Emil Zola Der Totschläger Die Rougon-Macquart. Band VII Die Geschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich   1923   Kurt Wolfs Verlag München Diese alleinberechtigte deutsche Gesamtausgabe wurde autorisiert durch Frau Emil Zola und Herrn Eugen Fasquelle, Paris Der vorliegende Roman wurde von Franz Blei (1871-1942) übertragen 1.–4. Tausend / Sommer 1923 Druck der Roßberg'schen Buchdruckerei, Leipzig Copyright 1923 by Kurt Wolff Verlag A.-G., München Vorwort Die »Rougon-Macquart« sind als Folge von zwanzig Romanen gedacht. Ihren Grundriß habe ich seit dem Jahre 1869 festgelegt und verfolge ihn mit peinlicher Genauigkeit. Zu seiner Zeit kam »Der Totschläger«, und ich habe ihn geschrieben – wie ich alle anderen Romane schreiben werde –, ohne auch nur einen Augenblick den feststehenden Plan zu verlassen. Darin liegt meine Stärke, denn ich habe ein Ziel, dem ich zustrebe. Als »Der Totschläger« zum erstenmal in einer Zeitung erschien, wurde er mit einer beispiellosen Heftigkeit angegriffen und verleumdet, alles Üble wurde ihm nachgesagt. Soll ich nun an dieser Stelle und in wenigen Worten meine schriftstellerischen Absichten erklären? Ich wollte die verhängnisvolle und unvermeidliche Entartung einer Arbeiterfamilie schildern, auf dem verjauchten Boden unserer Vorstadtviertel. Wie inmitten von Trinkern und Müßiggängern alle Familienbande sich lösen, eine beängstigende Atmosphäre widerlicher Vermischung aufsteigt, wie alle ehrbaren Regungen allmählich in Vergessenheit geraten, das Schamgefühl schwindet, und wie der Tod alles löst. Mit einem Wort: das Walten eines sittlichen Gesetzes. »Der Totschläger« ist zweifellos das moralischste von meinen Büchern. Oft mußte ich an viel schrecklichere Wunden rühren. Lediglich die Art, wie er geschrieben ist, hat eine Bestürzung hervorgerufen. Man hat sich gegen die Worte empört, die ich gebraucht habe. Mein Verbrechen ist, daß ich als Schriftsteller den Einfall gehabt habe, den Volksjargon in unsere durchgebildete Schriftsprache zu tragen und mit ihr zu vermischen. Wahrhaftig, der Stil – hier liegt das große Verbrechen! Wohl gibt es Wörterbücher dieser Sprache, und die Gelehrten erforschen sie und freuen sich über ihre Urwüchsigkeit, ihre Unmittelbarkeit und ihre Bildkraft. Sie ist eine Fundgrube für die Sprachforscher. Trotzdem hat man mir die Absicht einer lediglich philologischen Arbeit angedichtet und niemand hat an mein lebhaftes historisches und soziales Interesse geglaubt. Aber ich will mich nicht verteidigen. Mein Werk wird es tun. Es ist ein Werk der Wahrheit, der erste Roman über das Volk, der nicht lügt und der den Geruch des Volkes atmet. Es ist ein Fehlschluß anzunehmen, das ganze Volk wäre schlecht; denn die Gestalten meines Romans sind nicht schlecht, sie sind nur ahnungslos, unwissend, und verdorben nur durch die brutale Umwelt der Arbeit und durch das Elend, in dem sie leben. Wenn man nur meine Romane lesen, sie verstehen, ihre Zusammenhänge richtig sehen wollte, bevor man die schon fertigen, grotesken und gehässigen Urteile verbreitete, die über mich und meine Werke im Umlauf sind. Oh, wenn es bekannt wäre, wie sehr sich meine Freunde über die verblüffenden Märchen erheitern, mit denen man der Menge ein Vergnügen zu machen glaubt. Wenn es doch bekannt wäre, wie sehr dieser Blutsauger und wilde Romanschreiber ein ehrbarer Bürger ist, ein Mann der Wissenschaft und der Künste, der brav in seinem engen Winkel dahinlebt, und dessen einziges Bestreben dieses ist: ein Werk zu hinterlassen, so groß und so lebendig, als es seine Kräfte vermögen! Keine der Erzählungen will ich widerlegen, ich bleibe bei meiner Arbeit und vertraue mich der Zeit an und dem guten Glauben der Öffentlichkeit, auf daß man mich dereinst unter einem Berg aufgehäufter Dummheit entdecke. Paris , den 1. Januar 1877 Emil Zola Der Totschläger 1 Gervaise hatte auf Lantier bis zwei Uhr früh gewartet. Lange war sie in der leichten Nachtjacke gegen die Nachtluft am Fenster gestanden. Nun warf sie sich fröstelnd und fiebernd mit tränennassem Gesicht aufs Bett. Seit acht Tagen schickte er sie, sobald sie aus dem Wirtshaus »Zum zweiköpfigen Kalb« traten, wo sie gemeinsam aßen, mit den Kindern schlafen und kam erst spät in der Nacht heim; er erzählte, daß er sich um Arbeit umschaue. Während sie an diesem Abend auf ihn wartete, glaubte sie, ihn in das Ballhaus zum »Großen Balkon« eintreten zu sehen, dessen zehn Fenster wie eine Feuersbrunst über die schwarzen Schatten der äußeren Boulevards leuchteten; und etwa fünf bis sechs Schritte hinter ihm hatte sie die kleine brünette Adele, die ebenfalls in dem Wirtshaus aß, gehen sehen, mit schlenkernden Armen, als habe sie gerade seinen Arm losgelassen, damit man sie nicht zusammen unter dem hellen Scheine des Torbogens sehen sollte. Als Gervaise um fünf Uhr früh erwachte, war sie ganz steif und hatte zerschlagene Lenden; sie brach in Tränen aus. Lantier war nicht zurückgekommen. Zum ersten Male schlief er auswärts. Sie blieb auf dem Bettrand sitzen, unter dem fettigen verschossenen Vorhang, der durch einen Ring gehalten von der Decke niederfiel. Langsam wanderten ihre tränenverschleierten Augen über das elend möblierte Zimmer, die Nußbaumkommode, an der eine Schublade fehlte, die drei Strohstühle und einen schmutzigen kleinen Tisch, auf dem ein zerbrochener Krug standen. Man hatte für die Kinder noch ein eisernes Bett hineingestellt, es stand vor der Kommode und füllte zwei Drittel des Zimmers. Gervaises und Lantiers Koffer standen offen in einer Ecke. Er war fast leer; ein alter Männerhut lag zwischen schmutzigen Hemden und Socken. An der Wand und auf Stuhllehnen hing ein zerrissener Schal und eine verdreckte Hose, die letzten Lumpen, die der Kleiderhändler nicht mehr nehmen wollte. Mitten auf dem Kamin, zwischen zwei ungleich großen Zinnleuchtern, lag ein Stoß Quittungen aus dem Leihhaus, – zartes Rosapapier. Es war das sogenannte »schöne Zimmer« des Hotels, das Zimmer im ersten Stock, mit der Aussicht auf den Boulevard. Die Kinder lagen Seite an Seite auf demselben Kopfkissen und schliefen. Claude, der Achtjährige, hatte seine kleinen Hände auf der Decke liegen und atmete gleichmäßig langsam; Etienne, der erst vier Jahre alt war, lächelte und hatte einen Arm um den Hals des Bruders geschlungen. Als der Blick der Mutter auf die Kinder fiel, bekam sie wieder einen Weinkrampf; sie unterdrückte ihre Schreie mit dem vorgehaltenen Taschentuch. Dann ging sie wieder barfuß zum Fenster zurück, stützte die Ellbogen auf, in derselben Stellung verharrend wie in der langen Nacht, und suchte das Trottoir ab, so weit sie schauen konnte. Das Hotel lag auf dem Boulevard de la Chapelle, links von der Barrière Poissonnière. Ein Steinbau von zwei Stockwerken, rot angestrichen bis zum zweiten Stock und mit vom Regen angefaulten Fensterläden, über einer Laterne mit gesterntem Glas las man zwischen den beiden Fensterreihen »Hotel Boncoeur, Besitzer Marsoullier«, in großen gelben Buchstaben, die von der Feuchtigkeit der Wand zerfressen und nicht mehr ganz waren. Die Laterne hinderte Gervaise am Ausblick; sie beugte sich weit vor, das Taschentuch vor dem Mund. Sie schaute nach rechts aus, gegen den Boulevard de Rochechouart hin, wo Metzgerburschen mit blutigen Schürzen vor dem Schlachthaus standen. Der frische Wind brachte zeitweilig den Geruch von geschlachteten Tieren her. Links schaute sie in die lange Straßenzeile; fast gegenüber lag die große weiße Fassade des Hospitals von Lariboisière, das noch im Bau war. Dann strichen ihre Augen die langen Mauern der Bastionen hin; manchmal des Nachts hörte sie da die Schreie Ermordeter; und sie bohrte den Blick in die finstern Ecken und abgelegenen Winkel, schwarz von Schmutz und Feuchtigkeit, voller Angst, Lantiers Körper mit aufgeschlitztem Bauch zu entdecken. Hob sie ihre Augen über diese graue und unendlich scheinende Mauer, die den Stadtteil mit einem trostlosen Ring einfriedete, sah sie eine große Helligkeit; die Sonne brach sich in den Staubwolken über Paris, dessen morgendliche Geräusche ihr Ohr trafen. Aber immer wieder kehrte ihr Blick zur Barriere Poissonnère zurück. Den Hals vorgestreckt und ganz benommen, schaute sie die Menschen, die Tiere, die Wagen, die in ununterbrochenen Massen sich zwischen den Zollhäuschen bewegten, von der Höhe des Montmartre bis zu la Chapelle. Das war ein Gestampfe von Tieren, das wie ein Meer die Straßen füllte, sobald eine Stauung entstand, ein Aufmarsch von Arbeitern, die zur Arbeit gingen, ohne Ende, das Handwerkszeug auf dem Rücken, das Brot unter dem Arm. Und diese Masse ergoß sich immerzu nach Paris, das sie verschluckte. Da glaubte Gervaise, Lantier in der Menge zu entdecken; sie beugte sich noch mehr vor, auf die Gefahr hin hinunterzustürzen; das Taschentuch preßte sie noch fester auf den Mund, ihren Schmerz zu verhalten. Eine junge lustige Stimme scheuchte sie vom Fenster. »Der Mann ist also nicht da, Frau Lantier?« »Aber nein, Herr Coupeau«, sagte sie und lächelte gezwungen. Coupeau war ein Zinkarbeiter, der ganz oben im Hotel ein Zimmer für zehn Francs bewohnte. Er trug seinen Arbeitspack über der Schulter. Da der Schlüssel an der Türe steckte, war er in aller Freundschaft eingetreten. »Sie wissen ja, ich arbeite jetzt da drüben im Spital ... Was für ein schöner Mai! ... Es ist frisch heute morgen.« Und er betrachtete Gervaise, deren Gesicht von Tränen gerötet war. Als er das unberührte Bett sah, schüttelte er den Kopf; dann trat er zum Lager der Kinder, die wie kleine Cherubine mit rosigen Gesichtern schliefen, und sagte leise: »Also der Mann ist nicht brav, nicht wahr? Aber darum keine Verzweiflung, Frau Lantier. Er beschäftigt sich zu viel mit der Politik. Als man neulich für Eugen Sue, einen Gelehrten, wie es scheint, abgestimmt hat, benahm er sich wie ein Verrückter. Vielleicht war er die Nacht mit Leuten zusammen, wo man dummes Zeug über diesen Dreckkerl, den Bonaparte schwatzte.« »Nein, nein,« sagte Gervaise mit Anstrengung, »es ist nicht das, was Sie glauben. Ich weiß, wo Lantier ist. Wir haben unsere Sorgen, du lieber Gott, wie halt alle Menschen!« Coupeau zwinkerte mit den Augen: er wolle sich diese Lüge nicht aufbinden lassen. Bevor er ging, bot er ihr an, ihr die Milch zu holen, falls sie nicht ausgehen wollte. Sie wäre doch eine schöne und tapfere Frau und könnte auf ihn zählen, wenn sie eines Tages in Not wäre. Gervaise setzte sich wieder ans Fenster, als er fort war. Das Gestampfe der Menge tobte unten weiter in der Kälte des Morgens. Man erkannte die Schlosser an ihren blauen Kitteln, die Maurer an ihren weißen Blusen, die Anstreicher an ihren Überziehern, unter denen die längeren Kittel vorschauten. So aus der Ferne bekam diese Menge ein verwischtes Aussehen, einen neutralen Ton, in dem verblaßtes Blau und schmutziges Grau vorherrschten. Zeitweilig blieb ein Arbeiter stehen, um seine Pfeife anzuzünden, während die andern weitergingen, ohne Lachen, ohne ein Wort an einen Kameraden, durch die gähnende Straße der Vorstadt Poissonière zogen, mit staubiger Haut, das Gesicht gegen Paris gewandt, das einen nach dem andern verschlang. Da, an den Ecken der Rue des Poissonièrs, verlangsamte sich der Schritt mancher Männer, als die beiden Weinschenken ihre Laden öffneten. Ehe sie eintraten, blieben sie am Rande des Trottoirs stehen, schauten schiefen Blickes über Paris, mit herabhängenden Armen, wieder für einen Tag der Fron entflohen. Vor den Schenktischen boten sich einzelne Gruppen Runden an; verweilten, standen, füllten den Raum und spuckten und begossen ihren Hals mit kleinen Schnäpsen. Auf der linken Straßenseite, bei der Schenke des Vaters Colombe, glaubte Gervaise Lantier gesehen zu haben, als sie eine dicke Frau ohne Kopftuch von der Mitte der Straße her anrief. »Sie sind aber früh auf, Frau Lantier!« Gervaise schaute hin. »Ach, Sie sind's, Frau Boche!... Ich habe heute eine Menge zu tun!« »Ja ja, es macht sich nichts von alleine.« Und so fing eine Unterhaltung an, vom Fenster zum Trottoir. Frau Boche war die Hausmeisterin des Hauses, in dessen Erdgeschoß das Wirtshaus »Zum zweiköpfigen Kalb« war. Öfters schon hatte Gervaise in deren Zimmer auf ihren Mann gewartet, wenn sie nicht allein unter den Männern sitzen wollte, die drin in der Kneipe aßen. Die Hausmeisterin redete weiter. Sie ginge nur rasch in die Nachbarschaft, in die Rue de la Charbonnière, um dort einen Kommis im Bett aufzusuchen, von dem ihr Mann das Geld für einen geflickten Rock nicht bekommen könnte. Dann erzählte sie von einem Mieter, der am Abend mit einer Frauensperson gekommen wäre und die übrigen Mieter bis drei Uhr früh am Schlafen gehindert hätte. Aber während sie das alles daherredete, betrachtete sie sehr scharf das Gesicht der jungen Frau; sie schien nur gekommen zu sein und sich unter das Fenster gestellt zu haben, um etwas Sicheres zu erfahren. Und da fragte sie auf einmal: »Ist denn Herr Lantier noch im Bett?« »Ja, er schläft noch«, sagte Gervaise, wurde aber doch rot dabei. Frau Boche sah die Tränen, die Gervaise in die Augen stiegen, und befriedigt ging sie weiter, indem sie auf die verfluchten Männer schimpfte; sie kam nochmals zurück und rief: »Heute vormittag gehen Sie doch in die Waschanstalt, nicht wahr? Ich habe auch etwas zu waschen und heb Ihnen einen Platz neben mir auf, zum Plaudern.« Und von einem plötzlichen Mitleid ergriffen: »Arme Kleine, Sie sollten lieber nicht am offenen Fenster da stehen bleiben, Sie werden sich erkälten. Sie sind schon ganz violett im Gesicht.« Noch zwei unendlich lange Stunden verbrachte Gervaise am Fenster, bis es acht Uhr wurde. Die Läden wurden aufgesperrt. Der Zug der Arbeitsblusen hörte auf; nur einige Spätlings eilten noch mit langen Beinen durch die Barriere. Bei den Weinkneipen standen noch dieselben Männer, tranken, husteten und spuckten. Auf die Arbeiter folgten die Arbeiterinnen, Büglerinnen, Modistinnen, Blumenmalerinnen; in ihren dünnen Überwürfen trippelten sie die äußern Boulevards hinunter, in Gruppen zu drei und vier; sprachen lebhaft, mit leichtem Lachen und leuchtenden Augen, die überall umherschauten. Von Zeit zu Zeit kam eine ganz allein daher, mager, blaß, ernst, ging ganz nah der Mauer der Zollsperre lang, die Schmutzbäche vermeidend. Dann kamen die Angestellten, bliesen in ihre Hände, aßen ihr Groschenbrot im Gehen; kraftlose junge Leute mit zu kurzen Hosen, trüben Augen, ganz zerschlagen vor Schlaf. Dann kleine alte Kerle, die auf ihren Füßen daherschlurften, mit blassen Gesichtern, durch lange Bureaustunden ganz verbraucht; schauten auf ihre Uhren, um ihren Schritt auf die Sekunde zu richten. Und dann lagen die Boulevards in ihrem Vormittagsfrieden; die kleinen Rentiers der Nachbarschaft spazierten in der Sonne; unfrisierte Mütter in schmutzigen Röcken wiegten ihre Wickelkinder und legten sie auf den Bänken trocken; ein Schwarm mit ungeputzten Nasen stieß sich, walzte sich am Boden unter Lärmen, Lachen und Schreien. Gervaise meinte zu ersticken, es befiel sie Schwindel vor Angst, sie war am Ende ihrer Hoffnung, ihr schien, als wäre alles zu Ende, auch die Zeiten, und daß Lantier nie mehr zurückkommen würde. Ihr Blick verlor sich vom alten schwarzen Schlachthaus und dessen Gestank zum neuen Spital, das durch seine gähnenden Fensterreihen leere Säle zeigte. Ihr gegenüber, hinter der Zollmauer, leuchtete der Himmel, die aufgehende Sonne wuchs über dem größeren Erwachen der Stadt und das Licht blendete sie. Die junge Frau saß, die Hände im Schoß, auf einem Stuhl und weinte nicht mehr, als Lantier ruhig eintrat. »Du bist's, du bist es!« rief sie und wollte sich um seinen Hals werfen. »Ja, ich bin's. Was weiter? Willst du vielleicht wieder mit deinen Dummheiten anfangen?« Er stieß sie zur Seite. Dann warf er schlecht gelaunt seinen schwarzen Filzhut auf die Kommode. Er war ein Mann von sechsundzwanzig Jahren, klein, sehr braun, mit hübschem Gesicht und schütterm Schnurrbart, den er stets in mechanischer Handbewegung drehte. Er trug einen Arbeitsrock und darüber einen alten verfleckten Überzieher, in Taille geschnitten. Er sprach ausgesprochen provenzalischen Dialekt. Gervaise war auf den Stuhl zurückgesunken, klagte sanft in kurzen Sätzen. »Ich konnte kein Auge schließen. Ich glaubte, man habe dir etwas angetan. Wo warst du denn? Wo hast du die Nacht verbracht? Mein Gott, mach das nicht mehr, ich müßte verrückt werden ... Sag, August, wo warst du?« »Da, wo ich zu tun hatte, zum Donnerwetter! Um acht Uhr war ich in der Glacière, bei dem Freund, der eine Hutfabrik einrichten will. Ich hab mich verspätet. Dann zog ich es vor, dort zu schlafen. Überhaupt mag ich es nicht, daß man mich ausfragt. Laß mich in Ruh!« Die junge Frau weinte wieder. Die lauten Stimmen, Lantiers grobe Art, die Stühle herumzustoßen, weckten die Kinder auf. Sie setzten sich aufrecht, halbnackt, und wischten sich mit ihren kleinen Händen die Haare aus dem Gesicht. Als sie ihre Mutter weinen hörten, stießen sie ein schreckliches Geheul aus und weinten nun ebenfalls aus den kaum geöffneten Augen. »Da haben wir nun die Musik«, schrie Lantier. »Ich warne euch, ich gehe sofort wieder! Und diesmal für immer. Ihr wollt nicht still sein? Dann adieu, ich gehe dahin, wo ich herkomme.« Und schon nahm er seinen Hut von der Kommode. Aber Gervaise drängte dazwischen, leise: »Nein – nein, geh nicht.« Sie erstickte die Tränen der Kinder unter Liebkosungen. Sie küßte ihr Haar und legte sie mit zärtlichen Worten zurück. Die Kleinen, schnell beruhigt, lachten auf ihrem Kissen und kniffen sich. Der Vater aber, ohne seine Stiefel ausgezogen zu haben, warf sich erschöpft aufs Bett. Sein fleckiges Gesicht zeigte die Spuren dieser weißen Nacht. Er schlief nicht ein; seine weit aufstehenden Augen wanderten die Wände des Zimmers lang. »Saubere Wirtschaft hier!« brummte er. Nachdem er einen Augenblick auf Gervaise geschaut hatte, sagte er böse: »Du wäschst dich wohl überhaupt nicht mehr?« Gervaise war erst zweiundzwanzig Jahre alt. Groß, etwas mager, mit zarten Zügen, denen man die Härte des Lebens schon ansah. Ungekämmt, in Schlappen, frierend in ihrer weißen Nachtjacke, welche die Spuren von Fett und vom Staub der Möbel zeigte, schien sie um zehn Jahre gealtert infolge der Tränen und ausgestandenen Ängste der letzten Stunden dieser Nacht. Lantiers Wort weckte sie aus ihrer verschüchterten und ängstlichen Haltung. »Du bist ungerecht, Lantier. Du weißt ganz gut, daß ich tue, was ich kann. Es ist nicht meine Schuld, daß wir hier sind ... Ich möchte dich mit den beiden Kindern in einem Raum sehen, der einen Ofen hat, um warmes Wasser zu kochen ... Du hättest uns, so wie du es versprochen hast, bei unserer Ankunft in Paris gleich installieren müssen, statt dein ganzes Geld aufzuessen.« »Schau mal!« rief er, »du hast ganz gern mitgeschmaust; aber heute paßt es dir, auf die guten Bissen zu spucken!« Sie schien ihn nicht zu hören und sprach weiter: »Ja, mit etwas Courage könnte man noch zurechtkommen. Ich sah gestern abend die Frau Fauconnier, die Plätterin aus der Rue Neuve; sie nimmt mich am Montag. Wenn du dich mit deinem Freunde auf der Glacière zusammentust, kommen wir, ehe sechs Wochen vorüber sind, wieder über Wasser und können uns irgendwo ein Loch mieten, wo wir ganz für uns sein werden ... Man müßte arbeiten, arbeiten ...« Lantier drehte sich gelangweilt auf die andere Seite; da wurde Gervaise böse. »Ich weiß schon, mein Lieber, daß dich die Liebe zur Arbeit nicht umbringt. Du zerplatzt vor Ehrgeiz, möchtest wie ein Herr angezogen gehen und Dämchen in seidenen Röcken spazieren führen. Nicht wahr? Du findest mich nicht mehr gut genug, seitdem ich all meine Kleider ins Leihhaus tragen mußte ... Schau, August, ich wollte dir nichts darüber sagen, ich hätte noch gewartet, aber ich weiß, wo du die Nacht verbracht hast. Ich habe dich in den »Großen Balkon« gehen sehen mit diesem Schlampen, der Adele. Ja, du suchst sie dir gut aus! Die ist fein sauber; der steht's gut, die Prinzessinnenmiene anzunehmen, die hat doch schon mit dem ganzen Restaurant geschlafen!« Mit einem Satz warf sich Lantier vom Bett herunter. In seinem blassen Gesicht wurden die Pupillen schwarz wie Tinte. So klein der Mensch auch war, in seinem Zorn raste er. »Jawohl, mit dem ganzen Restaurant!« wiederholte die junge Frau. »Frau Boche wird ihnen kündigen, ihr und ihrer Schwester, dem großen Schragen, weil immer ein ganzer Schweif Männer auf der Treppe sind.« Lantier hob die beiden Fäuste; aber er bezwang die Lust, sie zu schlagen, faßte sie an den Armen, schüttelte sie und warf sie auf das Bett der Kinder, die aufs neue anfingen zu schreien. Dann legte er sich wieder aufs Bett, und mit dem wilden Aussehen eines Mannes, der einen Entschluß faßt, vor welchem er noch zögerte, stieß er hervor: »Du weißt nicht, was du soeben getan hast, Gervaise. Du bist im Unrecht, du wirst sehen.« Währenddem schluchzten die Kinder. Am Rande des Bettes zusammengesunken, hielt sie die Mutter umfangen; mit monotoner Stimme wiederholte sie dieselben Worte wohl zwanzigmal: »Ah, wenn ihr nicht da wäret, meine armen Würmer, wenn ihr nicht da wäret, wenn ihr nicht da wäret! ...« Lang ausgestreckt, die Augen nach oben auf den verblaßten Fetzen von Bettvorhang gerichtet, hörte Lantier nichts mehr und verfolgte seine Gedanken. So blieb er etwa eine Stunde liegen, ohne dem Schlaf nachzugeben, der seine müden Augenlider beschwerte. Als er sich umdrehte, auf den Ellbogen gestützt das harte und entschlossene Gesicht, beendete Gervaise das Aufräumen des Zimmers. Sie machte das Bett der Kinder, die sie eben angezogen hatte. Er sah, wie sie kehrte und die Möbel abstaubte; aber das Zimmer blieb schwarz, erbärmlich mit der verrauchten Decke, der durch die Feuchtigkeit herabhängenden Tapete, seinen drei Stühlen, der zerbrochenen Kommode, wo der Staub eigensinnig unter dem Abwischlumpen haften blieb. Während sie sich nun plätschernd wusch, nachdem sie ihr Haar vor dem kleinen runden Spiegel, der ihm zum Rasieren diente, aufgesteckt hatte, schien er ihre nackten Arme, ihren Hals und alles Nackte, das sie sehen ließ, zu betrachten, als ob sich Vergleiche in seinem Hirn bewegten. Und seine Lippen verzogen sich. Gervaise hinkte auf dem rechten Fuß; aber man sah es kaum oder nur an Tagen großer Müdigkeit, wenn sie sich nicht zusammennahm, so wie heute, wo sie ein zerschlagenes Kreuz hatte. An diesem Morgen und nach dieser Nacht zog sie ihr Bein nach und mußte sich an der Mauer stützen. Ganz still war es nun, sie sprachen kein Wort mehr. Er schien zu warten. Sie schluckte ihren Schmerz, bemühte sich gleichgültig auszusehen und tat eilig. Als sie nun einen Packen schmutziger Wäsche zusammenband, die im Winkel hinter dem Koffer lag, tat er den Mund auf: »Was machst du denn? ... Wo gehst du denn hin?« Sie antwortete nicht gleich. Als er wütend seine Frage wiederholte, entschloß sie sich: »Du siehst es doch, nicht? Ich gehe das alles da waschen, die Kinder können nicht im Dreck leben.« Er ließ sie zwei oder drei Taschentücher vom Boden aufheben. Nach einiger Zeit sagte er: »Hast du Geld?« Sofort richtete sie sich auf, schaute ihn an, ohne die schmutzigen Hemden der Kinder, die sie in der Hand hielt, loszulassen. »Geld? Wo soll ich Geld gestohlen haben? Du weißt, daß ich vorgestern drei Francs für meinen schwarzen Rock bekommen habe. Zweimal haben wir damit gegessen ... Wurstzeug ist teuer ... Nein, auf mein Wort, ich hab kein Geld. Ich habe vier Sous für die Waschküche. Ich verdiene ja nicht wie gewisse Frauen.« Er kümmerte sich nicht um diese Anspielung. War vom Bett gestiegen und untersuchte die Lumpen, die noch im Zimmer herumhingen. Dann nahm er die Hose und den Schal, machte die Kommode auf, gab eine Unterjacke und zwei Frauenhemden dazu, warf ihr das Ganze auf den Arm, sagte: »Da, trag das ins Leihhaus.« »Soll ich nicht auch die Kinder hintragen? Herrgott ja; wenn man auf die Kinder leihen könnte, das wär eine famose Erleichterung.« Sie trug alles ins Leihhaus. Als sie nach einer halben Stunde zurückkam, legte sie ein Fünffrancsstück auf den Kamin; die Quittung zu den andern zwischen die zwei Leuchter. »Das haben sie mir gegeben. Ich wollte sechs Francs, aber es gelang nicht. Die in der Bude werden sich schon nicht ruinieren ... Und immer gesteckt voll mit Leuten.« Lantier nahm nicht sogleich das Fünffrancsstück. Er hätte gern Kleingeld gehabt, um ihr etwas davon zu lassen. Als er aber auf der Kommode einen Rest Schinken in einem Papier und ein Stück Brot sah, entschloß er sich, das Geldstück in die Westentasche zu schieben. »Ich habe mich nicht getraut, zur Milchfrau zu gehen,« erklärte Gervaise; »wir schulden ihr acht Tage. Aber ich werde bald zurück sein, hole inzwischen Brot und panierte Koteletten und dann frühstücken wir. Bring auch einen Liter Wein mit.« Er sprach nichts. Der Friede schien wieder hergestellt. Die junge Frau machte ihr Bündel mit schmutziger Wäsche zurecht. Als sie aber die Hemden und Socken Lantiers aus der Tiefe des Koffers holte, schrie er sie an, sie solle das liegen lassen. »Laß meine Wäsche, verstehst du! Ich will nicht!« »Was willst du nicht?« fragte sie und richtete sich auf. »Du denkst doch nicht daran, dieses dreckige Zeug nochmals anzuziehen? Man muß es doch waschen.« Sie schaute auf ihn voll Unruhe, sie sah auf seinem hübschen Jungengesicht wieder dieselbe Härte, als ob ihn für die Zukunft nichts mehr beugen könnte. Er wurde böse, riß ihr die Wäsche aus der Hand und warf sie in den Koffer zurück. »Zum Donnerwetter, folg doch endlich, wenn ich dir schon sage, daß ich nicht will!« »Aber warum denn nur?« Sie wurde ganz blaß von einem schrecklichen Verdacht. »Du brauchst doch deine Hemden jetzt nicht, du gehst ja nicht fort ... Was kann dir denn daran liegen, wenn ich sie zum Waschen mitnehme?« Er zögerte einen Augenblick unter den wilden Augen, die sie auf ihn heftete. »Warum, warum,« stotterte er. »Zum Teufel! du würdest überallherum erzählen, daß du mich erhältst, daß du für mich wäschst und flickst. Und das will ich nicht, basta! Tu du deine Arbeit, ich werde die meine tun... Die Wäscherinnen arbeiten nicht für die Hunde.« Sie beschwor ihn, verteidigte sich, sie habe niemals sich über ihn beklagt. Er aber schloß den Koffer, setzte sich darauf und schrie, nein! und er wäre der Herr seiner Sachen! Um ihren Blick nicht mehr sehen zu müssen, legte er sich wieder auf das Bett und sagte, er habe Schlaf, sie solle ihm nicht den Kopf noch mehr verrückt machen. Und diesmal schien er wirklich einzuschlafen. Gervaise blieb eine Weile unentschlossen. Sie wollte mit dem Fuß das Wäschebündel wegschieben und sich an eine Näharbeit setzen. Die regelmäßigen Atemzüge Lantiers beruhigten sie. Sie nahm das Stück Seife und das Waschblau, das ihr noch von der vorigen Wäsche übriggeblieben war, ging zu den Kleinen, die still mit alten Korkstöpseln vor dem Fenster spielten, küßte sie und sagte leise zu ihnen: »Seid recht brav, macht keinen Lärm. Papa schläft.« Als sie das Zimmer verließ, hörte man nur das leise Lachen von Claude und Etienne im großen Schweigen unter der schwarzen Zimmerdecke. Es war zehn Uhr. Ein Sonnenstrahl kam durch das geöffnete Fenster. Auf dem Boulevard bog Gervaise links ab, folgte der Rue Neuve de la Goutte d'Or. Im Vorbeigehen grüßte sie bei dem Laden der Frau Fauconnier. Das Waschhaus befand sich gegen die Mitte der Straße, da wo sie aufwärts ging. Im Unterstock des Gebäudes waren drei große Wasserreservoirs; genietete Zinkzylinder zeigten ihre grauen Rundungen, dahinter lag der Trockenboden, ein zwei Stock hoher Raum, von allen Seiten mit Läden umschlossen, deren schmale Jalousien die Luft durchließen; man konnte durch sie die Wäsche sehen, die an den gespannten Leinen trocknete. Rechts von den Wasserbehältern stieß das enge Rohr der Dampfmaschine den weißen Dampf in regelmäßigen heftigen Atemzügen aus. Ohne ihre Röcke hochzuheben, trat Gervaise durch das Tor, das vollgestellt war mit Kübeln voll Seifenwasser. Sie kannte die Besitzerin des Waschhauses, eine kleine zarte Frau mit kranken Augen, die in ihrem Glashaus saß, das Kontobuch vor sich, auf den Stellagen hinter ihr Seifenstücke, Waschblau in Gläsern und Pakete mit Soda. Im Vorbeigehen erhielt Gervaise ihren Schläger und die Bürste, die sie ihr nach der letzten Wäsche zum Aufbewahren gegeben hatte. Sie bekam ihre Nummer und trat ein. Es war ein überaus großer Schuppen mit glatter Decke, gestützt von Säulen und umschlossen von breiten hellen Fenstern. Ein weißer Tag drang durch den weißen Dunst, der wie ein milchiger Nebel lag. Es tropfte aus schwerer Feuchtigkeit von der Decke, durchsetzt von dem faden Geruch der Seife. Durch die ganze Länge des Schuppens, zu beiden Seiten des Zinktroges in der Mitte, standen Frauen mit bis zur Schulter nackten Armen, nacktem Hals, die Röcke hoch geschürzt, unter denen farbige Strümpfe und Schnürstiefel hervorschauten. Sie schlugen heftig drauf los, lachten, beugten sich nach rückwärts, wenn sie ein Wort durch den Lärm schleuderten, beugten sich hinunter bis zur Tiefe der Zuber, in Schmutz wühlend, ausgelassen, durchnäßt, mit rotem dampfenden Fleisch. Überall, um sie herum, unter ihnen, floß Wasser; die Eimer mit heißem Wasser wurden geholt und ausgeleert auf einen Zug, die Wasserhähne mit kaltem Wasser standen offen; die Schläger dröhnten, das Schmutzwasser ausgewundener Wäsche, ganze Sümpfe und kleine Bäche Schaumwasser floß über die abschüssigen Fliesen. Und all dieses Geschrei, das regelmäßige Klopfen, das Geräusch des aus den Hähnen fließenden Wassers, diesen Gewitterlärm, der unter der nassen Decke erstickte, schien die Dampfmaschine zur Rechten, ganz weiß von überzogenem Tau, prustend und schnarchend ohne Unterlaß, mit tanzendem Gestampfe zu regulieren. Gervaise ging mit kleinen Schritten und schaute nach rechts und links. Sie trug ihr Wäschebündel unter dem Arm, mit heraufgezogener Hüfte, hinkte stärker durch das Kommen und Gehen der Waschfrauen, die sie stießen. »Hierher, meine Kleine!« schrie die grobe Stimme der Frau Boche. Als die junge Frau ganz am Ende zur Linken bei ihr war, fing sie gleich an zu schwatzen, wobei sie wütend einen Socken bearbeitete. »Stellen Sie sich da her, ich habe Ihnen den Platz aufgehoben. Ich brauche nicht mehr lang, Boche verdreckt seine Wäsche fast gar nicht ... Und Sie? Haben Sie lang zu tun? Ihr Paket ist ja recht klein. Bis Mittag sind wir fertig, dann können wir frühstücken gehen ... Ich habe meine Wäsche einmal einer Wäscherin in der Rue Poulet gegeben. Aber sie hat mir alles verdorben mit Chlor und harten Bürsten. Jetzt wasche ich selber ... Das gewinnt man dabei. Es kostet nur die Seife ... Halt, das sind Hemden, die Sie hätten einweichen müssen. Meiner Seel, diese kleinen Kinder, das hat wahrhaftig Ruß am Hintern.« Gervaise hatte ihr Paket geöffnet und die Kinderhemden herausgelegt. Als jedoch Frau Boche ihr riet, einen Eimer Lauge zu nehmen, sagte sie: »Ach nein, heißes Wasser genügt, ich kenne das.« Sie breitete die Wäsche aus; die farbige legte sie zur Seite. Als sie ihren Zuber mit vier Eimern kaltem Wasser gefüllt hatte, das sie am Hahn hinter ihr holte, weichte sie die weiße Wäsche ein; ihren Rock zwischen den Beinen hochgezogen, trat sie in die aufrechte Kiste, die ihr bis zum Leib reichte. »Das Waschen verstehen Sie, nicht?« schrie die Boche; »Sie waren Wäscherin in Ihrer Heimat, Kleine?« Mit zurückgeschlagenen Ärmeln zeigte Gervaise die schönen Arme einer Blondine, die kaum rosig an den Ellbogen und noch ganz jung waren. Sie begann ihre Wäsche zu entfalten. Sie legte ein Hemd auf das schmale Brett der Holzraspel, das durch den vielen Gebrauch ganz verschabt und gebleicht war, rieb auf der einen Seite, drehte es um und rieb es auf der andern. Ehe sie antwortete, nahm sie den Schläger und fing an zu klopfen, ihre Antworten wie durch die gleichmäßigen Schläge bekräftigend. »Ja, ja, Wäscherin... Mit zehn Jahren... Zwölf Jahre sind es her... Wir gingen an den Fluß... da roch es besser als hier... Das müßten Sie sehen... es war ein Winkel unter Bäumen... mit klarem laufenden Wasser. Wissen Sie, in Plassans... Sie kennen Plassans? ... bei Marseille?« »Das nenne ich arbeiten,« rief Frau Boche entzückt über die hartgeführten Schläge des Klopfens. »Was für ein Weibstück, Sie würden mit ihren kleinen Frauenarmen Eisen platt schlagen!« Die Unterhaltung wurde sehr laut geführt. Die Hausmeisterin mußte sich manchmal herüberbeugen, um zu hören. Die ganze weiße Wäsche wurde fest geschlagen. Gervaise tauchte alles in den Zuber, nahm ein Stück nach dem andern heraus, seifte es ein und bürstete es. Mit einer Hand hielt sie das Stück an der Raspel fest, mit der andern die kurze Bürste und bürstete damit schmutzigen Schaum heraus, der in Strähnen floß. Beim Geräusch der Bürste näherten sie sich einander und sprachen Intimeres. »Nein, wir sind nicht verheiratet,« sagte Gervaise. »Ich mach kein Hehl daraus. Lantier ist nicht so liebenswürdig, daß man seine Frau sein möchte. Wenn die Kinder nicht wären! Ich war vierzehn Jahre alt und er achtzehn, als unser erstes kam. Das andere vier Jahre später ... Das kam, wie das immer kommt, Sie wissen ja. Ich war nicht glücklich zu Hause. Vater Macquart für nichts und wieder nichts gab mir Fußtritte in den Bauch. Dann denkt man natürlich daran, anderwärts sich zu vergnügen ... Man wollte uns verheiraten, aber, was weiß ich, unsere Eltern wollten nicht.« Sie beutelte ihre Hände ab, die sich unter dem weißen Schaum löteten. »Das Wasser ist sehr hart in Paris«, sagte sie. Frau Boche wusch nur noch langsam. Sie machte Pausen, ließ sich Zeit zum Einseifen, nur um dazubleiben; denn seit vierzehn Tagen quälte sie die Neugierde, diese Geschichte zu hören. Ihr Mund stand halb offen im dicken Gesicht, ihre Augen, groß wie Blumentöpfe, leuchteten. Sie dachte, mit der Genugtuung, erraten zu haben: Das ist's, die Kleine erzählt zu viel. Es hat Streit gegeben. Dann ganz laut: »Ist er denn nicht nett?« »Reden wir nicht davon!« sagte Gervaise. »Dort unten, daheim war er sehr gut zu mir; aber seitdem wir in Paris sind, kann ich nicht mehr mit ihm auskommen ... Sie müssen wissen, seine Mutter starb letztes Jahr; sie hat ihm ungefähr siebzehnhundert Francs hinterlassen. Er wollte durchaus nach Paris. Da der Vater immer noch schnell dabei war, mir Ohrfeigen zu geben, ohne zu achten, wohin sie fielen, willigte ich ein, mit ihm zu gehen. Wir haben die Reise mit den beiden Kindern gemacht. Er wollte mich bei einer Büglerin unterbringen und selbst in seinem Fach als Hutmacher arbeiten. Wir hätten können sehr glücklich sein ... Aber, sehen Sie, Lantier ist ehrgeizig und verschwenderisch; er denkt nur an sein Vergnügen. Er ist nicht viel wert ... Wir stiegen im Hotel Montmartre in der Rue Monmartre ab. Da gab es Essereien, Theater, Wagenfahrten, eine Uhr für ihn, ein seidenes Kleid für mich; er hat ja ein gutes Herz, wenn er Geld hat. Sie verstehen, all den Klimbim. Nach zwei Monaten hatten wir nichts mehr. Damals zogen wir ins Hotel Boncoeur, und da fing das verfluchte Leben an.« Hier unterbrach sie sich plötzlich, weil ihr die aufsteigenden Tränen den Hals zuzogen. Sie war mit dem Bürsten fertig. »Ich muß mein warmes Wasser holen.« Frau Boche war mit dieser Stockung inmitten den Vertraulichkeiten unzufrieden und rief den dienenden Burschen, der vorüberging. »Liebes Karlchen, es wäre sehr nett, wenn du für Madame einen Eimer warmes Wasser bringen würdest, sie hat Eile.« Der Bub nahm den Eimer und brachte ihn gefüllt zurück. Gervaise bezahlte ihn; es kostete der Eimer einen Sou. Sie schüttete das warme Wasser in den Kübel und seifte die Wäsche ein letztesmal ein, mitten in einem Dampf, der ihre blonden Haare wie mit grauen Rauchfäden überzog. »Aber nehmen Sie doch die Soda, ich hab welche hier«, sagte zuvorkommend die Hausmeisterin. Und sie leerte eine Tüte mit Soda über Gervaises Zuber aus. Sie bot ihr auch Blauwasser an; aber die junge Frau dankte; das wäre nur gut für Fettflecken und Weinflecken. »Ich glaube, er läuft gern hinter den Weibern her«, nahm Frau Boche die Unterhaltung wieder auf, ohne Lantiers Namen zu nennen. Gervaise, die gebeugt stand und die Hände in der Wäsche hatte, begnügte sich die Schultern zu schütteln. »Ja, ja,« fuhr die andere fort, »ich habe so einiges bemerkt...« Aber sie nahm es wieder zurück vor der schnellen Bewegung Gervaises, die ganz blaß geworden in die Höhe schnellte und sie anstarrte. »Aber nein, ich weiß von gar nichts! ... Er lacht halt gern, glaube ich, das ist alles... So mit den beiden Mädchen, die bei uns wohnen, Adele und Virginie, Sie kennen sie ja, mit denen scherzt er halt und es geht gewiß nicht weiter, ich bin fest davon überzeugt.« Immer noch stand die junge Frau aufrecht vor ihr, mit schweißbedecktem Gesicht, triefenden Armen, und starrte sie an. Da wurde die Hausmeisterin ärgerlich, schlug sich mit der Faust auf die Brust und gab ihr das Ehrenwort: »Ich weiß von nichts, so wie ich Ihnen sagte!« Dann wieder ruhiger und mit einer Stimme wie zu einer Person, der die Wahrheit nicht paßt: »Ich muß sagen, ich finde, daß er so aufrichtige, ehrliche Augen hat ... er wird Sie sicher heiraten, Kleine, das kann ich Ihnen sagen!« Gervaise putzte sich mit der nassen Hand die Stirn ab; darauf zog sie wieder ein Stück Wäsche aus dem Wasser und schüttelte die Schultern. Einen Augenblick blieben beide still. Um sie herum wurde es auch stiller. Es schlug elf Uhr. Die Hälfte der Wäscherinnen saß mit einem Bein auf dem Zuber, sie hatten einen Liter Wein aufgehockt zu ihren Füßen stehen und aßen Wurst in ausgehöhltem Brot dazu. Nur die Hausfrauen, die kamen, um ganz kleine Pakete Wäsche zu waschen, beeilten sich, das Auge auf der großen runden Uhr, die über dem Bureau hing. Noch hörte man da und dort den Schlägel, weiter unten gedämpftes Lachen und Unterhaltung, die unter dem Geräusch schmatzender Kiefer geführt wurde, während die Dampfmaschine ihren Trab ging ohne Ruhe noch Ermüden. Schnaufend und schnarchend, schien ihre Stimme zu wachsen und den weiten Raum zu füllen. Aber keine der Frauen hörte sie; es war wie die Atmung selbst des Waschhauses, ein glühender Atem, der sich in wallendem Brodem unter den Balken der Decke zusammenbaute. Die Hitze wurde unerträglich; die Sonne stach links zu den hohen Fenstern herein, leuchtete durch die rauchenden Dämpfe, die opalisierten von feinstem Graurosa bis Graublau. Als nun darüber Klagen laut wurden, zog Karlchen, von einem Fenster zum andern gehend, Vorhänge von grobem Leinen vor; darauf ging er auf die andere Seite, die Schattenseite, und öffnete die Klappfenster. Man rief ihm zu, klatschte mit den Händen, eine große Heiterkeit wurde laut. Bald hörten die letzten Schläger auf. Mit vollem Munde machten die Wäscherinnen nur noch Bewegungen mit dem Messer, das sie in der Faust hielten. So tief wurde das Schweigen, daß man das regelmäßige Knirschen der Schaufel des Heizers am andern Ende hörte, der die Kohlen in den Ofen der Maschine warf. Gervaise wusch ihre farbige Wäsche in warmem Wasser voll Seifenschaum, das sie aufgehoben hatte. Damit fertig, holte sie ein Dreibein und warf alle Stücke darüber; bläuliche Pfützen liefen zu Boden. Dann begann sie zu spülen. Hinter ihr stand ein am Boden befestigter großer Trog, in den aus einem Hahn kaltes Wasser floß; zwei Querbalken dienten dazu, die Wäsche aufzunehmen. Oberhalb wieder liefen abermals zwei Balken, die zum Trockenlegen der Wäsche bestimmt waren. »Nun sind wir bald fertig und werden nicht unglücklich darüber sein,« sagte Frau Boche. »Ich bleibe noch, um Ihnen auswinden zu helfen.« »Ach, machen Sie sich keine Mühe, ich danke Ihnen,« sagte die junge Frau, die mit ihren Fäusten die farbige Wäsche im klaren Wasser schwenkte. »Ja, wenn es Leintücher wären, würde ich nichts dagegen haben.« Sie mußte aber doch die Hilfe der Hausmeisterin annehmen. Sie wanden zu zweien, jede an einem Rock aus schlechter brauner Wolle, aus dem eine gelbliche Brühe herauskam, als plötzlich die Boche ausrief: »Da schau her! die lange Virginie! ... was kommt die denn daher? Ihren Plunder zu waschen, den sie in ein Taschentuch eingewickelt hat?« Gervaise hob lebhaft den Kopf. Virginie war ein Mädchen ihres Alters, etwas größer als sie, braun, ganz hübsch trotz ihres etwas langen Gesichtes. Sie trug einen alten schwarzen Rock mit Volants und ein rotes Band um den Hals; sie war sehr sorgfältig gekämmt, der Knoten in einem blauen Chenillenetz gehalten. Einen Augenblick lang zwinkerte sie mit den Lidern, mitten im Raum stehend, so, als ob sie etwas suchte. Als sie Gervaise sah, kam sie heran, steif, unverschämt sich in den Hüften wiegend, und installierte sich in dieselbe Reihe, fünf Zuber weiter entfernt. »Das ist eine Idee!« fuhr Frau Boche in leisem Tone fort. »Niemals noch hat sie auch nur ein paar Manschetten eingeseift. Das ist eine Faulenzerin, sag ich Ihnen! Eine Schneiderin, die nicht einmal ihre Pantoffel flickt! Genau wie ihre Schwester, die Plätterin, diese ordinäre Adele, die von drei Tagen durch zwei nicht in die Arbeit geht! Das hat weder Vater noch Mutter je gekannt, lebt – man weiß nicht wovon. Ja, wenn man sprechen wollte... Was bürstet sie denn dort? Einen Unterrock? Der ist schön dreckig, der muß ja so manches schon gesehen haben, der Jupon!« Frau Boche wollte offenbar Gervaise eine Freude machen. Wahrheit ist, da sie oft Kaffee mit Adele und Virginie trank, wenn die Mädeln Geld hatten. Gervaise antwortete nicht, beeilte sich mit fiebrigen Händen. Sie hatte eben ihr Blauwasser in einem kleinen Kübel zurecht gemacht, der auf einem Dreibein stand. Während dieser ganzen Zeit tat sie so, als ob sie Virginie den Rücken kehrte. Aber sie hörte ihr Gekicher und fühlte ihre bösen Blicke. Virginie schien nur deshalb gekommen zu sein, um sie herauszufordern. Einen Augenblick lang drehte sich Gervaise um, die beiden fixierten sich. »Lassen Sie sie doch,« brummte Frau Boche. »Sie werden sich doch nicht bei den Haaren packen wollen... Wenn ich Ihnen sage, es ist nichts daran! Sie ist es doch nicht, die da!« Jetzt, als sie gerade das letzte Stück Wäsche hielt, hörte man an der Tür des Waschhauses lachen. »Diese zwei Fratzen fragen nach der Mama!« rief der Karl. Alle Frauen sahen hin. Gervaise erkannte Claude und Etienne. Als sie sie erblickten, sprangen sie auf sie zu, mitten durch die Lachen, mit den Absätzen auf den Fliesen klappernd und mit ihren ungebundenen Schuhen. Die Wäscherinnen, an denen sie vorbei kamen, liefen ihnen kleine zärtliche Scherzworte zu, als sie sahen, daß sie etwas erschreckt waren und doch lächelten. So blieben sie vor ihrer Mutter stehen, mit ihren blonden Köpfen, ohne sich loszulassen. »Schickt euch Papa?« fragte Gervaise. Als sie sich bückte, um Etiennes Schuhe zu binden, sah sie am Finger Claudes den Zimmerschlüssel hängen mit dem Kupferschildchen und der Nummer darauf. »Du bringst mir den Schlüssel?« sagte sie erstaunt; »warum denn?« Das Kind hatte offenbar den Schlüssel ganz vergessen, jetzt erinnerte es sich und schrie mit Heller Stimme: »Papa ist fort.« »Er holt das Frühstück und hat euch hergeschickt, mich zu holen?« Claude schaute nach seinem Bruder, zögerte, wußte nicht recht. Dann sagte er in einem Zuge: »Papa ist fort... Er ist vom Bett gesprungen, er hat alles in den Koffer gepackt, hat ihn hinuntergetragen auf einen Wagen... Er ist fort.« Gervaise, die noch gebückt war, erhob sich langsam, das Gesicht weiß, legte die Hände auf Wangen und Schläfe, als ob ihr der Kopf platzen würde; sie fand keine Worte, zwanzigmal wiederholte sie in demselben Ton: »Mein Gott... mein Gott... mein Gott.« Frau Boche war ganz begeistert, in diese Geschichte verwickelt zu sein; sie fragte nun das Kind aus. »Weißt du, Kleiner, man muß die Dinge richtig sagen... Er hat die Türe geschlossen und hat dir gesagt, du sollst den Schlüssel bringen, nicht wahr?« Leise fragte sie in das Ohr Claudes hinein: »War eine Dame im Wagen?« Wieder wurde das Kind verlegen. Nochmals erzählte es seine Geschichte triumphierend: »Er sprang vom Bett, tat alle Sachen in den Koffer, er ist fort...« Als Frau Boche ihn losließ, zog er seinen Bruder zum Wasserhahn und beide amüsierten sich damit, das Wasser laufen zu lassen. Gervaise konnte nicht weinen. Sie meinte zu ersticken, mit den Hüften gegen den Zuber gelehnt, das Gesicht immer noch mit den Händen bedeckt. Kurze Schüttelfrostanfälle durchzuckten sie. Von Zeit zu Zeit aufstöhnend, ihre Fäuste immer tiefer in die Augen bohrend, als wollte sie sich in das Schwarz ihrer Verzweiflung stürzen. Ihr war, als wäre sie in ein finsteres Loch gefallen. »Na, na, Kleine!« sagte die Boche. »Wenn Sie wüßten! wenn Sie wüßten!« sagte sie endlich leise. »Heute morgen, noch hat er mich ins Leihhaus mit meinem Schal und Hemden geschickt, um diesen Wagen bezahlen zu können...« Und sie weinte. Die Erinnerung an diesen Morgen, daß er sie ins Leihhaus geschickt hatte, erstickte sie fast. Diesen Weg, den sie gehen mußte, empfand sie als tiefste Entwürdigung und ihr verzweifelter Schmerz wurde noch größer. Tränen rannen ihr über Wangen und Kinn, die ihre feuchten Hände ohnehin schon naß gemacht hatten; sie dachte nicht einmal daran, ein Taschentuch zu nehmen. »Seien Sie doch vernünftig, seien Sie doch still, man schaut nach Ihnen«, wiederholte Frau Boche, die sich um sie bemühte. »Ist es denn die Möglichkeit, daß man sich einem Manne zuliebe so abhärmt! Sie haben ihn also noch immer gern gehabt, wie? Mein armes kleines Frauerl. Gerad waren Sie noch sehr bös auf ihn, und jetzt weinen Sie, daß Ihnen fast das Herz bricht... Mein Gott, wie dumm wir Frauen doch sind!« Sie zeigte sich ganz mütterlich. »Eine hübsche kleine Frau wie Sie! Ist das erlaubt? Jetzt kann man Ihnen ja wohl alles erzählen? Also erinnern Sie sich, als ich unter Ihrem Fenster vorbeikam, da ahnte ich schon was... Diese Nacht, als Adele nach Hause kam, hörte ich einen Männerschritt hinter ihr. Das wollte ich doch wissen, und so schaute ich auf die Treppe hinaus. Der Mann war schon auf dem zweiten Stock, aber ich habe den Überzieher des Herrn Lantier erkannt. Boche, der aufpaßte, hat ihn heute morgen ruhig heruntergehen sehen... Das war mit Adele, verstehen Sie! Virginie, die hat jetzt einen Herrn, zu dem sie zweimal in der Woche geht. Aber so ganz sauber ist die Sache nicht, denn die zwei Mädeln haben nur ein Zimmer und einen Alkoven, und ich kann mir nicht denken, wo Virginie währenddem geschlafen hat.« Sie unterbrach sich einen Augenblick, um sich umzudrehen; dann sagte sie leise mit ihrer groben Stimme: »Sie lacht, weil Sie weinen, diese herzlose Person da drüben. Ich lege meine Hand ins Feuer, daß ihre ganze Seiferei nur ein Vorwand ist. Sie hält es mit den andern und ist nur hergekommen, um zu sehen, was Sie für ein Gesicht dazu machen.« Gervaise tat ihre Hände von den Augen. Als sie Virginie mit drei, vier Frauen, zu denen sie leise sprach, vor sich sah, wurde sie von einem tollen Zorn gepackt. Mit den Armen suchte sie am Boden, drehte sich um, ging ein paar Schritte, traf auf einen vollen Eimer, packte ihn mit beiden Händen und leerte ihn mit ganzer Kraft aus. »Du Kamel!« schrie die lange Virginie. Sie war zurückgesprungen, und nur ihre Stiefel wurden naß. Das ganze Waschhaus, durch die Tränen der jungen Frau schon rebellisch gemacht, drängte hinzu, um der Schlacht zuzusehen. Wäscherinnen, die gerade mit dem Brotessen fertig waren, stiegen auf die Kübel. Andere liefen mit schaumigen Händen herbei. Es bildete sich ein Kreis. »Das Kamel, was fällt ihr denn ein, dieser tollen Person!« wiederholte die lange Virginie. Gervaise, das Kinn vorgestreckt, das Gesicht gerötet, antwortete nichts; sie hatte noch nicht das freche Maul von Paris. Die andere aber: »Natürlich! So was ist müd, sich in der Provinz herumzukugeln. Das hat noch nicht zwölf Jahre und dient schon als Matratze für die Soldaten. Ein Bein ist ihr in ihrer Heimat abgefault.« Man lachte. Virginie sah ihren Erfolg, kam zwei Schritte naher, reckte ihre lange Figur und schrie noch lauter: »Komm doch näher, daß ich dir deine Sache besorge! Du brauchst wirklich nicht daherzukommen, um uns anzuöden, verstehst du? Ich kenn' doch dein Fell! Hätt' sie mich getroffen, ich hätte ihr die Röcke schön hochgehoben und ihr hättet was zu sehen bekommen. Sie soll doch sagen, was ich ihr getan hab... Sag doch, du, was hat man dir denn getan? He?« »Reden Sie doch nicht so viel,« stotterte Gervaise... Sie wissen ganz gut ... man hat gestern abend meinen Mann gesehen... Schweigen Sie, weil ich Sie sonst erwürge!« »Ihren Mann! Ah, die ist gut; der gnädigen Frau ihren Mann! Als ob man mit einem solchen Gestell schon Männer hätte! ... Ist nicht meine Schuld, daß er dich versetzt hat. Hab ihn dir nicht gestohlen. Man kann mich durchsuchen... Soll ich es dir sagen, du hast ihn vergiftet, den Mann! Er war zu nett für dich... Er hatte doch wenigstens sein Halsband um, was? Wer hat den Gatten der Madame da gefunden? Es gibt eine Belohnung...« Wieder wurde gelacht. Gervaise sagte mit leiser Stimme immerfort: »Sie wissen ganz gut, Sie wissen ganz gut... Es ist Ihre Schwester, ich werde Ihre Schwester erwürgen...« »Ja,« höhnte Virginie, »reib dich nur an meiner Schwester! Jawohl, es ist meine Schwester! Leicht möglich, meine Schwester hat einen andern Schick als du... Aber geht mich das etwas an? Kann man denn nicht einmal mehr seine Wäsche ruhig waschen? Laß mich in Ruh, verstehst du, jetzt ist's genug.« Und sie kam immer wieder darauf zurück, nachdem sie fünf, sechs Schläge auf die Wäsche gegeben hatte; trunken und außer sich über die Beleidigungen, fing sie dreimal wieder von neuem an: »Ja, gewiß, ja, es ist meine Schwester... Bist du jetzt zufrieden? Man muß nur sehen wie die zwei sich gern haben. Man muß nur sehen, wie sie sich abschlecken! ... Und dich hat er mit seinen Bankerten versetzt! Schöne Kinder das, voller Krätze im Gesicht! Eines ist doch von einem Gendarmen, nicht? Und drei andere hast du krepieren lassen, um kein übermäßiges Gepäck hierher zu haben... Dein Lantier hat uns das erzählt. Oh, er erzählt schöne Sachen, er hat genug von deinem Gestell!« »Luder! Luder! Luder!« heulte Gervaise, außer sich. Wieder drehte sie sich um, suchte auf dem Boden, und da sie nichts anderes fand, nahm sie den kleinen Kübel mit Waschblau und goß das ganze Wasser Virginie ins Gesicht. »Das Schwein! Sie hat mir das ganze Kleid ruiniert,« schrie Virginie und hatte eine nasse Schulter und die linke Hand blau gefärbt. »Na warte, du Mensch!« Ihrerseits ergriff sie einen Eimer und leerte ihn über die junge Frau. Jetzt hub eine wahrhaftige Schlacht an. Sie sprangen längs der Zuber, ergriffen alle Kübel, deren sie habhaft werden konnten, und warfen sie sich an den Kopf. Jeder Wurf wurde von Ausrufen begleitet. Auch Gervaise gab nun Antworten. »Da, du Drecksau!... Den hast du ordentlich bekommen, das wird dir deinen Arsch abkühlen!« »Ah, die Sau! Da hast du was für deine Speckschwarte! Wasch dich so einmal in deinem Leben!« »Ja ich will dich einsalzen, du langer Stockfisch.« »Da noch einen voll!... Spül deine Zähne, mach Toilette für den Abend an der Ecke der Rue Belhomme, Hurenmensch!« Jetzt füllten sie ihre Eimer an den Wasserhähnen, und während sie volliefen beschimpften sie sich. Die ersten Eimer trafen sie kaum. Doch erhielt Virginie endlich den ersten so, daß ihr das Wasser in den Hals hinein und hinunter und über den Rücken lief und wieder unten bei den Kleidern herauspißte. Sie war noch ganz verstört, als ein zweiter Eimer Wasser sie von der Seite traf; ihr durchnäßter Chignon löste sich wie eine Schnur. Gervaise bekam den ersten Eimer auf die Beine; ihre Schuhe füllten sich mit Wasser bis an die Waden; zwei andere durchnäßten sie bis an die Hüften. Bald konnte man die Wasserschwälle nicht mehr unterscheiden. Beide troffen vom Kopf bis zu den Füßen, die Blusen lagen festgeklebt am Leibe, die Röcke auf den Hüften – mager, steif, zitternd und triefend wie Regenschirme bei einem Platzregen sahen sie aus. »Zum Totlachen!« rief die heisere Stimme einer Wäscherin. Das ganze Waschhaus unterhielt sich glänzend. Man war zurückgetreten, um nicht überschüttet zu werden. Geklatscht wurde und Spottworte flogen auf inmitten all des Lärmes der geschleuderten Eimer. Auf dem Boden waren Seen entstanden, darin die beiden Frauen bis zu den Knöcheln patschten. Virginie sann auf eine Schurkerei; sie stürzte sich auf einen von einer Nachbarin zurückgelassenen Eimer mit kochendem Wasser und schleuderte ihn. Ein Schrei! Man glaubte Gervaise wäre verbrannt. Sie hatte aber nur den linken Fuß leicht verbrüht. Durch den Schmerz außer sich, nahm sie diesmal einen ungefüllten Eimer und schleuderte ihn Virginie zwischen die Füße, so daß sie hinfiel. Alle Waschfrauen schrien zugleich: »Sie hat ihr ein Bein gebrochen!« »Aber die andere wollte sie abbrühen.« »Die Blonde hat recht! Man hat ihr ihren Mann nehmen wollen!« Frau Boche stieß die Arme zum Himmel hoch und jammerte. Sie hatte sich vorsichtig zwischen zwei Waschzuber gestellt; und die Kinder, Claude und Etienne, weinten, schluchzten, hingen sich an den Rock mit immerwährendem Geschrei: »Mama, Mama!« Als Frau Boche Virginie am Boden liegen sah, lief sie herbei, zog Gervaise an den Röcken und sagte: »Gehen Sie doch schon und seien Sie vernünftig! Mir ist das Blut erstarrt, meiner Seel! Hat man denn schon einmal so was gesehen!« Aber schon sprang sie wieder zurück, flüchtete mit den Kindern hinter die Zuber. Denn Virginie sprang eben Gervaise würgend an den Hals. Diese aber machte sich mit einem Ruck frei, hing sich ihrerseits an Virginies Zopf, als wollte sie ihr daran den Kopf herunterreißen. Die Schlacht begann von neuem. Diesmal stumm, ohne Schrei, ohne Wort. Sie nahmen sich nicht um den Leib, aber sie stießen sich die Nägel ins Gesicht, packten, zwickten, zerkratzten mit den Händen, was sie erwischen konnten. Das rote Band und das blaue Chenillenetz wurden heruntergerissen; die Taille sprang auf, zeigte Fleisch, eine ganze Schulter wurde sichtbar, während der Blonden ein Ärmel der Jacke herausgerissen wurde, sie wußte nicht wie, so daß ein nackter Spalt in der Taille sichtbar wurde. Stoffetzen flogen. Bei Gervaise floß zuerst Blut. Sie hatte drei Kratzer unterhalb des Mundes zum Kinn hin; um ihre Augen zu schützen, machte sie sie bei jedem Schlag zu, aus Angst, sie herausgerissen zu bekommen. Virginie blutete noch nicht. Gervaise zielte nach ihren Ohren und wurde ganz wild, daß sie sie nicht zu fassen bekam; endlich erwischte sie einen Ohrring, eine Birne aus grünem Glas; sie zog, spaltete das Ohr; das Blut floß. »Sie bringen sich um! Trennt doch die Meerkatzen«, riefen mehrere Stimmen. Die Wäscherinnen traten näher. Zwei Parteien bildeten sich. Die einen hetzten die beiden Frauen wie Hunde, die sich balgen; andere wieder, nervösere, standen zitternd, bogen die Köpfe ab, hatten genug, sagten, daß sie ganz krank davon würden. Fast wäre es zu einer allgemeinen Schlacht gekommen; erbarmungslos beschimpfte man sich schon, reckte die nackten Arme, drei Ohrfeigen fielen. Frau Boche ging den Jungen des Waschhauses suchen. »Karl! Karl! Wo steckt er denn?« Sie fand ihn auf dem ersten Stock mit gekreuzten Armen zuschauend. Er war ein großer Bursch mit starkem Nacken. Er lachte und genoß das nackte Fleisch, das die Frauen sehen ließen. Die kleine Blonde war ja fett wie eine Wachtel. Ein Genuß, wenn ihr das Hemd platzte! »Schau, schau,« sagte er und kniff das Auge ein, »sie hat ein Muttermal unter dem Arm.« »Da stehen Sie!« schrie Frau Boche, als sie ihn sah. »Helfen Sie doch, sie auseinanderbringen! ... Sie könnten sie doch trennen.« »Ich danke! Was geht denn das mich an?« sagte er ganz ruhig. »Damit man mir die Augen zerkratzt wie neulich einmal, nicht? Dafür bin ich nicht angestellt, ich hab Arbeit genug. Übrigens, haben Sie keine Angst, Mutter Boche, das tut denen nur gut, so ein kleiner Aderlaß, das macht sie sanfter.« Daraufhin erklärte die Hausmeisterin, sie würde die Polizei holen. Aber die Besitzerin des Waschhauses, die zarte junge Frau mit den kranken Augen, war durchaus dagegen, wiederholte einigemal: »Nein, nein, das will ich nicht, das kompromittiert mein Geschäft.« Und drunten ging der Kampf weiter. Mit einem Ruck erhob sich Virginie auf die Knie. Sie packte einen Schlägel und schwang ihn hoch. Mit ganz veränderter Stimme röchelte sie: »So eine Hundesau! Warte!« Rasch packte Gervaise ebenfalls einen Schlägel und hielt ihn wie eine Keule. Auch sie hatte eine ganz heisere Stimme. »Du willst also große Wäsche? ... Sollst sie haben! Her mit deiner Haut, damit ich Fetzen daraus mache!« Einen Augenblick lang blieben sie in dieser knieenden Stellung sich bedrohend. Die Haare im Gesicht, mit keuchender Brust, verdreckt, durchnäßt, beobachteten sie sich, wartend, um wieder Luft zu gewinnen. Gervaise führte den ersten Streich; der Schlägel traf Virginiens Schulter. Sie warf sich zur Seite, um dem Schlägel der andern zu entgehen, der sie an der Hüfte streifte. Endlich im Zug, schlugen sie sich so, wie die Wäscherinnen ihre Wäsche schlagen, fest und im Takt. Wenn sie trafen, dämpfte sich der Schlag; es klang wie Schlage auf Wasser in einem Kübel. Es lachten die Wäscherinnen nicht mehr. Einige waren davongelaufen, weil es ihnen, wie sie sagten, den Magen umdrehe. Die andern, die geblieben waren, streckten die Hälse mit vor Grausamkeit leuchtenden Augen, fanden diese zwei Weiber famos. Frau Boche hatte Claude und Etienne ans andere Ende weggeführt; man hörte ihr Schluchzen, vermischt mit dem Aufschlagen der beiden Klopfer. Plötzlich heulte Gervaise auf. Virginie hatte sie heftig auf den bloßen Arm oberhalb dem Ellbogen getroffen; sofort schwoll das Fleisch an und ließ einen roten Fleck sehen. Nun warf sie sich vor. Man dachte, sie würde die andere erschlagen. »Genug! Genug!« wurde geschrien. Sie hatte ein so schreckliches Gesicht, daß niemand sich ihr zu nähern wagte. Mit verdoppelten Kräften packte sie Virginie bei der Taille, bog sie zusammen, mit dem Gesicht auf die Fliesen gedrückt, die Hüften in der Luft; trotz der Gegenstöße hob sie ihr die Röcke hoch. Darunter war eine Hose. Sie steckte ihre Hand in den Schlitz, riß ihn auf und zeigte alles, Schenkel nackt, Hintern nackt. Mit erhobenem Schlägel fing sie an darauflos zu dreschen, wie sie ehmals in Plassans am Ufer der Viorne darauflos schlug, wenn sie die Wäsche der Soldaten aus der Garnison wusch. Das Holz gab nach im Fleisch, mit einem weichen feuchten Geräusch. Mit jedem Schlag wurde ein roter Striemen auf dem weißen Fleisch sichtbar. Karl pfiff leise durch die Lippen, ganz entzückt und mit langgestielten Augen. Wieder hub das Gelächter an, aber auch das Geschrei: »Genug, genug!« Gervaise hörte nichts, wurde nicht müde. Sie schaute auf ihre Arbeit, gebeugt, beschäftigt, keine Stelle trocken zu lassen. Sie wollte diese ganze Haut zerpracken, mit Striemen versehen. Und dabei trällerte sie, von einer tollen Lustigkeit gepackt, in Erinnerung an ein Wäscherinnenlied: »Patsch, patsch, Margot wäscht die Wäsche. Patsch, patsch, die Wäsche kriegt die Dresche. Margot wäscht ihr Herz, patsch. Das ist schwarz vor Schmerz, patsch.« Und fuhr fort: »Das ist für dich, das ist für deine Schwester, das für Lantier... Wenn du sie wieder siehst, gibst du ihnen... Paß auf, ich fang von vorne an... Das ist für Lantier, das für deine Schwester, das für dich... Patsch, patsch! Margot im Waschhaus, patsch, patsch!« »Dresche! Dresche!« Man mußte ihr Virginie aus den Händen reißen. Die große Braune, das Gesicht unter Tränen, purpurrot vor Scham und Wut, nahm ihre Wäsche auf und floh; sie war besiegt. Gervaise schlüpfte in den Ärmel ihrer Jacke, heftete ihre Röcke fest. Ihr Arm tat ihr weh, sie bat Frau Boche, ihr die Wäsche auf die Schulter zu legen. Die Hausmeisterin erzählte den Hergang der Schlacht und ihre Empfindungen dabei, sagte, sie wolle nachschauen. »Sie haben vielleicht etwas gebrochen, ich hörte so einen Knacks...« Aber die junge Frau wollte fort. Sie sagte nichts auf die Bekräftigungen und Belobigungen der schwätzenden Waschweiber, die sie umgaben, aufrecht dastanden in ihren Schürzen. Beladen erreichte sie die Türe, wo die Kinder sie erwarteten. »Zwei Stunden, das macht zwei Sous«, sagte die Besitzerin des Waschhauses, die wieder in ihrem Glaskasten saß. »Wofür zwei Sous?« Sie verstand nicht mehr, daß man von ihr den Preis für den Platz verlangte. Dann gab sie ihre zwei Sous her. Sie hinkte heftig unter der Last der nassen Wäsche auf ihrer Schulter. Durchnäßt, mit blauem Ellbogen, Blut auf der Wange, so ging sie, die beiden Kinder an nackten Armen nachziehend, die hinter ihr trippelten, noch schluchzend mit von Tränen verschmierten Gesichtern. Der Waschraum nahm wieder seine Tätigkeit unter entsetzlichem Lärm auf. Die Wäscherinnen hatten ihren Wein getrunken, ihr Brot gegessen und schlugen noch fester auf ihre Wäsche mit entflammten Gesichtern, angeregt durch die Schlacht der beiden. Längs der Waschzuber war wieder die lebhafte Bewegung der Arme, kantige Profile wie von Marionetten mit gebrochenen Lenden, ausgehängten Schultern, die sich heftig wie in Scharnieren bogen. Die Unterhaltung wurde wieder weitergeführt, von einem Ende zum andern. Stimmen, Lachen, saftige Worte mischten sich in das Geräusche des Wassers. Die Wasserhähne spuckten, die Eimer spritzten Lachen, ein ganzer Fluß floß unter den Waschbottichen weg. Es war ein erbärmlicher Nachmittag, wie zerstoßen von den Schlägen des Waschbleuels lag die Wäsche umher. Der riesige Saal dampfte von rötlichem Dunst, und ab und zu schlüpften Sonnenkringeln wie goldene Ballen durch die zerrissenen Vorhänge. Alles atmete den beklemmenden, faden Seifengeruch. Plötzlich aber war der ganze Raum erfüllt von einem weißen Dunst: wie mittels einer im Innern angebrachten Hebelvorrichtung hob und senkte sich der riesige Kupferdeckel über dem Kessel zum Auskochen der Wäsche; und aus der klaffenden Öffnung des mit Ziegeln ausgemauerten Kessels stieg qualmender Dampf und verbreitete süßlichen Laugengeschmack. An der Seite waren die Wringmaschinen in voller Tätigkeit. Ballen Wäsche wurden in die gußeisernen Zylinder gestopft, die Maschine ächzte und dampfte, ein Rad drehte sich und das Wasser enttropfte der Wäsche; und das Knirschen der stählernen Hebelarme durchrüttelte den Waschraum mit noch stärkerem Lärm. In der Allee zum Hotel Bonncoeur kamen Gervaise die Tränen wieder. Es war eine schwarze, schmale Allee, an deren Mauer entlang ein kleiner Bach mit Schmutzwasser lief; und dieser Gestank erinnerte sie an diese letzten vierzehn Tage, die sie da mit Lautier verbracht hatte; vierzehn Tage voller Elend und Streit, deren Erinnern jetzt ein brennendes Bedauern war. Sie meinte jetzt dem Elend ganz preisgegeben zu sein. Oben war das kahle Zimmer voller Sonne; das Fenster stand offen. Diese Sonne, dieser tanzende vergoldete Staub machte die schwarze Zimmerdecke und die herabgerissenen Tapeten der Wände noch erbärmlicher. Nichts war mehr da; nur ein kleines altes, zum Strick zusammengerolltes Halstuch an einem Nagel in der Nähe des Kamins. Das Kinderbett war in die Mitte des Zimmers gezogen und zeigte die Kommode und deren offen gelassene leere Schubladen. Lantier hatte sich gewaschen, hatte die ganze Pomade aufgebraucht, für zwei Sous Pomade auf einer alten Spielkarte; das fette Wasser seiner Hände füllte die Waschschüssel. Er hatte nichts vergessen; der leere Winkel, wo sonst der Koffer stand, schien Gervaise ein großes Loch geworden. Sie fand nicht einmal mehr den kleinen runden Spiegel, der schief an der Wand hing. Da dämmerte ihr etwas auf; sie schaute auf den Kamin: Lantier hatte die Quittungen aus dem Leihhaus, das Paket aus zartem Rosapapier mitgenommen, das zwischen den beiden ungleichen Leuchtern aus Zinn lag. Sie hing ihre Wäsche über eine Stuhllehne, blieb stehen, drehte und untersuchte alle Möbel, war so entsetzt, daß ihr die Tränen stillstanden. Es blieb ihr nur mehr ein Sou von den vieren, die sie für das Waschhaus zurückbehalten hatte. Als sie am Fenster Claude und Etienne schon getröstet lachen hörte, trat sie näher, nahm die beiden Köpfe unter den Arm, vergaß sich einen Augenblick beim Betrachten dieser grauen Allee, wo sie am Morgen das Erwachen der Arbeiter sah, die Riesenarbeit dieser Stadt Paris. Zu dieser Stunde strömte das vom Leben des Tages glühende Pflaster eine brennende Strahlung über die Stadt, hinweg über die Mauer. Auf dieses Pflaster, in diese Ofenglut stieß man sie allein mit ihren beiden Kindern; sie überschaute mit einem einzigen Blick diese äußern Boulevards rechts und links hinauf; der Blick blieb an beiden Enden haften, mit Entsetzen denkend, daß nun ihr Leben sich zwischen einem Schlachthaus und einem Spital abspielen würde. 2 Drei Wochen später, an einem schönen Sonnentag, gegen halb zwölf, saßen Gervaise und Coupeau der Zinkarbeiter zusammen und aßen Pflaumen im »Totschläger« des Vater Colombe. Von Coupeau, der nur gerade eine Zigarette auf dem Trottoir geraucht hatte, war sie gezwungen worden einzutreten, als sie über die Straße kam; sie hatte Wäsche ausgetragen; ihr großer viereckiger Büglerinnenkorb stand auf dem Boden neben ihr hinter dem kleinen Blechtisch. Der »Totschläger« des Vater Colombe lag an der Ecke der Rue des Poissonniers und des Boulevard Rochechouart. Das Schild zeigte in langen blauen Buchstaben das eine Wort Destille, von einem Ende zum andern. Es standen zweiseitig vor der Tür verstaubte Lorbeerbäume. Das überaus große Büfett mit seinen Gläsern, seinem Spülhahn und seinen Zinntassen war links beim Eingang; und der ganze große Raum war garniert mit dicken Fässern, die gelb gestrichen vorglänzten und deren Reifen und Hähne aus Kupfer blinkten. Höher auf Gestellen standen Likörflaschen, Fruchtschalen; allerlei Sorten Flaschen in guter Ordnung verdeckten die Mauern, spiegelten sich im Spiegel hinter dem Büfett wie grelle Flecken von apfelgrüner, goldener oder zartbrauner Farbe. Aber die große Sehenswürdigkeit der Destille war hinten auf der andern Seite einer Barre aus Eichenholz, in einem Hof mit Glasdach, der Destillationsapparat, den die Gäste funktionieren sehen konnten; Retorten mit langen Hälsen, Serpentinen, die unter die Erde gingen, mit einem Wort eine Teufelsküche, vor der die trunksüchtigen Arbeiter träumen kamen. Zu dieser Stunde blieb der »Totschläger« leer. Der Vater Colombe, ein dicker Vierziger in der Ärmelweste, bediente ein kleines zehnjähriges Mädchen, das um vier Sous Korn in einer Tasse verlangte. Durch die Türe brach ein Sonnenstrahl und erwärmte den Boden, der immer naß von der Spucke der Raucher war. Vom Büfett und von all den Tonnen her kam ein dicker Schnapsgeruch. Coupeau rollte sich eine neue Zigarette. Er war sehr sauber, trug eine Bluse und eine kleine Mütze aus blauem Leinen und zeigte lachend seine weißen Zähne. Der Unterkiefer etwas vortretend und mit etwas geplatteter Nase, hatte er schöne kastanienbraune Augen und das Aussehen eines vergnügten Hundes, eines guten Kindes. Seine dicken gelockten Haare standen hoch. Er hatte noch die zarte Haut seiner sechsundzwanzig Jahre. Ihm gegenüber saß Gervaise, in schwarzem Lüster, ohne Hut, und beendete ihre Pflaume, die sie mit den Fingerspitzen am Stengel hielt. Sie saßen ganz nahe der Straße, am ersten der vier vorderen Tische, längs der Tonnen vor dem Büfett. Als der Schweißer seine Zigarette angezündet hatte, stellte er den Ellenbogen auf den Tisch und schaute mit vorgebeugtem Kopf die junge Frau einen Augenblick lang an ohne etwas zu sagen; ihr hübsches Blondinengesicht hatte an diesem Tage eine milchige Durchsichtigkeit wie feines Porzellan. Dann in Anspielung auf eine ihnen beiden allein bekannte, schon durchgesprochene Sache fragte er einfach, mit halblauter Stimme: »Also nein? Sie sagen nein?« »Ganz bestimmt nein, Herr Coupeau«, antwortete Gervaise ruhig lächelnd. »Sie werden mir doch nicht hier davon sprechen? Sie hatten mir außerdem versprochen, vernünftig zu sein... Wenn ich das gewußt hätte, wäre ich nicht hereingekommen.« Er sagte nichts darauf, schaute sie nur immerfort ganz nah an, mit einer etwas verwegenen Zärtlichkeit sich anbietend; seine Leidenschaft zeigte sich zumal in seinen kleinen Mundwinkeln, die zart rosa, etwas feucht waren und das lebhafte Rot der Lippen sehen ließen, sobald er sie öffnete. Sie wich jedoch nicht zurück, sie blieb still und freundlich. Nach einer Weile sagte sie: »Sie denken hoffentlich nicht ernstlich daran. Ich bin jetzt eine alte Frau; ich habe einen Buben von acht Jahren ... Was würden denn wir zwei zusammen machen?« »Na«, brummte Coupeau, »halt das, was auch die andern machen!« Aber sie wehrte gelangweilt ab. »Gott, wenn Sie glauben, daß das immer amüsant ist? Man sieht schon, daß Sie noch nie einen Haushalt hatten ... Nein, Herr Coupeau, ich muß an ernste Dinge denken. Das Spaßmachen führt zu nichts, verstehen Sie? Ich habe zwei Mäuler zu Haus zu stopfen, und die verschlingen tüchtig! Wie wollen Sie denn, daß ich meine kleine Welt aufziehe, wenn ich mich leichtsinnig amüsiere? ... Und dann, wissen Sie, war mein Unglück eine gute Lehre für mich. Sie wissen ja, jetzt liegen mir die Männer nicht mehr. Man wird mich auf lange hinaus nicht mehr dafür haben können.« So erklärte sie ohne Erregung, mit einer großen Klugheit, sehr kühl, als ob es sich um eine Arbeit gehandelt hätte. Man sah, daß sie sich das in den Kopf gesetzt hatte, und nach reiflicher Überlegung. Coupeau wiederholte betrübt: »Sie machen mir viel Kummer, wirklich viel Kummer ...« »Ja, das sehe ich, und es tut mir leid für Sie, Herr Coupeau ... Es darf Sie nicht verletzen. Wäre mir zum Lachen zumute, dann sicherlich lieber mit Ihnen als mit jedem andern. Sie sehen wie ein guter Junge aus und Sie sind auch hübsch. Man würde sich zusammentun, nicht? Und es würde eben dauern, solange es dauert. Ich spiele ja nicht die Prinzessin, sage auch nicht, daß es hätte so kommen können ... Aber wozu soll's denn? Wo ich doch gar keine Lust dazu habe? Seit zwei Wochen arbeite ich bei Frau Fauconnier. Die Kleinen gehen zur Schule. Ich arbeite, bin zufrieden ... Wie? Ist es darum nicht besser so wie es ist?« Und sie beugte sich hinunter, um ihren Korb aufzunehmen. »Ich sitze und schwatze, man wird mich im Geschäft erwarten ... Sie werden schon eine andere finden, Herr Coupeau, eine Schönere als ich, die nicht zwei Bälge mit sich herumziehen muß.« Er schaute nach der runden Uhr unter Glas. Er hieß sie wieder niedersitzen und rief: »So warten Sie doch! Es ist ja erst halb zwölf Uhr ... Ich habe noch fünfundzwanzig Minuten ... Sie fürchten doch nicht, daß ich Dummheiten mache, es steht ja der Tisch zwischen uns ... Oder hassen Sie mich so sehr, daß Sie nicht einmal ein bißchen mit mir plaudern wollen?« Wieder setzte sie ihren Korb hin, um ihn nicht zu kränken; und sie sprachen wie gute Freunde. Sie hatte bereits gegessen, ehe sie ihre Wäsche austrug; er hatte sich beeilt, seine Suppe und das Rindfleisch hinunterzuschlucken, um sie abpassen zu können. Gervaise, die liebenswürdig antwortete, schaute gleichzeitig durch die Fenster zwischen den Obstschalen und den Schnäpsen hindurch auf die Straße, wo die Essenszeit eine große Menschenmenge zusammenführte. Auf beiden Trottoirs, zwischen den eng stehenden Häusern war ein Geschiebe von Schritten, ein Schlenkern von Armen, ein Ellenbogenstoßen ohne Ende. Die Verspäteten, welche die Arbeit zurückgehalten hatte, kamen die Straße mit großen Sprüngen daher; mit der verdrießlichen Miene des Hungers traten sie beim Bäcker ein; wenn sie wieder herauskamen, ein Pfundbrot unter dem Arm, gingen sie drei Häuser weiter zum »Zweiköpfigen Kalb«, wo sie für zwei Sous ein gewöhnliches Essen verlangten. Neben dem Bäcker war eine Hökerin, die Bratkartoffeln in Petersilie und gekochte Miesmuscheln verkaufte; ein Defilee von Arbeiterinnen in langen Schürzen, die Kartoffeln in hohen Tüten und Miesmuscheln in Tassen davontrugen; andere hübsche Mädchen mit bloßen Köpfen, von zartem Aussehen, kauften Radieschen in Bündeln. Wenn Gervaise sich vorbeugte, konnte sie auch noch einen Schweinemetzgerladen voll mit Menschen sehen; Kinder kamen heraus, die in fettigem Papier eine panierte Kotelette trugen, eine Wurst oder heiße Blutwürste. Selbst bei schönem Wetter war die Chaussee voll von schwarzem Dreck durch das Gestampfe der hin und her wogenden Menge; einige Arbeiter verließen schon die Garküchen; schlendernd zu Gruppen verteilt, klopften sie sich mit offenen Händen auf die Schenkel, vollgegessen, langsam und ruhig inmitten des Gedränges. Vor der Türe zum »Totschläger« war eine Gruppe stehengeblieben: »Sag mal, Bibi-la-Grillade,« fragte eine heisere Stimme, »zahlst du eine Runde Vitriol?« Fünf Arbeiter traten ein, sie blieben stehen. »Dieser Dieb, der Vater Colombe!« nahm die Stimme wieder auf. »Du weißt doch, wir müssen vom alten haben, und nicht in so kleinen Nußschalen, gib wirkliche Gläser!« Der Vater Colombe bediente mit ruhigem Gleichmut. Eine andere Gesellschaft von drei Arbeitern trat ein. Nach und nach häuften sich die Blusen, am Rande des Trottoirs machten sie kurze Station, um sich schließlich stoßend in den Salon zu drängen, zwischen den beiden grauverstaubten Lorbeerbäumen durch. »Sie sind nicht gescheit! Sie denken nur an die Schweinereien,« sagte Gervaise zu Coupeau. »Gewiß habe ich ihn gern gehabt ... Aber natürlich, nachdem er mich auf so ekelhafte Art verlassen hat ...« Sie sprachen von Lantier. Gervaise hatte ihn nicht wiedergesehen; sie glaubte, er lebe mit Virginies Schwester bei diesem Freunde, der die Hutfabrik errichten wollte auf der Glacière. Übrigens dachte sie nicht daran, ihm nachzulaufen. Zuerst habe sie ja großes Leid empfunden; wollte sich sogar ins Wasser werfen; aber dann habe sie Vernunft angenommen, sei ruhig geworden und es befände sich jetzt alles im besten. Vielleicht hätte sie mit Lantier niemals die Kleinen ordentlich erziehen können, so viel Geld hat er für sich verbraucht. Er könne kommen und Claude und Etienne küssen, sie würde ihn nicht hinauswerfen. Was sie aber selbst beträfe, so ließe sie sich lieber in Stücke hauen, ehe sie sich auch nur mit einem Finger wieder anrühren lasse. Das alles sagte sie wie eine resolute Frau, die ihren Lebensplan sich gesteckt hat; Coupeau aber, immer unter dem Wunsche, sie zu besitzen, scherzte und verdrehte alles in Scherz, stellte rohe und freche Fragen über Lantier, immer lustig mit seinen weißen Zähnen lachend, so daß Gervaise nicht daran dachte, sich verletzt zu fühlen. »Sie haben ihn geschlagen,« sagte er. »Oh, Sie sind nicht gut! Sie geben allen Leuten die Peitsche!« Sie unterbrach ihn mit einem langen Lachen. Es war ja wahr, sie hatte dieser Stange, der Virginie, die Peitsche gegeben. An jenem Tage hatte sie leichten Herzens jemanden erwürgen können. Und sie lachte noch stärker, als Coupeau ihr erzählte, daß Virginie das Stadtviertel verlassen hätte, außer sich darüber, alles gezeigt zu haben. Ihr Gesicht behielt jedoch das kindliche sanfte Aussehen; sie streckte ihre gepolsterten runden Hände vor und versicherte, sie könne keiner Fliege etwas zuleide tun; sie kenne Schläge nur daher, weil sie in ihrem Leben schon genug davon bekommen habe. Dann sprach sie von ihrer Jugend in Plassans. Sie sei nie eine Läuferin hinter den Männern gewesen; die Männer langweilten sie; als Lantier sie vierzehn Jahre alt nahm, fand sie das ganz hübsch, weil er sagte, er wäre ihr Mann und weil sie glaubte, sie spielten nun Ehe zusammen. Ihr einziger Fehler wäre, versicherte sie, daß sie so leichtgläubig wäre, alle Leute liebe und sich für Menschen einsetze, die ihr alsdann übel mitspielten. Wenn sie einen Mann liebhabe, denke sie gar nicht an Dummheiten, ihr Traum sei, immer nur glücklich mit ihm zusammen zu leben. Als Coupeau Witze machte und von ihren beiden Kindern sprach, die sie doch wohl nicht unter dem Kopfkissen ausgebrütet hätte, gab sie ihm einen Klaps auf die Finger und sagte, sie sei gewiß so gemacht wie alle andern Frauen; aber es wäre ein Irrtum zu glauben, daß die Frauen nur immer hinter dem her wären; die Frauen dächten an ihren Haushalt, arbeiteten sich zuschanden und gingen zu müde am Abend zu Bett, um nicht gleich einzuschlafen. Sie gleiche ganz ihrer Mutter, die, eine harte Arbeiterin, vor Mühsal gestorben sei, nachdem sie dem Vater Macquart zwanzig Jahre als Arbeitstier gedient hätte. Sie wäre daneben ganz schmächtig, während ihre Mutter Schultern gehabt hätte, mit denen sie Türen einrennen konnte, aber das verhindere nicht, daß sie ihr gleiche in der Sucht, sich an Menschen anzuschließen. Sogar daß sie ein wenig trinke, habe sie von ihr, der armen Frau, die der Vater Macquart mit Schlägen traktierte. Hundertmal wohl habe sie ihr erzählt, von Nächten, in denen der Vater betrunken nach Hause kam und sich dann von einer so rohen Zärtlichkeit zeigte, daß es ihr fast die Knochen zerbrach; und sicher verdanke sie so einer Nacht ihr Dasein und das hinkende Bein. »Oh, das ist ja fast nichts, man sieht ja kaum was«, sagte Coupeau, um sich angenehm zu machen. Sie schüttelte den Kopf. Sie wüßte wohl, daß man das sehe; mit vierzig Jahren würde sie zusammenbrechen. Dann mit sanftem Lächeln: »Sie haben einen komischen Geschmack, eine Hinkende zu lieben.« Er aber, immer noch die Ellbogen aufgestützt, brachte sein Gesicht naher heran; er sagte ihr Artigkeiten, indem er Worte riskierte, die sie betäuben sollten. Aber sie schüttelte immer nur den Kopf, ohne sich verführen zu lassen, wenn auch geschmeichelt durch die lockende Stimme. Sie horchte zu und sah dabei hinaus, als ob sie sich für die noch immer wachsende Menge draußen interessierte. Jetzt wurde in den leeren Läden ausgekehrt; die Hökerin zog ihre letzte Pfanne mit Bratkartoffeln herein, nur der Metzger stellte seine in Unordnung geratenen Teller wieder auf dem Ladentisch zurecht. Aus allen Garküchen kamen Trupps von Arbeitern, bärtige Burschen gaben sich freundschaftliche Rippenstöße, spielten wie die Gassenjungen, mit ihren genagelten Schuhen einen Lärm auf dem Pflaster vollführend; andere wieder, die Hände in den Hosentaschen, rauchten nachdenklich, die Augen halb geschlossen, gegen die Sonne gerichtet. Trottoir, Fahrdamm und alle Querwege waren überflutet von Menschen, träge wälzte sich die Masse aus den offenen Türen, hielt inmitten des Wagengedränges an, bildete einen langen Zug von Blusen, Kapotten und alten Paletots, und das helle Licht der Laternen, die die Straße säumten, blendete von ihren bleichen, verschossenen Farben. In der Ferne pfiffen die Sirenen der Fabriken; doch die Arbeiter beeilten sich nicht; sie steckten ihre Pfeifen nochmals an, ehe sie mit rundem eingezogenem Rücken sich von einer Weinschenke zur andern zuriefen und endlich sich entschlossen, den Weg zur Werkstatt mit schleppendem Schritt zu machen. Gervaise schaute vergnügt drei Arbeitern, einem größeren und zwei kleineren, zu, die sich jeden zehnten Schritt lang umsahen; endlich kamen sie die Straße herunter und traten in den »Totschläger« des Vater Colombe. »Schauen Sie, da sind drei, die nicht gern arbeiten«, sagte sie. »Ich kenne den Großen,« sagte Coupeau; »es ist Mes-Bottes, ein Kamerad. Der »Totschläger« hatte sich ganz gefüllt. Man sprach sehr laut, das allgemeine heisere Murmeln wurde von schreienden Stimmen übertönt. Faustschläge auf das Büfett ließen zeitweilig alles Glas darauf erzittern. Alle standen, die Hände gekreuzt auf dem Bauch oder auf dem Rücken. Die Trinker bildeten kleinere Gruppen, eng beieinander; bei den Tonnen standen ganze Ansammlungen, die wohl eine Viertelstunde warten mußten, ehe sie ihre Bestellung an Vater Colombe machen konnten. »Was! Das ist ja der Aristokrat Cadet-Cassis!« schrie Mes-Bottes, indem er Coupeau einen ordentlichen Schlag auf die Schulter versetzte. »Ein schöner Herr das, der Papier raucht und Wäsche trägt! Man will seiner Freundin imponieren und zahlt ihr Süßigkeiten!« »Hol dich der Teufel!« sagte Coupeau wütend. Der andere aber grinste. »Laß nur! Wir sind schon im Bilde, mein Bester! Flegel bleibt Flegel.« Und er drehte dem Paar den Rücken, nachdem er Gervaise angeglotzt hatte. Diese lehnte sich etwas erschreckt zurück. Der Pfeifenrauch, der starke Geruch all dieser Männer verband sich mit der alkoholgeschwängerten Luft, verlegte ihr den Atem und machte sie husten. »Wie häßlich ist das Trinken!« sagte sie leise. Und sie erzählte, daß sie ehemals mit ihrer Mutter in Plassans Anisette getrunken habe. Aber fast wäre sie daran eines Tages vor Übelkeit gestorben, und seither widerstrebte es ihr; sie könne keinen Schnaps mehr sehen. »Sehen Sie,« fügte sie hinzu, indem sie auf ihr Glas zeigte, »ich habe meine Pflaume gegessen; die Sauce aber werde ich stehen lassen, denn es würde mir davon übel werden.« Coupeau seinerseits konnte es auch nicht verstehen, wie man Schnaps gläserweise hinuntergießen könne. Aber eine Pflaume hin und wieder, das wäre nicht schlecht. Aber Vitriol, Absinth oder andere Schweinereien, gute Nacht! Das brauchte man nicht. Seine Kameraden mochten ihn hänseln wie sie wollten, er bliebe hübsch an der Türe, wenn diese Süfflinge in Schnapsbudiken gingen. Der Vater Coupeau, der auch Zinkarbeiter wie er gewesen wäre, der habe sich an einem solchen Sauftag den Kopf zerschmettert auf dem Pflaster der Rue Coquenard, er sei von der Dachrinne des Hauses Nummer 25 heruntergefallen; diese Erinnerung habe sie alle in der Familie nüchtern gemacht. Wenn er durch die Rue Coquenard ginge und an die Stelle käme, möchte er eher Wasser aus dem Rinnstein trinken als umsonst ein Glas Schnaps in der Kneipe. Er endete mit den Worten: »Bei unserm Handwerk muß man feste Beine haben.« Gervaise hatte ihren Korb wieder ergriffen, stand jedoch nicht auf, sondern hielt ihn auf den Knien, die Augen verloren träumend, als ob die Worte des jungen Arbeiters in ihr entfernte Erinnerungen geweckt hätten. Langsam sagte sie ohne scheinbare Beziehung: »Mein Gott, ich bin nicht ehrgeizig, ich verlange nicht viel für mich ... Mein Ideal wäre es, ruhige Arbeit, immer Brot haben, ein sauberes Loch zum Schlafen, wissen Sie, ein Bett, ein Tisch und zwei Stühle, nicht mehr ... Ach, ich würde auch meine zwei Kinder gut erziehen, gute Menschen daraus machen, wenn es möglich wäre ... Und noch ein Ideal hätte ich, das ist, nicht geschlagen zu werden, wenn ich mich je wieder mit jemandem zusammentäte; nein, das würde mir nicht passen, geschlagen zu werden ... Das, sehen Sie, das ist alles, ist alles ...« Sie suchte und untersuchte noch ihre Wünsche, fand aber nichts Erwähnenswertes mehr. Doch sagte sie noch nach einigem Zögern: »Ja, am Ende könnte man auch noch den Wunsch haben, in seinem Bett zu sterben ... Wenn ich mein Leben lang genug geschuftet habe, möchte ich gern in meinem eigenen Bett bei mir sterben.« Und damit stand sie auf. Coupeau hatte mit dem Kopf lebhaft nickend zugestimmt; er stand schon, die Zeit drängte. Aber sie gingen noch nicht gleich fort; sie war neugierig auf die große Maschine im Hintergrund, den großen Destillator aus rotem Kupfer, der auf dem kleinen Glashof arbeitete. Der Zinkarbeiter war ihr gefolgt, erklärte ihr, wie das lief und deutete mit dem Finger auf die verschiedenen Teile des Apparates, zeigte ihr die große Retorte, aus der ein durchsichtiger dünner Streifen Alkohol lief. Der Apparat mit all seinen gewundenen Röhren und sonderbaren Aufsaugern hatte ein düsteres Aussehen; kein Wölkchen Dampf entwich, kaum hörte man ein unterirdisches Geräusch, nur so ein leises Schnarchen; das war wie ein Nachtgeschäft bei hellichtem Tag, ausgeführt von einem düstern, stummen, doch mächtigen Gesellen. Auch Mes-Bottes war mit seinen beiden Kameraden herangetreten; an die Eichenbarriere gelehnt, warteten sie darauf, daß eine Ecke des Büfetts frei würde. Er lachte knarrend wie eine schlechtgeschmierte Winde, schüttelte leise den Kopf und betrachtete mit zärtlichen Augen die Maschine. Donnerwetter! Das war eine nette Sache! In diesem Kupferbauch war genug, sich acht Tage lang die Kehle frisch zu halten. Er möchte wohl, daß man ihm das Ende der Röhre zwischen die Zähne lötete, damit der heiße Branntwein ihn fülle bis zu den Fersen hinunter, immerfort, immerfort, wie ein kleiner Bach. Verdammt noch eins! Da wäre er nicht mehr weggegangen und das wäre doch was besser als diese kleinen Fingerhüte dieses rotköpfigen Vater Colombe! Seine Kameraden lachten und sagten, daß dieses Tier Mes-Bottes doch einen verfluchten Schlund habe. Die Retorte fuhr leise, ohne Flamme, ohne Frohsinn in den ausgelöschten Reflexen ihres Kupfers fort zu arbeiten und ließ den Alkohol fließen, gleich einer langsamen eigensinnigen Quelle, die sich mit der Zeit des Raumes bemächtigen wird, sich ausgießend über die Boulevards, ausfüllend das große Loch Paris. Gervaise bekam einen leichten Schüttelfrost, sie zog sich zurück, lächelte gezwungen und sagte: »Das ist dumm, diese Maschine macht mir kalt, das Getränk macht mich kalt ...« Dann kam sie wieder auf ihre Idee eines vollkommenen Glücks zurück: »Nicht wahr? Das ist doch besser. Arbeiten, Brot essen, ein Loch für sich, seine Kinder erziehen und in seinem Bett sterben ...« »Und nicht geschlagen werden,« fügte Coupeau lustig hinzu. »Ich würde Sie nicht schlagen, Frau Gervaise. Keine Angst, ich trinke nie, liebe Sie auch zu sehr ... Na, heute abend werden wir uns die Füßchen wärmen.« Er sprach leise an ihrem Hals, während sie sich, mit dem Korbe voran, einen Weg bahnten durch all die Männer. Aber sie sagte immer noch nein mit dem Kopfe, verschiedene Male. Dann drehte sie sich um und lächelte ihn an, ganz glücklich darüber, daß er nicht trank. Sie hätte sicher ja gesagt, wenn sie sich nicht geschworen hätte, nie mehr mit einem Manne zusammenzugehen. Endlich erreichten sie die Tür und gingen hinaus. Den »Totschläger« ließen sie voll Menschen zurück; der Lärm der heiseren Stimmen und der Schnapsgeruch drang bis auf die Straße hinaus. Man hörte Mes-Bottes den Vater Colombe als Gauner behandeln, ihn anklagend, daß er die Gläser nur zur Hälfte fülle. Das war ein Rechter! Eine Windfahne, ein Gauner. Laus' mich der Affe, er kehre nie mehr in diese Boutique ein, er hatte es satt. Und er schlug seinen beiden Kameraden vor, mit ihm zum »Kleinen guten Mann der trinkt« zu gehen, einem Schnapsladen der Barriere Saint-Denis, wo man puren Schnaps trinkt. »Ah! Hier atmet man wieder,« sagte Gervaise, auf dem Trottoir. »Also, adieu, und danke, Herr Coupeau ... Ich muß laufen.« Sie wollte den Boulevard entlang gehen. Aber er nahm sie bei der Hand, ließ sie nicht los und wiederholte: »Machen Sie den Umweg mit mir, gehen Sie durch die Rue de la Goutte-d'Or, das ist keine Verlängerung ... Ich muß zu meiner Schwester gehen, bevor ich zum Bauplatz zurückkehre. Wir begleiten uns gegenseitig.« Sie nahm an, und sie stiegen langsam die Rue des Poissonniers hinauf, Seite an Seite, ohne einzuhängen. Er erzählte von seiner Familie. Die Mutter, Mama Coupeau, eine ehemalige Westenarbeiterin, half jetzt in einzelnen Haushalten aus, wegen ihrer Augen, die schlecht wurden. Sie war am dritten des letzten Monats zweiundsechzig Jahre alt geworden. Er war der Jüngste. Eine seiner Schwestern, Frau Lerat, eine Witwe von sechsunddreißig Jahren, war Blumenarbeiterin und wohnte in der Rue des Moines in Batignolles. Die andere sei dreißig Jahre alt, habe einen Kettenmacher geheiratet, diesen Duckmäuser Lorilleur. Zu diesem ginge er, in der Rue de la Goutte-d'Or. Sie wohnten in dem großen Haus, links. Am Abend aß er seine Fleischbrühe bei den Lorilleur; das war eine Ersparnis für alle drei. Er gehe hin sich zu entschuldigen, weil er heute abend bei einem Freunde eingeladen sei. Gervaise, die zuhörte, unterbrach ihn plötzlich, um ihn lächelnd zu fragen: »Sie heißen also Cadet-Cassis, Herr Coupeau?« »Oh,« antwortete er, »das ist ein Nebenname, den mir meine Kameraden gegeben haben, weil ich gewöhnlich Cassis verlange, wenn sie mich mit Gewalt zum Weinhändler mitnehmen ... Lieber noch Cadet-Cassis heißen als Mes-Bottes, nicht wahr?« »Sicherlich, es ist nicht häßlich, Cadet-Cassis«, erklärte die junge Frau. Und sie fragte ihn nach seiner Arbeit. Er arbeite immer da, hinter der Mauer des Octroi, am neuen Spital. Oh, die Arbeit gehe nicht aus, er würde sicherlich nicht vor Ende des Jahres den Bauplatz verlassen. Es gab viele Meter Dachrinnen zu machen! »Wissen Sie, ich sehe das Hotel Boncoeur, wenn ich da oben stehe ... Gestern waren Sie am Fenster, ich schwenkte mit den Armen, aber Sie haben mich nicht gesehen.« Sie waren schon eine Weile in der Rue de la Goutte-d'Or gegangen, als er aufschaute und sagte: »Da ist das Haus ... ich bin weiter, auf Nummer 22 geboren ... Aber dieses Haus ist ein großer Steinkasten! Es ist so groß wie in einer Kaserne, da drinnen!« Gervaise streckte das Kinn vor und musterte die Front. Auf die Straße hinaus hatte das Haus fünf Stockwerke, die fünfzehn Fenster in der Reihe zeigten, deren schwarze Fensterläden, teils zerbrochen, einen ruinenhaften Eindruck machten. Unten waren vier Läden: rechts von der Türe ein großer Saal, in dem sich eine Garküche befand, links ein Kohlenhändler, ein Spezereiladen und ein Regenschirmhändler. Das Haus sah deshalb so mächtig aus, weil es sich zwischen zwei niedrigen elenden Baulichkeiten erhob, die sich daran anlehnten. Viereckig, ein Mörtelblock roh zugehauen, faulend und abbröckelnd, stach es in den blauen Himmel hinein; ein brutaler Würfel, mit unbeworfenen Wänden aus Dreckfarbe und mit der Nacktheit einer langen Gefängnismauer ins Leere gähnend. Aber Gervaise schaute ganz besonders nach dem Tor, das bis zum zweiten Stockwerk ging, einen breiten Eingang bildete und am andern Ende einen düstern Himmel über einem großen Hofe sehen ließ. Mitten in diesem Eingang, der gepflastert wie die Straße war, lief ein Rinnsal, in dem ein Wasser von zarter blauer Farbe floß. »Gehen Sie doch hinein,« sagte Coupeau, »man wird Sie nicht auffressen.« Gervaise wollte auf der Straße auf ihn warten. Doch konnte sie sich nicht enthalten, bis zur Wohnung der Hausmeisterin zu gehen, die rechts davon war. An dieser Treppe schaute sie wieder in die Höhe. Innen hatte die Fassade sechs Stockwerke, vier umgaben regelmäßig das große Viereck des Hofes. Es waren graue Mauern, von einer gelben Flechte zerfressen, vom Schmutzwasser der kaputten Dachrinnen gestreift, die ohne Unterbrechung vom Pflaster an bis an das Gesims führten. Da wo die eisernen Klammern die Rinnen an der Mauer festhielten, machten sich braune rostige Flecken breit. Die Fenster ohne Läden blickten nackt und das Glas war grün wie trübes Wasser. Einige standen offen, in diesen lagen blaue Matratzen zum Auslüften; vor andern waren Schnüre gespannt, an denen Wäsche zum trocknen hing, die ganze Wäsche des Haushalts: Männerhemden, Frauenjacken, Kinderhosen. Im dritten Stock lag ein ausgebreitetes verdrecktes Kinderbett. Von unten bis oben hing den zu kleinen Wohnungen ihr ganzes Elend zum Fenster heraus. Unten war eine schmale hohe Tür ohne Holzrahmen in den nackten Mörtel eingebaut. Am Ende des langgestreckten Eingangs war eine schmutzige Treppe mit eisernem Geländer. Die vier Stockwerke waren durch die vier Anfangsbuchstaben des Alphabets bezeichnet. Im Halbstock war ein Atelier mit Fenstern, die schwarz vor Ruß waren; das Schmiedefeuer eines Schlossers brannte darin; unweit davon pfiff der Hobel eines Schreiners. Bei der Hausmeisterwohnung war eine Färberei, die den Bach zart blau färbte, ehe er unter dem Hauseingang hervorkam. Auf dem Hof wechselten Kohlenreste, Auswurf, Dreck und Farbwasser ab mit schlechtgefügten Pflastersteinen, zwischen denen Gras wuchs. Durch Sonne und Schatten war er in zwei Teile geschnitten. Auf der Schattenseite, wo der Lauf eines Brunnenhahnes immerwährende Feuchtigkeit schuf, scharrten drei kleine Hühner mit schmutzigen Füßen und suchten Regenwürmer. Langsam glitten Gervaises Augen vom sechsten Stock zur Erde und wieder hinauf, erstaunt vor dieser Größe, die ihre Phantasie erregte, als hätte sie einen Riesen vor sich. »Sucht Madame jemand?« schrie die Hausmeisterin, die geärgert aus ihrer Loge kam. Die junge Frau erklärte, daß sie auf jemand warte, und kehrte zur Straße zurück. Als Coupeau immer noch nicht kam, ging sie nochmals, von all dem Gesehenen angezogen, zurück. Das Haus erschien ihr nicht häßlich. Zwischen all diesen Lumpen, die an den Fenstern hingen, gab es Winkel, die voller Freundlichkeit waren, eine blühende Levkoie in einem Blumentopf, ein Vogelkäfig, aus dem es schmetterte, schräge Spiegel, die aus der Tiefe heraus wie runde Sterne leuchteten. Unten sang der Schreiner, begleitet vom regelmäßigen Pfeifen seines Hobels, während aus der Schlosserei die regelmäßig fallenden Hammer wie silbernes Geläute klangen. Dann, an fast allen offenen Fenstern, inmitten all dieses Elends, zeigten sich lachende verschmierte Kinderköpfe und Frauen, die ruhig nähten, mit gesenktem Profil. Es war die Wiederaufnahme der Arbeit nach dem Frühstück, die Männer arbeiteten außerhalb, das Haus lag in großer Ruhe, nur durch das Geräusch des Handwerks oder den durch Stunden hindurch gesungenen Refrain eines Liedes unterbrochen. Der Hof war etwas feucht. Wenn Gervaise da wohnen würde, möchte sie eine Wohnung auf der Sonnenseite haben. Sie hatte fünf bis sechs Schritte gemacht und atmete die Wohnung der Armen ein, ein Geruch von altem Staub und ranzigem Dreck. Weil aber die Schärfe des Färbereiwassers vorherrschte, fand sie, daß es weit weniger schlecht rieche wie im Hotel Boncoeur. Und sie suchte schon ihr Fenster aus, im linken Winkel, wo eine Kiste mit spanischen Bohnen bepflanzt stand, deren Stengel schon anfingen sich um gespannte Fäden zu ranken. »Ich habe Sie warten lassen, nicht wahr?« sagte Coupeau, den sie plötzlich neben sich hörte. »Das ist immer eine ganze Geschichte, wenn ich nicht bei ihnen esse, um so mehr, als meine Schwester gerade heute Kalbfleisch gekauft hat.« Als sie, von ihrem Erstaunen erholt, etwas zitterte, ließ auch er seinen Blick herumschweifen und fuhr fort: »Sie haben sich das Haus angeschaut? Immer ist es vermietet von oben bis unten. Ich glaube, es sind dreihundert Mieter ... Wenn ich Möbel hätte, hätte ich geschaut, ob ich ein Kabinett erwische ... Hier hätte man es ganz gut, nicht wahr?« »Ja, man wäre gut aufgehoben,« murmelte Gervaise. »In Plassans waren nicht so viele Menschen in unserer Straße ... Schauen Sie, das ist nett, dieses Fenster im fünften Stock mit den Bohnen.« Dann wieder mit dem frühern Eigensinn fragte er sie, ob sie wolle. Sobald er ein Bett hätte, würde er da mieten. Da lief sie davon, eilte durch das Tor, indem sie ihn bat, nicht mehr mit diesen Dummheiten anzufangen. Und wenn das Haus zusammenstürzte, sie würde nicht unter einer Decke mit ihm schlafen. Als Coupeau sie vor dem Atelier der Frau Fauconnier verließ, durfte er jedoch ihre Hand einen Augenblick in der seinen halten, die sie ihm in aller Freundschaft überließ. Während eines Monates dauerten die guten Beziehungen des Zinkarbeiters mit der jungen Frau. Er fand, daß sie sehr tapfer war, wenn er sah, wie sie sich in der Arbeit erschöpfte, ihre Kinder pflegte und abends noch die Zeit fand, an allen möglichen Fetzen zu nähen. Es gab genug unsaubere Frauen, die immer Hochzeit machten und schmutzige Redensarten führten; aber zum Teufel, denen war sie nicht gleich, sie nahm das Leben zu ernst! Dann lachte sie, verteidigte sich bescheiden. Zu ihrem Unglück war sie nicht immer so brav gewesen. Und sie bezog das auf ihre erste Niederkunft mit vierzehn Jahren; sie kam auf den Absinth zu sprechen, den sie ehemals mit ihrer Mutter literweise getrunken. Die Erfahrung habe sie etwas klüger gemacht, das ist alles. Man tue unrecht anzunehmen, daß sie einen festen Willen habe; im Gegenteil, sie war sehr schwach; sie ließ sich stoßen, wohin man sie haben wolle, nur um niemandem weh zu tun. Ihr Traum gehe dahin, in einer ehrlichen Gesellschaft leben zu dürfen, denn, die schlechte Gesellschaft, sagte sie, war wie ein Totschläger, der einem das Hirn einschlägt – und eine Frau gar, die schlage hin wie nichts. Der Schweiß bräche ihr aus bei dem Gedanken an die Zukunft, sie käme sich vor wie ein hingeschleuderter Sou, der Kopf oder Wappen zeigt, je nach der Laune des Schicksals. Alles was sie schon gesehen habe, das böse Beispiel vor ihren Kinderaugen, das war ihr eine gute Lektion. Aber Coupeau machte sich über ihre schwarzen Gedanken lustig, brachte ihr wieder Mut bei und versuchte sie um die Hüften zu fassen; sie stieß ihn zurück, gab ihm Schläge auf die Finger, schrie lachend, und er sagte, daß sie, als eine so zarte Frau, gar nicht bequem wäre. Er wäre ein Leichtlebiger und kümmere sich gar nicht um die Zukunft. Der Tag brachte den Tag! Man wird wohl immer das Nest und die Pastete haben. Das Viertel käme ihm ganz sauber vor, abgesehen von einer guten Hälfte Betrunkener, die man hätte entfernen können. Er war kein böser Teufel, hielt manches Mal ganz gescheite Vorträge, hatte sogar etwas Feineres an sich, einen sehr gepflegten Scheitel auf dem Kopf, schöne Krawatten, ein paar Lackschuhe für den Sonntag. Dabei die Geschicklichkeit und Verwegenheit eines Affen, eine Pariserische Drolligkeit, ein tüchtiges Mundwerk, das ganz gut zum jungen Schnabel paßte. Alle beide hatten sich im Laufe der Zeit eine Menge guter Dienste geleistet im Hotel Boncoeur. Coupeau holte ihr die Milch, machte ihr Kommissionen und trug ihr Wäschepakete; oft, wenn er am Abend als erster zurückkam, ging er mit den Kindern auf dem äußern Boulevard spazieren. Um seine Höflichkeiten zu erwidern, stieg Gervaise in das kleine enge Zimmer hinauf, das unter dem Dach war, in dem er schlief; sie untersuchte seine Kleider, nähte Knöpfe an die Blusen und flickte seine Leinenwesten. Eine große Vertraulichkeit trat zwischen die beiden. Sie langweilte sich nicht in seiner Gegenwart, seine Lieder unterhielten sie und diese ewigen Späße der Pariser Vorstadt waren ihr neu. Da er immer um sie herum war, wurde ihm von Tag zu Tag heißer. Er war ganz eingenommen von ihr. Bald wurde ihm dieser Zustand unerträglich. Er lachte zwar immer, aber es wurde ihm so eng um den Magen herum, daß ihm das nicht mehr spaßig vorkam. Die Dummheiten hörten nicht auf. Er konnte sie nicht mehr sehen, ohne sie anzurufen: »Wann wird es sein?« Sie verstand, was er sagen wollte, und versprach es ihm auf die Woche, in die vier Donnerstage fallen würden. Dann neckte er sie wieder damit, daß er, Pantoffeln in der Hand, hereinkam, als wolle er nun einziehen. Sie lachte darüber und verbrachte dabei ihre Tage sehr gut und ohne Erröten bei diesen ewigen Anspielungen, mit denen er sie umgab. Solange er nicht brutal wurde, ließ sie ihm alles durchgehen. Einmal nur wurde sie ernstlich böse, als er sie mit Gewalt küßte. Er hatte ihr dabei Haare herausgerissen. Ende Juni verlor Coupeau seine Lustigkeit. Er wurde ganz anders. Gervaise, beängstigt durch gewisse Blicke, verbarrikadierte sich des Nachts. Nachdem sie halbböse zwei Tage nicht miteinander gesprochen hatten, klopfte er nachts um elf Uhr an ihre Türe. Sie wollte nicht öffnen; doch seine Stimme klang so zart und zitternd, daß sie die Kommode von der Tür wegrückte. Als er eingetreten war, erschien ihr sein Gesicht blaß und fleckig; sie glaubte, er wäre krank. Er blieb stehen, stotterte und schüttelte den Kopf. Nein, er war nicht krank. Er weine seit zwei Stunden oben in seinem Zimmer; er weine wie ein Kind und biß in sein Kopfkissen, damit ihn die Nachbarn nicht hören sollten. Jetzt sind es drei Nächte, daß er nicht geschlafen habe. So könne es nicht weitergehen. »Hören Sie, Frau Gervaise,« sagte er mit zugeschnürtem Hals, denn er wollte wieder zu weinen anfangen, »das muß ein Ende haben, nicht wahr? ... Wir werden uns verheiraten; ich will gerne und bin entschlossen.« Gervaise tat sehr erstaunt. Sie wurde ernst. »Aber, Herr Coupeau,« flüsterte sie, »was tun Sie da! Das habe ich doch nie von Ihnen verlangt, das wissen Sie ... Das wollte ich einfach nicht, das ist es ... Oh, nein, nein, jetzt ist es ernst, überlegen Sie sich das, ich bitte Sie.« Aber er schüttelte immer wieder den Kopf mit entschlossener, unwiderruflicher Miene. Es war alles überlegt. Deshalb war er herunter gekommen, weil er endlich wieder einmal schlafen wollte. Sie würde ihn doch nicht wieder fortschicken! Sobald sie ja gesagt haben würde, könne sie sich ruhig schlafen legen. Er wollte sie nur ja sagen hören, morgen könne man weiter darüber sprechen. »Sicher werde ich nicht auf einmal ja sagen,« antwortete Gervaise. »Ich will nicht, daß Sie später einmal sagen, ich hätte Sie dazu verleitet, eine Dummheit zu machen. Sehen Sie, Herr Coupeau, Sie tun unrecht, so eigensinnig zu sein. Sie wissen selbst nicht, was Sie für mich empfinden. Wenn Sie mich acht Tage nicht sehen werden, ich wette, dann ginge das vorüber. Die Männer heiraten oft um einer Nacht willen nur, – die erste, doch dann folgen mehr Nächte, die Tage werden lang, das ganze Leben, dann wird's ihnen langweilig ... Setzen Sie sich dorthin, ich will lieber gleich mit Ihnen sprechen.« Daraufhin diskutierten sie, im halbfinstern Zimmer bei einer Kerze sitzend, die sie zu putzen vergaßen, bis ein Uhr in der Nacht. Sprachen über ihre Hochzeit, mit leiser Stimme, um die Kinder nicht aufzuwecken, die mit ihrem leichten Atem auf demselben Kopfkissen schliefen. Gervaise sprach auch von ihnen, zeigte sie Coupeau; das war doch eine komische Hochzeitsgabe, die sie ihm mitbrächte, sie konnte ihm doch nicht zwei kleine Bälge anhängen. Dann schämte sie sich für ihn. Was würde man im Viertel sagen? Man hat sie mit ihrem Geliebten gekannt, wußte um ihre Geschichte; das wäre doch nicht sauber, wenn sie sich schon nach zwei Monaten heirateten. Bei all diesen guten Einwänden zuckte Coupeau nur die Schultern. Das sei kein Grund! Er stecke auch nicht seine Nase in anderer Leute Angelegenheiten; da würde sie schön dreckig werden! Wo war ein Unrecht? Sie führte kein schlechtes Leben und brachte keine Männer zu sich hinauf wie so viele Frauen, sogar von den Reichsten! Was die Kinder anbelangt, die werden wachsen, man erzieht sie, zum Teufel! Er würde nie mehr eine Frau finden, die so viel Mut hätte, so gut wäre und überhaupt solche Eigenschaften hätte wie sie. Und übrigens, sie hätte sich in den Gossen wälzen können, häßlich, widerwärtig, faul sein, einen Rudel dreckiger Kinder haben, das hätte ihm alles nichts ausgemacht: er wolle sie haben. »Ja, ich will Sie haben,« wiederholte er, mit der Faust immerfort heftig auf sein Knie schlagend. »Sie hören es, ich will Sie haben ... Dagegen läßt sich wohl nichts sagen, denke ich?« Nach und nach wurde Gervaise weich. Eine Schwäche des Geistes und Herzens kam über sie, mitten in einem ganz brutalen Verlangen, dem sie sich unterworfen fühlte. Sie versuchte nur noch schüchterne Einwände, die Hände in ihrem Schoß liegend, das Gesicht voller Zärtlichkeit. Durch die geöffneten Fenster kam die laue Juninacht mit warmem Atem und bewegte die Kerzenflamme hin und her; der lange Docht war schwarz und rauchte. Durch die Stille des schlafenden Viertels hörte man das Greinen eines Betrunkenen, der mitten auf dem Boulevard am Rücken lag. Ganz ferne spielte eine Violine zu einer verspäteten Hochzeit eine leichte Quadrille; eine kleine kristallhelle Musik, einfach und gebunden wie der Klang einer Ziehharmonika. Coupeau, der die junge Frau am Ende ihrer Einwände sah, leise lächelnd, nahm ihre beiden Hände und zog sie zu sich heran. Sie befand sich in einem Zustand der Hingabe, vor der sie sonst so Angst hatte, gewonnen, und nicht imstande, sich zu versagen oder jemandem weh zu tun. Coupeau verstand das aber nicht, er begnügte sich damit, ihr die Hände zu zerdrücken, zu pressen, auf diese Art Besitz von ihr nehmend; beide stießen einen Seufzer aus bei dem leichten Schmerz, der sie etwas befriedigte. »Also ja, nicht wahr?« fragte er. »Wie Sie mich so plagen«, murmelte sie. »Sie wollen es so? ... Also dann, ja ... Mein Gott, wir machen da wahrscheinlich eine große Dummheit.« Er war aufgestanden, nahm sie um die Taille und gab ihr einen herzhaften Kuß auf das Gesicht, wo es gerade hintraf. Aber da dies einen großen Lärm machte, beunruhigte er sich als erster, indem er auf Claude und Etienne sah; auf Fußspitzen gehend, sagte er leise: »Still, laß uns brav sein, man muß die Kleinen nicht aufwecken, bis morgen also.« Und er stieg wieder in sein Zimmer hinauf. Gervaise blieb noch fast eine Stunde lang zitternd auf ihrem Bettrand sitzen, ohne daran zu denken sich auszuziehen. Sie war gerührt, sie fand Coupeau sehr ehrlich; denn wirklich, einen Augenblick lang dachte sie, alles wäre aus, er würde da zum Schlafen bleiben. Der Betrunkene auf der Straße stieß einen heisern Laut aus wie ein verlaufenes Tier. In der Ferne schwieg die Violine. Eines Abends wollte Coupeau Gervaise bestimmen, mit ihm zu seiner Schwester in die Rue de la Goutte d'Or zu gehen. Aber die junge Frau war so eingeschüchtert, sie zeigte eine arge Furcht vor diesem Besuch bei den Lorilleux. Sie bemerkte, daß der Zinkarbeiter eine dumpfe Angst vor diesem Haushalt habe. Gewiß war er nicht von seiner Schwester abhängig, die nicht einmal seine älteste war. Mama Coupeau würde vollen Herzens ihre Einwilligung geben, denn sie betrübte ihren Sohn niemals. Nur, in der Familie galten die Lorilleux am meisten, weil sie zehn Francs am Tage verdienten, deshalb waren sie zu dieser Autorität gekommen. Coupeau hätte es nicht gewagt zu heiraten, wenn sie nicht als erste seine Frau anerkannt hätten. »Ich habe ihnen von Ihnen erzählt, sie kennen unser Vorhaben,« erklärte Coupeau. »Mein Gott, seien Sie nicht so kindisch, kommen Sie heute abend ... Ich habe Sie angemeldet, nicht wahr? Sie werden meine Schwester etwas steif finden. Auch Lorilleux ist nicht immer liebenswürdig. Im Grunde sind sie böse, weil, wenn ich heirate, ich dann nicht mehr zu ihnen essen komme, und diese Ersparnisse fallen für sie weg. Aber das macht nichts, sie werden Sie nicht hinauswerfen ... Tun Sie das für mich, es ist wirklich notwendig.« Diese Worte erschreckten Gervaise nur noch mehr. An einem Samstagsabend jedoch gab sie nach. Coupeau holte sie um halb neun Uhr. Sie hatte sich angezogen: ein schwarzes Kleid, ein Schal aus Wollmusselin mit gedruckten gelben Palmen, und eine weiße Haube mit Spitzen garniert. Seit sechs Wochen, solange sie arbeitete, hatte sie sich die sieben Francs erspart für den Schal und zwei Francs fünfzig für die Haube; das Kleid war ein altes Kleid, geputzt und neu hergerichtet. »Sie erwarten Sie,« sagte Coupeau zu ihr, als sie durch die Rue des Poissonniers gingen. »Sie fangen nun an, sich an die Jahre zu gewöhnen, mich verheiratet zu sehen. Heute abend sehen sie aus, als wollten sie nett sein.« Und dann: »Wenn Sie noch nie gesehen haben, wie man goldene Ketten macht, wird Sie das unterhalten zuzusehen. Sie haben gerade eine eilige Bestellung, die bis Montag fertig sein soll.« »Sie haben Gold bei sich?« fragte Gervaise. »Das will ich glauben! Auf den Mauern, am Boden, überall.« Endlich waren sie durch das runde Tor durchgegangen und in den Hof eingetreten. Die Lorilleux wohnten im sechsten Stock, Treppe B . Coupeau rief ihr lachend zu, sie möchte das Geländer fest anfassen und nicht mehr loslassen. Sie erhob die Augen, blinzelte hinauf in diesen hohlen hohen Turm, der wie ein Käfig war. Er war durch drei Gaslaternen erhellt, je eine nach zwei Etagen; die letzte ganz oben sah aus wie ein vibrierender Stern am schwarzen Himmel, während die beiden andern langgezogene Helligkeit verbreiteten, die merkwürdig geschnitten schien, längs der unendlichen Spirale der Stufen. »Na,« sagte der Spengler als sie auf dem ersten Stockwerk angekommen waren, »das riecht schön nach Zwiebelsuppe. Sicher hat man hier Zwiebelsuppe gegessen.« Diese Treppe B war grau, dreckig, das Geländer und die Trittbretter fettig, die abbröckelnden Mauern ließen den Gips sehen. Auf jedem Stockwerk bogen Gänge ab, voller Lärm, Türen öffneten sich, die gelb gestrichen und an den Türklinken schwarz von schmutzigen Händen waren. Am Rande der Fenster stanken die Abflußrohre, deren Ausdünstung sich mit dem sauern Zwiebelgeruch vermischte. Vom ersten bis zum sechsten hörte man das Waschen von Geschirr, Scheuern von Töpfen und das Geräusch von Kasserollen, die mit Löffeln ausgekratzt wurden. Im ersten Stock bemerkte Gervaise an einer halb offnen Tür das Wort: »Zeichner« mit großen Buchstaben geschrieben. Zwei Männer saßen an einem mit altem Wachstuch bezogenen Tisch und unterhielten sich lebhaft im Qualm ihrer Tabakspfeifen. Der zweite und dritte Stock war ruhiger und ließ nur das Geräusch von geschaukelten Wiegen durch die Holzverkleidung hören oder ersticktes Kinderweinen, einmal eine rohe Frauenstimme, die bei laufendem Wasser unbestimmte Worte schimpfte. Sie konnte auch die verschiedenen Namen lesen: Herr Madinier, Atelier für Pappendeckelarbeit, Frau Gaudron, Wollkämmerin. Im vierten prügelte man sich; ein Gestampfe, von dem der Fußboden zitterte, Möbel fielen um, Schläge, Flüche hörte man; es war ein entsetzlicher Lärm; was die Nachbarn gegenüber nicht hinderte, bei offener Tür Karten zu spielen, um Luft hereinzulassen. Als sie im fünften Stock waren, mußte sich Gervaise verschnaufen; sie war gar nicht gewohnt zu steigen; diese Mauer, die immer rund herum ging, all diese Wohnungen, die sie gesehen hatte, verdrehten ihr den Kopf. Eine Familie verstellte den Durchgang vollkommen; der Vater wusch die Teller auf einem kleinen Kachelofen beim Ausguß, die Mutter säuberte das Wickelkind, ehe sie es schlafen legte. Coupeau ermutigte die junge Frau. Sie gingen weiter. Als sie auf dem sechsten Stock angekommen waren, drehte sich Coupeau um, sie mit einem Lächeln zu ermutigen. Mit aufgehobenem Kopf suchte sie, woher die Stimme kam, die sie schon von unten gehört hatte und die klar und durchdringend alle übrigen Geräusche übertönte. Sie kam unter dem Dach hervor, es war die Stimme einer kleinen alten Frau, die Puppen zu dreizehn Sous das Stück anzog. Ferner sah Gervaise ein ungemachtes Bett in einem benachbarten Zimmer, in das ein großes Mädchen einen Eimer Wasser trug, worin ein Mann in Hemdärmeln sitzend auf sie wartete, zusammengekauert, die Augen erhoben; an der Tür las man auf einer Karte mit der Hand geschrieben: Fräulein Clemence, Büglerin. Endlich ganz oben angekommen, mit müden Beinen und kurzem Atem, schaute sie über die Rampe hinunter; jetzt sah die untere Laterne wie ein Stern aus, im engen Brunnen sechs Stock hoch; und die Gerüche, das schreckliche und kreischende Leben in dem großen Hause war wie ein einziger Atem, der wie Hitze ihr ängstliches Gesicht traf am Rande eines Abgrundes. »Wir sind immer noch nicht angekommen,« sagte Coupeau. »Oh, es ist eine ganze Reise!« Er trat zur Linken in einen langen Gang. Zweimal bog er ab, das erstemal links, das zweitemal rechts. Der Gang wurde immer länger, verengte sich wie eine Eidechse und war ganz verfallen und von Zeit zu Zeit von einer schmalen Gasflamme erleuchtet; aus den gleichmäßigen Türen, nebeneinander liegend wie Gefängnis – oder Klostertüren, lugte immer wieder das Antlitz von Elend und Arbeit, überschattet mit dem schweißigen Brodem eines heißen Juniabends. Endlich gelangten sie an das Ende dieses ganz finsteren Schlauches. »Da sind wir,« sagte Coupeau. »Achtung! halten Sie sich an der Mauer an, es sind noch drei Treppen.« Gervaise machte noch ungefähr zehn Schritte vorsichtig in der Finsternis. Sie strauchelte, zählte drei Treppen. Am Ende des Ganges hatte Coupeau ohne anzuklopfen eine Tür aufgestoßen. Eine Helligkeit strömte auf den Boden. Sie traten ein. Es war ein ganz enger, schlauchartiger Raum, der wie die Fortsetzung des Ganges schien. Im selben Augenblick wurde dieser Schlauch entzweigeschnitten von einem alten verblaßten Vorhang, den jemand an einer Schnur zurückzog. Die erste Hälfte enthielt ein Bett, das unter die Abschrägung der Zimmerdecke der Mansarde gerückt war, einen gußeisernen Herd, der noch vom Abendessen her warm war, zwei Stühle, einen Tisch und einen Schrank, dessen eine Ecke abgesägt worden war, damit er zwischen dem Bett und der Türe Platz hatte. Im zweiten Abteil befand sich das Atelier: im Hintergrund eine schmale Schmiede mit einem Blasebalg; rechts ein Schraubstock an die Mauer genietet, unter einer Etagère, auf der die Werkzeuge herumlagen; links beim Fenster ein ganz kleiner Werktisch, vollgelegt mit Pinzetten, Scheren, mikroskopisch kleinen Sägen, alles fettig und dreckig. »Wir sind es«, sagte Coupeau, indem er bis zum Wollvorhang vorging. Aber es wurde nicht sofort geantwortet. Gervaise war bedrückt, denn sie glaubte an einen Ort voll lauteren Goldes zu kommen, sie hielt sich hinter dem Arbeiter, versuchte mit dem Kopfe zu nicken, um zu grüßen. Die große Helligkeit, eine Lampe brannte über der Hobelbank, ein Kohlenbecken mit glühenden Kohlen gloste auf der Schmiede – das alles vermehrte noch ihre Verwirrung. Endlich sah sie Frau Lorilleux. Sie war klein, rötlich und ziemlich dick. Sie zog mit aller Gewalt und mit Hilfe einer dicken Zange an einem schwarzen Metallfaden, den sie durch das Loch einer Schnurreihenfolge durchführte, die am Schraubstock befestigt war. Vor dem Schraubstock arbeitete Lorilleux, ebenfalls klein von Gestalt, jedoch mit breiten Schultern. Er hielt eine Pinzette und arbeitete mit der Geschwindigkeit eines Affen an einer Arbeit, die ganz zwischen seinen verknorpelten Fingern verschwand. Lorilleux erhob zuerst den Kopf, ein Kopf mit spärlichem, langem, kränklichem Haar von blaßgelber Farbe, wie altes Wachs. »Ah, ihr seid es, gut, gut!« brummelte er. »Wir sind in Eile, wißt ihr ... Kommt nicht ins Atelier herein, das würde uns stören, bleibt draußen im Zimmer.« Und er nahm wieder seine Arbeit auf, das Gesicht im Reflex eines grünlichen Lichtes, das durch eine Glaskugel, die mit Wasser gefüllt war, auf seine Arbeit ein rundes helles Licht warf. »Nehmt euch Stühle!« schrie ihrerseits Frau Lorilleux. »Das ist die Dame, nicht wahr? Sehr gut, sehr gut!« Sie hatte den Faden gezogen, brachte ihn zur Schmiede und fachte dort mit Hilfe eines Holzfächers die Kohlen wieder an; sie erhitzte den Draht aufs neue, bevor sie ihn durch die letzten Löcher der Reihenfolge zog. Coupeau holte die Stühle und hieß Gervaise neben den Vorhang sitzen. Das Zimmer war so schmal, daß er keinen Platz mehr neben ihr hatte. Er setzte sich hinter sie, beugte sich auf ihren Hals herab, um ihr die Erklärungen über die Arbeit zu geben. Die junge Frau war durch den eigentümlichen Empfang der Lorilleux eingeschüchtert und fühlte sich unter den mißtrauischen Blicken so unbehaglich, daß sie Ohrensausen bekam, was sie am Hören hinderte. Die Frau kam ihr sehr alt vor für dreißig Jahre, spröde und unsauber, mit Haaren, die wie ein Kuhschweif über ihre offene Nachtjacke fielen. Der Mann war nur ein Jahr älter, hatte etwas Greisenhaftes, mit bösen schmalen Lippen, hemdärmelig und barfuß in ausgetretenen Pantoffeln. Was sie aber am allermeisten erstaunte, war das kleine Atelier, die beschmierten Wände, der verrostete Zustand des Handwerkszeugs, der ganze Schmutz eines Alteisenwarenhändlers. Es war entsetzlich heiß, Schweißtropfen perlten auf Lorilleux' grünlichem Gesicht, während Frau Lorilleur sich entschloß, ihre Nachtjacke auszuziehen und mit nackten Armen dastand. Das Hemd ließ ihre eingefallenen Brüste sehen. »Und das Gold?« fragte Gervaise mit leiser Stimme. Ihre geängsteten Blicke untersuchten die Wände, suchten unter all dem Schmutz die erträumten Herrlichkeiten. Coupeau lachte. »Das Gold! Nun hier, und dort, und da zu Ihren Füßen.« Er zeigte auf den Faden, den seine Schwester bearbeitete, und ein anderes Bündel voller Faden, das an der Mauer hing in der Nähe der Schmiede; dann bückte er sich auf alle Vier hinunter auf den Boden und hob ein kleines Stück auf, das aussah wie eine verrostete Nadel. Gervaise rief: »Das kann doch kein Gold sein, dieses schwärzliche Metall, häßlich wie Eisen!« Er mußte das Ende abbeißen und ihr den glänzenden Einschnitt an den Zähnen zeigen. Und er fuhr in seiner Erklärung fort: die Geschäftsaufträger lieferten das Gold in Faden, ganz gleich lang. Die Bearbeiter zögen sie durch die Drahtziehbank, damit sie gleichmäßig und die erwünschte Dicke bekommen, zu welchem Zweck man den Faden fünf- bis sechsmal während der Operation glüht, damit er nicht bricht. Oh, dazu müsse man eine feste Faust und sehr viel Übung haben! Seine Schwester hinderte ihren Mann, die Drahtziehbank anzurühren, weil er hustete. Sie hatte starke Arme, er hat sie schon Faden ziehen sehen, die so dünn waren wie ein Haar! Lorilleur wurde so vom Husten geschüttelt, daß er sich auf dem Hocker krümmte. Mitten hinein sprach er mit erstickter Stimme, ohne Gervaise anzusehen, als spräche er nur mit sich selbst: »Ich, ich bin die Säule.« Coupeau zwang nun Gervaise aufzustehen. Sie könne schon näher herankommen und zuschauen. Der Kettenmacher gab durch Kopfnicken seine Einwilligung. Er wickelte den von seiner Frau präparierten Faden um einen Formklotz, ein sehr dünnes Stahlstäbchen. Dann ein leichter Schnitt mit der Schere, der den Faden am Ende des Formklotzes abschnitt, dessen jeweilige Wendung eine Masche bildete. Dann lötete er. Die Maschen wurden auf ein großes Stück Holzkohle gelegt. Er netzte sie mit einem Tropfen Borar, der in einem zerbrochenen Glase neben ihm stand; endlich brachte er sie in der horizontalen Flamme des Lötrohrs rasch zum Glühen. Nachdem er so ungefähr hundert Maschen gelötet hatte, setzte er seine minutiöse Arbeit fort, auf den Rand des Blockes gestützt, ein Brettchen, durch das Reiben seiner Hände blank poliert. Er bog die Masche mit der Zange, verengte sie an einer Stelle und fädelte sie in die obere, bereits vorhandene Masche ein, die er mit einer Spitze geöffnet hatte; und so fort mit einer immerwährenden Regelmäßigkeit, Masche an Masche schließend, und so schnell, daß sich die Kette unter den Augen Gervaises verlängerte, ohne daß sie richtig folgen noch etwas davon verstehen konnte. »Das ist die Reihenfolge,« sagte Coupeau. »Es gibt die Panzerkette, die Gabelkette, die Kinnkette, die Schnur und die Säule. Lorilleur macht nur die Säule.« Dieser lachte vor Vergnügen. Er schrie, indem er fortfuhr seine Maschen zu drehen, die ganz unsichtbar zwischen seinen schwarzen Nägeln waren. »Hör einmal, Cadet-Cassis! ... Ich habe heute früh eine Rechnung aufgestellt. Ich habe mit zwölf Jahren angefangen, nicht wahr? Weißt du, wie lang meine Kette ist bis zum heutigen Tag?« Er hob sein blasses Gesicht und zwinkerte mit den geröteten Augenlidern. »Achttausend Meter, hörst du! Zwei Meilen! ... Was sagst du! Eine Reihenfolge zwei Meilen lang! Damit kann man allen Weibern des Viertels den Hals umwickeln ... Und weißt du, das Ende wird immer länger. Ich hoffe noch von Paris bis Versailles zu kommen.« Gervaise drehte sich um und setzte sich wieder, enttäuscht; sie fand alles sehr häßlich. Sie lächelte, um den Lorilleux Freude zu machen. Was sie ganz besonders bedrückte war, daß sie über ihre Heirat schwiegen, diese für sie einzige bedeutende Sache und um deretwillen sie hergekommen war. Die Lorilleux fuhren fort, sie wie eine lästige Zudringliche zu behandeln, die von Coupeau hergeführt wurde. Als endlich eine Unterhaltung stattfand, erstreckte sie sich einzig nur auf die Bewohner des Hauses. Frau Lorilleux fragte ihren Bruder, ob er im Heraufgehen nicht im vierten Stock Leute gehört habe, die sich schlagen. »Diese Benards prügeln sich täglich; der Mann kommt so betrunken wie ein Schwein nach Hause; die Frau ist auch nicht besser, sie schreit ganz abscheuliche Dinge!« Dann sprach man vom Zeichner im ersten Stock, dieser große Schnapphahn Baudiquin, ein Poseur voller Schulden, der immer rauchte und mit Kameraden johlte. Die Madinier mit ihrer Pappschachtelwerkstatt bliesen auch am letzten Loch. Gestern abend hat der Besitzer drei Arbeiterinnen entlassen; es wäre nur ein Glück, wenn er ganz fallierte, denn sie essen alles auf und die Kinder liefen mit nacktem Hintern herum. »Frau Gaudron liegt ihre Matratzen durch; schon wieder ist sie in andern Umständen, das ist bei ihrem Alter wenig anständig. Der Besitzer hat soeben den Coquet im fünften Stock gekündigt; sie waren schon drei Termine schuldig, dann versteiften sie sich, ihren Herd auf dem Gang anzuzünden; am vorhergehenden Samstag kam die Alte, Fräulein Remanjou aus dem sechsten Stock, die die Puppen macht, gerade noch recht, um zu verhindern, das der kleine Linguerlot nicht verbrüht wurde. Was Fräulein Clémence, die Büglerin betrifft, sie benimmt sich auch recht übel, dabei hat sie ein goldenes Herz, ist aber ganz mannstoll. Schade, ein so schönes Mädchen und geht mit jedem Schwein. Die wird auch einmal in der Gosse enden.« »Da hast du eine,« sagte Lorilleux zu seiner Frau, indem er ihr die Kette gab, an der er seit dem Frühstück gearbeitet hatte. »Du kannst sie fertigmachen.« Und er machte wieder seinen alten Scherz: »Noch vier und einen halben Fuß ... Ich komme Versailles schon näher.« Nachdem Frau Lorilleux sie nochmals erhitzt hatte, richtete sie die Keite, indem sie sie durch die Drahtziehbank zum regulieren brachte. Dann legte sie sie in eine kleine Kupferkasserolle mit langem Stiel, in dem Scheidewasser war, und beizte sie am Feuer der Schmiede ab. Gervaise wurde wieder von Coupeau gestoßen, damit sie diese letzte Behandlung sehe. Als die Kette gebeizt war, hatte sie eine tiefrote Farbe. Sie war fertig zum Abliefern. »Man liefert unpoliert,« sagte Coupeau. »Die Poliererinnen müssen sie mit Tüchern blank reiben.« Nun war aber Gervaise am Ende ihrer Kraft. Die immer zunehmende Hitze schien sie zu ersticken. Man mußte die Türe zubehalten, weil der geringste Durchzug Lorilleux erkältete. Als man immer noch nichts von ihrer Heirat sprach, wollte sie gehen, und zog Coupeau leicht an der Weste. Dieser verstand. Denn auch er fing an durch dieses affektierte Stillschweigen geärgert zu sein. »Jetzt gehen wir,« sagte er. »Wir lassen euch arbeiten.« Er stand noch einen Augenblick, wartete, hoffte noch auf ein Wort, auf irgendeine Anspielung. Endlich entschloß er sich, die Sache selbst zur Sprache zu bringen. »Sag, Lorilleux, wir rechnen auf euch, du wirst der Zeuge meiner Frau sein.« Der Kettenmacher erhob den Kopf, spielte den Überraschten mit Grinsen, während seine Frau die Drahtziehbank verließ und sich mitten ins Atelier stellte. »Ist es denn Ernst?« brummte er. »Dieser verfluchte Cadet-Cassis, bei ihm weiß man nie, ob er einen nicht anschmiert.« »Aber ja, Madame ist die bewußte Person,« sagte nun ihrerseits die Frau, Gervaise betrachtend. »Mein Gott, wir haben euch keinen Rat zu geben ... Es ist immerhin eine sonderbare Idee, zu heiraten. Na, wenn es dem einen und andern paßt. Wenn es mißlingt, hat man selbst die Schuld, das ist alles. Und es gelingt nicht oft, nicht oft, nicht oft ...« Bei den letzteren Worten verlangsamte sie ihre Stimme, zuckte mit dem Kopf, betrachtete das Gesicht der jungen Frau, ihre Hände, Füße, als hätte sie sie ausziehen wollen, um ihre Muttermale zu suchen. Sie schien sie besser zu finden als sie erwartete. »Mein Bruder ist ganz frei,« sagte sie mit zusammengekniffenen Lippen. »Zweifellos, die Familie hätte vielleicht gewünscht ... Man macht ja immer Projekte. Aber die Angelegenheiten gehen gewöhnlich sehr komisch ... Ich, vor allem, will nicht streiten. Hätte er uns die letzte der letzten gebracht, ich hätte ihm gesagt ... Heirate sie, nur laß mich in Ruh ... Es ging ihm doch nicht schlecht bei uns. Er ist doch fett genug, man sieht, daß er nicht hungern mußte. Immer hatte er auf die Minute seine warme Suppe ... Sag mal, Lorilleux, findest du nicht, daß Madame der Therese ähnlich sieht, du weißt doch, diese Frau von vis-à-vis , die brustkrank gestorben ist?« »Ja, es ist etwas Ähnlichkeit«, antwortete der Kettenmacher. »Und Sie haben zwei Kinder, Madame. Meiner Seel, ich habe zu meinem Bruder gesagt: ich verstehe nicht, wie du eine Frau heiraten kannst, die zwei Kinder hat ... Seien Sie nicht böse, wenn ich seine Interessen vertrete; das ist doch ganz natürlich ... Sie sehen nicht stark aus ... Nicht wahr, Lorilleux, Madame sieht nicht sehr stark aus?« »Nein, nein, sie ist nicht stark.« Sie sprachen nichts von ihrem Bein. Aber Gervaise verstand an ihren boshaften Blicken und eingezogenen Lippen, daß sie darauf hindeuteten. Sie stand, in ihren armseligen Schal mit gelben Palmen gehüllt, einsilbige Antworten wie vor dem Richterstuhl gebend. Coupeau, der sah, daß sie litt, schrie: »Das heißt gar nichts ... Was ihr sagt, ist immer dasselbe. Die Hochzeit ist am Samstag, den 29. Juli. Ich habe das mit dem Kalender ausgerechnet. Einverstanden? Paßt euch das?« »Oh, es wird uns immer passen,« sagte seine Schwester. »Es war nicht nötig, uns zu fragen ... Ich werde Lorilleux nicht abhalten, Zeuge zu sein. Ich will meine Ruhe haben.« Gervaise, mit gesenktem Kopfe dastehend, wußte nicht mehr, was zu tun, sie verwickelte ihren Fuß in ein Quadrat des Gittersiebs aus Holz, das über den Fußboden gebreitet war; aus lauter Angst, daß sie beim Zurückziehen etwas zerstört habe, bückte sie sich, um mit der Hand nachzufühlen. Lorilleux kam rasch mit der Lampe heran. Mißtrauisch betrachtete er ihre Finger. »Man muß acht geben,« sagte er, »die kleinen Stücke heften sich an die Fußsohlen, und man trägt sie fort ohne es zu wissen.« Es war eine ganze Geschichte. Die Leute verloren kein Milligramm. Er zeigte die Hasenpfote, mit der er die Goldteilchen von seinen Knöcheln und auf eine Haut bürstete, die auf seinen Knien ausgebreitet lag, um sie aufzufangen. Zweimal in der Woche wurde das Atelier sorgsam gekehrt; man hob den Staub auf, verbrannte ihn und siebte die Asche durch. Im Monat fand man oft für fünfundzwanzig bis dreißig Francs Gold. Frau Lorilleux schaute immerfort auf Gervaises Schuhe. »Aber darüber brauchen Sie sich doch nicht kränken«, sagte sie mit liebenswürdigem Lächeln. »Madame kann doch auf ihre Sohlen schauen.« Gervaise war sehr rot geworden, setzte sich nieder und zeigte ihre Sohlen, an denen nichts war. Coupeau hatte bereits die Türe aufgerissen und schrie: Gute Nacht! mit brüsker Stimme. Er rief nach Gervaise schon vom Gang aus. Dann ging auch sie, nachdem sie noch eine Höflichkeitsphrase gestammelt hatte: sie hoffe, daß man sich wiedersehen und gut auskommen würde, alle miteinander. Die Lorilleux hatten sich aber bereits wieder an ihre Arbeit gesetzt, in ihrem finstern Loch, wo die kleine Schmiede schwelte wie ein letztes Stück zum Weißglühen gebrachter Kohle. Der Frau war ein Zipfel ihres Hemdes über die Schulter herabgefallen, die Haut war gerötet durch den Widerschein des Feuers. Sie zog neuerdings einen Faden, bei jeder Anstrengung den Hals schwellend, dessen Muskeln sich wie Schnüre spannten. Der Mann, herabgebeugt – unter den grünen Schein der Wasserkugel, fing eine neue Kette an, hielt die Masche mit der Zange, führte sie in eine obere ein, öffnete sie, schloß sie wieder mechanisch, ohne durch unnötige Gesten Zeit zu verlieren, sogar ohne sich den Schweiß abzuwischen. Als Gervaise von den Gängen auf die Treppe des sechsten Stockes kam, konnte sie sich nicht enthalten und sagte, indem ihr die Tränen in den Augen standen: »Das verspricht nicht viel Glück.« Coupeau schüttelte ärgerlich den Kopf. Er würde Lorilleux diesen Abend schon heimbezahlen. Hatte man denn schon je einen solchen Knauser gesehen! Zu glauben, daß man ihm drei Gramm Goldstaub davontragen würde! Diese ganzen Geschichten waren nichts anderes als reiner Geiz. Seine Schwester hatte vielleicht geglaubt, daß er sich nie verheiraten würde, um vier Sous an ihrer Fleischbrühe zu sparen? Sie würde trotzdem am 29. Juli stattfinden. Sie können ihm am Buckel runterrutschen! Aber Gervaise hatte immer noch ein bedrücktes Herz, als sie die Treppe hinabstieg, sie war von einer dummen Angst ergriffen, die sich zugleich mit den Schatten der Treppe vergrößerte. Zu dieser Stunde schlief die Treppe, vereinsamt, nur von einer Gaslaterne im zweiten Stock erleuchtet, deren herabgeschraubte Flamme in diesem finstern Brunnen wie der Tropfen Licht einer Nachtlampe leuchtete. Hinter den geschlossenen Türen war es still. Dort schlief man den gedrückten Schlaf des Arbeiters, der sich gleich nach dem Essen niederlegt. Nur aus dem Zimmer der Büglerin lachte es leise und aus dem Schlüsselloch bei Fräulein Remanjou, die noch Kleider aus Gazestoff für Puppen zu dreizehn Sous zuschnitt, drang ein kleiner Lichtstrahl und das Klinkern der Schere. Bei Frau Gaudron weinte ein Kind. Aus den Ausgüssen stank es in die dicke schwarze Ruhe. Im Hof sang Coupeau die Hausmeisterin aus dem Schlaf, und während sie aufsperrte, schaute Gervaise noch ein letztesmal zurück. Das Haus sah unter dem sternenlosen Himmel noch größer aus. Die nachtdunklen Mauern schienen, ihrer Lumpen beraubt, noch nackter und platter. Die fest geschlossenen Fenster schliefen. Einige weiter entfernte Fenster waren noch erleuchtet, schielten in ihren Winkeln wie Augen, über dem Eingang, vom Boden bis unters Dach, die ganze Höhe entlang, warfen die Stiegenfenster der sechs Stockwerke einen blassen Schein. Licht aus dem Atelier der Pappschachtelwerkstatt im zweiten Stockwerk breitete einen gelben Schweif auf das Pflaster des Hofes, riß Lichtflecken in das Dunkel der im Erdgeschoß verdämmernden Ateliers. Im Hintergrund all dieser Schatten, im feuchten Winkel, klang in die Stille das Fallen der Wassertropfen aus dem schlecht zugedrehten Hahn des Brunnens. Dann schien es Gervaise, daß das Haus auf sie herabkam, sie zu zerdrücken. Eisig rieselte es durch ihre Schultern. Es war immer noch ihre dumme Angst, über die sie später lachte. »Nehmen Sie sich in acht!« rief Coupeau. Und sie mußte, um hinauszukommen, übel eine große Lache springen, die aus der Färberei herauskam. An diesem Tage war die Farbe wieder blau, glich dem tiefblauen Himmel im Sommer; und die kleine Nachtlampe der Hausmeisterin entzündete in dieser Lache ihre Sterne. 3 Gervaise wollte die Hochzeit nicht feiern. Wozu Geld ausgeben? Dann schämte sie sich auch ein wenig; es erschien ihr unnötig, ihre Heirat dem ganzen Viertel anzuzeigen. Aber Coupeau wollte nicht: man könne doch nicht nur gerade so heiraten, ohne einen Bissen zusammen zu essen. Ihm könne das ganze Viertel gestohlen bleiben! Ganz einfach nur, ein kleiner Spaziergang am Nachmittag, bevor man in der ersten besten Garküche einem Kaninchen den Hals brechen würde. Und keine Musik zum Nachtisch, sicher nicht, keine Klarinette. Nur zum Anstoßen etwas, bevor jeder nach Hause geht, schlafen ... Der Zinkarbeiter lachte, machte Dummheiten und überzeugte die junge Frau, nachdem er ihr versprochen hatte, daß man sich unterhalten würde. Er würde schon sein Augenmerk auf den Gläsern haben, damit es keinen Sonnenstich gäbe. Dann bestellte er ein Picknick bei Augustin im Moulin d'Argent auf dem Boulevard de la Chapelle zu hundert Sous das Gedeck. Das war ein kleiner Weinhändler mit bescheidenen Preisen, der eine Kneipe in seiner Hinterstube hatte, hinter den drei Akazien des Hofes. Im ersten Stock würde man sich sehr wohl fühlen. Zehn Tage lang suchte er seine zu ladenden Gäste zusammen, im Hause seiner Schwester, in der Rue de la Goutte d'Or: Herrn Madinier, Fräulein Remanjou, Frau Gaudron und ihren Mann. Gervaise mußte noch zum Schluß zwei Kameraden annehmen, Bibi-la-Grillade und Mes-Bottes; zweifellos, Mes-Bottes trank tüchtig, er hatte aber so einen Mordsappetit, daß man ihn immer zu solchem Picknick einlud, nur um das Gesicht zu sehen, das der Suppenverkäufer macht, wenn er durch dieses hohle Loch zwölf Pfund Brot verschwinden sah. Die junge Frau versprach ihrerseits ihre Auftraggeberin, Frau Fauconnier, zu bringen und die Boches, sehr anständige Leute. Alle zusammen, das sind fünfzehn Personen zu Tisch. Das war genug. Sind es zuviel Leute, endet das immer mit Streit. Coupeau hatte jedoch keinen Sous. Er wollte nicht schwindeln, sondern wie ein ehrlicher Mann handeln. Er lieh fünfzig Francs von seinem Meister. Damit kaufte er zuerst den Trauring, einen goldenen Ring zu zwölf Francs, den ihm Lorilleux aus der Fabrik um neun Francs verschaffte. Er bestellte darauf einen Gehrock, eine Hose und eine Weste bei einem Schneider aus der Rue Myrrha, dem er nur eine Anzahlung von zwanzig Francs machte. Seine Lackschuhe und der Hut, das konnte noch so getragen werden. Wenn er nun die zehn Francs für das Picknick, seine Zeche und diejenige von Gervaise, die Kinder mußten drein gehen, auf die Seite legte, so blieben ihm noch gerade sechs Francs für eine Messe beim Altar der Armen. Sicherlich liebte er die Schwarzröcke nicht, das Herz blutete ihm, daß er seine sechs Francs diesen Pfaffen bringen sollte, die sie nicht nötig hatten, um ihren Schlund feucht zu erhalten. Aber eine Hochzeit ohne Messe ist fast so gut wie keine Hochzeit. Er ging selbst in die Kirche, um zu handeln. Eine Stunde lang stritt er sich mit einem kleinen alten Priester in schmutziger Soutane herum, nannte ihn diebisch wie eine Obsthändlerin. Er hatte Lust, ihm eins hinaufzugeben. Um ihn zu hänseln, fragte er ihn, ob er nicht eine Gelegenheitsmesse finden könnte in seiner Boutique, nicht zu stark verdorben, wovon ein gutes Paar noch leben könnte. Der alte kleine Priester zankte mit ihm, Gott würde gar keine Freude daran haben, seine Verbindung zu segnen, aber er erließ ihm die Messe für fünf Francs. Das waren immerhin zwanzig Sous Ersparnis. Es blieben ihm also zwanzig Sous. Gervaise wollte auch sauber daherkommen. Sobald die Hochzeit beschlossen war, machte sie Überstunden am Abend und es gelang ihr, dreißig Francs auf die Seite zu legen. Sie hatte große Lust, sich einen kleinen Umhang aus Seide zu kaufen, der mit dreizehn Francs in der Faubourg-Poissonnière am Schaufenster ausgezeichnet war. Das leistete sie sich, kaufte dann für zehn Francs einen dunkelblauen Wollrock vom Manne einer Büglerin, die im Hause der Fauconnier gestorben war, und änderte ihn auf ihre Taille. Mit den übrigen sieben Francs kaufte sie ein paar Baumwollhandschuhe, eine Rose für ihr Häubchen und ein paar Stiefel für Claude, ihren Ältesten. Glücklicherweise hatten die Kleinen noch gute Blusen. Vier Nächte verbrachte sie damit, alles zu reinigen und alle, selbst die kleinsten Löcher ihrer Strümpfe und des Hemdes zu flicken. Endlich, am Freitagabend noch, am Vorabend des großen Tages, hatten Gervaise und Coupeau, als sie von der Arbeit heimkamen, noch zu tun bis elf Uhr. Dann verbrachten sie noch eine Stunde zusammen im Zimmer der jungen Frau, ehe jeder bei sich schlafen ging, froh, endlich am Ende dieser Verlegenheit zu sein. Trotzdem sie sich vorgenommen hatten, sich ihrer Umgebung wegen nicht die Beine auszureißen, nahmen sie sich die Sache doch zu Herzen und waren nun erschöpft. Als sie sich Gutenacht sagten, schliefen sie fast im Stehen. Sie stießen beide einen großen Seufzer der Erleichterung aus. Jetzt war alles geordnet. Coupeau hatte Herrn Madinier und Bibi-la-Grillade zu Zeugen; Gervaise rechnete mit Lorilleux und Boche. Man wollte ruhig aufs Bürgermeisteramt und dann in die Kirche gehen, alle sechs, ohne hinter sich den langen Schwanz der Leute nachzuziehen. Die beiden Schwestern des Bräutigams hatten erklärt, sie blieben zu Hause, weil ihre Gegenwart nicht nötig wäre. Mama Coupeau fing an zu weinen und erklärte, sie wolle vorausgehen und sich in einen Winkel stellen, um von dort aus zuzusehen. Man mußte ihr versprechen, sie mitzunehmen. Die Zusammenkunft der ganzen Gesellschaft war auf ein Uhr im Moulin d'Argent festgesetzt. Man würde mit der Eisenbahn hinfahren und zu Fuß auf der Landstraße zurückkommen; dabei würde man dann Hunger bekommen. Das Fest versprach hübsch zu werden. Kein großes Gelage, aber voll Lustigkeit und wo es liebenswürdig und anständig zugeht. Am Samstag früh, während Coupeau sich anzog, packte ihn Unruhe beim Gedanken an seine zwanzig Sous. Es fiel ihm ein, daß er aus Höflichkeit seinen Zeugen doch ein Glas Wein und eine Schnitte Schinken anbieten müßte. Dann könnten noch unerwartete Ausgaben dazukommen. Sicher würden zwanzig Sous nicht ausreichen. Er hatte sich erboten, Claude und Etienne zu Frau Boche zu führen, die sie am Abend zum Essen mitbringen sollte, dann lief er in die Rue de la Goutte d'Or, stieg entschlossen zu Lorilleux hinauf, um sich zehn Francs zu borgen. Das zog ihm schon ein wenig den Hals zu, denn er erwartete eine Grimasse seines Schwagers. Dieser brummte und höhnte wie ein böses Tier, doch schließlich rückte er mit den zwei Fünffrancsstücken heraus. Coupeau hörte aber noch, wie seine Schwester zwischen den Zähnen hervorpreßte, daß »das schon gut anfinge«. Die Trauung am Standesamt war auf halb elf Uhr festgesetzt. Es war sehr schönes Wetter, eine Gewittersonne brütete in den Straßen. Um nicht aufzufallen, trennten sich das junge Paar, die Mama und die vier Zeugen in zwei Gruppen. Vorn ging Gervaise am Arm Lorilleux', Herr Madinier führte Mama Coupeau; zwanzig Schritte weiter auf dem andern Gehweg gingen Coupeau, Boche und Bibi-la-Grillade. Diese drei waren in schwarzen Gehröcken, ihre Rücken waren gekrümmt und die hängenden Arme schlenkerten. Boche hatte eine gelbe Hose an; Bibi-la-Grillade war bis zum Hals zugeknöpft, ohne Weste und zeigte nur einen Zipfel der Krawatte, die wie ein Strick war. Nur Herr Madinier trug einen Frack, einen schönen Frack mit viereckigem Schweif; und die Vorübergehenden blieben stehen und schauten sich diesen Herrn an, der die dicke Mutter Coupeau in ihrem grünen Schal, schwarzer Haube mit roten Bändern daran spazierenführte. Gervaise, sehr sanft, heiter, in ihrem Kleid von harter blauer Farbe, mit den Schultern eingezwängt in das enge Mäntelchen, hörte verbindlich den Scherzen Lorilleux' zu, der trotz der großen Wärme in einem weiten sackartigen Paletot verschwand; von Zeit zu Zeit drehte sie sich an den Straßenkreuzungen nach Coupeau um, dessen neuer Anzug in der Sonne leuchtete und ihn genierte, und lächelte ihm zu. Trotzdem sie langsam gingen, kamen sie eine halbe Stunde zu früh an. Und da der Bürgermeister sich verspätet hatte, kamen sie erst um elf Uhr daran. Sie setzten sich in einer Ecke des Saales auf Stühle und warteten. Sie schauten zur hohen Decke hinauf und auf die kahlen Wände, leise sprechend und aus Höflichkeit jedesmal ihre Stühle rückend, wenn ein Bureauangestellter vorüberging. Doch schimpften sie mit leiser Stimme den Bürgermeister einen Faulenzer; sicher sei er bei seiner Blondine, sich die Gicht reiben zu lassen; vielleicht habe er auch seine Schärpe verschluckt. Als aber die Magistratsperson eintrat, standen sie sehr respektvoll auf. Man hieß sie sich wieder setzen. Dann wohnten sie drei Trauungen bei, mit Bräuten in Weiß, die Mädchen mit Locken, die Fräuleins mit rosa Gürtel, ein langer Zug von Herren und Damen, die alle sehr vornehm aussahen. Als man sie endlich aufrief, konnte die Trauung fast nicht stattfinden, denn Bibi-la-Grillade war verschwunden. Boche fand ihn unten, er rauchte vor dem Hause seine Pfeife. Sie wären aber auch schön dumm, wenn sie drinnen blieben in dieser Kiste! Sich um diese Leute zu kümmern, weil man nicht selbst cremefarbene Handschuh hatte, sie jenen unter die Nase zu stecken! Die Formalitäten, das Vorlesen des Gesetzbuches, die Fragen, die Unterschriften, alles wurde so schnell erledigt, daß sie glaubten, um einen guten Teil der Zeremonie betrogen worden zu sein. Gervaise, betäubt, das Herz geschwellt, drückte ihr Taschentuch an die Lippen. Mama Coupeau weinte heiße Tränen. Alle hatten sich über das Pult gebeugt und ihre Namen mit großen stolpernden Buchstaben hingeschrieben, nur der Gatte hatte ein Kreuz gemacht, er konnte nicht schreiben. Jeder gab vier Sous für die Armen. Als der Angestellte Coupeau den Trauungsschein überreichte, mußte ihn Gervaise am Ellbogen stoßen, worauf er sich entschloß, noch fünf Sous herauszurücken. Der Gang vom Bürgermeisteramt zur Kirche verlief gut. Unterwegs tranken die Männer Bier, Mama Coupeau und Gervaise Cassis mit Wasser. Es war ein langer Weg, die Sonne brannte scharf und nirgends war Schatten. Der Kirchendiener erwartete sie mitten in der leeren Kirche; er stieß sie in eine kleine Kapelle hinein, indem er sie wütend fragte, ob sie sich denn über die Kirche lustig machen wollten, da sie so spät kämen. Ein Priester kam mit langen Schritten, verdrießlichem Gesicht und blaß vor Hunger, mit ihm kam ein Ministrant in schmutzigem hängendem Chorhemd. Er beeilte sich mit dem Lesen der Messe, fraß die lateinischen Sätze förmlich vor Eile und sah dabei die Eheleute und deren Zeugen scheel an. Die Verheirateten vor dem Altar waren sehr verlegen, sie wußten nie, wann sie niederknien, aufstehen oder sich setzen sollten, sie warteten immer auf das Zeichen des Geistlichen. Die Zeugen wollten vornehm sein, sie standen die ganze Zeit; Mama Coupeau fing wieder an in ihr Gebetbuch zu weinen, das sie von einer Nachbarin entliehen hatte. Zwölf Uhr hatte geschlagen, die letzte Messe war gelesen, die Kirche widerhallte vom Hin- und Hergehen der Sakristane und dem Lärm, den das Wiederaufstellen der Stühle machte. Man lichtete den Hauptaltar für ein Fest her, die Hammerschläge der Tapezierer, welche die Behänge annagelten, hallten durch die Kirche. Im Winkel der Kapelle, mitten im Staub, den der Besen des Kirchendieners aufwirbelte, bewegte der schlechtgelaunte Priester seine Hände über den gebeugten Köpfen von Gervaise und Coupeau; er schien sie während eines Umzugs zu vereinen und in Abwesenheit des lieben Gottes zwischen zwei ernsten Messen. Als die Hochzeitsleute sich auch in der Sakristei eingetragen hatten und nun wieder in voller Sonne unter dem Portal waren, blieben sie stehen; sie mußten sich verschnaufen wie Leute, die man gehetzt und in Galopp gejagt hatte. »Schon fertig!« sagte Coupeau mit geniertem Lächeln. Er drehte sich und fand gar nichts Spaßiges, worauf er meinte: »Ja, ja, das braucht nicht lange! Man macht euch das in vier Handbewegungen ... Ganz wie beim Zahnarzt: man hat keine Zeit, Au zu schreien! Sie verheiraten ohne Schmerzen.« »Ja, ja, schöne Arbeit,« höhnte Lorilleux lachend. »Das tut sich zusammen in fünf Minuten und hält das ganze Leben lang! Ach, dieser arme Cadet-Cassis!« Und die vier Zeugen schlugen ihm auf die Schultern, während er einen runden Rücken machte. Währenddessen umarmte Gervaise Mama Coupeau, sie lächelte mit feuchten Augen. Sie antwortete auf die unterbrochene Rede der alten Frau: »Haben Sie keine Angst, ich werde mein möglichstes tun. Wenn es schlecht ausgeht, ist es nicht meine Schuld. Nein, gewiß nicht, ich habe solche Lust, glücklich zu werden... Nun, jetzt ist's geschehen, nicht wahr? Jetzt ist es an ihm und an mir, uns zu verstehen und das unsere zu tun.« Daraufhin ging man geradeswegs nach Moulin d'Argent. Coupeau hatte den Arm seiner Frau genommen. Sie gingen schnell, lachten, in gehobener Stimmung. Sie gingen zweihundert Schritte den andern voraus und sahen weder die Häuser noch die Vorübergehenden oder Wagen. Der betäubende Lärm der Vorstadt machte ihnen Ohrensausen. Als sie beim Weinhändler ankamen, bestellte Coupeau sofort zwei Liter, Schinkenaufschnitt ohne Teller und Tischtuch, gleich unten im hintern Glasraum, um einfach etwas zu essen. Als er sah, daß Boche und Bibi-la-Grillade ernstlich hungrig waren, ließ er einen dritten Liter und ein Stück Käse kommen. Mama Coupeau war nicht hungrig, sie war noch zu gerührt, um essen zu können. Gervaise, die sehr durstig war, trank große Gläser Wasser mit etwas Wein darin. »Das geht mich an«, sagte Coupeau, indem er sofort ans Büfett ging und vier Francs und fünf Sous bezahlte. Jetzt war es ein Uhr und die geladenen Gäste kamen an. Frau Fauconnier, eine dicke Frau, noch ganz hübsch, kam als erste; sie hatte ein grobstoffiges Kleid an, mit aufgedruckten Blumen, eine rosa Krawatte und eine Haube, überladen mit Blumen. Dann kamen zusammen Fräulein Remanjou, ganz schmächtig in ihrem ewigen schwarzen Kleid, das sie auch zum Schlafen anzubehalten schien, und das Paar Gaudron, der Mann von brutalem Schwergewicht, dessen braune Weste bei der kleinsten Bewegung krachte; die Frau, enorm, mit dem vorgestreckten Bauch der Schwangeren, dessen Rundung durch ein schreiend violettes Kleid noch mehr hervortrat. Coupeau erklärte, daß man auf Mes-Bottes nicht zu warten brauche; der Kamerad würde die Hochzeit auf der Straße nach Saint-Denis erwarten. »Sehr gut!« rief Frau Lerat eintretend, »wir werden schön getauft werden! Seht nur das an!« Und sie rief die Gesellschaft zusammen vor die Türe des Weinhändlers, damit sie die schwarzen Wolken betrachten sollten, ein Gewitter von einer Schwärze wie Tinte, das im Süden von Paris aufstieg. Frau Lerat, die älteste Schwester Coupeaus, war eine große Frau, trocken, männlichen Charakters, durch die Nase sprechend, eingehüllt in ein braunes Kleid. Es war zu weit, mit langen Fransen, und sie sah darin aus wie ein nasser Pudel. Sie spielte mit ihrem Sonnenschirm wie mit einem Stock. Als sie Gervaise umarmt hatte, sagte sie: »Sie machen sich keinen Begriff, es trifft einen fast der Schlag vor Hitze... Man meint, jemand wirft einem Feuer ins Gesicht.« Alle erklärten darauf, daß sie das Gewitter schon längst gespürt hätten. Schon als man zur Kirche herauskam, hatte Herr Madinier gesehen, was kommen würde. Lorilleux erzählte, daß seine Hühneraugen ihn am Weiterschlafen verhindert hätten seit drei Uhr in der Früh. Das konnte doch nicht so weitergehen; seit drei Tagen wäre es doch wirklich zu heiß gewesen. »Oh, es wird ordentlich gießen,« wiederholte Coupeau unter der Tür stehend, indem er den Himmel mit beunruhigten Blicken musterte. »Wir warten nur noch auf meine Schwester, man könnte gehen, wenn sie nur da wäre.« Frau Lorilleux war wirklich verspätet. Frau Lerat war gerade bei ihr gewesen, um sie mitzunehmen; da sie aber erst dabei war, ihr Korsett anzuziehen, hatten sie sich gestritten. Die große Witwe raunte dem Bruder noch ins Ohr: »Ich hab sie einfach stehen lassen. Die ist in einer Laune! Na, du wirst ja sehen!« Und die Hochzeiter mußten noch eine gute Viertelstunde warten; sie gingen in der Kneipe herum, wurden gestoßen und hin und her geschoben von den Männern, die hereinkamen, um am Schanktisch einen Krug zu trinken. Von Zeit zu Zeit traten Boche oder Frau Fauconnier oder Bibi-la-Grillade hinaus auf den Rand des Gehweges, die Nase in der Luft. Es regnete noch nicht; der Tag wurde dunkler, Windstöße kamen, den Boden fegend und weißen Staub aufwirbelnd. Beim ersten Donnerschlag bekreuzigte sich Fräulein Remanjou. Aller Augen drehten sich ängstlich nach der runden Uhr über dem Spiegel; es war schon zwei Uhr weniger zwanzig Minuten. »Nun haben wir's!« schrie Coupeau. »Jetzt weinen die Engel.« Ein Platzregen fegte die Straße, die Frauen flohen und hielten ihre Röcke mit beiden Händen hoch unter diesem ersten Guß. Endlich kam Frau Lorilleux an, wütend, atemlos stürzte sie sich auf den Eingang mit ihrem Regenschirm, der nicht gleich zugehen wollte. »Hat man je sowas gesehen!« stotterte sie. »Gerade bei meiner Türe hat es mich erwischt, ich hatte Lust, wieder hinaufzugehen, mich auszuziehen. Das wäre doch besser gewesen ... Schöne Hochzeit das! Ich sagte es ja, ich wollte alles auf den kommenden Samstag verschieben. Und jetzt regnet's, weil man nicht auf mich hören wollte. Um so besser, um so besser, soll der Himmel darüber bersten!« Coupeau versuchte sie zu trösten. Sie sagte ihm aber, er solle schlafengehen. Er würde doch nicht ihr Kleid bezahlen, wenn es verdorben ist. Sie trug ein schwarzes Seidenkleid, in dem sie fast erstickte; die Taille war zu eng und zog an den Knopflöchern, schnitt sie an der Achsel ein, und der Rock war so eng, daß sie nur in kleinen Schritten gehen konnte. Doch schauten sie die Damen der Gesellschaft mit verkniffenen Lippen an und beneideten sie um ihre Toilette. Sie schien Gervaise gar nicht zu sehen, die neben Mama Coupeau saß. Sie rief nach Lorilleux und verlangte sein Taschentuch; dann wischte sie mit demselben in einer Ecke der Kneipe sorgfältig jeden Tropfen ab, der auf die Seide gekommen war. Dieser Platzregen hörte ganz plötzlich auf. Der Tag neigte sich mehr und mehr, es wurde fast Nacht, eine Nacht, die hin und wieder durch Blitze erhellt wurde. Bibi-la-Grillade sagte lachend, daß gleich Pfaffen herunterfallen würden. Da löste sich das Gewitter mit großer Heftigkeit. Wahrend einer halben Stunde regnete es wie aus Kübeln und es donnerte ohne Unterlaß. Die Männer standen vor der Türe und schauten in diesen grauen Regenschleier, auf die angeschwollenen Bäche und die plätschernden Pfützen. Die Frauen saßen erschreckt beisammen und hielten sich die Augen zu. Sie sprachen nichts mehr, der Hals war ihnen wie zugeschnürt. Eine spaßhafte Bemerkung Boches über den Donner, daß der heilige Petrus da oben heftig niese, fand keine Beachtung. Als nun endlich das Blitzen aufhörte und der Donner ferner rollte, wurde die Gesellschaft wieder ungeduldig, sie waren böse gegen das Gewitter, fluchten und ballten die Fäuste gegen die Wolken. Jetzt fiel nur noch ein feiner Regen aus diesem Aschenhimmel. »Es ist zwei Uhr vorüber,« rief Frau Lorilleux. »Wir wollen doch nicht hier übernachten!« Fräulein Remanjou meinte, man solle trotzdem auf das Land gehen, man könne in dem Festungsgraben anhalten, aber alle schrien: das werden schöne Wege sein, man könne sich doch nicht ins Gras legen, auch schien nicht alles vorüber, es könnte noch einmal eine Sauce kommen. Coupeau, der mit den Augen einen Arbeiter verfolgte, der ganz durchnäßt war und ruhig im Regen dahinging, murmelte: »Wenn Mes-Bottes, dieses Tier, uns jetzt auf dem Wege nach Saint-Denis erwartete, wird ihn auch gerade kein Sonnenstich treffen.« Darüber lachten alle. Die schlechte Laune nahm jedoch zu. Am Ende war es schon zum Zerplatzen. Man mußte sich zu etwas entscheiden. Man konnte sich doch bis zur Essenszeit nicht gegenseitig in den Magen schauen. Eine Viertelstunde lang zerbrach man sich den Kopf über den eigensinnig fortdauernden Regen. Bibi-la-Grillade schlug vor, man solle Karten spielen; Boche, der spaßig und tückischen Temperaments war, schlug ein kleines drolliges Spiel vor, das Beichtvaterspiel. Frau Gaudron wollte, daß man Zwiebelkuchen essen gehe, in der Chaussee Clignancourt; Frau Lerat wünschte, jemand solle eine Geschichte erzählen; Gaudron langweilte sich nicht, er befand sich ganz wohl hier, er schlug vor, man solle sich gleich zu Tisch zum essen setzen. Bei jedem Vorschlag stritt man und ärgerte sich; das eine war dumm, dies wieder einschläfernd, man würde sie für Göhren halten. Lorilleur meinte auch etwas sagen zu müssen und schlug vor, einen Spaziergang über die äußeren Boulevards bis zum Père-Lachaise zu machen, wo man das Grab von Abélard und Héloise anschauen würde, wenn man Zeit hatte. Da konnte Frau Lorilleur nicht mehr an sich halten und schrie: sie würde überhaupt heimgehen! Das würde sie tun! Mache man sich denn lustig über die Leute? Sie ziehe sich an, lasse sich verregnen, um dann in einer Kneipe zu sitzen! Nein, nein, von so einer Hochzeit habe sie genug, da ziehe sie ihr Daheimsein vor. Coupeau und Lorilleux mußten ihr die Türe verstellen. Sie rief: »Geht weg von da! Wenn ich euch sage, daß ich gehe!« Als es ihrem Gatten gelang, sie zu beruhigen, ging Coupeau zu seiner Frau, die immer noch ruhig in ihrem Winkel saß und mit ihrer Schwiegermama und Frau Fauconnier plauderte. »Sie schlagen ja gar nichts vor?« sagte er; er wagte es noch nicht, ihr du zu sagen. »Oh, mir ist alles recht,« antwortete sie lachend. »Ich bin nicht wählerisch. Gehen oder dableiben, das ist mir gleich. Ich befinde mich sehr wohl und verlange nichts mehr.« Sie hatte in Wirklichkeit ein ganz verklärtes Gesicht voll friedlicher Freude. Seitdem die Gäste alle da waren, sprach sie zu jedem mit leiser und etwas bewegter Stimme, vernünftig und ohne sich in den Streit zu mischen. Während des Gewitters hielt sie ihre Augen offen und schaute in die Blitze, als sehe sie ernste Dinge, fern, in der Zukunft, in diesem jähen Schein. Herr Madinier hatte noch nichts vorgeschlagen. Er lehnte am Büfett, die Rockschöße auseinander, seine Gewichtigkeit als Meister bewahrend. Er spuckte hin und wieder ausgiebig auf den Boden und rollte seine dicken Augen. »Eigentlich«, sagte er, »könnte man in das Museum gehen ...« Er streichelte sein Kinn, indem er die Gesellschaft durch Augenzwinkern befragte. »Es gibt dort Antiquitäten, Bilder, Gemälde, alles mögliche zu sehen. Es ist sehr lehrreich... Vielleicht kennen Sie das nicht. Oh, das kann man jedenfalls einmal ansehen.« Die Hochzeitsgäste schauten sich an. Nein, Gervaise kannte das nicht; Frau Fauconnier auch nicht, Boche und auch die andern nicht. Coupeau glaubte einmal an einem Sonntag hinaufgestiegen zu sein, doch erinnerte er sich nicht mehr gut. Man zögerte noch, doch hatte Herrn Madiniers Gewichtigkeit einen großen Eindruck auf Frau Lorilleur gemacht, die nun diesen Vorschlag sehr gut und anständig fand. Weil man nun schon den Tag geopfert habe, angezogen sei, wäre es ebenso gut, etwas für seine Bildung zu tun. Alle bejahten es. Da es aber immer noch regnete, borgte man sich Regenschirme beim Weinhändler, alte Schirme, die stehen geblieben waren, in blau, grün, braun; und man machte sich auf den Weg ins Museum. Die Gäste bogen rechts ab und gingen nach Paris durch die Vorstadt Saint-Denis. Coupeau und Gervaise gingen wieder allen voran. Herr Madinier gab seinen Arm nun Frau Lorilleur, Mama Coupeau ließ man ihrer schwachen Beine wegen beim Weinhändler. Dann kamen Lorilleur und Frau Lerat, Boche und Frau Fauconnier, Bibi-la-Grillade und Fräulein Remanjou, endlich das Ehepaar Gaudron. Man war zu zwölf. Das gab einen netten Schweif auf dem Gehweg. »Oh! Wir haben nichts damit zu tun, ich schwöre es Ihnen,« gab Frau Lorilleur Herrn Madinier zur Erklärung. »Wir wissen nicht, woher er sie genommen hat, vielmehr wissen wir es nur zu gut; aber wir haben dabei doch nichts zu sagen, nicht wahr?... Mein Mann mußte den Ehering bezahlen. Diesen Morgen, als wir aufstanden, mußte man ihnen zehn Francs borgen, sonst wäre die Heirat gar nicht zustande gekommen... Eine Braut, die gar keinen Verwandten zur Hochzeit mitbringt! Sie sagt, sie habe in Paris eine Schwester, die Schweinemetzgerin ist. Warum hat sie sie denn dann nicht eingeladen?« Sie zeigte nun auf Gervaise, die infolge des abschüssigen Pflasters arg hinken mußte. »Schauen Sie sie an! Ist das erlaubt! ... So eine hinkende Ente!« Und dies Wort machte die Runde durch die Gesellschaft. Lorilleur krächzte, sagte, man müsse sie immer so nennen. Aber Frau Fauconnier nahm Gervaise in Schutz; man tat unrecht, sich über sie lustig zu machen, sie war so sauber wie ein Sous und war tüchtig in der Arbeit. Frau Lerat, die immer zum scherzen aufgelegt war, nannte das Bein der Kleinen »einen Liebeskegel«; sie fügte hinzu, daß viele Männer das liebten, ohne sich näher erklären zu wollen. Die Hochzeit kam aus der Rue Saint-Denis und überquerte den Boulevard. Sie mußte der Wagen wegen warten; dann kreuzten sie die Straße, die durch das Gewitter in ein Meer von Dreck verwandelt war. Der Guß setzte neuerdings ein und sie mußten die Regenschirme öffnen; die Frauen, am Arme der Männer hängend, stapften im Dreck von einem Gehweg zum andern. Zwei Straßenjungen schrien »Bettscheißer«; Spaziergänger liefen herbei, Geschäftsleute schauten belustigt hinter ihren Ladenfenstern hervor; mitten unter dem Johlen der Menge bildeten diese Paare, in Prozession gehend, lebhafte Farben auf dem grauen und nassen Hintergrund des Boulevards; das stark blaue Kleid Geroaises, das grobgeblumte Kleid der Frau Fauconnier, die kanariengelbe Hose von Boche, der leuchtende Gehrock von Coupeau und Madiniers karierter Anzug, die ganze Steifheit dieser sonntäglich geputzten Leute sah aus wie ein Karnevalswitz. Die schöne Toilette der Frau Lorilleux, die Fransen der Frau Lerat, die zerknitterten Röcke des Fräulein Remanjou vereinten alle Moden und waren der reinste Trödlerladen, der Luxus der Armen. Aber besonders die Herrenhüte waren es, die so belustigten; alte, aufbewahrte Hüte, verschossen in der Dunkelheit der Schränke, mit allen möglichen Formen, spitz, breit oder mit außergewöhnlichen Rändern; aufgestülpte Hüte, flache, zu weite und zu enge. Das Lachen nahm noch zu, als zum Schluß Frau Gaudron kam in ihrem schreiend violetten Kleid, ihren schwangeren Bauch vor sich hertragend. Die Hochzeitsgäste jedoch beeilten sich nicht deshalb, sie waren stolz und glücklich, angesehen zu werden, und erheiterten sich über die Scherze. »Oh, schaut! Die Braut!« schrie ein Gassenjunge, indem er auf Frau Gaudron zeigte. »Oh, welches Unglück! Sie hat einen harten Kern geschluckt!« Die ganze Gesellschaft platzte vor Lachen. Bibi-la-Grillade drehte sich um und meinte, das habe der Junge gut gesagt. Die Gaudron lachte am stärksten, sie spreizte sich; das war nicht entehrend, im Gegenteil; es gab mehr wie eine Dame, die im Vorbeigehen nach ihr schielte und die wie sie hätte sein mögen. Man kam endlich in die Rue de Cléry und dann in die Rue du Mail. Auf der Place des Victoires gab es einen Halt: der Braut war das linke Schuhband aufgegangen; während sie es am Fuße der Statue Ludwig XIV. zuband, trafen die Paare eng hinter ihr zusammen, warteten und machten Witze über das Stück Wade, das sie sehen ließ. Endlich, nachdem man die Rue Croix-des-Petits-Champs heruntergegangen war, kam man an den Louvre. Herr Madinier fragte sehr höflich um Erlaubnis, ob er den Zug anführen dürfe. Er war sehr groß, man könnte sich verlieren; und er kenne die schönen Sachen, denn er wäre oft mit einem Künstler da gewesen, einem intelligenten Jungen, dem eine große Pappschachtelfabrik Zeichnungen abkaufte, um sie auf ihre Schachteln zu kleben. Unten im Unterstock, im assyrischen Museum, wurde die Gesellschaft etwas von Frost geschüttelt. Verflucht! Es war nicht sehr warm hier; aus dem Saal hätte man einen famosen Keller machen können. Langsam bewegten sich die Paare, das Kinn hochgestreckt, mit blinzelnden Augenlidern zwischen diesen Steinkolossen, den schwarzen Marmorgöttern, die stumm in ihrer hierarchischen Steifheit dastanden, diesen ungeheuren Tieren, halb Frauen, halb Katzen, mit toten Gesichtern, breiten Nasen und geschwollenen Lippen. Sie fanden das alles sehr häßlich. Man bearbeitete doch heute den Stein bedeutend besser. Eine phönizische Inschrift versetzte sie in Erstaunen. Das war doch nicht möglich, niemand konnte doch dies Gekritzel lesen. Herr Madinier war bereits mit Frau Lorilleur auf der Stufe des ersten Stockes und rief nach ihnen: »Kommt doch. Das ist doch nichts, diese Maschinen da ... Im ersten Stock muß man schauen.« Die strenge nackte Treppe wirkte bedrückend auf sie. Ein prächtiger Diener in roter Weste, die Livree ganz in Gold gefaßt, der auf sie auf der Treppe zu warten schien, erhöhte noch ihre Verlegenheit. Mit größtem Respekt, auf leisen Sohlen betraten sie den französischen Saal. Dann gingen sie ohne stehenzubleiben an vielen Gemälden vorbei, die zu zahlreich waren, um sie genau betrachten zu können. Das Gold der Rahmen gefiel ihnen. Vor jedem Bild hätten sie eine Stunde lang stehen müssen, wenn sie nur irgend etwas davon verstehen wollten. Wie viele Bilder, Donnerwetter! Das hörte ja nicht mehr auf. Da muß viel Geld darin stecken. Dann plötzlich am Ende hielt sie Herr Madinier auf und zeigte »Das Floß der Meduse« und erklärte ihnen die Darstellung. Alle waren ergriffen, standen still und sagten kein Wort. Als man sich wieder in Bewegung gesetzt hatte, faßte Boche das allgemeine Empfinden in die Worte: »Das ist gelungen.« In der Galerie des Apollo bewunderte die Gesellschaft insbesondere das Parkett, das glänzend wie ein Spiegel war und wo sich die Füße der Stühle spiegelten. Fräulein Remanjou schloß die Augen, sie glaubte auf Wasser zu gehen. Man rief Frau Gaudron zu, sie möge ihre Schuhe platt stellen wegen ihrem Umfang. Herr Madinier wollte ihnen die Vergoldung und Malerei der Decke zeigen; aber das brach ihnen den Hals ab, sie konnten nichts unterscheiden. Bevor sie nun in den viereckigen Saal kamen, zeigte er auf ein Fenster mit einer Geste und sagte: »Das ist der Balkon, von welchem Karl IX. auf das Volk geschossen hat.« Er gab aber auf den Schwanz seines Zuges acht. Mit einer Bewegung kommandierte er halt, mitten im viereckigen Salon. »Hier sind Meisterwerke«, sagte er mit halblauter Stimme, ganz wie in einer Kirche. Man ging im Saal herum. Gervaise fragte nach der Bedeutung der »Hochzeit von Kanaan«; das war doch dumm, daß man das nicht auf die Bilder schrieb. Coupeau hielt vor der Joconde an, er fand sie einer Tante von ihm sehr ähnlich. Boche und Bibi-la-Grillade stießen sich lachend an und zeigten auf die nackten Frauen; besonders die Schenkel der Antiope verursachten ihnen Gänsehaut. Ganz am Ende das Ehepaar Gaudron, der Mann mit offenem Munde, die Frau ihre Hände auf dem Bauche gefaltet, waren erschüttert und stupide bewegt vor der Jungfrau von Murillo. Als der Rundgang einmal gemacht war, wollte Herr Madinier, daß man nochmals von vorn anfinge; aber es war nicht der Mühe wert. Er beschäftigte sich zuvorkommend mit Frau Lorilleux, ihres seidenen Kleides wegen; jedesmal wenn sie ihn etwas fragte, gab er eine ernste und sichere Antwort. Als sie sich für die Freundin Tizians interessierte, deren gelbe Haarfarbe sie der ihrigen verglich, sagte er, es wäre die La Belle Ferronnière, eine Mätresse Heinrichs IV., worüber man im Theater Ambigu ein Drama spielte. Dann ging man in die lange Galerie der italienischen und flämischen Schule. Wieder Bilder, immer Bilder, Heilige, Männer und Frauen mit Gesichtern, die man nicht verstand, Landschaften, die schwarz waren, gelbgewordene Tiere, eine Anordnung von Leuten und Dingen, deren heftiger Farbenlärm ihnen endlich Kopfweh verursachte. Herr Madinier sprach nichts mehr, er führte den Zug langsam weiter, dieser folgte in bester Ordnung, alle mit gestrecktem Hals, die Augen in der Luft. Ganze Jahrhunderte der Kunst gingen an ihrer verdutzten Unwissenheit vorüber, die feine Trockenheit der Primitiven, die Pracht der Venezianer, das satte Leben und das herrliche Licht der Holländer. Was sie aber noch am meisten interessierte, waren die Kopisten, die mit ihren Staffeleien mitten unter all den Leuten saßen und ungeniert malten; eine alte Dame saß auf einer großen Leiter und strich einen Pinsel voll Mauergelb in den zarten Himmel einer großmächtigen Leinwand, das machte einen großartigen Eindruck. Nach und nach hatte sich das Gerücht verbreitet, daß eine Hochzeit den Louvre besichtige; Maler kamen gelaufen und lachten; Neugierige setzten sich im voraus auf die kleinen Bänke, um bequem dieses Schauspiel zu genießen; während die Wärter mit verbissenen Lippen Geistesblitze auffingen. Aber die Hochzeitsleute waren schon müde, sie verloren schon an ihrem Respekt, schleiften ihre genagelten Schuhe, stießen mit den Absätzen auf die Parkette, mit dem Gestampf einer losgelassenen Herde, inmitten der Sauberkeit der Säle. Nur Madinier schwieg, er wollte sich für einen Effekt vorbereiten. Schnurgerade ging er auf die »Kermesse« von Rubens zu. Da sagte er immer noch nichts, er begnügte sich damit, auf die Leinwand zu deuten, mit schelmischem Augenzwinkern. Die Damen stießen kleine Schreie aus, als sie die Nasen auf der Leinwand hatten; dann drehten sie sich, rot geworden, um. Die Männer hielten sie zurück, lachend, nach anzüglichen Details suchend. »Seht doch her!« wiederholte Boche, »das ist doch das Geld wert. Da ist einer, der sich erbricht, und dieser schlägt sein Wasser ab. Und dieser hier! Oh, dieser da ... Na, diese hier sind sauber, das muß man sagen!« »Gehen wir jetzt,« sagte Herr Madinier, entzückt über seinen Erfolg, »auf dieser Seite gibt es nichts mehr zu sehen.« Die Leute kamen zurück, gingen nochmals durch den viereckigen Saal, die Galerie und den Saal des Apollo. Frau Lerat und Fräulein Remanjou beklagten sich, daß ihnen die Beine in den Magen wüchsen. Der Pappdeckelmacher wollte Lorilleux den alten Schmuck zeigen. Er befinde sich gleich nebenan, am Ende eines kleinen Raumes, er finde das mit geschlossenen Augen. Doch täuschte er sich, verirrte die Gesellschaft durch sieben bis acht Säle, die ganz verlassen, nur mit Vitrinen bestellt waren, voll von unzähligen kaputten Töpfen und häßlichen Männchen. Sie froren und langweilten sich sehr. Als er endlich eine Türe suchte, kamen sie zu den Zeichnungen. Wieder mußten sie einen langen Weg machen, die Zeichnungen hörten nicht auf, Saal kam auf Saal, ohne etwas Lachhaftes, nur Blätter, die beschmiert waren und eingerahmt an den Wänden hingen. Herr Madinier verlor ganz den Kopf, wollte es aber doch nicht eingestehen und ließ die Gesellschaft eine Treppe höher steigen. Diesesmal langten sie mitten im Museum für die Marine an, unter lauter Modellen für Instrumente und Kanonen, Reliefplänen, spielzeuggroßen Schiffen. Eine andere Treppe begegnete ihnen erst sehr entfernt, nach einer Viertelstunde Marsch. Als sie hinuntergestiegen waren, befanden sie sich wieder mitten unter den Zeichnungen. Dann wurden sie verzweifelt, sie trotteten aufs Geratewohl durch die Säle, die Paare immer zuerst, Herrn Madinier folgend, der sich den Schweiß von der Stirn wischte, ganz außer sich und wütend auf die Administration, die er anklagte, sie habe die Türen versetzt. Die Wärter und Besucher schauten ihnen mit Staunen zu. Innerhalb zwanzig Minuten sah man sie dreimal im viereckigen Saal, in der französischen Galerie, längs der Vitrinen, in denen die kleinen orientalischen Götter schliefen. Niemals mehr würden sie den Ausgang finden. Mit gebrochenen Beinen, sich ganz gehen lassend, machte diese Hochzeit einen entsetzlichen Lärm; immer am Ende des Zuges blieb Frau Gaudron mit dem Bauch zurück. »Es wird geschlossen! Es wird geschlossen!« riefen die mächtigen Stimmen der Wärter. Und sie wurden beinahe eingesperrt. Ein Wärter mußte sich an die Spitze stellen und sie zu einer Türe führen. Endlich im Hofe des Louvre angekommen, als sie ihre Regenschirme geöffnet hatten, bekamen sie Atem. Herr Madinier bekam wieder seine Festigkeit; er tat unrecht daran, nicht zur Linken gegangen zu sein; jetzt erinnerte er sich, daß die Schmucksachen zur Linken waren. Doch die ganze Gesellschaft tat so, als wenn sie zufrieden wäre, das alles gesehen zu haben. Es schlug vier Uhr. Man hatte also noch zwei Stunden hinzubringen vor dem Essen. Man beschloß spazierenzugehen, um die Zeit totzuschlagen. Die ermüdeten Damen hätten sich lieber gesetzt; da aber niemand etwas zum essen anbot, setzte man sich längs des Kais wieder in Bewegung. Da kam aber ein neuer Gußregen, und zwar so heftig, daß die Regenschirme nichts mehr nutzten und die Toiletten der Damen ernstlich gefährdet waren. Frau Lorilleux, der das Herz stillstand bei jedem Tropfen, der auf ihr Kleid fiel, schlug vor, man solle sich unter die Pont Royal stellen; wenn man ihr aber nicht folgen wolle, so ginge sie ganz allein hinunter. Und der Zug steuerte unter die Brücke. Da war man gut aufgehoben. Das konnte man eine gelungene Idee nennen! Die Damen legten ihre Taschentücher auf das Pflaster, setzten sich mit gespreizten Knien darauf, rissen mit beiden Händen das Gras ab, das zwischen den Steinen wuchs, gerade als wenn sie auf dem Lande wären. Die Männer amüsierten sich damit, sehr laut zu schreien, um das Echo gegenüber am andern Bogen zu wecken; Boche und Bibi-la-Grillade fluchten nacheinander ins Leere, indem sie so stark sie konnten »Schwein!« schrien, und lachten sich halbtot, wenn ihnen das Echo das Wort zurückwarf. Schließlich wurden sie ganz heiser, worauf sie platte Steine suchten und damit Butterbrot warfen. Der Regen hatte aufgehört, aber der Gesellschaft war so wohl, daß sie nicht ans Aufbrechen dachte. Die Seine führte schmutziges Wasser, alte Korke, Gemüsereste, einen Wust von Abfall, der von einem Wirbel einen Augenblick lang aufgehalten und vom Schatten des Gewölbes verdunkelt wurde, wahrend auf der Brücke die Omnibusse und Wagen vorüberrollten, der ganze Verkehr von Paris, von dem man nur rechts und links die Dächer wie aus dem Grunde eines Loches sah. Fräulein Remanjou seufzte: wenn nun noch Laub zu sehen gewesen wäre, würde ihr das vorkommen, als wäre sie an einem Platz an der Marne, wo sie 1817 mit einem jungen Mann spazierenging, den sie noch heute beweinte. Herr Madinier gab das Zeichen zum Aufbruch. Man durchquerte den Tuileriengarten, mitten durch das kleine Volk der Kinder, deren Reifen und Balle die schöne Ordnung der Paare störte. Als sie auf der Place Vendôme ankamen, schauten sie nach der Säule. Da wollte Herr Madinier besonders galant gegen die Damen sein; er bot ihnen an, die Säule zu besteigen und Paris anzusehen. Sein Anerbieten schien sehr spaßig. Ja, ja, man muß da hinauf und man lachte herzlich. Das war doch sehr interessant für die Leute, die niemals die Erde verlassen hatten. »Wenn ihr glaubt, daß die Hinkende mit ihrem Kegel sich da hinauf wagt«, flüsterte Frau Lorilleux. »Ich gehe sehr gern da hinauf,« sagte Frau Lerat, »ich will aber nicht, daß ein Mann hinter mir hinaufsteigt.« Alle stiegen hinauf. In dieser engen Spirale der Treppe kletterten die zwölf, stießen gegen die abgenutzten Stufen und hielten sich an den Wänden. Als dann die Dunkelheit vollkommen war, fingen die Damen an zu kreischen. Die Herren kitzelten sie und kniffen sie in die Beine. Wie dumm aber von ihnen, daß sie es ausschwatzten! Wie leicht hätten es Mäuse sein können ... Im übrigen blieb alles ohne Konsequenzen, ihre Ehrbarkeit sagte ihnen, wie weit sie gehen durften. Dann fiel Boche ein dummer Scherz ein, den die ganze Gesellschaft wiederholte. Man rief nach Frau Gaudron, so als ob sie unterwegs geblieben wäre, und fragte sie, ob ihr Bauch durchgehe. Bedenkt doch! wenn sie da stecken bleiben würde, ohne vorwärts noch rückwärts zu können, sie hätte das ganze Loch verstellt und man hätte nicht mehr hinuntergehen können. So lachte man über diese schwangere Frau, und lachte so stark, daß die Säule zitterte. Boche war ganz ausgelassen, er erklärte, daß man in diesem Turm alt würde; wird denn das kein Ende nehmen, kommt man denn in den Himmel? Er versuchte die Frauen zu erschrecken, er schrie, der Turm bewege sich. Coupeau jedoch sagte gar nichts; er kam hinter Gervaise, er hielt sie um die Taille und fühlte, wie sie ihm ergeben war. Als sie plötzlich ins Licht traten, war er gerade im Begriff, ihr den Hals zu küssen. »Na! Ihr seid mir zwei, geniert euch bloß nicht!« bemerkte spitz Frau Lorilleux. Bibi-la-Grillade stellte sich wütend. Er wiederholte: »Ihr habt soviel Lärm gemacht! Ich konnte nicht einmal die Stufen zählen.« Herr Madinier zeigte indessen schon die Hauptgebäude auf der Plattform. Frau Fauconnier und Fräulein Remanjou wollten nicht heraustreten; der Gedanke allein schon an das Pflaster unten machte sie schwindlig; sie wagten nur Blicke von der kleinen Türe aus. Frau Lerat war schon mutiger, sie machte den Rundgang über die kleine Terrasse, indem sie sich an der Bronze der Kuppel festhielt. Es war aber doch etwas schauerlich, wenn man bedenkt, daß man nur hätte mit einem Fuß darübersteigen müssen. Was für ein Sturz, Donnerwetter! Die Männer schauten, etwas blaß geworden, über den Platz. Man glaubte in der Luft zu schweben, von allen getrennt. Nein, wirklich, da wird einem kalt bis auf die Knochen. Herr Madinier jedoch empfahl die Augen aufzumachen und sie vor sich hin in weite Entfernung zu dirigieren; das verhindere den Schwindel. Und er fuhr fort mit der Hand zu deuten, nach den Invalides, dem Panthéon, Notre-Dame, dem Turm von Saint-Jacques und den Höhen Montmartres. Dann fragte Frau Lorilleux, ob man auf dem Boulevard de la Chapelle wohl den Weinhändler von Moulin d'Argent sehen könne, wo man essen wollte. Zehn Minuten lang suchte man und stritt sich sogar darüber; jeder verpflanzte den Weinhändler in eine andere Gegend. Paris, um sie herum, breitete seine graue Weite mit blauen Fernen aus, seine tiefen Täler mit seinem Meer von Dächern; das ganze rechte Ufer lag im Schatten, unter kupferroten Wolken; der Rand dieser Wolken war wie mit goldenen Fransen behangen, von denen ein breiter Strahl ausging, der Tausende von Fenstern des linken Ufers gleich Sternen erzittern ließ, und diese Ecke der Stadt war in Licht gebadet und vom Gewitter gereinigt. »Das war nicht der Mühe wert, da heraufzusteigen«, sagte Boche, wütend die Treppen heruntergehend. Die Gäste stiegen hinab, stumm, schlechter Laune, sie spektakelten mit den Schuhen auf den Stufen. Unten wollte Herr Madinier bezahlen. Aber Coupeau wollte das nicht, er beeilte sich dem Wärter vierundzwanzig Sous zu geben, zwei Sous die Person. Es war nahe fünfeinhalb Uhr; man hatte gerade Zeit zu gehen. Man kam über die Boulevards und die Vorstadt Poissonière zurück. Coupeau fand, daß dieser Spaziergang nicht damit enden sollte; er trieb alle zu einem Weinhändler hinein und bestellte Vermouth. Die Mahlzeit war auf sechs Uhr bestellt. Man hatte schon zwanzig Minuten im Moulin d'Argent auf sie gewartet. Frau Boche hatte ihre Loge einer Frau des Hauses anvertraut, sie sprach mit Mama Coupeau im Saale des ersten Stockes, gegenüber dem gedeckten Tisch; und die zwei Buben, Claude und Etienne, von Frau Boche hergeführt, spielten Fangen unter dem Tisch mitten unter all den Stühlen. Als Gervaise eintrat und die Kinder sah, die sie den ganzen Tag nicht gesehen hatte, nahm sie sie auf ihren Schoß und küßte sie ab. »Waren sie brav?« fragte sie Frau Boche. »Haben sie Ihnen wenigstens nicht zuviel Mühe gemacht?« Als ihr diese alle lachhaften Worte wiedererzählte, die diese Würmer den ganzen Nachmittag gesprochen hatten, bekam sie einen Zärtlichkeitsanfall, indem sie die Kinder neuerdings hochnahm und an sich preßte. »Das ist doch eigentümlich immerhin für Coupeau«, sagte Frau Lorilleux zu den Damen am andern Ende des Zimmers. Gervaise hatte ihre freundliche Ruhe des Tages behalten. Seit dem Spaziergang wurde sie jedoch auf Augenblicke traurig, sie schaute ihren Mann und die Lorilleux mit ihrer nachdenklichen und vernünftigen Art an. Sie fand, daß Coupeau vor seiner Schwester feige war. Noch am Abend bevor schrie er sehr, er schwur, daß er diese Schlangenzungen schon auf ihren Platz weisen würde, falls sie sich gegen ihn verfehlten. Aber sie sah es nur zu gut, ihnen gegenüber duckte er sich wie ein Hund, hörte auf ihre Worte und war besessen, wenn er glaubte, daß sie böse seien. Und das allein beunruhigte sie für die Zukunft. Man erwartete nur noch Mes-Bottes, der noch nicht gekommen war. »Setzen wir uns nur ruhig zu Tisch. Ihr werdet ihn hereintorkeln sehen: er hat eine eingedrückte Nase, er riecht schon von weitem nach Lebensmitteln. Er wird nicht lachen, wenn er noch immer auf der Straße von Saint-Denis wartet!« Darüber waren alle sehr belustigt; sie setzten sich unter viel Lärm und Stuhlrücken. Gervaise saß zwischen Lorilleux und Herrn Madinier, und Coupeau zwischen Frau Fauconnier und Frau Lorilleux. Die andern Eingeladenen setzten sich wie sie wollten, denn das endet immer mit Eifersüchteleien und Streitigkeiten, sobald man ihnen das Gedeck bestimmte. Boche schlüpfte neben Frau Lerat. Bibi-la-Grillade saß zwischen Fräulein Remanjou und Frau Gaudron. Frau Boche und Mama Coupeau saßen ganz am Ende mit den Kindern, sie übernahmen es, ihnen das Fleisch zu schneiden und zu trinken zu geben, aber ja nicht viel Wein. »Sagt niemand das Tischgebet«, fragte Boche, während die Damen ihre Röcke unter dem Tischtuch ordneten, aus Angst vor Flecken. Aber Frau Lorilleux liebte solche Späße nicht. Und die Nudelsuppe war beinahe kalt, sie wurde sehr rasch und geräuschvoll hineingeschlürft. Zwei Kellner bedienten in fettigen Westen und mit Schürzen von zweifelhaftem Weiß. Durch die vier offenen Fenster, die auf die Akazien des Hofes gingen, kam der Tag herein, das Ende eines Gewittertages voll Wärme und Reinheit. Der Widerschein der Bäume in diesem feuchten Winkel ließ den verrauchten Saal grün erscheinen. Schatten der Blätter tanzten über dem Tischtuch, das von leichtem Schimmelgeruch feucht war. Zwei Spiegel voll Fliegenschmutz waren über den beiden Enden des Tisches, ihn in die Unendlichkeit verlängernd, angebracht, auf dem Tische stand grobes Geschirr, ins Gelbliche schimmernd, wo in den Tellern die Messer schwarze Rillen von Fett kratzten. Im Hintergrund knallte jedesmal die Türe an, sooft ein Kellner aus der Küche herauskam und einen Fettgeruch mitbrachte. »Reden wir doch nicht alle auf einmal«, sagte Boche, als alle schwiegen und die Nasen auf dem Teller hielten. Man trank das erste Glas Wein und verfolgte mit den Augen zwei mit Fleisch gefüllte Pasteten, die von den Kellnern serviert wurden; Mes-Bottes trat ein. »Na! Ihr seid schöne Gauner allemiteinander!« schrie er. »Ich habe meine Beine während drei Stunden spazierengetragen auf dieser Landstraße, so daß ein Schutzmann mich nach meinen Papieren fragte ... Macht man solche Schweinereien einem Freunde? Hätte man mir nicht jemanden schicken können? Alles was recht ist! Dabei regnete es so, daß mir das Wasser in den Taschen stand ... Wirklich, man könnte noch einen Fisch darin fangen.« Die Gesellschaft lachte in einem fort. Dieser Mes-Bottes, dieses Tier, war schon betrunken; er hatte gewiß schon seine zwei Liter hinter sich; doch sich nur nicht die Laune verderben lassen durch diesen Kerl, dem das Gewitter auf sein Gänseklein gespuckt hat. »Hier, du Freßsack!« rief Coupeau, »setz dich da unten hin, neben Frau Gaudron. Du siehst, man hat dich erwartet.« »Oh, das wird mich nicht in Verlegenheit bringen, ich werde euch schon noch einholen«, und er verlangte dreimal Suppe, Teller voll Nudeln, in die er große Schnitten Brot hineinschnitt. Als man die Fleischpastete angegriffen hatte, rief er die Bewunderung sämtlicher Gäste hervor. Wie er stopfte! Die bestürzten Kellner bildeten eine Kette, um ihm das Brot zu reichen, Stücke, die so fein geschnitten waren, daß er sie mit einem Male aufaß. Aber dann ärgerte er sich; er wollte ein ganzes Brot neben sich haben. Der sehr beunruhigte Weinwirt zeigte sich einen Augenblick auf der Schwelle des Saales. Die Gesellschaft, die darauf gewartet hatte, bog sich vor Lachen. Das tat ihm weh, dem Garküchenbesitzer! Was für ein verfluchter Kamerad, dieser Mes-Bottes! Hatte er nicht eines Tages zwölf harte Eier gegessen und zwölf Gläser Wein dazu getrunken während der zwölf Glockenschläge des Mittags! Man wird nicht viele dieser Sorte treffen. Fräulein Remanjou schaute bewegt, wie Mes-Bottes kaute, während Herr Madinier nach Worten suchte, sein außergewöhnliches Erstaunen auszudrücken; er erklärte diese Kapazität für ungewöhnlich. Dann trat Schweigen ein. Ein Kellner hatte soeben ein Kaninchenfrikassee auf den Tisch gestellt, in einer großen Platte, tief wie eine Salatschüssel. Coupeau, ein Spaßmacher, wollte nun einen Scherz machen. »Sag' mal, Kellner, das ist ein Kaninchen aus der Dachrinne, es miaut ja noch.« Und wirklich, ein leises Miauen hörte man, das aus der Schüssel zu kommen schien. Das war Coupeau, der bauchreden konnte, ohne die Lippen dabei zu rühren; ein Gesellschaftstalent, das nie ohne Effekt blieb, deshalb bestellte er immer ein Kaninchenfrikassee, wenn er auswärts aß. Darauf knurrte er so, daß die Damen ihre Servietten vor das Gesicht hielten, weil ihnen vor Lachen sonst das Essen aus dem Munde gefallen wäre. Frau Fauconnier verlangte den Kopf; sie liebte nur den Kopf. Fräulein Remanjou betete Speckschnitten an. Und als Boche nur die Nieren wollte, falls sie gut ausgewachsen wären, spitzte Frau Lerat die Lippen, indem sie sagte: »Ich kann das verstehen.« Sie war trocken wie eine Hopfenstange, führte das Leben einer eingeschlossenen Arbeiterin im ewigen Einerlei, sah keine männliche Nase bei sich seit ihrer Witwenschaft, doch ließ sie immer herausfühlen, wie sehr sie sich um diese Dinge kümmerte; sie hatte die Manie der doppelsinnigen Worte und Anspielungen, von einer Tiefe oft, die sie nur selbst verstand. Boche beugte sich denn so nahe wie möglich an ihr Ohr und verlangte eine Erklärung; worauf sie erwiderte: »Zweifellos die kleinen ... Das genügt, denke ich.« Die Unterhaltung wurde jetzt ganz ernst. Jeder sprach von seinem Gewerbe. Herr Madinier lobte die Pappenmacherkunst, da gab es wahre Künstler dabei; er hob die Bonbonsschachteln hervor, von denen er Modelle kannte, wahre Wunder an Luxus. Lorilleux lachte; er war so stolz darauf, Gold zu verarbeiten, er sah den Schein auf seinen Fingern und an seiner ganzen Person haften. »Ja,« wiederholte er des öftern, »auch haben die Goldarbeiter ehemals den Degen getragen;« und er zitierte Bernard Palissy, ohne weiteres Wissen darüber. Coupeau erzählte von einer Wetterfahne, die ein Freund gemacht hatte, ein wahres Meisterstück; es bestand aus einer Säule, einer Garbe, einem Früchtekorb und dann der Fahne; alles glänzend dargestellt, das alles nur aus Stücken Zink ausgeschnitten und gelötet. Frau Lerat zeigte Bibi-la-Grillade, wie man einen Stiel von der Rose macht, indem sie das Heft des Messers zwischen ihren knochigen Fingern drehte. Die Stimmen hoben und kreuzten sich, durch den Lärm hörte man die Stimme der Frau Fauconnier, die sich über die Arbeiterinnen beklagte und erzählte, daß so ein Fetzen von Lehrmädchen ihr am Abend zuvor ein paar Leintücher verbrannt habe. Lorilleux schlug mit der Faust auf den Tisch und schrie: »Ihr könnt sagen, was ihr wollt: Gold ist Gold.« Und mitten im Schweigen, das diese Wahrheit verursachte, hörte man die schwächliche Stimme von Fräulein Remanjou die weitererzählte: »Dann stülpe ich ihnen die Röcke auf, ich nähe darunter ... Ich stecke ihnen eine Stecknadel in den Kopf, damit das Häubchen hält ... Damit ist's getan, man verkauft sie für dreizehn Sous.« Sie erklärte ihre Puppen Mes-Bottes, dessen Kiefer langsam wie Mühlsteine mahlten. Er hörte nicht zu, zuckte mit dem Kopf, schaute nach den Kellnern, damit sie die Platten nicht hinaustrugen, ehe er sie ausgeleckt hatte. Man hatte ein Frikandeau mit Sauce und Erbsen gegessen. Man brachte den Braten, zwei magere Hühner, die auf einem Bett von verwelkter Kresse lagen und im Ofen gebacken waren. Draußen starb die Sonne auf den Zweigen der Akazienbäume. Im Saal verdickte sich der grünliche Schimmer durch den Dampf, der von den Speisen am Tische aufstieg. Das Tischtuch war voller Wein- und Sauceflecken, in wüster Unordnung lagen die Gedecke durcheinander. Längs der Mauer hatten die Kellner schmutzige Teller und leere Literflaschen aufgestellt, die aussahen wie der Kehricht, der vom Tischtuch heruntergefallen und zusammengekehrt war. Es war sehr heiß. Die Männer zogen ihre Überröcke aus und aßen hemdärmelig weiter. »Frau Boche, ich bitte Sie, stecken Sie ihnen nicht so viel hinein«, sagte Gervaise, die sehr wenig sprach und von der Ferne Claude und Etienne überwachte. Sie stand auf, trat hinter die Stühle der Kleinen und sprach stehend mit ihnen. Die Kinder hatten keine Vernunft, die aßen den ganzen Tag hindurch, ohne ein Stück zurückzuweisen; und sie gab ihnen selbst etwas vom weißen Fleisch der Hühner. Aber Mama Coupeau meinte, einmal könnten sie sich wohl etwas den Magen verderben. Frau Boche klagte leise über ihren Mann, daß er Frau Lerat die Knie kitzele. Oh, das war ein Duckmäuser, er trieb Narrenpossen. Sie sah, wie seine Hand verschwand. Wenn er nochmals anfinge, Donnerwetter! sie war Frau genug, ihm eine Karaffe an den Kopf zu werfen. Im Schweigen hörte man Herrn Madinier über Politik reden. »Ihr Gesetz vom 31. Mai ist eine Abscheulichkeit. Jetzt braucht man zwei Jahre Ansässigkeit. Drei Millionen Bürger sind von den Listen gestrichen. Man hat mir gesagt, daß Bonaparte im Grunde darüber wütend ist, denn er liebt das Volk, er hat Proben davon gegeben.« Er – er war Republikaner; aber er bewundere den Prinzen seines Onkels wegen, ein solcher käme nie mehr wieder. Bibi-la-Grillade wurde böse: er habe im Elysee gearbeitet und Bonaparte gesehen, so wie er jetzt Mes-Bottes sähe, hier, ihm gegenüber; nun, gut! dieser Tölpel von einem Präsidenten sähe aus wie ein Hengst! Man sagte, er wollte eine Reise in die Gegend von Lyon unternehmen. Wenn er sich den Hals in einem Graben brechen würde, wäre das eine große Erlösung. Und da die Unterhaltung ins Häßliche sich wendete, kam Coupeau dazwischen. »Ach! Sie sind noch sehr unschuldig, daß Sie noch für Politik zu haben sind! ... Das ist eine Dummheit, die Politik! Existiert denn das noch für uns? ... Man kann hinstellen was man will, einen König, einen Kaiser oder gar nichts, das wird mich nicht hindern meine fünf Francs zu verdienen, essen und schlafen, ist es nicht wahr?... Nein, das ist doch zu dumm.« Lorilleux nickte mit dem Kopfe. Er war an demselben Tage geboren wie der Graf von Chambord, am 29. September 1820. Dieses Zusammentreffen beschäftigte ihn sehr, beeinflußte sogar seine Träume, in denen er die Rückkehr des Königs nach Frankreich sah und damit sein persönliches Glück verband. Er sagte nicht deutlich, was er erhoffte, aber er gab zu verstehen, daß ihm dann etwas ganz außerordentlich Schönes passieren würde. Auch schob er alle seine ganz großen Wünsche, die nicht befriedigt werden konnten, auf später, »wenn der König wieder zurückgekehrt ist«. »Übrigens,« erzählte er weiter, »ich habe den Grafen von Chambord eines Abends gesehen.« Alle Gesichter drehten sich gegen ihn. »Ja, wirklich. Ein dicker Herr, in einem Paletot, sah aus wie ein guter Junge ... Ich war bei Péquignot, einem meiner Freunde, der Möbel verkauft in der Grande-Rue de la Chapelle. Der Graf von Chambord hatte am Abend zuvor da einen Regenschirm stehen lassen. Da kam er herein und sagte ganz einfach: ›Wollen Sie mir bitte meinen Regenschirm zurückgeben?‹ Mein Gott, ja, Péquignot hat mir sein Ehrenwort gegeben, daß er es gewesen wäre.« Keiner der Gäste zweifelte daran. Man war beim Nachtisch. Die Kellner räumten mit großem Lärm das Geschirr ab. Und Madame Lorilleux, die bis dahin sehr Dame, sehr anständig gewesen war, ließ plötzlich ein: »Verfluchtes Schwein!« hören. Einer der Kellner hatte, indem er eine Schüssel hob, ihr etwas Nasses in den Hals laufen lassen. Ganz sicher war ihr seidenes Kleid beschmutzt. Herr Madinier mußte ihr den Rücken entlang schauen, er versicherte aber, daß gewiß nichts zu sehen wäre. Jetzt stand mitten auf dem Tische eine Salatschüssel mit Schneeeiern gefüllt, rechts und links davon je zwei Teller mit Käse und Obst. Diese Schneeeier, deren Eiweiß zu stark gekocht war und die auf der gelben Creme schwammen, verursachten eine allgemeine Beschaulichkeit; man hatte nicht damit gerechnet, man fand das sehr vornehm. Mes-Bottes aß immer noch. Er hatte wieder ein Brot verlangt. Er verzehrte die beiden Käse; und als noch Creme übrigblieb, ließ er sich die Salatschüssel reichen, in die er große Schnitten Brot schnitt wie zu einer Suppe. »Der Herr ist bewundernswert«, sagte Herr Madinier wieder voller Staunen. Dann standen die Männer auf, um ihre Pfeifen zu holen. Sie blieben etwas hinter Mes-Bottes stehen, klopften ihn auf die Schultern und fragten, ob ihm jetzt besser wäre. Vibi-la-Grillade versuchte, ihn mit dem Stuhle aufzuheben; aber verflucht! dieses Tier war um die Hälfte seines Gewichtes schwerer geworden. Coupeau sagte aus Spaß, daß der Kamerad jetzt erst recht anfinge zu essen, er würde so die ganze Nacht hindurch Brot essen. Die entsetzten Kellner verschwanden. Boche, der vorher hinuntergegangen war und jetzt gerade heraufkam, erzählte von dem Gesicht, das der Wirt unten mache. Er säße ganz bleich an seinem Büfett, die entsetzte Wirtin habe gerade zu den Bäckern geschickt, nachfragen, ob sie noch offen hätten; das Haus schien ruiniert. Ja, das wäre zu dumm, das wäre das Geld wert für dieses Gastmahl! Man konnte kein Picknick abhalten ohne diesen Mes-Bottes, diesen Fresser! Die Männer, ihre Pfeifen im Munde, blickten eifersüchtig zu ihm hin; wahrhaftig, man müßte schon sehr solide gebaut sein, um so viel essen zu können! »Ich möchte Sie nicht ernähren müssen,« sagte Frau Gaudron, »nein! ganz gewiß nicht!« »Na, na, junge Mama, reden Sie keine Dummheiten,« sagte Mes-Bottes mit bezeichnender Gebärde auf den Bauch der Nachbarin. »Sie haben mehr geschluckt als ich.« Man klatschte und schrie bravo. Das saß! Es war schon Nacht geworden; drei Gasflammen brannten im Saal und verbreiteten ein starkes, aber durch den Rauch der Pfeifen etwas getrübtes Licht. Die Kellner trugen, nachdem sie den Kaffee und den Kognak serviert hatten, die letzten schmutzigen Teller übereinandergehäuft hinaus. Unten, unter den drei Akazienbäumen, fing der Tanz an, eine Klappentrompete und zwei Violinen spielten kreischend auf, vermischt mit heiserem Frauenlachen: es war eine heiße Nacht. »Man muß einen Punsch machen!« schrie Mes-Bottes. »Zwei Liter Schnaps, viel Zitrone und wenig Zucker!« Als aber Coupeau das ängstliche Gesicht Gervaises gesehen hatte, stand er auf und sagte, daß jetzt genug getrunken sei. Man hätte fünfundzwanzig Liter geleert, auf den Kopf also anderthalb Liter, wenn man die Kinder wie Erwachsene zählte; das wäre mehr als vernünftig. Man habe gerade miteinander gegessen, in guter Freundschaft, weil man Achtung voreinander habe und weil man unter sich ein Familienfest feiern wollte. Alles sei sehr schön verlaufen, man wäre fidel, aber man solle sich jetzt nicht schweinisch betrinken, wenn man die Frauen respektieren wolle. Mit einem Wort, man wäre schließlich beieinander, um den Eheleuten eine gute Gesundheit zuzutrinken, und nicht, um sich total zu besaufen. Diese kleine Rede, mit überzeugender Stimme von Coupeau gehalten, wobei er bei jedem Satz mit der Hand auf die Brust klopfte, wurde von Frau Lorilleux und Herrn Madinier sehr gebilligt. Aber die andern, Boche, Gaudron, Bibi-la-Grillade, am meisten aber Mes-Bottes, die alle vier schon sehr voll waren, lachten und lallten, daß sie einen verfluchten Durst hätten, den man doch begießen müßte. »Diejenigen, die Durst haben, haben Durst, die keinen haben, haben keinen,« erklärte Mes-Bottes. »Deshalb wird man den Brautpunsch bestellen ... Man zwingt niemand. Die Aristokraten sollen sich Zuckerwasser bringen lassen.« Und als der Zinkarbeiter wieder predigen wollte, stand der andere auf, klopfte sich auf den Hintern und schrie: »Du kannst mich am Arsch lecken! Kellner, zwei Liter vom Alten!« Darauf Coupeau: »Gut, nur wollen wir doch zuvor die Rechnung machen. Damit kein Streit entsteht. Die anständigen Leute brauchen nicht für die Trunkenbolde zu bezahlen.« Und da Mes-Bottes, der lange alle seine Taschen durchsucht hatte, nur drei Francs und sieben Sous fand, sagte er, man habe ihn auf der Landstraße von Saint-Denis stehen lassen, er konnte sich dort doch nicht ertränken, er mußte sein ganzes Stück Geld, die hundert Sous, angreifen. Die andern hatten sich gedrückt! Dann gab er die drei Francs her, die sieben Sous behielt er für seinen Tabak am nächsten Tag. Coupeau hätte geboxt, wäre nicht Gervaise gewesen, die ihn erschrocken an seinem Rock festhielt. Er entschloß sich, bei Lorilleux zwei Francs zu borgen; der weigerte sich erst, gab sie dann heimlich doch, damit seine Frau, die nie eingewilligt haben würde, es nicht sehen sollte. Inzwischen hatte Herr Madinier einen Teller genommen. Die Fräuleins und die einzelnen Frauen legten sehr bescheiden jede ihre hundert Sous auf den Teller; es waren Frau Lerat, Frau Fauconnier und Fräulein Remanjou. Daraufhin gingen die Männer an das andere Ende des Saales, um die Abrechnung zu machen. Man war zu fünfzehn, und das machte also fünfundsiebenzig Francs aus. Als die fünfundsiebzig Francs auf dem Teller lagen, fügte jeder der Männer noch fünf Sous bei für die Kellner. Man brauchte eine gute Viertelstunde lang, um zu jedermanns Zufriedenheit diese Abrechnung zu machen. Als aber dann Herr Madinier den Wirt verlangte, mit dem er verhandeln wollte, war die Gesellschaft starr vor Schrecken, als dieser lächelnd erklärte, daß das gar nicht seine Rechnung ausmache. Denn da gäbe es noch Darübergegebenes. Als dieses Wort fiel, gab es wütendes Geschimpfe, und so detaillierte der Wirt: fünfundzwanzig Liter statt zwanzig, wie vorher ausgemacht; die Schneeeier, die er beigefügt hätte, als er merkte, daß der Nachtisch etwas mager aussah; endlich eine Karaffe mit Rum zum Kaffee, für den Fall, daß jemand gern Rum dazu trinken möchte. Daraufhin brach ein großer Streit aus. Coupeau mischte sich ein und verteidigte sich: er hätte niemals von zwanzig Litern gesprochen; und was die Schneeeier beträfe, so ginge das doch mit ins Dessert, um so schlimmer, wenn der Wirt sie von sich aus dazugegeben habe; bliebe nur der Rum, und das sei nur ein Vorwand, um mehr aufschreiben zu können, indem man Schnäpse auf den Tisch stelle, die man nicht verlangt habe. »Es stand auf dem Tablett bei dem Kaffee,« schrie er, »so muß er also dem Kaffee eingerechnet werden! Lassen Sie uns in Frieden. Nehmen Sie Ihr Geld, und da sei Gott vor, daß wir jemals wieder den Fuß in Ihre Bude setzen!« »Es macht sechs Francs mehr aus,« bestand der Wirt. »Gebt mir meine sechs Francs, und ich rechne dabei noch nicht einmal die drei Brote für den Herrn da!« Die ganze Gesellschaft hatte sich um den Wirt gestellt und gestikulierte und schrie wütend auf ihn ein. Besonders die Frauen, sie traten ganz aus ihrer bisherigen Reserviertheit und weigerten sich, auch nur einen Centime mehr zu geben. Das war ja eine schöne Hochzeit! Fräulein Remanjou würde sich nie mehr zu einem solchen Essen hergeben! Frau Fauconnier erklärte, sehr schlecht gegessen zu haben; zu Hause hätte sie für vierzig Sous eine Platte gehabt, nach der sie sich die Finger abgeleckt hätte. Frau Gaudron beklagte sich darüber, daß sie an das schlechte Ende des Tisches gesetzt worden wäre, neben Mes-Bottes, der gar keine Rücksicht auf sie genommen habe. Ja, ja, solche Partien gingen immer schlecht aus. Wenn man Leute bei seiner Hochzeit haben wolle, müsse man sie einzuladen verstehen! Gervaise hatte sich an das eine Fenster zu Mama Coupeau geflüchtet und sprach kein Wort; sie war beschämt und fühlte wohl, daß all diese Reden gegen sie gerichtet waren. Herr Madinier ging endlich mit dem Wirt hinunter, wo man sie noch weiter streiten hörte. Nach einer halben Stunde kam der Pappdeckelfabrikant wieder herauf; er hätte den Kerl mit drei Francs abgefunden. Aber die Gesellschaft blieb verärgert und kam immer wieder auf diese unverschämten Extras zurück. Der Lärm verstärkte sich durch einen Gewaltstreich der Frau Boche. Sie hatte die ganze Zeit ihren Gatten beobachtet. Als sie nun sah, wie er in einem Winkel die Frau Lerat um die Taille packte, warf sie eine Flasche in die Gegend; sie zerschellte an der Mauer. »Man merkt, daß Ihr Mann Schneider ist, Madame,« sagte die große Witwe mit verzogenen, verständnisvollen Lippen. »Das ist ein erstklassiger Rockschneider. Ich habe ihm aber doch gutgezielte Fußtritte unter dem Tisch gegeben.« Der Abend war verdorben. Man wurde immer verbitterter. Herr Madinier meinte, man solle singen. Aber Bibi-la-Grillade, der eine schöne Stimme hatte; war eben verschwunden; Fräulein Remanjou, an ein Fenster gelehnt, sah, wie er unter den Akazien ein dickes Mädchen ohne Hut im Tanze drehte. Das Horn und die Violinen spielten gerade eine Quadrille, bei der man in die Hände klatschte wie zur Pastourelle. Das gab das Signal zum Aufbruch: Mes-Bottes und das Ehepaar Gaudron gingen hinunter; Boche verzog sich. Vom Fenster aus sah man unter den Bäumen die Paare sich drehen, beschienen von den Laternen an den Asten der Bäume. Die Nacht schlief, ohne Atem, wie erschlagen durch die große Hitze. Im Saal war ein ernstes Gespräch zwischen Lorilleux und Madinier im Gang. Die Damen wußten nicht, wie ihrem Zorn Luft zu machen; sie untersuchten ihre Kleider, ob sie keine Flecken bekommen hatten. Die Fransen der Frau Lerat mußten in Kaffee getaucht worden sein. Das Kleid der Frau Fauconnier war voller Sauce. Der grüne Schal der Mama Coupeau mußte vom Stuhl heruntergefallen sein, denn man fand ihn in einem Winkel zertreten und zerdrückt. Besonders aber traf es Frau Lorilleux: sie habe einen Fleck auf dem Rücken, man könnte schwören so viel man wollte, sie spüre ihn. Endlich sah sie ihn, als sie sich vor dem Spiegel wand. »Habe ich es nicht gesagt?« schrie sie. »Es ist Hühnersauce. Der Kellner muß mir das Kleid bezahlen! Sonst mache ich ihm einen Prozeß! Das war mir wahrhaftig ein schöner Tag! Ich hätte besser getan, im Bett zu bleiben ... Ich gehe, ich hab genug von dieser jämmerlichen Hochzeit!« Wütend stieg sie hinunter, daß die Treppe unter ihren Sohlen krachte. Lorilleur sprang hinter ihr drein. Alles was er aber von ihr erreichen konnte war, daß sie fünf Minuten auf dem Gehweg warte, damit man zusammen gehen könne. Sie hätte gleich nach dem Gewitter gehen sollen, wie sie die Lust dazu hatte. Coupeau muß ihr diesen Tag bezahlen. Als der hörte, wie geärgert sie war, schien er entsetzt; um ihm Unannehmlichkeiten zu ersparen, willigte Gervaise ein, sofort nach Hause zu gehen. Daraufhin küßte man sich leichthin. Herr Madinier bot sich an, Mama Coupeau heimzubringen. Frau Boche mußte für diese erste Nacht Claude und Etienne zu sich nehmen; ihre Mutter könne ganz unbesorgt sein, sie würden gut schlafen auf Stühlen, denn sie hätten sich durch eine Übelkeit, die sie sich an den Schneeeiern geholt hätten, sehr beschwert. Endlich ging das junge Paar mit Lorilleux, die übrige Gesellschaft beim Weinwirt zurücklassend, als eine Schlacht zwischen ihrer und einer andern Gesellschaft in der Kneipe anhub. Boche und Mes-Bottes hatten eine Dame geküßt und wollten sie den beiden Soldaten nicht zurückgeben, zu denen sie gehörte; sie drohten alles hinauszuschmeißen, unter dem Lärmen des Hornes und der zwei Violinen, die gerade die Perlenpolka spielten. Es war kaum elf Uhr. Auf dem Boulevard de la Chapelle und im ganzen Viertel der sonst so friedlichen Goutte d'Or war ein Mordsspektakel Betrunkener an diesem Samstag der vierzehntägigen Löhnung. Frau Lorilleux wartete einige Schritte weit vom Moulin d'Argent unter einer Laterne. Sie nahm Lorilleux' Arm und lief so schnell voraus, daß Gervaise und Coupeau kaum folgen konnten. Einige Male mußten sie vom Gehweg heruntergehen, um einem Betrunkenen Platz zu lassen, der alle Viere von sich streckte. Lorilleux drehte sich um, er wollte wieder Friede stiften. »Wir werden euch bis an eure Türe begleiten«, sagte er. Aber Frau Lorilleux erhob ihre Stimme, fand es komisch, die Hochzeitsnacht in diesem schmutzigen Loch da oben im Hotel Boncoeur zu verbringen. Hätten sie nicht warten können und erst sich vier Sous ersparen, sich Möbel kaufen, um am ersten Abend ein Heim zu haben? Mein Gott, sie werden es gut haben da oben unter dem Dach alle beide, in einem Loch zu zehn Francs, wo nicht einmal Luft genug zum Atemholen war. »Ich habe das Zimmer oben aufgegeben,« verteidigte sich Coupeau schüchtern. »Wir behalten das Zimmer von Gervaise, das größer ist.« Jetzt vergaß sich Frau Lorilleux vollständig. Sie drehte sich plötzlich um. »Was? Das ist doch zu stark!« schrie sie. »Du schläfst im Zimmer des Hinkebeins?« Gervaise wurde ganz blaß. Dieser Spitzname, den sie zum erstenmal direkt ins Gesicht bekam, war ihr wie eine Ohrfeige. Sie verstand jetzt ganz deutlich dieses Wort ihrer Schwägerin: das Zimmer des Hinkebeins, das war das Zimmer, in dem sie mit Lantier einen Monat lang gelebt hatte, wo noch die Fetzen ihres vergangenen Lebens herumlagen. Coupeau verstand nichts davon, er hörte nur den Spitznamen. »Du tust unrecht, andere zu taufen,« sagte er lachend. »Du weißt wohl nicht, daß man dich im ganzen Viertel »Kuhschweif« nennt, deines gelben Haares wegen. Das macht dir wohl leine Freude, nicht wahr? Warum sollten wir denn das Zimmer im ersten Stock nicht behalten? Diesen Abend werden die Kinder nicht darin schlafen, wir werden es sehr gut haben.« Frau Lorilleux sagte nun nichts mehr; sie schloß sich in ihre Würde ein, sehr verletzt darüber, Kuhschweif zu heißen. Um Gervaise zu trösten, mußte Coupeau ihren Arm drücken; es gelang ihm sogar sie zu erheitern, als er ihr ins Ohr flüsterte, sie fingen ihre Ehe mit sieben ganzen Sous an, drei große Stücke und ein kleines, die er in der Tasche seines Überziehers klingen ließ. Als man vor dem Hotel Boncoeur ankam, sagte man sich gute Nacht mit hartem Gesicht. Im Augenblick, als Coupeau die beiden Frauen zueinander drängen wollte, damit sie sich umarmten: seit doch nicht so dumm! – kam ein Betrunkener, der erst rechtshin ausweichen wollte; es gab ihm aber einen Ruck nach links, so daß er gerade zwischen die beiden Frauen taumelte. »Schau, da ist Vater Bazouge! Der hat genug für heute.« Gervaise lehnte sich erschreckt an die Türe des Hotels. Der etwa fünfzigjährige Vater Bazouge, ein Leichenträger, hatte eine dreckige Hose an und trug einen schwarzen, auf der Schulter geknöpften Mantel. Sein schwarzer Lederhut hatte ein paar Beulen. »Fürchten Sie sich nicht, er ist harmlos,« sagte Lorilleux, »es ist ein Nachbar, das dritte Zimmer auf dem Gang, ehe man zu uns kommt ... Das würde ihm gut gehen, wenn seine Direktoren ihn so erblickten!« Vater Bazouge lachte über den Schrecken der jungen Frau. »Was denn,« lallte er, »man frißt niemanden in unserm Geschäft ... Ich bin so viel wert wie ein anderer, meine Kleine ... Ja, ich habe wohl ein wenig zu viel getrunken? Wenn man viel zu tun hat, muß man schmieren. Weder ihr noch die Kompaniedirektoren hätten diesen Rentner sechs hundert Pfund schwer zu zweien vom vierten Stock auf die Straße heruntergetragen, ohne ihn kaputt zu machen ... Ich liebe die lustigen Brüder, jawohl, immer lustig!« Aber Gervaise drückte sich nur noch mehr in den Winkel der Türe; sie war nahe daran zu weinen, die schöne Freude des ganzen Tages war verdorben. Sie dachte nicht mehr daran, ihre Schwägerin zu küssen. Sie bat nur immer Coupeau, den Betrunkenen wegzuschicken. Bazouge torkelte und hatte nur noch eine Geste voll philosophischer Verachtung. »Das wird Sie nicht hindern, da hindurch zu gehen, meine Kleine ... Vielleicht sind Sie eines Tages ganz froh, durch zu sein ... Ja, ich kenne Frauen, die Danke sagen würden, wenn ich sie nur schon davontragen würde.« Als die Lorilleux' sich endlich entschlossen, ihn mit ins Haus zu nehmen, drehte er sich nochmals um und stotterte zwischen zwei Schlucksern: »Wenn man tot ist... passen Sie gut auf... wenn man tot ist, ist es auf lange.« 4 Vier Jahre schwerer Arbeit waren vorübergegangen. Gervaise und Coupeau galten im ganzen Viertel als ein gutes Ehepaar, das ohne jede Schlägerei für sich lebte und Sonntags seinen regelmäßigen Spaziergang in die Gegend von Saint-Ouen machte. Die Frau arbeitete bis zu zwölf Stunden am Tage bei Frau Fauconnier und fand noch dazu die Zeit, ihr Heim sauber wie einen Nickel zu halten und ihren Leuten morgens und abends ihr Essen zu geben. Der Mann betrank sich nicht, brachte seinen vierzehntägigen Lohn nach Hause, rauchte seine Erholungspfeife im Fenster am Abend vor dem Schlafengehen. Man redete über sie ihres netten Benehmens wegen. Da sie bis zu acht Francs im Tage zu zweien verdienten, so rechnete man sich aus, daß sie noch ein gutes Stück auf die Seite legen konnten. Aber in der ersten Zeit mußten sie sehr sparen, um die beiden Enden zusammenzubringen. Ihre Hochzeit hatte ihnen eine Schuld von nahezu zweihundert Francs aufgelastet. Dann grauste ihnen vor dem Hotel Boncoeur; sie fanden diesen schmutzigen Umgang dort widerlich und träumten von einem eigenen Heim mit wohlgepflegten Möbeln. Zwanzigmal überzahlten sie die nötige Summe; die machte in runder Zahl dreihundertundfünfzig Francs, wenn sie nicht sofort in Verlegenheit geraten sollten um eine Kasserolle oder einen Topf, den man gerade brauchte. Sie hatten Zweifel, daß sie vor zwei Jahren eine so große Summe ersparen könnten. Da bot sich ihnen plötzlich eine gute Gelegenheit. Ein alter Herr aus Plassans bat sie um Claude, den ältesten der Kleinen, er wolle ihn dort in die Schule schicken – die Freigebigkeit eines Originals und Liebhabers von Gemälden, der einmal kleine Männchen gesehen hatte, die der Junge früher schmierte und die ihn lebhaft interessiert hatten. Claude kostete sie schon einen guten Teil. Als sie dann nur noch den Jüngsten bei sich hatten, scharrten sie die dreihundertundfünfzig Francs in sieben und einem halben Monat zusammen. An dem Tage, an dem sie die Möbel bei einem Wiederverkäufer der Rue Belhomme kauften, machten sie vor dem Heimweg einen Spaziergang auf den äußern Boulevard, voll freudigen Herzens. Es war ein Bett, ein Nachtkästchen, eine Kommode mit Marmorplatte, ein Schrank, ein runder Tisch mit Wachstuch darauf und sechs Stühle, und das alles in altem Mahagoni; mit eingerechnet das Bettzeug, Tischwäsche und fast neue Küchengeräte. Es war für sie wie der Anfang eines ernsten und definitiven Lebens, etwas, das sie zu Eigentümern stempelte und ihnen Wichtigkeit gab inmitten der gutsituierten Leute des Viertels. Seit zwei Monaten hatte sie die Wahl der Wohnung beschäftigt. Sie wollten vor allem eine Wohnung in dem großen Hause der Rue de la Goutte d'Or. Aber dort war lein Zimmer frei und sie mußten auf diesen alten Traum verzichten. In Wahrheit war Gervaise nicht allzu böse darüber: die Nachbarschaft der Lorilleux' Tür an Tür erschreckte sie sehr. Sie suchten anderswo. Coupeau hielt darauf, daß sie nicht allzu entfernt von der Werkstatt der Frau Fauconnier wohnten, damit Gervaise zu jeder Zeit schnell zu Hause sein könne. Endlich machten sie den Fund: ein großes Zimmer mit einem Kabinett und einer Küche in der Rue Neuve de la Goutte d'Or, beinahe gegenüber der Büglerin. Es war ein kleines Haus mit nur einer Etage, einer steilen Treppe und nur zwei Wohnungen, eine rechts, eine links. Das Untergeschoß bewohnt von einem Wagenvermieter, der seine Fuhrwerke in einem Schuppen des großen Hofes hielt, dessen Mauer längs der Straße lief. Die junge Frau war entzückt; sie glaubte wieder in die Provinz zurückgekehrt zu sein; keine Nachbarn, kein Klatsch zu befürchten, ein Eckchen Ruhe, das sie an eine kleine Straße in Plassans erinnerte, hinter den Festungen; und das schönste war, sie konnte von ihrer Arbeit aus das Fenster der Wohnung sehen, wenn sie den Kopf streckte. Der Einzug geschah zum Apriltermin. Gervaise war im achten Monat ihrer Schwangerschaft. Aber sie war voll guter Zuversicht und behauptete lachend, daß ihr das Kind bei der Arbeit helfe; sie fühlte seine kleinen Fäustchen wachsen und ihr Kraft verleihen. Sie empfing Coupeau schön, als er eines Tages von ihr verlangte, sie solle sich niederlegen und schonen. Sie würde sich bei den großen Schmerzen schon ins Bett legen, das wäre noch früh genug; denn dann, mit einem Munde mehr, würde man noch tüchtig sich rühren müssen. Sie putzte die Wohnung ehe sie dem Manne half, die Möbel an ihren Platz zu stellen. Diese Möbel waren ihnen heilig; sie putzte sie mit mütterlicher Sorge und war bei dem geringster Kratzer außer sich. Wenn sie an Schrank oder Tisch anstieß beim Kehren, war ihr, als hätte sie sich selbst gestoßen. Besonders lieb war ihr die Kommode; sie fand sie schön, solide und voll strengem Aussehen. Einen Traum hatte sie noch, den sie nicht zu äußern wagte: sie wünschte sich eine Uhr! Die hätte auf dem Marmor der Kommode einen fabelhaften Effekt gemacht! Ohne das Kleine, das sie nun erwartete, hätte sie es vielleicht riskieren können, solch eine Uhr zu kaufen. Die mußte nun mit einem Seufzer auf später verschoben werden. Das Ehepaar lebte voller Entzücken in dieser neuen Wohnung. Etiennes Bett stand im Kabinett, wo man noch ein Kinderbett hineinstellen konnte. Die Küche war so groß wie eine Hand und ganz schwarz; wenn man aber die Türe offen ließ, sah man ganz gut darin. Gervaise mußte ja auch nicht für dreißig Personen kochen, es genügte ihr, soviel Platz zu haben, um ihr Rindfleisch zu sieden. Das große Zimmer aber, das war ihr Stolz. In aller Frühe zogen sie die Vorhänge des Alkovens zu, Vorhänge aus weißem Perkal, und so war das Zimmer in ein Speisezimmer verwandelt, mit dem Tisch in der Mitte, die Kommode und der Schrank einander gegenüber. Da der Kamin bis fünfzehn Sous Kohlen verbrannte im Tag, so hatten sie ihn zugestopft; ein kleiner Ofen aus Gußeisen stand auf der Steinplatte davor, und der gab für sieben Sous Wärme an Tagen großer Kälte. Coupeau hatte die Wände geschmückt so gut er konnte; er versprach sich noch Verschönerungen, wie einen großen Stahlstich, der einen Marschall von Frankreich darstellte, einen Kommandostab in der Hand und zwischen einer Kanone und einem Haufen Kugeln; er sollte über dem Kamin den Platz des Spiegels vertreten. Über der Kommode hingen die Familienbilder in zwei Reihen, links und rechts von einem alten Weihwasserkessel aus vergoldetem Porzellan, in dem man die Streichhölzer aufbewahrte. Auf der einen Ecke des Schrankes machte eine Büste Pascals das Gegenstück zu einer von Béranger auf der andern Ecke, der eine ernst, der andere heiter neben der Kuckucksuhr, auf deren Ticktack die zwei Köpfe zu horchen schienen. Es war wirklich ein schönes Zimmer. »Ratet, wieviel wir für das alles bezahlen«, fragte Gervaise jeden Besucher. Und wenn man die Wohnung höher einschätzte, triumphierte sie, schrie auf und war entzückt, für so wenig Geld so gut logiert zu sein. »Hundertfünfzig Francs, nicht mehr! Nicht, das ist doch geschenkt!« Die Rue Neuve de la Goutte d'Or selbst befriedigte sie noch mehr. Gervaise lebte auf; sie ging gern zwischen ihrer Wohnung und Frau Fauconnier hin und her. Coupeau ging abends hinunter und rauchte seine Pfeife an der Türe. Die Straße ohne Gehweg, mit gesenktem Pflaster, stieg aufwärts. Oben an der Rue de la Goutte d'Or waren dunkle Läden mit schmutzigen Fenstern, Schuster, Faßbinder, ein Spezereiladen, ein Weinwirt, der falliert hatte und dessen seit Wochen geschlossene Läden sich mit Plakaten füllten. Am andern Ende der Straße, gegen Paris zu, wurde der Himmel durch vierstockhohe Häuser versperrt, deren Erdgeschosse waren von Büglerinnen bewohnt, eine neben der andern; einzig die Auslage eines Perückenmachers erheiterte diesen dunkeln Winkel: sie war grün gestrichen, voller Flaschen von zarten Farben, und das Messing blitzte. Aber die Heiterkeit der Straße lag in deren Mitte, wo die Gebäude seltener waren und die niedrigeren Sonne und Luft durchließen. Die Ställe des Lohnfuhrwerkers, das benachbarte Gebäude, wo Selterswasser fabriziert wurde, das Waschhaus gegenüber, ließen eine lange, freie, stille Aussicht; die Stimmen der Wäscherinnen erstarben unter dem regelmäßigen Stampfen der Dampfmaschine, welche die Stille noch stiller machte. Tiefe Baugründe, Alleen zwischen den schwarzen Mauern bildeten hier ein Dorf. Coupeau unterhielten die seltenen. Passanten dieser Straße, die über das Seifenwasser, das da ewig floß, hinwegspringen mußten; er meinte sich an das Land zu erinnern, wohin man ihn im Alter von fünf Jahren zu einem Onkel gebracht hatte. Gervaise wieder hatte ihre Freude an einem Baum im Hofe unten, der links von ihrem Fenster stand – eine Akazie, deren einer herausgesteckter Ast von magerem Grün genügte, die ganze Straße zu beleben. Am letzten Apriltag kam die Frau nieder. Die Schmerzen übermannten sie am Nachmittag gegen vier Uhr, als sie gerade an einem Vorhang für Frau Fauconnier bügelte. Sie wollte nicht gleich fortgehen und blieb, sich krümmend, auf einem Stuhl sitzen. Und immer wieder machte sie einen Bügelstrich, wenn der Schmerz vorüber war, denn die Vorhänge sollten fertiggemacht werden und eigensinnig wollte sie es selber besorgen; auch sei es vielleicht nur eine Kolik, man müsse auf Bauchweh nicht so achten. Als sie sagte, sie wolle noch die Herrenhemden bügeln, wurde sie ganz blaß. Sie mußte das Bügelzimmer verlassen; hielt sich an den Wänden; ganz gekrümmt ging sie über die Straße; eine Arbeiterin bot sich an, sie zu begleiten; aber sie nahm es nicht an, sondern bat sie nur, zur Hebamme in die Rue de la Charbonniere zu laufen. Noch wäre ja das Feuer nicht auf dem Dach, gewiß nicht; die ganze Nacht würde es sicher noch dauern. Nach Hause gekommen, wollte sie noch Coupeaus Essen bereiten; dann sich etwas aufs Bett legen, ohne sich auszuziehen. Aber auf der Treppe wurde sie von einer so starken Wehe befallen, daß sie sich niedersetzen mußte; sie drückte sich die Fäuste auf den Mund, um nicht zu schreien, denn sie schämte sich, falls Männer die Stiege heraufkämen. Der Schmerz ging vorüber; sie konnte etwas erleichtert die Türe öffnen, dachte immer noch, sie hätte sich getäuscht. Sie machte an diesem Abend Ragout mit Hammelkoteletten. Alles ging noch ganz gut, während sie die Kartoffeln schälte. Die Koteletten brieten in der Pfanne, als ihr der Schweiß ausbrach und die Schmerzen zunahmen. Sie rührte die braune Butter, stieg vor dem Ofen von einem Fuß auf den andern und dicke Tränen verdunkelten ihr den Blick. Wenn sie jetzt auch niederkam, nicht? das war doch kein Grund, daß Coupeau sein Essen nicht haben sollte. Endlich dünstete das Ragout auf einem mit Asche gedeckten Feuer. Dann ging sie wieder ins Zimmer und wollte noch auf einer Tischecke das Besteck für ihn auflegen. Sie mußte aber den Wein schnell wieder hinstellen; sie hatte nicht mehr die Kraft, bis zum Bett zu gehen, fiel nieder und gebar auf dem Boden, auf einer Strohmatte. So fand sie die Hebamme eine Viertelstunde später und tat, was zu tun war. Coupeau arbeitete immer noch am Spital und Gervaise verbot, daß man ihn störe. Als er um sieben Uhr nach Hause kam, fand er seine Frau im Bett, fest zugedeckt und sehr blaß. Das Kind weinte, in einen Schal eingebunden, zu Füßen der Mutter. »Meine arme Frau!« sagte Coupeau, indem er sie küßte. »Und ich hab Witze gemacht, während du zu Hause vor Schmerz schreien mußtest! Sag, liegst du auch bequem? Du machst das wahrhaft in der Zeit, die man zum Niesen braucht.« Sie hatte ein schwaches Lächeln; dann sagte sie leise: »Es ist ein Mädchen.« »Ganz recht so!« erwiderte der Zinkarbeiter; er wollte lustig sein, um sie zu trösten. »Ich hatte ja eine Tochter bestellt. Siehst du, wie ich bedient werde? Du machst alles, wie es ich will.« Er hob das Kind auf und sagte: »Laß dich ein wenig anschauen, Fräulein. Du hast eine kleine schwarze Fratze. Die wird schon weiß werden, habe nur keine Angst. Du mußt brav sein, nicht eine Hur machen, vernünftig aufwachsen, so wie Papa und Mama ...« Gervaise betrachtete ernst ihre Tochter, mit großen offenen Augen, die sich leise trübten vor Traurigkeit. Sie hob leise die Schultern; sie hätte lieber einen Knaben gehabt, weil Knaben sich leichter fortbringen und nicht so viele Gefahren bestehen müssen in diesem Paris. Die Hebamme mußte ihm die kleine Coupeau aus den Händen nehmen. Sie verbot auch der Frau, so viel zu sprechen; das wäre schon schlecht, daß man so viel Lärm um sie herum mache. Dann sagte Coupeau, man müsse Mama Coupeau und die Lorilleux' benachrichtigen; aber er sterbe vor Hunger, er wolle vorher essen. Das war eine große Sorge für die Kindsmutter, als sie ihn sich selbst bedienen sah. Er mußte in die Küche rennen, sein Ragout holen, aus einem hohlen Teller essen, und er fand das Brot nicht. Trotz des Verbotes sorgte sie und wälzte sich unter den Leintüchern. Wie dumm, daß sie den Tisch nicht mehr hatte richten können! Die Kolik hat sie wie einen Stock auf den Boden geschmissen. Ihr Mann müsse doch bös sein, wenn er sehe, daß sie sich faul im Bett strecke, während er so schlecht zu essen bekäme. Sind wenigstens die Kartoffeln gebraten? Sie könnte sich nicht erinnern, ob sie sie auch gesalzen habe. »Schweigt doch schon still!« schrie die Hebamme. »Ja, wenn es Ihnen gelingt, daß sie sich still hält,« sagte Coupeau mit vollem Mund. »Ich wette, wenn Sie nicht da wären, sie stände auf und würde mir das Brot schneiden ... Bleib doch schon auf dem Rücken liegen, du dicke Pute! Darfst dir nicht weh tun, sonst brauchst du vierzehn Tage, um wieder auf den Füßen zu sein ... Es ist ausgezeichnet, dem Ragout! Madame will mitessen, oder?« Die Hebamme dankte, doch wolle sie gern ein Glas Wein trinken, weil sie sich sehr aufgeregt habe, als sie die arme Frau mit dem Kinde auf der Strohmatte fand. Endlich ging Coupeau, um der Familie die Geburt zu melden. Eine halbe Stunde später kam er mit all seinen Leuten an, Mama Coupeau, die Lorilleux', Frau Lerat, die er gerade bei den letzteren getroffen hatte. Die Lorilleux' waren angesichts des guten Fortkommens des Haushaltes sehr liebenswürdig, lobten übertrieben Gervaise, wobei sie kleine einschränkende Gesten machten, das Kinn vorschoben, mit den Augendeckeln klapperten – wie um damit ihr Urteil zu bekräftigen. Nun, sie wußten was sie wußten, aber wollten sich nicht gegen die Meinung des ganzen Viertels stellen. »Hier bring ich dir die Sippschaft!« schrie Coupeau. »Na ja, sie wollten dich sehen ... Mach den Schnabel nicht auf, es ist dir verboten. Sie sind nur da, um dich ruhig anzuschauen, ohne Formalitäten, nicht wahr? ... Ich mach ihnen Kaffee!« Er verschwand in der Küche. Mama Coupeau hatte Gervaise geküßt und wunderte sich nun über die Stärke des Kindes. Die beiden andern Frauen hatten sie ebenfalls geküßt. Dann stellten sich alle drei vor das Bett und diskutierten über die Niederkunft. Komische Niederkunft, meinten sie, nicht länger als man braucht, einen Zahn zu ziehen. Frau Lerat untersuchte das Kleine nach allen Seiten und fand es wohlgebaut; sie fügte noch betont hinzu, daß es eine ganz famose Frau abgeben würde; da sie aber fand, daß der Kopf zu spitz wäre, fing sie an, ihn zu drücken, trotzdem das Kind zu schreien begann. Frau Lorilleux ärgerte sich darüber und riß ihr das Wurm aus den Händen: so drücken genüge, um einem Wesen alle Laster anzuhängen! Es so zu nudeln, wenn der Schädel noch so weich wäre! Dann suchte sie Ähnlichkeiten. Bald hätte man sich darüber gezankt. Lorilleux, der mit vorgestrecktem Hals hinter den Frauen stand, sagte, daß das Kind gar nichts von Coupeau hätte; vielleicht ein wenig die Nase; aber es wäre doch ganz die Mutter, nur mit andern Augen; aber sicher kämen die Augen nicht von der Familie. Coupeau erschien nicht mehr. Man hörte ihn in der Küche sich mit dem Herde und der Kaffeemühle herumschlagen. Gervaise wurde böse; das wäre keine männliche Beschäftigung, Kaffee machen. Und sie rief ihm hinaus, wie er es zu machen habe, und horchte nicht auf die Hebamme, die ihr energisch still zu sein gebot. »Tut das Bündel da weg!« rief Coupeau, der mit der Kaffeekanne eintrat. »Natürlich, das muß sich aufregen ... Wir trinken das aus Gläsern, nicht wahr, – weil, ja, die Tassen sind nämlich noch beim Geschirrhändler.« Sie setzten sich um den Tisch herum, der Zinkarbeiter wollte selber den Kaffee einschenken. Er roch hübsch stark, der war weiß Gott nicht aus Zichorie gebraut. Als die Hebamme ihr Glas ausgeschlürft hatte, ging sie; alles ginge ganz glatt, sie sei nicht mehr nötig; wenn die Nacht nicht gut gewesen wäre, solle man sie am andern Morgen holen lassen. Sie war noch auf der Treppe, da nannte sie Frau Lorilleux ein Freßmaul und Faulpelz. So was tat sich vier Stück Zucker in den Kaffee, nimmt fünfzehn Francs und läßt einen allein entbinden. Aber Coupeau verteidigte das Weib; er gäbe die fünfzehn Francs gern; schließlich verbrauchten diese weisen Frauen ihre Jugend mit Studieren, und so müßten sie hernach sich das bezahlen lassen. Dann stritt sich Lorilleux mit Frau Lerat; er behauptete, um einen Knaben zu bekommen, müßte man das Kopfende des Bettes gegen Norden stellen; sie zuckte nur die Schultern und erklärte das für Dummheiten und gab ein anderes Rezept an: man müsse, ohne es der Frau zu sagen, unter deren Matratze eine Handvoll frischer Brennesseln tun, die an der Sonne gepflückt sind. Man hatte den Tisch zum Bett hingeschoben. Bis zehn Uhr blieb Gervaise lächelnd und dumpf, mit dem Kopf auf dem Kissen, wurde aber nun nach und nach von einer entsetzlichen Müdigkeit erfaßt; sie sah und hörte alles, hatte aber keine Kraft mehr, weder zu einer Bewegung noch zu einem Wort; es war ihr, als wenn sie tot wäre, wie eines ganz leisen Todes gestorben, in dem sie aber glücklich war, die andern leben zu sehen. Von Zeit zu Zeit hörte man ein Wimmern des Kindes aus diesen groben Stimmen heraus, die unaufhörliche Betrachtungen über einen Mord anstellten, der am Abend vorher in der Rue du Bon-Puits am andern Ende von la Chapelle verübt worden war. Als die Gesellschaft endlich ans Heimgehen dachte, fing man an von der Taufe zu sprechen. Die Lorilleux' hatten es angenommen, Pate und Patin zu werden; im Hintergedanken wollten sie es eigentlich nicht, hätten aber doch komische Gesichter geschnitten, wenn man sich nicht an sie gewendet hätte. Coupeau sah die Notwendigkeit nicht ein, daß die Kleine getauft werden müsse; davon kriegt sie ganz sicher keine zehntausend Francs Rente. Und dann riskierte sie zudem noch einen Schnupfen. Je weniger man mit Pfarrern zu tun hätte, desto besser. Aber Mama Coupeau sagte, er wäre ein Heide. Die Lorilleux', die auch nicht den lieben Gott in den Kirchen auffressen gingen, bestanden darauf, Religion zu haben. »Also dann auf Sonntag, wenn ihr wollt«, sagte der Kettenschmied. Gervaise hatte mit dem Kopf dazu genickt; alle küßten sie und empfahlen ihr, sich gut aufzuführen. Auch dem Bébé sagte man gute Nacht. Einer nach dem andern beugte sich über diesen armen kleinen fröstelnden Körper, lächelte und sagte ihm zärtliche Worte, als ob er hätte verstehen können. Man nannte es Nana, der Kosename von Anna, nach dem Vornamen der Patin. »Gute Nacht, Nana ... Nana, sei ein schönes Mädchen.« Als sie fort waren, rückte Coupeau seinen Stuhl an das Bett und rauchte seine Pfeife fertig, Gervaises Hand in der seinen. Er rauchte langsam, zwischen jedem Zug Worte hervorstoßend und sehr gerührt. »Na, Alte, haben sie dir den Kopf eingeschlagen? Du verstehst, ich konnte sie nicht hindern, herzukommen. Es beweist immerhin ihre Freundschaft. Aber, nicht wahr, schöner ist's schon, man ist allein. Mir war so danach, mit dir allein zu sein, so wie jetzt. Der Abend wollte gar nicht rumgehen ... Armes Huhn! Hast viel gelitten. Ja, ja, diese Gören da haben keine Ahnung, wie weh das tut, wenn sie auf die Welt kommen. Das muß doch wahrhaftig sein, als öffnete man euch die Seiten ... Wo ist das Wehweh, ich will's küssen!« Leise schob er eine seiner großen Hände unter den Rücken und zog die Frau an sich, küßte ihren Bauch durch die Tücher, gepackt von der Zärtlichkeit eines rauhen Mannes für diese noch schmerzhafte Fruchtbarkeit. Er fragte, ob er ihr nicht weh täte, und wollte das Weh durch Drüberblasen wegnehmen. Und Gervaise war sehr glücklich. Sie beschwor, daß sie gar nicht mehr leide. Sie dächte nur daran, sobald wie möglich wieder aufzustehen; man dürfe jetzt nicht daran denken, die Arme über den Leib zu legen. Aber er beruhigte sie. Würde er nicht für das Brot der Kleinen sorgen? Er wäre ein großer Schurke, wenn er jemals ihr die Kleine zur Last fallen ließe. Das wäre gar nicht schwer, ein Kind, zu machen; das Verdienstliche aber wäre, es zu erhalten nicht? Diese Nacht schlief Coupeau wenig. Er hatte das Feuer abgedeckt. Jede Stunde mußte er aufstehen, um der Kleinen einen Löffel warmes Zuckerwasser zu geben. Trotzdem ging er in der Früh in die Arbeit wie gewöhnlich. Während seiner Frühstückspause ging er aufs Bürgermeisteramt, die Geburtsanzeige zu machen. Über die Zeit kam Frau Boche, die man benachrichtigt hatte, und verbrachte den Tag bei Gervaise. Nach zehn Stunden tiefen Schlafes jammerte Gervaise schon und behauptete, ganz zerschlagen vom Betthüten zu sein. Sie würde krank werden, wenn man sie nicht aufstehen ließe. Am Abend, als Coupeau zurückkam, erzählte sie ihm ihre Plagen; gewiß habe sie alles Vertrauen in Frau Boche; aber sie gerate außer sich, wenn sie eine Fremde sich in ihrem Hause festsetzen sehe, die in den Schubladen wühle und ihre Sachen alle anrühre. Am andern Morgen, als die Hausmeisterin von einer Besorgung zurückkam, fand sie Gervaise auf, angezogen, kehrend und sich um das Mahl ihres Mannes kümmernd. Und sie wollte sich durchaus nicht wieder hinlegen. Wolle man sich denn über sie lustig machen? Das wäre gut genug für die Damen, die aussehen wollten, als wären sie davon zerbrochen. Aber wenn man nicht reich ist, hat man für so was keine Zeit. Drei Tage später plättete sie Unterröcke bei Frau Fauconnier, klopfte die Plätteisen, ganz in Schweiß gebadet von der Ofenhitze. Am Samstag Abend brachte Frau Lorilleux ihr Patengeschenk: ein Häubchen, fünfunddreißig Sous Wert, ein plissiertes Taufkleidchen mit einer kleinen Spitze garniert, das sie für sechs Francs bekommen hatte, weil es nicht mehr ganz frisch war. Am andern Morgen brachte Lorilleux als Pate der Mutter des Kindes sechs Pfund Zucker. Sie machten alles ganz brav. Selbst am Abend beim Essen, das bei den Coupeaus stattfand, kamen sie nicht mit leeren Händen. Der Mann kam mit zwei Flaschen Wein, rotgesiegelt, unter jedem Arm, und die Frau trug eine große Torte, die sie bei einem renommierten Bäcker der Chaussee Clignancourt gekauft hatte. Nur erzählten die Lorilleux' im ganzen Viertel von ihrer noblen Freigebigkeit; sie hatten ungefähr zwanzig Francs ausgegeben. Als Gervaise von ihrem Geschwätz erfuhr, war sie außer sich und hielt nichts mehr von ihren guten Manieren. Bei diesem Taufschmaus freundeten sich die Coupeaus mit ihren Nachbarsleuten an. Die andere Wohnung des kleinen Hauses war von zwei Personen bewohnt, Mutter und Sohn, die Goujets, wie sie sich nannten. Bisher hatte man sich auf der Stiege oder auf der Straße gegrüßt, nichts weiter; die Nachbarn schienen ein wenig langweilig. Als die Mutter ihr aber einen Eimer Wasser hinauftrug am Tag nach der Niederkunft, fanden sie es schicklich, sie einzuladen, zumal sie die beiden sehr anständig fanden. Da hatte man dann natürlicherweise Bekanntschaft gemacht. Die Goujets waren aus Nordfrankreich. Die Mutter flickte Spitzen; der Sohn war Grobschmied von Beruf; er arbeitete in einer Fabrik, in der Bolzen gemacht werden. Sie wohnten schon seit fünf Jahren auf der andern Seite des Bodens. Hinter ihrem friedlichen äußern Leben verbarg sich ein alter Kummer: der Vater Goujet schlug in der Trunkenheit eines Tages einen Kameraden nieder mit einer Eisenstange, worauf er sich mit seinem Taschentuch im Gefängnis erwürgte. Die Witwe kam dann nach dem Unglück mit dem Kinde nach Paris, sie fühlten immer dieses Drama über sich schweben; kauften sich von ihm los durch große Ehrlichkeit, Sanftmut und unveränderlichen Lebensmut. Sie waren beinahe stolz auf ihren Fall, denn sie glaubten, sie waren etwas besser als die andern. Frau Goujet war immer schwarz angezogen und trug die Stirn eingehüllt in eine klösterliche Haube; sie hatte ein blasses Gesicht und das gut ausgeruhte Aussehen einer Matrone; es schien, als ob die Blässe der Spitzen, diese sorgliche Arbeit ihrer Finger, ihr einen Widerschein von Zufriedenheit geben würde. Der junge Goujet war ein Koloß von dreiundzwanzig Jahren, stolz, das Gesicht rosa angehaucht, blaue Augen, herkulische Kraft. In der Werkstatt nannten ihn die Kameraden wegen seines schönen blonden Bartes die Goldschnauze. Gervaise fühlte sofort große Freundschaft für diese Leute. Als sie das erstemal bei ihnen war, war sie von der großen Sauberkeit ganz betroffen. Man konnte nichts sagen, überall konnte man hinblasen, kein Stäubchen flog auf. Und der Boden leuchtete wie ein Spiegel. Frau Goujet zeigte ihr auch das Zimmer ihres Sohnes. Es war lieblich und weiß wie ein Mädchenzimmer: ein schmales eisernes Bett mit Musselinvorhängen, ein Tisch, eine Waschtoilette, ein schmales Bücherregal an der Wand; dann Bilder von oben bis unten, ausgeschnittenes Zeug aus illustrierten Zeitungen. Frau Goujet sagte lächelnd, daß ihr Sohn noch ein großes Kind wäre; am Abend wurde er müde vom Lesen; dann unterhielt er sich, indem er seine Bilder anschaute. Gervaise vergaß sich und blieb eine Stunde lang bei der Nachbarin, die sich mit ihrem Stickrahmen an den Fensterplatz gesetzt hatte. Sie interessierte sich für gewisse Stiche an der Spitze, glücklich da zu sein und die frische Luft der Sauberkeit einatmend, wo diese zarte Beschäftigung eine sanfte Stille verbreitete. Die Goujets gewannen noch beim Verkehr. Sie machten Überstunden und trugen ein Viertel ihres vierzehntägigen Einkommens auf die Sparkasse. Im Quartier grüßte man sie, erzählte sich von ihren Ersparnissen. Goujet hatte nie durchlöcherte Kleider, ging mit sauberer Jacke aus, immer ohne Flecken. Er war sehr höflich, fast schüchtern, trotz seiner breiten Schultern. Die Büglerinnen am Ende der Straße lachten über ihn, wenn er vorüberging, weil er die Nase so hängen ließ. Er liebte ihr grobes Gerede nicht, fand es ekelhaft, wenn Frauen immer Schweinereien redeten. Eines Tages kam er betrunken nach Hause. Da führte ihn Frau Goujet ohne jeden andern Vorwurf vor das Porträt seines Vaters, eine schlechte Malerei, die pietätvoll unten in einer Schublade der Kommode verborgen war. Seit dieser Lektion trank Goujet nie mehr als nötig; ohne den Wein zu hassen, denn er ist für einen Arbeiter nötig. Sonntags ging er mit seiner Mutter aus, führte sie am Arm; oft brachte er sie in die Gegend von Vincennes; ein andermal führte er sie ins Theater. Seine Mutter blieb seine Leidenschaft. Er sprach mit ihr, als wäre er noch ganz klein. Der viereckige Kopf, das Fleisch von schwerer Arbeit mit dem Hammer gestählt, hatte er etwas von einem großen Tier: von hartköpfiger Intelligenz, aber rührend gutmütig. Die ersten Tags beunruhigte ihn Gervaise sehr. Nach einigen Wochen gewöhnte er sich an sie. Er paßte ihr auf und half ihr Pakete hinauftragen; er behandelte sie wie eine Schwester, mit starker Familiarität; er schnitt jetzt Bilder für sie aus. Eines Morgens jedoch trat er ein, ohne vorher angeklopft zu haben, und traf Gervaise halbnackt, sich den Hals waschend; acht Tage lang konnte er ihr darauf nicht ins Gesicht sehen, bis sie es endlich merkte und rot wurde. Cadet Cassis fand mit seiner pariserischen Suada die Goldschnauze dumm. Es wäre schon recht, wenn man nicht trinke und auf den Gehwegen den Mädchen nicht in die Nase schaue; aber ein Mann müsse doch ein Mann sein, sonst könnte man ja gleich Unterröcke tragen. Er frotzelte ihn vor Gervaise, indem er ihn beschuldigte, sich nach allen Frauen im Viertel umzusehen; und der Regimentstrommler von einem Goujet mußte sich heftig verteidigen. Das hinderte die beiden Arbeiter aber nicht, gute Kameraden zu sein. Sie riefen nacheinander des Morgens, gingen zusammen und tranken manchmal ein Glas Bier vor dem Heimgehen. Seit dem Taufessen sagten sie sich du, weil das Sie die Sätze so verlängere. Bis dahin war ihre Freundschaft ihr Du gewesen; da erwies die Goldschnauze ihm eines Tages einen Dienst, den man sein ganzes Leben lang nicht vergißt. Es war am 2. Dezember. Zum Spaß schlug der Zinkarbeiter vor, man solle sich den Aufstand ansehen gehen; ihm war die Republik ganz gleichgültig, ebenso Bonaparte und der ganze Schwindel; aber er liebte das Pulver, und Flintenschüsse kamen ihm komisch vor. Er wäre hinter einer Barrikade gefangengenommen worden, hätte ihn der Grobschmied nicht mit seinem großen Körper gedeckt, hinter dem er fliehen konnte. Als Goujet die Vorstadt Poissonnière durcheilt hatte, wurde er sehr ernst. Er dachte ernsthaft über die Politik nach; er war Republikaner im Namen der Gerechtigkeit und zum Wohle aller. Er hatte nicht geschossen und gab seine Gründe dafür an: das Volk wäre es müde geworden, für die Bourgeois die Kastanien aus dem Feuer zu holen und sich dabei die Finger zu verbrennen; Februar und Juni waren gute Lehren; künftig sollten die Vorstädte die Stadt machen lassen was sie wolle. Als er auf der Höhe der Rue des Poissonniers kam, schaute er zurück auf Paris; es wurde heiß gekocht; das Volk würde es vielleicht eines Tages bereuen, die Arme gekreuzt zu haben. Aber Coupeau lachte, nannte sie dumme Esel, die ihre Haut riskierten, letzten Endes nur, damit die verfluchten Faulenzer in der Kammer ihre fünfundzwanzig Francs behalten dürfen. Abends luden die Coupeaus Goujets zum Essen ein. Beim Nachtisch küßten sich Cadet-Cassis und die Goldschnauze auf die Backen. Das war Freundschaft auf Leben und Tod. Drei Jahre lang verlief das Leben der beiden Familien auf beiden Seiten des Ganges ohne besonderes Ereignis. Gervaise hatte die Kleine selber aufgezogen, und das kostete sie nur etwa zwei Tage Arbeit in der Woche. Sie wurde eine gute Feinbüglerin, verdiente bis zu drei Francs im Tage. Sie hatte sich entschlossen, Etienne, der jetzt acht Jahre alt war, in eine kleine Pension der Rue des Chartres zu geben; sie bezahlte hundert Sous dafür. Und trotz der Last der beiden Kinder legten sie zwanzig bis dreißig Francs im Monat zurück. Als ihre Ersparnisse die Höhe von siebenhundert Francs erreicht hatten, bereitete ein ehrgeiziger Traum der jungen Frau schlaflose Nächte: sie wollte sich selbständig machen, einen kleinen Laden mieten und ihrerseits Arbeiterinnen beschäftigen. Nach zwanzig Jahren, ginge das Geschäft gut, könnten sie eine Rente haben, die sie dann irgendwo auf dem Lande aufessen konnten. Noch durfte sie es nicht wagen. Sie wollte das Lokal suchen, um dann Zeit zum Überlegen zu haben. Das Geld war auf der Sparkasse gut aufgehoben; ja es trug sogar Zinsen. Während dreier Jahre hatte sie sich nur einen einzigen Wunsch erfüllt: sie hatte sich eine Uhr gekauft; auch würde diese Uhr, die aus Palisanderholz war und gedrehte Säulen und einen Perpendikel aus vergoldetem Kupfer hatte, erst in einem Jahr bezahlt sein, in Raten von zwanzig Sous jeden Montag. Sie wurde böse, wenn Coupeau sie aufziehen wollte; sie nur durfte den Glassturz aufheben; sie putzte mit einer Frömmigkeit die Säulen ab, als wenn der Marmor der Kommode sich in eine Kapelle verwandelt hätte. Unter dem Sturz, hinter der Uhr, verbarg sie das Sparkassenbuch. Oft, wenn sie sich in Gedanken vergaß, stand sie vor diesen Zeigern, die sich drehten, und sie dachte an ihren Laden und glaubte einen besonders feierlichen Moment zur Entscheidung gekommen. Die Coupeaus gingen fast jeden Sonntag mit den Goujets aus. Es waren kleine hübsche Ausflüge, ein Gebackenes in Saint-Ouen oder ein Kaninchen in Vincennes in der Laube einer Wirtschaft gegessen. Die Männer tranken je nach Durst, kamen aufgefrischt zurück und boten den Frauen ihren Arm. Am Abend vor dem Schlafengehen überzählte man die Ausgaben und teilte sich darein; nie gab es Streit um einen Sou mehr oder weniger. Die Lorilleur wurden eifersüchtig auf die Goujets. Es schien ihnen komisch, daß Cadet-Cassis und sein Hinkebein immer mit Fremden ausgingen, wo sie doch Familie hatten! Aber was kümmerten sich diese Leute um ihre Familie! Seitdem sie vier Sous auf der Seite hätten, meinten sie wunder was. Als Frau Lorilleux sah, daß ihr Bruder für sie verloren war, fing sie wieder an, Gervaise mit Bosheiten zu traktieren. Frau Lerat aber verteidigte die junge Frau, nahm Partei für sie und erzählte außerordentliche Geschichten von Versuchungen und Verführungen am Abend auf dem Boulevard, in denen sie als große Heroine vorkam, als welche sie Ohrfeigen an diese Verführer austeilte. Mama Coupeau versuchte alles zu versöhnen und sich zu all ihren Kindern gut zu stellen; ihre Augen wurden immer schlechter; sie konnte nur noch einen Haushalt versehen und war froh, wenn sie bei dem einen oder andern hundert Sous bekam. An Nanas drittem Geburtstage fand Coupeau Gervaise ganz aufgelöst, als er nach Hause kam. Sie wollte nicht sprechen, erklärte ihm, daß sie nichts hätte. Als sie aber den Tisch verkehrt deckte, mitten in der Arbeit stehen blieb, wollte er durchaus alles wissen. »Also gut,« sagte sie, »der Laden des kleinen Krämers, an der Rue de la Goutte d'Or ist zu vermieten ... Ich habe mir das vor einer Stunde angeschaut, als ich Garn holen ging. Es hat mir einen Stich gegeben.« Es war ein sauberer Laden in demselben großen Hause, von dem sie früher einmal geträumt hatten, daß sie darin wohnen wollten. Der Laden selbst lag an der Frontseite und hatte einen Hinterraum mit zwei weiteren Zimmern rechts und links; gerade das, was sie nötig hatten; wenn die Zimmer auch klein waren, so waren sie gut gelegen. Nur war's zu teuer. Der Besitzer sprach von fünfhundert Francs. »Du hast das angesehen und nach dem Preise gefragt?« sagte Coupeau. »Weißt du, nur aus Neugierde! So, als ob es mir ganz gleichgültig wäre. Man sucht, geht auf den Vermietzettel hinein, das verpflichtet zu nichts ... Aber es ist wirklich zu teuer. Und dann ist's vielleicht auch eine Dummheit, mich selbständig zu machen.« Nach dem Essen kam sie wieder auf den Laden des Krämers zu sprechen. Sie zeichnete die Anordnung auf den Rand einer Zeitung. Und nach und nach sprach sie lebhafter davon, maß die Wände aus, richtete die Zimmer ein, als ob sie am nächsten Tage hätte einziehen müssen. Sie drängte Coupeau zu mieten, und er sah, wie sehr sie Lust danach hatte; sicherlich würde sie nichts Anständiges unter fünfhundert Francs finden; vielleicht könnte man auch eine kleine Ermäßigung erreichen. Die einzige Unannehmlichkeit bestand darin, in demselben Hause wie die Lorilleux' zu wohnen, die sie nicht ausstehen könnte; aber sie hasse niemand. Im Feuer ihres Wunsches verteidigte sie sogar die Lorilleux'; im Grunde wären sie nicht schlecht, man würde schon mit ihnen auskommen. Als sie im Bette lagen und Coupeau schon schlief, richtete sie noch immer den Laden ein, ohne jedoch die Mietung beschlossen zu haben. Als sie am andern Morgen allein war, konnte sie sich nicht enthalten, den Glassturz der Uhr aufzuheben und in das Sparkassenbuch zu schauen. Komisch, daß ihr Laden in diesem kleine Buche stecke, das ganz verdreckt ist mit häßlichen Schriftzeichen und Stempeln. Ehe sie zur Arbeit ging, fragte sie noch Frau Goujet um ihren Rat; diese gab ihr vollkommen recht, sie solle sich nur selbständig machen; wenn man einen Mann habe wie sie, einen braven Kerl, der nicht trinke, da müsse sie unbedingt gute Geschäfte machen und nicht Angst haben, alles zu verlieren. Zum Frühstück stieg sie sogar zu den Lorilleux' hinauf, um auch sie zu befragen; sie wollte nicht als eine erscheinen, die etwas hinter dem Rücken der Familie tue. Frau Lorilleux war baff. Was? Das Hinkebein sollte einen Laden haben? Mit bitterem Herzen mußte sie zufrieden scheinen und sie stotterte: gewiß wäre dieser Laden sehr bequem, sie solle ihn nur nehmen. Als sie und ihr Mann sich aber vom ersten Schrecken erholt hatten, sprachen sie von der Feuchtigkeit des Hofes, der Düsterheit der untern Räume. Es sei ein Loch für den Rheumatismus. Aber, wenn sie schon so entschlossen wäre zu mieten, nicht wahr? ihre Bemerkungen würden sie doch nicht abhalten. Am Abend bekannte Gervaise aufrichtig, daß sie krank geworden wäre, wenn man sie verhindert hätte, diesen Laden zu mieten. Aber sie wolle, ehe sie Vertrag mache, Coupeau die Räume zeigen und darauf dringen, daß ihnen etwas nachgelassen wird. »Dann also auf morgen, wenn's dir recht ist,« sagte der Mann. »Du kommst gegen sechs Uhr mich von der Arbeit abholen, wenn es dir so paßt, und wir gehen von da durch die Rue de la Goutte d'Or nach Haus.« Coupeau arbeitete gerade am Dach eines neuen dreistöckigen Hauses. An diesem Tage sollte er die letzten Zinkplatten legen. Da das Dach beinahe flach war, hatte er seinen Werktisch da aufgestellt, einen Schrägen auf zwei Fußböcken. Eine schöne Maisonne ging nieder und vergoldete die Kamine. Und ganz hoch oben, unter klarem Himmel, schnitt der Arbeiter ruhig sein Zink mit der großen Schere, über den Werktisch gebeugt, ganz wie ein Schneider, der ein paar Hosen zuschneidet. An der Mauer des Nachbarhauses unterhielt sein Gehilfe, ein Bursch von siebzehn Jahren, blond und schlank, das Feuer im Ofen mittels eines großen Blasebalges, dessen jeweiliger Atem einen Regen Funken herausblies. »Zidore, tu die Eisen hinein!« rief Coupeau. Der Gehilfe steckte die Löteisen mitten in die Glut, die ganz blaßrosa im hellen Tageslicht war. Dann zog er wieder den Balg. Coupeau hielt die letzte Zinkplatte. Sie sollte an dem Rande des Daches angebracht werden, beim Regenablauf; an dieser Stelle war das Dach stark abschüssig, das große gähnende Loch der Straße stand offen. Als wäre er bei sich zu Hause, mit Pantoffeln an den Füßen, schlürfte der Spengler übers Dach und pfiff einen Gassenhauer. Vor dem Loch ließ er sich nieder, stützte sich mit einem Knie gegen das Mauerwerk eines Kamines; so hing er halb über dem Pflaster. Eins seiner Beine baumelte hinunter. Als er sich nach dieser Blindschleiche von Zidore umsah, um ihn zu rufen, hielt er sich an einer Ecke der Mauer, denn die Straße gähnte unterhalb in der Tiefe. »Verfluchter Trödler, so komm schon mit den Eisen! Und wenn du ewig in die Luft stierst, dumme Latte, es werden dir keine gebratenen Lerchen ins Maul fliegen.« Aber Zidore beeilte sich nicht. Er interessierte sich für die benachbarten Dächer, für einen dicken Rauch, der am Ende von Paris aufstieg in der Gegend von Grenelle; das könnte gut eine Feuersbrunst sein. Endlich kam er und legte sich auf den Bauch, mit dem Kopf über dem Loch der Straße; und so gab er Coupeau die Eisen. Der verlötete nun die Platte. Er beugte sich, dehnte sich, fand immer sein Gleichgewicht, saß auf einer Hinterbacke, stützte sich auf einen Fuß, wurde von einem Finger gehalten. Er war schon verflucht tapfer, beschwor ganz sicher die Gefahr. Ja ja, die Straße hatte Angst vor ihnen. Da er seine Pfeife nicht aus dem Munde ließ, drehte er sich von Zeit zu Zeit um und spuckte ganz ruhig in die Gasse hinunter. »Frau Boche!« schrie er auf einmal. »Heh! Frau Boche!« Er sah die Hausmeisterin über die Straße gehen. Die hob den Kopf und erkannte ihn. Und eine Unterhaltung Hub an zwischen Straße und Dach. Sie hielt ihre Hände unter die Schürze und streckte die Nase in die Höh. Jetzt stand er, hielt seinen linken Arm um ein Kaminrohr und beugte sich hinab. »Haben Sie vielleicht meine Frau gesehen?« schrie er hinunter. »Nein,« antwortete die Boche, »ist sie in der Nähe?« »Sie soll mich holen kommen ... Alles wohl bei Ihnen?« »Ja, danke, ich bin am meisten krank ... Ich geh nach der Rue Clignancourt, eine kleine Hammelkeule holen. Der Metzger neben der Moulin-Rouge verkauft sie um sechzehn Sous.« Er schrie stärker, weil gerade ein Wagen vorbeifuhr In dieser breiten, verlassenen Straße lockte ihr lautes Reden nur eine kleine Alte ans Fenster; und diese Alte blieb nun, die Ellbogen aufgestützt, unter dem Fenster liegen, sich eine Zerstreuung und zugleich ein Gruseln damit bereitend, diesen Mann auf dem Dache da oben zu beobachten, fast als hoffte sie, ihn von einem Augenblick zum andern herunterfallen zu sehen. »Also dann guten Abend,« rief nun Frau Boche, »ich will Sie nicht länger stören.« Coupeau drehte sich um und nahm Zidore die Eisen ab. Im Augenblick, als sich die Hausmeisterin entfernte, kam Gervaise mit der kleinen Nana an der Hand auf der andern Seite der Straße daher. Die Kleine streckte den Kopf hoch, um dem Papa zuzurufen, da hielt ihr die junge Mutter energisch den Mund zu. Leise, als ob es der Mann oben hören könnte, erklärte sie dem Kinde, der Papa könne leicht einen Schreck bekommen und herunterfallen, wenn er sie so unverhofft sehen würde. Während der vier Jahre war sie nur noch ein einziges Mal ihn von der Arbeit abholen gegangen. Dies war das zweitemal. Sie konnte den Anblick nicht vertragen, ihren Mann zwischen Himmel und Erde zu sehen, da, wo sonst nur Finken und Spatzen hinkommen; das Blut kochte ihr. »Sicher ist es nicht angenehm,« flüsterte Frau Boche. »Der meine ist Schneider, ich kenne Gott sei Dank diese Schrecken nicht.« »Wenn Sie wüßten, liebe Frau Boche, in der ersten Zeit kam ich aus dem Entsetzen nicht heraus von morgens bis abends. Immer sah ich ihn mit zersprungenem Schädel auf einer Bahre liegen. Jetzt denke ich nicht mehr so oft daran. Man gewöhnt sich an alles. Man muß sein Brot verdienen. Aber, das ist ein teures Brot ... man riskiert öfter als man sollte seine Knochen dabei.« Sie schwieg, Nana in ihre Röcke duckend, um einen Ausruf der Kleinen zu verhindern. Gegen ihren Willen schaute sie hinauf und war ganz blaß geworden. Gerade lötete Coupeau am äußersten Ende der Platte, bei der Dachrinne; er streckte sich vor soweit er konnte und vermochte das Ende nicht zu erreichen. Jetzt riskierte er mit verlangsamten Bewegungen sich noch weiter vorzubeugen. Einen Augenblick lang schwebte er über dem Pflaster; ganz ruhig, ohne sich anzuhalten, arbeitete er; von unten sah man das Eisen und die kleine weiße Flamme an der Lötstelle. Gervaise stand stumm, den Hals mit Grauen zugeschnürt, verschränkte die Hände und erhob sie wie zu einer Bitte. Nun atmete sie auf – Coupeau war auf das Dach zurückgestiegen, ganz ohne Eile; er nahm sich die Zeit, ein letztes Mal auf die Straße zu spucken. »Man spioniert also!« rief er lustig, als er sie sah. »Sie hat's mit der Angst gekriegt, nicht wahr, Frau Boche? Wollte mir nicht zurufen ... Warte ein Weilchen, in zehn Minuten bin ich fertig.« Er mußte noch einen Kopf auf den Kamin setzen, eine kleine, ganz unbedeutende Sache. Die Büglerin und die Hausmeisterin blieben auf dem Gehweg, sprachen über das Viertel, überwachten Nana, damit sie nicht im Rinnsal herumstieg, in dem sie kleine Fische suchte; sie sahen aber immer zum Dach hinauf, lächelten, gaben ihm zu verstehen, daß sie nicht ungeduldig wurden. Gegenüber lag die Alte immer noch im Fenster, schaute auf den Mann und wartete. »Was hat sie nur zu gucken, diese Alte,« sagte Frau Boche. »Einen bösen Hexenblick hat sie.« Oben hörte man den Spengler singen. Jetzt beugte er sich über seinen Werktisch und schnitt das Zink zurecht wie ein Künstler. Mit dem Zirkel hatte er einen Kreis gezogen, löste einen großen Fächer mit der Zinkschere; dann gab er ihm durch leichte Hammerschläge die Form eines spitzen Pilzes. Zidore machte sich wieder an den Blasebalg. Die Sonne ging hinter dem Hause unter, groß, rot, dann blasser und nun leise ins zarte Violett vergehend. In diesem großen Lichte wuchsen die Silhouetten der beiden Männer ins Unermeßliche, hoben sich von dem Hintergrund der durchsichtigen Luft ab mit dem Werktisch und dem eigentümlichen Profil des Blasebalges. Als der Kopf fertig war, rief Coupeau: »Zidore, die Eisen!« Aber Zidore war gerade verschwunden. Der Spengler suchte ihn fluchend mit den Augen, rief in die offen gebliebene Klappe des Speichers. Endlich sah er ihn, zwei Häuser entfernt, auf dem Dach. Der Schlingel ging da spazieren und kundschaftete die Umgebung aus, seine schüttern blonden Haare flatterten im Winde, seine Augen blinzelten angesichts des weiten Paris. »Was heißt denn das, du Bummler! Glaubst du, du bist auf dem Lande!« rief Coupeau wütend. »Oder bist du vielleicht wie Herr Béranger und machst Verse? ... Willst du mir endlich die Eisen reichen! Hat man je so etwas gesehen! Auf den Dächern herumlungern! Du kannst ja deine Geliebte da herausführen, um ihr Liebeslieder vorzusingen... Willst du mir schon die Eisen geben, verfluchte Kröte!« Er lötete. Dann rief er zu Gervaise hinunter: »Nun ist's fertig... ich komme.« Das Rohr, an dem er den Kopf befestigen sollte, war mitten auf dem Dach. Gervaise war beruhigt und lächelte. Nana, die jetzt ihren Vater sah, klatschte in die kleinen Hände. Sie setzte sich auf den Gehweg, um ihn besser sehen zu können. »Papa, Papa,« schrie sie aus Leibeskräften, »Papa, so schau doch!« Der Spengler beugte sich vor, wollte herunterschauen; sein Fuß glitt aber aus. Und dann rutschte er ganz plötzlich und dumm wie eine Katze, deren Füße sich verwickeln, von dem leicht abschüssigen Dach, ohne sich mehr anhalten zu können. »Herrgott«, sagte er mit erstickter Stimme. Und er fiel. Sein Körper beschrieb eine sanfte Kurve, überschlug sich zweimal und klatschte auf die Mitte der Straße mit dem Geräusch, das ein heruntergeworfenes Paket mit Wäsche macht. Gervaise stand, die Arme in der Luft, mit einem einzigen Schrei. Vorübergehende sprangen zu, es gab einen Auflauf. Frau Boche, ganz erschüttert, konnte sich nicht auf den Füßen halten, sie nahm Nana in den Arm und verbarg ihr das Gesicht, damit sie nicht sehen sollte. Gegenüber schloß die Alte beruhigt ihr Fenster. Vier Männer trugen endlich Coupeau zu einem nahen Apotheker an der Ecke der Rue des Poissonniers; hier blieb er auf einer Decke über eine Stunde lang liegen, während man nach dem Lariboisière-Spital lief, eine Tragbahre zu holen. Er atmete noch, doch zuckte der Apotheker die Schultern. Jetzt kniete Gervaise neben ihm auf dem Boden, weinte immerzu, ganz in Tränen, blind erschüttert. In mechanischer Bewegung strich sie leise über seine Glieder hin. Dann hörte sie damit auf einen Wink des Apothekers auf; einige Minuten später fing sie wieder an; sie mußte sich ja überzeugen ob er warm blieb, glaubte ihm dadurch Gutes zu tun. Als endlich die Tragbahre ankam und man davon sprach, ihn ins Spital zu bringen, stand sie auf und rief hastig: »Nein, nein, nicht ins Spital!... Wir wohnen in der Rue Neuve de la Goutte d'Or.« Vergebens suchte man ihr zu erklären, daß die Krankheit ihr sehr teuer zu stehen kommen würde, wenn sie ihren Mann heimnähme. Eigensinnig wiederholte sie: »Rue Neuve de la Goutte d'Or, ich werde die Türe zeigen. Was kann euch das ausmachen? Ich habe Geld... Es ist mein Mann, nicht wahr? Er gehört mir. Ich will ihn.« Und man mußte Coupeau nach Hause tragen. Als die Tragbahre durch die Menge getragen wurde, die sich vor der Boutique des Apothekers staute, sprachen die Frauen lebhaft über Gervaise: sie hinke, das Mensch, aber sie sei doch ein Blitzmädel; ganz sicher wird sie ihren Mann retten, wahrend im Spital die Arzte die armen Kranken sterben lassen, damit sie nicht die Mühe damit haben, sie wieder gesund zu machen. Frau Boche hatte Nana zu sich nach Hause gebracht und war zurückgekommen und erzählte, noch ganz geschüttelt vor Entsetzen, alle Nebenumstände dieses Unglücks. »Ich wollte gerade eine Hammelkeule holen, ich stand da, ich sah ihn fallen. Seine Kleine war schuld daran, er wollte sie sehen und schon... Ach Gott, ach Gott! ich möchte keinen zweiten mehr fallen sehen... Ich muß doch jetzt meine Keule holen.« Acht Tage lang ging es Coupeau sehr schlecht. Seine Frau, die Nachbarn, alle Leute erwarteten jeden Augenblick seinen Tod. Der Arzt, ein sehr kostspieliger Arzt, der sich hundert Sous für die Visite zahlen ließ, fürchtete, er habe innere Verletzungen davongetragen, und dieses Wort war sehr furchterregend; man erzählte sich im Viertel, dem Spengler hätte sich durch den Fall das Herz ausgerenkt. Nur Gervaise, durch die Nachtwachen sehr blaß und ernst, aber entschlossen, zuckte die Achseln. Ihr Mann hätte das rechte Bein gebrochen; das wußte jedermann; man wird es wieder einrenken, das ist alles. Und das übrige, das ausgerenkte Herz, das wäre nichts. Sie würde es ihm schon wieder einhängen, sein Herz. Sie wüßte, wie man die Herzen wieder richtigstellt, mit Sorge, Sauberkeit und solider Freundschaft. Sie zeigte eine strahlende Überzeugung, sie war ganz sicher, daß sie ihn gesund kriegen würde, nur dadurch, daß sie einfach bei ihm blieb, ihn mit ihren Händen berührte, wenn er Fieber hatte. Sie zweifelte keinen Augenblick lang. Eine ganze Woche sah man sie immer auf den Füßen; sie sprach wenig, ganz eingenommen von dem Gedanken, ihn zu retten, die Kinder und die ganze Stadt vergessend. Am neunten Tag, am Abend, als der Arzt ihn für gerettet erklärte, fiel sie auf einen Stuhl, die Beine versagten ihr, ganz gebrochen und in Tränen. Diese Nacht willigte sie ein, zwei Stunden zu schlafen, den Kopf auf dem Fußende des Bettes. Coupeaus Unglück brachte die ganze Familie auf die Beine. Mama Coupeau verbrachte Nächte bei Gervaise: aber schon um neun Uhr schlief sie auf dem Stuhle ein. Jeden Abend kam Frau Lerat über einen großen Umweg von der Arbeit und holte Erkundigungen ein. Die Lorilleux' kamen zuerst zwei- bis dreimal am Tage, brachten sogar einen Sessel für Gervaise und erboten sich zu wachen. Dann fingen sie an zu streiten über die Art und Weise, wie man Kranke behandelte. Frau Lorilleux behauptete, sie habe genug Leuten das Leben gerettet, sie wisse, wie man das mache. Sie klagte die junge Frau an, daß sie sie gestoßen hätte, sie wolle sie vom Bett ihres Bruders vertreiben. Gewiß, das Hinkebein hätte allen Grund, Coupeau zu heilen; denn hätte sie ihn nicht bei der Arbeit gestört, wäre er nicht heruntergefallen. Aber in der Art und Weise, wie sie ihn behandelte, würde sie ihn sicher umbringen. Als sie Coupeau außer Gefahr wußte, hörte Gervaise auf, sein Bett mit so hartnackiger Eifersucht zu hüten. Jetzt konnte man ihn ihr nicht mehr töten, sie ließ die Leute ohne Mißtrauen an sein Bett treten. Die Familie machte sich im Zimmer breit. Die Wiederherstellung würde sehr lange dauern, der Arzt sprach von vier Monaten. Wahrend Coupeau schlief, behandelten die Lorilleux' Gervaise wie eine dumme Gans. Das brachte sie vorwärts, den Mann bei sich zu haben. Im Spital wäre er zweimal so schnell wieder gesund geworden. Lorilleux hätte mögen krank sein an irgendeiner Krankheit, er hätte ihnen gezeigt, ob er eine Minute gezögert hätte, ins Spital Lariboisière zu gehen. Frau Lorilleux kannte eine Dame, die gerade von da käme, sie habe da mittags und abends Hühner gegessen. Und alle beide machten zum zwanzigstenmal die Rechnung und sagten ihr, was diese vier Monate Rekonvaleszenz sie kosten würden: zunächst die verlorenen Arbeitstage, dann der Arzt, die Arzneimittel, später der gute Wein, das saftige Fleisch. Wenn die Coupeaus nur ihre vier ersparten Sous verzehrten, dann dürften sie noch recht froh sein. Aber sie würden sicher Schulden machen müssen, das sei klar. Aber das ginge nur sie an. Jedenfalls dürften sie da nicht mit der Familie rechnen, die nicht vermögend genug wäre, einen Kranken bei sich zu behalten. Um so schlimmer für das Hinkebein, nicht? Sie könnte aber doch tun wie andere auch, ihren Mann einfach ins Spital bringen lassen. Das fehlte ihr gerade noch, die Stolze zu spielen. Eines Abends hatte Frau Lorilleux die Bosheit, sie ganz grob heraus zu fragen: »Und Ihren Laden, wann werden Sie ihn denn mieten?« »Jawohl,« lachte Lorilleux, »der Hausverwalter wartet noch immer auf Sie.« Gervaise war bestürzt. Sie hatte den Laden vollständig vergessen. Aber sie sah die Schadenfreude dieser Leute darüber, daß aus dem Laden nichts würde. Seit diesem Abend benutzten sie jede Gelegenheit, über ihren Traum, der zu Wasser geworden, Witze zu machen. Redete man von einer unerfüllbaren Hoffnung, so schob man es hinaus auf den Tag, an dem sie als Meisterin in ihrem schönen Laden stünde, nach der Straße hinaus. Und erstickte heimlich vor Lachen. Sie wollte ihnen ja keine bösen Absichten unterlegen, aber wahrhaftig, die Lorilleux' sahen aus, als freuten sie sich über das Unglück an Coupeau, weil es Gervaise verhinderte, sich in der Rue de la Goutte d'Or als Büglerin niederzulassen. Dann wollte sie selber lachen und ihnen damit zeigen, wie gern sie das Geld für Coupeaus Gesundheit opfere. Und jedesmal, wenn sie in ihrer Gegenwart das Buch unter dem Glassturz der Uhr hervorholte, sagte sie lustig: »Ich gehe jetzt meinen Laden mieten.« Sie wollte das ganze Geld nicht auf einmal abheben. Sie holte es hundertfrancsweise, weil sie keine große Summe zu Hause in der Kommode haben wollte; und dann hoffte sie auf irgendein Wunder, eine schnelle Hilfe, die ihr erlaubte, nicht die ganze Summe zu beheben. Wann immer sie auf die Sparkasse ging oder davon zurückkehrte, rechnete sie auf einem Stück Papier, wieviel noch übrigblieb. Nur der guten Ordnung wegen. Das Loch in ihrem Gelde mochte immer größer werden, sie hielt vernünftig und mit ruhigem Lächeln die Rechnungen in Ordnung über den Schwund ihrer Ersparnisse. War das nicht auch schon ein Trost, daß man das Geld so gut anwendete und es überhaupt unter der Hand hatte im Augenblick ihres Unglückes? Und ohne Bedauern, mit sorgfältiger Hand, legte sie das Buch wieder hinter die Uhr unter den Sturz. Die Goujets waren sehr liebenswürdig zu Gervaise während Coupeaus Krankheit. Frau Goujet stellte sich ihr ganz zur Verfügung; nie ging sie hinunter ohne sie zu fragen, ob sie Zucker, Butter oder Salz brauche; sie bot ihr stets die erste Fleischbrühe an den Abenden, wo sie Rindssuppe machte; sah sie sie sehr beschäftigt, besorgte sie ihr die Küche, wusch das Geschirr. Jeden Morgen nahm Goujet die Eimer der jungen Frau und füllte sie am Brunnen der Rue des Poissonniers; das war eine Ersparnis von zwei Sous. Dann, nach dem Abendessen, wenn nicht gerade die Familie das Zimmer belagerte, kamen die Goujets und leisteten Coupeaus Gesellschaft. Während zweier Stunden bis zehn Uhr rauchte der Grobschmied seine Pfeife, wobei er Gervaise zuschaute, wie sie um den Kranken herum sich beschäftigte. Er sprach kaum zehn Worte am Abend. Sein großes blondes Gesicht, ganz vergraben zwischen seinen beiden Riesenschultern, war er gerührt, ihr zuzusehen, wie sie Tee in eine Tasse goß und den Zucker umrührte, ohne mit dem Löffel Lärm zu machen. Stellte sie sich ans Bett und ermutigte Coupeau mit ihrer sanften Stimme, war er ganz erschüttert. Nie noch hatte er so eine tapfere Frau gesehen. Es kleidete sie sogar das Hinken gut, denn ihr Verdienst war davon um so größer, sich den ganzen Tag abzuschinden für ihren Mann. Man konnte nichts sagen, sie setzte sich kaum eine Viertelstunde am Tage hin, während des Essens. Unaufhörlich lief sie zum Apotheker, steckte ihre Nase in nicht ganz saubere Dinge, gab sich eine Mordsmühe, dieses Zimmer in Ordnung zu halten, in dem man alles machte; dabei keine Klage, immer liebenswürdig, selbst an Abenden, wo sie stehend schlief, mit offenen Augen – so müde war sie. Und der Grobschmied faßte, inmitten dieser Arzeneien, die auf allen Möbeln herumstanden, eine große Zuneigung zu Gervaise, ihr nur zusehend, wie sehr sie Coupeau pflegte und von ganzem Herzen liebte. »Nun, mein Alter, jetzt bist du wieder geflickt,« sagte er eines Abends zum Rekonvaleszenten. »Ich habe mir auch keine Sorge gemacht, denn deine Frau ist ja der liebe Gott!« Er selber solle sich nun verheiraten. Jedenfalls wünschte das seine Mutter so, hätte ein sehr anständiges junges Mädchen für ihn gefunden, die ebenfalls Spitzennäherin war wie sie, und die solle er heiraten, möchte sie. Um ihr keinen Kummer zu machen, hatte er ja gesagt, und die Hochzeit war sogar schon auf die ersten Septembertage festgesetzt. Das ersparte Geld für den Anfang der neuen Ehe schlief schon lange auf der Sparkasse. Aber er schüttelte den Kopf, wenn Gervaise ihm von der Hochzeit sprach, und sagte mit seiner langsamen Stimme: »Alle Frauen sind nicht wie Sie, Frau Coupeau. Wenn alle Frauen wie Sie waren, würde man zehn heiraten.« Coupeau konnte schon nach zwei Monaten anfangen aufzustehen. Er spazierte nicht weit, vom Bett bis zum Fenster, und von Gervaise unterstützt. Da setzte er sich in Lorilleux' Sessel, das rechte Bein auf einem Hocker ausgestreckt. Dieser Spaßmacher, der bei Glatteis über gebrochene Glieder lachte, war über sein eigenes Mißgeschick sehr aufgebracht. Er hatte nicht die Spur Philosophie. Seine zwei Monate im Bett hatte er fluchend und die Leute ganz verrückt machend verbracht. Das sei doch keine Existenz, so auf dem Rücken leben zu müssen, mit einem gebundenen Bein und steif wie eine dürre Wurst. Er kenne nun die Zimmerdecke genau; in der Nähe des Alkovens wäre ein Riß, den er mit geschlossenen Augen zeichnen könnte. Saß er im Sessel, war es wieder eine andere Geschichte. Würde er noch lange wie eine Mumie da angenagelt sitzen müssen? Die Straße sei nicht so lustig anzusehen, es ginge ja fast niemand vorbei und es stänke den ganzen Tag nach Fisch. Er würde hier alt und gäbe zehn Jahre seines Lebens darum, wenn er die Befestigungen sehen könnte. Immer klagte er wieder und wieder gegen sein Schicksal. Das wäre nicht gerecht, dieses Unglück; das hätte ihm nicht passieren dürfen, ihm, einem guten Arbeiter, weder faul noch trunken. Einem andern vielleicht, das hatte er verstanden. »Der Vater Coupeau,« erklärte er, »der hat sich den Hals gebrochen an einem Freßtag. Ich will nicht sagen, er habe es verdient, aber erklärlich ist es... Ich war nüchtern, still, ruhig wie ein Karthäuser, ohne einen Tropfen Alkohol im Leib, und ich stürzte, weil ich Nana zulächeln wollte! Findet ihr das nicht zu stark? Wenn es einen lieben Gott gibt, so richtet er die Dinge höchst merkwürdig ein. Das werde ich nie überwinden.« Und als ihm die Kräfte zurückkamen, behielt er eine merkwürdige Abneigung gegen die Arbeit. Es wäre ein unglückliches Gewerbe, seine Tage wie die Katzen auf den Dächern zu verbringen längs der Dachrinnen. Sie sind nicht dumm, die Bürger! Schicken euch in den Tod, selber zu ängstlich, auch nur auf eine Leiter zu steigen. Da sitzen sie daheim im Ofenwinkel und lachen euch eins. Jeder, erklärte er, müsse dahin gebracht werden, sein Zink selber auf das Dach zu legen. Donnerwetter noch einmal! Aus Gerechtigkeit müßte man dahin kommen! Wenn du nicht naß werden willst, decke dich zu. Dann bedauerte er, kein anderes Gewerbe gelernt zu haben, ein schöneres und weniger gefährliches, Ebenholztischler zum Beispiel. Das wäre auch ein Fehler vom Vater Coupeau gewesen; die Väter hätten diese blödsinnige Eigenschaft, ihre Kinder immer wieder in ihr Gewerbe zu stecken. Zwei Monate lang ging Coupeau noch auf Krücken. Erst konnte er auf die Straße hinunter, seine Pfeife rauchen; dann ging er bis zum äußern Boulevard, schleppte sich in der Sonne herum und blieb stundenlang auf einer Bank sitzen. Seine Lustigkeit kam zurück und sein höllisches Mundwerk schärfte sich während diesen langen nichtstuerischen Stunden. Er bekam mit der wiederkehrenden Lebensfreude einen Geschmack am Nichtstun, die Glieder gelöst, die Muskeln einem sanften Schlaf entgegengestreckt; es war ein langsamer Sieg der Faulheit, die von seiner Rekonvaleszenz profitierte, in seine Haut eindrang, um ihn zu betäuben und zu kitzeln. Er kam heim mit Wohlgefühlen, höchst gefräßig, fand das Leben schön und sah nicht ein, warum das nicht immer so weitergehen sollte. Als er ohne Krücken gehen konnte, machte er weitere Spaziergänge, lief in die Werkstätten, um seine Kameraden wiederzusehen. Er blieb mit untergeschlagenen Armen vor Neubauten stehen, lachte und schüttelte die Schultern; hänselte die Arbeiter, die sich da schinden mußten; zeigte auf sein Bein, um ihnen zu beweisen, wohin es führe, wenn man sein Temperament nicht zügelt. Diese faulen Stationen des Spottes über die Arbeit anderer befriedigten seinen Haß gegen die Arbeit. Gewiß, er wird sich ja schon auch wieder dahinter machen, er müßte wohl; aber so spät wie möglich. Er war ja dafür bezahlt, so ganz ohne Begeisterung für die Arbeit zu sein. Aber es war ihm so wohl dabei! Die Nachmittage, an denen er sich langweilte, stieg er zu den Lorilleux' hinauf. Diese beklagten ihn sehr und suchten ihn durch alle möglichen Zuvorkommenheiten an sich zu fesseln. In den ersten Jahren seiner Ehe war er ihnen entkommen, dank Gervaises Einfluß. Jetzt holten sie sich ihn wieder zurück, indem sie sich über ihn lustig machten, er hätte Angst vor seiner Frau. Ware er denn kein Mann? Doch gingen die Lorilleux' sehr diplomatisch vor, lobten die Verdienste der Büglerin über alle Maßen. Coupeau erzählte ihr wieder zurück, wie seine Schwester sie bewundere, und sie möge doch etwas weniger böse zu ihr sein. Der erste Streit in diesem Haushalt fand eines Abends Etiennes wegen statt. Der Spengler hatte den Nachmittag bei den Lorilleux' verbracht. Beim Nachhausekommen, als das Essen noch etwas auf sich warten ließ, schrien die Kinder nach der Suppe. Da stürzte er auf Etienne und verabfolgte ihm ein paar tüchtige Ohrfeigen. Und eine Stunde lang murrte er: dieser Junge gehöre ihm nicht, er wisse gar nicht, warum er ihn im Hause duldete; er würde ihn zum Haus hinauswerfen. Bis dahin hatte er den Knaben ohne ein Wort hingenommen. Am nächsten Tage sprach er von seiner Würde. Drei Tage später bekam der Junge Fußtritte in den Hintern, früh und spät; sobald das Kind ihn kommen hörte, flüchtete es zu den Goujets, wo ihm die alte Spitzennäherin eine Ecke des Tisches frei hielt, damit er seine Aufgaben machen könne. Gervaise hatte längst ihre Arbeit wieder aufgenommen. Sie hatte keine Mühe mehr damit, den Glassturz aufzuheben, denn alle Ersparnisse waren aufgegessen. Und man mußte hart arbeiten, jetzt galt es vier Münder bei Tisch zu stopfen. Und sie allein ernährte alle ihre Leute. Wenn andere sie bedauerten, so entschuldigte sie Coupeau aufs lebhafteste. Bedenkt doch! Was hat er alles aushalten müssen! Da ist es doch nicht verwunderlich, wenn sein Charakter sich verbittert hat! Mit der rückkehrenden Gesundheit wird das vorübergehen. Und wenn man ihr zu verstehen gab, daß Coupeau doch nun wieder ganz beisammen wäre und jetzt wohl wieder in die Werkstatt zurückkehren könnte, widersprach sie. Nein, nein, noch nicht! Sie wolle ihn nicht gleich wieder im Bett liegen haben! Sie wisse doch, was ihr der Arzt alles gesagt habe. Sie war es, die ihn von der Arbeit zurückhielt; jeden Morgen wiederholte sie ihm, er möge sich Zeit lassen und sich nicht anstrengen. Und sie steckte ihm zwanzig Sousstücke in die Westentasche. Coupeau nahm das wie eine selbstverständliche Sache an; er klagte über allerhand Schmerzen, um beklagt zu werden; nach sechs Monaten war er immer noch Rekonvaleszent. An den Tagen, an denen er andern bei der Arbeit zuschaute, trank er einen Schoppen mit den Kameraden. Man fühlte sich wohl in der Kneipe; man lachte, machte Späße und blieb fünf Minuten. Das entehre niemand. Nur die Poseure sagten, daß sie an der Tür vor Durst verreckten. Früher war man im Recht, wenn man ihn auslachte; ein Glas Wein habe noch keinen umgebracht. Er schlug sich auf die Brust und tat sich zugute, daß er nur Wein trinke; immer nur Wein, nie Schnaps; der Wein verlängere das Leben, das schade nicht und mache nicht besoffen. Jedoch zu verschiedenen Malen, nach Tagen vollkommenen Nichtstuns, an denen er von Werkstatt zu Werkstatt, von Kneipe zu Kneipe gegangen war, kam er angeheitert nach Hause. An diesen Tagen schloß Gervaise ihre Türe vor den Goujets, angeblich weil sie Kopfweh hatte, in Wahrheit aber wollte sie es verhindern, daß die Goujets Coupeaus besoffenes Geschwätz mit anhörten. Nach und nach aber wurde die junge Frau traurig. Morgens und abends ging sie in die Rue de la Goutte d'Or schauen, ob der Laden immer noch zu vermieten wäre; und sie tat es heimlich, weil sie glaubte, sie begehe eine einer erwachsenen Person unwürdige Kinderei. Der Laden begann ihr schon wieder den Kopf zu verdrehen. Nachts, wenn das Licht gelöscht war, fand sie Zeit darüber nachzudenken, träumte mit offenen Augen ein verbotenes Glück. Wieder stellte sie ihre Berechnungen an: zweihundertfünfzig Francs für die Miete, hundertundfünfzig Francs für Handwerkszeug und Installation, hundert Francs im voraus, damit man vierzehn Tage leben könne, im ganzen fünfhundert Francs zum wenigsten. Wenn sie nicht laut davon sprach, war es aus Furcht, man könne denken, sie bedaure die Ersparnisse, die Coupeaus Krankheit aufgegessen hatte. Sie wurde oft ganz blaß vor Schreck, wenn ihr ein Wort entschlüpft war, holte den Satz zurück, als hätte sie etwas Häßliches gesagt. Jetzt mußte man vier bis fünf Jahre warten, bis wieder eine so große Summe zusammengespart wäre. Ihre Verzweiflung bestand gerade darin, sich nicht sofort selbständig machen zu können; sie hätte den Haushalt ohne Hilfe Coupeaus halten können, ihm noch Monate Zeit lassend, bis er die Lust zur Arbeit wieder gefunden hätte; sie wäre über die Zukunft beruhigt gewesen, und diese geheime Angst, die sie nun manchmal beschlich, wäre von ihr gewichen, wenn sie ihn öfter so lustig nach Hause kommen sah und er singend von einigen guten Späßen erzählte, die dieser Viechskerl von Mes-Bottes gemacht, nachdem er ihm einen Liter bezahlt hatte. Eines Abends, Gervaise war allein zu Hause, trat Goujet ein und ging nicht mehr fort, wie er es sonst tat. Er setzte sich, rauchte und sah sie an. Er mußte etwas Außerordentliches zu sagen haben; er drehte den Satz immer hin und her, ließ ihn reifen, ohne die richtige Form dafür zu finden. Endlich, nach langem Schweigen entschloß er sich, zog die Pfeife aus dem Mund, um in einem Satz alles zu sagen: »Frau Gervaise, würden Sie mir erlauben, Ihnen Geld zu leihen?« Sie war gerade über die Schublade ihrer Kommode gebeugt und suchte nach Flicksachen. Sie erhob sich, ganz rot im Gesicht. Er hatte sie also gesehen heut morgen, wie sie in Ekstase vor dem Laden gestanden hatte, zehn Minuten lang? Er lächelte verlegen, als wenn er etwas sehr Beleidigendes gesagt hätte. Sie lehnte energisch ab. Niemals würde sie Geld annehmen, solange sie nicht wüßte, wann sie es zurückgeben könnte. Dann handele es sich auch wirklich um eine zu große Summe. Als er aber drängte und ganz bestürzt aussah, rief sie: »Aber Ihre Heirat, ich kann doch nicht das Geld für Ihre Hochzeit nehmen, nicht?« »Oh, genieren Sie sich nicht,« sagte er, seinerseits errötend. »Ich heirate nicht mehr. Sie wissen, es war nur so eine Idee ... Wirklich, ich will Ihnen lieber das Geld leihen.« Dann senkten sich beider Köpfe. Es entstand zwischen ihnen etwas sehr Zartes, das sie nicht aussprachen. Und Gervaise nahm an, Goujet habe seine Mutter eingeweiht. Sie gingen über den Hausgang sofort zu ihr. Die Spitzenarbeiterin war ernst, ein wenig traurig, saß mit ruhigem Gesicht über ihr Tambourin gebeugt. Sie wollte ihren Sohn nicht betrüben, aber sie war für Gervaises Plan nicht mehr eingenommen und sagte ganz aufrichtig weshalb: Coupeau ginge einen schlechten Weg, er würde ihr den Laden auffressen. Sie verzieh ihm nicht, daß er wahrend seiner Rekonvaleszenz es abgelehnt hatte, lesen zu lernen; der Grobschmied hätte sich angeboten, es ihm zu zeigen, der andere habe ihn aber heimgeschickt, indem er sagte, daß die Weisheit die Leute mager mache. Das hatte die beiden Arbeiter fast entzweit; jeder ging seinen Weg. Als Frau Goujet die bittenden Augen ihres großen Jungen sah, wurde sie gut zu Gervaise. Man kam überein, den Nachbarn fünfhundert Francs zu leihen; sie würden sie zurückbezahlen in monatlichen Raten von zwanzig Francs; das würde eben dauern, solange es dauern würde. »Sag mal, der Grobschmied macht dir schöne Augen,« rief Coupeau lachend, als er die Geschichte hörte. »Oh, ich bin sehr ruhig, er ist ja doch zu dumm ... Man wird ihm sein Geld zurückgeben. Ja, wenn er es mit Lumpenkerlen zu tun hatte, da wäre er allerdings schön hereingefallen.« Gleich am andern Morgen mieteten die Coupeaus den Laden. Gervaise lief den ganzen Tag zwischen der Rue Neuve und der Rue de la Goutte d'Or hin und her. Als man sie so herumlaufen sah, so leicht und so entzückt, daß sie nicht einmal mehr hinkte, sagten die Leute, sie habe sich operieren lassen. 5 Gerade zum Apriltermin hatten die Boches die Rue des Poissonniers verlassen und die Hausmeisterstelle in dem großen Hause Rue de la Goutte d'Or angetreten. Wie sich das nun wieder traf! Eine Unannehmlichkeit weniger! Gervaise hatte so lange ruhig ohne Hausmeisterin in ihrem Loch in der Rue Neuve gelebt und nun sollte sie unter die Herrschaft irgendeines bösen Tieres gestellt werden, mit dem man sich herumschlagen müßte wegen eines Tropfens ausgeschüttetem Wasser, einer Türe, die zu fest zugeschlagen wurde am Abend. Die Hausmeister sind doch eine so dreckige Gattung Menschen! Aber nun, mit den Boches, das war etwas anderes, das würde ein Vergnügen sein. Man kannte sich und würde sich immer verstehen. Das wäre wie in einer Familie. Am Tage, da die Coupeaus den Mietvertrag unterzeichneten, hatte Gervaise ein schweres Herz, als sie unter dem großen Tor durchging. Sie würde nun in diesem großen Hause wohnen, das wie eine kleine Stadt war, seine Gänge und unendlichen Straßen und Treppen hatte. Die grauen Mauern mit den zerbrochenen Fensterrahmen, die in der Sonne dörrten, der Hof mit dem eingetretenen Pflaster eines öffentlichen Platzes, dieses Schnarchen der Arbeit, das aus allen Mauern drang, das alles bedrängte sie und machte ihr zugleich Freude, endlich ihren Ehrgeiz befriedigt zu sehen, aber auch Angst, es möchte nicht gelingen und sie könnte in diesem Kampf gegen den Hunger unterliegen, dessen Hauch sie zu spüren vermeinte. Sie glaubte etwas sehr Waghalsiges zu tun, sich mitten in eine gehende Maschine zu werfen, während der Hammer des Schlossers, der Hobel des Schreiners klopfte und pfiff hinten in den Werkstätten des unteren Stockes. An diesem Tage floß das Wasser des Färbers unter dem Tor in zarter grüner Farbe. Sie sprang lächelnd darüber hinweg; sie sah in dieser Farbe ein gutes Vorzeichen. Die Zusammenkunft mit dem Hauseigentümer war in der Portierloge der Boche. Herr Marescot, ein großer Messerschmied aus der Rue de la Paix, hatte ehemals den Schleifstein längs der Gehwege gedreht. Heute, behauptete man, habe er Millionen. Er war ungefähr fünfzig Jahre alt, knochig, dekoriert, hatte große Arbeiterhände; eines seiner Hauptvergnügen bestand darin, die Messer und Scheren seiner Mieter mitzunehmen und selber zu seinem Vergnügen zu schleifen. Er galt nicht für stolz, denn er verbrachte Stunden bei seinen Hausmeistern in den Portierlogen und ließ sich die Abrechnungen geben. Da wurden alle seine Geschäfte abgewickelt. Die Coupeaus trafen ihn am schmutzigen Tische der Frau Boche; er hörte zu, wie die Schneiderin des zweiten Stockes, Stiege A , unter gemeinen Worten erklärte, nicht bezahlen zu wollen. Nachdem der Kontrakt unterzeichnet war, gab er dem Spengler seine Hand. Er liebe die Arbeiter. Früher habe er tüchtig schuften müssen. Aber die Arbeit führe zu allem. Als er die zweihundertfünfzig Francs des ersten Termins in seine große Tasche eingesteckt hatte, erzählte er von seinem Leben und zeigte seine Auszeichnung. Gervaise war etwas geniert durch die Haltung, die die Boches annahmen. Sie taten, als kannten sie sie nicht. Sie bemühten sich um den Hausherrn, ganz krumm gebogen vor Ergebenheit, hörten auf seine Worte und bejahten alles mit dem Kopfe. Frau Boche sprang heraus, jagte eine Bande Kinder vom Brunnen weg, die da plantschten, den Hahn stark aufdrehten und das ganze Pflaster überschwemmten; als sie dann über den Hof zurückkam, aufrecht und streng mit den Augen über alle Fenster streifend, um sich von der guten Ordnung des Hauses zu überzeugen, da hatte sie zugekniffene Lippen, die andeuteten, daß sie Autorität besaß, über dreihundert Mieter zu regieren. Wieder begann Boche von der Schneiderin im zweiten Stock; er meinte, man solle sie an die Luft setzen; er zählte all die rückständigen Termine auf mit der Wichtigkeit eines Intendanten, dessen Amtsverwaltung auf dem Spiele steht. Herr Marescot bestätigte den Gedanken des Hinauswerfens; aber er wolle noch bis zum Halbtermin warten. Es wäre hart, die Leute auf die Straße zu werfen, um so mehr, da das auch dem Eigentümer keinen Sou einbrächte. Gervaise fröstelte bei dem Gedanken, daß man sie auch an dem Tage hinaussetzen würde, an dem ein Unglück es ihr nicht möglich machen würde zu bezahlen. Die verrauchte Portierloge mit ihren schwarzen Möbeln war voller Feuchtigkeit und hatte fahles Licht wie in einem Keller; vor dem Fenster stand der Werktisch des Schneiders, auf den das ganze Licht fiel; auf dem Tische lag ein alter Gehrock zum Wenden; während Pauline, das vierjährige rothaarige Kind der Boches, auf dem Boden saß und artig zuschaute, wie ein Stück Kalbfleisch im Topf kochte, der seinen starken Küchengeruch ausströmte. Herr Marescot gab dem Spengler nochmals die Hand. Als dieser von den Reparaturen sprach und ihn daran erinnerte, daß er bei der Mietung das mündliche Versprechen gegeben hätte, alles später besprechen zu wollen, wurde der Hauseigentümer böse; er hätte sich zu nichts verpflichtet, nie würde man in den Läden Veränderungen machen. Doch willigte er ein, die Räume anzusehen, von Coupeau und Boche gefolgt. Der kleine Kaufmann hatte alle Gestelle und Ladenbänke mitgenommen; der leere Laden zeigte eine schwarze Decke, zerrissene Mauern, an denen herabgerissene alte gelbe Tapeten hingen. In diesen leeren Räumen, in denen die Worte hallten, fand nun eine sehr geärgerte Unterhaltung statt. Herr Marescot schrie, daß es den Mietern zukomme, ihre Räume auszustatten, denn einer könne überall Gold haben wollen, und er, der Eigentümer, könne nicht überall Gold anbringen; dann erzählte er von seiner eigenen Ausstattung Rue de la Paix, die ihn zwanzigtausend Francs gekostet habe. Gervaise wiederholte mit der eigensinnigen Art der Frauen ihre Einwände, die ihr selbstverständlich schienen. In einer Wohnung, nicht wahr, ließe er doch Tapeten anbringen? Also, warum könne er denn den Laden nicht auch als Wohnung betrachten? Sie verlange nichts weiter als die Decke weißen und neue Tapete. Boche blieb undurchdringlich und würdig; drehte sich um, schaute in die Luft, sagte gar nichts. Coupeau machte ihm umsonst Zeichen mit den Augen; er tat so, als wolle er seinen großen Einfluß auf den Besitzer nicht ausnutzen. Endlich ließ er ein kleines Physiognomiespiel durchblitzen, ein leises dünnes Lächeln mit Achselzucken vermischt. Herr Marescot war außer sich, zeigte ein unglückliches Gesicht, streckte alle zehn Finger von sich wie im Krampf eines Geizhalses, dem man das Gold entwindet, als er Gervaise nachgegeben hatte und den Plafond und die Tapeten zu der Bedingung versprach, daß sie die Hälfte der Tapete bezahle. Und rasch lief er davon, er wolle nichts mehr hören. Als Boche dann allein mit den Coupeaus war, gab er ihnen ausreichend viel Klapse auf die Schultern. Nicht wahr, das habe er doch sein gemacht? Ohne ihn hätten sie niemals weder Decke noch Wände gemacht bekommen. Hätten sie nicht bemerkt, wie der Hausbesitzer ihn mit den Augen gefragt und wie er auf sein Lächeln hin »ja« gesagt habe? Dann vertraute er ihnen an, daß eigentlich er der wahre Herr im Hause wäre; er entschiede die Kündigungen, vermiete, wenn die Leute ihm gefielen, holte den Mietzins, den er oft vierzehn Tage lang in seiner Kommode aufbewahre. Abends fanden es die Coupeaus schicklich, zwei Liter Wein den Boches als Dank zu schicken. Das Geschenk wäre verdient. Schon am folgenden Montag kamen die Arbeiter. Die Wahl der Tapete war eine große Angelegenheit; Gervaise wollte eine graue mit blauen Blümchen darin, der Helligkeit wegen und um die Wände zu beleben. Boche bot sich an, sie zu führen; sie solle auswählen. Aber er hatte strikte Weisung vom Hausbesitzer, die Rolle dürfe nicht mehr kosten als fünfzehn Sous. Eine Stunde verbrachten sie beim Händler, und immer wieder kam die Büglerin auf ein persisches Muster zu achtzehn Sous zurück, ganz verzweifelt, weil sie alle andern abscheulich fand. Endlich gab der Hausmeister nach; er würde die Sache einrichten; im Notfalle würde er eine Rolle mehr verrechnen. Im Heimgehen kaufte Gervaise Kuchen für die kleine Pauline; sie wollte nicht zurückstehen, hätte mehr davon, wenn sie entgegenkommend war. In vier Tagen sollte der Laden fertig sein; aber die Arbeiten dauerten drei Wochen lang. Erst wollte man das Gestrichene nur abwaschen. Aber diese alte Farbe war so schmutzig und sah so traurig aus, daß Gervaise sich entschloß, die ganze Auslage in Lichtblau mit gelben Streifen streichen zu lassen. So zogen sich die Arbeiten hin. Coupeau, der noch immer nicht arbeitete, kam des Morgens um nachzusehen, wie weit man war. Boche ließ seinen Rock oder die Hose, an der er die Knopflöcher erneuerte, und stellte sich zu ihm, auch seinerseits Wache haltend. So standen die beiden bei den Arbeitern, rauchend, spuckend, die Hände auf dem Rücken, den ganzen Tag und verfolgten jeden Pinselstrich. Unermeßliche Überlegungen, tiefe Betrachtungen über jeden Nagel, der aus der Wand gezogen werden sollte. Die zwei Zimmermaler, große gutmütige Kerle, stiegen von den Leitern herunter und stellten sich ebenfalls mitten in den Laden, nahmen an der Unterhaltung teil, stundenlang, mit nachdenklichem Gesicht ihre angefangene Arbeit betrachtend. Die Decke war schnell geweißt. Aber die Maler konnte man nicht mehr herausbringen. Es wollte nicht trocknen. Gegen neun Uhr kamen sie, schauten, stellten ihre Farbtöpfe in einen Winkel und gingen wieder; und man sah sie nicht wieder. Sie gingen frühstücken oder sie mußten eine Kleinigkeit in einer Nachbargasse fertigmachen. Andere Male wieder nahm Coupeau die ganze Bande mit, einen Schoppen trinken, Boche, die Maler und die Kameraden, die vorbeigingen; wieder ein verpfuschter Nachmittag. Gervaise drehte sich das Herz um. Aber auf einmal, in zwei Tagen war alles fertig, die Auslage gestrichen, die Tapeten geklebt, der Schmutz in die Tonnen geworfen. Die Arbeiter machten das spielend, pfeifend auf ihren Leitern; sie sangen, daß es die ganze Gasse hörte. Der Umzug fand sofort statt. Gervaise verbrachte Glücksstunden wie ein kleines Kind, wenn sie von einer Besorgung heimkam. Sie blieb stehen und lächelte ihr Heim an. Von weitem schon, in der Länge der schwarzen Auslagen anderer Läden, stach ihr Laden hell und heiter heraus mit dem lichtblauen Schild, darauf »Feinbüglerin« in großen gelben Buchstaben gemalt war. In der Auslage, die mit weißen Musselinvorhängen abgeschlossen und die in Blau tapeziert war, um die Weiße der Wände besser hervorstechen zu lassen, lagen die Herrenhemden zur Schau, Frauenhäubchen, deren Bänder zu Schleifen verknüpft waren, hingen von dünnen Messingstäben herunter. Sie fand ihren himmelblauen Laden herrlich schön. Innen kam man wieder ins Blaue; das Papier imitierte ein persisches Pompadour, eine fliegende Brücke darstellend, von Winden umflochten; der Werktisch, ein unendlich großer Tisch, nahm zwei Drittel des Raumes ein; darauf lag eine dicke Decke; Kretonnevolants verdeckten die Tischbeine. Gervaise setzte sich auf einen Hocker, verschnaufte und betrachtete mit Vergnügen all ihr neues Handwerkszeug. Ihr erster Blick jedoch galt ihrem Ofen, ein Bügelofen aus Gußeisen, auf dem zehn Eisen zugleich auf den dazu passenden Platten stehen und erhitzt werden konnten. Sie kniete nieder und schaute in immerwährender Angst auf den Ofen, ob ihr dummes kleines Lehrmädchen ihr ihn nicht zum Platzen bringen würde durch zu vieles Kokseinschieben. Hinter dem Laden war die Wohnung; sehr ordentlich. Die Coupeaus schliefen im ersten Zimmer, wo auch gekocht und gegessen wurde; im Hintergrund öffnete sich eine Türe, die auf den Hof hinausging. Nanas Bett befand sich im rechten Kabinett, einem Raum, der sein Licht durch ein rundes Fenster oben in der Nähe der Decke erhielt. Etienne mußte den linken Raum mit der schmutzigen Wäsche teilen, von der immer große Haufen auf dem Boden herumlagen. Aber es gab doch eine große Unannehmlichkeit, die sie sich anfangs nicht eingestehen wollten; die Mauern troffen vor Feuchtigkeit, und von Nachmittag drei Uhr an sah man nicht mehr ordentlich. Das ganze Viertel sprach von dem neuen Laden. Man warf den Coupeaus vor, daß sie zu schnell vorwärts machten. Sie hatten in der Tat die ganzen fünfhundert Francs der Goujets in die Einrichtung gesteckt und behielten nicht so viel übrig, daß sie vierzehn Tage zu leben hatten, wie es ausgemacht gewesen war. An dem Morgen, an dem Gervaise ihren Laden zum ersten Male öffnete, hatte sie gerade noch sechs Francs in der Tasche. Aber sie machte sich keine Sorge. Die Kundschaft kam, die Geschäfte singen ganz gut an. Acht Tage später, an einem Samstag, ehe sie sich schlafen legte, überzählte sie zwei Stunden lang auf einem Stückchen Papier; sie weckte Coupeau wieder auf und sagte ihm, wenn man vernünftig wäre, könne man Tausende und Hunderte verdienen. »Na also!« schrie Frau Lorilleux in der Rue de la Goutte d'Or herum, »mein Dummkopf von Bruder wird was erleben! Das fehlte gerade noch dem Hinkebein, so ihr Leben einzurichten. Das steht ihr gut, nicht?« Die Lorilleux' waren Gervaises Todfeinde geworden. Schon während der Herstellung des Ladens waren sie fast krepiert vor Wut; als sie die Maler von weitem kommen sahen, gingen sie schon auf den andern Gehweg und kamen mit verbissenen Zähnen heim. Ein blauer Laden für diese Habenichtse, sollten nicht darüber die ehrlichen Leute zerspringen! Am andern Tag, als das Lehrmädchen eine Schüssel mit Stärkewasser in einem vollen Schwung auf die Gasse schüttete, im Moment, als Frau Lorilleux vorbeiging, brachte diese die Gasse in Aufruhr mit der Klage, ihre Schwägerin ließe sie durch ihre Arbeiterinnen beleidigen. Und jede Beziehung war abgebrochen; man warf sich nur noch schreckliche Blicke zu, wenn man sich traf. »Jawohl, ein schönes Leben!« wiederholte Frau Lorilleux. »Man weiß, woher sie das Geld hat für ihren Laden. Das hat sie mit dem Grobschmied verdient. Saubere Leute auch, diese Grobschmiedischen! Hat sich der Vater nicht den Hals abgeschnitten, um der Guillotine zu entgehen? Irgend so eine schmutzige Geschichte war dahinter.« Sie behauptete, Gervaise schlafe mit Goujet. Sie log, die beiden eines Abends auf einer Bank der äußeren Boulevards getroffen zu haben. Der Gedanke an diese Verbindung, die Freuden, die ihre Schwägerin dabei empfinden würde, regten sie noch mehr auf in ihrer Anständigkeit einer häßlichen Frau. Jeden Tag kam ihr aus dem Herzen der Schrei auf die Lippen: »Aber was hat sie denn nur an sich, dieser Krüppel, daß man sie liebt? Liebt man denn mich?« Es gab endlosen Klatsch und Tratsch mit den Nachbarsleuten. Sie erzählte die ganze Geschichte. Nicht? An ihrem Hochzeitstag, was hat sie da für einen spaßigen Kopf gemacht! Sie hatte schon die Nase in der Luft, wußte schon, wie das gehen würde! Später, du lieber Gott! da war das Hinkebein so süß, so bescheiden, so falsch, daß sie und ihr Mann einwilligten, Patin und Pate bei Nana zu sein; und was das kostet, so eine Taufe! Aber jetzt, kann ich Ihnen sagen, jetzt könnte das Hinkebein auf dem Totenbette liegen, ich würde ihr nicht ein Glas Wasser reichen! Sie könnte diese freche, ausgelassene, schamlose Person nicht ausstehen. Was Nana betrifft, die wäre immer willkommen, wenn sie ihren Paten und die Patin besuchen käme. Die Kleine, nicht wahr, die könnte man doch für die Verbrechen der Mutter nicht verantwortlich machen. Dem Coupeau, dem kann man keinen Rat geben; jeder andere Mann hätte seiner Frau ein paar Tritte in den Hintern versetzt und Watschen dazu; das aber ginge ihn allein an; man erwarte von ihm nur, daß er seine Familie respektiere. Herrgott, wenn Lorilleux sie, Frau Lorilleux, auf frischer Tat ertappen würde! Das ginge nicht gut aus, er würde ihr seine Schere in den Bauch gestoßen haben. Die Boches, sonst strenge Richter in den Streitereien im Hause, gaben den Lorilleux unrecht. Zweifellos, die Lorilleur waren rechtschaffene Leute, ruhig, arbeiteten die ganze Woche hindurch und bezahlten regelmäßig ihren Zins. Aber hier, aufrichtig gesagt, machte sie die Eifersucht so blind, daß sie ein Ei geschoren hätten. Leute, die ihren Wein versteckten, wenn man kam, um ja kein Glas anbieten zu müssen; nein, das seien keine seinen Leute. Eines Tages zahlte Gervaise den Boches Cassis mit Selterwasser, das man in der Portierloge trank, gerade als Frau Lorilleux vorbeiging, sich steif machte und vor der Türe der Hausmeistersleute ausspuckte. Von da ab ließ Frau Boche jeden Samstag, wenn sie die Treppe reinigte, einen Haufen Dreck vor der Türe der Lorilleux' liegen. »Wahrhaftiger Gott,« schrie Frau Lorilleux, »das Hinkebein stopft diese Fresser! Ja, die passen zueinander. Daß sie mich aber nur nicht reizen! Ich gehe einfach zum Hausherrn ... Gestern erst noch sah ich diesen falschen Boche sich an den Röcken der Frau Gaudron reiben. Sich an eine solche Frau heranmachen, von diesem Alter und dem halben Dutzend Kinder, was? Ist das nicht die reinste Schweinerei? Noch eine solche Sauerei und ich sage es der Frau Boche, damit sie ihm eine Tracht Prügel versetzt ... Man hätte etwas zu lachen.« Mama Coupeau ging zwischen den beiden Haushaltungen hin und her, gab allen recht, und so gelang es ihr öfters, zu einem Abendessen eingeladen zu werden, indem sie entgegenkommend einmal ihrer Tochter, dann wieder an einem andern Tag ihrer Schwiegertochter zuhörte. Frau Lerat kam jetzt nicht mehr zu den Coupeaus, weil sie sich einmal mit dem Hinkebein zerzankt hatte wegen eines Zuaven, der die Nase seiner Geliebten mit einem Rasiermesser abgeschnitten hatte; sie war für den Zuaven, fand diesen Rasiermesserschnitt, ohne den Grund angeben zu können, sehr verliebt. Sie hatte auch Frau Lorilleux außer sich vor Zorn gebracht, indem sie ihr erzählte, daß das Hinkebein in der Unterhaltung vor fünfzehn und zwanzig Personen sie stets Kuhschweif nenne, ohne sich zu genieren. Mein Gott, ja, die Boches, die Nachbarn, alle nannten sie nun Kuhschweif. Inmitten aller dieser Tratschereien stand Gervaise unbekümmert und lächelnd auf der Schwelle ihres Ladens und grüßte freundlich durch Kopfnicken alle Bekannten, die vorübergingen. Es gefiel ihr, zeitweilig zwischen zwei Bügelstrichen hinauszugehen, um der Straße zuzulachen, mit der Eitelkeitsschwellung einer Ladenbesitzerin, der ein Stück Gehweg gehört. Die Rue de la Goutte d'Or gehörte ihr, auch die nebenliegenden Gassen und überhaupt das ganze Viertel. So stand sie an ihrer Ladentür in weißer Jacke, mit nackten Armen, den Kopf leicht vorgestreckt, das blonde Haar von der Hitze des Ofens gesträubt, den Blick nach rechts und links drehend, links und rechts mit einem Zug alles sehend, die Vorübergehenden, die Häuser, das Pflaster und den Himmel. Links kroch die Rue de la Goutte d'Or hin, friedlich einsam in einen Provinzwinkel hinunter, in dem die Frauen leise miteinander unter den Türen sprachen; nahebei, in der Rue des Poissonniers, war ein ewiger Wagenlärm, ein immerwährendes Laufen, Kommen, Gehen der Menge wie in einem Durchhaus. Gervaise liebte die Gasse, das von den Wagen ausgefahrene Pflaster, das Ellbogenstoßen der Leute auf den schmalen, abschüssigen, mit Kieselsteinen bedeckten Gehwegen; ihre drei Meter Gosse vor ihrem Laden bekam große Wichtigkeit, wurde zu einem breiten Fluß, den sie sauber haben wollte, – ein fremder und lebendiger Fluß, der von der Färberei im Hause alle möglichen Farben in den apartesten Tönen bekam, mitten in dem schwarzen Dreck. Dann interessierten sie die Läden: eine große Spezereihandlung, die in der Auslage getrocknete Früchte hatte, geschützt von dünnen Netzen; ein Wäsche- und Leinengeschäft für Arbeiter, – die Blusen und Hosen baumelten vor der Auslage beim geringsten Winde mit den ausgebreiteten Armen und Beinen. Bei der Obstfrau und Kaldaunenhändlerin sah sie die Enden der Ladentische, auf denen herrliche Katzen schnurrten. Ihre Nachbarin, Frau Vigourour, die Kohlenhändlerin, erwiderte ihren Gruß; eine kleine fette Frau mit schwarzem Gesicht und leuchtenden Augen, die, gegen ihre Auslage gelehnt, faulenzte und mit den Männern lachte; diese Auslage bestand aus einer Malerei von Holzscheiten auf einem Hintergrund von Weinlaub um ein Bauernhaus. Die Cudorge, Mutter und Tochter, ihre andern Nachbarn, zeigten sich nie; sie hatten den Schirmladen, eine finstere Auslage, und über der geschlossenen Tür waren zwei kleine Sonnenschirme aus Zinkblech angebracht, die eine dicke Lage von Schmutz und Grünspan deckte. Bevor Gervaise wieder in ihren Laden zurücktrat, warf sie immer erst noch einen Blick auf ihr Gegenüber, eine große weiße Mauer ohne jedes Fenster und nur durchbrochen von einer großen Stalltüre, durch die man das Leuchten einer Schmiede und in einem ungeheuren Hof Wagen und Karren mit nach oben stehenden Rädern liegen sah. Auf die Mauer war das Wort ›Hufschmiede‹ gemalt, in großen Buchstaben, von einem Fächer von Hufeisen umgeben. Den ganzen Tag über hörte man den Hammer auf dem Amboß, die Funken leuchteten in die Schatten auf dem Hof. Und am Ende dieser Mauer, in einem Loch, groß wie ein Kleiderschrank, zwischen einem Eisenwarenhändler und einer Händlerin mit gebratenen Kartoffeln hauste ein Uhrmacher, ein Herr in einem Gehrock, von sauberem Aussehen; stocherte immer in Uhren mit kleinen Instrumenten herum vor einem Werktisch, wo zarte Dinge unter kleinen Glasstürzen schliefen, während hinter ihm die Pendel von etwa zwei bis drei Dutzend kleinen Kuckucksuhren hin und her fuhren in diesem schwarzen Elend der Gasse und dem regelmäßigen Lärm der Hufschmiede. Im Viertel fand, man Gervaise niedlich. Gewiß, es wurde viel über sie geschwatzt, aber über ihre großen Augen, um ihren kleinen Mund mit weißen Zähnen war nur eine Stimme. Es wäre eine schöne Blondine, konstatierte man, und hätte zu den Allerschönsten gerechnet werden können ohne dieses Unglück mit dem Bein. Sie war jetzt achtundzwanzig und fing an, dicker zu werden. Ihre seinen Züge verfetteten, ihre Bewegungen bekamen eine glückliche Ruhe und Langsamkeit. Sie vergaß sich selbst öfters auf einem Stuhle sitzend in der Zwischenpause, bis das Eisen wieder heiß wurde, und hatte ein vages Lächeln und das Gesicht voller Gefräßigkeit. Ja, sie wurde gefräßig, alle sagten es, aber das war ja schließlich keine schlechte Eigenschaft, im Gegenteil. Wenn man schon so viel verdient, daß man sich was Gutes bezahlen konnte, wäre man doch dumm, würde man Kartoffelschalen essen. Um so mehr als sie sehr hart arbeitete; sie vierteilte sich ihrer Kundschaft wegen, die ganze Nacht bei geschlossenen Läden arbeitend, wenn es die Not erforderte. Man redete von ihr, was sie für Glück habe, wie alles ihr gelinge. Sie bügelte für das ganze Haus, für Herrn Madinier, Fräulein Remanjou, die Boche; sie bekam selbst Kunden von ihrer früheren Meisterin, Frau Fauconnier, Pariser Damen, die in der Vorstadt Poissonière wohnten. Nach weiteren vierzehn Tagen mußte sie noch zwei Arbeiterinnen aufnehmen, Frau Putois und die große Clementine, jenes Mädchen, das damals im sechsten Stock gewohnt hatte; das waren nun drei Personen mit dem Lehrmädchen, der kleinen schielenden Augustine, häßlich wie der Arsch eines armen Mannes. Andern wäre es zu Kopf gestiegen, so viel Glück. Es war darum verzeihlich, wenn sie am Montag etwas blau machte, nachdem sie die ganze Woche hindurch geschuftet hatte; übrigens brauche sie das; sie würde, schlaff bleiben und zusehen, wie die Hemden sich allein bügelten, wenn sie sich nicht was Samtenes auf die Brust gelegt hätte, etwas Gutes, nach dem es sie gelüstete. Noch niemals hatte sich Gervaise so gefällig gezeigt. Sie war sanft wie ein Lamm, gut wie Brot. Außer gegen Frau Lorilleux, die sie heute und stets Kuhschweif nannte, um sich zu rächen; sonst verachtete sie niemand; entschuldigte jedermann. In ihrer leichten Hingabe an die Schleckerei war sie nachgiebig und zur allgemeinen Nachsicht geneigt, zumal nach einem guten Essen und dem Kaffee hinterher. Dann sagte sie: »Man muß einander verzeihen, wenn man nicht wie die Wilden leben will, nicht?« Sprach man von ihrer Güte, lachte sie. Ihr fehle ja nichts, warum also böse sein! Sie verteidigte sich, sagte, daß sie gar kein Verdienst daran hätte. Seien denn nicht all ihre Träume in Erfüllung gegangen? Was wollte sie zu ihrem Glück denn noch anstreben? Sie erinnerte an ihr Ideal von ehemals, als sie noch auf dem Pflaster lag: arbeiten, Brot essen, ein Loch für sich haben, seine Kinder erziehen, nicht geschlagen werden und im eigenen Bette sterben. Und jetzt wäre ihr Ideal schon überschritten; sie hätte alles und vom Schönsten. Was das Sterben im Bett betreffe, so rechne sie damit, das möglichst spät zu tun, natürlich. Besonders gegen Coupeau zeigte sich Gervaise freundlich. Nie ein böses Wort, keine Klage hinter dem Rücken des Mannes. Der Mann hatte sich endlich wieder an die Arbeit gemacht; und da seine Werkstätte am andern Ende von Paris lag, so gab sie ihm jeden Morgen vierzig Sous für sein Essen, seinen Trunk und den Tabak. Aber immer zwei Tage von sechsen blieb Coupeau unterwegs liegen, vertrank seine vierzig Sous mit einem Freunde und kam zum Mittagessen zurück, ihr irgendeine Geschichte erzählend. Eines Tages war er gar nicht einmal sehr weit gegangen, hatte sich mit Mes-Bottes und drei andern ein ausgesuchtes Mahl geleistet, Weinbergschnecken, Braten und Flaschenwein, bei Capucin, an der Barrière de la Chapelle; als aber seine vierzig Sous nicht ausreichten, schickte er einfach die Rechnung durch einen Kellner seiner Frau und ließ ihr sagen, er wäre blank. Sie lachte und zuckte die Schultern. Wo ist denn ein Unrecht, wenn ihr Mann sich ein wenig amüsiere? Man muß die Männer an langem Strick halten, wenn man in Frieden mit ihnen leben will. Sonst gibt ein Wort das andere und es endet mit Schlägen. Mein Gott, man müsse alles verstehen, Coupeau litt noch an seinem Bein; und dann wurde er mitgezogen, und man müsse doch machen wie die andern, wenn man nicht für einen Dummkopf gehalten werden wolle. Das hätte ja auch keine weiteren Folgen; käme er angetrunken heim, würde er im Bett liegen, und zwei Stunden später merke man ihm nichts mehr an. Die heiße Jahreszeit kam. An einem Samstagnachmittag, als die Arbeit besonders eilig war, hatte Gervaise selbst den Ofen stark mit Koks gefüllt, an dem zehn Eisen sich unter Schnurren des Rohres erhitzten. Zu dieser Stunde schien die Sonne glühend auf das Auslagefenster, der Gehweg blendete, große Lichtflecken tanzten an der Decke; dieser Lichtstrahl war blau gefärbt vom Widerschein des Papieres der Stellagen und der Vitrine und legte über den Arbeitstisch einen blendenden Schein gleich gesiebtem Staub über all die feine Wasche. Es war eine Temperatur zum Umkommen. Man hatte die Türe auf die Gasse offen gelassen, aber kein bißchen Wind regte sich; die Wäschestücke, die man zum Trocknen an Schnüren aufgehängt hatte, dampften und waren in weniger als einer Viertelstunde steiftrocken wie Hobelspäne. Schon seit einiger Zeit war alles still in dieser Schwere der Hitze, die Eisen klappten dumpf erstickt durch die dicke, mit Kaliko wattierte Bügeldecke. »Herrgott,« sagte Gervaise, »wenn wir heute nicht zerschmelzen! Man möchte sein Hemd ausziehen!« Sie kauerte am Boden vor einer Schüssel und zog Wäschestücke durch die Stärke. Im weißen Unterrock, die Ärmel der Jacke zurückgeschlagen und über die Schultern hängend, die Arme nackt, der Hals nackt, ganz rosig und schwitzend, daß ihr gelöstes blondes Haar an der Haut klebte. Sorgfältig tauchte sie in das milchige Wasser Hauben, Brüste der Herrenhemden, ganze Unterröcke, Hosengarnituren der Frauen. Dann rollte sie die Stücke und legte sie in einen viereckigen Wäschekorb, nachdem sie die Teile der Hemden und Hosen, die nicht gestärkt waren, mit Wasser eingespritzt hatte. »Dieser Korb ist für Sie, Frau Putois,« sagte sie. »Eilen Sie sich, nicht wahr? Das trocknet sofort wieder und man müßte in einer Stunde wieder anfangen.« Die Putois war eine Frau von fünfundvierzig Jahren, mager, klein, bügelte ohne einen Tropfen Schweiß, eingeknöpft in ein altes braunes Mieder. Sie hatte nicht einmal ihre Haube abgenommen, eine schwarze Haube, garniert mit grünen, ins Gelbliche verblichenen Bändern. Und sie stand steif vor dem Arbeitstisch, der zu hoch für sie war, die Ellbogen in der Luft, ihr Eisen mit Bewegungen gleich einer Marionette stoßend. Auf einmal rief sie: »Aber nein, Fräulein Clementine, ziehen Sie Ihre Jacke wieder an. Sie wissen, daß ich Unanständigkeiten nicht liebe. Schon stehen drei Männer da drüben.« Die große Clementine brummte etwas wie alte Ziege. Sie ersticke hier und könne es sich wohl bequem machen; alle hätten nicht eine und dieselbe Haut. Übrigens sehe man gar nichts. Sie hob ihre Arme, die starke Brust des schönen Mädchens zersprengte fast ihr Hemd, ihre Oberarme brachten die kurzen Ärmel zum Platzen. Clementine hatte sich mit dreißig Jahren völlig ausgegeben; am Morgen nach einer nächtlichen Orgie meinte sie den Boden unter ihren Füßen nicht mehr zu spüren; sie schlief über ihrer Beschäftigung ein, Kopf und Leib wie verdreht. Aber man behielt sie dennoch, denn keine Arbeiterin konnte sich rühmen, ein Männerhemd mit so viel Schick zu bügeln wie sie. Es war ihre Spezialität, Männerhemden bügeln. »Das geht bloß mich an!« erklärte sie, sich kleine Klapse auf die Brust gebend. »Das beißt nicht und tut auch niemand weh.« »Clementine, ziehen Sie Ihre Jacke an,« sagte Gervaise. »Frau Putois hat recht, das ist nicht anständig ... Man wird mein Haus für etwas halten, was es nicht ist.« Darauf zog sich die große Clementine wieder brummend an. Was ist das für eine Faxerei! Als ob die Passanten noch niemals Weiberbrüste gesehen hätten! Sie machte ihrem Zorn Luft an der schielenden Augustine, die neben ihr glatte Wäsche bügelte, Strümpfe und Taschentücher, und stieß sie mit dem Ellbogen. Augustine war zänkisch und voll der unterdrückten Bosheit einer Ausgeburt und Schmerzen erduldenden Frau; sie rächte sich, indem sie der andern heimlich von rückwärts, ohne gesehen zu werden, aufs Kleid spuckte. Gervaise hatte gerade eine Haube angefangen, die Frau Boche gehörte und die sie selbst Herrichten wollte. Sie stellte gekochte Stärke zurecht, um sie auf neu zu bügeln. Leise drehte sie ein kleines Eisen, das an beiden Enden abgerundet war, im Innern der Haube, als eine Frau eintrat, knochig, mit roten Flecken im Gesichte und nassen Röcken. Eine Wäscherin, die drei Arbeiterinnen im Waschhaus der Rue de la Goutte d'Or beschäftigte. »Sie kommen zu früh, Frau Bijard,« rief Gervaise, »ich sagte Ihnen doch, am Abend ... Sie stören mich nur zu dieser Stunde.« Als aber die Wäscherin jammerte, sie könne die Wäsche an demselben Tage nicht mehr einweichen, so wollte Gervaise ihr die schmutzigen Wäschepakete gleich geben. Sie holten die Bündel aus dem linken Zimmer, in dem Etienne schlief, und kamen mit großen Haufen auf den Armen zurück, die sie im Hintergrund des Ladens auf den Boden warfen. Das Sortieren dauerte eine lange halbe Stunde. Gervaise machte lauter Haufen um sich herum, warf Männerhemden, Frauenhemden, Taschentücher, Socken und Fetzen auf je einen Haufen. Wenn ihr ein Stück einer neuen Kundschaft unter die Hand kam, machte sie ein Kreuz mit rotem Faden hinein, um es wiederzuerkennen. In der warmen Luft stieg ein Gestank all dieser aufgewirbelten schmutzigen Wäsche auf. »Teufel, das stinkt!« sagte Clementine und hielt sich die Nase zu. »Wenn das alles sauber wäre, würde man es uns nicht geben,« sagte Gervaise ruhig. »Alles riecht nach seiner Art. Wir zählten also vierzehn Frauenhemden, nicht wahr, Frau Bijard? Fünfzehn, sechzehn, siebzehn ...« Sie zählte ganz laut weiter. Ohne Widerwillen und an den Gestank gewöhnt; sie steckte ihre nackten und rosigen Arme mitten in diese fettiggelben Hemden, die Lumpen, die steif von fettigem Spülwasser waren, in die Socken, halb verfault und aufgefressen vom Schweiß. Aber inmitten dieses scharfen Gestanks, der ihr ins Gesicht schlug, das über diese Haufen gebeugt war, überkam sie ein Sichgehenlassen. Sie setzte sich auf den Rand eines Hockers, vorgeneigt, ihre Hände nach rechts und links ausstreckend, mit verlangsamten Bewegungen, als ob sie betrunken würde von all dem unendlichen Duft, lächelnd, die Augen geschlossen. Es schien, als ob ihre ersten Trägheiten von dieser Zeit her kamen, von einer Art Vergiftung aus alter Wäsche, die die ganze Luft um sie herum verpestete. Gerade in dem Augenblick, als sie eine arg verpißte Kinderunterlage, die sie nicht gleich erkannte, beutelte, kam Coupeau herein. »Kreuzsapperment!« lallte er, »was für ein Sonnenstich! Das gibt dir eins auf den Kopf!« Der Mann hielt sich am Arbeitstisch, um nicht hinzufallen. Das war das erstemal, daß er einen solchen Rausch hatte. Bis dahin war er immer nur leicht angeheitert nach Hause gekommen. Aber dieses Mal hatte er eine Schramme über dem Auge, ein freundschaftlicher Klaps, der sich bei einer Schlägerei verirrt hatte. Seine gelockten Haare, in denen sich schon einige weiße Fäden zeigten, mußten den Winkel irgendeines verdächtigen Raumes beim Weinwirt abgestaubt haben, denn ein Spinnweb hing ihm an einer Strähne übers Gesicht. Aber er blieb spaßhaft, seine Züge etwas auseinandergezogen und gealtert, der Unterkiefer stärker vortretend, aber noch immer ein guter Junge, wie er sagte, die Haut noch zart genug, um einer Herzogin Lust zu machen. »Ich will dir das erklären,« sagte er zu Gervaise. »Es war der Selleriefuß, du kennst ihn doch, der mit dem Holzbein ... Er geht in seine Heimat zurück, er hat uns eingeladen ... Es ging uns gut, ohne diesen Sonnenstich! ... Auf der Straße sind die Menschen krank. Wirklich, das Volk feiert Feste.« Als die große Clementine sich darüber lustig machte, daß er die Straße betrunken sah, wurde er so lustig, daß er fast daran erstickte. Er schrie: »Nicht wahr? Diese verfluchten Trunkenbolde! Die sind zu komisch! ... Aber es ist nicht ihre Schuld, es ist die Sonne.« Der ganze Laden lachte, selbst Frau Putois, die gewiß die Trunkenbolde nicht liebte. Die schielende Augustine krähte wie ein Hahn, den Mund offen, halb erstickt. Gervaise äußerte zu Coupeau den Verdacht, daß er nicht gleich nach Hause gekommen sei, sondern erst bei den Lorilleux' eine Stunde verbracht hätte, wo er schlechte Ratschläge bekam. Aber er schwur nein, und dann lachte auch sie herzlich und voll Nachsicht; machte ihm keinen Vorwurf, daß er wieder einen Arbeitstag verloren habe. »Was er doch für Dummheiten spricht,« sagte sie. »Wie kann man denn solche Dummheiten reden!« Dann mit mütterlicher Stimme: »Geh ins Bett, nicht? Du siehst ja, wir sind beschäftigt; du störst uns nur ... Das sind zweiunddreißig Taschentücher und noch zwei, macht vierunddreißig ...« Aber Coupeau hatte keinen Schlaf. Er blieb da, drehte sich wie ein Uhrpendel herum, lachte und meckerte eigensinnig. Gervaise wollte Frau Bijard wieder draußen haben, rief nach Clementine, damit diese zähle, während sie einschrieb. Bei jedem Stück jedoch stieß dieser große Nichtsnutz ein schmutziges oder rohes Wort aus; sie zeigte das Elend der Klienten, die Abenteuer der Alkoven, hatte einen stummen Witz für jedes Loch und jeden Fleck, der ihr unter die Hände kam. Augustine tat, als wenn sie von all dem nichts verstände, öffnete aber die Ohren eines kleinen lasterhaften Mädchens. Frau Putois kniff die Lippen zusammen, fand es albern, vor Coupeau solche Dinge zu sagen; ein Mann solle keine Wäsche sehen; das sei eines jener Dinge, die man bei wohlerzogenen Leuten vermeide zu zeigen. Gervaise, in Arbeit vertieft, schien nichts zu hören. Indem sie schrieb, verfolgte sie jedes der Stücke aufmerksam, damit sie sie wiedererkenne, wenn sie zurückkommen; sie irrte sich nie, zeichnete jedes Stück, je nachdem in irgendeiner Farbe. Diese Servietten gehörten den Goujets; da sah man sofort, sie haben nicht dazu gedient, das Innere der Töpfe auszuputzen. Hier war ein Kopfbezug, der sicher den Boches gehörte, wegen der Pomade, womit Frau Boche all ihre Wäsche beschmierte. Auch in die Baumwollwesten des Herrn Madinier brauchte man die Nase nicht zu stecken, um zu wissen, daß sie ihm gehörten; dieser Mann färbte die Wolle, so fettig war sein Schweiß. Und sie kannte noch andere Eigenheiten, die Geheimnisse der Sauberkeit eines jeden, die Unterwäsche der Nachbarinnen, die in seidenen Kleidern über die Straße gingen, die Zahl der Strümpfe, Taschentücher, Hemden, die man in einer Woche schmutzig machte, die Art, wie gewisse Leute gewisse Wäschestücke zerreißen, immer am selben Fleck. Sie war voller Anekdoten. Die Hemden des Fräuleins Remanjou lieferten unendliche Kommentare; sie wurden oben abgenutzt, das alte Mädchen müsse also recht spitze Knochen auf den Schultern haben; und nie wären sie schmutzig, auch wenn sie sie vierzehn Tage lang trug; was beweist, daß man in diesem Alter sozusagen trocken wie ein Stück Holz ist, aus dem man schwerlich eine Träne herausziehen könnte. Im Laden wurde bei jedem Auslesen der Wäsche das ganze Viertel der Goutte d'Or ausgezogen. »Das ist doch Scheiße!« schrie Clementine, als sie ein neues Paket öffnete. Gervaise wurde plötzlich von einem solchen Ekel geschüttelt, daß sie zurücksprang. »Das Paket der Frau Gaudron,« sagte sie. »Das will ich nicht mehr arbeiten, ich finde schon einen Vorwand ... Nein, ich bin nicht empfindlicher als eine andere; ich habe schon recht ekelhafte Wäsche in meinem Leben angerührt, aber wahrhaftig, das kann ich nicht mehr. Da stößt sich mir das Herz ab ... Aber was macht sie denn nur, diese Person, um ihre Wasche in einen solchen Zustand zu versetzen!« Und sie bat Clementine, sich zu beeilen. Aber die Arbeiterin fuhr mit ihren Bemerkungen fort, steckte die Finger in die Löcher mit Witzen auf jedes Stück, das sie wie eine Schmutzfahne schwenkte. Und die Haufen wuchsen um Gervaise. Wieder saß sie auf dem Hocker und verschwand fast zwischen den Bergen von Hemden und Unterröcken; vor ihr lagen Leintücher, Hosen, Tischtücher, ein Gebirge von Unsauberkeit und Dreck; und mitten in dieser anwachsenden Masse behielt sie ihre Arme nackt, ihren Hals nackt, mit kleinen blonden Löckchen voll Schweiß fest an die Schläfen geklebt, ganz rosig und süß erschlafft. Sie fand wieder ihre ruhige Art, das Lächeln der Meisterin, aufmerksam und sorgsam; die Wäsche der Frau Gaudron vergessend und sie nicht mehr riechend, wühlte sie in dem Haufen, um sich zu überzeugen, daß kein Irrtum geschehe. Die schielende Augustine, die es ganz besonders liebte, große Schaufeln Koks in den Ofen zu werfen, hatte ihn so vollgestopft, daß die Platten rot vor Glut waren. Die Sonne brannte auf die Außenwand, der ganze Laden glühte. Coupeau, den diese Hitze noch betrunkener machte, bekam einen Zärtlichkeitsanfall. Er ging mit offenen Armen auf Gervaise zu und war ganz gerührt. »Du bist eine gute Frau,« lallte er, »ich muß dir einen Kuß geben.« Er verwickelte sich in die Unterröcke, die ihm den Weg verlegten, und wäre fast hingefallen. »Du bist lästig,« sagte Gervaise ohne böse zu sein. »Bleib doch ruhig, wir sind gleich fertig.« Er wollte sie ja nur küssen, das hätte er nötig, denn er liebe sie so sehr. Bei all dem Reden stapfte er in den Haufen Röcke und tappte zwischen den Hemden; schließlich blieb er mit dem Absatz hängen und fiel mit der Nase mitten in die Lumpen hinein. Gervaise wurde nun doch etwas ungeduldig, gab ihm einen Stoß, weil er alles durcheinander bringe. Aber Clementine und auch Frau Putois gaben ihr unrecht. Er wäre doch so nett, der Mann, trotz allem. Er wolle ihr ja nur einen Kuß geben, und sie könne sich doch von ihrem Mann küssen lassen. »Sie sind glücklich, Frau Coupeau,« sagte Frau Bijard, deren versoffener Mann, ein Schlosser, sie jeden Abend mit Schlägen traktierte, wenn er heimkam. »Wenn der meine so wäre, wenn er etwas zu viel hat, ja dann war es eine Freude!« Beruhigt bereute Gervaise schon ihre Lebhaftigkeit, half Coupeau in die Höhe. Dann streckte sie ihm lächelnd ihre Wange hin. Der Mann aber, ohne sich vor den andern zu genieren, packte sie derb an den Brüsten. »Das muß man ihr ja lassen, deiner Wäsche,« stotterte er, »sie stinkt kräftig! Aber, siehst du, ich habe dich trotzdem gern!« »Laß doch, du kitzelst mich,« rief sie und lachte auf. »Was für ein Kerl, nein, was für ein Kerl! Man macht doch nicht solche Dummheiten!« Er hielt sie umarmt und ließ sie nicht mehr los. Sie gab nach, ganz betäubt von dem leichten Schwindel, den ihr der Haufen Wäsche machte, und ohne Ekel vor dem Weinatem Coupeaus. Und der dicke Kuß, den sie sich gaben, mitten in der Unsauberkeit des Handwerks, war wie ein erster Fall im langsamen Erschlaffen ihres Lebens. Frau Bijard band währenddem die Wäsche zu Paketen. Sie sprach von ihrer Kleinen, einem Kind von zwei Jahren, das Eulalie hieß und schon so viel Verstand hätte wie ein Großes. Man könnte sie ruhig allein lassen; sie weine nie, spiele nie mit Zündhölzern. Dann trug sie die Pakete einzeln fort, ihr langer Leib wie gebrochen unter der Last; ihr Gesicht bekam violette Flecken. »Es ist nicht mehr auszuhalten, wir braten«, sagte Gervaise, sich den Schweiß vom Gesicht wischend, ehe sie sich wieder an Frau Boches Haube machte. Man sprach davon, Augustine Ohrfeigen zu geben, als man merkte, daß der Ofen ganz rot war. Auch die Eisen löteten sich. Ob sie denn den Teufel im Leib habe! Nicht den Rücken durfte man drehen, ohne daß sie einem einen Streich spielte. Jetzt müsse man eine Viertelstunde warten, bis man wieder ein Eisen benutzen könne. Gervaise deckte das Feuer mit zwei Schaufeln Asche zu. Sie kam darauf, über die Schnur ein paar Leintücher zu hängen, die als Vorhänge dienen sollten, um die Sonne abzuhalten. Dann befand man sich wohler im Laden. Die Temperatur war noch sehr hoch, aber man glaubte sich in einem Alkoven, in einem weißen Tag, ganz wie bei sich, fern von der Welt, obschon man hinter den Leintüchern die Leute rasch über das Pflaster schreiten hörte; und man hatte die Freiheit, es sich bequem zu machen. Clementine zog gleich ihre Jacke wieder aus. Coupeau wollte immer noch nicht zu Bett gehen und man erlaubte ihm zu bleiben; er mußte aber versprechen, sich ruhig in einem Winkel zu verhalten, denn man dürfe in dieser Stunde der Bruthitze nicht einschlafen. »Was hat dieses Mistvieh wieder mit dem kleinen Plätteisen gemacht?« sagte Gervaise und meinte Augustine. Immer suchte man nach diesem kleinen Eisen, das man oft an den eigentümlichsten Orten fand, wohin das Lehrmädchen es aus Bosheit versteckte, wie man sagte. Endlich war die Haube der Frau Boche fertig. Gervaise hatte die Spitzen sein herausgebügelt, sie mit der Hand ausgezogen, und wieder mit dem Eisen nachgefahren. Es war eine Haube mit einer reich garnierten Passe; schmale Fältchen wechselten mit gestickten Einsätzen. Die Fältchen und Einsätze bemühte sie sich mit einem bestimmten Eisen herauszutreiben, einer Art Eisen an einem Stiel, der in einem Holzgriff steckt. Es war jetzt alles still. Man hörte nur mehr den dumpfen Schlag der Eisen auf der Decke. Zu beiden Seiten des großen viereckigen Arbeitstisches standen die Meisterin, die beiden Arbeiterinnen, das Lehrmädchen, aufrecht, sich beugend, ganz in ihre Beschäftigung vertieft, mit gerundeten Schultern, die Arme in einem fortwährenden Hin und Her. Jedes hatte zur Seite zum Abstellen der Eisen einen flachen Ziegelstein, der durch zu heiße Eisen ganz ausgebrannt war. Mitten auf dem Tisch stand eine Schüssel mit frischem Wasser, in dem ein Fleck Leinen und eine kleine Bürste lagen. Ein Strauß aus großen Lilien stand in einem alten Glasgefäß, das einmal Kirschen in Branntwein enthalten hatte; die großen duftenden Kelche brachten eine Ecke königlichen Gartens in die Werkstatt. Frau Putois nahm gerade den von Gervaise hergerichteten Korb in Angriff, Servietten, Hosen, Jacken, Ärmel. Augustine bearbeitete Strümpfe und Küchenwäsche, mit der Nase in der Luft; sie interessierte sich für eine große Fliege, die an der Decke brummte. Clementine war seit frühmorgens an ihrem fünfunddreißigsten Herrenhemd. »Immer nur Wein, keinen Schnaps!« sagte plötzlich Coupeau, dem es Bedürfnis war, diese Erklärung abzugeben. »Der Schnaps macht mich besoffen und das will ich nicht.« Clementine nahm ein Eisen vom Ofen, dessen Griff mit einem Lumpen umwunden war, brachte es in die Nähe der Wange, um sich vom Grad der Hitze zu überzeugen. Sie putzte es auf ihrer Unterlage ab und an einem Tuch, das sie am Gürtel hängen hatte; sie nahm das fünfunddreißigste Hemd vor, zuerst dessen zwei Ärmel und Vorbrust. »Ah was, Herr Coupeau,« sagte sie nach einer kleinen Weile, »ein kleines Glas Branntwein ist nichts Schlechtes. Mir macht es Mut ... Und dann, wissen Sie, je schneller man betrunken ist, um so drolliger ist einem. Ich mache mir keine Illusion, ich weiß, ich werde nicht alt.« »Sind Sie langweilig mit Ihren Kirchhofsgedanken!« unterbrach sie Frau Putois, die traurige Unterhaltungen nicht leiden konnte. Coupeau war aufgestanden und wurde böse, weil er glaubte, daß man dächte, er habe Branntwein getrunken. Er schwur auf den Kopf seiner Frau und seines Kindes, daß er keinen Tropfen Schnaps in den Adern hätte. Und er nahte sich Clementine, um ihr den Atem ins Gesicht zu blasen, damit sie sich am Geruch überzeugen könne. Als er aber seine Nase über ihrer nackten Schulter hatte, fing er an zu lachen. Er wolle sehen. Nachdem Clementine den Rücken des Hemdes gelegt und auf beiden Seiten einen Bügelstrich gemacht hatte, ging sie an die Manschetten und den Kragen. Als der Mann an sie anstieß, machte sie eine Querfalte; und sie mußte die Bürste vom Teller nehmen, um damit die Stärke herauszuplätten. »Madame,« sagte sie, »verhindern Sie ihn doch, daß er hinter mir her ist!« »Laß sie in Ruh, du hast keinen Verstand,« sagte Gervaise ganz ruhig. »Wir haben es eilig, hörst du?« Sie hätten es eilig, na ja, was denn? Das wäre doch nicht seine Schuld. Er täte doch nichts Böses. Er rühre nichts an, er schaue nur. Oder wär es nicht mehr erlaubt, die schönen Dinge anzusehen, die der Herrgott gemacht hat? Sie hätte doch verfluchte Spitzchen da, diese Clementine! Sie könnte sich für zwei Sous sehen und befühlen lassen, und niemand würde sein Geld bereuen. Die Arbeiterin verteidigte sich nicht mehr, lachte über die plumpen Komplimente des Mannes, der im Zuge war. Und fing an, mit ihm zu scherzen. Er zog sie auf wegen der Herrenhemden. Also, sie wäre immer unter Männerhemden. Aber ja, sie lebe darin. Mein Gott, sie kenne sie gut, sie wüßte, wie sie gemacht wären. Viele seien unter ihrer Hand durchgegangen, solche und andere! Alle Blonden und Braunen des Viertels trügen ihre Arbeit auf dem Leibe. Und so redete sie weiter und ihre Schultern schüttelten sich vor lauter Lachen; sie machte fünf große Falten auf dem Rücken, indem sie das Eisen durch die Brustöffnung schob; sie ordnete den vordern Teil, legte ihn mit langen Bügelstrichen glatt. »Das, das ist das Banner!« sagte sie, noch stärker lachend. Die schielende Augustine platzte heraus bei diesem Wort. Man zankte sie aus. Diese Rotznase lache über Dinge, die sie noch gar nicht verstehen sollte! Clementine gab ihr das Eisen; das Mädel nutzte die noch warmen Eisen über Strümpfen und Tüchern aus, wenn sie für Starkwäsche nicht mehr heiß genug waren. Aber sie griff so ungeschickt darnach, daß sie sich einen Streifen brannte, einen langen Strich am Handgelenk. Sie fing an zu weinen und behauptete, Clementine habe sie absichtlich gebrannt. Die Arbeiterin, die inzwischen ein frisches Eisen geholt hatte, das sehr heiß war und für die Hemdbrust dienen sollte, tröstete sie, indem sie ihr drohte, ihr die zwei Ohren zu bügeln, wenn sie nicht still wäre. Sie legte einen Flanellfleck unter die Brust; langsam glitt das Eisen, der Starke Zeit lassend herauszukommen und zu trocknen. Die Brust bekam eine Steifheit und einen Glanz wie Papier. »Verfluchtes Weibsbild!« fluchte Coupeau, der noch immer hinter ihr stand, mit dem Eigensinn des Betrunkenen. Und streckte sich vor, lachte wie ein schlecht gefüttertes Huhn. Clementine drückte fest auf den Tisch auf, mit gebogenem Handgelenk und abstehenden Ellbogen, spannte den Nacken mit aller Kraft; ihr ganzes nacktes Fleisch war wie angeschwollen, die Schultern bewegten sich aufwärts; unter dem Muskelspiel klopften die Adern unter der feinen Haut, der Hals schwoll an, feucht vor Schweiß im rosigen Schatten ihres offenen Hemdes. Dann streckte er die Hände vor, er wollte fühlen. »Frau, Frau!« schrie Clementine, »machen Sie doch endlich, daß er Ruh gibt! ... Ich gehe, wenn das so weiter geht. Ich laß mich nicht beleidigen.« Gervaise hatte soeben die Haube der Frau Boche auf ein Gestell gesetzt und frisierte die Spitzen behutsam mit dem kleinen Eisen. Sie hob gerade die Augen auf, als der Mann wieder die Hände vorstreckte und im Hemd des Mädchens wühlte. »Sicher, Coupeau, du bist nicht bei Trost«, sagte sie gelangweilt, so als ob sie ein Kind zankte, das Konfitüre ohne Brot aß. »Du gehst jetzt schlafen.« »Ja, gehen Sie schlafen, Herr Coupeau, das wird besser sein«, erklärte Frau Putois. »Also ja, ihr seid schön blöd«, lallte er und lachte immerzu. »Darf man denn keinen Spaß mehr machen? Die Frauen, die kennen mich, ich habe ihnen noch nie nicht was zerbrochen. Man zwickt eine Dame, nicht? aber man geht nicht weiter; man ehrt das Geschlecht ... Und dann, wenn man seine Ware ausstellt, ist's, daß man die Wahl trifft, nicht? Warum zeigt diese große Blonde da alles, was sie hat? Das gehört sich eben nicht.« Und er drehte sich zu Clementine: »Du weißt, mein Viecherl, du hast unrecht, spröd zu tun ... Bloß weil Leute dabei sind ...« Aber er konnte nicht weiterreden. Ohne Heftigkeit nahm ihn Gervaise und legte ihm die Hand auf den Mund. Zum Scheine verteidigte er sich, während sie ihn in den rückwärtigen Teil des Ladens schob, zum Zimmer hin. Er befreite seinen Mund, sagte, er wolle schlafen gehen, aber die große Blonde solle mit ihm kommen, ihm die Füßchen wärmen. Dann hörte man, wie Gervaise ihm die Stiefel abzog. Sie zog ihn aus, hätschelte ihn ein wenig mütterlich. Als sie ihm die Hosen abzog, platzte er vor Lachen und wälzte sich mitten ins Bett; er strampelte, behauptete, daß sie ihn kitzle. Endlich wickelte sie ihn ein wie ein Kind. »Ist es wenigstens gut so?« Er antwortete nicht, sondern schrie zu Clementine hinein: »Nun, Kleine, ich bin drin, ich erwarte dich.« Als Gervaise zurückkam, erhielt Augustine gerade eine Ohrfeige von Clementine wegen eines schmutzigen Eisens, das Frau Putois auf dem Ofen fand; die hatte es nicht bemerkt und eine ganze Jacke schwarz gebügelt. Da Clementine sich verteidigte, sie habe ihr Eisen geputzt und Augustine beschuldigte und schwur, das Eisen sei nicht das ihre, trotz der verbrannten Stärke, die am Eisen unten haften geblieben war, da hatte Augustine, ohne sich diesmal zu verstecken, ihr vorn aufs Meid gespuckt, beleidigt über diese Ungerechtigkeit. Dafür diese gesalzene Ohrfeige. Das Schielauge schluckte ihre Tränen; sie putzte das Eisen, indem sie es abkratzte und abwischte, nachdem sie es mit einem Stückchen Kerze bestrichen hatte; aber sooft sie hinter Clementine vorbei mußte, sammelte sie etwas Speichel im Munde und spuckte sie an, heimlich lachend, wenn die Spucke nur so am Rock hinunterlief. Gervaise machte sich wieder über die Haubenspitzen her. In der plötzlich eintretenden Stille hörte man die Stimme Coupeaus. Er blieb ganz braves Kindlein, lachte vor sich hin und redete kurze Sätze. »Ist sie nicht dumm, meine Frau! ... Ist sie nicht dumm, mich ins Bett zu legen! ... Was? ... Zu dumm, mitten am Tag, wenn man keinen Schlaf hat!« Aber plötzlich schnarchte er. Dann erleichterte sich Gervaise mit einem Seufzer, glücklich, ihn endlich in Ruhe zu wissen und seinen Rausch auf zwei guten Matratzen ausschlafend. Und leise sprach sie und langsam, ohne mit den Augen das kleine Eisen zu verlassen, das sie rasch handhabte. »Was wollen Sie, er hat seine Vernunft nicht, man muß ihm nicht böse sein. Wenn ich ihn herumstoßen würde, gewänne ich gar nichts dabei. Lieber rede ich wie er und leg ihn schlafen; wenigstens ist das schnell fertig und ich hab Ruh ... Er ist ja nicht schlimm und liebt mich sehr. Sie haben das ja selber gerade gesehen, er hätte sich zerhacken lassen, nur um mich zu küssen. Das ist doch nett von ihm, nicht? Denn es gibt genug solche, die, wenn sie getrunken haben, zu Frauen gehen ... Er, er kommt gleich direkt heim. Er macht so Spaß mit den Arbeiterinnen, aber das geht nicht weit. Hören Sie, Clementine, Sie müssen nicht beleidigt sein. Sie wissen doch, was das ist, ein Betrunkener. So einer bringt Vater und Mutter um, und weiß es nicht ... Oh, ich verzeihe ihm aus ganzem Herzen. Er ist halt wie die andern.« Sie sagte solche Dinge leichthin, ohne Leidenschaft; sie war ja an diese Ausflüge Coupeaus schon gewöhnt, verteidigte nur noch seine Aufmerksamkeiten für sie, sah schon kein Unrecht mehr darin, wenn er in ihrer Gegenwart die Mädchen in die Hüftenbacken zwickte. Als sie schwieg, wurde wieder alles still. Frau Putois zog jedesmal, wenn sie ein neues Stück vornahm, den Korb hervor unter dem kretonnegarnierten Tisch, und jedes fertige Stück legte sie mit hochgestreckten kleinen Armen auf die Stellage. Clementine vollendete ihr fünfunddreißigstes Männerhemd. Die Arbeit wurde nicht weniger; man rechnete damit, daß man bis um elf Uhr nachts arbeiten müsse, wenn man sich beeilte. Die ganze Büglerei, die jetzt keine Ablenkung mehr hatte, arbeitete hart, stieß fest auf. Die nackten Arme kamen und gingen, leuchteten mit ihrem rosa Fleisch über das weiße Linnen. Wieder war der Ofen aufgefüllt, und da die Sonne unter die Leintücher glitt und den Ofen voll traf, so sah man die Hitze wie eine unsichtbare Flamme die Luft durchzittern. Das erstickende Gefühl wurde so groß unter den zum Trocknen gehängten Röcken und Tischtüchern an der Decke, daß Augustine am Ende ihres Speichels war und ihr ein Stück Zunge zwischen den Lippen heraushing. Es roch nach überheiztem Ofen, saurer Stärke, Ruß der Eisen, ein fader Badegeruch, in dem die vier Arbeiterinnen sich die Schultern ausrenkten und dem Geruch den noch heftigeren ihrer Haare und verschwitzten Achseln und Brüste beimengten, während der Lilienstrauß im grünlich gewordenen Wasser des Glases verwelkte und seinen dünnen Duft verhauchte. In das Geräusch der Eisen und das Knattern im Ofen tönte das regelmäßige Schnarchen Coupeaus, das wie das Ticktack eines großen Uhrpendels die Arbeit der Frauen regulierte. Am nächsten Tage hatte Coupeau Katzenjammer, aber so heftig, daß er den ganzen Tag ungekämmt, mit stinkendem Mund, das Gesicht geschwollen und schief herumging. Er stand spät auf, beutelte erst gegen acht Uhr seine Flöhe aus, spuckte, schlürfte im Laden herum und konnte sich nicht entschließen, zum Werkplatz zu gehen. Wieder ein verlorener Tag. Mittags beklagte er sich über seine Watte im Hirn und fand sich zu dumm, so reichlich zu futtern, weil das einen ganz aus den Fugen brächte. Man begegne eben immer einem ganzen Haufen Faulenzer, die einem den Ellbogen nicht mehr frei geben; man tränke gegen seinen Willen, treibe allen möglichen Unfug und endete damit, betrunken zu sein, und das wie! Aber, Donnerwetter! Das würde ihm nun bestimmt nicht mehr passieren; er wolle doch nicht im besten Mannesalter seine Stiefel beim Kneipwirt lassen. Aber nach dem Essen erholte er sich wieder und stieß ein paar fröhliche Grunzlaute aus, um sich – wie er sagte – zu überzeugen, daß er noch eine gute Gurgel habe. Dann hub er an, die Sauferei des Vortages abzuleugnen, ein wenig angesäuselt gewesen sei er nur. So einen wie er gab's keinen mehr, solid, auf dem Posten, Faust von Eisen, und alles saufend ohne Wimperzucken. Den ganzen Nachmittag lungerte er hemm. Als er die Arbeiterinnen genug belästigt hatte, gab ihm seine Frau vierzig Sous, damit er Platz mache. Ei wischte davon, ging seinen Tabak in der »kleinen Civette« der Rue des Poissonniers kaufen, wo er auch ein Zwetschgenwasser zu trinken pflegte, wenn er einen Freund traf. Dann brachte er den Rest des Geldes bei Francis an, an der Ecke der Rue de la Goutte d'Or, wo es einen schönen Wein gab, einen ganz jungen, der den Hals kitzelte. Es war eine Weinschenke alten Schlages, ein schwarzes Loch mit niedriger Decke, ein ganz verrauchter Salon daneben, wo man Suppe bekam. Da hockte er bis zum Abend, trank seinen Wein, den er auswürfelte; zudem hatte er Kredit bei François, der versprach, niemals die Rechnung der Ehefrau zu präsentieren. Nicht? Man müsse doch seinen Schlund ausschwenken vom Fett des vorhergegangenen Tages. Ein Glas Wein läßt das andere wachsen. Er, immer ein guter Kerl, gebe den Weibern keinen Nasenstüber, liebe den Spaß, sicher, aber Verachtung habe er für die Schweinereien der Alkoholiker, die man nie nüchtern sehe! Vergnügt und galant wie ein Fink kam er heim. »Ist dein Liebhaber gekommen?« fragte er Gervaise öfters, um sie zu necken. »Man sieht ihn ja gar nicht mehr, ich muß ihn holen gehen.« Der Liebhaber war Goujet. Wirklich kam er auch nicht zu oft, hatte Angst zu stören und zum Schwatzen zu verleiten. Doch benutzte er jede Gelegenheit, brachte die Wäsche; zwanzigmal ging er wohl über die Gasse. Es gab einen Winkel im Laden, wo er gern stundenlang sitzen blieb, ohne sich zu rühren und seine kurze Pfeife rauchend. Am Abend, nach dem Essen, alle zehn Tage vielleicht, entschloß er sich und blieb; er war kein Schwätzer, hielt den Mund geschlossen, die Augen auf Gervaise gerichtet; nahm nur die Pfeife aus dem Mund, um über alles zu lachen, was sie sagte. Wenn am Samstag abend noch gearbeitet wurde, vergaß er sich, blieb sitzen und unterhielt sich, als wäre er in einem Theater. Ein paarmal bügelten die Weiber bis um drei Uhr in der Früh. Eine Lampe hing an der Decke an einem Draht; der Lampenschirm warf ein klares rundes Licht, in dem die Wäsche ein schneeweißes weiches Aussehen bekam. Das Lehrmädchen legte die Läden an; da aber diese Julinächte noch sehr heiß waren, ließ man die Türe zur Gasse hinaus offen. Und je weiter die Stunde vorschritt, um so mehr öffneten die Arbeiterinnen ihre Kleider, um sich zu erleichtern. Sie hatten eine feine Haut, ganz vergoldet war sie unter dem Lampenlicht, besonders Gervaise, die fett geworden war, die blonden Schultern leuchtend wie Seide, mit der kleinen Falte am Halse, wie bei einem kleinen Kinde die Grübchen – das alles hätte er auswendig zeichnen können, so gut kannte er das. Er war benommen von der großen Hitze des Ofens und der unter den Eisen dampfenden Wäsche; er überließ sich einer leisen Hingabe; die Gedanken schlichen nur mehr und die Augen hingen an diesen Frauen, die sich beeilten und die nackten Arme schlenkerten und die Nacht damit verbrachten, das Viertel in sonntäglichen Staat zu versetzen. Draußen schliefen die Häuser, das große Schweigen des Schlafes fiel langsam nieder. Mitternacht schlug, dann ein Uhr, zwei Uhr. Wagen und Menschen waren fort. In diese schwarze und verlassene Gasse sandte die offene Türe einen Lichtstrahl heraus, wie ein Stück gelben ausgebreiteten Stoffes sah es aus. Manchmal hörte man einen Schritt in der Ferne, ein Mensch kam näher; überschritt er diesen Tagesstreifen, dehnte sich sein Hals, überrascht von den Stößen der Eisen, die er hörte, und eine rasche Vision entblößter Arbeiterinnen in rotem Dunst mit sich nehmend. Goujet hatte bemerkt, daß Gervaise Etiennes wegen in Verlegenheit war, die ihn vor den Fußtritten Coupeaus retten wollte; er nahm ihn also mit in die Bolzenfabrik, daß er dort den Blasebalg ziehe. Wenn auch das Geschäft der Nagelschmiede nichts besonders Angenehmes hatte, wegen der Unsauberkeit der Schmiede und der Einförmigkeit, immer auf das gleiche Stücke Eisen zu klopfen, so war es trotzdem ein einträgliches Geschäft; man verdiente doch zehn bis zwölf Francs am Tage. Der Kleine wäre jetzt zwölf Jahre alt, er könne sich bald daran halten, wenn ihm das Handwerk zusage. Und so wurde Etienne ein Band mehr zwischen der Büglerin und dem Grobschmied. Dieser brachte das Kind nach Hause und belichtete über sein gutes Verhalten. Alle Leute sagten lachend zu Gervaise, daß der Goujet was für sie übrig hätte. Sie wußte es und errötete wie ein junges Madchen, mit der Blume der Schamhaftigkeit, die ihren Wangen die lebhafte Farbe eines Zuckerapfels verlieh. Ja, der arme liebe Junge, er wäre nie aufdringlich! Niemals spreche er zu ihr von solchen Dingen; nie eine anzügliche Bewegung oder ein solches Wort. Man begegne nicht vielen, die aus diesem Teig gemacht find. Ohne es sich eingestehen zu wollen, genoß sie es, so geliebt zu werden wie eine Heilige. Hatte sie Kummer oder Sorgen, so dachte sie an den Grobschmied; das tröstete sie. Waren sie zusammen allein, war keine Befangenheit in ihnen; sie schauten sich gegenseitig lächelnd an, ohne sich zu sagen, was sie dabei empfanden. Es war eine vernünftige Zärtlichkeit; sie dachten nicht an häßliche Dinge, denn man könne seine Ruhe besser bewahren und glücklich sein, wenn man ruhig bleibt. Am Ende des Sommers stellte Nana das Haus auf den Kopf. Sie war jetzt sechs Jahr alt und zeigte sich als vollkommener Nichtsnutz. Ihre Mutter führte sie jeden Morgen, um sie nicht immer zwischen den Füßen zu haben, in eine kleine Pension in die Rue Polonceau zu Fräulein Josse. Da knüpfte sie den Kameradinnen die Kleider rückwärts zusammen, stopfte Asche in die Schnupftabaksdose der Lehrerin und erfand noch weniger reinliche Dinge, die man nicht wiedererzählen konnte. Zweimal schon hatte sie Fräulein Josse hinausgeworfen, nahm sie jedoch wieder zurück, um die sechs Francs im Monat nicht zu verlieren. Sobald Nana aus der Klasse heimkam, rächte sie sich für diese Freiheitsberaubung, indem sie unter dem Haustor oder im Hofe einen Höllenlärm machte, wohin sie die Büglerinnen, deren Ohren schmerzten, zum Spielen schickten. Dort traf sie Pauline, die Tochter der Boches, und Victor, den Sohn der frühern Meisterin von Gervaise, einen großen Bengel von zehn Jahren, der gern mit kleinen Mädchen hemmgaloppierte. Frau Fauconnier hatte sich mit Gervaise nicht verzankt und schickte ihren Sohn selber hinunter zum Spielen. Übrigens gab's im Hause einen Überfluß von kleinem Geschmeiß, ganze Scharen von Kindern, die zu jeder Tagesstunde die vier Treppen herunterpurzelten und sich auf die Straße ergossen wie ein Schwärm Spatzen, schreiend und plündernd. Frau Gaudron allein schon ließ neun los, blonde und braune, schlecht gekämmt und die Nasen nicht geputzt, die Hosen bis an die Augen hochgezogen, die Strümpfe über die Schuhe herunterhängend, geplatzte Westen, durch die man unter Dreck die weiße Haut schimmern sah. Eine andere Frau, eine Brotausträgerin aus dem fünften Stock, schickte sieben. Aus allen Türen brachen ganze Rudel. Und unter diesem Gezücht mit rosigen Schnauzen, die nur an den Regentagen abgewaschen wurden, gab es welche, die schon langgewachsen wie Gerten waren, dicke wieder mit Bäuchen wie die Alten, kleine, kaum der Wiege entsprungen, und ganz Dumme, die noch auf allen Vieren gingen. Nana herrschte über die ganze Bande; sie kopierte ihr Fräulein Josse und kommandierte Mädchen, die noch einmal so groß waren wie sie; sie gab nur an Pauline und Victor etwas von ihrer Macht ab, ihre intimen Vertrauten, die aber ganz ihrem Willen nachgaben. Die kesse Göre spielte immer Mama, zog die Allerkleinsten aus, um sie wieder anzuziehen, untersuchte die Größeren überall am Leibe, befühlte sie und übte einen fanatischen Despotismus wie eine lasterhafte erwachsene Person. Unter ihrer Leitung wurden Spiele eingeführt, in denen geohrfeigt wurde. Die Bande plätscherte im Abfluß der Färberei, stieg mit Füßen heraus, blau oder rot gefärbt bis zu den Knien; dann sprangen sie zum Schlosser, wo sie Nägel und Feilspäne stahlen, und liefen mitten unter die Hobelspäne des Schreiners, ganze Berge großer Spane, in denen sie sich balgten und rollten, den blanken Hintern in der Luft. Der Hof gehörte ihnen; er widerhallte vom Lärm der Kinder; und an manchen Tagen reichte er nicht aus. Dann stürzte sich die Bande in die Keller, kroch die Treppen hinauf, flog durch die Gänge, kam eine andere Treppe zurück, sprang mit Geschrei nieder in andere Korridore, und das stundenlang ohne müde zu werden, das riesenhafte Haus mit dem Gebrüll und dem Gestampf schädlicher Tiere, in alle Winkel losgelassen, erschütternd. »Was für Kinder, Gott, was für Kinder!« schrie die Frau Boche. »Die Menschen haben wirklich wenig zu tun, um so viele Kinder in die Welt zu setzen ... und das beklagt sich noch, daß es nichts zu fressen hat!« Und Boche bemerkte, die Kinder wüchsen auf dem Elend wie die Pilze auf dem Misthaufen. Die Portiersfrau wetterte den ganzen Tag und drohte mit dem Besen. Eines Tages verschloß sie die Türe zum Keller, weil sie von Pauline gehört hatte, der sie dafür eine Ohrfeige verabfolgte, daß Nana in der Dunkelheit unten Arzt spiele; der lasterhafte Fratz verteilte Arzneimittel mit einem Stock. Eines Nachmittags gab's eine schreckliche Szene. Das mußte ja kommen. Nana hatte ein sehr drolliges Spiel erfunden. Sie stahl aus der Loge einen Holzschuh der Frau Boche, band ihn an eine Schnur und zog ihn wie einen Wagen. Victor kam auf den Einfall, den Schuh mit Apfelschalen aus dem Mistkübel zu füllen. Dann bildeten alle eine Prozession, Nana voran zog den Schuh. Rechts und links von ihr gingen Pauline und Victor. Dann folgten die übrigen, zuerst die Großen, dann wackelnd die Kleinen; ein Bébé im Hemd, groß wie ein Fuß, kam als letztes. Und die Prozession sang etwas Trauriges, lauter Ohs und Ahs. Nana hatte ihnen erklärt, daß man Beerdigung spielen würde; die Apfelschalen waren der Tote. War man einmal um den Hof herum, so wurde wieder von vorn angefangen. Man fand das sehr lustig. »Was treiben sie denn da«, brummte die Boche, die aus der Loge kam, um nachzusehen, immer mißtrauisch und auf der Lauer. Und als sie endlich verstand: »Aber das ist ja mein Holzschuh!« rief sie, »ah, diese Saubande! Diese elenden Bankerten!« Und sie verteilte Watschen rechts und links, Nana empfing zwei, Pauline einen Fußtritt in den Hintern, die große Gans, die ihrer Mutter den Schuh nehmen ließ. Gerade kam Gervaise daher, um ihren Eimer am Brunnen zu füllen. Als sie sah, daß Nana das Blut aus der Nase lief und sie sich vor Heulen schüttelte, wollte sie der Boche an den Hals springen. »Ist das erlaubt, auf ein Kind wie auf einen Ochsen zu schlagen?« Da müßte man kein Herz haben und die letzte der letzten sein. Natürlich gab die Frau Boche Antwort. Wenn man einen solchen Unflat von Tochter habe, so hielte man sie hinter Schloß und Riegel. Dann kam auch der Herr Boche dazu und schrie seiner Frau zu: zum Dreck mache man nicht so viele Erklärungen. Und es gab als Ende einen vollkommenen Krach zwischen den beiden Familien. Schon seit einem Monat war es zwischen den Coupeaus und den Boches nicht mehr recht zugegangen. Gervaise war sehr freigebig gewesen, jeden Augenblick spendierte sie Wein, Orangen, Fleischbrühe und Stücke Kuchen. Eines Abends hatte sie eine tiefe Schüssel in die Portiersloge gebracht mit Gartenzichorie und Runkelrüben, weil sie wußte, für einen solchen Salat würde die Hausbesorgerin jede Gemeinheit begehen. Am andern Tag aber wurde Gervaise ganz blaß vor Erregung, als ihr Fräulein Remanjou erzählte, Frau Boche habe den Salat vor den Leuten ausgeschüttet und gesagt, sie wäre Gott sei Dank noch nicht verurteilt, sich von Dingen zu ernähren, in denen andere herumgedreckt hätten. Von da ab unterließ Gervaise alle Geschenke: keinen Wein mehr, keine Fleischbrühe, keine Orangen, keine Kuchenstücke, nichts. Da mußte man sehen, was für Gesichter die Boches machten! Es kam ihnen vor, als ob die Coupeaus sie direkt beraubt hatten. Gervaise sah ein, was sie für eine Dummheit begangen hatte; wenn sie ihnen nicht soviel zugesteckt hätte, wären sie nett geblieben. Von jetzt ab redete ihr die Hausmeisterin das übelste vom Übeln nach. Zum Oktobertermin konnte sie kein Ende finden, Herrn Marescot, dem Hausbesitzer, zu erzählen, daß die Büglerin, die ihre sieben Sachen auffräße, um einen Tag mit der Bezahlung des Zinses zurück wäre; und Herr Marescot, auch keiner von den Feinen, kam in den Laden, den Hut auf dem Kopf, und verlangte sein Geld, das man ihm übrigens sofort gab. Natürlich reichten die Boches jetzt wieder die Hand den Lorilleux'. Es wurde in der Loge mit den Lorilleux' Wiederaussöhnung gefeiert. Ohne das Hinkebein hätte man sich ja nie verzankt. Na, die Boches kennten sie jetzt, sie verständen, wieviel die Lorilleux' zu leiden gehabt hätten. Ging Gervaise vorüber, lachte die Gesellschaft unter der Türe höhnisch auf. Eines Tages ging Gervaise zu den Lorilleux' hinauf. Es handelte sich um die Mutter Coupeau, die jetzt siebenundsechzig Jahre alt war. Sie hatte das Augenlicht fast gänzlich verloren. Auch ihre Beine wollten nicht mehr recht. Sie müßte soeben auf ihren letzten Platz verzichten und müßte vor Hunger sterben, wenn man ihr nicht beistände. Gervaise fand es eine Schande, daß eine Frau, die drei Kinder habe, bei diesem Alter von Himmel und Erde verlassen wäre. Coupeau wollte nicht hinaufgehen mit den Lorilleux' sprechen, er meinte, Gervaise könne das wohl selber, und so ging sie, ganz unter dem Eindruck der Entrüstung, unter der ihr Herz zitterte. Oben trat sie ein wie der Wind, ohne anzuklopfen. Nichts war in dem Raum geändert seit dem Abend, an dem die Lorilleux ihr den wenig entgegenkommenden Empfang bereitet hatten. Derselbe verschossene Fetzen trennte das Zimmer vom Arbeitsraum, ein Raum so langgestreckt, daß er für einen Aal gebaut schien. Im Hintergrund saß Lorilleux an seinem Arbeitstisch und kniff die Maschen einer Kette zusammen, während Frau Lorilleux stehend einen Goldfaden durch die Drahtziehbank zog. Die kleine Schmiede warf einen rosa Schein. »Ja, ich bin's!« sagte Gervaise. »Das wundert euch, denn wir bekämpfen uns ja aufs Messer. Aber ich komme weder für mich noch Ihretwegen wie Sie sich denken können... Ich komme für Mutter Coupeau. Ja, ich komme schauen, ob wir darauf warten, daß andere ihr ein Stück Brot geben.« »Nein, so ein Auftreten!« kreischte die Lorilleur, »das ist eine Unverschämtheit!« Und drehte ihr den Rücken und zog an ihrem Goldfaden weiter; tat so, als sehe sie ihre Schwägerin gar nicht. Aber Lorilleur hatte sein blaßgewordenes Gesicht erhoben und schrie: »Was sagen Sie?« Da er aber sehr wohl verstanden hatte, fuhr er fort: »Wieder nur Schwätzereien, nicht wahr? Sie ist ja sehr nett, die Mama Coupeau, überall ihr Elend herumzuschreien! ... Vorgestern noch hat sie hier auf dem Stuhl gegessen. Wir tun, was wir können, wir! Wir haben keinen Goldschatz im Topf. Aber wenn sie zu den andern schwatzen geht, kann sie auch bei denen bleiben, wir lieben die Spione nicht.« Er nahm seine Kette wieder auf und drehte den Rücken, wobei er noch wie bedauernd hinzufügte: »Wenn jedes hundert Sous gibt im Monat, geben wir auch hundert Sous.« Gervaise war nun wieder ganz beruhigt, abgekühlt an diesen falschen Gesichtern der Lorilleux. Noch nie war sie bei ihnen gewesen, ohne ein Unbehagen zu verspüren. Mit niedergeschlagenen Augen, auf die Quadrate des Gittersiebes schauend, redete sie nun ganz ruhig und vernünftig. Mama Coupeau hätte drei Kinder; wenn jedes hundert Sous gebe, dann waren das nur fünfzehn Francs im Monat, und das wäre doch nicht genug, damit könne man nicht leben; verdreifachen müßte man wenigstens die Summe. Aber Lorilleux schrie, wo er denn fünfzehn Francs hernehmen solle im Monat? Die Leute wären doch zu komisch, glaubten, man wäre reich, weil Gold bei ihnen wäre. Dann schimpfte er auf Mama Coupeau: sie könne natürlich nicht ohne Kaffee am Morgen sein, tränke auch Schnaps und stelle Forderungen ans Leben wie Leute, die Geld haben! Donnerwetter noch einmal! Jedermann wolle wohlleben; aber, nicht wahr, wenn man es nicht verstanden hat, etwas auf die Seite zu legen, schnürt man sich eben den Leibriemen zusammen, übrigens wäre Mama Coupeau noch nicht in dem Alter, in dem man nicht mehr arbeiten könne; sie sehe noch ganz gut, wenn es sich darum handle, ein gutes Stück aus der Schüssel zu holen; sie wäre mit einem Wort eine alte Spitzbübin, die sich gern päppeln lassen möchte. Selbst wenn sie die Mittel hätten, würden sie es für ein bares Unrecht ansehen, jemanden in seiner Faulheit zu unterstützen! Aber Gervaise blieb immer noch, vertrauend, und widerlegte ruhig die schlechten Gründe. Sie wollte die Lorilleux' erweichen. Der Mann gab ihr endlich gar keine Antwort mehr. Die Frau stand vor der Schmiede, im Begriff, ein Stück Kette in der kleinen Kupferpfanne mit dem langen Griff im Scheidewasser abzubeizen. Sie drehte immer noch den Rücken her, als wäre sie tausend Meilen weit weg. Und Gervaise schaute die beiden immer noch an, wie sie sich in die Arbeit versteiften, mitten im schwarzen Staub der Werkstatt, den Leib gekrümmt, die Kleider geflickt und fettig, hart und stumpf geworden in ihrer engen und maschinenartigen Beschäftigung. Dann kam ihr plötzlich der Zorn und Gervaise rief: »Recht so! Das ist mir lieber! Behaltet euer Geld! ... Ich nehme Mutter Coupeau zu mir, hört ihr! Ich habe neulich eine kranke Katze von der Gasse aufgehoben und zu mir genommen, ich kann auch eure Mutter aufnehmen. Es wird ihr an nichts fehlen, sie wird ihren Kaffee bekommen und den Schnaps! Mein Gott, was für eine schmutzige Familie!« Mit einem Satz drehte sich Frau Lorilleux um. Sie schwang ihre Kasserolle, als ob sie das Scheidewasser ihrer Schwägerin ins Gesicht schütten wollte. Sie zischte: »Aus dem Weg oder es geschieht ein Unglück! ... Und rechnen Sie nicht auf die hundert Sous, ich gebe keinen Heller, nein, keinen Heller! ... Natürlich! Hundert Sous! Die Mama würde bei Ihnen als Dienstmagd dienen und Sie würden sich mit meinen hundert Sous anfressen! Sagen Sie ihr, wenn sie zu Ihnen geht, kann sie krepieren, ich schicke ihr kein Glas Wasser ... Und jetzt, hinaus! Da geht der Weg!« »Was für eine entsetzliche Person!« sagte Gervaise, indem sie die Türe zuschlug. Schon am andern Tage nahm sie die alte Coupeau zu sich. Sie stellte ihr Bett in das große Kabinett, in dem Nana schlief und wo das Tageslicht durch ein rundes Fenster in der Nähe der Decke einfiel. Die Übersiedlung brauchte nicht viel Zeit, denn Mama Coupeau hatte außer ihrem Bett nur einen alten Schrank aus Nußbaumholz, den man in das Zimmer der schmutzigen Wäsche stellte, einen Tisch und zwei Stühle; man verkaufte den Tisch und ließ die zwei Stühle mit neuem Stroh beziehen. Und die alte Frau, schon am Tage ihres Einzuges, kehrte aus, wusch das Geschirr, machte sich nützlich, froh, heraus zu sein aus der Sorge. Die Lorilleux' waren außer sich vor Wut, um so mehr, als Frau Lerat wieder zu den Coupeaus hielt. Eines schönen Tages gerieten die beiden Schwestern, die Blumenmacherin und Kettenmacherin, in bezug auf ein Gespräch über Gervaise aneinander; die erstere wagte es, das Betragen dieser der Mutter gegenüber zu loben; als sie die andere darüber außer sich sah, wollte sie sie noch mehr reizen, indem sie sagte, daß die Augen der Büglerin so leuchteten, daß man Papier daran anzünden könnte, worauf sie sich ohrfeigten und schwuren, sich nie mehr sehen zu wollen. Jetzt verbrachte Frau Lernt ganze Abende im Laden, wo sie sich heimlich über die schweinischen Witze der großen Clementine sehr amüsierte. Drei Jahre vergingen. Man war sich böse, man söhnte sich noch öfters wieder aus. Gervaise lachte über die Lorilleux', die Boches und alle die, die nicht wie sie redeten. Wenn sie nicht zufrieden waren, was machen, nicht? Sie verdiene soviel sie wolle, das wäre die Hauptsache. Im Viertel hatte man großen Respekt vor ihr, denn man fand nicht oft so gute Kundschaft, die immer sofort bezahlte, nicht nörgelte und herumredete. Sie bekam ihr Brot von Frau Coudeloup in der Rue des Poisonniers, das Fleisch vom dicken Karl, einem Fleischer aus der Rue Polonceau, die Spezereien bei Lehongre, Rue de la Goutte d'Or, beinahe gegenüber von ihr. Francis, der Weinhändler, brachte ihr den Wein in Fünfliterflaschen ins Haus. Der Nachbar Vigoureur, dessen Frau blaue Flecken auf den Hinterbacken haben mußte, so kniffen sie die Männer, verkaufte ihr den Koks zum Preis der Gasgesellschaft. Und man konnte sagen, ihre Lieferanten bedienten sie gewissenhaft, weil man wußte, daß man nur gewinnen konnte, wenn man nett zu ihr war. Ging sie aus, in Pantoffeln und ohne Hut, grüßte man sie von allen Seiten; die benachbarten Gassen waren ihr wie Dependancen ihrer eigenen Wohnung, die offen direkt auf die Gasse hinausging. Manchmal kam es vor, daß sie jetzt draußen blieb, einen Gang hinauszuziehen, glücklich, draußen zu sein unter ihren Bekannten. An den Tagen, an denen sie nicht Zeit hatte, etwas auf das Feuer zu stellen, holte sie das Essen vom Wirt, schwätzte mit dem Manne, der seinen Laden am andern Ende des Hauses hatte, ein großer Salon, durch dessen verstaubte Fensterscheiben man im Hintergrund den trüben Tag im Hofe sah. Oder auch, sie blieb, die Hände voller Teller und Schüsseln, vor einem Fenster eines Ladens stehen, schaute in das Innere eines Schuhflickers in ungemachte Betten, auf dem Boden Lumpen, zwei Krüppel in Wiegen und den Pechtopf voll schwarzen Wassers. Der Nachbar, den sie noch am meisten achtete, war der Uhrmacher gegenüber, der Herr im Gehrock, der so sauber aussah, ewig mit zarten kleinen Instrumenten in Uhren herumstocherte. Und oft ging sie über die Gasse, um ihn zu grüßen und mit kindlichem Vergnügen in seinem Laden, der nur so groß war wie ein Schrank, die lustigen Kuckucke zu betrachten, deren Perpendikel sich so beeilten, und die Stunden alle zu gleicher Zeit schlugen. 6 An einem Herbstnachmittag befand sich Gervaise, die Wäsche zu einer Kundschaft in die Rue des Portes-Blanches getragen hatte, am Ende der Rue des Poissonniers, als die Nacht einbrach. Es hatte am Vormittag geregnet; die Luft war warm und vom schmutzigen Pflaster stiegen Gerüche auf. Die Büglerin wurde etwas benommen; gehindert durch ihren großen Korb, verlangsamte sie ihren Schritt, gab ihrem müden Leibe nach und einem unbestimmten Gefühl, einem aus ihrer Müdigkeit entstehenden Wunsch: sie hätte gern etwas Gutes gegessen. Dann sah sie auf und erblickte das Schild der Rue Marcadet. Da kam ihr der Gedanke, Goujet in seiner Schmiede aufzusuchen. Schon zwanzigmal hatte er ihr gesagt, sie möchte eines Tages kommen, wenn sie Lust hätte, einmal das Eisen bearbeiten zu sehen. Sie könne ja vor den andern Arbeitern nach Etienne fragen, so habe es den Anschein, als käme sie nur seinetwegen. Die Werkstatt der Bolzen und Hufnägel mußte da irgendwo sein in dieser Gegend der Rue Marcadet, sie wußte aber nicht recht wo; um so weniger, als die Nummern längs dieser Gebäude oft fehlten, die zuweilen leere Plätze voneinander trennten. Nein, in einer solchen Gasse hätte sie nicht um alles Gold der Welt wohnen mögen, in einer so weiten Gasse, die schmutzig war und schwarz vom Kohlenstaub der benachbarten Fabriken und ein höckriges Pflaster hatte, in dem sich das Wasser zu Pfützen staute. Zu beiden Seiten der Gasse waren Schuppen und graue Gebäude und alles sah so unfertig aus; Backsteinhaufen und aufgelöste Zimmerplätze gaben Unterbrechungen und Öffnungen nach dem Felde zu; und dann die finstern Kneipen und verdächtigen Garküchen. Sie erinnerte sich, daß die Schmiede in der Nähe eines Magazines mit Lumpen und Eisenwaren lag, einer Art Kloake auf ebener Erde, in dem für tausende Francs Waren schliefen, wie Goujet erzählte. Sie suchte sich mitten in dem werktägigen Lärm der Gasse zurechtzufinden. Ganz schmale Rohre auf den Dächern stießen lebhaften Dampf aus. Eine mechanische Sägemühle gab ein regelmäßiges Knirschen von sich, das sich wie das Zerreißen von Zeug anhörte. Knopffabriken ließen den Boden erdröhnen vom stampfenden Tack-Tack der Maschinen. Als sie sich dem Montmartre zukehrte, unschlüssig, ob sie weitergehen solle oder nicht, verpestete ein Windstoß die Gasse mit dem Rauch aus einem hohen Schlot; erstickt schloß sie die Augen. Da vernahm sie den regelmäßigen Takt von Hämmern: sie stand, ohne es zu wissen, der Schmiede gerade gegenüber, die sie an der Baracke mit den Lumpen nebenan erkannte. Sie zögerte jedoch noch immer, unsicher, wo sie eintreten sollte. Eine verfallende Umzäunung ließ einen Durchgang sehen, der scheinbar mitten auf die Kalkschütte eines Baues führte, der im Abbruch war. Da Schmutzwasser den Weg versperrte, hatte man zwei Bretter darübergelegt. Sie wagte den Schritt über die Bretter, ging dann zur Linken und schien sich in einem sonderbaren Wald alter umgeworfener Wagen mit den Rädern in der Luft zu verlieren, zwischen baufälligem Gemäuer, dessen Gerippe noch stand. Im Hintergrunde durchbohrte den letzten Rest des Tages ein rotes Feuer. Das Hämmern hatte aufgehört. Vorsichtig schritt sie auf den roten Schein zu, als ein Arbeiter mit geschwärztem Gesicht neben ihr vorbeiging; ein berußter Bart lag unter dem gutmütigen Blick aus blassen Augen. »Hier arbeitet doch ein Kind, das Etienne heißt, nicht wahr? Es ist mein Bub.« »Etienne, Etienne?« wiederholte der Arbeiter mit heißer Stimme, »Etienne, nein, kenne ich nicht.« Aus dem offenen Munde strömte Alkoholgeruch wie aus einem alten Schnapsfaß, dessen Spund man geöffnet hat. Da ihn aber die Begegnung mit einer Frau in diesem finstern Winkel etwas lustig machte, trat Gervaise zurück und sagte: »Hier muß doch wohl Herr Goujet arbeiten?« »Oh, Goujet, jawohl!« sagte der Arbeiter, »Goujet, den kenn ich. Wenn Sie wegen Goujet kommen ... kommen Sie nur mit bis da hinten.« Sich umdrehend, schrie er mit einer blechernen Stimme: »Hör mal, Goldschnauze, hier ist eine Dame für dich.« Aber im Eisenlärm blieb der Ruf ungehört. Gervaise ging nach hinten. Sie kam an eine Türe und streckte den Kopf durch. Es war ein großer Saal, in dem sie vorerst nichts unterschied. Die Schmiede lag wie tot im Winkel, ein sternblasses Feuer, das die Dunkelheit noch stärker fühlbar machte. Große Schatten fielen. Von Zeit zu Zeit verstopfte Schwarzes diesen letzten leuchtenden Fleck, Männer, die unheimlich vergrößert schienen und deren mächtige Glieder man nur erraten konnte. Gervaise wagte sich nicht weiter; sie rief mit halber Stimme an der Türe: »Herr Goujet, Herr Goujet ...« Plötzlich wurde alles hell. Unter dem Schnaufen des Blasebalges brach eine Strahlenflamme hervor. Der ganze Schuppen wurde sichtbar samt seinen rohgemauerten Backsteinmauern. Der Kohlenruß zog in der Halle wie grauer Staub. Spinnwebe hingen an den Balken wie Lumpen, die da oben trockneten, beschwert von jahrelang angesammeltem Schmutz. Auf Gestellen, an Haken und Nägeln hängend oder in dunkle Ecken geworfen häufte sich ein Durcheinander von altem Eisen, allerlei verbeulten Gegenständen; großes Handwerkszeug lag herum, zeigte scharfes und hartes gebrochenes Profil. Und die weiße Flamme stieg immer höher, beleuchtete wie ein Sonnenstrahl den gestampften Boden, in den der polierte Stahl von vier Ambossen eingesenkt war und silbern glimmerte. Nun erkannte Gervaise Goujet vor seiner Schmiede an seinem schweren gelben Barte. Etienne zog den Blasebalg. Zwei andere Arbeiter standen noch dabei. Sie sah nur Goujet, trat vor und stellte sich vor ihn. »Schau, Frau Gervaise!« und sein Gesicht verklärte sich; »was für eine hübsche Überraschung!« Aber als die Kameraden neugierige Gesichter machten, schob er Etienne seiner Mutter zu. »Sie kommen, um Ihren Jungen zu sehen. Er ist ein braver Bursch und fängt an, Fäuste zu kriegen.« »Mein Gott, es ist nicht sehr bequem, hierher zu finden. Ich glaubte mich am Ende der Welt.« Sie erzählte von ihrer Reise. Dann fragte sie, warum man Etiennes Namen hier nicht kenne. Goujet lachte; erklärte ihr, daß alle ihn hier Zouzou nannten, weil er seine Haare so kurz geschoren trage, genau wie ein Zuave. Während sie sich unterhielten, zog Etienne nicht mehr am Blasebalg und die Flamme in der Schmiede fiel zusammen; nur mehr ein blaßroter Schimmer war sichtbar mitten im schwarz gewordenen Schuppen. Der Grobschmied betrachtete gerührt die lächelnde Frau, die ganz frisch in diesem Schein aussah. Da nun keines mehr sprach in dieser Finsternis, schien er sich zu besinnen und sagte plötzlich: »Erlauben Sie, Frau Gervaise, ich habe etwas fertigzumachen. Bleiben Sie da, nicht wahr? Sie genieren niemanden.« Sie blieb. Etienne zog neuerdings am Balg. Die Schmiede leuchtete unter sprühenden Funken, um so mehr, als der Kleine, um seiner Mutter seine Kräfte zu zeigen, einen sturmartigen Atem entfesselte. Goujet überwachte stehend einen Eisenbarren, der erglühte; er wartete, die Zange in der Hand. Die große Helligkeit nahm ihm alle Schatten. Sein Hemd hatte er über die Ellbogen aufgestülpt; am Halse war es offen, zeigte seine nackten Arme und die Brust, eine rosige Haut wie die eines jungen Mädchens, auf der sich blonde Haare kräuselten; den Kopf trug er etwas vorgebeugt zwischen seinen breiten Schultern mit höckerigen Muskeln; das Gesicht aufmerksam mit seinen blaßblauen Augen, die ohne ein Zucken auf die Flamme gerichtet waren; er machte den Eindruck eines Zyklopen im Ausruhen, sicher in seiner Kraft. Als der Barren weiß war, packte er ihn mit seiner Zange und zerteilte ihn mit dem Hammer auf dem Amboß in regelmäßige Stücke, mit so leichten Schlägen, als hätte er Glas zerbrochen. Dann tat er die Stücke wieder ins Feuer, von wo er sie, eins nach dem andern, herausnahm, um sie zu formen. Er schmiedete sechseckige Hufnägel. Er legte die Enden in ein Nageleisen, zerquetschte das Eisen, das den Kopf bildete, schlug die sechs abgestumpften Ecken flach, warf die noch glutroten fertigen Hufnägel auf den schwarzen Boden, wo der feurige Fleck erlosch; dabei klopfte er immerwährend, schwang einen fünf Pfund schweren Hammer in der Hand, jeder Schlag saß am rechten Fleck. Er drehte und handhabte das Eisen mit solcher Geschicklichkeit, daß er mit den Leuten plaudern und sie ansehen konnte. Silbern klang der Amboß. Die Stirn des Schmiedes blieb trocken, er fühlte sich sehr wohl und schlug lustig zu, ohne daß es ihm scheinbar mehr Anstrengung kostete, als wenn er abends zu Hause Bilder ausschnitt. »Oh, das sind kleine Hufnägel, zwanzig Millimeter,« sagte er, um auf die Fragen Gervaise Bescheid zu geben. »Man kann dreihundert im Tage machen ... Aber man muß in der Übung bleiben, denn der Arm rostet schnell ein ...« Und als sie ihn fragte, ob sein Gelenk nicht am Ende des Tages steif würde, lachte er gutmütig. »Glauben Sie, ich bin ein kleines Mädchen?« Seine Faust habe viel durchgemacht seit fünfzehn Jahren; sie sei Eisen geworden, so sehr habe er sie am Werkzeug gerieben. Freilich habe sie recht; ein Herr, der niemals einen Hufnagel oder einen Bolzen geschmiedet habe und der mit seinem fünfpfündigen Hammer hätte spielen wollen, hätte sich eine schöne Verrenkung nach zwei Stunden zugezogen. Das sehe nach nichts aus, aber es putzt dies manchmal die strammsten Jungen in wenigen Jahren weg. Unterdessen hämmerten und schlugen die andern Arbeiter alle zu gleicher Zeit. Ihre großen Schatten tanzten in der Helligkeit, die roten Blitze des Eisens, das aus dem Feuerloch kam, durchschnitten die dunklen Ecken, Funken umsprühten die Hämmer und leuchteten wie Sonnen auf dem Amboß. Gervaise hegte sich im Getöse der Schmiede, war froh und ging nicht mehr fort. Sie machte einen Bogen, um zu Etienne zu gelangen, ohne dabei Gefahr zu laufen, sich ihre Hände zu verbrennen. Da sah sie den schmutzigen und bärtigen Arbeiter eintreten, an den sie sich im Hofe um Auskunft gewandt hatte. »Ja, haben Sie es gefunden, Frau?« sagte er mit der lustigen Art des Betrunkenen. »Goldschnauze, ich habe der Dame den Weg zu dir gezeigt ...« Er hieß »Salzfresse«, genannt »Immersuff«, ein ausgekochter Bursche von großem Schick, der sein Eisen täglich mit einem Liter Fusel begießt. Als er hörte, daß Zouzou Etienne hieße, fand er das sehr komisch; er lachte und zeigte seine schwarzen Zähne. Dann erkannte er Gervaise. Noch am vorhergehenden Abend habe er einen Schoppen mit Coupeau getrunken. Man brauche Coupeau nur die Salzfresse zu nennen, gleich würde er sagen: ›Das ist ein Kunde‹! »Ah, dieses Aas Coupeau! Er war sehr forsch und schmiß öfters eine Lage als nötig.« »Das macht mir Spaß, daß Sie seine Frau sind,« wiederholte er. »Er verdient es, eine schöne Frau zu haben ... Was? Goldschnauze, die Dame ist eine schöne Frau?« Er spielte den Schwerenöter, stieß die Waschfrau an, die ihren Korb wieder hochhob und ihn vorhielt, um sich den Mann vom Leibe zu schaffen. Goujet wurde ärgerlich, er sah wohl ein, daß der Kamerad Spaß machte über seine gute Freundschaft zu Gervaise, und rief ihm zu: »Na, du fauler Kopf! Wie wird's mit den vierzig Millimeter? ... Jetzt bist du wohl obenauf, wo du den Bauch voll hast, verfluchter Süffel?« Der Schmied wollte von einer großen Bolzenbestellung, zu der man zwei Zuschläger am Amboß brauchte, sprechen. »Sofort, wenn du willst, großer Säugling!« erwiderte Salzfresse. »Das nuckelt am Daumen und spielt den Mann! Wenn du auch dick bist, da hab ich schon ganz andere gewickelt.« »Schon gut! Aber nun los und plötzlich!« »Machen wir! Schlaukopf.« Sie mißtrauten sich, entzündet durch Gervaises Anwesenheit. Goujet legte die im voraus geschnittenen Eisenstücke aufs Feuer; dann befestigte er eine große Nagelform auf einem Amboß. Der Kamerad holte zwei zwanzig Pfund schwere Treibhämmer von der Wand, die zwei großen Schwestern der Werkstatt, die von den Arbeitern Fifine und Dédèle genannt wurden. Er prahlte weiter, erzählte von einem halben Gros Nägel, die er für den Leuchtturm von Dünkirchen geschmiedet hatte, der reine Schmuck, wahre Museumsstücke, so schön und genau waren sie gearbeitet. Verflucht, nein! Er fürchtete die Konkurrenz nicht; ehe man wieder einen Jungen wie er fände, könnte man alle Löcher der Hauptstadt durchstöbern. Man würde schon lachen, man würde sehen, was man sehen würde. »Die Dame wird urteilen«, sagte er und wandte sich an die junge Frau. »Genug gequasselt!« rief Goujet. »Los jetzt, Zouzou! Das schafft nicht, mein Junge.« Aber die Salzfresse fragte nochmals: »Dann schmieden wir zusammen?« »Keine Spur! Jeder seinen Bolzen, mein Guter!« Dieser Vorschlag kühlte ihn ab, plötzlich ging dem Kameraden der Speichel aus, trotz seines Mundwerks. Vierzig Millimeter große Bolzen von einem einzigen Manne ausgeführt, das war noch nie dagewesen; um so mehr, als die Bolzen runde Köpfe haben mußten, eine verdammt schwierige Arbeit, ein wahres Meisterstück. Die drei andern Werkstattarbeiter hatten ihre Arbeit verlassen, um zuzusehen; ein langer Hagerer wettete einen Liter, daß Goujet verlieren würde. Die beiden Schmiede griffen nun jeder mit geschlossenen Augen nach einem Hammer, weil Fifine ein halbes Pfund schwerer war als Dédèle. Die Salzfresse war im Vorteil, weil er die Hand auf Dédèle legte; Goldschnauze bekam Fifine. Und während er abwartete, bis das Eisen weißglühend war, stellte sich Salzfresse an den Amboß und warf der Wäscherin zärtliche Blicke zu; er streckte sich, wippte ungeduldig mit dem Fuße wie ein Herr, der in ein Duell geht, probierte den Schwung, mit dem er Dédèle gewaltig niedersausen lassen würde. Ah! Zum Teufel! Wohl war ihm; er hätte die Vendômesäule zu Eierkuchen geschlagen! »Fang schon an!« rief Goujet, und legte in die Nagelform ein Eisenstück von der Größe einer Mädchenfaust. Salzfresse legte sich zurück und brachte mit beiden Händen Dédèle in Schwung. Klein, vertrocknet, mit seinem Bocksbart und seinen Wolfsaugen, glänzend unter seinem schlecht gekämmten Schopf, brachte er sich bei jedem Schlag um, sprang er vom Boden hoch, vom eigenen Schwung gerissen. Er war ein Wüterich, der sich mit seinem Eisen herumschlug aus Wut, weil es so hart war; er grunzte sogar, wenn er meinte, ihm einen tüchtigen Klaps versetzt zu haben. Vielleicht daß der Schnaps die Arme anderer verweichlicht, er aber brauchte Schnaps statt des Blutes in den Adern; der Tropfen von vorhin wärmte ihm das Gerippe wie einen Kessel, er spürte eine tolle Kraft in sich wie eine Dampfmaschine. Auch hatte das Eisen Angst vor ihm, diesen Abend; er klopfe es weicher wie einen Sandfloh. Und Dédèle walzte, so was muß man gesehen haben! Sie machte großes Ballett, Füßchen in der Luft, wie eine Tänzerin vom Elyseé Montmartre, die ihre Wäsche zeigt; denn man durfte nicht feiern, das Eisen ist so niederträchtig, gleich wird es wieder kalt. In dreißig Schlägen hat die Salzfresse den Bolzenkopf geformt. Aber er mußte schnaufen, die Augen traten ihm aus den Höhlen, eine Riesenwut packte ihn, als er seine Arme knacken hörte. Dann fortgerissen, gröhlend und tanzend schlug er noch zweimal zu, nur um sich für seinen Schmerz zu rächen. Als er den Bolzen vom Nagelformer zurückzog, war er formlos und der Kopf saß ihm wie einem Buckligen auf. »Was? Das ist gefingert!« sagte er trotzdem frech und zeigte Gervaise die Arbeit. »Ich kenne mich nicht aus, mein Herr«, erwiderte zurückhaltend die Wäscherin. Aber sie sah sehr wohl auf dem Bolzen die zwei letzten Schläge von Dédèles Absätzen, sie war sehr zufrieden, sie kniff die Lippen zusammen, um nicht zu lachen, weil Goujet jetzt durchaus im Vorteil war. Jetzt kam die Goldschnauze an die Reihe. Ehe er anfing, warf er der Wäscherin einen Blick voll vertrauender Zärtlichkeit zu. Er übereilte sich nicht, nahm Abstand und ließ den Hammer von oben in regelmäßigen kräftigen Schlägen herabfallen. Er hatte die klassischen Bewegungen, korrekt, getragen und weich. Fifine tanzte in seinen beiden Händen keinen Kneipencancan, die Beine über den Röcken; sie erhob sich und fiel in Harmonie wieder nieder, wie wenn eine vornehme Dame mit ernstem Ausdruck singend ein altes Menuett exekutiert. Die Absätze Fifines schlugen feierlich den Takt; und sie drückten sich in das rote Eisen auf dem Bolzenkopf mit überlegener Wissenschaft ein, drückten das Metall in der Mitte erst nieder, um es dann durch einige Schläge rhythmischer Präzision zu formen. Das war kein Schnaps in den Adern der Goldschnauze, das war Blut, reines Blut, das mächtig bis in den Hammer hinein pulste und seine Arbeit regulierte. Ein herrlicher Mensch bei der Arbeit, dieser Junge! Die große Flamme der Schmiede übergoß ihn ganz. Seine kurzen Haare lockten sich über der niedrigen Stirn, sein schöner blonder Bart in fallenden Ringeln flammte auf und bestrahlte sein ganzes Gesicht mit seinen goldenen Fäden: es war ohne Lüge ein wahres Goldgesicht. Dabei einen Hals wie eine Säule, weiß wie ein Kinderhals; eine breite Brust, so breit, man hätte eine Frau quer darauf betten können; die Schultern und Arme gemeißelt wie die eines Riesen in einem Museum. Wenn er ausholte, sah man seine Muskeln sich schwellen. Berge von Fleisch rollend und unter der Haut sich härtend, seine Schultern, Hals und Brust schwollen an; er wurde licht, er wurde schön, allmächtig wie ein guter Gott. Zwanzigmal hatte er Fifine wieder fallen lassen, die Augen auf das Eisen geheftet, Atem holend bei jedem Schlag. Von beiden Schläfen nur rollten zwei Tropfen Schweiß herunter. Er zählte, einundzwanzig, zweiundzwanzig, dreiundzwanzig. Fifine fuhr ruhig fort, wie eine große Dame sich zu verbeugen. »Was für ein Fatzke!« murmelte lachend Salzfresse. Und Gervaise, der Goldschnauze gegenüber, schaute mit gerührtem Lächeln zu. Mein Gott! Waren die Männer doch dumm. Schlugen diese beiden da nicht auf ihre Bolzen, um ihr den Hof zu machen! Oh, sie verstand es wohl, sie stritten um sie durch Hammerschläge; sie waren wie zwei rote Hähne, die sich vor einer kleinen weißen Henne prusten. Auf was man wohl alles verfällt? Das Herz wählt immerhin oft sonderbare Wege, sich auszudrücken. Ja, für sie donnerten Dédèle und Fifine auf dem Amboß. Für sie all das zerdrückte Eisen. Für sie diese Schmiede in Glut, sprühend wie eine Feuersbrunst, voll all der blinkenden Sternchen. Sie schmiedeten ihr da eine Liebe, sie stritten um sie, wer am besten schmiedete. Und wirklich, es machte ihr Vergnügen; denn die Frauen haben Komplimente gern. Besonders die Schläge der Goldschnauze klangen ihr im Herzen wider; sie schwangen darin wie auf dem Amboß, eine klare Musik, die das Klopfen ihres Blutes begleitete. Es schien eine Dummheit, aber sie spürte, daß ihr da etwas ins Herz stieß, etwas Kräftiges, ein wenig von dem Eisen des Bolzens. In der Dämmerung, ehe sie eintrat, hatte sie einen vagen Wunsch, als sie längs des feuchten Trottoirs ging, ein Verlangen, etwas Gutes zu essen; jetzt war sie befriedigt, als ob die Schläge der Goldschnauze sie genährt hätten. Oh, sie zweifelte nicht an seinem Sieg. Ihm würde sie angehören. Salzfresse war zu häßlich, in seinem schmutzigen Arbeitszeug herumhüpfend wie ein ausgekommener Affe. Sie wartete, sehr rot und doch glücklich über die große Hitze, freudig erregt, von den letzten Schlägen Fifines von Kopf zu Fuß erschüttert zu werden. Goujet zählte noch immer. »Und achtundzwanzig!« rief er endlich, den Hammer auf die Erde stellend. »Fertig, sehen Sie her.« Der Kopf des Bolzens war poliert, glatt, ohne Delle, ein wahres Goldarbeiterstück, rund wie eine in der Form gegossene Kugel. Die Arbeiter schauten sie bewundernd an; es war unbestreitbar, um davor zu knien. Salzfresse versuchte zu scherzen, aber er stotterte, er ging begossen an seinen Amboß zurück. Gervaise hatte sich an Goujet gelehnt, wie um besser zu sehen. Etienne hatte den Blasebalg losgelassen, die Schmiede sank in Finsternis zurück, als ginge ein rotes Gestirn unter, das plötzlich in tiefe Nacht versinkt. Der Schmied und die Wäscherin empfanden die Süße, wie die Dunkelheit in diesem schwarzen Schuppen voll Ruß und Feilspänen und dem Geruch von altem Eisen sie einhüllte; sie hätten sich im Wald von Vincennes nicht einsamer fühlen können, wenn sie sich dort im tiefsten Grün ein Stelldichein gegeben hätten. Er griff ihre Hand, als hätte er sie erobert. Dann, draußen, sprachen sie kein Wort. Nichts fiel ihm ein; er sagte nur, daß sie Etienne hätte mitnehmen können, wenn nicht noch eine halbe Stunde am Feierabend gefehlt hätte. Endlich wollte sie gehen, als er im Wunsche, sie noch etwas bei sich zu haben, sie zurückrief. »Kommen Sie doch, Sie haben noch nicht alles gesehen ... Wirklich, es ist interessant.« Er führte sie nach rechts in einen andern Schuppen, in dem sein Meister eine ganze mechanische Werkstätte eingerichtet hatte. Auf der Schwelle zögerte sie, von instinktiver Angst gepackt. Der große Saal, den die Maschinen erschütterten, zitterte; und in ihm tanzten große, von roter Glut durchfleckte Schatten. Er beruhigte sie lächelnd und schwur, es sei nichts zu fürchten dabei; sie solle nur acht geben, daß sie mit dem Rocke nicht zu nahe an die Treibriemen käme. Er schritt voraus, sie folgte ihm in diesen Höllenlärm, in das Pfeifen und Brummen aller möglichen Geräusche, mitten hinein in den Rauch, den unbestimmbare Wesen bevölkerten, schwarze schaffende Männer, Maschinen, die ihre Kolben stießen, die sie nicht voneinander unterscheiden konnte. Die Durchlässe waren eng, man mußte über Hindernisse springen, Löcher vermeiden, sich beiseite drücken, um einen Karren vorbeizulassen. Man verstand sein eigenes Wort nicht. Noch erfaßte sie nichts, alles tanzte. Als sie dann das Gefühl hatte, als ob über ihrem Kopfe große Flügel schlügen, schaute sie in die Höhe und blieb stehen, um den Riemen zuzusehen, diesen langen Bändern, die an der Decke sich wie ein ungeheures Spinnennetz ausbreiteten, von dem jeder Faden ins Unendliche ging; die Dampfmaschine war in einem Winkel hinter einer kleinen Backsteinmauer versteckt; die Riemen schienen ganz von allein zu laufen, die Erschütterung aus der Tiefe des Schattens mit sich zu bringen, in immerwährendem regelmäßigen Gleiten, zart wie der Flug eines Nachtvogels. Fast wäre sie gefallen, sie stieß an den Hahn eines Ventilators, der sich auf dem gestampften Boden verzweigte, um seinen Atem voll scharfen Windes in die kleinen Essen in der Nähe der Maschinen zu jagen. Erst zeigte er ihr dies. Er ließ den Wind auf ein Feuer blasen; die großen Flammen teilten sich nach vier Seiten wie ein Fächer, ein Kragen aus Feuerspitzen, strahlend, kaum wie mit ein wenig Lackfarbe gefärbt; das Licht war so grell, daß die kleinen Lampen der Arbeiter wie Schattentropfen in der Sonne erschienen. Dann hob er die Stimme, um seine Erklärung geben zu können, er ging zu den Maschinen über: die mechanische Schneidemaschine, die ganze Eisenbolzen fraß, mit jedem Biß ihrer Zähne ein Stück Eisen brach, jedes Stück hinten ausspeiend, eines nach dem andern; die hohen und komplizierten Maschinen für Bolzen und Hufnägel schmiedeten die Köpfe durch einen einzigen Druck ihrer mächtigen Schraube; die Schleißerinnen, mit Windmühlenflügeln aus Gußeisen, eine eiserne Walze, die bei jedem Stück, von dem sie die Gußnaht entfernte, die Luft furchtbar schlug. Die Gewindebohrer, von Frauen bedient, bohrten die Bolzen und ihre Gewinde im Tick-Tack der stählernen, unter glänzender Ölschicht laufenden Zahnräder. So konnte sie die ganze Arbeit verfolgen, vom Eisenbarren an, der gegen die Mauer angelehnt stand, bis zu den fertigen Bolzen und Hufnägeln, die in allen Ecken die Kisten füllten. Das verstand sie und sie lächelte kopfschüttelnd. Trotzdem blieb ihr Hals ein wenig eingeschnürt, unruhig in ihrer Kleinheit und Zartheit zwischen all den stämmigen Metallarbeitern; erschreckt wandte sie sich beim dumpfen Fall der Schleißerin. Allmählig gewöhnte sie sich an die Dunkelheit, sah in Nischen unbewegliche Gestalten, die den unaufhörlichen Tanz der Ventilatoren regulierten, wenn in der Esse plötzlich ein Lichtstrahl aus dem Flammenkragen stieß. Und gegen ihren Willen wandte sie sich immer wieder der Decke zu, dem Leben, dem eigentlichen Blut der Maschinen, dem sanften Gang der Treibriemen, deren große Kraft sie mit den Augen verfolgte und die stumm in die dumpfe Nacht des Zimmerwerks ausliefen. Goujet jedoch war vor einer Nagelmaschine stehengeblieben. Da blieb er, gedankenvoll, gesenkten Hauptes und starren Auges. Die Maschine schmiedete mit der Ruhe eines Riesen Vierzigmillimeternägel. Und nichts war wahrhaftig einfacher. Der Heizer nahm das Eisenstück aus dem Ofen; der Zuschläger legte es in die Nagelform, die von einem ständigen Wasserstrahl gekühlt wurde, um das Aufweichen des Stahls zu vermeiden; und das war alles. Die Schraube senkte sich, der Bolzen sprang auf den Boden mit seinem runden wie in der Form gegossenen Kopf. In zwölf Stunden schaffte diese verfluchte Maschine Hunderte von Kilogrammen. Goujet war nicht böse; aber mitunter hätte er gern seine Fifine ergriffen, um in all dies Eisenzeug hineinzuschlagen, aus Zorn darüber, daß es stärkere Arme hatte wie er. Das kränkte ihn tief, selbst wenn er sich klarmachte, daß Fleisch nicht gegen Eisen ankam. Eines Tages gewiß würde die Maschine den Arbeiter vernichten; schon war der Tagelohn von zwölf auf neun Francs gesunken und man sprach davon, ihn abermals herunterzusetzen; sie waren nicht heiter, diese dicken Tiere, die Nieten und Bolzen machten wie Wurst. Er schaute sie gute drei Minuten an, ohne ein Wort zu sagen; seine Augenbrauen zogen sich zusammen, sein schöner gelber Bart sträubte sich drohend. Nach und nach aber bekamen seine Züge wieder ein sanfteres Aussehen, voller Resignation. Er drehte sich zu Gervaise, die sich an ihn lehnte, und sagte mit traurigem Lächeln: »Nun, das kotzt uns schön an! Aber vielleicht dient es später zum allgemeinen Wohl.« Gervaise pfiff auf das allgemeine Wohl. Sie fand die Maschinenbolzen häßlich. »Verstehen Sie,« rief sie lebhaft, »sie sind mir zu gut gemacht ... Die Ihrigen sind mir lieber. Da spürt man wenigstens die Hand des Künstlers.« Diese Worte freuten ihn sehr, denn einen Augenblick lang hatte er geglaubt, daß sie ihn verachten würde, nachdem sie die Maschinen gesehen hätte. Teufel auch! War er auch kräftiger als Salzfresse, so waren doch die Maschinen noch stärker als er. Als er sich endlich im Hof von ihr verabschiedete, drückte er ihr fast die Knöchel entzwei, so groß war seine Freude. Jeden Samstag kam die Wäscherin zu den Goujets, um ihnen die Wäsche zurückzubringen. Sie bewohnten immer noch das kleine Haus in der Rue Neuve de la Goutte d'Or. Im ersten Jahre hatte sie ihnen regelmäßig zwanzig Francs von den fünfhundert im Monat zurückgezahlt. Um die Rechnung zu vereinfachen, addierte man das Buch erst am Monatsende und sie zahlte das an zwanzig Francs Fehlende darauf, denn die Wäsche der Goujets machte für gewöhnlich nicht mehr wie sieben bis acht Francs im Monat. So hatte sie schon ungefähr die Hälfte der Summe abgezahlt, als sie an einem Mietstermin, da sie nicht mehr ein noch aus wußte, zu den Goujets laufen mußte, um den Zins zu borgen. Zwei weitere Male hatte sie sich ebenfalls an sie gewendet, um ihre Arbeiterinnen zu bezahlen, so daß ihre Schuld wieder auf vierhundertfünfundzwanzig Francs angewachsen war. Jetzt brachte sie keinen Sou mehr zurück, sie bezahlte nur noch mit dem Wäschepreis. Nicht daß sie weniger arbeitete oder daß die Geschäfte schlechter gingen. Im Gegenteil. Aber das Geld rann wie durch Löcher, so daß sie zufrieden sein mußte, wenn sie überhaupt zurecht kam. Mein Gott! Wenn man nur lebt, nicht wahr? darf man nicht klagen. Sie wurde fett und gab den kleinen Bequemlichkeiten der beginnenden Korpulenz nach, ohne die Kraft, mit Angst an die Zukunft zu denken. Um so schlimmer! Geld würde schon immer eingehen, es schimmelt, wenn man es auf die Seite legt. Frau Goujet indessen blieb Gervaise mütterlich gewogen. Manchmal machte sie ihr in zarter Weise Vorwürfe, nicht des Geldes wegen, sondern weil sie sie gern hatte und fürchtete, daß sie kopfheister ginge. Ihr Geld erwähnte sie nicht einmal. Kurz und gut, sie benahm sich sehr zartfühlend. Gerade am Tage, nachdem Gervaise Goujet in der Schmiede besucht hatte, war der letzte Samstag im Monat. Als sie bei den Goujets ankam – sie legte Wert darauf, stets selbst hinzugehen – hatte ihr der Korb so sehr die Arme ermüdet, daß sie sich zwei Minuten lang verschnaufen mußte. Man weiß nicht, wie schwer die Wäsche wiegt, besonders wenn Laken dabei sind. »Sie bringen doch wohl alles?« fragte Frau Goujet. Darin war sie sehr streng. Sie verlangte, daß man ihr die Wäsche zurückbrachte, ohne daß ein Stück fehlte, der Ordnung wegen, wie sie sagte. Weiter verlangte sie, daß die Wäscherin genau zum ausgemachten Tage und zur selben Stunde kommen sollte; auf diese Weise verliere niemand seine Zeit. »Oh, es ist alles,« antwortete Gervaise lächelnd. »Sie wissen, ich vergesse nie etwas.« »Das ist wahr,« gab Frau Goujet zu, »Sie gewöhnen sich zwar schon Fehler an, aber diesen haben sie noch nicht.« Und während Gervaise ihren Korb leerte und die Wäsche auf dem Bett ausbreitete, lobte sie die alte Frau: sie verbrenne und zerreiße die Wäsche nicht, wie so viele andere, auch risse sie die Knöpfe nicht mit dem Eisen ab; nur gäbe sie zuviel Waschblau und Stärke an die Vorhemden. »Sehen Sie, das ist die reine Pappe,« sagte sie und ließ ein Vorhemd krachen. »Mein Sohn beklagt sich nicht, aber es reibt ihm den Hals auf ... Morgen wird sein Hals ganz wund sein, wenn wir von Vincennes zurückkommen.« »Nein, sagen Sie nur das nicht!« rief Gervaise verzweifelt. »Die Vorhemden für den Sonntagsrock müssen etwas steif sein, wenn sie nicht wie ein Lappen aussehen sollen. Sehen Sie sich doch die Herren an ... Ich besorge all Ihre Wäsche allein. Eine Arbeiterin darf nicht heran, ich versichere Ihnen, ich pflege sie, lieber würde ich zehnmal wieder von vorn anfangen, nur um Ihnen gefällig zu sein.« Sie war leicht errötet, als sie diesen Satz zu Ende gesprochen hatte. Sie fürchtete, daß man es merken könnte, wie gern sie Goujets Hemden bügelte. Gewiß, sie hatte keine schmutzigen Gedanken dabei; aber trotzdem schämte sie sich ein wenig. »Oh, ich sage nichts gegen Ihre Arbeit, bewahre, Sie arbeiten vorzüglich, das weiß ich,« sagte Frau Goujet. »Dieses Häubchen ist wie eine Perlschnur. Nur Sie verstehen es, die Spitzen so herauszuarbeiten und die Falbeln in der Reihenfolge zu halten. Ich erkenne Ihre Hand sofort. Sobald Sie Ihren Arbeiterinnen nur einen Scheuerlappen geben, merkt man es... Nicht? In Zukunft werden Sie etwas weniger Stärke verwenden, das ist alles! Es liegt Goujet nicht daran, wie ein feiner Herr auszusehen.« Sie nahm das Wäschebuch und strich mit einem Strich die gelieferten Stücke aus. Es stimmte alles. Als sie die einzelnen Posten durchsah, fand sie, daß Gervaise für eine Haube sechs Sous gerechnet hatte; sie sträubte sich erst, mußte dann aber selbst zugeben, daß es für die geleistete Arbeit nicht zuviel war; nein, die Herrenhemden fünf Sous, Frauenhosen vier Sous, Kopfbezüge einundeinhalb Sous, Schürzen einen Sou, das war nicht teuer, denn einige Wäscherinnen nehmen für jedes Stück zwei Liard und selbst einen Sous mehr. Als Gervaise dann die schmutzige Wäsche gezählt, die die alte Frau aufnotierte und sie in ihren Korb hineingepackt hatte, blieb sie noch unschlüssig stehen; sie hatte eine Bitte auf der Zunge, die sie nur schwer vorbrachte. »Frau Goujet,« sagte sie endlich, »wenn es Ihnen nichts ausmachte, würde ich für diesen Monat um das Geld für die Wäsche bitten.« Gerade in diesem Monat war die Rechnung groß; die Summe, die sie soeben zusammengezählt hatten, ergab zehn Francs und sieben Sous. Frau Goujet schaute sie einen Augenblick lang ernst an, dann antwortete sie: »Mein Kind, wie Sie wollen! Ich will Ihnen das Geld nicht verweigern, wenn Sie es brauchen... Aber das ist nicht der Weg, Ihre Schulden loszuwerden; ich sage das nur in Ihrem Interesse, verstehen Sie. Wirklich, Sie sollten sich vorsehen.« Gervaise hörte diesen Vorwurf gesenkten Kopfes an, dann stotterte sie: diese zehn Francs brauche sie, um einen Schuldschein einzulösen, den sie beim Kohlenhändler unterzeichnet hätte. Aber Frau Goujet wurde noch ernster, als sie von unterzeichnen hörte. Sie führte sich als Beispiel an: seit das Einkommen Goujets sich von zwölf auf neun Francs vermindert habe, schränke sie sich eben im Haushalt ein. Wenn man in der Jugend nicht sorge, sterbe man Hungers im Alter. Aber sie hielt sich sehr zurück. Sie sagte Gervaise nicht, daß sie ihr nur deshalb die Wäsche gäbe, damit sie damit ihre Schuld abbezahlen könne; früher hatte sie stets selbst gewaschen, und sie wollte das auch jetzt wieder tun, wenn das Bügeln ihr soviel Geld aus der Tasche zog. Als Gervaise die zehn Francs und sieben Sous hatte, dankte sie und lief schnell hinaus. Auf der Treppe war ihr wieder wohl, sie spürte Lust zu tanzen, denn sie gewöhnte sich schon an die Scherereien und Schmutzereien mit Geld und fühlte nur mehr das Glück, bis zum nächsten Mal davongekommen zu sein. Gerade an diesem Samstag hatte Gervaise eine eigentümliche Begegnung, als sie die Goujetsche Treppe herunter ging. Sie mußte sich mit ihrem Korbe gegen das Geländer drücken, um einer großen hochfrisierten Frau Platz zu machen, die in einem Stück Papier einen frischen Fisch mit blutigen Kiemen trug. Und da erkannte sie Virginie, das Mädchen, dem sie damals im Waschraum die Röcke hochgehoben hatte. Beide schauten sich ins Gesicht. Gervaise schloß einen Augenblick die Augen, denn sie glaubte, daß sie den Fisch ins Gesicht bekommen würde. Aber nein, Virginie lächelte dünn. Die Wäscherin, deren Korb die Treppe verstellte, wollte höflich tun. »Ich bitte um Entschuldigung«, sagte sie. »Es ist Ihnen alles verziehen«, antwortete die große Braune. Und sie blieben mitten auf der Treppe stehen, plauderten, ganz wieder ausgesöhnt, ohne mit einem Wort an das Vergangene anzuspielen. Virginie, nun neunundzwanzig Jahr alt, war eine prächtige, üppige Frau geworden, mit etwas länglichem Gesicht zwischen ihrem jadeschwarzen Haar. Sofort erzählte sie, um sich aufzuspielen ihre ganze Geschichte: sie war jetzt Frau, hatte im Frühjahr einen ehemaligen Elfenbeinarbeiter geheiratet, der kapituliert hatte und um einen Posten als Schutzmann eingekommen wäre, denn ein fester Posten sei sicherer und auch schicker. Sie habe soeben diesen Fisch für ihn gekauft. »Fische sind sein Leibgericht,« sagte sie. »Man muß sie schon verwöhnen, diese bösen Männer, nicht wahr? ... Aber kommen Sie doch. Sie werden sehen, wie wir eingerichtet sind ... Hier stehen wir im Zug.« Als Gervaise nun ihrerseits von ihrer Verheiratung berichtet und erzählt hatte, daß sie just in dieser Wohnung gelebt und in ihr sogar eine Tochter geboren hätte, drängte sie Virginie noch mehr, heraufzukommen. Das macht immer Spaß, die Orte wiederzusehen, wo man glücklich war. Sie habe fünf Jahre lang auf dem andern Flußufer in Gros-Caillon gelebt. Habe dort auch ihren Mann kennengelernt, als er diente. Aber sie langweilte sich, habe immer davon geträumt, wieder in das Viertel der Goutte d'Or zurückzukehren, wo sie jedermann kenne. Und seit vierzehn Tagen bewohne sie das Zimmer neben den Goujets. Aber all ihre Angelegenheiten wären noch sehr in Unordnung, nach und nach würde sich alles einrenken. Endlich, auf dem Treppenabsatz, nannten sie ihre Namen. »Frau Coupeau.« »Frau Poisson.« Und von da ab nannten sie sich nur noch umständlich Madame Poisson, Madame Coupeau, aus dem Vergnügen heraus, Damen zu sein; denn sie hatten sich früher in weniger katholischen Positionen gekannt. Gervaise blieb immer noch ein wenig mißtrauisch. Vielleicht wollte die große Braune sich deshalb nur mit ihr aussöhnen, um sich später um so eher für die im Waschhaus bezogenen Prügel rächen zu können, heckte irgendeinen Plan aus wie ein scheinheiliges und böses Tier. Gervaise wollte auf der Hut sein. Für den Augenblick war Virginie zu liebenswürdig, als daß sie es nicht auch sein mußte. Oben im Zimmer saß Poisson, der Gatte, ein Mann von fünfunddreißig Jahren, mit erdfarbigem Gesicht, mit rotem Schnurr– und Spitzbart, und arbeitete an einem Tische in der Nähe des Fensters. Er fertigte kleine Kasten. Als Handwerkszeug hatte er nur ein Taschenmesser, eine kleine Säge in der Größe einer Nagelfeile und einen Leimtopf. Er verwendete das Holz alter Zigarrenkisten, schmale Akajoubrettchen, die er in außergewöhnlich zarten Mustern aussagte. Den ganzen Tag über, von früh bis spät, machte er dieselben sechs Zentimeter großen Schachteln achtmal. Nur stattete er sie verschiedentlich aus, erfand neue Formen für die Deckel und machte Abteilungen hinein. Das zwecks Zeitvertreib und Unterhaltung bis zu seiner erfolgten Ernennung zum Schutzmann. Von seinem ehemaligen Gewerbe als Elfenbeinschnitzer blieb ihm nur diese Vorliebe für die kleinen Kästchen. Er verkaufte seine Arbeit nicht, er verschenkte sie an seine Bekannten. Poisson stand auf und begrüßte Gervaise höflich, die seine Frau ihm als ehemalige Freundin vorstellte. Er war aber kein Schwätzer, sofort griff er wieder zu seiner kleinen Säge. Ab und zu nur schaute er nach dem Fisch, der auf dem Rande der Kommode lag. Gervaise freute sich sehr, ihre alte Wohnung wiederzusehen; sie zeigte, wo ihre Möbel gestanden hatten, auch den Platz, wo sie auf dem Fußboden niedergekommen war. Wie sich das doch traf! Als sie sich aus den Augen verloren hatten, hätten sie beide nicht daran gedacht, sich so wiederzutreffen, in einem Zimmer, das sie eine nach der andern bewohnten. Virginie gab weitere Einzelheiten über sich und ihren Mann: er hatte von einer Tante eine kleine Erbschaft gemacht; später würden sie sie wahrscheinlich anlegen; für jetzt machte sie noch ein wenig Näharbeit, schneiderte hier und da einmal ein Kleid zurecht. Endlich, nach einer langen halben Stunde wollte die Wäscherin gehen. Poisson wandte sich kaum um. Virginie begleitete sie und versprach, sie bald zu besuchen; übrigens würde sie ihr ihre Kundschaft schicken, das sei ausgemacht. Und da sie sie noch auf dem Gange aufhielt, glaubte Gervaise, sie wolle ihr noch etwas über Lantier und ihre Schwester Adèle erzählen. Sie war innerlich darüber sehr aufgebracht. Aber diese langweiligen Dinge wurden mit keinem Wort erwähnt, sie schieden und sagten sich aufs liebenswürdigste Lebewohl. »Auf Wiedersehen, Frau Coupeau.« »Auf Wiedersehen, Frau Poisson.« Das war der Beginn einer großen Freundschaft. Acht Tage später kam Virginie nicht mehr am Waschladen vorbei, ohne einzutreten; sie blieb zwei bis drei Stunden lang fort und schnitt Lätzchen, so daß Poisson schon glaubte, sie sei unter die Räder gekommen, und sie mit seinem stummen und erdfahlen Gesicht suchen kam. Als Gervaise die Näherin nun fast täglich sah, wurde sie eigentümlich unruhig: sobald diese einen Satz anfing, glaubte sie, daß sie nun etwas von Lantier erzählen würde; solange sie da war, dachte sie unabläßlich an Lantier. Das war schließlich albern, denn sie pfiff auf Lantier und Adèle und was aus beiden geworden war; sie fragte nie; war auch gar nicht neugierig, etwas über sie zu hören. Nein, das beschäftigte sie gegen ihren Willen. Diese Gedanken hatten sich in ihrem Kopf festgesetzt, so wie man einen törichten Refrain im Munde hat, der einen nicht mehr losläßt. Auch trug sie es Virginie nicht nach, denn es war gewiß nicht ihre Schuld. Sie gefiel ihr und hielt sie zehnmal zurück, bevor sie sie gehen ließ. Der Winter kam, es war der vierte, den die Coupeaus in der Rue de la Goutte d'Or verbrachten. In diesem Jahre waren der Dezember und Januar ganz besonders hart. Es fror zum Steinerweichen. Nach dem Neuen Jahr blieb der Schnee drei Wochen lang liegen, ohne zu schmelzen. Das tat der Arbeit nicht Abbruch, im Gegenteil, denn der Winter ist eine gute Jahreszeit für die Wäscherinnen. Es war sehr mollig im Laden! Man sah nie Eisblumen an den Fenstern wie beim Grünkram- oder Mischwarenhändler gegenüber. Der Ofen war voll Koks und unterhielt die Wärme einer Badestube; die Wasche dampfte, man hätte meinen können, mitten im Sommer zu sein; man fühlte sich wohl bei geschlossener Türe, war ganz durchwärmt, so durchwärmt, daß man mit offenen Augen hätte schlafen können. Gervaise sagte lachend, ihr käme es vor, als lebte sie auf dem Lande. Und wirklich machten die Wagen auch keinen Lärm mehr auf der schneeigen Straße draußen; kaum hörte man das Stapfen der Fußgänger; im großen Schweigen dieser Kälte hörte man nur Kinderstimmen, den Lärm einer Bande Gassenbuben, die eine große Schleife längs des Schmiedebaches in Betrieb gesetzt hatten. Mitunter schritt sie zur Türe, wischte den Beschlag ab, um zu sehen, was bei dieser Temperatur aus dem Viertel geworden war; aber keiner wagte die Nase aus den benachbarten Geschäften zu stecken, die ganz in Schnee gehüllt wie breite Rücken aussahen; sie begrüßte nur durch Kopfnicken ihre Nachbarin, die Kohlenhändlerin, die barhäuptig spazierenging, den Mund geschlitzt von einem Ohr zum andern, seitdem es so friert. Eine besondere Annehmlichkeit in dieser kalten Zeit war es, Mittags den Kaffee recht heiß zu trinken. Die Arbeiterinnen hatten sich nicht zu beklagen; die Meisterin braute ihn sehr stark und tat kein Gran Zichorie hinein; anders wie der von Frau Fauconnier, der der reine Lurch war. Nur wenn Mama Coupeau das Aufgießen übernahm, nahm es kein Ende, weil sie vor Wärme einschlief. Dann bügelten die Arbeiterinnen noch nach dem Frühstück, während sie auf den Kaffee warteten. Gerade am Tage nach den Heiligen drei Königen schlug es halb eins und der Kaffee war nicht fertig. Er wollte um keinen Preis durchlaufen. Mama Coupeau klopfte mit einem kleinen Löffel auf den Filter und man hörte Tropfen für Tropfen herunterfallen, langsam, langsam, ohne Eile. »Lassen Sie ihn doch,« sagte die große Clementine. »Das macht ihn trübe ... Wir werden schon noch heute zum Essen und zum Trinken kommen.« Die große Clementine machte gerade ein Herrenhemd fertig, dessen Fältchen sie mit ihrem Nagel ordnete. Sie hatte einen Riesenschnupfen, geschwollene Augen, den Hals verschwollen von Hustenanfällen, bei denen sie sich über den Arbeitstisch krümmte. Dabei hatte sie nicht einmal ein Halstuch um und trug ein dünnes Wollkleid zu achtzehn Sous, in dem sie schlotterte. Neben ihr bügelte Frau Putois, ganz in Flanell bis zu den Ohren hinauf gepolstert, einen Unterrock, den sie über dem Bügelbrett drehte, dessen schmales Ende auf einem Stuhle auflag; am Boden war ein Leintuch ausgebreitet, um zu verhindern, daß der herabhängende Teil schmutzig würde. Gervaise nahm für sich allein die Hälfte des Arbeitstisches ein, mit Plätten gestickter Musselinvorhänge beschäftigt, auf die sie ihr Eisen ganz gerade mit ausgestrecktem Arm aufstellte, um keine Falten zu bügeln. Plötzlich ließ sie das Geräusch des laut durchlaufenden Kaffees aufschauen; es war dieser Schielebock von Augustine, die mit einem Löffel ein Loch in den Kaffeefilter gestoßen hatte. »Willst du Ruhe geben!« schrie Gervaise. »Was fällt dir denn ein? Jetzt werden wir Dreck trinken.« Mama Coupeau hatte fünf Gläser auf einer freien Ecke des Tisches aufgestellt. Nun ließen die Arbeiterinnen ihre Arbeit liegen. Die Prinzipalin schenkte den Kaffee immer selbst ein, nachdem sie zwei Stück Zucker in jedes Glas getan hatte. Das war die lang erwartete Stunde des Tages. Heute, als jede ihr Glas genommen hatte und sich auf ein kleines Bänkchen vor dem Ofen gekauert hatte, ging die Türe auf und Virginie trat ganz erfroren ein. »Ach, Kinder, das zerschneidet einen! Ich spüre meine Ohren nicht mehr; welche Hundekälte!« »Sieh da, Madame Poisson!« rief Gervaise. »Sie kommen gerade recht ... Sie werden ein Glas Kaffee mit uns trinken.« »Ah! da sage ich nicht nein ... Wenn man nur über die Straße geht, spürt man die Kälte schon in allen Knochen.« Glücklicherweise blieb noch Kaffee übrig. Mama Coupeau holte ein sechstes Glas, und Gervaise bot aus Höflichkeit Zucker an. Die Arbeiterinnen rückten zusammen und machten beim Ofen ein wenig Platz. Sie schudderte einen Augenblick, mit roter Nase, legte die steifen Hände um das Glas, um sie aufzuwärmen. Sie kam vom Spezereihändler, wo man schon in der Zeit, in der man auf ein Viertel Käse wartete, fast erfror. Sie war entzückt über die Wärme im Geschäft: wahrhaftig, wenn man hereinkam, glaubte man in einen Backofen zu treten, es genügt, einen Toten aufzuwecken, so angenehm kitzelte es einem die Haut. Warm werdend; streckte sie ihre langen Beine aus. Dann löffelten alle sechs langsam ihren Kaffee während der unterbrochenen Arbeit, mitten im Wasen der dampfenden Wäsche. Nur Mama Coupeau und Virginie saßen auf Stühlen; die andern auf dem Bänkchen schienen am Boden zu sitzen; selbst der Schielebock Augustine hatte ein Stück Leinwand unter den Unterrock gezogen, um sich darauf zu setzen. Zunächst sprach man nichts und schlürfte, die Nase im Glase, den Kaffee. »Er ist trotzdem gut«, erklärte Clementine. Aber sie wäre fast erstickt, ein Hustenanfall packte sie, sie mußte den Kopf gegen die Wand legen, um besser husten zu können. »Sie sind aber schön hergenommen,« sagte Virginie. »Wo haben Sie sich das geholt?« »Weiß man das?« erwiderte Clementine, indem sie das Gesicht mit dem Ärmel abwischte. »Das muß von neulich sein. Zwei balgten sich am Eingang vom »Großen Balkon«. Ich wollte das sehen und bin im Schnee stehen geblieben. Ah! das war eine Wälzerei! Es war zum Totlachen. Die eine hatte eine abgerissene Nase; das Blut floß am Boden. Als die andere das Blut sah, eine große Latte wie ich, nahm sie Reißaus ... Dann fing ich in der Nacht an zu husten. Dann muß man auch sagen, daß die Männer von einer Dummheit sind! Wenn sie bei einer schlafen, decken sie sie immer auf ... « »Ein schönes Betragen,« brummte Frau Putois. »Sie werden krepieren, meine Kleine.« »Und wenn es mir recht ist, wenn ich krepiere ... Weil das Leben so lustig ist. Sich die ganze Woche hindurch schinden, um fünfundfünfzig Sous zu verdienen, das Blut von früh bis abends verbrennen vor dem Ofen, nein, wissen Sie, das habe ich satt! ... Gehen Sie, dieser Schnupfen wird mir diesen Dienst nicht tun, mich wegzuputzen; er wird gehen wie er gekommen ist.« Und darauf wurde es still. Dieser Nichtsnutz Clementine, die in den Kneipen ein Leben führte und wie ein Sperling schrie, machte die Leute immer traurig im Laden durch ihre Ideen vom Krepieren. Gervaise kannte sie und sagte nur: »Sie sind am Tage nach einer solchen Hochzeit nie lustig, Sie!« In Wirklichkeit hatte es Gervaise nicht gern, wenn man von Schlägereien unter Frauen erzählte. Es langweilte sie wegen der Schläge, die sie im Waschhaus ausgeteilt hatte, wenn man vor ihr und Virginie von Raufereien und Schlägen mit Holzpantoffeln und dergleichen sprach. Gerade schaute sie Virginie lächelnd an. »Oh,« sagte sie, »gestern sah ich ein Zerzupfen von Haarbeuteln. Das flog nur so.« »Wer denn?« fragte Frau Putois. »Die Hebamme und ihr Mädchen, am Ende der Straße, Sie wissen, eine kleine Blonde ... eine Lästerzunge, dieses Mädchen! Sie schrie die andere an: ›Ja ja, du hast der Obsthändlerin ein Kind umgebracht, ich gehe zum Kommissär, wenn du mich nicht bezahlst.‹ Und da fielen sie übereinander her, das mußte man sehen! Die Hebamme hat ihr darauf eine gute Ohrfeige versetzt, mitten ins Gesicht. Dann flog das verfluchte Nichtswürdige der Bourgeoise in die Augen und kratzte und zerfederte sie, oh! wie Hackfleisch; der Wursthändler mußte sie ihr aus den Klauen reißen.« Die Arbeiterinnen lachten ergötzt. Dann tranken sie wieder einen Schluck Kaffee mit gefräßiger Miene. »Glauben Sie das, daß sie das Kind umgebracht hat?« fragte Clementine. »Nun, so hat man sich das im Viertel erzählt,« antwortete Virginie. »Sie verstehen, ich war ja nicht dabei ... Das geht ins Handwerk übrigens. Alle machen es so.« »Ja,« sagte Frau Putois, »man ist eben so dumm, sich ihnen anzuvertrauen. Ich würde mich bedanken, von so einer erdrückt zu werden. Sehen Sie, es gibt ein unfehlbares Mittel. Alle Abend trinkt man ein Glas Weihwasser, indem man sich mit dem Daumen drei Kreuze auf den Leib zeichnet. Das geht dann wie der Wind weg.« Frau Coupeau, von der man glaubte, sie schlafe, schüttelte den Kopf. Sie kannte ein anderes unfehlbares Mittel. Man müßte alle zwei Stunden ein hartes Ei essen und grüne Spinatblätter auf die Hüften legen. Die andern Frauen blieben ernst. Aber die schielende Augustine, deren Heiterkeiten ganz von selbst kamen, man wußte nie woher, stieß ihr eigenes Gekreisch aus, das wie das Gackern einer Henne war. Man hatte sie vergessen. Gervaise hob den Unterrock hoch und sah sie auf dem Leintuch liegen wie ein Schmutzfink eingerollt, die Füße in der Luft. Sie zog sie hervor und stellte sie mit einer Watschen auf die Beine. Was hatte denn diese Gans zu lachen? Hatte sie zuzuhorchen, wenn die Erwachsenen sich unterhielten! Jetzt solle sie die Wäsche einer Freundin der Frau Lerat forttragen, nach Batignolles. Im Sprechen schob ihr die Meisterin den Korb an den Arm und schob sie zur Türe hinaus. Die Schielende sträubte sich, heulte und ging dann, die Füße im Schnee nachziehend. Mama Coupeau, Frau Putois und Clementine sprachen über die Wirksamkeit der harten Eier und des Spinats. Dann sagte Virginie, träumerisch, das Glas Kaffee in der Hand dasitzend, leise zu Gervaise: »Mein Gott, man schlägt sich, man küßt sich, es geht immer wieder, wenn man nur ein gutes Herz hat.« Sich dann ganz nahe zu Gervaise beugend, sagte sie unter Lachen: »Nein, gewiß nicht, diese Angelegenheit im Waschhaus, Sie wissen, ich trage es Ihnen nicht nach.« Die Büglerin war sehr verlegen. Das hatte sie befürchtet. Jetzt erriet sie, daß auf Lantier und Adèle die Rede kommen würde. Der Ofen surrte, eine erneute Glutwelle strömte vom roten Rohre aus. In dieser Pause, die die Arbeiterinnen solange wie möglich mit ihrem Kaffee ausdehnten, um möglichst spät wieder zur Arbeit zu greifen, schauten sie in den Schnee hinaus mit verschlafenen und gefräßigen Gesichtern. Sie waren bei Geständnissen angekommen; sie teilten sich mit, was sie alles tun würden, wenn sie zweitausend Francs Rente hätten; sie hätten gar nichts gemacht, ganze Nachmittage wären sie so sitzengeblieben, um sich zu erwärmen, und hätten von der Ferne auf die Arbeit gespuckt. Virginie hatte sich Gervaise noch mehr genähert, um von den andern nicht gehört zu werden. Und Gervaise war so feige, sicherlich wegen der allzu großen Hitze, feige und nachgiebig, so daß sie nicht die Kraft fand, die Unterhaltung abzuwenden; sie wartete vielmehr auf die Worte der großen Braunen, das Herz voller Bewegtheit und Freude, ohne es sich eingestehen zu wollen. »Ich tue Ihnen doch nicht weh?« nahm die Näherin die Unterhaltung auf. »Zwanzigmal lag es mir schon auf der Zunge. Endlich, weil wir gerade dabei sind ... nur um zu sagen, nicht wahr? ... Nein, wirklich, ich trage Ihnen das Vergangene nicht nach. Mein Ehrenwort! nicht so viel Rachegefühl habe ich gegen Sie bewahrt.« Sie drehte nochmals den Rest des Kaffees um, um all den Zucker herauszubekommen, trank wieder einige Tropfen unter Schnalzen mit der Zunge. Gervaise wartete mit zugezogenem Halse immer noch, sie fragte sich, ob auch Virginie wirklich ihr die Schläge verziehen hätte; denn sie sah gelbe Sterne in ihren schwarzen Augen aufleuchten. Diese große Teufelin hat sicherlich ihre Rache in die Tasche gesteckt und das Taschentuch obenauf gelegt. »Sie hatten eine Entschuldigung«, fuhr sie fort. »Man hatte Ihnen eine schmutzige Sache gemacht, eine Abscheulichkeit ... Oh, ich bin gerecht, wie Sie wissen! Ich hätte ein Messer genommen.« Wieder trank sie drei Schluck, über den Rand des Glases pfeifend. Dann verließ sie ihre gezogene Stimme und sagte schnell, ohne aufzuhören: »Auch hat ihnen das kein Glück gebracht, ach mein Gott, gar kein Glück! ... Sie wohnten beim Teufel weit draußen neben dem Glacière, in einer schmutzigen Straße, wo immer bis zu den Knien Kot ist. Zwei Tage nachher bin ich zu ihnen eines Morgens gegangen, um mit ihnen zu frühstücken; eine lange Omnibusfahrt dahin, ich versichere Sie! Aber, meine Liebe, ich fand sie schon sich zankend. Als ich eintrat, gaben sie sich Ohrfeigen. Nun, sind das Liebende? ... Sie wissen, Adèle ist nicht den Strick wert, daran aufgehängt zu werden. Es ist meine Schwester, aber das hindert mich nicht, von ihr zu sagen, daß sie in einer schmutzigen Haut steckt. Sie hat mir viel Schweinereien gemacht; es wäre zu lang, das alles zu erzählen, dann sind das auch Dinge, die wir untereinander auszumachen haben ... Lantier, nun Sie kennen ihn ja, er ist auch nicht gut. Ein kleiner Herr, nicht wahr?, der Ihnen alles wegnimmt für ein Ja oder Nein! Und er schließt die Faust, wenn er zuschlägt ... Dann haben sie sich gegenseitig schlecht gemacht. Wenn man die Treppe herauf kam, konnte man schon hören, wie sie sich schlugen. Eines Tages kam sogar die Polizei. Lantier hatte eine Ölsuppe verlangt, eine greuliche Sache, die sie da unten essen; und als Adèle das stinkend fand, da haben sie sich die Ölflasche ins Gesicht geworfen, die Kasserolle, die Suppenschüssel und alles andere; also eine Szene, um ein ganzes Quartier in Revolution zu versetzen.« Sie erzählte noch andere Schlägereien, sie verschwieg nichts über diesen Haushalt, sie wußte Dinge, bei deren Erzählung einem die Haare zu Berge stiegen. Gervaise hörte diese ganze Geschichte an, blaß, ohne ein Wort zu sagen, mit einer kleinen nervösen Falte um die Lippen, was fast wie ein Lächeln aussah. Seit bald sieben Jahren hatte sie nicht mehr von Lantier erzählen hören. Nie hätte sie geglaubt, daß der Name Lantiers, so in ihr Ohr hineingeflüstert, ihr eine solche Hitze in die Magengrube versetzen würde. Nein, sie wußte sich frei von jeder Neugierde darüber, was aus ihm geworden war, der sich so schlecht gegen sie benommen hatte. Sie konnte jetzt nicht mehr eifersüchtig auf Adèle sein; aber innerlich lachte sie über diesen Haushalt, sie sah den Körper des Mädchens voller blauer Flecke, das rächte sie und belustigte sie zugleich. So wäre sie bis zum nächsten Morgen gesessen und hätte den Geschichten Virginies zugehört. Sie stellte keine Fragen, weil sie sich nicht so interessiert zeigen wollte. Jetzt war es, als fülle sich plötzlich ein Loch für sie; ihre Vergangenheit bis zu dieser Stunde war eine Linie bis zur Gegenwart. Virginie steckte nun wieder ihre Nase in das Glas; sie zog an dem Zucker mit halb geschlossenen Augen. Gervaise fand, daß sie endlich etwas sagen mußte, nahm nun eine gleichgültige Miene an und fragte: »Und sie leben immer noch in der Glacière?« »Aber nein!« antwortete die andere; »habe ich Ihnen denn nicht erzählt? ... Seit acht Tagen sind sie nicht mehr beieinander. Eines schönen Morgens packte Adèle ihre Lumpen und ist gegangen, und Lantier ist ihr nicht nachgezogen, wie Sie sich denken können.« Die Büglerin ließ einen leisen Schrei hören, immer wiederholend: »Sie sind nicht mehr zusammen?« »Wer denn?« fragte Clementine, ihre Unterhaltung mit Mama Coupeau und Frau Putois unterbrechend. »Niemand,« sagte Virginie; »Leute, die Sie nicht kennen.« Sie schaute auf Gervaise und fand sie sehr gerührt. Sie näherte sich, schien einen bösen Spaß daran zu finden, ihre Geschichten zu wiederholen. Plötzlich fragte sie, was sie tun würde, wenn Lantier wieder zu ihr zurücklaufen würde; denn, die Männer sind doch so komisch, Lantier wäre imstande, zu seiner ersten Liebe zurückzukehren. Gervaise flog zurück, zeigte sich ehrbar und würdig. Sie sei verheiratet und würde Lantier hinaussetzen, das ist alles. Es konnte nichts mehr zwischen ihnen stattfinden, nicht einmal ein Händedruck. Wirklich, sie müßte kein Herz haben, wenn sie diesem Manne eines Tages wieder ins Gesicht sehen würde. »Ich weiß wohl,« sagte sie, »Etienne ist von ihm, es ist ein Band, das ich nicht zerreißen kann. Wenn Lantier den Wunsch hat, Etienne zu umarmen, würde ich ihn ihm schicken, denn man kann keinen Vater daran hindern, sein Kind gern zu haben. Was mich aber anbelangt, sehen Sie Frau Poisson, ich ließe mich lieber in kleine Stücke hacken, ehe ich ihm erlaubte, mich mit dem kleinen Finger anzurühren ... Das ist aus.« Indem sie dies sagte, zeichnete sie ein Kreuz in die Luft, um so auf ewig ihren Schwur zu bekräftigen. Sie wollte diese Unterhaltung nun abbrechen, sie schien aufzuwachen und rief aufstehend ihren Arbeiterinnen zu: »Sagt einmal, ihr da, glaubt ihr, daß sich die Wäsche allein bügelt? ... Das sind Faulenzer! ... Schnell, an die Arbeit!« Die Arbeiterinnen die von ihrer Faulheit befallen waren, beeilten sich nicht, die Arme hingen an den Röcken herab, immer noch hielten sie mit der einen Hand das leere Glas, worin noch etwas Kaffeesatz blieb. Sie sprachen weiter. »Es war die kleine Celestine,« sagte Clementine. »Ich habe sie gekannt. Sie hatte die Narrheit der Katzenhaare ... Sie wissen, sie sah überall Katzenhaare, sie drehte immer ihre Zunge so heraus, weil sie glaubte, den ganzen Mund voller Katzenhaare zu haben.« »Ich,« erwiderte Frau Putois, »hatte eine Freundin, eine Frau, die hatte einen Wurm ... Oh, diese Tiere haben Kaprizen! ... Er drehte ihr den Leib um, wenn sie ihm kein Hühnerfleisch gab. Sie können sich denken, der Mann verdiente keine sieben Francs, das ging alles auf Schleckereien für den Wurm.« »Den hätte ich schnell kuriert,« sagte Mama Coupeau. »Mein Gott! ja, man schluckt eine gebratene Maus. Das vergiftet den Wurm sofort.« Gervaise war auch wieder in eine glückliche Träumerei versunken. Aber sie schüttelte sie ab, stand auf. Aber, was für ein Nachmittag, wie die Waschlappen hinzubringen! Das fülle die Geldbeutel nicht! Als erste ging sie zu ihren Vorhängen zurück; sie fand einen Kaffeefleck darauf und sie mußte ihn mit einem feuchten Tuch ausputzen, ehe sie wieder das Eisen daraufstellte. Die Arbeiterinnen streckten sich vor dem Ofen, ihre Gelenke krachten. Sobald Clementine sich bewegte, fing sie wieder an zu husten und auszuspucken; dann machte sie ihr Herrenhemd fertig, die Manschetten und den Kragen daranheftend. Frau Putois machte sich wieder an ihren Unterrock. »Nun denn, auf Wiedersehen,« sagte Virginie. »Ich war heruntergekommen, um ein Viertel Käse zu holen. Poisson wird glauben, daß ich erfroren bin.« Als sie drei Schritte auf dem Gehweg gemacht hatte, kam sie an die Türe zurück und sagte, daß sie Augustine am Ende der Straße sehe, sie schlitterte mit den Gassenbuben. Diese Kröte war schon zwei lange Stunden fort. Sie kam dahergesprungen, rot, ohne Atem, den Korb am Arm, die Haare von einem Schneeball verfilzt; sie ließ sich zerknirscht auszanken, erzählend, man könne nicht gehen vor lauter Glatteis. Einige Taugenichtse mußten ihr Eis in die Taschen gesteckt haben aus Bosheit; denn nach einer Viertelstunde goß es aus ihren Taschen herunter auf den Boden des Ladens wie aus einem Trichter. Jetzt verliefen fast alle Nachmittage gleich. Der Laden wurde zum Zufluchtsort für alle erfrorenen Leute. Die ganze Rue de la Goutte d'Or wußte, daß es da warm war. Immerfort waren schwatzhafte Frauen da, vom Feuer des Ofens zehrend, die Kleider bis zu den Knien aufgehoben, um sich zu wärmen. Gervaise war stolz auf diese Wärme, sie zog Leute an, sie hielt Salon, wie böswillig die Lorilleux' und Boches sagten. In Wahrheit blieb sie hilfsbereit und gütig, sie ging so weit und ließ Arme eintreten, wenn sie sie draußen frieren sah. Sie machte Freundschaft mit einem ehemaligen Maler, einem Greis von siebzig Jahren, der im Hause ein Loch bewohnte, worin er vor Hunger und Kälte fast umkam; er hatte in der Krim seine drei Söhne verloren, er lebte von Unterstützung seit zwei Jahren, seitdem er keinen Pinsel mehr halten konnte. Sobald Gervaise den Vater Bru sah, wenn er im Schnee stampfte, um sich zu erwärmen, rief sie ihn und machte ihm einen Platz neben dem Ofen frei; oft zwang sie ihn, ein Stück Brot mit Käse zu essen. Vater Bru blieb nun stundenlang sitzen, er hatte einen weißen Bart, die Haut so verwelkt wie bei einem alten Apfel, er horchte auf das Fallen des Kokses im Ofen und sagte kein Wort. Vielleicht dachte er an die fünfzig Jahre, in denen er auf den Leitern herumtanzte, dieses halbe Jahrhundert, in dem er an allen Enden von Paris Türen strich und Plafonds weißte. »Nun, Vater Bru, an was denken Sie denn?« fragte ihn Gervaise manchmal. »An nichts, an alles Mögliche«, antwortete er mit erschrockener Stimme. Die Arbeiterinnen spotteten manchmal, er habe Herzenskummer. Aber er gab keine Antwort darauf und verfiel wieder in Schweigen, in der Haltung eines Überlegenden und Abgestumpften. Von dieser Zeit ab sprach Virginie oft mit Gervaise über Lantier. Es schien, als ob sie selbst Freude daran hatte, sie über ihren alten Liebhaber zu unterhalten, des Vergnügens willen sie plötzlich in Verlegenheit zu sehen, wenn sie irgendwelche Vermutungen aussprach. Eines Tages sagte sie, daß sie ihm begegnet wäre; und als die Büglerin stumm blieb, fügte sie nichts weiter hinzu; am nächsten Tage aber sagte sie, daß er lange von ihr mit ihr gesprochen habe, und das mit viel Zärtlichkeit. Gervaise war durch diese Unterhaltungen, die in einem Winkel der Boutique geführt wurde, sehr erregt. Lantiers Name gab ihr immer einen Stich in den Magen, als ob dieser Mann etwas von sich unter ihrer Haut zurückgelassen hätte. Ja, sicherlich wollte sie wie eine ehrliche Frau leben, weil die Ehrlichkeit doch das halbe Glück ausmacht. Sie dachte bei all dem gar nicht an Coupeau in dieser Angelegenheit, denn sie hatte sich ihrem Manne gegenüber gar nichts vorzuwerfen, nicht einmal in Gedanken. Sie dachte an den Schmied mit krankem und zögerndem Herzen. Fast erschien es ihr, als wäre die Erinnerung an Lantier, in die sie nun wieder eingesponnen wurde, eine Untreue an Goujet, an ihre uneingestandene Liebe und zarte Freundschaft. Sie erlebte traurige Tage, in denen sie an Goujet dachte und sich schuldig fand. Sie hätte außerhalb ihres Haushaltes nur Freundschaft für ihn empfinden mögen. Das stand alles sehr hoch in ihrem Gefühl, außerhalb jeder Gemeinheit, die Virginie in ihrem Gesicht suchte. Als der Frühling kam, flüchtete Gervaise zu Goujet. Sie konnte an nichts anderes mehr denken; auf einem Stuhle sitzend, dachte sie immer an ihren ersten Geliebten. Sie sah immer, wie er Adèle verließ, seine Wäsche in den alten Koffer packte, wieder zu ihr zurückkehrte, den Koffer auf dem Wagen. An den Tagen, an denen sie ausging, war sie immer voller Entsetzen und von Furcht ergriffen in der Straße; sie glaubte stets Lantiers Schritt hinter sich zu hören, zitternd, wagte sie es nicht, sich umzudrehen; sie fühlte seine Hand um ihre Taille. Gewiß beobachtete er sie; eines Nachmittags wird er sie ansprechen; und diese Gedanken verursachten ihr kalten Schweiß, denn er würde sie in die Ohren küssen, wie er es früher getan hatte. Gerade dieser Kuß entsetzte sie, schon im voraus, er betäubte und versetzte ihr ein Sausen, in dem sie nur noch den Schlag ihres heftig klopfenden Herzens verspürte. Wenn sie jetzt diese Angst packte, war die Schmiede ihr einziger Zufluchtsort; dort wurde sie ruhig und lustig, unter Goujets Schutz, dessen tiefer Hammerschlag alle bösen Träume verscheuchte. Welch glückliche Jahreszeit! Die Büglerin pflegte ganz besonders gut die Kundschaft aus der Rue-Portes des Manches; stets brachte sie ihr die Wäsche selbst, weil dieser Gang jeden Freitag ihr einen Vorwand gab, durch die Rue Marcadet zu gehen und in die Schmiede einzutreten. Sobald sie um die Straßenecke herum war, fühlte sie sich erleichtert, lustig, als wenn sie eine Landpartie machen würde, mitten unter diesen verlorenen Liegenschaften voller grauer Fabriken; die Gehwege schwarz von Kohlenstaub, die Helme der Abzugsrohre auf den Dächern, das alles belustigte sie ebenso, als wäre sie auf grünen Wegen auf dem Lande und ginge in lauter grüne Wälder hinein; sie liebte den fahlen Himmel, der voll lauter großer Fabrikskamine wie gestreift war; der Hügel von Montmartre, der den Himmel verdeckte, mit seinen kreidigen Häusern, von den regelmäßigen Löchern der Fenster durchbohrt. Dann verlangsamte sie den Schritt im Näherkommen, sprang über die Wasserpfützen, machte sich eine Freude daraus, durch die verlassenen Winkel zu gehen, die durch den Abbruch der Schuppen verursacht wurden. Im Hintergrund leuchtete die Schmiede, selbst am hellen Mittag. Ihr Herz hüpfte mit dem Hammerschlag im Takt. Als sie eintrat, war sie ganz rot, ihr blondes Haar im Genick zerzaust wie bei einer Frau, die von einem Stelldichein kommt. Goujet erwartete sie, mit nackten Armen, nackter Brust, noch stärker an diesen Tagen auf den Amboß klopfend, damit man ihn von weitem höre. Er witterte sie, empfing sie mit einem schweigenden guten Lachen zwischen seinem gelben Bart. Sie wollte aber nicht, daß er sich bei der Arbeit stören ließ, sie bat ihn, den Hammer wieder aufzunehmen, weil sie ihn noch lieber habe, wenn er ihn mit seinem starken Arme hob, der ganz buckelig vor lauter Muskeln war. Sie gab Etienne, der am Blasebalg hing, einen leisen Schlag auf die Wange, und so blieb sie etwa eine Stunde lang und betrachtete die Bolzen. Nicht zehn Worte wechselten sie. In keinem Zimmer, doppelt verschlossen, hätten sie ihre Liebe besser befriedigen können. Die Späße der Salzfresse störten sie nicht, sie hörten sie gar nicht. Nach einer Viertelstunde etwa fing sie an, das Gefühl der Erstickung zu bekommen; die Hitze, der starke Geruch, der aufsteigende Rauch betäubte sie, während die dumpfen Schläge sie von der Ferse bis zum Hals erschütterten. Dann hatte sie keinen Wunsch mehr, das war ihr Vergnügen. Hätte sie Goujet in seine Arme gepreßt, es wäre ihr auch keine größere Erschütterung gewesen. Sie näherte sich ihm, um den Wind seines Hammers auf ihrer Wange zu spüren, um unter dem Schlag zu sein, den er führte. Wenn die sprühenden Funken ihr die zarte Haut ihrer Hände traf, zog sie sie nicht zurück, sie freute sich über diesen Feuerregen, der ihr die Haut prickelte. Er erriet wohl, welch ein Vergnügen ihr das bereitete; er hob die diffizilen Arbeiten immer für diesen Tag auf, um ihr den Hof zu machen, wenn er all seine Kraft und Geschicklichkeit zeigte; er schonte sich nicht, und wenn er auch den Amboß entzweigeschlagen hätte; er schnaufte und zitterte in den Hüften, vor Freude, die er an ihr hatte. Im Frühling erfüllte ihre Liebe die Schmiede wie ein donnerndes Gewitter. Es war eine Idylle in dieser Beschäftigung des Riesen, mitten in den Flammen der Schmiedehöhle, der Erschütterung des Schuppens und dem schwarzen Kienruß im Holzwerk, das krachte. All das zerstampfte Eisen wie geschmolzenes rotes Wachs, das alles trug die rohen Zeichen ihrer Zärtlichkeit. Am Freitag, wenn die Büglerin die Goldschnauze verließ, ging sie wieder langsam die Rue des Poissonniers zurück, zufrieden, müde, Geist und Fleisch beruhigt. Nach und nach verließ sie diese Angst vor Lantier, sie wurde wieder vernünftig. Zu dieser Zeit wäre sie noch sehr glücklich gewesen ohne Coupeau, der entschieden schlecht wurde. Eines Tages, als sie gerade aus der Schmiede heimkam, glaubte sie Coupeau im »Totschläger« beim Vater Colombe zu erkennen, der mit Mes-Bottes, Bibi-la-Grillade und der Salzfresse Runden Vitriol trank. Sie ging schnell vorüber, um ja nicht den Eindruck zu erwecken, daß sie ihn ausspioniere. Sie schaute aber doch zurück; ja, das war Coupeau, der sich sein kleines Glas Schnaps hinter die Kehle goß, ganz schon daran gewöhnt. Er log also, er war schon beim Schnaps angelangt! Sie ging rasch heim, ganz entsetzt: ihre große Angst vor dem Schnaps kam wieder über sie. Den Wein, ja, das verzieh sie, weil der Wein den Arbeiter ernährt; Schnäpse aber waren Schweinereien, Gift, das dem Arbeiter die Lust zum Brot nimmt. Ah! die Regierung könnte wohl verhindern, daß solche Gemeinheiten hergestellt werden dürfen! Als sie in die Rue de la Goutte d'Or kam, fand sie das ganze Haus in heller Bestürzung. Ihre Arbeiterinnen hatten den Werktisch verlassen, standen im Hofe und schauten in die Luft. Sie fragte Clementine. »Es ist Vater Bijard, der seine Frau schlägt,« erwiderte die Büglerin. »Er stand unter der Türe, betrunken wie ein Pole, und wartete auf sie, bis sie aus dem Waschhaus kam ... Unter Faustschlägen mußte sie die Treppen hinaufsteigen und jetzt bringt er sie da oben um in ihrem Zimmer... Hören Sie dies Geschrei?« Gervaise ging schnell hinauf. Sie hatte ein Freundschaftsgefühl für Frau Bijard, ihre Wäscherin, die eine sehr mutige Frau war. Sie hoffte, Einhalt zu tun. Oben, im sechsten Stock, war die Türe offen geblieben, einige Mieter riefen auf dem Gang und Frau Boche vor der Türe schrie: »Wollt ihr aufhören! Man wird die Polizei holen, hört ihr?« Niemand wagte sich ins Zimmer hinein, weil man Bijard kannte, ein brutales Tier, wenn er betrunken war. Übrigens war er niemals nüchtern. Die seltenen Tage, an denen er überhaupt arbeitete, stellte er eine Literflasche mit Schnaps neben seine Werkstelle in der Schlosserei, alle halbe Stunden ein tüchtigen Trunk machend. Er konnte nicht mehr anders gehen, es hätte sich entzündet, wenn man ein Streichholz vor seinen Mund gehalten hätte. »Aber man kann sie doch nicht sich umbringen lassen!« sagte Gervaise zitternd. Und sie ging hinein. Das Mansardenzimmer war sehr sauber, aber kahl und kalt, ausgeleert durch die Trunksucht des Mannes, der die Bettücher forttrug, um sie zu vertrinken. Im Kampf war der Tisch bis zum Fenster gerollt, umgefallen, mit den Beinen in der Luft lag er da. Auf dem Boden Frau Bijard, die Röcke noch ganz naß vom Waschhaus, sie klebten an ihren Beinen, die Haare waren ausgerissen und blutig, sie keuchte unter heftigem Atem, bei jedem Fußtritt Bijards ließ sie einen langgedehnten Klagelaut hören. Erst hatte er sie mit beiden Fäusten niedergeschlagen, jetzt behandelte er sie mit Fußtritten. »Ah! Dirne ... ah! Dirne ... ah! Dirne ...« rief er mit erstickter Stimme und begleitete mit jedem Wort den Stoß, erschöpfte sich vollständig in der Wiederholung; je mehr, desto härter schlug er zu. Dann ging ihm die Stimme aus, er schlug immer noch ganz blind darauf los, steif in seiner blauen Leinenhose und zerlumpten Jacke, das Gesicht blau unter dem schmutzigen Bart und seine Glatze gesteckt voll großer roter Punkte. Auf dem Gang erzählten sie, er schlüge sie, weil sie ihm nicht zwanzig Sous geben wollte am Morgen. Unten an der Treppe hörte man Boches Stimme, die rief: »Komm herunter, laß sie sich totschlagen, das macht eine Kanaille weniger!« Doch auch Vater Bru war Gervaise ins Zimmer gefolgt. Zu zweien nun versuchten sie den Schlosser zu beruhigen und ihn gegen die Türe zu stoßen. Aber er drehte sich um, stumm, mit Schaum vor dem Mund; in seinen blassen Augen, worin der Alkohol leuchtete, war eine Mordflamme entfacht. Die Büglerin bekam das Gelenk verletzt; der alte Arbeiter fiel fast auf den Tisch. Am Boden schnaufte Frau Bijard stärker, den Mund weit offen, die Augen geschlossen. Jetzt hatte sie Bijard verfehlt; er kam zurück, schlug nach allen Seiten, sich selbst, blind und wütend traf er sich und die Luft. Während dieser ganzen Schlägerei sah Gervaise die kleine Lalie in einer Ecke sitzen, sie war jetzt vier Jahre alt und sah zu, wie der Vater die Mutter umbrachte. Das Kind hielt seine kleine Schwester Henriette gegen sich gedrückt, wie um sie zu schützen; sie war erst seit gestern der Muttermilch entwöhnt. Sie stand, den Kopf in einen indischen Kopfputz gewickelt, blaß und ernst. Sie hatte einen offenen schwarzen Blick, von einem Ausdruck voller Gedanken, ohne Tränen. Als Bijard auf einen Stuhl sank und zu schnarchen anfing, half Vater Bru Gervaise, Frau Bijard aufzuheben. Jetzt fing sie an zu weinen; Lalie, die nähergekommen war, sah ihr zu, gewöhnt an solche Szenen und schon resigniert. Die Büglerin sah im Hinuntergehen, im jetzt ruhig gewordenen Hause, immer noch diesen Kindesblick von vier Jahren, der mutig und ernst war wie ein Frauenblick. »Herr Coupeau ist drüben auf dem Gehweg gegenüber,« rief ihr Clementine zu, sobald sie sie erblickte. »Der sieht auch voll genug aus!« Coupeau kam gerade über die Straße herüber, fast hätte er eine Scheibe mit der Schulter eingedrückt, als er die Türe verfehlte. Er war stark betrunken, die Zähne hielt er aufeinandergepreßt mit eingezogener Nase. Und Gervaise erkannte sofort den Schnaps aus dem »Totschläger« in diesem vergifteten Blut, das die Haut weiß macht. Sie wollte lachen, ihn zu Bette legen, wie stets an den Tagen, wo er Wein getrunken hatte und ein gutes Kind war. Aber er stieß sie weg, ohne die Zähne auseinanderzubringen; nur im Vorbeigehen, da er selbst sein Bett aufsuchen ging, hob er die Faust gegen sie auf. Er sah dem andern so ähnlich, dem Trunkenbold, der da oben schnarchte, müde vom Schlagen. Da wurde ihr ganz kalt, sie dachte an die Männer, ihren Mann, an Goujet, Lantier, mit brechendem Herzen, verzweifelt darüber, nie glücklich sein zu können. 7 Gervaises Namenstag fiel auf den 19. Juni. An Festtagen stellte man bei Coupeaus alles auf den Kopf; das waren Gelage, bei denen man dick wie Bälle herauskam und den Bauch für den Rest der Woche voll hatte. Generalwünsche im Geldbeutel. Sobald man vier Sous in diesem Haushalt hatte, wurde es hinausgeschmissen. Man erfand Heilige im Kalender, damit man Vorwände für Schlemmereien hatte. Virginie gab Gervaise vollkommen recht, daß sie sich gute Stücke unter die Nase schob. Wenn man einen Mann habe, der alles vertrinkt, nicht wahr? Es ist besser, erst den Magen zu stopfen, ehe man das Haus in Getränke verschwinden läßt. Da das Geld doch davonläuft, kann man ebensogut den Metzger wie den Weinhändler verdienen lassen. Die schleckhaft gewordene Gervaise ließ diese Entschuldigungen gelten. Um so schlimmer, Coupeau war schuld daran, er spare keinen Heller. Sie war noch dicker geworden, sie hinkte stärker, weil das Bein, je dicker es wurde, um so kürzer schien. Schon einen Monat lang früher sprach man in diesem Jahre von dem Fest. Man suchte Platten aus, leckte sich die Lippen. Der ganze Laden hatte eine verfluchte Lust zu tadeln. Es mußte zum Sterben lustig sein, etwas Außergewöhnliches und Gelungenes. Mein Gott, nicht jeder Tag war Festtag. Die große Sorge der Büglerin war, wen sie alles einladen wollte; sie wollte zwölf Personen bei Tisch haben, nicht weniger, nicht mehr. Sie und ihr Mann, Mama Coupeau und Frau Lerat, schon vier Personen von der Familie. Sie würde auch die Goujets und die Poissons einladen. Zuerst wollte sie ihre Arbeiterinnen Frau Putois und Clementine ausschließen, damit sie nicht zu familiär würden; aber da man immer von dem Feste vor ihnen sprach und ihre Nasen immer länger wurden, so sagte sie ihnen, sie möchten kommen. Vier und vier sind acht und zwei sind zehn. Da sie ihre zwölf komplett haben wollte, entschloß sie sich, sich mit den Lorilleux' auszusöhnen, die seit einiger Zeit wieder um sie herumliefen; so wurde beschlossen, daß die Lorilleux' zum Essen herunterkommen, und mit dem Glas in der Hand würde man sich versöhnen. Man kann in der Familie nicht ewig böse sein. Dann erweichte auch der Gedanke an das Fest alle Herzen. Es war eine Gelegenheit, die man nicht vorbeigehen lassen konnte. Als die Boches von der bevorstehenden Aussöhnung mit den Lorilleux' hörten, näherten sie sich sofort Gervaise wieder unter Höflichkeitsbezeugungen und entgegenkommendem Lächeln; nun man mußte auch sie zum Essen bitten. So, nun wäre man vierzehn, ohne die Kinder zu zählen. Noch nie hatte sie ein solches Essen gegeben, sie war ganz stolz darauf. Das Fest fiel gerade auf einen Montag. Das war ein Glück: Gervaise rechnete damit, am Sonntag nachmittag mit dem Kochen zu beginnen. Am Samstag, während die Büglerinnen ihre Arbeit vollendeten, entstand eine lange Diskussion darüber, was gegessen werden solle. Eines stand schon seit drei Wochen fest: eine Gans, eine fette gebratene Gans. Man sprach mit lüsternen Augen darüber. Auch war die Gans schon gekauft. Mama Coupeau holte sie, um Clementine und Frau Putois das Gewicht probieren zu lassen. Und es war ein Ausruf des Entzückens, so groß kam allen das Tier vor mit seiner festen Haut, die ganz über gelbem Fett gepolstert war. »Vorher die Fleischbrühe, nicht wahr?« sagte Gervaise. »Die Suppe und etwas Fleisch, das ist immer gut ... Dann brauchten wir eine Platte mit einer Sauce.« Die große Clementine schlug ein Kaninchen vor; aber das bekam man überall; jedem stand es schon zum Hals heraus. Gervaise wollte etwas Distinguierteres haben. Frau Putois sprach von einer Kalbskeule, alle schauten sich mit wachsendem Grinsen an. Das war eine gute Idee; nichts Feineres wie eine Kalbskeule. »Nachher brauchten wir noch eine Platte mit einer Sauce.« Mama Coupeau schlug einen Fisch vor. Aber alle andern machten Grimassen und schlugen heftiger mit den Eisen auf. Niemand liebte Fisch; das hielt nicht im Magen und war voller Gräten. Die schielende Augustine wagte zu sagen, sie liebe die Gräten, was ihr eine Ohrfeige von Clementine zuzog. Endlich fand die Meisterin einen Schweinsrücken mit Kartoffeln, der die Gesichter wieder leuchten ließ, als Virginie wie ein Wirbelwind mit gerötetem Gesicht eintrat. »Sie kommen gerade recht!« rief Gervaise. »Mama Coupeau, zeigen Sie ihr doch einmal das Tier.« Und Mama Coupeau holte zum zweiten Male die fette Gans, die Virginie auf den Arm nehmen mußte. Sie rief aus: »Sapperlot! wie schwer sie ist!« Aber sie setzte sie gleich an den Rand des Arbeitstisches, zwischen einen Unterrock und ein Paket Hemden. Sie hatte ihr Hirn anderswo; sie zog Gervaise in das hintere Zimmer. »Meine Kleine,« sagte sie leise und schnell, »ich komme Sie warnen ... Wissen Sie, wem ich am Ende der Straße begegnete? Lantier. Da steht er herum und spioniert ... Daraufhin bin ich hergelaufen. Ich ängstigte mich für Sie.« Die Büglerin war ganz blaß geworden. Was will er denn von ihr, dieser Unglückliche? Und gerade jetzt, mitten in die Vorbereitungen zum Fest. Nie hatte sie Glück; nie durfte sie in Ruhe sich freuen. Aber Virginie sagte, sie wäre schön dumm, daß sie sich darüber Sorge mache. Wenn Lantier sich erdreisten würde, ihr nachzulaufen, solle sie einen Polizisten rufen und ihn einsperren lassen. Seit einem Monat, seitdem ihr Mann die Stelle als Polizist erhalten hatte, nahm die große Braune sehr herrenmäßige Manieren an und sprach davon, jedermann verhaften zu lassen. Sie sprach lauter, wünschte in der Straße angesprochen zu werden, zu dem einzigen Zweck, um den Unverschämten selbst auf die Polizei und zu Poisson führen zu können; so daß Gervaise erschreckt halt gebot, weil die Arbeiterinnen schon horchten. Sie kam zuerst in den Laden zurück; sie sagte ganz ruhig: »Und jetzt brauchen wir noch ein Gemüse!« »Ja, grüne Erbsen in Speck,« sagte Virginie. »Ich esse nur davon.« »Ja, ja, Erbsen in Speck!« bestätigten alle zusammen, während Augustine vor lauter Enthusiasmus mit dem Schürhaken in den Ofen hineinfuhr. Am folgenden Tag, Sonntag, zündete Mama Coupeau schon um drei Uhr nachmittag beide Öfen in der Wohnung an und noch einen dritten, eine Gußschale, die sie sich von den Boches ausgeliehen hatten. Um halb vier kochte schon die Fleischbrühe in einer großen Kasserolle, die sie sich vom Restaurant nebenan ausgeborgt hatten, denn die ihre war doch zu klein. Man hatte beschlossen, auch die Kalbskeule und den Schweinerücken am Vorabend zu machen, weil diese Gerichte aufgewärmt besser schmeckten; doch wird man die Weißweinsauce erst im Moment anmachen, wenn man sich zu Tisch setzte. Es blieb für Montag noch genug zu tun, die Suppe, die Speckerbsen und die Gans zu braten. Das Hintere Zimmer war vom Feuer der drei Öfen ganz beleuchtet; braune Buttersauce briet in der Pfanne und ein starker Geruch von gebranntem Mehl stieg auf, während der große Fleischtopf ganze Dampfstöße ausstieß wie bei einer Dampfmaschine, in den Seiten geschüttelt von dem Gluglu des Siedens. Mama Coupeau und Gervaise hatten beide weiße Schürzen vorgebunden, sie erfüllten den ganzen Raum durch ihr Hin und Her nach Salz, Pfeffer, putzten Petersilie und wendeten mit dem Kochlöffel das Fleisch. Coupeau hatten sie hinausbefördert, um mehr Platz zu haben. Aber trotzdem waren den ganzen Nachmittag Leute bei ihnen. Die Küche roch so gut durch das ganze Haus, daß die Nachbarinnen eine nach der andern herunterkamen unter irgendeinem Vorwand, doch nur, um zu sehen, was gekocht würde; und sie blieben stehen, bis die Büglerin notgedrungen einmal den Deckel heben mußte. Gegen fünf Uhr kam Virginie; sie hatte Lantier wieder gesehen; man konnte schon keinen Fuß mehr vor die Türe stellen, ohne ihm zu begegnen. Auch Frau Boche sah ihn am Ende des Gehweges und streckte betroffen den Kopf vor. Gervaise, die gerade eine gebrannte Zwiebel für die Bouillon holen wollte, traute sich nicht mehr hinaus, so sehr zitterte sie; um so mehr, als die Hausbesorgerin und Virginie sie noch mehr erschreckten, indem sie schreckliche Geschichten erzählten von Männern, die Pistolen und Messer unter ihren Röcken versteckt hielten, die auf die Frauen warteten. Ja, gewiß, jeden Tag konnte man das in der Zeitung lesen; wenn so ein Lump eine alte Liebe glücklich sieht, wird er wütend und ist zu allem fähig. Virginie bot sich dienstbereit an, die gebrannten Zwiebeln zu holen. Man muß sich doch – Frauen untereinander – helfen, man konnte diese Kleine doch nicht umbringen lassen. Als sie zurückkam, sagte sie, daß Lantier nicht mehr da wäre; er ist gewiß fortgelaufen, als er merkte, daß er entdeckt sei. Die Unterhaltung um die Kochtöpfe herum drehte sich nichtsdestoweniger bis zum Abend um ihn. Frau Boche schlug vor, Coupeau zu unterrichten, aber Gervaise bat erschrocken, man möge vor ihm nichts davon erwähnen. Ach, das wäre schön! Ihr Mann müsse ohnehin schon etwas bemerkt haben, denn seit einigen Tagen fluche er abends, wenn er schlafen ginge, und gebe Faustschläge auf die Wände. Sie zittere, wenn sie daran denke, daß zwei Männer ihretwegen sich aufessen würden; sie kannte Coupeau: er ist so eifersüchtig, er würde sich mit einer Blechschere auf Lautier stürzen. Während sich alle vier in dieses Drama vertieften, verdichteten sich langsam die Saucen auf den Ofen, die mit Asche bedeckt waren; als Mama Coupeau die Weinsauce und den Schweinsrücken aufdeckte, hörte man ein leises und diskretes Knistern; die Bouillon behielt ihr Schnarchen wie ein Kantor, der, den Bauch an der Sonne, eingeschlafen ist. Sie endeten damit, daß sich jede eine Tasse davon einschenkte, um sie zu versuchen. Endlich kam der Montag. Da Gervaise jetzt vierzehn Personen unterbringen mußte, fürchtete sie, nicht genug Platz zu haben. So entschloß sie sich, im Laden aufzudecken; schon am frühen Morgen maß sie mit dem Zentimetermaß, um herauszubekommen, in welcher Richtung sie den Tisch stellen würde. Dann mußte man die Wäsche wegtun, den Werktisch abräumen, die Teile auf andere Stützen legen, damit er als Eßtisch dienen könne. Aber mitten in all dieser Umräumung kam eine Kundschaft herein und machte eine schreckliche Szene, weil sie ihre Wäsche seit dem Freitag erwartete; man mache sich wohl lustig über sie, sie wolle ihre Wäsche, sofort. Dann entschuldigte sich Gervaise und log seelenruhig; es war nicht ihre Schuld, sie putze ihren Laden, die Arbeiterinnen kämen erst am folgenden Tage wieder; und so schickte sie die Kundschaft wieder beruhigt fort, ihr versprechend, daß sie sich als erste um sie kümmern würde. Als sie aber draußen war, sprach sie ihr böse Worte nach. Wirklich, wenn man nur auf seine Kunden hören würde, käme man nicht einmal zum Essen, sein ganzes Leben brächte man nur damit zu, für sie zu arbeiten. Man war doch kein Kettenhund! Ja, und wenn der Großtürke selbst in Person kommen würde und ihr einen Kragen brächte, bei dem sie hunderttausend Francs verdient hatte, sie hätte an diesem Montag keinen Bügelstrich getan, weil das nun ihr Recht wäre, sich einmal zu amüsieren. Der ganze Morgen ging darauf, die Einkäufe zu vollenden. Dreimal ging Gervaise aus und kam jedesmal wie ein Maulesel beladen heim. Als sie dann wieder gehen wollte, um den Wein zu bestellen, bemerkte sie, daß sie nicht mehr genug Geld hatte. Sie hätte auch den Wein auf Kredit nehmen können; doch konnte das Haus auch nicht ohne einen Sou bleiben, der tausend Kleinigkeiten wegen, an die man nicht immer denkt. Und im Hinterzimmer rechnete sie mit Mama Coupeau; sie verzweifelten, denn sie brauchten dazu wenigstens zwanzig Francs. Wo sie finden, diese vierhundert Sousstücke? Mama Coupeau, die den Haushalt einer kleinen Schauspielerin am Theater Batignolles besorgt hatte, sprach zuerst vom Leihhaus. Gervaise lachte erleichtert. Wie war sie doch dumm, sie dachte gar nicht mehr daran. Schnell tat sie ihr schwarzes Seidenkleid in eine Serviette und steckte sie mit Stecknadeln zusammen. Dann versteckte sie das Paket selbst unter der Schürze der Mama Coupeau, ihr einschärfend, sie möge es, der Nachbarn wegen, sehr flach auf ihren Bauch angedrückt tragen, es brauche das niemand zu wissen; sie trat selbst auf die Schwelle, um nachzusehen, ob der alten Frau niemand nachfolge. Aber noch war sie nicht bis zur Kohlenhändlerin gekommen, als sie ihr zurief: »Mama, Mama!« Sie hieß sie nochmals in den Laden zurückkommen, nahm ihren Ehering vom Finger, indem sie sagte: »Hier, tue das noch dazu. Wir werden umsomehr haben.« Als Mama Coupeau ihr fünfundzwanzig Francs zurückbrachte, tanzte sie vor Freude. Sie ging nun sechs Flaschen mehr bestellen, vom Gesiegelten, den wolle man zum Braten trinken. Die Lorilleux' würden platzen. Seit vierzehn Tagen träumten Coupeaus nur davon, die Lorilleux' zum Platzen zu bringen. Schlossen sich denn diese Duckmäuser, der Mann sowie die Frau, ein schönes Paar, wirklich nicht ein, wenn sie etwas Gutes aßen, als wenn man sie bestehlen würde? Ja, sie stopften die Fenster mit einer Decke zu, damit man denken solle, sie schliefen. Das hinderte die Leute hinaufzugehen; sie stopften sich allein voll, sie beeilten sich und sprachen kein lautes Wort. Und am andern Tage hüten sie sich, die Knochen auf den Kehricht zu werfen, weil man sonst gewußt hätte, was sie gegessen haben; Frau Lorilleux trug sie bis ans Ende der Straße, da warf sie sie in den Kehricht; eines Morgens hatte sie Gervaise überrascht, als sie den Korb voller Austernschalen ausleerte. Nein, sicher nicht, diese Geizhälse hatten keine breiten Schultern, sie taten alles, um arm zu erscheinen. Nun, jetzt würde man ihnen eine gute Lektion geben, man würde ihnen zeigen, wie wenig geizig man ist. Gervaise hätte ihren Tisch mitten auf die Straße gestellt, wenn sie es gekonnt hätte, sie hätte dann jeden, der vorüber ging, eingeladen. Das Geld, nicht wahr? ist nicht erfunden worden, damit es schimmle. Es ist schön, wenn es neu an der Sonne leuchtet. Jenen sah sie so wenig ähnlich; an den Tagen, an denen sie nur zwanzig Sous hatte, richtete sie es so ein, daß man glauben solle, sie hätte deren vierzig. Von drei Uhr ab, während sie den Tisch deckten, sprachen Mama Coupeau und Gervaise von den Lorilleux'. Sie hatten hinter dem Schaufenster große Vorhänge aufgehängt; da es aber heiß war, ließ man die Türe offen, die ganze Straße konnte den Tisch sehen. Die beiden Frauen stellten keine Flasche, keine Karaffe, kein Salzfaß auf den Tisch, ohne eine boshafte Bemerkung über die Lorilleux' zu machen. Sie setzten sie so, daß sie das ganze herrliche Gedeck übersehen konnten, das schöne Geschirr war für sie, denn die Porzellanteller würden ihnen einen Stoß versetzen. »Nein, nein, Mama,« schrie Gervaise, »geben Sie ihnen diese Servietten nicht! Ich habe zwei aus Damast.« »Gut,« erwiderte die Alte, »darüber werden sie sicher platzen.« Und sie lachten, zu beiden Seiten des großen Tisches stehend, der ganz weiß gedeckt war mit den vierzehn aufgelegten Gedecken; sie blähten sich vor Stolz. Das war wie eine Kapelle mitten im Laden. »Ja, warum sind sie denn so filzig! ... Du weißt, sie haben im letzten Monat gelogen, als die Frau überall herumerzählte, sie habe ein Stück Kette verloren, die sie in die Arbeit forttragen wollte! ... Als ob diese jemals etwas verlieren würde! ... Sie wollte nur bemitleidet werden und einen Vorwand haben, dir die hundert Sous nicht geben zu müssen.« »Ich habe sie erst zweimal gesehen, meine hundert Sous«, sagte Mama Coupeau. »Willst du wetten? Im nächsten Monat werden sie eine andere Geschichte erfinden ... Das erklärt, warum sie ihre Fenster verstopfen, wenn sie ein Kaninchen essen. Nicht wahr? man könnte ihnen mit Recht sagen: Wenn ihr Kaninchen eßt, könnt ihr auch hundert Sous eurer Mutter geben. Oh, sie haben Laster! ... Was wäre aus dir geworden, wenn ich dich nicht zu uns genommen hätte?« Mama Coupeau zuckte mit den Schultern. An diesem Tage war sie gänzlich gegen die Lorilleux', wegen des großen Essens, das die Coupeaus gaben. Sie liebte das Kochen, das Schwatzen um die Kasserollen herum, die Häuser auf den Kopf gestellt an Festtagen, an denen gefeiert wird. Übrigens verstand sie sich für gewöhnlich ganz gut mit Gervaise. An Tagen, an denen sie sich verzankten, wie das in jedem Haushalt einmal vorkommt, bockte die alte Frau, sagte, sie wäre sehr unglücklich, so auf die Gnade ihrer Schwiegertochter angewiesen zu sein. Im Grunde behielt sie eine Neigung für Frau Lorilleux, die doch ihre Tochter war. »Nun, wärst du so fett bei ihnen geworden? Und keinen Kaffee, keinen Tabak, keine Süßigkeiten! ... Sag, hätten sie dir zwei Matratzen auf das Bett gelegt?« »Nein, gewiß nicht,« antwortete Mama Coupeau. »Wenn sie hereinkommen, stelle ich mich an die Türe, damit ich ihre Nasen sehe.« Die Nasen der Lorilleux' erheiterten sie im voraus. Aber jetzt handelte es sich darum, nicht stehenzubleiben und den Tisch anzugaffen. Die Coupeaus hatten sehr spät gefrühstückt, erst um ein Uhr, etwas Wurstwaren, weil die drei Öfen schon besetzt waren und weil sie das gewaschene Geschirr für den Abend nicht wieder schmutzig machen wollten. Um vier Uhr waren die Frauen im vollsten Eifer. Die Gans briet vor einer Gußschale, die auf dem Boden stand, gegen die Mauer gelehnt, neben dem offenen Fenster; und das Tier war so fett, daß man es mit Gewalt in die Pfanne stoßen mußte. Die schielende Angustine saß auf einem Bankchen neben der Gußschale, mit vollem Flammenschein im Gesicht, und begoß sehr ernst die Gans mit einem langstieligen Löffel. Gervaise beschäftigte sich mit den Speckerbsen. Mama Coupeau hatte einen ganz verdrehten Kopf unter all den kochenden Gerichten, sie wartete auf den Moment, bis sie die Kalbskeule und die Weinsauce aufstellen mußte. Gegen fünf Uhr kamen die ersten geladenen Gäste. Es waren die beiden Arbeiterinnen, Clementine und Frau Putois, beide im Sonntagsstaat, die erste in Blau, die zweite schwarz: Clementine brachte einen Geranienstock, Frau Putois ein Heliotrop; und Gervaise, die gerade ihre Hände voll Mehl hatte, mußte ihnen, mit nach rückwärts gehaltenen Händen, jeder zwei große Küsse geben. Dann kam auch sofort Virginie, aber wie eine Dame aussehend, in einem gedruckten Musselinkleid mit einer Schärpe und im Hut, obschon sie fast nur die Straße zu kreuzen brauchte. Sie brachte einen Topf mit roten Nelken. Sie nahm die Büglerin von selbst zwischen ihre starken Arme und drückte sie heftig an sich. Endlich kam Boche mit Stiefmütterchen, Frau Boche brachte einen Topf mit Reseden, Frau Lerat Zitronenkraut, dessen Topf ihr das violette Merinokleid befleckt hatte. Alle diese Leute umarmten sich und stopften das Zimmer voll, mitten unter den drei Öfen und der Gußschale, von denen eine Hitze zum Umkommen ausströmte. Das Geräusch der Bäckereien übertönte die Stimmen. Ein Kleid, das an der Bratröhre hängen blieb, verursachte großen Schrecken. Die Gans roch so stark, alle Nasen verlängerten sich. Und Gervaise war sehr liebenswürdig und bedankte sich für all die Blumen; sie unterbrach ihre Beschäftigung nicht, sie richtete die Weinsauce in einem tiefen Teller her. Sie hatte die Blumentöpfe heraus auf den Tisch gestellt ans Ende des Tisches, ohne ihnen die hohen weißen Manschetten abzunehmen. Ein sanfter Blumengeruch vermischte sich mit dem der Küche. »Wollen Sie, daß man Ihnen hilft?« fragte Virginie. »Ich glaube, Sie arbeiten schon seit drei Tagen an all dieser Nahrung, die man in so kurzer Zeit verschlungen haben wird.« »Aber«, antwortete Gervaise, »das macht sich doch nicht alles von selbst ... Nein, machen Sie sich keine schmutzigen Finger. Sie sehen, alles ist gerichtet, fehlt nur noch die Suppe ...« Dann machte man es sich bequem. Die Damen legten ihre Schals und Hauben auf das Bett, steckten ihre Röcke mit Stecknadeln auf, damit sie nicht schmutzig wurden. Boche hatte seine Frau in die Loge zurückgeschickt, damit sie aufpasse, bis es Zeit zum Essen war; er drängte schon Clementine in den Winkel hinter den Ofen, indem er fragte, ob sie kitzelig wäre; und Clementine schnaufte, beugte sich und entwand sich, ihre Brüste brachten ihr Mieder fast zum Platzen, denn schon der Gedanke allein, gekitzelt zu werden, machte ihr Gänsehaut über den ganzen Körper. Die andern kamen alle in den Laden zurück, um die Köchinnen nicht zu belästigen; da stellten sie sich gegen die Mauer auf, dem Tisch gegenüber; und da die Unterhaltung nach hinten durch die offene Türe weiterging und man sich nicht immer verstand, ging man wieder nach hinten und versperrte so den ganzen Raum unter lautem Schwatzen und Lachen, Gervaise umgebend, die mit rauchendem Löffel in der Hand zu antworten vergaß. Man machte Witze. Virginie sagte, sie hätte seit zwei Tagen nichts gegessen, um Platz zu haben; die schmutzige Clementine erzählte ganz Unanständiges; sie habe sich ausgeweitet, indem sie am Morgen einen Bischof trank, so wie die Engländer es machen. Boche gab ein Mittel an, wie man sofort verdaut, man stellt sich nach jedem Gericht zwischen eine Tür und läßt sich drücken; das machten die Engländer auch, dabei könne man zwölf Stunden lang essen, ohne den Magen zu beschweren. Nicht wahr? die Höflichkeit erfordert, daß man ißt, wenn man eingeladen ist. Man stellt nicht Kalb, Schwein und Gans auf für die Katze. Oh! die Meisterin könne zufrieden sein, man würde ihr das so sauber ausputzen, daß sie morgen nicht einmal die Platten waschen müsse. Und die ganze Gesellschaft holte sich immer wieder Appetit, indem sie über den Kasserollen und Bratöfen schnüffelten. Die Damen spielten nach junger Mädchen Art, sprangen von einem Raum in den andern, erschütterten den Boden, verbreiteten die Gerüche in einem entsetzlichen Lärm mit ihren Röcken, und darein mischte sich das Geräusch des Schneidemessers der Mama Coupeau, die Speck schnitt. Gerade kam Goujet herein, im Augenblick, wo alles zum Spaß schreiend herumsprang. Eingeschüchtert, wagte er gar nicht hereinzukommen; er hatte einen großen, weißen Rosenbaum im Arm, eine prachtvolle Pflanze, deren Stengel bis zu seinem Gesicht reichte und deren Blumen sich in seinen gelben Bart mischten. Gervaise sprang ihm entgegen, ganz vom Feuer der Ofen gerötet. Er konnte nicht damit zurechtkommen, seinen Blumentopf abzugeben; und als sie ihn abgenommen hatte, stotterte er etwas und wagte nicht, sie zu umarmen. Sie mußte sich auf die Zehen stellen und ihm ihre Wangen an die Lippen legen; da war er so benommen, daß er sie aufs Auge küßte, hart zum Zerdrücken. Beide blieben zitternd stehen. »Oh! Herr Goujet, das ist ja schön!« sagte sie, indem sie den Rosenstock neben die andern Blumen stellte; er überragte mit seiner Krone die andern alle. »Aber nein, aber nein«, wiederholte er, ohne andere Worte zu finden. Und als er wieder etwas zu sich gekommen und einen großen Seufzer ausgestoßen hatte, sagte er, daß man auf seine Mutter nicht rechnen solle; sie habe ihre Ischiasschmerzen. Gervaise war bekümmert; sie sprach davon, ein Stück Gans für sie auf die Seite legen zu wollen, weil sie darauf hielt, daß Frau Goujet unbedingt etwas von der Gans essen solle. Jetzt erwartete man niemand mehr. Coupeau wird sich mit Poisson da irgendwo im Viertel herumtreiben, den er nach dem Frühstück holen wollte; sie würden bald kommen, sie hatten versprochen, auf sechs Uhr pünktlich zu sein. Als die Suppe beinahe fertig war, rief Gervaise Frau Lerat, ihr zu sagen, daß der Moment jetzt da wäre, zu, den Lorilleux' zu gehen. Frau Lerat wurde sofort ernst: sie war es gewesen, die die ganze Geschichte gedeichselt hatte, wie sich die beiden Haushalte wieder versöhnen sollten. Sie legte den Schal um und setzte ihre Haube auf; stieg hinauf, ganz steif in ihren Röcken, mit wichtigem Gesicht. Unten rührte die Büglerin die Suppe, italienische Teigware, ohne etwas zu sagen. Die Gesellschaft, plötzlich ernst geworden, wartete in Feierlichkeit. Frau Lerat kam zurück. Sie war von der Straße hereingekommen, um dieser Aussöhnung größere Feier zu geben. Sie hielt mit der Hand die Türe weit offen, während Frau Lorilleux im Seidenkleid auf der Schwelle stehenblieb. Alle Gäste waren aufgestanden, Gervaise kam vor, umarmte ihre Schwägerin, so wie es vereinbart war, indem sie sagte: »Nun kommt herein. Es ist vorüber, nicht wahr? ... Wir werden beide artig sein.« Und Frau Lorilleux antwortete: »Es wird mir nichts lieber sein, als wenn es immer so bleibt.« Als sie eingetreten war, blieb Lorilleux ebenfalls stehen, er erwartete auch geküßt zu werden, ehe er in den Laden eintrat. Keines hatte einen Strauß gebracht; sie haben sich das geschenkt, es hätte zu sehr danach ausgesehen, als hätten sie sich der Hinkenden untergeordnet, wenn sie beim ersten Male mit Blumen bei ihr angekommen wären. Doch Gervaise schrie zu Augustine, sie möge zwei Liter Wein bringen. Dann am Ende des Tisches schenkte sie Gläser voll, rief alle zusammen. Jeder nahm sein Glas, man trank auf die gute Freundschaft in der Familie. Darauf Schweigen, alle tranken, die Damen mit erhobenem Arm auf einen Zug bis auf den letzten Tropfen. »Nichts Besseres vor der Suppe,« sagte Boche, mit der Zunge schnalzend. »Das ist besser als ein Tritt in den Hintern.« Mama Coupeau hatte sich der Türe gegenüber aufgestellt, um die Nasen der Lorilleux' zu sehen. Sie zog Gervaise am Rock und ging mit ihr in den hintern Raum. Und beide, über die Töpfe gebeugt, sprachen leise und lebhaft miteinander. »Nun! die Nasen!« sagte die alte Frau. »Du hast sie nicht sehen können; aber ich, ich habe sie beobachtet ... Als sie den Tisch sah, da hat sich das Gesicht so zusammengezogen, die Mundwinkel gingen bis zu den Augen hinauf; und er ist fast erstickt. Er fing an zu husten ... Jetzt, schau sie da unten an; sie haben keinen Speichel mehr, sie essen ihre Lippen auf.« »Das tut einem weh, Leute die so eifersüchtig sind«, murmelte Gervaise. Ja, wirklich. Die Lorilleux' schauten sehr komisch drein. Niemand natürlich ist gerne erdrückt: besonders in den Familien; wenn die einen prosperieren, wüten die andern, das ist ganz natürlich. Doch muß man sich beherrschen, nicht wahr? Man läßt das doch nicht so sehen. Aber die Lorilleux' konnten es nicht verbergen. Es war stärker als sie; sie schielten, der Mund war ihnen schief gerückt. So deutlich war das sichtbar, daß die andern Gäste fragten, ob ihnen etwas fehle. Nie würden sie den Tisch mit den vierzehn Gedecken verwinden, die weiße Wäsche, das weiße, in Stücke geschnittene Brot. Man glaubte in einem Boulevardrestaurant zu sein. Frau Lorilleux ging um den Tisch herum, steckte die Nase an den Blumen vorbei, um sie nicht ansehen zu müssen; versteckt befühlte sie das Tischtuch, besorgt, es möge neu sein. »Jetzt sind wir fertig!« rief Gervaise, lächelnd eintretend mit nackten Armen, und die kleinen Härchen flogen an den Schläfen. Die Gäste trippelten um den Tisch herum. Alle hatten Hunger, gähnten leicht, etwas gelangweilt. »Wenn der Meister kommen würde, könnten wir anfangen.« »Ach, gut,« sagte Frau Lorilleux, »die Suppe hat Zeit kalt zu werden ... Coupeau vergißt sich immer. Man hätte ihn nicht hinausgehen lassen sollen.« Es war schon halb sieben Uhr. Alles verbrannte jetzt; die Gans verschmorte. Verzweifelt sagte Gervaise, sie wolle jemand im Viertel herumschicken, beim Weinhändler, vielleicht ist er dort. Als Goujet sich anbot, wollte sie mit ihm gehen; Virginie, um ihren Mann besorgt, begleitete sie. Alle drei, ohne Hut, verstellten den Gehweg. Der Schmied im Gehrock hielt Gervais am linken Arm und Virginie am rechten: er macht den Henkelkorb, sagte er, worüber sie so lachten, daß sie stehen bleiben mußten. Sie sahen sich im Spiegel des Wurstladens, und da lachten sie noch stärker. Goujet im schwarzen Anzug kam es vor, als hätte er zwei Kokotten am Arm, die Näherin mit ihrem Musselinkleid voller kleiner rosa Blümchen, die Büglerin im weißen Perkalkleid mit blauen Punkten, nackten Armen, ein kleines graues Samtband um den Hals gebunden. Alle Leute schauten sich nach ihnen um, die so lustig, sauber und frisch aussahen im Sonntagsstaat an einem Wochentag, die Menschen stoßend, die die Rue des Poisonniers bevölkerten an diesem lauen Juniabend. Aber sie spaßten nicht. Sie gingen schnurgerade zu jedem Weinhändler, streckten den Kopf zur Türe hinein. Sollte dieses Tier Coupeau bis zum Triumphbogen gegangen sein, um seinen Tropfen zu trinken? Schon hatten sie die ganze obere Straße durchlaufenen alle Gelegenheiten hineingeschaut: zur kleinen Civette, berühmt durch ihren Schnaps; bei der Mutter Baquet, die Orleanswein zu acht Sous verkaufte; zum Pupillon, dem Stelldicheinplatz der Herren Kutscher, sehr empfindliche Leute. Nirgends Coupeau. Als sie gegen den Boulevard kamen und bei François, dem Kneipwirt an der Ecke, vorbeikamen, stieß Gervaise einen leichten Schrei aus. »Was ist denn?« fragte Goujet. Die Büglerin lachte nicht mehr. Sie war sehr blaß und aufgeregt, fast wäre sie gefallen. Virginie verstand sofort, als sie bei François an einem Tisch Lantier sitzen sah, der da ganz ruhig aß. Die beiden Frauen zogen Goujet weiter. »Den Fuß habe ich mir verstaucht«, sagte Gervaise, als sie wieder reden konnte. Endlich, am Ende der Straße, entdeckten sie Coupeau und Poisson im »Totschläger« des Vaters Colombe. Sie standen mitten unter einer Menge Männer; Coupeau in seiner grauen Bluse schrie mit wütenden Gesten und schlug wiederholt mit den Fäusten auf den Schenktisch; Poisson, der an diesem Tage keinen Dienst hatte, war in einen alten braunen Paletot gezwängt, hörte ihm zu, mit stummer und ernster Miene sträubte er seinen Zwickel- und roten Schnurrbart. Goujet ließ die beiden Frauen auf dem Gehweg stehen und legte seine Hand auf die Schulter des Spenglers. Als dieser Gervaise und Virginie draußen stehen sah, wurde er böse. Wer jagte ihm die Weiber nach? Jetzt laufen ihm schon die Röcke nach! Gut, er würde sich nicht fortbewegen, sie können ihre Schweinerei von Essen allein aufessen. Um ihn zu beruhigen, mußte Goujet irgendein Getränk annehmen; dann blieb er noch aus Bosheit fünf Minuten länger am Schenktisch. Als er herauskam, sagte er zu seiner Frau: »Das paßt mir gar nicht ... Ich bleibe, wo ich zu tun habe, verstehst du?« Sie antwortete nichts. Sie zitterte. Sie muß mit Virginie über Lantier gesprochen haben, denn diese ließ ihren Mann und Goujet vorausgehen; die beiden Frauen stellten sich dann zu Seiten des Spenglers, um ihn zu beschäftigen und ihn am Sehen zu verhindern. Er war kaum beschwipst, vielmehr betäubt vom Schreien anstatt vom Trinken. Aus Spaßmacherei, als sie den linken Gehweg einnehmen wollten, stieß er sie an und ging auf dem rechten Gehweg. Sie liefen erschreckt und versuchten die Türe von François zu verstellen. Aber Coupeau mußte wissen, daß Lantier drinnen war. Gervaise war konsterniert, als sie ihn murren hörte: »Ja, nicht wahr, meine Kleine, es ist ein alter Bekannter von uns. Mußt mich nicht für einen Dummkopf halten ... wenn ich dich beim Flanieren erwische mit deinen seitwärts schielenden Augen!« Und er sagte ihr rohe Worte. Nicht ihn suche sie, die Ellbogen in der Luft, die Fresse gepudert; es war ihr ehemaliger Geliebter. Dann wurde er plötzlich von einem wütenden Zorn auf Lantier erfaßt. Ah, der Räuber, der Lump! Einer von ihnen muß auf dem Platze bleiben, ausgenommen wie ein Karnikel. Lantier tat, als gehe ihn das alles nichts an, er aß ruhig Kalbfleisch mit Sauerampfersauce. Schon kamen Leute herbei. Virginie gelang es endlich, Coupeau mit fortzuziehen, der sofort ruhig wurde, als er um die Straßenecke gebogen war. Doch kam man etwas weniger vergnügt zurück als man gegangen war. Um den Tisch herum warteten die Gäste mit langgezogenen Gesichtern. Der Spengler gab jedem die Hand und tänzelte vor den Damen. Gervaise, noch immer etwas gedrückt, sprach leise und ordnete die Plätze an. Aber plötzlich merkte sie, daß Mutter Goujet nicht da war, ein Platz war leer, der Platz neben Frau Lorilleux. »Wir sind dreizehn«, sagte sie traurig, in diesem Zufall ein neues böses Vorzeichen von Unglück witternd, von dem sie sich seit einiger Zeit bedroht glaubte. Die Damen, die bereits Platz genommen hatten, standen geärgert und zugleich geängstigt wieder auf. Frau Putois bot sich an fortzugehen, weil man, nach ihrer Meinung, mit so etwas nicht spielen solle; sie würde doch nichts anrühren, es würde ihr auch nicht anschlagen. Was Boche anbelangt, er lachte: ihm wäre lieber dreizehn statt vierzehn; die Teile würden größer, das ist alles. »Wartet!« erwiderte Gervaise, »es wird sich einrichten.« Sie ging hinaus, sah Vater Bru über die Straße gehen und rief ihn. Der alte Arbeiter kam herein, gebückt, steif, mit stummem Gesicht. »Setzen Sie sich hierher, mein Braver,« sagte die Büglerin. »Sie wollen doch gern mit uns essen, nicht wahr?« Er schüttelte nur die Schultern; er wolle schon, es wäre ihm ganz gleich. »Nicht wahr? ebensogut er wie einen andern,« fuhr sie mit leiserer Stimme fort. »Er ißt sich nicht oft satt. Wenigstens wird er noch einmal genug bekommen... Jetzt werden wir keine Angst mehr haben, uns vollzuessen.« Goujet hatte feuchte Augen bekommen, so rührte ihn das. Die andern sagten, sie fänden das sehr gut, das würde ihnen Glück bringen. Nur Frau Lorilleux schien nicht einverstanden damit zu sein, neben dem Alten sitzen zu müssen; sie rückte weg, schaute voller Abscheu auf seine rauhen Hände, auf seine geflickte und verschossene Bluse. Vater Bru blieb mit gesenktem Kopfe sitzen, besonders geniert durch die Serviette, die den Teller vor ihm versteckte. Endlich nahm er sie fort und legte sie zart auf den Rand des Tisches, ohne daran zu denken, sie auf die Knie zu legen. Nun servierte Gervaise die Suppe mit italienischen Nudeln; die Gäste nahmen die Löffel, als Virginie bemerkte, daß Coupeau wieder verschwunden war. Er ist vielleicht wieder zum Vater Colombe zurückgegangen. Aber die Gesellschaft wurde nun böse. Diesmal um so schlimmer! Man wird nicht mehr nach ihm laufen, er soll auf der Straße bleiben, wenn er keinen Hunger habe. Und da die Löffel klapperten in der Tiefe der Teller, kam Coupeau wieder zurück, mit zwei Blumentöpfen unter jedem Arm, einer Levkoie und einer Balsamine. Alle klatschten in die Hände. Er stellte galant je einen Topf zur Rechten und einen zur Linken von Gervaises Glas; dann beugte er sich herunter und küßte sie. »Ich hatte dich ganz vergessen, meine Kleine! Aber, macht nichts, man hat sich doch gern, an einem Tag wie dem heutigen.« »Er ist sehr gut, Herr Coupeau, diesen Abend,« sagte Clementine Boche ins Ohr. »Er hat alles, was man braucht, gerade genug, um liebenswürdig zu sein.« Das gute Benehmen des Meisters stellte die ganze Harmonie des Tisches wieder her. Gervaise war beruhigt und strahlte wieder. Die Gäste beendeten die Suppe. Dann zirkulierten die Liter Wein, man trank das erste Glas, vier Finger hoch reinen Wein, um die Teigsachen hinunterzuspülen. Im Nebenraum hörte man die Kinder streiten. Da saßen Etienne, Nana, Pauline und der kleine Victor Fauconnier. Man hatte sich entschlossen, einen Tisch für die vier allein aufzustellen, und ihnen eingeschärft, daß sie sehr brav sein müßten. Augustine, die die Öfen überwachen mußte, sollte auf den Knien essen. »Mama, Mama,« schrie plötzlich Nana, »Augustine wirft ihr Brot in die Bratpfanne!« Die Büglerin sprang hinzu und fand gerade Augustine dabei, wie sie sich ihren Hals an einer heißen Pastete, ganz im kochendem Gänsefett getränkt, verbrannte. Sie ohrfeigte sie, weil dies teuflische Ding schrie, es wäre nicht wahr. Nach dem Rindfleisch, als die Kalbskeule kam, die in einer Salatschüssel serviert wurde, da keine große Platte vorhanden war, lachte man unter den Gästen. »Das wird nun ernst«, erklärte Poisson, der selten sprach. Es war jetzt siebeneinhalb Uhr. Sie hatten die Türe zum Laden geschlossen, um von der Nachbarschaft nicht ausspioniert zu werden; besonders von drüben, der kleine Uhrmacher machte schon Augen so groß wie eine Tasse und zog ihnen das Stück aus dem Munde, so gefräßig war sein Blick – und das hinderte sie am Essen. Die Vorhänge vor den Fenstern spiegelten ein helles weißes Licht, das gleichmäßig und ohne jeden Schatten war; darin glänzte der Tisch mit seinen noch symmetrischen Gedecken, die vielen Blumentöpfe mit den hohen Papiermanschetten; dieses blasse Licht, die langsam eintretende Dämmerung gaben den Gästen ein distinguiertes Aussehen. Virginie fand das Wort: sie schaute im geschlossenen Raume herum, behangen mit weißen Musselinvorhängen, und erklärte, es wäre lieblich. Wenn ein Karren vorbeifuhr, tanzten die Gläser auf dem Tischtuch, die Damen mußten genau so laut schreien wie die Männer. Aber man sprach wenig, man hielt sich gut und sagte sich gegenseitig Artigkeiten. Coupeau allein saß in seiner Bluse da, denn er sagte, unter Freunden brauche man sich nicht zu genieren, und daß übrigens die Bluse das Ehrenkleid des Arbeiters wäre. Die Damen, die in ihre Taillen hineingequetscht waren, trugen pomadisierte Stirnbänder, in denen sich das Tageslicht spiegelte, während die Herren, die etwas weiter weg vom Tische saßen, die Brust aufbliesen, die Ellbogen herausstellten, aus Angst, sich die Röcke zu beschmieren. Donnerwetter! da ist schon ein Loch in der Buttersauce! Wenn man wenig spräche, so haute man dafür um so mehr ein. Die Salatschüssel wurde leerer und der Löffel stak in der dicken Sauce, einer guten gelben Sauce, die wie Gelee zitterte. Und man fischte die Kalbfleischstücke heraus, die sich immer noch darin fanden; die Salatschüssel wanderte von Hand zu Hand, die Gesichter beugten sich und suchten Pilze. Die großen Brote, die gegen die Wand hinter den Gästen aufgestellt waren, schienen zu schmelzen. Deutlich vernehmbar wurden zwischen den einzelnen Gängen die aufgenommenen Gläser wieder auf den Tisch gestellt. Die Sauce war etwas zu sehr gesalzen, man brauchte vier Liter Wein, um diese Keule mit Buttersauce hinunterzuspülen, die wie Creme hinunterläuft und einem eine Feuersbrunst in die Därme wirft! Man hatte kaum Zeit zu schnaufen, da kam auch schon der Schweinerücken in einer großen tiefen Platte, ganz umgeben von großen Kartoffeln, in eine Dampfwolke gehüllt. Es war ein Schrei: Zum Teufel! Das war eine Sache! Alle liebten das. Da würde man einhauen! Und jeder verfolgte die Platte mit liebendem Blick, und wischte das Messer am Brot ab, um parat zu sein. Als alle herausgenommen hatten, stieß man sich mit den Ellbogen, man sprach mit vollem Munde. Nun, wie Butter, dieser Rücken! So etwas Zartes und Solides, das man durch den ganzen Körper bis in die Stiefel hinein spürte. Die Kartoffeln waren wie Zucker. Das war nicht versalzen; aber gerade recht, wegen der Kartoffel, es verlangte ein Begießen nach jeder Minute. Wieder wurden vier neue Liter gebracht. Die Teller wurden so sauber geputzt, daß man sie zu den Erbsen mit Speck nicht zu wechseln brauchte. Oh! Gemüse, das hat keine Konsequenzen. Das löffelt man so spielend hinein. Das beste bei den Erbsen ist der grillierte Speck, der nach Pferdehuf riecht. Zwei Liter Wein reichten. »Mama, Mama,« schrie wieder Nana, »Augustine steckt ihre Finger in meinen Teller.« »Du langweilst mich schon! gib ihr eine Ohrfeige«, erwiderte Gervaise, indem sie sich mit Erbsen vollstopfte. Im Nebenzimmer machte Nana die Hausfrau am Kindertisch. Sie setzte sich neben Victor, und Etienne war neben die kleine Pauline gesetzt; so spielten sie Ehepaare, die auf einer Landpartie sind. Zuerst hatte Nana ihre kleinen Gäste bewirtet, lächelnd wie eine große Person; aber jetzt gab sie ihrer Neigung für Speck nach, sie hatte allen für sich allein behalten. Die schielende Augustine, die tückisch um die Kinder herumlief, profitierte davon, sie griff in den Speck hinein, in der Absicht, wie sie sagte, die Teilung nochmals vornehmen zu wollen. Nana, darüber wütend, biß sie in den Daumen. »Ah, du weißt,« sagte Augustine, »ich werde deiner Mutter nachher sagen, daß du zu Victor gesagt hast, er solle dich abschlecken.« Alles ordnete sich wieder, Gervaise und Mama Coupeau kamen herein, um sich mit der Gans zu beschäftigen. Am großen Tisch atmete man auf, alle lagen auf den Stühlen zurückgelehnt. Die Männer machten ihre Knöpfe auf, die Damen putzten sich den Schweiß vom Gesicht mit den Servietten. Das Mahl war wie unterbrochen; nur einige kauten noch an großen Stücken Brot weiter, ohne es zu merken. Man ließ das Essen sich setzen, man wartete. Die Nacht kam heran; eine schmutzige Dämmerung, grau wie Asche, kam draußen herauf. Als Augustine zwei Lampen angezündet und an beiden Seiten des Tisches aufgestellt hatte, da sah man das Gedeck beschmutzt, Teller und Gabeln fettig, das Tischtuch voll Weinflecken und mit Brotkrumen bedeckt. Es war zum Ersticken in dem aufsteigenden Geruch. Doch drehten sich die Nasen nach der Küche hin bei jedem hereinkommenden Duft. »Darf man helfen kommen?« schrie Virginie. Sie verließ ihren Stuhl und kam ins anstoßende Zimmer; nach und nach kamen alle Frauen hinterdrein. Sie umstanden den Bratofen, sie schauten mit tiefem Interesse zu, wie Gervaise und Mama Coupeau das Tier bearbeiteten. Dann erhob sich ein Geschrei der Kinder, die vor Freude hüpften. Es war ein Triumphzug: Gervaise trug die Gans mit gesteiftem Arm, Schweiß im Gesicht, ganz aufgeblasen unter einem schweigenden Lächeln: die Frauen kamen hinter ihr drein, ebenfalls lächelnd, während Nana hinter ihnen mit übergroßen Augen, auf den Fußspitzen stehend, schaute. Als die Gans auf dem Tische stand, gewaltig, golden, von Sauce triefend, ging man nicht sofort daran, sie zu essen. Es war ein Staunen und eine respektvolle Überraschung, daß ihnen die Stimmen versagten. Man zeigte sie sich durch Augenzwinkern und Kinnbewegungen. Verflucht! welche Dame! welche Schenkel, was für ein Bauch! »Die ist nicht fett geworden vom Mauerabkratzen«, sagte Boche. Dann ging man in die Einzelheiten. Gervaise erzählte, sie war das schönste und fetteste Tier, das bei der Geflügelhändlerin aufzutreiben war in der Vorstadt Poisonnière; sie wog zwölf Pfund und ein halbes auf der Wage der Kohlenhändlerin; so viel Kohle hat sie gebraucht und gab drei Tassen Fett. Virginie unterbrach sie, erzählend, sie habe die Gans roh gesehen; man hätte sie so essen mögen, so zart und weiß wäre die Haut gewesen, die Haut einer Blondine, wie? Alle Männer lachten mit fresserischen Begierden und mit geblähten Lippen. Aber Lorilleur und Frau Lorilleur zogen die Nasen ein bei dem Gedanken, eine solche Gans auf dem Tische der Hinkenden zu sehen. »Nun denn! man wird sie doch nicht ganz essen,« sagte die Büglerin. »Wer tranchiert? Nein, nein, ich nicht. Sie ist zu dick, das macht mir Angst.« Coupeau bot sich an. Mein Gott, das war doch einfach: man packte die Glieder, ziehe sie aus; die Stücke blieben deshalb gleich gut. Aber alles schrie zugleich. Man nahm dem Spengler das Messer aus der Hand; er hätte einen Kirchhof auf der Platte gemacht. Einen Augenblick lang schaute man nach dem Manne, der willig gewesen wäre. Endlich sagte Frau Lerat mit liebenswürdiger Stimme: »Hört, das kann nur Herr Poisson machen ... ja, Herr Poisson ...« Als die Gesellschaft nicht verstand, was sie damit sagen wollte, da sagte sie in schmeichlerischer Absicht: »Aber sicher, weil Herr Poisson in Waffen geübt ist.« Und sie überreichte dem Stadtpolizisten das Küchenmesser, das sie in der Hand hielt. Die ganze Tisch war befriedigt und lachte. Poisson verneigte sich mit militärischer Steifheit und zog die Gans vor seinen Platz. Seine Nachbarinnen, Gervaise und Frau Boche, machten Platz, damit seine Ellbogen frei würden. Er tranchierte langsam, mit ausholender Geste, die Augen auf das Tier gerichtet, als ob er es auf den Grund der Platte hätte heften wollen. Als er das Messer zwischen das Gerippe stieß, das krachte, bekam Lorilleur einen patriotischen Anfall. Er schrie: »Hm! wenn das ein Kosak wäre!« »Haben Sie sich mit Kosaken geschlagen, Herr Poisson?« fragte Frau Boche. »Nein, mit Beduinen,« antwortete der Sergeant, der einen Flügel löste. »Es gibt keine Kosaken mehr.« Dann wurden alle wieder still. Die Köpfe verlängerten sich, die Blicke verfolgten das Messer. Poisson hatte eine Überraschung vorbereitet. Rasch machte er einen letzten Schnitt, das Hinterteil trennte sich ab, blieb mit dem Bürzel in die Luft gestreckt stehen: das war die Bischofsmütze. Alle bewunderten sie. Nur alte Militärpersonen konnten in Gesellschaft so liebenswürdig sein. Die Gans stieß eine Flut Fett aus dem Hinterteil, was Boche veranlaßte zu sagen: »Oh, ich würde mich ruhig einem solchen Guß in den Mund unterwerfen.« »Dieser Schweinkerl!« riefen die Damen alle zugleich. »Ach, ich kenne keinen andern Mann, der so unappetitlich wäre wie er,« sagte Frau Boche, wütender als die andern. »Sei still, hörst du? Du könntest es einer ganzen Armee verleiden ... Aber, wissen Sie, er möchte alles allein essen!« In diesem Augenblick wiederholte in den Lärm hinein Clementine öfters: »Herr Poisson, hören Sie doch, Herr Poisson ... Heben Sie mir doch den Bürzel auf, nicht wahr?« »Meine Liebe,« sagte Frau Lerat mit bezeichnender Miene, »der Bürzel gehört Ihnen zu Recht.« Und die Gans war zerteilt. Der Polizist, nachdem er die Bischofsmütze einige Augenblicke lang hatte betrachten lassen, schnitt die Stücke davon herunter und legte sie auf die Platte. Man konnte sich bedienen. Die Damen beklagten sich über die Hitze und knöpften ihre Taillen auf. Coupeau schrie, man wäre bei sich daheim, er pfeife auf die Nachbarn, und öffnete die Türe sperrangelweit; die Feier ging weiter unter dem Rollen der Wagen und dem Drängen der Gehenden auf der Straße. Da die Kinnbacken sich ausgeruht hatten und das Loch im Magen wieder da war, fing man wieder an und warf sich auf die Gans. Beim bloßen Zuschauen des Tranchierens, sagte Boche, wäre ihm die Buttersauce und der Schweinerücken in die Waden gesunken. Das war nun ein famoses Gabelessen; das heißt keiner von der Gesellschaft konnte sich erinnern, sich je eine solche Indigestion zugezogen zu haben. Gervaise, ganz breit sitzend, die Ellbogen auf den Tisch gestützt, aß große weiße Stücke; sie sprach nichts, aus Angst, daß ihr etwas davon entgehe; nur vor Goujet schämte sie sich ein wenig, sich so gefräßig wie eine Katze zu zeigen. Übrigens aß Goujet selbst zuviel, da er sie so rosig vor lauter Nahrung sah. Dann blieb sie auch trotzdem so gut und liebenswürdig! Sie sprach nichts, stand aber alle Augenblicke auf, um Vater Bru zu versorgen und ihm etwas Zartes auf den Teller zu legen. Es war geradezu rührend mit anzusehen, wie sie sich eines Flügels beraubte, um ihn dem Alten zu geben, der kein Kenner zu sein schien, der alles verschlang, mit gesenktem Kopf, vertiert durch die Gewohnheit, alles zu essen, und dessen Schlund selbst den Geschmack fürs Brot verloren hatte. Die Lorilleux' verlegten ihren Zorn auf den Braten; sie nahmen sich für drei Tage Vorrat, sie hätten die ganze Platte aufgegessen, den Tisch und den Laden, um die Hinkende auf einmal zu ruinieren. Alle Damen wollten vom Gerippe haben; das Gerippe wäre das Stück für die Damen. Frau Boche, Frau Lerat, Frau Putois kratzten Schenkel ab, während Mama Coupeau, die den Hals liebte, mit ihren zwei letzten Zähnen davon Fleisch herunterriß. Virginie liebte die Haut, wenn sie gebräunt und knusperig war, und jeder Gast steckte ihr Haut zu aus Galanterie, so daß Poisson seiner Frau strenge Blicke zuwarf, ihr befehlend, sie solle aufhören, weil sie auch so genug habe; sie habe schon einmal vierzehn Tage mit geschwollenem Bauch im Bett bleiben müssen, weil sie zuviel gebratene Gans gegessen habe. Aber Coupeau wurde böse, er gab Virginie einen obern Schenkel und schrie: Donnerwetter! wenn sie den nicht abschabe, wäre sie keine Frau. Hat je eine Gans jemandem Schaden zugefügt? Im Gegenteil, die Gans kuriert Krankheiten der Milz. Man knappert das ohne Mühe wie ein Dessert. Er hätte das die ganze Nacht hindurch machen können, ohne davon bedrückt zu werden; und des Spaßes halber stopfte er eine ganze Keule in den Mund. Clementine beendete ihren Bürzel, saugte unter Schnalzen mit den Lippen, sich über den Stuhl beugend vor Lachen, denn Boche sagte ihr leise Unanständigkeiten in den Hals hinein. Ja, mein Gott, ja, man berauscht sich halt, wenn man schon einmal dabei ist. Wenn man nur alle Jahre einmal zu einem ordentlichen Essen kommt, da wäre man doch schön dumm, wenn man sich nicht bis an die Ohren vollfressen wollte. Ja, man sah in Wirklichkeit, wie die Bäuche der Damen mehr und mehr anschwollen; sie rülpsten und verdauten wie Vielfraße. Mit offenem Munde und das Kinn von Fett glänzend saßen sie da, ihre Gesichter waren so glatt und rund, daß man sie für Ärsche hätte halten können, und dabei so rot, daß man fürchtete, sie würden platzen. Und der Wein erst, meine Kinder, der floß unter den Tisch wie das Wasser in die Seine; ein wahrer Rinnstein, wenn es geregnet hat und die Erde durstig ist. Coupeau schenkte von oben ein, damit er den roten Strahl schäumen sehen konnte; sooft ein Liter leer war, machte er zum Scherz die Handbewegung, den Hals der Flasche zu drücken, wie die Frauen Kühe melken. Und die Rotweinflasche flog in eine Ecke des Ladens. Dort türmten sie sich, ein wahrer Kirchhof von Flaschen, auf die man noch die Abfälle des Mahles warf. Frau Putois verlangte nach einem Glas Wasser; doch der Zinkarbeiter war so entrüstet darüber, daß er alle Wasserkaraffen vom Tische fortnahm. »Trinken denn ehrliche Leute Wasser?« fragte er. Sie wolle wohl Frösche in den Magen bekommen! Die Gläser wurden auf einen Zug geleert, man hörte, wie die Flüssigkeit in den Hals floß mit dem Geräusch, das an Gewittertagen Regenwasser in abwärtsfließende Rinnen macht. Es regnete jungen Wein, nicht wahr? Jungen Wein, der erst den Geschmack vom alten Faß hatte, hatte man sich aber daran gewöhnt, schmeckte er wie Haselnüsse. Herrgott! die Jesuiten hatten gut reden, der Traubensaft war doch eine gute Erfindung. Alles lachte und klatschte Beifall, denn schließlich, der Arbeiter ohne Wein, so was gibt's nicht. Vater Noë mußte den Rebstock für die Spengler, Schneider und Schmiede pflanzen. Der Wein putzt und erholt uns von der Arbeit, bringt Feuer in den Leib der Faulenzer; und wenn der Spaßmacher einem schon einen Streich spielt, was liegt daran, Paris gehörte einem doch. Ja, der Arbeiter ist ausgebeutet, ohne Sous, vom Bourgeois mißachtet, aber er hat doch seine Späße, und soll ihm dann keiner vorwerfen, wenn er sich manchmal einen auf den Hut steckt, um die Welt rosig zu sehen. Und eben jetzt, was macht man sich schon aus dem Kaiser? Vielleicht hat er auch seinen Fetzen, das ist egal, es ist egal, er ist einem doch Wurst; und wenn er auch noch viel besoffener wäre, er wäre einem noch mehr egal. Den Teufel hol die Aristos! Coupeau jagte die ganzen Aristos zum Teufel. Er fand die Frauen allerliebst, er klopfte auf seine Taschen, darin drei Sous klimperten, er lachte, als wenn es hundert gewesen wären. Selbst Goujet, der sonst so Nüchterne, hatte die Nase voll. Die Augen Boches verkleinerten sich; Lorilleux' wurden blaß, während Poissons Blick im bronzenen Gesicht eines alten Soldaten immer strenger wurde. Sie waren alle schon total betrunken. Auch die Damen hatten einen Spitz; erst einen leichten Rausch, wie Wein in den Wangen; sie nahmen ihre Halstücher ab, sie hatten das Verlangen, sich auszuziehen; und Clementine fing an unanständig zu werden. Aber plötzlich erinnerte sich Gervaise der sechs gesiegelten Flaschen; die hatte sie vergessen, mit der Gans zugleich zu servieren; sie brachte sie und man füllte die Gläser. Poisson stand auf; das Glas in der Hand, sagte er: »Ich trinke auf das Wohl der Gastgeberin!« Die ganze Gesellschaft stand unter geräuschvollem Stuhlrücken auf; Arme streckten sich, Gläser schlugen an, da hörte man jemand schreien: »Nach fünfzig Jahren!« – es war Virginie. »Nein, nein,« antwortete Gervaise lachend und gerührt, »dann bin ich zu alt. Geht, es kommt der Tag, an dem man gern geht.« An der offenen Türe nahm das ganze Viertel an diesem Gelage teil. Vorübergehende blieben in diesem Lichtkegel der Türe stehen, sie lachten gutmütig, als sie die Leute so frohen Herzens essen sahen. Kutscher, auf ihren Sitzen gebeugt, schlugen auf ihre Rosse, und warfen lustige Worte herein beim Vorüberfahren: »Sagt mal, bezahlt ihr nichts?« ... »O je, die dicke Mutter; ich hole die Hebamme.« Der Geruch der Gans erfreute die ganze Straße; die Verkäufer des Spezereiladens drüben glaubten von dem Tier mitzuessen; die Obst- und Kuttelhändlerin kamen alle Augenblicke und stellten sich vor die Türe hm, um die Luft einzuatmen, sich die Lippen leckend. Im wahren Sinne des Wortes hatte die ganze Straße eine Indigestion. Die Damen Cudorge, Mutter und Tochter, die Regenschirmhändlerinnen, die man sonst nie sah, liefen hintereinander über die Straße mit schielenden Augen, so rot, als hatten sie beim Backofen gestanden. Der kleine Furelier an seinem Werktisch konnte nicht mehr arbeiten, betrunken vom Zählen all der vielen Liter, ganz erregt zwischen seinen lustigen Kuckucksuhren. »Ja, die Nachbarn krepieren daran!« rief Coupeau. Aber, warum sollte man sich verstecken? Die halbbetrunkene Gesellschaft schämte sich nicht mehr, daß man sie bei Tisch sah; im Gegenteil, sie fühlten sich geschmeichelt und erhitzt, diese zusammengedrängte verfressene Truppe; sie hatten gern die Vorderwand hinausgedrückt, das Gedeck bis auf die Straße getragen, das Dessert draußen eingenommen, unter den Augen all dieser Leute, mitten in der Erschütterung der Straße. Man war doch nicht ekelhaft anzusehen? Nicht wahr? Dann hatte man es auch nicht nötig, sich wie Egoisten einzusperren. Coupeau, der sah, daß der kleine Uhrmacher da drüben Durst hatte, zeigte ihm eine Flasche; als der andere mit dem Kopfe nickte, brachte er ihm seine Flasche und ein Glas. Jetzt wurde auch die Straße brüderlich beigezogen. Man trank allen Vorübergehenden zu. Man nannte jeden Kamerad, der ein gutes Gesicht machte. Die Fresserei nahm so zu, daß das ganze Viertel der Rue de la Goutte d'Or teilnahm, sich vor Lachen den Bauch hielt, in einem Teufelsbacchanal. Seit einiger Zeit kam auch Frau Vigouroux, die Kohlenhändlerin, hin und wieder vorbei. »Ohé, Frau Vigouroux, Frau Vigouroux«, brüllte die Gesellschaft. Sie kam herein mit tierischem Lachen. Sie war gewaschen und so fett, daß ihre Taille fast platzte. Die Männer kniffen sie gern, weil sie das überall durften, ohne je auf einen Knochen zu treffen. Boche hieß sie zu sich setzen; und sofort nahm er ihr Knie unter dem Tisch. Sie aber, an dergleichen gewöhnt, trank ruhig ihr Glas leer, erzählte, daß alle Nachbarn an den Fenstern wären und daß einige Leute im Hause anfingen böse zu werden. »Oh, das ist unsere Sache,« sagte Frau Boche. »Wir sind die Hausmeister, nicht wahr? Wir verantworten die Ruhe ... Sie sollen nur kommen und sich beklagen, wir werden sie schön empfangen.« Im hintern Zimmer fand eine schreckliche Schlacht statt zwischen Nana und Augustine wegen der Bratenpfanne, die jedes austunken wollte. Während einer Viertelstunde hörte man diese Pfanne auf dem Boden hin und her rutschen, mit dem Geräusch einer alten Kasserolle. Jetzt pflegte Nana den kleinen Victor, der einen kleinen Knochen in der Kehle stecken hatte; sie steckte ihm die Finger unter das Kinn, ihn zwingend, große Stücke Zucker zu schlucken, als Kur. Das hinderte sie aber nicht, den großen Tisch zu überwachen. Jeden Augenblick kam sie Wein holen, Brot verlangend, Fleisch für Etienne und für sich. »Hier! Krepier!« sagte zuletzt ihre Mutter. »Willst du mich endlich in Ruhe lassen!« Die Kinder konnten nicht mehr schlucken, aber sie aßen doch immerfort, mit der Gabel eine Melodie auf dem Teller klopfend, um sich gegenseitig anzuregen. Mitten in all dem Lärm entstand eine Unterhaltung zwischen Vater Bru und Mama Coupeau. Der Alte, der von all der Nahrung und dem Wein ganz fahl geworden war, erzählte von seinen Söhnen, die in der Krim gefallen waren. Ah, wenn die Kleinen am Leben geblieben wären, hatten sie jeden Tag Brot gehabt. Aber Mama Coupeau, deren Zunge etwas schwer war, beugte sich zu ihm und sagte: »Man hat doch rechte Sorge mit seinen Kindern! Sehen Sie, ich scheine doch ganz glücklich hier zu sein, nicht wahr? Zur Linken schwamm in einem tiefen Teller ein Stück weißer Käse, während auf der rechten Seite in einer Schüssel zerdrückte Erdbeeren standen, aus denen der Saft auslief. Und es blieb noch Salat übrig, breite römische Blätter in Öl getaucht. »Nun, Frau Boche,« sagte Gervaise verbindlich, »noch etwas Salat? Es ist eine Passion von Ihnen, ich weiß es.« »Nein, nein, danke!« antwortete die Hausmeisterin, »ich bin bis oben voll.« Die Büglerin drehte sich gegen Virginie, diese steckte aber den Finger in den Mund, als wollte sie zeigen, wie weit die Nahrung ginge. »Ja, wahrhaftig, ich bin voll,« sagte sie; »es ist kein Platz mehr da, kein Bissen geht mehr hinein.« »Oh, wenn Sie sich etwas zwingen,« wiederholte Gervaise fröhlich. »Ein kleines Plätzchen ist immer noch da. Salat, das ißt sich ohne Hunger ... Lassen Sie doch diesen römischen Salat nicht umkommen.« »Du wirst ihn morgen eingemacht essen,« sagte Frau Lerat. »Eingemacht ist er besser.« Die Damen schnauften, mit Bedauern nach der Salatschüssel schauend. Clementine erzählte, sie habe eines Tages zum Frühstück drei Bündel Kresse gegessen. Frau Putois vermochte noch mehr, sie aß die Köpfe römischen Salats ohne ihn zu putzen; sie blättere sie nur ab und esse sie mit Salz. Alle wollten nur noch von Salat leben, ganze Zuber voll. Und während dieser Unterhaltung aßen sie die Schüssel leer. »Ich würde mich vierfüßig ins Grüne legen«, wiederholte die Hausmeisterin mit vollem Mund. Dann lachten und scherzten sie vor dem Dessert. Das zählt nun einmal gar nicht, der Nachtisch. Er kam zwar etwas spät, aber das mache nichts, man würde ihm doch Ehre antun. Auch wenn man wie Bomben platzen würde, man kann doch nicht Erdbeeren und Kuchen stehen lassen. Auch pressierte es ja gar nicht, man hatte, wenn man wolle, die ganze Nacht vor sich. Währenddessen füllte man die Teller mit Erdbeeren und weißem Käse. Die Männer zündeten ihre Pfeifen an; und da die gesiegelten Flaschen leer waren, tranken sie wieder den Literwein, während sie rauchten. Gervaise sollte aber den Savoyer Kuchen sofort anschneiden. Poisson stand sehr galant auf, nahm die Rose und bot sie Gervaise an, unter dem Applaus der ganzen Gesellschaft. Sie mußte sie mit einer Stecknadel über ihrem linken Busen befestigen, auf der Seite des Herzens. Bei jeder Bewegung flatterte der Schmetterling daran. »Sagt einmal!« rief Lorilleux, der scheinbar eine Entdeckung gemacht hatte, »wir essen wohl auf dem Werktisch? ... Ach, man hat vielleicht noch niemals soviel daran gearbeitet!« Diese boshafte Bemerkung hatte einen großen Erfolg. Es regnete jetzt geistreiche Anspielungen: Clementine schluckte keinen Löffel voll Erdbeeren mehr, ohne zu bemerken, daß sie einen Bügelstrich mache, Frau Lerat behauptete, der weiße Käse schmecke nach Stärke, während Frau Lorilleux zwischen den Zähnen hervorstieß, es wäre sehr angenehm, das Geld so schnell zu verschlingen, das man auf diesen Brettern mit so vieler Mühe verdient habe. Ein Heiterkeitsausbruch und Gelächter brach los. Plötzlich gebot eine starke Stimme Ruhe. Es war Boche, er stand auf, nahm eine nachlässige und vergnügte Haltung an und sang: »der Liebesvulkan oder der verführerische Kommissoldat.« Ich, Blavin, verführ die schönen Damen ... Ein donnerndes Bravo quittierte diese erste Strophe. Ja, man wolle singen! Jeder das Seine. Das war das Schönste von allem. Die einen stützten ihre Ellbogen auf den Tisch, andere warfen sich auf die Stuhllehnen zurück, mit dem Kinn ihre Zustimmung gebend, nickten mit dem Kopfe bei hübschen Stellen und tranken bei den Refrains einen Schluck. Boche, dieses Vieh, kannte besonders viel komische Lieder. Alles lachte, wenn er mit gespreizten Fingern, den Hut im Nacken, sein »Trou-la-la« sang. Nach dem »Liebesvulkan« sang er sein Hauptstück: »Die Baronin von Follebiche«. Als er an die dritte Strophe kam, beugte er sich zu Clementine und sang ihr mit wollüstiger Stimme ins Ohr: »Wer speist bei der Gräfin Kusine? Es sind vier Schwesterlein, Drei Braune und eine Blondine Die haben acht Äugelein.« Die andern sangen den Refrain. Die Männer schlugen mit den Hacken den Takt. Die Damen nahmen ihre Messer zur Hand und schlugen damit an die Gläser. Alle heulten: »Ei der Tausend! wer wird wohl zahlen Den Wein für die Pa ... für die Pa ... für die Pa ... Ei der Tausend, wer wird wohl zahlen Den Wein für die Patrou-ou-ouille!« Die Fenster im Laden klangen und der Atem der Sänger machte selbst die Musselinvorhänge erzittern. Aber Virginie war schon zweimal verschwunden und hatte sich zu Gervaises Ohr hinübergebeugt, um ihr eine leise Mitteilung zu machen. Als sie das drittemal zurückkam, sagte sie ihr: »Meine Liebe, er ist immer noch bei François, er tut, als lese er die Zeitung ... aber ganz bestimmt, es steckt etwas dahinter.« Sie sprach von Lantier. Sie spionierte ihn aus. Bei jedem neuen Bericht wurde Gervaise ernster. »Ist er betrunken?« fragte sie Virginie. »Nein,« antwortete die große Braune. »Er scheint sehr nüchtern zu sein. Das ist ja gerade so beunruhigend. Warum bleibt er dann beim Weinwirt, wenn er gesättigt ist? ... Ach Gott, wenn nur nichts geschieht.« Die geängstigte Büglerin bat sie, nichts zu sagen. Plötzlich wurde es ganz still. Frau Putois war aufgestanden und sang: A L'abordage! Die Gäste betrachteten sie stumm und gesammelt; selbst Poisson hatte seine Pfeife an den Rand des Tisches gelegt, um besser zu hören. Sie hielt sich steif, klein und zornig, das Gesicht blaß unter ihrer schwarzen Haube; sie stieß ihre linke Faust mit überzeugendem Stolz aus und schmetterte mit einer Stimme, die größer war als sie selbst: »Wenn ein fürchterlicher Räuber Vor uns jagt mit vollen Segeln, Sitzt der Tod in seinen Raaen, Denn Pardon gibt man ihm nicht. An die Stücke! meine Burschen! Sauft den Rum in vollen Zügen! Raubgesindel auf dem Meere Stirbt von eurer Rächerhand!« Das war etwas Ernsthaftes, Donnerwetter! Das gab einen richtigen Begriff von der Sache. Poisson, der auf dem Meere gefahren, wiegte seinen Kopf hin und her, um die Einzelheiten zu bestätigen. Man fühlte, daß dieses Lied nach dem Geschmack der Frau Putois war. Coupeau beugte sich vor und erzählte, wie Frau Putois eines Abends vier Männer geohrfeigt hatte, die sie entehren wollten. Gervaise, von Mama Coupeau unterstützt, reichte den Kaffee herum, obgleich man noch immer vor der Savoyer Torte saß. Man ließ sie gar nicht sich niedersetzen, denn man sagte, daß die Reihe nun an ihr wäre. Sie weigerte sich, sie sah blaß aus und fühlte sich nicht wohl; man fragte sie, ob sie vielleicht die Gans belästigte. Darauf antwortete sie mit dem Lied: »Ach, laßt mich schlafen!« mit sanfter und zarter Stimme; als sie an den Refrain kam, an diesen Wunsch des Schlafes, mit schönsten Träumen bevölkert zu sein, schlossen sich ihre Lider etwas, ihr Blick glitt in die Dunkelheit, zur Straße hin. Gleich darauf grüßte Poisson die Damen mit heftigem Kopfnicken und sang ein Trinklied, »Frankreichs Weine«; aber er sang wie ein Einfaltspinsel; nur die letzte Strophe, der patriotische Teil, hatte Erfolg, weil er, als er von der Trikolore sprach, sein Glas hoch erhob, es schaukelte und auf einen Zug in seinen weit aufstehenden Mund schüttete. Dann folgten Romanzen; in der Barkarole der Frau Boche war die Rede von Venedig und den Gondolieri; von Sevilla und den Andalusiern im Bolero der Frau Lorilleux, während Lorilleur sogar von den Düften Arabiens erzählte, im Zusammenhang mit Fatma, der Tänzerin. Um diesen fettigen Tisch herum, in der durch das Ausströmen des Atems vom Übermaß des Genusses verdickten Luft, öffneten sich goldene Horizonte, elfenbeinerne Hälse, ebenholzfarbene Haare wurden gepriesen, Küsse unter dem Mond beim Klang der Gitarre getauscht, Bajaderen, die unter ihrem Schritt Regen von Perlen und Edelsteinen säten; und die Männer rauchten dabei ganz fromm ihre Pfeifen, die Frauen behielten ihr Lächeln ungeahnter Genüsse, alle versetzten sich dahin und atmeten die Wohlgerüche. Als Clementine mit einem Tremolo »Macht ein Nest« gurrte, machte das auch viel Spaß; denn das zauberte das Land herauf, die leichten Vögel, Tanz unter den Bäumen, Blumen mit Honigkelchen – alles, was man im Walde Vincennes an den Tagen sah, an denen man Kaninchen essen ging. Virginie brachte wieder Humor durch ihr » Mon petit riquiqui « hinein; sie machte die Marketenderin, eine Hand auf die Hüfte gelegt, den Ellbogen gerundet; mit der andern Hand schenkte sie ins Leere ein, mit ausgebogenem Daumen. Nun bat man Mama Coupeau, » La Souris « zu singen. Die alte Frau wehrte sich, sie kenne solche Scherze nicht. Doch fing sie gleich mit einer gebrochenen Stimme, dünn wie ein Faden, an; ihr gerunzeltes Gesicht, kleine lebhafte Augen unterstrichen die Angst des Fräuleins Lise, die ihre Röcke an sich riß beim Anblick der Maus. Der ganze Tisch lachte; die Frauen konnten nicht ernst bleiben, sie schauten sich gegenseitig mit leuchtenden Augen an; es war übrigens nichts Schlüpfriges dabei, kein einziges rohes Wort. Um wahr zu sein, muß man sagen, daß Boche die Maus an den Waden der Kohlenhändlerin machte. Das hätte nun böse ausarten können, wenn nicht Goujet auf einen Wink Gervaises Ruhe und Respekt zurückgebracht hatte mit seinem Gesang: » Adieux d'Abd-el-Kader «, das er mit seiner Baßstimme herausschmetterte. Der hatte einen soliden Baß! Das kam aus seinem schönen gelben Bart heraus wie aus einer Messingtrompete. Als er den Ruf ausstieß: » O ma, noble compagne! «, von der schwarzen Kriegsstute sprechend, hatten alle Herzklopfen, man klatschte, ohne erst das Ende abzuwarten, so sehr hatte er durch den Schrei begeistert. »Jetzt zu Ihnen, Vater Bru, es ist Ihre Reihe!« sagte Mama Coupeau. »Singen Sie das Ihre. Die alten Sachen sind die Schönsten. Nun!« Und alle drehten sich zum Alten hin, nötigten und ermutigten ihn. Er schaute ganz unverständlich die Leute an mit seiner unbeweglichen Maske wie gegerbte Haut. Man fragte ihn, ob er das » Cinq voyelles « kenne. Er nickte mit dem Kinn; er erinnerte sich aber nicht mehr; alle Gesänge der alten Zeit mischten sich in seinem Kopfe. Als man beschlossen hatte, ihn in Ruhe zu lassen, schien er sich zu erinnern, er stotterte mit einer Grabesstimme: »Trou la-la, trou la-la, Trou la-la ...« Sein Gesicht bekam Leben, dieser Refrain erweckte in ihm entfernte Lustbarkeiten, die er allein genoß, auf seine immer mehr und mehr verschwindende Stimme mit Kinderentzücken horchend: »Trou la-la, Trou la-la, Trou la-la ...« »Höre meine Liebe,« sagte jetzt Virginie leise am Ohr Gervaises. »Ich komme gerade wieder von da, Lantier ist von François weg. Es hat mir keine Ruhe gelassen.« »Sind Sie ihm nicht draußen begegnet?« fragte die Büglerin. »Nein, ich bin so schnell gegangen, es fiel mir nicht ein, mich umzuschauen.« Aber Virginie, die aufsah, unterbrach sich mit einen Seufzer: »Ach, mein Gott! ... Er ist da, auf dem Gehweg gegenüber; er schaut herein.« Gervaise, ganz verstört, schaute hinüber. Draußen stauten sich Menschen, die die Gesellschaft singen hören wollten. Die Verkäufer des Spezereiwarengeschäfts, die Kuttelhändlerin, der kleine Uhrmacher standen alle in Gruppen, schienen mit dazu zu gehören. Es gab auch Soldaten, Bürger in Gehröcken, drei kleine Mädchen von fünf bis sechs Jahren hielten sich an den Händen, alle ernst und entzückt. Und Lantier, wirklich auch er, stand in erster Reihe, schaute und horchte ganz ruhig. Das war stark. Gervaise ging ein Kälteschauer von den Füßen bis zum Herzen, sie wagte sich nicht mehr zu rühren, während Vater Bru fortfuhr: »Trou la-la, Trou la-la, Trou la-la ...« »Aber nein, mein lieber Alter, davon ist's genug!« sagte Coupeau. »Kennen Sie das Ganze? ... Das singen Sie uns dann an einem andern Tag, nicht wahr! wenn wir nicht so lustig sind.« Man lachte. Der Alte hörte gleich auf, schaute mit seinen blassen Augen um den Tisch herum und verfiel wieder in sein träumerisches Brüten. Der Kaffee war ausgetrunken. Der Spengler verlangte wieder Wein. Clementine fing wieder an Erdbeeren zu essen. Einen Augenblick lang hörten die Gesänge auf, man sprach von einer Frau, die man am Morgen aufgehängt gefunden hatte im Nebenhaus. Jetzt war die Reihe an Frau Lerat, sie brauchte aber Vorbereitungen. Sie tauchte das Ende ihrer Serviette in ein Glas Wasser und betupfte sich damit die Schläfen, weil ihr zu warm war. Dann verlangte sie einen Tropfen Schnaps, trank ihn und putzte sich lange die Lippen ab. »Das Kind des lieben Gottes, nicht wahr!« murmelte sie, »das Kind des lieben Gottes.« Groß, männlich, mit knochiger Nase und vierschrötigen Schultern wie ein Gendarm, richtete sie sich auf und fing nun an: »Du armes Kind, von Mutterlieb verla-a-assen. An heil'ger Stätte nimmt man gern dich auf, Gott selbst wird schützend deine Hand erfa-a-assen, Gott Vater nimmt dich in den Himmel auf!« Ihre Stimme zitterte bei gewissen Worten, die sich wie in nassen Noten hinzogen; sie hob ihre Augenwinkel gegen den Himmel, während ihre rechte Hand sich mit überzeugender Geste auf Brust und Herz legte. Gervaise, durch Lantiers Gegenwart so bedrückt, konnte ihre Tränen nicht zurückhalten; ihr war, als wenn dieser Gesang ihr ganzes Leid ausspreche, daß sie dieses verlorene, verlassene Kind wäre, das der liebe Gott in Verteidigung nehmen würde. Clementine war so betrunken, daß sie in Tränen ausbrach, den Kopf auf den Tisch legte und ihr Schluchzen im Tischtuch erstickte. Ein fröstelndes Schweigen entstand. Die Damen zogen ihre Taschentücher vor, wischten sich die Augen vor sich hinsehend, den nachbarlichen Schmerz respektierend. Die Männer schauten mit geneigten Stirnen vor sich hin, die Augenlider gesenkt. Poisson erstickte fast, zweimal schon hatte er die Enden seiner Pfeife zwischen den gepreßten Zähnen abgebissen, er spuckte die Stücke auf den Boden, ohne daß er zu rauchen aufhörte. Boche, der seine Hand auf dem Knie der Kohlenhändlerin liegen hatte, kniff sie nicht mehr, in unbewußtem Respekt und Reuegefühl, während zwei große Tränen seine Backen herunterrollten. Diese Kneipbrüder waren steif wie die Gerechtigkeit und zart wie Lämmer. Der Wein sprang ihnen zu den Augen heraus! Wenn der Refrain verlangsamte und noch weinerlicher wiederkehrte, ließen sie sich los, heulten wie die Kettenhunde über ihre Teller, knöpften sich über dem Bauch auf, lösten sich vor Mitleid auf. Aber Gervaise und Virginie, gegen ihren Willen, verließen mit ihren Augen den gegenüberliegenden Gehweg nicht mehr. Jetzt gewahrte auch Frau Boche Lantier, sie stieß einen leichten Schrei aus, wischte sich aber trotzdem die Tränen weiter aus den Augen. Alle drei zeigten geängstigte Gesichter und schauten sich unwillkürlich an. Mein Gott, wenn Coupeau sich umdreht, wenn Coupeau den andern sieht. Welche Schlächterei! Das Gemetzel! Und sie machten es so gut, daß der Zinkarbeiter endlich fragte: »Was schaut ihr denn?« Er drehte sich um und erblickte Lantier. »Gott im Himmel! das ist zuviel,« murmelte er; »ah, das schmutzige Schwein, das Schwein ... das ist zu stark, es muß ein Ende haben.« Und als er aufstand, indem er schreckliche Drohungen aussprach, bat ihn Gervaise mit leiser Stimme. »Höre, ich bitte dich ... laß das Messer... Bleib auf deinem Platz, verursache kein Unglück.« Virginie mußte ihm das Messer aus der Hand nehmen, das er vom Tisch aufgegriffen hatte. Aber sie konnte nicht verhindern, daß er aufstand, hinausging und sich Lantier näherte. Die Gesellschaft sah und hörte nichts, so war deren Erregung gesteigert; sie weinten noch heftiger, als Frau Lerat mit herzzerreißendem Ausdruck weitersang: »Die arme Waise war verloren, Und ihre Stimme kam zu Ohren Nur den Bäumen und dem Wind.« Der letzte Vers war nur noch ein kläglicher Hauch des Sturmes. Frau Putois, die gerade trinken wollte, wurde so gerührt, daß sie ihren Wein aufs Tischtuch ausleerte. Doch Gervaise blieb ganz erstarrt, eine geballte Faust gegen den Mund gedrückt, um nicht hinauszuschreien, vor Entsetzen mit den Augenlidern blinzelnd; sie erwartete jeden Augenblick einen der beiden Männer da draußen erstochen auf das Pflaster fallen zu sehen. Virginie und Frau Boche verfolgten ebenfalls sehr interessiert die Szene da draußen. Coupeau, von der Luft überrascht, wäre fast in den Bach gefallen, als er sich auf Lantier stürzen wollte. Dieser hatte sich nur abgewandt, die Hände in den Hosentaschen. Jetzt beschimpften sich die beiden Männer, besonders der Spengler sagte ihm Wahrheiten, nannte ihn krankes Schwein, er wolle seine Eingeweide aufessen. Man hörte die wütenden Stimmen, sah die bedrohlichen Bewegungen, als wollten sie sich die Arme ausrenken. Gervaise schwindelte, sie schloß die Augen, weil es schon zu lange dauerte und weil sie glaubte, sie würden sich die Nasen abbeißen, so nahe kamen sie sich, Gesicht an Gesicht. Dann, als sie nichts mehr hörte, öffnete sie die Augen wieder und blieb ganz dumm sitzen, da sie die beiden so ruhig miteinander reden sah. Die Stimme der Frau Lerat erhob sich wieder, schmachtend vor Weinerlichkeit, eine neue Strophe anfangend: »Am nächsten Morgen, schon halb entseelt, Da fand man das arme Kind.« »Es gibt doch recht seelenlose Frauen«, sagte Frau Lorilleux unter allgemeiner Bestätigung. Gervaise hatte mit Frau Boche und Virginie Blicke gewechselt. Das mache sich also? Coupeau und Lantier sprachen immer noch zusammen auf dem Gehweg. Sie beschimpften sich gegenseitig immer noch, aber in freundschaftlicher Weise. Sie nannten sich »verfluchtes Tier« in einem Ton, aus dem ein Funke Zärtlichkeit sprach. Als man sie anstarrte, gingen sie leise nebeneinander auf und ab längs der Häuser, alle zehn Schritte umkehrend. Schnell hatte sich eine Unterhaltung angebahnt. Da schien plötzlich Coupeau wieder zornig zu werden, während der andere sich weigerte, sich bitten ließ. Und da war es der Zinkarbeiter, der Lantier schob und ihn zwang, über die Straße zu kommen und einzutreten. »Wenn ich schon sage, es geschieht aus gutem Herzen!« schrie er. »Sie werden ein Glas Wein trinken ... Männer sind doch Männer, nicht wahr? ... Man versteht sich ...« Frau Lerat vollendete den letzten Refrain. Die Frauen wiederholten, ihr Taschentuch zerdrückend: »Verlorner Kinder nimmt ein Gott sich an.« Man komplimentierte die Sängerin sehr, die sich, scheinbar ganz erschöpft, niedersetzte. Sie bat um irgendein Getränk, weil, wie sie sagte, sie so viel Gefühl in dieses Lied lege, sie habe immer Angst sich einen Nerv zu verrenken. Alle schauten nun auf Lantier, der ganz ruhig neben Coupeau saß, schon am letzten Stück vom Savoyer Kuchen essend, das er in ein Glas Wein tunkte. Außer Frau Boche und Virginie kannte ihn niemand. Die Lorilleux' rochen wohl irgendeine Machination; aber sie wußten nichts Bestimmtes und sahen daher gekniffen aus. Goujet, der wohl bemerkt hatte, wie erregt Gervaise war, sah ihn deshalb schief an. Da sich ein unangenehmes Schweigen bemerkbar machte, sagte Coupeau einfach: »Es ist ein Freund.« Und zu seiner Frau: »Nun, so rühr dich doch! ... Vielleicht ist noch warmer Kaffee da.« Gervaise sah den einen und dann den andern an, sanft und dumm. Erst, als ihr Mann ihren frühern Geliebten hereinschob, nahm sie ihren Kopf zwischen beide Hände, ganz instinktiv, so, wie sie es an Gewittertagen bei jedem Donnerschlag machte. Das schien ihr unmöglich; die Mauern stürzten ein und erdrückten alle. Dann, als sie die beiden Männer sitzen sah, ohne daß sich selbst der Musselinvorhang bewegt hätte, fand sie es ganz natürlich. Die Gans bedrückte sie ein wenig; sie hatte zuviel davon gegessen, ganz entschieden, und das hinderte sie am Denken. Eine glückliche Faulheit überkam sie und hielt sie am Ende des Tisches fest, mit dem einzigen Bedürfnis, nicht gestört zu werden. Mein Gott! warum sich soviel Ärger bereiten, wenn die andern es auch nicht tun und wenn diese Geschichten sich von selbst machten zur allgemeinen Zufriedenheit? Und sie stand auf, um nachzusehen, ob noch Kaffee übriggeblieben war. Im hintern Raume schliefen die Kinder. Diese Augustine hatte sie während dem ganzen Nachtisch terrorisiert, ihnen die Erdbeeren weggenommen, sie mit schauerlichen Drohungen eingeschüchtert. Jetzt war sie sehr krank, saß auf ihr Bäuchchen gekauert, mit weißem Gesicht, ohne zu sprechen. Pauline lag mit dem Kopf auf Etiennes Schulter, der auch am Ende des Tisches schlief. Nana saß auf der Bettvorlage neben Victor, den sie an sich zog, einen Arm um seinen Hals gelegt; und schläfrig, mit geschlossenen Augen, wiederholte sie mit schwacher Stimme: »Oh, Mama, mir tut's weh... oh! Mama, mir tut's weh...« »Ja,« murrte Augustine, deren Kopf auf die Schultern fiel, »sie sind betrunken; sie haben gesungen wie die großen Leute.« Etienne verursachte Gervaise einen neuen Schlag. Sie meinte ersticken zu müssen, wenn sie daran dachte, daß der Vater dieses Jungen draußen sitze, Kuchen essend, ohne den Wunsch zu haben, den Kleinen zu küssen. Sie war nahe daran, Etienne zu wecken und ihn ihm auf die Arme zu legen. Da fand sie noch einmal, daß es doch sehr gut sei, wenn sich alles ruhig abmache; es wäre auch nicht anständig gewesen, das Ende des Festes zu stören. Da kam sie mit der Kaffeekanne zurück und goß Lantier, der sich im übrigen gar nicht um sie zu kümmern schien, ein Glas Kaffee ein. »Jetzt bin ich an der Reihe!« lallte Coupeau mit rauher Stimme. »Ja, mich haben sie bis zuletzt aufgehoben. Zum Nachtisch ... Nun denn, dann werde ich euch singen: ›Was ist das Kind für ein Schwein!‹« »Ja, ja«, schrie man allerseits auf ihn ein. Nun begann der Lärm aufs neue und Lantier war vergessen. Die Damen rückten Gläser und Messer zurecht, um den Refrain zu begleiten. Man lachte schon im voraus beim Anblick des Zinkarbeiters, der sich fest auf seine Beine zu stellen versuchte. Er begann mit der heisern Stimme einer alten Frau: »Wenn man des Morgens früh aufsteht, Sind Herz und Beutel stets gleich leicht; Das Kind dann zum Budiker geht. Der mir den Schnaps auf Pump noch reicht. Drei Viertelstunden bleibt die Range, Eh' sie bringt den Branntwein 'rein, Säuft die Hälfte auf dem Gange: Oh! was ist das Kind ein Schwein!« Nun schlugen die Damen an ihre Gläser und wiederholten im Chor unter ungeheurer Heiterkeit: »Oh! was ist das Kind ein Schwein! Oh! was ist das Kind ein Schwein!« Die ganze Rue de la Goutte d'Or mischte sich jetzt hinein. Alles sang mit: »Oh! was ist das Kind ein Schwein!« Der Uhrmacher, die Ladenburschen des Kaufmanns, die Krämerin und Kaldaunenhändlerin, alle kannten das Lied, sangen den Refrain und schlugen sich gegenseitig zum Spaß im Takt auf den Rücken. Es schien, als wäre die ganze Straße betrunken; der Geruch allein, der von dem Gastmahl der Coupeaus ausging, ließ die Leute Feierabend machen. Sie waren da drinnen schon hübsch angeheitert. Von dem ersten Schluck reinen Weines an nach der Suppe steigerte sich die Betrunkenheit und hatte jetzt ihren Höhepunkt erreicht. Sie waren bis zum Platzen voll; so saßen sie im rötlichen Dampf, den die zwei blakenden Lampen erzeugten. Der Lärm übertönte das Rollen der letzten Wagen. Zwei Stadtsergeanten, die glaubten, daß da ein Auflauf entstanden sei, eilten herbei; als sie aber Poisson mitten in dieser Gesellschaft sahen, nickten sie ihm verständnisinnig zu. Sie gingen langsam an den dunklen Häusern weiter. Coupeau sang sein Couplet weiter: »Des Sonntags in Petit-Villette, Wenn die Glut vorbei, Besuch ich meinen Onkel Tinette, Von der Abfuhrkompanei. Kirschenkerne dort zu sammeln, Wagen wir uns tief hinein, Kind läßt drin die Beine bammeln, Oh! was ist das Kind ein Schwein! Oh! was ist das Kind ein Schwein!« Nun aber kam das Haus ins Wackeln, ein solches Geheul dröhnte durch die milde, stille Nacht; diese Schreihälse klatschten sich selber Beifall, denn sie konnten nicht hoffen, daß es ihnen gelingen würde, noch stärker zu brüllen. Keiner der Gäste konnte sich später daran erinnern, wie dieses Gastmahl endete. Es mußte sehr spät gewesen sein, das ist alles, denn keine Katze ging mehr auf der Straße. Es kann auch sein, daß man um den Tisch herum tanzte, indem man sich die Hände gab. Das alles versank in einem gelben Nebel, rote Gesichter die tanzten, den Mund bis zu den Ohren gespalten. Sicher hatte man den Wein à la française zum Schluß getrunken; nur wußte man nicht mehr, ob nicht jemand aus Spaß Salz in die Gläser geschüttet hatte. Die Kinder müssen sich allein ausgezogen und ins Bett gelegt haben. Am nächsten Tage rühmte sich Frau Boche, ihrem Mann zwei Ohrfeigen in einem Winkel versetzt zu haben, weil er mit der Kohlenhändlerin zu nahestehend gesprochen habe; da aber Boche sich an nichts dergleichen erinnerte, sagte er, es wäre Verleumdung. Jeder aber war sich einig, daß das Betragen Clementines nicht sehr anständig war; dieses Mädchen könne man nicht mehr einladen; sie hatte zum Schluß alles gezeigt, was sie hatte; es ist ihr übel geworden, so daß sie einen Musselinvorhang vollständig verdorben hat. Die Männer sind wenigstens auf die Straße hinaus gegangen; Lorilleux und Poisson, deren Magen sich drehte, sind bis zum Laden des Wursthändlers gelaufen. Wenn man gut erzogen wurde, sieht man das immer. So die Damen: Frau Putois, Frau Lerat und Virginie, durch die Hitze belästigt, sind einfach in den hintern Raum gegangen und haben das Korsett ausgezogen; Virginie wollte sich einen Augenblick auf das Bett legen, um die schlechten Folgen zu vermeiden. Dann schien die Gesellschaft einfach zu schmelzen. Die einen begleiteten die andern, versanken im schwarzen Viertel, in einem letzten Lärm, einem wütenden Streit zwischen den Lorilleux', einem eigensinnigen »Trou la-la« des Vater Bru. Gervaise glaubte, daß Goujet geschluchzt habe beim Fortgehen; Coupeau sang immerzu; Lantier blieb bis zum Schluß, sie glaubte noch einen Hauch in ihrem Haar von ihm zu spüren, einen Augenblick lang. Sie konnte aber nicht sagen, ob er von Lantier kam oder der heißen Nacht. Doch als Frau Lerat sich weigerte, zu dieser Stunde nach Batignolles zurückzugehen, nahm man eine Matratze aus dem Bett und legte sie in einen Winkel im Laden, nachdem man den Tisch weggerückt hatte. Da schlief sie, unter all den Resten des Essens. Und die ganze Nacht, während dem festen Schlaf der Coupeaus, die das Fest ausbrüteten, kam die Katze der Nachbarin, die ein offenes Fenster gefunden hatte, und krachte die Knochen der Gans zusammen und half so das Fest mit dem kleinen Geräusch ihrer scharfen Zähne begraben. 8 Am nächsten Samstag brachte Coupeau, der zum Essen nicht nach Hause gekommen war, gegen zehn Uhr Lantier mit. Sie hatten zusammen Kalbsfüße gegessen bei Thomas am Montmartre. »Du mußt nicht zanken, Mutter!« sagte der Zinkarbeiter. »Du siehst, wir sind vernünftig ... Oh, es hat keine Not, wenn ich mit ihm zusammen bin; er schaut, daß ich nicht über die Stränge haue.« Er erzählte, wie sie sich in der Rue Rochechouart getroffen haben. Nach dem Essen habe Coupeau in der »Schwarzen Kugel« etwas trinken wollen, aber Lantier habe es abgeschlagen; er sagte, wenn man mit einer hübschen und ehrbaren Frau verheiratet wäre, sollte man sich nicht in allen Kneipen herumtreiben. Gervaise hörte mit leichtem Lächeln zu. Nein, sie dachte nicht daran, zu zanken, denn sie fühlte sich viel zu unbehaglich. Seit dem Fest hatte sie damit gerechnet, ihren alten Liebhaber an einem oder andern Tage wiederzusehen; aber zu so später Stunde, da man im Begriff war ins Bett zu gehen, hatte sie das plötzliche Eintreten der beiden Männer überrascht; mit zitternden Händen befestigte sie wieder den in den Nacken gerutschten Haarknoten. »Du begreifst,« fing Coupeau wieder an, »da er in der Kneipe so zartfühlend war und nichts annehmen wollte, daß du uns jetzt einen Trunk vorsetzen wirst. Ah, das bist du uns schuldig!« Die Arbeiterinnen waren schon längst fortgegangen, Mama Coupeau und Nana hatten sich eben zu Bett gelegt. Gervaise hatte schon einen Flügel der Ladentür in der Hand, sie wollte gerade schließen, als sie kamen; sie ließ nun den Laden offen und stellte auf eine Ecke des Arbeitstisches Gläser und den Rest einer Flasche Kognak. Lantier blieb stehen und vermied es, mit ihr zu sprechen. Als sie ihm aber eingoß, rief er: »Nur einen Tropfen, Madame, ich bitte!« Coupeau beobachtete sie und erklärte trocken, sie würden wohl die Blöden spielen! Was vorbei ist, das ist vorbei, nicht wahr? Wenn man nach neun oder zehn Jahren immer noch sich hassen wollte, würde man schließlich mit niemandem mehr verkehren! Dann wüßte er auch, mit wem er es zu tun hätte, mit einer braven Frau und einem Ehrenmann, also mit zwei Freunden! Er sei ruhig, denn er kenne ihre Ehrenhaftigkeit. »Oh, sicher ... sicher ...« erwiderte Gervaise mit gesenkten Augenlidern, ohne recht zu wissen, was sie sagte. »Sie ist jetzt wie eine Schwester, nur das«, sagte Lantier leise seinerseits. »In Gottes Namen, so gebt euch denn die Hände!« rief Coupeau. »Was kümmern uns die Bourgeois! Wenn man Grütze im Kopfe hat, seht, ist man mehr wert wie die Millionäre. Ich stelle die Freundschaft am höchsten, weil eben die Freundschaft die Freundschaft ist, es geht nichts darüber.« Er gab sich heftige Faustschlage in die Magengrube, sah dabei so gerührt aus, daß man ihn beruhigen mußte. So tranken sie nun zu dritt, stillschweigend, und ließen ihre Gläser anklingen. Nun konnte Gervaise Lantier nach Gefallen betrachten, denn an dem Abend des Festes war ihr alles wie in einem Nebel erschienen. Er war dicker geworden, sah fett und rund aus, gemessen an seiner kleinen Gestalt, schienen die Beine schwer. In seinem Gesicht hatten sich noch hübsche Züge erhalten, trotz seines nichtstuerischen Lebens; und da er seinen kleinen Schnurrbart immer noch so sorgsam pflegte, erschien er nicht älter als er war, gerade fünfunddreißig Jahre. An diesem Tage trug er ein graues Beinkleid, einen blauen Paletot, wie ein Herr, und einen runden Hut; er hatte sogar eine Uhr und an einer silbernen Kette hing ein Ring, wahrscheinlich ein Andenken. »Jetzt gehe ich. Ich wohne verteufelt weit.« Er war schon auf der Straße, da rief ihn Coupeau zurück und nahm ihm das Versprechen ab, nicht mehr an seiner Türe vorbeizugehen, ohne ihnen guten Tag zu sagen. Unterdessen war Gervaise leise verschwunden, nun stieß sie Etienne vor sich her, der im Hemd und mit halbverschlafenem Gesicht dastand. Das Kind lächelte und rieb sich die Augen. Aber als es Lantier sah, blieb es zitternd und erregt stehen und schaute unruhig fragend nach seiner Mutter und Coupeau. Dieser fragte: »Erkennst du diesen Herrn nicht mehr?« Das Kind senkte den Kopf ohne zu antworten. Dann nickte es, um zu verstehen zu geben, daß es den Herrn erkenne. »Nun denn, stell dich nicht so dumm und umarme ihn.« Lantier, ruhig und würdig, erwartete ihn. Als Etienne sich endlich entschloß, näherzukommen, beugte er sich herunter, hielt ihm beide Backen hin und gab dem Knaben auch einen Kuß mitten auf die Stirn. Nun erst traute sich dieser, seinen Vater zu betrachten. Aber plötzlich sing er wie ein Verrückter an zu weinen und sprang davon; Coupeau schalt ihn und behandelte ihn wie einen Wilden. »Das ist die Gemütsbewegung!« sagte Gervaise, die auch ganz blaß und erschüttert war. »Oh, für gewöhnlich ist er ja sehr sanft und artig,« erklärte Coupeau. »Ich habe ihn gut erzogen, Sie werden das noch sehen ... Nun, und schon des Kleinen wegen konnte man nicht immer böse sein, nicht wahr? Wir hätten uns schon früher aussöhnen müssen, denn ich ließe mir lieber den Kopf abschneiden, als daß ich einen Vater verhinderte, sein Kind zu sehen!« Dann sprach er davon, daß man wohl die Flasche Kognak leer trinken könnte. Alle drei stießen nochmals an. Lantier erstaunte nichts, er war sehr ruhig. Bevor er ging, wollte er dem Zinkarbeiter auch eine Gefälligkeit erweisen, er half ihm den Laden schließen. Dann klopfte er seine Hände ab und wünschte dem Ehepaar eine gute Nacht. »Schlaft wohl; ich will versuchen, den Omnibus noch zu erreichen ... Ich verspreche euch, bald wiederzukommen.« Seit jenem Abend kam Lantier häufig in die Rue de la Goutte d'Or. Er kam immer zu einer Stunde, in der der Zinkarbeiter zu Hause war; schon an der Türe fragte er nach seinem Befinden, als ob er überhaupt nur seinetwegen käme. Wenn er so mit dem Rücken gegen die Fenster dasaß, stets im Paletot, gut rasiert und sorgfältig gekämmt, da sprach er sehr höflich, mit den Manieren eines Menschen, der eine gute Erziehung erhalten hat. Mit der Zeit erfuhren auch die Coupeaus etwas Näheres über sein Leben. In den letzten acht Jahren hatte er eine kurze Zeit hindurch eine Hutfabrik geleitet. Wenn man ihn fragte, worum er sich denn zurückgezogen habe, begnügte er sich zu antworten, daß sein Associs ein Schuft war, ein Schurke, der das Unternehmen mit Frauen verputzt habe. Aber sein früherer Titel als Chef blieb noch an ihm haften und gab ihm etwas Vornehmes, das er nicht mehr ablegen konnte. Alle Augenblicks sagte er, daß er im Begriff wäre, ein ganz ausgezeichnetes Geschäft abzuschließen; große Hutfabriken wollten ihn anstellen und ihm ihre Interessen anvertrauen. Inzwischen aber tat er gar nichts, er ging, die Hände in den Hosentaschen, an der Sonne spazieren wie ein Bourgeois. Wenn er sich beklagte und man es nur wagte, ihm Fabriken nachzuweisen, in denen Arbeiter verlangt würden, zeigte er nur ein mitleidiges Lächeln; er hätte keine Lust vor Hunger zu sterben und sich für andere zu Tode zu arbeiten. Und doch lebte dieser Schlingel, wie Coupeau sagte, keineswegs von der Luft. Oh, das war ein Geriebener, er wußte sich einzurichten; er mußte wohl ein Geschäft betreiben, denn er zeigte ein wohlgenährtes Gesicht, er brauchte doch Geld, um sich so seine weiße Wäsche zu kaufen und Krawatten, wie sie die Söhne reicher Leute tragen. In Wirklichkeit blieb Lantier, der über andere sehr gesprächig urteilte, über seine eigene Person sehr schweigsam oder er log in Dingen, die ihn angingen. Er wollte niemals sagen, wo er wohnte. Er wohnte bei einem Freund, weit draußen am Ende der Welt, bis er eine schöne Stellung gefunden haben würde; er verbot den Leuten, zu ihm zu kommen, da er doch nie zu Hause anzutreffen wäre. »Man kann zehn Anstellungen für eine bekommen«, erklärte er oft. Nur lohne es nicht, in eine dieser Butiken einzutreten, weil man doch nicht länger als vierundzwanzig Stunden da aushalten würde ... »So kam ich eines Montag morgens zu Champion nach Montrouge. Am Abend ärgerte mich Champion mit der Politik; wir waren nicht einer Meinung. Nun, und am Mittwoch früh laufe ich wieder davon, denn wir leben doch heute nicht mehr in Zeiten der Sklaverei, ich will mich doch nicht für sieben Francs im Tage verkaufen.« Man war in den ersten Novembertagen. Lantier brachte galanterweise Veilchensträuße, die er an Gervaise und die Arbeiterinnen verteilte. Nach und nach häuften sich seine Besuche, schließlich kam er täglich. Er schien das ganze Haus, ja selbst das ganze Viertel erobern zu wollen; er fing damit an, Clementine und Frau Putois zu bezaubern, denen er, ohne Berücksichtigung des Altersunterschiedes, ausgesuchteste Artigkeiten erwies. Nach einem Monat beteten die beiden Arbeiterinnen ihn an. Die Boches, denen er sehr schmeichelte, indem er sie häufig in ihrer Loge besuchte, waren von seiner höflichen Art entzückt. Als die Lorilleux' erfuhren, wer der Herr war, der am Tage des Festes zum Dessert kam, spuckten sie Feuer und Flammen gegen Gervaise aus, die es wagte, ihren früheren Liebhaber bei sich einzuführen. Aber eines Tages stieg Lantier zu ihnen hinauf, stellte sich vor und bestellte eine Kette für eine ihm befreundete Dame; sie waren von seiner Unterhaltung so geblendet, daß sie ihn baten Platz zu nehmen und ihn über eine Stunde lang bei sich behielten; ja, sie fragten sich nachher, wie es denn möglich wäre, daß ein so vornehmer Herr mit der Hinkenden hätte zusammen leben können. So kam es endlich, daß alle die Besuche des Hutmachers bei den Coupeaus als selbstverständlich betrachteten, so sehr hatte er es verstanden, sich bei den Bewohnern der Rue de la Goutte d'Or in Gunst zu setzen. Nur Goujet blieb finster. Wenn er da war und der andere kam, flüchtete er zur Türe, um dessen Bekanntschaft nicht machen zu müssen. Trotz dieser allgemeinen Zärtlichkeit für Lantier war Gervaise in den ersten Wochen in ständiger Aufregung. Sie spürte in ihrer Magengegend stets dieses Brennen, das sie beim ersten Male bekam, als Virginie von ihm erzählte. Ihre größte Angst bestand darin, daß sie sich machtlos ihm gegenüber fühlen würde, wenn es ihm eines Tages einfiele, sie zu küssen. Sie dachte zuviel an ihn, auch hatte er ihr zuviel Kummer bereitet. Endlich beruhigte sie sich, da sie ihn so vernünftig sah; er schaute ihr indirekt in die Augen und berührte sie niemals, auch nicht mit einer Fingerspitze. Virginie, die sie zu durchschauen schien, machte ihr über ihre bösen Gedanken Vorwürfe. Warum zitterte sie denn? Konnte man denn einen rücksichtsvollern Menschen finden? Sie hatte gewiß nichts von ihm zu fürchten. Die große Brünette brachte es eines Tages fertig, die beiden in eine Ecke zu treiben, um eine Unterhaltung über ihre Gefühle zu halten. Lantier erklärte sehr gewichtig, daß sein Herz ganz tot wäre, daß er sich nur mehr dem Glücke seines Sohnes widmen wolle. Er sprach nie von Claude, der immer noch im Süden war. Jeden Abend küßte er Etienne auf die Stirn, wußte aber nicht, was er mit ihm sprechen sollte, und vergaß es, wenn er noch länger blieb, und sagte Clementine Artigkeiten. Gervaise, nun vollkommen beruhigt, fühlte, daß die Vergangenheit abgestorben war. Lantiers Gegenwart verwischte auch die Erinnerung an Plassans und an das Hotel Boncoeur. Da sie ihn nun täglich sah, träumte sie nicht mehr von ihm. Sie hatte jetzt einen gewissen Abscheu vor ihren früheren Beziehungen. Oh, das war jetzt gründlich fertig. Wenn er es jetzt wagen wollte, so etwas von ihr zu verlangen, so würde er ein paar Ohrfeigen bekommen und sie würde es ihrem Manne sagen. Oft dachte sie ohne Reue, doch mit großer Innigkeit an Goujets Freundschaft. Eines Morgens, als Clementine ins Atelier kam, erzählte sie, sie habe am Abend zuvor, gegen elf Uhr, Herrn Lantier mit einer Dame am Arm gesehen. Und sie erzählte das in ihrer gewohnten rohen Art, mit der boshaften Absicht, zu sehen, was Gervaise wohl für ein Gesicht dazu machen würde. Ja, ja, Herr Lantier wäre die Rue Notre Dame de Lorette hinaufgegangen; die Frau wäre blond gewesen, eine jener Boulevardziegen, die halb krepiert sind und kein Hemd unter dem Seidenkleid tragen. Zum Spaß wäre sie dem Paare gefolgt. Die Ziege wäre zuerst in einen Fleischerladen gegangen und habe Krabben und Schinken gekauft. Dann in der Rue de la Rochefoucauld hätte Herr Lantier auf der Straße gewartet, bis die Kleine ihm ein Zeichen vom Fenster aus gegeben hätte, worauf er hinaufging. Clementine fügte noch viele gemeine Bemerkungen dazu, Gervaise bügelte ruhig an ihrem weißen Kleide weiter. Hier und da sah man ein feines Lächeln um ihren Mund spielen. Die Provençalen sind alle hinter den Weibern her, um jeden Preis müssen sie eine haben, wenn sie sie auch vom Schutthaufen holen müssen. Als Lantier am Abend kam, belustigte sie sich über Clementines Neckereien, die ihn fortwährend mit der Blondine aufzog. Aber es schien ihn nur zu schmeicheln, gesehen worden zu sein. Mein Gott! das war eine alte Freundin, die er hin und wieder besuchte, wenn es sich gerade traf. Im übrigen wäre das ein Mädchen, dem es gut ginge und das sich geschmackvoll kleidete; sie wohne in Palisandermöbeln. Er nannte auch ihre Liebhaber, einen Vicomte, einen Großhändler in Porzellan und den Sohn eines Notars. Er liebe Frauen, die Parfüms gebrauchen. Er hielt gerade Clementine sein Taschentuch unter die Nase, das die Kleine ihm parfümiert hatte, als Etienne eintrat. Sofort änderte sich seine Miene, er wurde ernst, küßte den Knaben und sagte, solche Scherze wären ohne Folgen, sein Herz wäre ja tot. Gervaise, über ihre Arbeit gebeugt, stimmte nur durch Kopfnicken zu. Clementine erntete die Früchte ihrer Bosheit, Lantier hatte sie zwei- bis dreimal gekniffen, ohne sich sonst ein Weiteres merken zu lassen; sie barst aber vor Eifersucht und Neid, weil sie nicht ebenso nach Parfüm roch wie die Ziege vom Boulevard. Als der Frühling kam, sprach Lantier davon, in das Viertel ziehen zu wollen, damit er seinen Freunden näher wäre. Er suchte ein möbliertes Zimmer in einem sauberen Hause. Frau Boche und auch Gervaise gaben sich alle Mühe, etwas Passendes zu finden. Sie durchsuchten alle benachbarten Straßen. Aber nichts konnte ihn befriedigen; er wünschte einen großen Hof, eine Wohnung auf ebener Erde, kurz, alle erdenklichen Annehmlichkeiten. Jeden Abend studierte er bei den Coupeaus die Höhe der Zimmer, ihre Einteilung, als wünsche er eine solche Wohnung für sich. Er verlange nichts anderes, am liebsten hätte er ein Loch in diesem stillen und warmen Winkel gegraben. Jedesmal endete seine Untersuchung damit: »Donnerwetter, ihr habt es da wirklich gut.« Eines Abends, als er wieder bei ihnen gegessen hatte und beim Nachtisch diesen Satz ausstieß, schrie Coupeau, der ihn jetzt duzte: »Du mußt hier bleiben, alter Junge, wenn dich so sehr danach verlangt. Man wird sich einrichten.« Er setzte auseinander, daß das Zimmer, worin die schmutzige Wäsche war, wenn es gereinigt wäre, ein hübsches Zimmer geben würde. Etienne könne auch auf Matratzen im Laden schlafen, damit wäre alles gemacht. »Nein, nein, das kann ich nicht annehmen,« sagte Lantier. »Ich würde euch lästig fallen. Ich weiß schon, ihr macht es aus gutem Herzen, aber wir würden doch zu warm aufeinander sitzen. Und dann ... wißt, jeder muß seine Freiheit haben. Ich müßte durch euer Zimmer gehen, und das wäre nicht immer angenehm!« »Ach, dieses Tier!« rief der Zinkarbeiter, der vor Lachen beinahe erstickte und dabei auf den Tisch schlug, »er denkt immer an Dummheiten ... Aber, Schlauberger, wir werden etwas erfinden. Da sind zwei Fenster in dem Zimmer. Nun gut, man bricht eines durch bis zum Fußboden und macht eine Türe daraus. Dann, verstehst du, kannst du durch den Hof eintreten. Wir können auch die Verbindungstür verstellen, wenn uns das so besser paßt. Dann sieht und hört man nichts voneinander, du hast deine Wohnung für dich und wir die unsere für uns!« Es entstand ein Stillschweigen« Endlich murmelte der Hutmacher: »Ja, auf diese Weise, da läßt sich nichts dagegen sagen ... Und doch ... nein. Ich wäre euch doch zuviel auf dem Rücken.« Er vermied es, Gervaise anzusehen. Aber er erwartete von ihr ein aufmunterndes Wort. Sie aber war von der Idee ihres Mannes sehr unangenehm überrascht. Weniger der Gedanke, Lantier bei sich wohnen zu haben, verletzte und beunruhigte sie, sie fragte sich aber, wo ihre schmutzige Wäsche bleiben sollte. Nun betonte der Zinkarbeiter die Vorteile dieses Übereinkommens. Die Miete von fünfhundert Francs war immer etwas hoch gewesen. Der Kamerad würde ihnen nun für das möblierte Zimmer zwanzig Francs im Monat bezahlen; das wäre für ihn nicht zuviel und gäbe doch am Quartalstag eine schöne Hilfe. Er fügte hinzu, er nähme es auf sich, unter ihrem Bett einen großen Kasten anzubringen, der die schmutzige Wäsche des ganzen Viertels aufnehmen könne. Gervaise zögerte noch immer und befragte durch Blicke Mama Coupeau, deren Eroberung Lantier schon seit Monaten gemacht hatte, indem er ihr Schachteln voll Gummibonbons gegen ihren Husten mitbrachte. »Sie würden uns keine Unbequemlichkeiten machen,« versicherte sie endlich. »Man wird immer Mittel finden, sich einzurichten.« »Nein, nein, ich danke wirklich,« sagte der Hutmacher. »Ihr seid zu gut, um Mißbrauch davon zu machen.« Jetzt brach Coupeau los. Würde er sich noch lange zieren? Wenn man ihm doch sagte, daß man es ganz aufrichtig meint. Er würde ihnen einen Gefallen tun, so lüge die Sache! Dann mit wütender Stimme heulte er: »Etienne! Etienne!« Der Knabe war am Tisch eingeschlafen und hob nun erschreckt den Kopf auf. »Höre, sag du ihm, daß du es so willst ... Ja, ja, diesem Herrn da ... sage ihm deutlich: ich will es!« »Ich will es!« stotterte der Knabe, der so verschlafen war, daß er kaum den Mund öffnen konnte. Alle lachten. Doch Lantier machte wieder sein würdiges Gesicht. Er schüttelte Coupeau über dem Tisch die Hand und sagte: »Ich nehme es an ... es ist aus Freundschaft geboten und angenommen, von beiden Seiten, nicht wahr? Des Kindes wegen nehme ich es an.« Als am nächsten Morgen Herr Marescot kam und eine Stunde lang bei den Boches saß, sprach Gervaise von dieser Sache. Erst zeigte er sich beunruhigt, wurde sogar böse und lehnte ab, als hatte man das Niederreißen eines ganzen Flügels von ihm verlangt. Als er dann eine eingehende Besichtigung vorgenommen hatte und sich überzeugte, daß die oberen Etagen genug gestützt wären, gab er seine Einwilligung unter der Bedingung, daß ihm gar keine Kosten daraus erwachsen und daß sie ihm ein Schriftstück unterzeichneten, in dem sie sich verpflichten, nach Ablauf ihres Kontraktes alles wieder in vorigen Stand zu setzen. Noch an demselben Abend brachte der Zinkarbeiter ein paar Kameraden mit, einen Maurer, einen Tischler und einen Anstreicher, lauter gute Kerle, die diese Kleinigkeit nach Feierabend aus Gefälligkeit machten. Das Einsetzen der neuen Tür und die Instandsetzung des Zimmers kostete gegen hundert Francs, ungerechnet all die Liter, mit denen sie die Arbeiter begossen. Der Zinkarbeiter sagte ihnen, er würde ihnen später alles bezahlen, mit dem Mietgelde des neuen Hausgenossen. Dann handelte es sich darum, wie es möbliert werden sollte. Gervaise ließ Mama Coupeaus Schrank darin stehen, dann stellte sie einen Tisch und zwei Stühle hinein, die sie ihrem eigenen Zimmer entnahm; sie mußte noch einen Waschtisch und ein Bett mit Zubehör kaufen; das alles noch eine Angelegenheit von hundertunddreißig Francs, die sie in monatlichen Raten von zehn Francs abbezahlen sollte. So waren ungefähr auf zehn Monate Lantiers Miete von zwanzig Francs durch diese Schulden im voraus verausgabt, in die sie sich gestürzt hatten; später würde man dann einen schönen Nutzen haben! In die ersten Tage des Monats Juni fiel der Umzug des Hutmachers. Mama Coupeau hatte sich erboten, mit ihm zu gehen, um seinen Koffer zu holen, damit er die dreißig Sous für den Fiaker ersparen könne. Aber Lantier war erregt, er sagte, sein Koffer wäre zu schwer; er wollte seinen Wohnort geheim halten. Er kam am Nachmittag gegen drei Uhr an. Coupeau war nicht da. Als Gervaise von der Ladentüre aus den Koffer wiedererkannte, wurde sie blaß. Das war ihr alter Koffer, mit dem sie die Reise von Plassans zusammen gemacht hatten, heute war er ganz defekt und notdürftig mit Stricken zusammengehalten. So sah sie ihn wiederkommen, wie sie es so oft geträumt hatte; sie konnte sich einbilden, es wäre auch derselbe Fiaker, in dem damals diese Dirne Adèle mit ihm davongefahren war und der ihn jetzt zu ihr zurückführte. Boche war Lantier behilflich, ihn abzuladen. Die Büglerin folgte ihnen schweigend und betreten. Als die Männer die Last im Zimmer niedergestellt hatten, sagte sie, um etwas zu sagen: »So, nun ist die gute Sache erledigt.« Als Lantier, der sich nicht einmal nach ihr umsah, die Stricke löste, fügte sie hinzu: »Herr Boche, Sie werden ein Glas Wein trinken.« Sie ging und holte einen Liter und Gläser. In dem Augenblick ging Poisson vorüber, er war in Uniform. Sie machte ihm mit den Augen ein Zeichen und lächelte. Der Stadtsergeant verstand sofort. Wenn er im Dienst war und man ihm mit den Augen zunickte, so hieß das, daß er ein Glas Wein angeboten bekam. Oft ging er stundenlang vor dem Bügelgeschäft auf und ab und wartete auf dieses Zeichen. Dann ging er, um nicht gesehen zu werden, über den Hof und trank heimlich sein Glas. »Ach, Sie sind es, Badinguet!« Er nannte ihn zum Spaß Badinguet, um ihn wegen seiner treuen kaiserlichen Gesinnung zu verhöhnen. Poisson nahm das in seiner verschlossenen Art ruhig auf, man konnte nicht erkennen, ob er sich darüber ärgerte oder nicht. Diese beiden Männer, die in ihren politischen Meinungen ganz verschieden waren, waren gute Freunde geworden. »Ihr wißt doch, daß der Kaiser in London Stadtsergeant war«, sagte nun Boche. »Ja, ich gebe Euch mein Wort, er hat die betrunkenen Weiber alle arretiert.« Gervaise hatte die drei Gläser nochmals gefüllt. Sie selbst trank nicht, sie fühlte sich zu bedrückt dazu. Dennoch blieb sie stehen und sah zu, wie Lantier den letzten Strick abnahm; sie wollte gern wissen, was in dem Koffer war. Sie erinnerte sich noch der Menge Strümpfe in der einen Ecke, zweier schmutziger Hemden und eines alten Hutes. Ob diese Sachen wohl noch da waren? Würde sie diese Lumpen aus der vergangenen Zeit wiederfinden? Ehe Lantier den Deckel zurückschlug, nahm er sein Glas und stieß damit an. »Auf Euer Wohl!« »Gleichfalls,« antworteten Boche und Poisson. Wieder füllte Gervaise die Gläser. Die drei Männer wischten sich mit der Hand den Mund ab. Endlich öffnete der Hutmacher den Koffer. Er war angefüllt mit alten Zeitungen, Büchern, ein Durcheinander alter Kleider und Pakete mit schmutziger Wäsche. Nach und nach zog er eine Kasserolle, ein Paar Stiefel, eine Büste von Ledru-Rollin mit zerbrochener Nase heraus, ein gesticktes Hemd und eine Arbeiterhose. Gervaise hatte sich vorgebeugt, sie bemerkte, daß von diesen Sachen ein unangenehmer Tabaksgeruch ausging, der mit dem Duft eines unsauberen Mannes gemischt war, der nur das sauber hält, was an ihm sichtbar ist. Nein, der alte Hut lag nicht mehr in der linken Ecke. Dafür lag dort ein Knäuel, das sie nicht kannte, irgendein Geschenk einer Frau. Sie beruhigte sich und konnte sich doch einer gewissen Traurigkeit nicht erwehren, da sie all den Stücken folgte und bei jedem sich fragte, ob es noch aus ihrer Zeit oder aus derjenigen ihrer Nachfolgerinnen stammte. »Sieh mal, Badinguet! Kennen Sie das?« fragte Lantier. Er hielt ihm ein kleines Buch unter die Nase, das in Brüssel gedruckt war und die Aufschrift trug: »Die Liebesabenteuer Napoleon III.«, es war mit Kupferstichen geschmückt. Unter anderm wurde darin erzählt, wie der Kaiser einmal der Tochter eines Kochs, einem dreizehnjährigen Madchen, nachstellte; die Abbildung zeigte Napoleon, wie er mit nackten Beinen, nur mit dem Großkordon der Ehrenlegion angetan, ein Mädchen verfolgte, das vor seiner Lüsternheit davonlief. »Ah, das ist gut!« rief Boche, dessen niedere Instinkte aufgepeitscht wurden. »So geht das immer zu!« Poisson war ergriffen und beschämt; er fand kein Wort zur Verteidigung des Kaisers. Das war gedruckt, dagegen ließ sich nichts sagen. Lantier hielt ihm immer wieder das Bild unter die Nase, um ihn zu necken; da entfuhr ihm: »Und was ist dabei? Liegt das nicht in der menschlichen Natur?« Diese Antwort verschloß Lantier den Mund. Er ordnete nun seine Bücher und Zeitschriften auf dem Schrank; er war sehr betrübt darüber, daß er kein kleines Bücherbrett habe, das man über dem Tisch hätte aufhängen können. Gervaise versprach ihm, ein solches zu besorgen. Er besaß »Die Geschichte der zehn Jahre« von Louis Blanc, ohne den ersten Band, den er nie gehabt hatte, die »Girondisten« von Lamartine in Lieferungen zu zwei Sous, die »Geheimnisse von Paris« und den »Ewigen Juden« von Eugène Sue, dazu einen Haufen philosophischer und sozialistischer Bücher, die er bei Althändlern zusammengekauft hatte. Besonders ehrfurchtsvoll betrachtete er seine alten Zeitungen, die er selbst seit Jahren gesammelt hatte. Jedesmal, wenn er in einen Café eine Zeitung las und darin einen Artikel fand, der mit seinen Überzeugungen übereinstimmte, kaufte er sich die Nummer und bewahrte sie auf. So hatte sich ein ungeheuer großes Paket Zeitungen angesammelt, die die unterschiedlichsten Daten und Titel hatten und ohne jede Ordnung durcheinanderlagen. Als er dieses Paket vom Boden des Koffers hochnahm, klopfte er wohlgefällig mit der Hand darauf und sagte zu den andern: »Seht das an! Das gehört mir, und niemand kann sagen, daß er so etwas Hübsches habe. Was da alles darinsteckt, das könnt ihr euch nicht träumen! Das heißt: führe man die Hälfte all der Ideen aus, das würde auf einmal die Gesellschaft ausputzen. Ja, da könnte euer Kaiser mit all seinen Banditen uns den Buckel runterrutschen ...« Er wurde vom Stadtsergeanten unterbrochen, der seinen roten Schnurrbart im blaß gewordenen Gesicht drehte. »Und die Armee, sagt einmal, was macht ihr denn damit?« Da wurde Lantier böse, er schlug auf seine Zeitungen und schrie: »Ich will die Unterdrückung des Militarismus, die Verbrüderung der Völker ... Ich will die Abschaffung der Privilegien, der Titel, der Monopole ... Ich will Gleichheit der Gehälter, Teilung der Güter und die Verherrlichung des Proletariats... Alle Freiheiten, versteht ihr mich? Alle! Und die Scheidung!« »Ja, ja, die Scheidung, wegen der Moral!« sagte Boche. Poisson nahm eine majestätische Miene an und sagte: »Wenn ich nun aber von euer» Freiheiten nichts wissen will? Ich bin ja frei.« »Wenn Sie nichts davon wissen wollen, wenn ihr nichts davon wissen wollt« – Lantier stotterte – die Leidenschaft erstickte ihn fast. »Nein, ihr seid nicht frei! – ich schicke euch nach Cayenne, ja, nach Cayenne, mit euerm Kaiser und seiner ganzen Schweinebande!« So gerieten sie fast jedesmal aneinander, wenn sie beisammen waren. Gervaise, die solche Auftritte nicht liebte, vermittelte stets. Sie erwachte jetzt aus ihrer Grübelei, in die sie der Anblick des Koffers versetzt hatte, verblaßte Erinnerungen an ihre ehemalige Liebe waren emporgestiegen. Sie zeigte auf die Glaser. »Das ist recht,« sagte Lantier schnell beruhigt, indem er sein Glas ergriff. »Eure Gesundheit!« »Die eure!« antworteten Boche und Poisson zugleich. Indessen wiegte sich Boche hin und her und betrachtete den Sergeanten mit mißtrauischen Blicken. »Das bleibt doch alles unter uns, nicht wahr, Herr Poisson?« murmelte er endlich. »Man zeigt und sagt Ihnen hier Dinge ...« Aber Poisson ließ ihn nicht ausreden. Er legte die Hand aufs Herz, um anzudeuten, daß da alles darin begraben wäre. Er spioniere doch nicht seine Freunde aus! Als jetzt Coupeau ankam, leerte man noch einen zweiten Liter. Der Sergeant verließ den Hof und marschierte wieder in steifem strengen Marsch auf der Straße einher, die Schritte gemessen. In der ersten Zeit stand bei der Büglerin der ganze Haushalt auf dem Kopf. Lantier hatte zwar sein besonderes Zimmer, seinen eigenen Eingang, seinen Schlüssel, aber da man sich im letzten Augenblick entschlossen hatte, die Verbindungstür nicht zu verstellen, so kam er doch meistens durch den Laden. Die schmutzige Wäsche störte Gervaise sehr, Coupeau dachte nicht mehr an den Kasten, von dem er gesprochen hatte; nun sah sie sich gezwungen, die schmutzige Wasche überallhin zu stopfen, in alle Ecken, besonders unter ihr Bett, was in den heißen Sommernächten keine große Annehmlichkeit war. Dann belästigte es sie sehr, daß sie jeden Abend Etiennes Bett mitten im Laden aufschlagen mußte; wenn die Arbeiterinnen länger arbeiten mußten, schlief das Kind auf dem Stuhl ein. Als Goujet ihr davon sprach, Etienne nach Lille zu geben, da verlange sein früherer Lehrmeister einen Lehrling, stimmte sie diesem Vorschlag bei, um so mehr, als der Knabe, der sich nicht glücklich fühlte, sie bat, ihre Einwilligung zu geben. Sie fürchtete nur, daß Lantier sich ablehnend verhalten würde. Er war ja nur zu ihnen gezogen, um dem Sohne naher zu sein; er konnte nicht wollen, daß er ihm schon vierzehn Tage nach seiner Übersiedlung wieder entzogen würde. Als sie ihm endlich zitternd von diesem Plane sprach, billigte er ihn sofort, er sagte, junge Arbeiter müssen ihr Land kennenlernen. An dem Morgen, an dem Etienne abreiste, hielt er ihm eine Rede über seine Rechte und deklamierte und küßte ihn: »Vergiß nicht, der Erzeuger ist kein Sklave, aber jeder, der nichts erzeugt, ist ein Dieb, der auf Kosten derjeniger lebt, die arbeiten.« Bald regelte sich der Haushalt nach den veränderten Bedingungen; alles beruhigte sich und jeder lebte sich in die neuen Gewohnheiten ein. Auch Gervaise hatte sich an das Herumwerfen der Wäsche und Kommen und Gehen Laniers gewöhnt. Dieser sprach fortwährend von seinen großen Geschäften. Manchmal ging er sorgfältig frisiert aus, immer trug er weiße Wäsche; ab und zu blieb er unsichtbar, kam auch nachts nicht nach Hause; wenn er dann zurückkehrte, tat er sehr abgespannt, als ob ihm der Kopf brumme und er vierundzwanzig Stunden hintereinander über die wichtigsten Dinge verhandelt hätte. In Wahrheit trieb er sich herum. Er bekam gewiß keine Schwielen an die Hände! Er stand am Morgen erst gegen zehn Uhr auf, machte am Nachmittag einen Spaziergang, wenn ihm das Wetter paßte; an Regentagen blieb er im Laden und las seine Zeitung. Das war sein Hauptquartier, er schwoll förmlich auf vor Behagen unter all den Unterröcken; er setzte sich bei dem üppigsten Frauenzimmer fest; er war entzückt von den Kraftausdrücken, ohne selbst von seiner gewählten Sprache zu lassen. Es erklärt sich, weshalb er so gern bei den Büglerinnen saß – diese Madchen hatten alle ein entsetzlich loses Mundwerk. Wenn Clementine ihre getrüffelte Weisheit preisgab, ließ er es sich zärtlich lächelnd gefallen und drehte nur seinen, seinen Schnurrbart. Die Dünste des Arbeitsraumes, der Schweiß der Arbeiterinnen, die mit ihren nackten Armen ununterbrochen ihre Eisen hin und her bewegten, diese Ecke, die einem Alkoven glich, in dem sich die Hüllen fast aller Frauen dieses Quartiers befanden, das verwirklichte in ihm einen lang gehegten Traumwunsch; so hatte er sich das Loch gedacht, in das er sich zum Faulenzen und Genießen einnisten wollte. In der ersten Zeit hatte Lantier bei François an der Ecke der Rue des Poissonniers gegessen; aber von sieben Tagen der Woche aß er drei bis vier bei den Coupeaus zu Mittag, so daß er ihnen den Vorschlag machte, bei ihnen Pension zu nehmen, er würde dann fünfzehn Francs an jedem Sonnabend bezahlen. Nun verließ er das Haus gar nicht mehr und richtete sich vollkommen ein. Vom Morgen bis Abend konnte man ihn nun in Hemdärmeln vom Laden zur Hinterstube hin und her gehen sehen; mit lauter Stimme ordnete er alles an, gab sogar den Kunden Bescheid, mit einem Wort, er führte das Haus. Da ihm der Wein von François nicht schmeckte, überredete er Gervaise, ihn von Vigourour, dem Kohlenhändler, zu kaufen, wo er zusammen mit Boche die Frau kneifen konnte, wenn er die Bestellung machte. Dann wieder fand er das Brot von Coudeloup nicht durchgebacken; er schickte Augustine nach der Wiener Bäckerei auf dem Faubourg-Poissonnière zu Meyer. Er ließ auch nicht mehr bei Lehongre einkaufen, dem Mehl- und Vorkosthändler; nur dem Fleischer blieb er treu, dem dicken Charles von der Rue Polonceau, an dem er, seiner politischen Meinung wegen, festhielt. Nach Verlauf eines Monats wollte er die Küche unter Öl setzen. Gervaise sagte lachend, daß bei so einem Kerl von Provençalen doch immer wieder der Ölfleck zum Vorschein käme. Er machte sich eine Art Eierkuchen, der auf beiden Seiten gebacken wurde und so hart und knusperig wurde wie Schiffszwieback. Er beaufsichtigte Mama Coupeau und verlangte, daß die Beefsteaks sehr durchgebraten, fast wie Schuhsohlen wären; überall tat er Knoblauch hinein und wurde böse, wenn man zum Salat Kräuter verwendete. »Das ist schlechtes Zeug!« schrie er. »Darin kann leicht mal ein giftiges Kraut sein.« Sein Leibgericht war eine Suppe aus Nudeln, in Wasser dick eingekocht, worauf dann eine halbe Flasche Öl gegossen wurde. Nur er und Gervaise aßen davon, die Pariser, als sie sie eines Tages versuchten, erbrachen darüber fast Lunge und Leber. Auch die Familienangelegenheiten regelte er. Da die Lorilleux' sich immer drücken wollten, wenn sie ihre fünf Francs der alten Frau bezahlen sollten, da sagte er, man könne ihnen einen Prozeß an den Hals drehen. Mokierten sie sich über die Leute? Sie müßten zehn Francs im Monat geben. Er ging selbst mit so unternehmender Miene nach oben und war so liebenswürdig, daß Lorilleux sie ihm nicht abzuschlagen wagte. Nun gab auch Frau Lerat zwei Fünffrancsstücke. Mama Coupeau hätte Lantier die Hände küssen mögen; so spielte er auch den Schiedsrichter in Streitigkeiten zwischen Gervaise und der alten Frau. Wenn die Büglerin zuweilen ungeduldig wurde und ihre Schwiegermutter schlecht behandelte und diese sich dann aufs Bett setzte und weinte, so gab er keine Ruhe, als bis sie sich wieder umarmten. Dann fragte er, ob sie denn glaubten, daß die andern das nett fänden, zuzusehen, wie sie sich aufführten. Und so war es auch mit Nana: seiner Meinung nach wurde sie verteufelt schlecht erzogen. Darin hatte er auch nicht ganz unrecht; denn wenn der Vater darauflosschlug, so gab die Mutter dem Racker recht, und wenn die Mutter sie anfaßte, dann machte der Vater eine Szene. Nana war entzückt, wenn sie ihre Eltern so uneins sah, so sah sie sich schon zum voraus entschuldigt und beging daraufhin die tollsten Streiche. Sie hatte eine neue Entdeckung gemacht, und spielte jetzt drüben in der Hufschmiede; den ganzen Tag lang schaukelte sie dort auf den Deichseln der Karren; dort wurde mit einer Bande Straßenjungen Versteck gespielt in den düstern Winkeln des Hofes, den das rote Schmiedefeuer erleuchtete; dann erschien sie wieder ganz beschmutzt und lief schreiend nach Hause, verfolgt von der ganzen Bande, als ob der Schwung eines Hammers sie getroffen hätte. Nur Lantier konnte sie schelten; doch auch diesen wußte sie schon zu nehmen und ihm schön zu tun. Diese zehnjährige Krabbe spielte vor ihm die Dame, wiegte sich in den Hüften und warf ihm seitliche Blicke zu, aus denen keine Kinderunschuld mehr sprach. Er unternahm es, ihre Erziehung zu leiten; er lehrte sie tanzen und provençalisch sprechen. Auf diese Weise verging ein Jahr. Im Quartier glaubte man, daß Lantier von seinen Renten lebe; dies war die einzige Möglichkeit, sich das üppige Leben der Coupeaus erklären zu können. Zwar verdiente Gervaise immer noch Geld; aber sie hatte jetzt zwei Männer zu ernähren, die nicht arbeiteten, dafür konnte das Geschäft nicht ausreichen, besonders da es zurückging; Kundschaft blieb aus, die Arbeiterinnen aßen vom Morgen bis Abend. In Wirklichkeit bezahlte Lantier keinen Sou, weder für Wohnung noch Essen. Die eisten Monate machte er Anzahlungen, dann sprach er nur noch von größeren Summen, die er demnächst erheben müßte, dann werde er auf einmal die ganze Rechnung bezahlen. Gervaise wagte es auch gar nicht, Geld von ihm zu verlangen. Sie nahm den Wein, das Fleisch, das Brot – alles auf Borg. Die Rechnungen wurden immer größer, es machte schon drei und vier Francs im Tage. Auch dem Möbelhändler hatte sie noch keinen Sou bezahlt, auch hatten die drei Kameraden, der Tischler, Maurer und Anstreicher, noch gar nichts bekommen. Überall wurden die Geschäftsleute schon böse, man behandelte sie nicht mehr sehr höflich. Gervaise war im Hinblick auf diese anwachsenden Schulden wie betrunken vor Angst; sie betäubte sich, indem sie jetzt in ihrer Naschhaftigkeit die teuersten Sachen aussuchte – sie ließ sich ganz gehen. Im Innersten blieb sie noch rechtschaffen, sie arbeitete und träumte davon, Hunderte von Francs verdienen zu wollen, um damit Händevoll an ihre Lieferanten verteilen zu können. Dann kannte sie sich gar nicht mehr aus; je schlechter alles ging, desto mehr sprach sie davon, ihr Geschäft vergrößern zu wollen. Im Sommer war die große Clementine ausgetreten, es war nicht mehr genug Arbeit für sie da, und sie wartete schon seit Wochen auf ihren Lohn. Und in all dem Zerfall machten sich Coupeau und Lantier recht lustige Tage. Diese Kerle saßen bis über die Ohren in voller Fresserei, verpraßten den letzten Rest des Verdienstes im Geschäft und mästeten sich an dessen Ruin; sie verführten noch andere dazu, klopften sich zur rascheren Verdauung auf die Bäuche. In der Nachbarschaft zerbrachen sich die Leute die Köpfe darüber, ob Gervaise und Lantier wieder zusammen lebten. Die Meinungen waren verschieden. Hörte man auf die Lorilleux', so tat Gervaise alles, um Lantier wieder an sich zu fesseln, er aber wolle nichts mehr von ihr wissen, er fände sie verbraucht; er hatte in der Stadt kleine Mädchen, die sauberer waren. Nach Boches Ansicht hatte Gervaise schon in der ersten Nacht ihren Liebhaber wieder aufgesucht, sobald ihr Mann, dieser Trottel, schnarchte. Wie auch immer, das alles war nicht sehr anständig; aber da es noch viel schmutzigere und schlimmere Verhältnisse im Leben gab, so fand man diese Ehe zu dreien schließlich ganz natürlich; diese Leute benahmen sich sogar sehr nett, nie gab es Zank und Streitigkeiten, der äußere Anstand war immer gewahrt. Wenn man die Nase in andere Familien des Quartiers gesteckt hätte, würde man sich viel eher beschmutzt haben. Bei den Coupeaus ging alles manierlich zu. Sie lebten alle drei einig in ihrer Neigung für gute Bissen, zankten sich, versöhnten sich, spielten Mama und Papa miteinander, ohne die Nachbarn im Schlafe zu stören. Im übrigen blieben alle entzückt von Lantiers guten Manieren. Dieser schmeichlerische Schwätzer machte alle Lästerzungen stumm. Es ging so weit, daß die einen meinten, es wäre doch schade, wenn Lantier und Gervaise dieses Verhältnis zusammen nicht hätten, dann wären die Coupeaus lange nicht so interessant. Gervaise lebte aber ganz ruhig. Ihre eigene Familie hielt sie für herzlos. Man begriff nicht, wie sie dem Hutmacher immer noch böse sein konnte. Frau Lerat, die es ganz besonders liebte, sich in Liebeshändel zu mischen, kam fast jeden Abend, denn sie fand Lantier unwiderstehlich und behauptete, daß selbst die vornehmste Frau sich entzückt in seine Arme stürzen würde. Frau Boche, zehn Jahre jünger, hätte nicht für sich einstehen können. Es war wie eine heimliche Verschwörung um sie herum, gerade als ob all diese Frauen eine Befriedigung darin finden würden, Gervaise einen Liebhaber zuzutreiben. Nur Gervaise begriff das nicht, sie fand Lantier gar nicht so verführerisch. Er war ja sehr zu seinem Vorteil verändert; er ging nie ohne Rock und hatte sich in den Cafés und den politischen Versammlungen eine gewisse Bildung angeeignet. Nur sie, die ihn so gut kannte, blickte durch seine Augen hindurch in seine Seele und fand da Dinge, die ihr Gänsehaut verursachten. Wenn er den andern doch so gut gefiel, warum machten sie sich denn nicht an ihn heran? Das sagte sie auch eines Tages Virginie, die sich am leidenschaftlichsten zeigte. Frau Lerat und Virginie wollten sie nun eifersüchtig machen, indem sie ihr Liebesgeschichten von Lantier mit der großen Clementine erzählten. Ja, ja, sie hätte ja nichts davon bemerkt; jedesmal, wenn sie auf Besorgungen gegangen wäre, hätte er sie in sein Zimmer hineingezogen. Auch jetzt noch könnte man sie oft zusammen treffen, er ginge öfters zu ihr. »Nun, und was weiter?« sagte Gervaise mit etwas zitternder Stimme, »was geht das mich an?« Sie schaute Virginie in die dunkeln Augen, in denen goldene Funken blitzten, wie in Katzenaugen. Diese Frau mußte also doch einen heimlichen Haß auf sie haben, weil sie sie so eifersüchtig machen wollte! Die Näherin antwortete sofort wieder ganz harmlos: »Das kann Ihnen ja gewiß ganz gleichgültig sein ... doch sollten Sie ihm raten, von dem Mädchen abzulassen, von dem er nur Unannehmlichkeiten haben wird.« Das Schlimmste war, daß Lantier, der wohl fühlte, wie sehr er von allen Seiten unterstützt wurde, sein Benehmen Gervaise gegenüber änderte. Gab er ihr jetzt die Hand, so behielt er sie länger als nötig und drückte dabei ihre Fingerspitzen. Auch beunruhigte er sie durch Blicke, indem er ihr oft unverhofft in die Augen sah, sie nicht im Zweifel lassend, was er damit sagen wollte. Wenn er hinter ihr vorüberging, drückte er seine Knie an ihre Röcke und atmete ihr in den Hals hinein, um sie zu berauschen. Doch wartete er immer noch, blieb bescheiden, ohne Erklärung. Als er aber eines Abends mit ihr allein war, stieß er sie, ohne Worte, im Hintergrund des Ladens an die Wand und versuchte sie zu küssen. Zufälligerweise trat im selben Augenblick Goujet in den Laden. Da wehrte sie sich und machte sich los. Alle drei wechselten ein paar Worte, als ob nichts geschehen wäre. Goujet, ganz blaß geworden, senkte seinen Kopf, er glaubte gestört zu haben und dachte, sie hätte sich nur gesträubt, weil sie sich vor andern nicht habe küssen lassen wollen. Am folgenden Tage ging Gervaise trippelnd im Laden umher, sie war unfähig, auch nur ein Taschentuch zu bügeln; sie mußte durchaus Goujet sehen und ihm eine Erklärung darüber geben, daß Lantier sie an die Wand gedrückt habe. Seitdem Etienne in Lille war, wagte sie es nicht mehr, in die Schmiede zu gehen, weil die Salzfresse sie stets mit höhnischem Gelächter empfing. Aber am Nachmittag konnte sie der Sehnsucht nicht mehr widerstehen; sie nahm einen leeren Korb und ging unter dem Vorwande, bei einer Kundin in der Rue des Portes-Blanches Unterröcke zu holen, fort. Als sie in der Rue Mercadet vor der Türe der Bolzenfabrik ankam, ging sie erst langsam auf und ab, auf eine zufällige Begegnung hoffend. Es schien, als habe sie Goujet erwartet, denn sie war noch keine fünf Minuten da, so kam er heraus. »Sie sind unterwegs?« sagte er mit schwachem Lächeln. »Gehen Sie nach Hause?« Er sagte das, um überhaupt zu sprechen, denn Gervaise lehrte der Rue des Poissonniers gerade den Rücken. Sie gingen zusammen den Montmartre hinauf, eines neben dem andern, ohne sich einzuhängen. Ihr gemeinsamer Gedanke war, sich von der Fabrik zu entfernen, um nicht den Glauben zu erwecken, als hätten sie sich dort ein Stelldichein gegeben. Mit gesenkten Köpfen schritten sie auf der holperigen Straße weiter, um sie herum alles voller Lärm von den Fabriken. Nach zweihundert Schritten bogen sie links ab; das alles so natürlich, als ob sie den Weg gekannt hätten, begaben sie sich, noch immer schweigend, auf ganz unbebautes Terrain. Der Platz befand sich zwischen einer Dampfschneidemühle und einer Knopffabrik, es war ein Streifen Wiese, deren Grün durch gelbe Flecken getrockneten Grases unterbrochen war; eine Ziege war an einem Pfahl festgebunden und lief meckernd um den herum; weiter zurück beschien die volle Sonne einen rissigen abgestorbenen Baum. »Wirklich,« sagte nun Gervaise, »man könnte glauben, daß man auf dem Lande wäre.« Sie gingen bis zu diesem Baum und setzten sich darauf nieder. Die Büglerin stellte ihren Korb vor ihre Füße. Vor ihnen erhoben sich auf der Anhöhe von Montmartre viele Reihen hoher, grauer und gelber Häuser zwischen dem spärlichen Laub der Bäume; und wenn sie den Kopf noch mehr zurückbeugten, sahen sie den weiten Himmel in glühender Klarheit sich über die Stadt ausdehnen, auf dem von Norden her ein Flug kleiner weißer Wölkchen sich hinzog. Aber die leuchtende Luft blendete sie, sie mußten ihre Blicke wieder auf den flachen Horizont lenken, wo in ferner Ebene die kreidigen Vorstädte lagen; sie sahen auch die Dampfwolken, die der kleine Schornstein der Schneidemühle in kurzen Stößen ausstieß. Diese stoßenden Seufzer schienen ihre bedrängte Brust zu erleichtern. »Ja,« sagte Gervaise verlegen, »ich hatte einen Gang zu machen ...« Das Schweigen machte sie verlegen. So lebhaft sie diese Auseinandersetzung herbeigewünscht hatte, sie wagte doch nicht zu sprechen. Sie schämte sich. Und beide fühlten, daß sie hierher gekommen waren, um davon zu sprechen, ja, sie sprachen davon ohne laute Worte. Die Geschichte vom Abend vorher lag wie eine Trennung zwischen ihnen, die ihre Bewegung hemmte. Da ergriff sie eine entsetzliche Traurigkeit und sie erzählte mit Tränen in den Augen von dem Todeskampf der Frau Bijard, ihrer Wäscherin, die am Morgen unter großen Schmerzen gestorben war. »Die Ursache war ein Fußtritt, den ihr Bijard gegeben hatte,« sagte sie mit sanfter, eintöniger Stimme. »Der Bauch war ihr ganz aufgeschwollen. Er hatte ihr bestimmt eine innere Verletzung beigebracht. Mein Gott! was hat sie in diesen drei Tagen leiden müssen. Oh, es gibt gewiß auf den Galeeren Schurken, die aber nicht so schlecht sind wie so einer.« Aber da hätten die Gerichte viel zu tun, wenn sie sich um all die Frauen kümmern müßten, die von den Männern zu Tode gepeinigt werden. Ein Fußtritt mehr oder weniger, nicht wahr? was kommt darauf an! Und die arme Frau, um ihren Mann vor dem Schafott zu retten, hat ausgesagt, daß sie auf eine Waschbank gefallen wäre und sich dabei verletzt hatte ... Die ganze Nacht schrie sie vor Schmerzen, ehe es zu Ende ging. Der Schmied schwieg immer noch und riß ein Büschel Gras nach dem andern ab. »Es sind noch keine vierzehn Tage her,« fuhr Gervaise fort, »da hat sie ihr jüngstes Kind, den kleinen Jules, entwöhnt. Das war noch ein Glück dabei, so wird das Kind durch den Tod der Mutter nicht zu leiden haben ... Aber wie auch immer, so bleibt die Sorge um zwei kleine Kinder an der kleinen Lalie. Sie ist noch nicht acht Jahre alt und schon so ernst und vernünftig wie eine wirkliche Mutter. Und der Vater schlägt auch sie ... es gibt Wesen, die nur zum Leiden geboren sind!« Goujet sah sie an und sagte mit zitternder Stimme: »Sie haben mir gestern viel Kummer gemacht, so viel Kummer.« Gervaise wurde blaß und schlug die Hände zusammen. Er fuhr fort: »Ich wußte es ja, daß es so kommen würde ... Nur hätten Sie mir sagen sollen, woran ich war, und mich nicht glauben lassen ...« Er konnte seinen Satz nicht vollenden. Sie war aufgesprungen, da sie begriff, daß er glaubte, sie lebe jetzt wieder mit Lantier, so wie es das ganze Viertel versicherte. Und mit ausgestreckten Armen rief sie: »Nein, nein, ich schwöre es Ihnen ... Er stieß mich und wollte mich küssen, das ist wahr, aber sein Gesicht hat das meine nicht berührt, und es war das erstemal, daß er das versuchte ... Oh, glaubt mir doch, bei meinem Leben, bei dem meiner Kinder, bei allem, was es Heiliges gibt.« Aber der Schmied schüttelte den Kopf. Er traue ihr nicht, die Frauen sagen immer »nein«! Nun wurde Gervaise ernst und fing langsam an zu sprechen: »Ihr kennt mich, Goujet, ich lüge nicht ... Nein, mein Ehrenwort! ... Nie wird das geschehen, hören Sie? Niemals! An dem Tage, an dem das geschähe, würde ich die Schlechteste und Verworfenste sein und der Freundschaft eines ehrenwerten Mannes, wie Sie sind, nicht wert sein!« Sie sah, während sie sprach, so erregt und schön aus, ihre Augen strahlten so voller Aufrichtigkeit, daß er ihre Hand ergriff und sie wieder niedersetzen hieß. Jetzt atmete er freier und lachte wieder innerlich. Es war das erstemal, daß er so ihre Hand hielt und drückte. Beide schwiegen. Am Himmel schwammen die Wölkchen so langsam wie ein Schwan, der durchs Wasser zieht. In der Ecke hatte sich die Ziege nach ihnen umgedreht, sie ansehend, in Zwischenräumen in sanftes Meckern ausbrechend. Ohne ihre Hände frei zu geben, verloren sie sich mit schwimmenden Augen im Anblick der Höhen von Montmartre, wo ein Hochwald von Schornsteinen sichtbar war, im kalkigen Weichbild der Stadt. »Ihre Mutter ist mir böse, ich weiß es!« fing Gervaise wieder leise an. »Sagt nicht nein ... Wir sind ihr zuviel Geld schuldig!« Da wurde er fast böse, um sie abzuhalten, weiter darüber zu reden. Er schüttelte ihre Hand, als wolle er sie zerbrechen. Er wollte nichts vom Geld hören. Dann zauderte er und stotterte endlich: »Hören Sie zu, seit langem wollte ich Ihnen einen Vorschlag machen ... Sie sind nicht glücklich. Meine Mutter sagt, Ihr Leben nimmt eine böse Wendung ...« Hier stockte er, als ob ihn seine Worte erstickten ... »Also, wir müssen zusammen fortgehen!« Sie sah ihn an und verstand ihn nicht. Diese brüske Art, seine Liebe zu erklären, überraschte sie. »Ja, wie das?« fragte sie. »Ja,« fuhr er mit gebeugtem Kopf fort, »wir wollen fortgehen, irgendwo leben, in Belgien, wenn Sie wollen ... Das ist fast mein Heimatland ... Wenn wir beide arbeiten, könnten wir sehr glücklich sein!« Jetzt errötete sie heftig. Wenn er sie an sich gepreßt hätte und geküßt, so hätte sie nicht weniger beschämt sein können. Das war ein komischer Junge, der ihr eine Entführung vorschlug, wie sie nur in Romanen oder der besseren Gesellschaft vorkommt. Seltsam! Um sie herum machten die Arbeiter verheirateten Frauen den Hof, aber sie führten sie nicht einmal nach Saint-Denis; das geschah sofort ohne viele Worte. »Oh, Herr Goujet! Herr Goujet! ...« sagte sie leise, es fiel ihr gar nichts anderes ein. »Dann wären wir beide allein!« fuhr er fort. »Die andern sind mir lästig. Begreifen Sie? Wenn ich mit jemandem befreundet bin, mag ich ihn nicht mit andern zusammen sehen.« Aber nun kam sie wieder zu sich selbst und lehnte in ganz vernünftiger Weise ab. »Das ist unmöglich, Herr Goujet ... Das wäre sehr schlecht von mir ... Ich bin doch verheiratet, nicht wahr? Ich habe Kinder ... Ich weiß wohl, daß Sie mich gern haben und ich Ihnen Kummer verursache. Doch wir würden bereuen und kein Vergnügen dabei haben. Auch ich habe Sie lieb, so sehr lieb, daß ich nicht dulden werde, daß Sie eine Dummheit machen. Und es wäre ganz gewiß eine Dummheit. Nein, es ist besser, es bleibt alles beim alten. Wir achten einander, unsere Gefühle gehören uns. Das ist sehr viel und hat mich schon mehr als einmal am Leben erhalten. Wenn man in unserm Stande ehrlich und anständig bleibt, wird einem das einmal vergolten.« Er nickte mit dem Kopfe, indem er ihr zuhörte. Er billigte, was sie wollte, dagegen ließ sich nichts sagen. Ganz plötzlich aber, am hellen Tage, umarmte er sie und drückte sie so heftig an sich, als ob er sie zerdrücken wollte. Gleichzeitig gab er ihr einen wilden Kuß in den Nacken, daß ihm fast die Haut zwischen den Zähnen blieb. Nun ließ er sie los, und mehr verlangte er auch nicht, auch sprach er nie wieder von seiner Liebe. Sie schüttelte sich, ohne böse zu sein, sie wußte, daß sie diesen kurzen Genuß schwer genug verdient hatten. Den Schmied hatte die Leidenschaft stärker mitgenommen, er war wie eine Eiche im Sturmwind geschüttelt; er entfernte sich, um nicht der Lust wieder zu verfallen, sie nochmals an sich zu drücken. Dann kniete er nieder, doch wußte er nicht, womit er seine Hände beschäftigen sollte; er pflückte deshalb den üppig wuchernden Löwenzahn und warf ihn Gervaise in den Korb. Dann beruhigte ihn dieses Spiel. Mit seinen von harter Arbeit fast steif gewordenen Fingern pflückte er doch die Blumen sehr zart ab, warf eine nach der andern, und seine treuen Augen lachten, wenn er den Korb nicht verfehlte. Die Büglerin lehnte am Stamme des Baumes. Sie war heiter und ruhig; um durch den Lärm, den die Schneidemühle machte, gehört zu werden, mußte sie lauter sprechen. Als sie die Baustelle miteinander verließen, sprachen sie von Etienne, dem es in Lille sehr gut gefiel; sie trug ihren Korb voller Blumen nach Hause. Im Grunde fühlte sie sich Lantier gegenüber nicht gar so sicher, wie sie sagte. Gewiß, sie war fest entschlossen, ihm nicht zu erlauben, daß er ihr auch nur eine Fingerspitze berühre; aber sie fürchtete doch seine Berührung, und daß ihre alte Schlaffheit und Willfährigkeit wiederkehre, dieses träumerische Hindämmern, und den Wunsch, allen zu Gefallen zu leben. Indessen machte Lautier keinen neuen Versuch. Er war öfters mit ihr allein, doch verhielt er sich dabei stets ruhig. Er schien sich mit der Kaldaunenhändlerin zu beschäftigen, die eine wohlerhaltene Frau von fünfundvierzig Jahren war. Gervaise sprach zu Goujet von diesem Verhältnis, was ihn noch mehr beruhigte. Sie antwortete Frau Lerat und Virginie, wenn sie den Hutmacher allzusehr lobten, er könne wohl auf ihre Bewunderung verzichten, da er doch so viele Verehrerinnen habe. Coupeau erzählte es überall, daß Lantier ein wahrhaftiger Freund wäre. Seinetwegen könne man schwatzen was man wolle, er wußte, was er wußte, den Teufel kümmere er sich um all das Geschwätz, da die Ehre auf seiner Seite wäre. Wenn sie zu dritt am Sonntag spazierengingen, nötigte er seine Frau, Lantiers Arm zu nehmen und vor ihm herzugehen, nur um die Leute erst recht zu ärgern; er sah allen ins Gesicht und wartete auf irgendeine Anspielung, damit er durch ein rohes Wort antworten könne. Richtig war, daß er Lantier stolz fand, er beschuldigte ihn, daß er sich vor dem Branntwein wie ein Mädchen ziere, er verhöhnte ihn, weil er lesen konnte und wie ein Advokat sprach. Aber im großen ganzen war er doch ein famoser Junge. Man konnte lange suchen, ehe man einen zweiten fand, der so fest auf seinen Beinen stand wie er. Sie verstanden einander und schienen wie füreinander geschaffen. Die Freundschaft eines Mannes ist dauerhafter als die Liebe einer Frau. Eines war sicher: Coupeau und Lantier schlemmten und praßten zusammen, daß alles außer Rand und Band ging. Lantier borgte Geld von Gervaise, einmal zehn, einmal zwanzig Francs, sobald er wußte, daß Geld im Hause war. Das alles war natürlich für seine großen Unternehmungen. An solchen Tagen seifte er Coupeau gründlich ein, sprach von einem weiten Weg und nahm ihn mit. Bald saßen sie im hintern Kabinett einer Restauration dicht beieinander und aßen Gerichte, die man zu Hause nicht haben konnte, und tranken Flaschenwein dazu. Dem Zinkarbeiter wären auch weniger gewählte Speisen recht gewesen, aber er mußte sich dem aristokratischen Geschmack des Hutmachers fügen, der auf der Speisekarte immer ganz außergewöhnliche Gerichte und unbekannte Saucen fand. Es war unglaublich, wie schwer dieser Mann zu befriedigen war! Vielleicht waren alle Südländer so. Er wollte zum Beispiel nichts Erhitzendes; über jedes Gericht hielt er lange Abhandlungen vom sanitären Standpunkt aus; er schickte das Fleisch zurück, wenn es zu stark gesalzen oder gepfeffert war. Noch größer war seine Angst vor Durchzug; wenn eine Türe halb offen blieb, brüllte er durch das ganze Restaurant. Dabei war er geizig. Für eine Zeche von sieben bis acht Francs gab er nie mehr als zwei Sous Trinkgeld. Trotzdem zitterten alle vor ihm! Oh, man kannte diese beiden auf den äußern Boulevards von Batignolles bis Belleville! Sie gingen nach der Grande Rue des Batignolles, um dort Gekröse à la Caën zu essen, das man ihnen auf kleinen Wärmeapparaten servierte. Unterhalb Montmartre fanden sie die besten Austern im ganzen Quartier in der Ville de Bar-le-Duc. Wenn sie einmal nach oben verschlagen wurden, bis zum Moulin de la Valette, so ließen sie sich ein Kaninchen zubereiten. In der Rue des Martyrs bekam man im Restaurant »Zum Flieder« besonders gute Kalbsköpfe, während es in der Chaussée Clignancourt im »Goldenen Löwen« und bei den »Zwei Kastanienbäumen« gesottene Nieren gab, die ganz vorzüglich waren. Öfter noch gingen sie nach Belleville, während man in der »Burgunder Taube«, bei der »Blauen Uhr« und im »Capucin« stets einen Tisch für sie frei hielt. All diesen Restaurants konnte man blind trauen, keine Angst, daß man hereinfiele. Diese Ausflüge machten sie natürlich im geheimen und sprachen am folgenden Tage durch die Blume davon, während sie in Gervaises Kartoffeln herumstocherten. Das ging nun schon soweit, daß Lantier eines Tages ein Frauenzimmer in eine Gartenlaube des Moulin de la Valette mitbrachte, mit dem ihn dann nach dem Dessert Coupeau allein ließ. Bei solcher Schlemmerei ist schwer arbeiten. Der Zinkarbeiter hatte auch schon vorher genug gebummelt; seitdem aber Lantier in der Familie war, hatte Coupeau kein Werkzeug mehr angerührt. Und wenn er sich doch einmal wieder anwerben ließ, weil es ihm doch langweilig war, immer arbeitslos herumzuschlendern, so war Lantier doch stets bereit, ihn vom Arbeitsplatz wegzulocken; er neckte ihn, wenn er ihn bei der Arbeit fand, er sagte, er sähe wie ein Schinken im Rauchfang aus, er solle herunterkommen und einen Schoppen trinken. In der Regel ließ dann der Zinkarbeiter die Arbeit fahren und ging mit ihm auf eine Saufreise, die nicht nur tage–, sondern auch wochenlang dauerte. Oh, das waren famose Reisen, bei denen sie Inspektion über alle Spelunken des ganzen Viertels hielten. Der Rausch wurde am Vormittag ausgeschlafen, am Nachmittag und Abend wurde wieder neu aufgegossen; ein Glas Branntwein folgte dem andern, bis zum Löschen des letzten Lichtes. Dieses Tier, der Hutmacher, machte nie bis ans Ende mit. Wenn der andere angesäuselt war, verließ er ihn und kam lächelnd und liebenswürdig nach Hause. Er hatte dann nur einen leichten Schwips, den man ihm kaum anmerkte. Nur wer ihn genau kannte, bemerkte es; seine Augen waren dann leicht zugekniffen und seine Manieren waren den Frauen gegenüber unternehmend. Der Zinkarbeiter dagegen wurde geradezu ekelhaft, jetzt versetzte ihn das Trinken schon in abscheulichen Zustand. In den ersten Tagen des Monats November fand eine große Sauferei statt, die für ihn und die andern gleich schmutzig und ekelhaft war. Eines Abends hatte er Arbeit gefunden. Diesmal war Lantier ganz erfüllt von schönen Empfindungen; er schwärmte für die Arbeit und predigte, wie sehr sie den Menschen veredle. Er stand auch am kommenden Morgen noch bei Lampenlicht auf, denn er wollte seinen Freund feierlich zu seiner Arbeit begleiten. Als sie bei der Petite Civette angekommen waren, wurde gerade geöffnet, sie traten ein und tranken dort eine Pflaume zur Besiegelung ihres festen Vorsatzes. Dem Schanktisch gegenüber saß Bibi-la-Grillade auf einer Bank und lehnte sich an die Wand; er rauchte seine Pfeife und sah mürrisch drein. »Sieh doch, da ist ja Bibi, der hier auf der Bärenhaut liegt,« sagte Coupeau. »Du hast wohl den Brand, mein Alter?« »I bewahre,« sagte dieser, die Arme streckend. »Die Meister machen einem viel Ärger... Ich habe den meinen gestern sitzen lassen ... Alle sind sie Schufte ... Kanaillen.« Bibi-la-Grillade gestattete, daß man ihm eine Pflaume kredenzte. Sicher hatte er da auf der Bank auf so etwas gewartet. Nun nahm Lantier die Meister in Schutz, die auch oft ihre liebe Not mit dem Arbeiter haben; er könne da auch ein Wort mitreden, denn er hätte auch manches durchgemacht, als er noch im Geschäfte war. Eine nette Schwefelbande, die Arbeiter! Immer auf der Bummelei, den Teufel machen sie sich aus der Arbeit, mitten in einer Bestellung laufen sie einem davon und kommen erst wieder, wenn das Geld vertrunken ist. Er hatte so einen kleinen Kerl, diesen Picard, der hatte die Marotte spazierenzufahren; sowie er seinen Lohn ausbezahlt bekam, nahm er sofort einen Fiaker auf den ganzen Tag. Das war doch nichts Vernünftiges für einen Arbeiter! Dann griff er plötzlich die Meister an. Es war eine schmutzige Gesellschaft, die den Arbeiter schamlos ausbeutete, Leuteschinder. Er konnte mit ruhigem Gewissen schlafen, er hatte immer an seinen Arbeitern als Freund gehandelt, er hat keine Millionen zusammengescharrt wie die andern. »Nun wollen wir aber fort,« sagte er, sich zu Coupeau wendend. »Wir müssen vernünftig sein, sonst kommen wir zu spät.« Bibi-la-Grillade schlenderte mit ihnen. Es war draußen noch immer nicht hell geworden, es dämmerte und das schwache Licht spiegelte sich in den Pfützen auf dem Pflaster; es hatte am Abend vorher geregnet und nun war mildes Wetter. Die Gasflammen waren ausgelöscht; die Rue des Poissonniers, in der die letzten Schatten der Nacht noch zwischen den Häusern schwebten, füllte sich mit Arbeitern, die nach Paris hinunter gingen. Coupeau, seinen Arbeitssack auf der Schulter, marschierte mit prahlerischem Gesicht eines Bürgers, der nur zufällig einmal seine Nationalgardistenuniform angezogen hat. Er wandte sich um und fragte: »Bibi, willst du, daß ich dich auch festmache? Der Meister hat gesagt, ich könne einen Kameraden mitbringen.« »Danke, nein,« sagte Bibi-la-Grillade, »ich führe ab... Du mußt das Mes-Bottes vorschlagen, der suchte gestern eine Werkstatt ... Wart einmal, er ist sicher da drinn!« Sie waren gerade am Ende der Straße und bemerkten auch wirklich Mes-Bottes beim Vater Colombe. Trotz der frühen Morgenstunde war der »Totschläger« hell erleuchtet, die Fensterladen geöffnet, die Gasflammen angezündet. Lantier blieb in der Türe stehen und sagte zu Coupeau, er möge sich beeilen, denn sie hätten gerade noch zehn Minuten. »Was, du gehst zu dem Spion, dem Bourguignon!« schrie Mes-Bottes, als der Zinkarbeiter mit ihm gesprochen hatte. »In diese Bude bringt mich keiner mehr, lieber hänge ich die Zunge heraus bis zum nächsten Jahr. Du wirst keine drei Tage dort bleiben, das sage ich dir.« »Ist das wirklich eine dreckige Bude?« fragte Coupeau unruhig. »Oh, das Schlimmste, das du dir vorstellen kannst ... Man kann sich nicht rühren. Der Meister, dieser Affe, sitzt einem fortwährend auf dem Rücken. Und dann diese Art der Behandlung dort! Die Meisterin behandelt einen wie einen Trunkenbold, im Laden darf man nicht ausspucken ... Schon am ersten Abend habe ich sie versetzt, verstehst du?« »Nun, so bin ich wenigstens vorbereitet. Bei diesem werde ich also keinen Scheffel Salz essen. Heute will ich's mal versuchen; aber wenn ich mit dem Meister nicht auskomme, setze ich ihn seiner Meisterin auf den Schoß, aber fest, wie ein paar Heringe!« Der Zinkarbeiter schüttelte dem Kameraden die Hand und bedankte sich für die Auskunft; da wurde Mes-Bottes aber böse. Zum Donnerwetter! Bourguignon solle sie doch nicht hindern, noch einen Schluck zusammen zu trinken! Sind denn Männer keine Männer mehr? Der Affe kann doch noch fünf Minuten warten. Nun kam auch Lantier heran und nahm ein Glas an; die vier Arbeiter standen vor dem Schanktisch. Mes-Bottes mit seinen zerrissenen Schuhen, seiner übermäßig dreckigen Bluse und einer flachen Mütze auf dem Kopfe, brüllte immerzu und rollte seine Augen mit Herrschermiene. Man hatte ihn zum Kaiser der Säufer und König der Schweine gemacht, weil er einen Salat von lebenden Maikäfern gegessen und in eine krepierte Katze gebissen hatte. »Höre, alter Giftmischer,« schrie er dem Vater Colombe zu, »gib mir doch von dem Gelben, von deiner Eselspisse Nummer eins!« Als Vater Colombe, ruhig, in einer gestrickten Wollweste kam und die vier Glaser gefüllt hatte, tranken sie sie schnell in einem Zuge aus, um den Branntwein nicht verdunsten zu lassen. »Das tut wohl, wenn's einem so durchgeht«, murmelte Bibi-la-Grillade. Nun erzählte dieses Tier, Mes-Bottes, eine komische Geschichte. Am Freitag war er so besoffen gewesen, daß ihm die Kameraden seine Pfeife mit Mörtel zwischen den Lippen festgekittet hatten. Ein anderer wäre sicher daran gestorben, aber er schlief weiter auf dem Rücken liegend, und brüstete sich noch damit. »Darf ich den Herren nochmals einschenken?« fragte Vater Colombe mit seiner fettigen Stimme. »Ja, doppeln Sie das,« sagte Lautier, »es ist jetzt meine Tour.« Nun schwatzten sie von den Weibern. Bibi-la-Grillade hatte am vergangenen Sonntag seine Geliebte nach Montrouge gebracht. Coupeau erkundigte sich, fragte nach dem Ergehen des »indischen Koffers«; dies war der Spitzname einer Wäscherin aus Chaillot, die im Lokal sehr bekannt war. Sie wollten gerade weiter trinken, als Mes-Bottes Goujet und Lorilleux zurief, die gerade vorbeigingen. Die beiden kamen bis zur Türe, weigerten sich aber einzutreten. Der Schmied hatte kein Bedürfnis zu trinken. Der bleiche Kettenmacher hielt zitternd seine Ketten in der Tasche fest, die er gerade abgeben wollte, er hustete heftig und entschuldigte sich; er sagte, nach einem Schluck Branntwein müsse er sich hinlegen. »Das sind rechte Kaffern!« wetterte Mes-Bottes. »Die trinken im Verborgenen.« Als er seine Nase ins Glas gesteckt hatte, faßte er Vater Colombe an. »Altes Giftfaß, du hast uns von einer andern Flasche gegeben ... Du weißt doch, daß du mit mir solche Scherze nicht machen darfst!« Jetzt war es ganz Tag geworden; Vater Colombe drehte das Gas aus. Coupeau entschuldigte seinen Schwager, er könne wirklich nicht trinken, und man dürfe ihm das eben auch nicht als Verbrechen anrechnen. Selbst Goujets Verhalten billigte, er, denn es wäre ein Glück für einen, nie Durst zu haben. Nun wollte er aber zur Arbeit gehen, aber Lantier gab ihm mit überlegenen Gesicht eine Lehre: man bezahle wenigstens seine Tour, ehe man sich aus dem Staube mache; man ließ seine Freunde nicht wie Lumpen, auch nicht, wenn man sich zu seiner Arbeit begibt. »Wird uns der noch lange mit seiner Arbeit langweilen?« schrie Mes-Bottes. Vater Colombe fragte Coupeau, ob es nun seine Tour wäre? Dieser bezahlte, als es aber zu Bibi-la-Grillade kam, beugte sich dieser zum Ohre des Wirtes und sprach leise mit ihm, worauf dieser den Kopf schüttelte. Mes-Bottes verstand, daß Colombe nicht borgen wollte, wofür ihn Mes-Bottes mit Schimpfworten überhäufte. Was! so ein Schuft seiner Sorte wolle einem Kameraden nichts borgen? Alle Kneipwirte pumpten! In solcher Giftbude solle man sich beschimpfen lassen! Doch der Wirt blieb ruhig, er stützte seine großen Fäuste auf den Rand des Schanktisches und sagte höflich: »Borgen Sie doch das Geld dem Herrn, das ist viel einfacher.« »Nun, in Teufels Namen, ja, ich werde es ihm borgen!« heulte Mes-Bottes. »Hier, Bibi, wirf ihm das Geld in den Rachen, diesem Verbrecher!« Zu Coupeau gewendet: »Du siehst ja wie eine Amme aus. Laß doch deine Puppe los, wirst ja buckelig.« Einen Augenblick noch zögerte Coupeau; dann, nach reiflichem Überlegen, nahm er seinen Arbeitssack herunter, legte ihn auf den Boden und sagte: »Es ist jetzt doch schon zu spät. Ich werde dann nach dem Frühstück zu Bourguignon gehen. Ich kann sagen, meine Alte hat Leibschmerzen bekommen ... Hört, Vater Colombe, ich lasse meine Werkzeuge hier unter Euerm Ladentisch und hole sie mir mittags wieder ab.« Lantier billigte unter Kopfnicken diese Abmachung. Man muß wohl arbeiten, zweifellos; doch ist man mit Freunden zusammen, muß man vor allem höflich sein. Erst hatte sie die Lust an dieser Kneiperei gekitzelt und betäubt, ihre Hände wurden schwer und ihre Blicke suchten einander. Nun wußten sie, daß sie fünf volle Bummelstunden vor sich hatten, das erfüllte sie mit lärmender Lustigkeit, sie schlugen sich gegenseitig auf die Schultern und brüllten sich zärtliche Worte ins Gesicht. Coupeau war ganz besonders erleichtert und sah förmlich verjüngt aus, er nannte die andern »mein alter Ast«. Man nahm noch eine Runde und entschloß sich, in den »Floh, der schnarcht«, ein sehr übel beleumundetes Lokal zu gehen, wo auch ein Billard war. Erst verzog der Hutmacher das Gesicht, denn das Lokal war wirklich nicht sehr reinlich: der Schnaps kostete einen Francs der Liter, ein Schoppen in zwei Gläsern zehn Sous; die Gäste hatten das Billard so beschmutzt, daß die Bälle klebenblieben. Als nun eine Partie beschlossen war, fand Lantier seine Liebenswürdigkeit und gute Laune wieder, er war ein außergewöhnlich guter Spieler, er machte schöne Stellungen und begleitete jede Karambolage mit einer interessanten Hüftbewegung. Als die Zeit zum Frühstück kam, hatte Coupeau einen Gedanken, er stampfte auf und schrie: »Gehen wir und holen die Salzfresse! Ich weiß, wo er arbeitet ... Wir nehmen ihn dann mit zu Mutter Louise und essen dort Hühnerpfoten!« Diese Idee fand Beifall. Ja, die Salzfresse mußte Hühnerpfoten mitessen. Dann zogen sie los. Die Straßen waren von gelblichem Licht erfüllt, es regnete ein wenig; aber es war allen schon zu warm, sie bemerkten gar nichts von diesem Guß auf ihre Köpfe. Coupeau führte sie in die Rue Mercadet zu der Bolzenfabrik. Sie kamen eine Stunde vor der Mittagspause dort an, der Zinkarbeiter gab einem Straßenjungen zwei Sous, er solle hineingehen und der Salzfresse sagen, seine Frau wäre unwohl geworden, er möchte gleich nach Hause kommen. Der Schmied kam auch gleich, er wiegte sich unbesorgt in den Hüften, er ahnte schon so etwas wie eine bevorstehende Sauferei. »Ach, diese Brüllochsen!« rief er, als er sie hinter einer Türe versteckt fand. »Das habe ich mir gleich gedacht. Was wollen wir denn essen?« Als sie bei Mutter Louise endlich an den Knochen lutschten, schimpften sie wieder auf die Meister. Die Salzfresse erzählte, daß in seiner Bude eine eilige Bestellung wäre. Oh! da wäre der Alte immer sehr höflich; wenn man beim Aufruf nicht da wäre, er bliebe doch liebenswürdig; er dürfe von Glück sagen, wenn man überhaupt wiederkäme. Vorläufig habe es keine Not, kein Meister würde es wagen, die Salzfresse vor die Türe zu setzen, denn man fand so leicht einen solchen Burschen nicht wieder. Nach den Hühnerpfoten aßen sie einen Eierkuchen. Jeder trank einen Liter dazu. Mutter Louise ließ ihren Wein aus der Auvergne kommen; er hatte eine Farbe wie Blut und war so dick, daß man ihn hätte schneiden können. Jetzt fing es schon an toll zu werden, das Gelage kam in Zug. »Was hat denn dieser verdammte Affe sich um mich zu kümmern?« schrie die Salzfresse beim Nachtisch. »Jetzt hat er gar eine Glocke an seiner Bude anbringen lassen! Eine Glocke ist gut für Sklaven ... Na! die soll heute nur immerzu klingeln! Das müßte kurios zugehen, wenn sie mich heute nochmals an den Amboß brächten. Seit fünf Tagen schinde ich mich, ich kann es entbehren ... Wenn er mir einen Abzug macht, schicke ich ihn nach Chaillot.« »Jetzt muß ich euch verlassen,« sagte Coupeau mit wichtiger Miene, »ich gehe an die Arbeit. Ja, ich habe es meiner Frau zugeschworen ... Laßt es euch gut gehen, mit meinem Herzen bleibe ich bei euch.« Die andern machten ihn lächerlich. Er schien aber so entschlossen, daß sie ihn alle begleiteten, als er sagte, er wolle nur noch sein Handwerkszeug beim Vater Colombe holen. Er nahm dort seinen Sack unter dem Ladentisch hervor und legte ihn vor sich hin, während man noch einen letzten Tropfen trank. Um ein Uhr waren sie noch zusammen. Jetzt brachte Coupeau sein Handwerkszeug wieder unter den Ladentisch zurück, es war ihm lästig, er konnte nicht an den Ausschank gelangen, ohne darüber zu stolpern. Das war doch zu dumm; nun, er würde morgen zu Bourguignon gehen. Die vier andern, die sich über die Lohnfrage stritten, waren nicht erstaunt, als Coupeau sie aufforderte, einen kleinen Spaziergang längs der Boulevards mit ihm zu machen, damit man die Füße etwas vertrete. Der Regen hatte aufgehört. Der Spaziergang beschränkte sich darauf, daß sie auf einer Strecke von zweihundert Schritten auf und ab gingen; sie schlenkerten mit den Armen und sprachen nichts mehr; die frische Luft benahm sie, sie langweilten sich. Langsam, ohne Verabredung, ohne sich die Richtung gegenseitig anzugeben, gingen sie instinktiv wieder die Rue des Poissonniers hinauf; sie gingen zu François hinein, um einen Schoppen Wein von der Flasche zu trinken. Das tat ihnen not, sie mußten wieder hochkommen. Man war auf der Straße geradezu traurig geworden; es war so schmutzig draußen, man hatte keinen Polizisten hinausjagen mögen. Lantier veranlaßte die Kameraden in das Kabinett zu gehen; das war ein kleiner enger Winkel, den ein einziger Tisch ausfüllte; dieser Raum war durch eine Holzwand mit Scheiben von der allgemeinen Trinkstube getrennt. Lantier hatte eine ganz besondere Vorliebe für Kabinette, weil das vornehmer war. Nun, waren die Kameraden hier nicht gut aufgehoben? War man nicht wie zu Hause? Man hatte hier ungeniert ein Schläfchen machen können. Er verlangte eine Zeitung, breitete sie groß auseinander und durchflog sie mit gerunzelten Augenbrauen. Coupeau und Mes-Bottes hatten eine Partie Piquet angefangen. Zwei Liter und fünf Gläser standen auf dem Tisch. »Na, was lügen sie denn da wieder zusammen in der Zeitung?« fragte Bibi-la-Grillade den Hutmacher. Er antwortete nicht sofort. Dann fing er an: »Ich lese hier von der Kammer. Das sind auch Republikaner für vier Sous das Stück, diese verdammten Bummler von der Linken. Glauben sie denn, daß das Volk sie gewählt hat, damit sie Zuckerwasserreden halten! ... Der glaubt an Gott und macht den Kanaillen von Ministern Liebeserklärungen! Ich, wenn ich gewählt würde, stiege auf die Tribüne und sagte: St ...! Ja, nicht mehr und nicht weniger; das ist meinte Meinung!« »Ihr wißt doch, daß Badinguet neulich vor dem ganzen Hofe am Abend seine Frau geschlagen hat!« erzählte die Salzfresse. »Mein Ehrenwort! Um nichts und wieder nichts haben sie sich gezankt. Badinguet war betrunken.« »Laß uns doch mit deiner Politik in Ruhe!« schrie der Zinkarbeiter. »Lies lieber über die Morde, das ist lustiger!« Dann wandte er sich wieder seinem Spiele zu und meldete eine Terz von der Neun und die Damen: »Ich habe eine Terz von oben herunter und drei Täubchen ... Ja, die Krinolinen verlassen mich nicht!« Alle leerten ihre Gläser. Lantier las ganz laut vor: »Ein entsetzliches Verbrechen hat die Gemeinde Gaillon (Seine-Marne) in Schrecken versetzt. Ein Sohn hat seinen Vater mit einem Spaten erschlagen, um ihm dreißig Sous zu stehlen.« Alle stießen Schreie der Entrüstung aus. Das war einer, den hätten sie gern gesehen, wie er einen Kopf kürzer gemacht wurde. Die Guillotine war noch nicht Strafe genug, der gehörte in kleine Stücke zerrissen. Auch ein Kindsmord empörte sie. Aber der Hutmacher spielte den Moralischen, er entschuldigte die Frau und gab ihrem Verführer die Schuld; denn wenn so ein Schuft das Mädchen nicht unglücklich gemacht hätte, so hätte sie auch nie ein Kind umbringen können! Die Heldentaten eines Marquis von T ... wurden sehr bewundert, der um zwei Uhr morgens von einem Ball zurückkehrte und sich auf dem Boulevard des Invalides gegen drei Strolche verteidigte; dabei fand er es nicht der Mühe wert, seine Handschuhe auszuziehen; den zwei ersten hatte er seinen Kopf in den Bauch gerannt und den dritten an einem Ohr zur Wache geführt. Den Teufel! der hatte eine Faust! Schade, daß so einer gerade adelig ist! »Hört jetzt zu!« sagte Lantier. »Ich komme zu den Neuigkeiten aus der großen Gesellschaft! Die Gräfin von Bertigny verheiratete ihre älteste Tochter an den jungen Adjutanten Sr. Majestät, den Baron von Valençay. Bei den Brautgeschenken befanden sich für dreimalhunderttausend Francs Spitzen.« »Was geht uns denn das an?« schrie Bibi-la-Grillade. »Ich will nicht wissen, was ihre Hemden für eine Farbe haben ... Die Kleine kann so viele Spitzen haben wie sie will, deshalb muß sie doch den Mond durch dieselben Löcher sehen wie die andern!« Als Lantier Miene machte, seine Lektüre fortzusetzen, nahm ihm die Salzfresse die Zeitung weg und setzte sich darauf; er sagte: »Nun ist es genug! ... Ich will sie warm halten ... Das Papier ist zu weiter nichts zu gebrauchen!« Mes-Bottes, der gerade in seine Karte sah, schlug triumphierend auf den Tisch. Er sagte dreiundneunzig an. »Bei mir ist Revolution!« schrie er. »Eine Quint-Major ... Das macht zwanzig, nickt wahr? Dann Terz-Major in Karo, dreiundzwanzig; drei Könige, sechsundzwanzig; drei Buben, drei Asse ... zweiundneunzig ... Und ich, ich spiele ein Jahr der Republik – macht dreiundneunzig!« »Du bist aufgeschrieben, alter Junge!« schrien die andern Coupeau zu. Daraufhin bestellten sie zwei frische Liter. Die Glaser wurden nicht mehr leer, die Trunkenheit wurde immer größer. Gegen fünf Uhr wurde es so widerwärtig, daß Lantier daran dachte, sich leise zu entfernen; wenn sie so weit waren, daß sie heulten und den Wein auf die Erde gossen, so paßte es ihm nicht mehr. Coupeau war aufgestanden, machte das Zeichen des Kreuzes über die Säufer und taufte den Kopf Montparnasse, die rechte Schulter Menilmontant, die linke Courtille, die Mitte des Bauches Bagnolet. Der Hutmacher benutzte das Schreien und Toben, das diese Weihe begleitete, um sich still zu drücken. Die Kameraden merkten es nicht einmal. Er war schon stark angeheitert. Als er aber draußen war, riß er sich zusammen und fand so seine Sicherheit wieder; als er in den Laden zurückgekehrt war, erzählte er Gervaise, daß er Coupeau in Gesellschaft seiner Freunde zurückgelassen hatte. Zwei Tage gingen darüber hin, der Zinkarbeiter kam nicht zum Vorschein. Er trieb sich im Viertel herum, man mußte nicht wo. Verschiedene Leute hatten ihn gesehen, einer bei Mutter Baquet im »Papillon« oder bei dem »kleinen Mann, der hustet«. Die einen versicherten, er wäre allein gewesen, andere sagten, er wäre in Gesellschaft von sieben oder acht solchen Dauersäufern, wie er selbst einer war. Gervaise zuckte zu all dem mit gefaßter Miene die Schultern. Mein Gott, daran mußte man sich eben gewöhnen! Sie lief ihrem Manne nicht nach; im Gegenteil, wenn sie ihn bei einem Weinhändler sah, machte sie einen großen Umweg, um ihn nicht wütend zu machen. Sie wartete ruhig, bis er nach Hause kam, horchte in der Nacht manchmal auf, ob er nicht vor der Ladentüre draußen schnarche. Er schlief gewöhnlich auf einem Schutthaufen oder einer Bank, einer Baustelle oder in einem Rinnstein. Am Morgen, wenn er den Rausch des vorigen Tages noch nicht ganz verschlafen hatte, ging er wieder davon, schlug an die Fensterläden, versuchte sich durch neues Trinken zu betäuben und begann wieder seine rasende Jagd, immer von Schnapsgläsern, Schoppen und Litern umgeben; er verlor und fand seine Freunde wieder auf diesen Reisen, von denen er voller Schrecken heimkehrte, weil er die Straße wanken sah. Die Nacht senkte sich hernieder und der junge Tag stieg empor, ohne daß er einen Gedanken fassen konnte, er wollte immer trinken und auf der Stelle seinen Rausch verschlafen. Wenn er nur schlief, dann war alles gut. Gervaise ging dieses Mal dennoch am zweiten Tage in den »Totschläger« zum Vater Colombe, um Erkundigungen einzuziehen; er war fünfmal dort gewesen, mehr konnte man ihr nicht sagen. Sie mußte sein Handwerkszeug mitnehmen, das unter dem Ladentisch liegengeblieben war. Als Lantier am Abend sah, wie sehr Gervaise verstimmt war, da schlug er ihr vor, mit ihm in ein Kaffeekonzert zu gehen, damit sie auf andere Gedanken käme. Zuerst schlug sie es ab, sie wäre nicht zum Lachen aufgelegt; zu einer anderen Zeit hätte sie nicht nein gesagt, denn sie sähe, daß das Anerbieten ehrlich wäre, sie fürchtete keinen Verrat. Er zeigte sich voller Mitgefühl für ihr Unglück und machte sich väterlich. Unwillkürlich lief sie alle zehn Minuten nach der Ladentüre, ohne ihr Eisen aus der Hand zu setzen; sie schaute nach beiden Seiten der Straße, ob ihr Mann immer noch nicht käme. Sie konnte nicht mehr ruhig auf einem Fleck stehen bleiben, so sehr war ihr das in die Beine gefahren; denn es war ja möglich, daß sich Coupeau Schaden zugefügt hätte, er konnte unter einen Wagen geraten sein und nun mit gebrochenen Beinen liegen bleiben. Da wäre sie eine schöne Last los gewesen, sie wollte keine Spur von Freundschaft mehr in ihrem Herzen aufkommen lassen für so einen ekelhaften Mann. Aber es war doch ärgerlich, sich immer fragen zu müssen, wird er nun endlich kommen oder nicht! Als es Abend wurde und man das Licht anzündete, sprach Lantier wieder vom Kaffeekonzert, und sie sagte ja. Bei richtiger Überlegung fand sie es doch recht dumm, sich ein Vergnügen zu versagen, da ihr Mann nun schon drei Tage lang das Leben eines Vagabunden führte. Da er nicht nach Hause kam, konnte sie wohl ausgehen. Nun sollte die Bude zum Teufel gehen, wenn sie wollte; am liebsten hätte sie Feuer daran gelegt, so verbitterten Sorgen und Qualen ihr das Leben. Schnell aß man. Als Gervaise um acht Uhr am Arm des Hutmachers ausging, sagte sie zu Mama Coupeau und Nana, sie möchten sich gleich schlafenlegen. Der Laden wurde geschlossen und sie gingen durch die hintere Hoftüre hinaus; sie gab Frau Boche den Schlüssel und bat sie, das Schwein ins Bett zu legen, wenn es nach Hause kommen sollte. Lantier wartete unter dem Torweg auf sie, er war sehr gut gekleidet und pfiff ein Lied. Sie hatte ihr Seidenkleid an. Sie gingen langsam, aneinandergepreßt durch die Straßen, der helle Schein aus den Läden beleuchtete sie hin und wieder, sie gingen lächelnd und mit leiser Stimme plaudernd dahin. Das Kaffeekonzertlokal auf dem Boulevard Rochechouart war ein kleines, altes Lokal, das man durch einen Bretteranbau nach dem Hofe zu erweitert hatte. Am Eingang war ein leuchtender Bogen aus Glaskugeln; große Annoncen waren auf eine Bretterwand aufgeklebt, die beim Rinnstein aufgestellt war. »Hier sind wir,« sagte Lantier. »Heute abend ist das erste Auftreten einer Soubrette, Fräulein Amanda.« Mitten in dieser Erklärung sah er Bibi-la-Grillade stehen; er las ebenfalls die Zettel. Er mußte am Abend zuvor einen Schlag auf ein Auge bekommen haben, denn es war ganz blau. »Nun,« fragte Lantier, »wo ist denn Coupeau? Habt ihr ihn denn verloren?« »Oh,« sagte der andere, »das ist schon lange her, seit gestern. Als wir von Mutter Vaquet fortgingen, gab es eine Schlägerei. Ich liebe solche Sachen nicht ... Du kennst doch den Kellner der Mutter Baquet, er wollte ein Liter Wein zweimal bezahlt haben ... Dann bin ich fortgegangen und habe mich etwas aufs Ohr gelegt.« Er gähnte noch, obschon er volle achtzehn Stunden geschlafen hatte. Er war aber ganz nüchtern, er hatte ein abgestumpftes Gesicht, an seiner Jacke hingen noch Bettfedern, er hatte sich in Kleidern schlafen gelegt. »Und Sie wissen gar nicht, wo mein Mann ist?« fragte die Büglerin. »Keine Ahnung ... Es war fünf Uhr, als wir uns bei der Mutter Baquet trennten, ... Wart einmal!... Ich glaube, ich sah ihn mit einem Kutscher in den ›Schmetterling‹ gehen ... Oh, das ist doch zu dumm, man verdiente, totgeschlagen zu werden!« Lantier und Gervaise unterhielten sich den ganzen Abend hindurch ausgezeichnet. Als um elf Uhr geschlossen wurde, kamen sie ohne große Eile, tanzend, zurück. Es war etwas kälter geworden, die Menschen gingen truppweise nach Hause; Mädchen kicherten im Schatten der Bäume, wenn die Männer handgreiflich wurden. Lantier sang ein Lied, das Fräulein Amanda gesungen hatte: »Nur in der Nase bin ich kitzlich.« Gervaise, fast trunken, wiederholte den Refrain. Es war ihr sehr warm gewesen; das Essen, der Rauch der vielen Pfeifen und die Ausdünstung so vieler Leute beschwerten ihr den Magen. Der lebhafteste Eindruck, den sie gehabt hatte, war Fräulein Amanda. Sie hätte es nie gewagt, so nackt aufzutreten. Aber man mußte gerechterweise zugeben, daß dieses Mädchen eine reizende Haut hatte. Mit lüsterner Neugierde hörte sie von Lantier noch einige Einzelheiten über sie; das alles sagte er mit der Miene eines Lebemannes, der in allem Bescheid weiß. »Sie schlafen schon alle«, sagte Gervaise, als sie bereits dreimal geläutet hatten, ehe die Boches öffneten. Als die Türe aufging, war der Hausflur dunkel, und als sie an der Scheibe der Portiersloge klopfte, um den Schlüssel in Empfang zu nehmen, schrie die verschlafene Frau eine ganze Geschichte zusammen, von der sie zuerst kein Wort verstand. Endlich verstand sie, Poisson hatte Coupeau in einem tollen Zustande nach Hause gebracht; der Schlüssel müsse in der Türe stecken. »Zum Teufel! was ist das,« murmelte Lantier, als sie eingetreten waren. »Das ist ja die reine Pest.« Es roch erschreckend durchdringend. Gervaise suchte die Streichhölzer und spürte, daß sie im Nassen ging. Als sie endlich Licht gemacht hatte, hatten sie ein schönes Schauspiel. Coupeau hatte sich übergeben; das ganze Zimmer war voll; das Bett beschmutzt, der Teppich, an der Kommode war es hinaufgespritzt. Coupeau, den Poisson wohl in das Bett gelegt haben mochte, war heruntergefallen und lag mitten in seinem Schmutz. Darin lag er ausgestreckt wie ein Schwein, seine Backe war voll und aus dem weit offenen Munde kam sein verpesteter Atem. Seine grauen Haare wischten in der Pfütze herum. »Oh, das Schwein! das Schwein!« wiederholte Gervaise ganz außer sich. »Alles hat er beschmutzt ... Nicht einmal ein Hund hätte das gemacht, ein krepierter Hund ist sauberer wie er.« Keines von beiden wagte sich zu rühren, weil sie nicht wußten, wohin die Füße setzen. Noch nie war der Zinkarbeiter in solchem Zustande nach Hause gekommen und noch nie hatte er das Zimmer so beschmutzt. Dieser Anblick zerstörte den letzten Rest jeder Empfindung in der Frau, die sie vielleicht noch für ihn gehabt hätte. Wenn er früher angeheitert oder auch betrunken nach Hause kam, so war er doch immer liebenswürdig und nie ekelhaft. Der Gedanke, daß ihre Haut mit der seinen in Berührung kommen sollte, verursachte ihr Übelkeit, als wenn man von ihr verlangt hätte, sich neben einen Toten zu legen, der an einer ekelhaften Krankheit gestorben ist. »Irgendwo muß ich doch schlafen,« murmelte sie. »Ich kann mich doch nicht auf die Straße legen ... Ich möchte doch lieber über ihn hinwegsteigen.« Sie probierte über den Trunkenbold zu steigen, mußte sich dabei aber an der Kommode halten, um nicht auszugleiten. Coupeau versperrte den Zugang zum Bett. Nun nahm sie Lantier, der lächelte, weil er wohl annahm, daß sie diese Nacht nicht auf ihrem Kissen schlafen würde, bei der Hand und sagte mit leiser und leidenschaftlicher Stimme: »Gervaise ... so höre doch, Gervaise ...« Sie hatte genug gehört; sie machte sich los, und in ihrer Bestürzung duzte sie ihn wie früher. »Nein, laß mich gehen ... Ich beschwöre dich, August, geh in dein Zimmer ... Ich werde mich schon einrichten und vom Fußende aus ins Bett steigen.« »Gervaise, höre doch, sei nicht kindisch,« wiederholte er, »das riecht zu schlecht. Hier kannst du nicht bleiben ... Komm! Was fürchtest du denn? Er wird uns nicht hören.« Sie kämpfte noch immer, schüttelte den Kopf. In ihrer Verwirrung wollte sie zeigen, daß ihr Ernst wäre, und begann sich auszuziehen. Das Seidenkleid warf sie über einen Stuhl und stand nur noch mit Hemd und Unterrock da; sie sah ganz weiß aus und hatte nackte Arme. Ihr Bett gehörte ihr, sie wollte in ihrem Bett schlafen. Zweimal versuchte sie es noch, eine saubere Stelle zu finden, wo sie durchschlüpfen konnte. Aber Lantier ließ nicht nach. Er faßte sie um die Taille und sagte ihr Worte, die ihr das Mut in den Kopf trieben. Oh, sie war in einer schlimmen Lage, mit einem ekelhaften Tier von Ehemann, der sie hinderte, sich ehrbar in ihr Bett zu legen, und einem verdammten Schuft im Rücken, der nur daran dachte, ihr Unglück auszunutzen und sie wieder zu gewinnen! Als der Hutmacher lauter wurde, bat sie ihn, doch stille zu sein. Sie horchte nach der Türe hin, wo Mama Coupeau und Nana schliefen. Die Kleine und die Alte mußten fest schlafen, denn man hörte ihren regelmäßigen Atem. »August,« bat sie mit aufgehobenen Händen, »du wirst sie aufwecken. Sei vernünftig. Nicht hier, neben meiner Tochter ... ein anderes Mal ...« Jetzt sprach er nichts mehr, er lächelte nur noch; langsam küßte er sie aufs Ohr, wie er das früher tat, wenn er sie necken und betäuben wollte. Das machte sie vollkommen wehrlos; sie fühlte ein gewaltiges Sausen und Frösteln überlief sie vom Kopf bis zu Fuß. Sie machte noch einen Schritt. Doch sie mußte zurückweichen. Es war unmöglich, so groß war ihr Ekel, der Geruch so unerträglich, sie hätte sich selbst übergeben müssen. Coupeau lag da wie ein Toter, die Trunkenheit hatte ihn vollkommen benommen, er schlief in seinem Rausch mit totsteifen Gliedern und offenem Munde. Die ganze Straße hätte seine Frau küssen können, er hätte sich nicht gerührt. »Um so schlimmer,« stotterte sie, »es ist seine Schuld, ich kann nicht anders ... Oh, mein Gott, mein Gott! Er wirft mich aus seinem Bett, ich hab kein Bett mehr ... Nein, ich kann nicht anders, es ist seine Schuld.« Sie zitterte und verlor gänzlich ihren Kopf. Während Lantier sie in sein Zimmer drängte, zeigte sich Nanas Kopf hinter einem Fenster der Glasscheiben in der Türe zum Kabinett. Die Kleine war aufgewacht und leise aufgestanden, in ihrem Hemdchen kauerte sie da, sie war blaß und verschlafen. Sie sah ihren Vater am Boden in der Schmutzlache liegen; sie preßte ihr Gesichtchen gegen die Scheibe und blieb, bis ihre Mutter im Unterrock in dem Zimmer des andern verschwunden war. Sie war sehr ernst. In den großen Augen dieses lasterhaften Kindes leuchtete eine geile Neugierde. 9 In diesem Winter wäre Mama Coupeau an einem Asthmaanfall beinahe erstickt. Jedes Jahr im Monat Dezember kehrte diese langwierige Krankheit wieder und bannte sie für zwei bis drei Wochen ans Bett. Sie war keine fünfzehn Jahre mehr alt, sie wurde am heiligen Antoniustag dreiundsiebzig. Dabei war sie schon sehr gebrechlich; einer Kleinigkeit wegen lag sie darnieder und röchelte, obschon sie dick und fett war. Der Arzt hatte ihnen angekündigt, daß sie eines schönen Tages während einem Hustenanfall schnell abgehen könnte, ohne noch vorher zu schreien: »Guten Abend, Jeanneton, das Licht ist aus!« Wenn sie zu Bette lag, wurde Mama böse wie die Krätze. Man muß zugeben, daß das Kabinett, in dem sie mit Nana schlief, nicht gerade heiter war. Zwischen ihrem und Nanas Bett war nur soviel Raum, daß zwei Stühle Platz hatten. Die alten grauen Tapeten hingen in Fetzen von den Wänden herunter. Das runde Fenster nahe der Decke gab ein fahles trübes Licht in den Raum, so daß man sich wie in einem Keller vorkam. So trug dieser Aufenthalt auch nicht dazu bei, einen zu verjüngen, besonders wenn man an Atembeschwerden leidet. In der Nacht, wenn sie sich schlaflos wälzte, hörte sie Nana atmen, das war wenigstens eine Zerstreuung. Aber am Tage, da ihr niemand Gesellschaft leistete und sie von früh bis spät allein lag, da schalt und weinte sie immerfort, warf ihren Kopf in den Kissen hin und her und rief: »Mein Gott, wie bin ich unglücklich! Gott – wie bin ich unglücklich! ... Wie in einem Gefängnis, ja in einem Gefängnis lassen sie mich sterben.« Wenn sie jemand besuchte, Virginie oder Frau Boche, und sie gefragt wurde, wie es ihr ginge, so gab sie auf diese Frage keine Antwort, sondern fing sofort die Litanei ihrer Klagen an: »Oh, das ist bitteres Brot, das ich hier esse! Nein, bei Fremden würde ich nicht soviel auszustehen haben! Sehen Sie, ich habe eine Tasse Tee haben wollen, nun brachten sie mir einen ganzen Wasserkrug voll, nur um mir anzudeuten, daß ich zuviel trinke. Auch Nana, die ich doch erzogen habe, läuft schon barfuß in aller Frühe weg, und ich sehe sie den ganzen Tag nicht mehr. Es ist gerade, als ob ich schlecht röche. Des Nachts schläft sie, und nie fragt sie mich, wie es mir geht oder ob ich leide ... Ja, ja, ich weiß, ich falle ihnen zur Last, sie warten alle darauf, daß ich davongehe. Oh! es wird ja nicht mehr solange dauern. Ich habe keinen Sohn mehr; die Spitzbübin, die Büglerin, hat ihn mir weggenommen. Sie würde mich schlagen und mir den Garaus geben, wenn sie nicht vor dem Richter Angst hätte.« Gervaise war wirklich manchmal roh. Ihr Geschäft verschlechterte sich täglich; alle waren schlechter Laune, und bei jeder Kleinigkeit brach Streit aus. Eines Morgens, als Coupeau Kater hatte, schrie er: »Die Alte sagt doch immer, sie wolle sterben, und sie stirbt doch nicht!« Solche Worte trafen Mama Coupeau ins innerste Herz. Man rechnete ihr vor, wieviel sie koste und was das für eine Ersparnis wäre, wenn sie nicht mehr da wäre. Aber auch ihr Benehmen war schlecht. Sobald sie ihre älteste Tochter Frau Lerat sah, klagte sie ihr ihre Not; sie verleumdete ihren Sohn und die Schwiegertochter, indem sie behauptete, daß man sie Hungers sterben lasse. Das alles sagte sie, um von ihrer Tochter einen Francs herauszulocken. Das Geld wurde dann für Näschereien ausgegeben. Sie machte auch häßliche Klatschereien mit den Lorilleux', indem sie ihnen erzählte, worauf ihre zehn Francs verwendet würden; für Gelüste der Wäscherin, Hauben und Kuchen, den sie heimlich in den Winkeln äße, ja für noch schlimmere Dinge, von denen man gar nicht sprechen dürfte. Zwei- bis dreimal hatte sie es dazu gebracht, daß sich die ganze Familie in die Haare geriet. Bald hielt sie zum einen, bald zum andern, eine wahre Höllenwirtschaft. Als sich die Krankheit verschlimmerte, saßen eines Tages Frau Lorilleux und Freu Lerat neben ihrem Bett; sie winkte ihnen mit den Augen, sie sollten sich zu ihr niederbeugen, denn sie konnte kaum sprechen. Sie flüsterte: »Das ist eine saubere Geschichte! ... Diese Nacht habe ich sie gehört. Ja, ja, die Hinkende und der Hutmacher ... Und sie machten einen Lärm ... Coupeau ist ein netter Junge, eine saubere Sache das!« Und so erzählte sie in kurzen Sätzen, bei denen sie fast vor Husten erstickt wäre, daß ihr Sohn wohl am Abend mit einem tüchtigen Rausch heimgekommen wäre. Da sie nicht schlafen konnte, unterschied sie die einzelnen Geräusche sehr gut: das Auftreten der Hinkenden mit nackten Füßen, die flüsternde Stimme des Hutmachers, der sie rief, das leise Offnen und Schließen der Verbindungstüre und alles andere. Das müßte bis Tagesanbruch gedauert haben, die Stunde wisse sie nicht genau, weil sie gegen Morgen in Schlaf gefallen wäre. »Das Grauenhafte daran war, daß Nana hatte alles hören können. Sie wälzte sich die ganze Nacht herum, wahrend sie sonst so gut schläft. Sie sprang auf und wälzte sich herum, als wenn sie auf glühenden Kohlen läge.« Die beiden Frauen schienen nicht überrascht davon. »Nun ja,« sagte Frau Lorilleux, »das wird wohl schon vom ersten Tage an gewesen sein. Wenn Coupeau nichts dagegen einzuwenden hat, werden wir uns wohl nicht hineinmischen. Wie auch immer, sehr ehrenvoll ist es für die Familie nicht.« »Wenn ich da wäre,« sagte Frau Lerat mit verkniffenen Lippen, »würde ich sie erschrecken, ich riefe ihnen zu: ›Ich sehe euch‹ oder ›Da kommt der Gendarm‹ ... Der Diener eines Arztes hat mir gesagt, daß so etwas eine Frau in einem gewissen Moment sofort töten könne. Nicht wahr? Da geschehe ihr doch recht, sie würde dann für ihre Sünde bestraft sein.« Bald wußte man es im ganzen Viertel, daß Gervaise jede Nacht zu Lantier ging. Frau Lorilleur war den Nachbarn gegenüber voll wortreicher Entrüstung; sie beklagte ihren Bruder, diesen Trottel, dem seine Frau Hörner aufsetze. Sie sagte, sie ginge nur noch ihrer alten Mutter wegen in die Wohnung, die gezwungen zwischen all diesen Abscheulichkeiten leben müsse. Nun erst hackten alle Leute auf Gervaise. Sie hatte den Hutmacher verführt, man konnte das ihren Augen ansehen. Trotz all diesen häßlichen Gerüchten blieb dieser verfluchte Lantier doch der Verführte, weil er immer weltmännische Manieren zeigte, er las seine Zeitung gehend auf dem Gehweg, war stets galant gegen die Damen, brachte ihnen Blumen und Bonbons. Mein Gott, er tat eben, was er tun mußte; ein Mann ist ein Mann, man kann von ihnen nicht verlangen, daß sie den Frauen Widerstand leisten, die sich ihnen an den Hals werfen. Nur für sie hatte man keine Entschuldigung, sie entehrte die ganze Rue de la Goutte d'Or. Die Lorilleux' fühlten sich als Paten verpflichtet, Nana an sich zu locken, um durch sie Genaueres zu erfahren. Als sie sie auf versteckte Art auszuforschen suchten, machte das Kind ein ganz dummes Gesicht und antwortete ausweichend, wobei ihre glühenden Augen hinter ihren langen Wimpern verschwanden. Inmitten all dieser Entrüstung lebte Gervaise ganz ruhig, sie war so schlaff und ging wie im Halbschlaf herum. Am Anfang kam sie sich noch schuldig vor, es war doch recht schmutzig und ihr ekelte vor sich selbst. Wenn sie aus Lantiers Zimmer ging, rieb sie sich jedesmal Hals und Schultern beinahe wund, wie um die Schande davon abzureiben. Wenn Coupeau mit ihr anbandeln wollte, wurde sie böse und lief vor Kälte zitternd in den Laden hinaus, um sich dort anzuziehen; sie duldete auch nicht, daß der Hutmacher sie anrührte, wenn ihr Mann sie gerade geküßt hatte. Am liebsten hatte sie ihre Haut jedesmal mit dem Manne gewechselt. Aber auch daran gewöhnte sie sich allmählich. Das Waschen jedesmal war auch zu ermüdend und schwierig. Ihre Faulheit verweichlichte sie und ihr Bedürfnis, glücklich zu sein, lehrte sie, aus all diesen unerquicklichen Verhältnissen soviel Genuß wie möglich zu ziehen. Sie war nachsichtig gegen sich, so auch gegen andere, und richtete alles möglichst so ein, niemandem Ärger zu bereiten. Ja, wenn ihr Mann und ihr Liebhaber zufrieden waren, wenn im Heime alles seinen gewohnten Gang ging, wenn man vom Morgen bis Abend scherzte und allen dieses sanft dahinfließende Leben behagte, so hatte doch niemand das Recht, sich zu beklagen. Warum sollte denn das so etwas Böses sein, weil alle Beteiligten doch so zufrieden waren; für gewöhnlich trägt das Unrecht seine Strafe in sich. So war ihr denn die Liederlichkeit zur Gewohnheit geworden. Es war alles so geregelt wie das Essen und Trinken; jedesmal wenn Coupeau betrunken nach Hause kam, ging sie zu Lantier. Das kam jede Woche am Montag, Dienstag und Mittwoch vor. Dann verbrachte sie die Nacht beim Hutmacher. Es kam schließlich soweit, sobald der Zinkarbeiter zu stark schnarchte, ruhte sie beim andern aus. Sie empfand deshalb nicht mehr Freundschaft für den Hutmacher, sie fand es nur sauberer, sie ruhte in seinem Zimmer besser aus, es war ihr, als ob sie ein Bad nehme. Sie war wie die Katzen, die sich auch gern auf weiße Leinwand legen. Mama Coupeau getraute sich nie offen von diesen Dingen zu sprechen. Als aber bei einem Streite Gervaise sie etwas schüttelte, da machte sie deutliche Anspielungen. Sie sagte, sie kenne Männer, die recht dumm wären, und Weiber, die arge Spitzbübinnen wären, ja, sie sagte noch viel andere Worte, die ihr noch aus der Zeit in Erinnerung waren, in der sie Westenstickerin war. Das erstemal sah sie Gervaise geradezu an, ohne ein Wort zu sagen; dann aber fing sie an sich zu verteidigen. Wenn man einen Mann hat, der Säufer ist, einen Schmutzfink, der im Unrat lebt, so kann man es ihr nicht verdenken, wenn sie sich anderswo nach Reinlichkeit umsieht. Sie ging noch weiter, sie sagte, daß Lantier ebensogut ihr Mann wäre wie Coupeau, ja noch mehr; sie habe ihn schon mit vierzehn Jahren gekannt; sie hatte doch zwei Kinder von ihm. Nun denn, unter solchen Verhältnissen ist das wohl verzeihlich und niemand kann einen Stein auf sie werfen. Sie nahm für sich das Recht der Natur in Anspruch. Im übrigen solle man sie nur nicht Hetzen, sonst würde sie anderer Leute Rechnung machen. Die Rue de la Goutte d'Or wäre nicht gerade am reinlichsten. Die kleine Frau Vigouroux mache aus ihren Kohlen ein Sofa von morgens bis abends; Frau Lehongre, die Frau des Krämers, hätte ein Verhältnis mit ihrem Schwager, dem großen Geiferer, den man nicht von der Straße aufheben möchte; der Uhrmacher gegenüber, dieser seine Herr, ist nahe beim Zuchthaus vorbeigekommen; er solle ein Verhältnis mit seiner eigenen Tochter haben, die eine Dirne auf den Boulevards war. So zerpflückte sie mit entsprechenden Bewegungen das ganze Viertel. Das dauerte beinahe eine Stunde, in der sie so die schmutzige Wäsche der Leute ausbreitete; die Menschen schliefen wie das Tier untereinander, ein Haufen Vater, Mütter und Kinder, die sich im Schmutze wälzten. Oh, sie konnte davon etwas erzählen, die Schweinerei schaue zu allen Ritzen heraus. Die Häuser wären in der Umgebung förmlich vergiftet davon! O ja, eine saubere Sache, Mann und Frau in diesem Winkel von Paris, wo das Elend die Menschen so eng zueinander treibt, daß sie fast einer auf dem andern liegen. Wenn man die beiden Geschlechter in einem Mörser zusammenstampfte, so würde da nichts weiter dabei herauskommen als Dünger für die Kirschbäume in der Ebene von Saint-Denis. »Sie würden besser daran tun, nicht so hoch in die Luft zu spucken, damit es nicht auf die eigene Nase zurückfällt!« rief sie, wenn man ihr allzunahe kam. Jeder kehre vor seiner Tür, nicht wahr? Sie sollten doch nur ruhige Leute leben lassen wie sie wollten, dann belästigte man sie auch nicht. »Ich finde alles ganz gut so wie es ist. Nur lasse ich mich nicht von Leuten in den Kot ziehen, die selber darin stecken.« Als sich eines Tages Mama Coupeau wieder ausgesprochen hatte, sagte sie mit verbissenen Zahnen: »Höre – du bist in deinem Bett und hast den Vorteil davon ... den tust unrecht, denn du siehst, daß ich liebenswürdig bin. Habe ich dir je dein Leben vorgehalten? Oh, ich weiß ganz gut, was da für eine Wirtschaft war; zu Lebzeiten von Vater Coupeau zwei oder drei Männer ... Nein, huste nicht, ich höre schon auf, aus der Schule zu schwatzen. Das war nur, weil ich damit sagen wollte, daß ich von jetzt ab meine Ruhe haben will, verstanden?« Die alte Frau ist beinahe daran erstickt. – Am andern Morgen kam gerade Goujet, um nachher Wäsche zu sehen, als Gervaise ausgegangen war. Mama Coupeau rief ihn herein und hielt ihn lange bei sich am Bett sitzend. Sie wußte, welch große Freundschaft der Schmied für Gervaise hatte; sie sah auch, daß er seit einiger Zeit schweigsam und düster war, weil er ahnte, was da vor sich ging. Und nun sagte ihm die alte Frau alles, teils aus Schwatzhaftigkeit und um sich für den Streit am vorigen Tage zu rächen, so aber, als wäre das alles ein besonderes Unrecht gegen ihn. Als Goujet aus dem Kabinett kam, mußte er sich an den Wanden stützen, so gebrochen hatte ihn das Gehörte. Als Gervaise zurückkam, rief Mama Coupeau sofort, sie solle sofort zu Goujets gehen und die Wasche hinbringen, ob gebügelt oder nicht. Die Alte war so lebhaft, daß Gervaise sofort wußte, was geschehen war, und im Geiste sah sie schon die traurige Szene, der sie entgegenging, und fühlte den Herzenskummer, der sie bedrohte. Sie war erblaßt und zitterte am ganzen Körper. Sie legte die Wäsche in ihren Korb und ging. Schon seit Jahren hatte sie keinen Sou an die Goujets zurückbezahlt. Immer noch betrug ihre Schuld vierhundertundfünfundzwanzig Francs. Jedesmal ließ sie sich das Geld für die Wäsche geben und sagte, wie schlecht sie bei Kasse wäre. Sie empfand es schon als Schande, denn es sah so aus, als ob sie die Freundschaft des Schmiedes ausnutze, um ihn auszubeuten. Coupeau hatte jetzt kein Gewissen mehr; er machte schlechte Witze und sagte, daß Goujet dafür bezahlt wäre, daß er sie in den Ecken um die Taille fassen durfte. Sie war aber sehr entrüstet darüber und fragte ihren Mann, ob er denn schon soweit wäre, daß er solches Brot essen möchte! Man durfte vor ihr nicht schlecht von Goujet sprechen; ihre Zärtlichkeit für Goujet war der letzte Rest von Ehrbarkeit in ihr, die sie wie ein Heiligtum pflegte. So kam es, daß jedesmal, wenn sie zu diesen braven Leuten ging, sich ihr Herz schon auf der ersten Treppenstufe krampfhaft zusammenzog. »Nun, da sind Sie ja«, sagte Frau Goujet trocken, als sie ihr die Türe öffnete. »Wenn ich einmal den Tod nötig habe, schicke ich Sie, ihn holen.« Gervaise trat verlegen näher, sie wagte keine Entschuldigung hervorzubringen. Sie war nie mehr pünktlich, kam nie mehr zur festgesetzten Zeit, ließ oft acht Tage auf sich warten. Sie wurde immer unordentlicher. »Seit einer ganzen Woche warte ich nun schon auf Sie,« sagte die Spitzenarbeiterin. »Und dann lügen Sie noch, schicken Ihr Lehrmädchen, das mir Geschichten erzählen muß; man wäre gerade mit der Wäsche beschäftigt, noch abends würde man sie mir bringen, oder es wäre etwas vorgefallen, das Paket wäre in den Eimer gefallen; unterdessen verliere ich meine Zeit, es kommt nichts und ich mache mir Gedanken darüber. Nein, Sie sind ganz unvernünftig ... Zeigen Sie, was Sie in dem Korbe haben. Ist es wenigstens alles? Sind die beiden Bettücher dabei, die seit einem Monat fehlen? Und das Hemd, das noch von voriger Wäsche im Rückstand ist?« »Ja, ja, hier ist das Hemd«, sagte Gervaise. Aber Frau Goujet war entsetzt, das sei nicht ihr Hemd, das wolle sie nicht haben. Wenn nun noch die Wäsche verwechselt würde, dann hörte doch alles auf. Schon in der vorigen Woche habe sie ihr zwei Taschentücher gebracht, die nicht ihr Zeichen gehabt hätten. Das wäre nicht nach ihrem Geschmack, solche Wäsche, von der man nicht wisse, woher sie käme. Es läge ihr daran, ihre eigenen Sachen wieder zu bekommen. »Und die Leintücher?« fragte sie. »Sind die verloren? ... Nun, meine Kleine, machen Sie das wie Sie wollen, bis morgen früh müssen sie da sein; verstehen Sie?« Jetzt entstand ein Schweigen. Gervaises Verlegenheit wuchs noch mehr, da sie sah, daß die Türe zum Nebenraum halb offen stand. Der Schmied mußte da sein, sie ahnte es; sie schämte sich sehr, daß er all diese verdienten Vorwürfe mit anhören mußte, auf die sie keine Antwort fand! Sie war so geschmeidig, so sanft, beugte ihren Kopf und legte so schnell wie möglich die Wäsche auf das Bett. Aber es wurde noch schlimmer; Frau Goujet nahm ein Stück nach dem andern zur Hand, um es zu prüfen. Sie warf sie zurück und rief: »Ei, auch mit Ihrer Tüchtigkeit ist es aus! Jetzt kann man Ihnen kein Lob mehr geben ... Ja, Sie verludern und vertun Ihre Arbeit jetzt ... Sehen Sie einmal, dieses Vorhemd ist verbrannt, das Eisen sieht man auf jeder Falte. Alle Knöpfe sind abgerissen; ich weiß nicht, was Sie machen, weil kein Knopf mehr sitzen bleibt. Ach! und da ist eine Nachtjacke, für die ich nichts bezahle, da ist noch aller Schmutz darauf, die haben Sie nur gespült und aufgebügelt. Ich danke, wenn die Wasche nicht einmal mehr gewaschen ist ...« Sie hielt inne und zählte; da rief sie: »Ist es möglich? Das bringen Sie mir zurück? ... Es fehlen zwei Paar Strümpfe, sechs Servietten, ein Tischtuch und die Wischlappen ... Sie machen sich über mich lustig! Ich ließ sagen, Sie sollten alles zurückbringen, ob gebügelt oder nicht. Wenn in einer Stunde Ihr Lehrmädchen nicht mit dem Rest hier ist, dann werde ich ernsthaft böse werden, Frau Coupeau, das sage ich Ihnen im vorhinein.« In diesem Augenblick hustete Goujet im Nebenzimmer. Gervaise überlief es kalt. So vor ihm behandelt zu werden! mein Gott! Sie blieb verlegen mitten im Zimmer stehen und wartete auf die schmutzige Wäsche. Als Frau Goujet die Rechnung durchgesehen hatte, ging sie ruhig an ihren Fensterplatz und arbeitete an ihrem Spitzentuch weiter. »Und die Wäsche?« fragte leise die Büglerin. »Nein, danke. Diese Woche habe ich keine Wäsche.« Gervaise erblaßte. Man entzog ihr die Kundschaft. Nun verlor sie den Kopf, sie mußte sich auf einen Stuhl setzen, denn die Füße trugen sie nicht mehr. Für sich fand sie keine Worte; das einzige, was sie hervorbrachte, war: »Herr Goujet ist wohl krank?« »Ja, er ist leidend; er kam leidend nach Hause, anstatt in die Schmiede zu gehen.« Er habe sich auf sein Bett gelegt, um auszuruhen. Frau Goujet sah in ihrem schwarzen Kleid und in ihrer nonnenhaften Haube sehr ernst aus. Man hatte den Lohn in der Nagelschmiede wieder heruntergesetzt, von neun Francs war er auf sieben gesunken, wegen der Maschinen, die jetzt diese Arbeit machten. Sie sagte, daß sie jetzt in allem spare; sie wollte auch ihre Wäsche wieder selbst waschen. Es wäre sehr gut für sie gewesen, wenn ihnen die Coupeaus das Geld hätten jetzt zurückgeben können, das ihr Sohn ihnen geliehen hätte. Sie würde ihnen ja nicht den Gerichtsvollzieher auf den Hals schicken, wenn sie nicht bezahlen könnten. Seitdem Frau Goujet von dieser Schuld sprach, verfolgte Gervaise eifrig das Spiel der Nadel, Masche um Masche, die mit großer Schnelligkeit arbeitete. »Und dennoch – Sie könnten bei einiger Einschränkung die Schuld tilgen. Sie essen sehr gut, geben viel aus, dessen bin ich sicher ... Wenn Sie uns nun zehn Francs im Monat geben würden ...« Sie wurde von Goujets Stimme unterbrochen: »Mama, Mama!« Als sie sehr bald wieder zurückkam, sprach sie von etwas anderm. Der Sohn hatte sie gebeten, von Gervaise kein Geld zu verlangen. Aber unwillkürlich kam sie nach fünf Minuten wieder auf das Geld zurück. Oh! sie hatte es vorausgesehen, daß es so kommen würde. Der Zinkarbeiter vertrinkt den Laden und sie würde weit dabei kommen. Ihr Sohn hätte niemals die fünfhundert Francs hergeliehen, wenn er auf sie gehört hätte. Er wäre heute verheiratet und würde nicht vor Herzeleid vergehen mit der Aussicht, sein ganzes Leben lang unglücklich zu sein. Nun wurde sie lebhaft und klagte Gervaise geradezu an, mit Coupeau unter einer Decke gearbeitet zu haben, um den dummen Jungen auszunutzen. Ja, es gäbe eben solche Frauen, die durch Jahre hindurch die Scheinheiligen spielten und deren schlechter Charakter plötzlich an den Tag käme. »Mama, Mama!« rief wiederum, noch heftiger, Goujets Stimme. Als sie wiederkam, sagte sie, indem sie sich wieder niedersetzte: »Gehen Sie hinein, er will Sie sehen!« Gervaise ließ die Türe offen. Die Szene bewegte sie sehr, denn es war wie ein Geständnis ihrer Liebe vor Frau Goujet. Das kleine Zimmer erschien ihr so ruhig wie früher; mit den ausgeschnittenen Bildern und dem schmalen eisernen Bett glich es dem Zimmer eines fünfzehnjährigen Knaben. Der mächtige Körper Goujets, den die Mitteilungen Mama Coupeaus gebrochen hatten, lag auf dem Bett ausgestreckt, die Augen waren gerötet und in seinem schönen gelben Bart waren Tränen. Er mußte in einem Wutanfall sein Kopfkissen zerfetzt haben, denn an einigen Stellen platzten die Federn heraus. »Glauben Sie mir, meine Mutter ist im Unrecht«, sagte er zu ihr mit fast leiser Stimme. »Sie sind mir nichts schuldig, ich will nicht, daß man davon spricht.« Er richtete sich auf und große Tränen kamen ihm in die Augen. »Sie sind leidend, Herr Goujet?« murmelte sie; »sagen Sie mir bitte, was Ihnen fehlt!« »Nein, danke, nichts. Ich habe mich gestern übermüdet und will heute etwas schlafen.« Ihm brach das Herz, er konnte sich nicht länger zurückhalten. »Ach Gott! mein Gott! niemals hätte das geschehen dürfen, niemals! Sie hatten es mir geschworen. Und es ist doch so ... Mein Gott! Es tut mir zu weh; gehen Sie fort.« Er winkte mit bittenden Händen. Sie näherte sich nicht und tat wie er wünschte; stumm und sprachlos nahm sie im Nebenraum ihren Korb; aber sie ging noch immer nicht und suchte nach Worten. Frau Goujet fuhr in ihrer Arbeit fort und sagte, ohne den Kopf zu erheben: »Nun denn, guten Abend! Schicken Sie mir die Wäsche, wir rechnen dann später ab.« »Jawohl, so soll es sein«, stotterte Gervaise und ging. Sie schloß die Türe langsam, um noch einen Blick in diese sauberen, ordentlichen Räume zu werfen, in denen, wie sie glaubte, ein Stück ihrer eigenen Ehrbarkeit zurückblieb. So kam sie nach Hause zurück wie eine Kuh, die den Stall findet, ohne sich um den Weg darüber Sorge zu machen. Mama Coupeau saß auf einem Stuhl neben dem Bügelofen, sie hatte zum erstenmal wieder das Bett verlassen. Die Büglerin war zu müde, um ihr auch nur einen Vorwurf zu machen; die Knochen schmerzten sie, als ob man sie geschlagen hätte; sie dachte, das Leben wäre doch zu hart, und da man doch nicht entrinnen könne, wäre es zu nichts gut, sich selbst das Herz herauszureißen. Jetzt fragte Gervaise nach nichts mehr. Sie hatte eine unbestimmte Handbewegung, die sagen wollte: »Macht was ihr wollt, es kümmert mich nichts mehr.« Bei jeder neuen Sorge kümmerte sie sich nur mehr um das einzige Vergnügen, drei gute Mahlzeiten am Tage zu haben. Ihr Laden hätte jetzt zusammenbrechen können, vorausgesetzt, daß sie nicht darunter war, sie wäre ohne Hemd gegangen. Und der Laden brach auch wirklich zusammen, nicht auf einmal, sondern jeden Tag ein wenig, morgens und abends. Eine Kundschaft nach der andern zerstritt sich und trug ihre Wäsche anderswohin. Herr Madinier, Fräulein Remanjou, selbst die Boches waren zu Frau Fauconnier zurückgegangen, wo sie pünktlicher bedient wurden. Es wurde schließlich langweilig, wochenlang um ein paar Strümpfe zu betteln und die Hemden mit Fettflecken von vergangener Woche wieder anzuziehen. Gervaise tat nichts, um sie zurückzuhalten; sie sagte nur: glückliche Reise! Ja, sie hatte noch eine andere Art der Verabschiedung, sie meinte, sie wäre glücklich, nicht mehr in deren Schmutz herumwühlen zu müssen! Das ganze Viertel könne abziehen, sie würde dadurch einen schönen Haufen Dreck los; dann habe man auch weniger Arbeit. Inzwischen aber blieben nur die schlechten Zahler, Dirnen, Frauen, wie Frau Gaudron, deren Wäsche keine Wäscherin in der Rue Neuve waschen wollte. Der Laden war nicht mehr zu halten, sie verlor ihre letzte Arbeiterin, Frau Putois, die sie wegschicken mußte; so blieb sie allein mit ihrem Lehrmädchen, der schielenden Augustine, die immer blöder wurde, je größer sie wurde; selbst die beiden hatten nicht immer genug Arbeit und saßen ganze Nachmittage untätig umher. Es war ein vollständiger Ruin. So wie nun die Faulheit und das Elend zunahmen, so wurde auch die Unsauberkeit immer größer. Dieser schöne blaue Laden, ehemals Gervaises Stolz, war nicht mehr wiederzuerkennen. Die Holzverkleidung und Schaufensterscheiben wurden nicht mehr geputzt, sie waren von unten bis oben mit Kot bespritzt von den vorüberfahrenden Wagen. Im Schaufenster hingen an den Messingdrähten drei graue Lumpen, die von Kunden zurückgeblieben waren, die im Spital gestorben sind. Noch erbärmlicher war es im Innern: die Feuchtigkeit der Wäsche, die unter der Decke trocknete, hatte die Tapeten gelöst, das schöne Muster à la Pompadour hing in Fetzen herab, die wie alte Spinnwebe dicht mit Staub befallen waren; der Bügelofen war zerbrochen und vom Schüreisen durchlöchert; man glaubte in einem Alteisenkrämerladen zu sein; der Arbeitstisch war abgenutzt, voller Kaffee- und Weinflecken und von Konfitüren ganz fettig und vergriffen von all den Gelagen, die fast immer am Montag stattfanden. Gervaise wurde es jetzt wohl darin, sie bemerkte es gar nicht mehr, daß der Laden immer schmutziger wurde, sie hatte das Bewußtsein dafür gänzlich verloren; sie gewöhnte sich ebenso an die zerrissenen Tapeten und schmutzigen Fenster, wie an das Tragen von aufgerissenen Unterröcken, ja, sie wusch sich auch die Ohren nicht mehr. Der Schmutz war jetzt für sie ein warmes Nest, in dem sie sich zusammenkauern konnte. Sie berauschte sich förmlich vor Wollust, die Dinge ihrem Verfall entgegengehen zu lassen und zu warten, bis der Staub alle Löcher verstopfte und sich wie eine graue Samtdecke über alles legte – in fauler Betäubung, das Haus immer schwerer auf sich lasten zu fühlen. Nur ihre Ruhe wollte sie haben, auf alles andere pfiff sie. Die immer höher wachsenden Schulden machten ihr keine Sorgen mehr. Sie verlor gänzlich ihre Rechtschaffenheit. Wenn man ihr in einem Geschäft den Kredit kündigte, so borgte sie anderwärts. Im ganzen Viertel hatte sie alle zehn Schritte Schulden. Allein wollte sie schon in der Rue de la Goutte d'Or nicht mehr vor der Kohlenhändlerin, beim Krämer und der Hökerin vorbeigehen; so machte sie, um in das Waschhaus zu gehen, Umwege von zehn Minuten durch die Rue des Poissonniers. Die Lieferanten behandelten sie auch wie eine Betrügerin. Eines Abends schlug der Mann Lärm, der die Möbel für Lantier gebracht hatte, er sagte ihr, er würde sich durch eine Tracht Prügel an ihr schadlos halten, wenn er sein Geld nicht bekäme; die ganze Nachbarschaft konnte das hören. Sie zitterte wohl nach solchen Szenen, schüttelte es aber dann wieder ab wie ein geschlagener Hund. War es vorüber, so schmeckte ihr das Essen hinterher nicht schlechter. Dieses unverschämte Pack, das ihr so über den Hals kam! Sie hatte nun einmal kein Geld, sie konnte keins machen! Und dann, bestehlen einen denn die Kaufleute nicht gerade genug? Sie konnten warten! Dann kauerte sie sich wieder in ihrem Loch zusammen und dachte nicht daran, was doch notwendig für den kommenden Tag geschehen müßte. Sie würde schon darüber springen, aber bis dahin solle man sie in Ruhe lassen. Mama Coupeau hatte sich wieder erholt. Das ganze Jahr hindurch stand das Geschäft auf der Kippe. Im Sommer ging es etwas besser; da kamen die Unterröcke und die Perkalkleider der Mädchen, die in den Ballsälen der äußern Boulevards tanzten. Es war eine langsame Auflösung, jede Woche mußte sie die Nase tiefer in den Schmutz stecken; einmal ging es besser, einmal schlechter, manchen Abend standen sie vor leerem Speiseschrank, dann aßen sie wieder soviel Kalbsbraten, daß sie hätten platzen mögen. Nur Mama Coupeau sah man noch auf der Straße, gewöhnlich trug sie Pakete unter ihrer Schürze und tat so, als ginge sie spazieren, aber nach dem Leihhause in der Rue Polonceau. Sie krümmte ihren Rücken und machte ein scheinheiliges Gesicht wie eine Muckerin, die zur Messe geht; sie machte diese Art Geldgeschäfte gern, das Verhandeln alter Kleider machte ihr Spaß. Sie war bei den Beamten dort schon bekannt, sie nannten sie nur noch die Vierfrancsmutter, weil sie immer vier Francs wollte, wenn man ihr für ihre Pakete drei bot, die nicht größer waren wie ein Pfund Butter. Gervaise hätte am liebsten das ganze Haus versetzt, sie hatte eine förmliche Leidenschaft für das Pfandhaus, ihren Kopf hätte sie sich scheren lassen, wenn man ihr etwas für ihr Haar gegeben hätte. Es war doch gar zu bequem, dorthin zu laufen und sich Geld zu holen. Die ganze Wirtschaft ging dahin, ihre Wäsche, Kleider, sogar die Möbel. Am Anfang bemühte sie sich noch, in guten Wochen etwas auszulösen, wenn sie es auch in der daraufkommenden wieder hintrug. Dann aber, als sie ihr Geschäft auch vernachlässigte, ließ sie die Sachen verfallen oder verkaufte die Pfandscheine. Eine einzige Sache ging ihr nahe, das war die Stutzuhr. Doch als ein Gerichtsdiener wegen eines Wechsels von zwanzig Francs Beschlag darauf legen wollte, entschloß sie sich auch dazu. Bis jetzt hatte sie geschworen, daß sie lieber vor Hunger sterben wollte, als ihre Uhr versetzen. Als Mama Coupeau sie in einer Kiste mit einem Deckel davontrug, sank sie mit nassen Augen auf einen Stuhl und ließ ihre Arme schlaff herunterhängen. Als aber Mama Coupeau mit fünfundzwanzig Francs zurückkam, trösteten sie diese fünf Francs Überschuß wieder; gleich mußte die alte Frau wieder gehen und für vier Sous einen Schluck holen, damit man diese fünf Francs festlich begießen konnte. Wenn sie gut Freund zusammen waren, tranken sie oft an einer Ecke des Arbeitstisches Schnaps; zur Hälfte Branntwein, zur andern Hälfte Johannisbeersaft. Mama Coupeau hatte eine Geschicklichkeit, in ihrer Schürzentasche ein volles Glas zu transportieren, ohne einen Tropfen zu vergießen. Die Nachbarn brauchten davon ja nichts zu wissen, nicht wahr? Aber in Wirklichkeit wußten es die Nachbarn nur zu gut. Die Hökerin, die Kaldaunenhändlerin und die Ladenburschen des Krämers sagten: »Seht doch, die Alte geht zur Tante!« oder: »Schaut, die Alte trägt ihr Tröstungswasser in der Tasche.« Und ganz natürlich brachte das die Leute noch mehr gegen Gervaise auf. Sie verjuxte alles, in kurzer Zeit mußte der Laden aufgefressen sein. Wahrhaftig, noch drei, vier Bissen und er war ratzekahl und blank. Coupeau allein gedieh in all diesem Verfall. Diesem verdammten Saufbold war so wohl wie einem Fisch im Wasser; Schnaps und Branntwein machten ihn fett. Dabei aß er viel und kümmerte sich den Teufel um diesen Hund, den Lorilleux, der immer sagte, daß der Suff den Menschen töte. Er antwortete, indem er sich auf den Bauch klopfte, dessen Haut durch das Fett so gespannt wie eine Trommel war. Er machte ihm ein ganzes Konzert vor, indem er durch Klopfen und Trommeln ein Musikstück aufführte, das vor der Budike eines Zahnausziehers viel Effekt gemacht haben würde. Aber Lorilleux ärgerte sich, denn er hatte keinen Bauch, er sagte, das wäre alles nur gelbes Fett und tauge gar nichts. Das alles machte ihm nichts, er soff weiter, weil ihm das so schmeckte. Seine Haare, schon ganz grau meliert, sprühten bei jedem Windhauch Funken. Sein Säufergesicht mit den Affenkiefern färbte sich und nahm die Farbe vom blauen Wein an. Er blieb immer ein Bruder Lustig und stieß seine Frau, wenn sie ihm von Verlegenheiten sprach. Sind denn die Männer dazu da, um sich mit so ärgerlichen Angelegenheiten abzugeben? Seinetwegen mag das Brot im Hause fehlen, ihm wäre das gleich. Er müßte morgens und abends sein Essen haben und wolle sich keine Sorge darüber machen, woher es käme. Hatte er wochenlang nichts gearbeitet, wurde er nur um so anspruchsvoller. Er klopfte Lantier noch immer freundschaftlich auf die Schulter. Er wußte sicher nichts von den Abwegen, die seine Frau ging, die Boches und Poissons schwuren, daß er nichts ahne und daß es ein großes Unglück geben würde, wenn er davon erführe. Doch seine Schwester, Frau Lerat, lächelte; sie kannte Ehemänner, denen so etwas gar nicht so unangenehm war. Einmal des Nachts, als Gervaise aus dem Zimmer des Hutmachers kam, blieb sie im Dunkel entsetzt stehen: sie glaubte eine Hand an ihrem Rücken herumtasten zu fühlen. Dann aber beruhigte sie sich, sie redete sich ein, gegen den Bettpfosten gestoßen zu sein. Wahrhaftig, die Situation war zu grauenerregend, ihr Mann konnte den Scherz mit ihr nicht so weit treiben, das war doch undenkbar. Auch Lantier kam nicht herunter; er pflegte sich sehr und maß jeden Tag mit dem Hosengurt seine Bauchweite; er fürchtete stets, daß er seine Schnalle ändern müsse; er fand sich so gerade richtig aussehend, er war so eitel, er wollte weder stärker noch magerer werden. Infolgedessen war er auch mit dem Essen sehr wählerisch; er sah jede Schüssel daraufhin an, ob der Inhalt nicht seine Figur verändern werde. Seitdem er die Wirtin mit dem Ehemann geteilt hatte, betrachtete er sich so, als gehöre ihm auch alles übrige rechtmäßig zu; er steckte fünf Francsstücke ein, die er herumliegen fand, mit Gervaise machte er was er wollte, zankte und schrie umher, als wäre er der Herr, nicht der Zinkarbeiter. Es war eine Wirtschaft, die zwei Herren hatte. Der Gelegenheitsmann, der schlauer war als der andere, zog die Decke nach seiner Seite hin; er nahm das Beste von der Frau, vom Tische und dem übrigen. Er preßte die Coupeaus aus, das war sichtbar, es genierte ihn auch gar nicht mehr, daß es andere sahen. Nana blieb sein Liebling, weil er hübsche kleine Mädchen gern hatte. Mit Etienne beschäftigte er sich immer weniger, denn er sagte, Jungens müssen sich selbst durchbeißen. Fragte jemand nach Coupeau, kam er stets aus dem rückwärtigen Zimmer hervor, in Hemdärmeln und Pantoffeln; er antwortete an Stelle Coupeaus und sagte zu den Leuten, daß es ganz dasselbe wäre. Gervaise war es nicht immer zum Lachen zwischen diesen beiden Männern. Ihre Gesundheit hatte nicht gelitten. Gott sei Dank! Auch sie wurde fett. Daß ihr aber stets zwei Männer auf dem Halse lagen, die sie befriedigen sollte, das ging manches Mal über ihre Kräfte. Du lieber Himmel! Ein Mann konnte einem schon genug zusetzen. Das Schlimme war, daß sie immer zusammenhielten; sie zankten sich niemals. Sie hänselten sich des Abends nach dem Essen, wenn sie mit aufgelegten Ellbogen am Tische saßen; tagsüber rieben sie sich aneinander wie ein paar Katzen, die nur ihrem Vergnügen nachgehen. An Tagen, an denen sie verärgert nach Hause kamen, fielen beide über sie her. Schlagt nur zu! Schlagt das Tier! es hat einen breiten Buckel; es erhöhte ihre Freundschaft, wenn sie so zusammen brüllen konnten; sie durfte dann auch keine Widerrede geben. Im Anfang, wenn einer schrie, bat sie den andern durch seitliche Blicke, ein freundschaftliches Wort einzulegen. Aber es gelang selten. Sie wurde jetzt ganz klein, duckte ihre runden Schultern, weil sie begriff, daß es ihnen Spaß machte, sie herumzustoßen, weil sie rund wie eine Kugel war. Coupeau mit seinem losen Mundwerk sagte ihr dann ganz abscheuliche Dinge. Lantier dagegen drückte sich sehr gewählt aus, er sagte Schimpfworte, die sonst niemand gebrauchte, und traf sie damit um so mehr. Aber man gewöhnt sich an alles; Schimpfworte und Ungerechtigkeiten glitten von ihr ab. Schließlich war ihr noch lieber, wenn sie böse waren; denn sobald sie liebenswürdig wurden, verließen sie sie nicht mehr und sie konnte keine Haube in Ruhe bügeln. Dann verlangten sie wieder kleine Gerichte, sie sollte sie salzen oder milder machen, ihnen immer nach dem Munde reden, sie pflegen, zu Bette legen und den einen nach dem andern einwickeln. Am Ende der Woche war sie so erschöpft, sie fühlte kaum ihre Glieder, und der Kopf war ihr wüst, sie wurde ganz stumpfsinnig und blickte irr. Ein solches Handwerk reibt eine Frau auf. Ja, Coupeau und Lantier rieben sie auf im wahren Sinne des Wortes. Der Zinkarbeiter hatte gar keine Bildung; der Hutmacher hatte aber zuviel, das heißt er hatte die Bildung schmutziger Leute, die nur ein reines Hemd anhaben. Eines Nachts träumte sie, sie stände am Rande eines Brunnenschachtes; Coupeau stieß sie mit der Faust, während Lantier sie kitzelte, damit sie schneller hineinstürze. So war ihr Leben! Sie war in einer guten Schule, so ist es auch nicht erstaunlich, wenn sie sich dabei verbrauchte. Die Leute im Viertel waren ungerecht gegen sie, ihr häßliches Betragen vorzuwerfen; sie war unschuldig an ihrem Unglück. Wenn sie manches Mal darüber nachdachte, überlief sie ein Schaudern. Dann dachte sie wieder, es hatte auch noch schlimmer kommen können. Es war besser, zwei Männer zu haben, als seine beiden Arme zu verlieren. Dann fand sie ihre Lage wieder natürlich; sie versuchte auch daraus etwas Glück für sich zu ziehen. Wie abgestumpft ihr Empfinden war, beweist, daß sie Coupeau nicht mehr verabscheute als Lantier. Im Theater de la Gaîté sah sie ein Stück, in dem eine Dirne, die ihren Mann haßte, diesen aus Liebe zu ihrem Geliebten vergiftete; dies machte sie böse, denn sie war solcher Empfindung nicht fähig. War es denn nicht besser, sie lebten alle drei in gutem Einvernehmen weiter? Nein, nicht solche Dummheiten machen, das verdirbt das Leben, das ohnehin nichts Luftiges sei. Trotz dem Elend und der Schulden würde sie sich noch ruhig und zufrieden erklärt haben, wenn der Zinkarbeiter und der Hutmacher sie weniger gehetzt und nicht so mit ihr herumgeschrien hätten. Unglücklicherweise ging die Wirtschaft um die Herbstzeit noch mehr zurück. Lantier behauptete, er werde mager, und machte ein langes Gesicht. Er murrte und nörgelte über das Essen; diese ewigen Kartoffelgerichte, auf diesen Schweinefraß bekäme er Kolik. Die kleinste Zänkerei artete jetzt in Schlägereien aus, man bewarf sich mit Haushaltungsgegenständen; es brauchte lange, bis man sich wieder ausgesöhnt hatte und jeder sein Bett aufsuchte. Wenn die Krippe leer ist, beißen sich die Pferde! Lantier merkte den Braten; er war außer sich, als er sah, daß die Wirtschaft aufgegessen und er eines Tages seinen Hut nehmen müsse, um sich ein anderes Nest zu suchen. Er hatte sich so gut eingewöhnt in sein Loch, hatte seine kleinen Gewohnheiten angenommen und war von jedermann verhätschelt worden; ein wahres Schlaraffenleben, wie er es nicht so leicht wiederfinden würde. Verflucht! man kann sich doch nicht bis zum Halse vollfressen und immer noch Stücke auf dem Teller haben. Er war auf seinen Bauch böse; aber auch auf die andern, die sich auch in zwei Jahren haben auffressen lassen. Nun, die Coupeaus waren doch unbegreiflich. Dann schrie er, daß Gervaise nicht zu wirtschaften verstände. Heiliges Donnerwetter! Gerade jetzt ließen einen die Freunde aufsitzen, da man im Begriff war, ein glänzendes Geschäft abzuschließen: sechstausend Francs Gehalt in einer Fabrik, genug, um die ganze kleine Familie in Wohlstand zu versetzen. Eines Abends im Dezember hatten sie nichts mehr zu essen. Lantier war sehr verstimmt und ging schon früh aus, trieb sich in den Straßen herum, dachte an eine Bude, wo der Küchengeruch die Gesichter fröhlich macht. Stundenlang war er am Bügelofen sitzen geblieben. Plötzlich zeigte er eine große Freundschaft für die Poissons. Er neckte den Sergeanten nicht mehr mit dem Namen Badinguet; er ging weiter, er sagte, der Kaiser wäre vielleicht ein ganz braver Kerl. Besonders achtungsvoll begegnete er Virginie und nannte sie eine gescheite Frau, die es verstehe, ihr Schiff zu steuern. Es war ersichtlich, daß er ihnen schöntat. Man hätte glauben können, daß er zu ihnen in Pension gehen möchte. Aber er hatte eine Falle mit doppeltem Boden, etwas komplizierter. Virginie hatte von dem Wunsche gesprochen, einen Laden irgendwo aufzumachen; er war entzückt und bestärkte sie in dieser Idee. Ja, sie war wie geschaffen für den Handel: groß, zuvorkommend, tätig. Sie würde viel Geld verdienen. Da das Geld, das sie von der Erbschaft einer Tante schon lange bereitliegen hatte, nur darauf wartete, verwendet zu werden, so könne sie das Kleidernähen ruhig im Stiche lassen und sich dem Geschäft widmen; er zählte an den Fingern ab, wer alles im Begriff war, ein Vermögen zu erwerben: die Hökerin an der Ecke, eine kleine Porzellanhändlerin am äußeren Boulevard; der Augenblick wäre günstig, mit jeder Ausschußware wäre jetzt ein Geschäft zu machen. Doch Virginie zögerte noch, sie wollte das Viertel nicht gern verlassen. Lantier sprach mit ihr in den Ecken oft viertelstundenlang. Er schien sie mit Gewalt von etwas überzeugen zu wollen, sie weigerte sich nicht, sondern es sah so aus, als ob sie ihm Vollmacht gäbe, zu handeln. Es war ein Geheimnis zwischen ihnen, sie schauten sich an, zwinkerten mit den Augen und wechselten rasche Worte; ihr gemeinsamer Plan verriet sich auch im Händedruck. Von nun ab belauerte Lantier die Coupeaus mit heimlichen Seitenblicken, indem er trockenes Brot hinunterwürgte; er wurde wieder gesprächig und betäubte sie mit seinem Jammern. Den ganzen Tag lang mußte Gervaise davon umgeben werden, er breitete es vor ihr immer wieder aus. Nicht seinetwegen, mein Gott! Er würde mit den Freunden vor Hunger sterben. Aber doch erfordere es die Klugheit, daß man sich über die Lage im klaren wäre. Man schuldete wenigstens fünfhundert Francs im Viertel; dem Bäcker, dem Kohlenhändler, dem Krämer und den andern. Außerdem war man mit der Miete um zwei Quartale zurück; das waren wieder zweihundertundfünfzig Francs; Herr Marescot, der Wirt, sprach davon, sie aus dem Hause zu jagen, wenn sie nicht vor dem ersten Januar bezahlten. Dann hatte man schon alles auf das Leihhaus getragen, so daß man nicht für drei Francs mehr zu versetzen hatte, so gründlich war gesäubert; nur noch die Nägel blieben in den Wänden, mehr nicht, und davon bekäme man für drei Sous zwei Pfund. Gervaise war von dieser Abrechnung so verdutzt, daß ihr die Arme schlaff herunterfielen; sie wurde böse, schlug mit der Faust auf den Tisch oder heulte hinaus. Eines Abends schrie sie: »Morgen geh ich fort! ... Ich will lieber den Schlüssel auf die Schwelle legen und auf dem Pflaster schlafen, als hier noch so weiterleben.« »Es wäre viel klüger,« sagte Lantier heimtückisch, »den Mietvertrag abzutreten, wenn man nur jemand finden würde ... Wenn ihr entschlossen wäret, den Laden aufzugeben ...« Sie unterbrach ihn: »Aber gewiß, sofort ... Das wäre ja eine wahre Erlösung!« Nun zeigte sich der Hutmacher als praktischer Mann. Wenn man den Mietkontrakt abtreten würde, bekäme man vom neuen Mieter die beiden rückständigen Quartalsraten. Da erinnerte er sich plötzlich, daß ja Virginie einen Laden suche, vielleicht würde sie diesen nehmen. Er sagte, sie hätte sich immer einen solchen gewünscht. Als aber Gervaise den Namen Virginie hörte, wurde sie ganz still. Man würde sehen; es spräche sich leicht davon, sein Heim aufzugeben, aber man müsse die Sache doch auch reiflich überlegen. Vergeblich versuchte Lantier in den kommenden Tagen darauf zurückzukommen. Gervaise antwortete, sie wäre schon tiefer unten gewesen und hätte sich wieder heraufgearbeitet. Was würde sie gewinnen, wenn sie den Laden aufgäbe. Davon bekäme sie kein Brot. Im Gegenteil, sie werde ihre Arbeiterinnen wieder aufnehmen und neue Kundschaft schaffen. Sie sagte das, um den Hutmacher abzuwehren, der ihr immer wieder alles vorhielt und ihr keine Hoffnung gab. Aber ungeschickterweise brachte er immer wieder Virginies Namen vor, so daß sie ganz wütend wurde. Nein, niemals! Virginie wolle den Laden haben, damit sie sie demütigen könnte, sie habe immer an ihrem guten Herzen gezweifelt. Der ersten besten auf der Straße hätte sie den Laden abgetreten, aber nicht dieser scheinheiligen Person, die schon zwei Jahre darauf wartete, sie zugrunde zu richten. Nun war ihr manches klar. Sie begriff jetzt, warum diese gelben Funken aus den Augen dieser Katze sprühten. Ja, Virginie hatte die Tracht Prügel aus der Waschanstalt doch nicht vergessen, sie hatte nur ihre Rache aufgespart. Sie würde aber klug daran tun, sie das nicht merken zu lassen, sonst würde sie ihr das Fell nochmals versohlen. Das würde nicht lange dauern, sie solle sich nur darauf gefaßt machen. Nach solchen Redensarten nannte sie Lantier einen Trotzkopf, ein tolles Weib, das den Teufel im Leibe habe, er beschuldigte Coupeau, ein Pantoffelheld zu sein, der nicht soviel Gewalt über seine Frau hätte, daß sie einen Freund respektiere. Er begriff, daß der Zorn alles verderben würde, er schwur, er würde sich nie mehr in Angelegenheiten anderer mischen, weil man nur Undank davon habe. Und es schien auch, als würde er nie mehr davon sprechen; er wartete nun auf eine Gelegenheit, bei der er die Büglerin bestimmen würde. Im Januar war das Wetter naß und kalt. Mama Coupeau hatte schon während des Monats Dezember immerfort gehustet und mußte sich nun am Dreikönigstag zu Bett legen. Das war ihre Rente; jeden Winter wartete sie darauf; doch dieses Mal, sagten alle, würde sie nicht mehr anders als mit den Füßen voran herauskommen. Sie hatte aber auch einen heftigen Husten, der hohl und verdächtig klang; dabei war sie dick und fett, ihre Augen halb erloschen und das Gesicht schiefgezogen. Ihre Kinder wünschten ihr nicht gerade den Tod, doch sie machte schon große Ungelegenheiten, so daß alle ihren Tod für eine Befreiung ansehen würden. Für sie selbst war es wohl das beste, denn ihre Zeit war doch vorüber. Wenn man seine Zeit gelebt hat, hat man auch nichts zu bereuen. Man gab ihr immer noch ihren Tee, um sie nicht ganz verlassen liegen zulassen. Alle Stunden ging jemand zu ihr hinein, um nachzusehen, ob sie noch lebe. Sie sprach fast gar nichts mehr, weil sie keine Lust dazu hatte; doch schaute sie mit dem einen klargebliebenen Auge jeden scharf an, der zu ihr hereinkam. Und es lag vieles im Blick dieses einen Auges: die Trauer über ihre Jugend oder über die Kränkung, wenn sie sah, daß die Ihrigen es nicht erwarten konnten, sie endlich loszuwerden, oder der Zorn gegen diese kleine lasterhafte Nana, die sich nun nicht mehr genierte und des Nachts offen an der Glastüre horchte. An einem Montagabend kam Coupeau stark betrunken nach Hause. Seitdem seine Mutter in Gefahr war, lebte er in wehmütiger Stimmung. Als er fest eingeschlafen war und laut schnarchte, stand Gervaise auf und wachte einen Teil der Nacht bei Mama Coupeau. Nana zeigte sich sehr artig, sie legte sich nahe zu der Alten hin und sagte, daß sie alle herbeirufen würde, falls sie sterben sollte. In dieser Nacht, als die Kleine fest schlief und auch die Kranke zu schlummern schien, ließ sich die Büglerin von Lantier, der sie mit leiser Stimme rief, überreden, bei ihm auszuruhen. Sie stellten nur eine angezündete Kerze auf den Boden hinter dem Schrank. Gegen drei Uhr peinigte Gervaise eine unbestimmte Angst, die sie zwang aufzustehen. Ein Schauer war ihr über den Körper gegangen. Das Licht war heruntergebrannt, im Finstern suchte sie ihre Röcke zusammen; sie war ganz betäubt und in fieberhafter Hast. Nachdem sie sich an den verschiedenen Möbeln gestoßen hatte, gelang es ihr, eine kleine Lampe anzustecken. In dem erdrückenden Schweigen hörte man nur Coupeaus Schnarchen. Nana lag auf dem Rücken ausgestreckt und atmete leise zwischen ihren leicht geschwellten Lippen. Gervaise beleuchtete nun mit der etwas herabgeschraubten Lampe das Gesicht Mama Coupeaus, das ganz weiß war und mit weit geöffneten Augen und zur Seite gefallenem Kopfe dalag. Mama war tot. Ohne Schrei, leise und vorsichtig kam Gervaise wieder in das Zimmer Lantiers zurück. Er war wieder eingeschlafen. Sie beugte sich über ihn und sagte leise: »Höre; es ist aus, sie ist tot!« Voller Schlaf, kaum erwacht, brummte er: »Laß mich doch in Ruh! Leg dich wieder nieder, wir können ja doch nichts dagegen tun, wenn sie tot ist!« Dann, auf den Ellbogen gestützt, fragte er: »Wie spät ist es denn?« »Drei Uhr!« »Erst drei Uhr? Leg dich doch wieder nieder ... Du wirst dich erkälten ... Wenn es Tag ist, werden wir ja sehen.« Aber sie hörte nicht auf ihn, sondern zog sich vollständig an. Er aber machte es sich wieder bequem, schlug die Decke um seine Schulter, drehte sich zur Wand hin und brummte etwas, wie: verdammte Frauenzimmer. Warum denn diese Eile, den Leuten mitzuteilen, daß eine Tote im Hause ist! Mitten in der Nacht war so etwas gar nicht lustig, er war außer sich darüber, seine Nachtruhe so gestört zu sehen durch so düstere Dinge. Sie hatte nun alle ihre Sachen zurückgetragen, schluchzte und war froh, daß man sie nicht im Zimmer des Hutmachers überraschen konnte. Sie hatte Mama Coupeau eigentlich ganz lieb gehabt und empfand jetzt einen wahren Schmerz, denn im ersten Augenblick war sie ärgerlich gewesen, daß Mama Coupeau ihre Sterbestunde so schlecht gewählt hatte. Nun weinte sie laut und heftig in die Nacht hinein, doch der Zinkarbeiter hörte nichts und schnarchte ruhig weiter. Er hörte auch nicht auf ihr Rufen; sie schüttelte ihn, doch dann entschied sie, ihn lieber schlafen zu lassen, weil sie durch sein Erwachen noch mehr Unannehmlichkeiten haben würde. Als sie zu der Leiche zurückkehrte, saß Nana aufrecht im Bett und rieb sich den Schlaf aus den Augen. Sie begriff sofort, was vorgegangen war, streckte ihr Kinn vor, um ihre Großmutter besser sehen zu können. Sie sagte nichts; doch zitterte sie ein wenig; sie war doch diesem Tode gegenüber erstaunt, obschon sie seit Tagen diese häßliche, für Kinder verbotene Sache herannahen sah; vor diesem weißen Totenantlitz, auf welchem die Leidenschaften tiefe Furchen gezogen hatten, erweiterten sich ihre jungen Katzenaugen und dieselbe Erschlaffung ergriff sie, die sie hinter der Glastüre festhielt, wenn sie dort Dinge erlauschte, die solche Rotznasen nichts angingen. »Mach, steh auf!« sagte ihre Mutter leise. »Ich will nicht, daß du hier bleibst.« Widerwillig ließ sie sich aus dem Bett ziehen und ließ die Tote nicht aus den Augen. Gervaise war in Verlegenheit, wohin mit ihr, bis der Tag anbrach. Da kam auch schon Lantier, angezogen und in Pantoffeln; er schämte sich ein wenig wegen seines Benehmens vorhin. Nun konnte man es ja einrichten. »Laß sie in meinem Bett liegen, da hat sie Platz genug.« Nana richtete auf ihre Mutter und Lantier große klare Augen, die sie so dumm machte wie am Neujahrstag, wenn man ihr Schokoladeplätzchen schenkte. Man brauchte ihr nicht zureden, sie lief im Hemd, mit den nackten Füßen kaum die Erde berührend; wie eine Eidechse glitt sie in das Bett, das noch ganz warm war, verkroch sich darin, so daß man ihren leichten Körper kaum sah unter der Decke. Sooft ihre Mutter in das Zimmer kam, sah sie sie mit leuchtenden Augen liegen; sie lag still, schlief nicht, war rot im Gesicht und schien über etwas nachzudenken. Inzwischen hatte Lantier Gervaise geholfen, Mama Coupeau anzukleiden; das war keine leichte Arbeit, denn die Tote war sehr schwer; niemand ahnte, daß die alte Frau so weiß und fett war. Sie hatten ihr Strümpfe, einen weißen Unterrock und eine weiße Nachtjacke angezogen und eine Haube aufgesetzt, das Beste, was sie hatte. Coupeau schnarchte noch immer in zwei Tönen, einem tiefern und einem höhern; es klang wie Kirchenmusik am heiligen Karfreitag. Als nun die Tote angezogen und sauber auf dem Bett aufgebahrt war, goß sich Lantier ein Glas Wein ein, um wieder hochzukommen, ihm war ganz schlecht geworden. Gervaise suchte in einer Kommode nach einem kleinen kupfernen Kruzifix, das sie aus Plassans mitgebracht hatte; aber dann erinnerte sie sich, daß Mama Coupeau es schon verkauft hatte. Sie zündeten den Ofen an und verbrachten den Rest der Nacht im Halbschlaf auf Stühlen, den angebrochenen Liter Wein austrinkend. Obwohl müde und abgestumpft, grollten sie doch einander, als ob es ihre Schuld gewesen wäre, daß die Alte gerade jetzt gestorben sei. Erst gegen sieben Uhr, es war noch nicht ganz Tag geworden, wachte Coupeau auf. Als er das Unglück vernahm, glaubte er, daß sie einen Scherz mit ihm machten. Dann aber warf er sich auf den Boden vor der Toten; er weinte wie ein Kalb, und seine Tränen flössen so reichlich, daß das Bettlaken naß wurde, als er sich die Backen daran abtrocknete. Auch Gervaise hatte wieder zu schluchzen angefangen, weil sie über den Schmerz ihres Mannes so gerührt war; er war im Grunde seines Herzens doch besser als sie geglaubt hätte. Coupeaus Verzweiflung mischte sich zu seinem starken Kater. Er fuhr sich mit den Händen durch die Haare, der Mund war geschwollen wie stets an den Tagen nach solchen Saufgelagen; sein Rausch dauerte immer noch etwas nach, trotzdem er sechs Stunden lang geschlafen hatte. Er jammerte mit geballten Fäusten. Heiliger Gott! Nun war sie fort, seine arme Mutter, die er doch so geliebt hatte! Oh, wie ihn doch sein Kopf schmerzte, das würde auch sein Ende sein! Wie Feuer brannte es ihm im Kopf und im Heizen, als ob man ihm alles herausgerissen hätte. Nein, das Schicksal war ungerecht, einen armen Mann so zu verfolgen! »So fasse doch Mut, alter Junge!« sagte Lantier und half ihm aufstehen. »Man muß sich doch ein wenig zusammennehmen!« Er goß ihm ein Glas Wein ein, Coupeau wollte jedoch nicht trinken. »Wie ist mir denn? Habe ich denn Kupfer im Schädel? ... Das ist meine Mutter? Wenn ich sie sah, war mir immer, als ob ich Kupfer schmeckte ... Mutter, mein Gott! Mutter!« Und aufs neue weinte er wie ein Kind. Dann trank er doch das Glas Wein, um den Brand zu stillen, der in seiner Brust tobte. Jetzt ging Lantier fort, sagte, er wolle die Familie benachrichtigen und die Anzeige auf dem Bürgermeisteramt machen. Er mußte etwas frische Luft schöpfen. Er beeilte sich gar nicht und genoß die Morgenluft beim Rauch einiger Zigaretten. Als er von Frau Lerat fortging, trat er in eine Cremerie in Batignolles, um dort einen heißen Kaffee zu trinken. Da blieb er eine Stunde lang in Gedanken versunken. Gegen neun Uhr war die ganze Familie im Laden versammelt; die Türe ließ man geschlossen. Lorilleux weinte nicht; er gab vor, eilige Arbeit zu haben, und eilte die Treppen wieder hinauf, nachdem er sich mit einem für diese Gelegenheit passenden Gesicht einige Zeit aufgehalten hatte. Frau Lorilleux und Frau Lerat hatten die Coupeaus umarmt und geküßt; sie trockneten ihre Augen, aus denen kleine Tränen rannen. Als die Lorilleux einen raschen Blick auf die Umgebung des Totenbettes geworfen hatte, sagte sie plötzlich, daß eine in der Nahe eines Toten angezündete Lampe gegen jeden Anstand wäre, es müßten Kerzen gebrannt werden. Nana wurde dann nach einem Paket Kerzen geschickt; aber es sollten große sein. Natürlich, wenn man bei dem Hinkebein stirbt, war das eine kuriose Art, wie sie sich dabei anstellte. Solch ein Geschöpf wußte sich nicht einmal einem Toten gegenüber zu benehmen. Hatte sie denn noch nie jemand im Leben begraben? Frau Lerat mußte zu den Nachbarn gehen, um dort ein Kreuz zu borgen; schließlich brachte sie eins, aber es war zu groß, ein Kreuz von schwarzem Holz, auf welches ein Christus aus Pappe genagelt war, der fast die ganze Brust der Frau verdeckte und sie mit ihrem Gesicht zu erdrücken schien. Dann wollte man noch Weihwasser holen, aber niemand hatte welches; so mußte Nana wiederum gehen. Sie lief mit einer Flasche bis zur Kirche und füllte sie dort. Im Handumdrehen war der Raum verändert; auf einem kleinen Tisch brannte eine Kerze, an deren Seite ein mit Weihwasser gefülltes Glas stand, in welches man einen Zweig vom Buchsbaum gesteckt hatte. Wenn jetzt Leute kamen, war es wenigstens sauber. Im Laden wurden die Stühle rund herum gestellt, um Besuche empfangen zu können. Lantier kam erst um elf Uhr zurück. Er hatte beim Beerdigungsbureau Erkundigungen eingezogen. »Der Sarg kostet zwölf Francs!« sagte er. »Wenn ihr eine Messe haben wollt, sind es zehn Francs mehr. Dann ist noch der Leichenwagen, der je nach Ausschmückung bezahlt wird ...« »Oh! das wird uns alles nichts nutzen!« sagte Frau Lorilleur leise, deren Kopf überrascht hin und her ging. »Davon wird Mutter auch nicht wieder aufstehen, nicht wahr? Man muß sich nach der Decke strecken!« »Gewiß! so dachte ich auch,« meinte der Hutmacher. »Ich habe die Zahlen nur aufgeschrieben, damit ihr wählen könnt. Sagt was ihr wünscht, ich gehe dann nach dem Frühstück hin und bestelle.« Nun sprachen sie untereinander bei dem schwachen Licht, das durch die Ritzen der geschlossenen Fensterladen in den Raum fiel. Die Türe zum Kabinett blieb weit offen stehen, und von da legte sich die Stille des Todes über alles. Auf dem Hofe lachten die Kinder, die kleinen Mädchen tanzten »Ringel, Ringel, Rosenkranz« in der bleichen Wintersonne. Plötzlich hörte man Nanas Stimme, die von den Boches weggelaufen war, zu denen man sie geschickt hatte. Sie kommandierte mit hellen Tönen und die Hacken schlugen den Takt auf dem Pflaster, während der Gesang wie der Lärm schreiender Vögel klang: Unser Esel, Unser Esel, Der hat Weh am Fuß. Mutter läßt ihm Grütze machen Und auch lila Schuh'! Lila, lila, lila, la Und auch lila Schuh'! Gervaise wartete, bis die Reihe zu sprechen an ihr war, dann sagte sie: »Wir sind allerdings nicht reich, aber wir wollen uns mit Anstand benehmen ... Wenn Mama Coupeau uns auch nichts hinterlassen hat, so ist das doch kein Grunds sie wie einen Hund unter die Erde zu bringen. Nein, es soll eine Messe sein und ein hübscher Leichenwagen.« »Und wer wird das bezahlen?« fragte heftig Frau Lorilleux? »Wir gewiß nicht, die wir erst vorige Woche wieder Geld verloren haben; und ihr doch auch nicht, denn ihr seid ratzekahl ... Ihr solltet nun doch schon endlich wissen, wohin das führt, wenn man die Leute verblüffen will!« Als man Coupeau fragte, stotterte er etwas ganz Unverständliches. Er machte eine Bewegung, die ungefähr sagte, daß ihm alles ganz egal wäre; dann schlief er auf einem Stuhle sitzend wieder ein. Frau Lerat erklärte, daß sie ihren Anteil bezahlen würde. Sie war ganz der Ansicht Gervaises, man mußte das anständig zu Ende führen. Sie rechneten dann beide auf einem Stückchen Papier; das Ganze würde sich auf ungefähr neunzig Francs belaufen, nachdem sie nach langen Auseinandersetzungen dahin übereingekommen waren, einen Leichenwagen zu nehmen, der mit einem bordengeschmückten Tuch behangen wäre. »Wir sind unser drei,« schloß die Büglerin die Besprechung. »Jeder gibt dreißig Francs, das wird uns nicht umbringen.« Nun brach aber Frau Lorilleur wütend los. »Nun, ich mache nicht mit, ich weigere mich. Nicht etwa wegen der dreißig Francs. Ich möchte gern hunderttausend geben, wenn ich sie hätte, um Mama wieder ins Leben zurückzurufen ... Aber ich kann die Hochmütigen nicht leiden. Ihr habt einen Laden, ihr glaubt, ihr müßt dem ganzen Viertel imponieren. Dazu wollen wir andern nichts beitragen. Wir wollen nicht für etwas gelten, was wir nicht sind ... Oh! Ihr werdet das schon einrichten. Von mir aus könnt ihr die Pferde Federbüsche tragen lassen, wenn euch das Spaß macht.« Schließlich sagte Gervaise: »Wir wollen ja nichts von euch haben. Und wenn ich mich verkaufen sollte, ich will mir keinen Vorwurf machen. Ich habe Mama Coupeau ohne euch ernährt, ich werde sie auch ohne euch begraben ... Es ist nicht das erstemal, daß ich sie euch nicht überlassen habe: ich nehme verlaufene Katzen auf, da werde ich auch eure Mutter nicht verkommen lassen.« Nun weinte Frau Lorilleux und Lantier mußte sie halten, denn sie wollte fortgehen. Der Streit drohte lärmend zu werden, so daß Frau Lernt mehrere Male energisch Pst! Pst! machte, indem sie nach dem Kabinett ging und auf die Tote einen betrübten und unruhigen Blick warf, als ob sie gefürchtet hätte, sie wäre erwacht und habe gehört, warum man gestritten hatte. In diesem Augenblicke hörte man wieder den Gesang der Kinder auf dem Hofe; die fadendünne schrille Stimme Nanas übertönte alle andern: Unser Esel, Unser Esel, Der hat so weh im Bauch, Mutter läßt ihm Suppe machen Und auch lila Schuh'! Lila, lila, lila, la. Und auch lila Schuh'! »Mein Gott! sind die Kinder gräßlich mit ihrer Singerei!« sagte Gervaise zu Lantier; sie war so erschüttert, nahe daran, vor Ungeduld und Traurigkeit loszuheulen. »Mach doch, daß sie still sind und bringe Nana zu den Portiersleuten zurück, und wenn du ihr einen Fußtritt geben mußt.« Frau Lerat und Frau Lorilleux gingen frühstücken und versprachen wiederzukommen. Die Coupeaus setzten sich zu Tisch und aßen kalten Aufschnitt, aber ohne viel Appetit; sie wagten auch nicht mit Messer und Gabel Geräusch zu machen. Sie waren alle abgespannt und stumpf, die arme Mama Coupeau schien förmlich alle Räume zu füllen und auf ihnen zu lasten. Ihr Leben war wie aus den Angeln gehoben. Zuerst gingen alle herum, als suchten sie etwas; sie waren mürrisch und fühlten sich wie nach einer durchschwärmten Nacht. Lantier ging gleich wieder fort, um zur Beerdigungsgesellschaft zu gehen, wohin er die dreißig Francs von Frau Lernt und sechzig Francs von Gervaise brachte, die sie sich in aller Eile und mit aufgelöstem Haar von Goujet geliehen hatte. Am Nachmittag kamen die Nachbarn zu Besuch, die vor Neugierde gequält waren, seufzend und weinend; sie traten in das Kabinett zu der Toten, bekreuzigten sich und besprengten sie mit Weihwasser; dann setzten sie sich in den Laden, wo sie ununterbrochen von der lieben alten Frau sprachen, ohne Aufhören stundenlang dieselben Sätze dahersagend. Fräulein Remanjou hatte bemerkt, daß ihr rechtes Auge ein wenig offen stand; Frau Gaudron fand, daß sie für ihr Alter noch einen wundervollen Teint hatte, und Frau Fauconnier konnte sich nicht darüber beruhigen, daß sie sie noch vor drei Tagen gesehen habe Kaffee trinken. Ja, wahrlich, im Umsehen war man weg, da konnte sich jeder die Stiefel selbst schmieren. Gegen Abend konnten es die Coupeaus kaum mehr ertragen. Es war zu traurig, so einen Leichnam so lange im Hause zu haben. Da hatte doch die Regierung ein anderes Gesetz darüber machen sollen. Noch einen ganzen Abend, eine ganze Nacht und einen Vormittag, nein! Das nimmt ja gar kein Ende. Wenn man nicht mehr weint, verwandelt sich der ganze Schmerz in Ärger und dann kommt man dazu, sich unpassend zu benehmen. Mama Coupeau, die doch so stumm und ruhig in ihrem Kammerchen lag, verbreitete sich mehr und mehr über die ganze Wohnung; sie legte sich bleischwer über alles, so daß jeder zu ersticken meinte. So nahm die Familie unwillkürlich ihre gewöhnlichen Geschäfte wieder auf und verlor die Achtung vor dem unheimlichen Gast. »Du wirst doch ein wenig mitessen,« sagte Gervaise zu Frau Lerat und Frau Lorilleux, als sie wiederkamen. »Wir sind zu traurig, um allein sein zu können.« Auf dem Arbeitstisch wurde aufgedeckt. Beim Anblick der Teller dachte jeder an die festlichen Mahlzeiten, die man da schon mitgemacht hatte. Lantier kam zurück. Auch Lorilleux war da. Ein Pastetenbäcker brachte eine Speise, denn Gervaise hatte keinen Kopf für Küchenbeschäftigung. Als man sich gerade niedersetzen wollte, kam Boche und meldete, daß Herr Marescot seine Aufwartung machen möchte. Der Hausherr trat ein, sah ernst und würdig aus und hatte seine Dekorationen auf den Paletot geknöpft. Er grüßte schweigend, ging auf das Kabinett zu, wo er niederkniete. Er war sehr fromm und betete mit der ruhigen Andacht eines Pfarrers, machte das Kreuz und besprengte sie mit Weihwasser. Die ganze Familie hatte den Tisch verlassen und stand bewegt an der Türe des Kabinetts. Als Herr Marescot seine Andacht beendet hatte, trat er in den Laden und sagte zu Coupeau: »Ich bin wegen der beiden rückständigen Mieten gekommen; seid ihr zu zahlen bereit?« »Nein, mein Herr, nicht so ganz,« stotterte Gervaise, die sich ärgerte, daß das vor den Lorilleux' verhandelt wurde. »Sie begreifen wohl, bei dem Unglück, das uns betroffen hat ...« »Gewiß, gewiß, aber jeder hat seine Sorgen,« erwiderte der Hausherr, wobei er seine riesenhaften Hände, die den früheren Arbeiter verrieten, ausstreckte. »Es tut mir sehr leid, aber ich kann nicht länger warten ... Wenn ich bis übermorgen früh das Geld nicht habe, muß ich zur Exmission schreiten.« Gervaise schlug die Hände zusammen und blickte ihn tränenvoll an. Doch er bedeutete ihr durch energisches Abwinken mit seinem großen knochigen Kopf, daß ihr Bitten umsonst sei. Übrigens schnitt die Scheu vor der Toten jetzt jede Unterhandlung ab. Herr Marescot zog sich höflich und leise zurück. »Bitte tausendmal um Entschuldigung, wenn ich gestört habe. Also übermorgen, vergessen Sie's nicht.« Als er beim Fortgehen am Kabinett vorbeikam, grüßte er noch einmal die Leiche mit einer Kniebeugung durch die offene Tür. Nun aßen sie alle sehr rasch, damit es nicht so aussehe, als ob sie daran Vergnügen hätten; als sie aber beim Nachtisch waren, nahmen sie sich mehr Zeit, weil ein Bedürfnis nach Behaglichkeit sich bei ihnen einstellte. Gervaise oder eine der beiden Schwestern stand hin und wieder auf, um einen Blick in das Kabinett zu werfen, ohne deshalb die Servietten aus der Hand zu legen; kamen sie zurück, sahen die andern sie an, um sich zu überzeugen, daß alles noch in Ordnung sei. Dann kauten sie ruhig weiter. Nach und nach machten sie sich keine Unbequemlichkeit mehr, Mama Coupeau schien vergessen. Es wurde sehr viel starker Kaffee gekocht, um einander die Nacht hindurch munterzuerhalten. Gegen acht Uhr kamen die Poissons. Man lud auch sie zu einem Glas Kaffee ein. Lantier beobachtete heimlich Gervaises Gesicht, er glaubte, jetzt wäre die Gelegenheit gekommen, auf die er schon seit dem Vormittag gewartet hatte. Die Unterhaltung wurde auf die Schändlichkeit der Hausherren gebracht, die trotz einer Leiche im Hause herkämen, um Geld zu fordern. Plötzlich sagte er: »Das ist ein Jesuit, dieser Schuft mit seinem scheinheiligen Gesicht... An eurer Stelle würde ich ihn mit seinem Laden aufsitzen lassen.« Gervaise, die abgespannt und müde war, vergaß sich und sagte: »Ja, gewiß, ich werde die Gerichtsdiener nicht erst abwarten ... Ich habe diese Geschichte nun satt.« Die Lorilleux' freuten sich schon darauf, daß das Hinkebein nun keinen Laden mehr haben würde. Es war ja nicht zu sagen, was so ein Laden kostete. Wenn sie bei andern auch nur drei Francs verdiente, so hatte sie doch nicht die Unkosten, und es war auch keine Gefahr dabei, große Summen zu verlieren. Sie wiederholten das des öftern zu Coupeau hin, der sehr viel trank und still über seinen Teller gebeugt weinte. Als die Büglerin nachzugeben schien, winkte Lantier den Poissons heimlich zu, worauf die große Virginie die Unterhaltung aufnahm und sich dabei sehr liebenswürdig zeigte. »Wißt! man könnte sich doch verständigen. Ich könnte in euern Kontrakt eintreten und mich mit dem Wirt einigen ... So daß das euch wenigstens keine Sorgen mehr machen würde.« »Nein, ich danke,« sagte Gervaise, der plötzlich ein Schauer über den Körper lief. »Ich weiß schon, wo ich die Miete herbekomme, wenn ich will. Ich werde arbeiten, ich habe Gott sei Dank noch meine zwei Arme, um mich aus all dieser Verlegenheit zu ziehen.« »Man kann ja später darüber sprechen,« beeilte sich der Hutmacher hinzuzufügen. »Heute schickt sich so etwas überhaupt nicht ... Später, vielleicht morgen.« In diesem Augenblick stieß Frau Lerat, die gerade in das Kabinett gegangen war, einen leichten Schrei aus. Sie hatte sich aber nur gefürchtet, weil das Licht, das ganz heruntergebrannt war, ausgegangen war. Alle wurden nun sehr geschäftig, ein neues anzuzünden; sie schüttelten die Köpfe und sagten, daß das keine gute Vorbedeutung hätte, wenn das Licht bei einer Leiche ausgehe. Die Wache begann. Coupeau streckte sich aufs Bett, nicht um zu schlafen, wie er sagte, sondern um nachzudenken; aber nach fünf Minuten schnarchte er. Als man Nana zu den Boches schlafen schickte, weinte sie, sie habe sich schon den ganzen Tag darauf gefreut, wie warm sie im großen Bett ihres Freundes Lantier liegen würde. Die Poissons blieben bis Mitternacht. Man hatte noch in einer großen Salatschüssel einen Punsch gemacht, weil der Kaffee den Damen auf die Nerven ging. Die Unterhaltung wurde jetzt sentimental. Virginie sprach vom Landaufenthalt; sie möchte gern in einem Wäldchen beerdigt sein und man solle ihr Feldblumen auf das Grab pflanzen. Frau Lerat hob schon jetzt ihr Totenhemd im Schranke auf und parfümierte es mit Lavendel; sie wolle einen guten Geruch vor der Nase haben, wenn sie einmal ins Gras beißen müsse. Ohne Übergang erzählte Poisson, daß er heute ein schönes großes Mädchen verhaftet habe, das bei dem Wursthändler gestohlen hat; als man sie auskleidete, fand man sechs Würste, die sie sich um den Körper herum aufgehängt hatte. Frau Lerat erklärte mit Abscheu, daß sie davon nicht essen könnte; nun mußten alle lachen, und so wurden sie etwas lustiger, ohne jedoch den Anstand zu verletzen. Als der Punsch ausgetrunken war, hörte man plötzlich ein sonderbares Geräusch, ein dumpfes Gurgeln, das aus dem Kabinette kam. Alle erhoben die Köpfe. »Es ist nichts,« sagte Lantier ruhig. »Sie leert sich aus.« Diese Erklärung wurde bestätigend angenommen und alle setzten die Gläser beruhigt auf den Tisch. Nun endlich gingen die Poissons. Lantier begleitete sie. Er sagte, er ginge zu einem Freund, um sein Bett den Damen zu überlassen, damit sich jede eine Stunde niederlegen könne. Lorilleux ging nach seiner Wohnung, um allein zu schlafen, und machte die Bemerkung, daß ihm das seit seiner Hochzeit noch nie passiert sei. So blieben Gervaise und die beiden Schwestern mit dem schlafenden Coupeau allein zurück; sie machten es sich um den Ofen herum bequem, auf dem sie sich Kaffee heißstellten. So saßen sie, eingehüllt, die Hände unter den Schürzen, die Nasen zum Feuer gerichtet. Frau Lorilleux jammerte, sie habe kein schwarzes Kleid und möchte sich doch nicht gern eines kaufen; denn sie wären sehr knapp; sie fragte Gervaise, ob nicht der schwarze Unterrock noch da wäre, den Mama Coupeau zum Namenstag geschenkt bekommen hätte. Gervaise mußte ihn holen. Wenn man in der Taille eine Falte nähen würde, ginge er ganz gut. Aber Frau Lorilleux wollte auch die Wäsche, sprach vom Bett, vom Schrank und den beiden Stühlen; überall suchte sie mit den Augen herum, ob nicht noch andere Sachen zum Verteilen da wären. Fast wäre Streit ausgebrochen. Aber Frau Lerat hielt den Frieden aufrecht; sie war nicht so ungerecht: die Coupeaus hatten die Last mit der Mutter gehabt, deshalb haben sie auch die paar Lumpen, die da waren, ehrlich verdient. So kauerten wieder alle drei um den Ofen herum, indem sie leise sprachen. Die Nacht war sehr lang. Von Zeit zu Zeit schenkten sie sich Kaffee ein oder die eine oder die andere streckte den Kopf zur Türe des Kabinetts hinein, wo das Licht, das nicht geputzt werden durfte, mit roter trauriger Flamme brannte, die durch den langen verkohlten Docht noch größer wurde. Gegen Morgen froren sie, obschon der Ofen noch heiß war. Angst und Erschlaffung überkam sie vom vielen Reden in der Nacht, die Zungen waren trocken und die Augen schmerzten sie. Frau Lerat warf sich endlich auf Lantiers Bett und schnarchte wie ein Mann, wahrend die beiden andern, die Köpfe auf den Knien, vor dem Feuer schlummerten. Als es endlich Tag wurde, wachten sie zitternd auf. Mama Coupeaus Kerze war schon wieder ausgegangen. Da sich nun in der Dunkelheit dieses merkwürdige Geräusch wiederholte, sagte Frau Lorilleux mit lauter Stimme, indem sie eine neue Kerze anzündete: »Sie leert sich aus!« Die Beerdigung sollte halb elf sein. Es war ein schöner Morgen im Vergleich mit der vergangenen Nacht und dem gestrigen Tag. Gervaise hatte keinen Sou und hätte doch gern hundert Francs hergegeben, wenn jemand Mama Coupeau drei Stunden früher geholt hätte. Nein, wenn man die Menschen auch noch so lieb gehabt hatte, wenn sie tot sind, belasteten sie einen schwer! Je lieber sie einem waren, desto schneller möchte man von ihnen befreit sein! Zum Glück ist so eine Beerdigung voll Abwechslung. Auch sind allerhand Vorbereitungen zu treffen. Erst frühstückte man. Dann kam Vater Bazouge, der Leichenbesorger vom sechsten Stock, und brachte den Sarg. Dieser brave Mann war nie nüchtern. Auch heute war er noch um acht Uhr früh ganz lustig von seinem Trunk am Abend vorher. »Stimmt's? Bin ich hier recht?« Als er aber den Sarg absetzte und Gervaise vor sich bemerkte, riß er Augen und Mund auf. »Oh! Entschuldigen Sie, ich hab mich geirrt!« stotterte er. »Man hat mir gesagt, Sie wären es!« Er hatte den Sarg schon wieder aufgenommen, die Wäscherin mußte ihm zurufen: »Laßt ihn nur da, es ist schon recht!« »Zum Donnerwetter! So sagt einem doch ordentlich Bescheid!« und schlug sich auf den Schenkel. »Ach so! jetzt versteh ich, es ist die Alte ...!« Gervaise war ganz blaß geworden. Vater Bazouge hatte den Sarg für sie gebracht! Er wollte galant sein und sich entschuldigen: »Nicht wahr? Mir erzählte man gestern, daß es in dem Geschäft im Erdgeschoß sei. Da hab ich denn gedacht, daß ... wissen Sie, bei unserm Geschäft, da geht einem so was bei einem Ohr rein, beim andern wieder raus ... Aber ich mach Ihnen mein Kompliment! Je später, desto besser, nicht wahr? Obwohl das Leben auch nicht immer lustig ist, oh! im Gegenteil!« Gervaise hörte ihm zu und wich zurück aus Angst, daß er sie mit seinen großen schmutzigen Händen ergreifen und in seinen Kasten legen könnte. Schon einmal, am Abend ihres Hochzeitstages, hatte er ihr erzählt, daß er Frauen kenne, die noch »Dank schön!« sagen würden, wenn er käme und sie holte. Nun, so weit war sie doch noch nicht, es lief ihr bei dem Gedanken kalt über den Rücken. Ihr Leben war zwar verdorben, aber so bald wollte sie sich doch nicht davonmachen; lieber Jahre lang hungern, als schon jetzt ins Gras beißen! »Er ist betrunken!« sagte sie voll Ekel und Schrecken. »Die Verwaltung sollte wenigstens keine Trunkenbolde schicken, man bezahlt ohnehin teuer genug!« Nun wurde der Leichenbesorger gemein und unverschämt. »Nur keine Aufregung, junge Mutter, ich komm' schon wieder. Ich steh Ihnen ganz zu Diensten, verstehen Sie? Sie brauchen nur zu winken. Ich bin ja der Tröster der Damen ... Du brauchst nicht auf Vater Bazouge zu spucken; der hat schon ganz andere, wie du bist, in seinen Armen gehalten, die sich zurechtmachen ließen, ohne sich zu beklagen, und die sehr froh waren, im kühlen Schatten ruhig ihr Schläfchen machen zu können!« »Seien Sie schon ruhig, Vater Bazouge!« sagte Lorilleux streng, der bei dem lauten Ton der Stimmen hereingekommen war. »Das sind unpassende Witze. Wenn ich Sie anzeigen würde, man würde Sie wegjagen ... Vorwärts! Schauen Sie, daß Sie hinauskommen, wenn Sie sich nicht anständig aufführen können!« Der Leichenbesorger zog ab, aber man hörte ihn noch auf der Straße sich verteidigen: »Zu was auch noch Anstand! ... Es gibt keinen Anstand! ... Es gibt keinen Anstand! ... Es gibt nur Ehrlichkeit!« Endlich schlug es zehn Uhr. Der Leichenwagen verspätete sich. Es waren schon Leute im Laden, Freunde und Nachbarn: Herr Madinier, Mes-Bottes, Madame Gaudron und Fräulein Remanjou. Alle Augenblicke steckte ein Mann oder eine Frau den Kopf zur Tür heraus, um zu sehen, ob der Leichenwagen noch nicht da sei. Die Familie, die im Hinterzimmer vereinigt war, drückte allen die Hände. Manchmal wurde es ganz still, bis ein hastiges Flüstern entstand; es war ein ärgerliches, fieberhaftes Warten, wobei plötzlich ein starkes Rascheln der Kleider entstand, wenn sich Madame Lorilleux erhob, um ihr Taschentuch zu suchen, das sie irgendwo liegengelassen hatte, oder wenn Madame Lerat aufstand, sich ein Gebetbuch zu borgen. Jeder sah beim Kommen den offenen Sarg, der in der Mitte des Zimmers vor dem Bett stand, und jeder blieb unwillkürlich stehen und prüfte mit einem Seitenblick die Weite des Sarges, denn es schien ganz unmöglich, daß Mama Coupeau da hineinpassen sollte. Alle hatten denselben Gedanken und sahen sich daraufhin an, aber niemand sprach davon. Plötzlich vernahm man einen Stoß an der Ladentür und Herr Madinier verkündigte mit tiefer, feierlicher Stimme und einer erklärenden Handbewegung: »Da sind sie!« Es war noch nicht der Leichenwagen. Vier Leichenbesorger traten einer hinter dem andern ein; sie hatten es sehr eilig, ihre Gesichter waren gerötet, ihre Hände steif vor Frost und ganz zerarbeitet. Die schwarzen Kleider, in denen sie staken, waren schäbig und ganz blank gescheuert vom Reiben an den Särgen. Vater Bazouge war der erste; er war noch immer betrunken, benahm sich aber anständig; sowie er im Dienst war, fand er wieder seine Haltung. Sie sprachen kein Wort, schienen aber mit geneigten Köpfen das Gewicht von Mama Coupeau zu tarieren. Das dauerte nicht lange; die arme alte Frau wurde eingepackt in der Zeit, die einer braucht, um zu niesen. Der Kleinste, ein junger schielender Kerl, streute Weizenkleie in den Sarg, als ob Brot gebacken werden sollte. Ein anderer, ein großer Magerer von spaßigem Aussehen, legte das Laken darauf und dann: eins – zwei – hopp! ergriffen die vier den Körper, hoben ihn hoch, zwei an den Füßen, zwei am Kopf. Das geschah im Handumdrehen! Die Leute, welche die Hälse streckten, konnten glauben, Mama Coupeau sei von selbst in ihren Kasten gesprungen. Sie war hineingeschlüpft, als ob sie da zu Hause wäre; sie paßte so genau hinein, daß man hörte, wie sie das Holz der Wände berührte. Sie stieß auf allen Seiten an, wie ein Bild in einem Rahmen. Aber sie war hineingegangen, trotzdem es die andern nicht begreifen konnten; sicher war sie seit dem Abend vorher wieder dünner geworden. Die Leichenbesorger hatten sich wieder aufgerichtet und warteten; der Schielende nahm den Deckel, um die Familie einzuladen, zum letztenmal Abschied zu nehmen. Inzwischen nahm Vater Bazouge die Nägel in den Mund und hielt den Hammer bereit. Nun warfen sich Coupeau, die beiden Schwestern, Gervaise und die andern Anwesenden auf die Knie und küßten Mama Coupeau unter heißen Tränen, die das kalte Antlitz benetzten. Alles schluchzte laut. Dann wurde der Deckel aufgelegt, Vater Bazouge setzte die Nägel ein, er tat das mit der ganzen Gewandtheit der täglichen Übung, zwei Schläge für jeden Nagel. Das Weinen wurde übertönt, das Geräusch erinnerte an Möbelreparaturen; alles war vorüber. Man sprach wieder. »Ist es möglich, ein solches Aufsehen zu machen!« sagte Frau Lorilleux zu ihrem Mann, als sie den Leichenwagen vor der Türe sah. Der Leichenwagen brachte das ganze Viertel in Aufregung. Die Kaldaunenhändlerin rief die Ladenburschen des Kaufmanns, der Uhrmacher lief auf die Straße, die Nachbarn lehnten in den Fenstern. Alle sprachen von den Borden und den baumwollenen Fransen. Oh, die Coupeaus hätten lieber ihre Schulden bezahlen sollen! Aber die Lorilleux' sagten es ja: wenn man stolz ist, so zeigt sich das in allem. »Es ist schändlich,« sagte im gleichen Augenblick Gervaise auf die Lorilleux' hin, »das muß man schon sagen, diese Geizhälse haben nicht einmal einen Veilchenstrauß für ihre Mutter gebracht!« Die Lorilleux' waren wirklich mit leeren Händen gekommen. Frau Lerat hatte einen Kranz aus künstlichen Blumen gebracht. Man legte noch einen Immortellenkranz und ein von den Coupeaus gekauftes Bukett auf den Sarg. Die Leichenträger mußten fest zugreifen, um den Sarg auf die Schultern zu laden. Es dauerte eine Weile, bis das Gefolge sich geordnet hatte. Coupeau und Lorilleux, beide in schwarzen Röcken, die Hüte in der Hand, führten den Zug an; zwei Gläser Wein, die Coupeau getrunken hatte, hielten ihn in Rührung, seine Beine waren noch schlaff und der Kopf war ihm noch schwer, er stützte sich auf den Arm seines Schwagers. Dann kamen die Männer, Herr Mardinier, sehr würdig, ganz in Schwarz, Mes-Bottes, einen Paletot über seiner Bluse, Boches gelbes Beinkleid war unten schon ausgefranst, dann folgten Lantier, Gaudron, Bibi-la-Grillade, Poisson und andere. Hierauf die Damen, in erster Linie Frau Lorilleux, die den eingenähten Unterrock der Toten nachschleppte, Frau Lerat, die unter einem schwarzen Tuch eine mit Fliederblüten bedruckte Taille verbarg; dann folgten Virginie, Frau Gaudron, Frau Fauconnier, und Fräulein Remanjou bildete den Schluß des Zuges. Als der Leichenwagen sich in Bewegung setzte und langsam die Straße hinabfuhr zwischen den Leuten, die ehrerbietig die Hüte lüfteten und sich bekreuzten, setzten sich die vier Leichenbesorger an die Spitze; zwei gingen voran und zwei gingen rechts und links. Gervaise war zurückgeblieben, um die Läden zu schließen. Nana übergab sie Frau Boche und lief dann hinterher, um den Zug noch einzuholen; die Kleine hielt die Hausbesorgerin fest, sie schaute mit großem Interesse dem schönen Wagen nach, in dem die Großmutter am Ende der Straße verschwand. Als Gervaise, ganz außer Atem, den Zug erreichte, kam Goujet von der andern Seite dazu; aber er wandte sich sofort ab, nachdem er mit einem Kopfnicken gegrüßt hatte; er hatte das aber so sanft gemacht, daß sie sich wieder sehr unglücklich fühlte und ihre Tränen wieder zu fließen begannen. Jetzt weinte sie nicht nur über Mama Coupeau, sondern über etwas ganz Abscheuliches, das sie nicht hätte aussprechen können und das sie fast erstickte. Während des ganzen Weges hielt sie ihr Taschentuch an die Augen gepreßt. Frau Lorilleux, die keine Träne vergoß, sah sie von der Seite an, als wolle sie sie der Verstellung anklagen. Die Feier in der Kirche war schnell vorüber. Nur die Messe dauerte etwas länger, weil der Priester schon sehr alt war. Mes-Bottes und Bibi-la-Grillade hatten es vorgezogen, draußen zu bleiben, denn der Klingelbeutel war ihnen nicht bequem. Herr Madinier beobachtete immer den Priester, er teilte Lantier seine Beobachtungen mit: er meinte, daß diese Spaßmacher, die ihr Latein dahersagten, selbst nicht wüßten, was sie sprachen; sie begrüben genau so wie sie tauften oder verheirateten, ohne jede Empfindung. Dann tadelte er die Zeremonie, die Kerzen, die traurigen Gesänge, die man da vor den Familien breittrat. Die Männer gaben ihm recht; es war doch noch ein peinlicher Augenblick, wenn nach beendeter Messe die Gebete gesprochen werden mußten, die Leidtragenden an der Leiche vorübergehen und Weihwasser darauf sprengen mußten. Glücklicherweise war der Kirchhof nicht weit; es war der kleine Kirchhof von La Chapelle, ein Stück Garten, der seinen Eingang von der Rue Mercadet hatte. Der Zug kam ohne Ordnung und mit den Füßen stampfend an, jeder sprach von seinen Geschäften. Der hartgefrorene Boden dröhnte. Die Öffnung, neben die man den Sarg gesetzt hatte, war an den Rändern gefroren und der ausgeworfene Boden hell und steinig wie grober Mörtel; die Leidtragenden, die um den Erdhügel herumstanden, bemerkten gar nicht, wie sonderbar es ist, daß man sie in der Kälte warten läßt vor dem gähnenden Loch. Endlich kam ein Priester in einer Soutane aus dem kleinen Häuschen, er zitterte vor Kälte und man sah bei jedem » de profundis «, das er sprach, seinen Hauch in der Luft. Beim letzten Kreuzzeichen ging er fort, er hatte keine Lust, von vorn wieder anzufangen. Der Totengräber nahm seinen Spaten; da aber der Boden gefroren war, lösten sich nur große, harte Stücke ab, die beim Hinunterfallen eine merkwürdige Musik machten; ein wahres Bombardement auf den Sarg, man hätte denken können, der Sargdeckel müsse platzen. War man ein noch so großer Egoist, diese Musik fiel einem auf die Nerven. Die Tränen fingen wieder an zu fließen. Als man draußen war, hörte man immer noch das dumpfe Rollen. Mes-Bottes blies sich in die kalten Finger und sagte: »Donnerwetter! es wird der armen Mama Coupeau nicht allzu warm da unten werden!« »Meine Damen und Herren,« sagte der Zinkarbeiter zu den Freunden, die bei ihnen geblieben waren, »wenn Sie es erlauben, bieten wir Ihnen eine Kleinigkeit an ...« Er war der erste, der in eine Schenke in der Rue Mercadet eintrat, die »Zum Kirchhof« hieß. Gervaise, die noch auf der Straße geblieben war, rief Goujet zu, der fortgehen wollte, nachdem er gegrüßt hatte. Warum er nicht ein Glas Wein mit ihnen trinken wolle? Er hatte aber Eile, er mußte in die Werkstatt zurückkehren. Sie blickten sich einen Augenblick lang an, ohne zu sprechen. »Ich bitte um Verzeihung der sechzig Francs wegen,« sagte die Büglerin leise. »Ich war wie wahnsinnig und dachte nur an Sie ...« »Oh, das ist nicht der Rede wert, daran denke ich gar nicht,« sagte der Schmied. »Sie wissen, ich stehe Ihnen immer zu Diensten, wenn Ihnen ein Unglück passiert ... Aber meiner Mutter sagen Sie nichts davon, sie denkt so anders in diesen Dingen, und ich möchte ihr keinen Kummer machen.« Sie blickte immer noch zu ihm auf; sie sah ihn so traurig und gut in seinem schönen blonden Bart, daß sie nahe daran war, seinen früheren Vorschlag anzunehmen, irgendwohin zu gehen und dort mit ihm glücklich zu sein. Dann hatte sie wieder einen bösen Gedanken; sie wollte die beiden Mietsraten von ihm borgen, koste es, was es wolle. Sie zitterte dabei und sagte wieder mit schmeichelnder Stimme: »Wir sind doch nicht böse miteinander?« Er schüttelte den Kopf und antwortete: »Nein, wir werden nie miteinander böse sein ... Aber, Sie wissen, es ist zwischen uns alles aus.« Darauf ging er mit großen Schritten davon und ließ Gervaise betrübt stehen, weil ihr seine letzten Worte wie Töne einer Glocke vor den Ohren hallten. Als sie nun in der Schenke war, hörte sie immer wieder in ihrem Innern die Worte: »Alles ist aus, alles ist aus! Was habe ich denn noch zu tun, wenn alles aus ist?« Sie setzte sich nieder, schlang einen Bissen Brot mit Käse hinunter und leerte ein Glas Wein, das vor ihr stand. Der Raum lag zu ebener Erde, es war ein langer Saal mit niedriger Decke, den zwei große Tische fast ganz ausfüllten. Es waren der Reihe nach aufgestellt: geschnittenes Brot, breite Scheiben Briekäse und einige Liter Wein. Sie aßen alle ohne Teller und Servietten. In der Ecke beim glühenden Ofen beendeten die vier Leichenträger ihr Frühstück. »Mein Gott,« erklärte Herr Madinier, »jeder kommt einmal an die Reihe. Die Alten machen den Jungen Platz ... Das wird euch jetzt zu Hause ganz leer vorkommen, wenn ihr zurückkommt.« »Ja, mein Bruder zieht ja aus,« sagte jetzt lebhaft Frau Lorilleux. »Dieser Laden ist ja der blanke Ruin.« Man bearbeitete Coupeau. Sie drängten ihn, den Kontrakt abzutreten. Sogar Frau Lerat. Sie befreundete sich in letzter Zeit sehr mit Lantier und Virginie, weil sie annahm, daß diese beiden ineinander verliebt waren, was ihr ganz besondern Spaß machte; sie schnitt Grimassen und sprach von Konkurs und Gefängnis. Aber plötzlich wurde der Zinkarbeiter ganz böse; seine Trauer hatte er allzu reichlich begossen, und das verwandelte ihn nun; er wurde ganz wütend. »Hör' einmal,« schrie er, nahe an seine Frau herantretend, »ich will, daß du mir folgst, du tust mit deinem harten Schädel immer nur was du willst. Diesmal werde ich aber meinen Willen durchsetzen, das sage ich dir.« »Jawohl!« sagte auch Lantier. »Bei ihr ist mit Vernunftgründen nichts auszurichten. Man müßte einen Hammer nehmen, um ihr das einzupauken.« Und beide fielen über sie her. Und dabei kauten sie alle weiter. Der Käse wurde aufgegessen, der Wein floß wie aus einem Brunnen. Durch all dieses Gerede wurde Gervaise nachgiebig. Sie gab gar keine Antwort mehr, stopfte sich nur immerzu den Mund voll, als wenn sie den größten Hunger gehabt hätte. Als sie aufhörten, erhob sie den Kopf und sagte sanft: »Laßt es gut sein! Ich schere mich den Teufel um diesen Laden! Ich will ihn nicht mehr haben ... Versteht ihr mich! Laßt mich in Ruhe! Alles ist aus!« Jetzt wurde nochmals Käse und Brot bestellt und man diskutierte die Sache ernsthaft durch. Poissons traten in den Kontrakt ein und erboten sich, die beiden rückständigen Mieten zu bezahlen. Und Boche nahm dieses Übereinkommen im Namen des Hausherrn an. Er vermietete sogar auf der Stelle eine leere Wohnung im sechsten Stock, auf demselben Flur, wo die Lorilleux' wohnten, an die Coupeaus. Was Lantier betraf, er wollte gern sein Zimmer behalten, wenn das die Poissons nicht genierte. Der Stadtsergeant verbeugte sich, das geniere ihn gar nicht; unter Freunden verständige man sich, auch wenn die Ansichten über Politik auseinandergehen. Jetzt kümmerte sich Lantier nicht mehr weiter um den Vertrag, wie einer, der sein Geschäft im Trocknen hat und den alles andere nichts mehr angeht; er machte sich eine ungeheure Käsestulle, lehnte sich zurück und aß mit bescheidenem Aussehen, um seine Freude zu verbergen, die ihm das Blut in die Backen trieb; er zwinkerte heimlich bald zu Gervaise, bald zu Virginie. »Heda, Vater Bazouge!« rief Coupeau. »Kommt her und trinkt einen Schluck. Wir sind nicht stolz, wir sind auch nur Arbeiter.« Die vier Leichenträger, die im Begriff waren fortzugehen, kamen heran und stießen mit allen an. Man könne niemanden beschuldigen, aber die Dame von vorhin war hübsch schwer und wohl ein Glas Wein wert. Vater Bazouge sah Gervaise geradezu an, ohne ein unschickliches Wort zu sagen. Gervaise, der das unheimlich war, verließ die Männer, die sich jetzt einen Rausch antranken. Coupeau war schon ganz betrunken und fing wieder zu weinen an. Als Gervaise später allein im Hause war, sank sie erschöpft auf einen Stuhl. Alles kam ihr ungeheuer groß und verlassen vor. Ja, da war gut aufgeräumt. Sie hatte mehr als bloß Mama Coupeau da unten in der Grube des kleinen Gartens der Rue Marcadet gelassen. Zuviel hatte sie nun verloren; der Laden, ihr Stolz als Arbeitgeberin – und die andern Empfindungen, die sie an diesem Tage noch begraben hatte. So hohl, wie jetzt die Wände waren, so hohl war auch ihr Herz; das war ein vollständiger Umzug, ein Sinken in den Rinnstein. Jetzt fühlte sie sich zu erschlafft, später vielleicht würde sie sich wieder aufraffen. Um zehn Uhr, als sie sich auszog, weinte Nana und strampelte mit den Füßen. Sie wollte durchaus in Mama Coupeaus Bett liegen. Ihre Mutter wollte ihr Furcht machen, doch die Kleine war frühreif, die Toten erregten nur ihre Neugierde; schließlich wurde es ihr erlaubt. Dieses Gassenmädchen liebte die großen Betten, sie wälzte sich darin herum. Sie schlief gut in der schönen Wärme und dem Kitzel des Federbettes. 10 Die neue Wohnung der Coupeaus lag im sechsten Stock, Treppe B. Wenn man an der Wohnung von Fräulein Remanjou vorbei war, mußte man den Korridor links heruntergehen. Dann mußte man sich noch einmal wenden. Die erste Türe führte zu den Bijards, dieser Tür gegenüber schlief Vater Bru in einem Loch unter der Treppe, die zum Dach ging. Zwei Wohnungen weiter, und man war bei Bazouge. Dann nach Bazouge kamen die Coupeaus mit einem Zimmer und einem Kabinett, die beide nach dem Hofe zu gingen. Noch zwei Familien wohnten auf diesem Gang, ehe man zu den Lorilleux' kam, die ganz am Ende waren. Ein Zimmer und ein Kabinett, mehr nicht – da waren die Coupeaus jetzt allein. Das Zimmer war auch nicht größer als eine Handfläche. Alles mußte man darin tun, schlafen, essen, alles andere; in das Kabinett ging kaum das Bett für Nana. Sie zog sich bei den Eltern aus, die Türe mußte die ganze Nacht hindurch offen bleiben, damit sie nicht erstickte. Es war so wenig Platz, daß Gervaise eine Menge Sachen Poissons überlassen mußte, als sie den Laden verließ. Das Bett, der Tisch und vier Stühle füllten die ganze Wohnung aus. Doch von der Kommode wollte sich Gervaise nicht trennen, sie mußte dieses große Möbelstück so an die Pfeilerwand stellen, daß es die Hälfte des Fensters verstellte. Die Hälfte des Fensters konnte nicht geöffnet werden, was dem Zimmer Luft und Freundlichkeit nahm. Da Gervaise immer dicker wurde, so hatte sie kaum Platz für ihre Ellbogen, wenn sie aus dem Fenster schauen wollte, sie mußte sich ganz schiefbiegen und den Hals verrenken, wenn sie etwas sehen wollte. In den ersten Tagen saß die Büglerin immer und weinte. Es war ihr zu schwer, sich so gar nicht rühren zu können, die an weite und hohe Räume gewohnt war. Die Enge bedrückte sie sehr; stundenlang blieb sie am Fenster, eingezwängt zwischen Wand und Kommode, daß sie in Gefahr war, Gliederschmerzen zu bekommen, und doch konnte sie nur hier etwas Atem holen. Aber der Hof brachte sie auch auf traurige Gedanken. Ihr gegenüber, an der Sonnenseite, sah sie ihren früheren Traum, das Fenster im fünften Stock mit den spanischen Bohnen. Jedes Frühjahr rollten sie ihre schlanken Schößlinge um das Netz von Bindfäden. Ihr Zimmer lag an der Schattenseite, Resedatöpfe würden da schon nach acht Tagen sterben. Mein Gott, das Leben hatte sich für sie schlecht gewendet, das hatte sie sich nicht für' die Zukunft gewünscht. Ihre alten Tage hätten Blumen umblühen sollen – sie war in recht unsaubere Dinge verwickelt worden. Eines Tages hatte sie ein merkwürdiges Gesicht. Als sie sich zum Fenster hinausbeugte, glaubte sie sich unten unter dem Portal stehen zu sehen, wie sie damals bei der Hausmeisterloge stand und mit hochgehobenem Kopfe zum ersten Male das Haus betrachtete. Und das gab ihr einen Stoß ins Herz. Der Hof hatte sich gar nicht verändert in den dreizehn Jahren, die nackten Wände waren kaum schwärzer und rissiger geworden als damals; von den bleiernen Gossen, die der Rost zerfraß, stieg immer noch der Gestank empor; auf den Stricken vor den Fenstern trocknete noch immer Wäsche und beschmutzte Kindermatratzen lagen ausgebreitet; das Pflaster war noch immer schadhaft; die Kohlenschlacken aus der Schlosserwerkstatt, die Hobelspäne des Tischlers lagen noch darauf zerstreut herum, auch in der feuchten Ecke des Brunnens war eine Pfütze, die von der Färberei herkam, und deren Wasser war noch genau so zartblau wie damals. Nur sie selbst kam sich sehr verändert vor. Nicht mehr wie damals, mit nach dem Himmel gewandten Gesicht, zufrieden und mutig, von keinem größeren Ehrgeiz besessen, als ein hübsches Zimmer zu haben. Nun saß sie unter dem Dach, ohne jeden Sonnenstrahl, in einem finstern Loch. Und über ihr Schicksal bekümmert, fing sie an zu weinen. Aber allmählich gewöhnte sich Gervaise an die neuen Verhältnisse. Manches zeigte sich auch weniger schlecht. Der Winter war fast vorüber, das Geld, das Virginie für die Möbel bezahlt hatte, half über die ersten Sorgen hinweg. Mit den ersten Frühlingstagen kam auch ein Hoffnungsstrahl. Coupeau wurde für die Provinz angeworben, für Arbeiten in Etampes; dort blieb er drei Monate ohne sich zu betrinken, denn die frische Landluft hatte ihn geheilt. Es ist seltsam, wie solcher Luftwechsel beruhigend auf Säufer wirkt, denn die Luft in Paris ist in den Straßen geschwängert vom Rauch des Branntweins und Weins. Als er zurückkam, blühte er wie eine Rose und brachte vierhundert Francs mit, wovon die beiden rückständigen Mietsraten an die Poissons und andere kleine drückende Schulden im Viertel bezahlt werden konnten. So konnte sie wieder durch einige Straßen gehen, die sie bis jetzt vermieden hatte. Ja, Gervaise hatte wieder eine Anstellung als Büglerin bei Frau Fauconnier angenommen, die ganz gut bezahlte, wenn man ihr schmeichelte. Sie gab Gervaise, in Anbetracht ihrer früheren Stellung als Arbeitgeberin, sogar drei Francs im Tag. So schien die Wirtschaft wieder in Gang zu kommen. Gervaise sah auf diese Weise sogar die Möglichkeit, über kurz oder lang bei einiger Sparsamkeit alles bezahlen und sich ein erträgliches Leben schaffen zu können, wenigstens gelobte sie sich das in Anbetracht der großen Summe, die ihr Mann verdient hatte. Als es dann doch anders kam, nahm sie die Verhältnisse wie sie kamen und sagte, daß gute Dinge eben nicht von langer Dauer seien. Am meisten Ärger bereitete es dann den Coupeaus, als sie sahen, wie die Poissons ihren Laden einrichteten. Sie waren nicht mißgünstig, aber man reizte sie von allen Seiten. Alle Leute waren entzückt über die schöne Einrichtung ihrer Nachfolger. Die Boches und Lorilleux' ersparten ihnen nichts; sie sagten, sie hätten noch nie einen schönern Laden gesehen. Dann sprachen sie vom schmutzigen Zustand, in dem die Poissons die Räume übernommen hätten; allein das Weißen der Wände und Decke habe gegen dreißig Francs gekostet. Virginie hatte sich nach einigem Schwanken für einen Handel mit seinen Kolonialwaren entschieden; sie verkaufte Kaffee, Tee, Zucker, hatte auch Bonbons und Schokolade. Lantier hatte ihr sehr dazu geraten, er meinte, damit waren große Summen zu verdienen, weil man die Naschhaftigkeit ausbeuten könne. Der Laden wurde schwarz gemalt und mit gelben Strichen abgesetzt, beides waren vornehme Farben. Drei Tischler arbeiteten acht Tage lang an der Ladeneinrichtung und der Schaufensterausstellung; sie machten einen Ladentisch mit großer Platte, um Pokale aufsetzen zu können, genau wie bei den Konfitürenhändlern. Die kleine Erbschaft, die Poisson immer noch im Hintergrund hatte, bekam ein großes Loch. Aber Virginie strahlte, und die Lorilleux' und Boches erzahlten von jedem Schrank, jedem Pokal und jeder Scheibe, und sie freuten sich, wenn sie sahen, wie Gervaise darunter litt. »Man hat gut nicht neidisch sein; aber wenn ein anderer meine Schuhe anzieht und mir damit vor der Nase herumtanzt, so ärgere ich mich eben doch.« Man besprach auch noch die Liebesgeschichte. So wurde behauptet, Lantier habe Gervaise verlassen. Im Viertel billigte man das. Die Moral war damit in der Straße gerettet. Die Ehre hatte dieser Schlaukopf Lantier, hinter dem die Frauen immer noch her waren. Sie sagten, er habe die Büglerin geschlagen, um sie von sich abzubringen. Niemand wußte die Wahrheit oder sprach sie aus. Die sie wußten, fanden sie zu einfach und nicht interessant genug. Wenn man wollte, hatte er sie wirklich verlassen, denn sie stand ihm nicht mehr Tag und Nacht zur Verfügung. Gewiß war, daß er in den sechsten Stock hinaufstieg, sooft ihn die Lust ankam, Gervaise zu besuchen; Fräulein Remanjou traf ihn öfter, zu ungewöhnlicher Stunde von den Coupeaus kommend. Die Beziehungen dauerten fort, ohne großes Vergnügen von der einen oder andern Seite; es war nur die Macht der Gewohnheit, gegenseitige Gefälligkeit, nichts mehr. Verwickelter war der Verdacht, daß Lantier auch mit Virginie ein Verhältnis haben solle. Auch darin hatte niemand recht. Gewiß versuchte Lantier die große Brünette für sich zu erwärmen, sie ersetzte doch Gervaise in der Wohnung in allem. Da bildete sich die lustige Geschichte, Lantier habe Gervaise im Bette des Nachbarn gesucht und Virginie gefunden und zu sich genommen, ohne sie in der Finsternis zu erkennen. Darüber lachte man; aber in Wirklichkeit war er nicht so weit; kaum erlaubte er sich, sie in den Hintern zu kneifen. Trotzdem sprachen die Lorilleux' in Gervaises Gegenwart von der rührenden Liebe Lantiers zu Virginie; sie hofften damit ihre Eifersucht zu erregen. Auch die Boches sagten, sie hatten niemals ein schöneres Paar gesehen. Das Komischste war, daß in der Rue de la Goutte d'Or niemand über diese neue Ehe zu dreien entrüstet war; nein, sie maßen nicht mit demselben Maß bei Virginie wie bei Gervaise. Vielleicht war diese Duldsamkeit deshalb gerechtfertigt, weil der betrogene Ehemann Polizist war. Glücklicherweise wurde Gervaise nicht von Eifersucht gequält. Lantiers Untreue ließ sie kalt, weil ihr Herz gar nicht mehr mitsprach. Sie hatte soviel schmutzige Geschichten über Liebschaften mit allerlei Dirnen niedrigster Art in Erfahrung gebracht, die alle keinen besondern Eindruck auf sie machten, und blieb eben willig, weil sie zu kraftlos war, um mit ihm zu brechen. Doch mit Virginie war es etwas anderes. Man brachte dieses Gerücht auch nur auf, um sie zu quälen, aber in gewissen Dingen verstand sie keinen Spaß. Wenn Frau Lorilleux oder ein anderes boshaftes Tier in ihrer Gegenwart sagte, Poisson könne seiner Hörner wegen nicht mehr unter der Porte Saint-Denis durch, da wurde sie ganz blaß und ein wütender Schmerz brannte ihr auf der Seele. Sie kniff die Lippen zusammen und suchte ihren Ärger zu verbergen, weil sie diesen Feinden die Freude nicht machen wollte. Sie mußte doch mit Lautier einen Streit deshalb gehabt haben, denn Fräulein Remanjou behauptete, eines Nachmittags ein Geräusch wie von Ohrfeigen gehört zu haben. Eine Verstimmung mußte doch geherrscht haben, denn vierzehn Tage lang sprach Lantier nicht mit ihr; dann kam er aber wieder als erster, alles kam wieder ins Geleise, als ob nichts vorgefallen wäre. Die Büglerin zog es vor, sich ruhig zu verhalten; sie ängstigte sich vor jeder Frauenschlägerei, wollte nicht mehr in diesen Schmutz hinein. Ja, sie war nicht mehr zwanzig Jahre alt und liebte auch die Männer nicht mehr so sehr, um deretwegen Schläge auszuteilen oder welche zu bekommen. Sie tat diese Erfahrung zu den übrigen. Coupeau höhnte am meisten. Er, der so ein bequemer Ehemann war und seine eigenen Hörner durchaus nicht sah, war unerschöpflich im Witz über Poissons. Bei ihm rechnete er gar nicht damit, bei andern aber kam ihm das zu komisch vor; manchmal gab er sich wirklich Mühe, den Frauen aus der Nachbarschaft nachzuspüren, wenn er sie auf verbotenen Wegen glaubte. Dieser Poisson war ein Trottel in seinen Augen. Der trug den Säbel an der Seite und wollte die Menschen auf der Straße zurechtweisen! Coupeau fing an, Gervaise zu verspotten. Das war ja herrlich! Ihr Liebster habe sie sitzen lassen, sie hätte nun einmal kein Glück; auch der Schmied wäre nicht treu geblieben, nun ließe sie der Hutmacher sitzen. Das käme daher, weil sie nur mit leichtsinnigen Gewerben angebandelt hätte. Sie solle sich doch einmal einen Maurer suchen, einen Mann der Haltbarkeit, der seinen Mörtel fest anlegt! Das war ja alles nur im Scherz gesagt, aber Gervaise wurde manchmal ganz schwindelig davon, weil er sie dabei mit seinen kleinen grauen Augen so durchdringend anschaute, als wolle er sie sondieren. Kam er auf das Thema der schweinischen Reden, war sie nie sicher, ob er im Scherz oder Ernst redete. Ein Mann, der sich das ganze Jahr hindurch betrinkt, hat seinen Kopf nicht mehr in Ordnung; es gibt Ehemänner, die mit zwanzig Jahren sehr eifersüchtig sind und die das Trinken mit dreißig Jahren sehr nachsichtig über eheliche Treue macht. Man mußte Coupeau in der Rue de la Goutte d'Or herumschreien hören! Er nannte Poisson einen Hahnrei. Das stopfte alle bösen Mäuler, denn er war es ja jetzt nicht mehr. Er wußte, was er wußte. Wenn es eine Zeitlang auch so ausgesehen hätte, als ob er nichts wüßte, so kam das daher, weil er solches Geschwätz nicht liebte. Jeder kratze sich da, wo es ihn jucket. Ihn juckte das nicht, also brauchte er sich auch nicht zu kratzen, bloß um den andern Vergnügen zu machen. Der Polizist, hörte der vielleicht? Und doch war es diesmal wahr; man hatte die Liebenden zusammen gesehen, es handelte sich nicht mehr um ein bloßes Gerücht. Er regte sich sogar auf, begriff nicht, wie ein Mann, ein Beamter der Regierung, einen solchen Skandal bei sich dulden konnte. Der Polizist hatte wahrscheinlich gern, was andere schon ausgesogen hatten, das war alles. Langweilte sich Coupeau am Abend allein mit seiner Frau, suchte er Lantier unten und holte ihn mit Gewalt nach oben. Er fand seine Häuslichkeit traurig, seit sein Kamerad darin fehlte. Er versöhnte ihn mit Gervaise, wenn er sah, daß sie kühl zueinander taten. Zum Donnerwetter! Soll sich die Welt zum Teufel scheren, ist es denn verboten, sich zu vergnügen, wie man eben kann? Er hohnlachte, in seinen Trunkenboldaugen flackerten Blitze auf, die auf sehr weitgehende Ideen schließen ließen; er hatte das Bedürfnis, alles mit dem Hutmacher zu teilen, um das Leben zu verschönen. An solchen Abenden wußte Gervaise nicht, ob er im Scherz oder im Ernst sprach. Mitten in diesen Geschichten verhielt sich Lantier so, als ob es ihn nichts anginge. Er benahm sich väterlich und würdig. Schon dreimal hatte er Streitigkeiten zwischen den Coupeaus und den Poissons verhindert. Das gute Verhältnis der beiden Familien gehörte zu seinem Wohlbefinden. Dank seinen teils zärtlichen, teils strengen Blicken heuchelten Gervaise und Virginie immer noch eine große Freundschaft füreinander. Lantier herrschte über Gervaise und Virginie mit der Würde eines Paschas und mästete sich an diesem Doppelverhältnis. Am Morgen verdaute er die Coupeaus, während er schon wieder an den Poissons zu essen anfing; das machte ihm keine Schwierigkeiten; einen Laden hatte er verschlungen, nun fing er mit dem zweiten an. Nur so geartete Männer haben soviel Glück. Im Monat Juni desselben Jahres ging Nana zur Firmung. Sie ging in das dreizehnte Lebensjahr, war lang gewachsen wie ein Spargel und hatte ein freches Benehmen. Im vorhergehenden Jahre war sie ihrer schlechten Aufführung wegen aus dem Katechismusunterricht fortgeschickt worden. Der Pfarrer ließ sie jetzt wieder am Unterricht teilnehmen, weil er fürchtete, eine Heidin mehr auf die Straße zu treiben. Nana tanzte vor Freude, dachte nur noch an das weiße Kleid. Die Lorilleux' hatten dieses Kleid versprochen, als Firmpaten, doch erzählten sie von diesem Geschenk allen im Hause herum; Frau Lerat sollte den Schleier und das Häubchen beisteuern, Virginie das Geld für die Firmung, Lantier das Gebetbuch; so konnten die Coupeaus ohne große Sorge diesem Fest entgegensehen. Die Poissons benutzten diese Gelegenheit, ihr beabsichtigtes Eröffnungsfest zu geben, wozu ihnen wohl Lantier den Rat gab. Sie luden zu den Coupeaus noch die Boches ein, deren Kleine zum erstenmal zur Beichte ging. Man wollte am Abend eine Hammelkeule und noch anderes essen. Am Abend vorher stand Nana gerade vor der Kommode und bewunderte die Geschenke, als Coupeau in einem bösen Zustand nach Hause kam. In der Pariser Luft war er wieder zum Säufer geworden. Er überfiel Frau und Tochter mit entsetzlichen Redensarten, doppelt unpassend im jetzigen Augenblick. Nicht zu verwundern, daß sich Nana in dieser Umgebung auch schon ein böses Mundwerk angewöhnt hatte. An solchen Tagen, an denen sich die Eltern zankten, sagte sie auch zu ihrer Mutter Kuh oder Kamel. »Wo ist mein Essen?« brüllte der Zinkarbeiter. »Ich will meine Suppe, Weiberpack! ... Solches Volk mit all seinen Lappen. Ich setze mich darauf, wenn ich nicht sofort meine Suppe bekomme!« »Was macht er für ein Wesen, wenn er betrunken ist«, sagte Gervaise leise und ungeduldig. Und zu ihm gewandt: »Sie ist schon warmgestellt, laß uns zufrieden.« Nana spielte die Bescheidene, weil sie es für diesen Tag so richtig fand. Sie schaute immer noch ruhig auf all ihre Geschenke, schlug die Augen nieder und tat, als ob sie von all den Unflätigkeiten kein Wort verstünde. Aber der Zinkarbeiter war an solchen Tagen unermüdlich im Nörgeln und Reden. Ganz dicht bei ihrem Ohr sagte er: »Jawohl, ich werde dir weiße Kleider geben, damit du dir wieder Papierkugeln in das Korsett steckst wie am vergangenen Sonntag! – Ja, warte, noch etwas! Du denkst wohl, ich sehe es nicht, wenn du den Hintern drehst und damit herumschwänzelst. Diese hübschen Sachen kitzeln dich wohl? Es steigt dir zu Kopf ... Willst du da weggehen, verdammte Nutte! Die Hände weg, stecke alles in die Schublade, oder ich putze mir die Hände daran ab.« Nana stand mit gesenktem Kopfe da und antwortete nichts. Sie hatte das kleine Tüllhäubchen in der Hand, drehte es und fragte die Mutter, wieviel das wohl gekostet haben dürfte. Coupeau streckte die Hand darnach aus, doch Gervaise stieß ihn rasch zurück und rief: »Laß mir doch das Kind in Ruh! Sie ist artig und tut nichts Böses.« Nun packte er aus, er schrie: »Diese Huren! Die Mutter und die Tochter, das ist ein schönes Paar. Ist das erlaubt, zur Firmung gehen und nach den Männern sich umdrehen? Wage zu sagen, daß es nicht wahr ist, du Dreckfink! Ich werde dir einen Sack anziehen, da will ich sehen, ob dich das kratzt. Soll ich dich zum Laster erziehen! Donnerwetter, wollt ihr gehorchen, alle beide?« Plötzlich wandte sich Nana wütend um; Gervaise breitete ihre Arme aus, um die Sachen zu schützen, welche Coupeau zerreißen wollte. Das Kind blickte seinen Vater gerade an; alle Bescheidenheit, die der Pfarrer ihr empfohlen hatte, war verflogen: »Schwein!« sagte sie mit zusammengepreßten Lippen. Als der Zinkarbeiter gegessen hatte, legte er sich nieder und schnarchte sofort. Am nächsten Morgen wachte er gutgelaunt auf; er war sogar liebenswürdig. Er wohnte der Toilette seiner Tochter bei; das weiße Kleid rührte ihn; er fand, daß sie ganz das Aussehen eines kleinen Fräuleins habe. Er meinte auch, daß es nur natürlich wäre, wenn ein Vater auf seine Tochter stolz sei. Nana benahm sich wie eine kleine Braut. Sie stolzierte in ihrem zu kurzen Kleidchen umher. Beim Heruntergehen stand Pauline, die ebenso angezogen war, auf der Schwelle der Portiersloge. Nana blieb stehen und prüfte die andere von Kopf bis zu Fuß. Sie fand, daß Pauline schlechter gekleidet war als sie, was sie sehr freundlich und liebenswürdig zu ihr machte. Die beiden Familien gingen gemeinsam zur Kirche. Die Kinder gingen voraus mit ihren Gebetbüchern, sie mußten die Schleier halten, weil der Wind ging. Sie sprachen nicht, hatten aber viel Vergnügen daran, wenn die Leute aus den Läden traten, um sie anzusehen; auch machten sie fromme Gesichter, damit die Vorübergehenden sie für sehr artig und nett halten sollten. Frau Boche und Frau Lorilleur verspäteten sich etwas, weil sie zu sehr in ihr Gespräch über das Hinkebein vertieft waren; dieser Vielfraß, deren Tochter nicht hätte gefirmt werden können, wenn nicht die Familie alles dazu hergegeben hätte, sogar das Hemd, alles aus Achtung vor dem Altar. Frau Lorilleur besprach hauptsächlich das Kleid, das von ihr war; sie warf böse Blicke auf Nana und nannte sie Schmutzfink, jedesmal wenn sie im Vorbeigehen einem Laden zu nahe kam und dadurch Staub aufwirbelte. In der Kirche weinte Coupeau die ganze Zeit. Es war schon dumm, aber er konnte nicht anders. Es ergriff ihn, wenn der Pfarrer die Arme ausbreitete, wenn die Kinder engelgleich mit gefalteten Händen gingen; auch die Orgelmusik ging ihm zu Herzen und der Geruch des Weihrauches erinnerte ihn an den Duft von Blumen. Mit einem Wort, alles schwamm vor seinen Augen, er war bis ins Innerste gerührt. Besonders eine Melodie gefiel ihm so gut; bei der Kommunion der Kinder liefen ihm leise Schauer den Rücken hinunter. Aber auch um ihn herum weinten die Leute. Es war ein schöner Tag, der schönste seines Lebens, schien ihm. Auf dem Heimweg trank er mit Lorilleur einen Schoppen, dieser neckte ihn wegen seiner Rührseligkeit, denn er war ganz trocken geblieben; nun wurde er wieder böse und beschuldigte die Geistlichen, daß sie Teufelskraut verbrennen, um die Leute weich zu stimmen. Übrigens schäme er sich nicht, seine Augen wären ihm übergelaufen, und das bewiese nur, daß er keinen Stein in der Brust hatte. Und er bestellte noch eine Runde. Am Abend war das Gastmahl bei den Poissons sehr lustig. Es herrschte die beste Freundschaft während des Essens. Obwohl die schlechten Tage vorherrschten, gab es doch Abende, Stunden, wo man sich fast liebte, während man sich sonst verabscheute. Lantier, der Gervaise zur Linken und Virginie zur Rechten hatte, war zu beiden gleich liebenswürdig und voll Aufmerksamkeit, wie ein Hahn, der Frieden unter seinen Hennen haben will. Poisson saß gegenüber und behielt seine ruhige ernste Polizistenmiene bei, die ihm in seiner langen Dienstzeit auf der Straße und wo er für gewöhnlich nichts dachte, eigentümlich geworden war. Aber die Königinnen des Festes waren die beiden Kleinen, Nana und Pauline, denen man erlaubt hatte, ihre weißen Kleider anzubehalten. Sie saßen steif und aufrecht da vor Angst, sich zu beschmutzen; bei jedem Bissen rief man ihnen zu, das Kinn zu heben und acht zu geben. Nana war das langweilig und sie schüttete den Wein über ihre Bluse; das war eine Geschichte! Die Bluse wurde ausgezogen und man wusch sie in einem Glas Wasser aus. Dann, beim Nachtisch, sprach man ernsthaft über die Zukunft der Kinder. Madame Boche hatte schon entschieden, Pauline sollte in ein Stickereigeschäft eintreten, wo Gold- und Silberstickereien angefertigt werden; damit waren fünf bis sechs Francs im Tage zu verdienen. Gervaise wußte noch nicht, was tun, Nana zeigte keinerlei besondere Neigung. Ja, sich umhertreiben, das war nach ihrem Geschmack; aber für alles andere hielt sie ihre Hände für zu zart. »Aber an Ihrer Stelle«, sagte Frau Lerat, »würde ich sie Blumenmacherin werden lassen. Das ist ein hübsches und reinliches Geschäft.« »Die Blumenarbeiterinnen,« brummte Lorilleur, »das sind auch so leichte Frauenzimmer.« »So! Und ich?« sagte die Witwe mit gekniffenen Lippen. Wissen Sie, ich bin auch keine Hündin und lege mich nicht auf den Rücken, wenn man pfeift.« Aber die ganze Versammlung tat entrüstet. »Frau Lerat, aber Frau Lerat!« Und man zeigte mit den Augen auf die beiden Mädels, die die Nasen ins Glas steckten, um das Lachen zu verbeißen. Bis dahin hatten sogar die Männer nur in gewählten Ausdrücken gesprochen. Aber Frau Lerat ließ die Zurechtweisung nicht gelten. Das, was sie eben gesagt hatte, habe sie in der besten Gesellschaft gehört. Übrigens schmeichle sie sich, ihre Sprache zu kennen, man hatte ihr oft Komplimente gemacht über die Art sich auszudrücken, sogar Kindern gegenüber, und daß sie niemals den Anstand verletze. »Es gibt unter den Blumenmacherinnen sehr anständige Frauen, das laßt euch gesagt sein!« rief sie. »Sie sind ebenso gemacht wie andere Weibsbilder und ihre Haut reicht nicht überall zu, das ist sicher. Nur, sie halten sich zurück, sie wählen mit Geschmack, und wenn sie schon einen Fehler machen... Ja, das kommt von ihrem Umgang mit Blumen. Das war's, was auch mich erhalten hat ...« »Ach Gott,« warf Gervaise ein, »ich habe keinen Widerwillen für die Blumen. Es braucht nur Nana zu gefallen, nicht mehr; man soll Kindern nicht einen Beruf gegen ihren Willen aufdrängen. Nun, Nana, stell dich nicht so an, gib Antwort. Würde es dir gefallen, die Blumen?« Die Kleine dachte über ihren Teller gebeugt nach und suchte die Kuchenkrümel mit feuchtem Finger zusammen und schleckte sie ab. Sie beeilte sich nicht. Sie hatte ihr lasterhaftes Lachen. »Aber ja, Mama, es gefällt mir«, erklärte sie schließlich. Nun wurde die Sache gleich in Ordnung gebracht. Coupeau war es recht, daß Frau Lerat Nana schon am nächsten Morgen in ihr Atelier in der Rue du Caire mitnehme. Und die Gesellschaft sprach sehr ernsthaft über die Pflichten im Leben. Boche sagte, daß Nana und Pauline jetzt, Frauen geworden seien. Poisson fügte hinzu, daß sie kochen und Strümpfe stopfen lernen sollten, um einen Haushalt führen zu können. Man sprach sogar von ihrer Heirat und den Kindern, die sie bekommen sollten. Die Dirnchen spitzten die Ohren und kicherten heimlich, sie rieben sich eine an der andern vor Vergnügen, das Herz geschwellt, daß sie nun schon Frauen sein sollten; sie saßen rot und verlegen in ihren weißen Kleidern da. Am meisten machte ihnen die Frage Lantiers Freude, ob sie nicht schon kleine Männer hätten. Man erpreßte Nana das Geständnis, daß sie Victor, den Sohn der Frau Fauconnier, gern hätte. Frau Lorilleur sagte auf dem Heimweg zu Frau Boche: »Nana ist unser Patenkind; wenn man sie aber Blumenmacherin werden läßt, wollen wir nichts mehr von ihr wissen. Das wird wieder so ein Fressen für die Boulevards werden... und keine sechs Monate mehr wird das dauern.« Als die Coupeaus sich am Abend niederlegten, waren sie sehr zufrieden mit dem Ergebnis des Tages und kamen überein, daß die Poissons keine schlechten Menschen wären. Auch Gervaise fand, daß der Laden recht hübsch und sauber hergerichtet sei. Sie war vorbereitet, innerlich leiden zu müssen, so einen ganzen Abend in ihrem alten Heim verbringen zu müssen, in dem nun andere Leute waren. Nun war sie selbst erstaunt darüber, sich gar nicht geärgert zu haben. Beim Ausziehen fragte Nana ihre Mutter, ob das Kleid der Dame aus dem zweiten Stock, die im vorigen Monat sich verheiratet hatte, auch aus Musselin gewesen wäre wie das ihrige. Das war aber auch der letzte schöne Tag im Familienleben der Coupeaus. Es vergingen noch zwei Jahre, in denen sie immer mehr herunterkamen. Der Winter war besonders hart für sie. Solange das Wetter schön war, hatten sie noch Brot zu essen; mit dem Frost wurde es knapp. Der Speiseschrank war leer, kein Mittagessen in der Kälte ihres Zimmers. Der schreckliche Dezember kam durch Türe und Fenster herein mit all seinen Leiden; in den Werkstätten gab es keine Arbeit mehr, Müßiggang und Frost erschlafften die Glieder, das schwarze Elend der kalten Jahreszeit war da. Den ersten Winter konnten sie noch hin und wieder Feuer machen und um den Ofen herum kauern, es vorziehend, lieber nicht zu essen und dafür warm zu sitzen. Im zweiten Winter wurde der Ofen nicht mehr geheizt, das kahle Zimmer sah noch kälter aus. Was ihnen vollends den Hals brach, waren die zu zahlenden Mietsraten. Die Januarmiete war eine harte Sache, wenn Vater Boche mit der Quittung kam und auch keine Brotkrume mehr im Hause war. Das machte noch kälter. Am darauffolgenden Sonnabend kam Herr Marescot; er hatte einen warmen Paletot an und seine großen Pratzen staken in gestrickten wollenen Handschuhen; er sprach immer von Kündigung, während draußen der niederfallende Schnee ihnen Leinentücher auf das Pflaster zu breiten schien. Gern hätten sie Stücke von ihrem Fleisch verkauft, um nur die Miete bezahlen zu können. Im ganzen Hause hörte man Klagen. In allen Stockwerken hörte man Weinen, eine Musik voll Unglück kam aus den langen Korridoren und ertönte in dem hohen Treppenhaus. Wenn in jeder Wohnung ein Toter gelegen hätte, wäre der Lärm auch nicht gräßlicher gewesen. Es klang wie der Tag des letzten Gerichts, das Ende aller Dinge, ein unmögliches Leben, wie eine Zuchtrute für all diese unglücklichen Menschen. Eine Frau aus dem dritten Stock ging auf die Straße und verbrachte acht Tage an der Ecke der Rue Belhomme. Ein Arbeiter, ein Maurer aus dem fünften Stock, hatte seinen Meister bestohlen. Die Coupeaus hatten nur sich selbst Vorwürfe zu machen. Mit Ordnung und Sparsamkeit kann man sich immer über Wasser halten; Lorilleux' lieferten den Beweis. Sie legten regelmäßig ihre Mietsrate in ein Stück schmutziges Papier. Aber sie führten auch ein Leben wie magere Spinnen, sie verekelten einem förmlich die Arbeit. Nana verdiente noch nichts als Blumenmacherin, ja, sie benötigte noch vieles für ihren Unterhalt. Gervaise war bei Frau Fauconnier nicht mehr gern gesehen. Von Tag zu Tag verlor sie etwas von ihrer Geschicklichkeit; sie hudelte nur noch ihre Arbeit so hin, so daß ihr Lohn schon auf vierzig Sous herabgemindert wurde. Bei alldem war sie hochmütig und empfindlich, jedem erzählte sie von ihrer frühern Stellung als Ladeninhaberin. Tagelang blieb sie fort; sobald sie etwas verdroß, verließ sie ihre Arbeit. Sie hatte es Frau Fauconnier sehr verübelt, daß sie Frau Putois aufgenommen hatte, und daß sie so Schulter an Schulter mit ihrer frühern Arbeiterin arbeiten mußte. Vierzehn Tage war sie weggeblieben; aus Mitleid nahm man sie wieder auf. Das verdroß sie immer noch mehr. So war auch am Ende der Woche der Lohn nicht allzu hoch; höhnisch sagte sie, es käme noch soweit, daß sie an einem Sonnabend noch etwas werde daraufbezahlen müssen. Möglich, daß Coupeau arbeitete; sicher war, daß Gervaise seit seiner Rückkehr von Etampes kein Geld mehr von ihm gesehen hatte. An den Zahltagen schaute sie erst gar nicht mehr auf seine Hände, wenn er nach Hause kam; er kam mit Armgeschlenker und leeren Taschen; oft fehlte ihm sogar das Taschentuch. Mein Gott, ja. Vielleicht hatte er es verloren oder ein Spitzbube hat es ihm gestohlen. Im Anfang brachte er immer neue Geschichten hervor; er erfand Unglücksfälle: zehn Francs habe er für eine Subskription hergegeben, zwanzig Francs habe er durch ein Loch in seiner Tasche verloren; er zeigte es. Und fünfzig Francs gingen auf Bezahlung irgendeiner eingebildeten Schuld. Dann schämte er sich gar nicht mehr. Das Geld flog einfach fort; so war es! Es war einfach nicht mehr in seiner Tasche, er hatte es im Bauch und brachte es auf diese Weise wieder seiner Frau heim. Auf Rat der Frau Boche ging die Büglerin an Zahltagen an die Werkstätte des Mannes und paßte ihn ab. Aber damit erreichte sie auch nichts, die Kameraden warnten dann Coupeau, und das Geld verschwand in die Schuhe oder an einen andern unsaubern Ort. Frau Boche war sehr gewitzt in diesen Dingen, Boche verbarg hin und wieder ein Zehnfrancsstück, um damit einer liebenswürdigen Dame einen Kaninchenbraten zu spendieren. Sie untersuchte alle Ecken seiner Kleidertaschen und fand dann das Geldstück irgendwo eingenäht, so in seiner Mütze zwischen Schirm und Futter. Aber der Zinkarbeiter machte das sicherer. Er schaffte sein Geld unter sein Fleisch! Da konnte Gervaise die Schere nicht nehmen, um ihm die Haut des Bauches aufzutrennen. Dies waren die Fehler in dieser Ehe, woran sie von Jahr zu Jahr mehr zusammenbrach. Diese Sache sagt man sich nie, wenn man im Elend steckt. Sie klagten nur ihr Mißgeschick und Gott an, der es böse mit ihnen meine. Ihr Heim war jetzt eine wahre Hölle. Den ganzen Tag stritten sie miteinander. Noch schlugen sie sich nicht, kaum ein Stoß aus Versehen beim heftigen Disput. Das traurigste war, daß sie die Türe des Käfigs der Freundschaft geöffnet hatten, und Sympathie und Liebe flogen davon wie ein Vogel. Die Wärme des Gefühls, die Vater, Mutter und Kinder auf einem Haufen zusammenhält, verließ sie, und sie blieben frierend jedes in seiner Ecke. Alle drei, Coupeau, Gervaise und Nana, gerieten sich jeden Augenblick in die Haare, und in ihren Streitereien sagten sie sich böse Worte und ihre Augen sprühten Funken voller Haß; es war, als ob etwas das Familienheiligtum zerstört hätte, das, was bei glücklichen Menschen die Herzen so warm füreinander schlagen laßt. Jetzt beunruhigte sich Gervaise nicht mehr, wenn sie Coupeau an den Rändern der Dächer hängen sah, die zwölf bis fünfzehn Meter über dem Pflaster waren. Hinabgestoßen hätte sie ihn nicht. Aber wenn er von selbst gefallen wäre! Die Erde wäre um einen Taugenichts ärmer gewesen; das ist alles. Es gab Tage, an denen er glühte wie eine Fackel; da schrie sie, man solle ihn ihr lieber auf der Tragbahre bringen. Wozu war denn noch ein solcher Säufer gut? Nur um alles aufzufressen und sie ins Elend zu stoßen, und damit sie weinen solle. Solche Männer solle man doch gleich in die Grube werfen und darauf tanzen! Sagte die Mutter: »Töte!« – antwortete die Tochter: »Schlag ihn nieder!« Nana las nun alle Unglücksfälle in der Zeitung durch und hatte so ihre eigenen Gefühle dabei. Aber ihr Vater hatte Glück; kürzlich stieß ihn ein Omnibus um und er wurde nicht einmal nüchtern dadurch. Wie lange wird denn das noch dauern, bis dieses Tier krepiert? In all dem Elend, das Gervaise fast zur Verzweiflung trieb, litt sie sehr unter dem Hunger. In dieser Ecke des Hauses war die Not am größten. Drei bis vier Familien hatten nicht alle Tage Brot im Hause, selten kam aus einer Türe Küchengeruch heraus. In diesem Korridor herrschte das Schweigen des Elends und die Mauern klangen wie leere Bäuche. Manchmal hörte man noch Geschrei, Frauentränen und das Klagen hungernder Kinder. Familien fingen an zu zanken, um ihre Magen zu täuschen; die Brust zog sich einem zusammen, atmete man nur diese Luft ein, in der selbst Fliegen aus Mangel an Nahrung nicht hätten leben können. Das größte Mitleid erweckte bei Gervaise Vater Bru in seinem kleinen Loch unter der Bodentreppe. Er lag da zusammengerollt wie ein Murmeltier, um nicht zu erfrieren; tagelang blieb er so auf seinem Stroh liegen, ohne jede Bewegung zu machen. Wenn man ihn dann vier bis fünf Tage lang nicht gesehen hatte, stießen die Nachbarn wohl die Türe auf, um nachzusehen, ob er noch am Leben sei. Nein! er lebte trotz alledem immer noch, nicht gerade sehr, aber ein bißchen, mit einem Auge, denn der Tod schien ihn vergessen zu haben! So oft Gervaise Brot hatte, warf sie ihm die Rinden hin. Sie war jetzt schlecht geworden und verachtete die Männer Coupeaus wegen, aber für Tiere hatte sie immer noch ein weiches Herz; und Vater Bru, dieser arme Alte, den man da verrecken ließ, weil er nicht mehr arbeiten konnte, war für sie ein Hund, ein Tier, das selbst der Schinder nicht kaufen wollte. Es war ihr eine Last auf der Seele, ihn beständig auf der andern Seite des Korridors zu wissen, von Gott und Menschen verlassen, wie er sich aufzehrte und gleich wieder zum Kind wurde, auch an Gestalt; er war zusammengeschrumpft und vertrocknet wie eine Orange, die auf dem Kamin gedörrt wurde. Fast ebensosehr litt Gervaise unter der Nachbarschaft des Vaters Bazouge. Nur eine dünne Bretterwand trennte ihr Zimmer von dem seinen, man konnte nicht den Finger in den Mund stecken, ohne von drüben gehört zu werden. Wenn er abends nach Hause kam, verfolgte sie seine häuslichen Verrichtungen; der schwarze lederne Hut tönte dumpf auf der Kommode, als ob man eine Schaufel voll Erde hinwirft; hängte er den schwarzen Mantel auf, so machte das ein Geräusch, als ob ein Nachtvogel mit dem Flügel eine Mauer streift; seinen Frack warf er in die Mitte des Zimmers und entledigte sich so seiner Trauerattribute. Sie hörte ihn umhergehen und beunruhigte sich bei der geringsten Bewegung, die er machte, sie sprang in die Höhe, wenn er sich an einem Möbel stieß oder das Geschirr umherrückte. Dieser verfluchte Säufer beschäftigte sie immerfort, sie hatte eine dumpfe Angst vor ihm, in die sich unbezwingliche Neugierde mischte. Er war immer lustig, immer halb betrunken, hustete, spie und sang in einem Atem; sprach mit sich selber und schlug an allen Wänden herum, ehe er sein Bett fand. Ganz blaß geworden, hörte sie ihm zu und fragte sich, was er wohl treibe; sie hatte entsetzliche Vorstellungen, sie setzte sich in den Kopf, er habe einen Leichnam mitgebracht und verstecke ihn unter seinem Bett. Mein Gott, in den Zeitungen standen ja oft solche Dinge; ein Angestellter der Beerdigungsgesellschaft hatte eine Menge Kindersärge bei sich aufgestellt, um sich die Mühe zu ersparen, so oft nach dem Kirchhof gehen zu müssen. Das stand einmal fest, so oft Bazouge vorbeiging, roch es nach Leichen durch das Schlüsselloch. Man glaubte, man lebe beim Père-Lachaise, mitten im Reiche der Maulwürfe. Es war etwas Schreckliches um ihn, diesen Kerl, der immer so allein für sich lachte, als ob sein Beruf so aufheiternd wäre. Selbst wenn er mit seinem Hexentanz fertig war und schon auf dem Rücken lag, so schnarchte er auf so eigentümliche Weise, daß der Büglerin der Atem dabei ausging. Stundenlang horchte sie zu, weil sie glaubte, daß immerfort Leichenzüge bei ihm vorbeigingen. Das Schlimmste dabei war, daß Gervaise sich davon so angezogen fühlte, daß sie ihr Ohr an die Wand drückte, um genauer zu hören, was vorging. Bazouge wirkte auf sie wie schöne Männer auf anständige Frauen; sie möchten sie gern anfassen, trauen sich aber nicht; ihre Erziehung hält sie davor zurück. Wenn die Furcht sie nicht zurückgehalten hatte, so hatte Gervaise gern einmal den Tod befühlt, um zu sehen, wie er eigentlich gemacht war. Sie war jetzt manchmal seltsam; mit angehaltenem Atem wartete sie auf ein Wort oder eine Bewegung von Bazouge, die ihr das Geheimnis offenbaren sollte, so daß Coupeau sie einmal höhnisch fragte, ob sie in den Leichenbesorger verliebt sei. Sie ekelte sich vor ihm, aber unwillkürlich, wenn der Alte mit seinem Kirchhofsgeruch nach Hause kam, verfiel sie wieder in ihre Betrachtungen und ihr Gesicht nahm den Ausdruck einer jungen Gattin an, die im Begriff ist, zum erstenmal ihre Ehe zu brechen. Hatte er ihr nicht schon zweimal angeboten, ihr den ewigen Schlaf zu bringen, dessen Seligkeit so groß sei, daß man dabei alles Elend vergißt? Wäre das nicht vielleicht doch das beste für sie? Die Versuchung wurde immer größer; einen Monat lang schlafen können, besonders den Mietsmonat im Winter, wenn sie unter der Last des Lebens zusammenbrach! Aber wenn man erst einmal angefangen hatte, mußte man ja immer weiterschlafen ... dieser Gedanke machte sie erstarren und ihre Liebe zum Tode verflog vor der ewigen und ernsten Freundschaft, welche die Erde verlangte. Aber eines Abends im Januar schlug sie mit beiden Fäusten an die dünne Wand. Sie hatte eine qualvolle Woche durchgemacht, alle Welt hatte sie umhergestoßen; sie hatte keinen Sou mehr und war mit ihrem Mut zu Ende. Es war ihr nicht gut, sie zitterte vor Fieber und vor den Augen tanzten ihr Flammen. Statt sich aus dem Fenster zu stürzen, wie sie erst wollte, fing sie an zu klopfen und zu rufen: »Vater Bazouge! Vater Bazouge!« Der Leichenbesorger zog gerade seine Schuhe aus und sang dabei: »Es waren drei schöne Mädchen!« »Vater Bazouge! Vater Bazouge!« schrie Gervaise mit ihrer ganzen Kraft. Hörte er denn nicht? Er sollte sie gleich mitnehmen, er konnte sie beim Genick fassen und dahin bringen, wo er die andern Frauen auch hinbrachte, die armen und die reichen, die er tröstete. Sein Lied tat ihr weh, denn sie sah darin die Verachtung des Mannes, der zuviel Liebschaften hat. »Was denn? Was denn?« stotterte Bazouge, »wem ist da schlecht? Komm schon, Mütterchen!« Aber bei der rauhen Stimme erwachte Gervaise wie aus einem Traume. Was hatte sie denn getan? Sie hatte an die Wand geschlagen, sicher. Das war für sie wie ein Schlag über die Beine, sie fühlte schon die großen Hände des Leichenbesorgers durch die Mauer kommen, um sie beim Schopf zu fassen. Nein, nein, sie wollte nicht, sie war noch nicht so weit. Hatte sie geklopft, so mußte das mit dem Ellenbogen gewesen sein, ohne daß sie sich dabei etwas dachte. Und ein Schauder lief ihr von den Knien bis zu den Schultern, wenn sie sich vorstellte, wie sie der Alte in den Armen halten würde, wenn sie schon steif wäre und das Gesicht wie ein Porzellanteller. »Na, ist denn da niemand mehr?« fragte Bazouge in das Schweigen. »Wartet, gegen Damen ist man schon zuvorkommend.« »Nichts, es ist nichts!« sagte endlich die Büglerin mit erstickter Stimme. »Ich brauche nichts. Danke.« Während der Leichenbesorger einschlief und dabei noch brummte, blieb sie ängstlich wach und horchte; sie wagte nicht sich zu rühren, weil sie Angst hatte, er könnte glauben, sie hatte noch einmal nach ihm geklopft. Sie schwor sich, von jetzt an acht auf sich zu geben. Und wenn sie schon im Todesröcheln liege, würde sie ihn doch nicht holen lassen. Sie sagte es, um sich Mut zu machen, denn zu gewissen Stunden fühlte sie trotz ihrer Angst noch immer diese fürchterliche Neigung. In ihrem elenden Winkel, inmitten eigener und fremder Sorgen, fand Gervaise ein schönes Vorbild des Mutes bei den Bijards. Die kleine Lalie, dieses achtjährige Kind, führte den Hausstand mit der Sauberkeit einer Erwachsenen; und das war nicht leicht, denn sie hatte für zwei kleine Kinder zu sorgen, ihren Bruder Jules und ihre Schwester Henriette, Rangen von drei und fünf Jahren, auf die sie den ganzen Tag aufpassen mußte, selbst beim Geschirrwaschen und Bodenreiben. Seit der Vater Bijard seine Frau durch einen Tritt in den Bauch getötet hatte, war Lalie die neue Mutter für die ganze Familie geworden. Ohne etwas zu sagen, nahm sie den Platz der Toten ein, und zwar so gründlich, daß diese Bestie von Vater, wahrscheinlich um die Greulichkeit vollkommen zu machen, jetzt die Tochter schlug, wie er früher die Mutter geschlagen hatte. Wenn er besoffen war, mußte er Frauen zum Niederschlagen haben. Er merkte es gar nicht, daß Lalie noch so klein war, er würde auf eine alte Haut auch nicht mehr gedroschen haben. Mit einem Schlag bedeckte er ihr Gesicht, und zwar derart, daß die fünf Finger noch zwei Tage lang zu sehen waren. Das waren ganz unberechtigte Züchtigungen, Schlage für ein »Ja« oder ein »Nein«; wie ein wütender Wolf über eine arme kleine Katze herfallt, die noch dazu so mager ist, daß man darüber weinen könnte. Wahrend dieser Unhold seine Tochter malträtierte, hielt sie still, ihre schönen Augen voll Ergebung und klagte nicht. Lalie widersetzte sich nie. Sie duckte sich höchstens ein wenig, um ihr Gesicht zu schützen; aber sie verbiß den Schmerz und schrie nicht, um das Haus nicht in Aufruhr zu bringen. Wenn ihr Vater müde war, sie noch länger mit Fußtritten in alle vier Ecken des Zimmers herumzustoßen, so wartete Lalie, bis sie wieder so viel Kraft hatte, sich aufzuraffen, und ging dann wieder an ihre Arbeit, wusch die Kinder, kochte das Essen und wischte allen Staub von den Möbeln. Es gehörte mit zu ihren täglichen Pflichten, sich schlagen zu lassen. Gervaise faßte eine innige Freundschaft für ihre kleine Nachbarin. Sie behandelte sie wie eine Gleichstehende, wie eine Frau, die das Leben kennt. Nun muß man sagen, daß Lalie ein blasses ernstes Gesicht hatte mit dem Ausdruck einer alten Jungfer. Man konnte sie für dreißig Jahre halten, wenn man sie sprechen hörte. Sie verstand gut einzukaufen, ihr Heim auszubessern und in Ordnung zu halten; von den Kindern sprach sie, als hätte sie selbst mindestens schon zwei oder drei gehabt. Erst mußte man lachen, wenn man sie so reden hörte, aber dann wendeten sich die Leute ab, weil es ihnen die Kehle zuschnürte und sie nicht in ihrer Gegenwart weinen wollten. Gervaise bemühte sich sehr um sie und tat für sie auch sonst, was sie konnte, sie gab ihr Essen und alte Kleider. Eines Tages paßte sie ihr eine alte Taille von Nana an, da geriet sie außer sich, als sie den Rücken des Kindes sah, der ganz blau angelaufen war; der Ellenbogen war aufgerissen und blutig und das ganze unschuldige Fleisch ihres kleinen Körperchens war gepeinigt und hing nur noch an den Knochen. Da konnte der Vater Bazouge seine Kiste bereithalten, lange konnte es auf diese Art nicht mehr dauern. Aber die Kleine bat Gervaise, doch ja nichts davon zu sagen, sie wolle nicht, daß ihrem Vater deshalb Ungelegenheiten gemacht würden. Sie verteidigte ihn noch und sagte, er habe es nicht böse gemeint, er wäre eben betrunken gewesen. Und dann wäre er ganz unsinnig und verrückt und wüßte nicht, was er tue. Oh, sie verzeihe ihm das, denn den Verrückten müsse man alles verzeihen. Von jetzt ab paßte Gervaise gut auf, um es zu verhindern, sobald sie Vater Bijard die Treppe heraufkommen hörte. Meistens bekam sie auch dabei ein paar Rippenstöße ab. Wenn sie am Tage eintrat, fand sie Lalie oft am Fußgestell des Bettes festgebunden. Das war so eine fixe Idee des Schlossers; ehe er fortging, band er dem Kinde Beine und den Bauch mit einem Stricke fest, man wußte nicht warum. Es war wohl die Verrücktheit, in dem durch Trunk zerstörten Hirn geboren, die Kleine auch in seiner Abwesenheit seine Macht fühlen zu lassen. So blieb Lalie oft tagelang, steif wie ein Pfahl, mit Ameisenbrummeln in den Beinen stehen, sogar einmal eine ganze Nacht hindurch, da Vater Bijard vergessen hatte, nach Hause zu kommen. Wollte sie Gervaise losbinden, bat die Kleine, die Stricke ja nicht in Unordnung zu bringen, Vater ärgert sich böse, wenn er dieselben Knoten nicht wiederfindet. Sie war nicht schlecht daran, sie ruhte sich aus, sagte sie lächelnd, und dabei waren ihre kleinen Engelsbeinchen geschwollen und wie abgestorben. Ihr größter Kummer war, daß sie dabei nichts arbeiten konnte und sie so die ganze Unordnung vor sich sehen mußte. Dabei überwachte sie die Kinder, zwang sie zur Folgsamkeit, Henriette und Jules rief sie zu sich, damit sie ihnen die Nasen putzen konnte; da ihre Hände frei waren, strickte sie, um nicht untätig zu bleiben. Die größte Pein erduldete sie, wenn Bijard sie losband; wohl eine Viertelstunde lang mußte sie sich auf dem Fußboden dahinschleppen, weil sie sich nicht aufrechterhalten konnte, da das Blut nicht zirkulierte. Noch ein anderes kleines Spiel hatte sich der Schlosser ausgedacht. Er legte Sousstücke in den Ofen; wenn sie rotglühend waren, legte er sie auf die Kaminecke. Dann rief er Lalie und sagte ihr, sie solle zwei Pfund Brot holen. Die Kleine nahm das Geld ahnungslos herunter, schrie auf und ließ es fallen, ihre kleine verbrannte Hand schüttelnd. Da wurde er wütend. Wer hatte ihm denn ein solches Mistvieh ins Haus gebracht. Sie verlor wohl schon das Geld! Er drohte ihr die Röcke vom Leibe zu reißen, wenn sie das Geld nicht sofort aufhebe. Als sie es nicht sofort tat, bekam sie einen Schlag, daß ihr alles wie Lichter vor den Augen tanzte. Stumm, mit großen Tränen in den Augen, ging sie mit dem aufgehobenen Geld davon; sie warf die Stücke dann in der hohlen Hand hin und her, um sie abzukühlen. Das ist nicht auszudenken, was so ein Säuferhirn alles erfinden kann. An einem Nachmittag hatte Lalie alles schön aufgeräumt und spielte mit den Kindern; das Fenster war weit offen und der Wind, der sich im Korridor verfangen hatte, stieß mehrere Male leicht gegen die Tür. »Das ist Herr Frechling!« sagte die Kleine, »Herr Frechling, kommen Sie doch gefälligst herein, nehmen Sie Platz.« Sie machte nach der Tür zu mehrere Verbeugungen und grüßte den Wind. Henriette und Jules traten hinter sie, grüßten mit und waren so entzückt von diesem Spiel, daß sie sich vor Lachen schüttelten, als ob sie gekitzelt würden. Lalie war gar rot vor Vergnügen, daß sie sich so gut unterhielten, was höchstens jeden sechsunddreißigsten des Monats vorkam. »Guten Tag, Herr Frechling, wie geht es Ihnen, Herr Frechling?« Da stieß eine rohe Hand die Türe auf und Vater Bijard trat ein. Nun veränderte sich die Szene auf einmal; Jules und Henriette fielen auf den Hintern gegen die Mauer vor Schrecken, Lalie blieb wie in einer Versteinerung mitten in der Verbeugung im Zimmer stehen. Der Schlosser hielt eine langstielige neue Fuhrmannspeitsche in der Hand, die lederne Schnur endete in einer seinen Schlinge. Er setzte die Peitsche in die Ecke neben das Bett; heute gab er der Kleinen nicht den gewohnten Fußtritt, den sie schon parierte, indem sie ihm die Hinterseite bot. Hohnlachend zeigte er all seine schwarzen Zähne, er war lustig und betrunken, sein versoffenes Kupfergesicht leuchtete vor Vergnügen über den neuen Scherz, den er sich ausgedacht hatte. »Nun!« sagte er, »du Schmutzfink, bist ja sehr lustig heute. Schon unten habe ich dich tanzen hören ... Nun komm her! noch näher, Donnerwetter! sieh mich gerade an; ich hab es nicht nötig, deine Fratze zu suchen. Was tu' ich dir schon, daß du wie Espenlaub zitterst? ... Zieh mir die Schuhe aus.« Lalie fühlte sich entsetzt, nicht ihre gewöhnliche Tracht Prügel zu bekommen, sie war jetzt ganz blaß geworden und zog ihm die Schuhe aus. Er saß am Rande des Bettes, legte sich jetzt mit allen Kleidern nieder und schaute jeder Bewegung der Kleinen im Zimmer zu. Sie drehte sich unter seinen Blicken so erschreckt herum, ihre Glieder waren ihr förmlich erstarrt, sie ließ plötzlich eine Tasse fallen. Ohne sich aufzurichten nahm er die Peitsche und zeigte sie ihr. »Du, sieh mal her, kleines Kalb, sieh dir das an, das ist ein Geschenk für dich. Ja, sieh, da hab ich wieder fünfzig Sous für dich ausgegeben ... Mit diesem Spielzeug erspar ich mir das Gehen, wenn du dich in die Ecken verkriechst. Willst du es einmal ausprobieren? Ach, du zerschlägst Tassen? ... Nun denn, vorwärts! Holla, tanze doch! Mach doch deine Verbeugungen an Herrn Frechling!« Er richtete sich nicht einmal auf; auf dem Rücken liegend, den Kopf in die Kissen gedrückt, ließ er die große Peitsche durch das Zimmer knallen und machte so einen Heidenlärm wie ein Postillon, der seine Pferde antreibt. Den Arm niedersenkend, erfaßte er Lalie in der Mitte des Körpers, rollte sie ein und ließ sie wieder los wie einen Kreisel; sie fiel und wollte auf allen Vieren flüchten, er fing sie aber wieder ein und setzte sie wieder auf die Füße. »Hopp, Hopp!« heulte er, »das ist der Viehtreibertanz! Nicht wahr, das ist hübsch an so einem Wintermorgen; ich liege ruhig im Bett, hole mir keinen Schnupfen, ich treff meine kleinen Kälber, ohne mir ein Bein zu verrenken. In die Ecke willst du? Klapp! da hab ich dich! Jetzt in die andere Ecke! Klapp, da hab ich dich auch. Auch wenn du dich unter das Bett verkriechst, ich würde dich doch hervorpeitschen. Hopp, Hopp, Hopplala!« Weißer Schaum kam ihm vor den Mund und seine gelben Augen traten aus den Höhlen. Lalie, schon ganz außer Atem, sprang heulend in allen vier Ecken des Zimmers umher, stürzte zu Boden, preßte sich an die Wände; aber die feine Schlinge der großen Peitsche erreichte sie überall und knallte um ihre Ohren wie ein abgeschossenes Geschütz und schnitt ihr lange blutende Striemen in das Fleisch. Es war ein wahrer Hexentanz, wie die Abrichtung eines Tieres. Die arme Katze sprang und schrie vor Schmerz; kaum atmen konnte sie mehr, da sie wie ein Gummiball auf und ab springen mußte. Sie ließ sich schlagen, ganz blind geworden, konnte sie sich nicht mehr abmühen, ein schützendes Asyl zu suchen. Diese Bestie von Vater triumphierte, er schimpfte sie Hurenbalg, und ob sie jetzt eingesehen habe, daß sie keine Hoffnung mehr hätte, ihm zu entkommen. In dem Moment trat Gervaise ein, aufgeschreckt durch das Geheul der Kinder. Vor diesem Bilde wurde sie von wütender Entrüstung ergriffen: »Ah! dieser infame Kerl!« schrie sie. »Wollt Ihr sie in Ruhe lassen! Ich zeige Euch der Polizei an, gleich werde ich das tun!« Bijard brummte wie ein wildes Tier, das man gestört hat, er stotterte: »Was wollten Sie denn, Hinkebein? Kümmern Sie sich um Ihre Angelegenheiten! Ich werde wohl Handschuhe anziehen müssen, wenn ich sie züchtige? ... Das mache ich ja nur, um sie munter zu machen, das sehen Sie doch, ihr nur zu zeigen, wie weit mein Arm reicht.« Nun holte er nochmals aus und traf Lalie ins Gesicht. Die Oberlippe wurde gespalten, das Blut strömte. Gervaise hatte einen Stuhl ergriffen und wollte damit auf den Schlosser stürzen. Aber die Kleine streckte bittend ihre kleinen Arme aus und versicherte, daß ihr gar nichts fehle und nun wieder alles gut wäre. Sie wischte sich mit dem Zipfel ihrer Schürze das Blut ab und beruhigte die Kinder, die heftig weinten, als ob sie die Peitschenhiebe bekommen hatten. Wenn Gervaise in Zukunft an Lalie dachte, wagte sie nicht mehr zu klagen. Gern hätte sie den Mut dieses achtjährigen Kindes gehabt, das ganz allein soviel zu erdulden hatte als soundso viel Frauen auf den verschiedenen Treppen. Sie hatte gesehen, wie sie während drei Monaten nur trockenes Brot zu essen hatte, wobei sie sich nicht an den Krusten sattessen konnte; sie war so mager und schwach, daß sie sich an den Wänden halten mußte, wenn sie ging; brachte sie ihr heimlich die Überreste einer Fleischmahlzeit, so brach ihr das Herz, wenn sie sie stumm mit nassen Augen das Essen hinunterwürgen sah, weil ihr Schlund kaum mehr die Nahrung durchließ. Trotzdem war sie immer zärtlich und ergeben; mit einer Vernunft, die über ihre Jahre ging, erfüllte sie die Pflichten einer Familienmutter, wobei sie ihr Leben opferte. An diesem lieben Geschöpf nahm sich Gervaise ein Beispiel, von ihr lernte sie, wie man Leiden tragen müsse. Lalie behielt in ihren großen schwarzen Augen den stummen ergebenen Blick, auf dessen Grund man ahnt, daß ihr Leben eine ewige Nacht und immerwährender Todeskampf sei. Nie kam eine Klage über ihre Lippen, nur in ihren weit geöffneten schwarzen Augen las man die Geschichte ihres Elends. Nun fing auch bei den Coupeaus das Gift des Totschlägers an zu wirken. Die Büglerin sah die Stunde kommen, wo auch ihr Mann zur Peitsche greifen würde, um sie tanzen zu lassen. Ihr eigenes Los machte sie natürlicherweise empfänglicher für das Schicksal der Kleinen. Ja, Coupeau ging zurück; die Zeit war vorüber, wo ihm der Trunk noch ein gesundes Aussehen gab. Er konnte sich jetzt nicht mehr auf den Bauch klopfen und lustig schreien, daß ihn der verdammte Suff fett mache, denn das erste ungesunde Fett der ersten Jahre war verschwunden, er wurde mager, sein Fleisch nahm die grünen Töne eines Aases an, das in einer Pfütze verfault. Er hatte allen Appetit verloren; auch der Geschmack am Brote verging ihm, er spie die Speisen an. Man hatte ihm das Essen noch so sorgfältig zubereiten können, der Magen versagte einfach den Dienst; auch die Zähne konnten nicht mehr kauen. Um sich auf den Beinen halten zu können, mußte er jeden Tag einen Schoppen Branntwein haben; das war seine Ration, sein Essen und Trinken, die einzige Nahrung, die er noch vertrug. In der Früh, wenn er aus dem Bette stieg, blieb er eine Viertelstunde lang am Bettrande sitzen, von Husten geschüttelt und mit den Zähnen klappernd; er mußte sich den Kopf halten, denn er spie Schleim und Galle, die ihm die Kehle zerkratzten. Das blieb nie aus, darauf konnte man wetten. Er fühlte sich auf den Beinen erst sicher, wenn er sein erstes Trostglas getrunken hatte; das war die beste Medizin, sie rann ihm wie Feuer durch die Gedärme. Aber im Laufe des Tages kamen die Krämpfe wieder. Zuerst spürte er ein gewisses Zucken und Hautprickeln an Händen und Füßen, er lachte und sagte, man habe ihm Bröseln ins Bett gestreut und die kitzelten ihn überall. Dann wurden ihm die Beine schwer, das Jucken verwandelte sich in schreckliche Krämpfe, die ihm die Glieder krumm zogen wie mit einem Schraubstock. Da lachte er nicht mehr, wenn er plötzlich mitten auf der Straße stehen bleiben mußte, weil er ganz betäubt war und ihm die Ohren sausten, während vor seinen Augen farbige Kreise tanzten. Dann wieder sah er alles gelb, die Häuser wackelten, er schwankte drei Sekunden voll Angst, hinzufallen. Ein andermal lief ihm bei Hellem Sonnenschein ein kalter Schauer den Rücken hinunter, als wenn ihn jemand mit Eiswasser begossen hätte. Was ihn am meisten ärgerte war, daß seine beiden Hände leicht zitterten; besonders die Rechte mußte irgend etwas Schlimmes getan haben, sie zitterte am meisten. Herrgott! War er denn kein Mann mehr? Wurde er ein altes Weib? Wütend spannte er seine Muskel an, ergriff ein Glas und wettete, daß er es unbeweglich halten würde wie eine Marmorstatue; aber trotz aller Anstrengung tanzte das Glas in seiner Rechten eine rasche Polka, hopste nach rechts, sprang nach links und zitterte dabei immer ganz schnell und regelmäßig. Dann goß er es hinter die Binde und heulte wütend, wenn er erst ein Dutzend getrunken hatte, dann würde er eine Tonne tragen, ohne zu zittern. Gervaise sagte im Gegenteil, wenn er weniger trinke, würde es aufhören. Er hörte aber nicht auf sie, sondern trank den Branntwein literweise, um in Schwung zu kommen; er wütete und gab den vorbeifahrenden Omnibussen Schuld, wenn er schwankte. Im Monat März kam Coupeau eines Abends bis auf die Knochen naß nach Hause; er kam mit Mes-Bottes von Montrouge, wo sie sich Aalsuppe geleistet hatten. Von der Barriere Poissonnier an waren sie im Sturzregen gelaufen, das war hübsch weit. In der Nacht bekam er einen verdammten Husten, er war sehr rot und bekam heftig Fieber, daß es ihn nur so schüttelte. Am Morgen schickten die Boches ihren Arzt, der ihn untersuchte und den Kopf schüttelte; er nahm Gervaise auf die Seite und riet ihr, ihren Mann gleich in ein Krankenhaus bringen zu lassen, er hätte Lungenentzündung. Gervaise war nicht böse, das war sicher. Früher hätte sie sich lieber zerhacken lassen, als ihren Mann ins Lazarett zu geben. Aber bei dem Unglück in der Rue de la Nation waren ihre ganzen Ersparnisse draufgegangen, um ihn zu pflegen. Und diese schönen Gefühle waren nicht mehr am Platze, wenn die Männer in den Schmutz sanken. Nein, nein, jetzt machte es ihr kein Ohrensausen; sollten sie ihn ihr wegnehmen und nicht mehr wiederbringen, sie würde sich sogar noch bedanken. Als aber der Krankenwagen kam und Coupeau wie ein Möbelstück aufgeladen wurde, kniff sie doch die Lippen zusammen und wurde ganz blaß; und wenn sie auch fand, daß es so ja doch am besten sei, ihr Herz war nicht dabei und sie hätte gern zehn Francs in der Kommode gehabt, um ihn nur dabehalten zu können. Sie begleitete ihn ins Hospital Lariboisiere und sah zu, wie die Krankenwärter ihn ins Bett brachten, am Ende eines Saales, wo die Kranken mit todbleichen Gesichtern lagen. Sie folgten dem Kameraden, den man da brachte, mit den Augen. Der Raum war wie eine Leichenhalle, voll Fieberdunst, daß man erstickte, und die Schwindsuchtsmusik machte einem fast die Lungen ausspeien; dabei hatte der Saal etwas Ähnlichkeit mit einem kleinen Père-Lachaise, die Reihen der weißen Betten sahen aus wie Gräber. Als Gervaise sah, daß ihr Mann ruhig auf dem Kissen lag, ging sie fort, ohne ein Abschiedswort zu finden, und unglücklich, nichts in der Tasche zu haben für ihn. Vor dem Hospital blickte sie sich um und warf einen Blick auf das Gebäude. Sie dachte daran, wie Coupeau früher über den Rand des Daches gebeugt da oben seine Zinkplatten legte und dabei in der Sonne sang. Damals trank er noch nicht und hatte eine Haut wie ein junges Mädchen. Von ihrem Fenster im Hotel Boncoeur aus hatte sie ihn mit den Augen gesucht und gefunden, er war ganz von blauem Himmel umgeben. Sie winkten sich dann immer mit ihren Taschentüchern und warfen sich lächelnd Kußhände zu. Aber jetzt war er nicht mehr auf den Dächern gleich munteren zwitschernden Sperlingen; jetzt hatte er sein Nest unter dem Dach gebaut und zehrte wohl von seinem letzten Speck. Mein Gott! Wie weit fort schien heute die Zeit ihrer Liebe! Nach zwei Tagen kam Gervaise wieder, um sich nach Coupeau zu erkundigen, und fand sein Bett leer. Eine der Schwestern erklärte ihr, Coupeau sei ins Asyl Sainte-Anne überführt worden, weil er Tobsuchtsanfälle bekommen habe. Er hatte geheult und versucht, sich den Kopf an der Wand zu zerschlagen, so daß keiner der andern Kranken schlafen konnte. Die Büglerin ging ganz zerschmettert nach Hause. Also ihr Mann war verrückt! Das Leben war doch seltsam, wenn man's so gehen läßt. Nana schrie, er müsse im Spital bleiben, denn er würde sonst alle beide umbringen. Erst am Sonntag konnte Gervaise nach Sainte-Anne gehen; das war eine wahre Reise. Glücklicherweise ging der Omnibus, der vom Boulevard Rochechouart nach la Glacière führte, am Asyl vorbei. Sie stieg in der Rue de la Santé ab und kaufte zwei Apfelsinen, um nicht ganz mit leeren Händen zu kommen. Das Asyl war auch so ein Gebäude mit grauen Höfen und unendlichen Korridoren; auch der Geruch von alten verdorbenen Arzneien brachte keine besonders heitere Stimmung hervor. Als man sie endlich bis in seine Zelle führte, war sie überrascht, Coupeau fast munter zu sehen. Er saß gerade auf dem Thron, einem sauberen Holzkasten, von dem gar kein Geruch ausging. Sie lachten darüber, sich so wiederzusehen, er in voller Tätigkeit. Nicht wahr? Benahm er sich als Kranker nicht ausgezeichnet? Er saß da wie ein Papst und sein Redestrom floß wie früher. Oh, jetzt geht es ihm besser, weil alles wieder in Ordnung war. »Und die Entzündung?« fragte die Wäscherin? »Rein weg!« antwortete er. »Im Handumdrehen haben sie mir das wieder weggeschafft! Ich huste noch ein wenig, aber das ist das letzte beim Auskehren.« Als er seinen Thron verließ und wieder im Bett lag, scherzte er weiter: »Du hast eine gute Nase, hast keine Angst vor einer Prise!« Und sie lachten noch mehr. Im Grunde freute sie sich. Das war so ihre Art, ihre Zufriedenheit auszudrücken, daß sie keine Phrasen machten und nur auf nette Weise scherzten. Man muß einmal Kranke gepflegt haben, um zu sehen, was das für eine Freude ist, sie wieder nach jeder Richtung hin tätig zu sehen. Dann gab sie ihm die beiden Apfelsinen, was ihn sehr rührte. Er wurde wieder liebenswürdig und anhänglich, seit er Tee trank und sein Herz nicht auf den Schanktischen der Kneipen lassen konnte. Sie sprach ihm endlich auch von seiner Geistesstörung und war überrascht, ihn so wie in alten Tagen vernünftig sprechen zu hören. »Ja, ja,« sagte er, »ich habe einen schönen Unsinn zusammengeredet,« und machte sich über sich selbst lustig. »Denke dir, ich sah Ratten; ich lief ihnen auf allen Vieren nach, wollte ihnen Salz unter den Schwanz streuen, und du riefst nach mir, du warst von Männern bedroht, kurz, alle möglichen Dummheiten, ich sah Gespenster am Tage ... Ich habe alles ganz gut behalten, der Gedankenkasten ist also noch solide ... Jetzt ist das vorbei; ich träume wohl, wenn ich einschlafe, habe Albdrücken, aber das haben fast alle Leute!« Gervaise blieb bis zum Abend bei ihm. Als um sechs Uhr der Unterarzt zur Visite kam, ließ er ihn die Hände ausstrecken; sie zitterten fast gar nicht mehr, nur an den Fingerspitzen ein wenig. Als die Nacht hereinbrach, wurde Coupeau unruhiger. Zweimal stand er von seinem Lager auf und schaute auf den Boden in die dunkeln Ecken des Raumes. »Was siehst du denn?« fragte Gervaise erschrocken. »Da sind schon wieder Ratten!« murmelte er. Nach kurzem Schweigen schien er einzuschlafen; aber er warf sich herum und sprach abgerissene Sätze. »Heiliger Himmel! Sie fressen mir die Haut durch! ... Oh, die ekelhaften Tiere! ... Halt fest! Nimm deine Röcke zusammen! Paß doch auf, die Bande ist ja hinter dir. Donnerwetter! Da haben sie sie umgeworfen und sie lachen noch! ... Ekelhafte Bande! Haufen Ungeziefer! Räuberbande!« Er schlug ins Leere, zog die Decke hoch, rollte sie über seiner Brust zusammen, als wolle er sie gegen den Überfall der Männer schützen, die ihr Gewalt antun wollten. Als nun ein Wärter kam, zog sich Gervaise ganz starr vor Entsetzen zurück. Als sie nach einigen Tagen wiederkam, fand sie Coupeau vollständig hergestellt. Selbst die Träume und das Albdrücken waren vergangen, er schlief wie ein Kind seine sechs Stunden, ohne ein Glied zu rühren. Man erlaubte seiner Frau, ihn mit nach Hause zu nehmen. Der Unterarzt gab ihr beim Hinausgehen noch gute Lehren auf den Weg und riet ihr, darüber nachzudenken. Wenn er wieder zu trinken anfängt, so verfällt er wieder in die Krankheit und muß dann unrettbar sterben. Ja, er hatte es jetzt ganz allein in der Hand. Er hat jetzt gesehen, wie frisch und munter man wird, wenn man sich nicht betrinkt. Nun denn! er solle zu Hause das mäßige Leben fortführen, das er in Saint-Anne führte, und denken, er wäre immer noch hinter Schloß und Riegel und es gäbe gar keine Wein- und Schnapsbudiken. »Dieser Herr hat recht!« sagte Gervaise im Omnibus, der sie nach der Rue de la Goutte d'Or zurückbrachte. »Gewiß hat er recht!« antwortete Coupeau. Als er dann nachgedacht hatte, sagte er einen Augenblick später: »Oh, du weißt, ein kleines Glas hin und wieder, das kann ja keinen Menschen töten, das hilft verdauen!« Noch an demselben Abend trank er ein kleines Glas Kümmel zur Verdauung. Acht Tags lang war er noch leidlich vernünftig. Eigentlich hatte er Angst, denn der Gedanke, in Vicêtre zu enden, hatte wenig Erfreuliches für ihn. Aber bald gewann die Leidenschaft zum Trunk wieder die Oberhand; dem ersten Glase Schnaps folgte ein zweites, drittes und viertes; sobald der Zahltag da war, war er wieder auf seiner gewohnten Ration, einem Schoppen Rachenputzer jeden Tag. Gervaise geriet so außer sich, daß sie ihm am liebsten den Schädel eingeschlagen hätte. Wie konnte sie nur so dumm sein und noch einmal von einem ehrbaren, anständigen Leben träumen, als sie ihn im Asyl wieder bei vollem Verstande gesehen hatte! Da war wieder eine freudige Stunde vorübergegangen, sicherlich die letzte. Oh, jetzt sah sie, daß nichts ihn heilen konnte, nicht einmal die Furcht vor einem elenden Ende! Jetzt schwur sie sich, keine Rücksichten mehr zu nehmen; nun mochte die Wirtschaft gehen wie sie wollte, sie kümmerte sich nicht mehr darum, sie gab sich das Wort, das Vergnügen zu suchen, wo es auch sei. Das Leben, das jetzt begann, war aber die Hölle. Tiefer und tiefer sank die Familie in Schmutz, ohne jeden Schimmer von Hoffnung, daß es je besser werden könnte. Wenn Nana von ihrem Vater Schläge bekam, fragte sie wütend, warum denn dieses Vieh nicht im Spital geblieben wäre? Sie sagte, sie warte nur darauf, bis sie Geld verdiente, um es ihm geben zu können, damit er sich Branntwein dafür kaufen sollte, damit er schneller verrecke. Gervaise ihrerseits, als Coupeau ihre Heirat bereute, wurde böse. So? Sie hätte ihm gebracht, was andere nicht mehr wollten? Was? Sie hätte sich von der Straße auflesen lassen, ihn mit ihrer scheinheiligen Miene dazu verführt? An Unverschämtheit fehlte es ihm wirklich nicht! Zum Teufel! Soviel Worte, soviel Lügen! Sie wollte nichts von ihm wissen, das war die Wahrheit! Auf den Knien war er vor ihr herumgerutscht, um sie zur Entscheidung zu bewegen, während sie ihm den Rat gab, es sich gut zu überlegen. Wenn das noch einmal zu machen wäre, würde sie nein sagen! Sie würde sich eher den Arm abhacken lassen. Allerdings, sie hatte schon vor ihm einen gehabt; aber eine Frau, die nicht als Jungfer in die Ehe kommt und arbeitet, ist immer noch mehr wert als ein Faulenzer von Mann, der seine Ehre und die seiner Familie an den Schanktischen läßt. An diesem Tage gab es bei Coupeaus die erste Prügelei, es wurde so zugeschlagen, daß ein alter Regenschirm und ein Besen zerbrachen. Gervaise hielt Wort. Sie vernachlässigte sich noch mehr; sie blieb immer öfter vom Atelier fort, vertrödelte ganze Tage und wurde schlapp bei der Arbeit. Wenn ihr etwas aus der Hand fiel, ließ sie es liegen, sie mochte sich nicht danach bücken. Auf diese Art setzte sie tüchtig Speck an, den wollte sie nicht wieder verlieren. Sie versank ganz in Faulheit und kehrte höchstens, wenn der Schmutz so hoch war, daß sie drüber stolperte. Gingen Lorilleux' bei ihrem Zimmer vorüber, taten sie, als hielten sie sich die Nase zu; das reinste Gift, sagten sie. Die lebten heimlich am Ende des Ganges und verschlossen die Ohren vor allem Elend, das in der andern Ecke des Hauses nistete; sie verschlossen die Tür, denn sie fürchteten, um zwanzig Sous angepumpt zu werden. Diese gutherzigen, hilfreichen Nachbarn! Man brauchte nur anklopfen und um Feuer bitten oder um eine Prise Salz oder ein Glas Wasser, da konnte man sicher sein, daß sie einem die Türe vor der Nase zuschlugen. Dabei hatten sie Zungen wie Vipern! Sie schrien, daß sie sich nie um andere kümmerten; nein, wenn es sich darum handelte, hilfreich zu sein, dann sicher nicht, aber vom Morgen bis Abend sich über andere das Maul zerreißen, das konnten sie! Die Tür verschlossen, das Schlüsselloch verstopft und vor dem Fenster eine dichte Decke, weideten sie sich an Klatschgeschichten, ohne eine Sekunde lang ihre Goldfäden loszulassen. Das Zugrundegehen des Hinkebeins gab ihnen Stoff für den ganzen Tag. In was für einer Klemme sie war, wie sie herunterkam! Sie paßten ihr auf, wenn sie einkaufen ging, und machten sich lustig über das kleine Stückchen Brot, das sie unter ihrer Schürze heimbrachte. Sie berechneten die Tage, wo sie vor dem leeren Speiseschrank stand; sie wußten, wie hoch der Staub dort lag und wieviel Teller vergeblich auf das Abwaschen warteten; jede dieser Versäumnisse schrie von Faulheit und Elend. Und erst ihre Kleider, so widerliche Lumpen würde nicht einmal eine Lumpensammlerin aufheben. Gott, o Gott! Der regnete es schon in die Bude, dieser schönen Blondine, dieser Hure, die ihren Hintern nicht genug drehen konnte, als sie noch den schönen blauen Laden hatte. Das kommt davon, wenn man Schnaps trinkt, naschhaft ist und Fressereien veranstaltet. Gervaise, die wohl wußte, wie man über sie loszog, schlich sich auf Strümpfen an die Tür und lauschte, aber sie konnte nichts verstehen. Nur einmal hörte sie, wie man sie »die dicke Hängebrust« nannte, wahrscheinlich, weil ihre Brust trotz der schlechten Nahrung auffallend stark blieb. Aber das ließ sie ziemlich kalt, sie hörte nicht auf, mit ihnen zu sprechen, um keinen Anlaß zum Gerede zu geben, aber sie wußte wohl, daß sie von diesen Leuten nichts anderes als Beschimpfungen und Beleidigungen zu erwarten hatte. Sie war zu schlaff, um zu antworten oder sie wie einen Haufen Torheit und Bosheit sich selbst zu überlassen. Wozu auch? Sie wollte ihr Vergnügen, stillsitzen und die Daumen drehen, mehr brauchte es nicht. Eines Samstags hatte Coupeau versprochen, sie in den Zirkus zu führen. Damen auf Pferden galoppieren und durch papierbeklebte Reifen springen zu sehen, das stand schon dafür, sich vom Fleck zu rühren! Coupeau hatte gerade seinen vierzehntägigen Lohn ausbezahlt bekommen, er konnte also vierzig Sous dranwenden, sie wollten sogar außer Haus essen. Nana hatte an diesem Abend eines eiligen Auftrages wegen sehr lange zu arbeiten. Als es sieben Uhr war, kein Coupeau; um acht Uhr, immer noch niemand. Gervaise war wütend. Sicher verpraßte ihr Saufbold den ganzen Lohn mit seinen Kameraden beim Weinwirt des Viertels. Sie hatte sich eine Haube gewaschen und den ganzen Tag gequält, die Löcher ihres Kleides zu stopfen, um anständig auszusehen. Endlich, gegen neun Uhr, entschloß sie sich, rot vor Zorn und mit leerem Magen, Coupeau in der Umgebung zu suchen. »Sie suchen Ihren Mann?« rief ihr Frau Boche zu, als sie sie so wütend vorbeigehen sah. »Er ist bei Vater Colombe. Boche hat eben mit ihm Kirschschnaps getrunken.« Sie sagte danke. Sie ging gerade die Straße hinunter, um Coupeau unter die Augen zu treten. Es regnete ganz sein, das machte ihren Spaziergang noch unangenehmer. Als sie in die Nähe des Totschlägers kam, hatte sie plötzlich Angst, Coupeau möchte ihr eine Szene machen, wenn er sie sähe; das machte sie vorsichtig. Die Kneipe erstrahlte in sonnenhellen Flammen, worin sich das Glas spiegelte, Pokale und Flaschen blitzten an den Wanden, in farbigen Gläsern. Dort blieb sie einige Augenblicke vorgebeugt stehen und schaute durch die Scheiben zwischen zwei Flaschen auf dem Schaufensterbrett hindurch. Dort sah sie Coupeau mit Kameraden zusammen ganz hinten sitzen an einem eisernen Tisch; alle schwammen im blauen Tabaksdampf. Man konnte nicht hören, wie sehr sie schrien, da man sie nur lebhaft gestikulieren sah; so machten sie einen komischen Eindruck mit ihren vorgestreckten Köpfen und herausgequollenen Augen. Wie war es denn nur möglich, daß diese Männer ihre Frauen und ihr Heim verließen, um sich in ein solches Loch hineinzusetzen, in dem sie fast erstickten! Der Regen tropfte ihr in den Nacken; sie richtete sich wieder auf, ging auf den äußern Boulevard, um zu überlegen, was sie nun tun sollte, denn sie wagte es nicht, hineinzugehen. Ja, das schien doch kein Ort für eine ehrbare Frau zu sein. Ja, Coupeau würde ihr wohl keinen schönen Empfang bereitet haben, wenn man ihn da gestört hätte. Als sie so zögernd in all der Nässe dahinging, fröstelte sie ordentlich, sie dachte, sie würde sich da eine unangenehme Krankheit zuziehen. Noch zweimal ging sie zurück und schaute immer wieder durch die Scheiben, stets saßen sie noch da, die verdammten Säufer, und tranken und grölten dazu. Der Lichtstrom aus dem Totschläger spiegelte sich in den Wasserpfützen auf der Straße, auf deren Oberfläche die Regentropfen eine fortwährende Bewegung hervorbrachten. Wieder ging sie fort und stapfte herum und schaute nach der Türe, die auf und zu fiel, wobei die kupfernen Beschläge klapperten. Endlich kam sie sich doch zu dumm vor, sie stieß plötzlich die Türe auf und ging gerade auf den Tisch zu, an dem Coupeau saß. Es war doch ihr Mann! Nach dem durfte sie doch fragen, gerade heute, da er ihr versprochen hatte, sie in den Zirkus zuführen. Um so schlimmer! Sie wollte nicht wie ein Stück Seife auf dem Trottoir schmelzen. »Ah! sieh da! Du bist es, Alte!« schrie der Zinkarbeiter, und erstickte fast vor Lachen. »Nein, ist sie komisch! Nicht wahr, sie ist zu komisch!« Alle lachten, Mes-Bottes, Bibi-la-Grillade, die Salzfresse. Ja, das kam allen komisch vor, obgleich sie nicht sagten, warum. Gervaise stand etwas betreten an dem Tisch. Coupeau kam ihr gut gelaunt vor, deshalb wagte sie zu sagen: »Du weißt doch, wir wollen doch zusammen dahin gehen! Wenn wir uns ein wenig eilen, kommen wir noch zurecht, um etwas zu sehen!« »Ich kann nicht aufstehen, ich bin festgeklebt! Ja, ohne Spaß,« fing Coupeau wieder aufs neue lachend an. »Versuche es einmal selbst, damit du dich überzeugen kannst, zieh an meinem Arm, so stark du kannst! Donnerwetter, stärker ... Holla! Zieh an! ... Du siehst, der Schuft, Vater Colombe, hat mich festgeschmiedet!« Gervaise hatte sich zu diesem Spiel herbeigelassen; als sie endlich seinen Arm losließ, fanden sie alle diesen Spaß so komisch, daß sie sich schreiend auseinanderwarfen, sich die Schultern reibend wie Esel, wenn sie gestriegelt werden. Dem Zinkarbeiter konnte man in den Mund sehen, so weit riß er seinen Mund auf. »Dummes Tier!« sagte er endlich, »setz dich für einen Moment daher! Es ist doch hier besser, als draußen herumzupatschen. Nun, ich bin nicht nach Hause gekommen, weil ich zu tun hatte. Auch wenn du ein Gesicht machst, das ändert doch nichts an der Sache. Macht mal Platz, ihr andern!« »Wenn Madame auf meinem Schoß Platz nehmen will, da ist es weicher!« sagte der galante Mes-Bottes. Gervaise wollte kein Aufsehen machen und nahm einen Stuhl und setzte sich in einiger Entfernung vom Tisch. Sie schaute, was die Männer tranken: »Rachenputzer«, das glänzte wie Gold in den Gläsern. Auf dem Tische war Schnaps übergelaufen, die Salzfresse tauchte seinen Finger hinein und schrieb einen Frauennamen – Eulalie – mit großen Buchstaben. Sie fand Bibi-la-Grillade sehr heruntergekommen, er war so mager wie eine Hopfenstange. Mes-Bottes' Nase blühte wie eine blaue Georgine. Alle vier waren sehr schmutzig, ihre struppigen, ungekämmten Bärte sahen wie Besen aus, ihre Blusen hingen in Fetzen um sie herum und ihre schwarzen Hände zeigten schwarze Trauerränder. Wirklich, in der Gesellschaft konnte man sich schon sehen lassen. Trotzdem sie schon seit sechs Uhr zechten, waren sie erst gerade soweit, daß sie ihrer liebenswürdigen Laune die Zügel schießen ließen. Gervaise sah am Schanktisch zwei andere, die dabei waren, sich mit Trinken den letzten Rest zu geben; sie gossen sich den Schnaps unter dem Kinn aufs Hemd und glaubten, sie spülten sich die Kehle. Der dicke Colombe streckte seine starken Arme aus, die den Respekt im Lokal aufrechterhielten, und goß ruhig einen Satz nach dem andern ein. Es war sehr heiß und der Rauch wogte unter der Decke wie ein Nebel; unten hüllte er die Trinker in immer dickere Wolken ein, aus denen der betäubende Lärm der Stimmen, das Anstoßen der Gläser, die Flüche und Faustschläge auf die Tische wie Explosionen klangen. Gervaise machte ein merkwürdiges Gesicht, an so etwas nicht gewöhnt, war es gerade kein sehr aufmunternder Anblick; sie erstickte fast, die Augen schmerzten ihr und von all den Alkoholdünsten, die den ganzen Saal erfüllten, wurde ihr der Kopf schwer. Auf einmal empfand sie Unbehagen, als sei etwas hinter ihrem Rücken. Sie wendete sich um und sah den Destillierapparat. Diese Sufferzeugungsmaschine arbeitete auf dem mit Glas überdeckten engen Hof mit dumpfem Zittern ihrer teuflischen Eingeweide. Abends waren die Kupferkessel noch düsterer anzuschauen, weil nur auf der Höhe ihrer Rundungen ein leuchtendes Licht lag. Der Schatten, den die Maschine an die Mauer des Hofes warf, hatte bizarre Formen, Ungeheuer mit Schwänzen und aufgesperrten Rachen, um eine Welt damit zu verschlingen. »Hör mal, Marie Süßschnabel, verzieh nicht dein Maul!« schrie Coupeau. »Du weißt, zum Teufel die Spielverderber! ... Was willst du trinken?« »Nichts, gar nichts,« sagte die Büglerin. »Ich hab noch nichts gegessen.« »Nun gut! Ein Grund mehr; ein Schluck davon hält dich aufrecht.« Aber als sie sich nicht entschließen konnte, zeigte sich Mes-Bottes galant. »Gnädige Frau lieben gewiß Süßigkeiten«, meinte er. »Ich liebe Männer, die sich nicht betrinken,« antwortete sie geärgert. »Ja, ich liebe es, wenn man seinen Lohn nach Hause bringt und sein Wort hält, wenn man etwas versprochen hat.« »Ach so, deshalb so kratzbürstig!« sagte der Zinkarbeiter und lachte weiter. »Du willst deinen Anteil? Also, du dummes Vieh, warum nimmst du dann nichts? ... Nimm, das ist ganz nützlich!« Sie sah ihm sehr ernst gerade in die Augen und auf ihrer Stirn erschien eine Falte wie ein schwarzer Strich. Dann sagte sie langsam: »Um so besser! Du hast recht, das ist eine gute Idee. Auf die Art vertrinken wir das Geld gemeinsam!« Bibi-la-Grillade stand auf, um ihr ein Glas Anisette zu holen. Sie nahm einen Stuhl und setzte sich an den Tisch. Während sie so ihre Anisette ausschlürfte, kam ihr plötzlich eine Erinnerung; sie dachte an die Pflaume, die sie mit Coupeau da bei der Tür gegessen hatte, als er noch um sie warb. Damals rührte sie den Saft der eingelegten Frucht nicht an und jetzt saß sie hier und suchte im Likör ihr Heil. Oh, sie kannte sich, sie hatte nicht für zwei Sous Energie im Leibe. Man brauchte ihr nur einen kleinen Stoß zu geben und sie stürzte in den Abgrund des Trunkes. Gerade das schien ihr das richtige, die Anisette war nur etwas zu süß, zu weichlich. So schlürfte sie an ihrem Glas und hörte zu, wie die Salzfresse von seiner Liebschaft mit der großen Eulalie erzählte: sie war Fischverkäuferin und ein verdammt geriebenes Frauenzimmer, eine Person, die es förmlich roch, in welcher Kneipe er gerade saß, wenn sie ihren kleinen Wagen vor sich her über das Pflaster schob; seine Kameraden konnten ihn noch so zeitig warnen und verstecken, sie faßte ihn doch ab. Erst gestern abend hatte sie ihm eine mächtige Ohrfeige heruntergehauen, weil er seine Werkstatt geschwänzt hatte. Bibi-la-Grillade und Mes-Bottes hielten sich die Seiten vor Lachen und schlugen Gervaise freundschaftlich auf die Schultern, die gegen ihren Willen mitlachen mußte, als ob sie gekitzelt würde. Sie gaben ihr den Rat, es wie Eulalie zu machen, sie könne ja ihre Eisen mitbringen und Coupeau auf dem Schanktisch die Ohren ausbügeln. »Danke schön!« schrie Coupeau, der das Glas Anisette seiner Frau umkehrte. »Du hast das gut ausgelutscht! Schaut her, die Nagelprobe, nicht ein Tropfen mehr drin!« »Gnädigste verdoppeln?« fragte die Salzfresse. Nein, sie hatte genug. Sie sagte es zögernd. Die Anisette machte ihr Übelkeiten. Sie hätte lieber etwas Scharfes gehabt, was ihr ordentlich den Magen auswärmte. Sie warf verstohlene Blicke auf die Trinkmaschine hinter ihr. Dieser verdammte Kochtopf war rund und dick wie ein großer Teekessel und seine verlängerte Nase wand sich, daß sie Gänsehaut bekam, zugleich auch eine sonderbare Furcht, in die sich eine gewisse Begierde mischte. Ja, man konnte sagen, es seien metallene Eingeweide einer Hexe, die Tropfen um Tropfen feurigen Giftes aus ihren Gedärmen ließen. Eine abscheuliche Quelle, eine Manipulation, die man im tiefsten Keller verbergen sollte, so frech und abscheulich war sie! Aber das macht nichts, sie wollte auch einmal da hineinstecken, den Duft einziehen und von der Schweinerei kosten, und wenn sie ihre Zunge daran verbrennen würde, daß sie sich schälte wie eine Orange. »Was trinkt ihr denn da?« fragte sie heimlich die Männer, und ihre Augen leuchteten beim Anblick der schönen Goldfarbe in den Gläsern. »Das, meine Alte,« antwortete Coupeau, »das ist Papa Colombes Kampfer ... Sei nicht dumm, wir werden dich davon kosten lassen.« Als man ihr ein Glas von diesem Vitriol gebracht hatte und sich ihr nach dem ersten Schluck die Kinnbacken zusammenzogen, rief der Zinkarbeiter, indem er sich auf die Schenkel schlug: »Da mußt du pfeifen, was! Das kuriert! ... Auf einen Zug mußt du das kippen. Jede Runde davon zieht dem Arzt sechs Francs aus der Tasche.« Beim zweiten Glase spürte Gervaise den Hunger nicht mehr, der sie bis dahin gequält hatte. Jetzt war sie mit Coupeau ausgesöhnt, jetzt verzieh sie ihm, daß er ihr nicht Wort gehalten hatte. Sie konnten ein anderes Mal in den Zirkus gehen, es war auch nicht so lustig, diesen Faxenmachern zuzusehen, wie sie auf ihren Pferden herumgaloppierten. Es regnete nicht bei Vater Colombe, und wenn der Lohn auch zerrann wie Schnee an der Sonne, so wärmte er einem doch noch den Leib, man trank ihn wie flüssiges Gold. Ach, sie pfiff auf alle Welt. Das Leben bot ihr nicht viel Vergnügen; übrigens war es ihr ein Trost, daß sie nun ihre Hälfte mitvergeudete. Sie fühlte sich wohl hier, warum sollte sie nicht bleiben? Von ihr aus konnte man mit Kanonen schießen, sie würde sich jetzt nicht darum scheren. Sie schmorte vor Hitze und ihre Bluse klebte ihr an der Haut. Eine Wohligkeit durchströmte sie, die sie fast einschläferte. Sie lachte ohne jeden Grund, mit aufgestützten Ellbogen und schwimmenden Augen. Zwei Gäste amüsierten sie sehr, ein großer Dicker und ein Knirps, die an einem Nebentisch saßen, die so betrunken waren, daß sie sich umarmten und mitten ins Gesicht küßten. Ja, sie lachte im Totschläger über das Vollmondgesicht des Vaters Colombe, das wie eine gefüllte Schweinsblase aussah, über die Gäste, die ihre kurzen Tonpfeifen rauchten, schrien und spuckten; über die großen Gasflammen, die von den Spiegeln und Likörflaschen widerstrahlten. Auch der Geruch war ihr nicht mehr lästig, im Gegenteil, es kitzelte ihre Nase, sie fand, daß es gut roch. Ihre Wimpern schlossen sich zur Hälfte, sie atmete kurz, ohne Beschwerden, und genoß diese Glückseligkeit des Halbschlafes, der über sie kam. Als sie ihr drittes Glas getrunken hatte, ließ sie ihr Kinn auf die Hände sinken. Sie sah nur noch Coupeau und seine Kameraden; sie blieb nun Kopf an Kopf bei ihnen, ganz dicht, der heiße Atem machte ihre Backen erglühen, sie schaute ihnen so genau auf ihre schmutzigen Bärte, als ob sie alle Haare darin zahlen wollte. Und alle waren betrunken. Mes-Bottes lief der Speichel von der Pfeife im Munde herunter, und er sah dabei so ernst und würdig aus wie ein eingeschlafener Ochse. Bibi-la-Grillade erzählte, er könne einen Liter Wein auf einen Zug austrinken, indem er die Flasche austrinke, ohne sie mit den Lippen zu berühren. Inzwischen ging die Salzfresse an den Schanktisch, um das Drehspiel zu holen und mit Coupeau die Zeche auszuknobeln. »Zweihundert! ... Du bist ein Spitzbube, du holst immer die großen Nummern heraus!« Die Feder des Spiels knackte, das Bild der Fortuna, einer großen roten Frau, die hinter dem Glas an der Trommel angebracht war, drehte sich so schnell, daß sie nur mehr wie ein roter Fleck aussah, wie ein Weinfleck. »Dreihundert! ... Bist du denn hineingetreten, verfluchter Schlingel? Ich spiele nicht mehr!« Gervaise interessierte sich für dieses Spiel. Sie trank jetzt in großen Zügen und nannte Mes-Bottes »mein lieber Junge«. Hinter ihr aber arbeitete die Schnapsmaschine wie das Murmeln eines Baches immer weiter; sie verzweifelte daran, sie anzuhalten und auszuschöpfen, ein dumpfer Zorn erfüllte sie gegen die Maschine, sie hatte die größte Lust, wie auf ein wildes Tier auf sie loszustürzen und ihr den Bauch mit Fußtritten zu bearbeiten. Alles ging ihr wirr durcheinander im Kopf, sie sah, wie die Maschine sich bewegte, und fühlte, wie ihre Kupferarme sie ergriffen, während der Bach jetzt mitten durch ihren Körper zu fließen schien. Der Saal tanzte mit all seinen Gasflammen, sie schweiften wie Kometen umher. Gervaise war ganz erschöpft. Sie hörte nur noch einen wütenden Streit zwischen der Salzfresse und dem verdammten Vater Colombe. Das war ein Spitzbube, dieser Wirt, der aufschrieb, was er wollte! Man war doch nicht hier, um sich prellen zu lassen! Plötzlich entstand ein Stoßen, man hörte Heulen und Schreien und mehrere Tische wurden umgeworfen. Vater Colombe setzte die ganze Gesellschaft einfach an die Luft; er machte das ohne jedes Aufsehen, nur so im Handumdrehen. Vor der Tür schimpften sie noch immerzu und nannten ihn einen Betrüger. Es regnete immer noch und ein feiner eisiger Wind wehte. Gervaise verlor Coupeau, fand ihn wieder und verlor ihn noch einmal. Sie wollte nach Hause gehen, tastete die Läden ab, um sich zurechtzufinden. Sie war erstaunt, daß es ganz Nacht geworden war. An der Ecke der Rue des Poissoniers setzte sie sich in einen Rinnstein, sie glaubte in der Waschanstalt zu sein. Das fließende Wasser machte sie schwindelig, es wurde ihr sehr übel. Endlich fand sie ihr Haus, sie ging gerade an der Portierloge vorbei, in der sie die Lorilleur' und Poissons erkannte, die am Tisch saßen und angeekelte Gesichtet schnitten, als sie sie in solchem Zustand ankommen sahen. Es ist ihr nie klar geworden, wie sie die sechs Treppen hinaufkam. Als sie oben ankam und in ihren Korridor einbog, kam ihr die kleine Lalie entgegen, die sie auf der Treppe gehört hatte. Sie breitete ihre Ärmchen aus und rief lachend: »Frau Gervaise, Papa ist nicht nach Hause gekommen! Kommen Sie doch näher und schauen Sie, wie süß die Kinder schlafen ... Oh, sie sind so hübsch anzusehen!« Als sie aber den stumpfen Gesichtsausdruck der Büglerin sah, wich sie zitternd zurück. Sie kannte diesen alkoholgetränkten Atem nur zu gut; diese erloschenen Augen und den zuckenden Mund. Gervaise stolperte ohne ein Wort zu sagen vorüber, die Kleine blieb auf der Schwelle ihrer Türe stehen und folgte ihr mit dem stummen Ausdruck ihrer schwarzen Augen. 11 Nana wuchs heran und wurde eine Hure. Mit fünfzehn Jahren war sie so groß wie ein Kalb, fett und üppig wie ein Ball. Ja, fünfzehn Jahre, alle Zähne und kein Korsett. Ein richtiges Hurengesicht, wie in Milch getaucht, samtweiche Haut wie ein Pfirsich, eine lustige Nase, ein rosiger Schnabel und Guckaugen so hell, daß die Männer Lust bekamen ihre Pfeifen daran anzuzünden. Ein Haufen blondes Haar, wie reifer Hafer aussehend, das Goldstaub auf die Schläfe zu werfen schien, rötliche Lichter im Haar umgaben sie manchmal wie mit einer Krone von Sonnenstrahlen. Ja, sie war eine nette Pflanze! wie die Lorilleux' sie nannten, eine Rotznase, der man noch hätte die Nase putzen sollen; ihre reifen Schultern waren rund und voll und zeigten die Reife einer erwachsenen Frau. Jetzt steckte sich Nana keine Papierkugeln mehr in die Taille, sie hatte jetzt ihre Kugeln bekommen, ein Paar ganz neue von weißem Atlas. Das war ihr nicht unbequem, sie hätte einen ganzen Armvoll davon haben mögen, sie träumte von der Fülle einer Amme, so unüberlegt und gefräßig ist die Jugend. Was sie ganz besonders lüstern erscheinen ließ, war eine häßliche Gewohnheit, die sie angenommen hatte: sie streckte ihre Zungenspitze zwischen ihren weißen Zähnen etwas vor. Wahrscheinlich hat sie das vor dem Spiegel eingeübt und schön gefunden. Nun streckte sie sie den ganzen Tag lang heraus. »Verstecke doch deine Lügnerin!« rief ihr die Mutter zu. Oft mußte sich Coupeau dazwischenlegen, er schlug mit der Faust auf und fluchte: »Willst du wohl deinen roten Lappen einziehen!« Nana wurde immer gefallsüchtiger. Sie wusch sich zwar nicht immer die Füße, kaufte sich aber so enge Schuhe, daß sie Höllenqualen ausstand; wenn sie jemand fragte, was ihr denn wäre, wenn sie ganz violett aussah, antwortete sie, sie hätte Leibschmerzen; sie wollte diese Eitelkeit nicht eingestehen. Wenn das Brot im Hause fehlte, konnte sie sich nicht gut herausputzen. Dann verrichtete sie Wunder, sie brachte Bänder aus dem Atelier mit, machte sich Toiletten zurecht, schmutzige Kleider besetzte sie mit Schleifen und Quasten. Der Sommer war die Jahreszeit ihrer Triumphe. Jeden Sonntag erschien sie mit einem Perkalkleidchen für sechs Francs und entzückte damit das ganze Viertel de la Goutte d'Or mit ihrer blonden Schönheit. Ja, sie war bekannt von den äußeren Boulevards bis zu den Befestigungen, von der Chaussee Clignancourt bis zur Rue de la Chapelle. Man nannte sie »das kleine Hühnchen«, weil sie in Wahrheit einen zarten, frischen Teint hatte wie ein junges Hühnchen. Ein Kleid stand ihr ganz besonders gut. Das war ganz weiß, mit erbsengroßen rosa Punkten, sehr einfach und ohne jede Garnierung. Der etwas kurze Rock ließ ihre Füße frei; die weit offenen Hängeärmel zeigten ihre Arme bis zum Ellbogen; den Halsausschnitt öffnete sie auf der Treppe herzförmig mit Stecknadeln, weil sie Vater Coupeaus Schläge fürchtete. Keinen weiteren Schmuck, die Enden eines rosa Bandes durch das Haar geschlungen, flatterten lustig im Nacken. Sie war so frisch wie ein Blumenstrauß. Der Duft der Jugend lag auf ihrer ganzen Erscheinung, die ein Kind und doch schon eine Frau war. In dieser Zeit waren die Sonntage für sie die Zeit des Stelldicheins mit der Menge und den Männern, die sie im Vorübergehen anstierten. Die ganze Woche hindurch wartete sie sehnlichst auf den Sonntag, schon im voraus von all dem Vergnügen gekitzelt, das ihr begegnen würde. Während der Woche erstickte sie fast, der Sonntag erfüllte ihr Verlangen nach Luft und Freiheit. Schon ganz früh fing sie an sich anzuziehen; stundenlang blieb sie im Hemd vor dem kleinen Stückchen Spiegel, das über der Kommode aufgehängt war, stehen; und da das ganze Haus sie sehen konnte, ärgerte sich ihre Mutter und fragte, ob sie nicht schon lange genug nackt herumspaziert wäre. Aber ruhig machte sie sich kleine Löckchen mit Zuckerwasser auf der Stirn, nähte die Knöpfe an ihren Stiefeln fest oder heftete etwas an dem Kleide. Ihre Beine waren nackt, ihr Hemd glitt ihr von den Schultern herunter und die offenen blonden Haare umgaben unordentlich ihren Kopf. Ja, sie war hübsch so! sagte Vater Coupeau, der sie neckte und hänselte, eine wahre büßende Magdalena! Sie hätte sich für zwei Sous als wilde Frau sehen lassen können! Manchmal rief er ihr zu: »Versteck doch dein Fleisch, damit ich mein Brot essen kann.« Sie war bewundernswürdig, so weiß und fein unter ihrem blonden Dach von Haaren, so rosig, wenn sie zürnte. Sie wagte es nicht, ihrem Vater eine Antwort zu geben, sie zerbiß nur vor Wut ihren Faden zwischen den Zähnen, dieser kleine Knacks ging ihr wie ein Schauer über ihre nackte Schönheit. Gleich nach dem Frühstück ging sie hinunter in den Hof. Im sonntäglichen Frieden schlief das Haus; die Werkstätten waren geschlossen; von den Wohnungen gähnten die offenen Fenster hinaus ins Freie, hinter denen man die schon für den Abend gedeckten Tische sah, während die Bewohner draußen auf den Wällen sich Appetit für das Abendmahl holten. Eine Frau im dritten Stock scheuerte ihr Zimmer, sie rückte Bett und Möbel und sang dabei stundenlang dasselbe sanfte, weinerliche Lied. Der Lärm des Werktags schwieg, der Hof war still und heimlich. Dann begannen Nana, Pauline und andere große Mädchen Fangball zu spielen; es waren sechs oder sieben, die zusammen aufgewachsen und jetzt die Königinnen des Hauses waren. Sie teilten sich in die verliebten Blicke der Herren. Wenn ein Mann über den Hof ging, ertönte ihr silberhelles Lachen, und mit dem Rauschen ihrer gestärkten Unterröcke flogen sie wie vom Wind getrieben hin und her. Über ihnen lag die Luft des Feiertages weich und mild wie die Faulheit und erfüllt vom Staube, den die Menge der Spaziergänger aufwirbelte. Aber die Fangballpartien waren nur ein Vorwand, sich davonzumachen. Dann fiel das Haus in die Stille zurück, sie hatten sich auf die Straße geschlichen, um auf die äußern Boulevards zu gelangen. Nun faßten sich alle sechs unter und nahmen die halbe Breite der Chaussee ein; alle waren hell gekleidet und hatten nur ein Band um den bloßen Kopf gebunden. Ihre lebhaften Augen, die aus den Ecken der Wimpern verstohlene Seitenblicke warfen, sahen alles; sie warfen beim Lachen die Köpfe nach hinten und zeigten ihren Hals und die Fülle des Unterkinns. Mit großem Gelächter machte sich ihr Übermut Luft, wenn ein Buckliger vorüberkam, oder wenn eine alte Frau an einer Ecke ihrem Hunde pfiff; dann sprengte das Lachen ihre Reihe, die einen blieben zurück, während die andern sie heftig hinter sich her zogen; dabei wiegten sie sich in den Hüften, bildeten einen Knäuel, stoben wieder auseinander, nur um das Aufsehen der Fußgänger zu erregen und bei den lebhaften Bewegungen ihre schönen schmiegsamen Figuren recht zur Geltung zu bringen, deren jugendliche Frische die Mieder krachen machte. Die Straße gehörte ihnen, darin waren sie aufgewachsen, da hatten sie ihre Röcke längs der Läden gerafft; auch jetzt hoben sie ihre Röcke auf, um die Strumpfbänder zu befestigen; zwischen all den Leuten, die ruhig und blaß unter den dürftigen Bäumchen der Boulevards spazierengingen, trieb diese lose Bande ihr Spiel; sie zogen von der Barrière Rochechouart bis zur Barrière Saint-Denis, sie stießen die Leute, trennten im Zickzack die Gruppen der Spaziergänger, wendeten sich um und sagten unter großen Lachsalven übermütige Dinge. Aus den flatternden Falten ihrer Kleider entschlüpfte die Unverschämtheit ihrer Jugend, in voller freier Luft, unter dem Licht des Tages entfalteten sie die lüsterne Keckheit junger Luderfratzen und waren dabei begehrenswert und frisch wie Jungfrauen, die mit noch feuchtem Nacken soeben dem Bade entstiegen sind. Nana war in ihrem rosigen Kleide, das in der Sonne leuchtete, immer in der Mitte. Sie gab Pauline den Arm, deren weißes, mit gelben Blumen übersätes Kleid ebenfalls in der Sonne strahlte. Diese beiden waren die Größten und Entwickeltsten von allen, aber auch die Frechsten, die die Bande anführten, und erhielten auch die bewunderndsten Blicke und schmeichelhaftesten Redensarten zugeworfen. Die andern waren jünger und marschierten an den Flanken und am Ende; sie blähten sich und gaben sich die größte Mühe, auch beachtet zu werden. Nana und Pauline hatten sehr komplizierte und kokette Pläne im Hintergrund. Wenn sie liefen, bis ihnen der Atem ausging, so wollten sie ihre weißen Strümpfe zeigen und ihre Haarbänder im Winde flattern lassen. Wenn sie dann plötzlich anhielten und so taten, als ob sie ausschnauften, so war sicher ein Bekannter aus dem Viertel in ihrer Nähe; dann gingen sie langsamer, flüsterten und lachten miteinander und warfen ihm heimliche Blicke zu. Sie gingen immer in der Absicht, solche zufällige Begegnungen zu machen. Große, sonntäglich geputzte Burschen in Ärmelwesten und mit runden Hüten hielten sie manchmal an den Übergängen auf, sie scherzten mit ihnen und versuchten sie um die Taillen zu fassen. Junge, zwanzigjährige Arbeiter in grauen Blusen, die Hals und Brust unbedeckt hatten, plauderten langsam und mit verschränkten Armen mit ihnen und bliesen rücksichtslos den Rauch ihrer Tonpfeifen von sich. Diese Vorgänge waren ohne Folgen, die Burschen waren mit ihnen aufgewachsen. Aber sie wählten schon unter ihnen. Pauline traf stets mit einem der Söhne der Frau Gaudron zusammen, das war ein siebzehn Jahre alter Tischler, der ihr Äpfel schenkte. Nana sah Victor Fauconnier schon von weitem daherkommen, den Sohn der Büglerin, mit dem sie sich in dunkeln Ecken küßte. Aber weiter ging das alles nicht; sie waren doch zu gerieben, um unbewußt eine Dummheit zu machen; nur mit Worten gingen sie sehr weit. Ging die Sonne unter, so war es ihr größtes Vergnügen, einem Taschenspieler zuzuschauen. Gaukler und Herkulesse kamen dann auf die Avenuen, breiteten ein Stück mottenzerfressenen Teppich aus; dann sammelten sich Gaffer genug an, sie bildeten einen Kreis darum herum und der Clown ließ in seinem verschossenen Trikot seine Muskeln spielen. Nana und Pauline blieben oft stundenlang im dichtesten Kreise stehen; ihre schönen, frisch gewaschenen Kleider wurden zwischen schmutzigen Blusen und Überziehern zerdrückt; ihre nackten Arme, der bloße Hals und die gelösten Haare glühten unter dem Atem ihrer Umgebung, von der ein mit Schweiß und Schnaps verpesteter Branntweingeruch ausging. Sie lachten und freuten sich und zeigten gar keinen Ekel; ihr Aussehen wurde immer rosiger, sie befanden sich auf ihrem natürlichen Misthaufen. Denn um sie wurden gemeine Bemerkungen gemacht, böse Worte fielen, die Sprache der Betrunkenen; die kannten sie zur Genüge, sie schauten sich ohne Schamröte um. Unangenehm wurde es nur, wenn sie ihre Väter trafen, besonders wenn diese getrunken hatten. Da paßten sie genau auf und warnten sich gegenseitig. »Du, Nana!« rief dann plötzlich Pauline, »da kommt Vater Coupeau!« »O weh! er ist besoffen, ich werde ihm was blasen,« sagte Nana ärgerlich. »Ich werde kneifen. Ich habe keine Lust, mir die Flöhe von ihm ausbeuteln zu lassen! Hat er wieder ein Gesicht aufgesetzt! Wenn er sich doch endlich den Hals brechen wollte!« Ein anderes Mal, als Coupeau geradeswegs auf sie zukam und sie nicht mehr weglaufen konnte, duckte sie sich und stotterte: »Versteckt mich doch, ihr Leute! ... Er sucht mich und hat mir gedroht, er wolle mir die Röcke herunterreißen, wenn er mich wieder beim Herumtreiben trifft!« Wenn der Trunkenbold an ihnen vorüber war, richtete sie sich wieder auf und alle lachten hinter ihm her. Er findet sie! Er findet sie nicht! Das war das reine Versteckspiel. Eines Tages aber war Boche mitgekommen, um Pauline abzuholen und am Ohrläppchen heimzuführen, da traktierte Coupeau Nana mit Fußtritten auf dem Heimwege. In der Dämmerung machten sie noch einen letzten Rundgang und kamen mit einbrechender Nacht müde unter der Menge Spaziergänger zurück. Der aufgewirbelte Staub verdichtete die Luft und verfinsterte den Himmel. Die Rue de la Goutte d'Or sah wie ein Stück Provinz aus mit den schwatzenden Müttern, die in den Haustüren standen und deren Stimmen nur hin und wieder die lauschige Ruhe störten, welche das Viertel befiel, wenn der Wagenverkehr aufhörte. Noch einen Augenblick blieben sie auf dem Hofe, nahmen die Ballschläger wieder auf und taten, als wären sie nie fortgewesen; dann gingen sie nach ihrer Wohnung, machten sich unterwegs irgendeine Geschichte zurecht, die sie oft gar nicht vorzubringen brauchten, denn sie fanden die Eltern im Streit oder damit beschäftigt, sich gegenseitig Ohrfeigen auszuteilen wegen einer zu stark gesalzenen Suppe. Nana war jetzt Arbeiterin, sie verdiente bei Titreville, dem Hause in der Rue du Caire, wo sie ihre Lehrzeit verbracht hatte, täglich ihre vierzig Sous. Coupeaus wollten nicht, daß sie von dort fortging, denn sie war da unter der Aufsicht der Frau Lerat, die schon seit zehn Jahren Ateliervorsteherin war. In der Früh sah ihre Mutter nach der Zeit auf der Kuckucksuhr, wenn die Kleine fortging, nett und artig in ihr altes, zu eng gewordenes schwarzes Kleidchen gepreßt, und Frau Lerat mußte nachsehen, wann sie ankam, und das berichtete sie dann Gervaise. Sie hatte zwanzig Minuten Zeit, um von der Rue de la Goutte d'Or bis zur Rue du Caire zu gehen; das war genau, denn diese Dämchen haben Beine wie die Hirsche. Manchmal kam sie zur Zeit, war aber so rot und erhitzt, daß sie sicher von der Barriere ab in zehn Minuten gelaufen war, weil sie unterwegs irgendwo gebummelt hatte. Meistens hatte sie sieben bis acht Minuten Verspätung; dann war sie aber bis zum Abend so liebenswürdig mit ihrer Tante und warf ihr viel bittende Blicke zu, bis sie gerührt war und nichts davon erzählte. Frau Lerat kannte die Jugend, sie log auch die Coupeaus an, aber sie zankte trotzdem mit Nana und sprach ihr von den Gefahren, die einem jungen Mädchen auf dem Pariser Pflaster drohen, und ihrer eigenen Verantwortlichkeit ihr gegenüber. Großer Gott! Würde sie denn nicht auch verfolgt! Sie betrachtete ihre Nichte mit zärtlichen Blicken, sie war voller Eifer bei dem Gedanken, über die Unschuld dieser kleinen Katze wachen zu müssen. »Du weißt doch,« sagte sie ihr oft, »daß du mir alles sagen mußt. Ich bin zu gut zu dir; wenn dir ein Unglück zustoßen würde, müßte ich mich in die Seine stürzen. Hörst du, mein kleines Kätzchen? Wenn dich Männer ansprechen, mußt du mir das sagen, alles, ohne etwas zu vergessen ... Nicht wahr? Hat man schon einmal etwas zu dir gesagt?« Nana lachte so eigentümlich, daß es ihr förmlich den Mund verzog. Nein, nein; die Männer sprechen sie nicht an, dazu ginge sie zu schnell ... Und was sollten sie auch zu ihr sagen? Hatte sie denn etwas mit ihnen zu tun? Ihre Verspätungen erklärte sie, sie wäre zu lange vor einem Schaufenster stehengeblieben, sie habe sich Bilder angesehen, oder hätte Pauline begleitet, die immer komische Geschichten erzählte. Man könne ihr doch nachgehen, wenn man das nicht glauben wolle; sie ging nie vom linken Trottoir herunter und überholte stets alle andern Mädchen wie ein Wagen. Eines Tages faßte sie Frau Lerat wirklich ab, wie sie in der Rue du Petit Carreau mit drei andern leichtfertigen Blumenmacherinnen in die Höhe guckte und lachte, weil ein Mann sich dort am Fenster rasierte; aber die Kleine ärgerte sich und schwur, sie wollte gerade beim Bäcker an der Ecke ein Soubrot kaufen gehen. »Oh, ich wache schon über sie, habt keine Angst,« sagte die Witwe zu den Coupeaus. »Wenn ein Schmutzian sie auch nur kneifen wollte, ich würde mich dazwischenwerfen.« Das Atelier bei Titreville war ein großer Raum im Zwischenstock, mit einem großen Arbeitstisch, auf Böcken stehend, der die ganze Mitte des Raumes einnahm. Längs der Wände, die graue, verschossene Tapeten hatten, an deren zerrissenen Stellen der Kalk hervorsah, waren Gestelle angebracht, in denen alte Schachteln, Pakete, Modelle und alter vergessener Hausrat unter einer Lage von dickem Staub schlummerten. Die Decke über den Gasflammen war schwarz angerußt. Die beiden Fenster standen so weit offen, daß die Arbeiterinnen ohne vom Tisch aufzustehen die Vorübergehenden auf der andern Seite der Straße beobachten konnten. Frau Lerat, die mit gutem Beispiel voranging, kam immer zuerst. Dann erst kamen die kleinen Blumenmacherinnen truppweise, schwitzend und mit halb gelösten Haaren. Eines Julimorgens kam Nana als letzte, was übrigens durchaus ihre Gewohnheit war. »Ach,« sagte sie, »es wäre kein Unglück, wenn ich einen Wagen hätte!« Ohne ihren Hut abzunehmen, der ein schwarzer Deckel war und den sie ihren Helm nannte, ging sie ans Fenster und schaute rechts und links die Straße hinunter. »Was schaust du denn da?« fragte sie Frau Lerat mißtrauisch. »Hat dich etwa dein Vater begleitet?« »Nein, warum nicht gar,« antwortete Nana ruhig. »Ich schau nach gar nichts ... ich seh' nur, daß es hübsch warm ist. Wirklich, man kann sich noch einen Schaden holen, wenn man heute so läuft!« Diesen Morgen herrschte wirklich eine erstickende Hitze. Die Arbeiterinnen hatten die Holzjalousien heruntergelassen, zwischen deren Stäben hindurch sie noch ganz gut auf die Straße schauen konnten, und setzten sich endlich an die Arbeit. Es waren acht, von denen jede ihren Gummitopf, ihre kleine Zange, Schere und andere Werkzeuge neben ihrem Modellierknäuel vor sich liegen hatte. Auf dem Werktisch lagen große Haufen Eisendraht, Garnknäuel, Watte, grünes und kastanienbraunes Papier, grüne Blätter, Blütenblätter, die aus Seide, Atlas oder Samt geschlagen waren. Mitten auf dem Tische stak in einer großen Wasserflasche das Zweisousbukett einer Blumenmacherin, welches schon am Abend vorher an ihrem Busen zu verwelken angefangen hatte. »Ach, wißt ihr noch nicht,« sagte Leonie, eine hübsche Brünette, während sie sich aus ihrem Blätterknäuel Rosenblatter herauszupfte, »na! die arme Karoline ist schön unglücklich dran mit dem Burschen, den sie gestern abend kennengelernt hat.« »Das glaube ich! Das ist so einer, der jeden Tag um eine andere herumschwänzelt!« Des ganzen Ateliers bemächtigte sich eine geile Lustigkeit und Frau Lerat mußte ihre ganze Strenge zeigen. Sie rümpfte die Nase und brummte: »Du bist ja sauber, meine Tochter, du gebrauchst hübsche Worte! Ich werde das deinem Vater erzählen, mal sehen, wie ihm das gefällt!« Nana schwollen die Backen, so hielt sie das Lachen zurück. Ihr Vater! der sagte noch ganz andere Sachen! Aber Leonie flüsterte plötzlich leise und schnell: »Paßt auf! Die Besitzerin!« Und wirklich trat schon Frau Titreville, eine lange dürre Frau, ein. Sie machte niemals Scherze im Magazin und war sehr gefürchtet. Sie ging langsam um den Arbeitstisch herum, auf den sich jetzt alle Nacken schweigend und tätig niederbeugten. Sie kanzelte eine Arbeiterin ab und hieß sie eine Marguerite noch einmal anfangen. Dann ging sie ebenso steif wieder fort, wie sie gekommen war. »Hopla! Hopla!« rief Nana, während ein Seufzer der Erleichterung durch den Saal ging. »Meine Damen,« sagte Frau Lerat und wollte eine strenge Miene aufsetzen, »sie werden mich zu Maßregeln zwingen, die ...« Aber man hörte nicht auf sie und fürchtete sie nicht. Sie war viel zu nachsichtig; das Leben mit diesen jungen Dingern reizte sie viel zu sehr. Sie nahm sie beiseite und forschte sie über ihre Liebhaber aus oder legte ihnen auf einer freien Ecke des Arbeitstisches die Karten. Ihre harte Haut und ihre ganze Gendarmenfigur zitterte vor Freude, wenn von Liebesabenteuern die Rede war. Nur die gemeinen Worte konnte sie nicht ausstehen; sobald diese vermieden wurden, konnte man ihr alles sagen. Wirklich, Nanas Erziehung wurde in diesem Atelier die Krone aufgesetzt. Sie hatte viel natürliche Anlage, das war sicher. Daß sie jeden Tag mit einer Menge von Mädchen zusammenkam, die durch Elend und Laster schon ausgepicht waren, gab ihr den Rest. Sie saßen so dicht beieinander, daß es ansteckte, gerade wie in einem Korb Apfel, wenn einige faule dabei sind. Es war Sitte, sich nach außen hin wie anständige Damen zu benehmen. Und vom Mund zum Ohr und in den Ecken da gingen die Unanständigkeiten lustig ihren Weg. Sowie zwei beieinander waren, schütteten sie sich vor Lachen aus über die Schweinereien, die sie einander zuflüsterten. Und dann begleitete eine die andere abends, und da nahmen dann die vertraulichen Mitteilungen und haarsträubenden Geschichten kein Ende, so daß die beiden Dirnen sich auf der Straße mitten im Drängen und Stoßen der Vorübergehenden verspäteten. Für Madchen, die wie Nana noch unschuldig waren, brachte schon die Luft des Ateliers das Verderbende mit sich. Es war der Geruch der Tanzböden und der durchschwärmten Nächte, den die Arbeiterinnen in ihren schlecht aufgesteckten Haaren und zerdrückten Unterröcken, in denen sie geschlafen zu haben schienen, mit dahinbrachten. Diese eindämmernde Faulheit nach durchschwärmter Nacht, die matten Augen mit den dunklen Rändern, Frau Lerat nannte sie Faustschläge der Liebe, dieses Gähnen und Sichstrecken und dazu die heiseren Stimmen – das alles wehte wie ein Hauch des Verderbens über den Arbeitstisch in die zarte Gebrechlichkeit der künstlichen Blumen hinein. Nana sog diesen Duft ein und berauschte sich daran, wenn sie ein Mädchen zur Nachbarin bekam, das die erste Schlacht der Liebe schon geschlagen hatte. Lange Zeit hatte sie sich neben die große Lisa gesetzt, von der das Gerücht ging, daß sie schwanger sei, und sie betrachtete ihre Nachbarin so aufmerksam und mit so leuchtendem Blick, als ob sie sie vor ihren Augen anschwellen und zerplatzen sehen könnte. Etwas Neues zu finden, wäre schwer gewesen; dieser Nichtsnutz wußte alles. Alles hatte sie auf dem Pflaster der Rue de la Goutte d'Or gelernt. Nur daß sie im Atelier erfuhr, wie das gemacht wurde und nun die Lust in ihr erwachte, auch mitzutun. »Man erstickt hier!« murmelte sie und näherte sich dabei einem Fenster, als ob sie die Jalousie noch mehr herunterlassen wollte. Aber sie beugte sich hinaus und blickte wieder rechts und links die Straße hinab. In diesem Augenblick rief Leonie, die drüben auf der andern Seite einen Herrn beobachtete, der da stehengeblieben war: »Was macht denn der Alte da? Der spioniert da schon eine volle Viertelstunde umher!« »Irgendein verliebter Kater;« sagte Frau Lerat. »Nana, wirst du dich gleich setzen! Ich hab dir verboten, am Fenster zu bleiben!« Nana ergriff wieder die Veilchenstengel, an denen sie rollte, und das ganze Atelier beschäftigte sich mit dem Herrn. Er war sehr gut gekleidet, trug einen Überrock und schien in den Fünfzigern; sein Gesicht war bleich, sehr ernst und sehr würdig, mit einem grauen Bart, der tadellos gestutzt war. Eine Stunde schon stand er vor dem Laden eines Kräutlers und blickte von Zeit zu Zeit nach den herabgelassenen Jalousien des Ateliers. Die Blumenmacherinnen kicherten untereinander, aber das unterdrückte Lachen wurde von den Geräuschen auf der Straße übertönt. Sie beugten sich alle sehr geschäftig über ihre Arbeiten, blickten aber immer wieder auf die Straße, um den Herrn nicht aus den Augen zu verlieren. »Seht doch!« bemerkte Leonie, »er hat ein Lorgnon. Oh, das ist ein fescher Mann ... Er wartet sicher auf Augustine!« Aber Augustine, eine häßliche Blondine, antwortete spitz, daß sie die Alten nicht leiden könne. Frau Lerat schüttelte den Kopf und murmelte mit gekniffenem Lächeln, das voller Anzüglichkeiten war: »Du hast unrecht, meine Liebe, die Alten sind die Zärtlichsten.« In diesem Augenblick flüsterte eine Nachbarin Leonies dieser etwas ins Ohr, worüber diese wie unsinnig zu lachen anfing. Sie warf sich in ihren Stuhl zurück und schüttelte sich förmlich, dabei sah sie wiederholt zu dem Herrn hinüber und lachte noch stärker. Sie stotterte: »O ja! So muß es sein! So muß es sein! ... Ach! diese Sophie, ist die ein Schwein!« »Was hat sie gesagt? Was hat sie gesagt?« fragte das ganze Atelier, brennend vor Neugierde. Leonie trocknete sich die Tränen aus den Augen, ohne zu antworten. Als sie sich wieder beruhigt hatte, klebte sie weiter an ihren Blättern und erklärte: »Das kann man nicht wiederholen.« Alle bestanden darauf, doch sie schüttelte mit dem Kopfe und fing wieder an zu lachen. Jetzt bat sie Augustine, ihre linke Nachbarin, es ihr doch ins Ohr zu sagen, ganz leise. Leonie wollte es ihr sagen, mußte aber ihre Lippen dicht an ihr Ohr legen. Jetzt wand sich auch Augustine vor Lachen und gab es weiter an ihre Nachbarin. So machte es den Weg durch das ganze Atelier und rief einen Sturm der Erheiterung und des Gelächters hervor. Als nun alle das Geheimnis Sophiens kannten, blickten sie sich alle gegenseitig an und lachten ein wenig rot und verlegen geworden. Nur Frau Lernt wußte es nicht, und darüber wurde sie ganz böse. »Das ist eine sehr unhöfliche Art, meine Damen!« sagte sie. »Man sagt sich nichts in die Ohren, wenn man in Gesellschaft ist. Es ist gewiß etwas sehr Unanständiges, nicht wahr? Das ist ja nett!« Trotz ihrer großen Neugierde wollte sie doch nicht danach fragen. Sie tat nun sehr würdig, senkte den Kopf und horchte auf die Unterhaltung, die die Arbeiterinnen untereinander führten; sie verlor kein Wort davon. Wenn eine irgend etwas sagte, und wäre es auch das Unschuldigste der Welt gewesen, eine Bemerkung über die Arbeit genügte, so hörten alle eine Zweideutigkeit heraus; jedem Wort legten sie einen andern Sinn unter, gaben ihm eine unanständige Bedeutung und suchten die außergewöhnlichsten Anspielungen in den einfachsten Sätzen, wie zum Beispiel: »Meine Zange ist zersprungen« oder »Wer hat in meinem Topf gerührt?« Alles bezogen sie auf den Herrn, der da unten Schildwache stand. Oh, wie mußten ihm die Ohren klingen! Sie sagten jetzt die dümmsten Sachen, weil sie durchaus geistreich sein wollten; doch sie fanden dieses Spiel reizend, es regte sie so auf, daß ihre Reden immer anzüglicher wurden. Frau Lernt hatte keinen Grund böse zu werden, häßliche Ausdrücke wurden nicht gewechselt. Sie erregte dann die größte Heiterkeit, als sie sagte: »Fräulein Lisa, mein Feuer ist aus, borgen Sie mir doch das Ihrige!« »Ach! Frau Lerats Feuer ist erloschen!« hallte es durch das ganze Atelier. Sie wollte nun eine Erklärung machen: »Wenn sie erst alle so alt sind wie ich, meine Fräuleins! ...« Aber man horchte nicht auf sie, sie schrien immerzu, man solle den Herrn von da drüben holen, damit er Frau Lerats Feuer wieder anzünde. Nana lachte fast am stärksten bei all diesen Scherzen. Kein zweideutiges Wort entging ihr, sie gab auch welche zum besten, die sie mit Gesten betonte. Sie schwamm wie ein Fisch im Wasser in all dem Laster. Trotzdem drehte sie ihre Veilchenstengel ganz nett und sie beugte sich dabei auf die Rücklehne des Stuhles vor Lachen. Sie war von einer verblüffenden Geschicklichkeit, sie machte das in kaum so viel Zeit, die man braucht, um eine Zigarette zu drehen. Nur eine Bewegung war es, den grünen Papierstreifen ergreifen, ihn um den Draht wickeln, und die Sache war schon fertig; obenauf noch einen kleinen Tropfen Gummi zum Kleben; alles kam aus ihren Händen wie ein grüner Zweig, den man hätte an eine Damentoilette stecken können. Die Geschicklichkeit lag in ihren Fingern, die so schlank und zart waren, so weich und wollüstig gepolstert, fast schienen sie keine Knochen zu haben. Nur das lernte sie in ihrem Beruf; man ließ sie alle Stengel machen, die im Atelier vorkamen, so gut konnte sie das. Endlich war der Herr von drüben weggegangen. Nun beruhigten sich alle wieder und sie arbeiteten in der großen Hitze weiter. Als die Mittagsstunde schlug, gerieten sie in Bewegung. Nana hatte sich schnell dem Fenster genähert, sie rief den Mädchen zu, daß sie jetzt die Besorgungen machen wolle. Leonie bestellte für zwei Sous Krabben, Augustine eine Düte Bratkartoffeln, Lisa ein Bündel Radieschen und Sophie eine Wurst. Frau Lerat hatte Nanas Vorliebe für das Fenster bemerkt und sonderbar gefunden, sie holte sie mit ihren langen Beinen ein und sagte: »Warte doch, ich gehe mit dir, ich brauche auch etwas.« Als sie in der Allee ankamen, sah sie denselben Herrn wie eine Wachskerze aufgepflanzt stehen; er hielt seine Augen auf Nana gerichtet. Und Nana wurde sehr rot. Ihre Tante nahm sie fest beim Arm und ließ sie auf dem Pflaster traben, während der Kavalier seine Schritte den ihrigen anpaßte. Ah, so! Dieser Kater kam also Nanas wegen! Nun, das war ja recht nett, schon mit fünfzehn Jahren die Herren nach sich ziehen! Nun wurde sie aber sehr lebhaft ausgefragt. Aber, mein Gott! Nana wußte von nichts. Sie konnte nicht mehr die Nase vor die Türe strecken, ohne ihn zu treffen; sie glaube, er wäre Kaufmann oder Knopffabrikant. Frau Lerat war sehr aufgeregt. Sie sah sich um und musterte den Herrn mit verstohlenen Blicken: »Man sieht ihm an, daß er Geld hat,« sagte sie. »Höre, mein Kätzchen, du mußt mir alles sagen. Du hast jetzt nichts mehr zu fürchten.« So gingen sie plaudernd von Geschäft zu Geschäft, vom Wursthändler zum Krämer und zu dem Mann mit den Bratkartoffeln. Und die Pakete in fettigem Papier häuften sich in ihren Händen. Sie blieben liebenswürdig, zierten sich, lachten zusammen und ihre Blicke leuchteten. Frau Lerat kokettierte, spielte selbst das junge Mädchen, wegen des Knopffabrikanten, der ihnen immerzu folgte. »Er macht einen ganz vornehmen Eindruck!« erklärte sie, »wenn er nur ehrenhafte Absichten hat ...« Als sie die Treppe hinaufgingen, schien sie sich plötzlich an etwas zu erinnern. »Ja, sage doch einmal! Was war denn das, was sich die Mädchen vorhin ins Ohr flüsterten, du erinnerst dich doch? Diese Unanständigkeit von Sophie.« Nana machte keine Umstände. Nur daß sie Frau Lerat um den Nacken nahm und sie zwang, zwei Stufen zurückzugehen, weil man das nicht laut wiederholen könne. Nun sagte sie es ihr. Die Tante begnügte sich damit, mit dem Kopfe zu nicken, sie riß dabei die Augen auf und kräuselte den Mund. Jetzt wußte sie es, es belästigte sie nicht mehr. Die Blumenmacherinnen frühstückten auf ihrem Schoß, damit der Arbeitstisch nicht schmutzig werde. Sie aßen eilig, das Essen langweilte sie, sie zogen es vor, die freie Zeit damit zu verbringen, den Leuten auf der Straße nachzugaffen oder in den Ecken zu stehen und zu schwatzen. An diesem Tage wollten alle wissen, wo der Herr vom Vormittag geblieben war; denn er war verschwunden. Frau Lerat und Nana schauten sich nur verständnisvoll an. Es war schon ein Uhr vorüber, und noch immer machten die Arbeiterinnen keine Miene, wieder an die Arbeit zu gehen, als Leonie ein deutliches Geräusch mit den Lippen vollführte, das etwa klang wie: Prrzut! – es war das Signal, das sich die Malergehilfen gaben, wenn Gefahr im Anzug war, soviel wie »der Meister kommt«. Sogleich saßen alle auf ihren Stühlen und hatten die Nasen auf der Arbeit. Frau Titreville war eingetreten und machte mit strengem Gesicht die Runde. Von diesem Tage an erfrischte sich Frau Lerat an der ersten Liebesgeschichte ihrer Nichte. Sie ließ sie nicht mehr aus, gab vor, sie hätte die Verantwortung, und begleitete sie vom Morgen bis zum Abend. Das war Nana schon langweilig, aber es schmeichelte ihr auch wieder, daß sie wie ein Schatz bewacht wurde. Die Unterhaltungen, die sie auf den Straßen mit dem Knopffabrikanten immer hinter sich hatten, erhitzten sie und machten ihr Lust, den Sprung zu wagen. Oh, die Tante kannte das Gefühl; dieser Knopffabrikant, der schon bei Jahren und sehr anständig war, rührte sie sehr, denn Gefühle bei reifen Menschen sind inniger und gehen mehr in die Tiefe wie bei Jungen. Aber sie wachte, nur über sie hinweg ging der Weg zu dieser Kleinen. Eines Abends ging sie auf ihn zu und erklärte ihm, daß das, was er tue, nicht recht wäre. Er grüßte sie artig, ohne zu antworten, er war ein alter Routinier, an elterliche Ermahnungen schon gewöhnt. Sie konnte ihm gar nicht böse werden, weil er zu höflich war. Durch all ihre Unterhaltungen und Reden und Geschichten über Dirnen, denen es später leid tat, soviel durchgemacht zu haben, machte sie Nana nur noch neugieriger und ihre Augen sahen ruchlos aus in ihrem weißen Gesicht. Eines Tages in der Rue du Faubourg-Poissonnière steckte der Knopffabrikant plötzlich seinen Kopf zwischen die Tante und die Nichte und sagte ganz unerhörte Dinge. Frau Lerat war darüber so erschreckt, daß sie meinte, nicht mehr Schutz genug zu sein, und erzählte alles ihrem Bruder. Dort wurde die Sache anders aufgefaßt, es richtete eine heillose Verwirrung an. Zuerst bekam Nana eine ordentliche Tracht Prügel. Was mußte er da erfahren! Diese Krabbe ließ sich mit alten Herren ein! Das war ja schön! Sie solle sich nur einmal von ihm abfassen lassen, da könne sie sich auf ein Kopfzurechtsetzen gefaßt machen! Hat man jemals so etwas erlebt? Eine solche Rotznase wollte ihre Familie entehren? Er schüttelte sie und sagte, sie müsse auf dem rechten Wege bleiben, denn er würde in Zukunft über sie wachen. Sobald sie nach Hause kam, wurde, sie examiniert; er schaute ihr in die Augen, auf die Stirne und suchte nach Spuren von Küssen, die alte Wollüstlinge besonders da zu rauben pflegen. Er besah sie von allen Seiten und beroch sie, ob sie keinen Fehltritt begangen habe. Eines Abends fand er auf ihrem Nacken einen dunkeln Fleck, er machte ihr deshalb eine heftige Szene. Die Dirne wagte zu sagen, es wäre kein Kußmal, sondern Leonie hätte ihr das aus Scherz gemacht. Er wolle sie lehren, sich blaue Flecken machen zu lassen, und wenn er ihr die Pfoten zerbrechen müsse. Ein andermal, wenn er bei guter Laune war, neckte und hänselte er sie. Wahrhaftig! sie war ein schönes Stück für die Mannsbilder, platt wie eine Scholle und mit Salzfässern an den Schultern, so groß, daß man die Fauste hineinlegen konnte. Nana war für Dinge geschlagen worden, die sie nicht begangen hatte, heruntergerissen durch rohe Beschuldigung ihres Vaters, deshalb zeigte sie die Unterwürfigkeit einer von Treibern umstellten Bestie. »Laß sie doch in Ruhe!« sagte Gervaise oft, die viel vernünftiger war. »Du wirst ihr nur die Lust zu alledem wecken, wenn du immer davon sprichst!« Oh ja! So kam es auch, die Lust fing an, ihren ganzen Körper zu beherrschen, sich zu beeilen und da hineinzugehen, wie Vater Coupeau sagte. Er prägte ihr diese Gedanken förmlich ein, das anständigste Mädchen hätte Feuer fangen müssen. Gerade durch die Art, wie er sie abkanzelte, lehrte er sie Dinge, die sie bis dahin noch nicht gewußt hatte, was doch sehr erstaunlich war. So nahm sie denn nach und nach ganz sonderbare Manieren an. Eines Morgens sah er, daß sie an einem Papier herumwühlte und sich etwas ins Gesicht schmierte. Es war Reispuder, mit dem sie sich ihren Teint verdarb, um nur die herrschende Mode mitzumachen. Er wischte sie nun mit dem Papier so heftig ab, daß er ihr die Backen fast blutig schabte, und nannte sie eine Müllerstochter. Ein anderes Mal brachte sie rote Bänder nach Hause, um ihre alte Mütze, deren sie sich so schämte, wieder aufzufrischen. Er fragte wütend, woher sie kämen. Ob sie sich dieselben vielleicht verdient habe? Oder hatte sie sie vielleicht gar gestohlen, als niemand im Laden war? Hure oder Diebin? Vielleicht beides! Verschiedentlich sah er hübsche Sachen in ihren Händen, einen Karneolring, ein paar Ärmel mit kleinen Spitzen, ein Herz aus Double, das sich die Mädchen zwischen die Busen hängen. Coupeau wollte ihr alles fortnehmen, aber sie verteidigte ihr Eigentum mit wahrer Wut: das gehörte ihr, sie hatte es eingetauscht im Atelier oder bekam es von den Damen geschenkt. Das Herz zum Beispiel hatte sie in der Rue d'Aboukir gefunden. Als ihr Vater aber trotz allem das Herz unter seinem Fuße zertrat, blieb sie bleich und gerade stehen, obschon der innere Zorn sie hinriß, sich auf ihn zu stürzen, um ihm etwas herunterzureißen. Seit zwei Jahren war es ihr Traum, ein solches Herz zu besitzen, und jetzt war es zertreten? Nein, das war zuviel, das mußte ein Ende nehmen! In Coupeaus Art und Weise, Nana zu behandeln, war mehr Quälerei als Ehrlichkeit. Oft war er im Unrecht, und das brachte die Kleine ganz außer sich. Sie fing an, das Atelier zu schwänzen; wenn Coupeau sie dafür prügelte, so schüttelte sie das jetzt einfach ab; sie sagte, sie wolle nicht mehr zu Frau Titreville zurückkehren, weil Augustine neben ihr so sehr aus dem Munde roch, als wenn sie ihre Füße gegessen hätte. Der Zinkarbeiter brachte sie nun selbst nach der Rue du Caire und bat dort die Prinzipalin, Nana gerade zur Strafe neben Augustine zu setzen. Vierzehn Tage lang nahm er sich die Zeit, Nana von der Barrière Poissonnière bis zur Türe des Ateliers zu begleiten. Dann blieb er noch fünf Minuten lang auf der Straße stehen und wartete, ob sie auch nicht wieder herauskäme. Aber eines Morgens, als er einen Kameraden getroffen hatte und mit diesem in eine Kneipe in der Rue Saint-Denis gegangen war, sah er Nana zehn Minuten später, einen Korb am Arme schlenkernd, rasch die Straße hinaufgehen. Seit vierzehn Tagen hinterging sie ihn; sie stieg bis zur zweiten Etage in die Höhe und setzte sich dort auf den Treppenabsatz, bis sie annahm, daß er fort wäre. Coupeau wollte die Schuld auf Frau Lerat schieben, doch diese verteidigte sich und sagte ihm offen, sie hätte ihrer Nichte alles vorgehalten, was ihr im Umgang mit den Männern passieren würde, es wäre nicht ihre Schuld, wenn nach alldem das Mädchen noch Gefallen an den Schweinehunden hätte; sie wasche ihre Hände in Unschuld und schwur, daß sie sich um nichts mehr kümmern würde; sie habe nun endlich genug von dem Klatsch in der Familie, ja, von Personen, die es wagen sie anzuklagen, als hatte sie eine Freude daran, wenn Nana sich verliert. Übrigens erfuhr Coupeau von der Besitzerin, daß Nana durch eine Arbeiterin verführt worden wäre, durch dieses Kamel, die kleine Leonie, die das Blumenmachen aufgegeben habe, um einen liederlichen Lebenswandel zu führen. Ohne Zweifel hätte man das Kind, das sich nur gern auf der Straße herumgetrieben hätte, noch gut mit einem Orangenblütenkranz verheiraten können. Aber, zum Teufel, man müßte sich sehr damit beeilen, sie einem Manne zu übergeben, ohne daß etwas kaputt ist, sauber und in gutem Zustande, wie ein junges Mädchen sein soll, das sich achtet. In der Rue de la Goutte d'Or sprach man nur noch von Nanas Altem wie von jemand, den alle kennen. Er blieb aber noch immer bescheiden, ja selbst furchtsam, aber eigensinnig und geduldig; er folgte ihr immer auf zehn Schritt Entfernung mit der Miene eines gehorsamen Dieners. Manches Mal kam er bis in den Hof. Frau Gaudron traf ihn eines Abends auf dem Treppenflur im zweiten Stock, er ging mit gesenktem Kopf und furchtsamen Schrittes am Geländer hin. Lorilleux' drohten zu kündigen, wenn ihre Nichte, dieser Schmutzfink, soviel Männer nach sich zöge. Das würde ja nachgerade ekelhaft, die ganze Treppe war voll, auf allen Stufen schnüffelten welche herum und warteten, man konnte nicht mehr hinuntergehen; man könnte glauben, ein läufiges Tier Hause in diesem Winkel. Boches bedauerten den alten Herrn, ein so anständiger Mann, der sich in eine solche Dirne verliebt habe. Es war ein Kaufmann, sie kannten seine Knopffabrik am Boulevard de la Vilette; der hätte doch sein Glück machen können, wenn er auf ein anständiges Mädchen gefallen wäre. Diese von Boches gegebenen Einzelheiten machten den Alten im ganzen Viertel, auch den Lorilleux', sympathisch, wenn er Nanas Spuren folgte, mit hängender Unterlippe im bleichen, von grauem Bart umrahmten Gesicht. Im ersten Monat machte Nana der Alte viel Spaß. Man mußte sehen, wie er immer um sie herumschwänzelte. Er berührte auf der Straße ihr Kleid, ohne es sich anmerken zu lassen. Und seine Beine! Die reinsten Stöcke, wahre Streichhölzer! Auf seinem kahlen Schädel wuchs kein Flaum mehr; die vier Haare, die ihm noch im Nacken wuchsen und glatt angebürstet waren, versetzten einen in Versuchung, nach der Adresse seines Perückenmachers zu fragen, der ihm den Scheitel macht. Ach, so ein alter Stiesel, das war doch kein freudiger Anblick! Als sie ihn immer und immer auf ihrem Wege traf, kam er ihr nicht mehr so merkwürdig vor. Doch hatte sie immer eine unbestimmte Angst vor ihm, sie hätte geschrien, wenn er sich ihr genähert hätte. Oft, wenn sie vor einem Juwelierladen stehenblieb, hörte sie ihn auf sie einreden. Es war ganz richtig, was er sagte, sie hätte gern so ein Kreuz am Samtband getragen oder ein paar Korallenohrringe sich eingehängt, solche, die wie kleine Blutstropfen aussahen. Ja, wenn sie auch auf Schmucksachen verzichtete, so konnte sie doch nicht länger in ihren Lumpen herumlaufen, sie war es müde, sich so notdürftig zurechtzuflicken mit dem, was sie im Atelier der Rue du Caire ergatterte; ihr alter Hut verursachte ihr ganz besondern Widerwillen. Diese Schute, auf der die neuen Blumen, die sie bei Titreville auf die Seite gebracht hatte, sich ausnahmen, als hätte man einen Bettler mit Schellen behängt. Trabte sie so im Straßenschmutz dahin und wurde von den rollenden Wagen mit Kot bespritzt, stand sie geblendet vor den Schaufenstern, so bekam sie Gelüste, die sie peinigten, als zöge sich ihr Magen schmerzhaft zusammen; dann wollte sie gut gekleidet gehen, in seinen Restaurants essen und spürte vom Pariser Pflaster eine Wärme aufsteigen, die in die Beine ging. Da hatte sie eine wilde Lust, sich hineinzustürzen in all den Genuß, den sie an sich vorbeijagen sah. In diesen Augenblicken fehlte auch nie der Alte mit seinen verlockenden Reden. Oh, wie gern hätte sie ja gesagt, wenn sie nicht diese Angst vor ihm gehabt hätte, wenn sich in ihrem Innern nicht etwas gerührt hätte, das sie wie taub machte und sie bestärkte im Verweigern; das Unbekannte in der Natur des Mannes ekelte sie an trotz ihrer Laster. Als aber der Winter kam, wurde das Leben bei den Coupeaus unerträglich. Jeden Abend bekam Nana Schläge. War der Vater müde vom Schlagen, nörgelte die Mutter an ihr herum, um ihr ein gutes Betragen beizubringen. Oft gerieten alle durcheinander, wenn einer losschlug und der andere sie wieder verteidigte, so daß sich oft alle drei mit den Scherben des zerschlagenen Geschirrs am Boden wälzten. Bei alledem war die Nahrung so knapp und man klapperte vor Kälte. Kaufte sich die Kleine irgend etwas Nettes, eine Schleife oder ein paar Manschettenknöpfe, so nahmen es ihr die Alten fort und verputzten es. Nichts konnte sie mehr ihr Eigen nennen als ihre Tracht Prügel, die sie stets bekam, ehe sie sich auf den Lumpen, die noch ihr Bett bildeten, niederlegte und auf dem sie sich zitternd vor Kälte nur mit ihrem dünnen schwarzen Unterrock zudeckte, der ihre einzige Decke war. Nein, dieses verdammte Leben konnte so nicht weitergehen, so wollte sie nicht krepieren. Ihr Vater kam schon lange nicht mehr für sie in Betracht; wenn sich ein Vater immerfort betrinkt, wie er es tat, so ist das kein Vater mehr, sondern ein schmutziges Tier, das man los sein möchte. Auch ihre Mutter verlor in ihren Augen. Sie trank jetzt auch. Sie war auf den Geschmack gekommen, ihren Mann beim Vater Colombe aufzusuchen und sich dort Schnapse anbieten zu lassen. Sie setzte sich dort an den Tisch, als ob das so sein müßte, ohne Entrüstung, wie das erstemal. Sie goß ihre Gläser auf einen Zug hinunter und lümmelte mit aufgestützten Ellenbogen stundenlang herum, um schließlich in einem Zustande fortzugehen, daß ihr die Augen aus dem Kopfe zu fallen schienen. Wenn Nana beim Totschläger vorüberkam und dort ihre Mutter sah, die stumpfsinnig, die Nase im Schnapsglas, zwischen den brüllenden Männern saß, erfaßte sie eine unsinnige Wut, weil Jugend, deren Sinn nach andern leckern Dingen steht, die Leidenschaft für den Trunk nicht begreifen kann. An solchen Abenden bot sich ihr ein schönes Bild dar; der betrunkene Vater, die benebelte Mutter, eine gottverlassene Bude, in der kein Brot mehr war und die vom Dunst des Branntweins vergiftet schien. Selbst eine Heilige hätte es da nicht ausgehalten. Kein Wunder, wenn sie eines schönen Tages ausriß; ihre Eltern konnten dann schon an ihre Brust schlagen und mea culpa sagen, denn sie hätten sie selbst hinausgejagt. An einem Samstag fand Nana beim Nachhausekommen Vater und Mutter in einem abscheulichen Zustande. Coupeau lag quer übers Bett gefallen und schnarchte. Gervaise war auf einen Stuhl gesunken, ihr Kopf hing schlaff nach hinten und ihre Augen starrten ins Leere. Sie hatte vergessen, das Essen warm zu halten. Eine Talgkerze, die nicht geschneuzt war, beleuchtete das schmachvolle Elend der Behausung. »Bist du's, du Raupe?« lallte Gervaise. »Dein Vater wird dich schön anködern!« Nana antwortete nicht, sie blieb blaß, betrachtete den kalten Ofen, den Tisch ohne Teller und das düstere Gemach, und der tierische Stumpfsinn dieser beiden Trunkenbolde erfüllte sie mit Schrecken. Sie nahm den Hut nicht ab, machte einen Rundgang durchs Zimmer, dann biß sie die Zähne zusammen, öffnete die Tür und ging. »Du gehst fort?« fragte die Mutter, ohne den Kopf wenden zu können. »Ja, ich hab etwas vergessen. Ich komm' wieder ... guten Abend.« Und sie kam nicht wieder. Am andern Morgen, als Coupeaus nüchtern waren, schlugen sie sich und gaben einander Schuld an Nanas Flucht. Oh, die war weit, wenn sie immerzu gelaufen war; jetzt konnten sie versuchen, ihr nachzurennen und Salz auf den Hintern zu streuen, vielleicht würde sie dann wiederkommen. Das war ein harter Schlag, der Gervaise noch mehr niederdrückte, denn sie fühlte sehr gut – trotzdem ihr Verstand schon ziemlich vertrunken war –, daß der Fall ihrer Tochter, die jetzt vom Zufall umhergestoßen wurde, sie selbst noch tiefer zog. Jetzt war sie allein, hatte kein Kind mehr, das sie zurückgehalten hätte, jetzt konnte sie sich ganz gehen lassen und verkommen. Ja, dieses entartete Kind nahm ihnen den letzten Rest von Ehre, der ihnen noch geblieben war, an seinen schmutzigen Röcken mit ... Sie betrank sich drei Tage lang, wütend, die Fauste geballt, und schimpfte mit geschwollenem Mund über ihre Hure von Tochter. Nachdem Coupeau sich auf allen äußeren Boulevards herumgetrieben und jedem Frauenzimmer unter die Nase geschaut hatte, rauchte er von neuem wieder seine Pfeife, zufrieden wie Baptiste; nur bei Tische hieb er manchmal mit dem Messer in der Faust in die Luft und schrie, daß er entehrt sei; daraufhin setzte er sich wieder ruhig hin und aß seine Suppe zu Ende. Im Haus, wo jeden Monat Mädchen auf- und davongingen wie Zeisige, denen man den Käfig offen gelassen hat, war niemand erstaunt über das Mißgeschick der Coupeaus. Aber die Lorilleux' triumphierten. Sie hatten es immer prophezeit, daß die Kleine ihnen einmal Kummer machen würde. Das verdienten sie, alle Blumenmacherinnen endeten schlecht. Auch die Boches und Poissons lästerten und machten ungemein viel Aufhebens von ihrer eigenen Tugendhaftigkeit. Nur Lautier verteidigte Nana heimlich. Ach Gott, ja, erklärte er mit scheinheiliger Miene, ein junges Mädchen, das auf und davon geht, verletzt alle Gesetze, das ist schon richtig; aber, meinte er, und seine Augen blitzten, Teufel, das Mädel war auch zu hübsch, um so im Elend zu verkommen in ihrem Alter. »Wißt ihr noch nichts?« rief eines Tages Frau Lorilleux in den Verschlag der Boches, wo die Klatschbasen ihren Kaffee tranken. »Na! so wahr die Sonne scheint, das Hinkebein hat ihre Tochter verkauft ... Ja, sie hat sie verkauft, ich habe die Beweise! ... Der Alte, den man morgens und abends auf den Treppen traf, ging damals schon hin und gab Abschlagzahlungen. Das sprang in die Augen! Und gestern also hat sie jemand zusammen im Ambigu-Theater gesehen, den Hurenfratz und ihren Kater ... Mein Ehrenwort! Sie sind zusammen, seht ihr!« Man schlürfte den Kaffee und besprach die Neuigkeit. Schließlich, es war ja möglich, es kamen noch schlimmere Sachen vor. Und im Quartier sagten bald die wohlwollendsten Leute, daß Gervaise ihre Tochter verkauft hätte. Gervaise schleppte jetzt ihr Leben so hin und kümmerte sich nicht um die Meinung der Welt. Hatte man sie auf der Straße Diebin geschimpft, sie würde sich nicht einmal umgedreht haben. Seit einem Monat arbeitete sie nicht mehr bei Frau Fauconnier, die sie hatte hinauswerfen müssen, um Streit zu vermeiden. In wenigen Wochen war sie bei acht Büglerinnen eingetreten; sie arbeite zwei oder drei Tage bei jeder, dann bekam sie ihren Abschied, weil sie die Arbeit versaute; sorglos und unsauber, wie sie jetzt war, verlor sie ganz den Kopf und verlernte sogar ihren Beruf. Als sie einsah, was für eine Schlampe sie geworden war, gab sie das Bügeln auf und wusch für Tagelohn in der Waschanstalt der Rue Neuve; herumpantschend, sich mit dem Schmutz herumschlagend, stieg sie hinab zu dem, was dieses Handwerk Rohes, wenn auch wenig Schwieriges hatte, das ging noch, aber es brachte sie doch wieder eine Stufe näher der abschüssigen Bahn des Verderbens. Die Arbeit im Waschhaus verschönte die Menschen auch nicht. Dabei wurde sie immer fetter, trotz der vielen unfreiwilligen Fasttage, und ihr Bein wurde immer kürzer, so daß sie nicht nahe neben jemandem gehen konnte, ohne ihn umzuwerfen, so stark hinkte sie jetzt. Natürlich, wenn man derartig herunterkommt, verschwindet der ganze Stolz der Frau. Gervaise hatte auf ihre früheren Ansprüche ganz verzichtet; ihr Wunsch zu gefallen, ihr Bedürfnis für bessere Empfindungen, ihr Streben nach Achtung und Rücksichtnahme war ihr abhandengekommen. Man hätte ihr jetzt Fußtritte geben können, vorn und hinten, sie würde es nicht gefühlt haben, derartig stumpf und abgetrieben war sie geworden. Sogar Lantier hatte sie aufgegeben; nicht einmal der Form halber faßte er sie um die Taille; sie schien gar nichts zu merken von dem Ende dieser langen Liebschaft, die in stummer Erschlaffung ihr Ende fand. Für sie war das eine Last weniger. Selbst die Beziehungen Lantiers zu Virginie ließen sie vollkommen ruhig, so groß war ihre Gleichgültigkeit gegen all diese Dummheiten geworden, um derentwillen sie früher so oft in Wut geraten konnte. Es gab jetzt niemand mehr, der diese Sache nicht gewußt hatte – der Hutmacher und die Konfitürenhändlerin führten einen sauberen Haushalt. Es war wirklich sehr bequem für sie; der gehörnte Poisson hatte jeden zweiten Tag Nachtdienst, wo er klappernd vor Kälte auf der Straße ging, während seine Frau und der Nachbar sich in seinem Bett die Füße wärmten. Oh, sie brauchten sich nicht zu beeilen, sie hörten noch lange die Fußtritte auf dem Pflaster längs dem Laden, wenn er die dunkle leere Straße hinabging, ohne daß sie deshalb auch nur die Nasenspitze unter der Decke hervorgesteckt hätten. Ein Schutzmann kennt nur seine Pflicht, nicht wahr? Und so blieben sie bis Tagesanbruch beisammen und schädigten sein Eigentum, während dieser ernste Mann über das Eigentum der andern wachte. Das ganze Quartier der Rue de la Goutte d'Or lachte über diesen guten Witz. Man fand diese Hahnreischaft eines Beamten zu lustig. Übrigens hatte Lantier diesen Winkel erobert. Der Laden und die Besitzerin gehörten zusammen. Erst hatte er eine Büglerin armgefressen, jetzt knabberte er an der Konfitürenhändlerin. In Gedanken gab er ihr schon eine Reihe von Nachfolgerinnen. Eine Krämerin, eine Modistin, eine Papierhändlerin – seine Kinnbacken waren kräftig genug, sie alle zu verschlingen. Nein, niemals hat man einen Mann sich so in Zucker wälzen sehen. Lantier hatte die Karre sehr geschickt geschoben, als er damals Virginie zu einem Handel mit Konfitüren riet. Er war zu sehr Provenzale, um nicht für Süßigkeiten zu schwärmen, das heißt er hatte ganz gut von Pastillen, Gummibonbons, Zuckerwerk und Schokolade leben können. Besonders verzuckerte Mandeln liebte er über alles, sie machten ihm das Wasser im Munde zusammenlaufen, wenn er nur daran dachte. Seit einem Jahre lebte er nur mehr von Bonbons. Er zog die Schubfächer auf und nahm Hände voll heraus, wenn Virginie ihn bat, den Laden zu hüten. Waren Leute da, so nahm er den Deckel von einem der Pokale am Ladentisch, versenkte die Hand hinein und fing an zu essen; der Pokal blieb offen und war bald leer. Man beachtete es nicht mehr, es sei eine Manie, sagte er. Dann erfand er eine immerwährende Erkältung, eine Entzündung des Kehlkopfes, welche er durch Süßigkeiten mildern müsse. Arbeiten kannte er gar nicht, aber er hatte großartige Geschäfte in Aussicht; er brütete über einer ganz famosen Erfindung – einem Regenschirmhut; das war ein Hut, der sich beim ersten Regentropfen in einen Schirm verwandelte. Von dieser Erfindung versprach er Poisson die Hälfte des Nutzens und borgte sich bis dahin zwanzig Francsstücke zur Herstellung der Modelle. Inzwischen zerrann der Laden auf seiner Zunge, alle Süßigkeiten gingen diesen Weg, bis zu den Schokoladezigarren und Pfeifen aus rotem Zucker. Wenn er vor Zucker platzte und ihn eine zärtliche Regung überkam, hielt er sich an die Ladenbesitzerin, die ihn dann so süß fand wie ein Praline. So ein Mann war schön zum Umarmen! Er wurde wirklich wie Honig. Die Boches sagten, daß es ihnen genüge, wenn Lantier seinen Finger in ihren Kaffee steckte, um ihn süß wie Sirup zu machen. Das unaufhaltsame Verderben von Gervaise betrübte Lantier, er zeigte sich ganz väterlich zu ihr. Er gab ihr Ratschläge und schalt sie, daß sie die Arbeit nicht mehr liebte. Zum Teufel! Eine Frau in ihrem Alter müßte doch noch wissen, wie sie sich zu verhalten hat. Er beschuldigte sie, immer naschhaft gewesen zu sein. Aber weil man auch Leuten helfen soll, wenn sie es auch nicht verdienen, so war er bedacht, kleine Arbeiten für sie zu finden. So hatte er Virginie bestimmt, einmal wöchentlich Gervaise kommen zu lassen, damit sie den Laden und die Zimmer aufwüsche. Das war jetzt ihr Element, Wasser, Lauge und Seife. Sie verdiente damit jedesmal dreißig Sous. Gervaise kam am Samstag früh mit einem Eimer und ihrer Bürste, und es schien ihr nicht besonders peinlich zu sein, ein so schmutziges, niedriges Geschäft zu besorgen, da, wo sie früher als schöne blonde Ladenbesitzerin gethront hatte. Diese letzte Erniedrigung gab ihrem Stolz den Rest. Eines Samstags hatte sie viel auszustehen. Es hatte drei Tage geregnet und die Kunden schienen den Straßenschmutz des ganzen Quartiers an ihren Schuhen mit in den Laden gebracht zu haben. Virginie saß an der Kasse und spielte die Dame; sie war sorgfältig frisiert, trug einen kleinen Stehkragen und Spitzenärmel. Neben ihr auf einer kleinen Plüschbank räkelte sich Lantier und schien sich ganz zu Hause zu fühlen, als ob er hier Herr und Gebieter wäre. Er langte sich Pfefferminzpastillen aus einem Pokal und lutschte sie, wie er sonst Zucker lutschte. »Hört mal, Frau Coupeau!« rief Virginie, die der Arbeit der Reinmachefrau mit gekniffenen Lippen folgte, »Ihr laßt ja allen Dreck da in der Ecke. Bürstet mir das doch etwas besser!« Gervaise gehorchte. Sie ging noch einmal in die Ecke und fing aufs neue zu scheuern an. Sie kniete auf der Erde inmitten schmutzigsten Wassers, die Schultern hochgezogen vor Schmerz und mit steifen, blauen Armen. Ihr alter, ganz durchnäßter Unterrock klebte ihr an den Schenkeln. Ihre Haare waren zerzaust und durch die Löcher ihrer Jacke sah man Wülste ihres weichen Fleisches, das unter den heftigen Bewegungen des Scheuerns erzitterte. Sie schwitzte so stark, daß dicke große Tropfen von ihrem Gesicht auf den Boden tropften. »Je mehr Schweißtropfen drauf fallen, desto glänzender wird er werden«, sagte Lantier nachdenklich, den Mund voll Pastillen. Virginie lehnte sich mit der Würde einer Fürstin zurück und beobachtete das Aufwaschen. »Noch etwas mehr rechts. Jetzt, geben Sie auf die Holzverkleidung acht ... Wissen Sie, vorigen Samstag war ich nicht zufrieden. Die Flecken sind geblieben.« Alle beide, der Hutmacher und die Konfitürenhändlerin, machten es sich noch bequemer, während Gervaise sich im Schmutze zu ihren Füßen abquälte. Das schien Virginie zu gefallen, denn in ihren Katzenaugen leuchteten gelbe Lichter auf und sie blickte mit halbem Lächeln nach Lantier. Endlich war sie gerächt für die Prügel im Waschhause, die ihr immer noch auf der Seele gebrannt hatten. Als Gervaise zu schruppen aufgehört hatte, drang das leichte Geräusch einer kleinen Säge aus dem Hinterzimmer. Durch die offene Tür sah man das Profil Poissons, das sich vom bleichen Tageslicht im Hofe scharf abhob. Er hatte heute Urlaub und verbrachte seine Freistunden, indem er kleine Kasten sägte, was seine Leidenschaft war. Er saß an einem Tisch und sägte mit großer Sorgfalt Arabesken in den Holzdeckel einer Zigarrenkiste. »Hör mal, Badinguet!« rief Lantier, der ihm aus Freundschaft wieder diesen Spitznamen gab, »ich behalte deinen Kasten, will einer jungen Dame damit ein Geschenk machen!« Virginie kniff ihn, aber der Hutmacher vergalt galanterweise Böses mit Gutem, und ohne daß er dabei zu lächeln aufgehört hätte, machte er die »Maus« auf ihrem Schenkel hinter dem Ladentisch; er zog seine Hand gerade noch rechtzeitig und mit einer ganz natürlichen Bewegung zurück, als der Ehemann mit seinem roten Schnurr- und Knebelbart, der sich in seinem grauen Gesicht emporsträubte, eintrat. »Gerade«, sagte der Schutzmann, »habe ich da etwas für Sie. Das ist ein freundschaftliches Andenken.« »Nun, zum Teufel, dann werde ich Ihre kleine Maschine behalten. Wissen Sie was, ich werde mir das mit einem Bändchen um den Hals hängen.« Dann plötzlich, als hatte dieser Gedanke einen andern geweckt: »Übrigens! Ich bin Nana gestern abend begegnet!« Bei dieser Nachricht richtete sich Gervaise plötzlich auf. Sie blieb schwitzend, mit der Bürste in der Hand und regungslos stehen. »Ah!« sagte sie nur. »Ja, ich ging gerade die Rue des Martyrs hinab, da sah ich eine Kleine, die am Arm eines Alten herumschwänzelte, und ich sagte mir: sieh mal, ein Hinterteil, das ich kenne ... ich ging schneller und fand mich mit der kleinen verflixten Nana bald Nase bei Nase ... Geht! Ihr braucht kein Mitleid mit ihr zu haben, sie ist sehr glücklich, hat ein hübsches Leinenkleidchen an, ein goldenes Kreuz um den Hals und sieht verdammt hübsch darin aus!« »Ah!« wiederholte Gervaise mit dumpfer Stimme. Lantier hatte die Pastillen ausgefressen und nahm aus einem andern Pokal Orangenzucker. »Und durchtrieben ist dieses Kind! Denkt euch, sie machte mir ein Zeichen, ihr zu folgen, und wie geschickt! Dann hat sie den Alten irgendwo in einem Café versetzt ... Versetzt! Den Alten! ... Dann kam sie und wir sprachen in einer Haustür miteinander. Sie ist wie ein Eichkatzchen, reizend – und wie sie sich trug, schmeicheln tat sie wie ein kleines Hündchen! Ja! Sie hat mich sogar geküßt, sie hat wissen wollen, wie es allen geht ... schließlich, ich bin sehr zufrieden, daß ich sie getroffen habe.« »Ah!« sagte Gervaise zum dritten Male. Sie setzte sich wieder nieder und wartete immer noch. Hatte denn ihre Tochter gar kein Wort für sie? Jetzt hörte man wieder Poissons Säge. Lantier schien sehr vergnügt zu sein, schnell steckte er ein Stück Orangenzucker zwischen die Lippen. »Ich würde nicht über die Straße gehen und sie ansehen,« nahm Virginie die Unterhaltung wieder auf und kniff Lantier wütend. »Ja, mir würde die Schamröte ins Gesicht steigen, wenn ich öffentlich von einem solchen Madchen gegrüßt würde ... Ich sage das nicht, weil Sie da sind, Frau Coupeau, aber Ihre Tochter ist ein fauler Braten. Poisson greift täglich solche auf, die besser sind.« Gervaise sagte nichts und rührte sich auch nicht, ihre Augen starrten ins Leere. Dann schüttelte sie den Kopf als Antwort auf die Fragen, die sie sich stellte, während der Hutmacher lüstern murmelte: »An diesem Braten holt man sich gern eine Magenverstimmung. Er ist zart wie ein Huhn ...« Jetzt schaute ihn die Konfitürenhändlerin mit einem schrecklichen Blick an, daß er es für gut fand, sie durch eine Artigkeit zu besänftigen. Er schaute sich nach dem Polizisten um, und da dieser seine Nase auf der Arbeit hatte, benutzte er die Gelegenheit und steckte ihr rasch das Stück Orangenzucker in den Mund. Nun lächelte sie wieder befriedigt, ließ aber ihre schlechte Laune an der Büglerin aus, indem sie zu ihr sagte: »Beeilen Sie sich doch ein wenig, nicht? So kann die Arbeit nicht vorwärts gehen, wenn Sie so versteinert da stehen. Vorwärts! rühren Sie sich, ich hab keine Lust, bis in die Nacht im Wasser zu schwimmen.« Und dann setzte sie noch leise hinzu: »Kann ich etwa dafür, daß Ihre Tochter eine Hure macht?« Wahrscheinlich hatte Gervaise dies letztere gar nicht mehr gehört. Denn sie hatte wieder angefangen zu schruppen; mit gebogenem Rücken lag sie am Boden und machte mechanische Bewegungen wie ein Frosch. Mit beiden Händen, die die Bürste umspannt hielten, schob sie eine schwarze Flut vor sich her, deren Aufspritzen sie in die Haare hinein traf. Nun brauchte nur noch nachgespült werden, wenn das Schmutzwasser in den Rinnstein gefegt war. Nach einem Stillschweigen sagte Lantier, der sich langweilte, laut zu Badinguet: »Weißt du, ich habe gestern in der Rue de Rivoli den Herrn und Meister gesehen. Er sieht verteufelt verstört aus, der macht keine sechs Monate mehr; den Teufel auch, bei dem Leben, das der führt!« Er sprach vom Kaiser. Der Polizist antwortete trocken, ohne die Augen zu erheben: »Wenn du die Obrigkeit wärst, sähst du auch nicht so fett aus.« »Oh, mein Bester, wenn ich die Obrigkeit wäre,« antwortete der Hutmacher, sehr ernst tuend, »da gingen die Dinge ein wenig besser, darauf verlasse dich ... Sieh dir ihre auswärtige Politik an, da bricht einem der Schweiß aus seit einiger Zeit, nicht wahr? Ja, wenn ich irgendeinen Journalisten kennen würde, dem ich meine Ideen eingeben könnte ...« Er wurde sehr lebhaft; und da er mit dem Orangenzucker zu Ende war, zog er einen Kasten mit Eibischzucker heraus und verzehrte davon mehrere Stücke. »Das ist sehr einfach ... Vor allem würde ich Polen wiederherstellen und einen großen skandinavischen Staat gründen, der den nordischen Riesen in Schach hielte ... Dann würde ich aus all den deutschen Königreichen eine Republik machen ... Was England anbelangt, es ist ja kaum zu fürchten, aber wenn es sich rührte, würde ich hunderttausend Mann nach Indien schicken ... Füge hinzu, daß ich den Großtürken mit Kolbenstößen nach Mekka und den Papst nach Jerusalem zurückschicken würde ... Nun, was meinst du dazu? Sieh mal, Badinguet, schau mal her ...« Er unterbrach sich und tat einen Griff in den Zuckerkasten. »Nun, das würde eben auch nicht länger dauern, als bis ich das aufgegessen habe.« Damit warf er ein Stück nach dem andern in den Mund. »Der Kaiser hat einen andern Plan«, sagte der Polizist nach einiger Überlegung. »Laß das gut sein,« sagte der Hutmacher heftig. »Den Plan kennt man! Europa macht sich den Teufel was aus uns ... Alle Tage müssen die Bedientenseelen euern Herrn in den Tuilerien unter dem Tisch hervorholen, an dem er mit zwei Dirnen aus der vornehmen Welt gesessen hat.« Jetzt stand Poisson auf. Er kam näher, legte die Hand aufs Herz und sagte: »August, du tust mir weh, sprich, aber werde nicht persönlich.« Nun legte sich auch Virginie ins Mittel und bat, sie möchten doch Ruhe geben. Sie kümmere sich den Teufel um Europa. Wie konnten nur zwei Männer, die sonst in allem einig waren, sich so ohne Aufhören über Politik unterhalten? Einen Augenblick lang brummten sie noch unverständliche Worte. Dann holte der Polizist, um zu zeigen, daß er nicht mehr böse sei, den Deckel des kleinen Kastens, den er soeben fertig gemacht hatte; man las darauf in erhabenen Buchstaben: »An August zum Andenken an unsere Freundschaft.« Lantier fühlte sich sehr geschmeichelt, er beugte sich vor und lehnte sich auf Virginie, sie beinahe verdeckend. Der Ehemann sah das, sein Gesicht war wie eine alte Mauer, seine ausdruckslosen Augen zeigten durchaus keine Beunruhigung, aber die roten Haare seines Schnurrbarts bewegten sich so eigentümlich, daß ein Mann, der seiner Sache nicht ganz sicher war, hätte beunruhigt werden müssen. Dies Vieh, Lantier, hatte diese unverschämte Ruhe, die den Frauen so sehr gefällt. Als Poisson den Rücken kehrte, kam ihm der tolle Gedanke, Frau Poisson einen Kuß auf das linke Auge zu geben. Für gewöhnlich bewahrte er eine schlaue Vorsicht; aber wenn er sich über Politik gezankt hatte, so wagte er alles, weil er wenigstens den Frauen gegenüber recht behalten wollte. Die ungestümen Zärtlichkeiten, hinter dem Rücken des Polizisten an dessen Frau ausgelassen, waren seine Rache am Kaiserreich, das aus Frankreich ein Bordell machte. Diesmal vergaß er ganz die Anwesenheit von Gervaise. Sie hatte den Laden nachgewischt und getrocknet und stand am Ladentisch und wartete auf ihre dreißig Sous. Der Kuß aufs Auge ließ sie sehr ruhig, wie etwas, das sie nichts anging und das sie ganz natürlich fand. Virginie warf ärgerlich die dreißig Sous auf den Tisch, doch Gervaise rührte sich nicht und schien noch immer auf etwas zu warten; sie war abgemattet und sah häßlich aus wie ein Hund, den man aus einem Kanal gezogen hat. »Also, sie hat Ihnen nichts gesagt?« fragte sie endlich den Hutmacher. »Wer denn?« rief er. »Ach so, Nana! ... Aber nein, nichts sonst. Das Luderchen hat einen Mund wie ein kleiner Erdbeertopf!« Nun zog Gervaise mit ihren dreißig Sous in der Hand ab. Aus ihren niedergetretenen Schuhen floß das Wasser wie aus einer Pumpe, es waren wirklich musikalische Schuhe, die eine Arie sangen, während sie die feuchten Abdrücke ihrer Sohlen auf dem Pflaster hinterließen. Im Quartier erzählten die andern Säufer, sie tränke, um sich über den Fall ihrer Tochter zu trösten. Sie selbst nahm die Mienen einer Tragödin an, und wenn sie am Schenktisch ihr Glas Fusel herunterstürzte, wünschte sie, daß sie daran zugrunde gehen möchte. An Tagen, wo sie voll wie ein Schlauch nach Hause kam, stammelte sie, daß das vom Kummer käme. Aber die anständigen Leute zuckten die Achseln: man kannte das, die Trunkenheit, die sie sich im Totschläger geholt hatte, ihren Kummer zu nennen! Als ob dort der Kummer auf Flaschen gezogen sei. Ohne Zweifel, im Anfang konnte sie Nanas Flucht nicht verwinden. Der Rest von Ehrenhaftigkeit, der noch in ihr war, lehnte sich dagegen auf; und dann mag es eine Mutter gewöhnlich nicht, wenn sie weiß, daß ihre Tochter jeden Augenblick vom ersten besten geduzt wird. Aber sie war schon zu niedergedrückt, als daß sie sich der Schande lange gewärtig bleiben konnte. Es verflossen oft acht Tage, ohne daß sie einmal an Nana dachte; aber plötzlich erfaßte sie dann eine Zärtlichkeit oder Wut, je nachdem sie gerade hungerte oder schlemmte, ein Bedürfnis, Nana zu kneifen, zu küssen oder zu schlagen, wie es ihr der Augenblick gerade eingab. Schließlich war sie sich über den Begriff von anständig und unanständig nicht mehr recht klar. Sie wußte nur, daß Nana ihr gehörte, nicht wahr? Nun, und wenn man einen Besitz hat, will man nicht, daß er sich unsichtbar mache. Wenn dieser Gedankengang sich Gervaises bemächtigte, durchforschte sie die Straßen mit Argusaugen. Wenn sie doch diese Dirne einmal treffen würde, wie würde sie sie nach Hause bringen! In diesem Jahre wurde der Durchbruch zwischen dem Boulevard Magenta und dem Boulevard Ornano gemacht, wobei die alte Barrière Poissonnière verschwand. Die ganze eine Seite der Rue des Poissonniers wurde niedergelegt. Von der Rue de la Goutte d'Or aus sah man jetzt auf einen ungeheuer weiten hellen Platz. Das gab viel Sonne und frische Luft; an Stelle der Gebäude, die nach dieser Seite die Aussicht versperrt hatten, erhob sich ein stattliches Haus von sechs Stockwerken mit einer schön gegliederten und von Bildhauerarbeit gezierten Fassade. Jeden Tag stritten sich Lantier und Poisson über dieses Haus; der Hutmacher schimpfte auf das Niederreißen, er klagte den Kaiser an, daß er überallhin Paläste baue, damit die Arbeiter in die Provinz zurückgejagt würden, während der Polizist behauptete, und er war ganz blaß vor Zorn, daß der Kaiser gerade nur an die Arbeiter dächte, wenn er soviel niederreißen und aufbauen ließ, und das sein einziger Zweck dabei sei, ihnen Arbeit zu geben. Auch Gervaise konnte sich mit den Verschönerungen nicht befreunden, die ihre dunkle Umgebung, die sie nun einmal gewöhnt war, veränderten. Am meisten ärgerte sie sich darüber, daß das Quartier verschönert wurde, als sie selbst im Begriff war zugrunde zu gehen. Ist man über und über mit Schmutz bedeckt, so sieht man es nicht gern, wenn die Sonne darauf scheint. An Tagen, an denen sie Nana suchte, wütete sie, wenn sie über Baumaterialien hinwegsteigen mußte, oder wenn die Trottoirs neu gelegt wurden und sie längs der Bauzäune hinstolpern mußte. Das schöne Gebäude auf dem Boulevard Ornano erregte ihren ganzen Zorn; solche Häuser waren für Früchtchen wie ihre Nana. Indessen hatte sie mehrere Nachrichten von der Kleinen gehabt. Es gibt ja immer viel gute Seelen, die davon leben, schlechte Nachrichten zu verbreiten. Ja, man hatte ihr erzählt, daß die Kleine ihren Alten eines schönen Tages hatte sitzen lassen, was eine große Unerfahrenheit bedeutete. Sie hatte es bei dem Alten sehr gut; er pflegte sie, betete sie an, ließ ihr auch eine gewisse Freiheit, wenn sie es verstanden hätte, sie geschickt auszunutzen. Aber Jugend hat eben keine Tugend, sie mußte mit irgendeinem Laffen auf und davon gegangen sein, man wußte nicht wohin. Das nur wußte man, daß sie auf dem Place de la Bastille vom Alten drei Sous für ein Bedürfnis verlangt hatte und er immer noch auf ihre Rückkehr wartete. In der besten Gesellschaft nennt man das: »auf Englisch sich verabschieden«. Andere schwuren wieder, sie im Grand Salon de la Folie in der Rue de la Chapelle gesehen zu haben, wie sie dort tanzte. Von da an suchte sie Gervaise auf allen Tanzböden des Viertels und in angrenzenden Vergnügungslokalen; Coupeau begleitete sie. Zuerst machten sie nur Rundreisen und schauten sich alle kleinen Mädchen an, die da ihr Unwesen trieben; dann, als sie eines Abends Geld hatten, blieben sie sitzen und tranken eine Bowle Punsch, um sich zu erfrischen und auf Nana zu warten. Nach einem Monat hatten sie Nana ganz vergessen; jetzt gingen sie nur noch, weil es ihnen einfach Freude machte, dem Tanzen zuzusehen. Stundenlang blieben sie so mit aufgestützten Ellbogen sitzen, in dumpfem Brüten, während der Fußboden unter ihnen zitterte; wahrscheinlich hatten sie Vergnügen daran, den Bewegungen dieser Boulevarddirnen zuzusehen unter der Helligkeit und dem Gedränge des Saales. An einem Novemberabend gingen sie, um sich zu erwärmen, in den Grand Salon de la Folie. Draußen wehte ein schneidender Wind, der einem ins Gesicht fuhr. Der Saal war gestopft voll und ein wahrer Höllenlärm darin. An allen Tischen saßen Menschen, die Gänge standen voll, fast schien es, als schwebten sie in der Luft, ein Durcheinander wie in einem Fleischerladen. Als sie zweimal den Rundgang umsonst gemacht hatten, um einen Platz zu finden, blieben sie stehen und warteten, bis irgendwo jemand aufstand. Coupeau wiegte sich auf den Füßen hin und her, seine Bluse war schmutzig, die alte Mütze hatte keinen Schirm mehr und saß platt auf seinem Kopfe. Da er den Weg versperrte, stieß ein kleiner, magerer junger Mann ihn mit dem Ellbogen an und er sah, wie dieser sich nachher den Ärmel abputzte. »Hören Sie!« stieß er wütend hervor und nahm seine kurze Tonpfeife aus dem Munde, »Sie können doch um Entschuldigung bitten ... oder erscheint es Ihnen ekelhaft, daß einer eine Bluse trägt?« Der junge Mann hatte sich umgewandt und den Zinkarbeiter mit seinen Augen gemessen, als dieser fortfuhr: »Lernen Sie, Fatzke, daß die Bluse das schönste Kleidungsstück ist, ja, das Kleid der Arbeit ... Ich will dich mit ein paar Ohrfeigen abputzen ... hat man je so einen gesehen, der die Arbeiter beleidigen will.« Umsonst versuchte Gervaise ihn zu beruhigen. Er prahlte mit seinen Lumpen, schlug sich darauf und brüllte: »Da sitzt die Brust eines Mannes darin!« Jetzt tauchte aber der Jüngling in der Menge unter und sagte: »Was für ein schmutziger Kerl.« Coupeau wollte ihm nach. Er würde sich doch nichts von solchem Paletot gefallen lassen, der nicht einmal bezahlt war. Der war von irgendeinem Trödler gepumpt, um damit einem Mädchen zu imponieren und nichts dafür zu bezahlen. Wenn er ihn findet, muß er niederknien und die Bluse anbeten. Aber das Gedränge war so groß, er konnte nicht vorwärts kommen. Langsam nur wurden die beiden fortgeschoben in dem Gang, der die Tanzenden umgab; eine dreifache Reihe Zuschauer stand da, mit erregten Gesichtern, sobald ein Mann besonders komische Gesten machte oder die Mädchen beim Beinaufheben alles zeigten; da aber beide klein waren, mußten sie auf den Zehenspitzen stehen, um überhaupt etwas zu sehen, Hüte oder Frisuren, die in der Luft tanzten. Das Orchester spielte mit seinen gesprungenen Blasinstrumenten wütend eine Quadrille, die wie ein Sturmwind den Saal durchtoste und durch das Tanzen so viel Staub aufwirbelte, daß die Gasflammen nur mühsam brennen konnten. Eine Hitze dabei zum Ersticken. »Schau doch!« sagte plötzlich Gervaise. »Was denn?« »Die Samtschuhe da unten!« Sie stellten sich auf die Zehen. Zur Linken sahen sie einen alten schwarzen Samthut mit vertragenen Federn darauf, die auf und ab wippten, ein richtiger Leichenpferdekopfschmuck. Aber immer nur sahen sie diesen Hut, der einen Hexentanz auszuführen schien, so drehte er sich um sich selbst herum. Manchmal entglitt er ihnen, dann fanden sie ihn wieder, in toller Frechheit über all den andern schwebend, daß die Leute lachten um sie herum, wenn sie nur diesen Hut tanzen sahen, ohne zu wissen, was darunter steckt. »Nun, was denn?« fragte Coupeau wieder. »Erkennst du denn nicht den Chignon darunter?« murmelte Gervaise mit gepreßter Stimme. »Ich wette, sie ist es! Mit einer einzigen Armbewegung stieß der Zinkarbeiter alle Umstehenden zur Seite. Zum Donnerwetter! ja, das war Nana! Und in welchem Aufzug! Sie hatte nur ein vertragenes Seidenkleid an, an dessen Flecken man sah, daß sie damit alle Tische der Tanzkneipen abgewischt hatte; zerrissene Volants hingen in Fetzen herunter. Sie hatte weder Umhang noch Schal, und ihre Taille zeigte ausgerissene Knopflöcher. Zu sehen, wie dieses Mädchen, das einen Alten hatte, der mit väterlicher Sorgfalt sich ihrer angenommen hatte, jetzt so heruntergekommen war! Sie war irgendeinem Bengel nachgelaufen, der sie vielleicht noch dazu schlug. Trotzdem sah sie appetitlich und frisch aus, zerzaust wie ein Karnickel, aber ihr rosiger Mund lachte unter dem enorm großen Hut. »Warte ein wenig, ich lasse sie jetzt tanzen!« antwortete Coupeau. Nana tanzte ahnungslos. Sie drehte sich nach rechts, nach links, machte Verbeugungen bis zur Taille, ihre Füße schleuderte sie in das Gesicht ihres Kavaliers, als wenn sie sich auseinanderreißen wollte. Ein Kreis von Bewunderern hatte sich um sie gebildet und klatschte ihr Beifall. Das feuerte sie nur noch mehr an, sie nahm ihre Röcke zusammen und schlug sie über die Knie hoch; fieberhaft erfaßte sie der Tanz, sie drehte sich nur noch wie ein Kreisel, duckte sich mit Seitensprüngen auf den Boden und schnellte wieder hoch. Dann begann sie eine langsame Tanzart, wobei sie sich in den Hüften wiegte und ihren Körper nach rückwärts warf mit dem Kopf hintenüber, so daß alle bezaubert waren. Man hätte sie mögen in eine Ecke tragen und in Liebkosungen ersticken. In diese Idylle fuhr nun Coupeau hinein, zerstörte den Kreis unter allgemeinem Murren. »Und ich sage, es ist meine Tochter!« schrie er, »laßt mich durch!« In diesem Augenblick bog sich Nana nach rückwärts und kehrte den Boden mit ihrer Schleppe, der sie noch eine ganz besonders reizende Wendung zu geben verstand. Da bekam sie einen meisterhaften Fußtritt an den richtigen Ort, so daß sie emporschnellte und ganz blaß wurde, als sie ihren Vater und die Mutter erkannte. Das war kein Glück! Die Tänzer schrien: »Hinaus«! Coupeau erkannte in Nanas Tänzer den jungen Mann von vorhin, kümmerte sich aber nicht weiter um die Leute. »Ja, wir sind es! Nicht wahr, das hast du nicht erwartet? Also hier trifft man dich, dazu mit einem Gelbschnabel, der mich gerade sehr respektlos behandelt hat!« Gervaise gab ihm einen Stoß und sagte, soviel Redensarten seien gar nicht nötig! Sie stürzte nun vor und gab Nana zwei tüchtige Ohrfeigen; nach der ersten flog der Federhut zu Boden und die zweite verursachte ihr einen glühend roten Fleck auf der weißen Backe. Vor Überraschung wehrte sich Nana gar nicht gegen diese Ohrfeigen, auch weinte sie nicht. Der Orchester spielte weiter, die Leute waren dieser Unterbrechung wegen sehr böse und schrien immerzu: »Hinaus! Hinaus!« »Vorwärts!« sagte Gervaise. »Geh voraus und laß dir nicht einfallen durchzubrennen, sonst lasse ich dich ins Gefängnis sperren.« Der junge Mann hatte sich aus dem Staube gemacht. Nana ging ganz betäubt voran. Sooft sie Miene machte, sich seitwärts zu drücken, bekam sie einen Schlag, der ihr die Direktion zum Ausgang gab. Alle drei verließen nun unter dem Gejohle der Menge den Saal, und das Orchester spielte den Schlußsatz der Quadrille unter solchem Trompetengeschmetter, daß man hatte meinen können, sie schössen Kanonenkugeln. Jetzt fing das alte Leben wieder an. Nana hatte in ihrem Kämmerchen zwölf Stunden lang gut geschlafen und zeigte sich während einer Woche sehr liebenswürdig. Sie hatte sich ein altes, bescheidenes Kleidchen wieder zurechtgenäht und trug dazu ein Häubchen, dessen Bänder sie unter ihrem Chignon zusammenband. Von einem guten Willen erfaßt, erklärte sie, im Hause arbeiten zu wollen; man könne da genug verdienen und brauche nicht die unanständigen Reden im Atelier mit anzuhören. Sie suchte auch Arbeit, richtete sich auf dem Tisch mit ihren Werkzeugen ein und stand in den ersten Tagen schon um fünf Uhr in der Früh auf, um ihre Veilchenstengel zu drehen. Als sie aber ein paar Dutzend abgeliefert hatte, wurden ihre Arme bei der Arbeit schlaff, sie hatte die Übung des Drehens verloren und bekam Krämpfe. Auch litt sie darunter, immer so eingesperrt zu sein, nachdem sie durch sechs Monate hindurch sich immer in frischer Luft bewegt hatte. Der Kleistertopf fing an einzutrocknen, die Blumenblätter und das grüne Papier bekamen Fettflecke, so daß der Fabrikant selber kam und sein Material wieder forderte. So schleppte Nana das Leben weiter; vom Vater bekam sie Ohrfeigen, mit der Mutter zankte sie sich vom Morgen bis zum Abend, wobei sich beide Gemeinheiten vorwarfen. Das konnte nicht mehr lange so weitergehen; am zwölften Tag machte sie sich wieder auf den Weg und nahm nur ihr bescheidenes Kleidchen und das Häubchen mit. Die Lorilleux', die über Nanas Rückkehr sehr böse waren, freuten sich unbändig, als sie wieder fort war, sie streckten alle Vier in die Luft vor Lachen. Zweite Vorstellung! Flucht Nummer zwei! Die Damen nach Saint-Lazare, einsteigen! Nein, das war doch zu komisch. Sie hatte doch einen Schick, sich aus der Sache zu ziehen! Ja, wenn die Coupeaus sie jetzt zu Hause behalten wollten, mußten sie sie einnähen oder in einen Käfig sperren. Vor den Leuten taten die Coupeaus als wären sie froh, sie wieder los zu sein. Innerlich aber waren sie wütend. Aber auch das verlor sich wieder; sie erfuhren ohne Mühe, daß sich Nana im Viertel herumtrieb. Gervaise sagte, sie täte das, um die Eltern zu entehren. Sie setzte sich über all den Klatsch hinweg. Träfe sie jetzt Nana, würde sie sich nicht einmal durch eine Ohrfeige an ihr beschmutzen. Jetzt war alles aus; wenn sie sie nackt und sterbend auf der Straße treffen würde, sie ginge vorbei und würde nicht sagen, daß sie dieses Untier unter dem Herzen getragen habe. Nana war der Stern aller Bälle in der Umgebung. Man kannte sie von der Reine Blanche bis zum Grand Salon de la Folie; wenn sie in das Elysée Montmartre kam, stiegen die Leute auf die Stühle, um sie tanzen zu sehen. Da sie im Château Rouge zweimal hinausgeworfen worden war, strich sie in der Nähe herum, bis sie Personen ihrer Bekanntschaft traf. Die Boule Noire auf dem Boulevard und der Grand Turc waren die vornehmsten Säle, da ging sie nur hin, wenn sie reine Wäsche anhatte. Aber den Vorzug gab sie dem Val de l'Eremitage, der auf einem feuchten Hofe lag, und dem Bal Robert in der Sackgasse du Cadran; das waren zwei kleine schmutzige Plätze, die nur durch ein paar Laternen erleuchtet waren; hier war es gemütlich, hier konnten die Kavaliere ihre Damen umarmen, ohne gestört zu werden. Und Nana war bald oben, bald unten, bald angezogen wie eine schicke Frau, bald fegte sie wieder in Lumpen daher. Sie führte ein lustiges Leben. Mehrere Male glaubten die Coupeaus ihre Tochter an verrufenen Orten gesehen zu haben. Sie kehrten den Rücken und gingen auf eine andere Seite, um sie nicht erkennen zu müssen. Sie zeigten keine Lust mehr, vor einem ganzen Tanzlokal lächerlich gemacht und verhöhnt zu werden, eines solchen Pflanzchens wegen. Eines Abends gegen zehn Uhr, als die Coupeaus sich schlafen legen wollten, klopfte es an die Türe. Es war Nana, die sich da schlafen legen wollte. Und in welchem Zustande kam sie an! Großer Gott! Sie hatte keinen Hut auf, das Kleid in Fetzen und die Schuhe zerrissen; schon dieses Aufzuges wegen allein würde sie die Polizei aufgegriffen haben. Zuerst bekam sie natürlich eine Tracht Prügel; dann fiel sie heißhungrig über eine Brotkruste her und schlief vor Ermüdung darüber ein. So ging ihr Leben fort. Sobald sie sich wieder erholt und ausgeruht hatte, verschwand sie eines schönen Morgens wieder. Aus dem Auge, aus dem Sinn! Der Vogel war entflogen. Es vergingen oft Wochen und Monate, sie blieb verschwunden. Plötzlich war sie wieder da, ohne zu sagen, woher sie käme, oft so schmutzig, daß man sie nicht hätte anrühren mögen, zerkratzt von oben bis unten. Ein andermal gut gekleidet, aber erschlafft und vom Leben so entkräftet, daß sie kaum stehen konnte. Die Eltern gewöhnten sich daran, und aus den Schlägen machte sie sich nichts. Auch wenn sie mit Füßen getreten wurde, war ihr die elterliche Wohnung nur noch eine Herberge, wo man wochenweise schlafen konnte. Sie wußte auch, daß sie ihr Bett mit Prügeln bezahlen mußte, und wenn sie dabei profitierte, so nahm sie eben die Prügel mit in Kauf. Auch wird man einmal auch des Schlagens müde. So nahmen auch die Coupeaus Kommen und Gehen mit in den Kauf. Ob sie kam oder ging, das war dasselbe, wenn sie nur die Türe hinter sich zumachte; das genügte. Mein Gott, die Gewohnheit nützt auch die Ehrlichkeit ab, wie alles andere. Über eine einzige Sache geriet Gervaise in großen Zorn: wenn Nana mit Schleppkleidern und Federhüten erschien. Nein, den Luxus, das konnte sie nicht ertragen. Sie mochte jetzt ein Leben führen wie sie wollte, doch wenn sie zur Mutter kam, sollte sie gekleidet sein, wie es sich für eine Arbeiterin paßt. Diese Kleider revolutionierten das ganze Haus: die Lorilleux' höhnten und lachten; Lantier zog das merkwürdig an, er umschnüffelte die Kleine ihres guten Parfüms wegen; die Boches verboten Pauline, mit einer solchen Person in diesem Staat zu reden. Auch konnte es Gervaise nicht ertragen, wenn Nana dann in bleiernem Schlafe bis in den Mittag hinein im Bette lag; ganz abgetrieben lag sie dann da, mit gelöstem Chignon, in dem noch die Haarnadeln steckten, blaß sah sie aus, der Atem war kurz, sie glich einer Sterbenden. Die Mutter schüttelte sie des Morgens und drohte, ihr Wasser über den Leib zu gießen. Es brachte sie zur Verzweiflung, wenn sie dieses schöne, arbeitsscheue Mädchen halbnackt vor sich liegen sah, das nicht zu erwecken war und so ihren Liebesrausch ausschlief. Nana öffnete gewöhnlich die Augen, schloß sie wieder, drehte sich auf die andere Seite und schlief weiter. Eines Tages hielt ihr Gervaise mit harten Worten ihr Leben vor und fragte, ob sie sich schon mit Soldaten abgäbe, weil sie so abgemattet nach Hause käme, führte ihre Drohung aus und fuhr ihr mit der nassen Hand über den Körper. Die Kleine wütete, hüllte sich in ihr Laken und schrie: »Nun ist es aber genug, Mama! Sprechen wir nicht über die Männer, das wird besser sein. Du hast getan, was du wolltest, und ich tue, was ich will.« »Wie? Was?« stotterte die Mutter. »Ja, ich hab zu dir nie davon gesprochen, weil mich das nichts anging; aber du hast dir auch keinen Zwang angetan, ich hab dich oft genug im Hemd herumspazieren sehen, wenn Papa schnarchte ... Jetzt macht's dir keinen Spaß mehr, aber andern macht es Spaß. Laß mich in Ruh', du hättest mir so ein Beispiel nicht geben sollen!« Gervaise wurde blaß, mit zitternden Händen wendete sie sich ab, ohne zu wissen, was sie tat, während Nana, die auf dem Bauch lag, ihr Kopfkissen an sich zog und in die Bewußtlosigkeit ihres bleiernen Schlafes zurückfiel. Coupeau brummte und kam selbst nicht mehr auf den Gedanken, sie zu schlagen. Er verlor völlig seinen Verstand. Dabei konnte man ihm nicht einmal vorwerfen, daß er ein unmoralischer Vater sei, denn der Trunk verwischte bei ihm die Erkenntnis des Guten und Bösen. Jetzt war sein Leben geregelt. Während sechs Monaten war er nicht mehr nüchtern, bis er zusammenbrach und nach dem Hospital Sainte-Anne gebracht wurde, eine Landpartie für ihn. Die Lorilleux' sagten, daß Seine Durchlaucht der Herzog von Kaldaunenbrand sich auf seine Güter begeben habe. Nach einigen Wochen kam er dann geflickt und wiederhergestellt aus dem Asyl und fing wieder an, sich zu zerstören, bis er wieder von neuem auf der Seite lag und wieder zurechtgemacht werden mußte. Während dreier Jahre war er so siebenmal in Sainte-Anne gewesen. Im Quartier erzählte man, daß ihm dort seine Zelle aufgehoben werde. Das Schlimmste war, daß ihn dieses Saufen immer mehr kaputt machte, so daß man den Schlußakt ziemlich voraussehen konnte, wo mit einem letzten Krach das alte Faß auseinanderfallen mußte, von dem jetzt ein Reif nach dem andern sich ablöste. Dabei wurde er nicht schöner! Das Gift zerstörte ihn schrecklich. Sein Körper schrumpfte zusammen wie die Fötusse in den Gläsern bei den Ärzten. Saß er am Fenster, schien das Tageslicht beinahe durch ihn durch, so mager war er. Seine Backen waren eingefallen und aus seinen Augen triefte Wasser, genug, um eine Wiese damit zu berieseln; nur seine schöne Nase blieb sich gleich und sah aus wie eine einsame rote Blume an einem verdorrten Stamm. Wer erfuhr, daß er erst vierzig Jahre alt war, den schüttelte ein leiser Frost, wie er gebeugt und wankend vorüberkam und so alt aussah wie die Gassen, durch die er ging. Das Zittern seiner Glieder wurde so heftig, besonders bei seiner rechten Hand, daß er sein Glas mit beiden Fäusten packen mußte, um es an den Mund zu bringen. Dieses verfluchte Zittern! Das war das einzige, was ihn in seiner Versumpftheit noch ärgerte. Man hörte ihn wilde Drohungen gegen seine Hände ausstoßen. Oft saß er stundenlang und beobachtete seine tanzenden Hände, er ärgerte sich nicht und sagte auch nichts, er wollte immer herausbringen, durch welchen innern Mechanismus dieses Spiel getrieben wird; eines Abends aber fand ihn Gervaise mit zwei dicken Tränen auf den gefurchten Wangen. Dieser letzte Sommer, in dem Nana noch ihre Nächte bei den Eltern verbrachte, war besonders schlecht für Coupeau. Seine Stimme veränderte sich so, als wäre ein anderes Instrument in seiner Kehle eingesetzt worden. Auch wurde er auf einem Ohre taub. Dann wurden ganz plötzlich seine Augen schwach, er mußte sich am Treppengeländer festhalten, um nicht herunterzufallen. Seine ganze Gesundheit war dahin. Er hatte abscheuliche Kopfschmerzen und Blutwallungen, er sah immer Kerzen flammen. Dann bekam er Schmerzen in den Armen und Beinen; er wurde blaß, mußte sich niedersetzen und blieb stundenlang auf dem Stuhle ohne Besinnung. Einmal blieb ihm der Arm einen ganzen Tag gelähmt. Einige Male schon hatte er sich fest ins Bett gelegt, er kauerte sich dann zusammen wie ein krankes Tier und verkroch sich unter die Bettdecke, indem er anhaltend stöhnte. Die Beängstigungen von Sainte-Anne fingen wieder an. Er wurde mißtrauisch, unruhig und bekam heftiges Fieber. Er warf sich in tollen Wutanfällen umher, zerriß seine Bluse und biß mit seinen konvulsivisch zuckenden Kiefern in die Möbel; dann wieder befiel ihn große Traurigkeit, er jammerte wie ein Kind, schluchzte und beklagte sich, daß niemand ihn lieb hätte. Eines Abends, als Gervaise und Nana zusammen nach Hause kamen, fanden sie ihn nicht in seinem Bett. Statt seiner hatte er ein Kissen dort hingelegt. Sie fanden ihn schließlich zwischen dem Bett und der Wand versteckt, wo er mit den Zähnen klapperte. Er erzählte, daß Männer kommen würden, um ihn zu ermorden. Die beiden Frauen mußten ihn beschwichtigen wie ein Kind, bis er sich ins Bett bringen ließ. Coupeau kannte nur ein Heilmittel, das ihn wieder auf die Beine brachte: sich seinen Schoppen Branntwein in den Leib zu schütten. Jeden Morgen kurierte er so seine Heiserkeit. Sein Gedächtnis hatte schon seit langer Zeit nachgelassen, sein Schädel war leer; und sobald er wieder kriechen konnte, spottete er über seine Krankheit. Er war niemals krank gewesen. Ja, er war auf den Punkt gekommen, wo es zu Ende geht und man meint, es ginge einem gerade ausgezeichnet. Übrigens konnte er sich an nichts erinnern. Kam Nana nach sechswöchiger Abwesenheit nach Hause, so glaubte er, sie habe nur einen Gang im Quartier gemacht. Oft, wenn er ihr am Arm eines Herrn begegnete, lachte er sie an, ohne sie zu erkennen. Mit einem Wort, er zählte nicht mehr, sie würde sich auf ihn gesetzt haben, wenn sie gerade keinen Stuhl gefunden hätte. Als der erste Frost kam, machte sich Nana wieder davon; sie war unter dem Vorwands hinuntergegangen, um zu sehen, ob die Obsthändlerin keine gebackenen Birnen habe. Sie fühlte den Winter kommen und hatte keine Lust, vor dem leeren Ofen mit den Zähnen zu klappern. Die Coupeaus schimpften auf sie, weil sie so lang ausblieb, denn sie warteten auf die Birnen. Sie würde schon kommen; dabei war sie im letzten Winter einmal drei Wochen lang fortgeblieben, um für zwei Sous Tabak zu holen. Diesmal verfloß Monat auf Monat und die Kleine kam nicht wieder. Diesmal mußte sie einen guten Fang gemacht haben. Der Juni kam, aber auch die Sonne brachte sie nicht wieder zurück. Jetzt schien es endgültig aus zu sein, sie mußte irgendwo ihr Weißbrot gefunden haben. An einem ihrer Fasttage verkauften die Coupeaus das Eisenbett des Kindes; sie bekamen sechs runde Francs dafür, die sie im Saint-Ouen vertranken. Das füllte sie an, das Bett! An einem Julimorgen rief Virginie Gervaise an, die gerade vorüberging, und bat sie, etwas Geschirr bei ihr abzuwaschen, Lantier hätte am Abend zuvor zwei Freunde zu Tisch gehabt. Wie nun Gervaise das Geschirr abwusch, das übrigens recht schön fettig war von dem Gastmahl des Hutmachers, rief dieser plötzlich: »Wißt Ihr was, Mutter? Ich hab neulich Nana gesehen.« Virginie, die an der Kasse nachdenklich ihren immer leerer werdenden Gläsern und Schubladen gegenüber saß, hob wütend den Kopf. Sie mußte an sich halten, um sich nicht zu verraten; denn das fing doch schon an, bedenklich zu werden. Lantier sah Nana sehr oft. Oh! sie hätte nicht die Hand für ihn ins Feuer legen mögen, er war der Mann dazu, das Schlechteste zu tun, wenn ihm ein Unterrock den Kopf verdrehte. Frau Lerat, die gerade jetzt mit Virginie sehr intim war, schnitt ihre zweideutigen Grimassen und fragte: »In welchem Sinne haben Sie sie gesehen?« »Oh! Im guten Sinne,« erwiderte der Hutmacher sehr geschmeichelt, lachte und drehte seinen Schnurrbart. »Sie saß in einer Equipage; ich, ich stolperte grad übers Pflaster ... Wirklich, ich schwör es euch!« Seine Blicke waren lebhaft geworden und er wandte sich an Gervaise, die gerade die Teller abtrocknete. »Ja! sie fuhr im Wagen und war todschick angezogen ... Sie sah so damenhaft aus, daß ich sie erst gar nicht erkannte. Sie lächelte mir zu und grüßte mich mit dem Handschuh ... Sie hat einen Vicomte gefischt, glaub ich. Oh! die ist obenauf jetzt! Die kann auf uns alle jetzt pfeifen, die hat Glück bis über die Ohren, diese Hure! ... Nein, ihr könnt euch nicht vorstellen, wie reizend diese kleine Katze ausschaute.« Gervaise putzte immer noch an demselben Teller, obschon er bereits ganz sauber war. Virginie dachte aber mit Sorge an zwei Wechsel, die sie am folgenden Tage bezahlen sollte und nicht wußte wovon, wahrend Lantier, der schon so dick und fett war, daß er den Zucker, den er nun zu zwei Drittel aufgefressen hatte, förmlich ausschwitzte, den ganzen Laden, der schon vollständig nach Bankerott aussah, mit seiner Begeisterung für die kleinen gut angezogenen Freudenmädchen erfüllte. Er hatte nur noch einige Pralinees und etwas Orangenzucker aufzuessen, um dem ganzen Handel der Poissons ein Ende zu machen. Plötzlich sah er den Polizisten auf der gegenüberliegenden Seite des Trottoirs, vorschriftsmäßig zugeknöpft, den Säbel an der Seite, vorübergehen. Das machte ihn noch heiterer. Er zwang Virginie, ihren Mann genau zu betrachten. »Sehen Sie doch, Badinguet hat heute ein famoses Gesicht aufgesetzt,« sagte er leise. »Geben Sie acht! Er hat sich zu fest geschnürt und irgendwo ein Glasauge eingesetzt, damit er die Leute überraschen kann.« Als Gervaise nach Hause kam, fand sie Coupeau auf dem Bette sitzen. Er hatte wieder einen seiner Anfälle und war ganz starr. Seine erloschenen Augen waren auf den Boden gerichtet. Gervaise fiel förmlich auf einen Stuhl, ganz zerschlagen hingen ihre Hände an ihrem schmutzigen Unterrock herunter. Eine Viertelstunde lang blieb sie so sitzen und sprach kein Wort. »Ich habe Nachrichten ... deine Tochter ist gesehen worden,« sagte sie brummend. »Ja, deiner Tochter geht es sehr gut; sie braucht dich nicht mehr. Ja, sie ist sehr glücklich, scheint mir ... Gott, was gäbe ich darum, an ihrer Stelle zu sein!« Coupeau schaute noch immer auf den Fußboden. Dann erhob er sein verwüstetes Gesicht und stammelte mit blödsinnigem Lachen: »Nun, mein Herzchen, ich halte dich doch nicht ... Du bist noch gar nicht so übel, wenn du ordentlich gewaschen bist. Es gibt doch den alten Satz: ›Kein alter Topf, der nicht seinen Deckel hat‹ ... Den Teufel auch! Wenn das unsern Kohl fetter machen würde!« 12 Es war am Sonnabend nach dem Mietstermin, etwa der zwölfte oder dreizehnte Januar, Gervaise wußte das nicht so genau. Sie verlor vollständig den Verstand, denn sie hatte seit einem Jahrhundert nichts Warmes in den Magen bekommen. Das waren höllische Wochen! Eine wahre Hungerkur, zwei Laib Brot zu vier Pfund vom Dienstag auf den Donnerstag, dann eine trockene Kruste, die sie am Abend gefunden, und dann nichts mehr seit sechsunddreißig Stunden, ein Tanz vor diesem Speiseschrank! Auf ihrem Rücken spürte sie das Hundewetter draußen, schwarze Kälte, ein Himmel, der aussah wie ein verrußter Topf, so hingen die Schneewolken, die nicht fallen wollten. Wenn einem der Winter und der Hunger an den Gedärmen nagt, kann man sich schnüren soviel man will, man wird davon nicht satt. Vielleicht brachte Coupeau am Abend Geld mit. Er sagte, er ginge auf Arbeit. Alles ist möglich, nicht wahr? Trotz all ihrer bösen Erfahrungen rechnete Gervaise mit diesem Gelde. Sie bekam nach all dem Vorgefallenen nichts mehr zu waschen im ganzen Viertel; auch eine alte Dame, für die sie Zugehedienste tat, warf sie schließlich hinaus, weil sie behauptete, daß sie ihr die Liköre austrinke. Niemand wollte mehr etwas von ihr wissen, sie war wie verfemt. Im Grunde machte sie sich nichts daraus, sie fühlte sich so verworfen, daß sie lieber vor Hunger sterben wollte, als ihre zehn Finger zu rühren. Nun, wenn Coupeau seinen Lohn nach Hause bringt, würde man etwas Warmes essen. Die Mittagsstunde war schon längst vorüber, sie blieb auf der Matratze liegen, denn so friert man weniger und spürt auch den Hunger nicht so sehr. Gervaise nannte es eine Matratze. In Wahrheit war es ein Bündel Stroh in der Ecke. Nach und nach waren auch die Betten zu den Trödlern des Viertels gewandert. Zuerst hatte sie an Hungertagen die Matratzen aufgetrennt, einige Handvoll Wolle herausgenommen und für zehn Sous in der Rue Belhomme verkauft. Als die Matratzen leer waren, ließ sie sich noch dreißig Sous für die leeren Hüllen geben, wofür sie sich Kaffee kaufte. Die Kopfkissen waren gefolgt, schließlich auch die Keilkissen. Jetzt blieb noch das hölzerne Bettgestell übrig; das konnte sie nicht gut unter den Arm nehmen wegen der Boches, die hätten einen ganzen Aufruhr im Hause verursacht, wenn die einzige Garantie für den Mietsherrn verlorengegangen wäre. Aber eines Abends, als sie spionierte und die Boches beim Essen saßen, brachte sie auch das Bett Stück für Stück mit Coupeaus Hilfe herunter; die Seitenwände, das Hinter- und Vorderteil, die Rahmen. Mit den zehn Francs, die sie dafür bekamen, machten sie sich drei lustige Tage. War denn der Strohsack nicht geradesogut? Die Leintücher waren auch dahin gegangen, wo schon das Bett war; so kamen sie mit der Lagerstätte zu Ende. Sie hatten sich aber für den Erlös nach vierundzwanzig Stunden Fasten an dem vielen Brot den Magen verdorben. Man rührte das Stroh mit einem Besen zurecht und es war immer hergerichtet und auch nicht schmutziger als etwas anderes. Auf diesem Strohlager lag Gervaise in ihre Kleider zusammengewickelt; die Hände unter dem Unterrock, um sie warmzuhalten. Mit offnen Augen und gekrümmt liegend, gingen ihr keine sehr lustigen Gedanken durch den Kopf. Nein, gewiß nicht lustig, denn so ohne zu essen konnte man doch nicht weiterleben! Jetzt fühlte sie den Hunger nicht mehr, es war ihr, als ob sie Blei im Magen hätte, während der Kopf wüst und leer schien. Wenn sie so ihre vier leeren Wände und diese Jammerbude mit glanzlosen Augen betrachtete, konnte sie allerdings auf keine heitern Gedanken kommen. Seit langem war alles ins Leihhaus gewandert; es blieb nur die Kommode, der Tisch und ein Stuhl. Die Marmorplatte und auch die Schubladen waren fort; ein Brand hätte nicht besser räumen können. Auch die kleinen Gegenstände waren fort, eine Uhr zu zwölf Francs, sogar die Familienporträts, von denen eine Händlerin die Rahmen kaufte. Diese war eine gefällige Frau, sie nahm ihr eine Kasserolle, ein Platteisen und einen Kamm ab, für das sie fünf Sous, drei Sous und zwei Sous erhielt, je nach dem Gegenstand; dafür kaufte sie ein Stück Brot. Es blieb ihr noch eine alte zerbrochene Lichtputzschere, für die sie keinen Sou bekam. Hätte sie nur auch den Staub und den Dreck verkaufen können, das hätte einen Handel abgegeben! Doch davon sah sie nur die Spinnweben in den Ecken; die sind vielleicht gut für Schnittwunden, aber kein Händler kauft dergleichen ab. So gab sie es denn auf, auf einen Handel zu sinnen, sie kauerte sich mehr und mehr auf ihrem Stroh zusammen und betrachtete durch das Fenster den Himmel mit seinen Schneewolken; es war ein trüber Tag, der ihr das Mark in den Knochen zum Erstarren brachte! Alles drang nun auf sie ein! Was half es, das müde Hirn zu zerquälen und vom Schlechten ins Schlimmste zu verfallen! Wenn sie hätte wenigstens schlafen können; aber dieser ganze Zusammenbruch ging ihr zu sehr im Kopfe herum. Der Hausherr, Herr Marescot, war am Vorabend persönlich gekommen und hatte ihr gesagt, daß er sie ausquartieren müsse, wenn sie die beiden letzten Mietsraten nicht in acht Tagen bezahlen könne. Nun gut! Er soll sie hinauswerfen, auf dem Pflaster würde es ihr auch nicht viel schlechter gehen. Schau einer diesen Schweinehund an, kommt mit seinem warmen Paletot daher und wollenen Handschuhen und will ihr Mietsraten vorschlagen, als hätte sie irgendwo einen Schatz vergraben! Den Teufel auch! Eher würde sie sich doch sattessen, als sich so zu schnüren! Wahrhaftig! Dieser erbärmliche Schuft, sie wünschte ihn zu allen Teufeln. Ebenso dieses Tier Coupeau, der nichts anderes mehr konnte, als mit Schlägen über sie herzufallen. Den wünschte sie an denselben Ort wie den Hausherrn. Sie hätte am liebsten alle Welt dahin geschickt, so überdrüssig war sie der Menschen und des Lebens. Sie wurde zu einem wahren Reservoir an Schlägen gemacht. Coupeau hatte einen Knüppel, den er seinen Fächer nannte, und mit dem bearbeitete er seine Frau abscheulich, oft bis aufs Blut. Sie blieb auch nicht zurück und kratzte und biß ihn. Dann stießen sie sich im leeren Zimmer herum, solange bis ihnen der Appetit nach Brot verging. Bald machte sie sich auch aus den Schlägen so wenig mehr wie aus allem andern. Coupeau konnte wochenlang blau machen, Saufreisen machen, die oft monatelang dauerten, nach Hause gekommen, war er vom Trunk so irrsinnig und wütend, daß er sie schlug. Doch sie hatte sich daran gewöhnt, fand ihn unausstehlich, weiter nichts. An diesen Tagen wünschte sie eben alle zum Teufel, ihn, die Lorilleux', Boches, Poissons, das ganze Viertel, das sie verachtete. Wenn man sich an alles gewöhnen kann, so doch nicht daran, nichts zu essen. Das war das einzige, was Gervaise beunruhigte. Gleichgültig war ihr, daß sie unter den Elenden die Erbärmlichste war, daß sie so im Rinnstein lag, und wenn sie sah, daß die Leute sich abwischten, wenn sie an ihr im Vorbeigehen streiften; die schlechten Manieren der Menschen waren ihr nicht unbequem, nur der Hunger, denn der wühlte in den Därmen. Schon seit langem hatte sie von den Leckerbissen Abschied genommen, sie verschlang schon alles, was sie fand. An ihren jetzigen Festtagen kaufte sie bei den Schlachtern das Abfallfleisch, das schon schwarz vor Alter war. Das setzte sie dann mit Kartoffeln auf den Ofen und briet es zurecht; oder sie zerhackte ein Ochsenherz, das war eine Mahlzeit, nach der sie sich noch lange darnach die Finger leckte. Wenn sie Wein hatte, brockte sie sich Brot hinein; das gab eine Suppe, die sie fast betrunken machte. Für zwei Sous italienischen Käse, ein Maß weiße Äpfel oder ein Viertel trockene Bohnen, die im eigenen Fett gekocht werden mußten, konnte sie sich selten mehr leisten. Sie kaufte sich die niedrigsten Abfälle in den Garküchen; da bekam sie für ihr Geld einen Haufen Gräten, die mit dem Rest verdorbenen Bratenfleisches gemischt waren. Sie erbettelte sogar bei einem Schankwirt die Überreste von den Tellern der Gäste; davon machte sie ein Haché und ließ es lange auf dem Ofen eines Nachbarn schmoren. Sie kam soweit, morgens, wenn sie besondern Hunger hatte, mit den Hunden vor den Türen der Ladeninhaber herumzustreichen, um noch vor Antritt der Straßenreiniger Genießbares unter dem Kehricht zu suchen. So fand sie bisweilen reiche Mahlzeiten, verfaulte Melonen, schlecht gewordene Makrelen, Koteletten, deren Knochen sie prüfte, ungeachtet der Würmer, die umherkrochen. Ja, soweit war es mit ihr gekommen. Den Empfindlichen widersteht dieser Gedanke; wenn diese aber einmal während dreier Tage von ihrem hungernden Magen geplagt würden, könnte man sehen, was sie tun würden; sie würden gewiß auch auf allen Vieren kriechen und den Abfall essen wie die andern. Ach! Über das Hinsiechen der Armen, deren leere Eingeweide Hunger schreien! Wie die Tiere sind sie, deren Kiefer klappern, sie müssen ekelerregende Sachen essen, in diesem großen, goldenen Paris! Und zu sagen, daß sich Gervaise den Magen an fetten Gänsen verdorben hatte! Jetzt konnte sie sich den Mund darnach ablecken. Eines Tages, als Coupeau ihr für zwei Sous Brot stahl, um es zu vertrinken, hätte sie ihn fast erwürgt, so wütend machte sie der Hunger und der Diebstahl. Endlich war sie doch erschöpft eingeschlafen, aber der Schlaf war unruhig und peinigte sie. Sie träumte, daß der Himmel all seinen Schnee auf sie ausschüttete, so fror sie im Schlaf. Plötzlich richtete sie sich auf. Sie bekam eine Todesangst. Sollte sie sterben? Hohläugig und zitternd sah sie, daß es immer noch Tag war; wollte denn die Nacht nie mehr kommen? Wie doch die Zeit langsam vorbeigeht, wenn der Magen schreit! Er peinigte sie entsetzlich! Sie fiel auf den Stuhl und erwärmte ihre Hände zwischen den Beinen. Dann dachte sie daran, was sie kaufen würde, wenn Coupeau käme und das Geld bringt. Brot, einen Liter Wein, ein Frikassee, das man Gras-double à la Lyonnaise nennt. Es war erst drei Uhr! Sie bekam Angst, daß ihre Kräfte nicht mehr drei lange Stunden des Wartens ausreichen würden. Ihr ganzer Körper schüttelte sich; wie ein kleines Mädchen, das seinen großen Schmerz zu beschwichtigen sucht, so preßte sie die Arme auf den Magen. Lieber gebären als hungern! Da sie aber gar keine Erleichterung empfand, ergriff sie eine tolle Wut, sie sprang im Zimmer auf und ab. Eine Viertelstunde lang stieß sie sich so an den Wänden des leeren Zimmers. Plötzlich stand sie still und überlegte. Es koste was es wolle, was sie auch sagen sollten, sie würde ihnen die Füße küssen, wenn sie es verlangten, aber sie mußte hingehen und von den Lorilleux' zehn Sous borgen. In diesem Winter war in diesem Winkel des Hauses unter diesen Armen ein lebhafter Verkehr im Borgen von Zehn- und Zwanzigsousstücken, ein beständiger Austausch von Gefälligkeiten, die sich die Nachbarn erwiesen. Nur wäre jeder lieber vor Hunger gestorben, ehe er sich an die Lorilleux' wandte, weil man wußte, wie geizig sie waren. Gervaise zeigte also einen großen Mut, als sie hinging und bei ihnen anklopfte. Auf dem Korridor packte sie plötzlich eine solche Angst, wie sie Leute haben, die beim Zahnarzt anläuten und plötzlich ihre Schmerzen vergessen. »Herein«, rief die dünne Stimme des Kettenmachers. Oh! wie war es gut da drinnen! Das Schmiedefeuer brannte und erhellte die Werkstatt mit seiner weißen Flamme, während Frau Lorilleux ein Bündel Golddraht zum Erhitzen in die Pfanne tat. Lorilleux schwitzte an seinem Arbeitstisch, so warm war ihm; er war damit beschäftigt, die Ringchen mit dem Lötrohr zusammenzulöten. Ach! es roch so gut, weil eine Kohlsuppe auf dem Feuer schmorte und die Luft mit ihrem Dampf erfüllte, so daß sich in Gervaise alles umdrehte und sie nahe daran war, ohnmächtig zu werden. »Ach, du bist es!« brummte Frau Lorilleux, ohne ihr einen Stuhl anzubieten. »Was willst du?« Gervaise antwortete nicht. Sie stand gerade mit den Lorilleux' nicht zu schlecht, doch blieb ihr die Bitte im Halse stecken, weil sie Boche bemerkte, der breitspurig am Ofen saß und Klatschgeschichten erzählte. Dieses Vieh sah aus, als ob ihn die ganze Welt nichts anginge. Er lachte so unflätig mit seinem runden Maul und seinen geschwollenen Backen, daß man seine Nase fast nicht mehr sah, wodurch sein Gesicht wie eine runde Fleischkugel aussah. »Was will die denn?« fragte nun auch Lorilleux. »Habt ihr Coupeau nicht gesehen?« stotterte nun Gervaise. »Ich glaubte, er wäre hier!« Der Kettenmacher und der Hausbesorger höhnten lachend zugleich. Nein, durchaus nicht, sie hatten Coupeau nicht gesehen! Sie konnten nicht genug Schnäpse anbieten, um Coupeau bei sich zu halten. Gervaise nahm sich zusammen und sagte zitternd: »Es ist nur, weil er mir versprochen hatte, nach Hause zu kommen ... Ja, er sollte mir Geld bringen ... Ich brauche etwas ...« Peinliche Stille herrschte. Mit lebhaften Gesten fachte Frau Lorilleur das Feuer an. Lorilleur beugte seinen Kopf auf das Ende der Kette, das sich unter seinen Händen verlängerte, während Boche immer gleichmäßig breit lächelte, wobei sein Maul so rund wurde, daß man gern den Finger hineingesteckt hätte. »Wenn ich nur zehn Sous hatte«, murmelte Gervaise. Es blieb ebenso still wie zuvor. »Könntet ihr mir nicht zehn Sous borgen? Oh! ich würde sie euch diesen Abend noch wiederbringen.« Frau Lorilleur drehte sich um und schaute ihr gerade ins Gesicht. So eine Faulenzerin kommt hierher, um uns um zehn Sous anzuborgen! Gibt man ihr heute zehn, will sie morgen zwanzig haben. Es ist ja kein Grund vorhanden, daß das je aufhören sollte. Nein, nein, daraus wird nichts. Am Dienstag, wenn schön Wetter ist! »Aber meine Liebe, ihr wißt doch, daß wir kein Geld haben! Hier ist mein Taschenfutter, schau selbst nach!... Wir würden es so herzlich gern tun.« »Das Herz ist ja immer dabei!« brummte Lorilleux. »Aber wenn man nicht kann, dann kann man eben nicht!« Gervaise, sehr gedemütigt, nickte nur zustimmend mit dem Kopfe. Trotzdem ging sie noch immer nicht, das Gold stach ihr in die Augen, die an der Wand aufgehängten Bündel Golddraht, der goldene Faden, den die Frau mit aller Kraft ihrer kleinen Arme mit dem Zieheisen auszog, und der Haufen kleiner goldener Ringe, die sich da unter den knotigen Fingern des Mannes zur Kette spannten. Sie dachte, ein kleines Stückchen dieses häßlichen, schwarzen Metalls würde hinreichen, ihr eine reichliche Mahlzeit zu geben. Wenn auch die Werkstatt an diesem Tage mit all ihrem alten Werkzeug, ihrem Kohlenstaub und den Ölflecken ebenso schmutzig war wie sonst, ihr erschien heute alles im Glanz des Reichtums, wie der Laden eines Geldwechslers. Sie wagte nochmals sanft zu wiederholen: »Ich gebe sie euch ja wieder! Ich gebe sie euch ja wieder, ganz gewiß. Zehn Sous, das kann euch doch nichts ausmachen!« Ihr war das Herz so beklommen, weil sie nicht gestehen wollte, wie wenig sie seit dem vorigen Abend gegessen hatte. Sie fühlte, daß ihre Beine sie nicht mehr lange tragen würden; sie drohte in Tränen auszubrechen und stammelte: »Oh! es wäre ja so lieb und gut von euch, ihr wißt ja nicht ... Ja, so weit ist es mit mir gekommen! Gott! so weit ...« Nun kniffen die Lorilleux' die Lippen zusammen und tauschten schnell einen Blick aus. Das Humpelbein bettelte jetzt! Jetzt war der Sturz vollkommen. So etwas konnten sie nicht leiden; wenn sie das gewußt hätten, würden sie ihre Türe versperrt haben, denn vor Bettlern muß man sich in achtnehmen, die kommen unter Vorwänden in die Wohnungen und lassen beim Fortgehen wertvolle Gegenstände mitgehen, um so mehr, da es bei ihnen doch etwas zu stehlen gibt; wo man die Hand hinstreckte, konnte man dreißig bis vierzig Francs haben, wenn man nur die Faust zudrückte. Sie waren schon öfter mißtrauisch gewesen, wenn sie das seltsame Gesicht von Gervaise beobachteten, mit dem sie sich das Gold ansah. Dieses Mal wollten sie sie genau beobachten. Als sie noch etwas näher trat, rief ihr der Kettenmacher, ohne auf ihre Bitte zu antworten, zu: »Höre! paß ein wenig auf, sonst, geht noch ein Stückchen Gold an den Sohlen mit ... Wenn es wahr ist, was man sagt, so hast du dir Fett daran geschmiert, damit es besser haften bleibt!« Gervaise wich langsam zurück. Sie stützte sich einen Augenblick auf eine Etagere, und da sie sah, daß Frau Lorilleux ihr prüfend auf die Hände sah, öffnete sie beide und zeigte sie her; dabei sagte sie mit weicher Stimme, ohne daß der Verdacht sie erzürnt hätte, wie eine tiefgesunkene Frau, die alles hinnimmt: »Ich habe nichts genommen, ihr könnt nachsehen!« Sie ging fort, denn der starke Kohlgeruch und die Wärme bereiteten ihr Übelkeiten. Oh, was das betrifft, die Lorilleux' hielten sie nicht zurück. Gute Reise! Das müßte mit dem Teufel zugehen, wenn sie der noch einmal aufmachten. Sie hatten genug von dem Gesicht, sie wollten nichts von dem Elend anderer hören, besonders wenn es verdient war. Sie überließen sich einem großen egoistischen Freudenausbruch, sie fühlten sich reich, bei ihnen war es warm und die Aussicht auf eine gute Suppe war erquickend. Boche brüstete sich, daß seine Backen förmlich aufschwollen und sein Gesicht ekelhaft aussah. Nun waren sie für den Stolz des Hinkebeins gerächt, für den blauen Laden, für die Gastereien und all das Übrige. »Was das für Manieren hat, kommt und bettelt um zehn Sous!« schrie die Lorilleux hinter Gervaises Rücken. »Jawohl, ich werde sie dir an den Kopf werfen, ich werde ihr zehn Sous leihen, damit sie hingeht und sie versäuft!« Gervaise schleppte sich über den Gang, als drücke eine Last ihre Schultern nieder. An ihrer Tür angekommen, trat sie aber nicht ein, ihr graute vor ihrem Zimmer. Sie ging weiter und steckte im Vorbeigehen den Kopf in den Verschlag des Vaters Bru unter der Treppe. Das war auch einer, der am Verhungern sein mußte, denn seit drei Tagen bestanden seine Mahlzeiten nur aus Luft; aber er war nicht da, das Loch war leer, und sie wurde neidisch beim Gedanken, daß ihn irgend jemand eingeladen haben könnte. Dann, als sie bei Bijards ankam, hörte sie Schmerzensrufe, sie trat ein, denn der Schlüssel stak immer im Schloß. »Was ist denn hier los?« fragte sie. Das Zimmer war sehr sauber. Man sah, daß Lalie noch am Morgen alles gefegt und geordnet hatte. Das Elend hatte gut da hereingeblasen, die Kleidungsstücke weggenommen, haufenweise Schmutz gestreut, aber Lalie kam hinterher, verwischte immer die Spuren und gab allen Dingen ein freundliches Aussehen. Die beiden Kinder Henriette und Jules hatten alte Bilder gefunden und schnitten sie in einer Ecke ruhig aus. Aber Gervaise war ganz überrascht, Lalie in ihrem engen Gurtenbettchen zu finden, die Decke bis am Kinn und sehr bleich. Lalie bettlägerig; da mußte sie sehr krank sein. »Was fehlt dir denn?« fragte Gervaise beunruhigt. Lalie beklagte sich nicht mehr. Sie hob langsam die bleichen Augenlider und wollte lächeln, aber ihre Lippen zuckten nur. »Mir fehlt nichts,« flüsterte sie sehr leise, »oh! wirklich, gar nichts.« Dann, die Augen geschlossen und mit Anstrengung: »Ich war alle diese Tage so müde, da mach ich also die Faule, pflege mich, wie Sie sehen.« Aber ihr Kindergesicht, das voll brauner und blauer Flecken war, nahm so einen schmerzlichen Ausdruck an, daß Gervaise, ihre eigene Not vergessend, mit gerungenen Händen auf die Knie fiel. Seit einem Monat hatte sie sie an den Wänden hinschleichen sehen, wobei sie ein Husten peinigte, der so hohl und trocken klang wie ein Schlag auf einen Sargdeckel. Jetzt konnte die Kleine nicht einmal mehr husten. Es stieß ihr auf und blutige Streifen flossen ihr aus den Mundwinkeln. »Ich kann nichts dafür, ich fühle mich nicht kräftig,« murmelte sie wie erleichtert. »Ich hab mich zusammengenommen und etwas Ordnung gemacht ... es ist doch sauber, nicht wahr? ... Und ich wollte noch die Fenster putzen, aber die Beine trugen mich nicht mehr. Zu dumm! Schließlich, wenn man nicht mehr kann, legt man sich nieder.« Sie unterbrach sich, um zu sagen: »Schauen Sie doch, ob meine Kinder sich nicht mit den Scheren schneiden.« Und sie schwieg zitternd, weil sie einen schweren Tritt auf der Treppe hörte. Brutal stieß Vater Bijard die Türe auf. Er hatte seinen Rausch wie gewöhnlich. Als er Lalie im Bett liegen sah, schlug er sich hohnlachend auf die Schenkel, ergriff die große Peitsche und wütete: »Donnerwetter, das ist zu stark! ... Die Kühe legen sich am hellen Tag aufs Stroh jetzt! ... Du machst dich wohl über alle Heiligen lustig, verfluchte Brut? ... Vorwärts! Kneifen wir!« Schon schwang er die Peitsche über dem Bett, als das Kind flehentlich bat: »Nein, Papa, ich bitte dich, schlage nicht ... Ich schwöre dir, es wird dir Kummer machen ... Schlage nicht!« »Willst du endlich hüpfen,« heulte er noch stärker, »oder ich kitzle dir die Rippen! ... Willst du wohl gleich springen, Hexe!« Dann sagte sie leise: »Ich kann nicht, verstehst du? ... Ich muß sterben.« Gervaise warf sich jetzt über Bijard und entriß ihm die Peitsche. Verdutzt blieb er vor dem Bettchen stehen. Was pfeift sie da, diese Range? Stirbt man denn so jung, wenn man gar nicht krank war? Das ist ein Vorwand, um Zucker zu bekommen. Ja, er will sich überzeugen, ob sie lügt. »Du wirst sehen, ich sage die Wahrheit!« fuhr sie fort. »Solange ich konnte, habe ich dir keinen Kummer gemacht ... Sei jetzt gut und sage mir Adieu, Papa!« Bijard drehte an seiner Nase herum, er meinte noch immer, daß es eine Finte wäre. Aber doch, es war wahr, ihr Gesicht war so ernst und schmal wie bei einer erwachsenen Person. Der Todeshauch wehte durch das Zimmer und machte ihn nüchtern. Er schaute um sich wie jemand, der plötzlich aus einem langen Schlaf erwacht; er sah alles in bester Ordnung, die beiden Kleinen waren gewaschen und spielten und lachten in der Ecke. Da fiel er auf einen Stuhl und jammerte: »Unsere kleine Mutter! Unsere kleine Mutter!« Das war alles, was er sagen konnte, aber das schon kam Lalie so zärtlich vor, sie war nicht verwöhnt worden. Sie tröstete ihren Vater. Es war ihr sehr schmerzlich, daß sie die Kinder nicht aufziehen konnte. Er würde sich doch jetzt um sie kümmern, nicht wahr? Mit immer schwächer werdender Stimme unterwies sie ihn, was er machen solle, wie er sie sauber halten müsse. Stumpfsinnig saß er vor ihr und blickte sie an, wobei sein Kopf, in dem die Trunkenheit wieder aufstieg, hin und her wackelte. Manches wurde in ihm aufgewühlt, doch er fand nichts zu sagen; er war zu abgebrüht, er konnte nicht weinen. »Hör weiter!« fing Lalie nach einer Pause wieder an. »Wir sind dem Bäcker noch vier Francs und sieben Sous schuldig, das mußt du bezahlen ... Frau Gaudron hat ein Bügeleisen von uns, laß es dir zurückgeben ... Ich habe für heute nichts kochen können. Aber es ist Brot da, und du kannst Kartoffeln aufsetzen ...« Bis zu ihrem Todesröcheln blieb das kleine liebe Wesen eine kleine Mutter für die Ihrigen. Da ging eine fort, die war nicht zu ersetzen, diese nicht! Sie starb daran, in ihrem Alter schon den Verstand einer wahren Mutter gehabt zu haben, und daß ihre kleine schmale Brust eine so große, allumfassende Mutterliebe nicht hatte fassen können. So schwand sie dahin, dieser Schatz, unter der Schuld dieser Bestie von Vater; er, der schon die Mutter mit Fußtritten getötet hatte, hat nun auch die Tochter zerfleischt! Die beiden Engel seines Hauses hat er ins Grab gebracht; es blieb ihm nun übrig, wie ein Hund an einer Straßenecke zu verrecken! Gervaise hielt sich zurück, um nicht in helles Weinen auszubrechen. Sie streckte die Hände aus und wollte das Kind stützen, damit es leichter atmen konnte; als dabei der Fetzen, der ihr Zudecke war, sich herabschob, versuchte sie sie aufzurichten und das Bett zu ordnen. Dabei kam der arme kleine Körper der Sterbenden zum Vorschein. Großer Gott! Wie entsetzlich! wie bejammernswert! Da hätten Steine weinen mögen! Lalie war ganz nackt, der Rest eines Nachtjäckchens hüllte ihre Schultern ein und sollte verbergen, daß sie kein Hemdchen hatte; ja, sie war nackt, und diese Nacktheit war ganz blutig wie bei einer Märtyrerin. Sie hatte kein Fleisch mehr, die Knochen traten aus der Haut. Ihr Leib war mit langen violetten Striemen bedeckt; ganz frische Peitschenhiebe. Ein schwärzlicher Fleck zog sich um den linken Arm, als ob er in einem Schraubstock gesteckt hätte. Das Bein wies eine verharschte Wunde auf, die scheinbar von einem bösen Schlag herrührte und morgens beim Herumwirtschaften immer wieder von neuem aufgebrochen war; sie war vom Kopf bis zu den Füßen mit schwarzen Flecken bedeckt. Der Anblick dieses hingemordeten Kindes, dieses gebrechlichen Engels war entsetzlich. Gervaise war aufs neue niedergekniet; sie vergaß das Laken wieder emporzuziehen, so erschütterte sie dieses jammervolle Wesen, und ihre Lippen versuchten Gebete zu stammeln. »Frau Coupeau,« murmelte die Kleine, »ich bitte Sie ...« Mit ihren zu kurzen Armen versuchte sie das Bettuch hochzuziehen, sie empfand, was es für eine Schande für ihren Vater sein müsse. Bijard saß noch immer stumpfsinnig vor diesem kleinen Leichnam, die Zerstörung seiner Fäuste, rollte mit dem Kopfe hin und her, mit der Bewegung eines gestörten Tieres. Als Gervaise Lalie zugedeckt hatte, konnte sie es nicht länger aushalten. Die Sterbende wurde immer schwächer, sie sprach gar nichts mehr, nur die Augen hatten noch den alten dunklen Blick des kleinen ergebenen Mädchens, den sie auf die zwei Kinder heftete, welche noch an ihren Bildern ausschnitten. Im Zimmer wurde es dunkler. Bijard wurde ganz nüchtern im Anblick dieses Todeskampfes. Nein, das Leben war doch zu ekelhaft und jammervoll. Was für eine abscheuliche Sache! So ging Gervaise hinaus, sie stieg die Treppe hinab ohne es zu merken, am liebsten hätte sie sich unter die Räder eines Omnibusses gelegt, um ein Ende zu machen. Im Vorwärtsschreiten, während sie so mit dem Schicksal haderte, war sie unbemerkt vor die Türe der Werkstatt gekommen, in der Coupeau angeblich arbeitete. Ihr Magen hatte sie dahin getrieben, der wieder sein Hungerlied sang in tausend Versen. Konnte sie Coupeau auf diese Art abfangen, so war sie in der Lage, einige Lebensmittel zu kaufen. Sie mußte noch eine kleine Stunde warten, aber das würde sie wohl auch noch aushalten, da sie schon seit dem Vorabend am Daumen lutschte. Es war in der Rue de la Charbonnière, an der Ecks der Rue de Chartres, eine verdammte Straßenkreuzung, wo der Wind von allen vier Seiten blies. Nein, wirklich, es war da nicht warm, auch nicht, wenn man Pflaster treten mußte. Wenn sie noch einen Pelz angehabt hätte. Der Himmel hatte immer noch dieselbe bleigraue Farbe; der angehäufte Schnee bildete eine förmliche Kappe über dem Viertel. Es schneite nicht, aber die Luft war ganz still, wie vorbereitend: Paris sollte ein neues, weißes Ballkleid bekommen. Gervaise erhob den Kopf und bat Gott, er möge diese Decke noch nicht niederfallen lassen. Sie stapfte mit den Füßen auf, blickte nach dem Laden eines Krämers, ging und kehrte zurück, weil es keinen Sinn hatte, sich durch den Anblick von Lebensmitteln noch mehr Hunger zu machen. Die Straßenkreuzung bot nicht viel Abwechslung. Die wenigen Passanten gingen schnell vorüber; sie waren bis an die Nase in Schals gehüllt; wenn man vor Kälte klappert, geht man nicht spazieren. Gervaise bemerkte noch vier bis fünf Frauen, die ebenfalls an der Türe der Werkstatt Wache hielten, damit der Lohn der Mann er nicht in die Kneipen getragen würde. Da war eine lange Hopfenstange, die sich mit einem Gendarmengesicht an die Wand drückte und jeden Augenblick bereit schien, sich auf ihren Mann zu stürzen. Eine kleine, ganz schwarze Zarte ging mit demütiger Miene auf der andern Seite der Straße auf und nieder. Eine andere hatte zwei Kinder mitgebracht, die sie an den Händen hielt, welche rechts und links von ihr zitterten und weinten. Alle, auch Gervaise, gingen auf und ab, sie beobachteten sich mit Seitenblicken, sprachen aber kein Wort miteinander. Eine angenehme Begegnung! Sie hätten gern auf die Begegnung verzichtet. Sie hatten auch nicht nötig, Bekanntschaft zu machen, sie kannten ihr gegenseitiges Schicksal zur Genüge. Sie waren alle bei Elend und in Rudeln zu Hause, Man spürte die Kälte noch mehr, wenn man sie in dieser Jammerkälte auf und ab gehen sah. Noch kam keine Katze aus der Türe des Meisters. Endlich erschien der erste Arbeiter, dann zwei, dann drei; diese waren ohne Zweifel gute Gesellen, die ihren Lohn treu nach Hause brachten, denn sie schüttelten die Köpfe, als sie die umherirrenden Geschöpfe sahen. Die Große drückte sich noch tiefer neben der Türe an die Wand, dann fiel sie plötzlich über einen kleinen Mann im Überrock her, der gerade vorsichtig die Nase zur Türe herausstreckte. Das war bald erledigt. Sie durchsuchte seine Taschen, nahm ihm alles Geld weg. Er war gefaßt, das Geld war fort, nicht soviel wie für einen Trunk ließ sie ihm. Der kleine Mann war wütend, und außer sich ging er hinter seinem Gendarmen her, indem helle Tränen wie bei einem Kinde ihm über die Backen liefen. Immer noch kamen Arbeiter heraus. Die dicke Mutter näherte sich mit ihren zwei Bälgen der Tür, aber ein großer Bursch mit falschem Gesichtsausdruck erkannte sie und ging schnell wieder zurück, um den Mann zu warnen. Als dieser dann endlich herangeschlendert kam, hatte er schon zwei schöne neue Fünffrancsstücke in seine Stiefelschäfte verschwinden lassen. Er nahm eines von den Kindern auf den Arm und log seiner Frau irgend etwas vor, die ihn auszankte. Einige sprangen lustig und mit großem Satz auf die Straße und konnten dann gar nicht schnell genug davonlaufen, um ihren vierzehntägigen Lohn mit Freunden durchzubringen. Andere preßten ihren Lohn in ihrer Hand zusammen und murmelten sauertöpfisch vor sich hin. Das Traurigste war der Schmerz der kleinen sanften Frau in Schwarz; ihr Mann, ein hübscher Bursche, kniff ihr vor der Nase mit solcher Roheit aus, daß er sie fast über den Haufen gerannt hätte. Sie ging allein wieder fort und aus ihren Augen flossen unaufhörlich die Tränen. Der letzte Arbeiter war verschwunden und Gervaise starrte immer noch nach der Tür. Zwei verspätete Arbeiter kamen noch, aber von Coupeau war nichts zu sehen. Als sie die Arbeiter fragte, ob Coupeau nicht herauskäme, erklärten sie ihr scherzend, daß der Kollege gerade mit dem Laternenanzünder durch die Hintertür gegangen sei. Gervaise verstand. Wieder eine Lügerei von Coupeau; jetzt konnte sie schauen, wo sie etwas herbekam! Diesmal war es ganz aus. Nichts als Nacht und Hunger. Eine Nacht mit einem Hunger zum Verrecken. Mit schweren Schritten stieg sie die Rue des Poissonniers hinauf, als sie plötzlich Coupeaus Stimme hörte. Er war in der Petite Civette, wo er sich von Mes-Bottes freihalten ließ. Dieser Possenreißer hatte den Pfiff weg, eine Dame zu heiraten, die allerdings schon sehr verblüht war, aber noch einige schöne Reste hatte; eine Dame aus der Rue des Martyrs, keine gewöhnliche Straßendirne. Er war sehenswert, dieser glückliche Sterbliche, wie er jetzt wie ein Bürger lebte, die Hände in der Tasche, gut gekleidet, gut genährt; er war kaum wiederzuerkennen. Die andern erzählten, daß die Frau bei den Herren ihrer Bekanntschaft soviel verdiene wie sie wolle. So eine Frau und ein Haus auf dem Lande, das ist alles, was einem noch das Leben verschönern kann. Auch Coupeau blickte mit Bewunderung zu Mes-Bottes empor. Hatte dieser Bursche nicht sogar einen goldenen Ring am kleinen Finger? Gervaise legte Coupeau die Hand auf die Schulter, gerade als er aus der Petite Civette herauskam. »Sag doch, ich wartete, ich ... ich habe Hunger. Hast du nichts? ...« Da kam sie aber schön an. »Hast du Hunger, friß deine Faust ... und heb dir die andere für morgen auf.« »Dann willst du also, daß ich stehlen soll«, murmelte sie dumpf. Mes-Bottes streichelte mit versöhnender Miene sein Kinn. »Nein, das ist verboten,« sagte er. »Aber wenn eine Frau sich zu drehen weiß ...« Coupeau unterbrach ihn, um Bravo zu schreien. Ja, eine Frau, die sich zu drehen weiß! Aber seine Frau war immer eine Scharteke gewesen, ein Waschlappen. Es war ihr Fehler, wenn sie im Stroh krepierte. Die beiden Männer gingen gegen den äußeren Boulevard zu. Gervaise folgte ihnen. Nach einigem Schweigen fing sie hinter Coupeau wieder an: »Ich hab Hunger, du weißt – ich hab auf dich gerechnet. Du mußt mir etwas zum Beißen geben.« Er antwortete nicht und sie wiederholte mit dem gepreßten Ton der Todesangst: »Also, das ist alles, was du mir zahlst?« »Aber, Herrgott! Wenn ich doch nichts habe!« heulte er, indem er sich wütend nach ihr umdrehte. »Laß mich oder ich stoß zu!« Er hob schon die Faust. Sie wich zurück und schien einen Entschluß gefaßt zu haben. »Geh, ich laß dich, ich find wohl noch einen Mann.« Da fing der Zinkarbeiter an zu scherzen. Er tat, als ob er das für Spaß hielte, er feuerte sie an, ohne daß es ihm was auszumachen schien. Das war eine glänzende Idee! Des Abends, bei Licht, da konnte sie noch Eroberungen machen. Wenn sie einen Mann kaperte, so könnte er ihr das Restaurant zum Kapuziner empfehlen, da äße man in den kleinen Kabinen ganz ausgezeichnet. Und als sie nun wirklich bleich und wütend dem äußeren Boulevard zuging, rief er ihr noch nach: »Hör also, bring mir was vom Nachtisch mit, ich esse gern Kuchen ... und wenn dein Herr gut angezogen ist, bitt ihn um einen alten Überzieher, damit ich auch was davon hab!« Gervaise lief vor diesen teuflischen Worten wie gejagt davon. Bald befand sie sich allein in der Menge und ging langsamer. Sie war jetzt fest entschlossen. Da sie nur zwischen Diebstahl und dem andern zu wählen hatte, zog sie das andere vor, weil dabei niemandem Unrecht geschah. Sie hatte noch nie in dieser Art über ihre Person verfügt. Sie war bis zur Chaussee Clignancourt hinaufgegangen. Noch immer wollte es nicht Nacht werden. Sie nahm daher die Miene einer Spaziergängerin an, die vor dem Abendessen noch etwas Luft schöpfen geht. Dieses Quartier verschönerte sich jetzt so sehr, daß sich Gervaise schämte. Der Boulevard Magenta kam aus dem Herzen von Paris und der Boulevard Ornano führte hinaus aufs Land; sie beide hatten den Wall durchbrochen. Die beiden Avenuen sahen mit dem noch neuen Verputz ihrer Häuser ganz licht und hell aus, während die Rue du Faubourg-Poissonnière und die Rue des Poissonniers mit ihren verstümmelten Enden sich wie ein paar gewundene düstere Därme in die Stadt vertieften. Es war ein ungeheurer Kreuzungspunkt, von dem aus sich die Straßen in weite Fernen bis zum Horizont hinzogen, und in ihnen wogte die Menge. Der Glanz der Neubauten erdrückte das Elend der Vorstadt, das vor seinem Verschwinden den Anblick der neuen Häuser störte, die man da so eilig aufzubauen im Begriff war. Gervaise fühlte sich inmitten des Gedränges noch einsamer. Sollte man es wohl glauben, daß von diesem ganzen Menschenstrome, in dem so viele wohlhabende Leute dahinzogen, keiner ihr Elend ahnte und ihr ein Zehnsousstück in die Hand drückte? Ihre Beine gingen mechanisch weiter, aber ihr Magen tat ihr weh, daß ihr schwindelte. Gervaise geriet in den Strom der heimkehrenden Arbeiter. Sie umwimmelten die gutgekleideten Herren und Damen, die in den neuen Häusern wohnten, und stanken noch nach Schweiß und der Werkstatt, in der sie gearbeitet hatten. Zwei Arbeiter, die schnell vorwärts wollten, machten Seite an Seite lange Sprünge und gestikulierten im Sprechen lebhaft mit den Armen, ohne einander anzusehen; andere gingen einsam am Rande der Rinnsteine; wieder andere gingen zu fünf oder sechs schweigend hintereinander her; sie hatten die Hände in den Taschen und müde Blicke; Maler trugen ihre Farbentöpfe; ein Zinkarbeiter schleppte eine große Leiter, mit der er leicht jemandem ein Auge ausstoßen konnte, während ein verspäteter Brunnenbauer, seinen Handwerkskasten auf dem Rücken, auf einer Mundharmonika das Lied vom guten König Dagobert spielte. Es war eine traurige Weise, die traurig durch den gelben Pariser Nebel klang. Wiederum war ein Tag zu Ende. Wie lang war der Tag und wie kurz die Nacht. Kaum hatte man Zeit den Leib zu füllen und im Schlafe die Speisen zu verdauen, war es schon wieder hell und man mußte die Last des Elends wieder auf die Schultern nehmen. Gervaise wanderte mit dem Strome, gleichgültig gegen die Püffe der Vorübergehenden; man stieß sie rechts, man stieß sie links und gab ihr so die Richtung; denn die Männer, die sich matt und müde gearbeitet hatten und die der Hunger vorwärts zog, nahmen sich nicht mehr Zeit, noch höflich und zuvorkommend zu sein. Auf einem Sandhaufen, der zwischen den Bänken lag, spielten Gassenbuben in der hereinbrechenden Dunkelheit. Das Volk wogte noch immer auf den Straßen. Jetzt waren es meistens Arbeiterinnen, die vorüberzogen; sie liefen eilig, um die Zeit, die sie bei den Schaufenstern verbracht hatten, wieder einzuholen; eine Große stand still und ließ ihre Hand in der eines Burschen, der sie bis zum dritten Hause vor ihrer Wohnung begleitet hatte; andere verabredeten sich für den Abend im Grand Salon de la Folie oder in der Boule Noire. Ein Töpfergeselle, der an einem Ziehgurt einen Schuttwagen zog, wäre beinahe von einem Omnibus überfahren worden. Der Strom verlief sich nach und nach; man sah nur hin und wieder eine Frau, die eilig noch einige Lebensmittel einkaufte; auch kleine achtjährige Mädchen, die zu Einkäufen fortgeschickt waren; sie gingen längs der Läden und trugen an ihre Brust gepreßt Vierpfundbrote, die fast so groß waren wie sie selbst. Bei dem flammenden Leuchten des Gaslichtes begann jetzt jenes Leben, das gleichsam die Rache der Faulheit gegen die Arbeit ist, das mit Sonnenuntergang erwacht, um erst bei Sonnenaufgang zu enden. Auch für Gervaise war der Tag zu Ende. Sie war matter und abgehetzter als alle diese Arbeiter, mit denen sie sich soeben noch Schulter an Schulter durch die Straßen geschoben hatte. Mein Gott! Wie gut wäre es, wenn man sich jetzt behaglich ausstrecken könnte, um nie wieder aufzustehen. Aber trotz der Krämpfe, die Gervaises Magen peinigten, dachte sie unwillkürlich an die Festtage, die guten Mahlzeiten und die heiteren Stunden ihres Lebens. Besonders an einen Fastnachtsdonnerstag dachte sie, wo es abscheulich kalt gewesen war, aber wo sie die Fröhlichkeit des Lebens bis auf die Neige ausgekostet hatte. Sie war damals sehr hübsch gewesen, blond und frisch wie ein Pfirsich. Ihre Bügelanstalt in der Rue Neuve hatte sie zur Bügelkönigin ernannt, trotz ihres Hinkens. So war sie im festlichen Aufzug auf einem mit Girlanden geschmückten Wagen inmitten der vornehmen Welt über die Boulevards gefahren, wo jedermann sie ansah; ja, die Herren setzten sogar ihre Augengläser auf, als gälte es einer wirklichen Königin. Am Abend gab es dann ein Festessen, daß die Tische krachten, und bis zum lichten Morgen hatte man getanzt. Königin! mit Krone und Schärpe, volle vierundzwanzig Stunden lang, die Zeit, in der die Zeiger zweimal über das Zifferblatt dahingehen! Ihr Kopf sank ihr nach vorn, so drückte sie der Hunger; sie schien so ihre verlorene Herrlichkeit im Rinnstein zu suchen. Als sie den Boulevard wieder hinaufgegangen war, sah sie das Hospital Lariboisière mit seiner großen Mauer. Eine Tür in der Mauer war der Schrecken des Quartiers: das war die Totentür, deren feste, eichene Planken nicht den kleinsten Riß hatten; das gab ihr den Ernst und das Schweigen eines Grabsteines. Dem Bereich dieser Türe mußte sie entfliehen, und so eilte sie verzweifelt weiter. Sie ging bis zur Eisenbahnbrücke hinab. Die hohen Brustwehren von Eisenblech hinderten sie, die Ferne zu sehen; sie erblickte nur den rötlichen Schein über Paris und eine Ecke des weiten Bahnhofes mit dem großen rauchgeschwärzten Dach. Sie hörte in dem erhellten Räume das Pfeifen der Lokomotiven, die Stöße der drehbaren Platten, auf denen die Wagen gewendet wurden, kurz all den Lärm einer Ungeheuern, zum Teil verborgenen Geschäftigkeit. Es kam ein Zug vorbei, der Paris unter Schnauben und Stampfen verließ; sie sah nur noch die weiße Dampfwolke, die einen Augenblick die Brustwehr streifte und sich dann verlor. Aber die Brücke hatte gezittert, und diese Erschütterung übertrug sich auf sie. Sie wendete sich um, als ob sie der unsichtbaren Lokomotive folgen wollte, deren Donnern und Rollen langsam starb. Nach dieser Seite hin mußte das offene Land liegen; sie sah zwischen den Häusern rechts und links ein Loch, dort mußte der freie Himmel sein. Die Häuser selbst standen vereinzelt, ohne Ordnung; ihre Fassaden zeigten Riesenreklamen in Ungeheuern Buchstaben, aber die Malereien waren von dem Ruß der vorbeisausenden Lokomotiven geschwärzt. Ach, wenn sie doch auch nur hätte so abreisen können; fortgehen, weit fort von diesen Häusern, in denen nur Elend und Leid nistete. Vielleicht hätte sie noch einmal anfangen können zu leben. Sie schaute wieder zurück und begann ganz blöde diese Plakate zu lesen, welche an die Brustwehr geklebt waren. Da gab es welche in allen Farben; ein kleiner blauer Zettel versprach fünfzig Francs Belohnung für eine verlorene Hündin. Wie mußten doch die Leute dies Tier geliebt haben! Langsam begann sie wieder zu gehen. In dem düstern, rauchigen Nebel, der niederfiel, wurden die Gasflammen angezündet. Diese langen Straßen und Alleen, die in Finsternis fielen, erschienen jetzt wieder strahlend; sie sahen noch länger aus als bei Tage und durchschnitten die Nacht bis zum düstern Horizont. Um diese Stunde strahlten von einem Ende bis zum andern auf den Boulevards die zahlreichen Weinkneipen und Schnapsbudiken mit ihren Lichtern lustig in die Nacht hinein. Aus dem Innern erklang das Johlen und Lachen der Trinker. Der Zahltag belebte die Trottoirs noch außergewöhnlich mit genußsüchtigen Menschen, die auf der Saufreise begriffen waren. Man roch es in der Luft; es war ein verfluchtes Bummeln und Schlemmen. Hinten in den Garküchen taten sie sich gütlich; durch die Fenster sah man in die erleuchteten Räume, wo alle mit vollem Munde aßen, sie lachten dazu und gaben sich kaum die Mühe des Kauens, sie schlangen es förmlich herunter. Bei den Weinwirten saßen die Säufer schon fest und gestikulierten. Es war ein Höllenlärm von rauhen, kreischenden Stimmen: »Du, sag, hast schon gefuttert? – Komm her, ich spendiere dir einen Schoppen« ... »Ei, sieh da, Pauline!« ... »O ja, das wäre noch schöner, heute ist nichts mit uns beiden.« Die Türen klappten auf und zu und jedesmal kam ein warmer Odem von Wein und Speisen mit heraus oder ein paar Töne einer Klarinette. Vor dem Totschläger staute sich die Menge, die Kneipe war! erleuchtet wie eine Kathedrale bei einer großen Messe; man hätte glauben können, daß da drinnen etwas Besonderes gefeiert würde, so sangen die Säufer mit vollen Backen und dicken Bäuchen; ja, sie feierten den heiligen Zahltag. So toll fing das schon zu dieser Stunde an; kleine Rentiers, die ihre Frauen am Arme spazierenführten, meinten kopfschüttelnd, es gäbe in dieser Nacht verdammt viel betrunkene Kerle in Paris. Die Nacht war dunkel und lag eisig über dem Häusermeer; nur die Linien der Boulevards streckten ihre Feuerstreifen nach allen vier Richtungen. Festgebannt stand Gervaise vor dem Totschläger und überlegte. Wenn sie zwei Sous gehabt hätte, würde sie sie da drinnen vertrunken haben. Vielleicht hätte der Schnaps ihren Hunger gestillt. Ja, oft hatte sie nun schon getrunken! Und das Trinken schien ihr gutzutun. Von weitem sah sie zu, wie die Destilliermaschine arbeitete; dumpf empfand sie aber auch, daß all ihr Leid von da herkäme, und sie gelobte, daß sie durch den Branntwein ihrem Leben ein Ende bereiten wolle, sobald sie einmal Geld hätte, welchen zu kaufen. Als sie das so vor sich hin dachte, schüttelte sie sich vor Kälte. Es war Nacht und die gute Stunde kam. Jetzt galt es mutig zu sein, sich liebenswürdig machen, wenn sie nicht mitten in der allgemeinen Lustigkeit krepieren wollte. Sie ging nun langsamer und blickte sich um. Unter den Bäumen war es noch finsterer. Es gingen wenig Leute auf der Straße, und die wenigen hatten es eilig und gingen mit raschen Schritten. Auf dieses breite, düstere und verlassene Trottoir drang die Freude und Heiterkeit aus den benachbarten Straßen nur ganz schwach, und hier standen wartende Frauen. Lange standen sie unbeweglich, geduldig und steif wie die kleinen dürftigen Platanen, dann setzten sie sich in Bewegung und gingen zehn Schritte über den gefrorenen Boden hin und blieben wiederum stehen. Eine war darunter mit einem unförmig massigen Körper und Armen und Beinen, die wie Insektenglieder so dünn und zerbrechlich schienen; ihre überquellenden Formen waren in Fetzen eines alten schwarzen Seidenkleides gehüllt, der Kopfputz war ein gelbes Tuch. Eine andere war groß und mager und hatte sich eine weiße Schürze umgebunden wie ein Dienstmädchen. Noch andere waren alt und dafür stark geschminkt; einzelne Junge aber waren schmutzig und ekelhaft, kein Lumpensammler hätte sie aufgehoben. Gervaise wußte nicht recht, wie sie es machen sollte, sie sah den andern zu und machte es ihnen nach. Sie war sehr erregt, die Kehle schnürte sich ihr zusammen; sie fühlte, daß sie sich schämte, denn alles das kam ihr wie ein böser Traum vor. Wohl eine Viertelstunde lang blieb sie ganz ruhig stehen; es kamen Männer vorbei, schauten sie aber nicht an. Nun schritt sie vorwärts, wagte es, einen Mann, der pfeifend, die Hände in den Hosentaschen daherkam, anzusprechen: »Mein Herr, hören Sie doch ...« Der Mann schaute sie nur von der Seite an und pfiff stärker, indem er weiterging. Jetzt wurde Gervaise kühner. Sie vergaß alles in diesem wilden Ringen der verzweifelnden Jagd; mit schmerzlich gekrümmtem Leibe suchte sie nach einem Essen, das ganz unerreichbar schien. So ging sie immerzu, wußte weder Zeit noch Ort. Und um sie herum bewegten sich auch jene schweigenden Gestalten unter den Bäumen, als wären es wilde Tiere in einem Käfig. Verließen sie das Dunkel und traten einen Moment lang in das Licht der Laterne, so sah man ihr weißgeschminktes Gesicht, und dann verschwanden sie wieder im Schatten; sie standen wieder im schaurigen Reiz der Dunkelheit. Manchmal glückte es ihnen, Männer aufzuhalten, diese sprachen mit ihnen, gingen aber dann lachend weiter. Andere folgten einer Frau heimlich und verlegen auf zehn Schritten. Manchmal wurde die Stille durch Gesprächs unterbrochen, man stritt mit gedämpfter Stimme; oft war es ein wütendes Hin- und Herfeilschen, überall, so weit auch Gervaise ging, sah sie diese unheimlichen Schildwachen stehen, als ob die ganzen äußern Boulevards mit Frauen bepflanzt wären, von einem Ende bis zum andern; weithin erstreckte sich diese Kette, ganz Paris schien so bewacht. Ein Ekel erfaßte sie; sie wechselte wütend ihren Platz, sie ging jetzt von der Chaussee de Clingnancourt nach der Rue de la Chapelle. »Mein Herr, hören Sie doch ...« Aber die Männer gingen vorüber. Sie entfernte sich von den Schlachthäusern, deren Abbruchmauern nach Blut stanken. Im Vorübergehen warf sie einen Blick auf das frühere Hotel Boncoeur, es war geschlossen und öde. Am Hotel Lariboisière zählte sie mechanisch längs der Fassade die hellen Fenster, die wie ebenso viele Nachtlampen leuchteten und deren ersterbende Lichter einen bleichen, ruhigen Schein warfen. Sie überschritt die Eisenbahnbrücke, die unter der Gewalt der Züge erbebte, die Lokomotiven zerrissen die Luft mit dem verzweifelten Schrei der Dampfpfeife. Wie entsetzlich traurig sind doch diese Dinge in der Nacht. Jetzt ging sie ihren Weg wieder zurück; wohl zehn-, ja zwanzigmal durchlief sie dieses Stück Straße, ohne Ruhe, ohne auch nur eine Minute auf einer dieser Bänke zu rasten. Nein, es begehrte sie niemand. Diese Verachtung vergrößerte ihre Schande noch. Noch einmal kehrte sie bis zum Hospital und den Schlachthäusern zurück. Das war ihr letzter Spaziergang, zwischen den blutigen Höfen, wo man schlachtete, und den bleichen Sälen, wo der Tod die Menschen in den Leintüchern erstarren machte, dem Gemeingut aller. Dort hatte sich ihr Leben abgespielt. »Mein Herr, hören Sie doch ...« Plötzlich bemerkte sie ihren Schatten auf der Erde. Näherte sie sich einer Gasflamme, verdichtete sich der Schatten und nahm festere Formen an; der Schatten war ungeheuerlich, so rund wie sie; es floß alles in eins zusammen, der Bauch, der Hals, die Hüften. Sie hinkte so stark mit ihrem Bein, daß ihr Schatten auf dem Boden bei jedem Schritt umklappte. Je mehr sie sich von der Flamme entfernte, um so größer wurde dieser Unglücksschatten, er wurde riesig und erfüllte die Boulevards mit seinen Verbeugungen, bei denen er sich an Bäumen und Häusern die Nase stieß. Großer Gott! wie war sie komisch und erschreckend! Noch nie hatte sie begriffen, wie tief sie gesunken war. Sie konnte nicht mehr anders, sie wartete auf jede Gasflamme, um dem Tanz ihres Schattens mit den Augen zu folgen. Ja, das war etwas Schönes, was da neben ihr ging! Was für ein Wesen! Das mußte die Männer anlocken. Jetzt sank ihre Stimme, sie wagte nur noch von rückwärts den Vorübergehenden zuzuflüstern: »Mein Herr, hören Sie doch ...« Es mußte inzwischen sehr spät geworden sein. Im Viertel wurde es immer stiller. Die Garküchen waren geschlossen und bei den Weinkneipen brannte auch das Gas schon mit roter Flamme, und die Stimmen waren nur noch ein Lallen. Aus Scherz und Lachen entstand Streit und Faustschlag. Ein Großer, Zerlumpter schrie: »Na warte, ich schlage dir die Knochen zusammen, du kannst sie dann numerieren!« Ein Mädchen bekam Streit mit ihrem Liebhaber, sie schimpfte ihn »schmutziges Tier« und »krankes Schwein«, während er antwortete »Und deine Schwester?« Die Trunkenheit erzeugte das Bedürfnis, sich in Schlägen auszutoben; eine Wildheit überkam die Säufer, die Vorübergehenden sahen nur noch bleiche, verzerrte Gesichter. Jetzt wurde es eine regelrechte Schlägerei; einer fiel zu Boden und streckte alle Viere von sich, während der andere, der glaubte, daß er genug habe, davonlief, so schnell ihn seine Beine tragen konnten. Banden gingen vorüber, gemeine Lieder singend; dann wurde es wieder ganz still, und nur hin und wieder hörte man das Rülpsen oder einen schweren Fall eines Betrunkenen. Das war immer das Ende der Nacht vom Fünfzehnten des Monats. Ja, das Viertel war sauber! Ein Fremder, der das alles vor dem morgendlichen Ausfegen gesehen hätte, würde eine schöne Vorstellung mit sich nehmen. Aber zu dieser Stunde waren die Säufer unter sich und kümmerten sich den Teufel um die Meinung Europas. Donnerwetter! Die Messer wurden aus den Taschen gezogen und das kleine Fest endete mit Blutvergießen. Die Frauen gingen schnell und die Männer strichen mit Luchsaugen umher. Die Nacht beruhigte sich, angefüllt mit Abscheulichkeit. Gervaise ging immerzu, schlotternd trabte sie die Straßen auf und ab, nur daran denkend, immerzu so zu gehen. Wenn sie plötzlich müde wurde, schlief sie im Gehen ein, von ihrem Bein geschaukelt; blickte sie dann um sich, sah sie, daß sie etwa hundert Schritte ohne jedes Bewußtsein gegangen war, wie eine Tote. Ihre Füße schwollen ihr an im Gehen in ihren durchlöcherten Schuhen. Sie wurde stumpf und ganz fühllos, so erschöpft und ausgepumpt war sie jetzt. Der letzte klare Gedanke, den sie noch hatte, war, ob diese Dirne, ihre Tochter, wohl jetzt Austern essen wird. Dann verwirrte sich alles; sie behielt die Augen zwar noch auf, aber denken konnte sie nicht mehr. Nur noch die Empfindung der großen Kälte war geblieben, so stark, daß sie meinte, nie etwas dergleichen gespürt zu haben. Sicher hatten es die Toten unter der Erde auch nicht kälter. Als sie den Kopf hob, spürte sie ein eisiges Prickeln im Gesicht. Es war Schnee, der nun doch entschlossen vom Himmel herunterfiel; es war ein seiner Schnee, der in dicken Massen herunterkam und der von einem leichten Wind wirbelnd herumgetrieben wurde. Seit drei Tagen stand er schon da oben, jetzt siel er gerade im richtigen Moment. Dieser Windstoß weckte Gervaise wieder auf. Die Männer, die sich noch verspätet hatten, liefen und eilten nach Hause; ihre Schultern waren weiß. Sobald einer sie ansah, näherte sie sich und sagte nochmals: »Mein Herr, hören Sie doch ...« Der Mann war stehengeblieben. Aber er schien nichts gehört zu haben. Er streckte seine Hand aus und murmelte mit schwacher Stimme: »Um Gottes Barmherzigkeit willen, bitte ...« Beide blickten einander an. Oh, mein Gott! dahin war es gekommen! Vater Bru bettelte und Frau Coupeau war zur Straßendirne geworden. Entsetzt standen sie sich gegenüber. Jetzt konnten sie sich die Hand reichen. Den ganzen Abend war der alte Arbeiter umhergestrichen und hatte es nicht gewagt, jemanden anzusprechen; die erste Person, die er endlich ansprach, starb vor Hunger, genau so wie er selbst. Großer Gott! war das ein Jammer! Fünfzig Jahre Arbeit und dann betteln müssen! Eine der gesuchtesten Büglerinnen der Rue de la Goutte d'Or endigt im Rinnstein! Noch immer schauten sich die beiden an. Dann gingen sie auseinander, jeder seinen Weg in dem Schneetreiben, das sie vorwärts peitschte. Jetzt wurde es ein förmlicher Sturm. Auf dieser Höhe, in diesen weiten offenen Wegen wirbelte der Schnee von allen vier Windrichtungen Hergetrieben. Nicht zehn Schritte weit konnte man sehen, alles war wie eingehüllt in diesen fliegenden Schneestaub. Alles war wie verschwunden, der Boulevard so ausgestorben, als ob die letzten Seufzer der Trunkenbolde von dieser Leichendecke zugedeckt worden wären. Mühselig ging Gervaise immer weiter, der Schnee blendete sie und sie verlor den Weg. Sie faßte die Bäume an, um sich zurechtzufinden. Je weiter sie vorwärts schritt, desto mehr schwand das Licht der Gasflammen in der bleichen Luft, als ob es erlöschende Fackeln gewesen wären. Als sie eine Straßenkreuzung überschritt, fehlten auch diese Lichter; der Wind erfaßte sie und hüllte sie in den weißen Wirbel von Flocken, ohne daß sie etwas unterscheiden konnte, das ihr als Wegweiser gedient hatte. Unter ihr floh der Boden mit seiner unsichern Schneedecke. Ein graues Gemäuer umschloß sie. Und stand sie still, zögernd, mit scheu gewendetem Kopf, erriet sie hinter diesem eisigen Schleier die endlos sich dehnenden Straßen, die unbestimmbar entschwindenden Reihen der Gasflammen – die ganze düstere, endlos sich dehnende Einsamkeit des entschlafenen Paris. Sie befand sich gerade an der Stelle, wo der äußere Boulevard mit dem Boulevard Magenta und dem Boulevard Ornano zusammenstieß, und träumte davon, sich dort auf die Erde niederzulegen, als sie einen Schritt hinter sich hörte. Sie lief darauf zu, der Schnee trieb ihr in die Augen, die Schritte entfernten sich, sie konnte nicht unterscheiden, ob sie nach rechts oder links gingen. Da bemerkte sie die breiten Schultern eines Mannes wie einen dunkeln, tanzenden Fleck, der sich im Nebel verlor. Oh! diesen mußte sie einholen, sie würde ihn nicht gehen lassen! Sie lief schnell, erreichte ihn und ergriff seine Bluse: »Mein Herr, mein Herr, so hören Sie doch ...« Der Mann drehte sich um. Es war Goujet. Warum hatte sie denn Gott so schwer bestraft, daß er sie gerade jetzt, da es doch zu Ende ging, so entsetzlich peinigte? Das war der härteste Schlag, der sie treffen konnte, sich dem Schmied vor die Füße werfen zu müssen, von ihm auf dieser niedersten Stufe der Boulevarddirnen getroffen zu werden, bleich und bittend. Das trug sich gerade unter einer Gasflamme zu; sie erblickte wieder ihren unförmigen Schatten, der sich über sie lustig zu machen schien, eine wahre Karikatur. Es sah aus wie der Schatten eines betrunkenen Weibes. Mein Gott! Dabei hatte sie keinen Bissen Brot im Leib, keinen Schluck Wein, und konnte doch für betrunken gehalten werden! Es war doch aber ihre Schuld. Warum trank sie! Gewiß glaubte nun Goujet, daß sie getrunken habe und jetzt eine Orgie feierte. Inzwischen sah Goujet auf sie nieder, während der Schnee sich in dichten Massen auf seinem schönen blonden Bart festsetzte. Als sie zurückweichend den Kopf senkte, hielt er sie fest. »Kommen Sie mit mir!« sagte er. Und damit ging er voran. Sie folgte ihm. Beide schritten geräuschlos durch das schweigende Viertel, wobei sie dicht an den Mauern gingen. Die arme Frau Goujet war im Oktober an Gelenksrheumatismus gestorben. Goujet bewohnte immer noch das kleine Haus in der Rue Neuve, wo es jetzt düster und einsam war. An diesem Tage gerade hatte er sich verspätet, weil er bei einem verwundeten Kameraden gewacht hatte. Als er die Türe geöffnet und die Lampe angezündet hatte, stand Gervaise immer noch demütig auf der Schwelle. Er sagte leise, als ob ihn seine Mutter noch hätte hören können: »Treten Sie näher!« Das erste Zimmer, in dem Frau Goujet gewohnt hatte, war pietätvoll in demselben Zustande erhalten geblieben, wie sie es verlassen hatte. Beim Fenster zur Seite des Sessels war ihr Stickrahmen noch aufgestellt, als wartete er auf die alte Stickerin. Das Bett war gemacht, sie hätte sich dort niederlegen können, wenn sie den alten Kirchhof verlassen hätte, um einen Abend bei ihrem Kinde zu verbringen. Das Zimmer bewahrte diese Sammlung und den Hauch der Ehrenhaftigkeit und Güte. »Kommen Sie näher!« sagte der Schmied noch einmal. Sie trat jetzt furchtsam naher, mit dem Ausdruck einer Dirne, die zufällig an einen anständigen Ort gekommen ist. Er war ganz blaß und zitterte, weil er so eine Frau in die Nähe seiner toten Mutter brachte. Beide durchschritten leise das Gemach, als ob sie nicht gehört werden wollten. Als der Schmied Gervaise in sein Zimmer geschoben hatte, schloß er es. Da war er bei sich. Es war das enge Kabinett, das sie kannte, das mit der schmalen eisernen Bettstelle und den weißen Musselinvorhängen wie das Zimmer eines Pensionsfräuleins aussah. Nur an den Wänden hatten sich die ausgeschnittenen Bilder vermehrt und stiegen bis zur Decke hinauf. Gervaise wagte in dieser reinen Umgebung nicht einen Schritt vorwärts zu machen, sie trat vor der Helle der Lampe zurück. Da überkam den Schmied eine Raserei, er wollte sie nehmen und zwischen seinen Armen zerdrücken. Aber es ging vorüber und er sagte leise: »Oh, mein Gott ... mein Gott! ...« Das Feuer des Ofens war mit Koksstaub zugedeckt, und ein Überrest von Ragout, das er sich warmgestellt hatte, weil er dachte früher zurückzukommen, war noch warm auf der Platte. Gervaise wurde von der Wärme aus ihrer Erstarrung gerissen, hätte sich auf alle Viere gelegt, um davon essen zu dürfen. Es ging über ihre Kräfte, in ihrem Magen fühlte sie so ein schneidendes Reißen, daß sie sich mit einem Seufzer niederbeugen mußte. Da verstand sie Goujet. Er setzte das Ragout auf den Tisch, schnitt ein Stück Brot ab und goß ihr zu trinken ein. »Danke, danke!« sagte sie. »Oh, wie gut Sie sind!« Sie stammelte und konnte die Worte nicht mehr herausbringen. Als sie die Gabel umfaßte, zitterte sie so stark, daß sie sie fallen ließ. Der Hunger peinigte sie so stark, daß sie mit dem Kopfe wackelte. Sie mußte mit den Fingern essen; nach der ersten Kartoffel, die sie sich in den Mund schob, brach sie in Tränen aus; dicke Tropfen rollten ihr die Backen herunter und machten das Brot naß. Sie aß immerzu, heißhungrig schlang sie das Brot hinunter, das ihre Tränen erweicht hatten; dabei atmete sie so stark, ihr Kinn bewegte sich krampfhaft beim Schlucken. Goujet nötigte sie zum Trinken, damit sie nicht ersticke, das Glas klang zitternd zwischen ihren Zähnen. »Wollen Sie noch mehr Brot haben?« fragte er halblaut. Sie weinte. Sie sagte »nein«, sagte »ja«, sie wußte es nicht. Oh, allmächtiger Gott, wie ist es gut und traurig zugleich das Essen, wenn man krepiert! Er stand vor ihr und betrachtete sie. Jetzt sah er sie erst deutlich unter dem hellen Licht, das unter der Lampenglocke auf sie fiel. Die Hitze taute den Schnee aus ihren Haaren und auf den Kleidern, sie war ganz naß. Ihr armer wackelnder Kopf war schon ganz mit grauen Haarlocken bedeckt, die der Wind gelöst hatte. Ihr Hals stak zwischen den Schultern, sie war häßlich und dick geworden, man hätte weinen mögen. Und er rief sich ihre Reize ins Gedächtnis zurück, als sie noch so rosig war damals, mit dem Eisen klapperte und das kleine Kindergrübchen hatte, das ihren Hals schöner schmückte als das kostbarste Halsband. Damals konnte er sie stundenlang ansehen und war zufrieden, wenn er sie nur sah. Später, als sie zur Schmiede kam, was waren das für Freuden gewesen, wenn er auf das Eisen schlug und sie dem Tanze seines Hammers mit den Augen folgte! Wie oft hatte er da in sein Kopfkissen gebissen in der Nacht und sich gewünscht, sie so bei sich zu haben wie in dieser Nacht! Oh, er hätte sie zerquetscht, wenn er sie an sich gedrückt hätte, so heftig war sein Verlangen nach ihr. Und heute gehörte sie ihm, er konnte sie nehmen. Sie aß das letzte Stückchen Brot und wischte damit ihre Tränen aus der Schüssel, die noch immer hineinfielen. Dann stand Gervaise auf. Sie hörte auf zu essen. Einen Augenblick lang blieb sie verlegen stehen, weil sie nicht wußte, was er von ihr wolle. Als sie glaubte, in seinen Augen ein Begehren aufleuchten zu sehen, brachte sie die Hand an ihre Jacke und öffnete den ersten Knopf. Aber Goujet war in seine Knie gesunken, ergriff ihre Hände und sagte sanft: »Ich liebe Sie, Frau Gervaise, ja, ich liebe Sie noch, trotz allem, was geschehen ist, das schwöre ich Ihnen.« »Oh, sprechen Sie nicht so, Herr Goujet,« rief sie, es machte sie fast verrückt, ihn so zu ihren Füßen zu sehen. »Nein, sagen Sie das nicht, es ist zu schmerzlich für mich!« Als er ihr wiederholte, daß er in seinem Leben kein zweitesmal mehr so lieben könne, wurde sie ganz verzweifelt. »Nein, nein, ich will es nicht, ich habe zuviel Schande auf mich gehäuft ... Um der Liebe Gottes willen! Stehen Sie auf. An mir, wäre es, vor Ihnen niederzuknien!« Nun stand er zitternd auf und sagte mit stotternder Stimme: »Darf ich Sie küssen?« Sie war so überrascht und bestürzt, daß sie kein Wort der Erwiderung fand. Sie nickte nur. Mein Gott! sie war sein, er konnte mit ihr machen, was er wollte. Aber er rundete nur seinen Mund zu einem Kuß. »Das ist genug zwischen uns, Frau Gervaise,« murmelte er. »Das ist unsere ganze Freundschaft, nicht wahr?« Er küßte sie auf die Stirn, auf eine ihrer ergrauten Haarlocken. Er hatte seit dem Tode der Mutter niemanden mehr geküßt. Nur Gervaise, seine gute Freundin, blieb ihm im Leben übrig. Als er sie so geküßt hatte, wendete er sich um und warf sich auf sein Bett, weil ihm das Schluchzen die Kehle sprengen wollte. Gervaise konnte es nicht länger ertragen, das war zu traurig, zu abscheulich, sich unter solchen Verhältnissen wiederzufinden, wenn man einander lieb hatte. Sie rief ihm zu: »Ich liebe Sie, Herr Goujet! Ja, auch ich liebe Sie ... Das ist ja nicht möglich, ich verstehe ... Adieu, adieu, das würde uns beide erdrücken!« Und laufend durchkreuzte sie das Zimmer der Frau Goujet und befand sich dann auf dem Pflaster. Als sie wieder bei Besinnung war, hatte sie schon in der Rue de la Goutte d'Or angeläutet. Boche zog die Türe auf. Das Haus war ganz dunkel. Sie trat ein wie eine Witwe in ihr Trauerjahr. Seit dem Tage, wo sie ihren Fuß hierher gesetzt hatte, war es bergab mit ihr gegangen. Das mußte ja Unglück bringen, wenn man so nah beieinander wohnte in diesen großen Arbeiterhäusern; so ein Elend war ansteckend wie die Cholera. Sie hörte, wie zur Rechten die Boches schnarchten und zur Linken Lantier und Virginie schnurrten, fast wie Katzen, die nicht schlafen, sondern warm und wohlig mit geschlossenen Augen dasitzen. Als sie die sechs Stockwerke in die Höhe stieg, konnte sie ein böses Lachen nicht unterdrücken, aber es tat ihr weh. Sie dachte an ihr früheres Ideal: ruhig arbeiten, immer genug Brot haben, seine Kinder gut erziehen, nicht geschlagen werden, ein sauberes Loch für sich zu haben und im eigenen Bett sterben. Und wie war es ihr in Erfüllung gegangen! Sie arbeitete nicht mehr, sie aß nicht mehr, ihre Tochter trieb ein Schandgewerbe, ihr Mann traktierte sie mit Schlägen, sie schlief auf Schmutz. Was blieb ihr übrig, als ihrem Leben ein Ende zu machen, und das so bald wie möglich. Wenn sie nur den Mut hatte, sich jetzt, wenn sie in ihr Zimmer käme, aus dem Fenster zu stürzen. Das, was ihr häßliches Lachen hervorgerufen hatte, war die Erinnerung an ihre schöne Hoffnung, sich auf das Land zurückzuziehen, wenn sie zwanzig Jahre geplättet hatte. Nun also, jetzt ging sie ja aufs Land. Sie wollte ihre Ecke grünen Rasens auf dem Père-Lachaise haben. Als sie in ihren Korridor hineinging, war sie schon wie toll. In ihrem armen Kopfe wirbelte es. Ihr größter Schmerz war der, daß sie dem Schmied für ewig Lebewohl gesagt hatte. Es war aus zwischen ihnen, sie würden sich niemals wiedersehen. Im Vorbeigehen steckte sie den Kopf bei Bijards zur Tür herein; sie sah Lalie tot daliegen; oh, wie glücklich die war und wie es ihr wohl zu tun schien, daß sie nun endlich und für immer Ruhe hatte. Da aus der Türspalte bei Vater Bazouge ein Lichtstrahl fiel, trat sie entschlossen bei ihm ein, weil sie das dringende Verlangen ergriff, denselben Weg zu gehen wie die Kleine. Der alte Spaßvogel Bazouge war in dieser Nacht besonders fidel nach Hause gekommen. Er hatte sich so stark angetrunken, daß er trotz der Kälte auf der Erde schnarchte, was ihn scheinbar nicht hinderte, recht vergnügt zu träumen, denn sein Bauch schüttelte sich förmlich vor Lachen. Die Talgkerze brannte noch und beleuchtete seinen Frack, seinen platten Zylinder, der in der Ecke lag, und seinen Mantel, den er sich über die Knie gezogen hatte. Als Gervaise ihn sah, fing sie so laut zu jammern an, daß er aufwachte. »Zum Teufel! mach doch die Türe zu! Da kommt eine Kälte herein! ... Ach, Sie sind es!... Nun, was gibt's denn? Was wollen Sie denn?« Nun begann Gervaise mit ausgestreckten Armen leidenschaftlich zu bitten, ohne recht zu wissen, was sie sagte. »Oh! Nehmt mich fort, ich hab genug, ich will fort ... Sie dürfen mir nicht mehr böse sein. Ich weiß nicht ... O Gott! Man weiß es ja nie, bis es dann soweit ist ... O ja! Dann aber ist man eines Tages zufrieden, dahin zu kommen! Nehmt mich fort! Ach! Nehmt mich fort! Ich werde auch »Danke schön« dazu sagen!« Ganz bleich ließ sie sich auf die Knie nieder, so heftig war das Verlangen, das sie erfüllte. Nie hatte sie sich so vor den Füßen eines Mannes gewälzt. Das versoffene Gesicht von Vater Bazouge erschien ihr schön wie die Sonne. Der Alte, der noch halb im Schlaf war, glaubte an einen schlechten Witz. »Hören Sie! Sie wollen mich wohl zum besten haben!« »Nehmt mich mit euch!« wiederholte Gervaise ihre Bitte noch glühender. »Erinnern Sie sich noch an den Abend, als ich an die Bretterwand klopfte? Nachher hab ich gesagt, es sei nicht wahr, weil ich noch dumm war ... Geben Sie mir jetzt Ihre Hände, ich fürchte mich nicht mehr davor. Ich will zur Ruhe kommen, Sie werden sehen, ich werde mich nicht rühren ... Ach! Ich habe nur mehr diesen einen Wunsch! Ach! Ich würde Sie so lieb haben!« Bazouge, galant wie immer, wollte eine Dame, die scheinbar eine so heftige Neigung zu ihm gefaßt hatte, nicht vor den Kopf stoßen. »Ihr seid da schon auf dem richtigen Wege!« sagte er mit Überzeugung. »Ich habe heute schon drei eingepackt und sie hatten mir obendrein noch ein anständiges Trinkgeld gegeben, aber sie konnten leider nicht mehr die Hand in die Tasche stecken ... Na, na, kleines Mütterchen, es geht doch nicht so ohne weiteres.« »Nehmen Sie mich mit! Nehmen Sie mich doch mit!« rief Gervaise, »ich will ja so gerne fort! ...« »Verflucht! Da braucht's erst eine kleine Operation vorher ... wissen Sie, Knick!« Er machte bei diesem Laut eine Anstrengung mit der Kehle, als verschlucke er seine Zunge. Da er den Scherz gut fand, so lachte er. Gervaise war langsam aufgestanden. Also auch der konnte nichts für sie tun? Stumpfsinnig ging sie in ihr Zimmer und warf sich aufs Stroh. Es tat ihr leid, daß sie gegessen hatte. Oh! nein, so ging das nicht, das Elend tötete nicht schnell genug! 13 Coupeau machte in dieser Nacht eine seiner Saufreisen. Am nächsten Tage erhielt Gervaise von ihrem Sohn Etienne, der Mechaniker bei einer Eisenbahn war, zehn Francs geschickt. Der Kleine schickte ihr manchmal fünf Francs, weil er wußte, wie knapp es zu Hause zuging. Sie setzte einen Topf mit Fleisch und Gemüse ans Feuer und aß alles ganz allein auf, denn das Vieh, Coupeau, war auch am folgenden Tage nicht zurückgekommen. Der Montag ging vorüber, Dienstag, er kam nicht. Und die ganze Woche verging. Ach, den Teufel, wenn ihn eine Dame entführt hat, wäre das ein wahres Glück. Aber am Sonntag bekam Gervaise ein amtliches Schreiben, das sie erst sehr erschreckte, weil es wie ein Schreiben von der Polizei aussah. Als sie es las, beruhigte sie sich; es war nur die Mitteilung, daß ihr Schwein im Begriff wäre, ins Spital Sainte-Anne vor die Hunde zu gehen. In dem Schriftstück stand das höflicher, aber es kam doch auf dasselbe hinaus. Ja, es war also doch eine Dame gewesen, die Coupeau entführt hatte, und diese Dame hieß Sophia Drehauge, die letzte Freundin der Trunkenbolde. Nein, deshalb beunruhigte sich Gervaise nicht. Er kannte ja den Weg, er würde vom Asyl schon allein wieder nach Hause finden; er war ja dort schon so oft geheilt worden, man würde ihn diesmal wieder heilen, um ihr einen Tort anzutun. Hatte sie nicht heute morgen noch erfahren, daß man ihn acht Tage lang, rund wie eine Kugel, bei allen Weinkneipen von Belleville herumkugeln gesehen hätte? In seiner Gesellschaft war Mes-Bottes; und Mes-Bottes bezahlte auch alles; er mußte einen tiefen Griff in die Kasse seiner saubern Ehehälfte getan haben, die ihre Ersparnisse mit schönen Spielen gewann. Das war sauberes Geld, das sie da vertranken, kein Wunder, wenn sie davon krank wurden. Um so besser, wenn Coupeau Leibschmerzen davon bekommen hat! Gervaise wurde ganz wütend bei dem Gedanken, daß diese beiden Egoisten nie daran gedacht hatten, sie einmal abzuholen, um ihr auch einen Schluck zu gönnen. Hat man je so etwas gesehen? Eine Orgie von acht Tagen und nicht eine Galanterie für eine Dame? Hat man allein getrunken, kann man auch allein krepieren! Am Montag hatte Gervaise eine kleine Mahlzeit für den Abend, es war ein Rest Bohnen und ein Schoppen Wein. Sie sagte sich, ein kleiner Spaziergang würde ihren Appetit heben. Der Brief auf der Kommode war ihr unbequem. Der Schnee war geschmolzen, das Wetter angenehm, der Himmel zwar bewölkt, aber die milde Luft hatte etwas Erfrischendes, in ihrem leisen Winde lag schon ein Frühlingsahnen. Ein solches Wetter ist hoffnungsreich auch für ein bedrücktes Menschenherz. Sie machte sich schon am Nachmittag auf, denn der Weg war lang; man mußte quer durch ganz Paris, und ihr Bein schleppte nach; dabei waren viele Menschen auf der Straße, alle waren heiter und guter Dinge; so kam auch sie dort munter an. Als sie ihren Namen genannt hatte, erzählte man ihr eine ganz tolle Geschichte: es schien, man habe Coupeau bei dem Pont-Neuf aufgefischt; er hatte sich über die Brustwehr gestürzt, weil er im Wahn war, ein bärtiger Mann verstelle ihm den Weg. Ein schöner Sprung, nicht wahr? Wie Coupeau auf den Pont-Neuf gekommen war, konnte er nicht erklären. Ein Wärter führte Gervaise. Als sie eine Treppe hoch gestiegen, hörte sie ein Geheul, das ihr das Mark gefrieren machte. »Nicht wahr, der vollführt eine Musik?« sagte der Wärter. »Wer denn?« fragte sie. »Na, Euer Mann! So heult er schon seit vorgestern. Und dabei tanzt er, Sie werden ja sehen!« Mein Gott, was war das für ein Anblick! Sie blieb wie versteinert stehen. Die Zelle war von oben bis unten gepolstert, auf der Erde lagen zwei Strohsäcke, einer auf dem andern, und in der Ecke eine Matratze und ein Keilkissen, weiter nichts. In diesem Räume tanzte und heulte Coupeau. Er sah aus wie eine Karnevalsmaske mit seiner zerfetzten Bluse und den Gliedern, die in der Luft herumfuchtelten. Aber diese Maske war nicht komisch. Diese Maske tanzte einen Tanz, der einem die Haare zu Berg stehen machte. Er stellte einen Sterbenden dar. Heiliger Himmel! war das ein » Cavalier seul «. Er hüpfte auf das Fenster zu; wenn er dann rückwärts schreitend von dort fortging, so schlug er mit den Armen den Takt und schüttelte die Hände, als wolle er sie von sich schleudern, damit sie den Leuten ins Gesicht fliegen sollten. Man sieht manchmal in den Tanzkneipen Spaßmacher, die das nachahmen, aber sie machen es schlecht; wenn man sich eins wahre Vorstellung von dieser Säuferquadrille machen will, dann muß man einen ansehen, der das ernsthaft ausführt. Auch das Lied hat seinen eigenen Charakter, ein immerwährendes Karnevalsgeheul, wobei aus dem weit geöffneten Munde stundenlang dieselben Noten wie aus einer heißen Trompete kommen. Coupeau schrie wie ein Hund, dem man eine Pfote zerquetscht hat. Und dabei sang er immer: »Vorwärts, die Herren! Schaukelt eure Damen!« »Heiliger Gott! Was ist denn das? Was hat er denn?« fragte wiederholt Gervaise, die ganz erstarrt war. Ein junger Mediziner, ein starker, blonder, rosiger Bursche mit einer weißen Schürze, saß ruhig und machte Notizen. Der Fall war interessant, der junge Mann ließ den Kranken nicht aus den Augen. »Bleiben Sie einen Augenblick hier, wenn Sie wollen!« sagte er zu Gervaise. »Aber verhalten Sie sich ruhig ... Versuchen Sie einmal ihn anzureden, er wird Sie nicht erkennen.« Coupeau bemerkte seine Frau gar nicht. Sie sah ihn beim Eintreten nur undeutlich, weil er sich so hin und her bewegte. Als sie ihm nun in das Gesicht sah, sanken ihr die Arme vor Schreck herunter. Wie war das um Gottes willen nur möglich, daß er ein solches Gesicht hatte, blutunterlaufene Augen und dicke Krusten auf den Lippen? Sie hätte ihn nicht wiedererkannt. Er schnitt immerfort Grimassen, man wußte nicht warum; den Mund zog er schief, die Nase zog sich zusammen, die Backen spannten sich, ein wahres Tiergesicht. Seine Haut war so heiß, daß es um ihn herum förmlich dampfte, alles Fleisch glänzte an ihm und dicke Schweißtropfen rannen herunter. Wenn er auch diesen rasenden Tanz aufführte, so konnte man doch sehen, daß ihn Kopf und Glieder dabei schmerzten. Gervaise näherte sich dem jungen Mediziner, der mit seinen Fingern einen Marsch auf der Stuhllehne trommelte. »Sagen Sie, mein Herr, jetzt ist es wohl sehr ernst?« Der Mediziner nickte, ohne Antwort zu geben, mit dem Kopfe. »Sagen Sie, er spricht doch etwas, ganz leise, nicht wahr? Was sagt er denn?« »Das sind Dinge, die er sieht,« antwortete der junge Mann in demselben Tone. »Seien Sie ruhig, ich will hören.« Coupeau sprach ruckweise. Dann kam ein Zug von Lustigkeit in seinen Ausdruck. Er schaute nach rechts und links auf den Boden, drehte sich um, als ob er im Gehölz von Vincennes spazieren ginge und mit sich selbst spräche. »Ei, das ist ja hübsch ... so schöne Buden, ein ganzer Jahrmarkt voll ... Und die schöne Musik! Die tanzen ja wie toll! Sie zerbrechen alles Geschirr, wie an einem Polterabend ... Herrlich, da steigen auch rote Luftballons, wie die springen ... Auf und ab ... Viele Laternen hängen an den Bäumen! ... Es ist verdammt hübsch hier! ... Überall Springbrunnen und Wasserfälle ... und das Wasser plätschert und murmelt ... ach! ... wie Kinder im Chor singen ... Wieviel Wasserfälle ... kolossal!« Er richtete sich auf, als ob er besser hören möchte; in starken Zügen sog er die Luft ein, weil er vermeinte, die Frische des Wassers zu spüren. Nach und nach nahm sein Gesicht das Zeichen der Angst an. Nun krümmte er sich zusammen und ging an den Wänden hoch, wobei er dumpfe Drohungen ausstieß. »Noch immer diese Schufte, und all das andere! Oh! ich traute ihnen nicht... Ruhe da! Ihr Haufen von Schurken; ja, kümmert euch nicht um mich! Ihr wollt euch über mich lustig machen, wenn ihr da drin mit euren Weibsleuten sauft ... Ich werde euch in Stücke schlagen, euch und eure Bude! ... In drei Teufels Namen! Wollt ihr mich in Ruhe lassen?« Er ballte die Fäuste. Rauhe Schreie kamen aus seinem Munde und er lief, sich duckend, an den Wänden entlang. Dann stolperte er, und seine Zähne klapperten dabei vor Entsetzen. »Ich soll wohl ein Ende mit mir machen? Nein, ich werfe mich nicht da hinein ... Soviel Wasser, das heißt, daß ich keinen Mut habe. Nein, ich stürze mich doch nicht da herein.« Die Wasserfälle flohen und rückten näher, wenn er zurückwich. Plötzlich blickte er ganz stumpfsinnig um sich und stammelte mit deutlicher Stimme: »Ärzte? Das ist ja unmöglich, man hat die gegen mich gehetzt!« »Jetzt gehe ich, mein Herr, guten Abend!« sagte Gervaise. »Es erschüttert mich zu sehr, ich werde wiederkommen.« Sie war ganz weiß vor Schreck. Coupeau fuhr in seinem Gange fort, vom Fenster zur Matratze und umgekehrt; er schwitzte, spannte all seine Kräfte an und schlug noch den Takt dazu. Nun lief sie fort. So schnell sie gehen konnte, die Treppe hinunter, bis unten hörte sie den Mann noch schreien und heulen. Wie gut war es draußen, da atmete man die frische Luft. Am Abend dieses Tages sprach man in der ganzen Rue de la Goutte d'Or nur von der sonderbaren Krankheit Coupeaus. Die Boches, die das Hinkebein jetzt förmlich über die Schultern ansahen, regulierten sie mit Johannisbeerschnaps in der Loge, nur um Näheres von ihr zu erfahren. Frau Lorilleux und Frau Poisson kamen dazu. Da gab es dann lange Erklärungen. Boche hatte einen Tischler gekannt, der ganz nackt auf die Rue Saint-Martin ging; beim Polkatanzen ist er gestorben; er trank Absinth. Die Damen lachten, weil ihnen das komisch vorkam, obgleich es eigentlich traurig sei. Als sie immer noch nicht begriffen, wie denn das zugehe, schob Gervaise alle beiseite und rief, man solle ihr Platz machen; und nun ahmte sie mitten in der Loge Coupeau nach, während die andern ihr zusahen, wie er brüllte und hopste und dazu gräßliche Grimassen schnitt. Ja, auf Ehre, ganz so war es. Alle wunderten sich, das wäre ja nicht möglich, ein solches Toben hält doch der Stärkste keine drei Stunden aus. Sie beschwor, daß Coupeau das schon sechsunddreißig Stunden lang so mache, seit dem vorigen Morgen. Wenn man ihr nicht glauben wolle, könne man ja hingehen und nachsehen. Aber Frau Lorilleux sagte, sie danke dafür, sie wäre schon einmal in Sainte-Anne zu Besuch gewesen und sie würde auch nicht erlauben, daß Lorilleux dahin ginge. Virginie, deren Laden von Tag zu Tag schlechter ging und die eine richtige Leichenbittermiene aufsetzte, begnügte sich damit zu erklären, daß das Leben nicht immer lustig wäre. Man trank den Johannisbeerschnaps aus und Gervaise wünschte der Gesellschaft einen guten Abend. Wenn sie nicht mehr sprach, nahm ihr Gesicht einen närrischen Ausdruck an, wobei ihre Augen weit offen standen. Immer sah sie im Geiste ihren Mann tanzen. Am nächsten Morgen, als sie aufgestanden war, nahm sie sich vor, nicht wieder dahin zu gehen. Wozu auch? Sollte sie auch noch das bißchen Verstand verlieren? Doch alle zehn Minuten fing sie von neuem an, darüber nachzudenken. Es wäre doch zu merkwürdig, wenn er immer noch seine Tanzübungen machen würde. Als es zwölf Uhr schlug, konnte sie sich nicht mehr länger halten, sie bemerkte nicht einmal die Länge des Weges, so groß war ihr Verlangen und zugleich die Furcht, zu sehen, was sie erwartete. Ja, sie brauchte sich gar nicht nach dem Befinden des Patienten erst zu erkundigen. Schon unten an der Treppe hörte sie Coupeaus Lied, dasselbe vom Tage zuvor. Sie hätte annehmen können, sie wäre nur eine Minute lang hinuntergegangen und zurückgekommen. Derselbe Wärter ging über den Hausgang und trug Medizingläser in der Hand, er nickte ihr zu, als er sie wiedererkannte. »Also immer noch!« sagte sie. »Oh, noch immer«, antwortete er, ohne stehenzubleiben. Sie trat ein, blieb aber an der Türe stehen, denn es waren Leute bei Coupeau. Der blonde rosige Mediziner stand, er hatte seinen Stuhl einem alten, dekorierten Herrn angeboten, der ganz kahlköpfig war und ein Gesicht wie ein Fuchs hatte. Das war wohl der Chefarzt, denn er warf schnelle, scharfe, durchbohrende Blicke um sich. Alle diese Totenhändler haben solche Blicke an sich. Da Gervaise nicht dieses Herrn wegen gekommen war, stellte sie sich hinter ihm auf und verschlang Coupeau mit den Augen. Dieser Rasende tanzte und brüllte noch stärker als am vorhergehenden Tage. Sie hatte früher gesehen, wie die strammen Burschen, die Hausdiener der Waschanstalt, auf Fastnachtsbällen ganze Nächte hindurch sich solchem Tanze hingegeben hatten; aber sie konnte sich nicht vorstellen, daß ein Mann so lange daran Vergnügen finden könne. Doch es konnte ja doch niemandem Spaß machen, wider Willen wie ein Karpfen zu springen, als hätte man ein Pulverfaß verschluckt. Coupeau, immer noch in Schweiß gebadet, dampfte noch heftiger, sonst war nichts verändert; sein Mund schien vom vielen Schreien vergrößert zu sein. Schwangere Frauen taten wohl daran, solchen Anblick zu meiden. Er war zwischen der Matratze und dem Fenster so viel hin und her gegangen, daß man seine Spuren am Boden sah; auch die Strohsäcke am Boden waren von seinen Schuhen zertreten. Dieser Anblick war so abscheulich, daß Gervaise sich fragte, warum sie eigentlich gekommen war. Man hatte am Abend bei den Boches behauptet, sie hätte stark übertrieben. Ja! sie hatte es noch nicht zur Hälfte nachgemacht, wie es in Wirklichkeit war. Jetzt sah sie besser, wie Coupeau das machte; das würde sie nie mehr vergessen, wie er seine Augen weit aufriß und ins Leere starrte. Sie griff einiges von dem Gespräch auf, das zwischen dem alten und dem jungen Arzte gewechselt wurde. Der Jüngere gab in Ausdrücken, die sie nicht verstand, den Bericht über den Verlauf der Nacht. Die ganze Nacht hindurch hat er gesprochen und getanzt, was das eigentlich nur wäre? Jetzt erst bemerkte der alte kahlköpfige Herr Gervaises Anwesenheit. Der junge Mann sagte, daß das die Frau des Kranken wäre, worauf dieser in nicht sehr höflichem Tone ein Verhör wie ein Polizeikommissar mit ihr begann: »Hat der Vater dieses Mannes auch getrunken?« »Ja, mein Herr, ein klein wenig, wie jedermann ... Er hat sich das Genick gebrochen, als er eines Tages in der Trunkenheit vom Dache fiel.« »Hat seine Mutter auch getrunken?« »Aber, mein Herr, so wie am Ende jeder trinkt. Sie wissen schon, hin und wieder einen Schluck ... Oh, die Familie ist sehr anständig! ... Es war noch ein Bruder da, der ist sehr jung an Krämpfen gestorben.« Der Arzt sah sie mit seinen durchdringenden Augen an. Dann sagte er brutal: »Und Sie, Sie trinken auch?« Gervaise stotterte einige entschuldigende Worte und legte die Hand aufs Herz, um das, was sie sagte, glaubhafter zu machen. »Sie trinken, nehmen Sie sich in acht; Sie sehen, wohin das führt, wenn man trinkt ... Eines schönen Tages werden Sie ganz ebenso daran sterben!« Jetzt blieb sie an die Wand gelehnt stehen. Der Arzt hatte ihr wieder den Rücken zugedreht. Er bückte sich, ohne Beunruhigung, so daß seine Rockschöße den Staub des Strohsackes am Boden berührten, und studierte lange das Zappeln von Coupeaus Füßen; er wartete, bis er wieder vorüberkam, und folgte ihm immer wieder mit den Augen. An diesem Tage zappelten nur die Beine, das Zittern hatte sich mehr nach unten verbreitet, von den Händen war es auf die Füße übergegangen; er war wie ein Hampelmann, den man an der Schnur zog. Der Anfall nahm langsam zu. Wie eine Musik, die unter der Haut wütete. Alle drei bis vier Sekunden begann es aufs neue, dann hielt es an, begann wieder wie das Zittern kleiner verlorengegangener Hunde, die unter einem Torweg frieren. Der Bauch und die Schultern zitterten wie kochendes Wasser in einem Topfe. Eine merkwürdige Art der Zerstörung, sich so winden zu müssen wie ein Mädchen, das man kitzelt. Manchmal beklagte sich auch Coupeau mit dumpfer Stimme. Er schien mehr zu leiden als tags zuvor. Seine Klagen ließen nur die Schmerzen vermuten, die er hatte. Tausende von Nadeln prickelten ihn. Überall lag ihm etwas Schweres auf der Haut, etwas, das ihn drückte; ein nasses, kaltes Tier wand sich um seine Schenkel und biß nach ihm. Dann wieder andere Tiere, die sich ihm auf die Schultern setzten und ihm den Rücken zerkratzten. Unaufhörlich rief er: »Ich habe Durst ... Oh, ich habe Durst!« Der junge Mediziner nahm einen Topf mit Limonade von einem Brett herunter und gab ihn ihm. Er ergriff den Topf gierig mit beiden Händen und schlang einen Schluck hinunter, wobei die Hälfte der Flüssigkeit ausfloß; aber gleich spie er den Schluck mit Ekel wieder heraus, indem er wütend schrie: »Pfui Teufel! Das ist ja Branntwein!« Nun wollte, auf ein Zeichen des Arztes, der junge Mann ihm Wasser geben, ohne jedoch die Flasche loszulassen. Diesmal schluckte er die Flüssigkeit hinunter, aber er heulte hinterher, als ob er Feuer getrunken hätte: »Das ist ja Branntwein! Pfui, das ist Branntwein!« Seit dem vorigen Abend schien ihm alles, was er zu trinken bekam, Branntwein zu sein. Das verdoppelte noch seinen Durst, er konnte aber nicht trinken, weil alles ihn wie Feuer brannte. Man brachte ihm eine Suppe, er wollte sie aber nicht essen, denn er meinte, man wolle ihn vergiften, denn sie roch nach Vitriol – sagte er. Das Brot war sauer und verdorben. Er sah nur Gift um sich herum. Die Zelle roch nach Schwefel. Er beschuldigte die Wärter, daß sie Schwefelhölzer ansteckten, damit er verdorbene Luft einatmen solle. Der Arzt stand jetzt auf, um Coupeau besser zuhören zu können, der wieder neue Phantasien hatte. An den Wänden sah er Spinnweben, die ganz groß waren. Dann wurden die Gewebe Maschen, die sich zusammenzogen und ausdehnten, ein komisches Spielzeug! In den Netzen rollten schwarze Kugeln, wie die Gaukler sie haben; zuerst waren es Billardkugeln, dann Kanonenkugeln, sie schwollen an und verkleinerten sich wieder, alles das, um ihn zu ärgern. Plötzlich schrie er: »Oh, die Ratten! Da sind Ratten, um diese Zeit!« Die Kugeln hatten sich in Ratten verwandelt. Diese ekelhaften Tiere wurden wieder größer, kletterten aus den Netzen, sprangen auf die Matratze oder verschwanden wieder. Er sah auch einen Affen, der aus der Wand kam und auch wieder hineinging, er kam ihm so nahe, daß er zurückwich, weil er fürchtete, er würde ihn in die Nase beißen. Plötzlich änderte sich alles; er mußte annehmen, die Mauern wären ins Wanken geraten, denn er wiederholte mit schreckhafter Stimme: »Da ist es schon wieder! Ach! haltet mich doch ... stützt mich. O weh! – na, mir kann's recht sein, jetzt stürzt die ganze Bude ein! ... Alles fällt ein ... Ja, läutet nur die Glocken, schwarzes Volk! ... Spielt nur die Orgel, damit ich nicht nach der Wache rufen muß! ... Sie haben eine Maschine hinter die Mauer gestellt, dieses Lumpengesindel! Ich höre es doch, sie pustet, sie wollen uns in die Luft sprengen ... Feuer! Um Gottes willen! Feuer! Alle rufen jetzt Feuer... Ha! das flammt! Ach! wie hell das wird, wie hell! Der ganze Himmel flammt in rotem Feuer... jetzt ist es gelb ... Hierher! Zu Hilfe! Feuer!« Sein Geschrei erstarb in einem Röcheln. Nur noch unzusammenhängende Worte waren hörbar, vor seinen Mund trat Schaum, der troff an seinem Kinn herunter. Der Arzt rieb sich mit dem Zeigefinger seine Nase, eine Bewegung, die ihm in schwierigen Fallen eigen war, dann wandte er sich an den jungen Kollegen und fragte: »Und die Temperatur ist immer noch vierzig Grad, nicht wahr?« »Ja, mein Herr!« Der Arzt machte eine Grimasse. Noch zwei Minuten blieb er, schaute Coupeau nochmals an, zuckte die Schultern und ging, indem er sagte: »Fahren Sie mit derselben Behandlung fort: Bouillon, Limonade, Milch, einen leichten Extrakt Chinarinde in Dosen ... Verlassen Sie ihn nicht; wenn eine Änderung eintritt, lassen Sie mich rufen.« Er ging. Gervaise folgte ihm, sie wollte ihn fragen, ob denn gar keine Hoffnung mehr wäre. Aber er ging so steif den Gang hinunter, da wagte sie es nicht, ihn anzusprechen. Sie blieb stehen und wollte ihren Mann noch einmal sehen; aber als sie hörte, wie er noch immer schrie, daß die Limonade nach Branntwein röche, da machte sie, daß sie fortkam. Als sie auf der Straße war, den Galopp der Pferde sah und die Wagen rollen hörte, glaubte sie, Sainte-Anne sei ihr auf den Fersen. Die Drohung des Arztes fiel ihr ein. Wirklich, sie glaubte, sie hatte die Krankheit auch schon! In der Rue de la Goutte d'Or wurde sie von den Boches und den andern natürlich schon erwartet. Sowie sie im Torweg erschien, rief man sie in die Loge. Nun, hielt Vater Coupeau immer noch aus? Ach Gott, ja, es ging noch. Boche war bestürzt: er hatte ein Liter gewettet, daß es Coupeau nicht mehr bis zum Abend machen würde. Wie! Er lebte also noch! Die ganze Gesellschaft war aufs höchste erstaunt. Das war ein zäher Bursche! Die Lorilleux zählte die Stunden: sechsunddreißig Stunden und vierundzwanzig Stunden, macht sechzig Stunden. Heiliger Vater! Schon sechzig Stunden zappelte er mit den Beinen und strapazierte er seine Kehle! Nie hatte man solche Kraftleistung gesehen! Boche wollte es ihr noch nicht glauben, wegen seinem Liter, und er fragte sie, ob sie auch ganz sicher sei, daß er sich hinter ihrem Rücken nicht doch noch schnell davongemacht habe. O nein! Er hopste zu stark, er wird nicht abgehen. Nun bat Boche, sie möchte doch zeigen, wie er es machte, damit man einen Begriff davon bekäme. Ja, nur ein wenig, auf allgemeines Verlangen! Sie meinten, es wäre doch nett von ihr, gerade wären zwei Nachbarinnen da, die es am Abend vorher nicht gesehen hätten und die eigens deshalb hergekommen wären, um dieser Vorstellung beizuwohnen. Der Portier rief den Leuten zu, sie sollen Platz machen; man ließ nun die Mitte der Loge frei und stieß sich an, ganz von Neugier besessen. Aber Gervaise senkte den Kopf. Wahrhaftig, sie hatte Angst, daß sie ernstlich krank würde. Sie wollte aber zeigen, daß sie sich nicht nötigen lasse, und machte zwei bis drei Sprünge; aber es wurde ihr schlecht und sie mußte sich niedersetzen; Ehrenwort, sie konnte einfach nicht. Alle waren enttäuscht, das war schade, sie machte es so gut nach! Mein Gott, sie konnte es nicht mehr. Da Virginie in ihren Laden zurückkehrte, vergaß man schnell den Vater Coupeau, um sich über das Ehepaar Poisson zu unterhalten. Dort ging jetzt alles drunter und drüber; am vorhergehenden Abend waren die Gerichtsvollzieher gekommen; der Polizist würde wohl seinen Posten verlieren. Was Lantier betraf, so scharwenzelte er schon um die Kellnerin im Gasthaus nebenan. Das war eine tüchtige Person, die davon sprach, einen Kaldaunenhandel zu eröffnen. Darüber war des Lachens kein Ende. Man sah schon den Kaldaunenhandel in dem Laden; nach der Leckerei etwas Solides. Der Hahnrei von Poisson machte zu allem ein gutes Gesicht; wie, zum Teufel, war es nur möglich, daß ein Mann, dessen Handwerk es war, gerieben zu sein, in seinem eigenen Hause so dumm war? Aber man schwieg plötzlich, weil man bemerkte, wie Gervaise, mit Händen und Füßen zitternd, Coupeau nachzuahmen versuchte. Bravo! So war's, mehr konnte man schon nicht verlangen. Sie war entsetzt und schien aus einem Traume zu erwachen. Dann ging sie schnell fort. »Guten Abend, die Herrschaften!« Sie stieg nach oben, um sich schlafen zu legen. Am andern Tage sahen sie die Boches zu Mittag fortgehen, wie an den vorhergehenden. Sie wünschten ihr viel Vergnügen. An diesem Tage dröhnte der ganze Gang in Sainte-Anne von dem Geheul und Fußstampfen Coupeaus. Sie hörte schon am Treppengeländer, wie er schrie: »Pfui, dieses Gesindel, diese Wanzen! ... Kommt her, damit ich euch erschlage! ... Ah! sie wollen mich angreifen! Ich bin schlauer! Schert euch fort, im Namen Gottes!« Einen Augenblick atmete sie vor der Türe; schlug er sich denn mit einer ganzen Armee? Als sie eintrat, wurde es noch schlimmer, Coupeau war tobsüchtig geworden. Er stand mitten in der Zelle und marterte sich ab, schlug mit den Händen um sich herum, sich selbst, an die Wände und auf den Fußboden; schwankend führte er seine Hiebe ins Leere; er wollte das Fenster öffnen, versteckte sich, rief und antwortete sich selbst wie ein Mensch, der in einem schweren Traume sich gegen eine Menge Angreifer verteidigt. Da verstand Gervaise, daß er meinte, auf einem Dache zu sein und Zinkplatten zu legen. Er machte das Pusten des Blasebalges nach, er wendete die Eisen auf dem Kohlenfeuer um, legte sich auf die Knie, um mit dem Daumen auf der Naht des Strohsackes entlangzufahren, dort wollte er angeblich löten. Noch einmal flackerte sein Handwerk in ihm auf, im Moment, wo es mit ihm zu Ende ging; er schrie jetzt so entsetzlich, weil eine Bande von Schweinehunden ihn hinderte, seine Arbeit ordentlich fertigzumachen. Auf allen Nachbardächern waren Spitzbuben, die ihn foppten. Dabei jagten ihm die Schwätzer eine ganze Rattengesellschaft zwischen die Beine. Immerfort sah er diese ekelhaften Tiere! Wenn er auch noch so viele davon mit den Füßen zerstampfte, es kamen immer wieder neue scharenweise, das ganze Dach war schwarz davon. Und auch große Spinnen waren da. Er zerrte an seiner Hose und zerdrückte sie an seinen Schenkeln, da sie hineingekrochen waren. Er konnte mit seinem Arbeitstag gar nicht fertig werden, man wollte ihn durchaus verderben, sein Meister würde ihn ins Arbeitshaus schicken! Als er jetzt schneller arbeiten wollte, glaubte er eine Dampfmaschine im Leibe zu haben; er öffnete den Mund weit und ließ Dampf ausströmen, eine dicke Rauchwolke erfüllte die Zelle und ging durch das Fenster; nun beugte er sich vor und sah dem Rauche nach, der am Himmel aufstieg und die Sonne verfinsterte. »Halt!« schrie er, »da ist die Bande der Chaussee Clignancourt; sie sind als Bären verkleidet und machen einen Lärm ...« Er blieb vor dem Fenster gekauert sitzen und blickte hinaus, als schaute er einem Umzug von der Höhe eines Daches aus zu. »Da sind auch die Löwen und die Panther, die Grimassen schneiden ... Da sind Kinder als Hunde und Katzen verkleidet ... Da ist auch die große Clemence, sie hat die Perücke voller Federn. Ei! Sapristi! Sie purzelt und zeigt alles! Hör mal, Liebchen, wollen wir zusammen durchgehen? ... Du, schuftiger Kerl, willst du sie wohl nicht wegnehmen! ... Zieh' doch nicht so, Donnerwetter! So zieh' doch nicht so! ...« Seine Stimme wurde lauter und klang rauh und fürchterlich, dann bückte er sich schnell und sagte, daß da unten die Polizei wäre und Rothosen, die mit Flinten auf ihn zielten. An der Wand sah er den Lauf einer Pistole, die auf seine Brust angelegt war. Wieder raubte man ihm das Mädchen. »Zieht doch nicht so! In Teufels Namen! Ihr sollt nicht so ziehen ...!« Dann stürzten alle Häuser ein, er ahmte das Krachen eines ganzen Quartiers nach, das zusammenstürzt; dann verschwand alles, alles war weg. Aber er hatte keine Zeit, Atem zu schöpfen, andere Bilder zogen schnell vorüber. Eine starke Sucht zu sprechen erfüllte ihn, und er sprach Worte, die er ohne jeden Zusammenhang hervorstieß. Er sprach immerzu: »Ah, sieh da! Du bist es! ... Mach doch keinen Unsinn, du stopfst mir ja deine Haare in den Mund!« Dabei fuhr er mit der Hand über das Gesicht und pustete, um die Haare los zu werden. Der junge Mann fragte: »Was sehen Sie jetzt?« »Nun, wen sonst, meine Frau!« Während er das sagte, sah er die Wand an und drehte Gervaise den Rücken zu. Sie bekam einen großen Schreck, schaute ebenfalls zur Wand hin, ob sie sich wohl noch einmal sähe. Er fuhr fort: »Du weißt, du darfst mir nichts vormachen ... Ich will nichts aufgebunden bekommen ... Donnerwetter, wie schön du aussiehst! Wo hast du denn diese schicke Toilette her? Wo hast du sie verdient, Kuh? Du kommst vom Boulevard, Ziege! Warte, daß ich dich bearbeite! ... Wie, du versteckst wohl deinen Herrn hinter deinen Röcken? Wer ist es denn? Dreh dich doch um, in Gottes Namen! ... Immer er!« Mit einem schrecklichen Satze, stieß er den Kopf gegen die Wand; die Polsterung milderte aber den Stoß, man hörte nur den Fall seines Körpers auf die Matratze, wohin ihn der Stoß geworfen hatte. »Was sehen Sie jetzt?« fragte wieder der Mediziner. »Den Hutmacher! Den Hutmacher!« heulte Coupeau. Der junge Mann fragte Gervaise, was er damit meine, sie stammelte nur einige verlegene Worte, ohne eine richtige Antwort geben zu können. Denn diese Szene weckte in ihr die ganze Misere ihres Lebens wieder auf. Der Zinkarbeiter ballte die Fäuste. »Komm nur heran, Kadett! Muß dir endlich eines ausputzen. Ah! du kommst so ohne weiteres mit diesem Geschöpf am Arm, um mich vor allen Leuten lächerlich zu machen? Nun, so will ich dich jetzt erwürgen; und dazu werde ich mir auch keine Handschuhe anziehen! Tu' nicht so großspurig ... Da, steck das ein, noch mehr! ... noch mehr!« Er hieb mit den Fäusten ins Leere. Eine tolle Wut kam über ihn. Da er sich beim Rückwärtsgehen an der Wand gestoßen hatte, glaubte er, man wolle ihn von hinten angreifen; so wendete er sich wütend der Wand zu. Er sprang vorwärts und setzte von einer Ecke in die andere, dabei schlug er sich auf den Bauch, den Hintern und die Schultern, wälzte sich auf dem Boden und sprang wieder auf. Seine Knochen wurden mürbe und sein Fleisch weich, jeder Schlag klang, als schlüge er auf nasses Werg. Diese unsinnigen Drohungen begleitete er mit wilden rauhen Kehltönen. Die Schlacht schien für ihn ein schlechtes Ende zu nehmen, sein Atem wurde kurz, seine Augen traten aus den Höhlen und es überkam ihn nach und nach die Furchtsamkeit eines Kindes. »Ah, der Mörder ... der Mörder! ... Macht beide, daß ihr fortkommt!... Oh, die Hunde, sie lachen noch! Da streckt sie alle Vier in die Luft, dies liederliche Weib! Sie muß auch daran glauben, das ist gewiß ... Ach! der Räuber, jetzt zerfleischt er sie! Er schneidet ihr mit einem Messer ein Bein ab! Das andere liegt am Boden, der Bauch ist entzwei, alles ist voller Blut! Mein Gott ... mein Gott ...« In Schweiß gebadet, mit gesträubten Haaren und entsetztem Gesichtsausdruck wich er mit Abwehrbewegungen der Arme zurück, wie um das Fürchterliche abzustoßen. Zwei entsetzliche klagende Schreie rangen sich aus seiner Brust und er stürzte auf die Matratze nieder, denn er war mit den Füßen darüber gestolpert. »Mein Herr, mein Herr, er ist tot!« sagte Gervaise mit gerungenen Händen. Der Mediziner trat näher und zog Coupeau auf die Mitte der Matratze. Nein, er war nicht tot. Die Schuhe hatte man ihm ausgezogen, seine nackten Füße staken aus den Hosen hervor, die tanzten ganz von allein, einer neben dem andern, immer im Takt, einen schnellen, regelmäßigen Tanz. In dem Moment trat der Chefarzt herein und brachte noch zwei Kollegen mit, einen Magern und einen Dicken, beide dekoriert wie er. Alle drei beugten sich über den Kranken und sprachen nichts; sie betrachteten ihn genau; dann tauschten sie, schnell sprechend, ihre Meinungen aus. Sie entblößten ihn von den Hüften bis zu den Schultern, und Gervaise sah seinen nackten Oberkörper. Ja, jetzt war das Zittern von den Armen in die Füße übergegangen und von da hatte es sich auf den ganzen Körper ausgebreitet. Dieser Hampelmann lachte jetzt auch mit dem Bauch. An den Seiten krampften sich die Muskeln zusammen und über den Bauch zog es, wenn er mühsam atmete, wie tolles Gelächter, das das Bauchfell zu sprengen drohte. Alles bewegte sich, es war nicht wiederzugeben. Die Muskeln tanzten sich ein Gegenüber, die Haut zitterte wie eine Trommel, selbst die Haare bewegten sich und grüßten einander. Das mußte nun endlich der große Kehraus sein, der Galopp am Ende, wenn der Tag graut und sich die Tänzer noch an den Händen halten und mit den Füßen trampeln. »Er schläft«, sagte der Chefarzt leise. Er machte die beiden andern auf das Gesicht aufmerksam. Coupeau lag mit geschlossenen Augen da und hatte kleine nervöse Zuckungen, die ihm das Gesicht verzogen. Er war so ermattet, wie er dalag, noch abscheulicher, mit seinem herabhängenden Unterkiefer und dem Antlitz eines Toten. Als die Ärzte die Füße angesehen hatten, beugten sie sich voller Interesse darauf nieder. Die Füße tanzten noch immer. Coupeau konnte schlafen soviel er wollte, die Füße tanzten! Ja, wenn der Herr und Meister auch schnarchte, das kümmerte sie nicht, sie fuhren fort zu zittern, ohne sich zu beeilen oder langsamer zu werden. Es waren rein mechanische Füße; Füße, die nur ihrem Vergnügen nachgingen, wie es ihnen beliebte. Als Gervaise sah, wie die Ärzte die Hände auf den Körper ihres Mannes legten, wollte sie ihn auch anfühlen. Sie trat vorsichtig näher und legte ihm ihre Hand auf die Schulter. Mein Gott! Was ging denn in diesem Körper vor? Das tanzte bis auf die Knochen, sogar die Knochen tanzten mit. Wenn sie ein wenig aufdrückte, so fühlte sie das schmerzliche Zucken bis ins Mark. Was war das für ein verdammtes Arbeiten da drin, wie Maulwurfswühlen! Das war das Vitriol des Totschlägers, das seine Unterminierungsarbeit verrichtete. Der ganze Körper war damit durchtränkt und es war höchste Zeit, daß diese Arbeit zu Ende kam. Die Ärzte gingen fort und es verging eine Stunde. Da sagte Gervaise, die mit dem jungen Mediziner allein geblieben war, mit leiser Stimme: »Mein Herr, mein Herr, er ist tot ...« Aber der junge Mann sah nach den Füßen und schüttelte den Kopf; die nackten Füße ragten über die Matratze hinaus und tanzten noch immer. Sie waren schmutzig und hatten lange, überwachsene Nägel. Es vergingen noch zwei Stunden. Da wurden sie plötzlich still und bewegten sich nicht mehr. Da wendete sich der Mediziner zu Gervaise und sagte: »Nun ist es zu Ende!« Der Tod allein konnte die Füße anhalten. Als Gervaise nach Hause kam, fand sie bei den Boches eine Menge Frauen, die alle lebhaft durcheinanderschwatzten. Sie glaubte, man hätte auf sie gewartet wie an den vorigen Tagen, um zu hören wie es ging. »Es ist aus mit ihm«, sagte sie ruhig, machte die Türe zu und setzte sich müde. Aber niemand beachtete sie. Das ganze Haus befand sich in großer Aufregung. Es war eine unbezahlbare Geschichte! Poisson hatte seine Frau mit Lantier erwischt. Man wußte nicht genau, wie es zugegangen war, und jeder erzählte die Geschichte auf seine Art. Aber darin waren alle einig: er war in einem Augenblick über sie hergefallen, wo sie es am wenigsten erwartet hatten. Man erzählte sich Einzelheiten, bei denen die Damen rot wurden. Poisson schien aus seiner gewöhnlichen Ruhe beim Anblick so einer Tatsache aufgerüttelt. Er sprang umher wie ein wilder Tiger und gebärdete sich ganz unsinnig; dieser Mann, der sonst daherkam, als hätte er einen Ladestock verschluckt! Weiter hatte man nichts mehr gehört. Lantier mußte die Sache dem Ehemann erklärt haben. Wie dem auch sei, so ging es nicht mehr weiter ... Boche erzählte, daß das Mädchen im Gasthaus nebenan ganz bestimmt den Laden mietete, um darin einen Kaldaunenhandel zu führen. Dieser Gauner, der Lantier, wird sich jetzt über Kaldaunen hermachen! Gervaise sah Frau Lorilleux und Frau Lerat ankommen und sagte leise zu ihnen: »Er ist dahin ... mein Gott! vier Tage zu springen und zu heulen ...« Die beiden Schwestern konnten nicht anders, sie mußten ihre Schnupftücher ziehen. Ihr Bruder hatte viele Fehler, aber es war doch immerhin ihr Bruder. Boche zuckte die Schultern und sagte laut genug, um von jedem gehört zu weiden: »Wenn schon, eben ein Säufer weniger!« Seit diesem Tage verlor Gervaise zeitweise den Verstand; es wurde eine der Merkwürdigkeiten des Hauses, sie Coupeau nachahmen zu sehen. Man brauchte sie gar nicht mehr darum zu bitten, sie gab diese Vorstellungen gratis; sie zitterte mit Händen und Füßen und stieß kleine Schreie aus. Sie hatte diese Manie von Sainte-Anne her, wo sie zu lange ihrem Mann zugesehen hatte. Sie wurde nicht so glücklich, sie ging nicht zugrunde wie ihr Mann. Bei ihr blieb es auf Grimassen beschränkt, an die sie sich wie ein entwischter Affe gewöhnt hatte, daß ihr die Gassenjungen Kohlstrünke auf den Straßen nachwarfen. Gervaise vegetierte so noch Monate lang. Sie sank immer tiefer, den letzten Schimpf nahm sie hin, tagtäglich starb sie ein wenig vor Hunger. Sowie sie vier Sous hatte, vertrank sie sie und taumelte dann längs der Mauer wieder heim. Man mißbrauchte sie zu den schmutzigsten Geschäften im Quartier. Eines Abends hatte jemand gewettet, daß sie etwas Bestimmtes, Ekelhaftes nicht essen würde; sie hatte es doch gegessen, um zehn Sous zu bekommen. Herr Marescot wollte sie aus ihrem Zimmer im sechsten Stock hinausjagen; aber da man gerade Vater Bru in seinem Verschlag unter der Treppe tot aufgefunden hatte, so überließ man ihr dieses Loch. Dort lag sie auf faulem Stroh, mit leerem Bauch und steifgefrorenen Knochen und klapperte mit den Zähnen. Anscheinend wollte sie die Erde nicht mehr haben. Sie wurde blödsinnig und es fiel ihr nicht mehr ein, sich vom sechsten Stock auf das Pflaster zu werfen, um ein Ende zu machen. Der Tod nahm sie kleinweise, Stück für Stück, und schleppte sie bis ans Ende dieses jammervollen Zustandes, den sie sich selbst bereitet hatte. Man kam nicht recht drauf, woran sie eigentlich gestorben war. Man sprach von einem Fieber. In Wahrheit machten der Schmutz und das Elend ihrem Leben ein Ende. Sie krepierte an ihrer Vertiertheit, sagten die Lorilleux'. Eines Morgens stank es so auf dem Gang; da erinnerte man sich, daß man sie zwei Tage nicht mehr gesehen hatte. Man fand sie in ihrem Verschlag; sie war schon ganz grün. Vater Bazouge kam mit einem Sarg. Er war wieder etwas berauscht, aber es war ein gutmütiger Rausch und er war lustig wie ein Fisch im Wasser. Als er seine Kundschaft erkannt hatte, erging er sich, während er sein Geschäft besorgte, in philosophischen Betrachtungen: »Alle Welt kommt dahin ... man braucht nicht zu drängeln, es ist Platz für alle da ... Wenn's einer aber so eilig hat, kommt er gewöhnlich später an. Ich bin gern aller Welt gefällig; die einen wollen, die andern wollen nicht. Macht das untereinander aus und seht, wer dann recht hat ... Da ist auch eine, die wollte nicht, dann wollte sie wieder. Da hat man sie warten lassen ... Nun endlich ist sie zur Ruhe, und wahrhaftig, sie hat gewonnen! Mag sie nun lustig ihren letzten Weg gehen!« Und als er nun Gervaise mit seinen großen schwarzen Händen anfaßte, überkam ihn eine seltsame Zärtlichkeit, er hob sie sanft auf, diese Frau, die so lange eine heftige Feindschaft gegen ihn gehegt hatte. Als er sie väterlich besorgt auf dem Boden der Bahre niedergelegt hatte, stammelte er unter Schluchzen: »Weißt du ... hör gut zu ... ich bin es, Bibi der Lustige, den man auch den Tröster der Damen nennt ... Gehe hin, du bist glücklich. Schlafe sanft, meine Schöne!«