Christoph Martin Wieland Geschichte des Weisen Danischmend und der drei Kalender Ein Anhang zur Geschichte von Schechian Cum notis Variorum Inhalt: Keine Vorrede 1. Kapitel: Wie der Sultan Gebal und Danischmend aus einander kommen 2. Kapitel: Danischmend läßt sich in Kischmir nieder. Sein Hauswesen. Ein neues Bedürfnis 3. Kapitel: Mysterien – Procul este profani! 4. Kapitel: Was Danischmend den Leuten ins Ohr sagte 5. Kapitel: Bedarf keiner Überschrift 6. Kapitel: Worin Danischmend die Schwachheit hat, mit einem Kalender über häusliche Glückseligkeit zu disputieren 7. Kapitel: Wer dieser Kalender war, und wie ein Kalender aussieht 8. Kapitel: Geschichte der drei Kalender 9. Kapitel: Ein Dialog zwischen dem Leser und dem Autor 10. Kapitel: Schutzrede des Kalenders für seinen Stand 11. Kapitel: Ein ehvertrauliches Gespräch zwischen Danischmend und Perisadeh 12. Kapitel: Fortsetzung der Geschichte des ersten Kalenders 13. Kapitel: Der Kalender sagt Danischmenden im Vertrauen was er von der menschlichen Gattung denkt 14. Kapitel: Was Danischmend dazu sagt 15. Kapitel: Ein Familienstück 16. Kapitel: Worin Danischmend seinem Herzen Luft zu machen anfängt 17. Kapitel: Geschichte der Sultanschaft 18. Kapitel: Schutzrede für die Menschheit 19. Kapitel: Ein Intermezzo von drei Fakirn 20. Kapitel: Warum es bei allem dem noch ganz leidlich in der Welt hergeht 21. Kapitel: Eine seltsame Begebenheit. Man bittet die Leser, ernsthaft zu sein 22. Kapitel: Entwicklung und Ende der Tragödie 23. Kapitel: Schließliche Nutzanwendung 24. Kapitel: Natürliche Folge dessen was vorgegangen war 25. Kapitel: Eine moralische Betrachtung von wichtigem Belang, weil sie den Schlüssel zu vielen andern enthält 26. Kapitel: Danischmend hat den Einfall sich zum Imam aufzuwerfen 27. Kapitel: Beantwortung einer Frage, die dem Leser beifallen könnte 28. Kapitel: Von zwei Menschen auf Einer Planke 29. Kapitel: Über gewisse Eigenheiten im Charakter Danischmends, die ihm von der Welt schlimmer ausgelegt wurden als er es verdiente 30. Kapitel: Worin wir den Kalender immer näher kennen lernen 31. Kapitel: Erster Versuch eines Kalenders auf die Ruhe der Jemalitter 32. Kapitel: Danischmend lernt Körbe machen 33. Kapitel: Glücklicher oder unglücklicher Erfolg der Reise Feriduns nach der Stadt Kischmir 34. Kapitel: Danischmend und der Kalender Alhafi entzweien sich 35. Kapitel: Eine neue Erscheinung in Jemal, und ein Gespräch darüber zwischen Zeineb und Perisadeh 36. Kapitel: Die ersten Faden eines Anschlags, der sich gegen Danischmend entspinnt 37. Kapitel: Der alte Kalender trennt sich von Danischmend. Bewegungen, welche die Erscheinung der Bayadere in Jemal verursacht, nebst den Folgen, die für Danischmend daraus entstehen, und einer traulichen Unterredung zwischen ihm und Perisadeh 38. Kapitel: Worin sich die Absichten und Entwürfe des alten Kalenders völlig entwickeln 39. Kapitel: Wie Danischmend den Plan des alten Kalenders zu Wasser macht 40. Kapitel: Wie Danischmend sich in seinem neuen Aufenthalt einrichtet, und was für Gelegenheiten er bekommt, sich bei Schach-Gebal wieder in Erinnerung zu bringen 41. Kapitel: Danischmend zieht in die Nähe von Dehly und ernährt sich und die Seinigen mit Korbmachen 42. Kapitel: Schach-Gebal stattet dem Körbchenmacher einen Besuch ab 43. Kapitel: Noch ein ehvertrauliches Gespräch zwischen Danischmend und Perisadeh 44. Kapitel: Schach-Gebal entdeckt Danischmenden sein geheimes Anliegen 45. Kapitel: Wie Danischmend seinen Auftrag an Sadik ausrichtet und was daraus erfolgt 46. Kapitel: Was für ein Pflaster der getreue Kerim auf die Wunde seines Herrn legt. Der Sultan entschließt sich, Danischmenden wieder zu entfernen 47. Kapitel: Eine unvermutete Zusammenkunft, und Nachrichten aus Jemal 48. Kapitel: Glücklicher Erfolg der Audienz, welche Faruk bei dem Sultan erhält 49. Kapitel: Einige Aufschlüsse, nebst einem unfehlbaren Mittel, wie man die Sultane von phantastischen Leidenschaften kuriert 50. Kapitel: Ankunft in Jemal und Beschluß der Geschichte Keine Vorrede Eine Vorrede vor ein Werk, wie die Geschichte des Philosophen Danischmend? Nein, bei allem was gut ist, ich werde keine Vorrede dazu machen, es erfolge auch daraus was will! Für den verständigen Leser würde die kürzeste zu lang sein: und dem unverständigen hilft keine Vorrede, und wenn sie dreimal länger wäre als das Werk selbst. »Es gibt Leute«, sagte mir einer meiner Freunde (in der weitern Bedeutung des Wortes), »die hinter Ihren Sultanen und Bonzen ganz was andres suchen« – »Als Sultanen und Bonzen? – Da haben die Leute unrecht, Freund!« »Aber es gibt nun einmal solche Leser, gegen die man sich sehr kategorisch erklären muß, wenn man Unheil verhüten will. Ich dächte, Sie wären's sich selbst schuldig, diesen Leuten ein für allemal so deutlich, als nur immer möglich ist, zu sagen, wie Sie verstanden sein wollen.« »Dies ist längst geschehen erwiderte ich. »Wie kann ich mich deutlicher erklären, als ich's im Goldnen Spiegel getan habe? Wer nun nicht versteht, will nicht, – oder befindet sich im Falle des ehrlichen Mannes, der alle Brillen eines ganzen Ladens probierte, ohne einen Buchstaben dadurch lesen zu können; am Ende zeigte sich, daß der Mann weder mit noch ohne Brille lesen konnte.« »Schaffe mir Kinder, oder ich sterbe«, sagte Rahel zu Jakob ihrem Manne. » Bin ich denn Gott? « antwortete der Erzvater. – Dies ist gerade der Fall eines ehrlichen Autors, den unverständige Leser zwingen wollen, ihnen Verstand zu geben . Licht ist nur Licht für den Sehenden: der Blinde wandelt im Sonnenschein, und dünkt sich im Finstern.   Also keine Vorrede! 1. Kapitel Wie der Sultan Gebal und Danischmend aus einander kommen Schach-Gebal , ein durch gute und böse Gerüchte bekannter Sultan, hatte, neben manchen gleichgültigern Eigenschaften, die Schwachheit – wie es seine Tadler nannten – daß er über niemand, dem er einmal hold gewesen war, lange zürnen konnte. Wahr ist's, in dem Augenblicke, wo man in seine Ungnade fiel – welches leicht begegnete – waren zwei- oder dreihundert Prügel auf die Fußsohlen das wenigste, womit er den Unglücklichen, den dieser Zufall traf, bedrohte. Aber seit die Sultanin Nurmahal von ihm erhielt, daß dergleichen Züchtigungen nie anders als in seiner Gegenwart vollzogen werden durften, hat man kein Beispiel, daß er's bis zum zehnten Streiche hätte kommen lassen. Er ließ sich, nach der Weise der Sultanen seiner Brüder, bei solchen Anlässen große Komplimente über seine Mildherzigkeit machen. Allein das Wahre an der Sache war, daß er, trotz seiner Sultanschaft, sich nicht erwehren konnte, bei jedem Streich ein unangenehmes Zucken in seinen Nerven zu fühlen. Der Gedanke, ich bin auch ein Mensch , denkt ihr – aber dies war es nicht. Armer Schach-Gebal! du warst zu sehr und zu lange Sultan, um so etwas aus dir selbst zu denken. Aber die Natur, die Natur! die treibt ihr Werk ohne Ansehen der Person, im Monarchen wie im Bettler. Die mitzitternde Nerve wird beim Anblick des Leidens eines Menschen an dem vermeinten Halbgotte zum Verräter; er fühlt, daß er auch Fußsohlen hat. Um es eiligst wieder zu vergessen, übt er eine seiner hohen Vorzüglichkeiten aus, und ruft: Gnade! Dies mag bei Schach-Gebaln so gewesen sein; aber vermutlich war er hierin nur eine Ausnahme. Die Nerven der Sultanen verlieren gewöhnlich diese sympathetische Eigenschaft. Sie fühlen nicht, daß sie auch Fußsohlen, auch einen H . . rn haben, bis sie Podagra und F. w. n daran erinnern. Anonym Wie dem auch war, gewiß ist, daß der Philosoph Danischmend, als er, ohne recht zu wissen wie ihm geschah, in des Sultans Ungnade fiel, weit leichter davon kam, als es seine guten Freunde, die Fakirn , gehofft hatten. Diese gutherzigen Seelen würden mit den dreihundert Prügeln auf die Fußsohlen, die ihm Schach-Gebal in der ersten Hitze seines Zorns versprach, als einer noch ganz leidlichen Vergütung aller Unbilden, die sie von ihm erlitten zu haben vorgaben, allenfalls zufrieden gewesen sein. Aber der Sultan fand nach kälterer Überlegung diese Strafe für ein Verbrechen, welches sein ehmaliger Itimadulet nur erst in Gedanken begangen hatte, doch ein wenig zu hart, und besann sich so lange auf eine gelindere, bis ihm die Lust zu strafen gar verging. Danischmend lag indessen in einem Gefängnisse, wo etliche Spannen Himmel seine ganze Aussicht, und ein paar Fliegen seine ganze Gesellschaft ausmachten. Er fing bereits an zu glauben, daß nun weiter nicht mehr die Rede von ihm sein würde, als ihn der Sultan, in einer von seinen guten Launen, holen ließ. »Danischmend«, sagte der Sultan, als er ihn mit seinem langen Barte (der inzwischen gute Zeit zum Wachsen gehabt hatte) ansichtig wurde: »– wenn einem Menschen wie du zu raten wäre, so würd ich dir raten, wie du hier stehst, die Philosophie abzuschwören und – ein Santon Eine Art von muhamedanischen Mönchen der strengem Observanz, die sich in völliger Abgeschiedenheit von allen irdischen Dingen der Kontemplation widmen, und in der engsten Gemeinschaft mit dem höchsten Wesen zu stehen glauben oder vorgeben. Herbelot zu werden. Den Bart dazu hättest du schon, wie ich sehe; und an Entbehrungen solltest du, denk ich, auch gewöhnt worden sein, seitdem sie dich zwischen vier Mauern eingekuffert haben. Ich sehe wenigstens kein andres Mittel, dich mit den Derwischen und Fakirn auszusöhnen, die dir, wie ich höre, so herzlich gram sind, daß ich eine Empörung besorgen müßte, wenn ich darauf bestehen wollte, dich gegen sie in Schutz zu nehmen. Ein Santon, ich habe der Sache oft nachgedacht, ein Santon ist das glücklichste Wesen in der Welt. Wenn ich nicht mein Wort gegeben hätte Sultan zu sein, ich wüßte nicht was mich hindern sollte heute noch Santon zu werden.« »Santon?« – versetzte Danischmend. »Die Sache mag ihr Gutes haben; aber – ich wollte darauf schwören, daß ich niemals einen erträglichen Santon machen würde. Ich habe gewisse Bedürfnisse, von denen ich mich unmöglich los machen kann« – »Bedürfnisse, Bedürfnisse«, fiel Schach-Gebal ein – »die sind immer das dritte Wort bei euch Philosophen. Ich habe keine Bedürfnisse und bin Sultan! Es ist ein häßliches, verächtliches Ding, so viele Bedürfnisse zu haben. Unter uns, was für Bedürfnisse wären es denn, von denen du nicht Lust hättest dich los zu machen?« »Sire, Sie werden über mich lachen«, versetzte Danischmend: »aber wer kann sich helfen? Es gibt gewisse Dinge, ohne die ich weder leben noch weben kann; als da ist – die gute Mutter Natur jedes Stückchen auf mir spielen zu lassen, das sie auf mir spielen will, Dies ist einer sehr argen Ausdeutung fähig, Herr Danischmend! Didius Wer sind die Leute, die bei allen Dingen immer Arges denken? Bonhomme Schurken. Diogenes immer auszusehen, wie mir ums Herz ist; nichts zu reden, als was ich denke; nichts zu tun, als was ich mit Freuden tue; mich mitzuteilen, wenn ich glücklich bin, und flugs in meine Schale zurück zu kriechen, so bald ich eine Fliege, die mir um die Nase summst, durch einen Wolkenbruch ertränken möchte; ferner, alles was Menschen angeht, als meine Privatsache anzusehen, und mich über ein Unrecht schrecklich zu ereifern, das vor dreitausend Jahren einem Betteljungen zu Babylon geschehen ist; allen harmlosen ehrlichen Gesichtern gut zu sein, und allen Schurken, wo ich nur an sie kommen kann, auf den Fuß zu treten; und, während daß ich die Welt gehen lasse – wie sie kann, mich (so oft ich nichts Angenehmers zu empfinden oder nicht Bessers zu tun habe) auf meinen Sofa zu lagern und Entwürfe zu machen, was ich tun wollte, wenn ich der große Lama, oder die Favoritin des Königs von Serendib , oder der Dairi von Japan wäre. Mit Einem Worte« – »Mit Einem Worte, Herr Danischmend«, fiel ihm der Sultan lachend ins Wort, »ich sehe, daß du ein Grillenfänger bleiben wirst so lange du lebst. Aber betrüge dich nicht, mein Freund. Ich habe dir schon gesagt, daß ich nichts für dich tun kann. Es steht bei dir, ob du ein Santon oder ein Kalender, oder was du werden willst; aber aus Indostan muß ich dich verbannen, dafür hilft nichts. Die Fakirn! die Bonzen! – Um dein selbst willen muß ich's tun. Suche dir in den Wildnissen des Imaus einen Wohnort aus, wo dir's am besten gefällt; näher kann ich, wenn ich Ruhe haben will, keinen Philosophen bei mir leiden.« »Sultan von Indien«, sagte Danischmend, »es gibt sehr anmutige Gegenden in den Wildnissen, wohin Ihre Hoheit mich zu verbannen die Gnade haben. Ich habe mir schon lange eine Vorstellung gemacht, daß sich dort eine ganz artige kleine Kolonie von glücklichen Menschen anlegen ließe.« »Von glücklichen Menschen?« – rief Schach-Gebal: »Feenmärchen, Zauberschlösser, Freund Danischmend! Wolltest du nicht, da du mein Itimadulet warst, alle meine Untertanen zwischen dem Oxus und Ganges glücklich machen? Und wie viel fehlte noch, daß du mit dieser einzigen Grille ganz Indostan zu Grunde gerichtet hättest? Dies sagte der Sultan vermutlich bloß aus seiner Einbildung, und anticipando, weil er dem guten Danischmend nichts bessers zutraute; denn in der Tat hatte dieser in der kurzen Zeit seiner Amtsführung nicht Zeit genug gehabt, das kleinste Dorf in Indostan zu Grunde zu richten. Ich dächte, von dieser Narrheit wenigstens solltest du geheilt sein, Danischmend!« »Was bei hundert Millionen verdorbener Menschen unmöglich gewesen wäre, gelänge mir vielleicht bei einem kleinen Häufchen roher aber noch unangesteckter Söhne und Töchter der Natur«, erwiderte der Philosoph. Der Sultan schwieg eine Weile, wie er zu tun pflegte wenn ihm ein Einfall in den Wurf kam, mit dem er etliche Augenblicke spielen konnte. Endlich sagte er: »Weißt du wohl, Danischmend, daß ich beinahe Lust hätte dich eine Probe machen zu lassen? nur um zu sehen was heraus käme. Gut! ich gebe dir einen Befehl an meinen Schatzmeister zu Kabul: denn ohne Geld legt man keine Kolonien an; zumal wenn du sie, um eine schöne Zucht von Menschen zu bekommen, mit hübschen Tschirkassierinnen versehen wolltest. Aber nimm dich in acht, daß der Bramine der Sultanin nichts davon erfährt. Ich mag keine Fehde mehr mit diesen wackern Leuten; ich will Ruhe haben!« »Herr«, antwortete Danischmend, »wenn mir zum letzten Mal noch erlaubt ist so freimütig wie sonst mit Ihrer Hoheit zu reden, ich habe keine Lust mich in die Wildnisse des Imaus verbannen zu lassen. Ich bin nicht selbständig genug um ohne Gesellschaft leben zu können, und schon zu alt um Waldmenschen zahm zu machen. Gern will ich für die Nachwelt pflanzen; aber dann müssen auch die Bäume schon gewachsen sein, in deren Schatten ich selbst ausruhen soll. Dem Braminen der Sultanin und allen Fakirn und Bonzen in der Welt wird es gleichgültig sein können, wo ich lebe, wenn sie nur nichts weiter von mir hören. Und hören sollen sie nichts mehr von mir, oder es müßte gar kein bewohnbarer Ort mehr auf Gottes Boden sein, wo man sicher vor ihnen atmen könnte. Ich kenne in den Gebirgen von Kischmir einen solchen Ort; ein einsames Tal, fruchtbar und anmutig wie die Gärten Schedads , Schedad Ben Ad , ein alter arabischer König aus der fabelhaften Epoke dieser Nation, war ein mächtiger aber gottloser Fürst (sagt die arabische Tradition), welcher Ansprüche an den Götterstand machte, und (außer der in den Gedichten und Märchen der Araber berühmten, unsichtbar gewordenen Stadt Schedads ) ein Paradies, Iram genannt, anlegte, worin diejenigen unter seinen Getreuen, die er dieser Belohnung würdig hielt, von allem was den Sinnen schmeicheln und entzücken kann, trunken wurden. Ungeachtet dieses Schedads im Koran nie anders als mit Abscheu gedacht wird, pflegen doch viele Muhamedaner dieses sinnliche Paradies Iram mit demjenigen zu vermengen, welches ihnen im Koran verheißen ist. Herbelot und von einem harmlosen Völkchen bewohnt, das keinen Begriff davon hat, wie man ein Fakir oder Santon sein kann. Wenn mir Ihre Hoheit so viel geben wollen, daß ich mir unter diesen guten Leutchen eine Hütte bauen kann, so sind alle meine Wünsche erfüllt. Fürs übrige, was man noch um glücklich zu sein haben muß, will ich schon sorgen.« »Es sei darum«, sagte Schach-Gebal. »Wenn man einem Gutes tun will, muß man's ihm nach seiner eigenen Weise tun. Lebe wohl, Danischmend. Möchtest du in deiner Einsamkeit glücklich genug sein, zu vergessen, daß du einst der Freund eines Sultans warst!« Danischmend war im Begriff, auf dieses gnädige Kompliment eine Antwort zu geben, die dem Sultan notwendig hätte mißfallen müssen. Aber er konnt es nicht über sein Herz bringen, den guten Herrn durch eine Wahrheit zu kränken, die am Ende doch zu nichts helfen konnte. Es gibt Wahrheiten, die ein Mann (Sultan oder nicht Sultan) sich selbst sagen muß. Tut er's nicht, oder kann er's nicht tun, so ist's Menschlichkeit, ihn damit zu verschonen. In solchen Fällen kann die Wahrheit nur demütigen, nie besser machen. Danischmend verschwand noch an dem nämlichen Tage aus Dehly, und weder der Bramine der Sultanin, noch die Sultanin selbst, konnten jemals von Schach-Gebal erhalten, daß er ihnen gestanden hätte, was in dieser letzten Unterredung zwischen ihm und seinem ehmaligen Günstling vorgegangen. Dieses eigensinnige Stillschweigen des Sultans, und die Unmöglichkeit vom Aufenthalte des verschwundenen Philosophen etwas zu erfahren, brachte die schöne Nurmahal und alle, denen daran gelegen war, auf die Vermutung, daß ihn Schach-Gebal heimlich habe aus dem Wege schaffen lassen. »Auch dies ist so übel nicht«, sagten die Bonzen. 2. Kapitel Danischmend läßt sich in Kischmir nieder. Sein Hauswesen. Ein neues Bedürfnis Unterdessen hatte Danischmend, nachdem er auf Befehl des Sultans von dem Schatzmeister zu Lahor zehentausend Bahamd'or empfangen, in den Gebirgen, welche Kischmir von Tibet absondern, sich einen Wohnplatz ersehen, wo er, fern von Sultanen und Fakirn, nach seinem Geschmack und nach seinem Herzen glücklich zu leben hoffte. Es war ein langes, zwischen fruchtbaren Hügeln und waldigen Bergen sich hinziehendes Tal, Jemal genannt, von tausend Bächen und Quellen aus dem Gebirge bewässert, und von den glücklichsten Menschen bewohnt, die vielleicht damals auf dem ganzen Erdboden anzutreffen waren. Hier war ihm vor allen Dingen nötig, sich ein kleines Hauswesen einzurichten. Denn (nach seiner Philosophie) setzt ein weiser Mann sich zuerst in seinem Mittelpunkte so waagerecht als immer möglich fest, und sorgt – für sich selbst. Dann zieht er einen Kreis mitfühlender Zuneigung und wohltätiger Wirksamkeit um sich her, schießt seine Strahlen gegen alle Punkte dieses Kreises aus, und macht, so viel an ihm ist, alles glücklich, was er erreichen kann. Diesem Plane gemäß kaufte sich Danischmend ein kleines Gut, ungefähr so groß wie Plinius meint, daß ein gelehrter Müßiggänger eines nötig habe; Briefe des Plinius , B. I. Br. 24. das heißt, »gerade so viel Grund und Boden, als er brauchte, um den Kopf an einen Baum zurück zu lehnen, seine kurzsichtigen Augen an einer Aussicht ins Grüne zu laben, auf dem nämlichen Fußpfade zwischen seinem Kohlgarten und Kornfelde hin und her zu kriechen, alle seine Weinstöcke auswendig zu wissen, und über alle seine Bäumchen ein Register zu halten.« Danischmend, der ein wenig mehr Bedürfnisse hatte als Suetonius , legte sich noch überdies ein Wäldchen an, wo er in dunkeln kunstlosen Irrgängen herum schlendern konnte, und vergaß nicht, hier und da eine Bank hinsetzen zu lassen, damit zwei oder drei Personen im Frieden neben einander Platz nehmen könnten, wenn sie des Gehens müde wären. Auch leitete er eine Felsenquelle, die seine Wohnung mit Wasser versah, durch eine Wiese, die er seinen Blumengarten nannte, pflanzte da und dort auf die Wiese und längs seines Kornfeldes Obstbäume, unter deren Schatten seine Mäher und Schnitter ausruhen konnten, und ließ in den Felsen, aus dem die Quelle kam, eine Grotte hauen (die Natur hatte schon das meiste dabei getan) wo man in der Sommerhitze, hinter einem Vordach von Eppich und Weinreben, auf einer Bank von Moos, beim Gemurmel der Quelle schlummern, oder dem Gesang der Grillen zuhören konnte so lange man wollte. Danischmend, wiewohl er eine Art von Philosophen war, verstand wenig oder nichts von der Landwirtschaft. Kraft dieser seiner Unwissenheit wollte er nichts besser wissen als die Natur; bepflanzte seine Felder nicht mit Disteln, um eine Manufaktur von ihrer Wolle anzulegen; pflügte mit dem Pfluge seiner Voreltern, und machte keine Versuche die ihm mehr kosteten als sie wert waren. Kurz, seine Unwissenheit ersparte ihm vielleicht mehr als manchem hochgelehrten landwirtschaftlichen Metaphysiker seine Wissenschaft einträgt . Aber dafür ließ er sein Feld mit dem alten Pfluge so lange ackern bis es locker war; wo er einen leeren Platz sah, da pflanzte er einen Baum hin, oder etwas andres das besser war als nichts; und wo sich nach einem starken Regen kleine Pfützen und Sümpfe zeigten, da ließ er so lange Sand und Erde hinführen bis sie ausgefüllt waren. Die Sperlinge und die Raubvögel hatten alle Ruhe vor ihm: »denn« (sagte er) »jene tun mir gute Dienste gegen das Ungeziefer, und diese gegen die Sperlinge.« Überhaupt war er ein großer Freund von der Maxime, nichts ausrotten zu wollen was Gott erschaffen hat. »Der Urheber der Natur« (pflegte er zu sagen) »versteht gewiß die Ökonomie besser als man glaubt. Er hat durch den einzigen kleinen Umstand, daß immer eine Gattung die andre frißt, hinlänglich dafür gesorgt, daß sie einander so ziemlich die Waage halten. Ich lebe beinahe auf aller andern Gattungen Unkosten; und ich sollte so unbillig sein, nicht leiden zu wollen daß sie sich helfen wie sie können?« Der gute Philosoph, der (wie wir schon wissen) einer von den empfindsamen war, hatte sich schon lange eine sehr einladende Vorstellung von einem in der großen Welt wenig bekannten Zustande gemacht, den er häusliche Glückseligkeit nannte. Um sich in seinem vorerwähnten Mittelpunkt in das gehörige Gleichgewicht zu setzen, schien ihm eine Gesellin, an deren Busen er ruhen könnte, unentbehrlich zu sein. Was ihm, da er noch in der Welt lebte, höchstens – und nur in gewissen Augenblicken – eine ganz behagliche Sache schien, ward in seiner jetzigen Lage zum Bedürfnis. Er dachte anfangs alle Tage beim Erwachen und alle Nächte beim Einschlafen daran. Bald darauf dacht er des Tages etlichemal und des Nachts auf seiner Matratze ganze Stunden lang daran, bis er zuletzt gar nicht mehr davor schlafen konnte; oder wenn er ja einschlief, so träumte ihm von nichts als Hochzeiten und Wochenstuben, Puppen und Steckenpferden; und wenn er des Morgens vor Sonnenaufgang ans Fenster ging frische Luft zu schöpfen, sah er aus den Wölkchen, die wie kleine Inseln im Morgenhimmel herum schwammen, lauter gelblockige und schwarzlockige, blauaugige und braunaugige Mädchenköpfe heraus gucken. Je mehr er über die Sache philosophierte, je völliger überzeugte sich der gute Mann, das schönste und beste aller Geschöpfe, der Auszug und Inbegriff alles dessen was in der Natur Reizendes ist, das lieblichste, begehrenswürdigste und unentbehrlichste aller Dinge sei – ein Weib. Kurz, er hörte nicht auf darüber zu philosophieren, bis er's endlich so weit brachte, mit ich weiß nicht welchen alten Weisen, Als ob man so was vergessen könnte? Plato oder vielmehr Aristophanes beim Plato war's. Siehe dessen Συμπόσιον, Tom. opp. III p. 159 seqq. M. Pantaleon Onocephalus sich selbst für die bloße Hälfte eines Menschen zu halten, die unmöglich anders als unvollkommen, dürftig, kröpelhaft und höchst unglückselig sein könne, bis sie ihre andre Hälfte gefunden, und mit ihr in Einen wahren, ganzen, vollständigen Menschen zusammen gewachsen sei. Man sieht daß es nun hohe Zeit mit ihm war. Zwar hätte er, als ein Musulmann, sich wenigstens zwei bis drei Weiber, und allenfalls, nach alter morgenländischer Sitte, noch eben so viel Kebsweiber zulegen mögen, ohne daß weder der Imam von Mekka, noch der große Lama in Tibet, noch der Bramine der Sultanin Nurmahal sich sehr daran geärgert hätten. Denn jeder dieser würdigen Herren hatte ihrer noch viel mehr in seinem Weiberstalle . Aber Danischmenden war es nicht um Weiber, sondern um seine Hälfte zu tun: und da zwei Hälften nach dem allgemeinen Geständnis aller Menschen hinlänglich sind ein Ganzes zu machen; so wäre die dritte, vierte, fünfte usw. wie liebenswürdig sie an sich selbst hätte sein mögen, im Grunde doch nichts anders als ein Auswuchs, eine Art von Höker, Kropf oder Überbein gewesen, der, anstatt die Vollkommenheit des Ganzen zu befördern, demselben nur überlästig gefallen wäre, und die schöne Eintracht beider Hälften gestört hätte. Vernünftiger Weise blieb ihm also nichts übrig, als diese nämliche gleichartige, genau einpassende, und, mit Einem Worte, geflissentlich für ihn allein gemachte Hälfte seines Ichs je eher je lieber ausfündig zu machen. Wer ernstlich sucht, findet immer etwas das des Auflesens wert ist; entweder das Gesuchte, oder auch wohl zuweilen etwas Besseres. Danischmend, den das edelste unter allen menschlichen Bedürfnissen – zu lieben und geliebt zu werden – plagte, suchte sich ein Weib für sein Herz und nach seinem Herzen, und fand sie, wie man einen Schatz findet, oder den Schnupfen aufliest, unversehens und ohne zu wissen wie. 3. Kapitel Mysterien – Procul este Profani! Unsre ehrlichen Altvordern mögen wohl nicht so unrecht gehabt haben, wenn sie glaubten, daß ein guter Genius (ob sie ihn so oder so malten tut nichts zur Sache) sich damit abgebe, einem ehrlichen Kerl in Danischmends Umständen auf die Spur zu helfen. Es ist wenigstens ein so tröstlicher und harmloser Glaube, daß ich dem Manne nicht gut sein könnte, der mir ihn abräsonieren wollte. Eines Morgens früh, als Danischmend ausging seine Träumereien auszulüften, begegnete ihm, auf dem Wege zu seiner Grotte, ein Mädchen, das mit einem großen Wasserkrug auf dem Kopf in der Einfalt und Unschuld seines Herzens daher schritt. Ob es eine Grille oder was es war, weiß ich nicht; aber alle Weisen aus Morgenland und Abendland hätten unserm Manne nicht aus dem Kopfe gebracht, daß er seinen Genius habe, so gut als Sokrates der Athener. De Genio Socratis vid. Plutarch . Tom Opp. III p. m. 482. Apulejus , nec non Gottfr. Olearius de Gen. Socrat. Minut. Felix in Octav. c. 26. Tertull . de anima, c. 28. Lactant . Divin. Instit. L. II. c. 15. Augustin . de Civit. Dei,VIII. 14. Jamblich . de Myster. Aegypt. I. Marsil. Ficin. ad. Plot. Enn.  IV. p. 278. Gabr. Nand. Apolog. du G. H. au. d. Magie, c. 13. Charpent . Vie de Socrate. La Motte le Vayer , Opp. Tom. III. p. 274. Souver . Platon devoilé, P. II. p. 56. Andr. Dacier preface de l'Apolog. de Socr. Jac. Bruck. Hist. Crit. Phil. T. I. p. 545. Saver . Hist. des Anc. Philos. T. II. p. 145. et alii passim – A – – h! wie mir die Finger vom Ausschreiben weh tun! Theophil. Murrzufflus »Alles was ich vor andern Leuten voraus habe«, pflegte er zu sagen, »ist lediglich, daß ich mir angewöhnt habe, bei allen Gelegenheiten auf die Stimme meines Genius zu lauschen, und daß mich die Natur dazu mit einem Seelenohre von der feinsten Art begabt hat.« » Rede sie an «, rief ihm der Genius in seinem ihm allein vernehmlichen Rotwälsch zu. – Danischmend gehorchte. »Woher so früh, schönes Mädchen?« sagte er mit einer so sanften Stimme, daß es unmöglich war seine Frage übel zu nehmen. »Von jener Grotte«, antwortete das Mädchen, indem sie mit dem Zeigefinger der linken Hand nach dem Orte wies. Danischmend bemerkte, wiewohl nur obenhin, daß es eine kleine niedliche Hand war. »Ich hole dort alle Morgen Wasser in diesem Kruge«, fuhr das Mädchen fort, »denn es soll das beste in der ganzen Gegend sein,« »Und wozu brauchst du das Wasser?« fragte Danischmend. Es war eine alberne Frage; aber er wollte und mußte nun einmal etwas fragen, und in der Eile fiel ihm nichts Klügeres ein. »Ich begieße morgens und abends einen Rosenstock damit, den ich auf das Grab meiner Mutter gepflanzt habe«, antwortete das Mädchen, mit einem Tone der Stimme, der alle empfindsam Saiten in seinem Herzen mit ertönen machte. Er sah ihr ins Auge, oder, welches einerlei war, er sah in den Grund ihrer Seele; und in dem nämlichen Nu fühlt' er mit Gewißheit, daß dies Mädchen die Hälfte sei die er suchte. » Sie ist's«, rief im nämlichen Nu sein Genius. Das Mädchen war von feiner Gestalt. Alle Züge ihres Gesichts drückten die Unschuld, das zarte Gefühl und die Ruhe ihrer Seele aus. Ihr Herz war in ihren Augen und auf ihren Lippen. Man sah ihr ins Gesicht, und von Stund an war man ihr Freund, Vater, Bruder und Oheim, vertraute ihr alle seine Geheimnisse, sein Leben, seine Ehre, seine Seele und Seligkeit, wünschte sich keine andre Frau, Tochter, Enkelin, Schwester, Nichte usw. und würde lieber zehentausendmal den Tod gelitten als zugegeben haben, daß ihr ein Leid widerfahre. – Übrigens eine bloße Tochter der Natur; ohne Verzierung, ohne Ansprüche, ohne List, und so unwissend, daß sie von Danischmenden sogar küssen lernen mußte. Dies werden wenig Mädchen glauben wollen; aber wir können sie mit Gewißheit versichern, daß es wahr ist. » Sie ist's, sie ist's «, flüsterte der Genius noch einmal. »Beim Himmel, ist sie's!« antwortete Danischmend! Acht Tage darauf – die ganze Geschichte ihrer Liebe in diesen acht Tagen erlaß ich euch: sie beträgt sieben starke Oktavbände, und würde für Liebende, wie Amandus und Amanda, Herkules und Valiska, Seladon und Asträa, Aruns und Klelia, usf. höchst unterhaltend sein, wenn Liebende – Zeit zum Lesen hätten. Acht Tage darauf vermählte sich Danischmend mit ihr, führte sie in sein Haus, und zeugte mit ihr Söhne und Töchter. Weil dies jedermann kann – die Ausnahmen sind zu selten um in Anschlag zu kommen –, so haben sich die Leute angewöhnt, es für eine gemeine, alltägliche, verächtliche Sache zu halten, die man, ohne lächerlich zu werden, niemanden zum Verdienst anrechnen könne. Viele gehen so weit, daß sie uns gar bereden wollen, man könne mit Anständigkeit nicht einmal davon sprechen. Man sieht wohl, daß solche Leute nie bedacht haben müssen, welch ein herrliches Geschöpf der Mensch ist! – Ja, solche Karikaturen und Grotesken zu machen, wie man sie alle Werkeltage in Menge sieht, – dabei ist freilich wenig Verdienst. Aber dies war Danischmends Sache nicht. Seine Söhne und Töchter waren die wohlgestaltesten, artigsten, seelevollsten kleinen Geschöpfe, die man mit Augen sehen konnte. Alle Mädchen in der Gegend verliebten sich in seine Buben, alle kleine Jungen waren in seine Mädchen vernarrt; und wer zu alt zum Verlieben und Vernarren war, hatte die Kinder kaum etliche Stunden um sich, so war's ihm schon als ob er ihnen Vater und Mutter sei. Dies mochte wohl Ausnahmen leiden; denn es gibt (wie ihr wißt) Leute, die nichts lieben können als sich selbst und was sie selbst gemacht haben. Allein von solchen Selbstlern ist auch hier die Rede nicht. Viele Leute, die nicht begreifen konnten, warum Danischmends Kinder alle so liebenswürdig waren, bildeten sich ein, er müsse ein besonderes Geheimnis besitzen. »Es ist etwas an der Sache«, sprach er: »ich wollt es euch wohl sagen, aber unter zwanzigen würde vielleicht kaum Einer sein, dem es nützen könnte.« »Sei's darum«, sagten sie, »und wenn unter hunderten nur Einer wäre.« »Gut«, sagte Danischmend: »so findet mir erst einen Mann und ein Weib, deren Liebe mit jedem Jahre ihrer Verbindung wächst, immer herzlicher und zärtlicher wird, dergestalt, daß es zuweilen ein Wunder in ihren eigenen Augen ist, wie es zugehe, daß sie sich nach einer Reihe zusammen gelebter Jahre oft verliebter in einander fühlen als an ihrem Hochzeitstage. Wer die Probe machen will, dem wollt ich wohl raten« (fuhr er fort), »sich von seinem Genius eine Frau wählen zu lassen: es möchte nicht bei allen angehen. Oft sind unser Herz und unser Genius verschiedener Meinung, und seit die Welt steht ist noch nichts gut gegangen, was ein Mann wider Willen seines Genius getan hat. Ich, meines Orts, hörte den meinigen drei- oder viermal so deutlich sagen, › sie ist's ‹, daß ich meiner Sache gewiß war. Auch seht ihr ob er mich betrogen hat.« »Aber«, sagten die Leute, »es muß außerdem noch etwas andres dahinter stecken, eine Art von geheimen – eine Art von – kurz, etwas, das ihr uns wohl entdecken könntet wenn ihr wolltet.« »Ich will's euch ins Ohr sagen«, antwortete Danischmend. 4. Kapitel Was Danischmend den Leuten ins Ohr sagte Ich – der Erzähler dieser gegenwärtigen Geschichte – kenne einen Arzt, dem ich – auf der Stelle eine Lobrede zu halten versucht werde, und auch sogleich eine Lobrede halten würde, wenn ich so schön reden könnte wie Isokrates und Plinius ; – einen Arzt, auf dem die Erfahrungskunst, die Weisheit und die Menschenliebe des göttlichen Hippokrates ruhen; – kurz, einen Arzt, wie ich aus herzlicher Wohlmeinung mit Bösen und Guten, Gerechten und Ungerechten, wünschen möchte, daß an jedem Orte, wo ein paar tausend Menschen beisammen wohnen, einer leben und so lange leben möchte, bis er der Nachwelt einen Mann wie er an seinen Platz gestellt hätte: – und eine von den Ursachen, warum ich diesen meinen Hippokrates ehre und liebe, ist, daß er weiß, was für ein Ding das Herz des Menschen ist, und welche Wunder derjenige zuweilen tun kann – er sei nun Arzt, oder Gesetzgeber, oder Pfarrer, oder Feldherr, oder Tragödienschreiber oder was ihr wollt – der auf das Herz und auf die Einbildung (in deren Gewalt jenes fast immer ist) zu rechter Zeit den gehörigen Eindruck zu machen weiß. Was sind Jalappa und Senesblätter und Rhabarber und Fieberrinde und Genseng und Asa Fötida gegen Mittel, die geradezu auf die Phantasie und die Leidenschaften eines Kranken wirken! Von wie viel mehr Krankheiten als man gemeiniglich glaubt, liegt die wahre Ursache in einem verwundeten oder gepreßten oder entgeisterten Herzen! Wie viele körperliche Übel zeugt, nährt und verschlimmert eine kranke Phantasie! Wie oft würde eine rührende Musik, eine scherzhafte Erzählung, eine Szene aus dem Shakspeare , ein Kapitel aus dem Don Quichotte oder Tristram Shandy , das gestörte Gleichgewicht in unsrer Maschine eher wieder herstellen, Verdauung und Schlaf besser befördern, niedergeschlagene Lebensgeister kräftiger ermuntern, Milzsucht, Mutterbeschwerungen, Hypochondrie, Schwermut, Muckerei, Intoleranz und andre böse Geister schneller vertreiben, als irgend ein Rezept im Neu verbesserten Dispensatorium! Ein fröhliches Herz und eine rosenfarbne oder himmelblaue Phantasie sind in tausend Verrichtungen des menschlichen Lebens unentbehrlich, wenn sie uns wohl vonstatten gehen sollen. – Grau in grau mag zuweilen hingehen, wiewohl ich kein Liebhaber davon bin.– Feuerfarben , pomeranzengelb und violet sind Farben, mit denen man sich wenigstens sehr in Acht nehmen muß. – Strohgelb , apfelgrün , lilas , pompadour , sind ungefähr, was des alten Herrn Shandy neutrale Namen; ich rate niemand seine Einbildung darein zu kleiden, wenn er was Kluges beginnen will: aber in Grüngelb und Schwarzbraun geht der Teufel, darauf kann man sich verlassen. Wenn ihr euch für zehn, oder zwanzig, oder dreißig Tomans , mehr oder weniger, eine persische Tänzerin Die Tänzerinnen und Sängerinnen von Profession in Persien (wer Lust hat, kann im Chardin , oder in den Lettres Chinoises, Tom. I. lettre 22. oder im Journal de Lecture, Tom. I. p. 1. mehr von ihnen lesen) werden nach der Taxe, wie sie ihre Nächte verkaufen, benannt. Sie nennen sich nicht Fatime, oder Kanzadeh, oder Zelika, sondern die Zehn-Toman, die Zwanzig-Toman, die Dreißig-Toman . (Ein Toman ist eine goldne Münze, ungefähr vier Dukaten unsers Geldes.) Mark. d'Argens Die sind teuer! Ουκ ωνουμαι μυριων δραχμων μεταμελειαν, sagte Demosthenes. Philodemus kommen laßt, so macht's wie ihr wollt: aber mit dem Weibe, das die Mutter eurer Kinder sein soll, wollt ich dienstlich gebeten haben ein wenig behutsam umzugehen. Bei allem dem macht die Farbe der Einbildung allein noch nicht alles aus. – Ich will es euch kurz und gut sagen, weil ihr's doch wissen wollt! Man kann einen Freund herzlich lieben, ohne daß man es darum immer gleich stark fühlt wie sehr man ihn liebt; ja es gibt Augenblicke, Stunden, Tage, wo einer für sein Leben nicht fähig wäre, seinem besten Freund ein herzliches Wort zu sagen. Gerade so geht's einem Biedermanne zuweilen, ohne seine Schuld, mit seinem Weibe. Jedermann sieht, daß dies sehr vielerlei physische, moralische, politische, theologische, ökonomische, merkantilische, theatralische, musikalische, und andre Arten von Ursachen haben kann. Zum Exempel, es ist nebliges Wetter – oder man hat unruhig geschlafen – oder eine schlechte Verdauung gehabt – oder verdrießliche Briefe erhalten – oder Briefe wider Willen zu schreiben – oder unangenehme Geschäfte abzutun – oder man hat unversehens ein wenig Bonzengift in den Leib bekommen – oder ein elendes Schauspiel anhören müssen, und hundert andere solcher Zufälle mehr, die auch den fröhlichsten Menschen niederschlagen, und seine Phantasie mit Kapuzinerbraun austapezieren können. Zum Ersatz hat ein Mann von Gefühl Tage oder Stunden, – je häufiger je besser für ihn – wo seine Seele ruhig, klar und heiter ist, wie ein stiller See; offen jedem unverfälschten Eindrucke der Natur; empfindlich für ihre leisesten Berührungen; geneigt mit allem, was lebt und webt, sich zu freuen; glücklich im Gefühl seiner selbst; glücklich durch allgemeines über die ganze Schöpfung ausfließendes Wohlwollen. »In solchen Augenblicken« (sagte Danischmend) »spielen alle Federn, Räder, Druck- und Saugwerke unsrer Einbildung und unsers Herzens leicht und harmonisch zusammen; der Schleier der Gewohnheit fällt von den täglichen Gegenständen unsrer Zuneigung ab; sie verschönern und verklären sich in unsern entzückten Augen; jede angenehme Erinnerung erwacht, und vereinigt sich mit dem gegenwärtigen Wonnegefühl. Und nun, meine Freunde, sagt mir, gibt es einen Augenblick, der geschickter wäre als dieser, um einem glücklichen Geschöpfe das Dasein zu geben? Es gibt noch andre herzausdehnende Augenblicke von ähnlicher Art«, fuhr er fort: »als da sind, – wenn wir eine unverhoffte Gelegenheit bekommen haben eine schöne Tat zu tun – oder wenn wir, nach trübseligen Stunden, wo dieser umwölbende grenzenlose Himmel, wie das dumpfige Gewölbe eines engen Kerkers, drückend auf uns liegt, im Arm einer redlichen Gattin Ruhe, in ihrem liebenden Blicke Trost, in der Ergießung unsers Kummers in ihr mitempfindendes Herz Erleichterung finden; wo sie uns alles ersetzt, alles vergütet, die ganze Welt für uns ist. – Erinnert euch, meine Freunde, daß wir nicht von einer Zehn-Toman sprechen, und daß es itzt nicht um Spaß zu tun ist: – die Rede, ich wiederhol es, ist von den Müttern eurer Kinder . – Wartet in Geduld solche Augenblicke ab, und haschet sie wenn sie kommen.« »Aber wer nicht warten kann?« »Dem hab ich nichts zu sagen«, antwortete Danischmend. »Und doch« (fuhr er fort), »wir sind, ich gesteh es, am Ende nur arme schwache Menschlein; es gibt leichtsinnige, unempfindsame Augenblicke, über die man nicht allezeit Herr ist. In solchen wär einem Manne zu wünschen, daß eben eine hübsche Herde Ziegen und Ziegenböcke oder rüstiger Esel und Eselinnen vor seinen Augen ausgetrieben würde; – er würde sie ansehen, erseufzen, und – weise werden. Wo nicht, so wäre wenigstens zu wünschen, daß er von solchen Augenblicken des Selbstvergessens nur überfallen würde, wenn nichts zu verderben ist, – wofern dies anders jemals der Fall sein kann.« Ich leugne schlechterdings, daß es jemals einen solchen Fall geben könne. Epiktetus Was Danischmenden betrifft, der hatte sich – ein wenig grillenhaft wie er war – fest in den Kopf gesetzt, daß sein Genius sich auch in diese Sache mische, und daß er ihn allemal, wenn es Zeit sei, ganz deutlich höre. Man wird nicht recht begreifen, wie er bei solchen Gelegenheiten, mitten in dem Lärm, den die Lebensgeister gewöhnlich dabei zu machen pflegen, fein genug habe hören können, um gewiß zu sein, ob sein Genius ja oder nein sage. Aber der Genius schrie ihm, wie es scheint, so stark ins Ohr, daß er ihn notwendig hören mußte. Dies war die einzige Gelegenheit, wo er so laut schrie. »Noch eins wollt ich euch raten«, setzte Danischmend hinzu: – »es ist ein wesentlicher Umstand – um aller Welt willen das Licht nicht auszulöschen; es wäre denn, daß der keusche Mond bei heiterm Himmel eben mit vollem Lichte durch eure Vorhänge schiene.« Unsre meisten Kasuisten befehlen gerade das Gegenteil. Phutatorius Auch verstehen sie einen O.... von der Kallipädie! Calvidius Lätus 5. Kapitel Bedarf keiner Überschrift Sollt es wohl Frauen (unter denen, die uns lesen, nämlich) geben können, die unser viertes Kapitel lächerlich , oder wohl gar ärgerlich fänden? Wir wollen das Beste hoffen. Und doch – wenn Brantome wirklich nach der Natur gemalt hätte? – Wenn die Königinnen, Prinzessinnen, Düschessen, Markisen, Komtessen, und übrigen Damen an Heinrichs des Zweiten und Karls des Neunten Hofe in Frankreich so gewesen wären, wie er sie gekannt zu haben versichert? – und wahr wäre, daß die Menschen – Männer und Weiber – in verschiedenen Zeiten und Ländern nur in der Art ihre Leidenschaften und Sitten zu kleiden, aufzusetzen, zu schminken, zu verbrämen und zu garnieren, verschieden wären – so daß, zum Exempel, zu Heinrichs des Zweiten Zeiten die Damen in Frankreich nur mehr entblößt gegangen wären, als zu Ludwigs des Sechzehnten Mode war – im Grund aber (wie Arlekin schon vorlängst angemerkt hat) allenthalben und zu allen Zeiten einander eben so ähnlich wären als die Individua der übrigen Gattungen? – Wenn dem allen so wäre – nun ja, dann – stehe ich für nichts! Alles was ich solchen Falls sagen kann, ist dieses: Daß ich nicht nur für meine eigene Person weder Sohn noch Vater, Oheim noch Neffe, Bruder noch Schwager, am allerwenigsten aber – Ehemann oder Kebsmann von einem solchen Weibchen sein möchte; sondern auch allen meinen Abkömmlingen männlichen Geschlechts bis ins tausendste Glied – wenn die Welt noch so lange halten sollte – hiermit ausdrücklich, und so lieb ihnen, wie ich hoffe, mein Andenken sein wird, anbefehle, sich bestens vorzusehen, damit sie mit einem solchen Frauenzimmer, sie sei Jungfrau, Ehefrau oder Witwe, in keine von allen vorbenannten Beziehungen und Verbindungen – in so fern es bei ihnen steht solches zu vermeiden – jemals verwickelt werden mögen. Ich ersuche sie inständig samt und sonders, diesen meinen ernstlichen erzväterlichen Befehl wohl zu erwägen, und solchem getreulich nachzukommen. 6. Kapitel Worin Danischmend die Schwachheit hat, mit einem Kalender über häusliche Glückseligkeit zu disputieren Wir wissen nun bereits so viel von unserm Philosophen, daß wir begreifen können, wie er – ungeachtet seiner Verbannung vom Hofe und aus der großen Welt, ein glückliches Leben geführt habe. Er pflegte allemal zu lächeln und die Achseln ein wenig zu zucken, wenn ihm einfiel, daß der Doktor Abu-Bekr-Muhamed-Ibn Bajah-Ibn Fadhl Ibn Jaafar-Alfabali Ich habe diesen Doktor im Leo von Grenada , Golius , Hottinger , Herbelot und vielen andern, die von arabischen, persischen, türkischen und indostanischen Gelehrten handeln, vergebens gesucht. Wer er wohl sein mag? P. Onocephalus nicht weniger als zweihundertundfünfundsechzig verschiedene Erklärungen der Glückseligkeit gesammelt, und dennoch die einzige, die unserm Manne die wahre schien, vergessen hatte. » Häusliche Glückseligkeit ist die einzige Art glücklich zu sein, die dem Menschen hienieden bestimmt ist«, pflegte er zu sagen. »Ich habe noch nie einen Menschen mit seinem Dasein unzufrieden, neidisch über andrer Glück, boshaft und übeltätig gesehen, der in seinem Kabinett, in seiner Kinderstube und in seinem Schlafzimmer glücklich war. Auch hab ich nie gehört noch gelesen, daß ein solcher Mann eine Verräterei gegen den Staat angezettelt, oder einen Aufruhr erregt, oder sich zum Haupt einer Sekte aufgeworfen, Dies möchte vielleicht Ausnahmen zu leiden scheinen; aber ich zweifle, ob sie bei schärferer Prüfung als solche bestehen würden. Luther , den man zum Beispiele anziehen könnte, kam (wie bekannt) ohne seine Schuld zu der Ehre ein Anführer zu werden; und überdies war er noch nicht vermählt, dachte auch nicht daran es jemals zu werden, als er sich (mit Erasmus von Rotterdam zu reden) beigehen ließ, dem Papst an seine dreifache Krone und den Mönchen an ihre dicken Bäuche zu greifen. Sleidanus oder an die Spitze einer Räuberbande oder Schwärmerrotte gestellt, und Unheil auf Gottes Boden angerichtet hätte. Ein Mann, der in seinem Hause glücklich ist, ist immer auch ein guter Bürger, ein guter Gesellschafter, ein guter Mensch.« »Aber« (wandte der Kalender , mit dem er einst über diese Sache wortwechselte, ein) »um dieser Art von Glückseligkeit, der du einen so großen Wert beilegst, fähig zu sein, wird, deucht mich, eine besondere Gemütsverfassung, eine gewisse Empfindsamkeit, Mäßigung, Gutherzigkeit und Einfalt der Sitten vorausgesetzt, ohne welche das größte häusliche Glück nicht glücklich macht, mit welchen hingegen, auch ohne dieses, niemand unglücklich sein kann.« »Unstreitig«, versetzte Danischmend lachend, »setzt der Genuß des häuslichen Glücks die Fähigkeit – es zu genießen, voraus. Aber was braucht man dazu mehr als ein Mensch zu sein, ein bloß menschlicher Mensch, der weder mehr noch weniger hat, als den Grad von Empfindung und Vernunft, womit die Natur alle Söhne und Töchter Adams ausstattet? Wo ist der Mensch, – er müßte denn im Keime schon verunglückt sein – in dessen Macht es nicht stände, wie ein Mensch zu fühlen und zu handeln? Und liegt nicht eben darin, daß die Fähigkeit zum Genuß des häuslichen Glücks unter allen Fähigkeiten der menschlichen Natur die gemeinste ist, und am Wenigsten Mitwirkung fremder Umstände, Verfeinerung und Kunst voraussetzt, liegt nicht eben darin der stärkste Beweis, daß häusliches Glück das wahre Glück des Menschen ist? Ihr andern, die ihr euch so viel damit wißt, weiser zu sein als wir natürliche Leute, und – weil ihr's besser verstehen wollt als die Natur – euch Gott weiß welch ein System von Entbehrungen und Unabhängigkeit und erkünstelten Tugenden ausgedacht habt, das den Mangel dessen, was wir genießen, ersetzen soll, – wenn ihr aufrichtig sein wolltet! was für Geständnisse hättet ihr zu tun! Wie teuer verkauft euch die Natur die unrühmlichen Siege, die ihr über sie erfechtet!« »Nach deiner Meinung«, erwiderte der Kalender, »wäre also kein Heil für die ehrlichen Leute, denen gewisse Umstände und Verhältnisse nicht erlauben, sich in diesen behaglichen Stand zu setzen, in dessen engen Zirkel du das höchste Gut des Menschen einzuschließen scheinst?« »Wenn sie ein gesundes Herz und unverdorbne Sinne haben, so bedaur ich sie«, antwortete Danischmend. »Dann ist freilich kein andrer Rat für sie, als allen Vorrat von Liebe, den ihr Herz in sich faßt, über die ganze Menschheit auszugießen. In einem engern Kreise würde ihr Geist zusammen schrumpfen, ihr Herz vertrocknen. Fremde Glückseligkeit muß nun ihre eigne werden. Nichts als allgemeines Wohlwollen und unablässiges Bestreben Gutes zu tun, kann die ungeduldigen Wünsche der Natur in ihrem Inwendigen einschläfern; sie vergessen machen, daß sie selbst des besten Teils der Glückseligkeit, die sie andern zu verschaffen oder zu erhalten suchen, entbehren müssen. Und dennoch gibt es Augenblicke – desto häufiger, je näher wir dem Abend des Lebens kommen –, wo die Natur zu laut schreit, um sich übertäuben oder in Schlaf singen zu lassen. Es sind traurige Augenblicke! Noch einmal, ich bedaure den Mann, der ein Herz hat, die süßesten, lautersten, besten Freuden des Menschenstandes zu genießen, der sie mit Geschmack genießen, mit Wollust hinein schlürfen würde – und ihrer entbehren muß. So oft ich mir so einen Mann denke, möcht ich toll werden über die dummen Einrichtungen in der Welt, die nicht selten den besten Sterblichen in eine so unnatürliche und peinvolle Lage schrauben! An die armen unschuldigen Geschöpfe, die Gott der Allmächtige nach Seel und Leib zu Müttern erschuf In diesen fünf oder sechs Worten liegt ein tiefer Sinn, und so zu sagen der ganze Embryo der wahren Gynäkologie , oder Theorie der Natur und Bestimmung des Weibes. Ich gedenke, zum Besten der Einfältigen, einen Kommentarius über diese Worte, zwei bis dritthalb Alphabet stark, in oktav, auf fein holländisch Papier, mit Kupfern und Vignetten von besonderen Geschmack, heraus zu geben, wenn sich anders unter den zwei oder drei Millionen deutscher Mädchen oder Weiber, welche Gedrucktes lesen können, ein paar tausend finden, die ihren Fingerhut darauf unterzeichnen wollen. Es versteht sich daß er wenigstens von Silber sein muß. Mart. Skriblerus jun. , und die der Aberglaube oder eine grausame Familienpolitik zum trostlosen Stand ewiger Unfruchtbarkeit verdammt, – an die mag ich gar nicht denken! Das Herz im Leibe blutet einem ehrlichen Kerl, der an sie denkt! Es ist wahr, eure Bonzen und Bonzinnen wissen sich zu helfen, sagt man. Aber desto schlimmer! Die wohltätigen Absichten der Natur werden doch verfehlt; und welcher Freund der Menschheit kann gleichgültig bleiben, wenn er, bloß durch Schuld unsrer weisen wohl gemeinten Anstalten, zu Verbrechen werden sieht, was, ohne sie, Tugend hätte sein können?« 7. Kapitel Wer dieser Kalender war, und wie ein Kalender aussieht Ich habe einen Fehler begangen, lieber Leser, den ich erst itzt gewahr werde. Da bring ich einen Kalender auf die Szene, laß ihn reden und disputieren, und habe nicht gesagt, wann und wie und warum und von wannen er kam, und wer er ist, und was er will. Ich müßte das ganze sechste Kapitel umkehren, ja wohl gar meinen ganzen Plan – oder wie man das nennen will, was dies Buch von einem Wörterbuche, Kollektaneen-Buche, Pot-pourri oder Florilegium unterscheidet – verändern, wenn ich diesen Fehler verbergen wollte. Dies verlohnte sich wohl der Mühe nicht. Lassen wir also den einmal gemachten Fehler gemacht sein – denn auch verborgen wär er doch gemacht – und sehen zu, wie wir ihn vergüten. Danischmend saß eines Abends unter der äußersten Linde eines langen Spazierganges, der zu seinem Hause führte, an der Landstraße. Er hatte seinen Knaben, einen Jungen von drei bis vier Jahren, auf seinen Knieen stehen, und ließ sich nicht verdrießen, während daß der Junge mit seinen Haaren spielte, auf alle seine kindischen Fragen – in denen (nach seiner Philosophie) große Weisheit der Natur verborgen steckte – zu antworten, so gut ein weiser Mann auf die Fragen eines Kindes, die oft vor lauter Einfalt spitzfindig sind, antworten kann. »Aber, Papa«, sagte der Junge, »warum wird es denn itzt dunkel?« Wenn Herr Danischmend diese Frage seines kleinen Buben für eine von den spitzfindigen hält, so muß ihn die väterliche Liebe gewaltig verblenden. Es ist, mit seiner Erlaubnis, eine sehr dumme Frage. Denn hätte der Junge acht gegeben warum es bei Tage hell ist, nämlich, daß es hell wird so bald die Sonne aufgeht, und so lange hell bleibt als die Sonne am Himmel ist, so hätte er sogleich schließen können, daß es dunkel werden muß wenn die Sonne weg ist. Der Bube sollte mein gewesen sein; ich wollt ihn gelehrt haben Schlüsse machen! Mag. Duns Wenn Herr Duns sich bemühen wollte meinen siebenten Versuch mit Bedacht zu lesen, so würde er finden, daß der Junge, ohne die Logik gelernt zu haben, mehr Logik in seinem Hirnkasten hatte, als er meint. David Hume Und wenn ein Kind von vier Jahren mit einem hoch illuminierten Doktor von vierzig über solche Dinge in Wortwechsel kommt, so ist immer eine Schellenkappe gegen einen Doktorhut zu wetten, daß das Kind recht hat. Tristram Shandy »Weil die Sonne untergegangen ist, mein Sohn«, antwortete der Papa. »So?« sagte der Bube: »wohin geht sie denn?« Danischmend war im Begriff dem Kinde begreiflich zu machen, daß dort hinterm Berge auch Leute wären, als sie plötzlich durch die Annäherung eines schon etwas bejahrten Kalenders gestört wurden, der so ermüdet schien, daß er sich mit Hülfe einer großen knotigen Keule von Schwarzdorn kaum noch fortschleppen konnte. Sie möchten gerne wissen, Madam, – was für eine Art von Geschöpfen ein Kalender ist, und wie er denn aussieht, weil man ihm seine Kalenderheit schon von fern ansehen konnte? Denn daß hier von keinem Almanach die Rede sei, haben Sie schon gemerkt. Ein Kalender – es wird schwer sein, Madam, Ihnen ohne Hülfe eines Malers oder Kupferstechers einen anschauenden Begriff davon zu geben, wie ein Kalender, in so fern er ein Kalender ist, aussieht. Denn Sie auf andre Bücher deswegen zu verweisen wäre unhöflich. Sie haben doch wohl in Ihrem Leben, es sei nun in natura oder in der Abbildung, einen Kapuziner oder Waldbruder, mit einem langen Barte, einem Strick um den Leib, und einem langen Rosenkranz in der Hand oder an der Seite, vor die Augen bekommen? Gut! – Solchen Falls nun schneiden Sie diesem Kapuziner oder Waldbruder seinen langen, schwarzen, oder roten, oder weißen, oder scheckigen, oder blauen Bart – denn man sieht ihrer von allen Farben – an der Wurzel ab, – oder befehlen vielmehr Ihrer Phantasie es für Sie zu tun – sie ist eine große Meisterin Bärte (sonderlich Zwickelbärte ) anzusetzen oder abzumähen – lassen Sie ihm ferner Haare und Augenbraunen so glatt wegscheren als ob nie etwas dergleichen da gewesen wäre. Alsdann ziehen Sie ihm seinen Mantel, seinen Kapuz, seinen langen Rock und seine hölzernen Schuhe – Doch, um Vergebung! Ich sehe eben, daß Sie ihm – es ist auch um der Anständigkeit willen besser – seinen Rock lassen können, wenn Sie sich nur die Mühe geben wollen, die Ärmel und den obern Teil, der Hals und Brust bedeckt, gänzlich davon zu abstrahieren, und ihn ein wenig über den Anfang der Waden von unten auf ringsum abzustutzen. Strick und Rosenkranz bleiben. Die Kapuziner, Madam, tragen, der Reinlichkeit wegen, keine Hemden, wie Sie wissen – oder itzt zum ersten Mal hören. Die Kalender auch nicht. Man erspart viel dabei an Leinwand, Zwirn, Seife, Wäscherlohn, usw. – andrer Vorteile zu geschweigen. Nun, weil Kapuzinertuch in den warmen Morgenländern, wo die Kalender zu Hause sind, ein wenig zu schwer wäre, so verwandeln Sie es in kotfarbene, oder kuhrote, oder eierdottergelbe Sackleinwand – und in so fern Sie alle diese verschiedenen Operationen des Geistes, Abstraktionen, Depilationen, Dekurtationen, Defigurationen und Dekolorationen mit der erforderlichen Genauigkeit vorgenommen haben – so kann es nicht fehlen, Sie haben das wahre leibhafte Bild eines Kalenders vor sich stehen, so daß Sie gar nicht nötig haben, sich deswegen nach Türkenland, Persien, Korassan, Zagaray, oder andern solchen Ländern im Heidentum zu bemühen. Die Damen in Holstein, Mecklenburg, Pommern, Dänemark, Norwegen, Schweden, usw. welche sich aus bekannten Ursachen nicht in dem Falle befinden, den wir hier voraussetzen, können sich ganz leidlich aus der Sache ziehen, wenn Sie alle vorbemeldete Abstraktionen , Depilationen , usw. mit dem einen oder andern von den Papions , oder Sapajus , im zwölften Teile der neuesten Oktavausgabe von Büffons Naturgeschichte , vorzunehmen belieben wollen. Wir wollen Ihnen hierzu unmaßgeblich den Mandril von Guinea (S. 136) oder den grauen Saju oder Sajuassu , den der Ritter Linné in seinem Natursystem Simia capucina caudata, imberbis, cauda longa hirsuta, nennet(S. 317), vorgeschlagen haben; wiewohl in verschiedner Betrachtung der Wanderu von Ceylon , Simia caudata, barbata, corpore nigro, barba nivea prolixa (S. 102), noch bequemer dazu wäre; wenigstens zu unserm vorliegenden Gebrauche. Denn, obgleich die Kalender gewöhnlicher Weise eben so unbärtig sind als des Ritters Linné Simia capucina, imberbis, cauda longa, etc., so führte doch derjenige, von dem itzt die Rede ist, vermutlich aus einer Art von kalenderischer Koketterie , einen vollständigen, langen, mausefarbnen Bart, der ihm, mit Hülfe eines großen Stücks brauner Leinwand, das in Gestalt eines Mantels um seine Schultern geschlagen war, so ziemlich das Ansehen eines alten griechischen Philosophen aus einer von den schmutzigen Sekten Ohne Zweifel sind unter dieser Benennung die Stoiker und Cyniker gemeint, de quibus vide – Nicht doch, Herr Murrzufflus! wer wird denn immer zitieren! Der Setzer gab. Danischmend nahm den Kalender mit nach Hause, und bewirtete ihn so gut er konnte. Sie unterhielten sich von allerlei Dingen, und so wie der Kalender seine Seele gelabet hatte, fing er an muntrer zu werden, und sprach wie einer, der viel gesehen , und mehr gedacht hat, als Kapuziner, Waldbrüder, Kalender, Fakirn, Mandrils und Wanderus gewöhnlich zu denken pflegen. Itzt betrachtete Danischmend seinen Gast mit mehr Aufmerksamkeit. »Bruder«, sagte er zu ihm, »mich deucht wir sollten uns schon gesehen haben?« »Es ist möglich«, antwortete der Kalender. 8. Kapitel Geschichte der drei Kalender »Warst du nicht einer von den drei Kalendern , die vor fünf Jahren, um die Erntezeit, zu Dehly, den Gärten des Serails gegen über, unter einer Cypresse saßen?« Der Kalender erinnerte sich dessen nach einigem Besinnen. »Der Sultan, der euch gewahr wurde« (fuhr Danischmend fort), »wollte wissen wer ihr wäret, und wie es käme, daß ihr euch gerade unter diesem Cypressenbaum seinem Serail gegen über, und nicht unter irgend einem andern Baum und an einem andern Ort in der Welt befändet. Ich ging also hin, um mich ein wenig näher mit euch bekannt zu machen. Aber ihr waret verschwunden, eh ich zur Cypresse kam. Ich suchte euch vergebens, und niemand wollte etwas von den drei Kalendern wissen. Einen, zwei, vier, fünf, sechs, sieben, usf. hatten viele Leute gesehen. Ich schickte unter alle Tore und in alle Quartiere der Stadt, um die drei Kalender zu erfragen. Endlich erfuhr ich des folgenden Morgens, daß man hinter der großen Pagode vor dem östlichen Tore drei Kalender unter den Bäumen frühstücken gesehen habe. Ich begab mich sogleich an den Ort; aber kaum wurdet ihr gewahr, daß ich auf euch zuging, so standet ihr auf, und entferntet euch so behende, daß ich bald die Hoffnung aufgab euch einzuholen; und von Stund an sah man euch nicht wieder in Dehly. Sieben Tage lang wurde beim Schlafengehen des Sultans von den drei Kalendern gesprochen. Jedermann wollte was besondres von ihnen wissen; aber im Grunde wußte niemand etwas davon, als daß die drei Kalender – drei Kalender waren. Es fehlte wenig daran, daß euch Schach-Gebal ein paar tausend Reiter nachgeschickt hätte. Denn wiewohl ihm die Sache anfangs ziemlich gleichgültig war, so hatte man doch so lang und breit davon gesprochen, so viel gemutmaßet, verglichen, induziert, argumentiert und disputiert, daß seine Neugier endlich im Ernste rege ward. ›Es sind Kundschafter‹, sagte einer; ›es sind drei Weise aus Griechenland‹, sagte der andre; ›sie kommen von den Enden der Welt; sie besitzen Geheimnisse, haben den Stein der Weisen, können zaubern, sich unsichtbar machen, sich in Tiere verwandeln, auf Wolken reiten‹, – sagte der dritte, vierte, fünfte, usf. ›Es sind Kalender ‹, sagte ich, ›und vermutlich die müßigsten Leute von der Welt; es müßten's nur diejenigen noch mehr sein, die nichts bessers zu tun haben, als Hypothesen über drei Kalender zu machen.‹ Oder die Geschichte von drei Kalendern zu schreiben. Pamphus Oder Noten dazu zu machen. Naso Dies, guter Alter, ist alles, was ich von eurer Geschichte weiß« – – »und hier«, versetzte der alte Kalender, »alles was ich zur Ergänzung derselben hinzu tun kann. Ich kenne die beiden jungen Kalender, die du bei mir gesehen hast, sehr wenig. Wir trafen uns einst zu Samarkand an, reiseten eine Zeit lang mit einander, trennten uns wieder, fanden uns darauf unverhofft in Kandahar wieder zusammen, und durchzogen in Gesellschaft einen Teil von Persien, ohne daß einem von uns einfiel, den andern um seine Geschichte zu fragen. Indessen zeigte sich bald, daß der eine nicht übel sang, und der andre mit der Wut, Lieder und Verse aus dem Stegreife zu machen, behaftet war. Wo uns unterwegs in einem Dorf eine erträgliche Dirne mit schwarzen Augen in den Wurf kam, da setzt' er sich unter einen Baum hin, krönte und salbte die Bäuerin zur Sultanin seines Herzens, und machte Lieder, klafterlang, zu Ehren ihrer schwarzen Augen. Dann gingen beide Laffen und sangen's des Abends, während daß sie ihre Ziegen melkte, vor ihrer Stalltür. Dessen ward ich denn endlich überdrüssig, und wir trennten uns abermals. Zwei Jahre gingen vorbei, ohne daß wir etwas von einander hörten: bis ich einsmals zu Lahor meinen Sänger vor der Pforte eines Palasts antraf, wo er lange die besten Lieder seines Freundes, des Versemachers, aus voller Kehle anstimmte, ohne daß jemand Acht darauf gab. Zuletzt kam ein Diener heraus, und reichte ihm, vermutlich um ihn zum Schweigen zu bringen, ein kleines Almosen. Er schien sich seit einiger Zeit, wider Willen, im Fasten geübt zu haben, und sah so nackt und armselig aus, daß mich seiner jammerte. ›Die Leute von Lahor sind ein rohes Volk‹, sagte er: ›ich habe ihnen vergebens nach den schönsten Weisen von Ispahan gesungen; die Unmenschen lieben weder Tanz noch Gesang; sie hätten mich singen lassen bis mir die Zunge im Gaumen vertrocknet wäre, ohne sich darum zu bekümmern. Da lob ich mir die Einwohner von Ispahan! Das ist doch ein Ort, wo man seine Talente geltend machen kann!‹ – ›Warum bliebst du denn nicht dort‹, fragte ich, ›wenn's dir so wohl ging?‹ – ›Das will ich dir im Vertrauen sagen‹, erwiderte er. ›Du weißt, daß ich einmal nicht übel aussah. Ich sang noch nicht lange vor den Häusern einiger Großen zu Ispahan, so hatte ich das Glück, einem von ihnen, der ein sehr reicher Emir war, zu gefallen, und er nahm mich unter seine Musikanten auf. Als ich einige Tage im Hause gewesen war, so fand sich, daß ich glücklicher war, als ich gedacht hatte; denn ich gefiel auch der Gemahlin des Emirs. Bei allen Huris des Paradieses, das nenn ich eine Frau! Zu meinem Unglücke hatte sie den einzigen Fehler, daß sie ein wenig zu eilfertig in ihren Sachen war und nicht aufhören konnte. In wenig Wochen war meine Stimme weg, und ich wurde so dünn daß die Sonne durch mich schien. Der Emir konnte nicht begreifen wie dies zuging: aber es sei nun, daß er etwas argwohnte, oder daß er einen Sänger, der nicht mehr singen konnte, für ein unnützes Hausgerät ansah; genug er jagte mich aus seinem Hause und aus Ispahan. Was sollt ich anfangen? Ich kehrte wieder zu meiner vorigen Lebensart zurück; aber mit so schlechtem Erfolge, daß ich, wie kurze Zeit es auch noch so fortgehen möchte, allen Emirn und Emirsweibern auf ewig unnütz werden müßte.‹ – ›Komm mit mir, Alfaladdin‹, sagte ich: ›man muß mehr als Eine Saite auf seinem Bogen haben. Was nützt dem Tauben ein Leiermann? Das Volk von Lahor liebt die Musik nicht – oder vielleicht sind sie nur keine Liebhaber von den Stimmen, die durch die Emirsweiber zu Ispahan verdünnet wurden. Was tut's? Etwas müssen sie lieben, und morgen sollst du sehen, ob ich es ausfindig gemacht habe.‹ Ich führte den armen Schelm in meine Herberge, wo drei oder vier Fakirn mit einer reichlichen Abendmahlzeit meiner warteten. Er geriet vor Freuden und Erstaunen außer sich, da er sah, wie gute Anstalten wir gegen das ungeduldigste aller menschlichen Bedürfnisse gemacht hatten. ›Aber, wie fangt ihr das an, Brüder?‹ rief er aus. ›Was für ein Geheimnis besitzt ihr, diese tauben Ottern von Lahor zu beschwören, daß sie euch mit dem Mark Ihres Landes mästen?‹ – ›Geduld‹, sagt ich: ›du sollst es sehen. Es ist die leichteste Sache von der Welt, die Mildherzigkeit dieses Volkes zu besteuern. Der ungeschickteste Strohkopf hat dazu Geschicklichkeit genug: du brauchst dazu weder deine Lenden noch deine Lungenflügel anzugreifen. Mache nur, wie du diese guten Fakirn machen siehst, und bekümmre dich weiter um nichts.‹ Des andern Morgens nach dem zweiten Gebete begaben wir uns in den Vorhof der großen Moskee. Eine Menge Volks sammelte sich um uns her. Ich teilte den Fakirn und dem nichts Arges besorgenden Alfaladdin Geißeln aus. – ›Wozu dies?‹ fragte mich der Sänger heimlich. – ›Mache wie du deine Kameraden machen siehst‹, sagt ich ihm mit großer Ernsthaftigkeit, ›und schone deines Leders nicht, oder du bist verloren.‹ – Die Fakirn fingen an sich aus Leibeskräften zu peitschen, und arbeiteten so gelassen und taktmäßig auf ihren bloßen Rücken zu, als ob er von Alabaster gewesen wäre. Der arme Alfaladdin, wie er sah daß kein andres Mittel war, entschloß sich endlich mit zusammen gebißnen Zähnen ihrem Beispiele zu folgen. Aber die Natur empörte sich schon beim zweiten Streich. Er hob die Geißel so langsam, als ob anstatt jedes Spörnchens ein Mühlstein daran hinge, und eh ich mich's versah, hatte er sich unterm Gedränge davon geschlichen. Unterdessen daß sich die Fakirn, zu großer Erbauung des Volkes von Lahor, ohne alles Mitleiden mit sich selbst zerfetzten, teilte ich Amulette gegen Krankheiten und böse Geister, gegen Donner und Wetter, Ratten, Schlangen und Skorpionen aus; und den Weibern verkaufte ich Talismane um ihren Männern besser zu gefallen, und Mittel gegen die Unfruchtbarkeit. Des Mittags zogen wir uns mit der Beute von Lahor beladen in unsre Herberge zurück. Wir fanden da unsern Abtrünnigen, der mir sein Instrument mit demütigem Danke zurück gab, und bei den Bärten aller zwölf Imams schwor, daß er lieber singen und hungern als seine Mahlzeit auf Kosten seines Rückens verdienen wolle. ›Wohin gedenkst du denn?‹ fragt ich ihn. – ›Nach Dehly, wo ich vermute, daß sich mit Singen oder – Leiern mehr als mit Geißeln verdienen läßt.‹ – ›Ich begleite dich‹, sprach ich: ›meine Amulette und Talismane werden ungefähr bis dahin für uns beide zureichen.‹ Ich ließ also die Schafköpfe von Fakirn zu Lahor zurück, und kam mit Alfaladdin nach Dehly. Weil wir sehr ermüdet waren, setzten wir uns den Gärten des Serails gegen über, unter den ersten besten Baum, wo wir unsern ehmaligen Gefährten Sinan , den Dichter, in eben so verfallnen Umständen antrafen, als die, woraus ich seinen Freund den Sänger gezogen hatte. Wir saßen noch nicht lange beisammen, als wir gewahr wurden, daß man uns aus einem Fenster des Serails beobachtete. Dies beunruhigte meine Gefährten. ›Der Sultan ist kein Freund unsers Ordens‹, sagten sie: ›es könnte Seiner Hoheit leicht einfallen übel zu finden, daß wir uns hier im Angesichte seines Serails gelagert haben.‹ – ›Ich weiß nicht, ob der Sultan ein Freund von Kalendern ist oder nicht‹, sagte ich: ›aber ich weiß, daß ich kein Freund – von Sultanen bin. Man kann nie zu weit von diesen Herren sein.‹ Wir machten uns also auf, so bald wir sahen daß man sich vom Fenster entfernte, und schlichen uns hinter den Bäumen weg. Wir gingen über den Fluß, und übernachteten bei einer mildherzigen Witwe, die viel Mitleiden mit jungen Leuten unsers Standes zu tragen schien. Des folgenden Morgens, da wir umher gingen die Stadt auszukundschaften, glaubten wir gewahr zu werden, daß man uns mit ungewöhnlicher Aufmerksamkeit betrachtete. Dies bewog uns den einsamen Ort zu suchen, wo du uns fandest. Deine Annäherung schien eine geheime Absicht zu verraten, die unsre Unruhe vermehrte. Wir trennten uns also zum dritten Mal, und seitdem weiß ich nicht, was aus den beiden jungen Kalendern geworden ist; ich vermute aber, daß sie mit einander gegangen sind, ihre Talente in den mittäglichen Provinzen von Indostan geltend zu machen.« 9. Kapitel Ein Dialog zwischen dem Leser und dem Autor »Und dies wäre also die Geschichte der drei Kalender , nach der man uns schon so lange den Mund wässern gemacht hat?« »Wie Sie sehen.« »Es verlohnte sich wohl der Mühe nicht uns damit zu behelligen.« »Das beliebt Ihnen so zu sagen, meine Herren. Ich wollte wetten, daß unter hundert so gelehrten, belesenen, alles wissen wollenden, und alles mit allen seinen Umständen wissen wollenden Herren, wie viele unter Ihnen sind, wenigstens achtzig sein müssen, die keinen unbeträchtlichen Teil ihres Lebens zugebracht haben, Historien zu lesen, oder zu emendieren, zu kommentieren, zu exzerpieren, in eine andre Form zu gießen, usw. die sich der Mühe eben so wenig und vielleicht weniger verlohnten als diese. – Und dann ist es wohl billig, für nichts zu rechnen, daß ich Sie, da Sie doch einmal die Geschichte der drei Kalender wissen wollten, so leicht habe durchwischen lassen? Stand es etwa nicht bei mir, diese nämliche Geschichte, wovon ich itzt den Kern und die Quintessenz in etlichen Blättern geliefert habe, in eben so viel Bände auszudehnen?« »Als ob wir dann verbunden gewesen wären, sie zu lesen?« »O meine Herren, Sie würden sie gelesen haben, dafür steh ich Ihnen. Es gibt Mittel die Leute lesen zu machen!« »Wenn einiger Nutzen davon zu gewarten ist, ja. Aber wozu soll wohl – die Geschichte der drei Kalender nützen?« »Wie doch gelehrte Leute so eine Frage tun können! Alles ist nützlich, meine Herren, alles; Dornen und Disteln, Spreu und Häckerling, Spinneweben und Wespennester, Froschzungen und Froschlaich, Wanzen und Blattläuse, Bärenfett und Katzenfett, ja in gewissen Umständen sogar Bonzenfett. Jemand suchte dem Cäsar , einige Zeit vor dessen Ermordung, Argwohn gegen den Antonius und den Dolabella beizubringen, in die er ein besonderes Vertrauen setzte. »O«, sagte Cäsar, »ich besorge nichts von diesen fetten und zierlich frisierten Burschen; die blassen und hagern (er meinte den Kassius und Brutus ) sind mehr zu fürchten.« ( Plutarch im Leben Cäsars ) Vermutlich zielt unser Autor auf diese Stelle, und will so viel sagen: fette Bonzen wären weniger gefährlich als magere. Diese Maxime ist nun freilich nicht ohne Ausnahme; aber gleichwohl mag sie a potiori ihre Richtigkeit haben, wenn es auch bloß daher käme, weil fette Bonzen ordentlicher Weise zu träge sind, viel Böses zu tun. Und in so fern ließe sich dann wohl mit einigem Grunde behaupten, daß auch Bonzenfett seinen Nutzen habe; in so fern es nämlich einen physischen Grund enthält, warum ein feister Bonze weniger übeltätig und giftig ist als andre. M. Skriblerus – Nur Bonzen gift ganz allein nehm ich aus; denn dies hat zu allen Zeiten in der ganzen Welt zu nichts getaugt – als Unheil anzurichten, ehrlichen Leuten das Herz abzufressen, Könige zu ermorden, und gute Päpste zu vergiften – O Klemens XIV! Wenn also ( Bonzengift und Aqua Tofana ausgenommen) alles in der Natur zu etwas gut ist, warum, meine hochgelahrten Freunde, sollte die Geschichte der drei Kalender zu nichts gut sein? – Wie, wenn Sie sich entschlössen, sie noch einmal zu lesen? Man entdeckt oft erst beim zweiten oder dritten Male, wo der Hund begraben liegt.« »Alles, was sich darin entdecken läßt, läuft auf zwei Punkte hinaus: erstens, daß der Sultan, und die Sultanin seine Gemahlin, und Danischmend sein Hofsophist, und alle Mirzas und übrige Müßiggänger an seinem Hofe, von den drei Kalendern – nichts wußten ; und zweitens, daß alles, was der alte Kalender von der Sache weiß und sagt, schwerlich um eine Stecknadel besser ist als nichts. Meine Herren, haben Sie nicht gelesen und lesen vielleicht noch täglich Bücher in groß und klein Folio, Quarto und Oktavo, voll gestopft und gepfropft mit unmenschlicher Gelehrsamkeit, mit höchst mühseligen Nachforschungen und Berichtigungen, mit ausführlicher Widerlegung aller gegenseitigem Meinungen, mit Citationen zehentausend andrer Bücher, und mit Digressionen durch alle Prädikamente, das Ganze mit einem zwei- oder dreifachen Register wohl versehen, – haben Sie, sage ich, nicht dergleichen Bücher gelesen, sie im Schweiß Ihres Angesichts, bei nächtlicher Lampe, auf Unkosten Ihrer Augen, Ihres Ölkrügleins, Ihres Schlafs, und vielleicht Ihrer häuslichen Obliegenheiten, gelesen, ohne einen andern Nutzen davon zu haben, als daß Sie nun entweder nichts von der Sache wußten, oder etwas wußten, das ihnen das Öl in der Lampe nicht bezahlte? Das ist eben die Sache, meine Freunde – und Sie haben immer noch dabei gewonnen, wenn Sie wissen, daß es so ist. Und nun gehen Sie hin, und sagen mehr, die Geschichte der drei Kalender sei zu nichts nütze.« Der Autor ist hier zu bescheiden. Ich habe in meinem Leben viel Historien gelesen; aber ich kenne ihrer wenig, die in vier bis fünf Blättern so viel nützliche Moral und halb so viel Weltkenntnis enthielten. Man lernt daraus Sultanen und Fakirn, Emirn und Emirsweiber, Poeten und Sänger, Schlauköpfe und Schafköpfe, Hofleute und gemeine Leute, kennen. Wer tiefer in das Wesen der Dinge zu sehen gewohnt ist, wird sogar die vier großen Triebräder , die das ganze Maschinenwerk dieser Unterwelt gehen machen, ohne Mühe darin entdecken. Mit Einem Worte, man sage mir nicht viel, oder ich bin im Stand und schreibe ein dickes Buch Betrachtungen über die Geschichte der drei Kalender , worin ich alles entwickle – M. Skriblerus Bewahre! Wenn Herr Skriblerus entwickelt , das ist gerade, als wenn Herr Theophilus Murrzufflus zitiert; dann wird des Entwickelns und Zitierens kein Ende. Lieber ergeben wir uns auf Gnade und Ungnade, und nehmen unentwickelt und unzitiert alles für gut an, was uns die Herren dafür geben wollen. Der geneigte Leser 10. Kapitel Schutzrede des Kalenders für seinen Stand Perisadeh sah bei einigen Stellen der Erzählung des Kalenders bald auf ihren Mann bald auf den Erzähler, mit Augen, in deren eigentümlicher Heiterkeit ein Wölkchen von Mißfallen schwamm, welches dem Alten nicht unbemerkt blieb. Danischmend selbst, wiewohl er mehr von der Welt gesehen hatte als Perisadeh, und in der Miene des Kalenders etwas fand, das ihn zu dessen Vorteil einnahm, konnte sich doch des Gedankens nicht erwehren, daß er einen schlimmen alten Vogel, und vielleicht einen gefährlichen Menschen unter sein Dach aufgenommen habe. Der Kalender schien durch das, was seine Wirte von ihm dachten, wiewohl er es deutlich in ihren Augen las, nicht beunruhigst zu werden. Er sprach noch eine Weile von allerlei Dingen; aber da er merkte, daß Perisadeh immer ernsthafter und Danischmend immer stummer wurde, fand er für gut, den widrigen Eindruck in Zeiten auszulöschen, den er ihnen in einer Art von Sorglosigkeit, die vielleicht aus einem billigen Selbstvertrauen entsprang – von seinem Charakter gegeben hatte. »Nicht wahr«, sagte er zu Danischmenden, »mein Aufzug, meine Lebensart, die Gesellschaft, worin du mich zu Dehly gesehen hast, und die Peitschen und Amulette, die ich zu Lahor austeilte, geben dir keine sehr vorteilhafte Meinung von deinem Gaste? Allein in meinem Stande macht man allerlei Bekanntschaften, lernt mit allerlei Menschen leben, und macht allerlei Torheiten mit. Der Stand eines Kalenders hat, wie alle andre, ohne Zweifel seine schlechte Seite; aber er hat auch seine Vorzüge. Er wird vielleicht von den meisten gemißbraucht; aber es ist gewiß, daß er eben so wohl eine Schule der Weisheit sein kann, wenn wir wollen. Unser Orden ist wenig von der Sekte jener Philosophen unterschieden, die bei den alten Griechen Cyniker genannt wurden; der ganze Unterschied liegt darin, daß der Pöbel ich weiß nicht welchen Begriff von Heiligkeit und Verdienst mit unsrer Lebensart verknüpft, weil der Stifter derselben ein Santon, und vermutlich, so wie seine ersten Nachahmer, im Kopfe nicht allzu richtig war. Ich gestehe gern, wär ich ein Fürst, oder der Wesir eines Fürsten, so würde meine erste Sorge sein, keine Müßiggänger und Landstreicher, unter welche Namen sie sich auch verstecken wollten, in meinem Lande zu dulden.« »So dacht ich auch«, sagte Danischmend, und hielt plötzlich wieder ein, weil ihm auch dies wenige wider Willen entwischt war. »Da ich aber«, fuhr der Alte fort, »ein Kalender bin, und in einem Teile der Welt lebe, wo eine allgemeine Verschwörung der Sultanen und Wesire gegen die Kalender nicht zu besorgen ist – so bediene ich mich der Freiheit, die man mir lassen will, und schleiche mich so leise durch die Welt als ich kann. Ein Kalender, nach dem Begriff, den ich mir davon mache, hat den Vorteil, auf diesem großen Markte des menschlichen Lebens, – wo alle andre Leute etwas zu kaufen oder zu verkaufen, zu tauschen oder zu wechseln, zu richten oder zu schlichten, zu pfeifen oder zu tanzen, zu betrügen oder zu stehlen haben, – den bloßen Zuschauer zu machen. Er besitzt weder Land noch Geld, treibt weder Handwerk noch Kunst, hat weder Weib noch Kind, ist keines Ortes Bürger, keines Fürsten Diener, hat kein andres Vaterland als den Erdboden, hängt an nichts, ist so frei wie der Vogel in der Luft, und, wenn er weise ist, glücklicher als der Sultan von Indien.« »Das ist nicht viel gesagt«, dachte Danischmend. »Und warum sollt er nicht weise sein? Was so viel andre Menschen daran hindert, ist kein Hindernis für ihn. Er hat sich angewöhnt so wenig zu bedürfen, daß die Begierlichkeit ihn selten zu Torheiten verleitet, und so viel als die Natur bedarf findet er allenthalben. Indessen wandert er, ohne sich zu bekümmern ob die Welt gut oder übel geht, aus einer Provinz in die andre, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, macht sich mit allen Arten von Menschen bekannt, übernachtet bald unter einer vergoldeten Decke, bald in einer Lehmhütte, beobachtet aller Menschen Tun und Lassen, lernt ihre Leidenschaften und Einbildungen, ihre Tugenden und Laster, ihre Mummereien, Trugschlüsse und Possenspiele, ihre schwache und ihre häßliche Seite kennen; lernt wodurch man ihnen gefallen, und wie man auch den unbändigem Teil so kirre machen, zäumen und bemaulkorben kann, daß er alles mit sich anfangen läßt was ihr wollt. Warum sollte nun ein mit allen diesen Erfahrungen und Kenntnissen bereicherter Mann nicht weise sein, und wie sollte ihn seine Weisheit nicht glücklich machen? Wenn die Glückseligkeit darin besteht, so wenig als möglich zu leiden: wer leidet weniger als er, der so wenig bedarf, so wenig verlieren kann, durch keine Begierden gequält, durch keine Sorgen schlaflos gemacht wird, und gegen alles unvermeidliche Ungemach des Lebens durch die Gewohnheit abgehärtet ist? der mit den übrigen Menschen in so wenigen und so unbedeutenden Verhältnissen steht, daß es beinahe unmöglich ist, jemals mit ihnen in einen empfindlichen Zusammenstoß zu kommen? der sie so gut kennt, und so wenig Ansprüche an sie macht, daß es ihm nie einfällt, sich darum zu bekümmern ob sie ihn hochschätzen oder verachten? – Besteht die Glückseligkeit in dem Gleichgewichte der Seele: wer ist ruhiger als der, der bei allen Veränderungen und Katastrophen der Welt nichts zu gewinnen noch zu verlieren hat; der nichts so heftig liebt noch haßt, daß seine eigne Ruhe dabei leiden könnte; der nie in fremdes Interesse verwickelt, nie von fremden Leidenschaften herum getrieben wird, und, wenn alle Sultane der Welt Lust bekämen sich mit einander zu raufen, sehr entschlossen ist, nicht ein einziges Haar von den seinigen dazu herzugeben? – Liegt der höchste Grad der Glückseligkeit in der Selbstgenügsamkeit: wer, als er, kann sich rühmen, unter allen Arten der Sterblichen diesem Glücke der Götter am nächsten zu kommen? Er, der alles, was er sein nennt, immer bei sich trägt?« – »O die verwünschten Deklamationen!« dachte Danischmend – – »und dem nichts unentbehrlich ist, als Luft zum Atemholen, Wasser zum Trank, Wurzeln zur Speise, und ein Baum oder eine Höhle zum Obdach? – Entspringt die Glückseligkeit aus dem Genuß des Vergnügens: welche Vergnügungen sind lebhafter, vollströmender, unschädlicher, und wohlfeiler zu haben, als diejenigen, wovon alle Menschen aus dem großen Becher der Natur bis zur Sättigung trinken können? Und wer genießt diese freier, ungestörter und behutsamer, als der Kalender; dieser echte Sohn der Natur, dessen Einbildung durch keine Vorurteile verwöhnt, dessen Geschmack durch keine spitzfindige Verfeinerung verzärtelt, dessen Organe durch Üppigkeit und Ausschweifungen nicht geschwächt und abgenutzt sind?« – Der Kalender merkte endlich, daß Danischmenden die Geduld auszugehen anfing. »Nun denn, was sagst du«, fuhr er lachend fort, »zu allen diesen Glückseligkeiten des Kalenderstandes? Ich gestehe, daß ein bißchen Deklamation mit untergelaufen ist.« »Das weiß der Himmel!« rief Danischmend – »Indessen ist doch immer so viel davon wahr, daß ich, so wie du mich hier siehst, einer von diesen glückseligen Sterblichen bin, die so wenig leiden, so wenig bedürfen, so wenig fürchten noch hoffen, kurz so wenig Anteil an der abgeschmackten Posse nehmen, die das Erdenvolk mit so viel dummer Feierlichkeit auf der einen, und mit so viel kindischem Mutwillen auf der andern Seite spielt, als es einem Wesen, das von vier Elementen leben muß, nur immer möglich ist.« »Gut! oder, wenn ich dir aufrichtig sagen soll wie mir's ums Herz ist, nicht gut «, versetzte Danischmend. »Ich bin eines von den verträglichsten Geschöpfen auf Gottes Boden; aber es ist mir unmöglich, einem Menschen hold zu sein, der nur für sich selbst lebt. Ich hasse die bloße Vorstellung von einem gleichgültigen Zuschauer des menschlichen Lebens. Nicht, als ob ich einem weisen Manne zumuten wollte, sich ohne Not in die Angelegenheiten irgend einer besondern Gemeinheit verflechten zu lassen. Aber, ist er nicht ein Weltbürger? und, so wenig es immer sein mag, was die Menschen für ihn tun, wie kann er vergessen, daß er auch etwas für sie zu tun schuldig ist?« » Schuldig? « – erwiderte der Kalender ganz kaltsinnig: »das dächt ich nicht! Ja, wenn er irgend etwas von den Menschen als Schuldigkeit forderte ; dann! – Aber dies ist ganz wider die Grundsätze des echten Kalenders. Was er von den Leuten empfängt, das gibt ihm ihre Gutherzigkeit , oder ihre Eitelkeit , oder ihr Aberglaube . Die beiden ersten belohnen sich selbst , und der letzte verdient, zur Strafe, betrogen zu werden . Denn wozu hat ein Mensch vonnöten, seinen fünf Sinnen und dem Menschenverstande zu Trotz, sich ungereimtes Zeug in den Kopf zu setzen? Übrigens seh ich nicht, wie man die Philosophen unsers Ordens einer gänzlichen Untätigkeit beschuldigen kann. Sie nützen der edlern Art von Menschen durch ihren Umgang, durch Mitteilung ihrer Bemerkungen, durch ein Urteil von den menschlichen Dingen, das durch keine Parteilichkeit, keinen Sektengeist, keine Art von Vorurteilen verfälscht wird. Die Großen hören zuweilen durch sie das Kostbarste, was ein gemeiner Mann einem Großen geben kann, die Wahrheit ; und der leichtgläubige Pöbel empfängt aus ihrer wohltätigen Hand Amulette und Talismane; herrliche Arzneien für eine kranke Phantasie; Dinge, die an sich nichts sind, aber durch den Glauben, den man an sie hat , zuweilen wundertätig werden. Vid. die von dem Parlementsrate von Montgeron legaliter verifizierten Wunder des Abbé Paris . Mir deucht, alles dies setzt die Kalender mit den übrigen Erdbewohnern so ziemlich ins reine, und gibt ihnen, wiewohl sie weder graben noch spinnen, ein hinlängliches Recht an das wenige, was sie vonnöten haben. – Von den Gunstbezeigungen milder Seelen vom schönen Geschlecht, um die man uns zu beneiden pflegt, sag ich nichts; denn man kann sich leicht vorstellen, daß wir sie verdienen müssen.« »Freund Kalender«, sagte Danischmend, »wenn deine Sache, wie ich besorge, nicht die beste ist, so hast du ihr wenigstens die beste Wendung gegeben, die man ihr geben kann. Übrigens finde ich eben so natürlich, daß ein Mann seine eigene Art über jede Sache zu denken, als daß er seine eigene individuelle Nase habe. Es gibt freilich Nasen von so besonderer Figur und Proportion, daß die Schönheit der menschlichen Gattung nicht viel dabei gewinnen würde, wenn man sie zu Modellen machen wollte. Aber unter tausend mehr oder weniger gebogenen oder eingedrückten, viereckigen oder aufgestülpten, längern oder kürzern Nasen vom gewöhnlichen Schlage mag immer ein Elefantenrüssel oder ein Habichtsschnabel ohne Schaden mitlaufen. So selten als die kaltblütigen Philosophen sind, zu denen du dich bekennst, würd es allerdings sehr unbillig sein, ihnen den wenigen Raum, den sie auf diesem ohnehin schlecht bevölkerten Erdenrund einnehmen, zu mißgönnen. Doch leugne ich nicht, daß es mir leid tun sollte, wenn sie jemals aufhörten selten zu sein. 11. Kapitel Ein ehvertrauliches Gespräch zwischen Danischmend und Perisadeh Als Danischmend und Perisadeh sich wieder allein befanden – – Sie sehen, meine Freunde, ich erlasse Ihnen den Rest der Unterredung bei Tische, und wie man einander gute Nacht wünschte, und die Beschreibung des Schlafzimmers, welches dem Kalender angewiesen wurde, und die Beschreibung einer schönen jungen Sklavin, die ihm Wasser brachte und schon wieder verschwunden war, da er sie eben mit einiger Aufmerksamkeit ansehen wollte, usw. – und dies ist immer sehr höflich von einem Schriftsteller, der bei gutem Mut ist, und etliche Buch schönes weißes Papier und ein Dutzend schon zugeschnittene starke Gänsekiele vor sich liegen hat – als sage ich, Perisadeh und Danischmend (zu großer Erleichterung der erstern) sich wieder allein befanden, erfolgte etliche Minuten lang eine tiefe Stille. »Dieser Kalender ist mein Mann nicht«, sagte endlich Perisadeh, indem sie ihr leichtseidnes rosenfarbnes Untergewand herab schlüpfen ließ. »Ich wollte auch nicht, daß er's wäre«, antwortete Danischmend. »Eine Frau wäre unglücklich bei einem solchen Manne«, fuhr sie fort: »wie könnt ein Mann, der so denkt, ein zärtlicher Vater sein?« »Mit einer solchen Art zu denken, Perisadeh, wird man ein Kalender oder – ein Bösewicht.« »Ich fürchte wir haben einen schlimmen Menschen unter unserm Dache, mein Lieber.« »Besorge nichts, Perisadeh: er ist nicht so arg als er sich macht. Und dann ist er ja ein Kalender!« »Ich bin diesen Leuten nie gut gewesen.« »Ich auch nicht. Aber ein Kalender kann so denken wie dieser, ohne daß er darum ein schlimmerer Mann ist als tausend andre.« »Nichts so sehr lieben, daß seine Ruhe dabei in Gefahr käme? – Begreifst du das, Danischmend? Was nennt der Mensch lieben? « »Wir müssen ihn nicht nach uns beurteilen, meine Beste, wenn wir ihm nicht unrecht tun wollen. Der Mann trägt sein Herz in seinem Kopfe.« »Ich kann nicht glauben« (fuhr Perisadeh fort), »daß ein Mensch desto besser sei, wenn er so wenig Bedürfnisse hat. Ich wenigstens schäme mich nicht zu gestehen, daß ich ohne dich und unsre Kinder keinen Augenblick leben möchte. Und wenn ich itzt denken müßte, daß ein einziges menschliches Geschöpf in unserm Hause unglücklich wäre, ich könnte keine Ruhe haben. Das Glück der Menschen, die um mich sind, ist ein Bedürfnis für mich.« Wie Sie sehen, war die gute Perisadeh, mit aller ihrer Zärtlichkeit und Güte ihres Herzens, eine kleine Egoistin. Der Egoismus, wovon hier die Rede ist, ist nicht der moralische , vermöge dessen ein Mensch nichts liebt als sich selbst, sondern die natürliche Notwendigkeit, worin eine Person, der es an allgemeinen Begriffen fehlt, sich befindet, immer sich selbst zum Modell oder Maßstab zu nehmen, wenn sie von anderer Menschen Wert oder Unwert urteilt; wovon ich in meiner Abhandlung vom Egoismus ausführlich zu handeln, und alles mit kurzweiligen Beispielen zu erläutern gesonnen bin. M. Skriblerus Allein dies konnte nicht anders sein. Wir haben es schon gesagt, sie war eine bloße kunstlose Tochter der Natur. Danischmend liebte sie nur desto mehr darum. Was Perisadeh eben gesagt hatte, eröffnete zwischen ihnen einen von diesen interessanten – aber nur für die redenden Personen interessanten Dialogen, die sich in keine Wörtersprache übersetzen lassen. Man könnte sie unmittelbare Seelengespräche nennen, wenn es in unserm gegenwärtigen Zustande möglich wäre, daß Seelen sich einander, ohne durch ein materielles Medium zu gehen, mitteilen könnten. Aber, eben darum weil dies nicht angeht, rate ich einem jeden, der viel Seele hat , und unter vier Augen mit einer Freundin unvermerkt in eine so interessante Unterredung gerät, daß die gewöhnliche Sprache unter der Gewalt ihrer beiderseitigen Empfindungen einsinkt, – wofern die Freundin nicht, zum Glücke, seine eigene Frau ist, so rate ich ihm, daß er von dem Augenblick an, da er merkt, daß seine besagte Seele alle ihre Kräfte zusammen rafft, um durch ihren Leib, wie durch eine zwischen ihr und der Seele aufgemauerte Scheidewand, durchzubrechen, – auf allen seinen Beinen so hurtig davon laufe als er kann, Besser wäre es dergleichen Gelegenheiten gänzlich zu vermeiden. Sämtliche Meister des Moralistenhandwerks Sicherer wär es allerdings; aber es ist nicht allemal möglich . Überdies, ist nicht, unglücklicher Weise, die ganze Welt voller Gelegenheiten? Karamuel, S. J. – wenn es anders, wie ich besorge, nicht schon zu spät ist. 12. Kapitel Fortsetzung der Geschichte des ersten Kalenders »Bei allem dem was du gestern zu Gunsten deines Standes vorgebracht«, – sagte Danischmend zu seinem Gaste, indem sie früh morgens auf dem Wege zur Grotte spazieren gingen, – »wundert's mich doch, wie ein Mann wie du dazu gekommen ist ein Kalender zu werden.« »Ein Mann wie ich damals war da ich's wurde«, versetzte der Kalender, »hat wenig Hoffnung oder Gelegenheit jemals etwas besseres zu werden. Alle Menschen – wenige außerordentliche Genien vielleicht ausgenommen Der Kalender hat wohl getan, » vielleicht « zu sagen. Denn wenn man genau nachsieht, wird sich allemal finden, daß auch die außerordentlichen Genien ohne gewisse besondere Umstände, die ihnen gerade diese und keine andre Bildung, Spannung und Richtung gaben, das was sie waren nicht geworden wären. Helvetius Hieran ist etwas wahr . Hindernde oder begünstigende Umstände müssen freilich immer mitwirken, wenn aus einem Menschensohn ein Alexander oder Annibal, ein Homer oder Lykurg, ein Sokrates oder Phidias, ein Hippokrates oder Archimedes werden soll. Aber es ist auch wahr – und alle Induktionen und Sophismen, welche Helvetius dagegen aufhäuft, vermögen nichts gegen ein durch die allgemeine Erfahrung so sehr bestätigtes Faktum – daß man zum Alexander, Annibal, Homer, Lykurg, Sokrates, Phidias, Hippokrates und Archimedes geboren wird, und daß die Geister von dieser Klasse ihren eigenen Weg auch durch den dicksten Wald von Hindernissen hindurch zu brechen wissen. Sie gleichen einem Eichensprößling, der mittelst Erde, Wasser, Luft und Feuer, zur Eiche heran wächst, aber auch nicht weniger ein Eichbaum wird, wenn sich gleich Mehltau und Baumwanzen, Ratten und Maulwürfe, Ziegen und Rinder mit allen vorbesagten Elementen gegen ihn verschwören. Die gewöhnlichen Menschen hingegen sind wie ein Stück Holz, Ton oder Marmor in der Hand der Kunst, woraus, je nachdem man es schneidet, hobelt, drückt und behaut, ein Schemel oder ein Priap, eine Schüssel oder ein Nachttopf, ein Apollo oder ein Silenus wird. Kurz, der Mann von Genie ist ein Werk der Natur , das seine Form und wirkenden Kräfte in sich selbst hat. Die übrigen sind alles, was Zeit und Umstände, Gewohnheit und Bedürfnis, Spitzbuben und Narren, Tyrannen und Bonzen aus ihnen machen wollen. Dübos Ich halte gar nichts von allen diesen Philosophen, und von diesem Unterschied zwischen Genien und gewöhnlichen Menschen. Es steht kein Wort davon in meinem Quenstädt . Wir sind alle arme Sünder, und wenn wir nicht umkehren und werden wie die Kindlein, so kommt am Ende Meister Hämmerling, und holt die Genien so gut wie die gemeinen Leute. Der Pfarrer zu **** Hierin hat der Herr Pfarrer recht. J. C. H. – werden durch die Umstände was sie sind. Was mich wenigstens betrifft, ich bin sehr überzeugt, daß ich das Beste was an mir ist meiner Kalenderschaft zu danken habe; und auch du würdest es so finden, wenn ich dir erzählte, wie ich dazu gekommen bin.« »Ich wollte daß ich alle Tage jemanden hätte, der mir erzählte wie er dazu gekommen ist, der Mann zu werden der er ist«, sagte Danischmend: »ich kenne nichts Lehrreicheres.« »Meiner Mutter Mann, Herr Danischmend, war in einer kleinen Stadt in Kandahar was man einen Schuhflicker nennt, wiewohl er auch in dieser Kunst sich keinen besondern Ruhm erworben hatte. In der Tat war dies an seinem Orte nichts so Leichtes: Denn, vermöge der Polizeiverfassung meiner lieben Vaterstadt, zählte man vierzig bis funfzig Schuhflicker daselbst, welche, unter zwölfhundert beschuhte Einwohner dividiert, unmöglich so viel Schuhe zu flicken haben konnten, daß sie Salz und Kümmel damit verdient hätten; zumal, da sich unglücklicher Weise zu so vielen Schuhflickern kein einziger Schuster im Orte befand, daß also alle Leute, die es nur einiger Maßen möglich machen konnten, barfuß gingen. Nun weiß ich nicht, wie der Schuhflicker, mein Vater, dazu kam, daß er eine hübsche Frau hatte: genug, er hatte sie, und (was er in seinen Umständen für ein großes Glück ansah) noch oben drein einen Freund, oder vielmehr einen Gönner und Beschützer, in dem Vorsteher einer Derwischerei, deren Gartenende an die Hintertür unsers kleinen Hauses stieß. Es gibt gutherzige Leute, die es für ungereimt halten, einen Mann, der allen Evatöchtern zu Trotz ein Gelübde getan hat, kein Mann zu sein , mit einer menschlichen Schwachheit im Verdacht zu haben. Es gibt aber auch boshaftes argwöhnisches Volk, vor deren Afterreden ein Derwisch selbst nicht sicher ist, wenn er sich herab läßt der Freund eines alten Schuhflickers zu sein, der eine hübsche Frau hat. Mein Vater war von der ersten Klasse, der Rest unsrer ganzen Stadt von der zweiten. Aber der Derwisch ließ sich dadurch in seinen wohltätigen Gesinnungen gegen uns nicht irre machen; und es würde undankbar von mir sein, nicht zu gestehen, daß ich ihm und der Schönheit meiner Mutter, wo nicht mein Dasein, doch gewiß meine Erhaltung ganz allein schuldig bin. Meine Kindheit brachte ich, Dank sei dem guten Derwischen! so glücklich hin, als man in diesem Alter ist, wenn man an Äpfeln, Nüssen, Kastanien und Kuchen keinen Mangel hat, und ohne Zwang und Beschäftigung in seiner natürlichen Wildheit herum laufen darf. Als ich heran zu wachsen anfing, wollte der Schuhflicker, mein Vater, mich zu seiner Kunst anführen. Aber da ich nicht das geringste Genie Der Autor gebraucht hier das Wort Genie vermutlich ironice. Denn zur Schuhflickerei braucht es doch wohl kein sonderliches Ingenium. Der Schulmeister von Abdera dazu verriet, und überhaupt einen unheilbaren natürlichen Abscheu vor aller Arbeit zeigte: schlug unser Beschützer endlich vor, mich in seinen eignen Orden aufzunehmen. Er malte mir die Pflichten desselben sehr leicht und angenehm vor: es war weiter nichts als – meinem bißchen Menschenverstand, meiner Freiheit, und noch einer solchen Kleinigkeit zu entsagen, deren Bestimmung ich damals nicht besser als den Wert der beiden erstern kannte. Das übrige, sagte er, wären mechanische Fertigkeiten, zu deren Erwerbung nichts als ein wenig Zeit und Übung erfordert würde. Ich ließ mir alles gefallen, oder vielmehr ich sah in dem Stande der Derwischen nichts als seligen Müßiggang und Essens und Trinkens die Fülle, d. i. alles, was nach meinem damaligen Begriffe das höchste Gut ausmachte. Aber nach etlichen Jahren fand sich, daß mir die Natur einige Triebe und Gaben zugeteilt hatte, die mit den Pflichten meines Derwischenrockes unverträglich waren. Ich bediente mich mit der größten Freiheit meiner Zunge, über die Aufführung meiner Vorgesetzten und Brüder zu urteilen; auch fühlte ich einen unwiderstehlichen Trieb in mir, mit allen Schuhflickern unsers Ortes, welche leidliche Weiber hatten, Bekanntschaft zu machen. Weil ich noch zu jung war um vorsichtig zu sein, so trieb ich's so arg, daß endlich die Ehre der Derwischerei die Zärtlichkeit überwältigte, welche Natur oder Gewohnheit dem Vorsteher für mich eingeflößt hatte. Er beraubte mich aller Freiheit, legte mir häufige Fasten auf, und da dies noch nicht helfen wollte, verordnete er mir gewisse periodische Geißelungen, die, seinem Vorgeben nach, ein herrliches Mittel gegen die Anfechtungen von Schuhflickersweibern sein sollten. Ich zweifle sehr daß der gute Derwisch dies aus eigner Erfahrung wußte. Mir wenigstens schien's, als ob seine Arznei das Übel nur vermehre; und da sie überdem so unangenehm zu nehmen war, so fand ich für gut an einem schönen Morgen aus der Derwischerei zu entweichen, und mich der Natur und meinem Schicksal auf Geratewohl zu überlassen. Ich trieb lange ohne Mast und Segel in der Welt umher, und brachte mein Leben kümmerlich davon, indem ich alle Arten von Professionen, die man nicht zu lernen braucht, versuchte. Bald zog ich als Troßjunge mit einer Karawane, bald machte ich den Wasserträger, bald den Eseltreiber, bald – gegen die Gebühr – den Esel selbst. Man kann sich nicht erwehren, hierbei an eine gewisse Anekdote in Lucians Lucius oder Esel schlechtweg (welche Apulejus auch seinem goldnen Esel einverleibet hat) zu denken. Die Historie ist keine von den erbaulichsten; aber was muß unser einer nicht lesen? M. Onocephalus Bei allem diesem regte sich etwas in mir, das durch die Verächtlichkeit der Rollen, die ich in diesem irrenden Zustande spielte, beleidiget wurde. Aber was für Auswege standen mir offen? Endlich schien mir der Stand eines Kalenders in meiner Lage der einzige zu sein, der in meiner Gewalt war, und durch den ich mich in etwas für gebessert halten konnte. Denn, wiewohl er in den Augen der Welt keiner von den ehrsamsten ist, so war er's (wenigstens in der Meinung des Pöbels) unendliche Mal mehr, als der Stand eines Wasserträgers oder Eseltreibers. Überdies vertrug er sich vollkommen mit meiner Neigung zum Herumschwärmen, und Erfahrungen über die verschiednen Denkarten und Leidenschaften der Menschen zu machen. Ich nahm also den Habit eines Kalenders, gesellte mich zu einigen irrenden Rittern dieses Ordens, die ich für geschickt ansah mich in die Geheimnisse desselben einzuführen, und durchwandre nun bereits über dreißig Jahre lang, bald in Gesellschaft, bald allein, die meisten Provinzen in Asien. Ich würde nie fertig werden, wenn ich dir alle Abenteuer erzählen sollte, die mir während dieser langen Wanderschaft aufgestoßen sind. In der Tat, es wäre bloß meine Schuld, wenn ich die Menschen nicht kennen gelernt hätte: und wenn mir auch diese Kenntnis zu nichts hälfe, als mich durch und durch zu überzeugen, daß es nicht der Mühe wert ist, in dieser Trödelwelt etwas andres als ein Kalender zu sein; so wär es genug, um mich's nie gereuen zu lassen, daß ich diese Lebensart ergriffen habe.« 13. Kapitel Der Kalender sagt Danischmenden im Vertrauen was er von der menschlichen Gattung denkt »Ich möchte wohl wissen«, sagte Danischmend, »auf welchem Fuß du die Menschen kennen gelernt hast, um ein so schönes Resultat heraus zu bringen?« »So gern ich meine Meinung über alles frei von der Brust weg sage«, versetzte der Kalender, »so möcht ich doch nicht in dem Falle sein, auf dem großen Marktplatze zu Dehly oder Ispahan sagen zu müssen was ich von den Menschen denke. Aber unter vier Augen seh ich keine Bedenklichkeit.« »Zumal da die Welt bleiben wird was sie ist, du und ich mögen von ihr denken was wir wollen«, sagte Danischmend. »Dies möcht ich eben nicht so unbedingt für wahr annehmen«, erwiderte der Kalender. »Ich denke der Fall hat sich schon oft zugetragen, wo es so gleichgültig nicht war, was für einen Begriff dieser oder jener sich von den Sachen machte. Wer kann uns gut dafür sein, daß Glück und Zufall – die schon so oft aus Grobschmieden, Küchenjungen, Kameltreibern, Kühhirten, ja sogar aus Fakirn, Luftspringern, Lohnhuren, Kupplern, und Gott weiß was für anderm Auskehricht des menschlichen Geschlechtes, wichtige Personen in der Welt gemacht haben, – nicht einmal in einem Anstoß von Laune den Einfall kriegen könnten, einem philosophischen Einsiedler wie du, oder einem Kalender wie ich, eine Rolle in der Welt zu spielen zu geben?« Danischmend lächelte und schüttelte den Kopf, indem er an die Rolle dachte, die ihn der Bramine der Königin Nurmahal in einem rings um gut gemauerten und mit einer doppelten Tür und großen eisernen Stangen und Riegeln wohl verwahrten Käficht hatte spielen lassen. »Ich bin kein Menschenfeind«, fuhr der Kalender fort; »wiewohl ich eben nicht sagen kann, daß ich sie sehr liebenswürdig finde: aber ich bin ein herzlicher Feind aller Deklamationen, da ein Mann seine Backen so voll nimmt als er kann, um alles Gute und Böse was er weiß, über die arme Menschheit heraus zu blasen, ohne sich darum zu bekümmern, wie viel oder wenig Wahres an der Sache ist. Ich möchte den Vorwurf nicht verdienen, daß ich der Natur – auf die am Ende doch alle Schuld zurück fällt – durch eine allzu schlechte Meinung von ihrem besten Stück Arbeit unrecht tue. Aber ich möchte doch auch der Mann nicht sein, der – nachdem er wohl geschlafen, wohl gegessen und getrunken, eine gute Verdauung und einen leichten gesunden Stuhlgang gehabt, Nach der Meinung des Hippokrates, Avicenna, Rasis, und aller andern Ärzte, ist dieses eine unentbehrliche Bedingung zum frei und heiter Denken: ein konstipierter Mensch kann weder was Gescheites denken noch was Angenehmes träumen. D. Akakia und sich mit seinem Weibe oder Kebsweibe nach Wohlgefallen gütlich getan hätte – auf seinen Sofa ausgedehnt von Feenschlössern und Schlaraffenländern und goldnen Zeiten und schönen Seelen träumte, und dann zwischen Wachen und Traum sich hinsetzte, und ein System daher fabelte, worin der Mensch als das gutartigste, edelste und glücklichste aller Geschöpfe figurierte, Geschichte und tägliche Erfahrungen möchten mir das Gegenteil noch so laut in die Ohren schreien. Ich hasse das Übermaß in allen Dingen. Indessen gesteh ich, wenn ja auf einer von beiden Seiten ausgeschweift werden müßte, so würde die Wahrheit weniger verlieren, wenn man zu schlimm als wenn man zu gut von der menschlichen Natur dächte.« »Ich höre für mein Leben gern paradoxe Sätze behaupten«, sagte Danischmend lächelnd. »Die Wahrheit hat zuweilen das Unglück paradox zu klingen«, erwiderte der Kalender: »aber der Beweis für das was ich itzt sagte, ist nur gar zu leicht zu führen. Setzen wir einmal den Fall, es gäb eine Art von Geschöpfen – in welchem Planeten du willst –, die mit einer so schlechten Anlage auf die Welt kämen, daß unter tausenden kaum Eines , und auch dies nicht anders als durch die sorgfältigste und mühsamste Kultur, unter einem Zusammenfluß der günstigsten Umstände, wovon nicht Einer fehlen dürfte, zu einem merklichen Grade von Wert zu bringen wäre: was würden wir von der ganzen Art halten? Würde die Art der Hyänen oder Krokodille darum besser sein, wenn man einige Beispiele hätte, daß durch außerordentliche Mühe und gutes Glück dann und wann eine Hyäne oder ein Krokodill zahm und nützlich gemacht worden wäre? Ich besorge, daß dies ganz eigentlich unser Fall sein möchte. Wie viel Kunst und Fleiß, welche lange Übung, und wie viel Glück noch oben drein, wird nicht dazu erfordert, bis ein Mensch weise und gut wird! Und wie unendlich klein ist die Anzahl dieser letztern gegen das unermeßliche Heer der Narren, der Schafköpfe, der Gecken, der Betrüger, und der Bösewichter, deren ewiges Dichten und Trachten ist, alles zu verhindern, zu untergraben, zu ersticken, und, wo möglich, gänzlich zu vernichten und auszulöschen, was die Weisen und Guten von jeher unternommen haben! – Oder ist es etwann nicht wahr, daß ich in diesen wenigen Worten die Geschichte des menschlichen Geschlechts ausgezogen habe?« Danischmend kraute sich hinterm linken Ohr und sagte – nichts. Der Kalender verfolgte mit aller Unbarmherzigkeit eines Misanthropen, der sich in seinem Vorteil sieht: »Ich gebe zu, daß unter jener größern Zahl die Schafköpfe , die sich von den Schlauköpfen verführen, betrügen und mißbrauchen lassen daß es einen Stein erbarmen möchte, – daß, sag ich, diese Schafköpfe – die ganze Zunft der Gecken, Faselhansen und Narren mit allen ihren Subdivisionen eingerechnet – sich zu den Betrügern und Bösewichtern vielleicht wie Hundert zu Eins verhalten. Aber was gewinnt die menschliche Gattung dabei? Es braucht nur Einen schlauen Spitzbuben, um hundert dumme Knaben an eine lange Kette anzuschließen und bei der Nase hinzuführen wohin er will; und so sind es (zur Schande der Menschheit!) doch immer die schlimmsten unter den Menschen, die am Ende Meister sind.« »Lieber wollt ich mir die Augen ausreißen, als dies nur einen Augenblick glauben«, sagte Danischmend. »Glauben?« – versetzte der Kalender kaltsinnig: »glauben können wir, was uns beliebt; aber die Rede ist hier nicht vom Glauben. Die Frage, wenn ich nicht irre, war: wie die Sache sei; nicht, wie wir wünschen, hoffen, träumen, daß sie sein sollte und möchte. Fakta müssen hier den Ausschlag geben!« » Fakta sind alles, was man daraus machen will«, sagte Danischmend: »aus jedem neuen Augenpunkte scheinen sie etwas anders; und in zehen Fällen gegen Einen ist das vermeinte Faktum, worauf man mit großer Zuversicht seine Meinung gestützt hatte, im Grund eine bloße Hypothese.« Conf. alle die beredten, scharfsinnigen und wohl meinenden Herren, welche Versuche über die Geschichte der Menschheit geschrieben haben, von Iselin bis Home inclusive. X. »Dies mag sein«, erwiderte der Kalender. »Aber die Fakta, von welchen ich rede, sind von der Art derjenigen, die, aus allen möglichen Gesichtspunkten betrachtet, immer die nämliche Gestalt zeigen, und immer einerlei Resultat geben. Auch wird ihre Wahrheit allgemein anerkannt, wiewohl die Eitelkeit – das einzige Laster, das der menschlichen Gattung ausschließlich eigen ist – uns für das Resultat die Augen verschließt. Ich will mich bloß auf drei einschränken, die zu meinem Zwecke völlig hinreichend sind. Das erste: Die menschliche Gattung ist von der Natur mit allem versehen, was zum Wahrnehmen , Beobachten , Vergleichen und Unterscheiden der Dinge nötig ist. Sie hat zu diesen Verrichtungen nicht nur das Gegenwärtige unmittelbar vor sich liegen, und kann, um weise zu werden, nicht nur ihre eignen Erfahrungen nützen; auch die Erfahrungen aller vorher gehenden Zeiten, und die Bemerkungen einer Anzahl von scharfsinnigen Menschen, die, wenigstens sehr oft, richtig gesehen haben, liegen zu ihrem Gebrauch offen. Durch diese Erfahrungen und Bemerkungen ist schon längst ausgemacht, nach welchen Naturgesetzen der Mensch – in welcher Art von Gesellschaft und Verfassung er sich befinde – leben und handeln muß, um in seiner Art glücklich zu sein. Durch sie ist alles, was für die ganze Gattung – folglich für jeden einzelnen Menschen – zu allen Zeiten und unter allen Umständen nützlich oder schädlich ist, unwidersprechlich dargetan; die Regeln, deren Anwendung uns vor Irrtümern und Trugschlüssen sicher stellen kann, sind gefunden; wir können mit befriedigender Gewißheit wissen, was schön oder häßlich, recht oder unrecht, gut oder böse ist, warum es so ist, und in wie fern es so ist; es ist keine Art von Torheit, Laster und Bosheit zu erdenken, deren Ungereimtheit oder Schädlichkeit nicht schon längst so scharf als irgend ein Lehrsatz im Euklides erwiesen wäre. – Und dennoch, dessen allen ungeachtet, drehen sich die Menschen seit etlichen tausend Jahren immer in dem nämlichen Zirkel von Torheiten, Irrtümern und Mißbräuchen herum; werden weder durch fremde noch eigene Erfahrung klüger; verlassen immer wieder, ihrem eignen Gefühl zu Trotz, den richtigen Weg, wenn sie ihn glücklicher Weise einmal gefunden haben; kurz, werden, wenn's hoch kommt, witziger, scharfsinniger, gelehrter, aber nie weiser als ihre Vorfahren von jeher gewesen sind. Daß dem so sei, beweiset – der Augenschein ; aber wie es möglich sei , kann, deucht mich, durch nichts in der Welt begreiflich werden, als durch mein zweites Faktum: – Die Menschen, nämlich, räsonieren gewöhnlich nicht nach den Gesetzen der Vernunft . – Im Gegenteil ihre angeborne und allgemeinste Art zu räsonieren ist: von einzelnen Fällen aufs Allgemeine zu schließen, aus flüchtig oder nur von Einer Seite wahrgenommenen Begebenheiten irrige Folgerungen herzuleiten, und alle Augenblicke Worte mit Begriffen , und Begriffe mit Sachen zu verwechseln. Die allermeisten, das ist, nach dem billigsten Überschlag neunhundertneunundneunzig unter tausenden, urteilen, in den meisten und wichtigsten Vorfallenheiten ihres Lebens, nach ersten sinnlichen Eindrücken, Vorurteilen, Leidenschaften, Grillen, Phantasien, Launen, zufälliger Verknüpfung der Worte und Vorstellungen in ihrem Gehirne, anscheinenden Ähnlichkeiten und geheimen Eingebungen der Parteilichkeit für sich selbst, um derentwillen sie alle Augenblicke ihren eignen Esel für ein Pferd und eines andern Mannes Pferd für einen Esel ansehen. Unter den besagten neunhundertneunundneunzigen sind wenigstens neunhundert, die zu allem diesem nicht einmal ihre eigenen Organen brauchen, sondern aus unbegreiflicher Trägheit lieber durch fremde Augen falsch sehen, mit fremden Ohren übel hören, durch fremden Unverstand sich zu Narren machen lassen, als durch sich selbst vielleicht richtig empfinden wollen; nichts von einem beträchtlichen Teil dieser neunhundert zu sagen, die sich angewöhnt haben, von tausend Dingen in einem wichtigen Tone zu sprechen, ohne überhaupt zu wissen was sie sagen , und ohne sich einen Augenblick darum zu bekümmern , ob sie Sinn oder Unsinn sagen. Sollte dies etwa nicht genug sein, die Gültigkeit der Ansprüche, die der Mensch an die Würde eines vernünftigen Wesens macht, zu entscheiden: – nun so laß sehen, ob mein drittes Faktum nicht den Ausschlag gibt! Eine Maschine, ein bloßes Werkzeug, das sich von fremden Händen brauchen und mißbrauchen lassen muß, ein Bund Stroh, das alle Augenblicke durch einen einzigen Funken in Flammen geraten kann, eine Flaumfeder, die sich von jedem Lüftchen nach einer andern Richtung treiben läßt, – sind wohl, seit die Welt steht, nie für Bilder, wodurch sich die Tätigkeit eines vernünftigen Wesens bezeichnen ließe, angesehen worden: wohl aber hat man sich von jeher dieser Bilder auf dem ganzen Erdboden bedient, um die Art und Weise auszudrücken, wie die Menschen , besonders wenn sie in große Massen zusammen gedrängt sind, sich zu bewegen und zu handeln pflegen. Nicht nur sind gewöhnlicher Weise Begier und Abscheu, Furcht und Hoffnung – von Sinnlichkeit und Einbildung in Bewegung gesetzt – die Triebräder aller der täglichen Handlungen, die nicht das Werk einer bloß maschinenmäßigen Gewohnheit sind; sondern in den meisten und angelegensten Fällen – gerade da, wo es um Glück oder Unglück des ganzen Lebens, Wohlstand oder Elend ganzer Völker – und am allermeisten, wo es um das Beste des ganzen menschlichen Geschlechts zu tun ist, – sind es fremde Leidenschaften oder Vorurteile, ist es der Druck oder Stoß weniger einzelner Hände, die geläufige Zunge eines einzigen Schwätzers, das wilde Feuer eines einzigen Schwärmers, der geheuchelte Eifer eines einzigen falschen Propheten, der Zuruf eines einzigen Verwegnen, der sich an die Spitze stellt Siehe die Geschichte aller großen Revolutionen, Empörungen, Religions- und Bürgerkriege von Anbeginn der bürgerlichen Gesellschaft bis auf diesen Tag. X. – was Tausende und Hunderttausende in Bewegungen setzt, wovon sie weder die Richtung noch die Folgen sehen, was Staaten in Verwirrung bringt, Empörungen, Spaltungen und Bürgerkriege verursacht, Tempel, Altäre und Thronen umstürzt, die Werkstätte der Natur und der Kunst verwüstet, und oft die Gestalt ganzer Weltteile verändert. Durchlaufen wir die große Geschichte der Menschheit oder die Geschichte eines einzelnen Menschenstammes: immer sehen wir Myriaden hinter einem Einzigen herströmen, Myriaden einem Einzigen nachsprechen, Myriaden ihre Hände und Füße nach dem Wink eines Einzigen heben, Myriaden sich mit sehenden Augen für einen Einzigen in den Abgrund stürzen. Und nun, lieber Danischmend, wenn wir diese drei unleugbaren großen Fakta, die, so zu sagen, der Auszug der allgemeinen Geschichte des Erdenvolks sind, zusammen nehmen, und uns dann fragen: Mit welchem Rechte kann eine Gattung von Geschöpfen, die nach der Vernunft weder denkt noch handelt, die durch fremde und eigene Erfahrung nie klüger wird, immer das Spiel ihrer Phantasien und Leidenschaften ist, immer von mechanischer Gewohnheit oder fremden Kräften in Bewegung gesetzt wird, immer wider ihr eignes Interesse handelt, immer wieder zerstört was sie aufgebaut hat, immer mit dem Steine, den sie den Berg hinauf gewälzt, wieder herunter fällt, um ihn von neuem hinauf zu wälzen, – mit welchem Rechte kann eine so unvernünftige Gattung von Geschöpfen« – »Halt«, fiel ihm Danischmend ins Wort, »nicht zu früh Triumph gesungen! – Ich gebe zu – muß ich nicht? – daß die Menschen, im Durchschnitt genommen, nie weise gewesen sind , und – wofern nicht ganz andre Anstalten dazu gemacht werden – wenig Hoffnung von sich geben, jemals merklich weiser zu werden . Aber laß es sein! Immer ist noch ein wichtiger Artikel übrig, der unserm Streit eine ganz andre Wendung gibt. Es ist nicht zu leugnen, daß ein gewisser Schwindelgeist, eine gewisse mechanische Tendenz unsre Pferde beim Schwanze zu zäumen ein Erbübel in der Familie Adams ist. Aber man muß wenigstens gestehen, daß unser Herz besser ist als unser Kopf. In der Tat, Freund Kalender, mit aller unsrer angebornen Narrheit, Hastigkeit, und schafmäßigen Einfalt, wären wir doch, von Haus aus, wenn man uns unverhudelt ließe, ganz gute Leute ; und auch so, wie die Sachen itzt mit uns stehen, ist Tugend bei weitem so selten nicht als Weisheit .« »Tugend, guter Danischmend! Tugend? « – rief der alte Ungläubige: »beim Himmel, ein schöner Name! und, wie ich besorge, auch weiter nichts als ein Name für die meisten Menschen. Einige, schlauer als die übrigen, haben eine hübsche Maske daraus gemacht, die sie geschwinde vors Gesicht nehmen, so oft sie Absichten auf die Dienste, oder den Beifall, oder den Beutel, oder die Weiber und Töchter der ehrlichen blödsichtigen Kauze haben, welche Gesichter und Masken nicht zu unterscheiden wissen. – Kein Wunder, daß diese Leute so viel Eifer für ihre Maske zeigen, immer so viel Aufhebens und Prahlens davon machen! Es ist auch so eine schöne gute Maske! Man kann seine unartigen Leidenschaften und schlechten Streiche so bequem unter ihr verbergen! – Tugend! – Ich verliere alle Geduld, wenn ich die Menschen mit diesem Worte, wie Kinder mit ihrer Puppe, spielen sehe! Die Welt müßte ein andres Aussehen haben, mein guter Danischmend, wenn die Menschen wüßten was Tugend ist!« Daß doch der verwünschte Kalender recht haben muß! J. C. H. »Freund Kalender«, rief Danischmend ein wenig hitzig, »Stachelreden sind keine Gründe. Ein Mann, der sich rühmte so viele Menschen gesehen zu haben und keine guten Menschen gesehen hätte, nirgends etwas besseres als Masken der Tugend gesehen hätte, – der Mann müßte sich in einem außerordentlich unglücklichen Zeichen auf den Weg gemacht haben.« »Damit wir nicht« (sagte der Kalender ganz gelassen) »unvermerkt in den Fall kommen, uns, wie andre Leute, um Worte zu zanken, und um dir zu zeigen, daß ich den Menschen – wiewohl ich ein Kalender bin – nicht einen Titel von dem bißchen Tugend, worin doch ihre beste Habe besteht, zu entwenden gedenke, wollen wir ein wenig näher hintreten, und die Ware, die man uns für etwas so Kostbares gibt, genauer betrachten. Ich denke, es ist mit der Tugend wie mit dem Golde. Etwas Legierung von Silber oder Kupfer muß immerhin dabei geduldet werden. Aber Gold von sechzehn Karat hört auf Gold zu heißen. Nach dieser Regel möchte wohl ein großer Teil der menschlichen Tugenden für allzu geringhaltig erfunden werden, als daß wir sie im Handel und Wandel für echte probhaltige Tugend passieren lassen könnten. Viele – und gewiß diese Viele machen bei weitem die Meisten aus – ergeben sich einer gewissen Temperaments- oder Lieblingstugend auf Unkosten aller übrigen, und glauben dadurch, daß sie in Einem Punkte mehr tun als sie schuldig sind, ein Recht zu erhalten, in sieben andern desto weniger zu tun. Ich denke du hast nichts dagegen, Danischmend, wenn ich diese Tugenden sogleich als offenbar unecht ausschließe und bei Seite werfe? Ein gleiches werden wir wohl auch mit einer Menge vermeinter Tugenden vornehmen müssen, die, anstatt das Gepräge der Natur zu führen, vom Aberglauben oder irgend einem andern falschen Wahn gestempelt sind? Wir werden also keinem Manne, der sich die Augen ausreißt, um nichts zu sehen das ihn zum Bösen reizen könnte, – keinem Menschen, der sich zu einem unbedingten Gehorsam gegen einen andern Menschen verpflichtet hat, – keinem Höfling, der aus Ergebenheit gegen seinen Fürsten sich zu Bubenstücken brauchen läßt, – keinem Patrioten, der aus Liebe zu seinem Vaterlande ungerecht gegen andre Völker ist, – seine Enthaltung, seinen Gehorsam, seine Ergebenheit gegen seinen Fürsten, seine Liebe zum Vaterlande, für Tugend gelten lassen können? Das Quantum von Tugend, das uns nach diesem Ausschuß übrig bleibt, so viel oder wenig es sein mag, ist das Eigentum zweier Arten von Sterblichen, die in sehr wesentlichen Stücken vollkommne Gegenfüßler von einander sind, – der Weisen , und der Enthusiasten . Beiden, insofern sie aus innerlicher Neigung, ohne Nebenabsicht, Sold noch Lohn, alles Gute zu befördern und alles Böse zu verhindern suchen, kann man einen gewissen Grad von Tugend nicht absprechen. Die Frage ist also bloß, um wie viel sich das menschliche Geschlecht dadurch besser befinde? Laß uns einen Augenblick sehen! Die Weisen lieben das Gute, und wünschen Gutes zu tun; aber sie unternehmen nichts, ehe sie sich der Möglichkeit der Ausführung versichert haben. Wer den Menschen wirklich Gutes tun wollte, müßte sie erst vernünftig machen können. Nun wäre dies (wie wir gefunden haben) ungefähr so viel, als wenn einer unternehmen wollte Mohren zu bleichen, oder Schnee an der Sonne zu trocknen. Ein Mann, der selbst ein wenig vernünftig ist, gibt sich mit keinen solchen Versuchen ab. Was soll er also tun? – Böses verhindern? – Da hätte er nur das ganze menschliche Geschlecht wider sich. Dies ist zu viel für Einen Mann. Der tapferste Held kann keiner Zagheit beschuldigt werden, wenn er keine Lust hat sich allein einem ganzen Heer entgegen zu stellen. – Nun möcht ich wohl wissen, was seiner Tugend zu tun übrig bliebe! Er tut nichts Gutes, weil er nicht kann ; er hindert nichts Böses, weil er nicht darf ; er tut selbst nichts Böses, weil er nicht mag : er wird also ein Kalender , und tut gar nichts . Die Welt gewinnt, wie du siehst, nicht viel durch die Tugend der Weisen. Sollte sie etwann bei der Tugend der Enthusiasten mehr zu gewinnen haben? Du erinnerst dich doch der Fabel vom Bären , der nicht leiden wollte, daß sich eine Fliege auf die Nase des schlafenden Einsiedlers, seines Freundes, setzte, und, um sie zu verjagen, mit einem großen Steine die Fliege und den Einsiedler zugleich tot schmiß? – Dieser Bär ist, mit deiner Erlaubnis, das Bild jener schwärmerischen Menschenfreunde, die aus tugendhaftem Eifer gegen Irrtum, Unrecht, Unterdrückung und andre Übel, womit sie die Menschheit geplagt sehen, in Einem Jahre oft mehr Unheil anrichten, als in zwanzig Jahren geschehen wäre, wofern sie die Welt hätten gehen lassen wie sie ging. Es ist wahr, ihre Beweggründe und Absichten sind untadelig; ihr Haß gegen das Böse ist so rein, wie ihre Liebe zum Guten; auch ihre Tätigkeit ist an sich selbst löblich. Aber unglücklicher Weise verblendet sie ihr Eifer, ihre Begierde den kürzesten Weg einzuschlagen, über die Wahl der Mittel . Sie erregen einen Sturm, um einen Sperling zu Boden zu werfen, und zünden euch das Haus überm Kopf an, weil sie gehört haben, daß ihr von Ratten geplagt werdet. Die leidenschaftliche Liebe zur Tugend wird unstreitig durch die Schönheit ihres Gegenstandes unendlich veredelt; aber sie behält doch die Natur einer Leidenschaft: alle Leidenschaften laufen mit der Vernunft davon; und ein zorniger oder verliebter Mensch kann, so lang er das eine oder das andre ist, eben so wenig weise sein als ein Verrückter. Die Enthusiasten der Tugend sehen nur Eine Seite der Sache, nur die gute oder nur die schlimme; sehen nicht, daß das Übel, wovon sie uns befreien wollen, bloß die andre Seite eines unendlich wichtigem Guten ist, oder daß es in Betracht der Umstände ein weit kleineres Übel ist, als das Mittel, wodurch man uns davon befreien könnte; und daß das Gute, das sie uns tun wollen, durch Folgen, die der Zusammenhang der Dinge unvermeidlich macht, zum größten Übel werden würde. Der Kalender, wie alle kalte Köpfe, sieht öfters richtig, und sagt manchmal große Wahrheiten. Wenn unsre Leser über diejenige, die er hier sagt, das Beste was vielleicht jemals darüber gesagt worden ist, lesen wollen, so empfehlen wir ihnen den achten Dialogen der Dialogues sur le Commerce des bleds des Abbé Galiani , und, wenn sie eines der besten, lehrreichsten, und zugleich witzigsten und unterhaltendsten Bücher, das seit hundert Jahren zum Vorschein gekommen ist, lesen wollen, das ganze Buch, – welches, im Vorbeigehen gesagt, nicht so viel Eindruck in der Welt gemacht hat, als ein so außerordentlich gutes Buch hätte machen sollen, und dies ohne allen Zweifel bloß deswegen, weil sehr wenig Leute Verstand und Witz genug haben es zu verstehen. X. Nicht selten treibt sie ihr Eifer für die gute Sache so weit, daß sie sogar unmögliche Dinge durchsetzen wollen; ein Unternehmen, das natürlicher Weise fehl schlagen muß, und zu nichts hilft, als das Übel, dem man entgegen arbeitet, zu beschleunigen. Sie erhalten nichts , weil sie zu viel wollen; versäumen das Gute, das sie tun könnten, weil sie ein größeres tun wollen, das nicht in ihrer Macht ist; und am Ende findet sich gemeiniglich, daß sie selbst Opfer ihres Eifers geworden sind, ohne die Welt um einen Deut besser zu hinterlassen als sie war. Es gibt noch eine Art von Enthusiasten der Tugend, die nicht so viel oder vielleicht gar nichts Übels tun, weil sie weniger tätig sind, oder – wie meine Weisen (wiewohl aus einem andern Grunde) – ganz untätig bleiben, und die ich zum Unterschied Virtuosen nennen will. Es sind Leute von feiner Empfindung und hoher Phantasie, die sich eine so schöne und erhabene Idee von der Tugend gemacht haben, daß sie in der Tat zu nichts als zum Anschauen gut ist. Eingenommen von diesem Urbilde des Sittlich-Schönen , fährt ihre Seele vor dem häßlich davon abstechenden Anblicke des wirklichen Laufs der Welt mit Grauen und Unmut zurück. Sie versuchen es vielleicht etlichemal, ihre Lieblingsideen außer sich wirklich zu machen; aber der Lehm, in den sie solche drucken wollen, ist zu spröd und unbildsam, um so feine Formen anzunehmen. Sie verlieren die Geduld über dem öfters mißlungnen Versuch, geben endlich Arbeit und Hoffnung auf, und ziehen sich wieder in sich selbst hinein, um im Anschauen und Anbeten dieser göttlichen Urbilder einer Wonne zu genießen, die ihnen nichts, was weniger vollkommen ist, gewähren kann. Wo ein Mann, wie dieser Kalender, dies alles wohl hernahm? F. Kennen wir nicht einen Mann, der ein gelehrtes Buch vom Licht und von den Farben schrieb, und blind gewesen war von seiner Geburt an bis an seinen Tod? A. In diesem Zustande ist ihnen so wohl, daß sie sich zuletzt gar nicht mehr entschließen können, einen so seligen Müßiggang mit dem mühvollen Nichtstun des beschäftigten Lebens zu vertauschen. Und so gehen auch diese Virtuosen, mit aller ihrer Liebe zur idealischen Tugend , für die Welt verloren; und das größte Verdienst, das man ihnen zuschreiben kann, ist, daß sie zuverlässig nichts schlimmer machen als sie es angetroffen haben. Man wundert sich oft, wie es komme daß die vereinigten Kräfte der Weisen und Tugendhaften die Welt in so langer Zeit nicht haben besser machen können. Nichts ist begreiflicher als wie dies kommt, so bald man weiß woher es kommt. Die Weisen ziehen sich aus Klugheit zurück und bleiben untätig, weil sie nicht Lust haben Wasser mit einem Siebe zu schöpfen, oder durch eine Mauer zu gehen, in die sie sich erst mit ihrer Nase eine Öffnung bohren müßten. Die Virtuosen kriechen aus Unmut in ihre Schale, und – lassen sich was träumen . Die Enthusiasten springen zwar mit dem ganzen Feuer ihres guten Willens mitten in die Welt hinein, stürzen alles zu Boden was ihnen im Weg ist, hauen und schwadronieren links und rechts um sich her, treffen Feinde und Freunde, und machen in Einem Tage ein größeres Stück Arbeit, als gelaßne Leute vielleicht in hundert Jahren machen würden: aber man hat noch immer von Glück zu sagen, wenn das Gute , das sie tun wollten , sich gegen den Schaden aufhebt, den sie wirklich tun . Wo bleibt nun der Grund sich zu wundern, daß selbst die Besten der Welt so wenig Nutzen schaffen? Nimmt man nun noch dazu, daß diese Besten – die denn am Ende doch selbst arme Erdenklöße sind so gut wie andre – ein so kleines Häuflein machten wenn sie alle beisammen wären, daß sie auf einer allgemeinen Tagsatzung des menschlichen Geschlechts, mit einem Mehr von fünfhundert Stimmen gegen Eine, zur Welt hinaus votiert wurden: so erhält die Sache vollends ihr unwiderstehliches Licht. Es klingt nicht fein, mein lieber Danischmend; aber du siehst, es kann nicht anders sein: – die Grimassenmacher, Quacksalber, Gaukler, Taschenspieler, Kuppler, Beutelschneider und Klopffechter teilen sich in die Welt; – die Schöpfe recken ihre dummen Köpfe hin und lassen sich scheren; – die Narren schneiden Kapriolen und Burzelbäume dazu, – und die Klugen gehen davon und werden Einsiedler, oder, wenn sie nichts bessers wissen, Kalender.« Welches alles (wie der geneigte Leser ohnehin gemerkt haben wird) figürlicher Weise und allegorice gesagt ist, und freilich cum grano salis gedeutet werden muß. Bucephalus Ich gedenke einen Kommentar darüber zu schreiben. M. Skriblerus 14. Kapitel Was Danischmend dazu sagt Da der Kalender seinen Satz sattsam ausgeführt zu haben glaubte, so schwieg er nun, und erwartete was Danischmend dagegen einzuwenden haben würde. Aber Danischmend liebte das Disputieren nicht halb so viel als der Kalender. »Soll ich dir sagen was ich von der Sache denke?« sprach er. »Fürs erste sag ich: Der weise Mann , der vor übergroßer Weisheit nicht alles Gute tut wozu er Gelegenheit hat, ist, nach meinem Wörterbuch, ein kalter, selbstischer, feigherziger Schurke; und hierin, hoffe ich, sind wir einverstanden.« »Das denk ich«, sagte der Kalender ein wenig errötend. »Sodann, was die Enthusiasten betrifft«, fuhr Danischmend fort, »so gesteh ich dir, daß dies eine Gattung von Sterblichen ist, die ich vielleicht besser kenne Er mochte wohl selbst einer sein. Lancelot Gobbo als irgend eine andre. Überhaupt läßt sich viel Böses von ihnen sagen; es ist ein ergiebiges Gemeinplätzchen. Aber, da diesmal die Rede bloß von den Enthusiasten der Tugend , von den Eiferern für die Rechte und Vorteile der Menschheit war; so hast du, denk ich, mehr Böses und weniger Gutes von ihnen gesagt als recht ist. Ich berufe mich auf die Geschichte wie du, wenn ich behaupte: daß das menschliche Geschlecht dieser Art von Enthusiasten alles, was von Vernunft, Tugend und Freiheit noch auf dem Erdboden übrig ist, zu danken hat . Dies alles ist sehr wenig, wirst du sagen. Aber, so wenig es sein mag, für uns ist es unendlich viel; denn dies wenige macht, daß wir Menschen und keine Orang-Utangs , oder noch was Ärgeres sind. Aber, sprichst du, sie zerrütten die Welt, indem sie einen Feind bekämpfen, der nicht auszurotten ist, und sie selbst werden oft das Opfer ihres schwärmerischen Heldenmuts. Desto edler und preiswürdiger sind sie, für die Sache der Menschheit keine Gefahr zu scheuen, und großmütig ihr Vergnügen, ihre Ruhe, ihr Leben selbst auf ein Spiel zu setzen, wobei gemeiniglich nur die andern die Gewinnenden sind. Und wenn der hitzige Krieg, den sie zu unserm Besten mit den Feinden der Menschheit führen müssen, nicht immer ohne gewaltsame Erschütterungen abläuft, ist es ihre Schuld? Das Böse, wozu sie wider ihren Willen den Vorwand oder die Veranlassung geben, ist das Werk der Bösen; das Gute hingegen das sie hervorbringen, ist ihr eignes Werk: aber jenes ist vorüber gehend; dieses fortdauernd und unermeßlich durch die wohltätigen Folgen, die es über das menschliche Geschlecht verbreitet. Es ist wahr, sie fehlen zuweilen in der Wahl der Mittel ; aber dies beweiset nur, wie notwendig es ist, daß sie mit den Weisen in gutem Vernehmen stehen: diese sollen untersuchen und entwerfen, jene ausführen . Vereinigt können sie alles; getrennt sind sie immer in Gefahr das zu sein, wofür du sie ausgegeben hast, Memmen und Narren . Auch die Virtuosen – wie du eine der besten Menschenarten nennest – sind so unnützlich nicht, als du dir einbildest: und wenn sie der Welt auch keinen andern Dienst erwiesen, als daß sie gleichsam die Bewahrer jener Ideale des Schönen und Guten , jener unvergänglichen Bilder der Vollkommenheit, sind, die den kostbarsten Schatz der Menschheit ausmachen; ist dies nicht genug, um sie in den Augen eines Weisen wenigstens so ehrwürdig zu machen, als es der Hüter des heiligen Grabes zu Mekka in den Augen der Musulmanen ist? Aber wie kommt es, Freund Kalender, daß du einer Klasse von guten Menschen vergessen hast, deren Dasein dir doch unmöglich hat verborgen bleiben können, da sie ganz gewiß zahlreicher ist, als eine von den dreien, in welche du die Guten verteilt hast?« »Du meinst doch wohl nicht diese Leute von tugendlichem Temperament? diese guten Seelen, die es bloß darum sind, weil sie keine Versuchung oder nicht Mut genug in sich fühlen, Böses zu tun?« »Glückliche Schwäche!« rief Danischmend: »glückliches Temperament, das den Menschen, zu seinem und seiner Mitgeschöpfe Besten, unfähig macht, verkehrt und übeltätig zu sein! Nenn es immer Temperament, oder was du willst; – genug, es gibt Menschen, die, durch eine angeborne Richtigkeit, der Natur getreu bleiben, redlich gegen alle andre Menschen gesinnt sind, das Wahre fühlen, das Gute tun, ohne sich den Kopf darüber zu zerbrechen warum es wahr und gut ist, und ohne jemals die unendlich feinen Schwierigkeiten gesehen zu haben, die den Metaphysiker martern, wenn er die Grenzlinien des einen und des andern haarscharf durch alle die labyrinthischen Krümmungen und Verwicklungen der Natur , der Notwendigkeit , des Zufalls und der menschlichen Anordnungen ziehen will. Diese Art von Menschen ist unter den unverfeinerten Klassen der polizierten Völker, und unter den rohen Kindern der Natur, die wir Barbaren und Wilde nennen, viel zahlreicher als man glaubt; und wenn du auf deinen Wanderungen so unglücklich gewesen sein solltest keinem davon in den Wurf gekommen zu sein, so mache dich mit dem Völkchen bekannt, unter dem ich hier lebe. Es wird vielleicht mehr beitragen, dich mit der menschlichen Natur auszusöhnen, als alles was ich zu ihrer Verteidigung sagen könnte.« – »Oder mich wenigstens in den Gedanken bestärken«, erwiderte der Kalender, »daß die Menschen desto besser sind, je mehr sie sich dem Stande nähern, wo der Instinkt die Stelle der Vernunft, der Gesetze und der übrigen künstlichen Maschinerien vertritt, wodurch man sie verschlimmert hat, indem man sie verfeinern wollte; kurz, daß sie desto besser sind, je mehr sie – in ihrer Art versteht sich – den übrigen Tieren gleichen.« »Freund Kalender«, sagte Danischmend ein wenig unmutig, »es ist etwas in deinen Begriffen, das alle Augenblicke wider die meinen anprallt. – Aber« – fuhr er fort, indem er sich sogleich wieder zusammen raffte – »wir können und sollen nicht alle durch ein und eben dasselbe Schlüsselloch in die Welt gucken. Vergib mir, ehrlicher Alter! Ich hatte unrecht, zu vergessen, daß du schon über dreißig Jahre ein bloßer Zuschauer und ein Kalender bist.« 15. Kapitel Ein Familienstück Während die beiden Philosophen so zusammen schwatzten, hatte Danischmend seinen Gast durch verschiedene krumme Fußpfade unvermerkt bis zum Eingang einer ländlichen Wohnung geführt, die nicht ganz so gut, und nicht ganz so schlecht aussah, daß ihr erster Anblick nicht den Gedanken hätte erregen können, sie möchte wohl das Obdach glücklicher Menschen sein. Es war ein schöner Sommermorgen. Die ganze Familie war in einer großen Laube versammelt, die von Rosengebüschen und etlichen in die Runde gepflanzten Bäumen formiert wurde. Niemand wurde der seitwärts heran kommenden Fremden gewahr. »Stellen wir uns hinter diesen Busch«, flüsterte Danischmend dem Kalender zu, »und sehen was es hier gibt.« Ein ehrwürdiger alter Mann, eine gute Hausmutter von vierzig Jahren, ein Mädchen von achtzehn, blühend wie ein Frühlingsmorgen, ein junger Landmann aus einem benachbarten Dorfe, der bei dem Alten um sie anhielt, und etliche jüngere Geschwister des Mädchens, machten eine so schöne Gruppe, als jemals von einem Maler in Athen, Paris oder Peking gezeichnet, gemalt oder gesudelt worden sein mag. Das Mädchen stand zwischen ihrem Liebhaber und ihrer sitzenden Mutter, die den linken Arm der Tochter mit ihrem rechten umfaßt hielt und mütterlich drückte. Der rechte Arm des Mädchens war mit dem linken des Jünglings verschränkt. Mit halb geschloßnen Augen schien sie, in süßer Unentschlossenheit der Natur, zwischen ihrer Mutter und ihrem Liebhaber zu schweben; und doch verrieten ihre auf der nervigen Hand des Jünglings spielenden Finger Ich wollte gleich alles wetten, daß der Autor dies Gemälde dem Greuze abgestohlen hat. Ein Kupferstichsammler den ihr unbekannten aber mächtigem Zug des Instinkts. Ihr ländlicher Anzug, leicht und schneeweiß, bedeckte sittsam die schönen Formen ihrer Gestalt ohne sie zu verbergen, und erhöhte die Lebhaftigkeit ihrer schwarzen Augen und schwarzen Locken. Eine Rose an ihrem halb offnen Busen machte ihren ganzen Putz aus. Eine von ihren Schwestern, ein sanftes Mädchen, vom Gedanken der Trennung ganz verschlungen, lehnte das traurige Gesicht voll schwesterlicher Liebe auf ihre linke Schulter, indem sie den rechten Arm fest um ihren Nacken schlang. Der leibhafte Greuze! – Aber warum hat man die andre Schwester weggelassen, die hinter des alten Vaters Stuhl hervor guckt, und den Bräutigam und ihre glückliche Schwester mit so neidischen Augen anglotzt, daß man ihr gleich ein paar Ohrfeigen geben möchte? – Vermutlich hoffte man durch solche Weglassungen den Diebstahl desto eher zu verbergen? Ein Kenner Der Kenner beweist sich als einen wahren Kunstrichter. Unter zwei möglichen Erklärungen muß man allemal die wählen, die dem Autor die nachteiligste ist. Pantilius Cimex Die Mutter sagte nichts; aber ihre Augen, die mit Tränen erfüllt von der geliebten Tochter zum Vater und vom Vater zur Tochter irrten, sagten in der mächtigen Sprache der Natur: O Vater, wie kann ich mich von diesem Liebling meines Herzens trennen? Dies alles zusammen machte den ersten Anblick aus, der sich unsern ungesehenen Zuschauern darstellte. Danischmends Herz war ganz in seinen Augen. Der alte Vater – man wurde sein Freund beim ersten Blick auf sein ehrliches altväterliches Gesicht und sein lockig silbergraues Haar – wandte sich, mit einer Bewegung, wovon seine grauen Locken ihren Reif um seinen Nacken schüttelten, an die Mutter. – Der junge Mensch war der Sohn seines verstorbenen besten Freundes, ein fleißiger, rüstiger, wohlgemachter Bursche; er liebte das Mädchen so herzlich, und das Mädchen war ihm schon lange heimlich gut, und war ein Mädchen von achtzehn Jahren, strotzte von Gesundheit und Jugend – und er, der Vater, war ein alter Mann, der noch gern die Freude erleben wollte, die Kinder seiner Tochter um seine Kniee herum spielen zu sehen. – Dies alles stand in seinem Gesichte geschrieben. »Gute Mutter«, sagte er mit einem warmen Ausdruck im Gesicht, und einem Tone, der so unmittelbar zum Herzen ging wie er aus dem seinigen kam, – »gute Mutter«, sagte er, indem er beide Arme gegen sie ausbreitete: »was wollen wir machen? Sie lieben einander; er ist ein braver Junge; sie ist ein gutes Mädchen; wollten wir sie hindern glücklich zu sein?« Die Mutter lächelte ihre Einwilligung mit weinenden Augen, und drückte des Mädchens Arm mit beiden Händen. Das Mädchen zitterte wie Espenlaub. »Da, mein Sohn«, sprach der Vater zum Jüngling, der mit sprachloser Rührung sich gegen ihn neigte: »da, nimm sie, mein Sohn; sie ist dein! ich gebe dir das Liebste was ich habe. Bewahre und liebe sie wie deinen Augapfel. Und du, Mädchen, sei eine fromme Ehegattin, eine gute Mutter, wie du immer eine gute fromme Tochter warst: und so segne euch der allmächtige Gott!« Danischmenden rollte aus jedem Aug eine Träne über die Backen. Er konnte sich nicht länger ruhig halten. Auch der Kalender schien nicht ganz unempfindlich zu bleiben. Aber er hatte nun einmal die traurige Gewohnheit, ein bloßer Zuschauer zu sein . – »Schleichen wir uns wieder fort«, sagte er leise zu Danischmenden: »wir würden die guten Leute nur stören.« »Nur stören?« – rief Danischmend. »Du kennest diese guten Leute nicht! Sie wissen nichts von der falschen Scham, die frommen Überwallungen der Natur und des Herzens vor fremden Blicken zu verbergen. – Guten Morgen, redlicher Alter, deine Hand! Guten Morgen, Nachbarin! Das ist ein schöner Tag, an dem Eltern ihre Kinder glücklich machen! – Nicht wahr, guter alter Vater, du fühlst dich beim Anblick dieser jungen Leutchen um dreißig Jahre verjüngt? – Sie werden die Freude eurer alten Tage sein; ihr werdet in ihren Kindern wieder aufleben!« – Das Mädchen errötete bis an die Ohrläppchen und verbarg sich hinter ihrem Bräutigam. – »Seht doch die kleine Heuchlerin, die uns nicht sehen lassen will wie glücklich sie ist! Aber zu ihrer Strafe werd ich bei ihrer Hochzeit sein, und Perisadeh soll die Braut in die Kammer führen helfen.« Die guten Leute dankten Danischmenden in ihrer ehrlichen kunstlosen Herzenssprache; und, nachdem er sich eine Weile freundlich nach allen ihren kleinen Angelegenheiten erkundigt hatte, schied er von ihnen, von der ganzen Familie bis an die Grenze ihres Eigentums begleitet. Die jüngern Kinder brachten ihm Grasblumen, hingen sich das eine an seine Hand, das andre an seinen Rockzipfel. Alte und Junge liebten ihn als ob er zu ihnen gehörte. 16. Kapitel Worin Danischmend seinem Herzen Luft zu machen anfängt »Nun, Freund Kalender, was sagst du zu diesem Auftritte? Fühlst du dich noch aufgelegt, übel von der menschlichen Natur zu denken?« »Ich muß gestehen«, antwortete der Kalender, »was wir da gesehen haben, macht kein gleichgültiges Gemälde. Eine feine junge Dirne, bei allen Feen von Dschinnistan! – So lächerlich es an einem Kerl von vierundfunfzig sein mag, ich hatte ein paar Augenblicke, wo ich alle meine Philosophie und meinen Kalenderrock oben drein darum gegeben hätte an des jungen Burschen Platz zu sein – seine Jugend und seine Nerven mit einbedungen, versteht sich.« Den Dolch von einem Blick hättet ihr sehen sollen, womit Danischmend bei diesen Worten den alten Kalender durchbohrte. »Indessen« (fuhr dieser ganz gelassen fort, ohne sich irre machen zu lassen) »was beweist dieser einzelne Fall und zwanzig solcher einzelner Fälle gegen meine Theorie, die durch die ganze Geschichte des Menschengeschlechtes seit Jahrtausenden bestätiget wird?« »Daß du nach dem was wir gesehen haben, eine solche Frage tun kannst, Kalender, beweist – halt! ich bin noch zu warm – laß uns von etwas anderm reden! – Findest du nicht auch, daß ich wohl getan habe, mir die Täler von Jemal zum Aufenthalt zu wählen? Hast du je einen schönern, fruchtbarern, besser angebauten Winkel auf dem Erdboden gesehen?« »Es ist ein wahres Paradies, Danischmend. Mich wundert nur, daß man euch so ruhig im Besitz desselben läßt – und, was mich noch mehr wundert, in der ganzen Gegend weder Fakir noch Bonze!« »Was dich hingegen nicht wundern wird, ist – daß wir bei so bewandten Umständen die glücklichsten Leute unter der Sonne sind. Nichts von Sultanen, Wesiren, Statthaltern, Kadis, Schatzmeistern, Zollpachtern, Fakirn und Bonzen zu wissen, ist ein Glück, wovon der größte Teil der Menschen keine Vorstellung hat. Wir haben es bloß unsrer Lage und der Unscheinbarkeit unsers Wohlstandes zu danken; denn Überfluß am Unentbehrlichen macht unsern ganzen Reichtum aus. Dies ist zu wenig um die Habsucht gegen uns aufzureizen. überdies sondern uns hohe Gebirge auf allen Seiten von der übrigen Welt. Dem ungeachtet bezahlen wir dem Sultan von Kischmir, um mehrerer Sicherheit willen, einen festgesetzten Tribut an Erzeugnissen unsers Bodens, ungefähr wie gewisse rohe Völker den bösen Geistern opfern, um von ihnen nicht geplagt zu werden.« »Immer noch glücklich genug«, sagte der Kalender, »wenn man durch einen entbehrlichen Teil seines Eigentums die Sicherheit des übrigen erkaufen kann.« »Auch ist diese Sicherheit der große Punkt«, versetzte Danischmend. »Glaube mir, Bruder, in allen unsern Deklamationen gegen die Unvollkommenheiten und Gebrechen der menschlichen Natur ist kein Gran Menschenverstand. Unterdrückung , und ihre Töchter, Üppigkeit , die mit den Unterdrückern – Dürftigkeit , die mit den Unterdrückten gepaart ist, sind die wahren Ursachen des menschlichen Verderbens. Die Menschen würden besser werden, sobald man ihnen erlaubte glücklicher zu sein; und sie würden glücklich genug sein, sobald nicht einige auf Kosten der übrigen glücklicher, als es Menschen zukommt, sein wollten. Ich habe dir eine Familie gezeigt, die in der Einfalt der Natur, bei einer beschäftigten Lebensart, von Mangel und Überfluß gleich weit entfernt, durch Gesundheit, frohen Mut und gegenseitige Zuneigung glücklich ist. In allen unsern Hütten triffst du solche Bewohner an. Niemals hat Kummer, Gram, noch Verzweiflung die Quellen des Gefühls in ihrem Herzen vergiftet, ihnen nach erschöpfender Arbeit des Tages den Schlaf geraubt, um sie mit trostlosen Aussichten in künftiges Elend zu ängstigen. Mäßige Arbeit, gute Nahrung und ein fröhliches Herz erhält den Mann und sein Weib gesund, verlängert ihre Jugend, unterhält ihre Kräfte; sie zeugen gesunde, wohlgestalte, fröhliche Kinder. Ungeängstigt von der Sorge woher sie Brot für selbige nehmen werden, erschrecken sie nicht wenn sich ihre Zahl vermehrt; ihre Kinder sind ihr Reichtum, ihre Wonne; sie verdoppeln ihre Arbeit mit Lust, weil sie für ihre Kinder arbeiten. Und wie sollten Eltern, die ihr größtes Glück in ihren Kindern finden, nicht von diesen wieder geliebt werden? Wie sollten Geschwister, welche, gemeinschaftlich auf dem Schoß der Liebe erzogen, die Zuneigung der Mutter und des Vaters vom zartesten Alter an zu teilen gewohnt sind, wie sollten sie einander nicht lieben? Und wie könnte also eine durch die mächtigen Bande der Natur und der Liebe in Eine schöne Gruppe zusammen geschlungne und von Einem Herzen belebte Familie, in den vorausgesetzten Umständen, nicht gut, nicht glücklich sein? Aber setzen wir eben diese Familie in ein Land der Unterdrückung: wie plötzlich wird diese ganze Szene von häuslichem Glücke verschwunden sein! In ihrer Hütte werden alle Sinne durch das vollständigste Elend beleidigt. Überall Dürftigkeit, Ungemach und Blöße – die Körper der Eltern von übermäßiger Arbeit, kärglicher ungesunder Nahrung, und Mangel an Ruhe, Erquickung und Vergnügen gedrückt, abgewelkt, ausgemergelt – die Kinder elende, ungestalte, kränkelnde Mißgeschöpfe, Kinder der Verzweiflung vielmehr als der Liebe, die der Hitze, dem Regen und dem Frost nichts als Nacktheit oder modernde Lumpen entgegen zu setzen haben, den Eltern zur Last und zum Kummer leben, und, von langsamem Hunger verzehrt, einander jeden Bissen in den Rachen zählen – ich kann das abscheuliche Gemälde nicht vollenden, wiewohl ich besorge, daß die Originale dazu allenthalben wo es Sultane und Rajas gibt, nur zu häufig anzutreffen sind. Wie wär es nun möglich, daß so elende Geschöpfe gut sein , gut werden , oder gut bleiben könnten? Welch ein Wunder müßte geschehen, wenn so viel Elend sie nicht vielmehr mißvergnügt, düster, undankbar, gleichgültig gegen fremde Not, neidisch und schadenfroh, niederträchtig, betrügerisch, diebisch, raubgierig und zu jedem Verbrechen, wodurch etwas zu gewinnen ist, bereitwillig machen sollte? – Und nun komme mir Sophist, Derwisch oder Kalender, und deklamiere gegen die menschliche Natur! Gegen die großen und kleinen Sultane reißt die Mäuler auf, wenn ja deklamiert sein muß! Diese sind die ersten und letzten Ursachen alles Übels in der Welt!« 17. Kapitel Geschichte der Sultanschaft »Der Mensch, Freund Kalender, der zuerst den Gedanken hatte, und ihn mit Hülfe andrer bösen Buben ausführte, den schändlichen Gedanken, gute harmlose Geschöpfe, seine Brüder, zu seinen Sklaven zu machen, damit Er – während sie für ihn arbeiteten – die Früchte ihres Schweißes essen und bei ihren Töchtern liegen könnte, – dieser Mensch war der erste Sultan . Die bösen Buben, die ihm geholfen hatten seine Brüder zu unterjochen, wollten es, wie natürlich, nicht umsonst getan haben. Er mußte ihnen ihren Anteil an dem geraubten Gute geben. Sie bekamen also auch Knechte und Mägde, Ochsen und Esel, liegende und fahrende Habe, und wurden, so viel ihrer waren, so viele kleine Sultane , die von der Arbeit ihrer Sklaven lebten und die Töchter derselben beschliefen. Nun, laß uns sehen, was aus diesem ersten Anfang entspringen mußte. Die kleinen Sultane wünschten – größer zu sein, und kamen alle Augenblicke zu dem großen Sultan – verhältnismäßig groß genannt, wiewohl er anfangs selbst noch klein war – um ihm vorzustellen: Wie hier , gegen Abend , ein Land läge, das von Milch und Honig überflösse; dort , gegen Morgen , ein anderes, wo Getreide, Baumwolle und Seide für die halbe Welt gebauet würde; gegen Mitternacht ein drittes, wo man die Zobel und schwarzen Füchse mit den Händen fange; und gegen Mittag ein viertes, wo man vor Gold und Silber, Perlen und Edelgesteinen, Elefanten und Schildkröten, Affen und Pfauen, sich kaum regen könne. ›Die Welt gehört dem, der stark genug ist, sie zu ergreifen und mit ihr davon zu laufen ‹, sagten sie. ›E‹ braucht weiter nichts, als mit gewaffneter Hand in diese Länder einzuziehen und sie in Besitz zu nehmen.‹ Der erste Sultan ließ sich den Vorschlag gefallen, und machte sich auf, mit Hülfe seiner Vasallen, der kleinern Sultane, wo möglich den ganzen Erdboden in Besitz zu nehmen. Widersetzte man sich ihm, so schlug er den Leuten Arm und Bein entzwei, mordete und raubte, sengte und brennte, bis sich die armen Tröpfe entweder unterwarfen, oder niemand übrig war der sich widersetzen konnte. Auf diese Weise raubte er sich nach und nach ein hübsches rundes Reich zusammen, welches er in größere und kleinere Provinzen abteilte, und die kleinen Sultane zu Statthaltern darüber setzte. Nun baute sich der große Sultan ein ungeheures Haus, bevölkerte es mit schönen Weibern und häßlichen Verschnittenen; ließ einen goldnen oder vergoldeten Thron, zwanzig Stufen hoch, aufrichten, auf den er sich setzte, wenn ihn die Lust ankam sich von seinen Sklaven anbeten zu lassen; legte schöne Gärten und Gartensäle an, kaufte sich Sänger und Sängerinnen, Tänzer und Gaukler, Köche und Ärzte, ließ sich elastische Sofas polstern, faulenzte, gähnte, schwor daß man ihm lange Weile mache; aß, trank, schlief, pflegte seines Leibes, schäkerte mit seinen Affen, Weibern und Hofnarren; überließ sich allen seinen Launen, schlug Köpfe ab, verschenkte Provinzen, verlor die eine, gewann die andre, – und gab, so bald er seinen eignen Wanst angefüllt hatte, allen seinen glücklichen Untertanen die Erlaubnis, seinethalben zu Mittag zu essen – wenn sie was zu essen hätten. Die kleinen Sultane, seine Vasallen oder Statthalter, ahmten in allem diesem seinem Beispiele nach. Der Sohn der Favoritsultanin folgte seinem großen Vater in der Sultanschaft und in allen seinen Großtaten. Er fing damit an, daß er, um der Welt einen Vorschmack von der Glückseligkeit seiner Zeiten zu geben, allen seinen Brüdern mit schönen seidenen Stricken die Hälse zuschnüren, und den reichsten Omras und Statthaltern, die er gern beerbt hätte, unter dem Vorwande daß er ihr Gesicht nicht leiden könne, die Köpfe abschneiden ließ. Da er von Jugend an im Serail unter Weibern und Verschnittnen in der Kunst zu essen, zu trinken, zu gähnen, lange Weile zu haben, mit Affen und schönen Mädchen zu spielen, und andern einem Sultan anständigen Künsten und Wissenschaften wohl erzogen worden war: so bracht er es nach dem Antritt seiner Regierung in wenig Jahren darin so weit, als man es, – in Erwägung daß ein Sultan am Ende doch kein Elefant, kein Vielfraß, kein Waldesel, kein Maulwurf, sondern nur eine Art von Menschen ist – mit Anstrengung aller seiner Kräfte, und mit Hülfe der Köche, Apotheker, Kanthariden und Opiaten, in solchen Dingen nur immer bringen kann. Die kleinern Sultane – indessen daß ihr gebietender Herr im Innern des Serails so edeln Beschäftigungen oblag – taten alles was sie wollten, raubten die Provinzen aus, oder fielen ab und machten sich unabhängig. Dies lief zwar niemals ohne Raufen und Blutvergießen ab: aber da diejenigen, die ihre Haare und ihr Blut dazu hergeben mußten, nur gemeine Leute waren ; so glaubten die Sultane, daß es nichts zu bedeuten habe . Die Provinzen entvölkerten sich zwar dadurch: aber was die Herren an Menschen verloren, das gewannen sie ja wieder an Land ; und überdies verließen sie sich auf die Fruchtbarkeit der morgenländischen Weiber. Nach und nach, und in der Tat nur gar zu schnell, bereitete sich diese schöne Verfassung über die Hälfte von Asien aus; alles war Sultan oder Sklave : und da die kleinern Sultane selbst, gern oder ungern, Sklaven der größern sein mußten; so nahmen sie ihre Entschädigung dafür an allen denen, die kleiner als sie selbst waren. Des Sklaven Sklave hatte dann wieder seine Sklaven, an denen er sich erholte so gut er konnte; aber wehe der letzten Klasse von Sklaven, die der Raub aller übrigen war, und, weil sie nichts unter sich sah, sich an niemand erholen konnte! Hier und da in der Welt erhoben sich zwar kleine Freistaaten, deren glückliche Bürger die Rechte der Menschheit – Freiheit und Eigentum – durch Gesetze , und die Gesetze durch Institute und Sitten befestigten. Da der Genie und der unternehmende Geist – in so fern er nur die öffentliche Ruhe ungestört ließ – in diesen Staaten mit allen Segeln fahren konnte: so vervollkommneten sich die Bewohner derselben zusehens. Alle Fähigkeiten der menschlichen Natur wurden entwickelt; Künste und Philosophie stiegen von einer Stufe zur andern, reinigten, verschönerten, veredelten die Natur, und brachten Menschen hervor, die, in Vergleichung mit den Sklaven oder Wilden des übrigen Erdbodens, Götter schienen. Aber die Sultane konnten nicht zugeben, daß Freiheit, Vernunft und Tugend, diese ewigen unversöhnlichen Feinde der Unterdrückung und der Sultanschaft, öffentliche Tempel und Schutzörter haben sollten. So bald sie das Dasein derselben erfuhren, wandten sie alles an, solche von der Erde zu vertilgen; und da sie mit aller ihrer Gewalt nichts gegen sie ausrichten konnten, versuchten sie es mit besseren Erfolge durch List. Sie schickten ihnen Gold und Köche und Tänzerinnen, steckten sie mit dem Geschmack an Pracht und Üppigkeit an, entnervten sie durch Wollüste, und hatten nun wenig Mühe, die ausgearteten Söhne jener Väter, die nichts als ihre Tugend unüberwindlich gemacht hatte, zu überwältigen und ins Joch zu spannen. Ein einziger dieser Freistaaten sank unter seiner eigenen Größe ein, und wurde zuletzt, wie billig, das Opfer eben des sultanischen Geistes, womit er etliche Jahrhunderte lang kleinere Republiken verschlungen und die Hälfte des Erdbodens beunruhigst hatte. Die Sultane Die alt-römischen und byzantinischen Kaiser, wie man sieht, mit dazu gerechnet. Gibbon behielten also endlich die Oberhand, und überließen sich nun desto ruhiger der einzigen Art von Tätigkeit deren sie fähig waren, allen Ausschweifungen einer viehischen Sinnlichkeit. Stolz ohne Gefühl für Ehre und Nachruhm, wollüstig ohne Geschmack, grausam aus Feigheit, von niemand geliebt, von Eifersucht und allgemeinem Mißtrauen verzehrt, waren sie, bei allem Anschein von Größe und Herrlichkeit, selbst die elendesten unter allen, deren Elend ihr Werk war. So gewiß ist es, daß keine Sicherheit für den ist, der sie andern raubt, und daß niemand glücklich sein kann, der für fremdes Glück oder Unglück fühllos ist. Verschwörungen, Aufruhr und ein tragisches Ende waren das gewöhnlichste Los dieser Tyrannen, die im Rausch ihres Übermuts für Götter gehalten sein wollten, und von Menschen forderten, was der Gott der Götter selbst, der den Menschen mit aufgerichtetem Angesicht erschaffen hat, nicht von seinem Geschöpfe fordert, sich vor ihnen wie Gewürme im Staube zu wälzen. – Aber die unglücklichen Völker gewannen nichts bei diesen gewaltsamen Veränderungen. Der Nachfolger, ungebessert durch das Beispiel seines Vorfahren, macht' es gemeiniglich noch ärger, und beschleunigte seinen eignen Untergang durch die Mittel, wodurch er dem Schicksale desselben zu entgehen suchte. Oft gab man sich, um von Einem Tyrannen befreit zu werden, zehn andre, und befand sich dann gerade zehnmal schlimmer als bei dem einzigen. Alle Drangsale und Abscheulichkeiten der Anarchie stürzten über die preis gegebenen Provinzen her, und ihr Zustand ward endlich so grenzenlos elend, daß sie, um sich in einen erträglichern zu setzen, kein andres Mittel sahen, als freiwillig wieder in die Fesseln zurückzukehren, wovon sie sich hatten befreien wollen.« 18. Kapitel Schutzrede für die Menschheit »Und nun, mein guter Kalender, nachdem wir diesen abscheulichen Auszug der Geschichte der Sultane durchlaufen haben, können wir uns noch wundern, wie es zugegangen, daß wir die Menschen – die im Genuß der Freiheit, und in einem Wohlstande, der die Frucht ihrer Arbeit und Begnügsamkeit ist, gut, liebenswürdig und glücklich sind – durch Unterdrückung und Elend so übel zugerichtet sehen, daß man Mühe hat, an dem zerkratzten, verstümmelten, zerdrückten Rumpfe die Spuren seiner ursprünglichen Form zu erkennen? Du machtest ihnen einen Vorwurf daraus, daß sie so wenig Vernunft haben. Sieh und fühle nun die ganze Unbilligkeit dieses Vorwurfs! Als sie in die Welt kamen, waren sie Kinder . Sie mußten lange wachsen, viel Erfahrungen sammeln, lange beobachten und vergleichen, sich alle Augenblicke irren, und erst durch die schädlichen Folgen des Irrtums gewahr werden daß sie auf dem unrechten Wege seien, – bis es möglich war Vernunft zu haben; zumal da die Sorge für die notwendigsten Bedürfnisse ihnen nicht erlaubte schnelle Schritte zu machen. Indessen rückten sie doch vorwärts, lernten die Natur benutzen, erfanden Künste, bauten und pflanzten, verschafften sich Bequemlichkeiten, lebten in große Familien verteilt glücklich, und wurden ihres Daseins froh. Aber was geschah? Der erste, der den verruchten Gedanken hatte, lieber ein Herr unter Sklaven als ein Mensch unter Menschen zu sein, zerstörte nicht nur auf einmal das Werk der Natur , sondern stieß auch so schwere Riegel vor den Kerker in den er sie sperrte, daß ihr alle Möglichkeit sich los zu machen und ihren bestimmten Lauf fortzusetzen benommen war. Was half ihr nun jenes angeborne mechanische Streben zum Fortschreiten und Emporsteigen, das die menschliche Gattung so wesentlich von allen tierischen unterscheidet? Ein Sklave, eben darum weil er nicht emporstreben darf , hört endlich auf Mensch zu sein, und wird zum bloßen Tier erniedrigt. Empört sich auch zuweilen die Vernunft in ihm, so hält der Sultan Stock und Geißel, Strick, Schwert und Pfahl bereit, ihn dafür zu bestrafen . Denn wo ein Sultan den Meister spielt, ist Denken ein Verbrechen . Aber die Tyrannen haben schon dafür gesorgt, daß die unnatürlichsten Verbrechen unter ihrer Herrschaft weniger selten sind als dies. Wie könnt ein von knechtischer Arbeit zu Boden gedrückter Sklave, über dessen Rücken stets die Geißel schwebt, Zeit oder Mut zum Denken gewinnen? Und könnt er auch, wozu hälf es ihm, als sein Elend zu vergrößern, da er seine Gedanken und Anschläge niemanden mitteilen darf? Was vermag ein einzelner Mensch? Es ist wahr, unter so vielen Millionen Sklaven gibt es Tausende, die, als kleinere Sultane, als Gehülfen der Unterdrückung, als Günstlinge, oder als notwendige Werkzeuge der Üppigkeit, auf die eine oder andre Weise ihr Glück machen, und zu Ansehen, Macht und Reichtümern gelangen. Aber dieses Glück ist vielleicht nur ein Augenblick : man muß ihn eilends haschen, genießen, hinunter schlingen; das Gegenwärtige ist alles, wo keine Sicherheit für die Zukunft ist. Die Furcht tut also bei den Großen und Reichen die nämliche Wirkung wie bei dem niedrigsten Sklaven. Dieser kann nicht denken wenn er auch wollte , jene wollen nicht wenn sie auch könnten . Du siehst, Freund Kalender, wie unbillig es ist, den Menschen, unter solchen Umständen, den Mangel an Vernunft vorzurücken. – Sollt es mit dem Mangel an Tugend nicht gleiche Bewandtnis haben? Ich bitte dich, was hat die Tugend mit Sultanen und Sklaven zu tun? Danischmend muß wohl nichts vom Epiktet gehört haben, dem weisen und tugendhaften Epiktet, der ein Sklave war, noch von dem weisen und tugendhaften Kaiser Markus Aurelius , der – Onocephalus – kein Sultan war , Herr Onocephalus! Ein Zusammenfluß besonderer Umstände, welche sehr selten zusammen treffen, macht zuweilen eine Ausnahme ; aber die Ausnahmen selbst bestätigen den allgemeinen Satz, von welchem sie Ausnahmen sind oder scheinen. J. C. H. Nenne mir, außer der Geduld , – die in gewissen Fällen keine Tugend ist – eine einzige, die in den Augen eines Sultans nicht Verbrechen wäre, In den Augen des Sultans Domitian zu Rom war es ein großes Verbrechen, daß Epiktet nicht nur selbst tugendhaft war, sondern auch andre Leute dazu machen wollte. Er ließ also den gefährlichen Mann des Landes verweisen; und wenn man die Sache recht bedenkt, so findet man noch Ursache, die Gelindigkeit des Sultans zu bewundern. Algernon Sidney eine einzige, die er dulden könnte, ohne seine Sultanschaft in Gefahr zu setzen! Aber er kann von dieser Seite ruhig sein. Sklaven sind keiner Tugend fähig. Tugend ist Mut immer nach den ewigen Gesetzen der Vernunft zu handeln , und Sklaven haben weder Mut noch Vernunft. Die Sultane, die Sultane! – Gott verzeihe ihnen alles Unrecht das sie der Menschheit angetan haben; Ich kann's nicht! Indessen sind sie weder die einzigen noch die tätigsten Urheber der Übel, die uns zu Boden drücken.« 19. Kapitel Ein Intermezzo von drei Fakirn Wenn Danischmend einmal ins Feuer kam, so war kein ander Mittel, als ihn fortbrennen zu lassen, bis die brennbare Materie völlig aufgezehrt war. Der Kalender, der diesen Zug im Charakter seines neuen Freundes entdeckt hatte, und entschlossen war, sich ihm so gefällig zu machen als er nur immer könnte, ließ ihn also, da er ihn so wohl bei Atem sah, ungestört fortreden, und hörte ihm mit aller Aufmerksamkeit zu, die ein Mann, der nun einmal im Gang ist allein zu sprechen, nur immer verlangen kann. Danischmend war eben im Begriff sich mit seiner gewöhnlichen Freimütigkeit über die letzte Periode seines mit dem vorgehenden Kapitel abgebrochnen Diskurses zu erklären; als sie, beim Eintritt in den Vorhof seiner Wohnung, drei Fakirn Allgemeiner Name der herum schweifenden muhamedanischen und heidnischen Mönche in Indien, nach Berniers Bericht. erblickten, die von einem seiner Hausgenossen Almosen verlangt hatten, und ihm dagegen ein kleines Bild mit fünf gekrönten Köpfen und vier Armen überreichten, welches ihn, wie sie versicherten, vor Kopf- und Zahnweh, Gicht, Zipperlein, und allen bösen Geistern bewahren würde, wofern er es jedesmal am siebenten Tage nach dem Neumond morgens vor Sonnenaufgang in fließendem Wasser baden, und etliche schwere Wörter, die sie ihm auf einen Zettel geschrieben gaben, siebenmal dazu hermurmeln würde. Die Fakirn zogen sich demütig zurück, so bald sie den vermutlichen Herrn des Hauses gewahr wurden. »Da haben wir's!« – rief Danischmend mit einem schmerzlichen Seufzer. »Nun gute Nacht, Natur, Unschuld und Glückseligkeit, die ihr seit Jahrhunderten in diesen der Welt unbekannten Tälern herrschtet! Denn noch hatte weder Fakir noch Bonze den Weg zu uns gefunden. – Aber, wie konnt ich auch hoffen, daß es immer so sein würde? Die Herren haben zu feine Nasen! Sie haben ausgespürt, daß gut bei uns leben ist, daß wir hübsche Weiber haben, daß wir gute einfältige Leute, Leute von der besten Hoffnung sind. Nun, da sie uns einmal aufgetrieben haben, Freund Kalender, werden sie, verlaß dich drauf, nicht von uns ablassen, bis sie uns durch und durch so jämmerlich bebonzt und befakirt haben, daß an Seel und Leib nichts Gesundes mehr an uns sein wird.« »Man muß ihnen den Weg wieder hinaus weisen«, sagte der Kalender. »Wie soll das möglich sein? Kann ich Gewalt brauchen? Und wenn ich könnte, bin ich dazu berechtigt? Soll ich die Einwohner unsers Tales zusammen berufen, ihnen eine Gefahr vorstellen, von der sie keinen Begriff haben, sie in Alarm setzen, den Mann gegen sein Weib, die Kinder gegen ihre Eltern, die Nachbarn gegen ihre Nachbarn aufwiegeln? Du solltest doch diese Schlauköpfe mit ihrer scheinheiligen Miene kennen! Sie lassen sich nicht so leicht abtreiben. – Und gesetzt, es gelänge mir, diese ersten, die vielleicht nur von ungefähr zu uns verirrt sind, abzutreiben; werden sie sich nicht an den Braminen der Sultanin Nurmahal wenden, und mit siebenmal ärgern als sie sind wieder kommen, um Besitz von unserm ganzen Ländchen zu nehmen? Besser, man läßt sie ihres Weges gehn, und erwartet was daraus werden mag. Die Kerle scheinen noch jung zu sein; vielleicht kann man noch Menschen aus ihnen machen.« Daß Danischmend von seiner Ahnung nicht betrogen wurde, zeigte sich schon am dritten Tage. Es war eine Art von Fest, an dem die Einwohner von aller Arbeit auszuruhen, und auf verschiedenen dazu bestimmten Plätzen sich mit ländlichen Tänzen und Spielen zu ergetzen pflegten. Danischmend und der Kalender bemerkten sogleich, daß unter den Weibern ihres Dorfes wenige waren, die nicht einen zierlich in Musselin eingewickelten Lingam Der Lingam oder Lingum , wovon hier die Rede ist, ist eine Art von Amulett, welchem eine gewisse Sekte der Hindus abgöttische Ehre erweiset. Sie tragen es am Hals oder Arme, und sind stark beglaubt, vermittelst desselben unfehlbar in den Kailassam , d. i. in das Paradies des Gottes Rutren oder Schiwen (welcher der eigentliche Stifter des Lingams ist), einzugehen. Was für eine Figur dieser Lingam habe, mögen sich diejenigen, die es noch nicht wissen oder nicht erraten, lieber von La Croze , oder den malabarischen Missionarien , oder sonst einem Schriftsteller, dem nichts übel genommen wird , sagen lassen. am Halse bammeln hatten, und sich auf diesen neuen Putz viel zu gute zu tun schienen. »Siehst du«, sagte Danischmend zu seinem Freunde: » wirken die drei Fakirn , die wir gestern in meinem Hofe fanden? – Meine einzige Hoffnung ist noch, daß der Lingam, ehe drei oder vier Tage in die Welt gekommen sind, irgend etwas anstellen wird, das uns Gelegenheit geben mag, den Betrügern die Maske abzuziehen.« Es währte nicht lange, so fanden sich unsre drei Fakirn ein, begleitet von einem Einwohner und seiner Frau, einer von den schönsten in der ganzen Gegend, die (wie leicht zu erachten) mit einem ansehnlichen Lingam prangte. Die Fakirn, wie neu auch ihre Bekanntschaft mit diesen jungen Leutchen war, taten schon so vertraut mit ihnen, als ob sie von jeher da gewesen wären. Sie sahen eine Weile den Tänzen der jungen Mädchen zu, und, um zur allgemeinen Ergetzung das Ihrige auch beizutragen, meldeten sie der Versammlung, daß sie einen von den Tänzen tanzen wollten, womit der Gott Rutren Herr Dow nennt ihn Rudder oder Schiba . die Weiber der Braminen belustiget habe, S. Essay historique sur l'Inde, p. 191, wo diese und die hernach folgende Geschichte vom Ursprung des Elefantenkopfs, womit die Banians den Puleier oder Vinayaguen vorstellen, nebst mehr andern gleich erbaulichen Fragmenten der ostindischen Mythologie zu lesen sind. Ich könnte noch eine ganze Seite voll Reisebeschreibungen, Kompilationen und andre historische Werke zitieren, wo alle diese Herrlichkeiten auch zu lesen sind. Murrzufflus als ihn – nach Vollendung der langen Buße, zu welcher er von den übrigen Göttern verurteilt worden, weil er seinem Bruder Brama einen seiner fünf Köpfe abgezwickt, – die Lust angekommen, mit besagten Braminenweibern, in Gestalt eines Bettlers, Kurzweil zu treiben. Die Fakirn tanzten also den Tanz Rutrens, an welchem Danischmend nicht halb so viel Belieben fand als die guten Landleute, sonderlich die jungen Weiber, die, mit weit aufgesperrten nichts besorgenden Augen, an der Geschmeidigkeit und Stärke der Fremdlinge ihre Freude sahen. Als die Fakirn fertig waren, setzten sie sich unter die Einwohner ins Gras, und erzählten den Weibern tausend schöne wunderbare Historien von Bramas fünf Köpfen , und von Wistnus neun Verwandlungen ; und wasgestalten die schöne Paraswadi , Rutrens Gemahlin, da sie sich einstens in Abwesenheit ihres Mannes in einem schönen Feenbrunnen gebadet, plötzlich von dem Gelüsten überfallen worden, ein Kind zu haben; und wie sie mit ihrer Hand in ihren Busen gefahren, und wie aus dem Schweiße, der ihr davon an der Hand sitzen geblieben, plötzlich ein bildschöner Junge entstanden, dem sie den Namen Vinayaguen gegeben; und wie Rutren bei seiner Wiederkunft über diese wundervolle Geburt Argwohn geschöpft, und dem armen Vinayaguen (sonst auch Puleier genannt) den Kopf abgeschnitten, aber gleich darauf sich's wieder gereuen lassen, und den abgerißnen Kopf wieder habe ansetzen wollen; weil solcher aber nirgends mehr zu finden gewesen, eilends einem jungen Elefanten den Kopf abgeschlagen, und den Elefantenkopf so geschickt auf Puleiers Rumpf gesetzt habe, daß dieser stracks wieder zu leben angefangen, und von Stund an bis auf diesen Tag sich des Elefantenkopfs so gut bediene, als ob es immer sein eigner gewesen; und wie Rutren ihn darauf für seinen Sohn erkannt, und ihm auferlegt habe, sich nicht zu vermählen, bis er eine Frau gefunden, die so schön sei als seine Mutter; und wie Puleier nun auf allen Landstraßen stehe, und mit seinem Elefantenkopf nach Osten und Westen, Süden und Norden gucke, um zu sehen ob nicht endlich ein Mädchen daher kommen werde, das so schön wie Paraswadi sei. – – Und die entzückten Weiblein vergaßen Tanzen und Spielen, Essen und Trinken über den schönen Historien, und zweifelten nun keinen Augenblick, daß die drei Fremdlinge etwas mehr als gemeine Sterbliche, und der Lingam, den sie austeilten, der herrlichste aller Talismanen sei. Danischmend fand noch nicht ratsam ihnen seine Meinung von der Sache zu sagen: aber da er mit dem Kalender nach Hause ging, hatte er einen Anfall von seinem kosmopolitischen Fieber , worin er den Magiern, Druiden, Bramen, Lamen, Derwischen, Fakirn, Goguis, Marabuts, Talapoins und Ya-faou, kurz allen Arten und Gattungen von Bonzen, schwarzen und weißen, blauen und grünen, roten und gelben, eine Lobrede hielt, wovon ihnen auf dem ganzen Erdenrunde die Ohren hätten klingen sollen; eine Lobrede, worin alle ihre Verdienste um das menschliche Geschlecht, – ihr Eifer, die Welt mit Aberglauben, abgeschmackten Märlein und Lingams anzufüllen, ihr tödlicher Haß gegen Vernunft und Tugend, ihre Heuchelei, ihre Hoffart, ihre Unersättlichkeit, ihre Geschicklichkeit Erbschaften und Vermächtnisse zu erschleichen, ihre unbändige Begierde zum Herrschen, ihr Verfolgungsgeist, ihre Rachsucht, ihre Giftmischerei, ihre Unwissenheit, Gefräßigkeit, Völlerei und Unzucht, mit Einem Worte, alle ihre Tugenden , in einem so blendenden Licht hervorstechen, daß man Nerven haben mußte wie der Kalender, um nicht gänzlich davon zu Boden geschlagen zu werden. »Ein zweiter Auszug aus der Geschichte der Menschheit« (rief Danischmend, da er mit seiner Lobrede fertig war), »der uns – beinahe wieder mit den Sultanen aussöhnen könnte!« 20. Kapitel Warum es bei allem dem noch ganz leidlich in der Welt hergeht »Ich finde eben nicht«, sagte der Kalender, »daß du den Sultanen und den Bonzen mehr zur Last legst als recht ist. Alle Geschichtbücher Asiens, und vermutlich die von der ganzen Welt, enthalten die Beweise deiner Anklagen. Die Sache ist weltkündig. Das einzige, was einen dabei in Verwunderung setzt, ist, daß es bei so bewandten Umständen nicht noch zehnmal schlimmer um uns arme Erdenklöße steht.« »Ich denke, diese Verwunderung – wie alle Verwunderungen – hört auf« (antwortete Danischmend), »sobald man die Ursachen erwägt, die den Wirkungen der Sultanschaft und der Bonzenschaft das Gleichgewicht halten. Fürs erste wird noch ein großer Teil des Erdbodens von Wilden und Nomaden bewohnt, die zum Teil weder von Sultanen noch Bonzen wissen, und, ungeachtet des noch kindischen Standes oder der langen Verwilderung, worin sie leben, starke Züge der ursprünglichen Güte unsrer Natur an sich tragen, und im Genuß aller ihrer angebornen Rechte stehen. Die Einfälle dieser Nomaden in die Länder der Sultanen und die dadurch von Zeit zu Zeit verursachten Weltveränderungen sind der Menschheit allemal, wenigstens eine Zeit lang, nützlich gewesen. Die Verwüstungen, welche die aufs äußerste gestiegene Tyrannei und Üppigkeit bald hier bald dort auf dem Erdboden angerichtet hatte, sind dadurch wieder vergütet, frisches Blut und neues Leben in halb erstorbene Völker gegossen, und durch die Vermischung des gesunden Menschenverstandes , den die Eroberer mitbrachten, mit dem Unsinn , den sie eingeführt fanden, eine Art von Gärung verursacht worden, die wenigstens eine gänzliche Stockung der Vernunft verhütete.« »Wenn diese Betrachtung auch richtig wäre«, sagte der Kalender, »so wirst du doch gestehen, daß das Gute, was diese großen Weltveränderungen mit sich führten, sich immer gar bald wieder verloren hat. Die Eroberer wurden zu Sultanen , die Bonzen gaben ihren Röcken einen andern Schnitt , teilten sich in neue Sekten, erfanden, um ihr altes Ansehen zu stützen, neue Betrügereien, und die Völker befanden sich bald wieder eben so übel als zuvor.« »Leider!« versetzte Danischmend. »Aber das Gute ist doch immer etwas Positives, Wirksames und seiner Natur nach Fortdauerndes; seine heilsamen Folgen verlieren sich nie ganz, wiewohl sie eben dadurch, daß sie in unzählige kleine Kanäle ausfließen, sich gleichsam in den Boden verkriechen, und dem Auge nach und nach unmerklich werden. Sodann, mein lieber Kalender, liegt eine andre, und ohne Zweifel die wirksamste Ursache, warum Sultanschaft und Bonzenschaft die Menschheit niemals völlig überwältigen, ihr selten oder vielleicht niemals alles das Böse tun konnten, noch tun werden, das sie an sich selbst vermöge ihre Natur wirken müßten , wenn kein mächtiges Gegengift sie entkräftete – diese Ursache, sag ich, liegt in den Künsten – die wir den alten Ägyptern, Phöniciern und Griechen – und in der Philosophie , die wir – Gott und der Natur zu danken haben. Der einzige Zug des großen Alexanders durch Asien ist in dieser Betrachtung, durch seine Folgen , so wohltätig gewesen Ich hatte von der Schule an immer gehört, daß dieser Alexander Magnus ein abscheulicher Tyrann; ein Menschenfresser, ein Würgeengel, eine Zuchtrute in der Hand Gottes, und eine verheerende Pest des menschlichen Geschlechts gewesen sei. Beinahe sollte einen diese Betrachtung des Danischmend auf andere Gedanken bringen. Ob sie aber auch wahr ist? Peter Ganshaupt Die Geschichte gelesen, Herr Ganshaupt! mit dem Restchen Mutterwitz, das Ihr aus Euern Schulen davon gebracht habt, gelesen, und auf den Zusammenhang und die Folgen der Dinge Acht gegeben; so werdet Ihr bald sehen, ob Danischmend oder Euer Schulmeister recht hat! St. Evremond , daß man sich nicht zu wundern hat, wenn dem Andenken dieses größten unter den Sterblichen noch etliche Jahrhunderte nach seinem Tode, sogar in Indien, öffentliche Ehrendenkmäler gewidmet waren. S. Philostrats Leben des Apollonius, B. II. Kap. 20, 24. Die Künste beschäftigen nicht nur eine unzählige Menge Menschen, die, ohne sie, ein Raub des Elends sein, oder gar nicht zum Leben kommen würden; sie verhindern auch die Sultane, völlig so roh und unbändig zu werden, als sie werden müßten, wenn Gähnen und Fliegenfangen, Prassen und Zechen, Jagen und Morden – der Tiere oder der Menschen, ihre einzige Belustigung wäre. Sie lernen durch die Künste edlere, oder wenigstens feinere und sanftere Vergnügungen kennen; Witz, Erfindsamkeit, Talente, werden ihnen wert; und wie viel gewinnen wir nicht schon durch diesen einzigen Umstand über die Sultanschaft! Was die Philosophie betrifft, so wenig man uns von ihr gelassen hat, so ist doch selbst dies wenige kostbar und wichtig für die Vorteile der Menschheit. Und wenn aus unsern Schulen zu Balk , zu Samarkand , zu Benares , in fünfundzwanzig Jahren auch nur zwei oder drei echte Weltbürger mit hellem Kopf und warmem Herzen hervorgehen, die auf die eine oder andere Art zwischen Sultanen und Bonzen unzerdrückt durchzukommen wissen: so siehst du leicht, daß ihrer dann gerade genug sind, um uns von dem Salz der Erden – welches die Weisen von jeher in ihrer Verwahrung gehabt haben – ungefähr so viel zukommen zu lassen, als wir brauchen, um nicht gänzlich zu verfaulen . Nehmen wir nun noch hinzu alles Gute , was das kleine aber desto tätigere Häufchen der Enthusiasten der Tugend tut, und alles Böse , was eine Menge von großen und kleinen Sultanen, großen und kleinen Bonzen, aus Temperament, Trägheit, Furchtsamkeit, Liebe zum Vergnügen, oder natürlicher Gutherzigkeit, nicht tut ; bedenken wir, daß es selbst unter den Sultanen hier und da einen gibt, der mit einer so vortrefflichen Anlage geboren ist, daß weder Erziehung noch Beispiele, weder Harem noch Divan, weder Höflinge noch Bonzen, alle Tätigkeit seines Geistes hemmen, alle Tugenden seines Herzens ersticken können; erwägen wir, daß verschiedene Völker des Erdbodens mutig oder glücklich genug gewesen sind, ihre wesentlichsten Rechte gegen willkürliche Gewalt und Unterdrückung, mehr oder weniger, sicher zu stellen, und daß bei diesen Völkern gute Fürsten weniger selten sind, als bei uns Asiaten die sehr bösen Sultane ; ferner, daß die Vorsehung ein Belieben daran findet, von Zeit zu Zeit Privatpersonen von großem Geist und Herzen auf Thronen zu setzen, wozu sie nicht durch Geburt, sondern durch Tugend und Verdienst berufen werden; und daß es, allen Bemühungen der Sultanen und ihrer Werkzeuge zu Trotz, immer noch hier und da einen kleinen Freistaat gibt, wo Fleiß, Mäßigung und kluge Einrichtung glückliche Menschen macht, und wo Weisheit und Tugend Verdienste sind; rechnen wir, Freund Kalender, alle diese Umstände zusammen: so wird es uns kein Rätsel mehr sein, warum die menschliche Gattung – die, dem ersten Anschein nach, durch Sultane und Bonzen längstens vom Erdboden vertilgt sein sollte – im Durchschnitt genommen, sich noch immer in einem ganz leidlichen Zustande befindet .« »Leidlich genug«, sagte der Kalender, » sonderheitlich wenn man, wie wir, wohl gegessen und getrunken hat, an nichts Mangel leidet, von allen Sultanen so fern als möglich ist, und von keinem Bonzen oder Derwischen weder verfolgt, noch – was oft eben so arg ist – mit seiner Freundschaft beehrt wird. Wir haben gut reden, mein lieber Danischmend!« Der verwünschte Kalender mit seinem sonderheitlich! – Was war darauf zu antworten? Danischmend seufzte, und schwieg. 21. Kapitel Eine seltsame Begebenheit. Man bittet die Leser, ernsthaft zu sein Unterdessen daß Danischmend und sein philosophischer Kalender so harmlos und so vergeblich über Dinge schwatzten die sie nicht ändern konnten, waren die Fakirn und ihre Lingams nicht müßig gewesen; und die Hälfte der Bewohner dieser glücklichen Täler befand sich binnen wenig Tagen mit einem desto gefährlichem Gift angesteckt, weil dessen erste Wirkungen angenehm, die verderbenden Folgen hingegen einem so unerfahrnen Völkchen unmerklich waren. Die Männer ließen sich mit fünfköpfigen Bildern und die Weiber mit Lingams begaben, welche sie, um dereinst an Rutrens Paradiese Teil zu haben, nach der Vorschrift der Fakirn alle Morgen in reinem Wasser badeten, dieses Wasser sodann tranken, und den Lingam, nachdem sie ihn andächtig geküßt hatten, in Musselin sauber eingewickelt, an einer seidnen Schnur auf ihrem Busen trugen. Eine Närrin machte die andre; denn, außerdem daß ihnen die Fakirn Wunderdinge von Rutrens Paradies erzählten, war so ein – ich weiß nicht was in dem Lingam, das sich besser empfinden als sagen ließ. – »Wenigstens« (sagten diejenigen, die für klüger als andre angesehen sein wollten) »wenigstens sehen wir nicht, was er sollte schaden können.« Der Fehler war, daß die guten Evatöchterchen nicht weiter sahen als ihre Nase reichte. Aber eines Morgens, als Danischmend und der Kalender, ihrer Gewohnheit nach, aufs Feld spazieren gingen, wurden sie von einem gräßlichen Geschrei, das aus einer benachbarten Wohnung kam, von ihrem Wege abgerufen. Sie eilten dem Orte zu, drangen hinein, und fanden – sollen wir's sagen? – fanden – – – wie gern wollten wir's verheimlichen, wenn es, ohne das Folgende durch die Lücke unverständlich zu machen, geschehen könnte! – fanden – um uns so kurz als möglich aus der Sache zu ziehen – den Mann einer schönen jungen Frau schäumend vor Wut, im Werke, einem der Fakirn, den er zappelnd und schreiend unter seinen Knieen hatte, mit einem großen Gartenmesser – seinen Lingam abzumähen. Die schöne Frau, halb nackend, mit fliegenden Haaren, und vor Angst außer sich, bestrebte sich umsonst des Mannes Arm aufzuhalten; der Schnitt war in demselben Augenblicke, da Danischmend in die Kammer trat, vollbracht, und der Fakir lag ohnmächtig in seinem Blute. Kaum hatten Danischmend und der Kalender noch Zeit, den wütenden Mann, dessen Grimm sich nun gegen seine Frau kehrte, mit aller ihrer Stärke von ihr zurück zu reißen. Er schwor mit brüllender Stimme, daß er gerochen sein wollte; aber die arme Frau rief laut weinend Himmel und Erde zu Zeugen ihrer Unschuld an. Unterdessen hatte der Lärm das ganze Dorfe um die Hütte versammelt. Die Ältesten drangen herein; man brachte den wütenden Ehemann ein wenig zu sich selbst: und der Kalender, der einige Kenntnis von der Wundarznei hatte, bemühte sich, das Verbluten des leidenden Fakirs zu stillen, verband ihn, und rief ihn wieder ins Leben zurück. Die Ältesten führten hierauf den Mann und die schöne Frau heraus vor die Hütte, unter eine Linde, um die sich das Volk in einem Kreise herum zog. »Rede«, sagten sie zu dem Manne: »was bewog dich diese rasche Tat zu tun?« »Ich war«, sprach der Mann, »mit Sonnenaufgang hinaus gegangen, in meinem Garten zu arbeiten; mein Weib schlummerte noch. Nach einer Stunde komm ich zurück, um sie mit einem Kuß aufzuwecken; denn ich liebte sie, wie ihr alle wißt. Aber – verflucht sei die Stunde! – da ich – Wut und Entsetzen! ich kann nicht forterzählen« – »Fasse dich«, sagte einer der Ältesten, »schöpfe Atem, wasche deinen Kopf und deine Arme dort in der frischen Quelle, dann komm zurück.« Der Mann gehorchte. »Ich bin unschuldig«, sagte die schöne Frau mit Tränen, die in großen Tropfen über ihre glühenden Wangen rollten, »ich habe nichts verbrochen; der Fakir – ich hielt ihn für einen Mann, der mit Göttern umginge – er hat mich betrogen, aber – ich bin unschuldig.« Der Mann kam zurück. »Rede nun«, sprachen die Ältesten. »Indem ich die Tür öffne, seh ich – den Fakir, und – mein Weib halb nackend auf meinem Lager – ringen, oder – Gott weiß es! ich weiß es nicht: Mir wurde dunkel vor den Augen; ich hatte mein Messer in der Hand; der Fakir fuhr zurück; ich stürzte auf ihn hin, warf ihn zu Boden, tat ihm wie ihr gesehen habt; – und die Ungetreue – wie könnte sie unschuldig sein? – sie wollte mich zurück halten!« »Menschlichkeit, Schrecken«, – rief die Frau: »ich glaubte daß er ihn erwürgen wollte – wußte vor Angst nicht was ich tat!« »Du hast recht getan«, sagten die Ältesten zu dem Manne. »Recht getan! recht getan!« schrie das ganze Volk. »Man fahe die beiden andern, und tue ihnen ebenso«, riefen einige. – Die Weiber alle rissen ihre Lingams vom Halse, und warfen sie mit Unwillen weit von sich. Die Männer machten's mit ihren Fünfköpfen eben so. »Nun rede Du«, sagten die Ältesten zu der schönen Frau. »Ich bekenne«, sagte sie, »daß ich mich von diesem Fakir wie ein albernes Ding einnehmen ließ. Ich hörte ihn gern Märchen erzählen von seinen Göttern, und von Rutrens Paradies, und von den Verwandlungen des Wistnu; da war mir's ich hätt ihm den ganzen Tag zuhören mögen, und glaubte ihm alles was er sagte. Dies mocht er wohl gemerkt haben, und sich einbilden, daß er alles mit mir machen könnte was er wollte. Nun hatt er mir einen Lingam gegeben, wie vielen andern auch; den trug ich am Halse wie andre, ohne recht zu wissen was es war; und da erzählt er mir ich weiß nicht was, von Rutrens Buße, und wie ihn die Bramen bezaubert hätten Die Braminen kamen unglücklicher Weise dazu, als Rutren ihnen die Ehre tat, mit ihren Weibern zu kurzweilen, und waren unhöflich genug, die furchtbare magische Ceremonie, Jekiam genannt, gegen ihn vorzunehmen, welche die Macht hat, demjenigen, gegen den sie gerichtet wird, welches Glied man will vom Leibe fallen zu machen. Rutren wurde über den Verlust, den er durch diese Bezauberung erlitt, so wütend, daß er, wie Ariosts rasender Roland, alles verwüstete und zerstörte, was ihm in den Wurf kam; und er besänftigte sich nicht eher, bis ihm der Einfall kam, den Lingam zu einem Gegenstand religiöser Verehrung zu machen. Essay Hist. sur l'Inde, p. 191, 92. , und wie er allen denen das Paradies geben wollte, die den Lingam ehrten und am Halse trügen. Und gestern abend sagt' er mir ins Ohr, er wollte mich des folgenden Morgens besuchen, und mir weit schönere Dinge erzählen als bisher, und Dinge, die er andern nicht sagen dürfte, weil Rutren mehr Gefallen an mir hätte. Dies schmeichelte, ich bekenn es, meiner törichten Eigenliebe; und da erlaubt ich ihm zu kommen; aber mein Herz dachte an nichts Arges. Und da kam er als ich noch schlief, und weckte mich mit einem Kuß; und weil ich meinte es wäre mein Mann – denn mein Herz dachte nicht an den Fakir – so gab ich ihm den Kuß wieder. Und da wollt er verhindern, daß ich die Augen nicht aufschlage, und wollte – was ich mich schäme zu sagen; da rafft ich mich auf, und tat einen lauten Schrei, wie ich sah daß es der Fakir war. Und da bat er mich mit aufgehobnen Händen ruhig zu sein, und schwor mir daß er Rutren sei, und daß ich reizender in seinen Augen sei, als die schöne Paraswadi, und ich weiß nicht mehr was er alles sagte, um mich zu betören. Aber ich wickelte mich in meine Decke, und hieß ihn gehen. Da gebärdete er sich wie ein Unsinniger, und riß – die Decke weg. Ich wehrte mich mit Händen und Füßen; aber er war mir zu stark, und ich glaube wahrhaftig daß er mich überwältigt hätte, denn ich konnte nicht schreien: Madame Anne de France , zweite Tochter König Ludwigs XI. – fine femme, et deliée s'il en fut oncques, et vraye image en tout du feu Roy son Pere, sagt Brantome in der Einfalt seiner Hofschranzenschaft von ihr, indem er sie sehr dadurch zu loben meint – konnte nicht leiden, wenn sich ein Frauenzimmer in dergleichen Umständen über Gewalt beklagte; und bediente sich, um die Nichtigkeit eines solchen Vorgebens begreiflich zu machen, eines Gleichnisses, welches – wiewohl es vor dritthalb hundert Jahren aus dem Munde einer Fille de France ging – in unsern Tagen vor einer so guten Gesellschaft, als das Publikum ist, sich nicht wohl nachsagen läßt, und also, wenn man einen Beruf dazu hat, im Brantome selbst (Memoir. T. VIII. p. 285) gelesen werden kann. Wir begnügen uns so viel davon zu sagen, daß Madame Anne de France eine Kennerin war, und unstreitig recht hat, die Juristen mögen einwenden was sie wollen. Beccaria aber indem wir so rangen, da kam, zu meinem Glücke, mein Mann, und ihr alle wißt was weiter geschah. Dies ist die reine Wahrheit, und ihr seht, daß mir nichts begegnet ist als was andern auch begegnen konnte. Aber mein Mann wird mir nicht glauben, daß ich unschuldig bin und nichts verschwiegen habe, und andre werden's auch nicht glauben, und so bin ich verloren, und kann mich nicht rechtfertigen, und kann mich selbst nicht länger ausstehen, nachdem mich die Augen und die Hände des Betrügers entheiliget haben. Verflucht sei er und sein Gott Rutren und alle seine Lingams!« – Mit diesen letzten Worten riß sie ihrem Manne sein Messer aus der Hand, und stieß sich's in die Brust. Danischmend, der ihr (wiewohl nicht schnell genug um die Tat ganz zu verhindern) den Arm zurück riß, verhinderte doch, daß die Wunde nicht tödlich wurde. Aber das Volk, da es Blut aus ihrem schönen Busen strömen sah, geriet in Wut. Der Mann, auf einmal überzeugt von der Unschuld seines Weibes, stellte sich an die Spitze der übrigen, und alle verlangten mit großem Ungestüm, daß die Fakirn zu den Füßen der sterbenden Unschuldigen abgeschlachtet werden sollten. Man suchte sie überall; aber die Gesellen des Verwundeten, da sie den Lärm sahen, hatten die Flucht genommen. – »Die Frau kann noch gerettet werden«, rief Danischmend: »man jage den Fliehenden nach; und wir, versäumen wir keinen Augenblick die schöne Kezia zu retten!« Der Kalender legte nun eine zweite Probe seiner Kunst ab, mit desto größerm Eifer, da er dies für eine Gelegenheit ansah, sich um dies kleine Völkchen, und um Perisadeh, deren Verwandte die schöne Kezia war, verdient zu machen. Die Wut des Volkes legte sich ein wenig, da man vernahm, daß die Wunde weder tödlich noch gefährlich sei. Aber die Fakirn, die Lingams und die Fünfköpfe hatten durch diese Begebenheit ihr Ansehen unwiederbringlich verloren. »O, des großen Dienstes, den uns die Torheit dieses Fakirs getan hat!« – sagte Danischmend zum Kalender, da sie nach Hause gingen. »Unsere Philosophie hätte sich Jahr und Tag mit seinen Lingams herumbalgen können, ohne ihnen halb so viel Schaden zu tun, als er sich selbst und ihnen in einem Augenblick getan hat.« Man wird vielleicht unwahrscheinlich finden, daß die Fakirn gleich in den ersten Tagen ihrer Erscheinung unter einem unbekannten Volke eine Unvorsichtigkeit von solchen Folgen begangen haben sollten. Aber erstlich waren sie noch jung; zweitens, nicht etwann von ihren Obern mit gemessenen Verhaltungsbefehlen abgeschickt, sondern von ungefähr in dies Land gekommen; drittens, schien dies Volk ein so gutes leichtgläubiges Völkchen, und die schöne Kezia ein so lenksames Schäfchen zu sein; viertens, kann ein Fakir, zumal wenn er noch jung ist, nicht so lange warten wie andre Leute; fünftens, scheint er selbst von der Gelegenheit – dem gefährlichsten unter allen Teufeln die den Menschen nachstellen – überrascht worden zu sein; endlich sechstens und letztens, würde wenig Böses geschehen, wenn die Leute fein bedächten was sie täten, und immer den goldnen Spruch vor Augen hätten: RESPICE FINEM. 22. Kapitel Entwicklung und Ende der Tragödie Inzwischen hatte man die beiden flüchtigen Fakirn im Gebirg erhascht, und zu einem der Ältesten in Verwahrung gebracht. Die sämtlichen Männer in der Gegend, welche vermutlich bei genauerer Nachfrage genug entdeckt haben mochten, um jeder wegen seiner eignen Sicherheit besorgt zu sein, bestanden darauf, daß den beiden noch unverletzten Fakirn eben so getan werden sollte, wie ihrem Gesellen. Danischmend war in keiner geringen Verlegenheit, und beriet sich mit dem Kalender, was zu tun sei. Die armen Schelme in den Stand ihres Gottes Rutren zu setzen, schien noch grausamer, als ihnen das Leben auf einmal zu nehmen. Überdies, welche Folgen konnt es für die ganze Republik haben, wenn einer von ihnen, so grausam beleidigt und zu grenzenloser Rache gereizt, entwischen, nach Dehly fliehen, und den Braminen der Sultanin auffordern würde, ihre Sache zur seinigen zu machen! Das sicherste wäre gewesen, ihnen ohne Umstände die Hälse zuzuschnüren; aber war dies menschlich? »Kann es unrecht sein, zwei oder drei betrügerische unzüchtige Buben der Sicherheit eines ganzen Volkes aufzuopfern?« – sagte der Kalender. Danischmends Kopf gestand, daß es nicht unrecht sei: aber in seinem Herzen war etwas, das Nein dazu sagte; und in solchen Fällen gab er allemal seinem Herzen recht. Die Ältesten versammelten sich, und beriefen Danischmenden und den Kalender dazu. Das Volk schwärmte haufenweise um die Hütte her; niemand dachte an seine Arbeit; alles war in einer Bewegung, einer Verwirrung, wovon man in dieser kleinen Republik kein Beispiel wußte. »Daß ich leben mußte, um ein Zeuge eines solchen Greuels zu sein!« – rief der redliche alte Mann mit den Silberhaaren, mit dem wir im funfzehnten Kapitel schon Bekanntschaft gemacht haben – »daß ich«, rief er mit einem tiefen Seufzer, »diese Tage der Wut, der Verwirrung, des Mißtrauens, der verlornen Unschuld erleben mußte!« Seine eigene geliebte Tochter, die holde jungfräuliche Braut – (das Herz unsrer Leser kann sie noch nicht vergessen haben) – hatte sich, in der Einfalt ihres Herzens, einen Lingam aufschwatzen lassen! – Die arme Seele! Sie wußte in der Tat nicht was es war. »Verflucht sei die Stunde, da die Fakirn ihren Fuß in die Täler von Jemal setzten!« rief ein andrer von den Ältesten. »Wir werden nie wieder die Menschen werden, die wir waren!« »Und was ist nun anzufangen? Wie sollen wir ihrer ledig werden? Wie den Schaden heilen, den sie uns zugefügt haben?« In diesem Augenblicke nahm der Tumult vor der Hütte überhand. Man hatte neue schreckliche Entdeckungen gemacht. Die beiden Fakirn – zwei Frauen aus einem benachbarten Dorfe – in der nämlichen Nacht vor dem Morgen der den blutigen Auftritt beleuchtete – das ganze Dorf in Aufruhr. – »Wo sind sie, wo sind sie, die Schändlichen?« – »Alle drei im Hause des Ältesten.« – Das ganze Volk stürzte dahin. Man zog sie heraus; in einem Augenblicke waren sie in tausend Stücke zerrissen! – Die Sonne verbarg sich vor dem abscheulichen Anblicke. – Die schuldigen Frauen (man hatte sie mitgeschleppt), unvermögend die Last ihrer Schande zu ertragen, rissen sich wütend von ihren Hütern los, und stürzten sich in den benachbarten Fluß. Die Ältesten rauften ihre grauen Haare aus, beschworen das Volk, geboten Ruhe, und wurden von niemand gehört. Endlich fand Danischmend das rechte Mittel. »Man trage Holz herbei«, rief er: »man lese die Stücke der zerrißnen Fakirn mit allen ihren Lingams und Fünfköpfen zusammen, verbrenne alles auf Einem Haufen, und wälze dann eine Spitzsäule von Steinen darüber, die unsern Enkeln ein Denkmal zum Schrecken und zur Warnung sei.« Plötzlich lief das Volk aus einander, Holz und Feuerbrände zu holen; die Gliedmaßen der Fakirn mit ihren Kleidern und allem was ihnen zugehört hatte, keinen einzigen Lingam ausgenommen, wurden auf den Holzstoß geworfen; die Ältesten des Volks zündeten ihn an, und alles Volk stand im Kreise, und ergetzte sich an dem schönen Feuer. Wie alles Asche war, türmten sie Steine mit Sand und Erde vermischt darüber her, bis es eine hohe Spitzsäule ward. Und man nannte sie den Fakirhügel ; und das Volk glaubte, daß die Geister der ermordeten Fakirn und der beiden Frauen, die sich selbst geopfert hatten, um Mitternacht sich auf dem Hügel sehen ließen; und wer bei Nacht dieses Weges ging, entfernte sich von dem Hügel so weit er konnte, hüllte seinen Kopf ein, und eilte schauernd vorüber. Und der Name der Fakirn blieb ein Greuel in den Ohren des Volkes zu Jemal bis auf diesen Tag. 23. Kapitel Schließliche Nutzanwendung Die armen Fakirn, bei allem dem! Ihr Schicksal war hart! – Aber freilich war auch ihr Verbrechen groß. Die Unschuld, den Frieden, das häusliche Glück eines so guten Völkchens zu zerstören! Dies verdiente das Ärgste, und das Ärgste widerfuhr ihnen auch. Nur schade daß ihre Strafe, als Beispiel betrachtet, für die Welt verloren ging! denn die übrigen Fakirn erfuhren nichts davon – die Sache müßte ihnen nur durch dieses Buch verraten werden; wozu allerdings gute Hoffnung ist, wenn die Übersetzer in Ostindien so flink und notgedrungen sind wie die unsrigen. 24. Kapitel Natürliche Folgen dessen was vorgegangen war Es brauchte einige Zeit, bis die Gärung, wovon diese Begebenheiten teils die Ursache teils die Folgen waren, ausgebrauset hatte, und die Gemüter in ihre vorige Lage zurück schwankten. Sonst waren Eifersucht und Mißtrauen unbekannte Leidenschaften unter diesen Glücklichen gewesen; eines hielt sich der Liebe des andern gewiß, und grenzenlose Sicherheit machte die Grundlage ihres Glückes aus. Aber nun, welcher Mann konnte, nach dem was vorgegangen war, seine geliebte Hälfte ansehen, ohne daß ein unfreiwilliger Argwohn kalt durch alle seine Adern schauerte! Mit wie ganz andern Augen sieht man sein Weib an, wenn man gewiß ist oder es zu sein glaubt, daß kein fremder Anhauch sie jemals befleckt habe, – oder, wenn man zweifelt, nur die kleinste Ursache zum Zweifeln hat , oder zu haben glaubt! Glücklich waren nun die Frauen, – und ihre Männer noch mehr! – die, aus Klugheit oder Sittsamkeit oder Indolenz, sich mit den Fakirn gar nicht eingelassen und ihren Busen mit keinem Lingam verunreiniget hatten! Wahr ist's, wenn die Mode Lingams zu tragen nun einmal in einem Lande eingeführt und so allgemein wäre, daß man sich ohne Lingam nicht mit Anständigkeit sehen lassen dürfte: so würden sich auch die sittsamsten Frauen in der Notwendigkeit befinden, die Mode mitzumachen, weil in allen solchen Dingen die öffentliche Meinung Gesetz ist. Aber wer klug ist, wartet wenigstens – zumal bei lächerlichen oder zweideutigen Moden – das Äußerste ab. Indessen hatten die guten Weiblein, die sich von den Fakirn mit dem Ordenszeichen des Gottes Rutren hatten zieren lassen, aller Wahrscheinlichkeit nach keine schlimme Absicht dabei gehabt; und auch Kezia , die Schuldigste unter allen – die beiden Unglücklichen, die sich selbst bestraften, ausgenommen – kam (wie wir gesehen haben) aus bloßer Einfalt in Gefahr, und war, nach ihrer Schutzrede zu urteilen, im Grund ein gutes wohl meinendes Geschöpf. Die Männer hatten also unrecht, den armen Weibern einen Fehler so übel zu nehmen, der, beim Lichte besehen, eine bloße weibliche – oder um ganz gerecht zu sein – menschliche Schwachheit war; einen Fehler, den die meisten unter den Männern selbst erst durch den Ausgang für das was er war erkannten, und den sie, was noch mehr ist, durch ihr eignes Beispiel gerechtfertiget hatten. Aber so sind die Männer! Sieben ganzer Tage bekam keine Frau, die einen Lingam getragen hatte, einen guten Blick von ihrem Eifersüchtigen. Die Herren runzelten die Stirne, trotzten, maulten, fanden nichts recht was die Weiber taten oder nicht taten, brummten und grunzten immer vor sich hin, oder hingen den Kopf und sagten gar nichts. – Die Nächte waren noch frostiger. Etliche Tage gaben sich die Weiber – aus innerem Gefühl ihrer Schuld – geduldig und demütig unter die verdiente Züchtigung; aber da es die Männer zu lange trieben, fingen sie an unruhig zu werden, und mit sich selbst und unter einander zu ratschlagen, wie sie sich in einer so kitzlichen Lage zu verhalten hätten. Das erste Mittel, womit sie es versuchten, war, den Murrköpfen freundlich entgegen zu gehen, um sie herum zu schleichen, sie bei der Hand zu nehmen, sie mit dem sanftesten Ton der Stimme bald dies bald jenes zu fragen; alles ungeheißen zu tun, was sie wußten das ihnen angenehm war; des Nachts so nah, als es ohne anzustoßen möglich war, an die Klötze hinzurücken; alle Minuten, aber ganz leise, bald einen Arm, bald ein Knie, bald einen Fuß in eine andere Lage zu setzen; dann und wann kleine halb gebrochene Seufzerchen abzudrücken, und zwanzig andre solche Weiblichkeiten mehr, die in gewöhnlichen Fällen ihre Wirkung selten verfehlen. Aber diesmal wollte das alles nicht helfen. Die Männer wurden zusehens nur unartiger und trotziger davon. Nun war guter Rat teuer. Die armen Geschöpfe waren am Ende ihrer Kunst und ihres Witzes. Einige wandten sich an die schöne Perisadeh: aber die hatte sich nie in einem Falle befunden, wo die eine oder andre von den vorerwähnten weiblichen Naturkünsten , oder etliche davon zusammen genommen, nicht hinlänglich gewesen wären, die Sachen zwischen ihr und Danischmenden auf den alten Fuß zu setzen; sie konnte ihnen also keinen Rat geben. Endlich erbarmte sich ihrer eine alte Frau, welche, was unter diesem Völkchen ungemein selten war, drei oder vier Männer gehabt, und sich dadurch binnen einem halben Jahrhundert einen kleinen Schatz von häuslichen Erfahrungen und Bemerkungen gesammelt hatte, woraus sie ihren jungen Nachbarinnen gelegentlich das Benötigte willig zukommen ließ. »Meine guten Töchterchen«, sagte die Alte, »ich sehe wohl daß ihr die Männer noch nicht kennt. Ich habe ihrer vier gehabt, wiewohl einer darunter wenig besser war als keiner. Jeder hatte seine besondere Weise; aber in Einem Punkte waren sie alle gleich: wenn ich ihnen zu viel übersah, oder ihnen merken ließ wie lieb ich sie hatte, so wurden sie übermütig. – Merkt euch, meine Kinder, was ich euch sagen werde! Es ist freilich wahr, daß wir Weiber nicht wohl ohne sie leben können; aber das müssen wir ihnen nicht weismachen. Wenn wir klug sind, so behalten wir doch den Vorteil über sie; denn sie können immer noch weniger ohne uns leben, als wir ohne sie .« Darauf erzählte ihnen die Alte, wie sie es in ähnlichen Fällen angefangen, um ihre Männer kirre zu machen. »Es ist ein ganz unschuldiges einfältiges Hausmittelchen«, sagte sie, »aber es tut Wunder; ihr werdet's erfahren!« Die Weiber folgten dem guten Rate der Alten, und der Erfolg bewies, daß sie ihr Arkanum nicht zu viel gerühmt hatte. Die Männer hielten sich ein paar Tage tapfer; aber da der Feind den Krieg in die Länge zog, verloren sie den Mut. Mit jedem Augenblicke wurden ihre Weiber schöner und – unschuldiger in ihren Augen; bald konnten die armen Klöße gar nicht mehr begreifen, wie sie jemals die Tugend so holder Geschöpfe hätten in Zweifel ziehen können; endlich kam es so weit mit ihnen, daß sie, wenn die Weiber darauf bestanden wären, eine ganze Ladung von Lingams verschrieben, und jeder seiner Frau den ihrigen mit eigner Hand um den Hals gebunden hätte. Zum Glück waren die Weiber von Jemal die besten Geschöpfe von der Welt, und selbst so froh das Ende einer beiden Teilen so beschwerlichen Fehde zu sehen, daß ihnen gar nicht einfiel, den Frieden auf Bedingungen zu schließen. Und so schob sich denn, zu großer Freude des ehrlichen Danischmend, binnen vierzehn Tagen alles wieder in die vorige Lage zurück: und vierzig Wochen nach der allgemeinen Versöhnungsnacht, auf Einen Tag, fand sich die Republik um fünf oder sechs Dutzend schöner Jungen reicher, – wofür man der alten Frau billig ein Ehrendenkmal hätte setzen lassen sollen. Was das wohl für ein Hausmittelchen war? – Es ist so einfältig – wie das Arkanum des Christoph Kolon, ein Ei auf die Spitze zu stellen – in der Tat, so einfältig, daß Sie mich auslachen würden, Madam, wenn ich's Ihnen sagte. 25. Kapitel Eine moralische Betrachtung von wichtigem Belang, weil sie den Schlüssel zu vielen andern enthält »Das ist wohl gut für den Augenblick«, sagte Danischmend zum alten Kalender, da sie, kurz nachdem der Hausfriede wieder hergestellt war, über diese Begebenheiten sich mit einander besprachen: »aber was für Sicherheit haben wir für die Zukunft? Ein einziges zurück gebliebnes Keimchen von dem Samen, den die Fakirn bei uns ausgestreut haben, ist hinlänglich, alles was an unserm Volke noch gesund ist anzustecken. Wie sehr besorg ich, der alte Mann habe richtig gesehen, da er ausrief: ›Wir werden nie wieder die Menschen werden die wir waren!‹ Glaubst du, die Lingams, weil wir sie mit großem Pomp und allgemeinem Beifall verbrannt haben, seien auch in der Einbildungskraft unsrer Weiber und Töchter im Rauch aufgegangen? Sei versichert, sie leben und weben, glänzen und funkeln dort noch immer, und vielleicht mehr als jemals. Und gesetzt auch, das Unheil das sie bei uns angerichtet, und der Eindruck des abscheulichen Schauspiels, wovon wir Zeugen gewesen sind, wurzle tief genug, um das Andenken an die Ursachen desselben auf ewig verhaßt zu machen: sind wir darum weniger in Gefahr? – Kennen wir etwann die Fakirn und Bonzen nicht? Gleich ihren Göttern, verwandeln sie sich in alle Gestalten die zu ihren Absichten taugen. Andre Fakirn in andern Farben, mit anderm Gaukelwerk, können den Zugang zu uns finden, und werden vielleicht glücklicher sein als diese. Unsre Phantasie wenigstens wird bald mit ihnen unter der Decke spielen, und die Folgen werden am Ende die nämlichen sein. Für eine verdorbne Phantasie ist alles Lingam. Ich will, um dir meine Meinung begreiflicher zu machen, die Sache beim Ei anfangen. Die Einwohner dieser Täler sind Abkömmlinge eines Volkes, das ehmals in einer von den großen tatarischen Wüsten lebte. Ihre Voreltern verehrten den Schöpfer der Welt, ohne Bilder, ohne Tempel, ohne Priester; alle Morgen, wenn die Sonne aufging, traten sie aus ihren Hütten hervor, und dankten ihm für ihr Dasein, für das Licht der Sonne, für das Gute, das von ihm über alle Wesen ausfließt. Dies war, ihren Begriffen nach, das einzige Opfer, das ihm angenehm war. Auch baten sie ihn um nichts, als daß er sie an Leib und Seele gesund erhalten möchte, versichert, daß alles übrige, was in dieser Bitte nicht enthalten sei, Dinge wären, die der Zufall hin und her wehe, und meistens nicht der Mühe wert, daß man in die Luft greife, um nach ihnen zu haschen. Diese Begriffe und Gewohnheiten erhielten sich lange unter unserm Volke. Aber ihre Einbildungskraft konnte doch in die Länge nicht müßig bleiben. Sie bevölkerte die ganze Natur mit Geistern, und gab allem worin Leben ist eine Seele. Dieser Glaube ist – in so fern er die Grundlage abgab, worauf die Bonzen aller Völker, die mit Bonzen geplagt sind, ihr Gebäude von Aberglauben und Vielgötterei aufgeführt haben – nichts Gleichgültiges. Aber bei unserm Völkchen, welches, ohne Sultane und Bonzen, im Schoße der einfältigsten Natur lebte, war er nicht nur unschädlich; er wurde ihm sogar wohltätig: denn er nährte dieses Mitgefühl mit der ganzen Natur; das beste unter allen menschlichen Gefühlen, das die Mutter der Gutherzigkeit ist, und dessen Verwahrlosung so viel zur Verdorbenheit der gekünstelten Menschen beiträgt. Noch itzt finden sich häufige Überbleibsel dieses Glaubens unter uns. Es ist zum Beispiel ein Verbrechen, einen fruchtbaren Baum, oder einen Baum, der den Menschen lange Zeit Schatten und Kühlung gegeben hat, umzuhauen; und auch dann, wenn man Holz zum notwendigen Gebrauch fällen muß, wird der Geist im Baume mit vieler Feierlichkeit um seine Einwilligung dazu ersucht. Keine unsrer Mädchen und Weiber wird sich in dem Flusse baden, oder nur ihre Füße in einem Quell waschen, ohne der Nymphe desselben etliche Blumen als ein Opfer hinein geworfen zu haben, und dergleichen mehr. Dieser harmlose Aberglaube vereiniget sich mit den übrigen Umständen unsers Volkes, – die uns immer in jenem Mittel zwischen zu viel und zu wenig erhalten, worin die Glückseligkeit eingeschlossen ist, – uns diese milde, lenksame, wohlwollende Sinnesart zu geben, die du, bis zu der wilden Szene mit den Fakirn, unter den Bewohnern dieser glücklichen Täler wahrgenommen haben mußt. Liebe und Eintracht hielt die einzelnen Haushaltungen und die ganze Gemeinheit zusammen. Die Jugend ehrte ihre Eltern, aber lernte zugleich von Kindesbeinen an, in jedem alten Mann einen Vater, in jeder alten Frau eine Mutter ehren. Der Mann liebte sein eignes Weib, das Weib ihren eignen Mann; der Ehestand wurde als die heiligste, unverletzlichste aller Verbindungen angesehen; unsre ältesten Greise hatten, ehe diese Fakirn unsre Weiber zu betören kamen, keinen ähnlichen Fall erlebt. Kurz, die Unschuld der Sitten, und eine glückliche Gewohnheit der unverwilderten, ungekünstelten und unverdorbenen Natur gemäß zu leben, Diese Distinktion verdient in Erwägung gezogen zu werden. Der Natur gemäß leben, ist ein sehr unbestimmter Ausdruck, wobei jeder etwas andres denkt, und womit viel Irrung vorgeht. Das wahre Naturleben ist von Wildheit , Verkünstelung und Verdorbenheit gleich weit entfernt. Ich wünschte dies einmal von einem unbefangenen Kosmopoliten besser aus einander gesetzt zu sehen, als bisher noch geschehen ist. J. C. H. erhielt unsre kleine Republik, ohne Gesetze, in einem bessern Zustand, als derjenige ist, welchen die vollkommenste Gesetzgebung einem Volke verschaffen kann, das schon so verdorben ist, nicht ohne Gesetze leben zu können. Eben so wie ein Mensch, der seine Gesundheit der Natur und seiner Mäßigkeit zu danken hat, sich besser befindet, als ein andrer, der sich bloß durch eine vorgeschriebene Lebensordnung und die Kunst des Arztes beim Leben erhält. Hippokrates Aber nun, mein lieber Kalender, können wir, nach dem was in diesen Tagen vorgegangen ist, uns überreden, daß unser kleiner Staatskörper nicht dadurch in seinen edelsten Lebensteilen so stark verletzt worden sei, daß es unweislich gehandelt wäre, ihn, ohne andre Hülfe, bloß der Natur und seinem guten Glücke zu überlassen? Diese Fakirn, Freund Kalender, haben den Frieden unsrer Familien, die Reinigkeit unsrer Sitten, die Keuschheit unsrer Einbildungskraft, die Ruhe unsrer Verfassung vergiftet. Freilich unsre Männer haben sich wieder mit ihren Weibern ausgesöhnt: wie konnten sie anders? Die Notwendigkeit stiftete den Frieden. Aber sollte kein verborgenes Ferment von Zweifel und gegenseitigem Mißtrauen zurück geblieben sein? Kannst du glauben, daß die Weiber, die einen Lingam getragen, nichts dadurch in der Einbildung ihrer Männer verloren haben? – Und sollte die Einbildung der Männer wohl mit Recht zu tadeln sein? Vor dem abscheulichen Morgen, der die Verbrechen dieser Bonzen an den Tag brachte, war ein Lingam in den Augen unsrer Weiber ein bloßes Tändelwerk, eine Puppe womit sie spielten; ihre Phantasie war noch unbefleckt; ihr Herz (wie die schöne Kezia sagte) dachte noch an nichts Arges. Aber seit dem Abenteuer dieser guten Frau, seit der Entehrung der beiden Unglücklichen, hat sich die Sache sehr verändert. Der Lingam ist dadurch ganz etwas andres für sie geworden; und es sei nun daß seine Erinnerung mit Verachtung und Abscheu oder mit Scherz und Lachen in Gesellschaft gehe, so muß beides, durch die Folgen der Assoziation, der Unschuld ihrer Seele gleich viel Schaden tun. Unvermerkt wird die eheliche Liebe diese Würdigkeit verlieren, die zu ihrem Wesen gehört, und Beispiele der verletzten Treue werden nicht länger etwas Unerhörtes sein. Das Mißtrauen der Männer wird bei den geringsten Anlässen erwachen, vom bloßen Schatten einer zweideutigen Aufführung Argwohn schöpfen, und Eifersucht wird jede häusliche Freude vergiften. Der Vater wird seine Kinder nicht mehr mit der unnennbaren Empfindung an seine Brust drücken, die ihn so glücklich machte, da jenes volle Zutrauen zu der Unschuld ihrer Mutter noch in seiner Seele herrschte. – Übersieh, Freund Kalender, in ihrem ganzen Umfange, die Folgen dieses einzigen Umstandes! Und was, meinst du, wird aus der Eintracht, der verdachtlosen Geselligkeit, dem herzlichen Wohlwollen werden, die bisher unter unserm Volke herrschten? Glaube mir, unsre Feste, unsre Spiele werden nicht mehr sein was sie sonst waren. Der Lingam hat sie der unbesorgten Fröhlichkeit beraubt, die ihren größten Reiz ausmachte. Die Furcht vor Mißdeutung wird Augen und Lippen, Hände und Füße fesseln; und dennoch, trotz allem Zwang einer studierten Anständigkeit werden unsre Zusammenkünfte die ewigen Quellen von Mißhelligkeit und Zwietracht sein. Und werden etwann unsre Ältesten, die einzige Obrigkeit die wir bisher kannten, dem Unheil steuern können? Der Talismann ihres Ansehens ist zerbrochen! Was konnten sie an jenem Tage des Aufruhrs? Was halfen ihre Bitten, ihre Befehle? Das Volk fühlte seine Stärke und hörte die zitternden Stimmen nicht. Mit Einem Worte, Freund Kalender, wie willst du daß ein Volk, das seine Sitten verloren hat, länger durch Sitten regiert werde?« 26. Kapitel Danischmend hat den Einfall sich zum Imam aufzuwerfen »Ich begreife, deucht mich, die ganze Richtigkeit deiner Folgerungen«, sagte der Kalender: »aber ich sehe nicht, wie dem Übel geholfen werden kann.« – Er hätte hinzu setzen können, daß ihm für seinen Teil nichts in der Welt gleichgültiger war, als diese Sache, die Danischmenden so sehr am Herzen lag. »Ich habe einen Einfall«, versetzte Danischmend: »du wirst über mich lachen; aber es ist mein ganzer Ernst. Wenn die Sitten allein ein Volk nicht mehr vor der Verderbnis bewahren können, so muß eine Veranstaltung hinzu kommen, die den Sitten ein neues Leben gibt, und das was sie an Stärke verloren haben durch eine neue Kraft ersetzt. Je einfacher eine solche Veranstaltung ist, je weniger sie in der Lebensart und Verfassung des Staats ändert, je besser scheint sie mir. Dies vorausgesetzt, glaube ich in der Religion unsers Propheten, wenn sie bei diesem kleinen Volke eingeführt würde, dies Institut zu finden, das wir nötig haben. Sie ist einfach und erhaben, eine Feindin der Vielgötterei, eine Freundin der Tugend und Menschlichkeit, und verspricht ihren Anhängern, wenn sie unschuldig gelebt und Gutes getan haben, ein Paradies, das wohl so gut ist als das beste womit die Bonzen die Unschuld unsrer Weiber in den Schlaf sangen.« Der Kalender sah den Philosophen mit großer Aufmerksamkeit an, und sagte – nichts. »So eine gute Religion indessen auch der Islam ist«, fuhr Danischmend fort, »so wissen wir doch, daß ein Schurke von einem Fakir eben so gute Mausefallen daraus machen kann, als irgend ein Brame oder Bonze aus der seinigen. Damit ich also gewiß bin daß keine Schelmerei bei der Sache vorgehen kann, will ich selbst der Imam der Musulmanen sein, die ich in kurzem in dieser Gegend zu machen hoffe.« Der Kalender sperrte immer größte Augen auf. »Das Glückliche bei der Sache, Freund Kalender, ist, daß ich die Ehre habe, in gerader Linie von dem jüngsten Sohne des Ali-Askeri Ibn Giafar , des zehnten Imams unter den zwölfen die Muhameds unmittelbare Nachfolger waren, abzustammen, und folglich ein Imam von Haus aus und ein Emir bin, so gut als irgend einer der jemals den grünen Turban getragen hat. Du siehst also, wenn ich zum besten dieser armen Schafe eine Moskee baue und mich selbst zum Imam davon mache, daß ich nichts unternehme, wozu ich nicht von Geburts wegen vollkommen berechtigst bin.« »Was mich an der Sache verdrießen könnte«, sagte der Kalender mit großer Ernsthaftigkeit, »ist bloß daß du ein Philosoph bist, und vermutlich der erste, der jemals auf den Einfall kam, den Imam zu machen.« »Wenn es dir belieben wird die Sache im rechten Licht anzusehen« (erwiderte Danischmend mit einem kleinen Imams-Tone), »so wirst du finden, daß mein Vorhaben eines Menschenfreundes würdig ist. Meine Absicht ist lediglich diesen armen Leuten Gutes zu tun, ihrer Einbildung wieder einen festen Ruhepunkt zu geben, ihre Sitten vor einer größern Erschlaffung zu verwahren, mit Einem Worte, das Leben ihrer kleinen Republik wo möglich noch etliche Menschenalter durch in einem leidlichen Stand hinzuhalten.« »Ist es« (fragte der Kalender), »mit allem Respekt, den ein bloßer Kalender einem Abkömmling der Tochter des Propheten Nämlich der Fatima, der Gemahlin des Ali, von welcher alle die Abkömmlinge Muhameds, die den Namen Emir oder Scherif führen, ihre Genealogie ableiten. Herbelot schuldig ist, ist es mir erlaubt, ehe wir an die Ausführung gehen, eine einzige kleine Frage zu tun? – Hättest du wohl alle Folgen deiner neuen Imamschaft reiflich in Erwägung gezogen?« »Laß immer hören«, sagte Danischmend. »Natürlicher Weise ist der Imam der erste Mann in der Republik, oder wird es doch gar bald werden, wenn er das Werk einmal in den Gang gebracht hat. Nun wirst du mir zugeben, Danischmend, daß es je und allezeit eine höchst gefährliche Sache ist, der erste Mann in der Republik zu sein: gefährlich für den Mann selbst, den sehr leicht ein gewisser Schwindel darüber anwandeln kann, worin man zwanzig Dinge tut, die man an dem ersten Manne tadeln würde, wenn man selbst einer von den untersten wäre; noch gefährlicher für die übrigen, die, im verlierenden Falle, Freiheit und Eigentum, Ochsen und Esel, Schafe und Kamele, Weiber und Kinder zu verlieren haben. Denn – um es gerade heraus zu sagen – der Imam wird über lang oder kurz damit aufhören, daß er Sultan sein wird. Die Gelegenheit ist zu schön, die Versuchung zu groß, der Weg zu gerad und gebahnt, als daß ein bloß menschlicher Mensch – auf halbem Wege stehen bleiben sollte. Nicht als ob ich Dir nicht Philosophie genug zutraute, an der äußersten Grenze der Imamschaft stehen zu bleiben; – wiewohl Fälle kommen können, wo dies schwerer sein möchte, als du dir itzt vielleicht vorstellst: – aber dein Sohn, deines Sohnes Sohn, oder dessen Sohn und Nachfolger, werden sie lauter Danischmenden sein? Kannst du dir selbst für ihre Art zu denken, für ihre Leidenschaften, für den Grad ihrer Tugend Bürgschaft leisten? Und wolltest du, der von Sultanen so übel, und noch zehnmal ärger von der Sultanschaft selbst denkt, die Gefahr laufen, und einem freien Volke, bloß um es vor zukünftigen, vielleicht zur Hälfte bloß eingebildeten Übeln zu bewahren – Fesseln schmieden, und – der Stammvater von Sultanen werden?« »Bruder«, – sagte Danischmend, nachdem er etliche Augenblicke scharf in die Ecke des Zimmers gesehen hatte – »ich glaube du hast recht! – Tausend Dank für die Erinnerung«, fuhr er fort, indem er von seinem Sitz aufsprang und den Kalender zwei- oder dreimal ein wenig stärker, als seine Meinung war, auf die Schultern klopfte. – »Bewahre Gott! Danischmend ein Patriarch von Sultanen! – Nein wahrhaftig! Eh mögen alle Fakirn, Bramen und Bonzen diesseits und jenseits des Ganges sich einen allgemeinen Rendezvous in die Täler von Kischmir geben, und den Lingam aller Lingams , der ehmals zu Hierapolis in Syrien im Vorhof eines der berühmtesten Tempel der Welt zu sehen war, Dieser Tempel der syrischen Göttin Atergatis oder Astarte oder Rhea oder Juno , oder wie sie sonst hieß, war noch zu Lucians Zeiten in außerordentlichem Ansehen, und man wallfahrtete aus Phönicien und Kappadocien, Assyrien, Babylonien und Arabien häufig dahin. Das was diesem Götzentempel ein so außerordentliches Ansehen verschaffte, war der Glaube, daß sich die Götter hier unmittelbarer offenbarten als anderswo. Denn es gab hier wundertätige Bilder, die zu gewissen Zeiten schwitzten, mit dem Kopfe nickten, Orakel von sich gaben, und dergleichen. Lucian, der alles selbst in Augenschein genommen, kann die Pracht, Herrlichkeit und Reichtümer dieses Tempels nicht genug beschreiben. Die letztern waren unermeßlich, da so viele reiche Nationen seit vielen Jahrhunderten in die Wette geeifert hatten, ihn durch ihre Opfer und Geschenke zu bereichern. Lucian zählte über dreihundert Priester, die mit den Opfern beschäftiget waren. Sie gingen alle ganz weiß, den Kopf mit einer Art von Hut bedeckt; nur der Oberpriester war in Purpur gekleidet, und trug eine Tiare von Goldstoff. Der übrigen Personen, die zum Dienst des Tempels gehörten, der Sänger und Pfeifer und Kastraten und fanatischen Weiber γυνεικες φρενοβιαβέες war keine Zahl. Nun betrachte ein Mensch, wie viel allen diesen Leuten daran gelegen war, daß die Assyrer und Babylonier, Araber, Phönicier und Kappadocier an ihre Astarte und an ihre schwitzenden und nickenden und redenden Bilder glaubten; und was aus dem Philosophen Lucian geworden wäre, wenn er sich hätte erfrechen wollen, der unendlichen Menge Volkes, die er in den Vorhöfen dieses Tempels mit Gaben in der Hand versammelt sah, die Augen zu öffnen! – Was übrigens den Lingam aller Lingams betrifft, von welchem Danischmend spricht, so berichtet uns Lucian, daß in einem der Vorhöfe dieses Tempels zwei φαλλοι (oder Lingams, welche Bacchus, laut einer alten Aufschrift, seiner Stiefmutter Juno zu Ehren gesetzt haben soll) gestanden, jeder dreihundert Fuß hoch; auf deren einen ein Priester jährlich zweimal hinauf stieg, und sieben Tage auf der Spitze des Phallus verweilte. Das gemeine Volk glaubte, daß er während dieser Zeit mit den Göttern in unmittelbarer Gemeinschaft stände, und dem ganzen Syrien Glück und Heil erbäte – wie alles dies und viel andre Merkwürdigkeiten dieses Tempels umständlich zu lesen sind beim Lucian de Dea Syria, Tom. opp. III. p. 451 seq. M. Skriblerus mitten unter uns zum Siegeszeichen aufrichten! Es werde daraus auch was es wolle. Ich wasche meine Hände. Meine Schuld wird es nicht sein! Denn daß ich, um diese Leute – die mir am Ende doch nicht näher verwandt sind, als alle übrigen Adamskinder – vor Bonzen und Lingams zu bewahren, Gefahr laufen sollte der Urvater einer Reihe von Sultanen zu werden, das kann mir niemand zumuten! – Gut, daß du mir die Gefahr noch in Zeiten gezeigt hast; ich werde dir diesen Dienst nicht vergessen.« 27. Kapitel Beantwortung einer Frage, die dem Leser beigefallen sein könnte Ehe wir in dieser Geschichte weiter fortrücken, dürfte es wohl nicht überflüssig sein, einen Zweifel zu heben, der in aufmerksamen Lesern gegen die innere Wahrheit derselben entstanden sein könnte. Der Kalender war so wenig, was man im achten Zehend dieses Jahrhunderts einen empfindsamen Mann nannte, und paßte also (von dieser Seite wenigstens) so übel in die Danischmendische Familie, daß man sich vielleicht schon lange verwundert haben wird, wie er eine so geraume Zeit auf einem leidlichen Fuße mit diesen guten Menschen habe stehen können, unter denen er (sollte man denken) gerade so eine Figur machte, wie ein Gespenst unter lebendigen Menschen. Allein der Mann hatte auf der andern Seite verschiedene Eigenschaften, die jenen Mangel an Sympathie vergüteten; und schon am dritten Abend seit seiner Einführung in dieses Haus fand er Gelegenheit, sich bei Perisadeh in eine bessere Meinung zu setzen, da sie ihn unversehens mit ihren Kindern in einer Gartenlaube spielend fand. Er hatte das kleinste auf seinem Schoße, während er von allerlei Blumen, die ihm die beiden größern in die Wette herbei brachten, einen Kranz zusammen band, den die Kinder ihrer Mutter zum Geschenke bringen sollten. Perisadeh lauschte eine Weile hinter den Hecken und sah ihre Freude an den frohen Spielen ihrer Kinder, und an der guten Art, wie der alte Kalender sich ihnen angenehm zu machen wußte. Die Geduld, womit er sich von dem kleinen Mädchen auf seinem Schoß alle Augenblicke in der Arbeit stören ließ, gewann ihr auf einmal das Herz. »Danischmend hat doch recht«, dachte sie: »der Mann ist nicht so schlimm als er aussieht; könnt er meine Kinder so lieb haben, wenn er kein gutes Herz hätte?« Perisadeh – wenn sie nicht Perisadeh gewesen wäre – hätte eben so wohl denken können: wie liebenswürdig müssen meine Kinder sein, weil sogar das Bärenherz dieses alten Kalenders davon erweicht wird! – Und so wäre alles Verdienstliche von dieser Handlung des Kalenders auf einmal weggefallen. Aber Perisadeh hatte keinen Begriff davon, daß man so denken könne. Jede Handlung eines andern Menschen, welche gut zu sein schien , war es in ihren Augen. Nicht als ob sie zu einfältig gewesen wäre, den Unterschied zwischen scheinen und sein in dem sittlichen Betragen anderer Menschen kennen zu lernen: sondern weil sie selbst alle Tage ihres Lebens immer von außen gewesen war wie von innen, und nie daran gedacht hatte, länger oder kürzer, weißer oder röter, klüger oder besser zu scheinen, als sie wirklich war, und weil sie nie mit andern als eben so ungekünstelten Menschen wie sie selbst gelebt hatte. Mit Einem Worte, der Grund, warum Perisadeh alles gut auslegte was einer guten Auslegung fähig war, war der nämliche, warum unter uns verkünstelten Aftermenschen die meisten alles übel auslegen, was nur irgend einer schlimmen Auslegung fähig ist. Nun ist wahr, Perisadeh betrog sich dieses Mal ein wenig durch ihre Art zu schließen, so wie auch wir uns dann und wann betrügen, wenn wir so gar nicht begreifen noch glauben können, daß es wirklich edle und gute Menschen gebe. Aber, da die Gefahr betrogen zu werden bei beiderlei Arten zu schließen gleich ist, so mag doch wohl – unparteiisch von der Sache zu reden – die Art, wie Perisadeh sich dann und wann betrog, ihrem Herzen mehr Ehre machen, als die Art, wie wir uns dann und wann betrügen, unseren Kopfe macht. Denn es gehört eben kein sehr großer Verstand dazu, um von sich selbst auf andere zu schließen; aber ganz gewiß gehört ein sehr gutes Herz dazu, um von andern immer das Beste zu denken. Wenn Sie die Gütigkeit haben wollen, dies noch einmal zu lesen, so werden Sie finden, daß es keine Antithese, sondern eine platte Wahrheit ist, und gewiß das Geld zwanzigmal wert, das es Ihnen kostet, wofern Sie selbige nicht ungebraucht in Ihrem Hirnkasten verschimmeln lassen wollten. Ausnahmen gebe ich Ihnen übrigens willig zu. Denn, daß ich von dem Manne, der mir von hintenzu einen Dolch in den Leib stößt, um desto bequemer an meine Ehre oder an meinen Beutel zu kommen, das Beste denken sollte, das möcht ich, auch in der höchsten Flut meiner Gutherzigkeit, mir selbst nicht zumuten, geschweige denn einem andern! Dies muß wohl ein so genanntes Hysteron proteron sein? Denn wo hat jemals ein Mensch sich ein Bedenken daraus gemacht andern Leuten mehr zuzumuten als sich selbst? Didius Ich sagte vorhin, Perisadeh hätte sich dieses Mal ein wenig betrogen; denn in der Tat lag die wahre Ursache, warum der Kalender so freundlich mit ihren Kindern war, nicht darin, weil er ein besseres Herz hatte als sie ihm bisher zugetrauet. Leute von seiner Art, die in der Welt herum ziehen und auf anderer Unkosten leben, befinden sich oft in dem Falle, in einem Hause, wo sie ihre Mahlzeit oder ihr Nachtquartier nehmen, sich dadurch beliebt zu machen, daß sie den Kindern im Hause liebkosen; und so ziehen sie sich endlich durch die Länge der Zeit eine mechanische Fertigkeit zu, mit Kindern zu spielen, ohne daß ihr Herz darum weder schlimmer noch besser ist als sonst. Außer diesem hatte der Kalender noch einen besondern Grund, warum er gern mit Kindern spielte. Er dachte nämlich (wie wir schon wissen) so übel von den Menschen, als man von ihnen denken kann: er hielt sie – um es gerade heraus zu sagen – für ein Pack Dummköpfe, Narren, Schurken und Spitzbuben; und (was das ärgste war) er glaubte, daß sie dies nicht etwann durch zufällige Verderbnis, sondern durch Schuld der Natur seien; auf die nämliche Art, wie die Natur ganz allein schuld daran hat, daß die Wölfe in Frankreich so gern junge Mädchen fressen. In der Tat ist dies nicht halb so wunderbar, als daß die Franzosen, mit allem ihrem Witz nicht schon längst auf ein Mittel gekommen sind, die Wölfe in ihrem Lande auszurotten. Es ist in der Tat unbegreiflich, wie eine so geistreiche Nation sich nicht schämt, vor den Augen der ganzen ehrbaren Welt ihre armen Bauerkinder von Wölfen fressen zu lassen. Sie mögen freilich ihre politischen Ursachen dazu haben: aber wenigstens sollten sie bei Galeerenstrafe verbieten, daß solche Begebenheiten nicht außer Landes geschrieben, oder wohl gar in den Mercure de France gesetzt würden. Sie täten's gewiß, wenn sie wüßten, wie man sich in ganz Europa über sie mokiert. Diese Note des Herrn M. Skriblerus bezieht sich auf die im Jahre 1775 so berüchtigte Bête de Gevaudan , die, nachdem man sie unter dem Namen einer Hyäne eine lange Zeit eine Menge Mädchen und Kinder hatte fressen lassen, endlich als eine Wölfin befunden, und ich weiß nicht mehr von welchem gallischen Herkules zu großem Triumph der ganzen Nation erlegt wurde. Matt. Skriblerus Dies war nun einmal sein System; und wer die Menschen kennt, weiß, daß ein Mann lieber alles was er hat, und das Hemd auf dem Leibe oben drein, fahren läßt, und nackend und bloß mit seinem System davon läuft, eh er um die ganze Welt zu gewinnen sein System fahren ließe. Aus dieser unaussprechlichen Liebe eines Mannes zu seinem System folgt nun natürlich, daß ihm nichts angenehmer ist, als alles was ihm Gelegenheit darbietet, sich immer mehr und mehr in der Gewißheit desselben zu bestärken, und neue Gründe zu Bestreitung seiner Gegner ausfindig zu machen. Daher, liebe Perisadeh, das besondere Vergnügen, das der alte Kalender daran fand, mit deinen Kindern zu spielen! Du glaubtest, du treuherzige gute Seele du! daß es aus Menschlichkeit, aus Güte des Herzens geschehe; und der alte kaltherzige Menschenhasser tat es, um sein Schalksauge an der Blöße der menschlichen Natur zu weiden; in den schuldlosen Trieben und unverstellten Handlungen der armen kleinen Geschöpfe die Keime künftiger Untugenden und Laster aufzusuchen; alles, was darin zweideutig scheinen konnte, aufs schlimmste auszulegen; seine Freude daran zu haben, wenn er an den Lieblingen deines Herzens etwas fand, das ihn hoffen ließ, daß sie dereinst so große Narren oder so häßliche Schurken, als die Menschen alle in seinem System waren, sein würden. Hättest du in dem nämlichen Augenblicke, da deine schönen Blicke mit dankbarer Freude und herzlichem Wohlwollen auf seine halb kahle Scheitel spielten, dem alten Schalk in die Seele sehen können, gute Perisadeh! – In der Tat, Momus war nicht klug mit seinem Fenster vors menschliche Herz! Die besten Menschen würden gerade am schlimmsten dabei gefahren sein. Es gibt zwei Gattungen Leser, um derentwillen ein Satz wie dieser eine Entwicklung vonnöten hat. Die einen sind die Armen am Geiste , oder (wie man sie gewöhnlich zu nennen pflegt) die Einfältigen, die mit aller Bedächtlichkeit, Zeit und Weile, womit sie ein Buch von einer gewissen Art lesen, doch selten so glücklich sind zu verstehen was sie lesen. Die andern haben an Lebhaftigkeit zu viel, was die ersten an Verstand zu wenig haben. Sie können sich unmöglich die Zeit nehmen, einer Stelle, deren Sinn ihnen nicht beim ersten Anblick in die Augen springt, ein wenig nachzudenken, und einige Aufmerksamkeit auf Beantwortung der so natürlichen Frage, was liesest du? zu wenden. Diesen beiden Gattungen – die sich gegen die ganze Summe der Leser ungefähr wie neunundzwanzig zu dreißig verhalten mögen, und also von Seiten eines Kommentators alle gebührende Achtung verdienen – zum besten, kann ich nicht umhin, diesen Ausspruch von seiner anscheinenden Paradoxie zu befreien. Der Autor will vermutlich damit so viel sagen: Die schlimmen Menschen denken ohnehin Arges in ihrem Herzen von allen andern; denn keiner von ihnen hält andere Leute für besser als sich selbst: und da keine Krähe der andern die Augen aushackt, so wagen die Bösen nichts dabei, wenn sie einander über der Tat ertappen; denn sie haben ein augenscheinliches Interesse, säuberlich mit einander zu verfahren. Die besten Menschen hingegen denken, so lang es nur immer möglich ist, von jedermann Gutes; und hierin besteht ein so großer Teil ihrer Glückseligkeit, daß sie notwendig sehr unglücklich werden müßten, wenn ein Fenster vor der Brust der Leute sie auf einmal aus dem angenehmen Irrtum in die traurige Gewißheit versetzte, von so viel falschen und bösen Geschöpfen umgeben zu sein. Es ist also klar, daß die Besten am meisten dabei verloren hätten, wenn Momus mit seinem vorbesagten Vorschlage, den Menschen ein Fenster vor die Brust zu setzen, durchgedrungen wäre. M. Skriblerus Perisadeh also – um von allen diesen Abschweifungen (wiewohl sie im Grunde etwas Besseres sind als sie scheinen) zurück zu kommen – dachte von diesem nämlichen Abend an, wo sie den Kalender unter ihren Kindern in einem so angenehmen Lichte – die Abenddämmerung trug das ihrige auch dazu bei – gesehen hatte, Perisadeh, sage ich, dachte von diesem Augenblick an so vorteilhaft von dem alten Manne, daß sie, weit entfernt seinen längern Aufenthalt in ihrem Hause ungern zu sehen, sich selbst heimliche Vorwürfe wegen der bösen Meinung machte, die sie anfangs von ihm gehegt hatte. Danischmend, wiewohl er (aus guten Ursachen) dem Herzen seines neuen Freundes nicht viel Gutes zutraute, sah es doch gern, daß Perisadeh günstiger von ihm zu denken anfing; denn die Unterhaltung, die er in seinem Umgange fand, wurde für ihn unvermerkt zum Bedürfnis. Er hatte der Welt nicht so gänzlich entsagt, daß die menschlichen Angelegenheiten und was er ehemals davon erfahren oder beobachtet hatte, nicht noch immer der gewöhnliche Gegenstand seiner Gedanken gewesen wären. Nun spricht man gerne von dem, was man denkt; aber natürlicher Weise wünscht man sich Zuhörer, die uns nicht nur ohne Mühe verstehen, sondern auch von dem Ihrigen etwas zur Unterredung beizutragen haben, und dem Gespräche Mannigfaltigkeit, Schattierung und Leben zu geben wissen. Der Kalender war unter allen Menschen, die ihm seitdem er in Jemal lebte vorgekommen waren, der einzige der ihm zu diesem Gebrauch dienen konnte. Die Verschiedenheit ihrer Art zu denken war hierzu mehr vorteilhaft als nachteilig; denn unter Leuten, die über alles einerlei Meinung sind, findet gar kein Dialog Statt; einer spricht allein, oder sie schweigen alle beide. Das Herz des Kalenders kam dabei in gar keine Betrachtung; genug daß er für einen Kalender ziemlich anständige Sitten hatte, und daß sein Betragen im Hause unanstößig war. Bei so bewandten Dingen entstand natürlicher Weise eine Art von Verbindung zwischen ihnen, die sich weniger auf Sympathie als auf gegenseitigem Bedürfnis gründete, und, ohne die Schwärmerei der Freundschaft zu haben, ihren vertraulichen Ton und einen großen Teil ihrer Annehmlichkeiten hatte. Der Kalender wurde also ein Haus- und Tischgenosse unsers Philosophen, und hatte alle Ursache von der Welt, in dieser neuen Lage (die das Beste, was er seinen Umständen nach hoffen konnte, so weit übertraf) sich glücklich zu schätzen. In der Tat würde er mit einem wärmern Herzen einer der glücklichsten Sterblichen gewesen sein. Aber die Natur hatte ihm die Fähigkeit in andern glücklich zu sein versagt. Er war einer von den kaltblütigen Erdensöhnen, die es zwar, in so fern ihnen nichts darunter abgeht, ganz wohl leiden mögen, wenn andere Leute nach ihrer eignen Weise glücklich sind; aber mit Seelenruhe zusehen würden, wenn der Himmel einfiele, und alles rings um sie her zu Boden schlüge und zertrümmerte, in so fern nur sie selbst Mittel fänden unverletzt davon zu kommen. 28. Kapitel Von zwei Menschen auf Einer Planke Ob diese kalten Leute wohl so glücklich sind, als man gemeiniglich sich einbildet? Man erinnert sich vielleicht noch, daß einmal zwischen dem Kalender und Danischmenden die Rede hiervon war. Aber der Kalender, der seinen Mann kennen gelernt hatte, und sich zu wohl in seinem Hause befand um ihn geflissentlich vor den Kopf zu stoßen, vermied in der Folge diese und alle ähnliche Fragen nach Möglichkeit. Indessen gibt es doch, bei aller gebührenden Vorsichtigkeit, Augenblicke, worin man sich vergißt. Eines Tages (ich weiß nicht aus welcher Veranlassung) gerieten unsere Philosophen über die Frage: welches die eigentlichen Grenzen zwischen den Pflichten gegen sich selbst und gegen andre seien? in einen ziemlich lebhaften Streit. Sie disputierten lange darüber, und der Kalender glaubte zuletzt, der Fehler läge bloß daran, daß sie einander nicht recht verständen. Ein Beispiel, dacht er, würde die Sache so klar machen, daß Danischmenden gar keine Einwendung übrig bliebe. »Setzen wir den Fall eines Schiffes«, sagte der Kalender, »das in diesem Augenblicke scheitert. Nicht wahr, in diesem schrecklichen Augenblicke hören alle bürgerliche und gesellschaftliche Verbindungen auf? Der Kapitän ist nun nichts mehr als der geringste Matrose; jeder hat nur Ein Leben zu verlieren; jeder hat nichts Kostbarers als sein Leben; jeder sorgt also zuerst für sich selbst. Gesetzt nun, ihrer Zwei haben sich Einer Planke bemächtigt. – Wenn die Planke beide tragen kann, gut! dann erfordert nicht nur die Menschlichkeit, sondern eines jeden eigener Vorteil, Der Kalender hätte eigentlich an diesem letztern Beweggrunde genug haben können; denn des erstern erwähnt' er doch nur pro forma, und ohne daß er das geringste dabei dachte oder damit sagen wollte. J. C. H. sich für ihre gemeinschaftliche Rettung zu bemühen. Aber, wenn die Planke nur für Einen von beiden groß genug ist, wie dann?« »Wie dann?« rief Danischmend in vollem Feuer. »Und wenn sie vorher die tödlichsten Feinde gewesen wären, so sollen sie sich um den Hals fallen, und Arm in Arm, Herz an Herz, es darauf ankommen lassen, ob die Wellen sie lebendig oder tot ans Land treiben wollen!« »Schwärmerei, Schwärmerei!« – sagte der Kalender, mit dem kaltblütigen Lächeln, das ihm bei solchen Gelegenheiten eigen war. – »In solchen Augenblicken ist die Natur Meister, und die hat dann keine Zeit an Verhältnisse zu denken. Man hat dann weder Feind noch Freund, weder Bruder noch Vetter: der Mann neben uns ist dann nicht unser Nebenmensch; er ist ein Ding, dessen Erhaltung unser Untergang wäre, und welches wir, ohne das mindeste Bedenken, eben so hurtig über Bord werfen, als man im Notfall, um ein Schiff zu retten, die kostbarsten Waren womit es beladen ist über Bord wirft. Kurz, mein lieber Danischmend, diese nämliche Planke ist – die Scheidewand zwischen der Pflicht gegen andre und gegen uns selbst!« Danischmenden war's als ob sich sein Herz im Leibe umkehrte, da er den Kalender so reden hörte. » Keine Zeit an Verhältnisse zu denken! « murmelte er zwischen seinen zusammen gebißnen Zähnen, indem er den Kalender mit einem Blick anstarrte, in welchen Zorn und Verachtung im nämlichen Nu die Hitze des Ätna und die Kälte eines Gletschers zusammen gossen. – Ich möchte dich zertreten, wenn du nicht so ein Wurm wärest! – sagte der Blick. Der Kalender merkte nun auf einmal daß er sich vergessen hatte, und entfärbte sich ein wenig. Danischmend erholte sich zwar bald wieder; aber es brauchte einige Tage, bis er dem alten Egoisten wieder gut sein konnte. Indessen sind doch, unsers Wissens, die Rechtsgelehrten auf des Kalenders Seite. Denn nachdem sie die Sache mit ihrem gewöhnlichen kalten Blute auf alle Seiten gekehrt, und mit allen rationibus dubitandi et decidendi aufs genaueste zergliedert, erörtert und erwogen haben; so erklären sie sich: »Daß, obwohlen zwar es das Ansehen haben möchte, als ob die Natur dem Menschen ein Ding gegeben habe, welches gewisse Leute Herz nennen, in Kraft dessen zum Beispiel ein Mann, der mit einem andern Manne auf einer einzelnen Planke zwischen Leben und Tod im Meere herum treibe, dieses andern Mannes Not wie seine eigne fühle, dannenhero auch dessen Erhaltung eben so herzlich wünsche als seine eigene, notfolglich nach dem Kanon, ›wer den Zweck will, will auch die Mittel‹, unmöglich daran denken könne, besagten Mann mit Gewalt von besagter Planke herab zu stoßen: gleichwohlen und all diesem ungeachtet, aus beigebrachten Gründen a, b, c, d, e, f, g, usw. rechtsbeständig dargetan und erhärtet werden könne; wasmaßen in sotanem Falle beide sowohl der Mann A, als der Mann B, jeder an seinem Teile, in Kraft der natürlichen Gleichheit nicht nur wohl befugt, sondern vermöge des Gesetzes der Selbsterhaltung sogar schuldig und verbunden seien, einander in ein und eben demselben Augenblicke von mehrbesagter Planke herab zu stoßen, und so – als Schurken zu ersaufen, anstatt daß sie, nach Danischmends Weise, wenigstens den Trost gehabt hätten, als brave Leute umzukommen. – Wahr ist's« (sagen die gestrengen Herren ferner), »falls die beiden Personen, die sich auf der nämlichen Planke retten wollen, ein Mann und eine Weibsperson wären, so scheint die Frage beim ersten Anblick eine andere Gestalt zu gewinnen. Allein wenn man der Sache auf den Grund sieht, so befindet sich's, daß der Unterschied des Geschlechts hier in keine Betrachtung kommen kann. Ist die Weibsperson schon über die Jahre hinaus, worin ihr Geschlecht, nach dem ordentlichen Laufe der Natur, zum Kinderzeugen fähig ist, so versteht sich solches ohnehin. Im entgegen gesetzten Falle aber wäre freilich zu wünschen, daß der Mann gewiß wissen könnte, ob er auf der Insel oder Halbinsel, an die ihn die Wellen verschlagen werden, Weiber mit der erforderlichen Zeugungsfähigkeit antreffen wird oder nicht; sintemal es im letztern Falle den Anschein gewinnt, als ob er lieber sein eigen Leben wagen, als sich in Gefahr setzen sollte, der obhabenden Pflicht die Erde zu bevölkern, aus Mangel einer tauglichen Gehülfin, in seinem ganzen übrigen Leben, vielleicht zu großem Nachteile der menschlichen Gattung, keine Folge leisten zu können. Allermaßen aber, erstens, von Rechts wegen nicht zu präsumieren ist, daß es in besagter Insel oder Halbinsel keine zum Kinderzeugen tüchtige Weibspersonen geben werde; zweitens, und wenn auch solches zu vermuten wäre, die Pflicht die Erde zu bevölkern nur eine Pflicht gegen das menschliche Geschlecht ist, mithin den Pflichten eines jeden gegen sein teuerstes Selbst, im Fall eines Zusammenstoßes, in allwege billig weichen muß; überdem auch und drittens, wofern man hierbei auf das Beste der Gattung Rücksicht nehmen wollte, dem menschlichen Geschlecht an Erhaltung eines Mannes (als welchen alle Doktores, Kanonisten und Civilisten – was auch der berüchtigte Kornelius Agrippa von Nottesheim in seinem verbotenen Buche de Praecellentia sexus foeminei dagegen einwenden mag – einstimmig für das vortrefflichere Wesen erklären) mehr als an Erhaltung eines Weibes gelegen ist: als ist kein rechtsbegründeter Zweifel übrig, daß nicht auch im vorbesagten Falle der Mann zu Rettung seiner selbst wohl befugt und berechtigt sein sollte, die Frau – ohne zu einigen anderweiten Rücksichten stricto jure verbunden zu sein, und selbst im Falle, wenn sie gravida und partui proxima wäre, – von diesbesagter Planke herab zu stoßen, und der Wut oder dem Mitleiden der Wellen unbedenklich zu überlassen; wobei ihm jedoch unbenommen bleibt, wenn er will und kann, einen andächtigen Seufzer für ihre Rettung zu den Tritonen, Nereiden, oder irgend einem andern selbstbeliebigen Schutzpatron abzuschicken.« »Der H** hole die kalten Kerle mit ihren Obwohlen und Allermaßen «, sagte Danischmend. »Der Mann, dem in jedem Umstande seines Lebens sein eignes Herz nicht, ohne erst bei ihnen anzufragen, auf dem Nu eingibt, was er zu tun hat, und der nicht bei allen und jeden Gelegenheiten ein besserer Mann ist, als sie es von ihm fordern , der ist, bei Gott! – Er mag meinethalben sein was er will« (setzte er nach einer kleinen Pause in einem etwas gelaßneren Tone hinzu), »aber Gott bewahre mich davor, daß ich jemals mit ihm unter Einem Obdache schlafen müsse!« Danischmend war, wie es scheint, kein Freund von der gelehrten Distinktion zwischen vollkommnen und unvollkommnen Pflichten, welche doch, wo die Rede von Rechten ist, ihren unleugbaren Grund und Gebrauch hat. Auch ist freilich ein mächtiger Unterschied zwischen einem edlen und gefühlvollen Manne, und zwischen einem Manne, der nie mehr tut, als man nach dem strengsten Rechte von ihm fordern kann. Um dies zu empfinden (welches in dergleichen Dingen immer besser ist, als es durch eine Reihe von Schlüssen heraus zu bringen), stellen wir uns zum Beispiel ein kleines braves Völkchen vor, das im Begriff ist, gegen einen Haufen von Kriegsvölkern, die es (ob mit oder ohne Grund, gilt uns hier gleich) für seine Unterdrücker ansieht, auszuziehen. Ein alter Mann von achtzig Jahren steht im ersten Gliede. Man hat ihn in der Eile mitgenommen; allein, da der Marsch angehen soll, tritt er aus, beschwert sich gegen den Officier über Gewalttätigkeit, und beruft sich als ein achtzigjähriger Mann auf sein Recht von Kriegsdiensten frei zu sein. Der Mann hat recht, denken wir alle; so denkt auch der Officier, und so denkt das ganze Kriegsvolk. »Geh du nach Hause, guter Alter«, sagt der Officier; und so geht der alte Mann nach Hause, und Glück auf den Weg! – Nun stellen wir uns aber – statt dieses alten Mannes, der sich auf sein Recht: nichts mehr fürs Vaterland zu tun, beruft, und recht hat, und ohne jemandes Widerrede nach Hause gegangen ist – einen andern alten Mann von achtzig Jahren vor, der nicht mit getrieben worden, sondern freiwillig mitgegangen ist, freiwillig sich ins erste Glied gestellt hat. Da steht nun der ehrenvolle achtzigjährige Greis mitten unter frischen Jünglingen, wie eine alte vom Blitz versengte Eiche unter halb erwachsenen Fichten steht. Der Oberste wird ihn gewahr: »Du ehrlicher Alter«, spricht er zu ihm, »wie kommst Du an diesen Platz? Geh nach Hause zu deinen Urenkeln, guter alter Vater; du hast keine Kräfte mehr zu solcher Arbeit; es wäre Sünde wenn wir deinen guten Willen mißbrauchen wollten.« »Nein«, sagt der alte Mann, »nach Hause geh ich nicht; laßt mich mitziehen! Es ist wahr, meine Füße sind schwach, mein Arm auch; ich werd auch nicht viel helfen können: aber meine Gegenwart kann doch zu etwas nütze sein. Diese jungen Männer da neben mir, werden mich ansehen, und auf meiner Stirne lesen, welche Lust es ist, für Freiheit und Vaterland zu sterben. Trifft mich eine Kugel, wohl! so hab ich die Freude, einen jüngern, bessern Mann, den sie sonst an meinem Platze getroffen hätte, dem Land erhalten zu haben.« – Nun, liebe Leser, was sagen eure Augen? – Guter Gott! was für ein Unterschied zwischen einem alten Manne und einem alten Manne ist! – Jener hatte recht ; aber dieser hat unsre glühende Bewunderung , unser ihm entgegenklopfendes Herz: wir sind alle seine Kinder, fallen ihm zu Füßen, bitten mit Freudentränen um seinen Segen, und gehen froh und rüstig in den Tod mit ihm. Gott! was für ein alter Mann! – Und wer müßten die sein, die ein Volk bezwingen wollten, das diesen alten Mann an seiner Spitze hätte? 29. Kapitel Über gewisse Eigenheiten im Charakter Danischmends, die ihm von der Welt schlimmer ausgelegt wurden als er es verdiente Wir können nicht bergen, Danischmend hatte bei gewissen Gelegenheiten und zu gewissen Zeiten – meistens wenn er zu lange versäumt hatte Rhabarber zu nehmen – kleine Anfälle von einer gewissen Unduldsamkeit, die wir ihm – recht gern übel nehmen, und für einen häßlichen Flecken in seinem Charakter ausgeben wollten, – wenn's nur irgend möglich wäre. Aber es waren in der Tat bloß zufällige Anwandlungen, und gingen so schnell vorüber, und taten so wenig Schaden, und entsprangen aus einem so warmen, ehrlichen, mit der ganzen Menschheit es so wohl meinenden Herzen, daß mir's unmöglich ist, ihm deswegen unhold zu sein. Das Ärgste, wozu ihn diese vorüber gehende Unduldsamkeit trieb, war, daß er in der Hitze des Paroxysmus etliche ungeduldige oder unziemliche Worte ausstieß; einen Schurken – einen Schurken nannte; oder auch wohl einen ehrlichen Mann, dem entweder die Natur vergessen hatte ein Herz zu geben, oder der von Amts und Berufs wegen keins haben durfte, in der Unbesonnenheit seines menschenfreundlichen Eifers – zum Henker wünschte. Nun wäre aber, wenn es auf Danischmends Willen angekommen wäre, auf dem ganzen Erdboden kein Galgen, kein Henker, und kein hängenswürdiges Menschenkind gewesen. Es ist also klar, daß es mit seinem vorbesagten Wunsche nicht so böse gemeint war; und in der Tat seine Feinde – wiewohl es meistens sehr fromme oder sehr wohlerzogene Leute gewesen sein sollen – hatten unrecht, ihm solche Kleinigkeiten so hoch aufzumutzen. Ein unleugbarer Beweis, daß er es so böse nicht meinte, wenn er in einem solchen jählingen Anstoß von Unwillen oder Mißmut gegen irgend einen seiner Nebenmenschen auffuhr, oder ihn zum Henker, oder wohl gar – wiewohl dies schon eine außerordentliche Reizung voraussetzte – zum Dedschial Dem Antichrist der Muhamedaner. wünschte, liegt (wie mich deucht) darin, daß von dem Augenblick an, wo sein Unwille zum höchsten Grad der Hitze gestiegen war, kaum zwei oder drei Stunden verflossen, da man ihn schon, eifriger als jemals ein Mann an seiner eignen Apologie gearbeitet hat, beschäftigt sah, die besagte Person gegen sich selbst zu rechtfertigen; oder, wenn dies gar nicht anging, wenigstens alles geltend zu machen, was nur immer zu ihrer Entschuldigung aufzubringen war. Auch über diesen Zug seines Charakters wurde, da er noch zu Dehly war, sehr verschieden, und – wie man leicht denken kann – nicht zu seinem Vorteile geurteilt. Indessen wußten doch die wenigen, die ihn genau kannten, – und keine Art von objektiver noch subjektiver Geheimursache hatten, Karikaturen von ihm zu machen und als seine Bildnisse in der Welt herum zu bieten – sehr genau, was an der Sache war. Nämlich unter allen unbefiederten Zweifüßlern auf diesem Erdenrunde lebte schwerlich jemals ein einziger, den die Entdeckung irgend einer beträchtlichen Unvollkommenheit an seinem Nächsten – sonderlich wenn's ein Mann von Genie oder eine schöne Frau war – so empfindlich geschmerzt und oft so seelenkrank gemacht hätte als Danischmenden. Wenn zum Beispiel ein Mann Dampf und Rauch von sich gab, statt daß er nach Danischmends Meinung wie die helle Sonne hätte leuchten können; – oder wenn einer, mit seiner natürlichen Größe nicht zufrieden, auf Stelzen einher schritt, oder sich vor Eigendünkel blähte und auftrieb bis er hätte platzen mögen; – oder wenn ein Mensch, der eignes Verdienst haben konnte, sich viel darauf zu gut tat, der Vorreiter oder Schweifträger eines andern zu sein: – in allen diesen und zwanzig ähnlichen Fällen war ihm, in dem Augenblicke da sie ihm aufstießen, nicht anders zu Mute, als ob ihm ein großer Unfall, der ihn selbst unmittelbar beträfe, angekündigt würde. Aber wenn er irgend einen Menschen, an dem etwas Schätzbares war, und den er gern hätte lieben mögen, sich einer unedlen verächtlichen Leidenschaft überlassen, oder eine Handlung tun sah, die eines guten Menschen unwürdig ist: – dann war der Schmerz, den er davon in seinem Busen fühlte, so brennend, daß er nicht viel heftiger hätte sein können, wenn er selbst die schlechte Tat begangen hätte. In der ersten Ungeduld brach er dann gemeiniglich mit etlichen rhetorischen Figuren los, wie sie ihm der Affekt eingab, ohne an Auswahl der Wörter denken zu können: aber so wie dieser Paroxysmus vorüber war, strengte er nun alle seine Seelenkräfte an, um des unerträglichen Schmerzes los zu werden, den Mann den er liebte, oder zu lieben wünschte, verachten oder (was der Seele ungleich schmerzlicher ist Haß ist eine schmerzlichere Empfindung als Verachtung. Dies scheint eine unleugbare Erfahrung zu sein; wiewohl Verachtung einen ungleich tiefern Grad von wirklicher oder eingebildeter Unvollkommenheit voraussetzt als Haß. Man kann einen Gegenstand zugleich hassen und hochschätzen; aber den Gegenstand unsrer Verachtung würdigen wir unsres Hasses nicht. Man sollte aber denken, daß die Verachtung, weil sie aus dem Anschauen eines tiefern Grades von Unvollkommenheit entsteht, der schmerzhaftere Affekt sein müßte; und dennoch lehrt die Erfahrung das Gegenteil. Ich glaube die Ursache davon ist diese: Mit dem Gefühl der Verachtung eines andern ist allezeit unmittelbar ein lebhaftes Gefühl unsrer eignen Vorzüglichkeit verbunden; daraus entsteht eine Mixtur, die in manchen Fällen mehr angenehm als widerlich ist. Aber der Haß ist reiner unvermischter Schmerz; und selbst die Vorzüglichkeiten, die wir an dem Gegenstand unsres Hasses gewahr werden, und ihm (ungern genug) zugestehen müssen, schärfen das Gefühl dieses Schmerzes, anstatt es zu mildern oder zu versüßen. Es ist also ganz natürlich, daß man, im Notfall und wenn man sich nicht anders zu helfen weiß, um einer so bittern Seelenpein los zu werden, den Haß in Verachtung zu verwandeln sucht, und zu diesem Ende den Gegenstand von allem, was er Schätzbares und Vorzügliches hat, in der Einbildung rein abstreift, und bis auf die Haut auszieht; ein Phänomen, dessen uns die Erfahrung täglich belehrt, und welches sich auf diese Weise vollkommen erklären läßt. M. Skriblerus ) hassen zu müssen. Nun fand sich kein andres Mittel, – wenigstens keines das immer und in allen Fällen so gänzlich in seiner Gewalt gewesen wäre – als daß er nicht abließ, bis er der Handlung, die seinen Unwillen gereizt hatte, eine erträgliche Wendung gegeben, oder irgend einen Grund oder eine Hypothese aufgetrieben hatte, wodurch er sich von der traurigen Notwendigkeit erledigen konnte, einen Menschen hassen oder verachten zu müssen, dessen Freund er zu sein wünschte, weil er ein Freund der Menschheit war. In den Fällen, wenn der Kalender mit seinem Spitzkopfe, oder mit dem Stücke Kieselstein, das er statt des Herzens im Busen trug, wider ihn stieß, hatte dies wenig Schwierigkeiten. Es war eine bloße Fibernsache, wie wenn man den Ellenbogen an eine Tischecke gestoßen hat. So wie die erste Empfindung vorüber gebraust war, stellte sich ihm alles, was den Kalender entschuldigte, auf einmal dar. Seine Geburt, seine Erziehung, sein ehemaliger Derwischenstand, sein seit so langer Zeit herum schweifendes Leben unter den rohesten Menschenarten, seine Kalenderschaft, und sein halb grauer Kopf oben drein, alles zusammen genommen machte in Danischmends Augen eine so gute Apologie, daß Plato und Demosthenes und Cicero keine bessere hätten machen können. Indessen konnte es doch nicht wohl anders sein, als daß der Kalender bei länger fortgesetztem Umgang ihm unvermerkt in einem weniger milden Licht erscheinen mußte; und der Übergang von der Meinung, daß er gar kein Herz, oder (was auf eben dasselbe hinaus läuft) ein taub gewordenes Herz habe, zu der noch ungünstigern, daß er ein Mensch von verdorbenem Herzen sei, war ein so kleiner Schritt, daß es nur einer einzigen Entdeckung, die das letztere wahrscheinlich machte, bedurfte, um ihn des Fürsprechers zu berauben, den er nur zu lange in Danischmends gutem Herzen gefunden hatte. Danischmend bekam nur zu bald mehr als Eine Gelegenheit, einige Entdeckungen dieser Art zu machen. 30. Kapitel Worin wir den Kalender immer näher kennen lernen Der geneigte Leser wird, einer Unterbrechung von drei Kapiteln ungeachtet, sich des plötzlichen Einfalls noch wohl erinnern, welchen Danischmend im sechsundzwanzigsten Kapitel hatte, sich – aus Sorge für das Seelenheil der armen Bewohner von Jemal – zu ihrem Imam aufzuwerfen, und der eben so großen Hastigkeit, womit er von diesem Vorhaben wieder absprang, als ihm der Kalender die Folgen vorstellte, die ein solcher Schritt wahrscheinlich nach sich ziehen würde. Der Kalender hatte seine Weissagungen aus bloßer Eingebung des Widersprechungs-Geistes, der ihm zur andern Natur geworden war, angestimmt, und es fiel ihm gar nicht ein, daß Danischmends Abscheu vor den Sultanen so weit gehen könnte, daß er eine Gelegenheit, selbst so etwas wie ein Sultan zu werden, aus den Händen lassen sollte. Er hatte diesen Abscheu bloß als die Folge einiger empfindlicher Beleidigungen, welche Danischmenden vermutlich am Hofe zu Dehly widerfahren sein mochten, angesehen; und man muß gestehen, ein Mann wie er, – das ist ein Mann, der sich keinen Begriff davon machen konnte, wie man aus bloßer Menschenliebe den stärksten Versuchungen der Eigenliebe widerstehen könne, – mußte so denken, oder gar nichts. Sein Erstaunen war also nicht klein, als er Danischmenden auf die erste Vorstellung, die er ihm gegen seinen Einfall machte, so plötzlich auf die Seite springen und auf einmal so fest entschlossen sah, die Jemalitter sich selbst und ihrem Schicksale zu überlassen. Dies war weder was er erwartet hatte, noch was er wünschte; denn im Grund gefiel ihm Danischmends Projekt gleich beim ersten Anblick , und, wie gesagt, er machte seine Einwendungen lediglich aus der Ursache, weil es ihm unmöglich war eine Gelegenheit vorbei gehen zu lassen, wo er jemanden, es mochte Freund oder Feind sein, verwirren und in Verlegenheit setzen konnte. Aber (wird man vielleicht denken) was für einen Vorteil konnte der Kalender davon haben, wenn Danischmend sich zum Imam oder Emir dieses kleinen Volks aufwürfe? Er hoffte doch nicht sein General-Vikarius zu werden? Dies wohl nicht. Der Hang zum Müßiggehen war zu tief bei ihm eingewurzelt, und Ehrgeiz oder Begierde nach einem Glücke, dessen Erwerbung ihm viele Mühe gekostet hätte, waren keine Leidenschaften die jemals viel Gewalt über ihn gehabt hatten. Er war am liebsten ein bloßer Zuschauer . Aber eben darum hatte er seine Freude an Veränderungen und neuen Auftritten; besonders wenn er vermuten konnte, daß sie fruchtbar an unerwarteten Folgen sein und ihm viel Stoffs darbieten würden, sich über die Torheiten der Menschenkinder lustig zu machen. Mit Einem Worte, der alte Bube liebte Unheil, und befand sich nie besser als wenn es recht bunt und toll in der Welt zuging: ja er machte sich bei Gelegenheit nicht das mindeste Bedenken, wo er einige Funken glimmen sah, zu blasen und zu schüren, bis ein großes Feuer daraus wurde, und dann sehr eilfertig als zum Retten herbei zu laufen, einen großen Krug voll Öl hinein zu schütten, und, wenn die Flamme mit verdoppelter Wut empor loderte, zu jammern, daß er in der Eile den Ölkrug für den Wasserkrug ergriffen habe. Danischmend, mit aller seiner Kenntnis der Welt, hatte gerade eben so wenig Begriff von dieser besondern Art von Bosheit, als der Kalender von dem Grade der Gutherzigkeit, der dazu erfordert wurde, einen Entwurf bloß darum unausgeführt zu lassen, weil er durch entfernte und ungewisse Folgen das Glück andrer Menschen in Gefahr setzte; – eine Sache, um die er sich eben so viel bekümmerte, als ob der Mann im Mond verwichene Nacht wohl oder übel geschlafen habe. »Halte mir meine Freimütigkeit zu gute« (sagte er zu Danischmenden, da sie wieder auf diese Materie kamen), »aber in Wahrheit, ich begreife nicht, wie ein Mann, der mit so viel Enthusiasmus wie du, sich für andrer Menschen Bestes beeifert, einen Plan, den er für das einzige Mittel ansah seine Mitbürger vor größrer Verderbnis ihrer Sitten zu verwahren, um solcher Bedenklichkeiten willen fahren lassen kann.« »Ich denke, Freund Kalender«, versetzte Danischmend, »du hättest schon lange merken können, daß bei mir die Philosophie im Herzen , nicht im Kopfe sitzt. Die Gefahr der guten Leute, unter denen ich lebe, ist so groß noch nicht, daß man genötigt wäre zu verzweifelten Mitteln zu greifen. Meine Liebe zu ihnen vergrößerte sich die Folgen des Übels, das ihnen die drei Fakirn zugefügt haben. Im Grund ist es eine bloße Verwundung eines Körpers, dessen Säfte gut und balsamisch sind. Bei unverdorbnen Seelen heilt sich ein so kleiner Schade von selbst. Die Natur ist der beste Arzt.« »Ich wünsche daß es so sein möge«, erwiderte der Kalender mit einer ungläubigen Miene. »Aber ich müßte mich sehr betrügen, oder die Zeichen, daß die Sitten in diesen Tälern sich verschlimmert haben, werden täglich sichtbarer. Ich sehe Weiber, die über ihre Männer klagen, und Männer, die sich auf Unkosten der Weiber rechtfertigen. Erst noch diesen Morgen hatte ich viel Mühe, unserm alten Nachbar Kassim den Argwohn, daß seine Frau mit dem jungen Faruk in einem geheimen Verständnisse stehe, aus dem Kopfe zu reden.« Danischmend schüttelte den seinigen, da er hörte, daß sich der Kalender so viel in die häuslichen Angelegenheiten seiner Nachbarn mischte. Sein Genius schien ihm zuzuflüstern, daß es nicht desto besser sei. »Und ich hörte bei dieser Gelegenheit«, fuhr der Kalender fort, »daß Feridun , einer von den Männern deren Weiber sich neulich im Fluß ersäuft haben, über die Gebirge nach der Hauptstadt gegangen ist, sich ein paar hübsche Sklavinnen zu kaufen. Man murmelt stark darüber, und es ist zu besorgen, daß sein Beispiel Nachfolger haben, und den häuslichen Frieden unsrer guten Landleute mächtig stören dürfte.« Danischmend, anstatt dem Kalender zu antworten, lief eilends davon, um sich in eigner Person zu erkundigen was an der Sache sei. Der Kalender hätte ihm diese Müh ersparen können, wenn er Ihm gesagt hätte, daß – wofern der alte Kassim einigen Verdacht wider seine Frau gefaßt hatte, und Feridun nach der Stadt gegangen war, sich eine oder zwei Sklavinnen zu kaufen, niemand anders daran Ursache war als – der Kalender selbst. Dies bedarf einiger Erklärung. 31. Kapitel Erster Versuch des Kalenders auf die Ruhe der Jemalitter Der Kalender – wiewohl der Leser schon Ursache gefunden haben kann, nicht die beste Meinung von ihm zu hegen – war ein schlimmerer Vogel als wir denken. Sein Haar und sein Bart erweckten zwar ein günstiges Vorurteil für seine Weisheit; denn sie hätten einem Epiktet Ehre gemacht: aber er befand sich noch so wohl bei Kräften, und die Diät in Danischmends Hause schlug ihm so wohl zu, daß ihm dann und wann wieder von den Zeiten träumte, wo er den Eseltreiber und (wenn er anders nicht geprahlt hat) zuweilen den Esel selbst gespielt hatte. Kassims Frau war ein hübsches stämmichtes Weib von fünfunddreißig Jahren, mit großen schwarzen Augen, und einer Figur, die der Kalender ungemein nach seinem Geschmacke fand. Er hatte also nach der Maxime des Derwischen, seines ehmaligen Pflegevaters, angefangen, sich um des alten Kassims Freundschaft zu bewerben. Zeineb (so hieß die Frau) hatte sich – nicht darum bekümmert. Der Kalender hätte sieben Jahre lang alle Tage zweimal in ihr Haus kommen können, ohne daß sie Acht darauf gegeben hätte, mit was für Augen er ihr nachsah, wenn sie aus der Stube ging, oder wohin er seine Blicke schießen ließ, wenn sie sich von ungefähr bückte, um etwas vom Boden aufzuheben. Diese Art von Unachtsamkeit lag in ihrer Gemütsart: überdies schien sie mit dem alten Kassim, der ungeachtet seiner Jahre nichts weniger als ein Tithon war, vollkommen zufrieden zu sein. Gleichwohl konnte oder wollte der Kalender sich nicht aus dem Kopfe bringen, daß in der ganzen Gegend keine Frau sich besser dazu schicke, das gestörte Gleichgewicht in seinem innern und äußern Menschen wieder herzustellen, als Zeineb. Kurz, seine Begierden hatten sich auf ihr gelagert: und da weder in seinem Herzen noch in seinen Grundsätzen etwas war, das ihn verhinderte Böses zu tun, wenn ihn dessen gelüstete: so hatten sich seine Begierden mit seiner Klugheit beraten, wie er's anzufangen hätte, mit möglichstes Sicherheit und Zeitersparung zu seinem Zwecke zu kommen. Das Resultat dieser Beratschlagung war, er müßte etwas zwischen dem alten Kassim und seiner Frau anzuzetteln suchen, das die letztere nötigen würde, sich um seine Freundschaft und Hülfe zu bewerben, ohne daß es Kassim übel finden könnte. Den Umständen nach konnte dies Etwas nichts anders sein als Eifersucht. Diesen nämlichen Morgen hatte der Kalender angefangen die erste Hand ans Werk zu legen. Zeineb war abwesend als er zu Kassim kam, der unter seiner Vorhütte saß, und einen großen Korb in Arbeit hatte. Sie sprachen von allerlei Dingen, und unvermerkt lenkte der Kalender das Gespräch auf die Weiber. »Ich begreife nicht«, sagte er, »wie ein Mann ruhig sein kann, der eine Frau hat, zumal wenn es eine junge und schöne Frau ist. Ihr Männer hier zu Lande seid glückliche Leute, daß ihr nichts von den Sorgen wißt, womit sich andrer Orten die armen Käuze placken müssen, die eine hübsche Frau für sich allein behalten wollen.« »Dies ist von alten Zeiten her immer so bei uns gewesen«, sagte Kassim, indem er mit großer Gelassenheit fortfuhr an seinem Korbe zu flechten. »Jeder hat die Seinige, und jede den Ihrigen – jedes begnügt sich mit dem Seinigen – und was braucht es da zu sorgen?« »Und doch hätten die drei jungen Fakirn mit ihren Lingams, wenn's nur ein paar Wochen später zum Ausbruch gekommen wäre, einen verdammten Spuk unter euch anrichten können!« – sagte der Kalender. »Das mag sein«, erwiderte der alte Kassim: »aber die jungen Kerle brauchten auch Zauberei dazu. Die armen Weiber waren unschuldig an der Sache; sie wußten gerade so viel als mein Korb, was der Talisman zu bedeuten hatte, den sie sich an den Hals hängen ließen.« »Dafür wollt ich eben nicht Bürge sein«, sagte der Kalender. »Weil ihr uns noch nicht kennt, alter Herr«, versetzte Kassim, dessen Bart noch einen guten Teil schwarzer Haare mehr aufzuweisen hatte, als des Kalenders seiner. »Ja«, sprach dieser, »wenn alle Weiber in diesem Lande sind wie die deinige, dann – dann kann ein Mann schon ruhig sein, ohne sich gleich über jede Kleinigkeit zu ängstigen.« »Es ist mir nie eingefallen, mich der meinigen wegen zu ängstigen«, sagte Kassim. »Ich wüßte nicht, daß sie mir in den neunzehn oder zwanzig Jahren seit sie mein ist, die kleinste Ursache dazu gegeben hätte.« »Dies ist eben was ich sage. Wenn man seiner Frau so gewiß ist wie du – so mag sie immer« – Hier hielt der Kalender ein, und der alte Kassim erwartete eine Weile mit seinem gewöhnlichen Phlegma, was folgen würde. Endlich da nichts folgen wollte, sagte er, ohne daß in seinem Tone mehr Neugier war, als wenn die Rede von einer Frau des großen Lama gewesen wäre: »Was mag sie immer?« »So mag sie immer mit einem andern ein wenig freundlich tun. Eine hübsche Frau hört doch immer gern, wenn ihr's ein andrer als ihr Mann sagt, daß sie noch hübsch ist.« »Mit einem andern freundlich tun?« – wiederholte Kassim, indem er in der Arbeit einhielt und den Kalender ansah. »Ich meine in aller Unschuld. Ich denke nichts Arges dabei, Kassim, wenn sich eine Frau von einem hübschen jungen Kerl wie Faruk über einen Zaun helfen läßt.« »Wie Faruk?« sagte Kassim – »Und wenn er ihr auch, weil man eine solche Gelegenheit nicht immer hat, von ungefähr einen Kuß gegeben hätte« – »Einen Kuß gegeben hätte?« rief Kassim und ließ den Korb aus der Hand fallen: »der junge Faruk meinem Weibe? – Aber ich bin nicht klug! Wer dir wohl den Bären angebunden haben mag?« »Vielleicht kam er auch nur von ungefähr mit seinem Mund auf den ihrigen«, fuhr der Kalender fort: »Oder meine Augen konnten auch wohl bezaubert sein.« »Du hast es also selbst gesehen?« fragte Kassim. »Ich bitte dich, guter Kassim, sei ruhig: ich wollte schwören daß deine Frau die ehrlichste Frau in ganz Kischmir ist. Ich war ein Tor daß ich dir was davon sagte. Aber wer konnte sich auch einbilden, daß ein Mann von einer solchen Kleinigkeit gleich Feuer fangen würde!« »Du hast es selbst gesehen?« wiederholte der alte Kassim, indem er den Korb auf die Seite stieß, aufstand, und den Kalender beim Arm faßte: »wann, wo, wie hast du's gesehen?« »Ich sage dir kein Wort weiter, wenn du nicht wieder ruhig wirst.« »Kein Wort weiter? So hast du noch mehr gesehen?« »Und wenn sie denn auch mit einander ins Bohnenfeld gegangen wären? – Aber ich wiederhol es, Kassim, es fällt mir gar nicht ein, daß du deswegen Ursache haben könntest, auf deine Frau ungehalten zu sein.« »Das muß ich wissen, was ich sein soll«, sagte Kassim. – »Aber wann sahst du das alles?« »Diesen Morgen, ungefähr eine halbe Stunde eh ich zu dir kam. Ich ging einen meiner gewöhnlichen Spaziergänge im Walde, der an eure Felder stößt. Da sah ich den jungen Faruk im Felde arbeiten; und indem ich so fortging, kam Zeineb vom Dorfe her, und wollte über den niedern Zaun steigen, der am Felde hinab läuft. Sie konnte mich, weil ich seitwärts hinterm Gesträuche stand, nicht sehen. Und wie sie nun über den Zaun steigen wollte, blieb sie mit dem Rocke hangen. Da lief Faruk was er konnte, und wickelte sie los, und hob sie herüber, und gab ihr in dem nämlichen Augenblick einen Schmatz, den ich hören mußte, wenn ich auch nichts gesehen hätte, oder ich hätte taub und blind zugleich sein müssen; und da« – »Und da – was weiter?« rief Kassim. »Und da ging jedes seinen Weg, denk ich; sie müßten denn nur mit einander gegangen sein, wofür ich nicht gut stehen kann: denn ich war nicht neugierig mehr zu sehen. Es fiel mir nicht ein, daß, unter so guten Leuten wie ihr seid, was übels darin sein könnte, wenn ein junger Kerl eine Frau über einen Zaun hebt, und sich einen Kuß für seine Mühe nimmt oder geben läßt. Und wenn Faruk sie auch ein wenig lieber sähe als ihre Großmutter, was wäre sich viel darüber zu wundern?« »Gut, gut«, sagte Kassim, indem er sich wieder setzte und seinen Korb zwischen die Knie nahm, und fortarbeitete: »wenn er ihr auch zwei Küsse für Einen gegeben hätte, – da ist nicht viel darüber zu sagen. – Der verzweifelte Korb! da bricht mir ein Faruk nach dem andern! Er wollte sagen, »ein Rohr nach dem andern«; denn vermutlich flocht er den Korb aus gespaltenem Bambusrohr. Murrzufflus – Wie du sagtest, da ist gar nichts darüber zu sagen – ich bin völlig deiner Meinung, alter Herr! – Ich werde in meinem Leben nicht mit dem Korbe fertig werden! Ich glaube ich bin verhext!« »Alles warum ich dich bitte«, sagte der Kalender, indem er wegging, »laß dir gegen Zeineb nichts von der einfältigen Historie merken. Es ist nichts, in der Tat nichts – aber, wie die Weiber sind; wenn sie sehen, daß man über eine Kleinigkeit viel Wesens macht, so denken sie der Sache nach, und dann wird sie immer größer und größer, wie ein Nachtgeist, der sich einem Wanderer auf die Schultern huckt; – und zuletzt kann aus Spaß Ernst werden. Es ist nichts, sag ich dir; Zeineb ist eine ehrliche Frau – indessen wirst du nicht übel tun, Freund Kassim, wenn du ein Auge auf den jungen Faruk hast.« Als der Kalender fort war, warf der alte Kassim seinen Korb in einen Winkel, rieb sich die Stirne, und dachte dem Handel nach. »Ich wollte meine Seele verpfänden, daß sie immer ehrlich gewesen ist, seit ich sie kenne! Es ist kein braveres Weib im ganzen Dorfe! Und was ihr da begegnet ist, ist tausend andern begegnet, und sie ist nicht um ein Haar schlechter darum. – Aber, wenn ihr der junge Kerl in die Augen gestochen hätte? – wenn ihr dies nicht von ungefähr so begegnet wäre? wenn sie einander gar bestellt hätten – wenn er ins Bohnenfeld mit ihr gegangen wäre? – Es ist unmöglich! – Was ist unmöglich? – Es kann sein! – es kann nicht sein! – Ich wollte der Kalender hätte mir nichts davon gesagt – oder hätte mir mehr gesagt! – Aber konnt er mehr sagen, wenn er nicht mehr wußte? – Das ist's eben was ich wissen möchte! Der vertrackte Faruk! – Sie hat die schönste Wade von der Welt – wenn er sie gesehen hätte? – Das muß er wohl, da er ihr den Rock vom Zaun los wickelte! Ich wollte daß ihm die Hand verdorret wäre, da er sie anrührte! daß er auf'm Platz erblindet wäre! daß ihm – aber, wenn er nun auch was gesehen hat – desto schlimmer für ihn! Er wird's so bald nicht wieder aus dem Kopfe kriegen! Es wird ihm des Nachts im Schlafe vorkommen; er wird darnach schnappen, und in die Luft greifen, und wenn er glaubt er hab es, wacht er auf, und hat – nichts. Es ist unmöglich! Zeineb – ich setze mein Leben für deine Ehrlichkeit!« Zeineb hatte keinen Lingam getragen. – Dieser Umstand kam ihr itzt bei ihrem Alten sehr zu Statten. Aber unglücklicher Weise fiel ihm ein, daß sie am nämlichen Morgen, als der Lärm mit den Fakirn ausbrach, den Wunsch geäußert hatte, auch einen Lingam zu haben. Alle ihre Nachbarinnen hätten einen; sie allein nicht: was würden die Leute denken, wenn sie die einzige wäre, die keinen Lingam hätte? Der alte Kassim war noch nicht ganz einig mit sich selbst, was er von der Sache denken, oder wie er sich gegen Zeineb benehmen sollte, als sie mit einem Korbe voll Bohnen auf dem Kopf in die Hütte trat. Es deuchte ihm, daß er sie lange nicht so schön gesehen habe; und es fuhr ihm kalt den Rücken hinab, indem er dies dachte. Die Bewegung und die Sonnenhitze machten die Verschönerung sehr natürlich. »Laß dir was erzählen, Kassim«, sagte sie, indem sie ihren Korb hinsetzte; und da erzählte sie Ihm mit der Munterkeit und Treuherzigkeit eines so kunstlosen und nichts Arges denkenden Geschöpfes als sie war, die ganze Geschichte, die ihr, indem sie über den Zaun ins Feld steigen wollte, mit dem jungen Faruk begegnet war. Sie verschwieg nicht den kleinsten Umstand. – »Soll ich ihm nicht eine derbe Ohrfeige dafür geben? dacht ich, als er mir den Kuß stahl. Aber eine Ohrfeige für einen Kuß! – Und dann hatte er mir doch eben einen Dienst erwiesen.« Zeineb sagte dies mit einer so wahren Herzenseinfalt, daß dem boshaftesten Ausspäher und Belaurer des weiblichen Herzens, wenn er sie gesehen, und den Ton, womit sie es sagte, gehört hätte, kein Zweifel möglich gewesen wäre. »Zu gutem Glück sah uns niemand«, setzte sie hinzu. »Aber ich sagte ihm, daß ich dir alles erzählen würde. Da schlich er sich fort, und kratzte sich hinter den Ohren. Und doch bin ich gewiß, daß er nichts Arges im Sinne hatte. Er ist noch so jung! Aber doch will ich's seiner Mutter sagen, damit sie ihm unverzüglich eine Frau gibt; denn nun möcht's wohl Zeit sein! Der arme Junge! Er zitterte wie Espenlaub, da er mir den Rock von der Hecke los machte.« Der alte Kassim fühlte sich in diesem Augenblick um vierzig Jahre jünger. Kein Mensch auf dem ganzen Erdenrunde war halb so glücklich wie er. Er drückte die schöne Zeineb in seine Arme, und konnte nichts sagen; aber sein Entzücken und seine Liebkosungen setzten sie in Erstaunen. Des Kalenders wurde gar nicht gedacht. Kassim hatte sich eben wieder an seinen Korb gemacht, und war im Begriff den Namen Zeineb so zierlich als ihm möglich war, darein zu flechten, als Danischmend in seine Hütte trat. Das gute Vernehmen, worin er das Ehepaar fand, überraschte ihn so angenehm, daß er ihnen beinahe seine Verwunderung darüber bezeigt hätte. – »Ich muß diesen Kalender besser beobachten«, dacht er bei sich selbst. Drei Tage nach dieser Begebenheit erfuhr man, daß sich Faruk ein Mädchen zum Weibe genommen hatte, das mit Zeineb beinahe von gleicher Gestalt und Größe war. Zeineb erzählte ihr Abenteuer Perisadeh, und Perisadeh Danischmenden. »Dank sei dem Himmel!« rief er: »unsre Sitten sind noch so schlimm nicht als sie der Kalender wünscht.« »Du tust ihm unrecht«, sagte Perisadeh. »Er mag wohl einen wunderlichen Kopf haben; aber gewiß sein Herz kann nicht so schlimm sein. Er hat unsre Kinder so lieb! Alle Tage lehrt er sie was Neues, und die Kinder lieben ihn als wenn er ihr Großvater wäre. Auch sagt ihm in der ganzen Gegend niemand etwas Böses nach.« »Gut«, versetzte Danischmend. »Ich denke nicht gern schlimmer von einem Menschen weil er mehr Verstand hat als andre, und manchmal mehr zu sehen glaubt als er sieht. Aber seine Grundsätze machen mich ein wenig mißtrauisch. Wenn er gut ist, so ist er der erste gute Mann mit solchen Grundsätzen, den ich in meinem Leben gesehen habe.« 32. Kapitel Danischmend lernt Körbe machen Seit der Begebenheit mit der schönen Zeineb kamen Danischmend und Perisadeh öfters in des Korbmachers Haus. Die Weiber setzten sich mit ihrer Arbeit zusammen, und Danischmend sah dem alten Nachbar zu, wie er Körbe flocht. Auf einmal fiel dem Philosophen ein, daß er schon über vierzig Jahre alt sei, und noch keine Handarbeit gelernt habe. »Von uralten Zeiten her«, sagte er zu dem Korbmacher, »ist es immer in den Morgenländern gebräuchlich gewesen, daß die Gelehrten nebenher auch ein Handwerk zu treiben verstehen mußten: ich schäme mich, vielleicht der einzige zu sein, der nichts kann als denken und reden; denn das bißchen Gärtnerei, womit ich mich zuweilen abgebe, will nichts bedeuten. Lehre mich deine Kunst, Kassim. Ich gebe dir mein Wort, daß ich dir keinen Eintrag tun will. Es muß doch eine wahre Lust sein etwas zu machen , wenn's auch nur ein Korb ist; und denken oder reden läßt sich's ja eben so gut, während man Binsen oder gespaltenes Rohr in einander flicht, als wenn die Finger müßig bleiben. Lehre mich deine Kunst, Nachbar, und statt des Lehrgeldes sollen alle Körbe, die ich mache, dein sein.« Kassim ließ sich dazu willig finden, und Danischmend, der alles, was er sich einmal in den Kopf gesetzt hatte, mit großem Eifer trieb, wurde in kurzer Zeit ein größerer Künstler in der Korbmacherei als sein Meister selbst. Er verfertigte allerlei Arten der niedlichsten Körbchen, und es war eine Lust zuzusehen, wie behend und geschickt ihm die Arbeit von der Hand ging. Der Kalender ermangelte nicht, wenn Danischmend und Kassim so beisammen saßen, den dritten Mann abzugeben, und, während er sich bald dies bald das dabei zu tun machte, die kleine Gesellschaft, zumal wenn die beiden Frauen zugegen waren, mit kurzweiligen Erzählungen zu unterhalten. Danischmend, wiewohl er die Augen bloß auf seiner Arbeit zu haben schien, bemerkte doch sehr gut, daß der Kalender die seinigen selten von Zeineb verwandte, sich immer gern so nahe als möglich an sie machte, und durch tausend kleine Dienstleistungen sich in ihre Gunst einzuschmeicheln beflissen war. Kassim und Zeineb merkten nichts; und der Kalender, da er alle seine Mühe verloren sah, und auf die Hoffnung, den Gegenstand seiner Lüsternheit allein zu finden, Verzicht zu tun anfing, kam nach und nach immer seltner in Kassims Hütte, und blieb, als Feridun aus Kischmir zurück gekommen war, gänzlich weg. Dies war es eben was Danischmend wollte; und wir zweifeln nicht, daß es mit dem Einfall, das Korbmachen von dem alten Kassim zu lernen, hauptsächlich darauf abgesehen war, den kleinen Anschlag zu vereiteln, den der lüsterne alte Sünder auf die schwarzen Augen und runden Arme der Korbmacherin angelegt zu haben schien. 33. Kapitel Glücklicher oder unglücklicher Erfolg der Reise Feriduns nach der Stadt Kischmir Inzwischen war Feridun , auf des schadenfrohen Unholds Anstiften und mit einer Empfehlung an einen seiner alten Bekannten (denn deren hatte der Kalender in allen Provinzen von Indostan), in der Hauptstadt von Kischmir angelangt; und die Menge der schönen Gegenstände und Werkzeuge des Vergnügens, die er hier zum ersten Male kennen lernte, setzten seine Sinne in eine Berauschung, gegen welche der mäßige Anteil von Menschenverstand, den er aus Jemal mitgebracht hatte, nicht lange aushalten konnte. Gleich beim ersten Feste, dessen lärmenden Feierlichkeiten er zusah, wurden seine Augen und sein Herz von einer reizenden Tänzerin so stark verwundet, daß er stehendes Fußes beschloß, sie mit sich nach Hause zu nehmen, wenn er sie dazu bereden könnte. Er bahnte sich durch einige Geschenke den Weg zur Gunst der schönen Bayadere , und machte ihr von dem angenehmen Leben in den Tälern von Jemal eine so warme Beschreibung, daß sie sich ohne großen Widerstand erbitten ließ, ihm, als Gebieterin über seine Person und alles was er besaß, dahin zu folgen. Die reizende Devedassi So heißen diese Pagoden-Tänzerinnen zu Surate . E. Yves hatte einen Bruder, mit welchem (wie sie sagte) ein glücklicher Zufall sie nach einer langen Trennung vor wenig Tagen wieder vereinigt habe, und von dem sie sich nicht gern von neuem trennen möchte. Dieser Bruder hatte wirklich, wiewohl er nur ein Kalender war, das Ansehen eines ziemlich feinen Menschen, und der ehrliche Feridun faßte keine geringe Meinung von ihm, da er hörte, welch ein großes Stück Welt er seit den zwanzig Jahren, da er das väterliche Haus und seine Schwester Narissa , damals noch ein Kind, verlassen, durchwandert habe. Der Kalender beteuerte, daß es ihm unmöglich sei, in die vorgeschlagene Verbindung seiner geliebten Schwester, wie angenehm sie ihm auch sonst wäre, einzuwilligen, wofern er sich wieder von ihr trennen müßte. »Diese Schwierigkeit ist leicht zu heben«, sagte Feridun: »ziehe mit uns, und lebe so lange in meinem Hause, als es dir bei uns gefällt. Doch damit wird es wohl keine Not haben«, setzte er hinzu: »denn Jemal ist das schönste Land in der Welt, und ich bin, ohne mich zu rühmen, der reichste Mann in Jemal.« Der Kalender, der den Namen Jemal zum ersten Mal in seinem Leben hörte, und unter Feriduns wenig versprechendem Aufzuge keinen Krösus vermutet hatte, lächelte zu dieser Rede; aber da einem Manne wie er jeder Ort in der Welt so gut als ein andrer war, so machte er keine Schwierigkeit, die Einladung seines neuen Bruders anzunehmen. Das einzige, was ihm die Entfernung aus Kischmir erschwere, sagte er, sei ein junger Mann seines Ordens, ein Mensch von vielen Talenten, der auf einigen seiner Wanderungen sein Reisegefährte gewesen sei, und mit welchem er einen Freundschaftsbund auf Leben und Tod beschworen habe. »So laß auch ihn mit uns gehen«, sagte der ungeduldige Feridun, der, um nur bald zum Besitz seiner holden Devedassi zu gelangen, sich im Notfall noch mit einem ganzen Rudel Kalender und einem halben Dutzend Derwischen oben drein beladen hätte. »Sogleich wird dies wohl nicht angehen«, versetzte der Bruder: »denn mein Freund ist hier in gewissen Verhältnissen, woraus er sich wohl so bald nicht los wickeln kann.« – »Allenfalls kann er uns ja besuchen«, sagte Narissa , »wenn ihn die Lust zu wandern wieder ankommt.« »Er soll immer willkommen sein«, sagte Feridun. Unter uns (denn Feridun brauchte das eben nicht zu wissen), die Verhältnisse, die den Freund des neuen Bruders an Kischmir fesselten, waren eben nicht die angenehmsten; denn das Wahre an der Sache war, daß er, wegen einiger kleinen Abweichungen von den positiven Gesetzen der bürgerlichen Gesellschaft, wozu er sich kraft seiner Menschenrechte befugt geglaubt hatte, – im Stockhause saß; und daß sein geschworner Freund, der Bruder der schönen Tänzerin, das Mißvergnügen, ihm nicht Gesellschaft zu leisten, bloß – seiner Schnellfüßigkeit zu danken hatte. Alle Schwierigkeiten waren nun aus dem Wege geräumt, und der glückliche Feridun kam mit seiner Reisegesellschaft nach Jemal zurück, ohne selbst recht zu wissen wie es zugegangen war; denn seine schöne Tänzerin tanzte und gaukelte die Hälfte des Weges vor ihm her, und die andre Hälfte durch vertrieb ihm der Bruder die Zeit mit Märchen und kleinen Liedern, deren er eine Menge wußte, und die er mit einer ziemlich leidlichen Stimme sang. Glücklich in seinem Wahn und um die Zukunft unbekümmert, freute sich Feridun seiner wohl gelungenen Unternehmung, und dachte wenig daran, welche Übel er sich selbst und seinem Volke zuführe. 34. Kapitel Danischmend und der Kalender Alhafi entzweien sich Am dritten Tage nach Feriduns Wiederkunft kam der Kalender mit lachendem Munde zu Danischmenden und sagte: »Feridun ist wieder da, und wen meinst du wohl daß er mitgebracht hat? Eine Tänzerin von Surate, die ich ehmals bei einer herum streichenden Bande zu Kandahar kennen lernte, und – wie wunderlich sich doch alles fügen muß! – meinen Kameraden Alfaladdin , den Sänger!« »So gnade Gott dem armen Völkchen von Jemal!« sagte Danischmend. »Wie so?« erwiderte der Kalender. »Du nimmst die Sache auch gar zu ernsthaft auf. Was für ein so großer Schade wird es nun auch sein, wenn euere rohen Mädchen von einer Bayadere tanzen, und von dem Schwächling Alfaladdin ein Dutzend Liedchen singen lernen?« »Die Unschuld von Jemal ist auf ewig dahin!« rief Danischmend in einem kläglichen Tone. »Das hätte doch immer einmal begegnen müssen«, versetzte der Kalender mit seiner gewöhnlichen Kälte: »Ob ein paar Jahre früher oder später, hat wenig zu bedeuten.« »Deine Art zu denken, Kalender, und die meinige werden nie zusammen stimmen«, sagte Danischmend mit einer Bitterkeit, die ihm sonst, auch in leidenschaftlichen Aufbrausungen, nicht gewöhnlich war, indem er mit verschränkten Armen und großen Schritten im Zimmer auf und nieder ging. »Freund Danischmend, du bist heute nicht aufgeräumt, wie ich sehe; sonst hätte ich gute Lust gehabt, dich mit meinem ehmaligen Kameraden bekannt zu machen. Es ist ein drolliger Bursche, der keine Gesellschaft verderbt, und uns in unsern kleinen Zirkeln manchen fröhlichen Abend machen wird.« »Zwei Kalender und eine landstreichende Bayadere!« (brummte Danischmend vor sich hin) »eine feine Gesellschaft! – Ich bin besserer gewohnt. – Doch, wozu das alles? Feridun ist nicht aus unserm Dorfe. Laß ihn die saubere Ware, die er auf den Straßen zu Kischmir aufgelesen hat, für sich behalten! Wir verlangen nichts davon. – Komm, gutes Weib!« – Und damit nahm er Perisadeh und seinen kleinen Sohn bei der Hand, und schlenderte zu dem alten Korbmacher hinüber. Der Kalender ließ sich die böse Laune, womit ihn Danischmend verließ, wenig anfechten. »Das wird sich schon geben«, dacht er: »und am Ende, was für ein Recht hat der wunderliche Kauz, hier in Jemal, wo er so fremd ist als ich und Alfaladdin, den Meister spielen zu wollen? Er ist besserer Gesellschaft gewohnt, sagt' er, und sah auf einmal wer weiß wie vornehm aus; und doch war es, als ob ihm das Wort wider Willen entschlüpft sei. Was bedeutet das? Sollte wohl gar mehr hinter ihm stecken als er scheinen will? Das müssen wir ausfündig machen, es koste was es will!« 35. Kapitel Eine neue Erscheinung in Jemal, und ein Gespräch darüber zwischen Zeineb und Perisadeh Die beiden Dörfer, worin Feridun und Danischmend wohnten, lagen, wie alle übrigen im Tale Jemal, so nahe beisammen, daß alles nur eine einzige lange Kette von Wohnungen, Gärten und Feldern zu sein schien, und die Einwohner machten gleichsam nur Eine Familie aus. Feridun hatte also nichts Angelegneres, als seine guten Nachbarn an seinem vermeinten Glück Anteil nehmen zu lassen; und schon am dritten Tage nach seiner Ankunft hatte er angefangen, mit seiner reizenden Devedassi am Arm und mit ihrem angeblichen Bruder an der Seite, von einem Hause zum andern im Triumph herum zu ziehen. Danischmend und Perisadeh machten große Augen, als ihnen, wie sie in die Hütte des alten Kassim traten, dieselbe nämliche Tänzerin entgegen schimmerte, die in einem blendenden Aufzug ihren ersten Besuch bei der ehrlichen Zeineb machte, und sich, wie es schien, in wenig Minuten schon auf einen ganz traulichen Fuß mit ihr gesetzt hatte. Perisadeh betrachtete die Neuangekommene mit einem Erstaunen, woran sich Danischmend sehr ergetzt haben würde, wenn er bei besserer Laune gewesen wäre. Sie wußte nicht ob sie ihren Augen trauen dürfe: und da sie in ihrem Leben noch kein Geschöpf dieser Art, so lebhaft, so leicht, so reizend in allen ihren Bewegungen, und in einer so reichen und üppigen Kleidung, gesehen hatte; so konnte sie sich der Vorstellung kaum erwehren, daß sie eine der Feen sehe, mit welchen ihre Phantasie in ihren Kinderjahren durch die arabischen Märchen bekannt worden war. Danischmend zückte die Achseln, und setzte sich schweigend an seine gewöhnliche Arbeit, ohne gewahr zu werden, daß die schöne Devedassi ihn unter ihren langen Augenwimpern hervor mit immer steigender Aufmerksamkeit ansah, und hierauf dem jüngern Kalender, ihrem Bruder, etwas ins Ohr flüsterte, das ihn, wie es schien, zugleich aufmerksam und unruhig machte. Bald darauf beurlaubten sich die Neuangekommenen wieder, und Zeineb und Perisadeh setzten sich mit ihrer Arbeit auf eine Bank vor der Hütte, um den Gefühlen Luft zu machen, die diese neue Erscheinung in ihnen aufgeregt hatte. »Wie glücklich dieser Feridun ist!« fing Zeineb an: »wie mag er, der doch nur ein einfältiger Landmann ist, zu einer so vornehmen und reichen Dame gekommen sein? Flimmerte nicht ihr Schal, als ob er aus lauter Sonnenstrahlen gewirkt wäre? Und ihr Unterkleid! Spinnen können nichts so Feines weben! Begreifst du, wie so was von Menschenhänden gemacht sein kann?« »Ihr Aufzug gefiel dir doch nicht, will ich hoffen?« »So recht ehrbar ist er nun wohl nicht, liebe Perisadeh; aber er ließ ihr doch gar zu schön, das muß ich sagen« – »Und du hättest wohl Lust –?« »Wenn ich auch Lust hätte, woher wollte mir mein armer Mann so reiche Sachen schaffen können?« »Pfui, Zeineb! schäme dich so zu reden! In deinem Leben ist dir noch nicht eingefallen, daß dein Mann arm sei, und du hast ihm immer gefallen wie du hier bist. Was sollte dir oder mir ein Schal aus Gold- und Silberfaden gewebt? Oder würdest du dich nicht vor dir selber schämen, wenn du dich in einem so durchsichtigen Gewande vor den Leuten sehen lassen solltest?« »Das ist auch wahr! daran dacht ich nicht. Aber du wirst sehen, Perisadeh, eh ein Monat vergeht, wird die Hälfte unsrer Weiber so gekleidet sein, – wenn auch nicht völlig so reich – wie die Feridun.« »Gott behüte! Das werden unsre Ältesten nicht zugeben, Zeineb, und du und ich und alle ehrlichen Weiber im Lande wollen mit gesamter Hand dagegen sein! Weißt du auch wohl wer die Fremde ist, die du für so was Vornehmes hältst? Der Kalender sagte es uns diesen Morgen. Eine herum ziehende Tänzerin aus Surate, eine – wie soll ich sagen? – Man hat, Gott sei Dank! bei uns keinen Begriff davon und kein Wort dafür was sie ist .« »Was du sagst! – Wer hätte so was denken sollen! Ich würde sie für eine Sultanin angesehen haben, wenn sie mir auf der Straße begegnet wäre. – Aber der Kalender hat ihr das wohl nur so nachgesagt. Ich muß dir's nur gestehen, der Mann gefällt mir nicht – er hat so was Heimtückisches in den Augen! Ich traue ihm nicht über den Weg« – »Da tust du ihm, denk ich, zu viel, liebe Zeineb! Wenn du wüßtest was für ein Kinderfreund er ist, du würdest gewiß besser von ihm denken.« »Das mag wohl sein«, sagte Zeineb, indem sie einen abgerißnen Faden an ihr Gespinst wieder anknüpfte; und das Gespräch stockte eine Weile. Danischmend und Kassim, die am offnen Fenster saßen, hatten von dem traulichen Geplauder der Weiber kein Wort verloren, und mehr als einmal die Köpfe dazu geschüttelt. »Wo wird das hinkommen?« sagte Danischmend: »sollen wir uns von einer Landstreicherin das Glück unsers Lebens vernichten lassen?« »Aber meinst du nicht auch, Perisadeh«, fing Zeineb wieder an, »wenn wir uns rechte Mühe geben wollten, wir sollten noch wohl eben so feines baumwollen Garn heraus bringen können, als die Feridun zu ihrem Hemde hatte?« »Wozu, gute Zeineb, wolltest du dir diese Mühe geben? Deine Hemden sind für eine ehrliche Frau fein genug. Mit einer Devedassi , wie diese da, ist es freilich ein anderes, Kind!« »Nein, beim Himmel!« rief Danischmend, indem er seinen Korb halb vollendet auf die Erde warf – »Kassim! das soll nicht sein, daß eine solche Dirne mit ihrem flinkernden Schleier und mit ihrem durchsichtigen Hemde unsern guten Weibern den Kopf verrücke! Glaube mir, das Herz wird nicht besser dadurch. Eins von beiden, so wahr ich Danischmend heiße: entweder sie muß sich tragen wie es hier gebräuchlich ist, oder Feridun mag in Frieden mit ihr von hinnen ziehen! Die Sache ist keine Kleinigkeit; das Heil unsers ganzen Volkes und unsrer Nachkommenschaft steht auf dem Spiele. Wir müssen mit unsern Ältesten sprechen, Kassim: dem Übel muß Einhalt getan werden, eh es um sich frißt!« 36. Kapitel Die ersten Faden eines Anschlags, der sich gegen Danischmend entspannt »Du kannst mir's glauben«, sagte Narissa zu dem Kalender, den sie für ihren Bruder ausgab, wiewohl er nur ein Mitglied ihrer Bande, und vielleicht noch etwas mehr bei ihrer Person gewesen war – »du kannst mir's glauben«, sagte sie, »daß ich ihn zu Dehly bei einem feierlichen Aufzug als Itimadulet vor dem Sultan herreiten gesehen habe.« »Wie kam er denn hierher? « fragte der Kalender. »Das ist's eben was ich nicht begreife. So viel ist klar, daß er in Ungnade gefallen sein muß, und daß er nur hier ist – um im verborgnen zu leben.« »Ob der Kalender Alhafi , mein alter Kamerad, etwas Näheres wissen mag? Vielleicht kann uns der Licht in der Sache geben.« Indem sie so mit einander sprachen – (sie waren auf dem Rückwege nach Feriduns Wohnung) – stießen sie auf den ältern Kalender, der sie überall gesucht hatte, um ihnen einen Wink über den bösen Willen zu geben, welchen Danischmend gegen sie geäußert hatte. Die Devedassi bezahlte ihn dafür durch Mitteilung alles dessen, was sie von Danischmend wußte und gehört hatte. »Ah! nun begreif ich warum der Mann sich so wichtig macht und aus einem so hohen Tone spricht«, sagte der Kalender. »Aber bist du auch gewiß, schöne Narissa , daß der Mann, den du bei dem Korbmacher Kassim gesehen hast, wirklich eben derselbe ist, den du vor fünf Jahren als Itimadulet zu Dehly gesehen zu haben glaubst?« Narissa schwor ihm bei der großen Pagode zu Jagrenat , sie irre sich nicht, und es sei schon damals, da sie ihn zu Dehly gesehen habe, laut davon gesprochen worden, es werde nicht lange mehr mit ihm währen. Er sei, sagte sie, seiner Grausamkeit wegen allgemein verhaßt gewesen. Unter andern habe man ihn auch beschuldiget, er gehe damit um, alle Bonzen und Braminen in Indien auszurotten, und eine Empörung gegen Schach-Gebal dadurch zu veranlassen, um bei dieser Gelegenheit im Trüben zu fischen und sich des Thrones und der schönen Nurmahal zu bemächtigen, deren geheimer Liebhaber er schon lange gewesen sei. »Treffliche Nachrichten«, sagte der Kalender, »wovon sich bei Gelegenheit guter Gebrauch machen lassen wird! Er ist zwar hier eben so allgemein beliebt, als er zu Dehly, wie du sagst, allgemein verhaßt war; denn die Leutchen in Jemal sind gute einfältige Schafe, mit denen man macht was man will: aber das Blatt wird sich bald wenden, wenn sie merken daß es mit seinen Tugenden und weisen Sprüchen nur darauf angelegt ist, den Herren unter ihnen zu spielen. Ich werde fortfahren ihn genau zu beobachten, und euch von allem benachrichtigen, was er gegen euch im Schilde führt.« Der Kalender (den wir künftig, zum Unterschied von seinem Ordensbruder Alfaladdin, mit seinem eigenen Namen Hakim-Alhafi , oder Alhafi schlechtweg nennen wollen) war unter diesen Reden mit der Devedassi und ihrer Gesellschaft auf ihrem Wege nach Hause schon so weit fortgeschlendert, daß Feridun ihn einlud, sie vollends in ihr Dorf zu begleiten, und ein Schlafkämmerchen in seiner Wohnung anzunehmen; eine Einladung, die dem alten Fuchs um so willkommner war, da er dadurch Gelegenheit bekam, die schöne Narissa und ihren vorgeblichen Bruder in der Nähe zu beobachten, und sich in der Vermutung zu bestätigen, daß die bedeutenden Blicke, die sie einander verstohlner Weise zuwarfen, und die einem so schalksäugigen Späher nicht unbemerkt bleiben konnten, ein geheimes Verständnis anzeigten, welchem ein ganz anderes Verhältnis zum Grunde liege als Bruder und Schwester. Es vergingen auch kaum acht Tage, so hatte er seine Maßregeln so gut genommen, daß er den Sänger Alfaladdin und seine talentreiche Schwester in einer dicht bewachsnen Felsenhöhle, wohin sie sich, um ungestört zu sein, zurück gezogen hatten, bei einem Duett überraschte, welches ihn, seiner Meinung nach, berechtigte, den dritten Mann dabei abzugeben. Weder die schöne Narissa noch ihr Singmeister waren Leute, die gegen einen solchen Vorschlag zur Güte etwas Gültiges einzuwenden hatten: und wiewohl der demütige Alfaladdin sich entschließen mußte, seinen Platz für diesmal an einen ihm in jeder Betrachtung überlegenen Meister abzutreten; so diente doch der Vorfall nur, diese drei würdigen Personen unter einander (so weit es mit eines jeden eigenem Vorteil bestehen konnte) gegen alle, die ihren löblichen Absichten und Unternehmungen im Lichte standen, desto enger und fester zusammen zu ketten. 37. Kapitel Der alte Kalender trennt sich von Danischmend. Bewegungen, welche die Erscheinung der Bayadere in Jemal verursacht, nebst den Folgen, die für Danischmend daraus entstehen, und einer traulichen Unterredung zwischen ihm und Perisadeh Wenn uns der Kalender Alhafi in einer immer hassenswürdigern Gestalt erscheint, so überrascht er doch hoffentlich keinen unsrer Leser dadurch; denn es ist bloß seine eigene ; und so wie er sich bisher in Worten und Werken dargestellt hat, kann er schwerlich eine Schelmerei oder einen Schurkenstreich begehen, die man ihm nicht mit bestem Fug hätte zutrauen dürfen. Wir müssen gestehen, sein Betragen gegen Danischmend ist schwarz: aber Dankbarkeit war so wenig seine Sache als irgend eine andere Tugend; und auch nur den bloßen Schein von Gutherzigkeit anzunehmen, erlaubte er sich nur darin, wenn es ein Mittel zu einem Endzweck war, wobei niemand als er selbst in Betrachtung kam. Diese Entdeckung hatte Danischmend seit einiger Zeit an ihm zu machen angefangen: aber eine so reine Seele wie Perisadeh konnte sich von einem solchen Charakter keine Vorstellung machen, und begriff seine Möglichkeit auch dann noch nicht, wenn sie an seiner Wirklichkeit nicht länger zweifeln konnte. Da sie sich seit einiger Zeit gewöhnt hatte, diesen Menschen, wegen seiner gefälligen Art sich mit ihren Kindern abzugeben, in einem viel mildern Licht als anfangs zu betrachten; so war es ihr beinahe leid, als er (einige Tage nach seinem kleinen Abenteuer mit der schönen Narissa) zu Danischmenden kam, und, unter sehr wortreichen Versicherungen seiner Dankbarkeit und Ergebenheit gegen ihn, um die Erlaubnis bat, einen Wohltäter, dem er nur zu lange lästig gewesen sei, zu erleichtern, und zu seinem Freunde Feridun zu ziehen, der ihn darum gebeten habe, weil er und sein Kamerad Alfaladdin ihm bei einer gewissen Unternehmung, die er zu großem Vorteil der Jemalitter auszuführen entschlossen sei, nützliche Dienste leisten könnten. Danischmend hatte lange nichts so Angenehmes gehört als die Nachricht, daß er so unverhofft, und ohne daß die Veranlassung von ihm selbst herkam, eines Gastes los werden sollte, der ihm mit jedem Tage unerträglicher wurde. »Nichts von Dankbarkeit, Freund Kalender«, sagte er: »Ich verlange keine von dir und habe auf keine gerechnet. Was du mir schuldig zu sein glauben könntest, ist schon lange durch das Vergnügen, das ich an deinem Umgange fand, bezahlt. Wir scheiden als gute Freunde, und bleiben nahe genug beisammen, um uns so oft zu sehen als du Lust haben wirst. Du glaubst einem andern meiner Mitbürger nützlich sein zu können; desto besser! Aber darf man fragen, was für eine unserm Volke so vorteilhafte Unternehmung es ist, welche Feridun mit dem Beistand zweier Kalender auszuführen gedenkt?« »Die Sache brauchte gerade kein Geheimnis zu sein«, sagte der Kalender mit dem ihm eigenen schelmisch lachenden Blicke: »denn im Grund ist es etwas, das die meisten Frauen in Jemal, und folglich unfehlbar auch die meisten Männer, ungeduldig wünschen. Indessen weiß ich nicht, warum Feridun gern sähe daß noch nicht davon gesprochen würde; und weil ich ihm mein Wort gegeben habe, so« – »Verlange ich nichts mehr davon von dir zu hören, Kalender«, fiel ihm Danischmend ins Wort: »also, da dir deine Zeit vermutlich kostbar sein wird, lebe wohl, und meinen Gruß an Feridun.« Ein Kalender gehört bekannter Maßen zu der Gattung von Weisen, die alles Ihrige immer mit sich führen. Der Alte hatte also sein Bündel in wenig Augenblicken geschnürt, und zog, nachdem er sich von Perisadeh und Danischmenden die Erlaubnis sie fleißig zu besuchen nochmals ausgebeten, zu großer Freude des letztern, in der nämlichen Viertelstunde ab. – »Da geht ein schlimmerer Bube von uns weg als du dir vorstellen kannst, Perisadeh«, sagte er, indem er dem Kalender nachsah: »hurtig! Liebe, laß das ganze Haus mit neuen Besen auskehren, damit es, wo möglich, auch nicht durch ein einziges Stäubchen von seinen Füßen länger verunreiniget werde.« »Aber was für eine Unternehmung kann denn das sein, wobei Feridun die Kalender gebrauchen will?« sagte Perisadeh. »Ich denke ich bin auf der Spur. Hörtest du nicht wie der Schalk sagte, es sei etwas das unsre meisten Frauen wünschen? Du kommst so wenig aus dem Hause, meine Liebe, und bekümmerst dich so wenig um alles was nicht im Kreise deiner Pflichten liegt, daß du vermutlich nicht weißt, was für einen Aufruhr die schimmernden Brokate und die feinen Spinnenweben der Bayadere, die sich der alberne Feridun zu Kischmir geholt hat, in den Köpfchen und Herzchen unsrer armen Weiblein erregt haben. Es ist ein Jammer zu sehen, mit welchen weit offnen Augen und hoch empor schlagenden Herzen sie ihr, wenn sie in ihrem Prunk dahin flattert, so weit sie können, nachschauen; und mit welchem Mitleiden mit sich selbst sie dann ihren gedemütigten Blick auf ihre eigene ländliche kunstlose Kleidung fallen lassen, die ihnen nun so armselig vorkommt, daß sie sich schämen, in einem Anzuge, dessen größte Schönheit bloß die Reinlichkeit ist, neben ihr gesehen zu werden. ›Am Ende‹, sagen sie, ›ist sie doch nur unsers gleichen, warum soll sie so viel vor uns voraus haben?‹ Kurz, meine Liebe, es gibt, wie ich fürchte, nur Eine Perisadeh in den Tälern von Jemal; denn es soll bereits eine ausgemachte Sache unter deinen betörten Mitschwestern sein, daß man schlechterdings nicht länger so ärmlich gekleidet sein könne wie bisher. Alles was unsre Alten dagegen sagen, hilft nichts: die jungen Männer (besonders die, welche die schönsten Weiber haben) sind alle auf der Seite der Frauen, und die ältern müssen nachgeben, wenn sie Ruhe haben und nicht auf alle Freuden des Lebens Verzicht tun wollen. Die große Frage ist also nur noch, wie es anzufangen sei, das gerechte Verlangen der schönen Jemalitterinnen auf eine Art zu befriedigen, die mit der Armut unsers Ländchens an Gold und Silber bestehen könne. Nun mußt du wissen, daß Feridun, der bisher immer für den reichsten Mann in Jemal gehalten wurde, eine sehr große Begierde noch reicher zu werden aus der Hauptstadt mitgebracht hat, und itzt, wie es scheint, die Torheit unsrer Leute dazu benutzen will. Er hat also mit Hülfe unsers Kalenders, der seit kurzem ungewöhnlich geschäftig ist, den Plan gemacht, in Verbindung mit etlichen andern von unsern vermögendsten Landeigentümern einen großen Handel mit den Produkten unsers Bodens nach gewissen benachbarten Provinzen anzufangen, und vermutlich dafür die Waren einzutauschen, die nun, seit jener unseligen Reise nach Kischmir, unentbehrliche Bedürfnisse für Jemal geworden sind. Dies, liebe Perisadeh, ist alles was ich, ungeachtet Feridun und sein Anhang so geheim mit ihren Anschlägen tun, bisher davon habe heraus bringen können; und leider! ist es schon mehr als zu viel, um mich zu überzeugen, daß unsre Stunde gekommen ist, und daß wir hohe Zeit haben auf unsern Abzug zu denken.« »Und wohin, lieber Mann?« sagte Perisadeh, die über diesen unvermuteten Schlußsatz nicht wenig erschrak, aber sich mit einer ihr eigenen Stärke der Seele sogleich wieder zusammen faßte. »Wohin? – Wohin, meine Liebe, das ist eine Frage, die ich mir selbst noch nicht beantworten kann. – Wir bedürfen nur eines so kleinen Plätzchens auf dem Erdboden, und gewiß es wird sich finden! Ich habe immer einen guten Genius gehabt, und nun hab ich den deinigen noch dazu.« »Und diese armen Kleinen haben gewiß auch den ihrigen«, sagte Perisadeh, indem sie mit einer großen Träne in jedem ihrer schönen Augen auf ihre Kinder zeigte. »Ganz gewiß, meine Beste!« erwiderte er, indem er eines ums andere aufhob, in seine Arme drückte und küßte. »Aber sollt es denn wirklich so weit gekommen sein, daß so gute harmlose Menschen, wie wir sind, nicht länger in Jemal leben könnten?« fing Perisadeh wieder an. »Ich habe alle Ursache es zu fürchten. Diese suratische Tänzerin ist zur unglücklichen Stunde für Jemal hierher gekommen; und der alte Kalender, dessen Herz ich einst törichter Weise für besser hielt als seinen Kopf, ist, wie gesagt, ein böser, ein sehr böser Bube! – Höre, liebes Weib, was ich dir nicht länger verbergen kann. Die Unschuld, die Einfalt, die Eintracht, das stille, unbeneidete und doch so neidenswerte Glück des Volks, unter dem du geboren bist, ist auf ewig dahin. Die Folgen der Übel, welche mit den Fakirn und Kalendern, mit dem Lingam und der Pagodentänzerin über uns kamen, sind eben so unheilbar als unübersehlich. Vielleicht wäre zu helfen gewesen, wenn ich noch, wie ehmals, die Zuneigung und das Vertrauen deines Volkes hätte. Aber auch dies ist verloren, und, wie ich nun gewiß bin, auf immer verloren! Die Tänzerin weiß um mein Geheimnis; denn sie will mich in den Tagen meiner eben so schnell verschwundenen als entstandenen Größe zu Dehly gesehen haben. Sie hat dies in der Stille durch die beiden Kalender, die sie sich gänzlich zu eigen gemacht hat, überall unter das Volk gebracht: aber die Elende begnügte sich daran nicht; sie hat auch die häßlichsten Lügen (der Himmel weiß aus welcher giftigen Quelle!) zu meinem Nachteil verbreitet; und dieser Kalender, diese Schlange die ich in meinem Busen wärmte, gibt sich mit seinem verächtlichen Ordensbruder seit mehrern Tagen alle mögliche Mühe, mich unserm einfältigen und leichtgläubigen Völkchen als einen Ehrgeizigen abzuschildern, der zu Befriedigung seiner herrschenden Leidenschaft alles zu tun fähig ist. Sie haben mich der abscheulichsten Verbrechen bezüchtiget, und aus der Geschichte meiner Erhebung und meines Falls ein schändliches Märchen gemacht, woran kein wahres Wort ist, und welchem sie dennoch Eingang bei den schwachsinnigen Jemalittern zu verschaffen gewußt haben. Ich lese die Folgen dieser giftigen Verleumdungen in allen Augen. Ich kann nichts Gutes mehr unter deinem Volke wirken, weil ich sein Zutrauen verloren habe. Noch gestern, da ich den Ältesten die Notwendigkeit vorstellte, sich den Anschlägen Feriduns und seiner Anhänger in Zeiten mit Ernst zu widersetzen, wurde ich mit der auffallendsten Kälte angehört. Ich sah nur zu deutlich, daß die Verlegenheit, wie und was sie mir antworten sollten, einzig und allein aus dem Argwohn entstehen konnte, daß ich sie vielleicht aus geheimen Absichten zu falschen Maßregeln verführen wolle: und da ich mit der größten Wärme darauf bestand, daß die heillose Narissa unverzüglich aus Jemal entfernt oder wenigstens nach unsrer Weise zu leben genötigt werden müsse; so fanden sie sich durch meine Hitze beleidigt, und sagten mir ins Gesicht, es käme mir gar nicht zu, mich in ihre öffentlichen Angelegenheiten zu mischen, und sie würden sich von mir zu keinen gewaltsamen Schritten verleiten lassen.« »Ist's möglich?« rief Perisadeh. »du, der sonst so allgemein geliebt und geehrt war, solltest durch so verächtliche Geschöpfe in so kurzer Zeit alle deine Freunde verloren haben?« »Das nicht, Perisadeh; so weit ist es noch nicht gekommen: aber das Übel nimmt alle Tage zu. Die meisten sind irre an mir gemacht, sie wissen nicht was sie denken sollen, und gehen unvermerkt, indem sie einander ihre Zweifel mitteilen, vom Zweifeln zum Glauben über. Ich habe noch Freunde; aber ihre Zahl nimmt täglich ab. Und warum, da der Aufenthalt in Jemal nun einmal allen Reiz für mich verloren hat, da er mir in der Folge ganz unerträglich werden müßte, warum, liebstes Weib, sollt ich nicht lieber so bald als möglich auf meinen Rückzug bedacht sein? – Aber ich muß dir noch etwas sagen, Perisadeh. Der Kalender Alhafi geht aller Wahrscheinlichkeit nach mit irgend einem Bubenstück um, das noch im Abgrund seines tief verdorbnen Herzens verborgen liegt. Was es ist mag der Himmel wissen! Aber die große Geschäftigkeit, womit er sich in alle die Dinge, die uns seit kurzem in Verwirrung gesetzt haben, einmischt – sein unstetes Herumtreiben – sein vertrauter Zusammenhang mit der Tänzerin – seine boshafte Bemühung, die zu meinem Nachteil ausgestreuten Verleumdungen, selbst indem er sie zu bestreiten scheint, zu verbreiten und lebendig zu erhalten – alles dies versichert mich, daß etwas noch Schlimmeres als ich ihm ehmals zutraute in seiner schwarzen Seele brütet. Was kümmert's ihn, ob unsre Weiber in gröberen oder feineren Musselin, in Seide oder Wolle gekleidet sind? Es muß etwas Wichtigeres für ihn selbst sein, was ihn so schnell aus einem bloßen Zuschauer in eine so eifrig handelnde Person verwandelt hat. Daß er sich alle Mühe gibt das Wasser trübe zu machen, sehe ich wohl; aber was er fangen will, ist mir noch ein Rätsel. Ich habe noch ein paar zuverlässige Freunde, die ihn, ohne daß er einigen Verdacht in sie setzt, auf allen Tritten und Schritten beobachten; aber ach! Perisadeh, schon der bloße Gedanke, daß ich in diesem stillen, noch vor kurzem so paradiesischen Jemal, wo ich meine Tage in seliger Verborgenheit auszuleben hoffte, meiner Sicherheit wegen zu solchen Mitteln gebracht sein soll, vergiftet die Luft die ich hier atme. Von jeher ist mir alles was einer Intrigue gleich sieht tödlich verhaßt gewesen. Hätte ich die Rolle spielen wollen, wozu dieser verwünschte Kalender mich hier nötigen würde, wenn ich ihm den Sieg streitig machen wollte, so könnte ich noch immer Itimadulet zu Dehly sein. Aber unter Menschen zu leben, vor denen ich immer auf meiner Hut sein muß, die Mich verkennen und die Ich nicht zu kennen scheinen muß , von Mißtrauen, Argwohn, falschen Freunden, heimlichen Laurern und lächelnden Verrätern umgeben zu sein, und ein schales Dasein durch immer währende Verstellung erschleichen, oder durch ewigen Krieg mit offenbaren und verborgenen Feinden erkämpfen zu müssen, ein solches Leben ist für mich die Hölle.« »Gott bewahre dich und mich vor einem solchen Leben!« rief Perisadeh: »lieber will ich meine Kinder, diesen rotbackigen Jungen auf den einen und diesen kleinen Engel mit seiner Schwester auf den andern Arm nehmen« – (und indem sie dies sagte, tat sie es auch) »und mit dir solange in der weiten Welt herumirren, bis wir einen Winkel finden, wo man uns ungestört durch uns selber glücklich sein läßt.« »Braves Weib!« rief Danischmend, indem er seine Arme um sie und seine Kinder schlang: »in diesem Zirkel ist alles Glück, was ich vom Himmel verlangte, eingeschlossen, und nun hab ich nichts mehr zu begehren, als daß er mich's in Frieden genießen lasse! – Gute Perisadeh, diese Entschlossenheit, diesen Mut traute ich dir zu; ich wußte so gewiß als ich meines Daseins mir bewußt bin, daß ich mich nicht an dir irren könne; und doch hast du in diesem Augenblick eine so selige Ruhe, einen so herzstärkenden Balsam in meine Seele gegossen, als ob es eine Möglichkeit gewesen wäre, daß ich dir zu viel zutrauen könnte.« 38. Kapitel Worin sich die Absichten und Entwürfe des alten Kalenders völlig entwickeln Danischmend hatte alle Umstände, die ihm von den Absichten und Entwürfen Feriduns und seiner Mitverschworenen bekannt worden waren, sehr richtig zusammen geknüpft; aber er tat wohl, noch mehr Böses von ihnen zu erwarten als er wissen konnte. Im Grunde waren alle diese Menschen, Feridun, Narissa, Alfaladdin, und die ganze Schar von Gänschen und Gimpeln, die sie mit der Lockpfeife einer kindischen Eitelkeit um sich her versammelt hatten, bloße Werkzeuge zu Ausführung eines geheimen Plans, dessen Fäden der schlaue alte Kalender in seiner Hand hielt. Dieser egoistische Bube hatte bei aller seiner anscheinenden Kälte eine Leidenschaft, die ihn so gänzlich beherrschte, daß sie eben darum den Namen einer Leidenschaft nur uneigentlich führen kann; denn sie war die Seele alles seines Tuns und Lassens: nämlich, einen entschiedenen Hang zum Müßiggang, zum Wohlleben und zur ungebundensten Befriedigung jedes tierischen Triebes. Auf allen seinen Wanderungen hatte er keinen Ort gefunden, wo er diesen Hang bequemer zu vergnügen hoffen konnte, als das Ländchen Jemal. Aber zwei Dinge standen hier seinen Wünschen im Wege: die Unschuld der Einwohner, und seine eigene Abhängigkeit von Danischmend; einem Manne, der, bei der größten Kultur, das Herz eines Kindes hatte, und die Unverdorbenheit der Sitten in Jemal als den Talisman anzusehen schien, auf welchem seine ganze Glückseligkeit beruhe. Kaum war er also in dem gastfreien Hause dieses guten Mannes recht erwärmt, so ging all sein Dichten und Trachten darauf, wie er diesen Talisman zerbrechen, und, indem er sich von Danischmend unabhängig machte, sich zugleich in eine Lage setzen wollte, worin er seiner vorbesagten Leidenschaft ungehemmt den Zügel lassen könnte. Dazu zeigte sich nun anfangs wenig Hoffnung: aber als ein Zufall, auf den er nicht hatte rechnen dürfen, ihm die Fakirn mit ihrem Lingam zu Hülfe schickte, nahm er es als ein Zeichen von günstiger Vorbedeutung auf, und ermangelte nicht, die Risse, die der Lingam in den Sitten der Jemalitter gemacht hatte, mit desto größerm Eifer zu erweitern, da er sich nun völlig überzeugt hatte, daß die Unschuld dieser Menschen bloß in ihrer Unwissenheit bestehe. Als Feridun auf sein Anstiften nach Kischmir ging, um sich eine neue Frau zu holen, vergaß er nicht, ihm, unter andern sehenswürdigen Dingen der Hauptstadt, mit der größten Wärme von den Reizungen der Bayaderen zu sprechen; nicht zweifelnd, daß die erste beste, die ihm in die Augen stäche, wenig Kunstgriffe nötig haben würde, einen so unerfahrnen Sohn der Natur in ihr Garn zu ziehen. Er hatte sehr gut berechnet, was eine einzige Pagodentänzerin für Unheil in Jemal anrichten könnte, und wartete mit Ungeduld auf den Erfolg, ohne eben genau voraus zu sehen, um wie viel er seinem letzten Ziele dadurch näher kommen würde. Die beste Art Entwürfe zu machen und auszuführen ist immer, auf den Fingerzeig des Zufalls Acht zu geben, nichts zu übereilen noch zu erzwingen, vieles unbestimmt zu lassen, aber mit unverwandter Aufmerksamkeit jeden neuen Umstand, der ein Mittel zu unserm Zwecke werden kann, auf der Stelle zu benutzen. Als Feridun mit Narissa und dem Kalender Alfaladdin zurück gekommen war, sah Hakim-Alhafi auf den ersten Blick, wie viel mit solchen Gehülfen auszurichten sei. Narissa war eitel, wollüstig und habsüchtig; der Sänger Alfaladdin besaß, außer seinem Talent welches in Jemal viel wert war, eine Geschmeidigkeit, die ihn zu einem trefflichen Unterhändler und Kundschafter machte; Feridun, der zu Kischmir gelernt hatte, daß er mit allem seinem jemalischen Reichtum nur ein armer Wicht sei, war bereit sein Herz mit dem Manne zu teilen, der ihm einen bequemen Weg reicher zu werden zeigte; denn er liebte Gemächlichkeit und Vergnügen wenigstens eben so sehr als Reichtum, oder vielmehr er liebte den letztern nur, weil man ihn ohne große Mühe in Vergnügen umsetzen kann. Mit solchen Gehülfen war der Kalender, wie gesagt, des Erfolgs seiner Anschläge gegen die Sitten der Jemalitter versichert; und, was für ihn selbst das wichtigste dabei war, durch eben die Mittel, wodurch er diese zerstörte, erwarb er sich in Feridun einen Freund, der nicht durch bloße Laune, wie Danischmend, sondern durch das stärkste aller Bande, den Eigennutz , mit ihm zusammen hing. Zu diesem Ende nun entwarf er nicht nur den Handlungsplan, dessen Danischmend erwähnte, sondern, um auch den größern und ärmern Teil des Volkes zufrieden zu stellen, den Plan einer Manufaktur, welche zum Behuf der letztern in Jemal angelegt werden sollte; ein Unternehmen, das sich durch einen Schein von Gemeinnützigkeit empfahl, und für die Absichten des Kalenders die fruchtbarsten Folgen versprach. Welch ein Triumph für den gefühllosen Erfinder dieser so einfachen Werkzeuge das Glück der Jemalitter zu zerstören, oder (wie Er die Sache ausdrückte) eine Herde roher ungebildeter Halbtiere durch Kultur zu Menschen zu veredeln, – welch ein Triumph, wenn er sich die schnelle Umwandlung dieses Ländchens in ihrem ganzen Umfang als sein Werk vorstellte! Und wie reichlich sah er sich im Geiste für seine Mühe, diesen Menschen so viele neue Bedürfnisse und Leidenschaften zu geben, durch den Gedanken belohnt, daß alle diese Bedürfnisse und Leidenschaften durch seine Veranstaltungen in kurzem eben so viele Mittel, die seinigen zu vergnügen, werden müßten! Aber allem diesem stand ein einziges Hindernis im Wege, welches, wofern seine schönen Entwürfe nicht zu Luftschlössern werden sollten, schlechterdings weggeschafft werden mußte; und dies war – Danischmend, der sich ihnen mit allen seinen Kräften widersetzte; Danischmend, den sein Ansehen unter diesem Volke allvermögend machte, der von den Jüngsten bis zu den Ältesten wie ein Vater, Bruder und Sohn geliebt wurde. Wie konnte er hoffen ein solches Ansehen niederzuwiegen, eine solche Liebe zu vernichten? Was für einen langen Weg, was für mühsame und gefährliche Versuche, den Einfluß dieses Mannes nach und nach zu schwächen, ersparte ihm nun der Zufall abermals als ihm Narissa durch ihre Nachrichten von Danischmends ehmaligem Stande so unerwartet ein Mittel in die Hand gab, das was er kaum in acht Jahren zu bewerkstelligen hoffen konnte, in eben so viel Tagen zu Stande zu bringen! Nun hatte die Verleumdung freien Raum und gewonnen Spiel: Danischmend verlor mit dem Zutrauen der Jemalitter, mit ihrem Glauben an die Redlichkeit und Güte seines Herzens, alle seine Gewalt über sie, alles Vermögen sich den Entwürfen des Kalenders mit Erfolg zu widersetzen, allen Schutz, den er bei ihnen gegen diejenigen gefunden haben würde, die man nun zu seinem eigenen Untergang anlegen konnte. Dieses letztere war, aus einer ganz schlichten Ursache, das Lieblingsprojekt des planvollen Kalenders. Danischmend besaß nämlich, wie wir wissen, ein ganz artiges Landeigentum, auf dessen Ankauf, Verbesserung und Verschönerung er mehr als die Hälfte der Summe, die ihm Schach-Gebal bei ihrem Abschied auszahlen ließ, verwendet hatte. Nun begnügte sich zwar der Kalender seit geraumer Zeit, den Genuß desselben mit dem edelmütigen Danischmend zu teilen, und im Notfall würde er auch wohl für sein ganze übriges Leben mit dieser Teilung zufrieden gewesen sein: aber seitdem er eine Möglichkeit sah, ohne sonderliche Mühe zum Besitz des Ganzen zu gelangen, konnte er sich eine so große Selbstverleugnung nicht länger zumuten. So wie er Danischmenden kannte, zweifelte er nicht daß ihm ein längerer Aufenthalt in Jemal bald genug unerträglich werden müßte. Aber die Auflösung der Frage, wie er es anfangen müßte um sich die Besitzungen seines ehmaligen Freundes auch wider dessen Willen zuzueignen, hatte noch manche Schwierigkeiten, und er schwankte ungewiß zwischen den verschiedenen Wegen, die sich ihm dazu anzubieten schienen, hin und her; als sein Schutzgott, der Zufall, ihn abermal aus der Verlegenheit zog, und ihm zu völliger Ausbildung eines Einfalls verhalf, der ihn am sichersten zum Ziele zu führen schien. Der geliebte Freund, welchen der Kalender Alfaladdin bei seiner Abreise von Kischmir – im Stockhause zurück gelassen hatte, war kein andrer als Sinan der Liedermacher, der dritte von den Drei Kalendern , von welchen in dieser Geschichte schon so oft die Rede war. Die Mausereien, die ihm diese Demütigung zugezogen hatten, waren nicht erheblich genug, um nicht mit funfzig Streichen auf die Fußsohlen hinlänglich belohnt zu sein. Der Kadi war so billig ihn nicht lange darauf warten zu lassen, und erließ ihm sogar, aus Achtung für seine Kalenderschaft, die Hälfte, so daß der arme Sinan mit fünfundzwanzig Fußprügeln noch leidlich genug davon kam. Zum Glücke hatte er kurz vor seiner Verhaftung von seinem Kameraden die Liebesgeschichte der schönen Narissa mit dem reichen Landmann aus Jemal erfahren, und nicht vergessen sich nach der Lage dieser Täler und dem nächsten Wege, der dahin führte, zu erkundigen. Kaum hatte er also, mit Hülfe einer mitleidigen alten Frau (um welche er sich durch Mitteilung des Rezepts zu einem wundertätigen Schönheitswasser verdient gemacht hatte), den freien Gebrauch seiner Fußsohlen wieder erhalten: so gürtete er ohne Aufschub seine Lenden, und langte nach einer beschwerlichen Wanderschaft, zu großer Freude seiner Kameraden, unvermutet in Jemal an. Da man von einem, der aus der Hauptstadt kommt, immer etwas Neues erwartet, so ermangelte Sinan nicht, seine alten und neuen Freunde mit allem was er Merkwürdiges wußte zu regulieren, und so erzählte er denn auch unter anderem: daß der Sultan von Kischmir im Begriff sei, eine Gesandtschaft mit sehr reichen Geschenken an Schach-Gebal und die Großen des Hofes zu Dehly abzuschicken, in der Absicht, die Ungnade, welche dieser Kaiser auf Anstiften einiger Mißvergnügten auf ihn geworfen, und die scharfe Untersuchung seiner Regimentsverwaltung, womit er bedrohet worden, dadurch abzuwenden. Denn der König von Kischmir war einer von den vielen kleinen Fürsten, die dem großen Monarchen von Indostan zinsbar waren; und die ihm angedrohte Untersuchung war eines von den gewöhnlichen Mitteln, diese abhängigen Satrapen auszupressen, wenn sich die Schatzkammer zu Dehly (wie unter Schach-Gebal öfters der Fall war) durch die überhäuften Staatsbedürfnisse – des Hofes in einem Zustande der Erschöpfung befand. Die Stirne des Kalenders Alhafi erheiterte sich zusehens bei dieser Erzählung seines redseligen Gesellen; denn Alhafi war ein Mann von Genie, in dessen Erfindungskraft nur ein einziger Funken zu fallen brauchte, um sie in volle Flammen zu setzen. In wenig Augenblicken stand der ganze Plan, über welchem er schon einige Tage gebrütet hatte, ausgebildet und vollendet in seinem Kopfe da. Ein in Ungnade gefallener Itimadulet, der sich verborgen in den abgelegenen Tälern von Jemal aufhielt, sich dort einen Anhang zu machen suchte, und aus seinem erklärten Haß gegen die Sultanen und Priester kein Geheimnis machte, konnte keine gleichgültige Person weder für den König von Kischmir noch für den Kaiser selbst sein. Diesem war es vermutlich angenehm, einen Mißvergnügten, der durch sein Mitwissen um die wichtigsten Geheimnisse des Hofes und des Staats gefährlich werden konnte, wieder in seiner Gewalt zu haben; jener mußte unter den gegenwärtigen Umständen eine solche Gelegenheit, seinem Oberherren seine Treue zu beweisen, mit beiden Händen ergreifen; und der Angeber konnte doch wohl auf das unbedeutende Bauergütchen, das dem Fiskus durch die Verhaftung des Besitzers anheim fiel, als eine noch sehr mäßige Belohnung seines Diensteifers, sichere Rechnung machen? Alhafi wollte die Ausführung dieses schönen Plans keinem andern als sich selbst anvertrauen: aber Alfaladdin konnte ihm dabei behülflich sein; denn eine Bayadere von seiner Bekanntschaft war die Geliebte des königlichen Mundkochs, dessen Schwester die Lieblingssklavin der Favoritin des Sultans von Kischmir war. Dem Feridun, der das Nähere von diesem Geheimnis noch nicht zu wissen brauchte, wurde begreiflich gemacht, daß diese Reise zu Ausführung ihrer Handlungsprojekte nötig sei. Alhafi versah sich mit so vielen Zeugnissen gegen Danischmend, als er zu Beglaubigung seiner Anzeige dienlich fand, und machte sich, mit seinem Gesellen und einer nachdrücklichen Empfehlung von der schönen Narissa an die Geliebte des Mundkochs, ihre Freundin, unverzüglich auf den Weg. 39. Kapitel Wie Danischmend den Plan des alten Kalenders zu Wasser macht Die Kalender waren kaum abgegangen, so erhielt Danischmend in der nächsten Nacht von dem jungen Faruk , der ihm besonders ergeben war und sich in Feriduns Hause angenehm zu machen gewußt hatte, die Warnung, sich vor einem Anschlag in Acht zu nehmen, der auf seine Person gemünzt und wahrscheinlich der Hauptgegenstand der Reise des Kalenders nach der Hauptstadt sei. Faruk, der die Bösewichter seit einiger Zeit so wenig als möglich aus den Augen verlor, hatte Gelegenheit gefunden, eine ihrer geheimen Unterredungen zu behorchen, und, wiewohl er nur einzelne Worte deutlich vernehmen konnte, so viel heraus gebracht, daß die Rede von Anstalten war, um einen Verhaftsbefehl gegen Danischmend zu Kischmir auszuwirken. »Nun ist es Zeit«, sagte Danischmend zu Perisadeh; »halte dich bis übermorgen reisefertig. Unser guter Freund der Kalender soll das Nest leer finden: aber wenn er sich selbst hinein zu setzen hofft, betrügt er sich gewaltig!« Danischmend hatte, so wie er entschlossen war Jemal zu verlassen, einen Schenkungsbrief aufgesetzt, worin er seine Wohnung mit den daran liegenden Gärten und Pflanzungen dem jungen Faruk zum Eigentum übergab, mit der Bedingung, daß sein Nachbar und Lehrmeister Kassim, und Frau Zeineb, Perisadehs Freundin – so lange sie den alten Sitten von Jemal nicht ungetreu würde – lebenslänglich die Nutznießung derselben haben sollten. In einem andern offnen Briefe schenkte er alle seine übrigen Grundstücke der Gemeine, deren Mitglied er zeither gewesen war; und den größten Teil seiner fahrenden Habe verteilte er unter einige andere, die etwas zu seinem und Perisadehs Andenken zu besitzen würdig waren. Am folgenden Morgen berief er alle seine Freunde und Nachbarn zu sich, machte ihnen seine Entschließung Jemal wieder zu verlassen und die Verfügungen, die er wegen seiner Besitztümer getroffen habe, öffentlich bekannt, stellte ihnen nochmals aufs beweglichste die Folgen jeder Abweichung von ihrer bisherigen Lebensweise vor, und warnte sie vor dem Kalender Alhafi, den er auf seine Unkosten als einen heuchlerischen, undankbaren, herrschsüchtigen, wollüstigen und für allen Unterschied zwischen Recht und Unrecht unempfindlichen Buben kennen gelernt habe, der, wofern sie ihn nicht bei Zeiten über ihre Grenze schickten, nicht ruhen würde, bis er die Unschuld, den Frieden und die glückliche Verfassung ihres kleinen Volkes zerstört hätte. Sein Entschluß überraschte diese guten Leute so sehr, daß sie eine ziemliche Weile wie angedonnert standen; allmählich erhob sich eine Stimme nach der andern, die ihn bat sie nicht zu verlassen, und ihm alles versprach was er nur von ihnen verlangen könnte. Die Bewegung der Gemüter wurde immer lauter und allgemeiner, und nahm so stark überhand, daß er nötig fand sich wegzubegeben, nachdem er sie nochmals versichert hatte, daß seine Abreise auf morgen festgesetzt sei. Die Nachricht von dieser seltsamen Entschließung Danischmends lief in wenig Stunden durch ganz Jemal. Feridun und seine Freunde freuten sich, eines Mannes los zu werden, der ihnen bei allem, was sie zu unternehmen Lust hatten, immer im Wege gestanden wäre. Manche sprachen von ihm als einem launischen und rätselhaften Menschen, an dem eben nicht viel verloren würde, und der ihnen, wenn die von ihm herum laufenden Gerüchte Grund hätten, noch manchen Verdruß hätte zuziehen können. Nicht wenige beklagten seine Entfernung, und verwünschten die Kalender und die Tänzerin, denen sie die Schuld davon beimaßen. Kurz, der Gesinnungen waren, wie es in solchen Fällen zu gehen pflegt, mancherlei; aber niemand ließ sich einfallen, seine Abreise mit Gewalt hindern zu wollen. Mit dem Anbruch des nächsten Tages war schon alles reisefertig. Danischmend und Perisadeh bestiegen jedes seinen eigenen Dromedar; an demjenigen, den die Mutter ritt, waren die drei Kinder in besonders dazu eingerichteten Körben befestigt; ihnen folgten zwei Kamele, mit zwei Mägden und eben so viel jungen Sklaven beladen, und ein drittes, das die unentbehrlichsten Geräte und einen Vorrat von Lebensmitteln trug. So zog die kleine Karawane aus, von ihren weinenden Freunden und einer Menge Volks begleitet, die aus Gutherzigkeit mitging, bis sie aus den engen Schlangenwegen des Gebirges in die Ebne kamen. Perisadeh sah, so lange sie konnte, mit großen Tränen im Auge, nach den friedlichen Wohnungen zurück, wo sie, bis auf diese wenigen letzten Tage, so glücklich gewesen war, und die sie nun auf immer verließ, ohne den Ort zu kennen wo sie wieder Ruhe finden sollte. Aber Danischmend hatte die Art, in dergleichen kritischen Augenblicken, zumal wenn sie das Werk seiner eigenen Entschließung waren, eine so fröhliche Laune zu zeigen, daß es schwer war nicht von ihr angesteckt zu werden. So bald sie also den letzten Abschied von ihren Nachbarn und Bekannten genommen hatten, klärte sich auch Perisadehs seelenvolles Gesicht nach und nach wieder auf; und das Bewußtsein der reinen Unschuld ihres Herzens, mit dem Gedanken, daß Danischmend ihr , und sie Danischmenden alles ersetzte, machte sie so wohlgemut, als ob sie nichts verloren hätten, und irgend einem großen Glück entgegen zögen. Nachdem sie sieben Tage so fortgereiset waren, langten sie am achten in einer sehr anmutigen Gegend auf der Grenze, welche die Provinzen Lahor und Dehly scheidet, bei einem Dorf an, dessen Name uns gleichgültig sein kann, aber dessen Lage eine der freundlichsten und ruhigsten war, die man sich wünschen konnte. Danischmend las es in Perisadehs angenehm gerührten Augen, daß sie wieder in Jemal versetzt zu sein glaubte. Er ließ also still halten, und sagte, indem er ihr von ihrem Laufer steigen half: »Hier, liebe Perisadeh, ist der Ort, den uns das Schicksal, wie ich hoffe, zum Ruheplatz auf unsrer Wanderschaft bestimmt hat, wo wir uns unter diesen Palmen und Platanen eine Hütte bauen, und im Genuß der Natur, unsrer Liebe und unsers Herzens so glücklich zu sein fortfahren wollen, als wir es seit dem ersten Tage unsrer Bekanntschaft waren.« In der Tat hatte er die Entscheidung seines neuen Aufenthaltes nicht auf den Zufall ankommen lassen. Er kannte diesen Ort schon lange, und hatte seinen Weg absichtlich dahin genommen. Aber er wollte erst gewiß sein, ob es auch Perisadeh da gefallen würde. Und so befand sich nun unser braver biederherziger Freund (denn einen Freund hat er sich doch hoffentlich in jedem unsrer Leser erworben) bereits in guter Sicherheit, ehe noch der schelmische Kalender mit seinem erschlichenen Verhaftsbefehl aus Kischmir zurück kam, und zu seinem großen Verdruß berichtet wurde, daß der Vogel ausgeflogen sei, und das Nest, worin er sich so warm zu setzen gedachte, schon wieder einen Herrn habe, den er so leicht nicht zu vertreiben hoffen konnte. 40. Kapitel Wie Danischmend sich in seinem neuen Aufenthalt einrichtet, und was für Gelegenheiten er bekommt, sich bei Schach-Gebal wieder in Erinnerung zu bringen Danischmend hatte von den zehen tausend Bahamd'or, womit ihn Schach-Gebal bei ihrer Trennung abgefunden, noch ungefähr viertausend übrig. Er kaufte für einen Teil dieser Summe ein kleines Bauergütchen, tauschte seine Kamele gegen etliche Kühe und Ziegen um, grub, säete und pflanzte wieder wie ehmals, und wenn er nichts anders zu tun hatte, flocht er Körbe oder lehrte seine Kinder im Koran lesen. Perisadeh, die das große Talent besaß sich leicht in alles fügen zu können, führte ihr Wirtschaftswesen hier im kleinen eben so gut und so frohen Mutes wie ehmals im größern, und in weniger als drei Jahren wurde von ihrem Aufenthalt in Jemal so selten und gleichgültig gesprochen wie von einem Traume. Die Menschen, unter welchen sie itzt lebten, waren zwar um einige Grade weiter in der Kultur als die Jemalitter, aber übrigens ein ganz gutartiges Volk. Sie bekannten sich alle (bis auf einige wenige Feueranbeter oder Parsis , die hier geduldet wurden) zum Koran; und also war schon der grüne Turban, welchen Danischmend als ein Sprößling aus der Familie des Propheten zu tragen berechtigt war, hinlänglich, ihm Achtung unter ihnen zu verschaffen: aber, auch ohne dies, was für Unholde müßten sie gewesen sein, wenn sie so harmlose, niemand überlästige und jedermann wohlwollende Wesen, wie Danischmend und seine kleine Familie war, nicht hätten lieb gewinnen sollen! Mit der Zeit fand er sogar Gelegenheit, sich einige Verdienste um sie zu machen, wovon wir, beliebter Kürze halber, nur ein paar Beispiele anführen wollen. Die Gemeine, unter welcher er lebte, war seit mehreren Jahren von einem Oberpachter der königlichen Einkünfte in der Provinz über alle Gebühr gedrückt, und unter nichtigen Vorwänden mit verschiedenen neuen Abgaben belegt worden, die ihnen, selbst bei geringen Bedürfnissen und bei der größten Freigebigkeit der Natur, das Leben sehr erschwerten. Da kein anderes Mittel, das sie versucht hatten, helfen wollte, riet ihnen Danischmend sich unmittelbar an den Kaiser selbst zu wenden, und erbot sich ihnen die Bittschrift aufzusetzen. Schach-Gebal pflegte die Bittschriften, die ihm ein dazu bestellter Minister täglich zu einer gesetzten Stunde vorlegen mußte, selten selbst anzusehen; nur wenn er gerade ungewöhnlich lange Weile hatte, geschah es auch wohl, daß er sich hinsetzte, und sie, mehr oder minder flüchtig, durchblätterte. Glücklicher Weise war es an einem der langweiligsten Morgen seines Lebens, daß ihm die Bittschrift der besagten Gemeine vor die Augen kam. Die Schönheit der Handschrift, die er zu kennen meinte, fiel ihm auf; er fing an zu lesen, und glaubte die Regierungsmaximen und die ganze Vorstellungsart darin zu erkennen, womit ihm Danischmend ehmals, als er ihm sein langes Märchen von den Königen in Scheschian vorerzählte, so manche Kurzweil gemacht hatte. »Sonderbar!« murmelte der Sultan, indem er die ganze Schrift von Anfang bis zu Ende mit einem Interesse durchlas, das vermutlich bloß aus dieser Erinnerung entsprang; und ohne sich einen Augenblick zu bedenken, schrieb er eigenhändig darunter daß die Bitte gewährt sei, und befahl dem Minister, die Ausfertigung auf der Stelle zu besorgen, und sich zugleich zu erkundigen, wer die Bittschrift aufgesetzt habe. Die Gemeine erhielt die königliche Befreiungsurkunde noch eher, als sie gehofft hatte daß ihr Gesuch zu Dehly angelangt sei, und betrachtete von diesem Augenblick an unsern Mann als einen Wundertäter, der einen besondern Talisman haben müsse die Herzen der Könige zu lenken: aber von seinem Namen und Stande konnten sie keinen andern Bericht erstatten, als, es sei ein Fremder, der vor ungefähr vier Jahren mit einem jungen Weibe und drei Kindern seine Wohnung bei ihnen aufgeschlagen habe, seiner guten Gemütsart und Sitten wegen allgemein beliebt sei , und sich Hassan-Beg nenne. Denn diesen Namen hatte Danischmend seit seiner Entfernung aus Jemal angenommen, um in einem Lande, wo sein eigener ziemlich allgemein bekannt war, desto eher unentdeckt zu bleiben. Einige Jahre darauf ereignete sich ein anderer Fall, der ihn dem Sultan abermals wieder ins Gedächtnis brachte. Zwei sehr junge Gebern aus seinem Dorfe, Bruder und Schwester, die nach ihrer Eltern Tode auf einem kleinen Gütchen beisammen lebten und ihre Wirtschaft fortsetzten so gut sie konnten, hatten einander von Kindheit an innigst geliebt; die Gewohnheit, immer beisammen zu sein, einerlei Interesse und Wünsche zu haben, und Freude und Leid mit einander gleich zu teilen, war ihnen zur andern Natur geworden, und sie konnten sich ganz und gar keinen Begriff davon machen, wie sie ohne einander leben könnten. Da nun ihre Religion die Ehe zwischen Bruder und Schwester nicht nur erlaubt, sondern sogar für besonders heilig erklärt; so glaubten sie nicht besser tun zu können, als wenn sie sich von einem ihrer Priester vermählen ließen. Jedermann im Dorfe war den Kindern gut, und hatte sein Wohlgefallen an ihrer Liebe und an ihrer kleinen Wirtschaft; denn ihre Sitten waren so rein wie das heilige Feuer, worin sie das Symbol der Urquelle des Lebens und der Liebe verehrten. Der einzige Mollah des Ortes, der zugleich Imam und Kadi war, eiferte greulich gegen diese blutschänderische Liebe (wie er sie nach der Lehre des Korans zu nennen berechtigt war) und gegen das schreckliche Ärgernis, das den Gläubigen dadurch gegeben werde. Er ließ die armen Kinder alle Arten von Verfolgungen erfahren, und bestand darauf, daß sie sich entweder auf ewig trennen, oder aus der ganzen Provinz verbannt werden müßten; in welchem Falle ihr Erbgut, zur Strafe ihres frevelhaften Ungehorsams, dem Fiskus anheim fallen würde. Alle Leute sagten einander ins Ohr, der Mollah würde es wohl nicht so scharf mit den armen Gebern nehmen, wenn ihr kleines Gut nicht wäre, das an seinem großen lag, und ihm so wohl anstand, daß er ihnen schon lange zugesetzt hatte, es ihm um die Hälfte des Wertes abzutreten. Jedermann hatte Mitleiden mit den unglücklichen Geschwistern; aber der Mollah war ein reicher und gewalttätiger Mann, und niemand wagte es, sich ihrer gegen ihn anzunehmen. »So will ich's tun«, sagte Danischmend zu Perisadeh, da sie mit einander von diesem Handel sprachen; und stehendes Fußes ging er zu den Kindern, und versprach ihnen ihre Sache zu der seinigen zu machen. Die Liebenden fielen ihm mit Tränen des Danks zu Füßen, und sahen ihn als einen Engel an, den Ormuzd zu ihrer Rettung gesandt habe; denn da sie genötigt waren zwischen zwei Übeln zu wählen, hatten sie sich, in dem nämlichen Augenblicke da er in ihre Hütte trat, entschlossen, ihr väterliches Erbgut dem Mollah Preis zu geben, und Arm in Arm mit einander ins Elend zu wandern. »Nein, beim großen Gott des Himmels und der Erde!« rief Danischmend, »das sollt ihr nicht, oder es müßte keine Gerechtigkeit noch Menschlichkeit mehr im Lande sein. Stellt eure Sache in meine Hände, und zieht indessen, bis sie entschieden ist, zu mir , wo ihr vor Gewalt und Nachstellungen sicher seid.« Er führte sie auch, nachdem er ihnen ihr Gütchen zum Schein abgekauft hatte, auf der Stelle in seine Wohnung, wo sie von Perisadeh wie ihre eigenen Kinder aufgenommen wurden. Hierauf begab er sich zum Mollah, um ihm zu erklären, daß er die Sache der jungen Gebern führen würde; und, nachdem er alle seine Beredsamkeit vergebens verschwendet hatte den unbiegsamen Mann auf billige Gedanken zu bringen, betrieb er den Prozeß mit größtem Eifer von einer Instanz zur andern, bis er endlich vor den Divan des Sultans zur letzten Entscheidung kam. Danischmend wandte sich, um des Erfolgs desto gewisser zu sein, unter dem Namen Hassan-Beg abermal an den Sultan selbst. Nachdem er Seiner Hoheit eine rührende Schilderung von der Unschuld und Liebe der jungen Leute gemacht hatte, behauptete er, daß es die grausamste Verletzung der Menschheitsrechte sein würde, diesen Handel nach einem andern als nach dem Gesetze der Gebern zu entscheiden, welches hierin zwar dem Koran, aber nicht dem Gesetze der Natur widerspreche; denn dieses kenne keinen Grund, warum die Ehe zwischen Geschwistern an sich selbst unzulässig sein sollte. Er gestand zwar die Gültigkeit der besondern Ursachen, wodurch andere Gesetzgeber sich bewogen gefunden hätten diese Art von Ehe durch ihre Gesetze zu verbieten: er bewies aber, daß sie auf die Gebern nicht anwendbar wären. Da nun diese seit undenklichen Zeiten in den Staaten Seiner Hoheit geduldet würden, und als gute Untertanen ein Recht an seinen Schutz hätten: so glaubte er, sich an dem Herzen eines Monarchen, der durch seine Gerechtigkeit dem ganzen Orient noch ehrwürdiger sei als durch die Furchtbarkeit seiner Macht, gröblich zu versündigen, wenn er nicht der gewissen Hoffnung lebte, daß seine Klienten unter den schirmenden Flügeln dieser weltbekannten Gerechtigkeit gegen die Bedrückungen eines unverständigen und nach ihrem kleinen Erbgut lüsternen Mollahs um so gewisser Sicherheit finden würden, da dieser ihr Widersacher, wie man zuverlässig wisse, einen Weg gefunden habe, denjenigen, der diese Sache Seiner Hoheit im Divan vortragen würde, auf seine Seite zu bringen. Schach-Gebal befand sich, als ihm diese Bittschrift übergeben wurde, eben bei der Sultanin Nurmahal, in deren Zimmer er mechanischer Weise gewohnt war einen Teil des Morgens zuzubringen, ungeachtet sie seit einiger Zeit das Unglück hatte, Seine Hoheit nie anders als in einer Laune bei sich zu sehen, die es ihr schlechterdings unmöglich machte, etwas zu sagen oder zu tun, das ihm Kurzweile gemacht hätte. Da ihm in einer solchen Stimmung jede andere Unterhaltung willkommen war, so erbrach er die Bittschrift, setzte sich der schönen Nurmahal gegen über, und fing an zu lesen. »Aha«, rief er aus, »da haben wir ja unsern Hassan-Beg wieder! Laß doch sehen, was er vorzubringen hat! In der Tat, ein seltsamer Fall!« sagte der Sultan, da er mit dem Vorlesen fertig war: »und was für ein herzrührendes Märchen dieser Hassan-Beg daraus gemacht hat! Finden Sie es nicht auch, Nurmahal?« »Es ist sehr passioniert geschrieben«, sagte Nurmahal. »Passioniert nennen Sie das, Sultanin? Ich wette meine beste Provinz, in ganz Indostan lebt kein andrer Mensch als Danischmend und dieser Hassan-Beg hier, der für ein paar arme Gebern, die ihn nichts angehen und um derentwillen er sich vielleicht den tödlichen Haß aller Mollahs in der Welt aufhalset, sich so zu passionieren fähig wäre. Aber vielleicht sind diese beiden, wenn's zur Nachfrage kommt, nur Eine Person. Ich habe große Lust den Hassan-Beg auf der Stelle kommen zu lassen.« »Vielleicht ist es einer von Danischmends Schülern«, sagte Nurmahal. »Ich wollte wetten er ist es selbst«, erwiderte der Sultan: »und ich bin sehr versucht, ihm seine Bitte abzuschlagen, bloß um ihm die Einbildung zu benehmen, daß er mit seinen schönen Sentenzen und mit seinen Schmeicheleien alles von mir erhalten könne was er wolle.« »Eine Ehe zwischen leiblichen Geschwistern ist freilich etwas sehr Anstößiges«, sagte Nurmahal. »Sie vergessen daß es Gebern sind, Sultanin! – Die armen Kinder dauern mich, und der Mollah ist ein Schurke, das ist klar!« Mit diesem Worte nahm Schach-Gebal eine Feder, Eine Feder? – Das ist ein gewaltiger Verstoß des Erzählers, wer er auch sei. Ich bin gewiß, daß es ein Griffel, wofern er auf Palmblätter, oder, wenn er auf sinesisches Papier schrieb, ein Pinsel war. Murrzufflus und schrieb unter die Bittschrift: »Ich nehme die beiden Gebern in meinen Schutz; niemand soll sie hindern nach dem Gesetz ihrer Religion zu leben. Der Mollah soll sogleich in eine andere Provinz versetzt und an seine Stelle von der Gemeine, mit Hassan-Begs Beistimmung, ein anderes verträglicheres Subjekt erwählt werden.« So bald er das letzte Wort geschrieben hatte, ließ er seinen ersten Wesir herein rufen. »Itimadulet«, sagte er zu ihm, »nimm dies; laß es sogleich in der gehörigen Form unter meinem großen Siegel ausfertigen, schick es binnen vierundzwanzig Stunden durch einen Eilboten an Hassan-Beg, dessen Aufenthalt du aus den Akten ersehen wirst, und vergiß nicht, daß du mir mit deinem Kopfe für die unverzügliche Ausführung meines Auftrags stehst! Die armen Seelen!« murmelte Schach-Gebal zwischen seinem Barte, so bald der Wesir sich entfernt hatte: »denen wäre nun geholfen! – Und mir selbst – wiewohl ich sonst alles kann – Guten Morgen, Sultanin! – Von einer solchen Heldentat muß man ausruhen«, setzte er lachend hinzu, und begab sich eilends weg, um den Phantasien, die ihm durch den Kopf liefen, und an denen sein Herz mehr Anteil hatte als seiner Ruhe zuträglich war, in einem einsamen Spaziergange seiner Gärten nachzuhängen. Diese zwei Begebenheiten, die durch Danischmends Verwendung einen so unerwartet glücklichen Ausgang nahmen, trugen nicht wenig bei, das Ansehen, worin er bei den guten Landleuten, seinen Gemeindsgenossen, stand, zu befestigen. Sein Aufenthalt unter ihnen wurde ihm immer angenehmer, seine Familie vermehrte sich, sein Gütchen war nach und nach durch Verbesserungen und Ankauf neuer Grundstücke eine ansehnliche Besitzung geworden, und die Zukunft zeigte ihm nichts als fröhliche Aussichten. Aber sein Schicksal hatte es anders verhängt, und er mußte durch eine neue Prüfung gehen, von welcher ihm nichts geahndet hatte, und die alle vorigen an Härte übertraf. Ziemlich bald nach der guten Tat, welche Schach-Gebal zu Gunsten der liebenden Geschwister ausgeübt hatte, verfiel dieser Monarch in eine Art von Schwermut, deren Ursache niemand erraten konnte, und die seine Gemütsart nach und nach so sehr versäuerte, daß kein Auskommen mit ihm war. Es fiel nur zu deutlich in die Augen, daß er sich selbst zu unglücklich fühlte, um der geringsten Nachsicht oder Schonung gegen andere fähig zu sein. In dieser gefährlichen Gemütsverfassung glaubte er, die Ehre seiner Krone (für welche er immer, wie wir wissen, ein übermäßig zartes Gefühl gehabt hatte) erfordere es schlechterdings, eine geringe Beleidigung, die er von einem gewissen Sultan von Tibet empfangen zu haben vermeinte, durch einen blutigen Krieg zu rächen, der sich zwar mit einem einzigen Feldzug endigte, aber dafür in diesem Einen mehr Unheil anrichtete, als in zehen Jahren des Friedens wieder vergütet werden konnte. Vorzüglich wurde die Provinz Lahor, an deren Grenze Danischmend wohnte, von Freund und Feind zugleich übel mitgenommen, und wie in die Wette geplündert und verwüstet. Der arme Philosoph hielt den ersten Sturm von Schach-Gebals eigenen Truppen mit aller Geduld und Gleichmütigkeit aus, die er, von Perisadehs Mut und Seelenstärke unterstützt, zusammen zu bringen fähig war: aber auf die Nachricht von dem barbarischen Verfahren der Feinde, von welchen einzelne streifende Parteien schon in benachbarte Orte eingedrungen waren – wie sie alles mit Feuer und Schwert verheerten, Weiber und Jungfrauen mißhandelten, und was sie am Leben ließen als Sklaven mit sich schleppten, und dergleichen –, fand er für besser, sich und die Seinigen durch eine schleunige Flucht zu retten, als ihr Schicksal auf die Menschlichkeit solcher Unmenschen ankommen zu lassen. Und so befand sich denn der gute Danischmend abermals so unerwartet als zuvor, in dem traurigen Fall, einen ruhigen Aufenthalt und ein wohl eingerichtetes Hauswesen mit dem Rücken anzusehen, und mit allem, was ihm lieber war als sein eignes Leben, in der weiten Welt eine neue, vielleicht eben so unsichere Freistätte zu suchen. 41. Kapitel Danischmend zieht in die Nähe von Dehly und ernährt sich und die Seinigen mit Korbmachen Danischmend hatte, als es ihm in seinem neuen Aufenthalt zu gefallen anfing, und er sein Leben hier zu beschließen gedachte, nach und nach den größten Teil seines aus Jemal mitgebrachten Goldes auf Verbesserung und Erweiterung seines Landgutes verwandt, und was er bei seiner Flucht noch übrig hatte, machte ihn nur wenig schwerer, als wenn er ganz leer abgezogen wäre; auch war die Gefahr so dringend, daß sie von ihrem Geräte nur das notdürftigste mitzunehmen Zeit hatten. Eine so jämmerliche Lage würde beim Anblick eines geliebten Weibes und eines Häufchens von holden Kindern, wovon das älteste kaum zwölf Jahre alt war, seinen Mut vielleicht gebrochen haben, wenn ihn nicht Perisadehs Standhaftigkeit und sich selbst immer gleiche Seelenruhe mächtig empor gehalten hätte. Denn so bald dieses vortreffliche Weib nur für die Bedürfnisse ihrer Kinder, so gut es in der Eile möglich war, gesorgt hatte, zeigte sie ihrem Manne, der seinen Kummer schweigend in sich hinein zu schlingen suchte, eine so heitere Stirne, ein so liebevolles Auge, eine so ungezwungne Herzhaftigkeit, daß ihm, wie er diesen Engel von einem Weibe mit Beschämung und Entzücken an seinen Busen drückte, nicht anders zu Mute war, als ob er von einer unsichtbaren Macht wieder auf die Füße gestellt würde; und nun fühlte er sich durch ihre vereinte Kraft stark genug, jedem noch härtern Schicksale, das ihm bevorstehen könnte, die Stirne zu bieten. »Wir sind gesund und frisch«, sagte Perisadeh zu ihm, »wir können arbeiten, und unsre zwei Ältesten sind schon so weit, daß sie uns an die Hand gehen können. An dem wenigen, was die Natur bedarf, kann es uns nie gebrechen; es wird uns desto besser gedeihen, wenn es bloß die Frucht unsrer täglichen Arbeit ist; und durch ein fröhliches Herz und unsre Liebe werden wir reicher sein als irgend ein Omra in ganz Indostan.« »Weißt du was mir in den Sinn kommt, Perisadeh?« sprach Danischmend: »gewiß war es mein guter Genius, der mir den Gedanken eingab, das Korbmachen von dem alten Kassim zu lernen. Ich kann mich, ohne Ruhm zu melden, für einen Meister in dieser Kunst ausgeben, und wenn wir einen Aufenthalt wählen, wo es mir nie an Absatz fehlt, so denk ich dadurch allein uns alle reichlich zu ernähren.« »Was meinst du, wenn wir uns nahe an der Hauptstadt niederließen?« sagte Perisadeh. »Ich sehe kein Bedenken dabei, in so fern es nicht gar zu nahe ist. In dreizehn Jahren, seit ich von Dehly weg bin, hab ich mich doch wohl genug verändert, um im Kostum eines Korbmachers den wenigen, die mich nicht täglich sahen, unkenntlich geworden zu sein. Auch bin ich gewiß, daß man mich längst vergessen hat; und wem könnte daran gelegen sein, mich noch tiefer herab bringen zu wollen als ich schon bin?« »Es ist gut für uns«, versetzte sie, »daß gerade das einzige, worein wir unser Glück setzen, weil es nicht in die Augen fällt, von niemand beneidet wird.« »Ja wohl, Perisadeh: auch wollen wir es so geheim halten als möglich; denn ich stehe dir nicht dafür, daß sie uns nicht auch um dieses bringen würden, wenn sie es ausfindig gemacht hätten.« »Ich mag mir die Menschen nicht so schlimm einbilden, lieber Danischmend.« »Du hast recht, und bist immer weiser als ich. Wir haben noch immer gutartige Menschen angetroffen, und wer keine solche antrifft, ist meistens selbst schuld daran.« Indem Danischmend Perisadehs Vorschlag bei sich überlegte, erinnerte er sich eines artigen Dörfchens, das ungefähr eine Stunde von Dehly am Rücken eines Waldes lag, worin der Sultan zuweilen zu jagen pflegte. Alles zusammen genommen, deuchte ihm dieser Ort zu seiner neuen Lebensart am gelegensten, und so steuerte er seinen Lauf gerade dahin. So bald sie angelangt waren, kaufte er am Ende des Dörfchens eine Hütte, die sich eben ohne Bewohner fand, richtete sie für die Bedürfnisse seiner Familie so bequem ein als er konnte, schaffte sich sodann die Materialien an, die er zu seiner Handarbeit nötig hatte, und fing nun an mit unverdroßnem Fleiß allerlei Arten von großen und kleinen Körben für allerlei Gebrauch zu verfertigen, die ihrer Zierlichkeit und Dauerhaftigkeit wegen in kurzem so guten Abgang fanden, daß er und seine ältesten Knaben, die ihm dabei an die Hand gingen, dem Kaufmann, der sie ihnen im großen abnahm, nicht genug Ware liefern konnten. Denn Perisadeh und ihre Töchter hatten mit Spinnen und Weben und Besorgung der Wirtschaft vollauf zu tun. Nach einiger Zeit wurde Danischmend der gröbern Arbeit überdrüssig, und fing an sich bloß mit Verfertigung einer zierlichem Art von Körbchen für das Serail des Kaisers und für die Harems der Großen und Reichen zu Dehly abzugeben. Er verfertigte deren eine große Menge von so schönen Formen und so geschmackvoll verziert, wie man in Dehly noch keine gesehen hatte. In kurzer Zeit wurde Hassan der Körbchenmacher so berühmt, daß die Damen, die das Glück hatten im Besitz eines seiner Kunstwerke zu sein, von denen, die noch nicht dazu hatten gelangen können, beneidet wurden. Unter andern Besonderheiten, wodurch sich Hassans Körbchen von andern auszeichneten, war eine Art von Kranz aus arabischen Buchstaben, womit er jedes derselben in der Mitte zu umwinden pflegte. Die Damen machten sich viel zu tun, den geheimen Sinn dieser Buchstaben zu erraten; aber keine konnte damit zu Rande kommen. Es lag bloß daran, daß die Auflösung des Rätsels gar zu leicht war; denn man brauchte nur immer zwischen drei Buchstaben den mittelsten in Gedanken herunter zu schieben, so las man ohne Schwierigkeit die Namen Danischmend und Perisadeh . Zufälliger Weise begab es sich einst, daß Schach-Gebal verschiedene dieser Körbchen in Nurmahals Zimmer antraf, deren Schönheit seine Augen auf sich zog. Er nahm eines nach dem andern, betrachtete sie von allen Seiten, und wurde neugierig zu wissen, was der Buchstabenkranz bedeute, womit er sie alle in gleicher Ordnung der Buchstaben umwunden fand. »Vermutlich ist es ein Spruch aus dem Koran«, sagte Nurmahal: »ich habe noch nicht darauf Acht gegeben.« »Das merke ich«, versetzte der Sultan: und da er weder vor- noch rückwärts einen Sinn heraus bringen konnte, so kam er endlich auf den Einfall, immer zwischen drei Buchstaben den mittelsten wegzulassen, und auf einmal hatte er den Namen ›Danischmend‹. »Gefunden!« rief er, und hielt plötzlich wieder ein. »Darf man fragen was?« sagte die Sultanin. »Was ich suchte, und was für niemand als mich von einigem Werte sein kann«, antwortete Schach-Gebal indem er sich wegbegab. Und nun fragte er so lange nach, bis er endlich den Namen und Aufenthalt des Körbchenmachers auskundschaftete, der, wie man ihm sagte, erst seit einem Jahre mit einer zahlreichen Familie in dieser Gegend angekommen sei. Der Kaufmann, der mit dieser Ware handelte, setzte hinzu: »Es würde schwer sein, noch eine solche Korbmacherfamilie in der Welt aufzufinden wie diese. Der Mann will, wie es scheint, nicht bekannt werden lassen wer er ist; aber beim Barte des Propheten, er sieht keinem gemeinen Manne gleich!« »Toll genug«, dachte der Sultan, »wenn ich meinen alten Philosophen, Itimadulet und Einschläferer in Gestalt eines Körbchenmachers wieder fände!« 42. Kapitel Schach-Gebal stattet dem Körbchenmacher einen Besuch ab Schach-Gebal war einer von den Sterblichen, denen nichts unerträglicher ist, als in irgend einer Sache zwischen Ja und Nein in der Mitte zu schweben. Überdies hatte er noch eine besondere Ursache, warum er seinen Vorsatz, selbst zu untersuchen was es mit dem Körbchenmacher für eine Bewandtnis habe, so bald als möglich auszuführen beschloß. Er schlich sich also am Abend des folgenden Tages, in einen persischen Kaufmann verkleidet, mit einem einzigen vertrauten Kämmerling aus seinem Palast, und kam eine Stunde nach Sonnenuntergang, als ein ermüdeter Wanderer, vor Danischmends bäurischer Wohnung an. Der Körbchenmacher saß mit seinem Weibe auf einer Bank vor der Hütte, und ihre Kleinen spielten um sie her. Perisadeh zog ihren Schleier herab, so bald sie den Fremden näher kommen sah. »Darf ein müder Wanderer«, sagte der verkappte Kaufmann, indem er seine Stimme möglichst veränderte, »um die Erlaubnis bitten bei euch auszuruhen?« »Von Herzen gern, Bruder«, sagte Danischmend, »wenn dich diese Hütte nicht abschreckt, die nicht ärmlicher aussieht als sie ist.« »Ich verlange kein Nachtlager: ein wenig Brot und – Milch« (er war im Begriff Sorbet zu sagen) »und die Erlaubnis mich hier neben euch zu setzen, ist alles warum ich bitte.« Perisadeh stand auf, und kam in wenig Augenblicken mit dem Verlangten zurück; ein schönes Mädchen von zehn Jahren, die eine Kopie ihrer Mutter nach verjüngtem Maßstabe schien, brachte einige auserlesene Früchte der Jahrszeit, mit Blumen untermengt, in einem niedlichen Körbchen. Der Kaufmann betrachtete den Korbmacher mit durchdringenden Blicken. – »Wundre dich nicht, Bruder«, sprach er zu ihm, »daß ich dich so scharf ins Auge nehme; denn es ist wirklich zum Erstaunen, wie sehr du einem Wesir gleich siehest, den ich vor vierzehn Jahren zu Dehly kannte.« »Man sieht öfters dergleichen Ähnlichkeiten, die sich meistens wieder verlieren, wenn man die Personen neben einander sieht«, erwiderte Danischmend, der dem Sultan sein Kompliment sogleich hätte zurück geben können, wenn er sich nicht ein Bedenken gemacht hätte, ihm seinen Spaß zu verderben; denn er hatte ihn in der ersten Minute erkannt. »Bei allem dem, Bruder«, sagte der Kaufmann, indem er eines von den Kindern liebkosend auf seinem Knie wiegte, »wollt ich schwören, daß du der erste Körbchenmacher in deiner Art bist, und ich gäbe alles Geld, das ich in Dehly einzutreiben hoffe, darum, zu wissen wie ein Mann wie du zu einer solchen Profession gekommen ist.« »Dies, ehrwürdiger Fremdling, will ich dir sagen, ohne daß es dir einen Ray Eine ostindische Münze, deren ungefähr fünfundzwanzig auf einen guten Groschen gehen. F. Yves kosten soll. Ich lebte vor einigen Jahren in einem Tale des Gebirges Jemal, unter einem noch sehr rohen, aber gutartigen unverdorbenen Völkchen; und weil ich damals wenig zu tun und in der Tat noch nie etwas zu tun gelernt hatte, schämte ich mich, der einzige Müßiggänger unter lauter beschäftigten Leuten zu sein, und lernte von meinem Nachbar Kassim Körbe machen. Vielleicht ahndete mir, daß eine Zeit kommen würde, wo mir dieses einfältige Handwerk nützlicher wäre als alle brotlosen Künste, die ich wohl ehedem getrieben hatte.« »Darf man fragen, was für ein Zufall dich in die Täler von Jemal verschlug, die kaum dem Namen nach bekannt sind?« »Unter uns gesagt«, antwortete Danischmend, indem er dem angeblichen Kaufmanne mit einem zutraulichen Blick in die Augen sah: »ich diente einst einem sehr großen und reichen Herren, der, bei einer Menge löblicher Eigenschaften, den einzigen Fehler hatte, daß er sich seinen Launen zu viel überließ, und dadurch gewissen Leuten, die er kannte und verachtete, eine Gewalt über sich gab, von welcher sie nicht immer den bescheidensten Gebrauch machten. Ich weiß nicht was mein Herr in meinem Gesichte fand, das ihm Vertrauen zu mir einflößte; genug er machte mich wider meinen Willen zu seinem Intendanten: und da ich es nun einmal sein mußte, so wollt ich auch meine Schuldigkeit tun, und das Haus von allem dem losen Gesindel reinigen, das den Herren bestahl; besonders von einem gewissen Mollah, der sich, ich weiß nicht wie, bei der Frau im Hause wichtig gemacht hatte, und einen langen Schweif von heuchlerischen Taugenichtsen und Bettlern nach sich schleppte, die unsern guten Herren ohne Scham und Scheu ausplünderten, und Leuten, die mehr wert waren als sie, das Brot vor dem Munde wegnahmen. Das gefiel nun anfangs meinem Herren wohl. Aber es währte nicht lange, so hatte sich das ganze Haus gegen mich zusammen verschworen; und weil meine Feinde die Launen des Herren abpaßten, so machten sie ihm weis, ich sei ein Grillenfänger, der sich mit keinem Menschen vertragen könne, und er würde, wenn er mich beibehielte, um alle die getreuen Diener kommen, von denen er sich mit sehenden Augen betrügen ließ. Um also, wie er sagte, Ruhe in seinem Hause zu haben, schickte er mich fort; aber weil er ein guter und großmütiger Herr war, gab er mir weit mehr als ich nötig hatte, um in dem armen Ländchen, wo ich meinen Wohnsitz aufschlug, angenehm und unabhängig zu leben.« »Und wie kam es, Bruder, daß du nicht noch dort bist?« » Diese Geschichte wäre zu weitläufig«, erwiderte Danischmend: »aber einem so verständigen Manne, wie du, kann ich die Sache mit zwei Worten begreiflich machen. Drei Fakirn und ein Kalender, die ein böser Wind zu uns führte, richteten binnen Jahr und Tag einen solchen Spuk unter dem guten einfältigen Völkchen an, daß ich's nicht länger mit ansehen konnte: ich tat mein möglichstes; aber die Partie war zu ungleich, und ich mußte meinen Gegnern abermals das Feld überlassen. Ich schlug also meine Hütte an einem andern Ort auf, wo ich mehrere Jahre mit den Meinigen glücklich lebte, und vor Fakirn und Kalendern ziemlich sicher war. Aber unversehens kam Krieg ins Land; unsre eigenen Soldaten plünderten uns aus, und der Feind zündete uns die Häuser über dem Kopf an. Um nicht noch was Ärgeres zu erfahren, mußten wir uns mit der Flucht retten; und so kam ich endlich hierher, wo ich mit meiner Familie von der Kunst lebe, die ich von dem ehrlichen Kassim in Jemal lernte. Sie verschafft uns zwar keinen großen Überfluß; indessen zweifle ich doch, ob Schach-Gebal in dem ganzen Umfange seines unermeßlichen Reichs zufriednere, frohere und bessere Untertanen hat als uns.« Während Danischmend dies sagte, drehte der Sultan den kleinen Korb, worin ihm das Mädchen die Früchte angeboten hatte, in der Hand herum, und schien der Bedeutung der Buchstaben nachzusinnen. – »Sonderbar!« rief er endlich aus: »da find ich ja auf einmal einen alten Bekannten! Wie mag der Name Danischmend auf diesen Korb gekommen sein?« »Du kennst ihn also, Herr?« »So hieß der Wesir, dem ich dich so ähnlich fand.« »Wenn dies ist«, sagte Danischmend, indem er sich dem Sultan zu Füßen warf, »so darf auch ich gestehen, daß diese Verkleidung mir den Sultan, meinen großmütigen Herrn, keinen Augenblick verbergen konnte.« »Danischmend«, sagte der Sultan, indem er ihn aufhob und umarmte, »der Himmel soll uns nicht vergebens so sonderbar wieder zusammen gebracht haben. Laß uns Freunde sein, und folge mir, ich bitte dich, noch in dieser Nacht nach Dehly.« »Mein gnädigster Herr«, erwiderte Danischmend, »alles was Treue und Dankbarkeit einem Untertanen gegen den besten Fürsten zur Pflicht macht« – »Laß dies, Danischmend!« unterbrach ihn der Sultan: »Oder wolltest du auch einer von denen sein, die, um sich an uns andern wegen eines Vorrechts, woran wir unschuldig sind, zu rächen , so unbarmherzig behaupten, daß wir keine Freunde haben können? « »Wer dies behauptet«, erwiderte Danischmend, »setzt ohne Zweifel voraus, daß eigentliche Freundschaft nur unter Gleichen möglich sei. Aber von mir würde es unartig sein, mit dem Sultan meinem gnädigsten Gebieter um ein Wort zu streiten. Nur bitte ich ihre Hoheit, auf Ihrer Seite zu glauben, daß die unbegrenzte Treue, zu welcher ich, wiewohl sie meine Pflicht ist, mich hiermit auch freiwillig verbindlich mache, kein leeres Wort ist. Was ich dabei fühle und denke, ist vielleicht noch mehr, als das Wort Freundschaft, selbst in seiner engsten Bedeutung, bezeichnet.« »Alles, was ich dir itzt sagen kann, lieber Danischmend, ist mit drei Worten: ich fühle das Bedürfnis einen Freund zu haben mehr als jemals; aber ich fühle auch, daß, wer einen Freund verlangt, selbst ein Freund zu sein wissen muß. – Du folgst mir also, Danischmend?« »Sire«, versetzte dieser; indem er sich ihm abermals zu Füßen warf, »fordern Sie alles von mir, nur dies einzige ausgenommen. Lassen Sie mich wo ich bin, und erlauben Sie mir zu bleiben was ich bin. Ich tauge an keinen andern Ort, und zu keinem andern Geschäfte. Aber, auch ohne Rücksicht auf mich selbst, muß ich um die Gewährung dieser einzigen Ausnahme bitten: denn sie ist die einzige Bedingung, unter welcher das Verhältnis möglich ist, das Ihre Hoheit Sich mit einem Manne geben wollen, der als ein geborner Indostaner Ihr Sklav ist, und von dem Augenblick an, da Sie ihn für Ihren Freund erklären, so frei sein muß als ob er selbst Sultan von Indien wäre.« Schach-Gebal war kein Freund von solchen Subtilitäten , wie er's nannte, und wobei er sich in der Tat nichts sehr Deutliches denken konnte. Aber er fühlte doch, daß er sich selbst widersprechen würde, wenn er auf seiner Forderung bestehen wollte. »Mein Freund Danischmend muß seine eigene Weise haben«, sagte er lächelnd, indem er ihm die Hand schüttelte: »er ist noch immer der Alte, wie ich sehe. Aber genug für heute! Ich bin zufrieden daß ich dich wieder habe. Lebe wohl bis wir uns wieder sehen!« 43. Kapitel Noch ein ehvertrauliches Gespräch zwischen Danischmend und Perisadeh Als sich der Sultan entfernt hatte, ließ der arme Danischmend den Kopf auf die Brust sinken, und verlor sich in seinen Gedanken, ohne einen Laut von sich zu geben. »Das war also der große Sultan von Indien, dessen Itimadulet du einst warst?« sagte Perisadeh. »Er scheint mit allem dem ein guter Mann zu sein.« »O gewiß, ein so guter Mann als ein Sultan sein kann. Auch lieb ich ihn von Herzen; nur, da ich ihm schlechterdings nicht helfen kann, wünschte ich, daß der Kaukasus und Imaus zwischen ihm und mir läge!« »Das scheint er nicht zu wünschen«, versetzte Perisadeh. »Er muß also sehr große Fehler an sich haben, daß du dich so weit von ihm weg wünschest?« »Alle Menschen haben ihre Fehler, meine Liebe – dich allein vielleicht ausgenommen; wiewohl es, wie du weißt, Augenblicke gibt, wo ich unartig genug bin, meine Fehler auf dich zu schieben. Wer seinen Freund nicht mit allen seinen Fehlern lieben kann, ist nicht wert einen Freund zu haben. Aber der arme Schach-Gebal hat einen einzigen unheilbaren Fehler, der alle andre in sich schließt, und mit welchem ich mich schlechterdings nicht vertragen kann.« »Und was kann das für einer sein?« fragte Perisadeh halb erschrocken. »Daß er – Sultan ist, liebes Weib! Das ist ein Fehler den er durch nichts gut machen, oder vielmehr ein Unglück das er nie verwinden kann. Er ist ein guter Mann, wie du sagst; aber was hilft ihm das? Er ist Sultan! ist zum Sultan geboren, zum Sultan erzogen; ist nun schon über dreißig Jahre gewohnt Sultan zu sein; sieht, hört, riecht, schmeckt und fühlt wie ein Sultan; denkt, urteilt und macht Schlüsse wie ein Sultan; kurz, die Sultanschaft ist ihm zur andern Natur geworden; und er ist so gewohnt in allem seinen Willen zu haben, daß er sich sogar einbilden kann, es brauche, damit Er und Ich Freunde seien, weiter nichts, als daß er der meinige sein wolle , und mir befehle der seinige zu sein.« »Da tust du ihm doch wohl ein wenig unrecht, Danischmend! – Er bat dich um deine Freundschaft: was kannst du von einem so großen Herren mehr verlangen?« »Nichts, meine Liebe, nichts auf der Welt als – daß er mich um nichts Unmögliches bitte. Siehst du denn nicht, gutes Weib, daß die Bitten eines Sultans Befehle sind?« »Er selbst meint es doch nicht so.« »Unschuldige Seele! Wie kämest du dazu, die Sultane zu kennen! Wie viele Mühe du dir auch geben wolltest, du kannst es nicht dahin bringen, daß du nicht in Schach-Gebal immer einen Menschen sehen solltest.« » Damit kann ich ihm doch wohl kein Unrecht tun? Er wird mir's gewiß nicht übel nehmen.« »Übelnehmen? O gewiß nicht, Perisadeh. Im Gegenteil, er wird es sehr gut aufnehmen, wenn du ihm so ein Kompliment machst. Aber so bald du Ernst daraus machen wolltest, würdest du dich schlecht dabei befinden. Ein Sultan ist freilich ein Mensch, aber, so wie versteinertes Holz Holz ist, ein versteinerter Mensch, an dem du dich häßlich zerstoßen würdest, wenn du mit ihm wie mit einem Wesen deiner Art umgehen wolltest.« »Hast du nicht bemerkt, wie freundlich er mit unserm kleinen Malek spielte?« »Das hätt er auch getan, wenn es ein Äffchen gewesen wäre.« »Aber was könnte ihn bewegen, deine Freundschaft zu suchen, wenn es ihm nicht Ernst damit wäre?« »Freilich glaubt er selbst daß es ihm Ernst damit sei. Er hat wahrscheinlich irgend ein Anliegen das ihn drückt; er bedarf eines Vertrauten, in dessen Busen er sich erleichtern kann, eines Ratgebers, vielleicht eines Unterhändlers. Die Sultane, liebe Perisadeh, haben, wie wir andere Menschen, ihre schwachen Augenblicke, worin sie sich nicht selber helfen können; und dann scheinen sie so gut, so geschmeidig und zutraulich, so geneigt, Rat anzunehmen und sich helfen zu lassen! Aber rate ihnen nur was andres, als sie von dir zu hören wünschen; gleich hat die Vertraulichkeit ein Ende, und sie werden dir begegnen als ob du einen Hochverrat an ihnen begangen hättest.« »Das mag wohl mit den meisten Menschen so sein, lieber Danischmend.« »Gewiß! nur daß die Sultanschaft einen großen Unterschied macht, und daß der plötzliche Übergang aus der größten Wärme in die äußerste Kälte, welchem unser einer bei ihnen ausgesetzt ist, gerade das ist, was ich nicht wohl ertragen kann. Mit Einem Worte, Perisadeh: Schach-Gebal glaubt, er wünsche sich einen Freund; aber es ist bloße Selbsttäuschung; er will nur einen Schmeichler. Freilich einen Schmeichler, der sich die Larve der Freundschaft so geschickt anzupassen weiß, daß man sie für sein eigenes Gesicht hält; und dazu taugt nun einmal niemand weniger als ich: denn es ist mir eben so unmöglich, im Ernst gegen mein Gefühl zu reden, als an einem Spinnefaden in den Mond zu steigen. – Was würdest du mir also unter solchen Umständen raten?« »Du kennst den Sultan besser als ich« – »Billig sollt ich: wenigstens hab ich ein hübsches Lehrgeld für dieses Stück meiner Weltkenntnis gegeben! – Aber ich muß dich etwas fragen, Perisadeh. Kannst du, im Angesicht eines glänzenden Glückes, wonach ich bloß die Hand auszustrecken brauchte, zufrieden sein, lebenslänglich so arm zu bleiben als wir itzt sind? Kannst du, ohne daß du dir selbst die geringste Gewalt antun mußt, zufrieden mit mir sein, wenn ich, um vielleicht nur auf wenige Tage Schach-Gebals Freund auf meine eigene Weise zu sein, alle Gnaden, die er mir anbieten wird, ausschlage?« »Wenn es zu deiner Gemütsruhe nötig ist, ja!« »Aber deine Ruhe ist mir noch lieber als die meinige. Sprich nach deinem innersten Gefühl, Perisadeh! Fühlst du dich in dieser armen Hütte glücklich genug, um kein größeres Glück zu wünschen?« »Wenn ich einen Wunsch haben könnte, Danischmend, so wär es für dich und meine Kinder. Ich gestehe dir, seit diesem unverhofften Besuch des Sultans mußte mir doch wohl der Gedanke kommen, daß ein Mann wie du nicht zum Körbchenmacher geboren sei.« »Kennest du also ein größeres Gut für einen Mann von meiner Sinnesart, als Unabhängigkeit, Zufriedenheit mit sich selbst, und reinen Lebensgenuß im Schoße der Seinigen?« »Nein, Danischmend, ich kenne für dich und mich keines, das neben diesen Gütern nur genannt zu werden verdiente, als – das Vergnügen, mehr als unsre eigene Notdurft zu haben, um die Not andrer Menschen erleichtern zu können. Aber wozu alle diese Fragen, lieber Mann? Du solltest doch deine Perisadeh kennen! Hast du mich jemals nur eine Minute lang über die Veränderung in unsern Umständen traurig oder kleinmütig gesehen? Bist du mir nicht alles? Hab ich jemals einen andern Wunsch gehabt, so bald ich den Wunsch deines Herzens wußte? Mach es mit dem Sultan wie du es am besten findest; folge deinem Herzen, ohne Rücksicht auf mich zu nehmen, die, in noch weit geringern Umständen als die unsrigen sind, sich mit dir für die glücklichste der Weiber halten würde.« »Vergib mir, Perisadeh«, sagte Danischmend, indem er ihre Stirne küßte: »weiß ich nicht längst daß du ein Engel von einem Weibe bist? – Höre also, wie ich's mit dem Sultan zu halten gedenke. Von allen Pflichten der Freundschaft ist nur eine einzige die ich ihm erweisen kann, und diese ist: ihm über alles, was er mich fragen wird, die reine Wahrheit zu sagen. Aber damit ich das könne, muß er wissen, daß ich unerschütterlich entschlossen sei, was ich bin zu bleiben, und sogar meinen notdürftigen Unterhalt bloß durch meiner Hände Arbeit zu gewinnen. Dies allein stellt eine Art von Gleichheit zwischen uns her, und macht es vielleicht möglich, daß ich ihm selbst und andern nützlich sein kann. Auf diese Art bleibt das Verhältnis zwischen ihm und mir wenigstens auf meiner Seite rein, und ich gewinne dadurch, daß er immer von zwei Dingen völlig gewiß sein wird: daß ich ohne alle Nebenabsichten mit ihm umgehe, und daß er alle Hoffnung aufgeben muß, mich durch irgend eine Art von Bestechung zu einer strafbaren Nachsicht zu verleiten. Kurz, ich will sein Freund sein, so lang er will; aber ich bleibe in meiner Bauerhütte, und mache Körbe. Dies war ein Punkt, der ein für allemal zwischen uns beiden ausgemacht sein mußte, meine Liebe; und nun wollen wir uns ruhig schlafen legen, und kommen lassen was kommen will.« 44. Kapitel Schach-Gebal entdeckt Danischmenden sein geheimes Anliegen Am folgenden Tage jagte Schach-Gebal in dem Gehölze, an welchem Danischmends Wohnung lag, und es währte nicht lange, so ließ er ihn zu sich rufen, und besprach sich über eine Stunde von allerlei unerheblichen Gegenständen mit ihm. Danischmend hatte die Art und Weise, wie sich der Sultan seines neuen Freundes zu versichern suchen würde, richtig vorher gesehen. Schach-Gebal stellte ihm vor, wie er unmöglich zugeben könne, daß ein Mann, der sein Itimadulet gewesen sei, und den er nun als seinen Freund betrachte, sich in einer Bauerhütte mit der Korbmacherei behelfe. Er drang darauf, daß er entweder eine anständige Wohnung nahe am königlichen Palaste beziehen, oder wenigstens ein nicht weit von der Stadt gelegenes Lustschloß mit allem Zubehör, als einen Ersatz dessen was er in dem letzten Kriege verloren habe, annehmen sollte. Aber Danischmend bat sich zur ersten und letzten Gnade aus, alle Gnaden dieser Art ausschlagen zu dürfen. Er habe, sagte er, ein feierliches Gelübde getan, sich dem Neide der Menschen nicht wieder auszusetzen; seine dermalige Lebensart sei mehr die Sache seiner freien Wahl als der Notwendigkeit; er befinde sich wohl dabei, und eine jede andere würde ihn entweder elend oder doch weniger glücklich machen als er sei: kurz, er bestand so hartnäckig auf seinem Entschluß, daß Schach-Gebal endlich der Grille seines Freundes (wie er's nannte) nachgab; doch nicht eher als bis ihm Danischmend versprach, so bald er seiner itzigen Lage überdrüssig oder irgend eines Dinges bedürftig sein würde, ihm einen Wink davon zu geben. Und so schieden sie wieder von einander, mit der Abrede, daß Danischmend sich in der nächsten Nacht vor einer Hinterpforte der Gärten des Serail einfinden sollte, wo ein Hauptmann von der Wache Befehl haben würde, ihn weiter zu begleiten, und durch eine geheime Tür in das Kabinett Seiner Hoheit zu bringen. Danischmend fand sich, nicht ohne Verwunderung, was diese geheimnisvolle Einführung zu bedeuten habe, um die bestimmte Stunde an Ort und Stelle ein, und wurde von dem Befehlshaber der Wache durch die Gärten bis an eine geheime Tür des Palasts gebracht, wo eben derselbe Kämmerling, der den Sultan bei seinem nächtlichen Besuch begleitete, ihn in Empfang nahm, und durch eine verborgene Treppe in das Kabinett Seiner Hoheit führte. Schach-Gebal lag auf dem Sofa, den Kopf auf den rechten Arm gestützt, und schien Danischmenden eine gute Weile nicht gewahr zu werden. Endlich trat dieser ein paar Schritte näher, und der Sultan schaute auf. »Aha, Danischmend, bist du's?« rief er: »mich freut dich wieder hier zu sehen. Laß alles Vergangene auf ewig vergessen sein, und bilde dir ein daß du um vierzehn Jahre in meiner Freundschaft vorgerückt seiest.« »Sire«, antwortete Danischmend, »mein Gedächtnis ist von einer so gefälligen Art, daß es alles Unangenehme durchfallen läßt, und mich nur der unverdienten Huld erinnert, wovon Ihre Hoheit mir so viele Beweise zu geben geruhet haben.« »Keine Komplimente, Freund Danischmend! Laß dich auf diese Polster nieder und höre mich an!« Danischmend gehorchte, und erwartete stillschweigend was er hören sollte. »Danischmend«, fing der Sultan nach einer langen Stille mit einem tiefen Seufzer an, »ich bin nicht glücklich!« Seine Hoheit sagten zwar mit diesem offenherzigen Bekenntnis ihrem Freunde nichts Neues; aber der Ursachen, warum ein Sultan nicht glücklich ist, sind so viele, daß kein Wunder war, wenn Danischmend mit seinen Gedanken eher auf jede andere als die wahre Ursache eines so gewöhnlichen Ereignisses traf. »Du wirst dich wundern«, fuhr der Sultan fort, »wenn ich dir sage, daß ich über funfzig Jahre alt geworden bin, ohne mitten in einem Harem von den auserlesensten Weibern Europas und Asiens jemals erfahren zu haben was Liebe ist.« »Ich würde mich eher über das Gegenteil wundern«, dachte Danischmend: aber, da er sich vorgenommen hatte seine Zunge in strenger Zucht zu halten, so glotzte er den Sultan aus zwei großen Augen an, und – schwieg. »Aber was wirst du sagen, wenn du hörest, daß mich dieses Unglück, welchem ich bereits auf immer entgangen zu sein glaubte, noch in meinem zweiundfunfzigsten Jahre treffen mußte?« »Ich sage«, versetzte Danischmend, »es wäre noch immer nicht zu spät, wenn diese Liebe den Sultan meinen Herrn glücklich machte, wie man billig erwarten sollte, da sie alle Reize der Neuheit für ihn hat.« »Scherze nicht, Danischmend! Die Sache ist ernsthafter als du denkst – denn, wie seltsam es dir auch vorkommen mag, diese Leidenschaft macht mich zum unglücklichsten aller Menschen.« »Unglücklich?« rief Danischmend mit einem Erstaunen aus, welches der Sultan, wenn er Lust hatte, für ein sehr schmeichelhaftes Kompliment aufnehmen konnte. »Du bist der erste, dem ich dieses demütigende Geständnis tue, und mit Scham und Verachtung gegen mich selbst tun würde, wenn der Gegenstand meiner Liebe nicht das schönste, reizvolleste und vollkommenste aller irdischen Wesen wäre.« Danischmend erblaßte; denn er konnte sich im ersten Augenblick nur Eine Person denken, welcher diese Beiwörter zukämen. »Das wär ein verzweifelter Streich«, dacht er. »Doch, es ist unmöglich! Er hat sie ja nur beim Mondlicht und in einen doppelten Schleier eingehüllt gesehen!« »Wo bist du mit deinen Gedanken?« sagte der Sultan, der seine Zerstreuung merkte, ohne die Ursache zu erraten. »Merke auf! du wirst eine sonderbare Geschichte hören. – Es mögen ungefähr dritthalb Jahre sein, als eines Morgens, kurz zuvor eh ich den Divan zu verlassen pflege, aus der Menge Volks, die um die Schranken gedrängt stand, eine Frau hervor trat, die beim ersten Anblick meine ganze Aufmerksamkeit erregte. Sie war sehr einfach aber edel gekleidet, und ein dreifacher Schleier verhüllte ihr Gesicht; aber ihre Gestalt und die anmutsvolle Würde ihres Gangs und ihrer Bewegungen schien allen, die sie sahen, Ehrfurcht einzuflößen. Ich winkte daß man ihr Platz machen sollte, und sie schritt schneller durch die Reihen der versammelten Omras und Wesire heran, sank an der untersten Stufe des Thrones auf die Knie, und ließ mich eine Silberstimme hören, deren Zauberklang einen Sterbenden ins Leben zurück gerufen hätte. Sie flehte um Gerechtigkeit und Schutz; aber ihre Klage, sagte sie, sei von einer solchen Beschaffenheit, daß sie nur mir allein entdeckt werden könne. Ich winkte dem obersten der Kämmerlinge sie in mein Kabinett zu führen, und entließ bald darauf den Divan, voller Ungeduld zu hören, was die bewundernswürdige Unbekannte für eine Klage zu führen haben könne, die sie nur mir allein entdecken wolle. Als ich in das Zimmer trat, wollte sie sich abermals vor mir niederwerfen: aber ich faßte sie auf, ließ sie Platz auf dem Sofa nehmen, und setzte mich ihr in einer ungewohnten Unruhe und Erwartung gegen über. ›Wer bist du?‹ fragt ich sie in einem Tone der ihr Mut machen mußte, ›und was für ein Anliegen kann eine Person, wie du zu sein scheinst, hierher geführt haben?‹ ›Monarch der Welt‹, fing sie mit ihrer Zauberstimme an, ›mein Name ist Aruja , und ich bin die Ehefrau des Kaufmanns Sadik , der noch vor kurzem von einem großen Vermögen auf einem edeln Fuße lebte, aber durch eine Reihe schnell auf einander folgender Unglücksfälle dahin gebracht wurde, alle seine Güter zu verkaufen um seine Gläubiger befriedigen zu können. Wir fanden uns durch diesen plötzlichen Umsturz unsers Glückes zu einer Armut herunter gebracht, die an Dürftigkeit grenzte, und dem guten Sadik, der mich wie seine Augen liebt, zehnmal unerträglicher war, weil er auch mich in diesen Abgrund mit sich hinein gezogen hatte. Der Kummer überwältigte die Stärke seines Temperaments, und warf Ihn endlich aufs Krankenlager, während ich alle meine Kräfte anstrengte, ihm Mut einzusprechen, und seinen Zustand zu erleichtern. Das wenige, was wir aus den Trümmern unsers Wohlstandes gerettet hatten, war beinahe aufgezehrt, als sich Sadik erinnerte, daß er vor vielen Jahren einem seiner damaligen Freunde, der seitdem ein großes Glück gemacht hat, mit tausend Bahams aus einer dringenden Verlegenheit geholfen hatte. Beide hatten inzwischen vergessen, dieser aus Geiz seine Schuld wieder zu erstatten, jener aus Edelmut sie zu fordern. Aber endlich sah sich Sadik durch unsre Not, die aufs äußerste gestiegen war, zu dem unangenehmen Schritt gezwungen, den vergeßlichen Massud seiner Schuldigkeit zu erinnern. ›Geh, Aruja‹, sagte er zu mir, ›so schwer es mir auch wird dir einen solchen Gang zuzumuten, geh und schäme dich nicht dem Undankbaren unsre Umstände vorzustellen, und versuche ob du ihn bewegen kannst, wenigstens aus Mitleiden gerecht zu sein.‹ – Ich gehorchte ohne Wiederrede; aber der Erfolg betrog unsre Hoffnung auf eine sehr grausame Weise. Der Niederträchtige leugnete die Schuld mit frecher Stirne: ›und doch‹, sagte er, ›aus Mitleiden mit dir , schöne Aruja, die unter den Verschwendungen des alten Sadik so unbillig leiden muß, will ich noch mehr tun als er fordert, wenn du gütig genug sein willst auch mit mir Mitleiden zu haben‹ – und nun setzte der Unverschämte auf seine beleidigende Freigebigkeit einen Preis, dessen leiseste Erwähnung mein Herz empörte und mit Abscheu vor dem Elenden erfüllte. Es wäre mir unmöglich‹ (fuhr Aruja in ihrer Erzählung fort), ›den Schmerz und die Verzweiflung zu beschreiben, worein der unglückliche Sadik versank, als ich mit leerer Hand wieder kam, und ihm von dem schlechten Erfolg meines Besuchs bei seinem treulosen Freunde Bericht erstattete. Mit vieler Mühe glückte mir's endlich, ihn durch den Vorschlag wieder aufzurichten, daß ich auf der Stelle zum Kadi gehen, und den Schutz der Gesetze gegen den Niederträchtigen anflehen wollte. ›Gehe, meine Liebe‹, sprach er, ›und der Himmel gebe seinen Segen zu deinem Vorhaben! Ganz gewiß wird der Kadi, diese Fackel der Gerechtigkeit, die der Sultan unser gebietender Herr den geraden Weg des Rechts und die krummen und finstern Pfade des Unrechts zu beleuchten aufgestellt hat, von der Gerechtigkeit unsrer Sache aus deinem Munde überzeugt werden, und uns ohne Verzug zu dem Unsrigen verhelfen.‹ – ›Das gebe der Prophet!‹ sagte ich, und eilte noch an demselben Morgen, meine Klage bei dem Kadi anzubringen. Aber – wie werde ich vor dem König der Könige Glauben finden, wenn ich ihm sage, daß dieser ungerechte Richter, nachdem er mir eine Menge kahler Einwendungen gegen die Gültigkeit meiner Klage gemacht hatte, zuletzt keinen geringern Preis als Massud von mir forderte, wenn er meinem Manne zu seinem Rechte verhelfen sollte? Im Übermaß meines Zornes antwortete ich dem schändlichen Graubart mit Verwünschungen, die ihn rasend machten: er erkühnte sich Hand an mich zu legen; aber ich stieß ihn zu Boden, und kehrte atemlos vor Schmerz und Wut zu dem armen Sadik zurück, der, noch eh ich die Lippen öffnete, in der Wildheit meiner Blicke die ganze Geschichte las, die ich ihm zu erzählen hatte. Wir brachten nun den Rest des Tages und eine lange jammervolle Nacht mit vergeblichen Klagen über unser Unglück und die Bosheit der Menschen zu; aber mit der Wiederkehr des Tages sammelte sich auch mein Mut wieder, und ich sagte zu meinem Manne: ›Laß uns noch nicht verzweifeln, Sadik! Dein undankbarer Schuldner und der ungerechte Kadi haben einen Höhern über sich: ich will, so bald die Audienzstunde ausgerufen wird, zum Statthalter gehen, und ihm den ganzen Handel entdecken; ich bin gewiß, daß er, von gerechtem Unwillen durchdrungen, uns gegen diese Lasterhaften in seinen Schutz nehmen wird.‹ – Sadik lobte meinen Einfall, und schien neues Leben aus dem Mute, den ich ihn sehen ließ, zu schöpfen. Ich begab mich also zum Statthalter, und trug ihm unsre Not, Sadiks gerechte Forderung an Massud, seine Weigerung, und die schändliche Bedingung, welche er und der Kadi auf die Gewährung meines Gesuchs gesetzt hatten, vor. Er schien von unsern traurigen Umständen gerührt zu sein; aber er stellte sich als ob er nicht glauben könne, was ich ihm von Massud und dem Kadi gesagt hatte. ›Nein‹, rief er, ›es ist unglaublich, daß ein so angesehener Kaufmann wie Massud, ein so ehrwürdiger alter Mann wie der Kadi, solcher Vergehungen schuldig sein sollten!‹ Dieser verstellte Unglaube brachte mich außer mir; ich beteuerte ihm die Wahrheit meiner Anklage in den stärksten Ausdrücken, und, indem ich ihn mit gerungenen Händen beschwor sich unser anzunehmen, flog mein Schleier zurück. Itzt schien der Statthalter plötzlich in eine andre Person verwandelt zu sein. ›Ah!‹ rief er, ›nun zweifle ich keinen Augenblick länger an der Wahrheit deiner Erzählung, schönste Aruja; aber ich höre auch auf, die Unglücklichen, die du anklagst, so strafbar zu finden. Wir sind nur Menschen; auch der Gerechteste kann versucht werden, und muß unterliegen, wo die Versuchung so stark ist wie hier!‹ Und nun ergoß er sich in übertriebene Lobsprüche meiner Reizungen, die ich eben so wenig wiederholen kann, als ich mich alles dessen erinnern mag, was ich anhören mußte, da er keine Schmeicheleien, keine Bitten, keine Versprechungen sparte, um mich von der heftigen Glut zu überzeugen, die meine Augen in seinem Herzen angezündet haben sollten. Nicht nur tausend, zehen tausend und zweimal zehen tausend Bahams, schwor er, sei er bereit darum zu geben, wenn ich ihm das Versprechen, seine Liebe zu mir – nicht zu erwidern, nur zu dulden , mit einem einzigen Kusse bestätigen wollte.‹« Hier unterbrach Schach-Gebal die Erzählung, die er Danischmenden aus dem Munde der schönen Aruja zu machen angefangen hatte. »Du wirst«, sagte er, »vielleicht schon selber die Bemerkung gemacht haben, Danischmend, daß ich die Erzählung meiner reizenden Supplikantin sehr zusammen ziehe, und eine Menge kleiner Züge und Pinselstriche weglasse, womit sie ihren Darstellungen das wärmste Leben zu geben wußte. Ich hätte ihr Tage lang zuhören können; und da sie dies ohne Zweifel gewahr wurde, so schien sie um so weniger auf Abkürzung ihrer Erzählung bedacht zu sein, weil ihr alles daran gelegen war, den verlangten Eindruck auf mich zu machen. Allein dieser Zweck fällt bei dir weg, und eine einzige Minute, worin du sie selbst sehen und hören wirst, wird unendlich mehr Wirkung tun, als die ausgeführteste Schilderung von einem so wenig geübten Pinsel als der meinige. Ich schlüpfe also über den Rest des Vortrags den sie mir machte desto schneller weg, und begnüge mich dir kurz zu sagen; daß sie, wie du nicht zweifeln wirst, die Anträge des Statthalters mit dem entschiedensten Ernst und Unwillen verwarf, und sich so bald als möglich aus seinem Palast entfernte. Ich verschone dich mit der Beschreibung des trostlosen Zustandes, worin das unglückliche Ehepaar einige Tage schmachtete, bis der alte Sadik endlich, wie durch Inspiration, auf den Gedanken kam, daß Aruja noch das letzte Rettungsmittel versuchen, und sich mit ihrem Anliegen unmittelbar an mich selbst wenden sollte. Hier gestand sie mir mit der liebenswürdigsten Naivität, daß sie, durch ihre bisherigen Erfahrungen verschüchtert, sehr schwer daran gegangen sei ein so großes Wagestück zu unternehmen: aber Sadik (sagte sie) hätte ihr durch die Vorstellung des guten Rufs, worin der Sultan sowohl im Punkt der Gerechtigkeitspflege als seiner Achtung gegen tugendhafte Weiber stehe, Mut gemacht; und die Geduld (setzte sie hinzu), womit ich sie angehört hätte, flöße ihr das Vertrauen ein, daß der redliche Sadik sich in seinem fast religiösen Glauben an die Tugenden seines Oberherren nicht getäuscht habe. Als Aruja mit diesem Kompliment, wodurch sie auf eine so feine Art meine eigene Ehre zum Sachwalter und Beschützer der ihrigen gegen mich selbst machte, ihren Vortrag geendigt hatte, sagte ich nach einer kleinen Pause zu ihr: ›Schöne und tugendhafte Aruja, deine Erzählung hat mich mehr als hinlänglich überzeugt, daß dem guten Sadik Gerechtigkeit und Mitleiden, dir Bewunderung, und den Männern, über welche du Klage führst, eine scharfe Züchtigung gebührt. Du siehest mich hier bereit, jedem von euch das Seine zu geben. Massud soll deinem Manne bezahlen was er ihm schuldig ist, und ich lege doppelt so viel aus meinem eigenen Schatze hinzu, um die Unbilden, die er vom Glück erlitten hat, in etwas zu vergüten. Aber damit dem Kadi und meinem Statthalter durch die scharfe Züchtigung, welche sie verdient zu haben scheinen, nicht zu viel geschehe, ist es unumgänglich nötig, daß ich wisse, ob und in welchem Maße sie allenfalls an einige Milderung der Strafe ihres Verbrechens Anspruch machen können. In dieser Rücksicht, und da sie sich unfehlbar auf die Größe der Gefahr berufen werden, muß ich dich bitten, schöne Aruja, mir die Gunst freiwillig zu erzeigen, die der bloße Zufall meinem unglücklichen Statthalter zu Teil werden ließ, und diesen Schleier zurückzuschlagen, der mir deinen Anblick entzieht; die einzige Belohnung, die ich für das, was ich für deinen Mann zu tun gesonnen bin, von deiner Gefälligkeit erwarte.‹ Das tugendhafte Weib schien einige Augenblicke ungewiß was sie tun dürfte: aber Dankbarkeit und ein Zutrauen, wodurch sie mich in der Tat bei meiner schwachen Seite nahm, überwogen ihre Bedenklichkeiten. ›Wo‹, sagte sie, indem sie ihren Schleier mit dem sittsamsten Anstande zurück legte, ›wo könnte die Unschuld eines jungen Weibes, das nichts als seiner Pflicht getreu bleiben will, sicherer sein, als unter den beschirmenden Augen des großen Monarchen, in welchem mehr als hundert Völker ihren schützenden Genius verehren? Möchte er in diesem ungeschminkten Gesicht das tiefe Gefühl der kindlichen Ehrfurcht und der Dankbarkeit lesen, wovon meine Seele für den erhabenen Stellvertreter der Gottheit durchdrungen ist!‹ Schreib es bloß dem mächtigen Eindruck des schönen Klangs ihrer Zauberstimme zu, Danischmend, daß ich dir diese ihre eigensten Worte wiederholen kann: denn das Gefühl, das mich beim Anschauen ihrer himmlischen Schönheit durchschauerte, löschte auf einmal jedes andere aus, und ließ mich weder zur Sprache noch zu Atem kommen. Ach mein Freund! wollte Gott, ich hätte den unseligen Gedanken nie gehabt, sie ohne Schleier sehen zu wollen! Wie viel quälende Schmerzen, welche schwere und fruchtlose Kämpfe, wie viel Tage ohne Ruhe und Nächte ohne Schlaf hätt ich mir dadurch erspart! – Doch, wozu dieser vergebliche Wunsch? – Höre also den Verfolg meiner Geschichte mit der schönen und tugendhaften Aruja. Das herrliche Weib blieb eine kleine Weile unverschleiert mit gesenkten Augenlidern sitzen. Aber auf einmal stand sie auf, dankte mir, mehr durch den ganzen Ausdruck ihres seelenvollen Gesichtes als mit Worten, dafür – daß ich meine Schuldigkeit getan hatte, und entfernte sich so schleunig, daß es einige Augenblicke hernach nicht schwer gewesen wäre mich zu bereden, sie sei nicht auf ihren Füßen fortgegangen, sondern, wie es einer solchen Engelserscheinung zukam, plötzlich aus meinen Augen weggeschwunden. Eine Einbildungskraft wie die deinige, Danischmend, bedarf (nach allem was du schon gehört hast) keiner umständlichern Schilderung des Gemütszustandes, worin die schöne Aruja mich zurück ließ. Genug, seit diesem Augenblicke steht ihre Gestalt mit allen ihren Reizen so lebendig vor mir, daß ich eher mir selbst als diesem allzu liebenswürdigen Gespenst entfliehen könnte. Es verfolgt mich überall, in den Divan, in die Moskee, auf die Jagd, in die einsamsten Lauben meiner Gärten. Ich habe alles versucht es aus meinen Augen und aus meinem Herzen zu verbannen, Geschäfte, Zerstreuungen, Vergnügungen; alles vergebens! Ich habe sogar, wie ich befürchte, den Krieg, der dich wieder in diese Gegend trieb, bloß aus Bedürfnis, meinem Ingrimm Luft zu machen, angefangen. Die Zeit, die sonst so viel über unsre Leidenschaften vermag, kann dieser allein nichts anhaben; im Gegenteil, mit jedem Morgen steht Arujas Bild frischer, wärmer und glänzender vor meinen Augen – kurz, mein Freund, ich fühle daß ich nicht länger ohne sie leben kann.« »Das verhüte der Himmel!« fuhr Danischmend ein wenig rascher heraus als sich geziemte. »Höre, Danischmend«, sagte der Sultan mit einem Blicke, der ihn schnell zum gebührenden Gefühl ihres wahren Verhältnisses zurück rief: »ich erwarte Hülfe von deiner Freundschaft. Wenn du Zauberworte kennest, die eine solche Wunde heilen können, so laß hören! alle andere verbitte ich! Keine Philosophien, keine schönen Sprüche, Danischmend, Hülfe erwart ich von meinem Freunde.« Danischmend seufzte. »Darf ich den Sultan meinen Herren fragen, ob Aruja etwas von der Leidenschaft weiß, die sie das Unglück gehabt hat ihrem erhabenen Retter einzuflößen?« »Wunderlicher Mensch! wie kannst du dir einbilden, daß ich eine solche Liebe so lange vor ihr hätte verbergen können?« »Und wie benahm sie sich dabei?« »So, daß ich sie noch mehr bewundern, noch heftiger lieben mußte; wiewohl ich nichts dabei gewann, als die Gewißheit unglücklich zu bleiben – da es mir unmöglich ist, mich zu Mitteln zu entschließen, die meiner und ihrer unwürdig sind.« »Heil dem großen Monarchen von Indien für diese ewig preiswürdige Unmöglichkeit!« »Singe mir noch kein Triumphlied, Danischmend! Es gibt Stunden, wo ich mich selbst hasse, mich dafür zermalmen und vernichten möchte, daß ich so schwach bin eine hoffnungslose Leidenschaft nicht bezwingen zu können, und doch nicht Mut genug habe sie zu befriedigen, es koste auch was es wolle. Wie oft hab ich mich schon verwünscht, daß ich durch die allzu hastige Bestrafung des Kadi und des Statthalters mich selbst in die Unmöglichkeit gesetzt habe, zu versuchen ob ich nicht vielleicht glücklicher bei Aruja sein könnte als sie! Der öffentliche Ruf von meiner Gerechtigkeit, der sonst mein Stolz war, ist mir lästig, weil er mir verhaßte Schranken setzt, die ich nicht durchbrechen kann, ohne ihn auf ewig zu verlieren. Und doch – was ist die Meinung des unverständigen Haufens, die wie ein Rohr von jedem Lüftchen hin und her bewegt wird? dem Scheinverdienst so oft die Ehre gibt, die sie dem wahren versagt? heute mit Füßen tritt was sie gestern anbetete? Was ist Ruf und Beifall des Volks und Nachruhm gegen« – – » Die Stimme Gottes in unserm eigenen Busen «, fiel Danischmend ein, »die uns Beifall zuruft, wenn wir gerecht, edel und groß handeln?« »Auch dies fühl ich in ruhigern Augenblicken, Danischmend! – Aber freilich hast du nie erfahren, wie einem, der gewohnt ist alles zu können und alles zu dürfen , zu Mute ist, wenn er einen Wunsch unbefriedigt lassen soll, dessen Gewährung er mit einem Königreich nicht zu teuer erkauft zu haben glauben würde. Aber ich bin dieses sinnlosen Kämpfens mit mir selbst müde. Sage mir nicht was ich tun soll , Danischmend! Rate mir als ein Freund, was kann ich tun?« Dies war im Grund eine seltsame Zumutung von Seiner Hoheit. Aber der gutherzige Danischmend fühlte sich von dem Zustande des armen Sultans gerührt. Er rechnete ihm den langen Kampf mit sich selbst zu keinem kleinen Verdienst an, und wünschte daß sich irgend ein gelindes und unschädliches Mittel, wie ihm geholfen werden könnte, ausfindig machen ließe. – »Darf ich noch eine Frage tun, Sire?« sprach er: »Ihre Hoheit erwähnten vorhin, Aruja wisse« – »Sie, und der alte Sadik und mein Kämmerling Kerim sind die einzigen, die um mein Geheimnis wissen, Danischmend. Ich merke was du fragen willst. Höre also an! Nachdem ich lange Zeit vergebens die Ketten zu zerreißen versucht hatte, die mein Leben an dieses herrlichste aller Weiber fesseln, entschloß ich mich endlich, Kerim heimlich an sie zu schicken, der ihr das Geheimnis meiner Seele enthüllen, und ihr sagen sollte, daß mein ganzes Glück und das Glück von Indostan in ihren Händen sei, und daß ich ihr Vollmacht gebe, mir jede Bedingung vorzuschreiben, die sie zu ihrer eigenen Beruhigung nötig finden möchte. Aber ich besorge, daß der Sklave sich entweder ungeschickt dabei benahm, oder daß er vielleicht heimlich von Nurmahal bestochen ist, die, wiewohl sie keine Hoffnung haben kann mein Herz wieder zu gewinnen, wenigstens keine andre im Besitz desselben sehen will. Genug, er brachte mir die Antwort: daß Aruja alle seine Anträge ausgeschlagen und sich erklärt habe, lieber jeden Tod zu leiden, als Wünsche die ihrer Pflicht zuwider wären anzuhören, geschweige zu begünstigen.« Danischmend sann eine Weile nach. »Sagten Ihre Hoheit nicht«, fing er wieder an, »daß Sadik ein bejahrter Mann und Aruja noch ein sehr junges Weib sei?« »Sie kann kaum über zwanzig Jahre haben«, erwiderte der Sultan, »und Sadik könnte vielleicht ihren Großvater vorstellen.« »So findet wenigstens auf Arujas Seite keine Leidenschaft Statt, die wir zu bekämpfen hätten. Bloß das Gefühl ihrer Pflicht ist uns entgegen; und dies würde gehoben, wenn Sadik bewogen werden könnte, ihr einen Scheidebrief zu geben.« »Laß dich umarmen, Danischmend mein Freund! – Unbegreiflich, daß mir ein so simples Mittel nicht längst in den Sinn kam! Es muß mir schlechterdings unmöglich vorgekommen sein, daß ein Mensch einen solchen Schatz besitzen, und sich dessen um irgend einen Preis selbst sollte berauben können.« »In Sadiks Jahren ist Liebe selten die herrschende Leidenschaft«, sagte Danischmend. »Wenigstens müssen wir die Probe mit ihm machen. Nimm die Sache auf dich, Danischmend! Gib mir diesen Beweis deiner Freundschaft! Geh so bald als möglich zu dem Alten, geh ihm mit deiner ganzen Beredsamkeit zu Leibe, biet ihm alles was die Augen eines Privatmannes blenden kann – ich gebe dir unbeschränkte Vollmacht – Gold so viel er will, eine Statthalterschaft, eine ganze Provinz! was er nur fordern und der Sultan von Indien bewilligen kann! Aruja ist um keinen Preis zu teuer. Und daß sie nur als erste Sultanin in meinen Harem einziehen soll, versteht sich von selbst.« Danischmend versprach dem Sultan sein möglichstes zu tun; aber das Herz pochte ihm so stark dabei, als ob es ihm weissage, daß es mit dieser Unterhandlung nicht so ablaufen werde, wie er dem Monarchen aus bloßer Gutherzigkeit geschmeichelt hatte. 45. Kapitel Wie Danischmend seinen Auftrag an Sadik ausrichtet und was daraus erfolgt Perisadeh war eben aus dem ersten Schlaf erwacht, als der zurück gekommene Danischmend seinen gewohnten Platz an ihrer Seite einnahm. Da er kein Geheimnis vor ihr hatte, weil er nichts ohne ihren Rat unternahm, so entdeckte er ihr, was bei dieser nächtlichen Zusammenkunft zwischen ihm und dem Sultan verhandelt worden war, und den Auftrag, womit er sich von Seiner Hoheit habe beladen lassen. »Wenn Aruja gesinnt ist wie ich«, sagte Perisadeh, »so wirst du wenig Freude von deiner Sendung haben, lieber Danischmend.« »Gerade so viel«, antwortete er, »als ich haben werde wenn Sadik gesinnt ist wie ich: oder vielmehr, ich würde eine sehr große Freude haben, wenn dieses Ehepaar, der Ungleichheit ihrer Jahre zu Trotz, edel und zärtlich genug wäre, die blendenden Anträge, die ich ihnen zu machen habe, auszuschlagen. Aber, ob sie das sind , das ist die Frage, und das wird sich nun zeigen.« »Ob es auch wohl so ganz recht ist, die guten Leute auf eine solche Probe zu stellen?« sagte Perisadeh mit etwas leiserer Stimme. »Warum nicht?« versetzte Danischmend. »Das was auf dem Spiele liegt, ist ja nicht ihre Tugend , sondern bloß die Frage, ob sie auf diese oder eine andere Weise glücklich sein wollen, oder glücklicher zu sein glauben? Sadik kann der schönen Aruja mit gutem Gewissen den Scheidebrief geben, da er sie dadurch zur ersten und glücklichsten Frau von ganz Indostan machen kann« – »Zur ersten«, unterbrach ihn Perisadeh, »aber auch zur glücklichsten?« »Wenigstens glücklicher als sie wäre, die Frau eines Mannes zu sein, der Gold und Ehrenstellen ihrem Besitz vorzöge.« »Aber wenn sich nun Aruja durch die Größe der Versuchung blenden ließe?« »Dies wird und kann nicht geschehen, wenn sie eine größere Befriedigung und einen reinern Selbstgenuß darin findet, den Mann, der sie über alles liebt, so glücklich zu machen wie sie ihn machen kann, als die erste Dame im Harem des Sultans von Indien zu sein. Würdest Du dich etwa vor einer solchen Probe fürchten, Perisadeh, daß du für Arujas Standhaftigkeit so besorgt bist?« »Du scherzest, Danischmend; aber du solltest auch im Scherze nicht fähig sein, so was zu sagen.« »Nun so sei auch Arujas wegen ruhig, meine Liebe! Überdies geht mein Antrag nicht an sie . Sadik soll ihr den Scheidebrief geben, nicht sie ihm . Läßt er sich dazu bereden, so gewinnt sie augenscheinlich beim Tausche, oder – sie müßte kein Weib sein.« »Danischmend, ich bin weder mehr noch weniger als ein Weib; aber ich würde sehr unglücklich sein, wenn du mir einen Scheidebrief gäbest, solltest du auch Monarch von ganz Asien dadurch werden können.« »Da schließest du wieder von dir auf andere, Perisadeh! – Ob du, ohne dir selbst unrecht zu tun, diesen Schluß machen kannst, das muß ja die Probe erst entscheiden. Unser Fall, meine Liebe, gehört unter die Ausnahmen. Du bist meines Herzens so gewiß als ich des deinigen: das läßt sich vielleicht unter tausend Ehen kaum von Einer sagen; warum sollten wir's denn nicht auf eine Probe ankommen lassen, ob der alte Sadik und seine junge Frau unter die Ausnahmen oder unter den großen Haufen gehören?« »Und doch kommt mir die Frage immer wieder auf die Zunge: Was für ein Recht hast du, ein glückliches Paar durch eine so schwere Versuchung auf eine Probe zu stellen, die ihrer Ruhe vielleicht gefährlich werden kann; da sie hingegen, wenn sie unversucht geblieben wären, sich nicht einmal die Möglichkeit untreu zu werden, hätten träumen lassen?« »Liebe Perisadeh, du hättest recht so zu fragen, wenn es aus Mutwillen, oder bloß um ein Experiment aus Neugier zu machen, geschähe: aber bedenke, daß hier ein ganz besonderer Fall vorwaltet. Es ist um die Gemütsruhe eines Monarchen zu tun, dessen gute oder böse Laune das Glück oder Unglück von Hunderttausenden entscheiden kann; und der Versuch, den ich machen will, und wobei, im schlimmsten Falle, Sadik eine Statthalterschaft und Aruja den Rang einer Sultanin von Indien zu gewinnen hat, ist das einzige Mittel, ihm vielleicht dazu zu verhelfen. Da ist doch wohl nichts zu bedenken, sollt ich meinen?« Perisadeh ergab sich ohne überzeugt zu sein, und schlummerte unvermerkt in der Hoffnung ein, daß Aruja und ihr Alter die Probe mit Ehren bestehen würden; indes Danischmend, der es mehr wünschte als hoffte, die Nacht mit Überlegungen zubrachte, wie er seine Unterhandlung mit dem alten Sadik einleiten wollte, damit er sich selbst, im Fall sie nicht gelänge, keinen Vorwurf zu machen hätte, das Interesse seines Herren – und Freundes nicht mit aller ihm möglichen Geschicklichkeit und Wärme besorgt zu haben. Die Ungeduld des Sultans erlaubte keinen Aufschub. Danischmend begab sich also am folgenden Tage zu Sadik, und kündigte sich ihm als einen Mann an, der mit Aufträgen von Schach-Gebal zu ihm komme. Sadiks Erblassen bei diesen Worten schien ihm keine gute Vorbedeutung für seine Unterhandlung zu sein: aber er ließ sich dadurch nicht abschrecken, ihm das Ansinnen des Monarchen mit der möglichsten Schonung, und die Beweggründe zum Gehorsam mit dem möglichsten Feuer vorzutragen. Wiewohl er nicht vergaß, die Vorteile, die dem Gemahl der schönen Aruja aus der erwarteten Gefälligkeit gegen die Wünsche seines Gebieters erwachsen würden, in ein verblendendes Licht zu stellen: so schien er doch den wenigsten Wert auf sie zu legen, und breitete sich desto mehr über das Verdienstliche einer so großmütigen Aufopferung aus, indem er alle seine Wohlredenheit aufbot, sie ihm als eine Pflicht vorzustellen, die von der guten Art, womit sie ausgeübt würde, den vollen unbezahlbaren Wert einer freiwilligen schönen Tat erhalte. Sadik hörte ihn ruhig an bis er mit seiner Rede fertig war, und antwortete alsdann mit einer Gelassenheit, die dem Unterhändler noch weniger versprach, als der Schrecken, der bei Nennung des Sultans sein Gesicht mit Todesblässe überzogen hatte: »Du hast Aruja nicht gesehen?« »Freilich nicht«, erwiderte Danischmend. »Du sollst sie sehen«, fuhr jener fort, »und ich bin gewiß, ihr erster Anblick wird dir allen Mut benehmen, dem Manne, der schon sieben Jahre im Besitz eines solchen Kleinods ist, länger zuzumuten, daß er sich dessen freiwillig begeben solle. Der Sultan könnte mir die Hälfte seines Reichs für sie bieten und hätte mir nichts geboten; denn das, was er mir geben will, würde mir zu nichts helfen, und was er von mir verlangt, ist mir unentbehrlich. Du sagst, er liebe sie und könne ohne ihren Besitz nicht glücklich sein – urteile daraus, ob es der ohne sie sein könnte, der sie wirklich besitzt. Unmöglich kann der Sultan sie lieben wie ich; unmöglich kann sie ihm sein was sie mir ist: denn es gibt kein Gut, dessen Verlust sie mir nicht ersetzte, oder das ohne sie ein Gut für mich wäre. Also kein Wort mehr von Vergütung eines solchen Schatzes! Aruja ist über allen Preis. Verschenken könnt ich sie, wenn sie meine Sklavin wäre; verkaufen niemals. Gleichwohl, wenn es nur darauf ankäme, dem Sultan meinem unbeschränkten Gebieter mein eigenes Glück aufzuopfern, wie könnt ich es dem versagen, der alle Augenblicke über mein Leben zu gebieten hat?« »Der Sultan ist gerecht«, sagte Danischmend: »er verabscheuet den bloßen Gedanken, dir die schöne Aruja mit Gewalt zu entwenden. Würde sie noch in deinem Hause sein, wenn er anders gesinnt wäre? Er bittet dich, als um den höchsten Beweis, den du ihm von deiner Zuneigung zu ihm geben kannst, sie ihm freiwillig abzutreten; und eben darum, weil er den unendlichen Wert eines solchen Geschenkes fühlt, hält er sich verbunden dir eine grenzenlose Dankbarkeit dafür zu beweisen. Betrachte ihn als einen Freund, für den man alles tut, weil er hinwieder alles für uns zu tun bereit ist.« »Fordre nicht mehr von mir, Bruder«, sagte Sadik, »als ein Mensch von einem Menschen fordern kann. Ein Freund wird nichts von mir verlangen, das mir teurer als mein Leben ist. Aber, wie gesagt, weil mein Leben dem Sultan angehört, wär es Torheit von mir, ihm irgend etwas, dem er nachtrachtet, streitig machen zu wollen. Höre mein letztes Wort! Aruja hat über sich selbst zu gebieten; ich kann sie nicht wider ihren Willen verstoßen: denn unter dieser Bedingung wurde sie mein Weib. Aber ich will dich auf der Stelle zu ihr führen. Mache ihr deinen Antrag, und sie selbst soll sich, ohne mein Beisein, erklären, ob sie lieber dem erhabnen Sultan von Indien, oder dem armen Sadik angehören will. Ist sie es zufrieden dir in den Harem des Monarchen zu folgen, so gebe ich ihr den Scheidebrief. Nur laß alsdann den Sultan meinen Herrn unbekümmert sein, was aus dem geringsten seiner Sklaven werden mag!« Mit diesen Worten stand der Alte auf, nahm ihn bei der Hand, und führte ihn in Arujas Zimmer. – »Hier, Aruja«, sprach er zu ihr, »ist ein Abgesandter des Sultans unsers Gebieters an mich. Er verlangt daß ich dir einen Scheidebrief gebe, damit dich der König der Könige zur ersten Sultanin in seinem Harem erheben könne. Du kennest mich, Aruja; aber du bist frei. Ich würde mich der Rechte, die du mir an dich gegeben hast, freiwillig gegen keine Macht im Himmel noch auf Erden begeben: aber ich begebe mich ihrer gegen dich selbst. Du bist frei, Aruja; laß dein Herz entscheiden, und denke dabei, wenn du kannst, nicht an das meinige!« Als er dies gesprochen hatte, begab er sich weg und ließ Danischmenden bei Aruja allein. Diesem hatte ihr erster Blick auf ihn sogleich das Herz abgewonnen: aber das Wunder von Schönheit, das er nach der Beschreibung des Sultans erwartete, konnt er nicht in ihr sehen; denn Perisadeh deuchte ihn doch noch schöner; wiewohl er sich selbst gestehen mußte, daß sie weder so blendend weiß war, noch zu eben so schönen Gasellen-Augen so hellbraunes Haar hatte, wie er in natürlichen Ringeln um Arujas Nacken bis unter den Gürtel herab wallen sah. »Sie sind Schwestern«, sprach er zu sich selbst, »und des Sultans Schicksal ist entschieden!« »Höre mich, Herr!« sagte Aruja, nachdem sie ihn ersucht hatte auf dem Sofa Platz zu nehmen; »und wenn du, wie mir dein Gesicht ankündigt, ein Herz hast das für andre fühlen kann, so lege dem Sultan meine Antwort, ohne ihr ihre Stärke zu benehmen, mit jeder Milderung vor, die einen Ausbruch seines Unwillens über Sadik und mich verhüten kann. – Als mich Sadik wie eine sich eben entfaltende Blütenknospe an seinen Busen steckte, schwor ich den heiligsten Schwur, ihm bis in den Tod getreu zu sein, und wenn ich ihn überleben sollte, keines andern zu werden. Dieses Gelübde bindet mich: aber auch, wenn es mich nicht bände, hat er es durch sein ganzes Betragen um mich verdient, daß ich ihn nicht verlasse. Was ich ihm bin, kann ich keinem andern sein; denn ich weiß daß ich ihm alles bin, und daß er mit mir den einzigen Trost seines Lebens verlöre. Ihm dies zu sein, ist alle Glückseligkeit deren ich fähig bin. – Tausend Dinge, worauf andre Personen meines Geschlechts einen großen Wert legen, haben für mich keinen Reiz – mit Einem Wort, Herr, ich will lieber mit Sadik das Brot der Trübsal essen, lieber die Pflegerin seines herannahenden Alters, lieber seine Krankenwärterin sein, und Nächte durch bei ihm wachen, um ihm eine Stunde ruhigen Schlummers zu verschaffen, – als Sadik verlassen, um die Königin der Welt zu werden. Sage dies dem Sultan unserm Herren, und bitte ihn um Gnade für den guten Sadik, der bereit war, ihm sich selbst aufzuopfern, wenn ich nicht so fest entschlossen wäre, mein Recht an ihn nur mit meinem Leben aufzugeben.« In diesem Augenblicke trat Sadik, der alles gehört hatte, wieder herein, und ging mit Tränen des Danks und der Liebe im Auge und mit ausgebreiteten Armen auf Aruja zu, die, indem sie den dankbaren Alten schweigend an ihren Busen drückte, dem an diesem Schauspiel reiner Liebe sich weidenden Danischmend einen Blick gab, welcher alles, was sie ihm gesagt hatte, unwiderruflich bekräftigte. »Heil euch!« rief er in teilnehmender Entzückung aus, »und möge der Himmel, der an der Liebe der Tugendhaften Wohlgefallen hat, euch in seinen Schutz nehmen, und noch lange die Früchte dieses wonnevollen Augenblicks genießen lassen! Nehmt mich als den dritten in eure Freundschaft auf. Ich wurde berufen eure Tugend auf eine schwere Probe zu stellen, und ihr wißt nicht wie glücklich ihr mich dadurch machtet, daß ihr sie so herrlich bestanden habt. Der Sultan wird sie, wie ich hoffe, ehren, – wiewohl seine Leidenschaft für die schöne Aruja heftig genug ist, daß ich für eure Ruhe zittern würde, wenn er weniger gerecht und menschlich wäre als ich ihn kenne.« Ungeachtet dieser tröstlichen Versicherung konnte sich doch Danischmend, indem ihn Sadik aus Arujas Gemach zurück führte, nicht entbrechen, noch einige Worte über die möglichen Folgen ihrer Erklärung gegen ihn fallen zu lassen. »Ich kannte einst einen Winkel des Erdbodens«, sagte er, »wohin ich euch raten würde zu fliehen, wenn er noch ein Sitz der Unschuld wäre, wie er's ehmals war. Und doch kehrte sie vielleicht mit euch wieder in die einst so glücklichen Täler von Jemal.« »Von Jemal?« rief Sadik: » die kenne ich! eine meiner ehmaligen Reisen führte mich durch sie. Dank für diesen Wink, mein Bruder! – Gehe nun, und der Himmel schütze dich und uns vor dem Zorne des Sultans!« »Sei getrost, Sadik«, sagte Danischmend. »Der erste Sturm fällt auf mich: ich werde ihn aushalten, und das Ungewitter wird ohne Schaden vorüber gehen.« »Vorsicht ist die Mutter der Sicherheit«, versetzte Sadik, indem er ihm die Hand drückte: und so schieden sie von einander als Freunde, deren gegenseitige Zuneigung, wiewohl sie nur eine Stunde alt war, bereits die Stärke einer zwanzigjährigen Freundschaft gewonnen hatte. Danischmend war mit dem Ausgang seiner Unterhandlung so innig vergnügt, daß er, als er dem Sultan seinen Bericht erstattete, nicht daran denken konnte, die aus seinen Augen funkelnde Freude hinter einem Nebel von angenommenem Gram zu verbergen, wie ein besserer Höfling, als er, zu tun nicht vergessen hätte. Schach-Gebal wurde dadurch getäuscht. »Danischmend, mein Freund«, rief er ihm entgegen, »bringst du mir eine gute Botschaft?« Der verunglückte Unterhändler wurde durch diese ihm zuvor eilende Frage auf einmal wieder zur Besonnenheit gebracht. Er raffte sich so gut er konnte zusammen, und antwortete mit einem etwas ernsten aber treuherzigen Blicke: »Sire, ich bringe Ihrer Hoheit eine Gelegenheit, Sich als den großmütigsten aller Fürsten und den tapfersten aller Helden zu zeigen« – »Reize mich nicht zur Ungeduld«, fiel der Sultan ein: »du hast, wie ich höre, meine Sache nicht besser geführt als Kerim, und kommst mit strahlendem Angesicht, als ob du mir zu melden hättest, Aruja erwarte mich auf ihrem Sofa.« »Sire«, versetzte Danischmend, »hätte ich diese Aruja und ihren alten Sadik gestern schon so gekannt, wie ich sie heute kennen gelernt habe, nie würde mir's in den Sinn gekommen sein, einen solchen Versuch mit ihnen zu machen. Aber wer hätte auch glauben sollen, daß ich gerade da würde abgewiesen werden, wo es am wenigsten zu vermuten war? Aus teilnehmender Treue gegen Ihre Hoheit tat ich den Vorschlag, den alten Sadik – der leider! so alt nicht ist als ich mir vorstellte – zu einem Scheidebrief zu bewegen, und übernahm die Ausführung, weil es doch unendlich wahrscheinlicher war, daß er und die schöne Aruja unter die Ehepaare, deren es zehen tausend gegen eins, als unter die, deren es eins gegen zehen tausend gibt, gehören. Mit Treue und in der Tat mit mehr Wärme, als ich vielleicht gegen mich selbst hätte rechtfertigen können wenn es mir geglückt wäre, bot ich allen meinen Mutterwitz auf, dem alten Sadik meinen Antrag annehmlich zu machen; aber ich fand, daß ich mit zwei Worten eben so weit gekommen wäre. Denn er wollte sich auf nichts einlassen, und blieb ein für allemal dabei, daß Aruja über allen Preis und ihm zu seinem Leben so unentbehrlich sei als Luft und Sonnenschein. Gleichwohl zeigte er sich bereitwillig, sich selbst dem Glücke seines Herren aufzuopfern, wenn Aruja es zufrieden sei. Er führte mich auf der Stelle zu ihr, ließ mich bei ihr allein, und erklärte sich gegen sie und mich, daß er alles gänzlich auf ihre freie Entscheidung ankommen lassen wolle. Das war edel von ihm gehandelt! – Auch muß ich gestehen, daß er ein Mann von Gefühl und Ehre zu sein scheint, und für seine Jahre ein so feiner, stattlicher und wohl erhaltener Mann ist, als mir jemals einer vor die Augen kam. Indessen konnt ich diese Zuversicht nicht anders als für eine schlimme Vorbedeutung ansehen. ›Er muß seiner Sache sehr gewiß sein‹, dacht ich; und so fand sich's auch. Denn, wiewohl Aruja von Ihrer Hoheit mit der größten Ehrfurcht und Dankbarkeit sprach, und sich viel zu gering fand, daß das Auge eines so großen Monarchen auch nur im Vorübergehen auf einem so unbedeutenden Geschöpfe wie sie verweilen sollte« – »Danischmend! das hat sie nicht gesagt«, rief Schach-Gebal. Unser Mann war, wie wir längst wissen, zum Lügner eben so verdorben wie zum Höfling; er wurde rot, verwirrte sich, und gestand endlich: er wollte zwar nicht behaupten, daß sie es gerade mit diesen nämlichen Worten gesagt habe; aber den Sinn der ihrigen versicherte er richtig ausgedrückt zu haben. »Immer ist gewiß«, fuhrt er fort, »daß sie sich auf meinen Antrag so bescheiden und anspruchslos erklärte, so tugendhafte Gesinnungen, eine so entschiedene Gleichgültigkeit gegen alles was die Begierden und Wünsche der meisten jungen Weiber reizt, und ein so tiefes Gefühl dessen was sie für ihre Pflicht gegen Sadik hält, zu Tage legte, daß ich mich gezwungen fand sie zu bewundern, und mit der Überzeugung von ihr wegging, es würde leichter sein, in dem ungeheuren Umfang der Staaten Ihrer Hoheit eine noch schönere Frau, und eine, die den Rang, den diese ehrliche Kaufmannsfrau nicht zu schätzen weiß, in jeder Rücksicht würdiger behaupten könnte, auszufinden, als den Eigensinn zu überwinden, womit sie sich an die sonderbare Grille angeklammert hat, ihr einziges Glück in der Einbildung zu finden, daß niemand als sie den alten Sadik glücklich machen könne.« »Die Närrin!« murmelte der Sultan in seinen Bart. – »Und das wäre also alles, was du mit deinem Mutterwitz und mit der Beredsamkeit, worauf du dir immer so viel zu gute tatest, ausgerichtet hast?« Danischmend sah in Demut auf den Fußboden und schwieg. Der Sultan ging, die geballten Hände auf dem Rücken verschränkt, mit ziemlich starken Schritten auf und nieder, setzte sich, rief einen seiner großen Hunde zu sich, und unterhielt sich eine gute Weile mit ihm, als ob gar kein solcher Mensch in der Welt wäre wie sein Freund Danischmend. Endlich fing er wieder an: »Allerdings wär es unbillig, jemanden für den Erfolg einer Sache, die nicht von ihm allein abhängt, verantwortlich zu machen. Aber du mußt mir verzeihen, Danischmend«, setzte er mit einer kleinen spottenden Verbeugung hinzu, »daß ich eine allzu große Meinung von deinen Talenten und von deiner Freundschaft zu mir hegte.« Was war auf ein solches Kompliment zu antworten? – Danischmend hob die Augen allmählich empor, sah dem Sultan mit einer ihm eigenen gutmütigen Verlegenheit ins Gesicht, und schwieg noch immer. »Du glaubst also«, fuhr Schach-Gebal fort, »sie werde nicht auf bessere Gedanken zu bringen sein?« »Ich zweifle sehr, Sire.« »Du bist ein leidiger Tröster, Freund Danischmend! – Und was wäre denn also zu tun? Was rätst du mir? »Was in einem solchen Falle Gerechtigkeit, Menschlichkeit und Großmut, die drei besten Ratgeber der Fürsten, ganz gewiß dem edeln Herzen meines erhabenen Herren bereits zugeflüstert haben werden – des unscheinbaren häuslichen Glückes und der tugendhaften Einfalt dieser ehrlichen Seelen, die für Glanz und Größe keinen Sinn haben, zu schonen, und durch verdoppelte Bemühungen für das Wohl von Indostan eine Leidenschaft zu zerstreuen, die seiner nicht länger würdig ist, da sie ihm nur die Ruhe seines Lebens raubt, und ihn, dem die allgemeine Stimme seiner Völker den schönen Beinamen des Gerechten zuerkannte, in Gefahr setzt, seinen Ruhm durch eine ungerechte und grausame Handlung zu verdunkeln.« Die Stirne des Sultans verfinsterte sich zusehens während dieser schönen Rede; er warf sich auf den Sofa, schien in tiefes aber grämliches Nachdenken zu verfallen, und schwieg abermal einige Minuten. Endlich wandte er sich wieder mit einer plötzlich angenommenen Heiterkeit zu seinem unhöfischen Ratgeber. »Ich will dich nicht länger aufhalten, Freund Danischmend«, sagte er zu ihm: »ich danke dir für deine Mühe, und wenn ich deines Rates wieder bedarf, werde ich dich rufen lassen.« Danischmend drückte seinen Turban gegen den Fußboden, und zog sich schweigend zurück, nicht wenig getröstet, daß das Ungewitter noch so gnädig vorüber gegangen war. 46. Kapitel Was für ein Pflaster der getreue Kerim auf die Wunde seines Herrn legt. Der Sultan entschließt sich, Danischmenden wieder zu entfernen Indessen Danischmend mit der vollständigen Überzeugung nach Hause trabte, daß die Natur es mit ihm eher auf alles andere als auf den Freund eines Sultans angelegt habe, strich Schach-Gebal in den einsamsten Gängen seiner Gärten umher, und suchte mit sich selbst einig zu werden was er wolle oder nicht wolle. Seine Leidenschaft hatte durch den mißlungenen Versuch seines neuen Unterhändlers eine Wendung bekommen, die dem häuslichen Glücke des ehrlichen Sadik nicht viel Gutes versprach. Je gewisser er erwartet hatte, daß man seine Anträge mit der feurigsten Dankbarkeit annehmen werde, desto heftiger war itzt sein Unwille, sie so geradezu verworfen zu sehen: und von wem? Von Sklaven, die er mit einem Wink vernichten konnte – denen er nur seinen Willen zuzuherrschen brauchte, um die unbedingteste Unterwerfung von ihnen zu erwarten, und die er, um freiwillig von ihnen zu erhalten was er als unbeschränkter Gebieter fordern konnte, so großmütig bis zu sich hatte erheben wollen. Noch nie hatte er sich in einem so peinlichen Gedränge zwischen seinen Leidenschaften, und dem was er seinem Ruhm schuldig war, befunden, noch nie den Gedanken – daß er nicht alles dürfe was er könne – drückender gefühlt als itzt. Sein Ingrimm über die schöne Aruja schien die Leidenschaft mehr anzuschüren als auszulöschen; und wenn man das, was er noch für sie fühlte, Liebe nennen könnte, so hätte er durch seine Erfahrung bewiesen, daß Liebe und Haß zugleich in eben demselben Busen mit gleicher Stärke wüten könnten. Aber was er fühlte, verdient keinen so schönen Namen; es war bloße Begierde die undankbare Widerspenstige eben dadurch zu bestrafen, daß er sie, auch wider ihren Willen, zum leidenden Werkzeuge seiner Selbstbefriedigung machen wollte. Indem er diesen Gedanken nachhing, ward er in einiger Entfernung seinen Kämmerling Kerim ansichtig, der ihm nicht ohne Absicht nachgeschlichen war, und aus Vergleichung verschiedener neuerlicher Wahrnehmungen vermutete, daß sein Herr seines Dienstes vielleicht vonnöten haben könnte. – Kerim hätte seine Zeit nicht besser nehmen können; denn wirklich war er der einzige, dem der Sultan die Gedanken, die jetzt in seinem Herzen kochten, anvertrauen, und von dessen Gewandtheit er sich Rat und Mittel zu ihrer Ausführung versprechen konnte. Schach-Gebal winkte ihn herbei, und entledigte sich eines lästigen Geheimnisses in die niedrige Seele eines verächtlichen Hämmlings, den die Dienste, die er von ihm erwartete, auf einmal wieder zu der zweideutigen Ehrenstelle eines Günstlings und Busenfreundes erhoben. Kerim war unstreitig ein besserer Ratgeber, wie ein Sultan sie nötig hat, als der unpolitische und unbehülfliche Danischmend. Er machte sich kein Bedenken, den verschiedenen Leidenschaften, von welchen er seinen Herren zugleich bearbeitet sah, jeder nach ihrer eigenen Weise zu schmeicheln, und den Vorsatz, das Feuer welches Aruja in seinem Busen entzündet hatte, es koste was es wolle, an dem ihrigen zu löschen, für den einzigen zu erkennen, der unter solchen Umständen seiner würdig sei. Nur schien die Frage, wie dieses edle Vorhaben am bequemsten und schicklichsten auszuführen sei, immer schwieriger zu werden, je mehr sie darüber ins besondere gingen. Doch, für einen Kopf wie Kerims gab es in Sachen dieser Art keine unüberwindliche Schwierigkeiten; und so wurde denn, nachdem man die verschiedenen Plane, die sich ihm zugleich darstellten, von allen Seiten erwogen und bald angenommen bald wieder verworfen hatte, zuletzt beschlossen, die schöne Aruja vermittelst eines wohl ausgesonnenen Vorwandes an einen Ort zu locken, wo Kerim sich ihrer, ohne Aufsehen zu machen, bemächtigen, und sie in aller Stille nach einem der Landhäuser Seiner Hoheit bringen sollte. Es war ein ziemlich naher Tag zur Ausführung dieser schönen Heldentat angesetzt. Allein so bald Schach-Gebal wieder allein war, wurde eine Bedenklichkeit in seinem Gemüte rege, die in Kerims Gegenwart nicht hatte aufkommen können. Dieser Sultan war, wie wir wissen, ein sonderbares Gemisch von guten und schlimmen Eigenschaften. Er besaß zwar keine Tugend, welcher nicht durch irgend ein angrenzendes Laster immer Schach geboten worden wäre; hingegen hatte er auch kein Laster, dem nicht eine entgegen stehende Tugend, oder etwas das ihr ähnlich sah, immer die Waage gehalten hätte; so daß er, durch die beständige Wirkung dieser zwei entgegen gesetzten Kräfte, sich in einer Art von Diagonale bewegte, die ihn (wenige Fälle abgerechnet) weder so gut sein ließ, als er zuweilen sich zu sein schmeichelte, noch so schlimm, als er zu sein Lust hatte, so oft irgend eine unartige Leidenschaft, von schändlichen Ratgebern und Handlangern unterstützt, die Oberhand über ihn gewann. Eine von den besagten guten Eigenschaften, über welche er mit aller seiner sultanischen Machtgewalt nie völlig Meister werden konnte, war die Scham vor guten Menschen ; eine Schwachheit, womit er zwar aus Mangel an Gelegenheit etwas selten befallen wurde, deren er sich aber, seit seiner Bekanntschaft mit Danischmenden, nie hatte erwehren können, so oft er besorgen mußte, diesen in so mancher Rücksicht unbedeutenden Mann zum Zeugen oder heimlichen Beobachter einer unlöblichen Handlung zu haben. Alles sein Bestreben, diesen Mann durch die Übernamen Phantast, Schwärmer, Träumer, Philosoph und dergleichen, in seinen eigenen und andrer Augen herab zu würdigen, konnte nie bewirken, daß er ihn nicht im Grunde seines Herzens für etwas, woran er nicht gern glaubte, für einen guten Menschen , zu halten genötigt war: und wenn gleich diese geheime Macht, welche Danischmend (vermutlich ohne es selbst zu wissen) über ihn ausübte, nicht vermögend war, ihn von einer Übeltat, zu welcher er sich durch irgend eine sultanische Leidenschaft stark versucht fühlte, zurück zu halten; so konnt er es doch nicht über sich gewinnen, sie auszuüben, so lang er besorgen mußte, daß Danischmend etwas davon erfahren könnte. »Was fange ich mit diesem Menschen an«, sprach er zu sich selbst, »den ich auf ewig los geworden zu sein hoffte, und der mir so unerwartet in Gestalt eines Körbchenmachers wieder in den Wurf kommen mußte? – Er muß wieder fort, das ist ausgemacht! – Aber wohin? – Wohin? So weit von Dehly als möglich. Das übrige ist seine Sache . Wenn ich dafür sorge, daß er sich nicht übel da befinde wohin er ziehen wird, so hat er nichts über mich zu klagen.« Bei allem dem war ihm doch, als ob ihm eine leise Stimme in seinem Busen sage, Danischmend könnte sich dem ungeachtet über ihn zu beklagen haben; und er würde vielleicht nicht so bald über diese Schwierigkeit hinaus gekommen sein, wofern nicht das Glück, oder die wohltätige Macht, welche die Schicksale der Menschen lenkt, in eben diesem Augenblicke dafür gesorgt hätte, ihn und seinen beschwerlichen Freund unvermuteter Weise aus der Verlegenheit zu ziehen. Wie dies zugegangen sei , werden wir in dem nächsten Kapitel erfahren. 47. Kapitel Eine unvermutete Zusammenkunft, und Nachrichten aus Jemal Indem der gute Danischmend, voll von dem, wovon er an diesem merkwürdigen Tage Zeuge gewesen war, und sehr vergnügt mit dem Ausgange seines Abenteuers, nach Hause eilte, sah er im Vorübergehen einen schönen rüstigen jungen Mann vor der Pforte eines Karawanserai stehen, dessen Kleidung ihn stutzen machte; denn es war die gewöhnliche Tracht der Landleute in Jemal. Er blieb stehen und betrachtete ihn mit immer steigendem Interesse; sein Herz schier, ihm zu sagen, du kennest diesen Menschen. Auch der Fremde, der ihn nicht sogleich bemerkt hatte, stutzte über Danischmends Aufmerksamkeit auf ihn: aber kaum hatte er ihn recht ins Auge gefaßt, lief er mit offnen Armen auf ihn zu. »Seh ich recht?« rief er: »ist's möglich? Find ich hier so unverhofft meinen alten Freund und Wohltäter wieder, dessen Verlust alle guten Menschen in Jemal zu beklagen nie aufgehört haben, seit dem Unglückstage da er sich von uns entfernen mußte? Kennest du den jungen Faruk nicht mehr, den du einst liebtest, und dem du beim Abschied einen so großmütigen Beweis davon gegeben hast?« Danischmend brauchte nicht mehr, um sich seiner aufs lebendigste zu erinnern, wiewohl die seit ihrer Trennung verflossenen Jahre aus dem damals kaum aufgeblühten Jüngling einen stattlichen jungen Mann gemacht hatten. Ihre beiderseitige Freude über dieses unverhoffte Wiederfinden war unbeschreiblich, und Danischmend hatte daher wenig Mühe den ehrlichen Faruk dahin zu bringen, daß er sich sogleich wieder mit ihm auf den Weg begab, um Perisadeh die Freude, die ihr sein Wiedersehen machen mußte, keinen Augenblick länger, als unvermeidlich war, vorzuenthalten. Indem sie nun so zusammen gingen, war natürlicher Weise Danischmends erste Frage: was für ein Zufall ihn aus Jemal nach Dehly gebracht habe? »Es müssen seltsame Dinge vorgegangen sein«, sagte er, »um diese Zusammenkunft, die ich kaum meinen Augen glauben kann, möglich zu machen.« »Ja wohl seltsame Dinge«, versetzte Faruk: »und noch viel leidiger als seltsam, wie du sogleich hören sollst.« Und nun fing er an, ihm von allem, was sich seit Danischmends Entfernung in Jemal zugetragen, eine Erzählung zu machen, die sich mehr durch Umständlichkeit als Ordnung empfahl, aber durch die Lebhaftigkeit der Darstellung, wozu die Augen und Hände und beinahe alle Gliedmaßen des Erzählers das Ihrige reichlich beitrugen, zu einem immer währenden Gemälde nach dem Leben wurde, und wovon wir, da uns dieses Mittel sie interessanter zu machen fehlt, einen bloßen Umriß für unsere Leser mehr als hinlänglich halten. Der Kalender Hakim-Alhafi war nicht wenig mißmütig, als er bei seiner Zurückkunft aus Kischmir seinen schönen Plan auf Danischmends Freiheit und Eigentum gescheitert sah. Aber dieser Unfall verdoppelte nur seinen Eifer die übrigen Entwürfe auszuführen, wodurch er sich dem hoffärtigen, wollüstigen und habsüchtigen Feridun notwendig zu machen gewußt hatte. Ein Teil dieser Unternehmungen kam in kurzer Zeit zu Stande: die törichten Jemalitter eilten in die Wette, ihr Entbehrliches gegen zierliche Schleier, Leibgürtel, Hals- und Armgeschmeide und andere solche Kindereien auszutauschen, womit Feriduns neu eröffnete Bude reichlich versehen war. Zu gleicher Zeit teilten die drei Kalender und die ehmalige Pagodentänzerin allen, welche an ihrem Umgang Vergnügen fanden, unvermerkt ihre ausschweifende Sinnesart und verderbten Sitten mit, und Unschuld, Fleiß, häuslicher Sinn und häusliche Tugenden nahmen in eben der Maße ab, wie die Bewohner und Bewohnerinnen der jemalischen Täler unter den Händen dieses losen Gesindels sich verfeinerten , wie sie es nannten. Ein großer Teil ihrer Weiber und Töchter opferte dem eiteln Vergnügen sich heraus zu putzen, und der Begierde zierlich tanzen, die Liedchen des Kalenders Alfaladdin singen und die Instrumente der Bayadere spielen zu lernen, die Pflichten auf, von deren Erfüllung der Wohlstand ihrer Familien abhing. Unvermerkt steckte das Beispiel der ersten, die sich zu dieser neuen Lebensweise hatten verführen lassen, auch ihre Nachbarn an; die weniger vermögenden suchten es den wohlhabendem so gleich zu tun als es nur immer angehn wollte; und viele, die sich ehmals im vollen Genuß des Notwendigen glücklich gefühlt hatten, schränkten sich itzt im Unentbehrlichen ein, um nicht ärmer zu scheinen als andre, und sich eingebildete Bedürfnisse anzuschaffen, durch deren Mangel man sich itzt beinahe einer größern Verachtung aussetzte, als womit in den Zeiten der Einfalt und Unschuld unsittliche Handlungen bestraft worden waren. Die natürlichen Folgen einer so verkehrten und zu den Umständen der Jemalitter so übel passenden Verfeinerung konnten nicht ausbleiben. In wenig Jahren fand sich mehr als die Hälfte dieses kleinen Volkes auf einen Grad von Dürftigkeit herunter gebracht, daß ihnen kein anderes Mittel übrig blieb, als sich denjenigen, welche nach und nach ihr Vermögen an sich gezogen hatten und nun die Reichen hießen, zu einer Art von Sklaven zu verdingen, um durch übermäßige Arbeit kärglich zu verdienen, was ihnen vordem ein mäßiger Fleiß in Benutzung ihrer kleinen Erbgüter viel reichlicher verschafft hatte. Der Anblick des üppigen und schwelgerischen Wohlstandes der Reichen machte die Unglücklichen, die noch vor kurzem ihresgleichen gewesen waren, um so viel elender, da die Gewinnsucht dieser Gefühllosen ihre Dürftigkeit selbst zu einem Zwangsmittel, ihnen einen immer geringern Lohn ihrer Arbeit abzudringen, zu machen wußte, und ihnen also alle Möglichkeit abschnitt, sich jemals aus ihrem Elend heraus zu arbeiten. – Und so wurde denn das in seiner Unwissenheit einst so glückliche Jemal in wenig Jahren ein unseliger Schauplatz aller Laster, die der Luxus unter einem kleinen Volke ausbrütet, das sich ehmals für reich hielt, weil es sich nie arm gefühlt hatte; und bösartige, menschenfeindliche Leidenschaften, die Kinder einer ungerechten und grausamen Ungleichheit, verwirrten und zerrütteten eben diese nicht mehr friedsamen Täler, worin vordem ein allgemeiner Brudersinn aus mehr als fünftausend Familien nur eine einzige machte. »Alle diese Übel«, rief Danischmend, »sagte ich ihnen voraus; sagte ihnen wenigstens so viel davon, als sie, wie ich glaubte, verstehen könnten. Aber sie verstanden mich so wenig als Kinder, die man, durch Androhung einer Krankheit, von welcher sie noch keinen Begriff haben, von schädlicher Nascherei abschrecken will. Eine traurige Erfahrung mußte ihnen meine Wahrsagungen verständlich machen, und sie den Wert der Güter schätzen lehren, die sie so leichtsinnig um die nichtswürdigen Werkzeuge ihres eigenen Verderbens hingaben.« »Zu dieser Erkenntnis ist nun der größte Teil meiner verführten Brüder gekommen«, sagte Faruk: »aber, was ich zu deiner Beruhigung nicht länger verschweigen darf, eine nicht unbeträchtliche Anzahl, an deren Spitze deine ehmaligen Nachbarn und Freunde stehen, haben sich von den ausländischen Sitten und Lastern, und von der Ansteckung, die sich aus Feriduns Hause über unser ganzes Ländchen verbreitete, immer rein erhalten. Dein Geist, weiser und guter Danischmend, ist nie ganz von uns gewichen; dein Bild, das Andenken deines unter uns geführten Lebens, deiner Reden, deiner Handlungen, alles des Guten, das du uns getan hast, war immer auf den Lippen deiner Freunde; deine Grundsätze haben uns stark gemacht, uns mit vereinigten Kräften dem Strom entgegen zu dämmen, haben uns Mut eingeflößt, unser zerrüttetes Vaterland zu retten; und hätten meine Brüder hoffen können, daß ich dich in Dehly wieder finden würde, so bin ich gewiß, sie würden sich zu Wiederherstellung der Ordnung und Ruhe in Jemal keinen andern als dich von dem großen Beherrscher des ganzen Indostan ausgebeten haben.« »Dies ist also das Geschäft, das dich nach Dehly geführt hat?« – sagte Danischmend. »Schach-Gebal, der kaum weiß daß ihr in der Welt seid, und sich um euer kleines Ländchen gerade so viel bekümmert als um einen Maulwurfshaufen, der soll euch wieder zusammenflicken? Welch ein Einfall!« »Wie? Der große Sultan von Indien, der uns mit Einem Worte helfen kann, sollt es nicht wollen? « rief der bestürzte Faruk. »Ich hätte diese weite Reise vergeblich gemacht, und müßte wie ein Tor zu meinen Brüdern zurückkehren? Unmöglich! Du bist, wie ich mich noch ganz wohl erinnere, immer kein Freund der Sultane gewesen« – »Schach-Gebaln, den einzigen den ich persönlich kenne, ausgenommen«, sagte Danischmend lächelnd: »denn der ist, für einen Sultan, wirklich kein schlimmer Mann. Aber wer hat euch auf diesen guten Einfall geholfen, Faruk?« »Ich muß gestehen«, erwiderte Faruk, »daß ich selbst derjenige bin, der ihn gehabt hat, wie es nun auch ausfallen mag.« »Und was veranlaßte dich zunächst dazu, wenn ich fragen darf?« »Das ist's was ich dir noch von unsern Geschichten zu erzählen habe, bester Danischmend. Schon vor Jahr und Tag ging die Rede aus einem Ohr ins andere, Feridun brüte über dem Anschlag, die mancherlei Händel und Unordnungen, von welchen man in den Dörfern, wo seine meisten Anhänger und Dienstleute wohnten, fast alle Tage hörte, zum Vorwande zu nehmen, um sich vom Könige zu Kischmir (dem wir bisher für unsre Unabhängigkeit einen kleinen jährlichen Tribut bezahlten, wie du weißt) zum Befehlshaber über Jemal erklären zu lassen, wovon, dank seinen Fabriken, seinem Alleinhandel und der Torheit meiner Landsleute! bereits der dritte Teil als Eigentum in seinen Händen war. Dies hätte uns noch gefehlt, um unsre Ausartung und Herabwürdigung zu vollenden. Du kannst dir leicht vorstellen, daß die Kalender sich nicht träge finden ließen, diese Maßregel unserm Volke als das einzige Mittel, unser Glück wieder herzustellen und fest zu gründen, anzupreisen; so wie der ehrliche Kassim, ich, und die übrigen Freunde der guten alten Sitte, alle unsre Kräfte aufboten, ihnen entgegen zu arbeiten. Unvermerkt hatten wir zwei Parteien im Lande, die, wie es zu gehen pflegt, bei ihren gelegenheitlichen Debatten über diesen Punkt, nicht immer in den Grenzen der Mäßigung blieben. Feridun sparte indessen, auf Anraten des alten Kalenders, nichts, um seinen Anhang überwiegend zu machen, und sich der Gunst des ärmern Teils derjenigen, die noch nicht gänzlich von ihm abhingen, zu versichern. Er gab von Zeit zu Zeit öffentliche Volksfeste, teilte Spenden aus, und bemühte sich vorzüglich die Weiber durch kleine Geschenke aus seinen Warenkammern auf seine Seite zu bekommen. Es ging sogar die Rede, seine würdige Gemahlin, die Tänzerin, hätte, mit seinem Vorwissen, die Stimmen einiger Reichen, welche sich bisher zu unsrer Partei gehalten hatten, durch Gefälligkeiten erkauft, die, was auch sonst ihr Wert sein mochte, wenigstens ihrer Tugend nichts kosteten. Nachdem er sich auf diese Art einer großen Mehrheit versichert zu haben glaubte, sollte nun unverzüglich zur Ausführung seines Plans geschritten werden: und schon war der Tag zu einer allgemeinen Volksversammlung angesetzt, in welcher die Absendung einiger Deputierten beschlossen werden sollte, um Feriduns ehrsüchtiges Gesuch im Namen des sämtlichen Volks von Jemal am Hofe zu Kischmir zu unterstützen; als eben derjenige, der die Seele aller dieser schändlichen Anschläge war, durch seine Torheit die Ursache ihres Mißlingens werden mußte.« Die Begebenheit, in deren Erzählung der redselige Faruk sich itzt einließ, lag ihm mit allen ihren Umständen noch so frisch im Sinne, und war, ihrer Folgen wegen, in seinen Augen von solcher Wichtigkeit, daß wir ihn hier abermals unterbrechen müssen, um seine für unsern Zweck allzu weitläufige Darstellung in die möglichste Kürze zusammen zu ziehen. Der Kalender Hakim – dessen Grundsätze, seiner anscheinenden Harmlosigkeit und wenigen Ansprüche ungeachtet, uns gleich anfangs nicht viel Löbliches von ihm erwarten ließen, wofern es ihm bei Gelegenheit einfallen würde, die Rolle eines bloßen Zuschauers mit einer tätigen zu vertauschen, – dieser schlaue Heuchler hatte sich, von dem Augenblick an, da er in Feridun ein taugliches Werkzeug zu seinen Absichten erkannte, einen kleinen Plan ausgedacht, ohne große Mühe und ohne etwas dabei zu wagen, sich in den Besitz aller der Vorteile zu setzen, um derentwillen ein Mensch seines Gelichters hätte wünschen mögen, unumschränkter Sultan von Jemal zu sein. Am Namen und äußerlichen Prunk war ihm nichts gelegen; im Gegenteil fand er es vermutlich viel bequemer und lustiger, unter der Maske eines Kalenders, Sultan , als, wie so mancher Herrscher in Asien, unter dem Namen und äußerlichen Ansehen eines Sultans, die Drahtpuppe irgend eines Kämmerlings, einer Favoritin oder eines Kalenders zu sein. Das kleine Projekt, sich Danischmends Besitztümer zuzueignen, paßte zu gut in diesen seinen Hauptplan, als daß er die Gelegenheit, die sich dazu anbot, hätte versäumen sollen: als es aber unverhoffter Weise verunglückte, fand er sich um so leichter in diesen kleinen Unfall, da er an Feridun, seinen beiden jüngern Ordensbrüdern und der schönen Narissa so geschmeidige, so ganz zu seinen Absichten passende Gehülfen besaß, daß es nur ein Spiel für ihn war, sie, indem sie bloß ihre eigenen Zwecke zu verfolgen glaubten, zu blinden Werkzeugen der seinigen zu machen. In kurzer Zeit hatte er es so weit gebracht, daß er alles was Feridun besaß als sein Eigentum betrachten durfte, daß er, mit Hülfe seiner Partei, alles machte was er wollte, und daß er auf die Hälfte der Weiber in Jemal eben so sicher rechnen konnte, als ob er sie in einem einzigen Harem unter seinem Schlüssel gehabt hätte. Durch was für einen mächtigen Talisman der alte Sünder sich eine so große Gewalt über die schönen Jemalitterinnen zu verschaffen wußte, konnte Faruk seinem Freunde nicht recht deutlich machen – genug, die Sache selbst war mehr als zu gewiß; und (was nicht weniger wunderbar scheinen könnte) Hakim besaß auch ein Mittel, die Wachsamkeit der Männer einzuschläfern, und sich seiner sultanischen Vorrechte so geschickt zu bedienen, daß, indem immer einer sich über die treuherzige Blindheit des andern lustig machte, doch mehrere Jahre lang keiner auf den Argwohn geriet, daß es ihm selbst nicht besser gehe wie den übrigen. »Allzu großes Glück bei einem gefahrvollen Handwerke macht endlich sicher, und Sicherheit unvorsichtig. Der alte Kalender gewöhnte sich unvermerkt so sehr daran, bei jedem seiner Freunde und Bekannten zu Hause zu sein, daß der eine und andere endlich Verdacht zu schöpfen anfing. Unter diesen befand sich auch ein gewisser Badur , dessen du dich vielleicht als eines angesehenen Mannes erinnerst, und dessen Gemahlin nach der reizenden Narissa für die schönste Frau in Jemal gehalten wurde. Sinan , der Leiermann und Liedermacher, glaubte sich schon ziemlich hoch in ihrer Gunst geschwungen zu haben, als er sich plötzlich genötigt fand seine Ansprüche aufzugeben, und zuzusehen, wie der unaufhaltbare Hakim sich eines Herzens bemächtigte, welches er durch den Zauber sein Lieder beinahe schon gewonnen hatte. Sinan, der sich schon mehrmals in ähnlichen Fällen wie ein kluger Mensch betrug, unterlag dieser neuen Probe seiner Geduld. Von wütender Rachgier aller Besonnenheit beraubt, entdeckte er dem eifersüchtigen Badur das geheime Einverständnis zwischen Hakim und der schönen Zemrud , und gab ihm Anweisung, wie er sich mit eigenen Augen von der Treulosigkeit seines Weibes und seines vermeinten Freundes überzeugen könnte. Badur überfiel die Unglücklichen in einem Augenblicke, da sie am sichersten zu sein glaubten, und beide wurden ohne Schonung seiner Rache aufgeopfert.« Der Tumult, den dieser tragische Auftritt in Badurs Hause erregte, teilte sich bald der ganzen Nachbarschaft mit, und in wenig Stunden lief die darüber entstandene Bewegung durch alle Gemeinen von Jemal. Feridun und seine Getreuen eilten wütend herbei, den Tod ihres Freundes zu rächen: aber Badur, von allen seinen Verwandten umgeben, und durch einen Teil der Gegenpartei Feriduns verstärkt, setzte ihnen einen Widerstand entgegen, der sie, nach einem hartnäckigen und blutigen Gefechte, die Flucht zu ergreifen nötigte. Das stumme Entsetzen, das die Jemalitter beim Anblick ihrer erschlagenen und verwundeten Brüder überfiel, verwandelte sich in wenig Augenblicken wieder in die heftigste Wut. Die Luft ertönte von Verwünschungen aller derer, die man mit Recht als die Urheber dieser Greuel betrachtete; der größte Teil der Familie, die es mit Feridun gehalten hatten, schlug sich itzt zu seinen Gegnern; tausend Klagen und Beschwerden, die aus Furcht vor einem so reichen und viel vermögenden Manne bisher verstummen mußten, wurden laut; die Gärung unter dem von allen Seiten zusammen laufenden Volke nahm überhand, und die Stimme der wenigen, die es zu beruhigen suchten, wurde vom wilden Geschrei nach Rache verschlungen. Flutenweise strömte die tobende Menge unter gräßlichen Drohungen auf die Wohnung des verhaßten Feridun zu, der kaum noch Zeit gewann, sich nebst den schuldigsten von seinen Anhängern, während ihre Häuser und Magazine ausgeplündert wurden, durch eine schleunige Flucht in die Gebirge zu retten. So bald der erste Sturm sich gelegt hatte, traten die Ältesten des Volks mit den Angesehensten unter der bisherigen Gegenpartei zusammen, um sich über die Mittel zu beratschlagen, wie die alte Verfassung ihres Vaterlandes wieder hergestellt werden könnte: und da sich, zu ihrer großen Bestürzung, ein Gerücht verbreitete, Feridun habe sich an den Hof zu Kischmir gewandt, und werde in kurzem mit bewaffneter Macht zurück kommen, um im Namen des Königs Besitz von Jemal zu nehmen; so trug Faruk darauf an, daß sie unverzüglich einen wackern Mann aus ihrem Mittel an den Kaiser zu Dehly absenden sollten, um sich und ihr Land unter seinen unmittelbaren Schutz zu legen, und sich einen weisen Mann von ihm zu erbitten, der ihre zerrütteten Angelegenheiten wieder in Ordnung brächte, und, unter des Kaisers höchster Autorität, so viel möglich auf den ehmaligen Fuß zurück setzte. Dieser Vorschlag wurde vom Volke genehmigst, und die Ausführung dem Faruk selbst aufgetragen. »Und nun« (setzte dieser hinzu) »wirst du begreifen, lieber Danischmend, warum ich sagte, meine Brüder, die sich itzt deiner Warnungen und Vorhersagungen lebhafter als jemals erinnerten, würden sich gewiß keinen andern von dem großen Sultan erbeten haben als dich, wenn sie gehofft hätten, daß ich dich zu Dehly finden würde. Auch bin ich gesonnen, es nun eigenmächtig zu tun, da ich versichert sein kann, mir dadurch allgemeinen Dank von ihnen zu verdienen.« »Diesen Gedanken gib auf, Bruder«, sagte Danischmend, »wenn es dir wirklich Ernst ist, daß ich mit dir nach Jemal zurück gehen soll. Ich kenne den Sultan besser; denn wiewohl ich dermalen nur ein armer Korbmacher bin« – »Du, ein Korbmacher?« unterbrach ihn Faruk mit Bestürzung – »Ein Korbmacher, Dank sei dem ehrlichen alten Kassim! der sich hoffentlich noch wohl befindet, wenn anders die gute Zeineb nicht unter der Hälfte der jemalischen Weiber ist, aus denen, wie du sagtest, der alte Kalender sich einen Harem, wie noch kein Sultan gehabt hat, zusammen setzte?« »Sei ruhig«, sagte Faruk lachend: »so weit ist es nicht mit ihr gekommen! – Aber was für Unfälle, lieber Danischmend, haben dich dahin gebracht« – »Du sollst alles erfahren, guter Faruk! Jetzt wollt ich dir nur sagen, daß ich, ungeachtet meiner Korbmacherei, mit dem Sultan in einem gewissen Verhältnisse stehe, wodurch ich dir vielleicht in deiner Angelegenheit förderlich sein kann.« »Desto besser!« erwiderte Faruk. »Man hat mir hier gesagt, wenn ich ein Geschäft beim Kaiser hätte, so wäre der kürzeste Weg, mich an den Imam der Sultanin zu wenden.« »Diese Mühe kannst du dir ersparen, Bruder«, sagte Danischmend. »Ehmals mag dies wohl der nächste Weg gewesen sein; aber itzt gibt es einen noch kürzern. Wende dich morgen eine Stunde vor dem Divan gerade an Schach-Gebal selbst; und damit du nicht in den Vorhöfen und Vorkammern abgewiesen wirst, so laß den Kämmerling Kerim rufen, und sag ihm: Danischmend, ein alter Bekannter von dir, habe dich zu ihm geschickt, und lasse ihn bitten, dir so bald als möglich einen Augenblick Gehör bei Seiner Hoheit zu verschaffen. Du wirst sehen, daß er dich nicht lange warten lassen wird.« Unter diesen Gesprächen langten sie vor Danischmends Hütte an, und wurden von Perisadeh empfangen, wie man sich's ohne unser Zutun vorstellen kann. Denn Szenen dieser Art werden, wenn man die Personen einmal kennt, am füglichsten dem Leser selbst überlassen. 48. Kapitel Glücklicher Erfolg der Audienz, welche Faruk bei dem Sultan erhält Nachdem Faruk den Rest dieses glücklichen Tages zwischen Danischmend und Perisadeh mit Wiederholung seiner Geschichte und mit Anhörung der ihrigen zugebracht hatte, begab er sich am folgenden Morgen nach dem Palast des Sultans, tat wie ihn Danischmend angewiesen hatte, und wurde ohne Verzug von Kerim zum Sultan geführt. Schach-Gebal, der sich beim Namen Jemal sogleich erinnerte, die Täler von Jemal von Danischmend nennen gehört zu haben, erkundigte sich unter andern, ob sich nicht vor mehrern Jahren ein Fremder namens Danischmend unter ihnen aufgehalten hätte? und Faruk ergriff diese Gelegenheit, um dem Fremden viel Gutes nachzusagen, und im Namen aller seiner Landesleute zu beklagen, daß sie schon über acht Jahre nichts mehr von ihm gehört hätten. »Geh in deine Herberge zurück, mein Sohn«, sagte der Sultan, »und sei ruhig! Du sollst nicht lange auf meine Entschließung warten.« »Zu gelegnerer Zeit hätte mir dieser ehrliche Schlag nicht kommen können«, dachte Schach-Gebal. »So kann ich meines Moralisten auf einmal mit der besten Art von der Welt los werden, und mache noch, fünf oder sechs hundert Parasangen weit von hier, etliche tausend arme Schelme glücklich, ohne daß es mir mehr als mein Namenszeichen kostet.« Noch an diesem Abend ließ der Sultan Danischmenden zu sich rufen. »Freund Danischmend«, rief er ihm, so bald er ihn erblickte, zu, »wie nanntest du das kleine Ländchen, zwischen Kischmir und den Gebirgen von Tibet, denke ich, wohin du zogst, als wir uns vor vierzehn Jahren trennen mußten?« »Die Täler von Jemal, gnädigster Herr.« »Recht! Jemal! – Und solltest du wohl gedacht haben, daß diesen Augenblick ein Abgeordneter aus diesem nämlichen Jemal bei mir gewesen ist, durch den die Einwohner um meinen Schutz und um einen weisen Mann bitten lassen, den ich ihnen schicken soll, um ihre Sachen in Ordnung zu bringen?« »Da haben sie einen klugen Einfall gehabt, Sire!« »Meintest du nicht auch, ich sollte mich der guten Leute annehmen?« sagte der Sultan. »Sie gehören Ihnen an, Sire: ungeachtet der weiten Entfernung sind sie unstreitige Untertanen des großen indostanischen Reiches« – »Ich höre, der kleine König von Kischmir will das arme Volk unterdrücken; aber dem wollen wir die Lust dazu bald vergehen machen.« »Dazu braucht es nur einen Wink des Königs der Könige« – »Aber, Danischmend, die Leute verlangen auch einen weisen Mann von mir. Wo find ich einen weisen Mann in Indostan?« »Es wird schwer halten, gnädigster Herr.« »Beinahe hätte ich Lust dich zu schicken, Danischmend.« » Mich , Sire? – Ich danke demütigst für den gnädigen Scherz. Ich bin nur ein Körbchenmacher« – »Das muß ich wissen, was du bist«, sagte der Sultan lachend. »Aber, Scherz bei Seite, Danischmend; ich möchte den armen Jemalittern gerne Gutes tun. – Ich verliere dich ungern wieder, zumal da ich dich kaum gefunden habe. Aber ein Fürst muß sich, wie du weißt, seinen Völkern aufopfern. Also nichts weiter! Geh nach Hause, packe deine Familie und deine Sachen zusammen« – »Das wird wenig Zeit erfordern, Sire.« »Mein Schatzmeister hat Befehl, dir noch diesen Abend zehen tausend Bahams auszuzahlen; mein Kanzler wird dir deine Bestallung zu meinem Statthalter in Jemal in eben derselben Zeit zuschicken; an den König von Kischmir gehen meine Befehle noch heute ab. Morgen früh werden vier Kamele, sieben zuverlässige Sklaven, und zwei von meinen Reisigen, um dich bis nach Jemal zu begleiten, vor deiner Tür sein. Du weißt, ich pflege nichts halb zu tun. Und nun, weiser Danischmend, geleite dich der Himmel! Lebe wohl, bis wir uns wieder sehen!« – Und damit begab sich Schach-Gebal, ohne den Dank des erstaunten Danischmend abzuwarten, in die Zimmer der Sultanin Nurmahal. »Schach-Gebal ist der expediteste aller Sultanen in der Welt«, sagte Danischmend, als er nach Hause kam, zu Faruk und Perisadeh. »Was hinter dieser erstaunlichen Eilfertigkeit stecken mag, weiß der Himmel! Genug, liebe Perisadeh, morgen früh reisen wir mit unserm Freunde Faruk nach Jemal. Der Sultan hat alles schon veranstaltet; das Reisegeld, die Bestallung, die Kamele, die Sklaven, die Begleitung, alles ist bereit.« »So schnell hätte ich nicht gehofft daß es gehen würde«, sagte Faruk. »Aber desto besser! – Ein vortrefflicher Herr, Gott erhalt ihn!« »Amen«, rief Danischmend, »wenn seine Absicht so gut ist als die Tat! Denn ich gestehe, der Gedanke, mit unserm guten Faruk in das schöne Jemal zurück zu ziehen, den alten Kassim meinen Lehrmeister wieder zu sehen, und euch wieder gut machen zu helfen was die verwünschten Fakirn und Kalender verdorben haben, macht mich glücklicher als ich sagen kann. – Aber, Perisadeh, was fangen wir nun mit den Körbchen an, die ich noch fertig liegen habe?« »Schenke sie der schönen Aruja zum Andenken«, sagte Perisadeh. Danischmend packte sogleich ein halbes Dutzend zusammen, schickte sie durch eine kleine Sklavin an Sadik und Aruja, und ließ ihnen wissen, daß er morgen früh auf Befehl des Sultans Dehly verlasse. Aber die Sklavin kam mit der Nachricht zurück, Sadik und Aruja seien in verwichener Nacht abgereist, um einen ihrer Verwandten auf dem Lande zu besuchen, und man wisse nicht, wie bald sie zurück kommen würden. Danischmend schüttelte den Kopf. »Wolle der Himmel«, sagte er zu Perisadeh, »daß diese Reise aufs Land keinen Bezug auf meine so eilfertige Versendung nach Jemal habe! – Das wackere Paar müßte ihm denn nur, von einem guten Engel gewarnt, zuvorgekommen sein.« »Wir wollen das Beste hoffen sagte Perisadeh. Indem sie noch über den unerwarteten Vorfall zusammen schwatzten, schickte der Reichskanzler die Bestallung, und der Schatzmeister zehen reich gestickte Beutel, jeden mit tausend goldnen Bahams angefüllt. Faruk war vor Freuden über den glücklichen Erfolg seiner Sendung halb wahnsinnig. Perisadeh und Danischmend brachten die Nacht mit den nötigen Zurüstungen hin; Faruk holte sein Gepäck und seine Reisegefährten ab; die Kamele, die Sklaven und die zwei Reisigen standen um Sonnenaufgang vor Danischmends Hütte, und die kleine Karawane, von den guten Wünschen der Nachbarn begleitet, trat zur glücklichen Stunde ihren Zug nach Jemal an. 49. Kapitel Einige Aufschlüsse, nebst einem unfehlbaren Mittel, wie man die Sultane von phantastischen Leidenschaften kuriert Sadik und Aruja waren aus Dehly verschwunden, und der Argwohn, dessen sich Danischmend, als er Nachricht davon erhielt, nicht erwehren konnte, war, nach allem was er von Schach-Gebals Leidenschaft und Charakter wußte, weder unwahrscheinlich noch unbillig; »Sie müßten denn nur« (sagte er, ohne was sehr Bestimmtes dabei zu denken) »von einem guten Engel gewarnt worden sein.« Gewarnt waren sie wirklich worden; und wie schwarz auch das Wesen, das ihnen diese Wohltat erwies, gewesen sein möchte, gewiß ist, daß es für das tugendhafte Ehepaar ein guter Engel war. Um jedoch den bösen Schein zu meiden, als gedächten wir den Glauben an Geisternähe und überphysische Einwirkungen durch diese Behauptung zu begünstigen, halten wir es für Pflicht, ein kleines Kapitel zur Enträtselung dieser dunkeln Begebenheit anzuwenden. Der Verdacht, welchen Schach-Gebal gegen Danischmenden äußerte, daß der Kämmerling Kerim vielleicht von der Sultanin Nurmahal bestochen gewesen sei, als der Erfolg seines Auftrags an die schöne Aruja so wenig zum Vergnügen seines Herren ausfiel, war nicht ganz ungegründet. Kerim war in der Tat von der Sultanin erkauft, und hatte also nicht ermangelt, ihr alles, was er von Arujas geheimer Audienz im Kabinett des Sultans wußte, unverzüglich zu hinterbringen. Die Leidenschaft dieses Fürsten konnte einer so scharfsichtigen Kennerin wie Nurmahal nicht lange verborgen bleiben, wie sehr er auch ihr und aller Welt ein Geheimnis daraus zu machen glaubte. In der Meinung, daß es nur eine von den Phantasien sein werde, deren ihm schon manche eben so leicht vergangen als gekommen waren, gebrauchte sie anfangs bloß die gewöhnlichen Hausmittel, ohne sich das geringste von ihrem Mitwissen um das Geheimnis seines Herzens merken zu lassen. Als aber das Übel überhand zu nehmen schien, und Kerim ihr nun auch den geheimen Antrag, womit er an Aruja abgeschickt, und die entschlossene Antwort, womit er wieder zurück geschickt worden war, vertraute, merkte sie, daß die Sache ernsthafter werden könnte als sie sich vorgestellt hatte, und daß sie kräftigere Maßregeln ergreifen müsse, um sich im Besitz des Ansehens und Einflusses zu erhalten, den sie schon so viele Jahre im Serail behauptete. Mit einer Nebenbuhlerin wie Aruja sich in einen Wettstreit einzulassen, konnte ihr, deren Macht über die animalischen Triebe Seiner Hoheit schon lange vorüber war, gar nicht in den Sinn kommen; auch war es nichts weniger als diese Macht worüber sie eifersüchtig war. Aber eine Person wie Aruja konnte auch der Gewalt nachteilig werden, die ihr die Gewandtheit ihres Geistes, ihre Kenntnis des menschlichen Herzens, und eine lange Bekanntschaft mit Schach-Gebals schwachen Seiten, über den Geist, das Gemüt und die Leidenschaften des Sultans erworben hatten: und Aruja mußte also aus dem Wege geschafft werden, was es auch kosten möchte. Indessen da Nurmahal im Grunde kein bösartiges Wesen war, und zu gewaltsamen Mitteln nur im äußersten Notfall, zum Beispiele, wenn Aruja den Anträgen des Sultans Gehör gegeben hätte, zu schreiten sich hätte entschließen können: so begnügte sie sich eine Zeit lang damit, sowohl Schach-Gebaln als den Gegenstand seiner Leidenschaft aufs schärfste beobachten zu lassen, in der Absicht, so bald sie Gefahr merken würde, die schöne Aruja zu warnen, und ihr selbst zur Flucht behilflich zu sein. Damit diese Maßnehmung ihre ganze Wirkung tun könnte, war noch eine andere nötig, auf deren Erfolg alles ankam. Sie mußte nämlich dem Bilde der schönen Aruja, welches allen diesen Unfug in der Phantasie Seiner Hoheit anrichtete (denn sie selbst hatte er, seit ihrer Erscheinung in seinem Kabinette, nur zwei- oder dreimal, ohne ihr Wissen, verstohlner Weise gesehen), eine andere Schönheit entgegen stellen, die durch den gegenwärtigen Eindruck, den sie unversehens auf den Sultan machen würde, das Bild der abwesenden Geliebten zu verdunkeln fähig wäre. Da ihr in ganz Dehly, so wie im Serail, alles zu Gebote stand; so hatte sie wirklich bei einem der reichsten Sklavenhändler eine junge Sklavin aus Georgien aufgetrieben, welche in wenig Tagen nach dem Harem eines indischen Fürsten, dem diese Art von Ware um keinen Preis zu teuer war, abgeführt werden sollte. Nurmahal verschaffte sich den Anblick dieser Sklavin, und fand sie in allen Stücken so vollkommen wie sie es zu ihrer Absicht wünschte, daß sie des Handels mit dem Eigentümer sogleich einig wurde, und sie auf der Stelle in ihren Harem bringen ließ. Diesem Mädchen fehlte gerade alles was sie der Sultanin hätte gefährlich machen können: aber dafür besaß sie Reizungen und Talente, welche die erschlafften Sinne des abgelebtesten aller Sultane wieder zu verjüngen fähig gewesen wären. Ihre Gestalt, ihre Gesichtsbildung, ihre Augen, ihr Lächeln, der Ton ihrer Stimme, ihr Gesang, ihr Tanz, wovon jedes für sich allein bezaubernd war, mußten, wenn sie zusammen spielten, um so gewisser eine unwiderstehliche Wirkung tun, da sie durch den Glanz der frischesten Jugendblüte und der vollkommensten Gesundheit verstärkt wurde. Nurmahal hielt sich von dem Augenblick an, da sie dieses reizende Geschöpf in ihrer Gewalt hatte, ihres Sieges über die schwärmerische Leidenschaft des Sultans gewiß. Sie wurde nie müde, so oft er auf der Jagd oder im Divan war, die verschiednen Talente der kleinen Zoraide in Übung zu setzen: überdies hatte auch die vertrauteste ihrer Aufwärterinnen Befehl, sie in den feinsten Geheimnissen einer gewissen Art von Koketterie zu unterweisen, die man nur in den Harems der asiatischen Großen kennt, und die nur in diesen zur Vollkommenheit gebracht werden. Nurmahal schloß aus der immer zunehmenden bösen Laune des Sultans sehr richtig, daß es nun bald auf die eine oder andere Weise zur Entscheidung kommen müsse; und sie verdoppelte daher ihre Aufmerksamkeit, besonders seitdem die kleine Begebenheit mit den Körbchen ihr auf die Entdeckung geholfen hatte, daß Danischmend in der Nähe sei. Sie erfuhr nun teils von Kerim, teils durch ihre übrigen Kundschafter, alles was zwischen Schach-Gebal und seinem ehmaligen Itimadulet vorgegangen: den Besuch, den der letztere dem alten Sadik gemacht; wie ungehalten der Sultan über den schlechten Erfolg desselben gewesen; und wie er sich entschlossen habe, seiner langwierigen Selbstpeinigung durch eine geheim veranstaltete Entführung der spröden Aruja ein Ende zu machen. Itzt war keine Zeit mehr zu verlieren. Sie schickte sogleich ihre Vertraute an Aruja ab, um ihr den Anschlag, der gegen sie im Werke sei, zu entdecken, und sie zu bedeuten, daß sie noch in dieser Nacht aus Dehly entfliehen müsse, wenn sie nicht Gefahr laufen wolle dem Sultan unwiederbringlich in die Hände zu fallen. Die Achtung, welche Arujas standhafte Tugend ihr eingeflößt habe, diente ihr zum Bewegungsgrund des Anteils, den sie an ihrem Schicksal nehme, und beides bestätigte ein Geschenk von einigen Diamanten von Wert und einem Beutel voll Gold, welche die Sultanin ihr zum Behuf ihrer schleunigen Abreise zustellen ließ. Dieser Warnung zu Folge machten sich Sadik und Aruja in aller Stille fertig, verließen, unter dem Vorwand einer kleinen Reise aufs Land, die Hauptstadt noch in derselben Nacht, bestiegen am nächsten Ort zwei Dromedare, richteten ihren Lauf nach der Gegend, wo Sadik seinen künftigen Wohnsitz zu nehmen entschlossen war, und langten beinahe zu gleicher Zeit mit Danischmend in Lahor an. So bald Schach-Gebal von der Abreise seines Freundes Danischmend benachrichtigt worden war, ermangelte der getreue Kerim nicht, Seine Hoheit mit den Maßregeln zu unterhalten, die er zu glücklicher Ausführung des Anschlags auf die schöne Aruja getroffen habe. »Sie ist«, sagte er, »mit ihrem Alten auf ein paar Tage zu einem Verwandten aufs Land gegangen, und meine Anstalten sind so gut gemacht, daß sie mir auf dem Rückwege unfehlbar in die Hände fallen müssen.« Der Sultan wurde durch diese Versicherung und durch den Gedanken, seines beschwerlichen Freundes mit so guter Art los geworden zu sein, in eine so behagliche Laune gesetzt, daß Nurmahal keine Mühe hatte, ihn zur Annahme einer kleinen Lustpartie zu bewegen, welche sie diesen Abend in ihrem Garten anzustellen gesonnen war. So ergetzbar hatte sie den König der Könige in langer Zeit nicht gesehen. Alles, was sie zu seinem Vergnügen angeordnet hatte, erhielt seinen Beifall: aber vorzüglich schien er an einer Musik Gefallen zu finden, die ihn aus einem Gebüsche, nahe an dem Kiosk, wo er Platz genommen hatte, zu begrüßen anfing. Nach einer Weile verlor sich die Symphonie in ein leises harmonisches Getön, aus welchem sich eine menschliche Nachtigallstimme erhob, die, von einer sehr fertig gespielten Laute begleitet, seine ganze Aufmerksamkeit erregte. So bald sie aufgehört hatte zu singen, fragte er die Sultanin, wer diese Sängerin sei, die er noch nie gehört zu haben glaube? – »Sie wurde mir«, war ihre Antwort, »vor kurzem von einem Sklavenhändler aus Georgien angeboten, und ich kaufte sie, weil sie in der Tat eine feine Stimme hat, und sich selbst nicht übel auf der Laute dazu begleitet.« Der Sultan, von der übel verhehlten Eifersucht, die er in dem Ton und in dem Gesichte der Sultanin zu entdecken glaubte, nur desto mehr gereizt die junge Sängerin bewundernswürdig zu finden, wollte sie noch einmal hören, und schien von der Reinheit, Biegsamkeit und Fülle ihrer Töne immer mehr bezaubert; als ein großes Ballett von den schönsten Tänzerinnen des Harems, das auf ihren Gesang folgte, ihm beinahe wider Willen einen flüchtigen Blick abnötigte. Nicht lange, so öffneten sich die durch einander geschlungenen Gruppen, um einer jungen Tänzerin Raum zu machen, die, so schön wie Amor, so leicht wie Zephyr, und lieblicher als eine aufschwellende Rose in der Morgensonne, mit reizend verbreiteten Armen heran geschwebt kam, und mit ihren zierlichen Fußspitzen kaum den Boden zu berühren schien. Der Sultan, noch betroffner als zuvor, verwandte kein Auge von dem Wollust-atmenden Geschöpfe, dessen mimischer Tanz den süßen Kampf der jungfräulichen Schüchternheit mit der Liebe, bis zum Siege der allmächtigen Natur und zum schmachtenden Hinsinken in die Arme eines unsichtbaren Liebhabers, mit unbeschreiblicher Anmut und täuschender Wahrheit schilderte. Als sie sich wieder im Gedränge ihrer Gespielen verlor, fragte Schach-Gebal die Sultanin abermals, wie sie zu dieser Tänzerin gekommen sei? – »Es ist«, sagte sie ganz kalt, »eben dieselbe junge Sklavin, deren Gesang vorhin Ihrer Hoheit Vergnügen zu machen schien.« »Beim Haupte des Propheten«, rief Schach-Gebal, »es ist eine Nymphe des Paradieses, die sich von dem georgischen Sklavenhändler verkaufen ließ, um ihren Scherz mit uns zu treiben. Ehe wir's uns versehen, wird sie wieder davon geflogen sein.« »So rate ich Ihrer Hoheit, sie in Zeiten fest zu halten«, sagte die Sultanin lachend, indem sie ihre Freude über den glücklichen Erfolg ihres Anschlags unter die kaltblütigste Unbefangenheit verbarg. Von diesem Augenblick an war der Zauber aufgelöst, der den Sultan an Arujas Bild gefesselt hatte. Es schien ihm selbst unbegreiflich, wie es habe zugehen können, daß er sich von der grillenhaften Leidenschaft zu einer spröden Närrin, die ihm einen alten verdorbenen Kaufmann vorzuziehen fähig war, so lange betören und alles Vergnügen des Lebens habe rauben lassen. Er überließ sich nun den wohl behaglichen Eindrücken, welche die mannigfaltigen Reizungen der jungen Zoraide auf seine ausgeruhten Sinne machten, ohne alle Zurückhaltung: ihm war als ob eine Kraft von ihr ausginge, die ihm seine ganze Jugend wiedergebe; und als er eine Schale Sorbet, die sie ihm darreichte, ausgetrunken hatte, deuchte ihm, er habe alle ihre Reize und alle Liebe, die in der Brust eines Sterblichen Raum hat, mit hinab geschlürft. »Wenn deine junge Sklavin irgend einen Preis hat«, sagte er zu Nurmahal, »so fordere was ich dir für sie geben soll.« »Sire«, antwortete die Sultanin, »sie gehörte Ihnen schon von dem Augenblicke zu, da sie Ihnen gefallen hat.« Schach-Gebal dankte ihr auf eine Art, die ihr den einzigen Preis, um welchen ihr die Sklavin feil war, auf immer zusicherte, und zog sich bald darauf mit einem Blick auf Zoraiden und Nurmahal, welchen beide zu verstehen schienen, in seine Zimmer zurück. Als er in sein Schlafgemach trat, fand er Zoraiden, ihre Laute im Arm, auf dem Sofa sitzen, die ihn mit einem Liebe-atmenden Liede des Dichters Feleki bewillkommte. Zwei oder drei Tage darauf kam der getreue Kerim, Seiner Hoheit mit einem trostlosen Gesicht anzukündigen, daß Aruja mit ihrem Alten verschwunden sei, ohne daß man entdecken könne, wo sie hin gekommen. »Aruja?« – sagte der Sultan, in einem Ton als ob er sich eines halb vergessenen Traumes erinnerte. – »Desto besser, Kerim! Friede sei mit der ehrlichen Frau und ihrem alten Sadik! Man lasse sie ungehindert ziehen! hörst du, Kerim? Es sind gute Leute, und sie stehen überall unter meinem Schutze.« Von diesem Augenblick an war die Rede nicht mehr von der schönen Aruja. Schach-Gebal ergetzte sich an der kleinen Zoraide so lang – als es billiger Weise zu erwarten war, und Nurmahal machte inzwischen im Serail und im ganzen Reiche was sie wollte. Und so sind, und waren von jeher, die Könige und die Könige der Könige ein Spielzeug ihrer eigenen Leidenschaften, und der Ränke eines jeden, der ihnen nahe genug ist, um ihre schwache Seite auszufinden , und schlau und schlecht denkend genug, sie zu mißbrauchen. 50. Kapitel Ankunft in Jemal und Beschluß dieser Geschichte Als Danischmend mit seinen Reisegefährten zu Lahor ankam, trafen sie in dem Karawanserai, wo sie abstiegen, ein paar Derwische an, in welchen sie bei näherer Beaugenscheinigung, zu ihrer aller großen Freude, Sadik und Aruja erkannten. Perisadeh glaubte in der Letztern eine jüngere, so wie Aruja in Perisadeh eine ältere Schwester zu sehen, und die Zuneigung, die sie beim ersten Anblicke für einander fühlten, endigte nicht eher als mit ihrem Leben. Was ihnen das entflohene Ehepaar von den Umständen seiner Entweichung entdeckte, klärte Danischmenden das Geheimnis seiner eigenen Entfernung von Dehly auf; und, um von aller Furcht vor Nachsetzung entbunden zu werden, fehlte ihnen nichts, als zu wissen, was für gute Anstalten die Sultanin für ihre Ruhe getroffen hatte. Sie setzten nun die Reise nach den Tälern von Jemal mit einander fort; nur Faruk eilte voraus, um einige Tage früher anzukommen, damit er seinen Brüdern von dem Erfolge seiner Absendung Bericht erstatten, und alles zu Danischmends Empfang vorbereiten könnte. Feridun und die wenigen Anhänger, die ihm geblieben waren, hatten inzwischen alles mögliche versucht, um sich vom Hofe zu Kischmir Unterstützung zu verschaffen: als aber eine öffentliche Erklärung der Einwohner von Jemal erschien, daß sie sich unter den unmittelbaren Schutz des großen Sultans von Indostan begeben hätten, fand man bedenklich jenen länger Gehör zu geben; und der bald darauf angelangte kaiserliche Firman, der die Einwohner von Jemal von aller Abhängigkeit von dem Könige in Kischmir frei erklärte, und dem letztern untersagte sich in ihre inneren Angelegenheiten zu mischen, bewog diesen Fürsten, den Flüchtlingen andeuten zu lassen, daß er ihnen keinen längern Aufenthalt in seinem Lande gestatten könne. Was hierauf aus Feridun und seiner Bayadere und den beiden Kalendern, die sich in ihren Besitz mit ihm teilten, geworden sei, weiß man nicht: die übrigen aber suchten sich mit ihren Landesleuten auszusöhnen, und kehrten unter der Bedingung, deren wir sogleich erwähnen werden, in ihr Vaterland zurück. Danischmend wurde von dem ganzen Volke von Jemal eingeholt und mit hohem Jubel in seine alte Wohnung eingeführt. Kassim und Zeineb waren vor Freude außer sich, ihm alles, was sie von seiner Freigebigkeit empfangen hatten, wieder zurück zu geben, und konnten, eben so wie der brave Faruk, nur mit vieler Mühe bewogen werden, eine reichliche Vergütung dessen, was sie dadurch verloren, von ihm anzunehmen. Er erklärte hierauf dem Volke in einer allgemeinen Versammlung: Daß er nicht als Statthalter des Königs der Könige, sondern als ein Bruder zu seinen Brüdern, zu ihnen zurück komme, und von seiner Vollmacht keinen andern Gebrauch zu machen gedenke, oder machen zu müssen hoffe, als ihre alte glückliche Verfassung und Lebensweise, die ihnen, wie er nicht zweifle, durch alles Vorgegangene nur desto lieber geworden sein müsse, wieder herzustellen, und dann unter ihnen als unter seinesgleichen zu leben, ohne ein anderes Ansehen geltend machen zu wollen, als was ihr eigenes Vertrauen in seine Redlichkeit und Liebe zu ihnen allen ihm freiwillig zugestehen werde. Das erste Geschäft, welchem er sich nun, mit Beiziehung der Ältesten aller Gemeinen, und derjenigen, die sich in den Zeiten der Betörung durch ihre Anhänglichkeit an die alten Sitten ausgezeichnet hatten, unterzog, war, alle Spuren jenes unglücklichen Zeitraums in Jemal, so viel nur immer möglich war, auszulöschen. Eine allgemeine Verzeihung und Vergessenheit des Geschehenen sollte hierzu den Grund legen: nur Feridun und die mit ihm verbundenen Ausgewanderten wurden davon ausgenommen; es wäre denn, daß sie sich gefallen lassen wollten, auf alle an sich gezogene Grundbesitzungen Verzicht zu tun, und sich an ihren angestammten Gütern zu begnügen. Alles übrige, was sie auf Kosten ihrer Brüder erworben hatten, wurde für Eigentum der Nation erklärt, und mit allgemeiner Genehmhaltung dergestalt verteilt, daß der vierte Teil davon gemeines Gut verbleiben, und unter öffentlicher Verwaltung gemeinnützig verwendet, das übrige aber unter die ärmsten Jemalitter, nach Proportion der Stärke ihrer Familien, verteilt werden sollte. Alle noch übrig gebliebene Gegenstände, Werkzeuge und Werkstätten der Hoffart und Üppigkeit wurden teils vernichtet, teils außer Landes zum Vorteil der ganzen Gemeinheit verkauft. Zwar ließ sich Danischmend von Perisadeh und Aruja erbitten, eine Manufaktur beizubehalten, welche Frau Zeineb mit großer Emsigkeit errichtet hatte, um sich selbst und ihren guten Freundinnen Kalessons und Hemden von feinerem Gespinst und Gewebe, als ehmals in Jemal üblich war, zu verschaffen: aber diese Ausnahme wurde nur unter der Einschränkung zugestanden, daß diese Manufaktur ein Eigentum der ganzen Gemeinheit sein, und der reine Ertrag, den sie bei einem festgesetzten sehr mäßigen Preise abwerfen könnte, zum Nutzen der darin arbeitenden Kinder und zu andrer Arbeit untüchtigen Personen verwendet werden sollte. Die gute Zeineb glaubte das Vergnügen, Vorsteherin dieser Anstalt, an welcher ihr ganzes Herz hing, zu bleiben, auf diese Bedingung nicht zu teuer zu erkaufen: und da doch manche Hände, die sonst müßig geblieben wären, dadurch beschäftigt wurden; so glaubte Danischmend in diesem einzigen Stücke der Weiblichkeit der jemalischen Frauen, zu deren Gebrauch die Produkte dieser Manufaktur ausschließlich bestimmt waren, nachgeben zu können, ohne den Vorwurf einer allzu weit getriebenen Gelindigkeit zu verdienen. So bald die Gleichheit unter den Bewohnern von Jemal, so weit als es ohne jemanden unrecht zu tun anging, wieder hergestellt, und die Verfassung der Gemeinen sowohl als des ganzen Volkes wieder auf den ehmaligen Fuß gesetzt war, glaubte Danischmend, alles übrige werde sich unvermerkt von selbst wieder in das vorige Geleis zurück schieben. Anstatt die Zahl der Gesetze zu häufen, die er unter einem kleinen Volke für ein sehr unzulängliches Surrogat des Mangels guter Sitten hielt, begnügte er sich, durch sein eigenes und Perisadehs Beispiel, welches zugleich die Regel aller ihrer Freunde war, die gute alte Sitte, die Einfalt der Lebensweise, und alle die häuslichen und geselligen Tugenden, welche die Grundlage der menschlichen Glückseligkeit sind, sichtbar darzustellen und nach und nach wieder allgemein zu machen: und da die Betörung dieses gutartigen Volkes nicht lange genug gedauert hatte, daß das Gift der Verderbnis bis in den Grund des Herzens hätte eindringen können; so hatte er die Freude, den Geist der Mäßigung, des Fleißes, der Eintracht und der Zufriedenheit eher wieder in Jemal herrschen zu sehen, als er selbst gehofft hatte. Wir zweifeln sehr, ob im ganzen ungeheuern Reiche des großen , gerechten und vielgeliebten Schach-Gebal noch ein so glücklicher Mann lebte als Danischmend. Er konnte ohne Unbescheidenheit das wieder hergestellte Glück der Jemalitter als sein Werk betrachten; aber dies war ein Gedanke, der ihm nur selten in den Sinn kam: sie wieder glücklich zu sehen, weil sie wieder gut waren, und am Anschauen des äußerlichen und sittlichen Wohlstandes, der dieses kleine Volk auszeichnete, sein Herz zu laben, dies war es, was dem Genuß seines eigenen Glückes einen so großen Zuwachs gab. Denn auch für sein Privatglück ließ ihm das Schicksal nichts zu wünschen übrig. Er erlebte die Zeit, da alle seine Kinder in diesem Boden, den er zu ihrem Vaterland erwählt hatte, gleichsam eingewurzelt und auf eben dieselbe Art glücklich waren, die er selbst als die einzig wünschenswürdige erfahren hatte. Er hatte die Freude, sich selbst in seinen Söhnen, Perisadeh in seinen Töchtern wieder aufblühen zu sehen; er lebte lange genug, um die Kinder seiner Enkel auf seinen Knieen zu wiegen; und ihm wurde endlich das beneidenswerte Glück zu Teil, an eben demselben Tage mit Perisadeh in ein besseres Leben hinüber zu schlummern. Sadik und Aruja fanden sich durch den gerechten Spruch des Sultans Gebal und die eigennützige Freigebigkeit der Sultanin Nurmahal in den Stand gesetzt, in Jemal auf einem Fuße zu leben, der ihnen das Glück gewährte, auch zur Beförderung des allgemeinen Wohlstandes ihrer neuen Mitbürger mitzuwirken. Sie schlossen mit der Danischmendischen Familie einen Freundschaftsbund, der bis auf ihre späte Nachkommenschaft fortdauerte. Eine Tochter, mit welcher Aruja ihren in Jemal sich wieder verjüngenden Alten beglückte, wurde in der Folge mit einem von Danischmends Söhnen, so wie zwei würdige Söhne des wackern Faruk mit seinen beiden Töchtern vermählt; und diese Verbindungen, wodurch die drei liebenswürdigsten Familien von Jemal in eine einzige zusammen geschlungen wurden, konnten nicht anders als das gemeinschaftliche Glück ihrer aller vollkommen machen.   Ende des Danischmend