Anton Wildgans Liebe Eine Tragödie in fünf Akten Gesammelte Werke. Dritter Band   Bürgerliche Dramen: In Ewigkeit Amen / Armut / Liebe 1930   Copyright 1916 by L. Staackmann, Leipzig Dramatis personae   Martin Anna, seine Frau Seine Mutter Vitus Werdegast Wera Madame Charlotte Ein greiser Herr Ein Stubenmädchen Die Handlung spielt in einer Großstadt, das ganze Drama, mit Ausnahme des dritten Aktes, in der Wohnung des Ehepaares, der dritte Akt im Zimmer Weras in der Pension der Madame Charlotte. Zwischen den Vorgängen des ersten und zweiten Aktes liegen nicht ganz vierundzwanzig Stunden. Der zweite und alle übrigen Akte gehen innerhalb weniger Stunden vor sich. Actus primus in prologi modum Wohnzimmer. Dunkle Tapete, weißgestrichene Türen und Fenster, grauer Spannteppich, außerdem einige Perser. Links vorne schmale Tapetentür, weiter rückwärts, schräg ins Zimmer hereingestellt, ein schöner schwarzer Flügel, rechter Hand neben ihm eine Ständerlampe mit smaragdgrünem Seidenschirm. Rechts vorne an der Wand, fast bis an die Decke emporreichend, eine offene Bibliothek, davor ein behäbiger Schreibtisch mit bequemem Armstuhl. Zwanglos um ihn gruppiert einige weitläufige Lederfauteuils. Weiter rückwärts in der Rechtswand hohes dreiteiliges Fenster mit Spitzenstores. In der Mitte der Hintergrundwand breite offene Tür ins Speisezimmer. Sonst noch an den Wänden Radierungen und Stiche: Porträts von Beethoven, Brahms und Bruckner, alte Stadtansichten. Auf dem Schreibtisch außer einer bronzenen Garnitur elektrische Lampe mit gleichfalls smaragdgrünem Schirm und ein Telephonapparat. In der Mitte des Plafonds einfache Deckenbeleuchtung. Wenn der Vorhang aufgeht, ist der Raum nur durch die Deckenbeleuchtung matt erhellt. Das Fenster ist offen. Der Mond zeichnet das zarte Muster der Spitzenstores auf den Teppich. Sie bewegen sich manchmal im leisen Luftzug des Maiabends. Von der Straße herauf abwechselnd Schritte und Stimmen Vorübergehender, einmal ein leises wohllautendes Pfeifen. Im Speisezimmer sitzen am gedeckten Tische, von dem das Essen jedoch schon abgetragen ist, Martin und Anna beide schweigend vor sich hindenkend. Nun wendet sich Martin mit einem Blicke an Anna. Beide erheben sich. Martin kommt in das Wohnzimmer, setzt sich zum Schreibtisch, schlägt ein umfangreiches wissenschaftliches Werk auf und vertieft sich darein, Martin , ungefähr siebenunddreißig Jahre alt, ist der Typus des modernen Großstadtmenschen von geistigem Beruf. Sein von der Arbeit etwas müdes Gesicht trägt die Spuren sonntäglicher Bewegung in freier Luft, Seine Nervosität ist vollkommen beherrscht durch gute Erziehung und liebevolle Rücksicht. Seine Gestalt schlank, seine Kleidung – er trag! dunklen Saccoanzug – von einfacher Eleganz. Anna , anfangs der Dreißig, sieht bedeutend jünger aus, als sie ist. Schlanke, seingliedrige, mädchenhafte Gestalt, Typus der Tochter aus gutem bürgerlichem Hause. Sie trägt ein leichtes, lose fließendes, sehr reizvolles Hauskleid, außer dem Eheringe jedoch keinerlei Schmuck. Ihr reiches Haar ist sorgfältig frisiert. Die Anmut ihres Gesichtes hat etwas Verschlossenes, ihr ganzes Wesen etwas leise Gehemmtes. Nun kommt auch Anna in das Wohnzimmer, bleibt jedoch nahe der Tür stehen und betrachtet unschlüssig, ob sie nicht lieber gehen solle, und einigermaßen enttäuscht ihren lesenden Gatten. Martin bemerkt sie, freundlich aber etwas unsicher lächelnd Willst du nicht ein wenig Klavier spielen? Anna mühsam Das bedeutet: du möchtest ungestört lesen. Martin freundlich Da mir untertags dazu leider die Zeit fehlt, habe ich eben bisweilen abends das Bedürfnis, ein wenig Mensch zu sein. Anna sehr gehalten Und wenn ich nun das gleiche Bedürfnis hätte? Martin durchaus verträglich Darum schlage ich dir ja vor, Musik zu machen. Anna hat eine Erwiderung sein lassen, wendet sich zum Klavier und blättert in einem auf dem Pulte befindlichen Notenbuch Welche Art Musik paßt am besten zu deiner Lektüre? Martin leicht und liebenswürdig auflachend Hast du nicht gerade Beethoven aufgeschlagen? Anna müde lächelnd Ja. Martin Also gut, eine Sonate von Beethoven! Anna Welche? Martin Sagen wir – die Mondscheinsonate. Anna Weil der Mond scheint, nicht wahr? Martin wie oben Oder auch opus 111! Anna Sag doch lieber, daß es dir alleseins ist! Martin Nur insoferne, als du eben alles mit gleicher Vollkommenheit spielst. Anna Du bist sehr liebenswürdig. Martin sehr friedfertig Warum nicht? Anna spielt mit edlem Ausdruck ein Adagio von Beethoven. Martin hört ihr einige Augenblicke aufmerksam zu, dann zündet er sich eine Zigarette an und vertieft sich in sein Buch. Anna unterbricht plötzlich ihr Spiel, läßt die Hände in den Schoß sinken und beherrscht ihre Nervosität zu einem trostlosen Vor-sich-hin-Schauen. Martin mit mühsamer Freundlichkeit Was ist dir? Anna fast verzweifelt Ich kann heute nicht spielen. Martin Warum denn? Anna rauh, aber hilflos Es ist mir einfach – Ich weiß nicht – Vielleicht langweilt es mich ... Martin das Buch zuklappend, gelassen Das hättest du gleich sagen sollen. Anna nervös Laß dich doch nicht stören, kümmere dich nicht um mich, lies doch, bitte! Martin Keineswegs. Ich widme mich ebensogerne dir. Plaudern wir ein wenig. Anna müd Wovon denn? Martin Es wird sich schon ein Thema finden. Anna mehr wie zu sich Ja, und dann beginnen wir wieder zu streiten – Martin mild-vorwurfsvoll Du bist sehr ungerecht. Ich erinnere mich nicht, daß wir in den letzten Jahren jemals gestritten hätten. Anna Weil es dir nicht mehr dafürsteht. Martin Nein, sondern weil, Gott sei Dank, kein Anlaß dazu vorliegt! Anna Früher, bevor das Kind da war, hat es schon manchmal, auch ohne sogenannten Anlaß, Streit gegeben! Dafür aber auch ... Martin behutsam ablenkend Seien wir doch froh, daß wir über jene Zeit schmerzhafter Anpassung hinweg sind. Anna sehr verhalten Es war aber auch manches Schöne damals. Martin etwas gedankenlos Das ist uns ja geblieben. Anna rauh Das glaubst du doch selbst nicht! Nichts ist uns geblieben. Martin unsicher Nichts? – Das ist Gefühlssache. Für mein Gefühl – Anna in der Oberhand Sprich es lieber nicht aus! Du bist doch sonst nicht der Mann, dir und anderen etwas vorzumachen. Martin in sich versinkend, schwer Da hast du wohl recht. Pause. Man hört von der Straße herauf ein helles, eigentümlich sinnliches Frauenlachen. Anna von diesem Lachen irgendwie berührt, geht etwas schleppend zum Fenster und starrt einige Augenblicke vor sich hin in das Mondlicht An einem solchen Abend sollte man überhaupt nicht zwischen seinen dumpfigen vier Wänden sitzen ... Martin wirklich bereitwillig Wir könnten ja noch auf eine Stunde ins Freie hinausfahren und irgendwo draußen ein Glas Wein trinken. Anna mit herber Wehmut Unter blühenden Kastanienbäumen – Martin mit herzlicher Wärme Bei leichter Musik, in der Nähe fröhlicher Menschen. Willst du? Anna sehr gehemmt Dahin passen wir ja nicht. Martin Das ist bloß deine Einbildung! Anna etwas hysterisch Nein, nein, nein! Immer nur zusehen, wie die anderen jung sind, leben, vergnügt und verliebt sind! – Wir sind recht alt geworden, Martin! Martin nachdenklich Und dabei sind wir doch beide, jedes für sich, noch so lächerlich jung! Alt sind wir nur aneinander. Anna Woher kommt das? Martin ganz sachlich Das kommt vermutlich daher, daß unser Reizbedürfnis mit den Jahren zunimmt, während die Reize, die wir auf einander ausüben, immer schwächer werden. Anna mit leichter Aggressivität Vielleicht hättest du eben eine andere Frau nehmen müssen. Martin schlicht Das glaube ich nicht. Anna Eine, derer du nicht so rasch überdrüssig geworden wärest. Martin mit Wärme Ich bin deiner nicht überdrüssig, Anna! Anna Oh doch, du sagst ja selbst, daß ich auf dich keinen Reiz mehr ausübe. Martin Du hast mich nicht verstanden. Anna So etwas kann eine Frau auch nicht verstehen, die ihren Mann – liebhat. Martin nahe bei ihr Auch ich habe dich ja lieb, Anna. Anna Aber nicht so wie ich dich. Martin tief Wie denn hast du mich lieb? Anna mit gesenktem Blick Immer noch so – wie im Anfang. Martin mit einer Glut, die nicht dem Weibe, sondern der Wahrheit gilt Mich? Wirklich mich? Als diesen Mann, der ich bin? Oder mich als den dir Nächsten eines Geschlechtes, das du begehrst, eines Lebens, nach dem du dich sehnst und das manchmal in einem hellen verliebten Lachen heraufklingt durchs offene Fenster in einer Maiennacht? Kannst du mir das beantworten? Anna verschlossen, nicht ohne eine gewisse innere Auflehnung So habe ich es noch nicht betrachtet. Martin So müssen wir es aber betrachten, wenn wir als Menschen in Wahrheit mit einander weiterleben wollen! Anna rauh Ich weiß nicht – ich kann dir nicht antworten. Martin in schwerer Erschlaffung, fast verzweifelt Das ist eben der Abgrund zwischen Mann und Weib – Anna weh Oh nein, Martin, das ist vielmehr der Abgrund zwischen einem kalten und einem zärtlichen Herzen. Sie wendet sich von ihm ab. Stubenmädchen tritt durch das Speisezimmer auf und überreicht Martin eine Visitenkarte. Martin nach einem erstaunt-zweifelnden Blick auf die Karte in heller Freude Wie? Ist das möglich? Vitus Werdegast!! Der mit einer Geige und drei Frackhemden nach Australien durchgebrannt ist! Der, von dem ich dir soviel erzählt habe! Zum Stubenmädchen Lassen Sie den Herrn doch herein! – Eilt selbst durchs Speisezimmer entgegen Ja, wo steckst du denn, Mensch des Erbarmens!? Anna zum Stubenmädchen Geben Sie mir rasch ein anderes Kleid! Beide links ab. Martin und Vitus kommen durch das Speisezimmer. Vitus Werdegast , Mann in der Mitte der Dreißiger, mittelgroße sportgeübte Gestalt, scharfes glattrasiertes meerluftgebräuntes Gesicht, volles, glatt und seitlich gescheiteltes Haar. Er trägt dunklen Sakkoanzug, Stehumlegkragen, Lackhalbschuhe. Er liebt es, mit leichtem englischem Akzent zu sprechen, den er besonders dann affektiert, wenn er für ein Gefühl, das ihn übermannt, oder eine Wahrheit, die er anbringen will, eine Maske braucht. Martin ganz außer sich Mensch, Freund, Bruder! Nach fünfzehn Jahren –! Vitus mit besonders englischem Akzent Dämpfe die Freude des Wiedersehens ein wenig, my dear ! Martin Ach was! Du wirst doch erlauben, daß ich einfach toll bin! Vitus Vorgestern in Genua an Land gegangen, gestern noch mit Madame Susanne Fleuret in Monte Carlo diniert, vor einer Stunde hier eingetroffen und schon bei dir! Martin höchst animiert Wer ist Susanne Fleuret?! Vitus Eine von den Vielen, von den Zufälligen, die man gerade trifft und deren Taxe verschieden ist. Martin wie oben Und das schämst du dich nicht, mir gleich in der ersten Minute zu verraten? Vitus Warum auch? Ich habe ja kein Gelübde abgelegt. Und auch sonstige Bande verkümmern mich längst nicht mehr. Martin Gab es denn jemals Bande, die dich –? Vitus mit komischer Feierlichkeit Gewiß! Denn auch ich war eine Zeitlang so abgeschmackt – Martin auflachend Verheiratet zu sein –? Vitus mit drolligem Ernst Allerdings! Und habe die Geschichte verteufelt ernst genommen. Wurde mir jedoch recht übel gelohnt – Meine Frau betrog mich. Martin Ehe du ihr darin zuvorgekommen warst? Erzähle mir keine Räubergeschichten! Vitus mit gravitätischem Humor Ehe ich ihr darin zuvorgekommen! Immer mehr mit der seelischen Maske des englischen Akzentes Was mich zunächst nur aus rein sportlichem Ehrgeiz wurmte. Martin lacht, hält inne, dann mit behutsam forschendem Freundesblick Eigentlich ist das vielleicht gar nicht so sehr zum Lachen – Vitus sich gegen allen Anteil verwahrend Oh, warum nicht? Eine Wette, ein Spiel, ein Rennen wie andre! Ziel: der Ehebruch. Ich habe einfach verloren. Und zwar um viele Nasenlängen. Denn ich selbst hatte noch gar nicht daran gedacht zu starten. Das ist nicht tragisch. Im Gegenteil! So wurde ich eben wieder frei. Es lebe die Freiheit! Martin wie oben Auch wenn die Freiheit bloß – Madame Fleuret heißt? Vitus unentwegt um jeden Preis Auch dann!! Denn nur hier in Europa führt sie diesen schalen Kokottennamen. Aber was ist dieses Europa?! Dieser ganze Erdteil schwelt sozusagen von der Sentimentalität der Geschlechter, die jede Sinnenfreude mit den Bleigewichten der sogenannten Liebe beschweren. Liebe!! Ein Wort, an dem die Fröhlichkeit von Generationen zugrundegehen könnte! Nur der Orientale versteht, was Freude ist! Mit plötzlichem Gewahren Aber du wirst mir ja ganz trübsinnig, Alter! Martin in verlegen-forciertes Lachen ausbrechend Ganz im Gegenteil Deine Paradoxe belustigen mich aufs innigste. Anna tritt auf. Sie hat sich umgekleidet und ein reizendes dunkles, einfaches Kleid angezogen. Martin vorstellend, nicht ohne Bewegtheit Meine Frau. Vitus mit großer Verbeugung, sichtlich überrascht Ah, Madonna! Meine Hochachtung! Für eine Europäerin sind Sie in der Tat überraschend – begehrenswert! Anna zuerst etwas unsicher, dann fröhlich herauslachend Seien Sie herzlich willkommen! Martin wohlgelaunt zu Anna Darauf warst du wohl nicht gefaßt! Aber an diesen Ton wirst du dich jetzt gewöhnen müssen, Liebste. Vitus immer in der Maske forcierten englischen Akzents Sage nicht »Liebste«, o Freund! Man kann nämlich nie wissen, ob man nicht eine noch Liebere findet. Martin Für einen Ehemann ist das gänzlich ausgeschlossen – hier in Europa wenigstens. Vitus nachdem Anna und er links vorne Platz genommen Ja, in Europa! Da magst du wohl recht haben. Zu Anna im vollen Zuge geistreichen Übermuts Ich sagte soeben – oder sagte ich es noch nicht? – daß mir die europäischen Frauen wie Kühe vorkommen, die lieber gemalte Blumen aus Goldrahmen als frischen, süßen Klee von grüner, freier Weide fräßen! Bildlich gesprochen. Sie aber, Madonna, scheinen mir hievon eine löbliche Ausnahme zu bilden. Anna belustigt Sehr liebenswürdig! Eine Kuh bin ich allerdings nicht. Vitus enthusiastisch Nein bei Gott nicht! Eher eine Gazelle, ein Rehjunges – wenn auch immerhin über Dreißig! Anna Aber noch nicht sehr lange. Vitus Tut nichts. Nicht auf die Lenze, sondern auf das anatomische Moment kommt es an! Und Sie, meine Gnädigste, haben, wie es scheint, ganz geistvolle – Füße! Anna verlegen geschmeichelt, zieht ihre Füße an sich, lacht Aber –! Martin gleichfalls geschmeichelt auflachend Solche Galanterien muß ich mir ausbitten! Vitus mit drolliger Emphase Ach, warum? Entziehen Sie doch, bitte, diese göttlichen Gebilde nicht geizig dem Zublick des verzückten Betrachters! Denn sehen Sie, ich beaugenscheine dergleichen begnadete Gliedmaßen ohne jede sträfliche Lüsternheit ... Martin mit Humor dazwischen Das will ich hoffen! Vitus Sondern mit den gleichsam eisgekühlten Blicken eines Wissenschaftlers der Freude ! Sie müssen nämlich wissen, daß ich die Menschen im allgemeinen und die Frauen im besonderen nach der Intelligenz ihrer Füße einteile. Anna Das ist zum mindesten neu! Vitus Das mag neu, paradox, geistreich, originell, grotesk oder gar pervers sein! Die Hauptsache bleibt, daß meine Einteilung richtig ist. Mit Emphase Daher auch der Dichter an die Geliebte: In dieser Füße keusches Heimlichsein Sendet das Herz sein rotes Pochen nieder, Und alles zage Beben deiner Glieder Und viele Nerven kehren in sie ein. Das Gegenstück hiezu sind eben dumme Füße! Anna lacht belustigt Martin Es ist etwas Wahres daran. Vitus Es ist so viel daran, daß ich bisher unter tausend Europäerinnen kaum fünf gefunden habe, die darin meinen allerdings hochgespannten Erwartungen entsprochen hätten. Anna Sie werden sich bei den Frauen dieses Weltteiles unbeliebt machen. Vitus Wenn sie unbeliebt in dem Sinne von ungeliebt gelten lassen wollen, so habe ich keinen dringenderen Wunsch. Anna Das verstehe ich nicht. Vitus Nun denn, Madonna: geliebt werden ist, wie schon die leidende Form des Zeitwortes andeutet, ein höchst passives Vergnügen und heißt im Grunde soviel, als von jemandem anderen gelebt werden. Und ich lasse mich von niemandem leben! Ich lebe die andern. Martin So hast du auch nicht immer gedacht. Ich kenne dich besser. Vitus Gerade weil ich nicht immer so gedacht habe, empfinde ich es als ein besonderes Glück, in der zweiten Hälfte meines Lebens endlich so zu denken. Anna Sie müssen schwere Enttäuschungen erfahren haben. Vitus Früher einmal, in jener Zeit, wo ich mich noch zum Instrumente fremder Leidenschaften, Gefühle, Hoffnungen, Wünsche hergegeben habe. Heute bin ich, Gott sei Dank, so weit, daß die Frauen für mich Instrumente sind, auf denen ich meine Leidenschaften spiele. Anna Und finden Sie solche Frauen? Vitus Man findet sie in schwerer Menge. Anna Da sind Sie vielleicht nicht wählerisch? Vitus Ich glaube doch. Anna Dann aber nur innerhalb einer – gewissen Kategorie. Vitus Hier in Europa ist es allerdings nur eine gewisse übelbeleumundete Kategorie, die unsentimentale, lieblose Freude zu spenden vermag. Anna Freude, ist denn das mehr als Liebe? Vitus Liebe verhält sich zu Freude wie Parfüm zu einer Alpenwiese. Das wissen nur die göttlich-tierischen Kinder des Ostens. Anna Warum sind Sie dann eigentlich nach dem Westen gekommen? Vitus Gott, man hat doch schließlich auch noch andere Interessen als gerade diese Art von Freude! Glaubt mir, wie ich endlich hier dasitze, gehetzt von den Hunden dreier oder vierer Weltteile, habe ich eines Tages ein sehr banales Gefühl kennen gelernt – Martin lachend Das ist dann immer besonders originell, wenn du einmal in dir ein banales Gefühl entdeckst! Vitus Ein Gefühl, an das ich nie geglaubt hatte. Anna gespannt Was war es denn für ein Gefühl? Vitus schlicht Heimweh – einfach Heimweh. Martin bewegt Nicht möglich. Vitus Ja. In irgend einem dieser gottverlassenen australischen Goldgräbernester – mitten in Sand gebaut, ohne einen Schimmer Grün, ohne eine Pfütze Wasser! – gewahre ich eines Abends einen – Wurstladen, genau so einen wie jenen, an dem ich jeden Tag meiner Schulzeit vorüberging. Und auch die Würste im Schaufenster schienen mir die meiner Kindheit. In den Laden hineingehen und solch eine Wurst kaufen war eines. Und – mit Tränen in den Augen habe ich sie, die elend und kaum genießbar war, hernach in meinem Hotelzimmer bei verschlossenen Türen gegessen. – So hat es angefangen. Martin mit Wärme, behutsam Nun bleibst du aber ein wenig bei uns in der Heimat! Vitus nach einem Blick auf Anna, die ihn mit heimlichem Leuchten erwidert Nicht allzulange, fürcht' ich. Anna Sie müssen aber! Vitus »Einer wie ich ist immer nur zu Gaste« – selbst in der Heimat. Anna Glauben Sie, wir in Europa wissen nicht auch gute Geiger zu schätzen? Vitus Ich bin kein guter Geiger, gnädige Frau. Ich bin in erster Linie Mensch, Müßiggänger, Abenteurer – mit einem Wort: ein arbeitsscheues, vagierendes Individuum. Nebenbei geige ich zufällig – um des lieben Mammons willen. Das reicht für herüben nicht aus, für jenseits von Suez genügt es. Martin Das werden wir beurteilen, wenn du nächstens deine Geige mitbringst. Vitus Lüstet es dich nach einem Violinsolo? Martin I m Gegenteil, meine Frau wird dich begleiten. Vitus mit einer Überraschtheit, die er lieber nicht merken ließe Können Sie denn das, meine Freundin? Anna mit bescheidenem Stolze Ich hoffe. Vitus Ja, das habt Ihr Europäerinnen: Musik und Seele! Nur zuviel Seele meistens und zuviel Musik und beides auf Kosten des Leibes, und der ist doch die Hauptsache Mit plötzlich geänderter Stimme Señora, womit ich die Ehre habe! Er erhebt und verbeugt sich. Anna mit Wärme Sie bleiben nicht noch ein wenig? Martin identische Bewegung Vitus weich Für heute verzeiht mir, Kinder! Ich bin nämlich nicht nur aus kulinarischen Gründen in die Stadt meiner Jugend gekommen. – Ich sehne mich nach der ›Traurigen Weise‹ des Hirtenknaben auf Careols Fels. ›Von Tristan und Isolde weiß ich ein traurig Stück‹, fünfzehn Jahre nicht vernommen! Man ist eigentlich kein anständiger Mensch, wenn man ohne das so lange Zeit leben kann. Er sieht auf seine Taschenuhr Wenn ich mich beeile, komme ich noch zum Anfange des dritten Aktes zurecht. Martin Dann beeile dich, Alter! Denn das verstehen wir. Vitus Und nächstens komme ich und bleibe einen Abend lang bei Euch! Anna Und bringen die Geige mit! Vitus Zuverlässig. Englisch akzentuiert Und wenn Sie sonst etwas von mir benötigen, Ausnahme unter den Europäerinnen, so genügt ein telephonischer Anruf. Ich wohne Bristol Hotel. Auf Wiedersehen! Anna mit Wärme und Bedeutung Bald! Vitus verbeugt sich und geht, von Martin begleitet, ab. Anna sieht den beiden einen Augenblick nach, dann geht sie ein paarmal mit elastischen Schritten durchs Zimmer, nicht ohne flüchtig in den Wandspiegel zu blicken, lächelnd, angeregt. Martin gleichfalls animiert zurückkommend Nun, was sagst du zu meinem Freunde Vitus Werdegast? Habe ich dir zuviel von ihm erzählt? Anna mit unbefangener lebhafter Zustimmung Er ist entschieden von all deinen Freunden der interessanteste. Martin Verstehst du jetzt, daß dieser Mensch auf mich immer wie ein wahres Lebenselixier gewirkt hat? Und er ist heute gerade noch so jung wie damals. Anna Obwohl er inzwischen mancherlei mitgemacht haben muß. Martin Aber es wächst ihm aus allem etwas zu! Anna mit einer Freude, die sie nicht zeigen will Glaubst du, daß er wirklich mit seiner Geige kommen wird? Martin Darauf kannst du dich verlassen. Ich hab' es ihm doch angesehen, wie froh er überrascht war, daß du ihn begleiten wirst. Anna behutsam Seine Unterscheidung von Liebe und Freude ist aber doch etwas gesucht. Martin lachend Sie ist nicht so gesucht, als es den Anschein hat. Anna etwas abwesend Wirklich? Martin Anna wohlgefällig betrachtend Du warst übrigens heute abends ganz besonders schön, Anna – Anna sehr gehalten So? – Man sollte eben vielleicht doch hie und da – auch andere Menschen sehen. Martin gut gelaunt Da magst du schon rechthaben, das wollen wir auch von nun an! Anna etwas abwesend Ja? Martin Wenn du Lust hast, so fahren wir vielleicht doch noch auf eine Stunde hinaus ins Freie – Anna Jetzt noch? Martin aufgeräumt Warum nicht? Ich bin nachgerade in der Laune, heute noch irgend etwas anzustellen! Anna nach einem flüchtig forschenden Blick mit feinem Lächeln Mit mir? Martin etwas befremdet Warum nicht mit dir? Anna wie oben Wirklich mit mir als der Frau, die ich bin? Oder mit mir als der dir Nächsten eines Geschlechtes, das du begehrst, eines Lebens –? Martin empfindlich Soll das ein Scherz sein, Anna? Anna mit einem gewissen Triumph Kannst du mir diese Frage beantworten? Martin schwer Du hast recht – man soll solche Fragen nicht stellen. Anna nach einer Pause, in der die ganze angeregte Stimmung der beiden Menschen wie ein Kartenhaus zusammengefallen ist, mit müder, belegter Stimme Gehen wir schlafen. Martin leise seufzend Ja, gehen wir schlafen. Anna geht zur Ständerlampe und dreht sie ab, dann bringt sie das Klavier in Ordnung. Martin hat sich indessen wieder zum Schreibtisch gesetzt und das Buch aufgeschlagen, in dem er gedankenlos blättert. Anna mit dem Aufräumen fertig, nachdem sie Martin einige Augenblicke zugesehen Bleibst du noch? Martin freundlich Geh nur voraus, ich komme bald nach. Anna mühsam Wann? – Wenn ich schon schlafe? Martin Ich werde dich nicht wecken. Anna sehr verhalten Wirklich nicht? Martin liebevoll bereit Oder soll ich? Anna ohne alle Spitze Oh nein! – Ich verstehe ja, daß du am Abend bisweilen auch ein bißchen – Mensch sein willst. In diesem Augenblicke kommt wieder von der Straße herauf der gedämpfte Zusammenklang von fröhlich plaudernden und leise singenden Stimmen. Beide Menschen sehen, bis die Stimmen in der Ferne verklungen sind, zum Fenster hin. Anna weh und weich, aber sehr verhalten Gute Nacht. Martin traurig und gütig Gute Nacht, Anna. Er reicht ihr vom Sessel aus die Hand hin, die sie mit einer ganz unbetonten Bewegung erfaßt. Er küßt ihre Hand, blickt zu ihr auf. Sie lächelt traurig über ihn hinweg und wendet sich zum Gehen. Er sieht ihr, die in dem vom Mondlicht dämmerigen Speisezimmer verschwindet, nach und versinkt dann über seinem Buch in trübes Nachdenken. Vorhang, langsam, leise. Actus secundus Der selbe Raum wie vorhin in der ersten Dämmerung des Abends. Im Speisezimmer ruhen noch die letzten Strahlen der Abendsonne auf einigen Möbeln und Gegenständen. Alle Fenster sind offen. Die mannigfachen Geräusche der Straße klingen gedämpft herauf. Wenn der Vorhang aufgeht, bleibt die Bühne einige Augenblicke leer. Dann tritt Anna, gefolgt von dem Stubenmädchen Katharine, durch das Speisezimmer auf. Sie trägt ein einfaches lichtes Frühjahrskostüm, in dem sie sehr jung und hübsch aussieht. Ihr ganzes Gehaben deutet übrigens eine gewisse Freudigkeit und Heimlichkeit an. Sie hat einen Strauß von blühenden Zweigen, zu denen Blumen gebunden sind, im Arm. Anna Ist mein Mann schon zu Hause? Katharine Nein, gnädige Frau, aber die Frau Mutter des Herrn Doktor ist da. Anna freudig, aber zerstreut So? Wo ist sie denn? Katharine Im Kinderzimmer. Anna lächelt Natürlich, das hätt' ich mir denken können. Sie hat die auf das Klavier gegeben und legt nun Hut und Jacke ab Hat das Kind schon sein Nachtmahl bekommen? Katharine Schon vor einer halben Stunde. Es wird gerade schlafengelegt. Anna nachdenklich Schade, da wird es mein Mann wieder nicht mehr wach antreffen. – Katharine Was soll mit den Blumen geschehen, gnädige Frau? Anna Die Zweige geben Sie in die Vasen im Schlafzimmer, die andern Blumen schneiden Sie ziemlich kurz ab und stellen Sie sie in der großen flachen Schale abends auf den Speisetisch! Katharine Jawohl, gnädige Frau. Anna Ist der Wein gut eingekühlt? Haben Sie Eis bekommen? Katharine Jawohl, er steht schon seit einer Stunde im Kübel. Anna Aber den Kübel dürfen Sie nicht ins Vorzimmerfenster stellen, sonst sieht ihn mein Mann gleich, wenn er nach Hause kommt. Und dann – die Blumen geben Sie auch erst im letzten Moment auf den Tisch! Katharine Und wieviel Gedecke, bitte, soll ich auflegen? Anna mit zerstreutem Staunen Wieviele? Zwei natürlich. Ach so, Sie haben geglaubt – Katharine Daß Gäste kommen. Anna Nein, mein Kind, es kommen keine Gäste! Nur mein Mann und ich! Lacht leise in sich hinein Und decken Sie recht schön auf, nehmen Sie das feine Service! Und das Obst legen Sie auf den silbernen Aufsatz! Katharine Jawohl, gnädige Frau. Anna rasch links ab. Gleich darauf läutet das Telephon. Katharine am Telephon Ja, bitte? – Hier das Stubenmädchen von ... Nein, der Herr Doktor ist noch nicht zu Hause, aber die gnädige Frau – Ja danke, ich werde es ausrichten. Sie verläßt das Telephon und packt die Blumen und Annas Hut und Jacke zusammen, um alles fortzuschaffen. Martins Mutter und Anna treten von links auf. Martins Mutter ist eine schöne, liebe, alte Dame mit einem freien, gestillten Antlitz, das noch immer bisweilen schwärmerisch aufleuchten kann. Über ihrer klugen, klaren Stirn wölbt sich ein voller Scheitel schlichter silbergrauer Haare auf. Ihre dunklen Augen, die verweilen können, sprechen von Güte und Erfahrung. Mutter im Eintreten, mit dem Nachklang einer großen, zärtlichen Rührung Gott erhalte euch den lieben kleinen Engel, Kinder! Anna freudig zärtlich Ja, Mutter, das bete ich alle Tage. Mutter Das muß man auch, wenn einem solch ein Glück beschieden ist. Und wäre es auch nur, um jeden Tag daran zu denken, wie arm man wäre, wenn man es nicht hätte. Anna Das kann ich mir freilich gar nicht mehr vorstellen, Mutter. – Wollen Sie etwas, Katharine? Katharine Herr Werdegast hat soeben angerufen und läßt dem Herrn Doktor sagen, daß er zwischen acht und neun Uhr im Hotel telephonisch erreichbar ist. Mutter Werdegast? Anna nach einem Augenblick des Nachsinnens Danke. Sie brauchen übrigens meinem Manne nichts davon zu sagen. Ich werde es ihm selbst ausrichten. Katharine Bitte, gnädige Frau. Ab durchs Speisezimmer. Anna für sich, heiter Nein, nein, Gäste können wir heute nicht brauchen! Lächelt in sich hinein. Mutter Seit wann ist denn Werdegast wieder da? Anna sehr aufgeräumt Seit gestern. Denk dir nur, Mutter, spät abends kam er uns plötzlich, geraden Weges von Australien her, ins Haus geschneit! Mutter mit heiterem Anteil Was ist denn aus diesem Menschen geworden? Anna lacht Jenseits von Suez soll er ein berühmter Geiger sein! Mutter Musikalisch, das war er wohl immer, aber sonst war er mir nicht sonderlich sympathisch. Ein komischer Mensch. Anna Aber an Martin scheint er sehr zu hängen. Mutter Das schon. Anna Und deinen Sohn hättest du gestern sehen sollen! Wie ein Junge hat er sich über dieses Wiedersehen gefreut. Und nachher, als Vitus weg war, fühlte er sich geradezu unternehmend! Die zwei müssen seinerzeit ganz geniale Streiche miteinander aufgeführt haben! Mutter lachend Sehr geniale! Das muß ich schon sagen. Ich war nicht immer ganz einverstanden mit der Genialität des Herrn Werdegast. Besonders seine Theorien vom Weib und von der Liebe sind mir manchmal schon sehr contre coeur gewesen. Anna heiter Er hat auch gestern gleich wieder damit angefangen. Zu drollig. Mutter Heute lache ich ja auch über seine Einfälle und glaube, daß er es im Grunde gar nicht so meint. Anna plötzlich anders, wie zu sich Irgend etwas muß schon daran sein. Mutter stutzig Wieso? Anna Für die Frauen gilt es ja nicht. Aber daß der Mann, selbst wenn er eine Frau liebhat, nicht aufhört – auch noch andere Möglichkeiten in Betracht zu ziehen, das könnte schon wahr sein. Mutter mit ganz veränderter Stimme, fast bitter Warum nur der Mann? Anna mühsam Das weiß ich nicht, Mutter. Tiefe Stille. Im Rahmen der Speisezimmertür, sich von dem lichteren Hintergrunde deutlich abhebend, erscheint Martin. Martin in der Türe stehenbleibend, mild gedämpft Seid ihr in der Dunkelheit, ihr beiden Frauen? Willkommen, Mutter! Lieb und gut, daß du da bist. Mutter mit einer Stimme, in der der Affekt ihrer letzten Worte, in eine Art Feierlichkeit verwandelt, nachklingt Guten Abend in deinem Hause, mein Kind! Martin Darf ich Licht machen, daß ich euch deutlich sehe, ihr Lieben? Mutter Ja, mach du Licht, mein Kind, damit auch wir dich deutlich sehen. Martin hat das elektrische Licht neben der Türe aufgedreht und kommt nun auf die Mutter zu Du kommst uns wohl wieder einmal adieu sagen, Mutter? Er küßt ihre Hand und reicht dann auch Anna die Hand. Mutter Du hast es erraten, mein Kind. Martin schwermütig, zerstreut Ja, jetzt ist deine Zeit, der Frühling. Da werden dir immer die Straßen zu eng. Mutter ihn aufmerksam betrachtend Und die Luft zu schwer. Martin Gehst du wieder ins Gebirge? Mutter Die helle strenge Luft tut mir nun einmal am besten. Martin Ja, wenn man das auch könnte! Mutter Wann kommt deine freie Zeit? Martin Noch sehr lange nicht – erst im Herbst. Mutter Hast du viel Arbeit? Martin beziehungsvoll Gott sei Dank, die hab' ich. Mutter ebenso Ja, da muß man wirklich Gott danken – in diesen Föhnwindtagen. Martin schwermütig Man wird so widerstandslos. Da ist die Pflicht doch eigentlich das einzige, was einen einigermaßen besonnen erhält – in dieser Jahreszeit des allgemeinen Taumels. – Wenn man bedenkt, wie das alles um einen herum lebt! – Ich meine diese ganze große Stadt – Mit einem mühseligen Lachen Es ist wirklich, als gäbe es bloß lauter – Liebespaare. Mutter Das ist wohl nur so die Außenseite. Das braucht einen nicht anzufechten. Martin Natürlich ist es nur die Außenseite. Es ficht mich auch weiter nicht an. Nach einem dumpfen Innehalten Sag, Anna, kann ich eigentlich das Kind noch sehen? Oder schläft es schon wieder? Anna Wenn du dich beeilst, kannst du ihm noch Gute Nacht sagen. Martin Dann entschuldige mich, bitte, einen Augenblick, Mutter! Mutter mit Bedeutung Sieh es dir nur recht, recht gut an, dein Kind! Martin Das will ich, Mutter. Links ab. Einige Augenblicke Stille. Mutter sorgenvoll Sein Aussehen ist nicht besonders. Anna Immer im Frühjahr. Aber so schlimm wie heuer war es noch nie. Und dabei kann er ja, soweit es auf mich ankommt – alle Freiheit haben, die er will. Mutter Das ist vielleicht nicht einmal gut. Wer zu viel Freiheit hat, der fühlt sich nicht genug – gebunden. Anna Martin soll sich auch nicht gebunden fühlen! Mutter Da bist du – verzeih mir! – nicht ganz auf dem richtigen Wege, mein Kind. Ich weiß ja, wie du es dir zurechtlegst. Du meinst, wenn ihn die Liebe zu dir nicht zurückhält, dann könne ihn anderes auch nicht abhalten. Dabei rechnest du im Stillen damit, daß seine Liebe stark genug sei, und das ist sie ja auch ganz gewiß. Aber es gibt Versuchungen, mein Kind, gegen die das, was wir Liebe nennen, kein Talisman ist – so schwer auch wir Frauen dies im Anfang begreifen. Anna mühsam Und was weißt du mir da für einen Rat? Mutter behutsam Ein Mann müßte eigentlich immer in dem Bewußtsein erhalten werden, daß ihm nicht um ein Jota mehr Freiheit gebührt, als er seiner Frau gewähren würde. Anna Ich habe ja auch alle Freiheit von ihm. Mutter Wirklich? Ich glaube die hast du bloß, weil er sicher ist, daß du sie nicht gebrauchst. Aber versuch es nur, und – die Hölle wird los sein. Anna rauh Das weiß ich nicht, Mutter. Mutter betroffen So?... Ach so! – Ja, eigentlich hab' ich doch alles das – schon einmal erlebt... Anna mühsam Du – auch, Mutter? Mutter Ja, auch ich, mein Kind, in meiner eigenen Ehe. Mit tiefem In-sich-Schauen Es kommt eine Zeit, da werden die Männer unruhig. Und die Frauen, die das spüren, werden es auch. Die Männer wissen, wo das hinauswill. Aber die Frauen brauchen eine Zeit, bis sie dem Eigentlichen auf den Grund kommen, und dann ist es meist schon – zu spät für sie. Freilich ist es vielleicht besser so. Denn – was würde aus der Ehe, was würde sonst aus den Kindern? – Man muß sehr weise sein lernen als Frau in der Ehe, sehr weise. – Verstehst du mich recht, mein Kind? Anna erschüttert Ich glaube, Mutter. Schmiegt sich an sie. Mutter noch immer wie oben Wie lange eigentlich seid ihr schon – verheiratet? Anna tief Neun Jahre – am heutigen Tage. Mutter Heute? Da wird es wohl ein kleines Fest geben heute abends, nicht? Anna mit wieder aufquellender Freude Es ist alles heimlich vorbereitet! Mutter Hat er sich nicht an den Tag erinnert? Anna Nein, aber umso schöner wird es sein, ihn zu überraschen. Mutter sie auf die Stirne küssend Gutes Kind. Die beiden Frauen schweigen. Martin kommt von links zurück. Mutter mit unbefangener Heiterkeit Nun, Martin, hast du dein Kind gesehen? Martin dumpf Nur mehr schlafend. Mutter innig Auch das ist doch wie eine Andacht, nicht? Martin War ich auch einmal so sonnig wie dieses Kind, Mutter? Mutter Du warst gewiß auch einmal ein heiteres kleines Wesen, wenn auch nicht gerade so wie euer Knabe. Martin Das denk' ich mir. Umso besser für ihn. Wenigstens wird er leichter leben als ich. Mutter Auch du wirst noch einmal leichter leben, Martin! Martin schwer Wann wird das sein, Mutter? Mutter Wenn es einmal stiller sein wird – in dir. Martin Gott gebe es – aber bald! Kleine Pause. Mutter Und nun, Kinder, lebt wohl für heute und – Martin beinahe hastig Du bleibst doch zum Abendessen bei uns, Mutter! Mutter Nein, vielen Dank. Ich reise ja schon morgen und habe noch nichts gepackt und geordnet. Mit einem Lächeln zu Anna Und es sind auch noch andere Gründe, nicht wahr, Anna? Anna Du weißt, Mutter, wie sehr wir uns freuen würden. Mutter nach einem Lächeln des Einverständnisses Ich weiß! Aber heute abends, Martin, gehöre du deiner Frau, die dich so liebhat, und deinem Heim, das dazu geschaffen ist, sich darin zu Hause und geborgen zu fühlen! Und schau, daß du die schwüle Zeit gut überstehst. Und wenn es einmal wieder gar zu wirr wird, dann sieh dir nur immer wieder dein süßes, süßes blondes Kindlein an, nicht wahr? Martin Das will ich, Mutter. Mutter ihn auf die Stirne küssend, weich und heimlich bittend Sei brav – mein Kind. Und verdiene dir – dein Glück! Martin steht in tiefer, innerer Bewegung, man sieht ihm an, wie es in ihm arbeitet, endlich entringt es sich ihm leise Leb wohl, Mutter. Mutter, von Anna geleitet, im Hintergrund ab. Martin allein Glück – Glück! – Gewiß, das alles ist ja Glück: Ein Weib, das alle Sehnsucht zu mir trägt, Das Kind – Und dennoch! – Wenn in der Straßen Dämmer aufgelöst Der Wille ist, der Hüter der Empfindung, Und Müdigkeit nach Tages Einerlei Das Saitenspiel der Nerven weicher spannt – Wer hält, von seiner zitternden Musik betört, Die aufgeregten Sinne dann zurück? – Was ist dann Glück? Mehr nicht als Glück, Jedoch erlösender wär' etwas – Freude. Er läßt sich in den Stuhl nächst dem Schreibtisch nieder. Anna zurückkommend, mit einem innerlichen Freudestrahlen, das trübe wird, da sie Martin so schwermütig vor sich hindenkend gewahrt. Sie geht leise auf ihn zu und streicht ihm über das Haar Müde, Martin? Martin dumpf Müde – und seltsam aufgepeitscht. Er ergreift ihre Hand und küßt sie mit fast hilfloser Inbrunst Anna Gehst heute früh schlafen. Martin Kaum. – Eher würde ich es vorziehen, heute noch einen tüchtigen Weg zu machen. Anna enttäuscht In der Nacht? Martin Warum nicht? Die Stadt ist für mich überhaupt nur in der Nacht erträglich. – Wenn ich bedenke, wie wundervoll das manchmal in – früheren Tagen war ... Es liegt ein so wonniges Gefühl des Ausgestoßenseins darin, in tiefer Nacht allein mit hallenden Schritten zwischen diesen dunklen, stummen und doch so beredten Häuserfronten dahinzuwandern – Anna sich unmerklich von ihm loslösend Nun, dieses Vergnügen kannst du dir ja jederzeit vergönnen. Martin Könnte ich freilich! Aber man tut es nicht, wenn man zu Hause jemanden zurückläßt, der einen doch irgendwie erwartet. Anna abgewandt Daran brauchst du doch nicht immer zu denken! Martin Ich muß aber daran denken. Anna Warum? Martin etwas gereizt Weil ich ja nicht so phantasielos bin, daß ich dahinlebte ohne Bewußtsein, welche Gefühle meine Handlungen in anderen auslösen. Anna Mein Gott, ich würde mich schon zu trösten wissen. Martin zerstreut Womit denn, wenn ich fragen darf? Anna Nun, ich würde lesen, Klavier spielen, das Küchenbuch nachrechnen, Briefe schreiben oder vielleicht sogar – schlafen. Martin Das würdest du, sagst dies alles aber mit einem Beiklang von Verdrossenheit, als ob dir damit ein Unrecht geschähe. Anna In gewisser Beziehung geschähe mir ja auch ein Unrecht. Martin Wieso? Anna Gewiß. Denn was tätest du, wenn auch ich einmal Lust verspürte, nachts durch die Stadt zu wandern? Martin Ich würde diese »Lust« gewiß anerkennen, dir aber freundschaftlich davon abraten, als Dame allein in der Nacht auf die Straße zu gehen. Dafür, daß manche Dinge für eine Frau nicht rätlich erscheinen, bin doch nicht ich verantwortlich. Aber jede deinem Geschlechte angemessene Freiheit ist dir doch zugestanden! Anna Und wer beurteilt diese Angemessenheit? Martin Das darf ich hoffentlich – deinem Takt überlassen! Oder nicht? Anna nach einigem Schweigen, innerlich bebend Hast du also die Absicht, heute noch einen – tüchtigen Weg zu machen? Martin Wenn du erlaubst, würde ich es gerne tun. Anna Dann geh nur, Martin! Ich erlaub' es dir – gerne. Martin Siehst du, wie schwer es dir fällt. Anna Es fällt mir ja gar nicht schwer! Ich war nur gerade heute nicht darauf gefaßt. Martin Gerade heute nicht? Warum? Dieses ›gerade heute‹ gälte doch alle Tage! Anna Glaubst du? Martin Oder ist heute irgend ein besonderer Tag? Anna sehr verhalten Nein – oh nein! Martin Dann wäre ich dir sehr dankbar, wenn du dieses ewig gekränkte Wesen nicht gar so beklemmend zur Schau trügest. Es muß doch einem Manne gestattet sein, auch einmal einen Abend auf seine Art zu verbringen! Anna Daran hindert dich ja niemand. Martin Was heißt ›hindern‹? So weit sind wir ja denn doch nicht, daß du mich mit physischem Zwange vom Verlassen des Hauses abhältst! Was du aber mit Worten, Mienen, Betonungen leisten kannst, um mir meine Freizügigkeit zu verkümmern, tust du! Anna Du kannst von mir nicht verlangen, daß ich dir eine Komödie vorspiele! Martin Wieso verlange ich denn das? Anna Soll ich so machen, als ob mir deine An- oder Abwesenheit gleichgültig wäre, wenn dies nun einmal aus irgend welchen Gründen nicht der Fall ist? Martin Aus welchen? Rede! Anna Jetzt hat es keinen Sinn mehr zu reden. Martin Warum, wenn ich bitten darf? Anna Weil, wenn du dann wirklich bliebest, es doch nur mehr aus Rücksicht und Mitleid geschähe und nicht aus deiner eigenen Stimmung und Neigung. Martin Schön. Dann bleibe ich! Auch ohne daß es dir beliebt zu sprechen. Anna Nein! Martin Ich bleibe! Anna qualvoll Martin, ich bitte dich – geh! Martin Anna! – Nun, wenn du es durchaus wünschest –! Er unterdrückt ein Auflodern seines Temperamentes Ich will dich gewiß nicht stören. – Aber eines bedenke: vor Erregung zitternd Wenn ich jetzt gehe, dann hast du mich von hier vertrieben! Anna Wieso ich?! – Es wäre bei weitem ehrlicher zuzugeben, daß du bereits mit der Absicht, heute noch fortzugehen, nach Hause gekommen bist! Martin aufbrausend Das ist eine – Häßlichkeit! Anna gleichfalls auflodernd Kannst du es leugnen?! Martin Ja! Denn selbst zugegeben, ich hätte diese Absicht gehabt, so habe ich doch, bei Gott, alles darangesetzt, sie in mir zu besiegen! Erschüttert Ich habe die Mutter gebeten zu bleiben, ich habe mein Kind sehen wollen! – Anna weh Das ist es ja, daß ich allein nicht mehr genüge, dich zu halten. Martin Anna – es ist so entsetzlich – schwer! Anna Drum geh jetzt nur, Martin, damit es dir – leichter werde. Martin tief und mit innerem Flehen Du mußt – gut zu mir sein, Anna. Anna in schmerzlicher Erstarrung Leb wohl – Martin. Martin nach einem langen Blick auf Anna im Hintergrund ab. Anna steht eine Weile so, wie Martin sie verlassen hat, dann kommt sie aus ihrer Erstarrung allmählich zu sich. Diese weicht dem Ausdruck einer trostlosen Leere. Stubenmädchen in der Speisezimmertür, instinktiv behutsam Kann ich schon die Blumen auf den Tisch stellen, gnädige Frau? Anna tonlos, abwesend Die Blumen? Ja, die können Sie immerhin auf den Tisch stellen. Stubenmädchen Kann auch, bitte, schon serviert werden? Anna mühsam Der Herr Doktor – ist fortgegangen. Stubenmädchen immer behutsamer Und kommt zum Abendessen nicht nach Hause? Anna am Rande ihrer Haltung Nach Hause? Ich weiß – wirklich nicht. Stubenmädchen Da soll ich wohl auch den Champagner wieder aus dem Eis nehmen? Anna Den Champagner?... Es übermannt sie einen Augenblick lang. Stubenmädchen mit fast schwesterlichem Mitleid, leise Gnädige Frau!... Anna unter dem Mitleid der Fremden wie unter einem Peitschenhiebe zusammenzuckend, winkt, noch abgewandt, dem Mädchen zu gehen. Dann reißt sie sich rasch zusammen, ihr Gesicht strafft sich, und ein nicht ungefährliches Glitzern tritt in ihre Augen. Nun fällt ihr Blick auf das Telephon, wird von dem Apparate festgehalten, sucht sich von ihm loszumachen und kehrt immer wieder zu ihm zurück. Erst zögernd und um sich blickend, dann aber immer sicherer und fester, geht sie auf das Telephon zu, stellt die Nummer ein, hebt das Hörrohr mit zitternder Hand ans Ohr. Dann mit fliegendem Atem, wie von Fieber geschüttelt Hallo! Ja. Ist Herr Werdegast zu Hause? – Oh, Sie selbst! Ihr Gesichtsausdruck wird mit einem Schlage anders; nach einigen Augenblicken des Hineinhörens lacht sie hell, nicht ohne einen sinnlichen Unterton, auf Sind Sie also heute abends frei? – Das trifft sich ja ausgezeichnet! – Sie kommen also! – Mit ihrer Geige! – Auf Wiedersehen! Wir erwarten Sie! Läßt das Hörrohr sinken, versorgt es mit unsicher tastender Hand auf dem Apparat. Ihr rascher Atem legt sich. Sie steht noch einige Augenblicke starr, dann läutet sie mit einer beherrschten Geste dem Stubenmädchen. Stubenmädchen von links, gedämpft Bitte? Anna am Schreibtisch, abgewandt, noch in der früheren Stellung, mit einem kaum merklichen Wanken in der Stimme Der Champagner – bleibt eingekühlt. Stubenmädchen ab. Anna , allein, hebt langsam, mit geschlossenen Augen das Haupt und läßt es dann in den Nacken sinken. Vorhang. Actus tertius symbolicus Weras Zimmer in der sogenannten Pension der Madame Charlotte. Ein weitläufiger Raum in einem ehemals vornehmen Hause eines uralten Stadtviertels. In der Mitte der Hintergrundwand ein geräumiger, mit einer Samtportiere abschließbarer Alkoven, in dem, von einer farbigen Ampel matt beleuchtet, ein breites offenes Messingbett steht; darüber an der Wand der Öldruck einer mythologischen Liebesszene. Rechts vom Alkoven im Hintergrund eine schmale Tapetentür. In der Rechtswand zwei altertümliche Fenster, deren herabgelassene Vorhänge das Laternenlicht der Straße matt durchscheinen lassen. In der Mitte der Linkswand eine hohe weiße Flügeltür. In der Mitte des Zimmers ein ovaler Tisch mit drei Sesseln. Auf der dem Publikum zugekehrten Seite des Tisches, an diesen quer angerückt, eine bequeme Ottomane, mit Perserteppichen und bunten Polstern überbreitet und belegt. Sonst noch, an den Wanden verteilt, gepolsterte Sitzmöbel, Rauchtischchen, Spiegel in Goldrahmen. In der linken rückwärtigen Zimmerecke ein mehrteiliger japanischer Paravent mit goldenen Vögeln auf farbigem Grunde. Der Raum ist mit einer Blumentapete tapeziert und in seiner Art von einer gewissen typischen Eleganz. Wenn der Vorhang aufgeht, ist die Bühne vom Alkoven her matt erhellt. Von links nebenan hört man den Schluß eines sentimentalen Musikstückes von einem Glockenspielautomaten gespielt, dazu Kichern, Singen und Rufen mehrerer weiblicher Stimmen. Dann tritt plötzlich Ruhe ein, und einige Augenblicke nachher wird die Tür links rasch aufgemacht und eine junge geschminkte Person in phantastischer Gewandung steckt den Kopf herein, sucht das Zimmer mit einigen Blicken ab und zieht sich wieder leise kichernd zurück, die Tür jedoch weit offen lassend, so daß von nebenan ein starker Lichtstrahl hereinfällt. Madame Charlotte eine pompöse Dame über Fünfzig, aber sehr kunstvoll hergerichtet – so daß eine demimondäne Schönheit von einst noch immer glaubhaft ist – tritt nun in einer sehr diskreten dunklen Seidentoilette (nur etwas zu sehr überladen mit nicht durchwegs echtem Schmucke) von links ein. Ihr folgt ein greiser Herr in schwarzem Sommerüberzieher und mit dem Zylinder in der Hand. Das Haar des greisen Herrn ist schneeweiß, doch nicht schütter, sein grauer Schnurrbart, kurz beschnitten, bedeckt nur die Oberlippe, sein Gesicht ist wie aus Pergament. So alt er ist, sind doch alle seine Bewegungen beherrscht, fast abgezirkelt, seine Redeweise und Mitteilsamkeit selbst im Affekte sehr gehalten. Der gleichen Gehaltenheit befleißt sich auch Madame Charlotte. Sie spricht langsam, wohlüberlegt, förmlich, aber ihr Lächeln und ganzes Gehaben wirkt maskenhaft und täuscht über eine unsägliche, unbeugsame Härte und Kälte nicht hinweg. Während der greise Herr einige Augenblicke in sichtlicher Bewegung den Raum betrachtet, schauen einige Mädchen zu der noch halboffenen Tür (links) herein, während man vom Nebenraum ein unterdrücktes Kichern anderer Mädchen hört. Madame Charlotte gibt den Mädchen an der Tür mit einer herrischen Bewegung zu verstehen, sich zu entfernen, wendet sich dann mit behutsamer Höflichkeit an den greisen Herrn Ist es dieses Zimmer, mein Herr? Der Herr Es ist – dieses Zimmer. Madame Dann kann Ihre kleine Freundin von damals nur – Wera gewesen sein. Der Herr Daß mir der Name dieses Mädchens entfallen konnte! – Es war Wera. Madame Ich sehe Sie fast – wie sage ich? – erschüttert. Der Herr Ich bin es. Unterdrückt ein Zittern seiner Stimme Verzeihen Sie. Madame Oh bitte! – Darf ich Ihnen vielleicht mit einer – Erfrischung dienen? Der Herr Es hat mich – übermannt – einen Augenblick lang. – Ich bin ein alter Mann – sehr alt – vielleicht so alt wie David, als er Abisag von Sunem zu sich nahm. – Sie wartete sein und schlief in seinen Armen. Aber der König – erkannte sie nicht. Madame Ich gehe wohl nicht fehl, wenn ich annehme, daß Sie Wera wieder zu – sprechen wünschen. Der Herr Ich fühle fast die Pflicht, mich vor Ihnen zu rechtfertigen – in meinen Jahren. Madame überlegen lächelnd Ich kenne das Leben, mein Herr. Der Herr Ich habe – aus irgend einem Grunde – nicht viel Glück gehabt in dem meinigen. Bis zu meiner Verheiratung beinahe – keusch. Dann alle Wunden – einer Ehe! Er unterdrückt eine Tragödie Das töricht mißhandelte Geschlecht rächt sich, indem es mich jetzt – lächerlich macht. Ich weiß es! Madame Ich würde Ihnen Wera gerne sofort vorstellen, wenn sie nicht – malheureusement – im Augenblicke außer Hause wäre. Der Herr So wird sie wohl nicht – ohne Begleitung hierher zurückkehren? Madame Möglich – obwohl ich es meinen Damen ernstlich widerrate, Straßenbekanntschaften zu machen. Ich wünsche nicht, daß Krethi und Plethi in meinem Salon verkehre. Allein, mein Herr, ich bin keine Sklavenhälterin. Meine Damen sind frei. So will es das Gesetz und die – Menschlichkeit. Der Herr Auch ich habe sie – auf der Straße kennengelernt. Madame liebenswürdig Oh, das ist gewiß etwas ganz anderes, mein Herr. Der Herr abwesend Auf der Straße – mitten in dem Gewühl dieser getriebenen Menschen – nur um seiner Schönheit willen da, dieses – Kind! Ich sah nur mehr ihren Gang, nicht mehr den Weg und nicht das Haus, in das ich ihr folgte – erst wieder dieses, dieses Zimmer. Ich habe wenig Glück gehabt – in meinem Leben. Madame Ich wage es nicht, Ihnen vorzuschlagen, das Fräulein hier zu erwarten. Gesenkt Muß dieses Wiedersehen – heute sein? Der Herr abwesend Wie ein Knabe habe ich diese Tage verbracht – es waren Jahre. Jeden Abend seither schritt ich diese Gasse ab, ohnmächtig, mich zu entsinnen, nicht schamlos genug, jemanden zu fragen. Diese Häuser sehen einander so furchtbar ähnlich! Es war unsäglich – qualvoll. Madame Ich verstehe Sie, mein Herr, und bitte Sie wiederzukommen – heute um neun Uhr. Der Herr ein Erwachen geht über sein Gesicht Heute?! – Also doch noch heute! – Ich danke Ihnen. Madame Ohne jede Garantie natürlich, mein Herr! Denn es ist nicht unwahrscheinlich, daß das Fräulein für heute abend schon ein anderes Engagement eingegangen sein könnte. Für diesen, wie gesagt, sehr wohl möglichen Fall bliebe allerdings nichts anderes übrig als das Fräulein aus seiner Verpflichtung entsprechend – auszulösen. Es ist mir gewiß peinlich, einem so vornehmen Gentleman gegenüber diese Frage zu berühren – Der Herr sehr gelassen Wieviel steht Ihnen zu Diensten? Madame Ich setze Ihrer Noblesse und der Sicherheit, die Sie sich zu verschaffen wünschen, keine Grenzen. Der Herr entnimmt seiner Brusttasche eine größere Note und reicht sie ihr hin Genügt Ihnen das? Madame Für meine Bemühungen vollkommen. Was die Dame selbst betrifft – Der Herr Ich bin nicht Tier genug, um Glück mit – Geld zu bezahlen. Madame Sie sind ein Mann von – Herz. Der Herr nimmt ein Etui aus seiner Überrocktasche und reicht es Madame hin Da – sehen Sie! Madame Oh, très joli – geradezu fürstlich! Der Herr wegwerfend Für sie – noch immer Tand. Madame Sie wird gewiß nicht ermangeln, sich Ihnen – dankbar zu erweisen. Der Herr Sie mir?! Madame Ich meine: sie wird sich gewiß unendlich freuen. Sie ist ja noch so jung – ein halbes Kind! Der Herr mit starkem, aber beherrschtem Unterton der Erregung Wie jung? Madame Noch nicht – siebzehn! Der Herr wie oben, aber ganz in sich hinein Abisag von Sunem war – jünger. – Wir leben nicht mehr in der Zeit der Könige. Wieder förmlich Adieu, Madame! Madame mit vornehmem Grüßen Mein Herr! Sie geleitet ihn zur Türe links hinaus. Einen Augenblick ist Stille, man hört wieder von nebenan das Sprechen und Kichern der Mädchen. Dann setzt der Glockenspielautomat mit irgendeinem Walzer ein. Nach einiger Zeit, während die Musik noch andauert, öffnet sich die Türe im Hintergrunde rechts und Wera tritt auf, gefolgt von Martin. Wera ist ein schlank-geschmeidiges Mädchen. Ihr apartes, brünettes Gesicht würde nur bei hellem Tageslicht die Spuren ihres Lebens verraten. Bei Lampenlicht gibt das leise Rot, das sie aufgelegt hat, ihren Wangen den Anschein natürlicher Frische. Ihre Bewegungen sind, aus einem angeborenen sexuellen Instinkt heraus von starker erotischer Wirkung. Alles Aufdringliche der Lockung liegt ihr fern, aber ihrer Wirkung ist sie sich trotzdem bewußt. Sie spricht mit einer dunklen, manchmal fast rauhen, stark slavisch akzentuierten Stimme. Aber ihr Akzent ist nicht hart und bildet einen Reiz für sich. Sie trägt ein dunkles, sehr diskretes Frühjahrskostüm, ebensolchen Hut und eine lichte halsfreie Bluse. Martin, der blaß, fast verstört aussieht, trägt schwarzen Filzhut und Spazierstock in der Hand. Wera gedämpft Treten Sie ein! – Hier bin ich zu Hause. Sie blickt mit einem erwartungsvollen, fast trunkenen Lächeln zu Martin auf, der, sichtlich im Kampf mit sich, noch unschlüssig nahe der Türe steht. Martin an ihr vorübersehend, um irgend etwas zu sagen, mit benommener Stimme Was ist das für ein – Glockenspiel? Wera unbefangen Das ist, weil wir keinen Klavierspieler haben, ein Automat. Martin mit Überwindung Sind hier noch andere – Mieter? Wera wie oben Ja, es sind auch noch ein paar andere Damen hier in Pension. Martin wie oben Das sind wohl nebenan die Stimmen dieser – Pensionärinnen? Wera mit einem gewissen beginnenden Trotz Ja, nebenan ist der Salon. Martin Das habe ich Ihnen, offen gesagt, nicht angesehen. Wera noch etwas trotziger Wären Sie sonst nicht mit mir gegangen? Martin gedankenlos Das will ich nicht sagen. Wera mit einem leisen Unterton von Ironie Sind Sie noch nie – sowo gewesen? Martin Oh doch, es ist nur schon sehr lange her. Wera Da sind Sie wohl verheiratet? Martin Kann sein. Wera mit einer Art mütterlichen Anteils Haben Sie auch Kinder? Martin Interessiert Sie das? Wera verletzt Sie haben recht. Davon spricht man nicht zu so einer, wie ich bin. Sie sieht ihn einige Augenblicke trotzig an, dann mit einem eigentümlichen Lächeln Entschuldigen Sie mich einen Augenblick! Martin Bitte. Er nimmt, noch immer Stock und Hut in der Hand, rechts vom Tische Platz, mit sich in Gedanken. Wera begibt sich in den Alkoven und kommt bald darauf – das Glockenspiel ist inzwischen verstummt – in einem enganliegenden kurzen Schlafrocke aus rotem Tuch, der die Füße in den Lackhalbschuhen und die schlanken Beine in den schwarzen Strümpfen sehr zur Geltung bringt. Ihr Wesen ist nun mit einem Schlag anders, Gang, Gesten, Stimme, auf Verführung, jedoch diskret, eingestellt. Sie nähert sich Martin von rückwärts, lehnt sich wie zufällig an ihn, streicht ihm über die Haare und sagt beziehungsvoll Willst du dir's nicht auch bequem machen? Martin von Ton und Berührung benommen, fast knabenhaft befangen Ach ja, richtig! Ich habe noch immer Stock und Hut in der Hand. Wera lacht leise, sinnlich, an seiner Verwirrung sich werdend, nimmt ihm Stock und Hut ab und versorgt die Sachen rechts vorne auf einem Fauteuil, kommt dann zurück, schmiegt sich wieder wie zufällig an seine Schulter, streicht ihm abermals übers Haar und sagt sanft Sag, bist du immer so ernst? Martin im Kampf mit der Erregung, die sich seiner bemächtigt hat, mit unvermittelt brüskem Humor Ernst? Ich habe allerdings momentan keine Ursache, besonders heiter zu sein. Wera mit schmollendem Lachen Pfui, wer wird so ungalant sein?! Martin gleichfalls etwas mühsam lächelnd Es war wirklich nicht sehr höflich. Verzeihen Sie! Wera immer an ihm, mit gutmütiger Überlegenheit Macht nichts. Ich weiß ja, daß das alles nur – Befangenheit ist. Martin einigermaßen frappiert So?! Wera mit genauer Berechnung ihrer Worte und des Klanges ihrer Stimme Was sonst? Der erste Schritt vom Wege! Da möchte man und möchte doch wieder nicht. Denkt an – alles mögliche, macht sich Vorwürfe, ginge am liebsten auf und davon und schämt sich doch wieder, daß man so – feige ist. Martin sehr betroffen, mühsam Woher weißt du das alles? Wera tief, suggestiv Du bist ja nicht der erste – Ehemann, der bei mir ist. Martin schwer Allerdings. Ich vergesse immer – Wera Daß du bei einer Kokotte bist. – Das vergessen alle Männer, die zu mir kommen! Sehr sicher und suggestiv Du wirst es auch sehr bald ganz vergessen haben. Martin mit einiger Auflehnung Glaubst du? Wera tief, zwingend Sich mich an! Martin unsicher Meinst du, ich getraue mich's nicht? Sie sehen einander lange in die Augen. Wera mit echter Begierde Du! Sie nähert ihren Mund dem seinen, nimmt seinen Kopf zwischen ihre Hände und küßt ihn auf die Lippen. Martin sich ihrem Kusse entziehend, aufstehend, mit rauher, fast wilder Stimme Auf den Mund sollst du mich nicht küssen, hörst du?! Wera mit dem ganzen Trotz ihrer slavischen Rasse Warum?! Ich bin nicht giftig. Martin beinahe brutal Das weiß ich nicht. Wera höhnisch Dein Mund ist wohl auch nur für andere – reserviert!? Martin auffahrend, aber sich mäßigend Lassen wir alle anderen ein für alle Male aus dem Spiel! Wera wild und drohend, aber gedämpft Dann darf ich aber auch nicht merken, daß du an sie denkst! Verstehst du?! Sie geht von ihm weg und kommt in den Vordergrund vor die Ottomane Martin mit noch nachwirkendem Grimme Ich will mich bemühen. Er hebt an, im Hintergründe des Zimmers auf und ab zu gehen. Mehrstimmiges Gelächter im Salon nebenan Wera in unbewußter Abreaktion ihres früheren Zornes, stampft auf den Boden Pfui, wie gemein sie lachen! Ich mag sie alle nicht. Sie wirft sich, so daß sie halb sitzt, halb liegt, auf die Ottomane und starrt trotzig vor sich hin. Martin unberührt Warum bleibst du dann da? Wera trotzig Weil ich Schulden habe bei unserer Frau. Martin beiläufig Viel? Wera So viel, als ich schon abgezahlt habe, ist es nicht mehr. Martin mit wieder erwachendem Anteil Bist du schon lange bei diesem – Beruf? Wera lacht, mit wildem Humor Schon bevor ich geboren war! Martin Wieso? Wera Wieso? – Meine Mutter war dasselbe wie ich. Martin Lebt sie noch? Wera Nein; man wird nicht alt bei diesem Beruf, wenn man ihn so auffaßt wie meine Mutter und ich. Martin wieder erotisch intereßiert So. – Wie faßt ihr ihn denn auf? Wera Wie? – Ohne Sparsamkeit natürlich, mit Leidenschaft. Martin dumpf Jedem gegenüber, der da – kommt? Wera Nicht. – Aber es sind ihrer genug, bei denen man fühlen kann. Martin immer verstrickter Es werden ihrer wohl sehr viele sein? Wera Viele und doch zu wenige. Je nachdem. Martin Bist du so unersättlich? Wera Warum nicht? Wenn ich einmal toll bin – Martin Und einen sogenannten Freund hast du nicht? Wera Nein, so einen mag ich nicht. Die wollen nur das Geld. Martin leicht ironisch Und du hältst das Deinige lieber zusammen, sparst am Ende gar! Wera gereizt Natürlich spare ich. Man will doch auch einmal Herrin sein! Martin Herrin über wen? Wera ihren bisherigen Trotz immer mehr zur Härte steigernd Herrin über andere, so wie ich jetzt Sklavin bin für die Frau, der ich zahlen muß. Martin Sonderbarer Ehrgeiz! Wera Wieso sonderbar? Soll ich am Ende sparen, daß ich einmal heirate? Martin Warum nicht? Das ist doch auch schon vorgekommen, daß ein Mädchen wie du – Wera Es kommt oft vor. Aber ich anzüglich kaufe mir keinen Mann! Martin Eine Mitgift ist doch kein Kaufpreis. Wera Bei unsereiner schon. Die heiratet doch keiner umsonst! Martin Du würdest deinen Mann schon auch in anderer Beziehung zu fesseln wissen. Wera überlegen Keine Frau kann einen Mann für immer fesseln. Eines Tages geht er doch – anderswohin. Martin sarkastisch Und das würdest du nicht vertragen? Wera bösartig Ich nicht! Ich will nicht betrogen werden. Da will ich lieber andere mit ihren Männern betrügen. Martin zornig Aus Haß natürlich, weil jene anderen Frauen über dir stehen! Wera wild Sie stehen nicht über mir! Wieso kommen denn dann ihre Männer zu mir?! Mit Triumph Und sie kommen doch alle, alle, der Reihe nach alle!! Martin auf sie zu, wild Nicht alle! Du irrst: Nicht alle! Wera wirft sich zurück und bricht in ein satanisches Gelächter aus. Martin durch die Zähne Jetzt ist es genug! Wendet sich von ihr dorthin, wo seine Sachen liegen. Wera jäh zu sich kommend, sich aufrichtend und das Gelächter abbrechend, in fast schluchzender Angst Geh nicht! Ich lache nicht mehr! Ich wollte Sie nicht beleidigen! Verzeihen Sie! So dürfen Sie nicht gehen! Bleiben Sie, bitte ! So ist noch kein Mann von mir gegangen! Martin nicht unberührt So werde ich eben der erste sein. Wera Ich habe Ihnen ja nichts getan. Ich wollte ja lieb sein mit Ihnen. Und Sie waren so hart. Haben es mich fühlen lassen, daß ich – Ich bin ja auch nur ein Weib! – Kommen Sie zu mir! – Bitte! Martin unwillkürlich einen Schritt näher, dumpf Was wollen Sie noch? Wera inständig Ich kann ja nichts dafür, daß ich so bin. Ich hab' ja nichts anderes gesehen. Und Sie sind doch freiwillig mitgegangen. Mir nach. Ich habe Sie nicht gelockt. Und jetzt verachten Sie mich. Martin sich noch erwehrend Das tue ich nicht . Wera Doch, doch! Und ich verdiene ja auch nichts anderes – sonst. Aber von Ihnen – Martin sieht sie an Von mir? Wera rauh, hastig Von Ihnen habe ich geglaubt, daß Sie gut sein werden zu mir. Martin gequält Gut? Er läßt es geschehen, daß Wera sich an ihn klammert. Wera Nicht so wie die anderen, die so betrunken sind, so wie die Tiere! Sie wissen ja nicht – Sie verbirgt ihr Gesicht an ihm. Martin Ich mag es auch nicht wissen! Wera leidenschaftlich Ich will ja alles tun, was Sie von mir verlangen. Martin heiser Ich verlange nichts von – dir. Wera in wilder Bereitschaft Schlagen Sie mich, wenn Sie wollen! Martin abgewendet Das will ich ja gar nicht – Wera Was soll ich –? Martin aufstöhnend Nichts – nichts – nichts! Wera mit der Wildheit der Verschmähten Ich habe Sie ja – so lieb!! Martin mit einer jähen, erschrockenen Wendung zu ihr Lieb?! Er faßt sie an beiden Schultern, ihren Andrang von sich weghaltend und sucht erschüttert-forschend ihren Blick. Dann – während das Glockenspiel nebenan La paloma zu spielen beginnt – in raschen, aufgewühlten Sätzen ganz in sich In der Pfütze des Lasters, auf einer Scherbe, getreten von tausend Füßen, ein Widerschein des Himmels?! Wera wie im Fieber War ein Kind wie andere Kinder. Nur die Eltern habe ich kaum gekannt. Und die Kostfrau war bös. Immer nur schlug sie mich. Martin immer mehr in sich sprechend In allen Lüsten geschult, kindlicher diese Hände als die der Unschuld!? Wera in immer qualvollerer Steigerung Und dann – kaum vierzehn Jahre alt – die Fabrik! Die vielen Männer dort, die fanden es bald heraus – Das Hurenblut, sie witterten es! Martin mit immer verzweifelterer Abwehr Tu auf die Augen, die geschlossenen, Daß tief in ihrem Abgrund wühlt mein Blick, Dort, wo die Bilder ruhn, die zuchtlosen! O Seele, die so viele Schmach verträgt Und dennoch lieber leben bleibt als stirbt! Wera mit Schaudern, in abgerissenen Sätzen Früh genug kommt der Tod! In der Wollust, jedem gewillt, ist der Tod! – In den brennenden Augen unzüchtiger Nächte ist der Tod! – In Blut und Nerven, vergiftet von Trunk, gemartert von Abscheu, ist der Tod! Martin in schmerzlichstem Aufruhr über sie hinweg Könnte in eines Engels Armen ruhn, Kühlen an frommer Brust die heiße Stirn! Und solcher Hüfte freche Biegung, solchen Verwüsteten Gesichtes Lockung, kaum erspäht Im Lampenzwielicht der verrufnen Gasse, Verheißt der Stillung mehr als reiner Leib, Der meines Kindes süße Bildung hütete! Wera wie in Angst an ihn gedrängt Hab mich doch lieb! Martin entfesselt Die Larve ab, die Liebe heuchelnde! Hinweg vom Mund den falschen Unschuldszug! Nicht Engel stelle du als Wächterschaft Vor die Latrine hin, die Unflat speit, Wenn sie das rechte Sesamwort beruft: Geld! Geld Wera sich unter seinen Worten wie unter Peitschenhieben wild aufbäumend Küß mich! Martin ohne Unterbrechung über ihren Aufschrei hinweggehend, immer wühlender Das ist's, was diese Glieder willig macht! Da duckt der Götterfunke, der auch solche Brust Beseelt, sich in den Kehricht, wer's auch ist, der zahlt! Geld! Geld! Da hast du Geld, hast Lösegeld! Daß dieser böse Reiz die Sinne freigibt, Die kein Erkennen schreckt, kein Ekel bändigt, Und die, von langgespartem Durst gequält, Nur-liebender Umarmung allzumüd, Den Abgrund suchen einer großen Lust! – Wera wild Küß mich! Martin in jäher Besinnung Nein, nein!! Wera Du mußt mich küssen! Martin Muß ich?!! Er reißt sie an sich, dann finden ihre Lippen einander in einem langen Kuß. Martin macht sich zuerst los. Aber auch Wera schnellt auf und läuft von ihm weg in der Richtung auf den Alkoven zu. Halbenwegs bleibt sie jedoch stehn, wendet sich noch einmal Martin zu, der aufgesprungen ist und sie mit gebanntem Blick ansieht. Einige Augenblicke Pause. Wera reißt mit einer einzigen ekstatischen Bewegung alle Knöpfe ihres Kleides auf, dann mit jubelnder, trunkener Lockung Komm jetzt! Komm jetzt!! Martin ist nach rechts vorne hin zurückgewichen und tastet, immer den Blick auf Wera gerichtet, nach seinem Stock und Hut, derer er sich auch bemächtigt. Nun atemlos Nicht jetzt! Nicht heute! Wera auf ihn zufliegend Nur eine Stunde mein!! Martin geschüttelt Ich kann nicht, darf nicht! Habe Frau und Kind! Wera in wildem Andrang Vergiß sie endlich einen Augenblick! Martin allen Widerstand zusammenraffend Du bist nicht, was du warst! Ich will nicht Liebe! Wera Was du willst! Martin losgerungen Nicht heute! Wera Du kommst nicht mehr! Martin dem Ausgang zudrängend Vielleicht – ich weiß nicht – laß mich los! Wera fast aufschreiend Bleib! Martin schon an der Tür Nicht heute! Beinahe taumelnd ab. Wera noch immer auf die Tür starrend, läßt die Arme sinken, steht einige Augenblicke wie versteinert da. Dann kommt sie mit bleiernen Schritten nach vorn und läßt sich auf den Sessel rechts vom Tisch niederfallen. Ihre Arme legen sich schwer auf den Tisch, der Kopf sinkt auf die Arme, der ganze Körper hebt lautlos an zu weinen. Die Musik nebenan, welche – die innere Steigerung der vorhergehenden Szene mitmachend, emportreibend und überhöhend – stufenweise in einen Tumult vieler erst mitsummender und mitpfeifender, dann aber mitjohlender und mitkreischender Männer- und Frauenstimmen ausgeartet und seit Martins Abgang in Gelächter und Stimmengewirr allmählich zerfallen war, bricht nun jäh ab. Jetzt vernimmt man an der Tür links ein herrisches Klopfen, das sich gleich darauf wiederholt, ohne daß Wera darauf geantwortet hätte. Nun wird die Tür vorsichtig ein wenig geöffnet, ein geschminkter Mädchenkopf, dem andere nachdrängen, späht herein und zieht sich kichernd zurück. Die Tür bleibt aber offen. Ein greller Lichtkegel fällt durch sie herein. Madame Charlotte mit dem greisen Herrn tritt ein. Sie bleiben bei der Tür stehen und überblicken einige Augenblicke lang die Situation, Madame kühl und spöttisch, der Herr mit allen Anzeichen höchster Unruhe. Madame gedämpft, mit Courtoisie Mein Herr, ich habe mein Wort gehalten: Fräulein Wera steht zu Ihrer Verfügung. Der Herr unsicher etwas nach vorne kommend, mit schwankender Stimme Aber sie weint ja! Was fehlt denn dem süßen Kinde? Madame mit lächelndem Cynismus In einem Leben, das der Liebe gehört, ist Kummer kein seltener Gast. Der Herr wie oben Kummer! Wirklich Kummer? Madame wie oben, dazu anzüglich Ich zweifle nicht, daß Sie alles aufbieten werden, mein Herr, um Ihre kleine Freundin zu trösten! Mit vieldeutigem Lächeln ab. Der greise Herr mit zittrigen Schritten auf Wera zu, sich zu ihr neigend, wie zu einem Kinde Ich habe dir grüne Steine gebracht – für dein weißweißes Hälschen! Grüne Steine! Er holt das Etui aus der Tasche und öffnet es mit erregten Händen, dann beugt er sich zu Wera nieder und küßt sie lange und inbrünstig auf den Nacken. Wera erhebt den Kopf müde und sieht ihn ausdruckslos-fremd an. Der Herr hält ihr den Schmuck hin und wiederholt ganz ratlos, aber immerhin schon von seiner Begierde benommen Für dein Hälschen – diese grünen, grünen Steine! Neuerlich Gelächter und Musik nebenan. Vorhang. Actus quartus Das Speisezimmer. Einfach, in dunklem Holz eingerichtet. In der Linkswand breites, mehrteiliges Fenster mit Spitzenvorhängen und Blumen. Draußen Vollmondnacht. In der Mitte der Hintergrundwand breite, offene Flügeltüre in das Wohnzimmer, das vom Klavier d.i. von rechts her beleuchtet ist. In der Mitte der Rechtswand Flügeltüre mit matten Glasscheiben, durch die Licht aus dem Vorzimmer durchscheint. Die Wände sind mit einer dunklen Stofftapete bespannt und tragen einige wenige sehr geschmackvolle Bilder. In der Mitte des Raumes der weißgedeckte, mit Blumen geschmückte Tisch, beleuchtet von einer elektrischen Pendellampe mit großem, kirschrotem Seidenschirm. Neben dem Tisch Nickelständer mit Eiskübel, aus dem eine Champagnerflasche herausragt. Wenn der Vorhang aufgeht, hört man aus dem Wohnzimmer, mit vollendeter Technik gespielt, den dritten Satz aus der Sonate für Violine und Klavier von Josef Marx. Währenddessen trägt das Stubenmädchen eine schön angerichtete kalte Schüssel auf, legt dann letzte ordnende Hand an den Tisch und geht wieder ab. Nachdem die letzten Töne der Sonate verklungen sind, hört man lebhaftes Gespräch aus dem Musikzimmer. Gleich darauf kommen Vitus und Anna ins Speisezimmer. Vitus hat Anna den Arm geboten und führt sie zu Tisch. Er trägt Smoking, Anna ein einfaches, leicht stilisiertes Abendkleid. Sie ist von der Musik sichtlich angeregt, ihre Wangen glühen, sie sieht mädchenhaft aus. Vitus mit Enthusiasmus Ich schwöre Ihnen, schöne Dame, diese Sonate hätte Ferruccio Busoni nicht glühender begleitet! Anna auf seinen Ton übermütig eingehend Und Pablo de Sarasate, weilte er noch unter den Lebenden –! Vitus O, o! Berufen Sie nicht so erlauchte Geister, Señora! Ich bin nur ein armer wandernder Musikant und habe für meine Stümperei bloß die eine Entschuldigung, daß es offenbar schöner ist, das Leben zu vergeigen, als sich vermittels der doppelten Buchführung oder des bürgerlichen Gesetzbuches ein verkrümmtes Rückgrat zu ersitzen. Anna während sie ihm die Schüssel reicht, lachend Da mögen Sie schon recht haben. Vitus mit festlichem Überschwang Es lebe der Mensch, geboren aus dem Geiste der Musik! Es leben die großen Meister Bach, Mozart und Beethoven! Und es lebe der Jüngling, der die Sonate schuf, die uns soeben verzückte! Was werden doch immer wieder für Künstler in diesem sonst so freudelosen Europa geboren! Anna heiter anzüglich Das macht vielleicht doch, daß es bei uns die Liebe noch gibt! Vitus sehr lebhaft Gesegnet sei sie in des Teufels Namen darob! Doch mehr noch glaube ich an diese überall so göttliche Landschaft. Sie wissen ja nicht, wie ich mich gerade nach der gesehnt habe! Ahnen Sie denn überhaupt, was es heißt, fünfzehn Jahre zu leben in einem Weltteile, wo es keine Blumen gibt, keine Gewässer und keine Kunst!? Können Sie sich die Menschen vorstellen, die ohne all das heranwachsen? So ausgebrannt ist das Land, daß man die Schafherden aus dem Innern tagelang ans Meer zur Tränke treiben muß. In den Eukalyptuswäldern der Blauen Berge birst die Rinde von den Stämmen. Immer brennen ganze Reviere, entzündet von einer furchtbaren Sonne! Anna angeregt Waren Sie denn nicht auch in Queensland? Das soll ja ein Paradies sein. Vitus Oh doch, ich war sehr oft dort! Aber gelebt habe ich im Süden, wo die eigentlichen Zentren des Landes sind, abwechselnd in Melbourne und Sidney. Städte, wissen Sie, gebaut mit allem Prunk und Luxus, aber unmittelbar dahinter die Steppe, die Öde, die Wüste! Anna Und die Musik? Vitus Du lieber Gott! Der gemeine Abhub der Londoner Tingel-Tangel, wie es für die meisten Leute, die dort leben, eben paßt. Anna Und doch sind Sie gerade dort so berühmt geworden. Vitus Berühmt, ja! Da gemahnen Sie mich lieber nicht daran! Berühmt in einer Kategorie mit Preisboxern, Ringerchampions, Feuerschluckern, Schlangenbändigern und Fakiren. A fellow, who makes money. That's all! – Nein, Madonna, daß mein bescheidenes Geigenspiel vielleicht doch irgend einen besseren Sinn hat, das empfinde ich nur in solchen Stunden, wie wir beide eine eben musizierend verlebt haben. Anna blickt errötend auf ihren Teller nieder Vitus beinahe gerührt Zwei Menschen, eines werdend in einem Klange, in einem Rhythmus, für niemanden auf der Welt, nur für einander, das wiegt mir den Beifall aller music-halls jenseits von Suez auf. Glauben Sie mir das und – erhebt sein Glas seien Sie gebenedeit unter den Weibern! Anna mit Wärme Und auf viel Freude in der Heimat! Vitus sie bedeutungsvoll ansehend Ja, Freude, die bleibt uns vielleicht, wenn alle anderen Träume zerschellt sind. Anna behutsam Aber gestern noch haben Sie ganz anders von der Freude gesprochen. Vitus mit sehr verhaltener Wehmut Ja, sehen Sie, jene, welche die Liebe haben, sehnen sich bisweilen nach der bloßen Freude, und jene, die nur Freude haben, sehnen sich bisweilen nach der Liebe. So ist die Welt. Anna wie oben So ungefähr habe ich Sie gestern auch verstanden. Vitus Und dann vor allem: man braucht doch zunächst so etwas wie eine Formel, in die man sich fremden Menschen gegenüber verkleidet. Und Sie waren mir doch fremd – gestern! Anna Und heute? Vitus Wir haben zusammen ein großes Erlebnis gehabt: unsere Musik! Da frommen keine Masken mehr. Anna Also wollen wir von nun an zu einander ohne Masken sein! Sie reicht ihm die Hand. Vitus ihre Hand küssend Tausend Dank! Anna nach einer kleinen Pause, gesprächsweise Martin hat mir erzählt, daß Sie verheiratet waren – drüben in Australien. Vitus in der Maske des Galgenhumors Ja, das ist ein ganz drolliges Kapitel. Und wissen Sie, wie ich dazukam? Anna Erzählen Sie, wenn es nicht – schmerzt. Vitus auflachend, mit forciertem, englischem Akzent Aoh, warum sollte es schmerzen, da ich nun längst nicht mehr – verheiratet bin? Nach einem Augenblick des Besinnens Es war in Sidney. Ich stand auf dem Pier und wartete auf das Boot aus Europa. Aber ohne jemanden zu erwarten, nur so aus einer Art Einsamkeitssport. Endlich, das Schiff legte an. Über das Fallreep herab Menschen und immer wieder Menschen. Und für alle, die da kamen, waren Arme bereit, sie zu umschließen, Hände, die sich ihnen entgegenstreckten, ein paar Augen, welche die ihren suchten. Schließlich sind auch alle Koffer an Land, Hunderte von Cabs setzen sich nach der Stadt in Bewegung, der Molo ist fast wieder leer. Da bemerke ich zwei Damen: eine Matrone und ein Mädchen. Niemand hatte sie erwartet, niemand in dem Wirrwarr auf sie geachtet. Ihr Gepäck ist nicht zur Stelle. Sie sind ratlos. Ich nehme mich der Ladies an, verhelfe ihnen zu dem Ihrigen, verschaffe ihnen einen Wagen und verabschiede mich. – Nie hatte ich so dankbare und so traurige Augen gesehen, wie dieses Mädchen sie hatte, als es mir noch aus dem davonrollenden Wagen zunickte. Anna Und dieses Mädchen wurde Ihre Frau? Vitus Ja. Mit steigender Aufgetanheit Ich sah sie wieder – vorerst durch Zufall. Von da an öfter. Schließlich lud man mich ein. Inzwischen hatte ich einiges über die Familie erfahren. Der Vater war seit langem tot, hatte eine Fabrik hinterlassen, die nun die Mutter führte. Daher wohnten sie auch in deren Nähe, drei Stunden von Sidney, in einer – Wüste! Dreimal bereits hatten Mutter und Tochter die Reise nach London unternommen, die season mitzumachen. Das ist in Australien die Art bemittelter Leute, ihre Töchter auf den Markt zu bringen. Dreimal die weite und kostspielige Reise – und vergebens. Nun war sie achtundzwanzig. Ein viertes Mal würde sich der Aufwand nicht mehr rentieren: – Ein Todesurteil! Dabei war dieses Mädchen – schön!... Anna mit mütterlicher Teilnahme, leise Erzählen Sie nicht weiter! Wenn ich gewußt hätte – Verzeihen Sie! Vitus mit starker, aber maskierter innerer Bewegung O bitte! Hören Sie weiter! – Ich besuchte die Damen. Nie werde ich dieses Domizil vergessen: – Das tote Haus. – Die Atmosphäre eines Wachsfigurenkabinetts, alles uneigentlich, alles Surrogat. – Die Blumen in den Vasen verstaubte Seide, die Tischwäsche wegen Wassermangels – Linoleum. Statt eines Singvogels im Bauer ein flötendes Uhrwerk. Statt der Stimmen, die durch die Opernhäuser der Erde fluten, ein heiseres Grammophon. Statt des Ausblicks auf Landschaft ein Album mit Ansichtskarten von den begnadetsten Punkten Europas. Gegenden, die diese armen Augen geschaut, um sie nie wieder zu sehen! – Da riß mich das furchtbarste Mitleid fort. Ich vermochte mich nicht mitschuldig zu wissen an diesem trostlosen Verwelken, wollte in dieses verurteilte Leben Licht, Freude, Wärme spenden – So heiratete ich. Anna behutsam Aus Mitleid, nicht aus Liebe – Vitus fast ingrimmig Liebe! Liebe! Was wissen wir von unserem Herzen?! Was trägt nicht alles die Masken der Liebe! – Wer weiß übrigens, ob es bei mir nicht doch so etwas wie Liebe war? Sie aber hat mich bestimmt nicht einen Augenblick lang geliebt. Erst war es Dankbarkeit für die Retterhand, die sie aus dem Verließe führte. Dann aber war ich nur mehr – ein Weg! Sie kam durch mich in die Welt, ins Leben. Ihre Schönheit blühte auf, wurde umworben. Sie galt nun durch sich selbst. Mein Mitleid und ihre Dankbarkeit waren überholt. Ich jedenfalls von nun an überflüssig – Hätte ich dies alles nicht schon längst vorher erkannt, ich hätte sie – erwürgt, als ich sie eines Tages mit einem Offizier der Gardemiliz ertappte!... Wieder gesenkt Aber so? War sie denn schuldig? War ich nicht ebenso schuldig wie sie? Und ebenso unschuldig wie sie? – Das ist die Geschichte meiner Ehe. Anna leise, bewegt Sie sollen vergessen, sollen nicht mehr darunter leiden! Vitus sich seiner Bewegung erwehrend O, ich habe ja vergessen, ich bin weit davon entfernt zu leiden! Ich bin ja reicher geworden um eine Erfahrung, die die Schätze der Erde wert ist – Anna Und die wäre? Vitus Die Menschen sollen nicht reden von der Liebe! Denn ob es Liebe war, das könnte man vielleicht erst entscheiden mit dem letzten Atemzuge, der einem vergönnt ist. Mit veränderter Stimme und Stimmung Nun aber, edle Frau, mit englischem Akzent wollen wir sprechen vom Augenblicke und von all dem Schönen, das mir in diesen Heimatstagen noch bevorsteht! Er ergreift sein Glas Drum nochmals: es leben die erhabenen Genien Bach, Mozart und Beethoven! Evviva il grande maestro musico Riccardo Wagner, die indischen Verklärungen des großen Johannes Brahms und – die süße Cantilene des jungen Meisters, dessen Sonate uns soeben verzückte! Vivant! Sie stoßen an. Das Stubenmädchen kommt mit einer neuen Tablette, wechselt die Teller und geht dann während des folgenden Gespräches wieder ab. Anna nach einer kleinen Pause, gesellschaftlich Es wird Martin sehr leid tun, Ihr Spiel heute versäumt zu haben. Vitus scherzhaft Aufrichtig gesagt, ich bin auch etwas enttäuscht über sein Ausbleiben. Man kommt doch schließlich nicht alle Tage aus Australien! Anna etwas zögernd Wenn er gewußt hätte, daß Sie heute abend – Vitus Ach so, das wußte er nicht! Sie sagten aber doch durchs Telephon: Wir erwarten Sie. Anna etwas verlegen Ich dachte mir eben, er würde zum Abendessen wieder dasein. – Vielleicht kommt er auch noch. Vitus Dann ist er ja, was mich betrifft, entsündigt und bleibt schuldig nur insofern, als er eine so entzückende Frau an einem solchen Maienabend allein zu Hause gelassen hat. Ereignet sich dergleichen des öfteren? Anna Manchmal, wie er eben in der Stimmung ist. Vitus Und Sie respektieren Stimmungen bei Ihrem Gatten? Anna Warum nicht? Das beruht auf Gegenseitigkeit. Vitus Dann sind Sie gewiß die beste Frau, die so ein Stimmungsmensch wie Martin finden konnte! Anna lacht, aber etwas gezwungen Das lassen wir lieber ihn selbst beurteilen. Vitus Nein, im Ernst! Stimmungen, das ist doch eigentlich das, was ein Ehemann in der Regel nicht haben darf. Wenn einem also eine Frau darin Freiheit gewährt, so erlaubt sie einem bis zu einem gewissen Grade – Junggeselle zu sein. Und das heißt doch soviel als: da hast du die ewige Jugend! Anna Ist es denn wirklich so viel, wovon die Männer Abschied nehmen, wenn sie heiraten? Vitus Das kommt auf den Mann an. Aber eigentlich, offengestanden, ist es nicht gar so viel. Denn zu seiner Zeit war es doch zumeist nichts anderes als schaler Zeitvertreib. Man wollte Wein, und es war doch in der Mehrzahl der Fälle nur Apfelsaft. Wieviel Zeit, Geld, Nerven verbraucht man in seiner angeblich freien Jugend für nichts und wieder nichts! Anna ernst, mit Beziehung Aber in der Erinnerung scheinen all diese Nichtigkeiten doch irgendwie bedeutend zu werden. Vitus Gewiß, weil man die Erinnerung, wenn sie nicht zufällig ein Begriff wäre, wegen fortgesetzten Betruges hinter Schloß und Riegel setzen müßte. Anna immer ernster Irgend etwas muß aber doch daran sein. Das können Sie vielleicht nicht so beurteilen. Vitus Wie denn so? Ich halte mich für äußerst geistvoll. Anna Nun, Sie waren eben doch noch nicht neun Jahre verheiratet wie Martin. Vitus Das allerdings nicht! Gott sei Dank – Lacht I beg your pardon! Anna lacht auch, aber gezwungen Oh bitte, Sie haben ja wahrscheinlich recht. Vitus Nur was mich, nicht aber was Martin betrifft. Denn der hat doch durch die Ehe mit Ihnen nur hinzubekommen. Anna rauh Wieso? Vitus Nun, Abschied genommen hat er doch von verflucht wenigem, als er Sie heiratete. Darauf wette ich meinen Kopf. Denn wenn man einen Menschen kennt wie ich ihn, dann weiß man genau, was er zu erleben fähig ist. Martin war immer – ethisch schwer belastet. Anna Vielleicht blickt er gerade deshalb, weil er seinerzeit nichts Rechtes erlebt hat, so wehmütig zurück. Vitus Ja, tut er denn das? Anna Bisweilen. Vitus Und das sagt er Ihnen so ohne weiteres? Anna Warum nicht? Das entspricht doch nur unserer Abrede. Vitus Was ist das für eine famose – Abrede? Anna Keine Geheimnisse vor einander zu haben. Vitus ehrlich einer Unbegreiflichkeit gegenüber Ja, das ist ja der pure Wahnsinn! Daran erkenne ich meinen Freund Martin! Anna Wieso? Vitus Da muß man einander doch grenzenlos – langweilig werden in der kürzesten Zeit! Anna sehr verhalten Langweilig wohl am wenigsten – Vitus Aber? Anna Manchmal vielleicht – zur Qual. Vitus bewegt Also so weit seid Ihr miteinander! – Und ich hatte mich gefreut, daß hier einmal zwischen zwei Menschen – alles in Ordnung sei. Anna weh, mit unwirklicher Stimme Es ist ja auch – alles in Ordnung. Vitus vorsichtig Sagen Sie, wissen Sie, wohin er heute gegangen ist? Anna rauh Nein. Vitus leise Das hat er Ihnen also doch nicht anvertraut. Anna Das ist aber auch das erstemal, daß er – so von mir gegangen ist. Vitus mit einem Anflug von Bitterkeit Und diese Blumen, dieser Champagner und all diese heimliche Festlichkeit, das alles war natürlich ihm zugedacht. Anna schwer Allerdings. – Sie sind mir deshalb nicht böse, nicht wahr? Vitus mit mehr Bitterkeit Nicht im geringsten. Wenn die Gäste nicht kommen, ruft man die Bettler von der Straße herein. Aber warum gerade heute diese solennen Rüstungen? Anna mit wankender Stimme Es ist heute unser Hochzeitstag. Vitus Und er hat ihn vergessen?! – Armes Kind. Sieht sie mit aufquellender Liebe an. Anna sich aufraffend und alle Widerstände in sich sammelnd, mit Steigerung Oh, ich bin nicht so arm! Ich will jedenfalls nicht arm sein! Es ist ja auch nur eine Bagatelle. Wir holen es nächstes Jahr nach, wenn Gott es gibt. Bis dahin ist eine lange Zeit. – Da kann sich noch manches zum Besseren wenden. Auch zum Schlechteren vielleicht! Alles eins. – So, und jetzt haben wir beide miteinander ohne Masken gesprochen und nun wollen wir wieder lustig sein, nicht wahr?! Vitus mit groteskem Überschwang Bei Gott ja, das wollen wir! Und zwar gestatte ich mir, Ihnen eines meiner berühmten australischen Abenteuer zum besten zu geben. Vernehmen Sie zunächst die Titel! Erstens: Meine Ermordung im Hafenviertel von Melbourne oder das Freudenmädchen von der Princes-bridge ! Zweitens: Vitus Werdegast wird wegen Vaterschaft an einem Kinde belangt, das gleich den babies der Elefanten elf volle Monde im Mutterleibe getragen worden sein müßte, wenn er der Vater wäre! Oder: Mister Werdegast, der einen amerikanischen Manager im Boxkampf besiegt hat, erhält von diesem einen Engagementantrag für neunzig Abende, an denen er abwechselnd boxen und Mozart spielen soll! Viertens –! Anna krampfhaft lachend Genug, genug, genug! Vitus Oder soll ich Ihnen das berühmte Kunststück mit der Flasche produzieren, das ich dem Lustknaben des Scheichs von Lahore abgelauscht habe? – Soll ich? Er ergreift die Weinflasche und ist im Begriff, sie sich auf den Kopf zu stellen. Anna die plötzlich ihres Lachens Herr geworden, auffallend rauh Nein! Sie sollen keinen Clown spielen. Vitus Das jähe Innewerden ihrer Veränderung gewaltsam übergehen wollend, aber immer unsicherer werdend Warum soll ich keinen Clown spielen? Da ich all die Jahre nichts anderes tue als einen Clown spielen! Zwischen dinner und supper zur Verdauung der Leute, die ihre tickets bezahlt haben. Warum soll ich keinen Clown spielen? Anna wie oben Weil mir Ihr Antlitz ohne Puder und Schminke lieber ist! Vitus mit neuem Anlauf zu Clownerien und übertrieben englischem Akzent Ach, mein Antlitz! Es ist kein Meisterstück des lieben Gottes. Please, look here! Von die Ohr bis zu die Ohr der Mund. Die Schläfen grau in meine siebenunddreißigste Jahr. Die Stirn gefurcht von die viele »Sich machen interessant«! Die Fratze eines gelangweilten Teufels! Anna Das Gesicht eines – Menschen! Vitus mit äußerstem Aufgebot, seine Maskerade fortzusetzen Wenn Mister Darwin hat recht, daß der Mensch abstammt vom Affen – Anna fast herrisch Ich will nicht, daß Sie sich so gebärden! Vitus immer widerstandsloser Wie, bitte, wünschen Sie, daß ich mich gebärde? Anna tief, bebend So, daß ich Ihnen gut sein kann. Wendet sich von ihm ab. Vitus an sich haltend I don't understand you. Ich verstehe Sie nicht. Anna Sie wollen mich nicht verstehen. Vitus am Losbrechen, mit seiner natürlichen Stimme Frau Anna –! Anna mit geschlossenen Augen, das Haupt etwas zurücklegend Nun? Vitus losbrechend, fast angstvoll Frau Anna, spielen Sie nicht mit mir! Es könnte sonst sein –! Etwas Heiliges geht sonst in meiner Brust in Brüche: – Freundschaft! Anna wie oben, aber qualvoll Bin ich denn so – häßlich?! Vitus in ungeheurem Sturm Frau Anna! – Nur mit Dirnen habe ich in meinem Leben zu tun gehabt, ich – ich Bankrotteur der Liebe! – Auch mein Weib war eine Dirne! – Führen Sie mich nicht in Versuchung! Lassen Sie mich einmal – beten! Anna sieht ihn erschüttert und ihrer selbst jäh inne werdend an, in höchster Bestürzung Mein Gott! Vitus mit aller Inbrunst Einmal beten! Anna bricht zusammen in ein furchtbares Geschüttertwerden Was Hab' ich getan – was hab' ich getan – was habe ich getan! Vitus in höchster Anspannung, wie ein Hypnotiseur, nahe an ihr, mit anfangs wankender, später immer sicherer, aber dafür beseelterer Stimme Anna – Weib meines Freundes! – Hören Sie! – Ihre Seele weiß nichts von dem, was Ihre Lippen gesprochen haben. Sie werden sich jetzt erheben – und werden vergessen! Und morgen – ist abgefallen der wirre Traum, und ich – im Zuge gegen Süden – nehme die Klänge mit, die aufblühten unter Ihren Händen... Und immer soll, über die Häupter der fremden Menge hin, wenn meine Geige die Sehnsucht singt, in Ihr fernes Auge träumend gesenkt sein – das meine. Anna die sich während seiner Worte langsam wie eine Schlafwandlerin erhoben hat, mit beinahe kindlichem Ausdruck Und Sie werden – nicht schlecht von mir denken? Vitus Ich werde denken, daß mich einmal das Heimweh besiegt hat nach den Stätten der Kindheit, nach den Genossen der Jugend und nach den süßen Quellen der Musik in der Heimat – und daß es vielleicht nur das Heimweh war aus den kühlen Zonen der Lust in die holde Wärme – der Liebe. Und ich werde denken, daß ein Abend war, da der Atem der Liebe meine Wangen gestreift, meine – entweihten... Gehen Sie schlafen. Anna leise, somnambul Ja, schlafen. Vitus Vergessen! Anna Ja – vergessen. Sie setzt sich mühsam gegen den Hintergrund zu in Bewegung. Im Rahmen der Türe zum Musikzimmer hält sie noch einmal inne, wendet sich zurück und sieht ganz traumverloren zu Vitus herüber, dann leise Gute Nacht. Vitus verbeugt sich tief vor ihr. Anna entschwindet nach rechts im zweiten Zimmer, man hört noch eine Türe gehen, dann tiefe Stille. Vitus richtet sich mühsam und schwer aus seiner Verbeugung auf. Jäh packt es ihn, ihr nachzustürzen. Mit ein paar großen Schritten ist er an der Mitteltür des Hintergrundes und starrt einige Augenblicke in die Leere des Nebenraumes. Dann löst sich die Anspannung seiner Nerven, und müden Ganges kehrt er an den Speisezimmertisch zurück. Nun hört man von rechts draußen das leise Klirren eines Schlüsselbundes und das Auf- und Zusperren einer schwereren Tür. Gleich darauf wird es hinter den matten Glasscheiben der Tür ins Vorzimmer licht. Vitus' Gesicht und Gestalt straffen sich wieder. Martin tritt ein. Er läßt die Tür hinter sich offen. Martin auffallend blaß – nachdem die beiden Männer einander einen Augenblick starr betrachtet haben – mit rauher, mühsamer Stimm Du hier? Vitus ebenso Im Begriff zu gehen. Martin schwer Wo ist – meine Frau? Vitus Schlafen – gegangen. Martin Was für ein Fest wurde hier gefeiert? Vitus Ein – Abschied. Martin Wann reisest du? Vitus Morgen. Martin dumpf Schon – morgen? Vitus mit etwas wankender Stimme Und jenes Fest war – dir zugedacht. Martin Und du hast – genommen, was mir –? Vitus Einiges. Martin qualvoll Nicht – alles? Vitus sieht ihn voll und tief an, dann Martin, nicht vieles ist mir heilig auf dieser Welt, doch eines, wisse, ist mir heilig: die Frau des Freundes! – Aber mit bedeutsam erhobener Stimme hüte dich vor den – andern!! Martin ins Herz getroffen Vitus: Vitus erschüttert Leb wohl. Martin macht eine jähe Bewegung gegen Vitus. Sie stürzen einander in die Arme, man hört das schwere Gehen ihres Atems Vitus reißt sich los und eilt nach rechts ab. Martin steht wie betäubt, während draußen eine Tür hart ins Schloß fällt. Vorhang. Actus quintus quasi epilogus sub specie aeternitatis Das Schlafzimmer. Die Wände verlieren sich in Schatten. Links ein hohes Fenster, alle Flügel offen. Inmitten des Zimmers ein breites, etwas erhöhtes Ruhebett. Sonst nichts, was an die Einmaligkeit eines bestimmten Raumes gemahnte. Der Vorhang öffnet sich leise und langsam. Tiefe Nacht. Ein Strom vagen Mondlichts überschimmert das Lager. Links darauf schläft Anna nur mit leichten weißen Decken unregelmäßig bedeckt, einen unruhigen Schlaf. Neben ihr, das Haupt in die Hand gestützt, sie wehmütig betrachtend Martin . Von draußen, wo ein großer Gartenhof gedacht ist, die ferngedämpften Geräusche der Großstadtnacht. Manchmal das Aufatmen von Baumkronen im Winde. Einmal das ganz weite Pfeifen einer Lokomotive und endlich der dreimalige Schlag einer Turmuhr. Anna beginnt plötzlich, leise im Schlaf zu weinen. Bald darauf schlägt sie die von Tränen überströmten Augen auf. Sie erblickt Martin und sieht ihn mit traumbefangenem Staunen an Anna Bist du es, Martin? Martin Ich. – Schlaf ruhig, Kind! Anna Bist du schon lange da und neben mir? Martin Seit Stunden hüt' ich wachend deinen Schlaf. Anna Wie spät ist's in der Nacht? Martin Der Mond hält an der Kimmung seines Weges, Die zartern Sterne treten schon zurück. Bald ist es Tag. Anna So traurig war der Traum. Martin Doch erst wohl glücklich? Anna Sprach ich etwa? Martin Nein. Erst lagst du still im Mondlicht hingeruht, Und Mund und Wangen lächelten befreit. Doch plötzlich, wie von bitterm Sturm gepackt, Ein Beben schulterte durch deinen Leib, Und über deiner Wimpern dunkle Wehre Quollen die Tränen auf. Anna Nie solchen Traum Mehr träumen will ich. Martin War auch ich in ihm? Anna sich etwas aufrichtend, mit weiten, wehen Augen vor sich hin Auf einer Insel, irgendwo im Meer, Nur du und ich, und immer ich in Angst, Du könntest mich verlassen. Lieb und gütig zwar Warst du zu mir, doch immer wieder Trieb es zum Strande dich. Dort standst du schweigend Und blicktest fernhin, wo der lichte Rand Des Himmels auf den dunklern Wassern ruht. Und einmal gingst du fort und – kamst nicht mehr. Martin schwer Da weintest du? Anna Noch nicht. Martin So gab es Schwereres in deinem Traum, Als daß ich dich verließ? Anna Viel Schwereres. Martin Willst du es sagen? Anna mit visionärem Lächeln Blumenüberdeckt, Mit bunten Lichtern, Saitenklang an Bord, Ein Gondelschifflein lenkte an den Strand Die erste bange Nacht, die ich allein. Von Liebe sprach der Mann Lachend und unerhört – Weiß nicht mehr, wie es kam, Daß er mich gewann – Ein Geiger hat mich betört. Martin noch schwerer Da weintest du? Anna Noch nicht. Martin So gab es Schwereres in deinem Traum, Als daß du mich verrietst? Anna mit weher Seligkeit Waren selig vereint Die lange Nacht Bei Küssen und Wein! Süß war der Freund – Was ich auch gedacht, Als ich spät erwacht, Du fielst mir nimmer ein – Da Hab' ich geweint. Martin dunkel Anna, mehr Geständnis ist In diesem Traum, als man von wachem Willen Begehren kann! Doch glücklich immerhin Die reine Seele, die ein Traum in Schuld Verstrickt und so von ihr erlöst. Uns andre Treibt derbere Begier der Sünde zu Und läßt nicht locker, ehe nicht getan , Was keine Reue unbegangen macht. Anna Du bist so traurig. Ist dir was geschehn? Martin Wohl – es geschah mir viel in dieser Nacht. Anna mit mütterlicher Teilnahme Sag mir es doch! Martin gequält Nicht jetzt, nicht heut mehr, Anna! Doch morgen, wenn die Stirne kühler ist, Vom Bad des Lichts die Seele wieder klar, Und ordnendes Besinnen eingereiht Den Widerspruch der Nacht in das Gesetz von Ursach' und Wirkung, dann erzähl' ich dir, Was, hätt' ich's bloß geträumt, mir leichter wär'. Er sieht sie traurig an, dann plötzlich mit schmerzlicher Inbrunst Warum hast du mich, du bester Engel, nicht bewahrt? Warum hieltest du nicht fester Mich zu dir gepaart? Wenn schon Lust vergeht, Bliebe doch Gebet, Und als Freundin oder Schwester Lenktest du mir sanft die Fahrt! Anna tief betroffen und erschüttert War ich nicht immer deine Freundin, Martin? Martin Ja, Anna, ja! Allein, was weißt du denn Von mir?! Ein Abgrund ist der Mensch, und was Er spricht und tut, ist nur wie das Gekräusel Von spielerischen Wellen über Tiefen, Die unerforscht und voller Grauen sind. Auch deinen Tiefen, Anna – oh ich weiß! – Entbrach in dieser Nacht Gefährliches Und riß in wildem Wirbel dich dahin! Und eh der Hahn zum erstenmal gekräht, Verrietst du, den du doch so liebhast – mich! Anna rauh Und du? Martin immer wühlender Oh, wie oft hab' ich wie heute Neben dir, Liebste gewacht! Hörte der Uhren Geläute Jede Stunde der Nacht. Sah über dein schlummerndes Antlitz Lächelnde Träume wehn, Hörte dein ruhiges Atmen, Sah deinen Herzschlag gehn. Wie Saaten im Sommerwinde Wellten die Brüste dir sacht, Die meinem, unserem Kinde Süßeste Stillung gebracht. Doch ich, gepeinigt von Gier, Über dich Reine hinweg, Lechzte nach wilden Genüssen, Und der schlummernde Anblick Deines geweihten, Angebeteten Leibes Stillte die Wünsche nicht! Anna in ratloser Kümmernis Und meine Liebe, wecktest du mich, Hätte dich nicht gestillt?! Martin aus tiefsten Tiefen Nichts, nichts stillte mich mehr! Selbst in der holden Umfriedung Deiner zärtlich erglühten Liebreichen Arme Sehnte mein Blut sich Nach andrer Erlösung! Und Reste, ungelöschte, Heillosen Brandes Wuchsen ins Übermaß! Da floh ich und peitschte Die Sinne mit Arbeit, Hetzte die Nerven müd Mit Denken und Planen! Doch selbst aus dem nüchternsten Tun Zuckten die roten Zungen, Und zwischen Zeichen und Lettern Täglicher Schriften und Bücher Reckten sich freche Gebärden auf! Anna erschüttert Und deines Kindes Anblick, Stillte er nimmer dich? Martin gepeinigt Oh, wie oft suchte ich ihn! Kniete an meines Müdegespielten, Betenden Kindes Bettchen! In der seidenen Locken Duft Drückte die Lippen ich, Kühlte an flaumweicher Wange Pochende Schläfe mir, Doch nichts, nichts mehr Stillte mich! Anna So sehr hast du gelitten, Und ich, ich ahnte es nicht! Martin So sehr, Anna, so sehr! Anna Warum bliebst du in all dem Leid So ohne Wort zu mir!? Martin Weil zwischen Mann und Weib Dunkelste Dinge sind, Die keine Lippe nennt, Eh sie geschehen. Anna Litt ich nicht auch wie du? Martin Glaubst du, ich wüßt' es nicht?! Aber anders littest du, anders! Immer, was Sehnsucht war, Trieb dich an meine Brust! Aber ich – Ich konnte kein Weib mehr sehn Dessen ich nicht begehrt! Wahllos schweifte der Trieb, Gierig nach Beute aus, Und dennoch, zehnfach gefesselt Durch den Gedanken an dich, Hielt er der Lockung stand – Bis heute! Anna mit weiten, schmerzvollen Augen Was – war heute, Martin? Martin mit unwirklicher Stimme Eine – Hure hab' ich geküßt. Ein sichtbares Schüttern geht durch Annas Leib. Sie richtet sich auf. Irgendetwas bricht in ihr zusammen, ihre Haltung versteint sich, ihr Antlitz, ihr Auge erstarrt in tränenlosem Glanz. Die Stimme, mit der sie die folgenden Worte spricht, ist wie aus weiter Ferne von einem unendlichen, zitternden Weh beseelt. Während der tiefen Stille, die nach Martins letzten Worten eingetreten ist, fallt gleichsam aus der Unermeßlichkeit des Weltraumes ein tiefer, gleichmäßiger, auf denselben Tönen verharrender Akkord wie ein fernes harmonisches Summen und Brausen ein. Anna Wir Frauen werden plötzlich arm, Von heute oft auf morgen, Und dürfen dann ein Leben lang Von dem, was Glück und Liebe war, Nur borgen, ja nur borgen. Uns ist, als ob es gestern war: Der Kranz im Haar und der Altar Mit Weihrauch und mit Kerzen; Wir sehen noch den Bräutigam , Und heimlich ist's um uns getan Im Herzen, ja im Herzen. Martin erschüttert, tief Warum leiden die Menschen so sehr an ihrem Geschlecht? Wie mit Harpunen trifft sie der Herr mit ihrem Geschlecht, Und die Widerhaken entreißt er der Wunde, Daß sie verbluten. Anna mit schmerzlicher Auflehnung Doch du und ich und ich und du! Was fiel denn fort, was kam dazu, Daß ich nicht mehr genüge? Dann ist ja auch, was einmal war, So selig, reich und wunderbar, Nur Lüge, ja, nur Lüge! Martin mit leidvoller Beschwörung Nicht Lüge, Anna! Auf ewigen Besten steht, Was wahrhafte Herzen gemeinsam sich aufgebaut. Aber Menschen sind wir, Anna, nur Menschen! Der Sinne Sturmwind rüttelt am Mauerwerk, Tobt an die Fenster und bröckelt Gesimse ab, Aber tragende Säulen zerbricht er nicht, Und die Flamme des Herds löscht nicht sein Wüten aus. Anna schmerzlich Aber die andern, die leben ein Leben lang Freundlich gesellt und werden von Jahr zu Jahr Immer einander noch mehr und inniger zugetan! Ihrer Freuden Frühling gleitet gewitterlos In den stilleren Sommer, verklärt sich zu mildem Herbst, Und der entschlummerte Wunsch hält noch in Träumen fest Ersten Sichfindens süße Vergangenheit. Sag mir, warum denn nur wir so unselig sind!! Martin innig ergriffen, mit wachsender Steigerung Wir, nicht wir nur, Anna! Lenk du den Blick hinaus In die vergehende Nacht, in geisterndes Sternenlicht! Siehst du die Dächer an Dächern und Fenster an Fenstern dort? Laß das Gemäuer versinken, das Nachbar von Nachbar trennt, Und tausendmal tausend Betten wie unsere Unabsehbar im Dämmer sind hingereiht! Und in den Betten die Menschen, leidend am selben Leid! Und von ihnen noch immer jene die Glücklichsten, Die da, wissend wie wir, einander ihr Leid vertraun. Aber die meisten, die Dumpfen, leben wie Tiere hin, Genügsam die einen im Dünkel, daß Liebe sei, Was die Körper verrichten in stumpfer Alltäglichkeit, Und die andern hassen einander aus ihrem Geschlecht, Und die gedrosselte Lust wird ihnen zur Furie! Anna mit qualvoller Anklage Und uns?! Ward uns die Liebe nicht auch zur Qual? Was denn nützt es zu wissen, wenn Wissen nicht stillen hilft? Oder war es nicht Liebe, was uns zusammenzwang? War es nur Zufall, was da Geschlecht dem Geschlecht, Deines Alleinseins Müdheit und Überdruß Meiner Neugier auf Lust blindlings entgegentrieb? Alles beginnt zu wanken, wenn Liebe nicht ewig ist, Wenn von der Herzen Inbrunst Begierde sich trennt Und das ruhlose Blut andre Erlösung sucht! Oh, was aus unserer Liebe geworden ist! Martin mit wehmütiger Steigerung Liebe! Liebe! Was wissen wir Menschen, wann Liebe ist?! Lust der Sinne allein ist Vergänglichkeit, Und der Herzen Einklang sänftigt das Glühen nicht. Da laß uns doch lieber wahr zu einander und gütig sein Und in Demut erkennen, daß Liebe ein Recht nicht ist Und daß viele berufen, doch wenige auserwählt sind. Alle tausend Jahre nur einmal vielleicht Aufsprüht der göttliche Funke und zündet ein Menschenherz! Dann rauschen die Quellen auf, und Lieder, unsterbliche, Blühen aus stammelndem Munde eines Gesegneten. Doch von Lust und Besitz vermelden die Lieder nichts – Immer nur Sehnsucht hat die begnadete Zunge gelöst! So auch bleibt uns nicht andre Erlösung vielleicht Als Verzichten und Schweigengebieten unbändigem Trieb Und, in Sehnsucht uns übend, einig und heilig zu sein ... Anna in großem Weibesschmerz Das ist das Ende der Liebe! Martin asketisch verklärt Oder ihr Anfang erst! Denn was sich küßt und paart, ist ewig in Trug verstrickt. Aber der strauchelnde Fuß eines, der aufwärts sieht, Findet noch immer mehr an irdischer Seligkeit Als das Auge des Toren, das nur auf der Erde sucht. Das tiefe Brausen verklingt. – Unendliche Stille. – Die beiden Menschen weinen. Ein mystisches Orchester spielt das Geigenmotiv aus dem Actus quartus . Der Vorhang schließt sich. Die Uraufführung dieser Tragödie fand am 18. Nov. 1916 am Deutschen Volkstheater zu Wien statt.