Albin Zollinger Pfannenstiel Die Geschichte eines Bildhauers Geschrieben März/April 1940 Marie 1 Zwei Freunde, Bildhauer, reisten zusammen von Paris nach der Schweiz zurück. Sie waren nicht mehr jung; einige vierzig; dem Dunklen, zur Behäbigkeit neigenden, lichtete sich das Haar von seinem Wirbel aus, der andere, der ein Hüne war, trug noch die Mähne eines Jünglings. Beide blickten sehr jugendlich aus den Augen, nach deren Bläue beurteilt sie hätten Brüder sein können; die von Stapfer schienen verträumter, Krannig hatte den Schalk im Gesicht. «Pass auf, es wird sein wie immer,» sagte er gegen das Scheibenglas, «wir kommen gleichsam in eine moosige Luft hinein, alles ist sehr traulich muschlig, die Dinge überraschen dadurch, dass sie noch etwas niedlicher sind als man sie sich vorsichtigerweise dachte; sogar die Alpen erstaunen auf den Abstand durch ihre geringe Höhe – wenn man freilich an sie herantritt . . . ! Die Seen erscheinen als Flüsse, und immer halten die Züge, kaum dass sie in Bewegung gekommen sind.» «Ja,» antwortete der blonde Landsknecht, «und alles das ist gewiss sogar nicht wenig sinnbildlich für das Ganze. Aber du weisst, wir kommen nicht los davon; dieses sonderbare Ländchen beschäftigt uns mit seinen Mängeln ebenso wie mit seinen Zaubern. Was hab ich nicht Heimweh ausgestanden! Meist sah ich den Pfannenstiel in Blust und Amseln.» «Es wird sich zeigen, ob die Luft unserer Arbeit zuträglich ist oder nicht. Ihr Gehalt an Säuerlichkeit ist zu fürchten, einer Säuerlichkeit, die den Bienenstock nicht verlässt. Mein Gott, schliesslich ist es Hochland, ein Hochland mit Hagebutten; die Kapellen geraten ein wenig spröder, die Ornamente schnörkliger – Bernini, nein, für dergleichen ist die Atmosphäre allzu gestopft, allzu frostig: Reisläufer sind daher herabgestiegen, Kerle immerhin, die die Welt veränderten, und das Hochland hat seine unergründlichen enzianblauen Wasser.» «Für mich fürchte ich weniger als für dich; doch ist mir beides gleich denkbar, dass sie die Käseglocke ihres Stillschweigens über dich setzen oder aus dem Bedürfnis nach der Gegenart dich vergötzen werden. Du müsstest dich in Sorrent ansiedeln, Orangengärten mit deinem appollinischen Geschlecht bevölkern, du Göttersohn.» «Je nachdem die Landschaft uns entwickeln oder korrigieren soll, denke ich. Möglicherweise schösse ich ins Kraut auf Kosten der Konsistenz, während etwas Leichtigkeit deinen Ernst wohltätig auflockern möchte.» «Wir werden sehen. Entscheidend ist nicht die äussere, bestimmend ist unsere innere Landschaftlichkeit, in der wir, an Extremen, beide gleich schweizerisch sind. Ich brauche dich, du brauchst mich, und das nicht zufällig. Jetzt werden wir auseinandergehen, die Zeit ist voll; die beiden Bäume haben angefangen, sich auf eine gefährliche Weise gegenseitig ins Gezweig zu wachsen.» Es war gewiss zunächst nicht so gemeint, aber beide setzten sich rasch. Auf der Seite Krannigs hatte das Mädchen ausruhend seine Hände auf die Bank auseinandergelegt; Stapfer blickte nach ihnen wehmütig verblüfft und voll Zorn auf den Liebhaber, von welchem er wusste, dass er sich jetzt aus Grundsatz bezwang, die Nachbarschaft der bezaubernden Finger geflissentlich übersah. Krannig besass keineswegs das Aussehen, aus dem sich sein Erfolg bei den Frauen hätte erklären lassen, sein Gesicht war fahl, sein Talent darin nicht ersichtlich selbst einer Liebenden, die solchem Talente Wert beimass; also blieb nichts als die männliche Nachlässigkeit an ihm, der er sein Herrschertum verdankte, und das erboste den Blonden, erboste ihn besonders im Zusammenhang mit einem Gegenstande wie Marie, die er aus Augen des Schwärmers in der Vollkommenheit weiblichen Wesens sah. Dabei fehlte es ihm nicht an Erfolgen, er war selber alles andere eher als ein unberührter Jüngling; allein Marie . . . Marie war ihm so etwas wie das Erlebnis eines Wunders gewesen, Marie war ihm wie aus der Dichtung gekommen, freilich sogleich an den Zauberer verloren gegangen; er fasste es, hielt sich stille in Ehrfurcht vor den undurchschaubaren Gesetzlichkeiten, die menschliche Bindungen bestimmen; nur hätte er sich für den Liebling eine andere als die maharadschahafte Behandlung gewünscht, und insgeheim enttäuschte es ihn, auch sie in der Rolle der Bajadere offenbar am Ort und vollauf entschädigt zu sehen. Seine Grübeleien hatten sich hingezogen, er gewahrte, erwachend, den leise belustigten Blick Krannigs; nun stieg es ihm doch im Herzen auf, dass er erglühte: Gott sei Dank ist's zu Ende! ging es ihm durchs Bewusstsein, als eine erste Flamme aufzüngelnder Feindschaft; er hatte seine Kräfte verausgabt, er empfand die Monotonie der Bahnfahrt jählings als zehrende Ungeduld in den Knien, die zurückgelegten Entfernungen lagen ihm um die Füsse gewickelt, von ungefähr schoss ihn Erinnerung an: Paris, wo bist du! und das Leid überwältigte ihn, er sah den Montmartre klein und dunkel hinter der Erdwölbung, ein fernes Golgatha in Lagunen Salates, sah die Brücken und Türme, die Bibliotheken mit Wendeltreppen, die Mansarden der Studenten, die broncenen Feldherren im Parklaub – alles in einer Ferne von Lautlosigkeit, unaufhaltbar entschwindend; die Schlächterjungen waren geblieben, die Kellner, die Maler, die Bügelfrauen, die Freudenmädchen, die Museumsdiener, die Kärrner waren geblieben – er aber, wohin fuhr er allem davon? Er wurde sich inne, dass er es ohne diese Marie im Leben nicht verlassen hätte, dass er der Geliebten eines Anderen das Geleite gab und in des Nebenbuhlers vollem Bewusstsein lächerlich ahnungslos gesessen hatte, alle die Zeit her, alle diese Ewigkeit her, die ihn mit Nebeln der Gleichförmigkeit, mit Lichtungen des Aufhorchens, wenn der Räderschlag über Weichen aufsang, zugeschüttet hatte. Grosser Gott, welche Demütigungen gab es! Der Schweiss brach ihm aus, und er durfte sich auch nicht regen, ihm graute vor dem Spiegel gegenüber, davor, die Vorgänge in ihm gar vom Auge des Mädchens abzulesen. Reiste sie ohne Anfechtungen? Es war die Heimat, die sie, obendrein im Trotz gegen ihre Eltern, verliess. Und Krannig? Schaffte er's ohne Beschwerden, alles zu liquidieren? Es waren zehn Jahre gewesen, zehn Jahre Atelier, Hunger, Disputationen unter Freunden, zehn Jahre des geliebten Asphalts, und es war die Stadt, voll der unabsehlichen Kindheitserlebnisse Maries, die Luft, aus der sie ihren ersten Schrei geformt hatte – alles entführte er unterm Arm, alle unschätzbare Beute, die leicht zu nehmen sein Grundsatz war –. Ach, er sprach! Er sprach seit geraumer Zeit von der Ausstellung in Zürich, sprach mit sachlicher Festigkeit und offenbar zu dem Freunde, an Marie vorbei. «Ich bin in meinem Innern verzerrt», sagte sich Stapfer, «ich bin ungerecht – könnte sich denn ein Mensch so von einer Stunde zur andern in der Weise verwandeln? Ich bin jetzt ein Narr, oder ich war es bis anhin – kein Wort darüber, es ist so schändlich wie schmerzhaft, ein Kerl meiner Art zu sein.» Krannig sprach davon, dass es eine Ausstellung an den Seeufern wäre; er rühmte den Einfall der Spiessbürger, rühmte die grazile Stadt und erging sich in Schätzungen darüber, wo sein und des Freundes Beitrag in den Sträuchern zu finden sein möchten. Er sprach wie immer leichthin, aus frohem Selbstbewusstsein heraus; aber, weiss der Himmel, Stapfer vertrug ihm auf einmal nichts mehr, nicht, dass er von den Landsleuten als von Pfahlbürgern sprach, nicht die Anzweifelung der heimischen Kollegen, denen gegenüber er, Stapfer, eine bange Eifersucht empfand – vielleicht erschien die Heimat mit verborgenen Naturtalenten auf dem Plan? Krannig schwor auf den Internationalismus, fand die Bewusstheit der Grosstadt für den Künstler unerlässlich; Stapfer – der beiläufig an Verstandesgaben Ueberlegene – sah den Universalismus innen, am Urquell der geistigen Natur, die sich dem Unverbildeten reiner als dem kaltschnäuzigen Boulevardmenschen offenbarte. Marie beobachtete erschrocken, dass die beiden abermals aufeinanderstiessen, – Gott sei Dank ist's zu Ende! dachte auch sie, ihrerseits aus der Selbstsucht der Liebenden heraus, ihren Kreis unversehrt zu erhalten. Als ob er es gespürt hätte, entfernte sich der Blonde in den Wandelgang hinaus, um dort, an einem Fenster lehnend, eine Zigarette zu rauchen. Er fühlte das Stossen der Wagenraupe, ihm kam die Erinnerung an seine vierzig Materialkisten, diese Fracht von Alteisen, das er im Lauf der Jahre zusammengetragen und nun nach der Schweiz verladen hatte. Er lächelte im Gedanken an die Zollbeamten vor seiner absonderlichen Bruchschokolade, sah ihr Kopfschütteln, die Finger, von denen sie das Rostmehl strichen; aber auch die Zärtlichkeit für seine Zahnräder, Schrauben und Pleuelstangen leuchtete in seiner Miene auf, es geschah im verträumtesten Lächeln, dass er zu einem elsässischen Kriegsfriedhof hinüberblickte, der sich die Länge einer Anhöhe in sanfter Wölbung als ein Rebberg des Todes dahinzog. Seine Versessenheit auf den Kram war eine Marotte von ihm, in der er sich allein befand, seitdem sich das Paradies der Kindheit in die Luft verflüchtigt hatte; damals freilich, als er mit Jugendgespielen die Schuttablagerungen auf Königskronen und Goldschätze durchwühlt hatte, war es eine hochgemute, anerkannte Sache gewesen – am Flohmarkt in Clignancourt blickten die Augen der Gewinnsucht auf seine Leidenschaft; er fand es gut so, er erhielt sein Reich unberührt in der Mitte der Nüchternheit – nur von Marie betrübte es ihn ein wenig, dass auch sie keinen Zugang zu seiner Liebhaberei fand; auch sie lachte schonend darüber, fragte nach seiner Absicht damit, aber die unbeschreibliche Wimper beschattete ihre Nachsicht, und sie rührte sein Herz, wie sie gewichtlos und still in dem Raritätenmuseum herumging. Gott sei Dank war's zu Ende! Er ertrug es nicht ohne die bitterlichste innere Unruhe, sie mit ihrem Freunde allein im Abteil zu wissen; er öffnete schroff, wie um sie zu ertappen, und in der Tat hing ihm das Mädchen am Munde, Krannig aber hatte seine beiden Hände mit Esswaren belegt. Stapfers bedeutsame Gebärde, wie er hünisch und schwer in die Tür hereinlehnte, galt der Verkündigung, dass man sich der Landesgrenze nähere; die Eile des Zuges nahm derweil eher noch zu, wie die eines Stromes in der Nachbarschaft des Wasserfalls, Die Zöllner erschienen, vor dem Glase gingen die Reisenden nach vorn und hinten vorüber, Stapfer half Marie die Bänke aufräumen, Krannig hatte mit Glück einiges geschmuggelt und gab sich nun seinem kindlichen Triumphe darüber hin, derweil die andern arbeiteten. Der Wasserfall erwies sich als eine Kaskade von zwei Hallen, in denen der Zug Station machte; man war in der Schweiz, die heimischen Uniformen beherrschten das Feld, die letzten Elemente der Fremde waren zurückgeblieben, und alsbald ging die Fahrt, wohlig munter, über ein grünes Tal leicht bergan durch eine Zeile von Bauerndörfern; mit dem Bötzberg war eine Kanzel erklettert, von deren Höhe man das Mittelland, die silbernen Windungen der Aare überblickte – da lag es alles wieder, unverändert, da lagen die Waldgipfel mit Burgen, schwangen die Brücken sich schräg über Flüsse, rauschten die Wuhre, Elektrizitätswerke summten, die Sonnenblumen in den Gärtlein der Bahnwärterhäuschen bekamen Gewicht in ihre apfelgrünen Häupter; so waren die Kuhgespanne, die Bauerngeräte, die Postwagen, die Schulkinder, die Gesichter zuhause, so klang der Stundenschlag der Kirchen, da fuhr man hinein wie in einen wolligen Teppich, in tiefe Geborgenheit, in den Raum der Kindheit, uralte Sonnabende rochen mit Bodenwachs auf, die Unabsehbarkeit der Herkunft zog mit süssem Gefälle. Einzig Marie war alles fremd, wenn auch aufregend fremd, indem der Geliebte mit seinem Finger darin herumzeigte. Sie sah zum erstenmal die berühmten Alpen, sie hatte sich's anders vorgestellt, die Landschaft machte ihr den Eindruck einer hesperischen Vision, sie glaubte nicht anders, Ithaka müsste in die Buchten zwielichtiger Luft hereinschwimmen, die Pferde auf den Weiden hatten für ihre Augen das ewige Ornament des Griechentums. Mit einem Schlag erblickte Marie das geistige Wesen ihres Bildhauers in der Uebertragung dieser Landschaft und verliebte sich darein so gründlich, dass es dem Herzen weh tat. Er stand ja aber da, ihr erreichbar, sie hatte alles beisammen in der geliebten Gestalt Krannigs, dessen Name es auch enthielt, was ihr das Innere verzauberte – sie sah ein Gittertor mit Efeu, ein Landhaus dahinter, Pferde und Linnen – in dem fremd-vertrauten Lande, das sich im Abend verfärbte, lehnte sie sich an den Geliebten, Stapfer sah es wohl, er aber hatte die Nacht vor sich, das Dasein in ihrer Entbehrung; plötzlich bereute er es, Paris verlassen zu haben. 2 Der Himmel hier schreckte ihn aus dem Schlaf als ein Geflacker von Bläue vor den Fenstern; es roch ein wenig nach Waschtag und Hyazinthen; Stapfer sah spiegelnde Treibhausfenster, es war indes Sommer, als er hinauskam, die Bläue stand still und kristallen, hatte aber alles mit ihren inwendigen Feuern durchdrungen, hatte den Dingen ihre Stofflichkeit genommen, dass sie wohl klar, doch ohne Gewicht wie aus Luft geformt in ihrem Zusammenhang lagen. Ihr freudiger Schein berührte sein Herz, es brannte wie eine Wunde; in dem Masse wie die Welt schön war, empfand er die Schwermut in sich – geisterhaft sinnlos umstand ihn das alles. Er blickte den Menschen ins Gesicht, unfähig zu begreifen, dass man eilen, einem Ziel entgegenstreben, dass man sich freuen mochte. Sie trieben im Gefälle des Stromes; er auf seinem toten Punkte, abseits im Kreise drehend, sah, dass es der Tod war, der sie zog, der Tod, um den er sie auch beneidete, da er sie trug, wo er ihm selber schwer in den Gliedern lastete. Er hatte im Niederdorf Quartier genommen, in dem alten Gemäuer, auf welchem seine Kindertage, ein Himmel in Trümmern, liegen geblieben waren. Sogleich zuhause, als wäre er nie fort gewesen, empfand er die Abwesenheit nur der Menschen, die gestorben oder verzogen waren; ausnahmsweise einmal stiess er auf einen Bekannten, einen Jugendgespielen, der sich wie er in seinem Aeussern verändert hatte, aber Familienvater, irgend ein wohlbestallter, mehr oder weniger angesehener Mensch geworden war, dem gegenüber er selber sich mit nichts eigentlich auszuweisen vermochte; – «Bildhauer,» antwortete er, im ganzen ihm übrigens nicht peinlichen Bewusstsein darüber, dass es bei seinem Alter hätte bekannt sein müssen, um ihm Ehre einzubringen – so bekannt etwa wie von Krannig, dessen Name längst europäisch und, wie es sich zeigte, auch in der Heimat geläufig war. An den Ruhm, als an eine Begleiterscheinung, dazu sehr launischer Art, verschwendete er keine Gedanken; er fand es naturgemäss, dass der Freund ihn darin überflügelte: Krannig war fruchtbar, in seiner Leistung überdies von jener Gefälligkeit, die auch das Bedeutende an sich haben kann – Ruhm ist ein Duft, kein Verdienst, Kornrade und Veilchen streiten sich nicht darüber. Kornrade oder Veilchen – sie blühen unangefochten vom Ueberfluss ihrer Art; der Mensch fühlt sich alsbald von seinesgleichen bedrängt – in der Verfassung, in welcher der Mann sich das Flussufer hinauf bewegte, befielen ihn jähe Ermüdungen: Ach, die lebenslange Plackerei um ein Gewerbe so fragwürdiger Natur! Die Vergangenheit ging ihm als eine Strasse unabsehbarer Steinmeisseleien vor den Augen auf – Rom, über Griechenland zum Nil und hinauf in das indische Tempelgewirr . . . und da ging er, hinfälliger Zeitgenoss einer Menschheit, die ihren Rest von Genie in der Technik verbrauchte; da ging er, ein ägyptischer Töpfer, und sah den Formwillen an Autos, Dampfern und Stahlmasten neuzeitlich ausgeprägt; da ging er, ein uralter Sonderling, ärmlich und entbehrungsreich. Wahrlich, Tränen schossen ihm in die Augen: Fort mit dem Werkzeug der Kümmerlichkeit, das Leben ans Leben verwenden! Was war er nicht für ein Mönch geworden in der Zelle seiner Besessenheit. Der Lohn davon war, dass er eines Tages stutzig vor der Versammlung prometheischer Geschöpfe stand, den Hammer in der Faust, mit dem Abscheu im Herzen – diesem Herzen, dem er für all das die Unmittelbarkeit des Daseins versagt hatte. Auch jetzt war er nicht unterwegs zur Geliebten, auch jetzt war es der Stein, der seinem Gang die Rechtfertigung gab. Die Wasserhöhe ging blau in den Bäumen auf, mit einer Verheissung von Meerhafen, die ihn ein wenig belebte; vielleicht gab es Tore der Flucht aus dem Herzeleid, vielleicht reiste er, grasigen Kontinenten entgegen, vielleicht hatte die Erde noch Sensationen mit ihm vor. Auf dem Bellevueplatz blieb er stehen, um den Blick zu erheben; Marie stand ohne Begleitung da; in der Einsamkeit hatte sich Stapfer eine innere Haltung zurechtgemacht, mit deren Hilfe er durchzukommen hoffte – jetzt, wo er sich allein mit dem Mädchen sah, zuckte die tollste Hoffnung in ihm auf. Von Grund auf verwandelt, eilte er auf sie zu. Sie stand in Betrachtung einer Wettersäule; die Freudigkeit ihres Erwachens sah nach mehr aus als sie war; es fehlte nicht viel, so hätte er das Mädchen in den Arm genommen, in seiner verwegenen Laune, er neigte sich gehend leicht über sie zur Seite, finster versonnen, in Wahrheit von Herzen getröstet. Krannig war verhindert, er hatte bereits seine Abmachungen, Marie einsame Abende, an denen er, in die Häuser des Reichtums geladen, sein Alleingängertum als Künstler notiert wissen wollte – es war Stapfer, der insgeheim die Begründungen ins leicht Verächtliche verschob – Marie schien nichts zu argwöhnen, in ihrer Hörigkeit alles kindlich von dem Geliebten entgegenzunehmen; sie ereiferte sich in der Schilderung seiner Erfolge, der Beweise einer Schätzung, die in der Heimat nicht vorausgesehen war. Stapfer, indem er es alles anhörte, trug ein Lächeln im Mundwinkel; sie bemerkte es plötzlich und bezog es auf ihre Schwärmerei; wohl errötend, vergrübelte sie sich vorwurfsvoll. «Ich bezweifle nichts,» sprach er nach einer Weile, «auch nicht die Wohlverdientheit des Ruhms. Mich schmerzte lediglich ein wenig die Beobachtung, dass du an mich dabei mit keinem Gedanken denkst, nicht einmal mit dem der Geringschätzung in Anbetracht meiner Anonymität hierzulande und anderswo.» Er horchte ins Ungewisse hinaus. «Komm,» erwiderte sie, und nahm ihn geradezu bei der Hand. Sie waren auf die Brücke hinausgegangen, in eine Allee von Laternenpfeilern; er hatte den Grund auch davon erraten, Krannigs Plastik stand zweifellos drüben. Sie machten jetzt kehrt; die Aussprache mit ihr, ganz gleich, welcher Art sie beschaffen sein würde, lockte ihn mehr als die Ausstellung. Anmutiges, liebes Geschöpf! dachte er, willig in ihrem Geleite gehend und glücklich in dem jäh aufgebrochenen schmerzhaft abgründigen Gefühl. «Davon müssen wir einmal reden,» sagte sie unterwegs. Er, in seiner Trotzköpfigkeit, das Schicksal herauszufordern, beschloss, wennmöglich eine ganze Liebesstunde aus dem Zusammensein zu machen. «Hier finden wir nichts,» rief er; «sei lieb und vertrau dich mir an; wir fahren aufs Land hinaus, hier auf den Berg, der Pfannenstiel heisst, den muss ich dir beiläufig zeigen.» Sie blieb stehen, blickte starr vor sich nieder und gab ihren Bescheid zuletzt in einer langsamen, schauerlich sanften Bewegung des Kopfes. «Dann nicht. Dann aber auch keine Nebensachen an seiner Stelle. Dann hier auf dem Platze, Marie, hier im Stehen: Ich kann nicht mehr, ich liebe dich grauenhaft; komm zu mir!» Sie waren nicht in Paris, die Zürcher warfen die Köpfe herum; Marie, in ihrer schönsten Flaumigkeit, bestrebte sich, gutzumachen, hielt seine Hand und suchte nach Wegen, mit ihm aus der verzweifelten Lage zu kommen. «Es ist nicht allzuweit, auf den Berg?» fragte sie; «ich sehe keinen in der Richtung,» und lächelte. Da es heraus war, hatte er sich gänzlich beruhigt. Immerhin flog ihm das Haar, als er nun seinerseits mit dem Kopfe nein dazu winkte. Von anderswo her, mit verwandelter stiller Stimme sprach er ihr zu, dass sie verzeihen möge, dass er es so zufrieden sei und die Fassung besitze, sich damit zu begnügen, ein wenig an ihrer Seite zu gehen; sie wollten die Bildwerke sehen; es wäre nicht das nach seinem Wunsche, auf dem Berg, vermöchte es in Gottes Namen nicht zu sein – und beinah fröhlich erhob er die Augen, sich die Meerwunder zeigen zu lassen. Obwohl mit den Dingen in keiner Weise zu Ende, flüchtete Marie gern in den Notbehelf, die nächste Stunde herumzubringen. Was zwischen ihnen zur Sprache gekommen war, hatte keine sachlichen Ueberraschungen gebracht; deshalb gelang es den beiden wohl, ihren Bummel durch Bäume und Rasenflächen voll verschiedenartigster Statuen die ihrem Verhältnis angemessene ruhige Vertraulichkeit zu geben. Sich an die Erscheinungen zu halten, war eine wohltätige Massnahme, die Impulse zu verlagern; sie verliehen den Unterhaltungen eine schöne Wärme und Stetigkeit; die beiden Menschenkinder vergassen ihre Kümmernisse über dem Behagen des Augenblicks – es war auch fürwahr ein götterhafter Tag und die lieblichste Stätte ihrer Besinnlichkeiten: Die Seebläue glomm im Gezweige, der Bergzug gegenüber stand luftig wie eine Wolkenmauer, seine Höhe überschattete das Wasser mit Wohnlichkeit eines Raumes, auf dessen Grund die Parkbäume standen, in aller Mächtigkeit zierliche Ausladungen von Weidenlaub; Vögel hüpften im Gefels der Stämme, moosige Halden von Rinde hinauf; in einer Grotte trieb ein Schwanenpaar duftig wie Sommergewölk; Stapfer verträumte sich in der Betrachtung ihres Zierats, der lockig gesträussten Flügel, des Ornaments um den schwarzen Schnabel – hatten es die Dichter darüber gebracht, dieses Licht von hellenischer Ewigkeit? lagen die Symbole in den Arabesken zutage? – er staunte wie immer die Präzision der Natur an, er zeigte mit dem Finger darauf . . . «Ein genaues Gefühl sagt einem, dass die Bildungen der Natur ihre Idee in einer Linie von eleganter Richtigkeit fassen. Das ist es, was wir als schön empfinden. Schön in einem höheren Sinne als dem vulgären ist daher alle Natur. Wie schön ist das Krokodil! Erinnere dich seiner erstaunlichen Schnauze. Kann der Bodensatz der geistigen Welt, dieses Unterste an Animalität, verblüffenderen Ausdruck als den in dem grausig-drolligen Stück Hornpantoffel finden? Wie die Augen und Naslöcher aufstehen! Dieser Zahn vorn herab! Und der Inbegriff wurstiger Fresslust als ein adretter Schnörkel am Bug. Dagegen das Reh mit seinen Augen. Die huschende Scheu, das fleischgewordene Waldweben. In der Kunst ist es nicht anders: Vollendung ist maximale Akuratesse. Nicht Kürze, aber Kongruenz; Kongruenz von Idee und Form. Das Minimum an Verbrauch.» Mit einer Handbewegung übers Ufer: «All das, siehst du, Marie, sozusagen alles ist ahnungslos, – der Jüngling ausgenommen. Sein Schöpfer mutet mich brüderlich an. Er bemüht sich; bemüht sich, während die andern geniessen. Sie schwelgen im Nachahmungstrieb – Nachahmung von Meistern, Nachahmung der Natur. Mit dieser ist es ja eine Sache: Die widergegebene Richtigkeit der Natur ist keine Richtigkeit mehr, schändlicherweise. Sie ist tot, sie hat keine Seele. Die Kunst hat das Geistige selbst, nicht die Spiegelung davon zu sehen. Dass sie in den Formen der Dinglichkeit realisiert, ist ihre Grösse und Tragik, gleich wie es Tragik und Grösse Gottes ist, sich in Begrenzungen festzulegen. Die Natur eines Kopfes umschreibt eine psychische Einmaligkeit, die Kunst zeigt ihn in Zusammenhängen, gleichsam atmosphärisch, durchgeistert von Dämonen und Aeonen. Möglicherweise muss man es anders sagen. Um den geheimnisvollen Ort herum suche ich. Er lässt mich nicht los. Sieh mich sehr weit zurückgeblieben und winzig an der kleinen Wasserstelle in der Wüste zu der Zeit, wo meine Altersgenossen vorangekommen und auf den Markt der Städte gelangt sind: Mir kommt in Wahrheit kein Ruhm zu, im Ernst, Marie, ich bin nicht zu kränken, denn ich habe auch nicht einmal angefangen. Ich kann nicht Plastiken machen, wie jeder sie macht: die ewigen ‘Kauernden’ und ‘Sich Kämmenden’, die künstlich hergestellten Torso-Ruinen. Die Intelligenz macht keinen Künstler, aber Dummheit macht ihn noch weniger. Ich hoffte hier Ueberlegenheit wenigstens an Natur zu finden und sehe viel mehr als läppische provinzielle Nacheiferung in Grosstadtsnobbismen auch nicht. Ich rede dabei nicht von einem Kerl wie Krannig; der ist eine Art für sich, ein unproblematisches Sonntagskind, einer, der blüht wie ein Baum, lebend und schaffend. So einen kann ich höchstens beneiden, ich tu es indessen nicht . . . ich sehe auch seine Gefahren, in denen er umkommen wird, falls seine Grösse nicht hinreicht.» Sie hörte das nicht zum erstenmal aus dem Munde Stapfers und wusste auch wie er es meinte. Die Künstler! dachte sie, die Künstler! Selbst Freunde unter ihnen vertrugen einander im Grunde nicht; sie hatte Krannig über Stapfer sprechen hören, noch seine Achtung focht ihn im Kern seines Wesens an. Sie selber, das war die Verlegenheit, fand keinen Zugang zu Stapfers Schöpfungen, – zwei oder drei, dafür freilich über alle Beschreibung herrliche Sachen von ihm besassen ihre Liebe; aber das waren gerade die, welche er verleugnete, epigonale Kraftmeiereien aus den Jugendjahren, wie er sie nannte. Die Unterhaltung mit ihm war geistig bedeutender als die mit Krannig, sie sah sehr wohl, dass er auch hübscher war, kannte die Wirkung, die seine mächtige blonde Erscheinung auf Frauen ausübte; er bediente sich seiner Möglichkeiten sehr launenhaft und zerstreut zu den Zeiten, wo die Zerwürfnisse mit seiner Kunst ihn heimatlos machten. Nun war Marie der Pechvogel, an den er die Hartnäckigkeit seiner anbetenden Treue heftete; davon abgesehen, dass ihr Herz wirklich vergeben war – sie liebte schrecklich Krannigs sonnige Unbekümmertheit! – vermutete sie in ihm ein Beispiel des schaffenden Mannes, der allein zu bleiben die Natur und Bestimmung hatte. Der Einfall, ihm diese Ansicht als schmeichelhafte Antwort auf seinen Ausbruch mitzuteilen, verwirrte sie eine Weile in ihrer Aufmerksamkeit. Er ging hoch und etwas nachlässig unter dem Laubdach der Promenade dahin, die Hände am Rücken, ohne Hut und in seinem alten Pariser Anzug von verwaschenem beige Carreau, eine Künstlerfigur, nach welcher die Menschen herumblickten. Die kleine Frau, die auch ihre dreieinhalb Jahrzehnte haben mochte, erschien neben ihm als so kindhaft von Wuchs, dass der Gedanke an Liebesnächte der beiden, der einen unwillkürlich anfiel, geradezu etwas Anstössiges hatte. Marie trug ein Kleidchen aus schwarzem Taft, sie war überaus niedlich von Formen, mince, wie die Franzosen es nennen, die Gestalt im Profil keine Hand breit und doch von elastischer Festigkeit der Linie; das dunkelgelockte Haupt auf dem Kinderhälschen hatte in seiner Lage irgend etwas von einer Nautilusschale, an der puderig mürben Haut des Gesichtchens wurden ihre Jahre ersichtlich, hing der Flaum von Reife, der ihre lauschige Anmut umwob. Stapfer, indem sie schwiegen, schickte mitunter einen Blick über sie herab, welchen sie nicht bemerkte. Er blickte über sie auf den See hinaus, sah das Ufer jenseits, in dessen Sommerglut die Fassaden der Villen übereinandergestaffelt wie ausgebrannt, wie südliche Ruinen im Olivengrau geisterten. Irgendwo galt es sich anzusiedeln, irgendwo in dem Laube würde er wohnen, zusammen mit ihr, er liess sich's nicht nehmen, allen Vertracktheiten gegenüber darauf zu bestehen; er sah jetzt ordentlich ein römisches Landhaus mit Mais und Strohstühlen, seine Madonna unterm Kopftuch, sich selber im Treibhaus seiner Kalksteingebilde, in der Sonne spielend ein Söhnlein von der feingliedrigen Art der Mutter. In der Bläue ging weit und innig die Melodie einer übenden Caféhauskapelle, Musik, die wie ein Duft aus den Dingen hervorzustrahlen schien, Wohllaut voll der Bedeutsamkeit der Schöpfung, voller Lebenserinnerung; Martin und Marie lehnten sich auf das Eisengeländer, blickten in den Grund des Wassers auf Gestein und Tang durch einen Glanz von Himmelsweite hindurch. Alle Vergangenheit mit der Liebe Richard Wagners, Frühling alter Jahrhunderte, alle Namen aus hinabgegangenen Särgen standen in der Stille der Luft, und diese zwei lebten, atmeten in dem Glanz von Himmelsweite zwischen gestern und morgen, lebten aus dem Schlag ihrer Herzen heraus, der war wie das Zittern in Spinngeweben. Trug die Geisterhaftigkeit des Lebens lastende Dinge wie Marmorbilder es waren? trug sie die Treue eines Mannes wie Krannig, und das, dass sie alt mit ihm wurde, weitläufige Wege mit ihm ging an das Ende der Tage? Marie empfand zu der Stunde nichts, keine Liebe, zu niemand; es schien ihr, sie hätte ebenso wohl dem klugen warmherzigen Manne da in die Räume der Zukunft nachfolgen können; sie hatte mehr als einen aus ihrem Gefühl verloren, sie war nach Zürich gekommen, um sich hier bürgerlich festzulegen, was oftmals, am Ende grosser Hoffnungen und Ueberschwänge, misslungen war. Erfahrungen der letzten Tage hatten sie auf gewohnte Nachdenklichkeiten gebracht, sie war wie ein Bewohner von Erdbebengebiet, innerlich immer auf Flucht eingerichtet; im Augenblick war nichts von Gewicht, nichts, das schmerzhaft zu werden das Aussehen hatte. Sie waren weitergegangen, standen noch einmal vor Stapfers Arbeit, einer Mädchenbüste seines typischen Stils, fremdartig abstrakt und rätselhaft jedem, wie es Marie bedünkte, der nicht ein wenig um die Gedankenwelt des Erschaffers wusste. Die Menschen davor verharrten in einer Art Erstarrung, lösten sich von dem Anblick wortlos oder mit kurzer, auslöschender Kopfbewegung, und Marie, die Wahrheit zu sagen, ärgerte sich über Stapfers Frohmut den Wirkungen gegenüber; er schien ihr nicht ganz ohne Dünkel, nicht ganz ohne Lächerlichkeit des Eigensinns. An der Stelle der Brücke, wo sie umgekehrt waren, fiel ihm wieder der Pfannenstiel ein. Für alle Zeiten würde der Ort es an sich haben, dass er ihn an Marie erinnerte. Er dachte an den Nachmittag ohne sie, den er wie eine Einöde vor sich hatte, und die Trauer, zusammen mit der, welche ihm als Nachgeschmack seines Humors vor dem Publikum geblieben war, überwucherte ihn ganz und gar. Die Bläue flockte in Finsternis aus, der Berg erhob sich als eine Höhe der Mühsal vor seiner Seele. »Weshalb mittraben, wenn es nur eine Gnadenfrist war? Dahinter lag die Ewigkeit ohne Liebe, wie er nicht anders dachte, die Notwendigkeit, sich zu behelfen, und alles war ohne Verlockung für ihn. Er blieb plötzlich stehen und bot die Hand zum Abschied dar. Das Jungenhafte in ihm verstockte sich abermals. Sie freilich überging es diesmal, ergriff die Hand nur, um ihn daran weiterzuziehen, ja sie riskierte es der Umstände ungeachtet, ihm wie früher einzuhängen; so folgte er ihr wohin immer wie der Elefant einem Kinde. Die erstaunliche Landschaft entfaltete sich dem Blick auf ihrem Gang von Bildwerk zu Bildwerk, Bogen und Transversalen dahin, eine Landschaft von elysischer Traumhaftigkeit. Die dunstige Luft hing gleichsam herab, das laubige Gehügel erhob sich in ihre Schleier mit dem Behagen eines Badenden, zwielichtig überschienen von vitriolgrünen Höhen, lockige Gipfel sahen aus wie Burgen, Fabriken in den Talgründen wie Kathedralen vor Ausgängen nach dem Meer, der See, von hier betrachtet, breitete sich als eine dunkle Veilchenwiese zu fernsten Inseln und Buchten hinaus, und hoch darüber, aus einer Leere von Glast hervorblühend, stand geisterhaft der staubige Schnee im Gefelse, eine Vision von Gewölk, eine Küste Jenseits, gewichtlos schwebend. Linkerhand war auch der Pfannenstiel in Erscheinung getreten, ein Grat von schlichtem Verlauf, welchem sonderliche Ueberraschungen nicht eigentlich zugetraut werden konnten; Stapfer sagte aber, dass Seen und ein Bauernland voller Dörfer dahinterlägen. Er sah sie einen Augenblick noch einmal hoffend an; es war nichts zu machen, vielleicht fühlte sie sich vor sich selber nicht allzu sicher, der Gedanke bot ihm ein wenig Ersatz im Verzichte. «Doch eine hübsche Unternehmung dieser Stadt, die sich auf Ausstellungen versteht!» sagte er, sich ermunternd, im Gedanken an das Volk der Statuen im Gezweige. «Die Arbeit von Krannig strahlt als Brillant im Ring, da ist nichts zu meckern; man hat die Nase dafür gehabt und ihr den gebührenden Ehrenplatz angewiesen – sag ihm bitte, dass ich mich neidlos freue.» Damit bot er ihr seine Bildhauerhand, in bedeutsamer Laune aus seiner Höhe herabstrahlend. Ins Belvoir mitzugehen vermochte er nicht, Marie hielt die Hand noch eine Weile fest, und er beeilte sich, ihren Bemühungen zuvorzukommen, indem er sagte: «Denke nicht, dass ich ihm grollte, Liebling! Du siehst ja, ich stelle mich im offenen Wettkampf mit ihm und habe nicht einmal Skrupeln, dem Freund die Treue der Freundin zu unterwühlen. Es geht da um inkommensurable Dinge, die klar auseinandergehalten sein wollen. Darf ich, überzeugt davon, dass du zu mir gehörst, meine Anstrengungen um dich aufgeben, weil meine Rechte sich mit solchen des Freundes verquicken? Der Ausgang so oder so wird erst meine Haltung rechtfertigen. Auch ich bin verabredet, Liebling, auf ein wenig später; man zeigt mir ein Atelier in der Gegend, es bietet sich mir die Möglichkeit, eine Grabsteinpraxis zu übernehmen; es wäre weiss der Himmel verfrüht, sich vom sichern Port der Grabsteine in die freie Kunst hinauszuwagen. Ich will einmal ein Haus, ich will Familie und Häuslichkeit. Liebling – auf Wiedersehen!» Mit bestimmten Schritten, und ohne sich nach ihr umzusehen, setzte er den Weg nach Wollishofen hinaus fort. Er hatte schon einiges in Augenschein genommen und sich gemerkt: das eine und andere in der Altstadt, eine Baracke am Abhang der Waid in Schrebergärten, etwas Biedermeierliches im Seefeld. Hier stieg er durch neue Quartiere empor, brachte Dach um Dach unter sich und kam an dem Kirchlein vorbei unvermittelt auf ein poetisches Hochland, in dessen Grund das waldige Sihltal sich öffnete. Vermutlich ein Bauverbot hatte diese Wiesen und Baumgärten erhalten; er wanderte knietief in Kerbel, ein wenig hinauf, ein wenig hinunter auf der warmen blossen Erde; er sah den See jetzt durch Kirschlaub, ein langes Ufer zog sich mit Dörfern, Kirchen, Landungsstegen weit in das Silbrige hinein. Die Strasse, die er genommen hatte, fiel, und er arbeitete sich durch eine Gruppe vormaliger Weinberghäuser wieder hinauf, gelangte auf einen Hügelkamm, auf welchem sich umdrehend er die ganze Herrlichkeit von Wald, Wasser und Bergen überblickte. Hier mit Marie, wenn man es so gehabt hätte, hier im Abendgeläute, frühlings, wenn die Maikäfer schwirrten! Das war nicht bloss aus Büchern, es gab das in Blickweite, dass sie sich Landhäuser mit vielem Glas, mit Garage und Planschbecken, mit Delphinium und Sonnenblumen hingestellt hatten. Da sassen sie nachts bei den Lampen, auf Teppichen wie Gras, und die Fenster flammten von Sternen, Tapeten in Moos und Gold, Musselinevorhänge, wohnliche Grotten des Schlafs! Stadtwärts in der Nachbarschaft hatte sich einer gar ein Blockhüttchen aufgestellt – sieh da, das war es wohl gar, was er suchte! Eine Palisade aus Brettern riegelte das Ganze nach aussen ab; da es schon kein Strandbad auf dem Hügel sein konnte, war es die Werkstatt eines Kauzes, was sonst! Das Tusculum nicht zu verpassen, machte er sich eilig dahin auf den Weg. In seinem Rücken, auf Sandalen unhörbar, war mittlerweile ein Mädchen heraufgestiegen, er gewahrte es nicht ohne leichtes Erschrecken, das es sah, weshalb es im Grüssen lächelte. Er erstarrte sogleich ein zweitesmal; sie war schön und gross, sie trug mit einer Mappe ihren Strohhut an der Hand, ihr Kopf war schmal in Strähnen blonden Haares gepackt, das über die Ohren zum Nacken verlief. Sie hatte ihn bereits überholt, und er hielt zurück aus Scheu, sie gewissermassen zu begleiten; er blickte ihr aber nach, sie mochte es spüren, Verlegenheit weiblicher Freude nötigte sie, spielerisch ihr Gepäck in die andere Hand hinüberzuschwingen; bergab fiel sie in leichten Trab, nicht auf lange, sie warf auch das Haar herum, da sie schon nicht zurückblicken konnte, er sah noch einmal das Gesicht. Seit Marie war es ihm nicht mehr begegnet, dass er Frauen anders als mit den suchenden Augen des Künstlers gesehen hätte. Die Nachwirkung des Verrates an ihr überkreuzte sich mit den Wellen von holder Erregung seines Innern; der Spiegel im Herzen erlosch. Alles war aus. Hell und Dunkel hatten einander aufgehoben, es war nichts mehr da. Die junge Schnitterin hatte sich um den Salbeihang herum entfernt, er ging ihr nicht nach, am Eingang zu der Hütte stand er wie ein Segel in der Stille zwischen zwei Winden. Lieber Herrgott, du hast es nicht wohl eingerichtet. Wer seines Nächsten Weib ansieht . . . Was gäbe ein Mensch darum, im Herzen nicht angefochten zu werden! Eine schöne lebenslängliche Treue hofft ich mir auszubauen – was ändert es, dass ich stehe und diese da fortgehen lasse! Es ist nicht einmal Busse für Schuld, die mir nicht zukommt. Ohne das Haus noch einmal anzusehen, ging er des Weges, den er gekommen war, davon. 3 Schliesslich war es das Objekt im Seefeld, für welches er sich entschied. Er schaffte seine Kisten hinaus und hatte vorerst damit zu tun, sich einzurichten. Es beschäftigte ihn über die Massen. Er hatte einiges von der Geschicklichkeit der Hausfrau, schrubbte und nähte; alleiniger Herr und Meister in den zwei Räumen, um die der Landregen dampfte, fand er das Leben schon eine brave Sache; er machte sich selber den Kanarienvogel mit Gepfeife von morgens bis abends. Was ihn freute, waren die Fenster, zwei Fenster, die eine halbe Wand füllten; ihre gitterige Aufteilung erinnerte ihn an die französischen Feudalpaläste. Sie schwammen im Regen mit einer fliessenden Pappel, dem Grasgeviert und einer Sandsteinfigur vor der Klause. Nachts zog er Vorhänge von blaugewürfeltem Kattun davor. Vom selben Stoffe war der Ueberwurf der Couch in der Ecke. Auf der Lade darüber standen seine gelben Broschurbände. Er verstand sehr geschickt, die Ausstattung aus seinem Alteisengerümpel zu ergänzen. An einem Lampenkörper arbeitete er drei Tage lang bei seinem Schraubstock. Dann war es das Zylinderöfchen, vor dem er sich mit gespreizten Beinen aufprotzte. Ordentlich eine Röte fuhr über seine Stirn. Zu versetzen war das Mistvieh nicht und nahm doch den besten Raum in Beschlag. Das Haarnetz, das Stapfer zur Bändigung seiner Stirnlocke bei der Arbeit zu tragen pflegte, hing ihm schon bald übers Ohr herab. Mit dem Knie puffte er die Couch überquer, was den Raum in zwei überaus artige Kabinette aufteilte, in deren einem das Oefchen architektonischen Sinn und also die seiner Minderwertigkeit mögliche Schönheit gewann. Erfindungen von der Art bereiteten ihm herzinnige Daseinsfreuden. Die Hände im Nacken verschränkt, betrachtete er's von seiner Lagerstatt aus, in der Nacht, die still wie die Nacht auf dem Monde war. Heisst das, der Mond fuhr durch ein Weltall von Regen. Dass er ein beträchtliches Stück Geld hatte aufnehmen müssen, auch das fiel ihm freilich ein in den Nächten. Die Grabsteine waren von dem Vorgänger zu einer Art Musterfriedhof vor dem Hause angeordnet worden; Stapfer war es das erste gewesen, das steinerne »Wäldchen zugunsten des Rasens auszuroden; er hatte vor, die Industrie zu liquidieren und Aufträge unter seiner Würde nicht anzunehmen. Die Werkstatt behagte ihm wohl, er verschönerte sie noch mit Geranien; vorerst galt seine Geschäftigkeit dem Vergnügen, sich in seinen Gemächern abwechselnd über irgend einer Bastelei aufzuhalten. Mit dem Haushalt im Reinen, machte er sich an die Arbeit. Aus dem Gedächtnis wiederholte er eine in zahllosen Varianten zurückgelassene Studie ,März', einer Komposition von knospenhafter Art, deren Andeutung ihm rasch und zunächst mit dem Aussehen einer Riesenkaktee unter den Händen wuchs. In dem Masse wie sie in ihrer Ausgestaltung fortschritt, vervielfältigten sich die Schwierigkeiten; es schien als ob der alte Stand von Ausweglosigkeit wieder eintreten wollte, Stapfer grub Photographien hervor, die er in der Weise einer Patience vor seinem Werk auf dem Boden auslegte. Mit den kleinen irdischen Tröstungen war es gründlich vorbei, in seiner Verbissenheit und Verzweiflung sah er nichts mehr auf seinen Wegen, er ass beiläufig und ewig dasselbe, Mais, von dem er einen Vorrat in seiner grössten Pfanne herzustellen pflegte, dazu Kirschen, oder er nahm Brot zu Chianti. Vollkommene Einsamkeit war auf Paris gefolgt, aber es war ein Fürsichsein ohne Entbehrung; nachts ging er aus, meist seehinan, in die Strassen zum Berg hinauf; sie führten überall in Laub voller Sternhimmel. Eines Septemberabends stiess er am Quai auf Marie. Dass sie ihm verändert vorkam, mochte auch einfach von ihrem winterlichen Kleide herrühren. Es war doch sehr heimatlich und nach allem Alleinsein wonnig aufregend für ihn, sich ihr gegenüber an den einsamen Gartentisch zu setzen. Als sie ihre Handtasche zuklappte, schlug ein lenzlicher Wohlgeruch herüber. Eine so niedliche Frau habe ich einmal zu lieben die Fürstlichkeit gehabt, dachte er, ihr Gesicht mit dem Blicke abweidend. Eine stille Freudigkeit ihrer Züge entging ihm nicht. «Zwei Tassen Kaffee», sagte er zur Bedienung – und lehnte sich darnach übers Wasser hinaus. Die Thalwiler Kirche stand wie ein Geist im Nebel, die Alpen hatten sich in Luft aufgelöst. Stapfer grübelte, welche innere Lage es war, die sich wiederholte; es waren die Kiesel auf dem Seegrund. «Wir dachten nicht anders, du wärst wieder nach Paris zurückgefahren, Martin.» «Ich war unartig, ich weiss. Eigentlich machte ich mir nie Gedanken darüber.» Erst in der Nachwirkung fühlte er, dass es beinah raffiniert gesprochen war und eine beiläufige Wirkung hatte, deren er sich schämte. Indessen war es unverkenntlich, dass sie die Veränderungen an ihm auch ohne das wahrnahm und darüber in Nachdenklichkeit verfiel. Weiber sind immer Weiber, dachte er. «Nun, wie war es? Ich hatte zu tun und nahm es billig als Vorwand dafür, mich bei einem Freunde ein wenig rar zu machen, der seinerseits auch nichts dazu beitrug, die Spannungen zu überwinden.» «Spannungen,» sagte sie vor sich hin. Er rauchte. «Unsere künstlerischen Absichten haben uns auseinandergeführt lange bevor wir es sehen wollten. Und dann: Verbindungen aufrecht zu erhalten, liegt von zweien an dem, der Karriere macht.» «Ihr Schweizer seid aber empfindlich!» «Man sagt es.» «Was mich dabei anbetrifft, so versuchte ich wiederholt, den Anstoss zu geben. Es ist wahr, auch er winkte ab.» «Und seinen Zorn zu erregen nahmst du denn doch nicht auf dich.» «Martin, ich ging allein. Ich stand mehr als einmal vor deiner Ligusterhecke.» «Ich war ja nach Paris zurückgereist?» Eine ganze Weile beschäftigte es ihn, sich auszumalen, dass sie stand, und er las derweil oder stapfte in den Wäldern herum. Aufregung bemächtigte sich seines Atems. Wir verachten das Weib und bleiben ihm dennoch hörig. Die harmlose Fröhlichkeit seiner Floskel wirkte beinahe frivol: «Nein, im Ernst, ich hätte mich wirklich gefreut.» Er war höflich und verständig genug, die Verstellung nicht zu weit zu treiben, nachdem die Frau sich in dem Masse gedemütigt hatte. Er ergriff über den Tisch ihre Hand. «Es ist einfach so,» sagte Marie und hatte die Augen voller Tränen, «dass ich euch nicht in zwei trennen kann. Du gehörst dazu. Ich musste dich verlieren, um es inne zu werden.» «Schwieriger Fall, aber wie immer, wenn er von der Art ist, auf einer Täuschung beruhend.» «Welcher?» «In mir entbehrst du vielleicht Kurzweil, sublime Kurzweil, günstigenfalls; die Liebe gehört dem, dem das Bett gehört.» So frei herauszureden, war nicht ohne Lust des Wagnisses; Marie ging anstandslos darauf ein, indem sie fast nebenhin sagte: «Das Bett gehört ja nicht mir allein.» Er hielt inne damit, das Händchen unmerklich zu befühlen. Er liess es unauffällig sogar los und nebenan auf der Tischplatte liegen. Es stimmte ihn traurig, dass die Eröffnungen ihn nicht sonderlich bewegten. Mit Krannig freilich war er innerlich fertig. Wenn sie nicht von ihm loskam, so war es nur erotische Gewöhnung, die eine Macht ist. Stapfer wusste, mit kühnem Einsatz war die Frau nie zu gewinnen; aber sei es nun, dass er alles verwartet hatte, sei es, dass die plötzlichen Möglichkeiten ihn stutzig machten, sein Instinkt gab ihm ein, sich nicht zu verpflichten. «Wie denkt er sich das in der Ehe?» Sie schien auch an diese Ehe nicht mit sonderlicher Zuversicht mehr zu denken. Sie brach wieder in Tränen aus. «Schliesslich werde ich von uns dreien es sein, die nach Paris zurückfährt.» Der Gedanke daran erweckte eine schmerzhafte Art von Erbarmen in ihm, gerade durch den Umstand, dass er nichts dagegen zu veranlassen sich in der Lage fühlte. Sie war so anmutig wie je, eigentlich wenig französisch in ihrem Wesen, und dass sie die Sprache sprach, befremdete ihn heute. Ihre Augen schienen zwei Lebewesen für sich, still und falterhaft, ihr feiner Mund beschäftigte seine Blicke; aber er sah all das nur noch mit den Augen, nicht aus der Tiefe des Herzens heraus, es fehlte gewissermassen das Gefälle zu ihr hin, zu ihr und ihrem Leben, und was noch darnach aussah, kam mehr aus seinem Wunsche, ihr so wie einst zu gehören. Dass er sich hierin verändert hatte – unheimlich ist die Abhängigkeit von Hintergründen des Gefühls! – verschaffte ihm wenigstens die Berechtigung zu einer gütig vertrauten Art, sich um sie zu bekümmern, einer Väterlichkeit, die beinah ebenso tief befriedigte. Er versuchte, Krannig von bürgerlicher Schuld zu entlasten, was sich freilich als müssiger Eifer erwies, indem er Marie nichts damit sagte, was ihr nicht zum voraus selbstverständlich gewesen wäre; es lag ihr auch daran, in ihrer Beständigkeit nicht angezweifelt zu werden, und Stapfer sass denn fast ein wenig naseweis und zurechtgewiesen vor ihr in seiner Verdrossenheit. Es war Nacht und auch kühl geworden, die Lampen der Wirtschaft sprühten aus giftgrünem Laub. Eigentlich war alles nur angebrochen, was sie einander hatten sagen wollen; eine Handbewegung, mit der Marie ihren Mantel ein wenig überzog, gab das Zeichen zu einem etwas schreckhaften Aufbruch. Erst die Notwendigkeit, auseinanderzugehen, gab ihnen wieder das Bewusstsein ihrer Verbundenheit. Sie schoben die Trennung mit Auf- und Abgehen lange hinaus, sie wanderten in einen Flaum von Dunkelheit hinein, die sie tiefer und tiefer verhüllte, und es geschah aus sehr gutem Gefühl, in einer milden Sonorität der Herzen, dass sie am Ende noch voreinander standen, Martin unwiderstehlich versucht, den holden Schatten an seine Brust zu nehmen – das Herz sang ihm, die Augen wurden ihm nass, als er in seiner langsamen Art, im Gesprenkel der Allee nach Hause ging. Maries Augen leuchteten auf, da er wirklich kam, doch wusste Stapfer wohl, dass es Freude über seine Artigkeit war und auf Krannig sich mehr als seine Person bezog; den ganzen Abend zeichnete sie ihn für seinen Gehorsam mit warmer Vertraulichkeit aus. Er lebte davon in seinem Innern, bewegte sich in der erlauchten Gesellschaft aus Glückseligkeit frei und heiter, obwohl er, wie er fühlte, hier niemand, nur Krannigs Freund war. Krannig hatte sich eine Fliege von Bart unter der Lippe wachsen lassen, die bewegte sich, wenn er sprach, und Martin starrte darauf, in der einen Vorstellung, dass er sie, liebend, Marie vor das Kinn drückte; er sah überhaupt nur noch Brutalität an dem Freunde, auch in dem Koryphäengehaben, das Krannig als eine gewisse eilfertige Unbekümmertheit zur Natur geworden war. Man hatte sich in einem Palaste von vielen ineinandergehenden Räumlichkeiten zusammengefunden, Bankleute, Maler, Literaten; ein Quartett unter Führung der Hausherrin machte Kammermusik, Dienstmädchen in Hauben servierten belegte Brötchen zu Tee; da waren die Herren und Damen, Stapfer auch nach der Vorstellung unbeschriebene Blätter, die einander kannten, herumstehend, mit dem Ellbogen auf der Hand, eifrige und lange Gespräche miteinander führten; frische hübsche Mädchen, die man sich auf dem Tennisplatz eher als in dem geistigen Zirkel zuhause dachte, unterhielten sich wohlbeschlagen mit Rechtsanwälten ebenso wie, um einen Ton freudiger und herzlicher, so schien es, mit den weniger ansehnlich aufgemachten Meistern der Künste, vor denen die eine und andere als Modell etwas wie Tochterstellung erhalten haben mochte. Stapfer, in der Tiefe seines Ledersessels, gab sich der Beobachtung dieser drolligen Welt von Extremen hin, fand sie leise lächerlich, leise verlogen – sieh da die Alphornbläser und Sennerinnen, die Eintracht von Bürgern und Bohême, die Uebereinkunft auf dem hauchfeinen Boden der Selbsttäuschung! Der Gastgeber, ein windschiefes graues Männlein, welchem die Millionen ebensowenig wie sein Mäzenatentum anzusehen waren, bewegte sich in der Versammlung nervös, doch mit Sicherheit, hinter Augengläsern versponnen; eine kleine Fürstlichkeit, wechselte er von Audienz zu Audienz, auch der blonde Bildhauer war ihm des näheren vorzustellen, was – und hier zeigte er sich in seiner ganzen Grosszügigkeit – von Krannig mit dem Ergebnis besorgt wurde, dass Stapfer seine Lieblingsplastik im provisorischen Auftrag des Bankiers ausführen sollte. Einen Vorschuss darauf erkannte ihm Herr Sytz unaufgefordert mit angenehmer Beiläufigkeit zu. Er hatte sich Stapfer gelegentlich der Freilichtausstellung erstaunlicherweise gemerkt, befand sich durchaus im Bild und legte überhaupt eine Fachkenntnis an den Tag, die, frei von Snobbismus, eine wirkliche Liebhaberei des Geldmagnaten verriet. Dabei sprach er in aller Schlichtheit und, gegen das Ende hin, mit halbem Ohr schon dem nächsten Interpellanten offen. Martin glühte. Nach Künstlerart wechselte er aus dem Groll gegen Krannig in Begeisterung hinüber; die kleine Freundin schmolz in Rührung über den Ausgang der Dinge, die zu veranlassen sie gottlob die Hartnäckigkeit aufgebracht hatte. Stapfer ging mit ins Atelierhaus gar nicht weit von seiner Eremitage. Krannig schien seinem Stern zu vertrauen, aus der Miete zu schliessen, die zu bezahlen er auf sich genommen hatte. Das Haus lag abseits in Akazien, wohnlich verschachtelt und von wilder Rebe über und über bewachsen, ein Dornröschenschloss, das mit Zimmern in Purpur und Ahorn aufging. Krannig hatte, nebst dem Atelier, deren zwei belegt, eine trauliche Grotte mit Holzsäulen, Batik und Teppichen; er führte den Freund, nicht ohne die irdischen Genüsse zu bagatellisieren und in Relativität zu versetzen, darin herum; aber, weiss Gott, er hatte auch wie ein Pferd gearbeitet, die weitläufige Werkstatt mit alten und neuen Schöpfungen angefüllt – Martin erstarrte im Anblick gottseliger leichter Gestalten, deren schattige Gliedmassen vor einem Hintergrund goldener Zierlichkeiten im Anschein der Riesenhaftigkeit aufstiegen – was hatte er selber dagegen zu setzen? Die eine Verbissenheit, eine neu aufgesprosste Hoffnung, und seinen Kram von Alteisen aus Clignancourt! Und doch, ihm war nicht ums Tauschen. Er passte sich scharf darauf auf, ob es die sauren Trauben wären, ob er aus der Not eine Tugend machte: sein nüchternes Auge sah sogleich, das waren keine Monumentalitäten, das war alles, so wie motivisch, in Grössenunterschieden dasselbe, Freund Krannig war ein Meister der Kleinkunst. Er hatte nicht das Format, zu dem ihn die Welt verzerrte, er wäre, in seinen Grenzen geblieben, grösser und ganz gewesen; Stapfer sagte sich das ohne Eifersucht oder gar Schadenfreude, er sah es einfach und sah es sogar mit Kummer, bei seiner Gewissheit darüber, dass es sich eines Tages rächen, der Beifall der Toren in Unterschätzung eines grossen Talentes abfallen würde. Die Gedanken behielt er für sich, im Verlaufe der Unterhaltung, die, durch Maries Veranlassung, auf weite Strecken Krannig zum Gegenstand hatten; Stapfer schwieg sich über das Innerste seiner Auffassung aus noch als der Arrivierte, unverfrorener-, aber ahnungsloserweise, Ermahnungen und Ratschläge von sich zu geben anfing. «Der Mensch im Zustand der Reife,» sagte er, und sprach, wie Stapfer nicht zweifelte, unbewusst zur Rechtfertigung seiner selbst, «ist über Scylla und Charybdis der pubertären Zweifel hinaus. Dem Mannesalter kommen andere Bedingungen als dem Stande des Jünglings nicht nur als Recht, sondern schlechterdings auch als Pflicht zu. Festigkeit ist noch keine Routine, die Anwendung eines Bestandes von Errungenschaften nicht Selbstplagiat; dem Manne steht es an, munter und mit Plan sogar quantitativ fruchtbar zu sein. Wechsel der Absichten, Wechsel in den Mitteln, Heiss und Kalt, Himmel und Hölle, die den Sturm und Drang genialisch machen, wirken am Manne wie Ausweglosigkeit, und wenn ich aus dem Vorrecht des wohlmeinenden Freundes einmal schrankenlos aufrichtig sein dürfte, müsste ich dir zurufen: Mach endlich Schluss mit der Quälerei, nimm dir Mut zur Begrenzung, die Kraft zum Genügen und geh weiter zum Nächsten. Wieviele Jahre hast du nun um das Eine verbraucht! Der Kampf mit dem Engel ist Gegenstand einmal einer Traumnacht, keine Lebenshaltung. Den Meister kennzeichnet, dass er nicht die Fülle, sondern das Bestimmte sieht, durch dessen Verwirklichung die Fülle von selber wird. Und lass dir den Kopf abschneiden, du denkst zu viel.» Dem Andern, da er das hörte, stand das Gesicht in heiterer Verblüffung offen. «Es gibt möglicherweise die beiden Typen,» gab er mit tonloser Stimme zur Antwort, und noch etwas leiser fügte er hinzu: «Was mich anbetrifft, so wöge mir die eine Vollendung die Fülle der Versuche auf.» Sie blühte ihm wieder vor den Augen, diese Vollendung, das Weib seiner Sehnsucht: Die Fülle des Frühlings im Märzstaub, sein Wasserglänzen, sein Blust und der Purpur der Amsel sollte darin sein, in dem Knospenhaften des Jünglings, das auszuglätten war in jener Epidermis einer gesetzhaften inneren Form. Er berührte sie fleckenweise, da strahlte sie und bezwang, aber in seiner Ganzheit erschien die Figur als eine Erde voll unerforschter Kontinente, und zu seinem Unglück war es so, dass die Lichtungen wieder verwucherten. Er raste von Pol zu Pol, der Verlauf einer Linie am Hals gab ihm die Vision der Fesseln, eine Veränderung im Gesichtsausdruck rief der Verlagerung der Hüfte. Wie kann, so fragte er sich, ein Mensch Säle voll realisieren, wo die eine Harmonie eine zu erobernde Welt ist? Sie bauen schöne Formen, ich aber suche die Wahrheit; sie singen gefällige Melodien, ich jage nach der Erkenntnis; sie rechnen an Hand der Empirien, mir dämmert der Urgrund einer Formel. Die Griechen sind kein Vergleich, sie waren Götter. Sie schufen das Vollkommene in Reihen. Ein Riff am versunkenen Erdteil der Kunst hatte er erklettert. Tagelang arbeitete er treulich und in Demut. Die Inseln von Glanz breiteten sich aus. Dann wieder drangen ihm die Tränen wie Schweiss durch die Wimpern heraus. Er verzweifelte, liess davon ab und wandte sich umfänglich Kleinerem zu. In seiner Armut auf Bruchstücke angewiesen, liess er sich seinen Vorrat aus Paris nachschicken. Sein Haus stand um ihn versammelt, und es begegnete ihm, dass er über zeitlichen Abstand hinweg die Holdseligkeit seiner Kinder erblickte. Selber, in seinen Bartstoppeln, hatte er das Aussehen eines Langobarden. 4 Er war kein ungeselliger Mensch, nach der Pariser Kameradschaft schon gar nicht, er sprach gern in Diskussionen mit, und nach seiner Zeit des Einsiedlertums bekam er Hunger auf Menschen. Eine Verbindung gab die andere; er trat der Gesellschaft schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten bei, durch einen Schriftsteller, dessen Bekanntschaft er im Hause Sytz gemacht hatte, wurde er im Literarischen Club eingeführt; wenn auch selten, hatte er nach und nach in ungefähr allen Künstlercafés gesessen. Krannig war geschäftlich nach Berlin verreist. Der Name, den er hatte, war in Deutschland entstanden, in der Heimat nur nachgesprochen; die Schweiz verwöhnt ihre Söhne nicht, schickt sie in die Welt, und falls sie es dort zu etwas bringen – einer Plantage oder Ruhm – zeigt sie sich willig, sie mit dem Vorbehalt einer etwas altmodischen Erzieherstrenge anzuerkennen. Die Deutschen aber waren damals splendid, der Aussenwelt in einer höflichen und intelligenten Weise offen – welche warme Bläue strahlte da von der Spree herab in tausend Zeitungen und Zeitschriften des geräumigen Landes! Krannig sah seine Werke in Abbildungen der Kunsthefte ebenso wie exquisiter Modejournale, wo er, glanzvoll gedruckt, im Wechsel mit Aufnahmen von Pferden, Wolken und olympischen Trümmern erschien. Neuestens war ihm der Vorschlag auf Herausgabe einer Monographie unterbreitet worden; Krannig sah Marie an – mit der Monographie war der Grundstein jeder Unsterblichkeit gelegt, und Krannig fuhr nach Berlin. Die Schweiz blieb zurück in der Stille halkyonischer Tage; Marie blieb zurück, indem Krannig schon nachgerade etwas wie einen Verwalter benötigte, der das Haus bewachte, Anfragen beantwortete, den Ausgang und Eingang von Statuen beaufsichtigte, die auf den europäischen Ausstellungen zirkulierten; die Museen meldeten sich, welche das modische Ornament des neuen Meisters in ihren Sälen nachzutragen hatten, und es gab viele Museen, zeigte es sich. Krannig mietete auch in Berlin noch ein Atelier. Stapfers Arbeitsraum blieb kühl in der Folge der Nachsommertage, kühl und von lieber Luft des Gelingens erfüllt – die Inseln von Glanz breiteten sich aus an dem Werke. Zuweilen fühlte er sich angerufen, und da er die Müdigkeit merkte, setzte er sich vor die Türe mit seinem Stück Brot, den Grabsteinen gegenüber, und dann war es nur die Herbstbläue gewesen, diese schwere Versonnenheit, die einen Laut von sich gegeben hatte – war es nicht eine Schneeschmelze von Blau und Rost, jetzt in der Landschaft, die er sich in Gedanken ausmalte; der Oktober schüttete die blauen Tage aufeinander, himmelhoch, sie vergoren in einem lautlosen Läuterungsvorgang, das Buchenlaub wehte zu Boden, die Wälder gingen auf mit Ausblicken auf frisches Schneegebirge. Martin wusste, dass sie allein in der Nähe lebte, und so wie der Gedanke an sie ihn in seiner Arbeit anfeuerte, verwirrte er ihn zu anderer Zeit; sein eigentliches Leben bestand darin, dass er auf ihr Kommen wartete, der Wunsch äffte ihn mit Geräuschen vor dem Hause, denen er vergeblich nachging; manche Stunde versass er auf der Lehmkiste, in Grübelei darüber, ob er hingehen sollte, ob es an ihm lag, aus der freundlichen Gebärde des Schicksals etwas zu machen; die Stille flüsterte in Stimmen. Die freundliche Gebärde mochte aber auch nur eine Blösse des Schicksals sein, eine schwache Stelle, die sein Erbarmen anrief; im Kampfe von Mann zu Mann unerbittlich, versagte er sich's, aus seiner Abwesenheit Nutzen zu ziehen. Es wäre denn schon, dass sie, deren Innerstes ihm verborgen blieb, ihre Freiheit dazu verwendete, zur Klarheit über sich selbst zu gelangen. Auch den Pfannenstiel hatte er im Warten auf sie zurückgestellt. Er hatte in seinem Unterbewusstsein hier eine Rechnung ohne den Wirt gemacht, ohne Marie nämlich, von der er sich inne wurde, dass es ohne sie nicht dasselbe war; nun, in der Stille, rief ihn der Berg, dass er sie brächte – es kam vor, dass er plötzlich sein Modellierholz niederlegte, um sich fertigzumachen, das Herz schlug ihm zum Halse hinauf; aber der Unternehmungsgeist erlahmte in Skrupeln und allerlei Aengsten, noch bevor er das Haus verlassen hatte. Da geschah es, dass Krannig in einem Brief ihn unter anderm auch darum bat, sich der gemeinsamen Freundin ein wenig anzunehmen. Na, na; die inneren Vorgänge erschienen auf Stapfers Gesicht als ein Grinsen. Er verunstaltete sich im Rasieren so, dass die erhastete Zeit in Reparaturen mit Alaunstift und Watte gründlich verloren ging; er wetterte und klagte. Ein Fetzchen Zeitungspapier unterm Kinn war in Gottes Namen mitzutragen, er fand Marie auch gar nicht zu Hause; eine halbe Stunde, die er vor ihrer Türe versass, erlöste ihn nicht aus den Qualen des bitter verspielten Nachmittags; zuguterletzt blieb ihm nichts, als ihr einen Zettel im Briefkasten zurückzulassen. In seiner faserigen Verfassung zur Arbeit untauglich, verlegen dem Vorrat des Schönwetters gegenüber, fühlte er sich wie in einer Halle verloren, zu nichts nütze, die Zeit stand still, die Welt verglaste in einem Zustand der Geisterhaftigkeit, es schien ihm fraglich, dass alles noch da war, Paris, der Ozean, Marie irgendwo – er schlenderte herum, und Seufzer lösten sich ihm in der Brust. Vermutlich war sie zu spät in der Nacht heimgekehrt; sie erschien erst am Morgen, dann aber zeitig, mit einem Netz voll Fressalien, wie eine Hausfrau in Gartengeruch des Marktes. Sie legte ihren Hut vor sich auf die Couch, sah sich in der Behausung des Junggesellen nach einem Spiegel um; Martin rannte, er besass doch alles in seiner Sammlung, deren Zweckdienlichkeit sich einmal mehr erwies; Marie stand in der Scherbe aus Clignancourt wie eine Madonna auf Silbergrund. Noch mit ihren Händchen am Scheitel blickte sie zu ihm auf. «Ich fürchte, du vernachlässigst dich nicht nur im Essen, sondern auch mit zu vielem Stubensitzen. Da du mir schon einen Tag deiner Arbeit schenkst, wäre ich eigentlich dafür, dass wir ihn dort aufsuchten, wo er am schönsten zu sein verspricht; du machtest dich einmal geheimnisvoll mit dem Pfannenstiel . . .» «Liebling, den meine ich ja! Aber wir haben Zeit . . . ich kann sagen: wir haben Zeit; das ist wie wenn einer König geworden ist, und er weiss: ich habe ein Reich. Andere sind König auf Lebenszeit; Länge oder Kürze der Lebenszeit war nie ein Mass für das Königtum.» Sie ging herum zwischen den Dingen, die sie wiedersah; sie erinnerten sie auch an Krannig, der hier seine Talente entfaltet, einen Fisch und pommes frites gebacken, italienischen Salat und einen Pudding zubereitet hatte; der Schatten streifte sie bloss, sie schien eine gewisse Unabhängigkeit zurückgewonnen zu haben, sie schien sich der Gegenstände zu freuen, und Martin schenkte sie ihr alle im Herzen; er beobachtete sie heimlich voll sorglicher Scheu. Sie wollte auch seine Arbeiten sehen; sie standen in nassen Lappen maskenhaft wie Lemuren; enthüllt, erschreckten sie mit einer gewaltigen Art von Leben, das unter dem Glasdach gewissermassen ausholte; die Reglosigkeit verströmte melancholische Düsternis, hatte etwas von der Dämmerung unter Eis, das Stumme der Gefangenschaft; es überkam das Mädchen eine Beklommenheit ähnlich der vor dem Raubtierzwinger, über dessen Festigkeit sich zu vergewissern der Mensch in seiner Wehrlosigkeit nicht unterlassen kann. Nur die Figur des «März» wuchs korallenhaft, gleichsam aus lichterem Ton; Marie hatte genügend Unterricht über Stapfers künstlerische Absichten erhalten, um in der richtigen Weise zu blicken, der Willigkeit des Herzens erschloss sich auf einmal vieles, was ihr unverständlich geblieben war. Martin erfuhr es aus ihren Bemerkungen ebenso wie aus einer Wandlung zum Ernst ihrer Haltung gegen ihn; er spürte auch ihr Frohlocken darüber, zum Wesentlichen des Mannes, den zu lieben ihr vielleicht bestimmt war, vorgedrungen zu sein. Ihn selber bewegte es zu sehr, als dass er noch irgend etwas zur Sache hätte beitragen mögen; wo er sich früher in Erklärungen ereifert hatte, schwieg er jetzt demutsvoll. Aber sie reisten in einer Herzlichkeit des Einvernehmens ab, die an Ausgelassenheit grenzte. Das Bähnchen, mit dem sie fuhren, war ein Mittelding zwischen Tram und Bummelzug; es brachte Milchkannen vom Lande herein und städtische Menschen hinaus, nicht viele zu der Zeit, und sie verloren sich unterwegs, – die Pariserin blickte sich um; da sie Felsabstürze und Wasserfälle erwartet hatte, fiel die Ueberraschung genau so aus wie Martin sie gewollt hatte: die Wiesenhöhe hatte nichts an sich, was ausserordentlich gewesen wäre, es lag nur gleichsam in allen Richtungen eine luftige Verheissung, ein Glast von Gesichten: Sommer mit Wolkengebirgen, Staub auf Salbei, die Nähe Berlins irgendwo, Kornblumentiefen, Napoleon, Feuersbrünste. Es war kein Berg, es war unter den Himmel erhobenes Hügelland mit einer Asphaltstrasse mitten durch, mit Bauerndörfchen, kleinen Schindelkirchen, mit Schulhäusern und Wegweisern; in den Obstbäumen lehnten noch Leitern, die Lattenzäune bauchten sich aus unter Lasten von Herbstblumen, verbliebene Sonnenblumen ragten wie alte Jungfern. Das Madönnchen sagte nicht viel, doch genug um ihn zu beruhigen: sie sah; sie hatte das Auge für das Unsichtbare, das ihm so besonders wert war. Sie gingen, nachdem sie die Bahn verlassen hatten, in der Art von zwei Kindern auf den Tramschienen noch ein Stück weiter. Das Gebirge kam über den Rand herauf, die Zeile von Telefonmasten, ein kleiner Weinberg, wölbte sich anscheinend in Seewasser hinab, ein See lag unverhofft da, der Berg schien zu schwimmen. Das Pärchen bog rechterhand in einen Feldweg von der erstaunlichen Landstrasse ab, von der man nicht anders dachte, ein italienisches Küstenstädtchen läge an ihrem Ende. «Das hier hinauf», sprach Marie und hob den Arm über die Landschaft, «habe ich schon einmal gesehen. Es sind die Albanerberge. Ungefähr dort läge Tivoli.» «Es ist aber Bäretswil!» antwortete Martin bedeutungsvoll. «Im Verlaufe des Tages wirst du sehen, dass die Häuser mit Lichtbrillanten ihrer Scheiben aus den entferntesten Gründen hervorzünden, und abends steht das Land voller Feuersbrünste. In Wirklichkeit hängen die Fenster voll Nelken und Geranien, von denen die Stuben dunkel sind, jahrhundertalte Stuben geduckter Holzhäuser; auf dem säuberlich aufgeschichteten Brennholz davor dörren die Weiber Bohnen und Apfelschnitze, Zöpfe von Zwiebeln und Knoblauch tragen Barock an den Kreuzstöcken auf, heute wie damals, da sie in Vatermördern und karrierten Hosenrohren durch die Kerbelwiesen herab wanderten, ein Volk von Leinewebern, das einen Tagesmarsch machte, um seine paar Batzen von den Zürcher Tuchherren entgegenzunehmen. Du siehst da zwischen den beiden Seen Uster, wo vor genau hundert Jahren die erste Fabrik des Kantons verbrannte, ein Novum und Symbol des Weltunterganges, gegen das sich eines nebligen Novembertags der Grimm der Handweber wandte. Sie irrten. Die Industrie hat ihren Kindern alle die Dörfer erbaut, von denen du das Land gesprenkelt siehst. Noch unsere Grossmütter hatten alle ihr Seidenwindrad im Hause, ich höre das hölzerne Surren aus der Kindheit herüber; es überzog den Buben mit grauer Langeweile, die Frauen hatten vom Fingernetzen ausnahmslos Hängelippen, ich hasste sie dafür; sie trugen auch schwarze Haarnetze, die unter den Stündelern bis auf den Tag geblieben sind, und das Oberland wimmelt von religiösen Schwärmern. Ich verbrachte dort meine Ferien bei zwei alten Tanten, die auch einer Sekte angehörten und mich mit einer Miene von Betrübnis und Eigensinn an den widerwilligen Händchen in ihre Andachten mitschleppten. Es waren Sitzungen einer sturen Feme, der sich mein Kindergemüt aus allen Kräften widersetzte, nicht immer erfolgreich übrigens; ich hatte meine Anfälle heulender Zerknirschung, auf welche die Tanten beseligt als auf Symptome der Heilung blickten.» Der drollige Ausdruck in Maries Gesichtchen ging ihm zu Herzen; er hätte es um ein Haar in seine Hände gefasst. «Ja, wir sind eine komplexe Gesellschaft und nicht leicht zu beurteilen. Ich erinnere mich der Tanten im übrigen gerne. Sie verstanden eine heimelige Art von Quittenkonfitüre zu machen, in deren Gallerte ich Städte aus Gold und zaubrische Abendhimmel erblickte; sie tauchten mein Brot in Rahm, und schon gar nicht zu beschreiben sind die Heimlichkeiten des Winters in ihrer Obhut: ihre Bedachtsamkeit, mir das Tuch um den Hals zu legen, Apfel und Brot in den Schnee hinaus, und der liebe Bettsack aus Kirschensteinen, duftend von der Wärme des Ofenlochs . . .» «Und ein schnauzbärtiger Gutenachtkuss». «Im Leben nicht, Liebling, im Leben nicht! Der Kuss ist streng verpönt, eine Ungehörigkeit, deren sich jedermann hierzulande schämt. Ausgenommen der Kuss der reichen Leute, die ihn als Privileg ihrer Vornehmheit mit einer gewissen höheren Kränklichkeit gerne am Bahnhof demonstrieren. Dieses wird dann vom Volke halbwegs erheitert, halbwegs mit Respekt beobachtet.» Stapfer ging mit den Händen am Rücken in seiner langsam wiegenden Weise, ziemlich abseits von Marie, zu der hinüber er sprach. Er spickte nach Knabenart dann und wann einen Stein mit dem Schuh vor sich her, einwenig bergauf nunmehr; der Glanz des Tages, der Waid, der heranroch, alle die webende Gegenwärtigkeit – seiner selbst auf der Ackererde, Maries, der Gewissheit des Glückes – durchdrang ihn mit wohliger Schwere. Er sah die Geliebte gehen, ein Entzücken an Duft und Anmut, sie trug ihre Jacke über dem Arm, sie hatte warm bekommen und glühte, sie setzte Fuss vor Fuss, um die Wege mit ihm zu gehen; sie gingen in den Tunnel der Schatten und in Hochwald hinein, auf dessen Grund die Brombeerranken verdorrten, sie gingen am Rand einer Wiese, Büsche von Hagebutten, bastfarbenes Waldgras entlang. Auf einem Hofe wehten, wie Löwenzahnflaum, die Hühner vor ihnen zurück; sie kamen auf Polster von Fichtennadeln, in bleiernes Buchengestämme und noch einmal vor das Tiefland, das in einem Rahmen von Herbstlaub mit Kirchen, Baumgärten, Hagen und blauem Hügelgewoge aufging. «Es sieht sehr schön aus, all das», sagte Martin; «aber der Mehltau liegt auch darüber, bei näherem Zusehen. Die Arbeitslosen schlendern in den Strassen herum, die Bahnhöfe sind Treffpunkt der gewissen Jünglinge.» «Am Ort sind die Dinge überall unzulänglich. Wir haben Klischeevorstellungen von Italien, Amerika, wir sehen eine Plakatschweiz; mit den Jahrhunderten wird es nicht anders sein – wer weiss, wie Griechenland war! Und im Persönlichen: wir lieben die Liebe der Vorstellung und scheitern an ihrer Wirklichkeit.» «Ich dachte», fuhr sie, sein Gesicht bemerkend, mit der nämlichen Ruhe fort, «augenblicklich an Krannig, nicht an dich, Martin. Dir gegenüber befinde ich mich noch unterwegs auf Entdeckungen, in einem dankbaren Zustand somit. Krannig lernte ich über sein Werk als ein fernes Hesperien kennen. In der Kindheit träumte ich mich auf die Wolkenländer um Sacré Coeur hinüber. Ich glaubte Krannig von dort gebürtig.» «Ist er auch in seinem eigentlichen Wesen, Marie. Ich sehe den Menschen immer so, dass er weint, aus Kummer darüber, nur sein eigener Schatten zu sein. In unserem somnambulen Tun, die Schöpfung in der Kunst zu wiederholen, erscheint auch das Unzulängliche als Kümmerlichkeit der Verwirklichung.» «Du bist dir's bewusst, und deine Leiden stammen von da. Krannig ist stets zufrieden mit sich.» «Ist er's? Ob er's ist? Er hat eine andere Natur. Es begegnet mir wohl, dass sein Sonntagswesen mir als besonders tragische Form verdrängten Unglücks erscheint. Ich schäme mich dann, ihm Geschäftsgeist und Ehrsucht, die möglicherweise nur Surrogate sind, pharisäisch vorgeworfen zu haben. Das menschliche Wesen ist unergründlich.» «Ist es das, oder sagt man es nur? Das Unheimliche ist, dass der Topf einen Boden hat. Summa summarum weiss ich, das Werk ist sein Bestes; persönlich benötigt er junge Mädchen, die er zunächst zu Statuen sublimiert, dann ins Bett nimmt.» Auch Stapfer fand es nicht schön und sie wanderten lange schweigend, die Gedanken nach ihrer verschiedenen Anlage spinnend. «Darf ich wissen, was er dir schrieb?» fragte sie unversehens mit fast unhörbarer Stimme. Er blieb auf dem Strässchen stehen. Im lächelnden Bewusstsein, nun selber seinen kleinen Bezug an menschlicher Schwäche zu machen, griff er nach Krannigs Brief in die Rocktasche. Ah, sie war wundervoll, diese Frau; sich mit ihr zu verstehen, ging wie von selber; sie grübelte im Gehen lange und endigte doch bei dem, worauf er den Blick gerichtet hatte. Da es nicht wenig demütigend für sie war, nachträglich nun auch ein bisschen reuig, zupfte er an einem Ahornblatt herum bis sein Gerippe ihm als ein Bäumchen in den Fingern stand, das, indem er es drehte, das Surren einer Libelle erzeugte. Derweil war ein Schattenfleck im Gesträuche lebendig geworden, hüpfte auf Strünke und an die fleckigen Stämme hinauf, in deren Deckung er gleichsam tauchte, um irgendwo auf den Aesten wieder hervorzustossen; das Eichhorn bewirkte, dass die beiden sich an der Hand erfassten. Sie waren auf gute Weise über die Verlegenheit hinaus und im heikelsten Augenblick zueinander gekommen; sie wurden es leise erschreckend freilich erst im Weitergehen inne, Martin fasste um eine Spur fester zu, und Marie, an der eine hintergründige Ruhe auffiel, schien es auch so zufrieden. Das fusstiefe Buchenlaub rauschte um ihre Schuhe, spröde vor Trockenheit, glänzendes neues Leder, das der Wald ihnen aufgeschüttet hatte. Es erinnerte mit seinem Geruch an Versailles, es geisterte von Statuen und Reifröcken darüber, die alten Jahrhunderte kamen heran, auf die Liebe der Lebenden mit bedeutsamer Wehmut zu blicken. Marie und Martin traten durchs letzte Tor auf eine Wiesenhalde hinaus, die in Stufungen sanft nach der Tiefe abfiel; sie stapften einen Pfad aus Grasbüscheln und Wurzelgeflecht zu der Alp hinunter, auf welcher das Berghaus wochentags einsam stand. Der Hund kam ihnen entgegen und sass dabei, als Martin den Ausblick erläuterte; das gute Tier genoss es, dass die Dame es am Halse kraute, es blickte auf und rückte an sie heran, so oft sie sich darin verträumte. Es war ein Land voller Spuren der Urzeit, herab vom Gefelse zu den Lachen flacher Wasser, in denen die Gletscher zerflossen waren, ein ausgeräumtes Land, der Lieblichkeit ungeachtet, die es in Wäldern und Matten, Halbinseln und Gehöften umflorte. Die Alpen waren als eine schaumige Brandung an den Himmel hinaufgewachsen, ihre Riesen standen im neuen Schnee mit geisterhaft fernen Klippen, mit Schlüften von Zwielicht, der Hermelin langer Hänge zerfloss in dem kräusligen Waldrost, dem Teppich der wärmeren Tiefen. «Da überall hinaus», sagte Martin, «sind die farbigen Landsknechtsheere gezogen: nach der Lombardei, nach Burgund – Ströme von Wanderameisen, die einen Weinberg von Lanzen über die Pässe trugen. Die Burg links ist Rapperswil, ein Städtchen, welches zwei Heckenrosen in seinem Wappen hat, die Insel davor ist die Ufenau, ein lockiger Schopf von Buchen im Wasser, Hutten liegt dort begraben, die Unrast des Deutschland von Luther; rechts hinauf gingen die Pilgerzüge nach der Waldstatt Einsiedeln, die heute in ihrem Hochtal, in Negerkraalen aus Torfhütten, mit der Unverhältnismässigkeit ihrer Klosterkirche dem Leben der Königszeit nachträumt. Du siehst auch in dem Schilfland am Obersee einen dörflichen Dom gespiegelt; das ist Lachen in der Nähe von Tuggen, wo der irische Mönch Columban die Christianisierung Germaniens begann. Die Bewegung setzte sich nach dem Bodensee fort, der im Osten hier beinahe sichtbar wird; in der Richtung liegt St. Gallen, die Zelle des heiligen Gallus – und aber die Lücke da im Gebirge, die musst du dir ansehen; da liegt drin der Walensee oder Welschensee mit Dörfern des Namens Terzen, Quinten, Quarten: der römische Süden weht da über Pfirsichbäume ins deutsche Haus herein, durch diese Pforte ergoss er seine Legionen; wir sind Brackwasser aus Blond und Dunkel bis auf den Tag geblieben, das Mediterrane wiegt aber vor, in einer Kreuzung des Bäuerlich-Kriegerischen, in welchem die keltische Hirtin ebenso wie der lateinische Eroberer fortlebt. »Wir haben seine Landhäuser zusammen mit alemannischen Spangen unter dem Humus hervorgegraben. Salve Laeticia!» rief er, seine Hände gegen die fröhlich erschrockene Französin ausstreckend: «Ihr habt einen anderen Weg der atlantischen Bläue entlang genommen, eurer Hochzeit sind Kathedralen und Alexandriner entsprungen, und nun stehn wir am Ende der Jahrhunderte hier auf dem Pfannenstiel, einem Trümmer der Eiszeit, beisammen, in der Zutunlichkeit dieses Hundes, dessen Stirne sich über den Problemen so kummervoll wie zu Anfang runzelt.» Auf der Terrasse stand ein Fernrohr, durch welches die beiden die Rundsicht erforschten. Es war aber ein dunkles Glas, der Kreis von gallertigem Herbste darin wie der Schein einer Zauberlaterne; der Firn hing als ein Schleier, der See als ein weiches Gewoge herein, und falterhaft schloss sich die Nacht davor, nachdem das Geldstück im Automaten seine Kräfte verausgabt hatte. Inzwischen war der Imbiss aufmarschiert, eine Karaffe violetten Sausers und Rauchwurst von kohlschwarzer Patina, dazu Bauernbrot aus Kartoffelmehl. Entzücken über Entzücken schenkte ihnen der gnadenhafte Tag; über der Handlung des Essens verklärten sich ihre Mienen in Kinderfrömmigkeit. Immerhin: «Hast du Geld?» fragte sie unversehens. «Wie kommst du in Zürich aus? Es ist teuer, und ich fragte mich schon, ob du dein Haus wirst halten können . . .» «Ich werde es schwerlich halten können,» antwortete er lachend und herzlich froh, mit ihr darüber zu sprechen. Es hatte den Reiz der Vertraulichkeit, ihr alles zu unterbreiten; er kam sich einwenig als verheiratet vor, indem er sie alles wissen liess was er im Unterbewusstsein alle die Wochen vor sich selber verborgen hatte. Sie hörte es nach ihrer Weise ernsthaft mit holder Teilnahme an. Er hatte in Nachtarbeit die eine und andere Grabplatte ausgeführt, er hatte ein Steinportal aufgefrischt, er hatte die Hilfe Herrn Sytzens; er hatte aber auch Schulden, von dem Hause herstammend, das wohl nach seinem Herzen, seinen Mitteln aber nicht tragbar war. Er schämte sich dessen nicht sehr vor Marie, seine Miene zeigte Verlegenheit und einen Untergrund von Kummer einzig darüber, dass die Umstände ihm eigentlich verboten, seinen Wunsch zu ihr zu erheben; er half sich mit Knabenkniffen darüber hinweg, mit der Vorgabe von Möglichkeiten, die sich fänden, sobald er für so königlichen Besitz seine ganze Rührigkeit einzusetzen die Veranlassung hätte. Sie konnte nicht umhin, jetzt ihr Besteck in den Teller zu legen, fast als hätte sie sich verschluckt. «Hier bist du nicht von deiner sonstigen Wahrhaftigkeit,» sagte sie. «Wenn es etwas gibt, für das du deine ganze Rührigkeit einsetzest, so ist es deine Kunst; eine Hausfrau kann dir nichts höheres sein.» «Sie ist mir etwas anderes, Marie, und die Rührigkeit für sie deshalb anderer Art. Für meine Kunst genügt mir, dass ich sie ausüben kann, gleichgültig in welcher Hütte, bei einem Stück Brot.» Nie war er ihr so liebenswert erschienen wie nun in der kindlichen Art, ohne Bewusstsein dessen, was er aussprach, in seiner Hantierung fortzufahren. Irgend jemand müsste ihm Sorge tragen, ging es ihr durch den Kopf. Eine Frau, die ihn liebt und Geld hat. «Ich muss mich wohl einmal über die Unverfrorenheit, der Freundin des Freundes nachzutrachten, erklären. In der Liebe geht es nach chemischen Wertigkeiten über jederlei Rücksichten hinweg, die vor dem Gesetzhaften minderwertig und verderblich sind.» «Nur dass der Stoff in seiner Unmündigkeit dem Gesetzhaften hörig ist, wogegen wir vom Baum der Erkenntnis gegessen und das Paradies verloren haben. Woran sollen wir uns halten? Ich habe Leidenschaften zerfallen und Vernunftskontrakte zur schönsten Harmonie sich entwickeln sehen. Was euch Künstler im besonderen anbetrifft, so liegt es in eurer Eigenart, dass ihr, Mönche eurer Berufung, allein und frei bleiben sollt . . .» «Es ist sonderbar, dass der Mensch, nicht ganz mehr nach seiner Erfahrung, sogleich unoriginell daherspricht. Jetzt redest du Redensarten, Marie, den Bombast, den sich die Halblinge aus eitlen Vergleichen zurecht gemacht haben. Diese sind Stümper, wie in allem, auch in der Liebe. Dem Künstler, wenn ihm die Ehe gelingt, gelingt sie schöner als dem Bürger. Sieh daraufhin die Menschen deiner Bekanntschaft an. Mit Krannig hat es die Bewandtnis, dass er das Schlagwort zur Vorgabe seiner Selbstsucht nimmt. Nicht Künstler, fände er eine andere Rechtfertigung seines Widerwillens gegen Bindungen und Verpflichtungen. Mönch der Berufung kann er bei seiner Lebensweise auch nicht wohl genannt werden.» Beide dachten sie wieder an den Brief, in welchem Krannig dem Freund eine Aufgabe überband, die auf sehr grosse Unbekümmertheit, wenn nicht gar heimliche Berechnung schliessen liess. Marie hatte ihre Lage erkannt und Rechnungen von langer Hand blitzschnell zum Abschluss gebracht. Sie liess diesen guten und wertvollen Menschen hier, um in eine Einsamkeit zurückzugehen, vor der ihr graute, da sie am Ende der Illusionen angelangt war und einen Rest von Erdendasein ohne viel Sinn und Verlockung vor sich sah. Es wäre ihr schamlos vorgekommen, zu Stapfer hinüber zu wechseln, obgleich sie ihn liebte – wie tief und lebendig wurde der Tag mit ihm! – nachgerade blickte sie über so viel Liebe zurück, dass deren Gegenstände, die Männer, ihr zufällig wurden: Duchosal nicht, Krannig nicht – weshalb Stapfer? Sie grübelte André nach, ihrem Ersten, was eine überirdische Sache gewesen war; sie war in Banalität zerfallen, der Jüngling ein abgeschlagener Börsenhecht geworden. Marie überdachte ihren Anfang, in der schmerzlichen Beschämung, mit der ein Dichter seine Jugendverse wiederliest, zu einer Zeit des Müssiggangs, da eine bessere Beschäftigung ihn auch nicht tröstet. Indem die Sonne sich gegen Abend hinüber neigte, hatte der Luftraum sich verwandelt, war der Herbst in der Tiefe hervorgetreten; die Schneeberge wuchsen, wie umgestülpt verfärbte der See sich gewitterhaft. Als Landesfremde sah Marie alles anders, in Visionen dunkler Städte da unten, mit Bedrückungen, von denen in Stapfers Miene nichts zu erblicken war. Er hatte noch einmal von dem Zuckergetränk, für Marie einen Kaffee kommen lassen; der Hund, nachdem die Gerüche langweilig geworden waren, schlenderte wieder vors Haus hinab, eine allererste Ahnung von Schnee lag in der Kühle, Marie fiel das winterliche Paris ein, der Bildhauer schwieg, und seine Freundin sass ihm gegenüber in der frostigsten innern Vereinsamung, klaglos und lieblich. Er hielt alles für Träumerei und ergriff wieder ihre Hand über den Tisch zur Bekräftigung einer Einigkeit, welche durchaus nur seiner Vorstellung angehörte. Indessen begann die leise Verschattung des Tages auf sie zu drücken; sie hatten sich von den Fahrgelegenheiten entfernt und so oder so einen namhaften Weg vor sich. Sie verliessen die Tische und Stühle des scheinbar menschenleeren Hauses, die Wiese davor empfing sie mit wohligen Teppichen, sie traten noch auf den eigentlichen Aussichtspunkt, die Okenshöhe hinaus, eine Lichtung von Eichgebüsch, in welchem der Tisch eines Alpenzeigers mit gewaltigen und blumigen Namen der Bergriesen – Ruchenglärnisch, Grosse Windgälle, Finsteraarhorn – als Visierplatte vor dem Panorama stand. Sie betrachteten auch den Findling aus rotem Ackerstein, welchen die Gletscher der Eiszeit vom Tödi heruntergetragen und an dem erhobenen Orte niedergelegt hatten; er war vom ausgestorbenen Geschlechte der Giganten wie ein Wurfgeschoss geblieben, für dessen Mass es die Kräfte nicht mehr gab. Martin entwarf das Bild jener Urlandschaft, deren Trümmer, idyllisch überwuchert, in Moränen und Tälern verblieben waren. Sie wanderten auf einer Strasse von sanftem Gefälle an der Flanke des Berges, durch Riedland und Wiesen und bäuerliche Weiler. Die Beerenstauden waren schwärzlich eingedorrt; Martin pflückte eine Garbe herrenloser Mondviolen, dazu raschelnde rote Laternen der Judenkirsche; die leise Frau trug das Brautbukett in ihrem Arm durch die Dämmerung, durch den Wohllaut der Glocken aus der Tiefe, die mit Lichtern zu blinken anfing, noch ehe die Sonne völlig hinter den schwarzblauen Grat des Albis hinabgegangen war. Schattenhaft standen Rinder, die Kühe schnauften durch Lattenzäune, gewalttätig leckend, als lebte die Nacht in ihnen; Maries opalene Monde phosphoreszierten zusammen mit dem bräunlichen Augenweiss der scheuen Tiere. Martin war auf besondere Weise in der Dunkelheit munter geworden; sie gingen ja zwischen Scheunen hindurch, an laufenden Brunnen vorbei, durch den guten wundersamen Geruch der Ställe; der Mond fing an, grünlich über die Wege zu leuchten, Schatten von Schatten zu hauchen, ein Geschiebe von Mostbirnen lag im Strassengraben, ein Bauer mit seiner Milchtanse ging grüssend vorüber. «In so einer Stimme liegt alles, Marie, alles was mich über die Aergernisse des Jahrhunderts tröstet. Die stoppelige, warme Bauernstimme! Wahrscheinlich ist er Gemeinderat oder Schulpräsident. Er hat in seiner Geranienstube einen Sekretär stehen, an dem er auf herabhängender Platte mit seinen Ackerfingern schreibt, sonntags, hemdärmlig, in einem Umlegekragen, den ihm die Frau als ein oblateweisses Blech um den Hals geknöpft hat. Diese Dörfer sind voll von Sonne über Bürgerversammlungen, Messingglanz der Feuerwehrleute, voller Sonntagsfrühe im Schützenstand. Sieh nur die drahtvergitterten Anschlagkästen, die Aufgebote neben verblassten Zirkusplakaten. Die Schweiz liegt auf dem Lande, musst du wissen! Liebling: ich werde aufs Land übersiedeln! Eben fällt mir ein: weshalb sollte ich nicht auf dem Lande wohnen? Irgendwo hier! In der Stadt genügt mir ein Hühnerhaus.» Sie sah, er hing dem Gedanken nach. Selber spürte sie auf einmal die Wanderung als entsetzliche Müdigkeit in den Gliedern, sie sah sich alsbald genötigt, es ihm zu sagen. Er erschrak auf den Tod. Er hatte das Küsnachter Tobel im Plan gehabt, eine waldige, lange Bachschlucht, und schlug sich nun vor die Stirn: was mutete er dem Vögelchen zu! «Da vorn rechts kommt die Kittenmühle, ein Eichendorffhaus, wo du sitzen und etwas essen kannst. Liebling, verzeih mir, aber der nächste Weg ist noch ein gutes Stück! Lass dich bitten und bleib über Nacht. Ich hole dich morgen ab, schön ausgeruht und frisch von dem Schlaf in der Ländlichkeit.» Aus keinem andern als dem Instinkt der Sorge nahm er sie an die Brust. Sie war leicht wie Flaum, ihre Monde raschelten; es war so, als ergriffe er einen Rauch, da er sie, heiss überströmend, auf seine Arme vom Boden hob. 5 Die Jäger steigen so aus Nebeldickicht in die Wälder hinauf. Es war früh am Tag; Martin ging an der Mühle vorbei wie auf Zehen in der Verhüllung von Laub und Morgendampf. Sein Herz schrie nach ihr, die in dem fremden Hause schlief, und wenn er in den Höhen herumsuchte, so geschah es, um ihr ein Nest ausfindig zu machen. Darüber wurde es Tag und Zeit, sich nach ihr selber umzusehen; er setzte sich in die Gaststube und fing hier bei einem Glase Milch zu zeichnen an. Er zeichnete eine Ruine und mit lichteren Strichen die Ergänzung darauf, einen Riegelbau von edlen Massen; das Blatt bekam einwenig das Aussehen einer Dürerschen Handzeichnung, halbwegs Planskizze, halbwegs romantisch mit angedeuteter Landschaft des Hintergrundes. Die liebe Tätigkeit beschäftigte ihn genug, um ihn völlig in seiner Aufmerksamkeit zu beanspruchen; damit im Reinen, vertiefte er sich in das Landblatt der Gegend, ein rauhes Papier voll schwarzer Schweinchen und Würste des Inseratenteils, der ihn vor allem unterhielt, seines bäuerlichen Requisites wegen, aus dem ihm der Dorfherbst entgegenroch; einwenig fühlte er sich bereits als Ortsbürger, er würde sein Baugespann hier ausgeschrieben haben, die Namen der Höfe – Steingrub, Zelg, Brunnenloch – füllten sich ihm mit farbiger Gegenständlichkeit, in dem Schulhäuschen gingen dermaleinst seine Kinder ein und aus, die «Handlung» der Schwestern Pfenninger mit Kernseife, Suppenrollen, Zichorie, Knopfwaren, Leinen, Kandiszucker stand für Marie bereit, die in der Holdseligkeit ihres Kauderwelsches und herabhängender Fuchsien ihre häuslichen Geschäfte versah. Noch trug ihn das Gefühl aus dem innigen Abend mit ihr; sie hatte noch wundervoll aufgelebt, mit dem Ende freilich, dass sie plötzlich der Schlaf übernahm, im Licht der breitschirmigen Lampe ihr Haupt wie ein Nachtfalter ihm an die Seite sank. Er hielt sich behutsam stille solang als es Gott gefiel, ihm das zarte Wunder zu lassen; sie ermunterte sich aber auf einmal – «Du hast recht, ich kann's nicht mehr leisten!» Die Zärtlichkeit überwältigte ihn: «Armer Liebling,» sagte er, aus Rührung lachend, schlang sie in seinen Arm und küsste sie auf den Scheitel. Sie hob das Gesicht zu ihm auf, «Du bist gut und lieb, Martin»; er sah, sie scheute es nicht, sich ihm auszusetzen; er küsste auch ihren Mund, sie fuhr einwenig zusammen nur über die Möglichkeit von Zeugen, gab die Liebkosung, nachdem sie sich umgesehen hatte, mit Bewusstsein und Festigkeit zurück. «Aber wirst du den Weg noch machen, allein in der Nacht . . . ?» «Es wird mir ein Weg wie im Traume sein. Im Herzen bleib ich bei dir. Ich darf einen Blick in dein Kämmerchen tun, auf dass ich alles weiss: wie die Vorhänge sind, in welcher Richtung du liegst, wo die Kommode steht, und ob du den Brunnen rauschen hörst.» Gegen zehn Uhr stieg sie herab. Die Gaststube war getäfelt in einem vor Alter goldenen Holz; sie hatte einen Wandschrank, in welchem die Gläser auf Papier mit Spitzensäumen standen, das Brot roch daraus hervor und Muffigkeit von Grossvätertagen. In diese trat sie herein mit der schmollenden Miene der Siebenschläferin; bevor er sich hatte erheben können, sass sie bei ihm am Tisch, das Aufsehen niederschlagend – «Du, ich hatte ja keine Zahnbürste, und ich schlief in der ganzen Wäsche! Unter einem Berg von Gänsefedern! Was der mich in der Nacht erschreckt hat! Ich erwachte am Mondlicht und glaubte mich verschüttet. Die Schweizer meinen es gut mit den Schläfern. Wundervoll war der Apfelgeruch; auf dem Kasten lagen Aepfel. Zweimal erwachte ich frierend, der Berg hatte sich davongemacht, ich zog ihn an seinem Balg aus der Tiefe empor in meiner Schlaftrunkenheit.» Sie kicherte, er hatte sie nie so fröhlich gesehen, und er tat einen Schnaufer vor Erleichterung. Sie war sich nicht reuig geworden. Die Wirtin erschien an dem Tische, bot dem Fräulein ihren guten Tag mit der Hand, nachdem sie sie an der Schürze von Seifenschaum getrocknet hatte. Wie die Ruhe gewesen sei, fragte sie mit einem Lächeln von schöner Natürlichkeit, angenehm selbstbewusst in ihrer Haltung, eine Frau, der es anzusehen war, dass die Besitzung mit Sägerei und Rindern und Gäulen sie auch ohne Wirtschaftsbetrieb hätte leben lassen; dieser schien mehr aus Pietät und Gewöhnung beibehalten zu sein. Marie war seit langem zum erstenmal wieder unbeschwert vom Gedanken an Krannig aufgewacht; die Sonne schien durch die Vorhänge herein, die Aepfel rochen wie Blumen, und es war in der Welt Kaffee und Honig zu haben. Martin hielt mit; ein blondes Gärtchen von Butter und Brot und Honig und Milchdampf blühte vor ihnen. Der Kuckuck schoss vor die Uhr heraus, verneigte sich und rief einen Sommerwald in der Luft hervor. Im Sommer, im Sommer, dachte Martin, kann mein Dachstuhl stehen. Im Sommer fahren Glühwürmer wie Funken einer Feuersbrunst. Die Brandruine erstand in Statuen. Martin hatte sich für seine Zeichnung ein Packpapier ausgebeten; es stand zusammengerollt neben ihm in der Ecke. Die Stunde, so wie sie war, war die glücklichste seines Lebens; er hütete sich wohl, sie mit eigenem Dazutun zu gefährden. Sie hatten in der Pariser Dachwohnung mit Freunden gesessen, sie waren durch Vorstadtgärten gefahren, hatten in Sèvres gezeichnet – Corotbäume – hatten vor schwarzen Kathedralen gestanden, in Le Havre das Gewoge der Luft empfunden – und sassen eines Tages hier in dem Landgasthof, die Säge raspelte, Herdenglocken läuteten herein, und die Liebste roch einwenig nach Seife, ihre Hände waren wie Meerschaum, das liebe Gesichtchen lächelte. Das Bett und der Schlaf waren noch um sie – zum erstenmal verträumte er sich im Gedanken an ihr Körperchen, von dem oben das Linnen verkühlte. Er war es sich nie bewusst geworden – unter der Behutsamkeit, unter dem zarten Gefühl glühte die Wildheit der Verzückungen. Klüger, ihnen nicht nachzugraben! Knechte und Mägde waren zum Imbiss hereingekommen ungefähr zu der Zeit, als Marie ihr Handtuch in die Emailkaraffe tauchte; behaart und harzig stützten sie sich auf die Arme, Brot und Käse in den Händen, vor gleissenden Gläsern Most; Stapfer hatte das eine und andere zu ihnen hinübergesprochen, sie horchten und gaben die kargen Antworten aus ihrer bäurischen Klugheit heraus – in Tennen und Aeckern zerstreut, waren sie nur noch aus ihren Hantierungen vernehmbar; die Herrin wusch in der Küche und nahm seine Münze mit dampfenden Fingern entgegen. «Chömed zuenis,» sagte sie unter der Haustür, was für Deutsche aus seinem alemannischen Dunkel herausgehoben sein will; heisst das, sie wiederholte es aus Freundlichkeit gegen die Pariserin auf Französisch: «Au revoir, monsieur et dame!» «Denkst du, sie kann Französisch?» «Eins aus der Backfischzeit. Habliche Leute schicken ihre Töchter in die sogenannte Löffelschleife, nach dem Welschland, wo sie die Sprache und lateinische Umgangsformen lernen sollen.» «Dann scheinen die hablichen Leute zahlreich zu sein – nicht aus den Umgangsformen, sondern daraus geschlossen, dass ein Franzose hier kaum in Verlegenheit kommt.» «Wir sind ein Grenzvolk, Marie, wir sehn ja den Jura, und ausserdem eine Konföderation von verschiedenen Sprachgebieten. Aber die Umgangsformen, sagst du . . .» «Nein, an die Umgangsformen hab ich mich sehr gewöhnen müssen. Ich habe mich indessen gewöhnt, in der Einsicht, dass all das nicht von der Oberfläche her beurteilt werden darf.» «Schau, das ist lieb von dir.» ««Woher aber kommt die eigenartige Rüpelhaftigkeit dieses Volkes? Man ahnt, es wendet sie irgendwie als Stachelhaut an – gegen was und wen denn? Man hat euch doch die Integrität eures Landes feierlich garantiert.» «Zwerge sind aus ihrer Konstitution heraus argwöhnisch und dem Feierlichen abgeneigt.» «Zwerge. Einmal habt ihr Europa mit euern Landsknechtheeren überschwemmt, soviel mir erinnerlich ist.» «Gerade davon mögen wir, bei schlechtem Gewissen, einen Dünkel behalten haben. So in der Art: wenn wir wollten! Im übrigen gehn die Instinkte tiefer. Wenn wir Löffelschleife sagen, so persiflieren wir damit etwas, das wir wohl, aus irgend einer Notwendigkeit heraus, übernehmen, im Grunde aber verachten. Wir fürchten für unsere Ecken, wir sind insgesamt ein Bauernvolk. Mit aller Heimtücke aus Krähwinkel. Ein potenzierter Schweizer wie Gottfried Keller ist aber mehr als nur ruppig.» «Gehn wir da hinauf, Martin? Da sind wir ja hergekommen.» Er fasste sie bloss bei der Hand. War nicht auch die Landschaft so, abweisend mit frostigen Schroffheiten und doch ein Wunder an Innerlichkeit? Er führte Marie auf eine Wiesenwölbung hinaus. «Jetzt pass auf, jetzt kommt –» und er hielt seine Papierrolle wie einen verhüllten Schatz vor sie hin, «mein Geheimnis.» Die Stauden hingen voll Hagebutten, Spinngewebe von Geissblatt darüber. Es mochten hier Reben gestanden haben, Holzstufen führten durch Gras hinab. Das Besondere der Gegend war, dass nur gleichsam der Geist eines Dorfes darüber, dieses selber in Höfen auseinandergenommen allüberall hingestreut lag. Das Wiesentälchen, das er offenbar meinte, hatte noch Herbstzeitlosen, einige Erlenbüsche deuteten auf Wasser, und ein Haus war vorzeiten hier abgebrannt. Marie verstand und erschrak nicht wenig. Blitzartig erraffte sie die Hilfe sogar eines Gleichnisses. «Du baust auf eine Ruine, Martin, auch an mir!» «Du bist schnell von Begriff, muss ich sagen; im übrigen lass alles meine Sorge sein. Ruinen sind die besten Fundamente, indem sie nämlich ein Schicksal in sich haben. Was dem Unglück stand hielt, wird das Glück umso leichter tragen . . .» «Nicht, nicht, Martin, wenigstens nicht unter Berufung auf mich! Ich weiss mich in nichts mehr sicher.» «Armer Liebling, nicht unter Berufung auf dich. Abgemacht, ich baue einfach. Ich baue aus Spass an der Sache, bin Maurer und Zimmermann in einem, und hab ich's beisammen, so rufe ich nach der Weise der Kinder: Wer kommt in mein Häuschen? – Da hab ich's zu Faden geschlagen.» Er rollte sein Blatt auseinander. Marie sah bekümmert hinein; doch war alles so überzeugend und artig ausgestaltet, dass es an sich entzückte. «Schlimmstenfalls könntest du's mit Gewinn verkaufen?» «Ich verlege mich jetzt auf Renovationen. Das Gemäuer bekomme ich hinzu, vorausgesetzt nur, was sich erweisen muss, dass das Tälchen hier feil ist, und ich hab schon das halbe Haus.» «Da willst du dir jetzt einen Zipfel Welt käuflich erstehen und weisst nicht, an wen dich wenden.» «Ich war es nicht, der bis zehn Uhr schlief.» «Gelt, ich hab dich geärgert . . . ?» «Insgesamt alles war wunderschön. Wir sind auf dem Grunde da Herrliberger; komm, ich zeig dir das Kirchlein am See.» «Das eine ist schade, dass du nicht vorn bauen kannst.» «Im Gegenteil, Marie! Nichts mag ich weniger als Paraderundsicht vom Bett aus. Die Wohnlichkeit soll versteckt sein, die Arbeit abseits der Verführung. Ich werd mir's sogar überlegen, ob hier nicht ein Nussbaum hinkommt.» «Vorausgesetzt dass er wächst wie der Rittersporn deines imaginären Gärtleins. Der Boden scheint reichlich sauer.» «Ein Liebling versteht das nicht besser. Hat er vielleicht schon einmal etwas von Drainage gehört? Der Mensch kann das machen, und ein Bildhauer ist auch ein Mensch. Da unten liegt Herrliberg.» «Schön und gut und einem wackeren Manne wie dir zu gönnen. Die Welt wird so ein Abfall auch nicht kosten. Krannig leiht es dir gerne.» Sich des Fehltritts bewusst zu werden, macht ihn nicht ungeschehen. Stapfers Ingrimm wand sich nach innen. Die längste Zeit zerknirschte sogar sie sich vergeblich vor ihm; alle aufgejagte Leutseligkeit, ihr Eifer der Anteilnahme hatte dasselbe Gesicht hilfloser Gebundenheit – er liess alle Pläne fahren, stapfte schweigsam mit ihr von dem Berge hinab. Ihre Bekümmernis freilich, sowie das Gefühl, ihr Unrecht zu tun, vermochten ihn milde zu stimmen; sie weinen zu sehen, ging schon vollends über sein Vermögen – auf der Strasse nahm er sie an sein Herz: «Verzeih mir das Ungestüm, Armes. Wie gehen wir Männer mit so etwas um! Weine! Weine dich nur einmal aus! Ist deine Treue doch das Schönste an dir. Was gäbe ich nicht darum, dass sie mir gehören dürfte; aber hab ich ein Anrecht darauf? In nichts sind wir anmasslicher als darin, mit eines Menschen Liebe zu rechten. Steht es mir an, die deine besserwissend schulmeistern zu wollen? Du schüttelst den Kopf – » «Nicht so. Nur weil es doch alles anders ist.» «Wie findest du dass es sei?» «Auch so, aber weniger einfach. Ebenso richtig wäre es, zu sagen, ich spielte mit deiner Langmut, verzögerte mich in einer hoffnungslosen Sache auf Kosten deines armen Herzens. Du bist so warm und edel. Kam es nur darauf an, dass ich es jederzeit wüsste, ich hätte mich bald entschieden. Ich brächte auch mehr als nur Hochschätzung; es ist nicht, dass ich dich damit beleidigte. Allein, was ist meine Liebe noch wert! Bald wollte ich denken, ich vermöchte Jeden zu lieben.» Sie hatte die Stimme fallen lassen und behielt einen eigentümlichen Ausdruck von Grauen und Belustigung im Gesicht. Noch eines blieb ihr zu sagen: «Gesprungenes Porzellan. Ich bin für diese Zeitlichkeit kaputt gemacht.» Nachmittags zu Hause, setzte sich Stapfer hin, um an Krannig das folgende zu schreiben: «In Ausführung deines Auftrages habe ich mich nach Marie umgesehen und referiere Dir mit der Mitteilung, dass Du denn schon ein Hundsfott bist, so mit einer Frau umzuspringen, die Du im Leben nicht wert sein wirst mitsamt deiner beschissenen Kunst. Sei es ein Geldsack oder ein Ruhm: sich aus seinem Besitz der Liebe gegenüber Sonderrechte abzuleiten, ist beides die Art nur eines Scheisskerls. Vor der Liebe sind wir, Holzknecht oder König, Adam in seiner Blösse, verstehst Du mich wohl. Alle liebe Mühe, die ich mir gab, Marie für mich zu gewinnen, scheiterte an ihrer Treue zu einem Subjekt, das in seinem Dünkel diese Treue mit Füssen tritt. Immer dem Amte gemäss, mit welchem Du mich fürstlicherweise betrautest, mache ich Dir ferner Rapport darüber, dass es schwerlich gelingen dürfte, die Frau an den Unterhändler zu verschachern, was sichtbar in Deinem Plane lag. Es erwächst Dir somit die Pflicht, in der einen oder anderen Richtung vorwärts zu machen, Marie entweder die Ehe anzutragen oder sie aus dem wunderlichen Dienstverhältnis mit klarem Bescheid zu entlassen. Solltest Du das weiter hinausziehen wollen, so lass Dir gesagt sein, dass Du die Sorge um Marie nicht Irgendeinem überbunden hast, dass ich vielmehr verstehen werde, ihren Anwalt auf eine Art und Weise zu machen, von der Dir Hören und Sehen vergehen soll.» Das trug er zur Post, bevor er sich noch einmal hinsetzte, um auch an Marie zu schreiben – ein Dutzend Strassen auseinander wohnten sie und sprachen sich nicht anders mehr als in Briefen, Wochen und Monate hindurch, in Liebesbriefen, über denen sie das eigene Wesen fanden; die Inseln von Glanz bekamen Zusammenhang, verbanden sich zu Kontinenten, die fortwuchsen, so wie aussen der Winter, der so und so oft im Tauwetter fleckig zerfiel und doch eines Tages in seiner makellosen Einheit blieb. Zahllos waren die Gänge, die für Martin vonnöten waren, sich den Berg zu erringen – jetzt war er aber Grundbesitzer, Eigner eines märchenhaften Reiches unter Schnee, das er nur in Ruten und Schuttkegeln sah. Die Bestellung auf Balken und Bretter lag in der Kittenmühle; er äufnete sein Warenlager um Leitungsröhren, Schlösser, Beschläge und Schrauben, er hatte Posten von Fenstern, Kreuzstöcken, Türen, Dachziegeln bei einem Abbruchgeschäft liegen. Die Zeit verging ihm im Fluge über all seiner Tätigkeit; er vergraste wieder in Bartstoppeln. Krannig hatte den Brief nach der Seite freundschaftlicher Burschikosität verstanden und die Beziehungen keineswegs abgebrochen. Stapfer schrieb ihm unmissverständlich ein zweites Mal, worauf die Verwalterin seine Einladung nach Berlin erhielt; er wollte sich bleibend dort niederlassen und das Haus in der Heimat liquidieren. Daraufhin verfügte sich Marie zu dem Freunde hinaus. Sie traf ihn zusammen mit dem Gipser, der die erstaunlicherweise fertiggewordene Statue hätte abgiessen sollen. Der Preis dafür ging über die Mittel ihres Schöpfers, die Verhandlungen stockten in Ratlosigkeit. Marie erkannte wohl, mit welchen Dingen er seine Kredite ausgeschöpft hatte; sie schlugen ihr aufs Gewissen und setzten sie ihrerseits vor Entscheide, die nun nicht länger hinauszuschieben waren. Sie verschwieg den Anlass ihres Kommens vor ihm, erschöpfte sich in Erwägungen dessen, was für das Bildwerk getan werden könnte. Es blieb nur die Möglichkeit, durch Vermittlung Herrn Sytzens die Stadt an dem Werke zu interessieren. Er selber, der es sich kurz vor Vollendung angesehen hatte, übertrug den Vorschuss auf eine andere Bestellung, auf die ihn die Unterhaltung mit dem Künstler brachte. Eine zweite Hypothek auf den Gegenstand, die er aus freien Stücken gewährte, milderte einwenig den Eindruck seiner Haltung; er hatte die Art der Mäzene, mehr anregen als belohnen zu wollen. Eben den Grundsatz schien auch die Kunstkommission zu befolgen, ein Grüpplein gewichtiger Herren, die ihm an ihren Galoschen Schnee in die Werkstatt hereintrugen und ihren Augenschein mit undurchsichtigen Mienen vornahmen. Es waren Stadträte in der Begleitung einiger Kollegen aus dem Bund schweizerischer Maler, Bildhauer und Architekten, solcher, die auch in der Gewerkschaft den Ton angaben, weshalb Stapfer den einen und andern Span mit ihnen gehabt hatte; innerlich wütend auf die Fügung, durch welche die Hoheiten über sein Werk zu befinden hatten, liess er es an der ratsamen Unterwürfigkeit gegen die Jury durchaus fehlen; es schaute nicht mehr als die unverbindliche Bestellung auf eine Brunnenfigur aus dem Handel heraus, und ein Flötenspieler hatte es obendrein auch noch zu sein. «Flötenspieler?» fragte Stapfer, mit einem unverstellt höhnischen Blick auf den Kunstpapst vor ihm. «Darf's nicht ein Saxophonbläser sein? An dem arkadischen Flötenspieler ist die Bildhauerei wie Arkadien selber flöten gegangen. Enfin, auf das Was kommt's nicht an; ich mache Ihnen auch einen Flötenspieler.» «Hast du dir's übersetzt, Marie?» Sie war herbeigeschlüpft in der heimlichen Hoffnung auf ihren vorteilhaften Einfluss als Freundin Krannigs. «Ich biete ihnen das an, sie aber wollen ein Brunnenmännlein. Der Kunst an sich misstrauen die Schweizer; sie nehmen sie nur in ihrer Anwendung, in einer Verbindung mit dem Nützlichen.» Marie lachte. «Es liegt ja auch etwas sympathisch Gesundes in diesem Instinkt,» meinte sie. Stapfer schien es zu überhören. «Das da,» sagte er in der Dämmerung seiner Plastik, «stünde in ihrer Seeanlage als Ausstrahlung der Natur, ein Krokus, in welchem ihr geistiges Inneres erblühte. Ein Volk, dem der Sinn für das Unbedingte verkümmert, verliert seinen Auftrieb. Und die Rattenfänger da mit ihrer Flöte ersäufen es vor der Zeit in den Brunnen.» «Dein Umgang mit ihnen erfüllt mich mit Sorge, Martin. Ich fürchte, du wirst Blöcke von Widerstand auf deinen ohnehin steinigen Weg herabrollen.» Er drehte sich zu ihr um, ergriff ihre beiden Hände und schwärmte mit zärtlich umflorter Stimme: «Blöcke, sagst du? Blöcke – sprich mir nicht von Blöcken; sie sind mir wie dem Hungrigen das Wort Brot! Blöcke auf Steinen – was für eine schöne Vorstellung! Die Sonne scheint in den leisen Rauch unterm Fusse der Götter. Die Dreckerei mit Lehm, weisst du, Liebling: das ist recht für die Schmierer und Blender, und den Habenichtsen meiner Art ein Ersatz. Steine, wenn ich hätte! Der Pfannenstiel hat! Der Gletscher vererbte sie mir!» «Im übrigen,» fuhr er, eine Maske von Ernst aufsetzend, fort: «Meine Reverenz! Dich haben sie angestaunt wie ein Meerwunder; als hätte Krannig das Modell, nicht das Modell Herrn Krannig erschaffen.» «Das Modell ohne Krannig wäre immerhin eine Pariser Buchhändlerin ohne Typik des Ausdrucks geblieben.» So viel an Verteidigung musste sie ihm gegenüber wohl riskieren. Sanfter konnte sie nicht andeuten, dass sie das Urteil von Künstlern über Künstler, wenn auch nicht übel, nicht durchaus verbindlich nahm. Sie hatte ihren Weg zwischen beiden aus eigenem Entschluss festzulegen. Nach Berlin ging sie nicht, nach Berlin nicht und nirgends hin zu Krannig, der überall Krannig blieb; als er anfuhr, um den Umzug selber an die Hand zu nehmen, reiste sie nach Paris ab, unter Hinterlassung eines Briefes auch an Martin Stapfer. «Du Treuer,» schrieb sie ihm; «so ist es das einzige, was einigermassen in Sauberkeit und Anstand durchgeführt werden kann. Ein bisschen Feigheit und Roheit steckt auch darin, ich weiss und bitte es Dir pflichtschuldigst ab. Darf ich mich auf das einlassen, was Du in Deiner Herzensgrösse von mir verdient hättest? Es gehört mit zu meinen Schmerzen, hierin hart sein zu müssen. Ich hatte vor, mir ein Jahr »Bedenkzeit« zu nehmen; allein, ich liesse Dich warten in einer Sache, über die ich mir im Grunde klar bin. Ich liebe Dich, Martin, ich liebe Dich sehr und genug, um zwischen Dir und dem Andern nicht mehr zu schwanken. Wäre ich nur nicht inzwischen zu alt geworden! Es fehlt mir die Vertrauensseligkeit, jener Schwung der Jugend, ein Leben auf sich zu nehmen coûte que coûte. Indessen, nicht was es mir nehmen möchte, bestimmt die Rechnung; es ist, darf ich sagen, vielmehr mein Mangel an Leistungsfähigkeit, zu geben, der den Verzicht gebietet. Irgendwie, siehst Du, kann ich alldas nicht mehr ganz ernst nehmen, mich selbst nicht und nicht den Zufall, allein oder vermählt zu leben. Die Dinge, um die wir uns Schmerzen machen, sind vielleicht ebenso nichtig wie die drolligen Gründe von Kindertränen. Eines steht für mich fest: Wer am eigenen Bündel genug trägt, soll sich aus Redlichkeit nicht vermessen, das eines Nächsten hinzuzunehmen. Und Deines hat Steine und Blöcke! Schön wäre es, mit Jugendmut davon abzusehen, ein anderes, draus zu erwachen. Ich sehe das Bild eines Weibes, das die Voraussetzungen an sich hat, Deiner schönen Vision zu genügen. Sie wird entweder sehr jugendlich oder von völliger Reife sein. Lache mich aus: sie wird blond sein! So sehr habe ich mir Deinen Traum zu eigen gemacht, dass er mir deutlicher als dem Träumer ist. Gott weiss, mit welchem Wunsch ich ihn segne.» Der Hausbau 6 Noch über Schnee schleppte Martin sein erstes Material herab – auch einen Block beiläufig – und er begann im März. Eine Strasse zu seinem Besitztum wollte er nicht, es sollte wenig zugänglich und mitten im Grase abseits bleiben; das Gras ergrünte über Nacht und trieb schon die wolligen Büschel von Primeln hervor. Pflasterwasser sprudelte ihm der Bach zu der Zeit in Bördern von Hahnenfusskraut – ach, er besass einen Bach! «Bach! Bach!» sagte er und verweilte mit der Hand in dem ungestüm wühlenden Leben. Es rann aus den Rehwäldern des Pfannenstiels herab, roch von dem vorjährigen Laub. Stapfer werkte in seinem Haarnetz, bestaubt wie ein Bäcker, von früh bis spät, spickte das Messer ins Balkenholz, auf dessen Stapel er seine Mahlzeiten einnahm. Ob das Harz in der Sonne hervorquoll, ob Regen getrippelt kam, immer war es eine Herrlichkeit, die Regungen der Einsamkeit zu empfinden. Vögel liessen sich herzu. Vögel würde er auch besitzen! Täglich sass seine Abendamsel und füllte den Himmel mit Wohllaut. Er dachte dann an Marie in Paris. Aus der Müdigkeit schlüpfte die Wehmut hervor; von allem war die Amsel ein Abglanz: von der Röte über Paris und dem schmerzlichen Wohllaut des Herzens. Er hatte vor, für's erste den Nordteil auszubauen, um eine Unterkunft noch vor dem Winter zu haben; das hielt nicht schwer, da die Mauern hier am höchsten standen – er zog einen Balkenboden hindurch und brachte wohl auch noch ein Kämmerlein oder zwei mit unter Dach. Für das Uebrige liess er sich alle Zeit. Das sparte er sich auf, um noch Jahre hindurch von der lieben Kurzweil zu haben, da eine Wand und dort eine aufzurichten, Dach anzulegen, Lauben herumzuziehen, bis dass es ein richtiges Bauernhaus war, dessen Türen und Fenster der Wind ungläubig versuchte. Er fand seinen Weg herein, missgünstig zunächst, trieb Regen und noch einmal Schnee in das Tälchen; die Primeln, für die Katze gewachsen, gingen unter im nassen Geflock, Martin nahm seine Maurerkelle von der einen in die andere kalte Hand; er arbeitete in Windjacke und Beret, glaubte sich halten zu können und flüchtete vor dem Aeussersten der Bedrängnis mit einem Fluche. Hatte er für die Plastiken in ihren nassen Hüllen gefürchtet, so drohte jetzt Gefahr, dass ihm das Haus auseinandergefror. Er hatte die Natur, sich ganz an eine Sache zu verlieren und die andere darüber zu vergessen. Der Baumeister war aus ihm hervorgetreten, er kaufte Treppen, Kaminhüte, Herde, Oefen, Traufen, Kloakenrohre auf Vorrat, stieg in Neubauten auf ihren Hühnerleitern herum und las in den Zeitungen meistens alles ausser dem Textteil. Er fand auf diese Weise auch das Winkelchen Land, auf dem er die Zürcher Filiale einrichten wollte; es gehörte der Stadt, und seine Berechnung ging dahin, dass er sie mit seiner Hilfe beiläufig einwenig in Abhängigkeit bringen wollte, durch gestundete Mieten nämlich, für die sie ihm Arbeit gab. Das war eine kleine Erpressung, die er vorhatte und dem Kommissionenwesen gegenüber leichten Herzens verantwortete. Den Vertrag darüber schloss er auf Juni ab, mit welcher Frist seine andere Verpflichtung erlosch und die Einsiedelei schätzungsweise beziehbar wurde. So schwierig er in seiner Arbeit war, den Flötenspieler bastelte er in ein paar Stunden zusammen. Was gefiel, gelang ihm so flüssig als irgend einem; er machte Aufnahmen davon, die er aufs Amtshaus trug. Die Expertise kam mit Befugnis zur Bestellung. Allein mit dem Musikanten, sprach Martin also zu ihm: «Gigolo, was haben wir gewettet? Sei ja ohne Sorgen, du bekommst deine richtigen Schriften» – und hieb ihn mit dem Spachtel auseinander, so weich war er noch. Um das angerostete Gestänge knetete er den Kern eines neuen, nicht ohne Seufzer des Schwerenöters, der wusste, was er sich auflud. Welches waren die Hintergründe, aus denen unser Bildhauer die Zuversicht zu all seinen hochgemuten Unternehmungen bezog? Er tätigte Käufe, warf mit Grundstücken nur so um sich und frotzelte, ein Hungerschlucker, die hohe Obrigkeit – die Wahrheit ist, dass er sein Talent darin ausmünzte, mit den knappsten Mitteln zu rangieren, welche Mittel er aus der Hand einer Fräulein Wehrli empfing. Die Bekanntschaft mit Annette Wehrli reichte in Kindheitstage zurück. Sohn einer armen, doch tätigen Witwe, leistete Martin sein kleines Teil des Erwerbes damit, dass er in zwei oder drei vornehmen Häusern das Postkind machte, so auch für die Schwestern Wehrli, welche damals schon ältere Damen waren. Annette malte und machte Musik auf einem wunderfeinen Instrumente, von welchem sie das Knäblein belehrte, dass es nicht ein Piano, vielmehr ein Cembalo war; sie spielte es anscheinend aus einer Art Frömmigkeit und der Neuzeit zum Trotze, sie spielte es aber auch zauberhaft, solcherart, dass der kleine Martin auf seinem Sammethocker die Huppen zu essen versäumte, die er als weiteres Zeugnis von Annettes Kunstfertigkeit überwiesen bekommen hatte; selbige Röhrchen stellte sie aus einer Art Oblate auf Vorrat her. Um den Hocker lief ein Kranz von Porzellanknöpfen; er hatte das Lustgefühl von ihnen noch jetzt in den Fingerbeeren, und er vermutete halbwegs, aus jenem Erlebnis von Tastsinn und Gehör seinen Bildnertrieb davongetragen zu haben. Wer ergründete die Kräfte, die uns formen! Martins Mutter war eine Hebamme gewesen, Künstlertum in der Familie nicht überliefert; die Anlage, so sie bestand, erfuhr in dem Hause Wehrli jedenfalls ihre erste Befruchtung. Denn es empfing ihn mit spiegelndem Messinggriff schon der Türe und einem Treppenhaus voll zarten Wichsegeruches, in welchem ein Lüftlein Leuchtgas umging. Er zog unten an einem Griff und vernahm das Glöcklein im Innern, zierlich wie alles an dem Orte; es war ihm nicht anders, er setzte mit dem Drahte Annettens Seele in Bewegung. Ahnte er in seiner Kindlichkeit die Zusammenhänge? Er war durchaus unnachgiebig und mit der gewissen Säuerlichkeit vornehmer Leute behandelt, aber er hatte Zutritt zur guten Stube, er durfte bei Annette malen, Phlox und Ruinenlandschaften, und er brachte sein blondes Gelock, auf welches das alte Mädchen recht haltlos versessen war. Sein Kopf stand eine ordentliche Tyrannei von ihr aus. Stundenlang währten die Prozeduren, denen er in einer weissen Mantille stillzuhalten hatte; die Brennschere klapperte, die Benzinflasche schläferte ihn ein mit ihrem Dunste, und alles das zu dem Ende, dass im Spiegel ein fremdes Haarwesen erschien, über welches er sein Gefallen zu bekunden hatte. Ein junger Bursche, spaltete er Holz für Annette, deckte die Grube mit Herbstlaub und pfadete im Winter vor dem Hause. Der Schopf war ein Schopf von weichem Steppengrase geworden, der Haarkräuslerkunst verloren, auch wenn die intimen Sitzungen noch schicklich gewesen wären. Martin nässte die Stirne in einem Ausschlag von Pickeln, die Stimme schlug ihm in holprige Tiefen hinab, Verwandlungen suchten ihn heim, denen das Fräulein zimperlich und jedenfalls ratlos gegenüberstand. Er brachte ihr aber seine Zeichnungen, sie händigte ihm Bücher aus ihrem Glasschranke aus, und ihrem Machtwort verdankte er es, dass er Kunstmaler werden durfte. Nicht ganz dem Machtwort allein, sie untermauerte es mit einem Bankscheck. Möglich, dass der Wohlstand auch nach dem Hinschied der älteren Schwester Hortense nicht von dem Umfange war, ihr grössere Leistungen zu erlauben; er vergass sie wie man eine Patin vergisst und erblickte sie alle die Jahre darnach ungefähr wie den Geist einer Toten. Die Begegnung erfolgte bei Anlass eines Vortrages von Paul Valéry, dessen Französisch zu hören Martin Verlangen trug. Seinen Augen hatte sich Fräulein Wehrli nicht sehr verändert; sie schien eine Bezugsquelle für ihre alten Ridiküle , Gaböttchen und Kettenzwicker zu haben. Eine ganze Weile fand sie sich nicht in der Erinnerung zurecht; dann errötete sie sogar einwenig. Sie war aber auf ein Kränzchen des Lesezirkels Hottingen hin pressiert, hatte den Einfall, ihn mitzunehmen, und so erneuerte er die Bekanntschaft in Gegenwart einer Berühmtheit, von der er der alten Dame Persönliches aus Paris vermittelte. Dafür dankbar und liebenswert eitel darauf, ein wenig in Mäzenatentum zu machen, nahm sie den Bildhauer unter ihre Silberflügel, nicht ohne Aengstlichkeit, weil ungewiss der Entwicklung des jungen Kuckucks gegenüber. Von allem blieb ihm ein Heimweh, aus welchem die Entbehrung Maries mit Uebermacht hervorbrach. Er hatte sich still gefügt, ihr die Schonzeit zugestanden und bis auf den Tag nicht geschrieben, freilich auch nicht die Hartnäckigkeit seines Glaubens preisgegeben, sondern fortgefahren, die Geliebte in sein Tun und Trachten einzubeziehen. Jetzt mit dem wunden Herzen, in seinen geisterhaften Verhältnissen flüchtete er zu ihr, indem er ihr alles schilderte, den Stand der innern und äussern Dinge, seine Verstrickung in Abhängigkeiten, seine Aussichten, das Schattenhafte der Drohung, eines Tages mit Schimpf und Schande im Debakel des Ganzen abzugehen. «Wär ich ein Lüderjahn, wär ich ein Schwindler, so aber schufte ich, gönne mir kaum ein Vergnügen und streife doch immer das Zuchthaus, wo die Spitzbuben der Welt, die Gegenwärtigen, die vergoldeten Nullen in Limousinen von Schandtat zu Schandtat fahren. Was will ich, welches ist mein Anspruch? Mein Werk zu verwirklichen unter keinem andern Gehorsam als dem vor dem Geiste, von welchem ich es empfange, und nicht darüber das menschliche Dasein verkümmern zu lassen, in der Meinung, dass eines das andere zu tragen habe; denn ich habe plastisch zu denken den Charakter, ich suche das volle Polare, mir ist das Symbol der Ergänzung in Mulde und Wölbung greifbare Philosophie, und ich verweigere mich dem Schlagwort von der Entsagung des Künstlers.» Als hätte der Brief ihn gerufen, erschien wunderlicher Besuch aus Paris mit Grüssen der Liebsten, nämlich Seume, der Maler und Wanderer, der in seiner Dachkappe, ein Felleisen aus der Handwerksburschenzeit auf dem Rücken, den Weg zu Fuss gemacht hatte und eines Abends das Limmattal heraufmarschiert kam, rosig angeregt noch am Ende der Tagesleistung, beim Eintritt zum Aufbruch munter, ein jugendlicher Greis mit aschfarbenen Stoppeln um die Lichtung seines Scheitels. Die Ostsee blickte ihm aus den Augen, über die Dünen der Wülstchen darunter, die gläsernen Härchen seiner Beine in Kniehose wehten wie Strandhafer – Seume, alter Kunde, Hansen, wohin treibt dich dein Wikingerblut diesen Frühling? Es trieb ihn nach Konstantinopel. Er machte Station bei dem Freunde und sass denn, ein friesischer Fischer, bei ihm auf dem Bauplatz am Pfannenstiel, die knochigen Knie unterm Bärtchen, ein Schneiderlein voller Schalkheit, ein freundlicher Sack von Sarkasmus. Der Witz der Geschicke fügte es, dass Hansen, seiner Herkunft nach Zimmermann, als der leibhaftige Streik im Gebälke sass, von dem aus er mit scherzhaften Sprüchen nach dem Fleisse des Bauherrn zielte: «Alles Fleisch ist wie Gras und alle Herrlichkeit des Menschen wie des Feldes Blüten – das Gras verdorrt, die Blume verwelket; Staub ist er und zu Staub soll er werden – wer wird sich denn Häuser bauen, auf der Durchfahrt durchs Menschenleben, sag mir das, Hanswurst! Das Fundament: seine Wiege, der Dachstuhl: sein Sarg. Wen reut nicht die Zeit dazu, wo er sich umtun kann in dem schlüsselfertigen Hause der Welt! Ich will meine Beine bewegen, seine Wolkenräume erwandern; es ist ein Lust an sich, Schritte zu machen, tausend, hunderttausend, die Strassen gehen dir ein wie Wein und die Fernen als ein Rausch. Was denkst du, wie oft mir mein Wanderpuls das Blut um und um gejagt hat! Von allen Winden durchlüftet, in Regen aller Schrägen gestriegelt, führt es auch nicht ein Stäubchen Hypochondrie mehr . . . » «Ich weiss nicht, ob ich mir's wünschen soll, Seume. Vielleicht muss der Wildbach Blöcke führen.» «Ich hab in meiner Kappe mehr Dinge als mancher in seinem Schädel: Salz von Biarritz, Rauch der Abruzzen.» «Seume, der Materialismus!» «Das sagt mir einer, der seine Liebe zwischen vier Wände sperrt. Ich geb dir ein Rätsel zu lösen auf: Ein Mensch hat seiner Tage kein Weib angerührt und doch alle Weiber der Erde besessen.» «Es ist derselbe, der Gott zu lieben vorgab und nie einen Nächsten zu lieben vermochte: Es ist ein Ungläubiger.» Martin kniete sich in die Wiese zu den Schlüsselblumen, trank wie aus einer Quelle. Es war Essenszeit, er stieg zu Seume auf die Balken. «Staub an den Füssen, Zement an den Händen – die Wahrheit ist doppelseitig.» «Zement erstarrt.» «Und Staub verfliegt.» «Auch der Zement mitunter.» Stak eine Mitteilung darin? Martin blickte zu Seume auf. «Baust du das für Marie?» «Ich baue es im Gedanken an sie», antwortete Martin. «Auch der Zement mitunter. Marie ist verlobt.» Marie war mit dem Chef verlobt. Keinen von beiden, die sie liebte – dafür Wohlsein und Ruhe; Martin verstand sie. Tägg, machte die Kelle und stak in dem Troge. 7 Die Nacht ging mit all ihren Strassen auf, Seume war nicht mehr zu halten, und Martin stand eine Weile, lächelte in die Versuchung hinein, und sah die Moscheen im Monde stehn. All sein Gefühl hing an Seume, er vernahm seine Schritte stundenlang, roch das Heu in dem Schober, in den er vielleicht zum Schlafe kroch. Seume, Seume! es war ihm ums Heulen. Auch Seume der Sohn einer Mutter, und starb eines Tages am Strassenrand. Er hatte ihm die Liebe fortgenommen. Martin sass in einem Grossrestaurant noch um Mitternacht. Eine Verlobung wird mit Kuss besiegelt. Zuzeiten hatte ihm die Enthaltsamkeit Molesten gemacht. Eins ums andere fiel ihm ein: auch der Umriss um die Leere, in der seine Treue gestanden hatte. Hier trat eine blonde Erscheinung hinein, Tilly, die ihn bediente. Tilly war nicht die einzige, deren Gunst er besass, aber die offenbar, zu der ihn sein Unbewusstes gezogen hatte, in der Stunde der Vereinsamung. Sie merkte die Veränderung an ihm. Seine Anständigkeit hatte ihr wohlgefallen, es gefielen ihr aber ebenso die Anzeichen einer Beachtung, auf die zu warten sie aufgegeben hatte. Sie waren still, ihrem Auge aber unverkenntlich, und es schien wohl gar, dass er um ihretwillen wartete. Wenn der Feierabend sich nur jetzt nicht verzögerte! Stapfer sah seinerseits, dass sie verstanden hatte. Als er bezahlte, blieb Tilly noch bei ihm stehen. «Geht's Geschäft?» fragte er, seine Münze versorgend. «Man kommt durch.» Er wusste um ihre Dreizimmerwohnung, in der sie eine alte Mutter erhielt; Serviertöchter haben das Einkommen eines mittleren Beamten. Er mochte sie gerne in ihrer Erfahrenheit und Selbständigkeit. Tilly deutete mit ihren Augen nach der Garderobe, an der sich ein Gast in seinen Uebergangsmantel helfen liess. «Gestern lag schon ein Maikäfer auf dem Trottoir. Die Frühlingsnächte voll ihres Gesurres sind mir das liebste.» «Tilly ist also das Mädchen, dem nicht vor Maikäfern graust?» «Wo sie so süss sind! Er verdrehte die Augen unter seinem Schnurrbart –» «Unter?» «Er war auf den Rücken geplumpst. Ich hielt seinen Beinen den Finger hin, und er schwang sich im Triumph daran empor. Er hielt es für eignes Verdienst.» «Ihre Sorte Humor ist mir lieb, Tilly. Eigentlich müssten Sie mich Ihren Herzkäfern vorstellen.» «Wird allerseits Freude bereiten. Gleich heute? Es hätte für mich den Vorteil, dass ich Gröbli loswürde; das ist – sehn Sie nicht hin! – der Herr in der Drehtüre.» «Schlimm ist der nicht; er trägt steife Manschetten. Ich möchte übrigens kein Glück zertreten.» «Man tut's nicht gern, ich weiss. Aber kann ich ihn heiraten, bloss weil er so gar kein Gröbli, sondern ein Ehrenmann und Vegetarier ist?» «Wo warte ich Ihnen, Tilly?» «Anfangs der Brücke, o fein. Ich mache so schnell wie möglich.» Herr Gröbli wandelte vor dem Blocke auf und ab, und Stapfer fragte sich in seiner Betrachtung, wie er von der Art seines Geschlechtes zu denken hätte. Mit viel Sympathie, denn sie sind still; doch haben sie eine andere Ausprägung des Dünkels und der Herrschsucht: sie missionieren. Es sind kleine Schulmeister mit einem Lineal im Rücken, nach welchem die Welt auszurichten sie sich von Gott beauftragt wähnen. Die Welt soll aber nicht geradlinig sein und auch nicht alkoholfrei. Die Welt hat zu wenig, nicht zu viel Leidenschaft, zu viel Dogma und zu wenig Religion. Ein Mädchen wie Tilly fühlt das Unanständige der temperierten Leidenschaft. Trotzdem tat ihm das Männlein leid, als er es mit langer Nase vor Tilly abziehen sah. Auch Tilly tat es leid. «Aber er spricht mir von nichts als seiner werten Leiblichkeit, die er mit aller Sorgfalt zugrunderichtet, mit Waschungen und Diäten, mit Rohkost und Kuren – er ist nie gesund und zweifellos glücklich darüber,» lachte sie schlechten Gewissens. Was für ein prächtiges Mädchen, sagte sich Stapfer, halbwegs reuig, sich mit ihr eingelassen zu haben; in seiner Lage suchte er nicht das Ernsthafte, sondern den Leichtsinn aus Trotz, keine Liebe, sondern Lust, nichts auf die Dauer, sondern Narkotikum. Tilly aber strahlte ihn mit menschlicher Wahrhaftigkeit an; es war herrlich, an ihrer Seite zu gehen, sie war gross und kräftig gewachsen, sie trug ihren Hut an der Hand und schüttelte im Maiwind manchmal ihr streifiges glattes Haar – sie war glücklich und deshalb von schöner innerer Gelöstheit. «Wie kommt er denn an den Ort –» «Ungern genug! Er nennt ihn ein Krematorium und Bierfass, und von Serviertöchtern ist er sich nicht ganz gewiss, ob sie auch jungfräulich sein können, worin er vor allem keinen Spass versteht.» Die Wahrheit zu sagen, traf sich Stapfer in diesem Punkt mit Herrn Gröbli, und er fragte sich, welche Betonung er aus Tillys Anmerkung heraushören sollte. Ach weh und Jammer, da ging er jetzt, im Begriff eine Sache anzuzetteln, die möglicherweise Macht über ihn bekam und ihn von seiner Linie hinweglockte. Frauen sind zwingende Wasser. Er wusste es aus Erfahrung; wenigstens ihm ging es so. Eine kleine Anleihe, die er aufnehmen wollte, verstrickte ihn in Lebensschulden, und das kam davon her, dass er selbst im Leichtsinn einwenig der Weisung des Herzens nachging. Schon in der Zeit Maries hatte Tilly seine Augen beschäftigt und ihm manchmal das reine Gefühl getrübt, sodass er der Blonden auswich, welche Schwäche er freilich nicht vornehmer fand. Tilly war nicht eigentlich hübsch, ihm nur besonders reizvoll gerade in den Unregelmässigkeiten ihres Aussehens, und neben ihr gehend, empfand er die ganze Gewalt ihrer Wirkung auf seine Sinne. Er hörte das leise Rauschen ihres Kleides, und er vermutete, dass sie unwohl war; ein Hauch ihrer Wärme unterschied sich in nichts von dem Duft aus dem Birnblust und seinen Maikäfern. Sie flogen vor dem Monde vorüber. Plötzlich schrak Tilly zusammen. «Jesses, die schwarze Katze! Das bedeutet nichts Gutes.» Martin blickte ihr ins Gesicht, zwischen Humor und Aerger. Frauen sind Kontinente, mit allen Geheimnissen und Fremdheiten dem, der sie aufsucht; das unbequem Neue erweckte Heimweh nach dem Vertrauten – was tu ich hier? ging es Martin durchs Herz zusammen mit einer schamvollen Eifersucht. Er hatte es noch immer nur von Seume, wenn auch mit jeder Eidesleistung; er wollte es von ihr selber bekommen, solange hielt er ihr auch die Treue, diese Treue, die zu zerschlagen das ganze Aufgebot der Selbstquälerei erforderte. Tilly bedankte sich in heller Hoffnung, die aus ihrem Mädchengesicht strahlte; er aber stand versonnen, innerlich am Ende des Abenteuers und einwenig lügenhaft, indem er ihr den Glauben liess. Er schlenderte durch die Schlafstadt ins Seefeld hinaus. Zweiundvierzig bin ich, grübelte er, und noch in Liebschaften unterwegs, statt den Kopf bei der Arbeit zu haben, ich lächerlicher alter Kater. Die Liebe hat ihr Lebensalter, das Werk hat ein anderes. Man müsste es wie Krannig halten, die Liebe nicht überschätzen. War nicht sogar Marie zu der Einsicht gekommen? Der Chef mochte gütig sein, ein alter Herr mit Schneehaar, und sie besass den Laden, all das weiche Papier und den Goldschnitt. Oben in der Wohnung die Zimmerlinde, und die Gefühle im Alter gleichen einander. Trotzdem bäumte sich etwas in ihm auf, trieb ihm Tränen der Wut heraus. «Verräterin!» knirschte er. Ach, warum war es mit Tilly misslungen! Im Bett, nachdem er noch seine Plastiken geduscht hatte, übernahm ihn eine Wehmut; die Schwärze der Nacht war vollkommen, seine Tränen begannen zu fallen – und auf Strassen von Mehl, in welches der Regen klopfte, verklangen die Schritte des Wanderers. 8 Er begann einen sitzenden Flötenbläser. Den Dichter im Zweifel, der anderswohin blickt. Martin versuchte die Schlafstadt, die Fenster der Toten hineinzubringen als eine bleierne Dämmerung über dem träumenden Knaben. Das Schwanken der Zuversicht hatte das Gute, dass er sich auf seine Pflichten besann. Er hatte den Besuch Fräulein Wehrlis; sie nahm alles unter die Lupe ihres Zwickers, Nasen und Locken, Nabel und Brüste, vor die sie sich verirrte. Etwas von Modellen mochte ihr eingefallen sein, sie verweilte nicht lange. Er hatte den Besuch noch einmal eines Beamten, der sich nicht übel verwunderte, dass der Jüngling seine Flöte vors Knie genommen hatte. Und er hatte den Brief Maries. 9 Ihm blieb jedesmal das Gefühl nach dem Sündenfall; so, ohne Liebe, und doch die Raserei auf dem Lager, und Marga schimmerte ins Rötliche, durch ihre Haare ebenso wie das Sommersprossige der Haut, sie legte Klötze von Spangen auf das Tischchen beiseite, und ein wenig roch sie nach Kaninchenstall. Dafür ging sie, sobald sie ihre Gage hatte; bei unverschlossener Tür schlief er ein, mit dem Ausdruck eines milchsatten Säuglings. Für die Gage reichte es seine Zeit, dann hatte er ohne Liebe auszukommen. Alte Mädchen, Verwachsene hatten auch ohne Liebe auszukommen – der Einsame befindet sich in grosser Gesellschaft, und er überdies: einer, der Tillys ausschlug, nur weil er auf Anstand eitel war . . . Mehr noch: weil es ihm nicht genügte. Er zimmerte seine Zürcher Werkstatt in Eternit. Das Wildland lag im Schatten eines Parkes von Buchen, dem Besitz eines Seidenherrn nebenan; der Tunnel ging unten durch und er hörte die Züge im Erdinnern rollen, das Zylinderöfchen schepperte. Die Geschäftslage schien gut, er hatte auf einmal Arbeit mehr als er zu leisten vermochte. Da war ein Opernsänger, der seine Büste bestellte. Der Seidenherr stand am Hage auf und entschloss sich, sein Töchterchen porträtieren zu lassen. Herrn Sytz war ein Bruder gestorben. Und die Stadt bestand auf dem Flötenbläser. So wie ihn Stapfer entwickelt hatte, befanden ihn die Herren reichlich kopfhängerisch, davon abgesehen, dass sie ihn stehend wollten. «Blast mir mit euerm ganzen Blasorchester,» maulte der Bildhauer und machte sich an den Tenor. Mit dem Mädelchen hatte es das Handliche an sich, dass er es jederzeit rufen konnte; allein es war ein Gispel, der ihn mit seinem Leben zur Verzweiflung trieb. Immerhin ging der «März» aus seiner Pension bei einem Dekorationsmaler zum Giesser, und das war schon einige Plackerei wert. Dem Seidenherrn wurde es schliesslich zu viel, er wollte den Abguss haben; bezahlt war er, und Stapfer hatte sich in seinen Künstlerskrupeln wohl oder übel zu fügen. Es erschien ihm als ein Verrat für Geld. Er hielt sich schadlos an der Stadt, der gegenüber er nicht nachgab, sodass auch der Träumer gegossen wurde. Ueber alledem war der Sommer hingegangen, ein Sommer voller Blattkühle und Lehmgeruch. Die Wildnis wucherte mit Brombeergerank, eine Königskerze stand mitten auf dem Kiesplatze auf – und die Stunden und Stunden sirrender Stille, und die Sommerregen, von denen die Buchen nachtropften, und der Schlaf unterm Sternenhimmel. Er hatte seinen Hausrat magaziniert, schlief auf einer Fallklappe an der Wand oder eben draussen, auf einem mächtigen Kunststeinblock, wo er morgens in Weidenröschen, Glocken und Amselgesang aufwachte. Es hätte so fortgehen dürfen, mit ein bisschen weniger Zwang, an das Geld zu denken, ja; er hatte mit Schmerzen seine Pariser Garage aufgegeben, hatte so etwas wie die Pappeln im Seefeld nicht wieder zu bekommen geglaubt und besass nun seinen Buchenhain, den ihm der Seidenherr unterhielt, lebte in der Unbeschwertheit des Zigeunertums und begann Seume rechtzugeben: dem Künstler war es gemäss, alles von sich abzutun und ganz nur dem Genius zu leben. Denn wahrlich, es brauchte nicht viel, die Leiblichkeit fortzubringen; er arbeitete aber in einer Kunst, die ihn mehr als nur einen Gänsekiel kostete, und in der Richtung ging es, wenn er sich über den Seidenherrn mitunter verdriessliche Gedanken machte. Dieser war so gar nicht von der Art etwa Herrn Sytzens, vielmehr ein Knot und Bourgeois recht nach dem Herzen eines sozialdemokratischen Journalisten, phantasielos, hart auf dem Beutel und unverfroren. Wenn er sich über den Zaun lehnte, so geschah es zu dem Zwecke weniger, sich an der Arbeit des Bildhauers zu verkurzweilen, als ihm immer wieder zu sagen, dass die Kinderbüste nur selten gefalle und so oder so überzahlt sei. Wieviel er denn zurückerstattet wünsche, fragte Stapfer, worauf sich der Krösus ausschwieg, in grämlicher Betrachtung des werdenden Werkes verweilte, einer Aufmerksamkeit, deren Aussehen, ernst genommen, beleidigt hätte; es lag darin alles ahnungslos geringschätzige Erstaunen des Geldverdieners, dem solche Beschäftigung als Knabenbastelei vorkam, ungeschickt obendrein, indem die Naturähnlichkeit, in der er noch etwelchen Sinn erblickt hätte, seinem Urteil bei weitem nicht genügte. Anfangs hatte Martin versucht, ihn auf die richtigen Begriffe zu bringen; der Stock von Banausentum in dem Manne verleidete ihm die Bemühungen bald; da er sich auf das verstand, was seiner Meinung nach die Werte des Lebens ausmachte, das Geld, getraute er sich über die untergeordneten Dinge umso leichter zu befinden. Solcher Dünkel erboste den Bildhauer, er liess es an kalten, schneidenden Zurechtweisungen nicht fehlen, um die Würde der eigenen Art gegen den Materialismus abzugrenzen; der Parkbesitzer freilich war auf die Weise nicht zu kränken, auch sein Ehrgefühl hatte das Organ nicht an der Stelle, wo man es zu treffen hoffte; sein täglicher Gang in den Bäumen herum, den ein Boxerhund eskortierte, führte ihn jedesmal vor den Hungerschlucker, durch den wunderlichen Zwang der Gegensätzlichkeiten; auch die offenbare Zugeknöpftheit im Arbeitseifer vermochte ihm nichts anzuhaben, weckte vielmehr seinen hinterhältigen Humor, nun erst recht zu verweilen, den Träumer mit seiner schweigenden Beobachtung zu ärgern. Das Grundstück am Pfannenstiel war Martin jetzt eine Belastung, er bereute den Kauf; doch war es so, dass seine fensterlose Baracke wohl über Sommer, nicht aber im Winter als Wohnraum genügte, weshalb er denn wieder mit seinem Rade hinauffuhr und ein Zimmermann wurde; nur mit der Mithilfe eines Strickes legte er den Roost von Balken über das Erdgeschoss und sehr bald auch den Dachstuhl des kleinen Vorbaus, der ein Ziegenstall gewesen sein mochte und ihm nun als Werkstatt diente. Der Herbst hier oben umgab ihn als ein dämmriger Raum voll der Erinnerung an Marie und die Hoffnungen, aus denen er alles das unternommen. Die Zeitlosen waren den Knollen der vorjährigen entsprosst; so hielt sich von zerblätternden Dingen das Verborgene eines Zusammenhangs; in irgend einer Verwandtschaft würde zeitlebens Schönheit dieser Liebe aus seinen Werken blühen; das Innere blieb ihm unverloren. Allein der Mensch untersteht dem Bedürfnis, zu essen, zu schlafen und ebenso seinem Herzen Nahrung und eine Lagerstatt zu gewähren; die Beunruhigungen daraus wechseln in ihrem Ausmasse von sehnlicher Träumerei zum wilden Begehren, in welchem Dummheiten zu unternehmen dem armen Geplagten nicht mehr als ausgefallen, vielmehr als menschliche Bestimmung erscheint. Es war vielleicht ausgefallen, und ein Teil seines Gewissens warnte ihn, sich abermals Tilly zu nähern; sie hatte die Stelle gewechselt, seine Mannhaftigkeit noch einmal Gelegenheit, sich zu bewähren; sie bewährte sich nicht, er ging über sie hinweg und in das Caféhaus, das ihm genannt worden war. Tilly empfing ihn mit einem Aufleuchten ihrer Miene, aber alsbald entschlossen, sich nicht wieder voreilig zu entblössen. Es gab hier Musik, deren schmalzige Stücke ihr Entzücken bildeten; sie trug vor der Brust die Initialen ihres Namens, ein klotziges Monogramm aus einer Nachahmung von Achat, eine Geringfügigkeit, die aber ihr Aussehen nach dem Warenhausmässigen verfärbte. Er sah gleich, sie würde seinen innersten Anforderungen niemals genügen. Er nahm die Verwicklungen auf sich; wissend, dass er es noch in der Hand hatte, eine Provinz der Schmerzen zu umgehen, zog er vor, den vordergründigen, deshalb dringlicheren Wünschen zu willfahren – es kam diesmal zu Zärtlichkeiten, in denen beide sich übernahmen; das Temperament zuckte und wand sich in dem starkgliedrigen Mädchen, beider Liebkosungen fanden sich im Geheimen der Eindeutigkeit; Tilly hing schon das Haar als ein wirres Gestrüpp um die Schläfen, ihr Hut lag am Boden. So in dem Zustande von Leidseligkeit sah er sie nicht ohne Gewissensbisse als ein Menschenkind, welchem er Versprechungen aus leeren Händen machte. Sie müsste sich doch seinen Buchenpark ansehen, flüsterte er, und sie nickte. Sie erhitzten sich in stundenlangem Liebesringen, das wie ein Kampf auf Leben und Tod aussah; dutzendemal setzte das Mädchen sich auf, wie misshandelt, zupfte ihr Kleidchen zurecht und verschwor sich, nun heim zu wollen. Der flüchtigste Kuss zwang sie in Hörigkeit des Begehrens hinab, doch hielt sie die Verteidigung der Grenze. Diese Laune, im Gewähren zu versagen, verdross den Mann endlich, er wurde böse und fand es tunlich, die bittersten Verdachte nicht vor ihr zu verschliessen. «Du wirst wissen warum,» sagte er, «und ich anerkenne schliesslich die Noblesse, mich vor dem Angebinde zu bewahren.» Als sie zu verstehen glaubte, erbleichte sie in Erstaunen. Sogleich und unbegleitet begehrte sie fortzugehen, was keinerlei Schwierigkeit hatte. Er schlief bald und tief, und nicht vor dem Morgen fand er Gelegenheit, die Vorfälle des Abends zu überdenken. Wenn er ihr Unrecht getan hatte, dann war es das gründlichste, dessen er sich ihr gegenüber schuldig machen konnte; die Möglichkeit verpflichtete, noch einmal hinzugehen. Das Mädchen sah völlig krank aus. Entfremdung und Heimweh mischten sich auf ihrem Antlitz zu einem Ausdruck verzweifelnder Gläubigkeit. Sie kam, um sich zu rechtfertigen. «Es war unartig und dumm von mir, Martin, doch nur insofern, als ich mich überhaupt darauf einliess. Ich war schamlos und büsse es, aber ich hätte vorausgesetzt, dass es der Geliebte mit seinem Verstehen heiligte. Anders ist alles grauenhaft, und ich weiss nicht, wie ich's verwinden soll.» Er stand eine Weile. «Geliebtes,» sagte er alsdann, «mir dämmert die Gewissheit meiner nicht wieder gutzumachenden Verfehlung.» Das entsetzte sie noch einmal. «Ist es denn tatsächlich so, dass euch eines Mädchens Unschuld erstaunt?» «Man kann es wohl sagen,» antwortete er. «Dann ist es die Schuld der Mädchen. Ich sehe ja, wie sie's treiben, und den Männern ist nicht zu zürnen.» «Gut bist du auch.» Sonderbar, dass er an dem Abend aus seiner milden Verträumung nicht aufzuwecken war. Er blieb von dem Tage an aus, und sie war es, die ihn aufsuchen musste. Sie fand das Hüttchen verriegelt und verfiel den schwersten Aengsten darüber, was ihm zugestossen sein möchte. Die Wiederholung des Ganges zeigte kein anderes Ergebnis, auch nicht der stundenlange Wandel auf und ab vor dem Törchen. Ihr blieb nur, zu schreiben. Seine Antwort kam nach drei Tagen und hatte diesen Inhalt: «Tilly. Ich habe Dir zu bekennen, dass ich Dich unterschätzte. Jetzt, wo ich weiss, wer Du bist, lieb ich Dich, süsses Mädchen. Süss bist Du mir in Deiner Jugend, in Deiner kräftigen Rankheit, süss mit dem falben Haar und zusamt Deiner feurigen Unschuld. Wüsstest Du nur, wie herrlich Du bist. Ich bin der, der Dich beschimpft hat; Du findest in mir auch den, der wie kein anderer Dich in Deiner Herrlichkeit erkennt. Ich bitte Dich nicht um Verzeihung, ich bedarf ihrer nicht. Wohl aber bitte ich Dich darum, mir den Verzicht auf Dich nicht schwerer zu machen als er es ohnehin ist. Es hält schwer, seine Notwendigkeit zu begründen; glaube mir, dass sie besteht, glaube das kindlich einem erfahrenen Manne, welcher Dich in die Fülle seiner Zuneigung, in die Fülle seines Segens schliesst. Er haust hier auf einem Berge recht wunderlich in einem teilweisen Hause, das er sich selber pflastert. So jung wie Du bist, ist er alt, so köstlich wie Du, ist er zweifelhaft, so einfach wie Du, ist er schwierig. Weder fehlt es ihm an der Liebe zu Tilly, noch leugnet er sein Verlangen, sie auf Lebenszeit in sein Haus zu setzen; doch weiss er, es darf nicht sein.» Das war, und am Ende gar gewollt, nicht der Ton, ein liebendes Weib zu beschwichtigen, entweder hatte er sich in seiner Verborgenheit sicher gefühlt, oder dann rechnete er mit ihrer Findigkeit und verrechnete sich hierin nicht. Eines Tages kam sie die Wiese herab. Er lief hin und wollte sie in seinen Armen erdrücken. Selber hatte sie schnell ihre Hände voll Obst in das Gras niedergelegt und die Finger an den Hüften abgewischt. Dann presste sie ihre Wange an seinen Hals, die Augen tief verschlossen. Was galt ihnen noch das Aeussere, wo ihre Seligkeiten zusammenflössen! 10 Die Freundin des Sängers verliebte sich in ihn, und er fragte sich, ob er drauf greifen sollte, um das andere noch zeitig zu zerschlagen. Abstand, der du die Kräfte aufstaust, Ferne, die mit Bläue verschleiert, menschliches Herz in deinem Feuer! Sie war jung, sie hatte den Zauber aller Keuschheit – aber sie war vor dem Gelächter der Elstern erschrocken, hatte es schlecht gedeutet, zuerst einem alten Weiblein zu begegnen, und ihr Herzensglück summte einen Schlager! Nicht dass er sich als ein Ausbund von Verdiensten vorkam; er suchte in allem die Natürlichkeit, daher hätte ein Bauernkind so wohl wie eine geistige Frau ihm genügen können; an Tilly verstimmte ihn ein Mangel an Geschmack, der sich in ihrer Art sich zu kleiden ebenso wie in Liebhabereien verriet; so wie der Nachgeschmack der Erinnerung war, glich er dem Gefühl von Vergriff bei der Arbeit; er modellierte hier nebenaus, von der Vision hinweg, modellierte am Leibe seines Lebens in Gewissensnöten, in Schmerzen seines menschlichen Herzens. Denn auch das, dass er das gute Kind erschreckte, mit Unberechenbarkeit seiner Melancholien, mit Schwierigkeiten, die sie nicht überblickte, mit unerforschlichen Dunkelheiten – wie verantwortete er's vor ihr? Es musste ihr so erscheinen, dass er sich reuig geworden war – in einem anderen Verstande war er's! – wie von einem jungen Herzbrecher hatte sie sich des Treubruchs zu versehen – und er erwog ihn in seinen Gedanken! – hatte sie um die verschenkte Unschuld zu bangen; ein Mütterchen schlug seine Hoffnungen zu denen der umsorgten Tochter, ihre Liebe zu deren Liebe und ein Vertrauen zum Vertrauen, das er so wenig verdiente. Manchmal war er ihr gram dafür, ihre Zärtlichkeiten verletzten ihn, und sie, in ihrem Kleinmut, begann zu weinen – er sah wie sie weinte, und schwieg dazu, im klaren Bewusstsein seiner Niedertracht, bis dass sich die Verkrampfung löste, er hinging und sie in die Arme nahm; es wurde eine Weichheit von Liebesnacht, ein inbrünstiges Wiederfinden, wurde Tändelei und Scherz und Kindlichkeit und die leichte Heimkehr im Monde. In der Einsamkeit schlug sich Mephisto herzu. Hund, du verfluchter; schafsköpfiger Pudel! War es wie Krannig sagte, dass er zum Künstler wie zum Menschen einen Schuss zu viel Verstand mitbekommen hatte? Krannig nahm und gab, wie sich's fügte, blieb fleissig und erntete den Lohn dieser Welt für seine unbeschwerten Gebilde. Krannig in Berlin beschäftigte ein Rudel Schüler; er, Stapfer, verbrauchte seine Zeit damit, auch noch seine Hütte zu bauen! Krannig erschien auf Fotos zusammen mit Zelebritäten – De Fiori, Professor Thorak! – Stapfer sass in Gesellschaft einer kleinen Kellnerin, der eine Vorstellung seiner künstlerischen Absichten beizubringen er sich verzweifelte Mühe gab. Tilly antwortete damit, dass sie ihm Träume erzählte, deren Deutung sie von ihm erwartete. Aergerlich belehrte er sie dahin, dass Träume nie als Weissagung, nur psychologisch zu nehmen waren – und «Was heisst psychologisch?» fragte sie kindlich verzagend, sodass ihm Erbarmen im Herzen aufquoll. In nichts kam er voran. Er hatte Ausstellungen mit seinen Arbeiten beschickt; sie waren ausnahmslos abgelehnt worden. Nicht allein, dass er zu solchem Anlass seine strengsten, persönlichsten Sachen auswählte, er hatte sich auch Feinde gemacht, und in dem kleinen Lande verschworen sich die Potentaten. Ihm kam es um die Ohren, dass er von zwei Freunden der unansehnliche war; um was sie den andern erhöhten, um das machten sie ihn geringer. Künstler sind einsam voreinander in dem Sinne, dass ihre Freundschaft, die sie aus Uebereinstimmung des Menschlichen vielleicht pflegen, nur selten auch wechselseitig das Werk umfasst; die höchsten Beispiele dafür – Michelangelo - Leonardo, Goethe - Schiller – belegen die Tragik dieses Verkennens aus Notwehr der eigenen Art, die, in der Zeit, nicht vor der objektivierten Geschichte, sich gegen die Schwärzen des Nichts auf Kosten der Gerechtigkeit halten muss. Stapfer kannte den einen und andern Berufsgenossen, er hatte seine gesellschaftlichen Verpflichtungen, die er aus Klugheit und mit der Souveränität auf sich nahm, die es den Meistern ermöglicht hatte, in der Abhängigkeit der Fürsten zu leben; er konversierte mit schönen und bedeutenden Frauen – Herzensbrot hatte er allein von Tilly, seinem geistig unzulänglichen täglichen Umgang, ihr hing er an mit der Hilflosigkeit seines schwierigen Wesens – und sah sich doch gerade darin nicht eigentlich von ihr begriffen; er verdunkelte ihre Seele mit Schatten eines Lichtes, das zu erkennen ihr nicht gegeben war. Ohne Hochmut fand er sich schade für sie, schade und gleichwohl ungeeignet, dem guten Mädchen zu sein was es brauchte. Schmerzvolle Eifersucht auf den Durchschnittskopf, der kommen würde, ihr ihre kleine Erfüllung zu bringen, nährte sein Feuer, schürte Schwermut des Verlustes, und wenn es anderseits so war, dass sie in guten Stunden sich auf das schönste zusammenfanden, ihrer jungen Mütterlichkeit alle Beglückungen des Weibes gelangen, so riss es ihn hin und her zwischen Himmel und Hölle, Verzicht und Verlangen, von Gewissheit zum Zweifel, aus der Ruhe zur Fiebrigkeit, und die Liebe, die er zeitlebens suchte, war ihm wieder einmal alles, nur nicht das Haus der Geborgenheit geworden. Er wusste sich frei von der Eigensucht, in alledem nur an sich selbst zu denken; die Ehe war ihm ein Ding wie das Kunstwerk, das gelingen oder missraten konnte, das, vollkommen, die Göttlichkeit an sich hatte und mit den Gesetzen des Weltalls wirkte, in der Halbheit die Lüge vermehrte – ihm kam die Verantwortung auch für des Mädchens kleinere Ordnungen zu. Einst, da er sich in der Klarheit darüber gerade ruhig befand, setzte er es ihr auseinander, legte er ihr die Notwendigkeit sich zu trennen dar; Tilly weinte, erfasste es aber in seiner harten Folgerichtigkeit. Selber redete er sich in eine Erleichterung hinein, die unvorteilhaft von des Mädchens Herzeleid abstach – so ist der Mensch, sagte er sich, und so ist der Augenblick; morgen wird die Veränderung auch mich schier erdrücken. Ungeduldig auf diese Veränderung, begierig auf Sauberkeit und Freiheit des strebenden Willens, ging er die Umwege vor dem Ende mehr nur aus Schonung Tillys und gedankenabwesend mit; er kannte diese Tücken der Verpflichtung einem grossen Augenblick des Lebens gegenüber, einer Verpflichtung, vor der er mit Sicherheit versagte. Tilly, in den Belangen des Selbstverständlichen, versagte mitnichten, sondern gestaltete die Abschiedsstunde aus Talenten des Naturkindes, das sie war. Einer grossen Gefahr entronnen, der Unbeschriebenheit der Zukunft gegenüber aufatmend, wanderte Martin wiederum durch die Schlafstadt, fuhr noch um Mitternacht seinem Berge entgegen, dem Berg des Propheten, der Höhe der Arbeit, im Herzen Gott für den behobenen Irrtum dankend. Der Himmel klingelte mit Herbstlaub und Sternen, schon wieder strahlte das bläuliche Perlmutter des Gebirges im ersten Schnee, und er gedachte Maries, der Vollkommenen, die ihm genommen war, um so schöner in seinen Dunkeln zu leuchten. Ein Mann seines Alters schwört nicht vorwitzig darauf: das Beste war zu Anfang aus seinem Leben weggegangen, und wo er hinsah und hingriff hier, versetzte ihm alles Schläge gegen das Herz, nichts schien ihm wert, dass er's weitertrieb und vollendete. Der Raum des Herbstes gehörte Marie, mit ihr verbanden hier tausend Tiefen; er kam geisterhaft leicht über das mit Tilly hinweg. Dann begann er an sie zu denken, er stellte sie sich vor in ihren Tränen; das Mitleid vertiefte sich zum Gefühl der Liebe, der Dankbarkeit dafür, dass dieses einfache Mädchen ihn nicht zurückgestossen hatte; – hatte er's ihr anerkannt? hatte er ihr alles gesagt, wofür er sie liebte? Er hatte ihr wenig gesagt, dafür war er schwierig und finster gewesen; Herrgott, was war es schon für ein Bild von ihm, das ihre Erinnerung mitnahm! Und selber, erfuhr er nun nichts mehr von ihr, nichts davon, wie sie die Tage verbrachte, davon, was sie unternahm, wenn sie eines Tages wieder liebte? Ihr Schweigen, in welchem sie doch nur seinem Wunsche gehorchte, erschien ihm als Groll und Vorwurf, er ertrug es zunehmend schwerer; er ertrug es zuletzt keineswegs mehr und schrieb ihr einiges von dem vielen, das zwischen ihnen unausgesprochen geblieben war. Sie kam, als ihre eigene Post, selber die Wiese herab. Sie hatten einander wieder; er machte ihr alles zum Geschenk was er aufgebaut hatte, schenkte ihr ausdrücklich das Bruchstück von Haus, den Bach, die Erlen, die Eschen, die Amsel, sie nahm es von ihm entgegen als das glücklichste Menschenkind, das je in der Nacht zuvor noch sein Kissen nassgeweint hatte. Alles schien auch ihm sehr gut. Er genoss eines unbeschwerten Glückes ohne Ueberlegungen, liebte aus einer Unmittelbarkeit heraus, die ihn trug. Er verlegte die Arbeit wieder nach Zürich, sass bei Tilly so oft als er irgend dazukam – nicht mit ungemischten Gefühlen übrigens, durch den Umstand, dass sie diente; mitternachts, wenn er, zudem müde, Arm in Arm mit ihr, sie nach Hause begleitete, murrte er über ihren Beruf, der sie verpflichtete, sich von Schweinekerlen und alten Gecken mit Augen und Händen betasten zu lassen. «Ich sähe es auf die Dauer nicht mit an, ohne die schwersten Skandale zu machen. Der gewisse Doktor da, wenn er sich noch einmal erfrecht, dir den Arm umzulegen, hat meine Faust in der Fresse, Doktor hin, Doktor her.» «Er meint es nicht so . . . » «Ich weiss wie ein Mann das meint, meine er's wie er's wolle, und wenn er's nicht meint, soll er es freundlichst lassen. Im übrigen verstimmt mich deine Duldung in diesem Punkte. In diesem Punkte hört jede Verpflichtung auf, auch die gegen einen Brotgeber. Es gibt Dinge, die es nicht gibt.» «So sehr ist mir das selbstverständlich, dass ich sie auch nicht sehe, Martin. Du weisst, was dir und was den andern gehört.» «Ich weiss es und lege Wert darauf, hierin nicht missverstanden zu werden. Ich rede von etwas anderem, von dem reden zu müssen der tragikomische Grund meiner Misstimmung ist. Das Dreckpack hier! In der Fremde sah ich die Schweizer als biedere Bauern; doch haben wir ja auch die kleine Grosstadt da, welche mir je länger desto fragwürdiger wird, gerade durch das, was du mir aus deiner Erfahrung darüber mitzuteilen weisst. Ich setze voraus, Zürich sei nicht die Eidgenossenschaft; allein in dem Rechtsstaat, was eine Demokratie vor allem zu sein hat, darf die Verrohung im entlegensten Böotien nicht, geschweige denn in dem kulturellen Athen hier den Umfang annehmen, welchen der Vaterstadt zu übersehen mir nachgerade nicht mehr gelingen will, und sollte mich einer dafür tadeln, dass ich das Ganze nach einem Beispiel beurteile, so müsste ich ihm entgegnen, die Einzelheit eines berufstätigen Mädchens darf es gerade nicht sein, was die Willkür zu spüren bekommt. Wenn wir denn schon den grossen Schwung nicht haben, Weltgeschichte zu machen, ist das mindeste, was uns an Pflicht obliegt, die Handhabung der Gerechtigkeit und Sauberkeit auch im Kleinen, vor allem im Kleinen. Du stehst vierzehn Stunden hier auf deinen zwei Beinen, trittst sogenannt freiwillig an deinem Ruhetag abends noch einmal an, in Kenntnis des Umstandes, dass du so sehr ersetzbar bist. Ein jeder redet sich gern mit der Krisenzeit aus. Nun, die Krise wurde uns von dem Grossen Schwung ins Haus gesetzt, an welchem wir nicht teilhatten, sie mag unverschuldetes Unglück sein – was steht den Unglücklichen an? In sich zu gehen. Was die Sorgen der Oberen betrifft, so hat dieses Weltstädtchen mir noch einige Luxuswagen zu viel; hinsichtlich der übrigen muss ich den Ernst vermissen, der dem wirklichen Mangel im Gesicht steht. Was mich vor allem entsetzt, das ist diese neue Jugend, der Nachwuchs der Kriegsgewinnler, der auf den Barstühlen hockt, durch die Gassen gröhlend kein Bürgermädchen vorbeilässt, ohne es in der unflätigsten Weise zu belästigen – und das Schändlichste an allem: mit der Duldung der Öffentlichkeit, unbestraft von einer Sittenpolizei, die ihren Kopf in Magazine, illustrierte Liebesromane und Filme versteckt. Pass auf, was sogleich geschehen wird.» Eine Gruppe von jungen Leuten beider Geschlechter kam auf dem schmalen Bürgersteig an der Rämimauer gegen das Paar angewandert. Stapfer prallte mit seinem ganzen Gewicht gegen den Jüngling zur Linken, welchem der Hut vor die Fusse fiel. «Pardon!» sagte der Hüne mit einer Betonung, die ziemlich das Gegenteil einer Entschuldigung zu verstehen gab. «Hast du», fuhr er weitergehend zu seiner Freundin hinüber fort, «hast du jemals erlebt, dass so ein Lausejunge dir um Handbreite Platz gemacht hätte? Du bist Luft für das junge Gesindel, diesen nichtsnutzigen Mob, der samstags auf den Fussballplätzen hopst und an den Sonntagen aus verkümmerten Kräften ein wenig herumhurt mit den Ziegen seines erotischen Kommunismus, leidenschaftslos, eifersuchtslos, zynisch und schauerlich greisenhaft.» Mittlerweile hatte der Jüngling sich von dem Schock erholt. «Tschumpel!» rief er dem Grobian hinüber. Stapfer, unter dem Widerstand Tillys, kehrte langsam zu ihm zurück. «Wie heisse ich, Jüngelchen? Du trollst dich jetzt fein deines Weges und machst dich nicht auch noch mausig, sonst lehr ich dich mores, du Konfirmand, der links und rechts eines Trottoirs nicht unterscheiden kann.» Er stand mit den Händen am Rücken, es schien nicht ratsam, sich dem Riesen zu widersetzen, und die Kumpanei lockte das Hähnchen: «Lass doch den Spinner, Marcel!» Der Spinner blickte ihm nach auf gespreizten Beinen, wandte sich dann aber zärtlich zu seinem bittenden Mädchen herum, legte ihm die Hand auf die Schulter und sah nach den Autos aus, bevor er die Strasse überquerte. Hatte er recht verstanden? Sie foppten ihn aus der Ferne: «Pfannenstiel!» riefen sie, Männlein und Weiblein: «Pfannenstiel!» Tilly schoss das Wasser in die Augen. «Lass dich nicht kränken, Armer, es ist eine Lümmelbande!» Stapfer leuchtete das Antlitz in zartem Erstaunen. «Kränken, Tilly, wieso kränken? Wahrlich, den Unmündigen gibt es der Herr im Schlaf. Pfannenstiel. Pfannenstiel möcht ich wohl heissen! Das ist mir der Inbegriff des Besseren, ist mir Refugium und Sanctuarium. Wir wollen das Wort behalten. Im übrigen bin ich ja bekannter als ich hoffte.» Sie sah, der Zwischenfall plagte ihn. Ueber diesen nicht völlig im Klaren und selber vor Stapfers Schroffheit ein wenig erschrocken, forschte sie mit den Blicken nach seinem erblassten Gesichte. «Traurig, traurig», sprach er stehen bleibend, «muss es um ein Land bestellt sein, das in seiner Jugend zerfällt! Das freilich ist eine Ruine, auf die ich nicht bauen wollte. Liebes Mädchen, das macht mir Kummer; denn das, vorhin, liegt durchaus in der Linie. Bin ich ein Nörgler und Griesgram? Ich bin von Natur aus höflich, neige zur Ehrerbietung; ich habe mir's abgewöhnt, in der Strassenbahn aufzustehen: diesen Damen fehlt die Erziehung, der Ritterlichkeit dankschön zu sagen. Es sind Mannweiber, Gecksnasen oder Schicksen, was weiss ich. Ich will jetzt eine Weile oben bleiben, gute Nacht, du mein Herztrost. Dich gibt es ja auch und Deinesgleichen, und ich weiss, das pflegt so zusammenzukommen. Es kommt auch das Gute zusammen. Jetzt bin ich bitter inwendig hinab und gebe nichts Fröhliches von mir, so wie du es lieber hast. Ich werde dich wiedersehen.» Die Vision, die Vision! War er selber ohne Fehler? Er war es vor Gott und der Welt nicht, doch er strebte und hatte die Gabe, zu leiden. Der Klüngel da, sah er ihn jemals anders als frischfröhlich und unverfroren? Er aber fühlte sich wie verraten. Wo, wenn nicht bei der Jugend, findet die Begeisterung Anklang? Wehe einem Land ohne Jugend, die sich für Recht und Schönheit, für das nicht weiter Nützliche gegen das Krämertum der Alten einsetzt. Wehe einer Jugend, die ihre Fairness auf dem Sportplatz ausgibt, Gesetze nur im Spiel, nicht in den höheren Verpflichtungen der Gesellschaft anerkennt. Stapfer, bei seiner Arbeit des Gestaltens nach ahnbaren kosmischen Normen, machte sich viele Gedanken über das Wesen der Menschen und ihres Zusammenlebens im Staate, das als blosse Interessengemeinschaft nicht seine höchste Möglichkeit, ja auch als Rechtsverband nicht mehr als kaltschnäuzige Pflichten erfüllte; Martin war schlecht und recht Demokrat und der Meinung, das Haus, das ein Volk sich in seiner Verfassung baute, müsste aus sichern Instinkten das Höchstmass der Wohnlichkeit und Zweckmässigkeit gewinnen, nicht anders als das der Schnecken, verschieden nach Schneckenbesonderheiten, buntfarbig und schön, weil aus Urgesetzlichkeiten gewachsen – darüber hinaus aber mehr als Versteinerung, ein Raum, der sich mitverwandelte, in der Wechselwirkung der Kräfte auch bildete, Gesinnungen formte, mit der Folge, dass ein lautes Gebaren, ausbeuterischer, ungeistiger Charakter in ihm nicht die Oberhand gewinnen konnte. Wo er sie sah, fand er beide schuldig, den Menschen sowohl als sein Staatswesen. Nun war er Schweizer, ein Schulmeister somit in irgend einem Teil seines Strebens; ein Demokrat ist es immer, er wollte die Dinge verändern; er war Schweizer und also eitel auf den guten Ruf alles Schweizerischen, er kam ausserdem von der Fremde heim mit geschärftem Auge, bedürftig, die Heimat zu lieben. Es war ihm in so manchem schwer gemacht, auch hier oben, wo er Schuldenbäuerlein und die Allmacht von Gemeindebonzen vorfand; er liebte es, den Tag mit einem Gang über Land zu beschliessen, bei seiner Leutseligkeit hatte er es leicht, das Vertrauen der Menschen zu gewinnen; er stand bei Knechten und Grossbauern, Verdingbuben und Grossmüttern, die Kinder hingen ihm an um seines warmen ruhigen Wesens willen und aus Versessenheit auf eine süsse Art Bärendreckzeltlein, die zu schlecken er selber die Gewohnheit hatte. Dabei war es aber eben kein Dorf hier oben; nur wer den Zusammenhang der Verwandtschaften und Schicksale, die Zinsabhängigkeiten, Freundschaften und Feindschaften über Hag und Acker hinweg kannte, empfand die einsamen Höfe als eine Gemeinschaft. Es gab irgendwo ein Kirchlein mit Käsbissenturm in der Nachbarschaft des vormaligen Pfarrhauses, ein Idyll aus biedermeierlichem Jahrhundert; hier sammelte sich das Sonntagsvolk im Kamphergeruch seines Tuches, standen die stillen Männer, Rasierblut ums Kinn, mit laubbraunen, klaren Augen, angenehm scheu und bescheiden, standen die Bäuerinnen, die röckeverhüllten Gebärerinnen, mit dem Kirchenbuch in den Händen, handfeste Dinge beredend, klug teilnehmend und sparsam in eigener Beichte. Der Gruss dieser Einfachen, ihre fühlbare Anerkennung seiner Gegenwart erfüllten Martin mit Freude und Stolz. Er, der in Jahrzehnten nicht auf den Einfall eines Kirchenbesuches gekommen war, hatte ordentlich schon seinen Stammsitz in dem Kapellchen auf der Höhe; er liebte über alles den feiertäglichen Gang durch das Glockengeläute, die Begegnung mit der Gemeinde von Einsiedlern, die Stunde der Besinnlichkeit in altem Holzgeruch und Sonnenweben, das Gefühl einer schönen Beruhigung Aller im gemeinsamen Gedanken, den Gesang aus vergangenen Zeiten, schleppend in seiner wunderlichen Melancholie, voll von Kirchen- und Zopfstaub, Taufwasser, Grabstein, in seiner Hintergründigkeit von Krieg, Feuersbrunst, Ernte und Jenseits. Ein Gesang, von so vielen Mündern gesungen – es gab eine Kraft auch im Guten der Gemeinschaft, eine Masse ohne Vermassung, eine Bindung aus geistiger Freiheit, eine Vereinbarung, welche bildete. In solchem Frieden wohlaufgehoben, brachte unser Künstler auch seine Arbeit voran. Bei vollkommener Stille der Landschaft, in die nur das Bächlein mit seinen kindlichen Lauten plauderte, genoss er das Glück des Gelingens, entbehrte er nichts, erfüllte ihn reines Genügen, und seine leise Verwunderung zeichnete sich schon beinah als eine Bewegung in der traumhaften Windstille ab. So hätte es bleiben müssen; er hätte sich gewünscht, dass keine Störung mehr käme, aus ihm selber so wenig wie vom Aeussern; er sah sich gewillt, dafür nichts mehr für sich zu begehren – er hatte Aepfel und Birnen im Haus, die Birnen an ihren Stielen unter dem Ziegeldach aufgehängt, er hatte seine Grube von Kohl aus dem Gärtlein, er holte abends die Milch bei der Kuh. Die Anfechtung aus den Sinnen schien Ruhe gegeben zu haben; er dachte an Tilly nur aus dem Wunsche heraus, es möchte auch ihre Liebe sich zum Verzichte geläutert haben – weshalb sich belasten mit Besitz? weshalb einen edlen Zustand an die Ungewissheit des Glückes tauschen? Immer nach seiner Zeit der Sammlung wusste er's doch unverrückbar, er konnte dem guten Mädchen und sich selber einige Wochen Bitternis wie die Schmerzen einer Operation, nicht aber die Folge der Täuschung ersparen. Er wusste wohl, dass er leiden würde; jetzt hielt er sich zwischen den Entscheidungen auf, auch in den Briefen an Tilly, die seines Seelenfriedens natürlich nicht teilhaftig wurde, wie sehr er sich bestrebte, sie durch Zuspruch aus der Wehmut der Weisheit dahinzubringen; sie erfasste diese Sprache keineswegs und in der Welt nicht solche Andeutungen, wie er sie meinte, wenn er sich, leise schelmisch, widersetzlich und entsagend nicht anders als mit «Pfannenstiel» unterschrieb. Er sah voraus, dass sie in aller Mädchenanmut verstehen würde, die Entscheidungen in Bewegung zu bringen; er ergrimmte, als sie wirklich eines Tages unter seiner Tür erschien. Das ist das Weib, ging es ihm durch den Sinn, das Gegenprinzip, das mit seiner Selbstsucht ins Schöpferische einbricht. Sie rechnete aber falsch, wenn sie hoffte, ihn mit ihrer Dumpfheit zu übertölpeln; sein Instinkt bäumte sich gegen den Anspruch des Weibchens auf – er würde seine Statuen vor der unteren Welt des bloss Tierlichen, ungeistig Bürgerlichen zu verteidigen wissen. Am besten liess er es die Frau von allem Anfang an wissen: «Ich verbitte mir solche Selbstherrlichkeiten!» fuhr er sie zum Empfange an. Das Zögern im Schrecken rasch überwindend, schloff ihm das Mädchen an die Brust. «Martin, ich habe ein Kind von dir.» Die erste blitzartige Antwort auch darauf war: Das hat ihr die List gegen mich eingegeben! Dann aber packte ihn der Jammer seiner ganzen Reue und des Erbarmens mit dem misshandelten Opfer; obwohl zu Tode erschrocken, hielt er sich auf den Beinen, umfasste den Blondschopf mit den Armen und drückte ihn an sich: «Armes Kind, hast du Angst ausgestanden!» «Habe nicht Angst, Tilly,» fuhr er ebenso leise fort: «Dann ist alles einfach, dann ist alles gegeben, wir brauchen keine Ueberlegungen mehr zu machen, dann sind wir eben Mann und Frau, fortan.» Das Gewicht des schlagartig zusammenschiessenden Schicksals drückte ihn nun doch auf den Sitz nieder. Die Haltung dieses Gebrochenen konnte sie nur schlecht ermuntern. Tilly begann leise zu weinen. Als er es nach einer Weile inne wurde, zog er sie zu sich herab, streichelte ihr übers Haar und sprach mit sehr sanfter, beruhigender Stimme: «Verzeih mir, du Liebes, und lass mir ein wenig Zeit, die Veränderung zu überschauen. Es sind Veränderungen –» «Aber gewiss! Ich verstehe dich; im übrigen, glaube mir, kam ich nicht als Erpresserin, dachte auch gar nicht, dass du dich so dazu stellen würdest.» «Ah, du hast angenommen, ich ginge mit dir zur Quacksalberin. Bin ich ein Ladenschwengel und Torhüter?» «Aber du bist traurig und tust es nur aus Anständigkeit.» «Das Gemeine ist jetzt, dass ich nicht alles zugleich sagen kann, was zur Richtigstellung der Missverständnisse gesagt werden müsste. Zunächst überschlage ich das Materielle. Es wird aber gehen müssen.» «Angenommen, wir heirateten, so macht uns meine Mutter den Haushalt, und ich verdiene wie zuvor.» «Für den Anfang mögen wir uns damit behelfen; nur: ich habe Schulden und werde jetzt beschleunigt bauen müssen.» «Der Künstler hat Schulden und keine unehrenhaften; eine Serviertochter hat ehrenhaft Erspartes. Das ist es nicht, was mir Sorgen macht.» «Du nimmst es jetzt leicht; einmal im Alltag wirst du dich der besseren Gelegenheiten erinnern, die du schon ausgeschlagen hast. Grosser Gott, wie sehr muss der Mensch seine Unaufrichtigkeiten büssen! Verzeih mir, Tilly, auch das gehört zu dem Missverständlichen; es ist alles anders als du's vermutlich verstehst. Es geschieht mir kein Unrecht, von Erpressung kann nicht die Rede sein, und was mir geschieht, ist nicht in dem Sinne furchtbar, dass es an sich minderwertig wäre oder nur meine Person beträfe. Es handelt sich um Richtigkeiten, ums Organische. Ich muss daran denken, dass ich mich da so wählerisch benehme, als wüsste ich nicht deine Werte, deine Jugend, deine Liebe zu schätzen, und Windler, der ein rechter Mensch ist, ein Mann überdies, der dir ein besseres Leben zu bieten vermag, verzehrt sich im Unglück darüber, dich nicht zu bekommen. All das . . . » «Ich liebe ihn aber nicht; was hast du für Schuld daran?» «All das ist so schmerzhaft, unentwirrbar und demütigend! Meine Schuld daran? Ich habe auch deine Richtigkeiten gestört. Windler ist der für dich geartete Mann, eine andere Seite meiner Schuld die, dich in deiner Geschlechtlichkeit blockiert zu haben. Tilly, Tilly, etwas so Wundervolles wie deine körperliche und seelische Jungfräulichkeit hast du mir zum Geschenk gemacht, und ich bin zu wissen verdammt: das Geschenk kommt mir nicht zu!» «Ich kann das Geschenk zurücknehmen . . . » «Eben das kannst du nicht!» « . . . und es weitergeben . . . » «Das ist es ja. Man macht das Geschenk nur einmal, und ich bin der, der es genäschig zurückgab!» «Wäre ich ganz grosszügig, so bäte ich ihn zum Vater des Kindes. Es reichte knapp noch zum Schmuggel. So grosszügig bin ich indessen nicht, weil ich nie anders als aus Liebe heiraten werde. Es ist mein Ernst: weder die sogenannte Schande, noch der Kostenpunkt trübt meine Freude daran, ein Kind von dir zu behalten. Ich liebe dich doppelt dafür. Es geht nicht um das Kind. Es ist mit der Jungfräulichkeit nicht zu teuer bezahlt, darüber sei du ganz ruhig. Was ich wollte, wäre, dir meine Zuversicht zu geben.» Er hatte sie ja in seinen Armen, er drückte sie an sich und küsste sie. «Wo hast du's?» scherzte er: «Hast du's da?» und legte ihr die Hand auf den Schoss. «Liebes, liebes Mädchen: wir wollen jetzt heiter und leicht sein. Ich bin nur so schauderbar ernsthaft. Du weisst doch, ich liebe dich, und es ist nicht, dass ich des Glückes ermangelte. Hab ich das schon gesagt? Mir ist, ich redete immer nur vom andern! Liebe und Glück – ich habe die Männer im Verdachte, sie retouchierten ihre wahre Empfindung nach dem Rezept der Bücher. Am Ende unterscheide ich mich von ihnen einzig durch Aufrichtigkeit. Kann Windler dich lieber haben? Er liebt dich auf andere Art, nach der Weise der Unkomplizierten. Ihre Eindeutigkeit scheint uns überlegen; ich habe indessen nicht beobachtet, dass sie weniger Schiffbruch machten. Ich denke, er hasst und verachtet mich. Was noch die Zweifel betrifft: Ist der Schuss Fremdheit im Schicksal nicht das, was uns weiterbringt, das Unzulängliche nicht der Antrieb zur Bemühung, das Ueberschobene, auf dessen Stufen wir steigen? Siehst du: Marie, möglicherweise war das die völlige Entsprechung. Möglicherweise wären wir am mangelnden Gefälle miteinander zum Stillstand gekommen. Wer es wüsste! Wer es wüsste!! Jedenfalls ist es nun so und ist vielleicht gut so. Liegt dir an rascher Heirat, oder liegt dir eher daran, dass sie eines Tages auch mir das Selbstverständlichste von der Welt sei? Ich bin langsam, Tillychen, ich bin ein wahrer Schneck von Gefühlsmensch!» Wie immer war alles gut in ihrer Gegenwart. Er sah sie in seinem Bruchstück von Haus herumgehen und zum rechten sehen, der Anblick ihres jungen, wohlausgebauten Leibes entzückte sein Herz; es gab wieder ein Tischtuch und Blumen zwischen die Platten, der Service war ja ihr Beruf; Martin folgte ihr mit den Augen, stellte sich alles vor – an den Plastiken ging sie ihm etwas zu harsch vorbei, so als wären sie gar nicht da; allein es geschah im Eifer für alles andere, weshalb er es ihr nicht verübelte; am Ende war es die Absicht der Fügung, dass er in seinem eigentlichsten Reiche einsam und somit frei bleiben würde; der Gedanke an Tillys übrige Eigenschaften, die sie ihm ins Haus brachte, beschäftigte ihn auf das angenehmste. Er fing sie plötzlich an sich, mitten aus ihren Geschäftigkeiten heraus, so dass sie nicht übel erschrak; aus den Liebkosungen erwuchs eine Beisserei, eine stundenlange, immer neu sich entfachende Liebesraserei von vollkommenen Erfüllungen – das Essen erkaltete auf dem Tische, sie nahmen es so wie es war, in Pijama und Bademantel sitzend, kameradschaftlich, einträchtig, in Kindereien erfinderisch sowie im Wettkampf der Aufmerksamkeiten. Die Erleichterung presste Martin einen Seufzer aus, den er spasshaft übertrieb: «War ich vom Aff gebissen, Tillychen? Hau mir doch jedesmal eine herunter, wenn ich wieder den Koller zu Wort kommen lasse.» Auf eine Weile verstimmte es ihn zu verdriesslicher Nachdenklichkeit, dass Tilly, als eine Krähe über dem Hause krächzte, wieder ihren abergläubischen Schrecken hatte. «Es wird jemand hier sterben,» sagte sie tonlos, und beides ärgerte ihn, der dumme Spruch und ihre Hartnäckigkeit, seinen Spott in den Wind zu schlagen. Der Tag darauf hatte gewissermassen Neumond, war schattig von etwas wie einer Abwesenheit; Stapfer hatte Mühe, sich das Aussehen der Geliebten in Erinnerung zu rufen; nichts von Verzauberung war da, nichts von jenem Leuchtstoff aus dem Blute, dem Samen der Seligkeiten – von allem blieb nur das eine, der gottverfluchte Zwang, um den Irrtum zu wissen. Er presste ihm Tränen aus, er tobte gegen den Geist von Widersetzlichkeit in ihm, gegen das verhasste Gesicht kalter Verschlossenheit in seinem Herzen. Er litt auf das marterlichste, ununterbrochen, sass vor Tilly im Café, blickte aus Augen eines betrübten Hundes zu ihr auf, schwieg in ihre Versonnenheit hinein und fand doch keine Ruhe auch vor den Quälereien der Eifersucht. Das Mädchen war noch einmal umgezogen, immer nahm es denselben Verlauf mit diesen Patrons und ihren Söhnen, deren Artigkeit und Verständigkeit eines Tages die faunische Fratze entblössten, und überall war es dasselbe an Unverschämtheit unter der Kundschaft. «Ich dulde nicht, dass sie dich duzen – erwartest du, dass ich das mitansehe, bloss weil ich das Geld nicht habe, dich hier wegzunehmen? Du sagst mir, es gehört zum Beruf und hängst aber an dem Berufe – irgendwo schillert das in Prostitution hinüber, man hat dafür das Auge oder man hat es nicht» – und der Skandal blieb nicht aus: Man kannte ihn zuletzt auch hier in seiner Beziehung zu Tilly, seine Anwesenheit schützte sie recht ordentlich vor den Zudringlichkeiten; er sass als ein ärmlicher Pascha, heimlich verlacht, der Rotte ein Dorn im Auge; er sass in dem Bewusstsein unangefochten, seiner Privilegien froh, der Bande zum Trotz und nur von der Seite ganz anderer Melancholien mitunter in seinem Stolze angefallen. Nun fügte es sich, dass seine Gegenwart einmal nicht vorausgesetzt war, Stapfer in der Deckung einer Blattpflanze den Doktor, welcher mit Tilly das Lokal gewechselt hatte, dabei ertappte, ihr mit seinem Patschhändchen an die Kniekehle zu fahren; totenblass fuhr der Bildhauer aus seiner Nische hervor. ««Wenn Sie lieber Herr,» sagte seine Geisterstimme, «glauben, mit Ihrem dreckigen Batzen jedes Recht an der Bedienung hier bezahlt zu haben, so sollen Sie die Bestätigung dafür handschriftlich von mir erhalten.» Tilly war in schlimmster Erwartung hinweggelaufen und hob mit einem leisen Schrei ihre Hände an die Ohren empor, als sie den Schlag vernahm. Sie blickte nach dem Spiegel der drei oder vier Gesichter in dem Räume. Es war wunderlich spärlich, was an Wirkung davon herauskam, dass ein Mann einen andern verohrfeigte; der Gedanke an Gericht und Zeugenschaft zog einen Schleier über die Mienen, kaum dass der Ausdruck von Erstaunen, Empörung oder Sensationslust darin aufgeklafft war. Martin aber warf eine Münze auf den Tisch und verliess das Haus. Tilly getraute sich nicht, ihm vor die Tür nachzufolgen. Er hätte sich auch schwerlich nach ihr umgewendet. Es war aus, jetzt war es aus mit der Bindung an einen Menschen, durch den er so weit herunterkam, sich in Cafés mit Nebenbuhlern herumzubalgen. Seine Blässe schlug in Zornglut um. Der Berg der Statuen, und diese Niederung! Das Flachland ihrer Schlagermelodien und Monogramme. Tilly erschien ihm als eine Lockbeute des Teufels. Nun, er hatte seine Ehre und sinnbildlicherweise die ihre gerettet, dem Handel mit Mannestat einen Abschluss gegeben, für ihn war er in Ordnung – Tillys Sache, aus seinem Ritterdienst zu machen was ihr lag. Widerlich und beleidigend war der Disput über erwiesene Dinge; er hatte ihr seine Philosophie in Streichen veranschaulicht; damit, ihr darzulegen, inwiefern sie Mitschuld trug, gab er sich nicht mehr ab. Er verlegte, unter den Winterbäumen dahinwandelnd, die Auseinandersetzung in einen Gerichtssaal. Eine Stunde hin überlegte er nichts anderes mehr als seine Verteidigungsrede, eine Predigt vor dem Forum des Landes. Als stünde er wirklich vor den Schranken, litt er namenlos in der Wehrlosigkeit seiner Ueberzeugung, davon abgesehen, dass er Schuld einer ganz anderen Herkunft, als sie dem Richter fassbar gewesen wäre, im tiefsten Bewusstsein trug! Er war schuldig vor dem Antlitz Gottes, schuldig vor dem Gericht der Dinge selber, dessen Erinnyen der Tat entstiegen und den Fehlbaren nicht verfehlten. Er hatte sich der Genauigkeit gegenüber vergangen am Stoff des lebendigen Lebens, der sich nicht wie Lehm wieder ändern liess; er bezahlte den Fehler mit Herzblut! Denn wo lief er hinaus? Wohin floh er vor der Gewissheit, dass in Tilly ein Kind von ihm lebte? Hatte die Feigheit sich ein Recht aus dem Vorfall gebastelt, spielte ein Sünder den Gekränkten? Er wanderte bis zum Ruinenhaus und wurde ruhig in der Resignation aus Pflichtbewusstsein. In seinem zu leichten Mantel setzte er sich und schrieb einen Brief an das Mädchen, Zeilen voll männlicher Traurigkeit, in denen er ihr Anweisungen dazu gab, sich durch Unmissverständlichkeit aus dem Geheimnis der weiblichen Würde zu schützen, besser als er es mit seinen Mitteln vermochte; er bat sie um Verzeihung dafür, ihr wirklich einen Augenblick gegrollt und sich gedrückt zu haben, es habe ihm nicht bekommen, er büsse es mit schmerzhaft zu empfindendem Erbarmen im Gedanken an ihre Brautschaft voll dummer Streiche dieses Narren von einem Bräutigam, welcher sich übrigens als der Besserung fähig oder doch willens erachte. 11 Er behielt eine Form der Stetigkeit und Fassung in dem Ausdruck wehmütigen Ernstes, der nach und nach sein Aeusseres und ebenso das seines Werkes veränderte. Tilly blickte zu seiner Hintergründigkeit auf neue Weise angezogen, aber auch scheu und gedankenvoll auf. Das Stillgewordene seiner Haltung ihr gegenüber, das sie zugleich beglückte und ängstigte, blieb ihr undurchsichtig; er stieg nurmehr selten herab, dafür schwankte er nicht in der Ritterlichkeit gegen sie, einer Ritterlichkeit, die sie immerhin als etwas wie einen Ersatz, als guten Willen an der Stelle der frühern Herzlichkeit empfand. Wieder viel allein, passte sie sich langsam an, nahm sie gewisse Kräfte von ihm in ihren inneren Haushalt zurück und hatte ihnen wahrlich Verwendung in der Arbeit, das eigene Wesen neu aufzubauen. Er war ein Mensch, merkte sie wohl, der einigermassen wie ein Riesengestirn herankam, mit gewaltigen Anziehungen, die einen aber eher zerstörten als trugen; Tilly begann das Unverhältnismässige beider Wesenheiten zu ahnen, lockerte ihren Griff um die des geliebten Mannes in Trauern eines Kindes, dem ein schöner Besitz zu schwer in der Hand wird. Dabei fühlte sie das wachsende Leben in sich, diesen Mond, der sich von seiner Stärke gebildet hatte und zu dieser Stärke hinstrebte samt ihr. Martin bemerkte ihr Einsamsein zwischen Ungewissheiten wohl, ohne ihr anders als mit seiner Freundlichkeit helfen zu können, indem ja der Mensch nicht mit Vorgaben lügenhafter oder gutmeinender Art, sondern einzig durch die Wahrheit selbst auf die Dauer wirkt; die Wahrheit ist nicht von ihm gemacht, er vermag wenig darüber, und Selbstbetrug aus dem edelsten Streben hat möglicherweise ebenso viel wie die Böswilligkeit an Herzeleid in der Welt verschuldet. Sehr schlimm war es nicht, was Stapfer sich eingebrockt hatte, er heiratete keine Megäre, nur eben nicht ganz nach seiner Voraussicht, und da es eine Sache auf Lebenszeit war, erwuchsen ihm begründete Bedrückungen aus der Lage. Ins Café war er längere Zeit nicht mehr gekommen und dann beinah hinausgeschmissen worden. Der Wirt, ein behaglicher Wanst, auf Tilly eifersüchtig, stellte sich vor sein Tischchen mit dem förmlichen Ersuchen, das Lokal nicht wieder zu betreten, das er mit seinen Landsknechtmanieren in Verruf brachte. Stapfer streckte seine Beine unter dem Tisch auseinander, entzündete seine Pfeife und lachte. «Ah, Sie reden von den Landsknechten, Herr Wirt, unsern lieben Altvordern? Ich stelle sie mir so vor in Ihrer Kitschbude da, farbig in Schlitzwämsern, die Hellebarden im Schirmgestell, die Gipsputten im Schmuck ihrer Federmützen. Die Art von Gästen hätte noch andere Sachen als der bleiche Schreiber hier aufgeführt. Aber ich hätte mich mit ihnen gerauft und den vom Respekt angebotenen Trunk nicht ausgeschlagen. Es war eine Zeit, die noch Spielregeln um einen ganzen Einsatz kannte. Heute verschanzt sich so ein Schweinemichel hinter seinen Doktorhut und die noblere Konsumation. Ich gedenke mir den Zutritt zu einem inserierenden Hause nicht von Söldlingen des Geldsäckels verbieten zu lassen. Werfen Sie die wirklichen Dreckfinken hinaus, statt vor ihnen zu katzbuckeln, oder lassen Sie jedenfalls einen redlichen Menschen, der in Ihrem Betriebe das Recht verteidigt, ebenso ungeschoren.» Stapfer, nach so vielen Misshelligkeiten, blickte bedürftig nach den besseren Erfahrungen aus, die ihrerseits in der Häufung, wie es sich zu fügen pflegte, den Prüfungen folgen mussten. Er arbeitete ununterbrochen, im Atelier früh vor Tag und dann an dem Hause, das er für seine kleine Familie zu richten hatte; abends ging er in die Ställe, in die geliebten Nachtgrotten voller Spinnweben, Kuhschnaufen und Wohlgeruch; er ging als Bauer nicht weil er Zeinen voll Rüben und Kartoffeln für seine Dienste nach Hause trug, die schenkte man ihm hinzu zu dem Glücke, das er von seiner Tätigkeit mit Gabeln, Eimern und Häckselmaschinen hatte. Wie in der Kindheit lauschte er nach den gehörnten Häuptern in den Kesseln, dem dunklen Trinken, durch welches ein Born der Güte sich aus dem andern füllte. Er liebte die Tiere zärtlich in ihrer Schweigsamkeit ebenso wie in der Sprache ihres drolligen Ausdrucks, ihrer Nucken und Schelmereien. Wie in der Kindheit empfand er unergründliche Wohligkeiten von dem Geräusch, mit welchem die Gabel auf dem Tennboden kratzte; die Kuhaugen in den Futterfenstern hatten etwas dämonisch Maskenhaftes an sich – und dann die Heudiele, das wohnliche Labyrinth von Remisen, Holzschöpfen, Pflasterung und Krautgarten im Ruhestand! Die Stallaternen, die gedrechselten Einbeinschemel, das Kälbchengekräusel, das gute sonore Muhen mütterlicher Beruhigung. Hier lag nun sein Glück, zwischen diesem Uralten und dem ragenden Neuen seiner Statuen; unter diesen ging er hin und her getrost in der äussern Armut und innern Fülle. Die Bauern achteten an ihm das ihnen Gleiche; nach den Verborgenheiten seines Geisterhauses fragten sie kaum, sei es aus Unverständnis oder einer Scheu, ähnlich jener, die es vermeidet, den Sparpfennig eines Nächsten zu beschnüffeln. Die Umstände eines jeden traten auch ohne das klar zutage, ob durch die Stückzahl in den Ställen oder durch den Umfang des moralischen Kredites: mochten die Landleute ihr Bankguthaben so selbstverständlich wie die Scham ihres Leibes verhüllen, das Gefühl unterschied in Nuancen untrüglich, sodass immer der rechte Mann Friedensrichter, Säckelmeister, Armenvogt oder Gemeindevorstand wurde. Der angesehensten einer war Heinrich Baumgartner, welchem Martin durch seinen Landkauf nicht eben drückend zinspflichtig geblieben war. Baumgartner war ein fast kränklich zarter Sechziger, ein kluger Kopf vom Aussehen eher eines Malers oder Dorfschulmeisters, unentwegt tätig trotz wirklicher Anfälligkeit seines Körpers. Mit ihm stand der Bildhauer auf Kriegsfuss der freundlichsten Art, dadurch nämlich, dass dieser als Wohltäter im Stillen bekannte Mann so gut wie jede seiner Zahlungen früher oder später mit einer Gegenleistung in Obst oder Reisigwellen oder einer gestrichenen Milchrechnung wettzumachen die Hartnäckigkeit hatte. Er war auch der eine, der, nicht oft, dann aber mit schöner Aufmerksamkeit der guten, gescheiten Augen sich über Martins Kunst unterrichten, auch von Paris erzählen liess, welcher Stadt er in Erinnerung an seine Hochzeitsreise anhänglich geblieben war. Er hatte Museen gesehen, Parke mit Denkmälern, hatte einiges von der höheren Wirkung und Bestimmung der Künstler verspürt und alsobald das bäuerliche Vorurteil gegen deren Jünger überprüft, dieses Vorurteil, das einem nüchternen und fleissigen Volke wie dem schweizerischen aus der Natur kommt. Nun hatte er unter Bauern kaum einen so anspruchslosen und arbeitsamen Menschen gefunden; diese seine Eigenschaften hätten an sich genügt, ihm das Vertrauen des Biedermanns zu sichern; Baumgartner, ein Witwer, lebte im Haushalt eines Sohnes überdies einsam, wohl als Haupt der Gemeinschaft verehrt, aber doch in Entbehrung des Lebensgefährten, irgendwo in sich heimatlos und den Sehnlichkeiten offen. Was Wunder, dass in solcher Nachbarschaft Martin am Hässlichen mit verfeinerten Sinnen litt! Er nahm sich aber inacht davor, Unrecht zu tun und etwa die Stadt zum Pfuhl aller Laster zu machen, welcher Uebertreibung der Landbewohner zuneigt. Er sah ja doch auch das andere, sah ihre Ueberlegenheit durch die allein einer grösseren Ansammlung der Geister mögliche Wachheit und Fortschrittlichkeit; er sah die Bibliotheken und Krane, die Blumenverkäufer, die Schneeschaufler früh in der Dunkelheit, die Hochschulen und Spitäler, die redliche Müdigkeit der Stirnen; er hörte die Menschen aller Alter sich in Klarlegungen ereifern, vernahm den Marschtritt der Bewegungen, erlebte auch hier die Schönheit der Liebenden, den Adel der Lesenden, geraden Sinn der Einfachen. Ein junger Mensch hatte ihn brieflich um die Gunst einer Unterredung ersucht; Stapfer empfing ihn bei Tilly im Café, es war ein Jüngling von gefälliger Aufgewecktheit, ein junger Volksschullehrer, der im Nebenamt Kunstgeschichte studiert hatte, bemerkenswertes Leben aber auch in der Behandlung aller Tagesfragen entwickelte, sodass die beiden stundenlang über den Berliner Reichstagsbrand, welcher damals die Gemüter erhitzte – ungleich erstaunlichere Ereignisse sollten in seinem Gefolge kommen! – über Marxismus und Frontismus, Freiwirtschaft und Kapitalismus, über die Landesjugend, Erziehung, Presse, über Kunstbetrieb und öffentliche Meinung sich unterhielten und um ein Haar den eigentlichen Grund der Zusammenkunft ins Gespräch zu ziehen vergessen hätten. Sie erinnerten sich seiner gleichzeitig, als Stapfer nach der Uhr ausblickte. «Es ist spät geworden», sagte er, «und zwar im Fluge; wir haben einander nicht gelangweilt und dürften die Fortführung der Bekanntschaft wohl riskieren . . . » «Ich danke Ihnen . . . » «Nur nennen Sie mich nicht Meister . . . » «Sie sind es aber!» «Ich weiss Ihnen Dank für's Vertrauen, Herr Doktor, und hoffe mich der Meisterschaft anzunähern. So sehr es mich erstaunt, in einer Wenigkeit überzeugt zu haben, so sehr freut es mich auch und ermutigt mich mehr als sie vielleicht glauben, dass ich es nötig habe. Ueber Krannig in seiner neueren Entwicklung sind wir zweierlei Meinung, allein das tut nichts zur Sache; es ist ein schmerzhaftes Problem der Erfahrung, dass es in Dingen wenigstens der lebenden Kunst feststehende Kriterien nicht gibt, nach denen man sich verständigen möchte. Wir reden noch einmal davon und bei der Gelegenheit auch von dem andern, und wäre es nur in dem Sinne, dass ich Sie davor warne.» Stapfer lachte. «Ich bin hier so etwas wie ein Einsiedlerelefant, ich denke, Sie wissen darum – ein Besessener . . . » «Das vermag ich nicht zu begreifen! Klar, dass Sie befremden, wie alles, was später die Welt erobert. Aber eine Ahnung mindestens der Geladenheit ihrer Werke . . . » «Sie nun sind unabhängig. Die Oeffentlichkeit ist in ihrem Denken gebunden. Die Oeffentlichkeit sitzt vor dem grössten Komiker humorlos bis zu dem Tage, wo sein Genie, als Genie erklärt, die Billigung der Kritik besitzt. Dann freilich brüllt sie vor Lachen noch wenn er es wieder schwermütig meint. Es ist das Beharrungsvermögen.» Der nette Kerl – nicht nur dass er mit Berufung auf sein Monatsgehalt und seine Gegenwart als Bittsteller bezahlen wollte, er verzog sich auch eilig in irgend einer Rücksicht auf Tilly. «Hast du ihn einwenig beobachtet, Tilly? Er ist mein Freund. Endlich habe ich einen Freund gefunden! Ich meine einen Menschen, der mir Leistungen zutraut. Da er klug ist, mache ich mir heimlich ein Fest daraus. Er wird mich oben besuchen. Er will einen Aufsatz über mich schreiben. Du findest es reichlich eitel von mir, Gefallen daran zu finden . . . ?» «Wie sollte ich's dir nicht gönnen, anderswo das Verständnis zu sehen, für das ich leider Gottes zu stupid bin.» «Keine Angst, Tillychen; es wird nicht zum Uebermut kommen. Der Idealist muss seine Erfahrungen machen. Ein unbeschriebenes Blatt, auch er, wird er sich gezwungen sehen, selber einen Namen zu erlangen, bevor er andern dazuhilft. – Da hat übrigens wieder einer eine Wut auf mich, ein neuer Verehrer Tillys.» Sie schien ihm verändert in ihrer Stimmung gegen ihn, von einer wehmütigen Verstocktheit, und er liess seinen nächsten Besuch diesmal weniger lange anstehen. Es zeigte sich, dass er in einer Sache geknausert hatte, deren Ansehen mittlerweile zweifelhaft geworden war. Es war unaussprechlich demütigend und entsetzlich. Hans im Schnakenloch hiess vor dem Volke der Narr, der, was er hatte, nicht und was er nicht hatte, wollte. Jetzt, da er sie so wie sie war, mit ihrem schönen Leibe, mit ihrem Strähnenhaar, an einen andern sich zu verschenken bereit sah, kam sie seinen Augen als eine entschwindende paradiesische Küste vor; die Heimat versank mit ihr, die tausend Vertrautheiten, die von Liebkosungen blühenden Heimlichkeiten gingen ihm alle verloren, sie liess ihn wieder allein, sie, sie, sie, die er anders als mit der Liebe der Glücklichen liebte, die er aber liebte und in seiner Bedürftigkeit brauchte! Ach, von einem Caféhausgeiger ausgestochen! Es war kein Manöver von ihr; sie liebte ihn wirklich. Alle liebten sie eines Tages einen andern! Er sah sie an. Ihr Strähnenhaar, ihre Hände, – alles war hinübergegangen in das Leben des Geigers, in dieses Ungarn voll fremden Frühlings, wehender Wäsche um Komödiantenwagen . . . «Mit dem Kinde von mir, Tilly? Das Kind gehört mir, nicht dem . . . » «Zigeuner. Er ist kein Zigeuner, Martin. Er ist ein armer Mensch, dem ich alles bin, so dass er mich nimmt wie ich bin.» «In dem Zustand, in dem ich dich hinterlasse.» Er sprach Satz um Satz, und sie bestätigte ihn mit Schweigen. «Ich habe dich hungern lassen.» «Ich habe dir nicht sorgegetragen.» «Es schien, als ob ich dich nicht liebte. Und nun kommt einer, der dich zu würdigen weiss.» «Kommst du zu mir, Tilly?» Als er sah, dass sie nicht kam, schrie er den Tränen nahe auf: «Tilly kommt nicht mehr zu mir!! Tilly lehnt es ab, mit mir allein zu sein!» «Nicht so, nicht so, Martin. Ich bin nur müde und muss nach Hause. Ich fange es an zu merken.» «Verzeih mir! Gelt, da ist nun dieses Kind, diese Welt, welche dir wie ein Sommer mit seiner Kornhitze in den Gliedern schwer wird? Eine Welt, Tilly! Eine Welt, die um dich und mich steht, eine Welt, die wir nicht zerreissen dürfen noch können. Wir heiraten, und alles ist gut.» «Alles schiene gut. Martin, du fielest morgen schon in deine Zweifel zurück, ich weiss es. Ich bin dumm, aber so nicht, dass ich mich darüber Täuschungen hingäbe. Noch vor zwei Wochen hätte ich aus Sehnlichkeit die Augen davor zugedrückt . . . » «Heute?» «Heute –. Heute zieht es mich nach zwei Seiten. Ich mag mich entschliessen wie ich will, so muss ich dem einen Teil und jedenfalls mir selbst wehtun.» Das Hoffnungslose der Lage verschloss ihnen auf lange den Mund. Martin war es, der schliesslich in Tränen dahinging. Er flehte sie an, er beschwor sie, liebkoste sie; auch sie begann zu weinen. «Verflucht ist die Natur des Menschen», sagte er sanftmütig im Gedanken daran, dass er so war, verdrossen den Erfüllungen, fassungslos dem Verluste gegenüber. «Und nie habe ich es so empfunden: Der Uebel grösstes ist die Schuld. Ich darf mich nicht einmal beklagen. Da steht das Schicksal, sieht mich an mit den Augen, die sagen: Ich bin so, wie du mich gemacht hast. Das Leben, wo man es anrührt, versetzt einem elektrische Schläge. Wie nimmt es deine Mutter auf?» «Vielleicht schreibt sie dir einmal . . . » «Ich komme vorbei!» «Sie hat immer darauf gewartet . . . » «Ich habe ihr eine Menge abzubitten!» «Nicht dass ich wüsste, Martin. Du warst nur ernsthaft und ehrlich. Dafür bist du niemandem Abbitte schuldig. Wer ein Kind in die Welt setzt, setzt es den Schicksalen aus. Komm aber lieber nicht, wenigstens warte damit zu. Meine Mutter denkt nach ihrer Gewohnheit. Vierzig Jahre lebte sie an der Seite eines Mannes, der ihr Vermögen mit Weibern durchbrachte, sie prügelte, sie für ihre Kinder aufkommen liess; fünf Jahre pflegte sie ihn, als er bei lebendigem Leibe verweste – ihr ist die Ehe schicksalhaft.» «Das waren noch Zeiten, Tilly! Wir heute finden es dumm und unehrlich, um jeden Preis durchzuhalten; du wirst sehen, die Politik der nächsten Jahre wird ebenso weichlich, schwammig und krämerhaft sein. Denn was im Menschen ist, das ist in der Menschheit. Früher sah man das Unverrückbare nur in den geistigen Gegebenheiten, keinesfalls in seiner Stellung dazu. Und die Treue war eine Grossmacht.» Die ganze Gewalt des Frühlings stand in der Luft. Martin ging darin herum mit seinem Herzen voller Tränen; morgens beim Erwachen schoss es ihm vor die Brust: Tilly und der Geiger! Er empfand es ihr nach, in die Liebe hineinzuwandern mit dem Manne aus der Fremde. Die Liebe war ein ganz neuer Raum, eine Himmelsweite mit Pollenstaub, Steppengras, Bläue der Donau, mit Geruch und Flattern von Blachentuch, mit Strassen in webende Zauber – in Schrecknisse vielleicht auch, in Armut und Hunger, zu fremdartigen Bräuchen, heidnischen Grabmälern . . . Martin jedenfalls sah sein Mädchen hinein entschwinden, füllte sein Inneres täglich mit dem funkelnden wehen Frühling; er vertrug nur in Schmerzen die jauchzende Schwermut der Amseln, das Geblinke im Finkenschlag, diesen rauschenden grossen Aufbruch, er in der Schattigkeit der Vereinsamung, er ohne jeden Antrieb irgendwie zu leben, und doch ruhelos umgetrieben in den Wäldern, die mit dem Dufte von Seidelbast, mit auftrocknenden Herbstlichkeiten um das Verlorene geisterten. Wo er hinauslief, führte der Weg nicht zu ihr, nie mehr, nie mehr zurück in die Heimlichkeit des Gewesenen – das Neue war auch zu seinem Gefühl hinzugekommen mit seinen Parkbäumen und Schlössern; es gehörte ihm an als verzaubertes Reich des Andern; diebischerweise, unendlich verbunden, unendlich ausgestossen ging er darin herum, ein Vasall dieses Andern. Es kam vor, dass er sass, irgendwo in den Feldern, auf einem Findling sass, den Himmel voll der neuen Landschaft um sich, und schluchzte, in Krämpfen von Schluchzen sich ausgoss, und die Ozeane der Trauer schwollen nur immer an. Denn in alledem wusste er um die Notwendigkeit der Veränderung – und das war der Kern aller Bitternis: er durfte nichts dagegen unternehmen; aus höherer Absicht hatte der Genius des Lebens eingegriffen, und ihm kam es zu, sich fein stillezuhalten – noch einmal war es ihm in die Hand gegeben, voranzukommen oder aus Ungeduld und in Umgehung der Schmerzen das Unglück endgültig zu machen. Eines Tages würde er es verwunden haben und Gott für den Ausgang loben. Er wusste es. Wie ein Kompass stand die bessere Einsicht in ihm. Noch hasste er dessen Ruhe, als eine leidwerkende Missgunst; trotzdem blieb er gehorsam, hielt er im Exile aus, tausendfacher Verlockung widerstehend, mit Uebernahme all dessen; was es ihm aufbürdete: Schuld der Härte, Verachtung, Unrecht, das mit dem Kinde . . . Er stand auch dabei, als der junge Kunsthistoriker seinen Kennerblick an den Plastiken weidete; er stand auch dabei, aber bitter verächtlich, so als wäre das alles nichts, auch an Schwierigkeit nichts im Vergleich mit dem Können am lebendigen Leben, nichts im Vergleich mit seiner Schönheit und Trauer. Der jugendliche Freund bekam alles, nur nichts vom Handwerk zu hören. Einem Gottverlassenen war er ins Gehege gelaufen zu dessen schlimmster Stunde; er stellte freilich seinen Mann auch als Beichthörer und Tröster, so weit als es über die Unveränderlichkeit des Schmerzhaften hinaus hier zu trösten gab. Byland erzählte aus dem eigenen Erfahrungskreis heraus, erzählte von Freunden, von Künstlern mit ihren Empfindsamkeiten; Stapfer ging voraus auf einem Fussweg durch Gebüsch, hörte mit halbem Ohr nach hinten, nicht zu vernehmen, nur mitzuteilen bedürftig. Ein Hase sprang auf, sie tasteten sein Nest in der Segge ab, es hingen noch Flocken von Haar darin, und der Bildhauer klagte: «Wie wunderbar war sonst alldas zu empfinden! Haben Sie vorhin die Fuchsspur gerochen? Jetzt tut alles nur weh, das Schönste tut am meisten weh; der blaue Himmel strahlt das Herz mit Schmerzen an; – Regen tut wohl, das Grau ist taktvoll – aber diese Frühlingsvormittage . . . ich halte sie nicht aus, ich laufe darin herum mit meinem enthäuteten Herzen, alles da habe ich mit meinen Tränen betropft; ich weiss sie da unten in der Stadt, deren Glocken ich bei Westwind höre, ich weiss, wo sie geht und steht, die Türen zu ihr stehen offen . . . wie oft habe ich nachgegeben, ich vermöchte sie wohl auch jetzt noch zu mir herüberzubringen, ich denke sogar, sie wartet in Schmerzen darauf; der erste Schritt zu ihr ist auch der Anfang der Ernüchterung, jenseits sehe ich alles anders, eines Tages griffe ich mir an den Kopf.» «Ja, es gibt Schmerzen, die wollen ausgetragen sein wie ein Werk, wie ein Kind. Die Tage in ihnen erscheinen uns als verloren, und wo uns eine Ahnung ihrer Absicht aufdämmert, da beleidigt und ärgert sie uns.» «Dieses Kind meiner Vaterschaft – auch wenn der Gedanke daran im Uebergewicht des andern nur selten aufkommt, ich denke manchmal daran. Eines Teils von mir, einer anderen Inkarnation meiner selbst begebe ich mich; vielleicht ist es ein Knabe und mir gleich – er weiss nichts von mir, er spricht Ungarisch mit Budapester Gassenjungen, und sie machen einen Kellner aus ihm. Die schlimmsten Gewissensbisse weichen einer grossen inwendigen Ruhe: Was hab ich damit zu schaffen! Kinder, die kleinen Sorgen und Freuden – den andern ist es das Leben.» Stapfer baute, aus Unglück, zur Arbeit nicht fähig; die ganze Breite des Hauses wuchs, er sah es, grinsend, es war kein Sinn dabei; er vergass sich ein wenig an seinen Steinen. Wo war Seume inzwischen hingelangt? Vier Jahreszeiten immer Fuss vor Fuss. Und Marie? Sie schwieg wohl aus Schonung. Der Schmerz überschreit jedes andere Gefühl. Er ersehnte es, dass sie wegzog. Das Schweigen zwischen ihr und ihm – es war ein Steinbruch auf seinem Herzen. Er ging durch die Stadt wie auf Zehen, wie um niemand zu wecken, er als einziger, der wie ein Dieb hereinkam. Annette Wehrli kündigte die Kredite. Dafür zwang ihm Baumgartner ein paar Fünfzigerlappen auf, die er zuviel bezogen haben wollte. Doktor Byland machte eine Anzahlung auf seine Büste. Die Stadt schrieb Bildhauerarbeiten an neuen Verwaltungsgebäuden aus. Wo sie den Flötenbläser hingejagt hatte, wussten Gott und die Sekretäre. Die Pfannenstieler 12 Der Park des Seidenherrn stand wie ein kühles Wasser, verhüllte in sein Gekringel auch das Bildhauerhäuschen und seine Brombeerwildnis; als eine Laus der Armut hatte es sich der Feudalität in den Schopf gesetzt – hemdärmelig, in ewig demselben schwarzen Haarnetz, arbeitete Stapfer auf dem Höfchen zwischen Werkstatt und Zaun, Stunden und Stunden allein, der lichten Ablagerung von Geriesel aus Sonne une Schatten, Glockenschlag, fernem Gebell und Fahren, und dann zusammen mit Byland, welcher Anfälle von Schläfrigkeit in Qualen überwand; sein Hölderlinkopf erbleichte zum lebenden Marmorbild, zur Gamee auf dem Grunde des Dornengeranks. Er war auch ein Dichter, erwies es sich, schrieb Verse und Novellen, die anzubringen er aber besondere Schwierigkeiten vorfand: «Ich gelte als Eigenbrödler. Man findet mich auch nicht schweizerisch. Es ergeht mir diesbezüglich ein wenig wie Ihnen, Herr Stapfer. Das Erbe manifestiert sich in uns nicht handgreiflich, nicht in Alphorn und Jodeln. Wir sehen die Schweiz nicht antiquarisch, nicht in Souvenirs. Ich weiss nicht was sie wollen. Ich kenne einen einzigen, der das Alphorn bläst; er bläst es an Sonntagen auf dem Landungssteg, ist aber ein grausiger Kitschbruder. Nichts gegen das Alphorn in den Alpen! Da bin ich ihm auch einmal begegnet. Es war, als spräche der Berg mich an. Selber bin ich ein Kind des Tieflandes und wirklich an meinem Orte nur in den Apfelbaumgärten, von welchen ich obendrein weiss, dass die römischen Legionäre sie über die Pässe aus ihrem weicheren Lande heraufbrachten, und was die Ursehnsucht anbetrifft, so habe ich eher als das Alpengras das Salz der See, welche auch vorzeiten hier war, im Geruche. Das Meer ist meine Liebe. Die Väter gar folgten dem Gefälle, kannten sich aus in Versailles und am Tiber; wir aber, die Söhne, sollten nicht schweifen, uns der Welt nicht öffnen dürfen, im Geographischen wie im Geistigen? Gerade darin besteht doch das Schweizerische! Wem Literatur und Kunst etwas mehr als nur Randverzierung sind, der blickt, ganz ohne Gedanken an die eigene Wenigkeit, mit Betrübnis auf den Krautgarten von Kultur, in welchem nur die Kohlköpfe des Nützlichen, die Radieschen der Kritik, die Spaliere des Lehrbaren und an Flor zur Not ein paar Heimattümeleien gezogen werden. Nichts gegen die Heimat, aber alles gegen die Heimattümelei, die eine Unterschätzung der Heimat ist. Ueber Aller Heimat hinweg wölbt sich der Menschheit Himmel. Aus dem Kraut schwingt sich die Raupe zum höheren Zustand des Schmetterlings auf. Erwerb, Geschäftigkeit, Sicherung sind erst das Dasein im Kraut, die Voraussetzung, nicht der Aufschwung ins Geistige, der allein ein Volk vor der Geschichte rechtfertigt. Wochenblattliteratur gehört durchaus dem Bereich des satten Genügens an. Was die Bemühung beansprucht, indem es sich selber bemüht, findet hier kaum eine Stätte. Wir haben links den roten und rechts den schwarzen Materialismus. Links muss es nützlich sein – Wissen ist Macht! – rechts darf es nicht stören.» Stapfer wollte es, dass sein Modell nicht in Schweigen erstarrte. Jetzt hatte er sein Hölzchen in den Lehm gesteckt. «Und die Mitte?» fragte er fiebrig angeregt. «Die Mitte ist eben jene Masse braver Sparer im Materiellen wie im Geistigen, durchschnittlich konservativ, von achtbarem Standard des Lebens wie der Bildung, die eigentliche Schweiz, die Schweiz, die gegen alle Anstrengungen immer wieder eine konservative Regierung auskristallisiert.» «Ich höre einigermassen mit den Ohren eines Ausländers; ich höre Sie mit wahrem Entzücken, Entzücken nicht an der Sache, leider nicht, sondern daran, endlich einen Menschen so reden zu hören wie ich reden müsste, wollte ich meinen ketzerischen Gedanken Ausdruck verleihen. Ich darf sagen, ich war ja immer ein Patriot, schon zu Zeiten, als man sich damit noch lächerlich machte. In der Fremde ist man es schon aus Heimweh. An Ort und Stelle erschrak ich recht eigentlich über die Beobachtung von so viel Selbstgefälligkeit eines Volkes, das eine Andeutung von Kritik schon als Landesverrat empfindet, selber aber vom hohen Thron seiner Unfehlbarkeit aus alle Welt schulmeistert. Donner, sagte ich mir, da lauern Gefahren. Ein Volk, das nur noch hören will, was Lord Rothermere gelegentlich einer Schweizerreise Schmeichelhaftes von ihm gedacht hat, ein Volk, das die eigene Art in Heimattümeleien hätschelt, ein solches Volk ist nicht die Gefolgschaft der Helden, die es beständig im Munde führt. »Ein Volk, das die Wahrheit nicht verträgt,« sagt Ibsen, »muss ausgerottet werden.« Ins Hochland der Unabhängigkeit jeder Art glaubte ich heimzukehren, und kam nach Byzanz.» «Einem Byzanz der Banken, Versicherungshäuser und Wochenblättchen. Einem Byzanz des mechanisierten Liberalismus. Der vaterländische Ehrgeiz erschöpft sich in der Verherrlichung der Ahnen – unter Verwendung von etlicher Retouche aus Unkenntnis oder schlechtem Gewissen; der Patriotismus, auf die Historie, nicht auf die lebendige Verpflichtung ausgerichtet, ist nicht verbal nur bei seinen Spezialisten, die ihn geschäftlich auszuwerten wissen.» «Ich verstehe alldas gewiss in seiner Absicht zur verdeutlichenden Uebertreibung zu nehmen, Doktor; finden Sie's im Ganzen hoffnungslos?» «Sehen Sie, es begegnet mir wohl, dass ich im Strom der Sonntagsbummler treibend völlig der Bitterkeit verfalle; welcher Mob, welche Menschenware! Sagen Sie's nicht weiter. Ich kann nichts dafür, ich bin von Natur keineswegs mephistophelisch, der Sarkasmus kommt weit eher aus meiner Vorstellung eines schönen Volkes, schön im Ausdruck einer inneren Ordnung. Nun will ich Ihnen folgendes sagen. Eine Klasse von neuen Schülern enttäuscht mich rein anblicksmässig immer. Kaum ein Gesicht ist darunter. Nach und nach gehen sie auf wie Blumen, das letzte wird schön und persönlich. Es geht mir im Militärdienst nicht anders. Die Gröhler auf der Strasse – vielleicht weinen sie zu Hause. Die sympathische Schamhaftigkeit des Schweizers versteckt sich in lautes Gebaren. Er ist voller Hemmungen und daher schwer zu beurteilen. Man kennt ihn noch nicht, wenn man sein Wort gehört hat. Er lebt in Parteien und stimmt doch nach seinem Belieben. Die Schweiz ist ein Pfahlbauerdorf, das auf den Einzelnen steht. Die Einzelnen finden Sie überall: da einen senkrechten Bürger, dort einen ernsthaften Sucher. Nur haust jeder in seiner Talschaft. Wir haben es schwer, uns zu finden. Wir sind geborene Eigenbrödler.» «Somit tanzen Sie nicht aus der Reihe und müssten im Grunde verstanden werden?» «Wir haben es schwer, uns zu finden. Auf dem Gebiete der Kunst wird der Eigenbrödler unheimlich. Auch die Kunst will der Schweizer, wie er es nennt: vernünftig – etwas materialistisch, weshalb Zünd und Calame und Koller ausschliesslich seine Liebe haben. Für das eigentlich Schöpferische fehlt ihm das Auge. Er hat sich vor Marignano der Eroberungslust entschlagen, beziehungsweise ins Basteln geflüchtet und ist heimlich ein grosser Erfinder, freilich auch als solcher, wie ich mir habe sagen lassen, in seinen Risiken einsam; viel gute Kraft flieht vor der heimischen Vorsicht ins Ausland.» «Man müsste sie sammeln!» «Da Sie mich nach dem Ganzen fragten: Ich schätze, der Durchschnitt an Intelligenz und Interesse kann neben irgend einem bestehen, doch ergibt auch ein hoher Prozentsatz der kleinen Nation nicht das Kontingent von Bewussten, die sich des eigentlichen Lebens, des schaffenden Geistes annähmen.» Stapfer hatte sein Stäbchen wieder ergriffen. «Man müsste einen Klub der Eigenbrödler gründen.» «Das ist ein alter Plan unter Brüdern, Herr Stapfer. Unser einige, Schriftsteller, Maler, träumen von einer Zeitschrift, die wir vor allem brauchten, wie Sie Ihr Modellierholz, den Lehm der Oeffentlichkeit zu formen. Diese Zeitschrift unterhielten wir als ein Laboratorium, in welchem drei Dutzend Versuche gern auf ein neues Gelingen gehen dürften. Was wir an Zeitschriften haben, ist das Heer der Wochenblätter und zwei oder drei noble Damen, vor denen man nur in der Vollkommenheit seiner Haltung erscheinen darf. Wir aber sind Sucher, und Sucher stolpern wohl einmal im Dunkeln, stürzen in Schluchten und kommen verdreckt in Gesellschaft. Wir wären politisch, kulturpolitisch, literarisch und kritisch, wir wären junge Leute an Idealisten aus allen Arbeitslagern.» «Wären. – Seien Sie's, machen Sie's!» Byland schabte mit dem Zeigfinger am Daumen. «Ah? Auch die Idealisten kapitulieren vor dem Klang? Eine Notwendigkeit wird mit oder ohne Geld durchgesetzt, und es ist eine Notwendigkeit. Irgend ein Kauz von Finanzmann wird der Marotte für Schmetterlinge fähig sein.» «Das Mäzenatentum ist aus der Mode gekommen.» «Das Fossil lebt fort. Machen Sie's, wenn ich's verschaffe?» «Schlechten Gewissens der Notwendigkeit zuliebe, mit meinen verkauften Kräften. Es ernährt seinen Mann so wenig als ihn Verse ernähren.» «Sollen sie das? In Kanada gibt es eine Sekte, deren Priester sich das Brot mit Holzfällen verdienen müssen.» Stapfer verträumte sich in der Arbeit und in dunkelnder Melancholie. Der Abend erinnerte ihn an Tilly. 13 Das eine war ihm von ihr versprochen – brieflich, nachdem der schroffe Abbruch der Begegnungen sich als einzige Möglichkeit der Lösung erwiesen hatte –: die Stunde zu erfahren. Sie war verlobt und reiste nach bestandener Niederkunft. Nun wartete er dem Zeitpunkt entgegen im wunderlichen Zwiespalt von Ungeduld und Entsetzen. Manchmal fühlte er sich ganz leicht, freute er sich gar auf den Vater, Vater zu sein ohne Anspruch; Besitz zu lassen war mehr als wie Seume Besitz zu meiden. Er fühlte die Reife in Schmerzen, empfand den Lohn der Busse in einer inneren Erweiterung, in welcher er wuchs. Manchmal war es schlechterdings grauenhaft, Schuld und Verlust schwarz wie die Nacht in seiner Ruine, die ihre Brandgeister ebenso wenig wie sein Leben den Wahnsinn verlor – er träumte von Ungarn in Flammen, Tilly gebar eine Statue aus ihrem zerrissenen Schoss, eine Zigeunerkapelle fiedelte auf Geigen aus Kindersärgen. Er arbeitete vormittags am Entwurf für den städtischen Wettbewerb, ass eine Wenigkeit unterwegs auf dem Rade, sodass er die Stunden mit der Büste völlig munter verbrachte und die Ankunft des Jünglings ihn nicht selten überraschte. Wenn Byland rauchend noch eine Weile plauderte, fuhr der Bildhauer fort, nach den Fotografien oder auswendig zu modellieren. «Bald wollte ich wünschen, Sie kämen nicht mehr!» lachte er verdrossen. «Sie stören. Sie bringen mir Ihren verdeubelten Naturalismus, mit welchem der Kampf nun begonnen hat. Ich kann es nicht besser als die kluge Natur Sie gemacht hat und darf doch auch nicht Ihren Abklatsch nehmen, der mit einer Maske mühelos hundertmal schneller und authentisch gehext wäre. Sie wissen, es ergäbe eine Totenmaske.» «Ein Byzanz.» «Ein Gesicht geht auf Stelzen der Bewegung. Ein Schlafgesicht ist Byzanz. Ich aber, vor dem Hunde von Lehm, der mir hockt so wie ich ihn setze! Ich kann's nur mit der Räumlichkeit zaubern; aber wie? Von der Wahrheit abgehen um wahr zu sein – wie weit abgehen, und welche Wahrheit von den tausend, die Sie mir bringen in Ihrer Epidermis, offen nach aussen und innen!» Offen nach innen und aussen, stand das Gesicht in schelmischer Verträumung. «Eigentlich müssten wir als Künstler Geduld und Verständnis für die helvetischen Unzulänglichkeiten aufbringen. Das Geistige zu gestalten scheint sogar dem lieben Gott nicht ohne Kopfzerbrechen und Umwege zu gelingen; wie lange sucht seine Natur! Den Menschen gar verstrickt das Bemühen in eigentliche Tragik, sei es die Schwierigkeit, gottselig zu leben, eine Vision festzulegen oder die Form eines Volksganzen ins Reine zu bringen.» «Ich hätte mich ungenau ausgedrückt, sollte ich dahin verstanden werden, Vollkommenheit von der Sozietät zu erwarten. Vollkommenheit ist wohl das Ziel, doch zugleich die Aufhebung der irdischen Funktion. Ich wünsche mir für das Individuum wie für die Gemeinschaft im Gegenteil ein paar tüchtige Leidenschaften, in denen sie sich auch einmal verfehlen. Ich rede nicht von der Schuld, ich rede von dem Mangel an Fähigkeit, sich in Schuld zu bringen; ich rede von Merkantilismus und Verbalismus. Der Hass auf Kommunismus und Faschismus ist mir ein wenig zu aufgeregt. Ein Volk von Selbstbewusstsein aus gutem Gewissen blickt mit Ueberlegenheit auf Dinge, die es für Irrtümer hält, so wie ein guter Christ die Schwäche des Nächsten wohl beurteilt, aber nicht zum Anlass von Szenen nimmt. Selbstbewusstsein ohne Würde ist nicht Selbstbewusstsein, sondern Dünkel. Die Fehler Anderer können für uns nur die eine Konsequenz ergeben, sich auf eigene hin anzusehen. Wir haben geschichtlichen Heroismus, nationales Pathos als unserer Konstitution nicht entsprechend von uns getan; der Verzicht auf das Aeussere verpflichtet uns zu grösstmöglicher Entwicklung des Innern. Der Verzicht auf Quantitäten des Territoriums darf sich nicht an vermögensmässigen Quantitäten schadlos halten wollen. Volkswohlstand ist gut, aber nur als Voraussetzung einer Pflicht zum höheren Leben im Geistigen . . . . » «Ob er's sei, sogar das frage ich mich nachgerade und denke dabei an ein Volk wie das italienische, ein Volk der Armut und Geplagtheit: Wie weit ist es seelisch, wie milde und vornehm in seinem Ausdruck! Die Beobachtung widerlegt das marxistische Axiom, nach welchem der geistige Fortschritt mit dem ökonomischen gleichläuft. Es scheint, der Mensch hat es an sich, im Wohlergehen anspruchsvoll und undemütig zu werden. Sind nicht Verwöhntheit und ein mokantes Wesen Merkmale schon unserer Jugend? Für mein Teil lobe ich mir die Ehrfurcht selbst falschen Göttern gegenüber vor der Ueberheblichkeit gegen Gott. Unser Geistiges ist noch nicht Gott, ist nur die Richtung auf ihn – das Geistige lebt hierzulande durchaus in der Abhängigkeit, nicht im Primat der Ordnungen.» «Ist es anderswo anders? das frage ich mich bei der Gelegenheit . . . » «Wie es anderswo sei, hat uns nicht zu bekümmern. Das Land Pestalozzis rühmt sich, die besten Schulen der Welt zu haben – was zu den unbewiesenen Annahmen der nationalen Eitelkeit gehört – ich wünsche ihm den Ehrgeiz, die beste Erziehung der Welt zu haben, Erziehung nicht als Dressur, Erziehung als Umgang, Bildung, Fähigkeit der freien Entfaltung. Wir hatten zu dieser Selbsterziehung ein gutes Jahrhundert Zeit; bluteten wir nicht mit den Völkern, so haben wir unsere Kräfte in Spargut nicht pflichtgemäss investiert.» Mit alledem hatte sich Byland am Schulmeistern sattgegessen und einen Geschmack von Ueberdruss auf die Zunge bekommen. «So sprechen wir unter vier Augen!» rief er mit einer Gebärde gequälter Auflehnung aus. «So tadeln wir aus Liebe und Sorge, des Uebrigen wohlbewusst, in Ueberbetonung dessen, was die Offiziellen zu sehr verschweigen. Nicht dass sie uns ein Vorbild der Versöhnlichkeit wären! Sie füllen die Spalten mit Parteigezänk, mit Problemen von siebenter Bedeutung; ich täusche mich auch nicht darüber, dass, was uns auf der Zunge brennt, nicht leicht an den Mann zu bringen wäre, nicht ohne den Anschein der Gehässigkeit – denn was gesagt sein muss, muss ganz gesagt sein; den Laich von Geschwätz zu vermehren, wären wir nicht da.» Es hatte sich gezeigt, dass Stapfer den einen und andern des Geheimbundes vom Literarischen Klub und der Künstlergewerkschaft her kannte. «Ich bin noch nicht dazu gekommen,» sagte er, «mich in der Sache der Zeitschrift umzusehen; ich habe die Tage darüber nachgedacht, was vorbereitend zu tun wäre. Es schien mir, wir dürften nicht anders als mit Plan und System, nicht nach unserer Weise bloss intuitiv vorgehen. Die Kultur, um deren Schicksal es uns geht, ist komplexer Natur, hat eine politisch-ökonomische Seite, die in ihren Bedingungen beachtet sein will. Die noch so frische Fronde Einzelner hat die Wirkung höchstens der Originalität und wird günstigenfalls als Kurzweil aufgenommen. Das ist nicht der Zweck der Uebung. Daher suponieren wir vorerst das bestehende Heer der Gleichgesinnten und beginnen in ihrer Vertretung als Gruppe, die sich fairerweise auch einen Namen gibt. Wir könnten die Pfannenstieler heissen. Nehmen wir den Geschmack von Verein in Kauf; alle Bewegungen gingen von einem Verein aus. Das Entscheidende wird sein, dass wir durch Wahrhaftigkeit und Witz überzeugen. Man muss die Redlichkeit unserer Absicht fühlen, unsere Unabhängigkeit von Interessen glauben. Eine Schwierigkeit wird uns daraus erwachsen, das Schulmeisterliche in unserer durchaus pädagogischen Einflussnahme zu vermeiden.» «Ich stelle mir vor,» setzte Byland freudig aufgeregt den Entwurf der Projekte fort, «der erste Programmpunkt unseres Blattes besteht in der Aufgabe, der positiven Leistung ein Forum zu sein. Den Stock unseres Textes bildet die Belletristik, die es um ihrer Qualität willen schwer hat, in der Tagespresse oder in Wochenblättchen unterzukommen.» «Wie ist das: Die Qualität, wenn sie es ist, müsste doch auch die Gnade der zwei oder drei vornehmen Damen, von denen Sie sprachen, finden . . . ?» «Die Qualität hat es an sich, nicht akademisch zu sein, das vergessen Sie. Und dann, wir sind nur aus Nazareth.» «Natürlich auch ihr Literaten!» «Dazu kommt die bildende Kunst in Aufsätzen möglichst von Kameraden oder in Briefen und Maximen der Künstler selbst, deren Art wir in wenigen, aber aparten Klischees demonstrieren. Wir machen den Anfang mit Ihnen, Herr Stapfer, so kommt mein Artikel doch endlich nach Ithaka.» «Da es eine Kongregation der verkannten Genies ist, wird sie den Mut zur Unbescheidenheit aufbringen müssen.» «Darüber, über Hochmut und Demut des Künstlers, ist der Oeffentlichkeit beiläufig ein Kolleg zu lesen, jener Oeffentlichkeit, die auch dem Künstler keinen andern Antrieb als den der Ehrsucht zutraut. Ueber die Kunst in ihrer Funktion und Notwendigkeit bedarf das Volk, ein gutwilliges, aber in dieser Provinz verlassenes Volk, der Unterweisung; denn was tut die Presse in seinen Diensten? Der Nachfrage des Abonnenten erbötig, liefert sie das sogenannte Populäre, nimmt sie das Diktat des Herrn Eingesandt im offenen Verrat am Geistigen entgegen. Ohne Bewusstsein für ihre Würde und Verantwortlichkeit, begeben sich die Schriftleiter ihrer Kompetenz, aus der Gesetzgebung des Geistigen heraus Einfluss zu nehmen; Arbeiter ihres Brotherrn, lassen sie dem Herrn Eingesandt die Verfügung darüber, was Literatur sei. Herr Eingesandt ist derselbe, der seine Stimme in den Wahlen und Abstimmungen gibt oder versagt, Herr Eingesandt ist die sakrosankte Vox populi, Herr Eingesandt muss es ja wissen. So kommt es, dass die Hochburg der Dichtung Herrn X. Y. gehört, einem Grossbuchdrucker, der den Konsum mit seinen Versicherungsblättchen so skrupellos und gründlich als irgend ein Käsemagnat ausbeutet, und keiner, keiner der literarischen Sachwalter hat ihm jemals im Namen des Geistes auf seine dreckigen Finger geschlagen.» Sie kannten und verstanden einander mit jeder Sitzung besser. Die Büste begann ein wunderliches Doppelwesen von Träumer und Jakobiner zu werden. «Byland!» rief der Bildhauer eines Tages aus dem Schweigen des Fleisses heraus. «Eine Bitte privat: Gehn Sie doch einmal bei Tilly vorbei . . . » «Ich war, ich war. Sie ist längst nicht mehr dort.» «Muss sie ja: es geht in den zehnten Monat, ich warte und warte, ich halte es nicht mehr aus. Hat sie geboren, ist sie im nachträglichen Groll verreist?» Tilly war tot, und ihm lebte das Kind von ihr. 14 Schliesslich hatte er ihr geschrieben, aber keine Antwort bekommen; der Gang zur Mutter blieb als letztes und fiel ihm schwer genug. Somit wandelte er in Freiheit als ein Mensch, nach welchem niemand zurückblickte, den die Polizei nicht inachtnahm, und er hatte doch ein junges Mädchen umgebracht. Er hätte sich den Behörden stellen können, er wäre von der Schonung sanftmütig abgewiesen worden. So war das nun mit der Schuld, dass die irdische Gerechtigkeit sie nur unter Bedingungen annahm. Die grobe Schablone mass heute ihm selbst zum Vorteil. Die irdische Gerechtigkeit berief sich darauf, dass Tilly auch ohne Spannungen, die er über sie gebracht, an der Geburt hätte sterben können. Niemand nahm sie von ihm an, seine Schuld. Nur die Mutter, und diese hielt dem Anblick seiner Erschütterung nicht stand. Es war ein Knäblein. 15 Und so hatte er sich einer Toten angetraut. Er nahm ein etwas närrisches Wesen an, welches Wesen mit in den Spitznamen Pfannenstiel, der ihm blieb, einging. Er hauste in seiner Ruine den Sommer und Winter über struppig, Gott weiss in welchen Geschäften. Byland hatte mit List seinen Entwurf herausgelockt, aber der Entwurf kam ungekrönt zurück und Stapfer sagte dazu: «Ja, ja.» Stapfer gab auch seine Einwilligung zum Abguss der Büste, obwohl er sie nicht als fertig erachtete; das war das wehmütigste Anzeichen von Verfall. Die Gruppe hatte sich konstituiert, ihre Mitglieder nannten sich dem Anreger zu Ehren wirklich die Pfannenstieler, mit welchem Begriff sie ihr Bekenntnis zur Natur ebenso wie das zu einem höheren Ueberblick nicht ohne fröhliche Selbstironie umschrieben. Sie hatten einige Versuche gemacht, bestehende Zeitungen in ihrem Sinne auszubauen; sie scheiterten alle an der Aengstlichkeit und Kleinbürgerlichkeit, am Bonzentum, mit denen sie es zu tun bekamen. So war den Revoluzzern nichts anderes geblieben als ihr Werkzeug aus eigenen Mitteln zu bezahlen; einige zwanglos erschienene Hefte des «Pfannenstiel» bleichten in den Kioskauslagen. Für die Schriftleitung zeichnete Byland. Byland hatte das Vorwort der ersten Nummer geschrieben und den Hauptteil mit einer Novelle und Gedichten bestritten. Dieses Debüt war in der Presse kommentiert worden, wenigstens in der bürgerlichen, deren führende Blätter sich im Instinkt gegen die Auflüpfigkeit der neuen Leute vereinigten. Byland druckte ihre Besprechungen in der zweiten Nummer wortlos ab. «Unter der Aegide des Herrn Dr. Byland, Sekundarlehrer und Schriftsteller,» hiess es da, «hat sich eine Bewegung auf die Beine gemacht, das schweizerische Kulturleben aus seinem Sumpfe herauszuführen. Ihre epochale journalistische Gründung betitelt sich nach unserer heimischen Anhöhe »Pfannenstiel«. Die Verwandtschaften zwischen dem freundlichen Berg und den Bestrebungen der selbstbewussten gekränkten Leberwürste, die sich in diesem Benjamin unserer Zeitschriften zum reichlich vorwitzigen Worte melden, bleiben uns bis auf weiteres unerfindlich. Es wird abzuwarten sein, welcher Art die Gerichte sein wollen, die uns die neuen Gastronomen servieren. Anhand einer ersten Probe lässt sich höchstens das chemische Gesetz der Rotreaktion von Säuren bestätigen. Nämlich die Schullehrer in ihrer Allwissenheit machen gleichzeitig in Politik, einer Politik, zu der in namentliche Beziehung gebracht zu werden der alte Heimatberg sich füglich verbitten darf. Auf den Tatzenstecken der Pädagogen hat die schweizerische Oeffentlichkeit lange warten müssen. Er ist nun da in Form eines Pfannenstiels. Die Pfanne daran und der Braten in Form einiger Beiträge des Herrn Schriftleiters bleibt uns vorderhand mehr Andeutung als Versprechen. Wie sagt doch der liebe freundliche Claudius von seinem Kindlein: «Und geb Dir Zähne mehr in Deinen kleinen Mund, und immer was dafür zu beissen!» Das einzige Linksblatt, das von der literarischen Novität Vormerk zu nehmen die Aufraffung fand, belegte die Blaureaktion der dilettierenden Schöngeister. Dann Schweigen, Schweigen! Byland zählte auf die selbsttätige Wirkung der Wahrheit; aber er sprach wie in Watte hinein, die Auflagen blieben liegen, die Rechnungen häuften sich, und das Unternehmen krachte in sich zusammen. Nachträglich meldeten sich Aufmunterung und Bedauern in Briefen, welche Byland aus allen Ecken des Landes zugingen. Der Klub der Pfannenstieler gelangte an einen Wirtschaftsmann, welcher damals begonnen hatte, auf seinem Gebiete reformatorisch vorzugehen; er hiess Duttweiler; ihm trauten unsere Käuze die ihnen verwandte Unvoreingenommenheit zu und, was sie ebenso brauchten, die Fülle der Mittel. Die Mittel waren nicht anders als wieder mit Mitteln zu schlagen. Byland vermochte die Begabtesten, politisch verfehmte Hungerleider, mit halben Honoraren nicht beisammenzuhalten, davon abgesehen, dass er, der die soziale Hebung des Geistesarbeiters auch im Organ des Schriftstellervereins verfocht, nicht selber die Freiwilligkeit anrufen durfte. Die Verhandlungen mit Duttweiler berechtigten zu den schönsten Hoffnungen, ein neuer Wind begann überhaupt in der Stickluft umzugehen, die Vorgänge im Ausland riefen eine Menge Fronten politisch-geistiger Natur auf den Plan, darunter freilich auch solche, die zu bekämpfen die Patrioten aller Schattierungen sich angelegen sein lassen mussten. Den Pfannenstielern lag es ob, eine Mitte der Politismen, eine Mitte zwischen den Heimattümeleien und nationalem Kleinmut zu wahren. Ihre Absicht war die Pflege des Eigenen im Raume des Allgemeinen. Der Vertrag mit dem kaufmännischen Ketzer richtete sie zu sehr nach dem Grosskonsum aus und blieb ununterschrieben. Stapfers Hilfe war nicht zu bekommen gewesen. «Mir steht es gerade an,» hielt er Byland entgegen, «vor anderer Sünder Tür zu wischen. Zu fehlen ist menschlicher Fluch, das Uebel am Ganzen muss von der Zelle des Einzelnen aus gesunden.» Er hatte ein zauberhaft schönes Grabmal für Tilly gemeisselt. «Nehmen Sie's als mein Bekenntnis auch dafür,» sagte er still, «dass wir auf Schuld und Schmerz nicht anders als mit der Anstrengung zur Sühne im Werk antworten können.» Das Werk verstrickte ihn in Schwierigkeiten mit dem Naturschutzverein, der die erratischen Blöcke der Gegend verteidigte. Und Stapfer litt schwarzen Hunger. In der Arbeit am Grabmal den paar Verdienstmöglichkeiten gegenüber gleichgültig, verlor er die letzten Einnahmen. Byland unterstützte ihn zusammen mit einigen Lehrerinnen, die er für eine monatliche Gabe hatte gewinnen können. Die guten Häute unter ihnen, redliche alte Jungfern, die in der Einfachheit lebten, um wohltun zu können, waren gar keine Seltenheit, Byland wusste es. Mit ihrer Hilfe erhielt er den Eigenbrödler am Leben. Er vermittelte ihm auch den Auftrag auf ein Standbild am Sportplatz seines Kreises; der Eremit war für ein weiteres Jahr beschäftigt. Er verbrachte es still wie zuvor, kaum mehr als mit Byland verbunden, mit dem lebenden Byland und seiner Toten. Die Almosen, das erfuhr freilich niemand, gingen grösstenteils in der Fürsorge für das Kind auf. Es rutschte schon längst auf dem Boden herum. Die irdische Gerechtigkeit – das Unglück hatte ein Glück im Gefolge gebracht, die Frucht der Schuld gedieh rosig im Entzücken der Ahne. Im Herbst nahm ein Basler Buchdrucker Verbindung mit dem Obmann der Pfannenstieler, ein jüngerer Herr von Unternehmungsgeist und Idealismus; der «Pfannenstiel» auferstand. Seine Hefte erschienen mit der Pünktlichkeit der altrenommierten, wenn auch nicht in deren äusserer Feudalität; die Bemessenheit der Mittel zwang zur Einschränkung. Byland leistete seine Arbeit ohne Bezahlung; dafür liess sich der Verleger alles zugunsten der Werbung kosten. Byland schrieb Zirkulare, die gedruckt an den Buchhandel, die Kiosk AG., die Lesegesellschaften und Bibliotheken gingen; Byland schrieb tausende von Aerzten, Rechtsanwälten, Pfarrern, Kunstgewerblern, Beamten aus Adressbüchern heraus, das Doppel der Auflage ging in Freiexemplaren ab; Byland verteilte eintausend Stück in der Lehrersynode, was drei Bestellungen einbrachte. Byland zog sich den Tintenfisch der Schreibmamselln, die Schmähbriefe der Schillerkragen auf den Hals; die Nuditäten seiner Graphik entzündeten Schwefel und Donnerhall in den Landen – nur die Fachschaft schwieg. Auch die Gegner von Format, die er achtete, schwiegen. Die Diskussion über Fragen der Allgemeinheit, die er in Gang zu bringen versuchte, fielen unter den Tisch. Er schrieb Betrachtungen über das Verlagswesen – ein Band Gedichte seiner Feder war gegen Bezahlung herausgekommen – Betrachtungen über den Buchhandel in seiner kulturellen Bedeutung, Betrachtungen über Schundliteratur des Imports, Betrachtungen über das Feuilleton, über die Wirksamkeit des Schriftstellers in Frankreich, über Segen und Konflikt seiner Berufstätigkeit. Er unternahm eine Attacke auf X. Y., den Grossbuchdrucker. Er schrieb von den stillen einsamen Arbeitern der Wissenschaft, Landschulmeistern, die sich zu Autoritäten in Botanik, Geologie, Bienen- oder Wetterkunde hinaufgearbeitet hatten; er brachte in Abbildungen die gemalten Schatullen, die Mazzen, Wurzelmännchen, Wegweiser der zeitgenössischen Bauernkunst. Er erzählte das Leben eines technischen Autodidakten, schilderte seinen Kampf mit Patentanwälten, Lizenzinhabern und, in seiner ermüdendsten Form, mit der Zugeknöpftheit der Geldbesitzer. Ja, und hierin wurde er ausfällig. «Geld die Menge im Lande», schrieb der junge Doktor, «die Banken knarren – vom Stocken der Embolie. Wir wollen den sauberen Volksstaat. Wir wollen den Kreislauf des Blutes. Wir wollen die Mittel frei für jedes Gebiet des Schöpferischen.» Er druckte eine Rundfrage über die Freiwirtschaft. Er machte eine Nummer über Neutralität, mit Beiträgen von Koryphäen der Rechts-, der Geschichtswissenschaft, der Politik. Das Stillschweigen war wie Granit, war wie Gas. In seinem Lande hielt man mit Zuspruch zurück, das zog er in Betracht, während Herr Eingesandt, meist anonym, mit seiner Belehrung nicht sparte. «Wer sind denn eigentlich Sie, junger Mann?» hiess es in den Zuschriften. «Worüber, über welche Leistungen haben Sie sich ausgewiesen?» Ist ein Oeuvre im Rücken vonnöten, damit man die Wahrheit sehe? «Wie manchen Doktor haben Sie, da Sie in alle Disziplinen hineinschwätzen? Verwechseln Sie doch nicht das Vaterland mit Ihrer Schulstube, in welcher Zensuren und Rüffel auszuteilen Ihr unbestrittenes Recht sein mag.» Die Künstlernerven ertrugen alldas nicht ohne Anfechtungen. Die Luft von Hass und Verleumdung drückte ihm auf die Seele; im Kleinmut der Zweifel suchte er Stapfers Beistand. Mit all der Nachtarbeit unterhöhlte er seine Kräfte; Wehleidigkeit übernahm ihn. «Ich meine selbstlos ihr Bestes, sie aber verdrehen mir alles ins Gegenteil. Letzten Endes will ich nicht recht haben, nur mit ihnen zusammen über Dinge klar werden, die auch ihnen, ich sehe es ja, Problem sind. In der Demokratie spricht man doch miteinander. Allein es ist alles Tabu: das Positive, das Negative, die Nöte, die Hoffnungen, das Private, das Oeffentliche, das Alte, das Junge, alles ist Tabu. Und da beklagen sie sich, keine Dichter zu haben! Wie soll sich ein Dichter regen, da ihm das Recht der Amsel, Jubel und Herzeleid im Namen aller auszurufen, als persönliche Wäsche, die Behandlung des Oeffentlichen anderseits als Unverfrorenheit ausgelegt wird? Da haben sie ihre «Altmeister», Gottfried Keller als Nationaldichter und Kronzeugen eines Liberalismus, welchen der Freischärler ebenso wie noch der alte Salander weiss Gott anders als die Herren des saturierten Bürgertums meinte. Ich kann mich nicht daran trösten, dass sie mit dem Grünen Heinrich oder dem randalierenden Jüngling Pestalozzi ebenso hochnäsig verfuhren: ich bin in der Tat weder Pestalozzi noch Keller.» «Reden Sie das den Bonzen nicht leichtfertig nach. Wie deutlich den Grossen das Bewusstsein ihres Genies schon in Jugendtagen ist, darüber wissen wir nichts Verbindliches. Was sie auch waren, vor der Welt waren sie Schnapphähne, unser Landsmann hätte sie damals so wenig wie nachträglich erkannt. Geben Sie mir die Briefe da, ich will mir einen Spass daraus machen, ein Kabinettchen Ihrer Monatsschrift mit Randbemerkungen dazu auszustaffieren.» So beteiligte sich Stapfer fortan in einer Spalte, die er das Oktogon nannte und mit Schnitzeln verschiedensten Gegenstandes füllte. Er zeichnete mit seinem Namen Pfannenstiel, nahm Lob wie Boshaftigkeit dafür entgegen und hatte von der Sache die Errungenschaft, sich an ihrer Hand in das Weltgetriebe zurückzufinden. Dieses machte sich auch zunehmend auffällig mit Vorgängen, welche vorerst als Eulenspiegeleien oder bestenfalls historische Reminiszenzen eines abgeblassten Jahrhunderts erschienen. Die drolligen Gesellen, welche die Menschheit eine Weile damit gaudiert hatten, sich allerlei Troddeln, Napoleonshüte und Säbel aus den Truhen der Geschichte aufzustecken, fingen an, ernstere Spässe vorzuführen; es erging der Welt mit ihnen wie Eltern mit ihren Kindern, über deren Kapriolen sie sich totlachen; auf einmal wollen sie sie als zu weitgehend einschränken und erfahren zu spät, dass die Rangen, ihrer Botmässigkeit entwachsen, in keiner Weise mehr zu bändigen sind, es läuft weiter von Streich zu Streich, und unversehens steht die Bude in Flammen. Jedes einigermassen starke Ereignis kommt den Zeitgenossen als Gipfel des Möglichen vor; wie die besagten Eltern lassen sie's noch einmal durchgehen, die Rangen sind aber erfindungs- und listreich – wenn je, so erlebten die Völker davon ein Beispiel in dem Jahrzehnte, das unsern Pfannenstielern an ihrem Orte zu schaffen machte. Sie beteiligten sich an der Debatte freimütig in dem Sinne, dass sie die Gelegenheit wahrnahmen, Art und Aufgabe eines Volksstaates klarzulegen, dem ein Recht zukam, sich seiner Haut zu wehren. Es gehörte dabei zu ihrem Leidwesen, das Bestehende, wenn sie ehrlich waren, nicht durchaus als Vorbild hinstellen zu können; sie kamen durch ihre Kritik an den Verhältnissen des Vaterlandes rechts in den Geruch von Umstürzlern, den Linksleuten schlugen sie damit ins Kraut, dass sie lieber als wie alle Welt auf die Diktaturen zu schimpfen, die Mängel am Eigenen herausstrichen, nicht zum Zwecke der Selbsterniedrigung, vielmehr als gläubige Republikaner, die es kränkte, sich in Dingen verspottet zu sehen, deren Ungehörigkeit ihnen selber schmerzlich zu schaffen machte. Byland fuhr eigens nach Bern, um eine Reportage über das Parlament vorzubereiten; über der Ohnmacht der Feder verzweifelte er an der Hoffnung, mit dem Mittel des Wortes zu wirken: «Man müsste ein Stuhlbein nehmen und hingehen, sie aus den Fressbeizchen an ihre bezahlte Arbeit zu jagen,» schnaubte er unter Freunden. «Andere beugen sich einem Tyrannen – wir beugen uns tausenden, Sekretären, Bonzen, Gelddiktatoren! Aus dem Grunde, als ich gegen den Tyrannen bin, bin ich gegen die Tyrannen. Dass sie sich tarnen, macht sie nicht angenehmer.» Die Grossdruckerei klagte auf Kreditschädigung. Stapfer machte eine Glosse darauf. «Unser Freund Byland», schrieb er im Oktogon, «soll gegessen werden. Wie kann er aber auch die Bedingungen des Lyrikers mit denen eines Grossverlegers verwechseln! Er irrt in der Ansicht, auf dem Boden des Schrifttums im Kollegenverhältnis mit ihm zu stehen. Er, der sich für einen Diener am Geistigen hält, vergisst, dass ein Unternehmer von der Art des Herrn X. Y. auch den Musen gegenüber als Arbeitgeber auftritt. Die Literatur ist ihm ein Land nicht der Verpflichtung, sondern der wirtschaftlichen Ausbeutung. Er nimmt das Gebiet der Rendite in Pacht und bezahlt für sein Patent auch nicht einmal eine Gebühr. Sie bestünde, behaupten wir, in einer Leistung zugunsten der weniger einträglichen, aber eigentlichen Reservate des Geistigen, einer Fauna freilich, die Herrn X. Y. noch nie vor die Flinte gelaufen ist. Hat er einmal einen Erstling riskiert? Hat er ein Gedichtbuch herausgebracht? Herr X. Y. gibt Belletristik nur in der Form seiner Wochenblättchen, deren Abonnement er kaufmännischerweise mit einer Unfallversicherung verbindet. Apollo AG. mit beschränkter Haftung. Dionysos in der Rentenanstalt. Byland hat diese Wochenblätter rezensiert und nicht gut befunden. Hat jemals ein schlecht rezensierter Dichter das Gericht angerufen? Die Freiheit der Kritik verpflichtet ihn, den Befund des zufälligsten Idioten zu schlucken. Herr X. Y. aber klagt auf Kreditschädigung und geht damit in die ihm gestellte Falle. Ihm sei alles Geschäft, war unser Vorwurf an seine Adresse. Es kränkte das Rudiment von literarischem Gewissen in ihm, und der Kaufmann leitete die Klage ein. Dem Kaufmann sei mitgeteilt, dass die Klage, die er sich anmasst, überhaupt nicht in seiner Kompetenz liegt. Der Kaufmann verlege weiter seine Kursbücher, Revuen, Radiozeitungen und Modejournale; mit Zeitschriften begibt er sich auf das Gebiet unserer Zuständigkeit, aus welcher heraus wir ihm noch so oft als er will auf die Finger schlagen. Pfannenstiel.» In Beantwortung der Zuschrift eines Ungenannten schrieb er für die nächste Nummer: «Mitnichten haben wir den Geist gepachtet, aber wir halten uns für Arbeiter in seinem Weinberg und schämen uns nicht, es zu sagen. Aus Ihrer Denkweise heraus müssten Sie dem Priester seinen Talar als Unbescheidenheit ankreiden. Dass der Banaus in seiner Ungeistigkeit die Beschäftigung mit dem Geistigen Unbescheidenheit nennt, ist schon ein drolliges Paradox. Ein Kerl, der hingeht, Kunst publiziert und sie aus dem heraus, was für Bescheidenheit gilt, schlecht macht, übt das Raffinement der Eitelkeit. Der Ehrenmann befleissigt sich der einen Bescheidenheit, sich höchstens seiner Treue und Ausdauer zu rühmen. Treue und Ausdauer sind sein Teil im Gelingen, die ewigen Ordnungen nicht zu stören. Diese sind höheres Eigentum und der wahren Bescheidenheit ausserhalb aller Verdienste. Treue und Ausdauer sind es beiläufig, die uns gebieten, in diesen Blättern keine Eiertänze vorzuführen, vielmehr die Dinge beim Namen zu nennen und sei es der Name des Eigenen, sofern es nur lehrreich für's Allgemeine ist. Die Objektivität, die in Abstraktionen spricht, baut Tempel oder doch Akademien; diese im Lande zu vermehren schien uns kein Erfordernis, und so machten wir diese Klinik auf. Pfannenstiel.» Ihr Ansehen blieb schleierhaft. Nach den Zuschriften beurteilt, konnte es die Inhaber schwerlich für Arbeit und Plage entschädigen; ihr Aktivposten, das Schweigen der Gönner, war auch aus dem Verkauf nur schwer abzuschätzen. Er bewegte sich stets um die Grenze des gerade noch Tragbaren herum. Bedingungslos war das Lob nur der Glücklichen, denen sie Kinder aus der Taufe hoben, ein Lob auch dies, welches sie mit der nächsten redaktionellen Ablehnung verscherzten. Zweierlei überraschte den jungen Schriftleiter: die Menge der Schreibenden und ihre Kränkbarkeit. Hatte er den Geldbeutel für das verwundbarste Glied der Eidgenossen gehalten, so erwuchsen ihm eigentliche Ueberfälle nun aus der Unvermeidbarkeit, die Meute der schönen Seelen zu reizen. Der Umfang des Künstlertums im Lande hätte ihn angenehm überrascht, wäre das Erlebnis davon nicht im Eindruck des Missverhältnisses von Selbstbewusstsein und Talent der Musensöhne und -töchter so vollständig aufgegangen. Er sah mit Augen ein Vaterland, in welchem jedermann schrieb und daher nicht las. Der Anfechtungen, in denen er verzagte, gab es genug, ihre schlimmste war die aus dem Zweifel, in welchem er sich selber vom Standpunkt der Gegner aus sah und sich sagte: Bin ich unfehlbar? Grosser Gott, wenn ich irrte! Ich machte mich laut mit Tadel im Versäumnis der Leistungen in der Stille! Denn das Blatt frass ihn richtig auf, jagte ihn bis zur Erschöpfung, in welcher die Kräfte zum Schaffen nicht mehr ausreichten, und es waren möglicherweise die wohlmeinendsten seiner Freunde, die es beklagten, ihm sein Wirken als Kärrnerarbeit verwiesen. Gut, sagte er sich in seinem wehmütigen Trotze, gut, ich lese den haufenweisen Mist auf Kosten des eigenen Werkes; gut, ich mache mich völlig unmöglich ohne Aussicht, das Geringste zu bewirken; gut, sie schweigen, sie wollen nicht an den Köder, sie glauben, mit ihren privaten Komplimenten bezahle ich die Honorare: Wer, der ein Ziel vor Augen sieht, erreicht es ohne seinen Ort zu verlassen? Die Händlerweisheit, die nur mit den Garantien geht, ist zuletzt meine Weisheit. Und ein ganz kleinwenig war seine Zeitschrift ja auch die Planke, an der er sich hielt; so gründlich hatte er sich das Feld verdorben; dass er in anderer als eigener Erde so schnell nicht wieder pflanzte. Schliesslich stand er am Anfang, war in der Tat niemand, während Stapfer die völlige Einsamkeit mit seinem Manneswerk teilte; man sah ihn jetzt das Söhnchen auf der Lenkstange in seinen Horst hinauffahren; man sah ihn niemals mit Frauen, seit Jahr und Tag in dem Anzug, der ein Stück seines Leibes zu sein schien, lebte er der Arbeit, lebte er aus Gott weiss welchen Mitteln, heiter im Grunde, durch irgend ein Geheimnis überlebensgross von Erscheinung. Bylands bewundernde Liebe war ihm mehr als er sich anmerken liess, und das noch bezog der junge Mann auf die paar Gelegenheiten der Hilfeleistung mehr als auf innere Verdienste, mit denen er dem Meister zur Stärkung diente. Dessen Arm war es gewesen, der den Grossbuchdrucker samt seinem Advokaten über den Tisch hinabstrich, das Oktogon erwies sich als eine Zitadelle, die sich hinlänglich in Respekt gesetzt hatte, selbst Patentjäger von X. Ypsilons Schlag zu vertreiben; sein Prozess war im Sande verlaufen. War es hierin ein leichter Sieg gewesen, so sollten die beiden Freunde um die gleiche Zeit mit ihren Turnern desto schwerer zu ringen haben. Turnern? Wir erinnern uns der Bestellung, welche bei Stapfer aufzugeben der junge Lehrer in der Lage gewesen war. Die Geschichte dieser Standfigur ist eine Leidensgeschichte. Nicht allein dass Byland mit seinem Liebesdienste zur Unzeit kam, Martin gerade begonnen hatte, auf Baumgartners Land seinen Bach aufzustauen, in der Absicht, ein kleines Kraftwerk zur Beleuchtung seiner Räume anzulegen – der Sportler wollte ihm auch nicht gelingen. Er hatte einen Vorschuss darauf bezogen, durch Bylands Manöver, der die Summe aus eigener Tasche heimlich zum Auftrag hinzugab; ausserstande, das Geld zurückzuerstatten, was er, sich der Plackerei zu entledigen, nicht gescheut hätte, sah er sich obendrein einer Lieferfrist gegenüber, die mit Rücksicht auf Byland einzuhalten er entschlossen war, die ihn daher auch in der Erfindung lähmte. Nun hatte die Zeitschrift den Aufsatz eines Architekten gebracht, welcher die öffentliche Kunst der Stadt Zürich einer Betrachtung unterzog; daraus war eine Kampagne entstanden – die einzige, bezeichnenderweise negative, in der sich die Presse mit den Pfannenstielern auseinandersetzte. Es ging um eine Spezies freundlichen Kitsches aus den Gründerjahren und im Endkampf hart auf hart noch um den Turner am Alpenquai, jenen Poseur mit Becher: «Vaterland, nur dir!» ein gefälliges Bürschchen von belanglosem Naturalismus. «Sein Standort in Gebüsch entzieht ihn wenigstens der Auffälligkeit,» hatte der Pfannenstieler geschrieben; «doch ist schon der Standort eine Usurpation dieses Machwerks: Dem Gebirge genau gegenüber an der Gürtelschnalle des Ufers, schreit er geradezu nach der Zusammenfassung im Ausdruck eines Kunstwerks, das verstünde, das Ganze der einzigartigen Landschaft im Symbol zurückzustrahlen – und der Kranzpatriotismus wirft ihm diesen Knochen hin! Vaterland, «nur» dir! Den Kerlen ist das Vaterland ebenso wie die Kunst Bombast, aber sie haben in beidem zu machen die Verlogenheit, und so kommt es, dass die Kegelbrüder der Quartiervereine in Belangen der Kunst bestimmen, so kommt es, dass sie den Gemeindebesitz mit ihrem Ehrengaben-Geschmack verschandeln.» War es nun, dass von den gerüffelten Kegelbrüdern noch welche lebten, war es die Nachkommenschaft einer Gattung, ihre Presse antwortete mit einer Zurechtweisung der entschiedensten Art, anhand ihrer Monopole auf vaterländischen Geist, wies den Jugendmut in die Schranken seiner Zuständigkeit, Ideale der Väter mit den eigenen heimzuschicken, aus Naseweisheit, diese für bleibend zu halten. Die Stimme der Arbeiterschaft äusserte sich unter dem Motto «Ihre Sorgen möchte ich haben!» so: «In der Zeitschrift der schweizerischen Kulturspezialisten und Avantgardisten, im «Pfannenstiel» («Pappenstiel»?), unterzieht ein eifernder Schöngeist die Garderobe unserer Stadt seiner kritischen Betrachtung. Nicht ohne Witz macht er sich über den Baustiel des stinkverlogenen Bürgertums lustig, diese Fassadenarchitektur aus zusammengestohlenen Elementen Klassizismus, Jugendstil und Hausfrauenpützelei; er schreibt von der Schuttablagerung des Protzentums mit einem Schneid, der ihn ehrte, wenn nicht eben sein heiliger Zorn der Zorn lediglich eines Aestheten wäre, der, ohne Ahnung der wirklichen Kausalitäten, seinerseits an der Oberfläche herumlaboriert. Zu welchem Unrecht, zu welcher eigentlichen Unverfrorenheit das Messer in der Hand der Halbbildung verführt, erhellt aus des Verfassers Darlegungen über die Arbeiterquartiere noch deutlicher. Hat der Mann einen Hochschein von der Herkunft der Hässlichkeiten, die hier sein empfindsames Auge verletzen! Möchten sie eher sein Herz verletzen, wir zollten ihm unsere Hochachtung. Was schon gar die Bronce betrifft, um die eine Schlacht im Gange ist, so brechen wir unsere Lanze weder für die Sache der Geschmäckler noch für die der Sackpatrioten; wir sparen sie auf bessere Austräge hin und bemerken zum Thema nur das eine, dass wir, weit entfernt davon, am bekennerischen Pathos dieses bürgerlichen Turners Gefallen zu finden, uns für den Ersatz wohl noch schwerer erwärmten. Nachgerade genügelt uns auch der Snobbismus neuzeitlicher Prägung. Vor die Wahl gestellt, entscheiden wir uns ohne Kopfzerbrechen für das Natürliche, dem auch die Liebe der Natürlichen gehört, entscheiden wir uns keinesfalls für die modische Elefantiasis in der Plastik, deren Gummibeine und Birnenköpfe; wir riskieren das Odium des Ignorantentums mit dem Bekenntnis zum Volkstümlichen in Dingen der Künste ebenso wie der Politik. Vielleicht ist die Zeit nicht ferne, da man der sauberen Arbeit, der Ehrlichkeit der Beobachtung und der Schönheit des Schlichten die Ehre zurückgibt, die ihnen die handwerklichen Nichtskönner aller Professionen, einschliesslich der Politik, pfäffischerweise genommen haben.» Die Pfannenstieler sahen einander an. Es ist aussichtslos, dachte Byland; in dem Zwiespalt aus Ermüdung und Jähzorn schwankte er zwischen dem Entschluss, seine Bude zu schliessen, und dem zu der letzten Rücksichtslosigkeit, den süffisanten Verleumdern ihre Wahrheit herauszusagen: Dreckige Köter, wer seid ihr? Ach, die mit der Gewohnheit, an den Sockel des Höheren zu pissen! Zwischenhinein erfasste ihn ein Schrecken: Hatte er die Urmasse in Verwaltung? Jeder glaubt sich im Rechte, und einer muss ja wohl irren. Was ihm als Wahrheit erschien, blickte ihn an mit Augen, die um Verteidigung baten. Wo grenzen Adel und Anmassung des Erziehers aneinander? Darf er in seiner Schulstube bleiben, wenn er die Themen der Welt sieht? Das Vaterland in der Herrschaft der Rationalisten blickte auf ihn, den Träumer. Das Vaterland hatte Anspruch auf seinen Teil der Erkenntnis. Somit mässigte er sich im Affekte, begab sich ins Oktogon mit dem Ernste des guten Willens. «Es gibt nichts Kleines. Wir meinen nicht Häuser, wir meinen die Architektur. Wir meinen nicht die Architektur, wir meinen den Geist, der sie bildet. Wenn ein Mensch, überfahren, auf der Strasse verblutet, laufen die Lebenden um ihn zusammen. Wir sehn eine Stadt, eine Architektur, ein Jahrtausend verbluten und sollten nicht auch zusammenlaufen? Wir sollten nicht davon reden dürfen? Wovon zu reden verlohnt es sich, wenn die Agonie des Geistigen in der Welt uns kein Gegenstand mehr ist? Von der Leiche zu reden verlohnt sich den Würmern. Oder wollen uns die Materialisten davon überzeugen, der Leib sei vorangegangen? Die Sozietät, wäre sie primär im Axiom, verbürgte der Gegenwart die kulturelle Ueberlegenheit vor dem Mittelalter. Die Sozietät ist, der Vollkommenheit fern, doch wohl so, dass der Bauer von heute nicht mit dem Bauern des Feudalismus, der Lohnarbeiter nicht mit dem Hörigen von damals tauschte. Dessen ungeachtet hatte das Mittelalter seine Kathedralen und Riegelhäuser, wir haben das Simili allerenden. Das macht, es hatte uns den Geist voraus, eine Wohlgestalt des Glaubens, deren Gesetzlichkeit sich im Griff ihrer Hand abformte, und das ist genau was wir meinen: Ein Brunnen, der es sei, ein Gitter, ein Giebel, eine Klinke, immer war es im Ganzen zu Hause; die Harmonie wuchs ihnen Zelle an Zelle aus sich selber, wuchs organisch, wo wir kleben und zerren, wir mit unserer Allwissenheit und dem Gelegenheitskönnen – wir schaffen nur Einzelschönheit. Schönheit? Mit euerm Lächeln, ihr Toren! Die Schönheit ist nicht in der Netzhaut, sie ist der Grundriss Gottes. Ihr kommt nicht zu Rande mit den Anordnungen im Teile, ihr erreicht die Schönheit der Gesellschaft nur aus dem umfassenden Geiste. Die Technik ist ebenso böse als gut, sie ist Provinz, nicht das Ganze; die Kunst ist in ihrer Anwendbarkeit nie anders als gut; sie ist, wo sie Kunst ist, das gnadenhaft empfangene Ganze, Chiffre des Geistes und als Chiffre dem Sehenden lesbar. Die Sehenden sind keine Kaste, so wenig wie die Gläubigen eines Glaubens oder die Guten und Gerechten. Geht mir mit dem, was ihr volkstümlich nennt; es ist eine Scheidemünze.» So schrieb Byland in seinem Oktogon, schrieb es anscheinend im Selbstgespräch. Nun war es eine weitere Ueberzeugung von ihm, dass nichts so sehr wie Stapfers Märzjüngling die Eignung für jene Krokuswiese haben konnte; er brachte ihn durch Fotomontage hinein und setzte dem veränderten Bild eine schöne Aufnahme des Seeausblicks gegenüber. Das brachte über den Handel nachträglich die Beleuchtung der Vetternwirtschaft; Martin war der erste, ihn zu tadeln. «Für den Freund», erwiderte Byland, «verrate ich eine Idee; wieviel mehr diene ich ihr für ihn.» Die Wirkung war sichtlich nicht gut ausgefallen; Walther Byland kam es auf eine Scharte mehr oder weniger längst nicht mehr an. Er hatte das Grüpplein seiner Pfannenstieler, hatte den einen und anderen Bewunderer seiner Kunst; im übrigen empfand er die Feindschaft im Lande wie Leermond, empfand sie mit wechselnder Widerstandskraft – das noch, die Schulkinder hingen ihm an. In der Aufsichtsbehörde hatte er auch Verteidiger seiner eigenwilligen Art; im ganzen kam es ihm zustatten, nicht unmittelbar von ihr abhängig zu sein. Den Auftrag auf die Statue verdankte er einem Kollegen, einem Mitglied des Sportvereins im Quartier; der Presseskandal warf seinen Schatten auf die Angelegenheit auch. «Seid ihr euch reuig geworden?» fragte er den Vertrauensmann, ruhig entschlossen, die Enttäuschung entgegenzunehmen. Um die Frist einzuhalten, hatte Martin den Akt in Gips giessen lassen; das Provisorium hatte seinen Ort bezogen, sein Schöpfer ein Doppel davon angefertigt, das er weiter der Vorstellung entgegen entwickelte. Versionen pflegte Stapfer mit grosser Behendigkeit auf den Ausgangsstand zu bringen; hier begann freilich sein Bergsteigerschritt. Der Turner, ein umflorter Sinnierer wiederum, hatte keine drei Tage auf seinem Postamente gestanden, als auch schon die Intrigen gegen ihn einsetzten. Walther stellte sich taub, liess auch nichts gegen Stapfer davon verlauten. Soviel er verstand, ging es nicht um das Werk als Kunst, sondern darum, dass es ein Akt war und dem Gefühl einiger Kollegen nach aus dem Grunde nicht in das Weichbild der Schule gehörte. Ist ja nicht möglich, sagte sich Walther, dass sie auf solchem Einwand beharren. Allein sie beharrten und machten die Statue zu einem Konventstraktandum. Der Konvent ist das halbgewerkschaftliche Kollegium des Lehrkörpers. Sie achteten Byland und vermochten seine innere Beteiligtheit abzuschätzen. Es war auch nicht einer in dem Plenum, der als Museumsstück des Schulmeisters hätte gelten können; welcher hielte sich gegen den Spott des Schlagworts? Das Schlagwort ist eine Waffe, furchtbar nicht minder als die Zweihänder, die in den Waffensälen rosten, lange nachdem ihre Wucht den letzten Kopf vom Stengel gehauen hat. Die Wortführer der Gegenmeinung waren kirchlich gesinnte Ehrenmänner, weitsichtig genug, einleitend die eigene Beweisführung von einem vorausgesetzten Standpunkt aus in Relativität zu versetzen. Sie hielten sich denn zunächst auch mehr an fachliche Ueberlegungen, wiesen auf die Nachbarschaft eines etwas odiösen Waldbestandes und der Klosettanlage hin, mit Betonung ihrer Nachteiligkeit für das Kunstwerk selber. Alles das liess sich hören und beschwichtigte Byland; nur zog er den umgekehrten Schluss. «Lasst den Akt stehen, so verleidet ihr den Pornographen die Arbeit.» Darin stak eine Weltanschauung, die zu belegen er nach einem kleinen Atemholen unternahm. «Es gibt nichts Kleines!» begann er in lächelnder Anspielung auf seine allenfalls bekannte Replik im «Pfannenstiel». «Wie stehen wir diesbezüglich? Wir leben in der Schweiz, im Lande des freien Wortes, das aus dieser oder jener Weisheit oder Klugheit oder Vorsicht oder Feigheit nicht zu ergreifen eine Spezialität von uns ist, über welche sich manches sagen liesse. Zur Diskussion steht das Thema der Nacktheit. In meiner Gegenwart sozusagen als Angeklagter, sehe ich mich da der Aufgabe gegenüber, die Bläue des Himmels zu beweisen. Ich soll einen Hasen schiessen, welchen ich nicht erblicke. Was ist an der Nacktheit, welcher Art die Gefahr? Sie verletze das Schamgefühl. Nur der Naturalismus verletzt es; ein Kunstwerk in der Souveränität seines Geheimnisses verletzt das Schamgefühl nie. Es kränkt nur die Prüderie, oder das Muckertum freut sich, einen Gegenstand seiner wollüstigen Anfeindung in ihm gefunden zu haben. Prüderie und Muckertum sind nicht die Tugenden, für die wir uns einsetzen. Denken wir die Konsequenzen aller Dinge zu Ende. Wäre es die Wahrheit, dass das Kunstwerk verletzt, welches müsste die Folgerung sein? Alle Unverhülltheit zu vernichten oder in Galerien zu verbergen. Der Gedanke verletzt ein Schamgefühl, sublimer als das der alten Tanten. Mir geht es hier nicht um ein Kunstwerk, mir geht es um die Einschätzung der Kunst. Entweder glaubt man an die Funktion der Kunst, dann haben wir kein Kunstwerk zuviel, wohl aber einige zu wenig im Lande, oder man glaubt nicht daran, dann gibt man auch keine Bestellungen auf. Es ist wahr, bei uns bleibt kein Kunstwerk vor Narrenhänden verschont – aber spricht das gegen das Kunstwerk? Es spricht allein gegen den unter uns herrschenden Geist. Hat die Verhüllung je eine Neugier entmutigt? Sie hat sie stets nur gereizt und auf Wege des Gemeinen abseitsgelockt. Vertrügen wir's weniger als andere Völker, die Schönheit an unsere Strassen zu stellen? Ich darf's ohne Probe nicht glauben. Das Neue an der Sache, ich versichere Sie, wird seine Sensation bald verloren haben. Was wollen wir uns wünschen, das Duckmäusertum einer Jugend, die in den Aborten herumzeichnet, oder die Ueberlegenheit aus innerer Freiheit, die Umgebung des Schönen nicht nur zu dulden, sondern in ihrer Wirkung auf das Unbewusste auch zu empfinden? Wir sind nicht reich am Musischen und können es uns schlechterdings nicht leisten, uns um den Besitz von Vollendungen zu verkürzen; das nebenbei gesagt – meiner Auffassung nach geht es in dem Beispiel um einen Entscheid von Bedeutung der Grundsätzlichkeit, weshalb ich nicht, wie es mir angenehmer wäre, darüber hinweggehen kann, vielmehr mich verpflichtet sehe, Sie mit der Hartnäckigkeit eines Menschen zu bemühen, der seine Lebenshaltung verteidigt.» Wie immer, wenn er sprach, umgab ihn Stille der äussersten Aufmerksamkeit, einer Aufmerksamkeit aus Erwartung, Anspannung, zu verstehen, und ein kleinwenig spöttischer Reserve. Kollege Byland war ein Schriftsteller, ein Dichter von heimlicher Geltung, als Publizist umstritten; selber gewohnt, sich ein Urteil zu machen, pflegten sie seinen Wunderlichkeiten unbestechlich, aber respektvoll auf die Finger zu sehen; minder liebenswürdig und bescheiden in seinem Umgang, hätte er den Grad von Wohlwollen nicht besessen, der Widerspruch ihrer anderen Art hielt sich stets auf den Beinen. «Wir kennen alle Herrn Dr. Bylands hohe Auffassung der Kunst und seinen Ernst, die Probleme in ihrem Kern zu ergreifen», sprach der Kirchenmann, der als Hausvorstand die Sitzung präsidierte. «Nichts könnte mir ferner liegen als die Absicht, seinen Ueberzeugungen nahezutreten. Sein Vermögen, das scheinbar Beiläufige in höchsten Zusammenhang zu bringen, ist Dichtervorrecht, um welches wir ihn beneiden. Seine menschliche Reife in der Allgemeinheit vorausgesetzt, hätten wir nichts für sie zu fürchten; leider leben wir nicht in Athen –» Das war von dem christlichen Schrittmacher spöttisch triumphierend gewiss eher als so gemeint wie er's aussprach. Walther stieg das Blut in den Kopf: «Das kann man wohl sagen,» rief er mit dunkler Stimme vor sich hin. Auch der Sportsmann hatte so gehört. «Nicht dass mir der Puritanismus besser gefiele», votierte er. «Ich bin mit Herrn Dr. Byland der Meinung, dass wir ein paar hellenische Götter ohne Schaden für unser Bekenntnis hereinbringen dürfen.» «Kollege Isler betont den Puritanismus nach dessen kleinlicher Seite hin,» antwortete der Hausvorstand. «Gerechtigkeit der Etymologie lässt ihm sein eigentliches Wesen, das im Streben nach Reinheit besteht –» «Er hat es», maulte Isler, «zu viel mehr als Reinlichkeit nicht gebracht. Für solche sind wir weltbekannt; die Properkeit unserer Quartiere, Omnipotenz der Verkehrspolizei und dergleichen halten wir für Kultur. Was aber die Reinheit anbetrifft, die Schönheit der Seele selbst bei Fehlbarkeit des Fleisches, so bin ich mir nicht im Zweifel darüber, wofür sie sich hier entscheidet, wenn sie zwischen einer Statue und der mit allen Schikanen ausgestatteten Bedürfnisanstalt zu wählen hat, und was will man auch sagen: das Bedürfnis ist unbestreitbar.» Wie ihn Walther für seine mürrische Gradheit liebte, diesen alten Hagestolz und heimlichen Säufer mit dem Stumpen im Schnurrbart! Auch er genügte der erforderlichen Vorbildhaftigkeit eines Volkserziehers nur mit Ausnahmen, wurde in den Schenken beduselt vorgefunden und verausgabte sich vielleicht ein bisschen zu sehr in seiner Liebhaberei für das Turnerwesen, dessen Feste einen altbewährten Initianten und Organisator in ihm besass – er war ein kurzweiliger, beliebter Lehrer, von schönem Mass seiner Kameradschaftlichkeit und Strenge gegen die Kinder; er las, er bedurfte der Bücher für seine einsamen Abende, machte aber kein Aufhebens von seiner Belesenheit, und dahin zu kommen, dass er trank, mochte in Entbehrung der Liebe – er war hässlich – ebenso wie in geistigem Ungenügen begründet sein. Indem Byland ihn mit Träumerei seiner Dankbarkeit umgab, sprach Isler immerfort weiter. « . . . Von Tugenden erwarte ich Taten, von Ueberlegenheiten die Sichtbarkeit. Ich sehe die äussere Bravheit, die Konvention der Schicklichkeit, und sehe die Pornographien, den tappigen Eros des Stammgastes, den Keglerverein in Paris. Wo man das Böse am Fremden herausstreicht, unterstreiche man dessen Gutes; das Eigene wird zur Genüge gelobt. Auf der ganzen Welt und in allen Jahrtausenden hat der Puritanismus keine anderen Früchte als die von Verdrängungen gezeitigt. Schwören wir nicht zu hoch darauf, sehen wir lieber der Natur in die Augen. Wenn das Pissoir stört, kann man ja auch das Pissoir entfernen. Das andere wäre ein gar zu peinliches Symbol.» Damit guckte er seinem Zigarrenstummel ins Gesicht und verstummte. «Beide Kontrahenten vergessen, dass ein Widerstand da ist, auch im Volk –» «Selbstverständlich.» «Ich fände es nachteilig für die Lehrerschaft, wenn der Antrag von aussen kommen, ihr sozusagen mit dem Dreschflegel gewinkt werden müsste –» «Ich fände das Gegenteil schandbar», brach der Doktor nun aus, «und müsste mir vorbehalten, mich von dem Inquisitionstribunal öffentlich auszunehmen!» «Mir scheint denn doch,» rief ein jüngerer Mann in den Tumult hinein, «wenn Leute da sind, deren Gefühl sich an dem Gegenstand stösst . . . » «Der Gegenstand ist diskret reduziert,» warf Isler dazwischen. « . . . , dann wäre es undemokratisch, ihnen den Anblick aufzuzwingen.» Isler verging der Humor. Die Aussprache wogte durcheinander, er aber hatte das Turnerorgan, sich vernehmbar zu machen. «Aha! Wogegen es demokratisch ist, dass die Mucker ihr Gesetz diktieren! Kommt nicht in Frage! Demokratie ist nicht die Verbindlichkeit der Durchschnittsmeinung.» «Ich muss», versuchte das Präsidium anzubringen – der Mann in Goldbrille wartete die Beruhigung ab – «ich muss schon dringlichst bitten, Apostrophierungen wie Mucker zu unterlassen. Herr Dr. Byland wie Herr Isler belieben sich ihrer zu bedienen und geben der hoffentlich erlaubten Aussprache damit nicht den Ton, der ihre Sache förderte . . . » Jetzt wurde es Isler zu viel. Er würgte seinen Stumpen im Aschenbecher aus und schrie den Widersacher an; ein allgemeiner Aufbruch, halbwegs der Ratlosigkeit, halbwegs des Protestes setzte ein, sodass die drei oder vier Kampfhähne, stehend, ihren Strauss allein fortführten. Sein Verlauf ergab eine plötzliche Besänftigung, in der man einander zu verstehen suchte; Bylands höfliche Natur litt den Ausgang in Hässlichkeit nicht, davon abgesehen, dass sein Bewusstsein die Verwirrung der Begriffe überblickte; Isler freilich schwieg melancholisch ernüchtert. «Man muss ihnen Zeit lassen,» äusserte Byland nachträglich gegen ihn, überzeugt, dass sie am Ende der Ueberlegungen das Ding auf sich beruhen lassen würden. «Da kennst du die Sorte schlecht, und ich verüble es dir einwenig, nicht im Stolze durchgehalten zu haben. Man vergibt sich immer etwas, wenn man den Banausen Gerechtigkeit widerfahren lässt, sie so ernst nimmt wie sie es weder verdienen noch vertragen; jetzt tun sie dir schön, um hinzugehen, ihre Kindsköpfe durchzusetzen. Sie geben sich so versöhnlich nur weil sie sich entschlossen wissen, die Schlacht für Christum zu gewinnen.» Isler kannte die Menschen richtig. Die Frommen reichten auch ihre andere Backe noch dar: es gab eine zweite Sitzung über das Thema. Isler bestritt es allein, auf die Backen zu schlagen; Walther drückte sich davor, aus Gründen, über die er sich mit dem Bildhauer aussprach. Diesem war Byland zerknirscht vorgekommen, die letzten Wochen. «Du müsstest es als einen Verrat von mir empfinden, auch wenn die Eingabe an den Stadtrat nicht zustandegekommen wäre. Ich konnte innerlich nicht mehr, ich will dir gestehen weshalb. Ich fühle mich schuldig und daher ausserstande, die Festigkeit gegen den Gegner aufzubringen, aus der heraus man, wenn irgend, überzeugt. Ich habe inzwischen einen moralischen Defekt bekommen und fühle mich den Ehrenmännern gegenüber wie Jeanne d'Arc nach ihrem Sündenfall. Damals sprach ich aus reinem Gewissen heraus; meine Schuld setzt die pathetischen Ausrufungen rückwirkend ins Licht der Heuchelei. Wenn sie wüssten oder erführen! muss ich mir nur immerzu sagen; manchmal in der Nacht glaube ich Schluss machen zu müssen.» Wird nicht so schlimm sein, besagte des Freundes Miene. «Auch du überschätzest mich. Was ihr von mir denkt, entspricht der Wahrheit, aber nur ihrer einen Hälfte. Für das Ganze sinnbildlich ist die Doppelnatur meines Eros . . . » «Darin stehst du einzig da!» «Es gibt erlaubte und unerlaubte Fehlbarkeit, verzeihliche und unverzeihliche. Ganz allgemein erschrecke ich zuweilen im Gedanken an meine Streitbarkeit, in der ich möglicherweise doch unrecht habe. Plötzlich sehe ich alles anders. Nehmen wir das eine, dass die Stadt, so zeigt es sich uns, doch gerade in diesen Jahren viel für die Kunst getan hat durch Schmuck, den sie sich gab. Ich hab's ihr zu wenig anerkannt. Ich war selber allzusehr Schweizer dadurch, dass ich in allem das Lob überm Tadel vergass. Andere, die ich sehe, schweigen und sind bloss gut; ich erröte vor ihnen.» «Wer sein Schwert in den Kampf trägt, nimmt Scharten mit heim; sie ehren ihn. Deine Skrupeln sind mir wohlbekannt. Nicht streiten, nur schaffen – es müsste schön sein. Indessen, auch die Arbeit – da fliegen eben Späne, Dinge müssen weg, Dinge müssen hinzu, wo eine Form in ihrer Entschiedenheit bleiben soll. Jetzt aber heraus mit der Sprache! Du treibst die Heimlichkeit auf die Spitze, um das Ergebnis an der Spannung zu verkleinern.» Der Jüngling wand sich noch eine Weile, bevor er mit plötzlichem Entschluss ins Bekenntnis sprang: «Ich habe herausgefunden, weshalb mir bisher in der Liebe ein volles, verpflichtendes Gefühl nie gelungen ist. Ich habe immer einen Teil davon an die Klasse verausgabt. Jeder scheint sein Mass an Liebesvermögen zu besitzen. Es ist die Wahrheit, dass die besondere Form von Verliebtheit sich nur schöpferisch in meinem Berufe ausgewirkt hat. Sie schuf jene Stimmung herzlicher Lebendigkeit, die meinen Unterricht für eigentliche Schulmeisterfähigkeiten vielleicht ein wenig entschädigt. Ich habe sie alle stets geliebt, mit etwas mehr als Väterlichkeit, sie erschienen mir als so süss, die Buben mehr noch als die Mädchen, – diese Mischung aus Zartheit und Männlichkeit, dieses Brachland im Frühling . . . » «Eros zusammen mit dem Ethos ist das Gespann der Erziehung, aller Erziehung. Einspännig geht's nicht; pass auf was du machst. Ich verstehe dich aber.» «Nichts von der Art, die du meinst. Vielleicht schlimmer. Wir sind edel und ethisch bis zur ersten Versuchung. In meinem Falle bestand sie darin, dass das Gefühl Erwiderung fand. Geschwärmt haben viele, in Kinderaugen ertrinkt man nicht; sie ist vierzehn, sieht aus wie eine Jungfrau und blickt aus der Landschaft des Weibes.» Das sagte er ruhig und rasch heraus, sah aber dabei zu Boden. Schliesslich äusserte sich Martin. «Sitte ist von Erdteil zu Erdteil verschieden, gleich nur in der Strenge ihrer Herrschaft. Selbst wenn du das Letzte zu bekennen hättest, fänden sich Länder und Zeiten, denen es natürlich wäre.» «Das Letzte ist es nicht, aber mehr als ich selber gutheissen kann. Siehst du, so bekommen die Kirchenleute irgendwo gegen uns recht. Die Luft um mich riecht nach Zuchthaus, das Debakel meines Lebens in seiner Gänze, mit Ehre, Ansehen und Schönheit, schwebt über mir, über einem, der sich als Erzieher der Oeffentlichkeit aufspielte. Daraus setzt sie sich ja zusammen, aus Tugenden und Mängeln des Privaten.» «Soll der Mensch das Streben nach dem Bessern im Blick auf seine Unzulänglichkeiten aufgeben? Umgekehrt hat nur der Schuldige die Berechtigung zur Predigt, denn er allein predigt aus dem Erlebnis heraus. So habe ich mir das eines Tages zurechtgelegt.» «Da ist dann eine Zahl vierzehn, die einen in Schuld versetzt!» «Nimm an, du heiratest die Kleine später, das sanktioniert alles, verwandelt die Zuchthausluft in lauter Elysium. So relativ ist unsere moralische Rechtsprechung.» Stapfer forschte nicht weiter darnach, dem Jüngling aber brannte es auf der Zunge, und so ging der Abend nicht vorbei ohne dass er es gesagt hätte. Erst gegen den Schluss des Jahres hatte er das Mädchen in seiner Klasse entdeckt, war sie ihm das Besondere geworden, das sie nun so wunderbar unterschied. Sie hatte sich fast plötzlich ausgewachsen, bekam ihre Brüstlein und das spargelhafte Körperchen unter dem leichten Kleide. So ein Gefühl zu verbergen, verriet es ihren Augen, die es suchten. Fortgehend zog sie sein Herz hinter sich nach. Das war ihm kein neues Erlebnis, wohl aber das, dass sie ihrerseits beim Abschied mit ihrem Händchen verweilte. Sie war arm, Kind eines Schnapsers, und er erklärte sich ihre Anhänglichkeit zunächst aus Herzensentbehrung einer einsamen Jugend. Seine Ritterlichkeit war still, zart und von unendlicher Ehrerbietung. Was wunder, dass sie ihm mit ihrem ganzen Wesen verfiel! Eines Sonntags läutete es bei ihm zuhause; es schien, die Gassenjungen hatten ihm einen Streich gespielt. Es war damals schon so, dass er die Tage ohne sie in Verzweiflung voll entsetzlicher Unrast verbrachte. Es war Frühling, es war Sonntag, der Huflattich blühte; er sah sie in der Kinderlehre mit Kindern sitzen, sah sie in ihrem Buchsgärtchen vor dem Hause, Sonne im Haar, Aepfel schälend, eine Handorgel spielte, Fahrräder klingelten, und wahrlich, der junge Doktor lief in die Strassen und weinte. Die Feiertagsstille wühlte ihm schmerzhaft im Herzen. Sie wächst ihrer Konfirmation, ihrem Jungmädchenzauber, den Unbekanntheiten ihres heiligen, heiligen, vielleicht schweren Lebens entgegen! Er ertrug den Gedanken nicht, davon ausgeschlossen zu bleiben, ertrug nicht die Möglichkeit, sie aus seinem Wissen zu verlieren. «Liebling, komm doch!» hatte er so manchmal im Ueberdruck seines Herzens ausgerufen, und nun stand sie da vor dem Hause, hatte, das kleine Fräulein, ihrerseits die Sehnsucht nicht mehr ertragen, aber auch nicht hinaufzukommen gewagt. Der Lehrer in ihm blieb linkisch, wusste sich nicht aus der Lage zu helfen. Er plauderte eine Weile vor der Tür, väterlich, bot ihr dann seine Hand dar, und Vreneli ging. Er war nicht so bald in seinem Mietzimmer angekommen, als die Reue mit Messern über sein Herz herfiel. O ich Trottel und Feigling und Klotz von einem Burschen! – was tut sie nun in dem Sonntag? Er lief hinaus, ihr nach im Instinkt seiner Liebe – die Liebe führte ihn in die Irre, und es wurde der schauderbarste Tag seines Lebens. Morgen, morgen, war die einzige kleine Erleichterung, morgen will ich sie für die Sprödigkeit entschädigen! Er hielt nicht Wort, und die Woche hindurch verriet er den Vorsatz der Abende. Es schien ihm, die rettende Ueberlegenheit hätte sich wieder gefunden. Ihm glückte es gar einmal, sie vor der Klasse einwenig anzufahren. Das nahm sie gerade zum Anlass, am Sonntag wieder zu kommen. Er servierte ihr Tee und Süssigkeiten. Ueber die Bagatelle ihrer Verfehlung lachte er privaterweise. Vreneli wusste um seine Gedichte, und er zeigte sie ihr. Sie behielt das Bändchen auf ihrem Schosse, alle die Zeit; so oft als er es ihr lachend wegnehmen wollte, vertiefte sie sich ins Lesen. So alle Viertelstunden mahnte er zur Trennung; aber der Vater war fort, die Mutter unterwegs mit Traktätchen, niemand vermisste sie; ihm aber, Gott wusste, hätte sie gefehlt. Er wollte gelegentlich mit den Eltern darüber verhandeln, dass sie dem Töchterchen noch ein Jahr Schule bewilligten. Es blieb ihm auch so nicht, er bekam eine erste Klasse. Sie kannten einander nun auf eine Weise, die sie berechtigte, unschuldige Heimlichkeiten zusammen zu haben, süsse Nuancen des Verständnisses. Ohne seine Ausreden wäre sie Sonntag für Sonntag gekommen. Sie wurden ihm bitter genug bei seiner Papierarbeit, die für ihn auch von ihrer Dringlichkeit eingebüsst hatte. Das also waren Vater und Mutter Vrenelis, der mürrische Säufer und die ausgemergelte Sektiererin, die kein Mass ihrer devoten Redseligkeit fand. Holdes Schoss zweier verkümmerten Wurzeln – es hielt sich zu ihm, das Mädchen gab den Gegenstand seines kindlichen Herzens nicht aus den Augen. Aus der Erlaubnis wurde nichts, Vreneli sollte verdienen, davon abgesehen, dass der Vater ein drittes Jahr gut für Herrschaften fand. Walther streichelte Vrenelis Händchen, leise erblasst in dem Wagnis vor den Eltern. Sie erlaubten ihm alles, aus Vertrauen oder Ergebenheit dem gelehrten jungen Herrn gegenüber. Die Vertraulichkeit hatte zugenommen. Er fuhr ihr mit der Hand übers Haar jetzt auch in der Schule. Derweil sprach er ihr stetsfort zu: Wir dürfen nicht, Vreneli; lass nur den Schwamm und geh mit den andern. Einmal im Monat; es kommt jetzt doch, dass wir uns lassen müssen. Ihr ertranken die Augen in Tränen. Was bist du für ein Fräulein, Vreneli? was machst du? Er legte einen Eid vor sich ab, ihr zu helfen. Ihr weh zu tun, dazu allein verpflichtete ihn seine Liebe. Sie über ihre Krise hinwegzuführen, war seiner Männlichkeit aufgetragen. Jedoch die eigene Schwermut! Er hielt es wirklich für das Ende, wollte es und glaubte sich's daher gestatten zu dürfen, ihr den Abschied schön zu machen. Ruten und Finkenschlag in den Wäldern am Pfannenstiel – der Frühling erglänzte! Bald würde der Kuckuck herüberrufen. Vreneli wanderte alsdann in der filzigen Luft der Verschollenheit. Wie machte er ihr den eigenen Kummer glaubhaft? Er las von ihrem Gesichtchen, was sie dachte: Ich bin ihm zu jung, vielleicht auch zu unansehnlich meiner Herkunft nach. Ich bin ihm doch nur ein Kind gewesen, und er hat sich aus Mitleid herabgelassen. Er sah die Versonnenheit in ihren Augen wachsen. Sie war blond, ganz licht von Erscheinung; mitten in allem aber standen die Augen fremdartig braun und ernst. – «Vreneli, verstehst du's nicht?» Er zog sie behutsam an ihren Ellenbogen einwenig heran; da schlang sie die Arme um seinen Nacken. «Wir dürfen nicht, Vreneli!» klagte er, presste sie aber an sich. Ihr Haar roch nach Weizen. Er streichelte ihr heftig darüber; mit Mühe löste er ihr Gesichtchen von seiner Brust, blickte hinab in die Augen. Das weiche Bild der Verlorenheit im Gefühl verhüllte ihm Zeiten und Gesetze; er sah nur die Inbrunst der Hingebung, sah ihren Griff nach dem Trümmer – «Liebes, Liebes!» rief er über das Gesichtchen aus und stiess seine Wange darauf hinab. «So ein heftiges Herzchen bist du nun schon? Liebes – sag Lieber zu mir!» Sie schien zum Gehorsam bereits nicht mehr willens; sie blickte nach seinem Munde. Herz floss zu Herz hinüber in stillem Austausch. «Sag Lieber zu mir, Liebes!» «Du Lieber.» «Liebes, Liebes!» und beiden kamen die Tränen. 16 Das war die Schuld. Er mehrte sie nur durch Wiederholung. Vreneli ass sich nicht satt an der vorzeitigen Frucht, lief ihm in aller Form nach, und er hatte die Grenze überschritten, an der die Verteidigungen lagen. Die Gegenwart der kleinen Geliebten heiligte alles; er würde ihre Jahre abwarten, das noch Zwielichtige wuchs in die Höhen des Erlaubten hinauf, der Mut zu dem jetzt Möglichen war seiner Liebe als geringste Leistung aufgetragen. Beide hatten sie Ferien, und sie nützten sie in dem ihnen gesetzten Masse. Ihr Gefühl, auf seiner Seite voll Schwärze der Gefahr, tränkte sich mit dem Duft von Blust, durch das ihre Gänge sie führten, mit dem Wohllaut der Amseln, mit Rauschen des Bachgestrudels, der Welkheit von Gras, in welchem sie einsam lagen, mit Strömung der Frühlingswolken. Vreneli hatte nur Seligkeit davon, übergrosses, unverhältnismässiges Erlebnis, nach welchem es die Beschaffenheit des Lebens abschätzte; Walther, im Bereich ihrer Kräfte, hatte seinen Aufenthalt in Arkadien, die Wirklichkeit des Traumes, das, dass der liebe Gott seine Partei mit Billigung des Aussergewöhnlichen nahm – hatte aber auch seine Nächte, die innere Jagd in den Regenräumen, da er sich verloren wusste; der Schweiss brach ihm aus im Entsetzen – das Kind hörte nicht auf ihn, setzte seinen Beschwörungen die Ruhe einer Fraulichkeit entgegen, die um Schicksalhaftes zu wissen schien. Manchmal hasste er sie für die Hartnäckigkeit, fühlte er sich hereingelegt, – der Gedanke, an dem er erwachte: Lieber Gott, mach es ungeschehen! Es blieb geschehen, dass er sich der Verschwiegenheit eines Kindskopfes ausgeliefert hatte, geschehen, dass er eine Seele aufgescheucht hatte, für die er auf langehin die Verantwortung trug, zum wenigsten auf langehin! Er blickte auf sein Vorleben als auf ein friedliches Land des reinen Gewissens, der Geborgenheit im Bürgerlichen – was galten noch Zeitungskriege, Prozesse unter Erwachsenen, denen es um Rechthabereien ging! Jetzt stand er ausserhalb aller Ordnung, im Freien der Urangst, angeweht vom Luftzug aus Gründen des Todes. Heiss und eisig, das war die Art dieser wunderlichen Wochen, für deren Heimsuchungen er Musse besass. Er hatte sie schreibend sonst auf dem Lande am Rhein verbracht; das Schweigen von Vater und Mutter sah auch wie ein Vorwurf herüber auf sein Leben in der Heimlichkeit. Hätte er die kleine Frau ins Atelier bringen dürfen? Martin regte es nicht an, kam von sich aus nie auf die Liebe des Freundes zurück. «Sie ist was du daraus machst», hatte er ihm abschliessend davon gesagt. Stapfer hatte Besuch von Seume. Das Felleisen des alten Landstörzers, das an der Lehmkiste lehnte, erregte Bylands Eifersucht, schändlicherweise. Seume erfüllte die Werkstatt jetzt mit seinem Schneidergeplapper. Er hätte gealtert, sagte Martin, auch im Gemüt; Europa mit den Hindernissen seiner Grenzen sei ihm verleidet, er wechsle nach Amerika hinüber. Nur habe auch das seinen Haken; ehedem – man kletterte irgend ein Tau hinauf, man schwitzte eine Woche vor Heizkesseln. Vielleicht nahm er ein Ruderboot. Einer war im Kanu hinübergekommen. Zeit! Hatte die Welt nicht Vorrat davon ebenso wie von Erdteilen und Ozeanen? Ihr Ende, nicht zu erwandern, war ihm Kummer und Wonne zugleich. Denn auch sein Stück Zeit – ein Brosamen vom Tische der Ewigkeit! «Europa», sprach Seume, «Europa, das ist kein Leben mehr. Eure Sorgen da in der Zeitschrift» – er hatte im «Pfannenstiel» geblättert –, «bildet euch ja nicht ein, die Laster allein zu haben. Sie sind europäisch. Europa verwandelt sich in ein Safe; die einen pflästern in Geld, die andern in Bajonetten. Aus beidem wird ein Safe, ein Riesensafe, ein Sarg der menschlichen Seele. Samt Italien, durch die Hexerei der Tüchtigen. Vordem, was war das für eine gottvolle Wildnis mit Ginster, mit bröckelnder Klassik, mit vergrasenden Eisenbahnschienen – mit Bettlern, mit ritterlichen Banditen! Alles kaputt jetzt, kaputt in verwüstender Ordnung, die Altertümer für die Fremdenindustrie aufgeputzt. Was soll man Europa wünschen? Einen Krieg? In zehn Jahren, die Gott mir schenke, komme ich zurück. Ist's kein Sarkophag, so ist's doch ein Haufen Schutt. In meinen Segeltuchschuhen wandere ich von Trümmer zu Trümmer, stochere mit dem Stock in der Gotik: sieh da, ein Schnörkel von Chartres! Eine Nase Michelangelo. Hier stand die Sixtina. Weshalb nicht? Ich komme von Griechenland. Schicht sinkt auf Schicht. Karnak auf Babylon, auf Karnak Athen und Rom auf Athen. Gott ist nicht zimperlich, Gott ist ein Wandersmann und geht drüber hinaus weiter.» Seume schnitt sich die Zehennägel, meerschaumfarbene, dicke Muscheln, deren Späne zwischen die Statuen flogen. In einem kretischen Tonkrug stand Flieder am Boden. Seume hatte sich nicht übel gewundert, den Freund verwitwet und im Besitz eines Söhnchens zu finden. Viel Missgeschick widerfuhr den Sesshaften im Handumdrehen; der Flieder hing auf eine Büste herab, in der Stapfer die Tote hatte aufleben lassen. Er log nicht mit Bewusstsein, wenn er von ihr als von seiner Frau sprach. Der Geiger war seinem Gedächtnis entfallen und Tilly ihm vor der Hochzeit gestorben. Das Knäblein, nach ihrem Willen auf Martin getauft, war ihm nachträglich zugesprochen und der Grossmutter in Pflege gegeben worden. In den Buben vernarrt und verzweifelt darüber, ihn dermassen gastweise zu bekommen, hatte Stapfer das ganze Haus unter Dach gebracht; wenn die Wohnung bereitstand, würde sich Tillys Mutter wohl überwinden, sie mit dem Kleinen zu beziehen. Allein der Bau blieb als eine Art Scheune nur mit dem Roost der Bodenbalken stehen. Stapfer fehlten die Mittel, ihm weiterzuhelfen. Die Anwesenheit des Globetrotters liess ihn vollends nicht mehr ruhig Wand an Wand mit dem klaffenden Neubau schlafen. Seume verschwendete seine Arbeitskraft an die Entwässerung der Wiese, Seume, der gelernte Zimmermann! Stapfer durchging in Gedanken seine Möglichkeiten; da wuchs ihm kein Gras mehr! Zu lange hatte er mit dem Ruhm auf sich warten lassen. Ein Gönner wie Herr Sytz fand wohl Gefallen an seinem Werk, doch masste er sich keine Sachverständigkeit an, es fehlte ihm daher auch die Ausdauer der Spekulation; blieb die Bestätigung von aussen aus, so liess er die Schützlinge fallen. Nämlich in aller wirklichen Sammlerleidenschaft rechnete er letzten Endes; die Kunst als Kapitalanlage rechtfertigte auch kaufmännisch, also in oberster Instanz, diese Liebhaberei, die er anders weniger offen und wohl auch mit grösserer Mässigung betrieben hätte. Seine guten Rösslein im Stall waren ihm zugleich Berater; nun aber hatte Martin so ziemlich die ganze Schwadron guter Rösslein im Lande nach und nach vor den Kopf gestossen, was die Ursache auch seiner Misserfolge vor Juryen und Ausstellungskomitees war. Die Wirksamkeit als Pfannenstieler verbesserte sein Ansehen nicht, belegte vielmehr schwarz auf weiss den Hochmut dieses Querkopfs. In den Sitzungen unmöglich geworden, flüchtete er in eine Publizistik, in der er sich über die Bonzenpraxis des Kunstlebens lustig machte, mit Gegenständen, die ihm privat das Bravo seiner Kollegen, verbindlich aber nur die Racheakte der Allgewaltigen eintrugen. Damit dass er auch Dinge wie die soziale Stellung des Künstlers in seiner unverblümten Schreibweise behandelte, machte er sich der Undankbarkeit schuldig; ein schriftstellernder Bildhauer überhaupt, meist war er weder das eine noch das andere. Gehässigkeit der Zunft, Unkenntnis der Menge, er hätte sie leicht ertragen, hätten sie sich nicht eben in dieser Schrumpfung am Allernötigsten ausgewirkt; er lebte wie ein Belagerter, welchem der Feind die Quellen im Gebirge vernichtet hat. Er lebte ein Leben der Askese, in Unruhe nicht um sich selbst – er bedurfte wenig, und das Bauernland gab es ihm – gejagt nur von seiner Verpflichtung und in Aengsten, das Werk zu verfehlen. Das schmale Leben war ihm nicht anzusehen; in aller Wohlgestalt war er massig geworden, er litt aber an Furunkeln, deren er eben nicht weniger als drei gleichzeitig austrug, einen am Gesäss, ein Zwillingspaar im Nacken, weshalb er mit Behinderung, doch immerhin arbeitete. Es war der Turner, mit dem er sich noch immer herumschlug, dieser Bursche, den er widerwillig unternommen, im Kampfe aber liebgewonnen hatte. Wie sieht er aus, um «Vaterland, nur dir!» nicht auf einem Täfelchen zu tragen, sondern es zu sein? Stapfer hatte die Vision davon sozusagen aus den Füssen heraus entwickelt und bis an den Hals hinauf zäh und siegreich bezwungen; das alles sollte der Kopf enthalten, abschliessen und in der Steigerung krönen, es war schwer zu erreichen, es war die zehnfache Arbeit; Martin formte die Lockenhäupter in Serien, Münder und Halsansätze in Serien, oben in seiner Dachkammer, wohin er seinen Brocken wie ein Huhn geflüchtet hatte – vor der Störung, vor der Gewalttätigkeit des Fragments, vor der Enge des überfüllten Raumes. Noch wenn er's schaffte, blieb es ihm wieder im Hause, die Kirchenmänner würden es schon erreichen – verfluchte Wirtschaft, wozu und wie lange? Klüger, ein Steinmetz zu werden und redlich dem Kinde zu gehören! Der Modelliertisch stand unter dem offenen Fenster. Er liebte es zu sehr, mitten im Bachrauschen zu arbeiten. Jetzt, in Unglück und Misserfolg, behindert von Schmerzen, gab er die Jagd der Ueberlegungen zugleich mit der Bemühung am Lehm durch stillen, ingrimmigen Beschluss jählings auf. Er stiess dem Kopf seine Faust vor das Kinn, stiess ihn vom Tischchen und begann auf einmal, mit brüchigen Büsten durchs Fenster zu schmeissen. Sie schlugen vor dem Hause wie Quitten auf, knallten aufeinander und klatschten ins Wasser. Stapfer sah aus wie ein Landsknecht von Hodler, meisterte den Ausdruck von Schmerz, der ihm vom Nacken her brannte; plötzlich nahm er die Fäuste vor den Mund. In der Tiefe weinte das Knäblein. Tilly, Tilly! dein Kind! Vor dem Hause sass der kleine Martin, weinte zum Fenster herauf. Wimmernd stürmte der Riese hinunter. «Seume!» Landstreicher, verfluchter! Er warf sich auf sein Knie zu dem Kleinen nieder, verhielt den Schrei seiner Schmerzen nicht: «Büblein, Büblein, wo tut's dir weh?!» Er tastete es mit zitternden Händen ab, drückte den Lockenkopf an sich, lachte, schrie nach Seume, packte sich das Bündel auf die Arme. Seume mit dem Spaten kam hervor, sah den Vater seinen Jungen tragen, dahin und dorthin auf der Wiese, einwiegend, mit Zuspruch und Zärtlichkeiten; Seume stand in dem Hagelschlag, mit dem Stapfer auf einmal losbrach. Unwetter – er sah den Balkan, die Vogesen; Seume stand offenen Mundes. Er sah den Balkan, den Olymp mit Schnee im frischen Grün aufleuchten – Stapfer hatte das Bübchen ausgezogen, wie eine Putte stand es im Grase, streckte sein putziges Bäuchlein. Stapfer, wie ein in der Sonne vertropfender Regen, säte einen Redeschwall umher. «Der Mensch hat doch immer wieder ein unverdientes Glück! Er hat überhaupt nur Glück! Siehst du, vorzeiten, das mit Tilly: ich glaubte mir das Leben nehmen zu sollen. Ich sah in allem nicht den geringsten Sinn – sah nur Schauerlichkeit, Entsetzen – und dann hat es mir das hinterlassen! Gab ich's für Marie? Ich gab es für nichts. Ihr könnt mir die Vollkommenheit aller Statuen anbieten: die Unversehrtheit dieses kleinen Fleisches – ach, Vergleiche! Ich hab's noch einmal wieder! Von dem was Gott und der Mensch tun, ist Gottes immer gut, das des Menschen in der Richtung zur Hölle. Nie, nie, nie wieder will ich klagen! Denn übers Gute ist nicht zu klagen, das andere Selbstverschulden. – Sieh dir's an, Seume, und schaff es weg, tu mir die Liebe; vergrab den Dreck! Und hernach bauen wir!» Er hatte die eine Hoffnung seiner Schwester am Bodensee. Es war freilich bitter, seine Demut aber süss in ihrer Reife. Ein Wind von Wohlgeruch schlug von dem blonden Schopfe herauf; Kindermund, baumelnde Beinchen, und sanft hinab durch die Säle des Laubes! Alles was Gott tat – recht sinnbildlicherweise hatten die Furunkel ihren Weg gefunden, so wie der Schrecken ihn selber voranstiess; es ging, Martin radelte, er veränderte wieder einmal den Ort, spielte in seinen Verhältnissen Seume. Er sang auf seinem Rade. Er weitete die Freiheit aus durch Abstecher ins Launische. Wegweiser verhiessen ihm Seligkeiten; er fuhr in Salbei und Rebland. Fuhr durch Riegelbaudörfer. Was die Heimat nicht alles hatte! Sie hatte diesen Wald auf dem Irchel, den entlang er fuhr. Man hatte nicht nur die Herkulesarbeit seines Werkes, nicht nur Hausbau, Drainage, den Fischteich, die Stunden mit dem Bübchen und den Büchern, man hatte auch allerlei nachzuholen. Gelegentlich diesen Irchel. Wie brachte nur Seume die Welt hinein, wo das Nächste nicht zu bewältigen war! Er begegnete dem Rhein, diesem Lebewesen! Von Norden kam er herangezogen, seinem Ursprung entgegen; langsam und grün und tief, in einem Pelz von Gebüsch, das er schleifte. Stapfer hatte lange hineinzusinnen, riss sich denn endlich los mit einem Gruss an die Ebenen, ihre Brückenstädte, das Meer und sein Salz. Seit Ewigkeiten warf es den tropfenden Schweif der Winde herauf übers Hochland, auf Firn und aufs Moos; im Kristall schlief der Traum von Salz, im Moos der von Tang, kleinfüssig machte es sich auf den Weg, stiess zum Rinnsal, zum Bache, mit dem Bache zum Fluss und zum Strome – die Thur kam daher durch ein Grasland mit Reihern und Lerchen, gesprenkelt von Apfelbaumgärten, Heu in der Mähne, mit dem Kuckuck in seiner Spiegelung. Die Thur im Gefunkel ihres heidnischen uralten Namens! Bauernland, Bauernland! Staub der Strassen puderte die Kirschen, Wegwarte und Spitzwegerich; ein jedes Dorf mit Bogenfenstern seines Theatersaals, blauem und rosa Gezeddel an den Anschlagbrettern – liebe Demokratie! – mit Spritzenhäuschen und Feuerteich, Froschquarren und Grillenglitzern! Aber das Moor! Er schwankte auf Türmen versunkener Torfkathedralen. Libellen darüber starrten in Abgrund des Himmels. Kleine Fische gingen im Himmel. Säume, Seume, laufe der Welt nicht in die Welt hinein davon! Was ist das nun auch wieder für ein Geheimnis, schattenhalb eines Bergzuges, der Seerücken heisst? Die Strasse steigt durch Meilensteine, und jenseits flutet der See an das Ufer, ein See mit Dampfern und Fischerkähnen. Bald kommt der Phlox in den Gärten, die Wäsche weht riesenhaft vor der Insel. Einhändig steuert er hinab in eine Landschaft von Sommerwiesen, fernen Türmen und Wasserbreite. 17 Aber dann brannten die Furunkeln wie Feuer, und er vermochte nicht viel mehr als dem Zimmermann ein wenig zuzudienen. Auf der Wiese lagen jetzt wieder Stapel von Holz und Schlacksteinen, ein Kegel Asche in die Schrägböden. Diesmal reichte es für's Ganze. «Jedem das Seine: Ich hab mein Haus, sie hat die Genugtuung, recht behalten zu haben. Ich verkrachte mich damals mit ihrem Verlobten. Er war Vertreter, ein Kerl, den ich nicht riechen mochte. Wäre er bescheiden gewesen; allein er schwatzte in alles hinein aus einer verfluchten Art von Verstand und Beschlagenheit, denen gegenüber ich mir Schlappen zuzog. Ich war ja auch jung, er wusste schlechterdings alles, von Swedenborg bis Marx, alles zwischen Nationalökonomie und Christian Science. Auf seine Weise! Er bekannte sich auch zu dem einen Wunsche in geistiger Richtung: Das Universallexikon auswendig zu wissen. Er wusste es. Seine vornehmliche Rührigkeit und Umsicht jedoch galt dem Erwerb; dann kam der politische Ehrgeiz. Er war damals schon eine Kapazität des Freisinns. Du und der Freisinn! lachte ich ihn aus: Kleine Leute machen ihm höchstens den Pudelhund. Kleine Leute! Er fühlte es in sich, so wie ich meine Art in mir fühlte. Heut ist er Fabrikant und Nationalrat, hat ein Landhaus mit Park, hat snobbistischerweise auch Cézannes und Maillols! ich stehe auf seinen Persern als Bittsteller in Hosenklammern und Furunkeln. Schöne Maillols. Der Schwager kam auf meine Jugendvorstellungen von Kunst zurück – er hat auch ein gutes Gedächtnis – und er erledigte sie anhand seiner Schätze. Ich sah nur die Schätze, hatte die Theorien vergessen, die Schätze beschämten mich. Ueberhaupt fand ich es angezeigt, mich still, ein wenig traurig und bescheiden zu geben. Diese Leute sind gutherzig, sofern man ihnen nicht widerspricht. Meine Schwester weinte beim Abschied; sie neigt überhaupt zu Tränen aus Mitleid für alle Welt, Hunde und Katzen insbesondere und mutterlose Kinder – dass ich's nicht vergesse, ihr Bilder von Marti zu schicken! Die eigenen beiden Söhne bereiten ihr Kummer durch Lebenskunst. »Wärst du Sängerin geblieben«, konnte ich nun doch nicht umhin, ihr zum Beschluss zu sagen: »Du hättest eine Welt beglückt, statt sie um zwei Schmarotzer zu vermehren.« In der Hülle einer Schmeichelei verträgt man die bitterste Pille. – Auf der Rückfahrt – Obst hat das Land, sag ich dir! – machte ich mir meine Gedanken. So ein Haus mit Fenstern auf Seeland hinaus – irgendwo träumen wir alle davon. Die Vorstellung kostet es keinen Wasserzins, die Fontäne auch wochentags springen zu lassen. Schmuckis lag trocken und säuberlich ausgebürstet. Kein armes Möslein, welches den Neptun – innen der Maillol, aussen der Kitsch, durch Umkehrung des Symbols – ein wenig verschönert hätte! Fällt mir gerade ein: Hältst du's für möglich, dass eine Stadt ihre Denkmäler von der Patina reinwäscht? Also geschieht es zu Zürich! Was ich im Oktogon schrieb, dass auf dem Albis das Herbstlaub von der Strasse gewischt wird, hab ich mit Augen gesehen. Sie finden es nicht der Erwähnung wert, finden den Nörgler lächerlich. Was soll man machen, wie dem Ungeist beikommen, wenn er der Geruch des Menschen ist? Wir, die wir das Leben dran geben, ihm ein wenig Schmelz zu verleihen, sehen das Prinzip von Reisbesen aus dem Lande hinausgekehrt. Wir haben keine Akademie, wir haben das Persilinstitut. Wir haben keine Religion, wir haben den Schwarm von Sekten. Dann lieber den Springbrunnen nicht, wenn ihn der Wasserzins verstopft. – Beinah hätte ich Stein am Rhein übersehen! Seume, Seume: Wie seinerzeit Florenz war es mir eine Bestätigung. Ich kam wie nach Hause. Ich sah sie mit Augen, diese Einheit einer Stadt, in der alles schön, jede Linie im Ganzen geborgen, alles wunderbar untergebracht, phantasievoll, liebreich erfunden ist. Die Seele genoss den Ort wie ein Bad, alles darin sprach mich brüderlich an, die Natur lebt dort im Frieden mit dem Menschenwerk, seine Giebel und Burgen überhöhen sie in einen romantischen Raum, aus welchem die alten Klosterglocken, die Tauben, die Regentropfen himmlisch vergoldet herabwehn. Woran zerschellte inzwischen die Welt? Auch Italien degenerierte im Kitsch! – Jetzt aber kommt erst der Rechte! Der wird's uns sagen!» rief Martin durch sein Balkengitter hinab, als ein besserer Herr mit Melon und Mappe zwischen den Türpfosten eintrat. «Huhu, Herr Knellwolf! Jakobli, wo bist du? Wir spielen ein bisschen brasilianischen Urwald, geben Sie acht auf die Riesenschlangen! Darf ich vorstellen: Seume, ein deutscher Poet und Globetrotter – »Seht, wir Wilden sind doch bessere Menschen, und er schlug sich seitwärts in die Büsche« – Herr Knellwolf, von welcher, der Vita? Item, er reist auf Leben, garantiert risikofreies Leben mit beliebiger Vergütung im Ablebensfall. Beliebiger, respektive dem Geldsäckel beliebiger Einschätzung der eigenen werten Person, etwas niedriger für den Proleten, um einiges höher für die Herrschaften in der Demokratie, damit die Gerechtigkeit übers Grab hinaus fortbestehe. Eine Frage der Naseweisheit, Herr Knellwolf: Was kost so ein Menschenleben, wie hoch wird's taxiert von Herrn Bünzli, was wirft der Tod ab? Tod, wo ist dein Stachel, Hölle, wo ist dein Sieg!» «Immer der alte Spötter», sagte Herr Knellwolf und nahm seinen Melon von der Glatze. «So muss ich noch reden, ich blühender Busch von Furunkeln, mir in den Lianen des Amazonas steht es an, mich über die Sicherheit lustig zu machen! Hand aufs Herz, Seume: auch du bist nicht versichert, und walltest deine Strasse doch froher im Bewusstsein, mir kann nix passieren, noch der Tod zahlt mich aus! Steig herunter vom Affenbrotbaum, wir wollen das Ding bereden, vielleicht ist Hoffnung für eine alte Sackleinwand; es bietet sich dir die letzte Gelegenheit, in dich zu gehen, dir an die Brust zu schlagen und dein regenverwaschenes Landstreichertum in den Schoss der alleinseligmachenden Securitas zurückzulegen.» Knellwolf war keineswegs geschäftlich gekommen; Stapfer gegenüber hatte sogar er die Bemühungen aufgegeben – die Sache war die, dass er nebenamtlich dichtete und einen Künstler, wo er ihm schon einmal aufstiess, so schnell nicht wieder aus seiner Bekanntschaft entliess. Stapfer brachte ihm das heimliche Laster sogleich aus. «Sieh dir ihn an, Seume: er ist ein Dichter! Hast du eine Ahnung, was für Prospekte er in seiner Aktenmappe über Land führt! Verse, Seume, Verse! So ist er ja, dieser homo alpinus, du bastelst dir Theorien über sein Krämerwesen, und schon zückt er das Schwert seiner Verse, schon ist er nichts geringeres als im Herzen ein Dichter. Und von Natur aus ein Gent dazu; Spitz deine Ohren hinein in die Tasche, es ist eine Zaubertasche, gibt Assekuranzen gleich wie Reime und Fleischkäs mit Wein heraus.» 18 Und der Turnerjüngling siegte! So ist es denn doch auch wieder, dass Männer mit klarem Blick die Dinge aus sich bewerten und ihren Urteilsspruch fällen; er lautete gegen die Aengstlichkeit. Das Lehrerkollegium glaubte sich missverstanden, begründete eine zweite Eingabe, worauf der Stadtrat deutlicher gegen sie wurde. «Fresst das», knurrte Isler, «auch wenn der Schulmeister einmal nicht das letzte Wort zum Menü behalten konnte.» Es regnete zu der Zeit viel; das nasse Getrommel am Dach stimmte Martin zur Arbeit, heisst das, zu Gesichten; er hämmerte tags mit Seume und modellierte beim Lampenlicht. Trotzdem wurde es Herbst, bis die Bronce auf ihren Sockel kam. Dagegen stellte die Zeitschrift ihr Erscheinen ein; der Verleger hatte sein Bestes getan gleichwie Byland in seiner redlichen Absicht; er erhielt seine Musse für eine aufgestaute Schöpferkraft zurück, mit der er dem Vaterlande nicht schlechter zu dienen hoffte. Das Aufrichtbäumchen 19 Der Bergkrieg in Abessinien hatte als ein erstes Ereignis der kommenden Veränderungen die Gemüter erregt. Die Vorstellung lebte von Schwärmen schwarzer Lanzenträger, einem ameisenhaften Gewimmel in Pulverdampf und Blut. Die Welt marschierte in Sanktionen, in mehr nicht als Sanktionen, welche zudem versagten, durch die Tätigkeit der Krämer vermutlich – auf einem Schimmel ritt Graziani in die Eukalyptushaine von Addis Abeba ein. Hierauf kam Spanien, ein Hausstreit zunächst, bald der offene Austrag europäischer Aspirationen. Die Schweiz erlebte von der Seite ihres Bürgertums einen Wandel der Sympathien; das Kampfziel der vordem so belächelten Autokraten fand die Billigung nicht nur der wirtschaftlichen Rechner, sondern auch ehrlicher Idealisten, deren Abscheu vor dem Bolschewismus – und gegen diesen ging ihrer Ueberzeugung nach der Kreuzzug – einer sauberen Gesinnung entsprang. Kurz, die Glaubensspaltung war da mit allen Verflechtungen der unübersehbar gewordenen Zwiste. Das Nahe verwirrt durch Gewaltigkeit ebenso wie durch die Verschlungenheit seines Kleinen; die Entscheidungen der Alten: den Augenzeugen stellten sie sich nicht in der grossen Linie dar, in der wir Nachgeborenen sie, zu recht oder unrecht, sehen. Das Urteil nach dem Anschein dieses Stegreifhaften, als das uns die Zeitgeschichte entgegentritt, belastet das Leben mit Tragik umso schwerer, als es Riemen aus unserer Haut sind, die geschnitten werden sollen. Hinzu kommt der Spott des Unberechenbaren, dessen was keiner voraussehen kann, hinzu kommt die Widersprüchlichkeit dessen, was wir von der Welt erfahren. Die Schweizer vermochten die Parteinahme des empfindenden Herzens, den Eindruck im moralischen Gemüte nicht zu verkneifen; das aber brachte sie in Gegensatz zu ihrer Verpflichtung, die sie anderseits übernommen hatten, der Verpflichtung zur Neutralität als Staat. Sie gerieten in Meinungsverschiedenheit schon allein der Auslegung eines Grundsatzes, der wohl staatspolitisch, nicht ebenso leicht in der menschlichen Empfindung des Bürgers zu handhaben war. Ausserdem fühlten sie Gefahr auch dem eigenen Bestande erwachsen, sie sahen sie kommen ohne sich regen zu dürfen. Leute wie die Pfannenstieler, sonst für das Schwierige der Differenzierungen da, sahen den Fall durchaus einfach, als Aufstand eines Volkes in Banden feudaler Vergangenheit. Der Faschistengeneral verteidigte mit die Kapitalanlagen der erbosten Tellensöhne, so sah es Doktor Byland, Gott strafe ihn; dass sie's mit Dingen vermäntelten, um die sich zuhause verdient zu machen sie auch nicht den Ehrgeiz zeigten, das zu sehen erweckte seinen Ingrimm. Die Hochherrlichkeit eines eigenen Forums hatte sich ihm zerschlagen; so bediente er sich jener Presse, die, wenn auch aus anderem Antrieb, mit seiner Parteinahme einig ging. Er begab sich damit vollends in die Arena der Polemik, auf den Markt der Gemeinplätze, klaren Bewusstseins und entschlossen, seine Verzierungen nicht zu schonen. Verriet er das edle Vorbild Hölderlin, wenn er, mit seiner Art Griechen- und Vaterland in der Seele, als ein Krieger das Schlachtfeld betrat, auf welchem er sich der Verstümmelung und moralischem Tod aussetzte? Er sah den Fleiss der Lüge, er sah eine schöne Möglichkeit seines Hochlandes, sah es in seiner eigentlichen Anlage und Bestimmung, sah seine Fortentwicklung zum wahrhaften Garten der Menschlichkeit, sah die Ranken und Ableger, den erstickenden Wust der Habgier. Allezeit hat die Aengstlichkeit sich vom groben Erfolge verblenden lassen; in den Niederungen der Sorge, in der Angst ums Brot, der er durch Gnade enthoben war, wie hätte sie das Herkommen überblickt, die Idee nicht aus dem Auge verloren? Seinesgleichen kam es als Pflicht zu, es für sie zu leisten; gut, es war schwer, die Fülle der Erscheinungen zu ordnen: Das Gelände des Geistigen zeichnete die Verläufe vor, die Menschheitsgeschichte hat eine innere Richtung, von welcher hinweg der Fall in die Weltlichkeit, der Wahn zur stofflichen Grösse stracks zur Hölle führt; die irdische Daseinsform stützt sich aufs Stoffliche, ihre Schönheit und Grösse ruht im guten Verhältnis von Stoff und Geist unter sich; das Schwergewicht zieht den Auftrieb hinunter, der Künstler, der Staatsmann, die Nation und die Menschheit führen im Kleinen den metaphysischen Kampf zwischen Himmel und Hölle, den uralten Kampf, von welchem der Krieg der Eroberer nur ein Zerrbild ist. Byland bedachte das alles auch auf den Wegen seines Menschlichen: unterwegs zu der ausgefallenen Liebe, mit der er keineswegs in der Zeit zu Rande gekommen war. Ist das meine Form der Versuchung, diese Unschuld der Köder des Bösen? Noch immer war es vor der Welt zu verbergen, in der Heimlichkeit dafür umso lieblicher – es ist, was du daraus machst, hatte Stapfer davon gesagt. Unterlag es nicht auch dem Unberechenbaren, lebte das Herz aus dem Stegreif seiner Sehnsucht? In Vrenelis Armen sah er, sie gab ihm die Verfügung über alles; Gelände der Kindlichkeit, Gelände der Reife, hier wob es noch dämmernd durcheinander. Traumwandel des Menschen, Traumwandel der Menschheit – Licht des Gewissens in der Hand von Vertrauen. Als ob sie sich in der Körperlichkeit beeilte, hatte sie hierin einen Stand aufgeholt, der wiederum ihrem Inneren vorauslief. Unter Unbekannten führten sie sich an der Hand wie allein in den Wäldern; Vreneli, wenn sie fortwuchs, nicht auf Kosten der Zeit ihre Möglichkeit ausgeschöpft hatte, wie es den Anschein machte, überholte ihn in der Statur. Er beobachtete das nicht ohne Sorge, wie es ihn überhaupt beschäftigte, auf welche Weise sie sich auswachsen würde, aussen und innen; oft waren sie lieblich in den Jahren und lösten sich dann in Unförmigkeit auf. Wenn es die Blüte ihrer Anmut war, einst der Zauber der Unschuld verwelkte, was unterschied sie noch von den vielen, mit denen sich auf Lebenszeit zusammenzutun es ihn so wenig versuchte? Er setzte sich moralischer Lebensgefahr aus für die Beglückungen des Augenblicks, im Wagnis der Erwartung, dieser Augenblick möchte seine Art durch alle Verwandlungen in die Zukunft hinüberretten. Wie, wenn das Mädchen, in den vollen Tag hinaustretend, die Fülle des Lebens gewahrte, sich um die Jugend unter Altersgenossen verkürzt sah und seine Zärtlichkeiten nachträglich in ihrer Wachheit als Raub und Betrug erkannte? Was bedeutete es schon, dass sie dergleichen Befürchtungen, die gegen sie zu äussern er sich gedrungen fühlte, im Lächeln des Stillschweigens verhallen liess! War sie auf kindliche Art berechnend? Schmeichelte es wie einem rauchenden Jungen ihrer Eitelkeit, schon die Liebe eines Mannes zu haben, ihres Lehrers obendrein, war es Ehrgeiz der Armut? Vreneli hatte sein Bild in ihrem Kämmerlein aufgestellt, Bemühungen hinsichtlich ihrer Ausbildung machten Besuche nötig, auch pumpte Herr Hedinger den Schulmeister und Schwiegersohn heimlich an – die Empfindung von alledem war ein Gemisch aus Glückseligkeit, Angst und Scham. Die Berufstätigkeit der Kleinen brachte ihm die Erleichterung, dass er sie seltener sah; es gelang ihm zuzeiten, sie beinah im Herzen zu vergessen, er unternahm dann seine Rückzugsversuche, wich der Begegnung aus und hatte, wenn sie argwöhnisch kam, eine völlig veränderte Miene, die sie nachdenklich stimmte. «Vordem ging es noch an», räsonierte er, «nun ist es der schwierigste Zustand; was denkst du, mich kann es das Leben kosten und du bleibst auch gezeichnet.» «Wir lassen uns ja aber nichts zuschulden kommen, Walti» «Was wir uns zuschulden kommen lassen oder nicht, du Gutes, ist nicht entscheidend; der Welt sind ihre Vermutungen grösserer Besitz als selbst Beweise –» «Der Welt!» «Deine Unkenntnis dieser Welt verpflichtet mich zu doppelter Wachsamkeit. Vreneli, Vreneli, hätt ich dich nie gesehen!» Dann war sie traurig, und wer weiss, ob es nicht seine verborgenste Absicht gewollt hatte; das Herz ging ihm über, wenn er sie in die Arme nahm und ihre schönen Augen dämmerten ihm durch Tränen. Die Welt und ihr Argwohn? Er wusste sich nicht über alles erhaben, was im Gedanken vielleicht so verdammenswert wie die Tat war. Die Uebung der Stunden förderte das Jungfräulein in der Fertigkeit zu Liebkosungen, dazu war sie schmal und weich in ihrem Kleidchen zu spüren, die Unschuld sah keine Veranlassung, sich in der Aeusserung des Herzens zu bezähmen; so erlebte sie wohl seine Launigkeit, jäh zu verstummen und das weihrauchsüsseste Wolkenkuckucksheim im Gestäude wie auf innerer Flucht zu verlassen. Das «Leben in der Gefahr» kam als Postulat der Diesseitigen neben allen anderen veräusserlichten Prinzipien auf. Wie lange hatten sie von jeher angedauert, die erzieherischen Kräfte des Krieges, auf die man jetzt wieder pochte? Die verstümmelte Generation im Grabe, waren Leid wie Lehren vergessen, begann der Zirkel aus seinem unendlichen Anfang. Staatsform, Gesellschaft – es lag auch daran, doch gewiss nicht das viele, das ihnen das Jahrhundert zuschrieb. Das Tränental bedarf keiner künstlichen Züchtigungen, die sich die Menschheit verordnet; wirklich bildend ist allein das Schicksal aus Urgründen der Natur, die Menschheit ist zu verändern nur am Herzen des Menschen: zuerst war das Wort, und das Wort war beim Geist. – Byland hatte darüber eine journalistische Kontroverse mit Bader, einem Schriftstellerkollegen materialistischer Richtung. Dieser sein Gegenfüssler, Hauspoet der Marxisten wenigstens seinem Ehrgeiz nach, belieferte seit Jahren die Arbeiterpresse mit Schulmeistereien seiner rücksichtnehmenden Belehrung, in der er den Schritt auf die Gangart des Volksverstandes verlangsamte. Diese Wohlmögenheit eines im übrigen wahrhaft nicht schwer zu fassenden Kopfes erboste Walther Byland an sich, nicht zu reden von den Irrtümern, mit denen der Volksmann seine Leserschaft überzog. Byland galt er als eine wahre Landespest, die zu bekämpfen in seinen Pflichtenbereich gehörte. Er hatte die literarische Seite einer Wochenzeitung in Redaktion genommen und also Gelegenheit, sich über das Thema zu verbreiten. Er griff zunächst Baders ceterum censeo auf, die Behauptung von der politischen Pflichtigkeit des Dichters. Bader, ein Schriftsteller von keinerlei Dichtertum, hatte sich in dem Zusammenhang über den Hofrat von Goethe lustig gemacht, der im Jahrzehnt der Französischen Revolution lyrische Gedichte verfasste. Der Idealist von einem Erzieher, Byland, versprach sich eine Wirkung von dem Eifer, auf den amusischen Literaten öffentlich einzureden – Spass beiseite, er redete zuhanden der Oeffentlichkeit! Er redete stets von seinem Thema. «Zunächst Ihre Allgemeinverständlichkeit, Bader. Ich bin Pädagog von Beruf und weiss aus dieser Erfahrung, dass nichts langweilender wirkt als die permanente Fassbarkeit ohne Geheimnis des Dunklen, ohne Abenteuer der deutenden Spekulation. Wie oft haben wir gerade das Nicht- oder Halbverstandene, indem es uns nämlich beschäftigte, zuletzt umso tiefer verstanden! Der Künstler kennt keinen Gehorsam als den vor der inneren Stimme. Schaffend denkt er an nichts als daran, mit menschenmöglicher Genauigkeit seinen inneren Zustand auszudrücken. Fragt auch ein Kapitän nach der Meinung des Zwischendecks, wenn er ans Ende des Ozeans kommen will? Durch Geheimnis hat das Vollkommene seine Verständlichkeit für die Allgemeinheit der Empfänglichen aller Schichten. Die Kraft des Vollkommenen ist eine ultraviolette Strahlung, welche durch und durch geht und den ganzen Menschen verwandelt. An ihrer Sonne klärt sich die Reife. Darum hat Goethe mit einer Vollkommenheit seiner Dichtung mehr für die Menschheit verwirklicht als der Versuch in Dingen der Verwendbarkeit ihm je versprochen hätte. Sie raten dem Sänger, seine Stimme zur Rede zu verwenden. Die Welt hat der Sänger nicht so viele, um einen entbehren zu können; an Schwätzern leidet sie keinen Mangel. Wenn man wie Sie, und mit Recht, dem wieder aufkommenden Imperialismus den Kampf ansagt, dann darf man nicht von einer bloss anderen Position des Materialismus ausgehen, sonst hat man zum vornherein verloren. Sollen wir gegen die eine Barbarei mit der andern marschieren? Es ist auch eine Barbarei, den Geist in die Abhängigkeit zu verweisen, den Primat des Stoffes auszurufen, und das tun Sie – das tun Sie, Bader, in Ihrer Animosität gegen das Göttliche in seiner Form als Schönheit. Ich weiss was ich schreibe und sehe Ihr sarkastisches Lächeln. Sie haben für alldas Ihr Schwertlein, von welchem Sie glauben, dass es schneide: Schöngeist! Was habe ich behauptet? Ich behauptete, Sie haben so wenig als irgend ein Haudegen oder Annexionist oder Börsenspekulant Glauben an die Grossmacht Geist; Ihr Reich ist von dieser Welt, an dieser Welt statt an dem höchsten Vorbild orientiert. Ihnen sind Verse wie irgend einem Böotier nur «Gedichtlein», nicht die Botschafter des wahren Souveräns; Sie schmelzen die Broncen in Tröge um, und das ist viel anders auch nicht als Kanonen aus Glocken zu giessen.» Ach, Entstellung auf allen Seiten, Blindheit einer eingewiegten Menge – und das langsame Steigen der Wetterwolken! Fingen sie nun an, einen Beelzebub gegen den Teufel aufzuputzen? Aufrüstung, Aufrüstung – die Erde widerhallte von Eisen! Die Schweiz erlebte so sonderbare Dinge wie Fackelzüge helvetischer Nationalsozialisten zugleich mit der Volksbewegung, die eine Mundart als Schriftsprache durchsetzen wollte. Und Heimatstil, Trachten, Jodelradio, Schweizer kauft Schweizerware, bereits auch der Ansatz zum Chauvinismus in der Kunst! Ging's da hinaus, grosser Gott, dass die Propheten im Lande nun aus der Ursache Ruhm erlangten, die ihnen bisher davorstand: ihrer Eigenschaft, aus Nazareth zu stammen? Byland, den es jammerte, einen schöpferischen Menschen wie Stapfer inmitten von Bankpalästen hungern zu sehen, hatte auf einmal gegen Chinesentum zu predigen! «Haben wir verlangt, ihr sollt ausschliesslich Schweizer Kunst kaufen? Wir haben, um eurer selbst willen, euch angefleht, auch Schweizer Kunst zu kaufen! Geht nun nicht hin, euer Armbrüstchen drauf zu setzen! Die Kunst ist Weltreich von völkischer Mannigfaltigkeit. Die Kunst, das umfassende Geistige, ist uns Urbild und Vorbild der menschlichen Gemeinschaft und dies unser Grund, Hegemonien, als Wucherungen des Teils, nicht zu dulden. Verbannt uns nicht in die Krautgärten des Provinziellen, lasst uns das Firmament des Universellen! Mundart ist das bodennahe Nahrhafte, aber auch Umzäunte, die Sprache Luthers und Goethes die Himmelsklarheit geläuterter Abstraktion. Hat die Mundart das Gewachsene der Pflanze, so die klassische Konvention die Richtigkeit des Durchdachten. Sich ins Teil zu verkriechen, ist gegen die Idee der Schweiz.» Die Gegnerschaft dieser Idee überschwemmte die Welt mit ihren ersten Opfern, zerschlagenen Existenzen, die in der Hast von Ameisen den aufgewühlten Stock verliessen. Selbst ein so königliches Stück wie Krannig war unmöglich geworden oder freiwillig ausgezogen. Er war zeitlebens kein Schreiber gewesen, war fahrig in seinen Beziehungen zu Menschen, so einem aber wie dem Jugendfreund aus ihm nicht bewussten Zusammenhängen heraus nach all den Jahren noch verfallen. Er fand Stapfer im Krankenhaus. «Alter Kunde: waagrecht? Was ist los? Furunkeln? sagte man mir oben; stirbt man auch an Furunkeln?» Stapfer in seinen Linnen strahlte. Alte Zeit, Anfang – Krannig, du Trost meiner Augen! «Was, einen Knebelbart hast du dir zugelegt? Du siehst ja aus wie Kapitän Krüger! Bleibst du? Bleib doch in Zürich!» Der Begrüssung stand das Hindernis seiner dick verbundenen Hände entgegen. «Der Teufel mag's wissen», lachte der Kranke. «Möglicherweise hängt's mit dem andern zusammen. Ich schäle mich wie eine Pellkartoffel, kann die Haut von den Fingern wie von Bananen ziehen. Für einen Bildhauer wie gemacht, falls er den Lehm nicht verträgt. Allein wie ist's? Auf Besuch, oder mehr? Ich wünschte, du bliebest! So im Bett wie ein Kind – ich verspüre ordentlich einen Vaterkomplex dir gegenüber.» Die Rührung im Ueberfall des Vergangenen stimmte ihn weich. Der Vorhang wehte in einem Fenster voller Regenwolken. «Ja, nimm dir bitte den Stuhl und entschuldige! Man sollte es nicht glauben, aber ich klebe da auf dem Nagelbrett meiner Pubertätspickel –» «Du hast schlechtes Blut.» «Der Arzt meint's auch. Diesmal kam's gleich in Trauben.» «Das bringt ja ein Ross um.» «Sogar der Bildhauer hat's nur mit Not überhauen. Ein Satan ist der da –» er zeigte auf das Leukoplast an der Wange. «Und woher kommt sowas? Von der Nahrung, woher sonst? isst du scharf?» «Ich esse nicht eben scharf», antwortete Stapfer mit doppeldeutigem Lächeln. «Wie geht's dir überhaupt –» Mit grosser Betonung fiel ihm der andere ins Wort: «Mir geht es fürstlich!» Krannig riet eine Weile. Das Nachbarbett stand leer; im weiteren die Fenster entlang sassen und lagen plaudernde Männer, eine Schwester kam zwischen den Reihen herauf. Martin hatte den Kopf auf die Seite gelegt, sah der Pflegerin wie seinem Schicksal entgegen. Sie blickte auf Stapfers Besuch mit der Andeutung eines Grusses von unendlicher Sanftmut. Stapfer lag in derselben Erschlagenheit noch als sie die Tür wie in Flaum hinter sich zugezogen hatte. Dann schabte sein Haar in den Kissen. «Ich war dir Maries wegen böse, Paul. Man sollte nie traurig sein. Immer ist es nur die Rechthaberei vor dem Schicksal.» Krannig blickte auf ihn nieder wie einer, der Traurigkeit überhaupt nicht kennt. «Ich hab's nie sehr ernst nehmen können, das Ganze des Lebens, das mit Frauen, Kunst, Politik. Der Mensch ist nicht wichtig.» «Du bist der grössere Melancholiker.» «Ich wünsche dir was du verdienst. Offen gestanden vermutete ich, du hättest umgesteckt mit der Kunst. Beleidigt's dich? Gessner ist Fotograph geworden; Gott weiss, er war ein Genie. So hat er Villa und Auto, reist um den Erdball. Ich guckte in dein Aquarium – wissen sie denn das nicht, hierzulande? Sind sie vom Affen gebissen?» «Es hat sich nicht herumgesprochen. Ihr gefällt's, das genügt mir. Wie findest du sie?» «Die Wahrheit zu sagen, misstraue ich Krankenschwestern. Oft sind es herrschsüchtige alte Jungfern, in irgend eine Majestät von Chefarzt unglücklich verliebt. Die, wenn sie ist wie sie aussieht –?» «Sie ist es. Sie ist die fleischgewordene Abenddämmerung mit aller Beruhigung, allem Lampenschein, aller Tiefe von Traum darin. Paul, und ich hab doch ein Kind, dem ich die Mutter schuldig geblieben bin!» «Du hast ein Kind?» «Ich erzähl dir's einmal. Paul, ich hab dich gehasst und vermisst. Nun ist mir, der Kreis würde voll; die Inseln von Glanz schiessen zusammen.» Hitler, vielleicht formte er auf seine Weise eine Plastik, die Gestalt des deutschen Volkes? Stapfer vermochte sich zu dem hektischen Hass auf den Mann vorerst nicht zu erhitzen. Er unterschied sich hierin auch von Byland. «Späne fliegen in Gottes Namen, wo eine Form herausgearbeitet werden soll», meinte er. «Am lebendigen Fleisch tut's weh, und der Zuschauer sieht nicht immer gleich den Sinn dabei, dass ganze Partien abgebaut werden. Ich bin nicht Staatsmann und billige ihm den Verstand zu, den wir als Künstler vom Laien nicht immer, in der Demokratie am allerwenigsten zuerkannt bekommen –» «Du sprichst wie ein Untertan. Als erzogener Staatsbürger bist du verpflichtet, in Dingen der Politik kein Laie zu sein.» «In den Hausangelegenheiten hoffe ich meine Lektion trotz einem zu können. Der Weltpolitik gegenüber, ich müsste lügen, Walther, weiss ich mich nicht zuständig. Ist's Landesverrat, sich zu seinen Beschränkungen zu bekennen? Erlaubt Freiheit das Verständnis nur für das Eigene? Was weiss ich vom Anderen? Der Zwerg denkt nicht an die von den seinen verschiedenen Bedingungen des Riesen. An seine andere Schuhnummer, daran, wie's kracht, wenn er sich zu Bett legt. Zudem, wir hatten keinen verlorenen Krieg, keine Hungersnot, keine Revolution, kein, Verschulden hin oder her, darniederliegendes Selbstbewusstsein. Ich nehme alldas psychologisch eher als politisch, und so betrachtet, entwaffnen uns die Entwicklungen durch Berechtigung ihrer Gesetzlichkeit. Bis dahin, verzeih, hat die Gegenseite nichts unternommen, diese Gesetzlichkeit als Mache zu entlarven; bis dahin war es ein Siegeszug dieses sonderbaren Tribunen, ein Siegeszug durch die Extrablätter einer Welt, die entweder recht gegen ihn hat und dann handeln müsste oder aber es büssen wird, seine Dämonie in Nichtachtung aller Beweise zu unterschätzen. Es gibt Deutschland gegenüber nur zwei Verhaltungsweisen: In der Knebelung ganze Arbeit zu machen, wenn schon man das für eine Therapie hält, oder das Christentum von der Politik nicht auszuschliessen und dem deutschen Volke zu geben, was man selbst hat. Von den Gewaltmethoden ist die vermäntelte gewiss nicht die schönere. Rede ich landesfremd? Ich dächte, Selbstprüfung und Unabhängigkeit des Urteils wären gerade schweizerisch. Ich habe auch nie die Schönheit des Vaterlandes grundsätzlich in Zweifel gezogen, ihre geistige Schönheit, an der allein wir Verdienste haben. Sollte, was Gott verhüte, der Tag kommen, der uns zur Verteidigung der Heimat aufriefe, ich wüsste wofür immerhin ich stürbe.» Die Volksmeinung nahm auch in dem Krankensaal kein Blatt vor den Mund; Schwester Elena kam ihre Bescheidenheit zustatten und auch, dass sie, Deutsche von Vaterseite, die Gesinnung des Landes teilte, ihrer ganzen Natur nach gewiss nicht die Eignung hatte, Unmenschlichkeiten, von wo sie auch kamen, anders als mit ihrem stillen Entsetzen aufzunehmen. «Sie, Schwester Elena, sind ein weisser Rabe», lobten die Jünglinge. «Sonst, hol mich der Teufel, will sagen das Sandmännlein, entblössen sie alle früher oder später den Pferdefuss, beziehungsweise den preussischen Reitstiefel, und wär's im dritten oder vierten Glied.» «Im dritten und vierten Glied haben sie nicht eure Vorbildlichkeit erreicht, ihr Schwadroneure», rief Stapfer nicht ohne Bitterkeit hinüber. «Ein Beispiel erweist die Möglichkeit, und Schwester Elena ist wohl das schönste, doch keineswegs das einzige das ich kenne.» Viel später, wenn sie an seinem Bette zu tun hatte, brachte sie's an, ihm zu sagen: «Es ist lieb von Ihnen, Herr Stapfer, sich dem Strom der Verallgemeinerung entgegenzustemmen. Ich bin Deutsche von Geburt, mütterlicherseits Schweizerin, hier zur Welt gekommen und aufgewachsen; mich einzukaufen, fiel mir nur deshalb nicht ein, weil kein Mensch doch erwarten konnte, dass solche Dinge wie Landesgrenzen und Bürgerpapiere je die Bedeutung bekommen würden, die sie, ich gebe zu, durch deutsche Gedanken erhalten haben. Irgendwo in meiner Liebe – wenn's das ist was sie meinen – hange ich an Deutschland, kränkt es mich, wenn sie's, mit welchem Recht immer, schelten.» «Nicht mitzuhassen, mitzulieben sind Sie da, Schwester Elena; wer könnte das so wie Sie von sich sagen! Falls die Feindschaft von heute echt ist – was ich allem Anschein entgegen nicht glaube – dann war die Freundschaft von gestern gelogen; gelogen die Kenntnis der deutschen Kultur, gelogen die Liebe zu ihren Dichtern, Denkern und Künstlern, an denen sie uns zu unserer Verkleinerung massen. Halten Sie's ihnen zugut, dass sie's schwer haben, im poltrigen Wesen eines warmherzigen Menschenschlages den Zorn übersteigern. War's irgend ein Volk, so aber ist's das Brudervolk, und am Eigenen leidet der Mensch am schwersten.» Er sah ihr eine Weile zu und fuhr hierauf fort: «Es gilt jetzt, sich aufrecht zu erhalten. Immer waren es die Unwissenden und Kleingläubigen, die sich vom Augenblick verwirren liessen. Ihre Spanne Zeit, meinen sie, sei die Menschheitsgeschichte. Ihr Untergang, meinen sie, sei der Weltuntergang. Das muss wohl so sein und ist menschlich; wem aber der Geist mehr als ein Wort ist, der trägt als ein Mast seiner Ueberlandleitung in Sturm und Regen nach dem Mass seiner Kräfte.» So eine Schwester, Tag und Nacht unterwegs mit Tassen, Tüchern, Flaschen, fand nur beiläufig Gelegenheit, sich etwas vom Leben anzueignen. Wer er wäre? hatte sie Martin gefragt. Woran seine Frau gestorben sei und wie lange her? Sie nahm Einblick in Abbildungen seiner Statuen, und er betrachtete sie darüber; ihr liebes Gesicht hing voll einer flaumigen Versenkung, die Hände, in der Arbeit von einer Festigkeit und Bestimmtheit, die ihrem Wesen fast ein wenig fremd stand, verrieten durch ihre Haltung das ganze Wunder von Zartsinn in dieser Frau. Sie war nicht mehr jung, sie war auch nicht eigentlich schön; sie war beides in einem ganz anderen Raume. Ihre Hand und ihr Antlitz – Eines Tages führte sie seinen kleinen Marti herein. Plötzlich wusste er alles. Es bereitete ihm wenig Kummer, am Ende der Wochen, sie zu verlassen; er ging ihr voraus an die Arbeit. Mit der Hilfe Bylands hatte Krannig eine Ausstellung im Zürcher Kunsthaus eingerichtet – Krannig und Stapfer, Castor und Pollux. «Ihr seid ja Helden,» hatte Krannig gesagt. «Ich gebe euch schon einen Saal voll, aber nur zusammen mit Stapfer. Ihm bin ich höchstens der Täufer. Ihr seid mir Helden.» Einiges war erst noch zu giessen. Martin sah es in seinem Golde, neu und delphisch funkelnd, eine Halle Göttertum. Ein Mass der Anfeindung überwunden, duckt sie sich. Krannigs Bekenntnis zu dem Freunde war demonstrativ und bei jeder Gelegenheit vorgebracht, sodass die Besprechungen den neuen Mann beinah ängstlich zu gleichen Teilen mit der Berühmtheit würdigten. Stapfer war überm Berg. 20 Das Gefühl, überm Berg zu sein, umgab ihn wie eine andere Luft, und sie blieb. Waren es die Besprechungen, die Verkäufe – waren es Elenas Briefe? Wunderlicher-, nicht wunderlicherweise war beides zusammen eingetroffen. Was anderes als Elenas Briefe! Den Verlust der Armut bedauerte er gar nicht selten. Vorbei mit der schönen Verborgenheit, in die sie gekommen wäre mit ihren festen Händen und dem Flor ihres Antlitzes. Fast wie vom Todbett aus sah er die Vergangenheit im Zauber des Unwiederbringlichen – diese Jahre übermenschlicher Anstrengung, Jahre, die ihm als eine Stube mit winziger Lampe in ihrer Dunkelheit vorkamen – was war nicht alles darin: die Statuen, jede ein Kampf mit dem Engel, das Stück um Stück werdende Haus, die Ställe, die Wahlsonntage, das Söhnchen, Tilly – oder war das in einem früheren Leben gewesen? – das Oktogon, Himmelschlüssel, die Herbste . . . Marie, ganz zu Anfang. Er schrieb ihr auf einmal wieder, schrieb ihr alles von Elena und von Paul. Er schrieb im Seezimmer; dort, auf der Giebelseite, hatte er den Albis in seiner Abendbläue und ein wenig Wässrigkeit von See gegenüber, der Mond kam von oben herab. Es war Elenas Zimmer, in welchem noch nichts als ein Kupferzuber mit weissem Phlox und das Tischchen am Fenster stand. Vorhänge aus einer Milch von Mousseline. Seume hatte das Tannenholz zu Elfenbein veredelt. Er hätte ihm gerne geschrieben, allein wohin zwischen allen Meeren? In der Mousseline dämmerten Wolkenkratzer, Dromedarzüge fern im Mond. Auf und ab an dem Ufer ging Martin durch einen Aufbau von Gemäuer, Reben und Kastanien. Es war eine arme Andeutung von Mittelmeer, und doch hob sie das Herz mit südlichen Berückungen aus getürmten Räumen. Griechenland, Griechenland, wo der Kontinent des Himmels in Marmor aufblühte, Schönheit die Inseln mit einer Ahnung Hesperiens überwob! Ewiges Rom, das in Palästen höchste Gesetzlichkeit ausstrahlt – sie meinen, es sei ein Schmuck, und es ist eine Macht, ist die stückhafte Vertretung der Urmacht. In Europa marschierte die klirrende Hölle dagegen herauf; über ein kurzes würden die letzten Heiterkeiten des Geistes, von der Erde verjagt, zurück in den Himmel geflüchtet sein; die letzte Ueber-Natur, zerschlagen, fiel dem Staube anheim, die Frucht nur des dumpf Kreatürlichen, Aepfel und Schmetterlinge und Ammonshörner wucherten über Schutt hinaus weiter. Sonderbar, wunderbar, zu stehn als ein Mensch, mit allem in sich, und alles, solange er atmet und empfindet, ist in der Luft, dieser Luft, die ein wenig nach Kohlenrauch und Phlox der Gärten riecht, und alles ist auch in Elena, Kindheitserinnerung, die attischen Wolkenhorizonte, Salbei und thebanischer Staub, und die Wärme der Erde weht ihr das Haar auf, und er ist wie selig verstorben – anderswo, anderswo. Und doch ist sie gekommen, sich die Heimat von ihm zeigen zu lassen; sie ist jemand anders, in ihrem Sommerkleid, die Art Scheu vor der Schwester ist auch noch gefallen, er führt sie an ihrer Hand bergan, die weltliche sanfte Frau; Eidechsen rascheln im Mauerpfeffer, die Wiesen stehen im braunen Gras, der See fällt in die Tiefe zurück. Ist Krieg in Spanien und in China? Byland tut Dienst im Gebirge; irgendwo liegt Oesterreich mit der Wachau, mit dem ragenden Kloster Melk, irgendwo lebt all das, wovon man in Zeitungen liest, irgendwo im Umkreis ist das Jenseits der Weltnamen in der Menschhaftigkeit von atmenden Männern wirklich. Wirklich? Eine Wirklichkeit von Sommerglast. Wirklich ist das Grillengewetz, wirklich ist ihre Hand in seiner Rechten. Zu dem Kleidchen muss er sich äussern; sie hat sich's für ihn gekauft, noch ist es ihr fremd wie einer Nonne, die ein Leben lang ihre Tracht trug. Es gefällt ihm an ihr, hoch geschlossen mit Kräglein, auch das Haar hat er gern so im Knoten, es ist angegraut, braun und leicht; auch den Schäferhut, nein, er findet ihn keineswegs lächerlich. Eine Warze steht links des Mundes, ihr Gesicht ist von schmalem Oval, die Augen – immer, wenn er ihr warmes Grau sieht, denkt er an Kopenhagen. Ueber die Arme herab hat sie Stulpen aus geknüpftem Faden gezogen; da scheinen ein paar Märzflecken hindurch. Aus der Tiefe heraufsteigend, gingen sie auf Wiesenwegen, zwischen Wald und Aeckern, vollen herzförmigen Lindenbäumen, die einsam auf Hügeln standen; Wasser rannen vorbei, das Geäst hing voll von grünen Spielzeugäpfelchen und -birnchen. Sich umwendend, blickte das Paar auf eine Landschaft von nahen und fernen Bergzügen, auf Wald und Dunst und Gewölk zurück, durch Buchengelock schräg in den See hinab, der luftig spiegelnd gleichsam seine Nässe verloren hatte. Die Strasse lief krumm und allüberall zwischen den Grashöhen, zu Aussichtsbänken, Höfen, Weilern, mit Bördern voll gelben Hornklees und warmer Salbei. In Laubwald stufte der Berg sich zum Pfannenstiel an, Giebel blickten daraus hervor, Pferde weideten zwischen Hagen, die Brunnen strömten, der steile Käsbissenturm des Kirchleins wuchs aus Nussbaumkronen empor. Das unter den Himmel erhobene Land mit Fuhrwerken, Steinhaufen, Korn und Kraut und Feuerteichen, Kirschen, Mohn, Levkojen, Katzen, Wegweisern, Streuschobern, Landstrassen lag auf eine wonnige Weise zugleich ausserhalb und zutiefst in der Welt. Martin führte Elena über eine sanfte Wölbung der Höhe herab, hier wo man ihn grüsste, wo er bei Wäsche und Bohnenstauden stehen blieb, den Bäuerinnen gegenüber ein paar Leutseligkeiten anzubringen, auch ein wenig, um die Geliebte zu zeigen. Treuherzig, wie sie waren, fanden sie es ja schicklich, mit den Augen nach ihr zu fragen; er stellte sie als Schwester Elena vor, sie rieten in ihrer Nachdenklichkeit aufs Spital und dessen schöne Weiterungen, die sie dem lieben Hungerleider von Herzen gönnten. Das Kielwasser von Aufsehen, das sie hinterliess, war so lauter, dass es Elena keineswegs in ihrer Freudigkeit trübte; Martin empfand es als eine funkelnde Verpflichtung, die sich hinter ihm schloss, er nahm den Bogen recht weit, um tief in die Bindung hineinzugehen; ordentlich eine Flut von Rosenbäumchen und -büschen liessen sie hinter sich zurück. Zu Baumgartners kam er sozusagen nach Hause; eine Traube von Kindern hing ihm hier an, der Sennenhund spielte sich auf mit Gebell. Es erwies sich, dass Elena sich mit Tieren sogleich verstand; mit ihrem Rosenbusch und dem Hut in der einen, dem kleinen Marti an der andern Hand neigte sie sich beschwichtigend über das Bündel von zorniger Aufmachung, dessen wahre Gesinnung sie wohl erblickte. Mädeli verkläffte sich denn auch alsbald, wogte anderswo hin seiner Nase nach, kam aber wieder auf Spuren seiner Forschung; sein wichtiges Einverständnis war gewonnen. Dagegen vermochte sich Marti nicht in die äussere Verwandlung der Krankenschwester zu schicken; der Verlust der Tracht erschien ihm als Massregelung und Entthronung vonseiten irgend einer finstern Macht; die Enttäuschung über Elena, das Leid angesichts dieses Beispiels von Verrat übernahm ihn am Ende der Fragen so schwer, dass er in Geschrei ausbrechend seinem Vater zwischen die Knie kroch und Elena diesem Vater Blumen und Hut übergeben musste, um sich den Sohn auf die Arme zu laden. Obwohl sie lachte, war sie vor Kummer errötet; das Rudel Kinder gab seinen Beitrag zur Beruhigung aus guter Kenntnis des Bedürftigen – «Weisst du was: Zeig du mir lieber die Loben!» sprach ihm Elena ins Ohr, nicht ohne fragenden Blick auf Stapfer. Welche neue Veränderung der Lage! Sie bekannte sich als auf ihn angewiesen zur Besichtigung von Kühen? War sie allgemein nicht wie sich's ihm dargestellt hatte mit Vollmachten ausgestattet, war sie von Weibes Hinfälligkeit? Er blickte sie an aus der Tiefe, erfasste ihre Hand und führte sie. Eilfertiger als es ihr, die in der Empfindung nicht nachkam, lieb war, zog er sie von Tier zu Tier, nannte ihre Namen, Regeli, Flock, Vreneli, Gritli, Brüni, die lange Reihe in der Folge auch der Tafeln zu Häupten, sodass Elena zurückfrug, ob er denn lesen könne. Der Blick, in welchem sie auf einen Augenblick funkelnd jung wurde, ging Stapfer so heiss zu Herzen, dass er sich um ein Haar vergessen, sie in seine Arme geschlungen hätte. Beides gehörte ihm nun, der eifrige Blondschopf und die Frau, die in städtischer Säuberlichkeit das Streubett entlang ging, diese Landschaft, diese warme Welt einer Frau, um die er Lerchen und Weizen sah. Mittlerweile war die stürmische Schar bei einem Kälbchen angelangt, welches von seinem Lager auf und mit Gepolter gegen das Gatter fuhr. Seine Mutter muhte, und auch Elena erzürnte sich fast ein wenig an der Unbändigkeit der Kinder. Martin fühlte sich unbeschreiblich wohl in der Partei Elenas und der Mutterkuh. Er stand einen Schritt von ihr in Elenas Rücken, empfand sie vor seiner Brust. Die Würze der Bauernrosen wob durch die Stalluft, diesen Wohlgeruch aus Riedgras, Milch und Kälbchen. Es glotzte aus seinem Wuschelkopf und duckte sich in die Hinterbeine. «Kommt, Kinder; wir machen ihm Angst», sagte Elena, sah Martin dastehen und griff erschrocken nach Strauss und Hut in seinen Händen. Es war mit ihr ein fortgesetztes Erlebnis von Feinsinn und Rücksichtnahme. Der Feinsinn nötigte sie auch, sich jetzt wieder zu ihm zu schlagen. Zusammen betrachteten sie noch einmal das Kälbchen. Es sah aus wie über und über voll Hobelspäne. «Es gibt in Athen», sagte Martin, «den Kopf eines Rindes, ich glaube aus Sandstein. Er erstaunt nicht allein durch das Wunder seiner Einfachheit, sein Anblick macht auch die Verwandtschaft des Menschlichen aller Zeiten augenscheinlich. Die besten Stücke der Kunst sind so, dass sie, sei es im Sinne des sublimierten Naturalismus, sei es in dem der Stilisierung, eine Sehnsucht jeder Moderne erfüllen. Ich zeige Ihnen das Bild zuhause, ebenso Zeichnungen von Eiszeitmenschen. Wäre mir der eine Tierkopf gelungen, ich hätte eine Lebensleistung darin geliefert und brauchte mich nicht weiter zu bemühen. Ein Bison des Höhlenmenschen – besseres an Abstraktion haben die Jahrtausende seither nicht gebracht. In Griechenland sass der Hansnarr, was weiss ich: während vielleicht gerade die Schlacht bei Salamis prasselte – sass auf seinem Bildhauerplätzchen in Ginster und meisselte die Anmut des Kälbchens. Lesen Sie Gedichte von Li-taipe – er war Chinese, er lebte vor zweitausend Jahren – seine Freuden und Leiden sind die unsern. Das Ewige, immer, in aller lebendigen Verwandlung sich Gleiche ist der Geist; er ist auch der Born des Allgemeinmenschlichen, er kommuniziert um das Erdenrund, die Völker schöpfen in ihren unterschiedlichen Bechern, das Geistige in seiner Reichweite vom Grausigen des Batakerfetischs bis zur Architektur Johann Sebastian Bachs ist dem Empfänglichen nach dem Mass seines eigenen inneren Umfangs fassbar.» Nach der Schwäche der Einsiedler verfiel er leicht in Redseligkeit, sobald er eines Vertrauten habhaft wurde; überdies wusste er, dass sie ihm gern zuhörte, ja eine eigentliche Leidenschaft darin bezeugte, sich seine Gedankenwelt anzueignen. Sie mochte auf ihrem Gebiete einwenig viel mit Flaschen, Kesseln, Linnen, Suppentöpfen, Spritzen beschäftigt gewesen sein in der Unterordnung gegenüber den Wissenschaftlern, ohne Musse anderseits für die seelischen Möglichkeiten ihres Berufes; ihm aber erschien es als eine Herrlichkeit, die reife Art ihrer Neigungen zu sehen. Sie waren wiederum ins Freie getreten, die Kinder schon unterwegs zum Ruinenhaus, die Fahne des Hundes wippte in ihrer Umgebung. Elena hob wohl einmal ihre Rosen vors Antlitz; Halbinselchen weisslichen Haares beflaumten ihr die Schläfen, eine Strähne wand sich beinah schwarz und wie nass vom Scheitelansatz schräg über das wundervoll gewölbte Haupt. Martin ging in reichlichem Abstand, ging nach seiner Gewohnheit mit den Händen am Rücken, die Stirn geneigt, in herzlichem Vergnügen seiner stillen, fast schalkhaften Betrachtung. Auf einmal trat ein Strassenstein in seinem Blickfeld hervor, ein Stein, den er kannte: hier hab ich vor Zeiten gestanden, und alles war aufs Tüpfelchen genau dasselbe, der Ort, die Stunde, die Frau und sein Gefühl von allem! Marie? Es war damals Herbst und nicht diese Strasse gewesen. Vielleicht gehn wir auf Erden in Ausführung des Gedankens; durch unsere reinsten Augenblicke blitzt Erinnerung an den göttlichen Plan. Der Weg fiel. «Das ist so alles nichts im Vergleich mit der Zeit vor Tag,» lächelte Martin, «auch im Stall, vor der Dämmerung, Elena: noch ist keine Amsel erwacht, der Knecht trägt die Stallaterne übers Gras, blaue Saturnsringe schwingen überall hinauf, in Blust oder Schnee der Bäume, an den Morgenstern, in die Pfirsiche der Riegelmauer, es riecht nach Milch und Schlaf in der Scheune, und der Bauernschuh schlurft mit dem brösligen Geräusch, das ein kauender Gaul in den Kiefern macht. » Am Abhang blieb er stehen, das Kinn auf der Brust. «Sie erwarten kein Flachdachhaus mit Garage! Am Ende ist's Ihnen zu schlecht, ein Amateur hat's gemacht, müssen Sie wissen, Elena –» Sie trat vor ihn hin. Es war schwierig, die Lage zu meistern. Elena ergriff die ihr so wohlbekannte, rosig verheilte Hand. «Du,» sagte sie einfach. 21 Zwei oder drei Katzenschwänze waren ihm doch entgangen, auch das eine und andere Kaminfegerchen. «Das wird aber von Jahr zu Jahr besser und eine Wiese mit Kinderstube», versicherte Martin. «Schau?» Die grünen Paketchen von Haselnüssen. Im Fischteich standen Forellen. Er erklärte ihr das mit dem Dynamo. Krautig, mit glänzendem Gestengel schäumte der Hahnenfuss in die Wildnis aus blauem Eisenhut. Das Fenster strotzte von Buben und Mägdlein. «Fallt mir nirgends herunter!» rief ihnen der Hausherr hinauf. Worum es ging, war ihnen nicht bewusst, Stapfer sah es aus heiterer Laune, froh seiner Freiheit, auf Spuren der kleinen Eroberer als stiller Aehrenleser mit der Geliebten zu gehen. Sie gingen von Raum zu Raum Hand in Hand. Eine Laube umfasste die Ecke und schloss mit dem Elfenbeinzimmer. Es stand voll der Süsse des Phloxes. «Kann ihnen nichts geschehen?» «Sie haben eine Schaukel im Estrich.» Der Estrich war eine Halle mit Pfosten und truhenartigem Gesimse. Hier hatten sie Zelte aus Sacktuch und Kastelle in Brennholz aufgerichtet. Martin, der Spender von allem, sass im Schaukelseil und sah sich die Fröhlichkeit an, aus Träumerei ein ganz klein wenig traurig. Es gab ein Teefest, welchem Elena vorstand, umsichtig und viel beansprucht. Darüber dämmerte es schon zum Abend; schliesslich reichte es gerade noch, Marti zur Not zu beschwichtigen, damit dass der Vater zum Schlafengehen zurück sein wollte. Jetzt, bergab, fiel mit jedem Schritte auch sein Mut, sodass das Dringlichste unbesprochen blieb. Er trauerte Elena im Herzen nach ohne Sinn diesmal für die Tollheit der Buben, die ihren Tag mit erhitztem Wesen, in den Betten purzelnd, hinauszogen. Als einer sich wehtat und es noch einmal Tränen gab, fand Martin die Stimmung aus Leid und Uebermut dem Wesen der Welt durchaus angemessen. So war sie, eine Lampentraulichkeit mit finsteren Winkeln, einem Stern in Geranien; sie war diese fragwürdige Wachheit am Tor der Träume. Die Bauernmutter erschien und schmückte das Tor mit Gebeten aus Kindermund: «Abends, wenn ich schlafen geh, Vierzehn Engel an meinem Bette stehn: Zwei zu meiner Rechten, Zwei zu meiner Linken, Zwei zu meinen Füssen, Zwei zu meinen Häupten, Zwei, die mich decken, Zwei, die mich wecken, Zwei, die mich weisen Zu dem himmlischen Paradeischen.» Beruhigung breitete sich aus als eine wohlige Kühle; man vernahm jetzt den Brunnen im Hof, der Nachtwind trug Nelkengeruch herauf und die fernen Sirenen der Boote. Stapfer zog seinem Söhnlein noch den Daumen aus dem Mäulchen, führte ihm die Hand übers Haar und verliess mit der Bäurin die Kammer voller Bubenschlaf. Die Magd wusch im Hofbrunnen Kraut; Martin stand plaudernd noch eine Weile bei Vater Baumgartner, scheute sich fast vor seinem Ruinenhaus, das er anders, von Elenas Aufenthalt verwandelt vorfinden würde. Er zehrte von der Kraft des Hofes, dieser Wohligkeit alter Gemächer, durch die die Geschlechter gegangen waren; der Absud von Kraut, das Oel breitschirmiger Lampen, Balsam des Heus und der Lebensgeruch tätiger Menschen hatten das Holz gebeizt, warmes Holz, das in der Endgültigkeit seines inneren Gesetzes ruhte, so wie die Bauern selber, wenn sie, alt und gelöst, schon in die Ueberzeitlichkeit ragten. Sie gingen herum in einer Luft von verwelkten Sommern, einer Ablagerung all der Abende mit Betzeitläuten, Kindergekreisch und Staubgeruch, gingen durch Schlittengeröll und Christbaum, durch Grabkränze, Kirschen, Astern und Quitten, durch das Reissen des Feuers, Geplansch in Milch, durch das Aroma der Aepfel. Dem gegenüber hatte der Städter auf seine Ruine aufgebaut und baute über alles hinaus in Statuen. Die Gefährdungen in der Luft, Krieg der Bekenntnisse, schien es ihm, fanden ihn ausgesetzter, ohne das Hinterland einer Ahnenschaft von der Tiefe der Vergangenheit, aus welcher sie nicht zu verjagen war. Er baute nach vorn in das Ungewisse. Wunderlich melancholisch in Elenas Haus, setzte er sich nicht zum Schreiben; er las in Zeitungen herum, die sich hier angesammelt hatten. Abessinien – sein Kaiser glaubte noch an die Regierungen, suchte das Recht in Europa; die Zuversicht um Spanien wankte. Es war kein würdiger Geist, der aus den Zeitungen sprach; Stapfer warf sie zur Seite. Hatte nicht Post im Kästchen gelegen? Byland schrieb aus dem Militärdienst, schrieb von Formalismus auch hier, davon, dass Bürolisten den Krieg hier machten, die Zeit in Pedanterien hinging. «Was mich immer entsetzte, der satte Anspruch auf Wohlergehen, das Vertrauen in die Noblesse der Geschichte, es scheint Gepflogenheit sogar der Militärs zu sein. Nirgends der Ernst der Annahme, die Dinge möchten sich auch bei uns einmal anders als in Zeitungspapier und auf der Leinwand vor Polsterstühlen ereignen. Die Gefahr muss noch näher treten, um die Auflockerung zu bewirken, die unsrer Verhocktheit vonnöten ist. Der Anschein ist indes nicht die Wahrheit. Man lernt hier den Einzelnen kennen, den Arbeiter, der keinem Bonzen gehorcht, den Bankangestellten, der wie ein Sozi spricht. Glaube mir, das Teil ist besser als das Ganze, das Ungenügen gross, und eines Tages muss es gelingen, den Stand des Landes auf den Stand des Bürgers zu bringen. Die Menge der Bewegungen von Oxford bis zur Tatgemeinschaft der Jugend bürgt mir für die innere Lebendigkeit dieses Volkes. Die Grossorganisationen, die zur Eroberung der Welt aufmarschieren, richten den Bürger auf die Ziele der Machtpolitik aus; das ist in potenziertem Verhältnis die Umkehrung unserer Gebundenheit im Vergangenen, dem gegenüber wir in der Freiheit nicht Schritt gehalten haben. Wir haben nicht Schritt gehalten, wenn in unserem Volksstaat die Verwaltung, etwa die Käseunion auf Kosten des Bergbauern blüht. Auf der schaffenden Kraft aller Zweige wuchert das Händlertum. Es ist nicht Patriotismus, es ist sträfliche Blasphemie, Historizismus der Unwissenheit – oder, noch schlimmer, des Wissens? – dabei von Freiheit der Väter zu reden. Dass die Väter ihre Pflicht getan haben, entbindet uns nicht der Notwendigkeit, die unsere zu tun. Die Vögte sind, wie alles in der Welt, integraler geworden. Die politische Freiheit, die uns die Väter erstritten, ist erst das Haus, in welchem die Wohnlichkeit zu erhalten fortgesetzte Bemühung der Generationen bleibt. Meine ich Boiler und Taschengeld? Ich meine das Grundgesetz von der Freiheit des Schöpfertums und denke dabei nicht einmal zunächst an die Künste, die als Disziplinen des Metaphysischen möglicherweise auch der metaphysischen Tragik unterstehen, es in dieser Welt nicht leicht haben zu können. Indem wir unsere Unabhängigkeit verteidigen, verteidigen wir wohl eine Freiheit; wir hätten darüber hinaus Europa in unseren Gemarkungen zu erhalten, Jacob Burckhardts Europa der Individualität, Goethes Europa der Persönlichkeit. So ist es ein Paradies nur der Krämer, auf jedem Gebiet nimmt der Vermittler den Gewinn der Arbeit vorweg, und die Persönlichkeit, recht eigentlich unbequem, wird in gebührenden Schranken gehalten.» Oder war es die Klugheit eines unsentimentalen Volkes, seine Persönlichkeiten zur höchsten Kraftentfaltung durch Widerstand anzureizen? Es billigte ihnen eines Tages alle nur denkbare Liebe zu, wie sich's am Beispiel jenes Duttweiler zeigte, auf den auch die Pfannenstieler eine Weile ihre Hoffnung gesetzt hatten. Dieser Wirtschaftsreformer war in der Zeit Nationalrat und mit seiner Anhängerschaft eine Partei geworden. Die Partei der Unabhängigen. Er unterhielt eine «Zeitung in der Zeitung» und plante ein Tagesblatt, gegen dessen Verwirklichung die Ritter der Presseburgen insgeheime Gebete verrichteten. Byland erfuhr es an Ort und Stelle, Byland, der Sonderbare in seinem Ansehen aus Begabung und Anstössigkeit. Er erlebte Verweise der schlimmsten Art, fand aber die Türen immer zuletzt wieder offen, hatte, ein Nichtraucher, Zigaretten abzulehnen und bei einer Tasse Kaffee den literarischen Herren die eigentlichen Gründe seiner Missvergnügtheit darzulegen. Es waren dieselben, die er so freimütig nannte, dass man noch welche dahinter suchte; er war ein bekümmerter Geistesmensch von vielleicht zu hohem Anspruch, und die Barbarei des Jahrhunderts trieb ihn in eine Enge, in der er Ausbrüche versuchte. Sein Bildhauerfreund, der ihn kannte, schätzte mit Besorgnis den Umfang der Gefährdungen ab, welchen das Gemüt des jungen Dichters schliesslich erliegen musste. Stapfer, wenn er von der Weltlage mit Byland sprach, beschönigte sie in dem Sinne, dass er die Aufgewühltheit der Zeit an sich als Errungenschaft hervorhob. Er nannte sie einen gewaltigen Eisgang, einen Föhn im Frühling der Menschheit; der Frühling würde anders als der Föhn sein, Brutalität befreite das Leben des Stromes. «Der Föhn brüllt mir das selber ein bisschen zu laut in die Welt», entgegnete Byland. «Ich fürchte es ist nicht der Frühling, ich fürchte, es sind die Spartaner. Die Spartaner sind auch ein Weltgesetz. Um die Vergänglichkeit der Kulturen zu wissen, macht ihren Verlust nicht leichter. Es ist gewiss nicht Athen, um welches der Untergang dunkelt, aber es ist das Eigene, es ist Europa, es ist die Vision aus Dante, Michelangelo, Kepler, Kolumbus, Mozart, Schiller, Newton, Descartes, Shakespeare, Velasquez, Hölderlin, Hofmannsthal, Tolstoi, – Trakl.» Es fehlte nicht viel und er weinte. Martin hatte wieder Anzeichen seiner Hautkrankheit an den Fingern; diese betrachtete er dazu dass er sagte: «Du hast mir noch nie dein Bräutchen vorgestellt. Das gehörte sich eigentlich und wäre wohl an der Zeit.» Der junge Lehrer wand sich in Missbehagen. «Verse in einer Zeitung voll Krieg und Schmach, und sein bisschen Privates auf diesem Hintergrund!» «Nun schäme dich, Walther. Was ist Gottes, Gedicht oder Krieg, Liebe oder Hass?» Er brachte das Mädchen zugleich mit den Druckbogen eines neuen Versbuches seiner Hand. Vreneli trug sie in ihrem Täschchen. Sie waren von der Forch herabgewandert und trafen es insofern schlecht, als Besuch da war, Krannig. Auch von Stapfer gab es Drucksachen vorzulegen; zwei seiner Bildwerke waren nach Deutschland weitergegangen und hier in einer Zeitschrift zu sehen. Für mehr war die Zeit vorbei, Martin im deutschen Raume zu spät angekommen. «Ihr habt es ja besser,» sagte Byland, «ihr sprecht eine Menschheitssprache.» Vreneli in ihrer Jugend sprach sie offenbar auch; Krannig fing sichtlich Feuer. «Und für das», murrte Stapfer, der in den Bögen las, «hast du nun wieder bezahlt?» Sie Krannig hinüberbietend: «Ein Dichter legt tausend Franken zu diesem Geschenk an sein Volk.» «Sind sie hereinzubringen?» «Jedenfalls nicht zu seinen Händen. Auch nicht zu denen des Verlegers, und der Buchhändler kauft sich kein Auto davon.» Krannig, der alles, nur kein Leser war, blickte so, dass Martin das Blut aufwallte. «Aber Strassenbahnhäuschen, sag ich dir! Kinopaläste! Gottes ist der Orient – der Okzident muss des Teufels sein!» Das Pärchen ging alsbald weiter, und Wochen verstrichen bis Martin dazu kam, dem Liebenden seinen Eindruck zu sagen. «Sie sprach ja vor Schüchternheit keine drei Worte. Hat Paul sich noch nicht gemeldet? Schlag es ihm rundweg ab, wenn er sie zum Modell will; in dem Punkt ist er skrupellos.» «Ich brauch es ihm nicht zu verweigern; – sie und sich ausziehn! Mir, wenn ich sie bäte, gewiss ohne Wimperzucken, wie alles.» «Ich fürchte das eine, Walther, in ihrer kindlichen Hörigkeit kann sie dir auch im heilsamen Sinne zu wenig Widerstand sein. Ich meine Widerstand so wie der Ranke ein Stab. Du weisst, wir Männer, irgendwo bleiben wir Babys.» «Die Frauen – irgendwie sind sie uns schon als Babys überlegen! Was ich an dem Kinde anstaune, ist gerade diese immer noch wunderbar zunehmende Weite des fraulichen Empfindens. Hier war sie erschrocken und Krannig missfiel ihr. Findest du sie sehr kindlich?» «Von mir aus hätte ich sie, wie Krannig es tat, auf wenigstens siebzehn geschätzt.» «Sie wird im Frühling konfirmiert, ist alsdann etwas über sechzehn und Gott sei gelobt der Grenze des Gesetzlichen näher. Ich wollte sie über die Verlegenheitsjahre ins Welschland bringen; dagegen waren der Proletenstolz des Vaters und zugestandenermassen meine Furcht, sie auf die Weise zu verlieren. Ich sah sie so wenig, als es ohne Kränkung zu machen war.» «So bringt der Frühling uns beiden Feierlichkeiten –» «Im Frühling?» «Ja, und ich stürze mich auf die Gelegenheit, dich zum Trauzeugen auf Gegenseitigkeit zu bitten!» Sie kämpften beide mit der Rührung. Stapfer machte sich eine Weile mit seinem Giesskännchen am Lehm zu schaffen. «Es wird auch jetzt nicht sehr leicht sein. Es sind keine Zeiten der Kunst, die Menschheit hat andere Sorgen. Krannig sogar wird abbauen, sich mit seinem Namen begnügen und wieder auf Verdienst arbeiten müssen. Nächstens geb ich ein verspätetes kleines Fest mit Aufrichtmahl und einem Bäumchen . . . »ein Tännlein grünet wo, wer weiss, im Walde«. Du bist, natürlich mit deinem Bräutchen, vor allen geladen.» Byland hatte seit Jahren auch ein Romanmanuskript auf Lager, samt einer schmeichelhaften Kollektion von Verlagsbriefen dazu. Die Wanderung der Handschrift hatte seinen Namen im Stillen verbreitet, den Ruf seiner problematischen Begabung in Fachkreisen gemehrt; es gab Lektoren, die bedauernd nach dem Schicksal seines Buches fragten, aber auch staubige Herren, welche ihm mit der Bekundung ihrer Ungnade einen Stein auf den Weg zu rollen glaubten. Byland indessen – das war die Frucht seiner journalistischen Tätigkeit – hatte längst jenen Hochmut in sich ausgebildet, auf Urteile wohl zu hören, die letzten Verantwortungen aber allein zu tragen, in keiner Weise weder aesthetisch noch moralisch noch menschlich gefallen zu wollen, seinen Ehrgeiz nur darein zu setzen, die Erkenntnis mit grösstmöglicher Wahrheit in die Welt zu stellen. Ratschläge – du lieber Gott, an ihrer Hand kam einer dazu, sich den Esel auf den Rücken zu laden. Von Natur verletzlich und auch eitel genug, dumme Missdeutung schmerzhaft zu empfinden, war er dahin gekommen, es als einen Teil seiner Leistung zu tragen. Wahrlich nicht in Gefahr, sich Unfehlbarkeit anzumassen, fand er die Auseinandersetzung mit der Welt seine Mannespflicht, die ihm so wenig als den Meistern des Ungenügens eitel Wohlgefallen und Friedenspalmen einbringen konnte. Der Herbst war ihm vergällt durch Qual des Wartens; das Gedichtbuch wollte und wollte nicht kommen; dazu die Entbehrung Vrenelis, die Weite des Weges zu ihr. In Nordspanien war der Marsch der Nationalisten plötzlich verheerend vorgestossen; es gab da nun, während man lebte, die umzingelten Städte, die Menschen am Meer mit dem Todfeind im Rücken; es gab die Bestialität des Materials, den Hohn der Usurpatoren, die Flucht der Greisinnen und Kindlein, irgendwo hinauf in den Schnee – und man lebte, man übte die täglichen Verrichtungen, sah die Sorglosigkeit derer im Wohlergehen, und Gott schien es alles zu billigen. So blieb denn das kleine Hausfest am Pfannenstiel nicht ohne Streiflicht des Makabren; Bilbao war gerade gefallen, die Biscaya schwemmte Leichen nach Frankreich, in Hendaye beobachtete man von Autos aus die Salven auf Mütter und Greise. Man sprach von dem allen und von der rechten Art jetzt, zu leben, welches die gebührliche Mitte zwischen Sorge und Vertrauen, Abwehr und Offenheit, Welthaftigkeit und Geistigkeit wäre. Martin und Elena trugen ihre Ringe; Krannig, der es sich nicht hatte nehmen lassen, für den gastronomischen Teil der Veranstaltung auch mit seiner Kochkunst aufzukommen, fand es denn doch schliesslich gottlos, das heilige Leben mit Politik zu verschandeln. «Dass ihr an diese mehr als zweifelhafte Dame überhaupt noch ein Wort verschwendet! Ich verstehe nichts davon, aber so viel wette ich mit jedem, dass wir die kurzweiligsten Dinge von ihrer Laune erleben werden. Um die Freiheit der Völker soll's gehen? Die Völker sind immer beschissen. Ihr glaubt jetzt an dieses Russland als an den grossen Versuch; ich aber sage euch, das Volk wird auch dort den Popanzen noch in ganz anderen Lug und Trug als diese Moskauer Prozesse hinein folgen. Die höhere Gerechtigkeit distanziert sich von diesen Händeln. Die höhere Gerechtigkeit ist in dem und in dem und in dem –» er zeigte von einer Terrakotta auf den Knaben und – seine gebackenen Felchen. Er hatte die Hilfe einer alten Bauernfrau, kam aber nicht zu Tische, sondern lief in seiner Küchenschürze, rundlich und rosig, hinaus und herein. Man sass in der grossen Stube, dem Zimmer Elenas nebenan; Stapfer hatte die Mittelwand nach der Werkstattseite durchbrochen und die Küche dahinter angelegt. Die Eschen am Bache sausten, der Albis rauchte von Sturmgewölk, Martin sorgte sich um das Bäumchen, das er am Abend eines märzlichen Herbsttages auf den First gesteckt hatte, und in der Tat, als er mit Marti auf die Wiese hinauslief, sah er's in all seinen Bändern schon auf das Dach herabhangen. Seine Gebärde dazu wirkte auf Marti nicht humorvoll, die starre Betrachtung, in der das Büblein gestanden hatte, löste sich in Geschrei. «Pass auf, was wir machen!» rief der Vater und lachte. Marti hielt im Lamento ein, neugierig darauf, durch welches andere das Unglück ersetzt werden sollte. «Und du darfst mit dabei sein.» Er nahm seinen Labormantel und führte den Kleinen in den Estrich hinauf. Der Wind trieb Schauer von Regen durch die Ziegellücke herein, die der Vater, gewaltig ragend, wie ein Loch im Eise abschuppte. Es regnete denn in den Estrich herein, sprühte dem Büblein auf den Schopf; es sah das Gewölk über die Oeffnung jagen und endlich den Baum wie ein Meertier in seiner Buntheit herniederkriechen. Es lag ihm zu Füssen, zahm und des Schutzes froh; dem Vater gelang es, das Leck zu verlegen. Die Grösse des Vorgangs stimmte den Knaben zu einer heiteren Sanftmut, er führte an einem der Bänder mit und fragte und unterhielt sich als Mann mit dem Manne, in dessen Gemeinschaft er ein Unheil gutgemacht hatte. «Da haben wir den Sünder», erklärte Martin der bass erstaunten Gesellschaft, und das war abermals ein Wort voll Tiefsinn für Marti, der es in der Folge dauernd wiederholte – «Da haben wir den Sünder!» rief er freundlich strahlend auch als das Tännchen, hochzeitlich mit Bändern und Konfekt behangen, eine Weihnacht im Raume verbreitete. Im übrigen hielt er sich zu Vreneli und schleppte es nach Tisch in den Estrich zu seiner Schaukel hinauf. Byland traf beide vor der Gesimstruhe in Spielsachen kniend, nicht ohne einen kleinen Knacks im Gewissen zu verspüren. «Baumgartners wollen gehen, Herzing», sagte er und sah in die Auslage hinab. Alsobald wach, erhob sich das andere Vreneli zu ihm, ein Rosenbusch, der ihn gewichtlos umblühte. Noch fehlte es an allen Ecken und Enden in diesem Haushalt ad hoc, doch behalf man sich mit Humor. Die zweite Schicht, die Jugend der Baumgartner, rückte auf Ohrtassen und Bechern trommelnd an; es folgte die Festivität der Kleinen, diesmal unter der Führung Vrenelis, welches zur Tante aufrückte und seinen Kindergarten von Lustbarkeit zu Lustbarkeit mit aller nur wünschbaren Findigkeit lockte, sodass sich das Kabinett der Bedächtigen, unten im Atelier, unabhängig wiederum seinen sorgenden Beratungen hingeben durfte, aufblickend nur wenn Krannigs Wagen vor dem Hause mit einem lockeren Bleche in Windstössen schepperte. 22 Europa 1938 hatte die Stille eines Dschungels, in welchem der Tod umgeht. Plötzlich piepste es hektisch: «Bis zum letzten Blutstropfen, bis zum letzten Blutstropfen!!» – dann ein weisses Verstummen, und das Unheimliche. Der Einmarsch in Oesterreich, Kolonnen über Nacht, hierauf ein Märzglanz alle die Wochen, ein Wunder von Frühling, in den er einzog, der spät heimkehrende Sohn dieses Landes. «Von ihm aus betrachtet», sagte Martin, «als Erlebnis eines Menschen: Schenkt sich der Heimat, indem er sie der eroberten Grossmacht hinzufügt! Hohenstaufe redivivus. Ergreift Besitz von Schlössern, Klöstern, Weinbergen, Strömen, Gebirgen, Burgen, Wäldern, Eisenbahnen, Kathedralen, Grüften der Genies! Foutiert sich und reiht seine Städte auf.» «Success succeeds, es ist grauenhaft, den Wankelmut zu erleben,» sprach Walther dunkel. «Es ist das Krämerpack, das den Sinn für nutzlosen Tod verloren hat. Europa geht daran zugrunde, dass niemand mehr sterben will.» Die Morgenblätter des 13. März, eines Samstags, hatten es in dicken Schlagzeilen gebracht. Heisse Weltgeschichte, so nah, versengt die Herzen: Hitler in Linz, in Salzburg, deutsche Truppen am Brenner, Hitler in Wien. Schuschnigg Gefangener im Belvedere. Sie erreichten die deutschen Gaue mit ihren Augen, hier auf dem Irchel, einem einsamen Tafelberg, unter dessen Laubdach die beiden gingen; der Glanz der Bläue erhellte den Buchenbestand, salbeidunkle Dämmerung lag wie ein Meer in der Tiefe, vor die sie zuweilen traten – der Rhein floss da unten in Kehren, Hügel mit Klöstern erhoben sich in den Dunst, der Hohentwil trug seine Ruinenkrone. Das Buchskraut grünte, der Ruf des Kuckucks geisterte in der Stille. Sie konnten es nicht forttragen, allein was war es noch ohne Freiheit, sich darin zu bewegen? Die Höfe da unten, die Weiler mit den schönen Namen Buch und Berg, waren sie noch dasselbe, wenn ihre Gemeindekästen, heuduftend von Jahrhunderten redlicher Volksbeschlüsse, Stempel einer Fremdherrschaft aushingen? Dann lieber nicht leben! Lieber nicht leben als unter Vormundschaft! Wie er es wieder mit seinem Herzen anglühte, das reine Land von Gras, Baumgärten, Dörfern, Waldkämmen und Schneegebirge! Sein Sorgenkind, das er so oft getadelt! Es war ihm ein bisschen viel mit dem letzten Blutstropfen renommiert worden; das Scharwenzeln nach allen Seiten . . . «Man müsste das Schweizervolk an seiner Schulter packen können: Nicht schöntun! Wissen was sich schickt und dazu stehen, hau es oder stech es!» Eine Kriegsgurgel war aus dem Lyriker geworden. Martin lächelte leicht ungläubig. «Lern dieses Volk der Hirten kennen, Knabe», rezitierte er. «Im übrigen: Er wird's nicht. Er will sein Heiliges römisches Reich deutscher Nation –» «Eben will er's!» «Er hat es ja klar umschrieben . . . » Walther grinste ihm ins Gesicht. «Bitte!» beharrte Martin. «Es ist das Unheimliche dieses Mannes, dass er Punkt um Punkt seines Programms erfüllt. Programme haben auch andere entworfen; sie blieben Literatur. Mich entsetzt nachgerade die Haltung, ihn all seiner Taten ungeachtet starrköpfig zu ironisieren. Weiss Gott, der hat die traumwandlerische Sicherheit des Künstlers, die er sich selber zuschreibt!» Und der Kuckuck rief, und die Ferne des Wassers blitzte; die Freunde gingen schweigsam neben einander durch Heidekraut. Eine Basler Zeitung brachte in jenen Tagen Bylands «Lied vom Morgarten»: «Sieben Leben spielen Kinder, Sieben gib mir, lieber Gott! Wenn sie kommen – sieben Leben, Sieben gib mir, lieber Gott!» Der einundzwanzigste, Tag des Triumphes: Die Bundesversammlung erhebt sich im Manifest ihres Unabhängigkeitswillens! Ohne Letzten Blutstropfen, eine Kundgebung von alter schweizerischer Schlichtheit und Kraft. Byland umarmt alle Welt, er kann wieder atmen. Durch Blust führt Stapfer seine Braut heim. Die Bienen summen ins Landkirchlein. Und auf einmal das neue Militärgesetz, Verlängerung der Dienstpflicht, Luftschutzmassnahmen, Wehranleihe jubelnd überzeichnet. Das Strafgesetz eidgenössisch, Bekenntnis zur Einheit! Auch Stapfer, der schon im Weltkrieg an der Grenze stand, wird in den sauren Apfel beissen. Byland magerte in der Unteroffiziersschule zur braunen Schindel ab. Sein geliebter September auch diesmal voll Waffengerassel! Stapfer suchte noch immer zu verstehen. «Ich weiss es nicht von Oesterreich – vielleicht wollten sie! Ich weiss es nicht von den Sudeten.» «Die Sudeten sind nur der Anfang!» Martin hob die Schultern. «Behauptung.» Jetzt drehte sich Byland auf dem Absatz herum. «Das heisst man denn doch . . . » Und am Ende der Auseinandersetzung fuhr sie ihm doch heraus, die schlimme Anspielung auf Stapfers deutsche Frau. «Junger Mann?» knirschte Martin und rollte die Augen. Byland lief stracks hinweg, und so hatten die Zeitläufte denn auch die Repräsentation von Verbündeten wie den Pfannenstielern jäh auseinandergebracht. Am Böhmerwald Spannung zum Reissen. Chamberlain flog nach Godesberg. Chamberlain flog nach München. Die Ungeheuerlichkeit einer Woche, da die Menschheit am Munde des Einzigen hängt: Ist Weltkrieg siebzehn Uhr Samstag? Stapfers romantisches Jahrhundert! Eine Woche lang lebte die Menschheit von Tag zu Tag hinüber mit dem Ziel dieses Samstagabends, die Fabriken gingen, der Ozean warf seine Wogen, man kleidete sich an und aus, die höhere Gerechtigkeit distanziert sich von unseren Händeln, die höhere Gerechtigkeit ist in dem und in dem und in dem, in der Sonne, die niederflattert, im Regengewölk, in der Stille – in der Geisterstille nur ist sie nicht, in dem was die Menschen machen. Byland ist wunderlich gereizt, hat mit den Schülern unverhältnismässige Auftritte. Er ist jetzt ganz allein. Er will mit Vreneli brechen. Vreneli in seiner Not läuft zu Stapfer, es anerkennt keine Feindschaften. «Er verliert den Verstand, er nennt sich Demosthenes und spricht immerzu nur von Alexander!» Stapfer kennt einen anderen, der sich dieser Tage erschossen hat. Einem Kranken kann er nicht grollen, er fährt ihn mit Taxi in eine Nervenheilanstalt aufs Land hinaus. Vreneli bleibt, ihn zu hüten. Sie darf es jetzt, sie ist dem Makel entwachsen. Er braucht sie ja auch wie die Ranke den Stab; sie weiss die heilsame Mitte zwischen Mitteilung und Verschweigen. Frieden? Weltfrieden, Weltsonntag? Es ist ein altes Landhaus in Rüstern. Buchshecken um Rosenbeete. Und kein Wasserzins, der Brunnen schleiert auf Moosbehang. Manchmal packt ihn die Gier auf ihre Lippen, und Vreneli, der Engel, hält seiner Wildheit ergeben still. Sie hat knapp seine Grösse. Abermals im März, ein Jahr nach Oesterreich, Punkt für Punkt des Programmes: Der Führer auf dem Hradschin. Martin Stapfer hatte sein Haus beisammen, einschliesslich des Hundes Bello und eines Rehzicks, welches treppauf und -ab lief. Fischer hatten es aus dem See gezogen. Der Mensch weiss von keinem Besitz mehr wie lange er ihn behält, und das ist vielleicht gerade, was diesem Lande nottat: Sie lockern den Griff um die Dinge; sie wissen, es gibt das, dass eines Tages alles dahingeht, Häuser, ganze Städte mit Wohnungen, Tischen, Schränken, Lichtleitungen, Bibliotheken – mit einem Rucksack zieht man aus in der Richtung der Berge; man kommt vielleicht durch, vielleicht verhungert oder erfriert man, es gibt das, es ist nicht mehr abzuleugnen. Ist Heldentod versichert? Die Kartotheken fliegen von Bomben auseinander, wer weiss, wer das Geld aus den Schutthaufen kratzt! Tramhäuschen in Trümmern sind nichts mehr, Statuen strahlen noch aus dem Bruchstück die Einheit des Schönen. Zwar, sie liessen sich nicht ins Bockshorn jagen, das war wieder eine Tugend ihrer Erdhaftigkeit: sie arbeiteten auf eine Landesausstellung hin, die sich denn auch zum Ereignis auswuchs. Die Gestade, die ein Jahrzehnt zuvor plastische Kunst des Erdteils so freundlich beherbergt hatten, blühten von Fahnen und Trachten aller zweiundzwanzig Kantone, deren jeder seinen Ehrentag mit Festspiel und Ovationen erhielt. Zu einer Zeit, da im Disput um Minderheiten ständig der Weltbrand schwelte, Stämme in Völkerwanderungen zusammenströmten, gab die kleine Alpenrepublik das Beispiel der Verträglichkeit unter Sprachen und Glaubensbekenntnissen, empfing Zürich mit Brüderlichkeit die Züge der Tessiner, Basler, Genfer, Thurgauer, Bündner, schwatzten die Eidgenossen, auf einmal erschlossen, von den Weinen ihrer herben Erde vergoldet, in den vier Landessprachen durcheinander. Stapfer und Byland streiften auch durch die Blumenrabatten, stolz auf den Hintergrund des Volksfleisses, diese Hallen von Maschinen, Stoffen, Töpfereien, Uhren, Präzisionswerkzeugen, Schuhen, Schokolade, Konserven, Sämereien – stolz auf all das, doch mit den Augen zuhause in den Baumkronen, auf den Wolkenballen überm See, in der Ferne des silbernen Gebirges, und heiter vom Jenseits der Statuen, die auf Rasen und in Gebüschen, am Wasser und vor Fassaden das Ganze erst zur rechten Festlichkeit erhoben. Alles war über die Massen erfindungsreich angeordnet und ausgenützt, in einer höflichen Weise zugänglich gemacht und bei allem berechtigten Eigenlob doch nirgends protzig oder pathetisch, nicht ohne Selbstverspottung da und dort; der lehrhafte Geist des Landes griff auf die neuesten Mittel, Lautsprecher, Film und Bastelkurzweil, der Jugend war ein Sonderparadies eingerichtet, eilfertig wechselte die Schwebebahn zwischen Stadt und Land, zwischen Gewerbe und Bauerntum über die Bucht hinüber und herüber. Es war keine blosse Messe, es war die künstlerisch überlegte Veranschaulichung eines Ländchens ohne Lebensraum, ohne Kolonien, ohne Meerhäfen, das sein Daseinsrecht nicht anders als mit der Buntheit der Leistung belegen wollte. Das Ueber-Nützliche, die Blüte aus allem, Kunst und Wissenschaft, stellte es mitnichten hintan, baute ihm vielmehr Tempel und gab ihm das letzte Wort überall, wo das Schöne allein noch zu überzeugen vermochte. Unsere Pfannenstieler nahmen sich in der Heimlichkeit ihr Teil von Verdienst daran, dass auch Theater und Kunsthaus, die Buchhandlung und eine Halle des Schrifttums gebührende Würdigung fanden; der Ausdruck von Scheu in den Mienen verriet die Gutwilligkeit, dem bedeutsamen Spiel seinen Platz an der Sonne zu gönnen; ein Bauer mit Buch, ein Kaufmann, über Dichterhandschriften geneigt, ein Handwerksmann, der das Korn einer Bronce befühlte, das war gewiss ein so nobler und schöner Anblick als der Künstler vor Hexereien der Technik, war das, wofür die beiden Eiferer mit etwas zu wenig Glauben alle die Jahre geworben hatten. Ob es als Bedürfnis blieb? Ob die gewisse Leichtigkeit zu leben über den Anlass hinaus fortbestand? Madrid war gefallen, ja. In Genf trieb die Schrecknis eine Wunderblüte nach; die Ausstellung von Meisterwerken des Prados, die sorglich von Höhle zu Höhle geflüchtet worden waren, zeigte Goya, Greco, Velasquez, Tizian, in Goldrahmen von Zentnergewicht, unerhörtes Strandgut, über Gebirge heraufgeschwemmt von der verruchten Zeit, zum Nutzen freilich auch so armer Schlucker wie Stapfer und Byland, denen die Riesengrösse an einem Finger erreichbar wurde. Die wahre Macht und Würde eines Landes strahlte von den Wänden herab götterhaft als eine fast greifbare Stille. Die Menschen gingen darin traumselig benommen und wehmutsvoll angerührt von der Frische Hesperiens, welches sie hier betraten; sie verschleppten seine Luft zusamt einem zarten Heimweh in den Alltag, in die Welt der Verworrenheit. Es ging auf September, hinein in die Hysterie wie nun immer, die Wetterharten nahmen es längst nicht mehr tragisch. Ueber monatelange Verhandlungen, in denen die Westmächte Russland umworben hatten, triumphierte die Berliner Diplomatie mit einem Göttergelächter: mit dem deutsch-russischen Nichtangriffspakt, den sie der erstarrten Welt eines Morgens um die Ohren schlug. Der Krieg aber, wenn er ausbrach, dieser Krieg schlug den Erdteil in Stücke. Der Schweizer Grenzschutz rückte am Dienstag ein, lediglich vorsichtshalber. In der Morgenfrühe des ersten September schlugen die Deutschen gegen Polen los. Das war ein Freitag, um dessen Mittagsstunde Bern die Generalmobilmachung ausrief. Sogleich begann das Heer zu strömen, von den Bergen herab, im Austausch der Landesteile; Stapfer schwang auch seinen Sack auf den Rücken – «Der arme Byland mit seinem Schätzchen!» klagte Elena. «O, der Schlaumeier ging nicht ohne sich noch schnell zu verloben!» Er hatte das Büblein und seine späte Frau an der Brust, er küsste beide im klaren Bewusstsein, dass es möglicherweise das letzte Mal war; aber alle blieben sie ruhig, Baumgartners gaben die Söhne ruhig von ihrer Hand; die Männer, die auf Wiesenpfaden von ihren Höfen kamen, fühlten sich leicht geniert nur im Ungewohnten der Uniform, und eine leise Kümmernis galt ihrem Gewehr in der Regendrohung der Lüfte mehr als der Wetterwand, deren Sinnbildlichkeit für ihr Gefühl schon beinah einwenig nach Pomp aussah.