Christoph Martin Wieland Gandalin oder Liebe um Liebe Ein Gedicht in acht Büchern (1776) Prolog Erstes Buch Zweytes Buch Drittes Buch Viertes Buch Fünftes Buch Sechstes Buch Siebentes Buch Achtes Buch Prolog »Schon wieder von Liebe und ewig von Liebe!« Ja wohl! was wär' auch unterm Mond Wohl mehr der Rede werth als Liebe? Und unterm Mond und überm Mond Was anders ist's als Liebe und Liebe Was überall athmet, wirkt und webt, Und alles bildet, alles belebt? Ihr Weisen sagt, was sonst als Liebe Ist dieser schöne Zusammenklang Der Wesen? Dieser allmächtige Drang Der Gleich an Gleiches drückt? Wie bliebe Ein Sonnenstäubchen ohne Liebe Beym andern? – Auch die Macht der Kunst, Des Bildners Finger, die höchste Gunst Der Musen, was sind sie ohne Liebe? Mit Liebe sang Homer , mit Liebe Schuf Raffael seine Galathee . Du selbst, o Tugend, du höchste Höh' Der Menschenseele, was bist du als Liebe, Du Gott in uns? – Doch stille, Gesang! Verletze nicht das heilige Schweigen! Wohl uns, so viele von uns das Schauen Von diesem Geheimniß empfangen haben! Wohl uns! Uns leuchtet allein die Sonne, Uns scheint das herzerfreuende Licht; Wir leben das wahre Leben: athmen In reinen Lüften mit freyer Brust, Und sehen was ist mit unbefangnen Augen, und hören Götterstimmen, Und durch die tiefe Nacht der Wesen Den Schwung der alles bewegenden Räder, Und fürchten nichts! und schwimmen und wälzen Durch Stille und Sturm uns, immer getroster, Die ewigen Wege der Zeit hinab – Nichts mehr! Ich schweige! – da wackeln Ohren Die nichts verstehn –                                     Nun, wieder dahin Zu kommen, wovon wir uns verloren – Brüder und Schwestern , die Hand ans Kinn, Und fragt euch: Ist es nicht die Liebe Der ihr in dieser Zeitlichkeit Die besten Minuten schuldig seyd? Und floß mit unter auch manche trübe, Seyd billig! Zieht mir von der Liebe Das alles was nicht Liebe ist Rein ab, und dann sprecht was ihr wißt! »Ja, sagt ihr, zwischen Lieb' und Liebe Ist doch ein mächtiger Unterscheid! Wie viele Thorheit, Eitelkeit Und Selbstbetrug mischt sich mit unter? Wie oft ist sie des Lasters Zunder? Der Lüste Sklavin, und« –                                         Haltet ein! Verdorben Gefäß, wir wissen's alle, Verfälscht den reinsten besten Wein: Allein, wer schmählt in solchem Falle Auf seinen Wein? Und würd' er Gift, Glaubt ihr, ihn würden drum die Weisen Aus ihrer Republik verweisen? Was eure übrigen Klagen betrifft, So sagt: was haben Dunkel und Helle, Jedes für sich, denn wohl gemein? Kann eine Feindschaft größer seyn? Und doch, vermischt , sind sie die Quelle Der ganzen Magie der Mahlerin Natur! – Weh dem der keinen Sinn Für dieß empfing! – Und also rieth ich, Wenn euch zu rathen ist, ihr Herr'n Weltbeßrer mit und ohne Stern, Nach Standesgebühr, – ihr wäret so gütig Und ließt es gehn wie's immer ging Seit Chaos den ersten Funken fing, Gucktet, anstatt zu widersprechen, Wenn's euch nicht ansteht, anders wohin, Und ließet die große Mahlerin Fein ruhig ihre Farben brechen, Und Licht und Schatten, nach ihrem Sinn, Gatten, verstärken oder schwächen; Und so – zumahl ihr doch daran Nichts bessern werdet – mit eignen Händen Ihr göttliches Liebesgemählde vollenden, Und gönntet uns unsre Freude daran. Und weil denn also Liebe und Liebe Das ewige Mährchen der ganzen Natur, Das Sehnen aller Kreatur, Das Glück der Menschen und der Engel, Kurz, Freunde, weil Liebe – Liebe ist: Wie sollte, sie nicht, trotz ihrer Mängel, Uns lieber seyn als – Hader und Zwist, Als Neid und Haß und Blutvergießen, Mord, Aufruhr, brennen, stechen und schießen, Nicht lieber uns seyn als Trug und List, Als Ränke schmieden und schikanieren, Verleumden, heucheln und hofieren. Kurz, sollte sie uns nicht lieber seyn Als alle die häßlichen Betriebe; Wodurch die Antichristen der Liebe Ihr Freudenparadies entweihn? Lassen wir dem Geschichteklittrer Den leidigen Stoff, die Balgereyn Und Heldenthaten der Erderschüttrer, Wozu wir Armen die Haare leihn! Der Held, von dem wir singen und sagen. Ist keiner von dieser schwarzen Zunft. Kein Mensch hat über ihn zu klagen; Ist einer von unsern Freunden und Magen, Die, selten einig mit ihrer Vernunft, Ihr Herz im Busen offen tragen; Immer das beste was sie thun Durch etwas verderben was sie sagen ; Den Hasen oft zur Unzeit jagen, Und dann wenn's Jagenszeit ist, ruhn; Immer sich selbst für andre plagen. Alles mit Liebesaugen sehn, Immer ihr Herz zu wohlfeil geben, Sich selber ewig Nasen drehn, Und nur, wo kluge Leute schweben, So fest wie eine Mauer stehn. Für einen Helden (ich muß gestehn) Ein seltsamer Mann! Doch laßt ihn kommen Weil er nun da ist! Wir haben den Wicht Nun einmahl in unsern Schutz genommen. Und glücklich, (eher lassen wir nicht Von ihm) sehr glücklich soll er werden, Oder es müßte kein Glück auf Erden Zu finden seyn! – Zwar etwas schwer Wollen wir's ihm schon machen, und theuer Erkaufen soll er's: das ist nicht mehr Als billig! – Und stieße von ungefähr Uns einer auf, der wackrer, treuer. Und biederherziger war' als er: So soll ihm alles Vergangne nichts nützen: Wir lassen ihn auf der Stelle sitzen, Und schlagen uns (unbesorgt ob man Uns Wankelmuths bezücht'gen kann) Stracks auf des bessern Mannes Seite, Und nun zur Sache, lieben Leute!   Erstes Buch Vor alter Zeit ein Fräulein war, Die hatte ihres gleichen wenig. Sie machte mit ihrem Augenpaar Sich alle Herzen unterthänig. Der Ruf von ihrer Wohlgestalt Zog Mahler herbey von allen Enden; Mit Pinsel und Palet in Händen. Lag immer einer im Hinterhalt, In allen Ecken, an allen Mauern, Wo sie nur stand und ging und saß, In Mette und Vesper, dieß und das Von ihrer Schönheit abzulauern. Wenn dann ihr Halstuch sich verschob, Ein Fuß sich wies, ein Arm sich hob: Das war ein Jubel, ein Gott Lob, Als hätten sie Mexiko gewonnen! Zogen nun wohlgemuth nach Haus, Und machten Even und Madonnen, Susannen und Magdalenen d'raus. Das Fräulein, Sonnemon genannt, War Erbin des Grafen von Brabant, Und hatte viel Knappen und edle Herr'n An ihrem Hof. Auch kam von fern Manch blonder schmucker Muttersohn Von altem Nahmen und jungen Sitten, Zu werben um Fräulein Sonnemon. Die Junkern eiferten, buhlten, stritten, Liebten und liebelten, tanzten und ritten Rings um die holde Zauberin, Wie Hummeln um ihre Königin, Bey Tag und Nacht, auf allen Tritten; Versuchten's, jeder nach seinem Sinn, Mit Lachen und Weinen, Trotzen und Bitten; Doch alles mit wenigem Gewinn. Die Schelmin hatte so ihre Freude Mit ihnen zu spielen, wie mit der Maus Ein junges Kätzchen. Ging sie aus, So schwärmten in reichem bunten Kleide,' Die Finkenritter groß und klein Zur Seite, voran, und hinterdrein. Blieb sie zu Hause, so wimmelt's immer Von solchen Vögeln in ihrem Zimmer. Der sang ihr was – um einen Mund Voll breiter Schaufelzähne zu weisen; Ein andrer fütterte ihren Hund; Ein dritter log von seinen Reisen; Ein vierter schnitzelt' eine Maus Aus einem Apfelkern ihr aus; Ein fünfter, an der Trommel, stickte Ein Blümchen in ihre Stickerey. So schlenderte dann der Tag vorbey, Und wenn sie die Herr'n nach Hause schickte, Und zur Belohnung ihrer Treu' Dem einen freundlich ins Auge blickte, Den andern mit einem Lächeln beglückte: Ging jeder wonneselig davon, Glaubte sein Hoffnungsschiff geborgen. Schlief sanft, und träumte bis zum Morgen Von nichts als Venus und Adon. Doch an demselben Morgen fanden Die Herr'n ihr Schiffchen mächtig weit Von seiner Rechnung, die Rosenzeit Vorbey, und keine Spur vorbanden Von jenes Abends Heiterkeit. Das Fräulein ist düster aufgestanden. Nichts liegt ihr recht, nichts steht ihr an Was einer thun und sagen kann. Kein Spaß, kein neues Lied behagt. Sie hat nicht wohl geschlafen, klagt Viel über Kopf und Magen, jagt Den kleinen Hund zur Thür hinaus, Schmählt ihre Kammerjungfern aus, Findt ihren Kopfputz ungeheuer, Und ihre Augen ohne Feuer, Und ihre besten Spitzen schlecht, Und nichts als ihre Laune recht. Kommt einer mit etwas angestochen. Als etwa vom Wetter , (das offenbar Das schönste Sommerwetter war) So wird ihm schlechtweg widersprochen; Spricht er was kluges, so ist es dumm; Schweigt er – »Seit wann, mein Herr, so stumm?« Seufzt er, so weiß er nicht warum; Lacht er, was war denn da zu lachen? Kurz, lieber hätte sich einer mit Drachen Und Haselwürmern herum gezaust, Als, wenn's ihr die Tyrannin zu machen: Einfiel, mit Sonnemon gehaust. Und doch, (was für die guten Jungen Das schlimmste war) nie fühlten sie sich In ihre Reitze mehr verschlungen, Als wenn sie der schönen Meduse glich. Nie war ihr Blick so mörderlich, Als wenn sie spöttisch die Nase rümpfte; Ihr Mündchen nie so küsserlich, Als wenn sie Mäuler zog und schimpfte; Was jeder andern übel stand. Ein jedes an ihr bezaubernd fand. Und wenn auch einer in die Kette Voll Ungeduld zuweilen biß, Sie noch so gern zerrissen hätte, Ja wirklich aus Ingrimm sie zerriß, Und laufen wollte, so weit der Himmel Blau ist, oder sein Apfelschimmel Ihn trüge: so zog sie mit Einem Blick Den armen Flüchtling wieder zurück, Sich willig zu ihren Füßen zu schmiegen Und ewig an der Kette zu liegen. In diesem kläglichen Zustand lag Herr Gandalin schon Jahr und Tag. Der war euch ein so hübscher Ritter Als jemahls einer um Minnesold Gedienet hatte; treu wie Gold, Blauäugig, zärtlich, lieb und hold, Und doch in Kampfesungewitter So muthig wie ein junger Widder; Wiewohl noch seinem weißen Kinn Die Hoffnung des künftigen Bartes so dünn Entkeimte, daß ihn bey einer Wette, Im langen Rock, mit Spangen und Kette, Die allererfahrenste Kennerin Aus Mädchen kaum erwittert hätte, Von allen, die um das Fräulein sich Bewarben, war der giftige Stich Des Liebeswurms dem armen Jungen Am tiefsten in die Leber gedrungen. Die andern Junkern insgesammt Waren mit einem leichten Hiebe Davon gekommen: ein wenig geschrammt Wenn's hoch kam. Aber die Art von Liebe, Die tief im Eingeweid brennt und nagt, Die alle Lust zu Spiel und Scherzen, Die Schlaf und Eßlust euch versagt. Und ohne Rast, den Pfeil im Herzen, Durch Berg und Thal euch treibt und jagt, Bis ihr erschöpft von Angst und Schmerzen. Verblutet, lechzend, athemlos Der schönen Feindin vor die Füße Hinsinkt, das Köpfchen in ihren Schooß Verbergt und sterbt, und glaubt wie süße Der Tod euch schmecke, wenn allenfalls Ihr glattes Pfötchen um Brust und Hals Euch noch zur Letze freundlich krabbelt, Und euer gebrochnes Herzchen wohl gar An ihrem Busen sich verzabbelt: Das nenn' ich lieben! Nur ist's rar! In Flandern und in Brabant war Dergleichen nie gesehen worden. Der erste daselbst von diesem Orden War unser Junker. Schade nur, Daß er dabey nicht besser fuhr! Denn Sonnemon , unangefochten Von allem Spuk und Ungemach, Das ihre Augen stiften mochten, Ließ alle seine och! und ach! Sich wenig in ihrem Schlummer stören; Und wenn er Winternächte lang Vor ihrem Fenster fror und sang, Hielt sie ihn nicht so viel in Ehren Ihm durch die Scheiben zuzuhören. Er hätte Teiche voll geweint Und Mühlen mit seinen Seufzern getrieben, Sie wäre so ruhig dabey geblieben Als wär' es nicht auf sie gemeint. Kurz, den, der seinem ärgsten Feind Ein solches Leben könnte gönnen, Ich würd', ihn einen Nero nennen! Doch trug er alles mit Geduld, Immer noch hoffend an ihre Huld Durch Leiden ein Recht sich zu erwerben! Das schlimmste was mir begegnen kann, (Dacht' er) ist doch zuletzt nur Sterben; Und besser gestorben, als unterm Bann Der Liebe aus diesen Zauberaugen Ewig zum Leiden nur Kraft zu saugen! In diesem Muth hielt Gandalin Ein ganzes unendliches Jahr sich hin, Wo immer das Schicksal seines Lebens An einem ihrer Blicke hing; Hoffte, verzweifelte, gleich vergebens! Der einzige Trost, der noch verfing, War, daß es andern nicht besser erging, Allein als jetzt der Frühling wieder Gekommen war, durch alle Glieder Der guten alten Mutter Natur Ein neuer Jugendschauer fuhr, Und mildere Lüfte und wärmere Sonnen Das süße Gefühl zu leben, zu streben. Und Leben aus ihrer Fülle zu geben In allen Wesen zu wecken begonnen; Die Auen ergrünten, die Vögelein Aus sich belaubenden Zweigen sangen, Und alles, was ist, sich freute zu seyn; Um Majens verjüngte Blumenwangen Der wieder verliebte Westwind spielt. Und selbst das Mädchen, das nie gefühlt Wie Amor verwundet, ein seltsam Bangen, Drücken und Sehnen in sich fühlt. Etwas zu lieben und zu umfangen: Da wußte der arme Gandalin Sein Leiden nicht länger zu bestehen Er warf sich ihr zu Füßen hin Und schwor, nicht eher aufzustehen, Bis sie ihm sage, sie brenne für ihn Wie er für sie. »So laß mich gehen!« Rief Sonnemon, und wollt' entfliehn. Allein er hielt sie bey beiden Knien. Und bat so kläglich! in seiner Stimme War etwas das so zu Herzen drang! Er wurde so schön, ihr wurde so bang! Doch riß sie sich los. – Wie? welch ein Zwang? (Rief sie im jüngferlichen Grimme) Was hab' ich denn zu schaffen mit dir? Du liebst mich, sagst du? Meinetwegen! Lieb' immer, ich habe nichts dagegen; Nur meine Freyheit laß du mir!« »O Sonnemon , dieß kannst du sagen? Du? – Du, die Allem Liebe giebt Was dir sich nähert? In diesen Tagen, Da Alles Gefühl ist, Alles liebt? Nein, Falsche! Dir sind die süßen Triebe Nicht fremde, dein ganzes Wesen ist Liebe, Du athmest, strahlest, zauberst Liebe Und Liebeswonne rings um dich, Und Haß – den hast du allein für mich!« Ich? (spricht das Fräulein, spöttiglich Ihr Naschen rümpfend) ich hasse dich? Muß man, um nicht zu hassen, lieben? Mein schöner Herr, wo steht's geschrieben, Daß wir, wenn einen die Liebessucht Befällt, für seine Narrheit büßen Und flugs ihn wieder lieben müssen? Warum ergreift ihr nicht die Flucht, Wenn's euch in unsrer Atmosfäre Nicht wohl ist?                         »Fragst du, Zauberin? Als ob es in meiner Willkühr wäre Zu laufen wenn ich gefesselt bin! Die Flucht ergreifen! Und wohin? – Könnt' ich auch wie ein Adler fliegen, Würd' ich nicht ewig deinem Bild Wohin ich flog' entgegen fliegen?« Die Schwärmer! wie sie sich selbst betrügen! Wie würde so bald mit meinem Bild Sogar mein Angedenken verfliegen? Ich kenn' ein wenig der Männer Art; Bey euch thut alles die Gegenwart. Weh der abwesenden Geliebten! Die möcht' ich sehen, die aus Treu' Die Grausamkeit an sich verübten Und ließen ein gutes Glück vorbey! »O Sonnemon, wie wenig, wie wenig Kennst du mein Herz und deine Macht! Und sollte mir eine einzige Nacht, Mit einer Göttin zugebracht, Das Glück erkaufen, der erste König Der Welt zu seyn –«                             Halt! – Schon zu viel In Einem Athem! Das alles ist Spiel Der Fantasie. Wir kennen euch besser! Die Welt ist in der Nähe größer Als du jetzt denkest.                                 »Willst du (schrie Der Ritter entzückt) die Probe machen? Versprich mir's; ich bestehe sie!« Bald sollt' ich (versetzte sie mit Lachen) Zur Strafe deiner Vermessenheit Beym Wort' dich fassen? – »O fasse, fasse Mich gleich beym Wort!« – Es hat noch Zeit. »Noch Zeit, wenn ich mein Leben lasse Beym kleinsten Verzug?« – Herr Gandalin, Ich glaubte dich nicht so waglich kühn; Doch, der Erfolg? – »Den überlasse Der Liebe!« – Du wagest alles, Freund! Denn Sonnemon , so leicht sie scheint, Ist schwerer zu täuschen als man meint; Drey Jahre sind lang! – »Und wären's sieben, Um Dich sind's sieben Tage nur!« Und keine andre Kreatur Noch Göttin in dieser Zeit zu lieben? Und mir zu schwören den heiligsten Schwur, Kommst du zurück, mir nichts zu schweigen, Dein ganzes Herz, mir offen zu zeigen, Um keine Sylbe die Wahrheit zu beugen? Getraust du dir's? – »Und Sonnemon Verspricht mir dafür der Minne Lohn?« Ihr Herz mit allen Zubehören! »Hier bin ich, bereit dir zuzuschwören Was du verlangst! – Drey Tag' allein Vergönne mir noch hier zu seyn, Von deinen Blicken meine Seele Durchstrahlen zu lassen!« – Herzlich gern! Doch merke was ich dir befehle!. Man muß sich vorsehn mit euch Herr'n. Du könntest dich in eine Höhle Drey Jahre verkriechen. Dieß wäre List, Herr Gandalin! Die Meinung ist. Auf Abenteuer auszuziehen, Und während aller dieser Frist Vor keiner Liebesgefahr zu fliehen! »Ich schwör' es!« – Hier ist meine Hand, Des Gegenschwures Unterpfand! Der Ritter küßt auf seinen Knien Die kleine lilienweiße Hand, Ganz außer sich vor Freud' und Wonne: Ihm däucht, es schein' eine andre Sonne, Die Erde sey neu geschaffen ringsum, Und alles tanz' um ihn herum. Zweytes Buch Zwey lieben Augen gegenüber Wie fliegen drey Tage so schnell vorüber! Der dritte Abend war vorbey Und Gandalin hätte geschworen, es sey Noch immer der erste, hätte lieber Minuten zu so viel Tagen gemacht: Wiewohl das Fräulein wenig Acht Auf ihn zu haben schien, und selten Die Blicke, womit er sie beschoß. Mit einem der ihrigen zu vergelten Würdigte. Aber die Hexe goß Dafür auch so viel Nektar in diesen Vestohlnen einzigen Gegenblick! Ihm wurde so viel zukünftig Glück In lieblicher Dämmerung drin gewiesen! Er hätte so einen einzigen Blick Um zwanzig Algarben und Sobradisen Nicht ausgetauscht. Indessen kam Die letzte Nacht. Der Ritter nahm Den Urlaub mit einem unendlichen Kusse Auf ihre hingegebene Hand; Lief dann als stände sein Kopf in Brand, Um einem gewaltigen Regengusse Aus seinen Augen zuvorzukommen Eh's einer vom Hofe wahrgenommen. Er schwang sich auf sein edles Roß Und ritt mit schwerer Brust von dannen; Sah oft zurücke nach dem Schloß Woraus ihn Stolz und Liebe bannen; Schritt langsam fort, verstürzt und stumm, Die Welt so eng um ihn herum Als könnt' er sie mit der Hand umspannen. Die Sonne bey Tage, bey Nacht der Mond Schien heiter und mild zu seiner Reise; Ihm kürzte die Amsel und die Meise Mit Singen den Weg: doch weder der Mond Bey Nacht, noch des Tages die helle Sonne, Noch Vogelsang noch Mayenwonne Ergetzte sein Leid. Nichts war ihm nah, Er sah und wußte nicht was er sah, Kam immer weiter und war nie da. Hatte sein Herz zurück gelassen Bey Sonnemon , und mit dem blassen Entgeisterten Schatten lief sein Roß Wohin es wollte. Der Tag verfloß, Es wurde Nacht und wieder Morgen Ohne daß Ritter Gandalin Aus seinem Traum zu erwachen schien; Ließ seinen Knappen für alles sorgen. Und wußte von allem just so viel Als einer der im Fieber tobet. Allmählich (Gott sey drum gelobet!) Spielte ihr altes wohlthätiges Spiel Die Fantasie, taucht' ins Gefühl Des Gegenwärtigen alle Bilder Der schmerzlich süßen Vergangenheit; Alles wird dumpfer, dämmernder, milder. Und schwimmt in lieblicher Ungewißheit: Bis aus den sanft verworrnen Schatten Sich jene magische Welt erhebt, Wo Wirklichkeit und Traum sich gatten, Und Geist der Liebe um alles webt. Statt, wo er hinsah, sie nicht zu sehen, Sieht er jetzt durch dieß Zauberglas Sein Fräulein überall vor ihm stehen; Aus jedem Tropfen an Laub und Grat Glänzt ihm ihr sonnichter Blick entgegen; Sich sieht er ruhn an diesem Bach, Sie stellt er in diesen Blüthen-Regen; Ihr weiht er dieses grüne Dach Zur Laube; aus diesem alten Gemäure, Wo Eulen brüten, baut er ihr Ein Feenschloß. – »O daß ich nicht hier, In diesem einsamen Thale, von Dir Allein gekannt, geliebt, du Theure, Von dir – o Wonne! geliebt von dir, Das ewige Leben der Liebe feire!« So ruft er aus mit schwellender Brust, Und findet selbst im Seufzen Lust: Denn seufzend zieht er in Frühlingsdüften Den Athem seiner Lieben ein; Glaubt alle Windchen, die ihn lüften, Von Sonnemon geschickt zu seyn, Durchwandelt mit ihr den stillen Hain, Und schlummert sogar in Felsengrüften, Träumend, an ihrem Busen ein. Nun stimmte sich, unvermerkt und immer Schneller, sein innerer Farbenton Herunter. Fräulein Sonnemon Blieb zwar der Inhalt; allein der Schimmer, Das Lichtgewölke, der Nektardunst, Worin sie durch der Liebe Gunst Ihm dar sich stellte, ward immer fahler Und schwächer, ihr Lichtsaum immer schmaler Und schmaler, bis er beynahe ganz Verschienen war. Dagegen gewannen Die Dinge vor ihm an Farb' und Glanz Was jene zu verlieren begannen. Die Sinne (ein widerspänstig Geschlecht!) Setzten sich wieder ins alte Recht: Und seinem Biederherzen dräuten Viel schöner Gefahren von allen Seiten. Es ging nun weit ins dritte Jahr, Daß Gandalin auf der Wallfahrt war. Er hatte in Deutschen und Wälschen Landen Viel Abenteuer überstanden, Und seine Treu' aus mancher Schlacht So ziemlich ganz davon gebracht; Höchstens mit solchen leichten Wunden Die, wie man weiß, sich bey Gesunden Von selber heilen: als zu Paris Der Prüfungen schwerste auf ihn stieß. Es war in Filipp Augusts Tagen, Von denen die Dichter uns Wunder sagen. Kein Fürstenhof derselben Zeit Glich seinem Hof an Herrlichkeit. Da waren Ritter ohne Zahl, Da waren auch Frauen und Jungfrauen Von allen Farben, nach der Wahl, Stattlich geschmückt, und lieblich (zumahl Bey Licht) von weiten anzuschauen, Wie Tulpen im Flor. Die hatten nun Bekannter Maßen nichts zu thun Als Männerherzen aufzupassen. Und ihre Augen spät und früh Nach allen Ecken spielen zu lassen. Der fremde Ritter dünkte sie Beym ersten Anblick gute Beute. Nun solltet ihr die Jagd auf ihn Gesehen haben. Allein, er schien Gar nicht zu wissen was das bedeute. Mit solcher Gewißheit im Liebesstreite Stets obzusiegen, so wenig kühn Hatte man keinen noch gesehen. Was war zu thun? Gleich abzustehen? Dazu stand unsern Penthesileen Der Muth zu hoch. Je blöder er war, Je minder liefen sie Gefahr Im Approschieren zu weit zu gehen. Sie ließen sich also in Gnaden herab Durch Blicke seinen Muth zu stärken, Denen, aus Furcht er möchte nicht merken, Man alle mögliche Klarheit gab. Mein Ritter, immer ehrerbietig. Spielte gelassen den Kombab, Fand immer die Damen allzu gütig, Verstand kein Lächeln, keinen Blick, Zog immer weiter sich zurück Je näher man ihm zu Leibe rückte; Sprach ewig von nichts als Politik, Moral und Wetter, Metafysik. Und Moden, und jeder andern Rubrik Als der, wo's unsre Schönen drückte: Kurz, trieb's so lange, bis ihm's glückte, Daß man den Herrn, mit seinem Verstand Und seiner hohen Adlersnase, Und seinen Augen von blauem Glase, Ganz unerträglich albern fand. Vermuthlich leitet ihr dieß Betragen Des Ritters von seiner Treue her? Gewiß ist, er liebte noch so sehr Als jemahls, und immer desto mehr. Je näher von seinen Prüfungstagen Das Ende rückte. Doch, alles zu sagen Ein kleiner fremder Umstand kam Hinzu, der seiner Tugend ein wenig Von ihrem reinen Verdienste nahm. Hört an! – Als Gandalin einst vom König (Der von der Hirschjagd wieder kam) Nach Hause trabte, dem Roß den Zügel Lassend, die Augen auf den Stern Der Liebe gesenkt: da kam nicht fern Von einem mit Bäumen besetzten Hügel Ihm eine Jungfrau (dem Ansehn nach) Auf einem Zelter entgegen geritten. Die hielt auf einmahl, stellte sich mitten In seinen Weg, grüßt' ihn und sprach: Herr Ritter, nach euers Ordens Sitten Darf ich um eine Gab' euch bitten; Und was ein Mädchen bitten kann Versagt doch wohl kein Biedermann? Herr Gandalin hält mit seinem Pferde, Sieht spähend (so scharf bey Sternenlicht Nur möglich) der Jungfrau ins Gesicht, Und findet sie an Gestalt und Geberde So züchtig, daß er, ohne Gefährde, Ihr viel versprechen zu können glaubt. Jungfrau, ihr könnet frey begehren! Alles was Lieb' und Ehr' erlaubt Deß will ich sträcklich euch gewähren. »So sagt mir, Herr Ritter, in allen Ehren. Ist euer Name Gandalin ?« Ich muß es (erwiedert er) gestehen. »Was frag' ich auch? Närrin die, ich bin! War's nicht genug euch anzusehen? (Versetzt die Magd) man sagte mir gleich Ich könnt' unmöglich irre gehen.« Gut! (spricht der Ritter) Ihr schadet euch So in der Nachtluft da zu stehen. Was wollt ihr meiner?                                 Die Jungfrau spricht: Erst schwöret mir bey Ritterspflicht Zu thun was ich euch sagen werde. Ich schwör's euch zu, bey Ritterspflicht, Und müßt' ich ins Eingeweide der Erde Herunter steigen im Angesicht Der Höllengeister, und Weg mir machen Durch Riesenkolben und Löwenrachen, Ich schwör's!                         »So arg ist's nicht, (versetzt Die Dirne) ihr werdet unverletzt, Hoff ich, das Abenteu'r bestehen. 's ist nichts, mein Herr, als – mit zu gehen Wohin ich euch geleiten will.« Der Ritter hält ein wenig still Und sinnt.                 »Nu? heißt das sein Versprechen Halten? Sollt' es dem Herrn an Muth Mit einem Mädchen zu gehn gebrechen? Für Riesen und Drachen bin ich gut! Was zögern wir?« – Mit diesem Worte Spornt sie ihr Gäulchen, und Gandalin Folgt, ohne zu wissen wozu? wohin? Der unbekannten Führerin. Sie hält vor einer verschloßnen Pforte. »Hier, spricht sie, endet unser Lauf!« Knack, Knack! Die Pforte thut sich auf Und schließt sich hinter ihnen wieder. »Da sind wir nun, Herr Ritter. Frisch! Was hängt ihr so die Kolbe nieder? So kleinlaut? so verdrossen? Frisch Vom Pferd herab! mir nachgegangen! Man wartet euer mit Verlangen.« Er, immer schweigend, steigt vom Roß, Sieht vor sich stehn ein altes Schloß, Mit Pfeilern, dick wie Himmelsstützen, Mit hundert Ecken, Thürmen und Spitzen, Kurz, so daß einem ungesäumt Von schönen Melusinen träumt, So wie man's anblickt. – »Nun! Herr Degen, Die Augen zu, und mir die Hand! (Spricht lachend die Magd) In euerm Stand Geht man oft größrer Fahr entgegen, 's ist finster hier; nur mir die Hand! Hier steigen wir eine Windeltreppe.« Der Ritter folgt, so träg und schwer, Ihr ist's, als ob sie hinter sich her Den größten Wollsack keichend schleppe. »Ey, ey, Herr Ritter, so blank und bar An Mannheit? – Mich däucht, ich höre gar, Wie euch das Herz im Leibe schweppe!« Die Wahrheit von der Sache war, Mit allem seinem Heldenblute War unserm Manne nicht wohl zu Muthe. Es war ein schwanendes dumpfes Gefühl, Das ihm Zickzack bald heiß bald kühl Den Rücken hinab lief, bald in Flammen Ihn tauchte, bald in Alpeneis. Doch rappt er wie er kann und weiß Sich oben an der Treppe zusammen, Und folgt der Jungfrau sonder Zwang Durch einen langen dunkeln Gang, Dann links, dann wieder ein Treppchen hinauf. Nun kam ein Vorsahl, und ein Zimmer, Und nun that eine Thür sich auf. »Hier! (raunt' die Magd und schob ihn sachte Zur Thür hinein) Ihr seht, ich brachte Euch glücklich an Ort und Stelle. Nun Seht selber zu was weiter zu thun.« Drittes Buch Da steht nun mächtiglich betroffen Mein Ritter, wie einer der eben itzt Den Flammen in einem Traum entloffen, Halb aufgefahren im Bette sitzt, Noch zweifelnd, wiewohl die Augen offen, Ob Wahrheit oder Fantasey Ihn aufgeschreckt. – Zwar, daß er wache War eine ausgemachte Sache; Nur riecht so alles nach Feerey Um ihn herum!, – man kann nicht wissen! Wohl! dacht' er, wir werden's wagen müssen; Ich bin auf alle Fälle dabey! Die Wahrheit war, man brauchte nun eben Kein großer Eisenfresser zu seyn, Sich muthig in diese Gefahr zu geben; Denn alles sah ganz freundlich drein. Es kurz zu machen – denkt euch, beliebig, Ein großes Gemach, altfränkisch verziert, Die Decke von Schnitzwerk, sehr ergiebig Mit goldnen Blumenkörben staffiert, Die Wände stattlich tapeziert Mit schönen biblischen Geschichten,. Als – Mose im Kästlein , und Fräulein viel In steifen Miedern, entblößt (mit Züchten) Bis über die Knie, um aus dem Nil Das Knäblein an den Strand zu lichten: Dann Simson der Delila im Schooß, - Und Bathseba in der Badewanne, Und zwischen den Greisen nackt und bloß Die schöne keusche Frau Susanne , Mit einem Busen, dessen Fracht Die gute Frau mit Armen und Händen Den Augen der Sünder zu entwenden Bemüht nur desto herrlicher macht. Dann seht auf einem kleinen Tische Zwey Herzen und einen Schirm davor, Und in der Mauer eine Nische Wie ein Gezelt von reichem Mohr, Und in der Nisch' ein Türkisch Bette Von gelbem silberbeblümtem Damast, Und nun, – und nun wie weiter? – Ich wette Zu rathen worauf ihr Herren paßt? Da, denkt ihr, soll zu euerm Vergnügen So eine schlafende Venus liegen, In Tizianischem Nachtgewand, Die obere Hälfte mit Luft umwoben, Und, wo die Decke sich verschoben, Ein rundes Knie heraus gehoben, Ein Knie – die Sieben aus Griechenland Zu Narren zu machen! – und was des Dinges Mehr ist, das freylich ein geringes Zu mahlen wäre. – Allein, verzeiht Wenn dießmahl eure Erwartung betrogen Sich findet. Alles zu seiner Zeit! Die Dame war völlig angezogen Die auf dem Ruhebettlein lag, Und in der That so angezogen Als keine bis auf diesen Tag; So steif! so voller Dürerscher Falten! Alles so recht drauf angelegt Selbst den Gedanken aufzuhalten, Der weiter als hundert Augen trägt! Unmöglich war's von ihrer schönen Gestalt das Mindeste nur zu wähnen, Die Arme, die Hände, –- sie mochte (wer weiß?) Sie wohl so schön als Juno haben; Allein sie lagen mit allem Fleiß In weiten Ärmeln nach Türkischer Weis' Bis über die Fingerspitzen begraben. So heimlich zu thun mit Gottes Gaben Däucht unserm Ritter sonderbar. Sonst sind die Damen nicht so gar Mißgünstig, die was zu zeigen haben! Und (was hier am verdächtigsten war) Ein dicht gewebter doppelter Schleier Verbirgt sogar ihr Angesicht; Läßt auch das Wenige nicht ans Licht, Was, durch die zarte weiße Hülle, Von ihres Busens Jugendfülle Wie eine berstende Knospe bricht. Kurz, undurchdringlicher kann sich nicht Die Schönheit gegen den Feind verschanzen. So gar nichts, das zu Gunst des Ganzen Die zweifelnde Fantasie besticht! Und doch, wie nenn' ich's geschwinde? bricht So ein geheimer – Gottheitsschimmer Durch alle die Wolken, daß Gandalin Sich kaum enthält auf seinen Knien Sie anzubeten.                         »Desto schlimmer! (Denkt ihr) das, fängt verdächtig an! Und seine Treu'?« – Darüber entscheide Die Zeit; die werde was sie kann! Genug, die Dame im Maskenkleide Hieß unsern Mann (der ehrfurchtsvoll Noch immer, weiter als man soll Zurück stand) etwas näher treten. Herr Ritter, sprach sie, daß ich euch So außer der Zeit zu, mir gebeten. Sieht ziemlich den Abenteuern gleich, Die euers gleichen jungen Degen Wohl häufig aufzustoßen pflegen, Doch, darf ich euch was bitten, so sey's Fürs erste, bis wir uns erst besser kennen, Mich weder schwarz zu glauben noch weiß, Und, eh' die Lerchen uns wieder trennen, Mir bloß ein günstig Ohr zu gönnen. Der Klang von ihrer Stimme, wiewohl Gedämpft durch ihren doppelten Schleier, Tönt ihm als wirbelte hoch vom Pol Der Nachklang einer Engelsleier in seine Seele. »Welch Angesicht, Wenn's dieser Sirenenstimm' entspricht!« Denkt, er, und weiß ein Weilchen nicht Wie ihm geschieht; faßt doch sich wieder So bald als möglich, läßt vor ihr Züchtiglich auf ein Knie sich nieder Und: Dame, (spricht er) glaubet mir Auf mein Gesicht, mein Herz ist bieder. Und Arges zu denken von der Zier Der Schöpfung war mir stets zuwieder. Drum heget keine Bedenklichkeit Mich euers Anschau'ns zu gewähren. Ich wollte, so eingesponnen ihr seyd, Auf eure bloße Stimme schwören, Ihr könntet des Schleiers wohl entbehren. Die Dame bittet ihn aufzustehn, Und, ohne Schmeichelreden zu drehn Die ihre Sittsamkeit beschämen, Von einem Schemmel Besitz zu nehmen Der neben ihm steht. Herr Gandalin , Gehorsam, setzt sich gegen über, Und Sie beginnt:                         »Ich lasse vorüber Von welchem Haus und Stand ich bin. Mein Blut fließt weder heller noch trüber Darum. So was, in meinem Sinn, Kommt nicht in Anschlag. Genug, ich bin; Da giebt's nichts drunter und nichts drüber. »Ich weiß nicht welche Gevatterin Gab mir den Nahmen Je länger je lieber Bey meiner Geburt –«                                 Je länger je lieber? Rief Gandalin. – Je länger je lieber? Ruft (wie ich bereits verständigt bin ) Einhellig Leser und Leserin. »Nicht anders, mein Herr, Je länger je lieber! Und (was ich nicht bergen kann) man fand Ganz deutlich in meiner rechten Hand, Von allen Helenen aus Griechenland Und allen Julien an der Tiber Würde nun neben Je länger je lieber Künftig so wenig die Frage seyn, Als von den Sternen bey Sonnenschein. »Kaum war die kleine Je länger je lieber Über ihr zwölftes Jahr hinüber, So kriegte, wer ihr ein wenig zu nah Und lang' ins Augenkindlein sah, Gleich auf der Stelle das Liebesfieber. Da half nichts, weder graues Haar Noch gelbes, je klüger einer war Je eher schnappte der Witz ihm über. Ein Blick, so war's um ihn gethan! Doch ging die rechte Noth erst an, Als nun mit sechzehn Jahren ihr Busen In seiner vollen, Blüthe stund, Aus ihren Augen alle neun Musen Sprachen, um ihren Rosenmund Die Grazien tanzten, und wie es weiter Lautete, wenn der Liebesdrang Die armen Narren zum – Reimen zwang. Der Jude sah Jakobs Himmelsleiter In ihrem Antlitz; der Heide schwur, Mit ihr verglichen, sey Venus – nur Ein Weib. So ging kein Tag vorüber, Daß nicht die gute Je länger je lieber (Wiewohl sie sich immer nur leidend dabey Verhielt) zwey Narren oder drey Ins Tollhaus schickte. Ein eignes Gebäu Mußte dazu gestiftet werden. Bald setzte man einen Flügel, und dann In kurzer Frist – noch einen dran, Doch sah man ganze Narrenherden Aus Mangel an Platz, in Wälder ziehn, In Felsenklüften und hohlen Weiden Kauern, und Reim' in Bäume schneiden, Im Märzenfrost vor Liebe glühn, In Hundstagsgluth vor Liebe frieren. Durch Büsch' und Hecken auf allen Vieren Kriechen, und Eicheln fressen und Gras, Und drohen, ließ' ich nicht bald mich rühren, So würden sie gar – den Verstand verlieren. Und was des Unsinns mehr noch was. »Mir, Gott verzeih' mir's! machte das Wesen Zwey bis drey Sommer vielen Spaß. Ich brauchte keinen Roman zu lesen, Hatte den ganzen Amadis In meinem Narrenparadies, Und alle Tage geschahen Sachen Um einen neuen draus zu machen. Doch immer dasselbe Fastnachtsspiel Wird endlich ungeschmackt und kühl. Zwar gab's mit unter auch Trauerspiel: Bald stieß sich einer vor die Stirne; Bald ließ ein andrer das Bißchen Gehirne, Das ihm die Liebe nicht ausgebrannt, Auf einer Felsenspitze sitzen; Ein dritter kam, den Dolch in der Hand, Mit feurigen Augen angerannt, Sein Blut mir ins Gesicht zu spritzen. Tagtäglich gab's so eine Scen'! Allein, sie mochte zu weinen, zu lachen Oder auch beides auf einmahl machen, So war's – nicht länger auszustehn. »Nun fand sich endlich, daß eine Fee, Mit der mein Vater Tändeley Vor Zeiten getrieben, an all dem Wehe. Mehr als mein Schnäutzchen Ursach sey. Mein Vater (einer der besten Kalifen Die jemahls aßen, tranken und schliefen) Schickte zur Stunde Gesandte aus Nach Osten und Westen, um aller Enden Zu suchen, ob sie ein Mittel fänden Dieß Unheil von uns abzuwenden. Allein es wurde nichts daraus; Sie kamen alle mit leeren Händen. Und großen Rechnungen wieder nach Haus. »Zuletzt erfuhr er, auf einem Berge, Nah bey der Wüste am Bache Krit , Da wohn ein alter Eremit , Ein Mann, dem Geister, Elfen und Zwerge Gehorsam wären allzumahl; Er kenne genau der Sterne Zahl Und jede Kraft in Kräutern und Steinen, Er mache Wetter, Regen und Wind, Lasse bey Nacht die Sonne scheinen Wenn's ihm beliebe, sey taub und blind Vor hohem Alter, und hör' und sehe Doch alles was auf der Welt geschehe. »Da sandte der Kalif geschwind Zum Eremiten, dem Geister, Elfen Und Zwerge gehorchten am Bache Krit. Die kamen, und brachten die Antwort mit: »Dem Fräulein wäre nicht zu helfen, Sie müßte denn sich keinem Mann Von Stund' an unverschleiert weisen. Und immer von Osten nach Westen reisen, So lange bis sie den Biedermann Fände, dem sie Je länger je lieber Würde, wiewohl er unverhüllt Sie nie, leibhaftig noch im Bild', Gesehen hätte.«                         »Mein Vater (der über Kein Ding in seinem Leben sich Besonnen) flugs und ohne Säumen Befahl mein Leibkameel zu zäumen, Warf selbst den Schleier über mich, Und schickte mich mit seinem Segen Dem unwahrscheinlichen Mann entgegen. Drey Jahre reis' ich westwärts fort, Und zeige mich und meinen Schleier In jedem lustigen Meeresport, Bey Ritterspielen, bey jeder Feier An Fürstenhöfen, und da und dort: Alles vergebens! Man sieht sein Wunder An meiner Figur, hätt's gern entdeckt Was hinter dieser Vermummung steckt, Und das ist alles!« –                             Ist's möglich? rief Herr Gandalin , und seufzte tief. Nun müßt ihr wissen, ein schöner, runder, Milchweißer Arm, den immer bisher Des Ärmels Länge dem Aug' entzogen, Enthüllte sich hier von ungefähr, Indem das Fräulein einen Bogen Mit beiden Armen beym Ausruf zog. Herr Gandalin (bey dem die Empfindung Sehr leicht die Klugheit überflog) Rief aus: Ist's möglich? – Nun hatte die Rundung Und blendende Weiße, die eben itzt So unverhofft ins Aug' ihm blitzt, Vermuthlich an dieser Ideenverbindung Mehr Antheil, als er im Allarm Des Herzens und der Sinne dachte. Allein die Dame – die ihren Arm So schnell, als sie ihn sichtbar machte, In seine vorige Lage brachte, (Und beides ohn' es zu wissen) – dachte, Ihm mach' ihr – das ist alles! so warm: Und also schien ihr sein – ist's möglich? In tragischem Tone so herzbeweglich Geseufzt, ein wenig lächerlich. »So finden Sie das so seltsam? Mich, Mich nimmt die Möglichkeit nicht Wunder, Erwiedert sie. Die Neugier schlägt Den Funken vielleicht: allein der Zunder, Der ihn ernährt und hegt und pflegt, (Was auch ihr Männer sagen mögt) Bleibt ewig Schönheit, Blume der Jugend –« Und Seelenschönheit, Geist und Jugend Käm' also nicht in Anschlag? – spricht Der Ritter mit Eifer.                                 »Wenigstens nicht (Versetzt sie) gegen ein Maskengesicht, Das, weil es so ernstlich sich versteckt, Natürlicher Weise Verdacht erweckt. Gesichter, die, sorglos, wie sie sind Sich zeigen, auch wenn sie häßlich sind, Sieht man zuweilen, so hinter die Seelen Geduckt, ganz sacht ins Herz sich stehlen; Das ihnen um so leichter geräth, Weil ihr sie ohne Anspruch seht. Just, weil man ihnen nichts dergleichen Zutraute, nie auf seiner Hut Mit ihnen ist, sind sie so gut Euch unversehens zu überschleichen. Man weiß wie viel Gewohnheit thut. Das Auge versöhnt sich mit den Mängeln Die es so unverhohlen sieht: Erst seht ihr nur ihr schön Gemüth, Zuletzt ist alles behängt mit Engeln. Just umgekehrt in meinem Fall, Wenn eine immer und überall In Hüllen und Häuten wie eine Zwiebel Gewickelt erscheint. Wer dächte nicht übel Von einer Schönheit, die das Licht, Das Element der Schönheit, fliehet? Das Herz glaubt was das Auge siehet; Und wagt sich so leicht im Dunkeln nicht; Und soll es ja verlieren müssen, So will es genau die Summe wissen.« Und doch (fällt Gandalin ihr ein) Möchte, wenn ich nicht irrig wähne, In eurem Falle die Ausnahm seyn. Es ist so etwas in wahrer Schöne, Ein geistiger alldurchdringender Schein, Den keine Schleier verbergen können! Man kann es besser fühlen als nennen: Es stellt sich, wie unmittelbar, Den innern Schönheitssinnen dar; Man fühlt's, wie man – im Seelengrunde Die unsichtbare Gottheit fühlt. »Von alle dem hab' ich keine Kunde, Versetzt die Dame; zuweilen spielt, Die Fantasie uns heimliche Tücke Wo man's am wenigsten sich versieht.« Der Ritter mit gesenktem Blicke Erseufzt und schweigt.                                 Ob sie errieth Was dieser Seufzer sagen sollte, Ist nicht bekannt. Mag seyn, sie wollte Nichts wissen. Sie ließ es an seinen Ort Gestellt, und fuhr, nach einer kleinen Pause, gelassen also fort: »Es wird euch etwas seltsam scheinen, Herr Ritter, daß ich nicht Anfangs gleich, So klug gewesen als itzt. Was kann ich Sagen? – Wir fehlen alle mannig- faltig! – Es war kein weiser Streich, Drey Jahre vermummt herum zu schlendern Den Mann im Monde zu suchen! – Genug, Es ist geschehn und nicht zu ändern. Der Eremit, so alt und klug Er war, mein Vater, seine Räthe, Sein Seneschall, alles war dabey; Besorgten nur, ich möchte zu späte Kommen:– kurz, es ist vorbey; Und übermorgen, so bald es taget, Reis' ich mit Gott und meinem Glück. Geraden Zuges nach Hause zurück. Und nun, Herr Gandalin , rathschlaget Mit euerm Herzen: wofern euch hier Nichts Liebes fesselt, wolltet ihr mir Auf meiner Reise zum Schirmer dienen? Kein andrer Ritter in diesem Revier Hat des Vertrauens mir werth geschienen.« Mit diesem Wort erhebt sie sich, Und steht auf einmahl so königlich Und groß und hehr vor Gandalin en Wie eine Göttin. Der edle Knecht Gleich nieder auf beide Knie, wie recht, Und schwört, ihr, bey allem was ihr Schleier Anbetenswürdiges deckt, ihm sey Sein liebes Leben nicht halb so theuer. Als solches Dienstes in aller Treu' Bey ihr zu pflegen. Doch unverhohlen Müß' er ihr lassen, ihm sey befohlen Unfehlbar an einen gewissen Ort In sechzig Tagen zurückzukehren; Ihn binde dazu sein Ehrenwort. Doch sollte nichts in der Welt ihm wehren Sie zu begleiten, so lang' und weit Als ihm die vorgeschriebne Zeit Erlaube. Auch schwor er beym heiligen Grabe, Sie nicht zu verlassen, bis und dann Er einen biedern Rittersmann Statt seiner für sie gefunden habe. Die Dame willigt sonder Zwang In sein Beding. Und nun begannen Die Lerchen ihren Frühgesang, Und sangen den guten Ritter von dannen. Sie reicht mit hoher Majestät Die Hand ihm dar, indem er geht. Er nahm sie, küßte sie ehrfurchtsvoll; Ein süßer Schauer fuhr ihm über Den Rücken dabey, sein Busen schwoll, Und seufzend verließ er Je länger je lieber. Viertes Buch Es war just um die Dämmerungszeit, Kurz eh' den Weg der Sonnenpferde Der junge Morgen mit Rosen bestreut, Als unser Ritter, allein und still, Wie einer der nicht bemerkt seyn will, Durch Seitenwege nach Hause kehrte. Der Fluß, das Thal um ihn herum, Die Hügel, alles um und um Lag noch in Ungewissem Schatten; Verworren Erdreich, Wasser und Luft, Und tausend Formen auf Angern und Matten Schwimmend, die sich im grauen Duft In wunderbare Gestalten gatten. Der Ritter hatte deß wenig Acht, So gut es zu seinem Zustand paßte. Das Abenteuer dieser Nacht (Wovon er immer je minder faßte Je mehr er sann) stand wie ein Gesicht Vor seiner Stirn, und blieb da stehen; Er mochte sich wie er wollte drehen, Die Augen schließen oder nicht, Er mußt' es immer vor sich sehen. Allein als itzt das siegende Licht, Aus Osten herab ein Meer von Klarheit Schüttend, auf einmahl die ganze Natur Entzauberte, wieder das Reich der Wahrheit Herstellt', und Hügeln, Thal und Flur, Flüssen und angestrahlten Hainen In ihrer wahren Gestalt zu erscheinen Gebot: da wurde dem Ritter, als ob Ein Traum vor seinen Augen platzte. »War's nur ein Nachtgeist, der ihn fatzte, Aus Mohnduft alle die Täuschungen wob Und ihm für Wahrheit unterschob? Was soll er glauben? – So unwahrscheinlich So traumhaft alles von Anbeginn! Und gleichwohl seinem eignen Sinn Nicht trauen dürfen, ist gar zu peinlich!« Drum fängt er wieder von vornen an, Mahlt alles vom ersten Augenblicke Sich wieder vor, von Stück zu Stücke: Die Jungfrau, die ihn seiner Bahn Entführte, das Gothenschloß, die enge Wendeltreppe, die langen Gänge, Das Zimmer das sich ihm aufgethan Und wieder sich hinter ihm zugeschlossen, Die Decke von der sich Blumen ergossen Aus goldnen Körben, die keusche Susann Mit ihrem Busen, das Ruhebette, Von zweyer Kerzen Silberschein Beleuchtet, – kurz, nichts war so klein. Worauf er sich nicht besonnen hätte; Auch wie, so bald er ins Zimmer hinein Getreten, beym Anblick der Unsichtbaren Ein Schauer ihm übern Rücken gefahren, Als trät' er in einen Keller ein, Und wie bey ihren ersten Worten Ihm's wieder auf einmahl so heimlich und warm. Und lieblich bang ums Herz geworden, Und alles das – (den schönen Arm Nicht zu vergessen, an dessen Rundung Und Lilienglanz sich ohne Entzündung Nicht denken ließ) kurz, was er sah Und nicht sah, was er gehört und gesprochen, Stand alles vor seiner Stirne da, So rein als wie in Kupfer gestochen. Das träumt sich nicht, so viel ist klar! Allein, ob's sonst so richtig war? Er hatte doch, seines Wissens, an Feen Sich nie vergangen? – »Wir werden sehen, Denkt er; doch immer ist's wunderbar l« Er war nun mittler Weile wieder Nach Hause gekommen, und hatte kaum. Um etwas Ruhe zu pflegen, sich nieder- Gelegt, als Sonnemon im Traum Ihm dar sich stellt, mit strafenden Blicken Ihm seine Untreu' vorzurücken, Sie ist's in ihrer Schöne! so ganz Wie Sie nur ist, in allem Glanz Der reinsten Jugend, in aller Fülle Von Lieblichkeit! – Und über ihr Der blaueste Himmel, und unter ihr Das frischeste Grün; und alles so stille, Wie in Entzückung, um sie her Als ob's in sie verschlungen wär'! Der Traumgott, um ihn baß zu quälen, Zeigte sie ihm im Morgenkleid, Dem tausend Kleinigkeiten fehlen, Die, nach der strengern Sittsamkeit, Gerade das Reitzendste verhehlen. In freyen Locken spielt ihr Haar Um einen schwanenweißen Nacken; Die Brust beschattet ein Zwillingspaar Vollblühender Rosen, von ihren Backen An Röthe beschämt. So nymfenhaft Schwebt sie in ihrem Röckchen von Taft Im Grase daher, als schwämme sie oben, Oder würde vom sanften Hauch Der Amoretten empor gehoben. O Reim ! den werd' ich nimmer loben, Der dich erfand! Zum Henker auch! Da muß nun hinter einem Strauch, Bloß, dir zu gefallen, mein Träumer stehen, Um seine Prinzessin kommen zu sehen! Und stand er (wie's doch möglich war). Auch wirklich hinter einer Laube, Wie kann ich hoffen daß man's glaube? »Der Reim, spricht jeder, hat offenbar Die Laube gepflanzt; und wenn es Ranken Von Reben oder Geißblatt sind, So haben wir's wieder dem Reim zu danken. « Sey's! wollen uns nicht darüber zanken! Genug, wie oft der Zufall, so blind Er seyn soll, die beste Auster findt, So hat auch dießmahl, wider Hoffen, Der Reim sich mit der Wahrheit getroffen. Herr Gandalin , in seinem Traum, Stand wirklich hinter wilden Ranken, Als über den ebnen grünen Raum In stillen jungfräulichen Gedanken Sein holdes Mädchen Vorüber ging. Schier war er vor Freuden eingesunken, Wie er sie sah; stand wonnetrunken Im Boden eingewurzelt, hing Ganz Aug an jedem ihrer Reitze, Und schlürfte sie ein mit lüsternem Geitze. Je näher (in ihrer einsamen Ruh Ihn nicht gewahrend) sie kam, je enger Ward ihm sein Busen, bis er nicht länger Sich halten kann, und auf sie zu Mit offnen Armen stürzt. Das Rauschen Der Blätter weckt sie, sie zittert auf, Wie Rehe mitten im sorglosen Lauf Auf einmahl stutzen und witternd lauschen: Und als sie Gandalinen erblickt, Wird einer von den schrecklichsten Blitzen, Die Amor jemahls abgedrückt, Aus ihren Augen auf ihn gezückt. Er fühlt ihn bis in den Fingerspitzen; Will vieles sagen, doch jeder Ton Bleibt stecken im Halse; sie will entfliehen; Er hält sie bittend bey den Knieen, Und – weg ist Traum und Sonnemon! Träume (das Sprichwort sagt's) sind Schäume. Freydenkerey! – Von Alters her Dachte man anders. Im Vater Homer Und weiter hinauf sind immer Träume Der Götter Werk, nicht Gaukelspiel Der Fantasie. So war's am Nil, So war's am Ganges ; ist so gewesen Bey allen, die nie im Hume gelesen, Mit einem Wort, es ist Menschengefühl! Kein Wunder also, daß unserm Ritter, Der noch den Kopf voll Urgroßmütter Hatte, die Deutung des Traumgesichts Zu schaffen machte. »Er hatte doch nichts Sich vorzuwerfen! Zärtlicher, treuer, Gewissenhafter (dieß Zeugniß giebt Sein Herz ihm) hatte noch keiner geliebt. Anlangend die Dame im Doppelschleier, Die hatt' er gesehn als säh' er sie nicht; Ihr eine Gabe zu versagen, Verbot bekanntlich die Ritterpflicht; Und wenn er nun in sechzig Tagen Vor Sonnemon sich wieder stellt, Und bringt von seiner Reis' um die Welt Sein Herz ihr unversehrt zurücke; Verdient er mit diesem zürnenden Blicke Empfangen zu werden? – Doch wie? wenn mich Mein Schutzgeist warnte? (fuhr er mit sich Zu reden fort) In sechzig Tagen Kann viel begegnen; und offenbar Vermehrt der Schleier nur die Gefahr, Wenn eine ist. Im letzten Jahr, Noch in den letzten sechzig Tagen, Am Rande des Ziels, noch alles zu wagen? Verlör' ich? – Aber dieß denken nur Ist Frevel! Was hat der Mann zu wagen, Der Sonnemon davon zu tragen Gewiß ist? – Und bindt mich nicht mein Schwur, Und was noch heiligers, Lieb' und Ehre, Keiner Gefahr, so groß sie wäre, Nicht auszuweichen? – O Sonnemon , Ich sollt' auf deinen Lippen den Lohn Der Treu', als Sieger mich erkühnen Zu nehmen, und ihn nicht verdienen? Würde dein erster Liebesblick Sich nicht in tödtenden Blitz verkehren? Mich nicht in deinen Armen verzehren? Nein! nimmer siehst du mich wiederkehren. Als deiner würdig! – Doch, zurück Mit solchen Gedanken! Wer wird sich über Gefahren ängsten, wo keine sind? Wir reisen ohnehin geschwind., Und sieben Wochen sind bald vorüber.« Indem er bey sich, selbst dieß spricht, Erscheint mit fröhlichem Angesicht Die Iris der Dame Je Länger Je Lieber, Zu fragen wie er geruht, und ihn Auf diesen Abend zu ihrer Frauen Zu bitten. »Sie wissen, Herr Gandalin , Den Weg nun selbst; und, im Vertrauen, Die Reise wird sich wohl verziehn! Dem Fräulein bekam das Tête a Tête Nicht gar zu wohl. Auch, nehmen Sie mir Nicht übel, bis zur Morgenröthe, Das geht ein wenig über Gebühr!'' Wie? sollte sie sich nicht wohl befinden? Fragt Gandalin . – »Ein wenig blaß, Und Kopfweh – was bedeutet das? Es wird bis Abend schon verschwinden!« Nun, weil wir hier allein sind, (spricht Der Ritter ) sage mir – unterm Siegel Der Freundschaft – ist denn ihr Gesicht So gar gefährlich, wie man spricht? Ich zweifle an ihrer Schönheit nicht; Doch, unter uns, es giebt so Spiegel, Die manchmahl – Du verstehst mich schon! »Wie? (ruft das Mädchen ) nach einer so langen Beichte, noch fragen aus diesem Ton? Die Zweifel wären Ihnen vergangen, Dächt' ich?« – Wie so? (spricht Gandalin ) Du kannst mir sicher glauben, ich bin Nach allem, was ich von ihr gesehen, Um nichts gelehrter als vorhin. Ich habe Schleier und Röcke gesehen, Sonst nichts – (hier ward er feuerroth, So zärtlich war er von Gewissen!) »Um so viel besser! Danken Sie Gott ! Mehr hätten Sie theuer bezahlen müssen; Sie können mir's glauben, ungestraft Hat noch kein Mann sie angegafft; Schwör' Ihnen bey meiner Jungferschaft, Es ist noch keinem wohl bekommen, Der sie in Augenschein genommen!« Wenn's so ist, sollte mich's fast gereun Zum Schirmer mich erboten zu haben, Versetzt mein Held. Stets um sie zu seyn, Und eine Dame von solchen Gaben Nie anders als in Decken begraben Zu sehen, wird zuletzt zur Pein. Die Augen wollen doch auch was haben! In ihrem Anschaun glücklich zu seyn. Ist einem Einzigen aufgehoben, Herr Ritter. Das Vorrecht ist nicht klein! Es lohnt sich der Mühe, der Eine zu seyn! Wer weiß – vielleicht – die Zeit wird's lehren (Hier macht die Iris , einen Knicks) Doch, ich verspäte mich – Viel Glücks! Bin Ihre Dienerin in Ehren!« Der übrige Theil des Tages verstrich. Sich auf den Abend anzuschicken; Und mit den letzten Sonnenblicken Trabt euch mein Ritter, endelich, Wohin ihn Pflicht und – Neugier führten. Denn diese, so sehr er seiner Begierden Sonst Herr war, plagt ihn doch fürbaß. Zwar, daß die Dame so sehr ein Drache Von Schönheit wäre, schien ihm Spaß; Doch, etwas war doch an der Sache, Und just genau zu wissen was , Das war's! Auch warf ihm Satanas Ganz leise den Einfall in die Quere, Es diene schlechterdings zur Ehre Der unvergleichlichen Sonnemon, Gewiß zu seyn, (zwar war ers schon) Welche von beiden die Schönste wäre. Wenn's gleich bey ihm entschieden war, Die Welt ist launisch! Immer besser Wenn solche Punkte ganz und gar Im Klaren sind! – Ein wenig größer Als Sonnemon mochte die Fremde seyn. Das gab unläugbar der Augenschein; Es mochte drey Finger breit betragen; Und für das, was man Majestät, Dianenschaft, Junonität Benahmset, hat das was zu sagen. Doch bleibt der andern, wär auch dieß, Der Preis der Grazie gewiß! Und alle die tausend Charitinnen, Die einem so unvermerkt das Herz Wie im Vorbeygehn. abgewinnen, Der schimmernde Witz, der kitzelnde Scherz, Die Laune, womit sie an Einem Tage In tausend Gestalten dar sich stellt, Stets überrascht und immer gefällt, Stets Liebe giebt in jeder Lage, In jedem Licht – in allem dem. Da ist doch keine Frage, wem Der Preis gebühre? – »Ich bin der Junonen Gehorsamer Knecht! Respekt so viel Sie wollen; ich find' es nie zu viel: Allein – es leben die Sonnemonen! « Fünftes Buch In solchen Gedanken erreichte mein Held Das Schloßthor, ohn' es zu gewahren. Das haben Verliebte von zwanzig Jahren Voraus! Sie könnten die weite Welt Umgehn, umtrotten und umfahren: An guter Gesellschaft leiden sie (Zumahl in Wüsten) niemahls Mangel; Sie kämen, mit ihrer Fantasie Allein, von Goa nach Archangel Und Lissabon, und wüßten nicht wie. Die Iris that hier wieder das beste. Das Thor, ging auf. Mein Paladin, Geputzt als wie zu einem Feste, Geht ein, durchwandert wie letzthin Viel Gäng' und Sähle, und findet – (ich wette, Ohne den Reim da hättet ihr's nie Errathen) das Fräulein – schon im Bette. Im Bette! – Das heißt die Galanterie, Denkt ihr, ein wenig weit getrieben! Dem Ritter selbst, beym ersten Blick, Wollte der Umstand nicht belieben. Er stolpert' einen Schritt zurück, Wiewohl der Vorhang auf allen Seiten Gezogen war. – »Wie soll er's deuten? Was kann sie meinen?« – Kurz, ihm war Nicht heimlich dabey. – Doch hätt'er den Staar An beiden Augen haben mögen, Er hätte nicht mehr als itzt gesehn, So richtig schloß der Vorhang, so schön War alles in Ordnung. – Ungesehn Und ohne sich (wie es schien) zu regen, Entschuldigte sich die Dame wegen Dem ungewöhnlichen Empfang Mit einer Migräne vom ersten Rang, Bat ihn, am Bette ungescheut In eine Bergere sich zu pflanzen, Und ließ trotz ihrer Unpäßlichkeit Gar weidlich ihre Zunge tanzen; Erzählt mit Laune, satirisiert, Mahlt Porträts, wie Marivaux nicht feiner Sie mahlt', und macht (wie sich's gebührt, Damit die Erzählung interessiert) Das Kleine größer, das Große kleiner. Das ging wie ein Wetter! Blitz auf Blitz, Einfall auf Einfall! Empfindung und Witz, In ewigem Wechsel! Und solch ein Leben In ihrem Ausdruck! die Farben so warm! Die Schatten so sanft, man sah sie schweben! Alles so leicht, so ohne Bestreben Zu schimmern, und doch so fein gegeben! Und selbst ihr Spott so ohne Harm! Herr Gandalin , mit verschränktem Arm, Und Augen, die seinen Ohren hören Helfen möchten, (auch wär' es Kunst Was andres hier zu thun als hören ) Sitzt da, als wie in Nektardunst Ein Gott beym Lustgesang der Sfären, Und wünscht, es möchte so ewig währen. Und gleichwohl, Freunde, wollt' ich schwören, In minder als einer Stunde lang War ihm – vor lauter Wohlseyn bang. Wie sollt's auch anders? Natur bleibt immer Natur! – Ein junges Frauenzimmer Im Bette – Da denkt sich die Fantasey Gleich allerley Nebendinge dabey; Und Er, so nah in seiner Bergere, Dem Zug der magischen Atmosfäre So ausgesetzt! – Wir wissen zwar Wie gut der Vorhang gezogen war: Doch, wär' er auch mit Nadeln verriegelt, Mit Distelköpfen garniert, ja gar Mit Salomons großem Ringe versiegelt; Das bessert die Sache nicht um ein Haar. In solcher Verfassung ist eine Schöne, Und wäre sie bis an die Zähne Wie eine Mumie einballiert, Dem innern Auge nicht mehr drappiert Als Venus Anadyomene; Das heißt – nicht allzu gut verwahrt! Wenn dann noch, wie bey Gandalinen, Die Neugier mit dem Instinkt sich paart; Die Dame hinter den Gardinen Ein Wesen gar von höherer Art, Ein Wunder der Welt, die zehnte Muse, Die vierte Charis, die zweyte Meduse, Kurz, etwas ist, woran die Natur Sich ungewöhnliche Mühe gegeben, Und ihren Schleier aufzuheben Von allen Sterblichen Einem nur Vergönnt ist; und dem Manne neben Dem Bette flüstert Satan ein: »Er könnte vielleicht der Einzige seyn« – Gesteht, bey so bewandten Sachen Hätt' es euch selbst, so klug ihr seyd, Begegnen können, aus Menschlichkeit Wohl einen dummen Streich zu machen! Dem Ritter wurde zum Schwitzen warm; Er streckt bald dieses Bein, bald jenes. Stemmt sich auf diesen und jenen Arm, Und hört von allem was sie ihm Schönes Und Witziges sagt, wie zwischen Traum Und Wachen, wohl die Hälfte kaum; Hat immer auf Einfäll' oder Fragen Nichts – oder was ungeschicktes zu sagen; Scheint viel zu denken, an seinem Daum Nagend, und immer sich selbst zu fragen: Was dacht' ich da? – Man will gar sagen, Er hätte des Vorhangs äußersten Saum, Zu Häupten, mit Zeigefinger und Daum Ganz sacht ein wenig weggeschoben: Allein zu einer Beschuldigung Von solcher Schwere gehören Proben! Herr Gandalin war freylich jung; Und alles erwogen was wir oben In Rechnung gebracht – genug, zum Glück Erzählte im nehmlichen Augenblick, Da die Gefahr sich zu vergessen Aufs höchste stieg, die Dame just: »Wie ein Französchen sich einst vermessen Wollen, und wie sie ihm die Lust Dazu vertrieben.« – Nicht anders als zücke Ein Blitz gerad an ihm vorbey, Schnappten beym ersten Worte die drey Schon ausgestreckten Finger zurücke: Und so ersparte ihm dieses Mahl Der gütige Zufall eine Qual – Wovon die mächtig große Zahl Der Leutchen, die sich nichts übel nehmen, Nie was begreifen konnten – die Qual Sich seiner vor sich selbst zu schämen! Was konnte der gute Ritter nun Für seine Sicherheit klügers thun, Als stracks, wie Fräulein im Erzählen Pausierte, nach der Uhr zu sehn, Sich ihr zu Gnaden zu empfehlen, Und sachte seiner Wege zu gehn? Nun ließ er's zwar daran nicht fehlen; Er ging. Allein ich weiß nicht was Ging mit, so bald er den Rücken wandte, Das ihn wie Feuer im Busen brannte. Es war nicht Liebe – es war nicht Haß – Denn, wenn er sie liebte: warum denn nannte Er ihren Nahmen sich selber nie? Die Unsichtbare , die Unbekannte , Das Fräulein wie heißt sie schon? – und nie Je länger je lieber ! – Haßt' er sie: Woher die tödliche Langeweile Wo Sie nicht war? – und ewig: » Was mag Die Glocke seyn? « den ganzen Tag, Und immer geklagt, die Sonne theile So ungleich mit der Nacht! – und dann, So bald sie untergeht, die Eile, Die Ungeduld! – und die Laune, wann Der König ihn ungefähr bey Hofe Zurück hält, oder die Kammerzofe Des Fräuleins (wie sich's dann und wann Begab) die leidige Nachricht brachte, Sie sey aufs Land, sie übernachte Bey einer Freundin, oder so was, Das seine Hoffnung zu Wasser, machte! Ich weiß nicht – aber alles das Macht seinen Zustand schier verdächtig. Doch, muß man sagen, (so wenig der Schein Ihm schmeichelt) er blieb doch seiner mächtig; Blieb immer standhaft bey seinem Nein, Wenn Fragen an sein Gewissen pochten, Die ihm verfänglich Scheinen mochten. Die Schwüre, die er von Zeit zu Zeit In dieser versuchungsvollen Lage Der holden Sonnemon erneut, Gewannen nun mit jedem Tage Um so viel mehr Verdienstlichkeit, Weil eine kleine Begebenheit Die vorbesagte Lage ziemlich Verschlimmert hatte. Die Sache ist zwar Des Ritters Klugheit nicht sehr rühmlich; Allein, was thut das? Wahr ist wahr! Gewohnheit, Vorsatz, oder beide Hatten die oberwähnte Begier Nach unerlaubter Augenweide (Wovon er mehr als Einmahl schier Das Opfer geworden) unmerklicher Weise Eingeschläfert; doch freylich so leise, Daß auch der leiseste Mückenstich Sie weckte. Nun hatte des Fräuleins Zofe Die Art von vielen Mädchen bey Hofe, Die gern in alles, sonderlich In Herzenssachen, ihr Schnäutzchen stecken, Und, wär's auch nur für andre, sich Mit Amorn gar zu gerne necken. Besonders nahm sie die schönen Knaben Gelegenheitlich in ihren Schutz, Die über Kaltsinn oder Trutz Von ihrer Göttin zu klagen haben. Sie hörte sie voller Mitleid an, That was sie konnte, den armen Sündern Die Schmerzen mit ihrem Troste zu lindern. Und hätt' oft gerne noch mehr gethan. Mit solcher Neigung zu Liebeswerken, Fiel's ihr nicht eben schwer, zu merken Daß unsern Ritter der ewige Zwang, Das Fraulein nur hinter Wolken zu sehen. Zu manchem stillen Seufzer drang. Das ließ sie sich so zu Herzen gehen, Daß sie zu etwas sich entschloß, Das unter allen Zofen auf Erden, Nicht zwey – der dritten verzeihen werden. Urtheilet selbst! – Des Fräuleins Schloß Stieß hinten an einen großen Garten, Und schlängelnd durch den Garten floß Ein Bach, mit Büschen aller Arten Umgeben, Hohlunder und Schasmin, Rosen, Akacia, und so weiter – Auf glatten Kieseln, still und heiter Rieselt' er zwischen den Büschen hin Sich windend, blinkte wie ein Spiegel Bald da bald dort durch wankendes Rohr Und dünn gewebte Zweige, verlor Allmählich sich hinter einem Hügel Voll Bäume, kam anderswo hervor, Machte bald kleine Wasserfälle, Bald unter Felsen und wildem Gesträuch Zum Baden eine sichre Stelle, So heimlich, still und dunkel, daß euch, So wie ihr den Ort betratet, gleich Die Lust zu baden ergriff. –                                 – »Herr Ritter, (Sagte die Zofe) Sie dauern mich! Mein Fräulein macht Ihnen das Leben bitter. Sie ist auch gar zu wunderlich! – Auf ihre Gefahr! – Zum wenigsten ich, Ich habe keyn Herz, den armen Nächsten So leiden zu sehn! gestehe gern, Ich bin auf diesem Fleck am schwächsten, Und denke, schöne junge Herr'n Sind drum nicht weniger unsre Nächsten Als andre Leute – kurz und gut, Sie sind doch unser Fleisch und Blut! Und, Gott verzeih' mir's! die armen Seelen So heidnisch zu plagen und zu quälen, Ist wahrlich Sünde; ich legte dafür Die Hand ins Feuer! – Wohlan, Herr Ritter, Ich schaffe Rath. Was geben Sie mir, Wofern ich Ihre Neubegier – So viel als hinter einem Gitter Von Laub und Buschwerk möglich ist Noch diesen nehmlichen Abend stille?« Der gute Ritter, in der Fülle Der trunknen Freude, herzt und küßt Das Mädchen, und leeret seine Säcke In ihre Schürze! –Kurz, noch heut Verspricht die Zofe ihm ohne Decke Ihr Fräulein zu zeigen. Ort und Zeit, Mittel und Weg, Gelegenheit Des Bades, und alles lang und breit Wird ihm aufs klärste vorgespiegelt; Anbey, zu mehrerer Zierlichkeit, Der Handel mit einem Kuß versiegelt. »O Ritter, Ritter Gandalin ! Wo kommt's mit eurer Treu' noch hin? Wer hätte sich deß zu euch versehen?« – Es ist, ich muß es selbst gestehen! Abscheulich! – »So geht's – wie oft ist's euch Seit Adam und Eve bewiesen worden! – So geht's, wenn Menschen – die doch zum Orden Vernünftiger Wesen gehören – sich gleich Bey jeder Versuchung von ihren Begierden Hinreißen lassen! Moralisierten Die Leute nur sieben Minuten lang Mit kaltem Blut erst über die Sachen, Sie würden solche Streiche nicht machen! Allein da läßt man sich vom Hang Der sinnlichen Lüste« – Herr Sittenlehrer, So dankt dem Himmel doch dafür, Daß es so ist! Was wolltet denn Ihr Beginnen, ihr andern Weltbekehrer, Wenn's anders würde? – Ich wette, dann War's wieder nicht recht! An aber und wann Wird's euers gleichen nimmer fehlen. Itzt, da wir nicht klüger sind – als ihr, Ist ewiger Hader: würden wir Weiser, (wiewohl die Natur dafür Gesorgt hat!) so ging' es an ein Schmählen Auf unsre Weisheit. –.Ich sag' es auch, Es ist ein garstiger böser Brauch Daß sich die Leute so gern vergaffen, So sorglos in jede Grube hinein Stolpern, und immer, wie wahre Laffen, Erst räsonieren hinter drein! Die ersten Menschen, die wir erschaffen , Die sollen ganz andre Leute seyn! Inzwischen sparen wir unsre Lunge! Was hilft das ewige Hadern und Schrey'n? Wir schrey'n am Ende doch nichts hinein Und nichts heraus!                             Der gute Junge (Um wieder nach diesem Seitensprunge Auf ihn zu Kommen) hatte kaum Nach Zöfchens Abschied ein wenig Raum Sich zu besinnen , flugs erwachte Die bessere Seele aus ihrem Schlaf, Und sah was ihre Rivalin machte. Anfangs guckte sie wie ein Schaf, Bestürzt und mächtiglich verlegen. Der Streich war gleichwohl zu verwegen! Doch stritt sie, nach ihrer guten Art, Zuerst gelassen mit Gründen dagegen. Allein da jene, nach ihrer Art, Statt Gründe bey Gränen abzuwägen, Nur platt auf ihrem Sinn beharrt. So kam's von Worten zuletzt zu Schlägen. Die Heldin kämpfte ritterlich Auf Leben und Tod, auf Hieb und Stich; Nur für den Erfolg kann niemand stehen, Zumahl in diesem Seelenkrieg! Die blonde Seele verdiente Trofeen: Allein – was ihr vorher gesehen Geschah – die braune behielt den Sieg. Sechstes Buch Sie nahte nun, die furchtbare Stunde, Da Gandalin weit größere Fahr, Als alle Ritter der Tafelrunde Je untergangen, bestehen war. Ein säuselnd Abendlüftchen kühlte Die lechzende Au'; und durchs Gebüsch Und um die schlanken Pappeln spielte Die sinkende Sonne zauberisch. Die Schatten wuchsen, wurden immer Nächtlicher um das stille Bad; Nur einzeln funkeln am Gestad Vergüldete Rosen im warmen Schimmer Des Abendstrahls. – In sich hinein Geschmiegt, umlauschend, und über und über Jungfräulich erröthend, wiewohl allein, Sitzt schon auf weich bemoostem Stein Die neue Diana Je länger je lieber , Die Füße weißer als Elfenbein, Im Wasser. Und nun – O flieh, wenn Fliehen Noch möglich ist! Wo schaust du hin, Verirrter, armer Gandalin? Zu spät! – Da blinzt er, auf den Knien, In Rosen, wo sie am dicksten blühen, Versteckt, so unbeweglich hin, Als hätt' er Medusens Haupt gesehenen, Und müßte nun zum Denkmahl stehen. Das Schauspiel freylich war so schön! So schön, daß von benachbarten Zweigen Mitten in ihrem Lustgetön Die kleinen Vögelein plötzlich schweigen, Bis auf die dünnsten Äste steigen, Und mit gestrecktem Hälschen sich Es anzuschauen herunter beugen. Die grüne Nacht, so schauerlich. Die Luft, wie Athem der Liebe, die Sonne In Gold zerfließend, – alles mehrt, Erhebt, vollendet des Anblicks Wonne, Und macht ihn eines Gottes werth. Dergleichen Scenen auszuhalten Ist einem jeden nicht beschert. Ich lass' es gelten von alten, kalten Heil'gen Roberten von Arbrissel! Die durften, den Satan baß zu plagen, Sich wohl in größte Gefahren wagen. Allein ein armer Junggesell, Wie unser Ritter, ist zu beklagen, Der, durch sein eigen Fleisch und Blut Und einer Zofe Schlangenzunge Verführt, in unbesonnenem Muth Mitten in eine Solche Gluth Gefallen ist. Der arme Junge! Nun, da er nicht mehr fliehen kann, Nun werden die Augen ihm aufgethan! »Und könnt' er (denkt ihr) gegenüber So einem Schauspiel noch an Fliehn Gedenken? – Er ist nun einmahl über Den Rubikon ! Die That war kühn! Allein, jetzt ist Je länger je lieber Das Wort!« – So denk' ich selbst – gewiß Fühlt's auch der Ritter; und eben dieß Drang ihn zur Flucht. – Er war verloren, Hätt' ihn nicht Sonnemon noch beym Ohren- Läppchen gezupft. »Flieh, Gandalin! « Hört' er sie flüstern – und eilig fliehn Wollt' er. Allein Wie kann er weichen? Das kleinste Rauschen in den Sträuchen Entdeckt ihn. – Gott! Eh' stürze ihn. Ein Donnerkeil zu ihren Füßen! Eh' hätt' er mit eigner wüthender Hand Sich beide Augen ausgerissen! Gut, daß sich noch ein Mittel fand, Das, wenigstens ohne Blutvergießen, Ihn noch im Sinken oben hält. » Das war? « – Das simpelste von der Welt; Nichts als die Augen zuzuschließen. »Das konnt' er thun?« – Er that's. – Dieß kann Nicht möglich seyn! Wer soll das glauben?« Genug, er that's. Und welcher Mann In seiner Lage das nicht kann, Ist allenfalls ein Biedermann, (Ich will ihm seinen Ruhm nicht rauben) Ein frommer, orthodoxer Mann, Ein guter, unbescholtner Filister, Und alles was ihr wollt, – nur ist er Kein Held . Und freylich ein Held zu seyn Ist keine Sache zum erzwingen; Es würde manchem nicht gelingen, Der es versuchen wollte. Allein Ein Held bleibt Mensch – (von Wundergaben Ist nicht die Rede). Der unsre hier Mochte wohl einmahl oder zwier (Nur durch den Daumen) geblinzelt haben; Doch drückt' er die Augen im nehmlichen Nu Nach jedem Mahle fester zu. Die Dame hatte nun ausgebadet, Und, ihrer Würde unbeschadet, Dem armen Lauscher viel Augenlust Um einen theuern Preis gewähret. Denn ach! der Unglückselige kehret Mit einem brennenden Pfeil in der Brust Zurück nach Hause. Immer und immer Steht sie, im goldnen Abendschimmer, So lieblich erröthend, vor seinem Gesicht! Immer in diesem magischen Licht, Das zwischen Rosen und grünen Büschen Sich in die zärtlichsten Farben bricht. Vergebens strebt er's auszuwischen, Das unauslöschliche Zauberbild! Vergebens in seiner Seele das Bild Der schönen Sonnemon aufzufrischen! Dieß sieht er schwinden mit jedem Tag, Und seufzt, und ängstigt sich, und mag Nicht helfen! kann weder sich selbst belügen, Noch über Je länger je lieber siegen, Sie meiden darf er nicht; ihm fehlt Ein Vorwand, den er ihr gestehen Könnte; und täglich sie zu sehen« Und zu verbergen was ihn quält, Mit keinem Wörtchen sich zu vergehen, Verhehlen des Feuers Ungestüm Das ihn verzehrt, indem vor ihm Sich täglich das Badgesicht erneuert – Das ist zu viel! – Denn, Drapperie Und Mäntel und Schleier, was können die Nun helfen? Ein Augenblick hat Sie Auf ewig und immer für ihn entschleiert . Die Damen in der Tapisserie Stehn barer nicht vor ihm als Sie. Und sollt' ich erst die Qualen beschreiben, Die, wie die Furien den Orest, Mit Schlangenpeitschen herum ihn treiben, Wenn ihn das Liebesgötternest In seinem Busen, auf nächtlichem Lager, Nicht eine Minute ruhen läßt; Und wie gesunken, wie blaß und hager Er aussieht, wie ewige Reu' ihn zwickt, Und Gram, der, auf den Lippen erstickt, Aus hohlen Augen verräthrisch blickt: Gewiß, ihr könntet euch kaum erwehren, Sein Leiden – wiewohl die bittre Frucht Der Sünde – mit einem Thränchen zu ehren; Denn, ach! wer wurde nie versucht? Oft wenn das brennende Gewissen, Die Qual sich selbst verachten zu müssen, Er länger nicht ertragen kann, Fällt wüthend der Gedank' ihn an, Sein treulos Herz sich aus dem Leibe Zu reißen, und dem geliebten Weibe, Dem's angehört, an seiner Statt Es zuzuschicken – um ihr zu zeigen Wie sie die Liebe gerochen hat. »O Sonnemon , dir nichts zu schweigen Gelobt' ich – Sieh, dieß Herz, das Dich Nur lieben sollte! – In wenig Wochen Warst du gewonnen! – O Götter! und ich, Ich Schwacher – hatte zu viel gesprochen! Dieß Herz verrieth, verführte mich; Allein, so hab' ich dich gerochen!« Sein weißer Dämon , zu gutem Glück Wachsam, hielt ihm, die Hand zurück. »Wozu dich selbst so quälen? flüstert Der Engel ihm zu: du bist aus Thon Gebildet wie jeder Erdensohn, Bist mit den Thieren des Felds verschwistert, Und unterworfen dem Geräusch Der Leidenschaften, wie alles Fleisch. Nur laß den Kampf dich nicht ermüden! Der Sieg ist zwar noch unentschieden; Doch, wolle nur , so ist er dein !« Kurz, (denn euch kann nichts fremdes seyn Wie Engel in solchen Fällen sprechen) So wie der Ritter sein Verbrechen In einem mildern Lichte sieht, Legt sich der Sturm in seinem Geblüt. Er fühlt sich noch nicht ganz verlassen, Beginnet wieder Muth zu fassen; Dem Muthe folgt Entschlossenheit, Und nun wird's auch im Vorhaupt heller. Was ist zu thun? Die furchtbare Zeit Der Wiederkehr rückt täglich schneller Ihm auf den Leib: er muß noch heute Das Fräulein nöthen Paris zu verlassen; Und dann den ersten Rittersmann Zwingen, den er bezwingen kann, Statt seiner mit ihr sich zu befassen. Unstreitig war kein andrer Rath; Zumahl bey Hofe und in der Stadt, Und, wenig fehlte, auf allen Gassen, Von nichts als Gandalins Avantür Gesprochen wurde. – Ich bitte, die Zofe Nicht in Verdacht zu ziehn. Von ihr Entwischte nichts. Allein bey Hofe Waren auf unsern Helden zu viel Augen gespannt, um ihnen sein Spiel So lange verheimlichen zu können; Zumahl Verschwendung in Vorsicht nie Sein Fehler war. Es ging ihm wie Dem Strauß: er meinte, weil er sie Nicht sah, sie könnten auch ihn nicht sehen; Und dachte wenig, wie große Müh. Die Rache - dürstenden bösen Feen Sich gäben, überall spät und früh Spionen auf jeden seiner Tritte Ihm nachzuschicken. Nun denkt, wenn ihn Die Fanferlüschen in die Mitte Kriegten, (ihr kennt ja Hofessitte) Wie's da dem guten Paladin Ergehen mochte! Zehn tausend Bienen Hätten ihn nicht so arg bedienen Können; alles war über ihn! So daß zuletzt das Feld zu räumen Das einzige Rettungsmittel schien. Noch einen Grund, sich nicht zu säumen, Darf ich nicht schweigen, wie gern ich's thät', Um nicht der beleidigten Majestät Des schönen Geschlechts verdächtig zu werden. Zwar ist es gegen den Respekt, Aus Ton der Stimme, Blicken, Geberden, Auf das was eine im Herzen versteckt Zu schließen. Allein von einer Schönen Nicht eher, daß sie liebt , zu wähnen, Als bis sie's vor Notarius Und Zeugen förmlich eingestanden, Das machte, durch einen simpeln Schluß, Alle Filosofie zu Schanden; Und (unter uns) das schöne Geschlecht Käm' immer am schlimmsten dabey zurecht, Es bleib' euch also unverhohlen, Daß auch in unsers Fräuleins Herz Die Liebe sich endlich eingestohlen; Die Liebe, mit der sie immer nur Scherz Getrieben. Nun that sie freylich alles Was ehrbarn Mädchen solchen Falles Geziemt, damit der Ritter ja Nichts von der Sache merken sollte; Und was dann immer geschieht, geschah Auch hier: ein Blinder nehmlich sah, Sie trug was, das sie verbergen wollte; Und daß es bare Liebe sey Errieth sich ohne Zauberey. Sagt, einer habe Feuer im Busen Heimlich getragen; ich stell's dahin, Wiewohl ich's zu glauben nicht schuldig bin: Allein daß einer Liebe im Busen Heimlich getragen – sagt mir nichts Davon! Das sieht man Angesichts, Es kann nicht seyn! Am allermindsten Verbirgt sich das vor dem es gilt. Ah, Mädchen, just mit deinen Künsten Verräthst du, was du verbergen willt!, Es ist nicht ohne, daß kleine Meister Der Liebeskunst sich oft und gern Hierin betrügen. Den jungen Herr'n Steigen sogleich die Lebensgeister, Wenn etwann in ihrer Gegenwart Ein Seufzer (oft nichts bey einer Schönen Als eine höfliche Art zu gähnen) Ein Halstuch hebt. Doch dieser Art War unser Ritter nicht. Beweise Von großer Stärke gehörten dazu, Damit der Gedank' in ihm nur leise Entstehen könnt', er sey der Ruh' Von einer schönen Dame gefährlich. Alle Beweise, die ihr davon Entwischten und jedem andern es klärlich Bewiesen hätten, – der kränkelnde Ton, Der Wellen werfende Busen, das Feuer In ihren Augen, durch sieben Schleier Unaufgehalten, und daß sie sich Mitten in einem zärtlichen Blicke Schnell von ihm wandt', und oft und dicke Ihr ganz zur Unzeit ein Seufzer entschlich, Der, wie zwey Tropfen Wassers, einem Neu ausgekrochnen Amor glich, Und hundert solche Zeichen, die keinem Erfahrnen unverständlich sind, Hätt' er so wenig als ein Kind Verstanden, wenn eigne Liebesschmerzen Ihm nicht den Schlüssel zu ihrem Herzen Gegeben hätten. Indessen bin Ich doch nicht Bürge für seine Schlüsse . Ihn könnte doch sein sechster Sinn Betrogen haben. Allein darin, Daß er durch Fliehn sich retten müsse In jedem Falle, betrog er sich Gewiß nicht! Die Flucht ist sicherlich (Das Unterliegen ausgenommen) Der einzige Weg, aus einem Streit Mit Amorn leidlich wegzukommen. Nunmehr verlor er keine Zeit Das Fräulein von der Notwendigkeit, Ihr Leibkameel flugs zu besteigen, Durch viele Gründe zu überzeugen; Oder, was einerley Wirkung that, Sie wenigstens zum Gehorchen und Schweigen Zu bringen. Auf Seinen guten Rath Reiste sie nur mit wenig Staat, Den Laurern möglichst vorzubeugen. Vorsicht, wiewohl sie zuweilen sich Verrechnet, ist immer löbelich. So zogen nun, in tiefer Stille, Den Kopf vorhängend, Sie und Er Im Morgenrothe gemach daher, Gedrückt von ihrer Gedankenfülle. Sie waren kaum zwey Stunden gereist, Als ihnen aus einem nahen Holze, Den Speer gefällt, mit großem Stolze, Ein blauer Ritter entgegen sich spreißt. Er hatte hinter seinem Rücken Ein altes Weiblein aufgepackt, Eins von den seltsamsten Hausrathsstücken Womit sich je ein Ritter geplackt: Ein Weibchen von solchem Schrot und Korne, Daß die berühmte Maritorne , Mit ihrem feuerfarbnen Haar Und allen übrigen Zugehören Den Magen ganz sanft euch umzukehren.! An ihrer Seite – Venus war. Warum mit einer solchen Megäre Der blaue Ritter seine Mähre Beladen mögen, wundert euch? Es war ein angelegter Streich, - Dem Gandalin eine Gegenehre Im Nahmen der Schönen von Paris Für seine Galanterie zu erweisen, Daß er sie sämmtlich sitzen ließ. Mit einer Maske davon zu reisen. Der Ritter, ein langer Damenknecht, Der zwischen Nägel- und Lanzengefecht Den Unterschied, in den vierzehn Jahren Seit er die ersten Hosen trug, Vermuthlich noch nicht sehr erfahren, Hatte sich selber stark genug Gefühlt, mit seinem ersten Speere, Mit dem er lief, gewaltige Ehre Einzulegen an Gandalin ; Und (wie er den Damen voraus verkündigt) Das Bürschchen ein wenig überzuziehn, Das sich an ihren Reitzen versündigt, In solchem Vorsatz stellt' er sich, So wohlgemuth als ging's zum Tanze, Dem kommenden Ritter trotziglich Entgegen mit eingelegter Lanze, Und schrie von ferne schon: Halt ein! Hier ist der Weg gesperrt, Herr Reiter! Und so ihr etwa Lust habt weiter Zu reisen mit euerm Jüngferlein, So nehmt den Helm ab und bekennet, Daß diese Prinzessin, für die ihr brennet Und die mit euch die Welt durchstreicht, Der meinen , hinten auf meinem Schimmel, An Schönheit nicht das Wasser reicht; Bekennt es laut vor Erd' und Himmel, Und zieht dann meinetwegen wohin Ihr wollt mit eurer Königin! Mein Ritter sieht mit kaltem Blicke Ihn seitwärts an, und: »Herr Pennal, Tragt eure Dame ins Spital, Woher ihr sie gehohlt, zurücke, (Spricht er) ich habe keine Zeit Mich aufzuhalten.«                             Das ist mir leid, (Erwiedert jener) desto schlimmer! Denn ohne Fechten kommt ihr nimmer Von hier; es seydenn ihr bekennt Wie obsteht. – »Das möchte vor meinem End' Wohl schwerlich geschehn, mein Herr!«                                                     So sprechen Wir mit einander. – »Nun, (versetzt Mein Ritter) wenn etliche Rippen zu brechen Euch denn so übermäßig ergötzt, So kommt! Euch aus dem Sattel zu stechen Braucht's eben keine große Zeit. Nur her!« – Und so begann der Streit. Die Alte sprang in großer Eile Vom Pferd, und kroch auf ihrem Bauch Vor Angst in einen Brombeerstrauch; Und beide Ritter ohne Weile Spornten die Rosse, hohlten aus, Stießen zusammen in hartem Strauß, Und krack! da liegt auf allen Vieren Mein Prahler, ohne sich zu rühren. Herr Gandalin , an dessen Schild Sein schwacher Stoß leicht abgeglitten, Springt ab vom Roß, hebt freundlich und mild Den Gegner auf, nach Rittersitten, »Der Fall war unsanft! es thut mir leid! Allein ihr wolltet's.« – Kleinigkeit! Mein Gaul ist nicht zum Ritter geschlagen, (Erwiedert jener etwas schel) Doch wenn ihr noch einen Gang zu wagen Lust habt, so hängt zu euerm Befehl Hier ein Geschmeid' an meiner Linken. »Von Herzen gern – (spricht unser Held) Ich seh' euch zwar ein wenig hinken, Ein wenig viel! Wenn's euch gefällt So warten wir noch.« – Nicht eine Minute. – Ich fühle mich an Arm und Muthe Für einen Amadis stark genug. »Das freut mich herzlich zu vernehmen; Doch werdet ihr, vor dem Degenzug Zu einer Bedingung euch bequemen.« – Die ist? – »Wenn ich (spricht Gandalin ) Euch zu entwaffnen so glücklich bin, Die Dame in euern Schutz zu nehmen, Die bey mir ist.«                         Die Dame? (spricht Rings um sich schauend der blaue Ritter) Ich sehe keine Dame nicht. Wo ist sie! – Ha! die wird ein Dritter, Indessen das kleine Lustgesteck Uns aufhielt, weggeblasen haben! Der Streich, Herr Bruder, ist etwas frech, Ich muß gestehn! – Ich hörte was traben, (Däuchte mir) aber hatte nicht Zeit Mich umzusehen. Es scheint, ihr seyd In ihrer Gunst noch nicht gar weit Vorgerückt, daß sie euch so zu grämen Über ihr Herz erhalten kann? Ey, ey! auch nur nicht Abschied zu nehmen! »Wie? Sie ist fort? (ruft unser Mann Bestürzt) Verschwunden, oder es kann Nicht möglich seyn! – Welch Abenteuer! Ich muß ihr nach! Ein andermahl. Herr Ritter! jetzt ist keine Wahl! Die alte Freundschaft geht vor neuer!« Indem springt er mit Einem Sprung In seinen Sattel, und, wie er den Schwung. Nehmen will, glänzt im Gras ein Schleier Ihm in die Augen. Sein Herz erkennt Den Schleier, eh' ihm sein Aug' ihn nennt: Er ist des Fräuleins! – Und ohne vom Pferde Zu steigen, rafft er im Flug ihn auf, Küßt ihn und drückt ihn, giebt dem Pferde Die Sporen, und unter seinem Lauf Verschwindet rings um ihn die Erde. Siebentes Buch Vier lange Tage sind nun vorüber, Seit Gandalin die verlorne Spur Der wundervollen Je länger je lieber Berg auf Berg ab im hitzigsten Fieber Der Ungeduld sucht, durch Wald und Flur Bey Tag und Nacht Je länger je lieber Rufet, sie von der ganzen Natur Vergebens fordert, und gleich von Sinnen Kommen möchte, daß überall Die Leute so ruhig sitzen, spinnen, Ihr Feld bestellen, Haus und Stall In trägem angewöhntem Trabe Beschicken, und wenn er keichend fragt, »Ob niemand die Dame gesehen habe?« Der rohe Knecht, die dicke Magd Mit klotzenden Augen und offnem Maule Den tollen Herrn, auf seinem Gaule Begaffen, und was er da gesagt So wenig verstehn als wär' es Böhmisch. Bey solchem Erfolg vergeht der Drang Zum Suchen endlich. Mild und grämisch Wirft er nach Sonnenuntergang Am fünften Abend sich vom Pferde, Legt sich an eines Hügels Hang Der Länge nach auf Gottes Erde, Und bleibt wohl eine Stunde lang So liegen, indeß sein treuer Schimmel Im Grase geht! Und wie am Himmel In stiller Pracht die Cherubin, Jeder in seine Strahlensfäre Gehüllt, beginnen aufzuziehn, Denkt er: Ach, wer da droben wäre! Zuletzt erbarmt der Schlaf sich sein Und riegelt alle seine Sinnen Dem Unmtuh zu von außen und innen. Er schläft, wiewohl ein bloßer Stein Sein Küssen ist, gar lieblich ein. Schläft ruhig bis zum Sonnenschein, Und hätte den Tag dazu verschlafen: Wenn nicht ein Schäfer, nah dabey Vorüber ziehend mit seinen Schafen, Den schönen Morgen auf seiner Schalmey Aus voller Brust bewillkommt hätte. Jetzt wacht von seinem steinernen Bette Mein Ritter auf, schaut um sich her, Und sieht als wie ein grünes Meer Von Auen und Wiesen vor ihm verbreitet, Mit Gruppen von Bäumen gar mahlerisch Erhoben, alles lebend und frisch Im Morgenlichte, das drüber gleitet, Und zwischen Schilf und krausem Gebüsch Ein schimmernd Flüßchen in sanften Schlangen Sich längs der Ebne hinunter ziehn. Wie nennt ihr den Fluß? fragt Gandalin . Die Senn' , antwortet unbefangen Der Schäfer. – Und, wie wenn hart am Baum, In dessen Schatten ein Wandrer kaum Entschlummert war, mit schmetterndem Krachen Der Donner aus einem schweren Traum Den Schläfer weckt, und im Erwachen Der Schrecken, der ihm durch sein Gebein Noch schaudert, die Freude gerettet zu seyn Erst übertäubt, doch beym Besinnen Bald Dank und Freude den Sieg gewinnen: Nicht anders trifft des Schäfers Wort Auf Gandalins Herz. – »Die Senn' ! o Götter!« Denkt er, und schaudert, wie dürre Blätter In herbstlicher Luft – erkennt den Ort, Den Sonnemons Blicke zum Himmel machen: Und o was für Gefühl' erwachen Auf einmahl dringend in seiner Brust! So nah! O Überschwang von Lust! Auf einmahl ist der Zauber zerbrochen: Was ihn in diesen letzten Wochen Gefangen hielt, war nur ein Traum, Ein Feenspiel, ein magischer Traum; Allein der Zauber ist zerbrochen, Wie Wolkengemählde im Sonnenglanz Zerronnen! – Er ist zum vorigen Leben Erwacht, sich selber wiedergegeben! Sein Herz, sein Wesen wieder ganz In Sonnemon , ganz, ganz verschlungen Von wonnevollen Erinnerungen Und Ahndungen! – O so nahe! (ruft Er freudetrunken ) so nahe! Die Zinnen Von Ihrer Burg sind's was im Duft Dort schimmert! Ihr Athem ist in der Luft Die an mich weht! Auf, auf, von hinnen! Was säum' ich? Diese Wellen rinnen Zu ihr hinunter, kommen von mir Hinab zu jenen Schlangenbüschen, Wo sie in diesem Nu vielleicht Einsam durch junge Rosen schleicht. Im Morgenduft sich anzufrischen. Dieß denken, und auf sein wiehernd Roß Sich schwingen, und mit verhängtem Zügel Schnell wie ein Vogel hinunter den Hügel, Schießen, war Eins. Kurz, Sonnemons Schloß Ist wirklich erreicht, eh' Titans Pferde Von ihrer Tagreis' um die Erde Den sechsten Theil zurück gelegt, Nun denkt, ob, wie er über die Brücke Hinreitet, sein armes Herz ihm schlägt! Die Stunde, die seinem Liebesglücke Das Urtheil sprechen sollte, sie war Nun da, sein dreyfach Prüfungsjahr Vorüber! Er hatte in fernen Landen, Vom Abgott seiner Seele verbannt, Manch schweres Abenteuer bestanden! Doch Sie – die ihm mit Mund und Hand, Wofern er nie die Treue gebrochen, Sich selbst zum Minnesold versprochen: Hatte sie euch, in all der Zeit, Nie seiner und ihres Schwurs vergessen? Ihr Leichtsinn! Ihre Flüchtigkeit! Gott! hätt' ein andrer sich indessen In ihre Gunst zu stehlen gewußt! Drey Jahre, belagert von allen Seiten, Es auszuhalten hat Schwierigkeiten! Die Narben an seiner eignen Brust Sind, leider! Zeugen. – Tausend solche Aber und Wenn durchkreuzen sich Und wühlen und nagen, wie tausend Molche, An seinem Busen jämmerlich, So wie sich ihm die Pforte vom Himmel Aufthat. Selbst sein treuer Schimmel Nahm Theil an seines Herren Pein, Und lenkte, so munter er kaum geflogen, Die Ohren wie ein Eselein, Indem sie übern Schloßhof zogen. Indeß, so bald vom Thurm herab Das übliche Zeichen, wenn ein Ritter Sich einfand vor dem ersten Gitter, Der Zwerg mit seinem Horne gab, Kamen vier Knaben aus dem Schlosse Hervor, vier Knaben wie Milch und Blut, Mit Federbüschen auf dem Hut, Den Ritter auf ihres Fräuleins Schlosse Willkommen zu heißen. Sie bückten sich Zur Erde, halfen ihm hurtig vom Rosse. Und führten ihn dann gar sittiglich In einen mit großen Hirschgeweihen Gezierten Sahl. Da traten im Reihen Vier schöne Jungfrauen in den Sahl, In steifen Röcken mit hohen Kragen, Die neigten sich vor ihm zumahl, Schnallten ihm, ohn' ein Wort zu sagen, Die Rüstung ab mit zarter Hand, Warfen ein scharlachroth Gewand Ihm an, das bis zum Boden nieder Wallte, und zogen, nachdem sie sich Vor ihm verneigt, gar züchtiglich Und still, in voriger Ordnung wieder Zur Thür hinaus. Die schloß sich kaum, So kommen vier neue Ganymeden, Ihn, gleichfalls ohn' ein Wort zu reden, Ins Bad zu führen. – Ein schöner Traum Scheint alles, was mit ihm geschiehet, Dem staunenden Ritter, wiewohl ein Traum Worin ihm gute Hoffnung blühet. Im Bade ließen die Knäbelein Ihn sechs Minuten kaum allein, So kamen sie alle beladen wieder Mit goldnen Büchsen und feinem Tuch, Trocknen ihn, reiben ihm sanft die Glieder Mit Salben von köstlichem Wohlgeruch. Und, wie jetzt alle die heil'gen Gebräuche Des Bades vollbracht sind, helfen sie ihn Von Fuß auf anziehn, legen reiche Kleider ihm an, und Gandalin Geht nun (mit Vater Homer zu reden) Gleich einem Gott hervor, und wer Ihn ansieht, zischelt den Ganymeden, Voll süßen Wunders, wer ist der? Und schaut ihm nach. – So stattlich gezieret, Schön wie ein Stern im Morgengrau. Und frischer als eine Rose im Thau, Tritt er, von seinen Knaben geführet, Den Sahl hinein, wo Sonnemon , Wie Venus auf ihrem Rosenthron, Auf einem Sofa rings umgeben Von Liebessklaven, Tod und Leben Aus ihren Augen austheilt. Kaum Läßt sie – und o mit welchen süßen Blicken, die Augen auf ihn schießen: So sieht sie ihn schon zu ihren Füßen, Die Lippen an ihres Rockes, Saum Drückend, in Reden sich ergießen, Die ohne Zusammenhang, ohne Sinn, Nur desto stärker sein Entzücken Mahlen. Sie reicht mit freundlichem Nicken, Wie billig, die schöne Hand ihm hin, Und sagt, indem sie ihm aufzustehen Befiehlt und seinem berauschten Mund Die Hand entzieht mit sanftem Drehen, Es sey ihr lieb, so frisch und gesund Nach so viel Zeit ihn wiederzusehen. »Däucht Ihnen (spricht sie zu zwey bis drey Umstehenden Herren vom seufzenden Orden) Däucht Ihnen nicht auch, Herr Gandalin sey Auf seinen Reisen fetter geworden?« Es war ein wenig Schelmerey In dieser Frage: doch freudetrunken Wie Gandalin war, empfand er nichts Davon; so ganz hinein gesunken In jeden Reitz des Wonnegesichts War sein Gefühl, so lauter Augen Sein ganzes Wesen, es einzusaugen! Das Fräulein, als er zum letzten Mahl Sie sah, glich einer Rosenknospe, Die eben im warmen Sonnenstrahl Sich schamhaft öffnet: itzt war die Knospe Zur wollustathmenden, reifen, vollen Blume Cytherens aufgequollen! Stand vor ihm da, so engelgleich, Und zog sein Seelchen so ganz hinüber Auf Einen Zug ins Himmelreich! War jemahls eine Je länger je lieber Gewesen? – Er wußte nichts davon; Sie hatte sich in Sonnemon Verloren! Der Lethe selber hätte Mit allem Wasser in seinem Bette Sie reiner aus seinem Gedächtniß nicht Ausspülen können. –                             Indessen spricht Das Fräulein, frey und unbefangen, Von vielerley; wirft dann und wann Wohl einen Blick auf unsern Mann, Den er gefällig deuten kann, Doch ohne daß ihre Rosenwangen Sich höher färben; fragt, »wie ihm Rom Gefallen habe? wie hoch der Dom Zu Mailand sey?« und zwanzig Fragen In diesem Geschmack, die offenbar Ihr eben so wenig all ihm verschlagen: Doch nur ein Wort von dem zu sagen Was seinem Herzen so wichtig war – Nicht eine Sylbe! Die redendsten Blicke Gab sie ihm ohne Antwort zurücke; Vergebens seufzt er etlichemahl Als wollte das Herz im Leib' ihm brechen; Und da er endlich den Augenblick stahl Sie ganz von ferne an ihr Versprechen Zu mahnen, wußte sie wie ein Aal Ihm durch die Finger zu entwischen. Sogar das Liebeln und heimliche Zischen Ins Ohr des Nachbars – der jungen Herr'n Um Sonnemon , war Gandalinen Ein Zeichen, es habe kein günstiger Stern Zu seiner Wiederkunft geschienen. Unmuthig, und seinen Gram in sich Verschlingend, ergriff er endlich das beste Mittel in solchen Fällen – er schlich (Ohne das Ende von einem Feste, Das Sonnemon ihrem Hofe gab, Auszuwarten) die Treppen hinab, Und eilends hinaus zur Schlossespforte, Wie schaudernd aus einem verpesteten Orte Ein Wandrer flieht – wankt hin und her, Kommt endlich vom Instinkt geleitet, In seine alte Wohnung, die leer Und auf sein Wiederkommen bereitet Geblieben war.                         Kaum hatt' er hier Sich hingeworfen, der Ungebühr Die ihm geschehen, der Liebe, dem Hofe Fluchend – so klopft was an die Thür. Er läßt's wohl dreymahl oder vier Klopfen; und wie er endlich, der Thür Zu schonen, öffnet – so steht die Zofe – (Denkt, ob ihm nicht die Sinne schier Vergingen?) – Je länger je lieber 's Zofe Steht vor ihm da! Er fährt zurück; Doch, um ihn keinen Augenblick Im Zweifel zu lassen, läuft sie mit warmen Aus Fleisch und Bein gedrehten Armen Ihm an den Hals, erfreut sich sehr, Nach langem Hin- und Wiedertraben, Und Suchen im ganzen Land umher, Ihn endlich, wieder gefunden zu haben. »Mein Fräulein« – Wie? ruft Gandalin , Auch die ist hier? – »Zu dienen.« – Ich bin Verwirrt! Ihr müsset hexen können! »Ein wenig, so was man im Haus gebraucht, Ich muß gestehn.« – Bey Gott, mir raucht Der Kopf! Wie soll ich das alles nennen Was mir begegnet! – Dein Fräulein hier! – Gut! und was will sie denn von mir? »Wie? was sie will? Welch eine Frage! Sie sind, verzeihen Sie, daß ich's sage, Nicht wohl bey Laune, mein Herr! – Schon gut! Behalten Sie immer Ihr kaltes Blut Wofern Sie können! Wir wollen sehen!« Und was denn? was denn werden wir sehen? »So hören Sie an! – Was noch vor Jahr Und Tag bey Menschen unmöglich war. Ich sag', unmöglich – das ist geschehen! Ich, meines Orts, ich hätte mir klar Weit eher des Himmels Sturz versehen. Mein Fräulein, die alles was Liebe heißt Nicht ausstehn konnte, die lauter Geist Und Göttin war, vom Frauenzimmer Nichts hatte als bloß den äußern Schein, Der Herren, die um sie buhlten, immer Nur spottete, und bey ihrer Pein So wenig als ein Kieselstein Fühlte – mein Fräulein – Ich kann ermessen, Herr Ritter, Sie kennen mein Fräulein noch, Sie haben den Abend noch nicht vergessen, Den schönen Abend –«                                     So mache doch Ein Ende! –                     »Nur nicht so hitzig! Sie hören Ja nicht! – Mein Fräulein also dann – Hat endlich den wundervollen Mann Gefunden, der sie zur Liebe bekehren Sollte, und kurz – Sie sind der Mann! Mein Fräulein liebt Sie – in allen Ehren Versteht sich – was man lieben kann, Und bittet, wofern Sie noch an sie denken, Heut' Abends um gewöhnliche Zeit Ihr Dero werthe Gesellschaft zu schenken. Um zehn Uhr halten Sie Sich bereit, Ich komme Sie abzuhohlen.« –                                             Verlegen Bestürzt, verwirrt, unschlüssig schien Bey diesem Antrag Gandalin ; Saß lange da, den Kopf zurücke Gelehnt, die Augen geschlossen, den Mund Zusammen gedrückt. Auf einmahl stund Er auf, schoß unruhvolle Blicke Umher, und knirscht' in sich hinein: Nein, nimmermehr! es kann nicht seyn! »Nun, reden Sie! Soll ich meiner Dame Sagen, Sie kommen?« –                                     Es kann nicht seyn! »Sie sagen mir das? Es kann nicht seyn! Sie sind's doch? Oder ist Ihr Nahme Nicht Gandalin ? – Und, es kann nicht seyn, Das wäre die Antwort? – Die arme Dame! Sie hält's nicht aus! es ist zu viel! Herr Ritter! wie konnten Sie alles Gefühl, Alles Gedächtnis so schnell verlieren?« Weg, Satan! du sollst mich nicht verführen, Ruft Gandalin wüthend – Fort! hinaus! – Die Zofe lächelt seiner Hitze; Es sind doch, denkt sie, nur Schauspielsblitze; Verneigt sich, und eilet aus dem Haus. Kaum hört er auf den untersten Stufen Noch ihren Absatz, so wandelt ihn Der Einfall an, sie zurück zu rufen. Weg war sie! – Armer Gandalin ! Unglücklicher! mit dir selbst schon wieder Im Krieg! – Kaum sieht er sich allein, So fährt's ihm kalt durch alle Glieder, Er sinkt auf seinen Schrägen nieder, Und: Sollt' es (denkt er) möglich seyn? Wie trifft denn das Orakel ein? Sie sollte ja nicht eher lieben. Als bis sie einen aufgetrieben, Dem sie , wiewohl er unverhüllt Sie nie erblickt, je länger je lieber – »Elender! du zweifelst noch? und willt Dir's läugnen, wie oft dein Gewissen dich über Der brennenden That ertappte? willt Dir's läugnen, daß sie dir immer lieber Und lieber wurde? Ach! nur zu wahr. Ist das Orakel! bey den Ohren Halt' ich den Wolf – 's ist offenbar, Seh' ich sie wieder, so bin ich verloren! Ihr, deren bloßer Nahme mich schon Zum Kinde macht, zu widerstehen? Unmöglich! – Und käm' ich auch davon Mit halbem Herzen – o Sonnemon , Wie dürft' ich, könnt' ich dir's gestehen? Wie dir nur wieder ins Auge sehen Nach solcher That? – Nein, nimmermehr! Nein, Engel, Abgott meines Herzens, Und hättest du mich noch so sehr Beleidigt, gespottet meines Schmerzens Und meiner Liebe – du herrschest doch In meiner Brust! Ich trage dein Joch So schwer es ist, und will es tragen Bis Würmer an diesem Herzen nagen!« So spricht er zu sich selbst, und stärkt Zur Treue sich durch tausend Schwüre. Darüber schleicht ihn unvermerkt Die Nacht; und plötzlich thut die Thüre Sich auf, und siehe! im Vollmondschein Tritt Fräulein Je länger je lieber herein. Achtes Buch Nun setzt den Fall, ihr läget allein, Um Mitternacht, auf euerm Lager Und wiegtet euch bey Mondesschein Mit schlafbefördernden Bildern ein; Auf einmahl träte bleich und hager Ein langer weißer Geist herein, Mit Leichentüchern über und über Behangen, setzte sich gegenüber, Und starrte aus hohlen Augen voll Gluth, Die Zähne fletschend, zu euch herüber: Wie wär' euch wohl dabey zu Muth? Ich wett' euch würde mächtig bange Ums Herz! allein gewißlich lange So bang als unserm Helden nicht, Wie er auf einmahl, sich nichts versehend, Je länger je lieber vor seinem Gesicht In ihrer ganzen Größe stehend Erblickt. – Und gleichwohl zeigte sie sich Nichts weniger als gespensterlich. Kein Engel hätt' in einer mildern, Holdern, gefälligern Gestalt Erscheinen können. Sie war – »Halt! halt! Nur keine Beschreibung – Das ewige Schildern! Es macht den Dichter und Hörer kalt!« – Ich schweige. Genug, ihr kennt die Dame, Und mögt sie selbst nach Herzensgier Euch mahlen in eurer eignen Manier, Gefaßt in eine so schöne Rahme Als euch behaget – allenfalls, In langem weißem Atlaßkleide; Nur, bitt' ich, nicht zu viel Geschmeide! Bloß Perlenschnüre um Arm' und Hals: Den Schleier ja nicht zu vergessen; (Denn noch ist ihr verboten, dessen Sich abzuthun) doch deck' er bloß Das Angesicht, und durch doppeltes Leinen Mag etwa einer Erbse groß Von ihrem steigenden Busen scheinen! Des Ritters Lage bey allem dem War weder sicher noch bequem. Im plötzlichen Aufruhr aller Sinnen Was kann er sagen, was beginnen? Vermeiden wollt' er die Zaubergestalt, Aus seinem Herzen mit Gewalt Sie reißen, und sollt' es dran verbluten! Dieß hatt' er noch vor wenig Minuten Geschworen. Was könnt' ihm ärgers geschehn, Als dieser Nothzwang, sie zu sehn? Sein erster Gedank' auch itzt war – Fliehen , Fliehn, wie der keusche Josef dort Der Sünd' entfloh – Allein Ein Wort, Ein Ton – den Mond vom Himmel zu ziehen, Hemmt seinen Fuß. Er steht erschlafft, Gelähmt und zitternd, und ohne Kraft Nur Athem zu hohlen.                                 »Du kannst mich fliehen?« War alles, was sie selbst vor Schmerz Zu sagen vermochte.                                 Ein Dolch ins Herz Ist ihm der Ton womit sie's sagte; Ihm brechen die Knie, er sinkt betäubt An einem Stuhl zu Boden – bleibt Wohl eine halbe Viertelstunde So liegen – lüftet dann und wann Die Augen nach ihr, will reden, und kann Nicht reden, ihm stockt die Luft im Munde; Indeß die Dame, ihr Haupt gestüzt Auf beide Arme und über die Stirne Die Hände verschränkt, am Fenster sitzt Und schweigt. – Sein einzig Hoffen itzt Ist, daß sie grimmig auf ihn zürne. Allein er hört sie von Zeit zu Zeit Erseufzen, mit solcher Zärtlichkeit, Daß tausend Nadeln sein Herz durchstechen. Zuletzt – um es ihm gar zu brechen – Scheint, wie im Drang der Liebe dahin Gezogen, sich eine von ihren Händen, Als suchte sie ihn, nach ihm zu wenden. Dieß war zu viel für Gandalin ! Auf rafft er sich, im heftigsten Sturme Der Leidenschaft, wirft neben sie Sich nieder, verbirgt auf ihrem Knie Sein weinend Auge, hätte zum Wurme Verschrumpfen mögen, um sein Vergehn Und, was sie durch ihn leiden müssen, Im Staube zertreten, abzubüßen. Die Dame schien zu ihren Füßen Mit Wonnegefühl ihn liegen zu sehn. »Ist's möglich? rief sie in Entzücken, Er liebt mich? Seine Lippen drücken Den Schwur der Liebe, das heil'ge Pfand Der ewigen Treu', auf meine Hand? Mein ist das Recht ihn zu beglücken, Sein Herz mein Königreich, mein Thron, Mein Himmel! und keine Sonnemon Soll mir's entreißen?« –                                 Mit was für Blicken Der Ritter beym Nahmen Sonnemon Zusammen fuhr; das ängstliche Zücken, Nicht anders als ob ein Skorpion Aus ihren Lippen in seinen Busen Gefahren wäre – das sollt' ein Mann Wie Rubens anders, als ich's kann, Euch mahlen, und wenn auch alle Musen Mir mahlen hälfen! – Ha, welch ein Wort, Unglückliche, (ruft er mit Ergrimmen, Und schleudert die Hand weit von sich fort, Auf der noch seine Thränen schwimmen) Welch einen Nahmen wagtest du Zu nennen! – O, daß der nehmliche Nu, Da ich in deine Atmosfäre Gerieth, mein letzter gewesen wäre! O Zauberin, laß ab von mir! Was hilft es dir Gewalt zu üben? Mein Wille schwört sich los von dir, Warum mich zwingen dich zu lieben? – Gut! triumfiere! du siegst – doch klein Soll deines Sieges Freude seyn! Ich will zu Sonnemon dich führen, In deiner Gegenwart alles ihr Bekennen, und dann, vor deinen und ihren Augen, die Liebe an ihr und dir Rächend, dieß schwache Herz durchbohren, Das dich verrieth, ihr falsch geschworen! – Die Dame, statt vor Gift und Wuth (Wie ihr vermuthet) zu Boden zu sinken, Schien alles dieß mit frohem Muth Wie Nektar in sich hinein zu trinken Und wie sie glaubte der erste Jast Sey ausgeschäumt, sprach sie mit süßen Geberden: »Gleich! zu meinen Füßen Nieder, und was du gelästert hast Mir abgebeten! Das muß ich wissen Ob du mich liebst! Dein innerster Sinn Liegt vor mir aufgeschlossen; ich bin Zufrieden, ich bin geliebt und liebe! Unglücklicher Mensch, was quälest du, Dich selbst und die du liebst? Wozu Entgegen kämpfen dem süßen Triebe? Gieb dich gefangen! Lieb' um Liebe! Und Freuden, ohne Maß!« –                                             O Du – Antwortet er ihr mit zitterndem Munde, Die Hände ringend – Du hast mich zu Grunde Gerichtet! weg ist meine Ruh Auf ewig, und Schande und Verderben Mein Antheil. Laß mich, laß mich, sterben! Ich kann in deinem Zauberbann Nicht dauern, du unnennbares Wesen! Wer bist du? Flieh', verschwind'! ich kann Dich nicht ertragen, nicht genesen Wo Du bist! Meine Lieb' ist Haß, Nicht Liebe; sie brennt wie Höllenfeuer In meinem Busen. Laß mich, laß Mich sterben! – Oder reiß den Schleier Von diesen Zauberaugen, und laß Dich anschau'n, und im ersten Blicke Verzehre mich! –                         Aus Furcht, er rücke Den Arm nach ihrem Schleier, wich Das Fräulein ein wenig erschreckt zurücke; Indessen sah man sichtbarlich, Es kämpfe was in ihrem Herzen. Doch faßte sie sich, und: » Gandalin , (Sprach sie) ich müßte was ich bin Nicht seyn, um kalt bey deinen Schmerzen Zu bleiben. Allein, sprich selber, sprich, Was könnte Sonnemon und ich, Jede, mit einem halben Herzen Machen? Es muß zum letzten Entschluß Zum Wählen zwischen uns , kommen – es muß! Itzt schwebst du schwankend zwischen beiden. Nimm, Lieber, diese Nacht dazu, Bring erst dein tobendes Blut zur Ruh, Und morgen – laß dein Herz entscheiden!« – Dieß sagen, und, ohne daß er das Wie Wahrnahm, aus seinen Augen schwinden, War Eins. Er suchte mit eifriger Müh Oben und unten, vorn und hinten Im Hause – sie war nicht mehr zu finden. Nun denket was für eine Nacht Der gute Ritter in solcher Lage, So trostlos einsam, zugebracht! Es war die längste bitterste Nacht Die je vor seinem Todestage Ein armer Sünder durchgewacht. Dem Manne, der mir Schaf' und Rinder Und Haus und Hof und Weib und Kinder Geraubt, geschändet und umgebracht Hätte, – ich wünscht' ihm weder Acht Noch Kirchenbann, auch nicht von Mäusen Gefressen zu werden im Mäusethurm Wie Bischof Hatto , noch von Läusen Wie König Herodes , noch im Sturm, Von tausend grinsenden Toden umgeben, Sechs Tage in einer mastlosen Jacht Auf Wogenspitzen im Meer zu schweben: Ich wünscht' ihm – eine solche Nacht! Als nun die goldne Sonne wieder Zu scheinen begann, sprang Gandalin Von seinem Lager, so bleich und grün Wie liebessieche Mädchen, und müder Als hätt' er in einer Novembernacht In Regen und Sturm, durch tiefe Felder Und Sumpf und Moor und träufelnde Wälder, Sechs Meilen in Einem Zug gemacht. Er öffnet ein Fenster, schlürft und sauget Den Sonnengeist in sich hinein, Der alle Leibes- und Seelenpein Unendlich mehr zu lindern tauget, Als Paracelsens Laudanum, Und alle Essenzen, Elixiere Und schmerzbetäubende Klystiere Im großen Dispensatorium . Ihm ist als wehe im jungen Morgen Ein Gott ihn an, und seine Sorgen Verlieren im Ocean des Lichts Die Hälfte des drückenden Gewichts; Und, wie er da steht im Überrocke, Mit offner Brust und fliegender Locke, Greift er mechanisch nach Stock und Hut Und eilt hinaus in dumpfem Muth Ins Freye, – läuft mit großen Schritten Den Lindengang hinab, dann mitten Die Wiesen durch, dann übern Steg, Den Rain hinauf, dann linker Seite Quer übers holprige Brachfeld weg, In solcher Hast, daß alle Leute, An denen er so vorüber schwirrt, Stillstehend gaffen und denken müssen: »Der läuft, wie Kain , vor seinem Gewissen!« So war er lange herum geirrt, Als er zuletzt, wie einem Traume Entwachend, in Sonnemons Park sich fand. Da warf er neben einem Baume Sich nieder, streckte Fuß und Hand Und lechzte wie ein Fisch im Sand. Doch macht' ihm das Gefühl Vergnügen Auf Sonnemons Grund und Boden zu liegen. Allmählich, wie des Morgens früh Halb geistige leichte Dunstgestalten Am röthlichen Himmel sich entfalten, Dämmern in seiner Fantasie Die Bilder auf von jenen Tagen Und Stunden der ersten süßen Plagen Der Liebe, da er in diesem Hain So manchen Abend bey Mondesschein Den stillen Blumen sein Leid zu klagen Verweilte, so manchen halben Tag In einer Hecke verborgen lag, Um Sonnemon im Vorübergehen Durchs Laub verstohlen nachzusehen: Und unter diesen Träumereyn Schläft er in süßer Ermattung ein. Ihm hatten die freundlichen Waldesgötter Zwey Stunden sein gesenktes Haupt Auf ihren Schooß zu legen erlaubt, Als – eine Hand voll Rosenblätter, An seine Wangen mit leichter Hand Geworfen, ihn weckte. Sein Erstaunen, Da Sonnemon im Morgengewand, Reitzend wie Flora, die langen braunen Locken halb mit einem Band Gefesselt, halb am weißen Nacken Hinwallend, mit hold erröthenden Backen Und lieblichen Blicken, vor ihm stand – Sein süßes Erschrecken, und was er empfand Indem sie ihm ihre Grazienhand Zum Aufstehn reichte, – und sein Entzücken Und seine Angst – o Mutter Natur , Wie könnt' ich das alles in Worte drücken? So eine Scene fühlt sich nur. Mit ungewöhnlicher Huld und Milde In ihrem Wesen, Blick und Ton Führt ihn die schöne Sonnemon Zu einem Sitz, wo Efeu und wilde Reben, zum selbst gewachsnen Dach Verwebt, der Sonne den Paß versagen. Im Gehen bat sie ihn, ihr Betragen Bey seinem Empfang im Vorgemach Dem leidigen Zwang der Etikette Und dem beschwerlichen Mückenschwarm Der Höflinge beyzumessen. – »Sie hätte So gerne sich ihm mit offnem Arm Entgegen gestürzt, den lieben Getreuen So gern an ihren Busen gedrückt! Allein vor so viel Zeugenreihen Hätte sich's freylich nicht wohl geschickt. Doch nun, da keine Laurer uns stören, Itzt hör' und laß von dir mich hören Was nach so langer Trennung das Herz Uns eingiebt! – Nichts von altem Schmerz, Nichts das den süßen Augenblick trüben Könnte! von Zweifeln und Fragen nichts, Ob du auch immer treu geblieben! Die Antwort steht mit Zügen des Lichts Auf deiner offnen Stirne geschrieben.« Dieß war zu viel! – Mit jedem Blick, Mit jedem Wort ein feuriger Zwick In seine schuldbewußte Seele! Es war zu viel! – Wie grauer Duft Schwamm's ihm ums Aug'; er schnappte nach Luft, Ihm schlug das Herz bis an die Kehle; Und wär' ihm der gute Genius Der Liebe mit einem Thränenguß Nicht eilends noch zu Hülfe gekommen, Es hätt' ein trauriges Ende genommen. Was ist dir, rief sie: – Gandalin ! Du weinst? Du ächzest,? – Gandalin ! Was ist dir? Rede! Woher dieß Zagen? »O nichts mehr, Sonnemon ! – Ich kann, Du Engel, ich kann dich nicht ertragen, Nicht diesen Blick, nicht diesen Ton! O daß ich leben muß, zu sagen, Es dir zu sagen: Sonnemon , Du irrst dich, ich, bin deiner Liebe Nicht werth! – Und doch – O Gott der Liebe, Du weißt, wie bis ins dritte Jahr Jeder auch meiner geheimsten Triebe, Mein Wachen und Schlaf, ihr heilig war! Wie alle Reitze der schönsten Gestalten Zurück von diesem Herzen prallten, Worin sie unverrückt gethront! Und wie ich bis zum zehnten Mond Des dritten Jahres ausgehalten. Armsel'ger Ruhm! was hilfst du mir? Ein Augenblick hat dich vernichtet. Und wie? – Du hieltest's für erdichtet, Wenn jeder andre, als ich, es dir Erzähle.« –                 Und nun begann er treulich Ihr alles zu beichten, Stück für Stück, Wie's mit Je länger je lieber ihm neulich Ergangen, vom ersten Augenblick Bis zu der unverhofften Erscheinung Der gestrigen Nacht.                                 Mit großer Ruh Hört sie ihm bis zum Ende zu, Und: Soll ich (spricht sie) meine Meinung Dir sagen? – Du warst nie ungetreu, Und bist es noch nicht, hast mich immer Geliebt, und alles ist Feerey Was dir mit diesem Frauenzimmer Begegnet ist.                     »Ach, könnt' ich hiervon Mich überzeugen! ruft der Ritter. Oft dacht' ich's auch – und täuschte mich Damit. Zumahl, wenn sie zur Cither So lieblich sang; dann glaubt' ich Dich Zu hören, und ach! ihr gegenüber Empfand ich alles was ich für Dich Empfinde – quälte mich selbst darüber, Verbannte, so bald ich von ihr ging, Ihr Bild aus meinem Herzen, – und fing Gleich wieder Feuer, so wie ich wieder In ihren Zauberzirkel trat.« Sehr abenteu'rlich in der That! (Rief Sonnemon , erröthend, und nieder Die Augen schlagend) Doch, sage mir frey, Wenn ich die kleine Schwärmerey Nun übersehe, (denn Hexerey That augenscheinlich das meiste dabey) Und wenn ich, zufrieden mit deiner Treu', Mit diesem Kusse dir verzeihe;. Was sagst du?                     »Daß ich zu elend bin Das Leben länger zu ertragen! Du Engel von Güte! was kann ich sagen? Noch schwebt sie mir zu stark im Sinn, Die gestrige Nacht – Ach! Ihr zu Füßen Lag ich, wie jetzt zu deinen hier, Wünschte die Liebe, die ich ihr Bekannte, mit meinem Blute zu büßen. Und liebte sie doch! – und fühlte mich, Mit Allmacht zu ihr hingezogen! – Ach, Sonnemon ! – ich habe dich, Und ach! – mich hat mein Herz betrogen! Und nun, was bleibt mir übrig, als Zu sterben?«                     Das gute Fräulein konnte Sich kaum enthalten ihm an den Hals Zu fallen, so mächtiglich begonnte Die Liebe für ihn in ihrer Brust Zu sprechen; doch hielt sie noch die Lust. Ihm was sie fühlte zu gestehen Zurück, und: Höre mich, sagte sie, Die Dame wird dich wiederzusehen Wünschen –                     »O! – (unterbricht er) nie Soll dieß mit meinem Willen geschehen!« Es soll! ich will's! (erwiederte sie) Das Zauberwesen muß vergehen! Ja, Gandalin , du sollst sie sehen Und mich dazu! – und wenn alsdann Dein Herz sich nicht entscheiden kann, So müßt' ich, – nichts davon verstehen. Mit diesen Worten, verließ sie ihn Verräth'risch lächelnd, und – war verschwunden Eh' Gandalin von seinen Knien Sich, zu erheben Kraft gefunden. Ihr Lächeln, und wie sie sich betrug Beym ganzen Handel, war Lichts genug: Allein, ihm blieben die Augen gebunden. Verwirrter als je in seinem Sinn Kommt er nach Hause – irrt aus einem Zimmer ins andre – weiß in keinem Was er gewollt – steht auf, sitzt hin, Wird ausgekämmt und angezogen, Setzt sich zu Tische, ißt, und – weißt So wenig davon, als wäre sein Geist Zum Mann im Mond hinauf geflogen. Nie ward ihm, seit er Luft gesogen, Ein Abend so unerträglich lang, Bald hofft er von der Katastrofe Alles, bald wird ihm wieder so bang Als naht' er seinem Untergang Mit jeder Sekunde. – Wo bleibt die Zofe? Was säumt sie? fragt er wohl hundertmahl In Einer Stunde, (wie wartende Kinder Am Niklasabend) und schaudert nicht minder, So oft ein Fußtritt auf dem Sahl Sich hören läßt. – Und wie sie endlich, Ein Blendlaternchen in der Hand, Sich einstellt, ward er wie die Wand So weiß, und zitterte so schändlich, Wie Doktor Faust im Fastnachtsspiel, Da seine letzte Viertelstunde Zu Ende läuft, sein schreckliches Ziel Nun da ist, und zum Höllenschlunde Ihn unter Blitz und Donnergeroll Der böse Feind nun hohlen soll. »So machen Sie doch? Was soll das Zaudern? Herr Ritter! ich glaube gar Sie schaudern? Ha, ha! nun merk' ich's! Sie wissen's schon? – Man möcht' uns gern dieVolte schlagen. Die schöne Gräfin Sonnemon – Sie komme nur! hat nichts zu sagen! Sie wird an unserm Siegeswagen Gar stattlich ziehn! – Nur frisch gewagt, Herr Ritter, und sprecht, ich hab's gesagt; So bald mein Fräulein Je länger je lieber Den Schleier fallen lassen wird, So ist auf einmahl der Streit vorüber, Oder, – ich hätte mich sehr geirrt!« Der Ritter, ohne der Klappermühle Ein Ohr zu leihn, steht, wie beym Spiele Ein Mann der viel verloren hat, Und nun versucht ist, auf ein Blatt Sein ganzes Hab' und Gut zu wagen. Tiefsinnig, in sich hinein gekehrt, Steht er im Zweifel – Plötzlich fährt Er auf und denkt: Ich will es wagen! Ein einz'ger Augenblick voll Muth Macht alles Geschehene wieder gut, Ja, Sonnemon , ich will dich rächen! Die Stolze, die dir Hohn zu sprechen Vermeint – entschleiert soll sie stehn, Und im Moment, wo sie zu siegen Gewiß ist – sich Verworfen sehn! Ein schnell aufloderndes Vergnügen. Blitzt über seine Wangen hin, Indem er Muth und festen Sinn Sich zutraut, diesen Sieg zu siegen. Er folget nun im großen Trab Der führenden Iris auf und ab, Durch unbekannte Winkelgassen, Die wenig Gutes vermuthen lassen! Auch half das Blendlaternchen mehr Zum Dunkelmachen als zum Leuchten. So ging's nun lange hin und her, Bis sie ein Hinterpförtchen erreichten. Die Zofe klopft. Es thut sich auf Und schließt sich wieder. Der Ritter tappt Die lange Wendeltreppe hinauf, Und dumpfe Ahndungen hemmen den Lauf Von seinem Blut, er hustet, schnappt Nach Athem, und bleibt wohl dreymahl stehen, Indem sie durch die lange Reih' Von schwach beleuchteten Zimmern gehen. »Viel Glücks! die Reis' ist nun vorbey,« Spricht Iris , indem sie ein großes Zimmer Ihm öffnet, und hinter ihm wieder schließt. Nun denket, – da ein Strom von Schimmer Aus hundert Kerzen entgegen ihm schießt, Und vor ihm steht das nehmliche Zimmer, Worin sich, nahe bey Paris, Je länger je lieber zuerst ihm wies, Die Decke mit goldnen Körben, Früchten Und Blumen just wie dort staffiert, Und mit den nehmlichen Bibelgeschichten Die Wände ringsum tapeziert, Und neben einem kleinen Tische Das nehmliche Ruhebett in der Nische, Und drauf im nehmlichen Überzug Je länger je lieber mit ihrem Schleier; Nun, bitt' ich, denkt, ob unserm Freyer Das Herz im Busen höher schlug? Er wurde so überrascht von allen Den Wunderdingen, so überhäuft, Daß er, um nicht zu Boden zu fallen, Kaum einen Lehnstuhl noch ergreift. Die Dame, nachdem sie ihm, sich zu fassen, Ein paar Minuten Zeit gelassen, Dankt ihm im sanftesten Liebeston Für diesen letzten Beweis von Achtung, Und daß er aus Liebe zu Sonnemon Doch wenigstens nicht mit kalter Verachtung Ein Herz, das ihm zu widerstehn Nicht Kraft gehabt, bestrafen wollen. »Ich will nicht klagen – nicht mein Vergehn Durch Bitten um Mitleid noch erhöhn: Du hättest in dein Herz zu sehn Mir eher vielleicht gestatten sollen; Mir sagen sollen mit guter Art, Es sey versagt – wer weiß, wir hätten Uns beide vielleicht viel Schmerz erspart! Ich hätte mich vielleicht noch retten Können! – Doch all dieß, Gandalin , Ist Schicksal; wir konnten ihm nicht entfliehn. Ich weiche – (sie sagte dieß mit immer Gerührterer Stimme) ich weiche der Noth, Und täusche mich nicht! Ich seh's, kein Schimmer Von Hoffnung bleibt mir – als vom Tod. Du scheinst gerührt? – Dich zu betrüben War nicht mein Wille; doch, laß noch dieß Mich sagen – den Trost dich ewig zu lieben, Den süßen Trost, raubt mir gewiß Kein Schicksal! Und auch der Wahn ist süß; Laß Sonnemon den Wahn mir gönnen, Den Traum der schmeichelnden Fantasey, Du hättest, wäre dein Herz noch frey Gewesen, vielleicht mich lieben können!« Hier wird sie so von Empfindung gedrückt, Daß ihr die Rede im Mund erstickt. Ich hätte vielleicht dich lieben können? (Ruft Gandalin ängstlich, als ob sein Herz Zerspringen wollte vor Lieb' und Schmerz) O könnt' ich diese Brust zerreißen Und in mein Herz dich schauen heißen! Ob ich dich liebe? Wie ängstigt mich Dieß grausame Zweifeln! Wohlan, so höre, Was ich zu deinen Füßen schwöre – Wiewohl ich, nicht begreife, wie Dieß alles möglich ist, und wie, Durch welche allmächtige Sympathie, Du mich bezaubert hältst – doch, höre, Was ich bey dieser Hand, die ich Hier fasse, bey jeder brennenden Zähre Die auf sie fällt, gelob' und schwöre: Ich liebe Sonnemon und Dich ; Ihr beide herrscht in meiner Seelen Als hätt' ich nur für euch allein Ein Herz, und zwischen euch zu wählen Wird ewig mir unmöglich seyn! O laßt mich! – Unwerth euch zu lieben, Unwerth von euch geliebt zu seyn, Unfähig 'mit getheilten Trieben Euch glücklich zu machen, zu meiner Pein Und zu der eurigen – euch zu lieben Verdammt – o laßt mich, laßt mich fliehn, Mich fern von euch, in Gram verzehren, Und möchte der Nahme Gandalin Nie wieder eure Ruhe stören! So spricht er liegend auf seinen Knien, Und Thränen, wie glühende Tropfen, stürzen Auf ihre Hand. – Das Fräulein kann Nicht länger seine Qual zu kürzen Sich säumen. – »Du wunderbarer Mann! Und hättest du vor Sonnemon s Ohren Uns beiden all dieß auch geschworen?« O! ruft er, wäre sie doch hier! »Da ist sie! – Siehe sie vor dir!« Und siehe! Mantel und Schleier wallen Von ihren Schultern – und – Sonnemon ( O Lieb' um Liebe! o süßer Lohn Der schwersten Prüfung!) Sonnemon Läßt sich in seine Arme fallen!