde, ebenso undurchdringlich war für ihn das Betragen des Grafen. Nach dem Gemälde, das meinen Lesern von diesem gemacht worden ist, und da jener ihn nur aus gewissen schimmernden Handlungen beurteilen konnte, war es keine Schande für den Herrn v. L., daß er den Charakter des Grafen ganz und gar mißkannte. Er schätzte ihn aufrichtig ebensosehr, als ihn dieser zu schätzen vorgab, und es ist schwer zu bestimmen, welcher dem andern mehr Höflichkeit erzeigte: der Herr v. L. als ein bewundernder, redlicher Freund? oder der Graf S++ als ein verachtender, verstellter Betrüger? Nur die Frau v. L. hatte die Kurzsichtigkeit guter Menschen, die, mehr mit ihren und andern guten Handlungen als Fehlern beschäftigt, gar nicht auf den Einfall kommen, böse Leute in der Welt zu vermuten; die niemanden eher zutrauen, daß er stoßen kann, als bis er sie zu Boden wirft, und alsdenn noch, wenn es sich tun läßt, lieber sich einbilden, daß er unversehens als mit Vorsatz an sie angerennt sei; dieser wenigen auserwählten guten Seelen, die aus dem kindischen Alter der Welt noch übriggeblieben sind, die für eine Welt wie die unsrige zu viel stille Größe, zu viel naive Schönheit haben und denen ich gerne mit meinen Händen eine eigne Welt bauen wollte, wenn ich Welten schaffen könnte. – Oft muß ich eurer noch in meinem Buche gedenken, ihr Edlen! ihr, die ihr allein durch euer Dasein den Schöpfer gegen die Anklagen der Menschheit rechtfertigt! Und könnte ich euch ein daurendes Denkmal stiften, wäre es auch nur ein Leimhaufen – alle Werke eines Angelo, eines Donatello oder noch erhabnerer Künstler würden mir dagegen sein, was diese Werke gegen die Werke der Natur sind. Nach der Denkungsart dieser Gutgesinnten, qui, cum ipsi sint boni, alios ex sua natura fingunt Cic. pro Rosc. Am. , sähe die Fr. v. L. das fremde Betragen ihrer Schwester gegen sie als eine Folge ihrer frühzeitigen Trennung, jeden plötzlichen Ausbruch einer gezwungnen Freundlichkeit als eine Bemühung an, sich von dem Zwange loszumachen, in welchem gewisse Leute bei einer neuen Bekanntschaft mit Verwandten von einem höhern Range sich befinden, denn die Frau v. L. war durch das Amt und den Titel ihres Gemahls weit über ihre Schwester, die Gräfin S++, erhoben; sie sähe endlich ihre mürrische Unfreundlichkeit, ihre Sorgfalt, sie zu vermeiden, ihre zuweilen hämischen Reden und Gebärden als Wirkungen teils dieses Zwanges, teils ihres Temperamentes und ihrer Erziehung an; kurz, die Fr. v. L. hielt die Gräfin für unschuldiger, als diese sich selbst in ihren eignen Augen schien. 23. Der zärtlichste Ehemann kann sich um die Gesundheit seiner Frau nicht so genau und so angelegentlich bekümmern, als sich der Graf für die Gesundheitsumstände seiner Schwägerin interessierte. Seit dem Tage ihrer Vermählung war selbst die sonst ziemlich gleichgültige Frage: Wie befinden Sie sich? für ihn von der wichtigsten Bedeutung; und schon die Antwort: Nicht allzu wohl! setzte Freude und Besorgnis in seinem Herzen in einen solchen Streit, daß seine Miene oft in die größte Verwirrung geriet, die man aber allzeit vorteilhaft als eine beinahe übertriebne Sorge für das Wohlsein seiner Schwägerin auslegte. Freuen wollte er sich gern bei einer solchen Antwort, weil durch jede ihrer Unpäßlichkeiten die Hoffnung seiner Erbschaft der Wirklichkeit näher zu rücken schien; besorgt mußte er sein, weil vielleicht diese kleinen Übel Ankündigungen einer Schwangerschaft sein konnten – ach, dieser Gedanke war ein unabsehlicher Abgrund für ihn, von dem er mit Schaudern zurücksprang. In dieser höchst unglücklichen Verfassung, in einem beständigen Zwange der Verstellung, im Herzen voller Besorgnis, unruhiger Erwartung und ängstlichen Schrecken, bei jeder ihm widrigen Nachricht, bei jedem Geklätsche eines alten Weibes, das die Fr. v. L. betraf – in dieser traurigen Verfassung brachte der Graf sechs Jahre zu. Seine Hoffnung wuchs; die Freundschaft des Herrn v. L. nahm ab, wenigstens wurden seine Höflichkeiten kälter, und seine Komplimente bekamen mehr die Miene der Fremdheit; denn – warum wundern sich nun meine Leser so hierüber, daß ich hier ein denn hersetzen muß? –, denn der Herr v. L. war ein Mensch , das heißt, ein Tier, das andre Tiere neben sich gern reich und überhaupt glücklich sieht, wenn es nur nicht auf seine Unkosten geschehen muß. Auch der Gräfin wurde es nun leichter, auf einen beinahe schwesterlichen Fuß mit ihrer Schwester umzugehen, und diese hätte es durch ihre öftern Schwächlichkeiten fast dahingebracht, daß jene sie wie ihre Schwester geliebt hätte. Nur die Fr. v. L. blieb unwandelbar ebendieselbe und konnte es bleiben, da sie weder wußte noch glauben wollte , daß jemand im Herzen anders gegen sie jemals gewesen wäre. Plötzlich wurde diese ruhige Periode durch ein höchst unerwartetes Gerüchte unterbrochen. – Die Fr. v. L. ist seit drei Monaten schwanger! sagte jedermann. – Schwanger? Wie ist das möglich? ohne daß der Graf S++ davon wußte? Aufmerksam hatte er doch bei jedem Besuche die Fr. v. L. vom Kopfe bis auf die Füße beobachtet, um sich nicht das geringste Merkmal der Schwangerschaft entwischen zu lassen, und gleichwohl – aber wozu lange Überlegungen? Am besten ist es, angespannt, hingefahren, gesehen! – Und das ist wahr: Außerordentlich angeschwollen schien dem Grafen die Gegend des Leibes, in welcher ein kleiner Räuber seiner Erbschaft verschlossen liegen sollte; so außerordentlich, daß er gleich bei dem ersten Anblicke verstummte und in der größten Verwirrung, zum Erstaunen des Herrn und Fr. v. L., während des ganzen Besuches verblieb, halb abwesend redte, Antworten schuldig blieb und immer starr die Augen dahin richtete, wohin sein erster Blick gefallen war mit einer ärgerlichen Verdrießlichkeit, seinem ungebornen Feinde so nahe zu sein, ohne ihm schaden zu können. – Die Anschwellung des Leibes schien ihm sogar während seiner Anwesenheit merklich zu wachsen, und so merklich, daß er befürchten mußte, bei so schnell fortgehendem Wachstume in drei Stunden seinen Nebenbuhler auf der Welt zu sehen. Er brach also den Besuch ab und hatte nicht einmal Gegenwart des Geistes genug, sich darüber zu entschuldigen. Was es doch für eine schwere Sache sein muß, sich in seiner Fassung zu erhalten! Man mag die stärkste Seele, die unverschämteste Dreistigkeit, die feinste Verstellungskunst besitzen, ein oft kleines Übel, das uns plötzlich auf den Rücken springt, ist imstande, alle diese herrlichen Verteidigungsmittel unnütze zu machen. – Aber wie auch die verräterische Einbildungskraft geschäftig ist, den Gebrauch unsrer größten Gaben zu verhindern! Der Graf S++ sähe die offenbarsten Spuren der Schwangerschaft, sähe sogar diese Spuren immer merklicher werden, und doch war es nichts als ein kleines Küssen, womit die Fr. v. L. wegen öfterer Anfalle vom Magenkrampfe wider die Erkältung den Ort zu bedecken pflegte, den itzt der Graf mit seinen Augen belagerte. Mit jedem Atemzuge vergrößerte sich die dadurch verursachte Erhöhung und verminderte sich auch wieder. Doch der Graf, der niemals die Fr. v. L. anders als mit diesem durch ein Küssen erhöheten Unterleibe gesehen, ohne das geringste Mißtrauen in diesen großen Umfang desselben zu setzen, der diese Gewohnheit der Fr. v. L. aus ihrem eignen Munde wußte –, der arme Graf muß sich itzt, da einmal sein Herz von Furcht und Schrecken aufgewiegelt ist, von seiner Einbildungskraft den abscheulichsten Betrug spielen lassen. Sein Gedächtnis sagt ihm keinen Mucks von dem Küssen; seine Einbildungskraft macht ihm die Erhöhung zweimal größer, als sie sonst und als sie wirklich war; sie besticht sogar die Augen, daß sie ein falsches Zeugnis ablegen, als wenn die Anschwellung zusehends zunähme, und kein Wort davon sagen, daß ebendiese größere Anschwellung bei jedem Atemzuge geschehe und nach demselben gleich wieder in die vorige Beschaffenheit zurückfalle, und, was mich am meisten ärgern kann, der Verstand sitzt ruhig im Armstuhle da, sieht unbeweglich zu, wie seine Untergebene den armen Grafen herumtummeln, und wenn er ihm auch nur, ohne sich weiter zu bemühen, zugeflüstert hätte, wie treulos man mit ihm umginge und wie wenig diese sich vergrößernde Anschwellung, per rerum naturam, wachsende Merkmale der Schwangerschaft sein könnten! Aber nichts von allem dem! – Das ist mir ein phlegmatischer Bube, der Verstand! 24. Tausend Fragen bestürmten ihn von seiten seiner Gemahlin wegen seiner plötzlichen Zurückkunft und der verzweiflungsvollen Miene, mit welcher er sich auf das Kanapee hinstreckte, bis endlich nach vielen Ausweichungen die weibliche Beredsamkeit so sehr über ihn siegte, daß er das ganze Geheimnis, seine Beobachtungen und seine eigne Situation entdeckte. »Was? schwanger?« – rief sie mit einem lauten Gelächter und sank in den gegenüber stehenden Krüppelstuhl. »Meine Schwester schwanger?« – Der Graf schoß einen Blick auf sie, wie ihn ein beleidigter Stolzer zu werfen pflegt. Geschwinde fuhren ihre Muskeln zur ernsthaften, ehrerbietigen Miene zusammen, und ob sie gleich ihrem wild aussehenden Eheherrn den Hauptsatz zugab, so äußerte sie doch über seine Gründe dafür so viele Zweifel, fand so viel daran zu berichtigen, daß sie ihm im Grunde nicht mehr zugestand, als wenn sie geradezu nein gesagt hätte. Der weise Vater des Tristram Shandy machte unter seinen vielen wahren Anmerkungen einst auch diese: Wenn die Frau in einem Hause niederkömmt, so werden alle weibliche Figuren darinnen um einen Zoll höher. Ohne die Klugheit dieses Mannes tadeln zu wollen, setze ich hinzu: Sobald sie sich für schwanger ausgibt, nimmt dieses Wachstum schon seinen Anfang und erstreckt sich auch auf alle Anverwandtinnen bis in den fünften und sechsten Grad; sogar alle verheiratete Frauenzimmer, die nicht mit ihr verwandt sind, wachsen schon bei der bloßen Erzählung davon um einen halben Zoll, besonders wenn sie aus einem männlichen Munde kömmt, und überhaupt nie sehen verheiratete Frauenzimmer auf Mannspersonen, die nur ein einziges Urteil über eine solche weibliche Angelegenheit wagen, anders als mit der stolzen Selbgenugsamkeit herab, womit ein großer Geist auf einen kleinern herniederblickt, der von einer Sache spricht, wovon er allein zu reden sich berechtigt dünkt. Durch diese Miene und die vorgebrachten Einwendungen nebst dem häufigen Ritornell, daß Mannspersonen dergleichen Umstände nicht zu beurteilen wüßten, welches der Grund aller Gründe und der Einwurf aller Einwürfe war, wurde die Disputation zuletzt so geendigt, daß der Graf selbst an der Wahrheit der Sache und an der Richtigkeit seiner Beobachtungen zweifelte. Nicht lange! Denn vierzehn Tage darauf erhielt er von dem H. v. L. nach vielen versteckten Ausforschungen die Versicherung, daß er und die Ärzte seine Gemahlin schwanger glaubten und sie sich selbst wegen zuverlässiger Anzeigen dafür hielt. Gleich einem Missetäter, der sich der zuversichtlichen Hoffnung des Lebens überlassen hat, wenn ihm in der Versammlung, wo er die Ankündigung seiner Befreiung erwartete, sein Todesurteil vorgelesen wird, so und nicht anders stand der Graf bei dieser Versicherung des H. v. L. da. Freilich war die Lage des Grafen eine der schrecklichsten, in welcher ich mich um eine doppelt so große Erbschaft nicht hätte befinden mögen. Sein eignes, nicht wenig beträchtliches Vermögen hatte er seinem Stolze und seiner Liebe zur Pracht aufgeopfert; in der nahen Aussicht auf die Erbschaft seiner Gemahlin hatte er auf Unkosten vieler dienstfertiger Gläubiger, die sich durch seine großmütigen Reden und Pracht blenden ließen, seinen Aufwand fortgesetzt und beinahe vergrößert. Die Gläubiger, da sie allmählich gewahr wurden, wie groß ihre Anzahl war, besannen sich endlich, daß seine großmütigen Versicherungen sie unmöglich so gut als bares Geld bezahlen könnten; einige darunter, die er auf seine Anwartschaft vertröstet hatte, da sie die Nachricht von der Schwangerschaft der Fr. v. L. erhielten, bliesen Lärm. Das Volk der Gläubiger hat, wie bekannt, ein sehr feines sympathisierendes Gefühl: Nur einer darf einen Hauch in die Trompete tun, und gleich versammelt sich der ganze Schwarm seiner Mitbrüder von allen Enden der Welt in Person und in Vollmacht um ihn her und zieht mit klingendem Spiele wider den armen Schuldner los. Die wenigen, denen die Schwangerschaft der Fr. v. L. so bedenklich geworden war, machten sie den weniger aufmerksamen ebenfalls bedenklich, und so vielen Leuten zu entgehen, die alle voller Bedenklichkeiten waren, fanden sich in dem Kopfe des Grafen nur zween Auswege: Entweder mußte er bezahlen – aber das widerrieten ihm alle Umstände, und vorzüglich der wichtigste unter allen, der Mangel am Gelde, oder mußte er fliehen – itzt in diesem kritischen Zeitpunkte? – sich mit seinen Gläubigern während seiner Entfernung zu vereinigen suchen, seiner Pracht entsagen, Bediente abdanken – ach, der Stolz konnte ihn dies Gemälde niemals auszeichnen lassen, so erschrocken fuhr er vor demselben zurück. Zween Rettungsmittel waren überhaupt nur möglich, zween wurden verworfen: Folglich blieb nach geschehener Überrechnung 2 − 2 = 0 übrig. Indessen versprach er zu bezahlen, und alle Gläubiger ruhten, nur das Herz des Grafen nicht. Nach vielen vormittäglichen und nachmittäglichen Überlegungen zwischen ihm und seiner Gemahlin, wovon allzeit das Resultat gewesen war, daß man nicht wüßte, was man tun sollte, ließ sich eines Tages in einer Nachmittagssession beim Kaffee die Gräfin den unschwesterlichen Wunsch entfahren: »Wenn doch meine Schwester nur ...« – » stürbe? « rief der Graf hastig. »Nein, das wohl nicht; wenigstens umwürfe. So wäre doch der Wechselbalg –« – »Das ist wahr!« – Indem er es noch sagte, sprang er auf, eilte in seine Stube, klingelte dem Laufer, darauf dem Kutscher, kam nach einer halben Stunde wieder zur Gemahlin und sagte: »Der Plan ist gemacht; morgen soll es geschehen« – und so ging er in sein Zimmer zurück. Eigentlich war der Wunsch der Fr. Gräfin nichts als ein plötzlicher unwillkürlicher Gedanke, an welchem das Herz keinen Anteil hatte, dergleichen sehr oft in den Seelen der Sterblichen, wenn sie von einer angenehmen oder unangenehmen Sache zu sehr angefüllt sind, wie die Dünste aus einem vollgestopften Magen, aufzusteigen pflegen. Wie diese Magendünste bleiben sie zuweilen innerhalb des Leibes und verlieren sich ganz still; aber zuweilen brechen sie mit leisem oder lautem Geräusche durch, die Seelendünste durch den Mund, und .... Auch hatte die Gräfin ihren Wunsch so schnell, als er herausgefahren war, vergessen und konnte um soviel weniger, da sie nicht wieder an ihn dachte, die letzten Reden des Grafen und die darauf erfolgenden Anstalten begreifen. Zwar tausendmal hätte sie sich wieder auf ihn besinnen mögen, ohne in die Seele des Grafen gesehn zu haben, würde ihr alles so unerklärlich wie vorher geblieben sein. In seinen Kopf hatte das Wort umwürfe eine ganz andre Vorstellung mitgebracht, als in dem Kopfe der Frau Gräfin damit vergesellschaftet war. In ihrem Munde war es nichts als ein pöbelhafter Ausdruck desjenigen, was die Franzosen mit ihrer gewöhnlichen Delikatesse se blesser nennen; genug, sie wünschte ihrer Schwester eine unzeitige Geburt, einen toten Sohn oder so was. In seinem Gehirn hingegen lag der Wunsch so ausgedrückt: Wenn doch meine Schwester mit der Kutsche umwürfe, so ginge es ihr vielleicht unrichtig, so wäre doch der Wechselbalg, den sie zu meinem Unglücke bei sich trägt, vielleicht tot usf. Gleich hinter diesem Gedanken sprang ein andrer auf: Das kann man leicht machen, und denn ein dritter, ein vierter, ein fünfter und immersofort, bis endlich aus der Zusammensetzung aller dies Ganze herauskam: Morgen will ich zu Mittage auf meinem Landhause in W. zu essen geben; die Fr. v. L. soll mit mir in meinem Wagen fahren, das wird leicht dahin zu bringen sein; unterwegs soll mein Kutscher uns umwerfen, ich will auf sie fallen, ich will sie drücken; vielleicht – gleich soll der Laufer die Gesellschaft zusammenbitten. Nun ist das ganze Rätsel entwickelt, warum dem Laufer und dem Kutscher geklingelt wurde. Letzterer empfing zum voraus zur Belohnung seiner Verschwiegenheit und Geschicklichkeit einen Dukaten, und er versprach wie ein Däuschen umzuwerfen und schon einen Weg zu nehmen, wo umwerfen nicht schwer wäre. – Aber wenn sich die Fr. v. L. nun entschuldigte? – Dafür lasse man die siegende Beredsamkeit des Grafen sorgen. Die Sache ging vor sich. Der Kutscher fuhr in einen steinichten, bergichten Weg, der vielleicht in ganz Europa der einzige schickliche war, um geborne und ungeborne Menschen ums Leben zu bringen. Man wunderte sich über den ungewöhnlichen Weg; der Graf schimpfte, freilich etwas spät, auf den Kutscher; aber umwenden konnte man nicht. Ohne Beihülfe des Kutschers und eher, als er wünschte, fiel der Wagen um; und auf die Seite des Grafen. Er blutete, die linke Seite war beschunden, die schöne Dose von versteinertem Holze, die er gerade in der Hand hielt, zerschmettert; Fächer, Ohrringe, Perlen, Menschenhände und Menschenfüße, Blonden, Fragmente von Hauben, Hut, Perücke, alles lag wie in einem Chaos durcheinander. Noch zwo andre Damen, die, ohne einen ungebornen Feind des Grafen bei sich zu haben, unverschuldeterweise mit umwerfen mußten, wiewohl sie nach der Absicht des Grafen für eine alte Beleidigung bei einer so bequemen Gelegenheit mitbestraft werden sollten, waren bloß an der Kleidung beschädigt, und die Fr. v. L., der die übrigen alle zur Unterlage gedient hatten, war, den Schrecken ausgenommen, gesund und wohlbehalten. Man kletterte allmählich heraus; der Graf hinkte mit der wütendsten Miene auf den Kutscher los, der Schmerz ließ ihn ganz vergessen, daß der Kutscher seinen Dukaten redlich verdient hatte, und prügelte so gewaltig auf ihn zu, daß dieser in die größte Verlegenheit geriet, ob es nicht vielleicht eine ernstliche Bestrafung sein sollte, weil er seiner Pflicht nicht völlig Genüge getan und das Umwerfen nicht unglücklich genug abgelaufen wäre. Fast war er, um den Fehler wieder gutzumachen, willens, das ganze Schauspiel noch einmal zu wiederholen; aber bald riß ihn ein glücklicher Umstand aus dieser Verlegenheit. Die Fr. v. L. wurde einen Fußsteig gewahr. Die drei Damen gingen zu Fuß, ein Bedienter mußte sie begleiten, der Herr Graf hatte den Fuß verrenkt, er mußte also in den Wagen zurück und ganz allein so viele und so heftige Stöße ausstehen, daß er nun völlig begriff, wie empfindlich es für ein Frauenzimmer sein muß, wenn man es durch Umwerfen und steinichte Wege dahin bringen will, daß es ihr unrichtig geht. Diese mißlungne Probe und die Verzweiflung, in welche der Graf durch die Scham vor sich selbst versetzt wurde, ersparten der Fr. v. L. auf eine lange Zeit dergleichen gewaltsame Geburtshülfen. Indessen nahm bei ihr die Erwartung einer glücklichen Entbindung immer mehr zu und auf der Seite des Grafen die Hoffnung einer erwarteten Erbschaft verhältnismäßig ab. Jeder Gedanke daran schleppte einen langen Zug von traurigen, schwarzen Vorstellungen hinter sich drein: erst seine Gläubiger, ein jeder einen Arrestbefehl in seinen Händen; dann seine Bedienten, seine Laufer, Heiducken, alle in Trauerkleidern um ihren unbezahlten Lohn und den Verlust ihres Dienstes; darauf der ganze Schwarm von Käufern, die lege auctionis seine Möbeln, Kutschen, Kleider, Service unter sich geteilt hatten. Mit Schaudern sahe der Stolz diese Leichenprozession, die ihn in kurzem in die Gruft begleiten sollte. Er drückte, er rieb an dem Gehirne, um vielleicht ein Mittel herauszupressen, wie diese Leichenbegleitung und also auch sein Tod zu vermeiden wäre; das Gehirn war trocken und brachte auch nicht eine einzige notdürftige Idee zum Vorschein. 25. Die Fr. v. L. nimmt keine Besuche mehr an; sie fährt nicht; sie tanzt nicht; was ist also zu tun? Man beratschlagt schon über die Wahl einer Wehmutter; Herr Graf, nun ist es Zeit! Diese Nachricht erhielt der Graf von einem seiner Spione, mittwochs abends siebzehn Minuten auf neun Uhr, als er gerade in seinem Schlafrocke am Schreibetische saß und in Amelots Übersetzung des Tacitus gelesen hatte. Wer sollte glauben, daß diese Nachricht und diese Lektüre durch ihre Zusammenkunft in dem Kopfe des Grafen ein Etwas in dem Augenblicke zur Welt brachten, das die wirkende Ursache von vielen künftigen Begebenheiten, von dem Tode der Fr. v. L., von einem langen Prozesse usw. sein wird? Ein Etwas , das meinen Lesern völlig begreiflich machen wird, wie die Anwartschaftsgeschichte des Grafen S++ ein Kommentar über zwei oder drei unbesonnene Worte der Frau Knaut, Schulmeisterin in – –, sein kann? – Unbegreiflich! und doch ist es nicht anders. »La vraisemblance n'est pas toujours du côté de la vérité«, sagt Bayle, ein Mann, der aus seiner Erfahrung wußte, was Ursachen und Wirkungen in menschlichen Begebenheiten für wunderliche Dinge sind. Als der Graf noch unter der Anführung eines Pedanten Phrases aus dem Tacitus ziehen und auswendig lernen mußte – dieses Glied will ich meinen Lesern von der Kette der Ursachen und Wirkungen in die Hand geben; wenn ich bis zu den ganz ersten zurückgehen wollte, so würde die Geschichte dieses einzigen Vorfalles so stark als die Geschichte der Menschheit werden und mit dieser von einem Datum anfangen –, zu jener Zeit also schenkte dem Grafen, zu Erleichterung seiner phraseologischen Arbeiten und zu besserm Verständnisse seines Autors, seine gnädige Tante seligen Andenkens des Amelot de la Houssaie Übersetzung des Tacitus. Aus gerechtem Unwillen über den Tacitus, der dem Grafen die Anzahl seiner unglücklichen Stunden in diesem Leben ansehnlich hätte vermindern können, wenn er nichts geschrieben hätte, beschloß dieser auf der Universität, keine Silbe, keinen Gedanken mehr in seiner Bibliothek zu dulden, von dem er versichert sein könnte, daß er in dem Kopfe des Tacitus gewesen wäre. Amelot sollte daher auch unter vielen noch unschuldigern in die Auktion verwiesen werden, seiner Dienste ungeachtet, die er ehemals geleistet hatte; doch Max, der Bediente, der das ganze Geschäfte besorgte, hatte seit langen Zeiten die Gewohnheit gehabt, abends die Zopfbänder seines Herrn in Amelots übersetzten Tacitus zu legen, um sie von den Runzeln zu kurieren, die sie den Tag über angenommen hatten. Leicht und vielleicht besser hätte manches andre Buch unter dem Vorrate seines Herrn zu diesem Endzwecke gedient; allein da über Köpfe von seiner Klasse die Gewohnheit grausamer tyrannisiert als irgendein orientalischer Despot, so konnte er unmöglich eine Trennung zwischen sich und seinem Amelot geschehen lassen. Ohne Vorwissen seines Herrn behielt er ihn zu dem vorigen Gebrauche zurück, und nie war der Graf neugierig genug, in das Buch, wenn er es sah, hineinzublicken. Ohne fernere Nachfrage war der französische Tacitus, auch da er nach Maxens Entlassung nicht mehr Haarbänder pressen mußte, von einem Orte zum andern mit fortgewandert und hatte zu seiner Sicherheit allzeit den verächtlichsten Posten in dem abgelegensten Winkel des Bücherschrankes erhalten, welches er bloß seinem schlechten Kleide zu danken hatte. Den Tag vorher, ehe der Graf die obgemeldete Lektüre machte, suchte der Sekretär in der Gegend, wohin Tacitus diesmal hatte flüchten müssen, etliche alte Papiere. Das Buch wollte hartnäckigerweise seinen Platz nicht verlassen, ob es gleich im Wege war; es bekam einen Stoß und fiel, sechs Reihen hoch, aufgeschlagen mit dem Rücken auf den Boden. In der Hitze des Suchens vergaß der geschäftige Sekretär ihm wieder zu seinem eigentümlichen Platze zu verhelfen; es blieb die Nacht liegen. Morgens darauf fand es das Stubenmädchen, als sie das Zimmer ausfegen wollte, in dem nämlichen Zustande. Sie fand nach ihren weiblichen Begriffen von Ordnung und Reinlichkeit, daß ein auf einem unausgekehrten Fußboden liegendes Buch einen staubichten Fleck bedecke und also, wenn es weggenommen würde, dieser Fleck weniger rein sein und folglich die harmonische Reinlichkeit der Stube gestöret werden müßte; sie hub es auf. Bei dem Aufheben reizte das Titelkupfer ihre Neubegierde; sie sah es an; aber durch lange Zucht gewöhnt, in den Zimmern ihrer Herrschaft Papiere und Bücher gerade in die vorige Lage zu versetzen, wenn sie um der Reinlichkeit willen einen Augenblick aus ihrem alten Orte verrückt werden mußten, hielt sie sich für verbunden, das Buch wieder aufgeschlagen zurückzulegen. In der aufmerksamen Begeisterung über dem Titelkupfer war es verblättert worden, und – mit einem höchst unseligen Griffe trafen ihre zween Daumen gerade bei dem Blatte zusammen, auf welchem die alte Giftmischerin Locusta, unter der Aufsicht des Nero, das Tränkchen kocht, das Ihre Majestät von Dero Bruder, dem Britannicus, befreien sollte. Diese Stelle blieb aufgeschlagen, als das Buch wieder an seinen vorigen Platz kam. Denselben Tag, abends, um acht Uhr und fünf Minuten setzte sich der Graf, voll gewöhnlicher Unruhe, die wie manche Fieber mit der Dunkelheit zunahm, in einen Lehnstuhl, dem Bücherschranke gegenüber. – Leute – ich weiß nicht gleich, warum, aber gewiß ist es –, Leute, die niemals an einem Buche Vergnügen gefunden oder aus bekannten Ursachen keins finden konnten , greifen doch, wenn sie von einem langen Kummer gequält werden, wie durch einen natürlichen Trieb, nach jedem Buche, das ihnen vorkömmt als nach einer Panazee. Wenn sie auch weiter nichts tun als blättern und zeilenweise lesen, so glauben sie doch mehr Beruhigung dadurch zu erlangen oder erlangen sie wirklich, als bei jeder andern Beschäftigung. Vielleicht geschieht es wirklich auf einen Wink der Natur, die gewöhnlich an dem Orte, wo man sich verwunden kann, auch das Kraut wachsen läßt, daß die Wunde heilt. Jeder neue Gedanke, der von den in unserm Kopfe vorhandnen verschieden ist, bringt unsre Lebensgeister auf einen neuen Gang, das ist bekannt, und aus diesem Grunde können uns Bücher überhaupt schon eine vorübergehende Beruhigung verschaffen. Ist aber dieser neue Gang von dem vorigen zu sehr abgelegen, daß sie zum Beispiel itzt auf die rechte Seite des Kopfs sich drehen sollen, da sie vorher links gegangen waren, so wird der Verdruß, der allzeit in so einem Falle entsteht, eine Vermehrung unsrer unangenehmen Empfindungen – wir werfen das Buch weg. Sobald wir aber eine Idee darinnen erhaschen, die die Lebensgeister von dem Fahrwege nur auf einen nebenher laufenden Fußsteig führen, der mannichmal durch eine Reihe Bäume, zuweilen auch durch einen Graben oder wohl gar durch ein kleines Büschchen von dem Hauptwege abgesondert ist, aber immer wieder zu diesem zurückkömmt; alsdann ist uns das Buch willkommen und wäre es auch ein Staatskalender. Vermöge dieser Theorie stund der Graf, da Tacitus, der noch auf dem Boden lag, unvermeidlicherweise in seinen Augen das Bild eines Buchs verursachte, nachdem er kaum zwo Minuten gesessen, vom Stuhle auf, nahm ihn, wie er aufgeschlagen dalag, und sahe hinein. Bei der ersten Ansicht erblickte er gerade soviel Worte, als nötig waren, ihm den Inhalt des Blattes interessant zu machen; er las – wandte um – kurz, las die ganze Geschichte. Sein Gedächtnis brachte ihm die fehlenden Umstände, die er anderswo gelesen, zurück; die entfernte Ähnlichkeit zwischen einem Halbbruder, der verdächtig geworden ist, dem andern eine Krone streitig machen zu wollen, welches der Fall im Tacitus war, und einem Vetter, der den Onkel von einer sehnlich gewünschten und bedurften Erbschaft verdrängen will, welches der Fall des Grafen war – die Ähnlichkeit der Erwartungen des Nero und seiner eignen: Denn jener mußte, wenn Britannicus leben blieb, aufhören, Kaiser zu sein, als ein Privatmann, und vielleicht schlecht leben, im Exilium herumwandern; er , der Herr Graf, wenn sein Vetter ins Leben kam, allen seinen Herrlichkeiten entsagen, aufhören, prächtig zu leben, in ein freiwilliges Exilium wandern und entweder niemals oder arm wieder zurückkommen; die Ähnlichkeit der Ruhe und des Wohlseins, in welche Nero nach dem Tode seines Bruders und er nach de – – Das hier fehlende Wort war in dem Kopfe des Grafen nicht bestimmt, sondern nur dunkel ausgedrückt. Vielleicht sollte es Nichtexistenz sein. seines Vetters versetzt zu werden hoffte, Pollio, der Tribunus cohortis praetoriae, der den Plan des Kaisers vollführte, die alte Hexe, Locusta, die die giftige Mixtur zubereitete: alle diese Ideen schwammen in dem Gehirne des Grafen, wie die Trümmern eines verunglückten Schiffs auf dem Meere, herum, stießen zusammen, fuhren wieder auseinander, ohne daß weiter etwas erfolgte. Mitten unter diesem Aufruhre trat Christian ins Zimmer, ein Bedienter des H. v. L., der sich von dem Grafen als Spion bezahlen ließ und darum einen freien Eintritt in das Zimmer des letztern hatte, sooft er Neuigkeiten aus seinem Hause zu berichten wußte. Itzt brachte er, wie schon oben gesagt worden ist, die Nachricht, daß man gegenwärtig über die Wahl einer Kindermutter zu Rate ginge und daß man willens wäre, seine Muhme, Margrete, dazu zu gebrauchen. Kaum hatte er es gesagt, als in dem Kopfe des Grafen der Spion, Christian, mit dem Pollio, tribunus cohortis praetoriae, die Kindermutter Margrete mit der Giftmischerin Locusta zusammenstieß. Aus der Zusammenkunft wurde unter diesen Leuten bald eine genaue Bekanntschaft, eine so genaue Bekanntschaft, daß sie alle viere in dem Kopfe des Grafen ein Projekt zur Welt brachten, dessen Empfängnis und Geburt geschwinder hintereinander folgten als die Empfängnis und Geburt der Minerva im Kopfe des Jupiters. Das Projekt war: Christian sollte bei der so nahen Geburt seines Vetters – Pollio und die Muhme Margrete – Locusta sein. Dieser sollte ein von geschickten Händen zubereiteter Schlaftrunk anvertraut werden, welchen sie bei Annäherung der Geburtsschmerzen der Fr. v. L. beibringen und sie vermittelst einer Wiederholung der nämlichen Dosis so lange in Schlummer und Betäubung erhalten sollte, bis sie sich ihres Kindes entladen hätte. Die Frau Gräfin sollte sich zum Beistande bei der Geburt erbieten; Christian bot eine andre Muhme zur zweiten Beisteherin an, die so arm war, daß sie um einen sehr billigen Preis, um eine Mahlzeit, wie die Einwohner von Gorea , sich selbst mit Leib und Seele verkauft hätte, wenn sich Liebhaber hätten dazu auftreiben lassen, und die also ihr Gewissen um so viel weniger teuer hielt; Christian selbst wollte das Kind sogleich heimlich in einem Korbe bis zur Hintertüre schaffen, wo sein Bruder, der Zollbereuter, warten sollte, um es zu Pferde weiter an einen verabredeten Ort – den ich vergessen habe – fortzubringen. Kam das Kind tot zur Welt oder war es ein Fräulein, so wurde die Geburt nicht verhehlet, und die Eltern hatten völlige Freiheit, darüber zu lachen oder zu weinen. Das Kind umbringen zu lassen, dazu konnte der Graf sich doch so schnell nicht entschließen – ohne Zweifel aus einem Gefühle von Menschlichkeit, das doch bei Leuten, selbst von mittelmäßiger Erziehung, meistenteils wirksam ist und sie von Verbrechen zurückhält, die sie gern begehen möchten – besonders wenn es das erste ist, wozu ihnen ihr Vorteil rät. Man glaube aber ja nicht, daß das ganze Projekt, so wie es vor den Augen des Lesers daliegt, auf einmal und ganz an das Licht kam: nein, nichts als die prima stamina davon, nichts als die Grundfäden; für den Eintrag und die übrige Arbeit, die die Vollendung des Gewebes erfoderte, sorgte Christian, der sich nicht wenig freute, seine halbe Familie bei dieser Unternehmung ins Brot gebracht zu haben. 26. So unglücklich das erste Stratagem abgelaufen war, so glücklich ging das gegenwärtige vonstatten. Während der Betäubung der Fr. v. L. erschien ein Sohn, der, der Verabredung gemäß, nach – – – zu einer Soldatenfrau gebracht wurde, die ihn säugte und ihn für ihr Kind ausgab, das, ich weiß nicht, wie lange vorher, ohne daß es jemand wußte, auf dem Marsche sich verloren hatte. Es gehört ohne Zweifel mit unter die Rechte und Freiheiten des Kriegs – der damals sich auch über diese Gegenden erstreckte –, daß Soldatenweiber auch ohne das Bewußtsein ihrer Männer die Familie vermehren oder vermindern können; wenigstens wollten einige ihrer Neiderinnen insgeheim versichern, daß sie ihr vermeintlich gestorbnes Kind im freien Felde gelassen und – man weiß nicht! Genug, sie blieb zurück, als das Regiment den Quartierstand veränderte, vergaß Mann und Liebhaber und mietete sich sechs Meilen über der Grenze in einer Stadt ein; eine Entfernung, die man für weit genug hielt, um nicht entdeckt zu werden, und für nahe genug, um ihr, der Pflegemutter, die nötigen Unkosten des Unterhalts bequem überliefern zu können; wiewohl dieser letzte Einfall bloß ein Einfall der Soldatenfrau war, welchen der Graf im Herzen für den schlechtesten bei der ganzen Unternehmung hielt, weil er lieber gesehn hätte, daß das Weib nach Empfange einer Belohnung mit der Armee und dem Kinde auf ewig fortgegangen wäre und ihm die fernern Unkosten, es zu erhalten, erspart hätte. Die Frau hingegen hatte ein gar zu starkes Interesse bei dieser Entweichung von ihrem Manne und dem Regimente, wo eine Nebenbuhlerin sie um ihren ganzen Beifall gebracht hatte, als daß sie nicht durch Bekanntmachung der wenigen Umstände, die sie wußte, eine boshafte Rache ausgeübt haben würde, wenn man ihren Einfall gemißbilligt hätte. – Was für ein abhängiger Sklave doch der Stolzeste, wenn er einen bösen Plan auszuführen sucht, von den schlechtesten, niederträchtigsten Geschöpfen ist! Nach der Entfernung des Kindes, als die Fr. v. L. von ihrem Schlummer zurückkam, wurde ihr und ihrem Gemahle gemeldet, daß es ihr unrichtig gegangen wäre und daß man die hervorgekommne, unvollkommne Frucht auf Befehl der Gräfin sogleich weggeschafft habe, um das mütterliche Herz der Fr. v. L., wenn sie vielleicht eher wieder zu sich gekommen wäre, nicht durch den Anblick zu kränken. Man dankte für diese Vorsorge; aber mit welcher Empfindung! – Hätte der Herr v. L. von einem Tyrannen, unter Bedrohung der ausgesuchtesten Qualen, den Befehl erhalten, seine Gemahlin augenblicklich zu durchstoßen, seine Verwirrung, seine Betrübnis hätte kaum größer sein können als bei dieser Nachricht. Die Fr. v. L. hatte außer der Bekümmernis über diesen unerwarteten Vorfall noch mit einem heftigen Anfalle von körperlichen Schmerzen zu kämpfen, und diese traurige Situation beider machte es der Gräfin um soviel leichter, mehrere Umstände auszusinnen, um die Unverdächtigkeit und Wahrscheinlichkeit der Begebenheit zu vermehren. Man müßte in der Tat ein Menschenfeind sein, wenn man glauben wollte, daß der Eigennutz oder eine Mißgunst gegen den Grafen an dieser so lebhaften Betrübnis des Herrn und der Fr. v. L. über ihre vereitelte Hoffnung den größten Anteil gehabt hätte. Die Betrübnis des Eigennutzes, des Neids entsteht niemals so plötzlich , ohne daß er nicht, sich unbewußt, einen hämischen Blick auf den Gegenstand wirft, dem die Vereitelung seiner Erwartungen eine glückliche Aussicht eröffnet: Auch die klügste Verstellung, die wirklich nicht das Talent des H. v. L. war, kömmt hier zu kurz, wie bei jeder plötzlichen, unerwarteten Empfindung; eripitur persona, manet res. Aber die Betrübnis des H. v. L. war eine stumme Niedergeschlagenheit, die, nach einigen Augenblicken Erholung, mit vielen Freundschaftsbezeugungen gegen die Gräfin und Zärtlichkeiten gegen seine Gemahlin abwechselten. Dafür bin ich freilich nicht gut, daß nicht während diesen Freundlichkeiten in ihm der Gedanke aufsteigen konnte: Sie kömmt durch meine fehlgeschlagne Erwartung ihrem Glücke näher! oder so etwas; aber das waren unwillkürliche Zusammensetzungen der Einbildungskraft, Spiele des Gehirns, die von keiner mißgünstigen oder unwilligen Regung im Herzen begleitet waren. Noch mehr! Der H. v. L. hatte den Graf und die Gräfin schon sechs Jahre lang in dem Verhältnisse gegen sich, als einen Mann, dessen Hoffnung mit seiner eignen in beständiger Kollision steht, angesehen; die Empfindlichkeit darüber war geschwächt und beinahe gedämpft; ihre beiderseitige Freundschaftlichkeit war durch die Länge der Zeit mehr in die Grenzen des Ungezwungnen, des Natürlichen zurückgewichen und konnte schon aus diesem Grunde ungeheuchelt geworden sein, weil zween Leute, die sich lange Zeit, äußerlich Freunde zu scheinen, zwingen, endlich, ohne daß sie es wissen, wirklich Freunde werden; war gleich die Vorstellung von seinem Verhältnisse gegen den Grafen bei dem Herrn v. L. durch die Erneurung seiner Erwartung wieder lebhafter und empfindlicher geworden, so war doch dieser überhaupt von einem viel zu sanften, ruhigen und nichts weniger als stark genug empfindenden Gemüte, um durch das Andenken an die vermehrte Hoffnung des Grafen, da ihm seine eigne fehlgeschlagen war, so plötzlich und in eine so starke Bewegung versetzt zu werden. Ich würde diese Apologie nicht unternommen haben, wenn nicht etliche Leute bemüht wären, alle sanfte, edle Empfindungen des menschlichen Herzens verdächtig zu machen und jede unter ihnen als die Wirkung eines Rades zu betrachten, das seine Bewegung unmittelbar oder mittelbar von dem Perpendikel des Eigennutzes empfängt. Itzt bin ich zu warm noch von meiner Apologie, um mit ihnen zu reden; aber ich komme gewiß und bald wieder zu ihnen zurück – aber mit einer freundlichen Miene – zanken kann ich nicht – und dann wollen wir sehen, ob wir am Ende der Disputation einander nicht freundschaftlich die Hände geben werden, ohne daß eine Partie den Verdruß hat, von der andern überwunden worden zu sein. Itzt müssen sie indessen meine Gründe den H. v. L. in ihren Augen rechtfertigen lassen. Käme aber jemand, der die Fr. v. L. kännte , gar auf den Einfall, seine Theorie vom Eigennutze auf sie anzuwenden – nein, gewiß, mit dem zankte ich – oder wenn ich das nicht könnte, so redte ich doch kein Wort mit ihm und beklagte in meinem Herzen, daß – ihm das Geschick Verstand und Kenntnis schenkte, Licht, Einsicht – alles, nur – kein Herz! Nichts war es als die plötzliche Dämpfung einer Freude, die diese beiden edlen Seelen über ein Glück gefühlt hatten, das für erhabne Gemüter das süßeste, das himmlischste ist, dessen Gewißheit ihnen so unwidersprechlich als ihre eigne Existenz schien; nichts als die plötzliche Dämpfung dieser Freude war es, die das mütterliche und väterliche Herz so sehr niederschlugen als der Verlust eines erwachsnen, hoffnungvollen Kindes. So beseufzt auf Dem düstern Pappelast, voll Traurens, Philomele Die Kinder, die vom Nest, noch unbefiedert, ihr Der harte Landmann stahl; sie gießt die kleine Kehle In laute Klagen aus; die Nacht verweint sie hier, Und nimmer unterbricht die Ruh die Trauerlieder, Und ringsum schallt das Tal von ihren Klagen wieder. Kein Gatte, keine Lust kann ihren Gram zerstreun, Sie ist des Grames Raub – sie will es sein. Virg. Georg. 4. 27. Die schwächliche Natur der Fr. v. L. war durch die angreifenden Mittel des Grafen erschöpft worden; ebensosehr hatte sie die Geburt und der Schmerz über ihre fehlgeschlagne Hoffnung entkräftet; sie starb. Die Gräfin kam ohne alle Schwierigkeiten in den Besitz des Anteils, den ihr das väterliche Testament von dem Vermögen der Verstorbnen zuerkannte; der Graf wurde gerettet, seine Gläubiger bezahlt, sein Stolz beruhigt, sein Kredit wiederhergestellt, seine Pracht fortgesetzt; der Herr v. L. blieb noch immer sein Freund und hätte sich den geringsten Einfall von Verdacht wider ihn als eine Sünde angerechnet. Das entführte Kind wurde völlig dem Stande seiner vorgegebnen Mutter gemäß erzogen und ließ auch nicht die mindesten Merkmale an sich blicken, in welchem Stande es gezeugt worden war, wie wohl einige Leute sich einbilden könnten. Die Frau starb, als es vier Jahr alt war, und – erfuhr es der Graf nicht zeitig genug? konnte er keine Nachricht davon erhalten, oder wollte er keine haben? – Genug, niemand wußte seinen Aufenthalt, und jedermann war ruhig darüber. Ein Jahr darauf und also überhaupt fünf Jahre nach der Entführung ließ sich Christian, der ehemalige Spion des Grafen, einfallen, die Beschwerlichkeiten des Bedientenstandes auf einmal so stark zu fühlen, daß er ohne bequemere Umstände und gänzliche Befreiung von allen Geschäften nicht länger mehr leben zu können glaubte. Er nahm seinen Abschied, ohne weitere Aussichten als auf die Dankbarkeit des Grafen S++. Dieser war über seine dreisten und ziemlich ansehnlichen Foderungen nicht wenig verwundert und wäre gern böse geworden, wenn er es gewagt hätte; er bot ihm statt einer Erkenntlichkeit seine Dienste und einen größern Lohn als der gewöhnliche an; verächtlich schlug er die Anerbietungen des Grafen aus, weil er seinen Dienst nicht verlassen hätte, um wieder zu dienen, und ging mit einem Geschenke von dreißig Talern ziemlich befriedigt fort, um damit den Anfang seines gewünschten ruhigen Lebens zu machen, ohne zu bedenken, daß bei einem so kleinen Reichtume der Anfang und das Ende seines Müßiggangs sehr nahe beieinander sein mußten. Solange nur männliche Personen auf dem Schauplatze sind, so geht alles langsam; der Dialog ist schleppend, die Handlung träge und, unter uns gesagt, das ganze Spiel etwas langweilig. Sobald aber eine weibliche Rolle erscheint, schon wenn sie nur aus der Szene hervortritt, so wird gleich der Dialog lebhafter und die Handlung ver wickelt oder ent wickelt, und gleich wird sich ein Beweis davon zeigen. Die Wehmutter, Margrete, hatte indessen einen Mann von mittelmäßigen Mitteln geheiratet; ihre Kunst war bei dem schönen Geschlechte durch die öftere Einquartierung fremder Truppen sehr gesucht und ihr sehr einträglich geworden, und sie konnte nun alle Sonntage Braten essen und jeden Festtag eine andre Haube mit einer breiten Tresse aufsetzen. Die andre Muhme, die Christian zur Beisteherin bei der Geburt der Fr. v. L. empfahl – Sabine mag sie heißen, das Kirchenbuch kann ich ihrentwegen nicht nachschlagen lassen –, diese, sage ich, lebte noch in der nämlichen Armut und Faulheit , und die unumschränkteste Wohltätigkeit der Fr. Margrete war für beide nicht zureichend. Sabine haßte sie, ob sie gleich durch ihre Wohltaten sich erhielt, weil jene sonst nicht viel reicher als sie gewesen war und nunmehr so allerliebste Tressenhauben tragen konnte. Mit diesem neidischen Grolle drohte sie einst Margreten, als ihr von dieser eine kleine Gefälligkeit versagt wurde, die ganze Verheimlichung des jungen H. v. L. zu entdecken; »und sollte es auch mein eignes Unglück sein«, sprach sie zornig. Die Kindmutter, ein furchtsames Weib, und die nunmehr bei bessern Umständen um ihre schönste Festhaube keinen Anteil an dem Handel gehabt haben mochte, bat sie, gab ihr, versprach ihr; geben, versprechen, Versprechen erfüllen, hörte endlich auf; der Zorn fing bei Sabinen von neuem an, und in der Wut hetzte sie Christianen wider seine Muhme auf, ohne auf neue Versprechen zu warten; denn eigentlich war es ihr nur zu tun, diese um ihre Festhaube zu bringen und, wenn es obendrein möglich wäre, mit sich wieder in gleichen Rang zu setzen. Christian hatte ein müßiges Leben sehr zuträglich befunden und war itzt gerade in der letzten Szene davon, als Muhme Sabine ihn zu einer neuen Komödie in Feuer setzen wollte. Der Gewinst war für ihn immer größer dabei als der Verlust; er konnte sich an der filzigen Kargheit des Grafen rächen, eine Belohnung vom H. v. L. für seine Entdeckung erhalten, alsdenn wieder müßiggehen; – genug, nach kurzer Überlegung oder vielmehr ohne Überlegung wurde der Vorschlag angenommen. Der H. v. L. wurde von der ganzen Unternehmung umständlich unterrichtet, die Kindermutter vor ihm gefodert, die sogleich alles gestand und ihre Mitschuldigen offenherzig anzeigte, und Muhme Margrete, Vetter Christian und Muhme Sabine in Verhaft gebracht, welches aber eigentlich in dem Plane der beiden letztern in Ansehung ihrer nicht begriffen, sondern ein Anhang war, der auf Gutachten des H. v. L. hinzugetan wurde. Sie wiederholten alle ihr Geständnis vor Gerichte, und der Graf S+ – war überwiesen? – Ja, so denken wir Laien in der Gerechtigkeit, aber ganz anders ihre eingeweihten Priester . Die Gerechtigkeit ist blind, das ist nicht übel ausgesonnen; aber dafür sieht sie auch die deutlichsten Beweise des Rechts nicht und muß sich begnügen, mit den streitenden Parteien blinde Kuh zu spielen, und wie leicht vergreift sie sich da! hascht gerade den Unschuldigen, wenn der Schuldige unter den Armen wegschleicht. Der Graf formierte einen Gegenprozeß; man leuterierte, appellierte, -ierte, -ierte, -ierte, und was für Zerimoniell noch weiter bei der Hofstatt der Themis gebräuchlich ist, alles das wurde durchagiert; wer könnte wohl so viel erzählen, als Advokaten schreiben und Richter les ... – übersehen können? – Kurz, der Graf wandte, weil es sein Advokat für dienlich erachtete, endlich die sämtlichen Waffen wider die Wehmutter Margrete. Die arme Frau mußte das Kind umgebracht, ihr Vetter und ihre Muhme eine falsche Aussage getan haben. Diese beiden bestätigten sogar selbst, daß sie falsch gewesen wäre, daß sie alles nur aus der guten Meinung erdacht hätten, um ihre Muhme nicht in Lebensgefahr zu bringen, da sie sich einmal durch ihr Gewissen gedrungen gefunden hätten, die Sache anhängig zu machen. Was diese Bösewichter bewegte, ihre Aussage wider ihr Gewissen so zu verändern? Nichts als die Hoffnung, durch die Strafe ihrer Muhme ihrer eignen zu entgehen, den Graf aus dem Verdachte des Mordes zu ziehen, welcher sehr stark wider ihn war, und aus Erkenntlichkeit von ihm wieder aus dem ganzen Handel und obendrein mit einer gewissen Aussicht in ein ruhiges Leben gezogen zu werden, welches alles vermutlich nicht in ihren Kopf gekommen wäre, wenn sie nicht die Versichrung und die Anstiftung des Grafen dazu veranlaßt hätte, der seine Versprechungen durch einen sehr natürlichen Weg bis zu beiden ins Gefängnis zu bringen wußte. Was sollte die Gerechtigkeit tun? – Sie überlegte sich alle pro und contra lange, wälzte sie auf alle Seiten herum, und das ganze Resultat von ihren schwerfälligen Überlegungen war: Nachdem Kindermutter Margrete das Kind umgebracht, als etc. etc. – Zwo Fakultäten bekamen die pros und contras zugeschickt, und in jeder hatte eines der hochgelahrten Mitglieder beinahe ein Pfund Knaster in die Akten geblasen, als man endlich im Namen aller zurückschrieb: Nachdem Kindermutter Margrete das Kind umgebracht, als etc. etc. – Es war nichts als eine kleine Nachkomödie noch übrig, nämlich, daß jemand über sich nahm, für Kindermutter Margreten eine sogenannte Defension zu führen; hurtig war die durchgespielt – hurtig, das heißt wenigstens in Dreivierteljahren – und die Katastrophe war gerade dieselbe: Nachdem Kindermutter Margrete das Kind umgebracht, als soll sie die Strafe leiden, die einer Kindermörderin durch die Gesetze unsrer rohen Vorfahren und eine barbarische Gewohnheit zuerkannt wird. Aber um des Himmels willen! werden meine Leser ausrufen, die besser als die Gerechtigkeit von dem, was Kindermutter Margrete getan hat, unterrichtet sind, konnte denn niemand der Gerechtigkeit die Binde nur einen Fingerbreit von den Augen ziehen, daß sie doch wenigstens ... – Wozu? Sie tat das ihrige. Sie schloß sehr tiefsinnig: »Wenn ein Kind nicht vorhanden ist, so ist es entweder niemals dagewesen oder umgebracht worden; Daß der junge v. L. dagewesen ist, besagt die Kindermutter Margrete, Daß er von dieser umgebracht worden ist, sagt der Graf S+, der Bediente Christian und seine Muhme Sabine; Folglich – ist er von ihr umgebracht.« Dieser Schluß war bald zustande gebracht, und nun wälzte sie die Schlußfolge wie Sisyphus seinen Stein bergauf, bergab, und allemal fiel sie wieder auf den vorigen Fleck zurück. Nichts war also möglich, als daß Fr. Margrete eine Kindermörderin war oder – daß die Gerechtigkeit falsch schloß. Außerdem wollten einige Leute gar einen gegründeten Verdacht auf die Gerechtigkeit werfen – ich mag nichts davon sagen! – die Gerechtigkeit! Ich schäme mich, es nur von ihr zu denken , wieviel mehr müßte sie sich schämen, es zu tun! Glücklicherweise für die Kindermutter Margrete war der Tod diesmal ein so großer Wohltäter, als er nur jemals gewesen ist. Er ließ sie sterben, ehe noch das Urteil an ihr vollstreckt werden konnte. Ob sie gleich selbst durch diesen freundschaftlichen Dienst dem Schmerz und der Schande der Hinrichtung entging, so wurde sie doch von allen Menschen in effigie hingerichtet, sooft nur ihr Name genennt wurde. – Pfui! wie unmenschlich! – Ja aber, sollte denn der Pöbel glauben, richtiger schließen zu können als die Gerechtigkeit? Sollte er ihren Aussprüchen nicht mehr als seinen Einsichten trauen oder ihre Strafbarkeit in Zweifel ziehen, wenn sie von der Gerechtigkeit für schuldig erkannt worden war? Diese unglückliche Wehmutter, die durch die menschliche Schwäche der Göttin Gerechtigkeit beinahe den schimpflichsten und zugleich schmerzlichsten Tod hätte ausstehn müssen und, wie meine mitleidigen Leserinnen aus dem Zusammenhange der Geschichte urteilen werden, ihn bei der größten Unschuld hätte ausstehn müssen, die unverdienterweise ein entehrendes Andenken hinterlassen mußte – diese Unglückliche, sage ich, war die wahrhafte Stiefschwester von dem Vater meines Tobias Knauts. Täglich, bei dem kleinsten Zwiste mußte er sich an diese traurige Geschichte von seiner Frau zu seiner Kränkung erinnern lassen, wenn er einer Kränkung fähig gewesen wäre; und itzt, da er sich im sechzehnten Absatze unterstund, seine männlichen Rechte durch die Waffen zu behaupten, so wurde er mit dem empfindlichsten Akzente zu seiner Demütigung belehrt, daß seine Schwester eine Mörderin gewesen sei, welches alle Menschen sagten und vielleicht auch glaubten , ob sie gleich durch die Wiedererscheinung des jungen L. völlig gerechtfertigt worden war. Wenn vielleicht der empfindende Teil meiner Leser eine Träne in Bereitschaft hat, um sie auf den Namen der entehrten Margrete fallen zu lassen, so bitte ich, nur noch einen Augenblick sie im Auge zurückzuhalten, noch ein paar Worte von mir anzuhören und alsdann sich zu besinnen, ob sie fallen oder bis zu einer andern Gelegenheit aufgehoben werden soll. Die Kindermutter, Margrete, hatte in ihren jüngern Jahren, durch Armut verleitet, sich einem gewissen Manne preisgegeben und ein Kind, das wider ihre Veranstaltung erschien – was weiß ich? –, ermordet, erdrückt, kurz, von der Welt weggeschafft. – Die Obrigkeit verurteilte sie unschuldig und strafte sie mit Recht . Welch eine weise Regierung der Welt, wo unvermeidliche Fehler das Gleichgewicht des Ganzen erhalten und die unverschuldeten Irrungen des einen die verschuldeten Strafen des andern sind! 28. Nach einer so langen Episode, Digression – wofür ich es halten soll, weiß ich selbst nicht – könnte ich sogleich wieder zu meinem Helden zurückeilen und die Neubegierde meiner Leser immer da sitzen und ungeduldig auf den völligen Ausgang der vorigen Geschichte warten lassen, ohne mich weiter nach ihr umzusehen; aber nein, das kann ich nicht tun. Ihnen zu gefallen, soll dem jungen L. noch ein Absatz aufgeopfert werden, aber nicht mehr! Was bliebe denn sonst meinem Knaut? Der Graf S+ befand für dienlich, den Verdacht gegen die übrigen beiden Mitgefangenen so sehr zu vermehren, daß man in dubia causa sie lieber unter ihrem Verdienste als gar nicht bestrafen wollte. Christian mußte seine Hoffnung auf ein ruhiges und müßiges Leben noch weiter hinausschieben: Er kam auf den Bau, und seine Muhme wurde des Landes verwiesen. Eines Tages, als Christian, nebst etlichen seiner Gefährten, einen wohlbeladenen Karren voll Steine durch die Straßen rollen mußte, um sie zur Aufbauung eines Waisenhauses herbeizuführen, das an der einen Seite des Zuchthauses angelegt wurde, weil das alte an der andern einzufallen drohte – bei dieser Gelegenheit, sage ich, bekam er einen Knaben zu sehen, der auf dem Hofplatze des Waisenhauses mit andern Waisenkindern spielte und bei dem ersten Anblicke seine Aufmerksamkeit ganz auf sich zog; warum? das weiß ich nicht zu sagen und er vielleicht selbst nicht. Er erkundigte sich in eigner Person und vermittelst seines Vorgesetzten nach der Herkunft, den ehmaligen Umständen des Knabens usw., und was er erfuhr, war für ihn völlig genugtuend. Die gegenwärtige Waisenmutter, hieß es, hätte ihn, als sie ihr Amt angetreten, auf Erlaubnis der Direktoren mitgebracht; ihr wäre er, als sie noch in – – gewohnt, von ihrer Nachbarin auf dem Totbette anvertraut worden, mit der Eröffnung, daß er zwar ihr Sohn, aber von einem vornehmen Vater sei; sie sei alsdann mit ihm, weil es ihre Umstände so verlangt hätten, in verschiedenen Städten der dasigen Gegend herumgezogen, bis sie endlich in die gegenwärtige und in das gegenwärtige Amt gekommen sei. Sie setzte außerdem hinzu, daß sie ihn wegen seines gesitteten und für sein Alter verständigen Betragens liebte, und gab dieses als eine Ursache an, warum sie, bei ihren vormaligen nicht allzu guten Umständen, sich seiner angenommen hätte. – Hieraus machte Christian den Schluß: Das ist der junge L., den ich entführt habe. Er bat, daß man diese Erkundigungen, nebst seiner eignen Aussage darüber, dem H. v. L. melden möchte, weil er vielleicht nach völliger Aufklärung der Sache sich von seiner unverschuldeten Strafe befreien und dem H. v. L. einen Sohn verschaffen könnte. Auf den ersten Umstand achtete die Menschlichkeit der Obrigkeit wenig, und er wäre ganz unkräftig geblieben, wenn der andre nicht auf ihren Eigennutz desto stärker gewirkt hätte. Der H. v. L. war ein angesehner Mann, in einem angesehnen Amte, und solche Leute verdienen, daß man ihnen einen Dienst tut – vielleicht hat man sich selbst einen zugleich getan. Der H. v. L. wurde benachrichtigt. Beinahe wären diese Bemühungen fruchtlos gewesen, weil diese Nachrichten noch nicht den Grad der Deutlichkeit und Zuverlässigkeit dem H. v. L. zu haben schienen, um eine gerichtliche Untersuchung darauf anzufangen; wenigstens hing Christians Schluß mit den Prämissen nicht sonderlich genau zusammen. Indessen ein anderes Interesse obwaltete dabei. Der Graf S++ gab den vorigen Prozeß öffentlich für eine Wirkung einer Rachsucht, einer Mißgunst in dem H. v. L. aus und brüstete sich triumphierend mit seiner bewiesnen Unschuld. Unmöglich konnte dieser seinen Charakter so sehr in Gefahr gesetzt sehn, ohne jeden auch geringfügigen Umstand zu nützen, der nur einigermaßen seinen guten Namen zu retten versprach. Die Gerechtigkeit nahm sich diesmal beinahe drei Jahre Zeit zur Untersuchung und zur Entscheidung, und am Ende derselben fand sie nichts gewisser, als daß vorgefundner junger Mensch der wahrhafte Sohn des H. v. L. sei. Was sie zu dieser Entscheidung bewegte? – Ja, wer kann alles das wissen? – Wer neugierig darnach ist, lese die Akten des Prozesses, und er wird gewiß nicht zum zweiten Male neugierig werden, die Gründe der Gerechtigkeit aus Akten zu erfahren. – Einer fällt mir doch ein! Unter der Verlassenschaft der verstorbnen Kindermutter, Margrete, fand sich eine schriftliche Instruktion, mit des Grafen eigner Hand geschrieben (wie ex actis, vol. 16 bis 35 zu ersehen), worinnen der ganze Plan der Entführung enthalten war. Ohne Zweifel hatte sich die gute Kindermutter dieser Waffen zu ihrer Verteidigung nicht bedient, weil sie entweder diese Schrift nicht mehr zu besitzen glaubte oder in der Betäubung nicht daran dachte oder etc. Dadurch war die Wirklichkeit der Entführung bewiesen. – Aber daß der benannte Waisenknabe das entführte Subjekt war – das bewiesen die abgehörten Zeugen 1. 2. 3. 4. 5. 6. usw. – Am besten man sieht, wie gesagt, die Akten nach. Der junge H. v. L. war also öffentlich für das, wozu ihn seine Geburt bestimmt hatte, erklärt; er war jung genug , um die Bildung, die ihm seine verbesserten Umstände verschafften, mit Nutzen anzunehmen, aber auch zu jung, um seine Erhebung in dem gehörigen Gesichtspunkte anzusehen und sich nun nicht für einen bessern Menschen zu halten, weil er ein vornehmerer war. Unterdessen hatte doch keines von beiden für ihn völlig gute noch schädliche Wirkungen. Er gehörte in die Klasse menschlicher Maschinen, denen die Natur eine gewisse Linie der Mittelmäßigkeit im Laster und in der Tugend vorgezeichnet zu haben scheint, über welche sie keinen Fuß ein Haarbreit heben können; die eigentlich weder gut noch böse sind, ihren Weg in der Welt in geraden, langsamen Schritten fortgehen, wenn ihnen jemand in den Weg kömmt oder an sie stößt, bedachtsam ausweichen, ohne jemanden zu stoßen, er müßte denn zu hurtig laufen, daß sie nicht zeitig genug aus dem Wege kommen könnten; die zufrieden oder vielmehr in einem gewissen mittlern Zustande zwischen Zufriedenheit und Unzufriedenheit sind, wenn ihre tierischen Bedürfnisse hinlänglich gestillt und die kleinen Spiele ihrer Einbildungskraft in Bewegung gesetzt werden. Wie unterschieden und wie ähnlich war dieser Charakter und der Charakter seiner verstorbnen edlen Mutter! Ihre Güte war eine vom Verstande erleuchtete, tätige, empfindsame Güte, die aus zu großer Empfindlichkeit die Natur andrer Menschen nicht unter sich erniedrigen konnte; die seinige war tot, untätig, eine Folge der schwachen Verstandeskräfte und eines groben Mechanismus; ihre war schätzbar wegen der guten Handlungen, die sie hervorbrachte, die seinige untadelnswürdig wegen der bösen, zu welchen sie ihn unfähig machte – aber beide waren doch gut. Immer ist es so in der Natur! Die zwei äußersten Enden bringen in der physischen und moralischen Natur eine Erscheinung hervor. Die höchste Kälte und die höchste Hitze brennen gleich stark; die höchste Empfindlichkeit und Unempfindlichkeit machen den Charakter gleich gut – subtractis subtrahendis. Ein Mensch, dessen trockne, unfruchtbare Einbildungskraft gar keine Bewegungsgründe zum Handeln hergibt, und ein andrer, in dem sie gleich haufenweise mit der größten Deutlichkeit und Lebhaftigkeit aufspringen, sind beide gleich unentschlossen, bleiben gleich untätig. – Und sehr oft stehen Eltern und Kinder in diesem Verhältnisse miteinander, daß zwei Extreme an ihnen ähnliche Erscheinungen des Charakters erzeugen, wie in dem gegenwärtigen Falle des jungen H. v. L. und seiner würdigen Mutter. Weil ihn die Schwäche seiner Leidenschaften und seine ganze Natur in einen engen Wirkungskreis einschloß und besonders weil gewisse Leute von seinem Stande ihn nie um sich sehen konnten, ohne eine kleine Übelkeit zu verspüren – vermutlich weil er bis in sein zwölftes Jahr einen bürgerlichen Namen geführt hatte, sagten damals manche Leute –, und weil diese Übelkeit nach dem Tode des Vaters immer mehr zunahm und allerhand üble Folgen für die Gesundheit dieser delikaten Leute zu besorgen waren, so beschloß der Herr Major, der Patron des Kirchspiels, in welchem mein Tobias Knaut geboren ist und den meine Leser schon oben vorläufig kennengelernt haben, der Onkel und Vormund des jungen H. v. L., ihn so lange zu sich zu nehmen, bis er mündig würde, d. h. sein Geld willkürlich vertun und eine Frau nehmen könnte. Bei diesem Aufenthalte hatte er einen so merkwürdigen Einfluß auf die Schicksale meines Helden, daß er der Urheber von einer der wichtigsten Katastrophen seines Lebens ist. 29. Unter den vielen Unvollkommenheiten, womit Natur und Gewohnheit den jungen Knaut versorgt hatten, war eine, die vielleicht vielen unbedeutend und gering scheinen wird und der er doch das ganze Glück seines künftigen Lebens, die Verbesserung seines Verstandes und seines Herzens, alle seine großen Eigenschaften, seine großen Handlungen schuldig ist, kurz, ohne die sein ganzes künftige Leben nicht dasselbe gewesen sein würde, gar nicht existiert hätte, ich kein Geschichtschreiber geworden wäre und besonders die folgenden Bände meiner Erzählung nicht einmal als Embryonen aus dem Nichts hervorgezogen worden wären – kurz, ohne welche nicht eine einzige Begebenheit auf dem bekannten Erdboden erfolgt wäre, erfolgte und erfolgen würde, als es geschehen ist, geschieht und geschehen wird; und diese Unvollkommenheit war – er konnte den Hut nicht anders als mit der linken Hand abnehmen. An einem so dünnen Faden, an ein Haar, das man nicht anders als durchs feinste Mikroskop erkennt, sind die Begebenheiten der Welt gereihet! Wie eine Schnure Perlen hängen sie da Wie – da. Diese sieben Worte sind wieder ein Beitrag meiner Muhme, die in ihrer moralischen und spekulativischen Laune vortreffliche Sachen sagt. ; man schneide den untersten Knoten weg oder das Haar in der Mitte, wo man will, entzwei; gleich wischen sie alle herunter; man setze eine einzige an einen andern Ort, und die ganze Schnur leidet eine Veränderung dabei. Aber wie konnte durch diesen einzigen Umstand auf die Lebensschnure des jungen Knauts eine so wichtige Begebenheit gereihet werden? – um zur Ehre meiner Muhme in der Metapher fortzufahren – und was konnte der junge L. dabei tun? – Nicht wahr, so fragt jedermann? Die Sache ist sehr leicht einzusehen! – Lange schon hatte ihm die Mutter, als Liebhaberin der feinen und anständigen Lebensart, harte Verweise darüber gegeben, ihm, sobald sich etwas sehen ließ, das ein Hutabnehmen verdiente, die rechte Hand auf die Hälfte des Weges nach dem Hute geführt; und wenn der Handgriff selbst gemacht werden sollte – gleich wie ein Blitz fuhr die Linke in die Höhe und nahm der Rechten den Hut weg, die alsdann langsam nach dem Mittelpunkte ihrer Schwere sich wieder zurückzog. Nichts half dawider; der Fehler des Jungen war prädestiniert, prädeterminiert; prästabiliert oder wie man's zu erklären gedenkt. Eines Tages, gegen Abend, als der junge Herr v. L. von der ritterlichen Übung des Scheibenschießens zurückkam, saß Tobias vor der Tür des väterlichen Hauses; seine beiden Hände dienten dem Kopfe zu einem Paare Karyatiden, so wie die Knie die Traggesimse von diesen waren; tiefdenkend, ganz in sich gekehrt saß er da und hinter ihm die Mutter. Dreimal erinnerte sie ihn, sich zum Gruße gefaßt zu machen, besonders genau über beide Hände zu wachen; aber Aus ihrem Gleichgewicht könnt Erd und Sonne wanken, Planeten regellos sich auf Planeten türmen Und krachend dann der aufgetürmte Haufe herniederstürzen, übereinander her, vor der Schulwohnung hätte er niederstürzen können, und Tobias hätte nichts davon gemerkt. Viel weniger konnte er also die Erinnerungen der Mutter vernehmen, deren Stimme doch, gegen jenes Geräusch um ein merkliches schwächer war. Der Junker war daher schon mit der ganzen Vorderseite seines Leibes vorbei, und der Hut des Tobias saß noch immer auf dem Kopfe und Tobias noch immer in seiner denkenden Positur, als die Mutter hastig seine Rechte ergriff und sie nach dem Hute führte, um ihn wenigstens demjenigen Stücke von dem Junker, das noch in seinem Gesichtskreise war, die schuldige Ehrerbietung entrichten zu lassen. Hurtig fuhr die Linke in die Höhe, zog den Hut ab und setzte ihn wieder an seinen Platz. »So nimm doch die Rechte!« rief seine Mutter. – Tobias sprang auf, ging in seine Kammer, und morgen früh um drei Uhr kann jedermann, der so früh aufstehen will, ihn aus seinem väterlichen Hause wandern sehn, und zwar mit dem nämlichen Gesichte, mit welchem Coriolan Rom verließ, den Zug der Rachsucht ausgenommen, also vielmehr mit der Miene jenes andern ehrlichen Römers, der sich für seine Republik, als er ins Exilium gehen mußte, bald ein großes Hauskreuz von den Göttern ausbat, damit er Gelegenheit bekommen könnte, durch seine erbetene Hülfe ihr großmütig zu zeigen, was er für ein Mann sei; – zwar auch das ist noch nicht die rechte Miene – omne simile claudicat – er mag also ausgesehn haben gerade wie ein Mensch, der aus einem Hause herausgeht. Einer umständlichen Untersuchung ist es wohl wert, wie ein so liebreiches, in dem sanftesten Piano der mütterlichen Liebe ausgesprochnes: » So nimm doch die Rechte! « – einen so verzweifelten Entschluß hervorbringen konnte. Ich täte mit allem meinem bißchen Philosophie auf die Ehre dieser Untersuchung Verzicht, wenn nicht die eigne Erzählung meines Helden mich darüber belehrt hätte; – und auf so eine Krücke gestützt, kann ein philosophischer Kopf räsonieren, aus allgemeinen und besondern Gründen, über ein: warum? wie? weswegen? und dergleichen mehr! 30. Nichts ist für eine menschliche Seele so höchst empfindlich, als wenn sie auf irgendeinem Wege des Gehirns hinter einem Dinge drein läuft – es darf nur ein Stückchen Flittergold, eine Feder, ein Blatt oder so was sein, das immer weiter von der Luft fortgejagt wird, je hurtiger sie es verfolgt – und wenn nun, indem sie's zu haschen denkt, von außen herein, durch irgendeine von den bekannten fünf Öffnungen der Sinne, ein Gegenwind auf sie zudringt, der ihr Flittergold, ihr Blatt, oder was sie sonst haschen wollte, in einem Wirbel unter den Händen wegbläst. Betäubt, wie eine Bildsäule, steht die Seele dann da, betäubter als der Geizige vor dem leeren Kasten, aus dem das Geld gestohlen worden ist; aber gleich wütende Entschlüsse fassen beide, wenn die erste Betäubung vorüber ist. Er hängt sich, und sie – hinge gern alle Leute, die ihr ihren Zeitvertreib weggejagt haben. Diese Wirkungen sind so allgemein und häufig, daß ich alle heftige Ausbrüche der Leidenschaften, alle Ungerechtigkeiten, Mißhandlungen, Zänkereien, überhaupt jede gewalttätige Handlung der Menschen gegen Menschen, dieser Ursache zuschreibe – der gemißhandelte störte die Seele des andern in einer solchen oben beschriebnen Lustbarkeit. Nichts Lesenswürdigers kann hierüber gedacht werden, als was ich im 121. Kap. meiner lateinischen Pneumatologie hierüber sagen werde. »Tyrus«, wird es dort nach einer freien Übersetzung heißen, »hatte seinen Untergang und das Unglück so vieler seiner Einwohner bloß der Unvorsichtigkeit beizumessen, daß sie das Gedankenspiel des Kriegers störte, der kein Auge zutun konnte, ohne von allgemeinen Monarchien, Vergötterungen seiner eignen hohen Person und dergleichen Herrlichkeiten zu träumen. Eines Abends, als er in seinem Zelte auf einer von Rasen aufgeworfnen Erhöhung saß, worüber eine wollne zottichte Decke aus der Fabrik der Eumolpiden zu Heraclea gebreitet war, die Beine kreuzweise übereinander gelegt, den rechten Arm auf die Rasenerhöhung gestützt, auf welchem der Kopf ruhte, den andern Arm in die linke Seite gestemmt, so, daß die Lage des ganzen Körpers völlig diagonal war, ohne Panzer, ohne Helm, bloß in einem Kleide, wie es jeder andre sterbliche Grieche, wenn er ausruhte, zu tragen pflegte: als der große Monarch in dieser Lage kaum eine Minute dagesessen hatte, so erhub sich in seinem Gehirne, wie in der Ferne, gerade wie hinter einem mikroskopischen Glase, wenn der herumziehende Künstler etwa die Ruinen von Palmyra oder etwas Ähnliches langsam dahinter schiebt – ja, was erhub sich? – Tyrus , so gut, als es seine Einbildungskraft, bei dem damaligen Mangel der Kupferstiche, aus einer mündlichen Beschreibung malen konnte. Am erhabensten ragte über alle Gebäude der Tempel des Herkules hervor. An der Morgenseite, die sich seiner Begeisterung zur Ansicht vorstellte, wallte in kleinen gebrochnen Wellen das Meer, und auf demselben schwammen in einem langen, feierlichen Zuge lyrische Schiffe (triremes), in welchen Alexander seinen Einzug hielt. Auf dem ersten, dessen Größe und hochfliegende Wimpel dem Zuschauer ankündigten, wen es trug, saß er selbst, mit allen Emblemen eines vergötterten Siegers. Die übrigen führten seine Offiziere, etliche Truppe Soldaten und andre angesehne Personen, die aus der ganzen Gegend gekommen waren, seinen Einzug zu verherrlichen, und die Länge dieses Zugs war so außerordentlich, daß er sein Ende nicht mit abwarten konnte, sondern eilen mußte, um seine eigne Majestät ans Land steigen zu sehen. Welch Gedränge von zujauchzendem Volke! welcher Jubel! Ein Gott! ein Gott zieht in unsre Mauern ein! Mehr von der neugierigen, bewundernden Menge als von seinen Beinen getragen, kam er endlich zum Tempel des Herkules. Eine neue Szene: ›Willkommen, Bruder!‹, erschallt aus dem Innersten des Tempels hervor; ›willkommen, Gott!‹, ertönt der Mund der anbetenden Priester; ›willkommen, Gott!‹, brüllt das vor Ehrfurcht niedergefallne Volk; ›willkommen, Gott!‹, ruft Himmel, Erde, Meer zurück. Mitten unter diesem himmlischen Schauspiele trat der Einfall hervor: ›Was für eine Miene soll ich bei diesem Aufzuge annehmen, die alle Erhabenheit und Majestät, die jemals aus menschlichen Gesichtern hervorgestrahlt hat, in sich vereinigt? die der im göttlichen Antlitz des Jupiters am nächsten kömmt, wenn er mit einem Winke des Hauptes Welten bewegt?‹ – Kaum sollte man glauben, daß diese Idee groß genug gewesen wäre, um durch ihren Vortritt jenes prächtige Spektakel ganz zu bedecken, und doch geschah's. Es war nichts als ein Stückchen leichter, brennender Dunst, und doch lief die Seele des Monarchen hinter ihm drein – und lief! und lief!, um ihn zu haschen! – Eben wollte sie zugreifen! – ›Ihre Majestät!‹, sagte Lysippus, der Gesandte, ins Zelt hereintretend, ›die Tyrier wollen den Einzug zum Tempel nicht verstatten!‹ – Pump! lag die Seele des Alexanders, die gerade im vollen Laufe war, im Moraste, und das verfolgte Irrlicht erlosch. Kaum hatte sie sich herausgearbeitet, als sie den fürchterlichsten Entschluß faßte – und in sieben Monaten war Tyrus ein Aschenhaufen und seine Bürger Leichen oder Sklaven. Hätten die Tyrier dem Lysipp noch eine Abendmahlzeit gegeben, noch eine Nacht ihn beherbergt oder auf irgendeine Art ihn genötigt, nicht in diesem kritischen Augenblicke, sondern des Morgens darauf erst anzukommen – Tyrus stünde noch und würde itzt der Mittelpunkt von Katharinens Reiche.« In den geschriebnen Anmerkungen, die ich bei einem Exemplare der persischen Übersetzung besitze, welche der durch Stand und Wissenschaft so erhabne Abu Ali Mohammed al Yali im Jahr 963 von dem berühmten Tarik alumam (d. h. von der Geschichte der Nationen und Könige) des grundgelehrten Abu Jaafar Mohammed Ebn Jorair Ebn Mowayyad al Tabari herausgegeben hat – in diesen Anmerkungen, die ich, beiläufig gesagt, höher schätze als jeder große Kritikus seine eignen kritischen Blumenlesen, wird ein hieher gehöriges Beispiel erzählt, welches es ganz ungezweifelt macht, daß der Verfasser dieser Anmerkungen aus einem Volke gewesen sein muß, wo man die fränkische Geschichte lernen konnte, und also wenigstens kein Araber gewesen ist, wie in der Note Die Note lasse ich meinen Lesern zuliebe weg. umständlicher dargetan wird. Der Fall ist folgender: »Pipin, der Vater Karls des Großen, ging an einem großen Versammlungstage des Hofes in einer Galerie spazieren und dachte sehr ernsthaft nach, wie er, ohne seinem Gewissen und seiner Ehre zu nahe zu kommen, auf das Schreiben Papst Stephans des Zweiten antworten sollte; besonders lag ihm der Titel des Papsts am Herzen, den er niemals so ausdrücken konnte, daß er Ehrerbietigkeit genug und nicht zuviel enthielte. Endlich holte er den päpstlichen Brief aus der Tasche, sahe ihn durch, und nichts fiel ihm so sehr in die Augen als das Major domus neben seinem Namen. – Major domus! – so ein Mann wie ich! – König wäre doch anständiger; im Mantel mit dem Schellensaume Die Könige der Franken trugen einen langen Mantel, dessen unterster Saum mit Schellen besetzt war. ging ich daher; alles müßte mich ehren, auf mich warten und ich nie auf einen König; König! wie süß klingt der Name! – süßer, majestätischer als die Schellen am Königsmantel! – wie majestätisch würde mir ... Eben, da die Beratschlagung am besten angehn sollte, kamen Ihre Majestät Childerich der Dritte mit dem großen Schellengeläute an dem Saume ihres Mantels, um in den Versammlungssaal zu gehen; und – das verwünschte Geläute! wie eine Totenglocke klang es in den Ohren des Pipins; er erschrak; seine Ideen fuhren untereinander, und kurz darauf war Childerich – ein Mönch und Pipin – König. Kurz, allemal wenn unsre Seele eine Idee verfolgt und wir werden, noch ehe wir sie ausführen können, darinnen gestört, so bekommt sie eine elastische usw.« – für diesmal genug zitiert! Aber was für eine Freude, wenn man sich selbst zitieren kann! So weit hab ich's doch gebracht! Das schönste Blatt aus dem Lorbeerkranze meiner Unsterblichkeit gab ich nicht um diese Autorwonne. 31. Erhabner Tobias! wie unendlich weiser handeltest du in den nämlichen Umständen als alle Alexander, Pipine in der Welt! Keine Mutter kann ein so erhabnes Vergnügen empfinden, wenn sie ihre sechsjährige Tochter einen hübschen Knicks machen sieht, als ich in dem Augenblicke, wenn ich mir denke, daß jene sogenannten großen Leute aus Unwillen, daß ihnen ein Gedankenspielchen war verderbt worden, Menschen erwürgten oder Könige vom Throne stürzten und mein Tobias in einem gleichen Falle nichts tat, als daß er – ruhig aus seines Vaters Hause ging. Und gleichwohl war sein Gedankenspiel nicht einen Sandkorn weniger wert als die oben beschriebnen Komödien, die die Herren Alexander und Pipin sich von ihrer Einbildungskraft aufrühren ließen! nicht einen Sandkorn! – Er dachte, wie – doch alles fein hübsch in der Ordnung! Erstlich soll statt des Prologs Vater und Mutter auftreten und ein Gespräch halten, das sie wirklich in natura – der Vater in seiner Lieblingspositur am Tische sitzend, die Mutter ihm gegenüber, das Abendgebet vor sich, so, daß sie jenem in den zugekehrten Rücken sah – den Abend vorher dreiviertel auf zehn Uhr gehalten haben. Darauf erfolgt, was zu vermuten ist! – So wird kein Schritt aus dem Gleise der Chronologie gewichen. Chronologie ist das eine Auge der Geschichte, und ohne sie würde die meinige gewiß ganz blind sein. Also zu besserm Verständnisse des Gedankenspiels meines Helden erstens: 32. DAS GESPRÄCH Vater: – – – die große Katze! Mutter: Das Wetteraas! ( lesend .) – »daß du mich diesen Tag für allem Übel etc. – widerfahren lassen wollest« – das verdammte Tier wirft Topf und Schüsseln um! Vater: Ja. Mutter ( lesend ) : »Ich bitte etc.« – Amen. – Ja, da sitzt Tobs und schnarcht! Nicht einmal sein Abendgebet kann man ordentlich verrichten; wenn der Bube noch hingegangen wäre und das Aas weggejagt hätte! – Aber so ist's! Wenn der Vater nichts taugt, so kann der Sohn nicht viel mehr wert sein. Vater ( gähnend ) : – wohl möglich! Mutter: Ja, ich weiß nicht, wozu einem der Junge nütze ist. Am Tage ist er im Wege, und des Abends schläft er, wenn er noch was tun könnte. Vater: Hm! er muß bald aus dem Hause. Mutter: Aus dem Hause? – Warum denn das? Vater: Je nu! – viel größer wird er nicht werden. Mutter: Du träumst oder bist nicht gescheut! – ( seine Stimme nachahmend ) »viel größer wird er nicht werden« – Warum soll er denn deswegen aus dem Hause? Vater: Nu, siehst du? – und so! – Er soll ein Soldat werden. Mutter: Ein Soldat! – Gott vergebe mir meine Sünde! – wenn er nichts Gescheuters werden soll! Vater: Was hat denn ein Soldat für Not? und so! – Wenn er einmal Unteroffizier wird – viel braucht er nicht gelernt zu haben – lesen und schreiben lernt sich noch wohl – und so! Mutter: Er soll nun kein Soldat werden, und wenn ich meinen Kopf einbüßen müßte! – Ein Soldat! – Gott vergebe mir meine Sünde! Eher wollte ich ihn mit der großen Holzaxt auf den Kopf hauen. Vater: Meinethalben! und so! – mag er was anders werden. Mutter: In alle Ewigkeit kein Soldat! Vater ( gähnend ) : – – – Mutter: So lange ich lebe, gewiß nicht! Vater ( gähnend ) : – – – Mutter: Und wenn er gleich General werden könnte! Vater: Nein, er soll's nicht werden. Mutter: Nein, daraus wird nichts, so wahr ich seine Mutter bin! Vater: Es mag auf dich ankommen. – Wie du willst – und so! Mutter: Das muß er werden! Vater: Was denn? Mutter: Er muß stoddieren und ein Pfarr werden. Vater: Auch das. Mutter: Siehst du, mein Mizchen? Da geb ich ihm meinen schwarzen Rock – du weißt ja wohl! – den großen, den ich so nicht gern anziehe – er ist so lang, man sieht nicht so viel als ein Nagelkopf von den Füßen – die Leute könnten gar denken – Gott vergebe mir meine Sünde! – ich hätte Pferdefüße wie der Teufel, wenn ich so einen langen Rock trüge. – Sie sahen drum verzweifelt auf mich, als ich ihn vor zwei Jahren den ersten Pfingsttag anhatte. – In meinem Leben trag ich ihn nicht mehr! Vater: Er ist von meiner Großmutter – die trug ihn sehr gern. Da ich noch ... Mutter: Mag sie doch! Ihre Zeiten und unsre! das ist ein Unterschied. – Nein, ich trag ihn nicht, und da er so lang ist, so muß ein recht hübsches Mannskleid daraus werden. Du gibst ihm die lange seidne Weste dazu, die du vom gnädigen Herrn gekriegt hast. Vater: Ja, sie ist aus der Erbschaft von seines Vaters Unkel seligen Andenkens – und so. Mutter: Es ist die lange, die oben neben meinem grünen Taffetrocke hängt. – So hat doch Tobs ein hübsches, schwarzes Kleid, daß er sich wie ein Pfarr kann sehen lassen. Vater: Da muß er aber auch in die Schule gehen. Das wird viel kosten. Mutter: Der liebe Gott wird ihm schon forthelfen. – Was fehlt denn unserm Pfarr? – Hernach kann er uns zu sich nehmen – und wenn mein Sohn ein Pfarr ist, so wüßte ich nicht, warum ich nicht auch solche Hauben tragen könnte wie unsre Fr. Pfarrin – und solche Kleider. – Hast du denn die gesehn, die sie gestern in der Kirche aufhatte? Vater: Hatte sie eine auf? Mutter: Ach, eine gar kostbare! – Die gnädige Frau rümpfte auch das Maul nicht wenig darüber. Die ganze Kirche durch hat sie kein Auge von ihr verwandt. – Sie ist ihr nicht gut, weil sie sich so putzt. – Da sie unsers Tobs seine Pate ist, die gnädige Frau, so könnte sie wohl ein übriges tun – Vater: Ach, das geizige – und so! Mutter: Nein, das sage mir nicht, daß die gnädige Frau geizig ist! Sie hat neulich ihrem Herrn eine Dose für 25 Taler zum Geburtstage geschenkt. Vater: Ja, aber wenn sie an einen armen Schelm was wenden soll – Mutter: Das wird sie wohl tun. – Sie muß ja noch hübsche Kleider von ihrem seligen Papa haben und auch wohl Perücken. Vater: Ach wenn's beim Studieren auf weiter nichts ankäme – und so! Mutter: Was braucht er denn weiter? – Wenn ihm eine Pfarr bescheret wird, so kann er uns ja alle glücklich machen. Vater: Ach, ich habe gar keine Lust dazu. Meiner Mutter Bruder ist Fourier bei dem -schen Regimente; der könnte ihm viel eher forthelfen, wenn er Soldat würde – und so. Mutter: Mit deinem Soldaten! Das soll er nun mit aller Gewalt nicht werden. Vater: Es wäre aber besser für ihn. Mutter: Das ist nicht wahr. Ein Pfarr ist doch mehr als ein elender Soldat. Vater: Je ja, wenn er aber ... Mutter ( nachahmend ) : »Je ja, wenn er aber« – es soll nun nach meinem Willen gehn, und morgen des Tages will ich ihn nach –sen auf die Schule bringen, und wenn du nicht mit ihm gehest, so geh ich mit ihm und bringe ihn selber hin, und das soll geschehn – und wenn sich der Papst dagegensetzte. – Ein Soldat! das wäre was! etc. etc.   So brummte und zankte sie, mit der schrecklichsten Ergießung ihrer Galle, noch lange fort, ohne zu merken, daß ihr der Mann gleich bei der ersten Anwandlung ihrer Disputationshitze ins Bette entwischt war. – Aber dafür wurde er auch gestraft! Die ganze Nacht kehrte sie ihm den Rücken zu. 33. Von diesem Gespräche hatte Tobias gerade nicht mehr und nicht weniger gehört, als nötig war, um denjenigen Teil seiner Seele in Bewegung zu setzen, der über eine besondere Art von Gedanken, die man Projekte nennt, das Direktorium führt. Er hatte wirklich bei dem erbaulichen Teile dieses Gesprächs geschlafen; allein da das Feuer des Zankes in seiner Mutter mit dem Feuer der Andacht abwechselte, so wurde er durch die dadurch verursachte Erhebung der Stimme aufgeweckt, und sein eben ausgesprochner Name weckte seine Aufmerksamkeit mit auf. Der Name Soldat hätte beinahe in seinem Kopfe unter seinen Ideen ein Komplott wider die Mutter gemacht; aber die Lebensgeister waren zu erschöpft, und der Schlaf drückte jede aufsteigende Idee nieder, ehe sie noch mit einer andern zusammenkommen konnte. Vorderhand blieb es also bei einer unbestimmten Empfindung von Wohlgefallen, das das Wort: Soldat! , den Widerstand des Schlafes ungeachtet, verstohlnerweise hervorzubringen gewußt hatte. Das Rad der Einbildungskraft war durch einen kleinen Stoß in Gang gebracht worden und lief die ganze Nacht hindurch im Kreise herum, immer schneller, immer schneller – und indem es herumlief, sprang, wie aus dem großen hölzernen Pferde vor Troja, ein Soldat nach dem andern heraus, bis endlich der ganze Kopf davon voll wurde. In diesem Zustande träumte er wachend den ganzen folgenden Tag, und gegen Abend in dem kritischen Augenblicke, als der Junker L. vorbeiging, ließ er gerade die ganze Wache mit klingendem Spiele aufziehen, völlig wie er sie vor einem Jahre bei seiner Anwesenheit mit seiner Mutter in der Residenzstadt des Fürsten gesehen hatte. Alles ging in der schönsten Ordnung, wie Drahtpuppen, alle nach einem Takte, und eben wollte er selbst einen Versuch machen, statt des dicken Koporals mit dem großen pechschwarzen Barte an die Fronte zu treten und gleich eine soldatische Kapriole zu schneiden – als der Stoß seiner Mutter ihn erinnerte, den Hut abzunehmen, als er ihn bestürzt mit der Linken abnahm, als die Mutter ihn ermahnte, die Rechte zu gebrauchen; und während dieser vielen als war die ganze Wache weg und auch nicht eine Flinte, nicht eine Stiefelette mehr da! Der gestrige Widerwille der Mutter gegen das Soldatenleben füllte das Leere aus, das durch die Verscheuchung des Wachaufzuges in seinem Kopfe entstand, und der Entschluß, heimlich zu entfliehen, kam ihm auf der Ferse nach; alles dieses, von dem ersten als an, geschah höchstens in zwei Sekunden, und gleich darauf sprang er auf, ging zu Bette, wie schon oben gesagt worden ist, so daß der ganze Vorgang bis hieher nicht mehr als eine ganze Minute erfoderte, gerade soviel, als Alexander brauchte, den Untergang von Tyrus zu beschließen. Wichtige Minute! Reißt sie aus den übrigen Minuten seines Lebens heraus, und ihr reißt sein ganzes künftiges Glück zugleich heraus! – Wie wichtig ist jede Minute, wenn an jeder ein künftiges Glück – oder Unglück hängt! 34. Die ganze Nacht durch schlief Tobias nicht. Sobald es halb drei geschlagen hatte, stieg er auf, packte seine Effekten zusammen, die in weniger als nichts bestanden, und weil er für nötig befand, zwei Kleider mitzunehmen, und doch der Transport unbequem war, so sah er kein schicklicher Mittel, als sie beide anzuziehen. Also mit doppelter Kleidung, zwei Hemde auf dem Leibe, zwei in der Tasche, eine Pelzmütze auf dem Kopfe und den schönen Sonntagshut oben drauf, mit einem Stabe in der Hand, ohne Geld, so reich und so arm als ein Kyniker, ging er den 24. Junius des Morgens mit dem Schlage drei durch die Hintertür aus dem väterlichen Hause, ohne zu wissen, wohin. Seine zuverlässige Kenntnis der Geographie endigte sich mit dem letzten Zaune des Dorfs, und auf dem Wege nach der Residenz, wohin er, wie gesagt, mit seiner Mutter vor einem Jahre gegangen war, hatte sich, wegen der vielen vorkommenden neuen Gegenstände, seine Aufmerksamkeit zu sehr teilen müssen, als daß ihm noch etwas anders als ein Klumpen verworrner Begriffe davon im Kopfe liegen konnte. Er tat daher, was in dergleichen Fällen das schicklichste scheint – er ging den geraden Weg fort, und wenn der Weg sich teilte, in welchem Falle gewöhnliche Menschen in Verlegenheit geraten wären, so ging er allemal ohne eine Minute Anstand auf den, auf welchen ihn seine Füße trugen: Kreuzwege können bekanntermaßen bei solchen Reisenden in gerader Linie keinen Zweifel verursachen. Aber will mir denn niemand meinen Held darum bewundern, daß er bei seiner Entweichung über eine Gewohnheit, die bei einer heimlichen Flucht in Romanen und in der wirklichen Welt jedermann vor ihm beobachtet hat, sich so großmütig hinwegsetzt und nicht einen Scherf mit sich hinwegnimmt? – Nie sind noch ein paar Verliebte davongegangen, ohne daß ihr Geschichtschreiber sie nicht einen kleinen Zehrpfennig, wenigstens für etliche tausend Juwelen, etliche hundert Dukaten, mitnehmen ließ. Nie ist ein Sohn seinem Vater entlaufen, ohne daß er nicht vor seiner Entfliehung einen Teil seiner künftigen Erbschaft gehoben hätte. Nur Tobias Knaut ist eine Ausnahme. Er nahm nichts mit sich, als was ihm von dem spitzfündigsten Rechtsverdreher nicht hätte abgesprochen werden können. Freilich war ihm zu dieser Gerechtigkeit ein einziger Umstand überaus günstig – er konnte nichts mitnehmen. Die Kostbarkeiten, womit die respective Herren Romanschreiber ihre Helden und Heldinnen auf die Reise versorgen, sind in dem Hause eines Schulmeisters ungemein selten; bares Geld wurde insonderheit in dem knautischen sehr gehaßt und daher nicht eine Nacht über gelitten. Was war nun noch übrig? – der grüne und schwarze Taffetrock der Fr. Schulmeisterin oder ihre silberne Tressenhaube – wer wird sich mit denen beladen? – Meine Schuld ist es allerdings, wenn ich nicht weiß, wie ich den armen Tobias auf seinen Reisen erhalten soll; warum habe ich nicht einen Graf, einen Edelmann, einen Bürgerlichen mit dreißigtausend Talern Einkünften oder drüber zu meinen Helden gewählt? – Aber alsdenn hätte ich kein solches Muster der Tugend aus ihm machen können! Gewiß hätte er alsdenn bei seiner Flucht gestohlen; aber so bleibt er tugendhaft. »Eine große Kunst, tugendhaft zu sein, wenn man nicht lasterhaft sein kann!« sagte Ermindus, als ich ihm diese Stelle vorlas. »So gut als gar keine!« antwortete ich. »Und also ist ein solcher Tugendhafter nicht sonderlich lobenswert?« »Für einen bessern Tugendhaften gar nicht! – Eben daher lobe ich die Tugend meines Tobias; eben daher loben andre die Tugend andrer.« »Rätselhaft!« »Weil die Tugenden der Menschen überhaupt nicht besser sind als Tobias Knauts seine, so können sie einander –« »Abscheulich! – Also wäre alle Tugend negativ?« Da Ermindus ein Schulgelehrter ist, so werden Leser, die es nicht sind, ihm vergeben, daß er dieses Wort gebraucht, das in der schönen Welt ganz ausländisch ist, und sie werden hoffentlich auch mir vergeben, wenn ich ihnen hier zur Erklärung desselben sage, daß eine negative Tugend eine solche ist, die bloß in der Unterlassung oder Abwesenheit des Lasters besteht. Das ist das erstemal, daß ich durch eine Note ein Mißtrauen gegen die Einsichten meiner Leser verraten habe, und gewiß auch das letztemal! »Und für Menschen nur lobenswürdig! Für höhere Geister sind es Wasserblasen.« »Alle Tugend nur negativ! – unausstehlich!« »Ja, für den Stolz des Menschen, der gern ein Engel scheinen möchte.« »Der Edle, dessen Wohltätigkeit sich in tausend Strömen über das Elend ergießt; der Patriot, der, mit Aufopferung seines Lebens, den unglücklichen Staat vom Untergange rettet; der erhabne Geist der Wahrheit und Wissenschaft ...« »Ohne Deklamation! – Mein Held, Tobias Knaut, war gewiß der tugendhafteste Knabe im ganzen Fürstentum, und warum? – weil er nie ein Laster begangen, weder mit Gedanken, Worten noch Handlungen!« »Das ist unmöglich!« »Und doch ist es wirklich! Gehen Sie die strengste Moral durch, wo der Tarif der menschlichen Tugenden und Laster nach Maß und Gewicht viele Bände hindurch richtig vorgestellt wird! – Suchen Sie! und finden Sie mir ein einziges Laster, das er getan hat oder tun konnte! – oder eine einzige Tugend, die er tat oder tun konnte! – Was ist er nun? Lasterhaft doch nicht! – Also tugendhaft?« »Gewiß nicht!« »Aber doch eins von beiden?« » Ein Kind ist eine Frucht – die noch nicht reif zur Tugend ist! – oder wie es heißt. – Gut! also ein andres Beispiel! – Neander, Euphrosyne, Eustratius, Eugenius – alles Leute, die Sie kennen! wer kann sie eines Lasters zeihen? Alle verleben ihre Zeit: der erste im Pferdestalle; die zweite bei dem Zwirnknaule; der dritte beim Plato und Homer; der vierte beim Spieltische. Ihr Leben ist so rein von Lastern! Euphrosyne bezahlt richtig ihren Zwirn, Eugenius richtig seinen Verlust. Weder Neander hat den Pferdehändler noch Eustratius den Buchführer betrogen. – Was sind sie? Tugendhaft oder lasterhaft?« »– – – – – –« »Nehmen Sie die Erfahrung aller Ihrer Freunde und andrer Beobachter zu Hülfe, und das Resultat wird gewiß sein: Entweder ist die Abwesenheit des Lasters, Tugend – oder keine Tugend bis itzt in der Welt!« »Aber der Bestimmung des Menschen kann dies unmöglich –« »Ach, die Bestimmung des Menschen! – Wir reden von dem, was ist , und nicht, was sein sollte . – O über das letztre wüßte ich Ihnen gar hübsche Sachen zu sagen!« »Aber um des Himmels willen, sind denn keine gute Handlungen jemals getan worden? und werden denn itzt keine mehr getan? gibt es keine Wohltätige? keine Dienstfertige? keine Freunde des Staats? keine Verehrer Gottes?« »Mein lieber Ermindus! eine reichhaltige Frage! – Um sie zu beantworten, müßten wir erst bestimmen: Was ist eine gute Handlung? Was für Bewegungsgründe gehören dazu? Ist jeder Vorteil, den wir unserm Mitmenschen verschaffen, oder überhaupt jede anscheinende gute Handlung tugendhaft, sie entstehe, aus welchen Bewegungsgründen sie wolle? Wieviel gehören ihrer dazu, um den Namen des Tugendhaften zu verdienen? – und tausend andre Fragen, die wir heute unmöglich auseinandersetzen, vielweniger entscheidend beantworten können. – Was denken Sie?« »Sollte es keine Tugendhafte geben, in welchem eine so glückliche Harmonie zwischen Vernunft, Neigungen und Leidenschaften herrschet, daß sie überlegte Handlungen nie anders als um ihrer Güte willen unternehmen und ihre unüberlegten durch die Gewohnheit im Guten wie durch einen mechanischen Trieb regieret werden? – Sagen Sie zur Ehre der Menschheit, daß es ihrer nur zwei, drei, gibt!« »Und sagen Sie mir, in welcher Zone ein solcher ätherischer Sterblicher wohnt, und müßte ich zu Fuß, halb hungernd, in dem schrecklichsten Sturme die Hälfte meines Lebens verreisen – ich eile zu ihm, und sein Anblick soll mich glücklich machen.« »So gibt es doch Tugendhafte, die dies, wiewohl in einem geringern Grade, sind?« »So wahr es einen Phönix, so wahr es kristallne Feenschlösser gibt!« »Also ist es unnütze, daß unsre Moralen diese Größe der Tugend zum Ziel der moralischen Laufbahn aufstecken, wenn kein Mensch Atem genug hat, um nur den dritten Teil der Laufbahn zurückzulegen, und niemand jemals bis ans Ziel kommen wird.« »Niemand jemals bis ans Ziel kommen wird! – Dies möcht ich nicht sagen. Daß niemand gegenwärtig dahin gekommen ist, niemand gegenwärtig dahin kommen kann und daß itzige und viele künftige Menschenalter nicht dahin kommen werden , das behaupte ich dreist; aber es auf die ganze Dauer des menschlichen Geschlechts leugnen wollen, dies wäre ebenso verwegen, als wenn jemand vor dreitausend Jahren versichert hätte, daß die Menschen nie andre Waffen als Bogen und Spieß gebrauchen würden. – Immer mögen die Moralisten das Ziel der moralischen Laufbahn weit, weit hinausstrecken, so weit , daß keine sterbliche Lunge bis dahin ausdauert; aber sie mögen auch sorgfältig bewerken, wie weit der gekommen ist, der bis hieher am weitesten kam. Jenes lehrt uns, wozu unsre Natur überhaupt bestimmt ist; dieses, wozu sie unter den gegenwärtigen Umständen bestimmt ist. – Nur lasse man denen, die am wenigsten vom Ziel entfernt sind, das Recht, auch Tugendhafte zu heißen, und so werden alle Bewohner der Erde entweder Lasterhafte oder Tugendhafte wie Tobias Knaut sein.« »Aber was ließe sich tun, um die Menschen dem Ziele näher zu bringen?« »Darüber läßt sich nicht Bessers vorschlagen, als – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –, und in der fortgesetzten Lebensgeschichte Tobias Knauts werde ich noch vieles darüber sagen, wie auch – – – – – –« Zweiter Band Me voici, mes enfants! – here I am. Yorick So ohngefähr wie Xenophon den Abend darauf, als ihm Sokrates zum ersten Male begegnet war, stand ich da und freute mich über das nachsichtsvolle Lob des »Merkurs«, als auf einmal zween Kunstrichter auf mich zugeschritten kamen, worunter einer einen sehr hämischen Seitenblick mit der ernsthaftesten Verachtung auf mich zuwarf und der andre eine so ehrerbietige Verbeugung machte, daß sogar meine Eigenliebe nicht anders glaubte als – der Mann müßte mich verkennen. Höflichkeitshalber muß ich doch ein paar Worte mit beiden sprechen. Der erste, nachdem er dem Verfasser des Tobias Knauts mit aller Politesse eines Rezensenten offenherzig ins Gesicht gesagt hat, daß er ein Affe ist, bejammert es nebenher mit christlichem Mitleiden, daß es Leute genug geben wird, die ihre höchst kostbare Zeit an die Durchlesung eines Büchelchens verschwenden, welches das Unglück hat, ihm durchaus zu mißfallen. Was würde er nun vollends tun, wenn er richtiger prophezeit hätte, als ich nach der wohlhergebrachten Autordemut vermuten darf? – Über eine solche Verblendung laut weinen oder – stillschweigend seufzen? – Inzwischen muß ich ihm die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß seine Kritik das schönste Muster von Persiflage ist. Das andre Kompliment kam aus dem Schwabenlande und galt eigentlich nicht mir, dem Lebensbeschreiber Tobias Knauts, sondern dem Herr Hofr. Wieland, den er für den Verfasser dieses Werkchens angesehn hatte, wohl nur wegen der ähnlichen Unterzeichnung unter der Vorrede. So gern ich unter diesem Namen im Heiligen Römischen Reiche herumschleichen möchte, wenn nur nicht Herr Wieland so viel dabei verlöre, als ich gewinne, so muß ich doch, ehe ich mich auf eine andre Art verrate, hiermit dem Hrn. Verfasser der Augsburgischen Chronik und andern, die durch ihn zu dem nämlichen Irrtum verführt sein möchten, öffentlich erklären, daß nicht Herr Wieland, sondern ich der Lebensbeschreiber Tobias Knauts bin, in dessen Leben er aber übrigens nicht, wie er tun will, interessante und rührende Szenen erwarten darf, sondern Gemälde und Begebenheiten des gewöhnlichen menschlichen Lebens, in der Lebensbeschreibung eines unbedeutenden Tobias Knauts zusammengestellt, der, wie gewöhnlich, andre Leute neben und für sich sehr vieles tun sieht und selbst sehr wenig tut. Andre Absichten dabei lassen sich zur Zeit noch nicht sagen. Das Zerimoniell war also besorgt; aber nun ist mir noch eine saure Arbeit übrig – eine bittre Klage über mich , und zwar darüber, daß ich eine Vorrede vor den ersten Teil gesetzt habe, die, wie im »Merkur« angemerkt wird und ich hernach gefunden habe, leicht ein Mißverständnis zwischen dem Autor und seinen Lesern veranlassen könnte. Um dieses in Zukunft zu verhüten – wenn anders diese Genugtuung für das bisherige Ärgernis zureichend ist –, soll hier eine Erläuterung oder umständliche Auseinandersetzung der daselbst nur kurz angezeigten Theorie stehn. Wie bei der Vorstellung der sichtbaren Gegenstände, so kömmt es auch bei den bloß denkbaren auf den Bau des beobachtenden Auges, auf das Medium, wodurch es sieht, auf die Seite, die der Gegenstand ihm zukehrt, und auf die weitre oder nähere Entfernung an, ob unser Urteil, unsre Vorstellung davon so oder anders ausfallen, ob die Vorstellung mit dieser oder jener Farbe, mit starkem Schatten oder starkem Lichte gemalt werden soll. Zu verwundern ist es also niemals, wenn ein Autor in einem Buche eine Sache auf zwo ganz verschiedene Arten abbildet: Die Ursache ist ganz natürlich – er sah jedesmal durch ein andres Medium oder eine andre Seite. Wenn die Atmosphäre um seine Seele voller Feuchtigkeiten ist, schwarze oder gelbe Galle in seinem Blute regiert, sein Magen viel oder wenig zu tun hat, seine Nerven stark angespannt oder schlaff sind, so laufen die Gläser in seinem Sehrohre an, die betrachteten Gegenstände sind hell oder dunkel, klein oder groß, und der Beobachter lacht oder weint, seufzt oder schmäht in jedem Falle, wie sein Blut und sein Magen es verlangen; reiben sich gewisse Teile in der Seelenatmosphäre zu oft und zu stark aneinander, so entsteht gar ein Donnerwetter, eine Götzische Streitschrift oder so eine ähnliche Lufterscheinung oder auch eine Moral in dem Tone meiner hypochondrischen Muhme, dergleichen sie ein paar in den ersten Teil wider meinen Willen eingerückt hat und nicht mehr einrücken soll; denn aufrichtig gesprochen, ihr Hypochonder ist ein gar zu derber Moralist. – Aber mit einem Fuße hinkt doch meine Vergleichung; denn die Entfernung tut bei Beobachtungen in der moralischen Welt gerade die entgegengesetzte Wirkung: In der physischen werden die Gegenstände dunkler und undeutlicher, je weiter sie sind, die Winkel fließen zusammen, eckichte Türme werden rund; in der moralischen hingegen werden die Ecken der Gegenstände stumpfer, je näher man ihnen ist, und demjenigen, der selbst sehr geschäftig darinne ist, verschwinden endlich alle oder doch die meisten Erhöhungen und Vertiefungen, so daß er auf die letzte nichts als eine glatte Fläche sieht. In der weitern Entfernung, d. h. in der Einsamkeit, übersieht man das Ganze besser und jeden Hocker, jede Ecke scharf, deutlich, helle – wenn, wie gesagt, Blut und Magen nichts dawider einzuwenden haben. Aber das Sehrohr? – So nenne ich gewisse Grundsätze, die jeder Beobachter moralischer Sachen zu seiner Betrachtung mitbringt und die sich auf eine von den bekannten Arten, wie Grundsätze erzeugt werden, meistenteils wider Wissen und Willen in der Seele festgesetzt haben. Dies alles war nur vorbereitungsweise gesagt; um meine Leser zum voraus den Schluß machen zu lassen, daß ich und jeder meiner Nebenmenschen, wenn wir eine Vorstellung der Welt machen, sie nicht malen wollen und können , wie sie ist , sondern wie sie uns damals erschien , als wir den Abriß verfertigten – welches, beiläufig gesagt, alle Leute wohl beherzigen möchten, die sich getrauen, eine Wahrheit zu behaupten, die auf ihre ganze Lebenszeit und für alle Menschenkinder Wahrheit sein soll. In manchen Körpern ist der Luftkreis so veränderlich, wie, nach dem Berichte des »Spectators«, die Witterung in England ist; in einem Tage alle vier Jahreszeiten! – Diese sehen also jeden Tag oder oft jeden halben Tag eine andre Welt. Als ich besagte Vorrede schrieb, war gerade die Abbildung der Welt in meinem Gehirne, die ich dort nur mit etlichen Zügen hingeworfen habe; aber ich bin nicht gut dafür, daß ich sie nicht in einer andern Vorrede wie einen Himmel voller Engel und in einer andern wie eine Hölle voller Teufel malen werde: jedesmal in völligem Ernste und jedesmal mit einigem Rechte. Um sie nun in ebendem Gesichtspunkte zu fassen, in dem ich sie damals erblickte, stelle man sich auf den Mond, den Jupiter oder wohin es sonst beliebt: Um und in der Seele muß gerade mittelmäßiges Wetter sein, weder helle noch trübe, und die Lebensgeister müssen in einem gesetzten halben Trabe gehn; das Sehrohr muß die Voraussetzung sein, daß Vollkommenheiten des Verstandes und des Herzens allein wahre und einer menschlichen Seele würdige Vollkommenheiten sind – und so sieht man – was ich damals sah. Eine Halbkugel, mit einem Mosaik von unendlicher Mannigfaltigkeit überzogen, das aus Menschenfiguren zusammengesetzt ist, die durch so feine und oft unmerkliche Ungleichheiten voneinander unterschieden sind, daß kein einziger mit dem andern denselben Kopf und dasselbe Herz hat, wenn man auch bei einigen schwören möchte, daß gar kein Unterschied wäre; – aus Menschenfiguren, worunter keine einzige entbehrlich ist, ohne eine Lücke zu machen und dem Effekte des Ganzen zu schaden, sollten sie auch noch so häßlich sein und nur dastehn, um durch ihren pechschwarzen Schatten das Licht der übrigen zu heben. So stark bin ich überzeugt, es dürfe aus diesem Gemälde der dümmste, schlechteste Kopf und – was ich aber doch noch eine kleine Weile überlegen will, ehe ich es als meine Meinung sagen mag – das schlechteste Herz nicht herausgenommen werden, daß der Philosoph Pangloß kein eifrigerer Verteidiger der besten Welt gewesen sein kann als ich – Prügel ausgenommen, wo ich ihm den Vorrang des Eifers gern überlasse. So unzählbar diese Menge von Stufen unterschieden ist, so schienen mir doch damals drei Klassen darunter sich auszuzeichnen, unter welchen alle begriffen werden könnten. Einige, die bei mittelmäßigen Seelenkräften starke sinnliche Triebe oder bei schlechtem und bessern Anlagen des Geistes heftige Begierden und Leidenschaften haben, bringen ihr Leben entweder in einer sinnlichen Passivität oder in einer lasterhaften Tätigkeit zu: Jene sind Sklaven des Gaums, der Wollust, des sinnlichsten körperlichen Gefühles, diese begehn die verschiedenen Arten der Laster, die gegen Nebenmenschen begangen werden können. Diese Klasse nennte ich – die unglücklichen Schlachtopfer des Lasters – wohl verstanden! – des passiven und tätigen Lasters. Andre hat Natur, Schicksale, Umstände und was noch weiter an der Beschaffenheit eines Menschen arbeitet, so daniedergedrückt, daß in allen Gefäßen ihres Körpers und in der ganzen Seele eine beständige Ebbe ist. Die schwächsten Kräfte des Geistes sind mit den schwächsten vernünftigen Begierden und der schwächsten Tätigkeit verbunden, und sie grenzen nach den verschiedenen Graden mehr oder weniger ans Tier. Diese zweite Klasse nannte ich prädestinierte Dummköpfe . Die dritte Klasse enthält den besten, den edelsten Teil der menschlichen Gesellschaft: Menschen mit der besten Organisation des Leibes und der Seele, voller Tätigkeit, mit lebhaften, antreibenden Leidenschaften, die aber eben wegen dieser vortrefflichen Anlage einer Menge Schwächen und Torheiten ausgesetzt sind, wovon sich hoffentlich keiner von den besten Söhnen Adams lossprechen wird, wenn ich ihn versichre, daß man, um die größten Torheiten zu begehn, der größte Mensch sein muß. Wie das sein kann? – Also! Die Ruhmbegierde ist die edelste und nützlichste Leidenschaft, die in einer menschlichen Brust sein kann, ohne die wenig in der Welt getan würde oder, wie Young denkt, gar nichts, und doch – worinne besteht ihr Ziel? In dem Bewußtsein, daß andre Leute unsern Namen wissen. Durch das Sehrohr, das ich meinen Lesern vorhin in die Hand gab, muß ein solches Bestreben gewiß nichts anders scheinen als – Torheit. Wenn man dabei bedenkt, was für Leute das größtenteils sind, deren Bewundrung uns Freude macht, so muß man sich wundern, daß man sich darüber freuen kann. – Doch rate ich eine solche Zergliederung niemanden an als nur, wenn er seinem Stolze eine Pönitenz schuldig ist. Der Mensch ist nun einmal gemacht, daß er nach dunklen, unentwickelten Ideen und nicht nach anatomierten Begriffen handeln soll, und dawider habe ich nichts einzuwenden. So könnte man die übrigen großen Leidenschaften gleichfalls zergliedern. In dieser Rücksicht gab ich der dritten Klasse den Namen der Toren , die ich, um allen Mißverstand zu verhüten, in vortreffliche und geringe Toren hätte einteilen sollen: Jenes sind die erhabnen Geister, die durch eine Idee zum Exempel des Ruhms, der Ehre angespornt werden, ihre ganze Tätigkeit in Bewegung zu setzen, und am Ende doch nichts erjagen als – eine Idee; dieses sind alle diejenigen, die ein geringeres Maß von jenen höhern Leidenschaften haben und die Sättigung derselben an nichtswürdigen, leeren, kleinen Gegenständen suchen, wohin zum Beispiel Eitle, Titelsüchtige, Geldgierige, Ahnenstolze, Rangsüchtige gehören. Diese sind Toren in dem gewöhnlichen Verstande des Worts; jene sind es nur für den wahren stoischen Weisen, der alle Sachen zergliedert und sie nach dem wahren innern Werte schätzt. Die in der ersten Klasse können zum Teil durch Zeit und Alter, zum Teil durch politische Gesetze und Anstalten gebessert werden, durch einen Autor niemals. Die zweite noch weniger, weil – die Ursache läßt sich leicht raten. Die in der dritten allein haben den Vorzug, daß sie durch die Vorstellungen eines Schriftstellers auf ihre Fehler und Schwächen aufmerksam gemacht werden können: der vortreffliche Teil derselben – insofern ihm ein Autor das, was seine völlige Begierde hinreißt, auf einer Seite vorstellt, die ihm selbst in seinem Bestreben darnach niemals erscheint, kurz, indem er ihm das Leere und Vergängliche der menschlichen Größe zeigt, welches unsre Bußprediger, wiewohl meistenteils auf eine verkehrte Art, sorgfältig tun; der schlechtere Teil der Toren, auf den ich eigentlich in jener Vorrede Rücksicht nahm, muß von einem Autor – der nützen will, ohne es scheinen zu wollen, hätte ich dort hinzusetzen mögen – so behandelt werden, wie ich an bemeldetem Orte sagte. Sonach können alle meine Leser nebst ihrem Autor in einem gewissen Verstande Toren genennet werden – nämlich verglichen mit Geistern, die nur nach moralischen innern Vollkommenheiten streben! – aber verglichen mit Menschen, mögen sie ganz vortreffliche Menschen sein – welches ich Ihnen, mir und allen Christen von Herzen wünsche. »Les hommes«, sagt Montesquieu irgendwo, »les hommes, fripons en détail, sont en gros de très-honnêtes gens.« – Mit einer leichten Veränderung des Fripons ließe sich die Sentenz auf den vorhabenden Fall anwenden. Sonach wird man einsehn, daß bei jedem satirischen Buche derjenige Leser nur unter die geringern Toren oder unter die Toren im gewöhnlichen Verstande zu rechnen ist, der sich selbst so sehr darinne findet, daß es ihm ein Pasquill auf sich zu sein scheint und also von seiner Eigenliebe es nicht erlangen kann, daß sie ihn nicht auf den Verfasser zürnen läßt. Sonach wird man endlich finden, daß Herr Wieland sehr von dem intendierten Wortverstande abgegangen ist, wenn er meine Worte durch – daß er seine Leser samt und sonders für Narren hält – paraphrasiert. Aber so wenig die Schuld an dem deutschen Paraphrasten liegt, wenn er den heiligen Paulus in seiner Umschreibung etwas sagen läßt, woran dieser niemals dachte, so gewiß ist es die meinige. Warum schrieb St. Paulus nicht deutsch? Und ich – warum schrieb ich nicht deutlicher? – Für Narren kann ein Verfasser seine Leser nicht eher halten, als bis er selbst einer ist. Inzwischen will ich nicht behaupten, daß die Welt, auf dieser Seite vorgestellt, gerade den besten Effekt täte oder daß diese Vorstellung die einzige sein müßte, die man sich alle Tage wiederholt. Ein wahrer Weltbürger muß diesen großen Staat auf allen Seiten kennenlernen, die er nach seinen Umständen nur kennenlernen kann, und ihn ja niemals auf einer allein zu lange oder zu oft betrachten: Das Urteil darüber fällt alsdann immer parteiisch aus; die Welt wird zum Himmel oder zur Hölle, da sie doch keins von beiden für sich allein ist. Mir schien es, als wenn ich diese Rechtfertigung teils meinen Lesern, teils mir schuldig wäre – mir – um mir den lächerlichen Anblick zu ersparen, in welchem ein Autor seinen Lesern erscheinen muß, der zu ihnen sagt: Ihr lieben Leute seid insgesamt herzliche Narren; hier nehmt und lest ein Büchelchen von einem Manne, der allein das Vorrecht hat, keiner zu sein! – meinen Lesern – um sie nicht in die unangenehme Situation zu versetzen, von einem Manne schlecht denken zu müssen, der eine so schlechte Meinung von ihnen und eine so hohe von sich selbst hat – eine Krankheit, an welcher der Verfasser so wenig darniederliegt, daß ihm noch itzt, wenn sein Blut einen sehr demütigen Fluß hat oder Schnupfenmaterie seine Nerven drückt oder eine kleine Unverdaulichkeit sich in seinen Magen eingeschlichen hat – alles treffliche Mittel zu Beförderung der Demut! –, daß ihm, sage ich, in solchen Fällen der menschliche Irrtum widerfährt, viele Leute fälschlicherweise, wie er hinterdrein gefunden hat, für Kolossen und sich für einen Zwerg zu halten! Also ein für allemal sei es gesagt! Solange der Lebensbeschreiber Tobias Knauts Autor ist, denke man bei seinen Worten allzeit: Diese Vorstellung der Sache stieg gerade damals aus seinem Blute und seinem Magen in den Kopf; was kann der arme Mann dafür, daß in seinen Vorratskammern eben keine glänzenden Farben zu finden waren, um die auffallenden Züge an dem Bilde zu übermalen? Es wird auch hoffentlich niemanden mißfallen, sich und die sublunarischen Herrlichkeiten in dem Lichte vorgestellt zu sehen, in welchem sie diese Vorrede zeigt; am allerwenigsten, wenn ich ihnen melde, daß Antonin, der vortrefflichste Stoiker, eine kaiserliche Majestät vom abendländischen Meere bis an das Agäische und noch weiter, zuweilen sich es selbst gefallen ließ, bei müßigen Stunden seinen Purpur, seinen Zepter, seine Krone, seinen Ruhm, seine Gewalt, seine Macht und viele andre dergleichen nicht zu verachtende Dinge in dem nämlichen Lichte zu betrachten, und sogar das Herz hatte, einen jeden Einwohner der römischen Welt und ihre Nachkommen schriftlich zu versichern In dem vortrefflichen Buche: »Über sich selbst an sich selbst«. , daß eine solche diätmäßige Betrachtung so niederschlagend, so kühlend für ihn gewesen sei! – tausendmal niederschlagender als eine Unze Salpeter, in sechzehn gleiche Portionen geteilt! – und wenn eine solche diätetische Kür vorüber war: Il n'était occupé qu'a travailler au bonheur des hommes et a exercer les devoirs de la société. – Vielleicht war dies eine Folge der vorhergehenden guten Diät! W++l. 1. Wie ein Reisender, der auf seinem Wege schon Höhen erstiegen, Sandfelder durchwandert, Flüsse durchschwommen hat und, von so vielen Beschwerlichkeiten abgemattet, noch durch einen großen Morast sich hindurch arbeiten mußte, mit froher Kraftlosigkeit an dem Ende des durchwateten Sumpfes sich niederwirft und ruhend den ganzen zurückgelegten Weg, nicht ohne Verwunderung und Freude, bei sich überdenkt: so – – – Dies schrieb Livius, als er die große Romanze vom achtzehnjährigen Punischen Kriege abgesungen hatte und eben die Lippen auseinander ziehen wollte, um eine neue von dem Könige Philipp und der Stadt Rom anzufangen. Aber gleich besann er sich und setzte mit halbgeöffneten Lippen hinzu: – wenn er dann die ungeheure Strecke sich vorstellt, die er noch durchreisen muß, um an den Ort seiner Bestimmung zu gelangen, und ihm einfällt, daß er weder Schuhe an den Füßen noch Kleider auf dem Leibe, weder Geld in der Tasche noch Kräfte in den Gliedern hat, daß seine Füße wund sind und seine Knie wanken; wie dann, vor der Fürchterlichkeit dieser Vorstellung schauernd, seine Seele zurückflieht und weder Gedanke noch Empfindung in ordentlichem Schritte fortgehen: so geht's mir, armen Livius – – – Gerade umgekehrt muß man sich dies Gleichnis denken, wenn es auf mich, den Lebensbeschreiber Tobias Knauts, passen und etwas mehr als eine Anfangsleiste zu diesem Bande sein soll. Ich freue mich, daß ich meinen Helden aus dem Käfige des väterlichen Hauses erlöset und ins freie Feld gebracht habe, und erstaune nicht wenig, daß ich nebst ihm einen ganzen Band hindurch auf einem so engen Theater habe aushalten können. Müde Beine haben wir freilich wohl nicht wie Livius und sein Wandrer; aber es ist doch auch höchst unbequem, wenn man sich keine Handbreit rühren kann, ohne anzustoßen. Doch itzt – wie herrlich! was für reichlicher Platz! Die ganze Welt ist unser Theater, und alle vergangne, gegenwärtige und künftige Geschlechter der Menschen in nördlicher und südlicher Breite des Erdbodens, Kaiser, Könige, Fürsten, Nobiles, Gelehrte, Schuhflicker, Küchenjungen, alle, alle sind unsre Mitspieler. – Das wird eine Komödie werden! Wie viele wichtige Handlungen mögen meine Leser wohl seit dem vierundzwanzigsten Junius getan haben, wo sie meinen Tobias morgens mit dem Schlage drei auswandern sahen! wie viele Tricks im Whist gewonnen, wie viele Fische im Lomber verloren, wie viele Ellen Netz geknüpft, wie viele Predigten gehört, wie viele wohltätige Handlungen zu tun vergessen haben! Währenddessen Tobias nichts weiter getan hat, als daß er seinen geraden Weg mit gleichen Schritten fortgewandelt ist, und zwar in der festen Entschließung, seine ganze kleine Person dem Vaterlande zum Soldatendienst anzubieten und, so oft und so bald es der Nutzen des Staats erfordern würde, alle Tropfen seines knautischen Bluts für denselben aufzuopfern. Wenn auch gleich dieser heroische Plan nicht völlig so ausgedrückt in seinem Gehirne dalag, so würde er ihn doch gewiß so gedacht haben, wenn die Mode, fürs Vaterland zu sterben, nicht noch allzu neu gewesen wäre, um an seinem Geburtsorte schon bekannt zu sein, wo sogar die Auswüchse einer Konsideration fremde Sachen waren, wie wir im ersten Bande gesehen haben. Überhaupt hat jene Mode seit dem Untergange der römischen Republik bei uns noch keine Nachahmer gefunden, es müßte denn ein paarmal einem hypochondrischen Kopfe, der mit republikanischen Grillen angefüllt war, oder einem Abbt in seiner liebenswürdigen Schwärmerei eingefallen sein, sie einführen zu wollen; indessen hätte doch der erste, der sie durch sein Beispiel in Gang zu bringen suchte, noch immer das völlige Verdienst der Neuheit für sich. In Tobias' Vaterlande war sie nun vollends so neu, daß man darinnen seit der ersten Existenz desselben, nichts davon gehört hatte, so neu, daß der Kommendant der Hauptstadt dem Herrn Rektor der dasigen Stadt- und Landschule geradezu ins Gesicht lachte, als er ihm bei seiner Vermählung auf einem gedruckten Bogen bewies, daß er so ein großer Held als Miltiades, Themistokles, Aristides, Pausanias, Cimon usf. wäre und die Ehre verdiente, wie sie fürs Vaterland zu sterben. An einem solchen Tage einem fünfundzwanzigjährigen Bräutigame, der erst anfangen wollte, sein Dasein recht zu fühlen, dies zu wünschen, war freilich ein ziemlicher Pedantenstreich, und darauf ist ohne Zweifel ein großer Teil des Lachens zu rechnen, in welches dieser bärtige Krieger seine Heldenmiene verzerren mußte. Doch mochte er selbst ein dunkles, unbestimmtes Gefühl haben, wie wenig er die eigentliche Bestimmung seines Standes erfüllte, und da er selbst keinen Beruf empfand, fürs Vaterland zu sterben, so war er zu Ersetzung dieses Schadens schon vor der Ehe unermüdet, dem Staate wenigstens eine Kompanie Menschen ans Leben zu bringen, die es an seiner Stelle tun konnten. Wer kann es nun meinem Tobias bei einer solchen Unwissenheit, in welcher sein ganzes Vaterland lag, verargen, daß er seinen Entschluß nicht mit allen den schönen Phrasen von Ehre und Vaterlandsliebe verbrämte, womit ein ungetreuer Romanschreiber die Wahrheit dieser Geschichte gewiß ausgeschmückt haben würde, sondern daß er schlechtweg – Soldat werden wollte und schlechtweg es darum werden wollte, weil er gern zur Wache aufziehn mochte. Eine nicht ungewöhnlich wirkende Ursache bei der Entschließung zum Soldatenstande! Übrigens erhebt sich mein Held durch diesen Entschluß und die Geschwindigkeit in der Ausführung desselben weit über gemeine Seelen. Um ihn zu fassen und unter solchen Umständen auszuführen, mußte man wenigstens eine sehr feurige Einbildungskraft, eine mutige Tätigkeit der Seele und überhaupt alle niedern Seelenkräfte in einem ausnehmenden Grade besitzen – würde der Geisterlehrer, Aberscheidius, sagen, wenn man ihn um eine Erklärung darüber ersuchte. 2. Non caret is, qui non desiderat: » Wer nichts verlangt, entbehrt nichts. « – Eine Sentenz, die eigentlich für den Magen gemacht ist und Cicero gewiß von seinem eignen abstrahiert hat; und wenn er mir nicht zuvorgekommen wäre, so hätte ich der erste sein können, der diese Beobachtung itzt an dem Magen meines Tobias machte. Ohne gefrühstückt, ohne abends vorher gegessen zu haben, hatte er nach seiner Ausreise in beständigem kurzem Trabe einen Weg von sechs Stunden zurückgelegt. Der Tag war der heißeste im ganzen 1++8 Jahre; seine doppelte Kleidung schluckte die auffallenden Sonnenstrahlen so häufig in sich, daß sie so ziemlich die Dienste eines durchhitzten Brütofens hätte verrichten können; innerhalb seines Kopfes marschierte die ganze Leibgarde seines Landesvaters auf, schwenkte sich, schlug Wirbel auf der Trommel usw. –durch welchen innerlichen Lärm die Wärme seines Bluts nach dem geringsten Anschlage zehn Grade über die gemäßigte Hitze gestiegen sein mußte; daß also nach genauer Berechnung, die ich meinen Lesern als einen Anhang zum vierten Bande mitteilen will, wenn sie es ausdrücklich von mir verlangen; daß, sage ich, nach genauer Berechnung der Refraktionswinkel, die die Sonnenstrahlen bei ihrem vielfachen Durchgange durch seine Kleidung machten, nach genauer Berechnung – vieler andern Dinge, wozu ich gerade 23½ Bogen großes Postpapier verwendet habe, sich deutlicher als irgendeine astronomische und optische Wahrheit zeigt, daß die Hitze in der Atmosphäre um die Seele meines Tobias dem höchsten Grade gleich war, den fleißige Beobachter in der Venus an ihren Wettergläsern im Jahre 18432, nach der dort angenommnen Chronologie, bemerkt haben. Hiezu setze man noch, daß er in seiner Begeisterung unvermerkt in eine sandige Heide geraten war, wo Die kühle Sommerluft auf dem versengten Boden Nie eine Staud erfrischt. Demungeachtet watete er getrost durch, fühlte nicht, daß ihm warm war, noch daß ihn hungerte. Ein so standhafter Magen, der unter solchen grausamen Beschwerlichkeiten den Hunger so mutig ausstehen kann, muß unmittelbar vom Himmel zum Dienste des Vaterlandes bestimmt sein; das ist ein patriotischer Magen, und Tobias könnte mit demselben allein sein ganzes Glück machen, dächte man. Da die höchste Tugend doch ihre bestimmten Grenzen hat, so ließ der Patriotismus meines Tobias allmählich nach und verlor sich endlich so sehr, daß sich der Magen in dem jämmerlichsten Tone über die Liebe zum Vaterlande beschwerte. Die Füße traten auf seine Seite, und Tobias sank ermattet mitten in den Sand hin und empfand zum ersten Male in seinem Leben das rühmliche Glück, fürs Vaterland zu hungern, und zwar in seiner völligen Stärke empfand er es. Glücklicherweise hat die Natur für solche leidende Patrioten den Schlaf erfunden, der sogleich bei der Hand war, um ihm mit seiner Hülfe beizustehn. Tobias schlief so fest und so sanft in dem Sande als keine Braut auf einem seidenen Unterbette. 3. Wenn ich nicht selbst ein Geschöpf wäre, das zuweilen einem Dichter ähnlich sieht, und also aus einem Selbstgefühle wüßte, wie wenig man ausrichtet, wenn man Dichter von schwerem und leichtem Blute gründlich und bündig widerlegen will, so hätte ich hier die beste Gelegenheit, mit dem Nachtwandler Young einen großen und weitläuftigen Streit über den Schlaf anzufangen. Eines Morgens, als Hypochonder und Gram ihn von einem kurzen, unruhigen Schlummer aufweckten, rief er aus: »Ach du balsamischer Schlaf, gleich der Welt, besuchst du nur diejenigen gern, denen das Glück zulächelt; die Elenden verlassest du; fliegst auf deinen weichen Fittichen schnell vom Jammer hinweg!« Youngs Nachtgedank. 1 Nacht. Daß alles dies höchstens nur in der Poesie und in der Prose gar niemals wahr ist, beweist mein Held, Tobias Knaut. Da der gute Knabe eine richtige Stunde schläft, ohne ein einzigmal zu träumen, und es mir also ungemein schwer macht, meine Leser während dieser Zeit von ihm zu unterhalten, so will ich sie dazu anwenden, zu Belehrung künftiger Schriftsteller die poetische und prosaische Theorie von Schlafe im Kummer zu berichtigen. Also aufgemerkt! wie ich dozieren werde.   § I Man unterscheide sorgfältig den Sitz des Kummers. § II Der Sitz des Kummers ist zwiefach: 1. im Magen, 2. im Blute oder, wie andre lehren, in der Seele. § III α) Hat der Kummer den Sitz im Magen, so ist der Schlaf eine unausbleibliche Folge davon. § IV β) Hat er den Sitz im Blute, so ist der Schlaf unmöglich.   Das wäre so ohngefähr die Theorie in nuce. Wäre ich Professor, so sähe ich diese vier Paragraphen als das Kompendium eines meiner gestorbnen Mitbrüder an, setzte mich auf einen Katheder und zupfte so lange an dem Lehrbuche herum, bis kein einziger Paragraph undurchlöchert geblieben wäre, und flickte darauf jedes Loch so lange wieder zu, bis keine einzige Faser von dem alten Zeuge mehr zu sehn wäre; darauf rückte ich mit lächelnder Selbstgefälligkeit die Parücke zum linken Ohre und freute mich triumphierend mit meinen Zuhörern, daß ihr Herr Professor so ein vortrefflicher Schneider ist, der von einem Paar alten schweren Samtbeinkleidern den Oberzeug stückweise herunterreißt und mit einem schöpferischen Witze neuen, leichten Taffet über das Unterfutter nähen kann. Indessen, da ich für Gelehrte und Ungelehrte schreibe, möchten vielleicht die Letztern aus Unerfahrenheit in der akademischen Etikette am Ende meines Diskurses gar sich einbilden, daß ich besser getan hätte, wenn ich, statt die alten samtnen Winterbeinkleider zu zerreißen und zu überziehen, ein Paar neue von einem guten derben Zeuge, der für jede Jahreszeit sich schickt, verfertigt hätte, und möchten gar noch obendrein behaupten, daß ein scharfsinnigerer Schneider dazu gehörte, ein Paar neue zuzuschneiden und zusammenzunähen, als ein Paar alte – zu zerreißen. Um diesem widrigen Schicksale zu entgehen, verlasse ich für diesmal die gelehrte Methode und wähle die populäre. Vorausgesetzt, daß alle obige vier Paragraphen die unumstößlichste Wahrheit enthalten – und warum sollte ich dies nicht voraussetzen, da sie allesamt und sonders meine eigne Erfindung sind? – nach dieser Voraussetzung lasse ich nichts als etliche Beispiele zur Erläuterung des dritten und vierten Paragraphen hier folgen. Limomachus, ein geborner Deutscher, den sein Vaterland empfinden läßt, durch welche gerechte Verachtung es den unerträglichen Stolz bestraft, sich durch Einsichten und Genie über seine Mitbürger erheben zu wollen, der ein Feldherr, ein Eroberer in dem Reiche der Wissenschaften hätte werden können und werden wollte und itzt als Stückknecht unter einem Übersetzungshändler dienen muß – dieser ehrliche Mann hat seinen Kummer augenscheinlich im Magen. Sobald er sich da zu regen anfängt, so setzt sich der arme Limomachus an seinen dreibeinichten Tisch, stützt den wirbelnden Kopf auf die magre Hand, und ehe zwo Minuten vergehen – schnapp! schläft er, schläft er, daß er schnarcht. In diesem Schlafe – wie wunderbar doch die Wirkungen der Natur sind! –, in diesem Schlafe, der oft sehr lange dauert, ergreift seine Hand die vor sich liegende Feder, taucht sie in die Dinte, bewegt sie auf dem daliegenden Papiere hurtig hin und her, wendet das Blatt um, wenn es voll ist, wirft auch zuweilen ein Blatt in einem dabei liegenden gedruckten Buche um, bis alles vorrätige Papier beschmiert ist. In ebendemselben Anfalle von Schlaf oder vielmehr Mondsucht geht er sieben Treppen herunter, durch die Straßen, bis zu der Niederlage des menschlichen Verstandes und Witzes, in welcher er dient, geht halbwachend mit einem halben Gulden wieder zurück, kocht sich Kaffe, und – weg ist Kummer und Schlaf! Das Sonderbarste bei dieser Erscheinung ist noch dieses, daß jedermann, der das zu lesen wagt, was seine Hand in einem solchen Paroxysmus hinschrieb, von einem so tiefen Schlafe überfallen wird, als Limomachus selbst, einige neidische Leute ausgenommen, die dem armen Manne das Glück mißgönnen, im Schlafe so schlecht zu übersetzen, als andre wachend tun; diese Mißgünstigen erwehren sich des Schlafs und ereifern sich darüber, daß Limomachus im Schlafe übersetzt, da doch sein Faktor ihn so schlecht besoldet, daß der Paroxysmus seines Kummers und also auch der Schlaf keinen einzigen Tag ausbleibt. Das war ad § 3.   Ad § 4 Je freilich ist Eustach um die Hälfte magerer als den vorigen Winter! Wie kann's aber auch anders sein? Die Nächte bringt er schlaflos im Bette, den Tag im Lehnstuhle zu, ohne ein Auge zuzutun. Die Zeit der Mahlzeit verseufzt er; alle Säfte stocken, und wenn Kummer und Gram so anhaltend in ihm fortwüten, so ist sein erhabner Körper in kurzem eine Leiche und wird es auf eine so schmerzhafte Weise, als Regulus es durch die Rachsucht der Karthaginienser wurde. »Der gute Mann! er nimmt sich seines Amtes zu eifrig an; und die Sorgen für das gemeine Wesen ...« »Ja, wenn er die nur ließe! die haben schon manchen ins Grab gebracht.« »Was ist ihm denn schon wieder Widriges begegnet?« »Sein großer Truthahn, den er schon drei Monate mit Semmelschnitten und Milch auf das köstlichste bewirtet hatte – ist vor vier Wochen – im Fette erstickt!« Der Kummer sitzt hier im Blute; wer kann noch daran zweifeln? Und daher kann Eustach nicht schlafen, und wenn er auch, um sich den Schlaf vom Himmel zu erkaufen, alle Notleidende in einem Umkreise von sechs Meilen statt der Soupe dauphinoise mit Sagosuppen und Rebhühnerpasteten speisen wollte; wenn er es auch sich selbst abbräche; da hilft nichts! Auch Placidien würde es nichts helfen, wenn sie gleich das Gelübde täte, in allen Assambleen unfrisiert zu erscheinen. »Haben Sie sie denn gestern in der Komödie gesehn? Sie sieht sich nicht mehr gleich.« »Die schöne blühende Dame dort vorne am – Hm! ich weiß schon, die Sie immer die Göttin ihres Geschlechts nannten!« »Ja, ebendie!« »Wie geht denn das zu, daß sie so sehr von ihrer Götterschaft heruntergekommen ist?« »Ihr Mann ist gestorben –« »Je es war ja so ein alter Brummbär –« »Ach, das ist noch das geringste! Vor acht Tagen sollte sie plötzlich Cour machen, und die Pleureusen waren noch nicht fertig. Denken Sie den Jammer!« »Ging sie denn?« »Sie mußte, aber ohne Pleureusen, seitdem hat sie kein Auge zugetan. – Überhaupt ist ihre Familie eine unglückliche Familie; ihrem Bruder, dem Herrn Ge+l+m+n+sor, geht es nicht besser. Da er fetter ist als seine Schwester, so kann sein Körper die Wirkungen des Kummers länger und stärker leiden, ehe sie sichtbar werden; aber im Grunde bringt er seine Nächte so schlaflos zu wie seine Schwester, nur mit dem Unterschiede, daß sie über (ihren Mann!) ihre Pleureusen weint, wenn er über seine Feinde, wie er sie nennt, flucht.« »Ach gewiß deswegen, weil da – der – Sie wissen ja wohl! – das Amt bekommen hat, auf das sich der Herr Ge+l+m+n+sor große Rechnung machte. Freilich wohl! So viele Taler Einkünfte sind keine Kleinigkeit, um sie sich so ruhig vor dem Gesichte wegnehmen zu lassen.« »Allerdings! und zudem ist ja sein Nebenbuhler, der es ihm wegnahm, wenigstens um sechzig Pfund leichter als er! eine dürre, kleine, hagere Figur, die sich bei einer Einnahme von vierhundert hätte überflüssig satt essen können. Soll der Herr Ge+l+m+n+sor nicht über eine solche Ungerechtigkeit fluchen, da sein feister Körper augenscheinlich für dieses Amt gemacht war, für den eine Stelle mit den Einkünften eines Mogols nicht zu viel wäre, wenn er ihn nach Stand und Würden gehörig bedienen wollte.« »Aber der Mann hat ja nicht die geringsten Verdienste!« »Desto schlimmer! Ein Mann ohne Verdienste ist bei ein- oder zweitausend Talern Einkünften doch ein- oder zweitausend Taler wert; aber ohne dieselben gar nichts.« »Ach, er hätte ja der Arbeit gar nicht vorstehen können.« »Wunderlicher Mann! das würde ihm nicht halb so viele schlaflose Nächte gemacht haben, als er itzt hat.«   Ein andres ad § 4 Sokratia – eben streckt Tobias seinen rechten Fuß aus! Er wird mir gewiß aufwachen, ehe man sich's versieht, und ich habe doch noch soviel zu sagen, soviel zu erzählen. Hurtig also! – Man halte mich nicht für einen Materialisten – er streckt schon wieder den Fuß aus! – – -alisten, daß ich den Sitz des Kummers in das Blut – ach, nun gar den Kopf! – ja, er läßt mich es nicht ruhig sagen; er wird schon einmal wieder in seinem Leben schlafen, daß wir weiter über die Sache sprechen können. 4. Es war nur ein blinder Lärm! Nun schnarcht er wieder so ruhig, als wenn er es heute noch nicht getan hätte. Da es aber doch nicht lange mehr dauern dürfte, so muß ich geschwind etwas erzählen, ohne das vieles in der künftigen Geschichte unverständlich sein würde. Als Tobias ohngefähr siebenunddreißig Minuten, etwas mehr oder weniger, geschlafen hatte, so fand sich, ich weiß nicht, auf was für einen Antrieb, eine Weibsperson zu ihm, die die ganze Figur des Schlafenden genau in Augenschein nahm. Nach einer kurzen Beobachtung setzte sie sich leise hinter Tobias' Rücken nieder – denn, wohl zu merken, Tobias lag auf dem rechten Ohre, zusammengekrümmt wie ein Armadillo in seinem Panzer; seine gewöhnliche, höchst ungesunde Lage, die ihm die Frau Knaut nicht hatte abgewöhnen können, weil sie seit seinem zehnten Jahre nicht mehr bei ihm schlief. – Kaum hatte, ohne sein Wissen, diese fremde Gesellschafterin sich leise bei ihm niedergelassen, als sie ebenso leise mit ihrer linken Hand durch die Spalte an dem Schoße des Kleides sich durchdrängte – und, was weiß ich, wohin weiter. Hätte jemand von ferne die ganze Szene mit angesehen, so hätte er sein Urteil darüber bedächtlich aufschieben müssen oder gar keins fällen können oder ein falsches gewagt. Eine züchtige Keusche hätte gewiß beim ersten Anblicke die Schürze vor das Gesicht gezogen und mit weggekehrtem Gesichte gelispelt: »Himmel! das unzüchtige Weib! sich mit ihren Händen – ich erschrecke, wenn ich mir's nur denke –, sich mit ihren Händen an einen so gefährlichen Ort – zu wagen; ich stürbe, wenn ich's tun müßte! – das unzüchtige Weib!« »Das gottlose Weib!« rief mit aufgesperrtem Munde und verdammender Miene, als ich ihn um seine Meinung darüber fragte, ein theologischer Heuchler; »sie will das junge, unschuldige Blut zur Sünde verführen! Wenn ich doch Aufseher über die Hölle wäre! Mit Leib und Seele wollte ich sie den Augenblick hineinwerfen – das gottlose Weib!« Alle beide irren sich; aber was hat die Frau für eine Absicht? Der Philosoph, dächte ich, könnte am besten entscheiden; er ist ans Entscheiden gewöhnt. »Das Gegründete ohne den Grund zu denken ist ungereimt. Selbst die subitanen Handlungen, die am wenigsten Effekte der denkenden Substanz und beinahe ganz vom Mechanismus herzurühren scheinen, müssen durch die selbsttätige, auf die Handlungswerkzeuge wirkende Kraft der Seele hervorgebracht werden, und zwar –« Gut! – Mich däucht, das ist wohl gerade genug, um zu lernen, daß das gerühmte Licht der Philosophie niemals besser als am hellen Tage leuchtet; in der Dunkelheit ist es eine düstre Lampe, die eher blendet, als Licht gibt. Indessen da doch die Absichten der Menschen bei ihren Handlungen für mich die wichtigsten Kenntnisse unter der Sonne sind, so beschloß ich, mich an die übrigen zwo Fakultäten zu wenden. Ich fragte also einen Arzt: »Und was, denken Sie, konnte die Frau im Sinne haben?« »Umbringen wollte sie ihn!« schnarrte er mir zu und schlug mit beiden Händen, die er in Form eines Uringlases zusammenballte, dabei auf den Tisch, »und in dieser Absicht«, fuhr er fort, »hätte sie, nach pagina 14 meiner anatomischen Positionen, keinen bequemern Ort wählen können, – genug, sie hätte ihn nicht geschickter umbringen können, wenn sie auch gleich –« »– vier völlige Jahre Medizin studiert hätte?« unterbrach ich ihn. »Nein, nicht besser«, antwortete er, ohne mich zu verstehen, »Sie wissen, daß da die großen Blutadern, die nervi – – – um das – – – zusammenlaufen. Ein Stich! so muß er fort. Ich verordne ihm nichts als kühlende Umschläge, ein Unze Salpeter in sechszehn gleiche Teile geteilt, und morgens und abends –« Ruhig ließ ich ihn sein Rezept vollends für sich verschreiben und wandte mich zu einem hinter mir stehenden Advokaten. »Sie haben die Sache gehört«, sagte ich, »was urteilen Sie darüber?« »Sie will mehrbenannten Tobias Knaut bestehlen«, rief er mit lautem Gelächter. »Es ist nur gut, daß mein verschriebnes Rieß Papier gestern mit dem L–berger Fuhrmann angekommen ist – und vor Endigung der Inquisition kann das Holz zum Galgen, wenn es itzo bald geschlagen wird, noch sehr gut austrocknen.« »Recht, mein Herr, ich bin Ihrer Meinung! Sie will ihn bestehlen« – und jeder einsehender Leser wird ihm mit mir darinne beistimmen, hoffe ich. – Sie will ihn bestehlen! Daß doch auf dergleichen affaires d'honneur sich niemand besser als die Priester der Gerechtigkeit versteht! Nur schade, daß das gute Weib, um sich den Galgen zu verdienen, ihre Maßregeln sehr schlecht genommen hatte. Tobias reiste bekanntermaßen wie ein Gelehrter, und wer dergleichen Leute bestehlen will, begeht allezeit eine doppelte Torheit. Er wird zum Diebe, und nicht der Strick, womit er gehängt werden soll, wird ihm bezahlt. Die Frau, die itzt diese Torheit an meinem Tobias beging, hatte entweder mit ihrer Hand sich an einen zu empfindlichen Ort auf dem Wege nach dem Geldbeutel verirrt, den sie nach den gewöhnlichen Begriffen wohl nirgends anders als in der Hosentasche suchen mochte, oder hatte vielleicht den Eingang dazu, der durch die vielen Kleidungsstücke zu stark verpalisadiert war, mit Gewalt sprengen wollen; genug, er streckte einen Fuß, er streckte den andern aus und machte überhaupt alle die Bewegungen, die mich zu Ende des vorigen Absatzes in solche Unruhe setzten, bis er endlich erwachte und sich aufrichtete. Nicht den dritten Teil so sehr konnte Daphne erschrecken, wenn sie ja erschrocken ist, da sie ihre Lenden vom Apoll umschlungen fühlte, als Tobias, wie er einen weiblichen Schatten neben dem seinigen gewahr wurde, sich umkehrte und eine weibliche Substanz neben sich sitzen sah, und sein Schrecken war um so viel größer, weil ihm diese Erscheinung bei dem ersten Anblicke seine Mutter zu sein schien. Doch da dieser Selbstbetrug besonders durch die freundliche Anrede seiner Gesellschafterin völlig gehoben worden war, so schlich sein Blut aus dem Gesichte, wohin es der Schrecken gejagt hatte, allmählich wieder nach den übrigen Teilen zurück, und nunmehr sah er nichts, als was in Natur neben ihm saß – ein ziemlich fettes, dickstämmiges Weib, bis an die Knie entblößt, wo ein leichter Unterrock anfing, der wegen seiner ungeheuren Löcher auch dem Teile, für welchen er eigentlich eine Beschirmung sein sollte, sehr schlechte Dienste leistete. Von da bis an die Achseln war ein Stück zerrißne, schmutzige Leinwand gewunden, das die ganzen Arme bloß ließ und die Reichtümer des Oberleibes in ihrer völligen, ansehnlichen Größe und Schönheit jedermann zur freien Ansicht darbot. Die Haare waren verwirrt untereinander geflochten, zum Teil hingen sie zerstreut um den Kopf herum. Sie mochte in einem Alter von ungefähr – ja, dreißig Jahre gebe ich ihr! – aber nicht eine Minute weniger, und ihr Gesicht hatte noch einige Ruinen von einer ehmaligen ländlichen Schönheit. An allen sichtbaren Teilen ihres Leibes war sie eine so fürchterliche Brünette, daß ein Neger bei dem ersten Anblicke vom Kopf bis auf die Füße hätte in sie verliebt sein müssen. Doch Tobias blieb bei allen diesen Schönheiten ungerührt. Kein Wunder! da er ein Europäer war und in seinem Dorfe die ersten Begriffe der Schönheit von dem kreideweißen Schwanenantlitze der gnädigen Frau und dem schimmelfarbnen Gesichte der Frau Magisterin abstrahiert hatte und also zweiundfünfzig Grade weit von dem Äquator nicht so wie unter den ersten zehn Graden von demselben empfinden konnte; da er überdies ein so erstaunlicher Verächter des ganzen schönen Geschlechts war, daß er auch selbst diejenigen nicht leiden konnte, die äußerlich nicht die geringsten Merkmale an sich trugen, daß sie zu diesem Geschlechte gehörten. 5. »Mein lieber, schöner, junger Herr!« rief die Zigeunerin, als Tobias zum ersten Male mit blutrotem Gesichte sie anblickte. »Mein lieber, schöner, junger Herr! ich habe mich verirrt. Haben Sie doch Mitleid mit einer armen, verirrten Frau, und weisen Sie ihr den rechten Weg, mein allerliebstes, junges Herrchen! – Oder lassen Sie mich mit sich gehen, bis auf das nächste Dorf, mein liebes Herrchen! wollen Sie? – Der liebe Himmel wird Ihnen auch wieder Gutes tun, mein Engelchen.« Tobias rieb sich die Augen. »Der liebe Himmel wird Ihnen eine recht hübsche Frau bescheren, wenn Sie einer armen Frau Gutes tun, mein schönes Herrchen! eine recht hübsche, fromme Frau! mein liebes Herrchen! eine recht reiche! – Geben Sie mir immer etwas mit auf den Weg, wenn Sie mich nicht zurechtweisen wollen. Sein Sie so gütig, mein goldnes Herrchen! – Sie sind so ein englisches Herrchen, den der liebe Himmel gewiß recht belohnen wird! so ein gar allerliebstes Herrchen!« Tobias rieb sich die Augen. »Ich bin eine arme Frau, die sechs arme, unerzogne Kinder zu Hause hat. Helfen Sie mir! seit ehegestern keinen Bissen Brot! Aus dem Munde habe ich mir ehegestern abends den letzten Bissen genommen und ihn dem Kleinsten gegeben.« – Sanft flossen etliche Tränen über die Wangen auf den arbeitenden Busen herab. Tobias gähnte. – Der Unempfindliche! Was sollte die arme Frau tun? – Alle Quellen ihrer Beredsamkeit waren erschöpft; Eigenliebe, Stolz, Liebe, Eigennutz, Mitleid, alle diese Saiten hatte sie berührt; aber keine sprach an. Sie verwunderte sich bei sich darüber, ich im geringsten nicht. Tobias' Herz war ein Instrument, wo nach einer übermäßigen Anspannung alle Saiten ganz heruntergelassen sind und der Steg umgefallen ist. Man streiche mit dem Bogen, auf welche man will; der Bogen sei noch so stark mit Kolophonium bestrichen – umsonst! keine Saite gibt einen Ton oder höchstens ein undeutliches Geschwirre. Aber laßt nur erst den Steg wieder aufgerichtet sein, so wird gleich ein Ton zum Vorschein kommen, freilich ein schwacher, unbestimmter; darauf habt ihr noch vier Wirbel aufzuziehen, und nun könnt ihr streichen, wie ihr wollt, der Ton wird niemals außenbleiben. – Aber was ist denn im menschlichen Herzen der Steg? – Das wollen wir sehen! Die Rednerin, die von dieser ganzen schönen Spekulation nichts wußte und also völliges Recht hatte, sich über die schlechte Wirkung ihrer Beredsamkeit zu verwundern, griff in das letzte Fach ihrer Redekunst und holte ein Argument heraus, das in allen bisherigen Anfangsgründen und Systemen der Rhetorik, vom Aristoteles bis auf Weisens »Politischen Redner«, vergessen worden ist, ob es gleich unter verschiedenen Formen kein ungewöhnliches Argument bei einem Teile des schönen Geschlechts ist. »Sehn Sie nur!« sprach sie mit einem Tone, der gerade der halbe Ton zwischen Zärtlichkeit und Kummer war, und ergriff, indem sie es sagte, Tobias' Hand. »Sehn Sie nur, was für eine arme, elende Frau ich bin! Ich habe nicht einmal genug, mich zu bedecken! Vom Kopf bis auf die Füße bin ich beinahe nackend! Sehn Sie nur!« Tobias sah nicht. Sie führte seine Hand, die sie beständig mit der größten Zärtlichkeit gehalten hatte, zu dem Busen, um ihm ihre Nacktheit desto fühlbarer zu machen. – Er zog sie weg. – Sie ergriff sie noch einmal und legte sie auf ihre wallende Brust. – Er riß sie los und wollte eben aufstehen, um seinen Marsch von neuem anzutreten. Hurtig umfaßte sie seine Knie und hielt ihn zurück. »Bedenken Sie nur«, rief sie, »mein Mann, ein armer Soldat, ist –« »Ein Soldat!« rief Tobias und fiel in senkrechter Linie auf seinen alten Platz zurück. »Ein Soldat!« rief er. »Ja, ein armer Soldat, der in der letzten Schlacht bei K++ geblieben ist. Wir hatten die ganze Nacht und den ganzen Morgen marschiert, und niemand hatte einen Bissen Brot gesehn.« Hier tat Tobias' Magen einen lauten Seufzer. »Nicht einen Bissen! und mußten doch gleich vor den Feind! Das war ein Feuer: Das sollten Sie gesehn haben! So hoch wie ich war nichts als Leichen übereinander. – Und mein Mann, der –« »der wurde totgeschossen?« fragte Tobias mit halber Hitze. »Ja, er blieb gleich bei dem ersten Angriffe. Der General S++ sagte, als die Schlacht vorbei war: ›Nu, Brüderchen, das war ein warmer Tag! aber ihr habt euch gewehrt wie rechtschaffne Kerle.‹ Da waren wir Weiber, die wir unsre Männer verloren hatten, nicht weit davon. ›Aber was hilft's uns‹, schrie eine, ›daß sich unsre Männer so gut gewehrt haben, Herr General.‹ – ›Narren‹, sagte er, ›wo wir sind, da bleibt ihr auch!‹ – Ja, er ließ uns schön hernach alle vom Regimente jagen; und ich mußte mit meinem Häufchen Kinder betteln ...« Tränen unterbrachen sie. Tobias wischte sich die Augen. »Wenn das mein Mann hätte erleben sollen!« fuhr sie schluchzend fort. »Der gute Mann! ich habe ihn acht Jahre gehabt, und er hat mir kein einziges Wort – nicht mit einer Miene Leides getan. Er lag im vorigen Kriege bei meinen Eltern im Quartiere, und es war so ein hübscher, junger, artiger Mensch wie Sie, mein liebes Herrchen. Da habe ich ihn zuerst kennengelernt. Er gab sich viele Mühe um mich; aber ich hatte keine Lust zu einem Soldaten –« »Warum denn keine Lust zu einem Soldaten?« unterbrach sie Tobias mit völliger Hitze. »Ja sehn Sie, mein liebes Herrchen! Wie leicht wird einem der Mann totgeschossen! Hernach hat man nichts und muß wohl gar noch betteln.« – Sie weinte von neuem. Aus Tobias' Augen quollen ein paar Tränen. »Der Lieutenant bei der Kompanie war mir sehr gut, und einmal, da ich des Abends mit ihm ging, wollte er mir unrechte Dinge zumuten. Ich hätte mich nicht wehren können; aber Krummhart, so hieß mein Mann, war uns nachgegangen. ›Herr Lieutenant‹, kam er herzugesprungen; ›Herr Lieutenant‹, sagte er, ›das ist nichts für einen braven Offizier, daß er ehrliche Mädchen verführt, und wenn mich's mein Leben kosten sollte, so laß ich nicht zu, daß Sie dem armen Mädchen etwas zuleide tun. So ein junger Offizier muß andern versuchten Korporalen nicht das ihrige wegnehmen wollen.‹ Da ging der Herr Lieutenant fort und sagte nicht einen Mucks. Es war mir wohl nicht lieb, daß er den hübschen Herrn so anfuhr; aber ich wurde ihm gleich gut und mußte ihn liebhaben, daß er sich meiner so sehr annahm. Er hat mannichmal den letzten Bissen Brot mit mir geteilt. Auf dem Marsche hat er einmal drei Tage gehungert und mir und meinen Kindern das Brot gebracht.« – Ein neuer Strom von Tränen hemmte ihre Erzählung. Tobias weinte laut. »Ach die armen Kinder! müssen itzo so nackt gehen, wie ich –« Tobias sprang auf, zog seine ganze obere Kleidung ab und gab sie ihr. »Hier!« sagte er wehmütig, »mehr kann ich nicht geben! Wenn ich meine Montur habe, dann sollt Ihr den andern Rock auch bekommen.« Tausend Segen dankten ihm mit untermischten Tränen für seine Guttätigkeit. – »Aber Ihr müßt mit mir gehen«, setzte er hinzu, »und mir den Weg nach – zeigen.« »Herzlich gern«, war die Antwort. – »Wieweit ist es noch hin?« – »Wohl drei Stunden.« – »Das ist weit, und mich hungert!« – Sein Magen bestätigte durch ein lautes Knurren die Wahrheit dessen, was er sagte. Sie bot ihm aus Erkenntlichkeit etwas von ihrem erbettelten Vorrate an. Er willigte in den Vorschlag und hielt, neben ihr sitzend, auf ihrem Schoße eine so erquickende Mahlzeit, als er niemals an der Seite der Frau Knaut getan hatte. Sie unterhielt ihn dabei mit vielen weitläuftigen und oft sehr romantischen Erzählungen von ihren und ihres Mannes Feldzügen, von den erlittnen Beschwerlichkeiten und dem ganzen Tragischen des Krieges, und oft schluckte Tobias mit seinem Bissen eine ihm entfallne Träne hinunter. 6. Wenn der Steg wieder aufgerichtet ist, die Wirbel wieder angezogen, die Saiten wieder gestimmt sind, so kann man jedes Stück wieder auf der Geige spielen – sagte ich nicht ohngefähr so? – So viele Umstände braucht es bei der Seele nicht. Richtet den Steg wieder auf, und sogleich drehen sich die Wirbel allmählich von selbst so lange herum, bis die Saiten gestimmt sind, und ehe sie noch völlig rein sind, könnt ihr schon euer Lied daraufspielen. Da ich voraussah, daß mir in diesem Buche wenigstens einmal eine solche Vergleichung einfallen würde und doch die Einbildungskraft meiner Leser sich müde zeichnen könnte, ohne jemals ein treffendes Gemälde davon zum Vorschein zu bringen, wenn sie nichts als bisher unter den Sterblichen bekannte Instrumente, eins nach den andern, auf die Leinwand hinmalen wollte; so habe ich zu billiger Ersparung dieser Mühe – die manche unter ihnen so oft genug ermüden wird –, einem meiner Korrespondenten in London, dem Sir James Troughout, dem ich hiermit mein Autorkompliment gemacht haben will – – Diesem würdigen Künstler habe ich den Auftrag getan, nach meiner Angabe bloß meiner Vergleichung zu Gefallen, ein eignes Instrument zu verfertigen, welches mein Gleichnis so genau nach dem Leben vorstellt, daß die Einbildungskraft, die es nicht gleich nachkopieren könnte, in ihrem Leben keinen Pinsel in die Hand genommen haben müßte. Könnte ich hierzulande einen Zeichner finden, der es getreu auf das Papier brächte, so sollte der schönste Kupferstich von einem Wille zwischen diesen zwei Blättern, wie Venus zwischen zwo Grazien, in hervorleuchtender Schönheit prangen. Das war ein Autorkompliment an Herr Willen und an mich. Da aber kein solcher Zeichner bei der Hand ist, so muß mein Buch eine der größten Zierden und meine Leser einen der schönsten Kupferstiche entbehren. Doch damit sie bei so ungünstigen Umständen wenigstens einen Teil des Verlustes ersetzt bekommen, so soll ihnen eine getreue, wörtliche Beschreibung dieses wichtige Kunstwerk bekannt machen. Mein Freund nennt es das allegorische Seeleninstrument ; und die erste Messe, wo ein philosophisch-musikalisches Intelligenzcomptoir in Deutschland errichtet sein wird, soll das Werk selbst in Natur jedermänniglich vorgezeigt werden. 7. Das allegorische Seeleninstrument Ein Frauenzimmer von der blühendsten Farbe, mit einem engländischen Gesichte und griechischer Kleidung, deren ganze Miene durch ein im Kopf angebrachtes Uhrwerk in einer beständig abwechselnden Grimasse erhalten wird und das der Künstler Einbildungskraft nennt, sitzt in dem geziertesten Pompe und der gezwungensten Grazie einer Theaterkönigin in einem schön gearbeiteten Sessel von Mahagoniholze. Wenn man sagen sollte, ob sie schön wäre, so würde man ein großes Bedenken tragen, mit Ja zu antworten, und ebensowenig würde man sich entschließen können, es zu verneinen. Zwischen den Knien hält sich ein musikalisches Instrument, unter welchen ein jeder nach Belieben seiner Phantasie, ein Violon, ein Violoncell, eine Viola di Gamba, oder was ihm sonst Ähnliches in der Geschwindigkeit beifällt, vorstellen kann. Die Zahl der Saiten, womit es bespannt ist, verliert sich ins Unendliche, und ich zähle schon sechs Wochen lang täglich eine Viertelstunde daran, fange jeden Tag von vorn an und verirre mich jeden Tag im Zählen. Die meisten darunter sind so fein, daß ich sagen würde, sie wären von der Luft oder gar aus Lichtstrahlen zusammengesetzt, wenn ich nicht gewiß wüßte, daß mein Freund ein sterblicher Künstler ist. Ihre Töne sind durch so unmerkliche Grade unterschieden, daß der Raum zwischen zween Tönen aus der bisherigen diatonischen Tonleiter gewiß in tausend und mehrere Töne zerteilt ist. Man sieht also leicht, daß man, um so ätherische Unterschiede zu fühlen, ein Paar Ohren nach des Pythagoras Manier äußerst nötig hat und deswegen dieses Werk für eine sehr geringe Anzahl von Sterblichen gemacht ist, die obendrein seinem Urheber mit nichts als dienstwilligen Lobsprüchen belohnen können. Jeder, den die Natur mehr durch den ansehnlichen Wuchs als die feine Empfindung der Ohren von andern Menschen unterscheiden wollte, hört bei allen jenen feinen Unterschieden nur einen Ton und empfindet überhaupt keine weiter, als die das schiffbrüchigste Klavier des elendesten Dorfschulmeisters zu hören gibt. In der Mitte erhebt sich ein Steg, der bei jeder Überspannung der Saiten umfallt, oft in der Hitze des Spielens umgeworfen wird und vermittelst einer Feder bei der leisesten Berührung wieder aufspringt. Sobald er fällt, entsinkt der Spielerin der Bogen, sie fällt an die Lehne des Sessels zurück und scheint zu schlafen, während daß in ihrem Gesichte eine unaufhörlich abwechselnde Ebbe und Flut von allen menschlichen Affekten ist. Sobald der Steg aufgerichtet ist, ergreift sie den Bogen und spielt ihr Lied und spielt es zuweilen mit einem solchen Feuer und mit so vieler Flüchtigkeit, daß auch das schärfste Kennerohr nichts als einen betäubenden Mischmasch von Tönen empfinden kann. Je pathetischer, tönender, affektvoller ihr Stück ist, desto stärker und schneller werden alle Gliedmaßen ihres Körpers in Bewegung gesetzt; doch oft spielt sie auch unter den heftigsten Grimassen ein ganz gemeines Gassenlied.   Beiläufige Nachricht des Künstlers Man verspricht, dieses Kunstwerk so klein wie des Praxiteles Wagen zu liefern, den eine Fliege mit ihren Flügeln decken konnte, kurz, in einer so kleinen Form, daß es völlig im Gehirnmarke Platz hat, und zwar zum besten derjenigen, denen aus irgendeiner Ursache ein solcher Vikarius der Seele nötig geworden ist. Der Preis ist 50 Pfund Sterlings. – Gewiß, ein geringer Preis! der für viele menschliche Seelen, die dies Kunstwerk weit übertrifft, zu – – Doch in kurzem sollen die Liebhaber eine besondre Nachricht an das Publikum hierüber erhalten. 8. Ja, sobald der Steg aufgerichtet ist, so geht es allen Menschen wie meinem Tobias, wo ihn die Bettlerin von ohngefähr so gut getroffen und so gut aufgerichtet hatte, daß die Muskeln seines Gesichts während der ganzen Mahlzeit von ihren Reden wie eine Marionette von der Schnure regieret wurden, bald lächelten, bald lachten, bald trauerten, bald sich ängstigten; genug, seine Gesellschafterin war ihm gegenwärtig so lieb geworden, daß er sie hätte umarmen können, ohne mit einem einzigen Gedanken sich an seinen alten Haß gegen das weibliche Geschlecht zu besinnen, und daß er ihr zuversichtlich seine ganze zweite Kleidung obendrein gegeben hätte, wenn es die Anständigkeit erlaubte, außer dem Paradiese nackend zu gehen. Itzt standen sie von ihrem Mahle auf. Zufrieden, mit selbstgefälligem Stolze sah Tobias auf der Zigeunerin Arme seine Kleider, so stolz zufrieden, als Prudentia gestern einer armen Frau einen abgenutzten Lumpen zuwarf, weil – sie vor ihr auf die Knie gefallen war. – Aber nein! so einen Selbstbetrug, mechanische Bewegungen einer Leidenschaft für Wohltaten zu halten, kann sich Prudentia spielen, doch meinem Tobias läßt er unnatürlich. Seine Zufriedenheit war im Magen, und von da aus verbreitete sich über sein ganzes Nervensystem eine solche Behaglichkeit, daß man wirklich Tobias sein mußte, um seine Eigenliebe sich es nicht für eine Folge von dem Bewußtsein einer kaum getanen guten Handlung ausgeben zu lassen. Ein kleiner Arm von Zufriedenheit ergoß sich zwar auch aus der Seele, und seine erste Quelle war eigentlich durch die häufig wiederkommenden soldatischen Vorstellungen, die die Erzählungen seiner Gefährtin in ihm hervorbrachten, wie durch die Schläge eines Zauberstabes an einen Felsen, hervorgelockt worden; auch war es nur ein kleiner Bach, der von dem größern Strome aus dem Magen bald verschlungen wurde. – Er wußte nicht, daß er Gutes getan hatte, er glaubte es nicht, er machte sich nicht den geringsten Lobspruch darüber und hätte gern, ohne es zu wissen, in dem Augenblicke ebenso viele gute Handlungen getan, als Prudentia sich in ihrem ganzen Leben getan zu haben rühmt . O ihr sonderbaren Erdensöhne und Erdentöchter! Warum müßt ihr euch ewig selbst hintergehen? – Wenn die Uhr richtig ihre Stunden zeigt, ist es ihr Verdienst? – Aber wozu eine so finstre Moral? was das für ein saures Catogesicht war! Ja, selbstbetrogne Sterbliche, mögt ihr euch doch hintergehen! Mögt ihr doch Tugenden für euer Werk halten, die Werke der Notwendigkeit sind! Nie schmeckt ihr an der Melone, daß ihre wohlschmeckenden Teile ursprünglich in dem Miste verborgen lagen, aus welchem sie aufwuchs. Nur vergönnt andern Sterblichen, deren Tugend im stillen blüht, ohne mit ihrem Geruche die ganze Luft zu parfümieren, neben euch tugendhaft zu sein, und glaubt nicht, daß ihr die einzigen wohlriechenden Blumen seid, die die Natur in ihren Garten pflanzte. Glücklicher Tobias! Dein Beispiel lehrt, nicht auf Tugenden stolz sein, die man nicht getan hat! 9. Während der Mahlzeit war schon der Vertrag gemacht worden, daß die Arme Tobias' Begleiterin die ganze Heide hindurch sein und zur Belohnung, sobald er seine Montur bekommen haben würde, seine zweite Kleidung erhalten sollte. Um diese Belohnung erlangen zu können, war nichts natürlicher, als daß sich ihre Gefälligkeit nicht nur bis an das Ende der Heide, sondern auch bis in die Residenzstadt erstrecken mußte, wo er seine Kriegsdienste sogleich den ersten Tag seiner Ankunft anzutreten gedachte, in welcher Meinung sie ihn unablässig zu bestärken suchte. Die Frau mußte offenbar einen Plan gemacht haben, wie sie noch vor der Ankunft in die Residenzstadt zu ihrer Belohnung zu gelangen hoffte, sonst hätte sie die vierschuhichte Figur des Tobias leicht belehren können, daß sie ihren Weg gewiß umsonst tun würde, wenn ihre Bezahlung von seinem militärischen Glücke abhängen sollte. Nach einer halben Stunde Weges kamen die beiden Reisenden an einen Teich. Je näher die Mittagsstunden heranrückten, je mehr ließ es die Sonne empfinden, daß es der heißeste Tag im 17++ Jahre war. Der Himmel schien recht für Tobias' Erfrischung gesorgt zu haben, daß er ihn hier einen so bequemen Badeort finden ließ. Gleichwohl schlug ihm sein Gefühl von Schamhaftigkeit diese Erquickung rund ab. Was war zu tun? Er legte seiner Begleiterin seine sämtlichen Zweifel, alle pro und contra vor Augen, und ehe er noch mit der Hälfte seines Vortrages fertig war, erbot sie sich schon, unterdessen, daß er sich badete, auf dem nahgelegnen adeligen Hofe ein kleines Geschäfte zu besorgen, welches in nichts geringerm bestand, als daß sie sich eine Mittagsmahlzeit zu erbetteln gedachte; ihre Zurückkunft wollte sie ihm durch ein lautes Rufen zu erkennen geben, alsdann ihr erobertes Mittagsbrot mit ihm am Rande des Teiches teilen und endlich den versprochnen Weg in seiner Gesellschaft zurücklegen. Sie ging, und Tobias sprang in den Teich, nachdem er vorher sorgfältig seine Kleidung Stück vor Stück auf dem Damme hingelegt hatte. In der Begeistrung über das Wohlsein, das das kühle Wasser allen seinen Nerven zu empfinden gab, schweifte er eine lange Strecke des sehr seichten Teiches hindurch, bis ihm endlich sein Magen sehr einleuchtend bewies, daß seine Reisegefährtin gewiß mit dem Mittagsbrote zurückgekommen sein müßte und daß er ohne Zweifel ihr verabredetes Zeichen wegen des Geräusches in dem Wasser nicht hätte vernehmen können. Er ging also zu dem Orte zurück, wo er sich ausgekleidet hatte, suchte, fand den Ort, doch ohne Kleidung. Seine Augen blieben drei Minuten lang mit dem völligen Ausdrucke des Erstaunens auf den Ort geheftet; aber die Kleidung blieb unsichtbar. Verschiedene mögliche Ursachen dieses Phänomens fuhren sogleich durch seinen Kopf, und unter allen schien ihm keine möglicher, als daß die Kleider gestohlen wären. Diese Vermutung verwandelte sich bald in die demonstrativeste Gewißheit, als er seine Reisegefährtin in einer Entfernung von dreißig Schritten mit seinen sämtlichen Kleidungsstücken in den Busch hineingehen sahe und von ihr einen Abschiedsgruß in dem frechsten, spöttischsten Tone und mit der possierlichsten Gebärde, nebst einem ebenso beißenden Glückwunsche zum Flügelmanne, bei ihrem Eintritte in den Busch empfing – alles, was sie ihm für eine doppelte, vollständige Kleidung zurückließ. Die Undankbare! – Bei dieser Gelegenheit muß ich meinen Lesern hinterbringen, was vielleicht sonst niemand außer mir weiß, daß in der ganzen rührenden Erzählung dieser Boshaften nicht ein Haarbreit Wahrheit ist; daß sie das Ganze in dem Augenblicke erdichtete, als sie die Tonart wahrgenommen hatte, in welcher Tobias' Herz sein Lied zu spielen pflegte; daß sie eine verschmitzte, höchst liederliche Dirne war, die ihren Eltern entlief, um ungehindert ausschweifen zu können, und endlich von Armut und böser Gesellschaft verleitet, zum Stehlen und Betteln ihre Zuflucht nahm, wovon sie aber das letztere nie anders als in zween Fällen gebrauchte: entweder um Gelegenheit zum Stehlen zu finden oder wenn der Diebstahl wenig einträglich war. Besonders hatte sie die jungen Mannspersonen zu ihrem Fache gemacht, und niemals war ihr ein einziger ihrer Angriffe mißlungen. – O die schwachen Streiter, die Mannspersonen! Wenn sie auch gleich so tapfer sind wie ein vierteljähriger Lieutenant, sind sie doch, sobald es wider einen weiblichen Feind geht – alle Stephan Wäderhatte . 10. Nichts macht die Kunst zu leben so außerordentlich schwer als die kleinen Widerwärtigkeiten, die jedes Menschenkind bei allen Schritten wie kleine schäkernde Hunde anfallen. Sie bellen nur, fassen den Rockzipfel oder drücken höchstens ihre unschädlichen Zähne, ohne zu verwunden, ins Bein. Indessen, wen sie zum ersten Male anbellen, der erschrickt doch, und jedermann hat, wenn es weiter nichts ist, wenigstens die Beschwerlichkeit davon, daß er ihr Bellen beständig anhören muß. Ja, eine schwere Kunst wird dadurch das Leben! Aber meistenteils treibt sie derjenige am besten, der sie niemals gelernt hat, und der ausgelernteste Meister ist – ein Pfuscher. Ein jeder lege hier die ausgebreitete Hand auf seine Brust, um zu fühlen, was sein Herz ihm auf die Frage antwortet: welche Partie er wohl in Tobias' Zustande ergriffen hätte? Ich für meinen Teil bekenne mit meiner gewöhnlichen Aufrichtigkeit, daß ich so gewiß nicht weiß, was ich darinnen tun würde, so gewiß der chinesische Kaiser sterben wird, ohne ein Wort von meiner Unentschlossenheit zu erfahren. – Ja, ich weiß es nicht, ob ich schon, um es zu wissen, die staubichten Vorratskammern manches bärtigen Philosophen durchkrochen bin und Tobias in keine einzige nur einen Blick geworfen hat, und doch war er nicht einen Augenblick in Verlegenheit. Aber die liebe Natur ist eine viel bessere Mutter als die Philosophie, die eigentlich nur eine Hofmeisterin ist, die zuweilen jener Stelle vertreten muß. Jene lehrt ihre Kinder nichts, als was ihnen nützlich ist, und lehrt sie es kurz und leicht, sobald die Umstände einen Gebrauch davon erfodern; von dieser lernen sie nichts – als einen zierlichen Knicks machen und sehr artige Komplimente herplaudern. Ein Kind, das die rechte Mutter vernachlässigt, aus Eigensinn oder unvermeidlichen Ursachen vernachlässigt – denn auch in mütterlichen Fehlern ist die Natur ganz Frauenzimmer –, ein solches Kind bleibt unter der Aufsicht der Gouvernantin, was es ist oder wird ein zweideutiges Etwas; und wenn die Mutter selbst alle nötige Sorgfalt auf ihr Kind wendet, so ist die Hofmeisterin unnütze, und wenn sie ja etwas dabei tun kann, so ist es nichts weiter, als daß sie die Lektion der Mutter mit dem Kinde noch einmal wiederholt. Aber einen Nutzen hat doch die Philosophie für alle, den eigentümlichen Nutzen einer Gouvernantin: Sie lehrt ihre Eleven, über jede Sache ganz allerliebst plaudern. Auch unterscheiden sich ihre Lehrlinge bloß dadurch, daß sie bei den widrigen Fällen des menschlichen Lebens, ohne sie im geringsten besser als andre Leute zu ertragen, mit einem ungemeinen Flusse von Beredsamkeit sich und andern erzählen können, wie sie ertragen werden müssen . Dem Weltweisen Sextus, dem Stoiker, zerbrach ein Sklave sein liebstes Gefäß. Dem Sklaven wurde der Rücken wund geprügelt, und der Herr sagte sich mit vieler Gravität: »Jede Sache hat zwo Handhaben: eine, an welcher sie getragen werden kann, und eine andre, an welcher sie nicht getragen werden kann. Macht deine Frau dich zum Hahnrei, so greife die Sache nicht da an, daß du zum Hahnrei geworden bist, sondern auf der andern Seite, daß sie deine Frau ist. – Dein Gefäß ist zerbrochen? – Nun gut, daß sie nicht alle zerbrochen sind! – Ja, ein Weiser wünscht und unternimmt alles mit Bedingung . Daher kann man sagen, daß ihm alles vonstatten geht und nichts wider seinen Wunsch begegnet; denn sobald etwas anders ausschlägt, als er anfangs wollte, so macht er die Sache, wie sie ausschlug, zu seinem Wunsche. – Mein Gefäß ist zerbrochen? Ich will , es soll zerbrochen sein.« Würde Albinus, der Schlemmer, der in seinem Leben mehr Austern als Gedanken verdaut hat, etwas anders getan haben als der Philosoph? Er hätte gezürnt, den Sklaven prügeln lassen – aber ohne sich ein Wort hinterdrein zu sagen: Ja, hierinnen lag der Vorzug des Philosophen. Wenn Plutarch mitten unter den empfindlichsten Hieben eines schreienden Sklaven spottend mit ihm über die Rechtmäßigkeit der Strafe und seine Kaltblütigkeit disputieren will, was muß man dann sein, um den unwissendsten Sterblichen nicht weit über den wilden Philosophen zu setzen? Da Plato wegen eines Versehens seinem Sklaven die Kleider heruntergerissen und schon die Hand aufgehoben hatte, um ihn eigenhändig zu bestrafen, so sah er einen seiner Bekannten kommen. Hurtig hielt er inne und blieb mit aufgehobner Hand stehen. »Wozu das?« fragte der andre. – »Ich bestrafe mich für meinen Jachzorn.« – Das war eine von den zierlichen Grimassen, die ihn seine Gouvernantin gelehrt hatte. Ohne jemals unter der Aufsicht dieser Lehrmeisterin gestanden zu haben, sagte neulich E++, als man ihm beim Herausgehen aus der Oper die Uhr, deren Verlust für ihn sehr wichtig war, gestohlen hatte: »Auch gut! so bin ich um eine Uhr leichter.« – Kein Philosoph als Diogenes hätte so reden und denken können. Freilich waren alle jene Philosophen alte Philosophen, und die Methode ihrer Lehrerin, ihre ganze Person hat in den vielen hundert Jahren den Mutwillen der Mode erfahren müssen. – Sonst waren die Mütter selbst oder gesetzte, vierzigjährige deutsche Anverwandtinnen die Erzieherinnen der Töchter; itzt sind es flüchtige, fünfzehnjährige Französinnen – und ebenso ist auch die Philosophie ihrer ehmaligen Bestimmung entsetzt worden. Itzt ist sie einem Minister gleich, der von den Geschäften entfernt worden ist und auf seinem Landgute zum Zeitvertreibe die Chymie studiert. Hat er gleich keinen Einfluß mehr in die Angelegenheiten, so lacht oder schmält er doch, nach Maßgebung seiner Laune, trefflich über jeden Fehler, der in der Regierung begangen wird; doch ohne daß es jemand hört oder hören will . – Welchen Geist hat doch das Schicksal bestimmt, sie aus ihrer Einsamkeit herauszureißen und wieder in Geschäftigkeit zu setzen? Bei diesen Umständen muß die Natur, da sie ihre Gehülfin verloren hat, die ganze Sache allein bestreiten, und für wen sie nicht so mütterlich gesorgt hat wie für meinen Tobias, der wird sich, in einem schlammichten Teiche, ohne Kleidung, ohne Bekannte, ohne Menschen, in dem natürlichen Zustande, in welchem ihn die Wehmutter an das Licht der Welt zog, betrogen von einer Undankbaren, hungrig – in diesen höchst traurigen Umständen wird er sich nicht um den tausenden Teil so gut betragen als Tobias. 11. Ohne das Beißende in dem frechen Abschiede seiner undankbaren Gesellschafterin zu empfinden; ohne sich die erstaunliche Unverschämtheit ihrer Betrügerei in ihrer ganzen Größe vorzustellen; ohne an den verhaßten Kontrast zu denken, der zwischen einem gutherzigen Wohltäter und einem unempfindlichen Unmenschen sich befindet, welcher seinen Guttäter in den trostlosesten Zustand versetzen und noch dazu dreist seiner spotten kann; ohne – tausenderlei andre Sachen zu denken und zu empfinden, die in einer müßigen Einbildungskraft, auf den Druck einer einzigen Feder, im Augenblicke alle zugleich aufgesprungen wären; mit einem Worte, nach einem flüchtigen Erstaunen über die Abwesenheit seiner Kleider, nach einer ebenso kurzen Verwundrung über die plötzliche Gegenwart der diebischen Zigeunerin stieg in seinem Kopfe bei ihrem Glückwunsche zum Flügelmanne und zur Montur ein verwirrter Haufen von Ideen auf, die alle Flügelmann und Montur auf ihn losschrien. Sobald dies Geschrei sich in ihm erhub – husch! fuhr er bis an den Hals in das Wasser, indem die Scham ihm noch den letzten Druck gab. Aber gezürnt hat er nicht einen Augenblick! Mit den Ideen Flügelmann und Montur , aus welchen seine Einbildungskraft ein Mosaik von einer unendlichen Mannigfaltigkeit zusammensetzte, wanderte er den ganzen Teich hinunter, und nur mannichmal, wenn jene eine kleine Pause machte, wischte die Überlegung dazwischen hervor, und zwar mit dem unmaßgeblichen Rate, so lange im Teiche zu warten, bis jemand dahin kommen oder bis es Nacht sein würde, und alsdann herauszugehen und an das erste beste Bauerhaus anzuklopfen, das sich zeigte. Der Magen machte zwar eine demütige Gegenvorstellung, aber er wurde von der Einbildungskraft überstimmt. O Einbildungskraft! du bist das göttlichste Geschenk der Natur! Zwar bist du so launisch wie ein Frauenzimmer; hängst oft, wenn dir's einfällt, hinter deine mikroskopischen Gläser düstre, melancholische Bilder oder gar ein schwarzes Tuch über die wahren Gegenstände weg; aber mag es doch! wenn dich diese tückische Laune in einem Menschenleben wöchentlich einmal überfällt – gewiß der höchste Anschlag! –, so verwette ich doch ein Königreich gegen eine Stecknadel, daß du uns stündlich, ja minutlich für diese kleine Bosheit durch nützliche Dienste so reichlich entschädigst, daß man wahrhaftig ein Türke sein müßte, wenn man noch über deine Unart mit dir zanken wollte. Du tröpfelst freilich oft auf den Pfeil einer Beleidigung, eines widrigen Zufalls ein Gift, das schärfer brennt als der giftige Pfeil des Amors; aber noch öftrer machst du uns soviel possierliche, kurzweilige Sprünge vor, daß man die Wunde schon vergißt, wenn sie kaum geschlagen ist, oder fängst wohl gar den Pfeil mit der Hand auf, daß er schadlos von uns abprallt. Du – ja, wenn ich in meinem Leben noch ein Buch schreibe, so ist es eine Lobschrift auf die Einbildungskraft. Meinem Tobias erzeigte sie so ausnehmende Vorteile, daß er von ihr allein in den Stand gesetzt wurde, durch seine erhabne Gleichmütigkeit in solchen Umständen – constantia et gravitate würde ein Lateiner gesagt haben – sich über die moralischen Helden aller Zeiten und Länder zu erheben. Unter ihrem Schutze, wie unter dem Schirme einer Schutzgöttin, wandelte er itzt in dem seichtesten Teile des Teiches und folglich mit der Hälfte seines entblößten Leibes außer dem Wasser mutig fort, als plötzlich ein lautes Schreien vom Damme her ihn in ein solches Schrecken versetzte, daß er wie eine badende Nymphe, wenn sie ein schäkernder Satyr erschreckt, bis an den Kopf unter dem Wasser sich hurtig versteckte. Mag er indessen ruhig versteckt bleiben, bis wir den Damm durchsucht und ausfündig gemacht haben, aus was für einem Munde dieses fürchterliche Geschrei entstund. Daß es eine weibliche Stimme war, das konnte er mitten in seinem Schrecken genau unterscheiden, und auch soviel konnte er in der Geschwindigkeit beurteilen, daß es der Ausdruck eines ebenso großen Schreckens sein mußte, als das seinige war. 12. Rund herausgesagt, es war Fräulein Kunigunde und Fräulein Adelheid, zwo Cousinen, die bei dem Vater der erstern, dem Herrn Hauptmann von V++, auf dem nächstgelegnen Rittersitze lebten, zu welchem auch der Teich gehörte, der itzo ihre und Tobias' Schamhaftigkeit in Sicherheit setzte. Nur eben ein paar Pinselstriche will ich an ihrem Charakter tun, gerade so viele, als nötig sind, um sie meinen Lesern von andern weiblichen Geschöpfen unterscheiden zu helfen. Es waren ein Paar allerliebste, zuckersüße, ätherische Seelchen, so fein wie der Hauch eines Zephirs, so schmachtend sanft, so ganz Geist, daß wir übrige Sterbliche nur ein Klumpen unbeseelter Materie gegen sie scheinen müssen, und so empfindlich wie ein Espenblatt. Sie hatten aus dem Kerne aller ältern und neuern Romane und aus den zierlichen französischen und deutschen Kinderliederchen auf den Amor, auf alle Rosen in und außer Deutschland und andre dergleichen empfindungsreiche Gegenstände, zur Nahrung ihres Geistes die Essenz herausgezogen und diese Nahrung so sehr in ihre Substanz verwandelt, daß ihr ganzer Geist nichts als ein anakreontisches Liedchen und ihr ganzes Leben ein Roman war. Wäre ihr Körper von einem so überirdisch subtilisierten Stoffe gewesen wie ihre Seelen, so hätten sie auf einem Sonnenstrahle so gut wie Miltons Engel tanzen können; aber so hatte entweder die Natur in die unrechte Büchse gegriffen, als sie für diese zween Körper Seelen suchen wollte, oder es war wirklich eine weise Vorsicht, daß sie zwo so volatile Geister in die standhaftesten Leiber steckte – vermutlich, damit sie nicht ganz verdunsten sollten –, oder sie hatte endlich beide Seelen aus der nämlichen Masse zubereitet, aus welcher sie die übrigen alle gebildet hat, ohne bei ihrer Zubereitung weiter eine Absicht zu haben, als daß es gute ehrliche Menschenseelen werden sollten, und nachmals waren sie durch Romanenluft und die anakreontischen säuselnden Weste in einem so hohen Grade verfeinert worden, wie die Geister, die Virgil im Tartarus an der Sonne distillieren läßt; genug, was für eine Ursache es auch unter diesen und den übrigen möglichen sein mochte, ihre Körper waren so materiell, als ihre Seelen geistig waren; denn die eine hielt in der Länge siebzig völlige Zoll rheinländisches Maß, und die andre war nur um neun Linien unter ihr, und die größte Breite – die hat noch niemand aufgenommen. An dem Tage, da sie zuerst durch ihr Geschrei in Tobias' und meiner Leser Bekanntschaft gerieten und der, wie hoffentlich jedermann noch wissen wird, ein Festtag war, hatten sie sich des Morgens vom Hause aufgemacht, um dem Herkommen gemäß sich zwei Stunden lang in die Kirche zu setzen. Allein die Begriffe des Herrn Seelsorgers waren für diese empfindsamen Seelen viel zu theologisch kraß und sein Vortrag viel zu kanzelmäßig trocken, als daß der Aufenthalt in der Kirche für sie unter den unvermeidlichen Übeln nicht den ersten Platz und jede Unterhaltung mit sich selbst nicht einen ungleich höhern Reiz hätte haben sollen. Auch waren sie nicht darum zu verdenken; denn der Mann hatte so wenig Empfindsamkeit des Herzens, daß er zu verschiedenen Malen, obgleich mit vieler Sanftmut und Anständigkeit, wider diejenigen deklamierte, die das kleine Maß vom Verstande, das ihnen der Himmel zugeteilt hätte, ganz aus dem Kopfe herauswürfen und dafür unnütze und imaginarische Ideen hineinfüllten, die weder zum wahren vernünftigen Vergnügen noch zu irgendeiner Art von Glückseligkeit etwas beitrügen, die lieber auf eine eigne Weise närrisch, als wie andre Menschenkinder klug sein wollten – und dergleichen wunderliche, höchst unempfindsame Sachen mehr. Um ihn für eine so unleidliche Aufführung zu bestrafen, blieben sie die meisten Sonntage des Jahres aus der Kirche, wenn nicht etwa fremde Gesellschaft sie des Anstands wegen nötigte, eine Partie mit dahin zu machen; und allzeit, wenn dieser letzte Fall sich nicht eräugnete oder nicht andre Hindernisse vorfielen, besuchten sie eine Lindenlaube auf dem Teichdamme, wo wir sie itzt gefunden haben, die völlig nach ihrem Geschmacke und nach ihrer Angabe gebaut war. Ihre Figur sollte einen Zephir mit ausgebreiteten Flügeln vorstellen, der sich mit dem Kopfe ein wenig bückt, um Tulpen, Lilien und andre Frühlings- und Sommerblumen zu küssen, die ausdrücklich zu seinen Diensten auf einem davorliegenden Beete die ganze schöne Jahrszeit hindurch unterhalten wurden. Zwischen den Beinen sollte er einen Buttervogel von Rasen haben, worauf er ritte, und an dessen Kopfe eine Treppe angebracht sein, um darauf zu dem Eingange an dem Unterleibe des Zephirs hinanzusteigen, wo das eigentliche Corps de logis war. Über der Wölbung des Einganges in den Unterleib und also an der Brust des verliebten Zephirs war diese Inschrift mit blauen Buchstaben auf chamoisfarbnen Grund eingeschnitten: Könnt ich in Tau zerfließen, Auf dich wollt ich mich gießen,             O süße Lilie du! Könnt ich mich niederbücken, Dich wollt ich zärtlich drücken,             O sanfte Rose du! Die ganze Idee war sinnreich, ihrer Urheberin völlig würdig, neu und erforderte gewiß eine Meisterhand, um mit Lindenbäumen glücklich ins Werk gesetzt zu werden. Unglücklicherweise mußte in Ermangelung eines größern Meisters die ganze Ausführung dem herrschaftlichen Lustgärtner, dem lahmen Andreas, anvertrauet werden, der als ein blessierter Soldat, weil er ein Untertan und doch nicht ohne Schaden besser zu versorgen war, in dem hochadeligen Lust- und Ziergarten unter andern ähnlichen Gärtnerdiensten jahraus, jahrein Petersilie und Rosmarin unterhalten mußte, wovon der gnädige Herr ein übermäßiger Liebhaber war. Der ehrliche Mann konnte zur Not Bäume, aber keine Zephir pflanzen, hatte in seinem Leben keine gesehn und auch nicht Einbildungskraft genug, um sich nach den Vignetten in ∞'s und andren Gedichten eine so begeisterte, lebhafte Vorstellung davon zu machen wie seine gnädigen Fräulein. Indessen brachte ihm sein Gedächtnis die Titelleiste zum »Gehörnten Siegfried« zurück, der in den letzten Winterquartieren für ihn ein ungemeiner Zeitvertreib gewesen war; er pflanzte frisch seine Bäume und schnitt, als sie buschicht genug waren, getrost mit der großen Gartenschere den gehörnten Siegfried daraus: einen Kopf mit zwei langen, stattlichen Ohren, und zwischen die Beine gab er ihm sein Wunderpferd, aus Rasen gebildet. Obgleich ein unparteiischer, ununterrichteter Beurteiler weder den gehörnten Heiden noch den galanten Zephir würde erkannt haben, so waren doch beide, Erfinderinnen und Arbeiter, über dies wunderseltsame Werk entzückt, und keins stund einen Augenblick an, das darinne zu finden, was es nach seiner Absicht sein sollte, einige kleine Bedenklichkeiten ausgenommen, die den erstern wegen des gänzlichen Mangels der Arme und einiger kleinen Versehen wider die Regeln der Proportion aufstiegen. In dieser Götterlaube, dem Monumente ihres Witzes – und ihres Geschmacks, saßen sie schon, ehe noch Tobias sich von einem Badeorte etwas träumen ließ, und saßen noch da, als er in den Teich stieg. Zwar waren sie wirklich aus zufälliger Entschließung, wie schon oben gesagt worden ist, vom Hause weggefahren, und zwar in dem festen Vorsatze, den Weg in die Kirche, der eine starke halbe Stunde betrug, einmal daran zu wagen; doch kaum hatten sie den dritten Teil davon zurückgelegt, als ihnen die Hitze beschwerlich wurde und einen sehr heftigen Brodem in der Kirche besorgen ließ, der für ihre empfindlichen Maschinen tödlich gewesen wäre. Sie kehrten also um, schickten die Kutsche nach Hause, gingen in ihre Laube etc. etc. Kaum waren sie hereingetreten, und siehe da! – ein toter Schmetterling lag auf dem Boden. Dieser bewegliche Anblick setzte alle Nerven ihres Körpers in eine so heftige Bebung, daß sie ihm entfliehen mußten, wenn nicht eine darunter durch die Erschütterung zersprengt werden sollte. Sie setzten sich also vor dem Eingange nieder und seufzten da ihre witzig-empfindsamen Gedanken einander zu. 13. »– so sanftrührend, wie ...«, sagte Fräulein Kunigunde, als Tobias in den Teich stieg, ohne daß ihr Witz die Gefälligkeit hatte, ihr in der Geschwindigkeit mit einer Vergleichung auszuhelfen. »Ja, so sanftrührend, wie ...«, so faßte Fräulein Adelheid den abgerißnen Faden der Rede auf und ließ ihn gleich wieder fallen, ohne ihn im geringsten weiter zu spinnen. »– sanftrührend ist für ein empfindliches Herz der Anblick eines toten Geliebten, wie ...«, erwiderte Fr. Kunigunde. »Ein toter Schmetterling!« rief ihre Einbildungskraft, und gleich fuhr aus Fräulein Kunigundens Munde heraus: »– wie ein toter Schmetterling.« »O das arme Tier!« wimmerte Fräulein Adelheid. Kunigunde (seufzend): »Oft mag er der Bote der geheimen Liebe gewesen sein und manchen Seufzer noch warm von den Lippen des entfernten Mädchens –« »– ihrem Liebhaber überbracht haben!« fuhr Frau Adelheid winselnd fort. Kunigunde: »Was für eine verwegne Hand muß ihm wohl sein junges Leben geraubt haben?« Adelheid: »Doch wohl ein Junge aus dem Dorfe.« Ein für allemal sei es hier gesagt, daß Fräulein Adelheidens Witz und Empfindsamkeit nicht um die Hälfte so einen hohen Schwung hatte als Fräulein Kunigundens ihrer, und wenn diese sich schon in dem untersten Wolkenraume verlor, so flatterte jene noch, wie eine halbflicke Taube, auf der Erde herum, um in den Flug zu kommen. Sie fühlte also bei der vorhabenden Gelegenheit sehr wohl das Niedrige, Prosaische, Gemeine in ihrer Antwort, wie es gegen die deklamatorische Frage ihrer Cousine abstach; aber sie konnte sich nicht anders helfen, sie hatte den rechten Schwung noch nicht. »Doch wohl ein Junge aus dem Dorfe«, sagte sie. Kunigunde: »Nein, ein Feind der Natur, ein Feind der Schöpfung! – Vielleicht seufzt itzt im stillen seine einsame Gattin! und flattert voller Ahndung um die Örter, wo sie einst ...« Beide schwiegen; ein Tränchen schlich aus allen vier Augen hervor und blieb auf der Schwelle stehn, unentschlossen, ob es rückwärts oder vorwärts sich wenden sollte. Kunigunde: »Vielleicht wartet ein treuer Freund mit zärtlicher Sehnsucht –« Adelheid: »– wie ich auf dich des Abends im Bette Beide Fräulein schliefen zwar nicht in einem Bette, aber doch in einem Kabinette in dicht aneinander gerückten Betten. .« Kunigunde: »Göttliche Freundschaft! Du bist der Knoten des menschlichen Lebens! Wie im Filet der Knoten, so knüpft sie die Herzen der Sterblichen zusammen, und, beste Adelheid, was würden wir ohne die Freundschaft sein? Sie macht, daß wir in zween Körpern nur eine Seele sind. Gegenseitige Hülfe –« Adelheid: »O beste Kunigunde, was würde neulich, ohne dich , aus mir geworden sein, als die große Spinne mir hier in der Laube über den Schoß hinfuhr? – Ich zittre!« Kunigunde: »Das fürchterliche Tier! Meine ganze Natur entsetzt sich, wenn ich mir es denke.« Adelheid: »Deine Freundschaft hat mir damals das Leben gerettet. Wäre ich allein gewesen, ich wäre gestorben. – Laß dich dafür umarmen!« Sie umarmten sich, und ein paar freundschaftliche Tränchen traten in Kunigundens Augen hervor. Kunigunde (umarmt): »Du dankst mir für einen Dienst, den ich dir nicht geleistet habe. Du hast dir ihn selbst erwiesen; denn sind wir beide nicht eine Seele?« Adelheid: »Ja, ein Herz und eine Seele.« Kunigunde: »Danke mir nicht, Beste! so süß deine Umarmung für mich ist, so muß ich mich doch schämen, sie als einen Dank von dir anzunehmen. Noch vor zween Tagen hast du mir den kleinen Dienst reichlich durch einen weit wichtigern vergolten.« Adelheid: »Und dieser war?« Kunigunde: »Du bist sehr gütig. Du kannst Dienste besser merken, die du empfängst, als die du erzeigst. – Weißt du nicht, du Lose? – Vor zween Tagen, als die beiden Schmetterlinge hier –« wobei sie lächelnd auf ihren Busen wies, »herumflatterten.« Adelheid (sich besinnend): »Ach ja!« – rief sie und deckte lächelnd beide Hände quer über die Augen. »Sie wählten den Tempel der Venus!« fuhr sie lachend fort. Kunigunde: »Und du warst die Göttin selbst, die seine Mauern schützte, daß sie nicht entweiht wurden.« Adelheid: »Ich glaube, ich habe einen umgebracht.« Kunigunde: »Umgebracht? Das wäre doch grausam. – Vielleicht ist der arme Unschuldige –« Adelheid: »Himmel! das wird der Arme sein, der dort liegt!« Kunigunde: »Gewiß ist er's! – O was kann man tun, um unsre Grausamkeit wiedergutzumachen?« Adelheid: »Wir wollen ihn begraben.« Kunigunde: »Viel eher wollte ich mich selbst begraben lassen, als ihn mit meinen Händen berühren! – Du Grausame! den armen Schmetterling umzubringen! ihn und seine Gattin zu trennen! Mitten in dem –« Adelheid: »Es tut mir selber leid. – Was kann ich nur tun, um ihn meine Reue empfinden zu lassen?« Kunigunde (seufzend): »Ach! so werden auch wir einst voneinander gerissen werden! – Fürchterlicher Gedanke! ohne dich zu sein! Adelheid: »O ich zürne auf dich, daß du eine solche Szene – eine so schreckliche Szene –« (Hier stockte der Fluß ihres Witzes gänzlich; sie hustete; sie seufzte; sie ächzte; aber der vielversprechende Gedanke blieb unvollendet und blieb es bis an ihren Tod. Endlich setzte Fräulein Kunigunde nach einem langen Erwarten das Gespräch fort) : »Zürne nicht! Die Vorstellung ist zu empfindsam süß bei aller ihrer Schrecklichkeit –« Sie fiel Adelheiden um den Hals und rief schluchzend: »Mich von dir zu trennen! – Ach du Beste! du Englische! – Tagelang soll meine Klage um dich ertönen! Alles, was ich sage, soll ein Klagelied auf deine Entfernung sein!« Adelheid: »Meine Allerliebste! – – – Ich dächte, wir ehrten den unglücklichen Schmetterling durch ein Lied.« Kunigunde: »Vortrefflicher Einfall! – Hier ist Papier! Hier Bleistift! Ich schreibe, und gemeinschaftlich machen wir das Lied. Doch ein Liedchen in unserm gewöhnlichen Silbenmaße?« Adelheid: »Ja, so wie das neulich – die allerliebsten Rosenblätter usw.« Kunigunde: »Ja, eben so. – Die Überschrift kann also wohl sein: Klage über den Tod eines Schmetterlings Und da Fräulein Adelheid durch ein Kopfnicken ihren Beifall darüber bezeugt hatte, schrieb sie es hin. Adelheid: »Du fängst an, meine beste Kunigunde.« Kunigunde: »– – – – – – – – – – – O klagt, ihr Tulpen! klagt, ihr Rosen!« Adelheid: »Schöner Anfang! – und weiter?« Kunigunde »– – – – – den schönsten Schmetterling! – Hier fehlen noch zwo Silben.« Adelheid: »Ich dächte – Um ihn, den schönsten Schmetterling!« Kunigunde: »Vortrefflich! – nun ist es an dir.« Adelheid: »Der Reim auf ›Rosen‹ ist – kosen, liebkosen, liebzukosen; und auf ›Schmetterling‹?« Kunigunde: »Gewöhnlich ›Ding‹!« Adelheid : »– – – – – – – – – – – – – Nicht länger wird er euch liebkosen; – – – – – – – – – Er ist – – – Nein! – – – – Tot ist das schalkheitsvolle Ding!« »Hm!« sprach Fräulein Kunigunde mit einem bedenklichen Nasenrümpfen. »Hm! ich dächte, ein wenig matt!« »Und ich dächte, im geringsten nicht matt!« antwortete die empfindliche Dichterin völlig mit dem nämlichen Nasenrümpfen. Kunigunde: »Gewiß, äußerst matt!« Adelheid: »Gewiß, äußerst unrecht getadelt!« Kunigunde: »Wenn Sie mir erlauben, mich etwas darauf zu verstehn –« Adelheid: »Wenn Sie mir erlauben, das Ding so gut zu wissen, als –« Kunigunde (hitzig) : »Kurz, deine Verse sind höchst elend.« Adelheid: »Gewiß, nicht mehr als deine.« Kunigunde: »Die Verse sind schlecht, und wer sie verteidigt, kann nicht viel bes... –« Adelheid: »Nicht viel...? – Himmel! welche Beleidigung! Ich zerspringe vor...«, und mit diesen Worten kehrte sie ihrer Freundin erzürnt den Rücken zu, und mit einem Strome Tränen kühlten ihre Augen die erhitzten Wangen ab. »Ich Untier! was habe ich getan?« rief Fräulein Kunigunde nach einer kleinen Pause aus. – »Was habe ich getan? – Beste Adelheid! Dich, meine einzige Freundin, beleidigt! – Siehe, mit Tränen bitte ich dich um Verzeihung! Nur einen einzigen freundschaftlichen Blick gönne mir! Beste Adelheid!« Und so wandte die beste Adelheid sich um und umarmte ihre reuige Freundin so brünstig und mit so trocknen Augen, als wenn ihre Quelle seit Jahrhunderten schon versiegt wäre; gerade als wenn sie nur böse geworden wäre, um sich wieder versöhnen zu können oder, sagt meine sinnreiche Muhme, um wider einige Spötter zu beweisen, daß ein Frauenzimmer ebensogern sich versöhnt als erzürnt. 14. Zu Verhütung fernerer Uneinigkeiten wurde indessen beschlossen, daß ein jedes ein Stück von dem vorrätigen Papiere empfangen sollte, um für sich suo Marte den Schmetterling darauf zu beklagen. Fräulein Adelheid tummelte sich noch mit verzweiflungsvoller Hitze auf ihrem Pegasus herum, so ängstlich beherzt, wie ein Schüler, der erst ein paar Stunden die Reitbahn besucht hat und schon auf dem Springer reiten muß, und eben war sie im Begriffe, abgeworfen zu werden, als Fräulein Kunigunde triumphierend hustete und sie um Aufmerksamkeit zu Anhörung ihres Produktes bat. Ohne ihre Einwilligung zu erwarten, fing sie an: Klage auf den Tod eines Schmetterlings O klagt, ihr Tulpen, klagt, ihr Rosen, Um ihn, den schönsten Schmetterling! Wenn zärtlich andre euch liebkosen, Dann denkt, wie oft er an euch hing, Und gießet dankbar statt den Tränen Mit süßem, treuem Sehnen Auf seine Gruft zween Tröpfchen Tau! O ruft, verliebte Weste, Ruft durch die schlanken Äste, Durch Tal, durch Feld und Au: Euch, Veilchen, wird er nicht mehr küssen! Nicht mehr euch, Nelke, Majoran, Lavendel, Rosmarin und Thymian, Euch Schlüsselblumen, euch Narzissen! Aurikeln, Tausendgüldenkraut! O sagt, ihr Vögelchen im Haine, Noch spät, bei hellem Mondenscheine, Zu der entschlafnen Braut: Er schwärmt nicht mehr auf bunten Matten, Er gaukelt nicht im kühlen Schatten Am nahen Wasserfall Im Hain und überall. O rufe, Widerhall! Er starb in früher Jugend, War liebenswert durch jede Jugend, Durch Schönheit und Verstand. Die boshafte Adelheid! Steif sah sie vor sich auf den Teich hin und gönnte ihrer verlegnen Freundin nicht einmal einen mitleidigen Blick, deren Verlegenheit dadurch noch vergrößert wurde, daß sie sich in den drei letzten Zeilen aus ihrer Gattung höchst unvorsichtigerweise verirrt hatte und mit »Verstand« reimen wollte, einem Reime, der in ihrer Gattung nicht erscheinen kann, weil die Erfinder derselben wegen überhäufter Geschäfte, ihn mit einem Körper zu versehen, bis hieher vergessen haben. »Durch Schönheit und Verstand – – –, wiederholte sie etlichemal. »Durch Schönheit und Verstand – – – and, band, cand, dand, sand, gand, Hand – – –« »Ah, ah, ah!« schrie Fräulein Adelheid wie eine Beseßne und stieß, indem sie mit der linken Hand auf eine Stelle des Teichs wies, mit dem rechten Ellebogen ihre reimende Nachbarin an. Fräulein Kunigunde erwachte aus der Reimbegeisterung, fuhr mit dem Kopf in die Höhe, sahe auf den Teich. »Ah, ah, ah!« stimmte sie mit ein und verbarg ihr Gesicht an Adelheidens Brust – Das war das fürchterliche Feldgeschrei, das meinen Tobias erschreckte, als er bis an die Mitte des Leibes in dem Teiche daherwandelte und wovon ich meine Leser, um sie nicht so plötzlich davon überraschen zu lassen, schon vorläufig nach Pflicht und Schuldigkeit benachrichtigt habe. Lange hatte ihn die eine Nymphe – ich meine Fräulein Adelheiden – schon von ferne bemerkt; doch als einem witzigen Frauenzimmer, das durch vieles Lesen und Schreiben die Augen geschwächt hat, muß man es ihr nicht übel deuten, daß sie den ganzen Tobias für nichts als einen lustigen Hecht ansah, der sich mit Luftsprüngen die Langeweile vertreibt. Je näher er kam, desto wunderbarer wurde die Erscheinung für sie; sie wurde einer Menschenfigur immer ähnlicher. Der heimtückische Schadenfroh, die Phantasie, kramte im Augenblicke alle die abenteuerlichen Erzählungen von Wassernixen, grünen und gelben Zwergen, die auf den Raub der Keuschheit ausgehn, Meerriesen und andern Wundertieren aus, die in der frühesten Jugend ihre geschwätzige Amme Regine als einen Schatz in ihrem Kopfe zu künftigem Gebrauche niedergelegt hatte, und gewiß, viel fehlte nicht, so war Tobias ein Wassernix, und Fräulein Adelheid fürchtete ihn so sehr, als sie sonst über Wassernixen zu lachen gewohnt war. Sie war fest überzeugt, daß dergleichen überirdische Wesen nur in den Köpfen der Ammen wohnten, und dessenungeachtet setzte ihr doch ihre Einbildungskraft aus den Hirngespinsten ihrer Amme und der Figur des Tobias eine so seltsame Vorstellung in dem Gehirne zusammen, daß beinahe ebendieselbe Wirkung in ihrem Herzen entstund, als wenn sie noch so fest an Wassernixen geglaubt hätte. Seine Annäherung vertrieb wohl zum Teil diese Furcht; aber was war das gute Kind dadurch gebessert? Tobias war, wie schon gemeldet worden ist, mit dem ganzen entblößten Oberleibe bis drei Linien über dem Nabel außer dem Wasser. Mußte ein solcher Anblick für eine so delikate Frauenzimmerseele nicht entsetzlicher sein als ein Wassernix? – Sie sah den guten Tobias, der von allen diesen Begebenheiten ihrer Empfindung ununterrichtet war und darum dreist, ohne sie gewahr zu werden, bis an den Damm auf sie zu marschierte, mit unverwandten Augen an und – schrie. Lauter Umständlichkeiten, die ganz unnötig wären, wenn man nicht von manchen Lesern besorgen müßte, daß sie leicht auf einen Mißverstand über die Ursache dieses Schreiens geraten könnten! 15. Tobias, ein völliger Ignorant in allen Vorfällen des schönen Lebens, ließ sich es nicht eine Sekunde einkommen, dieses Geschrei seiner wahren Ursache zuzuschreiben. Nein! er dachte eben, als es entstund, daran, wie unumgänglich seine bedrängten Umstände menschliche Hülfe erfoderten, und nichts schien ihm daher gewisser, als daß man ihm durch diesen Lärm den nötigen Beistand anbieten wollte, ohne die Unwahrscheinlichkeit zu bedenken, daß eine Seele außer ihm wissen konnte, daß er Beistand brauchte. Um, dieser Auslegung zufolge, gegen eine solche Güte nicht undankbar zu sein, kam er dem ausdrücklichen Anerbieten der Hülfe durch eine flehentliche Bitte zuvor, und sein Vortrag, seine Miene, seine Sprache und tausend andre Dinge, wodurch gewöhnlich die Menschen gerührt werden sollen und worunter vielleicht in dem gegenwärtigen und ähnlichen Fällen kein einziges für sich an der Rührung Anteil hat – genug, diese oder andre Umstände taten eine so starke Wirkung auf die Herzen beider Nymphen, daß sie auf der Stelle beschlossen, dem armen Notleidenden nach allen ihren Kräften mit Hülfe beizustehen. Verschiedene Leute, die sich mit Grillenfängereien über die Ursachen der menschlichen Handlungen abgeben, sind der wunderlichen Meinung, daß bei jeder andern Verbindung der Umstände, wo Tobias sich unentblößt gezeigt hätte, die Hülfe entweder gar nicht oder wenigstens nicht so angelegentlich betrieben sein würde. Wenn man nun aus diesem Einfalle einen allgemeinen Grundsatz ziehn wollte, so könnte man wohl gar sagen, daß Frauenzimmer oft darum gegen die Mannspersonen so mitleidig und barmherzig sind, weil sie – ich kann es nicht denken, viel weniger schreiben! – Fruchtbare Folgen ließen sich aus dem Satze ziehen, das ist nicht zu leugnen; nur schade, daß ihn so wenige Leute und ich selbst nicht zugeben wollen. Indessen kann in dem vorhabenden Falle ein jeder sich die Sache denken, wie es seine Erfahrung oder Neigung zuläßt! Das muß aber doch alle Menschen gleich stark ärgern, daß sich, wie bei den meisten guten Handlungen, den löblichen Absichten der beiden Mitleidigen ein beinahe unüberwindliches Hindernis in den Weg stellte. Tobias war nackt; wie konnte man ihn daher, ohne vor – Empfindlichkeit will ich's unterdessen nennen – beinahe zu sterben, in einer solchen Verfassung aus dem Teiche steigen sehn? – Und aus dem Teiche mußte er doch, wenn er ihre Hülfe genießen wollte! Denn eine Viertelstunde weit bis in das Schloß des Rittergutes zu gehn und jemanden mit den notdürftigen Kleidern zu ihm herauszuschicken, der ihn alsdann hereingeführt hätte, um eine kleine Mittagsmahlzeit einzunehmen, das fiel keiner einzigen ein, und ein Mittel, woran man nicht denkt, ist, wie bekannt, nicht mehr wert als ein unmögliches. So lange hat gewiß noch keine Schöne mit und ohne Ahnen über der Wahl einer Bandgarnitur oder Y** über der Wahl eines Hofmeisters für seine Kinder beratschlagt, als itzt geschah. Endlich kam es zum Schlusse. Beide – man höre nur, welches wirksame Mitleid! –, beide legten die entbehrlichsten Stücke ihrer Kleidung, zwo florne Saloppen, mit säuberlicher Sittsamkeit, mit zugekehrtem Rücken und weit hinter sich ausgestreckten Armen an den äußersten Rand des Dammes, so daß Tobias nur einen Sprung aus dem Wasser zu tun hatte, um sie zu ergreifen und sich damit zu bedecken. Kaum waren sie hingelegt – husch! liefen sie davon, so schnell, als Frauenzimmerfüße es erlauben. Tobias tat nach der Verordnung seiner Wohltäterinnen und folgte ihnen sogleich auf dem Schritte nach, ohngefähr so gut bedeckt als unsre ersten Großeltern seligen Andenkens, da sie zuerst für nötig erachteten, sich voreinander zu schämen. In einer Entfernung von zwölf Schritten folgte er ihnen nach, welches eine Sünde wider ihre Verordnung war, die ich an meinem Tobias nicht rechtfertigen kann; denn sie hatten ihm ausdrücklich befohlen, sich ihnen unter sechzehn Schritten nicht zu nähern. Freilich, wenn man es genau betrachtet, war wohl die Natur vorzüglich schuld daran, und das ist auch die einzige Entschuldigung, die mich mit meinem Helden wieder aussöhnt. Darinnen machte es die Natur sehr gut: sie gab, wie Anakreon in seiner philosophischen Laune sagt, – den Stieren Hörner, Den Rossen gab sie Hufe, Dem Hasen schnelle Läufte, Den Löwen weite Rachen, Dem Fisch die Kunst zu schwimmen, Den Vögeln leichte Flügel, Dem Manne Mut und Weisheit; – Fürs Weib war nichts mehr übrig? – O leider viel! – die Schönheit! Die dient statt Schwert und Bogen, Statt Spieße, Schild und Panzer. Alles recht sehr gut! Hätte nur die liebe Natur die Vorsicht gebraucht, mit diesem gefährlichen Geschenke der Schönheit, mit diesem zweideutigen Geschenke, das, wie das Schießpulver, die Feinde tötet und bei der kleinsten Unvorsichtigkeit uns selbst ums Leben bringt, ein andres zu verbinden, das sie an ein verächtliches Tier verschwendet! Sie gab Dem Hasen schnelle Läufte! Warum gab sie nicht dem Weibe bei den täglichen Gefahren dieses Geschlechtes Die Schönheit und die schnellsten Füße? Und so hätte Tobias seine Entfernung von sechzehn Schritten richtig halten können. Seine Führerinnen marschierten zwar aus allen Kräften, um sich ihn nicht zu nahe kommen zu lassen, und waren sogar genötigt, sich oft nach ihm umzusehen; allein man kann es ihnen ebensowenig zur Last legen, daß sie immer noch nicht geschwinde genug liefen, als der guten Syrinx, daß sie sich ihre Lenden vom Pan umfassen ließ, ehe sie zum keuschen Schilfe wurde. Manche paradoxe Sonderlinge äußern bei dieser Gelegenheit schon wieder eine ungereimte Meinung. Sie behaupten, daß dieser Mangel an Schnelligkeit der Füße von einer weisen Vorhersehung der Natur herrühre, die wohl gewußt hätte, daß sie dem schönen Geschlechte ein unnützes und überlästiges Geschenk damit machen würde. – Ich widerspreche dieser ketzerischen Behauptung geradezu. Meine Gründe dawider – die soll man ein andermal hören. 16. Vorausgesetzt unterdessen, daß man nicht weiß, ob ein solches Geschenk Nutzen haben würde oder nicht, könnte sich das schöne Geschlecht es um die Hälfte entbehrlicher machen, als es ihm itzo ist. Ja, wenn ich nur nicht befürchten müßte, einen großen Teil meiner Leserinnen zu verlieren, so sagte ich gerade heraus – Aber nein, gesagt muß es sein, sollte ich auch ein Märtyrer meiner Offenherzigkeit werden müssen. Ich möchte gern – erröten Sie nicht! – ich möchte gern einen feinen Cynicismus unter dem schönen Geschlechte einführen, oder, wenn dieses Wort zu gefährlich klingt, ich möchte gern die deutsche Etikette der Schamhaftigkeit in verschiednen Gegenden um vieles einschränken – wenn meine Wenigkeit zum Einführen und Einschränken Macht hätte. Nu, nur Geduld! ich will mich ja näher erklären! – Ich begreife gar wohl, daß die Schamhaftigkeit, die wahre Schamhaftigkeit, die größte Schutzwehr und zugleich so gewiß die größte Zierde des andern Geschlechts ist, als dieses Geschlecht die Zierde des menschlichen Geschlechts ausmacht; ein schönes Frauenzimmer ohne Schamhaftigkeit ist eine Zitadelle ohne Geschütz, aber wohl gemerkt! ohne wahre Schamhaftigkeit, ohne Schamhaftigkeit, wirklich unzüchtige Sachen zu denken und zu tun . Aber wie man es überhaupt unsrer Etikette und unsern Komplimenten in vielen Fällen noch anmerkt, daß unsre lieben Vorfahren einmal Tag und Nacht vom Kopf bis auf die Füße in steifen Panzern gingen, so sieht man es der Schamhaftigkeit der meisten an, daß unsre Vorfahren Zotenreißer waren und wir – zum Teil noch sind, oder wie es einer meiner Freunde in seiner moralisierenden Laune zu erklären pflegt, daß die Verderbnis unsrer Sitten so groß ist, daß viele Frauenzimmer, bei denen es sich aus mancherlei Ursachen nicht schickt, unzüchtig zu handeln, sich doch nicht enthalten können, unzüchtig zu denken, und dabei ehrbarkeitshalber Prüden werden. Meine Meinung zu erläutern und zu beweisen, will ich eine Stelle hieher setzen, die dieser nämliche Freund bei seinem Aufenthalte in Peking aus einem kanonischen Buche der Chineser, dem Li-ki, ausgezeichnet hat und die allgemein für die Arbeit des Prinzen Tschehu-kong ausgegeben wird. Mit Erlaubnis meines Freundes! Entweder hat er mich hintergangen oder ist er hintergangen worden; entweder stund ursprünglich die Stelle im »Li-ki« oder ist sie neuerlich darein geschoben worden; entweder waren die Sitten der Chineser zu den Zeiten des Prinzen Tschehu-kong noch nicht in eine unveränderliche Form gezwungen, wie sie es itzo sind, oder war der Prinz ein verkappter Europäer: mit einem Worte, die Stelle ist europäisch und für Europäer geschrieben und gehört mit den Schwanengesängen in eine Klasse, die, wie ehrliche Leute uns berichten, sterbende chinesische Kaiser – mit chinesischer Schrift! – auf den Saum ihres Kleides geschrieben haben. Doch überlasse ich die ganze Untersuchung als rem integram den Leuten, die so manchen kritischen Misthaufen nach einem Körnchen Weisheit durchwühlt haben. Indessen mag sie auch, als eine apokryphische Stelle, ihre gewünschten Dienste tun! »Die Blume der Schamhaftigkeit«, sagt der erhabne Verfasser, »ist eine sanftriechende Blume; sie welkt, sobald ihr, ihr Töchter der Schönheit, scharfe Essenzen und starkriechende Wasser darauf schüttet, um den sanften Geruch zu verstärken. Eine Schöne, die bei jedem unschuldigen Worte an eine Zweideutigkeit denkt und eine glühende Morgenröte auf ihren Wangen aufgehn läßt, ist eine Besatzung, die von Hunger beinahe aufgerieben ist und mit den letzten Broten auf die Belagerer wirft, um sie zu bereden, daß Überfluß in ihren Mauern herrscht. Ihr Töchter des Palastes, laßt diese Schminke nie eure Wangen entehren! Haltet euer Herz und eure Sitten rein! Zürnt nicht mit verstelltem Gesichte, wenn ein freier Scherz wie ein mutwilliger Schmetterling um eure Ohren flattert! Die Frühlingsblume bleibt unbewegt stehn, solange ein scherzendes Insekt nahe um sie herumgaukelt, und beugt sich nur dann erst unwillig nieder, wenn der Verwegne sich auf sie setzt. Vergebt, ihr Väter der Weisheit, daß ich – – – – – Liousa, edelste der Schwestern! auch deiner will ich gedenken! Unverdächtig ist bei dir das Lob des Bruders: denn alle Tugendhafte loben dich. Dein Beispiel sei Lehre für andre! Deine Unschuld wohnt im Herzen und in den Sitten; sie ist eine reife Frucht, deren Blüte auf den Wangen längst abgefallen ist, die durch ihren reifen Geruch beweist, daß sie nicht mehr wachsen kann. Trotz dem Verwegnen, der sie unreif schilt, weil sie nicht mehr blüht! Eine Regel laßt euch leiten, ihr Lieblinge der Schönheit! Die Unschuld eurer Wangen macht die Unschuld eures Herzens verdächtig. Ein Kind, das die Freuden der Wollust nicht kennt, hört sie, in die Hülle feiner Worte versteckt, ruhig, unerrötend an, lacht, und zürnt nicht; denn jedes Wort ist ihm eine dichte, zottichte Decke, durch die es die ungekannte Wollust nicht sieht. Seid also Kinder im Herzen und im Betragen, und alle werden euch dafür halten und keiner, sobald ihr es scheinen wollt , ohne es zu sein. Seid munter, heiter und glaubt, daß dann der Himmel am schönsten scheint, wenn er am meisten lächelt, und am meisten reizt, wenn er sich hinter keiner Wolke verbirgt.« usw. Und ihr, Töchter Deutschlands! möchte ich im chinesischen Tone einer moralischen Predigt fortfahren, glaubt ihr schöner zu sein, wenn ihr euer Antlitz hinter die Wolken einer affektierten Züchtigkeit verbergt? Versucht es! Wenn ihr eine feine Obszenität – unterdessen will ich es dem Sprachgebrauche gemäß so nennen –, wenn ihr eine feine Obszenität nicht ertragen könnt, ohne euch dafür zu schämen – ach! so ist euer Herz in Gefahr! Eure Scham ist eine ahnungsvolle Scham über die Schwäche eurer Tugend. Sobald eure Keuschheit stark genug ist, eine reife Frucht ist, wie Prinz Tschehu-kong sich ausdrückt; wenn die Liebe bei euch menschliche Empfindung der Seele, nicht tierischer Kützel des Körpers und also keine Schande für euch ist; wenn eure Handlungen andre zu keinem gegründeten Argwohne wider eure Tugend geneigt gemacht haben; kurz, wenn ihr wahrhaftig keusch, wahrhaftig tugendhaft seid, so ist für euch keine feine Obszenität in der Welt, und in kurzem werdet ihr es dahinbringen, daß die groben aus allen gesittet sein wollenden Ständen völlig verbannt werden – wenn ja itzo deren noch vorhanden sind. Den schönsten Stein in dem Ringe meiner künftigen Frau wollte ich darum geben, möchte es auch Pitts Diamant sein, wenn dieser Absatz einige Leserinnen nachzudenken veranlaßt hätte, ob nicht noch eine Menge elender Grimassiererei in unsern deutschen weiblichen Sitten von der – bis zu – herrscht. Die ganze Masse der weiblichen Moralität enthält wegen dieses unechten Zusatzes nicht einen Gran Tugend mehr, und gleichwohl wird an den meisten Orten bei vielen Gelegenheiten, die jedermann sich selbst denken kann, beinahe das ängstliche Zerimoniell der Sittsamkeit beobachtet, wodurch unsre lieben Urgroßmütter ihre schwache Keuschheit wider die Unverschämtheit ihrer geharnischten Liebhaber zu verschanzen suchten. Fast sollte das männliche Geschlecht zürnen, daß es von dem weiblichen so behandelt wird, als wenn es noch nicht aus der Barbarei wäre. – Aber, ich bin sicher, kein Mensch wird darüber zürnen, solange er nicht Autor ist. Fräulein Kunigundens und Adelheidens Fall, der mich eigentlich in diesen moralisierenden Paroxysmus versetzt hat, war freilich etwas ernsthafter als eine Obszenität, und ich finde deswegen nicht das geringste in ihrer Aufführung zu tadeln. Ja, zu tadeln sind sie allerdings! sagte mir – nicht etwa meine beißende Muhme – ach! die liegt seit meinem fünfzehnten Absatze an einem verzehrenden Husten, Gallenobstruktionen und noch vier andern Übeln, die einen griechischen Namen führen, hart danieder, und alle sechse zusammen werden sie vermutlich zu einer Märtyrerin der beißenden Satire und mich zum verwaisten Autor machen. Dies sei indessen ihre Parentation. †††††††† »Ja, zu tadeln sind sie allerdings!« sagte mir die Frau ++++ ins Ohr. »Konnten sie nicht die leicht beifallende, klügere Partie nehmen und bei dem ersten Anblicke des Badenden mit gesetztem Schritte hinweggehen und ihn warten lassen, bis sie ihm Kleider hätten schicken können? Schade für die keuschen Grimassen! So sieht es nur aus, als wenn sie dageblieben wären, um ihn sechzehn Schritte hinter sich gehen zu lassen, und wären sie wohl dageblieben, wenn sie nicht – Neubegierde – – – sehen – –« Da ein Frauenzimmer sich selbst am besten kennen und am besten über ihresgleichen urteilen muß, so würde es Torheit sein, ihr Urteil nicht mit der demütigsten Unterwürfigkeit unterschreiben zu wollen. 17. Ohne mich übrigens weiter in einen Streit darüber einzulassen, melde ich itzt, daß unsre Gesellschaft, während der Betrachtung im letzten Absatze, vom Teichdamme glücklich und wohlbehalten und, was noch mehr ist, ungesehen in dem adligen Schlosse angelangt ist und die Fräulein schon Sorge tragen, ihrem unglücklichen Begleiter Kleidung und Essen zu verschaffen, unterdessen daß der letztere in einer Stube die Wirkung ihrer Veranstaltungen erwarten muß. Ungesehen! sagte ich, ja, bis auf den gnädigen Papa der Fräulein Kunigunde, dem Herrn Hauptmann von V+++, der seiner Gewohnheit gemäß am Fenster seiner Wohnstube die genoßne Predigt verdaute und die Enten in der nächstgelegnen Pfütze mit vielen Freuden fütterte. Er war der witzigste Kopf in der ganzen Nachbarschaft, auf zwo Meilen in der Runde, und wenn ja hier und da einer einen gescheutern Einfall vorzubringen wagte, so setzte er doch sogleich einen aus seinem Kopfe mit einem so herzhaften Lachen darauf, daß der erste wie ein leichter Span von einem großen Strudel verschlungen wurde. Wischte jemand mit einem auffallenden Witze zwischen seine Deklamationen so hurtig hinein, daß er nicht Zeit hatte, ihn vor seiner Wirkung niederzudrücken, und die Gesellschaft schon anfing, ihn mit einem lächelnden Wohlgefallen zu belohnen, so lachte er mit einer so starken Ausdehnung der Lunge und so unwitzigen Erklärungen darüber, daß der andre sich schämen mußte, seinen Witz durch den ungestümen Beifall eines Mannes erniedrigt zu sehen, der so unschmackhafte Sachen sagen konnte. Jedermann in dem ganzen Bezirke, wo er mit seinem Witze tyrannisierte, lobte ihn als einen Mann von der besten Laune, und wenn er mit ausgeschüttetem Lachen, kreischender Stimme, durch die geöffneten zween Flügel der Tür hereinpolterte, so zogen in dem langweiligsten Zirkel die Muskeln eines jeden Gesichts sich auseinander, und jede Miene wurde zum Gelächter; jedermann ergötzte sich über seine Ergötzung; jedermann lachte mit der größten Erschütterung der Lenden bis zum Keuchen, und oft fragte hinterdrein der Nachbar den Nachbar: »Was sagte er?« – hörte es und konnte nicht lachen; dessen ungeachtet war der nächstfolgende Einfall, auch ohne verstanden zu werden, der belachenswürdigste, so gut, als wenn der vorhergehende nicht albern gewesen wäre. Kein Wunder war es, daß er bei einer täglichen, ja stündlichen Übung des Witzes nicht auch zuweilen erträgliche oder wohl gar bis auf einen gewissen Grad feine Gedanken, ohne Bewußtsein ihrer Güte, ausstieß; allein dies waren einzelne Stücken Konfekt, die ein überladner Magen unter einem Schwalle verdorbner Speisen auswirft. Alles, was Lob an ihm verdiente, war seine Lunge, und auch diese verlor die Hälfte ihres Verdienstes dadurch, daß sie durch Betäubung ein denkendes Gehirn acht Tage lang in einen Schwindel versetzte, der es so unfähig machte, daß zwischen ihm und dem Gehirne des Herrn Hauptmanns kein sonderlicher Unterschied war. Kaum sahe er die Karawane, nämlich seine beiden Fräulein und meinen Tobias, sechs oder acht Schritte hinter ihnen, durch die Gartentüre hereinkommen, als er schon in ein so lautes Gelächter ausbrach, daß alle Enten vor Schrecken den Bissen aus dem Schnabel fallen ließen und an das äußerste Ende des Sumpfes flüchteten. Dreimal stärker wurde dieses Gelächter, als er die Fräulein selbst, nachdem ihre wohltätigen Veranstaltungen vorüber waren, ins Zimmer treten sah, die, ganz durchdrungen von ihrer menschenfreundlichen Handlung, mit voller Begierde eilten, ihre Begebenheit in dem empfindungsvollsten Tone zu erzählen, und mit einer so großen Menge witzigen Schuttes von ihm überschüttet wurden, daß die ganze Erzählung darunter ersticken mußte. Endlich bekam sie Luft; sie ging so ziemlich ihren geraden Weg fort, ausgenommen an den Stellen, wo die höchst bedenklichen Situationen, in welche die Züchtigkeit seiner Fräulein geraten war, es unvermeidlich machten, daß er sie durch seine sich hervordrängenden Einfälle unterbrechen mußte. Er hörte die ganze tragische Geschichte meines Tobias vom Diebstahle der Zigeunerin bis auf seine Einwicklung in die flornen Saloppen so kaltblütig, mit so halben Ohren an, als neulich Sarkand bei einer wohlbesetzten Tafel mit vollen Backen anhören konnte, daß seine Schwester auf dem Wege wäre, in etlichen Wochen Hungers zu sterben. Die beiden Schönen beschlossen ihre Erzählung mit einer Bitte, sich des geretteten Unglücklichen anzunehmen, und der Herr Hauptmann erzählte ihnen, daß heute keine Seele in der Kirche gewesen wäre als er. Sie erneuerten ihre Bitte und machten sie für ihn dadurch noch annehmlicher, daß die Fräulein Tochter ihm berichtete, der vornehmste Teil der nötigen Vorsorge sei bereits durch sie geschehen, die Cousine Adelheid hätte ihm eine alte Kleidung für ihr Geld verschafft, und wäre also nichts mehr vor der Hand übrig, als ihm einige Tage den Aufenthalt im Hause zu verstatten, bis man ihn auf irgendeine Art weiter unterbringen könnte. »Ja«, unterbrach sie der Herr Hauptmann, »wißt ihr auch« – und dabei ging er nach dem Fenster zu, wo er bei ihrer Ankunft gestanden hatte –, »wißt ihr auch, daß meine Enten heute gar nicht fressen wollen. Das Teufelszeug muß eine Indigestion haben, oder es hat ihnen ein Schurke schon etwas zu naschen gegeben.« – Er klingelte; es kam der Jäger, der Verwalter mit untertänigsten Berichten und unmaßgeblichen Vorträgen, und das Schicksal meines Tobias blieb unentschieden, außer daß die beiden Fräulein während dieses wirtschaftlichen Auftrittes in dem einen Fenster stunden und heimlich Operationsplane für ihn machten. Man setzte sich zu Tische; das einzige Gespräch bei der Suppe und dem ersten Gerichte war Tobias, bis endlich der Herr Hauptmann, als eben die zweite Schüssel und in derselben ein stattlicher Rehrücken aufgesetzt wurde, mit halben Unwillen ausbrach: »Meinethalben macht ihn zu euren Kammerpagen! Laßt mich nur wenigstens ruhig essen!« Dieser Bescheid brachte es dahin, daß die sittsamen Schönen ganz schwiegen, bis der Rehrücken zerschnitten war. Alsdann fingen sie von neuem an, jedoch ohne ihre Rede in gerader Linie an den Herrn Hauptmann zu richten, sondern es war nur ein halblautes Gezischel und dauerte so lange, bis endlich die gnädige Frau vom Hause mit einer phlegmatischen Neubegierde sich erkundigte: »Was habt ihr denn?« – Die Erzählung hub von neuem an und wurde von ihr mit derselben kalten Aufmerksamkeit angehört, mit welcher sie schon dreimal sie vernommen und wieder vergessen hatte. Den Schluß machte abermals eine Peroration an den Herrn Hauptmann, und der Herr Hauptmann ergrimmte, ließ den schönsten Bissen, der jemals durch seine Zähne gegangen war, aus dem Munde fallen und rief sprudelnd: »Geht zum – mit eurem Bettler!« Der unmenschliche Wilde! Wenn der Himmel mich einst zu seinem Grabe kommen ließ, wie wollte ich meinen Tobias rächen! – Zwar, rächen? an ihm? einem Toten? – Wäre das nicht viel unmenschlicher, als den Lebendigen seine Hülfe versagen? Nein, auf seinen Leichenstein will ich mich setzen und mit drei lauten Seufzern ihn beklagen, daß die Natur ihm das größte Glück entzog – ihm ein Herz und kein Gefühl gab. Mit nicht geringerem Erstaunen, als mein und meiner Leser Unwille sein muß, hörten die beiden Fräulein jene schrecklichen Worte aus dem Munde ihres Vaters und Onkels und verstummten. Gern hätten sie laut wider ihn gezürnt, wenn es nur nicht Vater und Onkel gewesen wäre. Es blieb also bei einer aus Unwillen, Erstaunen, Scham und Verlegenheit zusammengesetzten Empfindung, die sich aber nicht weiter hervorwagte als bis auf die Wangen, wo sie sich durch ein glühendes Rot ankündigte. Der erzürnte Hauptmann kaute indessen mit so vieler Heftigkeit, als wenn er den beiden Schönen trotzen wollte, die allen Appetit sogleich verloren hatten. Eine fünfminutliche allgemeine Stille herrschte über dem ganzen Tische, bis endlich die Frau Hauptmännin, die ungemein langsam dachte und empfand und also itzt erst am Ende der fünf Minuten die Erzählung ihrer Tochter gefaßt hatte, ohne den fürchterlichen Befehl ihres Mannes gehört zu haben – bis diese, sage ich, das Stillschweigen unterbrach, indem sie mit langgedehntem Tone fragte: »Wo ist er denn her?« – »Das wissen wir nicht«, war die Antwort. »Er will Soldat werden«, setzte Fräulein Kunigunde halbzitternd hinzu. »Soldat?« fragte der Hauptmann kauend. – »Ist der Junge groß?« – »Sehr klein, gnädiger Papa.« – »Was, Henker, will denn der Zwerg unter den Soldaten? – Laßt ihn herkommen!« Bei diesen letzten Worten wurde die Röte auf den Backen der beiden Fräulein um die Hälfte höher und glühender, und die Freude nebst der Dankbarkeit sprach durch Augen, Mienen und Gebärden. Tobias kam, redete mit vielem Enthusiasmus von seinem kriegerischen Plane, und der Herr Hauptmann wurde so sehr mit ihm ausgesöhnt, daß er ihm mit eigner Hand ein Stück Braten abschnitt und nebst einem Glase Wein überreichte. Nur das konnte er ihm nicht vergeben, daß er so klein, bucklicht und also ohne alle Talente zum Soldatenstande war; dieser ungünstige Umstand war auch Ursache, daß das Wohlwollen, welches Tobias' Neigung zum Soldatenleben ihm abzwang, um ein großes nicht so warm und herzhaft war, als es gewesen sein würde, wenn die Natur den Stoff zu seinem Körper ein paar Ellen länger gedehnt hätte. Sein Patron würdigte ihn der Ehre, seine Figur mit etlichen höchst faden Einfällen zu belachen, und erteilte ihm, als er erschöpft war, den Befehl, sich hinwegzubegeben, nachdem er ihm noch zuletzt geraten hatte, seinen Buckel auf die Schultern zu nehmen und ins Land der Liliputer zu wandern, wo er gewiß Flügelmann werden würde. »Wo ist das Land?« fragte Tobias hitzig. – »Draußen vor meinem Tore.« Mein Held hörte, verstund es und war nicht einen Augenblick empfindlich darüber, sondern küßte allen an der Tafel lächelnd die Hände und ging davon. Seine Wohltäterinnen hingegen empfanden statt seiner für ihn, gaben ihm einen Zehrpfennig auf den Weg und begleiteten ihn mit wehmütigen Augen bis zum Zimmer hinaus, worauf der witzige Paroxysmus des Hauptmanns von neuem anfing und binnen acht Tagen Rot und Weiß auf den Wangen der armen Fräulein mit jeder Minute abwechseln ließ! 18. Du guter Tobias! dein Schicksal ist das Schicksal der besten menschlichen Tugenden, die in der Hütte und im Kleide der Armut getan werden! Niemand kennt die großmütige Aufführung, die du bei deinem Abschiede von dem empfindungslosen Hauptmann beobachtest! Niemand kannte sogar deinen Namen, bis ein Schriftsteller, ebenso unbekannt wie du, in einem unbekannten Winkel deine Geschichte schrieb und sie der Welt zu lesen gab, die wenigstens deinen Namen auf dem Titelblatt erfuhr, wenn sie auch gleich nicht Neubegierde genug hatte, dein merkwürdiges Leben zu erfahren. Mir hast du alles zu danken, und mir sollst du es auch zu danken haben, daß jeder, der diesen Absatz liest, die Erhabenheit deines Betragens in ihrer völligen Größe empfindet und bewundert. Alexanders, Scipios, Caesars und andrer Großmut wurde ihnen ins Gesicht gepriesen und wird durch die Denkmäler der Kunst und der Geschichte verewigt; deine hingegen wird von einem verächtlichen deutschen Autor erzählt und, ehe er noch den Mund wieder geschlossen hat, schon vergessen. Aber warum nur das? – War denn Tobias' Großmut von schlechterem Schrot und Korn? War sie von einem schlechteren Metalle? von geringerem Werte als die berühmten Beispiele der Großmut? – Nein, alles nicht! Das Gepräge fehlte – Kann wohl etwas Unbilligers sein, als daß ein Goldstück, des innern Gehaltes ungeachtet, darum nicht gelten soll, weil es noch kein Gepräge hat? Ich bin von jeher allemal der erste gewesen, der aus den erzählten Handlungen der Menschen das wenige Gute, das darinnen enthalten war, herauszuklauben suchte, und bin es gewesen, ohne den vorsetzlichen Willen, es zu sein – denn ich bemerkte erst diese Neigung an mir, als ich schon längst unbewußt nach ihr gehandelt hatte –, ich bin noch itzt ebenso bereit, der Sachwalter aller zweideutigen Reden und Handlungen zu sein, als willig, die offenbar guten durch keine zu eindringende Zergliederung zu entkräften; ich halte es überhaupt für eine der ersten Pflichten eines Weltbürgers, die ganze Summe des moralischen Guten auf diesem Erdenrunde so hoch zu berechnen, als es nur immer, ohne ganz falsch zu rechnen, geschehen kann; aber wenn ich bedenke, daß auf diese Rechnungsliste Tugenden gesetzt worden sind, die aus keinen bessern Ingredienzen bestunden als die mehrern ausgelaßnen, dann – ja, dann überfällt mich ein heimtückischer Eifer, jene glücklichern zu erniedrigen und diese verschmähten zu erhöhen, wenn nur Wünschen und Geschehn eins wäre. An keinen hat in diesem Falle die Geschichte eine so stiefmütterliche Gleichgültigkeit erwiesen als an den Privattugenden, und unter diesen an keiner mehr als an der großmütigen Ertragung der Beleidigungen; diese hat sie kaum eines Seitenblickes gewürdigt. Abgerechnet, daß bei den zwei vorzüglichsten polizierten Völkern, unter denen sie uns Charaktere aufstellt, der Grundsatz, seine Ehre an jedem Beleidiger zu rächen, herrschend war und also überhaupt ein gelaßner Charakter, der ruhig das Unrecht erduldet, ein seltner Charakter sein mußte, ist noch ein andrer Grund, der das Stillschweigen der Geschichte hierüber rechtfertigt, wenigstens entschuldigt. Dieser Charakter entsteht gerade aus zwo Dispositionen des Geistes, die beide ihren Besitzer zur Entfernung von der öffentlichen Geschäftigkeit gleich geneigt machen, welche doch immer das vornehmste Kennzeichen der Merkwürdigkeit für die Geschichte gewesen ist; wer ihn besitzt, dessen Gemüt muß zu der Stille gelangt sein, die entweder aus der Überlegenheit der Vernunft über die Affekten oder aus der Untätigkeit erwächst; er muß entweder unumschränkter Herr über seine Leidenschaften sein oder gar keine haben, wenigstens schwache und in geringer Anzahl; er muß entweder ein stoischer Weise – nämlich im Sinne des Antonins! – oder ein stoischer Dummkopf sein. Menschen, die eine von diesen beiden entgegengesetzten Gemütsbeschaffenheiten hatten, wurden eben durch sie vor allen den Antrieben verschanzt, wodurch gewöhnlich die Menschen zu der öffentlichen Geschäftigkeit hingerissen werden. Jener kannte den Wert des öffentlichen Beifalls und der Ehre zu gut und dieser zu wenig, um von einer Begierde darnach fortgezogen zu werden; jenen setzte Genügsamkeit und Wirksamkeit des Geistes über die Reize des Eigennutzes und der Gewinnsucht hinweg, und dieser wurde durch die Trägheit der Seele und Anhänglichkeit an dem Gewohnten zu sehr daniedergedrückt, um jene Reize zu empfinden, die allein auf Gemüter einen Eindruck machen, welche zwischen jenen beiden äußersten Enden, mit einer unendlichen Menge von Stufenunterschieden, mitten inne liegen. Ist es Unbekanntschaft mit der Geschichte, oder verhält sich es wirklich so? – Genug, ich besinne mich auf nicht mehr als ein paar unzweifelhafte Beispiele von der Tugend, über welche wir sprechen, aus der griechischen und römischen Geschichte – wohl gemerkt! Beispiele, wo diese Tugend um ihrer selbst willen und nicht wegen einer erzwungen genommnen Rücksicht auf die gegenwärtigen oder künftigen Umstände ausgeübt worden wäre, wo sie aus einer innerlichen Vortrefflichkeit hergeflossen und nicht durch die äußerlichen Konjunkturen ausgepreßt worden wäre. Die stoische Philosophie verhalf ziemlich zu dieser Tugend; die meisten ihrer Anhänger waren freilich nur elende Grimassierer, die sie im Gesichte und nicht im Herzen hatten; selbst den Epiktet spreche ich von einer feinen Grimassiererei nicht gänzlich los, doch den Antonin ganz. Nur er konnte unbeleidigt sich von Avidius ein philosophisches altes Mütterchen Philosopham aniculam. M. S. überhaupt hiervon den Brief seines Regierungsgefährten und seine Antwort darauf, am Ende seiner Werke unter den lateinischen Briefen. nennen lassen und edelmütig dazu sagen: »Mögen meine Kinder alle umkommen, wenn Avidius mehr als sie geliebt zu werden verdient und es für die Republik zuträglicher ist, daß Cassius lebt als die Kinder des Marcus.« Nur er konnte, als die Treulosigkeit jenes Generals erwiesen zu sein schien, auf die Zunötigungen seiner Gemahlin antworten: »Du ermahnst mich, die Mitschuldigen des Avidius zu bestrafen; ich hingegen werde seiner Kinder, seines Schwiegersohns und seiner Frau schonen und an den Senat schreiben, daß seine Proskription nicht zu strenge und seine Bestrafung nicht zu grausam wird. – Hätte man nach meiner Meinung den Krieg beurteilt, so wäre Avidius nicht einmal umgebracht worden.« Nur er konnte an den Senat schreiben und für seinen Feind um Milderung der Strafe bitten. Wenn aber auch eine Philosophie geschickt war, Schonung gegen seine Feinde und Geduld bei erlittnem Unrechte einzuflößen, so, dächte man, sollte es die stoische gewesen sein, und doch hat ihr oberster Grundsatz, wie gesagt, es bei ihren wenigsten Schülern wahrhaftig getan. Aber was zu verwundern? »De tout temps«, sagt Leibniz irgendwo, »le commun des hommes a mis la vertu dans les formalités; la véritable vertu, c'est-à-dire les sentimens et la pratique, n'a jamais été le partage du grand nombre.« Wenn kein Wort weiter in der ganzen Theodicee wahr ist, so ist es dieses Urteil, und es ist daher kein Wunderwerk, daß der größere Teil der Stoiker wie andre sterbliche Bewohner unsers Planeten, die stärksten Helden einzig in Formalitäten waren und die größre oder geringre Geschicklichkeit in diesen den größern oder geringern Unterschied zwischen einem Stoiker und einem Idioten ausmachte. Indessen einen – ich habe ihn schon genennet –, göttlicher Antonin! Könntest du sehn, wie mir meine Wange glüht, wenn ich dich nenne! – Diesen einzigen setze ich über alle übrige Formalitätenkrämer seiner Sekte, selbst über ihren Stifter, hinweg. Bloß um seinetwillen sollte man sich schämen, den gemißbrauchten Namen seiner Sekte zur Verächtlichkeit zu erniedrigen und fühllos und stoisch eins sein zu lassen. Aber außer den Grenzen des Stoizismus lasse ich in dem kleinen Zirkel der Großmütigen niemanden den Vorrang als – man kann es leicht erraten! – meinem Tobias. Gehörte zum Verdienste der Großmut nur ein Wink mehr, als was er tat? Keine Unempfindlichkeit, kein Mangel an Einsicht war es, daß er die beißenden Grobheiten des Hauptmanns ertrug, dafür stehe ich; er verstund, er fühlte sie, er urteilte sogar, daß es Grobheiten waren: demungeachtet betrug er sich wie der ausgelernteste Stoiker. Ja, so hatte er doch alles bloß der Natur zu verdanken! – Je, wem sonst hatten es denn die größten moralischen Helden im Grunde zu verdanken als der lieben Natur? Sie schnitzte die Bildsäule, verfertigte alles daran, was sie zu der Bildsäule und zu keiner andern machte; der Künstler half nur hie und da mit dem Meißel nach, machte eine Falte im Gesichte hervorstechender oder suchte einen Fehler so zu verarbeiten, daß man es ununtersucht für keinen Fehler hielt; freilich gewann durch dergleichen Hülfen die Statue oft vieles; aber zuweilen bestund auch die ganze Hülfe des Künstlers bloß darinnen, daß er sie anstrich, und angestrichne Statuen! wer weiß nicht, welchen Wert die haben? Hatte bei meinem Tobias noch kein Meißel nachgeholfen, war das seine Schuld? Soll er deswegen den Ruhm entbehren, den andre mit vollen Händen empfangen, andre, die wohl eine Künstlerhand verschönert hat, aber ohne daß sie eigentlich mehr dabei taten als mein Tobias? – Seine Aufführung ist aller Bewunderung würdig, dabei bleibe ich. Die Kunst ist nur, zu wissen, was für ein geheimes Uhrwerk diese Aufführung bewirkte. Man wird sich zu entsinnen wissen, daß schon einmal in der gefährlichsten Situation die Einbildungskraft meinen Helden ein Muster des philosophischen Betragens werden ließ; diese war auch in dem gegenwärtigen Falle das einzige Triebrad, weiter nichts! Schon lange, ehe er noch in das Zimmer des Hauptmanns trat, arbeitete er, weil die übrigen Umstände so ziemlich in Richtigkeit waren, an einem Risse zu seinem künftigen Schnurrbarte und arbeitete noch daran, als der Herr Hauptmann seine Geduld auf die schwerste Probe stellte. Unter den witzigen Blümchen, womit ihn jener überschüttete, war eins vom Schnurrbarte; sogleich stund der gesuchte Riß in seinem Kopfe da, so ordentlich, als wenn er präformiert dort gelegen hätte. Die Freude über diesen Fund war nicht geringe und diente statt einer Menge Feuchtigkeiten, die das Gift der Beleidigungen einhüllten und unkräftig machten. Er eilte freudig fort, um an seinen Riß die letzte Hand zu legen. Ja freilich, sobald man die Maschine entdeckt hat, wodurch menschliche Tugenden regiert werden, so geht es wie bei der Illusion des Theaters: sobald wir die Stricke und das Brett zu genau sehen, auf welchem der Gott herabgelassen wird, der so pompöse Götterbefehle um sich herumdonnert, so schwindet die Illusion, und unsre Bewundrung verwandelt sich in eine Verwundrung, daß wir den verkappten Weltrichter bewundern konnten. Das ist eben die zu genaue Zergliederung, vor welcher ich so oft schon gewarnt habe und die nicht eher zu verstatten ist, als wenn sie den Stolz der Sterblichen demütigen soll. Was, Beate, würde aus deinen Tugenden werden, wenn ich sie so zerlegen wollte? Was aus deiner neulichen Sanftmut gegen die harten Beleidigungen eines Vetters, den du hassest und dessen kleinste Versehen du sonst strenge ahndetest? Kein Schnurrbart war die Triebfeder, aber im Grunde nichts Bessers; die Freude über eine kurz vorher eingelaufne Schuldpost, die jedermann für verloren hielt. – Und so ins Unendliche fort, wenn jemand Lust am Zergliedern hat. Verführen alle Lebensbeschreiber so aufrichtig mit ihren Helden oder könnten sie so aufrichtig mit ihnen verfahren wie ich mit dem meinigen, wie würden die Trophäen, die sie für unsre Bewundrung aufrichten, zerfallen, wie aufgetürmter Zunder zerfallen! Aus Erkenntlichkeit für diese Aufrichtigkeit müssen aber auch meine Leser diese lange ernsthafte Stelle durchlesen, ohne ein einzig Mal zu nicken. 19. Er eilte freudig fort, um an seinen Riß die letzte Hand zu legen, sagte ich kurz vorher – und ging zum Dorfe hinaus, hätte ich hinzusetzen können. Diesmal hatte er, da der größte Taumel, der die Geburt eines Projektes gewöhnlich zu begleiten pflegt, vorüber war, bei seiner Abreise die Vorsicht gebraucht, sich umständlich nach seinem Wege zu erkundigen, und man hatte ihm so vollständige und deutliche Begriffe davon beigebracht, daß er ihn nicht weniger hätte verfehlen können, wenn er gleich mit Kompaß und Landkarte gereist wäre. Auch wanderte er ihn, einige kleine Umwege ausgenommen, den ganzen Nachmittag über so ziemlich richtig fort, bis endlich die Nacht sich ins Spiel mischte und ihn um Besonnenheit, Herz, Marschroute, Weg und alles brachte. In dem ganzen Fürstentume war vielleicht kein einziger männlicher und weiblicher Kopf ein so reiches Magazin von Gespenstergeschichten, Koboldmärchen, und fürchterlichen Abenteuern, als seiner Mutter ihrer, obgleich in seinem Vaterlande nicht wenig dazu gehörte, in diesem Fache der Gelehrsamkeit der größte zu sein, da Aberglauben und Unwissenheit wie in den meisten, vielleicht allen Provinzen Deutschlands die geringe Klasse der Einwohner nicht viel gelinder als zu Kaiser Rotbarts Zeiten tyrannisierte. Dergleichen Geschichtchen waren bei Tobias' Aufenthalte im väterlichen Hause die einzige Unterhaltung in den Winterabendstunden, und oft, wenn es schrecklicher in den Erzählungen hergegangen war als in einem englischen Trauerspiele, war das ganze Auditorium in eine solche Furcht versetzt, daß keines, die Erzählerin selbst nicht, sich ins Bette wagen wollte. Sie blieben also, als wenn sie ein Kobold festgemacht hätte, unbeweglich sitzen, daß endlich eins nach dem andern einschlummerte und so lange schlief, bis es von der anfallenden Kälte erweckt und erinnert wurde, daß Federbetten eine wärmere Lagerstätte wären; die Sinnlosigkeit des Schlafs ließ die Furcht nicht wieder aufkommen, und man taumelte ins Bette. Dieser tägliche Unterricht brachte es so weit, daß Tobias im achten Jahre schon das Orakel der Dorfkinder war, auf jeden Stein sich mit ihnen setzen und Gespenstergeschichten erzählen mußte; daß er im neunten in der zahlreichsten Gesellschaft nicht ohne Entsetzen vom Lichte weg in den finstern Teil der Stube sehen und im zehnten an hellem Tage nicht anders als mit geschloßnen Augen und zitternd vor einem düstern Winkel vorübergehen konnte. In der Hitze seines Entwurfs hatte er auf diesen Umstand keine Aufmerksamkeit wenden können; sonst würde er allein vermögend gewesen sein, sein ganzes Luftgebäude auf einmal wegzublasen. Desto mehr empfand er itzt bei der herannahenden Dämmerung, wie töricht er gewesen war, diesen höchst wichtigen Umstand nicht mit in Anschlag zu bringen. Je mehr die Dämmerung zur Nacht wurde, je mehr wurde sein Unwille über diese Torheit zur Furcht, und da die völlige Nacht kam, die sich noch dazu wegen des umwölkten Himmels und einem nahen Gewitter zeitiger einstellte, war sie so stark angewachsen, daß er schluchzend, bebend, mit fest zugemachten Augenlidern dastund und zuletzt in seinem eignen Atemholen das Gekrächze eines Kobolds fürchtete. Einige Zeit war er in dieser mitleidenswürdigen Stellung verblieben, als etwas zu rauschen anfing. Er spitzte die Ohren. – Es rauschte wieder – itzt wieder – immer näher und stärker – es keuchte – es war stille – es regte sich leise wieder – platz! fuhr ein schrecklicher Knall vor seinen Ohren vorbei. – Mit dem Knalle sprangen seine Augen auf, und seine Füße bekamen Flügel. In unaufhörlichem Galoppe lief er fort, unbesorgt, wohin er geriet, und unwissend, daß er lief. In einem Zug rennte er, bis er an ein Haus anstieß, und dann wurde er erst gewahr, daß er sich bei Menschen befand. Ehe er noch anklopfen konnte, bloß auf das Getöse, das sein Anrennen verursachte, steckte ein altes Mütterchen zu dem engen Fenster, so weit es die kleine Öffnung verstattete, den Kopf heraus und fragte mit hohlem Tone: »Wer da?« Sein Atem war durch das Laufen zu sehr erschöpft, als daß nicht jede Bemühung, ihre Frage verständlich zu beantworten, vergeblich sein mußte. Aus seiner ganzen keuchenden Erzählung vernahm sie weiter nichts, als daß er eingelassen und diese Nacht beherbergt zu werden wünschte. Hurtig schlüpfte sie zum Fenster hinein, ebenso hurtig mit dem Lichte in der Hand zur Stube hinaus und riegelte die Haustür auf. Mit krummgebückten Rücken stund sie da und bewillkommte mit einem mütterlichen Händedrücken und einer sehr freundlichen Geschwätzigkeit ihren Gast. Tobias, der nach der Erfahrung seiner jüngern Jahre sich nicht eingebildet hatte, daß man im menschlichen Leben anders als mit anfahrendem und zankendem Tone zueinander reden könnte, wurde durch diese unerwartete Höflichkeit so verwirrt, daß er kein Wort darauf sagte. Seine Verwirrung ward zum völligen Erstaunen, als ihn seine Wirtin zu ihrem Manne führte, der in einer nicht allzu geräumigen Stube auf einem ländlichen Kanapee saß, welches aus zwo zusammengerückten hölzernen Bänken bestund, deren Härte durch einige daraufgelegte Kissen gemildert wurde. Er zog seine runde Pelzmütze ab, als Tobias sich ihm näherte, machte eine bäurische Verbeugung, reichte ihm die Hand und drückte sie mit einer so freundschaftlichen Wärme, als wenn ihre Bekanntschaft sich mit dem dritten Jahre angefangen hätte. Der Gast war nur mit dem Körper da und hatte nicht einmal Gegenwart des Geistes genug, seinen Wirt bei dem Hereintritte zu grüßen. Mann und Frau waren gleich mit der Entschuldigung fertig, daß seine Unordung von einem Schrecken herrühren möchte, wovon er auch wirklich viele Spuren im Gesichte hatte. Zu dem Ende lief die ehrliche Alte, holte ein hölzernes Gefäß mit Wasser und besprengte ihn so reichlich, als wenn er brennte und gelöscht werden sollte. Linderte diese Überschwemmung sein Schrecken wirklich? oder kam er von selbst von seinem Erstaunen wieder zurück? Ich weiß es nicht – genug, er gab verschiedene Merkmale von sich, daß er seiner mehr bewußt war als vorher. Doch waren seine Antworten auf jede freundliche Frage beständig höchst lakonisch und alles, was er von seinen Umständen erzählte, frostig und abgebrochen – eine Art der Beredsamkeit, die ihm der Ungestüm und die eigensinnige Härte seiner Mutter eigen gemacht hatte. Der Wirt berichtete ihm, daß er vor einem Vierteljahre durch einen gefährlichen Fall von der Leiter beide Beine gebrochen habe und noch nicht kuriert sei; daß er noch auf keinen Fuß ohne die empfindlichsten Schmerzen treten könne und Tag und Nacht auf dieser Lagerstätte zubringen müsse; daß ihn aber Gott hinlänglich gesegnet habe, um bei seinem Leiden nicht zu darben, besonders da seine zween verheirateten Söhne die Sorge für seinen Feldbau über sich genommen hätten. Alle diese Nachrichten erteilte er mit einer so lebhaften Munterkeit, und Tobias hörte sie mit so verzerrtem, kaltem Gesichte, daß jener der gesunde, frische Gast, und dieser der leidende Kranke zu sein schien. Der Mann mochte ohngefähr im fünf- bis sechsundsechzigsten und nur um etliche Jahre älter als seine Frau sein. »Ich habe noch mehr Kinder«, sagte er, als er seiner verheirateten Söhne gedachte, »einen Sohn und eine Tochter, die beide in * bei * dienen, und noch viel jüngere, als Er ist, mein lieber Kleiner. Viere sind mir gestorben; ich habe sie ungern verloren, besonders das jüngste. Das war gar ein hübscher Junge. Ja, Gott hat's getan! – Aber ich weiß nicht, wo meine Kinder heute bleiben; Er muß sie doch sehen.« – Sogleich pfiff er auf dem Finger. »Sie sind ein bißchen lustig«, fuhr er fort, »wie ihr Vater«. – Indem purzelten fünf schäkernde, dickgestopfte Kinder zur Türe herein, zween Knaben und drei Mädchen, alle von ziemlich aufeinander folgendem Alter, und das jüngste darunter konnte höchstens nicht über fünf Jahre sein. Sie sprangen alle auf ihren Vater zu: Eins ergriff die Hand, ein andres reckte sich auf den Zehen in die Höhe, um ihm die Backen zu streicheln, ein drittes drängte sich über die kleinern hinweg, umhalste ihn und küßte mit lautem Schmatzen den rauchen Bart, das vierte riß die andre Hand zu sich und schüttelte sie mit einem mutwilligen Lachen und das kleinste hub die Decke über seinen Füßen leise auf und strich, indem es ihn mit ernster, bedauernder Miene anblickte, das Bein. Allmählich verlor sich eins nach dem andern vom Vater weg, begaffte mit offnem Munde lange den fremden Gast, kehrte sich lachend um und sprang trällernd seinem Vater zu oder zupfte, wenn es ihn lange genug besehn hatte, das danebenstehende bei dem Kleide, zischelte, wenn dieses sich umgedreht hatte, ihm ins Ohr und wies mit dem Finger dazu auf Tobias, der unbeweglich neben dem Ofen auf einem Schemel saß. Oft hatten sie diese und ähnliche Spiele wiederholt, als sie sich nach und nach dem Gaste näherten und endlich gar in seine Bekanntschaft einzuführen suchten; doch da er nicht die geringste Freude über die Gelegenheiten bezeigte, die sie dazu nahmen, und keine Willigkeit merken ließ, ihnen seinesorts auf dem halben Wege zur Freundschaft entgegenzukommen, so liefen sie fort und lachten ihn aus. Der ehrliche Tobias! Alle diese Auftritte waren für ihn Auftritte aus einer bezauberten Welt, wovon niemals einer vor seine Augen noch viel weniger eine Idee davon in seinen Kopf gekommen war. Eine dunkle Empfindung sagte ihm, daß zwischen diesem Vater und dem seinigen ein unendlicher Unterschied sei und daß sich es in diesem Hause viel besser Sohn sein lasse als in seinem väterlichen, obgleich hier der Vater keine Parucken und die Mutter keine Tressenhauben trug. Die sämtlichen Leiden seiner ersten Jahre kamen auf einmal mit so vereinten Kräften in seine Gedanken zurück, daß er in der ersten Übereilung beinahe beschlossen hätte, sich auf immer einen Platz in diesem glücklichen Hause auszubitten, wenn sich sein erhabnes militärisches Projekt nicht widersetzt hätte. Es ging der lieben Seele wie uns allen, die wir aus einer so feuerfangenden Materie zubereitet sind, daß nur ein kleines Fünkchen darauf fliegen darf, um unsre Empfindung in helle Flammen zu bringen. Er saß unter dieser Klasse von Menschen gegenwärtig nur auf einer der mittelsten Stufen; doch widerfuhr ihm bei dieser Gelegenheit völlig das, was uns allen begegnet, wenn wir eine Beschreibung aus dem goldnen Weltalter, das Gemälde einer vollkommnen Republik, die Schilderung einer glücklichen armen Familie lesen: Wir wünschen im Augenblicke ein Einwohner, ein Mitbürger, ein Mitglied davon zu sein und wechselten gern gleich unsre galonierten Kleider mit Tierhäuten oder würfen die seidnen Strümpfe weg und ließen unsre bloßen Füße von der Sonne sengen oder von Dornen verwunden. Aber wie lange hält so ein empfindsamer Entschluß aus? Nur ein einziger Gedanke, etwa ein Lob, das uns Sophus wegen unsers Verstandes oder Spirituella wegen unsers Witzes gab, die Vorstellung eines Abends, den wir unter Reichen und Vornehmen mit Vergnügen oder Ehre zubrachten, darf wie ein Korsar unsern Kopf durchkreuzen, und ehe man sich's versieht, ist der schöne Entschluß in den Grund gebohrt – ohne uns deswegen für verloren zu achten, entschließen wir uns, wieder in seidnen Strümpfen glücklich zu sein, so lange es – die Menschen zulassen. Unterdessen haben wir doch die glückliche Stunde gewonnen, wo uns die Vorstellung eines so seligen Standes beschäftigte, und so dürfte man sagen, daß eine lebhafte Imagination und ein empfindliches Herz innerhalb vier Wänden, in allen Zeitaltern, Reichen, Familien, Zuständen glücklich und unglücklich ist, freilich auch! Dies war auch Tobias' ganzer Gewinn bei dem Wunsche, ein Genosse dieses glücklichen Hauses zu sein: die vergnügte Vorstellung! Der einzige Gewinn bei allen unsern Glückseligkeiten! – Und so sehr riß ihn diese Vorstellung hin, daß aus seinen Augen ein ganzes Dutzend Tränen herunterrollten, als eben 20. – die Wirtin die Suppe auf den Tisch setzte, und sogleich wischten seine Lebensgeister aus den Augen in den Magen. Während des letzten empfindsamen Auftrittes in Tobias' Gehirne hatte die älteste Tochter – Esther heißt sie, um aus Dankbarkeit für ihre Sorgfalt ihren Namen bis zur Nachwelt aufzubehalten, werde sie hier genennt! –, hatte, sage ich, die älteste Tochter Esther, die mit ihrer andern Schwester abwechselnd eine Woche um die andre die Tafel besorgen mußte, gedeckt, Teller, Löffel und Messer gelegt. Itzt brachte die Mutter einen großen berußten Topf voll Milch, den sie in einer Schüssel, fast von der Größe wie Salomons ehernes Meer, ausleerte. Die Mahlzeit war nicht einmal so ländlich reich als die, womit Ovid zween Götter von Philemon und Baucis bewirten läßt, aber dafür sind jene Gäste – Götter und mein Tobias nur ein elender Sterblicher; dafür ist Ovid ein Dichter und ich nur ein Prosaist – und in der Poesie müssen von Rechts wegen ein paar Schüsseln mehr aufgetragen werden. Inzwischen war doch alles dabei, was eine Mahlzeit zu einer frohen Mahlzeit macht: Hunger, muntres Gespräch und vonseiten der Bewirter – ante omnia vultus Accessere boni – o so freundliche gütige Mienen, daß man ihre Gesichter zum Muster für ein Gemälde von der Gastfreiheit hätte wählen können. Aus dieser einzigen Schüssel bestund das ganze Hauptessen und der Nachtisch aus Butter, Brot und Käse, und alles war so sehr nach dem Geschmacke meines Tobias, daß er auch die ungemein reichlichen Portionen, die ihm die Wirtin vorlegte, mit einer solchen Begierde verschlang, als gewiß kein Prinz mit Millionen Einkünften jemals gehabt, es müßte denn Darius gewesen sein, als er auf seiner Flucht trübes Wasser aus einem Bache voller Leichen trank, oder Friedrich, da er auf dem Wege zum Siege in einer Scheune Eier aß. Als, nach dem homerischen Ausdrucke, die Begierde zum Essen befriediget war, überreichte die älteste Tochter der Mutter einen Krug von mittlerer Größe, den sie aus einer Ecke der Stube holte und der mit Äpfelmost angefüllt war. Sie schenkte davon so viele Gläser ein, als Personen am Tische saßen; jedes ergriff sein Glas, stand auf, der ganze männliche Teil der Gesellschaft entblößte das Haupt, und der Alte rief: »Für Gottes Gaben!« Ein jedes leerte sein Glas, dessen Größe seinem Alter angemessen war, und setzte sich freudig nieder. Darauf folgte ein andres unter den nämlichen Zerimonien mit der Ausrufung: »Für unsern Fürsten!« Den Beschluß machte ein drittes, wobei alle riefen: »Für ein fröhliches Gemüte!« Kaum war es hinein, so sprang die kleine Gesellschaft des Hauses auf, liebkoste mit bäurischer Zärtlichkeit ihre Eltern und schäkerte den Schlaf unter tausend Spielen heran, zu welchen sich auch die älteste Tochter gesellte, als sie ihre häuslichen Geschäfte verrichtet hatte. Durch die lebhafte Geschwätzigkeit des Alten, die Lustigkeit der Kinder und besonders durch die stärkende Mahlzeit und den erquickenden Most war Tobias in eine so gute Laune versetzt worden, daß weder Kummer noch Schlaf für ihn auf der Welt war. Er saß noch bei dem Lager des Alten und hörte ihn aufmerksam erzählen und mischte sogar selbst scherzhafte Einfälle mit unter, die sein roher Witz im väterlichen Hause sich gar nicht zugetraut hätte, als schon Wirtin und Kinder in tiefem Schlafe lagen. In Ermangelung eines Gastbettes hatte das gute Mütterchen sich erboten, ihr Bette ihrem Gaste einzuräumen und auf einer Streu in der Stube neben ihrem Manne zu schlafen. Doch Tobias schlug alles dieses, den dringenden Bitten ungeachtet, mit der standhaftesten Großmut aus. Man gab nach, und für ihn wurde eine Streu in der Stube bereitet. »Er ist noch munter«, sprach der Alte zu ihm, als sie alle fort waren; »ich kann noch lange nicht schlafen; bleibe Er bei mir sitzen, und wenn Er müde ist – so kann Er sich ja legen.« Tobias nahm den Vorschlag willig an und versicherte ihn, daß er gern ihm noch Stunden lang zuhören wollte. »Ja, da ich noch jung war wie Er«, fuhr der Alte fort, »da war mir der Schlaf gar nichts; aber itzt kann ich ihn keine Nacht entbehren. Mach du dir« – denn er hatte sich die Erlaubnis ausgebeten, ihn wie seinen Sohn zu behandeln –, »mach du dir, lieber Sohn, deine Jugend zunutze! Sei immer fröhlichen Muts! Das müssen alle meine Kinder von mir lernen; deswegen laß ich sie auch alle Tage bei Tische sich daran erinnern; denn ich denke: je, deswegen hat dich Gott auf die Welt gesetzt, daß du fröhlich sein sollst; und wer's nicht ist, der ist nicht wert, daß ihn Gott hingesetzt hat.« – O ihr vielen Mitleidenswürdigen, die ihr unter der Last eingebildeten Elends seufzet! Und ihr finstern Weisheitslehrer, die ihr durch steifen Ernst die Gottheit ehren wollt und lehrt, daß jede Miene, die keine Falten im Gesichte macht, das Herz entweiht! Dieser ländliche, ungebildete Weise übertrifft euch alle an Weisheit! Tobias erzählte ihm, wie fremd für ihn dieses System war und wie wenig er es in seinem bisherigen Zustande hätte ausüben können. »Ach, gutes Kind«, sagte der Alte, »du hast noch nicht halb so viele Drangsale ausstehen können als ich – du bist noch zu jung dazu –, aber ich bin, Gott sei Dank! immer fröhlich dabei gewesen. Viele habe ich mir selber gemacht; und da war mir's ganz recht. Wenn du wissen solltest, was ich ausgestanden habe!« Tobias bezeigte ein großes Verlangen darnach. »Vom zwanzigsten Jahre an«, erwiderte jener, »habe ich leiden müssen. Ich war lustig, meine itzige Frau auch; wir dienten in einem Hofe, hatten einander lieb, und ehe wir es uns versahen, war ein Kind da – mein ältester Sohn. Heiraten konnten wir einander nicht, denn wir hatten beide kein Geld. Der Pfarr im Orte, tröst ihn der liebe Gott! war mir nicht gut. Der Bauer, bei dem ich diente, meinte, es käme von meiner Mutter her, die ihm die Zinshenne etliche Jahre schuldig geblieben war; aber ich glaub's nicht. Wenn solche Leute so denken wollten, was sollte denn unsereiner tun? – Kurz, er war mir nicht gut, denn er hat mir's selber gesagt. Meine Frau mußte aus dem Dorfe. Lieber Gott! es war mitten im Winter und eine gar grimmige Kälte. Ich ging ihr nach. Was sollten wir machen? Keinen Pfennig Geld! keine Wohnung! Meine Klare, so heißt sie, war krank! auf den Tod krank! Was zu tun? Kein Dienst war offen; nach Hause durft ich nicht kommen; denn da hatte mich der Pfarr auf der Kanzel unehrlich gemacht und wollte mich gar um das bißchen Vermögen bringen, das ich noch nach meiner Mutter Tode zu fodern hatte. Denke einmal, liebes Kind! da ich sie einhole, liegt sie mit ihrem Kinde auf dem Schoße unter einem Feldbirnbaume in tiefem Schnee. Ich kannte sie kaum. Ach, denk ich, die ist gewiß tot! Mutter und Kind ist tot! Ich rufe, ich schreie, aber da war kein Leben. Hurtig nehm ich sie auf den Rücken, das Kind unter den Arm und trage sie in das nächste Dorf. An das erste beste Haus klopf ich an – es war schon in der Dämmerung –, es wird aufgemacht; ich gehe hinein. Das war eine brave Frau, die mich einnahm. Der liebe Gott vergelt's ihr! Sie ist schon zwei Jahre tot; sie ist bei mir im Hause gestorben.« Hier machte er eine kleine Pause, um einen Schluck dünnes Bier aus dem vor ihm stehenden Kruge zu tun. Darauf rückte er seine Pelzmütze mit der rechten Hand zum linken Ohre, graute auf demselben Wege die rechte Seite des Kopfs ein wenig und fuhr fort: »Ich brachte sie gleich ins Bette mit dem Kinde, und es währte lange, ehe sie wieder zu sich kam. Meine Klare erzählte mir den andern Morgen, daß sie mich hatte kommen sehn und daß sie sich niedergesetzt hatte, um auf mich zu warten; da war sie eingeschlummert, und wäre ich nicht gleich gekommen, so wär sie erfroren – gewiß erfroren. Bei der guten Marthe – so hieß die Frau, bei der wir eingekehrt waren –, die brave Marthe! bei der mußte sie acht Wochen im Bette liegen, so krank war sie. Das schlimmste dabei war, ich wußte nicht, wie ich sie erhalten sollte; aber es ging doch. Im Dorfe war kein Dienst für mich. Weit wollte ich nicht gerne von meiner Klare weggehn. Ich ging also des Tags über auf die Arbeit, wo es was zu tun gab, bald hier, bald dort, im Dorfe und auf den Dörfern in der Nachbarschaft; des Abends lief ich zu meiner Klare und brachte ihr meinen Verdienst. Manchen Tag hab ich gehungert, wenn ich nicht viel verdienen konnte, damit es nur ihr nicht fehlte. Ich hab's gern getan, sie hat mir's genug vergolten. Endlich wurde sie wieder gesund, wir fanden Dienste, aber nicht an einem Orte, und die gute Marthe behielt unser Kind bei sich. Sie war eine arme Witwe, und ich mußte ihr wöchentlich etwas bezahlen. Kannst du dir vorstellen – Aha!« rief er, als er gewahr wurde, daß Tobias' Kopf bis auf die Hälfte der Brust herabgesunken und also seine letzte Anfoderung an dem unrechten Orte angebracht war. – »Du schläfst?« sagte er. »Geh zu Bette und schlaf wohl!« Tobias zauderte nicht lange, seinem Rate zu folgen. 21. Den folgenden Morgen merkte Tobias genau, daß ein großer Teil seines Projektes in der vorhergehenden Nacht verdunstet war. Es stiegen allmählich Schwierigkeiten in seinem Kopfe auf, von denen Tags vorher kein Schatten der Möglichkeit vorhanden gewesen war. Die dadurch verursachte Dämpfung des Feuers, mit welchem er vorher seinen Plan verfolgt hatte, war einer von den wichtigsten Gründen, warum er auf die Bitte seiner Bewirter ohne sonderliche Umstände sich entschloß, noch einen Tag und eine Nacht in diesem glücklichen Hause zuzubringen. Wäre gleich ein neuer Entwurf bei der Hand gewesen, so wäre ihm einerlei Schicksal mit Ergasten begegnet, der neulich ohne Bedenken die Abwartung seines Amtes ganz unterließ, weil seine Tulpenzwiebeln aus Holland angekommen waren – er hätte den Alten ganz vergessen. Jeder noch so geringfügige Umstand erinnerte ihn den ganzen Tag über daran, wie unansehnlich seine Figur war. Er maß sich in Gedanken mit jedermann, der ihm begegnete, und allemal, sooft es nicht sechsjährige Kinder waren, fiel das Urteil dahin aus, daß er viel kleiner wäre; – doch nicht gar zu viel! setzte er bei sich hinzu; ohne Zweifel geschah das aus Liebe zum Projekte, denn unser Kopf behält lange, oft zeitlebens, gegen jeden Gast, den er beherbergt hat, eine höchst galante Gefälligkeit. Aus dieser Ursache war Niklas, der Sohn seines Wirtes, dessen Länge die seinige gerade drittehalbmal hielt, in seinen Gedanken nur einen guten Kopf größer als er. Er brachte einen großen Teil des Tages neben dem Lager seines Wirtes zu, dessen geschwätzige Laune zu seiner großen Zufriedenheit einen aufmerksamen Zuhörer an ihm fand. Nachmittags, als das Gespräch zu ermatten anfing, bat ihn Tobias, die Erzählung seiner Schicksale fortzusetzen, und er setzte sie ohne Weigerung fort. »Wie ich's ausstehen konnte«, fing er auf seine Frage an, »daß ich nicht bei meiner Klare war? – Nicht gut! Aber ich mußte! Ich besuchte sie oft, und noch hätte ich mit allem dem zufrieden sein wollen, wenn nicht wieder eine verdrießliche Sache dazwischen gekommen wäre.« »Ach! was denn?« rief Tobias hitzig. »Was? Meine Klare war hübsch; das habe ich dir wohl schon gesagt. Der Edelmann in dem Dorfe, wo sie diente, war ein junges Herrchen, das kaum von der Universität wiedergekommen war. Er dachte, weil er Herr vom Dorfe wäre, so wäre er's auch von meiner Klare. Sie gefiel ihm, und weiter, meinte er, wäre nichts nötig. Aber Klare war gescheut. Die Sache war schon lange im Werke, und ich wußte kein Wort davon. Endlich komme ich einmal des Sonntags zu ihr. Kannst du dir vorstellen? – Da sitzt sie in ihrer Kammer und weint und – weint! Ich war in Todesangst. Ich zitterte am ganzen Leibe vor Schrecken und konnte kein Wort aufbringen. Endlich fragte ich sie: ›Was hast du denn? – Was hast du denn?‹ noch einmal; aber da war keine Antwort. Sie weinte, sie schluchzte, und das griff mir das Herze so an! – ich setzte mich zu ihr und weinte mit. Ich möchte es noch itzt tun, wenn ich daran denke, wie mir damals war.« Tobias schlug die Augen nieder und zupfte an seiner Weste. »Endlich erzählte sie mir die ganze Sache. ›Der Edelmann‹, sprach sie und weinte immer mit unter – ›der Edelmann hat mich vor vier Tagen in den Stock werfen lassen, und heute früh bin ich erst wieder losgekommen. Er gab mir schuld, ich hätte auf seinen Wiesen Gras geholt, und in meinem Leben habe ich das nicht getan. Aber ich weiß schon, warum ich so hart bestraft wurde. Er hat mich schon länger als vier Wochen gequält und mir wunderliches Zeug vorgeschwatzt. Am Montage abends kam er zu mir in meine Kammer; aber ich machte Lärm, und er mußte fort. Er hat – Deswegen mußte ich mich so beschimpfen lassen.‹ Ich kannte mich vor Zorn nicht. Ich lief fort, gerade auf das Schloß. Ich traf ihn auf dem Hofe mit der Flinte an. Gleich ging ich auf ihn los und sagte ihm die Wahrheit. Ich weiß nicht, was ich im Zorne alles sagte. Genug, er wurde böse und wollte mit der Flinte nach mir schlagen. Ich wurde noch böser und wehrte mich. Merk dir's, mein lieber Sohn, und werde in deinem Leben nicht böse. Ach, was der Zorn für eine entsetzliche Sache ist! Man ist kein Mensch mehr, wenn man darein gerät. – Meiner bekam mir übel. Ich mußte ein ganzes halbes Jahr bei Wasser und Brot sitzen und sollte gar auf den Bau kommen. Das möchte aber alles noch gewesen sein, wenn nur meine Klare zu mir gedurft hätte. Ein ganzes halbes Jahr durfte ich sie nicht sehen und wußte nicht, wie es ihr ging. Endlich fand ich eine Gelegenheit und entwischte. Ja, wo sollte ich sie nun suchen? Manchen Tag bin ich herumgelaufen, auf allen Dörfern; aber sie war nirgends. Ich dachte gar nicht daran, daß sie mich hätten wieder haschen können. Ich wußte keinen bessern Rat, als – ich wagte mich nach Hause. Der Pfarr war unterdessen anderswohin gesetzt worden, und meine Mutter lebte noch. Sie hatte viel Freude, mich vor ihrem Ende wiederzusehen. Klare blieb immer weg. Meine Mutter wollte beständig, ich sollte heiraten; aber wohl tausendmal hab ich ihr zugeschworen, daß ich lieber sterben wollte, als jemand anders nehmen wie meine Klare. – Sie ließ mir meinen Willen. Es verging ein Vierteljahr, ein halbes Jahr, und ich hörte immer nichts von meiner Klare. Ich arbeitete brav, und wenn ich mir was verdient hatte, so dachte ich allemal: Ach, wenn du nur ihr was davon geben könntest! Einmal sitz ich des Abends am Tische – es war im Frühjahre, so in der Dämmerung. – Ich war schläfrig von der Arbeit und so verdrießlich, weil mir's gar nicht nach meinem Willen ging, daß ich darüber einschlief. Meine Mutter saß im Winkel und nickte auch. – ›Du!‹ hör ich sie auf einmal rufen, ›es klopft jemand.‹ Ich stolpere, halb im Schlafe, zur Haustür und mache auf, und so kömmt eine Weibsperson hereingetreten und bittet um ein Nachtquartier. Ich hält ihr's beinahe abgeschlagen, weil ich nicht wußte, wer es war. – Je nu! dacht ich, weil sie doch meine Mutter kennt, wie sie spricht, so mag sie doch wohl ehrlich sein. Ich hieß sie in die Stube gehn. Sie bat meine Mutter gar sehr um eine Herberge und sagte, sie wäre – Klare +++! ›Klare!‹ rief ich. ›Je wo denn du her? – Je, Töffel! je wo denn du her? – Je wo denn du her?‹ so fragten wir uns, wer weiß, wie lange, und keins antwortete dem andern vor großen Freuden. Meine Mutter schlug indessen Licht an; und nun sah ich's! Da war's meine leibhafte Klare! aber gar jämmerlich sah sie aus – hager, eingefallen wie der Hunger! ›Je wo denn du her?‹ – ›Von der Marthe‹, sagte sie. ›Mir ist es unterdessen gegangen! wenn du wüßtest!‹ und so fing sie an zu weinen. Wir dachten gar nicht ans Essen, bis meine Mutter etwas für sie brachte. Ich mußte ihr alles erzählen, was mir während der Zeit begegnet war. Darauf fing sie an. – Klare!« rief er zweimal und pfiff. »Bist du nicht da? Sie sollte dir's selber erzählen. –Je nu, kann ich's doch auch tun« – und so bat er den wartenden Tobias, die Decke an seinen Füßen ein wenig zurückzuschlagen, weil ihm zu warm würde. Darauf setzte er sich in eine bequemere Lage und fuhr fort. »Sie war auch wieder in Verhaft gekommen, weil sie mich angereizt haben sollte, dem Edelmanne so übel zu begegnen. Aber da sie nichts aus ihr bringen können, so lassen sie sie fort. Sie packt ihre Sachen zusammen und macht sich auf – weg aus dem Dorfe und will zur Marthe gehn. Sie verirrt sich und gerät in den –r Wald. Die Nacht kömmt dazu, und es ist weiter nichts zu tun – sie muß im Walde bleiben. Des Morgens, da sie aufwacht, ist ihr Korb mit allen ihren Sachen weg. Sie hungert, sie weiß keinen Weg; aber fort muß sie doch! Sie läuft, so gut sie kann, und kömmt endlich an eine Kohlenbrennerhütte. Sie bittet um ein Stückchen Brot, aber die armen Leute haben selbst keins. Doch geben sie ihr ein kleines Restchen Brei und bringen sie auf den Weg nach einer andern Kohlenbrennerhütte. Drei Tage lang wandert sie von einer zur andern, bis sie zuletzt von einem Kohlenbrenner auf ein Dorf, eine gute Strecke von seiner Hütte, gebracht wird, wo er zu tun hat. Sie fragt sich von einem Orte zum andern fort und muß sich mit Betteln durchhelfen. – Jammert dich's nicht, mein liebes Kind?« fragte er und holte einen tiefen Seufzer. Seinem Zuhörer war bei dieser Erzählung seine Begebenheit mit der Zigeunerin eingefallen, die er ihm hier kürzlich bekannt machte und dafür einen sehr mitleidigen Blick und ein aufrichtiges Bedauern empfing. Diese Umstände zusammengenommen machten Tobias' Herz so weich, daß die Erzählung seines Wirtes viel tiefer eindrang als vorher. »Du gutes Kind!« sagte der Alte, »du bist noch so jung und hast schon erfahren, wie wehe das Unglück tut! Meine Klare hätte es schon gewohnt sein können, und doch sagte sie, sie hätte sich so gegrämt, daß ich ihr nicht einmal eingefallen wäre. ›Besonders das Betteln!‹ sagte sie, ›das schmerzte mich! Ich habe mich geschämt! und an den meisten Orten, wo ich etwas verlangte, gingen sie selbst betteln.‹ Was half's? Sie mußte sich drein ergeben und kam nach vielem Hunger und Kummer und vielem Herumlaufen zur Marthe. Die gute Marthe! Sie hätte selbst Almosen nötig gehabt. Durch Mißwachs, durchs Viehsterben war sie indessen ganz heruntergekommen und lebte itzt – der liebe Himmel weiß, wovon! Unser Kind hatte sie für sich nicht mehr erhalten können; wir waren auch lange nicht imstande gewesen, ihr Zuschuß zu geben. Sie hatte es also der Müllerin anvertraut, die selbst keine Kinder hatte und doch die Kinder gar herzlich liebte. Alles das wußte ich schon; denn ich war selber bei der Marthe gewesen, da ich aus dem Gefängnisse entkommen war. – Sie bleibt einige Zeit bei ihr, geht auf die Arbeit und erhält sich und die Marthe davon, freilich kümmerlich. Endlich faßt sie sich das Herz und wagt sich zu meiner Mutter, aber nur heimlich; deswegen kam sie auch des Abends so spät, damit sie niemand im Dorfe gewahr werden sollte, und da fand sie mich, ohne daß sie's vermutete. Liebes Kind!« sagte er nach einer kleinen Pause, »das Erzählen macht mir warm. Ich bin müde. Laß mich ein wenig ausruhen! Diesen Abend sollst du vollends alles hören.« Ungern hörte es Tobias und ging zur Stube hinaus. 22. Abends wurde mit den nämlichen Zerimonien die Mahlzeit eingenommen, wie es Tages vorher geschehen war. Nach Tische gingen die Kinder vor die Türe, um in dem hellen Mondenschein zu tanzen, zu singen, zu spielen. Die Frau vom Hause setzte sich in einer Ecke der Stube auf ihren gewöhnlichen hölzernen Sessel, um ihrem Manne und ihrem Gaste Gesellschaft zu leisten oder vielmehr – um zu schlafen. Tobias saß, wie gemeiniglich, neben dem Patienten und suchte durch allerhand verwandte Gespräche ihn zu seiner nachmittags abgebrochnen Erzählung zurückzubringen. »Klare!« rief der Alte seiner Frau, die das Gemurmel ihrer Unterhaltung so sanft, wie ein Wiegenlied, schon eingeschläfert hatte. »Klare! weißt du noch, wie vergnügt uns die Zeit verging, da wir miteinander in meiner Mutter Hause waren?« »O das war eine vergnügte Zeit!« antwortete sie völlig erwacht und rückte mit beiden Händen die Haube, die bei dem Niedersinken des Kopfes sich sehr verschoben hatte, wieder in Ordnung. – »Das war die erste vergnügte Zeit, die ich auf der Welt zugebracht habe.« »Für mich war sie auch sehr vergnügt!« erwiderte der Mann. »Die Arbeit ging mir so frisch von der Hand, daß der Abend immer da war, wenn ich dachte, es wäre erst Vesperzeit; und wenn ich vollends auf einem Stücke mit dir arbeitete, so wurde mir alles so leicht! – Ja, es ist wohl wahr, was ich immer gesagt habe! Die Vornehmen haben das Geld und wir Geringen die Freude. Unser voriger Herr hatte auch zu der Zeit eine Braut, die viele tausend Taler hatte. – Du, Klare! waren's nicht zwanzigtausend?« »Je, noch einmal so viel!« »Nu, siehe einmal! und waren doch nicht so vergnügt wie wir. Sie kam mit ihren Eltern oft zu ihm; da wurde getanzt, nach dem Vogel geschossen, gespielt, gegessen, getrunken; aber sie sahen alle aus wie die liebe Langeweile. Hätten sie gearbeitet miteinander wie wir, so wären sie auch so vergnügt gewesen. Ach, die Arbeit ist gar ein gutes Ding! Ich habe sie in meinem Leben allzeit gern getan. Ich wäre itzt nicht halb so krank, wenn ich arbeiten könnte. Nicht wahr, du meinst auch so, mein Sohn?« Tobias, der die Güte der Arbeit nicht so lebhaft empfand, antwortete auf diese Anrede bloß mit einer Bewegung des Kopfes, die das Mittel zwischen Bejahung und Verneinung war. »Wie hätten wir auch fortkommen können«, fuhr der Alte nach einer kleinen Pause fort, »wenn wir die Arbeit gespart hätten? Ich besinne mich noch, wie ich einmal des Abends hinter dem Hause am Bache unter den Weidensträuchen lag – du mochtest ohngefähr ein Vierteljahr bei meiner Mutter gewesen sein. – Ich war recht wehmütig darüber, daß wir einander nicht nehmen konnten, weil wir noch keine Nahrung hatten. Hm! dachte ich, so viele Leute haben einander geheiratet und hatten nichts mehr als wir, warum können wir's denn nicht tun? Vier gesunde, fleißige Hände können viel ausrichten. Sie müssen uns ja itzt ernähren. Wenn meine Mutter nur nicht so sehr dawider wäre! – Und was ich alles noch weiter dachte. Indem kamst du, Klare – du weißt ja wohl noch! –, hurtig kamst du herzugelaufen und schriest: ›Die Mutter ist tot! Der Schlag hat sie gerührt!‹ – Ich erschrak; aber – der liebe Himmel vergebe mir's! – es fiel mir wider meinen Willen ein: Nun können wir einander heiraten! Ich hatte sie gewiß recht lieb, und es tat mir weh, daß sie so plötzlich starb. Ich habe mich auch mannichmal darüber betrübt, daß mir das einkam; aber ich war gewiß nicht schuld daran. Nun waren wir Mann und Frau! Freilich mußten wir uns sehr genau behelfen. Von meiner Mutter hatten wir nichts als ein Häuschen und ein paar Stückchen Feld geerbt, und gleich mein erstes Jahr war ein schweres Jahr. Von meiner ganzen Aussaat bekam ich nicht einen Bissen Brot; sie ertrank ganz und gar. Was war zu tun? Wir mußten borgen und kümmerlich leben. Drei Jahre darauf starb mir mein Vieh. Ich war immer noch ziemlich vergnügt gewesen, aber nun sank mir der Mut. Borgen konnte ich nicht mehr: denn mein Haus und Feld war schon verpfändet. Ohne Vieh konnte ich unmöglich sein. Das war eine Not! Und wenn ich nur noch meine Schulden hätte bezahlen können! So war ich nicht sicher, daß sie mir mein Häuschen nahmen. Wo denn hin? Höre nur, mein liebes Kind, wie es wunderlich in diesem Leben zugeht! Ich dachte wohl immer: Zeitlebens ist doch noch niemand unglücklich gewesen; es wird dir gewiß wieder gut gehn; aber so hätte ich mir's doch nicht eingebildet. Einmal arbeit' ich des Nachmittags um Lohn auf meines Nachbars Felde, da kömmt ein Gerichtsmann von * zu mir und fragt nach meinem Namen. Darauf sagte er mir, daß ich mit ihm gehen sollte, weil die Gerichte bei ihm notwendig mit mir zu reden hätten. Ich war mir nichts Böses bewußt; ich ging mit ihm; aber es wurde mir doch bange. Ich fragte etlichemal, was es wäre; er sagte mir's nicht. Da ich hinkomme – kannst du dir's wohl vorstellen? – Denk einmal: Der Pfarr, der mich mit meiner Klare im härtesten Winter fortgetrieben hatte, war gestorben. Er hatte keine Frau, keine Kinder und sonst niemanden, und mir waren in seinem Testamente zweitausend Taler! vermacht, um mir zu zeigen, daß er's bereute, wie unbarmherzig er mit mir umgegangen wäre, hatte er dazugesetzt. Der gute Mann! Ich hatte ihm schon lange alles vergeben. Er hatte mir's noch auf seinem Todbette abbitten wollen; allein er war gestorben, ehe sie mich hatten holen können. Nun war ich reich! Ich nahm die alte Marthe zu mir und pflegte sie recht; sie ist auch bei mir gestorben, wie ich dir schon gesagt habe. Ich baute mir ein besseres Haus; ich kaufte mehr Feld; ich kaufte Vieh; ich war fleißig mit meiner Frau, und in unsern alten Tagen können wir nun ruhig leben und andern Leuten Gutes tun. Wir sind immer fröhlich gewesen und sind's noch. Meine Söhne sind gut verheiratet, sind fleißig; meine älteste Tochter wird auch bald einen Mann bekommen; meine Kinder haben mich alle lieb – bin ich nicht recht glücklich? – Wenn ich nun vollends gesunde Füße hätte – aber es muß ja nicht alles sein, wie man wünscht. Desto fröhlicher werde ich sein, wenn ich wieder gesund bin.« Man ging zu Bette. 23. Wenn es in dem Reiche der menschlichen Seelen nicht ein Grundgesetz wäre, alsdann am meisten nach einem Ungewissen, abwesenden Glücke zu verlangen, wenn wir ein gewisses gegenwärtiges am stärksten genießen, so würde Tobias sich in diesem Hause nicht Tage, sondern Jahre aufgehalten und in einem Elysäum zu befinden geglaubt haben; allein die Dazwischenkunft eines kleinen Umstandes, der ihn nicht einmal die Frist abwarten ließ, die in jenem Gesetze bestimmt wird, nötigte ihn schon innerhalb acht Tagen sein Elysäum zu verlassen. Niemand hatte sich nach seiner Geburt, seinem Vaterlande, seinen Aussichten und andern dahin gehörigen Sachen in diesen acht Tagen erkundigt, nachdem eine Anfrage, die man gleich die erste halbe Stunde nach seiner Ankunft hierüber an ihn tat, wegen seines großen Schreckens unbeantwortet geblieben war. Warum dieses geschah, weiß ich in der Geschwindigkeit nicht anders als durch einen Zufall zu erklären. Auf einmal hielten es Wirt und Wirtin durch einen ähnlichen Zufall für nötig, von seinen ganzen Umständen unterrichtet zu sein. Sie befragten ihn darüber, und er antwortete mit seiner gewöhnlichen Offenherzigkeit, was seine Genealogie anbetraf; man fragte weiter nach seiner Geschichte, besonders nach den Ursachen seiner Entfernung von dem väterlichen Hause, und Tobias, so gerne er aufrichtigen Bericht davon gegeben hätte, war so unglücklich, daß ihm keine einzige beifiel. – »Ich wollte Soldat werden«, sagte er. » Du? Soldat?« rief der Alte lachend. »Wie fiel dir das ein? – Wie? – Wie?« wiederholte er zweimal, und – kurz, er wußte es selbst nicht. Sein Entschluß war nicht durch eine Reihe Überlegungen ausgebrütet worden, sondern durch eine plötzlich auffliegende Idee, die durch eine ebenso plötzliche Empfindung befruchtet wurde, wie ein wilder Stengel aufgeschossen, wie alle meine Leser vom ersten Bande her noch wissen werden; und wer mir in einem solchen Falle meinen Tobias übertrifft und eine Ursache, aus welcher ein solcher Entschluß aufwuchs, zu nennen weiß, der – Phyllida solus habeto – und ein ganzes Serail dazu, wenn jene nicht genung Belohnung ist. Die ganze Sache geht sehr natürlich zu. Von einem Dinge, das keine Ursache hat, läßt sich unmöglich eine angeben, oder man muß lügen oder sich selbst hintergehn und eine falsche dafür halten. Wenn in der Atmosphäre unsers Kopfs durch die beständige Gärung und wechselseitige Wirkung der Ideen, die darinnen herumschwimmen, ein Entschluß wie ein Meteor auffliegt, muß es dann nicht ebenso unmöglich sein, die besondern Ideen anzugeben, durch deren Stoß und Gegenstoß er entstund, als die Teilchen herzuzählen, die sich aneinander reiben, wenn eine Sternschnuppe oder ein Blitz durch die Luft fährt? Trifft der Blitz irgendwo hin, so zündet oder zerschmettert er, und stößt der aufgestiegne Entschluß an dem rechten Orte an, so ist jedes Glied an dem Leibe, das er zu seiner Ausführung braucht, augenblicklich geschäftig – und die ganze Aktion geht so hurtig zu, daß wir nicht mit einer sekundenlangen Bedenklichkeit zwischen Stoß und Wirkung kommen können. Eine Erscheinung, die auf allen Seiten eines psychologischen Tagebuchs vorkommen würde, wenn ein Hell oder ein Euler in der Atmosphäre der Seele ebenso genaue Beobachtungen anstellte, als diese großen Astronomen es in der physischen tun! Ich wette, Servante würde so verlegen wie Tobias sein, wenn man bei ihr anfragen wollte, warum sie ihrem Manne heute einen Kuß gab – den ersten seit ihrem Hochzeittage, warum sie ihren Bologneser neulich vom Kanapee jagte, damit ihr Mann sich zu ihr setzen konnte, da er doch dem Herkommen gemäß beständig weichen mußte, wo der Hund sitzen wollte – und bei andern Fragen mehr. Demungeachtet hätten manche in der Seelenkenntnis höchst unerfahrne Leute oft Lust, sich nach der Ursache bei ihr zu erkundigen, wenn es sich schickte, und wären wohl gar imstande, nach Maßgebung ihres Temperamentes zu schmälen oder sich darüber zu wundern, daß Tobias seinem Wirte nicht berichten konnte, warum er Soldat werden wollte. Sogar der gute, sonst sehr billige Mann, der die Frage an ihn tat, wußte sich in seine Unwissenheit nicht zu finden. Sie machte ihm seinen Gast verdächtig, und er vermutete eine Menge Ursachen, die ihn nötigen konnten, seine Bewegungsgründe zu verhehlen; er äußerte sogar seinen Argwohn hierüber und hielt es, so sehr sich Tobias rechtfertigte, für seine Pflicht, ihn seinem Vater, den er ehmals gekannt haben wollte, richtig auszuliefern. Er machte sogar schon Anstalten, ihm seinen ältesten Sohn zur Bedeckung mitzugeben, und schmeichelte sich, dadurch eine sehr verdienstliche Handlung zu tun, worinnen Tobias' Begriffe von den seinigen himmelweit unterschieden waren. Schon den vierten Tag nach der Ankunft meines Helden in diesem Hause war von seiten des Bewirters ein Fehler begangen worden, der jenem seine Glückseligkeit wo nicht verbitterte, doch wenigstens um die Hälfte ihrer Süßigkeit beraubte. Nach seinen strengen ländlichen Grundsätzen hielt er es für unanständig und beschwerlich vier Tage lang zu essen und zu trinken, ohne sich zu beschäftigen. Er bot ihm also in der guten Meinung, ihm durch Ersparung der Langeweile seinen Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen, eine Beschäftigung an, wie sie seinen Kräften und seinem Alter angemessen war. Der Antrag war für ihn so bestürzend, als er manchem sein würde, und ein paar Tage darauf kam gar das menschenfreundliche Anerbieten dazu, ihm wieder zu seinen Eltern zu verhelfen! Nun war in dem Hause nicht mehr auszudauren. Also wie jener Heilige, der lieber nicht in den Himmel wollte, weil er besorgte, auch Frauenzimmer dort anzutreffen, wobei seine Keuschheit in Gefahr geraten könnte, entschloß sich Tobias, zur Vermeidung eines größern Übels, seinem Glücke freiwillig zu entsagen. Stillschweigend ging er, ehe die Anstalten zu seiner Auslieferung zustande waren, zur Hintertür durch den Garten hinaus, und alle glückliche und unglückliche Erwartungen in der ganzen Welt waren nunmehr wieder seine. Ein eigner und vielleicht der einzige Vorzug aller Avantürer! 24. Es war gegen Nachmittag, als er seine Reise antrat, und – was ich höchst ungern sehe! – auf seinem ganzen Wege stieß ihm nicht ein einziges Abenteuer, nicht eine einzige Fatalität auf; er redte nicht eine Silbe und dachte so wenig, daß ich, ohne ein Wort weiter sagen zu können, ihn gegen Abend in einem Wirtshause ankommen lassen muß. Seine Geschichte ist die Geschichte des menschlichen Verstandes: Er ging aus, ging – ging – ging und – kam wieder an den Ort, wo er ausgegangen war. Ja, nicht anders! In das nämliche Dorf kam er, doch ohne es zu wissen und zu merken, wieder zurück, wo er vor wenigen Stunden seinen besten Wohltäter hatte verlassen müssen. Er fragte nach dem Wirtshause; man wies ihn hin; er ging mit der völligen Selbstgenügsamkeit eines Reisenden hinein, der den Gastwirt zu bereichern denkt. Er trat in die Stube, näherte sich dem Tische, an welchem zwo ihm ganz unbekannte Personen saßen, wovon einer einen Krug Bier, der andre ein Glas Wasser vor sich stehn hatte, und beide miteinander in ein ernstes Gespräch verwickelt waren, indes daß der Wirt an dem einen Ende des Tisches sich hingelehnt hatte und mit untergeschlagnen Armen ihrer Unterhaltung aufmerksam zuhörte. Tobias grüßte die Gesellschaft, warf seinen Hut auf eine Bank neben dem Tische, setzte sich zu ihm und ward der zweite aufmerksame Zuhörer des Gesprächs. Die Art, mit welcher er sich in die Gesellschaft einführte, war keineswegen nach den Regeln der Politesse abgemessen, und eben ihre Besonderheit zog die Augen des einen unter den Dasitzenden auf ihn. Dieser Mann war sehr gut gekleidet und hatte völlig das Ansehn eines Mannes, der die Welt gesehen hat. Er beobachtete meinen Tobias, der sich indessen den Schweiß abtrocknete, so genau, so unverwandt, daß er darüber eine Pause in dem Gespräche machte. Nach einer kleinen Weile wandte er sich zu seinem Gesellschafter, der mittelmäßig gut mit einem braunen Rocke und einer schwarzen Weste bekleidet war und zischelte ihm ins Ohr, daß er in dem Betragen dieses jungen Menschen etwas ganz besonderes, ein gewisses je ne sai quoi fände, das seinen ganzen Beobachtungsgeist beschäftigte. Der andre kehrte eine Minute lang sich nach ihm um, und da er nichts als einen gewöhnlich gebildeten, nur etwas bucklichten Menschen mit den gewöhnlichen menschlichen Gliedmaßen in ihm fand, so drehte er sich von ihm wieder weg, tat einen Schluck aus seinem Kruge und sagte nichts. Bald darauf erneuerte er das Gespräch, indem er zu dem andern, der über seiner Beobachtung ganz abwesend mit seinen Gedanken war, in einem ziemlich lauten Ton sagte: »Aber was halten Sie davon, mein Herr? Darüber haben Sie sich noch gar nicht erklärt.« »Was ich davon halte?« fragte der andre halb zerstreut und schwieg. A. Mit diesem A mag in folgendem Gespräche der Mann im braunen Rocke und der schwarzen Weste sowie der andre mit der Weltmiene durch B. bezeichnet werden. : »So antworten Sie mir doch! Was Sie davon halten, frage ich Sie. – Nu?« Dienstfreundliche Anzeige Jedermann, der an ernsten Gesprächen keinen Gefallen findet; wird freundschaftlich ersucht, alle folgende Blätter, deren Inhalt einem Gespräche ähnlich sieht, wohlbedächtig zu überschlagen, d. h. von dieser Anzeige an gerechnet. Darauf, denke ich, soll jedermänniglich vom 25. Absatze bis zum Ende des Bandes ohne Anstoß fortfahren können. – Cuique suum. B. (halberwachend): »Die Wahrheit zu sagen, nicht viel!« A.: »nicht viel? – Sie wissen wohl nicht mehr, wovon wir redten? Wir sprachen von dem Bekehren der Menschen, die eine falsche Religion bekennen.« B.: »O ich weiß es sehr wohl! Ich weiß auch, was ich Ihnen dazu sagte, als wir unterbrochen wurden.« A.: »Und was? – Das ist mir wahrhaftig entfallen.« B.: »Ich sagte Ihnen, daß es die höchste Verwegenheit von einem Menschen sei, eine Religion geradezu für falsch zu erklären.« A.: »Was? man könnte nicht wissen –« B.: »Erlauben Sie mir, mein Herr! Sie werden sich erinnern, was ich Ihnen vorhin bewies! – Ein Mensch, wurden wir einig, kann niemals kompetenter Richter über die Wahrheit desjenigen sein, wodurch ein andrer von seiner Meinung abweicht; denn zween Leute, die verschieden denken, sind Parteien, und ist es wohl jemals erlaubt gewesen, daß eine von den beiden Parteien über ihren eignen Rechtshandel entschied? Natürlicherweise würde, wenn dieses verstattet wäre, die rechtsprechende Partei die andre den Prozeß verlieren lassen: Das ist ohne Zweifel?« A.: »Ohne allen Zweifel.« B.: »Finden Sie wohl einen Menschen, der mit dem andern völlig gleichförmig denkt?« A.: »O ja!« B.: »Ich versichre Sie, gewiß nicht! – O ja! den Worten, dem Anscheine nach! Oft bildet man sich's selbst ein, und niemand zweifelt daran; aber wenn an jeder Stirn von zween Menschen, die miteinander übereinzustimmen glauben , eine Öffnung und ein Vergrößerungsglas darein gesetzt wäre, so fein geschliffen, daß wir die Seele durch dasselbe, wie die Bienen durch einen gläsernen Bienenstock, arbeiten sehen könnten, so bin ich überzeugt – ja, was dächten Sie wohl, daß wir sehen würden? – In zween Bienenstöcken sehen sie ähnlichen Honig, ähnliche Arbeiterinnen, die nach ähnlichen Gesetzen ähnliche Werke hervorbringen; aber wer alles genau untersuchen wollte, würde so viele Verschiedenheiten entdecken, die eine Gleichheit im geringsten nicht zulassen. So würde man in zween Köpfen eine ähnliche Werkmeisterin finden, die nach ähnlichen Gesetzen ähnliche Gedanken zum Vorschein bringt; aber wer weiß, was für kaum merkliche Nuancen, Schattierungen usw. bei Gedanken stattfinden – kurz, wer weiß, daß Gedanken und Lichtstrahlen unendlich mannigfaltige Veränderungen leiden können, wo der Unterschied nur geschlossen und nicht empfunden wird; ein solcher kann sich gar nicht wundern, wenn er durch jene Gläser an der Stirne Gedanken beobachtet, die so ähnlich und so verschieden sind, daß man schwören kann, es sind dieselben und auch nicht dieselben.« A.: »Das ist zu subtil.« B.: »Es sei! Indessen wenn eine Subtilität wahr ist, so ist es diese; wiewohl man sie nicht einmal nötig hat, um die Verschiedenheit der Meinungen zu beweisen. Sie äußert sich mehr als zu sehr, und zween Menschen, hinderte sie nicht Höflichkeit oder eine andre Ursache, würden kaum zehn Worte ohne Widerspruch miteinander reden.« A.: »Es kann sein.« B.: »Wenn alle Menschen verschieden denken, so sind sie auch alle Partei und folglich keiner – Richter . Sobald einer entscheidet , daß der andre Unrecht hat, so maßt er sich widerrechtlich einen Richterspruch an, da ihm doch als einer Partei nichts gebührt, als die Gründe für seine Sache vorzutragen, die Gründe des andern für die seinige anzuhören und alsdann in Güte von ihm zu gehen und den Ausspruch von dem Richter ruhig zu erwarten; und wenn dieser vor ihrem Tode nicht geschieht, so ist es eine verjährte Rechtssache, die keiner verlor und keiner gewann, weil keiner ihr Ende erlebt hat.« A.: »In allen Dingen laß ich mir das gefallen. Nicht gern; aber – es mag drum sein. Nur in der Religion kann ich dies unmöglich gelten lassen.« B.: »Und warum nicht?« A.: »Weil alsdann gar keine falsche Religion sein könnte.« B.: »Freilich klingt das nach den gewöhnlichen Begriffen gefährlich. Aber anders ausgedrückt: Keiner ist imstande , die Religionsmeinungen des andern mit Gewißheit für falsch zu erklären – was meinen Sie nun dazu?« A.: »Es gefällt mir ebensowenig.« B.: »Und warum nicht?« A.: »Weil alsdann keine Gewißheit möglich wäre, und diese ist doch unentbehrlich notwendig.« B.: »Unentbehrlich notwendig – darüber möcht ich mir einen Beweis ausbitten. – Ich denke, eine Vollkommenheit, zu welcher ein Geschöpf keine Kräfte hat, ist ihm nicht unentbehrlich notwendig. Die Kunst zu fliegen war dem Menschen nicht bestimmt, weil ihm die Natur keine Flügel und keine Brust mit starken fleischichten Muskeln gab. Aber dafür kann er gehen, und wenn er gleich nicht über die Wolken steigen kann, so hat er doch auf der Erde schon Platz genug, um seine Füße nicht müßig ruhen zu lassen.« A.: »Mein Herr, ich merke, Sie sind ein Metaphysiker.« B.: »Keineswegs! Auch habe ich's nie sein wollen . Ich habe gelesen und gedacht; Beobachtung und gesunde Vernunft ist meine ganze Metaphysik; was vor diesen besteht, das sind meine Meinungen –« A.: »Die Sie vermutlich für die wahren Meinungen halten?« B.: »Freilich! sonst macht ich sie nicht zu den meinigen.« A.: »Wie können Sie aber das glauben? Es ist ja keine Gewißheit, und wo die nicht ist, wie kann man da glauben? « B.: »Sehr wohl! Wir wollen uns nur verstehen. Sie werden mir einräumen, daß gewiß sein und Gewißheit haben zwo nicht gleichbedeutende Redensarten sind?« A.: »Wieso?« B.: » Gewiß sein heißt sich etwas als wahr vorstellen; so bin ich gewiß, daß meine Meinungen wahr sind, das heißt, ich stelle sie mir als wahr vor oder – ich glaube es. Doch darum habe ich nicht Gewißheit, daß ist, weil ich sie mir als wahr vorstelle, deswegen sind sie es nicht; sind sie es nicht auch in dem Verstande eines Wesens, das sich nie betrügen kann. Es ist ja keine seltne Erfahrung nach jedermanns Geständnis, daß wir falsche Sachen für wahr halten.« A.: »Das ist sie leider nicht!« B.: »Aber wohl verstanden! Ich meine es in dem Sinne: ›daß wir uns oft Sachen als wahr und zu einer andern Zeit als falsch vorstellen.‹ Geben Sie das zu?« A.: »Ohne Bedenken.« B.: »Und auch dieses: ›Daß Sachen, die wir uns als falsch vorstellen, wahr und die wir uns als wahr vorstellen, falsch sein können.‹« A. »Ohne den geringsten Anstand.« B. »Demungeachtet stellen wir uns in jedem Falle die Sache gleich wahr vor; wir sind gleich gewiß.« A. »Nicht anders.« B. »Also ist die Vorstellung einer Sache, als einer wahren, kein Kennzeichen ihrer Gewißheit oder Wahrheit.« A. »Sonach kann sie es nicht sein.« B. »Und gleichwohl müßte ein solches Merkmal vorhanden sein, wenn jemand entscheiden wollte, ob in seiner gegenwärtigen Vorstellung Gewißheit ist; es müßte eins vorhanden sein, woran er evident erkennen könnte, daß die gegenwärtige Vorstellung ihn nicht betrügt, wie ihn schon manche betrogen hat.« A.: »Es gibt auch eins.« B.: »Und welches wäre das? – Unser Urteil, Gefühl, Vorstellung?« A.: »Allerdings!« B.: »Sie haben mir ja gleich itzt zugestanden, daß unser Urteil oft eine Sache itzt für wahr, itzt für falsch erklärt und beidesmal mit der nämlichen Gewißheit. In einem von beiden Fällen muß uns unser Urteil belügen.« A.: »Das gestehe ich auch itzt noch ein.« B.: »Wie kann denn also mein Urteil ein Kennzeichen der Wahrheit sein, da es mich so oft belügt und mir doch niemals einen Wink gibt, wenn es lügt und wenn es die Wahrheit sagt?« A.: »Freilich nicht allzuwohl.« B.: »Bei einer Sache, die durch kein Kennzeichen von andern unterschieden werden kann, sollte man denken, fände keine Gewißheit statt.« A.: »Das ist ausgemacht.« B.: »Denn eben in der sichern Unterscheidung des Wahren und Falschen besteht die Gewißheit, und wo jene fehlt –« A.: »Da fehlt auch diese? – Wollen Sie nicht, daß ich so schließen soll?« B.: »Getroffen!« A.: »Aber ich werd es nicht tun. Sie sind ein Sophist. – Es ist mir freilich, als wenn Sie Recht hätten; aber es ist doch wider alle Erfahrung.« B.: »Wie denn das?« A.: »Sie mögen ja tun, was Sie wollen, so müssen Sie gewiß sein, sonst täten Sie es nicht.« B.: »Vortrefflich! Eben dahin wollte ich. – Ihr Einwurf ist die beste Beschreibung von der eigentümlichen Gewißheit der Menschen.« A.: »Wie meinen Sie das?« B.: »Alle Gewißheit der Menschen ist nur momentan; sie hängt sich nur an die einzelnen Vorstellungen. In dem Augenblicke, da Sie glauben, daß es Gespenster gibt, scheint Ihnen die Sache unwidersprechlich gewiß. Wenn die Gründe dawider einen andern überreden, daß es keine gibt, so ist es ihm in dem Augenblicke ebenso unwidersprechlich gewiß, daß es keine gibt. Beide sind gleich gewiß; aber wird es jemals dahinkommen, daß die Gründe des einen die Gründe des andern gleichsam so verschlingen, daß von den letzten gar keiner mehr übrigbleibt? Wer nach diesem Vorzuge einer uneingeschränkten Gewißheit strebt, will auf flachem Boden den Gipfel einer ägyptischen Pyramide erreichen.« A.: – – – – – – B.: »Ich habe in dieser Betrachtung immer die Gewißheit eines Menschen mit der Gewißheit einer Uhr verglichen. Sie mag, nach dem gewöhnlichen Ausdrucke, richtig gestellt sein und richtig gehen; alles, was sie tut, ist – daß sie die Stunden deutlich zeigt oder schlägt; und ihr Besitzer richtet sich ohne Bedenklichkeit jedesmal nach ihr, ob er gleich weiß, daß sie bisweilen durch die Wirkungen des Wetters oder andrer Ursachen merklich unrecht gegangen ist. Wer es genau nehmen wollte, könnte wer weiß wie viele Gründe auftreiben, daß die Uhr nach der wahren Zeit unrecht geht, sollte es auch nur um eine Sekunde sein. Die ganze Gewißheit der Uhr und menschlicher Ideen besteht in der momentanen Überredung des Besitzers; und wollte er, um zu handeln, so lange warten, bis wider die Wahrhaftigkeit seiner Uhr und seiner Ideen nichts mehr eingewendet werden könnte, so versichre ich Sie – er bewegte in seinem ganzen Leben kein einziges Glied am Leibe.« A.: »Es ist wohl wahr.« B.: »Es kann auch nicht anders sein, denn bedenken Sie nur, von welchen Sachen unsre Überredung abhängt: von der Deutlichkeit, der Lebhaftigkeit, der Menge unsrer Ideen, von ihrem Laufe, ihrer Richtung usw. und – vom Körper!« A.: »Von dem letzten, das Sie mit einem so nachdrücklichen Tone aussprachen, habe ich selbst eine Erfahrung gemacht. Ich habe in meinem Leben beständig den Selbstmord verabscheut. In einer Krankheit vor sechs Jahren war ich fest überzeugt, daß er die rechtmäßigste Handlung von der Welt sei –« B.: »Und Sie hätten nach dieser Überzeugung gehandelt –« A.: »Wenn ich nicht gesund geworden wäre – vermutlich!« B.: »Ohne Zweifel! – Noch mehr! Wenn ich rohen Schinken und Erbsen in einer gewissen Quantität gegessen habe, so ist meine Seele nicht unsterblich, und wenn ich alle Schriften von Platos ›Phädon‹ bis zu meines Pfarrs Predigten darüber nachläse, umsonst! Nach einer nüchternen Mahlzeit von sanften, mildernden Speisen halte ich sie für unsterblich auch ohne Beweis und fühle unwiderstehlich, daß sie es sein muß.« A.: »Das ist –« B.: »Zuviel! wollen Sie sagen; doch ist es wahr und leicht zu erklären. Unsre Gewißheit hängt von der Deutlichkeit und Lebhaftigkeit unsrer Ideen ab. Was diese hindert, hindert auch jene, und harte Speisen erfodern zu ihrer Verarbeitung einen so großen Teil der Lebensgeister, daß zur Belebung der Gedanken nicht genug übrigbleibt.« A.: – – – – – – B.: »Ein Wort, ein Gedanke, der sich in unserm Kopfe einmal das Eigentumsrecht erworben hat, besitzt oft so eine magische Kraft, als roher Schinken kaum haben kann. – Wenn die Gewißheit des Menschen auf so schwachen Stützen ruht, die noch dazu so leicht, gleichsam durch einen kleinen Wind, aus ihrer Stelle verrückt werden können, wenn große und kleine Geister etliche tausend Jahre hindurch nach der Wahrheit im Finstern getappt haben und, sooft sie einer erwischt zu haben glaubte, zwei, drei andre mit schönen Gründen ihm bewiesen, daß er nur nach einem Schimmer gegriffen haben müsse, da sie dieselbe leibhaftig besäßen, ohne daß allgemein entschieden wurde; was meinen Sie denn von der menschlichen Gewißheit?« A.: »Freilich kann sie da nicht allzugroß sein. Nur darf man es nicht öffentlich sagen.« B.: »Warum?« A.: »Es ist eine gefährliche Meinung.« B.: »Und mich däucht, es ist eine nützliche Meinung, die man nie laut genug sagen kann. Wenn sie herrschend wäre, würden die Menschen nicht toleranter und weniger positiv sein als gegenwärtig? Man würde sich nicht verfolgen, nicht hassen, weil man verschieden denkt: Denn glauben Sie nicht, daß in unserm aufgeklärtem Jahrhunderte diese Verfolgungen aufgehört haben! Es scheint; aber sonst verfolgte man sich in offnem Kriege, itzt durch Kabale. Alles das könnte verhütet werden, wenn sich die Leute überreden ließen, daß man in dieser Welt nichts tun kann und darf als sagen, was einem dünkt, und anhören, was andern dünkt. Eine Sache, die in der Liste derjenigen obenan stehen muß, von denen uns die meiste Gewißheit verstattet ist!« A.: »Das ist alles wohl wahr, aber das kann ich mir doch nicht überreden, daß der Mensch keine Gewißheit hat. Hieß das nicht: Die Gründe glaube ich wohl, nur nicht das, was sie beweisen – weil ich es immer nicht geglaubt habe?« Eben wollte ihm sein Gesellschafter antworten, als der Gastwirt, der vor einigen Minuten hinausgegangen war, mit einem Buche in der Hand wieder zurückkam und um Erlaubnis bat, das Gespräch auf einige Augenblicke zu unterbrechen. Er berichtete, daß ein Herr in einer schlechten Kleidung nachts vorher bei ihm eingekehrt sei und nicht viel vertan habe. Dieses Taschenbuch habe er nach seiner Abreise auf seiner Stube gefunden und nach der Eröffnung einen Haufen wunderlicher Papiere darinnen angetroffen. Er überreichte es zugleich dem Herrn B., der die Papiere durchsah und mit fester Überzeugung die Anwesenden versicherte, daß es einem deutschen Schriftsteller gehörte. 25. »Nicht übel!« rief er, als er an ein Papier kam, das sich durch seine Größe von den übrigen unterschied. »Nicht übel!« sagte er noch einmal, indem er einen Teil davon heimlich überlief. – »Wollen Sie es hören? Der Anfang ist nicht vorhanden.« Er räusperte sich schon, um anzufangen, als er den Wirt einige Besonderheiten von dem Besitzer des Taschenbuchs erzählen hörte, die ihn als einen psychologischen irrenden Ritter, der nach abenteuerlichen Charakteren ausgeht, mit seiner ganzen Aufmerksamkeit so stark auf sich zogen, daß er das Blatt sinken ließ und der angefangnen Erzählung zuhörte. »Er schlich«, sagte der Wirt eben, »wie eine Katze, die genascht hat, in das Stübchen, das wir ihm anwiesen. Ich fragte ihn, ob er etwas verlangte. ›Eine warme Suppe‹, sagte er. Ich riet ihm lieber zu einer frischen Milch, weil es so schwüles Wetter wäre. ›Behüte!‹ rief er, als wenn er von Sinnen kommen wollte – ›mich friert! Eine Suppe! und zwar gleich! –‹« Mit einem lauten Gelächter versicherte der Erzähler bei diesen Worten, daß er geglaubt hätte, der Mann wäre aus einem Tollhause entsprungen. – »›Mich friert!‹ sagte er, und wir wollten alle vor Hitze ersticken! – Ich traute ihm nichts Gutes zu. Deswegen sah ich von Zeit zu Zeit nach ihm; und allemal, wenn ich kam, saß er am Tische und schrieb. Ich ging etlichemal nahe zu ihm und sahe ihm über die Schultern, aber er blickte mich nicht an. Einmal, als ich so hinter ihm stand, sprang er auf einmal auf und brummte etliche Worte. Dabei verdrehte er die Augen so fürchterlich, daß ich erschrak und davonlief. Der Teufel – Gott sei bei uns! – kann keine abscheulichern Augen haben. Ich fürchte mich sonst für nichts; aber da wurde mir wahrhaftig angst. Ich lief zur Tür hinaus; er hinter mir drein und rief mir nach – es ist mir noch, als wenn's erst vor ein paar Minuten geschehen wäre – ›Wenn du in deinem Blut dich wälzest‹, rief er. Das übrige konnte ich vor Schrecken nicht verstehen. Um des Himmels willen, dachte ich, nun ist's mit dir vorbei. – Ich fürchte mich sonst nicht leicht, aber hier war mir nicht wohl zumute. Der Tausend! dachte ich, der Mensch ist rasend und wird dich umbringen. Ich lief; er immer hinterdrein. Er hätte mich nicht gehascht, aber ich blieb am Treppengeländer mit dem Ärmel vom Hemde an einem Nagel hängen und fiel, als ich schon auf der untersten Stufe war. Wahrhaftig! ich bin so leicht nicht in die Furcht zu bringen, aber da er mich hinterwärts bei dem Kopfe faßte, da fing ich an zu beten. Ich hörte vor Schrecken nichts, als daß er mich fragte: ›Ist Er tot?‹ – Ich konnte bloß ›nein‹ antworten, und noch sehr schwach. – ›Nu, so ist es gut‹, sagte er, ›bringe Er mir meine Suppe!‹ – und so ging er hurtig die Treppe wieder hinauf.« »Der Mann«, unterbrach ihn Herr B., »ist ohne Zweifel ein Tragödienschreiber – kurz, ein Dichter gewesen; er hat in der Begeisterung, da er Ihm nachgelaufen ist, einen Vers unbewußt hergesagt; und im Grunde lief er Ihm wohl nur nach, um Ihm zu sagen, daß Er seine Suppe bringen sollte.« »So war es!« sagte der Gastwirt. »Er hat mir's hernach selber gesagt, als ich ihn darum fragte. Er hätte mich beim Kopfe gekriegt, meinte er, um mich zu erhalten, da er mich fallen sehn. Daß er die Worte gesagt hatte, davon wußte er nicht einen Mucks mehr.« »Erwärmte ihn die Suppe nicht?« fragte der Gesellschafter des Herrn B. mit Lachen. »Ach, bei der gab's noch Händel!« antwortete der Gastwirt. »Es fehlte ohngefähr noch zween Finger breit an der Schüssel, ehe sie voll war. Das verdroß ihn. Die Schüssel müßte voll sein, sagte er, sonst könnte er nicht essen. Gestrichen voll! sagte er. Ich stellte ihm vor, daß es gerade die rechte Portion für einen Menschen wäre; aber da half nichts. Bei meiner Treu, ich mußte gehen und eine andre Schüssel holen. Ich habe dergleichen Plunder die Menge; aber gerade mußte damals gescheuert werden, daß nicht mehr als die Schüssel rein war, die er schon hatte. Ich ging zurück zu ihm und sagte ihm die Sache. Durch vieles Zureden ließ er sich doch bewegen, einen Löffel voll zu kosten, aber es schmeckte ihm nicht. Es schmeckte abscheulich, weil die Schüssel nicht voll war. Hm! dachte ich, den willst du wohl anführen. Ich nahm die Schüssel in die Küche und schüttete Wasser zu. Es dauerte mich, daß ich die schöne Biersuppe so verderben mußte. Ich brachte sie ihm und, nun war's gut; nun schmeckte sie gar vortrefflich. Mir darf man eine Sache nicht zweimal sagen. Der Herr liebt das Volle, dachte ich, das willst du dir merken! Nach Tische wollte er Kaffe haben. Meine Frau machte ihn, ich trug ihn hinauf und schenkte ein – die Tasse so voll! so voll, daß kein Tröpfchen mehr Platz hatte. Das wird ihm recht gut schmecken! dachte ich. Da er's sahe – ›pfui!‹ rief er, ›so schweinisch voll! wer kann das trinken?‹ – und goß mir das liebe Gut vor die Füße. Ich wußte nicht, was ich denken sollte, so verwundert war ich. Endlich sagte ich zu ihm, daß ja die Schüssel hätte gestrichen voll sein müssen. ›Ja‹, antwortete er, ›die Schüsseln müssen ganz voll sein, aber die Kaffetassen nur zur Hälfte, wenn es gut schmecken soll.‹« Herr B. fand das Grillenhafte in dem Betragen dieses Mannes so merkwürdig, daß seine ganze Neubegierde dadurch gereizt wurde, und nichts schien ihm gewisser, als daß es ein Originalkopf wäre, der zu seltsam scheinenden Handlungen Ursachen haben könnte, die ein gewöhnlichdenkender Mensch nicht zu ergründen wüßte. Sein Gesellschafter, der unter allen menschlichen Schwachheiten, am wenigsten den Schwachheiten eines räsonnierenden Geistes ausgesetzt war, fand in eben diesem Betragen nichts als alberne Ungereimtheiten, und der Mann, der sie getan hatte, war nach seinem Ausspruche – ein Narr. Ob er gleich keinen Augenblick an einen Grund gedacht hatte, warum er ein Narr sein müsse, und jener hingegen durch eine lange Spekulation bei sich auf seine Vermutung gebracht worden war, so sprach er doch sein Anathem mit einem viel positivern Tone als Herr B. und war, ohne Grund , viel fester überzeugt als dieser mit allen seinen schönen Gründen. Auch für den Frost an dem heißesten Sommertage stund diesem spekulativischen Kopfe eine sehr scharfsinnige Erklärung zu Gebote. Er entstund nach seiner Meinung durch eine übermäßige Reizbarkeit der Organe und eine zu übereilte Flüchtigkeit der Lebensgeister, die, durch die Stärke der Hitze in eine heftige Bewegung gesetzt, ein frostähnliches Zittern in den Nerven hervorgebracht und der Seele zu empfinden gegeben hätte. – O ihr spekulativen Sterblichen! daß euch doch euer Scharfsinn so viele Schlingen legt! Auf Verlangen dieses Weltweisen fuhr der Wirt, als er diese Erklärungen gaffend angehört hatte, ohne die erklärte Sache deutlicher zu verstehen, in seiner Erzählung fort. »Das beste Stückchen«, fing er lachend an, »folgt noch. Da meine Frau dachte, daß er den Kaffe ausgetrunken haben möchte, ging sie und wollte Kanne und Tassen wieder abholen, um sie auf den Morgen rein zu machen. Ich gehe meiner Frau immer nach, wenn sie zu den Gästen auf die Stube geht. Man weiß nicht, was so einem schwachen Werkzeuge begegnen kann, und der Mann ist doch einmal des Weibes Haupt und muß sie also auf allen Schritten und Tritten bewachen. Unsereins hat Herz im Leibe; das hat so eine furchtsame Kreatur nicht. – Genug, ich gehe ihr nach. Da ich in die Stube trete – was denken Sie wohl? – da sitzt der Fremde am Fenster und zittert am ganzen Leibe. Meine Frau, die sehr mitleidig ist – mannichmal mehr als zu sehr! das gottlose Weib« – bei diesen Worten sahe er sich schüchtern um, ob sie vielleicht zugegen sein möchte – »meine Frau glaubte, es würde ihm schlimm, und ging auf ihn zu, um ihn zu halten, wenn er in Ohnmacht sinken sollte. Da sie ihn angreifen wollte, da sprang er auf wie ein Beseßner und lärmte und schrie: ›Vom Leibe! vom Leibe! zur Stube hinaus! fort! oder ich komme um!‹ Was ich erschrak! Ich dachte, bei meiner Ehre! er wäre besessen, und wenn ich furchtsam gewesen wäre, so weiß ich nicht, was ich getan hätte. Es wurde mir aber doch ein bißchen bange ums Herze – der Henker! dachte ich, wenn er nun besessen wäre! – Ich faßte meine Frau bei dem Arme und lief mit ihr die Treppe hinunter. Sie ließ hernach gern das Kaffezeug im Stiche. Des Nachts konnte ich kein Auge zutun. Vor ordentlichen Menschen fürchte ich mich nicht und wenn ihrer tausend wären; aber vor Beseßnen habe ich eine Scheu wie vor dem bösen Feinde selbst. Des Morgens wollte keines aus dem Bette. Ich stieß meine Frau an und sagte ihr, daß sie aufstehen sollte. ›Geh du! ‹ sagte sie und wickelte sich in das Deckbette. ›Steh du nur auf‹, sagte ich wieder; und so ging das – steh du auf! steh du auf! – lange Zeit herüber und hinüber; nicht als wenn ich mich gefürchtet hätte; bei meiner Frau mochte es wohl nicht richtig sein. Mir ging es nur im Kopfe herum, daß er vielleicht ein Beseßner sein möchte. Was zu tun? Einmal mußten wir doch aufstehn; ich fasse mir ein Herz und steige aus dem Bette. Meine Frau kriecht hinter mir drein. Nun ging eine neue Not an. Es wollte niemand zu ihm auf die Stube. Endlich geh ich, aber da war nicht ein Haar mehr von dem Fremden zu sehn. Ich geh in den Stall, sein Klepper war auch weg. Kurz, sie waren alle beide fort und hatten meine Bezahlung mitgenommen. Aber ich entbehrte sie gern, daß ich nur die Sorge aus dem Hause los wurde. – Um des Himmels willen! Einen Beseßnen im Hause zu haben, und wenn er mir ein Fürstentum geben wollte, möcht ich ihn nicht eine Minute wieder beherbergen.« »Den Mann möcht ich kennen!« rief Herr B., als wenn er von einem nachdenkenden Erstaunen erwachte. »Schaffe Er mir ihn zur Stelle! und ich will seine Zeche vierfach bezahlen.« »Und wenn Sie es fünffach tun wollten«, erwiderte der Wirt, »so möcht ich nicht – einen Beseßnen in seinem Hause zu haben! – wenn er nur nicht vielleicht wiederkömmt! – Rose! die Türe ist doch zugeriegelt?« Herr A. gab nunmehr bei dem letzten Schlucke, der in seinem Kruge war, das Definitivurteil von sich: »Er ist verrückt!« – und Herr B. beteuerte, indem er mit der Hand auf die Brust schlug: »Das ist der größte Originalkopf, den Deutschland jemals gesehn hat!« – und Tobias? – urteilte, als ein weiser Skeptiker, gar nicht. Herr B. stund auf, tat ein paar Gänge die Stube auf und nieder, und die Kette des Gesprächs war auf einige Zeit so gut als mitten entzweigerissen. 26. In dieser Zwischenpause richtete sich Tobias auf, als eben Herr B. ihm gegenüber stillstund, stemmte den Arm in die Seite und sagte mit dem erhabnem Ernste eines Lacedämoniers: »Mich hungert!« legte sich mit dem Rücken an die Lehne seiner Bank, wie – – – wie – – – gütiger Himmel! ich kann keine Vergleichung finden; wie das schade ist! »Ich will deinen Hunger stillen!« rief Herr B., eilte auf ihn zu und faßte ihn bei der Hand. – »Der Himmel hat mir heute das Glück bestimmt, lauter Charaktere zu finden, wie ich sie wünsche«, setzte er hinzu. Darauf erkundigte er sich nach den Lebensumständen meines Helden, der ihm in den lakonischsten Ausdrücken, soviel er selbst davon wußte, ohne Weigerung berichtete. Als jener seinen Bericht, der bei Erzählung des Soldaten-Projektes am weitläufigsten war, mit dem Vergnügen eines Beobachters angehört hatte, so wandte er sich zum Herrn A., bat ihn, den Abend und die Nacht in seinem Hause zuzubringen, und ließ nicht eher nach, als bis er ihn dazu bewegt hatte. Tobias empfing ebendieselbe Einladung und machte sich auch gleich marschfertig, ihn dahin zu begleiten. Herr B. machte alsdann dem Wirte ein kleines Geschenk an Gelde, doch ohne daß es jemand gewahr wurde, und zwar zum Ersatze desjenigen, was er ihm durch seine Beherbergung der beiden Reisenden entzog. Nach diesem sagte er ihm eine gute Nacht und ging mit seinen beiden Gästen fort. 27. Wenn drei Leute zur Tür hinausgehen, so ist es wohl der Mühe wert, einen neuen Absatz zu machen – also noch einmal! Der 27. Absatz. »Ein sonderbarer Mann, der Herr B.! so sonderbar, als vielleicht keiner auf der Erde gewesen ist!« »Ja, ich geb es zu! und doch könnte ich dieser Sonderbarheit ungeachtet den leibhaftigen Herrn B. jedem ungläubigen Leser – doch was tut das? Ein sonderbarer Mann ist er immer!« »Ein sonderbarer Mann!« sagte das ganze Publikum der Gegend, in welcher er wohnte, und setzte noch verschiedene andre Züge zu diesem Charakter hinzu, die vielleicht meine Leser so wenig vermuten werden, als daß sie der Großherr noch vor ihrem Tode zum Veziere machen möchte. »Ein sonderbarer Mann!« sagte man. »Ein Mann, der sehr klug tut und nichts als alberne Sachen anfängt.« »Es mag, fing Fräulein Amande an, als man in einer Gesellschaft über ihn zu urteilen geruhte, »es mag«, fing sie an mit einer Miene von Wichtigkeit, die ihre ganze Weisheit zu empfinden gab – »es mag nicht richtig mit ihm im Kopfe sein.« »Hm!« versetzte Frau von Czs++ mit witzig klugem Tone, »es geht ihm wie den Leuten, die überklug sein wollen; sie laufen, wenn andre sachte gehn, und stolpern eben darum am allerersten.« »Ach«, brüllte der Herr Xrv., »mit seiner Klugheit! Vor Überklugheit tut er gewiß nichts Albernes, eher vor Dummheit. Er gibt seinen Bauern das gute Land und behält sich die steinichten Felder. Vor ein paar Jahren, bei der Teurung, gab er ihnen das gute Korn, und am Ende mußte er sich selbst alle Tage eine Mahlzeit abbrechen, damit er sich nur das Brot kaufen konnte. – Lächerlich!« »Können Sie sich vorstellen?« unterbrach ihn sein Nachbar. »Sie wissen, ich grenze mit ihm; Sie wissen auch von dem Streite, den ich mit seinem Vorfahren wegen des Stückchen Wiese, das dort am Busche liegt, gehabt habe. Da er das Gut bekam, so gab er mir das Stückchen Wiese, ohne weiter eine Feder anzusetzen; und sein Vorfahre hatte neun Jahre mit mir darum prozessiert. Ich bin's gern zufrieden und lache noch darüber; aber man sieht doch die Einfalt!« »Er hat gar keinen Begriff von Melioration«, fuhr ein andrer fort. »Er ist unwissender als mein Großknecht. Den ganzen Tag liegt er über den Büchern oder bei dem Gesindel, das er ins Haus nimmt –« »Oder in der Schenke bei den Bauern –« »Oder gar bei den Bettelleuten«, sagte ein Vierter. »Gleich und gleich gesellt sich gern!« rief der Herr Hauptmann V++, in dessen Gesellschaft meine Leser schon gewesen sind, rief es und lachte; und die ganze Gesellschaft erscholl auf dieses Signal von einem lauten Gelächter. »Er ist ein Atheist«, zischelte eine Dame im Zobelpalatine. »Er ist ein Pietist«, sagte eine andre in einem où êtes – vous. »Ein Verschwender, der bald betteln gehen wird.« »Ein Knicker, der sich das Nötige abdarbt.« »Für seine Pensionärinnen!« schrie eben derselbe Herr Hauptmann mit einem so zweideutigen Tone, daß der größte Teil der Gesellschaft sich an den schlimmen Verstand des Wortes hielt und ein jedes nach Verhältnis seines Charakters ausgelassen darüber lachte oder verschämt lächelte . 28. Jeden, der die Charakteristik zu seinem Studium gemacht hat, einen Lukian, Swift, Pope, Wieland, und alle ihre Mitbrüder fodre ich auf, aus diesen Zügen einen menschlichen Charakter zusammenzusetzen. Wenn sie auch alle ihre Kräfte vereinigen wollten, so bin ich versichert, daß am Ende nichts als ein Menschenkopf an einem Pferdehalse mit einem befiederten Leibe, der sich in einen Fischschwanz verliert, auf dem Papiere stehen wird. Armer Herr B.! – oder wie ich ihn nun meinen Lesern nach seinem wahren Namen bekannt machen will –, armer Herr Selmann! – Verloren wärest du, guter Mann! wenn die Welt dich nur aus jenem Gemälde beurteilen sollte und mit dieser Geschichte dein Porträt nicht in so gutherzige Hände wie die meinigen gefallen wäre. Aus Liebe zur Gerechtigkeit will ich, während daß Herr Selmann mit seinen zwei Gästen nach seinem Hause geht, sein Bild unterwegs ganz von frischem zeichnen; und dann wollen wir sehen, welches getreuer ist. Herr Selmann ist ein Mann, der neben dem scharfsinnigsten Beobachtungsgeiste den höchsten Grad von Empfindlichkeit besitzt: Man könnte beinahe sagen, daß er von beiden für unsern Erdenkreis zu viel habe. Alles, was er tut, ist daher einige Schritte mehr oder weniger über dem Gleise des gewöhnlichen menschlichen Tun und Lassens. Ideen und Empfindungen sind bei ihm höher als gewöhnlich gespannt: Wie sollen es also die Handlungen nicht auch sein? Er hat nie eine Universität gesehn und könnte auf jeder manchen Professor dethronisieren. Sein Vater, der ein Kaufmann gewesen war und sich den Adelstand erhandelt hatte, legte seine erste Erziehung gleich so an, daß er zu den wichtigern Geschäften des menschlichen Lebens gebildet wurde – Geld zu erwerben und zu vertun. Doch die Natur hatte den Absichten seines Vaters so schnurstracks entgegengehandelt und unter allen Anlagen ihm gerade die unschicklichste zu diesen Endzwecken gegeben. Seine größte Lust von den ersten Jahren an war – denken und empfinden; und in seiner denkenden oder empfindenden Laune war eine Million und eine Stecknadel für ihn von gleichem Werte. Als Knabe leerte er oft seinen Beutel in dem Schoße eines Armen aus, der ihn mit Tränen um eine Gabe bat, und noch als Mann hörte er nicht auf, es zu tun. Aller Hindernisse ungeachtet drang sein vortrefflicher Kopf durch. Er las unermüdet, und so gleichgültig auch sein Vater ihn darüber loben hörte und so wenig er seinen Fleiß durch Ermunterungen begünstigte, so ließ er ihm doch wenigstens die Freiheit, seinen Neigungen, wiewohl mit gewissen Einschränkungen, nachzuhängen. Er las unermüdet, sagte ich, aber was? – Natürlicherweise nichts als solche Bücher, worinnen er seinen Schwung der Einbildungskraft und der Empfindung antraf, ätherische Moralen, ideale Geschichte, seraphische Gedichte – kurz, er war bei seiner ganzen Lektüre immer mit seinem Kopfe und seinem Herzen im Lande der Phantasie. Der Abstand, den er zwischen den Menschen in seinen Büchern und denen fand, die ihn täglich umgaben, machte ihm die wirkliche Welt allmählich unschmackhaft. Sehr frühzeitig verschaffte ihm sein Vater ein Amt, das in den Händen eines jeden andern von seinem Alter und ohne seine Fähigkeiten verwahrlost worden wäre und – in den seinigen wegen seiner großen Fähigkeiten verwahrlost war. Er hatte mit den Finanzen zu tun. Ja aber! – Auf einem Fixsterne oder einem feurigern Planeten als der unsre würde er ein vortrefflicher Finanzrat gewesen sein; mit solchem irdischen Metalle, wie unsre Könige und Fürsten es brauchen, konnte er sich nicht beschäftigen. Statt der Bestimmung seines Amtes gemäß Einnahme und Ausgabe zu vergleichen, Rechnung zu führen usw., brütete er über Entwürfen zu Projekten, die alle das Gepräge des Nachsinnens und der Menschlichkeit hatten, aber wenigstens ein paar Jahrtausend zu zeitig zur Welt kamen, wo nicht gar Iselins menschenfreundliche Träume eigentlich sogenannte Träume sind. Was natürlich aus einer solchen Beschaffenheit erfolgen mußte – er fand keinen Menschen , weil er keinen wie er fand. Die Torheiten, die Laster der Menschen hatten bei ihm eben die frischen, hervorstechenden Farben wie die Tugenden, die er von ihnen erwartete. Das ganze Menschengeschlecht wurde ihm verächtlich und bei hinzukommenden Hypochonder beinahe verhaßt. Doch die Entfernung von den Menschen, die Landluft, Bewegung und andre Nebenumstände nahmen in der Folge diesen ganzen Ansatz zur Misanthropie hinweg, der ohnehin so gering war, daß er mehr in einem –ja, wenn ich's deutsch sagen könnte! –, in dem bestund, was wir empfinden und denken, wenn wir eine ungesalzne, wässerige Suppe wegsetzen. Die Gesellschaft der gewöhnlichen Menschen war ihm fade, unschmackhaft. Dabei war seine Menschenliebe so feurig als vorher; aber es war eine Liebe des ganzen Geschlechts und nicht einzelner Menschen, und alle Dienste, die er einzelnen Menschen erwies, tat er ihnen nur, weil sie seine Brüder waren. Weswegen ihm auch die stoische Vorstellung der Welt vor allen andern gefiel, nach welcher die sämtlichen Einwohner des Erdbodens eine Familie ausmachen und also ohne Unterschied alle verschwistert sind. Im Anfange jener misanthropischen Periode starb sein Vater, und er ließ Amt und Einnahme fahren und flüchtete auf das Land, wo er seit der Zeit, bis auf die Ankunft meines Helden in dem Gasthofe eines Dorfes, das zu seinem Gute gehörte, beständig blieb. Nach verschiedenen Verwandlungen, die mit seiner Denkungsart durch die Wirkung seiner Ideen aufeinander, seine Lektüre und die Veränderungen des Körpers vorgegangen waren und die jeder Leser in der Folge dieser Geschichte vielleicht noch erfahren soll, war es gegenwärtig mit ihm dahingekommen, daß sein Charakter eine wunderbare Komposition von Eigenheiten, vernünftigen Grillen und vernünftiger Philosophie war. Der Schwung seiner Einbildungskraft schien gesunken zu sein; aber er war es nicht, er hatte nur eine andre Richtung. Noch war sein tägliches Leben – Spekulation, Spekulation über die unbedeutendsten Gegenstände. Um diesem spekulativischen Hange Nahrung zu verschaffen, besuchte er, bald verkleidet, bald in seiner gewöhnlichen Gestalt, die Wirtshäuser der umliegenden Gegend. Jeder Einkehrende wurde von ihm entweder im Winkel oder im Gespräche beobachtet. Am liebsten belaurte er die unverdorbnen Landleute. Wenn ein Fremder durch Besonderheiten seine Neugierde reizte, so beherbergte er ihn selbst in seinem eignen Hause; denn die besondern Charaktere waren sein eigentlicher Raub, auf den er am liebsten ausging. So kam es, daß sein Haus eine moralische Raritätenkammer war, wo oft die abenteuerlichsten Charaktere nebeneinander figurierten. Nächstdem war es eine sichre Zuflucht für alle, die menschlicher Hülfe bedurften, und oft nicht viel besser als ein Lazarett. Beide Endzwecke erfoderten einen großen Aufwand, der sein großes Vermögen allmählich erschöpfte. Er für seine Person lebte so nüchtern wie Epikur, teils aus Grundsätzen, teils aus Notwendigkeit. Obendrein hatte er sogar die gutherzige Schwäche, daß er niemanden, wenn er nicht freiwillig sich zur Abreise entschloß, auf irgendeine höfliche Art nötigen konnte, ihn zu verlassen; auch wenn er ihm wirklich zur Last war, konnte er's nicht. Diese Gutherzigkeit wußten viele auf die unverschämteste Weise zu nützen; sie blieben zu halben Jahren bei ihm. Er wetzte seinen Scharfsinn an ihren Mienen und Handlungen, und sie füllten ihre Mägen aus seinem Beutel. Das wäre ohngefähr Herr Selmann in einer flüchtigen Skizze – nur so weit ausgezeichnet, als zur Belehrung eines jeden nötig ist, der ihn nur aus der Schilderung im siebenundzwanzigsten Absatze kennt. Er wird für meinen Tobias ein höchst wichtiger Mann werden, und also ist er auch mein Mann. 29. Er war, wie gesagt, der Besitzer des Dorfes, in welchem er meines Tobias' Bekanntschaft machte, und bewohnte daselbst ein artiges geräumiges Haus, das sein Vater zu Schmäusen und Bällen erbaut hatte und der Sohn, wie auch schon gesagt worden ist, zu einem psychologischen Theater machte, wo er Mienen, Blicke, Handlungen anatomierte und durch ein so denkendes Leben entweihte, daß man sich wundern muß, wenn der Vater nicht darinnen umgegangen ist. Denkende Menschen sollten, dächte man, ganz Vernunft sein und bei ihren Handlungen nur dem Willen dieser Gebieterin folgen, ohne in der Sklaverei der Gewohnheit zu stehen, die bei dem undenkenden Haufen Bewegungsgrund, Triebfedern, Grundsatz und alles ist. Aber wieviel fehlt daran! Es geht bei dem Weisen zu wie in gewissen Staaten, die die Freiheit im Munde und im Wappen und in ihren Mauern den Despotismus haben. Bei dem Weisen ist zwar die Gewohnheit keine Selbstherrscherin, nicht so ein grämlicher Despot wie ein Sultan oder ein persischer Schach; aber dafür ist sie die Favoritin einer schwachen Monarchin, der Vernunft, die nichts tut, als daß sie ihren Namen zu den Verordnungen hergibt, die jene durch sie macht. Welcher Despotismus besser ist, das mögen unsre Staatsklugen entscheiden: Ich bin indessen für den letztern. Eine Anmerkung, die ein Sprößling von der Spekulation des H. Selmanns ist und die der gute Mann sehr oft durch sein eignes Beispiel bestätigte! Eigentlich unterhielt er mit dem dortigen Landadel gar keinen Umgang, welches sie ihrerseits erwiderten, und zwar aus der ganz natürlichen Ursache, weil sie nicht ihm und er nicht ihnen ähnlich war. Demungeachtet hatte es sich durch einen Zufall getroffen, daß er in den ersten Jahren, nach seiner Niederlassung in dieser Gegend, ein paarmal hintereinander gewisse Häuser zu Anfange des Julius auf eine Mittagsmahlzeit eingeladen hatte. Zum ersten und zweiten Male, daß es geschah, hatte er gute Ursachen dazu; aber zum dritten Male geschah es schon bloß, weil es zum ersten und zweiten Male geschehn war. Sooft in den nachfolgenden Jahren der Julius sich näherte, so erinnerte ihn ein gewisses Gefühl daran, daß es nun Zeit sei, den Herrn von †† und den Herrn von ††† zu Tische zu bitten; und zu gleicher Zeit regte sich auch in diesen beiden Herren von ein gewisses Gefühl, daß sie von ihm zu Tische gebeten werden müßten. Es geschah alle Jahre an einem der ersten Tage des Julius so richtig und ordentlich als der Aufgang und Untergang der Sonne und geschah, solange der eine einladen und die andern kommen konnten. Oft, wenn eine von Selmanns spekulativischen Perioden in diesen Teil des Julius fiel, stutzte er über diese Gewohnheit bei sich selbst und sann nach, aus welchem Bewegungsgrunde sie jährlich beobachtet worden wäre. Eigentlich war kein andrer da, als – sie wird beobachtet, weil sie beobachtet wird; aber seine liebe Vernunft ermangelte niemals, ihn mit einem Haufen Ursachen auf das gefälligste zu versorgen. Er tat es also aus Gewohnheit immer fort, sann sich hinterdrein Gründe aus, warum er's getan hatte, und so ließ er sich von seiner Vernunft bereden, er habe nach vernünftigen Gründen gehandelt. Die Ankunft meines Tobias traf gerade in diesen Zeitpunkt. Auch war die besagte Einladung den Tag, als er ankam, wirklich schon geschehn, war angenommen worden, und den Tag darauf, als er ein Abendessen in diesem Hause verzehrt und eine Nacht vortrefflich darinnen geschlafen hatte, mittags um zwölf Uhr kam die Gesellschaft an. Ein Zug von vier Pferden, deren Kolorit so zweideutig geworden war, daß sie schlechte Pferdekenner für Schecken ansahen, obgleich nach den Absichten der Natur die zween vordersten – Mohrenköpfe und die hintersten – kastanienbraune sein sollten, die insgesamt traurig die Köpfe zur Erden hingen, um den Leuten nicht ins Gesichte zu sehen, die sie vor achtzehn Jahren als schöne Gaule bewundert hatten – dieser originale Postzug schleppte unter dem Kommando eines sechzigjährigen Postillions eine ebenso originale Kutsche an einem Geschirre, das bei Abgange des Riemenwerks durch Stricke und Bindfaden zu ferneren Diensten tüchtig gemacht worden war, mit dem schwerfälligsten Schritte zu Selmanns Tore herein. Der Wagen konnte, wenn man mit kritischer Genauigkeit verfahren wollte, unter keine einzige von den bekannten Gattungen der Wagen gerechnet werden; doch kann ich durch einen gerichtlichen Beweis, aus der Eingabe des Wagners bei dem Konkurse, in welchen das Vermögen seines Besitzers in der Folge geriet, überzeugend dartun, daß er nach dem Plane des Künstlers zu einem Landauer bestimmt war. Vor achtzehn Jahren hatte er kurz nach seiner Verfertigung zum Brautwagen gedient und vielen Beifall gehabt; itzt war er ohne Türen, und die eine Hälfte der Decke war gleichfalls so unbrauchbar geworden, daß sie auf immer davon abgesondert wurde, um dem Effekte des Ganzen keine Schande zu machen. Hinter der Kutsche lehnte eine Gruppe von zwei bleichgelben Figuren, wovon eine in einem gelbgrünen Jägerhabite, die andere in einem Reisemantel drapiert war. Der Postillion trug wegen eines Flußes im Kopfe, die Verhinderung der Transpiration zu verhüten, eine Stutzparücke, doch nur im größten Staate, wenn eine Pelzmütze, die er sonst zu diesem Endzwecke gebrauchte, wider den Wohlstand gewesen wäre. Ein abgelebter Regenmantel verwahrte Ober- und Unterleib vor den schädlichen Einflüssen der Witterung; die Füße hingegen hatte er wegen der unrichtigen Bezahlung seines Lohns in Stiefeln ohne Sohlen Wind und Wetter bloßstellen müssen. Er und seine Rosse liebten die geschwinden Bewegungen gar nicht; demungeachtet gab ihm, sooft er zu einem Hofe hineinfuhr, ein zurückgebliebnes point d'honneur einen so starken Stich in die linke Seite, daß er mit zusammengerafften Kräften auf seine Gaule loshieb, bis sie taumelten, welches unachtsame Zuschauer für einen Trab hielten. Kaum war er zum Tore herein, als dieses unglückliche point d'honneur ihm den Sporn in die Seite setzte, und gleich schwang er die Peitsche und klopfte mit den Füßen das Sattelpferd, auf dem er saß, mit allen Leibeskräften so herzhaft in die Flanken, daß jeder Schlag von einem vernehmlichen Echo in dem Leibe des armen magern Tieres wiederholt wurde. Er arbeitete sich mit Händen und Füßen müde; Hiebe und Schläge waren ohne Wirkung. Sein runzlichtes Gesicht fing an zu glühen, und der Zorn gab ihm neue Kräfte. Als er um die Ecke eines Gebäudes herumfahren sollte, das ihm zur rechten Hand stund, indem linker Hand die Pferdeschwemme war, verdoppelte er seine Hiebe, gab in dem Feuer der Ehrbegierde auf den Wagen nicht Achtung, verfehlte das Gelenke, fuhr an die Ecke an, und – der Wagen fiel um, gerade in die Pferdeschwemme hinein und die zwo Damen, die darinnen saßen, mit ihm. Glücklicherweise war wegen der austrocknenden Sonnenhitze eine starke Ebbe in der Schwemme, und Personen und Kutsche blieben daher am Ufer in halbflüssigem und halbtrocknem Schlamme liegen, den Fuß der einen Dame ausgenommen, der bis an die Knöchel unter Wasser gesetzt wurde, weil sie wegen ihrer ansehnlichen Statur auf dem Schlamme nicht Platz genug hatte. Himmel! was für ein Fall! und, was noch schlimmer war, in der Begeisterung des Ehrgeizes wurde ihn der Kutscher eine halbe Minute später gewahr, als es geschah. Die umgekehrte Kutsche setzte also ihren Weg fort und ließ ihre Ladung in dem traurigsten Zustande zurück, bis der Schloßnagel zersprang und der Hinterwagen etliche Schritte davon in einer ähnlichen Lage zurückblieb. Der Knall von dem Sprunge erweckte den Postillion, er sahe sich um, und Zügel und Peitsche sank ihm aus der Hand, welches seine Pferde für ein Signal zur Ruhe annahmen und sogleich, ohne den geringsten Anteil an dem Zufalle zu nehmen, stillstunden. Tobias hatte sich nicht weit von der Haustür gestellt, um die Ankunft der Gäste zu erwarten. Kaum sahe er, was vorging, als er pfeilschnell auf die verunglückten Damen zulief, die, ohne sich im mindesten zu beklagen, mit ihrem Lager vorliebnahmen, als er eine nach der andern ergriff und, seiner Schwäche ungeachtet, diese zwo Maschinen wie ein paar Walfische, mit dem größten Teile des Leibes an das trockne Land zog. Doch wer war es, als er sie besah? – Niemand als seine großmütigen Beschützerinnen! – mit einem Worte, Fräulein Kunigunde und Fräulein Adelheid! – Wie fing dem gutherzigen Retter das Gesicht an zu glühen, da er sie erkannte. Er konnte zwar in dem Augenblicke seine Empfindungen nur fühlen, aber nicht unterscheiden; doch ich weiß gewiß, daß sie aus dankbarer Freude, vermischt mit einer kleinern Dosis von Bedaurung und einer größern von stolzer Selbstzufriedenheit zusammengesetzt waren. Soviel hatten schon seine eignen Widerwärtigkeiten seine vorher unterdrückte Empfindlichkeit unvermerkt angefacht! Der Postillion saß noch immer in einer totenähnlichen Bestürzung auf seinem Pferde und blieb es, bis Selmann, der Wirt vom Hause, in vollem Galoppe sich daherstürzte und den unglücklichen Nymphen vollends auf die Beine half. Wer sie noch vom Teichdamme her kennet und nur eine kleine Tinktur von Einbildungskraft hat, wird sich eine Menge Sachen zum voraus vorstellen, die diese empfindsamen Schönen in solchen kritischen Umständen wahrscheinlicherweise fühlen und sagen mußten. Doch der Schrecken hatte den ganzen Raum in ihrem kleinen Herzchen eingenommen und ließ weder Empfindungen noch Worten eine Handbreit übrig. Am ganzen Leibe zitternd, bleich wie ein Toter im Sarge, lehnten sie sich an die Wand und konnten kaum stehen. Sie hatten beide dem schönen Wetter zu Ehren ihren Lieblingsputz angezogen, ein Kleid, nach ihrer eignen Idee in einem so sinnreichen Geschmacke als die Laube auf dem Teichdamme, aus apfelgrünen Taffet geschaffen und mit blauen Bändchen garniert; aber wie garniert? – Jede männliche Beschreibung davon muß notwendig zu kurz kommen; – zum Besten wißbegieriger Leserinnen will ich eine Abbildung davon auf Subskription besorgen, und wer dieses Buch liest, soll sie von mir als einem Liebhaber und Beförderer der Freien Künste in den Kauf bekommen. – Doch das Vorzüglichste nicht zu vergessen, diese sinnreiche Kleidung empfing von ihren Besitzerinnen den Namen à l'Arcadienne. Itzt war, wie leicht zu erachten, die ganze Arcadienne nebst allem Zubehör mit einer Rinde von Schlamme wie ein versteinertes Apfelblatt überzogen. Der erste empfindende Blick, nach ihrer Zurückkehr zu sich selbst, fiel auf die unglückliche Arcadienne, und der erste empfindungsvolle Ton war ein Klagelied über ihre Verunstaltung. Da es ein unwillkürlicher Ausdruck einer ebenso unwillkürlichen Empfindung war, so fiel es gerade so aus, als es in dem Munde des unbelesensten Kammermädchens ausgefallen sein würde. Nachdem dieser größere Schmerz verdaut war und sie wieder Meister von sich selbst wurden, so fand sich ein geringrer ein. Es stiegen verschiedene Bedenklichkeiten über ihre kurz vorhergegangene Situation in ihnen auf. Es fiel ihnen bei, daß sie in einer höchst unanständigen, unzüchtigen Lage könnten hingeworfen worden sein – daß Mannspersonen sie in dieser Stellung herausgezogen und vielleicht gar, was sie in der Betäubung nicht hätten verhüten können – hier fuhren sie zusammen, als ihre Gedanken so weit kamen, und wollten hinter dem Fächer sich sittsam verstecken, da sie ihn zu ihrem Leidwesen vermißten. Ihrer Scham war weiter nichts übrig als – sie kehrten das Gesichte zur Wand und baten, daß jede männliche Kreatur sie verlassen und ihnen eine weibliche Bedienung zugeschickt werden möchte, um sie in ein Zimmer zu führen. Man ging und machte Anstalten. Indem – 30. »Ha, ha, ha, ha, ha, ha,« – so trat der Herr Hauptmann V++ mit lautem Gelächter zum Tore herein, nachdem er eine kleine Weile über die Erscheinung gestutzt hatte. »Ha, ha, ha, ha«, rief er, »seid ihr auf dem Schlamme zu Schiffe gegangen? ha, ha, ha, einen Staubmantel über die Arcadienne gezogen! ha, ha, ha – « etc. etc. etc. Mitten unter diesen Konvilsionen des Gehirns und der Lunge wurde er die Trümmern seiner Kutsche gewahr. »Was?« schrie er mit der wildesten Miene und fluchte in so originalen Ausdrücken, daß meine Kopie davon nicht die Hälfte der Wirkung tun würde – »Was? – Mein Wagen ist zerbrochen! Wo ist der Kutscher? – Die Pferde haben doch keinen Schaden genommen? – Wo ist der –? Ich will ihn zerschlagen, daß kein Gebein am ganzen Leibe davonkommen soll.« Auf diesen Lärm kam Selmann mit zitternder Besorgnis für das Leben des Postillions herzugeeilt, um durch seine Vorbitte wenigstens etwas von dem armen Unschuldigen zu retten. Mittlerweile war auch der Delinquent herbeigekrochen, hatte von hinten zu den Rockzipfel mit der einen Hand und mit der andern die Hand seines wütenden Herrn erwischt und küßte beides in der demütigsten Stellung, ohne ein Wort zu sagen, welches, dem Herkommen gemäß, das einzige Mittel war, ungestraft jeden Fehler begangen zu haben. Zum Zeichen, daß seine Reue für gültig erkannt wurde oder vielmehr damit der strafenden Gerechtigkeit von der Güte und Nachsicht nicht alles vergeben würde, bekam er zween leichte Hiebe mit dem spanischen Rohre auf den alten Rücken und mit einem »Geh zum T..., du alte B..!« seine völlige Absolution. Hierauf umarmte der Hauptmann den Wirt, so beruhigt, als wenn er niemals gezürnt hätte, bat um Vergebung wegen des Getöses, das zur Aufrechthaltung seines Ansehns unvermeidlich gewesen wäre, und tat verschiedene andre Sachen, die jedermann ohne mein Zutun sich selbst denken kann. Sie gingen in ein Zimmer. Der Hauptmann perorierte, und Selmann war durch den Anblick der vorher erzählten Wut und der so geschwind erfolgten Beruhigung mit seinen Gedanken auf den Weg einer psychologischen Spekulation geraten, welchem er stillschweigend nachging und deswegen nur halbgegenwärtig auf Fragen antwortete und verneinende oder bejahende Sätze meistens ohne Beifall und Widerspruch vor dem Ohre vorübergehn ließ. »Es ist heute warm wie in der Hölle«, sagte der Hauptmann, als er über die Schwelle ins Zimmer schritt, und keuchte dazu. »Ja, sehr warm!« antwortete Selmann mit träumenden Tone. »Die Felder müssen verschmachten. Das wird eine schöne Ernte werden!« »– – – – – – – Vor dem Jahre ersoff alles, und dies Jahr verbrennt's.« »Leicht möglich!« »Da kann unser Gesindel wieder betteln gehn.« »– – – – – – – – – – – – – – – –« »Wie geht's bei Ihnen? Sind Sie glücklich dies Jahr?« »Sehr! Noch gestern bin ich so glücklich gewesen, einen jungen Menschen zu finden, der mir die größten Erwartungen gibt. Ein Mensch, der ganz original ist vom Kopfe bis auf die Füße.« Der Hauptmann stutzte. Selmann klingelte. Ein Bedienter trat herein und erhielt Befehl, unsern Tobias zu rufen. »Ach«, rief jener, als er ihn erblickte, »das ist ja der Vogel, den ich aus meinem Hause habe fliegen lassen. – Bist du hier Flügelmann unter der Leibgarde?« »Essen und Trinken ist genug da«, sagte Tobias trocken und ging zur Türe hinaus. Sein Patron sahe ihm mit einem gefälligen Lächeln nach, und der Hauptmann nahm eine Prise. So ernsthaft kann keine spanische Friedensunterhandlung sein als ein Gespräch zwischen zween Leuten, worunter einer denkt und der andre nicht denken kann . Der Hauptmann, dessen lustige Laune sonst die einzige im Lande und vielleicht auch die einzige in Europa war, redte itzt mit einer so trocknen Ernsthaftigkeit als ein Chineser. Außerdem hatte ihn auch das Vorurteil zum Besten, das alle Söhne Adams von Morgen bis zum Abend zur Kurzweile gebraucht. Der Ton der Unterhaltung wird von dem Vorurteile nach der ersten Vorstellung gestimmt, die sich ein Mensch von dem andern gemacht hat. Wer zum ersten Male mit einer ernsthaften, denkenden Larve erschienen ist, über dessen Einfälle lacht schwerlich jemand, und wenn er sie in einem Polichinellskleide hersagte. Hingegen wer sich gleich zu Anfange der Bekanntschaft in einer Harlekinskrause gezeigt hat, über den lacht jedermann – ich glaube, wenn er gleich Basedows »Sittenlehre für alle Stände« hersagte. Das sonderbarste ist, daß in beiden Fällen die Sache ganz mechanisch ohne Vorsatz und Willen zugeht und daß selbst, wenn wir bei näherer Bekanntschaft den Ton umstimmen müssen, noch immer ein kleiner mechanischer Widerhall von dem ersten sich dazwischendrängt. Der Hauptmann hatte Selmannen das erstemal in seiner größten spekulativen Laune gesehn; und nun, wenn dieser gleich die heftigste Anwandlung von Witz und muntrer Laune hatte, konnte der H. Hauptmann, sooft er ihn sahe, seinen Mund zu nichts weiter als höchstens zu einem ernsthaften Lächeln bringen, hätte er gleich mit einem lauten Gelächter alle seine Gläubiger bezahlen können: Es war umsonst; die Muskeln fielen von selbst in die Miene einer Nonne, die Profeß tut. Ihr lieben Mitbrüder, das heißt, ihr lieben Musensöhne! – Die erste Vorstellung, die man andern von sich gibt –! Sapienti sat. Bei der gegenwärtigen Unterredung, wo freilich Selmann so trocken war, daß sein Gesellschafter seine Laune nicht sehr an ihm schärfen konnte, suchte dieser seinen Witz am Fenster, an der Stubentüre und fand ihn nirgends; das Gespräch glimmte – und glimmte und – erlosch endlich gar. Wie war es aber anders möglich? Selmann lief die psychologischen Systeme durch und der Hauptmann alle Pferdeställe und Scheunen der ganzen umliegenden Gegend. Zween Leute, die auf so verschiednen Wegen, einer zum Nordpole, der andre nach Süden reist, können unmöglich in einem Wirtshause unterwegs zusammenkommen. Wie gesagt, die Unterredung erlosch, und zwar am Fenster. 31. »Hm!« brummte der Hauptmann – »Hm!« noch einmal und dann zum dritten Male »Hm! was für ein Don Quichotte ist das?« Selmann nahm sein Fernglas und sahe in der Richtung hin, in welcher des Hauptmanns Finger nach dem Tore zu gewiesen hatte, und erblickte – die Karikatur muß ich malen, während daß sie ihren Einzug hält. Palett und Pinsel her. Eine menschliche Gestalt, sechs Fuß und etliche Linien hoch, so gespenstermäßig mager, daß man bei etwas starkem Winde sie ohne Besorgnis nicht ansehn könnte, mit einem gelbgedörrten, knochichten Gesichte, das völlig einen umgekehrten Kegel vorstellte, woran das Kinn die Spitze ist. Aus der Mitte streckt sich eine lange, spitze, kupfrichte Nase in gerader Linie hervor, die, wenn man mathematisch genau zu Werke gehen und das ganze Gesicht von dem Kinne bis zum Anfange der Stirnhaare in zehn Teile teilen wollte, einen so großen Raum mit ihrer Grundfläche bedecken würde, daß für Mund und Kinn höchstens drei und für die Stirn 1¾ Teile übrigblieben. Die großen hervorstehenden Augen, in denen auf dem Weißen der Stern wie ein kleiner Punkt zu schwimmen scheint, funkeln an den beiden Seiten der Nase mit mattem Schimmer, gleich einem Paar Sternen in der Morgendämmerung über einem hohen Gebürge, und die Augenbraunen hat die Natur aus großer Eilfertigkeit gar vergessen. Der weite Mund zieht sich in einer krummen Linie nach der rechten Seite herunter und zeigt durch seine beständige Eröffnung zwo Reihen gelber Zähne, die bei näherer Bekanntschaft es deutlich zu verstehen geben, daß der Scharbock an ihnen sich bald in Fäulnis verwandlen wird. Um diesen rictus – was kann ich dafür, ihr guten Unlateinischen, daß ihr unsre Muttersprache mit keinem deutschen Worte versorgt habt? –, um diesen rictus über die ausgeschweiften Backen hin bis an die herabhängenden Ohren steht ein Bart! – o ein Bart! gilbicht mit silbernen Spitzen, in einem Alter von wenigstens acht Tagen. Dieser Hogarthische Kopf steckt in einer pechschwarzen Haarbeutelperucke, woran jedoch vom Haarbeutel wie von einer alten Kirchenfahne nur noch unkenntliche Fragmente hängen, und unter einem breiten Hute, dessen Ecken wie ein paar Dachrinnen an beiden Seiten hervorragen, einem Hute, der Regen und Sonne trotzen kann, ohne das geringste von seinem Kolorite zu verlieren. Der übrige Teil der Figur ist in einen Mantel, Rokelor, Ridingcoat oder wie man es etwa nennen möchte – denn sein Geschlecht ist so zweideutig, daß der gelehrteste französische Kenner es nie würde bestimmen können –, also lieber in eine mantelähnliche Kleidung von blaugewesenem Tuche eingewindelt, an dem Ratten und Mäuse hin und wieder und der Zahn der Zeit überall ganz unbarmherzig genagt hat; und, das Porträt zu vollenden, diese ganze Gestalt verliert sich nach unten zu in ein paar brauntuchne Kamaschen, worinne ein paar Gerippe verwahrt werden, die unter diesem Leibe die Stelle der Beine vertreten und unter jedem andern ihre Dienste nicht eine Minute tun würden. Das Ganze zusammengenommen wird von einem Gaule getragen, der als Enkel von dem Blackberry des Dr. Primmrosen abstammt. Ein Schweißfuchs ohne Schwanz, ohne Schaberacke, mit den Hinterfüßen steif, so mager, wie sein Reuter, auf dem rechten Auge blind – und mit mancherlei Übeln behaftet, die ein unwissender Gelehrter kaum den Namen nach kennt und der Herr Hauptmann V++ ihm schon in der Ferne ansah. Diese zwo Figuren denke man sich als Reuter und Pferd miteinander vereinigt, dazu den Reuter mit so niederhängendem Kopfe, der bei jedem Auftritte des Pferdes von einer Schulter zur andern fällt, als wenn er nur durch einen schwachen Bindfaden mit dem übrigen Leibe verbunden wäre, krummgebückt, vor sich hinsehend – und alsdann muß das ganze Bild in dem Kopfe eines jeden, wie auf Leinwand gemalt, stehen, oder ich oder seine Einbildungskraft wissen mit dem Pinsel schlecht umzugehen. Kein Wunder war es, daß der H. Hauptmann bei Erscheinung dieser Rittergestalt mit allen Kräften seines Leibes lachte. Neben dem Pferde her, in einer schüchternen Entfernung, schlich der Gastwirt aus dem Dorfe. Kaum hatte Selmann diesen erkannt, als sich seine ganze Miene aufheiterte. »Was wett ich«, sagte er, »das ist der Mann, von dem mir mein Gastwirt so seltsame Sachen erzählt hat. Hören Sie! das ist ein Originalkopf!« »Ja, das merk ich«, antwortete der Hauptmann und hielt sich beide Seiten. Indem Selmann nach der Klingel gehn wollte, um Befehl zu geben, daß man ihn sogleich, wie er da wäre, das Pferd ausgenommen, in das Zimmer führen sollte, trug sich ein Zufall mit dem langsam daherkommenden Ritter zu, der ihn noch einen Augenblick am Fenster zurückhielt. Hatte das Pferd einen ebenso grillenhaften Originalkopf wie sein Besitzer? Oder hatte es die sehr natürliche Grille eines hungrigen Pferdes, wenn es in der Nähe eines Stalles ist? Oder – genug die Ursache bleibt unergründet – aber die Sache selbst war diese: Sowenig seine Gestalt vermuten ließ, daß es öftern Anfällen von heftigen Leidenschaften ausgesetzt sein möchte, so wurde es doch auf einmal mitten im Hofe so verschiedner Meinung mit seinem Herrn, daß es mit aller Gewalt den Weg nach der linken Seite zu nehmen wollte, obgleich der gerade Weg zum Wohnhause rechter Hand führte. Der Reuter demonstrierte ihm durch ein paar Rippenstöße und einen sehr nachdrücklichen Zug an dem Zügel, höchst begreiflich, daß es in einen groben Irrtum verfallen wäre. Das Pferd bestund auf seiner Meinung; der Reuter machte noch einen Versuch, es eines Bessern zu belehren; allein da seine Hartnäckigkeit aller Überzeugung widerstund und er doch, ohne der Wahrheit zu nahe zu treten, kein Haarbreit von seiner Meinung abgehn konnte, so ergriff er die klügste Partie, die ein Bekehrer wählen kann – er setzte ab, welches das Pferd sehr willig verstattete, ließ es mitten im Hofe stehen und ging auf dem geraden Wege nach dem Hause zu. Der Gastwirt war schon voran. Ein Bedienter, dem der letztre die Ursache seiner Ankunft zu melden aufgetragen hatte, trat in das Zimmer und bestätigte Selmanns Vermutung. Er befahl, den Fremden sogleich hereinzuführen, der sich lange weigerte und um nichts als sein Taschenbuch bat, das Selmann abends vorher zu sich genommen hatte. Endlich kam er, und der Hauptmann besuchte den Kutscher im Pferdestalle. Die erste Frage, die Selmann an ihn tat, betraf sein letztes Abenteuer im Gasthofe. » Warum zitterten, warum schrien Sie?« fragte er. Lange besann sich jener – der ehrliche Mann muß doch einen Namen haben; er heiße also, in Ermanglung seines wahren, Stesichorographus  –, lange besann sich Stesichorographus, legte das Kinn auf die linke Hand und klemmte die Nasenspitze zwischen die zween ersten Finger der Rechten, rieb an der Stirne, grunzte, druckte beide Backen mit der linken Hand zusammen – und wenn er sich obendrein auf den Dreifuß des Apollo gesetzt hätte – ich glaube, es wäre umsonst gewesen. Er konnte sich schlechterdings nicht besinnen, wen und was Selmann meinte. Endlich – schlug er mit der geballten Faust an die Stirn, und – nun wußt er's. »Wie könnt es anders sein?« schrie er mit hohlem keuchendem Tone. »Die Boshafte wagte es sogar, mich anzugreifen. Wollte der Himmel, dies ganze widerwärtige Geschlecht hätte nur einen Kopf, daß ich's mit einem Streiche aus der Welt schaffen könnte.« »Das schöne Geschlecht?« »Das schöne? – Sagen Sie, das häßlichste, das abscheulichste, das auf einem Planeten anzutreffen ist! Meine ganze Natur gerät in Aufruhr, wenn ich nur ein Geschöpf von fern sehe, das dazu gehört; und bedenken Sie nur! ich saß damals ganz ruhig in dem Wirtshause,« so kömmt auf einmal ein solches Ungeheuer auf mich zugerennt; ich flüchte, aber sie setzt mir nach – ich bin niemals in so einer Angst gewesen – ich zitterte am ganzen Leibe – ich schwitzte – ich war nicht bei mir vor Entsetzen. – Keinen Augenblick konnte ich länger im Hause bleiben. Um Mitternacht sattelte ich mein Pferd und ritt fort.« »Und wie konnten Sie sich heute wieder in das Haus wagen?« »Aus Liebe zu meinem Taschenbuche, das ich in der Eilfertigkeit vergessen hatte. Ich vermißte es gleich den Morgen darauf. Ich ging lange mit mir zu Rate. Ich konnte mich nicht entschließen, wieder dahin zu gehn, bis heute; länger könnt ich's nicht entbehren. Es enthält meinen ganzen Reichtum.« In dem Augenblicke versammelten sich eine Menge Ursachen in Selmanns Kopfe, die alle diesen Frauenzimmerhaß bei dem Herrn Stesichorographus bewirkt haben wollten: Er ist in der Liebe unglücklich gewesen, sagte eine; Frauenzimmer haben ihn durch das Spiel zugrunde gerichtet, rief eine andre; eine dritte: Er ist durch venerische Ausschweifungen um seine Gesundheit gekommen; nein, fiel eine vierte ins Wort, das zu denken ist wider die Menschenliebe. Es ist natürlicher Instinkt. Sie logen alle, wie sich gleich zeigen wird. »Wie ist aber diese Abneigung, dieser Haß bei Ihnen entstanden?« fragte ihn Selmann. »Wodurch er bei jedem rechtschaffnen Manne entstehen sollte – aus dem Anblicke ihrer Torheiten. Haben Sie noch eine gesehn, die nicht vom Morgen bis zum Abend so viele Torheiten als Schritte tat? Sie denken nicht; sie handeln nicht; was Vorurteil und Eigensinn ihnen eingeben, das tun sie, so mechanisch als mein Pferd. Sie sind Kinder bis ins Grab; und unmöglich können sie ein Werk der Natur sein, oder sie hat sie in der Laune gemacht, in welcher sie Skorpione und Taranteln hervorbrachte. Eitelkeit, dummer Stolz, Spottsucht, unwissende Selbstklugheit, Üppigkeit, Geilheit, das sind die gewöhnlichen Ingredienzen zu ihrem Charakter. Kann ein denkender, vernünftiger, weiser Mann ein solches undenkendes, unvernünftiges, niedriges Geschlecht lieben, nur dulden? Muß er es nicht verachten, hassen, fliehen?« Der Schweiß brach ihm aus, so hatte ihn diese Lobrede erhitzt. »Ist denn dieser Haß von Ihren ersten Jahren an gewesen?« erkundigte sich Selmann weiter. »So lang ich existiere, im Mutterleibe schon«, sagte er und warf sich schnaubend in einen Stuhl. Mit Erlaubnis des Herrn Stesichorographus, daß ich die Sache ein wenig besser wissen darf! Der terminus a quo war höchst unrichtig angegeben und nur halbrichtig die Ursache. Ich weiß es zuverlässig, daß bis in sein fünfundzwanzigstes Jahr das schöne Geschlecht ihm nicht den zehnten Teil so häßlich und hassenswürdig geschienen hat. In seinem neunten hat er noch seine Schwester geküßt, als sie den Neujahrwunsch lobte, den er ihr zu Ehren verfertigt hatte. Der Grund zu seinem Hasse wurde in den ersten Jahren gelegt. Seine Sonderbarheiten, die an Leib und Seele von Kindheit auf sich bei ihm offenbarten, reizten die Lachbegierde der Frauenzimmer. Jede spottete über ihn; er war empfindlich, und bei dem geringsten mißfälligen Worte ließ er die lächerlichsten Äußerungen des Zornes merken. Man lachte noch mehr und jagte ihn in den Zorn, um über ihn zu lachen. Freilich waren es nicht die verehrungswürdigsten ihres Geschlechtes, die ihn so grausam behandelten; allein bei einer so lebhaften Empfindung des Lächerlichen, wie Frauenzimmer haben, wäre es einem weiblichen Cato unmöglich gewesen, den Herrn Stesichorographus handeln zu sehn und nicht zu lachen. Um ihrem Spotte zu entgehen, floh er sie. Sein unbeschränkter Ehrgeiz und die grenzenloseste Ruhmsucht zwangen ihn, seine reifern Jahre ganz in der Einsamkeit bei Büchern zuzubringen; er studierte sich krank und studierte immer fort, bis zuletzt der ganze Stesichorographus in Hypochonder sich verwandelte und gewiß in dem ganzen hypochondrischen gelehrten Europa nach dem Magister Bernd Der bekanntermaßen sein hypochondrisches mühseliges Leben mit eigner Hand, für den Menschenkenner oft lehrreich, aber großenteils mit einer so ermüdenden Weitläuftigkeit beschrieben hat, daß es schwer ist, sich nicht einen Teil seiner Krankheit zuzuziehen, wenn man ihn liest. den zweiten Rang behaupten konnte, wo er nicht gar jenem den ersten streitig machte. Alle seine ehemaligen Sonderbarheiten, die mit der Ebbe und Flut seiner Säfte sonst abwechselten, setzten sich nunmehr fest; die ehmals am häufigsten wiedergekommnen Grillen wuchsen als Grundsätze in seiner Seele an; die ehmaligen widrigen Empfindungen wurden zu habituellen Leidenschaften, und die ganze bösartige Materie seines unglücklichen Körpers warf sich auf den Teil, wo sein Zorn über die Beleidigungen des weiblichen Geschlechts lag. Er sah die Torheiten dieses Geschlechts, empfand sie vielleicht bisweilen und sah und empfand sie allzeit unter einem Vergrößerungsglase. Alle die gewaltsamen Wirkungen, die der Anblick eines Frauenzimmers in ihm verursachte, mochten anfangs gemeinschaftliche Wirkungen seines Hasses und der Einbildung sein; mit der Zeit wurden sie durch die Assoziation der Ideen und der Empfindungen, die bei beiden in Hypochondristen ungemein lebhaft und daurend ist, zu nie ausbleibenden körperlichen Gefühlen, die nichts als eine noch stärkere sinnliche Empfindung oder eine heftige Leidenschaft hinderte, welches bei ihm Ehrgeiz und Lobsucht war. Selmann, der weder an Verachtung noch Haß gegen den Menschen überhaupt und ebensowenig insonderheit gegen das andre Geschlecht krank lag, sondern Torheiten und Gebrechen an dem Menschen scharfsichtig bemerkte, um immer nachsichtiger gegen sie zu werden, kurz, der so sehr ein mitleidiger Menschenfreund als Stesichorographus ein strenger Misanthrop war – Selmann, sage ich, wurde durch die rohe Deklamation dieses Mannes ein wenig beleidigt, wie ein Mann von seiner Art es werden kann, das heißt, er wurde aus der ruhigen Fassung, mit welcher er dies Original beobachten wollte, herausgerissen und unvermerkt in Feuer für die gerechte Sache gesetzt. »Die Frauenzimmer«, sagte er in seiner Schutzrede für das andre Geschlecht, »sind durch die Anlage ihrer Körper und ihrer Seelen einer größern Gefahr der Torheit ausgesetzt als wir; aber man leite sie recht, so wird sie ebendieselbe Anlage auch zu viel größern Vollkommenheiten fähig machen. Sie bleiben Kinder bis ins Grab, sagen Sie – ja in einem gewissen Verstande; sie bleiben beständig, wie Kinder, geschmeidig, lassen sich noch immer biegen, wenn man uns schon nicht mehr bewegen kann; bei allen Torheiten, zu welchen sie Erziehung und Mode zwingen, sind sie so demütig, zu gestehen, daß es Torheiten sind; und also besteht der ganze Unterschied zwischen uns und ihnen darinnen – sie begehen Torheiten und geben es dafür aus; wir begehen Torheiten und nennen es Weisheit. Sie sind die Zierde ...« 32. Fräulein Kunigunde trat bei diesen Worten mit einem Papiere in der Hand zur Türe herein, wie die Göttin des Friedens in ein weißes Negligé gekleidet, das ein Kurier zu Pferde hatte holen müssen; und Selmann trat bei ihrem Eintritte vom Rednerstuhle ab, um sie zu bekomplimentieren. Stesichorographus rieb sich noch immer die Stirne, wie ein Mann, der widerlegt wird und gern allein Recht hat, und machte bei ihrer Erblickung Anstalten zur Flucht, als die Nymphe ihren schönen Mund öffnete und, indem sie Selmannen das Papier vorhielt, entzückt hinzusetzte: »Sagen Sie mir, was für ein göttliches Genie hat diese Schrift hervorgebracht! Nie hätte ich in dem schmutzigen Taschenbuche, das Sie mir gegeben haben, solche englische Sachen gesucht.« Stesichorographus, der seinen ganzen Körper schon in eine fliehende Positur gesetzt hatte, zog bedächtlich den linken Fuß wieder zurück, als er dieses hörte. Niemanden als ihm konnte nach seiner Voraussetzung ein Taschenbuch zugehören, worinne göttliche Schriften und englische Sachen sind; er sahe daher die Frage der Fräulein als ein an ihn in gerader Linie abgezieltes Kompliment an, und seine Augen, die sich vorher aus Ärger über Selmanns Widerlegung gute drei Linien weit zurückgezogen hatten, traten auf einmal in ihrem völligen trüben Glanze wieder hervor und drehten sich mit einer so freundlichen Behendigkeit herum, daß ihnen nichts als die Sprache fehlte, um laut zu sagen: »Hier ist das göttliche Genie!« Als Selmanns Finger noch unterweges war, um zur Beantwortung jener Frage auf den Stesichorographus zu zeigen, so näherte sich dieser schon und sagte: »Man muß ebensosehr ein göttliches Genie sein; um schöne Sachen schön zu finden, als um sie hervorzubringen.« Die schöne Kunstrichterin beantwortete dieses Kompliment mit einer Verbeugung, ohne die geheime Absicht des Mannes zu erraten, nach welcher sie es nur bekam, um ihn mit einem desto größern zu überbieten. Während der Zeit war Selmanns Finger in die Lage gekommen, in welcher er deutlich auf den großen Stesichorographus wies, und itzt setzte jener hinzu: »Dies ist das göttliche Genie!« Fräulein Kunigunde ließ die Hand mit dem Papiere sinken und fuhr zween Schritte zurück. – »Sind Sie es?« rief sie voller Erstaunen und übersah seine Figur vom Wirbel bis auf die Fußzehe. Eine solche Frage, mit einer solchen Gestikulation ausgesprochen, kann jeder ohne große Geschicklichkeit erklären; sie bedeutete vermutlich: Ein solcher Mann kann solche Sachen schreiben. Doch des Herrn Stesichorographus Eigenliebe legte sie nach ihrer Hermeneutik also aus: »Sind Sie der Verfasser davon, Sie , der große, so allgemein bewunderte Mann? Ja, da ist es kein Wunder, daß die Schrift schön ist!« – Auf eine solche Frage gehörte sich, nach allen Regeln der Eigenliebe von der Wohlanständigkeit, eine sehr demütige Antwort, die von der Fräulein Kunigunde erstlich sehr höflich widerlegt und dann mit einer umständlichen Lobrede auf die Bescheidenheit dieses so großen Mannes erwidert werden mußte. Demzufolge war seine Antwort: »Alle diese Sachen, die Sie göttlich zu nennen belieben, würden dieses Namens und Ihres Lobes viel würdiger sein, wenn der Verfasser so wie an andre Schriften die letzte Hand hätte legen können. Eben daher wünschte ich, daß sie nie von Ihnen gesehen worden wären. Sie sind Ihrer und meiner nicht würdig. Man muß nichts als reife Früchte an das Licht bringen, das wissen Sie.« Dieses letzte Wort sprach die Eigenliebe der Fräulein mit einem Akzente aus, den Stesichorographus nicht daraufgelegt hatte. Das wissen Sie , das heißt, deren Witz nichts als reife Früchte trägt. Natürlicherweise dachte sie dabei an ihre eignen Verschen und fragte also: »Ist etwas von meiner Arbeit so glücklich gewesen, von Ihnen gesehen zu werden?« Da zwischen den Worten des Stesichorographus, wie er sie verstanden wissen wollte, und dieser Frage kein deutlicher Zusammenhang war, so hustete er ein wenig, um die Verbindung der Ideen aufzusuchen. »Je«, zischelte ihm die immerfertige Ratgeberin, die Eigenliebe, zu, »dies Frauenzimmer ist eine Mitarbeiterin an einem kritischen Journale, wo du letzthin gelobt worden bist.« Nun war der ganze Zusammenhang helle. Er hustete noch einmal und sagte mit einer dankbaren Verbeugung: »Ich habe genug gesehn, um völlig zu empfinden, wieviel Ihr Lob wert ist.« »Ei, Sie haben etwas gesehn?« rief Fräulein Kunigunde ganz außer sich und fuhr fort, sehr vieles Nachteilige von ihrer Muse zu erzählen, welches der andre in Ansehung der seinigen auch nicht zu tun ermangelte – kurz, das ganze Gespräch war so demütig auf beiden Seiten, daß es die Bescheidenheit unter einer doppelten Verkleidung mit sich selbst zu führen schien, da es doch eigentlich der Stolz unter der Larve der Bescheidenheit war, wobei neben einem jeden von den Sprechenden die Eigenliebe mit ihrem großen Wörterbuche stund und ihm allzeit eine solche Bedeutung der Worte des andern darinne aufschlug, daß ein Lobspruch auf ihn herauskam. Dieses war der wichtige Zeitpunkt, wo der große Stesichorographus mit dem schönen Geschlechte wieder ausgesöhnt wurde, aufrichtig bereute, daß er bisher so falsche Begriffe von ihm gehabt hätte, und gestund, daß es das verehrungswürdigste nach dem männlichen sein würde, wenn es aus lauter Kunigunden bestünde. Selmann machte dabei im stillen die Anmerkung: Wir loben in andern uns selbst; wir gefallen uns in andern und glauben steif und fest, daß sie es sind. 33. Fräulein Adelheid hatte indessen unsern Tobias aufgesucht, um ihm für die erwiesnen Dienste zu danken, und indem Stesichorographus den allgemeinen Landfrieden zwischen sich und dem weiblichen Geschlechte unterzeichnete, steckte sie den Kopf zur Türe herein, um auszuspüren, ob der Hauptmann zugegen wäre. Da sie ihn nicht gewahr wurde und daher schloß, daß er von seiner sentimentalischen Reise durch die Pferdeställe noch nicht zurückgekommen sein müsse, so wagte sie sich mit ihrer ganzen Person in das Zimmer und zog den guten Tobias mit aller Gewalt hinter sich drein, in der Absicht, ihm auch zu dem Danke ihrer Schwester zu verhelfen. Alle Glieder an Kunigundens Leibe waren durch die vorhergehende Szene mit dem Stesichorographus bis auf das kleinste Nervengefäßchen in Zitterung gesetzt worden und also gerade in der besten Verfassung, einen feurigen Dank abzustatten. Auch geriet wirklich ihre Danksagung so hochtönend, daß sie eine Königstochter, wenn sie durch einen höflichen Ritter von Riesen und Zwergen befreit worden ist, nicht eine Sekunde höher anstimmen kann. Tobias, der noch niemals aus so einem erhabnen Tone hatte danken hören und auch die Größe seiner Verdienste um die beiden Fräulein nicht sonderlich mehr empfand, stutzte anfangs ein wenig und versicherte alsdann offenherzig, daß er anfangs nicht gewußt hätte, wem er den Dienst erzeigte, und daß er jedem Menschen ein Gleiches getan haben würde. Darauf wurde er Selmannen auf das angelegentlichste empfohlen, der auch sogleich versprach, ihn auf das sorgfältigste selbst zu erziehen, für seinen Unterricht zu sorgen und so lange sein Vater zu sein, bis er in den Stand gesetzt wäre, sein eignes Glück zu machen. Die Fräulein boten ihm einen kleinen Zuschuß zu den Kosten seiner Erziehung an, den er unter der Bedingung annahm, daß es ihm erlaubt sein möchte, ihn durch eine Zulage von seinem eignen zu verstärken und damit die Umstände, in welchen Tobias' Eltern sich befanden, erträglicher zu machen, wodurch Leute von ihrer Art desto geneigter gemacht werden könnten, ihm ihren Sohn zu überlassen. Es wurde darein gewilligt und den andern Tag eine Gesandtschaft an Herrn und Frau Knaut geschickt, die mit der Nachricht zurückkam, daß sie beide höchst zufrieden wären, ihren Sohn in Selmanns Händen zu sehen, und sogar mit der größten Selbstverleugnung ihrer Elternliebe Gewalt antun und weiter gar nicht nach ihm fragen wollten, wenn sie den versprochenen Beitrag jährlich und richtig ausgezahlt bekämen. Tobias' Empfindungen hierbei? – waren Freude, und zwar meistens über die versprochne Selbstverleugnung seiner Eltern. – O ihr Eltern! seid ihr nicht Ursache, wenn eure Kinder allenthalben nur nicht bei euch gern sind? Die kindliche Liebe liegt in jedem Menschenherze so gewiß als Feuer im Kieselsteine verborgen; freilich ist in einem Kiesel mehr Feuer als im andern, aber man schlage nur mit gutem Stahle daran, und es springt, wenn auch noch so wenig darinne läge, gewiß ein Funken heraus. Wenn Tobias neulich über die häuslichen Freuden des Landmanns, bei dem er nach seiner Entfliehung einkehrte, weinen konnte, weil er sie genießen sah , so wird er um soviel mehr Gefühl haben, sie mit zugenießen – aber Frau Knaut! ja wenn du die einzige Frau Knaut in Europa wärest, so wollte ich ein feierliches Autoranathem hier über dich sprechen! Aber so müßte ich es über den größten Teil der Mütter zugleich sprechen, und diese Mütter ermangelten nicht, es zu erwidern: Nein, dafür danke ich! – Ei, ich werde ja so ernsthaft wie ein Tugendlehrer, und unsre ganze Gesellschaft sitzt doch schon lange bei Tische und lacht und schwatzt, daß man gar keine Laune haben müßte, wenn man so ernsthaft bleiben und nicht wenigstens mitlächeln wollte. Zwar, wenn sich meine Leser noch an die Anmerkung erinnern, die vor kurzem gemacht worden ist, und dabei auf eine andre fallen könnten, die ich itzt im Kopfe habe, so würden sie sich sogleich vorstellen, daß diese Munterkeit des Gesprächs nur vorübergehend sein muß. Bei keinem war sie es so sehr als bei dem Hauptmann, der, zwischen drei witzigen und einem philosophischen Kopfe, nicht wußte, was er denken und was er sagen sollte; denn witzige Leute von seiner Art sind niemals ernsthafter als bei witzigen Leuten von einer bessern Art. 34. »Was gibt's?« rief der Hauptmann erschrocken, indem er den sechsten Löffel blanc manger dem Munde nähern wollte, und legte den Löffel wieder auf den Teller. Fräulein Kunigunde fuhr, ohne zu antworten, immer fort, mit der Serviette um sich zu schlagen, und da sie der Kampf entkräftet hatte, verbarg sie sich hinter ihrer geliebten Adelheid, die voller Besorgnis sie ansah und vor Furcht und Verwundrung nicht fragen konnte, was ihr fehlte. »Was gibt's?« fragte der Vater noch einmal und mit einer Gebärde, die schlechterdings Antwort verlangte oder Zorn erwarten hieß. »Eine Biene« – winselte Kunigunde. »Je, du bist nicht gescheit«, war die Antwort. »Sich vor einer Biene zu fürchten! Ich erschrak schon; ich dachte, es wäre ein Maikäfer.« »Und ich dachte gar, es wäre eine Raupe«, sagte Stesichorographus, indem er sich wieder niedersetzte und seiner pechschwarzen Parucke, die Fräulein Kunigunde unversehens durch einen Luftstreich mit der Serviette merklich aus ihrer natürlichen Lage verrückt hatte, wieder in die vorige Positur verhalf. Wie lächerlich! dachte der Hauptmann nebst seinen beiden Fräulein bei sich selbst, sich vor einer Raupe zu fürchten! Wie lächerlich! dachte Stesichorographus, sich vor einer Biene oder einem Maikäfer zu fürchten. O ihr Menschenkinder, dachte Selmann auf Veranlassung der Begebenheit, daß ihr es lächerlich findet, wenn jemand nicht auf eure Art lächerlich ist! »Warum fürchten Sie sich vor Maikäfern, Herr Hauptmann«, fragte er nach diesem innerlichen Ausrufe. »Warum? das weiß ich nicht; aber sie sind mir in den Tod zuwider. Lieber will ich einem Bataillon Kürassierer entgegenmarschieren als einem einzigen solchen abscheulichen Tiere. Die Maikäfer und die Dunkelheit sind meine beiden geschwornen Feinde auf der Welt. Bei meiner Ehre, ich bin auf so manche Kanone losmarschiert. Bei M++ mußte ich mit meiner Kompanie voranmarschieren, gerade ins Feuer hinein; die Kanonenkugeln sausten um die Ohren wie ein Bienenschwarm; ich habe mich mit so manchem Eisenfresser herumgeschossen und herumgehauen, und kein einzigesmal ist mir die Furcht ins Herz gekommen – bei meiner Ehre, ich habe mich kein einzigesmal nur mit dem kleinen Finger gefürchtet, und mordio! wenn ich fünf Minuten im Finstern sein soll, so fürchte ich mich wie ein Kind. Sagen Sie mir, beim Teufel! woher das kömmt?« »Vermutlich daher«, antwortete Selmann, »Notwendigkeit und Ehrbegierde trieben Sie an, sich in die größten Gefahren zu begeben, und allmählich kam es durch den täglichen Umgang mit den Gefahren und dadurch, daß Sie ihnen immer entkamen, so weit, daß Sie sich gar nicht mehr dafür fürchteten. Die Empfindung der Unerschrockenheit assoziierte sich mit der Idee dieser Gefahr und wird mit ihr assoziiert bleiben, solange Sie leben. Aber diese Assoziation ist nur auf diese einzige Art der Gefahr, von welcher Sie vorher sagten, eingeschränkt. Mit der Idee der Dunkelheit hingegen mag durch die Erzählungen ihrer Kinderfrauen, durch öfteres Erschrecken im Finstern und durch ähnliche Ursachen die Empfindung der Furcht verbunden worden sein, und diese Verbindung begleitet Sie gewiß bis ins Grab, da sie bis in diese Jahre gedauert hat. Mit den ...« »Ja aber«, unterbrach ihn der Hauptmann gähnend, »wie geht es nur zu, daß ich mich vor dem einem fürchte und vor dem andern nicht?« Nichts war imstande, Selmannen aus seiner Fassung zu bringen als der einzige Fall – wenn er durch eine lange und scharfsinnige Erklärung den Verstand des andern zu erleuchten gedacht hatte und der andre doch unmittelbar darauf eine Frage an ihn tat, die zu erkennen gab, daß seine Erklärung nicht soviel Licht in seinen Kopf geworfen hatte, als zu einer angehenden Dämmerung nötig ist. Eine solche Frage war für ihn so gut als ein Schlag mit einer Keule auf den Hirnschädel. Er saß da, sah den andern an und schwieg wie ein Kandidat, der eine Frage beantworten soll, auf welche er keine Antwort gelernt hat. Mittlerweile war Stesichorographus in Umstände geraten, die ihm seinen völligen Untergang zu prophezeien schienen. Sein Appetit war durch die guten und für ihn ganz fremden Speisen mehr als gewöhnlich gereizt worden, und dieser Reiz wirkte so stark auf Zunge, Zähne und Hände, daß diese letztern unaufhörlich jenen etwas zuführten, und da natürlicherweise die Hände hurtiger zuführen, als die Zähne kauen konnten, so mußten sich diese übereilen und ließen das empfangne oft ungekaut in den Magenhals sich hinunterdrängen. Bei dieser Eilfertigkeit war es unvermeidlich, sich nicht oft zu verschlucken; doch sooft auch dieses vorfiel, so war doch dergleichen Unfällen durch einen Schluck Wasser oder Wein sehr bald abgeholfen. Aber bei dem Nachtische legte ihm seine Nachbarin, Fräulein Kunigunde, mit einer Vorsorge, als kaum eine Muse für den guten Stesichorographus hätte tragen können, eine trockne Feige von ihrem eignen Vorrate vor, weil sie keine Liebhaberin von getrockneten Feigen war. Ihr Liebling ergriff sie so begierig wie der Drache zu Babel Daniels Pechkuchen, um sie in zwei Portionen zu verschlingen. Ein fataler Kern mußte den gebahnten Weg verlassen und in die Irre geraten sein – genug, Stesichorographus wurde blau im Gesichte, fing an sich zu räuspern, riß die Halsbinde auf, sprang auf und ging, nachdem er einen rachsüchtigen Blick auf Kunigunden geworfen hatte, hustend zur Türe hinaus. Selmann schickte ihm nach, und man brachte den Bericht zurück, daß der unglückliche Kern seinen Weg in den Magen und Stesichorographus den seinigen zur Treppe hinunter genommen habe, mit einer sehr deutlichen Erklärung, daß er Kunigunden und dies Haus nebst dem ganzen weiblichen Geschlechte von Herzen verwünsche und der ganzen Gesellschaft soviel böse Wünsche zurücklasse, als er in der Geschwindigkeit hätte aufbringen können. Anbei habe er zu erkennen gegeben, daß er sein Pferd satteln und augenblicklich aus diesen verhaßten Mauern entfliehen wolle, wo sein teures Leben in eine so große Gefahr gesetzt worden wäre. Der Hauptmann lachte herzlich über seine plötzliche Entschließung und schickte ihm statt des Zehrpfennigs den christlichen Wunsch nach, daß er glücklich reisen möchte, um in dem nächsten Graben den Hals zu brechen. Seine beiden Fräulein überlief zwar bei diesem barbarischen Wunsche ein kleiner Schauer, aber Stesichorographus war doch in ihren Augen nicht zur Hälfte der große Mann mehr, der er vor Tische gewesen war. Kunigunde, da sie vollends seinen Friedensbruch mit ihrem Geschlechte vernommen hatte und dabei bedachte, daß sie die Veranlassung dazu gewesen war, fand augenblicklich in den Versen, die sie vorhin voller Entzückung göttlich und englisch nannte, soviel Mittelmäßiges, soviel Schlechtes, daß sie voll Mißfallen den Stuhl nicht einmal neben sich leiden konnte, worauf ihr Urheber gesessen hatte. Selmann hingegen, der seinem Beobachtungsgeiste bei dem Aufenthalte dieses sonderbaren Mannes in seinem Hause ein tägliches Fest versprochen hatte, bedauerte es ungemein, daß ein nichtswürdiger Feigenkern ihn um alle seine erwarteten Freuden gebracht hatte. Ohne den Mann wegen seiner ungesitteten Aufführung nur mit einem Gedanken zu hassen oder ihn gar nach des Hauptmanns unmaßgeblichem Rate von dem Kutscher aus dem Hofe peitschen zu lassen, sann er eine Menge Entschuldigungen aus, die das Beleidigende in seinem Betragen so sehr verringerten, daß es ganz aufhörte beleidigend zu scheinen. Er sagte viele des Antonins würdige Sachen über die Beleidigungen und behauptete am Ende gar, daß für einen weisen Mann keine Beleidigungen auf der Welt wären. »Mordio!« fuhr der Hauptmann auf, »keine Beleidigungen auf der Welt? Also kann jeder Schurke meine Ehre angreifen, und wenn ich dadurch beleidigt werde, so bin ich ein Narr? Man sieht's, daß Ihr Vater erst gelernt hat, was die Ehre eines Edelmanns ist.« »Nichts weniger als das habe ich« – »Element! wenn ich daran denke, wie oft ich in meinem Leben auf die Art ein Narr gewesen bin! – Ein Narr wäre ich gewesen, wenn ich wie ein Schaf alles gelitten hätte, wissen Sie's! Da vor zwölf Jahren in öffentlicher Gesellschaft mir ein lumpichter Doktor auf den Fuß trat und ich ihm dafür ein paar Ohrfeigen gab, war ich da auch ein Narr? He? – oder da vor neun Jahren an Lichtmeß ein Schurke, ein bürgerlicher Leutenant, mir in der Kirche so steif ins Gesicht sah, als wenn ich ein Meerwunder gewesen wäre, und ich ihm hernach des Abends darauf auf der Gasse, als wir einander begegneten, mein spanisches Rohr auf dem Rücken entzweischlug; war ich da auch ein Narr?« »Erlauben Sie sich doch« – »Mordio! mir steigt das Herz in die Gurgel, wenn ich daran denke. Für einen weisen Mann sind keine Beleidigungen; also sind alle, die beleidigt werden und es ahnden – Narren? – Herr, könnten Sie Ihren Adel beweisen, mein Degen wäre gleich aus der Scheide.« »Mein Ungarwein hat Ihnen sehr warm gemacht, Herr Hauptmann. Kommen Sie an die frische Luft. Ein Glas Limonade wird Sie abkühlen. Befehlen Sie etwas Cremor tartari dazu?« »Nein!« antwortete der Hauptmann trotzig. »Ein Narr bin ich, wenn ich mit Ihnen einen Tropfen trinke« – und bei diesen Worten verschluckte er ein Glas Ungarwein. Selmann ergriff ihn bei der Hand, um ihn vom Weine wegzuführen, aber er riß sie los und ging aus dem Zimmer. Selmann ging ihm nach und ging so, daß er ihm im Garten begegnen mußte. – »Wo haben Sie die Blumen her?« fragte ihn der Hauptmann mit militärischer Freundlichkeit. Selmann antwortete noch freundlicher, und nach verschiedenen Gesprächen kam die Rede auf das hitzige Verfahren des Hauptmanns. »Ich habe Sie beleidigt«, sagte der Hauptmann, »und Sie mich; wir wollen aufheben.« »Keins von beiden ist geschehn«, antwortete Selmann. »Wieso?« »Sie haben mich mißverstanden! – Wieso? Ich sagte: für einen weisen Mann, das ist, für einen Mann, der seine Leidenschaften in der Gewalt hat und die menschliche Natur kennt, für einen solchen sind keine Beleidigungen, weil er sogleich die Ursachen von dem unrechtmäßigen Verfahren des andern übersieht und dabei bedenkt, daß die meisten dieser Ursachen nicht von ihm abhingen. Ein feuriges Blut, Unwissenheit, Dummheit, mürrische Konstitution – lauter Ursachen der Beleidigungen, die vom Willen unabhängig sind! und, genau gesprochen, hat noch niemand mit Willen beleidigt. –Wer dieses und andre dahin gehörige Dinge nicht übersieht und aus irgendeiner unwillkürlichen Ursache dahingebracht wird, das üble Betragen eines andern übel aufzunehmen, der ist deswegen kein Narr, sondern er ist nur kein Weiser in jenem Verstande, kein Mann, der die menschliche Natur kennt und Herr seiner Leidenschaften ist.« Ohne diese Theorie zu billigen oder zu verwerfen oder ohne mehr als den Klang der Worte zu denken, wandte sich der Hauptmann zu dem Haushunde, der eben auf ihn zukam, und erkundigte sich nach seinen Familienumständen so genau, als wenn er ein genealogisches Handbuch davon zu schreiben gedächte. Zum Unglück war Selmann ein so schlechter Genealogist, daß ihm weiter nichts als die Existenz des Hundes bekannt war. Die Fräulein kamen alsdann dazu, mit welchen Selmann einen Spaziergang bis in die nächste Laube tat, und der Hauptmann unterhielt die Hunde, nachdem die Gesellschaft durch des Wächters Spitz vermehrt worden war. 35. Endlich ist einmal die Gesellschaft fort. Nun ist es Zeit zum secum habitare. Selmann hatte den ganzen Nachmittag über schon ein Bedürfnis darnach gespürt, und stehendes Fußes rief er nach dem Abschiede unsern Tobias und ging an seiner Seite in den Garten; denn bekanntermaßen war es für Leute, die in sich selbst zurückkehren wollten, keine sonderliche Hindernis. Tobias spielte mit einer Rute im Sande, indem er neben ihm herging. »Alles ist Idee«, fing Selmann an, »alles beruht auf der Vorstellung, spricht der weise Antonin, und er hat recht. Einer der vorzüglichsten Unterschiede zwischen Mensch und Tier ist es, das Tier wird bloß durch die sinnlichen Eindrücke bewegt, und in gegenwärtigen sinnlichen Eindrücken besteht sein Glück und Unglück, der Mensch wird außerdem noch von bloßen Ideen in Bewegung gesetzt, Ideen, von denen kein sinnliches Urbild außer seinem Verstande existiert – – Der Mensch hat eine eigne Glückseligkeit, die man die imaginarische nennen könnte, Ruhm, Ehre sind Ingredienzien davon, Ruhm und Ehre sind bloße Ideen. – Alles beruht auf der Vorstellung – ja wohl, Antonin! –, und die Vorstellung beruht im Grunde auf Sachen, die nicht in unsrer Gewalt sind – Der Begriff, den der Hauptmann von der Ehre hat, ist allmählich durch Umgang, Lektüre, wenn er jemals gelesen hat, durch seine Begebenheiten gebildet worden, und die Konstitution seines Körpers und seiner Seele war eine Vorbereitung dazu. – Wenn er obendrein nicht Begriffe und Kenntnisse genug hat, um bei meinen Worten alles das deutlich zu denken, was zu ihrem Verständnisse nötig ist und ich dabei gedacht wissen wollte, soll ich deswegen auf ihn zürnen? – auch wenn er zu einem unanständigen Bezeigen durch seine Unwissenheit hingerissen wird? Nein, gewiß nicht! – Wenn jemand wider dich fehlt, so überlege sogleich, was für einen Begriff vom Guten und Bösen er hat. Findest du ihn der Vernunft nicht gemäß, so wirst du ihn bedauern, anstatt dich zu verwundern oder wider ihn zu zürnen – – Denn entweder habe ich ebendenselben oder einen ähnlichen irrigen Begriff, und so muß ich ihm seinen Irrtum vergeben, weil ich vermutlich auch gern sehe, wenn man mir den meinigen vergibt – oder ich urteile besser und richtiger, und so kann ich ja nicht böse auf ihn sein, daß er von mir übertroffen wird – so weiß ich ja, daß seine Beleidigungen mich nicht schlimmer machen, sondern daß er in dem Augenblicke, da er mich beleidigt, schlechter ist als ich – Weil er nicht einerlei Vorstellungen mit mir im Kopfe hat, soll ich aufhören sein Bruder zu sein? Es haßt, es verachtet mich jemand, weil ich nicht bin wie er? – Er mag es verantworten! Ich bin und bleibe ich ; er kann nicht ich und ich nicht er sein. Unglücks genug für ihn, daß er dies nicht weiß und aus Unwissenheit das Gute, das an mir ist, weder zu seinem Nutzen noch Vergnügen anwendet – und jeder Mensch hat doch eine gewisse Portion Gutes – – Alle Menschen beleidigen aus Irrtum, aus Irrtum des Verstandes oder der Leidenschaft – Wenn ein Glied an dem großen Körper der menschlichen Gesellschaft zu eitern anfängt, soll ich deswegen auch ein ungesundes Glied werden? – Wenn alle Menschen denken lernten, die menschliche Natur und ihre eigne kennenlernten »Les connoissances rendent les hommes doux; la raison porte à l'humanité; il n'y a que les préjuges qui y fassent renoncer«, sagt Montesquieu. – Les connoissances! aber das Wort muß sehr cum grano salis verstanden werden, wenn nicht die Erfahrung beweisen soll, daß Montesquieu einmal etwas Falsches gesagt oder die Anmerkung nur von sich selbst abstrahiert hat; wiewohl – Doch davon ein andermal! – Die Stelle selbst ist im 15. Buche des »Esprit des loix«, in welchem – von der bürgerlichen Sklaverei! – gehandelt wird. ; wenn zwischen ihren Begierden ein glückliches Gleichgewicht wäre – oder wenn sie wenigstens bei ihren Mängeln und Gebrechen alle als ihren obersten und einzigen Grundsatz dies annähmen: Alle Menschen sind mit mir verwandt; wenn ich sie liebe, so liebe ich mich selbst – was für ein Himmelreich müßte alsdann unser Planete sein! Das ganze Leben des Menschen wäre nichts als ein immerwährendes Entzücken der Liebe – Haß, Neid, Verfolgung lebten in einer ewigen Verbannung – die ganze Welt wäre eine Republik, wo alle Bürger nach einem Gesetze leben, keiner tun muß , was er nicht soll , und jeder tun kann , was er muß – ein Staat, wo wahre politische Freiheit ist und jeder seine Handlungen dem Besten des Ganzen unterordnet – kurz, wo alle κοινωνοικοι Ungriechische Leser werden hoffentlich dieses einzige griechische Wort dem guten Manne für keine Pedanterei auslegen, da er dieses Selbstgespräch mit sich hielt und nicht in der Absicht, daß es die schöne Welt lesen sollte. Ohne Zweifel wählte er diesen stoischen Ausdruck wegen seines vielbefassenden Sinnes, welches ich itzo so sehr fühle, daß ich nicht imstande bin, ihn ohne Weitläuftigkeit zu erklären und am Ende doch nicht alles dabei zu denken zu geben, was ich dabei empfinde. sind. Über dieser Selbstbetrachtung waren sie unvermerkt zum Garten hinaus, hinter dem Dorfe weg, in ein Lindenkabinett geraten, das Selmanns längst gestorbne Schwester sehr jung gepflanzt hatte. Er ging in sich vertieft hienein und erblickte, als er stillstund, ein noch unbefiedertes Vögelchen auf dem einen Rasensitze, das von einer Linde aus dem Neste gefallen war und dem die Mutter etliche Körner mit einem zärtlichen Kopfnicken in den Schnabel steckte. Der Anblick bewegte ihn so und weckte auf einmal eine solche Menge Ideen auf Veranlassung des Ortes in seinem Kopfe auf, daß er stumm stehnblieb, während daß ein paar Tränen seine Backen herabrollten. Lange blieb er so, bis zuletzt der Vogel sich schüchtern umsah und das Junge verließ. »O mütterliche, so schwesterliche Liebe!« rief er dann aus und schlug durchdrungen mit der Rechten auf die Brust – »O Schwester, wärst du noch auf der Welt, und alle Menschen liebten sich wie wir –« Er verstummte, nahm das hülflose Vögelchen und trug es nach Hause. Dritter Band We first endure, then pity, then embrace. Pope 1. »So soll der Kutscher gleich anspannen«, rief Selmann, gab Befehl dazu, und Tobias sollte ihn begleiten. Es geschah; der Kutscher fuhr vor, und die Reise ging fort. »Weißt du«, sagte Selmann im Wagen, »zu was für einem Schauspiele wir itzt reisen? – Du warst nicht zugegen, als mir die Sache erzählt wurde – Höre sie also! – Zu einem Schauspiele reisen wir, das alle Empfindungen des Mitleids und der Menschlichkeit aufwecken und für den Beobachtungsgeist eine reiche Nahrung sein muß. – Kurz, zu einem Manne, dem Liebe und Verzweiflung den Kopf verrückt haben. Ich will dir die ganze Geschichte erzählen. Der Mann hatte sich kurz vor seiner Verheiratung in ein Frauenzimmer von vorzüglichem Stande verliebt, welches so viele Vollkommenheiten in sich vereinigte, daß es auch bei einem geringen Maße von Empfindlichkeit schwer war, sie nicht zu lieben. Sie hatte einen glänzenden Verstand, einen sanften Charakter, eine Güte des Herzens, die nichts übertraf, und überhaupt eine so feine lebhafte Empfindung, daß sie selbst vielen ihres Geschlechts ins Romanhafte zu fallen schien. Der Mann, zu dem wir reisen wollen, fühlte gleich bei ihrer ersten Erblickung einen so starken Eindruck von ihren einnehmenden Manieren, daß er sie schon liebte, ehe er noch die Vortrefflichkeiten kannte, die in ihr verborgen lagen. Seine Liebe wuchs sogleich zu einer solchen Stärke an, daß er sie ihr den nämlichen Tag gestand und um die Erlaubnis bat, ihr von Zeit zu Zeit aufzuwarten, um sie wenigstens öffentlich zu bewundern, wenn er sie nicht öffentlich lieben dürfte. Sie fand, daß sein so schnelles und feuriges Geständnis ihrem Herze nicht gleichgültig war, besonders da die dabei geäußerte Empfindung mit dem Tone der ihrigen übereinstimmte; es war ein Grad vom Romanhaften dabei. Wider seinen Stand hatte die Eitelkeit nichts und wider das Vermögen der Eigennutz sehr wenig einzuwenden; allein sie stund unter einem Vater, der in dem kleinen Reiche seiner Familie wie ein Despot regierte; alle Tritte, alle Reden und Bewegungen derer, die dazu gehörten, mußten sich nach seinem Takte richten oder der strengsten Ahndung, oft der unbilligsten Mißhandlung gewärtig sein. Sie konnte daher in die gefoderte Erlaubnis unter keiner andern Bedingung willigen, als daß es mit Begünstigung ihres Vaters geschehen müsse: Ihre Empfindlichkeit bei seiner Liebe verbarg sie. Er fiel auf die Knie, dankte ihr unter vielem Händeküssen für diesen Schimmer von Hoffnung und ließ ihr ein Liedchen von seiner Arbeit zurücke, das ganz mit Empfindung einbalsamiert war. Der Vater verlangte ihn zu sehen, sah ihn, fand anfangs nicht viel wider ihn einzuwenden, und endlich, da er sich mit einem gewissen Titel von ihm benennen hörte, den ihm außer ihm selbst niemand zugestand, lobte er ihn gar ins Gesicht und hatte nicht die mindeste Bedenklichkeit, seiner Tochter einen öftern Umgang mit ihm zu erlauben, wobei er sich aber die väterliche Aufsicht vorbehielt, das heißt, sie sollten einander nicht anders als in seiner Gegenwart sehen. Dies geschah, und allmählich wurde die Liebe des armen R. durch den beinahe täglichen Genuß der Vollkommenheiten seiner Geliebten in eine solche Flamme gesetzt, daß er oft Handlungen tat, die andre Leute einer Verrückung des Gehirnes zuschrieben, die aber allem Anscheine nach ihren Grund in der Heftigkeit seines Affektes hatten. Er lebte in einer beständigen Zerstreuung, geriet oft mitten im Gespräche in eine völlige Abwesenheit der Gedanken, gab übelpassende Antworten, saß oft ruhig und nachsinnend da – auf einmal sprang er auf und gab Leuten Befehle zum Einpacken, zur Abreise, die nichts weniger als unter seinem Befehle stunden. Einmal schenkte er dem Vater seiner Geliebten in öffentlicher Gesellschaft unter vielen Beteurungen seiner Liebe und mit einem Kniefalle einen Ring: Der Alte stutzte, und die ganze Gesellschaft belachte oder bedauerte ihn als einen Unsinnigen, welchem Beispiele bald die ganze Gegend nachfolgte; es wurde zum allgemeinen Glauben, der gute R. sei verrückt. Der Vater der Fräulein, der sich schon bei verschiedenen Gelegenheiten herausgelassen hatte, wie wenig er ungeneigt sei, ihre beiderseitige Zuneigung unter gewissen Bedingungen zu begünstigen, änderte plötzlich seine Meinung und sann lange auf Mittel, ihn auf eine schonende Art gänzlich aus seinem Hause und von dem Umgange seiner Tochter zu entfernen. Er unternahm in dieser Absicht eine Reise mit ihr und glaubte, daß bei der Zurückkunft das Feuer der Tochter großenteils erloschen oder vielleicht für einen andern Gegenstand brennen würde; denn – was ich zu sagen vergessen habe – das Mitleiden über den unglücklichen R., den seine Geliebte aus einer traurigen Notwendigkeit für wirklich verrückt halten mußte, und die vorhergegangene Empfindlichkeit für ihn, hatten eine solche Mischung des Affektes in ihr hervorgebracht, daß sie ihre Zeit in einer beständigen schleichenden Schwermut und unruhigen Bekümmernis verlebte; für diesen innerlichen Gram sollte die vorhabende Reise zugleich eine Kur sein. Sie kamen wieder zurück, und R. war noch in den nämlichen Umständen; man merkte nicht, daß sein Übel sonderlich zugenommen hatte, außer daß er etwas menschenscheu geworden war. Er besuchte die melancholischsten Örter, rauhe Felsen, brausende Wasserfälle, Kirchhöfe, und floh, sobald ihn Menschen in seiner Einsamkeit störten. Auf diesen Wanderungen machte er Verse, las sie den Felsen vor, zerriß und streuete sie in alle vier Winde oder warf sie, wenn er nahe bei einem Flusse war, ins Wasser. Sobald er die Rückkunft seiner Geliebten erfuhr, erwachte seine ganze Empfindung wieder, und die Furchtsamkeit verlor sich. Er gab sich alle mögliche Mühe, vor ihr gelassen zu werden; allein man machte ihm auf Befehl ihres Vaters so viele Schwierigkeiten, daß er mutmaßte, er sei in völlige Verachtung geraten. Endlich gelang es ihm doch, heimlich in ihr Zimmer zu wischen. Der Alte kam dazu und gab ihm seine Befremdung über seine Gegenwart sehr deutlich zu erkennen; doch seine Entschuldigung und sein ganzes Gespräch war so zusammenhängend und hatte so viele Spuren seiner ehemaligen Vernunft, daß Vater und Tochter, und zwar die letzte mit vielen Freuden, glaubte, seine Krankheit sei völlig geheilt, worinne sie bei seinen folgenden Besuchen bestärkt wurden. Auf ihrer vorhergehenden Reise hatte bei einem zweimonatlichen Aufenthalte in dem Karlsbade sich eine Bekanntschaft entsponnen, die für die Liebe des guten R. sehr gefährlich werden konnte. Der neue Liebhaber setzte seiner Geliebten nach, und kaum war sie angekommen, als er schon seine Besuche anfing. Indessen, da der Vater aus guten Gründen von einer Verbindung seiner Tochter mit ihm sehr abgeneigt war und seine Abneigung ihm offenbar genug merken ließ, so ging diese Gefahr bald vorüber; der Nebenbuhler machte sein Paket zusammen und begab sich weg. Inzwischen hatte er sehr wohl in Obacht genommen, wer seinem Glücke entgegenstund; er hatte seinen Gegner, den H. v. R., oft gesehen und mit vieler Unzufriedenheit den Vorzug bemerkt, den er in der Gunst ihrer beiderseitigen Göttin genoß; kurz, er hatte ihn, die Beschaffenheit seines Leibes und seiner Seele, ganz durchstudiert und bei der Gelegenheit erfahren, daß man, um ihm den Platz abzugewinnen, nichts Bessers tun könne, als ihn in seinen vergangnen Zustand der Verrückung wieder zu versetzen. Um dieses zu bewerkstelligen, schrieb er unter verstelltem Namen einen Brief an ihn, den er so abfaßte, als wenn es die Warnung eines Freundes wäre. Dieser Brief riet ihm freundschaftlich, allen Gedanken auf seine bisherige Geliebte zu entsagen, ihren Umgang von Stund an zu meiden und den Mann, der nach seiner Rechnung sein künftiger Schwiegervater werden sollte, als seinen Todfeind zu betrachten, und zwar darum, weil er sich mit seinem abgereisten Nebenbuhler in ein heimliches Verständnis eingelassen hätte, das auf seinen Untergang abzielte. Er wußte sogar einige Reden und Handlungen des Vaters in einem solchen Lichte vorzustellen, daß sie, so gleichgültig sie jedem andern an sich selbst scheinen mußten, einer finstern und von Furcht aufgewiegelten Einbildungskraft sich als die feinsten und gefährlichsten Schlingen vorstellten. Wenn er weiter keine Absicht hatte, als seinen Nebenbuhler furchtsam zu machen, so konnte er sagen, daß ihm seine List gelang. Der betrogne R. floh nach dem Empfange dieses Briefes das Haus seiner Geliebten und seiner Einwohner wie ein Wasserscheuer das Wasser. Er fing seine vorige melancholische Lebensart wieder an, die er in der Abwesenheit seiner Daphne geführt hatte, sahe noch weniger Menschen, und – was anders sollte die Welt aus solchen Anzeigen schließen? – man sagte allgemein: Der H. v. R. ist verrückt. Du weißt, wie wenig ich dergleichen allgemeine Urteile zu den meinigen mache. Leute, die bei dunkeln unaufgeklärten Ideen, wie die Ideen des größten Haufens sind, nur nach dem Anscheine, oft nach einem leichten Anscheine urteilen, kann ich mich unmöglich in einer so wichtigen Sache als das Urteil über einen andern Menschen bestimmen lassen. Ich muß selbst sehn, hören und erfahren, und dann urteile ich. Darum habe ich diese Reise angestellt, die für uns beide die lehrreichste auf der Erde sein soll. Wäre sein Verstand wirklich verletzt«, fuhr er nach einem kleinen Nachdenken fort, »so weiß ich mir schon im voraus die ganze Art zu erklären, wie diese Verrückung allmählich durch die Gärung der Ideen und die dadurch veranlaßten Bewegungen des Gehirns und der Lebensgeister bewirkt worden ist. Der H. v. R. ist, wie ich gehört habe, ein Mann von Genie; das Genie, besonders in einem hohen Grade, erfodert eine so schnelle Bewegung der Lebensgeister, die derjenigen am nähesten kommt, welche die Raserei veranlaßt. Wenn nun –« »Burr!« rief der Kutscher und hielt – nicht etwan, weil sie schon vor der Tür waren; nein, der Wagen war in ein tiefes Loch mit dem einen Rade gesunken, und der gute Phaeton wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er seine und des Bedienten Kräfte aufbot, um die ganze Maschine herauszuheben. Mußte das unglückliche Loch gerade in den Weg kommen, da Selmann in dem größten Feuer der Demonstration war, und allen Liebhabern der Seelenkenntnis seine Entdeckungen auf immer entreißen? 2. Unbegreiflich ist es allerdings, warum er, als der Wagen aus dem Loche gerettet war, seine Erklärung nicht ruhig fortsetzte oder wieder von vorne anfing – aber nur unbegreiflich für den, der ihn nicht kennt. Ob er gleich in seinem Leben oft gefahren war, täglich fuhr und niemals ein Unglück erlitten hatte, so war er doch so äußerst furchtsam, daß die geringste anscheinende Gefahr seine Aufmerksamkeit und Empfindung ganz auf sich zog. Er sprang daher bei dem gegenwärtigen Vorfalle sogleich mitten in dem Laufe des Gesprächs aus dem Wagen; er setzte sich zwar nach vielen Flüchen und Beteuerungen des Kutschers wieder hinein, allein wenn einmal seine Lebensgeister von der Furcht in die Flucht gejagt waren, wie er sich einstmals selbst ausdrückte, so brauchte es eine lange Zeit, um sie wieder zu einem sanftem Schritte zu bringen. Was Wunder also, daß wir seine scharfsinnige Erklärung entbehren müssen? Seine Fassung ist noch immer nicht wieder da, und der Bediente geht doch schon, ihn anzumelden. – Selmann, Selmann! was wird aus deinen Beobachtungen werden? Der Besuch, so spät er ist, wird angenommen, und unsre beiden Ankommenden finden – man gebe acht! – einen Mann von mittlern Jahren, bei dessen erstem Anblicke sogleich der Argwohn verschwand, daß er, wie Selmann war überredet worden, ein großes Genie sei. – Es gibt eine gewisse Miene, einen gewissen Blick, der gleichsam sagt: Hier sucht alles, nur nicht Feinheit des Kopfs! – Diese Miene hatte die Natur auf sein kupfrichtes eiförmiges Gesichte gemalt. Zum Ersatze hatte sie aber einen so starken Pinselstrich von Ehrlichkeit und Gutherzigkeit darauf gesetzt, daß man ihn augenblicklich für einen ehrlichen gutherzigen Mann bei sich erkennen mußte. Er empfing seine ihm ganz fremden Gäste in dem äußersten Negligé: in einem bunten Brustlatze, in schwarzen unzugeknöpften Beinkleidern, niederhängenden weißen Strümpfen und Pantoffeln. Er wartete schon in der Haustür, als Selmann und Tobias ausstiegen, und zog sehr freundlich ein weißes Mützchen von dem glatt beschornen Kopfe, als sie sich ihm näherten. Er bewillkommnete sie höflich, hörte mit keinem einzigen Ohre auf Selmanns Entschuldigungen, daß er unbekannt so spät sich bei ihm eindrang, und nötigte unter unaufhörlichen, fiebermäßigen Bücken seine beiden Gäste, sich in die Wohnstube zu begeben. Es geschah. Man sprach über verschiedene gleichgültige Sachen, und Selmann war nicht wenig erstaunt, an dem H. v. R. nicht den geringsten Grad von Verrückung, nicht einen Funken von Genie, sondern einen ganz alltäglichen höchst gewöhnlichen Menschen zu finden, der mit jedem Worte, mit jeder Bewegung deutlich zu verstehen gab, daß er auf dem Lande geboren, erzogen, gebildet worden war. Vielleicht steht er itzt in seiner guten Periode, dachte Selmann, und indem er dies und etwas Ähnliches dachte, trat aus einer Nebentüre – die Frau vom Hause. Sie hatte bei der unvermuteten Anmeldung ihrer Gäste aus großer Liebe zur Ordnung oder, wie andre Leute in ähnlichen Fällen vielleicht richtiger mutmaßten, aus Eitelkeit ihre gewöhnliche, ganz erträgliche Kleidung hurtig abgeworfen und sich in einen Putz gesetzt, wie er nach ihren Einsichten Zeit, Ort und den übrigen Umständen angemessen schien. Wirklich verkroch sich hinter dem Vorwande, ihre Gäste durch ihren Anzug zu ehren, jedesmal die Begierde, ihnen zu gefallen; allein was ist dabei Sonderbares? – Sie war erst achtunddreißig Jahr alt, etwas häßlich und also völlig entschuldigt, wenn sie sich putzte. In ganz Deutschland – vielleicht dürfte ich sagen, in ganz Europa – war sie das Muster deutscher Komplimente und Zerimonien; ihr Hereintritt war so feierlich, so steif, daß vor zweihundert Jahren ein römischer Kaiser auf einem Reichstage nicht feierlicher hat erscheinen können. Dabei lispelte sie eine Menge Bewillkommungskomplimente her, daß Selmann ganz verlegen dastund und nicht wußte, was er mit dieser zierlichen Dame anfangen sollte. Nachdem sie ihr gelerntes Formular von Komplimenten hergebetet und die bestimmte Anzahl Verbeugungen dazu gemacht hatte – alles fein hübsch nach Stand und Würden, wie ihre hochselige Mama sie hierzu angehalten hatte! –, nachdem, sage ich, dieser erste Artikel des Zerimoniells verrichtet war, so schritt sie zu dem andern und nötigte Selmannen, die oberste Stelle auf dem Kanapee neben ihr einzunehmen. Dieser gute Philosoph, der allen Zwang und besonders die unnatürlichen Grimassen, die man fälschlich hin und wieder noch für Lebensart ansieht, unversöhnlich haßte, nahm ohne Bedenken den angebotenen Platz ein. Dieser Streich verrückte den Gang ihres Zerimoniells. Nach ihrer Regel sollte er sich weigern, sie hätte sich gleichfalls geweigert, bis nach langem Weigern Selmann mit Gewalt sich in die unterste Stelle eingedrungen hätte. Inzwischen faßte sie sich und fing die Unterhaltung an, die in nichts Geringerm bestund, als daß sie ihm mit dem wichtigsten Tone von der Welt erzählte, wohin gestern der Herr von – und der Herr von – mit ihren respektive vier Braunen gefahren sein könnten . Wenn sie gewußt hätte, daß ihr Zuhörer mit ganz andern Gedanken beschäftigt war, so hätte sie ihrer Lunge wenigstens die Hälfte der Arbeit ersparen können; aber so hielt sie Selmanns unbewegliches Nachdenken für Aufmerksamkeit und verdoppelte in dieser Überredung die Wichtigkeit des Inhalts und des Tons. Warum war aber auch Selmann gerade itzt nachdenkend? Pfui! neben einer Dame nachzudenken! Ich gestehe es, ich kann ihn hierüber nicht rechtfertigen; allein wenn ein Philosoph auf Beobachtungen an einem verrückten Gehirne ausgeht, keine einzige Gelegenheit findet, seinen Beobachtungsgeist zu weiden, und alltägliche Märchen anhören soll – wenn ein solcher alsdenn nicht nachdenkend wird, so muß ich mich so sehr wundern, als Sempronia sich wundert, daß man bei ihrem Gespräche es allemal wird. 3. Nach aufgehobener Tafel und Selmanns verschiedenen Versuchen, es herauszubringen, ob der vorhandne H. v. R. das gesuchte verrückte Subjekt sei – denn daß seine Figur und übrige Beschaffenheit im mindesten nicht zu dem Bilde paßte, das man ihm von dem wahren gemacht hatte, dafür hatte er eine herrliche Erklärung in dem Augenblicke gefunden, als man ihm die Suppe überreichte und er sie in seiner Träumerei der Frau Wirtin zur Hälfte auf den erdfalbenen Schlafrock goß; nach aufgehobener Tafel erkundigte sich Selmann –welches der letzte Kunstgriff war, um hinter die Gewißheit zu kommen – nach den Lebensumständen seines Wirts. Dieses Examen währte nicht lange, weil der H. v. R. sogleich sein Leben in dem kurzen Auszuge zusammenzog, daß er auf dem Flecke, wo er noch existierte, geboren, erzogen sei, gelebt und sich verheiratet habe. Da wir einmal in seinem Hause sind, so will ich sein Bild für die Nachwelt vollends ausmalen. Daß er eine ehrliche, gutherzige Menschenseele war, das habe ich bereits nach Pflicht gemeldet, und jammerschade war es, daß sein so gutes Herz nicht mit einem bessern Verstande gepaart war. Die drei wichtigsten Artikel seiner ganzen Wissenschaft waren: Kinder zeugen, Bäume pflanzen, das Land bauen. Er übte unbekannterweise hierinne die Religion der alten Perser in ihrer völligen Reinigkeit aus, und so emsig orthodox, daß gerade diese drei Beschäftigungen und sonst keine die einzigen am Tage und zu Nachte waren. Man kann daher leicht erwarten, daß aus einer solchen Weltweisheit eine starke Nachkommenschaft hervorwachsen mußte; auch hatte sein liebes Weibchen wirklich schon neun lebendige Kinder dem lieben Vaterlande geliefert, deren ganze Geburts-, Lebens- und Erziehungsgeschichte das Gespräch war, womit sie ihren Gästen die Abendmahlzeit zu würzen suchte. Wenn das Wetter seinen Tagesverrichtungen nicht günstig war, so strickte er Netze oder – schlief. Nach seinen Beschäftigungen urteilte man, was für Ideen in der Vorratskammer seines Kopfs liegen konnten! Bei allem dem war er doch ein ehrlicher gutherziger Mann, der in seinem Winkel dahinlebte, nichts Gutes und nichts Böses tat und niemanden in der ganzen Welt im Wege war als seinen Bauern, wenn er ihrer Arbeit zusah. Er hatte sich es den ganzen Abend nicht einfallen lassen, daß man, um jemanden ohne vorgängige Bekanntschaft zu besuchen, eine Ursache haben müsse, und ob ihm gleich die Fr. Gemahlin im Bette darauf verhalf, so spielte ihm doch Selmann den unglücklichen Streich, reiste des Morgens in aller Frühe fort und machte es ihm folglich unmöglich, sich, ohne einen zweiten Besuch, bei ihm desfalls zu erkundigen; da dieser nicht erfolgte, so blieben der H. und Fr. v. R. nebst Dero ganzen übrigen Hause in einer ewigen Ungewißheit über diesen Punkt. Die plötzliche Abreise war nach der strengen Etikette dieser Dame eine unverzeihliche Unhöflichkeit; acht Tage lang war sie mittags und abends das Tischgespräch; aber wenn sie wüßte, warum sie begangen wurde – sie ließ es wenigstens dabei bewenden. Eine von Selmanns Schwachheiten – wenn man es so nennen will! – war es, daß er nie schlafen konnte, wenn sein Bette nicht vermöge einer Wasserwaage zu einer völlig horizontalen Fläche gemacht wurde. Itzt fand er ein Bette, das wie ein Alpengebürge von Federn aufgetürmt war, und wurde es erst inne, als er hineinsteigen wollte. Er stürzte alle Küssen zu Boden, die ihm im Wege waren; er drückte hier, er drückte dort; allein da die erste Anlage nicht horizontal war, so kam, aller seiner Arbeit ungeachtet, keine wahre horizontale Fläche zum Vorschein, und – der Philosoph konnte kein Auge zutun! und – der Philosoph wurde unwillig, ließ anspannen und fuhr mit Tagesanbruch, ohne Abschiednehmen, fort. Der Philosoph! – Das hätte ich ihm doch nicht zugetraut. – Als der große Stesichorograph wegen eines schnöden Feigenkerns mit plötzlichem Unwillen sein Haus und seinen Hof verließ, entschuldigte er zwar menschenfreundlich diesen Musensohn, allein er erkannte die Handlung doch für eine Torheit, und der Philosoph Selmann dünkte sich – wie jedermann bei der Entschuldigung fremder Torheiten – in dem Augenblicke weit über jenen schwachen Erdensohn erhaben. – Itzt, Selmann! geh und siehe, wie weit du über oder unter ihm bist. Aber muß man denn, um Philosoph zu sein, gar keine Schwachheiten haben? Das nicht! sagt unser Weiser eben itzt zu Tobias, der die nämliche Frage an ihn tut. – Das nicht! nur mit dem Unterschiede, daß der Weise seine unverschuldeten Schwachheiten einsieht und, wenn er kann , sie ablegt , andre hingegen sie leugnen und, wenn sie angegriffen werden, verteidigen . Allemal trifft dies freilich so wörtlich nicht ein. – Wir haben eine Unhöflichkeit begangen. Wir müssen sie wiedergutmachen – und gleich befahl er dem Kutscher, umzudrehen; allein der Kutscher entschuldigte sich damit, daß es in einem solchen engen morastigen Wege mitten zwischen Bäumen schlechterdings nicht geschehen könne und überhaupt vor dem Ende des Waldes unmöglich sei. – »So mag es alsdenn geschehen!« sagte Selmann, ohne etwas unzufrieden zu sein. – »Unser Weg war umsonst«, fuhr er nach einer kleinen Pause zu seinem Reisegefährten fort. »Warum das?« »Mir ist es ein Rätsel. Dies war gar nicht der Mann, den wir suchten. Gleichwohl ist es derselbe Weg, den mir der Hauptmann V. beschrieben hat. Es muß ein Irrtum, eine Verwechselung in seinem Gedächtnisse vorgegangen sein.« »Ich weiß es besser, du guter Selmann! – Warum lachte denn gestern abend bei Tische der Hauptmann V. so ausgeschüttet, daß er sich noch nicht fassen konnte, als er ins Bette stieg, wenn nicht der erste April gewesen wäre? wenn er dich nicht hintergangen und [dir] die Geschichte eines weit entfernten jungen Edelmanns, eines Herrn v. R., angedichtet hätte, um deinen Beobachtungsgeist zu reizen und dich, mit einem Worte, zum Aprile zu schicken? Dergleichen ähnliche Betrügereien waren unserm leichtgläubigen Philosophen schon oftmals von ebendemselben gespielt worden. Dieser hatte die Freude, über die Leichtgläubigkeit eines Klügern zu triumphieren, und jener empfand nicht die geringste Demütigung bei diesem Triumphe, weil er es niemals, selbst hinterdrein nicht, erfuhr, daß er angeführt worden war. Wem dies erzählt wurde, der lachte über die Einfalt des Mannes, der sich so geduldig hintergehen ließ, und Selmann, dessen Verstand den gesamten Menschenverstand der ganzen dasigen Gegend weit überwog, wurde wechselsweise mit dem Namen eines Duns, eines Dummkopfs, eines Einfältigen gebrandmarkt. Alle, die so urteilten und nach ihren Einsichten nicht anders urteilen konnten, hätten wissen sollen, daß Philosophie und gutes Herz, wo sie beisammen wohnen, eine anscheinende Einfalt über den Verstand verbreiten, die sich am meisten bei den geringern Vorfällen des Lebens äußert; diese sind zu klein, um die Aufmerksamkeit ihrer Seele aufzufodern, da sie hingegen bei Leuten, die jene beiden Vorzüge nicht besitzen, Eindruck genug machen, um sie ganz zu beschäftigen. Weil der Weise nie daran denkt, andre zu betrügen, so denkt er ebensowenig daran, daß andre ihn betrügen wollen . 4. Ein wichtiger Absatz ! – weil er eine Seite von meines Tobias Größe darstellt, wie gleich sich zeigen wird. Ohngefähr eine Viertelstunde vorher, ehe sie aus dem Walde waren, stieß Tobias seinen Gönner etwas hastig in die Seite, weil dieser in eine nachdenkende Träumerei geraten war, die der Erfahrung gemäß bei ihm einer Träumerei in vollem Schlafe gleich galt – welches den sonst unhöflichen Stoß in die Seite entschuldigt. – Selmann erwachte und rief: »Was gibt's?« – »Kutscher, halt! Ein Mann, der mit dem Tode ringt!« war Tobias' verwirrte Antwort, nach welcher er aus der linken Seite des Wagens stieg und nach dem Orte zueilte, wo der Sterbende sein sollte. Ein solches Signal durfte Selmann nicht zweimal hören, um sich in Bewegung zu setzen. Er folgte nach und wurde schon unterwegs durch das Rufen des Mannes in seiner Erwartung bestätigt. Tobias' erstes Urteil hatte die Wahrheit nicht völlig getroffen. Der Mann rang nicht mit dem Tode. Er saß da, die Hände fest auf den Rücken gebunden und mit Stricken um den Hals und zweimal noch um die Brust und die Lenden an einen Baum gefesselt, so daß er weder sich bewegen noch etwas zu seiner eignen Befreiung tun konnte. Beide, Selmann und Tobias, waren vor allen Dingen geschäftig, ihn loszumachen, und schnitten mit Messern so lange, bis alle Bande entzwei waren. Der arme Unglückliche, ob er gleich ohne Fesseln war, hatte nicht Kräfte genug, sich mit aufgesteiften Händen aufzuhelfen, und da man ihn unterstützte, war er nicht vermögend, auf die Füße zu treten, so sehr waren alle Sehnen und Nerven durch die Unbeweglichkeit, in welcher sein Körper so lange sich befunden hatte, erstarrt und untüchtig geworden. »Ach«, schrie Tobias plötzlich, als er dem Befreiten genauer ins Gesicht sah, »mein Vater! mein Vater!« »Bist du es, Tobias?« erwiderte jener mit langgedehntem Tone. »So sehe ich dich wieder?« »Ja«, rief Tobias freudig. »Wo ist meine Mutter? meine Brüder?« »Deine Mutter?« unterbrach ihn der Vater; »sie kann nicht weit sein. In dem nämlichen –« Ohne ihn ausreden zu lassen, sprang er fort, sie zu suchen, aber wo? – Der Wald war weitläuftig, und ihn ganz zu durchsuchen – das laß dir nur nicht einkommen, ehrlicher Tobias! – Er war auch weit davon entfernt; denn als er eine kleine Strecke gelaufen war, so blieb er stehen und rief, so laut er konnte. Das glücklichste Schicksal unter der Sonne ließ ihn fern eine Stimme hören, die ihm zu antworten schien; er rief noch einmal, ging dem Tone nach, rief wechselsweise wieder und ging näher, bis er zuletzt seine leibhafte Mutter in dem nämlichen Zustande wie den Vater an einen Baum gefesselt fand. Sie erkannte ihn gleich bei dem ersten freien Blicke, den sie auf ihn werfen konnte, und überhäufte ihn mit einer solchen Menge Fragen, daß es der arme Tobias, ungeachtet aller gegenwärtigen Vollkommenheiten seines Verstandes, nicht viel besser machte, als er in ähnlichen Fällen tat, da er noch Leimhäuser baute: er beantwortete keine, sondern eilte, sie von ihren Banden zu erlösen. Sobald nur der Hals frei war, so ergoß sich ein neuer Strom von Fragen aus ihrem Munde, und sie hätte gewiß bis zum Abende gefragt – besonders da Tobias alle Kräfte zum Losschneiden versammlete und zum Antworten keine übrig hatte, weswegen jede Frage unendlichmal wiederholt werden mußte – und Tobias hätte wegen ihrer häufigen Gestikulationen, wodurch sein Schnitt unsicher und ungewiß wurde, ebensogewiß bis zum Abend schneiden können, wenn ihm nicht der Bediente nachgeschickt worden wäre, der durch einen Meisterhieb mit seinem Couteau de chasse dem ganzen Geschwätze und dem ganzen Schauspiele ein Ende machte. Mittlerweile daß diese Szene vorging – und sie dauerte lange –, hatte der alte Knaut, auf der Erde liegend, Selmannen seine Geschichte so kaltblütig erzählt, als wenn es die Begebenheiten eines Dritten, eines gänzlich Fremden, wären. Diebe waren nach seinem Berichte in sein Haus eingebrochen oder vielmehr hineingegangen, hatten gesucht und, wie leicht zu vermuten, nirgends etwas gefunden. Aus Unwillen – dies war seine eigne wohlausgedachte Vermutung –, aus Unwillen, daß ihre Mühe und Zeit so schlecht angewandt worden war, bemächtigten sie sich des Herrn und Frau Knaut, die, weil sie völlig sicher waren, daß ein Diebstahl in ihrem Hause unter die unmöglichen Dinge gehörte, so sorgenlos schliefen als der Bettelmann auf dem leeren Brotsacke, und ohne Schwertstreich oder andere Gegenwehr schon in Banden lagen, ehe sie es fühlten. Darauf wurden sie fortgeschleppt und nach einem zweitägigen Fasten – worauf er den stärksten Akzent in der ganzen Erzählung legte –, an Bäume gefesselt, so wie man sie kurz vorher fand, zurückgelassen. 5. Die Frau Knaut tritt auf. Sie hatte unterwegs von ihrem Sohne Selmanns Güte und Vorsorge gegen ihn in einem kurzen Abrisse sich vortragen lassen und war also zu einer Lobrede darauf warm genug, die, sobald sie in Selmanns Gesichtskreis trat, unter unaufhörlichen zierlichen Knicksen und Verbeugungen hervorströmte. – Doch wer hat in dieser Welt die Langeweile lieb genug, um Komplimente anzuhören? Wir wollen sie, wie ihr Mäzenat tat, stehenlassen und dafür dem erstarrten Alten in den Wagen helfen, wie Tobias tat, der ihn, ceu pius Aeneas, auf die Schultern nahm und mit Hülfe des Bedienten glücklich in die Schäse brachte. Man wird bemerkt haben, daß die Nerven der Frau Knaut nicht den mindesten Schaden gelitten haben; gleichwohl wurde ihr, halb aus Mitleid, als einer Leidenden, halb aus Galanterie, als einem Frauenzimmer, ein Platz neben ihrem Manne angewiesen. Selmann und Tobias gingen zu Fuße. Die Freude des letztern über das Wiedersehn seiner Eltern und den Dienst, den er ihnen zugleich hatte leisten können, und über verschiedene andre Dinge, die ihm seine Einbildungskraft im Augenblicke vormalte, war so groß, daß er den ganzen Weg über keine Silbe redete. »Daraus folgt«, ruft mir Aldobrandus mit schiefgedehntem Munde zu, »daß Elternliebe und Kinderliebe natürliche Triebe sind.« Und daraus folgt, daß Herr Aldobrandus Weintrauben von Distelstauden pflücken kann! – Heute disputiere ich nicht. Aber menschliches Herz, mit dir will ich – nicht disputieren! nicht streiten! nur die Wahrheit will ich dir sagen. Mußt du, um zu empfinden, beständig die Einbildungskraft vorher um Hülfe bitten, daß sie mit dem Schlage ihres allmächtigen Zauberstabes eine Menge Bilder hervorspringen läßt, die alle unser wertes Ich von verschiedenen Seiten vorstellen? – Warum mußte Tobias sich, in Vergleichung mit der Freude, die er nachher empfand, nur wenig freuen, als er seinen Vater und Mutter wiedergefunden hatte? Dies sollte, wenn ich so sagen darf, die Haupthandlung seiner Freude sein; aber es war nur der erste Akt – nur die Protasis, mit dem Stagiriten zu reden. – Auf dem Wege erschien erst in seinem Gehirne eine Zusammenstellung seines vorigen Zustandes bei seinen Eltern und seines gegenwärtigen – ein fliegender Gedanke, daß er itzt imstande sei, ihnen Gutes zu tun, daß er dadurch einen Anspruch auf ihre Dankbarkeit gewinne, wobei der Stolz sich die Stirne rieb – vielerlei Vorstellungen von dem verbesserten Zustande an Leib und Seele, worinne seine Eltern ihn itzo antrafen – und vor allen Dingen der oft wiederkommende Gedanke, daß sie ihm , ihrem Sohn, ihr Leben, eine freundliche Aufnahme bei seinem Wohltäter, eine vermutlich ebenso freundliche Bewirtung, kurz, alles künftige Wohlsein zu danken hätten. – Diese und tausend andre Vorstellungen, die im Grunde nichts anders taten, als zum Stolze sagten: Siehe, welchen herrlichen Vorteil du dabei gewinnest! – Diese, sage ich, hüpften und sprangen in seinem Kopfe herum, mit jedem Sprunge traten sie auf eine von den mannigfaltigen zahlreichen Federn des Vergnügens, das Herz wurde von ihr berührt, und – die Freude war da! Inzwischen, wenn man es recht bedenkt, kann man mit dem Herze nicht darüber zanken. Die Natur hat die Kette an dem Uhrwerke desselben sehr kurz gemacht; alle Augenblicke muß sie wieder aufgezogen werden. Ein Stoß von einer einzigen Idee! und sie ist abgelaufen, und wenn nicht gleich ein neuer Stoß geschieht, so steht das Werk gar still. Bei einer solchen Bewandtnis machte sie es gut, daß sie dem Gedanken, Ich, ein so vorzügliches Gewicht anhing; dieser windet sogleich die Empfindung wieder auf, und das Herz bewegt sich wieder so frisch wie eine Goeshamsche Taschenuhr. Auch auf die Natur kann man darüber nicht zürnen. 6. – und so meint auch die Fr. Knaut; wenigstens befolgt sie diese Einrichtung der Natur so übertrieben getreulich, daß sie gewiß so meinen würde, wenn sie weniger Maschine wäre und mehr meinen könnte . Einen Beweis gibt sie mir auf der Stelle. Als sie angekommen waren, ließ ihnen Selmann Erfrischungen reichen, wie sie sich für Leute schicken, die zween Tage gefastet haben – ein gutes derbes Frühstück. Die Fr. Knaut, die bei dem Anblicke der Speise die Wirkungen des Hungers stärker als im Walde empfand, genoß eine so große Menge mit der äußersten Gierigkeit davon und dachte dabei so sehr bloß an ihr teures Ich, daß dem armen Manne kaum genug blieb, um das Leere auszufüllen, das eine halbe Stunde Hunger in seinem Magen gemacht hatte, und so ging es jeden Morgen. Aber, Fr. Knaut! Das wollte die Natur nicht, sie wollte das Gegenteil. Nach ihrer Absicht sollte die Rücksicht auf uns selbst unsre Empfindung gegen andre erleichtern, aufschließen, aber nicht, wie sie gegen ihren leibhaften Mann tut, so unbarmherzigerweise verschließen. Allein die Frau ist nun einmal nicht, wie ihr Sohn, zum Muster eines exemplarischen Betragens angelegt, welches Selmann so sehr fühlte, daß er alle Beobachtungen, die er an ihr hätte machen können, herzlich gern dahingab und sie mit dem ehesten auf seine Kosten und reichlich beschenkt forttransportieren ließ. Auch war Tobias bei ihrem Abschiede nicht halb so betrübt, als man nach der Freude bei dem Wiederfinden hätte vermuten sollen; denn es waren verschiedene Äußerungen des ehmaligen Despotismus vorgefallen, die ihm nach Selmanns sanfter Regierung unmöglich behagen konnten. »Bei Gelegenheit dieser Betrübnis, Herr Autor!« zischelt itzt ein langer hagrer Mann mir zu, indem er mich bei dem Ärmel leise zupft. – »Überhaupt scheint Tobias' Freude bei dem Wiederfinden seiner Eltern etwas unnatürlich nämlich für einen Menschen von seiner Art. Sie ist zu stark und gewiß von dem H. Verfasser übertrieben wie dieses –« Was? nicht natürlich? – doch ich muß einen sanftem Ton annehmen. – Wissen Sie auch, daß Tobias ganz nicht mehr derselbe ist oder vielmehr, mit der äußersten Präzision zu reden, zwar derselbe, aber unter veränderter Gestalt ist? Und wissen Sie auch, woher und wodurch ihm diese Veränderung zuteil geworden ist? – Durch die Nachahmung! diese mächtige Meisterin, die an unserm Charakter die meisten Meißelstiche tut! Wenn die Natur den Marmor oder den Sandstein zur künftigen Bildsäule gewählt und sogar den ersten groben Umriß ihrer Teile ausgedrückt; wenn Erziehung, Schicksale und Begebenheiten der erstern Jahre nach diesem vorgezeichneten Plane weiter gearbeitet und sich bald mehr, bald weniger davon entfernt haben: dann legt die Nachahmung die letzte Hand daran; sie steht neben dem Werke, bessert hier, bessert dort, verschlimmert bisweilen; sie gibt der Statue das Leben, die Kraft, den Ausdruck oder meißelt so lange, bis sie wieder zum Blocke wird. – Dies ist der Weg, den Tobias' Vervollkommnung genommen hat. Er hatte nunmehr sechs Jahre lang – ach! davon habe ich niemanden noch eine Silbe gesagt! – doch in meiner Erzählung ist nie etwas versäumt; folglich lasse man sich es nicht verdrießen, itzt erst zu erfahren, daß mein Held gegenwärtig sechs volle Jahre in Selmanns Hause zugebracht hat. Während dieses ganzen Zeitraums sahe er nichts als seinen Wohltäter empfinden und handeln , hörte täglich seine Grundsätze und die Resultate seines Nachdenkens, alles dieses von einem Manne, bei welchem Denken, Empfindung und Handlung nie in dem engen gewöhnlichen Zirkel stehenblieb, den andre Menschen nicht eine Minute überschreiten, dessen Empfindung insbesondere mit einer beständigen Tätigkeit fortwirkte und, wenn ein Gegenstand sie auf sich lenkte, mit einer eignen Stärke und Lebhaftigkeit hervorbrach. Hätten wir – das heißt, meine Leser und ich – ein solches Beispiel täglich um uns, so müßte der Kanal zu unserm Herzen geöffnet und alle Schleusen desselben allmählich geräumt werden, wenn sie auch durch Natur und Erziehung mit allem möglichen Unrate verstopft wären. So fing bei Tobias Knauten, der mit keinem hochgestimmten, aber doch so ziemlich leicht zu rührenden Herze an das Licht der Welt kam, das nur in den ersten Jahren verhindert wurde, an Empfindlichkeit zu wachsen, die Empfindung allmählich an, gestärkt, erhöht und zu dem Grade verfeinert zu werden, den seine Fibren zuließen; alle diese Verbesserungen waren ein Werk der Nachahmung, die sie an ihm so heimlich anbrachte, ohne daß er selbst ein Wörtchen davon erfuhr. In seinem Kopfe hatte er ebenso wenige, so dürftige Ideen und Geschicklichkeiten, als Kleider auf dem Leibe, in Selmanns Haus gebracht; diesem Mangel half sein Patron ab. Er übernahm selbst die Mühe, ihn mit vieler Geduld und Leutseligkeit in den unentbehrlichen Wissenschaften zu unterrichten; er unterhielt einen Lehrer, der den beschwerlichen und unangenehmen Teil des Unterrichts besorgen mußte. Selmanns zuweilen hochfliegende Reden konnte er, wie natürlich, anfangs nicht erreichen, hörte ihnen unaufmerksam zu, faßte und behielt öfters, bloß dem Tone nach, einen und den andern Gedanken, und so flößte sich nach und nach seines Lehrers ganze Denkungsart in seine Seele, und wie die Leute, die lange bei stark riechenden Gewürzen sich aufgehalten haben, ward seine ganze hockrichte Person von der Denkart, den Sitten, Meinungen und Empfindungen seines Gönners parfümiert. – Unter solchen günstigen Umständen denke ich, noch meine Freude an seinem Kopfe und seinem Herze zu erleben. Es war mir schon für ihn bange; aber so muß, der ganzen Welt zum Trotze, etwas aus ihm werden, wenn nur nicht – – – die fatalen Wenn! – wer sie doch nur alle aus dieser Welt verbannen könnte! Schon seit einiger Zeit ging Selmann mit einem Entwurfe schwanger, der, wenn er reif wird und zur Welt kömmt, die Vollkommenheiten, die sein Pflegesohn auf vorbesagte Weise gleichsam eingesogen hat, vollends zu ihrer höchsten Staffel erhoben wird: Er wollte in selbsteigner Person mit ihm auf eine Universität gehen. Der Mann hat wunderliche Einfälle! Nicht wahr! Wie er zu diesem kam? – Er kannte die Gelehrten aus den Klassen der Wissenschaften, die er selbst durch eignen Fleiß studieret hatte, bloß aus ihren Büchern. Wie ihn jedes Vortreffliche und Gute schnell und stark rührte, so brach er aus ihnen die hervorragenden Blumen ab und übersah das niedrige, in Menge herumkriechende Unkraut. Sogar die gefrornen, beeisten Pfade der Kompendien verachtete er nicht, wenn er nur hin und wieder ein Frühlingsblümchen pflücken konnte. Aus der Dankbarkeit und Freude, die ein wißbegieriger Mensch fühlt, wenn er aus einem Buche etwas Neues gelernt hat, setzte sich eine so hohe Idee von der Würde eines Gelehrten in seinem Kopfe zusammen, daß er endlich schloß: Also müssen alle Gelehrte lebendige Bücher, das heißt, lebendige Blumengärten sein, aus denen Nahrung und Labung für den Kopf und das Herz und omnis copia narium ausduftet. Universitäten, schloß er weiter, sind der Aufenthalt von einer Auswahl der Gelehrten. Man muß also dort mit jedem Schritte auf Wissenschaft, Gelehrsamkeit und guten Geschmack stoßen. Ein Leben unter lauter Leuten, die ihre Seelenkräfte gebildet, sich mit einem Schatze der nützlichsten Kenntnisse bereichert haben, die, mit nichts als wahren Grundsätzen angefüllet, die Hüter der Wahrheit und Lehre jedes Schönen und Guten sind – ein Leben unter solchen muß einem Leben unter Geistern von einer höhern Ordnung gleich gelten. Dies waren seine Begriffe von einer Universität; er stellte sich, weil er keine gesehn hatte, einen gelehrten Himmel darunter vor, dessen sämtliche Mitglieder Genies , in jeder Klasse vollkommen ausgebildete Genies, sind, in welchen sich Wissenschaft und guter Geschmack, Kenntnis und Urteilskraft durchgängig vereinigen. Da Wißbegierde seine herrschende Leidenschaft war, so erfolgte aus solchen Begriffen nichts natürlicher als der Entschluß, nebst seinem Tobias in einem akademischen Paradiese die süßen Gerüche der Wissenschaft und des Geschmacks einzuatmen. Die Gelehrten, merke ich, täuschen oft, wie die blattergrübigen Gesichter, die nur in der Ferne und bei Lichte schön sind, kommt ihr ihnen zu nahe, so seht ihr mit Naserümpfen, was ihr fälschlich bewundert habt. – Von allen, die der Feind der Schönheit, die Blattern, gezeichnet haben, hüte ich mich nicht, dies zu behaupten; denn auch Frauenzimmer haben leider! keinen Sicherheitsbrief wider diesen Barbaren und – Frauenzimmer sind sich allemal schön! – Also will ich obige Vergleichung nur von dem männlichen Geschlechte verstanden wissen, und wer sich untersteht, an das weibliche dabei zu denken, soll meine Erzählung zur Strafe mit so saurem Gesichte als eine Leichenpredigt durchlesen. 7. Selmanns Entschließungen folgten immer Anstalten und Ausführung auf dem Fuße nach. Der gute Mann beging auf diese Art oft größere und würklichere Torheiten, als manchem Leser der Einfall, im neunundvierzigsten Jahre auf eine Universität zu ziehen, scheinen wird. Er hatte einen Einfall; er überlegte; tausend Gründe dafür und dawider erschienen sogleich in seinem Gehirne und stürmten wie erhitzte Advokaten aufeinander los; mitten unter dem Gedränge schlich sich eine von seinen Lieblingsleidenschaften unbemerkt bis an die richterliche Waage und ließ ebenso unbemerkt ein Stückchen Blei, ein Steinchen oder so etwas in die Schale der Partei schlüpfen, die für den Einfall sprach; gleich – ich schwöre es euch bei den Nachthemden aller Musen zu! –, gleich sinkt die Schale, die Advokaten schweigen, der Prozeß ist aus, und der Einfall wird in Ausübung gebracht. Nach dieser Methode wurde sein akademisches Projekt in einem Nachmittage aufgeworfen, bezweifelt, gebilligt und der Termin zur Abreise so kurz als möglich angesetzt, welcher davon abhing, daß er einen Mann fand, der gegen eine billige Belohnung die Verwaltung seines Vermögens über sich nahm, ihm jährlich eine bestimmte, nicht sonderlich große Summe von den Einkünften überschickte und – was ungezwungen daraus herfloß – das übrige für sich behielt. Billige Bedingungen; bei denen der ehrlichste Mann und der ärgste Schelm bestehen kann! Durch einen Glücksfall traf Selmanns abenteuerlicher Vorsatz in einen Zeitpunkt, wo die Rechte dem Herrn Hauptmann V., dessen Andenken ich hiermit erneuern will, eine von ihren traurigen Wohltaten hatten genießen lassen. Da er aus unbekannten Ursachen für dienlich erachtet hatte, seit langer Zeit von fremdem Gelde zu leben, und aus höchstbekannten Ursachen seine Gläubiger für dienlich erachteten, ihn nicht länger davon leben zu lassen, so vertrieben sie ihn unmenschlicherweise, ohne zu bedenken, daß er vielleicht Hunger leiden könnte, nebst Fräulein Kunigunden und Adelheiden, aus seinen sämtlichen Besitzungen und spielten mit einem Worte die ganze Tragikomödie oder Komitragödie – die Rebellion der Gläubiger Concursus Creditorum. . Unter dem Lärme dieses Schauspiels hörte er von den Bedingungen, unter welchen ein ehrlicher Mann der Haushalter von Selmanns Vermögen sein sollte, und ohne zu bedenken, wie verdächtig ein Mann sein müsse, der für einen schlechten Ökonomen berüchtigt war und diesen Ruf durch einen öffentlichen Beweis bestätigt hatte, bot er seine ganze Ehrlichkeit zu Selmanns Diensten an. Dieser, der gleichfalls aus Liebe zu seinem Entwurfe an das geringste nicht dachte, woran ein vorsichtiger Ökonom gewiß gedacht hätte, nahm augenblicklich das Anerbieten an und freute sich, obendrein einen Mann sich zu verbinden, dem es seine Umstände höchst notwendig machten, sich keiner Verbindlichkeit zu schämen. Der Handel war richtig: Der Hauptmann V. Selmanns Pachter, und sobald es sich tun ließ, hielt dieser philosophische Abenteurer seinen Abmarsch. Die Reise wurde aus Ursachen, die niemand hat erforschen können, zu Pferde getan und die ganze Gerätschaft, die sie mitzunehmen beliebten, einem Fuhrmanne anvertraut, der sie auf einem Karren von vier abgelebten Rossen langsam nach  schleppen ließ. Abends vorher, als in aller Frühe darauf der Ausritt geschehen sollte, mußte Tobias eine Ermahnungsrede anhören, wovon ich, um ihrer Merkwürdigkeit willen, ein Fragment hier einrücke, das aus den Papieren meines Helden gezogen ist – wider dessen Echtheit mir niemand etwas einwende. 8. Panegyrikus auf die Gelehrten Ein Fragment – Du wirst in einen Zirkel von Geschöpfen höherer Art versetzt werden, mein Sohn, unter die Weisen, die Auserwählten, deren einziges Geschäfte – die Weisheit, deren höchstes Gut – die Wissenschaft ist, die in die Tiefen des menschlichen Wissens sich hinunter gewagt haben und mit reichen Schätzen zurückgekehrt sind, um sie wißbegierigen Jünglingen mitzuteilen, die selbst das Beispiel zu den Lehren der Weisheit sind, die sie ihren Lehrlingen einflößen; – du wirst unter Sokraten, unter Platonen, unter Ciceronen leben. Bedenke, wie wichtig der Schritt ist, der dich in diese ehrwürdige Versammlung trägt. – Wenn du in eine Gesellschaft tratest, deren Mitglieder durch Stand und Rang über dich erhaben waren, so tatest du es mit aller der Ehrfurcht, die du nach dem angenommenen Gebrauche ihren Vorzügen schuldig zu sein glaubtest. – Hier ist weit mehr! Nicht Vorzüge, die sich auf zufälligen Rang und Stand gründen! Nicht jene Vorzüge, die ein ausgehängtes Schild sind, um Leute zur Bewunderung herbeizulocken, weil man durch sich selbst nichts auszurichten sich getrauete! – Nein, wahre, wesentliche, persönliche Vorzüge! Vorzüge des Geistes! des Verstandes! des Herzens! die erhabensten, die göttlichsten, die Natur und Zufall erteilen können! – Welche Ehrfurcht kann für solche genug sein? Die Geister, an denen sie glänzen, haben Verdienste um die Menschheit, deren Größe durch jedes Lob verringert wird. Sie irrten in tiefsinnigen Untersuchungen herum, um den allgemeinen Menschenverstand zu erhellen , den Menschen richtige Begriffe, richtige Grundsätze und durch diese Glückseligkeit zu verschaffen. Sie stiegen in den Mond, in den Jupiter und die übrigen Sterne; sie ließen sich in die Eingeweide der Erde hinab; sie drangen mit Adlerblicken in die Seele des Menschen hinein, und sie brachten Entdeckungen zurück! o Entdeckungen, als kein Seefahrer in einem Lande machte, das er zuerst gefunden hatte! – und unter diesen vielen die größte: daß man von allem, wonach sie forschten, nicht mehr wissen kann, als was man zu wissen glaubt . – Welche Verbindlichkeiten ist das menschliche Geschlecht einem Orden schuldig, der seit Jahrtausenden Ruhe, Vergnügen, Gesundheit und selbst das Leben aufopfert, um zu erfahren, wie viel der Mensch wissen kann und wie weit seine Erkenntnis über seine fünf Sinne reicht. Siehe, mein Sohn – Mehr hat man nach vielem Nachsuchen von dieser merkwürdigen Rede nicht entdecken können. Mit diesen hochgespannten Begriffen stieg Selmann auf das Pferd; wie lange sie so hochgespannt bleiben, das wird die Zukunft ausweisen. Der Aufzug unsrer gelehrten Ritter entsprach diesen Begriffen und dem ganzen Unternehmen; so herrlich, als Don Quichotte, der Große, ritten sie auf zwei gewesenen Kutschpferden einher, von einem Bedienten auf einem alten Wirtschaftsklepper begleitet, der die nötige Wäsche und Zehrungskosten in einem grünen Mantelsacke nachtragen mußte und wegen eines Spasma mit seinem Reuter und der übrigen Ladung oft so lange zurückblieb, daß ein minder philosophischer Herr sich ebenso leicht einen Argwohn wider die Treue seines Dieners hätte erlauben können, als dieser in Versuchung geraten konnte, untreu zu werden; doch keinem von beiden fiel so etwas ein. Bei dem Ausritte folgten ihnen eine Menge Einwohner aus dem Dorfe nach, die mit Tränen in den Augen, Selmannen zu seiner Reise Glück wünschten und ihn um eine baldige Zurückkunft baten. Selmann! brach dir da dein philosophisches Herz nicht? – Bedachtest du nicht, daß du durch deine Abwesenheit allen, die unter deinem Befehle gestanden und durch deine Güte und Wohltätigkeit ihre Armut und Unterwürfigkeit weniger gefühlt hatten, die Glückseligkeit ihres Lebens entzogest? – Fiel dir gar nicht ein, daß du sie insgesamt der Grausamkeit und Habsucht eines Mannes preisgabest, der durch die Verwaltung deines Vermögens den Schiffbruch seines eignen ersetzen wollte und, nach der Gewohnheit solcher Barbaren Der Kanzler Morus beschreibt dergleichen Raubtiere zu seinen Zeiten in seiner »Utopie«; »Qui«, sagt er, »non ipsi modo degunt, otiosi tanquam fuci, laboribus aliorum, quos, puta praediorum suorum, colonos, augendis reditibus ad vivum usque radunt, verum immensam quoque ot otiosorum stipatorum turbam circumferunt, qui nullam unquam quaerendi victus artem didicere.« , kein Mittel sich zu bereichern kannte, als daß er an dem dürftigen Einkommen der armen Hülflosen saugte, die ein unglücklicher Zufall ihm unterwarf? – Dachtest du nicht daran, warum du eine wirkliche Barbarei an so vielen Menschen begingst? – um einer Schimäre, eines Einfalles, eines nichtigen Einfalles willen! Ja, hätte der gute Weltweise so ruhig wie ich am Tische gesessen und die Geschichte eines Fremden erzählt, so bin ich gut dafür, daß ihm sein Verstand, mit Hülfe seines guten Herzens, alle diese und vielleicht mehrere Umstände sehr rhetorisch vorgepredigt hätte; aber so! – mit einer geschäftigen Einbildungskraft, die das zu erwartende literarische Vergnügen mit den Farben des Himmels abmalte und unter beständigen Abwechselungen goldne Bilder vorhielt! – mit einem Herzen voll ungeduldigen Verlangens, den Genuß dieser Wollust zu erlangen! – und obendrein mit einem Verstande, der die Vernunftmäßigkeit und Nützlichkeit seines Vorhabens mit der deklamatorischen Beredsamkeit eines Kanzelredners herplauderte! – Wer in solcher Verfassung des Gehirns und des Blutes mehr tut als Selmann – Was soll er zur Belohnung haben? – Ein schönes Kleid? Minervens Gaben? Punsch, Wein im Überfluß! und niemals Magenschmerz? Den größten Spielergeist? ein tugendhaftes Herz? – O wie gemein! wie alles so geringe? Ich schafft ihm gleich das größeste der Dinge – Ein hübsches Weib, das nie nach hübschern Männern schielt – als der ihrige ist – versteht sich? Die Ausfoderung gewinne ich, und wenn mein Gegner gleich einen Bart, so ansehnlich, so geistreich, als die Bärte aller griechischen Philosophen zusammengenommen, hätte: ich wette, er tut nichts mehr als Selmann, der über den Abschied dieser Leute bis in das Innerste gerührt war, etliche Tränen fallen ließ, und mit der väterlichsten Güte noch einige Wohltaten unter sie austeilte; – aber daß er weit väterlicher handelte, wenn er ihnen und sich diesen Abschied ersparte – diesen Gedanken vermochte seine gesamte Menschenfreundlichkeit mit allen ihren Rührungen nicht hervorzuziehn. Nehmt es nun den Eroberern, den ruhmsüchtigen Staatsmännern noch übel, ihr Philosophen! Schmält nur, wenn sie bei dem Bestreben nach ihren Absichten gewisse Pflichten der Menschlichkeit übersehen, die sie bei ruhigem Kopfe und Herzen gewiß nicht übersehen hätten. – Selmann übersieht sie, weil ihm eine gelehrte Donquichotterei vor die Augen tritt, und Wolsey , weil ihm der Kardinalshut vor dem Gesichte schwebt; l'un vaut l'autre, nicht wahr? 9. Die verdammte Doziersucht! – oder wie Sophikulus es zu nennen beliebt –, die verdammte philosophische Grimasse! Sie ist nun einmal mein Fehler, so sehr man sich auch darüber beschwert! – Wenn mich ihr Paroxismus nur nicht zu so ungelegner Zeit wie itzt überfiele – es ist ärgerlich! – Man bedenke nur! Während daß ich Ihnen vom Wolsey, von Philosophen, von Leidenschaft und Menschenfreundlichkeit vorplaudere, ist der ehrliche Tobias schon zweimal – mit dem Pferde gestürzt! – Seine kavalleristische Ehre bei der Nachwelt zu schonen, sage ich nicht – vom Pferde gefallen – wiewohl dies die lautere Wahrheit wäre. Der erste unglückliche Fall rührte von der Nachlässigkeit des Bedienten her, der sie begleitete und itzt Reitknecht und alles war. Selmann hatte zwar befohlen, das nötige Reitzeug in möglichst guten Stand zu setzen, allein die Bedienten eines Philosophen müssen wie ihre Herren zu sehr Philosophen sein, um ihre Aufmerksamkeit auf ökonomische Kleinigkeiten zu richten, oder war es hier die gewöhnliche Nachlässigkeit eines schlechten Bedienten? – Genug, der Gurt an Tobias' Sattel hatte so wenig Kräfte übrig, die ganze Reise auszuhalten, daß er gleich eine halbe Meile nach der Ausreise mit einem lauten Knacke entzweisprang und Sattel und Reuter auf der linken Seite des Pferdes in einem Augenblicke hinunterwischen ließ. Sein günstiges Schicksal riß ihm sogleich den Zügel aus den Händen, worauf das Pferd ohne den geringsten Anstand umkehrte und im Galoppe seinen Weg nach seiner vorigen Heimat nahm. Tobias blieb ruhig auf dem Flecke liegen, wohin ihn der Fall geworfen hatte, so unbeweglich, als wenn er seine Lebenszeit so zuzubringen gedächte. Selmann, der in tiefen Gedanken etliche Schritte voranritt und von dem Vorfalle nichts erfuhr, setzte seinen Weg ungehindert fort und vermißte seinen Gefährten nicht eher, als bis er sich nach ihm kehrte, um ihm das Resultat seiner bisherigen Spekulation vorzutragen. – »Was?« rief er verwundert. »Wo ist Tobias?« – Er rief ihn bei seinem Namen etlichemal; umsonst! Tobias meldete sich mit keinem Worte. Wäre Selmann abergläubisch, einfältig – kurz, ein Mann von wenig aufgeklärtem Verstande gewesen, so hätte seine Verwunderung nicht halb so lange gedauert; er hätte in der Geschwindigkeit einen bösen Geist, ein Luftmännchen oder etwas Ähnliches aufgeboten, von welchem sein Reisebegleiter fortgeführt sein sollte; aber als einem Manne, der keine Wirkung ohne wahrscheinliche Ursache annehmen konnte, war es ihm gleich unmöglich, unter den vielen möglichen eine zu wählen und eine genugtuende zu finden. Seine Verwunderung über Tobias' plötzliche Verschwindung währte daher fünf ganze Minuten, worauf er die ganze Sache in dubio ließ und langsam zurückritt, um den zurückgebliebenen Bedienten zu fragen, wie viel er ihm mit Gewißheit von diesem Phänomen zu berichten wüßte. Er kam an die Stelle, wo der Unfall vorgegangen war, und fand den abgeworfnen Ritter noch in der nämlichen Lage, in welche ihn der Fall versetzt hatte. – »Was ist dir widerfahren?« rief er auf ihn zu. – »Ich weiß nicht«, antwortete jener, indem er sich ein wenig aufrichtete. – »Bist du vom Pferde gefallen?« – »Vermutlich! alles ging so geschwinde zu, daß ich nicht eher sehen konnte, was mir begegnete, als da ich lag.« – »Wo ist dein Pferd?« – Indem die Antwort hierauf zwischen den Lippen war, kam der Bediente herbei, dem der entflohne Gaul in einem hohlen Wege begegnet war, und weil jener ihn sogleich erkannt und für undienlich gefunden hatte, ihm den Durchlaß zu verstatten, so wurde er itzt im Triumphe zurückgebracht. Der verunglückte Reuter stund auf, man untersuchte die Ursache seines Unsterns, und Selmann, als er die wahre fand, hatte die Zufriedenheit, zwar nicht die rechte, aber doch auch keine falsche gemutmaßt zu haben. Man traf Anstalten, den Sattel, sosehr es sich tun ließ, wieder brauchbar zu machen, und nach einer Viertelstunde Arbeit saß mein Held wieder in Lebensgröße zu Pferde, welches er so wenig Groll wegen seiner treulosen Entfliehung fühlen ließ, daß er sogar, ehe er aufstieg, wohlbedächtig die Sporen in die Tasche steckte, aus Furcht, ihm damit Schaden zu tun. Man könnte diese Vorsicht auch einer Furchtsamkeit zuschreiben; allein ich bin ein guter Lebensbeschreiber, das heißt, ein Mann, der seinem Helden unrühmliche Sachen für Kleinigkeiten erklärt und drum mit dem größten Rechte gänzlich übergeht. Ja, wie lange bleibt der unglückliche Reuter sitzen? – Wäre er nur nicht erst aufgestiegen! Sein zweiter Fall, von dem ich itzt reden will, war gewiß der einzige in Europa in Ansehung der Ursache, die ihn veranlaßte: Die Philosophie warf ihn ab. Das mag schnackisch zugegangen sein! – Selmanns Zunge war einmal in Bewegung gesetzt, und in diesem Falle hörte ihre Bewegung nicht eher auf, als bis eine neue Spekulation im Kopfe hervorsprang und ihr den Zufluß der Lebensgeister abschnitt; dann stund sie plötzlich still, wie ein Mühlrad, wenn das Schutzbrett vorgesetzt ist. In dieser schwatzenden Laune hatte er seinem Begleiter tausend artige Sachen vorgesagt und trug eben itzt, da von den Göttern der zweite Fall meines Helden beschlossen war, eine merkwürdige Auflösung des Problems von dem Sitze der Seele vor. Tobias neigte sich mit stieren Augen und voller Begierde über den Kopf seines Pferdes hin, um keins von Selmanns Worten, der wegen des engen Weges voranreiten mußte, zu verlieren. Je enger der Weg wurde, je mehr entfernte sich der Dozent, je mehr wurde bei dem Zuhörer diese Neigung des Kopfs notwendig; der Weg ging außerdem bergunter und war, andrer bösen Eigenschaften nicht zu gedenken, ungemein steinicht. Tobias beugte sich immer mehr vor – pump! stürzte sein Roß auf die Knie, und der Reuter flog wie ein Blitz über den Kopf hin. Diesmal hatte das Schicksal vergessen, den Zügel ihm aus der Hand zu nehmen, oder ein gottloser Gnome hatte ihn im Fallen darein verwickelt; das Pferd sprang auf und schnellte zu gleicher Zeit den in den Zügel verwickelten Reuter in die Höhe. Der Elende schrie, das Pferd stund zu seinem Glücke still, er machte sich hastig los, und – o möchte mir doch jemand die Feder wegreißen, indem ich aus törichter Liebe zur Wahrheit meines Helden Schande ausposaunen will! – ich räuspre mich! ich huste – umsonst! – und – mit schwerem Herze sage ich's! – er ergrimmte Hier seufzte der Autor vernehmlich laut. , nahm die Peitsche und gab dem Pferde einen empfindlichen Hieb. Philosophie, du mußt es verantworten, daß er itzt sich selbst so unähnlich wurde! Du warfst ihn ab, und dann verließest du ihn gar? überließest ihn der Leidenschaft? ließest sie mit ihrer Hitze das ganze Eis wegschmelzen, das bei seinem ersten Falle so glücklich wider die Flammen des Zorns aushielt? – Wozu bist du nütze, du Treulose? Man könnte zwar zu ihrer und seiner Beschönigung annehmen, daß die Tropfen des mütterlichen Blutes, die er bei seiner Bildung empfangen und deren im Anfange dieses Werks gehörige Meldung geschieht, eben damals ihren Übergang in die große Pulsader tun wollten und durch die Erschütterung von dem Falle auf einen harten Boden zu schnell durchgedrängt wurden, daß die Peitsche dem Pferde schon auf dem Rücken lag, ehe die Philosophie einen Tropfen Wasser in seinen Zorn gießen konnte. Also hülfe uns die Philosophie nur, wenn wir auf keinen harten Boden fallen? – oder von der Mutter Eva kein Tröpfchen warmes Blut bis in unsre Adern gekommen ist? – Sonach – hülfe sie bei meiner Treu! – nicht viel! 10. Eine Ritterschaft ohne Beschwerlichkeiten wäre kaum des Namens wert. Das mußten unsre beiden Ritter sehr deutlich fühlen; denn, den einzigen Anfall von Zorn ausgenommen, den ich im vorigen Absätze betrauret habe, verzog weder mein Held noch sein Patron das Gesichte aus Verdruß über die Unglücksfälle, die sich gleich am ersten Tage ihrer Reise ihnen entgegenstellten. Nur eine Beschwerlichkeit war so groß, daß sie Selmanns Geduld überstieg; bei den Unterredungen mit seinem Begleiter war oft, wenn das Gespräch sich in vollem Strome ergossen hatte, plötzlich ein enger Weg, ein Graben oder etwas Ähnliches gekommen, das sie genötigt hatte, einzeln zu reiten, oder in der Begeistrung der Aufmerksamkeit waren beide unvermerkt vom Wege ab und in Dickichte, an Teiche geraten, worauf die Bemühung, wieder auf den rechten Weg zu kommen, die Unterhaltung auf einige Zeit hemmte; man vergaß darüber, wovon gesprochen worden war, und mußte die Materie wieder bei der ganz ersten Quelle aufsuchen. Das waren allerdings Ungemächlichkeiten, die jedem Menschenherze schwer zu tragen sein mußten. Daher beschloß Selmann, gleich nach Tobias' Vergehung wider alle Philosophie den übrigen Teil der Reise in einem Wagen zurückzulegen, und abends nach seiner Einkehr in dem Wirtshause eines Dorfs tat er diesem seinen gemeßnen Willen kund. Zuerst richtete er seinen Vortrag an den Wirt, bei dem er sich erkundigte, ob er ihm eine Chaise verschaffen könnte, welche die Reise bis nach aushielte. – »Nein«, war seine runde Antwort mit einem hellen Silberstimmchen. – Ob eine Stadt in der Nähe wäre? – »Nein.« – Ob er nicht einen Wagen geborgt bekommen könnte? – »Nein.« – Ob etwas zu essen vorhanden wäre? – »Nein.« – Ob man Stühle, Tische und Betten bekommen könnte? – (die ganze Stube war leer) »Nein«, und mit diesem schnell herausgestoßnen Nein drehte der Herr Wirt seine kurzbeinichte Figur nach der Tür und ging, ohne weiter auf Fragen hören zu wollen, mit behenden Schritten hinaus. »Himmel! was für ein Original! Den Mann muß ich näher kennen.« – Zugleich tröstete er sich damit, daß man im Falle, wenn der Wirt bei seinem hartnäckigen Nein verbliebe, ihm mit einem Reste kalter Küche aus dem Mantelsacke des Bedienten Trotz bieten könnte. – »Stühle und Tische können wir missen«, setzte er hinzu, »Diogenes konnte in einem Fasse essen, trinken und schlafen; warum sollten wir es nicht in einer leeren Stube tun können?« Inzwischen hatte doch bei beiden Reisenden der tierische Teil ihrer selbst über den geistigen so sehr die Oberhand gewonnen, daß sie sich entschlossen, den Ruhm des Diogenes fahren zu lassen und noch einen Sturm, aber einen Sturm mit Güte, auf den verneinenden Wirt zu tun. Selmann ging, diese Operation auszuführen, und Tobias suchte den Bedienten auf. Jener kam in die Wohnstube und fand die Frau vom Hause bei einem kleinen Spinnrade, das auf dem Tische vor ihr stund. In der Geschwindigkeit änderte er, als ein feiner Kriegsmann, bei dieser unvermuteten Zusammenkunft seinen Plan und beschloß, die Sturmleiter an der Frau Wirtin anzulegen. – Er wiederholte sehr freundlich die nämlichen Fragen, die er ihrem Gemahl getan hatte, und sie wurden insgesamt mit einem langgedehnten, seufzerartigen Ja beantwortet; alles wurde zugestanden. Selmann hob also mit vieler Zufriedenheit die Belagerung auf, da die Kapitulation einen so glücklichen Ausgang hatte, und ging im halben Triumphe zu seiner leeren Stube zurück. Indem er die Treppe hinaufsteigen wollte, hörte er in einer Stube, vor welcher er vorbei mußte und deren Türe offen stand, einen lebhaften Wortwechsel. Er sah von der Ferne hinein und wurde einen Offizier gewahr, der mit dem Wirte heftig stritt, doch so, daß dieser nichts als ein helltönendes: »Nein! Ich mag nicht! Ich will nicht!« auf jenen zuquäkte. »Mordio!« schrie endlich der Fremde, »dich, Satan, will ich wohl zähmen!« – und nach dieser Kriegserklärung griff er nach dem Stocke und ließ ihn mit voller Schwere auf den Rücken seines Gegners fallen, der anfangs die Flucht nehmen wollte; allein der andre faßte ihn mit seiner kriegerischen Faust bei dem Zopfe und fragte ihn zum letzten Male, ob er die nötigen Möbeln, Essen und Trinken herbeischaffen wolle? – und dabei machte er sein Rohr zum Schlage fertig. – »Ja, ja!« maute der Herr Wirt wie ein eingeklemmter Kater. – »So geh, du Hund!« – Dies war das Endurteil seines Überwinders, das, nebst einem guten gesunden Stoße, ihm seine Befreiung ankündigte. Selmann konnte sich nicht genug verwundern, daß ein Mann, dem die Gewinnsucht Antrieb genug sein konnte, durch so gewaltsame Mittel bewogen werden mußte, Geld zu verdienen. Er trat also in die Stube vollends hinein, um sich von dem Offiziere, der in dem Wirtshause bekannt zu sein schien, darüber belehren zu lassen. – »Oh«, sagte ihm dieser, »der Kerl ist ein Sappermenter! Seine Frau, die lahme Hexe, sagt zu allem ja und er zu allem nein, und keiner von den beiden Seehunden rührt einen Fuß. – Aber ich weiß ein Mittel! Man muß den Satan prügeln, alsdann wird man bedient, wie man es verlangt. – Haben Sie ihm seine Ladung noch nicht gegeben?« »Und werde sie ihm nimmermehr geben!« sagte Selmann und schüttelte den Kopf. »Oh«, erwiderte jener mit lautem Lachen, »so können Sie auf den Dielen schlafen! – Ich schwör es Ihnen zu, wenn Sie den Seehund nicht prügeln, so gibt er Ihnen nicht einen Fingerhut voll Wasser.« »Woher aber das? Der Mann ist ja auf diese Art ein Feind seines eignen Vorteils.« »Das will ich Ihnen sagen. In dem letzten Kriege gewann er Geld, wurde trotzig und mußte es auch zuweilen sein; er bekam oft Prügel und gewöhnte sich so daran, daß er itzt noch ohne Prügel nichts herausgibt. – Aber ich kehre gern bei dem Satan ein. – Wir Offiziere beredten uns eines Abends –« Bei diesen Worten, die ohne Zweifel ein fades Histörchen ankündigen sollten, lenkte sich Selmanns Aufmerksamkeit auf die Leute, die unter dem Kommando des Wirts anfingen, die Stube zu möblieren. Der Offizier merkte seine Verwunderung und rief triumphierend: »Das sind die Früchte von meiner Zucht! So muß man diese Seehunde fassen! In Pommern, lassen Sie sich einmal erzählen –« So hub ein neues Geschichtchen an, das Selmann ebenso unaufmerksam anhörte als das vorige und vor deren Endigung er sich dem Erzähler sehr höflich empfahl. Er bekam eine Versicherung durch die kräftigsten Flüche auf den Weg, daß er so schlecht als in der Hölle sich befinden würde, wenn er dem Seehunde, dem Wirte, nicht durch Prügel Mores lehrte . Selmann bekam bei der Rückkunft auf seine Stube eine Nachricht, die jedem andern den Rat des Offiziers annehmlich gemacht hätte. Tobias berichtete ihn, daß der Bediente mit seinem Magazine noch nicht angekommen sei. Es war schon spät, die nächste Vermutung war also, daß er sich verirret habe, aber sie war falsch; nein, Selmann und sein Gefährte hatten sich über ihrem tiefsinnigen Gespräche verirrt. Der Bediente war auf der rechten Straße in einem Gasthofe eingekehrt, weil ihn die Nacht überfallen hatte, und beklagte es sehr, nicht bei seinem Herrn zu sein, besonders, daß dieser nichts von der kalten Küche genießen sollte, die er sich, um sie nicht verderben zu lassen, ganz vortrefflich schmecken ließ. Hätte er vollends von der Verlegenheit gewußt, in welcher sich der Magen und die Menschenliebe seines Herrn befand, der entweder hungrig auf den Dielen schlafen oder seinen Wirt prügeln mußte: ein Entweder und Oder , wo er bei gänzlichem Mangel eines andern Auswegs gern nach dem ersten griff! Da es nach einer kurzen Beratschlagung dabei blieb, daß man nicht wüßte, wie man dieser traurigen Alternative ausweichen solle, schloß Selmann endlich: »Wie mancher Weise, der uns weit übertraf, mag schon hungrig schlafen gegangen sein! den Kopf, voll wichtiger unsterblicher Gedanken, auf einen harten Stein unter freiem Himmel gelegt haben! Wir sind glücklicher als sie; uns schützet ein Dach vor den Beschwerlichkeiten der Witterung. Komm! wenn wir uns müde gesprochen haben, so schlafen wir, wo und so gut wir können.« Tobias' Magen wollte diese Philosophie nicht verdauen und knurrte eine Menge Gegenbeweise her, als Selmann die Unterredung auf das seltsame Betragen des Wirtes lenkte, um die Ursachen davon zu erforschen, denn die vom Offizier angegebene tat ihm nicht genug. Er fand deren eine Menge und wollte eben sich selbst Beifall über eine zuklatschen, die unter allen hervorstach, als jemand leise die Tür öffnete, hereintrat, sich ihm zu Füßen warf, seine Knie umfaßte und in weinerlichem Tone mit weiblicher Stimme sagte: »Nehmen Sie mich wieder auf! Vergeben Sie mir! – Habe ich Sie beleidigt – o sein Sie nicht unversöhnlich! – Vergessen Sie die Vergehungen einer reuigen Ehefrau, die ohne Sie ...« Hier brach sie in Tränen aus und konnte nichts als schluchzen. Selmann sprang gleich bei ihrem ersten Worte auf und war so sehr verstummt als diese Unbekannte und, da er sie weinen hörte, so empfindlich gerührt, als sie es zu sein schien. »Antworten Sie mir! Nur ein einziges Ja! das mir von Ihren Lippen ein heilender Balsam sein wird. – Sprechen Sie es!« – und so umfaßte sie ihn. »Madam«, rief Selmann zurückfahrend, »Sie durchdringen mich! allein –« »O tröstendes Wort! nun leb ich!« – Bei diesen Worten wurde die Umarmung wiederholt. »Madam, Sie irren sich! – Ich bin nie verheiratet gewesen –« »Du bist es, o Bester! Du bist wieder mein Gatte, mein Gemahl –« »Madam, um des Himmels willen! ich kann es nicht sein –« »Fliehe nicht von mir! Du bist es, den meine Seele liebt! Dein Kuß sagt es mir.« – Sie küßte ihn. »Madam, keinen Kuß! Sie verschwenden ihn! Ich bin es nicht!« Unter diesem Dialog trieb das Frauenzimmer Selmannen mit ihren Umarmungen und Liebkosungen von einer Ecke der Stube bis zur andern; er flohe, sie verfolgte ihn, er verneinte, daß er von ihr etwas wüßte, sie bestund darauf, daß er ihr Mann sei. Endlich wurden Umarmungen und sogar Küsse so gehäuft, daß Selmann es vor dem Richterstuhle der Keuschheit nicht zu verantworten glaubte, wenn er nicht plötzlich dem Spiele ein Ende machte. Er ergriff daher die Partie aller berühmten Keuschen, des Josephs und seiner wenigen Nachfolger – er wollte entfliehen; doch sie faßte ihn bei dem Rockzipfel – die verdammte Kleidung, die wir itzt tragen! Kein Wunder, wenn niemand in ihr keusch sein kann! – Hätte er Josephs Mantel gehabt, so hätte er ihn fahrenlassen, und wohl dir, Keuschheit! – Aber ehe er den Rock auszog, konnte sie es tausendmal merken und Weste, Beinkleider und die ganze Person in Besitz nehmen. Wegen dieser Betrachtung ließ er den Rock fest sitzen und sich geduldig von ihr zurückhalten; doch unter vielen Beteurungen, daß er nicht der sein könne, den sie suchte. »So sind Sie es nicht!« rief sie traurig und seufzte. »Vergeben Sie mir!« – und seufzte noch mehr. – »So ist meine Freude verloren! – So habe ich dich, o einzig Geliebter, noch nicht! Ach!« – Hierbei erfolgte ein recht theatralischer Seufzer, der Selmannen das Blut so hastig durch das Herz jagte, daß er sich umwandte, was wegen des Rockzipfels, den sie noch immer fest hielt, etwas beschwerlich war, sie bei der Hand faßte und sie zu trösten suchte. »Was haben Sie, Madam? – Was fehlt Ihnen? – Wen suchen Sie? – Ihren Mann? – Sagen Sie mir eine Spur von ihm, und ich helfe Ihnen suchen.« Dies waren seine unruhigen Fragen, und halb zürnte er schon auf sich, daß er den Mann nicht gleich zur Stelle liefern konnte. Sie antwortete mit schmerzhaftem Tone: »Mein Mann hat mich verlassen. Ich habe ihn beleidigt – ich glaube es wenigstens – er hat mich verlassen, und ich Arme müßte ohne ihn vor Kummer vergehn – ohne ihn!« wiederholte sie und ließ dabei so künstlich eine Träne auf Selmanns Hand fallen, die so feurig brannte, daß sein ganzer Körper vom Zenit bis zum Nadir in eine Zitterung geriet. Nichts fehlte itzt mehr, um den guten Mann zum Romanhelden zu machen, als daß der Wirt sich ohne Prügel entschloß, ein Licht plötzlich in die Stube zu bringen, und daß alsdann Selmann ein Frauenzimmergesicht erblickte, dessen Reiz und Anmut durch eine schmelzende Traurigkeit unwiderstehlich wurde. – So ginge es gewiß in einem gewöhnlichen Romane zu; aber in meiner Geschichte nimmt die Sache eine andre Wendung. – Der Wirt bringt kein Licht, und Selmann bleibt also von den unwiderstehlichen Reizungen eines traurigen Frauenzimmergesichts unangefochten. Was hilft ihm aber das? Entwischt er gleich den Qualen der Liebe, so hat doch seine Menschenfreundlichkeit ihm einmal eine Wunde geschlagen, die so sehr schmerzt als der Pfeil der Liebe; er war gerührt; er wollte dieser fremden Unglücklichen helfen und wußte nicht wie. Eine traurige Lage für ein empfindendes Herz! – Endlich brach er mit vollem Strome der Empfindung in die Frage aus: »Was kann ich tun, Madam? Reden Sie! Befehlen Sie! Alles, was in meiner Gewalt steht, wage ich für Sie.« – Dies sagte er mit einer ungeduldigen Hitze. »Sie sind zu gütig!« war die Antwort. »Wenn ich Sie bemühen dürfte – doch nein! das hieße Ihre Güte mißbrauchen –« »Reden Sie! Ohne Umstände!« »Wenn ich Sie bemühen dürfte, mit mir auf meine Stube zu kommen, und – Ihr großmütiger edler Ton läßt mich hoffen, daß Sie mir wenigstens vergeben werden, wenn Sie mir auch meine Bitte versagen – und mir eine Schwester bereden helfen, mich meinem Schicksale zu überlassen. Sie begleitet mich bei der Aufsuchung meines Mannes; sie liebt mich so übertrieben – ich muß es so nennen! –, daß sie von Mann und Kindern flieht, um meinen Schmerz mit mir zu teilen. Wenden Sie alle Ihre Beredsamkeit an, Sie zur Zurückkehr ihrer Familie zu bewegen. Wenn Sie nicht der sind, den ich liebe, den ich suche, so sein Sie wenigstens mein Tröster, mein Ratgeber! Ihr edles empfindendes Herz ...« »Madam, ich leide unendlich für Sie. Führen Sie mich, wohin Sie wollen! Fodern Sie, was Sie wollen! Ich folge Ihnen, ich versuche es.« »Großmütiger Mann! So kommen Sie dann – Doch ich muß mich schämen! nach einer so kurzen Bekanntschaft Ihnen schon so viel zuzumuten! – Nein, Ihr Edelmut –« »Um des Himmels willen, keine Bedenklichkeiten! – Wo ist Ihre Stube?« Und so faßte er sie bei der Hand, führte sie zur Tür hinaus und wanderte nach ihrer Stube zu. Und Tobias? – Die ehrliche Seele hatte genug mit sich zu tun, um Leib und Geist in erträglichem Zustande beisammen zu erhalten, und war daher nichts weniger als vermögend, an der vorhergehenden Szene lebhaften Anteil zu nehmen. Gewisse Leute, bei denen die Empfindung mehr in der Seele als in dem Körper sitzt, mehr in jene durch erlernte Grundsätze und Nachahmung hineingepflanzt als in diesem von Natur aufgewachsen ist und deswegen, wie eine durch die Kunst gereifte Frucht, innerhalb der Mittelmäßigkeit bleibt – diese Leute, unter welche auch Tobias gehört, bedürfen einer besonders günstigen Disposition des Körpers, um in Empfindungen gesetzt zu werden. Wenn ihr Magen und folglich auch der Kopf – denn beide sind geschworne Freunde, was einer tut, äfft der andre nach – bei böser Laune sind, so kann kein Stachel tief genug in das Herz dringen, um es zu verwunden; es ist ein schlaffes Tuch, das jedem Stiche nachgibt. – Diese Verfassung des Magens – da er einen ganzen Tag auf einem Pferde mit dem unsanftesten Schritte, in holprichten Wegen herumgerüttelt, zweimal vom Pferde geworfen worden und einmal in die unseligste Aufwallung des Zorns geraten war – alles heftige Bewegungen, die einen großen Aufwand am Blute erfodern! – die daher entstehende Verfassung des Magens, sage ich, muß ihn bei jedem billigen Beurteiler hinlänglich entschuldigen, daß er bei jenem rührenden Vorgange in der Ecke stund, sich anfangs fürchtete, dann wieder beruhigte, Selmannen und der Unbekannten nachfolgte, als sie gingen, und da ihn diese ihre Tür vor der Nase zuschloß, mit einer der Verwunderung ähnlichen Miene drei Minuten lang vor der Türe stehenblieb, dann langsam in seine Stube zurückging, sich auf dem Boden auf gut kynisch ausstreckte und – schlief. Nach einiger Ruhe wurde er aufgeweckt. Als er die Augen aufschlug, fand er die Stube helle, einen Stuhl, einen Tisch, ein Licht darauf und – was er in der Zeitordnung zuerst bemerkte – nach aller wahrscheinlichen Vermutung des Geruchs ein ganz gutes Essen dabei, das er auch, sobald er aufstund, in natura erblickte, worauf ihn der Mann, der ihn aufgeweckt hatte, berichtete, daß er essen sollte, und fortging. Das ist ein Feenschloß! Der Mann, der ihm diese erfreuliche Szene öffnete – wenn er ihm doch nach dem Rücken gesehn hätte! – gewiß ein bucklichter Zwerg! ein verwandelter Liebhaber! – Ei, ei! mein Held von Feen gespeist, bedient! Wie leicht könnte seinem Geschichtsschreiber von dieser Ehre etwas zugute kommen! Aber wie mag das nur zugehen? – Wenn er vielleicht gar in den Palast der Circe geraten wäre? – So muß er ein Ulysses werden! und – ich hüpfe! ich schreibe dann eine Odyssee und werde zu Wasser und Lande unsterblich wie Homer! Zwar – man zerbreche sich doch nie bei Sachen, die auf diesem Erdenrunde vorgehen, die Köpfe, um ausfündig zu machen, wie es zugeht. Der Ausgang wird es lehren, spricht, deucht mich, Salomo, der Weise, und diesen erwartete Tobias so weise als ein Salomo, bis sein ganzer Tisch abgespeist war. Er sah sich um und erblickte eine Streu mit Betten, für ihn so einladenden Betten, daß er den Ausgang noch länger zu erwarten beschloß und aller Unruhe über seine Verzögerung gute Nacht gab. 11. Wie gesagt! – es ist nichts Neues unter der Sonne! Man forsche nicht neugierig, sondern erwarte wie Tobias, der Weise, gelassen den Ausgang. Wenn meine Leser diesem Beispiele folgen wollten, so brauchte ich itzt eine Menge nicht zu erzählen – doch sie hören ja gern erzählen! – Also sei es! Die unbekannte Verlaßne, die im vorigen Absatze bei völliger Dunkelheit mit Selmannen auf das Theater trat und sich deswegen vergriff und irrigerweise ihren Mann in ihm zu finden dachte, war nebst ihrer vorgeblichen Schwester – was dächte man? – ein Frauenzimmer, das richtig alle Messen besuchte, um mit ihren Reizen und ihrem Verstande zu wuchern. Nach dieser Ankündigung läßt sich leicht schließen, daß ich keine gemeine Buhlschwester darunter gedacht wissen will; sie war es auch nicht. Nicht jedem bot sie sich feil, nicht jedem überließ sie sich, der die Gebühren bezahlte; nein, sie hatte ein außerordentlich feines Point d'honneur. Niemand wurde in ihre Gegenwart gelassen, der unter zweitausend jährliche Einkünfte hatte, und niemanden betrog sie unter hundert Dukaten. – Zwar, was sage ich? – betrog sie? – Wenn sie das hörte! Sie schoß aus ihren pechschwarzen Augen einen Blitz auf mich, der manchem Menschenherze schon so gefährlich gewesen ist, und machte mich wohl gar zur Strafe in sich – verliebt? – Ich sitze ja hier hinter lauter Büchern, dem Plato, Xenophon, Antonin, die werden mich schon schützen. Um aber doch ihre Delikatesse zu schonen, sei es hiermit gesagt, daß sie nicht betrog , sondern hinterging und sich, was ihr nicht zu verdenken war, für ihre Mühe reichlich bezahlen ließ. Sie verdiente es auch; denn sie machte bei jeder Beute, die sie haschen wollte, einen so großen Aufwand von Verstand, Witz und den übrigen dichterischen Talenten als Shakespeare und alle seine Brüder und Zunftgenossen. Jedes ihrer verliebten Spiele war eine nach einem durchdachten Plane ausgeführte Komödie oder Tragödie, wobei sie selbst die Hauptrolle und meistens meisterlich spielte. Nie hatte sie eine von den gemeinen Absichten dieser Sirenen, die aus Gewinnsucht oder Wollust unbesonnene Mannspersonen verführen. Sie hätte sich selbst gehaßt, wenn sie so unedle Triebfedern bei sich entdeckt hätte. Ihr Ehrgeiz ging viel höher; sie wollte dem männlichen Geschlechte seine Schwachheit und die Überlegenheit des ihrigen fühlen lassen. Daher wählte sie jederzeit einen hartnäckigen tapfern Gegner, wo ihr der Sieg schwer für ihre eigne Tapferkeit desto rühmlicher war. Nie suchte sie unbedachtsame Jünglinge oder ausschweifende Männer ins Netz zu locken; ja, sobald sie an einem den geringsten Schein von Liederlichkeit bemerkte, so wurde er als ein untüchtiges Subjekt für sie angesehen, und wenn diese Bemerkung erst geschah, da sich die Aktion schon angefangen hatte, so brach sie sogleich mitten in der Ausführung ihres Plans ab und ließ den Unwürdigen, nach einer hinlänglichen Geldstrafe, aus dem Felde ziehn. Ihre Anbeter, an denen sie ihre weibliche Fechterkunst zeigte, mußten Männer von der bewährtesten Tugend, der aufgeklärtesten Vernunft und der geprüftesten Aufführung sein. Die männliche Tugend , deren Existenz sie anfangs ganz leugnete, war ihr einziger Feind; wo sie diese vermißte, griff sie kaum zu den Waffen. Nach dem Siege war sie grausamer als ein Türke; sie ließ dem Überwundenen nichts übrig; sie plünderte ihn auf die unbarmherzigste Weise; doch war sie oft ebenso großmütig. Oft ließ sie sich an der Ehre des Sieges begnügen und legte im Augenblicke, da die Übergabe vor sich gehn sollte, die Waffen nieder, sobald ihr Gegner sich unterwarf und ihre Superiorität erkannte. Parcere Subjectis et debellare superbos schien ihre Kriegsmaxime zu sein. So gab sie durch unbeschreibliche Künste denen Leidenschaft, die keine zu haben schienen, machte sie zum Opfer der ihrigen und wurde es oftmals selbst. Sie hatte eine Menge Leidenschaften, wie bei einer solchen Tätigkeit des Geistes zu erwarten ist; allein die meisten darunter waren so veränderlich, so geschmeidig wie ihre Gesichtszüge. In ihrem Gesichte war allemal mit einer unbegreiflich schnellen Abwechslung die Miene, die sie gerade brauchte, und ebenso abwechselnd waren ihre Leidenschaften bald Tugenden, bald Laster. Ihr Ehrgeiz war heute die übertriebenste Freigebigkeit gegen Dürftige und Unbedürftige und morgen der habsüchtigste Geiz gegen ihre Liebhaber. Ihr Verstand, ihr Witz, ihre Talente – dies waren die Götzen, die sie anbetete, und wer so listig war, diese mit ihr anzubeten, der hatte oft den geheimen Triumph, sie mit ihren eignen Waffen zu schlagen; sobald sie eine solche List merkte, wurde sie zum Tiger; doch haben einige dadurch die Ehre erlangt, ihre Überwinder zu sein, daß sie sich als Überwundne anstellten. Wehe dir, Selmann, daß du mit einer solchen Streiterin zu tun hast! – besonders bei so ungünstigen Umständen; denn sie hatte auf der Messe, wo sie diesmal ihren Schauplatz aufgeschlagen, einen Unstern gehabt, der ihre ganze Wut wider die männliche Tugend gereizt hatte. Einer ihrer Liebhaber war so fein gewesen, ihr den Vorteil abzugewinnen und glücklich eine gute Dosis Liebe beizubringen; sie fühlte ihre Krankheit, und der Bösewicht ließ ihr eher nicht merken, daß er darum wußte, bis der wichtigste Augenblick herannahte, und da schon ihr ganzer Reiz in seiner Gewalt war, ging er lachend von ihr, triumphierte und brüstete sich bei allen ihren Bekannten mit einem Lorbeer, den sie ihm nicht streitig machen konnte. Das war ärgerlich! höchst ärgerlich! Ihr Ehrgeiz wurde auch so stark angespornt, daß sie von der Minute an alle vorhabende und künftige Plane aufgab, die Messe verließ und wie ein neuer Herkules ausging, Ungeheuer zu würgen; so nannte sie in allen Ehren uns arme Mannspersonen. Wie ein hungriger gereizter Löwe kam sie mittags in dem nämlichen Gasthofe an, wo Selmann und Tobias einkehrten. Ihre äußerst feine Kenntnis männlicher Gesichter belehrte sie gleich nach der ersten Besichtigung, daß dies ihr Mann wäre, und sie beschloß augenblicklich, ihn ihrem beleidigten Ehrgeize aufzuopfern oder zu sterben! – Ich dächte – soweit ich Selmannen kenne! –, sie könnte in dem nämlichen Augenblicke den Dolch spitzen und den Sarg bestellen! – So dachte sie aber nicht. Sie ließ sich nicht von ihm sehen, sondern agierte anfangs durch ihre vorgegebne Schwester, die sie schon seit vielen Jahren begleitete und ihr getreulich bei allen Unternehmungen beistand, und durch einen Bedienten, welcher itzt bei nicht sonderlich günstigen Vermögensumständen ihr ganzes Gefolge ausmachte. Diese beiden Abgeordneten forschten Selmanns Bedienten mit der feinsten Kunst eines Spions aus; und der gute Johann, der noch nie in solche Schlingen gefallen war und es auch für seine Pflicht hielt, seinen Herrn in seiner Beschreibung von ihm mit allem möglichen Glanze erscheinen zu lassen, machte ihnen ein so herrliches Porträt von Selmannen, von seinen philosophischen Einsichten, empfindlichem Herze und seinen Reichtümern, daß beide Kundschafter sich lächelnd einmal über das andre mit den Augen zuwinkten, um einander zu verstehen zu geben, daß dieser Mann für die Absichten ihrer Gebieterin gemacht sei. »Dieser Mantelsack«, setzte Johann hinzu, rückte den Hut schief und tat statt des Beweisgrundes einen kräftigen Schlag auf den Tisch – »dieser Mantelsack ist bei meiner Treu! voller Gold; was wollen Sie mehr? Mein Pferd hat sich lahm daran getragen! Denken Sie einmal! Ein Mantelsack voller Gold! Wenn Sie nun nicht glauben wollen, daß mein Herr der Reichste im Lande ist, so müßten Sie an keinen Himmel und keine Hölle glauben.« – Dabei holte er, um nichts fehlen zu lassen, was seinem Herrn ein Gewichte geben könnte, den Beutel aus der Tasche, schüttete etliche Goldstücken aus, die er sich seit langen Jahren vom Lohn gesammelt hatte, und fragte den Wirt so stolz als ein armer Student, der einmal den Reichen spielen will: »Was bin ich schuldig?« Obgleich die Ausforscher die eine Hälfte von diesen Prahlereien für Lügen hielten, so schien ihnen doch wenigstens nach der bei jeder Erzählung nötigen Subtraktion die andre Hälfte Wahrheit zu sein; besonders taten sie bei der letztgemeldeten Erscheinung der Goldstücken einen Schluß a minori ad maius von dem Bedienten auf den Herrn. Nach diesen hohen Ideen wurde der Bericht eingerichtet, den sie von ihrer Gesandtschaft erstatteten. »Das ist der Mann«, rief ihre Gebieterin nach Endigung dieser Nachricht, »an dem ich meine Schande rächen und alle Männer strafen will! – Ein Philosoph?« fragte sie lachend, »und wenn es ein Sokrates wäre! Desto willkommner! – Wie stolz will ich sein, ein so wildes Tier wie einen Philosophen zahm gemacht zu haben! – Isabelle! denke einmal! wenn der Herr Philosoph samt seiner Weisheit in die – Grube fällt! – Wie er zappeln wird! – Isabelle, das wird ein herrliches Schauspiel werden. – Fort! ich muß ihn sprechen. Gleich, Adam, meldet mich! – Isabelle! er ist wohl so häßlich als ein Philosoph?« Isabelle: »Vermutlich; aber doch reicher als ein Philosoph!« »Das versteht sich; sonst machte mich seine Philosophie nicht sonderlich lüstern. – Die verdammte Messe erniedrigt mich unter mich selbst! Der verdammte! – Doch was mach ich mir denn schlimme Laune mit solchen Dingen? – Da, Mädchen! ein Glas auf die Gesundheit der Philosophie! – Soviel Ehre muß man wohl dem guten Dinge antun! – Nu! singst du mir nicht im voraus ein Triumphlied dazu?« Isabelle: »Welches denn gleich? Ce–ci–de–runt in pro–fun–dum, summus Aristoteles –« Vor Lachen konnte sie nicht weiter, und beide hätten sich gewiß noch viel gröblicher an dem guten Mütterchen, der Philosophie, versündigt, wenn nicht zum großen Glücke Adam mit der Nachricht zurückgekommen wäre, daß ihre Gegenwart dem Herrn Philosophen willkommen sein würde. Sogleich fuhr ihr Gesicht in die trockenste Ernsthaftigkeit zusammen; sie ging und trat in dem Charakter einer Niederländischen von Adel in Selmanns Zimmer. Ihr Vortrag war diesmal aus der Kasuistik. Sie hatte, nach ihrem Vorgeben, in der Gegend, wo er vormals residierte, sich kurze Zeit aufgehalten und vieles von dem guten Rufe gehört, in welchem seine Einsichten und seine Menschenliebe stunden; sie hatte ihn kennenzulernen gewünscht, hatte, ehe dieses zu bewerkstelligen war, zum größten Leidwesen gehört, daß er seinen Wohnplatz verändern wolle, war ihm nachgereist und hatte vor einem Augenblicke durch ihre Bedienten erfahren, daß die Fügung des Himmels sie unter einem Dache mit dem Manne zusammengebracht hätte, den sie schon, ohne ihn zu kennen, mehr als alle Weisen älterer und neuerer Zeiten verehrte. – Dies aus dem Stegreife ersonnene Märchen wurde mit einer so kräftigen Essenz von feinen Schmeicheleien und versteckten Lobsprüchen wohlriechend und wohlschmeckend gemacht, daß ihm die steifsten Fibren eines Stoikers nicht hätten widerstehen können, und das war Selmann nicht! Er hatte die lebhafteste feinste Empfindung und folglich auch die lebhafteste feinste Eigenliebe, und folglich war diese schon im Eingange für die schöne Rednerin eingenommen, ehe sie noch an die eigentliche captatio benevolentiae kam. Die hohe Meinung von seinen Einsichten, gab sie weiter vor, die ihr sein Ruf gleichsam aufgedrungen, habe sie bewogen, ihn um die Beantwortung einer Frage zu ersuchen, deren Auflösung für ihre Glückseligkeit wichtig und von seiner Menschenfreundlichkeit allein zu erwarten wäre. – Armer Selmann! Wie man deine Eigenliebe zum besten hat, um dich zu überreden, daß du aus bloßer Menschenliebe die Gewissensfrage einer Hinterlistigen beantwortest! Sie las in Selmanns Gesichte, wie weit sie schon mit ihm gekommen war, und lenkte das Gespräch auf verschiedene Gegenstände, um seinen ganzen Geschmack, seine Empfindungen und Leidenschaften von Grund aus zu studieren. Bald erzählte sie die unglücklichen Geschichten ihrer Freundinnen – Selmann wurde gerührt –, bald malte sie die zärtliche Zusammenkunft ihrer Schwester und ihres Liebhabers nach einer zweijährigen Trennung – Selmann glühte –, bald kam sie auf ihre eignen Widerwärtigkeiten, die sie mit einer tragischen Beredsamkeit zu heben und durch alle theatralische Künste ihres Körpers eindringend zu machen wußte – Selmann ward ganz Empfindung. Nun wußte sie den Ton, in welchem sein Gefühl gestimmt war, und brauchte nichts mehr als eine kleine Kenntnis von seiner Marschrute, seinem Plane, Vorhaben, Absichten und künftigem Aufenthalte. Ehe er sich's versah, hatte sie ihn durch die künstlichste Wendung des Gesprächs dahin gebracht, daß er ihr aufrichtig alles nach der Länge offenbarte, was sie zu wissen nötig hatte. –Aha! dachte sie bei sich, als sie seine gelehrten Absichten erfuhr, auch ein bißchen Romanenschwung im Kopfe? Desto besser! – Darauf wurde die kasuistische Frage vorgelegt, beantwortet, die Unterredung mit einer Auswahl von wechselseitigen Schmeicheleien beschlossen und Selmann zufrieden und mißvergnügt auf seiner Stube zurückgelassen wie ein Koridon, den seine Phyllis, eben da seine keuschen Flammen lichterloh brennen, plötzlich verläßt. Ei, ei! er hat sich doch nicht verliebt? – Verliebt und auch nicht! wie man's zu nehmen gedenkt. – Er hatte eine hohe Idee von dem Frauenzimmer, sie war in seinen Augen die verständigste, die witzigste, die empfindlichste, die schönste, die tugendhafteste, die bezauberndste Schöne in allen Mittagskreisen, er fühlte gewisse dunkle Regungen des Wohlgefallens und Vergnügens, wenn er an sie dachte – und er dachte an nichts anders –; er wurde mißvergnügt, als sie ihn verließ, er empfand ein unbestimmtes Verlangen, sie länger, sie öfterer zu sehen – und, wie seine Vernunft ganz gravitätisch hinzusetzte, von ihr Verstand, Tugend und Anmut zu lernen – und so weiter. – Nun halte man diese Beschreibung an sein Herz und sage mir: Heißt das verliebt sein? – Also wäre denn die Eigenliebe der Weg, durch welchen die himmlische Venus in die Herzen der Sterblichen hineingebracht wird? Wenigstens mußte, genau berechnet, zwei Dritteile seiner Empfindung auf ihre Rechnung und eins den Ursachen zugeschrieben werden, denen er sie ganz zuschrieb. – Aber mag dies sein, wie es will; wenigstens will ich – was ich auch andern rate – den Grundsatz merken: Durch das Tor der Eigenliebe kömmt die himmlische Venus in die Herzen der Sterblichen, ohne daß sie es wissen. 12. Emilie – diesen Namen habe ich, während daß ich vom letzten Absatze ausruhte, der Grazie gegeben, die in Selmannen das Gefühl aufweckte, das die Leute mit aller Gewalt für Liebe ausgeben wollen. – Emilie war keine von den kleinen Schöpfern solcher Entwürfe, wo Erfindung und Aufführung so nahe beisammen liegen, daß sie einander fast berühren, alle ihre Plane gingen ins Weite, sie umfaßten einen Zirkel, dessen Umfang Leute von wenigen Talenten nicht übersehen konnten. Daher war der vorhin erzählte Besuch nichts als eine Einsammlung der Materialien zu der wichtigen Erfindung, über welcher sie brütete; doch die Ausübung ihrer Rache an dem männlichen Geschlechte in Selmanns Person blieb bis zu der Zeit verschoben, wo diese Weise die süßen Gerüche der Wissenschaft zu  einatmen wollte. In der Zwischenzeit mußte der ganze Operationsplan entworfen werden. »Sic fata tulerunt« – spricht ja Jupiter , da die Welt untergehen soll und der mächtige Erderschütterer es nicht verhindern kann; um so vielmehr kann sich Selmann so darüber trösten, daß ihn das Schicksal den nämlichen Tag abends in einen Gasthof führt, wo seine schöne Zauberin vor einer halben Stunde eingekehrt war. Sie erkannte ihn sogleich bei seiner Ankunft, und unmittelbar darauf erfolgte der Entschluß, zum Zeitvertreibe den nämlichen Abend ein kleines Vorspiel ihrer Rache auszuführen. Stehendes Fußes wurden Anstalten gemacht und die theatralische Geschicklichkeit des Herrn Wirts sehr klüglich genützt. Ihr Bedienter mußte in möglicher Eile ein Offizier werden, der jenen Widerspenstigen vernünftig prügelte. Wozu aber alles das? sollte man denken. – Nicht ein einziger Umstand war ohne Absicht und ohne Zweck. – Sie mußte Selmanns Herz auf ihre Seite bringen, ehe er sie erkannte; nichts war zu dieser Absicht dienlicher, als daß sie eine Rolle spielte, die Mitleiden erregte und seine Empfindung auf sie zog, und daß sie diese Rolle im Finstern spielte, um zu verhüten, daß er sie eher erkannte, als bis sein Herz schon in Flammen stund; damit sie dieses im Finstern bewerkstelligen konnte, mußte es dahin gebracht werden, daß er den ganzen Abend aus Ursachen kein Licht bekam, die ihn nicht vermuten ließen, daß das Spiel angelegt sei; der Wirt wurde also für ein kleines Trinkgeld beredet, den Charakter anzunehmen, in welchem er erschien; der vermeinte Offizier schlug Selmannen eine Methode vor, sich Licht und die übrigen Bequemlichkeiten zu verschaffen, von welcher man voraussah, daß er lieber alles entbehren würde, ehe er sich's auf die vorgeschlagene Weise verschaffte. Er blieb also ohne Licht, Emilie öffnete unter der angenommenen Larve einer unglücklichen Ehefrau, die ihren Mann suchte, sein Herz der Empfindung, die sie sich durch ihre Kunst in jede andre, welche sie eben brauchte, umzuschaffen getraute. So vielen Raum hat man nötig, um die Gedanken eines schönen Geistes auseinanderzusetzen! – Alles hängt zusammen; Glied paßt an Glied, so gut als in dem herrlichsten politischen Entwurfe, und doch hat ihr die ganze Erfindung kaum mehr Zeit gekostet, als die Rollen auszuteilen! – die alle so meisterlich gespielt wurden, daß der Philosoph nichts merkte und es ihr gelang, ihn in voller Empfindung auf ihre Stube zu bringen, wo wir ihn mit ihr und ihrer vorgegebnen Schwester bei verschloßnen Türen zurückließen, um uns mit seiner Gesellschaft vorläufig bekanntzumachen. O Philosophie! itzt beweise deine Macht unter den Sterblichen! und ihr, ihr getreuen Diener, die ihr in den elysäischen Feldern gravitätisch herumwandelt oder in einem Winkel auf dieser Erde steckt, stehet, wenn ihr könnt, durch euern geheimen Einfluß euerm bedrängten Mitbruder bei! – Helft ihm überwinden, und ich setze euch allen insgesamt noch in diesem Buche ein Monument! Und du, mächtige Göttin, Keuschheit! – es steht gefährlich um ihn! – Bei verschloßnen Türen! Zwischen zwo der listigsten Frauenzimmer! die von Rache schnauben und ihn zum Opfer derselben ausdrücklich ausgesucht haben! – Ein jeder denke seine Keuschheit einmal in solchen Umständen und zittre nicht für das arme Geschöpfchen! Gleich nach dem Eintritte in Emiliens Stube wurde er von ihr zu ihrer Schwester geführt, um den Auftrag auszurichten, den er über sich genommen hatte. Isabelle lag auf einem Kanapee von etwas ältlicher Miene, den Kopf auf die rechte Hand gestützt, mit entblößtem Busen, dessen Bedeckung im Schlafe, von welchem sie zu erwachen vorgab, sich verschoben zu haben schien; zwo fleischichte, runde, wohlgemachte Arme zeigten sich so weit bloß, als ihre Schönheit reichte; – überhaupt hatte sie, dies beiläufig zu sagen, den sogenannten embonpoint charmant in hohem Grade; – die ganze übrige Kleidung war so leicht als das Gewand einer badenden Nymphe und bedeckte so sinnreich, daß sie gerade das unverborgen ließ, was einen jeden auf die Bedeckung böse machen mußte: quae latent, meliora puta. Sie fuhr verstellterweise aus dem Schlafe auf, als der neue Gast sich ihr näherte, schien bestürzt über seine Ankunft zu sein, wollte voller Verwirrung alles bedecken, was nach der Etikette der Schamhaftigkeit durch Männeraugen nicht entweiht werden darf – und ließ alles entblößt; entschuldigte sich über die Stellung, in welcher er sie antraf – und blieb darinne; beklagte sich über Migräne – und schoß die wollüstigsten Blicke aus zwei großen funkelnden Augen auf Selmannen. Emilie begab sich sogleich nach seiner Einführung weg und ließ sie allein beisammen. Selmanns Stuhl war so künstlich gestellt, daß nach allen optischen Regeln die Richtungslinie seiner beiden Augen unvermeidlich auf den Mittelpunkt von Isabellens Brust treffen mußte. Zwo Lichter waren so gestellt, daß sie ihren Platz nur darum bekommen zu haben schienen, damit ihr Schein die Augen der kranken Sirene nicht blenden möchte, und doch nach aller Absicht einen so vorteilhaften Glanz auf ihren Busen warf, daß er wie die Sonnenstrahlen von einem Marmorpalaste mit doppelter Stärke auf Selmanns Sehnerven zurückprallte, weswegen der gute Mann sich nicht enthalten konnte, sooft sie Atem holte, mit den Augen zu blinzen. Nahe an seiner linken Seite lag ein Arm voll embonpoint charmant und nicht weit von ihm ein ebenso schöner quer über den Schoß hin, in dessen Nachbarschaft sich ein Paar Knie durch den dünnen Unterrock sehr deutlich ankündigten. Die Füße wurden von Isabellen bei jeder Gelegenheit aus dem Spiele gelassen, weil die Natur eine so große Menge Materie daran verschwendet hatte, daß sie durch ihre Disharmonie dem Eindrucke des übrigen Ganzen nicht wenig hätten schaden können; sie mußten sich daher gewöhnlicherweise hinter die Kleidung bescheiden zurückziehn. So ohngefähr sahe das Schlachtfeld aus, und in Selmanns Herze – wackelte der Perpendickel wahrhaftig so hurtig hin und her, daß ich – dich, liebe Philosophie, noch einmal von Herzen ersuche – tue dein möglichstes! Die Unterredung war in dem schmachtenden Ton gestimmt. Isabelle wußte ihren Philosophen bald auf die Gelegenheit zu bringen, den Auftrag ihrer Schwester zu vollziehn. Er tat es; er setzte ihrer Schwesterliebe aus allen Fächern der Logik und Rhetorik ein Argument entgegen, worunter sie ein jedes so eifrig und doch so seicht widerlegte, daß Selmanns Triumph bei jedem neuen gewisser wurde, und als er beinahe erschöpft war und, wie erschöpfte Redner pflegen, wieder von vorne anfing, so schien sie so sehr zu wanken, daß er sie zuversichtlich noch zu bewegen hoffte, dem Verlangen ihrer Schwester genug zu tun und wieder zu ihrem Manne zurückzukehren. Nach einer nachdenkenden Pause, während welcher sie so sehr die unruhige Miene der Unentschlossenheit anzunehmen wußte, daß Selmann mit Bedauern auf sie sah, fuhr sie plötzlich auf, als wenn sie, durch die Triftigkeit seiner Gründe gezwungen, ihre Partie nähme, umhalste Selmannen mit der zärtlichsten Dankbarkeit und rief: »Sie haben überwunden! Ihre Gründe haben mein Gefühl überstimmt! – Ich muß meine Schwester verlassen, wie Sie sagen. – Meinem Herze hätten Sie freilich einen größern Gefallen getan, wenn Sie mich zum Gegenteile überredet hätten; allein Herz und Vernunft können nicht allzeit eins sein. Sie, großmütiger, edler Mann, Sie haben mir meine Vernunft wiedergegeben. Ich folge Ihrem Rate, und wenn meine Tränen Ihnen Dankes genug sind ...« Hier verstummte sie unter einer zweiten Umarmung, die mit den sanftesten rührendsten Tränen ausgeschmückt war. Sie fuhr einige Zeit fort, die Menschenfreundlichkeit, Rechtschaffenheit, Menschenliebe und die übrigen Tugenden des Philosophen mit verstellten Ausdrücken der Dankbarkeit zu kitzeln, und mischte nur hin und wieder einen kleinen Zusatz darunter, der etwas unmittelbarer auf die Liebe wirken sollte, besonders da sie bei der zweiten Umarmung den Kunstgriff gebraucht hatte, mit ihrem wallenden Busen und Selmanns Hand zusammenzutreffen, als diese eben auf dem Wege war, die Augen zu reiben und eine Unordnung der Miene dadurch zu verbergen. Diese unvermutete Zusammenkunft hatte die Folge, daß sich der Weise vergaß und die Hand während der Umarmung drei völlige Sekunden liegen ließ, wobei die listige Nymphe eine wellenförmige Bewegung in allen Nervengefäßen seiner Finger bemerkt haben wollte, welches sie für ein Symptom von der besten Anzeige hielt. In dem Gedränge von Empfindungen, das auf ihn zudrückte – Eigenliebe, Menschenliebe, Freude, über den guten Erfolg seiner Beredsamkeit, Freude, einen Dienst getan zu haben, und das Gefühl – das Venus weichen Seelen einhaucht, alles das war in Bewegung – in einem solchen Gedränge vergaß er sich noch mehr, ließ die Hand vom Busen niedersinken und ergriff Isabellens Hand, die sie ihm nach einem bescheidnen Zurückziehn überließ. Er drückte sie, wollte ihr für ihre Dankbarkeit danken und ihr beweisen, wie sehr sein kleiner Dienst unter derselben wäre; und er vergaß sich zum dritten Male und sagte ihr statt dessen das verbindlichste Kompliment, das ein erklärter Liebhaber hätte aufbringen können. Aber, Philosophie, konntest du nicht deinen Schild vor seine Hand halten, wie Minerva mit dem ihrigen den Diomed schützte und den Pfeil aufhielt, der seinem Leben drohte? – Wenn er sich noch einmal vergißt ... ich sage nichts mehr. Daß dieser Augenblick kritisch war, merkte auch Isabelle, die deswegen alles tat, ihn in dieser Verwirrung und Selbstvergessenheit zu erhalten und, wo möglich, tiefer darein zu stürzen. Beides gelang ihr. Selmann vergaß sich zum vierten Male und küßte – die ergriffne Hand mit der gutherzigsten Zärtlichkeit. Er vergaß sich – doch nicht zum fünften Male? – Nein, denn eben trat Emilie herein und weckte ihn durch ihre Ankunft aus der Selbstvergessenheit. 13. Dank sei dem Himmel! mir ward bange! Emilie beging durch ihren Hereintritt allerdings einen Fehler, und ihre Gefährtin konnte sich nicht enthalten, ihr einen unwilligen Blick zuzuwerfen; allein sie war zu entschuldigen. Nach allen ihren Erfahrungen konnte sie nicht vermuten, daß bei einem harten Philosophenherze der kritische Augenblick so zeitig eintreffen könne, und war nicht wenig auf Isabellen eifersüchtig, als sie hinterdrein erfuhr, wie weit es schon durch ihre Kunst gebracht worden war. Gleich nach Emiliens Erscheinung auf dem Schauplatze meldete ihr ihre vermeinte Schwester, daß die Beredsamkeit und die Gründe dieses edelmütigen Mannes den völligen Sieg über ihre Zweifel und über ihr Herz erlangt hätten. – »Er hat mir«, sagte sie, »die grausame Güte erwiesen und mich zu meinem Besten überredet – grausam muß ich diese Güte nennen: denn sie zwingt mich, dich zu verlassen – doch sie zwingt mich auch, mich meinem Manne, meinen Kindern wiederzugeben – nein, so kann ich sie nicht grausam nennen, obgleich mein Herz sie heimlich so nennt. – Morgen, Schwester«, sprach sie niedergeschlagen, »morgen –« »Mußt du mich verlassen?« unterbrach sie Emilie. »Schreckliche Trennung! – O bester Mann, wenn ich dich gefunden hätte! – Nein, Schwester, morgen schon?« »Muß ich dich verlieren!« setzte Isabelle schluchzend hinzu. Hierauf erhub sich zwischen beiden der zärtlichste Streit schwesterlicher Liebe; jede wünschte, die andre immer zu besitzen, und jede sah ungern die Notwendigkeit ein, die andre zu missen. Endlich wandten sie sich mit ihrer beiderseitigen Zärtlichkeit an Selmannen; er wurde mit Danksagungen überhäuft und die Umarmungen so vielfältig wiederholt, er so oft Freund, Vater, Ratgeber genannt und durch alles dieses seine Verwirrung und Selbstvergessenheit so gut wiederhergestellt, als wenn vorhin keine Emilie sie unterbrochen hätte. Er war entzückt, außer sich und wußte kein einziges von seinen Gefühlen zu unterscheiden. Er vergaß sich zum fünften Male und – Man trug das Abendessen auf. Er wurde gebeten, dazubleiben und mit einer nüchternen Mahlzeit vorliebzunehmen; er nahm den Vorschlag an und setzte sogar hinzu, daß ein König bei den ausgesuchtesten Gerichten nicht besser speisen könne, als er heute in solcher Gesellschaft tun würde. – Selmann! Selmann! Bei Tische wurde der Ton der Unterhaltung um eine gute Tertie höher gestimmt und so auch die Empfindungen – aus schwesterlicher Zärtlichkeit wurde verliebte Zärtlichkeit. Die ausgesuchtesten verfeinertsten Begriffe von der Liebe, die nach den Petrarchischen den nächsten Rang verdienten, waren nebst Schönheit, Anmut und andern Tugenden des schönen Geschlechts der einzige Gegenstand des Gesprächs; alles wurde mit dem feinsten Witze gewürzet und durch die lebhafteste Aktion gehoben. Man schwatzte den lieben Philosophen so sehr aus seiner denkenden Sphäre heraus, daß er wohl etlichemal eine Anwandlung vom Philosophieren bekam, die aber so vorübergehend war, daß er die meiste Zeit einen stummen entzückten Zuhörer abgab. Keinem Neuvergötterten konnte die erste Göttermahlzeit besser schmecken; und gewiß, an der Tafel des Jupiters wird im Homer und Virgil nie mit einem solchen Aufwande von Witz, Scharfsinn und Empfindung gegessen. Was Selmanns Freude und Vergnügen am meisten bei diesem Gespräche unterhielt, war unstreitig, daß er in demselben Spekulation und Scharfsinn über einen neuen empfindungsreichen Gegenstand antraf. Kopf und Herz wurden auf diese Art zugleich ergötzt. Nach aufgehobner Tafel schien Selmann so sehr in der rechten Lage zu sein, um den Hauptanschlag an ihm auszuführen, daß Emilie etlichemal in Versuchung geriet, sich seine für sie günstige Verfassung zunutze zu machen; allein sie war gewohnt, mit einer raffinierten Bedachtsamkeit und Klugheit zu handeln, und beschloß daher, lieber ihren Lorbeer reif werden zu lassen, als ihn zu zeitig brechen zu wollen. Noch vor Mitternacht – schieden beide Teile zufrieden voneinander. Wenn es weiter nichts war! so durfte ich nicht halb soviel Beistand für Selmanns Tugend aufrufen. – Indessen wer weiß, wo er ihn weiter nötig hat? Denn wie man deutlich merkt, sollte dieses nur noch eine Probe seines Herzens sein, ob und wieweit es der feinen Empfindungen der Liebe fähig wäre und ob sie durch die nämliche Methode wie bei andern nur halb so weisen Menschenkindern erregt werden könnte; das entscheidende Treffen ist also noch übrig, und dies waren nur die ersten feindseligen Neckereien. Selmann legte sich wohl nach seiner Zurückkunft von diesem Sturme an Tobias' Seite; allein er wünschte vergebens, nur halb so gut schlafen zu können als sein schnarchender Nachbar. Er wälzte sich hin und her; Blut, Lebensgeister und Gedanken liefen so verwirrt und hurtig herum, daß die Pulse sich nicht oft und behende genug öffnen konnten und in seinem Kopfe eine Idee über die andre wegstolperte. Allmählich fing seine Einbildungskraft an, diese herumschweifenden Gedanken zusammenzubringen und zu einem zusammenhängenden Ganzen zu verbinden. Was kam heraus? – Lauter kleine Kopien von den Szenen und Gegenständen, die ihm Leib und Seele aus der gewöhnlichen Ruhe und Stille gebracht hatten; wie Epikurs Atomen hing sich eine Vorstellung, ein Bild an das andre, bis zuletzt die ganze Komödie noch einmal von seiner Annäherung zu Isabellens Lager bis zum Abschiede ordentlich und pünktlich wiederholt wurde. Mittlerweile war die Vernunft wieder zu Atem gekommen, und sie machte immer mehr und mehr den Anfang, seine gehabten und gegenwärtigen Empfindungen zu unterscheiden, bis sich endlich das Ganze in Spekulation verwandelte und dann der Schlaf den Vorhang zuzog. Nach seiner Meinung war das Bewußtsein einer guten Handlung seine Grundempfindung gewesen. – Seit langer Zeit, sagte er sich selbst, habe ich in einem solchen Grade der Stärke nicht empfunden. – Warum nur? – Gewiß, nichts anders als das Bewußtsein der Rechtschaffenheit! der Dienstfertigkeit! – So viel Entzücken kann man sich durch eine geringe Bemühung erkaufen? – Warum ist mein Leben nicht eine Reihe von lauter solchen Bemühungen? – Aber so lebhaft, so stürmisch lebhaft war mein Gefühl doch niemals in mir! – Das ist befremdend! – Ei, was ich mir für Schwierigkeiten mache! – Das Unvermutete überrascht, erhöht, verstärket alle Empfindungen: Ist dieses nicht mein Fall? – Ich wurde durch den Irrtum der mitleidenswürdigen Frau, die ihren Mann in mir zu finden glaubte, gleichsam von der Empfindung überfallen und noch mehr durch die Gelegenheit, ihr einen nützlichen Dienst zu erzeigen, den ich glücklich ausführte – alles wider Vermuten! – Das Unerwartete gibt unsern Fibren einen Grad von Elastizität mehr, daher die Stärke meiner Empfindung, daher der freudige Aufruhr, der sich auch meinem Körper mitteilte. Noch mehr mußten meine Organen gespannt werden, als ich für eine Gefälligkeit, deren Erfolg anfangs so zweifelhaft schien, mit Dankbarkeit gleichsam überströmt wurde und wahrnahm, daß mein Dienst an keine Unwürdige verschwendet war – das süßeste Glück, was man bei Handlungen für andre schmecken kann! – Nächst dem mag das Vergnügen, die Anmut, die Lebhaftigkeit, die – Hier verloren sich seine Gedanken, und er schlummerte ein. Ist dieses Selbstgespräch nicht völlig in dem Geschmacke und nach der Methode eingerichtet, die wir Sterbliche bei Betrachtungen über uns selbst befolgen, blindlings befolgen? – Wenigstens eins unter meinen Lesern, es sei Mannsperson oder Frauenzimmer, muß mir doch mit ja antworten! – und alsdann bin ich zufrieden; denn so schließe ich, daß ich von solchen gelesen werde, die zuweilen in sich selbst schauen, über sich selbst nachdenken – gewiß, keine geringe Freude für einen Schriftsteller, der Selbsterkenntnis für das Wichtigste unter Sonne und Mond hält! Solche Betrachter ihrer selbst müssen die Wahrnehmung gemacht haben, daß der tiefsinnigste und seichteste Kopf, der erleuchtetste Weise und der unwissendste Idiot bei dergleichen Untersuchungen über sich selbst, besonders wenn sie die Zergliederung eines Seelenzustandes betreffen, welchen man kaum verlassen hat, gleich seichte verfahren. – Vom Newton, Locke, Leibniz und andern hat jeder unter uns wunderseltsame Dinge erzählen hören; einer stieg in die Wolken und in den Mittelpunkt der Erde, der andre in den menschlichen Verstand hinunter, und der dritte war allenthalben so gut als zu Hause; alle kamen darinne überein, daß sie nie sich begnügen wollten, mit ihren Untersuchungen über die Oberfläche der Wahrheit hinzufahren; nein, sie ruhten nicht eher, als bis sie sich bis zu ihrem Mittelpunkte hineingedrängt hatten, und wo sie nicht bis dahin konnten, da gestunden sie zuweilen, oder andre Leute merkten es, daß ihre Nachforschung unterwegs steckengeblieben war. Diese vortrefflichen Männer, die so äußerst delikat in der Gründlichkeit bei Triangeln, Zentralkräften und andern philosophischen Grübeleien waren, glaubten ihrem Herze oft das wunderlichste Zeug auf sein Wort . Welch ein Wunder nun, wenn denkende und wollende Substanzen, denen die Seichtheit als ein Erbteil zufiel, so geradezu glauben, was ihnen ihre jedesmalige Empfindung weismacht! – Der Unterschied ist nur, daß der sogenannte Weise sich betrügen läßt und es zuweilen hinterdrein merkt, der Idiot hingegen sich betrügen läßt und hinterdrein bis auf den Tod behauptet, daß er nicht betrogen ist. Jener zieht sich zuweilen aus einer solchen Erfahrung ein paar Regelchen, legt sie in seinem Gedächtnisse nieder, und wenn das Glücke gut ist, ersparen sie ihm doch mannichmal die Kränkung, von sich selbst hintergangen worden zu sein; und wenn er auch weiter keinen Vorteil von seiner Weisheit hätte, so macht sie ihn doch mißtrauisch gegen sich, und ein kluges Mißtrauen ist keine üble Sache! Ich glaube, daß das Bewußtsein, der innerliche Sinn oder die Empfindung dessen, was in uns selbst vorgeht, bei verschiedenen Menschen aus ebendem Grunde sich gradweise unterscheidet, warum Genie und selbst Tugend in so unendlich verschiedenen Graden unter ihnen angetroffen wird – weil ihre Organen nicht zu dieser Art der Wirkung von der Natur eingerichtet wurden. Wie es also möglich ist, daß ein scharfsinniger Mann Zentralkräfte ausdenken, den Lauf der Kometen berechnen, arithmetische Tafeln aussinnen und doch kein erträgliches Gedichtchen hervorbringen kann, ebenso mag er bei Untersuchung des Verstandes so scharf wie Lynceus sehn – bei Untersuchungen seines Herzens kann er doch stockblind sein, weil eben die Natur, die ihm die dichterische Einbildungskraft versagte, ihm auch die Schärfe des innerlichen Sinnes nicht mitteilte. Der Mensch übersieht einen unendlich ausgedehntern Raum als die Fliege; dafür ist ihr Auge ein Mikroskop: Leibniz und Newton können die weitläuftigsten Rechnungen, das ganze Weltall übersehen; aber ein andrer Geist, der dies nicht kann und darum für keinen Leibniz gehalten wird, hat statt dessen die Fähigkeit, den kleinsten Trieb seiner Seele zu belauschen, jede seiner Empfindungen bis auf den Grund zu verfolgen – die Schärfe seines innern Gesichts ist in diesem Punkte stärker. Demnach wären große Fähigkeiten des Verstandes und die Kenntnis seiner selbst trennbare Sachen? diese nicht eine notwendige Folge von jenem? und wer im Monde und allen Sternen bekannt ist, kann doch, nach dem sokratischen Ausdrucke, in seinem eignen Hause fremd sein? – Ja! das ist schon vor langer Zeit unstreitig gewesen, daß man in einem Verstande ein großer Philosoph und in einem andern gar keiner sein kann. Selmann war kein Leibniz, kein Newton, ob er gleich unter ihren Umständen und zu ihren Zeiten es hätte werden können; doch so ungern als jene pflegte er seicht, sondern so tief sich es tun ließ, aus der Quelle der Wahrheit zu schöpfen; er hatte nächst dem Scharfsinne jenes Talent der innern Empfindung in vorzüglichem Grade; er konnte, wenn sein Herz in Ruhe war, seine Empfindungen und Bewegungsgründe mit einer bewundernswürdigen Umständlichkeit zerlegen; aber in einem solchen Zustande, in welchem er sein Selbstgespräch vorhin hielt, sah er nicht einen Schritt recht oder sagte einem wahrscheinlichen Roman nach, den ihm sein Herz in die Ohren blies. Selbstkenntnis ist also eine Wissenschaft, eine Kunst, zu welcher die Natur ebensowohl als zur Dichtkunst eine eigne Kraft der Seele schenken, eine eigne Stimmung der Organen veranstalten muß, die man erweitert, sich geläufiger macht, indem man durch Übung und Fleiß dieses Talent stärkt, die verschiedene Menschen in verschiedenen Graden erlangen, weil die Grade ihres Talentes und ihrer Übung verschieden sind. Wer kann es in dieser Rücksicht einem Menschen anrechnen, wenn ihm in sich selbst alles Finsternis ist? oder wenn er seine Antriebe und Bewegungsgründe mißkennt? – Ebensowenig als daß er kein Virgil oder kein Plato ist! Es ist seine Bestimmung nicht; doch wenn er auch nicht auserlesen ist, ein Virgil zu werden, so kann er sich doch Geschmack genug erwerben, um seine und seiner Mitbrüder Arbeiten zu schmecken, zu genießen, so viel als jeder Mensch, der poliert heißen will, unumgänglich braucht; und wenn auch jemand nicht bestimmt ist, in seiner Seele so bewandert zu sein als Montaigne und andre nach ihm, so kann und muß er doch so viel von ihrer Wissenschaft besitzen, als nötig ist, um ein leidlich rechtschaffnes Leben in dieser Welt zu führen. Wer tanzen kann, hält sich besser im Gleichgewichte; wer sich selbst nur erträglich kennt und fühlt, stolpert wohl oft, aber doch nicht so oft als andre, deren Selbstgefühl unter dem seinigen ist. Antonin – mich deucht, er ist es – rechnet die Beschäftigung, über seine Triebe; Leidenschaften und Bewegungsgründe zu geschehnen Handlungen nachzudenken, seine in gewissen Zuständen gehabten Empfindungen zu zerlegen, unter die nützlichsten und süßesten und die Stunden, die er darauf verwenden konnte, für die glücklichsten seines Lebens – er, der Beherrscher totius imperii Romani. 14. Selmann wacht auf – also ist es Zeit, meinen Sermon von der Selbstkenntnis zu schließen. Er wacht auf und fühlt ein Verlangen, die beiden Nymphen zu sehn, die ihn abends vorher außer sich setzten. Solange er schlaftrunken war, gestund er sich dies ohne Rückhaltung, sobald er aber recht munter war – gute Nacht, Offenherzigkeit! Da hieß es, daß die Politesse unnachlässig geböte, ihnen vor ihrer Abreise noch einmal aufzuwarten. Er fuhr in seine Kleider, ging und erfuhr, daß sie in aller Frühe aufgebrochen waren, und es tat ihm leid – daß er ihnen diese letzte Höflichkeit nicht hatte erweisen können, sagte und glaubte er; und ich – ich denke, für die Unterlassung einer bloßen Höflichkeit tat es ihm zu sehr leid. Inzwischen ließen es glücklicherweise die Anstalten zur Anschaffung eines Wagens und Fortsetzung seiner Reise nicht dahinkommen, daß er sich wie andre Verliebte seinem Kummer über die Entfernung des geliebten Gegenstandes überließ. Er seufzte zwar zuweilen, empfand auch einen unbestimmten Mangel in sich; aber das geschah nur zuweilen und nur beineben. Zum größten Leidwesen waren seine Bemühungen nach einen Wagen fruchtlos; der Pfarr des Orts war der einzige Besitzer von einem, den er aber wegen alter Bekanntschaft nicht gern an fremde Hände verhandeln wollte. Nicht glücklicher war er mit seinem Suchen bei der nächstfolgenden Einkehr; außerdem verminderte sich auch sein Verlangen, im Wagen zu reisen, je näher er dem Orte seiner Bestimmung kam. Auch seine Lust zum Sprechen nahm stufenweise ab; Tobias hörte keine einzige tiefsinnige Spekulation mehr, sondern der ganze Zug rückte stillschweigend fort. – Was mag ihm nur in Gedanken liegen? Doch nicht Emilie und Isabelle? – Es ist nicht zu leugnen, seine Einbildungskraft stellte sie ihm fleißig vor und zog seinen Nachforschungsgeist auf Gegenstände, die ihm vorher fremd waren oder sich ihm doch selten zum Anschauen dargeboten hatten. Anstatt über Materie und Geist, über Immaterialität und Körperlichkeit zu räsonieren, dachte er itzt über die Anmut, die Vorzüge und Schwachheiten, die Liebenswürdigkeiten, die Schönheiten und Reize des andern Geschlechts nach. Sein Gehirn wimmelte von lauter schönen Figuren; Nymphen, Grazien, Göttinnen des Himmels und der Erde gingen darinne nach Herzenslust spazieren, und sein ganzer Kopf war ein mahometanisches Paradies; bei so guter Gesellschaft ist es ihm nicht zu verdenken, wenn er die Unterhaltung mit seinem Reisegefährten etwas aussetzt. Er hatte sogar bei diesen neuen Betrachtungen eine eigne Empfindung des Wohlgefallens, welche bei seinen vorigen zwar auch, aber im mindern Grade gewesen war; die vorigen hatten ihn amüsiert, und diese entzückten ihn. Doch wurde er bei seiner Annäherung zu den erwarteten gelehrten Glückseligkeiten gesprächiger; der Schauplatz in seinem Kopfe verwandelte sich; die Philosophie trat mit einem feierlichen Zuge von Wissenschaften aus der Szene hervor, und Grazien und Nymphen ließen die Hände auseinander, flohen vom Tanze weg und versteckten sich schüchtern in die abgelegensten Winkel, aus welchen sie nur dann und wann einen mutwilligen Sprung hervortaten. Die ganze Dekoration wurde allmählich wieder wie ehmals; alles sah so ernsthaft aus als eine Einsiedlerhöhle. – Die herrschende gewohnte Neigung! Emilien und Isabellen können sie wohl eine Zeitlang niederdrücken; aber eine mit ihr verwandte Idee, die Annäherung an eine Stadt hilft ihr gleich wieder in die Höhe – und Selmanns Gehirn nahm sie so schnell und stark wie eine Überschwemmung ein, in welcher die schönen Nymphen und Huldgöttinnen insgesamt ertranken. – War das nicht jammerschade? Der Bediente, der sich seit dem ersten Nachmittage nach seiner Ausreise von ihm verloren hatte, gebrauchte die Vorsicht, in allen Gasthöfen, die er auf seiner Straße antraf, die Nachricht zurückzulassen, daß er seinen Weg gerade nach  fortsetzte – und seinen Herrn, den er jedem Wirte umständlich beschrieb, dort erwartete. Selmann, der sich wieder auf den rechten Weg durch einen langen Umschweif hatte bringen lassen, erhielt diese Zeitung gleich in der ersten Herberge, wo er sein zweites Nachtlager nahm, und freute sich, daß er noch nichts Böses von der Treue seines Bedienten geargwohnt hatte. – Alles war in der besten Ordnung; kein Kummer, keine Sorge war ihm mehr übrig; er hatte völlige Muße, sich mit der vorigen schönen Gesellschaft in seinem Kopfe noch länger zu unterhalten; – aber da erblickte er eine Turmspitze von  und – wie ein Talismann blendete ihn die verdammte Turmspitze! Er träumte wieder von nichts als Wissenschaft und Gelehrsamkeit. – Die böse Turmspitze! Beide Ritter nahmen bei ihrer Ankunft in  sogleich ihren Weg zu dem Hause des großen Sophronius, des Weltweisen, wo sie sich vorläufig eine Wohnung hatten ausmachen lassen. Er trat mit der heiligen Ehrfurcht in diesen Tempel der Weisheit, mit welcher sich ein Heide seinem Götzenbilde nahte, und mit dem Schauer, mit welchem Burney neulich sich vor dem Heiligen von Ferne demütigte. Der Ruf dieses Mannes wie auch einige seiner Schriften hatten ihm eine Hochachtung gegen denselben beigebracht, die gegen den größten Wohltäter des menschlichen Geschlechts nicht lebhafter hätte sein können. Er hatte ihn gerade in einer Stunde gelesen, wo sein Kopf heiter, zum Aufnehmen neuer Begriffe offen, zum Denken besonders aufgelegt war; es war an einem schönen Sommermorgen, wo er gut geschlafen und gut verdaut hatte; er saß in einer Laube bei seinem Hause in einer kühlen erquickenden Luft; unter solchen günstigen Umständen wurde das Buch des großen Sophronius gelesen, das heißt, Selmann las einige Zeilen – ein Gedanke, ein Wort darinne gab seinem Gehirne einen Stoß, und es lief mit Behendigkeit ein langes Feld von Spekulationen durch, wo es jeden Gegenstand, den es unterwegs antraf, so frisch und helle dachte, daß er ihm neu zu sein schien, wenn er gleich schon oft da gewesen war; dann kam wieder eine Periode, ein Blatt – und seine Gedanken traten eine neue Reise auf ganz neu scheinende Wege an. So ging es das ganze Büchelchen hindurch, und da er am Ende war, rechnete er die neuen Entdeckungen, die er gemacht zu haben glaubte , das Vergnügen, das ihm die Deutlichkeit und Lebhaftigkeit seines Denkens und die körperlichen Empfindungen hatten genießen lassen, dem Verfasser zu. Dem guten Manne wurde unschuldigerweise von Stund an ein Altar in Selmanns Herze aufgerichtet, und seine künftigen Produkte waren allemal, sie mochten bei heitrem oder trübem Himmel, nach guter oder schlechter Verdauung gelesen werden, sogar bei Indigestionen, die herrlichsten Denkmäler der menschlichen Vernunft. – So viel, ihr lieben Autoren, habt ihr euern Ruhm Wind, Wetter und Verdauung zu verdanken! Wenn euch diese einmal günstig gewesen sind, dann ist euer Kredit bei vielen Lesern befestigt, wo sie aber einmal ungünstig waren, da – eure Rede kann euch wie Honig von den Lippen fließen, sie wird doch nicht schmecken! – Gut! so werde ich allen Rezensenten und Taxatoren meiner gebornen und zu gebärenden Werkchen jedesmal Diät, Wärme und Kälte, besonders die nötige Witterung des Kopfes und des Herzens, vorschreiben! Am liebsten wäre es mir, sie läsen jedes in premio puellae – den Tag, wenn sie ihm gewogen ist, und ich bin gewiß, sie loben – wenigstens Druck und Papier. Sophronius hätte gewiß seine gelehrten Waffen ergriffen und Spieß und Pfeile auf denjenigen geschleudert, der boshaft oder aufrichtig genug gewesen wäre, ihm diese wahre Geschichte des Selmannischen Beifalls zu erzählen; und da er dem Autorherkommen gemäß denselben nebst der Hochachtung und Ehrfurcht, die eine Folge davon waren, den Verdiensten seines Kopfs und seiner Schriften beimaß, so konnte es niemanden befremden, daß er besonders in der Gegenwart seines neuen Hausgenossen seine zwergartige Figur, wie Phäders Frosch, aufblies, um ihm das ganze Gewicht seiner Größe fühlen zu lassen. Er war gerade auf einem Schmause, als die beiden Reuter ankamen, und seine werte Ehegattin fand sich, bei genauerer Besichtigung, zur Beschämung schlecht angeputzt und also ungeschickt, den H. von Selmann zu empfangen oder ihn vor sich zu lassen, als er sich die Erlaubnis dazu ausbitten ließ. Erst den andern Tag frühe geschahe seine Einführung bei dem großen Sophronius, der ihn mit der lauen Höflichkeit eines spanischen Grandes empfing, von Zeit zu Zeit, wenn jener einen Lobspruch auf ihn einfließen ließ, zu erkennen gab, daß er nicht unrecht gesprochen hätte, und zu seiner und seines Pflegesohns akademischer Diät alle die Lehrstunden vorschrieb, die er selbst hielt. Darauf empfahl er sich mit einem seichten Bücklinge und wackelte in sein Kabinett zurück. Selmann stutzte und blieb stehen, als ihm gemeldet wurde, daß die Frau des großen Sophronius ein ungemeßnes Verlangen trüge, seine Bekanntschaft zu machen, ihn um Vergebung bitten wollte, XX – und ein Dutzend extrafeiner Komplimente mehr. Er wurde nebst meinem Tobias in eine Nebenstube geführt und beinahe mit so vielem etikettenmäßigen Geziere als von der Gemahlin des H. von R. aufgenommen; doch zog Tobias am meisten ihre Aufmerksamkeit auf sich; sie besah ihn unaufhörlich; sie ließ alle Glieder seines Leibes, Stück vor Stück, durch die Musterung gehn. – Was mag sie nur haben? – Ach! endlich kömmt es zum Vorschein: Ihr hochseliger Papa, christlichen Andenkens, hatte gerade den Schnitt der Nase und der Oberlippe, gerade die Warze auf der erstern gehabt, die sie an Tobias bewundern mußte, bei welcher Gelegenheit sie berichtete, daß ihr Herr Vater von einem alten adeligen Geschlechte gewesen sei, worauf sie ihre Genealogie und vornehme Verwandtschaft vortrug. So ungern Selmann den großen Sophronius so schnell abbrechen sah, so gern hätte er itzt den Anfang gemacht; doch er mußte aushalten. Da sie voneinander schieden, bekam Tobias ein freundliches Händedrücken und einen sehr gütigen Blick mit auf den Weg. 15. Da sie an einer Tafel mit dem großen Sophronius speisten, so suchte Selmann sich die Gelegenheit zunutze zu machen und sich an den Reden seines Wirtes zu weiden. Er brachte deswegen meistens das Gespräch auf philosophische Materien, worüber jener wie ein befragtes Orakel seine endliche Entscheidung gab, ob man gleich nur seine Meinung verlangte. Anfangs war die Hochachtung gegen diesen positiven Mann zu lodernd, zu heftig, als daß Selmann es hätte wagen oder sich erlauben können, seinen Aussprüchen nur einen anscheinenden Zweifel entgegenzusetzen; doch in der Länge fühlte er etwas Unbehagliches in den Unterredungen mit ihm, die Flamme der Hochachtung und der Ehrfurcht wurde immer schwächer, bis er zuletzt mit ihm wie mit einem jeden fehlbaren Menschenkinde sprach. Diese Änderung des Tons machte den großen Sophronius stutzig, und so bescheiden und höflich jener seine Zweifel vortrug, so war doch dieser schon beleidigt, daß er sie vortrug. Er wußte nicht, wie er sich in die vorige gefürchtete Unfehlbarkeit zurücksetzen sollte, welches doch für ihn unumgänglich notwendig war, wenn ihm nicht Selmanns Umgang zur Last fallen sollte. Er ergriff die höchst schlechte Partie und verstärkte seinen Ton und Ausdruck, sobald sich sein Tischgenosse mit einem Zweifel hervorwagte; er tat wie Leute, die die Überlegenheit des Feindes fühlen, einen Schreckschuß, um ihn wenigstens auf einige Zeit furchtsam zu machen; aus diesen Schreckschüssen wurden allmählich wirkliche Kanonaden von Widerlegungen oder vielmehr positiven Verneinungen, die jeder andrer als Selmann für Unhöflichkeiten angesehn und als solche geahndet hätte. Doch man weiß schon seinen Grundsatz über den Wert der menschlichen Gewißheit und die Duldsamkeit, die ihm derselbe eingeflößt hatte; wenn es ihn also auf der einen Seite befremden mußte, daß ein Sterblicher so verwegen entscheiden konnte oder seine Eigenliebe über die unhöflichen Widersprüche ungehalten war, so drückte auf der andern jene friedsame Toleranz den Unwillen sogleich nieder. Die Eigenliebe, fällt mir bei dieser Gelegenheit ein, ist ein gutes Weibchen, man sage von ihr, was man will; sie ist wie die Gattung von Weibern, die böse oder gut – kurz, das sind, wozu sie ihre Männer machen. Wenn die Eigenliebe, das heißt, das eigne Gefühl unsrer Kräfte und Vollkommenheiten, mit einem sanften Temperamente verbunden ist, so wird sie ein duldsames friedfertiges Geschöpf; wo es aber die Gefährtin eines unruhigen Blutes ist, da wird sie zum zänkischen Weibe. In dem ersten Falle gab ich die Toleranz gegen die von den unsrigen verschiedene Meinungen für einen Abkömmling der Eigenliebe aus; sie ist es auch im Grunde, oder vielmehr die Eigenliebe selbst, ein verfeinerter Stolz. Entweder dulden wir andrer Meinungen, weil wir von dem Werte unsrer eignen so vorteilhafte Begriffe haben, daß wir dafür halten, es könne ihnen durch den Gegensatz der andern nichts benommen werden, oder wir dulden sie, um zu gefallen, um dieselbe Gefälligkeit für die unsrigen dadurch zu erkaufen – andre Ursachen, die von Menschenfurcht, Ohnmacht und dergleichen entstehen, rechne ich nicht hieher. – Selmann hielt gewiß, nachdem seine Bezauberung von dem Sophronius gemindert war, seine eignen Meinungen für besser als dieses Mannes seine; denn sonst hätte er wider alle Regeln des menschlichen Tun und Lassens gehandelt, wenn er ihnen seinen Beifall eine Minute gegeben hätte, und eben darum, weil er sie für Wahrheit hielt, duldete er die entgegengesetzten des Sophronius – einer von den Hauptwidersprüchen der menschlichen Natur! Niemand kann einer Meinung seinen Beifall geben, wenn er sie nicht für wahrer hält als alle andre, und gleichwohl muß er, um tolerant zu sein, keine für ausgemacht wahr halten. Eine solche feine Wendung der Eigenliebe war es bei Selmannen, die ihn so gleichgültig den Widerspruch ertragen ließ; denn hinter jeder Abweichung des Sophronius von ihm folgte eine Art von innerlichem Bedauern oder Verachtung, welches soviel hieß als: Ich weiß es besser! – und bei diesem blieb das nicht bloß ein innerlicher Ausruf, sondern drängte sich bis über seine Lippen. Bei Selmannen war die Eigenliebe ein gefälliges, nachgebendes Weibchen, bei Sophronius ein zänkisches, ungestümes Weib. Eines Tages führte sie das Tischgespräch auf die Gewißheit der menschlichen Erkenntnis, Selmanns Lieblingsmaterie! Er trug fast die nämlichen Gründe vor und erklärte die menschliche Gewißheit auf die nämliche Art, wie er sie einst in einem Gasthofe einem Manne in braunem Rocke und schwarzer Weste erklärte, der alle Gründe zugab und doch nichts glauben wollte, was sie bewiesen. Sophronius glühte, als er merkte, daß der Mann, der mit ihm aus einer Schüssel aß, so ein Erzketzer war, der ihm sogar alle Gewißheit und Unfehlbarkeit absprechen wollte; seine kleinen lichtgrauen Augen zogen sich in ihrem Mittelpunkt zusammen wie eine Schlange, die sich zusammenwindet, um sich auf ihren Feind loszuschnellen; die ansehnliche Nase schwoll zu einer kolossalischen Größe empor; die Lippen waren in einer unaufhörlichen wellenförmigen Bewegung wie ein kochendes Wasser, der ganze Leib vorwärts gebeugt und in der Stellung, als wenn er auffliegen wollte. Unter diesen fürchterlichen Aspekten war Selmann, ohne sie zu merken, dahin gekommen, daß er den Schluß machte: bei einer solchen Gewißheit sei ein weiser Skeptizismus die einzige Partie, die ein verständiger Mann erwählen könne. – »Nicht jeder Zweifler«, setzte er hinzu, »ist darum, weil er zweifelt, ein Weiser! Der Skeptizismus entsteht aus zwei Extremen: Entweder ist unser Genie so wirksam, daß wir jede Seite eines Gegenstandes gleich deutlich, gleich lebhaft zugleich übersehn, oder es ist so schwach, daß wir eine jede nur einzeln und nach und nach erblicken, ohne sie jemals alle oder doch die vorzüglichsten zusammen zu übersehen; in beiden Fällen müssen wir gleich unentschlossen sein, welche Seite des betrachteten Gegenstandes wir für die wahre halten sollen. – In dem ersten finden wir, daß eine Sache, unter verschiedenen Gesichtspunkten gesehen, verschieden erscheinen muß und also unter den Arten, wie sie erscheint, keine vor der andern wahr oder falsch sein kann – man zieht also keine vor, man zweifelt. Geben Sie mir das zu?« Sophronius antwortete, aber der Ton war so zweideutig und unverständlich, daß man nicht wußte, ob man es als ein Ja oder Nein auslegen sollte. In dieser Ungewißheit schlug sich seine Ehegattin ins Mittel, und weil sie wußte, daß die Veränderungen in ihres Manns Gesichte Vorherbedeutungen von einem nahen Ausbruche seines Zorns waren und doch sich eine Menge Ursachen denken ließen, warum sie seinen Ungestüm von Selmannen zurückhalten mußte – da er gar aus dem Hause und von ihrer Kost hätte ziehen können –, so rief sie im Namen ihres Mannes ein vernehmliches Ja aus. Sophronius knirschte. »Ebenso leicht«, fuhr Selmann fort, »werden Sie mir auch zugeben, daß in dem zweiten Falle derjenige, dem die verschiedenen Seiten eines Gegenstandes nur einzeln, nach und nach und insgesamt in schwachem Lichte erscheinen, sich in den Umständen eines Mannes von blödem Gesichte befindet, der die Personen bloß nach den Kleidern unterscheidet; erschiene ihm jede Stunde eine Person von Ferne in einem andern Kleide, so würde er nie wissen, ob es dieselbe wäre; er würde Ähnlichkeit finden und auch keine; er zweifelte. Ist dieses nicht wahr?« Sophronius schwieg und schien ruhiger zu sein; doch seine Frau wiederholte, um desto gewisser zu gehn, die vorige Bejahung. Selm.: »Jener ist der Skeptizismus des großen Genies, dieser des kleinen; jener macht tolerant, dieser so unduldsam als eingebildete Unfehlbarkeit; jenes ist der wahre Skeptizismus, den ich für die wohltätigste Beschaffenheit –« Bei dem Worte Skeptizismus entbrannte Sophronius von neuem; ohne die Rede vollenden zu lassen und ehe seine Frau mit ihrem Ja dazwischenkommen konnte, rief er voller Eifer aus: »Verfluchte Meinung! – Verfluchter Skeptizismus!« – Mehr konnte er nicht vor Zorn aufbringen. Endlich fuhr er mit verdoppelter Stimme fort: »Also sind Sie ein solcher Mann? – Schon längst habe ich mit dem größten Ärger Ihre Neigung zu den verworfensten Prinzipien der Deisten, Naturalisten, Fatalisten, Pyrrhonisten, Materialisten, Skeptiker und der übrigen Rotte bemerkt. – So wollen Sie denn alle Säulen der menschlichen Erkenntnis umwerfen?« »Nein«, unterbrach ihn Selmann gelassen, »ich will sie dadurch befestigen –« »Befestigen? – umstürzen! sagen Sie! damit keine Wahrheit ist, die Sie fürchten! damit Sie Geist und Materie in eine Masse werfen können! damit keine Vorsehung, sondern ein blindes Fatum die Welt regieren soll! – Apage! Mit so einem Manne mag ich nicht unter einem Dache und –« »Der Herr hat völlig Recht«, fiel ihm seine Frau hastig ins Wort, »und du willst ihm Unrecht geben? – einem Manne von so guter Lebensart? der uns so viele Höflichkeiten erweist?« – Hier machte sie ihm eine freundliche Verbeugung – »der unser Haus und unsern Tisch mit seiner Gegenwart beehrt?« Sophron: »Den er nicht länger –« »Der Herr hat Recht, sage ich, und du, Mann, willst es nicht erkennen? – Abbitten mußt du es ihm, daß du ihm so begegnet bist! – Ich ersuche Sie«, dies sagte sie mit dem ironischsten Tone, »Herr Sophronius, ihm auf der Stelle zuzugestehn, daß keine Gewißheit in der Welt ist.« Selmann verbat sehr inständig diese Abbitte und Ehrenerklärung und versicherte, daß er über den Ungestüm ihres Mannes zwar erstaunt, aber im mindesten nicht durch ihn beleidigt wäre, allein sie bestand darauf. »Ich kann es nicht zugeben«, waren ihre Worte, »daß ein so liebenswürdiger Mann wie Sie auf eine so niedrige Art in meinem Hause gemißhandelt werden soll, daß er Unrecht behalten soll –« Selmann legte noch eine Vorbitte ein, umsonst! Er wollte gehn. – »Um des Himmels willen, bleiben Sie!« rief sie und hielt ihn zurück. – »Muß ich meine Bitte wiederholen, Herr Gemahl? Sie geben zu, daß der Herr Recht und Sie Unrecht haben?« Sophronius zitterte vor Ärger wie ein kleines Kind, das gern tobte, wenn es sich nur nicht vor der Rute fürchtete. »So machen Sie doch!« war itzt ihr Befehl, der mit mehr Ungeduld als Ironie gegeben wurde. – »Nu, mein Herr? Sie räumen ein, daß keine Gewißheit in der Welt ist? Nu?« – Dieses Nu war mit einem fürchterlichen Drohen der Augen und der Miene begleitet, daß Sophronius, der das Übergewicht ihrer Macht fühlte, gehorsamte, ein bebendes Ja stammelte und aufstand. – »Quam mala res est mulier!« brummte er und ging in sein Kabinett. 16. Quam mala res est mulier! – Wenn Herr Sophronius mit diesem Komplimente nur seine liebe Ehegattin meinte, so gebe ich ihm völlig Recht; wenn er aber das ganze Geschlecht damit apostrophierte, dann – Dann mögen Furien ihn plagen, Mit Fackeln Tag und Nacht ihn schlagen Und Gift und Feuer auf ihn sprühn! Doch – die Furien mögen nur wieder ihren Weg gehn! Seine Frau gilt ihm statt Schlangen, Furien, Skorpionen und andern Ungeheuern, und es muß wahrhaftig ein weises Schicksal dabei obgewaltet haben, als ein so unbändiger Tiger wie Sophronius in ihre Ketten und unter ihren Befehl geriet. Sie ist die beständige Aufrechthalterin der Gerechtigkeit, die er sonst mit jedem Worte verletzen würde. Da seine Rechthaberei weder durch die Regeln des Wohlstandes noch der Menschenliebe eingeschränkt wird; da jeder, der ihm widerspricht, seine Meinung nur bezweifelt oder eine Meinung hegt, die er für falsch hält, bloß dadurch sein tödlicher Feind wird, den er mit allen möglichen Waffen in die Pfanne haut: so ist seine Frau die einzige, an welche der verletzte Teil appellieren muß, wenn er nicht selbst seine Sache ausfechten kann oder will; und niemals wurde eine Appellation verworfen. Dabei ist sie in ihrer richterlichen Amtsführung so strenge, daß sie ohne fernere Untersuchung sogleich zur Ausübung der Strafe schreitet; und es wird als ein Grundsatz vorausgesetzt, daß ihr Mann Unrecht hat. Er muß ihr durch ein vernehmliches Ja gestehen, daß er Unrecht habe, welches sie als eine hinreichende Genugtuung ansieht. Sie hatte ihr System der häuslichen Politik auf ihre Herkunft gebaut: Man hat vorhin aus ihren Reden abnehmen können, daß sie eine geborne Fräulein war, und wer sich die Mühe nähme, sie zu sprechen, würde es in den ersten fünf Minuten mit größrer Umständlichkeit erfahren. – Ihre Herkunft war also der Hauptgrundsatz ihres Systems, aus welchem sie ungemein fruchtbare Folgen zog. Sie glaubte deswegen ein gegründetes natürliches Recht über einen Mann von höchst ungleicher Herkunft zu haben, der sie zwar aus der Armut gerettet, in leidliche Umstände versetzet, ihr zu hübschen Kleidern und einem Manne verholfen und dafür nichts als ihre werte Person mit allen dazugehörigen Gliedmaßen erhalten hatte; allein dies waren kleine Wohltaten, die die Aufopferung ihres Standes weit überwog und die schon dadurch reichlich vergolten wurden, daß sie ihm die Ehre erwies und sie von ihm annahm! Auf diese Weise räsonierte sie alle Verbindlichkeiten hinweg, die sie ihm noch außer jenen in großer Menge schuldig war. Was ihr die Ausübung ihres Systems unendlich erleichterte, war die große Ehrfurcht, die Sophronius zum Anfange der Ehre gegen sie zeigte. – Sophronius' Ehrfurcht! Das ist freilich befremdend. Seine Rechthaberei war ihm wie aus dem Herze gerissen, wozu sie durch ihre Miene und ihr stolzes Betragen nicht wenig beitrug. Die Liebe hatte die Kurzweile mit ihm getrieben und ihren Pfeil gerade in die empfindlichsten Teile seines Körpers und seiner Seele gestoßen; denn seine ganze kleine Person war nur eine Glut, die seine Philosophie und seine Nieren versengte, weswegen er kurz nach seiner Vermählung einen heftigen Anfall von Nierenschmerzen und eine öftre Schwäche des Denkens bekam. Auch waren die äußern Wirkungen dieses Liebesfeuers sehr merklich; da er sonst, sooft er sich nicht erinnerte, daß er ein Philosoph war, höchstens in einem starken Schritte einherwandelte, so ging er während der Zeit, da seine Flammen noch nicht gelöscht waren, einen völligen Paß oder abwechselnd einen kleinen Galopp. Alle seine Zudringlichkeiten und Demütigungen pflegte seine Hochwohlgeborne Geliebte mit einem kalten Stolze zu billigen und anzunehmen; dadurch wurde er immer mehr angefeuert, bis zuletzt das Feuer mit einer solchen Stärke und Heftigkeit in ihm zu wüten anfing, daß er besorgen mußte, in Staub und Asche zu zerfallen, wenn er nicht schleunige Hülfe schaffte. Dies tat er; er hielt um ihre Hand an und erhielt sie – aber als eine Gnadenbezeugung. Eigentlich war es ein geheimer unphilosophischer Stolz, der in Sophronius' Herze ein so brennendes Verlangen nach ihrem Besitze angefacht hatte, aber nicht Amor! – Bald hätte ich dem guten Knaben etwas Schuld gegeben, wobei er meistenteils so wenig tut und sich von tausend Leidenschaften ins Amt greifen lassen muß. Sophronius' Geliebte hatte nicht einen Zug, nicht ein Plätzchen an allen sichtbaren Teilen ihres Leibes, wo ein Amor oder eine Grazie hätte minutenlang verweilen mögen; ihre Manieren, Gedanken und Reden waren ganz nach dem allgemeinen Muster des Zerimoniells zugeschnitten; alles war alltäglich, alles gewöhnlich an ihr; kein Reiz, keine Annehmlichkeit, sondern vielmehr eine Menge Eigenschaften, die beide ausschlossen! Das kälteste stolzeste Betragen gegen jedermann, besonders gegen den Sophronius, den sie wie einen Ritter von der runden Tafel durch tausend Beschwerlichkeiten unter den erniedrigendsten Demütigungen ihr Ja erringen ließ! – Alles dies hätte einen Mann, den Venus selbst begeistert, nie auf die Gedanken kommen lassen, eine so kalte sandsteinerne Bildsäule in seine Arme schließen zu wollen; allein wie könnte sich die himmlische Venus die Mühe nehmen, in einen so unsaubern Winkel, wie Sophronius' Herz war, ihren Balsam auszuschütten? Wer hätte das denken sollen? – Die Liebe wurde bei ihm die Nachtreterin des Stolzes. Nach dem gewöhnlichen Laufe der Natur wäre zu vermuten gewesen, daß er, nachdem sein Stolz befriedigt war, die Rechte des Ehmannes anwenden würde, um sich wenigstens einigermaßen für die Mißhandlungen, die er als Liebhaber erlitten, zu entschädigen, doch nein! – Sein Stolz fing an zu vernünfteln; er überlegte, wie kitzelnd das Bewußtsein für ihn täglich sein müßte, eine Frau von ihrem Stande zu besitzen, was für tägliche Freuden er ihr also schuldig und wie liebenswürdig sie deswegen wäre; sogleich stieß dieser philosophierende Stolz den Perpendikel des Herzens ein wenig an, und es entstund wahrhaftig eine der Liebe ähnliche Bewegung darinne; die ehmalige Ehrfurcht behauptete auch ihren Platz in demselben, und so legte Sophronius täglich eine aus Liebe und Ehrfurcht zusammengesetzte Empfindung zu ihren Füßen, die er bei dem geringsten Grade von Klugheit nicht ein Haarbreit aus dem Herze hätte hervorgehn lassen. So tat er selbst Handleistung, um sich den häuslichen Zepter entreißen zu lassen. Bei Selmanns Ankunft war seine Gebieterin in ihren Anmaßungen so weit gegangen, daß sie sogar, wie ich vorhin erzählte, an seinem Glauben und Beifall Gewalttätigkeit ausübte. Er mußte durch ein deutliches Ja bekennen, daß er keine menschliche Gewißheit glauben wollte, und der grimmige Sophronius, der seine Gegner wie ein Cerberus anbellte, sprach itzt gelassen – leviter atterens caudam – sein Ja. 17. Auf Selmannen tat die Begebenheit einen widrigen Eindruck. Er fühlte eine Erniedrigung seines Geschlechtes dabei; er verachtete die Frau, die so tyrannisieren konnte, und ihren sklavischen Ehemann, der sich so tyrannisieren ließ; dieser hatte sich schon vorher um seine Hochachtung gebracht, und Selmann war in der unangenehmen Verfassung, einen Mann nicht hochachten zu können, den er gern hochachten möchte. Die Schale, worinne seine Meinung von den Gelehrten lag, hatte schon etliche Gran von ihrem Gewichte verloren; doch das war Kleinigkeit! deswegen rührte sich die Zunge in der Waage noch nicht. Er beschloß noch andre Männer aus ihrer Zunft in Augenschein zu nehmen, die er unbekannterweise nicht geringer schätzte als sonst den Sophronius. Unter diesen war Alfimandus der erste, den er besuchte. Er kannte diesen Mann gleichfalls, wie man die Gelehrten gemeiniglich kennt – aus seinen Schriften. Beide Teile gewinnen oft, verlieren oft bei dieser Art von Bekanntschaft; in dem gegenwärtigen Falle war Alfimandus der gewinnende Teil, solange als keine persönliche Bekanntschaft daraus wurde. – Selmann hatte sich in der ersten Wahl eines Lehrers für seine Gemeine geirrt; er hatte auf fremde Empfehlung einen Mann voll guter Eigenschaften in ihm zu finden geglaubt, und er bewies sich in der Folge als den unruhigsten Kopf, den unleidlichsten Misanthropen. Besonders war er ein falscher Eiferer für sein Lehrsystem, hatte etliche Zweifel seines Patrons wider einige Stücke desselben gehört, falsch verstanden und hielt sich, ich weiß nicht, aus welchen Gründen, für verpflichtet, eine öffentliche Widerlegung dieser Bedenklichkeiten zu unternehmen, die er etliche Sonntage hintereinander in ziemlich polemischer Form fortsetzte. Der ganze Vortrag war so deutlich, daß Selmann keine schwere Auslegungskunst nötig hatte, um das Ziel zu finden, auf welches er seine Schüsse tat; doch schwieg er lange. Der Eifer des Pfarrs wurde durch diese Nachsicht zur Flamme und seine Predigten wilde Widerlegungen von einem Ende bis zum andern; endlich fehlte nichts mehr, als daß er auf Selmannen, wie jener ehrliche Pater auf Ludwig XIV., mit den Fingern wies und ausrief: »Hic est ille vir! das ist der Mann, den ich vor der christlichen Gemeine herausfodre, mit dem ich wie mit einem Ungläubigen streite!« – Selmann ersuchte ihn mit der sanftsten Güte, seine Feldzüge wider ihn zu endigen und statt unnützer Polemik seine Zuhörer mit unterrichtenden rührenden Wahrheiten zu unterhalten, es ihm zu überlassen, was für Begriffe und Meinungen er für sich nach seiner besten Vernunft annähme, und diesen Punkt niemals an einem Orte zu berühren, wo er so leicht mißverstanden werden könnte. Diese Güte, die bei dem Abschiede in die freundschaftlichste Umarmung ausbrach, hatte bei weitem nicht die Wirkung, die sie auf ein billiges Gemüte haben sollte; sie reizte vielmehr den unbedachtsamen Eiferer, der sie als einen Sieg der Wahrheit über den Unglauben betrachtete. Die Kanzel blieb wie zuvor ein beständiger Fechtplatz; er schrie und stritt mit Luftgespenstern und Strohmännern, bis ihm der Tod die Kehle so gewaltig zudrückte, daß er kein Wort mehr sagen konnte. Mitten unter diesen kriegerischen Unruhen, die Selmann mit der äußersten Bekümmernis erduldete, bekam er eine Schrift vom Alfimandus zu Gesichte, wo sich ihm bei dem ersten Aufschlagen eine Stelle darbot, die für seine gegenwärtige Situation aufgesetzt zu sein schien. Sie sagte über den Eifer für die Wahrheit gerade das, was er gesagt haben würde, wenn er darüber geschrieben hätte; der Mann schien ihm seine Ideen aus dem Kopfe gestohlen zu haben. Man weiß schon, was für eine Empfehlung dies für ein Buch ist, und vollends in einem Artikel, der uns am Herzen liegt, wo es eine Beruhigung ist, einen Menschen zu finden, der mit uns gleichförmig denkt. Er verschlang den übrigen Teil des Buchs, und ob es ihm gleich bisweilen sehr mittelmäßig schmeckte, so war doch sein Geschmack durch den ersten Bissen so verstimmt, daß er dies erträgliche Buch vortrefflich fand und dem Verfasser desselben seine Hochachtung und Verehrung schenkte, die itzt, da er über Alfimandus' Schwelle trat, noch so unverändert als bei ihrer ersten Entstehung war. – Alfimandus, dies beiher zu sagen, bekleidete eine ansehnliche Würde. Selmann wurde vor ihm gelassen. Der Prälat rückte statt der Bewillkommung seine ehrwürdige Federmütze auf einen bequemern Platz und erwartete mit auf den Rücken geschlagnen Händen den Antrag seines Gastes. – »Was wollen Sie?« fragte er und schlug den blumenreichen stoffnen Schlafrock zusammen, indem er es fragte. Selmann legte ihm auf seine Frage aufrichtig seine Hochachtung für seine geheiligte Person an den Tag und lobte das Buch, das ihm Alfimandus' Verdienste zuerst bekannt gemacht hatte, so sehr, als er von dem Werte desselben überzeugt war. Alfimandus lächelte wie ein junger Gott, wenn ihm jemand Weihrauch auf seinen Altar wirft. Selmann fuhr im Gespräche fort, kam auf eine Schrift des gelehrten Annicerius von ähnlichem Inhalte und lobte sie mit der nämlichen Überzeugung. »Sie stellen mich in eine üble Nachbarschaft«, sagte Alfimandus mit gerümpfter Nase. »Der seichte Mann ist nicht wert, daß er mir die Schuhriemen auflöst.« »Wenigstens muß man ihm doch den Ruhm lassen, daß er vortrefflich schreibt – « »Ja, er schreibt wie ein Petitmaitre! Ein rechtes Floskelmännchen!« – wobei er lachte, daß er seinem erschütterten Bauche mit den Händen zu Hülfe kommen mußte. »Sein Stil ist, deucht mich, nicht zu gekünstelt, angenehm und dabei gedrungen, körnicht –« »Gedrungen – und gezwungen! – Sagen Sie mir nichts mehr von dem elenden Manne! Nichts Bündiges, nichts Gründliches, nichts Systematisches ist in seinem Buche; alles seicht! – oder gar heterodox! – Wollen Sie noch etwas?« setzte er verdrießlich hinzu und rückte den rechten Fuß in eine Lage, als wenn er sich wegbegeben wollte. Selmann versicherte hierauf, daß es gerechte Bewundrung wäre, die ihn zu ihm geführt hätte, und daß das Verlangen, aus seinem Umgange zu lernen, ihn hier zurückhielte. Alfimandus lächelte, blies die Backen auf und preßte sie mit dem Daumen und Zeigefinger der rechten Hand zusammen, daß sie mit einem leichten Geräusche wieder in die vorige Lage verfielen. Dies war bei ihm eben das, als wenn Jupiter bei dem Homer sein unsterbliches Haupt bewegt – ein Zeichen der Erhörung. »Ich habe«, fing er an, »ein beschwerliches, aber höchst nützliches Werk itzt unter Händen. Ich bringe alle orthodoxe Ausdrücke nach alphabetischer Ordnung zusammen, setze zu jedem erstlich explicationem, was man darüber denken und glauben soll, und dann exsecrationem wider alle diejenigen, die anders denken und glauben, als sie sollen .« »Das wird aber doch nicht zu verhüten sein. So viele Menschen, so viele Meinungen –« »Das Übel soll mein Lexicon orthodoxum abstellen.« »So müßte es zugleich die Natur des Menschen ändern, allen Menschen einerlei denkende Kräfte, einerlei Ideen, einerlei Kenntnisse, Neigungen, Grundsätze geben –« »Das soll es auch! Es soll allen Irrtum zum Stilleschweigen bringen.« »Sollten sich nicht viele finden, die eben das, was Sie als Wahrheit lehren, für Irrtum halten, und zwar in der Überzeugung, daß sie es mit Recht dafür halten?« »Das können sie nicht; denn meines ist die lautre Wahrheit.« »So scheint es Ihnen, und Sie können es also für nichts anders als Wahrheit ansehn; einem zweiten, einem dritten scheint seine Meinung, die Sie Irrtum nennen, auch Wahrheit – « »Das soll sie nicht; denn sie ist es nicht.« »Wer dies sagen kann, der muß die Vollmacht haben, daß er allein bestimmen soll, was Wahrheit ist; und wer hat diese? – Solange diese niemanden gegeben ist, muß man, deucht mich, es geduldig ansehen, daß ein jeder nicht so denken kann als wir, wie es hergegen auch andre ertragen müssen, daß wir nicht so denken als sie.« »Sie sind wohl einer von den neuen Toleranzpredigern. – Dergleichen Leute sind mir fatal.« »Aber warum? – Wenn sie gleich zuweilen zu weit gehn, so hat doch ihre Meinung einen größern Einfluß auf das Wohl der menschlichen Gesellschaft als die entgegengesetzte, und das ist der Maßstab, nach welchem ich den Wert der Meinungen zu bestimmen achte. Jede Sache in der Welt erscheint jedem Menschen so und nicht anders, aus Ursachen, die nicht in seiner Gewalt sind. Dem Mettrie scheint die Seele materiell – vermutlich weil ihm der Zufall nur solche Erscheinungen von derselben auf einer überredenden Seite vor die Augen kommen ließ, die ihm diese Meinung aufdrangen; – einem andern erscheint sie als immateriell – aus der nämlichen Ursache; aber ich ziehe diese letzte Meinung vor, weil es heilsamer und von fruchtbarern Folgen ist, wenn sie die ganze Welt glaubt, als wenn sich die ganze Welt bloß für einen Erdenkloß hält. Wo ein solcher Maßstab nicht stattfindet, da können Menschen nicht bestimmen, was Wahrheit ist, da glaube ich gar nichts. Ich habe gefunden, daß Sie in Ihrem Buche –« »Ja, ich habe dieses letztre in meiner Schrift de – – gesagt. Sie haben auch darinne Recht, völlig Recht.« »Auch der gelehrte Alfridus, Ihr Kollege – « Alfimandus räusperte sich so stark, daß er kein Wort weiter hören konnte. »– sagt in seinem schönen Buche –« Alfimandus ging hustend zu dem Fenster. »– das nämliche –« Alfimandus sah zum Fenster hinaus. – Selmann fuhr fort, als er zurückkam: »Finden Sie nicht, daß Alfridus in andern Stücken wie in diesem Recht hat?« Alf: »Alfridus hat nimmermehr Recht, weder in diesem noch einem andern Stücke. Er ist ein seichter Kopf, ein superfizieller Gelehrter – ich schäme mich, sein Kollege zu sein.« Selm.: » Mir gefallen seine Schriften vermutlich deswegen, weil seine Denkungsart Ähnlichkeit mit der meinigen hat! – Das ist der Maßstab, den die Menschen bei Beurteilung der Wahrheit gewöhnlich brauchen.« Alf. : »Und mir mißfallen sie, weil ich – wofür ich dem Himmel danke! – nichts von seiner Denkungsart habe. Bewahre, was der Mann für Irrtümer hegt! Es ist himmelschreiend!« Man schwieg. – »Wollen Sie noch etwas?« fragte Alfimandus und bewegte den Arm zur Federmütze. Selmann entschuldigte sich, ihm so lange beschwerlich gewesen zu sein, und wollte Abschied nehmen; er machte ihm noch ein paar, aber viel kältre Komplimente, als die bei dem Eintritte waren, und Alfimandus wiederholte lächelnd die obenbeschriebne Gebärde und bewegte wahrhaftig obendrein so gut wie Jupiter sein unsterbliches Haupt – das letzte stellte die Verbeugung vor, mit welcher er seinen Gast entließ. 18. O will denn niemand die Ehre des gelehrten Ordens retten und ihm die gute Meinung eines rechtschaffnen Mannes erhalten? – Noch ein paar solche Stöße! so ist es um sie geschehn. Zwar sollte man nicht vermuten, daß ein so billig denkender Mann als Selmann um zweier oder dreier Auswüchse willen einen ganzen Körper, wo nicht hassen, doch weniger oder beinahe gar nicht schätzen sollte. Vermuten sollte man es nicht; aber geschehen kann es deswegen immer. Die Wüste Sahara mit ihren wilden Menschen und Tieren, alle Wüsten in Asien und Amerika sind für einen Sterblichen nicht schrecklicher als ein Ort, wo niemand seine Meinungen, seine Grundsätze, seine Empfindungen hat; in der Einsamkeit genießt er wenigstens das Glück, mit niemanden uneins zu sein, wenn er es nicht endlich mit sich selbst wird; aber dort muß er entweder vom Morgen bis zum Abend Unrecht behalten oder seine Meinungen durchfechten und andrer Gunst aufopfern oder ohne Weitläuftigkeiten in die Einsamkeit flüchten. Einen Menschen, der Empfindung und also auch Trieb besitzt, mit andern Geschöpfen seiner Art gesellige Verbindungen zu suchen, ihren Beifall zu erwerben, andre zu lieben und geliebt zu werden – einen solchen Menschen setze man unter einen Haufen, denen die Eingeschränktheit des Geistes und des Gefühls verbietet, mit ihm gleichförmig zu denken und zu empfinden – einen Demokrit nach Abdera, einen Pindar nach Böotien, wo alle Nachbarn und Bekannte weit unter ihnen stehen und sie sich also herab stimmen müssen, wenn sie Gesellschafter und Freunde erlangen wollen; sind alsdann solche Leute durch diese Uneinigkeit der Natur und des Schicksals nicht gleichsam an einen Abgrund gestellt, wo sie rechts und links nicht ausweichen können? Entweder müssen sie ihren Kopf und ihr Herz nach dem Tone ihrer Mitbürger umstimmen – das läßt die Vortrefflichkeit ihrer Natur nicht zu – oder müssen sie unter unangenehmen Empfindungen beständig mit niemanden gleichförmig sein – das ist ein Leben so bitter als der Tod; – was zu tun? Sie müssen in den Abgrund, in die Einsamkeit sich werfen, es hilft nichts! Dies war ein Fall, der nur in Abdera und Böotien stattfindet; man setze einen gelindern! – Was wird ein Mann, wie er vorhin beschrieben wurde, unter lauter Menschen tun, die zwar wenig und zum Teil gar nicht unter ihm sind, wovon aber keiner mit ihm einstimmt? wo er in keinem sich selbst findet? – Ich antworte nicht; man frage sich selbst! Was ist aber auch das für ein unerträglicher Stolz, nicht eher andre Menschen schätzen oder sie lieben zu wollen, als bis man sich in ihnen findet? – Alle Nachkommen Adams handeln so, von der dümmsten Kreatur bis zur höchsten Staffel menschlicher Geister; deswegen vermieden die Abderiten den Demokrit und Demokrit die Abderiten; deswegen fand Diogenes keinen Menschen in Athen bei Tageslichte und Laternenscheine; deswegen ist der Philosoph mit der Welt unzufrieden und die Welt mit ihm; deswegen nehmt ihr Menschenkinder insgesamt, auf welcher Sprosse in der Leiter vernünftiger Geschöpfe ihr auch stehen möget – insgesamt nehmt ihr dem Diogenes die Laterne, sucht und sucht und glaubt nicht eher gefunden zu haben, als bis ihr einen gefunden habt, der mit euch auf einer Sprosse steht. – Ob ihr dies aus einem verderbten Stolze tut oder weil es ein Gesetz der Natur ist, daß sich nur gleich und gleich vereinigt, das will ich nicht entscheiden; aber wenn es alle Menschen tun, so – wollte ich zum voraus erinnern – darf man es auch Selmannen nicht verargen oder seine Billigkeit antasten, wenn er es wie alle Menschen machen wird. Man setze obendrein noch einen verdrießlichen Fall, der in dieser Welt nicht selten ist, wo die Einbildung immer wacht, Uns armes Völkchen zu betrügen, Wo man's nicht zählen kann, wie oft sie nach Vergnügen, Nach Zeitvertreib, nach Glück uns zum Aprile schickt; In einem Tage nur! Nun zähle man im Jahre! – den verdrießlichen Fall, daß wir mit der lebhaftesten Erwartung eines großen Vergnügens einem solchen Orte zueilten und am Ende statt der goldnen Äpfel der Hesperiden, die wir uns versprachen, nur saure Feldbirnen erhaschten; – ich wette, wir täten insgesamt nichts mehr und weniger, als jener herzensgute Mann, der gern Rebhühnerpasteten aß und, als er einst eine öffnete, auf welche er sich ungemein gefreut hatte, elende Sägespäne darinne fand – wir würfen die Pastete unter den Tisch und äßen die Pasteten nicht halb so gern mehr oder, wenn wir es recht arg machen wollten, zeitlebens keine mehr. Und das ist eben die unselige Klippe, an welcher schon so mancher Ruhm, so mancher große Name, so manche gute Meinung gescheitert ist! – T++ faßte alles, was er nach seinen Begriffen für Vollkommenheit hielt, in eins zusammen und dachte sich darunter den Gelehrten Euklides, dachte sich ihn so, als er zu ihm in die Stube trat, und als den schlechtesten Sterblichen, da er von ihm wegging. – Unsre Seele rächt sich alsdann gleichsam für unsre getäuschte Erwartung und malt uns die Sache um viele Grade schlechter ab, als sie eigentlich ist, weil wir sie nicht völlig so fanden, wie wir sie uns vorstellten. Nun durfte vollends T++ wenige Gelehrte gesehn und sich die ganze Zunft nach seinem Bilde vom Euklides vorgestellt haben, so war durch diese einzige Täuschung seiner Erwartung der ganze Orden um seine gute Meinung gebracht. Das ist der allgemeine Lauf der Geisterwelt hienieden: Ein Ding, das unser Mißfallen erweckt, macht uns alle mißfällig, die mit ihm in eine Klasse oder zu ihm gehören. – Korinnis haßt alle Gesangbücher, weil sie die Gräfin A++ neulich bei einem antraf und die Nase rümpfte; Servanda haßt alle flornen Enveloppen, weil man neulich von der ihrigen sagte, daß sie ihren gelben Hals zu sehr durchschimmern lasse; Aurelia schmäht auf alle Schriften des Alkantnes, weil er in einer sagte, daß ein Frauenzimmer nur so viel Schönheit habe, als sie Verstand besitzt. – O wie viele dergleichen Fehlsprünge vom einzelnen aufs Ganze könnte man in einem Tage zählen, wenn man Haussuchung tun dürfte! Und auch der gescheuteste Sterbliche ist nicht auszunehmen! – Jean-Jacques war von etlichen Gelehrten beleidigt worden, er hatte einige dieses Namens Unwürdige gesehn, er hatte einige Verderbnisse entdeckt, die Folgen oder begleitende Nebenumstände von Künsten, Wissenschaften und Polizierung waren, und siehe da! – ohne allen Anstand wirft er alle Künste, Wissenschaften, Gelehrsamkeit, Zivilisierung zur Welt hinaus und alle Leute hinterdrein, die nicht Huronen sind. – Wie viele Philosophen machen das ganze Menschengeschlecht zu einem Haufen hinterlistiger Füchse, habsüchtiger Wölfe, tändelnder Kinder, weil die wenigen , die sie sahen, dies waren! – Ja, dies muß sogar den größten Weisen am meisten widerfahren; denn je größer der Kopf, je lebhafter seine Empfindung, je schneller seine Sprünge von einer Idee auf die verwandten! – Und, unter uns gesagt, unsre Systeme von der Moralität der Menschen sind meistenteils so entstanden! Wir stellen uns das Menschengeschlecht gradweise gut oder böse vor, nachdem die wenigen Menschen, die uns umgeben, eins von beiden für uns sind. 19. Fiat applicatio! Selmann fand weder den Sophronius noch den Alfimandus mit sich gleichstimmig und verschiedene andre, die er kennenlernte, ebensowenig – dies machte ihn unzufrieden. Er fand sich in seiner großen Meinung von ihnen betrogen – dies machte ihn unwillig. Er fand einige wichtige Flecken an etlichen Mitgliedern des gelehrten Ordens, für den er sonst nur um derentwillen Hochachtung hatte, die ihm itzt durch diese Flecken unerträglich geworden waren – nun braucht es keinen einzigen Schritt mehr, und er verachtet uns allesamt so sehr, als er uns vorher übertriebne Ehre erwies. So geschah es auch. – Je höher ein Gewicht an einer Rolle aufgezogen worden ist, je schneller fährt es herunter, wenn wir die Rolle fahrenlassen; so geht es mit Liebe und Hochachtung, und bei Selmannen ging dies so geschwind zu, daß er kaum ein Vierteljahr in  gewesen war, als er es schon zu verlassen wünschte. Nichts trug nächst dem zu seiner Verachtung des gelehrten Standes so viel bei als die Bekanntschaft mit einem Manne, der ihn mit allen seinen Mitbrüdern wieder hätte aussöhnen sollen, mit einem Manne, der mit Genie, Belesenheit, Geschmack, Politur und andren Eigenschaften glänzte, die einen Gelehrten empfehlen können. Er war im eigentlichen Verstande ein Abenteurer und, dem Ansehen nach, durch eine zu große Lebhaftigkeit seiner Empfindungen, die ihn keine feste Entschließung nehmen ließ, dazu geworden. Alles, was nur auf eine menschliche Seele Eindruck zu machen vermögend ist, riß ihn gleich so stark hin, daß er alle seine vorigen Wünsche und Neigungen auf der Stelle vergaß. Er war aus einer Fakultät in die andre, aus einem Lande in das andre gewandert, hatte jedesmal geglaubt, daß er zu der Wissenschaft, die er eben trieb, eine unmittelbare Bestimmung habe und das Land, wo er sich eben aufhielt, für ihn geschaffen sei, und – nur eine Annehmlichkeit, nur ein Reiz durfte sich ihm an einer neuen Wissenschaft auf einer einnehmenden Seite zeigen, so war ihm die alte so verhaßt, als sie ihn vielleicht vorher entzückt hatte; er ließ Aussichten, Erwartungen, Versprechungen in die Luft zerfliegen und folgte seinem neuen Antriebe. Itzt war er in der verdrießlichen Lage, wie Alexander der Große am Ende seiner Eroberungen; er beklagte es, daß keine Wissenschaft mehr existierte, die er nicht schon getrieben hatte, oder keine Brücke bis in den Mond gebaut war, damit er dort für seine Unbeständigkeit neue Beute suchen könnte. Aus diesem Grunde begegnete er der Gelehrsamkeit wie die Schmarotzer, die ihre Freunde mit Schmeicheleien bis zum Himmel erheben, solange sie gutes Essen und Ergötzlichkeiten bei ihnen genießen, und sie mit der tiefsten Verachtung in Staub und Asche erniedrigen, sobald jene nichts mehr zu geben haben. Der Undankbare! Er hatte alle Vergnügungen seines verfloßnen Lebens den Wissenschaften zu verdanken, und gleichwohl schmähte er sie itzt als die niedrigsten Diener; wäre es möglich gewesen, er hätte sie um Ehre und guten Namen gebracht und, wie leicht zu erachten, alle ihre Freunde und Liebhaber dazu. Die armen Musen mußten sich von ihm mißhandeln lassen! Wäre er am Leben geblieben, so hätte er, glaube ich, wie Cornelius Agrippa ein Pasquillchen de vanitate scientiarum verfertigt und Apoll und Musen als Marktschreier geschildert. Gerade zu der Zeit, als Selmann von dem Elbucius zurückkam und voller Verdruß über seine abermals getäuschte Erwartung sich in einem Garten auf einer Rasenbank niedersetzte, mußte das Geschick jenen Mann zu ihm führen, der imstande gewesen wäre, seine üble Laune zur Melancholie zu machen. Zween Mißvergnügte erkennen einander gleich bei dem ersten Anblicke so gut als zween Freimaurer. Nicht lange währte es hier, als der Zufall einen kleinen Lärm in der Ferne entstehen ließ, und eine Frage, was es wäre? brachte beide ins Gespräch. Man tat, wie zwischen zwei fremden Menschenfiguren gewöhnlich ist, noch einige Nachfragen auf beiden Seiten, bis Selmann den Elbucius nannte. »Ha!« sagte der andre trocken, »Elbucius ist ein Aftergelehrter, ein Zwitter, der weder Weltmann noch Gelehrter ist und sich für beides hält. Ich kenne ihn seit langen Zeiten. Seine Kenntnisse sind nicht allein superfiziell, sondern auch eingeschränkt, halb gefaßt und von ihm selbst unbearbeitet. Er schrieb doch unter vielen Zerstreuungen, und da ihm der Beifall einer Gesellschaft, die er zu lachen machte, leichter wurde als der Beifall der Welt, so wählte er lieber jenen und machte auf diesen weiter keinen Anspruch. Seine Späße, sein sogenannter Witz, wurde alt, er wiederholte sich täglich, jedermann wußte seine Erzählungen auswendig, und niemand lachte folglich mehr; dies machte ihn ärgerlich, der Trieb nach Beifall quälte ihn, er konnte ihn nirgends befriedigen; und aus Verdruß ergriff er ein Handwerk, wo er sich an allen denjenigen rächte, die nach der Beute strebten oder sie wirklich erlangt hatten, die ihm das Glück schlechterdings zu versagen schien – er wurde ein Rezensent. Er war ein wirklicher Korsar in der gelehrten Welt, der besonders neuen Schriftstellern aufpaßte; je mehr einer Verdienste hatte, je mehr er Hoffnung von sich gab, desto mehr war er sein Feind; sobald er etwas von seiner Arbeit ausspähte – und er war immer der erste –, so schoß er darauf los, und bisweilen gelang es ihm wirklich, den Beifall eines Mannes, dessen Ruhm noch nicht befestigt war, zu schmälern. Er erhub sich selbst zu einem Aufseher über den Geschmack der Nation; er müßte Achtung geben, wandte er vor, damit das Publikum nicht von falschem Schimmer geblendet oder durch Autorkunstgriffe verführt würde, seinen Weihrauch am unrechten Orte mit zu voller Hand zu verschwenden. Jede Schrift, diejenigen am meisten, wo die Zergliederung das Vergnügen unmittelbar stört, legte er mit der ängstlichsten Sorgfalt auseinander, verglich Stück für Stück mit seinen individuellen oder den angenommnen Begriffen von Schönheit; und bei dieser Methode konnte es gar nicht fehlen, daß er mit den blendendsten Gründen Schönheiten wegräsonierte und Fehler hinein demonstrierte. Durch eine solche Zergliederung getraue ich mir auf die bündigste Weise Homeren und Virgilen um ihren Ruhm zu bringen, wenn sie itzt anfingen zu dichten.« Selm.: »Wie konnte ihm aber die Welt glauben?« »Wissen Sie nicht, worauf es bei den Menschen am meisten ankömmt? – Nicht auf Gründe! Nein, man muß ihnen eine Sache oft sagen! Das ist das ganze Geheimnis, sie zu überreden; die Gründe sind nur zum Staate, um derentwillen niemand eine Handbreit mehr glaubt. Ist es zum Nachteil eines Mannes, der durch seine Größe Neid erweckt – und Neid erweckt ein Schriftsteller allemal, selbst bei denen, die ihn loben – so braucht es um soviel weniger oft wiederholt zu werden und um soviel weniger Gründe. Dadurch hatte Elbucius Kredit erlangt; er schmähte, er setzte jedermann herunter und allemal aus Gründen ; das Publikum erhielt dadurch eine Gelegenheit, seinen Neid zu befriedigen, das Verdienst zu erniedrigen und doch zu seiner Vernunft sagen zu können: Ich tue es aus Gründen! – Endlich da er seinen Kredit bestätigt genug glaubte, ließ er diesen überflüssigen Staat weg und verkleinerte ohne Gründe . Er schmähte auf die unverschämteste Weise; wen er nicht zu schmähen wagte, machte er wenigstens verdächtig und erhielt meistens seinen Endzweck zum Teil.« Selm.: »Himmel! wie ist der Geist der Gelehrten gesunken!« »Er ist es nicht, denn beständig ist dies der Lauf der gelehrten Welt gewesen. Wenn sich jedermann polierte, jedermann sich scheute, dem andern etwas Unangenehmes zu sagen oder seine Schwachheiten und Fehler geradezu vor den Kopf zu stoßen, wenn jedermann es als eine Grobheit, einen Mangel an Lebensart tadelte, nicht mit Bescheidenheit und Schonung einem andern seine Versehen vorzuhalten – genug, wenn in allen Ständen Politesse herrschte, so war der Gelehrte die einzige Ausnahme davon.« »Das wird Ihnen schwer zu beweisen sein!« sagte Selmann. »Im geringsten nicht! – Sie kennen die gegenwärtigen Sitten unsrer Nation; Sie wissen, wie wenig sie ihren Nachbarn an Politur nachgeben darf, die sich an vielen Orten bis auf die geringsten Stände erstreckt; und sollten Sie wohl, wenn Sie unsre meisten Rezensionen läsen und die Nation, ohne sie zu kennen, darnach beurteilten – sollten Sie uns für etwas mehr als einen Haufen Irokesen halten? – Nicht Satire! Pasquill ist eine jede! in dem unverschämtesten, unanständigsten Tone! Ich habe feine erleuchtete Männer gekannt, die um dieser gegenseitigen Mißhandlungen willen die Gelehrten als eine Herde zänkischer Weiber betrachteten, die wie die Klopffechter öffentlich auftreten, um das Publikum zu belustigen, denen man also keine Ehre zugestehen kann, weil sie auf eine so verächtliche Art verschwendrisch damit umgehen.« »Ich gebe Ihnen zu, daß Sie und diese Männer in Ansehung des großen Haufens Recht haben; ich habe selbst mit Ärger und Erstaunen dergleichen entehrende Urteile – wie sie genennt wurden – vor ein paar Tagen gelesen. Ich zitterte, ich glühte, als ich sie las. – Aber ein Mann, der Offenherzigkeit genug besitzt, einem Verfasser seine Fehler anzuzeigen, und Geschicklichkeit genug, dies ohne Verletzung der Politesse zu tun; der ohne Anmaßung von Unfehlbarkeit oder richterlicher Entscheidung mir seine Empfindungen bei meinem Werke und das daher gefloßne Urteil bekannt macht, ohne es für etwas mehr als für das einzelne Urteil eines Menschen angesehen wissen zu wollen – und alles dies aus Eifer für die Ehre und die Kultur der Nation, um gute Köpfe, die zu diesen Endzwecken arbeiten wollen, in ihren Bemühungen zu leiten, aufzumuntern und schlechte zurückzuhalten, doch ohne zu gebieten oder zu mißhandeln – sagen Sie mir, halten Sie einen solchen Rezensenten nicht für ein wichtiges Mitglied der gelehrten Republik? dessen Ehrensäule unmittelbar neben dem Monumente des Autors stehen sollte, den er durch seinen liebreichen freundschaftlichen Rat gebildet, der Nation gleichsam erzogen hat?« »Ja, sagen Sie mir, wo ist ein solcher? « »Ich habe deren gefunden; noch gestern las ich – und fand –« Bei diesen Worten griff er in die Beinkleidertasche und erhaschte – eine fremde Hand – sah sich stillschweigend um und erblickte ihren Besitzer, der betäubt dastund und nicht wußte, ob er träumend oder wachend gehascht worden war. – »Was suchtest du hier?« fragte Selmann sehr gütig. – Die Antwort blieb außen. Sein Gesellschafter wiederholte die Frage in einem etwas hastigem Tone und faßte dabei den Delinquenten bei dem rechten Ohrzipfel. Er blieb ohne Bewegung. Man setzte das Verhör fort; er beharrte in seiner Stummheit. Selmann versprach ihm, aus seiner ehmaligen Begierde nach sonderbaren Menschen, acht Tage Unterhalt, wenn er ihm folgen wollte. Er tat es ohne Verzug, doch ohne seine Stimme mit einem Worte zu verraten. 20. Der Weg wurde augenblicklich nach Selmanns Behausung genommen, wo sie insgesamt glücklich ankamen. Die Stoiker hatten gewiß Unrecht, sagt – ich weiß nicht, wer, daß sie mit ihren höhnischen quousque eadem? über die Einförmigkeit der menschlichen Begebenheiten sich beschwerten. – Ich sage das auch; wer Lust hat, sich zu verwundern, findet in dieser Welt vom Morgen bis zum Abend so viele Gelegenheit, sich zu verwundern, als aufgeräumte Lacher zu lachen; denn nur in diesem einzigen Absätze muß ich mich schon zweimal verwundern – und meine Leser mit mir! Was für eine Summe von Verwundrungen muß nach dieser Rechnung in einem so ansehnlichen Werke wie dies herauskommen? – Das mag Prospeer, der Bankier, berechnen! Große Summen ist mein Kopf ungewohnt. Worüber ich mich aber wundre? – Ei, weiß denn noch niemand, daß die Hand, die Selmann auf dem Wege zu seiner Beinkleidertasche erwischte, die leibliche Hand – des jungen L. war! – je freilich! des jungen L., dessen Eintritt in die Welt und nachfolgende wunderbare Schicksale die Welt im ersten Bande gelesen hat – und die Nachwelt lesen wird. Hier strich sich der H. Verfasser gravitätisch das Kinn. Also ist alles alltäglich in dieser Welt – qui a vécu un jour, a vécu un siècle – und doch vieles unerwartet, neu, überraschend. Hätten die Stoiker, die den Lauf der Welt so langweilig fanden, nur meinen Tobias Knaut lesen können! Was gilt's? Sie wären nicht Stoiker genug gewesen, um sich hier nicht zu verwundern, wie der junge L. so plötzlich auf das Theater kömmt. Sein eigner mündlicher Bericht, den er Selmannen nach dem Abendessen abstattete, meldet so viel: daß er eigentlich nach der Bestimmung seines Vormundes und der übrigen Familie auf diesen Musensitz gesendet worden sei, um sich mit Studieren, Büchern und andern landverderblichen Übeln, womit eigensinnige Aufseher ihren Untergebnen die Freuden dieses Lebens verbittern, den Kopf und Magen zu schwächen; daß er es aber für seine Person sehr unzuträglich und töricht finde, sich mit philosophischen Schwärmereien oder juristischem Wörterplunder sein Gehirn zu besudeln, das sich bisher so rein und unbefleckt als im Mutterleibe erhalten hätte; daß er demnach ohne die unnötige Zuziehung seines Vormundes sich einen eignen Plan entworfen und ausgeführt habe, der ihm das akademische Jammertal zu einem Paradiese machte. »Und welcher ist das?« fragte Selmann neugierig. Er beichtete mit einer Offenherzigkeit, die man nur der Unschuld zutrauen sollte, ohne sich im mindsten zu schämen, daß sein Beruf gegenwärtig sei, dem verächtlichsten Teile des schönen Geschlechts tägliche Aufwartungen zu machen, zu spielen, zu singen, zu trinken und – hier wurde er rot und verstummte. – »Und was?« rief Selmann. – Der junge L. fiel auf die Knie, beschwor ihn bei seinem Wappen und Stammbaume und ließ sich von ihm bei seinem Wort und Ehre versprechen, daß das ein ewiges Geheimnis bleiben sollte, was er ihm itzt anvertrauen würde. »Um des Himmels willen, was ist das?« »Ich –« mit niedergeschlagnen Augen sagte er das – »ich – sammle Uhren und Geldbeutel.« »Sie stehlen! Wie kommen Sie dazu!« – Auf diese Frage meldete er ihm, daß seine Gesellschaft aus einem Truppe junger und alter Leute bestünde, die wie er den Vorsatz hätten, die Freuden dieser Welt zu genießen; daß man ohne Geld dieses nicht bewerkstelligen könne, welches doch niemand in der Gesellschaft außer ihm besäße; daß man ihn also, als das wenige, was ihm sein geiziger Vormund gegeben, gemeinschaftlich vertan gewesen wäre, dazu angewiesen habe, Uhren und Geldbeutel zu sammeln, um sich auf fremde Unkosten lustig zu machen. – Bei dem Schlusse dieses Berichtes erfolgte eine abermalige flehentliche Bitte, nichts davon zu seiner Schande zu offenbaren, sondern der Ehre seines Standes zu schonen. »Ja, nicht ein Wort soll über meine Zunge kommen«, sagte Selmann, »wenn Sie mir versprechen, künftig unter meiner Aufsicht zu leben und mich zu Ihrem Rentmeister zu machen!« – Er versprach es. »Fürchteten Sie die Vorwürfe Ihres Gewissens nicht, da Sie sich zu einem solchen Gewerbe erniedrigten?« – Er sah ihn starr an. »Hielt Sie die Ehre Ihres Standes nicht zurück?« – Er zuckte die Achseln und beteuerte, daß ihm diese mitten unter der Freude unruhige Augenblicke gemacht, daß er oft bei seinen kleinen Räubereien daran gedacht habe, in welchen Zorn seine Familie geraten würde, wenn sie seine Lebensart erführe; »allein wenn meine Gesellschaft bei mir war«, setzte er hinzu, »so befand ich mich so wohl, daß ich alles das wieder vergaß.« Seine Entdeckung und Erkennung war durch meinen Tobias geschehen, dem die große Narbe, welche ihm der junge L. einstmals bei dem Scheibenschießen durch einen unversehenen Stoß mit dem Ladestocke auf dem linken Backen gemacht hatte, gewaltig zu jucken anfing, sobald er ihn gewahr wurde. Er verstand zwar gleich anfangs den Sinn dieser Vorbedeutung nicht; doch in der Folge ließ sich sein neuer Stubengenosse an einem fröhlichen Abende die Erzählung etlicher Jugendstreiche entwischen, worinne Tobias selbst eine handelnde Person gewesen war, und die alte Bekanntschaft wurde erneuert. Selmann hatte wirklich aus etlichen guten Anzeigen, aus der Offenherzigkeit, mit welcher der junge Mensch ihm seine Vergehungen anvertraute, aus der Reue, die er darüber zu empfinden schien, aus der Bereitwilligkeit, mit welcher er sich seiner Führung überließ, die gute Hoffnung gefaßt, ihn aus seinen Lastern herauszuziehn und seiner Familie wiederzuschenken. Diese Aussicht versüßte ihm den Verdruß, worein er bisher versunken war. Er schöpfte gleichsam wieder frische Luft und stellte sich schon die Freude der Anverwandten über die Besserung des jungen L., das Glück, das er dem jungen Verirrten dadurch verschaffte, und das Gute, das er bei gebesserter Denkungsart seine künftigen Untergebnen, seine künftige Familie bis ins dritte und vierte Glied würde genießen lassen, so lebhaft vor, daß er zween Sprünge in der Stube hin tat. Unglücklich, daß ein neuer Unstern den Lauf seiner Freude nicht nur unterbrechen, sondern sogar gänzlich hemmen mußte! – Und dies war eben die zweite Verwundrung, die ich oben ankündigte. Die bisherigen Gesellschafter des jungen L. vermißten ihn sehr bald; sie forschten um soviel eifriger nach ihm, da er jeden Tag auf einen Geldtransport von seinem Vormunde wartete, bei dessen Ankunft sie sich reichliche Ernte versprachen. Endlich kundschafteten sie seinen Aufenthalt aus und erfuhren zu gleicher Zeit den Besserungsplan, den ihm Selmann vorgeschlagen und sogar annehmlich gemacht hatte. Sie fanden ihn höchst töricht und hielten es ihrer Pflicht gemäß, ihren verführten Kameraden aus seiner Verblendung zu reißen; auf der andern Seite waren sie sehr ungehalten, daß er bei dem ersten großen Probestücke seiner Geschicklichkeit so wenig für seine Ehre gesorgt und sich gar hatte ertappen lassen. Fast hätten sie ihn zur Bestrafung dafür in seinem traurigen Zustande gelassen, wenn nicht ein altes dickbauchichtes Mitglied, nach Sir John Falstaffs Schnitte, das Interesse des Ordens besser eingesehn und angeraten hätte, das gehoffte Geld mit ihm erst zu genießen und alsdann durch eine völlige Ausschließung ihn zu züchtigen. Man machte Anstalten und wählte den Sophronius zur Maschine dieser Absichten. Es wurde ihm heimlich ein Brief ohne Unterschrift eingehändigt, worinne man ihn freundschaftlich warnte, aus allen seinen Kräften an der Entfernung des jungen L. aus seinem Hause zu arbeiten, und ihm zugleich durch die Entdeckung eines Anschlags bange machte, der auf den Untergang seiner beweglichen und unbeweglichen Güter abzielte; man wußte es ihm wahrscheinlich zu machen, daß sein neuer Hausgenosse ein abgeschickter Kundschafter von einer Bande sei, die ihre schändlichen Absichten in wenig Tagen ausführen würde, wenn er nicht schnell zuvorkäme. Sophronius, ohne Vernunft und Philosophie zu Rate zu ziehn, glaubte das Märchen, war vom Wirbel bis zur Fußzehe voller Angst und drang mit seiner gewöhnlichen Heftigkeit bei Selmannen darauf, daß er den jungen L. aus dem Hause entfernen sollte. Dieser tat ihm alle mögliche Vorstellungen, erzählte ihm die Geschichte des jungen Menschen und die Absichten, die er gegen ihn hätte, die guten Hoffnungen, seinen guten Anschein zur Besserung – nichts half! Sophronius bestand auf seinem Sinne und drohte mit Gewalt. Selmann bat, der Ehre des Jünglings zu schonen und ihn nicht öffentlicher Schande auszusetzen, erbot sich zu einer Bürgschaft für ihn – umsonst! Sophronius ging mit der Bedeutung fort, daß er ihn augenblicklich in Verhaft nehmen lassen werde. Es geschah. Die Anklage des Sophronius wurde nach einer kurzen Untersuchung als lächerlich, ohne sichern Grund befunden und folglich abgewiesen, der junge L. auf freien Fuß gestellt. Sobald seine Kameraden dies hörten, paßten sie ihm auf, und da er des Abends aus dem Verhafte gelassen wurde, umringten sie ihn, führten ihn in ein Bordell und machten ihn durch eine einzige Nacht sich wieder gleich. – Du weiser Sophronius! Zehn moralische Werke aus deiner Fabrik können diesen Schaden nicht ersetzen. 21. Man denke sich einen Menschen, der in der fröhlichsten Laune von der Welt springt und hüpft und unter dessen Füßen plötzlich der Boden einbricht – plump! fällt er durch – und nun denke man sich ihn ferner, mit welchem Erstaunen, mit welcher Niedergeschlagenheit er daliegt, bis endlich das Gefühl des Schmerzes sein Gesicht verzerrt und ihn nach Maßgebung seines Charakters wütend oder verdrießlich macht – und so hat man ein ziemlich ähnliches Bild von Selmanns Gesichte nach jener Begebenheit. War seine guttätige Freude vorher zu einem mehr als gewöhnlichen Grade gestiegen, so sank sie itzt auch unter den gewöhnlichen Grad; aber wie kann dies anders zugehn? Warum hat er eine so warme Einbildungskraft? warum eine so heftige Empfindung, daß er andre Menschen nicht bloß besser wünscht, sondern sie besser machen will? – Wie gut seid ihr doch daran, ihr bequemen gutherzigen Seelen! Ihr sitzt im Lehnstuhle wie die epikureischen Götter und denkt: Wie wohl ist uns! – wünscht der Welt alles Liebe und Gute und könnt es ganz wohl leiden, wenn andre hübsch fleißig zu ihrem Besten arbeiten, ihr lobt sie sogar, wenn sie etwas zu euerm Nutzen beitragen, indessen daß ein Mann wie Selmann sich halb zu Tode grämt, daß ihm seine besten Absichten und Erwartungen verdorben werden; dafür habt ihr aber auch seine Freuden nicht zu genießen, die er bei jeder neuen Aussicht auf das Wohl seines Nebenmenschen unausbleiblich und in einem so reichlichen Maße empfindet. Diese hat der Rechtschaffne, der Wohlwollende für euch allen zum voraus, und ich bin sicher, er tauschte nicht mit den eurigen! Je stärker die Sehne eines Bogens angespannt wird, je schlaffer wird sie, wenn man sie darauf fahren läßt; so etwas muß mit den Nerven der Leute vorgehn, die mit Selmannen in einer Form gegossen sind. Ein guter ehrlicher Wellwisher der menschlichen Gesellschaft, mit mittelmäßigem Kopfe und Herzen, kann bei einer mißlungnen oder gehinderten guten Unternehmung verdrießlich werden oder wohl gar zürnen, aber bei Selmannen kömmt es zu einer Verzweiflung; er grämt sich und gibt alle künftige gute Entwürfe für andre Menschen auf. Viele Leute belieben dieses Eigensinn zu nennen; aber man glaube ihnen ja nicht! so wenig, als wenn sie jemanden einen Geizigen, einen Stolzen schelten! Man sehe sich den Mann an, den man so schimpfen will, und wenn er mit Selmanns Grade von Lebhaftigkeit denkt und empfindet, so glaube man, daß jene Beurteiler jämmerliche Philosophen sind. – Aus keiner andern Ursache sind jemals philosophische Einsiedler geworden; die Welt ging in dem Tempo eines Adagio und ihre Empfindungen wie das schnellste Presto; sie wollten die Welt mit etlichen Messerschnitten so schön und gut schnitzeln, als sie nach ihrer Zeichnung sein sollte, und nach tausend Schnitten war kaum ein dünner Span herunter; was taten sie? – Sie warfen das Messer weg und – liefen davon und, nach Beschaffenheit ihrer Lunge und ihrer Augen, mit Lachen oder Tränen. Es tut mir unendlich leid, daß sich Selmann dieser Zunft von Menschen mit starken Schritten nähert. Sein Körper ist so ekelhaft delikat, daß er täglich mehr zu erkennen gibt, wie sehr er die reine freie Landluft und Bewegung vermißt; die alte hypochondrische Materie gerät durch die faulende Stubenluft in Gärung, und – man sollte ihn nur sehen! – er trägt auf seinem Gesichte die deutlichen Spuren, daß er in kurzem ein Misanthrop sein wird. Seine gilbichte Farbe, seine aufgelaufnen Augenlider, seine verzognen Gesichtszüge, seine verdrießliche Miene – was will man weiter? Sind das nicht alles Anzeigen der Misanthropie? Wenn nun obendrein alle Erwartungen fehlschlagen, wenn er gleichsam gezwungen wird, alles zu verachten, was er vorher einzig hochschätzte – und Verachtung ist eine widrige Empfindung für eine gute Seele –, so muß bei einem solchen Haufen starker unangenehmer Empfindungen der Körper unterliegen, wenn er auch den Äther um Jupiters Throne atmete; und wenn sich gleich die Seele bis zur Zufriedenheit durcharbeiten will, so kann sie nicht, der Körper zieht sie zurück und – Wenn einmal Seele und Körper in eine solche Feindschaft geraten sind, daß eins dem andern alles mögliche zum Possen und zum Schaden tut, alsdann – conclamatum est! es ist vorbei! – man müßte denn ein Mittel noch versuchen und eine Emilie zu seinem Arzte machen; kann ihn eine Nymphe nicht heilen, so bestelle er sich beizeiten ein Plätzchen in Charons Kahne; hienieden ist er von dem Augenblicke an natürlich und bürgerlich tot! 22. Geduld! Emilie ist angekommen! Sie hat ihren Plan auf Selmannen nur aufgeschoben, nicht aufgegeben! Vielleicht kann sie ihn retten; ich wünsche dafür ihrer Schönheit Unsterblichkeit bis an den Tod. – Doch sie muß erst die Kur versucht haben, ehe mein Wunsch erfüllt wird. Sie hatte beständig von dem männlichen Geschlechte einen zu schlechten Begriff gehabt, als daß sie einem unter uns Tugend und Rechtschaffenheit oder einen äußerlichen Anstrich von Tugend und Rechtschaffenheit im mindesten zutraute, wenn er kein Pietiste war. In der Zwischenzeit, nach ihrer letzten Unterredung mit Selmannen im Gasthofe, hatte sie einen Mann kennengelernt, der so sehr als dieser von guten Handlungen sprach, ebenso schnell das Unrecht bei fremden Beleidigungen empfand und seine eignen vergab, aber dabei alle Ausschweifungen einer bigotten Denkungsart beging. Er war sogar von der Enthusiasterei nicht weit mehr entfernt; und der Eifer, mit welchem er sprach und handelte, gab ihm eine schwache Ähnlichkeit mit Selmannen, die Emilien viel größer schien, als sie war; jedermann erklärte diesen Mann für einen Bigotten, und die schöne Nymphe machte sogleich den Fehlschluß: Also ist Selmann ein Bigott. Alle Bigotterie ist tot wie Zunderholz, solange nicht ein Holz von derselben faulenden Beschaffenheit daran gerieben wird, dachte sie weiter; ich muß also auch bigott sein, wenn ich meinen Plan an ihm ausführen will; ich muß seinen Kopf und sein Herz enthusiastisch machen, und wenn beides in Flammen ist – je, so mag es ja keine Hexerei erfodern, das Feuer der Schwärmerei in das Feuer der Liebe zu verwandeln; Liebe und Schwärmerei sind ja ohnehin die nächsten Blutsverwandten. – Wo mag doch Emilie die Psychologie und Kirchengeschichte studiert haben? Sie war eines glücklichen Erfolges so gewiß versichert, daß sie mit Isabellen eine Wette auf das schönste modische Paar Ohrgehänge einging. – Topp! die Wette war geschlossen, die Anstalten zur Ausreise gemacht, als plötzlich der allgemeine Feind der schönen menschlichen Natur, die Blattern, bei ihr einbrachen und sie nicht von der Stelle ließen. Der Zuspruch kam sehr ungelegen; da sie von ihm wieder befreit war, mußte sie, um ihre Absichten nicht zu verfehlen, ihre Reize lange warten und pflegen, ehe sie hoffen konnte, den vorigen ähnliche Wundertaten durch sie zu verrichten. Dieser Zeitraum war für sie verdrießlich lang; einige Reize hatte ihr Gast tölpischerweise gar weggewischt, die sonst so glatte spiegelebne Haut hatte hin und wieder Abwechselungen von Berg und Tal bekommen, die Gesichtszüge waren verzerrt und die feinsten Nuancen des Kolorites verschwunden. Sie sahe diese Verwüstung anfangs mit dem schmerzlichsten Kummer; allein in kurzer Zeit hatte sie sich an ihre neue Gestalt so gewöhnt, daß ihr die Einbildungskraft heimlich zuzischelte, sie sei nun wieder so schön als zuvor. Sie glaubte es auf das Wort, und Isabelle, die sich itzt weit über ihr dünkte, lachte herzlich darüber, daß sie es glaubte. Sie rückte aus. Glücklicherweise konnte sie kurze Zeit nach ihrer Ankunft in  zu einer Wohnung unter einem Dache mit Selmannen gelangen, doch ohne sich zu erkennen zu geben oder merken zu lassen, daß sie Selmannen und seinen Aufenthalt wüßte; sondern sie gab sich für eine Offizierwitwe aus, die sich der Welt entzogen habe. Sie wohnte hier einige Zeit unter diesem Charakter, ohne daß Selmann, der sich um die menschlichen Begebenheiten nicht sonderlich mehr bekümmerte, etwas davon erfuhr. Emilie sah ihn oft, begegnete ihm; er bemerkte sie kaum; sie machte es so, daß er sie bemerken mußte; aber er erkannte sie nicht. Wie sauer er es doch der armen Verliebten macht! Unterdessen befand es Sophronius' Gemahlin für gut, ihm Emiliens Lebenslauf, wie sie ihn von ihr selbst empfangen hatte, zu erzählen; er war sonderbar, er reizte ihn; sie kam an die Begebenheiten, die in zween Gasthöfen zwischen ihm und ihr vorgefallen waren – er besann sich genau, daß er Anteil dabei gehabt hatte, und wurde neugierig, die Dame kennenzulernen. – Dabei überlief ihn zugleich ein sanfter Schauer von Behaglichkeit, und wenn seine Nerven am ganzen Körper nicht schon gar zu sehr verstimmt gewesen wären, so hätten sich wohl auch die Chöre von schönen Bildern wieder bei ihm eingestellt, die ihn neulich nach seiner Trennung von Emilien belustigten; aber so blieb es bei einem süßen Schauer. Die Idee, daß sie sich wegen ihrer widrigen Schicksale der Welt entschlagen und der Einsamkeit weihen wolle, hatte für ihn eine gewisse magnetische Kraft, die ihn mit Gewalt zu ihr hinzog – die Sache war, er sympathisierte mit ihr. Die Bekanntschaft wurde auf beiden Seiten unter großem Erstaunen erneuert und seine Besuche oft wiederholt. – Ha, ha! Ist er schon gefangen? – Ja, bis zur Freundschaft ist es wirklich bei ihm gekommen; aber aus keiner andern Ursache, als weil sie bei ihrer bescheidnen Bigotterie mit vielem Anstände auf die Welt schmähte und die Einsamkeit pries, und wenn man noch einen Rest alter Zuneigung hinzusetzt, so war dies der einzige Zunder seiner Freundschaft. Sie besaß die Kunst, ihm gleichsam seine Ideen aus dem Kopfe zu stehlen, über die vielen Hindernisse, die die arge Welt guten Absichten in den Weg legt, zu deklamieren, die Toleranz zu empfehlen, die Fehler des gelehrten Ordens zu rügen, das Schwankende der menschlichen Erkenntnis und die Hinfälligkeit und Nichtigkeit irdischer Glückseligkeiten zu beklagen; er glaubte ihr durch seinen Umgang seine Denkungsart eingeflößt zu haben; das mußte ihn nach allen Regeln der menschlichen Empfindung ergötzen; und im Grunde waren ihre Wiederholungen seiner Grundsätze ein Pulver, in welchem sie ihm die Denkungsart allmählich eingab, die sie ihm beigebracht wissen wollte. Da sie auf diese Weise sein gänzliches Vertrauen und seine Freundschaft gewonnen hatte, so ging sie weiter. Sie stiftete eine kleine fromme Gesellschaft, die ihre Zusammenkünfte heimlich bei ihr hielt, wozu die Gebieterin des Hauses die Mitglieder anwarb. Anfangs waren ihre Unterhaltungen auf Gegenstände gerichtet, die auf Selmanns Gemütsbeschaffenheit paßten, mitunter wurden gute wohltätige Handlungen beschlossen und gemeinschaftlich ausgeübt. Einige Mitglieder blieben zwar nach Auflegung solcher Taxen zurück, dafür drängten sich aber andre, denen der Geruch von dieser heiligen Gesellschaft in die Nase gefahren war, haufenweise hinzu. Um Aufsehn zu vermeiden, traf man eine Wahl unter diesen freiwilligen Rekruten; genug, in kurzem war eine Gesellschaft fertig, von welcher die ganze Stadt sprach, die dieser lobte, jener tadelte, ohne daß sie einer kannte, deren System der Glaubens- und Sittenlehre jeder auswendig wußte, viele Irrlehren und viel Gutes, viel Unkraut unter dem Weizen darinne fand und wegen der Wohltätigkeiten, die sie ausübte, von aller Verdammnis lossprach; ältre Bigotte schalten diese neuen Sprößlinge wilde Ranken, falsche Brüder aus neidischer Besorgnis, daß ihr Ruhm durch ihren Anwachs verdunkelt werden möchte; andre wußten sehr viel verliebte Histörchen zu erzählen, die in diesen fleischlichen Zusammenkünften gespielt werden sollten; dieser hatte sie geistreiche herrenhutische Lieder, der andre Vaudevilles und Trinklieder singen hören; Boetius argwohnte eine Verschwörung wider den Staat, und Sempronia versicherte, daß sie falsche Diamanten machten; – je mehr man argwohnte, vermutete und erzählte, desto mehr bekam jedermann Lust, das Geheimnis der Gesellschaft zu erforschen, man verlangte darunter aufgenommen zu sein, und viele, die gern bemerkt sein wollten, logen, daß sie dazu gehörten. Emilie stutzte nicht wenig, als sie ihre Privatkomödie zu dem Gespräche des Publikums werden sah; so schwer ihr auch die bigotte Rolle in der Länge wurde, so konnte sie nunmehr die Larve so bald nicht wegwerfen; sie mußte aus allen Kräften sich bestreben, um sich dabei zu erhalten. Die meisten Neugierigen, die sich bei ihr eindrangen, blieben sogleich wieder weg, wenn sie nicht hypochondrisch oder hektisch waren oder nicht eine anderweitige Ursache sie dabei erhielt. Placidia fand in der Vormittagskirche, daß ihre Nachbarin, eine Frau von viel geringerem Stande als sie, eine kostbare Garnitur auf ihrem Kleide hatte, die sie sich nicht anschaffen konnte; sie ärgerte sich, und nachmittags trat sie in die fromme Gesellschaft. Secundus und Plautina waren geizig, machten jeden nötigen Aufwand mit Widerwillen, sahen jeden Besuch, gaben jede kleine Mahlzeit ihren Freunden mit Widerwillen; man schalt sie öffentlich Filze, Geizhälse. – Sie traten in die fromme Gesellschaft, lebten wie Knicker, sie glaubten, es aus Frömmigkeit tun zu müssen und um der Frömmigkeit willen als Anfechtungen ihren üblen Ruf leiden zu müssen . Serena wollte ihren Mann wöchentlich etliche Stunden aus dem Hause mit Zuverlässigkeit entfernt wissen, um ohne Furcht die Aufwartungen ihrer Galane annehmen zu können; sie gab ihm Geld zu guten Handlungen; er trat in die fromme Gesellschaft, und ihre Wünsche waren befriedigt. Eugenia wußte nichts zu denken, hatte nichts zu tun, die Zeit lag ihr so schwer als der Ätna auf dem Rücken, außer der Gesellschaft kannte sie keinen Zeitvertreib, und dieser mußte sie entsagen, weil jedermann von ihrem Stande geputzter als sie ging; sie trat in die fromme Gesellschaft, brauchte sich nicht zu putzen, und die Zeit wurde ihr nicht mehr lang. Helvidius hatte eine üppige Frau, die keine Assemblee, keinen Ball versäumen wollte; er konnte ihr nichts abschlagen. Er trat in die fromme Gesellschaft und ging unter dem gerechtesten Vorwande auf keinen Ball mehr. 23. Euch, erhabne Sektenstifter, euch, Väter von Klöstern, Mönchen und Nonnen, Benedikt, Augustin, Bruno, Hus, Arius, Mahomet und selbst dich, Ignaz Loyola – alle fodre ich euch auf! Wenn einer unter euch sich so schnell und von so vielen Anhängern umgeben sah als Emilie, so soll sie seine Mätresse, Frau, geistliche Schwester – alles sein, wozu er sie machen will! – Sie könnte stolz darauf werden, Männer mit so heiligen Bärten zu übertreffen, wenn es ihr darum zu tun wäre, Sekten zu machen. Ihre letzte und höchste Absicht bei dieser Unternehmung ist bekannt, und vielleicht weiß sie jeder meiner Leser besser als Emilie selbst; diese verlor über der Anwendung der Mittel den Endzweck beinahe ganz aus dem Gesichte. Die Ursache war, weil die übrigen Mitglieder diesen geheimen Endzweck nicht kannten, deswegen bloß an der Vervollkommung der Gesellschaft arbeiteten und Emilien, die sich mit ihnen dazu vereinigen mußte, die Zeit und Gelegenheiten wegnahmen, ihren eigentlichen Zweck zu betreiben. – Desto besser für Selmannen! Der Ruf und das Ansehn, zu dem sie so unvermutet gelangte, schmeichelte ihre höchst empfindliche Eigenliebe; seine Erhaltung hing von der Erhaltung der Gesellschaft ab, und diese wurde nun zufälligerweise ihr Hauptzweck, und auch aus diesem zweiten Grunde verlor sie den Anschlag auf Selmanns Tugend aus den Augen. Sie machte zwar eines Abends eine Probe mit seiner Empfindlichkeit – denn die Verbindung, in welche sie die fromme Gesellschaft gebracht hatte, gab ihm einen untadeligen freien Zutritt zu ihr. Sie ließ bei einer Unterredung über die Nichtigkeit der menschlichen Vergnügungen, wobei es etwas warm in der Stube war, den Palatin fallen, sie schnürte das Kleid auf, sie ließ es von Isabellen ausziehn, sie lüftete die Schnürbrust, und – dabei blieb es. Selmann perorierte fort, sosehr sie auch wünschte, daß er itzt lieber stumm als blind sein möchte; er übersähe alle ihre mächtigen Reize so gleichgültig, so ungerührt, als der Indianer ein Stück Geld, weil er es nicht essen kann; er konnte dicht neben Emilien sitzen, eine gute Viertelelle mit dem Kopf über ihren Busen erhaben sein und doch weiter nichts tun als – ein paarmal im hektischen Tone husten. Er faßte bei dem Abschiede ihre sanfte, alabasterne Hand und küßte sie so ohne Empfindung, als wenn es ein kalblederner Handschuh auf einer neunzigjährigen Hand wäre. Sie nötigte ihn zu verziehn; er blieb da, aber so fühllos, als wenn er in einer Tabaksgesellschaft bliebe. Er fing seinen hypochondrischen Sermon wieder von vorne an. – »Keine unter den Vergnügungen dieser Erde sättigt «, rief er; »selbst die edelsten, die erhabensten Vergnügen des Geistes lassen zuletzt ein gewisses Leere zurück, das nichts ausfüllen kann. Die Menschen sind voll falscher Meinungen, voll unerträglicher Vorurteile, voller Laster, voller Tücke; man kann also weder in sich noch außer sich Ursache zur Zufriedenheit finden. Was soll man auf einer Welt, wo alles widereinander ist, alles einander haßt und verfolgt? wo der Geier die Taube würgt, die Taube das Insekt verschlingt und jedes Wesen ein Mörder ist Ähnliche Ausdrücke gebraucht Helvetius »De l'esprit«, D. 3. Ch. 14. – ein Mörder des Ruhms, der Ehre, der Sitten, der Zufriedenheit! – Beste Emilie, was kann einen Mann von Gefühl und Rechtschaffenheit in einer solchen Welt erfreuen?« Emil. ( seufzend ): »Ja, meine Freuden sind vorüber.« Selm.: »Die meinigen längst. Ich habe ihrer viele genossen oder vielmehr zu genießen geglaubt; als ich sie genoß, war ich froh dabei, und itzt – wenn ich sie zergliedere, ärgert mich's, daß ich froh darüber sein konnte . Ein Flittergold, ein Tand, ein Nichts war es oft! ein paar Ideen, die ich unvermutet gefunden! eine Empfindung, die mich plötzlich überfiel! ein Etwas, das ich für Wahrheit hielt und niemand sonst außer mir! eine Handlung, von Eigenliebe vielleicht erzeugt, die ich meiner Tugend zuschrieb! – Vom Morgen bis zum Abend ist unser Leben ein steter Selbstbetrug; wir berauschen uns, daß wir taumeln, und bereden uns alsdann, daß wir vergnügt sind. – Beste Emilie! meine Freuden sind vorüber!« Emil.: »Wissen Sie das Geschichtchen nicht? – Eine Herzogin – der Himmel weiß ihren Namen – wurde von einem Armen um ein Almosen gebeten, der unter andern sich beschwerte, daß er um die Freuden dieses Lebens gekommen sei. ›Was?‹ rief die Herzogin, indem sie sich zu ihrem Führer wandte, ›est-ce que cet homme-là est eunuque?‹ – « Diese letzte Frage sprach sie mit einem geistreichen Akzente aus, der Tote wieder hätte aufwecken können; doch Selmann mußte mehr als tot sein; denn er sagte kein Wort darauf, sondern – hustete. »Wir irren«, fing er von neuem an, »in einem Labyrinthe von Ungewißheit herum; wir tappen wie Blinde nach der Wahrheit, suchen sie fünfzig, sechzig Jahre hindurch und haben am Ende – einen Schatten. – Die Menschen sind in ewigem Kriege gegeneinander; Meinung bestürmt Meinung, keiner stimmt mit dem andern überein, keiner liebt den andern, der Stärkre unterdrückt den Schwachem, man beleidigt und frohlockt darüber; ist eine solche Welt nicht eine Löwenhöhle? ein Sammelplatz von Tigern? – Emilie, alles ist in dieser Welt fade, unschmackhaft! Natur, Kunst, alles ist leer! alles widrig!« Emil.: »Böser Mann! Bedenken Sie, daß das arme weibliche Geschlecht auch unter einer von diesen Klassen begriffen ist! – Ist Ihnen das auch fade, unschmackhaft?« Selm.: »Alles was Mensch heißt!« – und so ging er ereifert zur Tür hinaus. »Das war arg!« sagte Emilie, als er hinausgegangen war. – »Hast du's gehört, Isabelle? – Es ist vorbei! Er fühlt so wenig als ein Klotz. – Weißt du wohl, daß ich itzt recht ernsthaft werde? – Denk einmal! ich spiele mit der Bigotterie und viel fehlt nicht! – so bin ich in wahrem Ernste bigott.« Isab.: »Das fehlte noch.« Emil.: »Gewiß! – Der Mann hat mich in die übelste Laune versetzt. Ich glaube, seine Misanthropie steckt an, und die heilige Gesellschaft – ich muß etwas auf dem Ruhm rechnen, den ich durch sie erlange. Dich bedaure ich, Isabelle! Tröste dich mit meinem Ruhme! Willst du?« Isab.: »Wenn ich vierzig Jahre alt sein werde. – Sie bedenken wohl nicht, daß ich erst zwanzig bin?« Emil.: »Du loses Mädchen –! Das soll wohl heißen, daß ich in meinem fünfundzwanzigsten alt genug zur Bigotterie bin? – Warte! daß du mir mein Alter vorwirfst! – Gewiß, ich bin angesteckt. Mein Kopf ist so schwerfällig! Mein Witz – ich habe keinen mehr! nicht einen Funken mehr! – Bringe mir doch den Spiegel her! Ich sehe wohl recht unwitzig aus: nicht? recht schafmäßig? – aber doch wohl nicht so verdrießlich als du?« Isab.: »Weil Sie weniger Ursache dazu haben. – Ich will lachen, mich vergnügen, lieben, scherzen, tändeln; und hier muß ich wie im Kloster sitzen und mein Gesicht in ernste Falten legen, um mich mit einem Sermone über die Eitelkeit und Nichtigkeit der Welt einschläfern zu lassen. – Machen Sie dem langweiligen Spiele ein Ende; eine neue lustige Komödie! und damit gut.« Emil.: »Wie kann ich? Und dann – mag ich auch nicht; – ich weiß nicht, was mich so äußerst drängt, diesen Sieg zu erkämpfen oder – niemals mehr siegen zu wollen. – Merkst du es nicht? Das letzte wird mich wohl treffen, leider!« Isab.: »So bin ich Ihre Dienerin, nehme mein Paket und –« Emil.: »Und was?« Isab.: »Und – nehme einen Mann.« Emil.: »Du machst mich zu lachen. – Gibt es nicht ein Volk, wo ein Mädchen fünf, sechs Männern die Ehre antun kann – Hast du nicht so etwas gelesen?« Isab.: »O spotten Sie nicht! – Ich werde mich nach Ihrem Beispiele richten. – Topp! Sie verseufzen den Rest ihres fünfundzwanzigjährigen Lebens in den hypochondrischen Armen ihres weisen hochgelahrten Herrn Selmanns, und ich, Ihre treue Dienerin, nehme demütig mit seiner Meerkatze vorlieb.« Das war aller Wahrscheinlichkeit nach mein Held, Tobias Knaut. Emil.: »Böses Mädchen! Ich war so hübsch ernsthaft, du wirst mich bald um meine ganze Gravität bringen.« Isab.: »Geb es der Himmel! – Ein Rat! Wagen Sie morgen noch einen entscheidenden Versuch; wo sein Hypochonder aushält, so tun wir auf die beschwerliche Ehre des Sieges Verzicht; wir wandern weiter.« Emil.: »Nein, Isabelle, wir bleiben! – Sage mir nur, Mädchen, wo mein Witz, meine Munterkeit hingekommen ist! – Mein Kopf ist so hart wie ein Kieselstein! – Bringe mich zu Bette! Sonst könnte ich mich darüber ärgern. Hurtig!« 24. Ist unser Kopf nicht eine bloße Wand, auf welche unser Herz und unser Körper nach Gefallen die Farbe der Zufriedenheit und Unzufriedenheit werfen? – Man schreibe darauf die verborgensten Geheimnisse der Natur, ihren ganzen schönen vollkommnen Plan, man zeichne alle reiche und mannigfaltige Quellen der menschlichen sublunarischen Glückseligkeit – genug man male Leibnizens beste vollkommenste Welt darauf! –, sollte man nun nicht denken: Ei, der Mann muß froh, muß zufrieden sein! – Weit gefehlt! Die Hauptsache kömmt darauf an, was für ein Licht unser Empfindungssystem auf unsre Begriffe wirft! Ist dieses ein heller, lichter, strahlender Glanz? – Gut! so sind wir zufrieden! – Ist es ein düstrer, trüber Schimmer? – Wehe! wehe unsrer Zufriedenheit! Man hat oft gesagt, daß die Philosophie die Mutter der Zufriedenheit sei; ohne ihrer Ehe zu nahe zu treten, muß ich bekennen, daß ich zweifle. – Die Mutter Natur ist die Mutter der Zufriedenheit; sie gießt sie in unsre Adern und Nerven. Die Philosophie, ihre beständige Nachäfferin, präpariert zwar auch ein Mittelchen, das sie wirken soll, was es auch zuweilen tut; aber wie lange hält die Wirkung an? – Wer den Samen der Krankheit von Mutterleibe an mit sich herum trägt, der verschlinge alle Apotheken und alle medizinische Rezepte, er wird darum nie völlig gesund, höchstens auf einige Zeit weniger krank; und wer den Samen der Unzufriedenheit mit sich an das Tageslicht brachte, dem wünsche ich Glück, wenn ihm die beste Philosophie seine Unzufriedenheit mindert. Aber das rührt von nichts her, als weil unsre Gedanken wahrhafte Chamäleone sind! Sie nehmen die Farbe unsrer Empfindungen an, und einer und derselbe ist daher bald pechschwarz, bald von dem muntersten Glanze. – Ich erschrecke, wenn ich daran denke, daß das Rosenrot, das itzt von Gesundheit und Fröhlichkeit auf meine Gedanken zurückfällt, vielleicht einst wie das Rot auf den Wangen einer irdischen Göttin verschwinden und sich ins todblasse verlieren wird; daß ich vielleicht über das weine, worüber ich itzt lache; daß die anscheinenden Unordnungen und Unvollkommenheiten der Natur, über die ich itzt gern weghüpfe, vielleicht einst große Gebürge für mich werden, die ich nicht ohne Grauen ansehn kann – doch wer wird denn über etwas erschrecken, was eine Veranstaltung der Natur ist? Wenn sie inzwischen verhüten wollte, daß ich nicht in dem Grade wie Selmann bösen Empfindungen preisgegeben würde, so wäre das allerdings eine so große Gefälligkeit als für eine Schöne, der sie ihr hübsches Gesichtchen ein paar Jahre über den gewöhnlichen Termin läßt. Mit dem guten Manne hat sie es weit kommen lassen! Eben die Meinungen, die Begriffe, die ihm sonst Toleranz und Menschenliebe einflößten, machen ihn itzt unduldsam; die Fehler, die Laster, die Torheiten der Menschen, um derentwillen er es sonst für Pflicht hielt, nachsichtig gegen jedermann zu sein, bringen ihn itzo auf und reizen ihn, nicht nachsichtig zu sein. Wenn ich es nur wagen dürfte, eins seiner Selbstgespräche hieher zu setzen! man würde ein Bild, mit Gift und Galle gemalt, sehn. Noch wäre es erträglich, wenn mit seinen Klagen nicht ein gewisses schmerzhaftes Gefühl vergesellschaftet wäre, das alle körperliche Schmerzen überwiegt und seine Ruhe Tag und Nacht verfolgt. Nichts ist guten Seelen schmerzlicher als die Empfindung des Hasses und der Verachtung, habe ich vorhin schon gesagt; um soviel trauriger mußte es daher für ihn sein, nichts sehen, nichts denken zu können, ohne daß sich nicht ein Widerwille an seine Vorstellung hing. Wer, sagte er sich einst, kann aber eine so allgemeine Verderbnis des menschlichen Geschlechts bewirkt haben? Wer kann es in den Pfuhl gestoßen haben, in welchem es sich herumwälzt? – Die Natur? – Nein, gewiß nicht! Wären wir ihr getreu geblieben, hätten wir uns nicht über uns selbst erheben wollen, so wären wir noch Menschen . – Aber warum setzte uns die Natur auf eine solche niedrige Stufe der Einschränkung? Warum legte sie den Samen so vieler Schwachheiten und Torheiten in die Masse, aus welcher sie den Menschen bereitete? Ist sie nicht die Urheberin derselben? Warum muß das Schicksal die fehlerhaften Anlagen der Natur begünstigen? Von dem Strome der Notwendigkeit hingerissen, ist also unser Geschlecht ein solcher elender Haufe geworden! – Von der Notwendigkeit? Nein! der Mensch ist der Schöpfer seiner Torheiten! Er will die Erde zum Garten und sich zum Engel umschaffen; er will die Sterne messen, er will die Geheimnisse des Schicksales enträtseln und ist sich selbst ein unauflösliches Rätsel; er will die Grenze von Wahrheit und Irrtum bestimmen und weiß nicht, was Wahrheit ist; er dreht sich in einem Kreise von Meinungen herum, daß ihm schwindelt, und am Ende hat er Schwindel im Kopfe und Staub in den Augen – Der Mensch wagte zu viel; er sollte nichts wissen, und er wollte alles wissen. – Was nützt es, sich in den Nebel der Wissenschaft hineinzuwagen? daß man geblendet wird, sich einbildet, mehr als andre zu wissen , und nicht merkt, daß man nichts mehr weiß und nur mehr zu wissen glaubt . Wenn man alle Gelehrsamkeit durchwandert ist, so hat man zuletzt – müde Beine. – Weg, ihr elenden menschlichen Wissenschaften! du großsprecherische Gelehrsamkeit! Mache deine Anbeter zu bessern Menschen , dann will ich dich für das erkennen, wofür du dich ausgibst! Löse meine Zweifel auf, nimm mir meine Unruhe – du eitle Törin! Die Menschen können nicht anders sein, als sie sind. – Freilich, in dem gegenwärtigen Tumulte ihrer Leidenschaften! Tändeleien, Puppen, Steckenpferde, das sind die großen Gegenstände ihrer Begierden! Sie verschwatzen, sie verputzen, sie verspielen die Zeit; sind das vernünftige Geister! – O Welt! du Wohnung der Torheit, wie fade, wie unschmackhaft bist du! Glücklich, wer dich nicht kennt – und nicht – Er hörte auf, weil der Abenteurer zu ihm hereintrat, dessen oben gedacht worden ist, der ihm täglichen Stoff zu seinem Mißvergnügen lieferte und ihm um soviel willkommner war, weil einem Unzufriednen niemand gefällt, als wer seinen Kummer vermehrt. 25. Unterdessen daß dieser Zuwachs von Mißvergnügen täglich stärker wurde, nahm die fromme Gesellschaft nicht weniger zu und empfing sogar von einigen Mitgliedern einen Schwung, der sie über alle Zusammenkünfte und Stiftungen dieser Art hinaussetzte. Es hatten sich Leute darunter gefunden, denen die Natur eine höchst geschäftige Einbildungskraft in ihren Kopf und eine nicht minder tätige Empfindung in das Herz gelegt hatte; man weiß schon, daß diese beiden, wenn sie einmal unruhig sind, so wenig rasten, als die Cromwelle, die Caesar einer Republik – bis sie eine Nahrung für ihre Tätigkeit gefunden haben. Was für Gegenstände das Schicksal ihnen zuerst darbietet, die erhaschen sie, wie der Fisch die Lockspeise an der Angel. Bei jenen lieben Seelen waren religiöse Vorstellungen der erste Köder gewesen, den Vater und Mutter ihrer Einbildungskraft und Empfindung vorgehalten hatten; sie schnappten zu, und zeitlebens blieb das der Gegenstand für ihren Kopf und ihr Herz. Da aber beides, ihr Kopf und ihr Herz, sich über den gewöhnlichen Grad der Tätigkeit erhuben, so konnten sie es nicht bei den angenommnen simpeln Vorstellungen der Religion bewenden lassen; sie strichen einen lebhaften glänzenden Firnis darüber, der bei einigen mehr, bei andern weniger der Schwärmerei ähnlich war. Hätten sich Dichter voller arkadischer Schildereien, voll arkadischer Empfindungen, oder Philosophen mit idealen Welten, mit vollkommnen Staaten, mit vollkommnen Menschen, oder überhaupt Geister mit einem idealen Schwunge von jeder andern Art ihrer Tätigkeit zuerst dargestellt, so wären sie philosophische Weltenverbeßrer, politische Schwärmer und dergleichen geworden; aber das Schicksal las unter den Dingen dieser Welt gerade die Religion für sie aus, und sie wurden religiöse Schwärmer. Mit einem solchen fanatischen Fluge war bei ihnen ein gewisser natürlicher Stolz vereinigt, der sie nach nichts Geringerm streben ließ, als sich von allen Menschen zu unterscheiden – die Ruhmsucht, die von der Tätigkeit der Seele unzertrennlich ist. Sie fanden alle sogenannte Christen, die sie kannten, weit unter dem Modelle, das sie sich ausgedacht hatten, und wenn auch einige nicht so weit unter demselben waren, als diese strengen Beurteiler sich einbildeten, so mußte ihre Religion schon deswegen bei diesen Mißfallen erregen, weil sie stille ruhige Vernunft und von dem Schmucke der Einbildungskraft entblößt war. Überall schien ihnen also die Religion in dem kläglichsten Zustande; jedermann schien ihnen lau, der nicht in hellen Flammen brannte; jedermann schien ihnen ohne Empfindung, der sie nicht beständig in Reden und Betragen äußerte. Was mußte erfolgen? – Sie sonderten sich von allen ihren Mitbürgern als von einem unreinen Haufen ab, an welchem sie die wahren Flecken ungeheuer und eben so viele eingebildete da fanden, wo keine waren. Sie wählten sich nur diejenigen, die ihnen glichen; man sprach von ihrer Absonderung; dies reizte ihren Stolz, und sie suchten ihre Absonderung immer merklicher und auffallender zu machen; man sprach noch mehr davon, und sie unterschieden sich noch mehr; man höhnte sie, man lachte über ihre Unterscheidungssucht, und ihr Ruhm war zum höchsten Gipfel gelangt – denn sie konnten sich als Märtyrer der Wahrheit ansehn, die von der Welt verfolgt wurden. Wehe dem Menschen, dessen Stolz bis dahin gekommen ist, daß er sich als einen Märtyrer der Wahrheit ansieht! Jeder Einfall, jede wunderliche Grille, jede Phantasie, die ihm Blähungen und Verstopfungen eingeben, wird zur Wahrheit, die er als einen Götzen aufstellt, dem jedermann huldigen muß, wenn er nicht als ein Verächter, ein Ungläubiger gebrandmarkt sein will. Er wird zu dem intolerantesten Despoten, mit dem man gleichförmig glauben muß oder gar nicht glaubt. Emiliens Gesellschaft war ein Zunder für die Phantasie solcher Menschen; wenn sie gleich die Ehre der Stiftung nicht genießen konnten, so wollten sie doch wenigstens die Ehre des Anteils nicht entbehren. Anfangs ging ihnen alles zu lau, zu kalt darinne her; Selmann schwatzte plane Vernunft vor, und wenn sie gleich die Lebhaftigkeit seiner Beschwerden über die menschliche Verderbnis wieder aufmunterte, so waren doch seine Klagen noch nicht völlig auf den Ton gestimmt, in welchem sie klagen wollten. Sein ganzer Vortrag hatte eine philosophische Wendung; er nahm sich die Freiheit, zuweilen von ihren Meinungen abzugehen – was dergleichen Leuten so empfindlich ist, als wenn sie mit einer Keule vor den Kopf geschlagen werden; – und – man denke! – er wollte ihnen niemals den Vorzug zugestehn, daß sie die einzigen Heiligen und alle übrige Menschenkinder Verworfne wären, weswegen auch einige darunter, die den Vorschlag getan hatten, daß man die Gesellschaft den Orden der Auserwählten nennen sollte, augenblicklich das Zimmer verließen, als dieser ehrliche Philosoph wider diesen unerlaubten Stolz eiferte. Sehr bald strengten sie ihre Erfindungskraft an, die Simplizität ihrer Zusammenkünfte zu entfernen, die bisher einer plaudernden Coterie ähnlich gesehen hatten, und eine zierliche unterscheidende Einrichtung, eine Regel für ihren Orden auszusinnen. Emilie ließ sich ihr Spielwerk gefallen; sie war in dem Falle eines Mannes, der unnütze kindische Gebräuche und Zerimonien ansieht, um für sich darüber zu lachen. In kurzem wurde sie die Vorsitzerin einer Versammlung, die Quäckern und Methodisten nichts nachgab; besonders wußte ein triefäugichtes Mütterchen ihren baufälligen Körper in so kunstmäßige Zitterungen zu versetzen, daß jeder Zuschauer besorgen mußte, das ganze Gebäude werde von der Erschütterung zerbrechen. Seufzer, Verdrehen der Augen, Kopfhängen war die allgemeine Gebärdensprache, worinne es ein kurzbeinichter Mann, der die kleinsten Augen und den größten Kopf bei der Gesellschaft hatte, in kurzer Zeit so weit brachte, daß er, auf einem Beine stehend, zweihundert tiefe männliche Seufzer hervorstoßen und fünfzig verschiedene bewundernswürdige Stellungen der Augen hervorbringen konnte. Ein andrer Held mit dicken aufgeworfnen Lippen konnte den Mund in einer Minute sechzigmal in die Form eines Kreuzes ziehen. Ein dritter leistete noch mehr; er konnte die Bewegungen des kalten Fiebers so richtig nachmachen, daß es ihm einmal glückte, den Boden seines Sessels durch starkes Aufstoßen einzubrechen. Doch eine sittsame Dame, die in einem vierzigjährigen Leben kein männliches Gesicht mit unverschloßnen Augen angesehn und kein Haarbreit eines männlichen Körpers nur mit den Fingerspitzen berührt hatte, übertraf alle diese heiligen Figuranten. Sie konnte durch eine Zurückhaltung des Atems ihrem Leibe eine solche stufenweise Anschwellung geben, daß man sie unfehlbar für besessen oder für inspiriert halten mußte. Ein Wunder wäre es, wenn bei einer solchen Gelenkigkeit der Glieder Offenbarungen und Erscheinungen außenbleiben sollten – sie kamen. Eine Frau, die den Himmel schon längst um die Auflösung eines reichen Vetters, den sie beerben sollte, inbrünstig angefleht hatte, bekam den ersten Traum, in welchem ihr der baldige Tod dieses Mannes angekündigt wurde. Um dieser nicht den Vorsprung zu lassen, erzählte eine junge Witwe in der nächsten Versammlung ein Gesichte, das ihr ihren nächstkünftigen Gatten, ein Herrchen, so schön als ein Adonis, mit einem stattlich langen Titel, im Profile gezeigt hatte. Ein Kaufmann hatte einen Menschenkopf von der Größe eines Turmknopfes auf seinem Dache erblicket, der wie ein Volkan goldne und silberne Konventionsmünze auswarf. Einem Rechtsgelehrten erschien ein ganzes Dorf, auf einer Wiese versammelt, wo Mann gegen Mann sich unter allen Arten von Injurien nach Herzenslust herumbalgte; aus jedem Tropfen Blute, der auf die Erde fiel, wuchs ein Ries Papier empor, worauf er, so sehr er auch schwitzte und zitterte, Demosthenes' und Ciceros Reden von einem Ende bis zum andern abschreiben mußte. Wer bei so gestalten Umständen nicht übertroffen sein, sondern übertreffen wollte, der mußte alle Federn und Räder seines Gehirnes anspannen. – Träume sind wenig, Prophezeiungen, der Umgang mit Geistern sind außerordentlichere Vorzüge! – Auch diese erschienen zur gehörigen Zeit. Niemand hatte unter diesen so vertraute Freunde als Emilie. Um sich an der Leichtgläubigkeit ihrer Brüder und Schwestern desto reichlicher zu belustigen, ersann sie Unterredungen mit überirdischen Wesen, ein ganzes Magazin von Märchen, die Erisipilus aus ihrem Munde sammelte und der Welt im Manuskripte hinterließ. Ihr mutwilliger Witz versorgte sie hinlänglich mit Erfindungen; sie schilderte ihre neuen Vertrauten genau nach Rang und Würden ab; sie erzählte jedes Wort, das sie mit ihr gewechselt hatten, und ihr ganzer Triumph war – einen Haufen halbverwirrter Menschen hinterdrein auszulachen. Die wichtigste Rolle bei dem ganzen Schauspiele spielte unstreitig mein Held. Man hatte ihn anfänglich zum Zerimonienmeister der Zusammenkunft ernennt; allein da er einem von den Frauenzimmern aus Vergessenheit einen um zween Stühle niedrigern Platz angewiesen hatte, als ihr Rang verdiente, so setzte man ihn ab unter dem Vorwande, daß diese Verrichtung für seine Gaben zu gering sei. Man erhub ihn also zum Redner der Gesellschaft, und er saß allemal an dem einen Ende des Zimmers mit einer so karikaturmäßigen Erhabenheit als ein wendischer Abgott da und – schlief. Das war sein einziges Glücke. Hätte er gewacht, so wäre er ein Visionär geworden; nur der Schlaf erhielt ihn bei gesundem Verstande. Da aber in dieser Welt keine Sache auf einer Seite nützlich und nicht zugleich auf einer andern schädlich sein kann, so hätte sein Schlaf einstmals seinem Menschenverstande auf eine andre Art zu großem Schaden gereichen können. Nichts war natürlicher, als daß man ihm, dem Redner der Gesellschaft, der zuweilen Aufsätze von Mitgliedern oder Stellen aus Büchern herlesen sollte, was aber wegen verschiedener Hinderungen niemals geschah, einen Tisch mit zwei Lichtern hinsetzte, woran er in einem kleinen Lehnstuhle saß und die Auffoderung, seinen Mund zu öffnen, gelassen erwartete. Zufälligerweise hatte eines Abends der dermalige Zerimonienmeister ihm seine Kerzen so nahe gesetzt, daß er bei eintretendem Schlummer mit seinem Kopfe, wenn er nur ein wenig stark nickte, gerade in die Flamme fallen mußte. Was geschah? Indem die übrige Gesellschaft mit voller Begeistrung sprach, stand auf einmal sein Kopf in hellen lodernden Flammen. Er wachte wohl darüber auf; allein in der Betäubung konnte er nicht sogleich ausmachen, was ihm eigentlich widerfahren war und warum alle auf ihn losschrien. »Hülfe! Hülfe!« riefen sie insgesamt und eilten auf ihn zu, um die Feuersbrunst zu löschen. – »Was?« schrie die Dame, deren Rang er in seiner ersten Würde beleidigt hatte – »was? diese Flamme will man löschen? dies ist das Feuer der Inspiration, der Begeistrung! Wer weiß, was für heilige Eröffnungen uns diese Flamme aus seinem Munde erwarten heißt?« – und mit diesen Worten hielt sie alle, die ihm helfen wollten, zurück und sah mit ungerührter Grausamkeit, wie die Flammen sein sämtliches Haupthaar bis auf die Wurzel vernichteten. Sobald er innewurde, wo die Gefahr sich befand, schlug er zwar mit beiden Händen zu, um sie zu dämpfen; aber umsonst! Das Schicksal hatte ihn bestimmt, ein Kahlkopf zu werden und die natürliche Zierde seines Hauptes auf viele Jahre zu verlieren. – Wen mag doch das Schicksal bestimmt haben, dieser Rachsüchtigen ihre Haube à quatre étages zur Bestrafung anzuzünden? – Und noch wäre dies zu wenig. Tobias ereiferte sich nicht halb so wie sein Lebensschreiber; mit der Gelassenheit, womit er alle Unfälle dieses Lebens ertrug, erduldete er auch diesen Verlust seiner natürlichen Schönheit und setzte, ohne ein Wort zu sagen, eine Perücke auf. 26. Stellen aus Büchern sollte Tobias herlesen; was aber wegen verschiedener Hinderungen niemals geschah – sagte ich vor etlichen Augenblicken; – und diese Hinderungen? – waren die wichtigsten von der Welt! ebendieselben, die in seinen Jugendjahren den Strom seiner Beredsamkeit so oft verdämmten! Kann es niemand raten? – Warum soll ich aber nun solche Sachen laut sagen? – Die Gesellschaft bestund aus Frauenzimmern größtenteils – aus devoten Frauenzimmern – die sich über alle erhaben zu sein dünkten – die sich um ihrer besondern Heiligkeit willen von allen Ungläubigen verlacht, verhöhnt, verfolgt glaubten; – und diese Ungläubigen waren nach ihren Begriffen alle, die nicht ihrer Meinung waren – die samt und sonders über die Verderbtheit der Welt klagen wollten und daher die skandalöse Chronik der ganzen Stadt als den Stoff ihrer Klagen begierig aufsammelten – – Wenn es nun niemand errät, was sie taten! – Je, wenn ich dann alles so laut und deutlich sagen muß: Sie verleumdeten. In einer frommen Gesellschaft – verleumdet man? – Freilich ist das Wort etwas unschicklich; es heiße dann – sie erzählten einander die Schändlichkeit und Sündlichkeit der argen bösen Welt – mit etwas abgeändertem Tone in der nämlichen Manier wie Frau Knaut und ihre Stellvertreterin, Anne Heimberten, in der Dorfküche . Sonach blieben denn Leute mit und ohne Devotion einander gleich? und die Welt wäre im Dorfgewande und im Stadtkleide dasselbe Spiel der Leidenschaften, nur mit verschiedenen Masken? – »Welt! Welt!« rief seufzend Selmann, dessen Unzufriedenheit diese Zusammenkünfte nur vermehrten, weil sie ihm ein neues Beispiel von der Verderbnis der menschlichen Natur gaben – »Welt! Welt!« rief er, »du Sammelplatz der Torheiten! Frömmigkeit, Heiligkeit, alles brauchst du zur Larve, dein häßliches Gesicht zu verdecken! – Kann man diese Zusammenkünfte ansehn, ohne vor Gram zu vergehn?« »O ja!« rief Emilie, die ihn in einem Winkel belauscht hatte. – »Lachen Sie wie ich! so ist der Schade geheilt.« Selm.: »Lachen? –Wie kann ein rechtschaffner Mann solche Torheiten an seinen Mitbrüdern sehn und lachen? – Hieße das nicht ein Mensch sein und kein menschliches Herz haben? – Weinen möchte ich darüber!« Em.: »Lieber Mann! Tränen und Gram um fremde Torheiten dünken mir ein verschwendrischer Aufwand. – Herr Philosoph! wir haben genug mit unsern eignen zu tun; meinen Sie nicht? – Auch über diese lache ich; wenn ich mich darüber grämte, wäre ich ja doppelt unglücklich!« Selm.: »Beste Emilie! wenn Sie mit meinen Augen sähen –« Emil.: »Ja, bester Mann! da sitzt es eben! – Wenn ich mit Ihren Augen sähe – nein, dafür danke ich schön! Ich möchte nicht über die Torheiten der Welt weinen, wenn Sie mir gleich Ihre Augen dazu borgten.« Selm.: »Ihre jugendliche Munterkeit malt Ihnen alle Gegenstände mit Rosenfarbe; aber nehmen Sie diese blendende Glasur weg! So sehen Sie die grobe unlautere Masse, aus welcher die Welt gemacht ist.« Emil.: »Und Sie tauchen sich jeden Gegenstand in das fürchterlichste Schwarz. – Wenn ich unmaßgeblich raten darf – borgen Sie mein Farbenkästchen! Rosenrot ist doch immer besser als schwarz. Bin ich nicht schöner in meinem rosenfarbnen Atlas als in dem pechschwarzen Moore? – nicht tausendmal schöner?« Selm.: » Sie sind allemal schön; die Welt niemals.« Emil.: »Bravo, Herr Hypochondrist! – Hier haben Sie ein Knickschen für Ihre Schmeichelei. – Dächten Sie nicht, daß eine Welt voller rosenwangichter Mädchen, Nymphen und Grazien unendlich schöner wäre als eine voller Satyren, Faunen und andrer männlichen Ungeheuer? und – warten Sie nur! – Sie wären der einzige Bewohner eines solchen allgemeinen Serails!« Selm.: »Sie spotten.« Emil.: »Gewiß nicht! – Aber alle diese Schönheiten müßten wie der Frühling gekleidet sein, in das schönste Rosenrot! müßten so munter, so scherzhaft sein als ein Zephir und dabei so witzig als ein französischer Poet. – Haben Sie nichts vom Paradiese des Mahomet gelesen? – Hören Sie nur: ›Die schönsten Mädchen aus dem Morgenlande sitzen an einem mit Blumen und niedrigem Gesträuche bekränzten Bache‹ – pfui! das Gesträuch müßte in meinem Paradiese etwas höher sein! – und Mädchen aus dem Morgenlande? – nein, europäische Mädchen! nach meinem Schlage, wenn ich so stolz reden darf! – ›ihr Geruch ist lieblicher als der Atem des Windes, der Blumendüfte aushaucht; und ihr Kuß‹ – merken Sie auf! –, ›ein Kuß auf ihre Wangen läßt in Ewigkeit ein Gefühl von unaussprechlicher Seligkeit zurück‹ – das nenn ich einen Kuß! – ›Sie singen unsterbliche Lieder, worinne jeder Ton das Herz vor Wollust und Liebe zerfließen läßt; ein Druck von ihren sanften Händen schwellt den Puls an, daß er hoch emporklopft; ihr Speichel riecht wie die köstlichste Salbe, wie alle Spezereigärten des Morgenlandes.‹ – Sehr standhafte Nerven müßt ihr armen Mannspersonen haben, wenn eine solche Transpiration auch nicht eine zersprengen soll. – Nun will ich das Blatt umwenden. Hören Sie einmal das Bild! – ›Eine sandichte dürre Wüste, von Löwen und Tigern bewohnt, die einander unaufhörlich zerfleischen, in welcher alles öde, alles traurig schmachtet, die Blume, die sich heute hervorwagt, morgen lechzend stirbt und kein Tropfen Wassers den trocknen Gaumen erquickte – oder – ›Ein Land voll ungeheurer Eisberge, auf welchen dumpfe düstre Nebel drückend liegen oder schneidende Schneewinde regieren, wo jedermann traurig umherschleicht und sich einsiedlerisch‹ – pfui! ich kann nicht weiter! Mich friert! Mir schauert! – Welche Welt wollen Sie nun? – Die erste nach Mahomets Modelle ist meine; dies im voraus zu melden. – Nu? welche wählen Sie?« Selm.: »Emilie, Sie scherzen, und ich kann es nicht.« Emil. : »An wem liegt denn die Schuld, daß Sie es nicht können? – Denken Sie doch, daß es nur auf Sie ankömmt, welche Welt es sein soll! – eine muntre, fröhliche, rosenfarbne oder eine traurige, düstre, pechschwarze!« Selm.: »Kann ich die Welt umschaffen? Bleibt sie nicht, was sie ist?« Em.: »Ei, das wäre zu weitläuftig, eine neue Schöpfung anzufangen! – Sagten Sie mir nicht einmal: Jeder Mensch schafft sich seine Welt; sie ist gut und böse, wer von diesen beiden nur eins sieht –« Selm. : »Ich verstehe Sie – aber ich setzte auch hinzu: Unser Auge ist oft so gebaut, daß wir nur eins von beiden erkennen und für das andre blind sind. Ich habe sonst die Welt für ganz gut gehalten, weil ich sie nicht kannte; itzt kenne ich sie, und sie ist mir ein Greuel.« Em.: »Sie kennen sie itzt nicht, wenn ich das Ihrer Philosophie zur Schande nachsagen darf – wenigstens nicht recht! – Und dann – wenn Sie einen Flecken an ihr sehen, so machen Sie es wie ich, wenn ich eine Blatter in meinem Gesichte bemerke – ich sehe nicht eher in den Spiegel, als bis sie abgeheilt ist.« Selm.: »Aber die Geschwüre der Welt heilen nie –« Em.: »Je nun, wenn mir eine Blatter zu lange dableibt, so lege ich ein Schönpflästerchen darauf –« Selm. : »Schaffen Sie mir eins für die Auswüchse der Welt –« Em.: »Oh, es steht zu Befehle! – Sie haben sich doch die Schilderung von Mahomets Paradiese gemerkt? – So lassen Sie die Welt um sich her sein; um die übrige bekümmern Sie sich nicht eine Minute! – Kennen Sie nun das Schönpflästerchen?« Selm.: – – – – – Em.: »Kytherens – Kytherens himmlische Gaben! – das Gefühl – Das sie in milden Strömen Durchs Herz der Sterblichen gießt, Daß jeder Puls sich übereilet, Der Geist nicht denket, nur fühlt, Daß ringsumher dem Auge die Welt Mit Iris' Farben bemalet erscheint Und uns die süßen Augenblicke Schnell wie ein Pulsschlag entfliehn.« Diese Verse begleitete sie mit einer Miene! mit einem Tone! – Selbst Venus hätte sie nicht süßer und reizender aussprechen können. Selmann sah ihr starr in die Augen und blieb unbewegt stehn. – Emilie fuhr in dem nämlichen Geiste fort: »Wissen Sie, was darauf folgt? Wenn dichte Nebel die Aussicht verdüstern Und Flor die ganze Schönheit der Welt In traur'ge Leichengewänder verhüllt, Dann nimm, o Jüngling und Mann, Den Becher aus Kytherens Hand Und gieß in einem gier'gen Zuge Den eingeschenkten Nektar hinab; Im Taumel trunkener Lust –« Ja, wo war ihr Zuhörer? – Fortgewischt, ehe sie es vermutete! und er floh seitdem ihre Gesellschaft, solange keine Zeugen zugegen waren; er floh sorgfältig jedes Tête-à-Tête – weil sie seine keusche Einbildungskraft durch dergleichen schlüpfrige Bilder beleidigt hatte, wird gewiß Modesta denken – sie irrt sich! für eine keusche Einbildungskraft gibt es keine schlüpfrige Bilder; nur eine unzüchtige Phantasie zergliedert solche Bilder und macht sie dadurch für ihren Besitzer schlüpfrig. Davon war Selmann weit entfernt; aber er vermied dergleichen lebhafte süße Vorstellungen aus dem Grunde, warum ein verdorbner Magen alle Süßigkeiten verschmäht – weil ihr Genuß einen Ton der Nerven hervorbringt, der mit dem schon vorhandnen disharmonisch ist. Magen und Seele sind die entschlossensten Feinde der Dissonanzen. – Er floh Emilien, weil sie ihm sein Mißvergnügen nehmen wollte, und versäumte keine einzige ihrer Gesellschaften, weil sie sein Mißvergnügen unterhielten – wie Cato, der nach Martials Ausdrucke in die Komödie ging, um wieder herauszugehn – er floh die Menschen, weil er sich über ihre Torheit ärgerte, und ging der Torheit nach, um sich über sie zu ärgern. Emilie merkte wohl die Ursache seiner Entfernung und sahe ein, daß man einen Kranken in üble Laune versetzt, wenn man ihn durch gute Laune von seiner Verdrießlichkeit kurieren will. Sie schlug daher einen andern Weg ein, stellte sich selbst hypochondrisch, und Selmann besuchte sie so fleißig als vorher und ging jedesmal mit einer neuen Dosis Mißvergnügen so zufrieden hinweg als ein guter Gesellschafter von seinem aufgeräumten Freunde. Dies hatte eine sonderbare Folge. Wer eine Lüge oft sagt, glaubt sie zuletzt selbst; wer oft lügt, dem wird lügen zuletzt unentbehrlich; und wer sich lange hypochondrisch stellt, wird es zuletzt wirklich. Das erfuhr Emilie, besonders seitdem Isabelle sich von ihr getrennt hatte, die sonst durch ihren mutwilligen Witz ihre Munterkeit, sooft sie zu ersinken schien, wieder aufrichtete. Diese ihre bisherige getreue Gefährtin und Mitgenossin ihres Glückes konnte einen Zwang unmöglich ertragen, den sie sich täglich antun mußte; sie ermahnte Emilien stündlich, ihre Reize nicht über der fruchtlosen Bestürmung eines unempfindlichen Hypochondristen verblühen zu lassen und die Zeit ihrer Vollkommenheit zu gewissern Unternehmungen zu nützen. – Gegen alle ihre Vorstellungen machte Emilien eine angeborne Hartnäckigkeit taub; lieber hätte sie sich augenblicklich in das häßlichste Ungeheuer verwandeln lassen, als einen so weit verfolgten Plan aufgegeben; und in einer verdrießlichen Stunde, wo Isabellens Rat etwas zudringend wurde, gab sie ihr deutlich zu verstehen, daß sie die Freiheit hätte, jeden angenehmern Aufenthalt dem gegenwärtigen vorzuziehen, wenn er ihr mißfiele. Welche Galle hätte sich dawider nicht regen sollen? – Isabelle fing an zu glühen, packte ihre Effekten zusammen und ging in die weite Welt aus. Für Emilien war diese Trennung ein wirklicher Verlust, unter Hypochondristen und Devoten – ein solcher Umgang war ein Gift für ihre Munterkeit; auch war sie in etlichen Wochen so gut als tot. Daraus entstund eine sonderbare Folge für Selmannen. Die geheime Feindin seiner Tugend schrieb schon längst die Standhaftigkeit derselben keiner Pietisterei, sondern seiner Krankheit zu; allein sie glaubte doch auf dem einmal betretenen Wege ihren Zweck zu erlangen. Sie stimmte ihre Laune der seinigen gleich und wurde dadurch seine Busenfreundin; er liebte sie wirklich so stark, als er nach seinem Abschiede aus dem Gasthofe tat; aber seine Empfindung saß itzt tiefer im Herze und wirkte weniger auf seine Phantasie. Emilie gewöhnte, sich unbewußt, durch beständige Verstellung ihre Imagination so sehr an fanatische Bilder, und diese wurde so sehr dadurch befeuert, daß sie anfingen, auf ihre Empfindung Eindrücke zu machen. Sie lachte nicht mehr darüber; die Gewohnheit hatte ihr das Lächerliche daran weggewischt; niemand malte es ihr von neuem vor, was sonst Isabelle tat. Kurz, ehe ein menschliches Gehirn sich eine solche Vermutung einfallen lassen konnte – hatte sich ihrer Einbildungskraft der Fanatismus durch seine ansteckende Kraft mitgeteilt; Verstellungen, die sie sonst zur Kurzweile ersann, bekamen itzt in ihrem Kopfe die ganze Miene des Ernstes. Das ist noch nicht alles! – Ihre majestätischen, strahlenden, junonischen Augen verdrehten sich so ernsthaft als das matte Augenpaar der frommen Einfalt! Ihre marmornen Hände bekamen Verzückungen! Ihre von Wollust schlagende Brust wallte keuchend wie der Busen einer delphischen Priesterin! Ihr Mund – der Mund einer Göttin! – verzerrte sich in die abscheulichsten Figuren! und ihre Lippen, durch welche sonst der feinste Witz, Geschmack und Einbildungskraft redten, sprachen itzt die verächtlichsten, nichtsbedeutenden Töne der Schwärmerei aus! – Ist das nicht eine Metamorphose, die ein ganzes Dutzend ovidischer Verwandlungen wert ist? Das ist viel! sollte man denken; aber nur Geduld! das ist noch nicht alles! Reiz und Schönheit haben bekanntermaßen eine magnetische Kraft, die alles, dessen sie nur habhaft werden kann, in ihren Wirbel hineinzieht. Wenn eine von den irdischen Grazien sich es einfallen ließe, die abenteuerlichen Selbstkreuzigungen der Bonzen durch ihr Beispiel zu empfehlen, wie viele gutherzige Söhne Adams würden wir die Kleider von sich werfen, die Rute ergreifen und sich unbarmherzig peitschen sehn! – Die Schönheit ist die kräftigste Lehrerin des Lasters und der Tugend, der Torheit und der Vernunft, und trotz dem Menschenherze, das ihr widerstehen will! Gesetzt, Euphem – dich frage ich! –, du hast alle Zugänge zu deiner Empfindung mit ernster Weisheit verpallisadiert – dein Gehirn verrichtet alle drei Wirkungen des Verstandes nach Aristoteles' Vorschrift so hurtig, so ohne Anstoß, als ein gelenker Tanzschüler seine Kapriolen – deine Vernunft ist mit allen schönen Raritäten der Gelehrsamkeit aus der Alten und Neuen Welt ausmeubliert – sie unterscheidet Wahrheit und Falschheit, Illusion und Wirklichkeit auf ein Haar – sie hält strenge Aufsicht über die Imagination und weist sie gleich mit ihren Blendwerken und schönen Schattenspielen ab – genug, du bist nach deinem Gefühle und jedermanns Geständnisse ein weiser, vernünftiger, gelehrter etc. etc. Mann – gesetzt nun, es stünde täglich eine Stunde lang eine Nymphe, so schön und reizend als die koische Venus, vor deinen Augen und läse dir mit allen Künsten der schwärmerischen Deklamation, mit allem Nachdrucke der Enthusiasterei Schwedenborgs Geistermärchen oder Böhmens sinnreiche Schriften vor – was würde aus dir werden? – Versuche es! Indessen will ich dir erzählen, wie es Selmannen ging. Emilie hatte durch die angenommene Gleichheit mit seinen finstern Grundsätzen und Empfindungen sein ganzes Herz gewonnen; er war in sie verliebt – wenigstens handelte er völlig wie ein Anbeter gegen sie. Alles, was sie tat, gefiel ihm; er dachte an nichts als an sie , sie war ihm allgegenwärtig; er suchte ihre Gegenwart und entbehrte, wenn er sie nicht genoß; aber wenn er bei ihr war, seufzte er nicht wie ein französischer Theatergalan, sang keine verliebte Stanzen – nein, er klagte über die Welt, und je heftiger und lauter sie mit ihm einstimmte, desto stärker wurde seine Zuneigung. Manche Wörterkrämer werden dies nicht Liebe, sondern Freundschaft nennen wollen – mögen sie! Die Empfindung ist doch bei beiden eins und nur dem Grade nach unterschieden. – Auch setzte ihn diese hypochondrische Liebe allen den Schwachheiten aus, denen der feurigste Anbeter unterliegen kann; Torheiten, Ungereimtheiten, die ihm an andern Sterblichen die Galle vom Grunde aufwiegelten, reizten ihn an ihr ; Fehler schienen ihm Vollkommenheiten, und ohne Untersuchung nahm er alles dafür an, was er an ihr wahrnahm. – Was will man mehr? Emilie merkte ihren Sieg nicht. Während daß seine Empfindung die Vernunft so einschläferte, sah er sie nach und nach durch alle Stufen der Veränderung zu einer Schwärmerin werden; der Zauber ihrer Schönheit, ihres Reizes wirkte nunmehr ungehindert auf seine schon glimmende Zuneigung; diese Wirkung nahm zu, wie ihre frommen Grimassen sich mehrten; eine solche Verbindung machte, daß auch die Grimassen einen Anteil an jener Wirkung bekamen; wie gewisse Leute mechanischerweise, ohne Bewußtsein, gähnen, wenn sie es andre tun sehn, so wurde seine Einbildungskraft, seine geistigen und körperlichen Organen hingerissen, und – ihr Götter! was kann aus dem Menschen werden! – Selmann, der Philosoph – ward ein Schwärmer wie Emilie! – Vor acht Jahren, als er nach dem Abschiede des Hauptmann V. mit sich selbst räsonierte Am Ende des zweiten Bandes. , hätte ich ihm das nicht zugetraut! Indessen er ist es, und seine Weisheit liegt wie eine erfrorne Schildwache da und tut nicht einen Laut, da sich der Fanatismus in seinen Kopf schleicht! – Zu verwundern ist es nur, wie sie sich beide, nachdem er einmal hinein war und die Sache nicht mehr zu andern stund, zusammen unter einem Hirnschädel vertragen konnten. – Die Sache ist: Die Phantasie spielt im Kopfe die gebietende Frau vom Hause; nach ihrem Takte muß alles tanzen oder in den Winkel kriechen, und diese Partie ergriff Selmanns Philosophie. 27. Nicht lange dauerte es, als die fromme Gesellschaft eine neue Wendung bekam. Die Freiheit, mit welcher sich täglich Personen beiderlei Geschlechts unter dem heiligsten Vorwande sahen, ohne den geringsten Zwang sahen – Personen, bei denen Einbildung und Empfindung in völliger Gärung stunden – worunter eine Emilie war, deren Phantasie mit verliebten Bildern sich genährt hatte und gleich zu ihnen überging, sobald ihre Empfindung bis auf einen gewissen Grad erwärmt wurde – bei solchen Personen mußte jene Freiheit die natürliche Folge haben, daß ihr überspanntes Gefühl den Nerven die nämliche Stimmung gab als die sinnlichste Wollust; und – wer weiß das nicht? – Seele und Körper sind ein paar gleichgestimmte Saiteninstrumente: Gebt auf dem einen den Ton einer leeren Saite an, und derselbe Ton hallt in der andern wieder. Himmel! widerfuhr das auch Selmannen? – Darauf kann ich itzt nicht antworten. Niemand erfuhr jene Folgen so sehr als Emilie und die Gemahlin des weisen Sophronius. Man weiß schon, weil man mich es hat erzählen hören, daß Tobias das Glück hatte, eine Warze auf seiner Nase zu tragen, die ihm die Gunst der letztern gleich bei seiner ersten Erscheinung vor ihrem Angesichte zulenkte, und diese Gunst war bisher zwischen Wachstum und Abnahme mitteninne stehen geblieben. Itzt gelangte ihre Neigung für ihn schnell zu ihrer Reife, als wenn sie in einem Treibhause beschleunigt wäre. Venus kann ihren Adonis nicht inbrünstiger geliebt haben, und gleichwohl war Tobias kein Adonis. – Weil er itzt völlig ausgewachsen und seitdem kein Haarbreit größer noch breiter geworden ist, so werde hier sein Bild der Nachwelt aufgestellt. – Wohlan! Der ganze Tobias ist eine Säule, vier Fuß drei Zoll hoch, in der Gestalt eines Pagoden. Das Fußgestelle ist gleich einem Paar Menschenbeinen gestaltet, worunter jedes einen auswärtslaufenden Halbzirkel macht, die oben an den Knien und unten an den Knöcheln zusammenschließen. Der Schaft stellt einen dicken breiten Menschenleib vor, der die sämtlichen Cordilleras im Modelle auf dem Rücken trägt, aus welchem an beiden Seiten Armen herabhängen, die sich mit den Krallen eines Habichtes endigen; – wirklich hatten seine Finger mit diesen eine so starke Ähnlichkeit, daß seine Mutter alle mögliche Ursachen aufsuchte, um sich dies Phänomen zu erklären, und alle Mittel anwandte, ihm diese Verunstaltung zu benehmen; nichts half! – Endlich das Kapital! Dies war ein spitzer Kopf – nur sparsam mit Haaren bestreuet – das Ebenbild des Thersites – und itzt nach der unglücklichen Feuersbrunst ganz kahl wie ein gesengtes Stoppelfeld! eine platte, zween Finger breite Stirn, eine keilförmige Nase, worauf die beliebte Warze prangte, aufgeworfne blasse Lippen, eine Farbe, die aus gelb und schwarz zusammengesetzt sein mußte, große eisgraue Augen, die aus einer beständig aufgesperrten Eröffnung das füchterlichste Weiße hervorgaffen ließen und von hochgezerrten Augenbraunen wie von einem Wetterdache beschützt wurden. – Dies sind ohngefähr die hervorstechendsten Partien des Kopfs. Sehe mir doch eine meiner schönen Leserinnen dies Porträt an und verliebe sich nicht! – und wenn es ja einem oder dem andern schwerfiele oder man sich überhaupt verwundern sollte, wie eine solche Figur ein Gegenstand der Liebe habe werden können, so erinnere man sich nur, daß eine aufgebrachte, an Mißgestalten gewöhnte Phantasie – und was sind die Ideen der Schwärmerei anders als Mißgestalten? – dem Geschmacke eine vorzügliche Richtung zum Wunderbaren, zum Ungeheuren, zum Außerordentlichen gibt; nicht allein die Zusammensetzungen des Gehirns haben alsdann diesen Charakter, sondern auch jeder Gegenstand, der gefallen soll, muß ihn haben. Welche menschliche Figur trug so sehr das Gepräge der Monstrosität an sich, und welche war also geschickter, jenen Geschmack zu befriedigen, als die Person meines Helden? – Mich befremdet es deswegen nicht im mindesten, daß Madam Sophronia so unsterblich in ihn verliebt wurde, als Rosaura in jeden wohlgemachten Offizier, der vor ihrem Fenster auf die Wache zieht; daß sie vor Freuden glühte, wenn sie ihn erblickte, und sich nicht enthalten konnte, ihm einstmals heimlich einen herzhaften Kuß beizubringen, daß er von einem Ohre bis zum andern rot wurde, ob es gleich niemand bemerkte; und die Zigeunerin in der Stellung, wie er auf ihrem Schoße aß, spazierte nach dem Kusse ganz langsam durch seinen Kopf. Warum nur das? Die Liebeswunde wurde lange Zeit in ihrer Brust unterhalten, bis eines Tages Sophronius ausgegangen war, auf einem gelehrten Fechtplatze die Gegner seiner Meinungen öffentlich zu Boden zu disputieren. Seine Abwesenheit, die wegen seiner Streitsucht in dergleichen Fällen gemeiniglich lange dauerte, war die günstigste Gelegenheit zu einer Liebeserklärung. Aber die Sache war höchst kützlich: ein Frauenzimmer, eine Liebeserklärung! – Sogenannte Tugend, das heißt, verkleideter Ehrgeiz, weibliche Schamhaftigkeit, Furchtsamkeit stritten in ihr dawider: geschwind warf ihre Neigung das Gewand der heiligen Freundschaft um, kiff und tobte wider die Gegenpartei, bis diese übertäubt war und schwieg. – Gleich wurde Tobias in ihr Zimmer gerufen. Hätte Sophronia Emiliens Talente gehabt, so hätte sie einen ganz andern Weg gewählt: Anstatt ihrem Liebhaber das Herze mit Gewalt sprengen zu wollen, hätte sie eine Miene angelegt und – puff! wäre es in die Luft geflogen. Er traf sie in ihrem Nachtkleide, so nachtmäßig angezogen, daß sogar ihre Füße unbedeckt waren. Sie nahmen beide Platz am Teetische. Der sein sollende Liebhaber saß wie ein versteinerter Menschenkörper da, sprach gleichgültig zuweilen etliche Worte und sahe gleichgültig durch das dünne Nachtkleid wie durch die Gläser eines Guckkastens. Die Zigeunerin lief ihm wieder durch den Kopf. – Da der Tee getrunken war und seine äußerste Unempfindlichkeit noch nicht viel Hoffnung versprach, so rückte sie zum Hauptangriffe an. Sie hielt ihm eine Rede, die nach ihrer Meinung ungemein feine Wendungen enthielt und doch in halbverblümten Ausdrücken ohne die geringste Wendung sagte, was sie wünschte und begehrte. Die Zigeunerin hielt einen neuen Durchmarsch und trat so stark auf, daß Tobias um den Kopf warm wurde. – Das Gespräch wurde auf verwandte Materien geleitet, der Antrag wiederholt; Tobias nahm seinen Hut. Sie hielt ihn zurück, sie bat, sie liebkoste, sie beschwor ihn, dazubleiben; er blieb. Sie faßte bei der Gelegenheit seine Hände, sie drückte sie auf das zärtlichste, sie ging zu einem Ruhebette, sie setzte sich, sie verdoppelte ihre Schmeicheleien und Liebkosungen. Tobias fühlte eine hastige Bewegung an dem Ventile der rechten Herzenskammer, daß er vor Beklemmung einen tiefen Seufzer holte. Dies nahm Sophronia für eine Losung zur Übergabe an und glaubte nunmehr den entscheidenden Angriff zu tun; sie griff ihm säuberlich nach – 28. »Homo tamen habet ideas innatas, du Ignorant!« – Mit diesen Worten trat eben Sophronius polternd in die Stube, warf Hut und Stock auf den Tisch, ohne einen Blick auf das Ruhebette zu tun. »Homo tamen habet ideas innatas, innatissimas«, sprach er – »du Nichtswürdiger! – O könnte ich dich meiner Rache aufopfern!« Die Zweideutigkeit dieser Herausfoderung und die Überraschung bei einer Unternehmung wider die ehelichen Rechte wirkten bei Sophronien eine so schnelle Furcht, daß sie nicht imstande war, ihre Herzhaftigkeit aufzubieten, sondern den zitternden Liebhaber bei dem Arme faßte und in das nächste Kabinett stieß. Sophronius, der in seinem Zorne keines Sinnes mächtig blieb, nahm nicht das geringste von seiner Flucht wahr, sondern warf sich nachdenkend in einen Stuhl. Plötzlich fuhr er auf: »Zermalmen will ich dich!« rief er und lief nach dem Kabinette. – »Vor aller Welt dich deiner Ignoranz überführen!« – Madam verstund auch dies unrecht und bildete sich gewiß ein, daß er die Gebeine des armen Tobias zu Pulver stoßen wolle. Eilfertig rennte sie auf ihren Mann zu und wollte ihn abhalten, ins Kabinett zu gehn. »Was?« rief er, »soll ich meine Feinde, meine Widersacher nicht schlagen? öffentlich Unrecht behalten, ohne daß meine Feder mich verteidigt?« Sie merkte bei diesen Worten wohl, daß es eine gelehrte Schlacht ohne Blutvergießen werden sollte, allein es lag ihr doch daran, ihn außer dem Kabinette zu erhalten. Sie sagte ihm daher ganz gelassen: »Im Kabinette sind keine Feinde.« »Aber meine Waffen!« versetzte er. »Du ereiferst dich, bester Mann! Du schadest deiner Gesundheit, wenn du sogleich auf den Ärger nachdenkst und den Kopf anstrengst; warte bis diesen Nachmittag!« »Ich kann nicht! – Meine Ideen sprengten mir den Kopf, so voll ist er von dem, was ich zur Beschämung des Ignoranten dem Publikum sagen will. – Ich muß fort, ich muß meine Ideen aufs Papier werfen oder ersticken.« »Ich kann es unmöglich zulassen; ich muß dich dann zu deinem Besten zwingen, dir nicht das Leben zu rauben.« »Ich muß, ich muß!« schrie er, wand sich los und rennte in das Kabinett hinein. Tobias, der, ohne zu wissen, warum, am ganzen Leibe zitterte, glaubte zuversichtlich, daß Sophronius seinen Gebeinen den Untergang durch jene schrecklichen Worte angedroht habe; da er also das Rasseln an der Türe hörte und besorgte, die Drohung sollte sogleich in Erfüllung gehen, so versteckte er sich weislich unter einen Tisch, der ringsum mit einem grünen Tuche behangen war. Sophronius warf nach seinem Eintritte die Kleidung eilfertig ab und setzte sich im Schlafrocke an den nämlichen Tisch, der meinen Helden wider seine Wut schützen sollte. Er ergriff die Feder, tauchte sie ein und hatte schon die Worte: Vindiciae veritatis – ganz leserlich hingeschrieben, als etwas sein rechtes Bein drückte; er streckte es unter den Tisch bis an die Wand aus, und da Tobias den ganzen Raum unter den Tische ausfüllte, so fand das Bein einen undurchdringlichen Widerstand; in seiner gelehrten Begeisterung wollte er sein Vorhaben mit Gewalt durchsetzen und stieß etlichemal auf den armen Versteckten mit solcher Heftigkeit los, daß er laut seufzte. Er horchte – und schrieb weiter. Kurz darauf fiel es dem Beine zum zweiten Male ein, sich eine bequemere Lage zu suchen; es fuhr hastig unter den Tisch und ließ sich nach einem derben Stoße auf Tobias' Genicke nieder. Eine Zeitlang ertrug er diese Beschwerlichkeit; doch Sophronius geriet bei den Stellen, wo er Meisterhiebe auf seinen Gegner tat, mit dem ganzen Körper in Affekt, und dergleichen affektvolle Stellen kamen so oft, daß seine Füße unaufhörlich auf Tobias' Genicke stampften. In der Länge wurde dies empfindlich; er nahm deswegen sehr bescheiden den einen Fuß des Sophronius, um ihn vom Halse auf einen weniger empfindlichen Teil zu legen. Wie erschrak Sophronius! Bestürzt warf er den Stuhl zurück, sprang auf, warf mit dem Ärmel das Tintenfaß auf seine vindicias, lief in die Stube und, als er da niemanden fand, in die Stube seiner Frau, wo er ganz erschöpft und todblaß ankam. Inzwischen nützte das Gespenst, das ihn in die Flucht getrieben hatte, die Gelegenheit, kroch hervor und schlich so leise durch die Stube hindurch, als wenn er die böseste Tat verübt hätte. »Was hast du?« fragte ihn Madam Sophronia mit etwas gebieterischem Tone. – Er konnte nichts antworten. Sie fragte noch einmal und gebot ihm zu antworten, und sie erfuhr die klägliche Geschichte. Sophronius wußte nicht, wie er sich die Begebenheit erklären sollte, schämte sich vor seiner Weisheit, es für ein Gespenst zu halten, und war doch so wenig den ganzen Tag in sein Kabinett zu bringen, als wenn er wirklich eins gesehen hätte. Lieber verschob er seine Rache bis auf morgen, und dazu gehörte doch wahrhaftig keine kleine Dosis Furcht, um seine Rachbegierde auf einen ganzen Tag niederzuschlagen. Das Kartell wider seinen philosophischen Gegner wurde ein Raub der Tintenüberschwemmung und zu großem Schaden keine leserliche Spur mehr davon gefunden. Die Sache wurde ruchbar; Tobias erzählte sein Abenteuer nach der Länge bei Tische! Sophronius stutzte – hurtig, Madam, eine Lüge her! sonst wird er eifersüchtig! – nein, Madam Sophronia war betreten und fand keine; sie winkte dem Erzähler mit den Augen, warf ihm bald einen drohenden, bald einen bittenden Blick zu; nichts half! er fuhr in seiner Aufrichtigkeit fort; und Sophronius, der eifersüchtiger war als ein Türke, ergrimmte dergestalt im Geiste, daß er vom Tische aufsprang, als wenn ihn ein neues Gespenst verscheuchte, das große Vorlegemesser ergriff und – sich aus Verzweiflung die philosophische Kehle abschnitt? – oder es in den Busen seiner treulosen Ehefrau stieß? –nein! einen gebratenen Kapaun in sechs Portionen zerfleischte. Da dies im Zorne und deswegen nicht, ohne die wichtigsten Regeln der edlen Vorschneidekunst zu verletzen, geschah, so war dies eine günstige Gelegenheit, seine Eifersucht zu dämpfen und zu bestrafen. Seine aufgebrachte Ehegattin legte seine wider Anstand und Reinlichkeit begangnen Fehler öffentlich an den Tag, riß ihm im Triumphe die Schüssel weg und sägte mit dem stumpfen Messer so lange und heftig an dem Kapaune herum, bis er unwillig darüber wurde, von der Gabel sich losriß und dem aufrichtigen unschuldigen Tobias auf die schöne schneeweiße Perücke schnellte, daß er vor Furcht dreimal zusammenfuhr. So hatte der Zufall Sophronien gerochen, und bei allen Teilen wurde die Beleidigung durch eine ewige Amnestie aufgehoben. – War das nicht die höchste poetische Gerechtigkeit, Herr Kunstrichter? 29. Ja, ja! ich besinne mich! – ich sollte ja vorhin eine Frage beantworten, als ich eben keine Zeit dazu hatte. – Hatte die Fanatisterei die nämliche Wirkung auf Selmannen wie auf die übrigen Mitglieder? fragte man mich. Ich antworte: Nein! Die Vernunft kann von der Phantasie sehr leicht in den Schlaf gesungen werden, welches in allen sterblichen Köpfen Tag vor Tag geschieht; oder diese Gauklerin kann um jene in so bunten possierlichen Gestalten, mit so mannigfaltigen Sprüngen herumhüpfen, daß jene gravitätische Dame der Führung dieser tanzenden Irrlichter eine Zeitlang sich überläßt, durch kleine Pfützen, über Hügel, durch nicht allzu tiefe Moräste hinter den drollichten Dingerchen drein watschelt; aber sobald sie mit einem Fuße in tiefen Schlamm gerät – gleich steht sie still! – So einfältig ist sie nicht, daß sie den andern Fuß auf der Stelle nachsetzt, und da sie etwas phlegmatisch verfährt, so könnte sie auch, während daß sie ihn in die Luft hübe, tausendmal sich anders besinnen – aber nein; sie bleibt stehn, überlegt sich, wohin sie geraten ist und hätte geraten können , sie merkt, daß sie Verführern folgte! und so zieht sie den Fuß aus dem Moraste, kehrt um, und nun mögen Legionen Irrlichter noch so schnurrichte Tänze um sie halten – sie geht ungehindert ihren Weg fort – wenn sie vorher den rechten Weg wußte; wußte sie ihn nicht, so bin ich nicht Bürge, daß sie nicht bald wieder bis an die Knie versinkt, so lange bis sie – Stain'd with the variation of each soil – wieder zu Hause ankömmt und allen Irrlichtern den Kredit aufsagt. Selmanns Vernunft war immer nach jedermanns Geständnisse eine brave Vernunft gewesen; daß sie bei allen ihren Tugenden die Schwachheit hatte, sich so geduldig von der Einbildungskraft niederschwatzen zu lassen – je, wer wird denn so streng sein und einer menschlichen Vernunft das nicht vergeben? Ich vergebe es ihr so gern, als ich es dem scharfsinnigen Poiret immer zugute gehalten habe, daß er sich trotz aller seiner kartesianischen Weisheit von Fräulein Bourignon den Kopf verrücken ließ. Unter den Händen der Schönheit sind wir männlichen Geschöpfe, wenn wir auch mit einer zolldicken Rinde von Weisheit übertüncht wären – ein geschmeidiger Ton. Sobald aber das Schauspiel der Schwärmerei zu dem Auftritte kam, wo die sinnlichste Wollust mit auf das Theater trat, da fuhr Selmanns Vernunft plötzlich zusammen und rief seine Tugend zur Beratschlagung; beide überlegten und untersuchten und ließen ihre Untersuchung sich endlich gar bis auf das ganze fromme Institut erstrecken; die Vernunft sähe mit Erstaunen, wie übel es während ihres Schlafes in ihrem Hause zugegangen war, warf allen phantastischen Unrat hinaus, nahm ihren alten Zepter wieder und regierte so munter und wachsam, daß es nur die vorwitzige Phantasie wagen mag, ihren Rechten wieder zu nahezukommen! So gut sie zwar daran handelte, daß sie ihr Haus rein machte, so konnte sie doch die Folgen nicht verhüten, die unter einer so langen tumultuarischen Herrschaft der Einbildungskraft für den Körper hatten entstehen müssen. Unter allen Quacksalbereien der Marktschreier auf unserm ganzen Planeten kann keine so eine große Verwüstung in der körperlichen Natur des Menschen anrichten als der Fanatismus. Nerven, die immer bis zum Zerspringen gespannt sind, auf welchen die Phantasie und die Empfindung unaufhörlich die wildesten rauschendsten Stücke spielen, verstimmen sich endlich oder springen gar; Lebensgeister und Blut, die beide nach jenem übertriebnen Tempo auf und nieder laufen müssen, ermüden endlich – besonders da Selmanns körperliche Kräfte schon vorher halb erschöpft waren. Er verfiel in eine wirkliche Krankheit, die ihn etliche Wochen bettlägerig machte. Vielleicht war dies eine von den Kuren der Natur, die durch den Schmerz die Säfte der Seele und des Körpers läutert; wenigstens tat die Krankheit die Wirkung, daß sie den Flug seiner Schwärmerei vollends niederschlug und dadurch die angefangne Genesung der Vernunft vollendete. Nun gute Nacht, fromme Gesellschaft! Emilie, mit allen deinen sinnreichen weithergeholten Entwürfen auf seine Tugend! Er besucht weder die eine noch die andre, und beide erscheinen ihm in dem verhaßtesten Lichte. Seine Unzufriedenheit mit der Welt wurde allmählich durch die Schwächungen der Krankheit in Gleichgültigkeit verwandelt, und alle Gegenstände, selbst solche, die vorhin seine ganze Begierde hinrissen, schienen ihm itzo tot, unkräftig, weder Haß noch Liebe zu erwecken. Seine denkenden Kräfte waren gesunken, und darum sank auch sein Selbstzutrauen, und seine ganze Art zu handeln verlor das Glänzende, die unterscheidende Lebhaftigkeit. Er sähe alles mit dem bloßen Auge der Vernunft und sah es vielleicht darum richtiger als jemals; aber die Vernunft begeistert nicht zur Tätigkeit: Das ist das Geschäfte der Phantasie. Wenn ja zuweilen seine schnelle Tätigkeit wiederzukehren schien, so war dies mehr Wirkung einer mechanischen Gewohnheit als wirkliche Lebhaftigkeit. Der gelehrte Abenteurer, dessen oben Erwähnung geschehn ist, war nebst meinem Helden sein getreuer Freund und Gesellschafter; beide pflegten ihn mit einer Sorgfalt und Liebe, wie sie für dankbare Freunde sich gebührt. Der erste schwatzte ihm durch Erzählungen eigner und fremder Begebenheiten, durch Gespräche über Selmanns Lieblingsmaterien die langen Stunden hinweg und durfte keine einzige von seinen gewöhnlichen schwarzen Anmerkungen über Welt und Menschen einfließen lassen, ohne daß Selmann ihn nicht darüber tadelte und zur Duldsamkeit ermahnte. Eines Tages erzählte er ihm die traurige Geschichte eines seiner Freunde, die des Kranken vorzügliche Aufmerksamkeit und Empfindung auf sich zu ziehen schien. Er berichtete ihm, da er dieses merkte, daß die Unglückliche, die der Hauptgegenstand der Geschichte war, in der Nachbarschaft lebe und – Doch ich will meinen Lesern erst die Geschichte erzählen; alsdann sollen sie erfahren, was für einen Einfluß sie auf Selmanns Ende haben konnte. 30. Amaliens Geschichte . »Du liebst ihn? – Bist du unsinnig, Mädchen?« – rief Amaliens Mutter mit einer Wut, die alle Teile ihres Gesichts in gleich starke Bewegung setzte. »Ja, ich liebe ihn«, antwortete die Tochter in einem so naiven aufrichtigen Tone, in welchem nur das Bewußtsein der Unschuld sprechen kann. »Und du hast die Frechheit, mir das ins Gesicht zu sagen?« »Ich glaubte, wider eine meiner ersten Pflichten zu fehlen, wenn ich dies nicht täte, wenn ich nicht aufrichtig Ihnen etwas gestünde, dessen ich mich nicht schämen darf.« »Darfst du dich nicht schämen, wenn du einen so schlechten Menschen liebst? – Ich kann dich nicht ansehn; geh! « »Ein schlechter Mensch? – O wie irren Sie sich, wenn Sie dies denken! Er ist der edelste, der beste Mann, bei dem Verstand und – gutes Herz im Gleichgewichte sind, voll von den erhabensten Gesinnungen, der dem Bilde am mehrsten gleicht, das ich mir von einem vollkommnen Manne gemacht habe –« »So? sind das deine Gedanken? – Was darf ein so naseweises Mädchen sich dergleichen Gedanken in den Kopf kommen lassen? Was weiß das von vollkommnen Männern?« »Warum sollte ich nicht –« »Du darfst nichts davon wissen. – Ich verbiete dir hiermit den geringsten Umgang mit solchen schlechten Leuten. Nicht einen Fuß soll dieser Nichtswürdige mehr ins Haus setzen, und wenn du nur einen Blick mit ihm wechselst –« »Gern gehorche ich Ihnen; nur urteilen Sie günstiger von einem Manne, der die Ehre seines Geschlechts ist und solche Namen im geringsten nicht verdient –« »Ein Bettler, ohne Stand und Ehre« – »Ehre ist seine einzige Führerin; und wenn ihm gleich das Schicksal keinen Stand gab, könnte er liebenswürdiger als itzt sein, wenn er ihn hätte?« »Du tust unerträglich klug; davon verstehst du nichts.« »Meine Vernunft, mein Gefühl –« »Was kannst du von Vernunft und Gefühl sprechen? – Nicht ein Wort mehr! und wage es nicht, meinen Befehl mit einem Winke zu übertreten. Geh!« Amalie ging und fand in ihrem Zimmer denjenigen, um dessentwillen sie eine so harte Begegnung hatte erdulden müssen. Mit ihrer gewöhnlichen Aufrichtigkeit erzählte sie ihm die ganze vorhergehende Szene, und da sie eben im Begriffe war, ihn von der angedroheten Verweisung aus dem Hause zu benachrichtigen, kam schon ihr Onkel, um sie ihm in eigner Person anzukündigen. Die Mutter war gleich nach dem Abtritte ihrer Tochter zu ihm auf sein Zimmer gelaufen und hatte ihm die Nachricht von dem unglücklichen Liebesverständnisse hinterbracht, worauf sie ihm die Vollmacht gab, den verhaßten Verführer ihrer Tochter mit Schmähungen, Verweisen, Stockschlägen, oder auf was für ähnliche Art es ihm beliebte, aus dem Hause zu vertreiben, sobald er sich darinne blicken ließe. Hierauf erbot er sich nach einer kurzen Verwundrung über diese Nachricht, stehendes Fußes zu Amalien zu gehen und sich mit ihr darüber zu besprechen und sie vernünftiger zu belehren, als von der Mutter wegen ihres Ungestüms und Unbesonnenheit geschehn sein konnte. Ohne zu vermuten, wen er antreffen würde, kam er an und stutzte ein wenig, daß er so bald eine Gelegenheit fand, seine Vollmacht auszuüben, worauf er sich nicht vorbereitet hatte. Demungeachtet tat er es nach einem kurzen Gepräche, und zwar auf eine so gute Art, als wenn er viele Stunden darauf gesonnen hätte, mit so vieler Schonung und Höflichkeit, daß seine Verweisung mehr eine Bitte, die verborgne Ursachen notwendig machten, als ein Befehl zu sein schien. Siegismund – so mag unterdessen in Ermanglung des wahren Namens Amaliens Geliebter heißen – nahm seinen Abschied, ohne sich im geringsten merken zu lassen, wie schmerzhaft ihm die Anfoderung sein mußte, nie wieder in das Haus zu kommen. Amalie war empfindlicher; sie ließ sogar einige Tränen fallen, worauf sie ihr Onkel bei der Hand ergriff und sie in sein Zimmer führte. »Mein gutes Malchen«, sagte er, als sie hier anlangten, und streichelte ihr die rechte Hand, »du weinst gewiß aus gutem Herzen, weil du die Veranlassung bist, daß ich den armen Siegmund auf immer verabschieden mußte. – Sei ruhig! Er ist ein braver Mann, ein Mann von einer zu vortrefflichen Denkungsart, als daß er nur den mindesten Groll deswegen wider dich fassen sollte. Ich weiß, es würde dir leid tun, einen rechtschaffnen Menschen beleidigt zu haben. Nicht wahr, mein Kind?« Sie schwieg. »Besonders«, fuhr der Onkel fort, »da du ihn einer vorzüglichen Achtung gewürdigt hast! – Er verdient sie, und er hat auch die meinige besessen –« »Und besitzt sie nicht mehr?« unterbrach sie ihn lebhaft. »Warum sollte er sie verloren haben? – Er hat, soviel ich weiß, nichts getan, das ihn derselben unwürdig gemacht hätte. – Vielleicht war deine Achtung, ohne daß du es wußtest, mehr als Achtung, vielleicht war es –« Sie sah zur Erde und seufzte. »Habe ich's nicht erraten? – Du bist ein aufrichtiges offenherziges Mädchen; sage mir, wie kamst du zu dieser Neigung? – Du fühltest gewiß mehr für ihn, als man gewöhnlich für die bloßen guten Eigenschaften einer Mannsperson fühlt. Du liebtest ihn?« »Ja, bester Onkel, und noch.« »Dies aufrichtige Geständnis macht dich mir doppelt wert. – Ich mißbillige deine Liebe nicht; sie ist ein Beweis, daß du Empfindlichkeit und Siegmund Liebenswürdigkeit besitzt. Aber du hast vielleicht eine Rücksicht zu nehmen unterlassen, die ein junges Frauenzimmer von deiner Art nie aus den Augen lassen muß. Bei allen Liebenswürdigkeiten fehlt Siegmunden doch eins –« »Der Stand, wollen Sie sagen!« »Ja, das wollte ich.« »Aber, liebster Onkel, wäre das eine Liebenswürdigkeit mehr!« »Nein, im geringsten nicht.« »Soll ich meine Neigung, mein Vergnügen, meine Liebe einer Schimäre aufopfern –« »Die aber einmal Wurzel in der menschlichen Gesellschaft geschlagen hat. Der Grundsatz der Geburt ist nun einmal bei denen, die sie besitzen, zu einem herrschenden Grundsatze geworden, nach welchem sie äußerliche Ehre und Achtung austeilen –« »Wie wenig liegt mir an der Achtung solcher Leute, die ihre Achtung nach keinem bessern Maßstabe abmessen!« »Nein, sage das nicht! – Freilich ist mir Achtung, die man mir als einem braven Manne erweist, lieber, als die ich um meines Ranges willen erhalte; aber deswegen verschmähe ich diese nicht. – Ich habe schon oft gemerkt, daß du dir, aus deinem Überflusse von Philosophie, bei deinen Urteilen die Sachen denkst, wie sie sein sollen , aber nicht wie sie sind . – Die Menschen haben von Ewigkeit her nach Vorurteilen gehandelt und geurteilt, und ich denke, es wird beständig so bleiben. Wer nun einmal in der Welt ist, der muß sich darnach bequemen; er muß Vorurteilen, die in einer andern Rücksicht heilsam und nützlich sind, oft folgen, auch wenn er einsieht, daß er gerade das Gegenteil tun müßte, wenn er der Vernunft folgen wollte.« »Allein wenn diese Folgsamkeit gegen ein Vorurteil eine Aufopfrung kostet –« »Ja, so hättest du verhüten sollen, daß du dem Vorurteile keine Aufopfrung tun müßtest.« »Wie das? – Eine Neigung unterdrücken, die Natur und Vernunft rechtfertigen?« »Wenigstens sie nicht zur Flamme werden lassen, wozu sie schon bei dir geworden zu sein scheint. – Wenn die Liebe gleich nie ein Verbrechen ist, so ist sie doch oft eine Sünde wider die Klugheit. Das ist gerade dein Fall. Du hättest mir die Sache offenbaren sollen. Ich hätte dir geraten, Siegmunden als einen vortrefflichen Mann hochzuschätzen und diese Hochachtung so stark in dir zu machen, daß der Eindruck seiner Liebenswürdigkeiten dadurch geschwächt worden wäre.« »So hätte ich meine Augen verschließen müssen.« »Auch das! – Höre, mein Kind! Du hast wider die Klugheit gehandelt, wenn du auch gleich die Vernunft auf deiner Seite hast. Du hättest bedenken sollen, daß du deiner Mutter und deinen übrigen Anverwandten eine gewisse Rücksicht schuldig bist. Ich will dir sogar zugeben, daß die meisten darunter dir an Vernunft weichen müssen; daß bei ihnen das, was deiner Neigung im Wege steht, der einzige herrschende Grundsatz ist, der ihre Urteile , Empfindungen und Handlungen regiert; ich will dir sogar zugeben, daß du ein Recht hast, sie insgeheim bei dir darüber zu tadeln oder zu beklagen – preise dich glücklich, daß du so viel Vernunft besitzest, um die Sachen für das anzusehen, was sie sind! – Nur bedenke dabei, daß die Ehre deiner Anverwandten von einem Haufen Leute abhängt, die nicht anders urteilen als sie, und daß die ihrige und die deine unzertrennlich miteinander verknüpft sind! – Du kannst ein sehr vernünftiges Mädchen sein und das Vorurteil, nach welchem unter uns die Ehre ausgeteilt wird, mit Füßen treten; aber ein kluges bist du nicht, wenn du es tust.« »Schade für den leidigen Ruhm einer solchen Klugheit!« »Ja, dir wird er freilich viel kosten; aber ich will dir die Mühe erleichtern. Überlaß dich ganz meiner Führung! Wir reisen morgen zu deiner Tante; sie ist eine vernünftige Frau; wir bleiben da, bis deine Liebe ausgedampft ist, oder wenn das nicht hilft, so reisen wir weiter.« »Ich gehorche Ihnen, aber –« »Wozu aber? – Du willst mir gehorchen, hast du mir gesagt, mag dir's nun sauer werden oder nicht – genug, du gehorchst mir.« Sie ging ans Fenster und schluchzte. Er tat, als wenn er es nicht bemerkte, und gab Befehl zur morgenden Abreise. Die Reise ging vor sich, und Amalia wurde durch das gutherzige Gespräch ihres Onkels sehr beruhigt und durch die untergemischten Liebkosungen und feinen Lobsprüche beinahe aufgemuntert. Sie erzählte ihm ohne sein Verlangen – denn er vermied mit Fleiß von ihrer Liebesbegebenheit zu reden –, daß sie Siegmunden bei ihm, ihrem Onkel, etlichemal gesehen, daß er ihr gleich mehr als gleichgültig geworden wäre, daß er hernach bei den öftern Besuchen, die er ihrer Gouvernantin gemacht, mit ihr in eine nähere Bekanntschaft geraten, endlich mit Genehmigung ihrer Mutter ihr Lehrmeister geworden sei und bei dieser Gelegenheit den »Grandison« mit ihr gelesen habe, wobei sie nicht habe unterlassen können, geheime Anwendungen der Geschichte auf ihn und sich zu machen. So habe sich allmählich ihre gegenseitige Zuneigung entzündet bis – Hier hielt sie inne, und der Onkel, der die Unterhaltung ganz von dieser Materie ablenken wollte, nötigte sie nicht, weiter fortzufahren, sondern fing ein neues Gespräch an. 31. Unterdessen hatte die gnädige Mama mehr als einen Grund bei sich gefunden, warum sie sich für die Beleidigung, die Siegmund ihrer Meinung nach der ganzen Familie angetan hatte, nicht gerochen genug glaubte. Sie gab also während der Abwesenheit ihres Bruders und ihrer Tochter einem ihrer Haustrabanten, dem einäugigen Christoph, den Auftrag, Siegmunden aufzupassen und ihm im Angesichte des Publikums in den ehrenrührigsten Ausdrücken zu sagen, daß er ein schlechter Kerl wäre. Christoph entledigte sich seines Auftrages so gut, daß er sogar ungeheißen Siegmunden die Anwartschaft auf einen vollen Buckel Schläge gab, mit der Versichrung, daß er auf der Stelle zum Genusse gelangen könnte, wenn er ein Wort zu sagen wagte. Siegmund, ein Mann von Ehre und äußerst empfindlich bei allem, was sie nur von fernher schmälerte, kam sogleich auf den Argwohn, daß dieser Niederträchtige ihm solche Beleidigungen nicht aus eigner Macht angetan habe, sondern daß es Wirkungen eines Zorns wären, den er sich schon längst durch eine höchst unverantwortliche Kaltsinnigkeit gegen die Reize derjenigen Dame zugezogen hatte, die ihn itzt so empfindlich züchtigen ließ und sich freute, unter dem Vorwande, die Ehre ihrer Tochter zu retten, ihn für die Verschmähung ihrer deutlichen Anerbietungen zu züchtigen. Dieser Ursache schrieb es Siegmund zu, und er mochte sich nicht irren; wenigstens war es gewiß, daß er nebst seiner Keuschheit bei verschiedenen ohne sein Wissen veranstalteten Unterredungen mit Amaliens Mutter dem Schiffbruche nicht weniger nahe gewesen war als Joseph. Er sahe kein andres Mittel vor sich, als daß er geradesweges zu dem Onkel seiner Amalie reiste und auf das nachdrücklichste Genugtuung für eine solche Beschimpfung verlangte. Dieser gute Mann bezeugte die größte Unzufriedenheit über die unüberlegte Handlung seiner Schwester und tat ihm den Vorschlag, sich gleichfalls, wie er mit Amalien getan hätte, auf einige Zeit von der Stadt zu entfernen, um die ganze Sache indessen verrauchen zu lassen. Ein solcher Vorschlag, so gut gemeint er auch war, mußte ihn aufbringen; er verlangte noch einmal sein Recht und begab sich mit der Versichrung weg, daß er nach seiner Rückkunft in die Stadt, um seine Ehre zu rechtfertigen, den ganzen Vorfall öffentlich bekanntmachen werde; das hieß so viel als, er wolle die ganze skandalöse Geschichte von den Liebesanträgen seiner Schwester mündlich und schriftlich ausbreiten und erwarten, bis ihn jemand vor Gerichte widerlegen würde. Amaliens Onkel, der seine Versichrung zwar eigentlich nicht so verstand, aber doch verschiedene Ungelegenheiten besorgte, bat ihn, bis zu seiner Rückkunft sich zu gedulden und alsdann sich seiner Vermittelung zu getrösten. Ohne hierauf zu antworten, verließ ihn Siegmund und erfüllte seine Drohung; jedermann, der zwei Ohren und Geduld genug hatte, mußte seinen ganzen geheimen Roman anhören, und er hatte kaum nötig, es dreien oder vieren zu sagen, als man sich schon bemühte, die Erzählung in ihrer völligen Richtigkeit aus seinem eignen Munde zu vernehmen, und sie schon einer dem andern, unbekümmert um Richtigkeit, anvertraute. Dieser Schritt, ob er gleich mißlich war, gelang ihm insofern, daß er doch von jedermann als ein Unrechtleidender angesehn wurde, wodurch er seine Ehre für gerettet hielt, weil niemand das Herz hatte, ihm öffentlich zu widersprechen. Amalie bekam einige Zeit nach ihrer Ankunft auf dem Lande Zufälle, worüber die Tante erstlich die Augen weit aufsperrte und endlich gar dem Onkel so lange in die Ohren brummte, bis er die seinigen ebenso weit auftat. Sie geriet außerdem in eine Schwachheit und einen Tiefsinn, die beide einem zärtlichen, vor Liebe kranken Herzen nach einer Trennung unvermeidlich sind. Sie schien sich selbst Siegmunden vergessen zu haben, wenigstens dachte sie nicht mehr und nicht anders an ihn als an einen ehmaligen Bekannten; aber im Herze! – vulnus alit venis – im Herze eiterte die Wunde! Der Tiefsinn nahm zu, die Zufälle wurden der Tante immer bedenklicher; gnug, es fand sich aus sichern Anzeigen, daß das gute Kind – schwanger war, und – die unselige Fama! – ehe man sich es versah, posaunte sie es so weit aus, daß es bis zu Siegmunds Ohren kam. Dieser ehrliche Liebesritter hatte inzwischen manchen vergeblichen und oft gefährlichen Marsch in die Gegend getan, wo sich seine Amalie aufhielt, hatte in manchem Busche gelaurt, um sie einmal auf einem einsamen Spaziergange anzutreffen – und wenn er sie ja hörte, so war allezeit Tante oder Onkel zugegen. Endlich vernahm er die Nachricht von ihrer Schwangerschaft, wobei Ehre und Gewissen einen so lauten Ruf in ihm taten, daß er beschloß, das äußerste zu wagen, um sie der Schande zu entziehen. Er hatte bisher nichts weniger geglaubt, als daß bei Amaliens zartem Alter ein übereiltes Vergnügen, zu welchem er in dem Taumel der Leidenschaft hingerissen worden war, so ernsthafte Folgen haben würde; doch itzt machte das Bewußtsein seiner Übereilung und die Liebe für Amalien, daß er es auf das erste leichte Gerüchte glaubte. Er nahm seinen Weg zu Amaliens Aufenthalte in der Absicht, ihren Onkel zu besuchen und bei der Gelegenheit vielleicht sie selbst zu sehn. Siegmund wurde vor ihm gelassen und entdeckte mit der unerschrockensten Herzhaftigkeit das ausgestreute Gerüchte, wie sehr er Ursache habe, es zu glauben, und fragte stolz, ob das Gerüchte die Wahrheit gesagt habe. Der Onkel wurde durch diese stolze Anfrage beleidigt und befahl ihm mit verächtlichem Tone, von dem Augenblicke an nicht wieder in der dasigen Gegend zu erscheinen, oder man würde Maßregeln ergreifen, um sich in Zukunft dergleichen entehrende Nachfragen zu ersparen; so ließ er ihn stehn und ging fort. Die Ungewißheit, in welcher er in Absicht auf Amaliens Umstände blieb, seine Liebe zu ihr, sein Ehrgeiz, die Besorgnis, in den Augen der Welt ein niedriger Verführer zu scheinen, wie ihn der Onkel bei dieser Unterredung wirklich genannt hatte, die Verächtlichkeit, mit welcher er von diesem behandelt worden war – alles dieses waren ebenso viele Sporn, die seine Verwegenheit von allen Seiten zu antrieben. Allein der Tumult in seinem Herze war zu groß, um auf der Stelle eine Entschließung zu fassen; er reiste also unter einer beständigen Abwechslung von Wut, Überlegung, Verzweiflung und Unentschlossenheit nach Hause. So viele Mühe man sich auch gegeben hatte, Amaliens Schwangerschaft, deren Gewißheit nach der Tante Meinung immer sichtbarer wurde, vor ihrer Mutter zu verbergen, so war doch der Ruf so boshaft gewesen, alle diese Anstalten zu vernichten. Der Onkel ging mit einem Plane um, heimlich mit ihr zu einer entfernten Anverwandtin zu reisen und sie nach ihrer Niederkunft an einem dritten Orte – welches auf Antrieb seiner Tante zu seinem Anschlage hinzugekommen war – bei dieser Anverwandtin zeitlebens zu lassen, um für ihre Beschimpfung der Familie täglich gequält zu werden, wozu nach jedermanns Geständnis kein tauglicheres Werkzeug als diese Megäre hätte gewählt werden können. Da sich die Ausführung dieses Entwurfs, ich weiß nicht, aus welchen Ursachen, verzog, so hatte Amaliens Mutter Zeit genug, die Sache zu hören, und kam daher in der äußersten Wut eines Abends zu ihrer Schwester gefahren. Sie war kaum aus dem Wagen gesprungen, als sie schon schäumend zur Tür nach ihrer Tochter Zimmer zulief, um sie – was weiß ich? – zu erwürgen, zu erstechen; – genug, ihr Bruder hatte alle Mühe und beinahe Gewalt nötig, um sie in eine andre Stube zu bringen. Man bemühte sich anfangs, weil der Überlegenheit ihrer Hitze über die Vernunft niemals zu trauen war, sie zu überreden, daß das Gerüchte ungegründet sei; man ließ sogleich eine gutherzige Seele, einen Bekannten aus der Nachbarschaft holen, einen Spaßmacher, der durch seine lustigen Schwanke sonst der gnädigen Frau Kummer, Zorn und alle Leidenschaften aus dem Herze herausgegaukelt hatte. Der edle Mann wurde im voraus benachrichtigt, was für mächtige Wirkungen man diesmal von seiner Kunst erwartete. Er erschien und hatte schon unterwegs seine ganze Erfindungskraft angespannt, um einen recht meisterhaften Operationsplan hervorzubringen; auch war sein Nachsinnen nicht vergeblich gewesen, denn er führte sich gleich auf eine Art in die Gesellschaft ein, die nichts als Meisterstreiche vermuten ließ. Er ließ sich plötzlich alle zween Flügel der Türe auf einmal öffnen und schlug ein doppeltes Rad zur Stube hinein; allein da die Stube für das zweite Rad um eine gute Viertelelle zu klein war und er in der Begeistrung zum Augenmaße keine Zeit hatte, so fiel unglücklicherweise der rechte Fuß auf den Hirnschädel der erzürnten Mutter, die, weil sie der Spaß zu schnell überraschte, nicht Zeit hatte, auszuweichen, sondern den Schlag in seiner ganzen Stärke bekam. Der erschrockne Künstler stand betäubt wie eine Leiche da und zitterte am ganzen Leibe über die erste mißlungne Eröffnung des Theaters. So viel hatte er inzwischen doch für seine Absicht gewonnen, daß sie zu sehr mit ihrem Schmerze beschäftigt war, um eine andre Kur für ihren Zorn wider Amalien zu bedürfen, wodurch dem unglücklichen Radschläger eine große Demütigung erspart wurde, da er ohnehin durch diesen Unfall um alle seine Laune so sehr gekommen war, daß er den ganzen Abend wie ein Blödsinniger dasaß. Der Onkel hatte zu verschiedenen Malen, da die Wut seiner Schwester nicht mehr zurückzuhalten schien, den Vorsatz gefaßt, Amalien unter der Hand mit einem Mädchen fortzuschicken; allein da gute Leute selten hurtige Leute sind, so blieb es. Sogar den Morgen darauf wollte er es noch tun, und es blieb wieder. Indessen verlangte die Mutter schlechterdings, Amalien zu sehen, und da weder der Onkel noch die Tante zur Standhaftigkeit bestimmt waren, so mußte das arme Kind vor Gericht erscheinen. Der beschämte Lustigmacher war vor Verdruß und Kummer in aller Frühe fortgereist; folglich war keine menschliche Hülfe mehr da, die es hätte hintertreiben können. Amalie erschien mit der Miene der Unschuld, die wohl merkt, daß sie einen Fehler begangen hat, aber ohne daß sie ihn kennt. Sie eilte mit einer schüchternen Freundlichkeit auf ihre Mutter zu, um ihre Hand zu küssen, und bekam dafür einen Stoß, der sie drei Schritte weit von ihr entfernte. Sie stand todblaß und zitternd da, hörte und sah nicht, als die Mutter in den schmählichsten Ausdrücken auf sie losstürmte. Sie bekam Vorwürfe über ihre Unempfindlichkeit und wurde noch unempfindlicher; wie versteinert sank sie in einen Stuhl, und wie versteinert wurde sie fortgeführt. Nach ihrer Entfernung tat die Mutter den Ausspruch, daß man durch die empfindlichsten Kränkungen und Demütigungen sie für die Entehrung ihrer Familie bestrafen und fühlen lassen müsse, wie groß ihr Verbrechen sei. Die Schwester gab ihre Stimme dazu; nur der Bruder, der das Unmenschliche in diesem Vorschlage sehr wohl fühlte, machte Einwendungen dawider und versprach, einen bessern Weg ausfündig zu machen, wie man mit weniger Aufsehn die Familie rächen und Amalien zur Reue bringen könne. Die Mutter bestand auf ihrer Meinung, und er schwieg, welches so gut als eine stille Einwilligung war und auch bei ihm die nämlichen Wirkungen hatte. – Gute Leute können zu den grausamsten gemacht werden; eben die Geschmeidigkeit oder vielmehr der Mangel an Standhaftigkeit, der sie so nachgebend, so billig macht, hindert sie auch, unbilligen Maßregeln sich mutig zu widersetzen; und da diese Gattung von Charakter meistens seinen Grund in einem gewissen Anteile von Phlegma hat, so sind die Seelen, die ihn besitzen, gerade wie steife phlegmatische Körper, wo man sie hinwirft, bleiben sie liegen und sind lange und oft gar nicht imstande, sich auf eine andre Seite zu bewegen; ebenso bleiben Köpfe wie Amaliens Onkel auf dem Entschlüsse, er sei billig oder unbillig, zu welchem sie einmal hingezogen sind; das ganze Räderwerk in ihrem Kopfe geht zu langsam, um aus eigner Kraft in einer andern Richtung umzulaufen, als die ihm ein fremder Stoß gegeben hat. Nach dieser Anmerkung wird man sich erklären können, warum dieser sonst vernünftige Mann so geneigt war, sich mit seiner Schwester zur Ausführung ihres grausamen Plans zu vereinigen, so sehr er auch Amalien liebte, ohne ein einziges Mal zu bedenken, daß der ganze Glaube von ihrer Schwangerschaft sich auf die unzuverlässige Beurteilung ihrer Tante gründete und daß alle Anzeigen davon Symptome einer innerlich nagenden Liebe sein konnten, daß die Sichtbarkeit davon niemanden als der Tante so deutlich war und vor allen Dingen daß man völlige Gewißheit von dem Versehen und dem Grade ihrer Strafbarkeit haben mußte, ehe man eine so harte Bestrafung anfangen durfte. Nichts von allem dem ließ man sich einfallen, und Amalie mußte leiden, ohne selbst zu wissen, warum; denn man hatte sich nichts von der allgemeinen Vermutung gegen sie merken lassen, und sie kannte nur das Gefühl der Liebe und die körperliche Seite davon zu wenig, um selbst auf diese Vermutung zu kommen. Sie wurde also von dem Tische und aus der Gesellschaft ihrer Anverwandten auf so lange verwiesen, als man für gut befinden würde; sie mußte Tag und Nacht in einem engen finstern Behältnisse unter dem Dache zubringen, wo ihr das schlechteste Essen und noch dazu kümmerlich durch eine außerdem verschloßne Öffnung gereicht wurde; die Nacht mußte sie auf einer Handvoll Stroh schlafen, das ihr bei der Einführung in ihr Gefängnis eingestreut worden war; ihre Kleidung war ein dünnes Nachtkleid, das kaum mehr als die Stelle eines Hemdes vertreten konnte; in diesem Zustande wurde sie mit bloßen Füßen zu einer schon ziemlich rauhen Jahreszeit in ihrem Kerker der Kälte, dem Hunger und allen daher entstehenden Übeln ausgesetzt, ohne daß jemand wegen der strengen Aufsicht der Mutter es wagen durfte, ein Wort mit ihr zu sprechen. Fast sollte man glauben, daß alles dieses Anstalten waren, unter dem Vorwande der Bestrafung eine Tochter umzubringen, die man nach den strengen Begriffen der Ehre als einen Schandfleck der Familie betrachtete und doch nicht ohne Sünde oder Verantwortung mit Gift oder Degen fortzuschaffen sich getraute. Die unglückliche Gefangne trug ihren traurigen Zustand mit einer anscheinenden Gelassenheit, die man von ihrem Alter nicht hätte erwarten sollen; allein es war die Unempfindlichkeit, in welche ein zartes Gemüt versetzt wird, wenn ein heftiger Schmerz alle Kräfte ihrer Empfindung auf einmal und gleich stark erschöpft; – eine feine Saite, die bis zum Zerspringen gespannt ist, gibt nur einen schwachen unvernehmlichen Ton, und Amaliens Herz war zu dieser Unempfindlichkeit schon durch ihre vorhergehende Schwermut und den für sie unergründlichen Haß ihrer nächsten Anverwandten vorbereitet worden. Sie blieb unbeweglich auf einem Flecke sitzen, seufzte bisweilen, niemand sprach mit ihr, wenn ihr das Essen gereicht wurde, und sie begehrte auch nicht zu sprechen. Sie ließ ihre elende Kost zuweilen stehen und genoß sie zuweilen, in beiden Fällen ohne Verachtung und ohne Begierde. Die Wut der Mutter verwandelte sich allmählich in Unwillen, der mütterliche Liebe und Mitleiden zum Teil wieder aufleben ließ, wiewohl beides nur auf eine kurze Frist, so lange, bis der Paroxismus der Ehre sich wieder einstellte. Der Onkel bat zwar etlichemal für Amalien, allein es war eine schwache Bitte, die durch ein Wort von seiner Schwester niedergedrückt wurde, und endlich ward er ein ganz ruhiger Zuschauer. 32. Siegmund war indessen Tag und Nacht auf der Folter gewesen; Ehre, Liebe und auch eine kleine Rachsucht waren seine beständigen Peiniger. Er hatte Projekte gemacht und verworfen und nie eins ausgeführt. Zween Versuche, Amalien aus ihrem Gefängnisse zu entführen, waren mißlungen, und als er eben zum dritten sich mit der äußersten Verwegenheit rüstete, bekam die ganze Sache eine andre Wendung. Seit dem ersten Argwohne von Amaliens Schwangerschaft war nunmehr ein völliges Jahr verstrichen; sie war auch bei dem Eintritt der Winterkälte auf Vermittelung ihrer Tante in ihr ehmaliges Zimmer, doch immer als eine Gefangne, gebracht worden; und da man also den Ungrund und die Ungerechtigkeit seines grausamen Verfahrens gegen sie deutlich einsah, so ärgerte man sich, daß man Unrecht hatte. Nichts ist für ehrgeizige Seelen unerträglicher als ein Mensch, der Unrecht von ihnen gelitten hat; man sann daher auf Mittel, Amalien auf immer von sich und aus der Familie zu entfernen. Wie viele Demütigungen suchte sich ihr Stolz hierdurch zu ersparen! Nach langem Nachdenken glaubte man ein solches Mittel entdeckt zu haben. Der Onkel bekam den Auftrag, es ins Werk zu setzen. Er reiste in die Stadt und ließ Siegmunden zu sich kommen. Sein Vortrag war, daß man, weil Amaliens Liebe zu ihm zu sichtbar und unheilbar sei, sich zu einer Herablassung entschlossen habe, die für seinen Vorteil und seine Ehre ungemeine Folgen haben müßte. Man wolle nämlich Amalien den ihr gebührenden Teil der väterlichen Verlassenschaft ausliefern und sie ihm unter der Bedingung zur Ehe geben, daß er zuvor sich adeln ließe und gleich nach der Verheiratung mit ihr in ein kleines entlegenes Landstädtchen begäbe, ohne jemals in der Gegend zu erscheinen, wo die Familie residierte, oder sich überhaupt als einen Teil derselben zu betragen, weswegen ihr auch auf immer untersagt sein sollte, das Familienwappen zu führen. Dieser Antrag war mit einer Menge sehr schöner Gründe verbrämt, warum er für Siegmunden höchst annehmlich sein müßte und die ganz deutlich sagten, daß er durch eine solche Verbindung erst anfangen würde, ein Mensch von einiger Beträchtlichkeit zu werden, und ohne dieselbe ein verächtliches Geschöpf sei. Siegmund fing schon in der Mitte dieser Deklamation an zu glühen und ließ ihm nicht Zeit, sie völlig zu endigen, als er ihn hastig unterbrach und ein für allemal versicherte, daß er einen solchen Vorschlag nie annehmen werde. Zugleich bezeugte er, daß er eine solche Zumutung, unter solchen Bedingungen und auf so eine Art angetragen, als eine Beschimpfung ansehe, die man ihm nicht tun könne, ohne vorauszusetzen, daß er der niederträchtigste Mensch unter der Sonne sei. »Ich liebe Amalien«, sagte er, indem er fortging, »und eher soll sie nie meine werden als unter solchen schimpflichen Bedingungen.« Der Alte wollte ihm noch antworten, aber er war schon zu Tür hinaus, ehe noch das erste Wort aus den Lippen hervorkam. Man wird sich wundern, daß ein Mann, der bei der ersten Entdeckung von Amaliens Liebe so vernünftig urteilen und raten konnte, itzt dem Stolze den Zügel ganz schießen lassen und ohne alle Zurückhaltung einen entehrenden Vorschlag auf eine so erniedrigende Weise ohne alle Milderung tun konnte; allein, wie ich schon gesagt habe, gute Leute können zu allem gemacht werden und besonders unter weiblichen Händen! – da sind sie ein geschmeidiges Wachs. Siegmund hatte bereits Versuche und itzt neue Anstalten gemacht, Amalien zu entführen; auf diesen Antrag setzte sein Stolz seiner Verwegenheit den Sporn in die Seite; zürnen und beschließen war eins. Noch dieselbe Nacht eilte er, seinen Plan auszuführen, stieg glücklich und unbemerkt zu Amaliens Fenster hinein, ging zu ihrem Bette und weckte sie auf. »Stehen Sie auf, Amalie!« war seine erste Anrede, »Siegmund ist hier, um Sie zu befreien.« »Siegmund?« rief Amalie und sprang auf – »Siegmund? – Mich zu befreien?« – Alles dies und noch mehreres sagte sie in einem Tone der Verwirrung und des Erstaunens, wie bei einer Sache, die man wünscht und nicht glauben kann. »Haben Sie das Herz, Ihrem Siegmunde zu folgen?« – »O ja!« rief sie entschlossen. »So kleiden Sie sich an!« – Sie warf die Lumpen um sich, die man ihr zu ihrer Bekleidung gelassen hatte. »Wohin soll ich?« fragte sie. »Mit mir entfliehen! wo Sie nicht zeitlebens eine Gefangne sein wollen. – Trauen Sie Ihrem Siegmunde! Sie lieben ihn doch? Oder –« Itzt erwachte sie. – »Siegmunden?« schrie sie; »ob ich ihn liebe? Sind Sie Siegmund?« – So stürzten sich eine Menge Fragen aus ihrem Munde hervor, bis sie endlich mit dem zärtlichsten Affekte die Arme um ihn schlug und ihm verstummend ins Ohr sagte: »Retten Sie mich!« »Das will ich! und itzt gleich!« antwortete Siegmund, umfaßte sie und führte sie zum Fenster, um ihr auf die Leiter zu helfen; allein sie konnte nicht. Die lange Einkerkerung und die Ungewohnheit der frischen Luft hatte ihre Glieder geschwächt; nach langem Bestreben also, sagte sie erschöpft: »Ich kann nicht!« Siegmund, bei dem Entschließung und Ausführung schnell waren und durch jedes Hindernis noch schneller wurden, rief hastig: »Vertrauen Sie mir! ich bringe Sie hinunter«; – und so bemühte er sich, die Fensterbefestigungen loszumachen, riß sie glücklich los, nahm das ganze Fenster heraus, Amalien auf die Arme und stieg mit ihr, ohne eine Minute lang an Gefahr zu denken, zur Leiter hinunter. Er wollte sie auftreten lassen, um vollends mit ihr zu einem kleinen Busche zu gehen, wo er einen Wagen halten ließ; aber sie hatte nicht die Kräfte, einen Schritt zu tun, noch sich auf den Füßen zu erhalten. – »Himmel, wie sind Sie gemißhandelt!« – rief er, faßte sie auf die Schultern und eilte keuchend mit ihr fort. Er erreichte unentdeckt den Wagen, fuhr in vollem Trabe fort und ruhte nicht eher aus, als bis er über die Grenze war. Doch kehrte er in keinem Wirtshause ein, sondern bezahlte Wagen und Pferde und trug seine Geliebte bis zu einer Höhle in einem Walde, die er schon längst dazu ausgesucht hatte. Sie fanden schon eine Lagerstätte von Moos und Blättern in Bereitschaft, die er einige Tage vorher mit eignen Händen zusammengetragen hatten, ohne daß er glaubte, einen so baldigen Gebrauch davon zu machen. Er nötigte sie, auszuruhen, welches sie auch ungesäumt tat, und nachdem er den Vorrat von Lebensmitteln, wovon sie zehren wollten, bis er sich herauswagen dürfte, um neue zu kaufen, nicht weit von sich hingelegt hatte, begab er sich gleichfalls zur Ruhe. Die Morgendämmerung war noch nicht angebrochen. Er war kaum aufgewacht, als er nach seinem Magazine ging, um ein kleines Frühstück zuzubereiten, das Amalie nach ihrer Erwachung finden sollte. So gering es auch sein konnte, so schmeichelte er sich doch, daß es von seinen Händen und in seiner Gesellschaft für sie ein wahres Labsal sein werde. Mit diesen und ähnlichen Gedanken suchte er – da es finster in der Höhle war, mußte er sich mehr auf das Gefühl als auf das Gesicht verlassen –, er suchte also, suchte und suchte und fand nichts. Mit der äußersten Bestürzung lief er zu dem Eingange der Höhle, wo er das Tuch fand, in welchem sein Vorrat eingewickelt gewesen war, aber zerrissen und leer, nebst deutlichen Spuren, daß ein Tier sein Räuber gewesen sein mußte. Unentschlossen und verwirrt stand er lange da; endlich rief er und schlug in die Hände: »So muß sie verhungern? oder der Raub eines wilden Tieres werden? – Nein! ich gehe, um einen neuen Vorrat zu holen, noch ehe sie erwacht, sollte ich auch denen, die uns vermutlich nachgeschickt worden sind, gerade in die Hände fallen. Wölfe mögen mich zerfleischen, wenn mir noch ein Gedanke von Unentschlossenheit einkömmt. Ich gehe. – Schlafe sanft!« rief er nach Amalien hin. »Du lebst mit mir oder stirbst; getrennt leben wir nie.« So ging er eilfertig fort und steckte sich hin und wieder Zeichen von Reisholze, um sich den Rückweg zu erleichtern. Nachdem er etliche Stunden unter ängstlicher Erwartung und zärtlicher Bekümmernis für die Schicksale, die Amalien indessen widerfahren könnten, durch dickes Gehölze auf einem bald sichtbaren, bald verschwindenden Wege fortgewandert war, kam er endlich zu einem Dorfe in einer kleinen freien Ebne. Er ging unerschrocken hinein, kaufte einen reichlichen Vorrat, versorgte sich mit Wasser und ging augenblicklich nach dem Einkaufe wieder fort. Die Last war außerordentlich schwer, doch Liebe und Ehre setzten seine Füße in eine so starke Tätigkeit, die es ihn nicht einmal fühlen ließ, daß sein Körper erschöpft war. Je näher er dem Ende seines Wegs kam, je größer wurde seine Ungeduld und je mehr verdoppelten sich seine Schritte. Er war noch nicht die Hälfte zurück, als er schon mit dem größten Unwillen wider sich zürnte, daß er den Weg verfehlt hätte; denn nach seiner Rechnung mußte er schon vor einer guten halben Stunde angekommen sein. Zum Glücke wurde er eins von seinen Zeichen gewahr, und der ganze Unwille fiel nunmehr auf seine Füße, die ihn nicht hurtig genug tragen konnten. Nach verschiednen andern Stürmen von Ungeduld kam er endlich an seine Höhle. Als er eben hineintreten wollte, wurde er ein Tuch gewahr, das ihm mit Blute gefärbt zu sein schien. »Was?« schrie er hastig ohne fernere Untersuchung und warf seine Bürde an den Felsen nieder, daß die Flaschen entzweisprangen – »was? Ein wildes Tier hat Amalien zerrissen?« – Verstummend stürzte er sich vollends hinein und rief, so laut er konnte: »Amalie! Amalie!« – ohne eine Minute daran zu denken, daß in dieser Gegend keine wilden Tiere waren. Er bekam keine Antwort. Er rief noch lauter, und er hörte ebensowenig. Er stampfte, er wütete, er tobte wie ein Rasender, zitterte, schäumte. »Sie ist tot!« schrie er, »sie ist tot! Ein wildes Tier hat sie zerrissen! – Was soll ich tun? Ich laufe ihr nach.« – Er lief, stund plötzlich still. – »Wohin?« fragte er sich. – Plötzlich wandte er sich wieder um und schrie noch dreimal lauter als vorher: »Amalie! Amalie! – Nein! Sie ist nicht da! Sie ist tot; ich muß ihr nach!« – und so lief er, ohne zu wissen wohin, mit der äußersten Hurtigkeit fort. Er hatte bisher nach seiner Abreise von Amalien kaum mit Bewußtsein gefühlt, daß er existierte, und noch viel weniger, daß er nüchtern war; doch itzt hatten seine Kräfte eine so heftige Anstrengung ausgestanden, daß er der Ermüdung nicht länger widerstehen konnte. Er sank entkräftet hin und mußte wieder langsam zurückschleichen, um sich aus seinem Vorrate eine Erquickung zu verschaffen. Er tat es und geriet dabei auf den Einfall, zu dem er vorhin nicht Überlegung genug gehabt hatte: Er nahm den größten Teil von seinen Viktualien mit sich. Nach dieser kurzen Stärkung machte er sich auf den Weg. »Aber wohin soll ich?« fragte er sich, als er aufstund, um seine Bürde auf die Schultern zu nehmen. – »Nein, ein Tier mag sie nicht zerrissen haben. Sie lebt noch!« – Er ging nach der Höhle, um das Tuch, welches ihm einen solchen Schrecken verursacht hatte, näher zu untersuchen, und fand, daß es sein eignes Tuch war, welches er morgens vorher hatte liegen sehn und das itzt auf einem mit rötlichen Blättern bedeckten Grunde lag. Diese Entdeckung vertrieb wohl seine schreckliche Vermutung, allein es vermehrte seine Unentschlossenheit. »Wie sollte es auch hier wilde Tiere geben?« sagte er etwas ruhiger zu sich. »Nie habe ich dergleichen gehört. Wie läßt sich so etwas Törichtes vermuten! – Sie lebt noch! Gewiß, sie lebt noch! – Aber wo soll ich sie suchen? – Vielleicht ist sie von ihren barbarischen Anverwandten ausgekundschaftet, zurückgeholt worden. – So muß ich sie noch einmal befreien.« Er hob schon sein Bündel auf, um an dem Orte, wo Amaliens Tante residierte, heimlich Erkundigung darüber einzuziehn, als er es wieder fallen ließ und zweifelnd sagte: »Das ist wohl nicht möglich! Sie müßten allwissend sein.« So war allmählich aus Wut die ängstlichste Unentschlossenheit geworden. Zuletzt, da kein einziger Einfall in ihm aufstund, ohne daß er nicht von einer Menge Gegengründen sogleich niedergehauen wurde, faßte er in einer Art von Verzweiflung den Entschluß, sich seinem Schicksale zu überlassen, auf Geratewohl auszugehn, um sie aufzusuchen, und wenn er sie nach langem Herumwandern nicht fände, zu tun, was ihm Liebe und Rache gegen sich selbst eingeben würden. 33. In diesem Entschlusse trat er, den Rest seiner Mahlzeit auf dem Rücken, seine Wanderschaft an und folgte gedankenlos dem Wege, der sich ihm zunächst anbot. Nachdem er eine kleine Strecke gegangen war, hörte er vernehmlich einen Menschen hinter ihm keuchend laufen und immer näher kommen. Er setzte sich sogleich in seinem Gehirne eine sehr wahrscheinliche Geschichte zusammen, daß Amalie zu ihrer Familie zurückgeholt worden wäre, ihn auf viele Bedrohungen verraten hätte und dieser herbei eilende Mensch jemand von denen sei, die man nach ihm ausgeschickt habe. »In diesem Falle«, setzte er hinzu, »ist es für mich besser, mit Gefahr des Todes gewiß zu werden, als in ewiger Ungewißheit zu leben.« – Er legte sein Bündel nieder und erwartete, an einen Baum gelehnt, den vermeintlichen Feind. Der Mann kam zum Vorschein, und ehe er noch völlig an ihm war, fragte er schon nach Siegmunds Namen. Siegmund wurde dadurch in seiner Vermutung bestärkt. »Ja, ich bin es, den du suchst!« rief er, zog seinen Hirschfänger und hieb mit der größten Wut auf ihn los, daß er halb vor Schrecken und halb vor Schmerz zur Erde fiel. Die Wunde war am Kopfe, dessen rechte Seite der Hieb gestreift, das Ohr abgerissen hatte und in die Schulter gefahren war. »Wo ist Amalie?« fragte Siegmund. »Bei mir«, sagte der Verwundete mit schwacher Stimme. – »Bei dir? Wo? Wo ist das?« – »In der Hütte, die gleich kömmt.« Siegmund vergaß alles, den Verwundeten, seine Waffen, seine Bürde, und flog wie unsinnig nach der Hütte zu, die er schon durch die Bäume sehen konnte. Er klopfte an. Die Frau sah heraus. – »Ist Amalie hier?« fragte er. – Die Frau, die aus seiner wilden Miene nichts Gutes vermutete, sagte, daß sie Amalien nicht kenne, und machte das Fenster zu. Siegmund wurde zornig und brach die Tür ein, trat in den Winkel, der die Stube bedeuten sollte, und erkannte im Düstern mit Mühe Amalien, die in einer Ecke saß; zwar würde er sie nicht gekannt haben, wenn sie nicht durch ihre Anrede sich zu erkennen gegeben hätte. Sie erzählte ihm eilfertig, daß der Sohn vom Hause ihm nachgegangen sei, ihn aufzusuchen. – »Himmel!« rief er, »den habe ich beinahe getötet« – und so lief er, ohne ein Wort weiter zu sagen, zu dem Verwundeten. Er verband ihn, so gut er in der Geschwindigkeit konnte, und führte oder trug ihn vielmehr nach Hause, wo er seinen Irrtum erklärte und beteuerte, daß er nicht eher ihn verlassen würde, als bis er völlig wiederhergestellt wäre. Die Frau willigte mehr aus Furcht als aus Güte darein, ihn nebst Amalien länger bei sich zu behalten. Darauf trieb ihn die Neubegierde, zu erfahren, wie und warum Amalie in dieses Haus gekommen sei. »Ich erwachte«, erzählte sie ihm, »rief und fand Sie nirgends; ich kroch dem Lichte nach zu dem Eingange der Höhle, rief und hörte ebensowenig. Ich ging furchtsam wieder zurück, und die Furcht ließ mir nicht Gedanken genug, um über die Ursachen Ihrer Abwesenheit nachzudenken. Ich wimmerte und zitterte lange Zeit, als ich auf einmal jemanden kommen hörte. Ich nennte Ihren Namen zu verschiedenen Malen, und aus dem Stillestehen des Ankommenden konnte ich schließen, daß es für ihn befremdend wäre, hier eine menschliche Stimme zu hören. Endlich hatte ihm mein kläglicher Ton zu vermuten gegeben, daß es eine Unglückliche sein müsse. Er fragte also, wen er hörte. Ich bat ihn, mir aus dieser Höhle zu helfen, mich mit sich zu nehmen und mit mir zu machen, was er wollte; vor Furchtsamkeit konnte ich nicht bedenken, wie viel ich mit einer solchen Bitte wagte. Er tat es; er brachte mich in dieses Haus, wo er nebst seiner Mutter mich gütig aufgenommen hat.« Als der Kranke sich wieder gebessert hatte, so war Siegmund ebenso neugierig, den übrigen Verlauf zu wissen. Er hatte schon von Amalien gehört, daß sie ihren Retter ersucht hatte, etlichemal zu der Höhle zurückzugehn, um vielleicht etwas von der Zurückkunft ihres Geliebten zu entdecken; itzt erfuhr er, daß diese Höhle ein Behältnis sei, wo er gestohlnes Wild verberge, und daß er denselben Morgen gekommen sei, um einen solchen Raub darinne zu verstecken; – diese Entdeckung geschah natürlicherweise erst, nachdem die gewöhnlichen menschlichen Vorsichten vorher gebraucht worden waren. – Er sei, nachdem er Amalien ins Haus gebracht, etlichemal bei der Höhle gewesen und habe niemanden angetroffen; endlich bei seinem letzten Gange habe er von fern jemanden vor der Höhle erblickt, da er aber Ursache hätte, gegen jedermann, der sich an diesem Orte sehen ließe, aus bekannten Ursachen mißtrauisch zu sein, so habe er für gut befunden, ihn erst in der Ferne zu beobachten; Siegmund sei ihm darauf plötzlich aus den Augen gekommen, und da er im Walde alle Wege kennte, so sei es ihm leicht gewesen, ihm, ohne Gefahr sich zu verirren, nachzueilen, welches er auch getan, ihn eingeholt und alsdann die Wunde empfangen habe. »Die ich so gut fühle«, sagte Siegmund, »als wenn ich sie selbst bekommen hätte. Meine Hitze hat mir schon manches Unglück verursacht. Wollte der Himmel, es wäre das letzte! oder ich könnte Euch diesen Schmerz tausendfach vergüten! Ich glaubte nichts gewisser, als daß es ein Aufpasser wäre, der mir nachsetzen wollte, und in dieser Überredung tat ich, ohne eine Minute lang zu überlegen, den Angriff, den unglücklichen Angriff. – Die Liebe zu Amalien und die Meinung, daß ich sie auf immer verlieren müßte, hatten mich in eine Verzweiflung versetzt, die mich wütend machte.« Ja, die Liebe zu Amalien! – O Menschenherz! du bist ein wunderliches Ding! – Dieser Ausruf soll gleich gerechtfertigt werden. Siegmund hatte seine Amalie beständig so feurig geliebt, daß ihn kaum ein Romanenheld übertreffen kann; ein Teil dieser Liebe war ohne Zweifel ihrer Miene und ihrer Bildung zuzuschreiben; doch hatte Siegmund ein viel zu feines Gefühl, um Amalien zu lieben, weil sie einen wohlgebauten Körper und eine blühende Farbe hatte; nein, er liebte den Geist, der aus allen diesen Schönheiten hervorstrahlte und alle ihre Mienen und Bewegungen mit einem unterscheidenden Reize beseelte. Diese Flamme hatte am heftigsten in ihm gelodert, als man sie schon für erloschen hielt; die Glut hatte sogar zugenommen, je weniger Hoffnung man ihm übrigließ, daß seine Liebe jemals befriedigt werden könne; endlich hatte sie sich mit seiner Empfindung der Ehre so vermischt, besonders da er Amalien um seinetwillen so schmählich behandeln sah, daß sie lieben und ein Mann von Ehre sein, sie nicht lieben und eine Niederträchtigkeit begehn bei ihm eins waren. Mit dieser Stärke der Empfindung faßte er sie nach einer langen Trennung bei seiner Ankunft in dieses Haus zum ersten Male wieder in die Arme, ohne sehen zu können, daß Amalie itzt mehr ein Gerippe als eine blühende reizende Nymphe war. Den Tag darauf bemerkte er es und erschrak; den dritten konnte er seine Verwundrung darüber nicht mehr zurückhalten; und so machte jeder Tag Amalien weniger schön, bis sie ihm zuletzt gar häßlich vorkam; und so wurde seine Liebe auch jeden Tag weniger warm, bis sie zuletzt gar – erkaltete. Ehe noch ihr Feuer bis zu diesem Grade erloschen war, hatte er schon oft die Überlegung bei sich gemacht, daß vielleicht in kurzer Zeit sein kleiner Vorrat an Gelde, den er mit sich genommen, bei einer noch so großen Sparsamkeit aufhören, daß alsdann Amalie wegen ihrer Schwächlichkeit und Ungewohnheit nicht imstande sein würde, zu ihrer beiderseitigen Erhaltung etwas beizutragen und von ihm aus den nämlichen und mehrern Gründen nichts mehr, wenigstens nichts zu ihrem Unterhalte hinlängliches zu erwarten stände; genug, er fühlte, daß Liebe und seine starke Empfindung der Ehre ihn in ein unüberlegtes Unternehmen hineingestürzt hatten, an dessen Ausschlag er niemals gedacht und dessen Ende er nicht absehen konnte. Wenn die Liebe schon ganz zurücktritt und der Ehre es überläßt, die Sache eines geliebten Gegenstandes zu führen, dann mag ich dieser geliebte Gegenstand nicht sein und mit meinem Liebhaber mich in solchen Umständen wie Amalie befinden. Die Ehre ist ein skrupulöses Geschöpf: So gern sie Skrupel macht, so gern hört sie dieselben auch an; das Point d'honneur hält wohl zurück, aber es setzt keinen Finger in Bewegung. Das ganze Resultat seiner Beratschlagung war, daß seine Ehre ihn verbinde, jedes Schicksal mit Amalien zu teilen und ihr seinen Schutz nimmermehr zu entziehn. Kurz darauf stellte ihm eine andre Überlegung vor, was für Aussichten er durch seine Entfliehung sich in Ansehung seiner Glücksumstände benommen und in was für ein mühseliges kummervolles Leben er sich hineingeworfen, was für ein Vermögen er zurückgelassen und in welche Armut er hineingerennt sei, daß er, ohne die stärkste Rache von Amaliens Eltern zu fürchten, in langer Zeit noch nicht sichtbar werden könne, kurz, daß alles Glück für ihn verloren und alles Unglück gewiß sei. – Doch die Ehre verbindet mich, dies gemeinschaftliche Schicksal mit Amalien zu tragen! war abermals sein Schluß. Indessen – Amalie befindet sich hier nicht übel; wenn ich ihr zu ihrem Unterhalte etwas Zureichendes zurückließe und ausginge, um eine Versorgung zu suchen, die uns beide nähren könnte, wäre dies nicht klüger und gerechter gegen sie, als wenn ich untätig bei ihr bliebe? – die Ehre will es. Nein, hieß es ein andermal, eine schlechte Versorgung! Was für eine werde ich finden? – Ich habe sie aus der Bequemlichkeit herausgerissen; ich muß sie ihr wiederschaffen. Meine Ehre verbindet mich dazu. Aber wie schaffe ich ihr die eingebüßten Bequemlichkeiten wieder? – Wohlan! ich gehe aus; wo ich sie finde, teile ich sie mit ihr. Doch Amalie wird sich über meine Abwesenheit und über ihre verlaßnen Umstände zu Tode grämen. Hierauf sagte ihm seine Ehre kein Wort, und hätte es ein Rest von Liebe zu Amalien nicht dahin gebracht, so wäre die arme Unglückliche noch denselben Tag von ihm heimlich verlassen worden. So verschob sich der Anschlag noch. – Doch nicht lange; denn die Nacht darauf stahl er sich fort, nachdem er ihr eine unbeträchtliche Summe zurückgelassen hatte. 34. Amalie, da sie seine Abwesenheit bemerkte, kam nicht einen Augenblick lang auf die Vermutung einer Untreue; sie fand hingegen eine Menge für Siegmunden rühmliche Ursachen, die ihn zu einer solchen heimlichen Entfernung bewegt haben konnten. Sie glaubte nichts gewisser, als daß er Absichten habe, nach deren Erreichung er zu ihr zurückkommen werde. Um indessen von den Leuten, in deren Hause sie war und die nicht um die Hälfte mehr so freundlich aussahen, weil sie vermuteten, daß ihre Bezahlung bald aufhören möchte, noch weiter geduldet zu werden, entschloß sie sich, mit Arbeiten ihnen das Brot abzuverdienen. Sie arbeitete also, so gut es ihre Kräfte erlaubten, seufzte, weinte im stillen und erwartete zuversichtlich, daß Siegmund sie bald aus diesem Zustande befreien werde: eine Hoffnung, die ihr Kräfte, Mut, Geduld und alles gab! Siegmund setzte unterdessen seine Wanderschaft unter mancherlei Schicksalen fort, und hätte er gewußt, daß Amaliens Anverwandte nichts weniger als Neigung hatten, sie zurückzuholen, sondern sehr wohl zufrieden waren, daß sie diese Partie ergriffen hatte, so würden alle seine Vorsichten, seine Entdeckung zu verhüten, unnötig gewesen sein und er sich verschiedene Beschwerlichkeiten erspart haben. Der ganze Erfolg seiner Reise war nichts als eine Reihe Anschläge, Vereitlungen, Projekte, Versuche, getäuschte Erwartungen, und am Ende blieb ihm nichts übrig, als Amalien auf immer zu vergessen und in der Neuen Welt ein Glück zu suchen, das er in der Alten nicht finden konnte. Auch mußte ihm dieser Entschluß nicht schwer werden, da die lange Entfernung von seiner Geliebten ihn von seiner ehmaligen Liebe nichts als ein augenblickliches vorübergehendes Andenken an sie in einer einsamen traurigen Stunde zurückgelassen hatte; demungeachtet konnte er ihn so wenig fassen, daß er sich sogar die erwünschteste Aussicht, unter vorteilhaften Bedingungen in einer englischen Kolonie anzukommen, entgehen ließ, das Anerbieten eines Freundes, ihn mit dahin zu nehmen und für ihn allen seinen Kredit anzuwenden, ausschlug und zu Amalien zurückeilte. Die Ursache einer so plötzlichen Veränderung seiner Gesinnungen war diese: Als er am meisten mit seiner Überfahrt nach Amerika umging, wurde ihm eines Abends in einer Gesellschaft die Geschichte eines Mannes erzählt, die so völlig die seinige war, daß es seine Begebenheiten unter fremdem Namen zu sein schienen – die Geschichte eines ungetreuen Liebhabers, der sein Glück in Amerika gesucht, es nicht gefunden hatte und zuletzt vom Donner erschlagen worden war, welches die ganze Gesellschaft für eine gerechte Strafe seiner Untreue erklärte und den Treulosen mit den schimpflichsten Namen brandmarkte. Eine hochgespannte Seele braucht nur leise Berührungen, um Empfindung ihrer selbst zu erwecken. – Siegmund wurde bestürzt, begab sich eilends fort, verschloß sich in seine Wohnung, wo die Ehre ihm die schärfste Gesetzpredigt hielt und ihn sich als den schwärzesten Verräter vorstellte; eine solche Vorstellung war für ihn abscheulicher als der schmählichste Tod, er nahm also eine Entschließung, die ihn von der Qual befreite, sich in dem verhaßten Lichte eines ehrlosen Betrügers zu betrachten. Er beschloß, sein Leben zu endigen und, nach seinem Ausdrucke, der Strafe des Himmels zuvorzukommen; doch, um Amalien wenigstens durch seine Reue genugzutun, unternahm er eine weite Reise zu ihr zurück, ohne zu wissen, wo er sie finden sollte. Er kam auch wirklich an dem Orte an, wo er sie verlassen hatte, erkundigte sich unter der Hand nach ihr, erfuhr, daß sie sich zeither beständig von Handarbeit habe nähren müssen, noch bei dem nämlichen Manne sei, bei welchem er sie gelassen hatte, daß sie nach dem Tode seiner Mutter seine Hausfrau vorstelle, aller Vermutung nach seine wirkliche Frau werden möchte und ihres gegenwärtigen Standes völlig gewohnt sei, außer daß man zuweilen eine Abwesenheit des Geistes, eine Melancholie bemerkte. Diese Erkundigungen, so vorsichtig sie auch geschahen, waren doch zu Amaliens Ohren gekommen; sie wußte nicht, von wem sie geschahen, aber doch daß sie um ihrentwillen gemacht wurden. Siegmund sahe sie sogar, als sie auf das Feld ging, von der Sonne verbrannt, bleich, in dürftiger Kleidung, mit einem Gesichte, auf welches Kummer und Melancholie einen starren unbeweglichen Blick gedrückt hatten, ohne Reiz, ohne Anmut; ihre Augen, die er sonst die Augen der Venus nannte, waren itzt wie ein paar erloschne Sterne, ohne den mindesten Geist, starr, ihre ganze Miene ein Bild der Stupität; und hätte er ihr Gehirn sehen können, so würde er gefunden haben, daß ihre Miene der Abdruck davon war, so sehr hatte die harte Begegnung ihrer Anverwandten und ihre nachmaligen Bekümmernisse ihren vorher glänzenden Verstand daniedergedrückt. Dieser Anblick war für Siegmunden so gut als die fürchterlichste Bestrafung. Sehen, beschließen, tun war eins; er zog ein Terzerol aus der Tasche und schoß sich auf der Stelle vor den Kopf. Amalie hörte den Schuß, und als wenn sie eine geheime Ahndung dahin riefe, ging sie nach dem Orte zu, wo er gefallen war. Sie fand einen Menschen, der mit dem Tode rang und bei ihrer Ankunft die Augen öffnete. Sie erschrak und blieb bestürzt stehn, ohne zu wissen, wozu sie sich entschließen sollte. Ein innerlicher Zug nötigte sie, sich zu nähern und den Toten zu betrachten, und gleichwohl hielt sie die Furcht zurück. Sie hatte das Herz nicht; endlich lief sie nach Hause, machte den Zufall bekannt, und Siegmund wurde gerichtlich aufgehoben. Bei der Durchsuchung fand man ein Billett an Amalien, welches er ihr vermutlich hatte überliefern lassen wollen, wenn er nicht durch Amaliens Erblickung in eine zu plötzliche Hitze getrieben worden wäre. Ihr Aufenthalt, ihr Name und andre Umstände waren in der Aufschrift zu deutlich bezeichnet, als daß man sie nicht hätte erkennen sollen. Das Billett war folgendes:   Amalie, Ich verließ Sie, nicht um Ihr Verräter zu werden, sondern um so lange herumzuwandern, bis mich das Glück in den Stand setzte, Ihnen den Verlust zu ersetzen, den Sie durch meine Liebe erlitten haben. Das Glück hat es nicht gewollt; und meine Ehre verlangt, daß ich Ihnen auch für die Falschheit des Glückes Genugtuung schaffe. Vergessen Sie mich, denn ich bin treulos genug gewesen, Sie um eines ungewissen Glückes willen, das ich mir in Amerika versprach, auf immer vergessen zu wollen. Beten Sie für meine Seele, denn ehe Sie dieses Billett empfangen, bin ich tot. Siegmund   Amalie, die bisher schon öftern Anfällen von Schwermut ausgesetzt gewesen war, verfiel bei Empfange dieses Briefes in die trübsinnigste Melancholie. Sie empfand nicht; alles war ihr gleichgültig, selbst ihr Leben; viele Tage brachte sie ohne Speise zu; ihre Beschäftigung war, daß sie das Billett las, es wieder zusammenlegte, gen Himmel sahe und es seufzend einsteckte; dies konnte sie oft stundenlang wiederholen. Nach einiger Zeit erholte sie sich wieder; ihre Krankheit verließ den Körper und zog sich ganz in die Seele zurück, die von dieser Zeit an der Sitz einer periodischen Schwermut wurde. Sie empfing von der Wohltätigkeit eines Unbekannten ein Jahrgeld, das sie in den Stand setzte, den Rest ihres melancholischen Lebens ohne Sorge für ihren Unterhalt zuzubringen. Sie bewohnte auf einem Dorfe in der Nachbarschaft von Selmanns gegenwärtigem Aufenthalte ein kleines Häuschen, und eine alte Frau war ihre einzige Gesellschafterin und zugleich ihre Bedienung; hier hatte sein Freund auf einem Spaziergange sie gefunden und ihre Geschichte aus ihrem eignen Munde gehört, die sie in ihren heitern Stunden mit einer ungemein schmelzenden Beredsamkeit und dem durchdringendsten Affekte vorzutragen wußte. Selmann wurde über der Erzählung nachdenkend; da ihm aber sein Freund berichtete, daß sie die Gewohnheit habe, jährlich das Gedächtnis ihres unglücklichen Liebhabers mit einer ländlichen rührenden Feierlichkeit zu begehen, und daß dieser Tag sich nähere, so richtete er sich plötzlich auf. »Diese müssen wir sehen!« rief er. Man stellte ihm seine Unpäßlichkeit und die Gefahr für seine Gesundheit vor, nichts half; Wagen und Pferde mußten bestellt werden, und an dem bestimmten Tage gab ihm seine Begierde so viel anscheinende Stärke und Lebhaftigkeit, daß er völlig gesund in Begleitung seiner beiden Gesellschafter hinzureisen schien. Amalie saß schon einige Stunden an dem Orte, wo Siegmund sich das Leben genommen hatte. Es war ein kleines lichtes Fichtenwäldchen, das auf einem abhängigen Boden stund, weiter unten zu dicken Gesträuche wurde und sich in ein enges Tal verlor, durch welches sich ein kleiner Fluß über eine Menge Klippen und losgerißne Felsen schäumend durcharbeitete. Das ganze schmale Tal war sein Bette; die oftmalige Verengerung desselben nötigte seinen Strom, sich zu teilen, und er mußte gleichsam sich den Weg mit Anstrengung aller Kräfte öffnen. Die andre Seite des Ufers erhub sich beinahe senkrecht in ungeheuren romantischen Felsenstücken empor, die in einer beträchtlichen Höhe sich in eine unzählbare Menge Spitzen zerteilten, worunter einige kahl emporragten, andere mit einzelnen Bäumen, andere mit dichtem Gesträuche oder Walde bekleidet waren und insgesamt die Grenze des Horizontes machten. Auf diesem romantischen Schauplatze, den die Natur ausdrücklich für melancholische Auftritte geschaffen zu haben schien, hatte Amalie für ihre Feierlichkeit eine Stelle gewählt, wo das lichte Wäldchen einen freien Platz mit einzelnen Bäumen leer ließ, bei welchem der Dickicht anging. Vor dem Gesichte stieg die Felsenwand mit ihren mannigfaltigen Spitzen bis in die Wolken; eine allgemeine tote Stille herrschte in der ganzen Luft, die durch das ferne, bald brausende, bald dumpftönende hohle Geräusche des ungesehenen Flusses auf die fürchterlichste Weise von verschiedenen Seiten bald schwächer, bald stärker unterbrochen wurde; nur bisweilen schienen die Wipfel der Bäume durch ein mattes Rauschen die Harmonie melancholischer machen zu wollen. Zwischen zween von den einzeln dastehenden Bäumen hatte Amalie ein Grabmal mit eignen Händen errichtet, das aus einem mit Fichtenzweigen und einzelnen Blumen bestreuten, länglicht viereckichten Erdhügel bestund und von den traurig niederhängenden Ästen der beiden Bäume beschattet wurde. An einen derselben gelehnt, saß die schwermütige Leidtragende auf einem Steine, in stummer tränenloser Betrübnis; ihre Haare hingen zerstreut über die Schultern; die Füße waren entblößt; ihre Kleidung war schwarz und hin und wieder Risse darinne, welches Wirkungen ihres Schmerzes sein mochten; auf dem bleichen Gesichte saß Schwermut und der niederschlagendste Schmerz – ein Schmerz, der die Künste eines Raffaels übersteigt! – die Augen waren starr auf das Grab geheftet, und die Hände lagen in einer ringenden Stellung auf dem Schoße. Sie besaß noch einige schwache Reste einer ehemaligen Schönheit, die wie die erhaltnen Marmorsäulen eines antiken Tempels durch ihren Kontrast die Wirkung der übrigen wüsten Ruinen verstärkten. Sobald die Ankommenden in ihren Gesichtskreis kamen, schien sie auf sie zu sehen; doch bald lenkten sich ihre Augen wieder unbeweglich auf den Grabhügel. Selmann hatte sie kaum erblickt, als er wie leblos dastund, so völlig außer sich gesetzt, als wenn sich seine Empfindung ganz ins Herz zurückgezogen hätte. Nachdenkend ging er zu wiederholten Malen einige Schritte vorwärts, blieb dann stehn und sahe Amalien unverwandt an. Endlich eilte er auf sie zu, setzte sich zu ihr, ergriff ihre Hand und ließ einige Tränen auf sie fallen, die die Unglückliche mit einer zärtlich bekümmerten Miene aufküßte und seufzend nach dem Grabe sich hin neigte. Lange Zeit war er so stumm als sie; endlich sagte er wie aus dem Innersten: »Unglückliches Mädchen! wenn wird sich dein Kummer endigen?« – Sie hub die Hände mit vielem Ausdrucke empor, wies gen Himmel, fiel auf die Knie dicht an das Grab und schien in sich zu beten, worauf sie wieder auf ihren Stein zurückkehrte. Selmann nötigte seine Gesellschaft, bis zum Untergange der Sonne bei ihr auszuhalten, und da sie aus einem Gelübde beständig zu schweigen schien, so unterbrach niemand ihre Niedergeschlagenheit mit einem Worte. Sobald die Sonne untergegangen war, stund sie auf, verrichtete kniend ein stummes Gebet und ging dann, von ihren drei Zuschauern begleitet, in ihre Wohnung zurück. 35. Dieser Tag war für Selmanns Schwächlichkeit angreifend gewesen; die Heftigkeit der Empfindungen, unter welchen er ihn zugebracht hatte, untergrub vollends seine schon anbrüchige Gesundheit. Er kam entkräftet von Amalien zurück, wurde täglich schwächer, und nichts schien gewisser als sein Tod. Er hatte dieser Bekümmerten ein Geschenk angeboten, das sie von der äußersten Dürftigkeit, welche ihre Wohnung ankündigte, befreien sollte. Sie schlug es aus; er drang in sie, und sie nahm es unter der Bedingung an, wenn er ihr erlauben wolle, einen freien Gebrauch davon zu machen. – »Und welchen?« fragte er. – »Mit der einen Hälfte«, antwortete sie und führte ihn dabei auf die Seite, »will ich dem abgebrannten Manne, dessen Brandstelle sie dort sehen, ein Haus bauen und mit der andern meinem Siegmunde ein Grabmal errichten lassen. Meinen Sie?« »Zwei, drei soll er ihrer haben!« – Er nötigte sie nochmals, sein Geschenk für sich zu behalten und es ihm zu überlassen, ihre beiden Verlangen zu befriedigen. Sie tat es nicht anders, und so schieden sie voneinander, und in einer Woche war der rechtschaffne Selmann tot. Er ließ seinen Freunden in den letzten Unterredungen mit ihnen die Versichrung zurück, daß sein Herz der einzige Schöpfer seiner Freuden und seiner Mißvergnügen gewesen sei. »Zweimal«, sprach er, »ist mir die Welt zum Ekel geworden; und wenn nichts auf dieser Erde mehr fähig war, mich zu sättigen, so waren menschenfreundliche Empfindungen die einzige Speise, die meinen Geschmack befriedigte. Ich zog mich in mein Herz zurück, um den Sophismen des Verstandes zu entgehn. Ein einziger Tag, wie ich ihn bei Amalien zubrachte, war mir eine Schadloshaltung für ein halbes Jahr Unmut. Solange die Freuden des Herzens noch meine Empfindung reizen, glaube ich zu leben; wenn ich zu diesen stumpf werde, dann bin ich tot. – O möchte ich diesen Zeitpunkt nicht eine Minute überleben!« Der Himmel erfüllte diesen Wunsch: Sein letzter Tag war noch mit einer Freude der Wohltätigkeit bezeichnet. Edler Mann! das schönste Denkmal setze ich dir, wenn ein Denkmal von meinen Händen dich ehren kann – ich setze es dir, nur hinterlaß mir dafür zur Erbschaft – dein Herz! Vierter Band We first endure, then pity, then embrace. Pope Eine sehr lange Vorrede hatte ich meinen Lesern zugedacht und auch wirklich schon verfertigt, worinne ich Kunstrichtern und Lesern tausend Verbindlichkeiten und tausend Unannehmlichkeiten sagte, worinne ich mich beschwerte und rechtfertigte, drohte und bat, spottete und lachte, besonders ungemein viel von mir und meinem Werke, von meinen Absichten, Ursachen, Bewegungsgründen dabei, von der Ökonomie des Plans mit der philosophischsten und gelehrtesten Grimasse herschwatzte; doch kaum war der letzte Punkt aus der Feder geflossen, als der schadenfrohe Geist eines gewissen gallensüchtigen Beurteilers meinem Dintenfasse einen Stoß gab, daß es über die schöne Vorrede stürzte und mit einem reichlichen Strome die ganze witzige Geburt ersäufte. Nichts konnte ich von dem Untergange retten als die Erklärung, daß dieser Band voritzt die Lebensgeschichte meines Helden schließen soll, weil ich ihn in seiner Laufbahn dahin gebracht habe, wohin ich ihn der ersten Absicht nach bringen wollte; da ich aber noch hinlängliche Materialien aus dem Zeitraume seines Lebens besitze, wo der Charakter, den wir bisher aus einer Reihe innerlicher und äußerlicher Ursachen haben aufwachsen sehn, sich in Handlungen zeigt, so verspreche ich, im Falle daß man eine zweite Auflage nötig machen sollte, die ersten zwo Bände von gewissen Überflüssigkeiten des Witzes und der Laune zu reinigen und noch einen fünften Band hinzuzutun; findet man aber mein Buch keiner zweiten Auflage würdig, so gilt es gleich, ob es als Werk von vier oder fünf Bänden vergessen wird. Unter dem vielen Bösen, was ich selbst wider seine gegenwärtige Gestalt zu sagen finde, weiß ich nichts Angelegentlicheres, als daß ich meinen Gegenstand nicht ernsthafter und spekulativer behandelt habe, und ich wünschte mir Muse, Kräfte und philosophischen Geist genug, um es dereinst tun zu können. Indessen wäre es für mich hinreichende Genugtuung, wenn mein Buch etlichen meiner Nebenmenschen ein paar lachende Stunden verschafft hätte; denn in diesem Wirbel von Torheiten, leeren Wünschen, kindischen Bemühungen, geistlosen Freuden, ernsten maskierten Kleinigkeiten, langweiligen unbefriedigenden Ergötzlichkeiten, in welchem die Menschheit sich unwiderstehlich herumdreht, ist eine in der Einbildung verträumte oder verlachte Stunde eine wahre Glückseligkeit und vielleicht unter den mannigfaltigen Illusionen, die wir uns für Glückseligkeiten auf unserm Planeten auszugeben belieben, die größte der Empfindung nach und die einzige, die nichts weiter sein will, als was sie ist und alle sind – eine Illusion . 1. Selmann ist tot; der kleine Zirkel von Bekanntschaften, die sein Pflegesohn in  gemacht hat, ist nicht hinreichend, ihn seinem Glücke einen Fingerbreit näherzubringen; gleichwohl braucht er Unterstützung; was wird also aus ihm werden? Zum Glücke hat ihn sein Gönner zum allgemeinen Erben seines Vermögens eingesetzt; und zum Glücke hat die Meinung des menschlichen Geschlechts einen so großen Reiz auf Geld und Vermögen gelegt, der wie ein Magnet eine Menge bereitwilliger Diener und Freunde zu ihm hinzog, daß er zeitlebens überflüssig genug gehabt hätte, wenn alle angebotne Dienstleistungen erfüllt worden wären. Sophronius, Emilie und andere, die ihn vorher als einen Verworfnen, als einen unwürdigen Auswuchs der Natur kaum eines Blickes würdigten, sahen ihn itzt mit ganz andern Augen an, machten ihm Platz, sagten ihm Komplimente, erteilten ihm Lobsprüche und sahen in völligem Ernste eine Menge guter Eigenschaften an ihm glänzen, die seine vorige Armut verdunkelt hatte. Wie viel Philosophie gehörte dazu, eine solche Veränderung zu fühlen und sie nicht zu seiner Verschlimmerung zu fühlen! Unter allen, die sich beeiferten, diesem neuen Günstlinge des Glücks gefällig zu werden, war der junge L. einer der ersten. Kaum hatte er erfahren, daß Selmann, dieser ernste Sittenverbeßrer, gestorben sei, als er sich bei seinem Erben einfand und seine ehmalige Freundschaft fester zu knüpfen suchte. Knaut war nicht sonderlich gemacht, Freundschaften zu erwerben und zu unterhalten; allein die einmal gemachten ließen ein unvergeßliches Andenken in ihm zurück. Der junge L. war also glücklich genug, sein Vertrauen in kurzem zu gewinnen. Er beredete ihn, wenn er zur Besitznehmung seines Vermögens reisen würde, es in seiner Gesellschaft zu tun. Es geschah; die Reise wurde angetreten. Nicht länger als einen Tag hatten sie miteinander ihren Weg fortgesetzt, als sie des Abends plötzlich von einer gebietrischen Stimme angehalten wurden. Der Fuhrmann befand es für dienlich, sich nicht zum Gehorsame zwingen zu lassen; er hielt, und ohne ein Wort zu wechseln, wurden die beiden Reisenden von ihren Sitzen gehoben, fortgetragen und in eine Höhle gebracht, die einige kleine Lampen kaum so helle machten, daß man die nächsten Gegenstände unterscheiden konnte. Der junge L. stellte sich höchst ungebärdig; aber mein Held ließ sich mit der völligen Kaltblütigkeit eines Stoikers, unbesorgt für den Ausgang dieses Abenteuers, in die Höhle transportieren. Wenn wir es ruhig abwarten wollten, um zu erfahren, was dies alles bedeuten soll, so müßten wir acht ganze Tage noch in der Ungewißheit bleiben; denn so viel Zeit mußte der arme Knaut gebunden in dem armseligsten Zustande verfließen sehn. Zu Mittage und Abends wurde ihm zwar eine Mahlzeit gereicht, allein sie war so dürftig und so unappetitlich, daß sie einen Missetäter hätte zum Bekenntnisse nötigen können. Dem ungeachtet entfuhr ihm nicht ein Seufzer. – Nur gut, sagte er sich, daß sie mich nicht zu Tode hungern lassen! daß sie mich nicht bei gelindem Feuer braten oder Schlangen und andern giftigen Tieren preisgeben! Nur gut, daß sie mir statt des Brotes nicht Baumrinde, Wurzeln oder noch etwas Ärgeres und zum Tranke faules verunreinigtes Wasser reichen! – Ich bekomme wenig; ist doch meine Bewegung nicht stark und also der Hunger noch weniger. – Vielleicht nimmt mein Appetit, wenn ich in diesem Zustande lange bleibe, so sehr ab, daß ich zuletzt mit dem zehnten Teile dessen, was ich itzt genieße, mein Leben erhalten kann, und man ist immer glücklicher, je weniger Bedürfnisse man hat.– Ich bin gebunden, das ist wahr; ich habe meine Freiheit nicht – aber warum denn nicht? – ich kann ja denken, wenn und was ich will; ich kann wollen, was mir beliebt – aber tun? – freilich nicht! – Zwar wer will mir es denn wehren? Ich habe ja die Fähigkeit , alles zu tun, was ich will! Ist diese nicht die einzige Freiheit? Diese kann mir niemand nehmen; mitten in Ketten und im Gefängnisse bin ich frei; was bin ich also schlimmer als sonst? – Ich bin frei; ich habe keinen Schmerz, keinen Mangel, ich empfinde keine von den Unbequemlichkeiten, die ich vorhin unter den Menschen von allen Seiten auszustehen hatte; ich bin glücklich, denn was gehört zum Glücke mehr als nichts Unangenehmes empfinden? – Ich bin glücklich! Wer sollte wohl glauben, daß dieses Selbstgespräch eine Reihe von Gedanken ansponn, aus welchen der ganze Faden seiner künftigen Denkungsart und seines Betragens entstund? – Eigentlich war es nur ein Stück von der Gedankenreihe, deren erstes Ende die Mutter Natur zu spinnen angefangen hatte; die Leiden seiner ersten Jugend härteten sein Gefühl zu Beschwerlichkeiten ab; ein mindrer Grad von Elend war ihm also schon Glückseligkeit; das Schicksal hielt ihn von jeder Art der Freude entfernt; da er sie in der Folge genießen sah, war seine Empfindung schon stumpf, um sie mitzugenießen; seine Mutter hatte ihm durch ihre Härte einen unauslöschlichen Haß gegen alles, was sich weiblich nennt, eingeflößt; also war ihm auch von dieser Seite her der Weg versperrt, an einem frohen Leben Geschmack finden zu lernen; Selmann gab ihm den seltsamen Schwung der Gedanken, jede Sache von einer eignen Seite anzusehen, die Grundsätze, in jeder Situation des Lebens sich glücklich zu dünken, daß man, um glücklich zu sein, nur die Vorstellung brauche, daß man es sei, und andre von ähnlichem Schlage; durch Selmanns Toleranz wurde seine natürliche Kaltblütigkeit vermehrt, und auf der andern Seite bekam seine Empfindung in dem Maße, wie sie sich durch das Beispiel ebendesselben Mannes verstärkte, zugleich eine romanhafte Richtung: Er empfand nicht anders als außer dem gewöhnlichen Gleise, das heißt, bei keiner Sache das, was man ordentlicherweise dabei fühlt; die letzte trübe Periode seines Patrons, wo er mit der Welt und allen ihren Herrlichkeiten ganz uneinig wurde, gab meinem Helden, wo nicht Verachtung, doch wenigstens Gleichgültigkeit gegen alles Blendende des menschlichen Lebens, das künftig zu seiner Kenntnis gelangen konnte, verminderte zum voraus den Eindruck desselben, wenn es ihm gegenwärtig war, und erleichterte ihm die Verachtung desselben, wenn er es entbehren mußte; alle diese Ingredienzen – eine solche Natur, solche Schicksale, solche Beispiele – werfe man in eines Menschen Leben zusammen, und ich bin gut dafür, daß nichts anders aus diesen Elementen entstehn wird als so eine stoische Karikatur wie Tobias Knaut. Ähnliche Materialien waren es, aus welchen das Leben seiner Vorgänger, der alten Stoiker, bestand und aus denen ihre stoische Denkungsart und ihr stoisches Betragen aufwuchsen; ähnliche innere und äußere Veranlassungen lenkten ihre Ruhmbegierde auf ein trauriges ernstes System und zwangen sie, auf düstern öden Wegen zur Bewundrung zu gelangen, so wie andre durch entgegengesetzte Ursachen auf sanften Blumenpfaden dazu geführt wurden. Mag doch Posidon mitten unter den brennenden Schmerzen der Gicht noch so gelehrt beweisen, daß der Schmerz kein Übel ist! Viel weniger ist das, als in einer dunklen Höhle, in Fesseln bei dem kümmerlichsten Leben, in der traurigsten Ungewißheit wegen der Zukunft ruhig bleiben – ja, sich gar für glücklich halten! Den zweiten Tag rückte Knauts System schon um etliche Schritte weiter: Wenn ich in Banden, in einem Zustande, den andre Menschen höchst elend nennen, glücklich bin, so kann ich es in jedem Zustande des Lebens sein. Mein Glück hängt also von mir und nicht von den äußern Dingen ab. Ich trage es in mir; ich bin mir selber genug. – Andre Menschen sind bald glücklich, bald unglücklich, warum? – Weil ihr Glück von den äußern Dingen abhängt; weil sie sich gewisse Sachen als ein Glück vorstellen – ihr Mangel muß sie also elend machen. – Sonach käme es ja bloß auf meine Vorstellung an, ob Sachen außer mir ein Glück sein sollen? – Es ist nicht in meiner Gewalt, König, reich, geehrt zu sein – ich will mir vorstellen, es sei kein Glück; und so ist es auch keins für mich. Hab ich diese Vorteile nicht – gut, ich entbehre nichts! – Ich stelle mir vor, daß ich ohne sie glücklich bin, und ich bin es. Wenn ich nichts außer mir für ein Glück halten will, sagte er sich bei einer dritten Revision seiner Gedanken, so muß ich meine Augen und alle Sinne verschließen, daß sie mir nicht die Wirkung aufdringen, wodurch sie andre Menschen verführen. Ich muß gegen alles unempfindlich sein; dadurch bringe ich's dahin, daß ich nie etwas entbehre und folglich beständig glücklich bin. Keine Philosophie, als die gegenwärtige, war für seinen Zustand heilsamer, und mich deucht, das sind für jeden Menschen die besten und für ihn die richtigsten Grundsätze, die ihm seine Umstände erträglich oder angenehm machen, mag er sie doch aus dem Alkoran oder den Schriften des Trismegistus gelernt haben. 2. Acht Tage lang ließ man ihm Zeit, sein System auf alle Seiten zu drehen, es auszuputzen und in die gehörige Form zu bringen; doch kam es für diesmal nicht weiter; alles, was vorhin davon gemeldet worden ist, war der Kern, die Substanz seiner Selbstbetrachtungen. Nach diesem Termine näherte sich ihm eine menschliche Figur, die ihm mit brummenden Tone seine Befreiung ankündigte. Fast wußte er nicht, ob er sich darüber freuen sollte, so sehr hatte ihm die Gewohnheit seinen Zustand annehmlich gemacht, und nur noch einmal so viel Zeit fehlte, so schlug er seine Entlassung wie jener gefangne Chineser aus, der in den Ketten grau geworden war und also auch lieber in Ketten als in der Freiheit sterben wollte. Er wurde einer Gesellschaft vorgestellt, die ihm bei seiner Erscheinung sogleich ankündigte, daß er von seiner Erbschaft nicht das geringste zu erwarten habe, daß sein geerbtes Haus bestohlen; nebst dem ganzen Dorfe abgebrannt und das ganze Gut von den Gläubigern seines Erblassers in Beschlag genommen sei. – Er stutzte; sein Herz schlug ein wenig stärker. – Ha! rief seine Philosophie, bist du nicht unter jeden Umständen glücklich? – Das Blut rebellierte noch eine Zeitlang; aber da man hinzusetzte, daß man ihm die Erlaubnis gebe, bei der Gesellschaft zu bleiben und Glück und Unglück mit ihr zu teilen, so setzte sich die Unruhe allmählich, die sich bisher in keiner Miene des Gesichts gezeigt hatte. Diese anscheinende Unempfindlichkeit verschaffte ihm den Beifall aller Umstehenden; sie glaubten, ein solches Subjekt als ein tüchtiges Werkzeug zu ihren Absichten gebrauchen zu können. Wenn ich acht Tage lang in einer dunklen Höhle glücklich sein konnte, so bin ich's itzt noch mehr. Mein Haus ist verbrannt? – Gut, daß ich nicht mit verbrannt bin, sagte sich unser Philosoph und ließ sich unter die Gesellschaft durch ein feierliches Versprechen seiner Treue aufnehmen. Nachdem er so eingeweiht worden war, kam der junge L. zum Vorschein, umarmte ihn und erneuerte unter vielen Freundschaftsversicherungen seine ehmalige Bekanntschaft, die nach seinem Ausdrucke nunmehr nichts als der Tod zerreißen sollte. Ohne Zweifel mußte seine stoische Seele eine kleine Neubegierde überfallen, das Rätselhafte dieser ganzen Geschichte aufgelöst zu sehn. Er erkundigte sich also bei ihm; allein sein Freund beteuerte, daß er noch zu neu in der Gesellschaft sei, um das völlige Geheimnis derselben zu erfahren, daß er ihm aber in Ansehung seiner bisherigen Begebenheiten so viel Licht erteilen wolle, als es seine eignen Verbindungen und Pflichten gegen den ansehnlichen Körper, von welchem sie beide Mitglieder wären, zuließen. Seine Nachricht belief sich also darauf, daß seine nunmehrigen Mitbrüder es einzig und allein wären, die ihm sein kaum geerbtes Haus geplündert und verbrannt hätten. – »Was?« rief Knaut etwas hitzig.– »Ja, sie sind es!« bekam er zur Antwort. »Darum mußtest du acht Tage in diesem Loche zubringen; unterdessen wurde dein Haus erbrochen und geplündert; aber es war verdammt wenig darinne; das machte uns böse, und wir zündeten den ganzen Plunder an. Was wäre dir denn ein leeres Haus nütze gewesen?« – »Das habt ihr getan!« rief Knaut etwas hitziger. – »Ja«, sagte Evander – dies war der Name des jungen L. bei der Gesellschaft –, »ja«, sagte er lachend. »Sei froh, daß du auf diese Art in unsre Gesellschaft gekommen bist!« – »Was soll ich aber hier?« – Diese Frage wurde in einem Tone getan, der ganz außer der Tonleiter seiner Philosophie war. – »Das sollst du erfahren«, erwiderte Evander, »nur Geduld!« – und mit diesen Worten verließ er ihn. »Geduld!« rief der Philosoph und machte ein Geräusch dabei, das einem Zähneknirschen sehr nahe kam. – »Geduld?«, noch einmal und streckte sich dabei auf den Boden. – Wenn dir jemand Unrecht tut, so zürne nicht über ihn, sagte mir Selmann; er tut sich Schaden, nicht dir , du wirst darum nichts schlechter, aber er , denn er tat eine schlechte Handlung. – Mögen sie mir mein Haus verbrannt haben! Ich bin dadurch nichts schlimmer geworden – ich bin noch immer Tobias Knaut wie vorhin. Während dieses Selbstgespräches trat ein langer ansehnlicher Mann zu ihm, dessen Miene so etwas Geheimnisreiches, einem Geisterbanner Ähnliches hatte, daß der Philosoph sich ehrerbietig von der Erde aufhub und unruhig erwartete, ob er ihn durch sein Zauberwort in ein Schwein oder einen Affen verwandeln werde. Elmickor, der das Haupt der Gesellschaft vorstellte, öffnete seinen Mund mit vieler Feierlichkeit, brummte etliche unverständliche Worte, worauf er den ehrlichen Knaut plötzlich bei dem Wirbel faßte und ihn in größter Geschwindigkeit so lange im Kreise herumdrehte, bis er schwindelnd auf den Boden sank. Darauf gab er ihm einen weitläuftigen Unterricht von den Absichten und den Verrichtungen der Gesellschaft, welche, wenn man seine Worte in gutes Deutsch übersetzen wollte, in nichts Geringerem bestunden, als die ganze Erde auf das feinste betrügen. Um sich seine Diener und Gehülfen desto ergebner zu machen, brauchte Elmickor einen gewissen Enthusiasmus zum Mittel, den er ihnen durch seine dunkle aufgedunsne Beredsamkeit so glücklich einzuflößen wußte, daß ein jeder ihn als den größten Mann und beinahe als einen halben Geist von einer höhern Ordnung anbetete. Nichts war hierzu dienlicher, als daß er jedes Mitglied, wenn es zur Gesellschaft zugelassen wurde, durch gewisse fürchterliche Feierlichkeiten einweihte; hielt man diese aus und zeigte beizeiten eine hinlängliche Verwirrung des Kopfs, so war man zu seinem Werkzeuge tüchtig. Von dieser Einweihungszerimonie wurde mit unserm Knaut gegenwärtig das Vorspiel gemacht; und da sein zerstreutes philosophisches Betragen, wenn man ihn obenhin beurteilte, einer Verwirrung sehr ähnlich schien, auch außerdem dringende Angelegenheiten es nicht erlaubten, sich lange mit ihm aufzuhalten, so ließ man es bei diesem Vorspiele bewenden. 3. Man ließe sich es wohl gefallen, wenn ich ein paar Worte mehr von diesem seltsamen Manne und seinen Absichten sagte? – Gleich soll es geschehn! Elmickor war durch einen unbeschreiblichen Eigensinn des Glücks von einem Ende der Erde bis zum andern herumgeworfen worden, ohne jemals einen ruhigen festen Platz für sich finden zu können. Hatten gleich seine Wanderungen auf dieser Seite keinen Vorteil für ihn, so verschafften sie ihm doch eine so ausgebreitete feine Kenntnis des Menschen, daß es tausend Philosophen, die die menschliche Seele nach Ruten und Schuhen ausmessen, schwerfallen würde, mit ihm darüber zu reden und sich nicht selbst – was doch verzweifelt viel ist! – unwissend zu scheinen. Je sonderbarer seine Begebenheiten waren, je sonderbarer waren die Maximen, die er sich nach und nach von ihnen abzog; und zum höchsten obersten Grundsatze drängte sich ihm endlich die Meinung auf, daß die Menschen insgesamt Schwachköpfe wären, die Bewunderung, Liebe und Beifall nur in dem Maße austeilten, wie sie betrogen würden. Nun war nur noch ein Schritt bis zu dem Schlusse: Also muß Betrügen mein einziges Mittel sein, um groß zu werden! Alle andre Wege, seinen Ehrgeiz zu befriedigen, deren er schon eine Menge zu durchbrechen versucht hatte, waren verrennt; dieser einzige war offen. Unzufriedenheit und Neid über das Glück so vieler andrer Menschen, die schon ruhig genossen, indem er noch suchen mußte, malten ihm seine Erfahrungen von der Schwäche der Erdbewohner mit einem viel stärkern Lichte aus, als sie der Natur nach haben sollten, wobei das eigne Gefühl seiner Talente manchen Pinselzug tat. Der Stolz spornte an, und er machte den Anfang, nach seinen Grundsätzen seine Größe auf der Schwäche seiner Brüder aufzubauen. Der erste Versuch gelang; das war einen zweiten wert. Sein Betragen war geheimnisvoll, seine Miene düster, tiefsinnig, sein Leben einsam. Sollte dies die Neubegierde einer nicht allzu großen Stadt, wo er sich damals aufhielt und sich jedermann bemerkte, nicht reizen? – Man machte Mutmaßungen über ihn, man ersann Erzählungen von ihm, und er wußte künstlich solche darunter zu mischen, die die Aufmerksamkeit nur noch mehr zu seinem Vorteil rege machen mußten. Es kam so weit, daß man sich für verpflichtet hielt, ihn zu einem öffentlichen Bekenntnisse zu nötigen. Er tat es unerschrocken; seine hinreißende Miene und sein überwältigender Ausdruck nebst seinem mysteriösen Vortrage wirkten so heftig auf die Augen und durch die großen Parucken auf die Ohren der Herren, die ihn verhörten, daß sich ihr kalter richterlicher Ernst in Erstaunen und Bewundrung verwandelte. Ihr Verstand wehrte sich nicht sonderlich lange, und folglich waren sie bald entschlossen, ihn als einen außerordentlichen Mann anzusehn. Solche Proselyten prophezeiten einen glücklichen Fortgang; auch war er im kurzen der Abgott der halben Stadt, der einzige Gegenstand der Gespräche und der Bewundrung. Einigen auserwählten, die er einer besondern Vertraulichkeit zu würdigen vorgab, zeigte er Proben von Künsten, die ihnen ihre große Meinung von dem Urheber derselben als übernatürlich abmalte; sie wurden heimlich erzählt, vergrößert, bis zum Wunderbaren vergrößert und ähnliche dazu erdichtet. Die Phantasie des kleinen Zirkels von Vertrauten arbeitete täglich mehr zu seinem Vorteile, und bald hatten es seine zauberischen Künste dahin gebracht, daß sich diese Betrognen lieber mit ihrem ganzen Vermögen für ihn als für ihr Vaterland mit einem Scherfe aufgeopfert hätten. Er erschöpfte auch wirklich ihre bereitwillige Freigebigkeit bis auf den Boden; und um sie nicht gänzlich zu mißbrauchen oder vielleicht mehr aus einer natürlichen Liebe zur Veränderung – siehe! so wurde er unsichtbar, ehe man es vermutete. Nach verschiedenen glücklichen und weniger glücklichen Versuchen an andern Orten hatte er sich zuletzt nach  begeben, wo der junge L. in seine Bekanntschaft geriet. Im Grunde hatte der Mann viele gute Eigenschaften, besonders viele Talente, und war gewiß nach der Absicht der Natur zu einem großen Manne bestimmt, aber das Schicksal nötigte ihn, es auf einem sehr verdächtigen Wege zu werden. Sobald die leidige Göttin des Glücks uns einmal in der Verfolgung der Größe und des Ruhms auf krumme verbotne Fußsteige geführt hat, so kann man sicher eine spanische Silberflotte gegen den Geldbeutel eines Philosophen setzen, daß wir immer auf verdecktere, mehr verbotne Schlangenwege geraten werden, daß wir mit jedem Schritte mehr von unserm bißchen Rechtschaffenheit verlieren, bis endlich gar nichts mehr davon übrigbleibt. Elmickor, da er zur ersten Anwendung seines Grundsatzes schritt, hatte alle die Empfindung von Ehre und Rechtschaffenheit im Herzen, deren wir übrigen Mitglieder der menschlichen Gesellschaft uns rühmen; und bei seinem Aufenthalte in  schämte er sich gleichwohl schon nicht, das Haupt einer wahrhaften Diebesbande zu sein, das heißt, einer Gesellschaft von Leuten, die ihre Größe mit ihm auf einerlei Grundsatz bauten und dabei die wirklichen Handlungen eines Räubers ausübten. Der erste Anfang war ein Sophismus des Verstandes und war es auch noch; er betrog sonst andre Menschen, und itzt betrog er sich selbst und überredete sich, kein Räuber zu sein, weil er mit Verstand und Feinheit räuberische Plane aussann, die seine Gesellen ausführen mußten. Vielleicht hat noch keine Armee mit einem so lebhaften Enthusiasmus ihren Anführer angebetet als die seinige. Die Ursache war: er hatte sich ihrer Phantasie bemeistert. Sie wußten insgesamt, daß sie die natürlichen Werkzeuge waren, wodurch er seine übernatürlichen Kunststücke bewerkstelligte; aber seine Überlegenheit an Talenten zwang ihnen die tiefste Ehrfurcht ab. Durch ihn war der junge L. angestiftet worden, unsern treuherzigen Knaut so in das Netz zu führen, durch seine Gefährten ließ er sein Haus plündern und verbrennen – er, der Mann, der vor acht oder zehn Jahren es seiner Ehre nachteilig hielt, unwissenderweise jemanden eine unbeträchtliche Schuld nicht bezahlt zu haben. Indessen war es doch gut, daß er einmal ein ganz ehrlicher Mann gewesen war; außerdem hätte er meinen Helden geplündert und ihn dem Glücke des Bettelstabes überlassen; nur ein übriggebliebnes mechanisches Gefühl von Rechtschaffenheit machte es, daß er ihn in seinen Schutz nahm. Überdies versprach ihm auch sein stoisches Betragen in ihm einen guten Gehülfen zur Ausführung eines Meisterstreiches, wozu schon die Anstalten gemacht waren. Er hatte sich durch seine gewöhnlichen Künste in das Vertrauen einer benachbarten Dame eingeschmeichelt, die ihn als den größten Mann des Erdbodens bewunderte. Sie besaß alles, was sie vor dem Betruge hätte schützen sollen und was sie eben dazu geschickt machte, betrogen zu werden – Verstand, Kenntnisse, einen gewissen Grad von Wissenschaft; aber ihr Verstand hatte eine verkehrte Wendung bekommen. Was andre Menschen für ungereimt und unmöglich hielten, das nahm sie sich vor zu verteidigen und wandte allen Scharfsinn an, um es zur Wahrscheinlichkeit zu erheben. Da sie ein Frauenzimmer, ein vornehmes Frauenzimmer war, so konnte es nicht an galanten Seelen mangeln, die ihre Erklärungen unmöglicher Dinge aufs Wort glaubten oder zu glauben vorgaben. Aus diesem Hange zum Seltsamen floß ihre Freigeisterei; da sie sich unmöglich entschließen konnte, den geraden Weg des allgemeinen Glaubens zu gehn, so wählte sie einen, den wenigstens in ihrer Gegend sie allein betrat; und sie würde ihn auch gleich verlassen haben, wenn sich noch andre darauf hätten drängen wollen. Sie tat im Grunde nichts mehr und nichts weniger, als was ihr ganzes Kirchspiel tat, dessen Einfalt sie herzlich belachte – dieses glaubte aus Vorurteil, was die Kirche glaubt, und sie glaubte aus Vorurteil nichts, was die Kirche glaubt. – Überhaupt, ihr sogenannten starken Geister, Freigeister, Deisten oder wie ihr euch zu nennen beliebt, wenn ich offenherzig sein darf – ihr mögt sonst ganz gute Leute sein, aber die wenigsten unter euch sind aus zu vielem Verstande Freigeister geworden. Was habt ihr nun gewonnen, wenn euch das Schicksal einmal bestimmt hat, blindlings zu glauben – ob ihr den symbolischen Büchern oder dem La Mettrie blindlings glaubt! Nichts als daß ihr im letzten Falle eure Unterscheidungssucht kützelt – ihr müßtet denn noch andre Bewegungsgründe haben, wie die zuckersüßen Schmeichler der Dame, von welcher wir sprechen, denen die Galanterie so sehr zum Bedürfnisse geworden war, daß sie, um die Gunst einer schönen Dame zu gewinnen, sich geduldig hätten beschneiden und zu Mahometanern, Juden und Heiden machen lassen – ohne eins zu sein. Inzwischen konnte sich doch in dem Kopfe unsrer Dame mit der Freigeisterei ein Aberglaube vertragen, den man kaum in dem Gehirne der niedrigsten Klasse vermutet hätte, abermals ein Beweis, daß es in ihrem Kopfe nicht zu helle, sondern nicht helle genug war. Man findet dergleichen Originale hie und da, die auf einer Seite nichts und auf einer andern alles glauben. Wie wäre es ohne dies Elmickorn möglich gewesen, sie mit Geistererscheinungen und ähnlichen Märchen zu hintergehn? – Sie zweifelte nicht einen Augenblick, daß er das Vermögen habe, auf ihr Verlangen jeden Verstorbnen von einer gewissen Klasse herbeizurufen. Zwar hatte er ihr vorher ein System eingeschwatzt, nach welchem sich ihre Vernunft aus den vorgeblichen Kräften der Geisterwelt dies Vermögen erklären konnte, so daß ihr Glaube daran doch einen Schein von Vernunftmäßigkeit hatte; und das ist dem lieben Menschenverstande schon genug, wenn er sich nur einbilden kann – ich glaube aus Gründen; wie sie beschaffen sind, das geht ihn meistenteils nichts an. Wenn nun vollends ein wohlgebildeter junger Mann mit männlichem Reize, einer schleichenden Beredsamkeit, einschmeichelnden submissen Freundlichkeit, voll lebhaften Enthusiasmus eine mit Gründen verbrämte Ungereimtheit predigt, welche weibliche Sinnen, welcher weibliche Verstand, welches weibliche Herz könnten einem solchen Redner widerstehen? 4. Der listige Elmickor hatte lange schon die Komödie mit seiner Gönnerin gespielt und, wie leicht zu vermuten, sich ungemein wohl dabei befunden, ehe noch unser Philosoph zu seiner Fahne kam. Sein Gespräch war unterhaltend und hatte bei aller Annehmlichkeit mehr Kern als die Schwätzereien der Zuckermännerchen, die täglich um sie herumgaukelten; es betraf meistens Materien, die einen Grad von Scharfsinn und Wißbegierde vorauszusetzen schienen, um sich daran zu ergötzen, und doch nichts als Neugierde erfoderten: Lauter bequeme Triumphe für die Eigenliebe! – Die Geister, die er ihr vorstellte, waren seine Gefährten, natürliche Menschen mit Leib und Seele, die er jedesmal zu ihrer Rolle abrichtete; also lag die ganze Kunst des Betrugs nicht in der Erfindung, sondern bloß in der Ausführung. Itzt sollte eine Hauptvorstellung vor sich gehen, denn die Dame hatte einen ihrer vorigen Anbeter zu sehen verlangt, der ihr im Leben oft zur Kurzweile gedient hatte und ihr auch nach dem Tode eine lachende Stunde verschaffen sollte. Elmickor weigerte sich, solange er konnte, weil Feierlichkeit und Ernst die beiden Masken waren, hinter welchen er wie alle Scharlatane seine Betriegereien versteckte, weswegen er manche fröhliche Stunde mit seiner Schutzgöttin weglachte, aber keine lächelnde Bewegung im ganzen Gesichte litt, sobald er als ein Vertrauter der Geister erschien; dann zwang er seine Miene zu einer so erhabnen Ernsthaftigkeit, als Plautinus, wenn er auf den Katheder tritt und seinen Schülern weismachen will, daß er ein großer Mann ist. Gleichwohl sollte itzt sein Theater durch ein Possenspiel entehrt werden, das seiner ganzen Kunst die Larve und folglich auch den Kredit hätte rauben können. – Vielen Sachen auf unserm Planeten ist die Ernsthaftigkeit eine so unentbehrliche Hülle als manchem Menschenkopfe die Stutzparucke, reißt man die Hülle weg, so bleibt gar nichts übrig; doch wird man mir erlauben, daß ich von diesen Sachen, denen die Ernsthaftigkeit so unentbehrlich ist, nicht viel halte. – Dies wußte Elmickor sehr wohl, wollte es verhüten und mußte doch, um größerm Unheile vorzubauen, nachgeben. Er hatte unter der Hand durch versteckte Fragen und Wendungen von seiner Gebieterin und andern so viel ausgekundschaftet, daß der verlangte Junker die lächerlichste Karikatur bei Menschengedenken gewesen war – eine Erkundigung, die vor jedem seiner Spiele notwendig vorhergehn mußte! – Er war bucklicht, krummbeinicht und mit allen andern Gebrechen des Körpers gebrandmalt gewesen, die mit seiner Einbildung von Liebenswürdigkeit den drollichsten Kontrast machten. Da Elmickor um eine Person für diese Rolle höchst verlegen war, indem er keinen unter seinen Mitbrüdern von Natur tauglich dazu fand, so mußte Tobias Knaut unvermutet in seine Hände fallen, der bloß um derselben willen aus dem Nichts hervorgezogen zu sein schien. Seine äußerliche Gestalt munterte sein neues Oberhaupt auf, ihm sogleich nach seiner Aufnahme den Antrag zu tun, und ließ ihn nichts als die größte Bereitwilligkeit erwarten; aber Elmickor irrte sich. Der Philosoph sagte ihm freimütig, daß dies Betriegereien wären. Der Mann erschrak, denn nicht ist für Betrieger auffallender als eine solche Freimütigkeit; wenn sie gleich anfangs mit dem Bewußtsein, daß sie betriegen, zu Werke gingen, so haben sie doch nie das Vergnügen, über die Einfalt derer zu lachen, die sie anführen; die Gewohnheit an ihr Handwerk macht, daß sie es so ernsthaft betreiben als das ehrlichste Gewerbe und es nicht einmal gewahr werden, daß sie betriegen. Weckt sie nun jemand mit einer solchen Freimütigkeit aus ihrem Schlafe, so müssen sie allerdings nicht wenig bestürzt sein, von andern zu erfahren, was sie sind, ohne es bisher selbst gewußt zu haben. Elmickors Bestürzung dauerte nicht lange. Mit einem »Du mußt!« drehte er sich um und rief einem von der Gesellschaft. Er gab Befehl, den armen Delinquenten, der standhaft sein Schicksal erwartete, an den Ort zu führen, wo er bereits acht Tage hatte zubringen müssen, ihn dem Abgrunde sechs Schritte näher zu quartieren und eine viel strengere Diät vorzuschreiben. Der Philosoph biß die Lippen zwar ein wenig zusammen; sein Magen tat einen lauten Seufzer. – »Ei, bin ich doch acht Tage lang in dem nämlichen Zustande nicht unglücklich gewesen, warum sollte ich's denn itzo sein?« – so sagte er sich gelassen und ging nach dem Orte hin, der ihm zur Wohnung angedroht wurde. »Ein sonderbares Original!« sprach Elmickor, »sitzt dir die Ehrlichkeit so fest an dem Herzen? Die Zeit soll sie dir schon herunterreißen, nur Geduld!« Die Gefangenschaft ist eins von den vorteilhaften Übeln in dieser Welt; viele sind weit klüger aus dem Gefängnisse gegangen, als sie dasselbe betraten. Unserm Philosophen wanderte der Gedanke: Ich bin in jedem Zustande glücklich – wie ein Gespenst in dem Gehirne herum und suchte sich bei der Einbildungskraft, dem Verstande und allenthalben weiter einzuschmeicheln, und dazu gehört wahrhaftig nicht viel – nichts mehr, als daß die Meinung, die sich in unserm Kopfe Patrone machen will, oft wiederkömmt – gerade wie in den A..ern. So kann sie in kurzem die Urheberin und das Haupt einer Faktion werden, die das Regiment in unserm ganzen Mikrokosmus an sich reißt. Ich bin in jedem Zustande glücklich! – Dies war bei Tobias Knauten bloß durch die öftre Wiederkehr zu einem Grundsatze geworden, der so wenig eines Beweises bedurfte, als daß ein Teil kleiner ist als das Ganze. – Bin ich das, fuhr er fort, so muß der Grund meines Glückes nicht außer mir sein, so muß ich den Plunder entbehren können, den andre Leute dazu rechnen – ich entbehre ihn ja itzt! Mein Glück muß also in mir sein, und worinne sonst als in der Einbildung, daß ich's bin? – Wohlan! ich bilde mir ein, daß ich glücklich bin, und lasse mich von dem Teufel selbst nicht zwingen, ein Betrieger zu werden! Man sahe fleißig nach ihm und erkundigte sich, ob seine Ehrlichkeit etwas von ihrer Strenge nachgelassen hätte; allein seine Philosophie hielt standhaft aus. Elmickor gab sich sogar die Mühe, ihn durch gemilderte Vorstellungen von dem Geschäfte, zu welchem er gezwungen werden sollte, seinen Abscheu dawider zu benehmen; nichts half. Endlich kam man auf den unglücklichen Einfall, ihm seine kümmerliche Kost allmählich so zu vermindern, daß er zuletzt gar nichts mehr bekam. Seine Philosophie sah sich in allen Ecken um, der Magen blieb deswegen immer unbefriedigt. Sie sang ihm zwar manches Trostlied vor, aber man weiß schon, was Tröstungen sind! – Pflaster, die die Wunde bedecken, aber nicht heilen können. Da nichts fruchten wollte, so schlug sich der Witz ins Mittel. – »Tobias Knaut«, sprach er, »ist wohl itzt so glücklich als in jedem andern Zustande – glücklich mit der Seele! an und für sich selbst! – Aber sie wohnt in einem Körper –jedermann muß seine Wohnung in baulichem Wesen erhalten, wenn sie ihm nicht über dem Kopfe zusammenfallen und ihn totschlagen soll; ich muß also meinen Körper nicht verhungern lassen. – Aber soll ich ein Betrieger werden? – Eigentlich werd ich das wohl nicht; ich betriege nicht; ich lasse es nur zu, daß andre betrogen werden. Ich muß und kann also wohl!« – Seine philosophische Ehrlichkeit schlug mit beiden Händen ein, und der Kontrakt war fertig; sie mußte auf einige Zeit ihren Platz räumen. Als Elmickor den Tag nach dieser innerlichen Beratschlagung ihn wieder besuchte, um die Wirkung des versuchten Mittels zu erfahren, so fand er sie so glücklich, daß er augenblicklich den Gefangnen mit eignen Händen in Freiheit setzte und seine ausgehungerten Kräfte mit einer guten Mahlzeit erquickte. Er hätte sich gern gestanden, daß er gegenwärtig um einige Grane glücklicher wäre als vorher, wenn sich nur seine Philosophie nicht geschämt hätte. Darauf wurde der Anfang gemacht, ihn in seiner Rolle zu unterrichten, die Unterweisung etliche Tage fortgesetzt, und da er völlig geschickt zur Ausübung schien, der Tag bestimmt, wo er die Ehre seines Meisters durch seine pantomimischen Talente befestigen sollte. 5. Die Schauspieler wurden bei diesen Geistervorstellungen, weil sie niemand gewahr werden durfte, jedesmal bei Nacht durch eine verborgne Tür in das Zimmer gebracht, wo sie sich zeigen sollten. Der Transport meines Helden ging gut vonstatten; ein unglücklicher Husten, zu welchem ihn ein böser Katarrh oft nötigte, sosehr er ihn auch zurückzuhalten suchte, hätte den Tag über, als er in dem Theaterzimmer versteckt war, beinahe das Geheimnis an einen Bedienten verraten, der in dem anstoßenden Saale ein Geschäfte hatte; doch glücklicherweise war Elmickor gleich bei der Hand, der den Argwohn dieses Mannes so listig in Furcht zu verwandeln wußte, daß er seine ganze Arbeit liegen ließ und sich mit seinen zween Füßen so eilfertig als möglich rettete. Der Philosoph machte abends darauf seine Rolle meisterlich und würde sie ohne Zweifel noch vielmals haben wiederholen müssen, so sehr ergötzte die gnädige Frau sich mit den lustigen Einfallen, die sie über die Mißgestalt ihres ehmaligen Liebhabers mechanischerweise ausschüttete, obgleich Elmickor sich aus allen Kräften bemühte, diese lustige Laune zu unterdrücken; allein das Unglück oder das Glück – wie man es nehmen will – führte plötzlich einen alten Bruder herbei, der weder Teufel noch Hölle glaubte und es also für ein verdienstliches Werk hielt, ihm und seinen Bundesgenossen einen losen Streich zu spielen. Er hatte oft mit Elmickors Gönnerin über diesen Punkt gestritten und ihre Leichtgläubigkeit bald bedauert, bald verspottet; sie war zwar weit entfernt, die wunderbaren Erscheinungen, mit welchen sie täglich unterhalten wurde, dem bösen Geiste zuzuschreiben; so weit waren sie beide eins; aber auch selbst die Ursache, die sie angab, wollte der Ungläubige nicht einräumen. Die Freundschaft wurde dadurch nicht wenig gestört, und er schwur bei Leib und Seele, keinen Schritt wieder in ihr Haus zu tun, solange sie sich von Elmickorn hintergehn ließ. Er hielt Wort; doch den nämlichen Abend hatte Bacchus seinen Eifer für die Wahrheit angeflammt, und ohne an seinen Schwur zu denken, kam er in der völligen Absicht, Elmickors Geister mit gewaffneter Hand in die Flucht zu schlagen und seinen Betrug sichtbar zu beweisen. Weil man einen so feindlichen Überfall im mindesten nicht befürchtete, so war aus allzu großer Sicherheit die Tür nicht wie sonst verschlossen; er trat wie ein Herkules, der Ungeheuer bekämpfen will, in das Zimmer hinein, ging auf den Schauspieler los, faßte ihn mit der äußersten Verwegenheit bei dem Kopfe und würde ihn gewiß mit seiner kriegerischen Faust umgebracht haben, wenn [dem] armen Bedrängten nicht ein Trieb von Selbsterhaltung die List eingegeben hätte, die Maske schnell loszubinden und sich mit der Flucht zu retten – oder riß ihm vielleicht eine Schutzgöttin die Bänder los, wie Venus dem Paris, daß dem ergrimmten Ajax der leere Helm in der Hand zurückblieb? Elmickorn wird die Fassung bei einem so plötzlichen Angriffe schwer werden! – Keineswegs! Anfangs konnte er sich wohl nicht enthalten, ein wenig zu erschrecken; aber bald sammelte er seinen Mut und traute sich, durch seine Künste doch diesen Gegner zu überwinden. Er hatte die Gewohnheit, vermittelst eines gewissen Pulvers, das er auf Kohlen streute, einen Dampf in dem Zimmer zu erregen, der in kurzer Zeit alle Sinnen benebelte und nur so viel Bewußtsein übrigließ, als hinreichend war, die sichtbaren Gegenstände zu unterscheiden. Er verstärkte also schnell die Dosis; doch ehe sie noch ihre Wirkung tun konnte, hatte ihn der grimmige Mann schon bei dem Kragen gefaßt, um ihn – was weiß ich, was er tun wollte? Bei einer solchen Nähe der Gefahr hielt es Elmickor für das Beste, dem Beispiele meines Helden zu folgen: Er riß sich los und entwischte. Die betrogne Dame hatte indessen das ganze Scharmützel nur wie im Traume gesehn, so sehr war sie von dem Dampfe berauscht; sie wollte aufspringen, um ihren Bruder abzuhalten, aber sie konnte nicht. Er faßte sie also auf und führte sie an die frische Luft, die ihr ihre Sinnen bald wieder verschaffte. Sie sah sich mit Erstaunen in ihres Bruders Armen und hatte beinahe Lust, über sein Verfahren ungehalten zu sein; er demonstrierte ihr aber sehr bündig, wieviele Verdienste er sich durch diese rasche Tat um ihre Ehre und ihren Menschenverstand erworben habe. Sie schwieg zwar, aber sie war doch zween Tage lang nicht überzeugt, daß Elmickor ein Betrieger sei, und hätte herzlich gern gesehn, wenn sie ihren Bruder von dem Gegenteile hätte überführen können. Sie stritt mit allen Waffen des Geistersystems, das sie ihr Liebling gelehrt hatte, wider ihn; doch ohne sich in dergleichen spitzfündige Untersuchungen einzulassen, beharrte der Halsstarrige auf seiner Meinung und lauerte nur auf eine Gelegenheit, sie durch den Augenschein von dem zu überzeugen, was er durch keine Gründe beweisen konnte. Man wird sich vermutlich einbilden, daß mein Held sich so weit gerettet habe, als ihn seine Füße tragen wollten? – Viel gefehlt! Nicht eine Handbreit weiter kroch er, als bis in das Behältnis in der Mauer, wo er die vorhergehende Nacht und den Tag über versteckt gewesen war. Hier setzte er sich ruhig nieder; doch Elmickor lief in vollem Galoppe zu seinen Mitbrüdern in der Höhle. 6. Wenn jemand ein vollständiges Gedankenregister von jeder langwierigen Gefangenschaft solcher Leute besäße, die sich für Philosophen ausgaben, so könnte er mathematisch berechnen, wie viele Grade, Minuten und Tertien mein Philosoph mehr Philosoph ist als sie alle. In einem engen Schranke, wo nur eine Stellung des Körpers Platz hatte, in der beständigen Besorgnis, herausgezogen und für die Betriegereien, wobei er ein Werkzeug gewesen war, nach der Strenge bestraft zu werden, ohne die geringste Aussicht, unbemerkt zu entfliehn, in der Notwendigkeit, hier ruhig zu verhungern oder herauszugehn und sich einer vermutlich nicht allzu günstigen Aufnahme auszusetzen – gewiß, eine Situation, die zum Probiersteine der Philosophie dienen konnte! Die seinige hielt die Probe zween ganze Tage und Nächte aus; zugleich hatte er Muße und Gelegenheit, sie ansehnlich zu vermehren. Er tat es auch wirklich. Ich bin in jedem Zustande glücklich! –war allemal der Anfang seiner Selbstbetrachtungen. – Mein Glück ist in mir; gleichwohl hungert mich ganz verzweifelt. Da ich satt war, befand ich mich wahrhaftig besser. –Ja, der Körper ist unser ganzes Unglück; man bliebe ohne alle unangenehme Empfindung, wenn er nicht wäre. – Man muß sich von ihm losreißen! Weiter ist nichts zu tun. – Man muß allen Empfindungen den Eingang verstopfen und bloß in sich glücklich sein, und alsdann kann man es auch in jedem Zustande sein. Wieviel besser wäre es itzt für mich, wenn ich diese elende Hülse abstreifen könnte! Aber das geht nicht! – So muß ich mich wider die Empfindung des Körpers stemmen, und der Hunger soll mich doch nicht verhindern, in allen Umständen glücklich zu sein. Sein philosophischer Stolz hätte ihn eher auf der Stelle verhungern lassen, als verstattet, daß er eine bei sich festgesetzte Meinung aufgab. – Man weiß es schon: Philosophen sind sich gemeiniglich untrüglich, und wie könnten sie sich in diesem süßen Gefühle erhalten, wenn sie eine ihrer Meinungen durch die Erfahrung wollten widerlegen lassen? Den zweiten Tag fiel es schon etwas schwerer, sich wider die körperlichen Empfindungen zu stemmen. Das war eine traurige Bedrängnis für den Stolz – oder vielmehr für eine Meinung, die unvermerkt die Rechte eines Vorurteils an sich gerissen hatte. Alles Übel kömmt von der Materie, das ist ganz sicher; wenn wir ganz Geist wären – ach, was für eine gute Sache! – Zwar dieses Losreißen vom Körper läßt sich nicht auf einmal tun; es gehört Übung dazu. Itzt da ich noch gleichsam in der Lehre stehe, itzt kann man mir es nicht übelnehmen, wenn ich dem Körper nachgebe! – Es wird sich schon mehr Gelegenheit in meinem Leben finden, es mit der Losreißung vom Körper zur Vollkommenheit zu bringen. – Ich gehe hinaus und sehe, wo ich meinen Hunger stille. Er ging. Furcht und sein geliebter Grundsatz zogen zwar den Fuß etwas bedenklich zurück; aber der Witz, diese allgemeine Mittelsperson bei einer Uneinigkeit im Kopfe oder im Herzen, trat zwischen beide. »Ihr wunderlichen Geschöpfe!« rief er, »seht ihr denn nicht, daß Tobias Knaut, wenn er aus diesem Loche geht, viel mehr philosophische Standhaftigkeit beweisen kann, als wenn er hier verhungert? Und die Gelegenheit zu Beweisung größrer Tugend ist doch wohl den geringern vorzuziehn? – Er muß gehn, um zu zeigen, daß er Philosoph genug ist, allen Gefahren und Beschwerlichkeiten zu trotzen!« – Er ging. Im Finstern und bei völliger Unbekanntschaft mit den Gelegenheiten des Hauses, ging er durch die erste beste Tür, die er offen fand, über einen Saal hinweg und trat – in die Stube der gnädigen Frau, die eben auf dem Kanapee bei einem Wachslichte ein Trebillanisches Geschichtchen las. Da dieses ihre geheime Lektüre war, die sie sogleich verbarg, wenn sie eine Mannsperson dabei überraschte, so steckte sie augenblicklich, als sie jemanden hereintreten hörte, aus einer mechanischen Furcht das Buch unter die Küssen des Kanapees, sah sich nach dem Ankommenden um und – wie erschrak sie! Gewiß, sie glaubte einen bösen Geist zu sehn, den die Göttin der weiblichen Schamhaftigkeit abgeschickt habe, sie für ihre Lektüre zu bestrafen; gleichwohl war sie sich bewußt, daß sie alles getan hatte, was die Scham verlangt – sie hatte es niemanden gewahr werden lassen, daß sie solche Bücher las. Diese Besorgnis wurde endlich ganz niedergeschlagen, als der vermeinte Geist seinen Mund öffnete und um Nahrung bat. Da sie einmal merkte, daß es ein Sterblicher war, so ward sie über seine ungeheure Sünde wider die Etikette unwillig und verwies es ihm ernstlich, daß er mit der unverzeihlichsten Verwegenheit sie in ihrem Zimmer überfallen habe. Nachdem sie aber das Geständnis von seinen Geschäften in ihrem Hause und seiner verdrießlichen Situation diese zween Tage über angehört hatte und also sahe, daß bei einem solchen Einbruche für ihre Ehre nichts zu besorgen war, so fing sie an über den Vorfall zu lachen, besonders da sie die sonderbaren Wendungen seiner Beredsamkeit bemerkte, und versprach ihm eine reichliche Entschädigung der ausgestandenen Drangseligkeiten. Aus seinen Reden und seinem Betragen konnte sie nichts anders schließen, als daß er ein sonderbares Original von Philosophen sei, das wohl ein paar Tage Essen verdiene, um sich über seine Eigenheiten lustig zu machen, insonderheit da er zu der duldenden Art gehörte und also vermuten ließ, daß er Spott und Lachen nicht sonderlich übelnehmen würde. Sie hätte ihn gern vor ihrem Bruder verborgen, weil er ein redender Beweis war, daß er Recht hatte, als er sie beschuldigte, daß sie sich hintergehen ließ; aber die Unterredung mit ihm hatte kaum eine Viertelstunde gedauert, als der Herr Bruder hereintrat und mit Verwundrung eine halbmaskierte Figur neben seiner Schwester erblickte. »Hast du schon wieder Geister um dich?« fragte er. »Ja«, antwortete sie lachend, »aber einen sehr körperlichen Geist, der Essen und Trinken zur höchsten Not braucht!« Sie erzählte ihm hierauf die Geschichte, wie sie dieselbe kurz vorher aus dem Munde ihres Gastes gehört hatte, und konnte die Erzählung kaum in ordentlichem Gange erhalten, so oft wurde sie durch den lauten Triumph ihres Bruders über ihre bewiesne Leichtgläubigkeit unterbrochen. Sie gab ihm dabei zu verstehen, daß allem Ansehen nach dies ein vortreffliches Subjekt zu einem Souffre-douleur sein müsse, woran er ebenfalls gleich gedacht hatte, als er von ihr hörte qu'il donnait furieusement dans le philosophe – denn ihrem Stande gemäß sprachen sie französisch und ließen sich nur zum Deutschen herunter, wenn sie ein armes unfranzösisches Geschöpf zum besten zu haben geruhten. Es gibt eine Gattung von Menschen – meine Leser insgesamt werden ihrer eine Menge kennen –, bei denen die Empfindung des Vergnügens auf den einzigen Fall eingeschränkt ist, wenn sie einen armen Unschuldigen zum Ziele hinstellen können, um die ausgelassensten Spöttereien darauf abzuschießen. Am süßesten schmeckt ihnen eine solche Lustbarkeit, wenn sie einen Mann dazu haschen, den sie durch verschiedene sichtbare Vorzüge über sich erhaben fühlten und wegen seiner Bescheidenheit oder eines Mangels am lebhaften schnellem Witze, durch ihren Spott unter sich erniedrigen. Wie furchtsame schwache Kreaturen, die im Finstern pfeifen und lärmen und hernach sich selbst überreden, daß sie herzhaft sind, ob es gleich aus wahrer Feigheit geschah, um die Gedanken an Gespenster und den Teufel in ihrem Kopfe zu zerstreuen, so wollen jene plumpen Spötter durch ihren unverschämten Witz das Bewußtsein ihrer Inferiorität verscheuchen. Wo auch dieses nicht stattfindet, so ist es doch allzeit der Stolz, der solche Komödien spielet; sein Wunsch ist, andre verachten zu können, und er ist schon befriedigt, wenn er nur andre eine Zeitlang von einer Seite denken kann, die sie erniedrigt, wenn er gleich weiß, daß alle fehlerhafte verächtliche Züge daran seine Erdichtung sind. Wie oft habe ich dergleichen Elende bemitleidet, die sich obendrein noch zu der Ehre drangen, jedem stumpfen Witze in einer Gesellschaft zum Wetzsteine zu dienen! Mich deucht, um die Ehre oder das Vergnügen auf diesem Wege zu suchen, muß man ohne Empfindung von Ehre und im letztern Falle ein bettelarmer Kopf sein. Der Herr von a × b war ein lebendiger Beweis, daß meine Anmerkung Recht hat. War er auch gerade nicht der dürftigste Kopf in seinem Himmelsstriche – denn es waren wirklich verschiedene Kenntnisse zufälligerweise in sein Gehirn geflogen –, so war er es doch wenigstens von einer gewissen Seite. Wenn die Natur die Teilchen eines Menschengehirns so ordnet, daß es einen beständigen Kitzel fühlt, witzige muntre Einfalle hervorzubringen, und eine Lebhaftigkeit hinzutut, die diesen Kitzel immer unterhält und bestärkt, so können, wenn das Schicksal will, unschätzbare Menschen daraus werden, deren wohltätige Laune den ganzen Zirkel ihrer trüben Freunde und Bekannten aufheitert; aber wenn das Schicksal so tückisch ist, in einen solchen Kopf wenige oder nichts als konterbande Ideen und in schlechten Verbindungen kommen zu lassen, dann entsteht ein Insekt, deren ein kleiner Trupp von einem Dutzend den halsstarrigen König Pharao eher mürbe gemacht hätten als Läuse, Blattern, Heuschrecken und die übrigen ägyptischen Landplagen. Ich kann es nicht leugnen, der Herr von a × b befand sich unter diesem Fluche des Schicksals. Vergnügen, Freude, Munterkeit, Lebhaftigkeit und tausend andre Annehmlichkeiten des männlichen und weiblichen Geschlechts hätten einen Kreis von Gesellschaftern um ihn machen können, als sie Jupiter an seinem fröhlichsten Feste kaum gehabt haben mag – er wäre unbewegt geblieben – es hätte denn jemand durchgezogen werden müssen. Sobald er aber eine Kreatur erwischte, deren Geduld mit einem Panzer wider die ärgsten Turlepinaden versehn war, dann lebte er in seinem Elemente, dann war er der fröhlichste Mann unter der Sonne; mit welchem innigen Vergnügen mußte er also unsern Philosophen erblicken, besonders da er zu einem Stande gehörte, den er, ohne ihn zu kennen, zu verachten Herz genug hatte. Seine einzige Kenntnis war die Ökonomie oder vielmehr ein studiertes System des Eigennutzes; was nicht unmittelbar mit diesem zusammenhing, gehörte nicht in seinen Plan eines vollkommnen Staates. Welche Wissenschaft mußte also nicht von ihm aus der Zahl der brauchbaren Dinge in dieser Welt ausgeschlossen werden? – Er schloß sie auch wirklich davon aus, und seine platonische Republik war eine solche, wo alle Müßiggänger, unter welchen er den Gelehrten den ersten Platz anwies, mit einem Joche am Halse den Pflug ziehen müssen, keinen Verstand haben, der nicht zu geschickter Bestellung ihrer Handarbeiten unentbehrlich ist, und unter täglicher Plackerei vom Morgen bis zum Abend ihr Leben dürftig hinschleppen – sollte ein solcher Staat seine höchste Vollkommenheit erreichen, so müßte er der unumschränkte Beherrscher aller dieser Lasttiere sein, so müßten diese sich plagen und darben, damit er seine Tafel bis zum Überflusse besetzen, Armeen von Hunden und Bedienten halten und jede Stunde im Jahre mit neuen und schönern Pferden prangen könnte. Außerdem kam noch ein gewisser kleiner Stolz, ein kaltblütiger Neid hinzu, der keine Art von Größe über sich dulden und nichts bewundern sehen konnte, das außer seiner Sphäre lag. Wie ein indischer König, der sich unter seinem Strohdache mächtig genug dünkt, allen Monarchen des Erdbodens täglich zweimal die Erlaubnis zu erteilen, wenn sie essen sollen, lebte er in seinem Winkel und glaubte sich bei dem Kommando über eine Handvoll elender Fronarbeiter groß genug, um alle Musen und Grazien wie seine Grasemägde zu behandeln. Armer Knaut! bei einem solchen Manne wirst du alle Kräfte deines Stoizismus nötig haben! 7. Was für ein herrliches Fest mußte sich der neue Mäzenat meines Helden für seine Spottsucht versprechen, da er sich ihn von seiner Schwester ausbat, ohne daß er ihn länger als zwo Stunden probiert hatte! Sie trat ihr Recht auf ihn ungern ab, weil er von ihr schon zu einem andern Endzwecke bestimmt war; doch geschah es, und der Arme diente seinem Patrone gerade dazu, was ein Mohr oder eine andre ausländische Figur in dem Gefolge eines großen Herrn ist. – »Obgleich Gelehrte, Philosophen, Poeten und dergleichen Müßiggänger«, sagte der Herr von a × b, »ein höchst unnützer Plunder in der Welt sind, so kann ich sie doch ganz wohl leiden, wenn ich aufgeräumt bin; sie sagen und tun so närrisches Zeug, daß mir meine große Docke nicht so viel zu lachen machen kann. Ich will das schnakische Geschöpf eine Zeitlang bei mir füttern, da ohnehin meine ganze Nachbarschaft verreist ist; so habe ich ihnen doch etwas von seinen lächerlichen Bocksprüngen zu erzählen, wenn sie wiederkommen.« – Dies war die Bestallung des Philosophen, der seine eigentliche Bestimmung in diesem neuen Posten nicht wußte und darum sehr verwundert war, als man so viele Anstalten machte, ihn mit dem Anzuge und andern Dingen zu versorgen, die er brauchte, um mit Anstande in der Gesellschaft seines Patrons zu erscheinen. Anfangs hatte sich dieser vorgenommen, ihm eine Kleidung zu geben, die durch ihre Lächerlichkeit ihn vor den übrigen Mitgliedern seines Hofstaates auszeichnete und jedermann sogleich seinen Hofnarren darinne vermuten ließ; allein nachdem er manche lustige Stunde auf die Erfindung derselben verwandt hatte und eine possierliche Idee die andre in seinem Kopfe jagte, auch schon wirklich ein Riß dazu fertig war, der ein Original in seiner Art heißen konnte, so ließ er plötzlich den ganzen Gedanken fahren, weil er besorgte, daß seine Schwester, die sich die Miene einer Liebhaberin der Philosophie gab, es als eine Erniedrigung derselben übel aufnehmen könnte. Knaut war in eine neue Welt geraten; obgleich die Herrlichkeiten, von denen er sich täglich umgeben sah, nichts weniger als die glänzendsten waren, so hatten sie doch für seine Augen und seine Empfindung so viel Neues und Auffallendes, daß seine Vorstellung davon dem Staate des großen Moguls das Gleichgewicht hielt. Zum ersten Male in seinem Leben wanderte er von einem Feste zum andern, von einer Gasterei zur andern, sahe wo nicht schöne, doch wenigstens geputzte Damen, gaukelnde artige Herrchen, alt und jung voller Komplimente, voller Lachen und Munterkeit – sahe alles dieses wie im Traume und konnte nichts mitmachen. In seinem Taumel bemerkte er gar nicht, daß er sehr oft die bewegende Ursache war, wenn man lachte, und daß man für die Gelegenheiten, die er ihrer Lunge so vielfältig dazu gab, ihn undankbar mit der schnödesten Verachtung belohnte. Seine Eigenliebe, die durch Selmanns Begegnung aufgeweckt und gepflegt worden war, regte sich zwar zuweilen dawider, aber so leise, daß er unter den mannigfaltigen Zerstreuungen der Sinne nicht sonderlich darauf achtete; die meiste Zeit über wurde sie in den Wirbel selbst mit hingerissen. Alle Philosophie konnte sie nicht hindern, daß sie sich nicht durch die tägliche Gesellschaft solcher Personen geschmeichelt fand, die sich eine gewisse Größe anmaßten und sie durch das Abgemeßne in ihrem Betragen gegeneinander zu erkennen gaben. Diese Trunkenheit verlor sich allmählich, er fühlte von Tage zu Tage mehr Unbehagliches mitten unter den Freuden dieser fröhlichen Gesellschaften, seine Eigenliebe klagte immer lauter über die Verachtung, mit welcher man ihm begegnete; wenn gelacht wurde, so fühlte er einen Stich im Herze und dachte dabei, daß es auf seine Unkosten geschehe; und die Augen gingen ihm endlich so weit auf, daß er seine ganze gegenwärtige Bestimmung einsah, sich in einer Erniedrigung erblickte, wider welche alle seine Kaltblütigkeit nicht aushalten konnte, daß er verdrießlich und sich selbst gram ward. Dabei wurden die unruhigen widrigen Empfindungen seines gegenwärtigen Zustandes von einem Gefühle von Vergnügen durchkreuzt, das ihm die umgebenden Lustbarkeiten, die vollen Tafeln, die leckerhaften Speisen und die lachenden Gesichter aufdrangen, und dies erhöhte den Geschmack des Bittern, wie ein Stückchen Zucker, der mit einer großen Menge Galle genossen wird. Seinen innerlichen Streit noch hitziger zu machen, kam der oberste Grundsatz seiner Philosophie, den er bisher so gut als vergessen hatte, öfters zum Vorschein, spazierte stolz in dem Gehirne auf und nieder und tat so trotzig, als wenn er den ganzen Knaut herausfodern wollte. Wirklich war es auch sehr schwer, zwischen ihm und den vorhandnen unangenehmen Empfindungen eine Vereinigung zu stiften. Es ging so weit, daß sich der Philosoph eines Tages, wo der Spott zu unverschämt auf seiner Geduld herumgetanzt hatte, höchst unmutig in die Einsamkeit in ein kleines Büschchen nicht weit vom Hause begab, sich auf die Erde niederwarf und von seinen Gedanken hinreißen ließ, wohin sie wollten. Ich bin in allen Umständen glücklich; mein Glück ist in mir – das ist wahr; denn außer mir habe ich itzt wenig. Verachtung, Spott ist mein tägliches Leben; jedermann ist fröhlich, ich kann es nicht sein; jedermann lacht – und allzeit über mich. Jedes meiner Worte wird verdreht, das beste, was ich zu sagen weiß, lächerlich gemacht; meine Geduld selbst muß zum Gespötte dienen. – Meine Maschine ist zwar reichlich versorgt; ich leide niemals Not – aber ist mir nicht jeder Bissen bitter? – Ich muß dieses Wohlsein durch meine Schande erkaufen. – Es ist zwar alles herrlich und fröhlich um mich – was hilft mir das, wenn ich es nicht auch sein kann? wenn ich verachtet dahintenstehn und warten muß, bis man mich hervorruft, um über mich sich lustig zu machen? – Ja, wenn ich Besitzer dieser Möbeln; dieser Häuser, dieser Gärten, dieser – was weiß ich weiter? – wäre! Wäre ich dann nicht glücklicher? so glücklich wie alle diese, die es itzt weit mehr als ich sind? – Also bin ich nicht in – – allen Umständen glücklich – sollte es heißen; doch ehe er diese Blasphemie wider seine Philosophie ausdenken konnte, sank ihm der Kopf nieder, seine Gedanken verschwanden, und er lag da und schlief. – Du guter Tröster, Schlaf! zu keiner Zeit hättest du deine Vermittelung gelegner anbieten können. Eine von Geburt an philosophische Seele zu einer solchen Verzweiflung bringen, daß sie im Begriffe war, ihre Grundsätze für falsch zu erklären, dazu gehörte gewiß nicht wenig! – Die Sache ist: Solange Augen und Ohren und alle fünf Sinne nichts als gleich dürftige Dinge wie wir um uns sehen und hören, schmecken, riechen und fühlen, solange nur Muschelschalen unser höchstes Gut sind, so schläft die Begierde, und wenn wir ein bißchen philosophischen Schwung im Kopfe haben, so dünken wir uns in diesen und andern Umständen gleich glücklich; sobald aber Glaskorallen unsre Augen blenden, so ist es schon um die Hälfte unsrer Ruhe geschehn; jener schlafende Tiger fährt aus seinem Schlummer auf und verschlingt sie oft auf einmal. – Wie gut läßt sich's in einem Winkel Philosoph sein, wo kein größeres Glück neidisch macht; denn – man sage mir für das Gegenteil, was man will! – die Menschen gleichen insgesamt mehr oder weniger den Hunden in der Fabel: Solange Phylax keinen größern Knochen besitzt als Keeper, so sind sie Herzensfreunde, und dieser ist es schon weniger, wenn jener eine Unze mehr an dem seinigen hat, und wenn der ärmere recht großmütig sein will, so läßt er es, ohne äußerlichen Bruch, bei dem Knurren bewenden. Alle, auch die philosophischsten Philosophen biete ich auf, ob sie nicht bei der Freude, dem Vergnügen, dem Lachen, der Fröhlichkeit und der äußerlichen Glückseligkeit andrer etwas empfanden – Neid möchte ich es nicht nennen! –, etwas dem Neide Ähnliches empfanden. – Tausend werden meine Frage höchst unverschämt finden, und von solchen verlange ich auch keine Antwort. Inzwischen werden doch einige aufrichtig genug sein, zu gestehn, daß ihnen der Anblick fröhlicher Gesichter zuwider war, wenn sie nicht auch ein fröhliches mitmachen konnten; denn darauf kam es ihnen gewiß nicht an, wie uns manche bereden wollen, daß diese Gesichter durch geringfügige Ursachen, durch ein blendend Nichts in solche freudige Bewegungen gesetzt wurden; wenn sie ganz Menschenfreunde, ganz ohne Neid sein wollten, so galt ihnen die Ursache der Freude gleich – genug, sie mußten zufrieden sein, daß andre Menschen fröhlich und folglich in dem Augenblicke glücklich waren – eine Empfindung, die immer eins bleibt: Ob sie ein Federlein, ob sie ein Stern erweckt! Aber weit gefehlt! Die guten Leute nahmen es übel, daß andre um sie lachten, weil sie nicht auch lachen konnten. Um aber doch boshafte Spötter diese geheimen Kabinettsursachen nicht erraten zu lassen oder den Ruhm ihrer Weisheit in Gefahr zu setzen, nahmen sie den gravitätischen Ton eines Lehrers an und wollten die Welt bereden, daß ihre Freude Torheit, niedrige, Menschen unanständige Tändelei sei, aber man tändelte fort, und ihrer Predigt zu gefallen, war kein einziges saures Gesicht mehr auf der Erde als vorher. Die Natur hat einem jeden Menschen ein eignes Gesicht, eine eigne Freude und eigne Glückseligkeit bestimmt, und diese verschiedenen Glückseligkeiten sehen einander nur insofern ähnlich wie die Menschengesichter. Wie könnte dies auch anders sein? Unsre Vergnügen, unsre Freuden hängen von unsern Ideen und ihren Verbindungen ab; da diese in jedem Kopfe verschieden sind, so müssen auch jene in jedem Herze anders sein. Warum sollte ich, wäre ich auch der achte Weise Griechenlandes, unwillig darüber sein, wenn mein Nachbar eine Wollust darinne fände, mit bloßen Füßen mutwillig im Kote herumzuhüpfen? Oder ihm keifend zuschreien, daß er sich über eine läppische Kinderei freute? – Er hüpfe und lache! Freilich wäre es seiner würdiger, wenn neue Entdeckungen von den Wundern, der Natur sein Vergnügen erweckt hätten, allein sein Auge reicht nun nicht bis zu jenen; Natur, Schicksal und alles hat sich nun vereinigt, um ihm diesen schmutzigen Tanz wie ein ergötzendes Schauspiel als den Tanz der Sphären abzubilden; nehme ich ihm diese Vorstellung, so nehme ich ihm seine Freude, sein Glück. Sie, Herr Philosoph, mögen insgeheim allenfalls darüber lächeln, daß die Natur aus einer so seltsamen Masse dem Menschen sein Glück zuzubereiten weiß; Sie mögen sich sogar stolz das Kinn streichen, daß sie zu dem Ihrigen einen bessern Stoff nahm – Sie haben Ursache dazu; – aber wenn Sie mir den Mann anfahren oder auf ihn schmälen, so gebe ich Ihnen auf den Kopf schuld, daß Sie ihn um seine Lust beneiden und gern ein Tänzchen mithielten, wenn nur der verzweifelte Philosophenbart nicht einen so lächerlichen Kontrast machte. Es ist wahr, ein Mann, der nur mit großen, wichtigen, ernsten Gegenständen sympathisiert, kann unmöglich eine so lebhafte Freude über die Sprünge eines Schoßhundes empfinden als Frau von A, Madam B, Fräulein C, der junge Herr von D, Mamsell E, und wie diese Leutchen weiter heißen mögen – er soll auch nicht; aber sosehr er es den Otahiten vergibt, daß ihre Freude an eine Glaskoralle geknüpft ist, so dulde er es auch, daß eine Reihe von unwidertreiblichen Ursachen jener ihres an ein Tier, an einen Halsschmuck, an einen funkelnden Stein oder so etwas band. – Die Natur hat das verächtlichste Stückchen Materie zur Nahrung eines unvernünftigen Geschöpfes und ebenso das verächtlichste Ding zur Nahrung des Vergnügens für ein sogenanntes vernünftiges Geschöpf angewandt; kann der Weise eins von demselben auf eine höhere Stufe eines edleren Vergnügens erheben – wohlan! Er erwirbt sich ein Verdienst. Wenn der Schulweise von jeder Art und alle ernsthafte Leute, deren Voreltern seit dem ersten deutschen Kaiser über keinen Scherz gelacht haben, mit Verachtung und Schmähen wider diejenigen zu Felde ziehn, die sich an Gemälden der Einbildungskraft, an abgemeßnen Silben und muntren launichten Einfallen ergötzen können, so wäre es wohl der Mühe wert, sie auf das Gewissen zu fragen, warum sie das tun? – Wahrhaftig – unter uns gesagt – sie beneiden diese Leute um ihre Fröhlichkeit, besonders deswegen, daß das innere Glück dieser sinnlichen Menschen eine so lächelnde Miene und das ihrige eine so essigsaure hat. Steigt aber dieser Neid bis zur Unduldsamkeit empor, so ist Telemachs Partie zu ergreifen, als ihn die Liebe berückt hatte – er fliehe von Menschen, deren Glückseligkeit mit der seinigen so ungleichartig ist! Ein Etwas, das ich meinem eingeschlafnen Philosophen raten wollte! Seine Begierden und also auch sein Neid sind in ihm in Bewegung gebracht worden; die Art von Glückseligkeit, die man um ihn herum genießt und über die er murrt, ist offenbar nicht die seinige, nicht die für ihn bestimmte; will er wahrhaftig Philosoph sein, so gehe er ohne zu brummen, bis er Menschen findet, deren Freude mit der seinigen auf einem Grunde und Boden wächst – oder er wird gewiß das Unglück erleben, seinen Grundsätzen untreu zu werden. 8. Der Himmel hat ihm geholfen: Er wird ihnen treu bleiben . Er schlief ununterbrochen bis zum Anbruche des Tages, und niemand im Hause vermißte ihn, weil man eben einen andern Weg ausgefunden hatte, um, ohne seiner zu spotten, auf die Jagd des Vergnügens auszugehn. Der Schlaf hatte alle innerliche Stürme besänftigt, und an seinem ganzen Horizonte war heitres Wetter, als er aufwachte. Seine ersten Gedanken gerieten zwar gleich wieder auf den Fleck zurück, wo er sie gestern abends zurückgelassen hatte; aber itzt war es eine ganz andre Sache! Kein einziger hatte die Begleitung von Bitterkeit, Ärgerlichkeit, Unwillen, Mißvergnügen wie abends vorher hinter sich. Es könnte scheinen, als wenn ich itzt nicht so glücklich wäre als in jeden andern Umständen, fing er an – warum denn aber nicht? – Man spottet meiner? Dadurch werde ich nicht schlimmer; ich bleibe, wer ich bin. Sie mögen es verantworten, daß sie ein so elendes Vergnügen wählen. – Zudem – Hier schwieg er. Alle Kräfte seiner Seele und seines Leibes arbeiteten, in verschiedenen Parteien, ihm eine Entschließung abzuzwingen; alle hatten zum Endzwecke, ihn wieder glücklich zu machen. Genieße das Gegenwärtige! – so stieg eine Ermahnungsrede aus dem Magen auf – bedenke, daß jedes Glück dieser Welt kein reines Metall ohne schlechteren Zusatz ist; ein Weiser genießt die Substanz seines gegenwärtigen Glückes und wirft die bittre Schale weg. – Kann ich nicht so in allen Umständen glücklich sein? Ich genieße jederzeit das gegenwärtige Gute und das darunter gemischte Böse – ertrage ich. Es ist doch auch eine Glückseligkeit, an nichts Mangel leiden und alles fröhlich um sich zu sehn, ob man es gleich nicht auch sein kann. – Mein Glück soll zwar nur in mir sein und nichts weniger als von äußerlichen Dingen abhängen; aber – hier stotterte er – aber, fiel der Witz ins Wort, wenn man zugeworfne äußerliche Glückseligkeiten annimmt, so hält man sie deswegen nicht für wahres Glück, sondern man bildet sie sich nur auf eine Zeitlang als Glück ein; und so bleibt das Glück immer bloß in uns; unsre Vorstellung ist unser Glück. Nachdem diese Vereinigung der gegenwärtigen Umstände mit seinen ehmaligen Grundsätzen gestiftet war, so blieb nichts mehr übrig, als daß er in das Haus zurückging und den Genuß der Dinge antrat, denen er auf einige Zeit das Prädikat als Glück beilegen wollte. Er genoß sie, und in kurzem ruhiger und zufriedner als vorher. Die Veränderlichkeit menschlicher Seelen hatte bei seinem Patrone und seiner Gesellschaft einen Überdruß an den Spöttereien über seine Person hervorgebracht, daß sie lieber kein Vergnügen, als dieses länger schmecken wollten; wie der gemeine Pöbel, wenn er des Harlekins satt ist, zum Taschenspieler läuft, so ließ jedermann den Philosophen ruhig leben und weben, wie und wo er wollte, ohne mit einem Blicke bei ihm zu verweilen; und folglich hatte sein Dasein in der Familie keinen Nutzen mehr; seine Bestimmung hörte auf. Doch gönnte man ihm mehr aus Vergessenheit, als aus Freigebigkeit oder Erkenntlichkeit für die geleisteten Dienste, gleich einem ausgedienten Hausrate, einen Platz im Hause und am Tische. Ein kluger Steuermann denkt bei der heitersten Stille an künftigen Sturm, und Eulenspiegel nimmt bei dem schönsten Sonnenscheine den Regenmantel um; wäre diese Weltklugheit meinem Helden bekannt gewesen, so hätte ihm seine Ruhe fürchterlich geschienen. Wirklich war sie auch seiner Philosophie gefährlich. Er wich, ohne es zu wissen, täglich etliche Zolle mehr von seinen Grundsätzen ab und war in Gefahr, sie beinahe ganz aus dem Gesichte zu verlieren. Überfluß, Gastereien, Lustbarkeiten, Bequemlichkeiten waren ihm itzt teils nicht verwerflich, teils zu duldende und endlich gar ganz gute Dinge dieser Welt; sein Auge gewöhnte sich an fröhliche lachende Mienen, und sowenig die Muskeln seines Gesichts imstande waren, die Reihe mitzuhalten, so fand er doch nichts dawider einzuwenden; ja, er ging so weit, daß er schon auf ein System sann, worinne seine Prinzipien zum Grunde gelegt – das mußte nach allen Regeln der Eigenliebe sein! – und die Lebensart, die er täglich um sich sah, als ein Ingredienz zur Glückseligkeit daraus gefolgert wurde. Ein schweres Unternehmen, die Philosophie des H. von a × b mit seiner zusammenzuschmelzen! Aber was für Wunder kann menschlicher Witz nicht tun, wenn es darauf ankömmt, Umstände, in denen wir uns wohlbefinden , mit unsern Grundsätzen übereinstimmend zu machen! Ist unsre Tugend und Rechtschaffenheit gleich von catonischem Stoffe, in kurzem weiß jener Sophiste doch besser als ein Alchimist, die Schlacken des Epikureismus zu einem so edlen Metalle zu erhöhen, daß er neben unsrer stoischen Tugend nicht sonderlich absticht. Der Mensch lebt in einer beständigen Ebbe und Flut von Meinungen, die durch den Druck seiner Umstände, wie die See vom Monde, regiert werden. Ich bin ein Feind aller falschen Anmaßung und nehme daher den starrköpfigsten Mann mit dem festesten Charakter nicht von dieser Regel aus. – Ein Weiser muß feste Maximen haben, von denen er nie abweicht, sagt mancher moralische Gesetzgeber und dünkt sich es zu tun; aber wie tut er's? – wie ökonomische Frauenzimmer, die immer dasselbe Kleid behalten und ihm bei jeder Veränderung der Mode einen neuen Schnitt geben lassen – der nämliche Stoff bleibt, aber die veränderte Form! – es ist nicht mehr dasselbe Kleid. 9. Haben wir es einmal so weit gebracht, daß wir die Gesellschaft, die uns umgibt, ihre Sitten und Lebensart nicht mißbilligen, so ist nur noch ein herzhafter Sprung übrig – und sie gefällt uns! Wir schmiegen uns unvermerkt unter die Denkungsart der ihrigen, und wenn ja Gelegenheiten vorkommen, wo sie von der unsrigen wie Himmel und Erde entfernt ist, so suchen wir den innerlichen Aufruhr dawider zu besänftigen, bis gar keiner mehr entsteht. Mein Philosoph konnte die Meinungen und Grundsätze seines Patrons schon so gut verdauen, daß er alsdann, wenn ihm ihr Geschmack zu widrig war, schwieg und, wenn er mit Gewalt zum Beifalle aufgefodert wurde, wirklich wider sein Gewissen gestund, daß sie ihm vortrefflich schmeckten; doch fehlte es ihm deswegen nicht ganz an Standhaftigkeit. Der Herr von a × b besaß außer seinen ökonomischen Kenntnissen eine, die ich oben in dem Register seiner Eigenschaften unberührt gelassen habe. Er hatte des ehrwürdigen Herrn Massialot Cuisinier royal et bourgeois so vollkommen studiert, daß seinem Gedächtnisse nicht eine einzige Art fehlte, wie rote Rüben für den Gaumen schmackbar gemacht werden können, er konnte trotz dem ausgelerntesten Maître d'hôtel eine Tafel servieren, Servietten brechen, daß man über seine Erfindungskraft erstaunen mußte; er wußte das kleinste Ingredienz, das zu einem Gerichte erfodert wird, und sein Geschmack hatte sich so übermäßig verfeinert, daß er es bei dem ersten Bissen gleich schmeckte, wenn es darinne fehlte. Durch unermüdetes Nachsinnen hatte er sogar seinen Lehrmeister überholt und ein Supplement von vierundneunzig Suppen, hundertundzwei Arten Gebacknes und eine unzählige Menge andrer Kunstwerke für die Küche ausgesonnen, deren Namen für einen Gelehrten so fremd sind als diesem spekulativischen Kopfe das barbara celerant. Da sein Studium hierinne bestund, so mußte sein Gespräch den Stoff aus dem nämlichen Fache der menschlichen Wissenschaften holen und seine Grundsätze die Grundsätze seines Lehrmeisters sein, que le plaisir de la table est de toutes les nations et de tout homme, und wie sie weiter heißen mögen. Er hegte auch die gute Hoffnung, daß die Politur, die das übrige Deutschland itzt zierte, bald in seine Gegend durchdringen und man in allen benachbarten Häusern im besten Geschmacke zu essen geben würde, wo damals noch eine so unerträgliche Barbarei herrschte, daß ein Mann von Geschmack und Wissenschaft nicht ein Mittagsmahl einnehmen konnte, ohne sich durch seinen Unwillen über das viele Anstößige auf acht Tage lang den Appetit zu verderben. Ein lächerlicher Kontrast war es, ihn neben seiner Schwester figurieren zu sehn, deren Spekulation auf viel geistigere Gegenstände ausging. Sie kannte zwar von denen Wissenschaften, die die Speise der Gelehrten sind, nur die Oberfläche, nur so viel, als ihre Neigung zum Sonderbaren zu sättigen nötig war, und gleichwohl war ihr Enthusiasmus für sie insgesamt so heftig, als wenn sie von Kindesbeinen an in dem Mittelpunkte derselben gelebt hätte. Sie bewunderte blind, aber lebhaft, oft bloß den seltsamen Klang der Worte, und ein Mann, dessen Schriften solche Verbindungen von Worten enthielten, die bei dem ersten Anhören jedes Mitglied ihrer Gesellschaft als ungereimt verdammte, war einer göttlichen Verehrung sicher und gewiß; sein Name war in ihrem Munde und in ihrem Herzen, bis ihn ein andrer mit noch auffallendern Paradoxien verdrängte. Helvetius, Rousseau und andre dergleichen ketzerische Schriftsteller waren ihre Lieblingsnamen; sie hatte das verständliche Besondre aus ihren Schriften abgeschöpft, um ihr Gespräch mit diesen zusammengelesnen Brocken pikant zu machen; sie wußte nicht, wie sie dazu kam, es für Wahrheit zu halten; denn die Beweise, die diese Männer brauchten, um ihre Meinungen zur Wahrscheinlichkeit zu erheben, überschlug sie als anklebenden Schulwust wohlbedächtig – es war ihr genug zu lesen, daß es der Natur gemäßer sei, von wilden Kastanien als von Brote zu leben, der Natur gemäßer, ein Hurone als ein polizierter Europäer zu sein, daß der Mensch alles um seines Interesse willen tue – ohne sich zu bekümmern, wie das gemeint war oder ob Helvetius und ein Kornhändler, wenn sie den Menschen alles um seines Interesse willen tun lassen, nicht von zwei ganz verschiedenen Dingen reden – alles dies und andre Erfodernisse, die man bei dem Lesen und der Nützung solcher Schriften nicht entbehren kann, beiseite gesetzt, war lesen und glauben bei ihr eins. Ihr Bruder, der H. von a × b gab sich alle ersinnliche Mühe, sie von dergleichen unnützen und einer Dame höchst unanständigen Beschäftigungen abzuziehn und auf solche zu lenken, die nach seinen Einsichten einem Frauenzimmerverstande mehr Ehre machten. Er versorgte sie daher von Zeit zu Zeit mit den vortrefflichsten Kochbüchern und seinen eignen Ausarbeitungen, die in dieses Fach schlugen, mit den herrlichsten Notizen, wie an jedem Galatage die Tafel bei Hofe oder bei jeder Hochzeit von einigen Aufsehn serviert gewesen war, mit Nachrichten von Getreidepreisen, von den Aussichten auf künftige Teurung, von See- und Landstürmen, fruchtbaren und schädlichen Regen, Schloßen, Donnerwettern, Feuersbrünsten, Diebesgeschichten, Totschlägen etc. – lauter Neuigkeiten, die er durch eine höchst mühsame Korrespondenz viele Meilen weit erhielt. Doch die Frau Schwester – sie war eine junge Witwe – fand an allen diesen Herrlichkeiten keinen Geschmack und dankte ihm meistens mit einem höhnischen Lachen für die Mitteilung derselben. Um sein Verdienst vollständig zu machen , borgte er ihr alle ihre paradoxesten Lieblingsschriften allmählich ab, unter dem Vorwande, sich mit ihnen bekannt zu machen; doch ohne einen Blick darein zu werfen, wurden sie insgesamt unter einem Schwalle Verwalterrechnungen und Küchenrezepte vergraben, und da eines Abends Papier gesucht wurde, das Kaminfeuer so lange zu unterhalten, bis der Bediente Holz herbeibrachte, so fiel der unglückliche Helvetius gerade in die Hände; er mußte noch einmal in die Flamme und brannte mit einem so schönen Feuer, daß die Sorbonne und die Jesuiten ihre Freude daran hätte sehen müssen. Auf diese Art hatte der Herr von a × b beinahe die ganze paradoxe Bibliothek seiner Schwester in sein Haus gebracht, und ihre Schränke waren dagegen mit den auserlesensten Küchenraritäten angefüllt. Da unser Knaut seiner Bestimmung von ihrem Bruder entsetzt worden war, so bat sie sich ihn zu ihrem Vorleser aus; er willigte herzlich gern darein und wollte den neuen Vorleser bereden, alle noch übrige böse Bücher seiner Schwester ihm heimlich auszuliefern. Er trat sein Amt an, und seine Gebieterin war ganz wohl mit ihm zufrieden. Kraft der ihm daher zuwachsenden Pflicht saß er eines Abends ihr gegenüber und las in der deutschen Übersetzung – den Helvetius – aber wohl gemerkt! nur die von ihr sogenannten brillanten Stellen, die sie mit einem Bleistiftstriche bezeichnet hatte, das heißt, die Überschriften der Kapitel, die etwas auffallenden Gedanken und die Histörchen. Ehe sie es vermutete, trat der Bruder herein, und zwar so schnell, daß es nicht möglich war, das Buch vor ihm zu verbergen, wozu auch der Vorleser nicht die mindeste Ursache bei sich fand. Er sah ihm flüchtig über die Schultern hinein; da er aber deutsche Buchstaben darinne gewahr wurde und deswegen glaubte, daß es alltäglich genug sein müßte, um keinen Schaden anzurichten, so war ihm der erste Blick schon genug. Er setzte sich, das Gespräch ging an, und indem er seine gewöhnlichen Zeitungen mitteilte, faßte unbewußterweise seine Hand das daliegende Buch, blätterte spielend hier, blätterte dort, bis durch einen Zufall seine Augen sich gleichfalls darein mischten und auf dem Titel – Helvetius gewahr wurden. Er hatte sich es nie versehn, daß die guten einfältigen Deutschen, die so gern auf der geraden betretnen Heerstraße fortwandeln, solche Bücher übersetzen würden, und erstaunte darum nicht wenig, den Helvetius in dieser Tracht zu finden. »Aber, ma soeur«, fing er an, »warum willst du dir den Kopf mit dergleichen Sachen brouillieren? Laß die Bagatelles den Gelehrten, die weiter nichts zu tun haben!« »Wo denkst du hin, mon frère? – Die weiter nichts zu tun haben! – Könnten sie etwas Erhabneres tun, als die Welt erleuchten?« »Ach, die Welt erleuchten! Sie ist ohne ihre Mühe helle genug. Die fainéants wissen nicht, was sie mit der Zeit anfangen sollen; darum kalkulieren sie die Sterne, parlieren von Esprit, vom Gouvernement, von Education – und tausend andre Liaiseries. – Wenn sie dafür etwas Nützliches täten, auf dem Acker arbeiteten, brauchbare Leute in der Oeconomie würden, so verginge ihnen wohl die Lust, von solchen Grillen zu radotieren.« »Aber, mon frère, wir haben ja nicht bloß einen Körper mit Nahrung und Bequemlichkeiten zu versorgen; soll unser Geist hungern? Wenn ein Teil der Menschen beschäftigt ist, für die Leiber aller übrigen zu arbeiten, so müssen die übrigen erkenntlich sein und den Geistern ihrer Mitbrüder die nämlichen Dienste erweisen.« »Ach, ma soeur, alles brouillierte Ideen! Lauter Zeug, das dir deine Gelehrten aufgeheftet haben! Lächerlich! Was liegt mir an den Geistern der Leute, die mir mein Feld bauen? Gute robuste Körper, capable Hände! die gibt ihnen kein Gelehrter! – und diese brauchen sie! weiter nichts!« »Bester Bruder, du setzest mich in Erstaunen! – Gesetzt diese armen Menschen hätten nicht mehr nötig, brauchst du denn nicht mehr? mehr Kenntnisse? mehr Ideen?« »Du radotierst, Schwester! – Ich brauche freilich mehr, aber nützliche Ideen! nützliche Kenntnisse! Meinen Kopf werde ich mir in Ewigkeit mit dergleichen Grübeleien nicht gravieren, wie du –« »Was nennst du denn deine nützlichen Kenntnisse? »Aber daher kommen auch hernach solche hübsche Historiettes! wie neulich die mit dem Fripon, Elmickor! – Solche Erleuchtung geben die Gelehrten!« Sie errötete und schlug die Augen nieder. »Ich habe gelebt, vergnügt und wohl gelebt, ohne etwas vom Rousseau und Helvetius zu wissen. Die hypochondrischen Kreaturen! zum Pfluge mit ihnen! Da könnten sie ihren Hypochonder kurieren und sich nützlicher desennuyieren.« »Mon cher frère, höre nur einmal diese Stelle: Jede Entdeckung eines Mannes von Genie und Wissenschaft hat einen Wert, sie betreffe, was sie wolle; ist ihr Nutzen nicht unmittelbar und in die Augen fallend, so ist er eine schlafende Kraft, die vielleicht erst unter unsrer Nachkommenschaft im dritten Gliede sich wirksam erzeigt. Man muß entweder das ganze Feld der Wissenschaften überschauen, im Buche des Schicksals lesen können, was für einen Samen von wichtigen Vorteilen für die Zukunft eine neue noch so sonderbare Meinung in sich schließt, wenn man über ihren Wert den Ausspruch tun will – man muß einsehen können, wieviel Zusatz die ganze Masse der Wahrheit durch eine neue Meinung empfängt oder wieviel Rost durch sie abgewischt wird – man muß beobachtet haben, wie vielen Einfluß die Herrschaft der Wahrheit oder des Irrtums, der Dummheit oder der Einsicht auf das individuelle und allgemeine Glück eines Volkes und auf die Sicherheit und die Regierungsart seines Beherrschers jederzeit gehabt hat – kurz, man muß entweder der größte Geist, der größte Gelehrte sein, um hierüber zu urteilen, oder demütig schweigen und sein Urteil auf die Ideen einschränken, die in eines jeden Horizonte liegen, nichts verachten, weil wir uns nicht damit beschäftigen –« »A la braise«, unterbrach sie der H. v. a × b, wie aus einem Traume erwachend, »à la braise laß ich sie machen!« Die schöne Verteidigerin der Wissenschaften war über diese Anrede betreten, bis sich endlich das Rätsel auflöste. Er hatte bei seinem Eintritte in das Haus sogleich dem Koche einen Besuch abgelegt und ihn mit einem Gerichte beschäftigt gefunden, das er ihm à la braise zuzubereiten anbefohl; denn er maßte sich die Schutzgerechtigkeit und Oberherrschaft über alle Köche des Heiligen Römischen Reichs an und übte sie in allen Küchen aus, die er nur betrat. »Und dann«, fuhr er fort, »à propos! Ich habe unten einen Kapaun hängen sehn; heute mußt du mir ihn geben und zwar mit meiner Sauce à double entendre. (Eine Brühe von seiner Benennung und Erfindung!) Sie mag dir schmecken oder nicht. – La Reine de l'orient – Du kennst ja den creme! – die bitte ich mir auch aus; und le Maréchal de Belleisle! den englischen farce – dein Koch hat ihn ja neulich schon einmal gemacht – ja den kriegen wir vor dem Kapaune. Suppe mag ich heute nicht essen – ich esse ohnehin des Abends sehr wenig, wie du weißt. – Aber parbleu! La Soupe du grand Seigneur – ja die muß ich heute haben. – So ein kleines Soupéchen, wie ich sie liebe, das den Appetit zum déjeuné nicht benimmt!« »Du bist sehr ökonomisch mit deinem Appetite, das weiß ich wohl.« »Ja, par Dieu! hätte ich nicht so ordentlich gelebt, so äße ich schon lange nicht mehr! Ordnung gehört zum menschlichen Leben. Ordentlich, gut, wohl appretiert, mit gusto! – nicht solche unverständige bürgerliche Saufressen, wie dein voriger Mann liebte! – Eine verdammte Soupe à la bière, eine elende nackte longe de veau und elende Speckklößchen – das war meistens sein delicieusestes diné. – Quelle mangeaille! drum ist er auch niemals gesund gewesen, weil er so ganz unvernünftig gefressen hat.« »Mit was für einer Sauce befiehlst du denn den Helvetius?« »Mit der Sauce au diable! – Kannst du den Schwärmer noch nicht aus dem Kopfe bringen? – Schäme dich! So eine hübsche junge Witwe wie du, die sich alle Tage verheiraten soll, und sich mit solchen Poliçonneriern abzugeben! – Laß dir doch deinen Monsieur etius verschreiben und nimm ihn zum Manne! – Der wird vollends ein saubres Tischchen führen! – Eine Soupe à la bière wie dein verstorbner Mann! – Die vermaledeite Soupe à la bière! Mein Magen wird noch rebellisch, wenn ich daran denke.« »Gern wollte ich mich in seiner Gesellschaft mit ihr begnügen; er würde mir Speisen zu genießen geben, die mich herrlicher sättigten –« »Du radotierst, Schwester! – Diable! eine Soupe à la bière und hinterdrein ein Ragout von Esprit, Education und bon gouvernement! – Quel mets! – Das wäre ein Gerichtchen für Ihn, Herr Philosoph dort im Winkel! Nicht wahr?« »Unsre Glückseligkeit ist in uns und bleibt dieselbe, man esse Eicheln oder Delikatessen!« war die Antwort des weisen Knauts. »Pardi! Der Herr hat Recht! – In uns ist sie, das heißt, im Magen! – aber Eicheln bitt ich aus dem Spiele zu lassen.« » In uns, in unsrer Vorstellung! – Nur darum schmecken uns Kapaune besser als Eicheln, weil wir es uns vorstellen –« »Ventre saint gris! – Der Philosoph fängt wieder an, drollicht zu werden. – Und also ist auch wohl la Soupe du grand Seigneur nur darum besser als eine kahle Soupe à la bière, weil ich mir es so vorstelle? – Ma Soeur! unser Philosoph bekömmt heute eine Schüssel Eicheln mit der Sauce pitoyable, und Trotz, wenn er mir eine liegen läßt! – Er muß mir beweisen, daß er bei seinen Eicheln so glücklich ist, als ich bei der Reine de l'orient!« Der Spaß war ernsthaft, denn der Herr von a × b hielt in dergleichen Fällen Wort. Es wurde auch wirklich das befohlne Gerichte bei Tische aufgetragen, und jedermann war aufmerksam, was er tun würde. Alles in dem Philosophen war dafür, sich lieber mit einem Widerrufe zu entehren, als dem Geschmacke wehe zu tun, als plötzlich der Stolz mit einer grämlichen Miene auf ihn losfuhr und so lange auf ihn zuschwatzte, bis er die Hand ausstreckte und seine Sauce pitoyable nebst den Eicheln herzhaft hinunterschluckte. Dieser philosophische Streich brachte den Bruder seiner Gebieterin ganz aus der Fassung und hatte eine dreifache Wirkung: Knaut wurde seinem turlepinierenden Witze wieder interessant, seine Schwester bekam aus Liebe zum Sonderbaren eine wärmere Neigung für ihn – und der Philosoph die wärmste Neigung für sich und seine sonderbaren Meinungen; dies war der Zeitpunkt, wo seine Ehrbegierde auf ihr Ziel gerichtet wurde. Ein kleiner unbemerkter Umstand tut meistens dies im menschlichen Leben. Eine Kleinigkeit weist unsrer Eigenliebe unvermerkt den Gegenstand an, nach welchem sie schießen soll, um Bewundrung bei sich und andern zu gewinnen; und alsdann mögen noch so viele Faktionen unter unsern Neigungen entstehen, sie bringen uns nicht von diesem Ziele ab. – Das ist der Ursprung aller seltsamen Charaktere, die wir itzt bewundern oder belachen; wer sie erklären wollte, müßte im Buche des Schicksales alle ihre kleinsten geheimsten Begebenheiten und die feinsten Wirkungen derselben aufschlagen können. Wenn der Charakter in diese Epoque getreten ist, dann naht er sich seiner Reife, oder dies ist vielmehr die letzte Stufe seiner Hauptverwandlungen. Lebhafte reizbare Gemüter werden in ihren ersten Jahren mit ihrer Ehrbegierde zu einer Menge Gegenständen hingezogen, unter welchen sie bei jedem nur eine Zeitlang verweilen, wie Schmetterlinge hüpft ihr Ehrgeiz von einer glänzenden Blume zur andern; ehe sie es denken, durch eine Reihe von Ursachen, die ich nicht erklären mag, geht es ihnen, wie herumflatternden Liebhabern – plötzlich fesselt sie eine Schöne so fest, daß sie aus ihren Banden sich nicht einmal heraus wünschen können, und sie bleibt zeitlebens die einzige, die alle ihre Empfindungen an sich zieht, einige kleine mechanische Seitenblicke auf andre hübsche Gesichter ausgenommen, die aber ohne Folgen sind; so wird unsre Ehrbegierde einmal, früh oder spät, an einen bestimmten Gegenstand fest geheftet, und unser Charakter hat den letzten vollendenden Meiselstich bekommen. – Das Schicksal und die eignen Wirkungen des Körpers und der Seele können ausputzen, verderben und verbessern – aber die Statue ist so weit fertig, daß man deutlich sieht, ob es ein Jupiter oder ein Herkules, ein Epikur, ein Zeno oder ein Tobias Knaut werden soll. 10. Die Wirkungen des Eichelgerichts waren bei dem H. v. a × b nicht so dauerhaft als bei seiner Schwester; ein schönes Diné hob den ganzen Eindruck davon auf; doch bei ihr ließ ihn die einsamere Lebensart, die geringere Zerstreuung in andre Vergnügen seine ganze Kraft beweisen. Die bei dem Eichelmahle gezeigte Sonderbarkeit seiner Denkungsart und Weise zu handeln war also, wie bereits gemeldet worden ist, die erste Gelegenheit, wo ihr Herz bei dem Namen Tobias Knaut eine Empfindung hatte – keine Empfindung weiter, als die wir bei dem Anblicke einer Sache haben, die das ist, was wir lieben; er hatte ihre Neigung zum Sonderbaren für sich interessiert. Je öftrer dieses Interessieren wiederholt wurde – und dazu findet sich bei einem Knaut vielfältige Gelegenheit, wenn er nur einmal eine mit Empfindung begleitete Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat –, je stärker wurde der jedesmalige Grad derselben, und diese einzelnen Interessierungen machten zusammen ein Ganzes, das einer gewissen Interessierung gleich war, die ich noch nicht mit ihrem eignen Namen benennen will. Außerdem – du leidige Einsamkeit, du hast schon manchen großen Kopf gebildet, aber auch manches Liebeshistörchen erzeugt! manche Tugend und manches Laster geboren! – Die Einsamkeit war es, sage ich, die jene Summe von Interessierungen ungemein verstärkte. Alle ihre ehmaligen Gesellschafter hatte der Bruder von der Gebieterin meines Philosophen aus gewissen Ursachen auf die listigste Weise abgeschnitten, ohne daß sie inne wurde, warum ihre Freunde sie allmählich ganz verließen; ihre Lieblingsbücher waren ihr gleichfalls zum Teil von ihm geraubt worden, und in den noch vorhandnen hatte das Anziehende auch durch öftern Gebrauch seine Wirkungskraft verloren; ihr Gefühl für das bisherige Paradoxe war stumpf und verlangte schlechterdings etwas Neues; gleichwohl war eine allgemeine Unfruchtbarkeit an solchen Schriften; jedermann begnügte sich, die alten Paradoxien ihrer Lieblinge zu wiederholen, zu prüfen, zu läutern, zu widerlegen, zu beweisen; an allem dem lag ihr nichts. Der einzige Voltaire war noch ihr Glück; seine unerschöpfliche Fruchtbarkeit versorgte sie zwar mit Lektüre, allein wie viele unbeschäftigte Stunden mußten in dreihundertundfünfundsechzig Tagen leer ausgehen, ob sie gleich keinen Gedanken ungelesen ließ, der in seinem Kopfe gewesen sein sollte. Bei einem so gänzlichen Mangel an Beschäftigungen für ihre Ideen und Empfindung – und beide hatten sich doch bisher in einer beständigen Tätigkeit befunden –, der Langeweile und dem Verdrusse preisgegeben, aller Gegenstände beraubt, die menschliche Gefühle beschäftigen können, außer ihrem Hausphilosophen – was sollte sie in solchen Umständen tun, um nicht vor Ungeduld zu vergehn? – Einmal war es ihr zum Bedürfnisse geworden, etwas zu lieben, zu bewundern, geliebt, bewundert zu werden; ihre Gesellschaft aus der Nachbarschaft war ihr unschmackhaft geworden, weil jedermann ihre oft wiedergekauten Paradoxien gewohnt war und nicht im mindesten mehr dadurch frappiert wurde, um sie widerlegen oder dafür erstaunen zu wollen; welches Elend! wenn unsrer Neigung so ganz die gewohnte Nahrung entzogen wird und doch keine andre sich darbietet, die das traurige Leere ausfüllen könnte! – Was täten Sie, meine Schönen insgesamt, in einer solchen unglücklichen Lage? – Lassen Sie sich die Antwort von Ihrem Herzen geschwind ins Ohr sagen! Ich will nichts davon wissen; aber hören Sie nur und urteilen, ob Amande – so wollen wir sie inskünftige nennen – eben das tat, was Ihnen Ihr Herz itzt statt der Antwort zulispelte! Mit einem Worte – Amande liebte! Ihren Schoßhund? ihre Garderobe? ihr Kammermädchen? ihre Arbeit? – Wer weiß, wie viele andre hätten sich hiermit begnügt; alles waren Sachen, die ihre Empfindlichkeit nicht erschöpften! – Sie liebte – Tobias Knauten! – und zwar aus bloßer Langeweile, aus bloßem Mangel an andern vernünftigen Geschöpfen. – Wenn eine reiche Einbildungskraft ganz ungebunden herumschweifen kann, ohne daß die äußeren mannigfaltigen Veranlassungen der Gesellschaft ihren Lauf bald dahin, bald dorthin lenken oder ohne daß sie jemals eine bestimmte fortgesetzte Richtung von ernsten Beschäftigungen bekömmt, so brütet sie solche ungeheure Geburten, Zusammensetzungen und Verbindungen von Ideen aus, tut solche ungeheure Sprünge als im Schlummer; wir träumen wachend, und desto ungeheurer, weil ein stärkeres Bewußtsein dabei ist. Wie leicht ist es, daß sie bei ihrem ausgelaßnen Hüpfen und Herumwälzen an eine von den unzähligen Saiten der Empfindung stößt – sie tönt; und da, nach der Aussage einer Schriftstellerin, im weiblichen Herzen alle Saiten nach dem Tone der Liebe gestimmt sind, so ist es unvermeidlich – die Einbildungskraft berühre welche Saite sie will, sie tönt Liebe! – So ist es unvermeidlich, eine Tochter Evens in der Einsamkeit muß sich verlieben! – Und ist kein Tobias Knaut bei der Hand, so lieben sie Schimären ihrer Phantasie, schaffen sich einen Adonis im Gehirne, um ihn im Gehirne anzubeten. O Ihr, die das Schicksal mit einem lebhaften Geiste in die Einsamkeit setzte, beschäftigt Euern Kopf! Beschäftigungen der Hände lassen der Phantasie zu vielen Raum zum Herumschweifen. Beschäftigt den Kopf – je nützlicher, versteht sich, je besser! – Laßt die Einbildungskraft nie müßig herumschlendern – oder ich mache gleich für Eure Tugend ein Sterbelied! – Es gehört viel dazu, um nicht durch die Einsamkeit schlimmer zu werden als durch die schlimmste Gesellschaft. Inzwischen war Amandens Witwentugend nicht halb so sehr in Gefahr, als man nach dieser Einleitung vermuten sollte; wenn man nur einen Philosophen um sich hat, so hat das Ding wenig zu bedeuten; die Tugend stirbt alsdann höchstens in effigie, in uns; und – so weiter. Knautens Philosophie war Amandens Rettung und also das Pflaster für die Wunde, woran sie den ersten Schnitt getan hatte. Außerdem war ihre Liebeserklärung nicht so wollüstig anlockend wie Emiliens ihre an Selmannen, noch so ganz ohne alle Delikatesse handgreiflich wie die Methode der Madam Sophronius, sondern mit derjenigen Behutsamkeit begleitet, die ein feines Gefühl von Anständigkeit niemals verläßt; alles war nur halb gesagt und ließ den Zuhörer eine Menge hinzudenken, ohne daß es gar nichts gesagt hieß; Blicke, Mienen, Gebärden redten die ganze geheimnisvolle Sprache der Liebe, die aber niemand versteht, dem die Natur nicht das Wörterbuch dazu ins Herz geschrieben hat; so ausschweifend und ungeheuer auch ihre Neigung war, so konnte es doch ihr Geschmack, ihre lebhafte Empfindung des Schicklichen und Schönen nicht dahinbringen, sie zu unterdrücken, und sowenig ihre Delikatesse bei einem Philosophen von Knautens Art zu wagen hatte, der keine einzige von den superfeinen Gefühlen richardsonischer Frauenzimmer kannte, so widersprach doch alles in ihr einem deutlichen Geständnisse – oder, welches vielleicht viele lieber hören werden, der Rest ihrer von der Einbildungskraft verführten Tugend widersetzte sich einem solchen Geständnisse. Kein Wunder also, daß der Philosoph von einer so undeutlichen Sprache nicht eine Silbe verstund, und wenn sie sich nicht herabläßt, ohne Rückhalt in gutem planem Deutsch mit ihm zu sprechen, so muß sie unerhört bis an ihren Tod in seinen Ketten seufzen; denn der unempfindliche Knaut fühlte so wenig von den Schmerzen der Liebe, daß er mitten unter ihren Unruhen die höchste Glückseligkeit seines Lebens genoß. Bekanntermaßen kann man das System einer ununterbrochnen allgemeinen menschlichen Glückseligkeit nie besser und leichter behaupten, als wenn man keine Not hat. Von dieser war er in seinen gegenwärtigen Umständen völlig befreit; es mangelte ihm keine von den Bequemlichkeiten und Bedürfnissen, die er nach seinen Begriffen dafür hielt; er genoß sogar einige ihm ganz neue und deswegen desto besser tuende Annehmlichkeiten; die geheime Neigung seiner Gebieterin verschaffte ihm eine Aufmerksamkeit, Achtung und vorzügliche Begegnung, als noch keine seine kleine Eigenliebe gekützelt hatte. Welche Lage hätte günstiger sein können, um den schon eingewurzelten Grundsatz auf ewig zu befestigen, daß man in allen Umständen gleich glücklich sei? – Und eigentlich zu reden, ist unsre Glückseligkeit nur dann erst vollkommen, wenn unsre Umstände unsern Grundsätzen, Meinungen und Vorurteilen keinen Widerspruch tun, und auf dem höchsten Gipfel ist sie, wenn unsre Situation jenen Busenfreunden gar Recht gibt, ihnen schmeichelt. Zu einem solchen Gipfel war itzt unser Philosoph gelangt: Er war glücklich, weil ihn nichts hinderte zu glauben, daß man es allzeit sein könne. Auch der Umkreis seiner Glückseligkeit wurde sehr erweitert: Er faßte verschiedene Dinge mit in den Zirkel derselben, die er vorher nicht gekannt und also auch nicht darein gesetzt hatte – Bequemlichkeit, Ruhe, Überfluß, Reichtum – genug alles, was seine gegenwärtigen Umstände als wirkende Ursache voraussetzten. 11. Mittlerweile daß Amandens Liebe mit der Anständigkeit in ihrem Herze kämpfte und diese jedes Geständnis, wenn es sich gleich schon heimlich bis an den Rand der Lippe herangestohlen hatte, augenblicklich wieder zurückzog, gab sich ihr Bruder alle ersinnliche Mühe, ihr einen Ehegatten zu verschaffen, der Verstand und Einsichten genug besäße, um an etwas Besserm als einer elenden Soupe à la bière Geschmack zu finden. Er hatte auch wirklich schon lange ein tüchtiges Subjekt in Gedanken, einen Mann, der zwar in der Kunst zu essen unter ihm war, aber ihm doch alle Hoffnung gab, daß er mit der Zeit durch fleißige Bildung zu einer vorzüglichen Größe darinne gelangen könne. Er fühlte sich auch von Liebe zu Amanden durch und durch befeuert, als ihm ihr Bruder durch sichre Beweise dargetan hatte, daß sich ihr reines Vermögen auf dreißigtausend belaufe – so befeuert wurde er von der Liebe, daß er minutlich um sie anhalten wollte; allein der hitzige Liebhaber wußte nicht, was für einer Menge schlimmer Eigenschaften der nachteilige Eindruck auf Amanden benommen werden mußte, ehe er ihr nur erträglich werden konnte, und was für eine Strecke ist von da bis zur Liebe! Während daß der H. v. a × b sich durch häufiges Nachsinnen über Plane zu Ausführung seiner Absichten täglich der Gefahr einer schlechten Verdauung aussetzte, schlich sich ein listiger Prätendent ohne sein Bewußtsein bei Amanden ein. Er war ein guter Tänzer, ein vortrefflicher Reiter, redte, seine Muttersprache ausgenommen, drei Sprachen in gehöriger Vollkommenheit, hatte Bücher in allen diesen Sprachen unter Händen gehabt, konnte mit einem Scherenschnitte die ganze Passion in Papier ausschneiden, Brüßler Spitzen sauber waschen, mit Chenille – o bis zum Entzücken schön! – nähen, hatte die Ehre gehabt, drei Comtessen von Fuß auf mit seiner Arbeit zu kleiden, wußte neunundneunzig amüsante Histörchen auswendig, verstund tausend andre angenehme Künste und – was das wichtigste war – hatte einen so geschmeidigen Rücken und eine so geläufige Zunge, daß sein ganzes Leben aus einer ununterbrochnen Verbeugung und seine Reden aus einem ununterbrochnen Lobspruche bestund. Diese sämtlichen Eigenschaften wußte er obendrein Amanden in einem so eindringenden Lichte vorzustellen, daß ihre Wirkung unwiderstehlich wurde; – wahrhaftig, ehe vier Wochen in die Welt kamen, war sie mit Leib und Seele die seinige; sie versprach ihm ihre Hand, und der Herr Bruder erfuhr nicht eher eine Silbe davon, als bis er eben im Anzuge war, ihr Herz für seinen Mann einzunehmen. Er besah sich den künftigen Herrn Schwager, verachtete ihn herzlich und zog sich stillschweigend mit seinem Antrage zurück. Ein verzweifelter Streich! der schon an sich eine Ahndung verdiente, wenn auch nicht ein dringendrer Umstand dazugekommen wäre! Er hatte Amanden in dem Trauertermine nach ihres ersten Mannes Tode, wo sie als eine rechtschaffne Witwe den ernsten Vorsatz faßte, ewig Witwe zu bleiben, durch verschiedene schleichende Künste beredet, ihm zu Unterstützung einer gewissen löblichen Absicht – das heißt zu Bezahlung seiner Schulden – eine ziemlich beträchtliche Summe mit der Bedingung vorzuschießen, daß er sie nie wieder bezahlte – wenigstens war doch diese Bedingung in seinem Gehirne. Mit den Witwenkleidern legte sie auch ihr Gelübde ab; mit dem Versprechen eines ewigen Witwenstandes hatte sie ihre Pflichten gegen die Manes ihres verstorbnen Gemahls erfüllt; sie dachte bei sich auf eine zweite Ehe und fand deswegen viele Bewegungsgründe, es in Rücksicht auf das Verlangen ihres Bruders gleichfalls bei dem Versprechen bewenden zu lassen und ihn von einer Zeit zur andern mit leeren Hoffnungen hinzuhalten. Um aber doch zum Zwecke zu gelangen, ließ er sich seinen Mann für die Unterstützung seines Interesse bei seiner Schwester verbindlich machen, sie, sobald sie seine Gemahlin sein würde, mit allen Kräften zu bewegen, daß sie ihrem Bruder die versprochne Summe nicht länger vorenthielte. Was nützte ihm itzt seine Vorsicht? – Sein Schutz war unkräftig und also auch die Verbindlichkeit. Er sann, und siehe da! Die Not lehrte ihn einen Ausweg. Die Menschen sind gewiß nicht böse, wenn sie nicht die Umstände dazu machen. Gern, sehr gern hätte der H. v. a × b die Wissenschaft, sich mit Geschmacke zu nähren, ruhig fortstudiert und gewiß jede schlechte Handlung mit Abscheu von sich gewiesen, wenn sie ihm unter ihrer wahren Gestalt erschienen wäre; aber die Kostbarkeit seines Geld verzehrenden und Geld erfodernden Studiums, seine Neigung dafür, die aufgehäuften Schulden, die Verminderung seiner Glückseligkeit, wenn er seinen bisherigen Neigungen entsagen müßte – solche für eine menschliche Seele höchst dringende Bewegungsgründe drücken unsre Augen für die Abscheulichkeit jeder Handlung zu – wir machen es wie geldbedürftige Kandidaten des Ehestandes: Wir sehen von dem stinkenden Atem, von dem Auswuchse, von dem Paviangesichte weg und bloß auf den vollen Geldkasten – und so kann unsre noch so feine Empfindung des Schönen eine Hogarthische Mißgestalt in die Arme nehmen und unser sonst nicht stumpfes moralisches Gefühl sich mit einer niedrigen Handlung vertragen. – Weswegen, dies beiläufig zu sagen, ich es als eine der wichtigsten Regeln in der Philosophie des Lebens betrachte, bei der Revision seiner Neigungen keine zu dulden, die uns zu Sklaven äußrer Umstände macht – wenn es sich tun läßt! Bei Amandens Bruder war die Beobachtung dieser goldnen Regel nun einmal versäumt worden, und er errötete nicht vor dem Anschlage, seine Schwester vor ihrer vorhabenden Vermählung zur Unterschrift einer Versichrung zu bringen, worinne sie sich zu Bezahlung der erfoderlichen Summe anheischig machte. Um seinen Entwurf ohne Gewalttätigkeit auszuführen, wandte er sich an unsern Philosophen. Man weiß, daß von jeher die Gattung von Menschen, zu welcher er gehörte, zu schlauer Unterstützung eines listigen Plans entweder ungeschickt oder zu rechtschaffen war; ob in dem letzten allemal und allein der Grund davon lag oder in beiden zusammen, will ich nicht entscheiden; genug, er hatte seinen Mann nicht gut gewählt. Er trug ihm an, seine Beschützerin bei Gelegenheiten, die er ihm angab, gleichsam spielend dahinzubringen, daß sie ihren Namen auf ein leeres Blatt schrieb. Die Art, wie er dies bewerkstelligen sollte, war sinnreich ausgedacht, aber von einem Tobias Knaut nicht so leicht ausgeführt; – man wird leicht raten, daß er diesen unterschriebnen Bogen gebrauchen wollte, um die bemeldete Versichrung darauf zu schreiben und sich dadurch eine gegründete Anfoderung an ihr zu verschaffen. Der Philosoph erkundigte sich sogleich: »Warum? Zu was Ende?« – und tat zehn andre phlegmatische Fragen; und da sie alle mit leeren Erdichtungen beantwortet waren, so schlug er es ihm geradezu ab, entdeckte aus natürlicher Offenherzigkeit seiner Beschützerin die geschehene Zumutung und lud sich dadurch den ganzen Unwillen ihres beleidigten Bruders auf den Hals. Warum handelte nur unser Philosoph gerade so und nicht anders? – Eine wunderliche Frage! Nicht wahr? – Aber ich kenne sein Herz; ich kann sie also beantworten; und wer sein eignes ebenso gut kennt, kann sich eine solche Anfrage jederzeit ebenso gut beantworten, wenn er sie in einem vorkommenden Falle sich zu tun geruhte. Das setze ich als ausgemacht voraus, daß er einen gehörigen Vorrat von Rechtschaffenheit in sich besaß, um Unrecht als Unrecht, Betriegerei als Betriegerei zu verabscheuen und sich es auf keine Weise zu erlauben, sich als ein Werkzeug dazu gebrauchen zu lassen; aber die Rechtschaffenheit an sich ist ein träges Schiff, das weder vorwärts noch rückwärts sich bewegt, solange keiner unter den zweiunddreißig Winden es durch einen Stoß nach einer Gegend zutreibt. Tausend kleine unmerkbare Wirkungen von Ideen, Trieben, Leidenschaften und zufälligen Umständen müssen gleichsam die Segel unsrer Rechtschaffenheit anschwellen, um sie entweder in einer glücklichen Richtung fortzustoßen oder – an eine Klippe zu werfen. Der edelste beste Mensch muß sich mit Leib und Seele gerade in den und den Umständen befinden, um so oder so zu handeln, oder seine Entschließung fällt ganz anders aus. Die schwerste Wissenschaft dabei ist nur, mit der Gewißheit, mit welcher der Seefahrer den jedesmaligen Wind auf seiner Schifferrose zeigen kann, die unzähligen kleinen Lüftchen auszuforschen, deren zusammengesetzte Wirkung unserm jedesmaligen Entschlusse seine bestimmte Richtung gibt. Knaut saß im Garten, als ihm jener Antrag geschah, und dachte über seine Glückseligkeit nach, fühlte sie so stark, daß er in dem Augenblicke sie nicht mit dem Throne eines Fürsten vertauscht haben würde. Außer und in seinem Leibe war heitres Wetter, dessen Empfindung das Gefühl seiner Glückseligkeit um vieles erhöhte. Kurz vorher, ehe der Bruder seiner Gebieterin sich mit seiner Bitte bei ihm einfand, stund in seinem Gehirne durch ein zufälliges Spiel der Phantasie die Szene auf, wie Elmickor durch die härtesten Mittel seinen Stoizismus überwindet und ihn zu einer Betriegerei zwingt. Damals hatte ihm sein Witz die Vorstellung der Sache so dienstfertig gemildert, daß ihm in der Not seine Entschließung nicht eine Minute lang auf der schlimmen Seite erschien; doch itzt, da die Blendung trauriger Umstände wegfiel, itzt mitten unter dem Gefühle des Wohlseins sah ihm seine damalige Handlung pechschwarz aus, ganz in den dunkelsten Schatten gehüllt, daß er erschrocken zurückfuhr, sich vor sich selbst schämte, und sein Witz war selbst so bestürzt, daß er nicht die mindeste Entschuldigung an die Hand gab. Während des widrigen Gefühls, das durch den Kontrast gegen sein kurz vorhergehendes um ein Dritteil erhoben wurde, machte ihm der H. v. a × b den höchst verdächtigen Antrag, dessen Verdächtigkeit ihm seine aufgebrachte Phantasie und sein Widerwille gegen sich selbst mit den auffallendsten Farben ausmalten – alle seine damaligen Gedanken und Empfindungen bliesen mit vereinten Kräften auf seine Rechtschaffenheit zu und rissen sie nach einer solchen Richtung hin, daß sie dem vormaligen Gönner des Philosophen sein Verlangen rund abschlug und durch den höchsten Preis nicht würde zu bewegen gewesen sein, es ihm nicht abzuschlagen. Wäre der Antrag frühzeitiger angekommen, zu der Zeit, da das Gedächtnis noch nicht die Betriegerei des Elmickor herbeigerufen hatte – Rechtschaffenheit, was hättest du da getan? – Wohin dich die damaligen Gedanken und Empfindungen getrieben hätten, dahin wärst du gewandert; vielleicht hättest du nein, vielleicht auch ja gesagt, und es würde dem gefälligen Witze gewiß nicht an Beschönigungen gefehlt haben, wenn du eine deiner itzigen ganz entgegengesetzte Partie ergriffen hättest. Mensch, so ist das Uhrwerk deiner Tugend und Rechtschaffenheit! 12. »Nein«, sagte der Philosoph rund weg; der H. v. a × b knirschte mit den Zähnen, schlug mit der geballten Faust in die linke Hand, drehte sich um und ging. Unglückliche Vorbedeutungen, die gewiß Rache prophezein! – die aber Knaut nicht zu vermuten Zeit hatte, weil sein vorhergehender Unwille über den Sieg, den Elmickor über seine Rechtschaffenheit erzwungen hatte, sich in die höchste Freude, deren er fähig war, verwandelte, daß gegenwärtig durch eine mutige Behauptung seiner Ehrlichkeit jene Verletzung derselben wieder gut gemacht war. Diese Freude hatte längst aufgehört und der neue Liebhaber von Amandens Hand und Vermögen Besitz genommen, und Knaut lebte noch immer in seiner Sicherheit dahin, hatte jenen Beweis seiner Standhaftigkeit schon wieder vergessen und befürchtete nichts weniger als Rache von seiten des beleidigten H. v. a × b, obgleich dieser mit nichts umging, als wie er seinen Zorn an dem verhaßten Philosophen befriedigen sollte. Dieses gute Geschöpf war unter dem neuen Regimente, das Amandens Einsamkeit in einen Schauplatz von unaufhörlichen Vergnügen umgeschaffen hatte, in eine solche Verachtung, selbst bei seiner Gebieterin, geraten, daß sie kaum seine Existenz noch wußte; so sehr hatte sie ihn vergessen, daß sie ihn bloß deswegen nicht verabschiedete, weil sie nie daran dachte, daß er in ihrem Hause überflüssig war. Die unendlich mannigfaltigen Ergötzlichkeiten, mit welchen sie der neue H. Gemahl täglich unterhielt, hatten ihre Neigung ganz auf das Vergnügen gelenkt und ihre Liebe zum Sonderbaren völlig verdrungen; da sich ihre Hochachtung für unsern Philosophen einzig hierauf gründete, so mußte jene notwendig umstürzen, sobald ihr Grund zu sinken anfing. Gleichwohl war bei Knauten ein gewisser Grad von Achtung zum Bedürfnisse geworden, den er sonst, ehe er ihn schmeckte, zu einer Zeit, wo sich seine Grundsätze bildeten, nicht einmal vermißte; itzt zog seine Philosophie eine verzweifelte Grimasse, da ihm alle Achtung, alle freundliche Begegnung gänzlich entzogen wurde; seine Glückseligkeit war nach allem Zeugnisse seines Gefühles vermindert, und zwar doppelt vermindert, denn seine Grundsätze kamen zugleich in Gefahr, verleugnet zu werden. Der neue Beherrscher des Hauses verwies ihn sogleich bei dem Antritte seiner Regierung vom Tische und aus seiner und Amandens Gesellschaft, die aus einem Reste von Liebe ihn durch Vorbitten von seinem grausamen Vorsatze zurückhielt, ihn als ein unnützes Mitglied aus dem Hause zu verweisen; weil er in seiner Macht noch nicht befestigt genug war, so ließ er sich damit begnügen, ihn ganz aus seinem und Amandens Anblick zu verbannen. Diesem Beispiele folgte der ganze Hofstaat: Niemand würdigte ihn eher seines Anblicks, als wenn er über ihn lachen wollte. Was zu tun? – Die Lage war traurig. O Tobias Knaut! wären die körperlichen Bedürfnisse noch deine einzigen! wäre keinen körperlichen Schmerz empfinden noch dein ganzes Wohlsein! hättest du keine Vorurteile – oder wie ihr Philosophen es an euch lieber nennen hört –, keine Grundsätze, die dir so fest als das Leben am Herze hängen! hättest du nicht das gefährliche Gift der Achtung gekostet! hätte sich in deinen Begriff von Glückseligkeit nicht ein imaginarisches Ingredienz hineingeschlichen, das mit der Zeit vielleicht alle übrigen verschlingen und sich zum einzigen Bestandteile des Wohlergehens in deiner Vorstellung machen kann! – Du wärest itzt so ruhig, wärest in der Verachtung so glücklich, ohne zu wissen, daß man es in der Achtung mehr sein könne! Du hättest itzt nicht das Herzeleid zu ertragen, daß deine Grundsätze mit deinen Empfindungen auf das hitzigste kämpfen! Die Unruhen über die gegenwärtige Verachtung wuchsen zu einer Höhe an, die sich kaum mit dem Stoizismus zu vertragen schien; seine Empfindung vermißte etwas; er suchte dies Etwas an allen Orten und fand es nirgends. In der Einsamkeit schien er seinen Verlust oft weniger zu fühlen, und oft diente sie nur, um die Empfindung eines Mangels zu verstärken; er dachte sich nie mit völliger Deutlichkeit, worinne sein Mangel eigentlich bestand – ein Umstand, der jeden innerlichen Sturm wütender macht! – wenn eine immerwährende unangenehme Empfindung in uns stürmt und einen Klumpen trauriger Ideen nach dem andern, wie der Sturmwind die Wellen, aus dem Grunde der Seele emporwirft und wieder niederstürzen läßt, ohne daß sie uns Zeit vergönnt, bei einer einzigen sekundenlang zu verweilen; wenn wir bloß fühlen, daß uns etwas fehlt, ohne überlegen zu können, was uns fehlt – was gehört mehr dazu, um unsre Glückseligkeit merklich zu vermindern? Unser Philosoph schlich in diesem höchst unglücklichen Zustande lange Zeit herum, setzte sich in das Lindenkabinett – drei Minuten! und es war nicht mehr dazubleiben! – er ging die lange Allee hinunter, und in der Mitte war es ihm schon äußerst zuwider, daß sie noch einmal so lang war – es war ihm zu licht in der Allee, er wollte in die Dunkelheit – er ging zum Garten hinaus in das nahe Birkenbüschchen – hier war es unleidlich, obgleich von allen Seiten her die Anmut gleichsam ausduftete – er ging hindurch in den düstern Fichtenwald – nicht übel war es hier bei dem Eintritte und in etlichen Minuten unerträglich wie in der Hölle! – er ging heraus auf das Feld – er sah elende Fronarbeiter mit Hitze, Schweiß und niederdrückender Arbeit kämpfen – er beneidete ihre Glückseligkeit – er wünschte einer unter ihnen zu sein – kein Ort, keine Annehmlichkeit, nichts, nichts befriedigte ihn, und alles war ihm widerlich. Lange kann eine solche Empfindung nicht toben; sie wird endlich matt, und dann hellen sich unsre Ideen allmählich bis zur Deutlichkeit auf, sie steigen nicht mehr so haufenweise und so verworren in uns empor, wir unterscheiden sie wieder und geraten allmählich auf die Ursache des vorigen Sturms; und nun sind zween Fälle möglich: Entweder wird aus dem Sturme ein nagender Kummer oder eine geduldige Stille. Zum voraus kann man raten, worein sich die Unruhe meines Helden verwandeln wird – in gelaßne Stille! – zumal da sein höchster Grundsatz mit aller Gewalt auf diesen Punkt losarbeiten muß, wenn er nicht verdrängt werden will. Es war gerade an einem Feste, das Amandens Gemahl der Nachbarschaft gab, als der Kummer bei jenem seinen kritischen Tag erreichte; alles war geschäftig, alles fröhlich, nur er saß einsam in einer dichtverwachsnen kühlen schattichten Eremitage und hing seinen Gedanken nach. »Ei«, sagte er endlich nach langem Nachsinnen, »was entbehre ich denn? – Zwang, Überdruß, Langeweile! den Anblick fröhlicher Menschen, die mir es übelnehmen, wenn ich mit ihnen fröhlich bin! Überladung, Unmäßigkeit, Liebe zum Wohlleben – sind das nicht Übel, die ich gern entbehren muß? – Ehret mich niemand, so brauche ich niemanden zu ehren; verachtet man mich – so bin ich niemanden Verbindlichkeit für seine Achtung schuldig; ich werde dadurch nichts besser noch schlimmer; was nicht in meiner Gewalt ist, kann ich mir nicht geben; ist es etwas Gutes, so muß ich denen Glück wünschen, die es statt meiner empfangen; ist es etwas Böses – warum sollte ich mich denn grämen, daß ich's nicht besitze? – Und – andre Leute tun mir durch ihre Verachtung keinen Schaden; nein, meine Einbildung tut mir ihn! diese macht mich glücklich oder unglücklich! – Was liegt mir denn an dieser Fröhlichkeit, an dieser Ehre? – Ich bin immer, auch ohne sie glücklich.« Dies letzte sprach er mit einem Akzente aus, den Aulus um keinen Viertelton höher stimmen kann, wenn er sich selbst bewundert, daß ein halbes Dutzend Zeitungsschreiber ihn zum ersten Schriftsteller der Nation durch ihren Richterspruch erhoben haben. – Knautens Grundsätze waren in Sicherheit gebracht, und so verachte, verspotte man ihn, so sehr man will – ihm ist wohl! Aber wie lange? – Der H. v. a × bist sein Feind; ob er gleich durch andre Mittel und Wege zu seinem Zwecke hätte gelangen können, so war er doch einmal auf die Vermittelung unsers Philosophen so erpicht, als wenn sie der einzige Weg dazu gewesen wäre, und daher um so mehr erbittert, da er ihm verlegt wurde; er dachte auf Rache. Was läßt sich einem guten Philosophen Leides zufügen, der mit so vieler Indolenz wider alles Unglück bewaffnet ist? – Seine Rache hätte allenfalls damit zufrieden sein können, ihn aus dem Hause seiner Schwester zu bringen und dadurch allen Drangseligkeiten der Dürftigkeit bloßzustellen, wozu keine großen Kunstgriffe nötig waren; doch dies dünkte ihm viel zu wenig. Unter den vielen Ergötzlichkeiten, die Amandens neuer Gemahl für sie täglich aussann, hatte er einen Papagei mit der äußersten Sorgfalt heimlich abgerichtet, ihr unaufhörlich vorzuschwatzen: »Ah, Madame, que Vous êtes belle!« – Sein erhabner Lehrer war so entzückt, als er ihn dies zum ersten Male vernehmlich sagen hörte, daß er seinem Kammerdiener ein paar abgelegte samtne Beinkleider vor großen Freuden auf der Stelle schenkte. Der Vogel wurde des Abends heimlich in Amandens Stube gehängt, und da sie des Morgens aus ihrem Schlafgemache trat, schallte ihr der angenehme Morgengruß entgegen: »Ah, Madame, que Vous êtes belle!« – Ein solches Kompliment, in ein Paar Frauenzimmerohren gerufen, zu einer Zeit, wo die Schönheiten noch nicht in Ordnung gebracht sind und man sich also gar keines Beifalls vermutet – wie muß das kützeln! – Sie sah sich erstaunt um, fand den Vogel, der ununterbrochen seinen Lobspruch wiederholte, und ob es gleich nur ein unvernünftiges Geschöpf war, so glaubte sie doch zuversichtlich, daß das liebe Vieh den besten Geschmack in der ganzen Gegend habe, ihren Herrn Gemahl ausgenommen. Sie war so entzückt, jene süßtönenden Worte beständig zu hören, daß sie beinahe den Entschluß faßte, ein Hospital für invalide Papageien zu stiften, nach dem Schlage, wie der Märchensager Hr. de la Porte in einem gewissen Lande unsrer Erdkugel für die Flöhe angetroffen haben will. Mitten während dieser Freude, als Amande nur einen flüchtigen Gang in den Garten getan hatte und voller Erwartung wieder zurückkam, bei ihrem Eintritte in das Zimmer ihr Lob entgegentönen zu hören – siehe da! alles war stumm! – Sie hustete; der Vogel blieb stumm; sie fing an ihm vorzusagen: »Ah, Madame, que« – sie ging zu ihm und fand den Elenden auf den Boden hingestreckt, leblos und seinen Schnabel, der so göttliche Sachen gesagt hatte, auf immer geschlossen. Welches Herzeleid! Welcher Jammer! – Sie machte Lärm; sie tobte, sie wütete vor Zorn; sie kehrte alle ersinnliche Anstalten vor, ihn wieder zum Leben zu bringen: umsonst! Man fand sogar deutliche Merkmale, daß er von einer mörderischen Hand umgebracht worden war; das Blut auf dem Boden des Käfigs war ein sichtbarer Beweis. Amandens Betrübnis verwandelte sich in Zorn wider den unbekannten Missetäter; man stellte mit vereinten Kräften eine Untersuchung an, ihn ausfündig zu machen; niemand wußte davon. Endlich schlich sich eine von Amandens Bruder angestiftete Kreatur an ihre richterliche Seite und legte das erlogne Zeugnis ab, daß er unsern ehrlichen Tobias Knaut in das Zimmer habe schleichen sehen; man erinnerte sich seiner und war zufrieden, sich an jemanden für den Verlust rächen zu können, mochte er schuldig sein oder nicht. Um nicht etwa durch genauere Untersuchung ihn unschuldig zu finden und jene Befriedigung der Rache zu verlieren, schritt man ohne das mindeste Verhör zur Ausübung der Strafe und ließ den armen Knaut auf ewig aus dem Hause und den Grenzen des Rittergutes in den härtesten Ausdrücken durch den Hausverwalter verweisen, der ihn sogar die geringen Habseligkeiten, mit welchen ihn Amandens ehmalige Güte versorgte, zurückzulassen nötigte. Er ging durch eine Reihe lachender spottender Bedienten hindurch, die ihn mit ihrem Gelächter so lange verfolgten, bis er aus ihrem Gesichtskreise war; er ging – so ruhig wie aus seines Vaters Hause, als er Soldat werden wollte? – Nein, das konnte er nicht mehr! – Was hatte er denn also durch die Vermehrung seiner Empfindlichkeit gewonnen? – Nichts, als daß er einen Schmerz fühlte, wo er außer ihr keinen gefühlt hätte; er war mehr Mensch, das heißt, er empfand mehr, wie bitter zuweilen das Los der Menschheit ist – wenn man es richtig erklären will. O ihr Sterblichen, die wir eingebildete Kreaturen Wilde nennen! – ob wir gleich im Grunde nur schön geputzte Wilde sind – wahrhaftig, Jean-Jacques hat doch nicht Unrecht, wenn er euch glücklich preist! Wir sehn auf euch herab und halten euch verächtlich für weniger Mensch; wir fühlen es, daß wir es mehr sind, und ihr fühlt es beinahe gar nicht, daß ihr es seid. In dem glücklichen Schlummer einer beständigen Kindheit des Verstandes, ohne entwickelte Ideen, ohne euch über dem ängstlichen Suchen nach Wahrheit und Tugend in fesselnde Zweifel und Unruhen zu verwirren, ohne die peinigenden Leidenschaften des Ehrgeizes, der Ruhmsucht – entbehrt ihr zwar alle die funkelnden Puppen, mit welchen wir weise Menschenkinder tändeln – aber schreit auch niemals wie wir Kinder, wenn sie uns weggerissen werden, empfindet nicht den Verdruß wie wir, wenn uns die Vernunft zuletzt sagt, daß es Puppen, frivole Puppen sind! tragt die Bürde der Menschheit, ohne zu wissen, daß sie leichter oder schwerer sein kann! Glückliche Unwissenheit, die gewiß der Einsichten eines Neutons doppelt wert ist! – Wäre unser Knaut in der seinigen erhalten worden, hätte er nicht gewonnen? Er wäre so kalt, so unerschrocken – kurz, so ruhig itzt davongegangen als damals; aber so hatte er Glückseligkeiten zu verlassen, deren Kenntnis ihren Verlust tausendmal mehr verbitterte, als ihn ihr vorübergehender Genuß entzückt hatte, deren Kenntnis ihn die Aussicht in die künftige Abwesenheit derselben betrübt machte, um derentwillen ihm bei seiner Auswanderung eine Träne bis in das Auge stieg, die eine nicht geringe Bekümmernis in ihm voraussetzte. Sie war so stark angewachsen, daß seine Eigenliebe ganz darinne ersäuft wurde und ihn weder an seine Philosophie noch an die bevorstehende Gefahr seiner Grundsätze erinnern konnte. Hätte er nun vollends gewußt, daß sein Feind, der H. v. a × b, den unschuldigen Papen mit eigner Hand aufgeopfert hatte, um außer der tückischen Absicht das Vergnügen seiner Schwester und ihres ihm verhaßten Gemahls zu stören, zugleich sich an seiner Rechtschaffenheit für eine alte Beleidigung zu rächen, was würde er nur getan haben? – Ohne Zweifel wäre dies die beste Erleichterung seines Kummers gewesen, wenn ihm der Zufall nur einen einzigen Gedanken hiervon in den Kopf geworfen hätte; augenblicklich hätte er sich für einen unschuldig Leidenden angesehn, und das Vergnügen des Stolzes, um seiner Ehrlichkeit willen ausstehn zu müssen, wäre eine so mildernde Arznei gewesen, die den Schmerz gewiß abgekühlt hätte; aber dieser Trost war ihm versagt; der Zufall half ihm nicht dazu, und sein Gedächtnis konnte ihn auch auf keine Vermutung bringen, daß ihm seine Ehrlichkeit das gegenwärtige Unglück zugezogen habe. Es war also kein andrer Weg übrig: Er mußte sich grämen. 13. Es ist etwas unbequem, der Geschichtschreiber eines Mannes zu sein, der von dem Glücke alle Augenblicke aus seiner Ruhestätte verjagt wird; will man ihn nicht verhungern lassen – und in diesem Falle wäre doch der Roman auf einmal aus –, so muß man beständige Anstalten für sein Fortkommen machen. Wie gefährlich ist es, sich bei dieser Sorge allein auf das Glück zu verlassen! wenn man noch Feen, Sylphen oder andre dienstfertige Geister der Ideenwelt zu Hülfe nehmen dürfte; aber das geht in einer so wahrscheinlichen Geschichte wie diese unmöglich an. Es sei also dem Glücke überlassen, wie es ihn auf seiner Laufbahn weiter fortführen will; ich bleibe unbesorgt und möchte, daß es mein Philosoph auch wäre, wenigstens nicht so viele Zeit verstreichen ließe, ehe er es wird. Er ging zwar seinen Weg so gerade fort, unbekümmert, wohin er geraten würde, als da er ehmals der militärischen Ehre entgegeneilte; aber itzt war es Besorgnis und Schmerz, die ihn zu sehr beschäftigten, um eine Minute Aufmerksamkeit auf den Weg zu verwenden. Unter einer solchen Verwirrung der Gedanken war er, ohne es zu merken, tief in ein Holz hineingeraten, als er endlich von seinem Traume erwachte und sich ermüdet mit einem unstoischen Seufzer auf die Erde warf. Seine Einbildungskraft zeichnete ihm seine Umstände und seine Aussichten mit einem ziemlich plumpen Pinsel vor und stellte obendrein ihre Zeichnung hinter ein mikroskopisches Glas; alle äußern Gegenstände wurden mit einem fürchterlichen Schwarz überzogen; was in der Natur Schatten war, wurde in ihrem Gemälde düstre Nacht; allenthalben lauschten Gefahren und allenthalben der Hunger. Neben dieser Abbildung figurierte die ganze vorige Glückseligkeit, von welcher er kaum vertrieben worden war – seine Freiheit vom Sorgen, sein Überfluß, seine Sättigung, seine Ruhe – genug die ganze Szene seines Glücks in Amandens Hause; nur keine einzige von den dort gehabten Bekümmernissen. Der Kontrast gegen das erste Bild machte es doppelt traurig, wie man sich wohl einbilden kann. Ich muß mich selbst wundern, wenn es auch keiner meiner Leser tun will, warum er auf einmal so ganz aus dem Gleise seiner Philosophie gesetzt ist. Eine kleine Unruhe ließ ich mir noch gefallen; diese schrieb ich auf die Rechnung seiner vermehrten Empfindlichkeit, aber zu weinen! zu seufzen! sich innerlich zu härmen! wahrhaftig, das ist nicht knautisch! – Indessen geschah's, und ich möchte wissen, warum. Gewiß nicht deswegen, weil seine gegenwärtige Verfassung schrecklicher war als jede andre, und das braucht es auch nicht; unsre Empfindung hält niemals oder doch selten mit unserm Unglücke ein gleiches Maß; die Beschaffenheit, in welcher es Leib und Seele antrifft, bestimmt einzig die Stärke unsers Schmerzes. – Unser Philosoph hatte den Mittag vor seiner Vertreibung eine Mahlzeit getan, dergleichen ihn der heimliche Verdruß über seine Verachtung lange nicht hatte tun lassen; Gaum und Magen bewiesen ihm handgreiflich, daß er, aller Bedrängnisse ungeachtet, glücklich sei; warum seine Nerven gerade diesen Mittag erst geschickt wurden, diesen Beweis zu führen, das kann weder ich noch ein Doktor irgendeiner Fakultät wissen; genug, eine Reihe von vorbereitenden Ursachen machten sie nun damals eben geschickt dazu. Die Empfindung des Wohlseins, die auf jenen Beweis sich über sein ganzes Gemüt verbreitete, mußte notwendigerweise manches Projektchen erzeugen, wie sie zu verlängern oder gar ewig zu machen wäre; und das letzte Resultat von der Beratschlagung darüber fiel dahin aus, daß er, Tobias Knaut, allem Anspruche auf Ehre und vorzügliche Achtung inskünftige entsagen und aller Unruhe über den Verlust derselben den Eingang verschließen, alle Tage zwo wohlschmeckende Mahlzeiten tun und sich weiter um nichts außer und um ihn bekümmern müsse. Daß dieser Vorschlag sogleich von ihm genehmigt wurde, versteht sich von selbst, und daß er, da ihm mitten unter der Freude über die Ausführung desselben sein Exilium in den härtesten Ausdrücken angekündigt wurde, nicht eine Unze weniger Schmerz fühlte, als er empfand, das, deucht mich, ist nicht schwerer zu begreifen. Er war einem Jünglinge gleich, der mit vollem jugendlichen Appetite sich an eine wohlbesetzte, Geruch und Geschmack reizende Tafel setzt; siehe da! – als er zulangen will, verwandelt plötzlich ein schadenfroher Zauberer die schönsten Leckerbissen in Ungeziefer, in Schlangen und Eidechsen; wenn der arme Betrogne alsdann nicht ebenso heftig sich betrübt wie mein Held, so will ich die Ehre entbehren, sein Geschichtschreiber zu heißen. Ein Glück für alle Leidende .ist es, daß schnell angeschwollne Wasser und ein plötzlich angewachsner Schmerz gleich schnell sich wieder setzen. Knauts Philosophie kroch zwar aus ihrem Winkel allmählich wieder hervor; aber während ihrer Abwesenheit war doch die Nacht herangekommen und keine andre Wahl übrig, als daß er ungegessen mit einem Lager auf der Erde unter Hirschen und wilden Schweinen vorliebnahm. Die Müdigkeit drückte ihm endlich die Augenlider zu, so sehr sie auch die Furcht offen erhalten wollte. Er setzte den folgenden Tag mit einem kleinen Reste von Unruhe seinen Weg weiter fort, in der Hoffnung, einen Ausweg zu finden; er fand ihn nicht. Seine Mattigkeit nahm mit der Länge seines Marsches und seines Fastens zu; auch nicht eine einzige Frucht, die einen menschlichen Hunger leidlich hätte stillen können, zeigte sich ihm, und Tannzapfen – das einzige, was er um sich sah – zu versuchen, waren seine Leiden noch nicht dringend genug. Den dritten Tag traf er erst Eichenbäume mit reichlichen, beinahe reifen Früchten an; das war doch etwas Trost; hatte er seinem philosophischen Stolze zu Gefallen Eicheln mit der Sauce pitoyable in Amandens Hause ohne saure Miene verschlucken können, warum sollten sie ihm dem Hunger zu Gefallen nicht itzo eine willkommne Kost sein? – dächte man; aber weit gefehlt! – Der Druck, der Antrieb des Stolzes mangelte; seine Gesellschafter, die Bäume, waren fühllose Augenzeugen, denen nicht ein Haarbreit Erstaunen und Bewunderung abzugewinnen war; deswegen versuchte er eine, die andre und mehrere, sprudelte bei jeder, verzog das Gesicht und warf sie unwillig weg. Den vierten Tag wurde die Sache ernstlicher, der Wald immer dichter, und keine Eichel ließ sich im ganzen Umkreise erblicken. Den folgenden geriet er wieder zu den Eichen, die er vor zween Tagen verlassen hatte, kostete, was sie ihm darboten, und Glück zu! – es schmeckte – freilich nicht so herrlich als der Maréchal de Belleisle oder la Reine de l'orient und andre Süßigkeiten, an welche ihn bisweilen sein Gaum mit einem tiefen Seufzer erinnerte, aber er nahm seine Philosophie zusammen, und es glückte ihm, die Bitterkeit seiner Kost zu überwinden. Sobald auf diese Weise die Angelegenheiten in seinem körperlichen Systeme wieder auf bessern Fuß gestellt waren, so wagte es seine Eigenliebe wieder, seine sogenannten Grundsätze auf den Schauplatz zu bringen, um zu versuchen, ob sich zwischen ihnen und der gegenwärtigen Situation nicht wenigstens ein Vertrag errichten ließ. – Die Eigenliebe ist, wie bekannt, eine feine verschlagne Dirne, sie bringt ihre Anträge nicht eher zum Vorschein, als bis sie merkt, daß wir Zeit und Lust haben, sie wenigstens nicht ungern anzuhören. Diese ganzen fünf Tage über hatte sie sich wohl gehütet, mit einem Laute an ihre Lieblinge zu gedenken, weil alles in unserm Philosophen mit den gegenwärtigen Leiden zu beschäftigt war, um sich von ihr amüsieren zu lassen; doch kaum hatte eine Handvoll Eicheln Ruhe und Frieden im Körper wiederhergestellt, als die Listige sachte hervorschlich und leise zischelte: »Nu, Tobias Knaut? Wo bleibt deine Glückseligkeit? Bist du beständig glücklich, wie du an Amandens Tafel bei einem Stücke tourte de massepain oder etwas Ähnlichem bei dir behauptetest? So bilde dir doch ein, daß Eicheln nichts schlechter als Geleen und Creme sind, wenn dein Glück bloß in der Einbildung besteht!« – Eine so ironische Frage mußte alle Kräfte des menschlichen Egoismus anspornen; auch währte es nicht lange, so saß der gute Knaut mitten unter den Resten seines Eichelmahles und sann mit der angelegentlichsten Ernsthaftigkeit auf Mittel, sich wieder glücklich, das heißt, seine vorgefaßten Meinungen von der Glückseligkeit mit seinen itzigen Umständen übereinstimmend zu machen – so ernst saß er da als Eupaschon, da er bei der vollen Weinflasche schrieb, daß alle Menschen gleich glücklich sind. Die Bemühung, seine Vorurteile – Grundsätze, wollte ich sagen! – zu retten, ging ziemlich gut vonstatten. Anfangs trat zwar ein kurzes Andenken an das vorige Wohlsein in den Weg; aber der Witz drang durch. »Was«, rief er, »was fehlt dir, mein lieber Knaut? – Du bist gesättigt; was willst du mehr? Ob dies eine Folge von Eicheln oder von englischem Braten ist, das gilt gleich; das Gefühl der Sättigung ist eins, und mehr brauchst du nicht. – Du bist also noch so glücklich wie sonst; du bist es, weil du es zu sein glaubst .« Bravo! – »Aber die Creme, die letzte Citronengelee!« – die fatalen Creme und Geleen, daß sie ihm nicht aus dem Kopfe wollen! – »Zwar –« unterbrach er sich, (ich kann doch leider! keine mehr genießen) – dies in Parenthese gesagt –, »wozu nützt aller dieser Unrat? Elende Mixturen! ich verachte euch. Ihr nichtswürdigen Gemische seid meines Wunsches nicht wert. – Ein vernünftiger Mensch macht sich seiner unwürdig, wenn er an solchen Kleinigkeiten ein Vergnügen findet. Der Mensch will sich sättigen; was hierzu führt, ist ihm genug, sei es, was es wolle.« Er machte mit einem guten Dutzend Eicheln die Probe auf der Stelle und ward in kurzem mit seiner Kost so vertraut, daß er – ut prisca gens mortalium – nichts Bessers wünschte und verlangte. Er verachtete von Tage zu Tage mehr alle die Glückseligkeiten, die innerhalb dem Umkreise seiner Kenntnis lagen, und setzte alle Sterbliche unter sich herab, die sich nicht von Eicheln nährten. – Ei, ei! das letzte ist eine schlimme Vorbedeutung! Das war ja wohl gar eine kleine Regung von Neide, die diese Herabsetzung bewirkte? – Gewiß, nichts anders! Der Neid war es, der sie ihm eingab, der von menschlichen Seelen, wie der Schatten vom Körper, unzertrennlich ist, sobald die Kenntnis größerer Glückseligkeiten, die ihnen mangeln, einen starken Strahl auf sie wirft. Dreimal glücklich sind wir alsdann, wenn unsre Eigenliebe noch in einer glücklichen Ebbe wie bei meinem Helden sich befindet und nicht zur Flut der Leidenschaft, zum Stolze, emporgestiegen ist – wenn es mit ihm einmal so weit kömmt, daß seine Kenntnis von Glückseligkeiten erweitert und seine Begierde darnach reizbarer wird; wenn dadurch die Vergleichung seiner selbst mit andern Menschen den gegenwärtigen Sprößling von Neide zu Emulation, zur Vorzugssucht anwachsen läßt: dann, dann ist es um seine philosophische Stille des Gemütes geschehen, dann wird eine Leidenschaft die andre entzünden, nachdem der Zufall diesen oder jenen Zunder unterlegt; seine Begierden werden wie wilde Rosse anziehen und fortrennen, und dann mag der Kutscher sehn, wie er sie regiert. 14. Es war nicht der mindeste Anschein, als wenn ein günstiger Zufall ihn bald aus seiner Einöde erlösen würde, sondern vielmehr der allergrößte, daß er sein Leben hier werde zubringen müssen; denn unter einem halben Jahrhunderte schien kein menschlicher Fuß diese Gegend zu besuchen. Überdies hatte die Zeit, die glückliche Rettung seiner Grundsätze, die Gewohnheit und besonders die Abwesenheit glücklichrer Menschen seinen Zustand bis zu einem Grade erträglich gemacht, daß er sich sogar in einem sehr vorteilhaften Lichte als den Herrn dieses Eichenwaldes ansah, seine Ungebundenheit pries, seine Freiheit, mit welcher er von einem Flecke zum andern ungehindert ziehn, von diesem und von jenem Baume genießen, essen und schlafen konnte, wenn er wollte – kurz, er war gewiß glücklich, weil er es zu sein glaubte. Um ihn aber seiner künftigen Bestimmung näher zu führen, hatte die Natur, wie in allen Nachkommen Adams, einen Sporn in ihn gelegt, der ihn von Zeit zu Zeit antrieb, einmal auf eine andre Art glücklich sein zu wollen; allmählich wurde daraus eine Unzufriedenheit, eine Unbehaglichkeit, die er nur fühlte, aber sich nicht erklären konnte noch wollte; sie nahm zu, und ohne langes Bedenken steckte er alle Taschen seiner Kleidung voller Eicheln, um sich vor künftigen Mangel zu schützen, verließ seinen bisherigen Wohnort und wanderte getrost mit seiner Ladung fort, zwar ohne die geringste Aussicht auf bessere Umstände, aber doch froh, weil alle mögliche Hoffnungen dieser Erde in seiner Gewalt waren; er war schon froh, daß er eine andre Aussicht hatte. Mit vieler Ökonomie schonte er sein Magazin, solange er Gegenden antraf, wo ihn die Natur versorgte. Diese hörten endlich auf; sein Vorrat gleichfalls; rings um ihn her erblickte er nichts als unfruchtbare Tannen, die ihm mit Mangel und Leiden drohten. Es ging eine neue Hungerperiode an, und seine Glückseligkeit geriet von neuem in Gefahr. Endlich sah er doch einen Ausgang von dem Walde; seine Hoffnung lebte auf; er eilte ihm zu. Er erblickte Spuren von Bevölkerung, gebaute Äcker, Wiesen, Obstbäume mit reifen hängenden Früchten, worunter die letzten seine Aufmerksamkeit am stärksten auf sich zogen. Er sahe sie lange von ferne, und immer wurden sie ihm interessanter, je näher er kam. Er schmeckte sie schon im voraus und streckte wirklich schon seine Hand aus, um einen lockenden rotbackichten Apfel herunterzuholen, als ihm die Szene einfiel, wie er zwischen den Knien seiner Mutter stehend unter Bedrohungen mit der mütterlichen Rute ihr sehr langsam nachsagen sollte: Du sollst nicht stehlen! – und wegen der Unfähigkeit seiner Sprachwerkzeuge niemals das fatale S aussprechen und ihren Willen erfüllen konnte, weswegen ihm die öftern Züchtigungen unter allen zehn Geboten keins so merkwürdig machten als dieses. Du sollst nicht stehlen! – dachte er und zog die Hand schnell zurück. Er setzte sich stillschweigend unter den Baum und besah den Apfel. Aus Selbstvergessenheit wollte er über die Betrachtung noch einmal zulangen – du sollst nicht stehlen! fiel ihm wieder ein, und er setzte sich. Endlich wurde die Begierde so unwiderstehlich stark, daß er ein Mittel finden mußte, wie er stehlen konnte, ohne doch zu glauben , daß er stahl; denn bloß hierauf kömmt es bekanntermaßen an, um mit unsern Gewissen ein Abkommen zu treffen. – Hm! dachte er endlich, der Besitzer dieser Gegend ist gewiß ein Menschenfreund; warum sollte er sonst diese Bäume so öffentlich hieher pflanzen und ihre Früchte so unbewacht dem Appetite jedes Vorübergehenden preisgeben? – Er mußte sie gewiß pflanzen, um hungrige Reisende damit zu erquicken; wenn ich also davon genieße, so stehle ich nicht; ich erfülle seine Absicht; ich mache, daß er, ohne es zu wissen, eine Wohltat an mir ausübt, und erlange ich nicht dadurch gar eine Art von Verdienst um ihn? – Ich verhelfe ihm zu einer guten Handlung. Nun war es ihm unumstößlich gewiß, daß er stehlen konnte, ohne zu stehlen. Er hatte sich das Wort »stehlen« wegsophistiziert, und mehr braucht es für einen menschlichen Verstand nicht; wenn er sich nur den auffallenden Ausdruck vom Halse schaffen kann – noch besser ist es, wenn er sich gar einen gelindern glänzendern unterschieben mag – wenn ein falscher stolzer Zelot sich nur aus seinem Gehirne das Wörtchen Intoleranz herauswerfen und an seine Stelle »Liebe zur Wahrheit, Religionseifer« oder so etwas hineinstecken kann – o so verbrennt, sengt, verfolgt, schmäht, verketzert er in Gottes Namen alle, die nicht seiner Meinung sind, mit so unbeflecktem Gewissen, als Knaut sich itzt von fremden Gute auf das herrlichste nährte. L'appétit vient en mangeant – je mehr er genoß, je mehr wünschte er zu genießen und plünderte daher ohne den geringsten Gewissensbiß einen Baum nach dem andern in dem Distrikte, wo er sich aufhielt. Als er eben, weil der größte Hunger nunmehr befriedigt war, zum Nachtische einen schönen rosenwangichten Apfel mit der Muße und Begierde genießen wollte, womit die genäschige Mutter Eva die verbotne Frucht verzehrte, – deren tötender Geschmack Tod und alles unser Weh auf diesen Erdkreis brachte, – siehe! so faßte ihn plötzlich jemand von hinterwärts so hastig bei dem Arme, daß er erschrocken seinen ganzen Nachtisch fallen ließ und nicht wußte, wohin er zuerst sehen sollte. – »Dieb!« rief der Mann, der ihn mitten in seiner Freude gestört hatte, und nötigte ihn mit einer lakonischen Höflichkeit, ihn zu dem Orte zu begleiten, wo in diesem Lande der Gerechtigkeit Räuber einquartiert zu werden pflegten, das heißt, er faßte ihn bei dem Arme und schleppte ihn mit sich fort. »An einem Orte«, setzte er unterwegs hinzu, »wo jedermann sich schämt zu stehlen, mußt du dich nicht sehen lassen« – und fuhr in diesem Tone den ganzen Weg über fort, ihm zu zeigen, daß er unter einem Himmelsstriche geraubt habe, wo alle Leute ehrliche Leute wären. Für einen Landmann, der in dem Schweiße seines Angesichts sein Brot baute, hatte seine Rede zu viel Schwung über die gewöhnliche Denkungsart seines Standes, war mit Sentenzen von Ehre und Rechtschaffenheit so verbrämt, als wenn er ein schöner Geist wäre oder doch auf dem Wege sich befände, es zu werden. Er wußte dabei sehr vieles von der Gerechtigkeit, Güte und Strenge seines gnädigen Herrn zu rühmen, vor dessen Richterstuhle unser Philosoph erscheinen solle, und setzte am Ende hinzu, daß er und alle, die mit ihm unter dem Regimente dieses Herrn stünden, die rechtschaffensten und glücklichsten Leute in der Welt wären und stolz darauf täten. Wahrhaftig! das ist viel gesagt! – Ob es auch wahr ist? 15. Ganz falsch ist es wahrhaftig nicht; denn unter den Quellen, aus welchen ich meine Geschichte schöpfe, finde ich eben itzt eine Urkunde, die die Aussage dieses Mannes bestätigt und mich in den Stand setzt, meinen Lesern umständliche Nachricht zu erteilen. Favete linguis! – denn wir treten in das Haus eines ehrwürdigen Greises, der durch das Nützliche, was er in seinem Leben für sein Vaterland und seinen Regenten tat, seine ansehnliche Geburt zu dem Adel des Verdienstes erhub und hier Im Schatten edler Muße Am Abend seines Lebens, Gleich dem beschweißten Landmann ruhte. Eupator – dies mag sein Name indessen sein – war durch alle Stufen der Ehre bis zu der nächsten an seinem Fürsten gestiegen, und wer ihn ohne Neid beurteilte, gestund, daß er keine einzige betreten, ohne daß er sie zu betreten verdiente, und daß er sich bei seinem Aufsteigen auf keine andre Mittel als auf seine Talente und sein Verdienst gestützt habe. Seine Einsichten waren selbst nach dem Geständnisse seiner Feinde groß, weitläuftig, sein Verstand durchdringend, schnell, feurig, seine Geschäftigkeit unermüdend, und wer ihm alles absprach, ließ ihm doch diese Vorzüge; aber eben aus diesen glänzenden Talenten entstund eine gewisse Reformationssucht, ohne welche seine Einsichten vermutlich noch gemeinnütziger gewesen wären und seine Neider keine Gelegenheit bekommen hätten, seine besten Absichten anzuschwärzen und ihm sein Leben auf die unseligste Weise zu verbittern. Ein Verstand wie der seinige entdeckt mit einem mikroskopischen Blicke große Flecken, wo gemeine Augen kaum einen Punkt wahrnehmen, und eine Lebhaftigkeit wie die seinige konnte nicht anders als eilen, diesen Flecken wegzuwischen; vielleicht vergrößerte ihm seine Phantasie bisweilen die Fehler an dem Uhrwerke des Staates; vielleicht wollte er ihm aus der Neigung gewisser vortrefflichen Köpfe zur genauen Regelmäßigkeit einen zu abgemeßnen, nach einem bestimmten Plane ausgekünstelten Gang geben, ohne in dem Feuer seiner Meditation und seiner Arbeit zu überlegen, daß die Regierung der ganzen Welt und die Regierung eines Staates, insofern sie mit jener vom Zufalle abhängt, einen großen weitumfangenden Plan zum Grunde haben, der nicht in einer Karte verzeichnet oder verbessert werden kann, und daß sich noch viel weniger ein Riß nach dem verjüngten Maßstabe wie von einem Gebäude machen läßt, dessen Ausführung so leicht wäre als dem Maurer und Zimmermanne der Grundriß des Baumeisters. Demungeachtet wollte er dies tun, der ganze Staat sollte auf sein und seiner Nachfolger Kommando so maschinenmäßig und in ordentlichem Tempo manövrieren wie ein Regiment Soldaten; am Ende sah er zu seinem großen Verdrusse, daß entweder sein Plan übel angelegt oder seine Maßregeln übel gewählt waren; denn statt der gesuchten Regelmäßigkeit entstund die größte Unordnung; statt, seiner Absicht gemäß, zu einem Zwecke zu wirken, ging alles widereinander; der Staat wurde ein Chaos. Freilich war ein Teil dieses schlimmen Erfolgs der Ungeschicklichkeit und dem bösen Willen derjenigen zur Last zu legen, die da nach seiner Anweisung arbeiten sollten, wo seine Kräfte nicht hinreichten; aber man befand für gut, die ganze Schuld seinen Schultern aufzulegen, man machte ihn verhaßt, und man konnte es mit einem guten Anscheine; er verließ aus Ärger und Überdruß seinen Posten und zog sich als ein übelbelohnter Menschenfreund mit dem völligen Bewußtsein seiner redlichen Absichten auf seine Güter zurück. Die allgemeine Stimme war wider ihn, und anstatt die Fehler seiner Administration aus der wahren Ursache zu tadeln, maß man sie nicht einer zu feurigen, höchstens unüberlegenden Tätigkeit, sondern einem bösen Herzen zu; doch davon sprach ihn der Umstand völlig los – er war durch alle seine Anstalten und Anordnungen nicht um einen Apfelstiel reicher geworden, und böse ist gewiß niemand, als wenn er Nutzen davon hat. Nach dieser Einleitung wird es niemand übel finden, wenn ich meine Leser mit einer heiligen Ehrfurcht in das Haus des erhabnen Eupators einführte. Hatte Eupator, dessen Andenken mich in jene Begeistrung versetzte, sehr wenig Glück, als er seinen politischen Plan im Großen ausführen wollte, so gelang er ihm doch unendlich besser im Kleinen. Daß er ihn, auch da er ihn verunglückt sah, noch für gut und vortrefflich, allenfalls einiger Verbesserungen bedürftig hielt und diese Überzeugung mit sich in die Einsamkeit nahm, wird ihm jedermann vergeben, der die Geschichte seiner eignen Eigenliebe studiert hat; daß er aber auf den Einfall kam, ihn in seinem eignen kleinen Reiche auf seinem Rittergute, ins Werk zu setzen, das klingt wohl etwas romantisch, aber ist es wirklich bei einem paar hundert Bauern weniger, die sich unendlich leichter zu einem politischen Manövre abrichten lassen, als viele Tausende – genug, er brauchte in seiner Einsiedelei eine Zeitverkürzung; der Fuhrmann, wenn er sich zur Ruhe begeben hat, flicht Peitschenriemen, und der Staatsmann – baut Monarchien im Kopfe oder in Natur. Indessen daß mein Held in sein Gefängnis gebracht wird, wollen wir uns in seinem politischen Gebäude ein wenig umsehn. Er hatte in allen Monarchien, die er kannte, wichtige Gebrechen bemerkt, die seines Bedünkens samt und sonders den mangelhaften unphilosophischen Einsichten der Staatsregierer in die Natur des Menschen beizumessen waren. Er vereinigte wahrhaftig in sich selbst mit der Kenntnis der Affären eine Philosophie, die bis auf einen gewissen Punkt der Zergliederung in den Menschen tief eindrang, tiefer vielleicht, als es für die Nutzbarkeit seines Postens vorteilhaft war. Nach seinen Begriffen war die Eigenliebe die einzige allgemeine Triebfeder der Menschen bei ihren Handlungen; diese muß in Bewegung gesetzt werden, sagte er, wenn sie nur eine Hand oder einen Fuß zu einem gewissen Zwecke rühren sollen. Im menschlichen Herzen sind verschiedene kleinere Räder, die in das große Rad der Eigenliebe greifen und von diesem umgetrieben werden – Ehre, Patriotismus, Ruhmbegierde und andre, deren Bewegung eigentlich nichts ist als die mitgeteilte Bewegung der Eigenliebe. Diesen Grundsätzen gemäß legte er seine kleine Monarchie so an, daß die in Ehrbegierde verkleidete Eigenliebe der Haupttrieb aller Mitglieder derselben sein sollte. Er suchte diesem Triebe gleich von den zartesten Jahren an einen gewissen Schwung zu geben, wozu alle, die mit der Erziehung zu tun hatten, ernstlich abgerichtet und angehalten wurden. Gute Handlungen, von welcher Art sie nur waren, wurden jeden Sonntag öffentlich von der Kanzel abgelesen, derjenige, der sie getan hatte, unter einem lauten Zurufe von der ganzen Gemeine an einen öffentlichen Platz begleitet, wo er nach Beschaffenheit der Tat einen Kranz von Linden oder anderm Holze empfing, worunter ein jedes seinen festgesetzten Wert hatte; der Belohnte hing sein Ehrenzeichen an den Vorderteil seines Hauses auf, und nach der Anzahl derselben wurde jedermann zu den kleinen Würden und Ämtern erhoben, die in diesem ländlichen Staate angebracht werden konnten. Keine darunter war in Ansehung der Einnahme beträchtlich, aber auch durch keine überhäufte Geschäfte lästig, nach deren Wichtigkeit und Umfange die Einkünfte genau abgemessen waren. Niemand konnte dazu gelangen als durch die Menge Ehrenzeichen, die seine Tugend erlangt hatte, und wer überführt wurde, daß er durch einen Schleichweg seinen Ehrgeiz befriedigen wollte, der war auf immer von allen Ehrenstellen ausgeschlossen und mit einer Schande und allgemeinen Verachtung gebrandmarkt, die nichts anders als eine bestimmte Anzahl Ehrenzeichen vertilgen konnten. – Auch, sagte sich Eupator, wird niemand unerlaubte Mittel ergreifen, da er gewiß ist, daß er durch die erlaubten seinen Zweck niemals verfehlt, und jedermann muß nach diesen an sich unbedeutenden Belohnungen streben, da sie allemal ein sichrer Beweis des Verdienstes sind und kein Ansehn, kein Reichtum, nichts in der Welt als Verdienst sie erwerben hilft. – Hierdurch schmeichelte er sich, einen wichtigen Fehler großer Monarchien verbessert zu haben, wo nach seiner Meinung die Austeilung der Ehren und der damit verknüpften Einnahmen oft so wenig nach der Wichtigkeit des Verdienstes abgemessen, die Ehren selbst dadurch, daß ihre Erlangung gewissen Ständen erleichtert, andern erschwert ist, unter sich herabgesetzt sind, daß großen tätigen Geistern der Trieb darnach aus dem Herzen gerissen und nur etlichen wenigen übriggelassen wird, die zur leeren bequemen Prachtliebe, aber nicht zum großen edlen Ehrgeize wirksam genug sind. – »Bei mir soll dies niemals begegnen«, sagte er in völligem Ernste und freute sich in völligem Ernste zum voraus darüber. Der Perpendikel, der den Einwohnern seines Staates die Bewegung mitteilen sollte, war bestimmt: die Eigenliebe sollte es sein; die Eigenliebe sollte unter dem Anstriche der Ehrbegierde seine Bürger zur Tätigkeit in der Tugend anspornen. Nun war die Hauptsache übrig, zu bestimmen, was Tugend sein sollte? wie Verbrechen verhütet und Strafen unnötig gemacht werden sollten? – »Alles«, sagte er den Bürgern seiner Monarchie, »was euch Ehre bringt, ist Tugend; was euch Schande macht, sei Laster; strebt also nach nichts als dem rühmlichen Urteile des Richters eurer Tugend, und dieser bin – ich . Unter den Tugenden, die ich euch vor allen andern empfehle, ist Fleiß und Arbeitsamkeit die erste; die zweite ein unumschränktes Vertrauen und eine kindliche Liebe gegen den Richter eurer Tugenden; die dritte der völlige Glaube, daß ihr glücklich seid. Jeder unter euch muß es für die höchste Schande halten, ein Mitglied neben sich zu dulden, das sich eines Lasters schuldig gemacht hat, und es als ein Interesse seiner eignen Ehre ansehen, ihn aus der Gesellschaft verbannen zu helfen, die er entehrt hat.« Er unternahm eine neue Teilung des Vermögens und gab sogleich die Unternehmung wieder auf und beruhigte sich damit, daß er dem armen Verdienstvollen einen Zusatz von seinem eignen beilegte, nicht um alle Ungleichheit aufzuheben, sondern unter den verschiedenen Teilen bis auf den Grad ein Gleichgewicht herzustellen, daß niemand durch den Mangel gezwungen würde, seine Ehre einer vorteilhaften schädlichen Tat aufzuopfern. Dies war ohngefähr die Richtung, die er seinem politischen Gebäude gab, von dem ich meinen Lesern nichts als einen nötigen Punkt entdecken will. – Seine Kriminalgesetze waren von einer besondern Art: Eigentlich war seine einzige Strafe – Schande, das heißt, eine von dem obersten Richter befohlne allgemeine Verachtung; aber er hatte eine eigne Methode ausgesonnen, Verbrecher durch ihr eignes Interesse zu bessern Bürgern zu machen. Die Antastung eines fremden Eigentums war für eins von den Hauptlastern erklärt; und da sich niemand entschließen kann, dachte Eupator, die daraufgesetzte größte Schande auf sich zu laden und das Interesse der Ehre dem Interesse des Eigennutzes aufzuopfern, außer in dem einzigen Falle, wenn ihn das alles überwindende Bedürfnis dazu zwingt, so soll jeder dieses Verbrechens Schuldige nach meinem Gutbefinden eine bestimmte Zeit über als ein Gefangner, aber ordentlich unterhalten, die Empfindung seiner Ehre durch tägliche Belehrungen rege gemacht und ihm, wenn dieser Zweck erreicht ist, ein Zusatz zu seinem Vermögen gegeben werden, der ihn über alles Bedürfnis des Stehlens hinaussetzt, wenn er vorher der Gesellschaft eine öffentliche Abbitte für die zugefügte Schande getan hat; denn die Privatschande eines Mitgliedes muß von der öffentlichen nie getrennt und von allen als die ihrige betrachtet werden. Wirklich hatte er durch die gemeldeten und ähnliche Veranstaltungen den rohen Seelen seiner Untergebnen einen Schwung beigebracht, der jedermann in Erstaunen setzen mußte. Am Hofe und in der Stadt konnte die Ehre nicht so oft im Munde geführt werden als hier; nirgends konnte man sich mehr darnach beeifern; alles war arbeitsam und fleißig und suchte Gelegenheiten, sich Ehrenzeichen zu verdienen; jedermann hielt sich für glücklich, und wenn er sich es gleich nicht schien, so schämte er sich doch, es äußerlich nicht zu scheinen; jedermann liebte und ehrte Eupatorn wie einen Vater und hätte willig seinem Verlangen alles ohne Ausnahme aufgeopfert. Eupator freute sich unendlich über dieses letzte, weil nach seinem Ausdrucke die Illusion die einzige Angel ist, um welche sich die menschliche Glückseligkeit herumdreht. »Wenn also«, setzte er hinzu, »jemand ein Mittel wüßte, den ganzen Staat in die Illusion zu versetzen, daß sein Regent der beste ist, wenn er es auch gleich nicht wäre – kurz, alle insgesamt zu bereden, daß ihre Regierung, Gesetze und Einrichtungen sie glücklich machen, es sei im Grunde oder nicht, der verstünde die Regierungskunst.« – Natürlich bildete er sich ein, daß er dieses Geheimnis gefunden hatte. 16. In dieser Miniatur von Monarchie mußte sich es also besser ein Gefangner sein lassen als in Elmickors Höhle, besonders wenn man sich durch einen Diebstahl dazu gemacht hatte – eine Vergleichung, die mein Held gleich den ersten Tag nach seiner Ankunft in seinem Verhafte anstellte! Er wurde so ordentlich bewirtet als von Amanden, da ihr die Langeweile den Pfeil der Liebe ins Herz gestoßen hatte; der für die Gefangnen bestimmte Lehrer fand sich gehörig bei ihm ein und erkundigte sich freundlich nach den Bewegungsgründen, die ihn angetrieben hätten, seine Ehre einem schändlichen Vorteile aufzuopfern. – »Der Hunger«, war seine runde Antwort. Auf etliche andre Fragen folgte die Erzählung der bisher ausgestandnen Drangseligkeiten, die ihn seinem Examinator viel wichtiger machten, und noch mehr tat dieses sein Geständnis, daß er nichtsdestoweniger beständig glücklich gewesen sei. Der Mann stattete einen Bericht bei Eupatorn ab, der ihn nach der Bekanntschaft seines Gefangnen begierig machte. Er ließ ihn vor sich kommen und hörte mit Erstaunen Grundsätze, die man nach seinem Bedünken nirgends als in seiner Monarchie lernen und ausüben konnte. Wem sollte ein solcher Mensch nicht gefallen? Hätte Eupator gleich weniger Eigenliebe als ein Hofmann und ein Philosoph, so müßte er ihn schon deswegen als einen würdigen vortrefflichen Mann betrachten, weil er so denkt wie er; aber der menschenfreundliche Monarchienbauer wurde von einem noch höheren Interesse regiert; er schrieb diese Gleichförmigkeit der Denkungsart mit derjenigen, die er in seinem Staate herrschend machen wollte, lediglich dem Unterrichte zu, der ihm während seiner Gefangenschaft erteilt worden war, ob ihn gleich eine kurze Überlegung belehren konnte, daß sich in so kurzer Zeit die Denkungsart eines Menschen nicht so in eine Form zwingen lasse, als wenn sie gleich bei der Geburt hineingegossen wäre – aber um des Himmels willen! wer wird eine solche freudestörende Untersuchung einer menschlichen Eigenliebe zumuten? – Ohne zu bemerken, daß der Delinquent seinen Glauben an eine ununterbrochne Glückseligkeit von einer Zeit datierte, wo er weder Eupatorn noch seine Monarchie kannte, dachte er nur daran, daß dieses der erste Beweis von der Güte seiner Kriminalanstalten sei und ihm in Zukunft noch mehrere glückliche Erfolge verspreche – dachte dies, freute sich herzlich darüber, bekam eine wahre Liebe für den Mann, dessen schnelle Bekehrung ihm diese Freude verursacht hatte, und nahm ihn feierlich zu einem Mitgliede seines Staates und zu seinem Lieblinge auf. Wer ihn in dieser menschenfreundlichen Illusion hätte stören wollen, der wäre wert gewesen – welche Strafe erkenne ich ihm nur zu? – Wenn doch glücklicherweise alles von Menschen wimmelte, die auf den Zug ihrer Eigenliebe Gutes täten und sich einbildeten, es um des Guten willen zu tun! – Wer aus einer gutmeinenden stolzen Schwäche die Vorstellung nicht ertragen kann, daß es doch im Grunde die Eigenliebe ist, die ihn dazu hinzog, den wollen wir in dieser Illusion nicht stören; nur halte er es nicht für gefährlich oder eine Blasphemie wider die Tugend, wenn andre ehrliche Leute stark genug sind, die Zergliederung ihrer Handlungen und Triebe bis auf den letzten Grad zu verfolgen, zu dem sie durchdringen können, und sich nicht schämen, zu gestehn, daß das Maschinenwerk ihrer Tugend auf die Art in Bewegung gesetzt wird, wie es die Natur anlegte. Auch dürfen sie nicht denken, daß sie dadurch unter diese Scharfsichtigern herabgesetzt werden, und noch viel weniger dürfen diese Scharfsichtigern jene, die in einem gewissen Falle es weniger sind, unter sich erniedrigen wollen; der Mensch muß allemal, wenn er lebhaft und mit Feuer handeln soll, in einem gewissen Grade nach Illusion handeln, und der Mann, der es einsieht, wie vielen Anteil die Eigenliebe an unsern guten Handlungen hat, tut vielleicht viel Gutes und Nützliches um des Ruhms willen und sieht nicht ein, daß zur Begierde nach Ruhm die größte Illusion gehört – und darf es auch nicht einsehn, wenigstens bis auf einen gewissen Punkt nicht! – Ein menschliches Wesen, das alle Illusion, das heißt, wo ein Klumpen dunkler unentwickelter Ideen auf die Federn unsrer Tätigkeit zudrücken, ganz aufheben wollte oder nie darein geraten könnte, wäre ein untätiger Dummkopf oder ein untätiger stoischer Weise. Mag doch also Eupator immerhin durch die Illusion seiner Eigenliebe verführt werden, meinen Helden zu lieben und ihn sogar hochzuschätzen; ich lobe ihn darum nicht weniger und ehre den Mann, dessen Eigenliebe eine so wohltätige menschenfreundliche Richtung bekommen hat. Hier ist es, wo ich zu denen zurückzukommen versprach , die den Eigennutz als das einzige Schwungrad des menschlichen Herzens ansehn. Wir wollten uns miteinander vergleichen, und es soll auch geschehen. Ohne Zweifel haben wir einerlei Idee im Kopfe und nur zweierlei Worte. – Helvetius tat vielen Leuten einen großen Gefallen, daß er das Interesse Unglücklicherweise gab es der deutsche Übersetzer par Eigennutz. zur allgemeinen bewegenden Kraft bei der Freundschaft, dem Patriotismus und jeder tugendhaften Handlung erhub; man verstund das Wort in der eingeschränkten Bedeutung, in welcher es seine Feinde, die Jesuiten, nahmen; ein jeder fand die Behauptung des Philosophen in diesem Sinne durch seine eigne Denkungsart bestätigt und freute sich, den niedrigen gewinnsüchtigen Eigennutz, den alle Philosophen tadelten, durch einen Philosophen so geadelt zu sehn; Helvetius wurde ihr Mann, ihr Kabinettsphilosoph, weil er nach ihrer falschen Einbildung ihre Denkungsart predigte. Darum ist er, deucht mich, der Busenfreund einiger Weltleute geworden, die keinem Weltweisen außer ihm die Ehre ihrer Freundschaft gönnen; die Gunst verschiedener Philosophen war er gewiß den vielen Wahrheiten schuldig, die er – freilich unter einer Menge Sophistereien – mit einem Feuer sagt, das allein schon einsichtsvolle empfindende Leser hinreißen muß. 17. Die Versöhnung war zustande, und – was mich noch mehr freut – mein Held auf das beste wieder versorgt, der Liebling eines wahrhaftig guten und großen Mannes, der Mitbürger einer Monarchie, wo das oberste Gesetz befiehlt, sich glücklich zu dünken, und zwar beständig. Eupator wünschte wohl keine großen Gesellschaften und bedurfte sie auch nicht, weil ihn die Einrichtung, Verbesserung und Regierung seines kleinen Staates genugsam beschäftigte, um der Langeweile keinen Platz zu lassen; allein welcher Mensch kann nachdenken und kein Vergnügen daran finden, die Resultate seines Nachsinnens andern mitzuteilen? Deswegen war ihm unser Philosoph doppelt wert: Er hörte gelassen seine Spekulationen an, billigte sie oder schwieg und – widersprach nie. In diesen Unterhaltungen predigte ihm Eupator unaufhörlich von den großen Leidenschaften, dem Bestreben nach Ruhm und Ehre; bewies ihm aus Geschichte und Erfahrung, daß Staaten nur alsdann groß und glücklich gewesen wären, wenn diese beiden Flammen in der Brust ihrer Bürger gebrannt hätten; daß durch ihre Wärme jede politische Tugend erweckt und zur Reife gebracht werde; daß ein Mensch durch sie über die Menschheit sich erhebe und ohne sie unter dem Haufen alltäglicher Menschen verliere – und eine Menge ähnlicher Phrasen des politischen und philosophischen Rednerstils; alles war in seinen Reden, beides Ideen und Ausdruck, mit der wärmsten Begeisterung befeuert. Es gibt Mystiker, nicht bloß in der hochheiligen Theologie, sondern in allen Künsten und Wissenschaften; besonders sind die politischen und philosophischen die häufigsten – Männer, die aus ihrer bilderreichen Phantasie ein System von hochtönenden betäubenden Redensarten zusammengesetzt haben, die Kopf und Herz so begeistern wie der Dampf, den die Priesterin auf dem Dreifuße des Apolls durch einen bekannten Kanal in sich anlangen ließ. Eupator war ein Muster eines solchen politischen Mystikers; er überschüttete seinen Liebling mit einer solchen Menge rauschender Deklamationen, daß er so sinnlos dastund, als wenn er durch alle Öffnungen des Körpers unterirdischen Dampf eingesogen hätte. Ruhm war ihm eine Idee, die er zwar ehemals gedacht hatte, aber doch nur dem Worte nach, ohne daß eine Empfindung damit vergesellschaftet war; doch itzt wurde sie mit einer pompösen Begleitung in seiner Phantasie eingeführt; und ein solcher feierlicher prächtiger Einzug geschieht nie, ohne daß die Empfindung mit dazu gezogen wird. Er mußte seinem Patrone täglich in den Abendstunden auf dem Spaziergange Geschichten großer Patrioten, der alten Republiken, begeisternder Taten, großer Weltweisen und Staatsmänner vorlesen, worinne der enthusiastische Geist der Ruhmbegierde gleichsam atmete und, wo er fehlte, ersetzte ihn Eupator, der wirklich, wie man hieraus abnehmen kann, für jedes Große und Erhabne auf das lebhafteste empfand und in einer griechischen Republik ein Themistokles oder vielmehr ein Solon geworden wäre, und dieses umso viel gewisser, da der Geist der Monarchie, unter welcher er beständig vor seiner Entfliehung aus der Welt lebte und die nur durch den Namen sich vom Despotismus in den letzten Jahren seiner öffentlichen Geschäftigkeit unterschied, sein republikanisches Gefühl nicht niedergedrückt hatte. – »Der Mensch muß sich aus dem Staube emporarbeiten«, sagte er oft, » es sei, wie es wolle; hat uns die Natur keine Flügel gegeben, so müssen wir, wie Dädalus, sie selbst uns zubereiten; fällt man mit ihnen – on tombe noblement. Nicht schimmernder Tand, nicht die Werkzeuge des Luxus und der kindischen Eitelkeit, nicht Kleider, Möbeln, Bedienung muß den Geist etliche Stufen über seine Sphäre erheben: Ehre, Ruhm muß ihn mit Adlerflügeln zur Unsterblichkeit emportragen; die Begierde, durch große wichtige Handlungen und nicht durch leere Pracht uns zu unterscheiden, muß uns über uns selbst setzen; jeder muß nach dem emporringen, was nach seinen und seiner Gesellschaft Begriffen das größte ist; so werden große Menschen und durch ihre häufige Anzahl große Staaten gebildet.« – Auf diesen Ton ohngefähr war seine Unterhaltung gestimmt. Unser Philosoph mußte die Phantasie eines Grönländers haben, wenn sie nicht durch solche Erschütterungen aufgewiegelt werden sollte; sie wurde es wirklich. An die Stelle seiner vorigen Ruhe und Gleichmütigkeit trat eine Unruhe, eine Unzufriedenheit, deren Ursache ihm unbekannt war; bald schien er sich selbst verächtlich, bald erhub ihn sein Gefühl über sich selbst; alle große und berühmte Männer, die er durch seinen zeitherigen Umgang und die damit verwandte Lektüre kennengelernt hatte, wandelten, wie ihre Schatten in Virgils Elisäum, in seinem Kopfe herum; er beneidete, er bewunderte sie; er wollte seine Gedanken aus Verdruß von ihnen abziehen, konnte es mit Mühe, und gleich darauf suchte er sie mit Fleiß zu ihnen zurückzulenken; er träumte schlafend und wachend von ihnen; Ruhm und Unterscheidungsbegierde waren unter verschiedenen Verkleidungen seine einzigen Ideen. Was konnte in der Länge aus einem so täglichen vertrauten Umgange anders entstehen als eine mechanische Gewohnheit, diese Ideen zu denken? was anders, als daß die einmal damit verbundne Empfindung, bald schwächer, bald stärker, nachdem sie neue Nahrung bekommen oder von sich selbst zehren mußte, jedesmal zugleich aufwachte? – Die Vorstellung von den Süßigkeiten der Achtung und Unterscheidung, die er in Amandens Hause geschmeckt hatte, trat zu gleicher Zeit wieder hervor, und mit hellern Farben, als sie während des Genusses gehabt hatte; alles um ihn herum sprach von Ehre und Tugend – wer hätte in solchen Umständen nicht von Ehre und Tugend ohne sein Zutun parfümiert werden müssen; der Geruch teilte sich wie in einer spezereireichen Apotheke von selbst mit. Noch war sein Gefühl unbestimmt; der Gegenstand, das Ziel fehlte ihm. Zur Heldengröße war weder sein Leib noch seine Seele geschaffen; obgleich durch Beispiele von Helden und Staatsmännern seine ersten Gefühle des Ruhms erweckt und geschärft waren, so erfoderte doch beides zu werden eine Tätigkeit, die er in seinen Nerven nicht fühlte. Das Eichelgericht, das er in Amandens Hause verschluckte, das Erstaunen seiner Zuschauer dabei, die Achtung, die er darauf genoß, die Bewunderung, die ihm Eupator über seine höchst philosophischen Grundsätze bezeugte – alle diese Fragmente schwammen in seinem Gedächtnisse wie die Trümmern eines Schiffbruchs herum, doch keins hing sich an das andre, der Ruhm mischte sich zwar oft dazwischen, aber es entstund doch niemals ein Ganzes aus diesen nebeneinander herumschwebenden Elementen, sowenig als aus Epikurs Atomen eine Welt werden könnte, wenn sie auch in Ewigkeit nebeneinander in gleicher Richtung forttanzten, es müßte denn ein Zufall einem darunter einen guten wohlgemeinten Stoß beibringen, daß er stolpernd an den Nachbar anrennte, dieser gleichfalls fortstolperte, bis sie durch das viele Stolpern nach der Reihe herum übereinander lägen, sich im Fallen umarmten, in der Umarmung ermüdet liegenblieben und – nun wäre die Welt fertig! – Wer's glauben will! – so erwarten die Elemente zu der Ruhmbegierde meines Helden einen solchen schöpfrischen Stoß von der Hand des Schicksals – husch! werden sie zusammenfahren und die Art von Ruhmbegierde, die ihm bestimmt ist, geschaffen sein. Leser, die auf die stufenweise Fortschreitung meines Helden in seiner Denkungsart und seinem Charakter einigermaßen aufmerksam gewesen sind, hätten ein gegründetes Recht, sich zu wundern, daß hier erst die Schöpfung seiner Ruhmbegierde vor sich gehn soll, da sein Lebensbeschreiber doch schon bei der Erzählung seiner Eichelmahlzeit behaupten wollte, daß seine Ehrbegierde das Ziel ihres Bestrebens gefunden habe. – Ja, das sagte ich; aber ich wollte dadurch nichts weiter gesagt wissen, als daß jenes der erste Punkt war, wo gleichsam die Linie seiner Ehrbegierde anfing, der erste Augenblick, wo seine Eigenliebe durch eine merkliche Verwandlung zur Begierde nach Vorzug, nach Schätzung andrer überging; doch die eingeschloßne Puppe ist in dem ersten Zeitpunkte ihrer Verwandlung noch kein völliger Papillon und eine Neigung, wenn sich die Eigenliebe zuerst in sie zu verlieren anfangt, noch lange nicht die völlige ausgebildete Neigung, die es werden soll; aber in einer gewissen Zeit unsers Lebens wird sie gleichsam präformiert; ihr Keim empfängt die Gestalt im Kleinen, die sie entwickelt im Großen haben soll. Itzt ist dieser damals geformte Keim seiner Entwicklung so nahe gebracht, daß nur noch ein warmer Sonnenstrahl des Zufalles dazu gehört – und die ganze Pflanze steht in Lebensgröße da! – Dies war nur vorläufig gesagt, um meine Leser zu ermuntern, darauf Achtung zu geben, wenn diese letzte Periode erscheinen wird. So bald kann das noch nicht geschehn, denn der Plan des Schicksals hat, wie bekannt, lange Vorbereitungen. 18. Obgleich unser Philosoph die einzige gewöhnliche Gesellschaft Eupators war, so fanden sich doch bisweilen von denen, die ehmals vor ihm sich demütig gekrümmt und ihn itzt größtenteils vergessen hatten, einige aus Gewohnheit oder vor Langeweile bei ihm mit ihrer Aufwartung ein. Eupator selbst gab ihnen Schuld, daß sie bloß zu ihm ihre Zuflucht nähmen, wenn sie ihre Aufwartungen und Reverenze nirgends sonst an den Mann zu bringen wüßten, um doch ihren Rücken und ihre Zunge während solcher Ferien nicht durch Müßiggang erschlaffen zu lassen. Auf niemanden paßte dies Urteil so sehr als auf Euphorben, der ihm am fleißigsten seine Besuche ablegte. Das gute Herrchen, sonst der Liebling aller Grazien des Hofes und der Stadt, hatte auf einmal mit allem seinen Beifalle bankerutt gemacht. Einer Dame war wegen einer unglücklichen Fruchtbarkeit der Haut an der einen Seite unter dem Ohre eine verhaßte Blatter aufgeschossen, die nichts in der Welt, weder gelinde noch scharfe Mittel, von der Stelle zu bringen vermochten. Sie deklamierte wie eine Verzweifelte, sooft sie in den Spiegel sah – und das geschah jede Stunde sechzigmal –, wider alle Ausschläge der Haut, purgierte, ließ zur Ader, hielt Diät, setzte Blutigel an, um die fatalen bösen Säfte abzuzapfen; nichts half! die Blatter behauptete hartnäckig den eingenommnen Posten. Sie konnte deswegen keinen Besuch bei dem Putztische annehmen, sie konnte in keiner Gesellschaft erscheinen, alle Freuden dieses Lebens waren ihr abgeschnitten, und da sich gar noch ein neuer Sprößling neben dem vorhandnen Schandflecke ihrer Schönheit zeigte, so mußte sich notwendig ihre Furcht und Besorgnis vermehren, so wie ihre Aussicht in eine traurige gesellschaftsleere Zukunft zunahm. Eines Nachmittags, als die Last der Einsamkeit mit aller Gewalt auf sie zudrückte, machte sie die Not erfindsam: sie wagte einen Meisterstreich. Sie rief ihrem Friseur, befahl ihm, nach ihrer Anweisung neben jedem Ohre eine dicke lange Locke herablaufen zu lassen, die alle gegenwärtige und künftige Blattern mit ihrem breiten Körper bedeckte. Sie sprang dreimal in die Höhe, als sie ihre Erfindung glücklich ausgeführt und die glücklichste Wirkung von der Welt tun sah. Hurtig wurde Kleid, Konsideration, Bänder herbeigeschafft, angezogen, der Laufer ausgeschickt, um zu einer Gesellschaft einzuladen, und abends war zahlreiches Spiel und zahlreiche Konversation bei ihr. Sie erschien mit ihrem neuersonnenen Kopfputze; jedermann staunte; man sah unverwandt auf die neue Schöpfung von Locken; man lobte, man tadelte sie zischelnd, man beneidete sie, man rümpfte die Nase, man verzog den Mund, man lächelte sich an, alles dachte und redte von nichts als den ansehnlichen Locken, man ließ seine Gegenspieler ungehindert Galaden, Galatons und Galatontriontons machen, keine Whistspielerin sagte Honneurs an oder zählte die Trümpfe – aller Aufmerksamkeit war auf die Locken geheftet, und alle waren unwillig, daß nicht schon die Nacht vorüber war, um zu ihrer Schönheit oder Häßlichkeit diesen neuen Zusatz hinzuzutun. Man träumte allgemein von den beiden Locken, und des Morgens darauf mit dem Schlage zehn sahen alle, die davon geträumt hatten, im Spiegel hinter ihrem Ohre zwo stattliche Locken, wie zween aufgeschwollne Schläuche, gekrümmt bis zum marmornen Halse herablaufen, und jedes eilte, dem andern die Gäste durch eine frühzeitige Einladung zum Spiel, zum Diner, zur Assemblee wegzunehmen. Die ganze doppeltgeschwänzte Gesellschaft war froh und heiter, und die Erfinderin triumphierte frohlockend bei sich. In kurzem hatte die deutsche Nachahmungssucht hinter jedem Paar Ohren ein Paar Locken hervorwachsen lassen, daß zum Ärgernis der ganzen feinern Welt endlich Simplicia und Agrippine im Gewölbe stunden und in der Kometenfrisur – Schnupftobak verkauften. Euphorb allein wußte um das Geheimnis und konnte allein es wissen, da er eine lebendige vollständige gelehrte Zeitung aller Nachttische war. Ein Anfall von mutwilliger Laune ließ ihm, als in einer Gesellschaft über eine schickliche Benennung der neuen Locken beratschlagt wurde, den boshaften Vorschlag unvorsichtig entwischen, sie boutons zu nennen – höchst unvorsichtig, denn die Erfinderin stand nicht weit davon, errötete und dachte auf Rache. In wenig Tagen hatte er durch ihre listigen Intrigen allen Kredit eingebüßt; niemand lachte über seine Einfälle, niemand nennte ihn leichtfertig, niemand schlug ihn bei einer kleinen Unverschämtheit mit dem Fächer; er war ganz müßig. Um seine Grillen und seinen Kummer zu zerstreuen, trug er seine verschmähten Komplimente zu Eupatorn auf das Land, zu dessen Gesellschaft ihn der Schmerz über seine Verachtung um soviel tüchtiger gemacht hatte, weil er ernsthafter durch ihn geworden war. Eupators liebstes Gespräch war, wie aller Menschenkinder ihrs – sein Steckenpferd, seine kleine Monarchie; und Euphorb, als ein ausgelernter Hofmann, war weise genug, um nicht die erste Regel der feinen Lebensart zu übertreten – er lenkte sogleich die Unterhaltung auf das, was Eupator gern hörte, bewunderte und erhub seine Anstalten durch alle Grade der galanten Beredsamkeit, zweifelte zuweilen, stellte sich ungläubig, hielt für unmöglich, um der gehörten Sache einen stärkeren Glanz von Größe und Wichtigkeit zu geben, wenn gleich der Augenschein ihn zwang, sie für möglich zu halten. Ein solcher Kunstgriff, mit einer feinen Wendung zu loben, brachte es einstmals dahin, daß Eupator, dem Euphorb schlechterdings nicht zugeben wollte, daß der eingeführte Grundsatz der Ehre bei seinen Bauern so starke Wirkungen hervorgebracht haben könnte, ihn mit sich auf das Feld nahm, um seinen verstellten Unglauben durch ein Gespräch mit dem ersten besten Arbeiter zu überführen. Euphorb war begierig darnach. »Martin!« rief Eupator, als sie an das erste Feld kamen, auf welchem sich Arbeiter aus seiner Monarchie befanden. – Martin wischte den Schweiß vom Gesichte und näherte sich, seinen Hut in der Hand, mit einem bäurischen Anstande. »Martin«, fragte ihn Euphorb abgeredtermaßen, »warum arbeitest du hier so emsig?« Mart.: Je, Herr, eine wunderliche Frage! – Was sollte ich Besseres tun? Euphorb: Du guter Narr! Gar viel! Mart.: Herr Excellenz, nu, so sag Er mir doch das! Euphorb: Kannst du nicht spielen, trinken, tanzen? Mart.: Das bringt mir keine Ehre. Euphorb: Warum aber nicht? Mart.: Weil es keine Arbeit ist! – Herr, weiß Er nicht, daß Arbeit und Fleiß die erste Tugend ist? Euph.: Nein, davon weiß ich kein Wort; aber ich weiß wohl, daß du dich betrügst, wenn du so glaubst. Mart.: Schnakisch! – Hat denn ein Müßiggänger ein einziges Rütchen Eichenlaub an seinem Hause hängen? – He? – Steht denn eine Birke auf seinem Grabe? (dies war auch eine von den Belohnungen des Fleißes) Nicht ein Strauch! Ein kahler Sandhügel liegt ihm auf dem Leibe. Euph.: Was hilft dir die Birke, guter Martin? – Du fühlst doch nicht, wenn sie dir Schatten macht. Mart.: Mag ich! – Dafür sagen die Leute, wenn sie vorbeigehn: Ah! da liegt auch ein Fleißiger! Wer ist er denn? – und denn gehn sie und lesen, wer es ist. – Vor den kahlen Sandhügeln gehn sie vorbei und wollen nicht einmal wissen, wer da liegt. Euph.: Du hörst ja davon nichts. Mögen doch Leute nach deinem Tode bei deinem Grabe schwatzen, was sie wollen! das genießest du nicht; wenn du dich aber alle Tage lustig machst, das genießest du doch wirklich. – Nicht wahr, Bruder Martin, so wärst du viel glücklicher? Mart.: Ich bin so glücklich, als ich sein kann. – Kommen Sie, kommen Sie mit an mein Haus! Da hängt alles voller Ehre. Ich bin schon Flurwächter; was will ich denn mehr? – Ach, ich singe, ich tanze, ich trinke euch auch; aber wenn meine Arbeit vorbei ist, wenn ich mir keine Ehre verdienen kann. Euph.: Martin, ich werde dich mit mir nehmen; unser Leben wird dich gewiß glücklicher machen. Mart.: Laßt doch schauen! – Was für ein Leben ist denn das? Euph.: Ein Leben voller Vergnügen! – Wir wandern von einer schönen Dame zu andern, von einem Hause zum andern, wir schmeicheln und werden dafür wieder geschmeichelt. Mart.: Schnakisch! – Und was habt ihr denn davon? Euph.: Daß es uns wohl tut! – Ist es nicht süß, von jeder Dame angelächelt, von jeder der Leichtfertige, der Boshafte, der Artige genannt zu werden? – Süßer, als wenn dich deine Bauern nach deinem Tode unter der Birke noch so sehr loben! – Wir fühlen unsre Glückseligkeit, du hast Arbeit und fühlst nichts dafür. Mart.: Und was tut ihr denn den großen Damen, daß sie euch so schmeicheln? Euph.: Wir schmeicheln ihnen , wir loben alles, was sie loben, wir tadeln alles, was sie tadeln, wir erheben das kleinste Bändchen an ihnen bis zum Himmel, wir verfolgen sie auf jeden Tritt, sind immer zu ihrem Befehle, denken lange voraus darauf, etwas zu tun, was ihnen gefällig sein kann, wir heitern sie auf, wenn sie über ihren Postillon, ihre Quadrillen, ihren Kopfschmuck, ihre drückenden Schuhe verdrießlich sind, wir demütigen uns vor ihnen – kurz, wir schmeicheln ihnen, damit sie uns ein Gleiches tun – Mart.: Also habt ihr's miteinander abgeredt? Euph.: Das nicht; eins folgt von selbst aus dem andern; wir machen ihnen etwas Angenehmes weis, damit sie es wieder tun. Mart.: Aber – so belügt ihr ja einander! Euph.: O daran denkt man vor Vergnügen nicht! – Unser Bestreben ist Ehre; – wenn wir sie nur erlangen, mag es doch geschehen, wie es will; man muß andre ehren, um wieder geehrt zu werden. Mart.: Je, das ist ja just wie das Spiel – kützle du mich, ich will dich wieder kützeln. Euph.: So ein Spiel ist unser ganzes Leben. Mart.: Und das seid ihr niemals überdrüssig? – Verteufelt! Man wird des Kützelns endlich satt. Euph.: O du guter Martin, das Kützeln der Ehre wird niemals zur Last; das tut immer wohl. – Du bist sonst nicht dumm, aber doch noch zu sehr, um das zu fühlen. Mart.: Hm! Hm! – das ist mir eine wunderliche Ehre! – Habt ihr denn auch Eichenkränze an euern Häusern hängen? Euph.: Nein, guter Martin, diese Ehrenzeichen begehren wir nicht! – Dafür haben wir gestohlne Bänder, geraubte Bukette – Mart.: Gestohlne! geraubte! – Da lob ich mir meine Eichenreiser! Wenn ich die ansehe, so wird mir allemal warm um die Stirne; denn ich denke allemal daran, daß ich doch schon manches Gute in meinem Leben getan habe. –Ja, denk ich, wenn dich nur der liebe Gott so liebhätte und dir noch mehr solche Eichenreiser bescherte! – Ich hab ihrer schon zwölfe. Euph. : Was helfen sie dir? – Wenn du ihrer tausend hättest: Du mußt doch arbeiten. Mart.: Darum arbeit ich eben; um unter einer schönen Birke zu liegen, wenn ich tot bin, darum arbeit ich. – Arbeitet ihr denn nicht? Euph.: Unsre Arbeit ist das Vergnügen. Wir geben und nehmen Visiten – das ist Beschäftigung genug! Mart.: Also seid ihr nur zur Visite in der Welt? – Hm! Schnakisch! Euph.: Ja, guter Martin, das sind alles Dinge über deinen Horizont. Du kennst die große Welt nicht; dein Gefühl ist für ihre Annehmlichkeiten zu stumpf. Mart. : Ja, aber was habt ihr denn am Ende davon, wenn ihr alle Tage Visiten gegeben habt und alle Leute gelobt habt? Euph.: Titel, Rang, Ehre – Mart.: So? wahrhaftig? – Je nu, freilich! solche wie ihr kann unsereins nicht bekommen; – ich bin Flurwächter – wenn ich viel Eichenreiser verdiene, so wird's schon weitergehn. Euph.: Um immer mehr zu arbeiten? Mart.: Was nützt mir denn sonst der Titel? – Itzt halt ich die Grenzen von bösem Gesindel rein; verdien ich mir einen höhern Titel, so werd ich schon etwas Nützlicheres zu tun bekommen. Euph.: Schon wieder gemeine Begriffe! – Ein Titel muß bessere Equipagen, mehr Komplimente, mehr Bediente, mehr Visiten verschaffen, sonst taugt er nichts. Tue noch so viel Nützliches – was ist das? – Du hast Arbeit dabei und weiter nichts. Mart.: Ei, ei! – Wenn ich's bis zum Dorfaufseher bringe, so lieg ich nach meinem Tode an der langen Mauer und bekomme zwei Birken auf mein Grab. Euph.: Ach, mit deinen Birken! – Was du in deinem Leben genießest, ist dein; alles andre ist Grille, Einbildung. – Arbeite so viel, als nötig ist, um nicht Hunger zu leiden; pflege dich und laß sich einen Platz an der langen Mauer erarbeiten, wer Phantast genug dazu ist! – Sei glücklich – Mart.: Das bin ich! – und will es noch mehr werden, wenn ich mehr Gutes tue. »Bleibe du bei deinen Grundsätzen!« fiel ihm Eupator ins Wort. »Sie werden dich gewiß so glücklich machen, als du sein kannst.« »Das hoff ich!« sagte Martin mit zuversichtlichem Tone und kehrte, nachdem er von Eupatorn ein kleines Geschenk bekommen hatte, zu seiner Arbeit mit fröhlichem Mute zurück. »Sehen Sie!« sagte Eupator, vor Freude ganz außer sich gesetzt, »ich habe gewonnen. So denken, so handeln alle, die meine Kinder sind; denn dafür hält sich ein jeder, der mir angehört.« Euphorb, der sein Vergnügen merkte, stellte sich so erstaunt, als wenn er aus dem obersten Wolkenraume herabgefallen wäre, gab vor, daß er kaum seinen Augen und seinen Ohren trauen könne, erhub Eupators Anstalten als Wunderwerke und versicherte, daß sie in den nächsten Gesellschaften bei Hofe und in der Stadt, in der Antichambre und bei Visiten sein einziges Gespräch sein sollten und daß er gewiß nicht unterlassen würde, bei der ersten Aufwartung seinem und Eupators Herrn die höchste Idee davon zu machen. Eupator, so stark er sonst wider den Eindruck der Schmeicheleien verwahrt war, glaubte diesmal alles Wort für Wort und wurde so heiter als ein junges Mädchen, dem die Eltern zu wissen tun, daß es nun Zeit sei, sich nach einem Manne für sie umzusehen. Um Euphorbens Erstaunen bis zur Bestürzung zu erhöhen, versprach er, ihm einen jungen Mann zu zeigen, den der vorhin gesprochne Martin, vermöge seiner flurwächterlichen Pflicht, wegen eines Diebstahls eingeführt habe und der durch seine politische Bekehrungsmethode in kurzer Zeit mit den Grundsätzen seines Staates so vertraut worden sei, als wenn er sie aus Mutterleibe mitgebracht hätte. Es versteht sich, daß Euphorb vor Ungeduld brannte, dieses herrliche Früchtchen seiner klugen Anstalten kennenzulernen – und dieses war niemand als unser Philosoph. 19. Sobald sie vom Spaziergange zurückkamen, wurde er herbeigeholt. Euphorb, ein Kenner von schönen Formen, hatte zwar alle Mühe, ein hervorbrechendes Lachen bei seiner Erblickung zu unterdrücken, doch faßte er geschwind alle seine Ernsthaftigkeit zusammen, um ein ähnliches Examen mit ihm anzustellen, hörte seine Geschichte, bewunderte sie, weil sie Eupator bewunderte, und wußte schon die nächste Minute kein Wort mehr davon. – Knaut hielt wahrhaftig, mit aller angebornen und erworbnen Philosophie, Euphorbs Anfälle nicht so standhaft aus als Martin mit seinem erlernten eingeprägten Gefühle von Ehre. Die Sache ist: Die Ehrbegierde des letztern war durch Übung und Gewohnheit auf einen bestimmten Punkt geheftet, hatte einen bestimmten Gang darnach empfangen, den sie nicht wieder verlassen konnte; hingegen Knauts Verlangen nach Ruhm war eine gesammelte Quelle, die allenthalben einen Durchgang sucht, von einer Stelle zur andern läuft, um durchzubrechen, und nur einen Druck vom Zufalle erwartet, um den Fuß des Berges zu zerreißen und durch die gemachte Öffnung hervorzuströmen; hat der Bach, den sie bildet, einmal sich sein Bette gemacht, dann ist sein Lauf bestimmt, und nur eine heftige Wirkung der Natur zwingt ihn, seine Richtung zu ändern. Solange bei unserm Philosophen dieser Durchbruch seiner Ruhmbegierde, die Richtung ihres Laufes nicht nach einem gewissen Gegenstande bestimmt ist, so irrt sie auf jeden Schlag äußrer Reizungen von einer Seite des Herzens zur andern; laßt nur einmal einen durchdringenden Schlag geschehen, so geht ihr ganzer Strom unaufgehalten dahin, wo er die Öffnung machte. Diese Ursache war es, warum er Euphorben zwar mutig versicherte, daß er beständig glücklich sei – wiewohl er dies mit einem seufzenden Akzente sagte –, daß das Glück nur in der Einbildung bestehe, daß der höchste Gipfel des Glücks Ruhm und Ehre sei – ei sieh doch! ein neuer Zusatz zu seinem System! –, daß man sich über andre emporschwingen müsse; so weit ging zwar alles gut, allein da ihn Euphorb seine Methode, Ehre zu gewinnen, lehrte; da er ihm die Torheit aller der Helden und großen Männer bewies, die Knauts Ruhmbegierde angezündet hatten, die handgreifliche Torheit, sein Leben und Ruhe tausend Beschwerlichkeiten der Arbeit aufzuopfern, um eine Ehre nach dem Tode zu erjagen, die sie nicht selbst empfanden; da er ihm den angenehmem Blumenweg des feinen Weltmannes zeigte, der auf ebnen Pfaden, in lustreichen Auen, unter den lachendsten Gegenständen, unter den anmutigsten Veränderungen tanzend und singend zu einer Ehre dahinhüpft, die ihn mit einem unmittelbaren Genüsse beseligt – da, da stutzte die Philosophie meines Helden, seine Empfindung, seine Begierde nach Superiorität schwankte, und es kam ihm wirklich der Gedanke, völlig ausgedacht, ein: Das scheint wohl nicht übel! – Wenn du – auf einem solchen Wege – das letzte stotterte er bei sich, gleichsam als wenn ihn eine geheime Scham für sich selbst zurückhielt, sich diesen Wunsch so geradezu ins Gesicht zu sagen; und diese Scham war nicht etwa Scham der Tugend – dieses Wort, das an sich, im rechten Verstande, das reellste Ding auf unserm Planeten, aber in dem Kopfe und Munde der meisten Philosophen, Dichter und Redner eine von der Einbildungskraft aufgeschwellte strotzende Idee oder eine schöne ideenleere Phrase ist, wovon meinem Philosophen der gute Selmann sehr viel bisweilen ziemlich Deklamatorisches vorgeredet hatte, war bei Mangel an Nahrung aus seinem Gehirne weggedünstet; das Wort hielt sich wohl noch unter seinen Ideen auf – welcher Mensch hat es nicht in dem Plunderkasten seines Gedächtnisses liegen? –, aber es lag einsam in einem Winkel, ohne alle freundschaftliche Verbindung mit den übrigen Ideen, außer Kredit bei der Phantasie gesetzt und folglich ohne allen Einfluß auf Empfindung und Begierde; – nein, die Scham der Tugend war es nicht, sondern die Furchtsamkeit, diese Blödigkeit unsrer Begierden – wenn ich's so nennen mag! – zu einer Zeit, da sie nur noch als Bekannte und noch nicht als vertraute Freunde mit uns umgehen, dieses Unvermögen unsers körperlichen Systems, hinter einem Wunsche, einem Entwurfe mit den vereinten Kräften des Bluts und den sämtlichen Lebensgeistern hinterdrein zu jagen, was nicht anders als entweder in der Jugend, wo Einbildungskraft und die ihr dienenden Teile des Körpers selbst bei einer phlegmatischen Zusammensetzung lebhaft und munter wie ein junges unerfahrnes vorwitziges Mädchen sind, oder alsdann, wenn unser Herz schon bei manchem Wunsche, bei manchem Projekte hurtiger geschlagen und unsre Nerven schneller gezittert haben; in dem Zustande, der zwischen diesen beiden Extremen liegt, sind unsre Begierden gleichsam schüchtern gegen uns selbst. Viele Leute, von denen ich das Beste denke, das sich von einer menschlichen Kreatur denken läßt, erschrecken oft, wenn sie vor dem Bösen erschrecken, nicht vor dem Bösen selbst, sondern sie vermeiden es wie Don Quichottens Rosinante die Unkeuschheit; steht das Wörtchen Tugend oder ein ähnliches mit ihrer Einbildungskraft in vertraulicher Harmonie und spielt es überhaupt im Kopfe die Rolle einer angesehenen Person, denen Ideen und Empfindungen gern ihre Aufwartung machen, so schwören sie bei allem auf der Welt, daß ihre Tugend sie vom Bösen zurückhielt. Da ich mich schon vorhin als einen Freund von dergleichen Illusionen erklärt habe, so wird man leicht vermuten, daß ich auch dieser nicht ungewogen bin; – aber sagen muß man es den Leuten, deren tugendhafter Stolz sie intolerant macht – daß es Illusion ist. Inzwischen richtet diese Schüchternheit unendlich mehr aus und muß unendlich mehr ausrichten als die prahlerhafteste Tugend und hätte wirklich auf meinen Helden ihre ganze heilsame Wirkung getan, wenn nicht eine plötzliche Hindernis dawider gewesen wäre. Euphorb, um seinen Schmeicheleien gegen Eupatorn das letzte Gewicht zu geben, stellte sich, obgleich der Philosoph beinahe auf seine Seite gezogen war, als überwunden, bewunderte Eupators Anstalten und ihr Glück von neuem und – das heiße ich vollkommen galant sein! – ersuchte ihn inständig, ihm meinen Knaut, diesen lebendigen Beweis dessen, was er von der Eupatorschen Monarchie am Hofe, in der Stadt und auf dem Lande rühmen würde, mitzugeben, um ihn in jeder Gesellschaft als ein gültiges Dokument vorzeigen zu können. Eupator fragte ihn um seine Gesinnung; die Ideen, die ihm Euphorb von dem angenehmen Wege zur Ehre mitgeteilt hatte, machten hurtig ein Komplott untereinander, faßten seine Ehrbegierde in die Mitte und riefen alle zusammen – ja! – und veranstalteten es so künstlich, daß sogar im Hintergrunde des Gehirns manches reizende Gemälde, aus Euphorbens Belehrungen zusammengesetzt, herrlich illuminiert, wie in einem Guckkasten aufstieg, daß aller Menschen Herz sich wie das seinige darüber hätte erfreuen müssen. Er willigte gern in seine Scheidung von Eupatorn, zu dem er wieder zurückzukommen versprach, sobald ihn Euphorb zum Dokumentierer seiner Erzählungen nicht mehr nötig haben würde. 20. Tausendmal wünschte Euphorb unterwegs seine Schmeichelei nicht so weit getrieben und sich und seine Kutsche mit einem Geschöpfe beladen zu haben, das dem Auge das unangenehmste Bild darstellte und gewiß unter die unvernünftigen Tiere gehören mußte, weil es den ganzen Weg über nicht die mindeste Spur von Sprache an sich blicken ließ. Umsonst strengte er seine geschmeidige Zunge an, um sich selbst zu unterhalten, was Euphorb und seine Mitbrüder im Grunde zwar einzig begehren; aber ein Paar fremde Ohren haben sie doch zum Anhören nötig, um ihrer Eigenliebe ein Blendwerk zu machen, als wenn sie um dieser Ohren und nicht um ihrer selbst willen so gesprächig wären oder, vielmehr kurz weg – weil nach dem Herkommen zu jedem Dialoge wenigstens vier Ohren und eine Zunge gehört. Auch mit seinen Ohren tat sein stummer Gesellschafter so knickerich geizig, daß er sie ganz unaufmerksam von ihm wegwendete, weil das unaufhörliche Geklingel von Euphorbens Zunge ihn in seinen Träumereien störte. Dies mußte jedermann zur Verzweiflung bringen: Euphorb brummte ein la peste soit du maroufle! und schlief ein, denn mit seiner Zunge stund unausbleiblich auch sein Gedankenrad still. Dafür waren in unserm Philosophen alle Räder des Gehirns desto geschäftiger; seine sämtlichen Grundsätze mußten durch die Musterung gehn. – Ich bin glücklich, immer gleich glücklich, sagte er sich wohl mit dem Verstande, aber seine Empfindung! – die widersprach. Er bildete sich ein, daß ihm nichts fehlte, und gleichwohl bewies ihm sein unruhiges unbestimmtes Verlangen, daß ihm etwas fehlen mußte. Sein Herz flatterte in die Höhe wie ein junger Vogel, der die Schwungkraft seiner Flügel fühlt, aber noch nicht die obersten Regionen der Luft versucht hat, um seinen Flug dreist dahin richten zu können; er flattert, er flattert, fliegt bis zu den nächsten bekannten Orten, immer höher und allemal auf den ebnen Boden oder zu dem Flecke, wo er ausflog, zurück. – »Ich bin glücklich! – Waren es die großen Männer Griechenlandes und Roms nicht mehr? – Sind sie es nicht mehr? Ehre, Ruhm genießen sie noch als Asche noch als Staub! – und ich –«, hier seufzte er, »ich bin schon Staub, ehe ich gestorben bin, und weder itzt noch nach meinem Tode glücklich – so glücklich als sie! – Durch Tugend muß man groß und glücklich werden, lehrte mich Eupator. – Auch Selmann sagte dies«, rief ihm sein Gedächtnis zu. – »Tugend? – Fleiß, nützliche Arbeitsamkeit war nach Eupators Einrichtungen unter seinen Untergebnen die höchste Tugend.« – Dieser Punkt wurde nicht weiter auseinandergesetzt. – »Euphorb verspricht, mich an einen Ort zu bringen, wo Ehre unmittelbar erlangt und genossen wird; das muß herrlich sein! In Amandens Hause war mir so wohl, so wohl! – ich genoß Ehre. Ich werde also zu diesem Wohlsein zurückkehren und wieder glücklich sein. – Bin ich's denn itzo nicht?« – Ja, du bist es, fiel ihm der Witz ein, du bist es: denn du hoffst gewiß, es zu werden, und gewiß hoffen und besitzen ist das nicht eins? – »Ja, gewiß! – Tugend gibt Ruhm! Durch Tugend muß man Ehre erwerben!« Dabei blieb es. Das nackte, von allem deutlichen Begriffe entblößte Wörtchen Tugend, das bei Selmannen einen ganz andern Sinn als bei Eupatorn mit sich führte, mit dem sich aus dem Umgange dieser beiden eine Menge dunkler verschiedener Ideen in Knautens Gehirne gleichsam zusammengeballt hatte, setzte sich mit seiner Begierde nach Ruhm und Ehre bloß durch das öftre Zusammensein in eine so genaue Bekanntschaft, daß sie unzertrennliche Freunde und Kameraden wurden, gerade wie zween Leute, die nichts miteinander zu ihrem Vergnügen noch zu ihrem Nutzen anzufangen wissen und doch sich lieben und gern beieinander sind, weil sie oft beieinander sind. Auch dabei blieb es für diesesmal. Euphorb wachte indessen zu seinem Leidwesen durch einen Peitschenknall des Kutschers auf; ein böser Traum hatte ihm seine Zurückkunft in die Stadt als höchst unannehmlich vorgestellt, er dachte an die Verachtung, in die er sich durch einen unbedachtsamen Einfall gesetzt hatte, und befahl also umzulenken und zur Gräfin Xr. zu fahren, welcher er meinen Helden vor allen andern vorzustellen versprach; denn sie hatte Eupators Gewogenheit und vielleicht auch Liebe ehmals besessen und besaß seine gute Meinung noch, und wen hätte also Euphorb vorzüglicher dazu wählen sollen als sie, wenn er seine Schmeichelei bei Eupatorn recht eindringend machen wollte. Itzt war dieses Versprechen freilich längst wieder vergessen, und er geriet also nicht deswegen auf den Entschluß, sie zu besuchen, sondern weil ihm auf jenen Traum, unmittelbar nach seinem Widerwillen, in die Stadt zu gehn, die Gräfin Xr. einfiel. Er fuhr zu ihr auf ihren Landsitz und erinnerte sich bei dem Absteigen daran, warum er heute in so schlechter Gesellschaft gefahren war, weil ihm sein Reisegefährte, der hinter ihm drein wollte, auf das Kleid trat und dadurch beinahe seinen Fall verursacht hätte. Die Erzählung von Eupators Anstalten war das erste nach Euphorbens Eintritte bei der Gräfin Xr., weil auch bei ihr noch ein Rest von alter Zuneigung gegen Eupatorn übrig war, und für eine Schöne und einen Kriegsmann sind die Erinnerungen an ihre alten Siege immer die sanftesten Schmeicheleien. Bei dieser Gelegenheit wurde meines Helden gedacht, und wie eine alte Urkunde wurde er herbeigeholt, um Euphorbens Aussagen zu rechtfertigen. Die Gräfin Xr. war eine von den ehrwürdigen Damen, die die Natur geschaffen zu haben scheint, um durch ihre großen Eigenschaften die Torheiten andrer von ihrem Geschlechte in den Augen eines vernünftigen Richters wiedergutzumachen. Sie besaß Verstand, Belesenheit, Witz, eine gewisse Popularität, die sie allen Geringen unendlich wert machte, und eine Politesse, die jedermann zu ihr hinzog, der sich nur einigermaßen einen Anspruch oder Gelegenheit zu ihrer Bekanntschaft erwerben konnte. Man beeiferte sich, ihr zu gefallen, und bezahlte ihr gern den Tribut von Ehrerbietigkeit, der ihrem Stande gebührte, weil man durch ihre Freundlichkeit und Güte überreichlich für seine Demütigung entschädigt wurde und allemal ungewiß war, ob für so viele Gütigkeiten das demütigste Bezeigen nicht ein zu geringer Dank sei; man blieb, man mochte es machen, wie man wollte, allzeit in der Schuld. Überhaupt hatte ihr Charakter mit dem Porträte sehr viele Ähnlichkeit, das Nepos vom Alkibiades macht: gleich groß in guten und bösen Eigenschaften oder, richtiger gesprochen, in ganz guten und weniger guten Eigenschaften; nie in der Mitte, sondern allezeit an den beiden Extremen; entweder bis zur Beschämung freundlich und herablassend oder bis zur Kränkung bitter und beißend; entweder bis zur Verschwendung freigebig, mitleidig oder bis zur Härte unempfindlich, karg; entweder brennend warm und freundschaftlich oder unerträglich frostig und verachtend; entweder bis zum Ausgelaßnen fröhlich, tändelnd, scherzhaft, witzig oder bis zum Sauertöpfischen verdrießlich, ernst, still und oft beinahe wie blödsinnig. Welcher Sittenmaler kann mir diese so entgegengesetzten Farben gehörig ineinander vertreiben, daß ein natürlicher wohlschattierter Charakter auf der Leinwand steht! – Ich denke, keiner; er müßte denn die große bewegende Kraft ihrer Handlungen, Gedanken, Urteile, Empfindungen, ihres Gefallens und Mißfallens, ihrer Liebe und ihres Hasses wissen, und diese – war – die Eigenliebe. Damit habe ich Lesern, die sich auf den Menschen verstehn, freilich nichts Neues gesagt; aber, wird man fragen, was für eine Larve trug sie? – Man könnte wohl raten – die Eitelkeit! – Je, was ist denn dabei zu verwundern oder den Kopf zu schütteln? – Wer so große Eigenschaften besitzt als die Gräfin Xr., dem sei die Eitelkeit im Himmel und auf der Erde vergeben! Ja, was noch mehr ist, sie könnte alle ihre Tugenden nicht besitzen, wenn sie nicht eitel wäre. Jedes Frauenzimmer muß eine Empfindung für Schönheit, Ordnung und Regelmäßigkeit unter ihrem Marmorbusen liegen haben, oder weder ihr Marmorbusen, noch ihre alabasternen Hände, ihre Korallenlippen, ihre Taubenaugen, ihre Venuswangen sind des Anblicks wert. Auch hat die Natur allen, selbst den geringsten, ein kleineres oder größeres Maß von jenem Gefühle zugeteilt, welches bei ihnen sichere und allgemeinere Dienste tut als bei Mannspersonen der gebildete und mit sogenannten Grundsätzen vollgestopfte Verstand. Dieses ihrer Eigenliebe zur Begleiterin gegebne Gefühl für Schönheit und Ordnung muß natürlich der Richtung ihrer Gefährtin folgen; und da diese bei allen Menschenkindern vom chinesischen Thronfolger bis zum Erben eines vogtländischen Landmanns, von der Prinzessin bis zur Viehhirtin, sobald sie den Kopf an das Tageslicht bringen, auf ihr liebes Ich zurennt, so muß jenes Gefühl unausbleiblich hinterdrein. Kein Wunder demnach, daß die Engel dieses Planetens die erste Anwendung ihres natürlichen Gefühls auf ihre werte Person machen; wo also diese Anwendung nicht geschieht – was schließt man da? – daß jenes Gefühl fehlt, jene Quelle aller weiblichen guten und schlimmen Eigenschaften – nein doch! daß ich mich doch beständig falsch ausdrücke! – weniger guten Eigenschaften, wollte ich sagen. Eigentlich sollte man es nur mit dem verächtlichen Namen Eitelkeit brandmarken, wo jene Anwendung der empfangnen Portion von Gefühl für Schönheit und Ordnung allein auf den äußerlichen Anstrich der lieben Figur geschieht – denn man muß das Privilegium der Eitelkeit Durch Millionen Reiz erkaufen, also um einen hohen Preis! – Und obgleich die Eitelkeit der Gräfin Xr. mehr als gewöhnlich mit vernünftiger Ehrliebe und Begierde nach Achtung verwandt war, so mag sie doch Eitelkeit heißen, weil es der hergebrachte Ausdruck ist; wir wollen einander schon verständlich machen, wie es eigentlich gemeint ist. Voltaire, deucht mich, glaubte dem schönen Geschlechte eine vortreffliche Süßigkeit zu sagen, als er sie belehrte, daß der einzige Unterschied zwischen Frauenzimmern und Mannspersonen darinne bestehe, daß jene liebenswürdiger wären als diese; und der Madam Pompadour schmeckte das Kompliment so herrlich, daß sie meinte, der Mann habe nicht Unrecht; – aber, mit Gunst des H. Voltaire und der Madam Pompadour, er hat offenbar Unrecht, er sagte eine derbe Unwahrheit; – die Frauenzimmer sind allein liebenswürdig, und wir Mannspersonen sind es nicht eher, als wenn wir es von ihnen lernen. – Niemand gehörte zur Bekanntschaft der Gräfin Xr., der nicht einen unauslöschlichen Charakter an sich trug, woran man seinen Umgang mit ihr erkennen konnte. Alle hatten von ihr einen Zusatz von Liebenswürdigkeit bekommen, der sie auf die vorteilhafteste Weise von andern ihres Geschlechtes unterschied; man konnte gelehrt, weise, vernünftig, mit einem Worte, alles sein, durch ihren Umgang wurde man allzeit etwas mehr, als man war – liebenswürdig. Ernste Moralisten werden vermutlich meinen Panegyrikus sehr verdächtig finden und es sich kaum vorzustellen vermögen, wie die Gräfin Xr. so liebenswürdig, so lehrreich sein und doch so ganz entgegengesetzte streitende Elemente in ihrem Charakter vereinigen konnte; ob es nach dem System so ganz wahrscheinlich ist, weiß ich nicht, aber in der Natur ist es wirklich, so viel weiß ich. Auch ist die Bewandtnis nicht schwer zu entdecken: Wer ihrer Eitelkeit, ihrer Eigenliebe und jedem Dinge, das diese beiden in ihren Schutz genommen hatten, die Aufwartung machte, gab ihr alle Liebenswürdigkeiten, und wer einen von jenen Favoriten im mindesten beleidigte, der gab ihr alle Fehler, deren sie nur fähig war. Sie war die Marionette, die ihre Gesellschafter an den Faden der Eigenliebe regierten; wie die Götter lächelte sie gnädig, wenn man ihr opferte, und zog ihr Antlitz in zornige Runzeln, wenn man mit leeren Händen erschien. Wer Menschen kennt, dem ist dieser Charakter keiner von den außerordentlichen; es ist in gewissem Grade der gewöhnliche: Menschen sind gütig oder mürrisch, gefällig oder hart gegen andre in dem Verhältnisse, wie diese den Zug ihrer Eigenliebe zu treffen wissen; aber nicht alle sind gleich stark und bei gleich vielen Gelegenheiten auf diesen Zug empfindlich als die Gräfin Xr., und hierinne, in dem Grade der Stärke, bestund ihr Außerordentliches. Von ihrer Eigenliebe gingen unsichtbare Fädchen, dünne wie Menschenhaar, aus und waren an alles geknüpft, was sie liebte; die feinste Berührung! und sie fühlte es so gut als die Spinne im Mittelpunkte ihres Gewebes, wenn ein Stäubchen an die äußersten Enden desselben stößt. 21. Glück zu! Mein Held hat schon das günstige Vorurteil der Gräfin für sich; wohl dem in dieser Welt, der dies einmal weggeschnappt hat! Wie er dazu gelangte? – Schnakisch! nach dem Ausdrucke des wohlehrbaren Flurwächters in Eupators Monarchie, recht schnakisch! – Unter den mannigfaltigen Fädchen, die von der Eigenliebe seiner gnädigen Gebieterin herabhingen, war eins der feinsten an etliche hundert kleine Diamantchen geknüpft, die mit aller Weisheit der Toilette teils in den Haaren, teils auf dem schneeweißen Halse, in den Ohren – und wo weiß ich unwissender Gelehrter sonst noch? – in Schlachtordnung gestellt waren; jeden Tag wurden sie nach einer neuen Zeichnung in die breite Fläche der Frisur gestellt und waren überhaupt so unzertrennlich von ihr als die Seele von ihrem Leibe, wenn sie leben sollte, so unzertrennlich, daß ihr selbst der Schlaf süßer schmeckte, wenn ein Teil ihres geliebten Schmuckes sich an ihr befand. Die Saite, die sich von jedem Steinchen dieses Schmuckes bis zur Eigenliebe erstreckte, war so empfindlich zart, daß sie die Lichtstrahlen, die von einem Blicke darauf zurückfielen, in Bebung versetzten, ein Wörtchen, eine Silbe konnte es schon. Mein Held, der in seinem väterlichen Hause bei seiner Fr. Mutter wohl Tressenhauben, aber nichts weniger als Diamanten bei seinen sämtlichen Gönnern und Gönnerinnen nach der Reihe ihrer ebenso wenig und bei Amanden nur böhmische Steine und Glasgranaten gesehn hatte, wurde durch den funkelnden Schimmer, den der Diamantenschmuck wie ein Nordlicht um sich warf, so geblendet, daß er unbeweglich dastund und mit blinzenden Augen auf die gestirnte Frisur der Fr. Gräfin hinsah, bald auf die Brust einen Blick warf, die wie eine Milchstraße von unzählbaren Sternchen erleuchtet wurde, bald mit seinen Augen über die Ohrringe wieder zur Frisur zurückkehrte; er war versteinert. Ein so unbeweglicher lange anhaltender Blick mußte die Saite ihrer Eigenliebe bis zur Konvulsion zitternd machen; sie lächelte ihn an und sagte Euphorben, der sich nicht wenig wunderte, diesen Lobspruch an eine solche Mißgestalt verschwenden zu hören: »Un joli garçon!« – Tobias Knaut! was wird noch der Himmel aus dir machen? Doch unterstehe sich niemand, die Gräfin Xr. hierüber mit einem Gedanken zu tadeln; diese anscheinende Eitelkeit machte ihrer Empfindung Ehre. Der ganze Schmuck war das einzige Geschenk eines mit ihr versprochnen Gemahls, den sie mit einer Zärtlichkeit liebte, deren Schilderung einen voltairischen Pinsel verlangt, den ihr den Tag nach ihrer Verlobung ein Schlagfluß raubte. Diese gekränkte kummervolle Zärtlichkeit hatte das Andenken eines noch nicht beseßnen Gemahls mit seinem Geschenke so genau verknüpft, daß ein Teil der Liebe, die sie für den Geber empfand, aufsein Geschenk überging, und dieses war wieder mit ihrer Eigenliebe so fest verbunden, daß die Wirkung des Gefallens nie außenblieb, wenn man diesem Schmucke die geringste Ehre antat. – Ist eine solche Eitelkeit – wenn man es ja schlechterdings so nennen will – nicht rühmlicher als die philosophischste Unempfindlichkeit gegen Flitterstaat? – Ich dächte. Un joli garçon! – Von einer Dame, wie die Gräfin Xr. ausgesprochen! Das, meine ich, müßte auch einem Knaute wohl tun. Wer weiß, ob ein Philosoph, selbst der königliche Hund , sich jemals einen so süßen Namen geben hörte? – der doch vielleicht die Annehmlichkeit davon besser empfunden hätte als mein Held. Zum Unglücke verstund er kein Französisch; aber so viel wurde er doch gewahr, daß man ihm eine gewisse Aufmerksamkeit gönnte, die mit derjenigen viel Ähnlichkeit hatte, welche er in der guten Periode bei Amanden genoß. Er wurde mit an die Tafel gezogen, er mußte seine ganze Philosophie von einem Ende zum andern auskramen, worauf man dadurch kam, daß ihm einer von seinen sonderbarsten Grundsätzen entfuhr, der eine so auffallende Wirkung tat, daß man sich bemühte, seine übrige Denkungsart vollends herauszulocken. Noch auffallender wurde die Wirkung dadurch, daß er dreist behauptete, bei seinem Eichelmahle so glücklich gewesen zu sein als itzt, und doch deutliche Merkmale von sich gab, daß alle Herrlichkeiten, die er erblickte, ihm eine stille Bewundrung abzwangen. »Ist eine solche Mahlzeit nicht unendlich besser als eine Eichelsuppe?« fragte die Gräfin Xr. Seine Zunge war schon in völliger Bereitschaft, ein Ja auszusprechen, als sie der Stolz zurückzog, und sie sprach: Nein! – Das war nicht gut geantwortet, denn die Gräfin wurde ernsthaft. – Unterdessen kam eine porzelläne Punschschale von sehr schöner Arbeit; der Philosoph verwandte kein Auge davon; seine Gönnerin wurde wieder heiter und sahe mit holdreicher Miene auf ihn; sie gab sich sogar die Mühe, ihn über den Wert und die Schönheit der Punschschale zu unterrichten, und er hörte ihre Belehrung kalt an. – Schon wieder ein Fehler! – Den aber ein Zufall sogleich wiedergutmachte. Sie legte ihre schöne Hand, mit einem der strahlenreichsten Ringe geziert, auf den Tisch. Die Hand war, im Durchschnitte gerechnet, wahrhaftig schön, so schön, daß ein boshafter Spötter von ihr einstmals sagte, ihre Hände wären so schön, daß sie sich das Gesichte damit zudecken möchte; und Leute mit verfeinerten Empfindungen hätten gewiß auf die Hand, um der Hand willen, gesehn, aber meinen Knaut lockten bloß die Diamanten im Ringe; sie glaubte ganz zuversichtlich, daß es die Hand wäre, und war um soviel erfreuter, als sie ihn starr darauf gerichtet erblickte, weil sie ihre Schönheit nicht groß genug annehmen konnte, um sich es wahrscheinlich zu machen, daß sie auf eine so stoische Seele einen Eindruck machen könne. Er war wieder in völliger Gunst, worinne ihn auch ein günstiger Zufall nach dem andern befestigte, indem er das mindeste und seine Unbekanntschaft mit den ihn umgebenden Gegenständen alles dabei tat. Euphorb, der in den Sitten der feinen Welt ausstudiert haben wollte und bei allem, was er tat und sagte, mit Wahl und Überlegung zu Werke ging, war diesen Tag nicht halb so glücklich, weil ihn der Zufall weniger begünstigte; alle seine Einfalle, seine studiertesten, zugespitztesten Schmeicheleien, seine feinsten Scherze versetzten die Gräfin in üble Laune; alles war stumpf, alles machte ihr Ekel; und hätte nicht Knaut mit seiner unwissenden Bewunderung ihrer Munterkeit ein wenig aufgeholfen – sie wäre gewiß fürchterlich verdrießlich und übel aufgeräumt geworden, sie wäre nicht zu einem Lächeln zu bringen gewesen. Nach aufgehobner Tafel wollte er sein gefallnes Ansehn und seinen Ruhm wieder emporheben, glaubte seinen Endzweck gewiß nicht zu verfehlen, und – das boshafte Glück stürzte vollends eben durch diese Gelegenheit den ganzen Rest von guter Meinung von ihm, der sich noch bei der Gräfin aufrechterhalten hatte, zu Boden. Sie ließ eine Stickerei bringen, um sie Euphorben, einem sonst geschmackvollen Richter in dergleichen Dingen, zum Urteile vorzulegen. Sie war elend, und dafür hielt sie die Gräfin; ich weiß nicht, welches Phantom der Einbildung Euphorben überredete, daß es die Arbeit der Gräfin sei; so schlecht er sie bei sich fand, so sehr erhub er sie, setzte das süße Kompliment hinzu – daß man die deutlichsten Spuren von den englischen Händen darinne fände, die dieses Wunderwerk hervorgebracht hätten – und küßte dabei ihre Hand. Die Gräfin glühte vor Unwillen und warf mit einem bittern: »Wohlgetroffen!« die Stickerei auf das Kanapee. Überhaupt schien Euphorbens Glück und Ehre im Abnehmen zu sein; er hatte sich selbst überlebt. Sie las ihm einige Zeit darauf Verse vor, ohne ihm ihren Verfasser zu sagen: Er fand sie abscheulich, wie sie es in der Tat waren, er nennte sie so, er machte sich über das kleinste Wort lustig – weil er in dem Wahne stund, daß sie ihm vorgelesen würden, um seinem Witze Gelegenheit zu geben, die Gräfin durch Spöttereien darüber zu belustigen – er machte eine Anwendung darauf von dem saubern Histörchen des Malherbe, der die Überschrift einer ihm zur Kritik gebrachten Ode: Ode à sa Majesté in pour torcher le cul de sa Majesté veränderte – holte seine ganze Gelehrsamkeit zusammen, die er aus den Anecdotes littéraires und dem Dictionaire des pensées ingénieuses über die vorhabende Materie gesammelt hatte. – Da sein Witz mitten in vollem Strome war, schoß die Gräfin einen verachtenden Blick auf ihn und sagte mit stolzer Kälte: »Finissez; c'est mon ouvrage.« – Euphorb war mit einer Keule vor den Kopf geschlagen, sein Witz versiegte, er stund verwirrt auf, ging in den Garten, um sich ins Wasser zu stürzen? – nein, um zu warten, bis der Kutscher angespannt hatte. Dieser einzige Tag tat ihm einen so unbeschreiblichen Schaden, daß sein Ruhm seitdem immer mehr erlöschte und endlich gar auslöschte; er wurde verachtet, und um sich über den Verlust seiner Ehre zu beruhigen, zog er sich in die Einsamkeit zurück, las erbauliche Betrachtungen über die Eitelkeit und Nichtigkeit der Welt, jeden Tag richtig einen Morgen- und Abendsegen, bisweilen Pensées de Seneque, l'homme plaute, l'Evangile du jour, und marschierte zwei Jahre nach seiner Exilierung aus der Welt, mit einem Gebetbuche in der Hand, als ein guter Christ aus diesem Jammertale. 22. Mein Held war bei Euphorbens plötzlicher Abreise zurückgelassen worden – denn wie konnte er an jemanden außer sich denken, da er mit sich und seinem Unglücke genug beschäftigt war? – Solange es noch für ihn neue Gegenstände in dem Hause der Gräfin Xr. gab, die seine stumme oder laute Bewunderung auffoderten, so lange war sein Beifall bei seiner Gebieterin gegründet; da ihm alles gewöhnlicher wurde, weniger in Erstaunen setzte und folglich seine Aufmerksamkeit darauf verschwand, so fing sein Kredit schon an zu wanken; und da endlich alles eine solche Alltäglichkeit annahm, daß es ihm nicht anders sein zu können schien, so fiel er so sehr in Verachtung als Euphorb. – Sobald man die Fäden eurer Eigenliebe aus der Hand sinken läßt, ihr guten Erdensöhne und Erdentöchter, so laßt ihr augenblicklich auch die unsrigen fallen; eure Eigenliebe ist – das weiß der liebe Himmel! – der einzige Spiegel, in welchem unsre Gestalt schön und häßlich vorgestellt wird, nachdem wir ihn wenden und kehren, aus dem dieser Wendung gemäß Lob und Tadel, Beifall und Abscheu auf uns zurückgeworfen wird. Da mein Held diese Erfahrung nicht wußte, sondern nur das Wohlsein der Achtung empfand, ohne ihre Ursache zu kennen oder mit Wahl dabei zu verfahren, so vermied er um soviel weniger die Gelegenheiten, wo er in Gefahr geraten konnte, sie einzubüßen. Er sahe und hörte täglich die beste Gesellschaft von dem besten Tone – denn seine Gönnerin zeigte ihn jedermann als eine Probe von Eupators weisen Anstalten vor, und dieses verschaffte ihm einen Zutritt zur großen Gesellschaft, der ihm außerdem mit zehntausend Riegeln verschlossen gewesen wäre; er sah Beifall und Ehre durch eine unendliche Menge angenehmer Mittel erwerben; solange seine Gebieterin ihm einen gewissen Grad von Aufmerksamkeit gönnte, so lange sah er alles um sich fröhlicher und geehrter, als er sein konnte und durfte, ohne daß sich eine neidische Unzufriedenheit dabei regte; sobald ihm jene entzogen, er von allem Zutritte zu den Gesellschaften abgeschnitten war – weil ihn jedermann gesehn hatte – und sich die Szenen der Ehre, die man unter dem nämlichen Dache, das ihn bedeckte, errang, aus dem, was er vorher davon gesehn hatte, bloß in der Einbildungskraft zusammensetzte, dann tat es ihm wehe, daß er nicht auf demselben Felde der Ehre kämpfen konnte; ob er gleich einsahe, daß alle seine äußerlichen und innerlichen Umstände es ihm auf immer unmöglich machten, nur ein Lorbeerblättchen durch einen solchen Kampf zu ersiegen, so war er doch nicht mehr Philosoph genug, um sich über eine Unmöglichkeit nicht zu beunruhigen. Seine Eigenliebe war einmal in Beifallsbegierde verwandelt und dazu durch die Umstände gleichsam erzogen worden; die griechischen und römischen berühmten Helden, Patrioten, Weltweisen, Dichter, Redner, die er bei Eupatorn kennenlernte, tummelten sich in seinem Kopfe unter Grafen, Baronen, Comtessen und Fräulein herum, deren Bekanntschaft er jüngst erst bei der Gräfin Xr. gemacht hatte; alle rennten mit ausgestreckter Lanze nach dem Ringe der Ehre und des Ruhms; er wollte herzlich gern mit ihnen rennen und hatte doch weder Lanze, noch Pferd, noch Atem dazu. So viel hatte sich seine Eigenliebe aus seinen bisherigen Erfahrungen allmählich abstrahiert, daß Besonderheiten jederzeit der Grund seines Beifalles und seiner genoßnen Achtung gewesen waren; – dergleichen Beobachtungen macht meistens unsre Eigenliebe im stillen für sich, ohne daß wir ein Wörtchen davon wissen, bis sie sie endlich mit der Zeit zu deutlichen Ideen ausgearbeitet hat und sie als solche in die Gesellschaft unsrer übrigen Gedanken und Grundsätze einführt. Dieser Zeitpunkt war itzt bei meinem Helden herangekommen; er dachte ganz deutlich und mit Bewußtsein, daß Besonderheiten ihm bisher Beifall verschafft hatten. Das war so gut, als ihn auf den Weg führen, wo er zu diesem Ziele fortgehn sollte. Nunmehr nur noch eine Gesellschaft, die ihn auf dem angefangenen Pfade eine Strecke weiter führt! durch Beispiele oder Lehren weiter führt! – so geht er seinen Gang darauf so gerade fort, ohne sich umzusehen, als wenn um und neben ihm her nicht tausend andre Straßen, Fußsteige und Schleichwege sich herumschlängelten, auf welchen Sterbliche aus Osten und Westen zu einem Ziele, zur Bewundrung, zur Ehre, zum Ruhme – kurz, zu irgendeiner Art von Superiorität schleichen, kriechen, hinken, hüpfen, stolpern, laufen, traben, galoppieren! – So gerade geht er ihn alsdann fort, daß er alle andre Nebenwege nicht eines Blickes würdigen, seinen für den einzigen wahren halten wird, er müßte denn Berge zu überklettern, Moräste zu durchwandern finden; alsdann würde er vermutlich um sich schauen und andre, die er auf den ihrigen sich zuvorkommen sähe, beneiden, verachten, schimpfen, schmähen, durch einen Sprung zu ihnen hinüber schlüpfen, sich an sie anhängen, um von ihnen mit fortgeschleppt zu werden – alles nach Maßgebung seiner Laune! Inzwischen, bis dieser Zeitpunkt herankömmt, mag er sehen, wie er unter dem Schutze der Gräfin Xr. ihn unter Verachtung oder vielmehr Nichtachtung – wenn dies ein Wort wäre – erwarten kann. Der Einsamkeit war er nicht ungewohnt, und doch fiel sie ihm itzt schwer; der Gedanke, daß andre in seiner Nähe ihn an Glück übertrafen, verbitterte sie ihm. Er hing seinen Gedanken nach; ein Teil seiner Grundsätze, die er sich in Elmickors Höhle und in dem Schranke in Amandens Hause gebildet hatte, lagen schon auf dem Grunde seines Gehirns und schliefen; sie wären in jeder seiner kurz vorhergehenden Situationen lästig gewesen; darum weckte sie die Eigenliebe wohlbedächtig nicht auf. Sobald sie die Umstände nötig machen werden – o kein Zweifel! sie werden gleich aufgejagt werden. Der einzige und gewöhnliche Ort, wo er seinen Empfindungen und seinem Nachdenken freien Lauf ließ, war ein Garten, der selten von der Gesellschaft besucht wurde. In diesem ließ er wie ein Verliebter seine Seufzer ausfliegen, seine Unruhe in murmelnde und laute Worte ausbrechen; er besaß alles, und alles fehlte ihm. Auch ohne Nahrung wächst jeder Kummer durch die Zeit, so wie er durch die Zeit abnimmt; der seinige war zu einer Höhe gestiegen, daß er seine Philosophie wie einen leichten Span mit sich fortriß. Eines Tages, als er am Rande eines Teiches voll tiefer Gedanken spazierenging und sich ächzend auf das Gras niederließ, hörte er sein Ächzen vernehmlich wiederholen. Bekümmerte hören jedes Echo ihrer Klagen sehr leicht und gern, weil sie vermuten, daß es von jemanden herrührt, der gleich oder noch mehr bekümmert ist als sie, und beides verschafft keinen schlechten Trost. Er horchte und horchte und merkte endlich deutlich, daß es eine Menschenstimme sein müßte; das machte Mut; er ging ihr nach. Kaum war er einige Schritte außer dem Garten, den hier bloß eine grüne Wand von dem Felde absonderte, als er einen Mann, am Wege liegend, in einer traurigen Krüppelgestalt antraf; den linken Arm trug er in einer Binde, die Beine waren mit dicken Küssen umwunden, alles an ihm überredete meinen Helden, ihn für weniger glücklich zu halten als sich selbst. Er sprach mit ihm und erfuhr, daß die Geißel des Schicksals den Elenden in dem kläglichsten Zustande bis hieher getrieben und nichts als die Zuflucht der Mitleidigen übriggelassen habe. Ihm war seiner Erzählung nach von einem Nebenbuhler seiner Geliebten, die ihm vor diesem einen offenbaren Vorzug gab, als er eben auf dem Wege war, sich die Einwilligung zur Verheiratung mit ihr von seinen Eltern zu erbitten, aufgepaßt worden; sein Feind hatte ihn durch bezahlte Bösewichter in den kläglichen Zustand versetzen lassen, in welchem er sich itzt befand; zween Tage lang hatte er, ohne aufstehn zu können, unter freiem Himmel zubringen müssen, bis er endlich in ein nahgelegnes Wirtshaus mehr kroch als ging, wo er sich so lange für den Rest des bei sich habenden Geldes heilen und warten ließ, bis er den völligen Gebrauch seiner Glieder wiedererlangt hatte. Seine Situation war schrecklich; von seinen Eltern war er zu weit entfernt, um bei ihnen Hülfe zu suchen, war ohne Geld, ohne Freunde, ohne Kredit, ohne alles. Sein Zuhörer ging, ohne ihn weiter anhören zu wollen, in den Garten zurück, in der festen Absicht, bei der Gräfin Xr. sein ganzes Interesse anzuwenden, um sie zum Mitleiden gegen diesen Leidenden zu bewegen; dieser hingegen legte seine Entfliehung als eine Unbarmherzigkeit aus, eine Bemühung, sich dem Anblicke des Elendes zu entziehen. Ein Blick in Knautens Seele hätte ihm die ganze entehrende Vermutung erspart; er hätte gesehn, daß alle ihre Empfindungen bis auf die kleinste erschüttert waren, und zwar ungleich stärker, als seine Erzählung an sich es zu tun vermochte. Es mußte also nicht der Anblick des Hülflosen und seine Geschichte den Eindruck in solcher Stärke hervorbringen, sondern gewisse Dispositionen, die jenen Eindruck erwarteten, um ihn durch ihre Beihülfe über sich selbst zu erheben. Man wird sogleich drauf verfallen, den eignen Kummer, von welchem er vor Erblickung dieses hülfebedürftigen Mannes vom Wirbel bis auf die Fußzehe eingenommen war, für die Ursache zu halten, die fremden Kummer so eindringend bei ihm machte. Sie war es zum Teil, aber noch nicht ganz. Die Bekümmernis über die gegenwärtige üble Befriedigung und die künftigen Aussichten seiner Begierde nach Beifall hatte über seine Phantasie einen dünnen Nebel gezogen, der allen ihren Bildern einen düstern Anblick mitteilte; unter diesen war notwendig sein teures Ich das vornehmste, das am vielfachsten und öftersten sich zeigte; mitten unter der Erzählung von den Leiden, besonders dem Mangel des fremden Mannes trieb die Phantasie ihre gewöhnliche Taschenspielerei; in der neblichten Düsterheit, die in seinem Kopfe regierte und nichts deutlich unterscheiden ließ, schob sie wie ein Wind alle die Vorstellungen von den Leiden und der Verlegenheit des Erzählenden dicht an den Gedanken von sich selbst, daß Tobias Knaut nicht anders urteilen konnte als: ich habe das gelitten und werde das leiden! – Dieses Urteil machte, daß er und der wirkliche Leidende so gut als eine Person in seinem Gehirne wurden; es erfolgte eine so starke Empfindung, als wenn sie wahrhaftig eine Person wären. Sollten bei einer solchen Bewandtnis die Füße einen Augenblick stillstehen und nicht vielmehr hurtig forteilen, diesen Schmerz so bald als möglich wegzuschaffen? – Ja, sie taten's; er ging geradesweges auf die Gräfin los, die er in einem Kreuzgange des Gartens ansichtig wurde. Sein Vortrag und seine Fürbitte tat bei ihr nicht zur Hälfte den Eindruck, als nach dem Tone, in welchem sie abgefaßt war, zu vermuten stund – in dem höchsten nämlich, auf welchen sich seine Beredsamkeit spannen ließ –, sie blieb kalt und blieb es auch noch, da sie den Elenden erblickte – weil ihre ruhige heitere Phantasie keine solche geheime Wendung von dem, was sie sah und hörte, auf ihre eigne Person machen konnte. Sie hörte eben so kalt den Mann selbst seine Geschichte wiederholen, die er in einem viel rührendern umständlichern Vortrag einkleidete als vorhin; sie schien wohl etwas zu fühlen, das aber, genau berechnet, kaum die Hälfte soviel betrug, als was sie bei einem arnaudischen Geschichtchen gefühlt haben würde. Indem setzte der Fremde zu dem, was vorhin von seiner Erzählung gemeldet worden ist, hinzu, daß ihm das Mitleid einer Gräfin Xr. gerühmt worden sei, deren Schloß jedermann als den Zufluchtsort aller Hülfebedürftigen ansehe; auf diese Nachricht habe er sich aufgemacht, um sich ihr zu Füßen zu werfen und sie um den Beistand anzuflehn, den sie allen angedeihen ließ, die durch die Bande der Menschheit mit ihr verknüpft wären. Die Gräfin glühte ein wenig und sah ihn aufmerksamer an. »Leider! wurde ich ehmals ein Mann von Stande genannt«, fuhr er fort – »leider! denn wäre ich es nie gewesen, so fühlte ich vielleicht itzt weniger die Schmerzen der Armut, höchstens nichts als die körperlichen Schmerzen –« Hier schwieg er, und hier geschah auch jene geheime Wendung der Phantasie bei der Gräfin. »Sie haben das Verdienst, einen Abkömmling der ältesten Familie zu unterstützen, wenn Sie mich eine Zuflucht bei Ihnen finden lassen, so lange, bis ich wiederhergestellt bin und durch Ihre gnädige Vermittlung meinen Weg zu meinen Eltern antreten kann, denen Sie einen Sohn und eine einzige Stütze der Familie erhalten.« Das Interesse verdoppelte sich bei der Gräfin. – Indem blickte er wehmütig auf ihren diamantnen Kopfschmuck mit einem Seufzer, der nach ihrer Auslegung eine Vergleichung bedeutete, die er in sich mit ihrem Glücke und seinem Unglücke anstellte. Dieser Blick erhub das Interesse auf den höchsten Grad; sie befahl ihm, ihr zu folgen. Nachdem eine Revision seines vorgeblichen Stammbaumes unternommen war, den er in einer umständlichen Länge herzusagen wußte und nach welchem seine Verbindung sich bis zu den ansehnlichsten Häusern erstreckte, so wurde ihm ein Aufenthalt im Hause verwilligt. 23. Ohne Umschweife sei es nun gesagt! – Der aufgenommene Fremde war – Elmickor! der leibhafte Elmickor! – Vielleicht hätte man nunmehr Lust zu fragen: war auch seine Geschichte nicht ersonnen! Ganz war sie es nicht; alles war die lautre Wahrheit, den einzigen Umstand ausgenommen, daß er auf dem Wege zu seinen Eltern zu sein vorgab. Seine Eltern waren längst gestorben und sein ganzer Stammbaum erdichtet; aber der Listige hatte in der Nachbarschaft den Charakter der Gräfin Xr. studiert und das Uhrwerk ihrer Empfindung sehr genau erforscht. Diese Kenntnis wandte er bei der vorhergehenden Unterredung an, um sich in ihre Gunst einzuschleichen, welches ihm auch wie allemal glücklich gelang. So weit darf er es aber nicht zu bringen hoffen als bei Amanden, wenigstens mag er sie durch keine Geistererscheinungen zu hintergehn suchen; auch war das sein Endzweck nicht. Mein Knaut erfuhr es sehr spät, daß es sein ehmaliger Lehrer in der Kunst zu betriegen war. Elmickor hatte ihn gleich im ersten Augenblick erkannt und vorsetzlich seine Stimme verstellt, um nicht von jenem erkannt zu werden; das Gesicht konnte ihn nicht verraten, weil es teils durch Vermummung, teils durch verschiedne Wunden und Narben beinahe ganz unkenntlich geworden war. Endlich, da er merkte, daß ihm seine Erkennung keinen Schaden tun würde, so entdeckte er sich selbst freiwillig seinem alten Freunde; doch ließ er sich das tiefste Stillschweigen auf das feierlichste angeloben. Er hatte einen neuen weitläuftigen Plan gemacht, der im Grunde nichts als eine wohlausgesonnene Betriegerei war; doch ehe er ihn ausführen konnte, mischte sich der Zufall dazwischen und brachte ihn nebst meinem Helden aus dem Hause. Doch um nicht unnötigerweise von dem geraden Fußsteige der Chronologie abzugehn, lasse ich mich itzo noch nicht darauf ein, diesen Zufall zu erzählen, der auch zudem ohne eine vorgängige Nachricht nicht völlig erklärt werden kann. Vorausgesetzt, daß Elmickor niemals zu der Gunst und dem Vertrauen der Gräfin emporklettern konnte – warum? weiß ich nicht zu bestimmen –, er spielte zwar täglich auf ihre Eigenliebe sein Liedchen, aber er mußte doch den rechten Ton nicht gefunden haben, aus welchem sie gespielt wissen wollte; sein Lied hatte meistens Wohltätigkeit, Menschenfreundlichkeit, angeborne Güte und dergleichen Vorzüge mehr zum Gegenstande, die er ihr auf den Kopf schuld gab; allein sosehr sie auch eine solche Beschuldigung kützelte, so war das doch nur vorübergehend wie der Effekt einer Moral – dieses vorausgesetzt, melde ich, daß der gute Zufall meinen Helden wieder auf die oberste Stufe der Gnade und Wohlgewogenheit emporgeschleudert hatte, wohin sich Elmickor mit seinen studiertesten Listen in Ewigkeit nicht schwingen wird, wenn er seine Gönnerin nicht mit angreifendern Schmeicheleien als mit jenen moralischen Raritäten bestürmen will; höchstens erwirbt er sich dadurch ein elendes Almosen, die Erlaubnis, im Hause zu bleiben; doch Gunst, Gnade, Gewogenheit – einfältiger Elmickor! diese zu gewinnen, mußt du kräftigere Mittel wählen! Ja, der Zufall, der meinem Helden emporhalf! – Nichts war es, als eine Tobaksdose. Seine Gebieterin besaß eine Dose von vortrefflicher Arbeit, von Golde und mit Brillanten besetzt, die wie alle Sachen, welche die Ehre hatten, ihr anzugehören, bei ihr in hohem Werte stund; doch besaß dieses Meisterstück aller Tobaksdosen unter allen den größten Teil ihrer Zuneigung – weil ihr eignes Bildnis in einer saubern Miniatur an dem Deckel unter einem Glase prangte, so herrlich en beau gemalt, daß ein junger Herr, der eben von der Akademie zurückkam und daselbst verschiedene Dinge von Idealen, Karikaturen und andern Malerausdrücken hatte sagen hören, sie hoch und teuer versicherte, es sei die schönste Karikatur unter der Sonne, ein wahrhaftes Ideal; ohne das danebenstehende Original mit einem Zuge darinne finden zu wollen. Mit jeder Prise Spaniol, die ihr Finger herausnahm, wurde diesem schönen Bilde ein Liebäugeln zum Opfer gebracht, nicht anders als wenn sie vor dem Spiegel stünde; auch hatte sie wirklich den Vorteil, ihre eigne Gestalt in dem Rande von Spiegelglas, womit das Bild eingefaßt war, vierfach zu erblicken und also in der ganzen Summe fünffach zu bewundern. Sie nahm sehr stark Tobak, und die Dose war überhaupt so untrennbar von ihr, als ihr diamantner Kopfschmuck, weil sie außerdem mit diesem ein Geschenk von einer geliebten Hand war. Demungeachtet hatte sie einst Brillant, ihr einziggeliebter Schoßhund, genötigt, sie auf dem Rasensitze im Garten zu verlassen, um dem armen Notleidenden, der sich ein großes Sandkorn zwischen die Krallen der einen Hinterpfote getreten hatte und deswegen ganz jämmerlich um Hülfe schrie, hurtig beizuspringen. Les egaremens de l'esprit et du cœur, die sie eben las, wurden bis zur nächsten Hecke geschleudert, und die Dose, die neben ihr stund, im Aufspringen heruntergeworfen, daß sie eine gute Strecke weit die empfangne Bewegung noch fortsetzte und den ganzen Vorrat, den sie enthielt, unterwegs verlor. Die Gräfin kam zurück, da das Übel geheilt war, suchte ihre Dose – suchte – suchte und fand sie nirgends, gerade als wenn ein böses Schicksal ihre Augen blendete. Sie ging besorgt zu dem Flecke, wo sie Brillanten Hülfeleistung getan hatte, ging weiter, suchte und fand sie nirgends. Unterdessen daß sie dieses Suchen beschäftigte, trugen unsern Philosophen, der gedankenvoll herumschlenderte, seine Beine wider sein Wissen und Willen an den Ort, wo die Gräfin gesessen hatte, und gleich bei seiner Ankunft wurde er die auf der Erde liegende Dose gewahr, auf einer Stelle, die seine Gönnerin tausendmal mit aller Anstrengung ihrer Sehnerven beschaut hatte. Er hub sie auf, besah sie, ließ sich auf dem Rasensitze nieder, und weil einem Geschäftlosen jeder Gegenstand willkommen ist, so ergötzte er sich ungemein, seine werte Figur in dem spiegelgläsernen Rande der Miniatur – aber ohne den mindesten Affekt – zu betrachten. In dieser Betrachtung, wobei seinen philosophischen Muskeln doch ein paar freundliche Mienen seinem Bilde zu Liebe entfahren mochten, traf ihn die zurückkommende Gräfin an; er war so vertieft, daß er ihre Annäherung nicht merkte. Welchen andern Ursachen konnte seine Gönnerin diese Versenkung in sich selbst zuschreiben als ihrem eignen Porträte? – Oft denken wir stolzen Sterblichen, daß wir es sind, die andern gefallen, da sie es doch eigentlich selbst sind, die sich in uns gefallen – gerade wie Tobias Knaut keinen Augenblick an die gemalte Figur der Gräfin, sondern die ganze Zeit über an seine eigne gedacht und deswegen einen Gefallen daran gefunden hatte. Indessen – seine Gebieterin wußte das nicht, daß sich jemand neben ihr gefallen konnte – war die Wirkung bei ihr ihrer Voraussetzung gemäß: Sie liebte den ganzen Tobias Knaut im Augenblicke, sie fand ihn anbetenswürdig und war entzückt, vor ihm stehend zu sehn, wie jede Veränderung des Gesichts einen neuen Ausdruck des Wohlgefallens andeutete, ohne daß er – nach ihrer Meinung! vor Begeisterung und Freude etwas außer sich sähe, hörte, fühlte. Er wachte nicht eher auf, als bis sie ihn freundlich anredete und sich nach der Ursache seiner tiefen Gedanken erkundigte. – Zum Glück wußte er es selbst nicht zu sagen und geriet über die Anrede in eine solche Zerstreuung, daß er es nicht zu sagen vermögend gewesen wäre, wenn er auch seine vorhergehenden Empfindungen noch so deutlich unterschieden hätte; denn im entgegengesetzten Falle hätte ihn seine Aufrichtigkeit gewiß um alle Vorteile dieses Zufalles gebracht. Er schwieg also verwirrt still, übergab die Dose mit einem entwischenden nichtsbedeutenden Seufzer und wollte sich demütig wegbegeben; doch seine Gönnerin, die keinen Seufzer bei ihrem Porträte unbedeutend finden konnte, sondern jedesmal vermutete, daß eine geheime Empfindung ihn auspressen müßte, gebot ihm mit sichtbaren Merkmalen ihrer Gnade, bei ihr zu bleiben. Von Zeit zu Zeit kam ein neuer Seufzer, worunter jeder von einer Beklemmung herrührte, die ihm während der aufmerksamen Betrachtung seiner selbst die Zusammendrückung des Unterleibes bei dem Sitzen verursacht hatte; allein seine Gebieterin, die nun schlechterdings seine philosophische Seele einer geheimen Anbetung beschuldigen wollte, glaubte steif und fest, daß sie ihren Weg aus dem Herzen nähmen, da sie doch eigentlich viel weiter unten heraufmarschierten. Sie tat verschiedene Fragen an ihn, sein Geheimnis herauszulocken; seine Beklemmung nahm zu, die Seufzer wurden öftrer und heftiger, seine Antworten immer zerstreuter und weniger zusammenhängend, die Unordnung seines Körpers und seiner Seele wuchs so stark an, daß er wankte und stotternd um Erlaubnis bat, sich wegzubegeben. War das nicht die ganze Gestikulation und Sprache eines Liebhabers? Hätte der ausgelernteste Stutzer die galante Etikette um ein Haarbreit besser beobachten können? – Gewiß nicht! – Und gleichwohl ging sein Unterleib ganz allein dabei zu Werke. – Die Gräfin Xr. blieb in der angenehmen Überredung zurück, daß es Liebe, die heftigste Liebe sei, die diesen zerstreuten Abschied bewirkte, welches sie ihrerseits für kein Verbrechen ansehen mußte, das eine Ahndung verdiente; Tobias Knaut hatte ihre ganze Gunst an sich gebracht. 24. In der Gunst einer Dame! – Du guter Knaut! Für so etwas kannst du deine Philosophie nebst allem Zubehör hingeben. – Das Unglück war nur, daß der vermeinte Liebhaber seinen erhaltnen Vorteil nicht merkte, sondern, da sein Übel vorüber war, völlig wieder der vorige Knaut wurde und Liebhaber zu sein ganz aufhörte, ohne daß er nur die mindeste Miene davon behielt. Das hätte sein ganzes Glück zu Boden stürzen können, wenn nicht das gefaßte Vorurteil für sein Interesse zu arbeiten fortgefahren hätte. Seine Gebieterin, die im Grunde ihn nur schätzte, weil sie glaubte, daß er sie schätze, verstattete ihm einen freien Zutritt zu ihr und ließ ihn auch zuweilen zu sich rufen – vielleicht bloß aus dem Stolze, warum ein General gern die Zeichen seines Siegs um sich sieht –, um sich über die Macht ihrer Reize durch den Anblick ihres Überwundnen zu freuen, denn dafür stehe ich, daß nicht ein Fünkchen eigentliche Liebe zu dem Philosophen in ihrem Herzen glimmte; ihr Geschmack und tausend andre Hindernisse ließen so etwas nicht aufkommen. Sie nahm sich sogar vor, ihn in der Etikette und der ganzen Kunst des vornehmen Wohlstandes zu unterrichten und überhaupt zu einem Mitgliede der feinen Welt tüchtig zu machen, ob sie gleich leicht wahrnehmen konnte, daß ihr Unterricht wundertätig sein müßte, um ein solches Vorhaben zu bewerkstelligen; allein sie war in die Eroberung eines kaltblütigen Stoikers – auf dessen Bezähmung ihre Eigenliebe die Überwindung von einem Dutzend junger empfindlicher Herrchen rechnete – und in die Idee, ihn völlig zahm zu machen, so verliebt, daß sie über Schwierigkeiten und Unmöglichkeiten herzlich gern wegsah. Er sollte schlechterdings galant und artig werden. – Ich wünsche ihr Glück dazu. Seine Zähmung ging ungemein langsam vonstatten; er fühlte das Glück nicht, eine Dame zur Lehrmeisterin zu haben, und entbehrte daher die vornehmste Aufmunterung und den Antrieb, um große Progressen zu machen; auch vergaß er wirklich sogleich jede Lektion, unmittelbar nachdem er sie bekommen hatte. Sein Rücken blieb steif, seine Komplimente hölzern, seine Miene und sein Betragen ernst, langsam, zerstreut, er war nie mit seinen Gedanken zugegen, hörte nur halb, antwortete unzusammenhängend, spann den Faden des Gesprächs niemals an, setzte ihn selten fort, sondern schnitt ihn meistens sogleich mit einem einsilbigen Wörtchen entzwei, war weder submiß noch lebhaft, paßte nicht auf jedes Wort auf, um es zu bewundern oder zu belachen, war unbeweglich, wenn gleich Millionen Fächer, Blumen aus den Händen seiner Gönnerin vor seinen Füßen niedergefallen wären – genug, er war zu allen Verrichtungen und Handlungen des vornehmen Lebens so ganz ohne alle Ausnahme ungeschickt, daß die Gräfin sehr bald die Beschwerlichkeiten der Unterweisung überdrüssig wurde, zumal da seine außerordentliche Kaltblütigkeit sie beinahe selbst auf den Argwohn brachte, daß seine Liebe wo nicht eine Einbildung, doch wenigstens nur vorübergehend gewesen sein müsse. Diese gezwungne Erkennung eines so schmeichelhaften Selbstbetrugs galt einer entrißnen Freude gleich; der unbiegsame Philosoph mußte notwendig so tief herunterfallen, als er vorher gestiegen war. Um sich für ihre beschämende Illusion zu rächen, gab sie ihm die ganze Stärke ihrer Verachtung zu fühlen, überließ ihn seinen rohen unausgebildeten Manieren und verschwur es, in ihrem Leben wieder einem Philosophen Liebe zuzutrauen oder ihn zähmen zu wollen; – denn – wer sagt doch das? – einer Schönen liegt nichts an der eroberten Beute und alles an der Freude der Eroberung. Kaum hatte er diesen großen Fall getan, als sich der Zufall darein mischte, dessen ich oben gedachte. Brillant – meine Leser kennen ihn doch noch? – hatte zu seiner Bequemlichkeit ein seidnes Küssen, das ihm, wenn er sich auf einem Spaziergange im Garten befand, von einem dazu bestallten vereideten Bedienten nachgetragen und sogleich aufgebreitet werden mußte, wenn er die geringste Neigung auszuruhen bezeugte. Auf einem solchen Gange fand ihn mein Held auf seinem Küssen liegend eingeschlafen und zwar ohne seinen Trabanten, der sich den Schlaf des Hundes zunutze machte, um mit der Gärtnerstochter seine galante Kurzweile zu treiben. Knaut, den die Hitze gleichfalls zur Ruhe geneigt gemacht hatte, räsonierte sehr gründlich bei sich, daß ein zweibeinichter Mensch auf die Bequemlichkeit eines seidnen Küssens einen gerechtern Anspruch machen könne als ein vierfüßiges Tier. Er nahm es also weg, ließ den Hund mit dem harten Boden vorliebnehmen und gebrauchte es für seinen eignen Kopf, der sanft darauf ruhte. So fand ihn seine Gebieterin, ward zornig, daß Brillantens zottichtes Kleid mit Sand und Kiese verunreinigt war, faßte das arme Geschöpf auf die Arme, gab Befehl, dem Philosophen seine Verweisung aus dem Hause anzukündigen, welcher Befehl augenblicklich befolgt wurde, und Elmickorn traf das nämliche Schicksal, weil er schon vor drei Tagen kaltblütig vor einem neuangekommnen Service, das jedermann zur Schau aufgestellet wurde, ohne Empfindung vorbeigelaufen war. Die beiden Verwiesnen traten also ihre Auswandrung zusammen in einer Gesellschaft und unter einerlei Aussichten und Erwartungen an. 25. Sie gingen eine gute Strecke, ohne sich ein Wort zu sagen, denn Elmickor wälzte in seinem Kopfe große Projekte herum, wie er seine Umstände verbessern und sich wieder einen bequemen Aufenthalt verschaffen sollte; keins wollte ihm diesmal gelingen. »Sind wir nicht unglückliche Leute!« rief er endlich aus. » Ich bin beständig glücklich«, antwortete mein Philosoph. »Narr! – glücklich? – Ich dächte, wir könnten nicht unglücklicher sein. –« » Ich bilde mir ein, daß ich glücklich bin; und mehr brauche ich nicht, um es zu sein.« »Guter Mann! Dein Gehirn hat wohl einen kleinen Stoß gelitten? Bilde dir doch ein, daß du nicht hungrig bist, wenn dich hungert; ich kann es nicht, denn mein Magen ist überaus aufgebracht.« »Der meinige nicht weniger.« »Und dennoch bist du glücklich? – Aber weißt du? wir wollen zum jungen L. gehen.« »Der junge L.! – Lebt er noch?« »Er ist mit dem Pferde gestürzt, hat das Bein zerbrochen –« »Doch nur eins?« »Das rechte.« »Nur gut, daß sie nicht beide zerbrochen sind –« O du großmütiger Tobias Knaut! Elmickor sah ihn an und lächelte. – »Er hat sich von seinem Vormunde verführen lassen«, setzte er hinzu, »er wohnt auf seinem Gute, hat sich eine Frau genommen und lebt so einfältig ordentlich wie der dümmste Tropf in seiner Gegend. Ich sah es ihm gleich anfangs an, daß sein Gehirn zu keinen großen Unternehmungen bestimmt war; der einzige kluge Streich, den er gemacht hat –« – ist der, den er dir spielte, als er dich in unsre Hände brachte – wollte er hinzusetzen, aber er besann sich und verbiß es. »Ja, wir wollen zu ihm gehen«, fuhr er fort; »wenigstens muß er uns doch so lange füttern und pflegen, bis wieder ein Projekt bei mir reif geworden ist; alsdann wandern wir weiter, und du sollst sehen, zu was für einem Glücke wir uns noch erheben wollen. Traue du meiner Kunst! – Doch itzt ist für uns nichts anders zu tun, als daß wir hier übernachten; hier haben wir das Lager umsonst, und in der Stadt müßten wir es bezahlen. Bleibe du hier; ich will indessen in die Stadt gehen und Nahrung holen; ich komme bald zurück; dann wollen wir zusammen teilen.« Sein Gesellschafter war es zufrieden, und Elmickor machte sich auf. In der Einsamkeit, in der Dämmerung, im Mangel, von aller menschlichen Hülfe entblößt – wie leicht muß es da auch dem rohesten Kopfe einfallen zu philosophieren! und wie leicht muß es ihm auch werden! – Wenn alles außer uns lockt, einladet, nichts oder doch nur zuweilen eine Kleinigkeit beunruhigt, die unsre fröhliche Empfindung durch die Abwechslung nur erhöht – dann gute Nacht, Philosophie! – Unsre Eigenliebe, die sich darauf versteht, uns glücklich zu machen – wohl gemerkt! auf den gegenwärtigen Augenblick, über welchen sie allein niemals hinaussieht –, die also weiß, daß Grundsätze und Umstände vor allen Dingen übereinstimmen müssen, wenn sie ihren Zweck erreichen will – diese wachsame Listige schafft bald oder spät diejenigen Ideen beiseite, die ihr ihre Arbeit vereiteln könnten; aber wie ein weiser Regent, der Menschen, die er itzt nicht mehr nützen kann, zu einem künftigen vorfallenden Gebrauche aufhebt und unterhält, quartieret sie die gegenwärtig unbrauchbaren Grundsätze in einen entlegnen Teil des Gehirns ein, singt sie in den Schlaf – und nun liegt ihr da wie die Siebenschläfer, bis man eurer Dienste bedarf! Sobald dieser Fall sich ereignet – husch! sind sie wieder da! Die Eigenliebe ruft, nachdem nun ihr Schlaf gedauert hat, stark oder leise, wenig oder lange, und sie erscheinen zuversichtlich wieder –ihre Gebieterin müßte denn unvorsichtigerweise geglaubt haben, sie nie wieder nützen zu können, oder auch die Dauer ihres Schlafes zu lange gewesen sein, alsdann sind sie Toten gleich, die niemand als durch ein Wunder zu erwecken vermag. Bei meinem Helden fand sich seine Philosophie gleich nach seiner Ausreise von der Gräfin Xr. wieder ein, wie wir kurz vorher bemerkt haben müssen; dies war aber nur der stärkste tätigste Teil davon, der schon eine solche Macht erlangt hatte, daß er sich mit der größten Hartnäckigkeit widersetzte, wenn ihn die Eigenliebe regieren wollte, daß diese deswegen höchst zufrieden war, wenn er nur ruhte und nicht geradezu widersprach; so schwieg meines Helden Philosophie bei der Gräfin zu verschiedenen Malen – weil ihr die Eigenliebe wie der ausgelernteste Hofmann so viele artige Sachen vorplauderte, daß sie nicht von ihr wegkommen konnte, um sich in die Angelegenheiten des Kopfs und des Herzens zu mischen, mittlerweile daß die Kreatur der Eigenliebe, die Phantasie, und ihre Tochter, die Ehrbegierde, briguierten, agierten, tumultuierten – und was sie weiter taten. Ein schwächerer Teil seiner Grundsätze, die nicht mit Nachdruck widerstehen konnten, haben seit seinem Aufenthalte in Amandens Schranke – wie schon gemeldet worden ist – sanft geruhet; itzt waren sie nötig; sie wurden gerufen, und siehe! – sie kamen. Ihre Zurückberufung war aber auch höchst dringend. Man denke nur! – In dem traurigsten hülflosesten Zustande, ohne Aussichten, hungrig, durstig und sogar ohne Eichbäume zu sein – das hätte allenfalls der herrschende Teil von den Grundsätzen meines Knauts auf einige Zeit erträglich machen können; – aber dabei eine noch wache Ehrbegierde, das Andenken der genoßnen Ehre, der genoßnen Annehmlichkeiten ihres Geschmacks bei sich zu haben, zu fühlen, daß sie niemals wieder erneuert werden können, daß die ganze Begierde wird sterben müssen – dazu gehören stärkere Kräfte, die vereinte Macht unsrer Gedanken und Empfindungen, wenn wir eine solche Situation bezwingen sollen. Einer Neigung, einer Begierde kömmt der Tod, selbst der künftig zu befürchtende Tod, viel saurer an als dem Menschen, der das Leben noch so sehr liebt. Kaum hatte er sich nach Elmickors Scheidung einen Augenblick niedergesetzt, als schon ein kleiner Tumult in seinem Herzen einen Aufruhr ankündigte. – Lieber Knaut! wie wird dir's ergehen? Die Phantasie lärmte und brauste und plauderte wie ein zorniges Weib, die Ehrbegierde hinterdrein mit ihrer ganzen Faktion, mit Waffen, Spieß und Stangen, Blut, Lebensgeister, alles in und um die arme Seele war in einem tobenden Aufruhr, und der ganze Trupp zog auf das einzige gute Mütterchen, wider seine friedsame geduldige Philosophie, los; was konnte sie tun? – Sie zog sich en bon ordre zurück, machte sich den Rücken frei, und dann ging die Kapitulation an. Sie erwischte den Witz gerade zu rechter Zeit, da er auf die Gegenpartei treten wollte; er ließ sich bewegen und wurde abermals die Mittelsperson. – »Warum nun ein so entsetzlicher Lärm?« schrie der Sophist; »wir wollen die Sache in Güte abtun. Die Ehrbegierde muß befriedigt werden, das versteht sich. – Unser ganzes Glück beruht in der Einbildung, es ist ein Geschenk der Phantasie; die Ehre ist der vorzüglichste Teil unsers Glücks; also auch diese muß ein Geschenk der Phantasie sein. Bei Amanden, bei der Gräfin gab sie die Ehre; sie überredete Knauten, daß dies Ehre und daß sie angenehm sei; sie tue itzt das nämliche, sie überrede ihn, daß jenes keine Ehre, daß sie nicht angenehm war, und sie hat ihn glücklich gemacht. Hier sind Zeugen –« (er brachte die Grundsätze zum Vorschein, die bei Amanden im Schranke erzeugt wurden) »– hier sind Zeugen, daß es sich wirklich so verhält, daß alle Dinge außer uns nichts sind, daß unser Glück in uns ist, das heißt, daß es die Phantasie gibt. Also ist Tobias Knaut glücklich, und wenn er es völlig werden will, so befriedige er seine Ehrbegierde. – Wie? – Wodurch er kann! Alle Wege, auf welchen er sie bisher andre befriedigen sah, sind ihm verrennt; er kann auf keinem fortkommen; weder Natur noch Schicksal erlaubt es ihm. Er folge also, wohin ihn beide führen! – Wodurch gefiel er bisher? Was brachte ihm bisher die Gunst und Aufmerksamkeit der Damen und Herren zuwege? – Das einzige, daß er kein Mensch wie andre war, daß er Besonderheiten besaß, die andrer Augen auf ihn lenkten. Kann er das nicht noch tun? Hat er nicht die besten Anlagen dazu? – Er tue es; so hat er Ehre, so hat er Glück.« Die Kapitulation war zustande, der Waffenstillstand geschlossen, die Ruhe wiederhergestellt, die künftige Marschrute für die Ehrbegierde bestimmt; nun darf noch der Zufall ihn auf eine gewisse Art von Besonderheiten hinstoßen, das heißt, in Gesellschaft führen, die mit ihm die Ehre auf einem Hauptpfade sucht und ihn durch ihr Beispiel auf einen der nebenher laufenden Steigen hinzieht, so ist der völlige Tobias Knaut fertig, alles, was Natur und Schicksal aus ihm machen wollten – er hat in der Leiter menschlicher Geschöpfe die Sprosse erlangt, die er erlangen sollte. Noch ist es in der Gewalt des Schicksales, ihn zum Marktschreier, zum Seiltänzer, zum paradoxen Philosophen, zum paradoxen Staatsmanne, zum paradoxen Gesellschafter, zu – allen Arten von Sonderlingen zu machen, der er nach seinen Fähigkeiten werden kann; aber sei es, welche Gattung es wolle – ein Sonderling wird er gewiß. Obgleich also vorderhand der innerliche Sturm der Seele befriedigt war, so folgte doch unmittelbar darauf ein andrer und gewiß ein so heftiger als der erste – der Hunger. – Doch von diesem kömmt er noch besser und eher los; denn Elmickor naht sich schon mit einer Ladung Lebensmittel, die allen Kummer des Leibes und der Seele für itzt zu heben imstande sind. Sie setzen sich zusammen, sie teilen brüderlich, schwören einander ewige Treue und Freundschaft – denn Elmickor hat eine Flasche Wein, dieses bindende Zement der Freundschaft, mitgebracht – und schlafen brüderlich unter einem Baume zusammen. 26. Des Morgens darauf wandern sie zusammen weiter, in dem festen Entschlüsse, ihren Weg zum H. v. L. zu nehmen. Wäre die Beratschlagung und der Vergleich, der in meinem Helden mit der Ehrbegierde tags vorher getroffen wurde, nicht eine von den Begebenheiten gewesen, die in der Vertiefung des Theaters in unserm Gehirne vorgehen, ohne daß wir eher etwas davon erfahren, als bis die Sache vorüber ist, und auch alsdann nichts weiter als das bloße Resultat von einem solchen Schauspiele, so hätte er seinem Gefährten alles, und besonders den Plan seiner Ehrbegierde, offenherzig entdeckt; aber so wußte der gute Knaut selbst nichts mehr, als was man vom Hörensagen weiß; sein Entschluß war sogleich in dem Archive des Kopfes niedergelegt worden; sobald die Gelegenheit sich zeigt, ihn auszuführen – ach, so ist mir nicht im mindesten bange, daß er ihn nicht wird zu finden wissen. Die meisten unsrer Entschließungen, Vorurteile, Meinungen – und wie der ganze Schwarm weiter heißt – entstehen so ohne unsre Einwilligung und Vergünstigung, sogar ohne unser Wissen; sie fliegen aus der Ideenmasse auf, durch das bloße Wirken und Gären der darinne liegenden Materien; wir handeln darnach und werden es nicht eher gewahr, daß so etwas in unserm Kopfe ist, als bis wir lange genug davon regiert worden sind. Ich verweise hiebei auf die Grundsätze des großen Euphrosinopatorius, die künftig bekanntgemacht werden sollen. Sonach erfuhr Elmickor nichts davon; dieser hingegen war desto offenherziger und konnte es auch sein, weil er bei seinen Überlegungen mit völligem Bewußtsein zu Werke ging. Er beratschlagte unaufhörlich, wie er sich aus dem gegenwärtigen Mangel reißen und zu irgendeiner Art von Achtung wieder emporschwingen könne. »Kannst du schreiben?« fuhr er endlich auf. »Schreiben?« fragte sein Gefährte. »Ja!« »Buchstaben malen, meine ich nicht; nein, dich gut ausdrücken, Sachen, die nichts sind, durch Beredsamkeit des Stils einen Anschein von Größe geben?« »Nein, das kann ich nicht; aus nichts kann ich nichts machen.« »Die Kunst kann ich wohl; nur das verdammte Sitzen steht mir nicht an, das das gelehrte Schreiberhandwerk erfodert. – Marktschreier bin ich gewesen; das ist eine unglückliche Profession. Sie belohnt heutezutage nicht die Mühe. Die Vornehmen und Reichen halten sich gelehrte Marktschreier; mit diesen beiden Arten von Menschen ist nichts anzufangen, und das arme gemeine Volk– behüte mich der Himmel, das zu betriegen! – dabei ist wenig Ehre zu gewinnen. – Die Autormarktschreierei wäre noch die einzige, die ich versuchen möchte; aber, wie gesagt, das Sitzen! das verdammte Sitzen! – Ich muß schlechterdings in beständiger Bewegung sein. Wenn du nur ein bißchen Stil gelernt hättest! Wir wollten Wunder zusammen tun; ich gäbe dir die Gedanken – so paradoxes Zeug, daß Himmel und Hölle darüber erstaunen sollten. Wir verschafften uns auf diese Art unser Auskommen – zwar ein verteufelt kümmerliches Auskommen; denn, wie ich höre, sollen die Autoren meistens mehr im Kopfe als im Magen haben; aber mag es! – Man ergreift seine Partie; man behauptet, daß Reichtum, gutes Essen und Trinken, schöne Möbeln und alle andre äußerliche Dinge nicht in die Liste der Glückseligkeiten gehören; daß man ohne sie glücklicher ist; daß man sie nicht besitzen möchte, wenn sie gleich wie ein Regen vom Himmel herniederfielen; daß ihr Besitz die Menschen verschlimmert – kurz, man muß die elenden Umstände, in welche man wider seinen Willen und zu seinem großen Herzeleide verstoßen worden ist, zu einer Sache machen, die man gewählt hat; so erlangt man einen doppelten Nutzen; man fühlt sein Elend weniger und wird noch obendrein deswegen als ein Mann bewundert, der groß genug ist, um andrer Größe zu verachten.« »Aber alles jenes ist auch die lautere Wahrheit!« »Glaubst du das? – Bravo! – Wenn du nur schreiben könntest!« »Vielleicht lernt sich das.« »Nein, der Henker! das ist eine schwere Kunst. Das Publikum ist ekel geworden; das Essen muß wenigstens gut zubereitet sein, wenn es hinuntergehn soll. – Wir wollen zwar einen Versuch machen; aber wovon laß ich dich nun schreiben? – Von der Erziehung! – Ja, einen solchen Titel kaufen alle Leute. Ich habe einen Mann gekannt, der alle Erziehungsschriften zusammen handelte, ob er gleich seine Kinder wie die Urang-Utan aufwachsen ließ; was werden nun vollends Leute tun, die ihre Kinder wenigstens zu solchen Menschen machen wollen, als sie selbst sind? – Ich habe zwar niemals Kinder erzogen, auch niemals eine Minute über die Erziehung nachgedacht, aber desto besser! Ich will dir eben deswegen so wunderseltsame Dinge in die Feder diktieren, daß jedermann vor Erstaunen nicht wissen soll, ob es mehr Unbesonnenheit ist, solche Vorschläge in dieser Welt zu geben oder sie auszuführen; es finden sich immer gutherzige Leute, die sich durch die Unmöglichkeit nicht von der Probe abschrecken lassen. Wenn ihnen ein paar Kinder dabei zugrunde gehen, was schadet das? – Solange Vater und Mutter leben, frisch und gesund sind, ist der Schade in wenigen Augenblicken wieder ersetzt. – Aber schreiben mußt du können – oder auch – ich will sehen, was ich im Stile vermag; in der nächsten Herberge wollen wir einen Versuch machen. – Was wäre denn weiter zu tun, wenn dies fehlschlüge? – Romane, Trauerspiele, Knittelverse, Liederchen im Bauernstil, im Stil der Jungemägde, im alten Deutsch, wie es Hans Sachs sprechen tat, und – wie hieß doch das Ding, das ich neulich sah? – Bardenlieder? – Nein, die sind außer Mode; Sänger und Leser haben von den rauhen schwirrenden kriegerisch-barbarisch-hochdaherbrausenden Bardentönen böse Hälse bekommen; mit diesen befaß ich mich nicht! sie machen Katarrh und geben nichts zu gewinnen. – Höre, itzt fällt mir ein! Wir sind beide nicht sonderlich stark im guten Stil; wir wollen recht mysteriös und rätselhaft schreiben, daß einem der Kopf wehe tut, wenn man es nur ansieht; das ist leicht. Was braucht's mir Verstand und Weisheit? – Hab ich Herz genug und kümmert die urteilenden Ameisen, die um mich krabeln, mein Name nichts, schnell ich wie jener Franze auf meine Dose à la greque und rufe: Narren! dumme albern Jungen! die ihre Herrlichkeit zu öffentlichen Kloaken prostituieren, daß ihr die Augen wegwendet und die Naslöcher zuhaltet vom stinkenden Wunder der Welt. – Siehst du, so klingst!« »Schnakisch! – Als wenn man nichts dabei gedacht hätte.« »Das ist das herrliche, man braucht nicht dabei zu denken. Der verdammte natürliche Stil setzt gar zu viel voraus; nein, unser ist der hochtrabende. Es sind tausend Bequemlichkeiten dabei. Zudem sind itzt die Autoren großenteils auf Reisen, um Empfindungen einzuhandeln; wenn wir allein hübsch zu Hause blieben, vielleicht ließe sich da etwas Gedachtes ausbrüten. – Findet sich indessen etwas Einträglicheres: desto besser! Aber ich zweifle. Ich bin schon alle Gänge und Minen durchschlichen, wo man Reichtum oder Ehre vermuten sollte; nirgends habe ich etwas gefunden; und ich rate dir freundschaftlich, mein Beispiel als eine warnende Lehre anzunehmen; suche nirgends, wo ich schon gesucht habe! Eine einzige Mine ist uns noch offen; folge mir! entweder sprengen wir sie, oder wir werden mit in die Luft gesprengt. – Von nun an wollen wir nicht mehr Menschen wie andre sein; was andre schätzen, lieben, begehren, das wollen wir verachten, was sie glauben – verwerfen, was sie für ungereimt halten – behaupten, verfechten; wir wollen das ewige Widerspiel des menschlichen Geschlechts sein; man wird uns anfangs belachen, dann bewundern und endlich gewiß nachahmen. – Könnten wir nun vollends – doch wir wollen sehn.« Meinem Helden war dieser Vorschlag sehr annehmlich; denn er war nichts als eine Wiederholung des Entschlusses, den er insgeheim bei sich gefaßt hatte und der itzt erst zum Bewußtsein hervorgerufen wurde. – Elmickor schien ihm seine Gedanken aus der Seele gestohlen zu haben – Gedanken, deren Schönheit und Richtigkeit ihm höchst einleuchtend waren, weil er sie schon vorher gehabt hatte. Der Plan wurde sein künftiger Lebensplan, nur nicht mit der Betriegerei so genau verwandt als bei Elmickor, das heißt, er dachte nicht so deutlich dabei: Ich will betriegen! 27. Sie langten mit ihrem Entwurfe in der nächsten Stadt an und überließen es dem gütigen Schicksale, ihnen Veranlassungen zu verschaffen, wie sie ihn näher bestimmen, verändern, besser ausarbeiten sollten; denn jenes war nur der grobe Grundriß. Indessen machen sie damit den Anfang zur Ausführung, daß sie das seltsamste Betragen unter der Sonne annahmen, vor allen Dingen für die eine Hälfte des Restes von Vermögen, das Elmickorn übrig war, eine unterscheidende Kleidung anschafften, die, wo sie nur gingen, eine Begleitung des Pöbels hinter ihnen drein zog. Inzwischen fand Elmickor bald, daß man in dieser Stadt noch zu sehr an die Barbarei grenze, um sich auf eine feine Art betriegen zu lassen. – »Hier gibt es nichts als schläfrige Dummköpfe«, sagte er; »Leute, die zwischen dem aufgeklärten Verstande und der Dummheit mitten inne stehen, das sind unsre Leute. Wir müssen weiter ziehn.« Es geschah. Sie kamen in eine Stadt, wo er den größten Teil der Einwohner in dem verlangten Zustande anzutreffen vermutete; sie waren glücklicher; sie vermieden die Bekanntschaften, und man drang sich zu ihnen; sie ließen sich zuweilen einige sonderbare Seltsamheiten, Paradoxien bei einigen Neugierigen entwischen, die sie ausbreiteten, und wenn andre dadurch ermuntert wurden, dergleichen mehr aus ihrem Munde zu hören, so schwiegen sie; und selbst ihr Stillschweigen reizte die Bemühung der Menschen, sie auszuforschen. Da sie auf diese Weise allenthalben bekannt wurden, so bewarb sich auch ein Mann um einen Zutritt zu ihnen, der Elmickorn sogleich erkannte, weil er ehmals unter ihm als ein Hauptakteur bei den Geistervorstellungen gedient hatte. Elmickor bat ihn flehentlich, ihn nicht zu entdecken; er versprach es bei seiner Ehre und machte sich obendrein verbindlich, seine Absichten auf alle Art zu unterstützen. Elmickor foderte von ihm, daß er ihn und seinen Gefährten in die Gunst eines reichen Hauses setzen möchte, wo man durch Besonderheiten und Paradoxien außer der Bewundrung etwas mehr Reelles gewinnen könnte. Der andre war a man of words and not of deeds – ein Mann, der alles versprach und eben darum nichts halten konnte; er erbot sich, ihnen in zwei, drei, vier Häusern Kredit zu verschaffen, nennte sie mit Namen, ohne sie weiter als dem Namen nach zu kennen; und der sonst schlaue vorsichtige Elmickor ließ sich von ihm überreden; der listigste Betrieger wurde von einem plumpen Aufschneider betrogen. »Aber was ist dein Geschäfte hier?« – fragte Elmickor. »Mein Geschäfte? – das Vergnügen. Ich habe mein Glück gemacht, eine alte Witwe geheiratet, die im Winkel sitzt und schläft, während daß ich mit ihrem Gelde nach dem Vergnügen herumlaufe. – Ja, eben fällt mir bei! – Ich will euch an einen Ort führen, wo das Vergnügen residiert, wo – ich will nichts mehr sagen. Kommt nur und seht!« Keine Silbe in seiner ganzen Erzählung, die nicht erdichtet war! – Sie glaubten ihm wegen der Ernsthaftigkeit, mit welcher er log, gingen mit ihm und kamen – in ein Bordell! In ein Bordell! – Himmel! mein Philosoph in ein Bordell! – Was schadet das? Die meisten alten Philosophen hatten ihre Kurtisanen; wenn es Leuten mit so großen Bärten keine Schande war, ihre Anbeter zu sein, so kann ja wohl Tobias Knaut in ein Bordell gehn ; vielleicht geht er nur hinein, um wieder herauszugehn wie Cato aus dem Theater. Dem sei nun, wie es wolle! – Alle Vermutungen beiseite! Er ist drinne; ich kann ihm nicht helfen; er sehe, wie er, ohne seiner Philosophie einen Schandfleck anzuhängen, wohlbehalten wieder herauskömmt. Der Mann, der sie einführte, mußte alle Gelegenheiten des Hauses kennen, denn er brachte sie sogleich, ohne anzufragen, in den Präsentationssaal, wie er ihn nannte. Ohne ihr Verlangen trug man ihnen eine Menge Süßigkeiten, verschiedene Arten von Getränke im Überfluß auf und erkundigte sich, was noch weiter zum Befehl stünde. Man war schon über den vorhandnen Vorrat in Verlegenheit und schlug also die Anerbietungen des Überbringers aus. – »Ist man hier nicht wohl versorgt?« fragte der Freund des Elmickors. – »Aber wer wird die Versorgung am Ende bezahlen?« fragte dieser seinerseits. – »O dafür sorge nicht! Alles hat man hier umsonst; alles! – Wir bezahlen im Ganzen« – und hierbei zischelte er Elmickorn ein Etwas ins Ohr, das ihm auf einmal erklärte, wo sie waren. Elmickor zog meinen Helden sogleich auf die Seite. – »Höre!« sagte er ihm heimlich, »hier ist Gelegenheit, unsern Ruhm zu befestigen! Wir sind in einem Bordelle; hier müssen wir alle Kräfte des Stoizismus zusammennehmen; und wenn Venus selbst alle ihre Reize hier vor meinen Augen enthüllte – ich bin unüberwindlich. Von dir darf ich wohl ein Gleiches erwarten?« Mein Knaut verstand ihn nicht so völlig, als jener glaubte. Die Zigeunerin, Madam Sophronia spazierten abermals durch seinen Kopf und erweckten in ihm ein seltsames Gefühl, mit einer Menge dunkler verworrner Ideen vergesellschaftet, die wie Vagabonde von einem Ende des Kopfs bis zum andern herumschweiften; er empfand das ungeduldigste Verlangen nach der Entwickelung dessen, was ihm Elmickor angekündigt hatte. Es war ihm, als wenn er sich darauf freute, und gleichwohl mischte sich auch eine gewisse ängstliche Erwartung darunter, die ihn nicht völlig glauben ließ, daß er sich freute. Weil ihn aber Elmickor ermuntert hatte, alle Kräfte seiner Unempfindlichkeit zu versammeln, so spannte er die Nerven seines Stoizismus an und erwartete halb unruhig – – als ein Frauenzimmer hereintrat, das die ganze Gesellschaft sehr freundlich bewillkommte und eine lebhafte Unterhaltung anfing. Elmickor wurde durch den Witz der Nymphe und den Reiz, der ihre Fragmente von ehmaliger Schönheit belebte und den Verlust derselben ersetzte, durch ihre muntre launichte Sprache so bezaubert, daß er wie blödsinnig dastund, sie ansah, mit den Augen blinzte, Verstand und Besonnenheit verlor und auf ihre feinen Anreden höchst alberne Antworten gab. Die Listige merkte ihren Vorteil und setzte ihm desto ernstlicher zu; ihre Munterkeit verdoppelte sich, ihr Witz strömte; sie wollte ihn schlechterdings betäuben, überspannte deswegen ihre Kräfte und verfehlte eben dadurch ihre Wirkung. Das Überspannte, das anfangs täuscht, gibt allzeit, wenn es zu dem Grade getrieben ist, daß die Überspannung sichtbar wird, ein widriges Gefühl, das uns aus der Täuschung herausreißt; Elmickor sah wegen ihrer Übertreibung nur eine Theatergrazie in ihr – und seine Betäubung verschwand – und er bekam wieder Stärke genug, ihren Künsten mutig zu trotzen. Diese plötzliche Veränderung hätte sie bald aus ihrer Fassung gebracht. Noch mehr schien sie daraus zu kommen, als sie unserm Philosophen ins Gesicht sah, der bisher unter verschiedenen Empfindungen in einem Fenster ihr im Rücken gestanden hatte. Sie stutzte; sie sah weg – sie kehrte sich wieder zu ihm – sie schien ihm etwas entdecken zu wollen, das sie nicht gern zu entdecken und nicht gern bei sich zu behalten wünschte – er wurde endlich auch aufmerksamer – besah sie, besah sie und schien in der nämlichen Verlegenheit zu sein. Endlich richtete sie ihre Rede geradesweges an ihn, tat eine Frage, er eine zweite, und nach zwo Fragen und zwo gehörigen Antworten war es sonnenklar, daß sie – Emilie, und er – Tobias Knaut, zween herzensgute Bekannte waren. Triumph! Nun ist Selmann gerochen! – Die stolze eingebildete Emilie, die durch die feinsten Künste Philosophen und alle Adamssöhne aus bloßer Ruhmbegierde, um dem männlichen Geschlechte ihre Überlegenheit fühlen zu lassen, aller Keuschheit, Weisheit, Wissenschaft und Tugend zu Trotze bändigen, überwinden und wie eine Circe in alles verwandeln wollte, wozu ihre Phantasie Lust bekam – die stolze eingebildete Göttin, die auf ihre Siege sich verließ, des ganzen wohlehrsamen männlichen Geschlechts auf die unerlaubteste Weise spottete, es als einen Haufen Schwachköpfe verachtete, keine Seele davon ausnahm, uns armen Leuten alle Tugend, Rechtschaffenheit, Stärke der Seele und alles, dessen wir uns weiter rühmen, geradeweg absprach – diese sich mächtig scheinende Zauberin ist unter sich selbst erniedrigt, sie hält ein Bordell, ist genötigt, um sich nicht dem Hunger preiszugeben, die schlechtesten Buhlerkünste anzuwenden, um elende schwache unerfahrne Mannspersonen in ihr Netz zu ziehen, oft den Widerstand der Männlichkeit mit Schimpf zu erfahren, wenn sie sich ein wenig außer ihrer Sphäre wagt, itzt zu betteln, zu flehen, da sie sonst befahl, itzt sich ausgespottet, ihren Namen in dem Munde des liederlichsten, niederträchtigsten Teiles der Menschheit zu sehen – kurz, die Aufseherin eines übelberüchtigten Bordells zu sein. – Ist das nicht Strafe genug für eine Emilie, wenn sie die Rache des Schicksals in einen solchen Zustand herabstößt? – Auch fühlte sie wirklich selbst, daß sie unter der Strafe lag; ihr Herz rebellierte jedesmal, wenn sie eine starke Erniedrigung ausstehn mußte. Für einen Geist von einem so hohen Fluge wie Emiliens ihrer, der sich selbst eine falsche Richtung gegeben oder vom Zufalle von dem Wege nach der wahren Ehre weggerissen worden ist – für einen solchen Geist kann keine Büßung empfindlicher sein, als so niedergedrückt zu werden, daß er die falsche Ehre, die er ehmals durch die feinsten Mittel erwarb und deren eigentliche Gestalt ihm deswegen die Phantasie überfirnißte, mit dem schlechtesten niederträchtigsten Haufen auf einem Pfade suchen, sie mit Schande suchen und immer dabei fühlen muß, daß er die Schande verdient. Ein Dieb, den nichts als Verlust des Lebens oder die Schwere der Arbeit schreckt, mag gefangen, geköpft, auf den Bau getan werden, wie man es für gut befindet; aber die feinern Strafen gehören für eine Emilie; und den will ich sehen, der meine poetische Gerechtigkeit nunmehr tadeln will! Sie empfand ihre Herabsetzung in dem Augenblicke um soviel stärker, da sie Knauts Gegenwart wie einen geschlagnen General der Anblick derer, die Zeugen seiner ehmaligen Tapferkeit waren, an ihre vorige Größe, an den vergangnen Wohlstand erinnerte und ihre itzige Niedrigkeit in ein desto abstechenderes Licht setzte. Sie hatte nach Selmanns Tode noch sonderbare Schicksale erdulden müssen, besonders eine scharfe Untersuchung über die gestiftete andächtige Gesellschaft, welcher unter Androhung strenger Strafen alle Zusammenkünfte untersagt wurden und die sich zu Vermeidung derselben in eine Menge kleiner Gesellschaften zerteilte, die heimlich sich versammelten und sich die Ehre antaten, sich als eine Ecclesia pressa, ein unter dem Drucke seufzendes rechtgläubiges Häuflein Auserwählte, anzusehn. Um dem Gefängnisse zu entgehen, das höchst ungalanterweise die ernsten Gerechtigkeitspfleger des Orts für sie bereiteten, entfloh sie von  und gewann durch ihre Bedrängnisse wenigstens so viel, daß sie wieder zu ihrem gesunden Menschenverstande gelangte, allen enthusiastischen Grillen entsagte und in der ersten Hitze den Entschluß faßte, in der Einsamkeit den Rest ihrer Tage zu verseufzen. Da sie aber in sich ging und überlegte, daß von dem fünf- oder sechsundzwanzigsten Jahre an ein gar zu langer Rest noch übrig sein könne, um mit seinen Seufzern so lange anzuhalten, so änderte sie plötzlich ihre Gesinnung und ging auf gutes Glück aus, verwickelte sich in etliche Liebeshändel, die unglücklich für sie abliefen, bis sie endlich einer ihrer ruchlosen Liebhaber unter dem Vorwande, sie wider die Nachstellungen eines Nebenbuhlers in Sicherheit zu bringen, in das Bordell führte, das sie gegenwärtig selbst besaß – vermutlich weil er ihrer überdrüssig war und sie seinem Nebenbuhler mißgönnte. Hier tat sie einige Zeit unter dem Kommando eines alten niederträchtigen Weibes den abscheulichsten Dienst und trat, als diese starb und für sie nichts Besseres übrig war, an ihre Stelle. Die Gerechtigkeit muß man ihr aber doch widerfahren lassen, daß sie vor der Lebensart einer Buhlerin, was sie doch im Grunde zu Selmanns Zeiten gleichfalls war, erschrak und sich nur mit scharfen Mitteln und unter Tränen dazu zwingen ließ, als sie ihren Stand in der eigentlichen auffallenden Häßlichkeit, ohne Übertünchung erblickte. – Liebes Schicksal! was für einen Dienst könntest du Leandern und allen seinesgleichen tun, die ihre Betriegerei sich selbst mit schönen Namen und anderm Schmucke der Phantasie überkleistern, wenn du sie einmal dazu zwängst, ihre Betriegerei ganz nackt zu sehen! – Vielleicht ging es ihnen wie Emilien, die unter nagenden Empfindungen sich bloß durch die traurige Notwendigkeit in ihrem schändlichen Gewerbe zurückhalten ließ, weil sie es, ohne sich der Dürftigkeit bloßzustellen, nicht niederlegen konnte. Sie wurde durch den Anblick meines Helden und die dabei aufwachenden Gedanken und Empfindungen so benebelt und übermannt, daß sie verwirrt sich wegbegeben und einer ihrer Untergebnen den Auftrag tun mußte, die Gesellschaft zu unterhalten. 28. Eine lange hagre, nicht sonderlich reizende Figur trat zur Tür herein, mit einer so seltsamen Vermischung von sentimentalischem schmachtendem Wesen und angenommner Wollüstigkeit, daß Elmickor, seinem vorgesetzten Ernste zu Trotze, sich nicht eines Lächelns erwehren konnte. Sie hielt eine lange empfindsame Rede, mit Floskeln aus der ganzen Romanenberedsamkeit sauber durchwebt, mit den niedlichsten Delikatessen aller Liebesgedichte französischer und deutscher Amourettensänger verziert, mit feinem epigrammatischem Witze verbrämt – kurz, ein Ragout von allen verliebten Feinheiten. Sie glaubte den Bissen noch appetitvoller zu machen, wenn sie zu der Niedlichkeit des Vortrags eine ebenmäßige Gestikulation hinzusetzte; sie tat es; Arme, Augen, Kopf waren in einer unaufhörlichen konvulsivischen Bewegung, die großen tragischen Zauberkünste des Theaters wurden sogar gebraucht, vorzüglich das weiße Schnupftuch, dieser arme Souffre-douleur mancher deutschen Schaubühne, das oft mehr von dem Schmerze leidet, den die Schauspielerin ausdrücken will, als sie selbst – dieses große tragische Werkzeug der Rührung war unaufhörlich in ihren Händen, wurde gequetscht, wurde gedrückt, vor die Augen gehalten, aus einer Hand in die andre geworfen, mußte manche zitternde Träne in sich trinken – und das Thema ihrer Rede, der Endzweck so vieler empfindungsvollen Anstalten war, die sämtlichen Herren Anwesende zu bereden – wie Voltaire es ausgedrückt haben würde – de coucher avec elle. – Viel Lärm um nichts! – denn die sämtlichen Herren Anwesende waren unbeweglich wie Klötze und Steine. Indessen habe ich doch einen kleinen Verdacht auf meinen Philosophen. Ihre ganze Rede hindurch besah er sie mit der steifsten Aufmerksamkeit, seine Augen bekamen einen gläsernen Anstrich, er rieb sie etlichemal, er blinzle, er wurde rot, wenn sie sich in ihrer Deklamation etwas mehr nach ihm hinwandte. – Böse, böse Anzeichen! Wenn das fatale Bordell über seinen Stoizismus triumphiert, so wollte ich, daß es im vorigen Kriege von Grund aus geschleift worden wäre. Was mag nur in ihm vorgehen? – Gleich soll sich das offenbaren. Er hatte bei ihrem Eintritte eine starke Vermutung, eine von seinen ehmaligen Wohltäterinnen, Fr. Adelheiden, hier zu erblicken; er gab indessen seiner Vermutung nicht sogleich völlig Raum, weil es ihm höchst unwahrscheinlich schien, die empfindsame, von Sittsamkeit zusammengesetzte Fr. Adelheid an diesem Orte, in einen solchen Posten, als die Einladerin zur Wollust zu finden. Er stund als ein weiser Mann lange bei sich an, ehe er ein positives Urteil dafür oder dawider fällte; doch endlich leuchtete ihm die Wahrheit seiner Mutmaßung so hell in die Augen, daß er ohne Bedenken sich versichert hielt, daß sie es sei. Die Überraschung war außerordentlich unerwartet; dazu kamen eine Menge von Auftritten, die er nebst Fr. Adelheiden agiert hatte – der Auftritt auf dem Teichdamme, der andre, als er sie aus dem Schlamme herauszog, und noch etliche andre, die während seines Aufenthaltes in Selmanns Hause vorgegangen waren und sich itzt in seiner Phantasie mit den lebhaftesten Farben wieder abmalten; Empfindungen der Dankbarkeit, gewisse andre unnennbare Regungen, die bei der Wiederauflebung einiger Stücke von jenen Auftritten in ihm erwachten, folgten auf dem Schritte nach; auch die Szene mit der Zigeunerin, mit Sophronien, die er in natura mit der äußersten Gleichgültigkeit abwartete und itzt in seinem Gehirne in der Kopie mit ebenso vielem unerklärlichem Gefühle betrachtete – vermutlich wegen der Gesellschaft von Ideen, in welcher sie ihm erschienen; – bald wechselte Adelheidens Anrede, der Ort, wo er sie hörte, Elmickors Warnung mit jenen Vorstellungen ab; – aus diesem Chaos von Gedanken und Empfindungen war der gegenwärtige Zustand seines Leibes und seiner Seele entsprungen; er wurde auf alle Seiten mit seinen Gedanken gerissen und fühlte ein Etwas – ein namenloses Etwas, das mit Elmickors Warnung wie Feuer und Wasser stritt – er war wirklich gerührt. Elmickor erschrak, als er es merkte, und ermahnte ihn zu verschiedenen Malen durch einen Wink, eine Gebärde zur Standhaftigkeit; er hielt ihren beiderseitigen Ruhm beinahe für verloren, als er seinen gerührten Gesellschafter gar halb zitternd zu der Rednerin hinzutreten und mit beiden weitoffnen Augen ihr Gesicht aufmerksam anstarren sah. Um alles Übel zu verhüten, trat er mitten zwischen den Brennpunkt seiner Augen und die deklamierende Nymphe; aber es half nichts; der Philosoph ging um ihn herum und trat seiner vermeinten Wohltäterin so nahe, daß sie kein menschlicher Körper durch seine Dazwischenkunft voneinander scheiden konnte. Elmickor konnte nichts weiter tun, als ihm einen derben Verweis ins Ohr zischeln, den er aber nicht hörte. Über seine plötzliche Annäherung fand sich die Schöne unendlich geschmeichelt, sie glaubte durch ihre Beredsamkeit sein Felsenherz erweicht zu haben, als er sich nach ihrem Namen erkundigte, nach ihrer Herkunft und andern Dingen, die man fragt, wenn man jemanden erkennen will; nichts wurde beantwortet, wie er wünschte und erwartete, doch merkte er, daß die Verhörte stutzig und verworren ihre Antworten gab; er tat also die peremtorische Frage, ob sie ehmals Fräulein Adelheid gewesen sei, und setzte verschiedene Bestimmungen der Zeit des Orts dazu, die seine Fräulein Adelheid von allen andern Fräulein Adelheid richtig und genau unterschieden; sie schwieg. Sie verbarg mit tragischem Anstande ihr Gesicht hinter dem weißen Schnupftuche; mein Philosoph, der diese artige Etikette nicht kannte und auf seine lakonischen Fragen eine ebenso lakonische Antwort vermutete, drang in sie und verlangte schlechterdings kurzen Bescheid. Sie brach in einen mächtigen großen Romanseufzer vom ersten Range aus; man dachte Antwort zu bekommen, aber es blieb bei dem Seufzer. Nach einer kleinen Pause machte sie mit dem rechten Fuße ein Coupe vorwärts, lehnte Kopf und Oberleib zurück, erhub die Arme hoch über ihren Kopf, schlug weitausgeholt die Hände zusammen, daß das weiße Schnupftuch, welches die rechte hielt, ächzend zwischen beiden zusammengequetscht wurde, und mit dieser Gebärde sprach sie die emphatischen Worte aus: »Ja, ich Unwürdige! ich war es!« – ließ Kopf und Hände verzweiflungsvoll sinken; plötzlich fiel sie auf die Knie, hub die Augen gen Himmel, holte einen Seufzer von der Mittelgattung und rief mit gefalteten Händen: »O ihr Geister meiner Eltern! Vergebt es einer niederträchtigen Tochter, daß sie eure Ehre befleckt, daß sie das heilige Blut, welches sie aus euren Adern empfing, mit Schande entweiht hat! Vergebt es ihr! oder deckt, Elemente, Sterne und Himmel, mich Verhaßte und begrabt mich hunderttausendmaltausend Millionen Meilen tief in dem Schlunde des Abgrunds!« Mein Philosoph, verwundert über den seltsamen Einfall, sich so tief in der Erde begraben zu wünschen, stund eine Zeitlang stillschweigend da; und da kein einziges Element Anstalt machte, ihre Verlangen zu erfüllen, so ergriff er sie bei der Hand und sagte trocken zu ihr: »Wir heiraten einander!« Hätte er nur das rotmachende Wort »heiraten« nicht gebraucht! Bei ihr machte es verschiedene Gedanken rege, über die sie unumgänglich erröten mußte: wäre es für sie bloß eine gangbare Münze, bloß ein Wort mit einer Idee gewesen, die der Verstand bei Anhörung desselben geradeweg gedacht hätte, ohne daß die Phantasie allemal gewisse rotmachende Bilder hinzusetzte, so hätte sie ihrem Blute den Galopp bis zu den Wangen ersparen können, so gut als ein Philosoph, der die Worte mit seinem Verstande wie ein Kaufmann mit dem andern umtauscht, die Ware, die er von ihm dafür empfängt, so gleichgültig, so unerrötend annimmt als ein Handelsmann, der mit Klistierspritzen oder den obstetrizischen Werkzeugen des Dr. Slop handelt. Da aber nun einmal ihre Phantasie daran gewöhnt war, sie kein Wort sagen noch hören zu lassen, ohne ihm eine beschämende Kraft mitzuteilen, so verbarg sie sich bei dem Antrage meines Helden sittsam hinter das weiße Schnupftuch. Sie hatte es sonst getan und tat es noch, ob dies gleich das geringste unter allen Worten war, wo sie hätte erröten sollen; aber so mechanische Gewohnheitstiere sind unser Blut und Gehirn; – sie konnte unerrötend Sachen tun, die sie aus bloßer Gewohnheit nicht anders als errötend nennen hören oder selbst nennen konnte. Sie trieb ihre Sittsamkeit so weit, daß sie sich sogar ein wenig nach der linken Seite zu von dem Munde wegwendete, der jenes Wort ausgesprochen hatte. Mein Held, ein ungemeiner Liebhaber der Kürze, verlangte ein rundes Ja oder Nein; und sie war mit dem Worte noch nicht fertig. Er setzte in sie, sie trat zurück; er trieb sie so lange, und sie trat so lange zurück, bis sie mit dem Rücken an die Tür kam, durch welche sie aufgetreten war. In der Meditation auf ihre empfindungsvolle Rede vergaß sie bei dem Hereintreten den einen Flügel der Türe gehörig zu verschließen; und itzt, da sie auf ihrer Flucht mit dem Rücken sich daran lehnte, fuhr der unselige Flügel auf, sie geriet aus dem Gleichgewichte, kam rücklings in eine fallende Bewegung; mein Philosoph, den ihre Erhaltung gegenwärtig mehr als jemals interessieren mußte, griff hastig zu, erwischte ihre Schürze, und da sie diese nicht aufrecht erhalten wollte, den linken Fuß, als sie eben stürzte. Die Hülfe war zu spät und auch sehr am unrechten Orte angefangen; indessen tat sie doch auch hier dem Anstande ein Genüge; sie befahl ihren Gefährtinnen, die in dem Zimmer, in welches sie stürzte, wie müßige Kinder untereinander tändelten, augenblicklich die Tür zuzumachen, und jedem männlichen Auge, sich zu entfernen; doch keins von beiden geschah. Elmickor und sein Freund eilten sogar auf ihren Fall herzu und machten Miene, ihr aufzuhelfen; allein kaum hatte ihr neuer Liebhaber ihren Befehl vernommen, so faßte er seine beiden Gefährten, wie ein verliebter Abenteurer ein Paar Drachen, und stieß sie aus ihrem Horizonte weg. Diese rasche Tat, welche bei ihm nichts weniger als ein studiertes Kompliment, sondern eine natürliche Folge seiner Zuneigung zu ihr war, zündete den Zunder ihrer gegenseitigen Hochachtung gegen ihn an; und je mehr sie daran dachte, je mehr gewann sie den Urheber derselben lieb. Sie stand endlich durch ihre eignen Kräfte wieder auf und ging unter dem Gelächter und Gespötte ihrer Mitschwestern in ihr Boudoir und verschloß sich, um ihren Gedanken ungehindert nachzuhängen. 29. »Aber warum nun das alles so und nicht anders?« – fragte jener Philosoph, da er über seine Schicksale nachdachte; und vermutlich werden meine Leser eine ähnliche Frage tun. Schriebe ich eine erdichtete Geschichte, so antworte ich geradezu – weil ich meinen Helden nach dem Handwerksgebrauche mit einer Frau versorgen und, weil sie nirgends sonst zu bekommen ist, aus einem Bordelle holen muß; allein von einem Erzähler wahrhafter Begebenheiten wie ich fodert man, daß er die Reihenfolge derselben aus bessern Gründen entwickelt – und das von Rechts wegen. In welchem Zustande sich unser Philosoph befand, als die Liebe sich seines ehmals gegen alles, was weiblich heißt, unempfindlichen Herzens so plötzlich bemächtigte, ist vorhin gemeldet worden; – ein Zustand war es, der recht gemacht schien, den Keim der Zuneigung zu erwärmen, zu befruchten und die Liebe daraus hervorwachsen zu lassen. In keinem Erdreiche wächst die Liebe schneller und besser als auf der Dankbarkeit. Während seiner Trennung von der ehmaligen Fräulein Adelheid – denn itzt kann man diesen Namen nicht mehr an sie verschwenden – war seine Abneigung gegen das schöne Geschlecht bloß durch den Umgang mit verschiedenen Personen desselben, die ihn sich verbindlich gemacht hatten, nicht nur vermindert, sondern sogar bis zu dem Grade weggeräumt worden, daß er die Frauenzimmer mehr als erträglich fand. Die Hindernisse der Liebe waren also aus dem Wege geschafft, und seine respektive Gönnerinnen, Gebieterinnen und Liebhaberinnen hatten die Portion von dem Gefühle der Liebe, die die allgütige Natur seinem Herze anvertraute und seine ersten Schicksale in einen Winkel niederdrückten und beinahe ganz umbrachten, in Bewegung gesetzt und ihn gleichsam fähig gemacht, ein Frauenzimmer zu lieben. Nach solchen Vorbereitungen ist es nicht unwahrscheinlich, noch zu überraschend, daß aus dem Samen der Dankbarkeit Liebe bei ihm aufwuchs; daß aber diese Liebe sogleich in eine Liebeserklärung ausbrach und diese erste Liebeserklärung eine förmliche Brautwerbung war, das ist wenigstens wunderbar, wenn gleich nicht unglaublich. Da alle Szenen seines Lebens, wobei Adelheid eine Mitspielerin gewesen war, wie die Verwandlungen eines Operntheaters in seinem Kopfe erschienen und verschwanden, so mischte sich eine darunter, bloß weil sie mit jenen durch die Reihe des Erfolgs zusammenhing – sein Aufenthalt bei dem zufriednen Landphilosophen , die Lebensgeschichte desselben und vor allem schön und licht ausgemalt, weil sie mit seinen gegenwärtigen Gedanken und Empfindungen in Verwandtschaft stund, in welchem Fall das Gedächtnis zu seinen Bildern allzeit die hellsten hervorstechendsten Farben nimmt – vor allen andern die Verheiratung jenes Mannes mit seiner Klare. Die Vorstellung von ihrer Liebe, ihren Schicksalen und ihrer häuslichen Glückseligkeit war so rührend angenehm, daß er sie beneidete oder, welches eins ist, nach ihr verlangte. Die Liebe zu seiner wiedergefundnen Wohltäterin lag schon völlig fertig im Herzen; was war natürlicher, als daß sie, mit jenem Verlangen verbunden, bei einem Manne, der nicht gewohnt war, über den gegenwärtigen Augenblick hinauszudenken, sogleich in eine Liebeserklärung ausbrach und daß diese Liebeserklärung, weil er keine andre Art von Liebe als die Ehe kannte, sogleich eine Anwerbung um ihre Hand war? – Er hielt ohne Bedenken, ohne zu überlegen, daß sie beide Fleisch und Blut hätten, Nahrung und Kleider bedürften – mit einem Worte, ohne gehörige vorläufige Rechnung, um sie an; und sie – schämte sich, grimassierte und zierte sich anfangs so artig und fein wie eine richardsonische Heldin – und vermutlich auch nur der Lady Grandison, der Miß Clarissa Harlowe zu Ehren – ein Umstand, der allein schon vermögend war, ihr meinen Philosophen lieb und teuer zu machen, daß er ihr eine so vortreffliche Gelegenheit, einer Byron nachzugrimassieren, verschafft hatte! Sie zierte sich, bis sie stürzte, bis mein Held, wie ein höflicher Romanritter, ihre Sittsamkeit wider seine beiden Gefährten verteidigte; und das war die glückliche Epoque, wo die vorhin angefangne Hochachtung für ihn in Liebe überging. Je mehr sie nach ihrer Flucht in ihr Kabinett den ganzen Vorfall und besonders die letzte merkwürdige Handlung ihres Liebhabers betrachtete, desto heller wurde der Glanz, den ihre Phantasie wie die Glorie eines Heiligen um sie herumzog. Nichts konnte der ritterlichen Tat des Grandison, da er seine Byron aus den boshaften Klauen eines Sir Hargrave Pollexson errettete, in ihrer Einbildung ähnlicher sein; und was der Ähnlichkeit in unsrer kalten Vorstellung abgeht, das setzte ihre warme Phantasie aus eigner Erfindung hinzu. Sie zog die Parallele den ganzen Abend hindurch genau und umständlich, und Grandison paßte auf Tobias Knauten so allerliebst als zween Triangel, die einander decken; – kein Zug des Charakters, der nicht herrlich übereinstimmte! Ihr Knaut und Grandison waren eins; einen Grandison und nur einen Grandison hatte sie sich beständig gewünscht – um die Freude zu haben und sich als eine Miß Byron ansehn zu können – er war da, er liebte sie; – genug, es war nichts anders zu tun, sie mußte ihren Grandison lieben; sie tat es. – Doch zur Ehe? – dazu konnte sie teils nicht eher schreiten, als bis sie alle Zierereien ihres Modells durchagiert hatte, teils – fiel ihr der Gedanke ein, ob sie ihr Grandison so gut wie sein Vorbild ernähren könne? – Von diesem Umstände mußte vorher Nachricht eingezogen werden; war diese erwünscht, so ging es nach dem gewöhnlichen Laufe, wie Goldsmith uns erzählt: Miß zierte sich, ward rot, und sagte – ja! 30. Inzwischen war Elmickor mit Mühe von seinem Erstaunen zurückgekommen und konnte, nachdem die Geliebte meines Helden entflohn war, vor Verwundrung kaum fragen, was ihn bewogen habe, seinen Ermahnungen und dem getanen Versprechen so untreu zu werden. Knaut blieb ihm die Antwort lange schuldig – weil er keine zu geben wußte. Hätte er die Romansprache gekannt, wie schön würde er seine Empfindungen ausgeschmückt haben! Aber so sagte er schlechtweg: »Sie gefällt mir; ich will sie zur Frau nehmen.« »Zur Frau? – Und wovon soll deine Frau leben? – Wo du es tust, so sind wir geschiedene Leute. Hast du unsern Plan ganz vergessen? Wo werden wir Bewundrer und Beschützer finden, wenn wir wie alle andre Menschen essen, trinken, schlafen und uns verheiraten? Wir müssen mitten unter den schönsten reizendsten Schönheiten leben, in Bordellen sein, uns tägliche Fallstricke legen, stündlich Netze aufspannen lassen, die gefährlichsten Reize der Wollust und aller möglichen Laster aufsuchen, um ihnen Trotz zu bieten, wie Herkules mit Ungeheuern kämpfen, aber nie ohne einen Zeugen, der unsre Stärke der Seele, Enthaltsamkeit, Bezähmung unsrer selbst allenthalben bekannt machet. Durch eine so starke, so männliche Tugend wird man groß, geehrt; denn andre müssen notwendigerweise das an uns bewundern, was ihnen selbst unendlich schwer und vielleicht unmöglich wäre, weil sie nicht die Belohnung so stark anspornt, die wir vor dem Gesichte haben – Ehre und Bewundrung. – Kurz, du mußt deine wunderliche Liebe oder meine Gesellschaft aufgeben; eins von beiden! wähle! und auf der Stelle!« Der bedrängte Liebhaber war äußerst verlegen. Seine Neigung so geradezu aufzugeben, das war eine unverschämte Foderung; er konnte sie unmöglich erfüllen. »So geh ich«, sagte Elmickor hastig, »und überlasse dich deinem Schicksale. So magst du als ein alltägliches Insekt, unbekannt, ungeehrt, mit deiner Geliebten hungrig und dürftig herumkriechen, vielleicht noch als Bettler vor meiner Türe dich winden, wenn ich voller Beifall und Bewundrung an der Seite der Großen sitze. Bleib und laß dich von den Klauen der Wollust erhaschen! Bringe dein Leben in der erniedrigendsten Sklaverei der sinnlichen Lüste hier unter diesem schändlichen Dache, in diesem Hause der Unreinigkeit zu! Bleib und laß dich von dem Ungeheuer verschlingen, dem du in den Rache rennst. – Bleib! Ich gehe.« Betroffen stund der arme Liebhaber da und fürchtete jeden Augenblick, daß eins von den Ungeheuern, die Elmickor nannte, nach ihm zuschnappen und ihn mit Leib und Seele verzehren würde. Er war in Verwirrung; er fürchtete sich vor Elmickors Ausdrücken, vor dem fürchterlichen Klange seiner Worte und wünschte doch, sich nicht zu fürchten. Die Liebe spannte ihn auf die Folter; er fühlte deutlich zwo Seelen in sich wie Araspes, als er die schöne Panthea erblickt hatte, die eine zog ihn Elmickorn nach, die andre hielt ihn zurück. Während daß er von diesen beiden herumgezogen wurde, war Elmickor schon wirklich bis zur Tür hinaus; endlich behielt die eine die Oberhand; sie zog ihn Elmickorn nach, den er noch auf der Treppe antraf, wo er wartete, weil er gewiß glaubte, daß seine drohenden Worte und der Ton, mit welchem er sie aussprach, ihre Wirkung getan und seinen verliebten Freund furchtsam gemacht haben müßten – welches freilich allzeit erfolgt, wenn man die Phantasie recht vom Grunde aufwühlen und alles darinne in Gärung bringen kann. Um soviel freudiger empfing er ihn, da er sah, daß seine Vermutung nicht fehlging. »Augenblicklich müssen wir dieses Haus verlassen«, setzte er hinzu. »Du bist ein Schwacher, ein Elender, den Ehre und Bewundrung nicht genug wider die Schwachheiten der Natur befestigen können; aber jeden Tag müssen wir uns hieher zurückführen lassen. Du mußt gewöhnt werden, alle Verführungen der Wollust täglich zu sehen, ihnen nahezutreten und doch nicht verführt zu werden. Hältst du diese Probe aus, dann bist du mein Mann; wo du aber schwach genug bist, Ehre und Bewundrung dem Genusse einer niederträchtigen Liebe aufzuopfern, so fliehe mich auf immer! – Komm! wir wollen die Laufbahn zusammen antreten, entweder Ehre oder die tiefste Verachtung! Wähle!« So gingen sie miteinander fort; und Elmickor erfüllte sein Wort getreulich. Er hatte darinne, daß er sich seiner Keuschheit so freundschaftlich annahm, kein andres Interesse als das gewöhnliche aller Menschen, wenn sie raten oder ermahnen; wir wollen beständig das Muster für andre sein, und darum suchen wir alle andre nach Maßgebung unsres Temperaments, durch liebreichen Rat oder durch Drohungen, sanft oder hitzig, uns gleich zu machen. Auch ist das kein Übel; niemand kann über sich selbst hinausdenken. Daß aber Elmickor, den die meisten meiner Leser als einen feinen Betrieger nicht sonderlich schätzen werden, jene strenge Enthaltsamkeit besitzt, das wird man ihm kaum zugetraut haben; und doch wuchs seine Enthaltsamkeit völlig von derselben Ursache auf, die uns insgesamt zu enthaltsamen keuschen Menschen macht. Von Natur haben alle Geschöpfe unter dem Monde den Keim der brutalen Liebe, aber in höchst verschiedner Masse in sich und folgen ihm so gewiß als dem Triebe des Hungers und des Schlafes, wenn –wenn nicht das körperliche System bis zur Stupidität träge ist – wenn die Phantasie mit jenem Triebe noch in gar keine Vertraulichkeit gesetzt worden ist – und vor allen Dingen, wenn nicht eine andre Neigung, eine andre Idee die Kräfte unsrer Seele und unsers Körpers so auf ihre Seite zieht, daß jenem Triebe nicht genug Anhang übrigbleibt, um diese entgegengesetzte Partei zu überwiegen. Ein solches Gegengewicht muß in den ersten Jahren unsers Lebens von dem Schicksale in unsre Brust eingehängt werden; und keins hierunter wirkt kräftiger als die große hinreißende Idee des Ruhms, des Beifalls, der Bewundrung, der Ehre. Ihr Jünglinge, denen meine Geschichte in die Hände fällt! wenn ihr an diese Stelle kommt, so verzeiht es dem Autor, den ihr leset, daß er euch einen kleinen Rat mitteilt, dessen Richtigkeit ihm die Erfahrung vieler Menschenkinder bestätigt hat! – Erhebt eine von jenen Ideen zeitig zur Neigung und legt dadurch ein gewisses Gleichgewicht in dem Systeme eures Körpers und eurer Seele an, das für eure Ruhe so heilsam und nötig ist als das politische Gleichgewicht für die Wohlfahrt Europens! Durch eine solche stärkere Gegenmacht haltet ihr gewiß die Ausbrüche eines süßen Triebes zurück, dessen Einschränkung gegenwärtig alles notwendig macht und dessen unbegrenzte Befriedigung die Natur freilich fodert und auch vergönnt – wohl gemerkt! –, solange Menschen nur sich selbst und nicht der Gesellschaft leben. Wenn das Schicksal oder diejenigen, die eure ersten Jahre regieren, euch diesen Vorteil verschaffen wollten, so wäre das der größte Gefalle, den sie euch tun könnten. Nichts als dieses war Elmickors Glück. Ehre, Beifall, Bewundrung warf der Zufall sehr frühzeitig unter die Masse seiner Ideen, und folglich erhuben sie sich sehr bald zu der Stärke der Neigung. Ob ihm gleich in seinen folgenden Jahren der nämliche wohltätige Zufall den tückischen Streich spielte und ihn mit seiner Ehrbegierde auf einen falschen Weg führte, so mußte ihm das erste frühzeitige Geschenk desselben doch immer wert sein, weil es einen Trieb im Zaume hielt, der, nach dem Anteile von Lebhaftigkeit zu urteilen, den ihm die Natur gegeben hatte, gewiß mit ihm durchgegangen wäre wie ein wildes unbändiges Roß. Dafür stehe ich freilich nicht, ob alsdann, wenn diese Leidenschaft sich mit seiner Ehrbegierde vereinigt oder ihn der Zufall unter Menschen und in Umstände geworfen hätte, wo der Genuß der Liebe ein Mittel zu Beifalle, zu Ehre gewesen wäre – ob alsdann seine Beifallssucht nicht ebenso gewiß die Mörderin seiner Keuschheit geworden sein würde, als sie itzt ihre Beschützerin war; aber eine Arznei, wenn sie gleich durch zufällige Ursachen zuweilen schädlich wird, bleibt demungeachtet eine heilsame Arznei. Elmickor sah es zuletzt selbst ein, was ihn aus den Armen der Wollust zurückgezogen hatte, und dankte seinem wohlmeinenden Schicksale dafür. 31. Unterdessen daß sich mein Held und sein Freund gefaßt machten, die schwere Laufbahn der Selbstbezähmung anzutreten, erfuhr Emilie die Liebeserklärung, die einer ihrer Untergebnen geschehn war. Sie bezeugte viel Vergnügen darüber, weil sie schon längst gewünscht hatte, ihrer auf eine gute Art loszuwerden, da sie zu dem Gewerbe, zu welchem sie gegenwärtig angehalten wurde, nicht die mindeste Tüchtigkeit besaß und also ihrem ganzen Institute zur Last gereichte. Die Geliebte meines Philosophen war nach dem Tode ihres Onkels, des Hauptmann V., durch eine lange Reihe grausamer Schicksale Welche bei einer künftigen Ausgabe umständlich und nach der Länge erzählt werden sollen. in diese unglückliche Lebensart geworfen worden, für die sie die Natur und ihr Stand offenbar nicht bestimmt hatten; deswegen könnte unser Knaut eine verdienstliche Handlung tun, wenn er sie herausrisse, versetzte er sie gleich in die dürftigsten Umstände; sie wäre dennoch unendlich besser daran. Mir ist bange, daß Elmickor mit seinen Deklamationen die Liebe aus seinem Herzen verscheuchen und ihn dadurch um die Ehre einer guten Handlung bringen wird. Doch Emilie wird schon sorgen; sie wird von dem stärksten Interesse angetrieben, dies angefangne Liebesverständnis zur Reife zu befördern; und wo ein Interesse obwaltet, da bin ich nicht in Furcht, daß Menschen Kopf und Hände müßig ruhen lassen werden. Die Sache muß also zustande kommen. Auch machte Emilie wirklich alle mögliche Anstalten; besonders gab sie dem Freunde des Elmickors, der meinen Knaut nebst diesem bei ihr eingeführt hatte, den angelegentlichsten Auftrag, allen Fleiß auf die Bewerkstelligung ihrer Wünsche zu verwenden, und versprach ihm zur Belohnung seiner Mühe zeitlebens einen freien und unentgeltlichen Zutritt in ihr Serail. Eine solche Aussicht mußte einen so sinnlichen Wollüstling, wie er war, anspornen, keine Kräfte zu sparen, keine Beschwerlichkeit zu scheuen, um seine Glückseligkeit nach seinen Begriffen auf immer zu gründen. Augenblicklich lief er voller Begierde, Elmickorn und den verliebten Knaut aufzusuchen; er fand sie bald und war entzückt, als ihm beide zu erkennen gaben, daß sie auch ohne seinen Rat und Antrieb den Tag darauf den Ort wieder besucht haben würden, zu welchem er sie auf das dringendste einlud; und noch entzückter war er, als sie ihn sogar um seinen Vorspruch bei der Geliebten meines Helden ersuchten und ihn baten, sie durch alle Künste der Beredsamkeit und der List zur Gegenliebe und zur ehelichen Verbindung mit ihrem Anbeter zu bewegen, und – als sogar Elmickor ihm den Auftrag gab, für ihn eine Ehegenossin aus dem nämlichen Hause zu verschaffen. Ich erstaune! Was für Veränderungen in einer einzigen Nacht! – Was für heilsame Wirkungen, die ein einziges Gespräch alle hervorbringt! Mein Held und sein Freund gehen den Weg alles Fleisches und versorgen sich mit Weibern, die Mittelsperson wird nach ihren Begriffen auf immer glücklich, und ich – kann nach wohllöblichem Herkommen meine Geschichte voritzt mit einer Heirat schließen! Sollte ich meinen Helden noch einen Band hindurch auf Unkosten meines Witzes erhalten, so wäre ich freilich unendlich verschlimmert; statt eines einzigen nüchternen Philosophen hätte ich für Mann und Weib zu sorgen; – aber wenn mir seine Frau zur Last fällt, so bin ich nicht gut dafür, ob ich sie nicht in der Verzweiflung wieder in eine solche Gesellschaft de main morte zurückführen werde, aus welcher ich sie itzt reiße – aber das nur in der höchsten Not! – Itzt will ich erzählen, was alle diese großen Vorteile bewirkte. 32. Ein einziges Gespräch! sagte ich und sagte recht – ein Gespräch, abends beim Schlafengehen gehalten – war die Ursache jener schnellen Veränderung. Elmickor bestund bis zur Schlafzeit darauf, daß sein Gefährte die angefangne Liebe ganz aus dem Herze werfen sollte; er hatte auch seinen Zweck schon beinahe erreicht, als die Liebe in meinem Helden, nachdem sie schon die ganze Zeit über unter seinen Gedanken und Empfindungen komplottiert und nichts ausgerichtet hatte, ihr Äußerstes daran wagte, um nicht wie eine Grisette zur Tür hinausgestoßen zu werden; sie hing sich an die Ehrbegierde und ließ mit Bitten, Schwatzen, Betteln und Flehen nicht eher nach, als bis sie auf ihre Seite gebracht war; und dann sannen sie beide zusammen die Kriegslist aus, die Knaut seinem Gefährten vorschlug. »Könnten wir«, sprach er, als er eben den Fuß in das Bette setzte, »könnten wir nicht ebensowohl Ruhm und Ehre gewinnen, wenn wir uns gleich verheirateten? Die Leute würden uns bewundern, daß wir bei unsern Umständen eine solche Entschließung nehmen konnten; man würde uns für ganz außerordentliche Leute ansehen, da andre Weiber nehmen, um reicher zu werden, und wir, um ärmer zu werden.« Elmickor hörte es schlummernd; ohne Verwerfung oder Billigung wurde der Vorschlag in sein Gedächtnis niedergelegt, und da der Redner seine Antwort darauf erwartete, schlief er schon fest. In der Nacht führte die Phantasie in seinem Gehirne eine Farce auf, die lustig und possierlich aus den aufgesammelten Bildern des Tags zusammen gesetzt und mit neuen schnurrichten Erfindungen verziert, daß es ein Meisterstück einer Opera buffa für ein italienisches Theater sein könnte, wenn es zu Papiere gebracht würde. Die Hauptszene war natürlich die Liebe, weil die Materialien dazu tags vorher in einem Bordelle geholt worden waren. Er träumte so süß als kaum ein Mahometaner, wenn er an Huris gedacht hat. Seine Ehrbegierde, der Vorschlag, den er beim Einschlafen vernommen hatte, kreuzten gleichfalls mit auf dem Theater herum. Morgens, als Elmickor erwachte, fand er in der ganzen Atmosphäre seiner Seele ein so ungemein heitres erquickendes Wetter! nicht ein Wölkchen am ganzen Himmel! Sein Blut, seine Lebensgeister flossen mit dem sanften rieselnden Falle eines kristallnen Bachs; kein Äderchen, worinne nicht Munterkeit und Wohlsein lebte! Mit einer Heiterkeit, die seit Wochen nicht auf seinem Gesichte gewesen war, stund er auf, sprach mit seinem Gesellschafter, fühlte sich leicht und munter und wußte selbst nicht, warum. Endlich führte das Gespräch seine Gedanken auf den Vorschlag, den er den Abend vorher nur halb vernommen und unbeantwortet gelassen hatte; ihm war es in dem Augenblicke nicht anders, als wenn er ihn gebilligt habe – eine Täuschung, die des Nachts, während daß er schlief, in seinem eignen Gehirne unter seinen herumschwärmenden Gedanken, wider sein Wissen und Willen, verblendet war! – Unumstößlich gewiß war es ihm, daß er den Antrag gebilligt hatte, und nicht die mindeste Spur von Zweifel vorhanden. Demgemäß wiederholte er itzo seine Billigung und bot seinen Gefährten auf, weiter mit ihm der Angelegenheit nachzudenken. »Ja«, sagte er endlich, »wir wollen Weiber nehmen, beide sie aus einem Bordelle nehmen; das wird das erste Aufsehn machen. In dieser Stadt herrscht der Geist nicht völlig, der uns unsre Absichten erleichtern könnte; man muß harte angreifende Mittel gebrauchen, um die Leute zur Bewundrung zu zwingen. Wäre es nicht etwas, wenn wir uns ein paar Tonnen anschafften, um darinne zu wohnen, sie in den Gassen wie Diogenes auf und nieder zu wälzen; dadurch ersparen wir das Mietgeld – denn mein Geld ist beinahe alle –, ersparen uns die Verachtung der Armut, können für das wenige, das uns noch übrig ist, schlecht und also desto länger leben und müssen doch notwendig darüber bewundert werden, daß wir es tun, weil wir es aus Wahl zu tun scheinen. Reichtum und Ehre, Wohlleben und Bewunderung können wir nicht zusammen ernten, sehe ich wohl; wohlan! wir wollen das ergreifen, was zunächst unter unsern Händen, was in unsrer Gewalt ist, was wir nur nehmen dürfen: Bewundrung und Ehre; vielleicht finden wir durch diese beiden Wegweiser Gelegenheit zum Glücke, zum Wohlleben. – Komm! wir wollen die Tonnen bestellen! – und die Weiber lassen, wo sie sind!« Bis auf diese letzten Worte war mein Held seiner Meinung gewesen; er machte viele Einwendungen wider die Tonnen und schlug eine Höhle, eine Hütte oder so etwas vor, um darinne durch Hungerleiden zum Ruhme und, wo möglich, zum Wohlleben emporzusteigen, wozu ihm eine Höhle am bequemsten schien, besonders in Ansehung ihrer künftigen Gattinnen, die sich unmöglich entschließen würden, mit ihren Tonnen durch die Gassen zu wandeln. Elmickor, der unendliche Zweifel dawider erregt haben würde, wenn sein nächtlicher Traum nicht Körper und Seele auf den Ton der Liebe gestimmt und ihn zu allem, was damit übereinstimmte, geneigt gemacht hätte, willigte auf der Stelle in den Vorschlag der Höhle. Als er gerade ausgehn wollte, um ihre künftige Behausung zu wählen, trat sein Freund mit einer Einladung von seiten Emiliens zu ihm herein, empfing den Auftrag, der Brautwerber beider zu sein, und damit die Aussicht in ein für ihn glückliches Leben, mit welchem er allen orientalischen Kaisern und Fürsten samt ihren Harems Trotz zu bieten gedachte. 33. In diesem einzigen Falle hielt der Mann sein Versprechen, und zwar mit einer Eilfertigkeit, in welche ihn noch kein einziges versetzt hatte. Emilie flog mit Freude und Zufriedenheit in das Kabinett der ehmaligen Fr. Adelheid, die itzt Faustine hieß, tat ihr im Namen und mit Zutun des Bevollmächtigten die förmlichste Liebeserklärung und setzte gar noch großmütig hinzu, daß sie zu Erleichterung der nötigen Unkosten ihr eine Mitgift von ihrem eignen Vermögen mitteilen wolle. Faustine war im Herzen und Gesichte über den Antrag und die Annäherung der Ehe erfreut; desto ungebärdiger und abgeneigter stellte sie sich. Emilie verstund sich auf das weibliche Herz und konnte besonders sehr fertig weibliche Mienen und Gebärden lesen und auslegen; sie verstund daher jene heftige Weigerung als ein deutliches vernehmliches Ja, fuhr einige Zeit fort, in sie zu dringen, und brach endlich plötzlich ab, da Faustines Weigerung immer höher stieg. Sie fing bald von selbst an, diese Materie des Gesprächs wieder hervorzusuchen; Emilie hörte kaum darauf; jene erschrak über diese Kaltblütigkeit und ließ sich in der Besorgnis, daß ihre Anwartschaft zum ehelichen Leben wieder ganz verlorengehen möchte, das Geständnis entwischen, daß sie ihre verschämte Weigerung herzlich gern und gewiß endlich einstellen würde, wenn nur ihr Liebhaber Geduld genug hätte, den Roman einige Zeit mit ihr zu spielen, was sie für unentbehrlich notwendig zu einer guten Ehe erachtete. Kaum hatte dies ihre Aufseherin weggehascht, ohne es weggehascht zu haben zu scheinen, als sie den rechten Weg einschlug, den einzigen, um sie auf der Stelle zur letzten Einwilligung zu nötigen. »Ihr Liebhaber«, sagte sie mit vertrauendem Tone, »ist ein wahrer Lovelace, wenn ich Ihnen die Wahrheit gestehn soll; ein Mann, der durch seine feinen Listen schon manches Mädchen hintergangen und nur diese finstre philosophische Larve angenommen hat, um Sie, seine Geliebte, gleichfalls zu hintergehen, um eine Clarissa aus Ihnen zu machen.« Hier funkelte Faustinens ganzes Gesicht von Freude. »Er kann nicht anders, als mit List bei seiner Liebe zu Werke gehn, keine Frau nehmen, die er nicht durch List gleichsam erkämpft hat; er geht so weit in seiner sonderbaren Laune, daß er keine Frau besitzen will, die er nicht entführt hat.« »Ach, warum nicht!« rief Faustine mit dem freudigsten Entzücken. »Werden Sie seine Clarissa! Sie sind dieses Namens würdig. Besser ist es, Sie lassen sich mit Ihrer Einwilligung entführen, als daß Sie mit Gewalt von ihm entführt werden; denn entführt werden Sie gewiß, und, was ich Ihnen im Vertrauen entdecken will – noch diese Nacht!« »Noch diese Nacht soll ich entführt werden! entführt wie eine Clarissa!« »Ja, Sie sollen die Heldin eines Romans werden, der die Feder eines Richardson nicht entehren würde! eine Clarissa! und nichts ähnlicher läßt sich denken. Sie sind in dem Hause einer Mistreß Sorling –« (hier holte sie einen Seufzer). »Und also führt er auch wohl Opium bei sich? Wird auch Feuer geschrien werden? – O ich wollte mich mit der Feuerzange verteidigen! besser als Clarissa! – und der Schlaftrunk –«, verschämt deckte sie ihr Gesicht mit den Händen zu. Ein Glück war es, daß sie so viele wichtige Fragen zu tun hatte und Emilien hinderte, ihre Vergleichung fortzusetzen, die so gewaltig hinkte, daß sie ohne die größte Gewalttätigkeit nicht einen Schritt weiter zu bringen gewesen wäre. Froh, aus der Verlegenheit sich so gut gerissen zu sehen, versicherte sie ohne Anstand auf Faustinens Anfrage wegen des Schlaftrunks, daß weder er noch sonst etwas aus der Prozeßordnung der Romane vergessen werden sollte. »So komme er dann!« fuhr Faustine pathetisch auf; »so komme das Ungeheuer, um meine Tugend zu verschlingen! der Räuber der Ehre! Er soll es erfahren, daß Mädchen ihre Keuschheit so gut zu verteidigen wissen, als er sie überlisten kann! Er komme!« rief sie, sah sich nach einer Feuerzange um und wurde in Ermangelung derselben ein Federmesser auf dem Tische gewahr, das sie hastig ergriff und sich mit vorgekehrter Spitze in Schlachtordnung stellte. In der Begeistrung der Tapferkeit hätte sie gewiß ihre Tugend, die sie so oft preisgegeben hatte, wider den mutigsten Lovelace auf das äußerste und in völligem Ernste verteidigt; so wahr ist es, daß eine erhitzte brennbare Phantasie uns alle Tugenden mitteilen kann! – Aber wohl gemerkt! nur auf Augenblicke, nur solange ihr Feuer lodert. Jede Tugend, sie mag in dem Treibhause der Phantasie aufgeschossen oder auf den Stamm des Verstandes gepfropft sein, sie mag aus dem Blute oder sonst woher stammen, muß zwar einem Menschen, der das Wohl der Gesellschaft wünscht, willkommen sein; aber wenn ich unmaßgeblich raten dürfte, so priese ich vorzüglich eine Einpfropfung auf den Verstand an; das ist ein guter, fester Stamm, der zwar keine glänzenden, aber doch reife wohlschmeckende Früchte trägt und sie ordentlich trägt, wenn die von der Phantasie beschleunigten längst abgefallen und verwelkt sind. Clarissa kann viele tugendhafte Schönen gebildet haben, aber nicht mehrere tugendhafte Grimassiererinnen? – Guter gesunder Verstand ist ein solider Boden; die Phantasie bricht leicht unter den Füßen ein. Es ist wahr, alle Sterbliche wandeln und müssen in ihren Zaubergefilden wandeln, wenn sie bis zu einer gewissen vorzüglichen Tätigkeit gestärkt werden sollen, sie müssen von ihren Händen den Kelch der Begeistrung empfangen, der auf ihre Kräfte wie Maslak auf den Mut eines Türken wirkt; aber wehe dem, der allein durch Maslak tapfer oder allein durch die Phantasie tugendhaft wird! Beides ist ein vorbeifliegender Rausch, der die Nerven unsrer Tugend und Tapferkeit desto stärker ermüdet, je stärker er sie anspannt oder vielmehr überspannt . 34. Wohlan! Tobias Knaut! Deine Clarissa erwartet dich sehnsuchtsvoll, um auf dem Schlachtfelde der Tugend, wie sie es zu nennen beliebt, Lorbeern einzusammeln und alsdann von ihrem Lovelace entführt zu werden! Emilie, die von seiner Tätigkeit keine hohe Meinung hatte, machte selbst Anstalten zum verabredeten Raube; sie bestellte, um nichts an der Form fehlen zu lassen, für ihr eignes Geld einen Wagen und Pferde; Elmickor und mein Held mußten auf ihr Geheiß des Nachts durch die offengelaßne Tür einbrechen und zu Faustinens Kabinette eilen, um mit ihr zu entfliehen, wo sie reisefertig am Tische saß und erwartungsvoll in der »Clarissa« blätterte. Die Räuber erschienen; sie setzte sich zur Gegenwehr, ergriff statt der Waffen alles, was ihr der weibliche Aufputz ihres Zimmers darbot – Haarnadeln, Schere, Lichtputze, Pantoffeln und eine große Feuerzange, die sie ausdrücklich zu diesem Auftritte herbeigeschafft hatte. Die beiden Entführer waren auf ein solches Treffen schon von Emilien vorbereitet und erschraken also nicht im mindesten, als sie drohete, alles und endlich sich selbst umzubringen; um aber dem Schauspiele seine völlige Anmut zu geben, setzte ihr Elmickor ein ungeladnes sein sollendes Terzerol mit den Worten auf die Brust: »Mit uns oder in den Tod!« – Hurtig streckte sie ihr Gewehr und ließ sich unter vergnügtem Widerstreben auf ihren Schultern in die Kutsche transportieren. Elmickor holte alsdann aus einem andern angewiesnen Kabinette eine für ihn bestimmte Nymphe, die die Aufseherin des Bordells vor etlichen Wochen erst angenommen hatte und von der sie sich wegen ihrer unüberwindlichen Schamhaftigkeit keine große Wundertaten in ihrem Berufe versprach, sie freute sich, von ihr bei der Gelegenheit zugleich entledigt zu werden; und mit dieser ging ein wahrhafter Raub vor, denn sie wußte kein Wort davon, als sie Elmickor auffaßte und halbschlafend in den Wagen trug. Unterwegs ließ Faustine manchen wackern Romanseufzer in die freie Luft, was ihrer Gefährtin, die ihren Schlaf nicht einbüßen wollte, höchst beschwerlich fiel; sie hätte gern die schönsten herzbrechendsten Deklamationen ausgeschüttet, war äußerst unzufrieden, daß ihre Entführer so ruhig schlummerten und sie nicht einer einzigen von den gewöhnlichen Mißhandlungen der Entführer würdigten, bis sie an die ausgesuchte Höhle kamen, wo sie wieder auflebte, daß sie der Romanenetikette gemäß behandelt und in einer Höhle beherbergt werden sollte. Sie ging nebst ihrer Gefährtin hinein; die Entführer kündigten ihnen ihren gemachten Plan und die künftige zu erwartende Lebensart an, worunter der vornehmste Artikel war – daß sie bei ihnen als Männer einige Zeit in dieser Höhle leben und nebst ihnen durch die strengste Enthaltsamkeit von allen ehelichen Rechten die Bewundrung der Welt, Ruhm und Ehre erwerben wollten. Beide Nymphen stießen im Unison einen großen, lauten Seufzer aus, warfen sich nieder und schliefen vor Verdruß ein und träumten – man rate, wovon! Elmickors Absichten gelangen: Er erntete mit meinem Helden Bewundrung und stieg durch diese nebst ihm zu einem Glück empor, das seinen Ehrgeiz befriedigte.