Christoph Martin Wieland Göttergespräche Vorbericht Diese Göttergespräche wurden in den Jahren 1789-93 nach und nach aufgesetzt. Die acht ersten sind bloße Versuche in Lucians Manier, Spiele des Geistes, worin der Verfasser, nach der langen Arbeit einer Übersetzung der sämtlichen Werke dieses in seiner Art einzigen alten Schriftstellers, eine angenehme Erholung fand. Sie sind, so wie die Göttergespräche seines Vorbildes, von ungleichem Gehalt; indessen war der Verfasser, als er sie zu Papier brachte, noch so voll von Lucian , mit welchem und für welchen er drei Jahre lang beinahe ganz allein gelebt hatte, daß es nicht zu verwundern wäre, wenn etwas von Lucians Geist und Laune in diese Aufsätze übergegangen sein sollte. Leser, denen man erst sagen müßte, daß einige derselben einen sehr ernsthaften Zweck haben, wünscht sich der Verfasser nicht. Die fünf letzten sind teils durch die Französische Revolution überhaupt, teils durch besondere Epoken derselben in den Jahren 1790, 1792 und 1793 veranlaßt worden, und atmen einen Geist von Mäßigung und Billigkeit, der ihnen bei keiner Partei zur Empfehlung diente, aber desto gewisser auf den Beifall späterer Zeiten rechnet. Inhalt I. Jupiter und Herkules . Über Weltregierung und Göttersöhne. II. Diva Julia – ehmals Livia Augusta – Diva Faustina – die Jüngere – D. Augustus , und D. Markus Aurelius . Dem Hauptinhalt nach eine Apologie für die jüngere Faustina. III. Jupiter Olympius – d. i. die Bildsäule desselben zu Olympia – Lycinus , ein Bildhauer, und Athenagoras . Verteidigung würdiger Götterbilder gegen die Ikonoklasten. IV. Juno , Livia – D. Julia – Die letztere entdeckt der erstern im Vertrauen die Künste, wodurch sie sich eine unbegrenzte Macht über ihren Gemahl zu verschaffen gewußt, und läßt uns bei dieser Gelegenheit Blicke in ihr Inneres tun, die den Vorwürfen, welche ihr von Faustinen im zweiten Gespräch gemacht werden, zur Bestätigung dienen. V. Proserpina , Luna , Diana . Sie bemühen sich vergebens, den Punkt der Mythologie, der jede von ihnen zur Hekate macht, ins reine zu bringen, bis die Erscheinung der wirklichen Hekate ihren Zweifeln ein Ende macht. VI. Jupiter , Juno , Apollo , Minerva , Venus , Bacchus , Vesta , Ceres , Viktoria , Quirinus , Serapis , Momus und Merkur . Merkur bringt den bankettierenden Göttern die Nachricht von ihrer förmlichen Absetzung im Römischen Senat – unter der Regierung des Kaisers Theodosius des Großen –, Jupiter erklärt sich über diese Begebenheit mit vieler Mäßigung, und läßt die Götter einige tröstliche Blicke in die Zukunft tun. VII. Flora , Antinous . Ein kleines Intermezzo. VIII. Jupiter , Numa , hernach ein Unbekannter , der dies den meisten auch noch in unsern Tagen ist, und hier über seinen wahren Charakter und Zweck wichtige Aufschlüsse zu geben scheint. IX. Jupiter und Juno . Zwei sehr verschiedene Arten eben dieselben Gegenstände zu sehen und zu beurteilen, nebst einer Weissagung, welche bereits in Erfüllung zu gehen angefangen hat. X. Jupiter Olympius und Sankt Ludewig , ehemals König von Frankreich, hernach Jupiter Pluvius und Jupiter Horkius , zwei Subdelegierte des Olympischen. Über die Französische Revolution, wie sie sich unbefangenen Geistern in ihrer ersten Epoke darstellte. Ankündigung des 14ten Julius 1790. XI. Fortsetzung des vorhergehenden Gesprächs, zwischen Jupiter , Sankt Ludewig , Numa , und Heinrich IV. von Frankreich. XII. Juno , Minerva und Jupiter . Noch ein vergeblicher Versuch den einseitigen Parteigeist zu einer vernunftmäßigen Vorstellungsart über die dermaligen Welthändel zu bringen. XIII. Juno , Semiramis , Aspasia , Livia , und Elisabeth , Königin von England. Ein Olympischer Weiberrat über die dermalige dringendste Angelegenheit der Völker und der Fürsten. I. Herkules , Jupiter . Herkules . Ist es erlaubt, Herr Vater, weil wir hier unter vier Augen sind, eine etwas freie Frage zu tun? Jupiter . Frage was du willst, mein Sohn. Herkules . Ich hätte schon lange gern gewußt, ob es denn auch wirklich wahr ist, daß du, wie die guten Menschlein da unten sich schmeicheln, so gar großen Anteil an ihrem Befinden nimmst, dich in alle ihre Händel mengest, über alle ihre Wünsche und Bitten ein Register hältst, und kurz, die Welt bloß um ihrentwillen regierest? Jupiter . Da fragst du mich viel auf einmal, mein Sohn! und ich würde nicht einem jeden so offenherzig antworten wie dir. Allein vor dir, der mir immer unter meinen Söhnen der liebste war, vor dir hab ich kein Geheimnis. Also, was die Weltregierung anbelangt, die, indem er den Kopf gegen das Ohr des Herkules neigt, leise, die – ist meine Sache nie gewesen. Herkules macht ein Paar große Augen an ihn . Das wäre! Und wer regiert sie denn wenn Du sie nicht regierst? Jupiter . Höre, lieber Herkules, mehr als ich selbst weiß, mußt du mich nicht fragen! Ich habe mich nie viel mit Metaphysik abgegeben; auch wäre wenig Gewinn für mich dabei. Jeder hat nun einmal seinen Wirkungskreis; ich habe den meinigen; und es ist schon etwas lange her, daß ich mich gewöhnt habe, was über mir ist als etwas, das nicht in mein Fach gehört, zu betrachten. Die Welt, mein guter Schlangenwürger, ist um ein namhaftes Teil größer als du dir einzubilden scheinest. Mir ist noch nie eingefallen, sie ausmessen zu wollen: aber das kannst du mir sicher nachsagen, daß der Distrikt, der mir und meiner Familie zu besorgen zugefallen ist, im Ganzen noch lange nicht so viel Raum einnimmt, als das kleine Königreich Thespia , wo du an dem Löwen von Cithäron und an den funfzig Töchtern des Thespius deine erste Heldenprobe abgelegt hast. Herkules . Was die letztern betrifft, Herr Vater, damit ging es so natürlich zu, daß es sich nicht der Mühe verlohnte, mir ein Kompliment darüber zu machen, wenn die närrischen Kerle, die Poeten, eine Sache lassen könnten wie sie ist. – Doch, ich bitte um Verzeihung, daß ich dir in die Rede gefallen bin. Jupiter . Ich habe mir die Sache nie anders als just so natürlich gedacht, wie du es zu verstehen gibst. Es bleibt immer eine Tat, deren sich ein Sohn Jupiters nicht zu schämen hat, und die dir keiner so bald nachtun wird. Also, um wieder auf das vorige zu kommen, das Dörfchen Thespia, wo der Großvater deiner funfzig Söhne König war, machte damals eine sehr kleine Figur auf dem Erdboden; und doch war dieses nämliche Königreich Thespia vielleicht ein zehentausendmal tausendmal größerer Teil vom Erdboden, als der Planetenkreis, den ich regiere, von dem Ganzen ist, welches wir in unserer Göttersprache – an die du dich nun gewöhnen mußt – die Welt nennen. Höher, lieber Alcid , wollen wir uns diesmal in das Geheimnis des Universums nicht versteigen. Herkules . Dein Anteil ist noch immer ansehnlich genug, Jupiter – Jupiter . Um in unsern eignen Augen etwas zu sein, müssen wir uns immer mit kleinern messen. Herkules . Es ist also, trotz dem naseweisen Schäker, der neulich zu Athen das Gegenteil behaupten wollte, doch wahr, daß du der höchste Beherrscher der Menschen bist, und eine unmittelbare Aufsicht über ihre Angelegenheiten führst? Jupiter . Wahr und nicht wahr, wie du es nehmen willst. Herkules . Wahr und nicht wahr? – Ich wüßte nicht wie ich das nehmen sollte. Du treibst deinen Scherz mit mir. Jupiter . Und was sagte denn der naseweise Kerl zu Athen? Herkules . Als ich neulich im Vorbeigehen meinen Tempel im Cynosarges einen Augenblick besuchte, hörte ich einen halb nackten breit geschulterten Burschen, dem die Haare in dicken Zotteln um die Stirne hingen, mit einem hagern ziegenbärtigen alten Manne über diese Sache sehr hitzig disputieren. »Da müßte Jupiter viel müßige Zeit haben«, sagte jener, »wenn er sich um alle die albernen und einander widersprechenden Bitten bekümmern sollte, die alle Augenblicke aus allen Winkeln des Erdbodens zu ihm abgeschickt werden.« Jupiter . Der Mensch hatte so unrecht nicht! Herkules . »Ist es«, fuhr er fort, »nicht unverschämt, daß ein jeder Pinsel sich träumen läßt, der König der Götter und der Menschen sei nur darum da, sein ewiger Geschäftsträger, Hausverwalter, Küchen- und Kellermeister, Reisemarschall und Obersteuermann, kurz, sein Alles in allem zu sein, und immer auf der Lauer zu stehen, um zu sehen, wo und wann ein jeder, der zu träg oder zu ungeschickt ist sich selbst zu helfen, seiner Dienste nötig habe?« Jupiter . Der Mann sprach ja lauter Gold, mein Sohn! Ich muß mir den Menschen in meine Schreibtafel notieren. Hörtest du nicht wie er sich nannte? Herkules . Sie hießen ihn Menipp , wenn ich recht gehört habe. Jupiter . Den kenn ich! Einer der bissigsten Cyniker, aber ein Bursche von so hellen Augen und einer so feinen Nase, als jemals einer seines gleichen gehabt hat. Herkules . »Und wenn auch (fuhr er fort) Jupiter so übermäßig gefällig wäre, und sich zu allem brauchen lassen wollte, so muten ihm die Leute offenbar mehr zu, als er, mit dem besten Willen, tun kann .« Jupiter . Nur zu wahr! nur gar zu wahr! Herkules . Wie, Vater Jupiter? du kannst nicht alles was du willst? Jupiter . Was ich will? Das kann ich freilich, mein guter Herkules! und weißt du warum? Herkules . Warum sonst als weil du Jupiter bist? Jupiter . Schlecht geraten, mein Sohn! Ich kann was ich will, weil ich nichts will als was ich kann. Herkules . Du kannst also, wie ich höre, nicht alles? Jupiter , lächelnd . Es liegt bloß an einem paar Kleinigkeiten, über die ich noch nicht habe Meister werden können. Herkules . Und die sind? – Jupiter . Fürs erste, daß ich mit aller meiner Allgewalt nicht zuwege bringen kann, daß zweimal zwei mehr oder weniger als vier wären; und dann, daß ich, so bald die ganze Ursache von einem Dinge da ist, nicht verhindern kann, daß im nämlichen Augenblicke nicht auch die Wirkung erfolge. Du kannst dir nicht einbilden, mein Sohn, in was für enge Grenzen meine Allmacht bloß durch diese zwei fatalen Schlagbäume eingeschränkt wird. Herkules . Wie? wenn jemand deinem großen Stellvertreter zu Olympia mit einem Skythischen Weidmesser die Nase abhauen wollte, könntest du ihm den Arm nicht zurückhalten? Jupiter . Wenn ich gleich neben ihm stände und es zu rechter Zeit gewahr würde, allerdings. Aber bis ich von hier aus zu Olympia angelangt wäre, könnte das ganze herrliche Werk des Phidias in tausend Stücke zerschlagen sein. Herkules . Und wofür schmieden dir denn die Cyklopen Jahr aus Jahr ein so viele Donnerkeile? Jupiter . Du begreifst doch, daß ich nicht immer mit zehntausend Donnerkeilen in der Faust dastehen werde, um sie überall hinzuschleudern, wo sie nötig wären. Und wenn ich es auch tun wollte, so könnte ich doch nicht machen, daß etwas, das einmal geschehen ist, nicht geschehen wäre. Herkules . Aber du kannst doch machen, daß es nicht geschieht . Jupiter . Ja, insofern die Ursache, wodurch es geschieht, nicht vorhanden ist. Herkules . Eben die Ursache, meine ich, ist es, mit der du es zu tun hast. Du mußt sie verhindern Ursache zu werden. Jupiter . Aber wenn sie es nun einmal ist? Herkules . Mit allem Respekt gesprochen, Jupiter, du machst mich ungeduldig. Als der Centaur Nessus vor meinen Augen mit der schönen Dejanira davon laufen wollte, wußte ich ihn sehr gut zu verhindern die Ursache ihrer Entführung zu werden. Ich schickte ihm einen meiner Pfeile nach, und traf ihn so richtig, daß er die schöne Beute fahren lassen mußte. Jupiter . Das kam bloß daher, weil der Centaur Nessus zwar die Ursache war, die mit der schönen Dejanira davon lief, aber nicht die Ursache, die ihre Entführung zu Stande brachte. Sage mir einmal, als du unter den Mägden der Königin Omphale in Lydien in Weiberkleidern am Spinnrocken saßest, und ihren Pantoffel an deinen Ohren fühltest wenn du den Faden zu dünn oder zu dick zogst, glaubtest du etwa eine Rolle zu spielen, die dem Sohne Jupiters und Alkmenens große Ehre machte? Herkules . Nein, bei Hebens Nektarschale! das glaubt ich nicht. Jupiter . Und du konntest dich zu solchen Unwürdigkeiten erniedrigen? Herkules . Ich tat was ich nicht lassen konnte. Jupiter . So? und warum das? Herkules . Weil mich die Liebe überwältiget hatte. Jupiter . Und wie kam die Liebe dazu, einen Mann von deiner Stärke zu überwältigen? Herkules . Um Verzeihung, Jupiter! wenn du das fragen kannst, so mußt du die schöne Omphale nie gesehen haben. Es wäre wahrlich dir selbst, mit allem Respekt zu sagen, nicht besser ergangen als mir. Jupiter . Lassen wir das! – Du gestehst also, daß die Augen der schönen Omphale Wirkungen taten, denen man nicht entgehen konnte. Und doch hättest du es können, mein Sohn, wenn du gewollt hättest. Herkules . Wie hätte ich das machen sollen? Jupiter . Das unfehlbarste Mittel, wodurch du es ihren Augen unmöglich machen konntest eine so tyrannische Gewalt an dir auszuüben, war, die deinigen – zuzutun. Herkules . So hätte ich die Augen zutun müssen ehe ich sie sah; denn so bald ich sie einmal gesehen hatte, war mirs schon unmöglich sie nicht immer sehen zu wollen. Jupiter . Du erfuhrst also bei dieser Gelegenheit, daß es Ursachen gibt, deren Wirkung sich nicht immer verhindern läßt. Herkules . Freilich, eine Leidenschaft wie die Liebe – Jupiter . Die Leidenschaften der Menschen sind es eben, mein Sohn, was mir meinen Plan, wenn ich einen mit ihnen hätte, alle Augenblicke verrücken würde. Ich überlasse sie also gewöhnlich ihrer eigenen Torheit. Sie haben just Vernunft genug, es immer hinter drein zu merken, wenn sie was recht albernes getan haben, und so werden sie endlich durch lauter Torheiten klug; wiewohl meistens erst, wenn es ihnen nichts mehr helfen kann. Herkules . Aber, mit Erlaubnis, das ist eine sonderbare Art zu regieren, wenn ich so frei reden darf. Jupiter . Das ist sie auch. Doch will ich damit nicht gesagt haben, daß ich durch die Kenntnis, die ich von der Natur der Menschen und der Dinge, von welchen sie abhangen, besitze, nicht im Stande sei einen gewissen Einfluß zu behaupten, und Ursachen und Wirkungen so zu leiten, wie ich es für das Ganze am zuträglichsten halte. Aber, daß ich mir Mühe geben sollte, einem jeden seinen Willen zu tun, oder ihren Dank und Beifall verdienen zu wollen, das ist mir noch nie in den Sinn gekommen. Herkules . Da hättest du auch ein Stück Arbeit zu verrichten, wogegen alle meine zwölf oder dreizehn weltberühmten Arbeiten nur Kinderspiel wären. Jupiter . Es hieße das Unmögliche unternehmen, und das ist, wie gesagt, meines Tuns nicht. Um dir das begreiflich zu machen, mein Sohn, will ich nur dies einzige anführen, daß nichts in der Welt entgegengesetzter sein kann, als meine Art von den Sachen zu denken und die ihrige . Herkules . Wie meinst du das eigentlich, Herr Vater? Jupiter . Ich will dir ein kleines Beispiel geben. Neulich machte ich weiß nicht welcher Epigrammendrechsler zu Rom ein paar unverschämte Verse, um sich darüber aufzuhalten, daß ein pfiffiger Kerl, der durch Cäsars Gunst aus einem Barbier ein Senator und ein reicher Mann geworden war, von seinen Erben ein marmornes Grabmal bekommen hatte. »Wie«, sagte der Witzling, »der Barbier Licinus soll ein Grabmal von Marmor haben, und Pompejus hat nur einen schlechten Grabstein, Cato gar keinen! Wer kann das sehen und noch Götter glauben? « – Der Mensch bildete sich ein, ein gewaltiges Argument gegen uns aufgetrieben zu haben, und zehntausend Strohköpfe klatschten ihm Beifall zu. Herkules . Das war dumm von ihnen! Pompejus konnte sich, für das was er gewesen war, immer an einem Sandstein begnügen; und ein Mann wie Cato braucht gar kein Grabmal: aber der Barbier mußte eines von Marmor haben, um die Eitelkeit seiner Erben zu befriedigen, und der Nachwelt weis zu machen, daß ihr Vetter ein großer Mann gewesen sei – Das greift sich mit Händen. Jupiter . Und gesetzt es wäre unrecht gewesen, daß Licinus ein marmornes Grabmal hatte und Cato gar keines, was ging das die Götter an? Hätte ich etwa das marmorne Grabmal zu Boden donnern, oder auf Catos Grab hinüber zaubern, oder diesem ein noch prächtigeres von Vulkan bauen lassen sollen? – Die Narren! Wenn sie ja glaubten, daß etwas über die Sache gesagt werden müsse, warum griffen sie nicht in ihren eigenen Busen? Warum sollen es die Götter entgelten, wenn die ausgearteten Römer alles Gefühl für Freiheit und Tugend, und alle Scham vor ihrem eigenen Namen verloren haben? Herkules . Gegen solches Gesindel wären ein paar Donnerkeile nicht übel angebracht. Jupiter . Wo denkst du hin, Herkules? Was würde aus dem armen Menschengeschlechte werden, wenn ich alle ihre Dummheiten mit Donnerkeilen bestrafen wollte? Denn solche Urteile und solche Schlüsse höre ich alle Tage. Herkules . Der Kerl mit dem Zottelhaar und dem Knotenstocke hatte also doch so unrecht nicht? Jupiter . Das brauchen wir ihm nun eben nicht so gleich ohne alle Einschränkung zuzugeben. Zwischen dir und mir ists ein andres, mein Sohn. Herkules . Bei dieser Gelegenheit, Herr Vater, weil ich doch (was mir selten begegnet) im Fragen bin, dürft ich nicht noch eine Frage tun? Jupiter . Ich höre die Musen schon zur Tafel blasen; also mach es kurz! Herkules , indem er Jupitern scharf in die Augen sieht . Es betrifft einen Punkt, worüber mir niemand bessere Auskunft geben kann als Du. Ist es wirklich an dem, daß ich die Ehre habe dein Sohn zu sein, Jupiter? Jupiter . Woher kommt dir auf einmal dieser demütige Zweifel? Hast du nicht Taten genug getan, um dich als einen Sohn Jupiters zu erweisen? Herkules . Aufrichtig zu reden, wenn man alles davon abzieht, was die Poeten nach Handwerksgebrauch dazu gelogen haben, so möchte ich mit dem übrigen zu Stande gekommen sein, wenn auch nur Amphitryon mein Vater gewesen wäre. Jupiter . Das ist mehr als Amphitryon selber glaubte. Deine Mutter Alkmene konnte es mit jeder Europa, Danae, Semele und Leda aufnehmen, und ich dächte du könntest mit dem Vater zufrieden sein, den sie dir gegeben hat. Ist dirs nicht genug, daß du von den Menschen für meinen Sohn gehalten und von mir selbst nicht verleugnet wirst? Was verlangst du mehr? Herkules . Ich spreche mit dem Herzen in der Hand. Am Ende kann einer doch weder mehr noch weniger sein als er ist , wofür er auch von andern gehalten werden mag. Wenn ich also dem, was ich bin , die Ehre, die mir erwiesen wird, zu danken habe – Jupiter . Nun, nun, Herr Sohn! gar zu genau müssen solche Dinge nicht berechnet werden. Auf der Geburt und den Verdiensten der Göttersöhne muß immer ein heiliger Schleier von etwas dichtem Gewebe liegen, und mit Grübeln kommt dabei nicht viel heraus. Genug, mein lieber Herkules, daß du nun einmal im Besitz der Göttertafel und der schönen Hebe bist. Beide erwarten dich. Wir wollen gehen! II. Diva Julia , bekannter unter dem Namen Livia Augusta , und Diva Faustina die Jüngere, hernach D. Augustus und D. Markus Aurelius . Livia . Woher, schöne Faustina, wenn man fragen darf? Faustina . Von Rom, Julia. Die Lust kam mich an, einem hochzeitlichen Opfer beizuwohnen, das die Tochter eines Konsulars, dem Dekret des Senats zufolge, auf meinem Altare darbrachte. Livia . Und das sagst du mir ohne rot zu werden, Faustina? Faustina errötend . Ich? worüber sollte ich rot werden? Livia . Die Frage ist sonderbar genug! Hat man dich etwa vorher aus dem Lethe trinken lassen, ehe du in den Olymp auf genommen wurdest, wo die Hochachtung der Römer für deinen Vater und für deinen Gemahl dir einen Platz verschaffte? – Warum wurdest du denn jetzt rot? Faustina . Das ist meine Art so, Julia: ich erröte immer, wenn man will , daß ich erröten soll. Livia . Das gute sanftmütige Weibchen! Wolltest du mir wohl, weil du doch so gefällig bist, im Vertrauen sagen, ob du jemals in deinem Leben jemand etwas abgeschlagen hast? Faustina . Wenigstens erinnere ich mich nicht, daß es durch meine Schuld geschehen wäre. Livia . Das ist sehr aufrichtig gesprochen! Faustina . Wie so, Julia? Livia . Du bist auch gar zu naiv für die Gemahlin eines so großen Philosophen, wie dein guter Markus war! Faustina . Ich begreife nicht, was ich so naives gesagt haben sollte. Livia lachend . Du hast also wirklich in deinem Leben niemand etwas abgeschlagen? Faustina . Meine Macht war sehr eingeschränkt; und wiewohl mein Gemahl viel Liebe für mich hatte, so wagte ich es doch nur selten, ihn für jemand um eine Gnade zu bitten, weil ich wußte, wie unangenehm es ihm war, wenn er mir nicht gefällig sein konnte. » Markus Aurelius «, pflegte er zu sagen, »kann so viel Gutes tun als sein Privatvermögen erlaubt; aber der Kaiser ist der Gerechtigkeit so viel schuldig, daß ihm keine Gnaden zu erweisen übrig bleiben.« Indessen war ich für mich selbst reich genug, um selten in den Fall zu kommen, daß ich eine Bitte aus Mangel an Vermögen abweisen mußte. Und wenn es auch geschah, so benahm ich mich wenigstens so dabei, daß die Leute beinahe eben so vergnügt von mir weggingen, als ob sie ihres Wunsches gewährt worden wären. Livia . Wir verstehen uns nicht, holde Faustina: die Rede war gar nicht von dieser Art von Gefälligkeit – Faustina . Und von was für einer andern könnte zwischen dir und mir die Rede sein? Du warst die erste, die den Namen Augusta trug, und mußt also doch wohl aus eigner Erfahrung wissen, daß eine Frau mit diesem Namen ziemlich sicher davor ist, um andere Gefälligkeiten angesprochen zu werden. Livia . Eben deswegen soll es, wie man sagt, so mildherzige Göttinnen geben, die mit zuvorkommender Güte den ersten Schritt selber tun, und auch den blödesten Sterblichen zu überzeugen wissen, daß man nichts wage, wenn man bei ihnen alles wagt. Faustina . So? – Ich für meine Person habe immer gern das beste von meinem Geschlechte gedacht. Livia . Man hat oft ganz eigene Ursachen so nachsichtsvoll zu sein. Faustina empfindlich . Ich weiß nicht, was dich berechtigen könnte, eine solche Sprache gegen mich zu führen. Doch wohl nicht der Stolz darauf, die Ehre der Apotheose, die dein eigner Sohn dir zu erteilen Bedenken trug, endlich von einem Claudius erhalten zu haben? Ich war die Tochter, die Gemahlin und die Mutter eines Augustus , und begreife nichts von der Freiheit, die du dir gegen mich herausnimmst. Livia . Wie, Faustina? Vorhin hofftest du, mir mit der Miene der naiven Unschuld einer jungen Vestalin auszuweichen? und jetzt glaubst du, mich durch diesen vornehmen Ton stumm zu machen? Wie kannst du, ohne vor Scham in die Erde zu sinken, dich nur erinnern, geschweige noch stolz darauf sein, daß du die Mutter eines Commodus warst? Faustina . Hast du auch etwa von dem schönen Märchen gehört, das die Fischweiber zu Rom einander erzählten, um sich das mächtige Wunder zu erklären, warum mein Sohn ein so großer Liebhaber von Gladiatorspielen war? Livia . Ich habe etwas gehört, Faustina, das mir noch mehr erklärt; das mir erklärt, wie natürlich es zuging, daß dein Sohn – selbst ein Gladiator war. Wenigstens wirst du nicht leugnen wollen, daß er auch nicht eine Ader von dem tugendhaften Manne hatte, der schwach genug war, sich für seinen Vater zu halten? Faustina . War Antoninus Commodus etwa der erste Sohn eines vortrefflichen Vaters, der aus der Art schlug? Wenn du so billig sein wolltest zu bedenken, in welchem Grade die Römer dieser Zeiten verderbt waren; wie wenig der weise Mark-Aurel selbst diese Hefen des Romulus zu reinigen vermochte; von was für Menschen der Erbe des Throns der Cäsarn, trotz aller Sorge die sein Vater für seine Erziehung trug, schon in seinen frühesten Jahren umlagert war; – wenn du bedächtest, daß die edelste Jugend von Rom, daß sogar Männer, die seiner Erziehung vorgesetzt waren, zu einer Zeit da es Pflicht war ihm nichts als Wahrheit hören, nichts als gute Beispiele sehen zu lassen, in die Wette eiferten, seinen Verstand durch die niedrigsten Schmeicheleien, seine Sinne durch die schändlichsten Gefälligkeiten zu verführen, und jeden Keim von Gerechtigkeit und Menschlichkeit in seinem Herzen zu ersticken, indem sie ihm in den Kopf setzten, daß dem Herrn der Welt alles erlaubt sei, daß er selbst über alle Gesetze und sein bloßer Wille das Gesetz aller übrigen sei: wenn du das alles, wie es doch billig wäre, mit in Rechnung bringen wolltest, würdest du vielleicht finden, daß es in dem ordentlichen Laufe der Natur kaum möglich war, daß etwas besseres als ein Ungeheuer aus ihm werden konnte. Aber auch ohne dies sehe ich nicht, warum die Mutter eines Tiberius , die Großmutter eines Claudius , und die Ältermutter eines Caligula – mir das Unglück, den Römern, die nichts besseres wert waren, einen Commodus gegeben zu haben, zum Vorwurf machen dürfe? Livia . Ich gestehe, daß Caligula und Claudius der Julischen Familie nicht mehr Ehre gemacht haben, als Commodus den Antoninen. Alles was du zur Entschuldigung des letztern gesagt hast, kommt auch den erstern zustatten. Die tugendhafteste aller Mütter kann in unserm ehemaligen Stande den Unstern haben, einen Sohn in die Welt zu setzen, der für das Glück der Menschen nie hätte geboren werden sollen. Aber, um ohne Vorwurf deswegen zu sein, muß diejenige, die ein solches Unglück trifft, sich nicht mutwillig in den Fall gesetzt haben, Gladiatoren oder Bootsknechte in eine edle Familie einzuschwärzen. Faustina . Und welche Frau, die nur das mindeste Gefühl für Ehre hat, könnte fähig sein, sich so wegzuwerfen? Livia . Wie? du kennest keine solche Frau? – Ich komme auf meine vorige Vermutung zurück; du mußt einen starken Zug aus dem Lethe getan haben, ehe du in den Olymp versetzt wurdest! Wie wäre es sonst möglich, daß du die Bootsknechte zu Bajä vergessen haben könntest? Faustina . Die Bootsknechte zu Bajä? – Entweder ich träume , oder du sprichst im Fieber ? Livia . Keines von beiden, Faustina! du hörest nichts als was du dir selbst bewußt bist, was ganz Bajä von dir sagt, und was die ganze Welt glaubt, und, trotz deiner Apotheose, glauben wird, so lange die Geschichte den Namen Faustina nennt. Faustina . Du erschreckst mich, Livia! – Gute Götter! Die Welt ist, wie ich höre, boshafter als ich mir einbildete. Nie hätte ich mir vorgestellt, daß die giftigste Lästerzunge in etwas, das im Grunde die unschuldigste Sache von der Welt war, Stoff zu einer so wenig verdienten Verleumdung finden könnte! – Höre, Diva Julia! ich bin nun eine Göttin wie du, und ich verschmähe es, mich für besser geben zu wollen als ich war. Ich leugne nicht, daß ich in meinem Erdenleben ein schwindliges kurzsichtiges Geschöpf gewesen bin. Leichtsinn und gutes Herz machten die Grundzüge meines Charakters aus; und das Glück oder Unglück, als einzige Tochter des Herrn der Römischen Welt geboren zu sein, war nicht sehr geschickt, mich vor den Fehlern zu verwahren, wozu diese Sinnesart die Anlage ist. Ich war fähig in der Fröhlichkeit meines Herzens unbesonnene Dinge zu tun, weil ich sie bei einer Person von meinem Rang für unbedeutend hielt, und mir nicht einfallen ließ, daß jemand arges bei einer Sache denken könne, bei der ich selbst nichts arges dachte. Ich zweifle sehr, ob mir in meinem ganzen Leben jemals der Gedanke aufstieß, die Welt könnte irgend einer meiner Handlungen eine meinem Ruhm nachteilige Deutung geben. Aber nun, da du mir auf einmal die Augen öffnest, besinne ich mich einer kleinen närrischen Begebenheit, die, indem sie nach und nach durch tausend ungewaschne Mäuler lief, endlich die Gestalt der schändlichen Lüge bekommen konnte, welche, wie es scheint, auf Unkosten meiner Ehre herum geflüstert wurde, und endlich auch zu deinen Ohren gekommen ist. Höre mich an, wenn du geneigt bist, das Wahre von der Sache zu hören! Livia . Sehr gerne. Setzen wir uns dazu unter diese Rosenlaube! Faustina . Ich hielt mich öfters einige Wochen zu Bajä auf einer Villa auf, die ich von meiner Mutter geerbt hatte. Eine Galerie der Villa stieß unmittelbar an den Kai des Lucriner Sees . Ich befand mich eines Abends mit verschiedenen Römischen Damen, mit welchen ich sehr vertraut umging, in dieser Galerie. Eine lebhafte und von allem Hofzwang entbundene Fröhlichkeit, die nicht selten über die Grenzen des strengern Wohlstandes hinaus schweifte, war der herrschende Geist dieser ländlichen Partien, wodurch ich mich für die lange Weile entschädigte, die mir (warum sollt ich es leugnen?) die gutartige, aber etwas traurige Ernsthaftigkeit meines Philosophen machte; der, mit aller Hochachtung, die er mir einflößte, für eine junge Frau von meiner Sinnesart einen zu langen Bart und zu strenge Grundsätze hatte, um ihr nicht zuweilen, durch seine Zärtlichkeit selbst, ein wenig lästig zu sein. Denke dir also eine noch junge Kaiserin, wie ich damals war, mitten in einem Zirkel der lebhaftesten und, wenn du willst, leichtfertigsten Römischen Frauen aus der ersten Klasse, unter dem schönsten Himmel der Welt, und in dieser Zauberluft von Bajä, dem Orte, der unter allen in der Welt (das einzige Daphne in Syrien vielleicht ausgenommen) am wenigsten zum Aufenthalt der Weisheit gemacht ist, und wo sogar Antonin (wenn er sich etliche Tage von den Geschäften los reißen konnte, mich mit einem Besuche zu überraschen) seine ernste Stirn entfaltete, und, von der allgemeinen guten Laune angesteckt, an den Spielen und Kindereien meines kleinen Hofes sich zu ergetzen pflegte – denke dir, mit Einem Worte, Faustinen in ihrer Bajanischen Villa , und stimme, wenn du kannst, zum voraus den Ton deiner Seele von der Majestät der Gemahlin des feierlichen Cäsar Augustus so weit herab, um das, was ich dir zu bekennen habe, mit einiger Nachsicht anzuhören! In einem engern Ausschuß dieser Gesellschaft – von welcher alle Männer ausgeschlossen waren – befand ich mich einmal, an einem schönen Abend, in der besagten Galerie; und indem wir uns an dem Anblick einer Menge von Ruderschiffen aller Arten, die den Hafen bedeckten, und an dem bunten Gewimmel von Leben und Geschäftigkeit, das wir vor uns sahen, ersetzten, machte uns Popilia , eine meiner Freundinnen, mit einem lauten Ausruf, etliche junge Bootsleute bemerken, deren schöne Gestalt, unter einer nicht geringen Anzahl wohl gebildeter Matrosen, womit diese Schiffe bemannt waren, stark genug hervor stach, um unsre Augen auf sich zu ziehen. Die Galerie, worin wir uns befanden, war mit auserlesenen Bildsäulen und Büsten von Griechischen Meistern ausgeziert, unter welchen vorzüglich ein junger Herkules, ein Merkur, und ein Bacchus der den Arm um Ariadne schlang, für Werke von der höchsten Schönheit anerkannt waren. Auf einmal fiel es Popilien (die auf den Namen einer großen Kunstkennerin Anspruch machte) ein, zu behaupten, daß keine dieser drei Bildsäulen eine Vergleichung mit den jungen Matrosen, die sie uns gezeigt hatte, aushalten könnte. Es entstand darüber ein lebhafter Streit zwischen ihr und ein paar andern, die sich für die Bildsäulen erklärten, und in kurzer Zeit teilte sich die ganze Gesellschaft in zwei Parteien. Dieser scherzhafte Zank, der mit eben so viel Witz als Urbanität verlängert wurde, belustigte mich dermaßen, daß ich mich unvermerkt selbst hinein ziehen ließ, und mit etwas mehr Wärme, als nötig war, die Partei meiner Bildsäulen nahm. Nun erhitzte sich der Streit immer mehr; und da sich kein Teil für überwunden bekennen wollte, so schien es, zu beiderseitigem Verdruß, unmöglich, ein Mittel zur Beilegung unsers Handels ausfindig zu machen. Endlich rief Popilia: »Auf diesem Wege werden wir nie aus einander kommen; aber ich setze drei meiner schönsten Ägyptischen Zwerge gegen diesen jungen Herkules, daß ich recht behalten werde, wenn die Kaiserin es auf einen Augenschein ankommen lassen will, wobei wir die Vergleichung gelassen und ungehindert anstellen können.« Dieser närrische Einfall wurde anfangs mit allgemeinem Gelächter aufgenommen: aber je länger über ihn und seine Urheberin gescherzt wurde, desto besser leuchtete er uns ein; und zuletzt gestand man, daß es das einzige Mittel sei, unsre Fehde zu entscheiden. Alle drangen in mich, zu Popiliens Vorschlage ja zu sagen; keiner einzigen stieg der mindeste Zweifel über die Unfüglichkeit der Sache auf, und ich selbst ließ mich überreden, daß nichts unschuldiger in der Welt sein könne, als einen Wettkampf zwischen Natur und Kunst auf diese Art auszumachen. – In der Tat war es mein Glück, daß dergleichen Einfälle etwas seltenes bei mir waren; denn ich glaube selbst, daß ich, mit einem ungenügsamern Temperamente als das meinige war, gar wohl eine zweite Messalina hätte werden können; so wenig Zeit pflegte ich zwischen den ersten besten Einfall, der mich anwandelte, und seine Ausführung zu setzen. Warum, dachte ich, – und so dachten alle meine Römerinnen, die, zum Teil, bei eben so viel Unbesonnenheit viel wärmeres Blut hatten als ich – warum sollte eine Frau, der die ganze Welt zu Gebote steht, sich eine Befriedigung versagen, die ihr einen bloßen Wink kostet? Kurz, Julia, das unbedachtsame Ja wurde ausgesprochen; Popilia erteilte etlichen Eunuchen meinen Befehl, und in einer Stunde traten fünf oder sechs junge Männer, so wie sie aus dem Bade kamen (wo die Eunuchen sie zu diesem Wettkampfe vorbereitet hatten), mit einem Bewußtsein ihres Vorzugs über unsre Statuen herein, der dem Streit auf einmal ein Ende machte. Denn beim ersten Anblick liefen wir alle mit großem Geschrei, und in einer Verwirrung und Eilfertigkeit, die das einzigste Gemälde in seiner Art abgegeben hätte, davon; und Popilia, die kurz zuvor die herzhafteste von uns allen gewesen war, hatte jetzt keine größere Furcht, als unter den Fliehenden die letzte zu sein. Dieses Abenteuer gab uns mehrere Tage lang Stoff zu scherzhaften Unterhaltungen: indessen blieb es auf meiner Seite ohne alle Folgen; die Wunde ausgenommen, die es, wie ich sehe, meinem Ruhme beigebracht hat, wiewohl ich mir damals nicht das geringste von einem solchen Erfolge träumen ließ. In der Tat war weder meine Einbildungskraft noch mein Temperament so heiß, als manche Leute sich vorstellen mochten, die mich nicht kannten, und eben darum nur desto dreister über das, was vermöge meines Charakters möglich oder unmöglich war, urteilten. Ich rechne mir eine Weisheit, die mir nichts kostete, zu keinem Verdienst an: hingegen ist es auch nicht billig, daß ich, einer bloßen Unbesonnenheit wegen, für Sünden büßen soll, die ich nicht begangen habe. Was aber Popilien und einige andere von meinen edlen Römerinnen betrifft, diese konnten sich freilich, wie ich in der Folge erfuhr, nicht so leicht von der Phantasie befreien, die zu rasch abgebrochne Untersuchung in der Stille, ohne so viele Zeugen, wieder vorzunehmen. Die Nebenbuhler meiner Bildsäulen wurden mehrere Nächte hindurch heimlich in den Palast eingeführt, und vielleicht wohl gar absichtlich in dem Wahn unterhalten, daß es die Kaiserin selbst sei, die dem Seewesen eine so unverhoffte Ehre erweise. Dies, ehrwürdige Augusta, ist – zwei oder drei kleine Verirrungen der Augen oder des Herzens ausgenommen – das einzige zweideutige Abenteuer, worein mich die arglose Fröhlichkeit meiner Gemütsart in meinem ganzen Leben verwickelt hat. Du kannst mir glauben oder nicht glauben, wie es dir beliebt: aber ich begreife nun aus meiner eigenen Erfahrung, wie es zugehen konnte, daß die liebenswürdige Julia , deine Stieftochter, auf eine so grausame Art das Opfer der Verleumdung und einer zu ihrem Untergang verschwornen Kabale werden konnte, ohne vielleicht strafbarer gewesen zu sein als ich. Livia . Mich wundert nicht, schöne Faustina, daß du dich einer Person annimmst, die dir so ähnlich war. Ich verlange nicht zu entscheiden, ob du die Ehre verdientest, die Gattin eines Mark-Aurel zu sein: aber gewiß war diese Julia, die du aus Sympathie so zärtlich in deinen Schutz nimmst, höchst unwürdig, die Tochter Augusts zu heißen! Faustina . Auch die sanfteste Taube ist nicht ohne Galle, Livia! Du reizest die meinige zu sehr, als daß ich dich länger schonen könnte. Stolzes, bösartiges Weib! glaubst du, der bessere Teil der Welt lasse sich, eben so wie der große Haufe, durch die Larve der Weisheit täuschen hinter welche du das hassenswürdigste aller Laster – wenn es auch das einzige gewesen wäre, das man dir vorzuwerfen hatte – zu verbergen wußtest? Die schöne Julia wurde, mit allen ihren Fehlern, von dem Römischen Volke mit Entzückung geliebt; denn ihre Fehler schadeten niemand als ihr selbst. An dir war sogar die Tugend hassenswürdig; denn sie war die Mitschuldige und Hehlerin deiner Laster. Ein zu warmes Herz und ein zu leichtes Blut war die einzige Quelle der Fehltritte der unglücklichen Julia; oder vielmehr, ihr größter Fehler war, daß sie nicht schlimm genug von dir dachte, und dir leichtsinniger Weise die Dolche selbst in die Hände spielte, womit du ihre Ehre und das Glück ihres Lebens ermordetest. Zu den Verbrechen, deren sie von ihren Feinden – und wenn hatte sie jemals andere als dich und deinen Anhang? – beschuldiget wurde, gehörte nur Leichtsinn und allzu große Sicherheit auf ihre Vorzüge, und auf die Rechte, die sie an die allgemeine Liebe der Römer hatte: aber der Verbrechen, die Du begehen mußtest, um eine so liebenswürdige Tochter aus dem Herzen ihres Vaters zu vertilgen, ist nur eine schwarze Seele fähig! Schmeichle dir nicht, Livia, daß der Zauber, womit du die Augen eines leichtgläubigen Gemahls zu verblenden wußtest, seine Kraft bis auf die Nachwelt erstrecke! Dein Inwendiges, das du mit einer so seltenen Gewalt über dich selbst vor deinen Zeitgenossen zu verbergen wußtest, liegt bloß und aufgedeckt vor ihr; und, anstatt eine wohltätige Schutzgöttin Roms – der das Reich, wie deine Schmeichler sagten, alle Tugenden Augusts und alle Glückseligkeiten seiner milden Regierung zu danken habe – in dir zu ehren, sieht und verabscheut sie in dir die unerbittliche Verfolgerin einer Unglücklichen , deren Reize die deinigen verdunkelten, – die Mörderin ihrer Kinder , die zwischen den deinigen und dem Throne der Welt standen, den du, wie viele Verbrechen er dir auch kosten möchte, keinem andern überlassen wolltest, und – warum sollte man von einem Weibe, die ihrer Herrschsucht jedes Gefühl der Menschlichkeit aufzuopfern fähig war, nicht das ärgste glauben? – die Mörderin deines eigenen Gemahls , dessen Tage du abkürztest, um den Folgen seiner geheimen Zusammenkunft mit dem jungen Agrippa zuvor zu kommen, und deinem würdigen Sohn eine Erbfolge zuzuwenden, an welche der einzige noch lebende Enkel Augusts ein ganz anderes Recht in den Augen der Römer hatte, als der Sohn des Claudius Nero und der Livia Drusilla. Livia . Hat das sanfte Täubchen sich nun seiner Galle erlediget? oder ist noch eine Lästerung zurück, welcher du Luft machen mußt, um eine Person, deren bloßer Anblick ein stillschweigender Vorwurf deiner Unwürdigkeit ist, wo möglich so tief herab zu setzen, daß du dir schmeicheln könntest, in Vergleichung mit ihr unschuldig zu sein? Faustina . Vergib mir eine Hitze, die nie in meinem Charakter war, und wozu du selbst mich gar zu sehr gereizt hast! Ich möchte dir nicht unrecht tun, wie sehr auch die Anscheinungen gegen dich sind. Meine eigene Erfahrung sollte mich billig behutsamer gemacht haben; und überdies war der Unterschied zwischen deiner Sinnesart und der meinigen zu groß, als daß ich nicht Gefahr laufen sollte dich falsch zu beurteilen, wenn ich dich nach mir beurteile. Livia . Schwaches, zu einer ewigen Kindheit verurteiltes Seelchen, laß dich nichts gereuen was du jemals getan oder gesprochen hast! denn Du kannst nichts sprechen noch tun, was dir zugerechnet werden könnte. Geschöpfe deiner Art gleiten unbedeutend und ohne eine Spur hinter sich zu lassen, wie Schatten, durch das Leben hin, und sind nicht einmal der Verachtung wert, womit die Menschen den Mangel an Verdienst und Tugend zu bestrafen pflegen. Es wäre lächerlich von mir, wenn ich mich gegen deine Beschuldigungen verteidigen wollte. Wie sollte deine kleine Kinderhand den Maßstab fassen können, womit eine Seele wie die meinige gemessen werden muß? Die Natur hatte dich zu einer kleinen Leierspielerin oder Tänzerin zugeschnitten: der Zufall legte dich in die Wiege einer Kaiserin, und dann in das Ehebett eines Kaisers, – der es zu einer Zeit war, wo der alltäglichste Mensch den Stuhl des Augustus ausfüllen konnte, ohne weder seinen Geist, noch solche Gehülfen, wie August zu Ausführung seines großen Werkes bedurfte, nötig zu haben. Zu meiner Zeit erforderte es eine Klugheit die ihr Ziel nie aus den Augen verlor, eine Wachsamkeit die nie einschlummerte, die Geschicklichkeit alles voraus zu sehen, alles vorzubereiten, allem vorzubeugen, alles zu rechter Zeit und auf die rechte Art zu tun, mit jedem Winde zu segeln, jeden Zufall, wie unerwartet, wie hinderlich er unsern Absichten war, zu ihrem Vorteil anzuwenden, mit Einem Wort, eine Verbindung aller möglichen Lebens- und Regierungskünste , wenn man die erste Rolle auf dem Weltschauplatze gut spielen wollte. Ein einziger Fehltritt wäre genug gewesen, um die Arbeit vieler Jahre, vielleicht unwiederbringlich, verloren zu haben. Und, indem ich so viele Künste nannte, die der erste August in sich vereinigen mußte, hätte ich doch beinahe die schwerste und unentbehrlichste von allen vergessen, die große Kunst alle diese Künste zu verbergen , und, indem wir immer bloß unsern eigenen Zweck verfolgen, dem Ansehn nach bloß für andere zu arbeiten; nichts zu scheinen als was andre wollen daß wir sein sollen; die Miene zu haben als ob man einem jeden traue, sich von einem jeden täuschen lasse, durch jedermanns Augen sehe, mit jedermanns Ohren höre, eines jeden Sache zu seiner eigenen mache. – Doch, zu wem sage ich das alles? Wie sollte Faustina dazu gekommen sein, sich einen Begriff davon machen zu können, was Augustus den Römern, und was Livia dem Augustus war? Oder von wem sollte sie gelernt haben, daß Seelen, die von der Natur selbst dazu bestimmt wurden sich die übrigen zu unterwerfen und einen alles umfassenden Wirkungskreis auszufüllen, aus ihrem Standpunkte natürlicher Weise alles anders sehen müssen, als diejenigen, die nur eine Spanne weit um sich herum sehen; daß in ihren Augen jedes Mittel gut ist, das am sichersten zum Endzweck führt; und daß sie entweder das nicht wären was sie sind, oder immer bereit sein müssen, dem, was ihr letztes Ziel ist, alles andere Interesse, alle andern Gefühle, Verhältnisse und Rücksichten auf zu opfern? Faustina . Wie glücklich preise ich mich, daß die Natur mich nicht dazu bestimmte, eine dieser großen Seelen zu sein, und eine so hohe Rolle zu spielen, als die von einer Medea , Klytämnestra , Semiramis , Kleopatra oder Livia ! Die meinige war, immer fröhlich zu sein, und, so viel an mir lag, alles froh zu machen was um mich war. Immerhin mag ich mit dieser Art zu denken klein und unbedeutend in deinen Augen sein, Julia! Mein höchster Ehrgeiz ging nie weiter, als das ehrenvolle Zeugnis zu verdienen, welches mein Gemahl von seiner Zufriedenheit mit meiner Gemütsart und unserer langen Verbindung öffentlich abgelegt hat. Mein stolzester Wunsch ist dadurch befriediget; und selbst die Ehre, unter die Schutzgötter Roms aufgenommen zu sein, schmeichelt meinem Herzen weniger, als der Gedanke, ein solches Denkmal von Markus Aurelius erhalten zu haben, und mir bewußt zu sein daß ich es verdiente. Augustus und Markus Aurelius treten hinter dem Gebüsche hervor. August . Wir sind unbemerkte Zuhörer euerer Unterredung gewesen, schöne Göttinnen, und wir kommen, Friede zwischen euch zu stiften. Faustina . Hier ist meine Hand! Wenn ich nicht ganz ohne Galle bin, so bin ich doch ohne Groll; ich erkenne alle Vorzüge der erhabenen Gemahlin eines Cäsar Augustus, und es ist nichts was ich nicht tun wollte, um einen freundlichern Blick als diesen von ihr zu erhalten. Livia halb lächelnd . Kleine Zaubrerin! Wer könnte so unbillig sein, dich dafür zu bestrafen, daß die Weisheit zu wenig, und die Grazien zu viel für dich getan haben? Mark-Aurel . Die Weisheit, Diva Julia, tat gerade genug für sie, indem sie ihr diese gefällige und leicht zu lenkende Gemütsart, diese Liebe zu ihrem Manne und zu ihren Kindern, und dieses einfache, bescheidene und genügsame Wesen gab, wofür ich den Göttern so oft, als für einen nicht geringen Teil meiner Glückseligkeit, zu danken pflegte: und wofern die Grazien zu viel für sie getan haben sollten, so müßte es nur deswegen sein, weil sie, mit einem kleinern Anteil an äußerlichen Reizen, und mit einer weniger leichten und fröhlichen Sinnesart, der Verleumdung, welcher in unsern Tagen so schwer zu entrinnen war, vielleicht weniger ausgesetzt gewesen wäre. Aber, wer ist ohne Mängel? und was könnte uns, da wir einst Menschen waren, berechtigen, einander nichts zugute zu halten? August . Wir hatten beide, Markus Aurelius und ich, jeder an seinem Platze, große Ursache den Göttern zu danken; Er , daß sie ihm die sanfte, gefällige Faustina , Ich , daß sie mir diesen weiblichen Ulysses (wie mein toller Urenkel sie in einem seiner hellen Augenblicke nannte) zur Gefährtin des Lebens gaben. Jeder von uns empfing was für ihn das Beste war, und jeder fühlte und kannte den Wert dessen was er besaß. Warum wolltet ihr, da keine Eifersucht zwischen euch Statt finden kann, einander nicht so viel Gerechtigkeit widerfahren lassen, als das Römische Volk, welches euch beide einer Stelle unter seinen Göttern würdig gefunden hat? Livia . Nichts weiter hiervon, August! – Deine Römer sind ein undankbares Volk. – Sie haben Faustinens Andenken durch die ehrenvollesten Dekrete verherrlichst. Was haben sie für mich getan? Mark-Aurel . Hätte Julia Augusta durch ein Dekret des Senats größer werden können, als sie durch sich selbst ist? Livia , indem sie Faustinen umarmt . Was für einen guten Mann du hattest, Faustina! III. Jupiter Olympius , Lycinus , ein Bildhauer, und Athenagoras . Die Szene ist im Tempel zu Olympia. Lycinus , nachdem er den Gott lange mit stummer Entzückung betrachtet hat, sich vor ihm hinwerfend . Dank sei den Göttern, daß ich nicht aus dem Leben gehen mußte, ohne dieses göttlichsten Anblicks genossen und den König der Götter und der Menschen gegenwärtig angeschaut und angebetet zu haben! Athenagoras . Wie? bist du auch einer von diesen starrblinden Elenden, die in einem von Händen gemachten Götzenbilde den Feind Gottes und der Menschen, das verworfene Oberhaupt der höllischen Geister, anbeten? Deinen Jahren und Gesichtszügen nach hielt ich dich für vernünftiger! Lycinus vor sich, indem er ihn starr ansieht . Was für ein Mensch kann das sein? Doch, ich erkenne den Vogel an seinem Gesange. Ich muß ihm gar nichts antworten oder gelassen bleiben. – Wie ists möglich, Freund, daß dieser zugleich so schauervolle und so herzerhebende Anblick, das Anschauen des Höchsten, was sich jemals einem über die Grenzen der Menschheit empor strebenden Künstlergenius dargestellt hat, wie ists möglich, daß es eine so unnatürliche Wirkung auf deine Seele tut? Athenagoras . Schade um das schöne Elfenbein und das viele Gold, das die abgöttischen Eleaten auf eine so verdammliche Weise verschwendet haben, um das unwissende Volk in der Verblendung zu erhalten, und die Ehre der Anbetung, die allein dem wahren Gotte gebührt, einem aus Ton gekneteten, mit Elefantenzähnen überzogenen, und inwendig durch unzählige Sparren, Riegel und Latten zusammen gehaltenen Kolosse zuzuwenden, der so hohl als der kindische Wahnglaube seiner Anbeter ist, und Ratten und Mäusen zur Wohnung dient. Ein feiner Gott, daß ein vernünftiges Geschöpf die Kniee vor ihm beugen soll! Lycinus fährt fort, während Athenagoras spricht, Jupitern mit unverwandten Augen zu betrachten, und gibt ihm keine Antwort . Athenagoras nach einer Pause . Du antwortest mir nicht, Götzendiener? Das war auch die klügste Partei, die du nehmen konntest! Was wolltest du gegen die sonnenhelle Wahrheit aufbringen? Lycinus . Wenn du ein bloßer Sophist wärest, so würde ich dir vielleicht antworten: aber wer wird mit einem Blinden über die Wirkung von Licht und Farben, oder mit einem Stocktauben über den Zauber der Musik hadern? Athenagoras . Du tust mir unrecht, wenn du glaubst, daß ich die Kunst und die Vortrefflichkeit der Arbeit an diesem großen Werke des berühmten Phidias verkenne. Was ich verabscheue ist bloß der Mißbrauch, der von der Kunst gemacht wird, wenn man sie dem verdammlichen Götzenbilde huldigen läßt. Lycinus . Du hast, mit Erlaubnis zu sagen, eine wunderliche Vorstellungsart. Wie kannst du ein Werk, welches gerade das höchste ist, was Genie und Kunst jemals hervorgebracht haben, einen Mißbrauch der Kunst nennen? Oder wie kann die Kunst edler angewandt werden, als, durch sichtbare Darstellung eines Gottes, die Sterblichen mit einem Gefühle zu durchdringen, das demjenigen ähnlich ist, womit sie das Erscheinen der Gottheit selbst erschüttern würde? Was wäre Theophanie , wenn es dieser Anblick nicht ist? Athenagoras . Alles dies würde seine Richtigkeit haben, wenn die Rede von dem einzigen wahren Gotte wäre. Lycinus . Was nennst du den einzigen wahren Gott? Athenagoras . Welche Frage von einem vernünftigen Menschen! Wer könnte es anders sein, als der unsichtbare, ewige, unerforschliche, allgegenwärtige Schöpfer und Erhalter des Himmels und der Erde? – dessen Dasein sogar euere abgöttischen Vorfahren, mitten in dem dicken Nebel, der ihren Verstand umhüllte, geahnet haben mußten, da sie ihm zu Athen unter dem Namen des unbekannten Gottes einen Altar widmeten. Lycinus . Und wie willst du, daß Phidias diesen unsichtbaren , allgewaltigen, alles erfüllenden unbekannten Gott hätte abbilden sollen? Athenagoras . Er kann gar nicht abgebildet werden! Das ewige Urwesen läßt sich so wenig in eine Idee als in eine sichtbare Gestalt einschränken. Lycinus . Das versteht sich! Phidias hätte also, deiner Meinung nach, seinen Jupiter Olympius gar nicht machen sollen? Athenagoras . Wie kannst du nur so eine Frage tun? Es war eine höchst frevelhafte Unternehmung, ein Bild zu machen, dessen Anblick einfältige Menschen zu Empfindungen verführt, die allein dem Gotte gebühren, der nicht abgebildet werden kann, und in keinem von Menschenhänden gebauten Tempel wohnt. Lycinus . Mich dünkt, wenn du dies aus deinem Grundsatze folgerst, so mußt du entweder die Religion aus der Welt verbannen, oder verlangen, daß die Menschen Empfindungen haben sollen, welchen kein Objekt in ihrer Vorstellung entspricht. Unsere ältesten Gesetzgeber hielten es in ihrer Weisheit für gut, das dunkle Gefühl einer höchsten Ursache aller Dinge, das sogar in den rohesten Naturmenschen schlummert, und immer von verschmitzten Betrügern auf tausenderlei Arten zu ihrem Nachteil gemißbraucht worden ist, zum gemeinen Besten der bürgerlichen Gesellschaft anzuwenden. Sie mußten also diesem Gefühl eine gewisse Bildung und Richtung geben; und wie konnten sie das, ohne es mit einem anschaulichen Gegenstande zu verbinden, dessen Vorstellung jenes Gefühl unmittelbar und lebhaft rege machte? Sie waren also in der Notwendigkeit, an die Stelle dessen, was an sich selbst unerkennbar ist, etwas zu setzen, das im Grunde zwar ein bloßes Zeichen desselben, aber doch geschickt sein sollte, die Idee des Höchsten und Vollkommensten , was der Mensch sich anschaulich machen kann, in ihm zu erregen; und dies gab, in den Zeiten, wo die bildenden Künste sich zu einer gewissen Höhe empor gearbeitet hatten, den menschlichen Götterbildern das Dasein. Denn wie sehr sich auch die Einbildungskraft des erfindungsreichsten Menschen anstrengen mag, es wird ihr ewig unmöglich bleiben, eine schönere, edlere und vollkommnere Gestalt zu erfinden als die menschliche . Da sie sich aber so selten oder niemals bei einzelnen Personen in ihrer ganzen Vollkommenheit zeigt, so geziemt es sich, wenn sie zu einem nicht ganz unwürdigen Zeichen der göttlichen Natur erhoben werden soll, sie nicht nur von allem, was sie durch die Zeit, die Leidenschaften, und tausend andere zufällige Ursachen gelitten haben kann, zu reinigen, sondern sie auch, so viel möglich ist, noch zu veredeln, und über sich selbst zu erheben, um ihr diese mehr als menschliche Größe und Schönheit, diese Erhabenheit über die Bedürfnisse und Sorgen der Sterblichen, diesen Geist der Unvergänglichkeit und ewigen Jugendkraft, kurz, diesen Charakter der Göttlichkeit zu geben, der die Götterbilder des Phidias so sehr über alle andere erhebt, wiewohl dieser große Künstler, in Menschenbildern, von mehr als Einem übertroffen wurde. Dies ist es, was er seinem Jupiter in einem so hohen Grade zu geben gewußt hat, daß ich versichert bin, du selbst, trotz deiner Vorurteile, mußt dir Gewalt antun, um das unfreiwillige Gefühl zurück zu halten, das dich bei seinem Anblick überwältigt und vor ihm niederwirft. – Und dies, was das größte Verdienst des Künstlers ist, willst du ihm zum Verbrechen machen? Athenagoras . Welche Verblendung! Wie? es sollte nicht das größte Verbrechen sein, dessen ein Bildner sich schuldig machen kann, wenn er alle Kräfte seiner Kunst aufbietet, um euerm Jupiter, dem nicht einmal ein ehrbarer Mensch gleich sein möchte, das wirkliche Ansehn eines Königs der Götter und der Menschen zu geben? Bei mir, und bei allen andern, deren Augen geöffnet sind, hat es keine Gefahr: aber, daß Menschen, die von Kindheit an gewöhnt wurden vor Götzen zu knien, eine Bildnerei, wie diese hier, nicht anschauen können, ohne in ihrer Abgötterei bestärkt zu werden, das fühle ich selbst, und das ist es eben, was ich dem Phidias nicht verzeihen kann. Lycinus . Ich für meine Person finde nichts lustiger, als die Menschen die einander ihre Vorurteile vorwerfen. Ich gestehe dir gerne zu, daß wir die unsrigen haben: aber die deinigen müssen, wenn ich es sagen darf, sehr dick auf deinen Augen liegen, wenn du nicht siehest, daß eben darin das höchste Verdienst des Künstlers liegt, daß er uns den König der Götter und der Menschen in einer Majestät dargestellt hat, die auf einmal alle Spuren der falschen Eindrücke auslöschen muß, welche die allegorischen Märchen der Dichter und die albernen Legenden der Mythologen in unserm Gehirne zurück gelassen haben können. Was braucht es mehr als einen Blick auf diesen Jupiter Olympius, um zu fühlen, daß nicht jener fabelhafte Jupiter, der sich als Schwan um den Busen einer Leda schlingt, oder in goldnen Tropfen einer Danae in den Schoß regnet, sondern dieser hier , der wahre Jupiter ist? Athenagoras lachend . Der wahre Jupiter ! Das ist gerade als wenn du von wahren Centauren und wahren Sirenen sprächest. Ha, ha, ha! der wahre Jup – Kyrie Eleison ! was ist das? Lycinus . Götter! was seh ich? Ists möglich daß die Täuschung der Kunst so weit gehen kann? – Wie? der Gott belebt sich, ein überirdisches Feuer blitzt aus seinen Augen, er bewegt seine Augenbraunen, der Tempel erzittert, die Erde schwankt, ein Donnerschlag! – Jupiter mit wieder gesenkten Augenbraunen, lächelnd zu Athenagoras . Du bist ein grausamer Mensch, Athenagoras! Nimm mir, auf deine Gefahr, was du kannst: aber daß ich bin was ich bin, das wirst du mir doch nicht in meiner eigenen Gegenwart ableugnen wollen? Lycinus . Nun, weiser Athenagoras, oder wie du dich nennst, wie ist dir nun zumute? Athenagoras . O auf dies war ich vorbereitet! – Er macht eine Menge Kreuze vor sich, und fängt an Jupitern zu exorcisieren. Apage Satanas! Ego exorcizo te in nomine  – Jupiter . Signa te signa temere me tangis et angis! Athenagoras fährt fort sich zitternd zu bekreuzigen, und Beschwörungsformeln zwischen den Zähnen zu murmeln . Jupiter . Sei ruhig, närrischer Mensch! Du siehst ja, daß ich dir nichts zu tun begehre. Ich wollte dich nur überzeugen, daß Jupiter Olympius wirklich und wahrhaftig – Jupiter Olympius ist. Athenagoras vor sich . Welche herrliche Bekräftigung unsrer Lehre, daß die Götzen der Heiden nichts andres als die abtrünnigen Engel sind, die sich von diesen Betrogenen als Götter anbeten lassen, und in dergleichen Bildern ihr Wesen treiben! Jupiter . Was murmelst du da in deinen Bart hinein? Athenagoras . Trotze nicht zu sehr auf die kurze Frist, die dir noch gegeben ist, verworfner Geist! Dein Reich wird, nur zu bald für dich, zu Ende gehen! Ich hoffe den Tag noch zu erleben, da man deinen goldnen Bart in die Münze tragen, und funkelneue Denarien daraus prägen wird. Jupiter . Das ist, wie die Welt dermalen geht, nicht unmöglich. Ich hoffe wohl noch tollere Dinge zu erleben. Athenagoras . Die ganze Welt wird von dir abfallen, deine Tempel werden zerstört, deine Altäre umgeworfen, deine Bilder zertrümmert werden, und deine Priester Hungers sterben, oder anders glauben lernen. Jupiter . Desto schlimmer für sie und euch! Ich werde darum nicht weniger bleiben was ich bin, und ihr werdet die einzigen sein die dabei verlieren. Denn darauf könnt ihr euch verlassen, eure Mythologen werden keinen Phidias , und eure Phidiasse keinen Jupiter Olympius hervorbringen. Athenagoras . Wenn ich noch zweifeln könnte, wer du seiest, so würde ich dich an dieser hoffärtigen Sprache erkennen. Jupiter . Du bist ein drolliger Kerl, und ich möchte mir wohl noch länger Spaß mit dir machen, wenn ich nicht mehr zu tun hätte. Also gehab dich wohl, und lerne von Jupiter, wie man die Narren erträgt. IV. Juno , Livia . Juno . O meine liebe Livia! ich bin die unglücklichste Frau von der Welt! Livia . Ein solches Wort hätte ich aus dem Munde der Königin der Götter und der Menschen nie zu hören geglaubt. Juno . Wie, Livia? stehst du auch in dem gemeinen Wahne, daß die Glückseligkeit ein unzertrennliches Eigentum der Hoheit sei? während wir uns oft selig preisen würden, wenn wir unsern Stand mit allen seinen Vorzügen gegen das unscheinbare Glück einer armen, aber mit ihrem Zustande zufriedenen Schäferin vertauschen könnten! Livia . Ich erinnere mich nicht, als ich die erste unter den Sterblichen war, jemals mit meinem Lose so unzufrieden gewesen zu sein, daß ich es gegen ein geringeres hätte vertauschen mögen. Juno . So mußt du einen zärtlichern, oder wenigstens einen höflichern und gefälligern Gemahl gehabt haben als ich. Livia . In der Tat hätte ich meine Forderungen übermäßig hoch spannen müssen, wenn ich mich von dieser Seite nicht für glücklich gehalten hätte. Ich wüßte nicht, daß August in den dreiundfunfzig Jahren unsrer Verbindung mir nur ein einziges Mal Ursache gegeben hätte, zu zweifeln ob ich den ersten Platz in seinem Herzen einnähme. Juno . Es fehlt viel, Livia, daß ich ein gleiches von meinem Herrn und Gemahle rühmen könnte. Wer weiß nicht, seitdem der schwatzhafte alte Homer alle unsere Ehegeheimnisse so unbescheiden ausgeplaudert hat, mit wie wenig Achtung und Delikatesse ich von Jupitern behandelt werde! wie unartig er mich oft unter den übrigen Göttern anfährt, was für Ehrentitel ich mir von ihm gefallen lassen muß, und wie er sich eine ordentliche Freude daraus macht, mich bei jedem Anlaß an Mißhandlungen zu erinnern, worüber er vor Scham vergehen sollte, wenn er Wangen hätte die des Errötens fähig wären! Wie oft muß ich mir nicht vorrücken lassen, daß er mich einsmals in einer seiner tollen Launen bei den Haaren gefaßt, und mit zwei Ambossen an den Füßen zwischen den Wolken habe herunter hängen lassen! Hättest du dir jemals vorstellen können, wenn es der plauderhafte Bänkelsänger nicht verraten hätte, daß er mir sogar Schläge anzubieten fähig gewesen wäre, und das bei einer Gelegenheit, wo ein Mann von Lebensart sich auch gegen die geringste Milchmagd auf dem ganzen Ida zu Danksagungen verbunden gehalten hätte? Wie wenig er sich aus der ehelichen Treue macht, die er mir schuldig ist, und daß keine Waldnymphe, keine Najade, und beinahe kein leidliches Weib noch Mädchen auf dem Erdboden vor ihm sicher ist, davon haben die Dichter nur zu viel gesungen. Hat er nicht den ganzen Himmel mit seinen Bastarten angefüllt? da ich, seine rechtmäßige Gemahlin, in so vielen Jahren nicht ein einziges Kind von ihm aufzuweisen habe, und die Schmach der Unfruchtbarkeit tragen müßte, wenn ich nicht Mittel gefunden hätte, auf eine übernatürliche Art zur Mutter von Mars, Vulkan und Hebe zu werden. Livia lächelt, aber beinahe unmerklich. Gleichwohl siehst du, daß er überflüssige Ursache hätte sich an mir zu begnügen, und daß ich an allem, was die Wünsche eines Mannes befriedigen kann, keiner seiner Liebschaften nachstehe. Und es sollte mich nicht verdrießen, bloß auf den leeren Titel einer Himmelskönigin eingeschränkt zu sein? und, was noch das unerträglichste ist, so wenig Einfluß zu haben, daß ich mich zu Kunstgriffen, die meiner unwürdig sind, herab lassen, und Aphroditens Zaubergürtel borgen muß, wenn ich nur die geringste Kleinigkeit durchsetzen will? Livia . Man kann nicht leugnen, daß die Männer, vielleicht keinen einzigen ausgenommen, in Vergleichung mit uns eine rauhe, unzärtliche und ungeschlachte Art von Wesen sind. Ohne etwas Kunst möchte es wohl einer Göttin selbst zu schwer sein, über den gemeinsten Sterblichen so viel Gewalt zu erlangen, als eine Frau über ihren Mann haben muß, um sich für leidlich glücklich zu halten. Juno lachend . Wenn es natürlich damit zuging, Livia, so möcht ich wohl wissen, wie du es anstelltest, um über einen Mann, der so eifersüchtig auf seine Vorrechte, so mißtrauisch und zurückhaltend, und dabei so rasch und hitzig in seinen Leidenschaften war, wie August, eine so große Gewalt zu erlangen. Livia . Im Grunde kann nichts einfacheres sein. Ich machte ihn so lang' er lebte glauben, daß ich keinen andern Willen hätte als den seinigen , und erhielt dadurch gerade das Gegenteil; er glaubte mich zu regieren, und ich regierte ihn . Ich richtete mich in allen Dingen, die mir gleichgültig waren und auf die Er hingegen einen Wert legte, gänzlich nach seinem Geschmack und seiner Laune; ich war immer gerade so, wie er glaubte und wollte daß Augusts Gemahlin sein müsse. Meine Gefälligkeit in solchen Dingen hatte keine Grenzen. Weit entfernt ihm durch Eifersucht beschwerlich zu fallen, schien ich von seinen Liebeshändeln nicht die geringste Ahnung zu haben, war ihm sogar darin unter der Hand und mit der besten Art von der Welt förderlich, und vermöge einer Sympathie, in welche er nicht den geringsten Zweifel setzte, traf es sich, daß die Damen, die den meisten Reiz für ihn hatten, immer auch diejenigen waren die ich vorzog, und mit denen ich auf dem vertrautesten Fuße lebte. Durch diese vollkommne Gleichgültigkeit gegen seine kleinen Geheimnisse erhielt ich, daß er keine andere für mich hatte; und indem ich ihn in dem Wahne ließ, daß er mich in diesem Punkt unbemerkt betrüge, konnte ich sicher sein daß er mich in keinem andern betrog, und in allen Dingen, die seine Regierung, seine Familie und seine politischen Verhältnisse betrafen, nichts ohne meinen Rat vornahm, und keine Entschließung faßte, die ich ihm nicht eingegeben hatte; aber freilich mit so guter Art, daß er immer nur seinem eigenen Kopfe zu folgen glaubte, indem er bloß das Werkzeug des meinigen war. Durch diese Kunstgriffe (um ihnen ihren rechten Namen zu geben) erhielt ich den Vorteil, daß er über meinen Verstand eben so wenig eifersüchtig war, als ich über seine Liebschaften; und alles war gewonnen, so bald ich dies gewonnen hatte. Überzeugt daß ich kein anderes Interesse haben könne als das seinige, betrachtete er nun alle Vorzüge meines Geistes als sein Eigentum; und da er sich bei meinem Rate immer wohl befunden hatte, ward es endlich ein mechanisches Bedürfnis für ihn, durch meine Augen zu sehen und keinen Schritt anders als an meiner Hand zu tun. Wirklich begegnete es ihm, seitdem ich durch Mäcens und Agrippas Tod sein einziger geheimer Minister geworden war, nur ein einziges Mal, daß er (seine Galanterien ausgenommen) etwas vor mir verheimlichte, und dieses einzige Mal mußte er (unter uns gesagt, Göttin) mit seinem Leben bezahlen. Juno . Das nenne ich eine Frau von Geiste! Wie, Julia Augusta? du konntest es von dir erhalten, eine Verbindung von mehr als funfzig Jahren, die für beide Teile immer so glücklich gewesen war, auf eine solche Art zu zerreißen? Livia . Die Notwendigkeit, große Göttin, ist, wie du weißt, das höchste Gesetz der Götter und der Sterblichen. Juno . Da du mir einmal so viel gesagt hast, würdest du mich verbinden, wenn du mich von der Notwendigkeit, die erste Zurückhaltung deines Gemahls gegen dich so streng zu bestrafen, etwas umständlicher überzeugen wolltest. Livia . Ich würde dich selbst um die Erlaubnis, es zu tun, gebeten haben, Göttin, so viel liegt mir daran, in keinem falschen Lichte von dir gesehen zu werden. Augusts einzige Tochter Julia hatte in ihrer Verbannung durch ihre Freunde zu Rom (die nicht die meinigen waren) Mittel gefunden, den alten Imperator zu einer geheimen Zusammenkunft mit ihrem jüngsten Sohne Agrippa zu bewegen, der sich durch unbedeutende, aber einer sehr schwarzen Ausdeutung fähige jugendliche Ausschweifungen die Ungnade seines Großvaters und die Verbannung in die Insel Planasia zugezogen hatte. Man fand nötig, mir ein Geheimnis aus dieser Zusammenkunft zu machen: aber ich war so gut bedient, daß ich sogar erfuhr, daß der alte Herr außerordentlich weichherzig dabei geworden sei. Kurz, er hatte sich mit seinem Enkel ausgesöhnt, und die Partei der Julia machte sich mit großer Wahrscheinlichkeit Hoffnung, August werde ihn, zum Nachteil meines Sohnes Tiberius Nero , zu seinem Erben und Nachfolger erklären. Ich sah nur zu deutlich, daß Dinge vorgingen, die man mit großer Sorgfalt vor mir zu verbergen suchte. Nun war keine Zeit mehr zu verlieren, wenn ich mir die Frucht eines von so vielen Jahren her mit so vieler Anstrengung und Kunst bearbeiteten Planes nicht beinahe in dem Augenblicke, da sie sich los wand um mir reif in den Schoß zu fallen, wie eine Törin vor dem Munde weghaschen lassen wollte. Was für unendliche Mühe hatte es mir nicht gekostet, diesen Plan den Augen eines so argwöhnischen Mannes wie August seit dreißig Jahren zu entziehen! Was für Hindernisse von der schwierigsten Art hatte ich nicht wegräumen müssen, um den Sohn des Claudius Nero, den einzigen, durch welchen ich, auch nach dem Tode Augusts, fortzuregieren hoffen konnte, auf den Stuhl der Cäsarn zu erheben! Der Neffe Augusts, Marcellus , Virgils spes altera Romae , mußte in seinem zwanzigsten Jahre sterben; die jungen Cäsarn, Cajus und Lucius , seine Enkel und adoptierten Söhne, mußten in der ersten Blüte des Lebens fallen, und ihre Mutter Julia , der Liebling des Römischen Volkes und ihres Vaters, mußte mit ihrem einzigen noch lebenden Sohne aus seinen Augen und aus seinem Herzen verbannt werden, ehe die Ausführung eines solchen Entwurfs nur möglich war. Ich hatte alle diese Schwierigkeiten überwunden, war vor keinem Mittel erschrocken, das zu meinem Zwecke notwendig gewesen war, – und ich hätte vor dem einzigen erschrecken sollen, ohne welches alle übrigen verloren waren? ohne welches ich nicht nur so viele Jahre lang vergebens, sondern sogar gegen mich selbst und bloß zum Vorteil einer tödlichen Feindin gearbeitet hätte, von welcher ich keine Schonung erwarten konnte? Meine eigene und meines Sohnes Erhaltung mußte in diesem dringenden Augenblicke mein einziges Gesetz sein; und im Grunde war die Verkürzung der wenigen Tage, die ein abgelebter Mann noch zu sehen hoffen konnte, nur eine Kleinigkeit gegen das, was mir mein Entwurf bereits gekostet hatte. Juno . Du bist ein Weib nach meinem Herzen, Julia Augusta! Wir müssen genauer mit einander bekannt werden. Indessen zweifle ich sehr, ob ich, mit dem Titanischen Blute das in meinen Adern rinnt, jemals Geschmeidigkeit genug haben werde, von den Winken, die du mir gegeben hast, Gebrauch zu machen. Vielleicht sollte ich eine gefährlichere Nebenbuhlerin in dir sehen, als mein Gemahl mir jemals eine gegeben hat. Warum sollte ein Stolz, wie der deinige, im Himmel nicht eben so wohl als ehmals auf der Erde nach dem ersten Platze streben? Livia . Du scherzest, Göttin! – Wie könnte ich mir nur träumen lassen – Juno Livien auf die Achsel klopfend . Sei ruhig, Livia! mein eigener Stolz ist deine Sicherheit. Aber wenn ich jemals wieder auf den Einfall komme mich von Jupitern zu scheiden, so bist du die Einzige im Olymp, die meinen Platz an seiner Seite zu ersetzen würdig ist. Sie geht ab. Livia allein . Stolze Saturnia! was für einen Gedanken rüttelst du aus seinem Schlummer in meinem Busen auf! Ich bin nun eine Göttin wie du, und Jupiter, so viel ich ihn bereits kenne, ist der wahre August des Olymps. Es könnte Ernst aus der Sache werden, wenn du dich dessen am wenigsten versähest. V. Proserpina , Luna , Diana , die einander auf einem Dreiwege begegnen. Proserpina . Ei wie schön, daß uns der Zufall alle drei so unvermutet zusammen gebracht hat! So können wir doch endlich einmal einen Punkt ins reine bringen, der mir schon lange den Kopf warm macht. Luna . Was kann das sein, Proserpina? Proserpina . Sieh mir recht scharf ins Gesicht, Luna, betrachte mich von Kopf zu Fuß, von vorn und von hinten, und sage mir auf deine jungfräuliche Ehre, ob du mich wohl für Dianen angesehen hättest, wenn ich dir allein begegnet wäre? Luna . Ich zweifle sehr daran. Gestalt und Kostüm ist ja so verschieden an euch, daß es unmöglich ist, euch selbst bei meinem blassesten Lichte zu verwechseln. Proserpina . Aber dir und Dianen muß es doch öfters begegnet sein, daß jede sich selbst zu sehen glaubte, wenn ihr einander von ungefähr in den Wurf kamet? Diana . Wir? Welch ein seltsamer Einfall! Ich sollte mich selbst in Lunen zu sehen glauben? Sie müßte sich nur in einen Spiegel verwandeln, wenn das möglich sein sollte. Luna ironisch lächelnd . Wenn der Unterschied zwischen Dianen und mir auch geringer wäre als ich mir jemals geschmeichelt habe, so kenne ich mich doch selbst zu gut, um eines so seltsamen Irrtums fähig zu sein. Proserpina . Ihr scheint also nicht zu wissen, daß wir alle drei, wiewohl unter verschiednen Eigenschaften und Namen, nur eine und eben dieselbe Göttin sind? Luna . Wie? Du wärest – Ich ? Diana . Du – Diana ? Proserpina . Das will ich eben nicht behaupten, aber Ich bin Hekate , Du bist Hekate , und Sie ist Hekate , und ihr seid beide Hekate , ohne daß ich selbst deswegen weniger Hekate bin als ihr. Diana . Vortrefflich! Und wer sagt uns solche Ungereimtheiten nach? Proserpina . O das sagen Leute die es wissen müssen! das sagen die Mythologen ! Diana . Die Mythologen können sagen was ihnen beliebt! Ich denke doch, ich muß selbst am besten wissen was ich bin; und so lange ich nicht, wie die Töchter des Prötus , von der Nymphenwut befallen werde, soll mir niemand weis machen, daß ich Luna oder Proserpina, geschweige daß ich beide zugleich sei. Luna lachend . Ereifere dich nicht, Diana! Wer weiß ob die Mythologen uns am Ende nicht besser kennen als wir selbst? Sie würden so etwas doch wohl nicht so positiv behaupten, wenn nichts wahres daran wäre? Diana . Höre, Luna, über diesen Artikel verstehe ich keinen Scherz. Ich habe alle Achtung für dich: aber ich würde es auf keine Weise gut aufnehmen, wenn man mich mit dir verwechselte. Ich gönne dir deinen Endymion , und die funfzig Töchter, von welchen du ihn auf dem Latmos zum Vater gemacht haben sollst, von Herzen, nur verbitte ich mir die Ehre ihre Mutter zu sein. Luna . Diana, Diana! zwinge mich nicht zum Reden! oder ich erinnere dich an etwas, worüber ich, wenn ich Diana wäre, mehr erröten würde, als über die Ehre, Mutter von funfzig hübschen Mädchen zu sein. Aktäon  – Diana . Du wirst mir doch den Aktäon nicht vorrücken wollen, der für das Unglück, mich ohne seine Schuld im Bade gesehen zu haben, hoffentlich strenge genug von mir bestraft wurde? Luna . Die Faunen haben freilich lose Mäuler! und die Sterblichen, die von uns immer nach sich selbst urteilen, können sich unmöglich vorstellen, daß eine Göttin, die keine persönliche Ursache hat warum sie nicht im Bade überrascht werden will, einen so schönen Jäger, wie Aktäon, für einen Augenblick unschuldiger Augenlust so grausam bestrafen sollte. Sie meinen dir weit weniger unrecht zu tun, wenn sie den Faunen glauben, die bekanntermaßen große Lauscher sind, und die Verwandlung des armen Aktäon für eine bloße Folge der Kollision ausgeben, in welche die zärtliche Sorge für deinen Ruhm mit deinen Gefälligkeiten gegen ihn geraten sei. Proserpina . Wie ich höre, so stände es eigentlich nur bei mir, die Ehre, mit Dianen und Lunen nur Ein Subjekt auszumachen, ein wenig zweideutig zu finden. Allein, da ich für meine eigene Person Proserpina bin, so kann ich es ganz wohl geschehen lassen, wenn ihr dieses oder jenes auf euerer Rechnung haben solltet, mit dessen Verantwortung ich mich eben nicht gern beladen möchte. Denn daß wir alle drei eine und eben dieselbe Hekate sind, hindert (wenn ich die Mythologen recht verstanden habe) nicht, daß jede für sich bleibt was sie ist; so daß Ich weder Luna noch Diana, sondern Proserpina bin, Du hingegen weder Proserpina noch Luna, sondern die jungfräuliche Jägerin Diana , und du, Luna , weder Diana noch Proserpina, sondern die nämliche Luna bist, die den glücklichen Endymion mit funfzig Töchtern beschenkte. Luna . Ah! nun habe ich die Auflösung des Rätsels gefunden! Hekate ist bloß ein Name, der uns allen dreien zukommt. Proserpina . Um Vergebung! Hekate ist kein bloßer Name, sondern die wahre wirkliche leibhafte Hekate, die aus uns dreien zusammen genommen besteht und deswegen die dreifache und dreiförmige genannt wird. Diana . Wir beide sind also so gut Hekate wie du? Proserpina . So sagen die Mythologen. Diana . Wenn dies ist, so sind drei Hekaten; das ist doch klar? Proserpina . Mit nichten! ich sehe daß ihr mich noch immer nicht verstanden habt. Luna . Wenn du dich nur erst selbst verständest, gute Proserpina! Wie können wir nur Eine sein, da unser doch, wie du siehest, drei sind? Proserpina . Freilich drei, insofern ich Proserpina, du Luna, und diese Diana ist, aber nur Eine Hekate, insofern Luna und Diana eben so gut Hekate sind als ich selbst. Luna . Gestehe, Göttin, daß du uns mit deinen mythologischen Subtilitäten ein wenig zum besten hast! Wir sind, und sind nicht; ich bin du, und du bist nicht ich; wir sind drei, und sind Eins, und was keine von uns einzeln ist, das sind wir alle drei – Was für ein Gallimathias! Ich will nicht Luna sein, wenn ich ein Wort davon verstehe. Proserpina . Es geht mir selbst nicht besser, meine Liebe. Ich hoffte die Sache sollte durch unsre Zusammenkunft ins klare gesetzt werden: aber ich muß bekennen, daß mir über dem Bestreben, euch etwas, das ich selbst nicht begreife, begreiflich zu machen, grün und blau vor den Augen wird. Wenn wir nur gleich einen Mythologen hier hätten! Luna . Der würde uns vollends so verwirren, daß uns mit aller Niesewurz in der Welt nicht wieder zu helfen wäre. Diana . Wißt ihr was, Göttinnen? Das beste ist, wir denken dem Dinge gar nicht mehr nach. Die Mythologen mögen von uns sagen was sie wollen, sie können uns doch zu nichts mehr noch weniger machen als wir sind. Ziehen wir jede unsre Straße, und – Großer Jupiter! was für ein fürchterlicher Lärm ist das? Hört ihr? Luna . Ich höre ein Gebell wie von tausend Hunden, und ein Gezische wie von zehntausend Schlangen – Proserpina . Blitze fahren aus dem Boden auf, Sturmwinde heulen durch den Wald, Eichen werden krachend aus ihren Wurzeln gerissen – Diana . Die Erde erbebt unter meinen Füßen, sie spaltet sich, dicke Schwefelflammen züngeln empor – Welch eine Gestalt steigt aus dem Abgrund auf? Habt ihr in euerm Leben so was entsetzliches gesehen? Proserpina . Eine Frau steigt hervor, die zum wenigsten dreihundert Ellen hoch ist; die Blitze fahren armsdick aus ihren Augen, und statt der Haare wirbeln sich braun und blau gefleckte Schlangen in gräßlichen Zöpfen um ihre Scheitel, oder zischen in rollenden Locken an den schwarzgelben Schultern herab. Anstatt auf Füßen zu gehen, windet sie sich auf zwei ungeheuer Drachen daher, einen flammenden Kienbaum in der linken Hand, einen vierzig Ellen langen Dolch in der rechten schwingend – Luna . Hier ist nicht gut verweilen – laßt uns fliehen! Sie laufen alle drei in den Wald hinein, und stoßen auf einige gleichfalls entfliehende Nymphen und Faunen, die einander keichend zurufen: »Es ist Hekate! laßt uns fliehen! Hekate kommt.« Diana zu Proserpinen . Hörst du was die Nymphen sagen? Diese Hekate wird wohl die rechte sein. Luna . Immer besser! Aber das hoffe ich wenigstens gewiß zu wissen, daß ich nicht diese Hekate bin. Proserpina . Dank sei dem Himmel daß mich eine andere, der es besser ansteht, von der beschwerlichen Ehre befreit, Hekate zu sein! Was sie ist, und ob sie dreifach oder vierfach ist, mag sie mit den Mythologen ausmachen; ich für meinen Teil bin sehr zufrieden, künftig nichts weiter als die einfache Proserpina vorzustellen. Gute Nacht, Göttinnen! ich kehre zu meinem finstern Ehegemahl zurück. Diana . Ich zu meinen Dryaden und Windspielen. Luna . Und ich, leise, zu meinem Endymion. VI. Jupiter , Juno , Apollo , Minerva , Venus , Bacchus , Vesta , Ceres , Viktoria , Quirinus , Serapis , Momus und Merkur . Jupiter und Juno mit allen übrigen Bewohnern des Olymps sitzen in einer offnen Halle des Olympischen Palasts an verschiedenen großen Tafeln: Ganymed und Antinous schenken den Göttern, Hebe den Göttinnen den Nektar ein; die Musen machen Tafelmusik, die Grazien und Horen tanzen pantomimische Tänze, und Jokus reizt die seligen Götter von Zeit zu Zeit durch seine Karikaturen und Lazzis zu lautem Gelächter. Im Augenblicke der größten Fröhlichkeit kommt Merkur eilfertig angeflogen. Jupiter . Du hast dich verspätet, mein Sohn, wie du siehest. Was bringst du uns neues von da unten herauf? Venus zu Bacchus . Er scheint schwer daran zu tragen. Wie verstört er aussieht! Merkur . Das neuesten was ich mitbringe, ist nicht sehr geschickt, die Fröhlichkeit, die ich hier herrschen sehe, zu vermehren. Jupiter . Wenigstens ist es deine Miene nicht, Merkur. Was kann sich denn so schlimmes zugetragen haben, daß es sogar die Götter in ihrer Freude stören soll? Quirinus . Hat etwa ein Erdbeben das Kapitol umgestürzt? Merkur . Das wäre eine Kleinigkeit. Ceres . Hat ein heftiger Ausbruch des Aetna mein schönes Sicilien verwüstet? Bacchus . Oder ein unzeitiger Frost die Campanischen Weinstöcke versengt? Merkur . Kleinigkeiten! Kleinigkeiten! Jupiter . Nun, so rücke heraus mit deiner Jammergeschichte! Merkur . Es ist weiter nichts, als – Er hält ein. Jupiter . Mache mich nicht ungeduldig, Hermes! Was ist denn weiter nichts als  –? Merkur . Nichts, Jupiter, als – daß du zu Rom – auf eine Motion, die der Imperator in eigner Person im Senat gemacht hat – durch eine überwiegende Mehrheit der Stimmen – förmlich abgesetzt worden bist . Die Götter stehen alle in großer Bewegung von der Tafel auf. Jupiter , welcher allein sitzen bleibt, lachend . Nichts als das? – Dessen habe ich mich schon lange versehen. Alle Götter auf einmal . Jupiter abgesetzt! ists möglich? Jupiter! Juno . Du redest irre, Merkur – Aeskulap, fühl ihm doch an den Puls! Die Götter . Jupiter abgesetzt! Merkur . Wie gesagt, förmlich und feierlich, mit einer großen Mehrheit von Stimmen, für einen Strohmann – was sage ich? ein Strohmann ist doch etwas ! – für weniger als einen Strohmann, für ein Unding erklärt, seiner Tempel, seiner Priester, seiner Würde eines obersten Beschützers des Römischen Reichs beraubt! – Herkules . Das ist eine tolle Neuigkeit, Merkur – Aber, so wahr ich Herkules heiße, er schwingt seine Keule, das sollen sie mir nicht umsonst getan haben! Jupiter . Ruhig, Herkules! – Also hätte Jupiter Optimus Maximus , Capitolinus , Feretrius , Stator , Lapis usw. seine Rolle ausgespielt? Merkur . Deine Bildsäule ist umgeworfen, und sie sind in voller Arbeit begriffen auch deinen Tempel zu zerstören. Die nämliche Tragödie wird in allen Provinzen und Winkeln des Römischen Reichs gespielt. Überall stürzen Legionen bocksbärtiger Halbmenschen, mit Fackeln und Mauerbrechern, Hämmern, Hacken und Äxten daher, und verwüsten in fanatischer Wut die ehrwürdigen Gegenstände des uralten Volksglaubens. Serapis . O wehe! wie wird es da meinem herrlichen Tempel zu Alexandrien , und meinem prächtigen Koloßbilde ergehen! Wenn die Thebaische Wüste nur die Hälfte ihrer heiligen Waldteufel über sie ausspeit, so ist keine Rettung. Momus . O mit dir hat es keine Not, Serapis. Wer wird sich unterfangen dein Bild anzutasten, da es zu Alexandrien eine ausgemachte Sache ist, daß bei dem geringsten Frevel, den eine gottesräuberische Hand an demselben beginge, Himmel und Erde zu Trümmern gehen, und die ganze Natur ins alte Chaos zurück sinken würde? Quirinus . Man kann sich nur nicht immer auf dergleichen Sagen verlassen, mein guter Serapis. Es könnte dir ergehen wie der massiv goldnen Bildsäule der Göttin Anaitis zu Zela , von welcher man auch glaubte, der erste, der sich an ihr vergriffe, würde auf der Stelle vom Schlage getroffen zu Boden stürzen. Serapis . Und wie ging es dieser Bildsäule? Quirinus . Als der Triumvir Antonius den Pharnazes bei Zela aufs Haupt geschlagen hatte, wurde die Stadt samt dem Tempel der Anaitis ausgeplündert, und niemand konnte sagen, wo die massiv goldne Göttin hingekommen war. Nach einigen Jahren trug sichs zu, daß August zu Bononien bei einem Veteran des Antonius übernachtete. Der Imperator wurde herrlich bewirtet, und da über der Tafel die Rede auf das Treffen bei Zela und die Plünderung des Tempels der Anaitis fiel, fragte er seinen Wirt als einen Augenzeugen, ob es wahr sei, daß der erste, der Hand an sie gelegt habe, plötzlich tot zu Boden gestürzt sei. – »Du siehst diesen Verwegenen vor dir«, antwortete der Veteran, »und du speisest wirklich von einem Beine der Göttin. Ich hatte das Glück, mich ihrer zuerst zu bemächtigen; Anaitis ist eine sehr gute Person, und ich gestehe dankbarlich, daß ich ihr meinen ganzen Wohlstand schuldig bin.« Serapis . Da gibst du mir einen schlechten Trost, Quirinus! Wenn es so in der Welt zugeht, wie uns Merkur berichtet, so kann ich meinem Koloß zu Alexandrien kein besseres Schicksal versprechen. Es ist doch entsetzlich, daß Jupiter solchen Untaten so gelassen zusehen kann! Jupiter . Du tätest wohl, Serapis, wenn du es eben so machtest. Für einen Gott aus dem Pontus hast du die Ehre, vom Osten bis zum Westen angebetet zu werden, lange genug genossen, und du kannst nicht wohl verlangen, daß es deinen Tempeln besser gehe als den meinigen, oder daß dein Koloß länger daure als das göttliche Meisterwerk des Phidias. Du wirst doch nicht, wenn wir alle fallen, der einzige sein wollen, der aufrecht stehen bleibt? Momus . Ei, ei, Jupiter? wo hast du deine berühmten Donnerkeile gelassen, daß du dich so geduldig in deinen Fall ergibst? Jupiter . Wenn ich nicht wäre was ich bin, so würde ich dir mit einem von ihnen auf diese alberne Frage antworten, Witzling! Quirinus zu Merkur . Du mußt es mir noch einmal sagen, Merkur, wenn ich dirs glauben soll. Mein Flamen wäre also abgeschafft? mein Tempel zugeschlossen? mein Fest würde nicht mehr gefeiert? und die entnervten, sklavischen, gefühllosen Quiriten wären bis zu diesem Grade der Undankbarkeit gegen ihren Stifter ausgeartet? Merkur . Ich müßte dich betrügen, wenn ich dir eine andere Nachricht gäbe. Viktoria . So brauche ich wohl nicht erst zu fragen, was aus meinem Altar und meiner Bildsäule in der Julischen Curia geworden sei? Es ist schon so lange, seit die Römer die Kunst zu siegen verlernt haben, daß ich nichts natürlicher finde, als daß sie sogar die Gegenwart meines Bildes nicht mehr ertragen konnten. Bei jedem Blicke, den sie darauf warfen, mußte ihnen sein, als ob es ihnen ihre schmähliche Ausartung vorrücke. Mit Römern, deren Name unter den Barbaren ein Schimpfwort, das nur Blut abwaschen kann, geworden ist, hat Viktoria nichts mehr zu schaffen. Vesta . Bei so bewandten Umständen werden sie gewiß auch das heilige Feuer in meinem Tempel nicht länger brennen lassen? Himmel! was wird das Schicksal meiner armen Jungfrauen sein? Merkur . O denen wird kein Haar gekrümmt werden, ehrwürdige Vesta! Man wird sie ganz ruhig – Hungers sterben lassen. Quirinus . Wie sich die Zeiten ändern können! Ehemals war es ein entsetzliches Unglück für die ganze Römische Welt, wenn das heilige Feuer auf dem Altare der Vesta verlosch – Merkur . Und jetzt würde mehr Lärm entstehen, wenn das profane Feuer irgend einer Römischen Garküche ausginge, als wenn die Vestalen das ihrige alle Wochen zweimal verlöschen ließen. Quirinus . Aber wer soll denn künftig an meiner Statt Roms Schutzpatron sein? Merkur . Sankt Peter mit dem Doppelschlüssel hat sich dieses Ämtchen ausbedungen. Quirinus . Sankt Peter mit dem Doppelschlüssel? Wer ist der ? Merkur . Das weiß ich selbst nicht recht; frage den Apollo, vielleicht kann er dir darüber mehr Auskunft geben. Apollo . Das ist ein Mann, Quirinus, der in seinen Nachfolgern achthundert Jahre lang die halbe Welt regieren wird, wiewohl er selbst nur ein armer Fischer war. Quirinus . Wie? Die Welt wird sich von Fischern regieren lassen? Apollo . Von einer gewissen Art von Fischern wenigstens: von Menschenfischern , die in einer sehr künstlichen Fischreuse, Dekretalen genannt, nach und nach alle Nationen und Fürsten Europens fangen werden. Ihre Befehle werden für Göttersprüche gelten, und ein Stück Schafleder oder Papier, mit Sankt Peters Fischerring besiegelt, wird die Kraft haben, Könige ein- und abzusetzen. Quirinus . Dieser Sankt Peter mit dem Doppelschlüssel muß ein gewaltiger Zauberer sein! Apollo . Nichts weniger! Es geht, wie du längst wissen solltest, mit den wunderlichsten und wunderbarsten Dingen in der Welt immer ganz natürlich zu. Die Lawine , die ein ganzes Dorf überschüttet, war anfangs ein kleiner Schneeball, und ein Strom, der große Schiffe trägt, ist in seinem Ursprung eine rieselnde Felsenquelle. Warum sollten die Nachfolger eines Galiläischen Fischers in einigen Jahrhunderten nicht Herren von Rom, und vermittelst einer neuen Religion, zu deren Oberpriestern sie sich aufgeworfen, und mit Hülfe einer ganz neuen Moral und Politik , die sie auf dieselbe zu bauen wissen, endlich gar eine Zeit lang Herren der halben Welt werden können? Hast du doch auch die Herden des Königs von Alba, der ein sehr kleiner Potentat war, gehütet, ehe du dich zum Haupt aller Banditen in Latium aufwarfst, und das kleine Raubnest zusammen flicktest, das in der Folge die Hauptstadt und Königin der Welt wurde. Sankt Peter machte in der Tat in seinem Leben keine große Figur: aber er wird die Zeit sehen, da Kaiser seinen Nachfolgern den Steigbügel halten, und Königinnen ihnen demütig die Füße küssen werden. Quirinus . Was man nicht erlebt, wenn man unsterblich ist! Apollo . Es gehört freilich viel Zeit und nicht wenig Kunst dazu, um es mit der Menschenfischerei so weit zu bringen: aber die Fische werden auch dumm genug sein, die sich von ihnen fangen lassen. Quirinus . Inzwischen sind und bleiben wir alle abgesetzt, nicht wahr? Merkur . Dabei wird es wohl vor der Hand sein Verbleiben haben. Verschiedene Götter . Lieber nicht unsterblich sein, als solche Dinge zu erleben! Jupiter . Meine lieben Söhne, Oheime, Neffen und Vettern, samt und sonders! ich sehe, daß ihr diese kleine Revolution, die ich schon lange ruhig kommen sah, tragischer aufnehmt als die Sache wert ist. Setzt euch, wenn ich bitten darf, wieder an euere Plätze, und laßt uns bei einem Glase Nektar gelassen und unbefangen von diesen Dingen sprechen. Alles in der Natur hat seine Zeit, alles ist veränderlich, und so sind es auch die Meinungen der Menschen . Sie ändern sich immer mit den Umständen; und wenn wir bedächten, was für einen Unterschied nur funfzig Jahre zwischen dem Enkel und dem Großvater machen, so würde es uns wahrlich nicht befremden, daß die Welt binnen ein- oder zweitausend Jahren unvermerkt eine ganz neue Gestalt zu gewinnen scheint. Denn im Grunde ist es doch nur Schein ; es bleibt, wiewohl unter andern Masken und Namen, immer die nämliche Komödie. Die albernen Leute da unten haben lange genug Aberglauben mit uns getrieben; und sollten einige unter euch sein, denen damit gedient war, so muß ich ihnen sagen daß sie unrecht hatten. Es wäre den Menschen wohl zu gönnen, wenn sie endlich einmal weiser würden; beim Himmel! es wäre nicht zu früh. Aber daran ist vor der Hand noch nicht zu denken. Zwar schmeicheln sie sich immer, die letzte Albernheit, zu deren Erkenntnis sie kommen, werde auch die letzte sein, die sie begehen ; Hoffnung besserer Zeiten ist ihre ewige Schimäre, von welcher sie immer betrogen werden, um sich immer wieder von ihr betrügen zu lassen: weil sie nie zu der Einsicht kommen, daß nicht die Zeit , sondern ihre angeborne unheilbare Torheit die Ursache ist, warum es nie besser mit ihnen wird. Denn es ist nun einmal ihr Los, nichts Gutes rein genießen zu können, und eine Albernheit, deren sie endlich, wie Kinder einer abgenutzten Puppe, überdrüssig geworden sind, immer nur gegen eine neue zu vertauschen, bei der sie meistens noch übler fahren als bei der vorigen. Diesmal hatte es wirklich das Ansehen, als ob sie beim Tausche gewinnen würden: aber ich kannte sie zu gut, um nicht voraus zu sehen, daß ihnen auf diesem Wege nicht zu helfen sei. Denn wenn auch die Weisheit selbst in Person zu ihnen herab stiege und sichtbarlich unter ihnen wohnen wollte, sie würden nicht aufhören, sie so lange mit Flittern und Federn, Lappen und Schellen zu behängen, bis sie eine Närrin aus ihr gemacht hätten. Glaubt mir, Götter, der Triumphgesang, den sie in diesem Augenblicke wegen des herrlichen Sieges, den sie über unsre wehrlosen Bildsäulen erfochten haben, anstimmen, ist ein Unglück weissagendes Rabengeschrei für die Nachwelt. Sie glauben sich zu verbessern, und werden aus dem Regen unter die Traufe kommen. Sie sind unser überdrüssig, sie wollen nichts mehr mit uns zu tun haben – aber desto schlimmer für sie ! Wir bedürfen ihrer nicht. – Wenn ihre Priester uns für unreine und böse Geister erklären, und das einfältige Volk versichern, daß ein ewig brennender Schwefelpfuhl unsre Wohnung sei: was kümmert das mich oder euch ? Was kann uns daran gelegen sein, was halb vernünftige Erdtiere sich für Vorstellungen von uns machen? oder was sie sich für ein Verhältnis gegen uns geben, und ob sie uns mit einem ekelhaften Gemisch von Opfergestank und Weihrauch, oder mit höllischem Schwefel beräuchern? Weder der eine noch der andere steigt bis zu uns. – Sie verkennen uns, sagt ihr, da sie sich unsrer Herrschaft entziehen wollen. Kannten sie uns etwa besser, da sie uns dienten? Was die armen Leute ihre Religion nennen, ist ja immer nur ihre Sache, nicht die unsere . Sie allein haben dabei zu gewinnen oder zu verlieren, wenn sie ihre Lebensweise vernünftig oder unvernünftig einrichten. Auch werden ihre Nachkommen, wenn sie einst die Folgen der unweisen Dekrete ihrer Valentiniane , Gratiane , und Theodosier fühlen, Ursache genug finden, die raschen Vorkehrungen zu bereuen, die eine Flut von neuen und unerträglichen Übeln, wovon die Welt, so lange sie dem alten Glauben oder Aberglauben beigetan war, keinen Begriff hatte, über ihren schwindligen Köpfen zusammen häufen werden. Ein anderes wäre, wenn sie sich durch die neue Einrichtung wirklich verbesserten! Wer von uns könnte oder wollte ihnen das übel nehmen? Aber gerade das Gegenteil! Sie gleichen einem Menschen, der, um ein kleines Übel, womit er so alt wie Tithon werden könnte, zu vertreiben, sich zehn andere zehnmal ärgere an den Hals kurieren läßt. So erheben sie, zum Beispiel, ein gewaltiges Geschrei gegen unsre Priester , weil sie das Volk, das überall abergläubisch ist und immer abergläubisch bleiben wird, in Täuschungen unterhielten, wovon gleichwohl der Staat eben so gut Vorteile zog als sie. Werden es ihre Priester etwa besser machen? In diesem Augenblicke legen sie den Grund zu einem Aberglauben, der niemand als ihnen selbst nützlich sein, und, anstatt die politische Verfassung zu befestigen, alle menschlichen und bürgerlichen Verhältnisse verwirren und untergraben wird; einem Aberglauben, der wie Blei in den Köpfen liegen, jeder gesunden Vorstellung von natürlichen und sittlichen Dingen den Zugang verschließen, und, unter dem Vorwand einer schimärischen Vollkommenheit, die Humanität in jedem Menschen schon im Keime vergiften wird. Wenn man von dem Aberglauben, der die Welt bisher betörte, das ärgste gesagt hat was sich mit Wahrheit von ihm sagen läßt, so wird man doch dereinst gestehen müssen, daß er weit menschlicher , unschuldiger und wohltätiger war, als der neue, den man an seine Stelle setzt. Unsere Priester waren unendlichemal harmlosere Leute, als diejenige, denen sie jetzt weichen müssen. Jene genossen ihres Ansehens und ihrer Einkünfte im Frieden, vertrugen sich mit jedermann, und fochten niemands Glauben an: diese sind herrschsüchtig und unduldsam, verfolgen sich unter einander der nichtswürdigsten Wortspiele wegen mit der äußersten Wut, entscheiden durch die Mehrheit der Stimmen , was man von undenkbaren Dingen denken , wie man von unaussprechlichen Dingen sprechen soll, und behandeln alle, die anders denken und sprechen, als Feinde Gottes und der Menschen. Daß die Priester der Götter, ehe sie von diesen brausenden Bilderstürmern beeinträchtiget wurden, mit der bürgerlichen Obrigkeit in Zusammenstoß gekommen wären, oder sonst die Ruhe des Staats gestört hätten, ist in tausend Jahren kaum erhört worden: die neue Priesterschaft hingegen hat, seitdem ihre Partei die begünstigte ist, nicht aufgehört, die Welt in Verwirrung zu setzen. Noch arbeiten ihre Pontifexe unter Grund: aber in kurzem werden sie nach den Zeptern der Könige greifen, sich zu Statthaltern ihres Gottes aufwerfen, und unter diesem Titel sich einer bisher unerhörten Oberherrlichkeit über Himmel und Erde anmaßen. – Unsere Priester waren zwar (wie billig) keine sehr eifrigen Beförderer , aber doch wenigstens keine erklärten Feinde der Philosophie, von welcher sie unter dem Schutz der Gesetze nichts besorgten. Am allerwenigsten ließen sie sich einfallen, die Gedanken und Meinungen der Menschen unter ihre Gerichtsbarkeit zu ziehen, und ihren freien Umlauf in der Gesellschaft hindern zu wollen. Die ihrigen hingegen – die, so lange sie die schwächere Partei waren, sich so viel damit wußten, die Vernunft auf ihrer Seite zu haben, und sie beim Angriff der unsern immer ins Vordertreffen stellten – geben ihr nun, da sie ihnen zu ihren weitern Operationen nur hinderlich sein würde, den Abschied, und werden nicht eher ruhen, bis sie alles um sich her finster gemacht, dem Volke alle Mittel zur Aufklärung entzogen, und den freien Gebrauch der natürlichen Urteilskraft zum ersten aller Verbrechen gestempelt haben. Ehemals, da sie selbst noch von Almosen lebten, war ihnen die Wohlhabenheit und anständige Lebensart unsrer Priester ein Greuel: nun, da sie mit vollen Segeln fahren, sind die mäßigen Einkünfte unsrer Tempel, deren sie sich bemächtigen, viel zu wenig, die Bedürfnisse ihres Stolzes und ihrer Eitelkeit zu befriedigen. Schon jetzt haben ihre Pontifexe zu Rom, durch die Freigebigkeit aberwitziger reicher Matronen, deren schwärmerische Empfindsamkeit sie meisterlich zu benutzen wissen, durch die unverschämteste Erbschleicherei und tausend andere Kunstgriffe dieser Art, sich in den Stand gesetzt, es den ersten Personen im Reich an Pracht, Aufwand und Üppigkeit zuvor zu tun. Aber alle diese Quellen, wiewohl durch immer neue Zuflüsse zu Strömen angewachsen, werden den Unersättlichen nicht genügen: sie werden tausend nie erhörte Mittel erfinden, die Einfalt roher und verblendeter Menschen zu besteuern; sogar die Sünden der Welt werden sich durch ihre Zauberkunst in Goldquellen verwandeln, und, um diese desto ergiebiger zu machen, wird man eine ungeheure Menge neuer Sünden erdenken, wovon die Theophrasten und Epikteten keine Ahnung hatten. – Doch wozu sage ich dies alles? Was geht es uns an, was diese Leute tun oder nicht tun, und wie wohl oder übel sie sich ihrer neuen Herrschaft über die kränkelnden Seelen nervenloser, durch Wollust und Sklaverei verkrüppelter Menschen, bedienen werden? Auch die Verführer der übrigen sind Betrogene ; auch sie wissen nicht was sie tun: uns aber, die wir in allem diesem klar sehen, kommt es zu, sie als Kranke und Wahnsinnige mit Schonung zu behandeln, und ihnen, ohne Rücksicht auf ihre Dankbarkeit oder Undankbarkeit, auch in Zukunft so viel Gutes zu erweisen, als ihr eigener Unverstand uns Gelegenheit dazu übrig läßt. Die Unglücklichen! wem als sich selbst schaden sie, da sie sich von freien Stücken des wohltätigen Einflusses berauben, durch welchen Athen zur Schule der Weisheit und der Kunst, Rom zur Gesetzgeberin und Regentin des Erdbodens wurde? wodurch beide einen Grad von Kultur erreichten, zu welchem selbst die bessern Nachkommen der Barbaren, die im Begriff sind, sich in die Länder und Reichtümer dieser ausgearteten Griechen und Römer zu teilen, niemals wieder sich werden erheben können. Denn was soll aus Menschen werden, von welchen die Musen und Grazien, die Philosophie und alle verschönernden Künste des Lebens und des feinern Lebensgenusses, mit den Göttern, ihren Erfindern und Schützern, sich zurückgezogen haben? Ich sehe mit Einem Überblicke alles Böse voraus, das sich in den Platz des Guten eindrängen wird; alles Unförmliche, Verschrobene, Ungeheure und Mißgestaltete, das diese fanatischen Zerstörer des Schönen , auf der Asche und den Trümmern der Werke des Genies, der Weisheit und der Kunst, auftürmen werden, – und mir ekelt vor dem widerlichen Anblicke. Weg damit! – Denn so wahr ich Jupiter Olympius bin, es soll nicht immer so bleiben! wiewohl Jahrhunderte darüber hingehen werden, bis die Menschheit die unterste Tiefe ihres Verfalls erreicht, und Jahrhunderte, bis sie sich, mit unsrer Hülfe, wieder über den Schlamm empor gearbeitet haben wird. Die Zeit wird kommen, da sie uns wieder suchen, unsern Beistand wieder anrufen, und bekennen werden, daß sie ohne uns nichts vermögen; die Zeit wird kommen, da sie, mit unermüdeter Arbeit jedes zertrümmerte oder verunstaltete Überbleibsel der Werke, die einst durch unsern Einfluß aus dem Geist und den Händen unsrer Lieblinge hervorgingen, wieder aus dem Staube ziehen, oder tief aus Schutt und Moder heraus graben, und sich vergebens erschöpfen werden, durch affektierten Enthusiasmus jene Wunder der echten Begeisterung und des wirklichen Anhauchs göttlicher Kräfte nachzuahmen. Apollo . Ganz gewiß wird sie kommen, Jupiter, diese Zeit! ich sehe sie, als ob sie schon im vollen Glanze der Gegenwart vor mir stände. Sie werden unsre Bilder wieder aufstellen, sie mit dem Schauder des Gefühls und der anbetenden Bewunderung anstaunen, sie zu Modellen ihrer Idole nehmen, die unter barbarischen Händen zu Scheusalen geworden waren, und – o welch ein Triumph! – ihre Pontifexe selbst werden stolz darauf sein, uns, unter einem andern Namen, den prächtigsten Tempel zu erbauen! Jupiter einen großen Becher voll Nektar in der Hand . Es lebe die Zukunft! – Zu Minerven . Meine Tochter, auf die Zeit, wo du ganz Europa, in ein neues Athen verwandelt, mit Akademien und Lyceen angefüllt sehen, und die Stimme der Philosophie mitten aus den Wäldern Germaniens vielleicht noch freier und heller erschallen hören wirst, als ehemals aus den Hallen von Athen und Alexandrien! Minerva den Kopf ein wenig schüttelnd . Es erfreut mich, Vater Jupiter, dich bei den gegenwärtigen Aspekten so gutes Mutes zu sehen: aber mir wirst du verzeihen, wenn ich so wenig an ein neues Athen, als an ein neues Olympia glaube. Quirinus zu Merkur . Ich kann mir den Peter mit dem Doppelschlüssel, der mein Nachfolger werden soll, noch nicht aus dem Kopfe schaffen, Merkur. Wie ist es denn mit diesem Schlüssel? Ist es ein wirklicher oder emblematischer, natürlicher oder magischer Schlüssel? Wo hat er ihn her? und was will er damit aufschließen? Merkur . Alles was ich dir darüber sagen kann, Quirinus, ist, daß er mit diesem Schlüssel wem er will die Pforte des Himmels oder des Tartarus aufschließt. Quirinus . Den Tartarus mag er unserthalben aufschließen wem er will; aber auch den Himmel! das könnte mehr zu bedeuten haben. Merkur . In der Tat haben sie es darauf angelegt, den Himmel mit einer so ungeheuern Menge neuer Götter ihres Schlages zu bevölkern, daß für uns alte kein Raum mehr übrig bleiben wird. Jupiter . Dafür laß mich sorgen, Hermes! Unsere Tempel und Ländereien auf der Erde konnten sie uns leicht nehmen: aber im Olymp sind wir schon zu lange etabliert, um uns verdrängen zu lassen. Übrigens wollen wir, zum Beweis unsrer vollkommnen Unparteilichkeit, den neuen Römern, ihrer Insolenz ungeachtet, das Recht der Apotheose unter denselben Bedingungen zugestehen wie den alten . Wie ich höre sollen die meisten von ihren Kandidaten, die an diese Standeserhöhung Anspruch machen, keine Personen von der besten Gesellschaft sein. Wir werden also, mit Sankt Peters Erlaubnis, immer vorher, ehe wir einen einlassen, eine kleine Untersuchung mit ihm vornehmen. Findet sich, daß er seiner übrigen Eigenschaften und Verdienste halben seinen Platz unter uns behaupten kann, so soll ihm, des goldnen Zirkels um den Kopf wegen, keine Einwendung gemacht werden; und Momus selbst soll ihm die Wunder, die man seine Gebeine oder seine Garderobe tun läßt, nicht vorrücken dürfen. Juno . Mit den Mannspersonen kannst du es halten wie du willst, Jupiter; aber die Damen will ich mir verbeten haben. Venus . Es sollen sehr artige darunter sein. Jupiter . Darüber wird sich, wenn der Fall eintritt, sprechen lassen. Und nun – kein Wort mehr von odiosis ! Einen frischen Becher, Antinous! VII. Flora , Antinous . Flora . Warum so einsam und so düster, schöner Antinous? Antinous . Ich würde vielleicht weniger düster sein, wenn ich einsamer wäre, schöne Flora. Flora . Wiewohl das Kompliment nicht das verbindlichste ist, so finde ich es an deinem Platze so natürlich, daß ich mich nicht dadurch beleidigt halten kann. Es ist ein wahres Unglück gar zu liebenswürdig zu sein. Antinous . Niemand kann ein größeres Recht haben dies zu sagen, als die schöne Flora. Flora . Wozu diese erzwungene Galanterie? Glaubst du, ich könne so wenig Wahrheit ertragen, daß du mich gleich wieder streicheln müssest? Antinous . Ich habe darum nicht weniger Augen, ob sie gleich ihr Gefühl meinem Herzen nicht mitteilen können. Ich sehe so gut als irgend ein anderer, wie liebenswürdig du bist, wiewohl keine Statue, deren Augen ein Gott mit Sehkraft begabte, kälter bei deinem Anblick bleiben könnte als ich. Flora . Ich begreife dies vollkommen. Gerade so , schöner Antinous, geht es mir mit dir . Ich höre, seitdem du hier angekommen bist, alle unsre Göttinnen mit Entzücken von dir sprechen. Sie versuchen es nicht einmal, die Regungen zu verbergen, die du ihnen einflößest. Sogar die alte Cybele heftet kleine funkelnde Augen auf dich, und gesteht daß der schöne Attis nicht so reizend war als du. Ich allein finde nichts in meinem Herzen, das mir begreiflich macht, wie man dich mit allen deinen Reizungen lieben kann. Antinous . Das ist nicht sehr schmeichelhaft für mich. Flora . Spotte meines Unglücks nicht, Antinous! Wie gern wollte ich das Glück zu fühlen sogar mit der Qual ungeliebt zu lieben erkaufen! Antinous . Du kennst vermutlich diese Qual nur von Hörensagen? Flora . Dafür gibt es ein andres Unglück, womit ich nur zu sehr bekannt bin – Antinous – Von jedermann mit Liebe verfolgt zu werden, ohne jemand zu finden, der sie dir hätte mitteilen können? Nicht wahr? Flora . Ich kenne kein größeres. Antinous . Du bist, wie es scheint, nie bis zur ausschweifendsten Schwärmerei von einem Einzigen, und von einem Einzigen, dem die ganze Welt zu Gebote stand, geliebt worden, und genötigt gewesen seine Liebe zu dulden, ohne sie erwidern oder nur durch die mindeste Teilnehmung dir selbst erträglich machen zu können: denn da hättest du ein noch größeres Unglück gekannt. Flora . Ist es ein Fluch, den irgend ein mißgünstiger Dämon auf die Schönheit gelegt hat? oder liegt es in der Natur der letztern, nichts außer sich zu bedürfen, und in völlig befriedigter Selbstgenügsamkeit die Huldigung der Sterblichen, als etwas das ihr gebührt, anzunehmen, ohne sich dadurch geschmeichelt zu fühlen? Ich habe es nie recht ins klare bringen können: aber das weiß ich, daß ich mir oft gewünscht habe häßlich zu sein. Antinous . Welch ein Wunsch! Flora . Erträglich häßlich, versteht sich; – ungefähr wie mir die meisten Personen meines Geschlechts vorkamen, wenn ich sie neben mir in einem Spiegel erblickte. Es ist wahr, eine Häßliche flößt nicht leicht Liebe ein: aber wenn es ihr begegnet, so wird sie auch dafür bis zum Unsinn geliebt; und dies muß ein Genuß für sie sein, dem keine andere Wonne gleicht. Antinous . Wie so? Flora verwundert . Wie so? Ich dächte das begriffe sich auf der Stelle. Antinous . So muß ich nicht recht gehört haben was du mir sagtest. Flora . Du erweisest mir die Ehre Zerstreuungen bei mir zu haben, schöner Antinous? Antinous . Das ist sehr natürlich wenn man Dir gegenüber ist. Flora . Bald hätte ich auch gefragt wie so ? Aber in diesem Augenblicke wandelt mich ein Wunsch an, der dir noch närrischer vorkommen wird als der Wunsch häßlich zu sein. Antinous . Und der wäre? Flora . Daß ich ein Zaubermittel wissen möchte, dich selbst ein wenig häßlich zu machen. Antinous . Du bist sehr gütig, Flora. Flora . Wohl verstanden, nicht eben häßlich in meinen Augen, aber doch in den deinigen. Antinous . Und was würden wir, du oder ich, dabei gewinnen? Flora . O sehr viel! alle beide sehr viel, mein guter Antinous. Du hast in deinem Leben nie geliebt – sagtest du das nicht vorhin? Antinous . So wenig als du , wie du ebenfalls gestanden hast. Flora . Nun gut; wenn du in deinen Augen häßlich wärest, so würden wir vielleicht beide eine neue Erfahrung machen. Antinous . Ich würde in dich verliebt werden, meinst du? Warum dies die Folge sein müßte, sehe ich nun eben nicht ein. Aber, wofern ich aufrichtig sagen soll wie mir ist, Göttin, so kann ich dir zuschwören, daß ich mir selbst nicht halb so schön vorkomme als du vielleicht glauben magst. Flora lächelnd . Das wäre ein Zeichen von guter Vorbedeutung, Antinous. Antinous . Und wenn du eben so aufrichtig gegen mich sein wolltest – Flora . O das bin ich gewiß! Ich dächte du hättest es schon lange merken sollen. Antinous . So würdest du mir gestehen, daß ich auch in deinen Augen nichts weniger als das Wunder von Schönheit bin, das die Schmeichler Hadrians aus mir machten. Flora . Lassen wir das dahin gestellt sein, lieber Antinous! Erst sollte die Aufrichtigkeit deines Geständnisses etwas genauer untersucht werden. Wenn ich nur gleich einen Spiegel hätte! Antinous . Wozu einen Spiegel? Ich brauche keinen andern als dich selbst. Aber wenn ich dir nun die bloße Wahrheit gesagt hätte, was würde mirs bei dir helfen? Flora . Du bist eigennütziger als man dir zutrauen sollte. Antinous . Es kann nichts langweiligeres sein, wie du weißt, als sich lieben lassen zu müssen ohne wieder lieben zu können: aber lieben ohne wieder geliebt zu werden, muß ein noch unerträglicheres Gefühl sein. Flora . Es ist doch wenigstens ein Gefühl . Immer besser auch nur die Schmerzen der Liebe zu fühlen, als vor langer Weile zu Grunde zu gehen. Antinous . Wie? du hältst es für eine Kleinigkeit, zu den Qualen des Tantalus verdammt zu sein? Flora . Wer wollte aber auch gleich den ärgsten Fall setzen? Antinous . Gesetzt also, ich liebte dich, schöne Flora – Flora lachend . Vor lauter langer Weile! Wie kommt Antinous zu einer solchen Voraussetzung? Antinous . Sagte ich nicht vorhin, es würde mir nichts bei dir helfen? Du bist zu schön um etwas außer dir selbst zu lieben. Flora . Wenn dies auch wäre, so bin ich doch nicht so gar gefühllos, daß ich nicht wenigstens des Mitleidens fähig sein sollte. Antinous stolz . Des Mitleidens! Flora . Wenn ich dir doch zeigen könnte, mit was für einer Miene du das sagtest, schönster Antinous! Antinous . Du bläsest auch gleich so mutwillig den ersten Funken der Empfindung wieder aus, den mein Herz aus deinen Augen gefangen hatte. Flora . Ein kleines Unglück, das meine Augen leicht ersetzen können, oder der Fehler müßte an deinem Zunder liegen. Aber zu viel mußt du freilich nicht von mir erwarten, mein schöner Herr! Mit Funken ist so ein Kieselherz, wie das meinige, nicht in den Fluß zu bringen. Antinous wirft einen schmachtenden Blick auf sie und entfernt sich . Hätte ich je gedacht, daß es so weit mit mir kommen sollte! Flora . Ich gebe noch nicht alle Hoffnung auf, ein wenig Seele in dieses Marmorbild zu bringen. Aber, wo dachten die Leute hin, da sie einen Gott aus ihm machten? VIII. Jupiter , Numa , hernach ein Unbekannter . Jupiter . Wie kommt es, Numa, daß wir dich schon einige Tage nicht an der Göttertafel gesehen haben? Numa . Die Nachrichten, die uns Merkur neulich von Rom brachte, ließen mir keine Ruhe, bis ich mit eigenen Augen gesehen hätte wie die Sachen ständen. Jupiter . Und wie hast du sie gefunden? Numa . Ich sage es mit schwerem Herzen, Jupiter, aber vermutlich sage ich dir nichts neues damit: dein Ansehen bei den Sterblichen scheint unwiederbringlich verloren zu sein. Jupiter . Hast du nicht gehört was Apollo neulich über der Tafel sagte? Numa . Er vertröstete dich weit hinaus, Jupiter, – und auch dieser Trost dreht sich am Ende doch nur um ein Wortspiel. Es ist gerade als wenn ein Chaldäischer Wahrsager den großen Alexander, da er zu Babylon mitten im Genusse seiner Eroberungen an einem armseligen Fieber sterben mußte, mit der Versicherung hätte trösten wollen, daß zweitausend Jahre nach seinem Tode ein edler Enkel des großen Wittekind sein Bild in einem Ringe tragen werde. Ein solcher Gedanke mag, so lange man sich wohl befindet, ganz angenehm sein: aber für den Verlust des ersten Thrones der Welt ist er eine schwache Vergütung. Jupiter . Ich hätte gedacht, Freund Numa, dein Aufenthalt im Olymp sollte deine Vorstellungen von solchen Dingen berichtiget haben? Numa . Ich weiß sehr wohl, daß dich ein Dekret des Senats zu Rom des Einflusses, den du auf die Unterwelt hast, nicht berauben kann: aber – Jupiter lächelnd . Sprich nur gerade heraus was du denkst! – mein Ohr ist seit einiger Zeit sehr duldsam geworden – Aber was? Numa . Dieser Einfluß muß doch wohl von keiner sonderlichen Bedeutung sein, oder ich begreife nicht, wie du dich des göttlichen Ansehens und der hohen Vorrechte, die du so viele Jahrhunderte lang in der ganzen Römischen Welt genossen hast, entsetzen lassen konntest, ohne auch nur einen Finger zu rühren. Jupiter . Wenn mein Flamen so etwas nicht begreifen kann, das mag ihm hingehen! aber du, Numa? – Numa . Aufrichtig zu reden, Jupiter, – wiewohl ich gewissermaßen für den Stifter der Altrömischen Religion gelten kann, so war es doch nie meine Meinung, dem Aberglauben der rohen Römer mehr Nahrung zu geben, als zu ihrer Policierung unumgänglich nötig schien. Ich änderte zwar nichts wesentliches am Dienste der Götter, die ein uralter Volksglaube vorlängst in den Besitz der öffentlichen Verehrung gesetzt hatte: indessen war doch mein Augenmerk dahin gerichtet, den Weg zu einer reinern Erkenntnis des höchsten Wesens, so zu sagen, offen zu erhalten , und wenigstens der gröbsten Art von Abgötterei dadurch vorzubeugen, daß ich nicht erlaubte, die Gottheit weder unter tierischer noch selbst unter menschlicher Gestalt abzubilden und in den Tempeln aufzustellen. Ich betrachtete schon damals die verschiedenen Personen und Namen, die der Glaube der Voreltern zu Göttern erhoben hatte, entweder als Symbolen der unsichtbaren und unergründlichen Urkraft der Natur, oder als Menschen , welche die Dankbarkeit der Nachwelt für große Verdienste um das gesellige und bürgerliche Leben zu der Würde öffentlich verehrter Schutzgeister erhoben hatte. – Jupiter . Und der Augenschein hat dich belehrt, daß du dich, in dieser letztern Vorstellung wenigstens, nicht sehr irrtest; wiewohl ich, was die Götterbilder betrifft, nicht deiner Meinung bin. Numa . Hätt es zu meiner Zeit Phidiasse und Alkamenen im Latium gegeben, vermutlich würden diese Künstler auch mich auf andere Gedanken gebracht haben. Jupiter . Wenn du uns also nie für etwas andres gehalten hast als was wir sind : woher die Verwunderung, daß wir es ganz wohl geschehen lassen können, wenn auch die Erdbewohner so weit kommen, uns für nichts mehr zu halten? Numa . Es mag sein, daß die Gewohnheit unter euch zu leben, und euch von so langer Zeit her immer im Besitze der Anbetung der Menschen zu sehen, schuld daran ist. Beides hat euch in ein wunderbares Helldunkel für mich gesetzt, und mir vielleicht unvermerkt eine zu hohe Meinung von euerer Natur und Erhabenheit gegeben. Kurz, ich gestehe daß es mir Mühe kosten wird, Jupiter, mich an eine andere Vorstellungsart zu gewöhnen. Jupiter . Beinahe hätt ich Lust, aus dem Helldunkel hervor zu treten, und die Decke von dem Geheimnisse meiner Familie wegzuziehen, worüber sich so viele wackere Leute auf der Erde den Kopf ohne Not zerbrochen haben. Numa . Ich bin gewiß, daß du nichts dadurch verlieren wirst. Jupiter . Man gewinnt immer bei der Wahrheit, Freund Numa! – Du weißt, daß keiner von uns Olympiern, wie lange wir auch schon da sind, und wie weit unsere Blicke reichen, einen Zeitpunkt angeben kann, da dieses unermeßliche Ganze zu sein angefangen hätte, dessen Dasein vielmehr der überzeugendste Beweis ist, daß es nie angefangen hat. Hingegen kann man mit eben so großer Gewißheit sagen, daß von allen sichtbaren Teilen desselben keines immer so gewesen sei, wie es ist. So hat z. B. die Erde , die wir einst bewohnten, schon vielerlei große Revolutionen ausgehalten, wovon sich, zum Teil, durch mündliche Überlieferung bei den ältesten Völkern einige Spuren erhalten haben. Von dieser Art ist die Sage unter den Nordländern, Indiern und Ägyptern: es habe eine Zeit gegeben, da die Erde von Göttern bewohnt worden sei . In der Tat waren die Bewohner der Erde in diesem ersten Zeitraume, wofern man sie anders Menschen nennen kann, eine Art von Menschen, die sich gegen die jetzigen ungefähr verhielt, wie der Olympische Jupiter des Phidias zu den Priapen von Feigenholz, die das Landvolk zu Hütern seiner Gärten aufstellt; so weit ragten sie an Größe und Schönheit der Gestalt, an körperlicher Stärke und an Kräften des Geistes über die Menschen der spätern Perioden empor. Die Erde befand sich mit ihnen und durch sie in einem Zustande von Vollkommenheit, der ihrer damaligen Bewohner würdig war: aber nach Jahrtausenden trugen sich große Veränderungen mit ihr zu. Ein Teil der Nachkommenschaft ihrer ersten Bewohner artete auf verschiedenen Erdstrichen aus, über welche ihr Anwachs sie genötigt hatte sich auszubreiten. Ungewöhnliche Weltbegebenheiten, Erschütterungen, Vulkane, Überschwemmungen, veränderten die Gestalt dieses Planeten. Während ganze Länder vom Ozean verschlungen wurden, stiegen andere allmählich aus den Fluten empor: aber der größte Teil der alten Erdbewohner ging unter dieser furchtbaren Umwälzung der Dinge zu Grunde. Die wenigen übrig gebliebenen irrten betäubt, mutlos und einzeln unter den Trümmern der Natur umher. Der Zufall brachte zwar hier und da einen Deukalion mit einer Pyrrha zusammen; aber ihre Nachkommen sanken bald aus Mangel und Elend bis zu tierischer Wildheit herab. Inzwischen erholte sich die Erde allmählich wieder aus dem chaotischen Zustande, der die natürliche Folge jener schrecklichen Konvulsionen war, und wurde immer geschickter ihren neuen Bewohnern Aufenthalt und Nahrung zu geben. Die neuen Stämme, womit sie sich wieder bevölkerte, nährten sich kärglich von Jagd und Fischerei, und, wo diese fehlten, von Eicheln und andern wilden Früchten; sie wohnten größtenteils in Wäldern und Höhlen, und die meisten waren so roh, daß sie nicht einmal den Gebrauch des Feuers kannten. Glücklicher Weise hatte sich auf den Höhen des Imaus ein Stamm jener ersten vollkommnern Menschenrasse bei seinen ursprünglichen Vorzügen und im Genuß aller Vorteile der Künste und der Wissenschaften, die ihre Vorfahren erfunden hatten, erhalten. Durch ähnliche Katastrophen genötiget, ihre angeerbten Wohnsitze zu verlassen, verbreiteten sie sich gegen Süden und Westen, und überall, wohin sie kamen, war ihre Ankunft der Erscheinung wohltätiger Götter gleich. Denn sie brachten nebst einer gebildeten Sprache und milden Sitten alle die Künste mit, von welchen unter jenen verwilderten Tiermenschen keine Spur mehr anzutreffen war, und deren Mangel sie eben zu dieser unmenschlichen Tierheit herab gewürdiget hatte. Du begreifst, Freund Numa, daß sie von diesen armseligen Geschöpfen wie Götter aufgenommen wurden, und durch alles Gute, das sie ihnen mitteilten, durch die Künste des Ackerbaues, der Viehzucht und der Anpflanzung, wodurch sie die Schöpfer einer neuen Erde, durch die bürgerlichen Gesellschaften, deren Stifter, die Städte, deren Erbauer und Gesetzgeber sie wurden, durch die lieblichen Künste der Musen, wodurch sie mildere Sitten, feinere Freuden und süßern Lebensgenuß verbreiteten, – du begreifst, sage ich, daß sie durch alle diese Wohltaten sich verdient genug um die Menschen gemacht hatten, um nach ihrem Tode (wovon ihr Aufsteigen in dieses reinere Element die natürliche Folge war) von einer dankbaren Nachwelt als Schutzgötter verehrt zu werden. Auch wirst du nicht weniger begreiflich finden, daß diejenigen, die sich einst so viele und große Verdienste um die Sterblichen erworben, auch nach ihrem Übergang in eine höhere Art von Leben noch Freude daran finden mußten, der Menschen, die das, was sie zu Menschen machte , von ihnen empfangen hatten, sich noch ferner anzunehmen, und überhaupt für die Erhaltung alles dessen zu wachen, wovon sie in gewissem Sinne die Schöpfer gewesen waren. Numa . Nun wird mir auf einmal alles klar, Jupiter, was ich bisher nur wie in einem Nebel gesehen hatte – Jupiter . Und nun wird dir hoffentlich auch klar sein, warum ich sagte: ich könne es ganz wohl geschehen lassen, wenn die Menschen so weit in der Aufklärung kommen, daß sie uns für nichts weiter halten als was wir wirklich sind. Aberglauben und Pfaffenbetrug, von Dichtern, Künstlern und Mythologen kräftig unterstützt, hatten den Dienst, den man uns erwies – und den wir uns bloß wegen seines wohltätigen Einflusses auf die Menschheit gefallen ließen –, nach und nach in eine törichte Abgötterei verwandelt, die nicht dauern konnte noch sollte; die von der immer zunehmenden Kultur notwendig untergraben wurde, und, wie alle menschlichen Dinge, endlich in sich selbst zusammen sinken mußte. Wie könnte ich verlangen, daß etwas nicht erfolge, was nach den ewigen Gesetzen der Notwendigkeit erfolgen muß? Numa . Aber diese fanatischen Neuerer begnügen sich nicht, euern uralten und auf so große Wohltaten gegründeten Dienst zu reinigen ; – sie zerstören, sie vernichten ihn! Sie rauben euch sogar, was sie euch schlechterdings schuldig sind; und, weit entfernt, die Begriffe der Völker von den Göttern ihrer Vorfahren zur Wahrheit herab zu stimmen, treiben sie den Unsinn ihrer frevelhaften Frechheit so weit, euch sogar für böse Dämonen und höllische Geister zu erklären und als solche zu behandeln. Jupiter . Ereifere dich nicht, guter Numa! Mußte ich mir nicht auch, als meine Altäre noch rauchten, jedes platte und unanständige Märchen gefallen lassen, womit die Poeten ihre klaffenden Zuhörer auf meine Unkosten belustigten? Was kümmert es mich, was man da unten von mir spricht oder glaubt, nachdem der Zeitpunkt nun einmal gekommen ist, da der Dienst Jupiters den Menschen wohltätig zu sein aufgehört hat? Soll ich sie etwa mit Donnerkeilen zwingen, mehr Respekt vor mir zu haben? Was kann mir daran gelegen sein, ob sie mir den Olymp oder den Tartarus zur Wohnung anweisen? Bin ich hier nicht vor allen Wirkungen ihrer Meinung von mir gesichert? oder schenkt mir Ganymed deswegen eine einzige Schale Nektar weniger ein? Numa . Aber ihnen ist daran gelegen, Jupiter, sich nicht durch die Aufhebung aller Gemeinschaft zwischen dir und ihnen, wozu sie sich verführen lassen, der Vorteile zu berauben, welche die Welt bisher unter deiner Regierung genossen hat. Jupiter . Ich danke dir für deine gute Meinung von meinem Regimente, Freund Pompilius ! Es gibt Spitzköpfe da unten, die meinen Einfluß auf die menschlichen Dinge in keinen so hohen Anschlag bringen; und, alles genau berechnet, dürften sie wohl so gar unrecht nicht haben. Man kann nicht mehr für die Leute tun als sie empfänglich sind; mit Wundertun hab ich mich nie gern abgegeben; und so geht dann gewöhnlich alles seinen natürlichen Gang, – toll genug, wie du siehst, aber im Ganzen doch so, daß man dabei bestehen kann. Dabei wird es, denke ich, auch fürs künftige sein Verbleiben haben. Was ich zum gemeinen Besten beitragen kann, ohne aus meiner Ruhe heraus zu gehen, werde ich immer mit Vergnügen tun: aber zu schwärmen und mich für Undankbare und Narren kreuzigen zu lassen, das ist Jupiters Sache nicht, mein guter Numa. Der Unbekannte erscheint. Numa . Wer mag wohl der Fremde sein, der dort auf uns zu kommt? Oder kennest du ihn etwa schon, Jupiter? Jupiter . Nicht daß ich mich erinnerte. Er hat etwas in seinem Ansehen, das keinen gewöhnlichen Menschen ankündigt. Der Unbekannte . Ist es erlaubt an euerer Unterredung Teil zu nehmen? Ich gestehe, daß sie mich aus einer ziemlichen Entfernung hierher gezogen hat. Jupiter vor sich . Eine neue Art von Magnetismus! – Zum Unbekannten . Du weißt also schon wovon wir sprachen? Der Unbekannte . Ich besitze die Gabe zu sein wo ich will; und wo ihrer zwei Wahrheit suchen, da ermangle ich selten, sichtbar oder unsichtbar der dritte zu sein. Numa den Kopf ein wenig schüttelnd, leise zu Jupiter . Ein sonderbarer Patron! Jupiter , ohne auf Numa zu achten, zum Unbekannten . So bist du ein sehr guter Gesellschafter! Mich freut es deine Bekanntschaft zu machen. Numa zum Unbekannten . Darf man nach deinem Namen fragen, und woher du kommst? Der Unbekannte . Beides tut nichts zur Sache, wovon die Rede unter euch war. Jupiter . Wir sprachen bloß von Tatsachen ; und diese erscheinen, wie du wissen wirst, einem jeden Zuschauer, nach seinem Standpunkt und nach Beschaffenheit seiner Augen, anders als den übrigen. Der Unbekannte . Und doch kann eine jede Sache nur aus Einem Gesichtspunkte richtig gesehen werden. Numa . Und der ist? – Der Unbekannte . Der Mittelpunkt des Ganzen . Jupiter leise zu Numa . Hinter dem ist entweder sehr viel – oder gar nichts. – Zum Unbekannten . Du kennest also das Ganze? Der Unbekannte . Ja. Numa . Und was nennest du seinen Mittelpunkt? Der Unbekannte . Die Vollkommenheit , von welcher alles gleich weit entfernt ist, und der sich alles nähert. Numa . Und wie erscheint dir jede Sache aus diesem Gesichtspunkte? Der Unbekannte . Nicht stückweise, nicht was sie in einzelnen Orten und Zeitpunkten ist, nicht wie sie sich gegen diese oder jene Dinge verhält, nicht was sie durch ihre Einsenkung in den Dunstkreis der menschlichen Meinungen und Leidenschaften verliert oder gewinnt, nicht wie sie durch Torheit verfälscht oder durch Verdorbenheit des Herzens vergiftet wird: sondern wie sie sich in ihrem Anfang, Fortgang und Ausgang, in ihrem eigenen innerlichen Streben, in allen ihren Gestalten, Bewegungen, Wirkungen und Folgen, zum Ganzen verhält; das ist, wie viel sie zum ewigen Wachstum seiner Vollkommenheit beiträgt. Jupiter . Das läßt sich hören! Numa . Und wie findest du aus diesem Gesichtspunkte den Gegenstand, wovon wir beide uns bei deiner Ankunft besprachen? die große Katastrophe, die in diesen Tagen alles, was dem Menschengeschlechte so viele Jahrhunderte lang das Ehrwürdigste und Heiligste war, ohne alle Rücksicht und Schonung umgestürzt hat? Der Unbekannte . Sie erfolgte notwendig, denn sie war lange vorbereitet, und es braucht, wie du weißt, zuletzt nur noch einen einzigen Windstoß, um ein altes, Übel zusammen gefügtes, durchaus morsches, und überdies nur auf Sand gegründetes Gebäude vollends umzustürzen. Numa . Aber es war doch ein so prächtiger Bau! so ehrwürdig durch sein Altertum, so einfach bei der größten Mannigfaltigkeit, so wohltätig durch den Schirm, den die Humanität, die Gesetze, die Sicherheit der Staaten unter seinen hohen Gewölben schon so lange gefunden hatten! War es nicht ratsamer es auszubessern, als zu zertrümmern? Unsre Philosophen zu Alexandrien hatten so schöne Entwürfe gemacht, ihm nicht nur sein ehemaliges Ansehen, sondern sogar einen viel größern Glanz, und vornehmlich eine Symmetrie, Schönheit und Bequemlichkeit zu geben, die es noch nie gehabt hatte! Es war ein Pantheon von so großem Umfang und von so künstlicher Bauart, daß alle Religionen in der Welt – selbst diese neue, wenn sie nur verträglich sein wollte – Raum genug darin gefunden haben würden. Der Unbekannte . Schade, daß es, mit allen diesen scheinbaren Vorzügen, doch immer nur auf beweglichen Sand gebaut war! Und, was die Verträglichkeit betrifft, wie willst du daß in einer Sache von so großer Wichtigkeit Wahrheit und Täuschung sich vertragen sollen? Numa . Das geht sehr gut an, wenn nur die Menschen sich unter einander vertragen; sie, die nie ärger getäuscht werden, als wenn sie sich ausschließlich im Besitze der Wahrheit glauben. Der Unbekannte . Wenn getäuscht zu werden nicht ihre Bestimmung ist – wie du doch wohl nicht behaupten willst? –, so kann und wird es auch nicht ihr Los sein, ewig in Wahn und Verblendung, wie Schafe ohne Hirten, herum zu irren. Zwischen Finsternis und Licht ist Dämmerung und Helldunkel allerdings besser als gänzliche Nacht, aber doch nur zum Übergang von jener in das reine, alles erhellende Tageslicht. Der Tag ist nun aufgegangen, und du wolltest trauern, daß Nacht und Dämmerung vorüber sind? Jupiter . Du liebest die Allegorie , wie ich höre, junger Mann; ich für meine Person spreche gern rund heraus. Vermutlich willst du sagen, die Menschen würden durch diese neue Ordnung der Dinge glücklicher werden? Ich will es ihnen wünschen: aber noch sehe ich schlechte Anstalten dazu. Der Unbekannte . Ganz unfehlbar wird es besser und unendlich besser mit den armen Sterblichen werden. Die Wahrheit wird sie in den Besitz der Freiheit setzen, die das unentbehrlichste Bedingnis der Glückseligkeit ist: denn Wahrheit allein macht frei – Jupiter . Bravo! Das hörte ich schon vor fünfhundert Jahren in der Stoa zu Athen bis zum Überdruß. Sätze dieser Art sind eben so unwidersprechlich und tragen eben so viel zum Helle der Welt bei, als die große Wahrheit, daß einmal eins – eins ist. So bald du mir die Nachricht bringen wirst, daß die albernen Leute da unten, seitdem ein großer Teil von ihnen anders glaubt als ihre Voreltern, bessere Menschen geworden seien als ihre Voreltern, dann will ich dich für den Boten einer sehr guten Zeitung gelten lassen. Der Unbekannte . Die Verderbnis der Menschen war zu groß, als daß selbst die außerordentlichsten Anstalten dem Übel auf einmal hätten abhelfen können. Aber ganz gewiß werden sie besser werden, wenn die Wahrheit sie erst frei gemacht haben wird. Jupiter . Das glaube ich auch; nur dünkt mich sei damit nicht mehr gesagt, als wenn du sagtest: so bald alle Menschen weise und gut sein werden, werden sie aufhören töricht und verkehrt zu sein; oder, wenn die goldne Zeit, da jedermann vollauf hat, gekommen sein wird, wird niemand mehr Hunger leiden. Der Unbekannte . Ich sehe die Zeit wirklich kommen, da alle, die ihr Herz der Wahrheit nicht vorsätzlich verschließen, durch sie zu einer Vollkommenheit gelangen werden, wovon euere Weisen keine Ahnung hatten. Jupiter . Bist du in den Mysterien zu Eleusis initiiert? Der Unbekannte . Ich kenne sie so gut als ob ich es wäre. Jupiter . So wird dir bekannt sein, was der letzte Zweck dieser Mysterien ist? Der Unbekannte . Froh zu leben und mit der Hoffnung eines bessern Lebens zu sterben – Jupiter . Du scheinst mir ein großer Menschenfreund zu sein: weißt du etwas wohltätigeres für die Sterblichen? Der Unbekannte . Ja. Jupiter . So laß hören, wenn ich bitten darf! Der Unbekannte . Ihnen das wirklich zu geben, was die Mystagogen zu Eleusis versprachen . Jupiter . Ich fürchte, das ist mehr, als du oder ich zu leisten vermochten. Der Unbekannte . Du hast es nie versucht, Jupiter. Jupiter . Wer spricht gern von seinen Verdiensten? Indessen kannst du leicht ermessen, daß ich zu der Ehre, die mir von so vielen großen und wohl policierten Völkern seit einigen Jahrtausenden erwiesen wird, nicht gekommen sein kann, ohne etwas um sie verdient zu haben. Der Unbekannte . Das mag schon lange sein! Wer zum Besten der Menschen nicht mehr tun mag, als er tun kann ohne aus seiner Ruhe heraus zu gehen , wird freilich nicht viel heilbringendes tun. Ich gestehe daß es mir saurer geworden ist. Jupiter . Du gefällst mir, junger Mann! In deinen Jahren ist diese liebenswürdige Schwärmerei, die sich selbst für andere aufopfert, ein wahres Verdienst. Wer könnte sich für die Menschen aufopfern, ohne sie zu lieben? und wer könnte sie lieben, ohne besser von ihnen zu denken als sie wert sind? Der Unbekannte . Ich denke weder zu gut noch zu schlecht von ihnen. Ihr Elend jammert mich; ich sehe daß ihnen zu helfen ist, und – es soll ihnen geholfen werden! Jupiter . Das ist es eben was ich sage. Du bist voll Muts und guten Willens; aber du bist noch jung; die Torheit des Erdenvolkes hat dich noch nicht mürbe gemacht: in meinen Jahren wirst du ein ander Lied singen! Der Unbekannte . Du sprichst wie ich es von dir erwarten konnte. Jupiter . Es kommt dir ärgerlich vor, mich so reden zu hören, nicht wahr? – Du hast einen großen und wohltätigen Plan zum Besten der Sterblichen entworfen; du brennest vor Verlangen ihn auszuführen, du lebst und webst in ihm; dein weit sehender Blick zeigt dir alle deine Vorteile; dein Mut verschlingt alle Schwierigkeiten; du hast deine Existenz daran gesetzt: wie solltest du nicht glauben damit zu Stande zu kommen? Aber – du hast es mit Menschen zu tun, mein Trauter! Nimm mirs nicht Übel, daß ich geradezu spreche wie ich denke; es ist ein Vorrecht des Alters und der Erfahrung. Du kommst mir vor wie ein Tragödiendichter, der ein treffliches Stück durch lauter krüppelhafte, zwergige, hinkende und bucklige Schauspieler aufführen wollte. Noch einmal, Freund, du bist der erste nicht, der es versucht etwas Großes mit Menschen auszuführen; aber ich sage dir, so lange sie sind was sie sind, kommt aus allen solchen Versuchen nichts heraus. Der Unbekannte . Eben darum müssen neue Menschen aus ihnen werden. Jupiter . Neue Menschen? – Lachend. Das läßt sich hören! Wenn du das kannst! – Doch, ich glaube dich zu verstehen. Du willst sie umbilden, ihnen eine neue bessere Gestalt geben – das Modell dazu ist da – du darfst sie nur nach dir selbst bilden. Aber damit ist die Sache noch nicht getan. Den Lehm zu deiner neuen Schöpfung hat dir die Natur gegeben, und den wirst du schon nehmen müssen wie er ist. Denke an mich, mein Lieber! du wirst dir alle mögliche Mühe mit deiner Töpferarbeit gegeben haben, und wenn sie aus dem Ofen kommt, wirst du deine Schande an ihr sehen. Der Unbekannte . Der Lehm (um bei deinem Gleichnisse zu bleiben) ist an sich selbst nicht so schlecht als du denkst; er kann gereinigt und so geschmeidig gemacht werden als ich ihn nötig habe, um neue und bessere Menschen daraus zu bilden. Jupiter . Das soll mich freuen! Hast du die Probe schon gemacht? Der Unbekannte . Allerdings. Jupiter . Ich meine – im Großen . Denn daß unter tausend Stücken Eins gelingen kann, macht die Sache noch nicht aus. Der Unbekannte nach einigem Stocken . Wenn die Probe im Großen noch nicht nach meinem Sinn ausgefallen ist, so weiß ich wenigstens, warum es nicht anders sein konnte. Es wird mit der Zeit schon besser gehen. Jupiter . Mit der Zeit ? – Nun ja! man hofft immer das beste von der Zeit! Wer wollte auch ohne diese Hoffnung etwas Großes unternehmen? Wir wollen sehen, wie die Zeit deinen Erwartungen zusagen wird. Für die nächsten tausend Jahre kann ich dir wenig Gutes versprechen. Der Unbekannte . Du hast, wie ich sehe, einen kleinen Maßstab, alter König von Kreta! Was sind tausend Jahre gegen den Zeitraum, den die Vollendung des großen Werkes erfordert, aus dem ganzen Menschengeschlecht eine einzige Familie guter und glücklicher Geschöpfe zu machen? Jupiter . Ah! da hast du recht! Wie manches Jahrtausend arbeiten die Hermetischen Weisen bereits an ihrem Steine , ohne ihn zu Stande gebracht zu haben! Und was ist das Werk der Weisen Meister gegen das deinige! Der Unbekannte . Du scherzest zur Unzeit. Das Werk, das ich unternommen habe, ist eben so möglich, als daß das Samenkorn einer Ceder zu einem großen Baum erwachse; nur daß die Ceder freilich ihre Vollkommenheit nicht so schnell erreicht als eine Pappelweide. Jupiter . Auch würde man dir gern zu Ausführung deines Werkes so viel Zeit lassen als du wolltest, wenn es nur darauf ankäme. Aber die gewissen und ungeheuern Übel, womit die Menschen so viele Jahrhunderte lang die Hoffnung eines ungewissen Gutes erkaufen sollen, geben der Sache eine andere Gestalt. Was muß man von einem Plane denken, der dem Menschengeschlechte wohltätig sein soll, und in der Ausführung so übel gerät, daß ein sehr großer Teil desselben, durch einen Zeitraum dessen Ende unabsehlich ist, ohne alle Vergleichung unglücklicher, und (was noch ärger ist) an Kopf und Herz schlechter gemacht wird als er jemals war? – Ich berufe mich auf den Augenschein; und doch ist alles, was wir seit der Ermordung des braven Enthusiasten Julian gesehen haben, nur ein kleines Vorspiel des unermeßlichen Unheils, das die neue Hierarchie über die armen Gimpel von Menschen bringen wird, die sich von jedem neuen Liedchen, das man ihnen vorpfeift, in die ungeahndete Schlinge locken lassen. Der Unbekannte . Alle diese Übel, über welche du im Namen der Menschheit wehklagst, – du, dem ihr Elend sonst so wenig zu Herzen ging! – sind weder Bedingungen noch Wirkungen des großen Plans, wovon die Rede ist: es sind die Hindernisse , die sich ihm von außen entgegen stellen, und womit das Licht nur allzu lange zu kämpfen haben wird, bis es die Finsternis gänzlich überwältigt hat. Ist es die Schuld des Weins, wenn er in einem schimmeligen Gefäße verdorben wird? – Da es nun einmal Natur der Sache ist, daß die Menschen nur durch unmerkliche Grade an Weisheit und Güte zunehmen können; da ihrer Verbesserung von innen und von außen so unendlich viele Feinde entgegen arbeiten; da die Schwierigkeiten sich mit jedem Siege vermehren, und selbst die zweckmäßigsten Mittel bloß dadurch, daß sie durch Menschenköpfe gehen, in Menschenhände gestellt werden müssen, wieder zu neuen Hindernissen werden: – wie kann es dich befremden, daß es nicht in meiner Macht steht, meinen Brüdern die Glückseligkeit, die ich ihnen zugedacht habe, um einen geringern Preis zu verschaffen? Wie gern hätte ich ihnen all ihr Elend auf einmal abgenommen! – Aber auch ich vermag nichts gegen die ewigen Gesetze der Notwendigkeit: genug, daß die Zeit endlich kommen wird – Jupiter ein wenig verdrießlich . Nun, so wollen wir sie denn kommen lassen, und die armen Tröpfe, mit denen du es so wohl meinst, mögen indessen sehen, wie sie sich behelfen! – Wie gesagt, meine Blicke reichen nicht weit genug, daß ich von einem so weitschichtigen und verwickelten Plane, wie der deinige, urteilen könnte. Das beste ist, daß wir unsterblich sind, und also Hoffnung haben, die Entwicklung endlich doch noch zu erleben, wie viele Platonische Jahre sie auch auf sich warten lassen mag. Der Unbekannte . Mein Plan, so groß er ist, ist im Grunde der einfachste von der Welt. Der Weg, auf welchem ich die allgemeine Glückseligkeit zu bewirken gewiß bin, ist eben derselbe, worauf ich jeden einzelnen Menschen zur Glückseligkeit führe; und was für seine Sicherheit bürget, ist – daß es keinen andern gibt . Übrigens endige ich damit, womit ich anfing: Es ist unmöglich nicht getäuscht zu werden, so lange man die Dinge stückweise und, wie sie im besondern erscheinen, betrachtet. Sie sind nichts wirklich , als was sie im Ganzen sind, und die Vollkommenheit , die alles zu Einem verbindet , wohin alles strebt , und worin endlich alles ruhen wird, ist der einzige Gesichtspunkt, woraus alle Dinge richtig gesehen werden. – Und hiermit gehabt euch wohl! Er verschwindet . Numa zu Jupiter . Was sagst du zu dieser Erscheinung, Jupiter? Jupiter . Frage mich in funfzehnhundert Jahren wieder. IX. Jupiter , halb sitzend halb liegend auf einem mit Rosen bestreuten Ruhebette, Juno , zu seinen Füßen sitzend. Jupiter . Und ist dies alles, liebe Juno, was du von mir zu begehren hast? Du hättest etwas unmögliches fordern können, ich würde Dir zu Gefallen versucht haben, ob es nicht möglich zu machen sei. Juno . Du bist sehr galant, Jupiter. – Ich werde dir nie etwas unbilliges zumuten. Jupiter . Die Könige und der Adel haben ja immer zu deinem Departement gehört, und es ist das wenigste, was du von meiner Zärtlichkeit erwarten kannst, daß ich dich in deinem eigenen Kreise ungehindert wirken lasse. Juno . Weiter gehen auch meine Wünsche nicht. Denn, da ich deine dermaligen Grundsätze kenne, so wär es wohl zu viel gefordert, wenn ich verlangen wollte, daß du dich selbst der Könige etwas lebhafter annehmen solltest. Jupiter . Wie ich merke, meinst du, ich neige mich zu stark auf die Volksseite ? Es mag etwas an der Sache sein; aber im Grunde geschieht es doch bloß darum, weil es eine meiner ersten Regierungsmaximen ist, immer zu denen zu treten, die am Ende Recht behalten. Die dermalige Zeit ist den Völkerhirten nicht günstig; die Reihe ist nun an den Völkern; und ich besorge sehr, meine Liebe, nur wenig für dich und deine Klienten zu tun, wenn ich dir schwöre, daß ich den Maßregeln, die du zu ihrem Vorteil nehmen wirst, keine Hindernisse in den Weg legen will. Juno . So weit ist es doch hoffentlich mit uns noch nicht gekommen, daß die Erdebewohner, um unabhängig von uns zu sein, sich nur einbilden dürften, wir hätten keine Gewalt mehr über sie! Jupiter . Wie gesagt, du kannst es versuchen, ich lasse dir freie Hände; ich sehe nur voraus, daß du, so wie die Sachen stehen, wenig Freude davon haben wirst. Juno . Ich wollte lieber daß du das nicht voraus sähest. Wenn ich argwöhnisch wäre – Jupiter . Das bist du immer ein wenig gewesen, Dame meines Herzens! aber diesmal würdest du mir unrecht tun. Es ist mein völliger Ernst, dir mein Versprechen zu halten, und die gebietenden Herren da unten – deinem mächtigen Schutz und – ihrem Schicksale zu überlassen. Juno . Ich gestehe dir, Jupiter, daß ich nicht recht begreife, wie der König der Götter und der Menschen bei der Sache der Könige so gleichgültig bleiben, und, ohne einen Finger zu rühren, zusehen kann, wie seine Subdelegierten unvermerkt in Theaterprinzen und Kartenkönige verwandelt werden. Jupiter . Dahin soll es doch so leicht nicht kommen, meine Beste. Juno . Dahin ist es zum Teil schon gekommen, und dahin wird es zuletzt überall kommen, wenn wir die Hände länger in den Schoß legen. Jupiter . Wir werden wahrlich aus einem Kartenkönige keinen Mann machen, wie Heinrich der Vierte in Frankreich oder Friedrich der Einzige war; und wer einen Kartenkönig aus sich machen läßt, verdient nichts bessers zu sein. Juno . Das ist eine bloße Ausflucht, Herr Gemahl. Du weißt sehr wohl, daß solche Könige, wie du da genannt hast, äußerst seltne Produkte der Natur und der Umstände sind, und daß es nur desto besser ist. Die Könige sind im Grunde doch nur unsere Stellvertreter ; und dazu sind die gewöhnlichen immer gut genug, wenn wir sie nur nicht fallen lassen. Jupiter . Das Kompliment, das du mir da zu machen geruhest, ist eben nicht sehr schmeichelhaft. Aber, basta! wir wollen uns darüber in keine Erörterung versteigen. Ich werde meine Stellvertreter, wie du sie nennest, nicht fallen lassen, so lange sie noch auf ihren eignen Beinen stehen können. Mein Amt ist niemand unterdrücken zu lassen, – wenn ich es verhindern kann. Nur, liebe Frau, laß uns der großen Wahrheit nicht vergessen: daß die Könige um der Völker, nicht die Völker um der Könige willen da sind. Juno . Das ist, mit deiner Erlaubnis, Herr Gemahl, ein alter Weidspruch, der, wie die meisten weisen Sprüche dieser Art, viel zu sagen scheint, und im Grunde sehr wenig sagt. Die Könige sind da, um die Völker zu regieren , und die Völker sollen sich von ihnen regieren lassen ; – das ist die Sache, und so verstand es schon der alte Homer , da er den klugen Ulysses zu dem unverständigen Pöbel des Griechischen Heeres sagen läßt: »Vielherrscherei taugt nichts! nur Einer sei Herrscher, nur Einer König!« – Und damit sich niemand einbilde, als ob der Zepter von der Willkür der Völker abhange, setzt er weislich hinzu: daß es Jupiter selbst sei, aus dessen Hand die Könige dieses Zeichen der höchsten Gewalt empfangen. Dies ist Wahrheit, und ich kenne keine größere! Jupiter . Ich bin dir und dem alten Homer sehr verbunden! Aber, wenn ich aufrichtig sprechen soll, was in jenen rohen Zeiten der ersten Jugend der Welt in gewissem Sinne für Wahrheit gelten konnte, ist es nicht mehr, so bald die Rede von einem Volke ist, das durch Erfahrung und Kultur endlich den Punkt erreicht hat, wo es seiner Vernunft mächtig und stark genug geworden ist, das Joch alter Vorurteile und Wahnbegriffe abzuschütteln. Völker haben freilich ihre Kindheit so gut wie einzelne Menschen; und so lange sie so unwissend, so schwach, und so unverständig wie Kinder sind, müssen sie auch wie Kinder behandelt, und durch blinden Gehorsam gegen eine Autorität, die ihnen keine Rechenschaft schuldig ist, regiert werden. Allein Völker bleiben so wenig als einzelne Menschen immer Kinder. Es ist ein Verbrechen gegen die Natur, sie durch Gewalt oder Betrug , oder (wie gewöhnlich) durch beides , in einer ewigen Kindheit erhalten zu wollen: aber es ist Unsinn und Verbrechen zugleich, sie noch immer als Kinder zu behandeln, wenn sie bereits zu Männern gereift sind. Juno . Ich gebe dir gern zu, Jupiter, daß ein hoher Grad von Kultur eine andere Art zu regieren erfordert, als diejenige, die einem noch ganz rohen Volke, oder einem, das noch in den ersten Epoken seiner Bildung steht, die angemessenste ist. Aber alle Weisen des Erdbodens werden es nie so weit bringen, daß zehn Millionen Menschen, die zusammen ein Volk ausmachen, zwei Millionen Epaminondasse und Epikteten an ihrer Spitze haben sollten; und so wird immer wahr bleiben, was Ulysses sagt: »Alle können wir nicht regieren, wir andern Achajer; Vielherrscherei taugt nichts! nur Einer sei Herrscher, nur Einer König!« – Jupiter . Zugegeben! Nur, daß jedem Volke, wenn es so weit gekommen ist seine Rechte zu verstehen , und seine Kräfte berechnen zu können , – wozu im Grunde der gemeinste Menschenverstand zureicht – unbenommen bleibe, selbst zu seiner politischen Wirtschaft zu sehen. Juno schüttelt den Kopf. – Ich meine, daß es denjenigen aus seinem Mittel, welchen es am meisten Einsicht und Rechtschaffenheit zutraut, auftragen dürfe, eine solche Einrichtung zu treffen, daß die willkürliche Macht des Einzigen, und der Wenigen, die sich seiner Gunst und seines Vertrauens zu bemächtigen wissen, verhindert werde böses zu tun, die Kräfte des Staats zu verschwenden, die Sitten zu verderben, Weisheit, Tugend, und die Freimütigkeit alles laut zu sagen was man für wahr hält, zu Verbrechen zu machen, kurz – Juno . O, da hast du vollkommen recht, Jupiter! Das sollen die Könige nicht dürfen! Sie müssen durch Religion und Gesetze eingeschränkt sein, das versteht sich! Sie müssen wissen, daß sie ihren Zepter bloß von Jupiter empfangen haben – Jupiter . Liebe Frau, berühre diese Saite nicht mehr, wenn ich bitten darf! Ich weiß am besten was an der Sache ist; aber wenn es auch so wäre, wie du sagst, so würde doch den Völkern schlecht damit geholfen sein, wenn die Könige niemand über sich hätten als mich. Ich müßte sie alle Augenblicke mit Blitz und Donner daran erinnern, oder sie würden gerade so regieren als ob kein Jupiter über ihnen wäre, und wenn sie mir auch alle Morgen in eigener Person und mit den größten Feierlichkeiten ganze Hekatomben opferten. Juno . Auch will ich ja nicht, daß die Religion das Einzige sein soll, was sie respektieren müssen – Jupiter etwas hitzig . Die schlechtesten Könige werden uns immer am meisten respektieren. Sie sind es eben, die den großen Ulyssischen Grundsatz, daß die Könige ihren Zepter von mir haben, zu einem der ersten Glaubensartikel erhoben haben, und die blinde Unterwerfung auf ihn gründen, die man dem Volke zur heiligsten aller Pflichten macht. Juno . Ich sage ja, daß sie nach Gesetzen regieren sollen, deren Endzweck das gemeine Beste ist! Jupiter . Das gemeine Beste! – Ein schönes Wort! – Und wer soll ihnen diese Gesetze geben? Juno . O, die hat ja Themis schon längst auf dem ganzen Erdboden publiziert! Wo ist ein Volk so barbarisch, daß ihm die allgemeinen Gesetze der Gerechtigkeit und Billigkeit unbekannt wären? Jupiter . Du stellst dich auch gar zu unschuldig, Kind! – Und wenn nun die Könige und ihre Werkzeuge, oder umgekehrt, die hochgebietenden Höflinge und Diener, und ihre gehorsamen Werkzeuge die Könige, der alten Themis und ihrer verwitterten Gesetze ungeachtet, dennoch bloß nach Willkür regieren, und – weil sie die Macht dazu haben und von niemand zur Rede gestellt werden dürfen – so viel böses tun oder geschehen lassen (was dem Volke gleich viel ist) als ihnen beliebt? wie dann? Juno . Das ist es eben was wir verhindern müssen, Jupiter! oder, wofür wären denn wir in der Welt? Jupiter . Wir? – Nun ja, freilich, mein Schatz, da hast du recht! Nur daß die Vernünftigen unter den Menschen die Sache von einer andern Seite ansehen. Wir Menschen, denken sie, sind doch am Ende die einzigen, die unter dem bisherigen Weltregimente gelitten haben; wir können uns selbst helfen; also wollen wir uns selbst helfen! Wer sich darauf verläßt, daß andere für ihn tun werden was er selbst tun kann, und woran niemanden mehr gelegen ist als ihm, der wird immer schlecht bedient werden. Juno . Wie du sprichst! Wenn dich die Menschen da unten so reden hörten – Jupiter . Wir sprechen ja unter uns, mein Kind! Wenn wir nicht klar sehen sollten! – Indessen hätte ich auch nichts dagegen, wenn alle Menschen wüßten, daß ich für meine Person es immer mit dem halte, der seine Schuldigkeit tut. Ich mag es ganz wohl leiden daß die Leute gescheider werden. Es war eine Zeit, da sie mir die unverdiente Ehre erwiesen, alles Unglück, das der Wetterstrahl unter ihnen anrichtete, auf meine Rechnung zu setzen, und weiß der liebe Himmel, was ich mir oft für Sottisen sagen lassen mußte, wenn der Blitz in meinen eigenen Tempel fuhr, oder über eine Menge Schurken weglief, um irgend einen Unschuldigen zu treffen. Nun, seit der wackere Nordamerikaner Franklin die Blitzableiter erfunden hat, und seitdem die Leute wissen, daß Metalle, hohe Bäume, Turmspitzen und dergleichen, natürliche Blitzleiter sind, werden meine Donnerkeile immer weniger gefürchtet, ohne daß es mir einfiele eifersüchtig darüber zu werden. Juno . Wir kommen unvermerkt ins Moralisieren , lieber Jupiter – Jupiter . Und die Moral , denkst du, hat mit der Politik nichts zu schaffen? Juno . Das nun eben nicht: ich denke nur, die Politik habe ihre eigene Moral, und was für die Untertanen Regel des Rechts ist, sei es nicht immer für die Monarchen. Jupiter . Ich weiß die Zeit wo ich auch so dachte; es ist eine sehr gemächliche und angenehme Art zu denken für Könige: aber, die Zeiten ändern sich, meine Liebe – Juno . Wenn nur wir fest bleiben, so hat es wohl keine Not. Jupiter . Höre, Juno! Du weißt, daß ich das Vorrecht habe, etwas weiter vorwärts zu sehen als ihr übrigen. Dein zuversichtlicher Ton bringt mich dazu, dir mehr zu entdecken als ich anfangs willens war. Juno . Und was für ein Geheimnis kann das sein, daß du so bedenklich dazu aussiehest? Jupiter . Alles ist dem ewigen Gesetze des Wechsels unterworfen, liebe Juno. Die Reihe ist nun an den Monarchien, und, etwas leise, die unsrige neigt sich zu ihrem Ende, so gut wie die übrigen. Der Schade wird nicht groß sein: es war doch nur Stückwerk . Juno . Du sprichst im Traume, Jupiter. Jupiter . Erst regierten Uranus und Gäa ; dann kam das Reich des Saturnus dieses machte dem meinigen Platz – und nun – Juno . Und nun? Du wirst doch dein Reich nicht der National-Versammlung zu Paris abtreten wollen? Jupiter äußerst kalt . Und nun – ist das Reich der Nemesis herbei gekommen! Juno . Das Reich der Nemesis? Jupiter . Das Reich der Nemesis! So sagt mir ein uraltes, von Göttern und Menschen lange vergessenes Orakel, das Themis von sich gab, als sie noch im Besitz des Delphischen Bodens war, und dessen ich mich in diesen Tagen wieder erinnerte. »Wenn«, sagt das Orakel, »nach einer langen Umwälzung von Jahrhunderten, ein Reich auf der Erde sein wird, worin die Tyrannei der Könige, der Übermut der Großen und die Unterdrückung des Volks mit der Kultur aller Fähigkeiten der Menschheit gleichen Schritt halten, und beide endlich ihrem höchsten Gipfel so nahe sein werden, daß in Einem Augenblick aller Unterdrückten Augen sich öffnen und alle Arme zur Rache sich aufheben: dann wird die unerbittliche, aber immer gerechte Nemesis , ihren diamantnen Zaum in der einen, ihr haarscharf messendes Maß in der andern Hand, auf den Thron des Olympus herab steigen, die Stolzen zu demütigen, die Unterdrückten zu erheben, und ein strenges Vergeltungsrecht an jedem Frevler zu vollziehen, der die Rechte der Menschheit mit Füßen trat, und im Taumel seines Übermutes keine andere Gesetze kennen wollte, als die ausschweifenden Forderungen seiner Leidenschaften und Launen. Zufrieden unter Ihr zu regieren, wird dann Jupiter selbst nichts weiter als der Vollzieher der Gesetze sein, welche sie den Völkern des Erdbodens geben wird; eine goldnere Zeit als die Saturnische wird sich dann über die unzählbaren Geschlechter besserer Menschen verbreiten, allgemeine Harmonie wird eine einzige Familie aus ihnen machen, und die Sterblichkeit allein wird der Unterschied zwischen dem Glücke der Bewohner der Erde und des Olympus sein.« Juno lachend . Das klingt ja herrlich, Jupiter! – Und du glaubst an diesen lieblichen Dichtertraum , und bist entschlossen, wie es scheint, mit den Händen im Schoße die Erfüllung desselben abzuwarten? Jupiter ernsthaft . Ich bin entschlossen, mich der einzigen Macht zu unterwerfen, die über mir ist; und wenn du guten Rat hören wolltest, so würdest du meinem Beispiele folgen, und ruhig kommen lassen was doch kommen wird, wenn wir auch alle zusammen uns so sehr vergessen könnten, es verhindern zu wollen. Juno . O gewiß werde ich kommen lassen, was ich nicht verhindern kann! Aber warum deswegen untätig bleiben? Warum uns der Macht die wir nun einmal haben, einem alten Orakel zuliebe, vor der Zeit begeben, und nicht lieber alle unsere Kräfte aufbieten, dem Dämon der Empörung, und der Wut zu regieren, die in die Völker gefahren sind, Einhalt zu tun? Ich beharre auf meinem alten Homerischen Orakel: » Vielherrscherei taugt nichts! « Die Völker sollen die Vorteile der Freiheit unter einer väterlichen Regierung genießen; nichts kann billiger sein: aber sie sollen sich nicht selber regieren, nicht das unentbehrliche Joch der Verhältnisse und Pflichten abwerfen, und eine Gleichheit einführen wollen, die nicht in der Natur des Menschen noch der Dinge ist, und die Betrognen nur in einem Augenblicke der Trunkenheit glücklich machen kann, um sie beim Erwachen ihr wirkliches Elend desto schrecklicher fühlen zu lassen. Jupiter . Sei unbesorgt, meine Beste! Nemesis und Themis werden alles, was jetzt noch zu viel oder zu wenig , zu rasch oder zu einseitig getan wird, ins rechte Maß zu setzen wissen. Juno . Noch bin ich nicht gesonnen, meinen Anteil an der Weltregierung einer andern abzutreten; ich fühle noch Mut in mir, meinem Amte selbst vorzustehen; und wenn du es immer mit denen hältst die ihre Schuldigkeit tun, so verspreche ich mir deinen Beifall. Wenigstens habe ich dein Wort, daß du mir nicht entgegen arbeiten wollest? Jupiter . Und ich schwöre dir beim diamantnen Zaum der Nemesis, daß ich es halten will, so lange du weise genug bleibst, dir selbst einen Zaum anzulegen. Tue was du für gut hältst, aber nötige mich nicht meine Schuldigkeit zu tun, meine Liebe! Juno , indem sie ihn umarmt . Laß dir den schönen Antinous deine große Schale mit Nektar füllen, Jupiter, und pflege der Ruhe! Du sollst mit mir zufrieden sein. X. Jupiter Olympius , Sankt Ludewig . Hernach Jupiter Horkius und Pluvius , zwei Subdelegierte des Olympischen Jupiters. Jupiter Olympius . Hättest du dir wohl, Freund Ludewig , zu deiner Zeit vorgestellt, daß deine Gallofranken sich nach fünfhundert Jahren so mächtig hervortun, aus dem frivolsten und leichtsinnigsten Volke in der Welt, wofür sie noch vor kurzem von ihren eigenen Sittenmalern erklärt wurden, auf einmal das vernünftigste werden, und dem ganzen Erdboden Beispiele geben würden, welche (wenn ich anders recht in den Hieroglyphen des Schicksals gelesen habe) unvermerkt eine neue und auf alle Fälle bessere Ordnung der Dinge da unten veranlassen werden? Sankt Ludewig . Ich muß gestehen – Jupiter Olympius . Hat man jemals von einem so schnellen Übergang von Knechtschaft zu Freiheit, einem raschern Sprung von der schmählichsten Herabwürdigung der Menschheit zum lebendigsten Bewußtsein ihrer ganzen Würde und zur glänzendsten Entfaltung ihrer edelsten Kräfte, gehört? Noch einmal, braver Ludewig, hättest du deiner Nation – gerade in dem Augenblicke, da sie bis zur Verachtung der verächtlichsten Völker Europens herab gesunken war, eine so erstaunliche Energie, und, was noch unerwarteter ist, eine so beispiellose Beharrlichkeit in einer Unternehmung, die vor kurzem noch den Klügsten unausführbar schien, zutrauen sollen? Sankt Ludewig . Der Kern meiner Nation war immer brav und bieder. Wie unausgebildet auch ihre Naturanlagen, wie roh ihre Begriffe, wie ungebändigt ihr Feuer zu meiner Zeit noch war, so hatte ich doch Gelegenheit genug, die Keime von allem was schön und groß ist in dem Charakter meiner wackern Franken zu entdecken. Seit kurzem haben sie meine Hoffnung von ihnen mehr als zu sehr gerechtfertigt. Ich weiß nicht, ob ihre natürliche Lebhaftigkeit und der Drang der Umstände sie nicht vielleicht ein paar gefährliche Sätze zu viel machen ließ; aber das glaube ich ohne Ruhmredigkeit sagen zu können: wären meine Nachfolger den Maximen und Gesinnungen treu geblieben, die mich in meiner Regierung (die fatalen Kreuzzüge abgerechnet) leiteten, so würde es mit dem sechzehnten Ludewig , und mit den übrigen Nachkommen meines sechsten Sohnes Robert , die jetzt eine so traurige Rolle spielen, so weit nicht gekommen sein. Jupiter Olympius . Hier ist meine Hand, Sankt Ludewig! Für einen Ritter aus jenem rohen Zeitalter, der schon in seinem eilften Jahre einen König vorstellen mußte, von Mönchen erzogen worden war, und Tag und Nacht seinen Rosenkranz murmelte, warst du ein wahres Wunder von einem weisen und guten Fürsten! Sankt Ludewig . Dies ist mehr als ich verdiene! Wenn ich auch einige Tugenden hatte, so kann ich mir doch, seitdem ich hier oben einen richtigern Maßstab von Recht und Unrecht bekommen habe, länger nicht verbergen, daß die wenigen ruhigen Jahre, worin Frankreich unter mir den Segen des Friedens und einer milden Regierung genoß, nicht den hundertsten Teil des Unheils vergüten konnten, welches ich – freilich in der besten Meinung von der Welt – durch meine zwei Ritterfahrten gegen die Ungläubigen über mein armes Volk brachte. Das Herz blutet mir, so oft ich daran denke. Jupiter Olympius . Ich würde an deinem Platze lieber gar nicht mehr daran denken. Was nicht mehr zu ändern ist, muß man zum besten kehren. Es war freilich eine große Torheit, Völkern, die einen andern Propheten hatten als du, den deinigen mit dem Degen in der Faust aufdringen zu wollen, der Eroberung irgend eines Grabes wegen (mein eigenes zu Kreta nicht ausgenommen) alles Gold und Silber deines Königreichs nach Italien und Ägypten zu tragen, und die Blüte deiner Ritter und Knechte aufzuopfern, um am Ende nichts als zerfetzte Glieder, leere Beutel, und den Palästinischen Aussatz nach Hause zu bringen. Indessen hattest du diese ritterliche Narrheit mit einer Menge großer und kleiner Potentaten deines Jahrhunderts gemein: aber deine Tugenden waren dein eigen; und was du zum Besten deines Volkes getan hast, muß dir billig doppelt angerechnet werden, da nur eine außerordentliche Rechtschaffenheit dich fähig machen konnte, in einer solchen Zeit unendliche Mal weiser zu regieren, als die drei Könige, die im Jahrhundert der höchsten Kultur und Aufklärung deinen Namen getragen, und dein Fest alle Jahre an der Spitze ihrer Ludewigsritter mit großen Zeremonien gefeiert haben. Sankt Ludewig . In der Tat muß es mir zum Troste gereichen, daß ich, aus bloßem Antrieb des gemeinen Menschenverstandes, die nämlichen Wege im Regieren einschlug, auf welchen jetzt die aufgehelltesten Köpfe Frankreichs die Wiederherstellung des Staats zu bewirken suchen. Meine angelegensten Sorgen hatten immer das Wohl des zahlreichsten, nützlichsten und unbilliger Weise am wenigsten geachteten Teils der Nation zum Gegenstande. Ich setzte den übermütigen Anmaßungen der Baronen, der Klerisei, und der Römischen Curie so enge Schranken, als es bei einer Verfassung, die ich nicht ändern konnte, nur immer möglich war. Ich öffnete den Gelehrten vom Bürger- und Bauernstande den Zutritt zu allen den Ämtern, die nur von den aufgeklärtesten Männern wohl verwaltet werden können, aber bisher ausschließlich von rohen Rittern und Edelknechten versehen wurden, deren die wenigsten ihren Namen zu schreiben wußten; und, um den willkürlichen Richtersprüchen meiner Baronen Ziel und Maß zu setzen, errichtete ich vier königliche Gerichtshöfe, wo einem jeden, der es verlangte, von gelehrten und erfahrnen Männern Recht gesprochen wurde. Ich vergaß nie, daß die königliche Würde nur ein Amt ist, für dessen Führung wir unserm Volke und der Nachwelt eben so verantwortlich sind als dem Himmel. Nie streckte ich meine Hand nach dem Eigentume meiner Untertanen aus: dafür aber wurden meine eigenen Domänen mit der größten Ökonomie verwaltet; und weil ich wenig auf meinen Hof, und auf meine eigene Person beinahe gar nichts verwandte, so sah ich mich immer im Stande, zu rechter Zeit freigebig zu sein, und sogar große Dinge ohne Belästigung meines Volkes unternehmen zu können. Kurz, wie gering auch das Gute, was ich tat, gegen das ist, was ich entweder nicht vermögend genug auszuführen, oder nicht weise genug zu unternehmen war: so finde ich doch nicht wenig Beruhigung in dem Gedanken, daß ich meinen Nachfolgern die ersten Grundzüge eines Regierungsplans hinterließ, durch dessen Ausführung Frankreich schon lange das geworden wäre, was es nun mit großer Gefahr und vielen Aufopferungen durch die Arbeit seiner neuen Gesetzgeber zu werden hofft , ohne daß meinem armen Sohne Ludewig dem Sechzehnten ein anderes Verdienst dabei übrig bleibt, als gern oder ungern – zu allem Ja zu nicken. Jupiter Horkius erscheint. Zu Jupiter Olymp . Großmächtigster Beherrscher des Olympus, eine Nation, auf welche die Augen der ganzen Welt geheftet sind, ist im Begriff eine Feierlichkeit zu begehen, dergleichen die Sonne, seitdem sie der Erde leuchtet, noch keine gesehen hat. Der Tag ist angebrochen, an welchem ihr König, mit den Stellvertretern der ganzen Nation, als Verwesern der gesetzgebenden Macht, und mit den Abgeordneten des stehenden Kriegsheeres sowohl, als der bewaffneten Bürger aller Municipalitäten des Reichs, sich vereinigen wird, am Altare der Freiheit und Eintracht der neuen Verfassung zu huldigen, die das Glück ihrer Nachkommenschaft auf ewig befestigen soll. Der gesellschaftliche Vertrag, ohne welchen ein Staat nicht wie ein lebendiger organischer Körper, sondern bloß wie ein mit Draht verbundenes Knochengerippe, zusammen hängt, – diese freiwillige Verbrüderung freier Menschen, um Ein Volk auszumachen, das, bei gleichen Menschen- und Bürgerrechten, sich verpflichtet, einerlei Gesetzen in gleichem Maße zu gehorchen, – Gesetzen, deren Gründe die allgemeine Vernunft mit unauslöschlichen Zügen in jede Menschenseele geschrieben hat, und welche den Genuß jener unverlierbaren Rechte allen Bürgern des Staats auf gleiche Weise versichern: dieser Vertrag, der bisher nur ein Traum der Weisen, und der fromme, aber eitle Wunsch der Freunde der Menschheit war, soll heute zum ersten Male von dem ersten und größten aller freien Völker der Welt im Angesicht des Himmels und der Erde beschworen werden. – Welch ein Tag! Welch ein Schauspiel für Götter und Menschen! Welch ein Beispiel für Zeitgenossen und Nachwelt! – Dieses in seiner Art einzige Fest, dieser große Triumph der über alte Vorurteile siegenden Vernunft, dieser glorreiche Vorläufer der wiederkehrenden Asträa und ihrer goldnen Zeit, verdient es, auch äußerlich der heiterste, fröhlichste und glückweissagendste aller Tage zu sein; und es ist deiner würdig, großer Olympius, die feierliche Stunde des schönsten Bundes, der jemals unter deinen Auspicien beschworen wurde, mit einem augenscheinlichen Zeichen deines Wohlgefallens zu begünstigen. Laß also, wenn es dir gefällt, den gemessensten Befehl an den Gott der Winde und besonders an deinen untergeordneten Jupiter Pluvius ergehen, daß sie von Stund an alle Stürme an Fesseln legen, alle Regenwolken vom Pariser Horizont entfernen, und nur so viel leicht schwebendes Gewölke um die Sonne her wehen sollen, als nötig sein mag, die unzählbare Volksmenge, die der große Circus der National-Verbrüderung einschließen wird, vor der allzu feurigen Glut des Helios zu schirmen, welcher stolz darauf ist, diese Feierlichkeit mit aller Pracht seiner reinsten Strahlen zu verherrlichen. Jupiter Olympius lachend . Ei, ei, mein lieber Horkius ! Was du in der Rednerschule , die du seit einiger Zeit besucht zu haben scheinst, schon für Fortschritte gemacht hast! – Übrigens ist dein Begehren nicht mehr als billig, und ich lobe den Eifer, womit du, als Vorsteher und Handhaber aller Eide der Sterblichen, an meiner Stelle, dein Amt bei dieser Gelegenheit verwaltest. – Merkur, hole sogleich den Jupiter Pluvius herbei! – Nun, König Ludewig, was denkst du von dem neuen Schauspiele, das uns deine Franken heute zum besten geben wollen? Sankt Ludewig . Es ist in der Tat so neu, so ganz über alles was wir gewohnt sind zu sehen, wenn wir unsre Blicke auf diesen traurigen Schauplatz der menschlichen Torheiten, und alles ihres selbst gemachten Elends, fallen lassen, – daß ich, selbst wenn ich es mit Augen sehe, kaum meinen eignen Sinnen werde glauben können. Jupiter Olympius . Dahin mußte es kommen, mein Freund, wenn der schöne Bau, an dessen Plane die Weisen unter den Sterblichen schon Jahrtausende im stillen arbeiten, auf einer dauernden Grundfeste ruhen sollte! Ich gestehe dir, daß mich die Menschen zu interessieren anfangen, seitdem ich, wenigstens auf einem Flecke des Erdbodens, die größere Zahl sich wie vernünftige Leute betragen sehe. Wenn sie so fortfahren sollten, werden sie es am Ende noch gar dahin bringen, daß ich sie lieb gewinne. Jupiter Pluvius erscheint . Jupiter Olympius . Nicht zu nahe, Pluvius! Pluvius . Was ist dein Befehl, großer Jupiter? Jupiter Olympius . Hat dir Merkur nicht schon gesagt, wovon die Rede ist? Pluvius . Er hat es; aber erlaube mir, dir im Namen der ganzen sublunarischen Natur vorzustellen, daß es mir, mit allem guten Willen das meinige zur Verherrlichung dieses vierzehnten Julius beizutragen, eine pure Unmöglichkeit ist, deine Wünsche zu erfüllen. Jupiter Olympius . Eine Unmöglichkeit? Wie so, Pluvius? Pluvius . Dir brauche ich es wohl nicht erst zu sagen, daß beim Departement des Luft- und Dunstkreises, bei welchem ich mit angestellt bin, eine so genaue Ordnung in Einnahme und Ausgabe eingeführt ist, daß kein einziger Regentropfen mehr oder weniger, früher oder später, auf diesen oder jenen Fleck des Erdbodens fallen könnte, ohne die Ökonomie des ganzen Erdplaneten in Unordnung zu bringen. Vermöge einer schon lange getroffenen und vorbereiteten Einrichtung, an welcher, ohne die nachteiligsten Folgen für einen großen Teil des Menschengeschlechtes und eine unzählige Menge von Tier- und Pflanzengeschlechtern, nicht das geringste geändert werden kann, muß ich heute beinahe den ganzen Tag so stark zu Paris regnen lassen, daß ich nicht sehe, wie die angesetzte Feierlichkeit nur mit einigem Anstande, geschweige mit Bequemlichkeit und Vergnügen, sollte vollzogen werden können. Horkius . Der Tag kann nicht mehr geändert werden! Also, mein guter Pluvius. Pluvius . Es ist mir leid; denn ich werde strömen lassen, daß ihr euch wundern sollt! Da kann nichts davon abgehen! Horkius . Alles ist nun einmal auf heute angeordnet, und zwischen der ganzen Nation auf die nämliche Stunde abgeredet. Es muß dabei bleiben, und wenn gleich das Marsfeld zur See werden sollte! Aber hängt denn am Ende nicht alles von deinem Willen ab, großmächtigster Olympius? Wenn du zu befehlen geruhen wolltest – Jupiter Olympius . Wo denkst du hin, Horkius? Ich sollte um deiner Feierlichkeit willen einen Befehl geben, worunter Millionen Geschöpfe unverschuldet leiden würden? Das hast du doch hoffentlich nicht in der National-Versammlung gelernt? Horkius . Um Verzeihung! Ich verlange dir keine Ungerechtigkeit zuzumuten; nur kann ich nicht begreifen, was die Welt im Ganzen darunter leiden sollte, wenn in diesem Augenblick ein tüchtiger Nordostwind käme, und die Wasserschläuche, aus welchen uns Pluvius so reichlich zu beträufeln willens ist, ins Atlantische Meer zurück jagte. Wenigstens kann doch so viel nicht daran gelegen sein, wenn er seine Operation um etliche Stunden aufschieben müßte. Pluvius . Das muß ich am besten wissen, wie viel daran gelegen ist! Nicht einen Augenblick! Jupiter Olympius . Du verstehst das nicht, mein guter Horkius. Wenn es so ist, wie er sagt, so kann ich dir nicht helfen. Horkius . Aber meine Feierlichkeit! Ein solcher Tag! Ein solches Fest! Ein Tag, wie noch keiner gewesen ist, seitdem die Erde sich um ihre Achse dreht! – Was mich am meisten ärgert ist nur, daß diese verruchten Aristokraten die boshafte Freude haben sollen, uns auszulachen! Jupiter Olympius . Die Natur kann darauf keine Rücksicht nehmen, mein Kind! Sie geht ihren eigenen Gang – Pluvius . Insofern du, großer Olympius, nicht etwa ein Wunder tun – Jupiter Olympius . Höre, Pluvius! laß mir dieses verwünschte Wort nicht noch einmal über den Zaun deiner Zähne springen, oder, bei dem großen diamantnen Spinnwirtel der Parzen! ich ergreife dich beim Schopfe, und hänge dich, mit einem Amboß an jedem Haare deines langen Zottelbartes, drei Tage und Nächte lang, zwischen Himmel und Erde auf! – Wofür seht ihr mich an, daß ihr mir durch solche alberne Reden noch zu schmeicheln glaubt? – Du sollst regnen lassen, weil es nun einmal geregnet sein muß, und kein Wort mehr über diesen Punkt! Jupiter zieht die Augbrauen zusammen, und Pluvius macht sich davon. Horkius , indem er sich entfernt . Wohlan denn! diesem griesgrämischen Wassermanne zu Trotz soll die Feierlichkeit dennoch vor sich gehen! Mögen doch meinethalben alle Wolken in der Welt zu Aristokraten werden, keine Gegenrevolution sollen sie wahrlich nicht zu Stande bringen! Sie können uns bis auf die Haut durchnässen, aber unsere Freude lassen wir uns nicht zu Wasser machen. Wir wollen doch sehen, wer zuletzt am meisten Ehre davon haben wird! Sankt Ludewig . Ich müßte meine Franken schlecht kennen, oder sie werden sich zu ihrem Ruhm aus der Sache ziehen. Jupiter Olympius . Es verlohnte sich, dächte ich, der Mühe, daß wir selbst herunter stiegen, und aus der durchsichtigsten der Wolken, welche Pluvius über Paris zusammen getrieben hat, dem Ausgang der Sache zusähen. Begleite mich, Freund Ludewig. Sankt Ludewig . Sehr gern. Jupiter Olympius zu Merkur . Ist dies nicht Numa Pompilius , der dort aus dem Lorbeerwäldchen hervor geht? Merkur . Er ist es. Jupiter Olympius . Er kommt eben recht. Der gute Mann war immer ein Liebhaber von Feierlichkeiten; er soll das Vergnügen haben einer beizuwohnen, wie er in seinem Leben noch keine gesehen hat. Geh, Merkur, und sag ihm daß er mit uns kommen soll. XI. Jupiter Olympius , Merkur , Numa Pompilius , Sankt Ludewig , Heinrich IV. Zuletzt noch der Schatten Ludewigs XIV. Die Szene ist in einer Wolke über dem Marsfelde zu Paris. Jupiter . Ventre-Saint-Gris! Ludewig, seh ich nicht dort den bravsten aller Gaskogner , den ersten Bourbon , auf welchen deine Krone erbte, und den würdigsten von allen deinen Enkeln? – Tritt näher, Heinrich ! Bist du auch neugierig, einem in Frankreich so unerhörten Feste, dem Triumphe der Bürgerfreiheit über monarchischen und aristokratischen Despotismus, zuzusehen? Heinrich IV. Ich bin, Dank sei dem Himmel, eh ich ein König wurde, lange genug wenig mehr als jeder andere Erdensohn, und weiß Gott! einer der geplagtesten gewesen, um noch so viel Menschengefühl übrig zu haben, daß ich mich darüber freuen kann, wenn mein gutes Volk glücklich ist, sollt es auch auf Unkosten meines Hauses sein. Jupiter . Wären deine Nachfolger, als Menschen, deines gleichen gewesen, Heinrich Bourbon , so hätte der sechzehnte Ludewig diesen Tag nicht erleben müssen, den er vermutlich nicht mit roter Dinte in seinem Kalender anzeichnen wird. – Komm und setze dich zu uns! Aus dieser Wolke wirst du alles sehr bequem sehen können. Sankt Ludewig herab schauend . Das muß ich gestehen, ein herrlicher Schauplatz für eine solche Feierlichkeit! – Was sich meine gute Stadt Paris seit meiner Zeit verändert hat! Merkur . Und was für eine Meinung wirst du von den heutigen Parisern bekommen, wenn du hörest, daß dieser ungeheure Halbzirkel von amphitheatralischen Sitzen das freiwillige Werk von mehr als hunderttausend Bürgern von Paris, beiderlei Geschlechtes, war, die mit einem Enthusiasmus, den auch das ungünstigste Wetter nicht erkälten konnte, mehrere Tage lang vom Morgen bis zur Abenddämmerung arbeiteten, als sie sahen, daß die bezahlten Tagelöhner bis zum vierzehnten Julius nicht fertig werden könnten. Numa zu Sankt Ludewig . Laß diese Schwärmerei zur herrschenden Leidenschaft des Volkes werden, so ist es von diesem Augenblick an das erste in der Welt. Heinrich IV. Der Enthusiasmus, den die neu erworbene Freiheit einem lange unterdrückten, aber von Natur lebhaften und feurigen Volke einhaucht, wirkt wie die erste Liebe : der Liebhaber glaubt in gewissen Augenblicken mehr als ein Mensch zu sein, weil die Geliebte ihm eine Gottheit ist. Er wird das Unmögliche unternehmen, wenn der Besitz oder die Erhaltung der geliebten Person auf dem Spiele steht: aber er müßte wirklich ein Gott sein, wenn ihm eine so hohe Spannung natürlich genug werden könnte, um lange zu dauern. Merkur . Welch ein unzählbares Volk sich von allen Seiten dem Marsfelde zudrängt! Welche Ströme von Menschen! Numa . Und welche Regengüsse! Jupiter . In der Tat, Pluvius hält sein Wort über meine Erwartung. Merkur . Und doch siehst du diese wackern Bürgersoldaten, mitten unter dem kräftigsten Platzregen, jauchzend und singend um den Altar der Freiheit tanzen! Numa . Schade um ein so herrliches Fest! Es wäre doch eines freundlichem Wetters wert gewesen. Sankt Ludewig . Und mir ist es lieb, daß meine braven Franken diese Gelegenheit bekommen haben, zu zeigen, daß es nicht in der Macht der Elemente steht, ein Feuer wie das ihrige nur zu dämpfen, geschweige auszulöschen. Sagte ich nicht voraus, daß es so gehen würde? In welcher schönen Ordnung der ganze unendliche Zug der Repräsentanten der Nation und ihrer Beschützer, von der ganzen Bürgerschaft dieser unermeßlichen Hauptstadt begleitet, mit ihren Fahnen und Panieren, trotz dem abscheulichen Wetter, daher zieht! Welcher Triumph in ihren Augen funkelt! Die Ströme von oben, der aufgelöste Boden von unten, die triefenden Schirme und Kleider, die Ungemächlichkeiten aller Art, die betrogene Hoffnung eines glänzenden Tages, die tückische Schadenfreude der Gegenpartei, nichts, was ein jedes andere Volk in böse Laune gesetzt hätte, kann ihrem guten Mut etwas anhaben, nichts kann ihnen die Freude dieses Tages verkümmern! Jupiter . Geradeweg von der Sache zu sprechen, wären sie der Freiheit nicht wert, die ihnen heute auf ewig angetraut wird, wenn eine zerstörte Frisur und ein Nößel Wasser in den Schuhen sie an einem Feste wie dieses mißmütig machte. Was könnten sie einer so reizenden Liebschaft zu Gefallen weniger leiden? Heinrich würde, um seiner schönen Gabriele einen verstohlnen Besuch zu machen, ein zehnmal schlimmeres Wetter in der finstersten und frostigsten Winternacht für nichts geachtet haben – nicht wahr? Heinrich IV. Wer kennt die Allmacht der Liebe besser als Jupiter? Merkur . Mich deucht, der König läßt ein wenig lange auf sich warten. Jupiter . Nu, nu! das wollen wir ihm nicht verdenken. Das Vergnügen, sich von ein paar hunderttausend Menschen, wovon der geringste sich in diesem Augenblick ein kleiner König dünkt, hoch leben zu lassen, mag wohl nicht so groß in seinen Augen sein, daß er eilen sollte, sich hier den Schnupfen und ein Zahngeschwür zu holen. Sankt Ludewig . Wer so billig ist zu bedenken, daß vor zwei Jahren noch eine unterirdische Gruft in der Bastille darauf stand, wenn sich jemand unterfangen hätte, den großen Grundsatz der Monarchie, »daß der König die einzige Quelle der Gesetze sei und von der Ausübung seiner Macht nur Gott allein Rechenschaft zu geben habe«, anzufechten; und daß Ludewig der Sechzehnte bis in die Mitte des Jahres 1789 nie eine andere Sprache als diese gehört , bei jedem Vive le Roi! das seit seinem Regierungsantritt seine Ohren erschütterte, nie etwas andres gedacht hatte, als daß sein Volk ihm dadurch eine unbedingte Bereitwilligkeit, alles für ihn zu tun und alles von ihm zu leiden , angelobe: der wird es ihm wahrlich zugut halten, wenn er eben nicht mit schnellen Schritten herbei eilt, der Nation, die vor kurzem noch Nichts war, eidlich zuzuschwören, daß er sie für die einzige Quelle aller Macht im Staate, sich selbst hingegen bloß für den ersten Bürgermeister des Reichs erkenne, schuldig, so gut wie der geringste Dorfschulze, den Gesetzen der Volksrepräsentanten untertan zu sein, und keinen andern Willen zu haben als den ihrigen. Der Sprung von dem was er war , und wofür er von der ganzen Welt anerkannt wurde, zu dem was er jetzt vorstellt , ist gar zu groß! Es ist ein wahrer Salto mortale , den man unmöglich tun kann, ohne davon betäubt zu werden. Was ich an ihm bewundre, ist, daß er sich bei allen so wenig erwarteten Ereignissen dieser Zeit noch immer mit so guter Art benommen hat. Heinrich IV. Er ist ein Bourbon , lieber Vater! Bonhomie ist von jeher unser stärkster Familienzug gewesen. Merkur . Und diese Bonhomie , Heinrich, mit deinem Geiste, deiner Klugheit, deinem Mute und altritterlichem Biederherzen verbunden, würde ihn, in der gegenwärtigen Krise, zum Retter seines Volkes, zur Seele aller öffentlichen Verhandlungen, zum Abgott aller Herzen, zum Stifter einer neuen, eben so dauerhaften als glücklichen Monarchie gemacht haben. Wie gering waren im Grunde seine Schwierigkeiten gegen die deinigen! Wie schwach war in ihrem ersten Anfange die Kabale herrschsüchtiger Demagogen, mit welcher er zu kämpfen hatte, wenn er zu kämpfen gewußt hätte , gegen die furchtbare Ligue , über welche dich bloß deine eigene Klugheit und Standhaftigkeit endlich triumphieren machte! Jupiter . Daß du doch so gern radotieren magst, Merkur! Würde er denn in Ludewigs Lage und Umständen eben derselbe Mann gewesen sein, der er als Heinrich IV. war? Heinrich IV. Ich bin nie ein großer Räsonierer gewesen; aber mich deucht, ein jeder ist, was er unter seinen Umständen sein kann. Ein Fürstenkind ist am Ende ein Menschenkind wie ein anderes; und man kann eben so wenig von ihm fordern, daß ein Minos oder Numa , ein Cäsar oder Trajan aus ihm werde, wenn es ihm nicht gegeben ist, als man ihm zumuten kann, der erste Tänzer oder der beste Schwimmer unter seinem Volke zu werden. Laßt uns billig urteilen! Die Schwierigkeiten, die zuletzt alle auf einmal über Ludewig XVI. herstürzten, waren für ihn unendlich größer als die meinigen für mich ; und er hatte keinen d'Aubigné , keinen Du Plessis-Mornay , keinen Sully zur Seite, wie ich! Hätte er solche Freunde gehabt, wer weiß, ob er sie nicht vielleicht noch besser zu gebrauchen gewußt hätte als ich? Jupiter . Deine Hand, guter Heinrich! Das ist ein Wort, das deinem Herzen Ehre macht, wenn du es auch mit deinem Vielleicht nicht erraten haben solltest! – Aber was bedeutet das Getümmel, das auf einmal das ganze Marsfeld in Bewegung setzt? Merkur . Endlich erscheint die Hauptperson des Festes. Sankt Ludewig . Mein armer Sohn! Wie blaß er ist! Wie wenig er sich noch an diese neue Gestalt der Dinge gewöhnen kann! Jupiter . Ungeachtet dieses schmetternden Vive le Roi! dessen Donner die Wolken aus einander sprengt, glaubt er gewiß nichts weniger als unter seinen Kindern zu sein, wie oft es ihm auch schon von den Deputierten seiner guten Stadt Paris vorgesagt worden ist. – Gutherziger Ludewig! Wenn du dir das wirklich einbilden könntest, wer wäre glücklicher als du! Merkur . Aber im Ernste, was kann ein Mann mehr verlangen, als unter fünfundzwanzig Millionen Menschen der Erste zu sein, und fünfundzwanzig Millionen bare Livres Besoldung zu haben, ohne daß man ihm was andres dafür zumutet, als daß er sich die zärtlichsten Sachen von der Welt vordeklamieren lasse, und zu allem, was man ihm vorträgt, Ja sage? Sankt Ludewig . Ich gestehe, daß ich mich bei diesen Vorteilen nicht sehr wohl befinden würde. Heinrich IV. Überdies ist noch sehr die Frage, wie gut das ganze Reich sich dabei befinden werde, daß man die königliche Autorität unter zwölfhundert alte und neue Edelleute, Pfarrer, Advokaten, Ärzte, Kaufleute, Pachter und Bauern verteilt hat, die (wenn ich anders die Menschen kenne) eben so leicht das Faß der Danaiden füllen, als die allgemeine Ruhe und Ordnung durch Dekrete wieder herstellen werden, die nur so viel gelten, als das Volk sie gelten lassen will. Jupiter . Du setzest, wie ich sehe, kein großes Vertrauen in die Konstitution , die in diesem Augenblicke beschworen wird, und in die aus ihr entspringende neue Ordnung der Dinge , von welcher die Französischen Redner der Nation so viel versprechen? Heinrich IV. Ich bin mit ganzem Herzen für eine freie Konstitution , und für so viel Gleichheit unter allen Staatsbürgern, als mit der Natur einer sehr großen bürgerlichen Gesellschaft und mit dem letzten Zweck eines jeden Staats bestehen kann. Ich betrachte verschiedenes, was die Repräsentanten der Nation bisher getan haben, als die Grundlage einer guten Verfassung, die noch zu machen ist . Aber manches, deucht mich, war Übereilung einer einseitigen Vorstellungsart; manches das Werk des Parteigeistes und unedler Leidenschaften; manches auch wohl das Werk einer Kabale, die ihre geheimen Anschläge noch durchzusetzen hofft, indem sie die Unwirksamkeit der Gesetze zu verlängern, die National-Versammlung dem Volke verächtlich zu machen, und die Erbitterung der Parteien aufs höchste zu treiben sucht. Ich begreife nicht, wie jemand es mit dem Vaterland ernstlich wohl meinen, und doch verblendet genug sein könnte, nicht zu sehen, daß man zu weit gegangen ist . Jupiter . Bedenke, was bei einer solchen Revolution dem Drang der Umstände, der Verschiedenheit der Vorstellungsarten, und dem ewigen Streite, worin Privatvorteile und gemeines Bestes mit einander verwickelt sind, zugerechnet werden muß! Bedenke, daß auch die redlichsten und weisesten Menschen nur Menschen sind! Man wollte anfangs nur so weit gehen als die Not erforderte, und wurde durch die unaufhaltbaren Wogen der Zufälle weiter fortgerissen. Ohne eine Revolution konnte dem Staate nicht geholfen werden; eine Revolution aber war nur durch überwiegende Gewalt möglich. Wenn ein Staat nur noch durch die Fesseln, die man seinen Bürgern angelegt hat, zusammen hängt: so wird er freilich aufgelöst, so bald diese Fesseln zerbrochen werden. Ist es mit einer Regierung so weit gekommen, daß sie sich nur noch durch Mißbräuche erhält, und alle ihre Stärke nur von ihnen zieht: so muß notwendig auf die Abstellung dieser Mißbräuche ein Augenblick von Stockung erfolgen; und das kann, nach Beschaffenheit der Menschen und der Umstände, ein sehr langer Augenblick sein. Aber wenn ein so aufgeklärtes, so edler Gesinnungen, so warmer Menschengefühle fähiges Volk, wie das Französische, nur einmal den großen Punkt gewonnen hat, frei zu sein: so verlaßt euch darauf, es wird die Kräfte, die es nun ungehindert gebrauchen darf, endlich zu seinem wirklichen Besten gebrauchen lernen. Alles will gelernt sein, sogar das Leben. Recht zu leben wissen, ist eine schwere Kunst; die Menschen recht zu regieren wissen, die schwerste unter allen. Ich selbst (unter uns gesagt) habe das beste, was ich davon weiß, erst durch Fehlermachen gelernt; und ich zweifle sehr, daß es den Westfranken anders gehen werde. Numa . Eine Gesetzgebung für ein frei gewordnes Volk, das durch lange Kultur so weit von der ursprünglichen Einfalt der Natur entfernt worden ist, daß Vorurteile nichts mehr über seinen Kopf, religiöse Gefühle wenig oder nichts mehr auf sein Gemüt vermögen, ist eine schwere Aufgabe , deren Auflösung jetzt zum ersten Male versucht wird. Der Gesetzgeber ermangelt dabei aller der Vorteile, die ich von der Roheit der Romuliden , und von der treuherzigen Einfalt meiner Sabiner zog. Die Überzeugung, welche seine Gesetze mit sich führen müssen, – »daß ein jeder sein möglichstes Privatinteresse nicht anders, als mit den Aufopferungen, die das allgemeine von ihm fordert, erzielen könne«, – diese Überzeugung muß Alles tun. Aber um auf sie rechnen zu können, müßte man nicht nur gewiß sein, daß sie allgemein und vollkommen sei, sondern auch, daß die Bürger sich immer in demjenigen Zustande befinden werden, worin die Vernunft über alle Leidenschaften und sinnlichen Reize das Übergewicht hat; eine Voraussetzung, die in der Anwendung sehr unrichtige Resultate geben wird. Zwar hört es sich einem Redner sehr angenehm zu, der – von der göttlichen Schönheit der Tugend, und von der heroischen Größe des Mannes, der kein Opfer für sein Vaterland zu kostbar findet, bloß für andere lebt und immer für andre zu sterben bereit ist – mit Gefühl und Begeisterung spricht: aber kein verständiger Gesetzgeber wird die Verfassung eines Staats auf sein Vertrauen in die Weisheit und Tugend seiner Bürger gründen. Jupiter . Wie würdest du es also anfangen, Numa, wenn du auf die Erde zurückkehren müßtest, um den Westfranken Gesetze zu geben? Numa . Ich würde mir den Auftrag, wo möglich, verbitten , Jupiter; wofern dies aber nicht anginge, mich nicht verbunden halten, das Urbild der vollkommensten Gesetzgebung für sie vom Himmel zu stehlen, sondern genug getan zu haben glauben, wenn ich ihnen (wie Solon den Athenern ) die besten Gesetze gäbe, deren sie gegenwärtig fähig wären . Jupiter . Du würdest also, wie es scheint, einen ganz andern Weg einschlagen, als die Philosophen und Physiokraten, die jetzt im Besitze des Gesetzgebens in Frankreich sind? Numa . Ich würde mich wenigstens hüten, kein eingeführtes Gesetz eher abzuschaffen, bis ich gewiß wäre, daß ich es auch nicht einen einzigen Tag länger nötig haben könnte. Ich würde mich hüten, den rohesten Teil des Volks (der doch immer die meisten und derbsten Fäuste hat) von alten Pflichten zu entbinden, eh ich mich hinlänglich versichert hätte, daß sie sich den neuen , die ich ihnen dafür auflegte, willig und unverzüglich unterwerfen würden. Ich würde, wenn ich notwendig voraus sehen müßte, daß meine Gesetzgebung einer ansehnlichen und mächtigen Partei nicht angenehm sein könne, mich sehr hüten, diese Partei noch absichtlich ohne alle Not zu erbittern ; sondern sie vielmehr auf alle nur ersinnliche Weise zu gewinnen , und für die Aufopferungen, die sie dem Staate machen müßte, zu entschädigen suchen. Ich würde nicht Alles auf einmal tun wollen, sondern eine Verbesserung nach und nach die andere herbei führen lassen; und während ich mich bloß mit den unaufschieblichsten beschäftigte, zufrieden sein, zu den andern, die ich der Zeit und der künftigen Erfahrung überließe; den Grund gelegt, oder den Weg gebahnt zu haben. Und hauptsächlich würde ich mir selbst zum unverbrüchlichen Gesetze machen, keine Gesetze – in der Trunkenheit zu geben. Merkur . Der ehrwürdige Numa scheint mir da, mit der unschuldigsten Miene von der Welt, eine scharfe Satire auf meine Freunde hier unten gemacht zu haben. Numa . Eine Satire? Hab ich nicht schon gestanden, daß ich das Werk, dem sie sich unterzogen haben, für das schwerste halte, dessen Götter oder Menschen sich unterfangen können? Kann man ohne Unbilligkeit fordern, daß ihr erster Versuch fehlerlos sein soll? Merkur . Diejenigen, denen dieser Versuch Ansehen, Vermögen, oder gar den Kopf kostet, sind freilich geneigt zu glauben, daß sie die Fehler, die dabei begangen werden, etwas teuer bezahlen müssen. Numa . Dafür sind es auch nicht immer die Weisesten , welche die Mehrheit der Stimmen machen. Und kann ihnen dies zum Vorwurf gereichen? Hat es jemals eine freie Nation gegeben, die sich dieses Vorteils rühmen konnte? Jupiter . Nicht daß ich wüßte! Wir wollen also, weil doch unter dem Mond und über dem Mond nichts ganz vollkommen ist, von den wackern Männern da unten keine Wunder erwarten, und uns übrigens freuen, daß alles (trotz dem Regenwetter und dem bösen Willen der Aristokraten) so ruhig und fröhlich abgelaufen ist. Die Konstitution wäre also beschworen, und es käme nun bloß noch darauf an, ein ehrliches Mittelchen ausfündig zu machen, wie fünf- oder sechstausend Millionen Livres Schulden bezahlt, die ungeheuern Verbindlichkeiten, womit die neuen Gesetzgeber die Nation bereits belastet haben, erfüllt, und überdies noch die Einkünfte, die der Staat zu seinen ordentlichen und zufälligen Ausgaben nötig hat, aufgebracht werden können, ohne dem Volke mehr aufzulegen als es zu tragen Lust hat ? – Was meinst du, Heinrich? sollte nicht die Auflösung eines solchen Problems deinem Sully , eben so gut als dem ehrlichen Necker , schlaflose Nächte gemacht haben? Merkur . Ich fürchte, die armen Westfranken werden sich um einen Finanzminister umsehen müssen, der, wie König Midas , die Gabe habe, alles was er anrührt in Gold zu verwandeln. Heinrich IV. Ohne die unerschöpflichen Hülfsquellen, womit die Natur das Land und die Einwohner begabt hat, würde ihnen auch ein solcher Goldmacher wenig helfen; mit jenen hingegen werden sich fünfundzwanzig Millionen Menschen auch ohne diesen aus der Verlegenheit zu ziehen wissen! Zumal da noch eine sehr ergiebige Quelle übrig ist, an welche noch niemand gedacht zu haben scheint. Merkur . Oder vielleicht nicht denken wollte ? Denn ich glaube sie zu erraten. Heinrich IV. Man hat die Klerisei aus ihren Gütern heraus geworfen, und auf sehr mäßige Besoldungen gesetzt; man hat den Adelstand nicht nur zu großen Aufopferungen genötiget, sondern sogar aller mit dem Blute seiner Vorfahren erkauften Vorzüge beraubt; – und die Kapitalisten , die in den letzten funfzig Jahren unermeßliche Reichtümer auf Unkosten der Nation zusammen spekuliert haben, sollten allein ruhige Zuschauer der Not des Vaterlandes abgeben dürfen, und für seine Rettung nichts aufopfern müssen? Dann wäre das, was man dem Adel und der Priesterschaft genommen hat, nicht Opfer , sondern Raub ! Einer so groben Versündigung gegen die festgestellte Gleichheit der Rechte und Pflichten können sich die Gesetzgeber nicht schuldig machen; oder wenn sie dessen fähig wären, wie könnte die Nation dazu stille schweigen? Laßt die reichen Gläubiger des Staats – nach Abzug dessen, was sie mit ihren auf das bloße Unentbehrliche eingeschränkten Mitbürgern auf gleichen Fuß setzt – nur die Hälfte ihrer Forderung nachlassen ; so ist Frankreich gerettet, und ich kann noch hoffen, die Zeit zu sehen, da ein jeder Bauer des Sonntags sein Huhn in seinem Topfe haben wird! Jupiter . Diese Zeit mag wohl, seit euere Bauern keine Abgaben mehr bezahlen, schon gekommen sein; die Frage ist nur, wie lange sie dauern wird , und wie indessen den armen Bürgern, die kein Landeigentum haben, zu helfen sei. – Merkur! siehe doch wer der Schatten ist, der sich vorhin, als der König schwor, plötzlich mit Unwillen wegwandte, und in diesem Augenblick auf dem Platze Vendome neben Ludewigs XIV. Bildsäule steht, und mit ohnmächtigem Fuße die Erde stampft. – An seiner Gestalt, und an dem Ehrfurcht gebietenden Anstand eines tragischen Tyrannen , der ihm zur Natur geworden zu sein scheint, sollte man ihn für Ludewig XIV. selbst halten. Merkur . Er ist es auch. Jupiter . Geh und bring ihn hierher! Sankt Ludewig . Für einen König, der sich so gern mit der Sonne vergleichen ließ, sieht er ziemlich finster aus. Jupiter . Er hinterließ seinen Nachfolgern große Beispiele – zur Nacheiferung und zur Warnung . Wenn sie nicht weiser dadurch geworden sind, so ist es wenigstens nicht seine Schuld . Ludewig XIV. indem er langsam herbei schwebt, vor sich . Daß ich mich selbst überleben mußte, um das königliche Ansehen, das durch mich den Zenit seiner Höhe erreicht hatte, so tief in den Staub gedrückt zu sehen! Jupiter lächelnd . Darf man fragen, majestätischer Schatten, warum du vorhin so unmutig auf die Erde stampftest, als du deine Augen auf das Fußgestell deiner Bildsäule fallen ließest? Ludewig XIV. Wenn du Der bist, der du zu sein scheinst, wie konntest du einen gelaßnen Zuschauer bei einem Schauspiel abgeben, das alle Könige zur Rache auffordert? Aber vermutlich hat sich der Dämon der Demokratie auch des Olymps bemächtiget, und auch Jupiter ist dahin gebracht, zu allem, was seine Untertanen wollen, Ja zu sagen. Jupiter . Du bist nicht bei guter Laune, König Ludewig, sonst würde mir ein so höflicher Mann, als du immer gewesen bist, die Antwort nicht schuldig geblieben sein. Ludewig XIV. Wie? Ich sollte mir noch bewußt sein wer ich war, und sollte den Französischen Namen, vor welchem ich den ganzen Erdboden zittern lehrte, in einem einzigen Jahrhundert so tief herab gewürdiget sehen, ohne vor Scham und Unwillen zu glühen? – Was fehlte dieser einst so glorreichen Nation, nachdem sie alles Ansehen von außen, alle Würde von innen verloren hat, und durch Aufhebung des Unterschiedes der Stände den Kaffern und Kaliforniern gleich gemacht worden ist, was fehlte ihr noch, um sie bis zu ihrem ersten vierbeinigen Stande zu erniedrigen, um ihre völlige Rückkehr in die Wälder zu beschleunigen, als daß die Barbaren ihre frevelhaften Hände auch nach den Meisterstücken der Kunst ausstreckten, und, durch Wegschaffung der vier gefesselten Figuren zu den Füßen meiner Bildsäule, das prächtigste Denkmal meiner Siege zu verstümmeln sich erfrechten? Jupiter . Gib dich zufrieden, König Ludewig! Sie sind immer noch sehr artig gewesen, daß sie wenigstens deine eigene stehen ließen. Was den Frevel betrifft, den sie an den verhaßten Bildern der Sklaverei, die zu deinen Füßen lagen, begangen haben, und den du für ein Zeichen von so böser Vorbedeutung ansiehst: so kann ich dir zum Troste melden, daß sie dafür das Marsfeld in einen Circus verwandeln werden, der den herrlichsten Werken, wodurch die alten Cäsarn ihres Namens Gedächtnis stifteten, an Größe und Pracht der Ausführung den Vorzug streitig machen wird. – Zu den übrigen. Es ist nun Zeit zurückzukehren, meine Kinder. Du, Heinrich , begleitest uns. Deine Tugenden und Verdienste hätten dir schon lange einen Platz im Olymp verschaffen sollen. Von dem neuen Rom konnte sich freilich der Liebhaber der schönen Gabriele keine Apotheose versprechen: aber das soll dich nicht hindern mein Tafelgenoß zu sein, und bei uns unter deines gleichen zu leben! Denn du wirst da noch mehrere finden, von welchen gleich dieser ehrwürdige Sabiner einer ist, er deutet auf Numa , die ihren Platz unter den Göttern nicht dem wenig zuverlässigen Urteile der Menschen, sondern bloß dem unsrigen und sich selbst zu danken haben. Wer sollte ein Gott zu sein verdienen, wenn es nicht diejenigen verdienten, die den Menschen am meisten Gutes getan haben? – Gehab dich wohl, wenn du kannst, Ludewig der Große ! Ihr übrigen folget mir. XII. Jupiter , Juno , Minerva . Juno zu Minerven . Ich glaube gar, er ist über meiner schönen Rede eingeschlafen. – Jupiter! Jupiter . Fahre immer fort, Juno, da du einmal in Atem bist! Ich höre dich gerne deklamieren, und es wäre nicht das erste Mal, wenn ich beim sonoren Klang deiner Stimme eingeschlummert wäre. Juno . Sehr verbindlich, Herr Gemahl! Aber sage mir nur wie dir es möglich ist, bei Dingen von solcher Wichtigkeit so gefühllos zu bleiben? Jupiter . Nil admirari , liebe Frau! – Wie kannst du erwarten, daß einer, der dem Lauf der Welt schon so manches Jahrtausend aus einem so hohen Standpunkte zusieht, sich durch etwas, das bei diesen Liliputern da unten vorgehen kann, aus der Fassung bringen lasse? Juno . Aber du wirst doch selbst gestehen, daß in allen diesen Jahrtausenden nichts geschehen ist, was mit dem ungeheuern Unsinn, wovon ich sprach, zu vergleichen wäre? Jupiter . Du mußt wissen, Dame Juno, daß ich, seitdem mich das berühmte Dekret des großen Theodosius zur Ruhe gesetzt hat, vor lauter langer Weile – ein Philosoph geworden bin. Juno lachend . Wirklich? So darf michs freilich nicht wundern, daß du den Sankülotten so günstig bist. Jupiter . Und daher käm es also, daß Du gegen die Philosophen so erbittert bist? – Mit einem kleinen Unterschied mag wohl etwas an der Sache sein, meine Königin; aber freilich auf die kleinen Unterschiede pflegt ihr nicht viel Rücksicht zu nehmen; und ich wollte wetten (wiewohl du so positiv bist), daß deine Begriffe von der Philosophie der Sankülotten und von der Sankülotterie der Philosophen nicht die hellesten sind. – Minerva, mein Kind, gib doch deiner Mutter ein wenig Licht über die Sache. Du mußt am besten davon unterrichtet sein, da doch einst die sankülottische Philosophie in deinem geliebten Athen ausgebrütet wurde. – Eine Schale Nektar, Ganymed ! Minerva . Der Papa spricht von den Cynikern , wie ich höre. Ihre äußerliche Ähnlichkeit mit den heutigen Sankülotten ist allerdings nicht zu leugnen: aber schon der einzige Umstand, daß der Gallofränkischen Sankülotten (Weiber und Kinder ungerechnet) in diesem Augenblicke eben so viele Millionen sind, als es in meinem Athen binnen fünfhundert Jahren einzelne Cyniker gab, die ihrem Vater Diogenes Ehre machten, dies schon allein setzt einen beträchtlichen Unterschied zwischen den alten und neuen Sankülotten voraus. Ich denke, um über die Sache ins klare zu kommen, müssen wir nicht vergessen, daß es vor uralten Zeiten noch eine andre primitive Art von Sankülotten gegeben hat, welche Juno selbst, wie verhaßt ihr auch die Philosophen sein mögen, doch vermutlich nicht in diese letzte Rubrik setzen wird. Juno . Und wer wären diese? Minerva . Die Naturmenschen , die vor den goldnen Zeiten Saturns in den großen Eichenwäldern, wovon die Erde damals starrte, nackend oder mit rohen Tierfellen um die Schultern, auf allen Vieren herum krochen, sich von Eicheln und Bucheckern nährten, und keine andre Wohnung hatten als Felsenlöcher und hohle Bäume; so frei , daß sie nicht einmal die Bande der Ehe und der häuslichen Gesellschaft kannten; so gleich , daß sie von den Rechten des Eigentums noch gar keinen Begriff hatten, und also bloß die Stärke des Arms oder des Knüttels entscheiden ließen, wenn sie über einen Baum voll wilder Äpfel, oder wegen irgend eines schmutzigen Weibchens einander in die Haare gerieten. Wofern die neuesten Prediger der Freiheit und Gleichheit sich selbst verstehen, oder die Welt nicht auf eine gar zu leichtfertige Art zum besten haben wollen, so sind diese Naturmenschen die wahren Urbilder der Sankülotterie , die Sankülotten in der reinsten und erhabensten Bedeutung dieses ehrenvollen Namens; so wie ein dem ihrigen sehr ähnlicher Zustand das letzte Resultat der Gallofränkischen Freiheit und Gleichheit sein würde, wenn es Ernst damit wäre, und diese schönen, aber übel gemißbrauchten Worte nicht bloß einer Bande schlauer Betrüger zu Talismanen dienten, um sich ungestraft jeder Autorität und Ordnung, die ihrer Herrschsucht oder Habsucht Schranken setzen will, entgegen zu bäumen, und einen Pöbel, den Nacktheit, Hunger und Brutalität zu allem fähig macht, zum blinden Werkzeug ihrer Leidenschaften und Plane zu machen. Juno . Du sprichst ja lauter Gold, Tritonia ? Jupiter . Für eine Philosophin treibst du die Sachen ein wenig zu weit, mein Töchterchen. Die Gallofranken sind Leute von lebhafter Einbildung und raschem Blut; überdies geborne Redner, oder Sykophanten, wenn du lieber willst. Man muß es, wenn sie auf einem Tische stehen und zu einem maulaufsperrenden Haufen Schuhknechte, Kesselflicker, Sackträger, Fischweiber und Kaminfegerjungen reden, mit ihren Redefiguren und Wortspielen so genau nicht nehmen. Juno . Auch nicht, wenn sie von ihrer Kanzel herab zu den Deputierten der ganzen Nation reden? Jupiter . Das ist einem Sykophanten am Ende gleich viel. Genug, Dame Juno, daß das Unsinnigste, was seit vier Jahren von jener berüchtigten Kanzel herab geschwärmt, radotiert, hyperbolisiert und sykophantisiert worden ist, kaum so unsinnig ist, als es die Einbildung wäre, daß eine Nation , die noch vor wenig Jahren, im Ganzen genommen, alle übrigen an Kultur und Verfeinerung übertraf, in so kurzer Zeit alle Vernunft, allen Menschensinn, alles Gefühl ihres eignen Besten so gänzlich verloren haben sollte, um unter der Freiheit und Gleichheit , auf welche sie ihre Glückseligkeit gründen will, die Freiheit der Waldtiere und die Gleichheit einer Zigeunerhorde zu verstehen. Juno . Nun! antworte Du für uns beide , Pallas! Minerva . Ich denke nicht, daß es Junons Meinung ist, eine so unsinnige Absicht der ganzen Nation oder auch nur einem kleinen Teile der Nation aufbürden zu wollen: wiewohl nicht geleugnet werden kann, daß die Maximen, die man seit geraumer Zeit in den Versammlungen ihrer Freiheitsschwärmer und Anarchisten hört, wenn man systematische Konsequenz darin suchen wollte, geraden Weges in den primitiven Zustand zurück führen, den ihr großer Apostel Hans Jakob , wie wir alle wissen, für den wahren Naturstand des Menschen erklärt hat; für den einzigen, worin diese sonderbare Art von Tieren so gut und so glücklich sein könne, als die Natur sie machen wolle. Aber ist etwa weniger Wahnwitz in dem phantastischen Projekt, wovon sich, wie es scheint, so viele wohlgesinnte Leute in diesen Tagen betören lassen: in dem Projekte, das Eigentümliche des Saturnischen Zeitalters , wo völlige Freiheit und Gleichheit mit Einfalt und Unschuld der Sitten , mit Wohlwollen und Liebe und allen geselligen Tugenden Hand in Hand gegangen sein sollen – eine Zeit, die nur Dichter zu Geschichtschreibern hat –, mit den Vorzügen der äußersten Kultur in einer großen Monarchie, mit dem höchsten Flor aller Künste und Wissenschaften, kurz, mit den Vorteilen der größten Ungleichheit im gesellschaftlichen Stande, verbinden zu wollen? Und doch sehe ich nicht, wie man die Gallofränkischen Sankülotten von dem einen oder von dem andern dieser aberwitzigen Projekte frei sprechen könnte, wenn die großen Machtwörter Freiheit und Gleichheit , womit sie ein so widerliches Gepolter machen – Juno . – und ein so schändliches Spiel treiben – Minerva . – irgend eine Bedeutung in ihrem vielzüngigen Munde haben sollen. Jupiter . Habt ihr denn nicht gehört, Kinder, daß ihre Gesetzgeber – Juno mit Hitze . Die Marat , die Robespierre , die Bazire , die Chabot , die Danton ? – Feine Gesetzgeber! Jupiter kalt . – Nein, mein Schatz! – die Condorcet , die Vergniaux , die Rabaud , die Garat , die Guadet , die Buzot , und ihres gleichen, eben darum, weil sie einsehen, daß eine solche Vereinigung nicht ohne eine ganz besondere Umbildung der ganzen Nation möglich wäre, die goldnen Zeiten, welche sie den ehrlichen Gallofranken von der Identifizierung ihrer hochgepriesenen Freiheit und Gleichheit versprechen, klüglich auf die dritte Generation hinaus gesetzt haben; indem sie auf eine ganz neue Art von National-Erziehung dringen, die, allem Ansehen nach, unter den jetzt lebenden nicht zu Stande kommen, aber wovon doch, wenn sie endlich Wurzeln geschlagen habe, die dritte oder vierte Generation unfehlbar die Früchte sehen werde. Wer nur warten kann! Das sag ich immer; aber niemand hört darauf. Minerva . Die Gallofranken sind auch die rechten Leute, lange auf etwas zu warten, was sie entweder auf der Stelle oder lieber gar nicht haben wollen! Aber ich fürchte, wofern sie auch so viel Geduld aufbringen könnten, so wird doch selbst ihre späteste Nachkommenschaft den Genuß dieser Früchte nie erleben. Was die Natur unmöglich gemacht hat, kann durch keine Kunst möglich werden; und Prometheus müßte nur einen ganz neuen Lehm finden und daraus eine ganz neue Menschenart bilden, um eine Republik mit ihnen zu besetzen, in welcher die Freiheit und Gleichheit des Eigentums mit der bürgerlichen Ordnung, mit den Künsten, die den Reichtum erzeugen und nur durch ihn gedeihen, mit dem Reichtum, dessen notwendige Folge die Ungleichheit ist, und mit der Unschuld und Eintracht des goldnen Alters der Dichter, die mit Ungleichheit, Reichtum und Verfeinerung unvereinbar sind, dergestalt vereiniget wäre, daß aus dem Streit so unverträglicher Elemente diese schöne Harmonie des Ganzen entstände, die das Wesen eines blühenden Staats ausmacht, und die Fortdauer seines Wohlstandes ganz allein bewirken kann. Freilich wäre, wie Garat neulich sagte, eine Republik, die diese unverträglichen Eigenschaften in sich verbände, das Meisterstück des menschlichen Verstandes – wenn sie möglich wäre: aber die Vernunft unternimmt nichts, was nur unter unmöglichen Bedingungen als möglich gedacht werden kann. Zwar ist diese Schimäre von jeher der Lieblingstraum gutherziger poetischer Seelen gewesen; die Platonischen Republiken , die Atlantiden und Utopien und Severambenländer sind nichts andres: aber nur in einen Gallofränkischen Kopf konnte der wilde Einfall kommen, eine große Monarchie zu Staub zu zermalmen, um aus einer recht einfachen Masse ein neues Utopien zu bilden, das, wofern es auch endlich die Gestalt dessen, was es sein soll, gewonnen hätte, doch nicht länger bestehen könnte, als jene täuschenden Duftgebilde, die man in Gestalt von Feenschlössern und Zaubergärten an frühen Sommermorgen am Horizont aufsteigen, und eben so schnell, als sie entstehen, in sich selbst zerfließen sieht. Juno . Und wir sollen ruhig zusehen, wie eine Rotte von Toren, Sophisten, Marktschreiern, Heuchlern und Bösewichtern, unter dem Vorwand eine solche Schimäre zu bewerkstelligen, das schönste Reich der Welt umkehrt – die edelsten und besten seiner Einwohner der Wut und Mordlust des schändlichsten Pöbels aufopfert – andere bei Tausenden, ihres Vermögens und Vaterlandes beraubt, im Elend herum zu irren zwingt – den schuldlosesten aller seiner Könige, dessen einziges Verbrechen war, daß er die aufrührerischen Bemühungen einer durch die Konstitution verurteilten republikanischen Faktion vereiteln, und die Macht, die er unmittelbar aus den Händen der Nation empfangen hatte, zu Wiederherstellung der Ruhe und Vollziehung der Gesetze anwenden wollte, als den abscheulichsten Tyrannen, Verräter und Meuchelmörder behandelt – und, nicht zufrieden ihr eigenes Vaterland zerrüttet, verwüstet, mit Bürgerblut überschwemmt, mit den ungeheuersten Verbrechen geschändet, und allen Greueln einer endlosen Anarchie preisgegeben zu haben, noch das Mögliche und Unmögliche versucht, um auch die übrigen Völker rings umher mit in ihren Ruin zu ziehen, und allgemeine Zerrüttung über den Erdboden auszubreiten? Eine Hand voll Narren und Unmenschen – – Jupiter . Wie du dich ereiferst, meine Königin! Du schimpfst ja als ob du – unrecht hättest! Juno . Wenn ich Wörter hätte, die meinen Grimm über so hassenswürdige Ungeheuer noch stärker ausdrückten, ich würde sie gewiß nicht sparen. Ich wiederhol es also: eine kleine Rotte von Wahnsinnigen und Bösewichtern soll vor unsern Augen allen diesen Frevel verüben; soll den Namen eines durch die schnödesten Künste verblendeten und betrogenen Volkes zu Bewirkung eigennütziger Plane mißbrauchen; soll ein schändliches Spiel treiben mit dem was den Menschen das heiligste und teuerste ist; soll Freiheit und Gleichheit der Rechte und allgemeine Wohlfahrt zu Netzen und Fallgruben für sie machen; soll ihre Tugenden selbst gegen sie bewaffnen, sie durch ihre Vaterlandsliebe, ihren Mut, ihren Ruhmdurst, ihre Verachtung des Todes, auf Wege führen, wo sie ein gewisser Untergang erwartet; – und von allem diesem nie erhörten Unfug sollen wir, denen die Regierung der Welt obliegt, kaltblütige Zuschauer abgeben? sollen nicht alle unsre Macht vereinigen, um diese öffentlich erklärten Feinde der Götter und der Menschen zur Strafe zu ziehen und auszurotten? Jupiter ganz gelassen . Wer hindert dich denn daran, wenn du es kannst? Juno . Eben das macht mir die Geduld ausgehen, dich so reden zu hören, als ob das alles nichts auf sich hätte, und dich nichts anginge. Jupiter . Wirst du mich nicht etwa auch noch, wie Lucians Timon , fragen, ob mein flammenzückender, allblendender, schrecklich schmetternder Wetterstrahl erloschen sei, oder die Cyklopen mir keine Donnerkeile mehr schmieden wollen? Wunderliche Frau! Was willst du daß ich tun soll? – Nichts davon zu sagen, daß wir Götter mehr als die Hälfte unsrer Macht mit dem Glauben der Menschen an uns verloren haben, würde ich sie etwa durch Blitze und Donnerkeile vernünftiger machen? Ist es meine Schuld, daß die Erdbewohner mit jedem Jahrzehend an Übermut und Narrheit zunehmen? Haben wir an unsrer Seite nicht vorlängst alles getan, um der Unvollkommenheit und Schwäche ihrer zweideutigen Natur zu Hülfe zu kommen? Haben wir sie nicht, als sie noch in dem sankülottischen Zustande, dessen Minerva vorhin erwähnte, gleich andern Waldtieren nackend auf Vieren herum liefen, und Wurzeln und Erdäpfel mit den langen Klauen ihrer Vorderfüße aus der Erde heraus kratzten, sich menschlich nähren und bekleiden gelehrt, sie in Familien und Gesellschaften versammelt, sie im Ackerbau und in allen Künsten, die das Leben erleichtern, beschützen und verschönern, unterwiesen? Haben wir ihnen nicht Gesetze, Religion und Polizei gegeben? ihnen die Musen und die Philosophie zugeschickt, um sie von allen Überbleibseln der tierischen Wildheit ihres ersten Zustandes zu befreien; sie durch den Reiz des feinern Vergnügens der Sinne und des Geistes, durch die sanften Bande der Sympathie und des Wohlwollens, und die mannigfaltigen Verhältnisse des geselligen und bürgerlichen Lebens zu einem vollkommnern Genuß ihres Daseins zu bringen, und die Entwicklung der Kräfte jenes himmlischen Funkens zu befördern, der sie so hoch über ihre tierischen Verwandten erhebt und mit uns selbst in Gemeinschaft zu kommen fähig macht? – Damals stand es wohl mit ihnen! Sie waren so glücklich als Geschöpfe ihrer Art es sein können, und blieben es, so lange sie sich von uns regieren ließen. Aber die angeborne Unart ihrer Natur gänzlich zu vertilgen, stand nicht in unsrer Macht. Wir brachten sie so weit, daß sie unser zuletzt entbehren zu können glaubten; sie kehrten unsre eigenen Wohltaten gegen uns, kündigten uns den Dienst auf, liefen einem neuen Phantom von übermenschlicher Vollkommenheit nach, und verfielen unvermerkt, durch die Geringschätzung und Verabsäumung der Mittel, wodurch wir sie zu Menschen gemacht hatten, in eine Barbarei, die ganz nahe an die rohe Tierheit ihres ersten Zustandes grenzte. Jahrhunderte lang von Unwissenheit, Aberglauben und Fanatismus zu Boden gedrückt, von Priestern und Fürsten in unerträgliche Fesseln geschlagen, alles Lichts der Philosophie, aller Künste des Friedens, aller Sicherheit des Eigentums und Lebens beraubt, der willkürlichen Gewalt ihrer Tyrannen und den Täuschungen hinterlistiger Sophisten preisgegeben, sahen sie sich endlich wieder nach Uns um Hülfe um; und Wir, ohne uns an ihre Undankbarkeit zu kehren, ließen uns willig finden, unsre kostbarsten Gaben abermals an Geschöpfe zu verschwenden, von denen wir voraus wußten, daß sie keinen bessern Gebrauch davon machen würden als ihre Vorfahren. Aber kaum hatten sie in der Kultur, die ihnen unsere Töchter, die Künste und die Wissenschaften , gaben, wieder einige Stufen erstiegen, so erfolgte was ich vorher gesehen hatte: ihre Unstätigkeit, ihr Eigendünkel, ihr Durst nach Veränderung und Neuheit, die Widerspenstigkeit ihre Phantasien und Leidenschaften den Gesetzen der Vernunft zu unterwerfen, kurz, alle Unarten, die von ihrer halb tierischen Natur unzertrennlich sind, spielten wieder ihr altes Spiel, und verderbten uns das unsrige abermals. Denn du würdest eben so leicht einen Mohren durch Waschen weiß machen, als einem Menschen die Vorzüge der Kultur einimpfen, ohne ihm mit jeder Geschicklichkeit einen Fehler, mit jeder Wahrheit einen Irrtum, mit jeder Tugend ein Laster mitzuteilen. Weit gefehlt daß die Vernunft die Grenzen ihrer Herrschaft immer weiter ausdehnen, und ihre ewigen Feinde, Unwissenheit, Trägheit des Geistes, Willkürlichkeit und Egoisterei, endlich gänzlich verdrängen werde; haben wir nicht stets gesehen, daß der Zeitpunkt der höchsten Verfeinerung und der äußersten sittlichen Verderbnis immer ein und eben derselbe war? daß die Epoke der höchsten Aufklärung immer diejenige war, worin alle Arten von spekulativem Wahnsinn und praktischer Schwärmerei am stärksten im Schwange gingen? Unfähig in irgend etwas das Mittel zu halten, schweifen die Menschen bald diesseits bald jenseits über die Linie des Wahren hinaus: und da es in jeder Sache nur Eine Weise recht zu verfahren, und dagegen unzählige Wege zu fehlen gibt; wer wollte sich darüber ereifern, wenn so schwache und unhaltbare Geschöpfe, wie dieses Töpferwerk des Prometheus, in irgend einer schweren Probe, worauf das Schicksal ihre Weisheit und Tugend setzt, übel bestehen? Juno . Und mit dieser für dich sehr bequemen Philosophie, Herr Gemahl, glaubst du dich einer bestimmten Antwort auf meine vorigen Fragen überheben zu können? Jupiter . Allerdings, Dame meines Herzens, wofern du Geduld genug haben wolltest, eine so vielseitige Sache von mehr als Einer Seite anzusehen, und dich nicht von dem Anblick einer Menge Ungerechtigkeiten, Schelmereien und Gewalttaten, die von jeder großen Revolution der menschlichen Dinge immer unzertrennlich gewesen sind, verleiten ließest, die ungeheuern Übel, deren Quelle dadurch verstopft, und das unzählige Gute, das dadurch veranlaßt wird, zu übersehen. Juno . Wenn ich irgend einen redseligen Gallofränkischen Sophisten in diesem Tone krähen höre, so erkenne ich, daß er seine Schuldigkeit tut: aber wie Du, den die Erfahrung einer langen Reihe von Jahrhunderten mit dem Laufe der Dinge bekannt gemacht hat, – wie Du, der kein Interesse haben kann sich selbst oder andere zu täuschen, dir in solchen Radoterien gefallen kannst, ist mir unbegreiflich. – »Das unzählige Gute, das durch jene Revolution veranlaßt wird! Die ungeheuern Übel, deren Quellen dadurch verstopft werden!« – Wahrhaftig! wenn es höflich wäre von euch Herren der Welt Konsequenz zu fordern, so möchte ich dich wohl fragen, Jupiter, wie du dies mit dem, was du uns da eben so zierlich vorgetragen hast, zusammen reimen willst! – Nenne mir, wenn du kannst, das Gute , das durch den gewaltsamen Umsturz einer seit Jahrhunderten bestehenden bürgerlichen Ordnung veranlaßt wird, und nicht schon allein von dem Bösen , das dieser Umsturz nach sich zieht, wo nicht überwogen, wenigstens im Gleichgewicht gehalten würde. – Und worin, ich bitte dich, sollen diese Übel bestehen, deren Quelle dadurch verstopft wird, ohne daß die neue Ordnung der Dinge auch neue Quellen eröffne, wovon die vorige nichts wußte? – Ja, wenn die Menschen die Wohltaten der Freiheit und Gleichheit in Unschuld und Eintracht zu genießen wüßten, ohne einer Regierung, einer Verwaltung gemeinsamer Einkünfte, eines Kriegsstaats, kurz einer künstlichen Ordnung der Dinge, die der Unzulänglichkeit der natürlichen beständig zu Hülfe kommen muß, nötig zu haben: dann hättest du recht, zu sagen, daß eine solche Revolution – insofern sie sich auf einmal über den ganzen Erdboden verbreitete – die Quellen aller Übel, die von jeder künstlichen Anordnung der menschlichen Dinge unzertrennlich sind, auf immer verstopfen würde. Aber, was wäre dies anders als eben jenes fabelhafte goldne Zeitalter , das außer der Phantasie der Dichter nie existiert hat, noch jemals existieren wird, als – in den Inseln der Seligen ! Du selbst machst uns ein Verdienst daraus, die Geschöpfe des Prometheus aus dem armseligen viehischen Zustande, worin wir sie fanden, gezogen und zu Menschen gebildet zu haben. Und doch waren sie in diesem Zustande so frei und gleich , als die Natur sie gemacht hatte: aber freilich um so frei und gleich zu bleiben , hätten sie auch in diesem Zustande bleiben müssen. Gebildete Menschen bedürfen einer Regierung ; und jede Regierung (ihre Form sei welche sie wolle) hebt jene Naturfreiheit auf; so wie der bloße gesellschaftliche Verein unter jedem großen, von seiner äußern Lage begünstigten, fleißigen, erfindsamen, und alle Arten von Künsten mit Eifer betreibenden Volke die natürliche Gleichheit aufhebt. Denn so unmöglich es ist, daß ein solches Volk nicht reich und mächtig werde, eben so unmöglich ist es, daß Reichtum und Macht nicht die Ungleichheit mit ihrem ganzen Gefolge herbei ziehe. Im bürgerlichen Gesellschaftsstande kann und darf nichts uneingeschränkt bleiben. Für große und mächtige Völker ist die monarchische Regierungsform, zweckmäßig eingeschränkt, die angemessenste , weil sie die meisten Mittel in sich hat, diese Ungleichheit zu vergüten und zum größern Wohl des Ganzen ausschlagen zu machen; die demokratische hingegen die nachteiligste , weil in einer sehr großen Demokratie der bessere und eben darum kleinere Teil der Nation immer entweder von der überwiegenden Majorität des schlechtern , oder von irgend einem Günstling und Abgott des Pöbels tyrannisiert wird. Nun reize man aber ein solches Volk, unter dem Vorwand, es in den Besitz seiner Menschenrechte, seiner primitiven Freiheit und Gleichheit zu setzen, zum Umsturz des Thrones: was bleibt dann seinen Anführern anders übrig, als – es entweder durch eine fortdauernde Anarchie in jenen ursprünglichen tierischen Zustand zurück zu werfen – oder ihm eine neue Regierungsform zu geben, durch welche jene illusorische Freiheit und Gleichheit, wo nicht gleich anfangs, doch unfehlbar nach und nach, so lange modifiziert und beschnitten werden muß, bis das besagte Volk, Vorteile und Nachteile gegen einander abgewogen, sich mit jedem andern, das unter einer gesetzmäßigen Regierung persönliche Freiheit und Sicherheit des Eigentums genießt, ungefähr auf gleichem Fuße befinden wird? Offenbar sind die Gallischen Demagogen nicht wahnsinnig genug, das erste zu wollen: wollten sie es aber nicht , was waren denn die mächtigen Zauberwörter, Freiheit und Gleichheit – denen man vorbedächtlich die weiteste und unbestimmteste Bedeutung ließ – was waren sie anders als Losungswörter des Aufruhrs , als bloße Vorspiegelungen, wodurch eine zusammen verschworne Bande ehrgeiziger Egoisten die rohe, leicht zu erhitzende und in der Hitze zu allem fähige Klasse der Sankülotten , die in jeder großen Monarchie die Majorität ausmacht, dahin zu bringen wußte, ihr zur Umkehrung der bisherigen Ordnung der Dinge ihre Arme zu leihen ? Diese Herrschlustigen, die bisher im Staate Nichts gewesen waren, aber durch Geisteskräfte und Talente, große Reichtümer, oder große Dürftigkeit bei unersättlichen Begierden, sich berufen fühlten eine Rolle zu spielen, wußten sehr wohl was sie taten; denn sie wußten, wohin sie auf dem Wege, den sie einschlugen, kommen würden. Wäre es ihnen wirklich darum zu tun gewesen, dem zu hart gedrückten Volke so viel Freiheit und Gleichheit zu verschaffen, als jeder in bürgerlicher Gesellschaft lebende Mensch kraft des gesellschaftlichen Vertrags zu fordern berechtigt ist: so würden sie einen ganz andern Weg genommen, so würden sie sich begnügt haben, die übermäßige Gewalt des Monarchen durch eine mit den nötigen Gegengewichten versehene Konstitution einzuschränken, dem Übermut der Großen und der Höflinge, der Verschwendung des Staatseinkommens, den Gebrechen der Justizpflege, den unterdrückenden Vorrechten des Adels, der Raubsucht, Hoffart und Üppigkeit der Priester des Plutus – kurz, allen Arten von Mißbräuchen, die (wie ich gestehe) in diesem Lande zu einer unerträglichen Höhe gestiegen waren, abzuhelfen, und vornehmlich durch zweckmäßige Gesetze und Einrichtungen jene tiefe und allgemeine sittliche Verderbnis von Grund aus zu heilen, die zugleich eine natürliche Folge des bisherigen Laufs der Dinge und eine unversiegbare Quelle des täglich wachsenden öffentlichen Elends gewesen war. Wenn, sage ich, die Gallofränkischen Volksrepräsentanten alles dies ernstlich wollten und sonst nichts wollten als dies: so konnten sie es auch, – trotz allem Widerstande des Hofes und der Aristokratie , deren Anzahl und Macht gegen das ungeheure Übergewicht eines ganzen bewaffneten Volkes, das seine Rechte geltend zu machen entschlossen war, in keine Betrachtung kam; und so bedurfte es keiner gewaltsamen Umkehrung aller bisherigen bürgerlichen Ordnung; so war es eben so unnötig als unpolitisch, die Sachen bis zu einer Extremität zu treiben, wo das Volk, das von seinen Rechten nur sehr verworrene Vorstellungen hat, durch die absichtlich übertriebnen und verfälschten Begriffe, die man ihm davon beibrachte, sich auf einmal aller seiner Pflichten entbunden glaubte, und im ungewohnten Gefühl seiner Übermacht und Unabhängigkeit, so wenig als der eigenwilligste Despot, daran erinnert sein wollte, daß ihm seine Rechte, ohne die strengste Beobachtung aller Pflichten des gesellschaftlichen Vertrags, nicht nur unnütz, sondern sogar verderblich sind. Aber die Demagogen wollten eine Verfassung, worin sie gewiß waren die erste Rolle zu spielen; wollten eine Demokratie , deren Zügel sie immer in ihren Händen behalten, und worin sie ihren bemaulkorbten brummenden Souverän zu ihrem Profit tanzen lassen könnten wie ihnen beliebte. Dies war von Anbeginn der Revolution der geheime Plan dieser unredlichen Menschen; alle ihre Anschläge, alle ihre Maschinen waren auf diesen Punkt gerichtet. Aber um dahin zu gelangen, mußte notwendig die ganze Monarchie aufgelöst, mußte sogar die neue Konstitution, woran ihre klügsten Männer so lange gearbeitet hatten, wieder umgeworfen, mußten alle durch sie konstituierte Mächte wieder desorganisiert, und alles so viel möglich in den anarchischen Stand der primitiven Gesetzlosigkeit und Wildheit zurück gesetzt werden. – Gleich viel durch welche Mittel! Die schändlichsten, die ungerechtesten, die grausamsten hatten nichts das diese Menschen erschreckte. Da sie selbst die Gesetzgeber sind, steht es ja nur bei ihnen, alle Gesetze abzuschaffen , die ihren Absichten zuwider sind, und alles zu Gesetz zu machen , was sie befördert. Mögen doch darüber, mit allem übrigen, auch alle moralischen Gefühle und Ideen vollends zu Trümmern gehen! Desto besser für ihren Zweck! Desto leichter ist es ihnen, aus der formlosen Masse nach ihrer Konvenienz neue Begriffe und Maximen zu drehen, die sie, ohne Rücksicht auf den innern Gehalt, zu Recht oder Unrecht stempeln, denen sie, nach Zeit und Umständen, jeden Sinn unterlegen und bald eine engere, bald eine weitere, oder auch gar keine Anwendbarkeit geben können. – Daher das zweifache Maß und Gewicht, womit wir sie bei allen Gelegenheiten messen und wägen sahen! Daher die schamlosen Widersprüche ihrer Beschlüsse und Handlungen mit ihren öffentlich vorgegebenen Grundsätzen! Daher alle die Taschenspieler-Kunstgriffe, wodurch sie noch immer das Volk zu hintergehen, zu verblenden, und im Taumel zu erhalten gezwungen sind , um ihm seinen wahren Zustand und ihre wahren Absichten zu verbergen, und ein Aufwachen zu verhindern, das nicht anders als fürchterlich für sie sein könnte! Daher die schändliche Notwendigkeit, dem Pöbel unaufhörlich zu schmeicheln, dem Abschaum der Nation alles zu gestatten, oder wenigstens alles ungestraft hingehen zu lassen; weil sie nie wissen, wie bald der Fall wiederkommen wird, wo sie (wie schon oft geschah) seiner Spieße und Mordschwerter zu ihrer eigenen Verteidigung, zur Unterstützung ihrer Komplotte, oder zur Befriedigung ihrer persönlichen Leidenschaften nötig haben werden! – Und eine Revolution, die dies alles bewirkt, ein großes Reich in eine so ungeheure Zerrüttung gesetzt, sein Schicksal in die Hände solcher Menschen gespielt, sein voriges Elend so unermeßlich vergrößert, seinen Bewohnern alle Hoffnung bessere Zeiten zu sehen wenigstens auf ein ganzes Menschenalter geraubt, ja sogar alle Wege ihrem gänzlichen Untergang zu entrinnen, oder sich wenigstens anders als durch ein verzweifeltes Mittel zu retten, so gänzlich abgeschnitten hat, – eine solche Revolution kannst du, Jupiter, um der Übel, deren Quelle sie verstopfen, und um des unzähligen Guten willen, das sie veranlassen soll, in deinen Schutz nehmen? Jupiter . Darin tust du mir unrecht, Saturnia: ich nehme sie nicht in meinen Schutz. Der ganze Olymp ist mein Zeuge, daß ich diesen Begebenheiten als bloßer Beobachter zugesehen habe. Ich gönne den Sterblichen Gutes; aber ich vermag nichts gegen Notwendigkeit und Natur : und wenn alle Ursachen, die zu Bewirkung einer großen Weltbegebenheit zusammen arbeiten, den Punkt ihrer Reife und ihres Einklangs erreicht haben, wie dies dermalen der Fall war; so würden alle eure Kräfte, mit den meinigen vereinigt, unvermögend sein, einen einzigen Kopf, welcher fallen muß, stehend zu erhalten. – Sonst sollte wahrlich der arme Ludewig den seinigen nicht unter die Guillotine haben legen müssen! Juno auffahrend . Was sagst du? – Sie hätten ihre Verruchtheit bis zu einem so gräßlichen und zugleich so unpolitischen Frevel getrieben? Jupiter . In diesem Augenblicke! Juno mit einem grimmigen Blick auf Jupiter . In diesem Augenblick, sagst du? Jupiter . Du siehst also, daß nicht mehr zu helfen ist. Juno . So eile ich, alle Völker und Fürsten des Erdbodens zur Ausrottung dieser erklärten Feinde der Götter und der Könige zu vereinigen; da es doch, wie ich sehe, unmöglich ist, deine zu Milch gewordene Galle zu reizen, und selbst die schändlichste aller Greueltaten dich nicht bewegen kann, die Verbrecher in die Strudel des Phlegethons hinab zu donnern! Jupiter . Übereile dich nicht, liebe Juno! Ich dächte, die Erfahrung sollte dich doch endlich gelehrt haben, wie leicht man aus übel ärger macht. Würdest du wohl ehemals die halbe Erde unter Wasser gesetzt haben, um ein Nest voll sakrilegischer Ratten zu ersäufen, die dein venerables Bild zu Megalopel angenagt hätten? – Überlaß die Strafe der Königsmörder der unerbittlichen, immer gerecht richtenden Nemesis ; und hüte du dich nur, daß du die Pest, deren Ansteckung du fürchtest, anstatt sie weislich in das Land, worin sie wütet, einzuschließen, nicht durch die Anstalten selbst, die du gegen sie verkehrst, in ganz Europa verbreitest! – Ich habe nichts dagegen, daß du, weil doch alte Begriffe und Gewohnheiten so viel Gewalt über dich haben, die Könige noch immer als meine Stellvertreter betrachtest, und dich, so warm du willst, für die Erhaltung ihres Ansehens verwendest: aber hüte dich, (wenn dir anders Leidenschaft und Einseitigkeit einen guten Rat anzunehmen verstatten) hüte dich, die Sache deiner Klienten der Sache des ganzen Menschengeschlechts entgegen zu setzen , und ihnen durch übermäßige Vorliebe noch mehr zu schaden, als ihre erklärtesten Feinde durch ihren Haß! Wenn du es wirklich gut mit den Königen meinst, so lehre sie vor allen Dingen, ihre Freunde von ihren Feinden zu unterscheiden. Sage ihnen: ein Thron, der auf einer haltbaren Verfassung, auf Gerechtigkeit und Zutrauen des Volkes ruhe, könne durch keine Erschütterung von fremden Meinungen und Beispielen wankend gemacht werden. Sage ihnen: ein Regent schade der Wohlfahrt seines Staats, mit dem besten Willen sie zu befördern, öfters mehr durch zu viel als durch zu wenig tun ; und je freiern Spielraum man den einzelnen Kräften eines empor strebenden Volkes lasse, desto unschädlicher sei sogar der Mißbrauch dieser Freiheit. Sage ihnen: eine weise Regierung und ein guter Fürst habe von einem durch freien Gebrauch seiner Vernunft vereitelten und gebildeten Volke nichts zu besorgen; und wenn du kannst, Dame Juno, so lehre sie auch recht verstehen was ich ihnen durch dich sagen lasse; und du wirst sehen, daß die Könige und die Welt sich nicht übel dabei befinden werden. Juno . Was ich sehr deutlich sehe, Herr Gemahl, ist, daß die Sachen nicht desto besser gehen, seitdem du ein so großer Moralist geworden bist. Sie geht eilends ab. Jupiter nach einer kleinen Pause zu Minerven . Was können wir von den Sterblichen fordern, wenn Götter selbst nicht weiser sind? XIII. Juno , Semiramis , Aspasia , Livia , und Elisabeth , Königin von England. Juno . Ihr wisset bereits, meine Freundinnen, warum ich euch zu dieser geheimen Unterredung eingeladen habe. Die Monarchien, deren Beschützerin ich bin, sind von Gefahren umgeben, die mit jedem Tage besorglicher werden. Sie sind in ihren Grundfesten erschüttert worden, und einige von ihnen drohen einen nahen Einsturz, wenn nicht Mittel gefunden werden, sie noch in Zeiten zu unterstützen. Das schlimmste ist, daß mein Gemahl – der sich überhaupt seit geraumer Zeit sehr geändert hat, und neuerlich ein großer Moralist geworden ist – die demokratischen Anmaßungen zu begünstigen scheint, und meinem Eifer für die gute Sache, wenigstens in der Wahl der Mittel, Grenzen setzt, die ich nicht zu überschreiten wagen darf. In diesen Umständen habe ich für nötig gehalten, die weisesten und erfahrensten unter den Bewohnerinnen des Olymps zu Rate zu ziehen; und auf welche andere, als auf euch, hätte da meine Wahl fallen können? Jede von euch hat, ohne zum Zepter geboren zu sein, unter dem ersten Volk ihrer Zeit die erste Rolle gespielt. Du, Semiramis , hast dich, bloß durch die Größe deiner persönlichen Vorzüge, aus einer Schäferhütte auf den ersten Thron der damaligen Welt geschwungen, die Eroberungen des großen Ninus fortgesetzt, und über eine Menge überwundener Völker mit einem Glücke, das sich vierzig Jahre lang an dich gefesselt zu haben schien, geherrschet. Du, Aspasia , erhobst dich von einer Milesischen Hetäre zum Rang einer Gemahlin des Perikles , und verdientest durch deinen Einfluß über ihn, in einem Sinne den ich selbst hätte beneiden mögen, den Namen der Juno dieses Attischen Jupiters . Du, Livia , warst dem Erben des ersten Cäsars funfzig Jahre lang noch mehr als Aspasia dem Demagogen von Athen. Du ersetztest ihm seine zwei unentbehrlichsten Freunde Mäcenas und Agrippa ; und dir, der Vertrauten seines Herzens und der Seele seiner Ratschläge, hatte die Welt es zu danken, daß sich der grausame und verhaßte Usurpator in einen bis zur Anbetung geliebten Regenten verwandelte, unter welchem das menschliche Geschlecht zum ersten Mal einer vierzigjährigen allgemeinen Ruhe genoß. Du endlich, jungfräuliche Elisabeth , nachdem du durch einen Charakter, der die geschmeidigste weibliche Klugheit mit heroischer Standhaftigkeit verband, tausend Gefahren und Schwierigkeiten, die dir und deinem Reiche den Untergang drohten, glücklich besiegt hattest, du hinterließest der Welt das in seiner Art einzige Beispiel einer willkürlichen Regierung über ein freies Volk , das dich abgöttisch liebte, und dessen Zuneigung und Beifall zu erhalten dein höchster Ehrgeiz war. Vier solche Ratgeberinnen lassen mich einen Beistand erwarten, der meine Bemühungen notwendig mit dem glücklichsten Ausgang krönen muß. Eröffnet mir also eure Gedanken ohne Zurückhaltung, was für Mittel und Wege einzuschlagen sein möchten, um den gänzlichen Verfall der noch bestehenden Monarchien zu verhüten, den alten Glanz des Thrones wieder herzustellen, das verlorne Zutrauen der Völker wieder zu gewinnen, und Erschütterungen, wie diejenigen von welchen wir Augenzeugen gewesen sind, in Zukunft unmöglich zu machen. Rede du zuerst, Semiramis ! Semiramis . Große Königin des Olymps! Wie sehr ich mich auch durch die günstige Meinung, die du von meinen Fähigkeiten für die Regierungskunst gefaßt zu haben scheinst, geehrt finde, so kann ich mir doch selbst nicht verbergen, daß ich vielleicht weniger als jede andere geschickt scheinen muß, in der vorliegenden Sache einen tauglichen Rat zu geben; so groß ist die Verschiedenheit der Umstände, unter welchen ich zu meiner Zeit den ersten Thron der Morgenländer behauptete, von der Lage, worin in diesem Augenblicke die abendländischen Reiche sich befinden. Indessen, da ich einmal dazu aufgefordert bin, will ich meine Gedanken um so freimütiger sagen, da vielleicht dieser Unterschied selbst uns auf die Spur der einzigen wahren Grundsätze leiten wird, durch welche die Dauer und der Glanz der monarchischen Regierung mit dem Glücke der Untertanen verbunden werden kann. Vor allen Dingen setze ich als etwas unwidersprechliches voraus, daß die Monarchie die natürlichste , und eben darum die einfachste, leichteste und zweckmäßigste aller Regierungsformen sei; diejenige, zu welcher die Menschen das meiste Vertrauen, und, so zu sagen, eine eingepflanzte Anmutung haben, an welche sie sich folglich am leichtesten gewöhnen, und in welcher der letzte Zweck aller bürgerlichen Gesellschaft am gewissesten zu erreichen ist. So müssen wenigstens die Menschen der ältesten Zeiten, die sich auf dem ganzen Erdboden von Königen regieren ließen, gedacht haben; und wie hätten sie anders denken können? Die Natur selbst, indem sie den Menschen von seiner Kindheit an der väterlichen Gewalt unterwarf, legte den ersten Grund zu dieser Vorstellungsart; die Menschen brachten sie in die bürgerliche Gesellschaft mit, und, gewohnt von einem Vater, den sie sich nicht selbst gegeben hatten, unumschränkt regiert zu werden, ließen sie sich desto williger von einem allgemeinen Vater regieren, der es entweder durch ihre eigene Wahl wurde, oder den sie aus den Händen der Götter zu empfangen glaubten. Denn so betrachteten sie (wie ich aus eigener Erfahrung weiß) jeden König, unter dessen Zepter sie durch das Los des Krieges kamen. So bald derjenige, dem sie bisher gehorcht hatten, in der Schlacht fiel, trat der Sieger an seine Stelle: die Götter hatten sich für ihn erklärt, und dem überwundnen Volke fiel es nicht ein, sich gegen eine so vollgültige Entscheidung zu sträuben; zumal, da der neue Monarch gewöhnlich mehr Macht hatte sie zu schützen, und seinen eigenen Vorteil mißkannt haben müßte, wenn er seine neuen Untertanen nicht eben so väterlich hätte regieren wollen als seine alten. Man findet daher in den ersten Zeiten der Welt überall, wo eine größere oder kleinere Anzahl Familien und Stämme beisammen lebten, größere oder kleinere Könige , und, meines Wissens, kein einziges Beispiel, daß rohe Naturmenschen zusammen gekommen wären, um sich eine demokratische oder aristokratische Verfassung zu geben. Was hätte sie auch auf die Erfindung so künstlicher, so verwickelter, und doch so unzweckmäßiger Regierungsformen bringen können? Als sie sich Königen unterwarfen, war es einem jeden nur darum zu tun, an seinem väterlichen Herde, im Schatten der Bäume die seine Voreltern gepflanzt hatten, die Früchte seines Feldes und seiner Herden mit den Seinigen in Sicherheit zu genießen. Für diese gemeine Sicherheit zu sorgen, einem jeden Recht zu sprechen, und die Störer der öffentlichen Ruhe zu bestrafen, war das Amt des Königs; und man hielt sich ihm, wie billig, noch sehr dafür verbunden, daß er ein so mühsames Amt auf sich nehmen wollte. Jedermann pries sich glücklich, wenn er nur für sich und die Seinigen zu sorgen hatte, und ließ sich nicht träumen, er würde noch glücklicher sein, wenn er einen Teil seiner Zeit seinen Geschäften, seiner Ruhe, und seinem Vergnügen entziehen müßte, um an Besorgung der öffentlichen Angelegenheiten Teil zu nehmen. Diese Art zu denken, die zu meiner Zeit in allen kleinen Reichen des Orients herrschte, erhielt sich auch, nachdem unter der Regierung meines Gemahls eine Menge kleiner Staaten in das einzige Assyrische Reich zusammen geflossen waren. Der Umfang der Monarchie erforderte nun, außer einem glänzenden Hofe und einem ansehnlichen Kriegsstaat, eine Menge von obrigkeitlichen Ämtern, unter welche der Monarch seine höchste Gewalt stufenweise so verteilte, daß er gleichwohl alle Zügel in seiner Hand behielt, und, wie er die Quelle aller Autorität war, auch der Richter über das Verhalten derjenigen blieb, denen er einen Teil derselben anvertraute. Natürlicher Weise waren es anfangs persönliche Verdienste im Krieg und Frieden, die eine Art von Recht, das jedem einleuchten mußte, an die Ehrenstellen gaben: aber, wiewohl in der Folge aus den Nachkommen der Könige und der obersten Staatsbedienten eine Art von erblichem Adel erwuchs, welchem Geburt und Erziehung, Verdienste der Vorfahren und angeerbte Reichtümer ansehnliche Vorzüge vor dem größten Teile des Volkes gaben; so gewöhnte sich doch dieses, durch sein natürliches Gefühl von Billigkeit, sehr leicht daran, eine Klasse von Menschen über sich zu sehen, die an die Vorteile, welche sie vor andern genoß, ein selbst erworbenes oder angestammtes Recht zu haben schien, und sie dem Staate bei jedem Ruf der Pflicht, auf jeden Wink des Monarchen, durch desto größere Aufopferungen bezahlen mußte. Das Volk blieb desto ruhiger dabei, da am Ende doch vor dem Monarchen alles gleich war, und man oft genug diejenigen, die sich ihrer Glücksvorzüge gar zu übermütig bedienten, nur desto schrecklicher fallen sah, je höher die Stufe war, von welcher sie herab stürzten. Juno leise zu Livia . Hättest du gedacht, daß diese alte Königin von Babylon so schwatzhaft sein würde? Livia eben so leise zu Juno . Ich muß gestehen, sie holt weit aus. Semiramis nach einer kleinen Pause . Man kann nicht in Abrede sein, daß in dieser Art von Monarchie – wo alles von dem Willen eines Einzigen abhing, und gegen den Mißbrauch dieser unbeschränkten Gewalt kein ander Mittel war, als was Verzweiflung den Unterdrückten eingeben konnte – das Volk nur so lange glücklich und der Monarch nur so lange sicher war, als dieser seine Untertanen wie seine Kinder betrachtete, und von ihnen hinwieder als ihr Vater angesehen wurde. In der Folge geschah es freilich nur zu oft, daß die Völker sehr schlimme Väter, und schwache Väter sehr unartige Kinder bekamen. Keine menschliche Einrichtung erhält sich in ihrer ursprünglichen Einfalt und Güte. Es war natürlich daß die Monarchien ausarteten; daß weise, tätige und gute Könige auch träge, wollüstige und tyrannische Nachfolger hatten; daß die Völker gedrückt und gemißhandelt, und dagegen manche herrschende Familien vom Throne gestürzt wurden, und der Zepter in fremde Hände kam, oder auch ein mächtiges Reich von einem andern verschlungen wurde. Aber bei dem allen ist es doch sonderbar, daß, nach unzähligen Revolutionen dieser Art, gleichwohl noch kein morgenländisches Volk auf die Idee einer durch positive Grundgesetze eingeschränkten Monarchie, geschweige auf eine eigentliche Volksregierung, gefallen ist! Sollte man nicht mit Recht daraus schließen, daß Völker, die einer Regierungsform, von welcher sie öfters so viel leiden mußten, mit so standhafter Anhänglichkeit ergeben sind, sich im Ganzen genommen wohl bei ihr zu befinden glauben, und daß sie Vorzüge haben müsse, die alle ihre Mängel und Gebrechen aufwiegen? Und so ist es auch, wenn mich nicht alles trügt; ja, noch mehr, ich bin überzeugt, daß das Volk in den Abendländern im Grund eben so gesinnt ist, und sein Joch überall eben so geduldig auf dem Nacken leiden würde, wenn es nicht von unruhigen regiersüchtigen Menschen aufgewiegelt, und durch Vorspieglungen einer schimärischen Freiheit auf verderbliche Irrwege verleitet würde. Keine monarchische Regierung, wie heillos sie auch sein mag, ist es so sehr, daß sie nicht noch immer der Anarchie vorzuziehen sein sollte, in welche ein Volk unvermeidlich gestürzt wird, wenn man ihm auf einmal eine Freiheit gibt, die es weder zu ertragen noch zu gebrauchen weiß. Mögen sich doch unter der Regierung eines Einzigen große Mißbräuche in den Staat eingeschlichen haben! Mißbräuche können immer durch rechten Gebrauch geheilt werden. Und sollte auch eine Nation durch einen ungewöhnlichen Zusammenfluß dringender Umstände in den Fall kommen, daß sie sich selbst helfen müßte; so mögen unverständige oder grausame Gesetze abgeschafft, unbillige Vorrechte aufgehoben, übermäßige Auflagen vermindert, eine verschwenderische Staatshaushaltung eingeschränkt werden: aber die Monarchie selbst, die kein Mißbrauch ist, muß unangetastet bleiben, und nur ein wahnsinniger Arzt wird einem Kranken das Haupt abschlagen, damit es ihm nicht mehr wehe tun könne. Gesetzt aber auch, eine Nation wollte sich alles Unheil, das aus einer gänzlichen Umkehrung ihrer alten Verfassung notwendig erfolgen muß, in Hoffnung besserer Zeiten gefallen lassen: wie kann sie hoffen, daß sie sich jemals unter einem demokratischen Regimente besser befinden werde? Entweder ihre Gesetzgeber müßten die menschliche Natur selbst umzuschaffen wissen; oder der Staat wird sich, unter dem Schein einer popularen Verfassung , unvermerkt in eine Oligarchie verwandeln, die dem Volke noch schädlicher und unerträglicher sein wird, als der Despotismus eines Einzigen mit allen seinen Unbequemlichkeiten. – Doch, die Rede ist ja nicht davon, ob das Übel, gegen welches wir Mittel suchen, ein Übel sei, sondern ob ihm geholfen werden könne. Juno . Dies ist in der Tat der Knoten, den ich gern aufgelöst hätte. Während wir uns hier beratschlagen, frißt diese demokratische Pest, die bereits eines der schönsten Reiche des Erdbodens zu Grunde gerichtet hat, immer weiter um sich, und wir haben keine Zeit zu verlieren, wenn die Kur nicht zu spät kommen soll. Semiramis . Es fehlt in solchen Fällen nicht an Ärzten, die, aus Furcht zu viel Zeit zu verlieren, nicht genug eilen können, den Ausbrüchen und Zufällen des Übels zu wehren: aber Palliative würden hier schlechte Wirkung tun, und hitzige Mittel übel nur ärger machen. Um die Krankheit in ihrem innersten Sitze angreifen und von Grund aus heilen zu können, muß ihr vor allem die Nahrung entzogen und die Quelle verstopft werden, aus welcher sie immer neuen Zufluß von bösen Säften erhalten hat. Die Völker werden nicht eher wieder zu jener Zufriedenheit mit ihrem Zustande, ohne welche keine dauerhafte innerliche Ruhe möglich ist, und die Monarchien nicht eher wieder zu ihrem vorigen Glanze gelangen, bis das alte Verhältnis zwischen den Fürsten und den Völkern wieder hergestellt ist; bis der Fürst sein Volk wieder mit dem Herzen eines Vaters , das Volk seinen Fürsten wieder mit dem unbesorgten und grenzenlosen Vertrauen eines Kindes ansieht; jener seinen höchsten Stolz durch das Glück seiner Untertanen befriedigt findet, diese, in gänzlicher Überzeugung daß er nichts andres als ihr Bestes wollen könne, keinen Begriff davon haben, wie man seine Regierung tadeln oder seinen Befehlen den unbedingtesten Gehorsam verweigern könnte. Aus einem solchen Verhältnis wird und muß Ordnung, Ruhe und Wohlstand eben so unfehlbar in den großen Familien, die man Staaten nennt, entspringen, als das Glück einzelner Haushaltungen eine Frucht der Harmonie und des reinen Verhältnisses zwischen Mann und Weib, Eltern und Kindern ist. Aber wie könnte es jemals dahin kommen, so lange die wahre Quelle des Mißtrauens und der Mißverständnisse zwischen Völkern und Fürsten nicht verstopft wird? – Ich sehe voraus, wie sehr das Mittel, welches ich hierzu vorzuschlagen habe, gegen die herrschenden Begriffe dieser Zeit anprallt; und kaum würde ichs wagen es zu nennen, wenn ich weniger überzeugt wäre, daß es eben so unschuldig und wohltätig, als unfehlbar in seiner Wirkung ist. Juno . Du erregst meine ganze Aufmerksamkeit, Semiramis. Was für ein Mittel kann das sein? Semiramis . Ein sehr einfaches, große Göttin. – Die Freiheit, über die öffentlichen Angelegenheiten der Völker, über die natürlichen und gesellschaftlichen Rechte des Menschen, über Gesetzgebung und Staatsverwaltung der Regenten öffentlich alles zu reden und zu schreiben, was ein jeder, aus einem oft sehr schiefen Gesichtspunkte, mit sehr blöden, trüben oder vergällten Augen für wahr ansieht, muß für das was sie ist, für Störung der öffentlichen Ruhe erklärt, und auf alle mögliche Weise unterdrückt werden. Die Wissenschaften überhaupt, und besonders diejenigen die das Wort Philosophie umfaßt, müssen wieder mit dem heiligen Schleier des Geheimnisses , den ihnen die leichtfertigen Griechen abgezogen haben, bedeckt, und einem nicht zahlreichen Orden von Weisen anvertraut werden, dessen Verfassung und Betragen die Regierung (von welcher er immer abhängig bleiben muß) übersehen, beleuchten und in den gehörigen Schranken halten kann. Das Volk hingegen, dem nichts schädlicher ist als zu viel zu wissen und zu klar zu sehen, muß, nach allen seinen Klassen, in den Kreis der Tätigkeit, wozu jede Klasse angewiesen ist, eingeschränkt, und in die Unmöglichkeit gesetzt werden, sich nach eigener Willkür Kenntnisse zu verschaffen, deren Gebrauch so leicht zum Mißbrauch, ihm selbst und dem ganzen Staate so leicht verderblich werden kann. Aspasia lebhaft einfallend . Wie, Semiramis? Du wolltest dem großen Plane der Natur, der ewig steigenden Vervollkommnung der Menschheit, deinen Königen zuliebe einen solchen Riegel vorschieben? Du wolltest die Aufklärung  – Semiramis . Verzeihe, Aspasia, daß ich dir in die Rede falle. – Ich will weiter nichts, als daß dem unvorsichtigen Gebrauch der Wissenschaften gesteuert, und das Volk in die wohltätige Unmöglichkeit gesetzt werde, Gift für Arznei zu nehmen, oder auch wohl durch gute Arzneien, deren es nicht bedarf, sich selbst vergiften zu können. Die Weisen sollen an Vermehrung des allgemeinen Schatzes der menschlichen Kenntnisse, und, wo möglich, selbst an Erweiterung der Grenzen des menschlichen Verstandes arbeiten dürfen so viel sie wollen; es soll ihnen sogar zur Pflicht gemacht werden, dem Volke, unter der Aufsicht der höchsten Obrigkeit, alle Entdeckungen und Erfindungen mitzuteilen, von welchen man versichert sein kann, daß sie den Zustand desselben, ohne ihm auf einer andern Seite größern Schaden zu tun, verbessern werden. Nur soll den Weisen nicht erlaubt sein, alles ohne Unterschied gemein zu machen was sie wissen und denken; viel weniger sollen den Unweisen freie Hände gelassen werden, durch Verbreitung ihrer Torheit das Glück und die Ruhe der menschlichen Gesellschaft zu stören. Was die Aufklärung betrifft, so gilt, deucht mich, auch von ihr, wenn man sagt, daß entgegen gesetzte Dinge mit ihren äußersten Punkten in einander fließen. Sie scheint in diesen Tagen ihre höchste Stufe erreicht zu haben; und eine allgemein merkliche Folge davon ist, daß alles sich wieder nach der Rückkehr jener goldnen Zeiten sehnt, da die Menschheit noch im Genuß einer unverkünstelten Einfalt, Aufrichtigkeit, Wärme und Energie so glücklich war, daß selbst die am meisten verfeinerten und von der Glücksgöttin am meisten begünstigten Zärtlinge des gegenwärtigen Zeitalters, mitten unter ihren üppigsten und ausgesuchtesten Genüssen, sich nicht enthalten können, das Glück jener rohen Kinder der Natur zu beneiden. Oder warum, als weil dieses Gefühl immer allgemeiner wird, sind lebhafte Schilderungen unverdorbener Naturmenschen beinahe das einzige, was mit einem unwiderstehlichen Reiz und Zauber auf alle Gemüter wirkt? Mich dünkt, es müsse uns , die wir von hier aus das Ganze der Menschheit so ziemlich übersehen, beinahe in die Augen springen, daß mitten in der Erschlaffung der ausschweifendsten Üppigkeit (die man sehr unrecht mit Vervollkommnung verwechselt) alles unvermerkt sich wieder dahin neigt, woher die ganze menschliche Gattung vor einigen Jahrtausenden ausgegangen ist. Die Natur verfolgt hierin ihren eigenen ewigen Kreislauf. Aber, wenn sie uns das Vermögen gegeben hat, mit Überlegung und Vernunft zu ihren Endzwecken mitzuwirken: was können wir bessers tun, als die Anstalten zu treffen, wodurch ihr wohltätigster Zweck, die Ruhe und Zufriedenheit der Menschen, am kürzesten und sichersten befördert wird? Juno . Deine Vorschläge, Königin Semiramis, verdienen in nähere Erwägung gezogen zu werden, und mich deucht, ich lese in Aspasiens Augen eine kleine Ungeduld, uns ihre Gedanken darüber zu eröffnen. Aspasia . Weil die erlauchte Königin, zu besserer Begründung ihrer Meinung, für nötig erachtet hat, bis zum Ursprung der bürgerlichen Gesellschaften zurück zu gehen, so sei mir erlaubt, überhaupt zu bemerken: daß die Verschiedenheit der Himmelsstriche und des Erdbodens, und der aus jeder besondern Lage erwachsenden eigenen Bedürfnisse, einen beträchtlichen Unterschied zwischen den Bewohnern der fruchtbarsten Länder gegen Morgen , und den nomadischen Horden, welche die nördlichen und westlichen Erdstriche nach und nach bevölkerten, gemacht habe. In jenen war von undenklichen Zeiten her die unbeschränkte Regierung eines Einzigen, in diesen die Freiheit einheimisch. Ich will nicht bestreiten, daß in jenen , unter einem Ackerbau treibenden, und eben darum milden und ruhigen Volke, das ursprüngliche väterliche Hausregiment den ersten Grund zu der morgenländischen Monarchie gelegt und das Modell derselben abgegeben haben könne: aber gewiß ist, daß die nomadischen Völkerstämme, die von Viehzucht, Jagd und Raub lebten, sich Jahrtausende lang in einer Art von Gesellschaft erhalten haben, die der natürlichen Freiheit keinen andern Eintrag tat, als insofern ein jeder, seiner eigenen Erhaltung wegen, sich freiwillig dem Gesetze des gemeinen Besten unterwarf. Diese rohen Menschen lebten in einem ewigen Kriege mit den Tieren des Waldes und unter sich selbst. Eine solche Lebensart machte einen Anführer unentbehrlich; und da persönliche Vorzüge und Verdienste den einzigen Unterschied unter ihnen ausmachten, so war nichts natürlicher, als daß der beste Jäger und der tapferste Krieger, der Mann, der in Verlegenheiten den besten Rat gab, in jeder Gefahr der Erste war, in jedem Ungemach am längsten ausdauern konnte, einhellig zum Anführer und Oberhaupt der Horde erwählt wurde. Auch diese Häupter der freien Celtischen Horden, und einer Menge von ihnen abstammender kleiner Völkerschaften des nordwestlichen Teils der Erde, wurden in der Folge Könige oder Fürsten genannt; aber welcher Unterschied zwischen diesen Königen und den morgenländischen Despoten! zwischen dem erwählten Oberhaupt eines freien Volkes, und einem Monarchen, der, kraft der Übermacht, die ihm die Waffen seiner Kriegsknechte über friedsame und wehrlose Landleute verschaffen, sich des unbeschränkten Ansehens, welches die Natur dem Vater über seine unmündigen Kinder gibt, über ganze Millionen Menschen, die so viel Recht an Freiheit haben als er selbst, anmaßt, und den mildernden Vaternamen nur dazu gebraucht, um von seinen vorgeblichen Kindern blinden, alles leidenden Gehorsam fordern zu können, und sie, wenigstens mit einigem Schein von Rechte, zu seinen Leibeigenen zu machen! Die alten Bewohner von Europa haben diese morgenländische Art von Königen nie gekannt: und wiewohl sie sich in spätern Zeiten in verschiedene größere und kleinere Monarchien formierten; wiewohl das Beispiel der Römischen und Asiatischen Despoten, und noch mehr das innerliche Streben der monarchischen Regierung nach unbegrenzter Ausdehnung der höchsten Gewalt, unter Begünstigung einer neuen Religion und vieler anderer zufälligen Umstände, der königlichen Autorität eine immer zunehmende Stärke gab; so hat doch der ursprüngliche Geist der Freiheit , der so viele Jahrhunderte lang seinen Hauptsitz in diesem Weltteile hatte, eben so wenig ganz gedämpft werden können, als das ursprüngliche Recht an Freiheit durch irgend etwas, das Menschen jemals getan oder geduldet haben, verloren gehen kann. Semiramis . Was die schöne Aspasia so eben gegen meine Grundsätze über Menschenregierung und Monarchie eingewendet hat, kann sie, meines Erachtens, so wenig entkräften, daß ihre Stärke vielmehr in ein noch helleres Licht dadurch gesetzt wird. Mögen doch die Stammväter aller Völker auf Erden freie Naturmenschen gewesen sein, und sich, bei einer auf Jagd, Viehzucht und Raub eingeschränkten Lebensart, Jahrtausende, wenn man will, in dieser Freiheit – die sie den vierfüßigen Waldbewohnern so ähnlich machte – erhalten haben: genug, daß die Natur das edelste ihrer Kinder eben so wenig dazu bestimmt haben kann, ewig ein herum schweifender Viehhirt zu bleiben, als immer das Leben eines Raubtiers zu führen. Gerade dies, daß der Mensch von jeher nur so lang' er wild war, sein höchstes Gut in Unabhängigkeit setzte, hingegen so bald er sich seiner wahren Bestimmung (den Erdboden zu bauen, und die rohe Natur durch die Kunst zu seinem Nutzen und Vergnügen umzuschaffen) ergab, unvermerkt mildere Gesinnungen und Sitten annahm, die Gesetze des Eigentums kennen und ehren lernte, und sich der Oberherrlichkeit eines Einzigen unterwarf; und daß dies (wie Aspasia selbst gestehen muß) mit der Länge der Zeit endlich auch sogar bei ihren Celtischen und Skythischen Räuberhorden der Fall war, gerade dies beweiset für mich ; denn es beweiset, daß nicht Freiheit, sondern ruhige Unterwerfung unter den Zepter eines Regenten, welcher die gesetzgebende, richterliche und vollziehende Macht (die drei Hauptzweige der väterlichen Gewalt) als allgemeiner Landesvater in sich vereiniget, der wahre, von der Natur selbst vorbereitete und angewiesene Zustand ist, worin die Menschen zur Geselligkeit und Sittlichkeit erzogen, und im Genuß aller Vorteile der bürgerlichen Verbindung ihres Daseins froh werden sollen. Aspasia . Anstatt einen ungleichen Streit mit der großen und immer zu siegen gewohnten Königin fortzusetzen, erkläre ich mich lieber, mit gehörigem Vorbehalt , ihrer Meinung, daß die Regierung eines Einzigen die natürlichste und zuträglichste aller Formen sei, welche die Verwaltung der gemeinschaftlichen Angelegenheiten eines Volkes annehmen kann. Vielleicht hat sich dieser Satz von jeher nirgends auffallender bewährt als in den Freistaaten selbst, welche, wie zum Beispiel Athen durch Perikles , Rom durch Scipio Africanus , Genua durch Andreas Doria , den höchsten Punkt ihres Wohlstandes erreichten, wenn das Volk, der Freiheit unbeschadet, die Führung seiner wichtigsten Geschäfte mit unbegrenztem Vertrauen einem einzigen großen Manne überließ. Perikles regierte, ohne jemals einen andern Titel als den eines Feldherrn geführt zu haben, über das freie Athen bis an seinen Tod weit unumschränkter als Pisistratus , vor welchem er vielleicht nichts als die Liebe des Volks voraus hatte: er tat im eigentlichsten Verstand alles was er wollte, weil er die Geschicklichkeit besaß, sich von den Athenern nichts, als was er selbst für gut fand, befehlen zu lassen, und die Klugheit, nichts eigenmächtig zu tun, als was ihnen rühmlich oder angenehm war. Dieses Beispiel, daß eine fast uneingeschränkte Macht eines Einzigen sogar mit einer demokratischen Verfassung verträglich sei, scheint mir zu beweisen, daß ein Monarch, der den Geist und die Talente eines Perikles besäße, seinem Volk einen hohen Grad von Freiheit zugestehen könnte, ohne seinem eigenen Ansehen und Einfluß etwas beträchtliches zu vergeben. Der große Punkt ist nur, sich durch persönliche Überlegenheit die Hochachtung, und durch Popularität die Zuneigung des Volkes zu erwerben: mit diesen Vorteilen wird der eingeschränkteste König willkürlicher über die Gemüter freier Menschen herrschen, als irgend ein Asiatischer Despot über die Leiber mißvergnügter Sklaven. Freilich fordre ich damit von den Königen, was wohl die wenigsten zu leisten fähig sind. Eine Regierung, die auf leidenden Gehorsam und kindlichen Glauben des Volkes an das Vaterherz seines Monarchen gegründet ist, mag für diesen freilich viel bequemer sein: aber ich besorge sehr, die Zeit, da die Voraussetzung jenes väterlichen und kindlichen Verhältnisses zwischen Regenten und Untertanen möglich war, werde sich nicht wieder zurück rufen lassen. Die Europäer wenigstens scheinen endlich die Jahre der Autonomie erreicht zu haben, und nicht länger geneigt zu sein, ihren Regenten mehr väterliches Ansehen einzuräumen, als ein Vater über seine volljährigen Söhne auszuüben berechtigt ist. Der Vorschlag der großen Königin, der Aufklärung Grenzen zu setzen, und die Wissenschaften wieder zu einer geheimen Ordenssache zu machen, wie sie es ehemals in Persien, Ägypten und Indien waren, möchte also unter großen Nationen, die sich bereits im Besitz einer weit verbreiteten Kultur befinden, schwerlich ins Werk zu setzen sein. Eher wollte ich mich erkühnen dem Herkules seine Keule, als einem Volke, das sich des Gebrauchs seiner Vernunft einmal bemächtigt hat, diese furchtbarste aller Waffen wieder aus der Hand zu winden. Ein solches Volk betrachtet den ganzen Schatz von Erfahrung, Wissenschaft und Kunst, den das gegenwärtige Jahrhundert von allen vergangenen geerbt und durch eigenen Fleiß so ansehnlich vermehrt hat, als ein eben so gemeines Eigentum der Menschheit , wie Luft und Sonnenlicht; und jede Unternehmung gegen die Freiheit, nach eignem Belieben aus diesen Gemeinquellen zu schöpfen, ist in seinen Augen eine tyrannische Anmaßung gegen das unverlierbarste Naturrecht eines vernünftigen Wesens: kurz, ich müßte mich sehr irren, oder, so wie die Sachen stehen, wäre ein Bündnis der Könige gegen die Aufklärung das unfehlbarste Mittel den Umsturz der Thronen zu beschleunigen, und unabsehbares Elend über die Völker zu bringen. Ich bin daher so weit entfernt, den Rat der großen Königin zu billigen, daß ich vielmehr überzeugt bin, das beste was die Monarchen zu Befestigung ihres Ansehens tun können, sei gerade, den Untertanen den Gebrauch ihrer geistigen Kräfte völlig frei zu lassen, und den Umlauf aller Arten von Kenntnissen und Erzeugnissen des menschlichen Geistes vielmehr auf alle mögliche Weise zu befördern als hemmen zu wollen. Ich sage dieses mit der Erfahrung in der Hand: denn ich bin gewiß, Perikles erhielt sich vornehmlich dadurch so lange im Besitz der großen Gewalt, die ihm die Athener überließen, daß er so viel Gebrauch von den Talenten der Gelehrten und Künstler seiner Zeit zu ihrer eigenen Bildung und zu Verschönerung ihrer Stadt machte; und daß er, indem er ihrem lebhaften und unruhigen Geiste durch die Freiheit des Theaters, der Sophistenschulen und der öffentlichen Versammlungsörter, Gelegenheit zu angenehmen Zerstreuungen und unschädlichen Explosionen verschaffte, ihre Aufmerksamkeit von einer allzu eifersüchtigen Beobachtung seiner Staatsverwaltung abzuleiten wußte. Ich getraue mir zu behaupten, daß jeder Monarch, der diesen Weg einschlage (voraus gesetzt, daß er sein Volk im übrigen nur erträglich behandelte), die nämlichen Vorteile davon ziehen würde. Das sicherste Mittel, die Wirkungen der furchtbaren und in gewissem Sinne unermeßlichen Energie des menschlichen Geistes unschädlich zu machen, ist, wenn man ihr freien Spielraum läßt. Der Mann, der sich damit abgibt einer idealischen Republik Gesetze vorzuschreiben, vergißt darüber sich um die wirkliche zu bekümmern; und wer Tragödien für den Schauplatz macht, spielt gewiß keine für den Geschichtschreiber. Die Künste der Musen, und überhaupt alle Künste die für das Vergnügen und die Verschönerung des Lebens arbeiten, beschäftigen und erschöpfen große Kräfte, die, in Ermanglung eines so angenehmen und unschuldigen Wirkungskreises, gar leicht, durch gering scheinende Umstände gereizt, einen andern Ausbruch nehmen, und der Gesellschaft eben so gefährlich werden könnten, als sie ihr jetzt wohltätig sind. Überhaupt lehrt die Erfahrung aller Zeiten, daß ein Volk desto leichter zu regieren ist, je liberaler es regiert wird, und daß es sich ganz gern aller Ansprüche an politische Freiheit begibt, wenn man seine persönliche Freiheit unangetastet läßt. Man kann sich darauf verlassen, daß die Menschen bei einem solchen Ersatz sich zu manchen Aufopferungen bequemen werden. Überhaupt ist nichts ungegründeter als die Einbildung, als ob Aufklärung und Freiheit des Geistes ein Volk geneigt mache, sich gegen den notwendigen Druck der Gewalt, die den Staat zusammen hält, aufzulehnen. Die Erfahrung hat immer das Gegenteil gezeigt. Je heller die Menschen das für und wider einer jeden Sache sehen, desto ungeneigter werden sie, ihre gegenwärtige Lage, wenn sie nicht ganz unerträglich ist, mit einer unbekannten und ungewissen zu vertauschen: und, in den tausendfach verschlungenen Verhältnissen des bürgerlichen Lebens, wie in jenem Vulkanischen Netze, so verwickelt als sie sind, wie viel sind sie nicht zu ertragen fähig, ehe sie sich mit Gewalt los zu reißen versuchen! Bei allem dem, große Königin der Götter, besorge ich sehr, es möchte den Monarchen, wie die Sachen dermalen zwischen ihnen und ihren Untergebenen stehen, mit allem unserm guten Willen nicht viel zu dienen sein. Denn was können wir ihnen raten? Der Weise hilft sich selbst; der Törichte hingegen wird den besten Rat entweder nicht hören, oder, wenn er ihn befolgt, ihn töricht befolgen , und sich dann gerade um unsern Rat schlimmer befinden als zuvor. Mit Einem Worte, wehe dem, der an der Spitze eines Volkes steht, und nicht der verständigste und bravste Mann seines Volkes ist! Indessen, um doch nicht davon zu gehen ohne meinen kleinen Beitrag bezahlt zu haben, trage ich, besserer Meinung unbeschadet, darauf an: die Regenten zu warnen, daß sie sich nicht von blödsinnigen Ratgebern verleiten lassen, der großen Revolution, die in dem menschlichen Verstande vorzugehen angefangen hat, in den Weg treten zu wollen; anstatt, daß es ohne Vergleichung rühmlicher und sicherer für sie sein wird, mit der Vernunft in gutem Vernehmen zu leben, sie ihren eigenen Gang gehen zu lassen, und überhaupt ruhig dabei zu bleiben, wenn jedermann denkt wie er fühlt, spricht wie er denkt, glaubt was er wünscht, und tut was er nicht lassen kann. – Solltest du dieser freundlichen Warnung noch einen guten Rat beifügen wollen, so wäre der meinige: denjenigen, die keine Ursache haben sich zuzutrauen, daß sie die Jahrbücher ihrer Zeit mit preiswürdigen Taten anzufüllen fähig seien, ins Ohr zu sagen, sie könnten noch immer etwas sehr rühmliches tun, – wenn sie machten, daß die Geschichte – gar nichts von ihnen zu erzählen habe. Juno . Du hast den Ton nicht bei uns verlernt, Aspasia, den du vor zweitausend Jahren den Sokraten und Alcibiaden zu Athen angabst; und die Könige haben, wie ich sehe, keine sehr warme Patronin an dir. Hoffentlich wird uns Julia Augusta, an welcher nun die Reihe ist, etwas mehr Anmutung zu ihrer Sache zeigen. Eine Frau, unter deren Einflusse die größte aller Republiken sich in eine so ruhige Monarchie verwandelte, als jemals eine von einer langen Reihe von Königen auf ihre Nachfolger fortgeerbt wurde, die Gemahlin und Mutter zweier Fürsten, die in den feinsten Griffen der Regierungskunst von keinem andern übertroffen worden sind, muß, wenn irgend eine, im Stande sein, in der Verlegenheit, worin ich mich für meine Klienten befinde, einen Ausweg zu entdecken. Livia . Es ist nicht zu leugnen, daß Cäsar Augustus ein gutes Teil Kunst vonnöten hatte, um sich funfzig Jahre auf einem Posten zu erhalten, den sein großer Vorgänger (vielleicht der Erste unter den Sterblichen, und von der Natur selbst zum Regenten aller übrigen gebildet) kaum ein Jahr lang hatte behaupten können. Indessen, wie man überhaupt der menschlichen Weisheit mehr Anteil an dem, was in der Welt geschiehet, zuzuschreiben pflegt, als sie wirklich hat, so mag wohl manches auf die Rechnung meines Gemahls, und vielleicht auch auf die meinige gesetzt werden, wovon vielmehr unserm Glücke als unsrer Klugheit die Ehre gebührt. In der Tat war August so übermäßig glücklich, daß ihm nicht nur die ziemlich leichte Kunst, sowohl von den Vorteilen seiner Lage und Umstände als von den Fehlern seiner Rivalen nützlichen Gebrauch zu machen, sondern (aufrichtig zu reden) sogar seine eigenen Fehler und Untugenden, weil sie ihm zufälliger Weise nützlich waren, für Verdienste angerechnet wurden. Der große Punkt, der ihm am meisten zustatten kam, war, daß sich die Römer und die ganze übrige Welt in dem Falle eines Schiffbrüchigen befanden, dem in der Angst jede Planke, deren er zuerst habhaft werden kann, die willkommenste ist. Wäre die Schlacht bei Actium für den Antonius glücklich ausgefallen, wäre Octavians Tod, statt des seinigen, die Folge davon gewesen: so würden sie sich, mit eben so vieler und vielleicht noch weit größerer Schwärmerei, in die Arme des Antonius geworfen haben. Wie dem aber auch sein mag, so sage ich doch schwerlich zu viel, wenn ich das ganze Betragen des Augustus gegen die Römer – von dem Tage an, da er alle seine Gewalt in ihren Schoß legte, um sie, unter den verschiedenen Benennungen, an welche ihre Ohren gewöhnt waren, wieder aus ihren Händen zu empfangen, bis zu dem berühmten Plaudite, womit er den Mimus seines Lebens beschloß – eine der lehrreichsten Schulen für Könige nenne; besonders für solche, die über ein Volk regieren, das mit eifersüchtiger Liebe an dem Namen der Freiheit und an demokratischen Formen hängt; oder auch für einen bisher unumschränkten Monarchen, der sich (wie neulich der König der Westfranken) gezwungen fände, seinem Volke die gesetzgebende Gewalt abzutreten, und sich eine Verfassung, wobei ihm wenig mehr als der Name eines Königs übrig bliebe, aufdringen zu lassen. Zwar Augustus befand sich gerade im entgegen gesetzten Falle; ihm fehlte von allem, was einen König ausmacht, nur der Name, da hingegen die Römer nichts als die leeren Formen und Hülsen von ihrer ehemaligen Verfassung übrig behielten: aber der Punkt, worauf es hier ankommt, ist, daß Augustus sich darum nichts desto weniger so benahm, als ob das Römische Volk alles, und er selbst nichts wäre als was sie aus ihm machen wollten. Er maß alle seine Schritte, wog alle seine Reden und Handlungen, sogar in seinem Privatleben, mit einer so ängstlichen Genauigkeit ab; bediente sich seiner Autorität mit so vieler Bescheidenheit und Zurückhaltung; schien bei allem, was er verlangte oder unternahm, so bekümmert zu sein, ob es auch den Beifall des Volkes habe; wußte jeder Verfügung, die seine Allgewalt im Staate hätte verhaßt machen können, so geschickt das Ansehen einer Gefälligkeit gegen die Wünsche des Volkes zu geben, und spielte, mit Einem Worte, die Popularität mit so viel Feinheit und Anstand, daß der eingeschränkteste Regent einer freien Nation nicht mehr Kunst anwenden könnte, eine Autorität, die er nicht hätte, zu erschleichen , als August anwandte, diejenige, die er hatte , zu maskieren . Übrigens gibt mir die Unparteilichkeit, womit ich den Mann, dessen Ruhm mit dem meinigen so eng verbunden ist, gerade von der Seite, die er am sorgfältigsten zu verbergen suchte, gezeigt habe, das Recht hinzu zu setzen: daß, wenn er zu dieser Rolle durch die Umstände gezwungen war, und alle diese Kunstgriffe nötig hatte, um eine unsichere usurpierte Gewalt in eine rechtmäßige und dauerhafte zu verwandeln, der Gebrauch, den er von der letztern machte, ihm einen ehrenvollen Platz neben den besten Fürsten, die jemals zum Throne geboren wurden, verdient hat. Augustus vereinigte alles in sich, was Semiramis und Aspasia für die wesentlichsten Tugenden eines guten Regenten erklärt haben; und gewiß regierte der väterlich, der nicht von bettelnden oder voraus bezahlten Schmeichlern, sondern aus dem vollen Herzen der dankbaren Römer den schönen Namen Vater des Vaterlandes erhielt. Wenn ich gestehe, daß in seiner Popularität viel mimische Kunst und Täuschung war, so müßte man sehr unbillig sein, wenn man verkennen wollte, daß selbst diese Täuschung, weil sie den Römern wohltätig war, unter seine Verdienste gehört. Ein so verderbtes Volk, wie die Romuliden seiner Zeit, und wie dermalen, mehr oder weniger, alle Europäische Nationen sind, will getäuscht sein , und muß oft schlechterdings zu seinem eigenen Vorteil getäuscht werden: aber damit es nicht alle Augenblicke aus seinen goldnen Träumen aufgeweckt werde, muß dem süßen Wahn etwas Reelles zum Grunde liegen, muß man erst sein Herz und sein Vertrauen gewonnen haben; und das letztere wenigstens erhält man schwerlich anders, als durch wirkliche Verdienste, die man sich um seinen Wohlstand gemacht hat. Und bestände auch alles, was ein Volk seinem Fürsten zu danken hätte, nur in einem angenehmern Lebensgenusse; so rechnen die Menschen das, was ihren Sinnen schmeichelt, gewöhnlich höher an, als ungleich größere Wohltaten, deren Wert nur mit dem Verstand erkannt und erst in langsam heran reifenden Früchten genossen wird. Du siehest, große Göttin, daß meine Gedanken von Aspasiens vielleicht nur in diesem einzigen Stücke verschieden sind, daß sie von deinen zeptertragenden Klienten nicht gut genug zu denken scheint, um ihnen zuzutrauen, daß der einzige Rat, den wir ihnen zu geben haben, den gehörigen Eingang bei ihnen finden werde. Ich gestehe, daß ich von verschiedenen unter ihnen eine bessere Meinung hege; besonders von Einem, dem das Schicksal eine der schwersten Rollen zu spielen gab, und der mit allen Fähigkeiten, sie gut zu spielen, den Schauplatz vor kurzem betreten hat. Es ist natürlich, wenn das Ideal eines vortrefflichen Regenten, das jede von uns aufgestellt hat, dem größten Meister der Kunst, den sie einst kannte, ähnlich sieht: aber ich müßte mich sehr irren, oder die Hauptmaximen, deren Befolgung jede von uns zur notwendigsten Bedingung einer weisen und glücklichen Regierung machte, lassen sich sehr gut vereinigen; oder vielmehr die Regierung des Augustus ist ein wirkliches Beispiel dieser Vereinigung, und verdient daher (wie ehemals der berühmte Kanon des Polykletus von den Bildhauern ) von allen Fürsten, wie groß oder klein ihr Wirkungskreis sein mag, zum Modell genommen zu werden. Ich weiß sehr gut, wie viel ich damit von diesen Herren fordre; aber meine Absicht ist auch nichts weniger, als ihnen meine Cour dadurch zu machen. Wer sich mit Regieren abgibt, ohne sich der Talente, die dazu erfordert werden, bewußt zu sein; wer sich vor irgend einer Arbeit und Mühe, die damit verbunden ist, scheuet, und nicht den festen Willen hat, sich durch alle mögliche Verdienste um das Glück seines Volkes der ersten Stelle im Staate würdig zu zeigen: für den habe ich keinen andern Rat, als sich einer Bürde, die er nicht tragen kann oder nicht tragen will , je eher je lieber zu entladen. Sogar eine erbliche Krone ist usurpiert , wenn sie nicht verdient wird. Juno . Auch du, Julia? – auch du machst so strenge Forderungen an die Könige? Livia . Um Vergebung, Göttin! ich fordere nicht mehr von ihnen als die Knaben meiner Zeit in Rom von ihren Spielkönigen: Wers am besten macht , riefen sie, soll König sein! Juno . Das ist es eben, was ich allzu streng finde. Wenn wir dem Volke das Recht eingestehen wollten, seine Regenten auf dieser Waage zu wägen, wie viele, meinst du, würden wohl auf angeerbten Thronen ruhig sitzen bleiben? Und dennoch hat eine lange Erfahrung gelehrt, daß es für die Ruhe der Staaten zuträglicher ist, wenn sie, mittelst einer festgesetzten Erbfolge, die Wahl ihres Regenten dem Schicksal überlassen! Livia . Meine Meinung ist keinesweges dem Volk ein Recht einzugestehen, dessen Ausübung ihm selbst verderblich sein und sehr bald alle bürgerliche Ordnung zerstören würde. Das Volk hat von der Regierung nichts zu fordern als Sicherheit und Gerechtigkeit: aber der Regent muß desto mehr von sich selbst fordern; oder, wofern er so eine Art von König ist wie das Stück Holz in der Fabel, so sehe ich nicht, mit welchem Recht er sich beklagen könnte, wenn die Frösche ohne Scheu auf ihm herum springen. Juno . Am Ende wird sich finden, daß es keine leichte Sache ist, den Fröschen einen König zu geben, wie sie einen nötig haben. Aber wir sind, deucht mich, unvermerkt, von dem eigentlichen Gegenstande unsrer Beratschlagung abgekommen; es wird also an dir sein, Königin Elisa, uns wieder zurück zu bringen, und uns gegen das Übel, welchem abgeholfen werden muß, Mittel vorzuschlagen, die den gegenwärtigen Zeitumständen angemessen, so nahe als möglich bei der Hand, und zugleich so sicher in der Anwendung sind, daß wir nicht Gefahr laufen eine Kur zu machen, die noch schlimmer als die Krankheit selber ist. K. Elisabeth . Der Grund, warum manche Kranke nicht genesen können, liegt nicht sowohl an dem Mangel wirksamer Heilmittel, als daran, daß der Patient sich der Kur nicht unterwerfen will, oder doch die Mittel nicht in der rechten Ordnung gebraucht. Dies dürfte wohl, wie ich besorge, auch der Fall bei manchen unter den Königen sein, welchen du, große Beschützerin der Thronen, aus ihren Verlegenheiten geholfen wissen möchtest. Meiner Meinung nach gibt es wirklich ein unfehlbares Mittel, wie alles zwischen den Völkern und ihren Regenten in das gehörige Gleichgewicht gesetzt werden kann: aber, da es eben so einzig als unfehlbar ist, und von Seiten deiner Klienten ein Opfer fordert, wozu vielleicht keiner von ihnen sich freiwillig entschließen wird; so muß ich voraus gestehen, daß ich nicht viel mehr Vertrauen zu der Wirksamkeit unserer Beratschlagung habe als Aspasia, und beinahe gewiß bin, die Notwendigkeit allein werde die Verblendeten endlich zu den Schritten zwingen müssen, welche sie aus eigener Bewegung zu tun, wie ich befürchte, weder billig noch weise genug sind. Meine erleuchten Vorgängerinnen haben verschiedene Vorschläge getan, die unter den vorausgesetzten Bedingungen von sehr guter Wirkung sein würden: nur sind diese Bedingungen unglücklicher Weise so beschaffen, daß sich keine Rechnung auf ihre Voraussetzung machen läßt. Ganz gewiß wird ein jedes Volk, das von einem weisen und guten Fürsten väterlich regiert wird, sich unter seinem Zepter wohl befinden. Aber, wo ist der Sterbliche oder der Gott, der irgend einem Volke auch nur für einen einzigen, geschweige für eine ganze Reihe solcher Regenten, die Gewähr leisten könnte? – Und wenn nun das Gegenteil erfolgt? Wenn der Monarch, der alles kann und alles darf, kein Vater, sondern ein Tyrann ist? wenn er ungerechte, unweise, die Rechte der Menschheit kränkende, ja gänzlich aufhebende Gesetze gibt? wenn er selbst kein anderes Gesetz erkennt als seine Leidenschaften? wenn er über das Eigentum, die Kräfte, die Freiheit und das Leben seiner Untertanen nach Willkür schaltet, die Staatseinkünfte verschleudert, seine Länder den Drangsalen und Verwüstungen unnötiger und törichter Kriege aussetzt; kurz, wenn er sich seiner unumschränkten Gewalt so bedient, wie die meisten Despoten von jeher getan haben und immer tun werden: was bleibt dann, nach dem Plane der erlauchten Königin von Babylon, seinem gemißhandelten Volke übrig, als die traurige Wahl, entweder zu leiden was nicht zu leiden ist, oder, wenn es endlich aus Verzweiflung die unerträglichen Ketten mit Gewalt zerbricht, sich allen Gefahren, allem Unheil einer plötzlichen, planlosen, vielleicht dem ganzen Staate verderblichen Revolution auszusetzen? – » Wenn der Monarch ein Tyrann ist «, sagte ich, – und man wird mir einwenden, daß unsre Zeit keine Busiris und Phalaris , keine Neronen und Domitiane mehr hervor bringe: aber, man kann auf sehr verschiedene Art und unter gar mancherlei Gestalten, sogar unter der Maske eines gütigen, für die Ruhe und das Glück seiner Untertanen zärtlich besorgten Landesvaters, ein Tyrann sein. Es gibt vielleicht keine Neronen mehr: aber hat die Natur etwa die Formen vernichtet, worin sie einen Philipp den Zweiten von Spanien, einen Ludewig den Eilften von Frankreich, einen Kaiser Ferdinand den Zweiten machte? Hieß der vierzehnte Ludewig von Frankreich nicht der Große ? der funfzehnte nicht der Vielgeliebte ? Und leben oder vegetieren nicht in diesem Augenblicke solche Väter des Vaterlandes, welche, während ihre Gerechtigkeitsliebe und ihr gutes Herz von tausend Zungen gepriesen wird, mit unbegreiflicher Gleichgültigkeit zusehen, wie ihre Untertanen in ihrem Namen ausgeplündert werden? Kennen wir nicht Länder, welche die Freigebigkeit der Natur und der betriebsame Fleiß der Einwohner zu Beispielen des blühendsten Wohlstandes gemacht hatte, und die unter solchen guten Fürsten in einen Verfall gerieten, zu welchem sie gewiß unter einem Tiberius nicht herab gesunken wären? Vermutlich lebt auf der weiten Erde kein einziger Regent, für dessen Ohr und Herz der schöne Beiname Ludewigs des Zwölften von Frankreich keinen Reiz haben sollte: und dennoch könnte ich mehr als Einen nennen, der sein Volk mit der Zärtlichkeit eines Vaters zu lieben glaubt und vielleicht wirklich liebt, dessen Staatshaushaltung nichts desto weniger so beschaffen ist, daß sich das Jahr mit ziemlicher Gewißheit ausrechnen läßt, wann er den größten Teil seiner geliebten Kinder – an den Bettelstab gebracht haben wird. Unstreitig sagte Semiramis eine große Wahrheit, indem sie behauptete, daß dem Übel, gegen welches wir die wirksamsten Mittel vorschlagen sollen, durch Palliative nicht geholfen werden könne. Was sind aber alle diese Täuschungen des Volks , in welche sie und die erlauchte Livia die großen Mysterien der Regierungskunst zu setzen scheint, – diese liebliche Dichtung eines väterlichen und kindlichen Verhältnisses zwischen Regenten und Untertanen – oder diese hinterlistigen Künste , ein Volk in süße Träume von Freiheit einzuwiegen, während man ihm eine Schlinge nach der andern über den Kopf wirft, es mit Puppenspielen und goldenen Hoffnungen zu amüsieren, ihm sogar, damit es sich einen Augenblick für glücklich halte, alle ersinnlichen Gelegenheiten zu Befriedigung ausschweifender und kindischer Leidenschaften zu verschaffen, während man es unvermerkt zum Werkzeug, aber am Ende auch zum Opfer der willkürlichen Gewalt eines Demagogen, oder eines despotischen Monarchen macht – was sind diese Täuschungen anders als Palliative ? als eine Art von Zaubermitteln, wodurch das Übel auf eine kurze Zeit beschworen und eingeschläfert wird, indessen es im Innern immer weiter um sich frißt, und bei der geringsten äußerlichen Veranlassung mit verdoppelter Gewalt wieder ausbrechen muß? – Sogar die unverwandte Aufmerksamkeit auf die Wünsche des Volks, die sorgsame Achtung für seine Vorurteile und Launen, und (wenn ich der Sache ihren rechten Namen geben soll) die politische Koketterie , womit ich selbst ehemals um den Beifall und die Liebe meiner grillenhaften Nation buhlte, – weniger vielleicht aus der Neigung zu gefallen, die unserm Geschlecht eigen ist, als um einer ziemlich willkürlichen Regierungsart das Verhaßte zu benehmen, und auf einem unsichern Throne desto fester zu sitzen, – verdient, ungeachtet aller Lobreden die ich damit gewann, im Grunde keinen bessern Namen; wenn gleich nicht zu leugnen ist, daß mein Volk sich wohl dabei befand. Immerhin mag es von Zeiten, wo über die gegenseitigem Rechte und Pflichten der Obrigkeit und der Untertanen noch verworrene Begriffe allgemein herrschen, wo das Volk den ganzen Umfang seiner Rechte nur noch dunkel ahnet, der Regent hingegen geneigt ist den seinigen alle mögliche Ausdehnung zu geben, kurz von Zeiten wie die, in welchen wir und alle unsre Vorfahren regiert haben, – immerhin mag es von solchen Zeiten wahr sein, daß jedes verderbte Volk, (wie Livia behauptete) und ich setze hinzu, jedes unwissende und viele Jahrhunderte durch immer betrogene Volk, getäuscht sein wolle , und oft zu seinem eigenen Besten getäuscht werden müsse ! Wie lange diese Periode der Kindheit, des Irrtums und der Täuschung auch dauern mag, endlich muß einmal die Zeit kommen, wo sich die Menschen nicht mehr wie Kinder behandeln lassen, nicht mehr betrogen sein wollen , – wo sie wissen wollen woran sie sind – welches das kleinere Übel für sie sei, unter bürgerlichen Gesetzen zu leben, oder in den Stand der natürlichen Gleichheit und Ungleichheit zurück zu kehren, und unter welchen Bedingungen das erste dem andern vorzuziehen sei. – Alles müßte mich betrügen, oder diese Zeit (wofern sie nicht schon da ist) ist im Anzug; und in diesem Falle sehe ich nur Eine Maßregel, durch welche den furchtbaren Übeln, womit sie einen Teil des Menschengeschlechtes bedroht, vorgebauet werden kann. Sie hält ein . Juno . Eile sie uns mitzuteilen, Elisa! – Denn hoffentlich wirst du meine Erwartung nicht zum zweiten Male getäuscht sehen wollen, da du dich so nachdrücklich gegen alle Täuschung erklärt hast. K. Elisabeth . Wenigstens würde die Schuld nicht an mir liegen, Göttin. Meine Maßregel ist, wie ich gleich zu Anfang sagte, eben so unfehlbar , als sie die einzige ist, welche vernünftiger Weise genommen werden kann. Aber ich glaube die regierenden Herren – vom ersten aller Könige bis zum Bürgermeister des kleinsten aller Abderiten-Nester in der Welt – viel zu gut zu kennen, um zu hoffen, daß sie durch bloße Vernunftgründe bewogen werden sollten, die Hände dazu zu bieten. Juno . Diese Sorge laß dich nicht beunruhigen, Elisa! Wenn es nur darauf ankommt, so werden wir schon Mittel finden, ihnen den Willen dazu zu machen. K. Elisabeth . Das ist es eben, große Göttin, woran ich zweifle. Gewiß wird sie die eiserne Notwendigkeit dazu zwingen müssen: und wenn sie es dahin kommen lassen, so ist die rechte Zeit versäumt, und ich stehe nicht mehr für den Erfolg. Juno . Du könntest mich beinahe so ungeduldig machen wie ehemals deine Liebhaber, Königin Beß ! Deine Maßregel, wenn ich bitten darf! K. Elisabeth . Sie ist so simpel, so sehr das erste was vernünftigen Menschen, die in eine politische Gesellschaft mit einander treten wollen, einfallen muß, daß es, wenn die Tatsache nicht so laut spräche, unglaublich wäre, daß die Welt mehrere Jahrtausende habe stehen können, bis endlich vor ungefähr hundert Jahren ein einziges Volk darauf verfiel – und auch dieses mußte, wie man zu sagen pflegt, mit der Nase darauf gestoßen werden! Es ist immer allgemein anerkannt worden, daß der absoluteste Monarch Pflichten , und das dienstbarste aller Völker Rechte habe –. aber worin diese Rechte und Pflichten eigentlich bestehen, wie weit sie sich erstrecken, in welche Grenzlinien sie eingeschlossen sind, und was für Einrichtungen getroffen werden müssen, um dem Volke den vollen Genuß seiner Rechte zu verschaffen , und die Regenten zu Erfüllung ihrer Pflichten anzuhalten : darüber hat man sich immer mit verworrenen und schwankenden Vorstellungen beholfen; darüber ist sogar absichtlich und geflissentlich alle mögliche Dunkelheit verbreitet worden. Endlich hat in diesen Tagen das Schicksal einer großen Nation – die sich, ihre Staatsverfassung ausgenommen, in jeder andern Rücksicht für die erste in der Welt halten konnte, aber, durch langwierige Mißhandlungen aller Art ins Verderben gestürzt und zur äußersten Verzweiflung gebracht, sich lieber allem Elend der Anarchie aussetzen als den zermalmenden Druck des monarchischen und aristokratischen Despotismus länger ertragen wollte – endlich, sage ich, hat das lehrreiche und furchtbare Schicksal dieser Nation allen übrigen die Augen geöffnet; und die Überzeugung ist nun allgemein, daß nichts als eine Konstitution , worin die Rechte aller Klassen der Staatsbürger klar und bestimmt ausgedrückt und durch gehörige Veranstaltungen gegen alle willkürliche Eingriffe verwahrt sind, jeden andern Staat vor ähnlichen Auftritten sicher stellen könne. Dies, Göttin, ist die gegenwärtige Lage der Sachen. Die magischen Täuschungen, womit man bisher andere und sich selbst betrog, lassen sich nur in einem Nebel spielen, den die Vernunft endlich zerstreut hat; und gewaltsame Mittel (außer dem daß sie eben so unbillig als verhaßt sind) helfen zwar für den Augenblick, beschleunigen aber in der Tat die fürchterliche Katastrophe, welcher man dadurch vorbauen will. Augenscheinlich ist also nichts übrig, als daß man sich je eher je lieber entschließe, zu tun was schon längst hätte getan werden sollen. Eine Konstitution von wenigen, auf die allgemeine Vernunft und auf die Natur der bürgerlichen Gesellschaft gegründeten Artikeln, ist das unfehlbare, leichte und einzige Mittel, allen heilbaren Übeln der politischen Gesellschaft abzuhelfen, die möglichste Harmonie zwischen dem Regenten und den Untertanen herzustellen, und den Wohlstand der Staaten auf einer unerschütterlichen Grundlage zu befestigen. Juno . Dein Vorschlag hat meinen ganzen Beifall, und ich sehe nicht, warum die Monarchen Bedenken tragen sollten, ihn aus eigner Bewegung mit dem größten Vergnügen ins Werk zu setzen. K. Elisabeth . Wer einmal im Besitz einer unbestimmten Macht ist, wird schwerlich große Lust haben, selbst auf Einschränkung derselben anzufragen. In meinem alten England kostete es einem Könige den Kopf, und seinem zweiten Sohne die Krone, ehe es dahin kam, daß ihre Nachfolger sich bequemten, die Rechte, welche die Nation sich vorzubehalten für gut fand, als ein Grundgesetz des Reichs anzuerkennen. Juno . Die Fürsten sind seitdem aufgeklärter und billiger geworden, Elisa; sie werden sich wohlfeiler bequemen. K. Elisabeth . Wie? Auch diejenigen, die ihr göttliches Recht , leidenden Gehorsam von den Untertanen zu fordern, mit dreißig oder vierzig Legionen zu allem bereitwilliger Kriegsknechte behaupten können? Juno . Du trauest dem väterlichen Herzen der Monarchen auch gar zu wenig zu. K. Elisabeth . Ich war selbst eine Königin: du wirst mir zugut halten, wenn ich ein wenig ungläubig bin. Semiramis . In diesem Stücke denke ich wie Elisabeth. Livia . Auch ich besorge, sie möchte zuletzt nur zu sehr recht behalten. Juno . Wir müssen auf Mittel bedacht sein, meine Freundinnen, die Hirten der Völker zu überzeugen, daß sie für ihre eigene Sicherheit und Ruhe sowohl als für ihren Ruhm nichts bessers tun können, als Elisens Vorschlag ungesäumt ins Werk zu setzen. – Mir fällt sogleich eins ein, das wir vor Zeiten öfters mit gutem Erfolge gebraucht haben. Ich will meine Iris zu dem Gott der Träume schicken, und ihm befehlen lassen, noch in dieser Nacht allen Königen und Fürsten, die es angeht, jedem, nach Maßgabe seines Charakters und seiner besondern Lage, einen eigenen Traum zuzusenden, der ihm in einem zwiefachen mit den stärksten Zügen und wärmsten Farben ausgeführten Gemälde, in dem einen das Vorteilhafte, Schöne und Ruhmvolle der von Elisen vorgeschlagenen Maßregel, und in dem andern das unendliche Elend, das für sein Volk – und die Gefahr und Schande, die für ihn selbst – aus der Verachtung eines so guten Rates erwachsen könnte, so lebhaft zu Gemüte führe, daß es ihm beim Erwachen eben so unmöglich sein soll, der Wirkung seines Traumes zu widerstehen, als es dem König Agamemnon war, dem täuschenden Traume ungehorsam zu sein, den ihm Jupiter zuschickte, um ihn zum Angriff der Trojaner aufzufordern. Semiramis . Ein glücklicher Gedanke, Göttin, dessen Ausführung deine Absicht schwerlich verfehlen kann! Aspasia . Ich wünsche es, wiewohl in diesen ungläubigen Zeiten auch der uralte Glaube an Träume ziemlich erkaltet sein mag. K. Elisabeth . Vielleicht machen die Könige eine Ausnahme. Auf allen Fall wird ihnen auch wachend beizukommen sein. Juno . Genug für diesmal, meine Kinder! Vorerst wollen wir sehen was meine Träume wirken werden.