Jules Verne Die Drangsale eines Chinesen in China Vorwort. Kein Roman des berühmten Franzosen ist für die Gegenwart lesenswerter als der vorliegende, der ein so interessantes Gemälde von dem Reiche der Mitte giebt, wie wohl kaum ein zweites Werk solcher Gattung. Gelehrte Werke über China sind vorhanden oder erschienen in Menge, aber den Nutzen, den sie für den deutschen Leser stiften sollen, welchen die neuesten politischen Ereignisse vor die Notwendigkeit gestellt haben, sich mit den Verhältnissen, Gebräuchen und Sitten dieses eigentümlichsten aller Völker vertraut zu machen, können sie um deswillen nicht stiften, weil bei ihnen die trockne Behandlung der Materie zu rasch ermüdet. In dem vorliegenden Werke aber – einem Roman im eigentlichen Sinne des Wortes – bietet sich dem Leser in wunderbarer Fülle ein schier unerschöpfliches Material zur Belehrung über China und die Chinesen im Rahmen einer sehr geschickt angelegten Fabel, deren Kernpunkt die alte weise Lehre bildet: Das Glück des Lebens lehrt man erst schätzen, wenn man Unglück im Leben erfährt. Ein steinreicher Chinese – in einer goldenen Wiege geboren, blasiert, des Lebens überdrüssig – wird von seinem Erzieher und Lehrer, dem Philosophen Wang, aus seinem Glück herausgerissen und durch eine mit echt Verne 'scher Phantasie zusammengefügte Kette von Unglücksfällen geführt, deren Unwahrscheinlichkeit sich von Stufe zu Stufe überbietet. Zu Beginn des Romans im Begriff, sich mit einer der schönsten Landsmänninnen zu vermählen, wird er von einer Tantalusqual in die andre gestürzt, ehe er am Schlusse des Werkes der liebenden Gattin in die Arme geführt wird. Erhöht wird die Spannung der Handlung dadurch, daß der steinreiche Chinese, als er seinen Reichtum über Nacht einbüßt, seinen Plan, sich selbst aus dem Leben zu schaffen, dadurch fördert, daß er mit einer Lebensversicherungs-Gesellschaft eine außerordentlich hohe Prämie zu gunsten seiner Braut und Wangs abschließt. Infolgedessen heftet ihm der Generalagent dieser Gesellschaft zwei Agenten als Wächter an die Fersen, die ihn auf allen seinen Unglücksfahrten begleiten und die Situationen dadurch verschärfen, daß sie ihn vorm Tode und ihre Gesellschaft vor dem Riesenverluste zu schützen versuchen. Das durch diese beiden Agenten vertretene komische Element wird durch eine dritte Figur verstärkt, den bei Verne unvermeidlichen Lakaien Sun – einen bezopften Chinesen, wie er schnurriger wohl nirgends geschildert worden ist – der für alle Dummheiten, die er begeht, mit seinem Zopfe zu büßen hat. – – – Durch die Zeitungen läuft die folgende Notiz: Unter den Kandidaten für die französische Akademie wurde dieser Tage auch der bekannte Schriftsteller Jules Verne genannt. Dieser schreibt aber aus Amiens an Pierre Giffard, der ihn im »Vélo« warm empfiehlt: »Amiens, 5. Februar 1901. Ich möchte Ihnen ohne Verzug für den Artikel danken den Sie im »Vélo« veröffentlicht haben, und der im »Matin« wiedergegeben worden ist. Ich werde bald mein dreiundsiebzigstes Lebensjahr vollenden, und in einem solchen Alter habe ich wirklich nicht mehr den Ehrgeiz, in die Akademie zu kommen. Vor achtundzwanzig Jahren stellten Alexandre Dumas fils und einige Freunde meine Kandidatur auf, aber ich begriff bald, daß das ein unkluges Wagnis war, und ich habe mich in meine »Klause von Amiens«, wie Sie sagen, zurückgezogen, um nie wieder daraus hervorzukommen. Seit jener Zeit sind neunundfünfzig Akademiker in jene andere Welt hinübergegangen, wo sie ohne Zweifel keine Kuppel des Instituts finden, die ihnen eine ewige Zufluchtsstätte bieten würde. Das soll heißen, daß, wenn die Akademie auch die Unsterblichkeit verleiht, sie doch nicht unsterblich macht. Ich bin sehr gerührt durch die Anteilnahme, welche Sie, geehrter, Herr mir bezeigen, und indem ich Ihnen von ganzem Herzen danke, bitte ich Sie, einen Händedruck von dem alten Geschichtenerzähler anzunehmen. Jules Verne .« Wenn eines von seinen vielen Werken Jules Verne den Ehrenplatz in der französischen Akademie zu sichern angethan sein dürfte, so ist es der hier zum erstenmal in vollständiger und sachlich richtiger Verdeutschung vorliegende Roman: »Die Drangsale eines Chinesen in China«. P. H. Erstes Kapitel: in welchem sich Persönlichkeit und Nationalität der Personen zu entwickeln anfangen. »Daß das Leben sein Gutes hat, muß man doch gelten lassen!« rief einer der Tischgäste, der sich auf den Arm seines Sessels mit marmorner Lehne stützte und an einer gezuckerten Seerosenwurzel knaupelte. »Und Schlechtes auch!« versetzte, vor und nach den paar Worten hustend, ein anderer, der am Stachel einer delikaten Haifisch-Floßfeder beinahe erstickt wäre. »Lasset uns Philosophen sein!« bemerkte hierzu eine ältere Persönlichkeit, auf deren Nase ein Riesending von Brille, mit mächtigen, in hölzernen Reifen gefaßten Gläsern saß. »Heute schwebt man in Gefahr zu ersticken, und morgen läuft alles wie geschmiert, glatt und süß wie ein Schluck von diesem Nektar! So geht's nun mal im lieben Leben!« Nach diesen Worten leerte dieser Epikuräer von glücklichem Temperamente ein Glas lauen vorzüglichen Weines, dessen Blume in Gestalt leichter Wölkchen langsam aus einer metallenen Theekanne aufstieg. »Mir persönlich,« nahm nun ein vierter Tischgast das Wort, »erscheint das Dasein ganz annehmbar von dem Moment an, wo man müßig geht und seine Mittel einem den Müßiggang erlauben!« »Verkehrt!« versetzte der Fünfte. »Im Studium und in der Arbeit liegt das Glück. Die größte Summe von Kenntnis und Wissen erreichen, heißt das Glück zu erlangen suchen!« »Und hinter das Facit kommen, daß man, alles in allem, doch eben nichts weiß!« »Und ist das nicht der Anfang zur Weisheit?« »Wo aber steckt der Weisheit Ende?« »Die Weisheit hat kein Ende!« antwortete philosophisch der Mann mit der Brille auf der Nase, »Ueber gesunden Menschenverstand verfügen, dürfte das höchste Maß von Befriedigung bieten!« Nunmehr wendete sich der erste Tischgast direkt zu dem Gastgeber, der am oberen Ende der Tafel, also auf dem schlechtesten Platze saß, wie es die Höflichkeitsgesetze erforderten. Gleichgiltig und zerstreut hörte dieser Herr, ohne sich in das Gespräch zu mischen, »hinter seinem Becher« zu. »Ei! und was meint unser Amphitryo über diese Abschweifungen nach einem guten Trunk? Erscheint ihm das heutige Dasein gut oder schlecht? Ist er pro oder contra?« Der Amphitryo knackte behaglich ein paar Wassermelonenkerne. Statt aller Antwort begnügte er sich, geringschätzig die Lippen vorzuschieben, wie jemand, der an nichts Interesse zu fassen scheint. »Bah!« machte er. Dies »Bah« ist so recht das Leib- und Magenwort für den Indifferentismus. Es sagt alles und sagt doch nichts. Es hat in allen Sprachen Heimatsrecht und muß in allen Wörterbüchern des Erdballes stehen. Ein »zum Laut gewordenes Maulspitzen« könnte man's nennen. Die fünf Tischgäste, die von diesem blasierten Herrn bewirtet wurden, bestürmten ihn nun mit Gründen und Beweisen, natürlich jeder zu gunsten seiner Ansicht. Man wollte nun einmal seine Meinung hören. Zuerst verhielt er sich ablehnend gegen jede Antwort, dann stellte er die Behauptung auf, das Leben hätte weder Gutes noch Schlechtes. So wie er es verstünde, wäre es eine »Erfindung« von ziemlich geringer Bedeutung und in Summa eine »Erfindung«, die wenig Freude mache! »Unser Freund, wie er leibt und lebt!« »Kann der so reden, wenn noch kein Rosenspalt ihm je die Ruhe gestört hat!« »Und wenn er so jung noch ist!« »So jung noch und so reich schon!« »So reich und so gesund!« »Steinreich!« »Reicher als steinreich!« »Zu reich vielleicht!« Diese Zwischenrufe hatten sich wie die Raketen eines Feuerwerks gekreuzt, ohne auf dem teilnahmlosen Angesicht des Gastgebers auch nur ein Lächeln zu bewirken. Er hatte sich begnügt, leicht mit den Achseln zu zucken wie jemand, der niemals, und wär's auch nur eine kurze Stunde lang, im Buch des eignen Lebens hat blättern wollen – der nicht einmal die ersten Seiten aufgeschnitten hat! Und doch zählte dieser indifferente Mensch höchstens 31 Jahre, war gesund wie ein Fisch im Wasser, war im Besitz eines großen Vermögens; sein Geist war nicht ohne Bildung und seine Intelligenz erhob sich über das Durchschnittsmaß – kurz, er hatte alles, was so vielen anderen fehlt, um als einer der Glücklichsten hienieden zu gelten! Und warum war er es nicht? Warum? Des Philosophen ernste Stimme wurde jetzt vernehmlich – gleich der eines Chorführers im Altertum erklang sie! »Freund,« sprach der Philosoph, »bist Du hienieden nicht glücklich, so darum nicht, weil Dein Glück bis zur Stunde nur negativ gewesen! Mit dem Glücke verhält es sich wie mit der Gesundheit. Um rechten Genuß an ihm zu haben, muß man es zuweilen entbehrt haben. Du bist nun aber nie in Deinem Leben krank gewesen, – ich meine, Du bist niemals unglücklich gewesen! Das aber ist's, was Deinem Leben fehlt. Wer kann das Glück schätzen, den niemals, wenn auch nur auf einen Augenblick, Unglück getroffen!« Nach dieser weisheitsvollen Bemerkung erhob der Philosoph sein mit Champagner edelster Marke gefülltes Glas und sprach: »Ein bißchen Schatten wünsche ich der Sonne unseres Freundes und seinem Leben ein paar Schmerzen!« Sobald er ausgeredet, leerte er sein Glas auf einen Zug. Der Amphitryo machte eine Gebärde, die erkennen ließ, daß er die Rede billige – dann versank er wieder in seine gewöhnliche Apathie. Wo spann sich diese Unterhaltung ab? In einem Speisesaal Europas etwa? in Paris oder London? in Wien oder Petersburg? Plauderte dies halbe Dutzend Tischgäste im Saal einer Gastwirtschaft der Alten oder der Neuen Welt? Was für Leutchen waren es, die mitten beim Essen, ohne über den Strich getrunken zu haben, über solche Fragen debattierten? Franzosen waren es auf alle Fälle nicht, da sie von Politik kein Wort sprachen! Die sechs Tischgäste saßen in einem Saale von mittlerer Größe, der verschwenderisch ausgestattet war. Durch das Netz der blauen oder orangefarbenen Fenster glitten zu dieser Stunde die letzten Strahlen der Sonne. Draußen in der Fensteröffnung schaukelten im leisen Abendwinde Gehänge von natürlichen oder künstlichen Blumen, und buntfarbige Laternen gesellten ihr bleiches Licht zu dem ersterbenden Schimmer des Tages. Droben, am Rande der Fensteröffnungen, spielten künstliche Arabesken, reich mit allerhand Skulpturen durchsetzt, Darstellungen von Himmels- und Erdenschönheiten, von Tier- oder Pflanzenexemplaren aus phantastischer Fauna und Flora, in entzückendem Farbenspiel. An den mit seidenen Tapeten behangenen Wänden des Saals warfen mächtige Spiegel, zweifach gerautet, ihren magischen Widerschein. Oben an der Decke sorgte eine »Punka« durch den Schlag ihrer bunten Glanzkattun-Flügel für eine angenehme Zimmerwärme. Die Tafel stellte ein großes Viereck aus schwarzem Gummilack dar. Kein Tischtuch über seiner Fläche, in deren Glanze sich die zahlreichen Silber- und Porzellan-Geschirre spiegelten, heller und schöner als auf der reinsten Kristallfläche. Keine Servietten, sondern bloße Papierstücke viereckigen Formats, mit Sprüchen geziert, von denen jeder Gast einen reichlichen Vorrat neben sich liegen hatte. Um den Tisch herum standen hohe Sessel mit marmorner Lehne, die unter dem Breitengrade, wo sie standen, vor den Rückenpolstern neumodischen Mobiliars ganz sicher den Vorzug verdienten. Was die Bedienung anbetrifft, so geschah sie durch junge Mädchen von berückender Schönheit, in deren schwarzem Haar Lilien und Chrysanthemen prangten, deren Arme mit Spangen aus Gold oder Elfenbein in koketter Weise geziert waren. Lachend und lächelnd, trugen sie auf oder deckten sie ab mit der einen Hand, während sie mit der anderen graziös einen großen Fächer bewegten, um durch seine Schwingungen die von der Punka oben an der Decke in Bewegung gesetzten Luftströmungen auszugleichen. Das Mahl war über jeden Wunsch erhaben. Was läßt sich Köstlicheres denken als jene zugleich saubere und schmackhafte Küche, deren Meister sehr wohl wußte, daß er es mit Kennern zu thun hatte und der sich deshalb in der Zubereitung der 150 Speisen, aus denen sich das Menu zusammensetzte, selbst übertroffen hatte! Als Eröffnung der Tafel und gleichsam als Vorspiel erschienen Zuckerkuchen, Kaviar, gebackene Heuschrecken, getrocknete Früchte und Austern von Ning-Po. In kurzen Zwischenpausen folgten sodann aufeinander Enten-, Tauben- und Kiebitz-Setzeier, Schwalbennester mit Rührei, Frikassee von »Gin-seng«, Störkiemen in Kompott. Walfischsehnen mit Zuckersauce, Süßwasser-Kaulköpfe, Krabbendotter in Ragout, Sperlingsmagen und Schöpsaugen in Knoblauchstippe, Blumenkohl mit Aprikosenmandel-Milch, Holothurien-Gericht nach Matrosenart, junge Bambustriebe in Gallerte, gezuckerter Würzelchensalat u. s. w., Singapur-Ananas, gebrannte Erdnußmandeln, eingesalzene Mandeln, schmackhafte Mangofrüchte, weißfleischiges »Long-Hen«-Obst und gelbfleischige »Litschi«, Wasserkastanien, eingemachte Kanton-Orangen bildeten die letzten Gänge eines Mahles von dreistündiger Dauer, das mit Bier, Champagner, »Chao-Chigne«-Wein reichlich begossen wurde, während der unvermeidliche Reis, den die Gäste mittels kleiner Stäbchen zwischen die Lippen führten, auf dem mit großer Sachkenntnis zusammengestellten Speisezettel als Nachtisch erschien. Endlich nahte der Augenblick, wo die jugendlichen Aufwärterinnen, statt der in Europa üblichen Schalen mit duftender Flüssigkeit, mit lauem Wasser getränkte Servietten brachten, die jeder Gast mit einer Empfindung höchster Befriedigung über das Gesicht führte. Eine Stunde süßen far niente 's, von der Musik ausgefüllt, folgte nun, aber nur als eine Ruhepause oder ein Zwischenakt im Mahle. Eine Sängerinnen- und Musikertruppe erschien nun im Saale. Die Sängerinnen waren jung, hübsch, von bescheidener, decenter Haltung. Aber was für eine Musik war das und was für eine Methode! Miauen und Glucksen und Glucksen und Miauen ohne Takt und ohne Tonfall, in grellen Tönen hinauf bis zu den äußersten Grenzen der Fassungsfähigkeit des menschlichen Gehörs! Und die Instrumente, Geigen, deren Saiten sich in den Roßhaarfäden des Bogens verhedderten, Guitarren mit Schlangenhaut als Resonanzboden, kreischende Klarinetten, Harmonika-Exemplare, die an tragbare kleine Klaviere erinnerten, waren dieser Sängerinnen, die sie mit Lärm und Spektakel begleiteten, und ihres Singsangs würdig. Der Dirigent dieses Charivaris von Orchester hatte das Programm der Aufführung, als er eintrat, verteilt. Auf ein Zeichen des Amphitryos, der ihm freie Hand ließ, trugen die Musiker den »Strauß aus zehn Blumen« vor, ein Potpourri, das damals sehr in Mode war und das Entzücken der feinen Welt bildete. Hierauf zog sich die Sang- und Tanz-Gesellschaft, die ihren reichen Obolus schon im voraus eingeheimst hatte, zurück, nicht ohne auch reichlichen Beifall zu ernten – wovon sie übrigens auch in den Nachbarsälen noch eine stattliche Ernte hielt. Die sechs Tischgäste verließen nun ihren Tisch, aber bloß, um sich an einen anderen zu setzen – was sie nicht ohne große Zeremonien und Komplimente von allen Seiten thaten. An dieser zweiten Tafel fand jeder eine kleine Tasse mit Deckel, geschmückt mit dem Bilde des berühmten Buddhisten-Mönches Bôdhidharama, der auf seinem sagenhaften Flosse stand. Jeder Tischgast erhielt auch ein paar Prisen Thee, die er ohne Zucker in das in seiner Tasse siedende Wasser warf und ziehen ließ, um den Aufguß dann sofort zu trinken. War dies ein Thee! Daß ihn das Haus Gibb-Gibb \& Co., das ihn geliefert hatte, durch unredliche Mischung mit fremden Blättern verfälscht hätte, oder daß er schon einen Aufguß erfahren hätte und bloß noch gut sei, zum Abkehren der Teppiche gebraucht zu werden, oder daß ihn ein gewissenloser Präparator mit Kurkuma-Gelb oder mit Preußisch-Blau-Grün gefärbt hätte – solches alles stand hier wahrlich nicht zu befürchten! Es war kaiserlicher Thee in seiner edelsten Reinheit. Es waren jene kostbaren Blätter, die der Blüte selbst glichen, jene Blätter der ersten Lese im Monat März, die so selten vorgenommen wird, weil die Pflanze selbst dann eingeht – jene Blätter endlich, die nur kleine Kinder, fürsorglich mit Handschuhen angethan, pflücken dürfen und zu pflücken berechtigt sind! Ein Europäer würde der lobenden Ausrufungen nicht genug gefunden haben zum Ruhme dieses Getränks, das die sechs Tischgenossen als Kenner, die an seinen Genuß gewöhnt waren, in kleinen Zügen schlürften, ohne sich wesentlich dadurch begeistern zu lassen. Nichtsdestoweniger verstanden, wie hier ausdrücklich gesagt sein soll, diese sechs Tischgenossen die hohen Feinheiten dieses vorzüglichen Getränkes sattsam zu würdigen. Als Herren aus der guten Gesellschaft, in der reichen Gewandung, die sich aus dem mit »Han-chaol« bezeichneten leichten Oberhemd, aus der »Ma-kual« genannten kurzen Tunika, aus der »Ha-ol« genannten langen Robe, die seitlich geknöpft wird, zusammensetzte: über den Füßen durchbrochene Strümpfe und gelbe Babuschen tragend, über den Beinen seidene Pantalons, die an den Hüften durch eine Schärpe mit eichelförmigen Troddeln gehalten wurden, über der Brust den feingestickten seidenen Brustlatz, und am Gürtel den Fächer – waren diese liebenswürdigen Persönlichkeiten gebürtig in dem Lande selbst, wo der Theestrauch einmal im Jahre seine Ernte an wohlriechenden Blättern liefert. Diese Mahlzeit, bei welcher Schwalbennester, Holothurien oder Spritzwürmer, Walfischsehnen, Haifischflossen eine Rolle spielten, hatten sie sich schmecken lassen, wie es die Vorzüglichkeit seiner Zubereitung verdiente. Aber das Menu selbst, das jeden Fremden in Staunen gesetzt hätte, war kaum dazu angethan, ihnen besonders zu imponieren. Jedenfalls war, was nun kam, dasjenige, was alle zusammen am allerwenigsten erwartet hätten, die Mitteilung nämlich, die ihnen der Amphitryo in dem Augenblick machte, als sie sich endlich anschickten, von der Festtafel aufzustehen. Warum sie derselbe heute bewirtet hatte, vernahmen sie nunmehr. Die Tassen waren noch voll. In dem Augenblick, als der auffällige Vertreter des Indifferentismus seine Tasse zum letztenmal an die Lippen setzte, stützte er sich auf den Tisch und sprach, mit den Augen im leeren Raume irrend, die folgenden Sätze: »Freunde! höret mich an, ohne zu lachen! Des Schicksals Würfel sind gefallen. Ich will ein neues Element in mein Dasein einführen, das ihm vielleicht seine Eintönigkeit nehmen wird! Ob es ein Segen sein wird oder ein Uebel, das wird die Zukunft mich lehren. Dieses Mahl, zu dem ich Euch geladen, ist mein Henkersmahl – als Junggeselle. Ehe vierzehn Tage herum sind, werde ich ein Ehemann sein, und –« »Und wirst der glücklichste der Männer sein!« rief der Optimist. »Da, sieh! alle Zeichen sprechen Dir zum guten!« Und wirklich! Während die Lampen knisternd ein mattes Licht warfen, hüpften die Elstern auf den Fenster-Arabesken und die kleinen Theeblättchen schwammen lotrecht in den Tassen. Der glücklichen Anzeichen, die nicht irre führen konnten, so viele! Darum beeilte sich auch das ganze halbe Dutzend von Zechbrüdern, dem freigebigen Wirte Glückwünsche zu Füßen zu legen, der sie mit einem Superlativ von Kälte entgegen nahm. Da er aber die Person nicht nannte, die von ihm erwählt und dazu ausersehen war, die Rolle des »neuen Elements« in seinem Dasein zu spielen, beging kein einziger die Taktlosigkeit, ihm eine diesbezügliche Frage zu stellen. Der Philosoph jedoch hatte nicht mit in das allgemeine Beglückwünschungs-Konzert eingestimmt. Die Arme übereinander geschlagen, die Augen halb geschlossen, auf den Lippen ein ironisches Lächeln, sah es ganz so aus, als ob er mit denen, die hier Glückwünsche darbrachten, ebensowenig einverstanden sei wie mit dem, der sie hinnahm. Dieser stand nun auf, legte dem Philosophen die Hand auf die Schulter und fragte mit einer Stimme, die um einige Grade weniger Ruhe aufzuweisen schien als gewöhnlich: »Bin ich denn zum Heiraten zu alt?« »Nein.« »Zu jung?« »Auch nicht.« »Meinst Du, ich thue unrecht?« »Vielleicht!« »Die ich erwählt habe und die Du kennst, besitzt alles, was dazu gehört, um mich glücklich zu machen.« »Ich weiß es.« »Nun – dann –?« »Du besitzest nicht alles was dazu gehört, um es zu werden! Sich allein langweilen im Leben, ist eine böse Sache! Sich zu zweit langweilen, eine bösere Sache!« »Also werde ich niemals glücklich werden?« »So lange Du nicht das Unglück kennen gelernt haben wirst, nein!« »Mich kann das Unglück nicht erreichen!« »Desto schlimmer für Dich, denn Du bist dann unheilbar!« »Ha! dies Philosophen-Pack!« rief der jüngste der Tischgenossen. »Auf sie darf man nicht hören! Was sind sie sonst als Maschinen der Theorie? Theorien fabrizieren sie von allerhand Art! Aber wert, sich damit zu befassen, sind sie nicht! Heirate, Freund! heirate! Ich machte es ebenso, wenn ich mich nicht verschworen hätte, es nie zu thun! Heirate! Freund! und mögen Dir, wie unsere Poeten sagen, die beiden Phönixe immer in süßer Umschlingung erscheinen! Freunde! ich trinke auf unseres Amphitryo Eheglück!« »Und ich,« erwiderte der Philosoph, »ich trinke auf die baldige Einmischung einer göttlichen Schutzfee, die ihn durch die Schule des Unglücks führe, damit er des Glückes teilhaftig werde!« Nach diesem ziemlich absonderlichen Trinkspruche erhoben sich die Tischgenossen, hielten die geballten Fäuste aneinander, wie Boxer, die zum Kampfe schreiten wollen. Nachdem sie die Fäuste dann nacheinander gesenkt und wieder erhoben und den Kopf dabei geneigt hatten, nahmen sie voneinander Abschied. An der Beschreibung des Saales, in welchem dieses festliche Mahl veranstaltet worden, an dem fremdartigen Menü, woraus sich dasselbe zusammensetzte, an der Kleidung der Personen, die daran teilnahmen, an ihrer Art und Weise, sich auszudrücken, vielleicht auch an der absonderlichen Beschaffenheit ihrer Anschauungen hat der Leser zweifelsohne erraten, daß es sich um Chinesen handelt, nicht um jene »Himmelssöhne«, die von einem Wand- oder Bettschirm sich abgelöst zu haben scheinen, oder als Porzellan in Scherben zu gehen drohen, sondern um jene modernen Bürger des Himmlischen Reiches, die schon von europäischer Kultur beleckt sind zufolge ihrer Studien, ihrer Reisen, ihres häufigen Verkehrs mit den Kulturmenschen des Abendlandes. Im Saale eines der Blumenschiffe auf dem Perlenflusse in Canton war es gewesen, wo die eben erzählte Handlung sich abspielte. Dort hatte der reiche Kin-Fo, in Gesellschaft des von ihm unzertrennlichen Wang, des Philosophen, vier seiner besten Jugendfreunde bewirtet. Pao-Shen, einen Mandarinen vierter Klasse mit dem blauen Knopfe, Yin-Pang, einen reichen Seiden-Großhändler aus der Drogisten-Straße, Tim, den Lebemann und Hu-al, den Gelehrten. Und solches trug sich zu am 27. Tage des 4. Mondes, während der ersten jener fünf Wachen, in die sich die Stunden der chinesischen Nacht auf so poetische Weise teilen. Zweites Kapitel: worin Kin-Fo und der Philosoph Wang deutlicher vor Augen gerückt werden. Wenn Kin-Fo diese Henkersmahlzeit seinen Cantoner Freunden gegeben hatte, so kam dies daher, weil er in dieser Hauptstadt der Provinz Kuang-Ton einen Teil seiner Jugend verlebt hatte. Von den zahlreichen Kameraden, die einem reichen und noblen Jünglinge niemals fehlen dürften, waren die vier Tischgenossen im Blumenkahn die einzigen, über die er damals gebot. All die anderen hatten die Schicksale des Lebens verstreut, und es wäre vergebliche Mühe gewesen, wenn er sie hätte zusammentrommeln wollen. Kin-Fo wohnte damals in Schang-hai, und war, um sich die Langeweile ein bißchen zu vertreiben, ein paar Tage nach Canton gefahren. Noch an demselben Abend aber gedachte er auf dem Dampfer, der die Hauptküstenplätze anläuft, ruhig wieder nach seinem Yamen zurückzukehren. Wenn sich Wang in Kin-Fo's Begleitung befand, so hat das seinen Grund in dem Umstande, daß der Philosoph niemals von seinem Zögling wich, sondern denselben nach wie vor seiner Weisheit teilhaftig zu machen suchte. Im Grunde genommen, riß sich dieser aber nicht sonderlich darum. Der Lebensregeln und Weisheitssprüche gingen, ach wie viele! verloren; aber die »Maschine der Theorieen«, wie ihn jener Lebemann von Tim genannt hatte, wurde nicht müde, ihrer zum besten zu geben. Kin-Fo war so recht der Typus jener Chinesen des Nordens, deren Rasse der Umwandlung zuneigt, die sich aber mit den Tataren niemals vermischt haben. In den Provinzen des Südens, wo sich die hohen und niedrigen Klassen enger mit der Mandschu-Rasse vermischt haben, hätte man keinen Menschen seinesgleichen getroffen. Kin-Fo hatte weder von väterlicher, noch von mütterlicher Seite, denn beide Familien hielten sich seit der Eroberungs-Aera streng für sich, einen Tropfen tatarisches Blut in seinen Adern. Er war groß, wohlgebaut, eher weiß, als gelb; seine Brauen standen in gerader Linie, seine Augen liefen wagerecht und erhoben sich kaum nach den Schläfen zu; er hatte eine große Nase, kein plattes Gesicht, und so hätte er sich neben den schönsten Erscheinungen der Völkerschaften des Abendlandes ruhig sehen lassen können. Wenn Kin-Fo wirklich noch als Chinese angesehen wurde, so war dies bloß auf seinen sorgfältig rasierten Schädel zurückzuführen, auf seine, von aller Behaarung freie Stirn, auf den dieselbe Eigenschaft aufweisenden Hals und auf seinen prachtvollen Zopf, der sich vom Hinterkopf aus wie eine Gagatschlange über seinen Rücken herab rollte. Sehr peinlich in seinem Aeußern, trug er einen eleganten Schnurrbart, der sich um seine Oberlippe in halber Bogenform zog, und eine »Fliege«, die, haarscharf in der Mitte unter dem Halbbogen, zusammen mit ihm das Bild des als »Orgelpause« bezeichneten Zeichens in der Notenschrift darstellte. Seine Nägel wiesen eine Länge von über einem Centimeter auf – ein Beweis dafür, daß er zu jener Kategorie reicher Leute zählte, die leben können, ohne zu arbeiten. Vielleicht trug auch die Ungezwungenheit seiner Haltung, ein gewisses »von oben herab« in seinem Benehmen zu jenem » comme il faut « bei, das sich in seiner ganzen Erscheinung zeigte. Uebrigens war Kin-Fo in Peking geboren, ein Vorzug, auf den der Chinese außerordentlich stolz ist. Wer ihn fragte, dem konnte er selbstbewußt antworten: »ich bin von hoch oben her!« In Peking hatte, zur Zeit von Kin-Fo's Geburt, sein Vater Tschung-He-u thatsächlich gewohnt und erst im sechsten Jahre seines Lebens war er mit dem Vater nach Schang-hai gezogen. Dieser würdige Chinese entstammte einer sehr angesehenen Familie des Nordens und besaß, wie seine Landsleute im allgemeinen, ein hervorragendes Handelstalent. In den ersten Jahren seiner geschäftlichen Laufbahn war alles, was dieses reiche und dichtbevölkerte Land produzierte, Papiersorten aus Swa-tau, Seidenwaren aus Su-Tscheu, Kandiszucker von Formosa, Theesorten von Han-kau und Fu-tschau, Eisen von Ho-nan, rotes oder gelbes Kupfer aus der Provinz Yün-nan – kurz, alles mögliche, Handelsware und Export-Artikel für Tschung-He-u. Sein Haupt-Handelshaus, sein »Hong«, befand sich in Schang-hai, aber er hielt Kontore in Nan-king, Tien-tsin, Macao, Hong-kong. Eng vertraut mit europäischem Leben und Treiben, ließ er seine Waren auf englischen Dampfern verfrachten, und das elektrische Kabel unterrichtete ihn über den Marktpreis für Seide in Lyon und für Opium in Calcutta. Keiner jener Diener und Förderer des Fortschritts wie Dampf oder Elektrizität, fand in ihm einen Widersacher, wie es bei der Mehrzahl der Chinesen der Fall ist, zufolge des Einflusses der Mandarinen und der kaiserlichen Regierung, deren Ansehen und Vorrechte durch diesen Fortschritt sich allmählich verringern. Kurz, Tschung-He-u manövrierte so geschickt, sowohl in seinem Handel mit dem Innern des Kaiserreichs, als auch in seinen überseeischen Abschlüssen mit den portugiesischen französischen, englischen oder amerikanischen Handelsfirmen von Schang-hai, Macao und Hong-kong, daß er zur Zeit, als Kin-Fo zur Welt kam, schon ein Vermögen von über 400 000 Dollars besaß. Während der nun folgenden Jahre sollte sich dieser Sparpfennig, zufolge der Schöpfung eines neuen Exporthandels, den man den »Kulihandel der Neuen Welt« nennen könnte, mehr als verdoppeln. Bekanntlich ist China in hohem Maße übervölkert; die Zahl seiner Einwohnerschaft steht ausser allem Verhältnis zur Ausdehnung seines mächtigen Landgebietes, das man verschiedentlich, aber poetisch, als »Himmlisches Reich«, als »Reich der Mitte«, als »Reich« oder »Land der Blumen« bezeichnet hat. Man schätzt die Einwohnerzahl Chinas auf nicht weniger als 360 Millionen. Also fast ein Drittel der gesamten Bevölkerung der Erde! So wenig nun aber der arme Chinese auch ißt, so ißt er doch, und China, trotz seiner zahllosen Reisfelder, trotz seiner unermeßlichen Hirse- und Kornäcker, produziert nicht genug, um ihn zu ernähren. Daher ein Ueberschuß, der nur darauf wartet, um durch jene Breschen zu entweichen, die von englischen und französischen Kanonen in die Kalk- und Kulturmauern des Himmlischen Reiches geschossen worden sind. Nach Nordamerika und hauptsächlich nach dem Staate Californien hat sich dieser Ueberschuß ergossen. Das geschah aber mit solcher Gewalt, daß der Kongreß Prohibitiv-Maßregeln gegen diese Invasion, die mit ziemlich starker Unhöflichkeit als »gelbe Pest« bezeichnet wurde, ergreifen mußte. Wie man nämlich wahrnahm, würde eine Einwanderung von 50 Millionen Chinesen nach den Vereinigten Staaten kaum eine merkliche Verringerung für China bedeutet haben; für die Vereinigten Staaten hätte es die Aufsaugung der angelsächsischen Rasse zu gunsten der mongolischen Rasse bedeutet! Wie dem nun sei, der »Exodus« vollzog sich in einem gewaltigen Maßstabe. Diese Kuli, die von einer Hand voll Reis, von einer Tasse Thee und einer Pfeife Tabak lebten, die geschickt für jedes Gewerbe waren, gewannen am Salzsee, in Virginien, in Oregon und vor allem in Californien, wo sie den Tagelohn bedeutend herunterdrückten, rasch Oberwasser. Gesellschaften bildeten sich demzufolge für den Transport dieser so wenig kostspieligen Auswanderer. Man zählte solcher Gesellschaften fünf, die in fünf Provinzen des Himmlischen Reiches für Anwerbung von Kulis arbeiteten, und eine sechste mit dem Sitz in San Francisco. Die ersteren verfrachteten die Handelsware, die letztere nahm sie in Empfang. Eine Sub-Agentur, die als »Ting-Tong« firmierte, verfrachtete sie wieder nach China zurück. Diese letztere Manipulation erheischt eine Erklärung. Die Chinesen sind wohl damit einverstanden, außer Landes zu gehen und Geld bei den »Melikanern« – wie sie die Bevölkerung der Vereinigten Staaten nennen – zu machen, aber unter der Bedingung nur, daß ihre Leichen wieder treu und ehrlich nach der Heimat geschafft werden, wo sie begraben sein wollen. Das bildet eine der Hauptbedingungen des Vertrages, eine Klausel, gegen die »nichts zu wollen« ist, die den Gesellschaften eine Verpflichtung dem Auswanderer gegenüber auferlegt, die unter allen Umständen erfüllt werden muß. Dieser Sub-Agentur, »Ting-Tong«, sonst auch »Leichen-Agentur« genannt, fällt also auf Grund besonderer Fonds die Verpflichtung zu, die »Totenschiffe« auszurüsten, die mit voller Ladung von San Francisco nach Schang-hai, Hong-kong oder Tien-tsin zurückfahren. Ein neuer Handelszweig! Eine neue Einnahmequelle! Der geschickte und unternehmende Tschung-He-u witterte das. Zur Zeit, als er starb, anno 1866, amtierte er als Direktor der Gesellschaft von Khuang-ton in der Provinz dieses Namens und als Subdirektor der Leichen-Verschiffungskasse in San-Francisco. Am Tage vor seines Vaters Tode erbte Kin-Fo, der nun weder Vater noch Mutter mehr hatte, ein Vermögen in Höhe von vier Millionen Dollars, angelegt in Aktien der Californischen Centralbank, und er war klug genug, es zu erhalten. Zur Zeit, als der junge, kaum 19 Jahre alte Erbe, den Vater verlor, würde er allein dagestanden sein, wenn er nicht Wang, den unzertrennlichen Wang, gehabt hätte, der ihm Mentor sowohl als Freund war. Wer war nun aber dieser Wang? Seit 17 Jahren lebte er nun schon im Yamen von Schang-hai. Er war des Vaters steter Begleiter gewesen, ehe er des Sohnes Begleiter wurde. Wo aber war Wang her? Mit welcher Vergangenheit hatte man bei ihm zu rechnen? Wieviel dunkle, mehr als dunkle Fragen, auf die allein Tschung-He-u und Kin-Fo Antwort zu geben vermocht hätten! Und wenn sie es für angemessen gehalten hätten, solches zu thun – was nicht eben wahrscheinlich war – so hätte man das Folgende vernommen: Es ist niemand unbekannt, daß China vorzugsweise das Reich ist, wo Aufstände viele Jahre hindurch dauern und Hunderttausende von Menschen in Bewegung setzen können. Im 17. Jahrhundert nun herrschte die berühmte Dynastie der Ming, chinesischer Herkunft, schon dreihundert Jahre über China, als anno 1644 das Haupt dieser Dynastie sich der die Hauptstadt bedrohenden Rebellen nicht zu erwehren wußte, und einen tatarischen König um Hilfe anging. Der Tatarenkönig ließ sich nicht bitten, eilte herbei, verjagte die Rebellen, benützte die Sachlage aber, um den Herrscher zu stürzen, der ihn um Hilfe angegangen war, und rief seinen eigenen Sohn Chun-Tsche zum Herrscher aus. Von dieser Epoche an trat die tatarische Hoheit an die Stelle der chinesischen Hoheit und der Thron wurde von der Mandschu-Dynastie bestiegen. Allmählich vermischten sich die beiden Rassen, und zwar vornehmlich in den niederen Bevölkerungsschichten. Bei den reichen Familien des Nordens aber hielt sich die Scheidung zwischen Chinesen und Tataren schärfer und strenger. Der Typus ist heute noch zu unterscheiden, und ganz besonders im Innern der nördlichen Provinzen des Reiches. Dort zogen sich die »Unversöhnlichen« zusammen, die der gestürzten Dynastie die Treue bewahrten. Kin-Fo's Vater gehörte zu diesen letzteren, und er machte auch nie ein Hehl aus den Ueberlieferungen seiner Familie, die von einem Patt mit den Tataren nichts hatte wissen wollen. Eine Revolution gegen die fremde Herrschaft, selbst im vierten Jahrhundert ihres Bestehens, würde ihn kaum unthätig gefunden haben. Daß sein Sohn Kin-Fo die politischen Ansichten des Vaters teilte, braucht wohl nicht hinzugesetzt zu werden. Nun herrschte anno 1860 jener Kaiser S'Hien-Fong, der England und Frankreich den Krieg erklärte – am 25. Oktober des genannten Jahres fand derselbe durch den Frieden von Peking sein Ende –, aber schon vor dieser Zeit bedrohte ein furchtbarer Aufstand die herrschende Dynastie. Die Tschang-Mao oder Tai-ping, die »Rebellen mit langen Haaren« hatten sich 1853 Nan-kings und 1855 Schang-hais bemächtigt. Als S'Hien-Fong starb, war sein jugendlicher Sohn kaum imstande, sich der Tai-ping zu erwehren. Ohne den Vizekönig Li, ohne den Prinzen Kong und vor allem ohne den englischen Oberst Gordon würde er vielleicht nicht imstande gewesen sein, seinen Thron zu retten. Die sogenannten Tai-ping sind geschworene Feinde der Tataren und besaßen für eine Verschwörerbande eine äußerst kräftige Organisation. Sie verfolgten auch den Zweck, die Dynastie der Tsing durch eine Dynastie der Wang zu verdrängen. Sie bildeten vier verschiedene Korps: Das erste führte ein schwarzes Banner, seine Aufgabe war Mord und Totschlag; das zweite ein rotes Banner mit der Aufgabe, zu sengen und zu brennen; das dritte Korps mit gelbem Banner sollte plündern und rauben, und dem vierten endlich, mit weißem Banner, fiel die Versorgung der anderen drei Korps mit Proviant zu. Wichtige militärische Operationen fanden in der Provinz Kiang-Su statt. Su-Tscheu und Kia-hing, fünf Meilen von Schang-hai entfernt, fielen in die Gewalt der Empörer und wurden von den kaiserlichen Truppen erst nach Aufwendung großer Anstrengungen zurück erobert. Auch Schang-hai war äußerst stark bedroht und wurde sogar am 18. August 1860 angegriffen, gerade, als die Generale Grant und Montauban, die Oberbefehlshaber der englisch-französischen Armee, die Forts von Pei-Ho kanonierten. Zu jener Zeit hatte Tschung-He-u, Kin-Fo's Vater, eine Wohnung in der Nähe von Schang-hai inne, unweit der prächtigen Brücke, die von chinesischen Ingenieuren über den Su-Tscheu-Strom geführt worden ist. Dem Taiping-Aufstande stand Tschung-He-u insofern nicht ohne Wohlwollen gegenüber, als er sich in der Hauptsache ja gegen die tatarische Dynastie richtete. So standen die Dinge, als am Abend des 18. August, nach Vertreibung der Rebellen aus Schang-hai, die Thür von Tschung-He-u's Wohnung aufgerissen wurde, und ein Flüchtling, dem es gelungen war, seine Verfolger von der Spur abzubringen, sich Tschung-He-u zu Füßen warf. Der unglückliche Mensch besaß keine Waffe mehr zur Verteidigung. Ueberlieferte ihn der Mann, den er um ein Asyl bat, der kaiserlichen Soldateska, so war es um ihn geschehen. Kin-Fo's Vater war nun aber nicht der Mann danach, zum Verräter an einem Tai-ping zu werden, der Zuflucht in seinem Hause gesucht hatte. Er schloß die Thür ab und sagte: »Ich will nicht wissen, mag niemals hören, wer Du bist, was Du gethan hast, von wannen Du kommst! Du bist mein Gast und als solcher bist Du in Sicherheit bei mir!« Der Flüchtling wollte sprechen, um seinem Wohlthäter zu danken – er fand kaum Kraft dazu. »Dein Name?« fragte ihn Tschung-He-u. »Wang.« Wang war es wirklich, dem damals Tschung-He-u's Edelmut das Leben rettete, – eine That, die Tschung-He-u selbst das Leben gekostet haben würde, wenn der leiseste Argwohn aufgekommen wäre, daß er einem Rebellen Zuflucht gewährt hätte. Tschung-He-u gehörte aber zu jenen edlen Charakteren des Altertums, in deren Augen jeder Gast als geheiligt galt. Einige Jahre nachher wurde der Aufstand der Rebellen gänzlich unterdrückt und anno 1864 nahm Kaiser Tai-ping in Nan-king, wo er belagert wurde, Gift, um nicht in die Hände der Mandschu-Truppen zu fallen. Von diesem Tage an blieb Wang im Hause seines Wohlthäters. Niemals brauchte er Rede über seine Vergangenheit zu stehen. Niemand stellte hierüber Fragen an ihn. Wer weiß, ob nicht aus Furcht, daß man zu viel erfahren möchte! Die von den Rebellen begangenen Greuel waren, wie erzählt wurde, entsetzlicher Art. Unter welchem Banner hatte Wang gestanden? Unter dem gelben, roten, schwarzen oder weißen? Besser schon, man wußte überhaupt nichts und konnte die Illusion wahren, er habe nur unter dem weißen Banner gestanden, also nur in der Proviant-Kolonne gedient. Wang war übrigens mit dem ihm zu teil gewordenen Geschick mehr als zufrieden und wurde nunmehr Bürger dieses gastlichen Hauses. Nach Tschung-He-u's Tode hielt Kin-Fo darauf, daß Wang ihm blieb, was er dem Vater gewesen war, denn auch er hatte sich an die Gesellschaft dieses liebenswürdigen Menschen so sehr gewöhnt, daß er sich nicht von ihm trennen mochte. Wahrlich! wer hätte aber auch zu der Zeit, wo diese Geschichte einsetzt, in diesem Philosophen mit fünfundfünfzig Jahren, in diesem Sittenprediger mit der großen Brille, in diesem Hyper-Chinesen mit den schiefen Augen und dem herkömmlichen Schnurrbart einen ehemaligen Taiping, einen Räuber und Mordbrenner, vermutet? Sah er denn nicht in seinem langen Ueberkleid von wenig auffälliger Farbe mit dem zufolge eines beginnenden Fettansatzes bis zur Brust hinaufgerutschten Gürtel, in der nach kaiserlichem Erlaß gehaltenen Haar- und Kopftracht, also unter dem Pelzhut mit aufgekippten Krempen, der über einem Käppchen saß, unter dem Büschel von roten Fädchen hervordrangen – sah er in diesem Aufputze nicht ganz so aus wie ein biederer Professor der Philosophie, wie einer von jenen gelahrten Herren, die die 80 000 Charaktere der chinesischen Schrift an den Fingern ablesen? Wie ein Magister der höhern Grade? Wie ein Streber, der »seinen Doktor« summa cum laude »gemacht« und der nun den Fuß nach Peking durch das Große Thor setzen darf, das dem »Sohne des Himmels« vorbehalten ist!? Mag sein, daß schließlich der Rebell seine Vergangenheit voll Graus und Schrecken vergaß, daß er durch den Umgang mit dem ehrlichen Tschung-He-u mildern Sinnes wurde und langsam auf die Bahn beschaulicher Philosophie hinüber gelenkt wurde. Und darum traf es sich denn auch, daß Kin-Fo und Wang, die niemals voneinander wichen, zusammen in Canton weilten – darum traf es sich ferner, daß sie beide nach jenem lukullischen Henkersmahle zusammen die Quais absuchten nach jenem Dampfer, der sie rasch wieder nach Schang-hai zurückführen sollte. Kin-Fo ging schweigend, vielleicht sogar nicht ganz unbekümmert, einher. Wang, bald rechts, bald links blickend, Mond und Sternen vorphilosophierend, schritt lächelnd durch das »Thor der ewigen Reinheit«, das ihm nicht zu hoch für sein eigenes Streben bedünkte, schritt durch das »Thor der ewigen Freude«, dessen Flügel sich über seinem eignen Sein zu öffnen schienen, und sah endlich, wie die Türme der »Pagode der fünfhundert Gottheiten« sich im Schatten verloren. Der Dampfer »Perma« lag zur Abfahrt bereit. Kin-Fo und Wang machten es sich in den beiden Kabinen behaglich, die sie für sich belegt hatten. Die rasche Strömung des Perlenflusses, der täglich mit dem Schlamm seiner steilen Ufer Leichname von Hingerichteten mit fortschwemmt, gab dem Schiff eine hohe Geschwindigkeit. Der Dampfer schoß wie ein Pfeil zwischen den Ruinen hin, die da und dort von den französischen Kanonen noch übrig gelassen worden, an der neunstöckigen Pagode von Haf-Way, an der Jardyne-Spitze bei Whampoa vorbei, wo die größten Schiffe vor Anker gehen, zwischen den Eilanden und Bambusdickichten beider Ufer entlang. Die 150 Kilometer oder die 65 »Lis«, die Canton von der Mündung des Flusses trennen, wurden in derselben Nacht noch zurückgelegt. Bei Sonnenaufgang passierte der »Perma« den »Tigersrachen«, sodann die beiden Barren des Aestuariums. Der Victoria-Pik der Insel Hong-kong mit seinen 1825 Fuß Höhe erschien auf kurze Zeit im Frühnebel, und nach der glücklichsten aller Ueberfahrten, kaum beeinträchtigt durch die gelblich getönten Gewässer des Blauen Flusses, landeten Kin-Fo und der Philosoph in Schang-hai, am Gestade der Provinz Kiang-Nan. Drittes Kapitel: Worin der Leser ohne Anstrengung einen Blick über die Stadt Schang-hai werfen kann. Ein chinesisches Sprichwort sagt: Wann die Säbel rosten und die Spaten glänzen – wann die Stockhäuser leer und die Scheuern gefüllt sind – wann die Stufen der Tempel von den Schritten der Gläubigen abgelaufen und die Korridore der Gerichtshöfe mit Gras bedeckt sind – wann die Aerzte zu Fuß gehen und die Bäcker zu Pferde sitzen: – dann wird das Reich wohl regiert! Ein gutes Sprichwort! Das sich mit Fug und Recht auf sämtliche Staaten der Alten und Neuen Welt anwenden ließe. Wenn es aber einen Staat giebt, in welchem die Wahrheit dieses Wortes noch meilenweit entfernt von der Wirklichkeit ist, so ist es gerade das Himmlische Reich! Dort glänzen die Säbel und rosten die Spaten, dort sind die Stockhäuser gefüllt und die Scheuern leer. Dort feiern die Bäcker mehr als die Aerzte und wenn die Pagoden die Gläubigen an sich ziehen, so fehlt es dafür in den Gerichtssälen weder an Klägern noch an Beklagten. Uebrigens kann wohl auch in einem Reiche von 180 000 Quadratmeilen, das, von Nord nach Süd gemessen, über 800 Meilen und von Ost nach West über 900 Meilen weit reicht, das 18 große Provinzen in sich begreift, die Vasallenstaaten Mongolei, Mandschurei, Tibet, Tonking, Korea, die Liu-Tschu-Inseln etc. nicht gerechnet, von einer tadellosen Verwaltung wohl auch kaum die Rede sein. Besteht vielleicht bei den Chinesen in dieser Hinsicht ein schwacher Zweifel, so sind die Ausländer über diesen Punkt frei von jeglicher Illusion. Einzig und allein vielleicht der Kaiser, der in seinem Palaste eingesperrt sitzt und über dessen durch dreifache Stadtmauern gesicherten Thore nur selten den Fuß setzt – dieser Sohn des Himmels, Vater und Mutter seiner Unterthanen, der nach Lust und Belieben Gesetze erläßt oder Gesetze aufhebt, der über Leben und Tod all seiner Unterthanen gebietet und dem kraft seiner Geburt alle Einkünfte des Reiches gehören – dieser Herrscher, vor welchem alle Stirnen sich in den Staub beugen, – Er allein vielleicht meint, daß alles zu best sei in der besten der Welten. Ihm beweisen zu wollen, daß er sich irre, würde wahrlich den Versuch nicht lohnen, irrt sich doch ein Sohn des Himmels niemals! Hatte Kin-Fo einige Ursache gefunden zu der Meinung, daß es besser sei, nach europäischem als nach chinesischem Dogma regiert zu werden? Man könnte versucht sein, es zu glauben. Thatsächlich wohnte er nicht in, sondern außerhalb von Schang-hai, auf einem Anhängsel der englischen Niederlassung, die sich eine gewisse und zwar hoch geschätzte Selbstherrlichkeit bewahrt. Die eigentliche Stadt Schang-hai liegt auf dem linken Ufer des Huang-Po, eines kleinen Flusses, der sich in Form eines rechten Winkels mit dem Wu-sung vereinigt, dann in den Jang-tse-kjang oder Blauen Fluß ergießt und mit diesem in das Gelbe Meer mündet. Es ist ein von Nord nach Süd gezogenes Oval, umgeben von hohen Mauern und von fünf Thoren durchbrochen, die nach den fünf Vorstädten führen. Ein unentwirrbares Netz von Gäßchen, mit einem Pflaster, das einer Dampfstraßenfege bald zum Opfer gefallen sein würde; finstre Läden ohne Vorbaue und ohne Schaufenster, wo Kerle bedienen, die bis zum Gürtel nackt sind; kein Wagen, keine Sänfte, kaum hin und wieder ein Reiter; ein paar landesübliche Tempel oder ausländische Kapellen; statt einer Allee oder Promenade ein simpler »Theegarten« und auf aufgeschüttetem Boden ein ziemlich sumpfiges Paradefeld, das noch durch allerhand Ueberbleibsel an seine frühere Eigenschaft als Reisfeld erinnert und von schlimmen Ausdünstungen belagert ist; im Bereich dieser Straßen und Gassen, in den Tiefen dieser schmalen, engen Häuser eine Bevölkerung von 200 000 Einwohnern – das ist die Großstadt Schang-hai, die als Wohnplatz so gut wie gar keine Vorzüge bietet, aber als Handelsplatz von um so größerer Wichtigkeit ist. Schang-hai nämlich war diejenige Stadt, in welcher nach dem Friedensschlusse von Nan-king die Ausländer zum ersten Male Berechtigung zur Errichtung von Handelskontoren erlangten. Schang-hai wurde das große, offne Thor Chinas für den Handel Europas. Darum hat die chinesische Regierung draußen vor Schang-hai und seinen Vorstädten gegen Zahlung eines jährlichen Pachtschillings drei Landgebiete an die Franzosen, Engländer und Amerikaner abgetreten, deren Zahl sich auf etwa 2000 belaufen mag. Ueber die französische Niederlassung ist wenig zu sagen. Sie ist die unbedeutendste, grenzt fast an die nördliche Stadtmauer und erstreckt sich bis zum Yang-King-Pang, einem Bache, der sie von dem englischen Gebiet scheidet. Dort erheben sich die Kirchen der Lazaristen und Jesuiten, die auch vier Meilen von Schang-Hai die hohe Schule von Tsi-ka-ve besitzen, auf der Chinesen geistlichen Unterricht erhalten. Aber diese kleine französische Kolonie reicht der Bedeutung und Größe nach an die ihrer beiden Nachbarn nicht heran. Von zehn im Jahre 1861 errichteten Handelshäusern bestehen nur noch drei, und die Escompte-Bank hat es sogar vorgezogen, auf das Gebiet der englischen Niederlassung zu übersiedeln. Das amerikanische Gebiet hat den rückseitigen Teil am Wu-sung inne, wird von dem englischen durch den Su-Tscheu-Creek geschieden, über den eine Brücke führt. Hier befinden sich das Hotel Astor, die Missionskirche; hier liegen die für die Ausbesserung der europäischen Schiffe errichteten Docks. Aber die blühendste der drei Niederlassungen ist ohne Widerrede die englische. Luxusbauten an den Quais, Häuser mit Veranden und Gärten, Palästen der Handelsfürsten, die Orientalische Bank, der »Hong« des berühmten Hauses Dent mit seiner Schwesterfirma »Lao-Tschi-Tschang«, die Kontore von Jardyne, Russel und andern Großkaufleuten, das englische Klubhaus, das Theater, das Ballspielhaus, der Park, die Rennbahn, die Bibliothek – das ungefähr bildet das Ensemble dieser reichen und großartigen Schöpfung der Angelsachsen, die mit vollem Recht den Namen einer Musterkolonie verdient und bekommen hat. Man wird sich deshalb nicht wundern, auf diesem bevorrechteten Landgebiete, das unter dem Patronat einer liberalen Verwaltung steht, »eine«. – wie Léon Rousset es nennt – »chinesische Stadt von höchst eigentümlichem Gepräge, die nirgendwo in der Welt ihresgleichen hat« – vorzufinden. Demnach wird der Ausländer, der auf der malerischen Wasserstraße des Blauen Flusses nach Schang-Hai kam, auf diesem kleinen Fleckchen Erde eines vierblättrigen Kleeblatts von Flaggen ansichtig, die sich im Hauche ein und derselben Brise entfalten: der französischen Trikolore, der »Yacht« des vereinigten Königreichs, des amerikanischen Sternenbanners und des Sankt-Andreas-Kreuzes, gelb auf grünem Grunde, des Kaiserreichs der Blumen. Mit der Umgebung von Schang-hai ist es nicht weit her – Flachland ohne einen Baum, von schmalen, steinigen Straßen und rechtwinklig trassierten Pfaden durchschnitten, von Cisternen und » arroyos « durchlöchert, die zur Bewässerung von ungeheuern Reisfeldern dienen, von Kanälen durchfurcht, auf denen, wie die »Gribanen« in Holland durch die Landschaften, die »Dschunken« von Feld zu Feld fahren – ein Bild sozusagen von riesigem Umfange, streng grün in den Farben, dem es nur an einem Rahmen fehlte. Der Dampfer »Perma« hatte am Quai des chinesischen Hafens, vor der Ostvorstadt Schang-hai's, angelegt. Dort stiegen Wang und Kin-Fo am Spätnachmittag an Land. Das Kommen und Gehen der geschäftigen Bevölkerung am Gestade war ungeheuer – das Leben auf dem Flusse schier unbeschreiblich. Dschunken zu Hunderten, Blumenkähne, »Sampans« (eine Art von Paddelgondeln). Gigs und andre Fahrzeuge aller Größen bildeten eine schwimmende Stadt, in welcher eine seemännische Bevölkerung von wenigstens 40 000 Seelen lebte – eine Kaste untergeordneten Standes, aus der selbst der wohlhabende Teil nicht zur Klasse der Gelehrten oder Mandarinen aufsteigen kann. Die beiden Freunde spazierten langsam am Quai auf und ab, mitten zwischen der buntscheckigen Menge von Kaufleuten aller Art, Händlern, die Erdnüsse, Apfelsinen, Arekanüsse oder Pompelmus-Früchte ausboten. Seeleuten aller Nationen. Wasserträgern, Wahrsagern, Bonzen, Lamas, katholischen Priestern, nach Chinesenart mit Zopf und Fächer angethan, einheimischen Soldaten, »Tipaos« oder städtischen Polizisten und »Comporadores«, worunter Kommissionäre oder Makler zu verstehen sind, die für Rechnung europäischer Handelsfirmen Geschäfte abschließen, Waren ein- und verkaufen ec. Kin-Fo ließ, mit dem Fächer in der Hand einherwandelnd, seine Blicke gleichgiltig über die Menge schweifen. An den Vorgängen um ihn her nahm er kein Interesse. Weder der metallische Klang der mexikanischen Piaster noch der edlere Klang der silbernen Taëls und der geringere der kupfernen Sapeken, die zwischen Käufern und Verkäufern geräuschvoll ausgetauscht wurden, hätte ihn zerstreuen oder ablenken können. Besaß er doch selbst so viel, um die ganze Vorstadt kaufen und bar bezahlen zu können! Wang hatte dagegen seinen großen gelben Schirm, der mit ungeheuerlichen Figuren schwarz bemalt war, aufgespannt und suchte, fortwährend »auf dem Laufenden«, wie es ein echter Chinese sein muß, überall nach Dingen, die seiner Beobachtung wert waren. Als er vor dem östlichen Thore vorbeiging, blieb sein Blick zufällig auf einem Dutzend Bambuskäfige haften, in denen grinsende Köpfe von Verbrechern hingen, die tags vorher hingerichtet worden waren. »Wer weiß,« meinte er, »ob sich nicht Besseres thun ließe, als Köpfe abschlagen! Ich glaube, wenn man sie fester rückte, thäte man gescheiter!« Kin-Fo hörte ohne Zweifel nicht, was Wang sagte, das war wohl gut, denn solche Worte aus dem Munde eines ehemaligen Taiping würden ihn ganz gewiß in keine geringe Verwunderung gesetzt haben. Beide gingen den Quai weiter hinunter, der sich um die Mauern der chinesischen Stadt zieht. Am äußersten Ende der Vorstadt angelangt, wollten sie gerade den Fuß auf das französische Gebiet setzen, als ihnen ein mit langem blauen Oberkleid angethaner Chinese auffiel, der aus einem Büffelhorn durch Schläge mit einem Stöckchen einen grellen Ton hervorbrachte und die Aufmerksamkeit der Menge auf sich lenkte. »Ein Si-en-cheng,« sagte der Philosoph. »Was geht der uns an!« versetzte Kin-Fo. »Freund,« erwiderte Wang, »laß Dir doch wahr von ihm sagen! Für jemand, der so kurz vor der Heirat steht, ist das doch was!« Kin-Fo wollte seinen Weg fortsetzen. Wang hielt ihn zurück. Der »Si-en-cheng« ist eine Art Volksprophet, der für ein paar Sapeken die Zukunft weissagt. Als Handwerkszeug hatte er weiter nichts als einen kleinen Käfig, in dem ein Vögelchen saß, und der an einem Knopf seines Oberkleides hing – sodann ein Spiel von 64 Karten, auf denen Götter-, Menschen- oder Tierfiguren dargestellt waren. Der Chinese, gleichviel welcher Klasse er angehört, ist im allgemeinen abergläubisch und schlägt die Prophezeiungen des Si-en-cheng, der selbst wahrscheinlich nicht viel von ihnen hält, keineswegs gering an. Auf einen Wink Wang's breitete der Si-en-cheng einen baumwollenen Teppich auf dem Boden aus, setzte sein Vogelbauer darauf, langte sein Kartenspiel hervor, mischte es und legte es so auf den Teppich, daß die Figuren nicht zu sehen kamen. Nun wurde der Käfig geöffnet. Das Vögelchen kam heraus, suchte sich eine Karte aus und ging wieder in sein Bauer, nachdem es ein Reiskorn zur Belohnung bekommen hatte. Der Si-en-cheng wendete die Karte um; sie zeigte eine männliche Figur mit einem in Kunan-runa geschriebenen Spruche – bekanntlich der Mandarinensprache im Norden, die zufolge ihres offiziellen Charakters von den gebildeten Leuten im Lande gesprochen wird. Hierauf wendete sich der Wahrsager an Kin-Fo und prophezeite ihm, was ihm alle Kollegen des Wahrsagers prophezeit haben würden, daß er nämlich nach einer bevorstehenden Prüfung zehntausend glücklicher Jahre genießen würde. »Wenn's nur ein einziges ist.« erwiderte Kin-Fo – »ein einziges nur, dann will ich Dir alle anderen schenken!« Hierauf warf er einen Silber-Taël hin, auf den sich der Prophet wie ein hungriger Hund auf einen Marksknochen stürzte. Solches Trinkgeld war bei ihm nicht an der Tagesordnung. Wang lenkte nun mit seinem Zögling die Schritte nach der französischen Kolonie hinüber. Wang in Gedanken vertieft über diese Prophezeihung, die im Einklang stand mit seinen eigenen Theorien über das Glück – Kin-Fo von der Zuversicht erfüllt, daß ihn Prüfungen nicht treffen könnten. So schritten sie an dem französischen Konsulat vorbei, gingen wieder bis zu der über den Yang-King-Pang geworfenen Brücke hinauf, über den Bach hinüber und auf der anderen Seite der Brücke in schräger Richtung durch das englische Niederlassungsgebiet, um den Quai des europäischen Hafens zu erreichen. Es schlug Mittag. Die während des Vormittags flotten Geschäfte stockten plötzlich wie durch Zauberschlag. Das kommerzielle Tagewerk war sozusagen beendigt, und auf das Leben und Treiben folgte die Ruhe und zwar auch in der englischen Stadt, die in dieser Hinsicht echt chinesisch geworden war. In diesem Augenblicke liefen mehrere Ausländerschiffe, die meisten unter der Flagge des Vereinigten Königreichs, den Hafen an. Zu neun Zehnteln sind sie, wie man freilich sagen muß, mit Opium beladen. Dieses vertierende Präparat, dieses Gift, mit welchem England China überfüttert, stellt einen Handelswert von mehr als 260 Millionen Mark dar und wirft einen Nutzen von 300 Prozent ab. Umsonst hat die chinesische Regierung versucht, die Einführung des Opiums in das Himmlische Reich zu verhindern. Der Krieg 1841 und der Friedensschluß von Nan-king haben der englischen Handelsware freie Einfuhr und den Handelsfürsten freies Spiel verschafft. Bemerkt muß übrigens noch werden, daß die Regierung von Peking zwar über jeden Chinesen, der Opium verkaufen wollte, die Todesstrafe verhängen würde, daß sich aber mit den Herren Regierungsbeamten leicht zu einem Abkommen gelangen läßt, wenn es dem, der ein solches Abkommen sucht, nicht an Geld fehlt und auf Geld nicht ankommt. Man hegt sogar die Ansicht, daß der Mandarin-Gouverneur von Schang-hai alljährlich eine Million einstreicht, ohne weiter etwas dafür zu thun, als daß er über mancherlei Thun der ihm unterstellten Beamten einfach die Augen schließt. Daß weder Wang noch Kin-Fo der verabscheuungswürdigen Gewohnheit des Opiumrauchens frönten, die den Organismus von Grund aus zerstört und mit rasender Schnelligkeit zum Tode führt, versteht sich wohl von selbst. Es war noch niemals ein Quentchen von diesem Präparat in die reiche Wohnung gelangt, vor der die beiden Freunde nach Verlauf einer Stunde, von dem Augenblick ihrer Landung am Quai von Schang-hai ab gerechnet, anlangten. Wang hätte – was von seiten eines ehemaligen Tai-ping wiederum verwunderlich gewesen sein würde – wohl nicht zu bemerken unterlassen: »Vielleicht gäb's was Besseres zu thun, als ein ganzes Volk der Vertierung zuzuführen! Handel und Wandel ist ja eine ganz gute Sache; aber Philosophie ist eine bessere Sache! Seien wir vor allem Philosophen! vor allem Philosophen!« Viertes Kapitel: in welchem Kin-Fo ein wichtiges Schreiben erhält, das schon acht Tage alt ist. Unter einem Yamen versteht man eine Gesamtheit von verschiedenen Baulichkeiten, die nach einer parallelen Linie gebaut sind, die von einer anderen Linie von Kiosken und Pavillons senkrecht geschnitten wird. Am häufigsten dient der Yamen den Mandarinen von hohem Range als Wohnsitz und gehört dem Kaiser. Aber es ist den reichen Söhnen des Himmels durchaus nicht verboten, einen Yamen als Eigentum zu besitzen, und ein solches mit verschwenderischer Pracht eingerichtetes Besitztum war es, das der reiche Kin-Fo bewohnte. Wang und sein Zögling standen vor dem Hauptthor, das zur Vorderfront der großen Mauer führte, welche die verschiedenen Gebäude des Yamens, seine Gärten und Höfe einschloß. Wäre dieser Yamen, statt Wohnsitz eines schlichten Privatmanns zu sein, Wohnsitz eines Mandarinen gewesen, so würde unter dem reich geschnitzten und buntbemalten Vorbau des Thores den wichtigsten Platz eine große Trommel eingenommen haben. Diese Trommel würden nun zur Nachtzeit wie bei Tage all jene Unterthanen gerührt haben, die bei ihm Gerechtigkeit gesucht hätten. Statt solcher »Beschwerdentrommel« standen aber vor Kin-Fo's Yamen große Schalen aus Porzellan mit kaltem Thee, der durch den fürsorglichen Hausverwalter fortwährend nachgefüllt wurde. Diese Schalen standen zum Besten der Vorübergehenden da; jeder konnte von dem Thee trinken, so viel ihm beliebte, und diese Freigebigkeit, die Kin-Fo Ehre machte, hatte ihn, wie es hieß, in große Beliebtheit gesetzt »bei seinen Nachbarn östlich und westlich«. Als der Herr und Gebieter sich seinem Yamen näherte, kam die Dienerschaft zu seiner Bewillkommnung vor die Thür gelaufen. Kammerdiener, Läufer, Thorwarte, Sänftenträger, Stallknechte, Kutscher, Diener, Nachtwächter, Köche, alles, was in einem chinesischen Hausstande zu den dienstbaren Geistern gehört, bildete unter dem Kommando des Hausverwalters Spalier. Ein Dutzend Kuli, auf monatliche Kündigung für die groben Arbeiten gedungen, hielt sich in mäßigem Abstande im Hintergrunde. Der Hausverwalter wünschte dem Herrn des Hauses einen gesegneten Eingang. Kin-Fo winkte kaum mit der Hand und schritt rasch durch das Spalier. »Sun?« rief er bloß. »Sun!« versetzte Wang lächelnd – »wenn Sun da wäre, so wäre er doch Sun nicht mehr!« »Wo ist Sun?« fragte Kin-Fo wieder. Der Verwalter musste bekennen, daß weder er noch jemand anders wüßte, was aus Sun geworden sei. Sun war nun aber nichts geringeres als Kin-Fo's erster Kammerdiener und für Kin-Fo absolut unentbehrlich. War also Sun ein Musterlakei? Nein. Denn seinen Dienst noch schlechter zu thun, war unmöglich. Zerstreut, unüberlegt, ungeschickt sowohl mit den Händen als mit der Zunge, leckermäulig im schlimmsten Sinne des Wortes, hasenfüßig im besten Sinne des Wortes, kurz, ein Chinese von echtem Schrot und Korn, aber eine treue Seele im Grunde, und endlich der einzige Mensch auf Erden, der die Gabe hatte, seinen Herrn »auf den Trab zu bringen«. Denn zwanzigmal am Tage bekam Kin-Fo Ursache, sich über Sun zu erbosen, und wenn er ihn auch nur zehnmal am Tage zur Rede setzte und wamste, so geriet er dadurch doch ebensoviel mal aus seiner gewohnten Lebensträgheit und seine Galle kam dadurch in Fluß. Wie man also sieht, gewissermaßen ein Laxiermittel von Lakei! Uebrigens meldete sich Sun, wie es bei der größeren Zahl von chinesischen Lakeien der Fall ist, ganz von selbst zur Strafe, sobald er welche verdient hatte. Sein Herr schenkte sie ihm auch nie! Aber wenn es auch Prügel mit dem Rotang nach Noten setzte, so scherte Sun sich darum wenig! Wogegen er aber unendlich viel empfindlicher war, das waren die Verkürzungen, die Kin-Fo an seinem ihm auf dem Rücken baumelnden geflochtenen Zopfe von Fall zu Fall vornahm, sobald er sich eines schweren Versehens schuldig gemacht hatte. Wieviel der Chinese auf dieses wunderliche Anhängsel giebt, weiß wirklich niemand. Der Verlust des Zopfes ist die erste Strafe, die über Verbrecher verhängt wird; ein abgeschnittener Zopf gilt als Entehrung für das ganze Leben! Darum war dem unglücklichen Lakeien nichts so schrecklich, als zum Verlust eines Stückes von seinem Zopfe verurteilt zu werden. Vier Jahre war es her, seit Sun bei Kin-Fo in Dienst getreten war. Damals hatte sein Zopf, einer der schönsten im Himmlischen Reiche, 1 Meter 25 Centimeter gemessen – zu der Stunde, da diese Erzählung anhebt, waren nur noch 57 Zentimeter vorhanden. Wenn es mit der Abschneiderei so fortging, dann war Sun in Zeit von zwei Jahren der kahlste Kahlkopf im Reiche! Mittlerweile waren Wang und Kin-Fo, mit der Hausdienerschaft in respektvoller Entfernung hinter sich, durch den Garten gewandelt, dessen meist in thönerne Kübel gesetzte Pflanzen mit erstaunlicher, aber einer besseren Aufgabe würdiger Kunstfertigkeit zu allerhand phantastischen Tierformen verschnitten waren. Dann lenkten die beiden Freunde die Schritte um das mit »Guramis« und roten Fischen bevölkerte Wasserbecken herum, dessen helle, durchsichtige Flut unter den breiten blaßrötlichen Blumen des »Nelumbo« verschwand, bekanntlich der schönsten aller im Kaiserreiche der Blumen heimischen Nymphäaceen, zu deren Familie außer der berühmten Victoria regia auch die Lotosblume zählt. Nachdem sie sich vor der hieroglyphischen Darstellung eines Vierfüßlers, die im Stil eines symbolischen Freskobildes in grellen Farben auf eine besonders hierfür errichtete Wand gemalt war, verneigt hatten, gelangten sie endlich vor das eigentliche Wohngebäude des Yamens. Es war ein Haus, das aus Erdgeschoß und einem Stockwerk bestand und das auf einer Terrasse stand, zu der sechs marmorne Stufen hinauf führten. Bambusbecken waren in Form von Portalen oder Vorbauen vor Thüren und Fenster gezogen, um durch Erleichterung der Ventilation die schon sehr heiße Temperatur der inneren Räume erträglich zu machen. Das platte Dach des Hauses stand in seltsamem Gegensatze zu den wunderlichen Kuppen und Spitzen, mit denen die hier und dort in der Umfriedigung des Yamens verstreut errichteten Pavillons gekrönt waren, die mit ihren an Zinnen erinnernden Auskragungen, mit den buntfarbigen Dachziegeln und den in zierlicher Arabeskenform gehaltenen Backsteinen den Blick erheiterten. Im Innern waren, abgesehen von den als Wohnzimmer für Wang und Kin-Fo bestimmten Räumen, nur Säle vorhanden, die von kleineren Gemächern mit durchsichtigen Scheidewänden umgeben waren. An diesen Scheidewänden liefen Blumenmalereien in Guirlanden-Form entlang, abwechselnd mit Feldern, auf denen Sittensprüche eingeschrieben standen, die beim Chinesen bekanntlich in reichen Mengen vorhanden sind. Ueberall Sitzvorrichtungen in wunderlichen Formen, aus Thon oder aus Porzellan, aus Holz oder aus Marmor, einiger Dutzende von Polstern und Kissen nicht zu vergessen, deren weiche Füllung noch nachdrücklicher zum Ruhen einlud. Ueberall Lampen oder Laternen von verschiedenster Gestaltung, mit Glasscheiben in den zarten Farbenschattierungen und mit Eicheln, Fransen und Büscheln reicher geschmückt als ein Maultier in Spanien. Ebenso überall jene kleinen Theetische, die unter dem Namen »Tscha-ki« bekannt sind und als unumgänglich notwendiger Bestandteil eines chinesischen Mobiliars gelten. Wer all die Ciselier-Arbeiten aus Elfenbein oder Perlmutter, all die Bronze-Niellen, all die Rauchfässer, Rauchpfannen und sonstigen Gefäße zur Räucherung, all die vergoldeten Lackarbeiten, im Relief aufgehöht und mit Filigran geziert, all die Nephrit-Sachen, weiß wie Milch und grün wie Smaragd, all die runden oder prismatisch geschliffenen Vasen aus der Dynastie der Ming und der Tsing, all die noch weit kostbareren Porzellansachen aus der Dynastie der Yen, all die Emailgefäße mit Zellenschmelz, glänzend in Fleischton oder Gelb durch hinzugefügte transparente Farben, deren Arbeitsgeheimnis heute vergessen ist – wer all diese Herrlichkeiten hätte zählen wollen, hätte Stunden dazu gebraucht, aber seine Zeit nicht verloren. Diese luxuriöse Wohnung wies die ganze phantastische Pracht des Chinesentums auf im Verein mit dem Komfort der europäischen Kulturwelt. Kin-Fo war thatsächlich, wie schon bemerkt worden und wie es seine Neigungen erweisen, ein Mann des Fortschritts. Keiner neuen Erfindung des Abendlandes und ihrer Einführung stand er skeptisch oder ablehnend gegenüber. Er gehörte zu jener Kategorie von Söhnen des Himmels, die Sinn haben für die Wissenschaft der Physik und der Chemie, die leider im Himmlischen Reiche noch immer zu spärlich vorhanden sind. Er hatte also nichts zu thun mit jenen Barbaren, die der Firma Reynolds die ersten Telegraphendrähte zerschnitten, die sie nach Wusung legen wollte, um über die Ankunft der englischen und amerikanischen Post schneller unterrichtet zu sein, noch weniger mit jenen rückständigen Mandarinen, die nicht leiden wollten, daß das unterseeische Kabel zwischen Schang-hai und Hong-kong irgend eine Stelle des festen Landes berühre, sondern die Elektrotechniker zwangen, es mitten im Flusse auf einen schwimmenden Kahn zu legen! Nein! Kin-Fo schloß sich jenen von seinen Landsleuten an, die es billigten, daß die Regierung unter der Leitung von französischen Ingenieuren die Arsenale und Werkstätten von Fu-tschao angelegt hatte. So besaß er auch Aktien derjenigen chinesischen Dampfergesellschaft, die den Verkehrsdienst zwischen Tien-tsin und Schang-hai in streng nationalem Interesse verrichtet, und war in ähnlicher Weise beteiligt an jenen Schnelldampfern, die Singapur um drei bis vier Tage früher erreichen, als die englische Post. Materieller Fortschritt hatte, wie schon bemerkt, den Weg bis in sein Inneres gefunden. Telephonische Apparate setzten die verschiedenen Baulichkeiten seines Yamens untereinander in Verkehr. Elektrische Klingeln verbanden die Zimmer seiner Wohnung. Zur kalten Jahreszeit ließ er heizen, ohne sich Gewissensbisse zu machen, in dieser Hinsicht klüger als seine Mitbürger, die in ihren vier- oder fünffach übereinandergezogenen Kleidern am kalten Herde sitzen und frieren. Er brannte Gas in seinem Hause, ganz genau so wie der Zolldirektor in Peking, genau so wie der steinreiche Mister Yang, der Haupt-Eigentümer der Leihhäuser im Reiche der Mitte! Endlich hatte sich der fortschrittliche Kin-Fo – wie man alsbald sehen wird – des veralteten Brauches der Schrift für seinen intimen Briefwechsel geringschätzig entäußert und sich zum Phonographen bekannt, den Edison erst vor ganz kurzer Zeit zum höchsten Grade der Vollkommenheit geführt hatte. Dem Zöglinge des Philosophen Wang bot das Leben also sowohl in materieller als in moralischer Hinsicht alles was ein Mensch zu seinem Glücke brauchte! Und doch war er nicht glücklich! Er hatte Sun als Ableitungsmittel für seine tägliche Apathie, und selbst Sun reichte nicht hin, um ihm das Glück zu verleihen! Freilich zeigte sich, wenigstens für den Augenblick, Sun noch immer nicht; Sun war ja auch niemals, wo er hätte sein sollen und diesmal hatte er zweifellos irgend was schlimmes auf dem Kerbholze, vielleicht daß er während der Abwesenheit seines Gebieters eine recht arge Tölpelei begangen hatte – und wenn ihm schliesslich auch nicht bange war um seinen Buckel, der an Trachten mit dem Rotang oder spanischen Rohre des Hauses gewöhnt war, so neigte doch alles dem Glauben zu, daß er besonders für seinen Zopf zagte und bebte. »Sun!« hatte Kin-Fo gerufen, als er den Fuß in die Vorhalle setzte, auf die hinaus die Säle zur Rechten und Linken führten, und seine Stimme verriet schlecht verhaltene Ungeduld. »Sun!« hatte Wang wiederholt, dessen gute Ratschläge und Ermahnungen bei dem unverbesserlichen Lakai immer ohne Wirkung blieben. »Suchet Sun und bringt ihn mir her!« sagte Kin-Fo, zu dem Hausverwalter gewandt, der sofort die ganze Dienerschaft hinter dem unauffindbaren Lakaien herhetzte. Wang und Kin-Fo blieben allein. »Die Weisheit,« sagte nun Wang, »befiehlt dem Reisenden, der in seine Penaten heimkehrt, eine kurze Ruhe zu genießen.« »Also seien wir weise!« versetzte schlicht und einfach der Zögling Wangs und verfügte sich, nachdem er dem Philosophen die Hand gedrückt, in seine Gemächer, während Wang die Schritte nach seinem Zimmer lenkte. Sobald Kin-Fo allein war, streckte er sich auf einen jener weichen Divans europäischen Fabrikats, deren behagliche Polsterung kein chinesischer Tapezier jemals zu stande gebracht hätte. Dort überließ er sich seinem Sinnen und Träumen. Etwa über seine Verheiratung mit der liebenswürdigen, schönen Dame, die er zur Gefährtin seines Lebens machen wollte? Jawohl, so war's! Und das kann nicht verwundern, da er am andern Tage ein Rendezvous mit ihr haben sollte. Die holde Dame wohnte nämlich nicht in Schang-hai, sondern in Peking, und Kin-Fo machte sich sogar klar, daß es schicklich sein dürfte, ihr gleichwie seine Rückkehr nach Schang-hai, so auch seine bevorstehende Ankunft in der Hauptstadt des Himmlischen Reiches anzuzeigen. Ja, wenn er selbst einen gewissen Wunsch, eine leichte Ungeduld, sie wiederzusehen, an den Tag legte, so möchte das wohl kaum als nicht am Platze erscheinen. Empfand er doch ganz ohne Frage eine aufrichtige Zuneigung für sie! Wang hatte ihm das nach den unbestreitbarsten Regeln der Logik haarklein bewiesen, und dieses neue Element, das solcherweise in sein Dasein trat, könnte vielleicht dessen unbekannte Größe finden ... das Glück nämlich, das ihm ... womit ihm ... wovor ihm ... Kin-Fo träumte bereits mit geschlossenen Augen, und wenn er nicht an seiner rechten Hand einen eigentümlichen Kitzel gefühlt hätte, so wäre er ganz gewiß sanft und ruhig entschlummert. Unwillkürlich schlossen sich seine Finger wieder und faßten einen cylindrisch geformten Körper von stattlicher Dicke, dessen Flächen hin und wieder knotige Stellen aufwiesen, und den seine Finger zu hantieren zweifelsohne gewohnt waren. Kin-Fo konnte sich nicht irren: ein Rotang war's, ein spanisches Rohr, das ihm in die rechte Hand geglitten war, und im selben Augenblicke glitten ihm, in verzagtem Tone gesprochen, die Worte ins Ohr: »Wenn's dem gnädigen Herrn belieben sollte!« Kin-Fo richtete sich auf und schwang mit einer Bewegung, deren Natürlichkeit nichts zu wünschen ließ, den zuchtpolizeilichen Rotang. Sun stand mit gekrümmtem Buckel vor ihm, in der Stellung eines Kranken vorm Arzte. Mit der einen Hand auf den Zimmerteppich gestützt, hielt er in der andern einen Brief. »So? Endlich da!« sprach Kin-Fo. »A-i a-i ya!« versetzte Sun. »Ich erwartete meinen gnädigen Herrn erst in drei Tagen. Wenn's dem gnädigen Herrn belieben sollte!« Kin-Fo warf das spanische Rohr an die Erde. So gelb der arme Sun von Natur aus war, so fing er doch blaß zu werden an! »Wenn Du ohne alle Entschuldigung Deinen Buckel den Schlägen bietest,« sprach der Herr, »so verdienst Du gewiß mehr als das! Was ist vorgegangen?« »Ach, hier der Brief!« »So rede doch!« rief Kin-Fo und riß Sun den Brief aus der Hand. »Ich habe ungeschickterweise vergessen, dem gnädigen Herrn den Brief auszuhändigen, bevor der gnädige Herr nach Canton abreiste!« »Um acht Tage zu spät, Halunke!« »Ich habe gesündigt, o Herr und Gebieter!« »Komm her!« »Ich bin wie ein armer Krebs, dem die Beine fehlen und der nicht laufen kann. A-i! a-i! ya!« Dieser letzte Aufschrei war ein Verzweiflungsschrei. Kin-Fo hatte Sun an seinem Zopfe gepackt und ihm mit einer scharfen Scheere soeben das Endstück abgeschnitten. Die Beine waren, wie man annehmen muß, dem armen Krebse im Nu wieder gewachsen, denn er trollte sich behend von dannen, nicht ohne von dem Zimmerteppich das Endstück seines kostbaren Anhängsels aufgehoben zu haben. Von 57 Centimetern war Suns Zopf bis auf 54 Zentimeter geschwunden! Kin-Fo hatte all seine Ruhe wiedergefunden, hatte sich wieder auf den Divan geworfen und musterte wie ein Mensch, für den es das Wort Eile nicht giebt, den vor acht Tagen eingegangenen Brief. Er zürnte Sun nur seiner Nachlässigkeit, nicht der Verspätung halber. In welcher Hinsicht konnte ihn irgend welches Schreiben interessieren? Erwünscht wäre es höchsten Falls nur, wenn es ihm eine Aufregung bereitete. Ach, ihm eine Aufregung! Indessen sah er das Schreiben an, wenn auch zerstreut. Der Umschlag, der aus gesteifter Leinwand bestand, wies auf der Adressen- und auf der Rückseite verschiedene Briefmarken von einer Farbe halb Wein halb Schokolade auf, die unter einem männlichen Brustbilde die Ziffer zwei und die Worte »sechs Cents« enthielten. Also ein Beweis, daß der Brief aus den Vereinigten Staaten von Amerika kam. »Gut!« sagte Kin-Fo bei sich, die Achseln zuckend – »ein Brief von meinem Korrespondenten in San Francisco!« und er warf den Brief in eine Ecke des Divans. Was konnte ihm sein Korrespondent sonderlich Wichtiges zu melden haben? Daß die Wertpapiere, die fast sein ganzes Vermögen ausmachten, ruhig in den Kassen der Californischen Centralbank schlummerten? Daß seine Aktien um 15–20 Prozent gestiegen seien? Daß die Dividenden, die zur Verteilung kommen sollten, höher als die im verwichnen Jahre sich belaufen würden usw.! Ein paar tausend Dollars im Jahre mehr oder weniger war wahrlich keine Sache, ihn aufzuregen! Nichtsdestoweniger nahm er nach einigen Minuten den Brief wieder und riß mechanisch den Umschlag los. Statt den Brief selbst aber zu lesen, suchten seine Augen zuerst nur nach der Unterschrift. »Es ist doch ein Brief meines Korrespondenten!« meinte er bei sich. »Von was anderm als Geschäften kann er mir doch nichts melden! Lassen wir, was Geschäft heißt, bis morgen!« Und zum zweiten Male wollte Kin-Fo den Brief beiseite werfen, als sein Blick mit einem Male durch ein auf der Vorderseite des zweiten Blattes mehrmals unterstrichenes Wort gefesselt wurde. »Passiva« hieß das Wort, auf welches der Korrespondent von San Francisco offenbar die Aufmerksamkeit seines Schang-haier Klienten hatte hinlenken wollen. Kin-Fo las nun den Brief von Anfang an, las ihn von der ersten bis zur letzten Zeile, nicht ohne ein gewisses Gefühl von Neugierde, das bei ihm halb und halb überraschen mußte. Einen Moment lang zogen seine Brauen sich zusammen. Aber als er zu Ende gelesen hatte, spielte so etwas wie ein verächtliches Lächeln um seine Lippen. Kin-Fo stand nun auf, schritt etwa zwanzig Mal in seinem Zimmer auf und ab, trat auf einen Moment an das Sprachrohr heran, das ihn direkt mit Wang in Verbindung setzte. Ja, er setzte die Mündung des Rohrs an den Mund und wollte Wang anrufen. Aber er besann sich anders, ließ den Kautschukschlauch fallen und streckte sich wieder auf den Divan. »Bah!« machte er. In diesem Worte kam Kin-Fo zum Ausdruck, ganz wie er war ... »Und sie!« sprach er leise vor sich hin – »sie ist bei der ganzen Geschichte weit stärker interessiert als ich!« ... Er trat nun an ein kleines Lacktischchen heran, auf dem eine längliche, kostbar ciselierte Schale stand. In dem Moment aber, als er sie öffnen wollte, hielt seine Hand inne. »Was stand in ihrem letzten Briefe?« fragte er sich leise. Und statt den Deckel der Schachtel zu heben, drückte er auf eine am Rande befindliche Feder. Alsbald ließ eine sanfte Stimme sich vernehmen! »Mein älteres Brüderchen! Bin ich Dir nicht mehr wie die Mei-hwa-Blüte im ersten Mond, wie die Blüte des Aprikosenbaumes im zweiten, wie die Blüte des Pfirsichbaumes im dritten Monat! Mein süßes Herz aus kostbarem Edelstein! Tausendmal, zehntausendmal Dir süßen guten Morgen!« Die Stimme einer jungen Dame war es, deren zärtliche Worte der Phonograph wiedergab. »Armes, jüngeres Schwesterchen!« sagte Kin-Fo. Dann machte er die Schachtel auf, nahm das mit feinen Rillen streifenartig bedeckte Papier, das eben alle Biegungen der fernen Stimme wiedergegeben, und ersetzte es durch ein anderes. Der Phonograph war damals schon so weit vervollkommnet, daß es hinreichte, mit lauter Stimme hineinzusprechen, wenn die Membran in Schwingung treten und das durch ein Uhrwerk bewegte Rädchen die Worte auf das eingelegte Papierblatt fixieren sollte. Kin-Fo sprach also etwa eine Minute lang. An seiner nach wie vor ruhigen Stimme hätte man nicht merken können, unter welchem Eindruck von Freude oder Traurigkeit er seinen Gedanken Worte lieh. Drei oder vier Sätze, nicht mehr, war alles, was Kin-Fo in den Phonographen hineinsprach. Dann hemmte er den Gang desselben, nahm das Papierblatt heraus, worauf die von der Membran bewegte Nadel schräge Rillen gezogen hatte, gemäß den Worten, die er gesprochen. Dann steckte er das Papier in einen Umschlag, schloß denselben, schrieb von links nach rechts folgende Adresse darauf: » Madame Le-u – Scha-Kua-Allee – Peking .« und drückte auf den Knopf einer elektrischen Klingel, worauf jener Diener herbeikam, der mit der Korrespondenz beauftragt war. Ihm wurde der Befehl, den Brief auf der Stelle zur Post zu tragen. Und eine Stunde nachher schlief Kin-Fo friedlich, in seine Arme seinen »Tschu-fu-jen« drückend, eine Art Schlummerrolle aus geflochtenem Bambus, die in den chinesischen Betten eine mittlere Temperatur hält – eine kostbare Sache unter diesen heißen Breiten! Fünftes Kapitel: in welchem Le-u einen Brief empfängt, den sie wohl lieber nicht bekommen hätte. »Du hast noch keinen Brief für mich?« »Nein, Madame!« »Wie lang mir doch die Zeit vorkommt, alte Mutter!« Zum zehntenmal am Tage sprach die liebreizende Le-u im Boudoir ihres in der Avenue Scha-Kua in Peking gelegenen Hauses solche Worte. Die Frau, die sie mit »alte Mutter« anredete, eine in China für Dienerinnen höheren Alters übliche Bezeichnung, und die ihr Antwort gab, war die brummige, unangenehme alte Jungfer Nan. Le-u hatte mit achtzehn Jahren einem Gelehrten ersten Grades ihre Hand gereicht, der als Mitarbeiter an dem berühmten »Sse-Khu-Tsuane-Tschu« angestellt war – ein Werk, das bekanntlich im Jahre 1773 begonnen worden ist und 160 000 Bände umfassen soll, aber noch nicht über den 78 738. Band hinausgelangt ist. Dieser gelehrte Herr war doppelt so alt gewesen, wie sie, und hatte im dritten Jahre dieses ungleichen Ehebundes das Zeitliche gesegnet. Die junge Wittib hatte also allein in der Welt gestanden, als sie noch keine einundzwanzig Jahre zählte. Kin-Fo sah sie auf einer Reise, die er um diese Zeit herum nach Peking machte. Wang, der die reizende Dame kannte, lenkte die Aufmerksamkeit seines indifferenten Zöglings auf sie. Kin-Fo ließ sich ganz piano in den Gedanken hinein steuern, seine Daseinsbedingungen durch eine Vermählung mit der schönen Wittib in ein anderes Fahrwasser zu lenken. Le-u stand dem Antrage, der ihr gemacht wurde, durchaus nicht unempfindlich gegenüber. Und so waren die Dinge denn soweit gediehen, daß die zur größten Genugthuung des Philosophen beschlossene Vermählung gefeiert werden sollte, sobald Kin-Fo die notwendigen Einrichtungen in Schang-hai getroffen und wieder nach Peking zurückgekehrt sein würde. Im Himmlischen Reiche kommt es nicht alle Tage vor, daß Witwen sich wieder verheiraten, – nicht, als ob sie sich weniger darnach sehnten, als ihre Leidensschwestern im Abendlande, sondern vielmehr, weil solche Sehnsucht wenig mitfühlenden Männerherzen begegnet. Wenn Kin-Fo eine Ausnahme von der Regel machte, so lag der Grund, wie man weiß, eben in dem Umstande, daß Kin-Fo ein Original war. Wenn Le-u sich wieder verheiratete, so ging sie freilich des Anrechts verloren, unter den »Pa-e-lu's« zu wandeln – Gedächtnisbogen bekanntlich, die der Himmlische Kaiser zuweilen erbauen ließ zu Ehren solcher Frauen, die durch ihre Treue gegen den verstorbenen Ehemann zu Berühmtheit gelangt waren, wie beispielsweise der Witfrau Sung, die nimmer vom Grabmal ihres Ehemanns weichen wollte, oder der Witfrau Kung-Kiang, die sich einen Arm abschnitt, oder der Witwe Yen-Tschiang, die sich zum Zeichen ihres ehelichen Schmerzes das Gesicht entstellte. Aber Le-u meinte, mit ihren zwanzig Jahren ließe sich was Gescheiteres anfangen. Sie gelangte zu dem Entschlusse, jenes gehorsame Leben von neuem zu beginnen, das in der chinesischen Familie der Frau als Rolle zufällt. Verzicht auf die mündliche Erörterung außerhalb der Familie gelegener Dinge zu leisten, sich den Vorschriften des Buches Li-nun über die häuslichen Tugenden und des Buches Nei-tso-pien anzubequemen, endlich jene Achtung wiederzuerlangen, welche die Ehegattin genießt, die in den höheren Gesellschaftsklassen durchaus nicht Sklavin ist, wie es im allgemeinen geglaubt wird. Kein Wunder also, daß sich Le-u, die reizende, aber auch kluge und gebildete Dame, in ihr neues Schicksal ergeben und gefunden hatte, denn sie begriff, welche Stellung sie im Leben des blasierten reichen Mannes zu bekleiden haben würde, und fühlte sich durch den Wunsch zu ihm hingezogen, ihm dafür, daß das Glück auf dieser Welt vorhanden sei, den notwendigen Beweis zu erbringen. Der Gelehrte hatte die junge Witwe bei seinem Tode in keiner ungünstigen, wenn auch nur mittelmäßigen Vermögenslage zurückgelassen. Das Haus in der Avenue Scha-Kua war demnach bescheidener Art. Die unerträgliche Nan machte die ganze Dienerschaft aus, aber Le-u hatte sich an ihre bedauerlichen Manieren gewöhnt, die bei den dienstbaren Geistern im Himmlischen Reiche keine Seltenheit sind. In ihrem Boudoir hielt sich die junge Frau mit Vorliebe auf. Das Mobiliar würde einen sehr schlichten Eindruck gemacht haben, wenn nicht die reichen Geschenke gewesen wären, die seit zwei langen Monaten von Schang-hai eintrafen. An den Wänden hingen einige Gemälde, darunter ein Meisterwerk des alten Malers Huan-tse-nen, das die Aufmerksamkeit der Kenner auf sich gelenkt haben würde, mitten unter echt chinesischen Aquarellen verschiedener moderner Meister, Darstellungen von Pferden in grün, Hunden in violett und Bäumen in blau. Auf einem Lacktischchen breiteten sich, gleich großen Schmetterlingen mit gespreizten Flügeln, Fächer aus, die der berühmten Schule von Swa-tau entstammten. Aus schwebenden Porzellangeschirren hingen elegante Gewinde von jenen künstlichen Blumen hernieder, die aus dem Mark der » Arabia papyrifera « von der Insel Formosa mit so wunderbarer Treue fabriziert werden, und die mit den weißen Nymphäaceen, den gelben Chrysanthemen und den roten Lilien Japans in Wettstreit treten könnten, die in Blumenständern aus fein ausgearbeitetem Holz in reicher Menge blühten. Ueber diesem ganzen Gesamtbilde lag nur ein mildes Licht, das durch die Bambusgeflechte vor den Fenstern gleichsam gebrochen hereinschimmerte. Ein aus langen Habichtsfedern gefertigter herrlicher Ofenschirm, dessen kunstvoll verteilte Flecken eine große Päonie bildeten, – bekanntlich das Sinnbild der Schönheit im Reiche der Blumen – zwei große Vogelbauer in Pagodenform, richtige Kaleidoskope der grellstfarbigen Vögel Indiens, einige »Ti-e-maols« oder chinesische Aeolsharfen, deren Glasplatten unter dem Lufthauch erzitterten, – tausenderlei Dinge endlich, mit denen sich bald dieser bald jener Gedanke an den Abwesenden verknüpfte, vervollständigten den merkwürdigen Zierat dieses Boudoirs. »Noch immer kein Brief, Nan?« »Nicht doch, Madame, noch immer nicht!« Sie war wirklich eine liebreizende Dame, diese jugendliche Le-u! Hübsch selbst für europäische Augen, weiß, und nicht gelb, hatte sie schwarzes Haar, mit einigen Pfirsichblüten geschmückt, die mit grünen Gagatnadeln festgesteckt waren, kleine, weiße Zähne, sanfte Augen, kaum nach den Schläfen zu geschwungen und von Brauen überragt, die aussahen wie leicht gemischt mit feinster chinesischer Tusche. Sie legte weder Honigcrême, noch spanisch Weiß auf die Wangen, wie es gemeinhin Brauch ist bei den Schönheiten des Himmlischen Reiches, legte auch kein Karmin auf die Unterlippe, zog auch keinen kurzen, senkrechten Strich zwischen die Augen, mochte auch nichts von jenen Schönpflästerchen wissen, zu denen die chinesischen Damen eine Schminke zu nehmen lieben, für die der kaiserliche Hof allein bis zu zehn Millionen Sapeken im Jahr ausgiebt. Die junge Wittib brauchte dergleichen künstliche Hilfen nicht. Sie verließ nur selten ihr Haus in Scha-Kua und konnte sonach auf jene Maskierung verachtungsvoll verzichten, deren sich jede Chinesin zu bedienen pflegt, wenn sie aus ihrem Hause den Fuß setzt. Was die Toilette der jungen Wittib betrifft, so ließ sich nichts Einfacheres und Vornehmeres denken. Eine lange, vierschlitzige Robe, mit breitem, gesticktem Galon gesäumt, unter dieser Robe ein plissierter Rock, an der Taille ein mit Soutache aus Goldfiligran verziertes Plastron oder Bruststück, an den Gürtel geknöpft ein Beinkleid, das sich eng um den nankingseidenen Strumpf schloß, und über dem Fuße reizende, mit Perlen gestickte Pantöffelchen – kurz, die junge Wittib brauchte wahrlich nicht mehr, um als reizend zu erscheinen, wenn noch zum Schlusse bemerkt wird, daß sie feine, zierliche Händchen hatte und daß sie ihre langen rosigen Nägel in silbernen Futterälchen von wunderbarer Kunstfertigkeit konservierte. Und ihre Füße? Ei! ihre Füße waren klein, wunderbar klein! Nicht zufolge jener Gewohnheit barbarischer Verunstaltung, die sich glücklicherweise zu verlieren anfängt, sondern, weil die Natur sie so geschaffen hatte. Dieser Brauch hält sich nun bereits sieben Jahrhunderte lang und ist wahrscheinlich auf die krüppelhafte Beschaffenheit irgend einer Prinzessin zurückzuführen. In ihrer einfachsten Anwendung, bei der vier Zehen unter die Sohle gebeugt werden, während das Fersenbein unberührt gelassen wird, wandelt sie das Bein zu einer Art von Kegelstumpf, behindert das Gehen absolut, schafft Veranlagung zu Blutarmut und hat für ihren Bestand nicht einmal, wie man lange gemeint hat, die Eifersucht der Ehemänner als Rechtfertigungsgrund. Seit der tatarischen Eroberung verschwindet dieser Brauch auch mit jedem Tage mehr, so daß man gegenwärtig schon auf zehn Chinesinnen keine drei mehr zählt, die vom frühesten Alter an dieser Reihe von schmerzhaften Operationen unterworfen worden sind, als deren Folge sich die gänzliche Verunstaltung des Fußes ergiebt. »Daß heute kein Brief ankommt, ist ja gar nicht möglich!« sagte noch einmal Le-u. »Ach, sieh doch nach, alte Mutter!« »Ich hab' schon nachgesehen!« antwortete mit argem Verstoß gegen den Respekt Jungfer Nan, die brummig aus dem Zimmer schritt. Le-u wollte es nun, um sich ein wenig zu zerstreuen, mit Arbeit versuchen. Das hieß aber wieder die Gedanken auf Kin-Fo lenken, da sie ihm ein paar Stoffsocken stickte, deren Anfertigung im chinesischen Haushalt, gleichviel zu welcher Klasse derselbe gehört, fast einzig und allein der Frau vorbehalten ist. Die Arbeit sank ihr aber bald aus den Händen. Sie stand auf, nahm ein paar Melonenscheiben aus einer Bonbonschachtel, die unter ihren kleinen Zähnen verschwanden; dann schlug sie ein Buch auf, das »Nu-shun« – jenes Lehrbuch für Unterweisungen, das für jede ehrsame Hausfrau des Himmlischen Reiches das tägliche Lesebuch bildet. »Gleichwie der Frühling die geeignete Jahreszeit ist für die Arbeit, so ist auch die Morgenstunde der günstigste Zeitpunkt des Tages. – Stehe früh auf und überlaß Dich dem süßen Schlaf nicht zu lange! – Pflege den Maulbeerbaum und den Hanf! Spinne mit Eifer Seide und Baumwolle! – Die Tugend der Frauen beruht in der Emsigkeit und Sparsamkeit! – Die Nachbarn werden Dein Lob künden ...« Das Buch fiel bald wieder zu. Die zärtliche Le-u dachte kaum nach über das, was sie las. »Wo ist er?« fragte sie sich. »Er hat nach Canton fahren müssen. Ist er zurück nach Schang-hai? Wann wird er in Peking sein? Ist das Meer ihm gnädig gewesen? O, daß die Göttin Koanine ihm beistehe!« Also sprach die unruhige junge Frau. Dann senkten ihre Augen sich zerstreut auf eine Tischdecke, die künstlich aus tausend kleinen Stückchen zusammengesetzt war – eine Art Stoffmosaik nach portugiesischer Mode, aus dem das Symbol der Treue, die Mandarinen-Ente mit ihrer Sippe, herauszukennen war. Endlich trat sie an ein Blumentischchen und pflückte die erste beste Blume, die sich ihr bot. »Ach!« sagte sie, »nicht die Blüte ist's der grünen Weide, das Sinnbild des Frühlings, der Jugend und der Freude! Das gelbe Chrysanthemum ist's, das Sinnbild des Herbstes und der Traurigkeit!« Ankämpfen wollte sie, gegen die Angst, die nun ihr ganzes Wesen ergriff. Ihre Laute hing da; ihre Finger ließen die Saiten erklingen; ihre Lippen flüsterten die ersten Worte des Liedes: »In Deinen Händen«, aber sie konnte nicht weitersingen. »Seine Briefe,« dachte sie, »ließen ehedem nicht auf sich warten! Ich hab' sie gelesen mit bewegter Seele! Oder vielmehr, statt jener Reihen, die sich an meine Augen nur richteten, war's seine Stimme selbst, die ich vernehmen konnte! Aus dem Apparate dort sprach es zu mir, als hätte er neben mir gestanden!« Und Le-u hielt den Blick auf einen Phonographen gerichtet, der auf einem runden, einfüßigen Lacktischchen stand und jenem anderen ganz ähnlich aussah, dessen Kin-Fo sich in Schang-hai bediente. So konnten sich beide, trotz der Entfernung, die sie schied, verständigen, oder konnten vielmehr ihre Stimmen hören ... Heute aber, wie schon seit einigen Tagen, blieb der Apparat stumm und erzählte nichts mehr von den Gedanken, die den Abwesenden erfüllten ... In diesem Augenblick trat die »alte Mutter« ein. »Na, da haben Sie Ihren Brief!« sagte sie und ging wieder, nachdem sie Le-u einen Umschlag mit dem Poststempel Schang-hai übergeben hatte. Ein Lächeln spielte auf den Lippen der jungen Wittib. Ihre Augen blitzten in lebhafterem Glanze. Sie riß den Umschlag los, rasch, ohne daß sie sich die Zeit vergönnte, ihn zu betrachten, wie es sonst ihre Gewohnheit war ... Es war kein Brief, den dieser Umschlag enthielt, sondern eins jener Papierblättchen mit schrägen Rillen, die, in den phonographischen Apparat eingepaßt, die menschliche Stimme in allen ihren Biegungen wiedergeben. »Ach!« rief lustig und heiter Le-u – »so ist's mir noch lieber! Weit lieber! So werde ich ihn wenigstens hören!« Das Papier wurde unter die Walze des Phonographen gelegt, die ein Uhrwerk alsbald in Drehung setzte, und Le-u vernahm, als sie das Ohr heranhielt, eine wohlbekannte Stimme, die wie folgt zu ihr sprach: »Jüngeres Schwesterchen! Ruin hat mir meine Reichtümer entführt, wie der Ostwind des Herbstes gelbe Blätter entführt! Ich mag kein Wesen elend machen, indem ich es an mein Elend kette! Vergessen Sie den Mann, den zehntausendfältiges Unglück geschlagen hat! Ihr in Verzweiflung gestürzter Kin-Fo.« War das ein Schlag für die junge Frau! Ein Leben bitterer als der bittere Enzian harrte nun ihrer. Ja! der rauhe Küstenwind führte mit dem Vermögen des Mannes den sie liebte, die letzten Hoffnungen hinweg! Die Liebe, die Kin-Fo für sie hegte, war, ach! auf ewig also hin! Ihr Freund, ach! glaubte nur an das Glück, das Reichtum spendet! Ach, arme Le-u! Dem fliegenden Drachen glich sie nun, dessen Faden reißt und der zerbrochen und zerrissen zu Boden fällt! Nan trat auf den Ruf der Herrin ins Zimmer. Sie zuckte die Achseln und trug die Herrin auf ihren »Hang«! Aber wenn auch ihr »Hang« eins jener Betten war mit künstlicher Heizung, so fror sie doch bitterlich auf ihrem Lager, die arme, arme Le-u! Und wie lang, wie schrecklich lang kamen ihr die fünf Wachen dieser schlaflosen Nacht vor!! Sechstes Kapitel: das dem Leser vielleicht die Lust zu einem Gang in die Kontore der »Centennar« benehmen wird. Am Tage nachher schritt Kin-Fo, dessen Verachtung gegen alles Irdische sich nicht einen Augenblick verleugnete, allein aus seiner Wohnung. In seinem ewig gleichen Tempo ging er am rechten Ufer des Baches hinunter. An der Holzbrücke angelangt, welche die englische mit der amerikanischen Niederlassung verbindet, schritt er über den Bach und lenkte die Schritte nach einem Hause ziemlich schönen Aussehens, das zwischen der Missionskirche und dem Konsulat der Vereinigten Staaten errichtet war. Am Giebel dieses Hauses spreizte sich ein großes, breites Kupferschild, auf dem in großer Grabschrift zu lesen stand: Die Centennar-Lebensversicherungs-Gesellschaft. Grundkapital: 20 Millionen Dollar. General-Agent: William J. Bidulph. Kin-Fo stieß die Thür auf, die ein zweiter Polsterflügel schützte oder sicherte, und stand in einem Kontor, das durch ein einfaches Geländer von Armeshöhe in zwei Hälften abgeteilt war. Einige Schränke mit Pappkästen, Bücher mit Nickelverschluß, ein amerikanischer Tresor mit Selbstverschluß, ein paar Tische, an denen die angestellten Commis saßen und schrieben, ein komplizierter Schreibtisch, Seiner Ehren Herrn William J. Bidulph vorbehalten, das war das ganze Mobiliar dieses Zimmers, das in ein Haus auf dem Broadway und nicht in ein am Ufer des Wu-sung errichtetes Gebäude zu gehören schien. William J. Bidulph war in China Generalagent der Lebens- und Feuerversicherungsgesellschaft, deren Sitz sich in Chicago befand. Die »Centennar« – ein famoser Name, der Klienten anlocken sollte –, die in den Vereinigten Staaten fein rennomierte »Centennar« besaß Filialen und Vertreter in allen fünf Weltteilen. Sie machte ungeheure und ausgezeichnete Geschäfte dank ihren überaus kühn und liberal abgefaßten Satzungen, die sie zu Versicherungsabschlüssen gegen alle möglichen Fährlichkeiten ermächtigten. Die Söhne des Himmels fingen gleichfalls an, diesem modernen Ideenkreislauf zu folgen, der die Kassen der Gesellschaften solcher Gattung füllt. Eine große Zahl von Häusern im Reiche der Mitte waren gegen Feuersgefahr versichert, und auch für Versicherungsverträge auf den Todesfall mit all den vielfältigen Kombinationen, die sie enthielten, war an chinesischen Unterschriften kein Mangel. Das Schild der »Centennar« spreizte sich bereits am Sims von Thüren in Schang-hai, unter anderm auch an dem Säulenportale des reichen Yamens Kin-Fo's. Die Absicht also, sich gegen Feuersgefahr zu versichern, war es nicht, die den Zögling Wangs veranlaßte, Seiner Ehren Herrn William J. Bidulph einen Besuch zu machen. »Herr Bidulph?« fragte Kin-Fo beim Eintritt. William J. Bidulph war zugegen, »in Person«, wie ein Photograph, der seine Aufnahmen selbst bewirkt, immer dem Publikum zur Verfügung und zu Diensten – ein Mann von fünfzig Jahren, in tadellosem schwarzen Anzug; Frack, weiße Krawatte, Vollbart mit Ausnahme von Schnurrbart, Benehmen, Aussehen, Haltung, Wesen durch und durch amerikanisch. »Mit wem habe ich die Ehre?« fragte William J. Bidulph. »Mit Herrn Kin-Fo aus Schang-hai.« »Ach, Herr Kin-Fo! ... Klient der »Centennar« ... Police Nummer 27200 ...« »Jawohl – derselbe!« »Dürfte ich mich glücklich genug schätzen, mein Herr, Ihnen dienen zu können?« »Ich wünsche ein paar Worte mit Ihnen privatim zu sprechen,« versetzte Kin-Fo. Die Unterhaltung zwischen den beiden Personen mußte ja um so leichter von statten gehen, als William J. Bidulph das Chinesische ebenso geläufig sprach, wie Kin-Fo das Englische. Der reiche Klient wurde also mit aller ihm schuldigen Rücksicht in ein mit schweren Teppichen behangenes, durch Doppelthür abgesperrtes Kabinett geführt, in welchem man, ohne Furcht, von einem der pfiffigern Tipaos des Himmlischen Reiches belauscht zu werden, ein Komplott gegen die Dynastie der Tsing hätte schmieden können. »Mein Herr,« hub Kin-Fo an, sobald er sich in einen Schaukelstuhl neben einem mit Gas geheizten Kamin gesetzt hatte – »ich wünsche mich bei Ihrer Gesellschaft zu versichern; Prämie zahlbar bei Todesfall; die Höhe der Summe will ich Ihnen gleich nennen.« »O, mein Herr,« versetzte William J. Bidulph – »nichts einfacher als das! Zwei Unterschriften, die Ihrige und die meinige – am Fuß einer Police – und die Versicherung ist perfekt, die Erfüllung einiger Formalitäten natürlich vorbehalten. Aber, mein Herr ... Sie erlauben mir wohl, bitte, diese Frage! ... Sie haben doch den Wunsch, erst in vorgerückterem Alter zu sterben? ... ein Wunsch übrigens, der durchaus natürlich ist!« »Warum?« fragte Kin-Fo. Am häufigsten läßt doch der Abschluß einer Lebensversicherung bei dem Versicherten auf Furcht vor allzu nahem Tode schließen ...« »O, mein Herr!« versetzte William J. Bidulph im ernstesten Tone der Welt – »solche Furcht giebt's bei den Klienten der »Centennar« niemals! Sagt das nicht schon ihr Name? Wer sich bei uns versichert, erwirbt ein Patent auf langes Leben! Verzeihen Sie, bitte! Aber es ist eine Rarität, wenn bei uns mal ein Klient stirbt, der jünger ist als hundert Jahre ... wirklich eine große, sehr große Rarität! ... Im eigensten Interesse der Leute müßten wir ihnen das Leben nehmen! Darum machen wir so großartige Geschäfte! Ich sage Ihnen also, mein Herr, eine Versicherung in der »Centennar« ist die Quasi-Sicherheit, selbst ein Centennarier zu werden!« »Was Sie sagen!« bemerkte mit Seelenruhe Kin-Fo, indem er William J. Bidulph mit seinen kalten Augen musterte. Der Generalagent, feierlich wie ein Minister, sah nicht im geringsten darnach aus, als könne er scherzen. »Wie dem sei,« versetzte Kin-Fo, »ich wünsche, mich im Betrage von 200 000 Dollars zu versichern.« »Nehmen wir also an: ein Kapital von zweimalhunderttausend Dollars,« wiederholte William J. Bidulph und schrieb die Summe, deren Höhe nicht eine Wimper bei ihm zucken machte, auf einen Abreißblock. »Sie wissen,« setzte er hinzu, »daß die Versicherung null und nichtig wird und daß sämtliche bezahlten Prämien, gleichviel welche Höhe sie erreicht haben, der Gesellschaft als Besitz und Eigentum verbleiben, wenn die versicherte Person durch diejenige Person, zu deren Gunsten die Versicherung lautet, vom Leben zum Tode gebracht wird?« »Das weiß ich.« – »Und auf welche Gefahren soll die Versicherung sich erstrecken, mein Herr?« – »Auf all und jede Gefahr!« – »Auf Reisen zu Wasser und zu Lande? Auch auf einen Aufenthalt außerhalb der Grenzen des Himmlischen Reiches?« – »Ja!« – »Auf ein Todesurteil ebenfalls?« – »Ja!« – »Auf Zweikampf?« – »Ja!« – »Auf Dienst im Heere?« – »Ja!« – »Dann werden die Prämien sehr bedeutend sein!« – »Ich werde bezahlen, was bezahlt werden muß!« – »Mir schon recht!« »Aber,« bemerkte Kin-Fo, »von einer weitern höchst wichtigen Gefahr sprechen Sie nicht, trotzdem sie doch vorhanden ist!« »Und die wäre?« »Der Selbstmord! Ich glaubte, die Satzungen der »Centennar« ermächtigten auch zur Versicherung gegen Selbstmord?« »Ganz gewiß, mein Herr, ganz gewiß!« antwortete William J. Bidulph, indem er sich die Hände rieb. »Gerade dieser Paragraph bildet ja eine der großartigsten Chancen für uns! Sie begreifen doch, daß unsere Klienten im allgemeinen Personen sind, die am Leben hängen, und daß, wer zufolge einer übertriebenen Vorsicht gegen Selbstmord versichert, sich im ganzen Leben nicht selbst umbringt.« »Mag sein,« antwortete Kin-Fo. »Aus persönlichen Gründen wünsche ich, auch diese Gefahr einbezogen zu sehen.« »Ganz wie Sie wünschen, mein Herr! Aber die Prämie wird außerordentlich steigen.« »Ich wiederhole, daß ich bezahle, was zu bezahlen ist!« »Abgemacht! Wir sagen also, hub William J. Bidulph wieder an, indem er auf seinem Abreißblock zu notieren fortfuhr – »einschließlich aller Gefahren auf Reisen zu Wasser und zu Lande, der Selbstmord einbezogen ...« »Wie hoch wird die Prämie unter diesen Bedingungen sein?« fragte Kin-Fo. »Mein werter Herr,« versetzte der Hauptagent, »unsere Prämien werden mit mathematischer Gerechtigkeit festgesetzt. Hierin beruht die Ehre unserer Gesellschaft! Die Prämien werden nicht mehr, wie in früherer Zeit, nach den Tabellen von Duvillars berechnet ... Kennen Sie Duvillars?« »Duvillars kenne ich nicht.« »Ein hervorragender, aber schon veralteter Statistiker, dermaßen alt schon, daß er zu den Toten gehört und nicht zu den Lebenden! Zur Zeit, als er seine berühmten Tabellen aufsetzte, die der Mehrzahl von europäischen Gesellschaften, allerdings stark hinterm Monde zurück! noch immer als Prämienstaffel dienen, war die mittlere Lebensdauer niedriger als in der Gegenwart – was wir dem allgemeinen Fortschritt der Wissenschaften etc. zu verdanken haben. Wir basieren unsre Prämienstaffeln also auf eine höhere Durchschnittslänge des menschlichen Lebens, bewegen uns also in wesentlich günstigeren Bedingnissen für den Versicherten, der keine so hohe Prämie mehr bezahlt und ein längeres Leben genießt ...« »Wie hoch wird sich der Betrag für meine Prämie belaufen?« fragte Kin-Fo neuerdings, denn er hatte den sehnlichen Wunsch, den Redefluß des Agenten aufzuhalten, der sich keine Gelegenheit entgehen ließ, eine Lanze zu gunsten seiner »Centennar«-Gesellschaft einzulegen. »Mein Herr,« erwiderte William J. Bidulph, »ich werde so indiskret sein müssen, Sie nach Ihrem Alter zu fragen?« »Einunddreißig Jahre.« »Nun, bei 31 Jahren würden Sie, wenn es sich bloß um die gewöhnlichen Fährlichkeiten im Leben handelte, bei jeder Gesellschaft 283 pro 100 zu zahlen haben. Bei der »Centennar« aber wird der Betrag sich bloß auf 270 stellen, was im Jahr auf ein Kapital von 200 000 Dollars 5400 Dollars ausmacht.« »Und bei den Bedingungen, wie ich versichert zu sein wünsche?« fragte Kin-Fo. »Alle Fährlichkeiten also, einschließlich Selbstmord, einbezogen?« »Selbstmord besonders!« »Mein Herr,« antwortete in liebenswürdigem Tone William J. Bidulph, nachdem er eine gedruckte Tabelle auf der Rückseite seines Abreißblocks zu Rate gezogen, »wir können's nicht billiger als zu 25 Prozent machen.« »Das beträgt also ...?« »50 000 Dollars!« »Und wie muß die Prämie bezahlt werden?« »Auf einmal oder in monatlichen Raten – ganz nach dem Belieben des Versicherten ...« »Für die ersten beiden Monate hätte ich also zu bezahlen ...?« »8332 Dollars, die also, wenn sie heute, am 30. April, bezahlt werden, mein werter Herr, der Police Deckung schaffen bis zum 30. Juni des laufenden Jahres!« »Mein Herr,« sagte Kin-Fo; »diese Bedingungen sind mir genehm. Bitte, hier ist der Prämienbetrag für die zwei ersten Monate!« und Kin-Fo legte ein dickes Bündel Dollarnoten, das er aus der Tasche langte, auf den Tisch. »Sehr gut ... mein Herr ... sehr wohl!« antwortete William J. Bidulph. »Aber ehe die Police unterzeichnet wird, handelt es sich noch um die Erfüllung einer Formalität!« »Und die wäre?« »Sie müssen die Güte haben, sich vom Arzt unsrer Gesellschaft untersuchen zu lassen!« »Zu welchem Zweck untersuchen lassen?« »Um festzustellen, ob Sie im Besitz einer guten Körperkonstitution sind – ob Sie an keiner organischen Krankheit leiden, die Ihre Lebensdauer verkürzen könnte – kurz, ob Sie uns Garantien für ein langes Leben bieten!« »Wozu das?« bemerkte Kin-Fo – »Wenn ich doch gegen Zweikampf und Selbstmord mich versichre?« »Hm, mein lieber Herr,« erwiderte William J. Bidulph, nach wie vor mit Lächeln, »eine Krankheit, deren Keim Sie in sich tragen, die Sie in wenigen Monaten wegraffen könnte, würde uns klippeklar 200 000 Dollars kosten!« »Mein Selbstmord doch auch?« nehme ich an. »Lieber Herr,« antwortete der leutselige Generalagent, indem er Kin-Fo's Hand nahm und sanft zu wiederholten Malen drückte, »ich habe bereits die Ehre gehabt, Ihnen zu sagen, daß viele Klienten von uns auf Selbstmord versichern – daß sie sich aber niemals selbst umbringen! Uebrigens ist es uns nicht verwehrt, Sie überwachen zu lassen ... O! mit der größtmöglichen Diskretion natürlich!« »Ach!« machte Kin-Fo. »Ich füge noch hinzu, als persönliche Bemerkung von mir, daß das grade von allen Klienten der »Centennar« diejenigen sind, die ihre Prämie am längsten bezahlen. Sehen wir doch mal, unter vier Augen, warum sich der reiche Kin-Fo das Leben nehmen sollte?« »Und warum sollte der reiche Kin-Fo sich versichern?« »O!« versetzte William J. Bidulph, »um die Gewißheit zu haben, in seiner Eigenschaft als Klient der »Centennar« ein sehr hohes Alter zu erreichen!« Es hatte keinen Zweck, mit dem Generalagenten der berühmten Gesellschaft noch länger zu diskutieren. Er war seiner Sache viel zu sicher! »Und nun,« setzte er hinzu, »zu wessen Gunsten soll diese Versicherung auf 200 000 Dollars lauten? Wer soll die Prämie ausgezahlt bekommen?« »Die Prämie soll an zwei Personen zur Auszahlung gelangen,« erwiderte Kin-Fo. »Zu gleichen Teilen?« »Nein! Zu ungleichen Teilen. Auf den einen Teil entfallen 150 000, auf den andern 50 000 Dollars!« »Die 50 000 also, mein Herr, gelangen zur Auszahlung an ...?« »An Wang.« – »An Wang, den Philosophen?« – »Denselben!« – »Und die 150 000?« – »An Madame Le-u in Peking!« »In Peking!« wiederholte William J. Bidulph, während er die Namen der Policeberechtigten auf seinem Abreißblock verbuchte. Dann fragte er wieder: »Wie alt ist Madame Le-u?« »Einundzwanzig Jahre,« antwortete Kin-Fo. »O!« meinte der Agent, »noch eine recht junge Dame, die wohl aber im alten Register stehen wird, wenn sie den Betrag des versicherten Kapitals ziehen wird!« »Warum? Wenn ich bitten darf?« »Weil Sie länger als hundert Jahre leben werden, mein werter Herr! Und Philosoph Wang ... Wie alt ist dieser?« »Fünfundfünfzig Jahre!« »Hm, der liebenswürdige Herr kann Gift darauf nehmen, daß er von dem Policengelde keinen roten Heller zu sehen bekommt!« »Das wird sich ja zeigen, mein Herr!« »Mein Herr,« versetzte William J. Bidulph, »wenn ich im Alter von 55 Jahren der Erbe eines Mannes von 31 Jahren wäre, der als Hundertjähriger sterben wird, so würde ich nicht so einfältig sein, mit seinem Erbe zu rechnen.« »Ihr Diener, mein Herr,« sagte Kin-Fo, indem er sich zur Thür begab. »Ganz der Ihrige, mein Herr!« versetzte Seine Ehren Herr William J. Bidulph, indem er sich vor dem neuen Klienten der »Centennar« tief verneigte. Am andern Tage hatte der Gesellschaftsarzt bei Kin-Fo den vorschriftsmäßigen Besuch abgestattet. »Eiserne Konstitution, Muskeln von Stahl, Lungen, die für Orgelpfeifen taugten!« – also stand im ärztlichen Bericht. Für die Gesellschaft gab es absolut kein Hindernis, einen so vorzüglich fundierten Kandidaten in ihre Gesellschaft aufzunehmen. Die Police wurde also an diesem Tage von Kin-Fo einerseits zu Gunsten der jungen Wittib und des Philosophen Wang und anderseits von William J. Bidulph als Vertreter der Gesellschaft, unterzeichnet. Weder Le-u noch Wang sollten, sofern nicht unwahrscheinliche Umstände einträten, jemals früher erfahren, was Kin-Fo soeben zu ihrem Besten gethan hatte, als an dem Tage, an welchem die »Centennar« in die Lage treten würde, dies Kapital an sie auszuzahlen als letzte Großmut des Ex-Millionärs. Siebentes Kapitel: das höchst trauriger Natur sein würde, wenn es sich nicht um Sitten und Bräuche handelte, die dem himmlischen Reiche eigentümlich sind. Was auch Seine Ehren William J. Bidulph gesagt oder gedacht haben mochte, so war doch die Kasse der »Centennar« in ihren Kassenbeständen aufs ernstlichste bedroht. Kin-Fo's Plan war thatsächlich keiner von jener Sorte, deren Ausführung nach reiflicher Erwägung auf unbestimmte Zeit hinausgeschoben werden. Als total zu Grunde gerichteter Mensch hatte Wangs Zögling den förmlichen Entschluß gefaßt, mit einem Dasein aufzuräumen, das ihm selbst zur Zeit seines Reichtums nur Traurigkeit und Langeweile bereitet hatte. Der erst am achten Tage nach seiner Ankunft von Sun abgelieferte Brief kam aus San-Francisco. Er meldete die Zahlungseinstellungen der Central-Bank von Californien. Nun bestand aber, wie man weiß, Kin-Fo's Vermögen fast ganz aus Aktien dieser berühmten, bis zur Stunde so todsichern Bank. Es ließ sich aber absolut nicht zweifeln. So unwahrscheinlich die Nachricht auch aussehen mochte, leider war sie nur allzu wahr. Die Zahlungseinstellung der Californischen Central-Bank mit dem Sitze in San-Francisco war eben auch erst durch die in Schang-hai eingelaufenen Zeitungen bestätigt worden. Der Bankerott war eben erklärt worden und machte Kin-Fo zum blutarmen Mann, nach seinen Begriffen wenigstens. Was blieb ihm auch thatsächlich außer den Aktien jener Bank? Nichts oder beinahe nichts. Sein Wohnhaus in Schang-hai, dessen Verkauf ihm nur unzulängliche Mittel gebracht haben würde, und das übrigens auch so gut wie unverkäuflich war – die als Prämie an die Kasse der »Centennar«-Gesellschaft eingezahlten 8000 Dollar, ein paar Aktien der Tientsiner Schiffahrtsgesellschaft, die ihm, wenn er sie heut oder morgen verkaufte, kaum so viel brachten, daß er sich nach außen hin einigermaßen decken konnte – das war zur Zeit sein ganzes Vermögen. Ein Europäer, Franzose oder Engländer, hätte ein solches neues Leben vielleicht von der philosophischen Seite aus aufgefaßt und sich durch Arbeit fortzuhelfen gesucht. Ein Sohn des Himmels mußte sich aber berechtigt wähnen, ganz anders zu denken und zu handeln. Freiwilliger Tod war es, den Kin-Fo als richtiger Chinese ohne Gewissensbisse und mit jenem typischen Indifferentismus, der die gelbe Rasse charakterisiert, für das Mittel ansah, sich aus der Verlegenheit zu ziehen. Der Chinese besitzt nur einen passiven Mut; diesen aber im höchsten Grabe. Seine Gleichgiltigkeit gegen den Tod ist wirklich außerordentlich groß. Wird er krank, so sieht er ihm ohne Schwäche entgegen. Wird ihm das Leben abgeurteilt, so legt er, selbst unter den Händen des Scharfrichters, keinerlei Furcht an den Tag. Die öffentlichen Hinrichtungen, in seinem Lande so häufig wie in China, der Anblick der schrecklichen Todesstrafen, die im Himmlischen Reiche der Rechtskodex verhängt, haben die Söhne des Himmels beizeiten mit dem Gedanken vertraut gemacht, den Dingen dieser Welt ohne Bedauern und Klage Valet zu sagen. Darum darf man sich nicht verwundern, daß in allen Familien das Kapitel vom Tode auf der Tagesordnung steht und vielen Unterhaltungen zum eigentlichen Thema dient. Bei keinem der alltäglichsten Vorgänge des Lebens fehlt dieser Gedanke an den Tod. Den Ahnenkultus trifft man an bis zu den ärmsten Leuten im Volk herunter. Kein reiches Haus, in welchem nicht eine Art häuslichen Sanktuariums vorhanden wäre – keine armselige Hütte, in der nicht für die Reliquien der Ahnen ein Winkel frei wäre. In jedem zweiten Monat des Jahres wird das Ahnenfest in großartiger Weise gefeiert. Daher kommt es auch, daß man im nämlichen Laden, wo man Betten für Neugeborene und Angebinde für Hochzeitspaare kauft, auch eine große Auswahl in Särgen aller Arten und Sorten findet, die im chinesischen Handel einen äußerst couranten Artikel bilden. Thatsächlich bildet der Kauf eines Sarges eine der ständigen Obliegenheiten für die Söhne des Himmels. Wenn der Sarg im väterlichen Hause fehlte, so würde das Mobiliar unvollständig sein. Der Sohn erblickt für sich eine Pflicht darin, seinem Vater noch bei dessen Lebzeiten einen Sarg zu schenken. Es liegt hierin thatsächlich ein rührender Beweis von Kindesliebe. Ein solcher Sarg wird in einem besonderen Zimmer aufgestellt. Man schmückt ihn, hält ihn in Stand, und am häufigsten wird er, wenn er die sterbliche Hülle schon in seinen vier schmalen Wänden aufgenommen, noch lange Jahre hindurch mit frommer Fürsorge aufbewahrt. Im Grunde bildet die Achtung gegen die Toten den Grundstock der chinesischen Religion und trägt dazu bei, die Familienbande enger zu knüpfen. Kin-Fo mußte sich also, leichter und schneller als jeder andere, dank seinem Temperamente, mit dem Gedanken, seinem Leben ein Ziel zu setzen, in vollster Seelenruhe abfinden. Das Schicksal der beiden Menschenwesen, denen seine Zuneigung gehörte, hatte er sicher gestellt. Was blieb ihm nun noch zu bedauern übrig? Nichts. Ueber Selbstmord durfte er sich nicht einmal Gewissensbisse machen. Was in den civilisierten Ländern des Westens als ein Verbrechen gilt, ist im Bereich dieser wunderlichen Kultur des östlichen Asiens nur eine berechtigte Handlung. Kin-Fo's Entschluß war also gefaßt, und keinerlei Beeinflussung hätte ihn der Ausführung desselben abwendig machen können, nicht einmal der Einfluß des Philosophen Wang. Dieser letztere hatte obendrein von den Absichten seines Zöglings nicht die geringste Ahnung. Sun wußte auch nichts davon und hatte nur eins wahrgenommen, daß nämlich sein Herr und Gebieter seit seiner Rückkehr gegen die täglichen Dummheiten seines Lakeien mehr Geduld zeigte als sonst. Sun kam dabei ganz entschieden auf seine Rechnung. Er hätte keinen bessern Herrn finden können, zumal jetzt, wo sein kostbarer Zopf in einer bisher ungekannten Sicherheit des Daseins auf seinem Buckel tanzte. Ein chinesisches Sprichwort heißt: »Um glücklich hienieden zu sein, muß man in Canton leben und in Liao-Tsche-u sterben«. Tatsächlich verhält es sich so, daß man in Canton allen modernen Luxus des Lebens vorfindet und daß in Liao-Tsche-u die besten Särge gezimmert werden. Kin-Fo konnte nicht ermangeln, bei der besten Firma seinen Sarg zu bestellen, damit diese letzte Ruhestatt für ihn pünktlich zur Stelle war. Tadellos gebettet für den letzten Schlaf zu sein ist eine ständige Sorge für jeden Sohn des Himmels, der zu leben versteht. Zur selben Zeit ließ Kin-Fo einen weißen Hahn kaufen, der bekanntlich die Eigenschaft hat, sich die entschwebenden Geister anzueignen und in sich einzuverleiben, die im Aufflug eines der sieben Elemente erfassen, aus denen eine chinesische Seele sich zusammensetzt. Man sieht also, daß der Zögling des Philosophen Wang, so groß auch sein Indifferentismus gegen die Einzelheiten des Lebens war, hinsichtlich der mit dem Tode in Zusammenhang stehenden Dinge wesentlich anders dachte. Nach Erledigung dieser Vorbedingnisse blieb ihm nun nichts weiter mehr übrig, als das Programm für sie Beerdigungsfeier abzufassen. Am nämlichen Tage noch wurde denn auch auf einem schönen Blatte jener unter der Bezeichnung Reispapier bekannten Papiersorte – bei dessen Anfertigung der Reis selbst absolut keine Rolle spielt – Kin-Fo's letzter Wille niedergeschrieben. Nachdem er der jungen Wittib sein Haus in Schanghai und Wang ein Brustbild des Kaisers Tai-ping vermacht hatte – das der Philosoph immer mit besonderer Liebe zu betrachten pflegte – beides unbeschadet der bei der »Centennar« versicherten Kapitalien – schrieb Kin-Fo mit fester Hand Ordnung und Reihenfolge der Personen auf, die seiner Beerdigung beiwohnen sollten. Zuerst im Zuge sollten, da er keine Eltern mehr hatte, die besten seiner Freunde erscheinen, und zwar alle in weißer Kleidung, da weiß, wie bekannt, im Himmlischen Reiche die Trauerfarbe ist. An den Straßen entlang bis zu dem schon lange auf dem Schang-haier Friedhofe errichteten Grabe sollten Leichendiener in zwei Gliedern Aufstellung nehmen mit den verschiedenen Grabes-Attributen: blauen Sonnenschirmen. Hellebarden, Gerechtigkeits-Emblemen, seidenen Lichtschirmen, Schrifttäfelchen mit der Aufzeichnung der feierlichen Handlung – besagte Leichendiener sämtlich in schwarzer Tunika mit weißem Gürtel, als Kopfbedeckung schwarzen Filz mit rotem Federstutz. Hinter der ersten Freundesschar sollte ein Führer, in Scharlach gekleidet von den Füßen bis zum Kopfe, der das als »Gong« bekannte chinesische Schallinstrument schlagen sollte, dem Bildnis des Verstorbenen voraufschreiten, das in einem reichgeschmückten Reliquienwagen liegen sollte. Sodann sollte eine zweite Freundesschar folgen, solche, die in regelmäßigen Abständen auf zu dem Zwecke hergerichteten Polstern in Ohnmacht zu fallen hatten. Zuletzt sollte eine Schar von jungen Leuten unter einem Thronhimmel blau mit gold weiße Papierstückchen, mit einem Loch an der Seite, ähnlich der als »Sapeka« bekannten Münze, auf den Weg streuen, die dazu ausersehen sind, böse Geister zu bannen, die sich etwa versucht fühlen sollten, dem Leichenzuge sich anzuschließen. Nunmehr hätte der Katafalk zu erscheinen, eine ungeheure Sänfte, mit violetter Seide überspannt: diese seidene Hülle sollte mit goldenen Drachen bestickt sein; fünfzig Diener sollten die Sänfte, inmitten einer doppelten Reihe von Bonzen, auf den Schultern tragen. Diese Priesterschar in grauen, roten und gelben Ornaten sollte die Totengebete hersagen und dazwischen sollte abwechselnd der Donnerlärm der Gongs, das Gekreisch der Flöten und die grelle Fanfare aus den 6 Fuß langen Trompeten erschallen. In letzter Reihe sollten die weißbehangenen Trauerwagen den prachtvollen Leichenkondukt schließen, dessen Kosten die letzten Vermögensbestände des reichen Toten verschlingen mußten. Alles in allem genommen, bot dieses Programm nichts Außergewöhnliches. Begräbnisse dieser »Klasse« ziehen viele durch die Straßen von Canton, Schang-Hai oder Peking, und die Söhne des Himmels erblicken darin nur eine der Person des Dahingeschiedenen schuldige natürliche Ehrerbietung. Am 20. Oktober traf, an Kin-Fo adressiert, aus Liao-tsche-u eine Kiste in dem Schang-haier Wohnsitze desselben ein. Diese Kiste enthielt in sorgfältiger Verpackung den für den Sonderfall vorgesehenen Sarg. Weder Wang noch Sun, noch einer von der Dienerschaft des Yamens fand in dem Ereignis irgend welche Ursache zu Staunen oder Verwunderung. Wie schon gesagt worden und wie hier wiederholt sei, ein Chinese, der nicht schon bei Lebzeiten das Bett besäße, in das er für die ewige Ruhe gebettet werden soll, läßt sich nicht denken! ... Dieser Sarg, ein Meisterstück des Liao-Tsche-u'er Fabrikanten, wurde in dem »Ahnenzimmer« aufgestellt. Dort hätte er, gefegt, gebohnt, gewichst, zweifelsohne lange stehen und auf den Tag warten können, an welchem der Zögling des Philosophen Wang ihn für eigene Rechnung verwendet haben würde ... Dem sollte nicht so sein! Kin-Fo's Tage waren gezählt, und die Stunde war nahe, die ihn in die Reihen der Ahnen des Hauses verweisen sollte. Thatsächlich hatte Kin-Fo den nämlichen Abend für die Ausführung seines Entschlusses, aus dem Leben zu scheiden, ausersehen. Im Laufe des Tages kam ein Brief von der untröstlichen Le-u an. Die junge Wittib stellte Kin-Fo das bißchen Eigentum, das sie besaß, zur Verfügung. Für sie hatte Vermögen keine Bedeutung. Sie konnte Geld und Gut entbehren! Sie liebte ja ihn! Was brauchte sie mehr?! Würden sie nicht auch in bescheidenerer Lebenslage glücklich sein können? Dieser Brief, der die lauterste Liebe atmete, vermochte Kin-Fo's Entschlusse nicht zu ändern. »Mein Tod allein kann sie reich machen,« dachte er. Somit verblieb für ihn nichts weiter mehr zu thun, als Entscheidung darüber zu treffen, wo und wie sich diese letzte Handlung vollziehen sollte. Kin-Fo empfand eine besondere Freude an der Ordnung dieser Einzelheiten. Er hoffte wohl, daß im letzten Augenblick eine Aufregung, so flüchtig sie auch sein möchte, ihm Herzklopfen bereiten würde! In der Umfriedigung des Yamens standen vier allerliebste Kioske, die mit dem ganzen Reichtum von Phantasie, der das Talent chinesischer Dekorateure auszeichnet, geschmückt und verziert waren. Diese Kioske führten bezeichnende Namen: »Pavillon des Glücks«, in welchen Kin-Fo niemals den Fuß setzte – »Pavillon des Reichtums«, den Kin-Fo mit der tiefsten Verachtung betrachtete – »Pavillon der Freude«, dessen Thore sich für ihn seit langer Zeit geschlossen hatten – und »Pavillon des Langen Lebens«, dessen Thür er hinter sich zufallen zu lassen gesonnen war! Zu dieser Thür war es, daß sein Instinkt ihn führte. In diesen Pavillon, nahm er sich vor, sich bei sinkender Nacht einzuschließen! Dort sollte man ihn, den im Tode schon Glücklichen, anderen Tages auffinden! Nachdem die Ortsfrage hiermit entschieden war, handelte es sich nun nur noch um das Wie? Welche Todesart sollte er wählen? Sollte er sich nach Japanesen-Brauch den Leib aufschlitzen? oder nach Mandarinen-Brauch mit dem seidenen Gürtel erdrosseln? oder sich, wie ein Epikuräer des alten Roms, in einem parfümierten Bade die Adern öffnen? Nein! Dergleichen Verfahren, sich das Leben zu kürzen, hätten ja in erster Linie gröblich und abstoßend auf seine Freunde und seine Dienerschaft wirken müssen! Ein paar Opiumkörner, mit feinem Gift vermischt oder getränkt, mußten ja auch reichen, um ihn aus dieser in die andere Welt zu schaffen, ohne daß es ihm überhaupt nur zum Bewußtsein kam, was mit ihm vorging – vielleicht trug ihn sogar einer jener Träume ins Jenseits hinüber, die den zeitlichen Schlaf in einen ewigen wandeln! Die Sonne fing bereits an, hinter dem Horizonte zu verschwinden. Kin-Fo hatte nur noch wenige Stunden zu leben vor sich. Auf einem letzten Spaziergange wollte er noch einmal den Friedhof von Schang-hai und jene Ufer des Huang-Pu wiedersehen, an denen er sich seinen Lebensüberdruß so oft verlaufen hatte. Allein, ohne auch nur Wang im Laufe des Tages aufgesucht oder gesehen zu haben, verließ er den Yamen, um noch ein letztes Mal den Fuß wieder zum Yamen hinein und sodann nie mehr wieder zum Yamen heraus zu setzen! Durch das englische Gebiet, über die kleine Brücke hinüber, die zum anderen Ufer führte, durch die französische Niederlassung, wanderte er mit jenem trägen Schritte, dessen Tempo nicht einmal durch den Drang, das Nahen dieser letzten Stunde zu beschleunigen, beeinflußt wurde. An dem Quai entlang, der sich am einheimischen Hafen hinzog, nahm er den Weg um die Stadtmauer von Schang-hai bis zur römisch-katholischen Kathedrale, von deren Kuppel aus man die südliche Vorstadt überblickt. Dann schwenkte er rechts ab und stieg ruhig und gelassen den Weg herauf, der zur Pagode von Lung-hao führte. Weites Flachland dehnte sich bis zu jenen schattigen Höhen hin, die das Thal des Min begrenzen – ungeheure sumpfige Ebenen, die durch den Fleiß des Ackerbauers zu Reisfeldern verwandelt worden sind. Hin und wieder ein Netz von Kanälen, die vom Meere gespeist wurden, ein paar ärmliche Dörfer, deren Hütten aus Rohr einen schmutzig-gelben Anwurf zeigten – ein paar Getreidefelder, hochgelegt, um sie vor Wassersgefahr zu schützen. Die schmalen Pfade entlang flüchteten Hunde, weiße Ziegen, Enten und Gänse, so rasch, wie sie ihre Beine oder Flügel tragen konnten, sobald es einem Wanderer einfiel, sie in ihrem Zeitvertreib zu stören. Dieses reich bebaute Land, dessen Anblick keinen Eingeborenen verwundern konnte, hätte jedoch einem Ausländer Aufmerksamkeit abgewonnen, wenn nicht vielleicht Abscheu erweckt. Ueberall nämlich, zu Hunderten und Aberhunderten, standen Särge. Abgesehen von den Grabhügeln über den wirklich in der Erde ruhenden Toten, nichts als längliche Kasten, haufenweis, nichts als Sargpyramiden, ein Sarg auf den anderen geschichtet, wie auf einem Zimmerplatze die Balken. Was in China um die Städte herum an flachem Lande vorhanden ist, ist immer nur ein großer, weiter Friedhof. Man behauptet, es sei verboten, diese Särge in die Erde zu scharren, so lange noch die gleiche Dynastie auf dem Throne des Himmelssohnes sitze – und diese Dynastieen sind von jahrhundertlanger Dauer! Mag das Verbot auf Wahrheit beruhen oder nicht, soviel steht fest, daß die in ihre Särge gebetteten Leichen – Särge, bald mit grellen, bald mit düsteren, toten Farben gemalt, Särge, bald neu und schmuck, bald morsch und fast schon zu Staub verfallen – jahre-, jahrelang auf den Tag warten, da man sie unter die Erde scharrt. Kin-Fo wäre über diese Zustände nicht im geringsten verwundert gewesen, er ging aber einher, ohne sich umzusehen. Nicht einmal zwei nach Europäer-Art gekleidete Ausländer, die ihm schon von seinem Yamen aus gefolgt waren, lenkten seine Aufmerksamkeit auf sich. Er sah sie nicht, obwohl sie ihn, allem Anschein nach, nicht aus den Blicken verlieren wollten. Sie hielten sich in gewissem Abstande von ihm, folgten ihm, wenn er sich vorwärts bewegte, blieben stehen, wenn er seinen Gang unterbrach. Manchmal wechselten sie untereinander gewisse Blicke, auch wohl ein paar kurze Worte, und ganz ohne Zweifel befanden sie sich hier, um auf ihn aufzupassen. Von mittlerer Größe, kaum über 30 Jahr alt, behend und flink, paßten sie so vortrefflich zusammen, daß man sie für ein paar Vorstehhunde, scharfäugig und schnellfüßig, hätte halten können. Kin-Fo drehte um, nachdem er etwa eine Meile weit ins Feld hinausgelaufen war, und schritt in der Richtung nach den Ufern des Huang-Pu wieder zurück. Die beiden Leithunde kehrten ebenfalls bald um. Kin-Fo ging auf dem Heimwege an ein paar Bettlern vorbei, die hundsjämmerlich elend aussahen, und gab ihnen ein Almosen. Dann kamen ihm ein paar Chinesenweiber von der christlichen Kolonie entgegen, solche, die von den barmherzigen Schwestern der französischen Mission zu dem Glauben der Milde bekehrt worden waren. Sie trugen Bütten auf dem Rücken und in den Bütten brachten sie arme, ausgesetzte Kinder nach dem Krippenhause. Nicht mit Unrecht hat man diese Weiber mit dem Namen »Kinder-Lumpenliesen« belegt, denn was sind solche unglücklichen kleinen Dinger schließlich anders, als Lumpen, hinter den Zaun geworfen?! Kin-Fo schüttete seine Börse in die Hand dieser barmherzigen Schwestern. Die beiden Fremden schienen über solche Handlung von seiten eines Sohnes des Himmels ziemlich erstaunt zu sein. Der Abend war da. Kin-Fo schlug von der Stadtmauer aus den Weg am Quai wieder ein. Die Leute, die auf dem Wasser ihre Wohnung hatten, die »schwimmende Bevölkerung« – wie sie genannt wurden – schliefen noch nicht. Geschrei und Gesang erschallte von allen Seiten. Kin-Fo lauschte. Er wollte hören, welche Abschiedsworte wohl ihm bestimmt seien. Eine junge Tankadere, die ihr Paddelboot durch die finsteren Wasser des Huang-Pu steuerte, sang also: »Mit bunten Blumen ist mein Boot geschmückt, Aus meinem Garten Hab' ich sie heute alle frisch gepflückt, Mit bangem Herzen will ich ihn erwarten; Denn morgen kehrt er heim ins Vaterland. Der Blaue Gott beschütz' ihn! Seine Hand Behüte ihn, daß er vom Weg nicht irrt Und daß ihm auch die Reise unverwandt Zu lang nicht wird!« »Morgen wird er wiederkehren! Und ich – wo werde ich morgen sein!« dachte Kin-Fo, den Kopf schüttelnd. Die junge Tankadere sang weiter: »Seit in die weite Fern' er zog, verschwand Schon manches Jahr. Er ist gezogen bis zum Mandschu-Land, Bis zu den Mauern Chinas, glaub' ich gar. Ach, oftmals hat mein sehnend' Herz geschlagen, Wenn plötzlich jäher Wind in wildem Jagen Zu ungestümem Sturme sich erhob. Wenn das Gewitter dann mit seinen Plagen Geschwind zerstob.« Kin-Fo lauschte noch immer. Diesmal sagte er nichts. Und die Tankadere schloß also: »Ob wohl nach Glücke noch zu suchen, hier Für Dich sich lohnt? Du willst dem Tod Dich weihen, fern von mir. O sieh, mein Schatz, schon ist's der dritte Mond! O komm, O komm! Der Bonze rüstet sich: Er wartet auf uns beide sicherlich, Um zu vereinen in derselben Stunde Zwei Phönixe! Ich liebe Dich, Du mich Aus Herzensgrunde!« »Jawohl! Vielleicht!« flüsterte Kin-Fo – »Reichtum ist ja schließlich nicht alles hienieden! Aber so viel, daß man's auf diese Probe ankommen läßt, ist das Leben nicht wert!« Nach einer halben Stunde betrat Kin-Fo wieder sein Haus. Die beiden Ausländer, die ihm bis hierher gefolgt waren, mußten Halt machen. Kin-Fo lenkte ruhig und gelassen die Schritte nach dem »Pavillon des Langen Lebens«, schloß die Thür auf, schloß sie wieder zu und befand sich allein in einem kleinen Zimmer, das von einer Laterne mit matten Scheiben eine milde Helligkeit erhielt. Auf einem aus einem einzigen Stück Gagat gefertigten Tische stand ein Köfferchen. Drin lagen ein paar Körnchen, Opium, mit tödlichem Gifte vermischt, enthaltend – ein »Notbehelf«, den der blasierte, reiche Mann immer bei der Hand hielt. Kin-Fo nahm zwei von diesen Körnchen, steckte sie in eine rote Thonpfeife, wie sich die Opiumraucher ihrer bedienen, dann schickte er sich an, sie anzuzünden. »Ha! so was!« rief er – »nicht mal in dem Augenblick, wo ich einschlafen will, um nicht wieder zu erwachen, eine Spur von Aufregung!« Er zögerte eine Weile. »Nein!« rief er dann wieder und warf die Pfeife zu Boden, daß sie zerschellte; »ich will sie fühlen, diese höchste Erregung, und wär's auch nur das bißchen Erregung, in das Hangen und Bangen versetzt! ... Ich will sie fühlen! und ich werde sie fühlen!« Und Kin-Fo verließ den Kiosk und schnelleren Schrittes, als gewöhnlich, begab er sich nach Wang's Zimmer. Achtes Kapitel: worin Kin-Fo Wang einen ernsthaften Vorschlag macht, den dieser nicht weniger ernsthaft entgegennimmt. Der Philosoph war noch nicht zu Bett gegangen. Auf einem Divan ausgestreckt, las er die letzte Nummer der Pekinger Zeitung. Wenn seine Brauen sich zusammenzogen, so lag der Grund ganz gewiß in dem Umstände, daß die Zeitung an die herrschende Dynastie der Tsing irgend ein Wort des Lobes verschwendet hatte. Kin-Fo drückte die Thür auf, trat ins Zimmer ein, warf sich auf einen Sessel und sagte ohne alle Vorrede: »Wang, ich möchte Dich um einen Dienst bitten.« »Und wären's ihrer zehntausend!« antwortete der Philosoph, indem er die offizielle Zeitung fallen ließ. »Sprich, sprich, mein Sohn! Sprich ohne Furcht! Sei's, welcher Dienst es sei, ich werde ihn Dir leisten!« »Der Dienst, den ich erwarte,« sprach Kin-Fo, »gehört zu jenen, die ein Freund bloß einmal leisten kann. Hast Du mir den geleistet, sollst Du entbunden sein von den 9999 anderen, und ich füge hinzu, daß Du nicht einmal Dank von meiner Seite zu erwarten hast!« »Der geschickteste Mensch im Erklären unerklärlicher Dinge würde Dich nicht verstehen. Um was handelt es sich?« »Wang,« sagte Kin-Fo – »ich bin ruiniert!« »Ah! ah!« machte der Philosoph, im Tone eines Menschen, dem man weniger eine schlimme, als eine gute Nachricht meldet. »Der Brief, den ich bei unserer Rückkehr von Canton hier vorfand,« versetzte Kin-Fo, »meldete mir, daß die Centralbank von Californien in Konkurs geraten ist. Außer dem Samen und etwa tausend Dollars, die mich noch ein paar Monate durchfristen können, verbleibt mir nichts von meinem Reichtum!« »Also ist's nicht mehr der reiche Kin-Fo,« fragte Wang, nachdem er seinen Zögling eine Weile lang beobachtet, »der zu mir spricht?« »Der arme Kin-Fo! den seine Armut übrigens keineswegs schreckt!« »Wohl gesprochen, mein Sohn!« versetzte der Philosoph und stand auf. »So werde ich denn meine Zeit und meine Mühen nicht verloren haben, Dich Weisheit zu lehren! Bislang hattest Du nur vegetiert, ohne Neigung, ohne Leidenschaften, ohne Kämpfe! Jetzt wirst Du leben! Die Zukunft hat sich gewandelt! Was thut's, hat Kon-fu-tse gesagt und der Talmud hat's nach ihm gesagt: von Unglück passiert immer weniger, als man fürchtet! Also werden wir nun endlich unseren täglichen Reis verdienen! Der »Nun-shum« lehrt uns: »Im Leben giebt's Höhen und Tiefen; das Glücksrad dreht sich in einem fort, und der Frühlingswind ist veränderlich! Reich oder arm, wisse Deine Pflicht zu erfüllen!« Komm, brechen wir auf!« Und wirklich! Wang, als praktischer Philosoph, war bereit, die luxuriöse Wohnstätte vom Flecke weg zu verlassen. Kin-Fo vertrat ihm den Weg. »Ich sagte,« nahm er wieder das Wort, »daß die Armut mich nicht erschrecke; aber ich setze hinzu, darum nicht, weil ich entschlossen bin, sie nicht zu ertragen.« »Ach!« meinte Wang, »Du willst also ...« »Sterben.« »Sterben!« antwortete mit Seelenruhe der Philosoph. »Der Mensch, der gewillt ist, mit dem Leben abzuschließen, spricht mit niemand darüber.« »Die Sache würde schon geschehen sein,« versetzte Kin-Fo mit einer Ruhe, die derjenigen des Philosophen nichts nachgab, »wenn ich nicht gewollt hätte, daß mir mein Tod wenigstens eine erste und letzte Aufregung verursachte. In dem Moment aber, als ich eins jener Opiumkörnchen schlucken wollte, die Du ja kennst, schlug mir das Herz so matt, daß ich das Gift weggeworfen habe, und zu Dir her ging.« »Willst Du denn, Freund, daß wir zusammen sterben?« antwortete Wang lächelnd. »Nein,« sagte Kin-Fo, »für mich ist's notwendig, daß Du lebst!« »Warum?« »Damit mir Deine Hand den Tod gebe!« Bei dieser unvermuteten Zumutung fuhr Wang nicht einmal zusammen. Aber Kin-Fo, der ihm voll ins Gesicht sah, sah einen Blitz in seinen Augen aufleuchten. Wachte in Wang der alte Tai-ping wieder auf? Sollte das Werk, mit dem ihn sein Zögling betrauen wollte, auf kein Bedenken, kein Besinnen bei ihm stoßen? Sollten denn achtzehn Jahre über seinem Haupte hingegangen sein, ohne die blutdürstigen Instinkte seiner Jugend zu dämpfen! Sollte er dem Sohne dessen, der ihm eine Freistatt gegeben, nicht einmal Vorhaltungen machen! Nahm er es, ohne zu straucheln, auf sich, den Sohn seines Wohlthäters von diesem Dasein zu befreien, von dem derselbe nichts wissen wollte! Er wollte so handeln? er? Wang, der »Philosoph«. Aber dieser Blitz verlöschte fast ebenso schnell wieder. Wang zeigte seine gewöhnliche Miene als braver, biederer Mensch wieder – vielleicht war sie um einige Schattierungen ernster. Dann setzte er sich wieder und sagte: »Diesen Dienst also begehrst Du von mir?« »Ja,« versetzte Kin-Fo, »und dieser Dienst wird Dir Quittung sein über alles, was Du Dir vielleicht einbildest, Tschung-he-u und seinem Sohne schuldig zu sein.« »Was soll ich thun?« fragte einfach der Philosoph. »Von heute ab bis zum 25. Juni, dem 28. Tage des 6. Mondes, hörst Du wohl, Wang, dem Tage, an welchem sich mein 31. Jahr vollenden wird, muß ich aufgehört haben, zu leben! Von Dir getroffen, sei's von vorn, sei's von hinten, bei Tag oder bei Nacht, gleichviel wo, gleichviel wie, gleichviel ob stehend, sitzend, liegend, ob wach oder im Schlafe, ob durch Stahl oder durch Gift, muß ich fallen! In jeder der 80 000 Minuten, aus denen mein Leben sich während der 55 Tage zusammensetzen wird, die ich noch zu leben habe, muß ich den Gedanken, die Hoffnung, die Furcht haben, daß mein Dasein jäh zu Ende gehen wird! Diese 80 000 Momente der Aufregung muß ich vor mir haben, so zwar, daß ich, wenn sich endlich die sieben Elemente meines Daseins scheiden, den Ruf ausstoßen kann: »Ich habe schließlich doch gelebt!« Kin-Fo hatte wider seine Gewohnheit mit einer gewissen Belebtheit gesprochen. Man wird auch merken, daß er sechs Tage vor Erlöschen seiner Police als die äußerste Grenze für sein Leben festgesetzt hatte. Das hieß als kluger Mann handeln, denn falls die Prämie nicht wiederbezahlt wurde, so verfiel die Versicherung und die beiden Erben derselben würden um den ihnen zugedachten Nutzen gekommen sein. Der Philosoph hatte ernst zugehört. Heimlich warf er auf das Bild des Kaisers Tai-ping, das sein Zimmer schmückte und das er, wie er noch nicht ahnte, erben sollte, einen raschen Blick. »Du wirst vor dieser Verpflichtung, mich zu töten, nicht zurückschrecken?« fragte Kin-Fo. Wang gab durch eine Gebärde zu verstehen, daß ihm das gar nicht einfiele! Er hatte ja auch, als er unter den Bannern der Tai-pings revoltierte, ganz andere Dinge vollbracht! Aber als Mann, der doch alle Einwände erschöpfen will, bevor er sich verpflichtet, setzte er hinzu: »Demnach verzichtest Du auf die Möglichkeit, die Dir der wahre Meister aufbewahrt hatte, das äußerste Alter zu erreichen?« »Ich verzichte darauf.« »Ohne Bedauern?« »Ohne Bedauern!« antwortete Kin-Fo. »Als Greis leben! Einem Stück Holz ähnlich, aus dem sich nichts mehr schnitzen läßt! Als ich reich war, sehnte ich mich nicht darnach. Arm mag ich's noch weniger!« »Und die junge Wittib in Peking?« fragte Wang. »Vergißt Du das Sprichwort: Die Blume mit der Blume! Die Weide mit der Weide! Der Zusammenklang zweier Herzen schafft hundert Jahre Frühling!« »Denen dreihundert Jahre Sommer, Herbst und Winter gegenüberstehen!« antwortete achselzuckend Kin-Fo. »Nein! Le-u als arme Frau würde unglücklich und elend sein mit mir! Dagegen sichert ihr mein Tod ein Vermögen.« »Das hast Du gethan?« »Ja, und Dir selbst, Wang, fallen nach meinem Tode 50 000 Dollars zu.« »Ah!« machte bloß der Philosoph – »Du bist auf alles vorbereitet!« »Auf alles, selbst auf einen Einwand, den Du noch nicht erhoben hast.« »Auf welchen?« »Aber ... die Gefahr, die Du nach meinem Tode laufen könntest ... als Mörder prozessiert zu werden!« »O!« rief Wang, »nur die Tölpel oder die Feiglinge lassen sich hängen! Wo läge Übrigens das Verdienst, Dir diesen letzten Dienst zu leisten, wenn ich gar keine Gefahr liefe!« »Nicht doch, Wang! Du sollst, so will ich, in dieser Hinsicht völlige Sicherheit genießen. Niemand soll Dich auch nur mit einem Gedanken beunruhigen!« Mit diesen Worten trat Kin-Fo an einen Tisch heran, nahm ein Blatt Papier und schrieb mit fester Hand und deutlich lesbar die beiden Zeilen: »Ich habe mir freiwillig den Tod gegeben aus Ueberdruß und Ekel am Leben. Kin-Fo.« Das Blatt Papier gab er Wang. Der Philosoph las es erst ganz leise, dann noch einmal ganz laut. Hierauf faltete er es fürsorglich zusammen und schob es in einen Notizblock, den er immer bei sich führte. Ein zweiter Blitz hatte in seinem Blicke geleuchtet. »Ist das alles Ernst bei Dir?« fragte er, seinen Zögling scharf fixierend. »Voller Ernst.« »Dann soll's auch voller Ernst bei mir sein!« »Ich habe Dein Wort?« »Mein Wort!« »Am 25. Juni also werde ich spätestens aufgehört haben zu leben?« »Ich weiß nicht, ob Du gelebt haben wirst in dem Sinne, wie Du es meinst,« antwortete der Philosoph – totsicher aber wirst Du tot sein!« »Dank, Wang, und lebe wohl!« »Lebe wohl, Kin-Fo!« Und nun verließ Kin-Fo mit Seelenruhe das Zimmer des Philosophen. Neuntes Kapitel: dessen Abschluß, so seltsam er auch ist, den Leser vielleicht doch nicht überraschen wird. »Na, Craig-Fry?« sagte am andern Morgen Seine Ehren Herr William I. Bidulph zu den beiden Spitzeln, die er mit der besonderen Ueberwachung des neuen Klienten der »Centennar« betraut hatte. »Na,« antwortete Craig, »wir sind ihm gestern auf einem langen Spaziergange gefolgt, den er aufs Schang-haier Feld hinaus gemacht hat.« »Er hat aber ganz und gar nicht darnach ausgesehen, als ob er an Selbstmord dächte,« setzte Fry hinzu. »Bei Einbruch der Nacht haben wir ihn bis an seine Thür begleitet ...« »Die wir leider nicht überschreiten konnten ...« »Und heute Morgen ...?« fragte William I. Bidulph. »Haben wir gehört,« antwortete Craig, »daß er sich wohl befände ...« »Wie der Hase im Klee,« setzte Fry hinzu. Die Spitzel Craig und Fry, zwei Vollblut-Amerikaner, zwei Vettern im Dienste der »Centennar«, bildeten unbedingt nur ein Wesen in zwei Personen. Noch vollständiger ineinander aufzugehen, bis zu dem Punkte, daß dieser einfür allemal die Sätze zu Ende sprach, die jener anfing, und umgekehrt, wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen. Ein und dasselbe Hirn, ein und dieselben Gedanken, ein und dasselbe Herz, ein und derselbe Magen, ein und dieselbe Art und Weise des Handelns in allen Dingen. Vier Hände, vier Arme, vier Beine zweier verschmolzener Leiber. Mit einem Worte: siamesische Zwillinge, deren Nabelstrang ein kühner Chirurg abgeschnitten hatte. »Ins Haus,« fragte William I. Bidulph, »haben Sie also noch nicht Zutritt erlangen können?« »Nein – noch ...« hub Craig an. »Nicht!« ergänzte Fry. »Seine Schwierigkeit wird das ja haben,« antwortete der Generalagent – »und doch wird es sein müssen! Für die »Centennar« handelt es sich nicht bloß darum, eine ungeheure Prämie zu gewinnen, sondern auch darum, 200 000 Dollars nicht zu verlieren! Zwei Monate strenger Kontrolle also und vielleicht länger noch, wenn unser neuer Klient seine Police erneuern sollte!« »Er hat einen Bedienten ...« hub Craig an. »Den man vielleicht haben könnte ...« ergänzte Fry. »Um alles zu erfahren, was im Hause ...« hub Craig an. »Des Klienten in Schang-Hai vorgeht.« ergänzte Fry. »Hm!« machte William I. Bidulph. »Schmieren Sie mir den Diener! Kaufen Sie ihn mir! Für den Klang von Taels wird er schon empfindlich sein. An Taels soll's Ihnen nicht fehlen. Und müßten Sie selbst die 3000 Höflichkeitsformeln herleiern, die die chinesische Etikette erheischt, so leiern Sie sie herunter! Ihre Bemühungen sollen Ihnen nicht leid thun.« »Die Sache ...« hub Craig an. »... wird gemacht,« ergänzte Fry. Nun kennt der freundliche Leser die eigentlichen Gründe, warum Craig und Fry von nun ab versuchten, sich mit Sun in Beziehung zu setzen. Nun war Sun aber durchaus nicht der Mann darnach, dem verlockenden Köder von Taels wie dem verbindlichen Angebot einiger Gläschen voll seinem amerikanischen Likör zu widerstehen! Craig-Fry erfuhren mithin durch Sun alles, was ihnen zu wissen von Interesse war, und das beschränkte sich auf folgende Punkte: Hatte Kin-Fo in irgendwelcher Hinsicht in seine Lebensweise eine Aenderung treten lassen? – Nein! sofern man sie nicht in dem Umstände suchen wollte, daß er seinen treuen Diener nicht mehr so grob wie früher behandelte, daß also die Schere zum großen Segen für den Zopf des Dieners in Ruhestand getreten sei und daß das spanische Rohr den Buckel des Dieners nicht mehr so häufig wie sonst traktierte. Hatte Kin-Fo irgend welche Mordwaffen zur Verfügung? – Durchaus nicht: denn er gehörte nicht zur achtungswerten Kategorie von Liebhabern dieser verachtungswerten Werkzeuge. Welche Speisen nahm er bei den Mahlzeiten zu sich? – Ein paar einfach zubereitete Gerichte, die mit der phantastischen Küche der Söhne des Himmels so gut wie nichts zu thun hatten. Legte er sich zeitig zu Bett? – In der zweiten Wache, wie es, soweit Sun wußte, immer seine Gewohnheit gewesen war. Schien er traurig, verdrießlich, voreingenommen, lebenssatt zu sein? – Ein Mann von heiterm, aufgeräumtem Wesen war's nun einmal nicht. O, ganz im Gegenteil! Seit ein paar Tagen schien er aber mehr Geschmack an den irdischen Dingen zu finden. Jawohl! Sun kam es vor, als sei er weniger indifferent – eher wie ein Mensch, der auf etwas wartete ... worauf? war er freilich nicht imstande zu sagen. Zuletzt: besaß sein Herr etwa Gift oder irgendwelche giftige Substanz, zu der er rasch hätte greifen können? – Nein, das könnte nicht mehr der Fall sein, denn erst heute Morgen seien auf sein Geheiß ein Dutzend kleine Pillen, die von gesundheitsschädlicher Wirkung sein sollten, in den Huang-Pu geworfen worden. In all diesen Auskünften lag also wahrheitsgemäß nicht das geringste, was den Generalagenten der »Centennar« hätte beunruhigen können. Nein! niemals hatte, allem Anschein nach, der reiche Kin-Fo, dessen Situation übrigens, Wang ausgenommen, niemand bekannt war, so glücklich gelebt wie gerade jetzt. Sei dem wie ihm wolle, Craig und Fry mußten sich nach wie vor über alles, was ihr Klient unternahm, unterrichtet halten, mußten ihm auf seinen Spaziergängen folgen, denn es war ja leicht möglich, daß er bei sich zu Hause nicht Hand an sich legen mochte! So blieben denn die beiden Unzertrennlichen beim Werke. So fuhr denn Sun fort zu schwatzen, und um so fleißiger, als er bei der Unterhaltung mit so liebenswürdigen Kameraden ja doch nur profitieren konnte! Zu weit gegangen würde es heißen, wenn man sagen wollte, der Held dieser Erzählung hinge mehr an dem Leben, seit er den Entschluß gefaßt, sich desselben zu berauben. Aber wie er gerechnet hatte, so kam es, denn an Aufregungen fehlte es ihm, zum wenigsten in den ersten Tagen, nicht. Er hatte sich ein Damoklesschwert direkt über den Schädel gehängt, und dieses Schwert mußte ihm eines Tags auf das Haupt fallen. Würde das nun heut oder morgen, heute in der Frühe oder des Abends geschehen? Hierüber also Zweifel, und zufolgedessen Herzklopfen, eine ihm neue Sache! Uebrigens sahen sich Wang und er seit dem Gespräch, das zwischen ihnen stattgefunden hatte, nur selten noch. Entweder ging der Philosoph häufiger als sonst aus oder er sperrte sich in seinem Zimmer ein. Kin-Fo suchte ihn dort nie auf – denn das schickte sich nicht in seiner Rolle – und er wußte sogar nicht einmal, womit Wang seine Zeit hinbrachte. Vielleicht um irgend eine Falle, irgend welchen Hinterhalt zu legen! Als alter Tai-ping mußte er doch in seinem Beutel allerhand Mittelchen haben, einen Menschen beiseite zu bringen. Hieraus also Neugierde und zufolgedessen ein neues Element von Interesse! Meister und Zögling trafen einander jedoch fast alle Tage an derselben Tafel. Es versteht sich von selbst, daß auf ihr zukünftiges Verhältnis von Mörder und Opfer keinerlei Anspielung gemacht wurde. Sie schwatzten über das oder jenes – im übrigen herzlich wenig! Wang, ernster als gewöhnlich, wendete die Augen ab, die von seinen Brillengläsern nur unvollkommen bedeckt wurden; es gelang ihm nicht recht, die Unruhe zu verbergen, die ihn fortwährend verfolgte. Sonst immer so guter Laune und mitteilsam, war er traurig und schweigsam geworden. Vormals ein strammer Esser, wie alle Philosophen mit gutem Magen ausgestattet, rührten ihn jetzt die delikatesten Speisen nicht mehr, und selbst der Wein von Schao-Schi-nie vermochte ihm die Grillen nicht zu verjagen. Jedenfalls muß zugegeben werden, daß Kin-Fo es ihm bequem genug machte. Kostete er doch zuerst von allen Gerichten, hielt er sich doch für verpflichtet, nichts vom Tische nehmen zu lassen, wovon er nicht wenigstens gekostet hatte. Hieraus folgte, daß Kin-Fo mehr aß als sonst, daß sein blasierter Gaumen einigen Geschmack wieder bekam, daß er mit sehr starkem Appetit speiste und merkwürdig gut verdaute. Ganz entschieden war Gift die Waffe nicht, die sich der alte Kehlabschneider des Rebellenkönigs erkoren hatte, indessen meinte sein Opfer nichts verabsäumen zu dürfen. Uebrigens war Wang auch in anderer Hinsicht jede Gelegenheit zur Vollendung seines Werks geboten. Die Thür zu Kin-Fo's Schlafzimmer blieb immer offen. Der Philosoph konnte dort eintreten bei Tag und Nacht, konnte sein Opfer im Schlafe oder im wachen Zustande treffen. Kin-Fo rechnete nur auf eins: eine rasche, sichere Hand und ein Stoß mitten ins Herz! Aber Kin-Fo war bald wieder um all seine Aufregung und nach den ersten Nächten war er schon so sehr daran gewöhnt, auf den verhängnisvollen Stoß zu warten, daß er bald wieder den Schlaf des Gerechten schlief und allmorgendlich frisch und munter erwachte. So konnte das nicht fortgehen! Da kam ihm der Einfall, daß es Wang vielleicht widerstreben möchte, den Todesstoß gegen ihn in jenem Hause zu führen, wo er so gastfreundliche Aufnahme gefunden. Darum entschloß er sich, es ihm noch bequemer zu machen, lief auf freiem Felde herum, suchte einsame und abgelegene Orte auf, trieb sich bis zur vierten Nachtwache in den verrufensten Stadtvierteln von Schang-hai herum, in wahren Mördergruben, wo Tag für Tag mit unfehlbarer Sicherheit zum wenigsten ein Mensch um die Ecke gebracht wird. In den schmalen, finstern Gassen irrte er dort herum, von Trunkenbolden aller Nationalitäten angerempelt, irrte er herum, allein in jenen späten Stunden der Nacht, wenn der Waffelnhändler seinen Ruf: »Manto-u! Manto-u!« laut in die Nacht hinaus schrie und seine Handglocke schwang, um durch ihren schrillen Klang die Spätlinge von Rauchern zu mahnen. Erst wenn die Strahlen der Frühsonne sichtbar wurden, kehrte er heim, immer heil und gesund, frisch und munter, urfrisch und munter, ohne auch nur ein einziges Mal die zwei Unzertrennlichen, Craig und Fry, bemerkt zu haben, die ihn hartnäckig verfolgten, auf die Sekunde bereit, ihm beizuspringen. Gingen die Dinge so weiter, dann gewöhnte sich schließlich Kin-Fo auch an dieses neue Dasein und dann konnte es nicht ausbleiben, daß ihn bald wieder Langeweile und Ueberdruß befiel. Wieviel Stunden verflossen schon, ohne daß es ihm in den Sinn kam, daß er dem Tode verfallen sei! Eines Tages aber, am 12. Mai, verschaffte ihm der Zufall einige Aufregung! Als er leise in das Zimmer des Philosophen trat, sah er, daß derselbe die geschärfte Spitze eines Dolches mit der Fingerspitze probierte und dann in eine blaue Flasche von verdächtigem Aussehen tauchte. Wang hatte von dem Eintritt seines Schülers nichts gehört. Er nahm jetzt den Dolch und schwang ihn wiederholt durch die Luft, wie um sich zu vergewissern, daß er ihn fest und sicher in der Hand fühlte. Tatsächlich sah sein Gesicht auch nichts weniger als beruhigend aus. In diesem Augenblick sah er fast ganz so aus, als ob ihm das Blut in die Augen gedrungen wäre! »Heute wird's vor sich gehen!« sprach Kin-Fo bei sich und zog sich behutsam zurück, ohne gesehen oder gehört worden zu sein. Den ganzen Tag über verließ er sein Zimmer nicht ... Aber der Philosoph kam nicht zum Vorschein ... Kin-Fo ging zu Bett: aber am andern Tage stand er wieder auf, so frisch und munter, wie es ein Mensch von guter Konstitution nur eben sein kann. Soviel Aufregungen pour le roi de Prusse ! Das wurde ja sekant! Und zehn Tage verflossen nun schon so! Freilich blieben Wang noch ganze acht Wochen zur Ausführung Zeit. »Soviel steht fest, ein Trödelpeter ist's!« sagte Kin-Fo bei sich – »zweimal soviel Zeit habe ich ihm eingeräumt!« Der alte Tai-ping, meinte er bei sich, hätte sich doch wohl zu sehr verweichlicht in dem Wohlleben von Schang-hai! Von diesem Tage an schien aber Wang unruhiger, sorgenvoller zu werden. Er lief im Yamen hin und her, wie jemand, der keine Ruhe finden kann. Kin-Fo bemerkte sogar, daß der Philosoph zu wiederholten Malen dem Ahnensaale Besuche abstattete, wo der kostbare Sarg aus Liao-tsche-u stand. Er erfuhr auch von Sun, und nicht ohne daß es sein Interesse wach rief, daß Wang befohlen habe, das in Frage stehende Stück Möbel zu fegen, zu reiben, abzustäuben, mit einem Worte, es imstande zu halten. »Wie gut mein Herr darin gebettet sein wird!« setzte der treue Diener sogar hinzu. Eine Aeußerung, die Sun ein schwaches Freundschaftszeichen eintrug. Der 13., 14., 15. Mai verstrichen. Nichts Neues! Hatte sich denn Wang vorgenommen, die vereinbarte Frist ganz ablaufen zu lassen und seine Schuld nach Kaufmannsweise erst am Fälligkeitstage, und nicht eine Stunde früher, zu bezahlen? Da wäre es ja aber aus mit aller Ueberraschung, und mithin auch von Aufregung nicht im geringsten mehr die Rede! Indessen kam ein höchst markanter Umstand am Morgen des 15. Mai, im Augenblick des »Mao-tsche«, also zur sechsten Frühstunde, zu Kin-Fo's Kenntnis. Es war eine böse Nacht gewesen. Kin-Fo stand beim Erwachen noch unter dem Eindruck eines beklagenswerten Traumes. Prinz Yen, der Oberrichter der chinesischen Hölle, hatte ihn verurteilt, nicht eher vor ihm zu erscheinen, als bis der 1200. Mond am Horizont des Himmlischen Reiches aufstiege. Ein ganzes Jahrhundert noch leben! Ein ganzes Jahrhundert! Kin-Fo war also bei höchst schlechter Laune, denn es schien sich alles gegen ihn zu verschwören. Die Weise, wie er Sun traktierte, als der Aermste, wie gewöhnlich des Morgens, in die Stube trat, um ihm beim Ankleiden zu helfen, war nichts weniger als lieb und nett. »Geh zum Teufel!« schrie er ihn an. »Zehntausend Fußtritte sollst Du als Lohn ausbezahlt kriegen, Du Vieh, Du!« »Aber, mein Herr und Gebieter ...« »Geh zum Teufel, sage ich Dir!« »Nun denn, nein!« versetzte da Sun, »wenigstens nicht früher als bis ich gemeldet habe ...« »Was?« »Daß Herr Wang ...« »Wang! Was hat der gemacht, Herr Wang?« versetzte lebhaft Kin-Fo und packte Sun an seinem Zopfe – »was hat er gemacht?« »Mein Herr und Gebieter!« versetzte Sun, indem er sich krümmte wie ein Wurm – »Befehl hat er uns gegeben, den Sarg des Herrn in den Pavillon des Langen Lebens zu schaffen und ...« »Das hat er gemacht!« rief Kin-Fo, dessen Stirn strahlte – »Geh, Sun! Geh, lieber, guter Sun! Da! Hier hast Du zehn Taëls! Für Dich! Und sei vor allem recht pünktlich in allem, was Wang anordnet!« Ganz verdutzt und verblüfft lief da Sun, so flink er konnte, aus dem Zimmer und murmelte einmal über das andere: »Keine Frage! gar keine Frage! Mein Herr ist verrückt geworden! Mein Herr hat den Rappel! Aber, das muß man sagen, wenigstens den vornehmen Rappel! Den Trinkgelder-Rappel!« Diesmal konnte nun Kin-Fo nicht mehr zweifeln! Der Tai-ping wollte ihn im Pavillon des Langen Lebens morden – dort, wo er sich selbst vorgenommen hatte, zu sterben. Ganz so, als ob er ihn dorthin zum Stelldichein geladen hätte! Nun, er würde sich schön hüten, dabei zu fehlen. Die Katastrophe stand also vor der Thür! Wie lang Kin-Fo der Tag vorkam! Das Wasser in den Uhren schien nicht mit seiner normalen Schnelligkeit zu laufen! Die Zeiger schlichen, ach! so langsam über ihr gagatnes Zifferblatt! Endlich verschwand mit der ersten Wache die Sonne hinter dem Horizont, und die Nacht senkte sich allmählich um den Yamen. Kin-Fo begab sich nach dem Pavillon, aus dem er lebend nicht mehr hinaus zu gelangen hoffte. Er streckte sich auf einen weichen Divan, der für lange Ruhe wie geschaffen schien, und wartete! Die Erinnerung an sein unnützes Dasein glitt wieder an seinem Geiste vorbei – all sein Ueberdruß, all sein Ekel, alles, was Reichtum nicht hatte besiegen – alles, was Armut nicht hätte vermehren können! Ein einziger Blitz erhellte dieses Leben, das in seiner Reichtumsperiode ohne Reiz gewesen war – die Liebe, die Kin-Fo für die junge Wittib empfunden hatte. Diese Empfindung wendete ihm das Herz um, in dem Moment, wo es seine letzten Schläge thun sollte. Aber die arme Le-u mit sich elend und unglücklich machen? Nun und nimmer! Die vierte Wache – die, die der Morgenröte vorausgeht und während deren es scheint, als ob das gesamte Leben gleichsam aufgehoben sei, diese vierte Wache verstrich für Kin-Fo in den lebhaftesten Erregungen. Er lauschte voller Angst – gespannt. Seine Blicke durchwühlten den Schatten. Er suchte die leisesten Geräusche zu erhaschen. Mehr als einmal glaubte er zu hören, wie die Thür von vorsichtiger Hand aufgestoßen, knarrte. Ohne Zweifel hoffte Wang ihn im Schlafe zu finden – und wollte ihn morden im Schlafe! Und nun vollzog sich eine Art Rückschlag in seinem Innern! Er fürchtete diese entsetzliche Erscheinung des Tai-ping und sehnte sie doch gleichzeitig herbei. Die Morgendämmerung warf ihren bleichen Schimmer mit der fünften Wache über die Höhen des Zeniths – und langsam wurde es Tag. Plötzlich ging die Thür zum Saale auf. Kin-Fo richtete sich in die Höhe – in dieser letzten Sekunde hatte er mehr Leben verspürt, als während seines ganzen Lebens! ... Sun stand vor ihm – mit einem Briefe in der Hand. »Sehr eilig!« waren die wenigen Worte, die er sprach. Kin-Fo überkam es wie eine Ahnung. Er ergriff den Brief, der den Poststempel San Francisco trug. Er riß den Umschlag weg – er überflog ihn rasch – dann stürzte er aus dem Pavillon des Langen Lebens. »Wang! Wang!« schrie er. Im Nu stand er im Zimmer des Philosophen und riß die Thür auf ... Wang war nicht mehr da. Wang hatte nicht im Hause geschlafen – und als nun Kin-Fo's Dienerschaft auf sein Geschrei hin den ganzen Yamen durchstöbert hatte, da war es offenbar, daß Wang verschwunden war, ohne eine Spur zu hinterlassen. Zehntes Kapitel: worin Craig und Fry dem neuen Klienten der »Centennar« offiziell vorgestellt werden. »Jawohl, Herr Bidulph! Börsenmanöver! Nichts weiter als Börsenmanöver! Eins im echten Yankee-Stile!« sagte Kin-Fo zu dem Generalagenten der Versicherungsgesellschaft. Seine Ehren Herr William I. Bidulph lächelte mit Kennermiene. »Fein gemacht, muß man sagen – denn alle Welt ist darauf hineingefallen!« meinte er. »Sogar mein eigener Korrespondent!« erwiderte Kin-Fo. »Eine Zahlungs-Einstellung bloß zum Scheine, mein Herr! eine Theater-Pleite! eine Tataren-Meldung! Acht Tage nachher ist bei offenen Schaltern schlank bezahlt worden. Das Geschäft ist gemacht. Die Aktien, die um 80 Prozent gesunken waren, hatte die Central-Bank zum niedrigsten Kurse zurückgekauft, und auf die Frage, was die Pleite abwerfen werde, hat der Direktor mit der liebenswürdigsten Miene geantwortet: 175 Prozent. So schreibt mir heute früh mein Korrespondent hier in diesem Briefe, in demselben Augenblicke, wo ich als total ruinierter Mensch ...« »Mich am eigenen Leben vergreifen wollte?« rief William I. Bidulph. »Nein,« versetzte Kin-Fo – »wahrscheinlich ermordet werden sollte!« »Ermordet!« »Mit meiner schriftlichen Ermächtigung – Mord auf Grund einer zwischen zwei Teilen getroffenen Vereinbarung ... durch Schwur erhärteten Vereinbarung ... die Ihnen bar gekostet hätte ...« »200 000 Dollars,« antwortete William I. Bidulph, »da die Versicherung auf alle Todesfälle lautete. Hm! wir würden Sie sehr aufrichtig bedauert haben, lieber Herr ...« »In Höhe der Versicherungssumme?« »Und der entfallenden Zinsen!« William I. Bidulph ergriff seines Klienten Hand und schüttelte sie herzlich, nach amerikanischer Sitte. »Aber ich verstehe nicht ...« setzte er hinzu. »Sie werden schon verstehen ...« antwortete Kin-Fo und setzte nun die Beschaffenheit der Verpflichtung auseinander, die ein Mann, der sein volles Vertrauen genösse, ihm gegenüber eingegangen sei. Er wiederholte sogar die Ausdrücke im Briefe, den dieser Mann bei sich in der Tasche trüge, und der ihn vor jeder Verfolgung schütze und ihm völlige Straflosigkeit verbürge. Was aber die Sache außerordentlich erschwere, sei die zweifellose Gewißheit, daß das Versprechen erfüllt und das gegebene Wort eingelöst werden würde. »Der Mann ist ein Freund von Ihnen?« fragte der Generalagent. »Jawohl, ein Freund,« antwortete Kin-Fo. »Und aus Freundschaft also ...?« »Aus Freundschaft und, wer weiß, vielleicht auch aus Berechnung! Ich habe ihn mit 50 000 Dollars bei Abschluß meiner Versicherung bedacht.« »Mit 50 000 Dollars!« rief William I. Bidulph – »also ist's der Herr Wang?« »In Person.« »Ein Philosoph! Der wird sich doch nie dazu verstehen ...« Kin-Fo hätte beinahe geantwortet: »Dieser Philosoph ist ein ehemaliger Tai-ping. Sein halbes Leben lang hat er mehr Morde begangen, als nötig wären, um die »Centennar« zu ruinieren, wenn all die ihre Klienten gewesen wären, die seinem Dolch zum Opfer gefallen sind! Seit 18 Jahren hat er seinen wilden Instinkten wohl einen Zügel angelegt; aber heute, nachdem ihm die Gelegenheit geboten wird, nachdem er mich ruiniert, nachdem er mich entschlossen weiß, zu sterben, nachdem er anderseits die Gewißheit hat, daß ihm nach meinem Tode ein kleines Vermögen zufallen muß – heute wird er sich nicht besinnen ...« Aber – von all dem sagte Kin-Fo kein Sterbenswort. Das hätte geheißen, Wang zu verderben, denn William I. Bidulph würde sich keine Sekunde besonnen haben, Wang beim Gouverneur der Provinz als einen alten Tai-ping anzuzeigen. Ohne Zweifel würde solcher Schritt für Kin-Fo Rettung, für den Philosophen aber Tod und Verderben bedeutet haben. »Nun, dann giebt's bloß eins, was sich machen läßt,« äußerte der Generalagent der Versicherungsgesellschaft – »und dies eine ist doch wohl einfach genug?« »Nämlich –?« »Herr Wang muß benachrichtigt werden, daß alles erledigt ist – der böse Brief muß ihm abgenommen werden, der ihn ...« »Leichter gesagt, als gethan,« versetzte Kin-Fo – »aber Wang ist seit gestern verschwunden, und niemand weiß, wohin er sich begeben!« »Hm!« machte der Generalagent – und die Art, wie er den Laut hervorbrachte, bekundete deutlich den Zustand von Verlegenheit, in den er geraten war. Er fixierte seinen Klienten scharf. »Und nun, Verehrtester, haben Sie keine Lust mehr zum Sterben?« fragte er. »Meiner Treu, nein!« antwortete Kin-Fo. »Das Manöver der Californischen Central-Bank hat mein Vermögen nahezu verdoppelt, und ich denke nun sehr stark daran, mich zu verheiraten! Aber ich mag es nicht früher thun, als bis ich Wang wiedergefunden habe, oder bis die vereinbarte Frist voll und richtig abgelaufen ist!« »Und wann ist sie abgelaufen?« »Am 25. Juni des laufenden Jahres. Innerhalb dieser Zeitspanne läuft die »Centennar« erhebliche Gefahr. Mithin liegt es in Ihrem Interesse, Maßnahmen zu treffen!« »Zur Auffindung des Philosophen,« antwortete Seine Ehren Herr William I. Bidulph. Der Generalagent ging ein paar Augenblicke auf und ab, mit den Händen auf dem Rücken. Dann sagte er: »Nun gut! Wir werden ihn aufstöbern, diesen Freund oder besser, dieses Mädel für alles, und sollten wir ihn der Erde aus den Eingeweiden schneiden! Bis dahin aber, mein Herr! werden wir Sie gegen jeden Mordversuch sicher stellen, wie wir Sie ja schon gegen jeden Selbstmordversuch sicher zu stellen beflissen waren!« »Was sollen die Worte bedeuten?« fragte Kin-Fo. »Daß Ihnen vom letztverflossenen 30. April an, von dem Tage an, seit Sie Ihre Lebensversicherung abgeschlossen, zwei Agenten in meinem Auftrage auf Schritt und Tritt gefolgt sind, Ihr Verhalten beobachtet, Ihr Thun und Lassen kontrolliert haben!« »Ich habe absolut nichts bemerkt ...« »O! es sind vorsichtige und verschwiegene Herren, die ich Ihnen an die Fersen geheftet habe, mein Herr! Sie haben wohl nichts dawider, wenn ich sie Ihnen vorstelle, nachdem ja keine Notwendigkeit mehr vorliegt, daß ihre Handlungen vor Ihren Augen verborgen bleiben, ausgenommen höchstens, was den Herrn Wang betrifft.« »Bin gern einverstanden,« erwiderte Kin-Fo. »Craig-Fry müssen zur Stelle sein, da Sie zur Stelle sind!« und William I. Bidulph schrie: »Craig-Fry?« Craig-Fry waren thatsächlich zur Stelle, und zwar standen sie hinter der Thür des Privatzimmers! sie hatten dem Klienten der »Centennar« bis zu seinem Eintritt in die Kanzlei das »Geleit gegeben« und warteten nun draußen auf seinen Weggang. »Craig-Fry!« redete der Generalagent sie an – »Sie haben von dieser Minute ab unsern kostbaren Klienten während der ganzen Dauer seiner Versicherung nicht mehr gegen ihn selbst, sondern gegen einen Busenfreund, gegen den Philosophen Wang zu wehren und zu schützen, der sich anheischig gemacht hat, ihn zu ermorden!« Die beiden Unzertrennlichen wurden nunmehr auf das laufende gesetzt. Sie begriffen die Lage – sie fanden sich ab mit der Lage! der reiche Kin-Fo war ihnen überwiesen, verabfolgt, in die Hände geliefert – nun! ein paar treuere Dienerseelen zu finden würde ihm schwer, wenn überhaupt möglich sein! Und nun! welchen Entschluß galt es zu fassen? Die Sachlage bot, wie der Generalagent auszuführen anhub, zweierlei Möglichkeiten: entweder sich in dem Schang-hai'er Hause höchst sorgfältig zu verstecken, so daß Wang nicht hinein gelangen könnte, ohne daß Craig-Fry auf der Stelle benachrichtigt würden, mit allen Mitteln und auf allen Wegen dahinter zu kommen, wo sich besagter Wang versteckt hielte, und ihm den Brief wieder abzunehmen, der für null und nichtig in allen Punkten und Hinsichten erklärt werden müsse. »Die erste Möglichkeit hat absolut keinen Wert,« erwiderte Kin-Fo – »denn Wang würde jederzeit bis zu mir gelangen können, ohne daß er gesehen würde, da ja mein Haus auch sein Haus ist. Man muß ihn also wiederfinden um jeden Preis!« »Sie haben recht, mein Herr,« antwortete hierauf William I. Bidulph – »das allersicherste ist, wir finden besagten Wang wieder – und – wir werden ihn wiederfinden!« »Tot oder ...Hub Craig an – »Lebendig!« ergänzte Fry. »Nein! Lebendig!« rief Kin-Fo – »ich will auf keinen Fall, daß Wang durch meine Schuld in Gefahr komme, sei es auch nur einen Augenblick!« »Craig und Fry,« setzte William I. Bidulph hinzu – »Sie bürgen noch 77 Tage für unseren Klienten! bis zum 30. Juni laufenden Jahres gilt der Herr 200 000 Dollars für uns!« Nunmehr verabschiedeten sich der Klient und der Generalagent der »Centennar« voneinander. Zehn Minuten später war Kin-Fo unter dem Geleit seiner beiden Leibwächter, die ihm nicht mehr von der Seite weichen durften, in sein Yamen zurückgekehrt. Als Sun sah, daß Craig und Fry im Hause offiziell Wohnung nahmen, hielt begreiflicherweise ein gewisser Grad von Bitterkeit in seinem Herzen Einzug, denn nun war's vorbei mit Fragen und Antworten – vorbei mit Trinkgeldern und Spenden und Leckerschlückchen! Außerdem ließ es sich sein Herr mit seiner frisch erwachten Lebenslust noch angelegen sein, den ungeschickten und faulen Schlingel von Lakai wieder tüchtig in die Schere zu nehmen. Armer Sun! und was Hätte er erst gesagt, wenn er gewußt hätte, was ihm die Zukunft vorbehielt! Kin-Fo's erste Sorge war, nach Peking, Avenue Scha-Kua, die Schicksalswandlung zu »phonographieren«, die ihn reicher machte, als vordem. Die junge Frau vernahm die Stimme desjenigen, den sie auf ewig für verloren gewähnt hatte, und der ihr die herzlichsten Zärtlichkeiten herbetete! Ach! Er würde sein jüngeres Schwesterchen nun wiedersehen! Der siebente Mond würde nicht verstreichen, ohne daß er zu ihr geeilt sei, um sie, ach! nimmer wieder zu verlassen! Nachdem er aber nichts davon hätte wissen wollen, sie unglücklich und elend zu machen, wollte er jetzt auch nicht Gefahr laufen, sie von neuem zur Witwe zu machen! Le-u begriff nun freilich nicht recht, was mit diesem letzten Satze gemeint sei; sie verstand nur eins, daß nämlich ihr Bräutigam wieder zu ihr käme, und daß er, ehe acht Wochen verstrichen seien, wieder bei ihr sein würde. Und an diesem Tage gab's keine glücklichere Frau im ganzen Himmlischen Reiche, als die junge Wittib in Peking, Avenue Scha-Kua! Thatsächlich hatte sich in Kin-Fo's Ideengang eine totale Umwandlung vollzogen, nachdem er, dank der großartigen Fruktifizierung der kalifornischen Centralbank, zum vierfachen Millionär geworden war. Er hielt nun was auf das Leben, und zwar auf gutes Leben. Zwanzigtägige Aufregungen hatten ihn ganz umgewandelt. Weder der Mandarin Pao-Shen, noch der Kaufherr Yin-Pang, noch Tim, der Lebemann, noch Hu-al, der Gelehrte, würden ihn wiedererkannt haben! ihn, den indifferenten Amphitryo, der mit ihnen auf einem der Blumenkähne des Perlenflusses seine Henkersmahlzeit als Junggeselle gefeiert hatte. Wang würde seinen eigenen Augen nicht getraut haben, wenn er dagewesen wäre! Aber er war und blieb verschwunden, ohne daß eine Spur von ihm sichtbar wurde. Keinen Fuß setzte er mehr in das Schang-hai'er Haus. Für Kin-Fo begreiflicherweise eine Quelle zu großer Sorge, und für seine beiden Leibwächter zu Mühen und Aengsten aller Augenblicke! Acht Tage später, am 24. Mai, noch keinerlei Nachricht von seiten des Philosophen – mithin auch keinerlei Möglichkeit, sich auf die Suche nach ihm zu begeben! Umsonst hatten Kin-Fo, Craig und Fry die Gebiete der ausländischen Niederlassungen, die Bazare, die verdächtigen Stadtviertel, die ganze Umgegend von Schang-hai abgesucht – umsonst hatten sich die geschicktesten Tipaos der Polizei auf die Beine gemacht. Der Philosoph war nicht zu finden! Mittlerweile vervielfachten aber Craig und Fry, die von immer lebhafterer Unruhe ergriffen wurden, ihre Vorsichtsmaßregeln. Weder bei Tag noch bei Nacht wichen sie ihrem Klienten von der Seite, aßen mit ihm an der gleichen Tafel, schliefen mit ihm in dem gleichen Zimmer. Ja, sie wollten ihn sogar nötigen, ein Panzerhemd zu tragen, damit er vor jedem Dolchstoß gefeit sei, und nichts anderes, als Eier in der Schale, zu essen, die sich ja nicht vergiften ließen! Kin-Fo brachte sie, wie man gestehen muß, ganz gehörig auf den Trab! Warum ihn denn nicht gleich auf acht Wochen in den diebes- und feuersicheren Tresor der »Centennar« einsperren, auf den Vorwand hin, daß er einen Wert von 200 000 Dollars darstelle? Nun machte Seine Ehren William I. Bidulph, praktisch zu allen Zeiten und in allen Dingen! seinem Klienten das Anerbieten, ihm die eingeschossene Prämie zurückzuzahlen und die Versicherungspolice zu vernichten. »Ganz untröstlich!« erwiderte hierauf klar und fest Kin-Fo – »aber das Geschäft ist mal gemacht, und so wie ich, müssen auch Sie die Folgen auf sich nehmen!« »Meinetwegen,« versetzte darauf der Generalagent, sich in eine Lage wohl oder übel fügend, an der sich nichts mehr ändern ließ – »meinetwegen! Sie haben ja auch recht! Besseren Schutz, als wir Ihnen gewähren müssen, können Sie ja gar nicht finden!« »Und zu billigerem Preise auch nicht!« versetzte Kin-Fo. Elftes Kapitel: worin man Kin-Fo zum berühmtesten Menschen des Reiches der Mitte werden sieht. Mittlerweile war und blieb Wang verschwunden. Kin-Fo fing nachgerade an, wütend über die Untätigkeit zu werden, zu der er verurteilt war und die ihn sogar außer stand setzte, hinter dem Philosophen auch nur herzuhetzen! Wie wäre denn daran zu denken gewesen, nachdem Wang verschwunden war, ohne auch nur einen Schimmer von Spur hinter sich zu lassen! Diese verwickelte Situation ermangelte auch nicht, dem Generalagenten der »Centennar« den Kopf gehörig heiß zu machen. Nachdem er sich die erste Zeit mit der Ansicht getragen hatte, die ganze Geschichte könne ja gar nicht ernst zu nehmen sein, Wang würde sich hüten, sein Versprechen einzulösen, mit solchen verrückten Faxen würde man ja nicht mal im exzentrischen Amerika an die Bildfläche treten – gelangte er nun langsam zu der anderen Ansicht, daß in diesem seltsamen Lande, das man das Himmlische Reich nenne, kein Ding unmöglich sei. Ja, er wurde ziemlich bald sogar Kin-Fo's Meinung, daß, wenn es nicht gelänge, des Philosophen habhaft zu werden, der Philosoph sein gegebenes Wort einlösen würde. Eben gerade der Umstand, daß er verschwunden war, ließ auf den Plan bei ihm schließen, erst in dem Augenblick zu handeln, wenn sein Zögling am wenigsten darauf gefaßt sei, über ihn zu kommen wie ein Blitz aus heiterem Himmel, und mit rascher, sicherer Hand ihn mitten ins Herz zu treffen. Nachdem er dann nach also vollbrachter That den bösen Brief auf den Leichnam seines Opfers geheftet, würde er sich mit voller Seelenruhe in der Kanzlei der »Centennar« einfinden, um dort seinen Anteil an dem versicherten Kapital abzuheben. Es galt also, Wang in Kenntnis zu setzen – unter allen Umständen in Kenntnis setzen! – aber jeder direkte Weg hierzu war ausgeschlossen. Seine Ehren William I. Bidulph verfiel nun auf das Mittel, es auf dem indirekten Wege durch die Presse zu versuchen. Binnen wenigen Tagen wurden an alle chinesischen Zeitungen briefliche, an die ausländischen der Alten sowohl als der Neuen Welt telegraphische Berichte gesandt. Der »Tsching-Pao«, das offizielle Pekinger Journal, die in Schang-hai und in Hong-kong erscheinenden chinesischen Blätter, die verbreitetsten Zeitungen in Europa und beiden Amerikas brachten die folgende Notiz bis zum Ueberdruß zum Abdruck: »Herr Wang aus Schang-hai wird hierdurch ersucht, die zwischen Herrn Kin-Fo und ihm am 2. Mai dieses Jahres getroffene Vereinbarung als nicht vorhanden zu betrachten, da besagter Herr Kin-Fo bloß den einen und einzigen Wunsch noch hegt, hundert Jahre alt zu werden.« Dieser wunderlichen Notiz kam bald eine andere hinterher, die zweifellos bedeutend praktischer war: »2000 Dollars oder 1300 Taëls demjenigen, der William I. Bidulph, dem Generalagenten der »Centennar« in Schang-hai, den gegenwärtigen Aufenthaltsort des Herrn Wang aus besagter Stadt bekannt giebt.« Daß der Philosoph während der Frist von 55 Tagen, die ihm zur Einlösung seines Versprechens bewilligt worden war, eine Reise um die Welt unternommen hätte, ließ sich doch wohl nicht denken. Weit eher mußte man annehmen, daß er sich irgendwo in der Umgegend von Schang-hai versteckt halte, in der Absicht, jede günstige Gelegenheit wahrzunehmen. Aber Seine Ehren William I. Bidulph glaubte gar nicht genug Vorsichtsmaßregeln treffen zu können. So verstrichen mehrere Tage. Die Lage erlitt keine Aenderung. Nunmehr geschah es, daß Anzeigen in der bei Amerikanern häufigen Manier mit: WANG!!! WANG!!! WANG!!! auf der einen und KIN-FO!!! KIN-FO!!! KIN-FO!!! auf der anderen Blattspalte, in allen möglichen Zeitungen abgedruckt, schließlich die Aufmerksamkeit des Publikums und allgemeine Heiterkeit wachriefen. Bis in die abgelegensten Provinzen des Himmlischen Reiches hinein pflanzte sich das Riesengelächter über diese Form und diese beiden Namen. »Wo ist Wang?« – »Wer hat Wang gesehen?« – »Wo steckt Wang?« – »Wo wohnt Wang?« – »Was treibt Wang?« – »Wang! Wang! Wang!« schrieen die kleinen und kleinsten Chinesen auf allen Straßen. Diese Fragen waren bald in aller Leute Munde. Und Kin-Fo, dieser würdige Sohn des Himmels, »dessen lebendiger Wunsch es war, hundert Jahre alt zu werden«, der in der Langlebigkeit sich vermaß, mit jenem berühmten Elefanten, dessen zwanzigstes Lustrum sich zur Zeit im Kaiserlichen Marstall zu Peking vollzog, um den Rekord zu kämpfen – Kin-Fo konnte und mußte, ob er wollte oder nicht, allüberall in der Welt »mode« werden! »Na,« hieß es, »nimmt Herr Kin-Fo an Alter zu?« – »Wie geht's dem Herrn Kin-Fo?« – »Verdaut er gut, der Herr Kin-Fo?« – »Wird man ihn wohl sehen, den Herrn Kin-Fo, in dem gelben Gewande der Greise?« Ein Kalauer jagte schließlich den anderen – alle führten Kin-Fo im Munde, die Mandarinen vom Civil und die Mandarinen vom Militär, die Handelsherren auf der Börse, die Kaufleute in ihren Kontoren, das breite, große Volk auf Straßen und Plätzen, die Fischer und Schiffer auf ihren schwimmenden Städten! Der Chinese ist ein sehr lustiger Patron und auch ein sehr kaustisch veranlagter Patron, und daß der vorliegende Fall zu Heiterkeit und Spott einigen Anlaß gab, wird man wohl gelten lassen müssen! Zufolgedessen also Witze und Scherze aller möglichen Art, sogar an Karikaturen, die in das Privatleben Kin-Fo's hinübergriffen, fehlte es nicht! Kin-Fo mußte, zu seinem großen Mißvergnügen, die Unzukömmlichkeiten dieser eigentümlichen Berühmtheit über sich ergehen lassen. Es ging sogar soweit, daß man ihn nach der Melodie des »Man-tschiang-hung« – des Liedes vom »Winde, der in den Weiden pfeift« – zu besingen anfing. Es kam ein Rührstück aufs Tapet, das ihn als handelnde Person auftreten ließ und das sich »Die fünf Nachtwachen des hundert Jahre alten Kin-Fo« betitelte – ein Titel, verlockend genug, um dem Rührstück zu 3 Sapeken pro Stück reißenden Absatz zu schaffen! Ärgerte sich Kin-Fo über all den um seinen Namen geführten Spektakel, so klatschte William J. Bidulph hingegen Beifall. Aber Wang blieb trotz allem und allem vor ihren Augen verborgen! Die Dinge gediehen bald so weit, daß es für Kin-Fo kaum noch auszuhalten war. Ging er aus, so hing sich ihm ein Schwarm von Chinesen jeden Alters, jeden Geschlechts an die Fersen, begleitete ihn auf den Gassen und Straßen, auf den Quais und den Plätzen – selbst durch die Gebiete der ausländischen Niederlassungen – selbst hinaus auf Land und Feld! Kam er heim, konnte er sicher sein, eine Klerisei von Spaßvögeln schlimmster Sorte vor der Thür des Yamens versammelt zu finden. Allmorgendlich sah er sich genötigt, auf dem Zimmerbalkon zu erscheinen zum Beweise, daß ihn seine Leute nicht vorzeitig in den Sarg im Pavillon des Langen Lebens gebettet hätten! Die Zeitungen veröffentlichten ein hämisches Bulletin über den Stand seiner Gesundheit mit allerhand ironischen Bemerkungen, ganz so, als wenn er der herrschenden Dynastie der Tsing angehört hätte. Kurz und gut, er wurde geradezu lächerlich. Daraus ergab sich, daß eines Tages, am 21. Mai, der in übergroßen Aerger geratene Kin-Fo Seine Ehren William J. Bidulph aussuchte und ihm seine Absicht kundthat, vom Flecke weg abzureisen. Er hatte Schang-hai und die Menschen in Schang-hai übersatt! »Wer weiß, ob wir dabei nicht größere Gefahr laufen!« bemerkte ihm mit Fug und Recht der Generalagent. »Schert mich sehr wenig!« antwortete Kin-Fo, – »treffen Sie doch demgemäß Ihre Vorsichtsmaßregeln!« »Aber wohin soll die Reise gehen?« – »Der Nase nach!« – »Und wo wollen Sie Halt machen?« – »Nirgendwo!« – »Und wann wollen Sie wiederkommen?« – »Am Nimmermehrstage!« – »Und wenn ich Nachricht von Wang erhalte?« – »Den Kerl soll der Teufel holen! Schwerenot! Eine solche Eselei, dem Kerl solchen verrückten Brief in die Hände zu geben!« Im Grunde genommen fühlte sich Kin-Fo von dem rasendsten Verlangen erfüllt, den Philosophen wieder aufzufinden! Der Gedanke, daß sein Leben in eines anderen Menschen Hand läge, fing an, ihn aufs äußerste zu erbittern. Es wurde schier zur fixen Idee bei ihm! Noch vier Wochen in solcher Situation zu warten, darein würde er sich nun und nimmer fügen! Das Lamm geriet in Wut! »Nun! so reisen Sie doch!« sagte William J. Bidulph – »Craig und Fry werden Ihnen überallhin folgen! gleichviel, wohin!« »Ganz nach Belieben!« antwortete Kin-Fo; »aber ich sage Ihnen, sie werden zu laufen haben!« »Lassen Sie sie nur laufen, Verehrtester! Sie werden's schon machen und lahme Beine haben sie ja nicht! und die Leute darnach, ihre Beine zu schonen, sind sie auch nicht!« Kin-Fo begab sich nach seinem Yamen zurück und traf, ohne einen Augenblick Zeit zu verlieren, seine Vorkehrungen zur Abreise. Sun sollte ihn begleiten – keine erfreuliche Kunde für Sun, der von Veränderungen kein Freund war. Aber er riskierte keinerlei Bemerkung, die ihm ganz sicher ein reichliches Stück von seinem Zopfe gekostet hätte. Was Craig-Fry betrifft, so waren sie als richtige Amerikaner aller Augenblicke zum Aufbruch bereit, und wenn die Reise bis ans Ende der Welt gegangen wäre! Sie beschränkten sich bloß auf eine einzige Frage: »Wohin ...« hub Craig an. »Soll's gehen?« ergänzte Fry. »Nach Nan-king zuerst – und dann – zum Teufel!« Das gleiche Lächeln trat im gleichen Moment auf die Lippen von Craig-Fry. Beide entzückt! beide begeistert! Zum Teufel reisen! Größeren Spaß könnte ja nichts ihnen machen! So viel Zeit, sich bei Seiner Ehren William J. Bidulph zu verabschieden und chinesische Tracht anzulegen, die ein geringeres Maß von Aufmerksamkeit auf sie lenken dürfte, während solcher Reise durch das Himmlische Reich doch wohl nötig! würde ihnen wohl bleiben – wie? Eine Stunde nachher kamen Craig und Fry, mit dem Reisesack an der Seite und Revolvern im Gürtel, wieder in den Yamen. Bei Einbruch der Nacht stachen Kin-Fo und seine Gefährten in aller Stille vom Hafen der amerikanischen Niederlassung aus mit dem Dampfer, der zwischen Schang-hai und Nan-king verkehrte, in See! Solche Fahrt ist im Grunde bloße Spazierfahrt. In knapp 12 Stunden kann ein Dampfer, mit Ausnützung der Flut, die Wasserstraße den Blauen Fluß hinauf die ehemalige Hauptstadt vom südlichen China erreichen. Während dieser kurzen Passage ergingen sich Craig-Fry ihrem kostbaren Kin-Fo gegenüber in tausenderlei kleinen Aufmerksamkeiten, nicht ohne zuvor allen Mitreisenden sorgsam ins Gesicht gesehen zu haben! Sie kannten den Philosophen, welches Mitglied der drei Niederlassungen hätte auch dieses gutmütige, sympathische Gesicht nicht gekannt? – und darüber, daß er ihnen nicht an Bord hätte folgen können, hatten sie sich versichert. Nachdem sie diese Vorsicht geübt hatten, wieviel Aufmerksamkeiten hatten sie dann nicht übrig, aller Minuten, ja aller Sekunden, für den Klienten der »Centennar«! Die Planken, auf die er sich stützte, betasteten sie mit der Hand – die Brücken, auf die er zuweilen trat, betraten erst sie versuchsweise –, von der Feuerungsanlage, deren Kessel ihnen verdächtig erschienen, zogen sie ihn weit hinweg – sie forderten ihn auf, sich nicht dem scharfen Abendwinde auszusetzen – sie baten ihn, sich nicht in der feuchten Nachtluft Erkältungen auszusetzen – sie wachten darüber, daß die Luken seiner Kabine hermetisch verschlossen waren – sie hunzten Sun herunter, den bummligen Kerl von Diener, der niemals zur Stelle sei, wenn sein Herr ihn brauche – sie brachten im Notfalle statt seiner den Thee und den Kuchen der ersten Nachtwache auf den Tisch – sie legten sich endlich in voller Kleidung, mit dem Rettungsgürtel um den Hüften, vor die Thür seiner Kabine, auf die Sekunde bereit, ihm hilfreich beizustehen, wenn das Dampfboot etwa zufolge von Explosion oder Kollision auf den tiefen Wässern des Flusses zum Sinken kommen sollte! Aber kein Unglücksfall ereignete sich, der die grenzenlose Hingabe Craig-Fry's auf die Tapferkeit hin auf die Probe gestellt hätte! Das Dampfschiff war rasch den Wusung hinab geglitten, war in den Jang-tse-kjang oder Blauen Fluß eingebogen, war um die Insel Tsong-Ming herum gesteuert, hatte die Leuchttürme von U-song und Lan-Tschan hinter sich gebracht, war mit der Flut durch die Provinz von Kiang-Su gefahren und hatte am 22. Mai in aller Frühe seine Passagiere heil und gesund auf dem Quai der alten Kaiserstadt gelandet. Dank den beiden Leibwächtern hatte Sun's Zopf während der Wasserfahrt um keine Linie Einbuße erlitten. Dem Faulpelz hätte es also sehr übel angestanden, wenn er sich hätte beklagen wollen! Nicht ohne Grund hatte sich Kin-Fo, als er von Schang-hai abreiste, zu allererst nach Nan-king begeben; meinte er doch, daß er dort am ehesten einige Möglichkeit hätte, den Philosophen wieder aufzufinden. Wang hätte freilich auch durch seine Erinnerungen sich nach dieser unglücklichen Stadt hingezogen fühlen können, die der Hauptmittelpunkt der Rebellion der Tschang-Mao gewesen war. War sie denn nicht von jenem schlichten Schullehrer, dem zum Kaiser der Tai-ping erhobenen schrecklichen Rong-Si-eu-Tsien eingenommen und verteidigt worden, der die kaiserliche Autorität der Mandschu so lange in Schach hielt? Hatte er nicht hier in dieser Stadt die neue Aera des Tai-ping oder »Großen Friedens« verkündet? Hatte er sich nicht in Nan-king 1864 vergiftet, um seinen Feinden nicht lebendig in die Hände zu fallen? Stand nicht dort der alte Königspalast, aus welchem sein junger Sohn entfloh, dem kurz darauf die Kaiserlichen doch den Kopf abschlagen sollten? Wurden denn nicht inmitten der Ruinen der verbrannten Stadt seine Gebeine aus dem Grabe gerissen und den gemeinsten Tieren zum Fraß vorgeworfen? Wurden nicht hier, in Nan-king, in der Hauptstadt wie in der Provinz, an die Hunderttausend ehemaliger Kameraden Wang's binnen drei Tagen abgeschlachtet? Hiernach war es schon möglich, daß der Philosoph, seit der in seinem Leben vorgegangenen Aenderung vielleicht von einem Gefühl wie Heimweh ergriffen, sich nach diesen Stätten geflüchtet hatte, die von persönlichen Erinnerungen übervoll waren! Konnte er ja von hier aus, wenn er den Todesstoß zu führen bereit und willens war, in wenigen Stunden wieder in Schang-hai sein! Darum hatte sich Kin-Fo zuerst nach Nan-king begeben und darum wollte er die erste Reiserast in Nan-king halten. Traf er Wang dort, so ließ sich ja alles mit ein paar Worten ins Reine bringen und die verbohrte Situation wäre dann zu Ende! Kam Wang nicht zum Vorschein, dann gedachte er seine Pilgerfahrt durch das Himmlische Reich fortzusetzen, so lange, bis die Frist abgelaufen und nichts mehr von seiten seines alten Lehrers und Freundes zu befürchten stehen würde. Kin-Fo, in Begleitung von Craig und Fry und gefolgt von Sun, begab sich in ein Hotel, das in einem jener halb entvölkerten Stadtviertel stand, um die herum sich, einer Wüste gleich, die drei Vierteile der ehemaligen Hauptstadt erstrecken. »Ich reise unter dem Namen Ki-nan,« begnügte Kin-Fo sich, seinen Reisegefährten zu bemerken, »und wünsche, daß mein richtiger Name niemals, gleichviel unter welchem Vorwande, ausgesprochen werde!« »Ki ...« hub Craig an. »... nan«, ergänzte Fry. »Ki-nan!« wiederholte Sun. Kin-Fo, der vor den Unzukömmlichkeiten einer lokalen Berühmtheit aus Schang-hai floh, hatte, wie man begreift, keinerlei Verlangen darnach, ihnen auf seiner Reise von neuem zu begegnen. Im übrigen hatte er Fry-Craig von der Möglichkeit, daß der Philosoph in Nan-king sich aufhalte, kein Wort gesagt. Diese überängstlichen Agentenseelen würden ein Uebermaß von Vorsichtsmaßregeln entfaltet haben, für die der Geldwert ihres Klienten wohl ein Rechtfertigungsgrund war, die diesem selbst aber im höchsten Grade lästig gewesen sein würden. Tatsächlich, wären sie mit einer Million in der Tasche durch ein verdächtiges Land gereist, so hätten sie kein höheres Maß von Klugheit aufbieten können, und war's nicht schließlich eine volle Million, die ihrer Obhut die »Centennar«-Gesellschaft anvertraut hatte? Der ganze Tag verstrich mit der Besichtigung der Stadtviertel, der Plätze, der Straßen von Nan-king. Von dem Thore des Westens bis zu dem Thore des Ostens, von Nord bis nach Süd war die ihres ehemaligen Glanzes so völlig entkleidete Stadt rasch durchwandert. Kin-Fo marschierte stramm, sprach wenig und sah desto mehr. Aber es zeigte sich kein verdächtiges Gesicht, weder auf den Kanälen, die von der eigentlichen Bevölkerungsmasse besetzt gehalten wurden, noch in den gepflasterten Straßen, die zwischen Schutt und Asche sich verloren und von Unkraut schon stark überwuchert waren. Kein Fremder war zu sehen unter den halbzerstörten marmornen Säulenhallen, unter den Trümmern niedergebrannter Mauern, die die Stätte bezeichnen, wo einst der kaiserliche Palast gestanden – jene Schaubühne der letzten blutigen Kämpfe, wo zweifelsohne Wang bis zur letzten Stunde mit Widerstand geleistet hatte. Niemand zu sehen, der sich den Blicken von Fremden zu entziehen gesucht hätte – weder in der Gegend des Yamens der katholischen Missionäre, die 1870 von den Bewohnern Nan-kings massakriert werden sollten, noch in der Umgegend der neu erbauten Waffenfabrik, neu erbaut mit dem unzerstörbaren Ziegelmaterial des berühmten Porzellanturms, den die Tai-ping dem Erdboden gleich gemacht hatten. Kin-Fo, auf den die Anstrengung keine Wirkung zu üben schien, marschierte noch immer. Mit seinen zwei Akoluthen oder Begleitern, die nicht schlapp werden wollten, neben sich – mit dem unglücklichen Sun, der solche Leibesmotion nur wenig gewohnt war, ein tüchtiges Stück hinter sich, trabte er zum Thore des Ostens hinaus und wagte sich ins offene öde Land hinaus. Eine endlose Allee, von ungeheuren Tierfiguren aus Granit auf beiden Seiten eingefaßt, nahm dort in kurzer Entfernung vom Stadtwall ihren Anfang. Kin-Fo verfolgte diese Allee mit noch rascherm Schritte als bisher. Ein kleiner Tempel bildete auf der einen Seite ihren Abschluß. Dahinter erhob sich, in Hügelhöhe, ein »Tumulus«. Unter diesem Grabhügel ruhte Rong-u, der Bonze, der zum Kaiser gekürt wurde – einer jener kühnen Männer des Vaterlands, die vor fünf Jahrhunderten gegen fremdes Joch das Haupt erhoben hatten. Sollte der Philosoph nicht hierher gekommen sein, um sich in diesen glorreichen Erinnerungen, an dem Grabe, in welchem der Gründer der Dynastie der Ming seine Ruhestatt gefunden, neue Kräfte zu holen, um sich zu stählen zu der That, die er gelobt hatte? Das Grabmal war leer, der Tempel war öde. Keine andern Wächter als jene kaum aus dem gröbsten gehauenen Marmorkolosse – als jene phantastischen Tierfiguren, die allein die lange Allee bevölkerten. An der Thüre des Tempels aber nahm Kin-Fo nicht ohne Erregung einige Zeichen wahr, die eine Hand dort eingegraben hatte! Er trat an die Stelle heran und las die drei Buchstaben: W. K.-F. Wang! Kin-Fo! Wahrlich! es bestand gar kein Zweifel, daß der Philosoph nicht kürzlich hier geweilt hätte! Kin-Fo sah und suchte, ohne ein Wort zu sagen ... Niemand sichtbar! Am Abend begaben sich Kin-Fo, Craig-Fry und Sun, der sich aufs mühsamste fortschleppte, auf den Rückmarsch nach ihrem Hotel und am Tage darauf hatten sie Nanking verlassen. Zwölftes Kapitel: worin Kin-Fo, seine zwei Begleiter und sein Diener auf gut Glück in die Welt pilgern. Wer ist der Reisende, den man auf allen schiff- oder fahrbaren Hauptstraßen, auf den Kanälen und Flüssen des himmlischen Reiches in ständiger Bewegung sieht? Er wandert, wandert in einem fort, ohne am Abend zu wissen, wo er am Morgen weilen wird. Er durchreist Städte, ohne sie zu sehen, steigt in Gasthöfen oder Herbergen bloß ab, um ein paar Stunden zu schlafen, betritt Wirtschaften, um dort rasch ein paar Bissen zu essen. Geld sitzt ihm gar locker in der Hand: er verschwendet es, wirft damit um sich, bloß um rascher, immer rascher vorwärts zu kommen. Kein Handelsherr ist's, der sich mit Geschäften befaßt, kein Mandarin, den sein Minister mit einer wichtigen, dringlichen Mission betraut hat, kein Künstler auf der Suche nach Naturschönheiten, kein Gelehrter, kein Weiser, den Geschmack und Neigung ins alte China ziehen, um nach vergilbten Papieren zu suchen, die dort in Bonzensitzen oder Lama-Klöstern vergraben liegen, weder ein Studiosus auf dem Wege zur Pagode der Examina, um dort seine Universitätsgrade zu erlangen, ist dieser Reisende, noch ein Priester Buddhas auf Inspektionsreisen, dem die Besichtigung der kleinen zwischen den Wurzeln des heiligen Banyanenbaums errichteten Feld-Altäre obliegt, auch kein Pilger, den ein Gelübde, einem der fünf heiligen Berge des Himmlischen Reiches geleistet, im Lande herum jagt. Das Pseudonym Ki-nan ist's, begleitet von Fry-Craig, die sich nach wie vor als stramme Kerle halten, gefolgt von Sun, der mit jeder Minute schlapper wird. Kin-Fo ist's, Kin-Fo in jener wunderlichen Geistesverfassung, die ihn treibt, den unauffindlichen Wang zu fliehen und zu suchen zur gleichen Zeit! Der Klient der »Centennar«-Gesellschaft ist's, der von diesem unaufhörlichen Hin und Her nichts weiter begehrt und erhofft als Vergessenheit seiner persönlichen Lage, vielleicht noch Schutz vor den unsichtbaren Gefahren, die ihm drohen. Der beste Schütze hat Chancen genug, ein bewegliches Ziel zu fehlen, und Kin-Fo will dieses Ziel sein, das niemals zur Unbeweglichkeit gelangt. Die Reisenden hatten in Nan-king eines jener flinken amerikanischen Dampfboote wieder bestiegen, die im Grunde genommen mehr schwimmenden Hotels im großen Stile gleichen und den Verkehr auf dem Blauen Flusse vermitteln. Nach Ablauf von 60 Stunden stiegen sie in Nan-ke-u ans Land, ohne sich auch nur Zeit zur Bewunderung jenes seltsamen Felsens genommen zu haben, der unter dem Namen »Waisenkindlein« sich mitten im Yang-tse-kjang erhebt und dessen Kuppe von einem Bonzentempel so kühn gekrönt wird. In Nan-ke-u, das an der Mündung des Rang-kiang, eines der wichtigsten Nebenflüsse des Blauen Flusses, liegt, hatte sich der unstete Kin-Fo nur einen halben Tag aufgehalten. Dort fanden sich noch immer Erinnerungen an die Tai-ping in Gestalt von Ruinen, deren Wiederaufbau ein Ding der Unmöglichkeit war. Aber weder in dieser handeltreibenden Stadt, die im Grunde genommen weiter nichts als ein Anhängsel der auf dem rechten Ufer des Nebenflusses erbauten Bezirkshauptstadt Ran-Yang-Fu ist, noch in U-tschang-Fu, der auf dem rechten Ufer des Blauen Flusses erbauten Hauptstadt dieser Provinz Ru-Pe, ließ der ungreifbare Wang auch nur durch die leiseste Spur gewahren, daß er hier gewesen. Auch keine Spur mehr von jenen schrecklichen drei Buchstaben, die Kin-Fo in Nan-king auf dem Grabmale des zum Kaiser gekrönten Bonzen ergattert hatte! Wenn Craig und Fry jemals die Hoffnung hatten hegen können, daß sie von dieser Reise im Reiche China einigen Begriff von den Sitten oder einige Kenntnis von den Städten mit heimbringen würden, so sollten sie über solchen Irrtum rasch belehrt werden. Nicht einmal so viel Zeit würde ihnen geblieben sein, um eine Notiz zu machen, und was sie von Reiseeindrücken nach Hause in sich aufnehmen könnten, würde sich höchstens auf einige Namen von Städten oder Flecken oder auf einige Monatsdaten beschränkt haben! Aber Craig-Fry waren weder neugierig noch redselig. Miteinander sprachen sie fast nie. Wozu auch? Was Craig dachte, das dachte auch Fry. Also wär's doch nur ein Monolog gewesen! Mithin hatten sie für jene der Mehrzahl bei chinesischen Städte eigentümliche Doppel-Physiognomie, tot im Mittelpunkte, aber voller Leben in den Vorstädten, kein schärferes Auge als ihr Klient. Kaum daß sie in Nan-ke-u von dem europäischen Viertel etwas sahen mit seinen breiten, rechtwinkligen Straßen, mit seinen vornehmen Wohnhäusern, mit der langen, von großen Bäumen beschatteten Promenade am Ufer des Blauen Flusses. Sie hatten bloß Augen für einen Mann, einen einzigen Mann – und dieser Mann war und blieb unsichtbar. Das Dampfboot konnte zufolge des hohen Wasserstandes im Ran-Kiang noch 300 Meilen auf diesem Nebenflusse hinauf fahren, bis nach Lao-Ro-Ke-u. Auf dieses Reisemittel, das ihm außerordentlich behagte, Verzicht zu leisten, war Kin-Fo ganz und gar nicht versessen. Im Gegenteil rechnete er stark damit, sich seiner so lange zu bedienen, bis es mit der Schiffbarkeit des Rang-Kiang vorbei war. Was dann werden sollte, würde ihm schon einfallen. Craig und Fry hatten es auch am liebsten gesehen, die Dampfschiffahrt hätte die ganze Reise über gedauert. An Schiffsbord war die Kontrolle leichter, die Fährlichkeiten weniger unmittelbar drohend. Später, auf den ziemlich unsichern Straßen des mittlern China, würden die Dinge ein wesentlich anderes Aussehen annehmen. Was nun Sun anbetrifft, so war ihm dies Dampfschiffsleben auch ganz recht. Er brauchte nicht zu marschieren, er brauchte nichts zu machen, er überließ seinen Herrn und Gebieter der Fürsorge der Firma Craig-Fry; wenn er gewissenhaft gefrühstückt, zu Mittag und zu Abend gegessen hatte – und die Küche war ausgezeichnet! – brauchte er nur an Schlafen zu denken, und daran ließ er's in seinem Winkel auch durchaus nicht fehlen! Nach Verlauf einiger Tage trat in der Küche an Bord eine Aenderung ein, die wohl jedem andern, bloß diesem Strohkopf nicht, ein Anzeichen dafür gewesen wäre, daß sich in der geographischen Lage der Reisenden eine Veränderung in den Breitegraden vollzog. Im Essen trat nämlich plötzlich in Gestalt von ungesäuertem Brote, das recht angenehm schmeckte, wenn man es frisch vom Ofen weg aß, Korn an die Stelle von Reis. Sun aber, als echtem Südchinesen, ging der Verzicht auf sein tagtägliches Reisfutter nahe zu Herzen. Hantierte er doch mit seinen kleinen Stäbchen so außerordentlich geschickt, wenn er die Körner aus der Schale in seinen großen Mund hinein bugsierte! Und was für Mengen verputzte er davon! Reis und Thee! Was braucht ein echter Sohn des Himmels weiter? Das Dampfboot steuerte also auf seiner Fahrt den Ran-Kiang hinauf in die Korngegend hinein. Dort zeichnete sich das Relief des Landes schärfer. Am Horizont traten Bergspitzen in Sicht, mit Festungswerken gekrönt, die unter der alten Dynastie der Ming errichtet worden waren. Die künstlichen Dämme, die die Gewässer des Flusses stauten, verschwanden und niedrige Ufer traten an ihre Stelle, die das Flußbett auf Kosten seiner Tiefe verbreiterten. Die Bezirkshauptstadt Guan-lo-Fu kam in Sicht. Kin-Fo ging während der paar Stunden, die der Dampfer vor den Zollgebäuden liegen mußte, um frisches Brennmaterial einzunehmen, nicht einmal an Land. Was hätte er auch in dieser Stadt beginnen sollen, von der es ihm ganz gleichgiltig war, ob er sie sah oder nicht sah? Er kannte bloß einen Wunsch, da er noch immer keine Spur von dem Philosophen fand: sich immer tiefer hinein in dieses China vergraben, wo für ihn, wenn er auch Wang nicht dort träfe, doch die Sicherheit vorhanden war, daß Wang auch ihn nicht treffen würde! Nächst Guan-lo-Fu wurden die beiden einander gegenüber liegenden Städte sichtbar, die Handelsstadt Fantscheng auf dem linken, und die Bezirkshauptstadt Siang-Yang-Fu auf dem rechten Ufer; die erstere ein wahrer Bienenkorb voll geschäftigen, emsigen Menschenvolks, die andere als Sitz der Behörden mehr tot als lebendig. Hinter Fan-tscheng nahm der Nan-Kiang in scharfem Winkel seinen Lauf direkt nach Norden. Bis Lao-Ro-Ke-u blieb er noch schiffbar; infolge niedrigen Wasserstandes konnte der Dampfer aber nicht weiter. Nun wurde mit einem Male alles anders. Von dieser letzten Station ab mußten für die Fortsetzung der Reise andere Mittel herangezogen werden. Der Wasserlauf, »diese von selbst marschierende Straße«, mußte aufgegeben werden – man mußte nun selbst marschieren, oder zum wenigsten an die Stelle des molligen Hingleitens auf einem Schiffe die Erschütterungen, die Rucke und Stöße der Jammerstücke von Gefährten setzen, die im Himmlischen Reiche zu Hause sind. Unglücklicher Sun! für ihn sollte Plack und Mühe, sollten Drangsale, Bitternisse. Scheltworts nun wieder recht losgehen! Und wirklich! wer Kin-Fo auf dieser phantastischen Pilgerfahrt von Provinz zu Provinz, von Stadt zu Stadt begleitet hätte, der hätte auch sein redliches Stück Arbeit und Plack gehabt! Am einen Tage fuhr er im Wagen – aber in was für einem Dinge von Wagen! Einem Kasten, der auf eine Deichsel mit zwei Rädern mit dicken Eisennägeln genagelt war und von zwei störrischen Mauleseln gezogen wurde, der mit einer bloßen Leinwandplane überspannt war, durch die der Regen klatschte und die Sonne ihre heißen Strahlen warf! Am anderen Tage sah man ihn in einer Maultiersänfte liegen, die aber mehr wie ein Schilderhaus aussah, das zwischen zwei langen Bambusstecken in der Schwebe hing und einem Schlingern und Stampfen von solcher Gewalt ausgesetzt war, daß ein Kahn dabei in allen Fugen gekracht haben würde. Craig und Fry ritten rechts und links vom Schlage, wie ein paar Adjutanten, auf Eseln, die aber noch viel ärger stampften und schlingerten, als Kin-Fo's Sänftenkasten. Und was nun Sun anbetrifft, der auf seine zwei Beine als Beförderungsmittel angewiesen war, so brummte und schimpfte er, bei solchen Anlässen, wo der Marsch notwendigerweise rascher vor sich gehen mußte, und suchte mehr als ihm dienlich und schicklich war, Stärkung für seine Beine in einem Schluck aus einer Pulle, die mit Schnaps aus Kao-Liang gefüllt war. Kein Wunder, daß auch er unter eigentümlich schlingernden Bewegungen zu leiden hatte, deren Ursache aber nicht in den Unebenheiten des Erdbodens zu suchen war! Mit einem Worte, die kleine Truppe wäre auf hochgehender See keinen stärkeren Erschütterungen und Stößen ausgesetzt gewesen. Zu Pferde – aber verflucht schlecht zu Pferde, wie man dreist glauben darf – vollzogen Kin-Fo und seine Begleiter ihren Eintritt in Si-Guan-Fu, der alten Hauptstadt des Kaiserreichs der Mitte, das die Kaiser aus der Dynastie der Tang ehedem zur Residenz erhoben hatten. Um aber in diese weitab gelegene Provinz Schen-Si zu gelangen, quer über endlose, dürre, kahle Ebenen weg, wieviel Anstrengungen und auch Gefahren hatten sie da zu ertragen gehabt! Diese Sonne im Mai warf unter einem Breitengrade, der dem des südlichen Spaniens gleichkommt, Strahlen von bereits unerträglicher Hitze und wirbelte einen feinen Straßenstaub auf, der dadurch, daß die Straßen noch niemals die Wohlthat einer Steinaufschüttung erfahren hatten, wahrlich nicht vermindert wurde. Aus diesen gelblichen Wirbeln, die die Luft wie ungesunder Qualm verunreinigten, gelangte man nur, total vergraut von Kopf bis zu den Füßen, heraus. Es war die Gegend des »Löß«, einer dem nördlichen China eigentümlichen geologischen Form von besonderer Art, »die«, wie Léon Rousset sagt, »nicht mehr Erde und doch nicht Fels ist oder, um es richtiger auszudrücken, Stein ist, der aber noch nicht Zeit gehabt hat, die Härte zu bekommen«. Hinsichtlich der Fährlichkeiten des Leibes und Lebens muß bemerkt werden, daß dieselben in einem Lande, dessen Polizei sich durch eine außergewöhnliche Furcht vor dem Dolche des Spitzbuben auszeichnet, wahrlich nichts zu wünschen ließen. Lassen die Tipaos schon in den Städten den Halunken und Schuften freies Feld, trauen sich schon mitten in der Großstadt bei Nacht die Bewohner nicht gern auf die Straße hinaus, dann kann man sich wohl ein Bild machen von dem Grade von Sicherheit, den die Landstraßen bieten! Mehr als einmal blieben verdächtige Gruppen stehen und musterten die Reisendentruppe im Vorbeiziehen mit bösen Blicken, besonders wenn sie in die schmalen Einschnitte bogen, die tief ausgehöhlt zwischen den Löß-Schichten hinführen. Aber noch immer hatte Craig-Fry's Anblick, vor allem wohl der blinkende Revolver im Gürtel, den Wegelagerern und Strauchdieben Respekt eingeflößt. Bei mancher Gelegenheit beschlich aber doch die »Spitzel« der »Centennar«-Gesellschaft bitterernste Furcht, wenn auch vielleicht weniger für die eigene Person, so doch zum wenigsten für die lebendige Million, der sie das Geleit gaben. Ob Kin-Fo unter dem Dolche Wangs oder unter dem Messer eines Missethäters fiel, blieb sich doch gleich – denn das Resultat war das gleiche! Die Gesellschaftskasse war es, die den Schaden davon hatte! In solcher Situation wartete übrigens Kin-Fo, der nicht minder gut bewaffnet war, bloß darauf, sich verteidigen zu können. Auf sein Leben hielt er jetzt mehr als je zuvor und »um es zu erhalten, würde er sich sogar umbringen lassen!« sagten Craig und Fry. Daß man in Si-Guan-Fu eine Spur von dem Philosophen auffinden werde, schien nicht sehr wahrscheinlich. Ein alter Tai-ping würde doch niemals auf den Gedanken gekommen sein, hier eine Zuflucht zu suchen! Hatten doch die Rebellen über die starken Mauern dieser Stadt zur Zeit des Aufstandes niemals den Fuß setzen können, die übrigens auch durch eine starke Mandschu-Garnison besetzt gehalten wurde. Wenn ihn nicht ein besonderer Geschmack an archäologischen Kuriositäten trieb, die in dieser Stadt allerdings in sehr reicher Zahl vorhanden waren, oder wenn er sich nicht in die Geheimnisse der Inschriftenkunde hätte vertiefen wollen, wozu das als der »Täfelchen-Wald« benannte Museum mit seinen unberechenbaren Schätzen reiche Gelegenheit bot – was hätte Wang sonst nach dieser Stadt führen sollen? Darum wandte auch Kin-Fo der Stadt schon am Morgen nach seiner Ankunft den Rücken, trotzdem sie ein wichtiger Mittelpunkt für den Handel zwischen Centralasien, Tibet, der Mongolei und China ist, und schlug den Weg nach Norden ein. Auf der Route über Kao-Lin-Sien, über Sang-Ting-Sien, durch das Thal des Uei-Ro, mit seinen von jenem Löß, durch das er sich sein Bett gebrochen, gelblich-dick gefärbten Wogen gelangte die kleine Truppe nach Rua-Tsche-u, das anno 1860 der Herd eines furchtbaren Moslim-Aufstandes war. Von hier erreichten, bald im Kahn, bald im Karren, Kin-Fo und seine Gefährten, freilich nicht ohne bedeutende Anstrengungen, die am Zusammenfluß des Uei-Ro mit dem Ruang-Ro gelegene Festung Tong-kuan. Der Ruang-Ro ist der berühmte Gelbe Fluß. Er kommt direkt von Norden, um sich durch die Provinzen des Ostens in das Meer zu ergießen, das seinen Namen trägt, ohne jedoch nur einen Schimmer gelber zu sein, als das Rote Meer rot, das Weiße Meer weiß und das Schwarze Meer schwarz ist. Ja! ein berühmter Fluß, himmlischen Ursprungs zweifellos, da seine Farbe ja die kaiserliche ist! ein Himmelssohn, aber auch »Chinas Kummer«, welch letztere Benennung er zufolge der furchtbaren Ueberschwemmungen führt, die er anrichtet und die teilweise die gegenwärtige Unbefahrbarkeit des Kaiserkanals bewirkt haben. In Tong-kuan wären die Reisenden selbst zur Nachtzeit in Sicherheit gewesen! Tong-kuan ist keine Handelsstadt mehr, sondern eine Militärstadt, in welcher die als erste Kriegerkaste des chinesischen Heeres berühmten Mandschu-Tataren nicht ein fliegendes Lager haben, sondern kaserniert liegen. Vielleicht hatte Kin-Fo sogar die Absicht, hier ein paar Tage der Ruhe zu genießen! Vielleicht gedachte er, in einem passenden Gasthofe ein gutes Zimmer, eine gute Tafel, ein gutes Bett zu bestellen – worüber Fry-Craig keineswegs böse gewesen wären und Sun wohl noch weniger! Aber dieser Tolpatsch, den seine Eselei diesmal einen reichlichen Zoll von seinem Zopfe kostete, nannte auf der Zollstelle statt des von seinem Herrn gewählten Reisenamens dummerweise den richtigen bürgerlichen Namen desselben – weil er vergaß, daß er nicht mehr die Ehre hatte, bei Kin-Fo Lakai zu sein, sondern bei Ki-nan. Das gab ein böses Donnerwetter! und der Zorn, der Kin-Fo darob erfüllte, ließ ihm keine Sekunde Ruhe in der Stadt, sondern trieb ihn im Nu zu ihr hinaus. Der Name hatte im Nu gezündet! War doch der berühmte Kin-Fo in der Stadt Tong-kuan angekommen! Kannte doch alle Welt diesen »einzigen Menschen, dessen einer und einziger Wunsch war, über hundert Jahre alt zu werden!« Der von einer Gänsehaut überlaufene Reisende, begleitet von seinen zwei Leibwächtern und gefolgt von seinem Lakai, gewann kaum so viel Zeit, um aus den neugierigen Haufen, die sich an seine Fersen hängten, zu entrinnen und das freie Feld zu gewinnen. Diesmal zu Fuß! jawohl, zu Fuß wanderte er an den Ufern des Gelben Flusses hinauf und ging zu Fuß so lange, bis seine Gefährten mit ihm vor Erschöpfung in einem kleinen Flecken zusammenbrachen, wo ihm sein Inkognito doch wenigstens einige Stunden der Ruhe vergönnen sollte. Sun, der ganz aus dem Konzept geraten war, getraute sich kein Sterbenswörtchen mehr zu sagen. Mit dem lächerlich kurzen Rattenschwänzchen, das ihm nun von seinem schönen Zopfe bloß noch geblieben war, war er zur Zielscheibe der unangenehmsten Witze geworden! liefen ihm doch schon die Gassenjungen nach und riefen ihm tausenderlei Schimpfworte zu! Er sehnte sich wahrlich darnach, endlich mal Fuß zu fassen! Aber wo? wo? Da doch sein Herr und Gebieter – genau, wie er zu William J. Bidulph gesagt hatte – vorhatte, der Nase nach zu reisen, und auch nicht anders als der Nase nach reiste! Diesmal, zwanzig Li von Tong-kuan, in dem bescheidenen Flecken, wo Kin-Fo Zuflucht gesucht hatte, kein Pferd mehr, kein Esel mehr, weder Karren noch Sänfte zu haben! Keine andere Aussicht, als dazubleiben oder die Reise zu Fuß fortzusetzen! Das war nicht dazu angethan, dem Zöglinge Wangs die gute Laune wiederzugeben, der bei diesem Anlaß ein sehr geringes Maß von Philosophie an den Tag legte. Er zieh die ganze Welt der Schuld und hätte doch bloß vor seiner Thür zu kehren gehabt! Ha! wie leid that ihm die Zeit, wo er sich bloß mit dem Leben zu befassen hatte! Wenn er, um das Glück zu schätzen, Verdrießlichleiten, Aergernisse, Qualen und Mühen kennen lernen mußte, nun! die kannte er jetzt! die kannte er zur Genüge! Und dann war's ihm, bei solcher Fußtour, noch ohnehin beschieden, braven Leuten unterwegs zu begegnen, die keinen Heller in der Tasche hatten und doch froh und glücklich waren! Jene verschiedensten Formen des Glückes, das fröhlich vollbrachte Arbeit spendet, hatte er in reichem Maße beobachten können. Hier waren es Tagelöhner, die über ihre Ackerfurche gebückt schwere Arbeit verrichteten, dort Fabrikarbeiter, die unter Gesang mit ihren Werkzeugen hantierten. War's nicht gerade dieser Mangel an Arbeit, dem Kin-Fo jeden Mangel eines Wunsches verschuldete und mithin auch den Mangel alles Glücks hienieden? Ha! die Lektion war gründlich! Wenigstens glaubte er so! ... Nein, Freund Kin-Fo! noch war sie es nicht! Nach langem Suchen im ganzen Dorfe und nachdem sie an alle Thüren geklopft hatten, gelang es endlich Craig-Fry, ein Gefährt aufzustöbern. Aber bloß eins, und noch dazu eins, in welchem bloß eine einzige Person sich befördern ließ. Was aber die Sachlage ganz besonders ernst erscheinen ließ, war der weitere Uebelstand, daß es an jedem Beförderungsmittel für das Gefährt fehlte. Es war ein Karren – »Pascals Schnecke« – und wohl lange vor ihm durch jene uralten Erfinder des Pulvers, der Schrift, der Magnetnadel und des Papierdrachens erfunden. Bloß wird in China das Rad dieses Fahrapparats, das von ziemlich großem Durchmesser ist, nicht wie bei unsrer Kastenkarre oder Radeberge hinter dem Kasten zwischen den beiden Deichselarmen, sondern in der Mitte des Kastens selbst angebracht und zufolgedessen auch, wie bei gewissen Dampfschiffen das Mittelrad, durch den Kasten selbst bewegt, der mithin seiner Achsrichtung nach in zwei Abteile geschieden zu denken ist. In das eine kann sich der Reisende strecken, das andere ist für die Aufnahme seines Gepäcks bestimmt. Die bewegende Kraft einer solchen »Radeberge«, auch einer chinesischen, ist immer ein Mensch und kann nur immer ein Mensch sein, der sie vor sich her schiebt, nicht hinter sich her zieht. Er hat also seinen Stand rücklings vom Reisenden, dem er die Aussicht in keiner Weise behindert, ähnlich wie es beim Kutscher eines englischen Cab der Fall ist. Wenn der Wind günstig steht, also von hinten her kommt, macht sich der Mensch diese Naturkraft, die ihm nichts kostet, zu nutze, indem er eine Maststange im Vorderkasten anbringt und ein viereckiges Segel setzt; pfeift der Wind dann recht tüchtig, so braucht der Mensch den Karren nicht zu schieben, sondern der Wind treibt den Karren und der Mensch braucht bloß hinterher zu laufen – freilich muß er dann häufig schneller laufen als ihm recht oder seinen Beinen thunlich ist. Die Radeberge wurde also mit sämtlichem Zubehör angekauft. Kin-Fo nahm in der einen Kastenhälfte Platz. Der Wind stand günstig, das Segel wurde gehißt. »Marsch vorwärts, Sun!« kommandierte Kin-Fo. Sun schickte sich ganz einfach an, ins zweite Kastenabteil zu steigen, um sich dort lang zu strecken. »An die Deichsel!« rief Kin-Fo in einem gewissen Tone, der keinen Widerspruch zuließ. »Herr ... was ... ich ... ach!« antwortete Sun, dessen Beine im voraus zusammenknickten, wie bei einem abgetriebenen Gaule. »Mach das mit Dir selbst ab, Du Esel! Wer ist denn schuld daran, als Deine Zunge und Deine Dummheit!« »Marsch vorwärts, Sun!« riefen Craig-Fry. »An die Deichsel!« kommandierte Kin-Fo zum andern Male mit einem Blick auf das bißchen, was noch vom Zopfe des unglücklichen Lakaien übrig war. »An die Deichsel, Halunke! Und gieb acht, daß Du nicht umkippst, sonst ...!« Daumen und Mittelfinger von Kin-Fo's rechter Hand, in Scherenform einander genähert, vervollständigten seine Gedanken so vorzüglich, daß Sun den Traggurt über die Schultern schwang und die Deichsel mit beiden Händen faßte. Fry-Craig faßten rechts und links von der Radeberge Posten, und mit Zuhilfenahme der günstigen Brise setzte sich die kleine Reisegesellschaft im leichten Hundetrab in Bewegung. Die dumpfe, ohnmächtige Wut des zum Pferde degradierten Sun zu malen, darauf muß man verzichten! Und doch verstanden sich Craig-Fry oft dazu, ihn abzulösen. Zum großen Glück kam ihnen südlicher Wind beständig zu Hilfe und nahm drei Viertel der beschwerlichen Arbeit auf sich. Im Gleichgewicht gehalten wurde der Karren ziemlich gut durch die Stellung des Mittelrads, die Arbeit des Mannes an der Deichsel beschränkte sich im wesentlichen auf die Arbeit des Mannes am Ruder von Schiffen – er braucht nur immer die Richtung gut einzuhalten. In solchem Fuhrwerk also hielt Kin-Fo seinen Einzug in den nördlichen Provinzen Chinas; in der Karre gefahren, wenn er sich ausruhen wollte, selbst im Hundetrab neben der Karre mit herlaufend, wenn er das Bedürfnis fühlte, sich die müden Beine zu vertreten. In solchem Fuhrwerk zog Kin-Fo, die Städte Huan-Fu und Ka-fong beiseite lassend, die Ufer des berühmten Kaiserkanals hinauf, der vor knapp 20 Jahren, ehe der Gelbe Fluß wieder sein altes Bett aufgesucht hatte, eine prächtige schiffbare Straße von Su-Tscheu, dem Theelande, aus bis Peking bildete in einer Länge von mehreren hundert Meilen. In solchem Fuhrwerk reiste Kin-Fo durch Tsi-nan, Ho-Ki-en und kam nach der Provinz Pe-tschi-li, in welcher sich Peking, die vierfache Hauptstadt des Himmlischen Reiches, erhebt. In solchem Fuhrwerk reiste er durch Tien-tsien, das von einer Ringmauer und zwei Forts verteidigt wird – eine Großstadt von 400 000 Einwohnern, mit großem Hafen, der durch den Zusammenlauf des Pei-ho mit dem Kaiserkanal gebildet wird, der Einfuhrplatz für Kattune aus Manchester, Wollwaren, Kupfer- und Eisenwaren, Streichhölzchen, Sandelholz etc. etc., Ausfuhrplatz hingegen für Jujuben oder indische Brustbeeren, auch als welsche Hagebutten im Handel bekannt, für Seerosenblätter, Tabak aus der Tatarei etc. – mit einem Jahresumsatz von etwa 170 Millionen. Aber Kin-Fo fiel es in dieser merkwürdigen Stadt Tien-tsien nicht einmal ein, sich die berühmte »Pagode der höllischen Pein« anzusehen; auch ging er in der Vorstadt des Ostens nicht durch die unter den Namen »Laternenzeile« und »Trödlerzeile« bekannten interessanten Straßen; er nahm auch sein Frühstück nicht in der »Harmonie und Freundschaft«, der bekannten Wein- und Speisewirtschaft des Muselmanen Le-u-Loa-ki mit seinen trotz Muhamed noch bekannteren; eifrig getrunkenen prima Weinen – er gab auch, und wohl aus recht triftigem Grunde, seine große rote Karte nicht im Palaste Li-tschong-tangs ab, des Vizekönigs der Provinz seit anno 1870, Mitgliedes des Staatsrats, Mitgliedes des Geheimen Rates und Trägers der gelben Jacke mit dem Titel eines Fei-tse-tschao-pao. Nein! Kin-Fo, immer in der Karre, mit Sun immer hinter der Karre, karrte über die Quais, auf denen Berge von Salzsäcken aufgestapelt lagen; karrte durch die Vorstädte, durch die englische und durch die amerikanische Niederlassung, über die Rennbahn, durch die mit Sorgho, Gerste, Sesam, Weinreben bestandene Landschaft, durch die von Obst und Gemüse strotzenden Gärten, durch die weiten Ebenen, aus denen Tausende von Hasen, Rebhühnern, Wachteln aufschreckten, auf die von Falken, Sperbern und Hähern fleißig Jagd gemacht wurde. Alle vier zogen sie die gepflasterte Straße von 24 Meilen Länge entlang, die zwischen Bäumen mit mannigfachsten Wohlgerüchen und zwischen dem hohen Rohrdickicht des Flusses entlang nach Peking führt, – bis sie heil und gesund nach Tong-tsche-u hineinkarrten, Kin-Fo nach wie vor im Geschäfts- oder Handelswerte von 200 000 Dollars, Craig-Fry noch immer stramm wie bei Anbeginn der Reise, Sun der Schwindsucht nahe, bein- und lendenlahm, wund an den Zehen und am Schopfe kaum noch ein Zöpfchen von knapp 3 Zoll Länge an Stelle des einst so stattlichen Zopfes! Man schrieb den 19. Juni. Der Vertrag mit Wang lief in sieben Tagen ab, dann war die Galgenfrist zu Ende! – Wo aber steckte Wang? Dreizehntes Kapitel: worin man das berühmte Rührstück von den »Fünf Nachtwachen des Mannes, der hundert Jahre alt werden will«, mit anhört. »Meine Herren,« redete Kin-Fo seine beiden Leibwächter an, als die Radeberge draußen vor der Vorstadt von Tong-tsche-u hielt, »wir befinden uns nur noch 40 Li von Peking entfernt, und es ist meine Absicht, bis zu dem Augenblick hier zu verweilen, wo das zwischen Wang und mir geschlossene Abkommen seine Rechtskraft verliert. In dieser Stadt von 400 000 Seelen wird es mir leicht sein, unbekannt zu bleiben, sofern es Sun nicht vergibt, daß er bei Ki-nan in Diensten steht, einem schlichten Kaufmann aus der Provinz Schen-Si.« Ganz ohne Frage würde das Sun nicht mehr vergessen! Ganz ohne Frage nicht mehr! Seine Tölpelhaftigkeit hätte ihm doch für die letzten acht Tage die Ehre eingebracht, als Karrengaul zu funktionieren – und er hege nun allen Ernstes die Hoffnung, daß Herr Kin-Fo ...« »Ki ...« hub Craig an. »...nan« ergänzte Fry. »... daß Herr Ki-nan ihn nicht länger seiner gewöhnlichen Dienstverrichtungen für überhoben ansehen werde! In Anbetracht des Zustandes gänzlicher Erschöpftheit, in welchem er sich befände, bäte er jedoch momentan um weiter nichts, als daß ihm Herr Kin-Fo ...« »Ki ...« hub Craig an. »...nan« ergänzte Fry. »... die Erlaubnis erteilen wolle, achtundvierzig Stunden lang zum wenigsten zu schlafen, ohne aber, wie er sich ausmachen möchte, gestört zu werden! »Meinetwegen acht Tage lang, wenn's nur Dir recht ist!« antwortete Kin-Fo. »Wenigstens werde ich sicher sein können, daß Du im Schlafe nicht schwatzest!« Kin-Fo befaßte sich nun im Verein mit seinen beiden Begleitern mit der Aufgabe, ein passendes Gasthaus zu finden, und daran hatte es in Tong-tsche-u ja keinen Mangel. Diese ungeheure Stadt ist im Grunde genommen nur eine große Vorstadt von Peking. Die gepflasterte Strasse, die sie mit der Hauptstadt verbindet, ist eine endlose Reihe von Villen, Häusern, Vorwerken, Grabmälern, kleinen Pagoden, grünen Gärten und lauschigen Plätzen, und auf der ganzen langen Straße nimmt der Wagenverkehr, nehmen die Reiter und Fußgänger kein Ende. Kin-Fo kannte die Stadt und ließ sich zum Ta-e-Wang-Miao hinführen, »dem Tempel der souveränen Prinzen«, unter dem aber nichts weiter zu suchen ist, als ein zum Gast- und Logierhaus umgewandeltes Fan-seng oder (nach portugiesischer Transkription) Bonzen-Kloster, in welchem sich für Fremde ein recht behaglicher Aufenthalt bietet. Kin-Fo, Craig und Fry richteten sich dort sehr bald ein, die beiden Akoluthen in einem Zimmer, das unmittelbar neben dem von ihrem kostbaren Klienten bewohnten Zimmer lag. Sun dagegen verschwand, um sich in dem ihm angewiesenen Winkel schlafen zu legen, und man bekam ihn nicht wieder zu sehen. Eine Stunde später verließen Kin-Fo und seine Getreuen ihre Zimmer und frühstückten mit Appetit. Dann berieten sie sich, was am besten unternommen würde. »Am geratensten ist wohl zunächst,« antworteten Craig und Fry, »im Amts- und Regierungsblatte nachzusehen, ob sich ein uns interessierender Artikel vorfindet.« »Sie haben recht,« erwiderte Kin-Fo – »vielleicht erfahren wir, was aus Wang geworden.« Die drei Herren verließen also das Gast- und Logierhaus. Vorsichtshalber marschierten die beiden Akoluthen rechts und links von ihrem Klienten, ohne daß sie aber dabei außer acht ließen, allen Passanten scharf ins Gesicht zu sehen und keinen herankommen zu lassen. Ihr Weg führte sie durch die schmalen Gassen der Stadt auf die Quais hinaus, wo sie sich eine Nummer des Amts- und Regierungsblattes kauften und begierig durchstudierten. Nichts drin zu finden, nichts als das Versprechen von 2000 Dollars oder 1300 Taëls für jeden, der William J. Bidulph den gegenwärtigen Aufenthalt des Herrn Wang aus Schang-hai bekannt geben könne. »Also ist er nicht wieder zum Vorschein gekommen,« meinte Kin-Fo. »Demnach hat er also die ihn betreffende Anzeige nicht gelesen,« meinte Craig. »Demnach muß er sich also noch an die Bedingungen des Abkommens halten,« meinte Fry ergänzend. »Aber wo kann er stecken?« rief Kin-Fo. »Herr Kin-Fo,« sprachen da Fry-Craig, »meinen Sie, während der letzten Tage des Abkommens stärker bedroht zu sein?« »Ganz ohne Zweifel,« antwortete Kin-Fo. »Wenn Wang von den Veränderungen, die in meiner Lage vorgegangen sind, nichts weiß – was mir sehr wahrscheinlich zu sein dünkt – so wird er sich der Notwendigkeit, sein Versprechen zu halten, nicht entziehen können. Demgemäß werde ich in einem Tage, in zwei, in drei Tagen stärker bedroht sein als heute und in sechs Tagen noch stärker!« »Aber wenn die Frist herum ist?« »Werde ich nichts mehr zu fürchten haben.« »Wohlan, Herr Kin-Fo«, versetzten Craig-Fry, »es giebt nur drei Mittel für Sie, sich vor jeglicher Gefahr während dieser sechs Tage zu sichern.« »Das erste Mittel?« fragte Kin-Fo. »In das Gast- und Logierhaus zurückzukehren, wo wir abgestiegen sind,« sagte Craig, »sich dort in Ihr Zimmer einzusperren und zu warten, bis die Frist abgelaufen ist.« »Und das zweite Mittel?« »Sich als Missethäter festnehmen zu lassen,« versetzte Fry, »um im Gefängnis von Tong-tsche-u in sichern Gewahrsam zu gelangen.« »Und das dritte Mittel?« »Sich als tot melden zu lassen,« antworteten Fry-Craig, »und erst dann wieder aufzuerstehen, wenn Sie in den Besitz Ihrer vollen Sicherheit zurückgelangt sind.« »Sie kennen Wang nicht!« rief da Kin-Fo. »Wang fände schon Mittel und Wege, in mein Gasthaus zu dringen, in mein Gefängnis zu dringen, in mein Grab zu dringen! Wenn er mich bis heute noch nicht mit seinem Dolch getroffen hat, so hat er es eben noch nicht gewollt, so ist es ihm eben vorteilhafter erschienen, mir das Vergnügen oder die Unruhe des Hangens und Bangens zu bereiten! Wer weiß, welchen Grund er gehabt haben kann! Jedenfalls ziehe ich vor, in Freiheit zu warten.« »Also warten wir! Indessen ...« hub Craig an. »... scheint mir,« ergänzte Fry. »Meine Herren,« antwortete Kin-Fo in trocknem Tone, »ich werde thun und lassen, was mir genehm ist. Was kann denn schließlich, wenn ich am 25. dieses Monats mit Tod abgehe, Ihrer Gesellschaft abgehen?« »Zweimalhunderttausend Dollars!« antworteten Fry-Craig, »200 000 Dollars, die an Ihre Versicherungserben bezahlt werden müssen!« »Und mich kostet's mein ganzes Vermögen, das Leben ungerechnet! Also bin ich doch bei dem Geschäft weit stärker interessiert, als Sie!« »Sehr richtig!« – Craig. »Sehr wahr!« – Fry. »Ueberwachen Sie mich also nach wie vor ganz wie es Ihnen für recht und passend erscheint – ich werde aber mein Thun und Lassen einrichten ganz wie es mir beliebt!« Darauf ließ sich absolut nichts sagen. Craig-Fry mußten sich also darauf beschränken, ihren Klienten in engere Bewachung zu nehmen und die Vorsichtsmaßregeln zu verdoppeln. Aber der Ernst der Situation spitzte sich, wie sie sich nicht verhehlten, mit jedem Tage schärfer zu. Tong-tsche-u ist eine der ältesten Städte des Himmlischen Reiches. Auf einem kanalisierten Arme des Pei-ho und am Scheitelpunkt eines andern Kanals, der die Stadt mit Peking verbindet, gelegen, bildet sie den Mittelpunkt eines großen Handelsverkehrs. Ihre Vororte wimmeln förmlich von einer außerordentlich regen und emsigen Bevölkerung. Kin-Fo sowohl als seine beiden Akoluthen wurden von diesem großartigen Leben immer lebhafter berührt, je näher sie dem Quai kamen, wo die Handelsschiffe und Handelsdschunken in überreicher Menge vor Anker lagen. Im großen Ganzen waren Craig und Fry nach reiflicher Abwägung alles Für und Wider zu der Meinung gelangt, sich mitten in einer großen Menge am sichersten zu fühlen. Der Anschein sollte doch dafür sprechen, daß der Tod ihres Klienten durch einen Selbstmord erfolgt sei. Der Brief, der bei ihm gefunden werden würde, sollte in dieser Hinsicht so gut wie keinen Zweifel bestehen lassen. Demzufolge hatte Wang Interesse daran, ihn nur unter gewissen Umständen tödlich zu treffen, die sich inmitten der stark frequentierten Straßen oder auf dem öffentlichen Platz einer Stadt nicht boten. Gleicherweise hatten Kin-Fo's Leibwächter, so lange sie an solchen Bedingungen festhielten, einen jähen Ueberfall direkter Natur nicht zu befürchten. Womit sie sich einzig und allein zu befassen hatten, war die Aufgabe, in Erfahrung zu bringen, ob der Tai-ping nicht etwa überschlau und mit Aufgebot einer in solchem Falle allerdings erstaunlichen Geschicklichkeit seit ihrem Aufbruch von Schang-hai ihren Spuren gefolgt sei. In Verfolg dieser Aufgabe sahen sie sich sozusagen die Augen aus, um das Gesicht eines jeden Menschen, der an ihnen vorbeikam, bis in die kleinsten Züge zu studieren. Plötzlich schlug ein Name an ihre Ohren, der im höchsten Maße dazu angethan war, ihre Aufmerksamkeit zu fesseln. »Kin-Fo! Kin-Fo!« riefen ein paar kleine Chinesen, die mitten unter dem Volk umhersprangen und wie toll in die Hände klatschten. War denn Kin-Fo erkannt worden? Und bewirkte sein Name die gewohnte Wirkung? Der Held blieb wider Willen stehen. Craig-Fry hielten sich in Bereitschaft, ihn im Falle der Not mit ihren Leibern zu decken. Aber Kin-Fo persönlich war es nicht, dem diese Rufe galten. Von seiner Anwesenheit schien niemand eine Ahnung zu haben. Er rührte sich deshalb nicht vom Platze, sondern blieb neugierig stehen, um zu erfahren, aus welchem Anlaß sein Name gerufen worden sei. Um einen fahrenden Sänger, der bei diesem Straßenpublikum in großer Gunst zu stehen schien, hatten sich Männer, Weiber, Kinder geschart. Alles schrie und klatschte in die Hände – Beifallsovationen, immer eine stärker als die andere, im voraus! Als sich der Sänger vor einem hinreichenden Auditorium sah, nahm er aus seinem Gewande einen Stoß bunter Bilderdrucke und rief mit weithinschallender Stimme: Die fünf Nachtwachen des Mannes, der hundert Jahre alt werden will!! Also das berühmte Rührstück war es, das im Himmlischen Reiche die Runde machte! Craig-Fry wollten ihren Klienten hinwegziehen; aber diesmal versteifte sich Kin-Fo darauf, zu bleiben. Hier kannte ihn ja niemand! Das Rührstück, das von seinem Leben und seinen Thaten handelte, hatte er noch nie gehört, noch nie gesehen. Es kennen zu lernen machte ihm Spaß. Der fahrende Sänger begann also: » In der ersten Wache : Der Mond scheint auf das spitze Dach des Hauses in Schang-hai. Kin-Fo ist jung. Er zählt zwanzig Jahre. Er gleicht der Weide, deren junge Triebe ihr grünes Züngelchen zeigen!« » In der zweiten Wache : Der Mond scheint auf die östliche Seite des reichen Yamens. Kin-Fo ist vierzig Jahre alt. Seine zehntausend Geschäfte glücken ihm nach Wunsch. Die Nachbarn singen sein Lob!« Der fahrende Sänger wechselte den Ausdruck seines Gesichts und schien bei jeder Strophe älter zu werden. Man überschüttete ihn mit Beifallsbezeigungen. Er fuhr fort: » In der dritten Wache : Der Mond scheint über dem Weltraum. Kin-Fo ist sechzig Jahre alt. Nach den grünen Blättern des Sommers kommen die gelben Chrysanthemen der herbstlichen Zeit!« » In der vierten Wache : Der Mond ist im Westen untergegangen. Kin-Fo ist achtzig Jahre alt! Sein Leib ist zusammengeschrumpft wie eine Krabbe in siedend-heißem Wasser! Er sinkt! er sinkt mit dem Gestirn der Nacht!« » In der fünften Wache : Die Hähne begrüßen die aufsteigende Morgenröte. Kin-Fo ist hundert Jahre alt! Er stirbt. Sein höchster Wunsch ist erfüllt. Aber der böse Fürst Yen weigert sich, ihm Aufnahme zu gewähren. Fürst Yen mag von so alten Leuten nichts wissen, die ihm seinen Hofstaat verunzieren würden! Der alte Kin-Fo irrt, ohne sich je ruhen zu können, treibt sich in Ewigkeit herum!« Das Volk klatschte wie rasend dem Sänger Beifall, und der Sänger verkaufte von seinem Rührstücke hundertweis das Stück für 3 Sapeken. Und warum sollte Kin-Fo sich nicht eins kaufen? Er nahm einiges Kleingeld aus der Tasche und reckte den Arm mit der vollen Hand über die ersten Reihen der Volksmenge hinüber. Plötzlich aber – ging ihm die Hand auf – unwillkürlich – und das Kleingeld entfiel ihr und kollerte auf den Boden ... Ihm gegenüber stand jemand – ein Mensch – ein Mann! Dessen Blicke sich mit den seinigen kreuzten! »Ha!« rief Kin-Fo, ausser stande, diesen Ruf zurückzuhalten, der zugleich ein Ruf der Frage war und der Verwunderung. Fry-Craig hatten ihn umstellt ... sie glaubten, ihr Schützling sei erkannt, sei bedroht, sei getroffen, sei vielleicht – tot! »Wang!« schrie Kin-Fo. »Wang!« wiederholten Craig-Fry. Wang war's! Wang, wie er leibte und lebte! Er hatte eben seinen ehemaligen Zögling bemerkt – aber statt sich auf ihn zu stürzen, stieß er die letzten Reihen der Menschenschar mit gewaltigem Ruck beiseite und floh statt dessen – floh mit aller Geschwindigkeit seiner beiden Beine, die von ganz erklecklicher Länge waren! Kin-Fo besann sich nicht lange. Er wollte von seiner unerträglichen Lage befreit sein, wollte dieser folternden Unsicherheit ledig sein und setzte hinter Wang her. Schulter an Schulter mit Fry-Craig, die ihm weder vorausgelangen, noch hinter ihm zurückbleiben mochten. Auch sie hatten den Philosophen erkannt, der so lange nicht zu finden gewesen, und sie hatten aus dem Erstaunen, das der so unverhofft Gefundene an den Tag gelegt hatte, im Nu erkannt, daß er nicht darauf gefaßt gewesen war, Kin-Fo's ansichtig zu werden, wie anderseits Kin-Fo nicht darauf gerechnet hatte, ihn hier zu treffen! Nun aber – warum floh Wang? Das war ein Umstand, für den sich so gut wie keine Erklärung finden ließ – aber er floh, und zwar mit solchen Riesensätzen, als wenn die ganze Polizei des Himmlischen Reiches ihm auf den Fersen gewesen wäre. Eine Hetze war's wie toll – eine Hetze ohne Sinn und Verstand! »Ich bin nicht ruiniert, Wang! Wang, Wang! ich – bin – nicht ru–i–niert!!« schrie hinter ihm Kin-Fo her. »Reich! reich!« schrieen in einem fort Fry-Craig. Aber Wang lief schon viel zu weit entfernt, um diese Worte hören zu können, die ihn doch sicher zum Stehen gebracht hätten. Er rannte über den Quai weg, am Kanal entlang und erreichte die westliche Vorstadt. Die drei Hetzhunde flogen sozusagen hinter ihm her, aber sie gewannen keinen Schimmer von Terrain. Im Gegenteil! Der Flüchtling drohte ihnen immer weiter vorauszukommen. Ein halbes Dutzend Chinesen hatten sich zu Kin-Fo gesellt, zwei bis drei Paar Tipaos gar nicht gerechnet, die den Kerl, der so munter Fersengeld gab, natürlich für einen Missethäter hielten. Wunderliches Schauspiel! Diese keuchende, schreiende, heulende Schar, die sich lawinenhaft mehrte! Denn zahllos fast waren die Menschen, die sich der Hetze aus freien Stücken anschlossen! In der Umgebung des fahrenden Sängers hatte man ganz deutlich gehört, wie Kin-Fo den Namen Wang gerufen hatte. Glücklicherweise hatte der Philosoph nicht mit dem Namen seines Zöglings geantwortet, denn sonst hätte sich ja die gesamte Stadt hinter einem so berühmten Manne her gestürzt! Aber der Name Wang, so plötzlich in die Menge hinein geschleudert, war schon genug! er that das seinige! that das seinige reichlich! Wang! Wang – ja! das war ja die rätselhafte Persönlichkeit, auf deren Entdeckung eine so riesenhohe Belohnung ausgesetzt war! das wußte ja doch jedes Kind! und wenn Kin-Fo um seine achtmalhunderttausend Dollars Vermögen rannte, Craig-Fry um die zweimalhunderttausend Dollars Versicherungspolice rannten, so rannten die andern um die zweitausend Dollars Prämie, die auf Wangs Kopf gesetzt waren! und daß das eine sowohl wie das andere von diesen Geldern der Mühe lohnte, die Beine ein bißchen in Bewegung zu setzen, wird man wohl gelten lassen! »Wang! Wang! ich bin ja reicher als je!« rief noch immer Kin-Fo und so laut, als es ihm die Geschwindigkeit seines Dauerlaufs irgend gestattete. »Nicht rui–niert! Nicht rui–niert!« riefen in einem fort Fry-Craig. »Haltet den – Dieb! Haltet den – Dieb!« brüllte die Verfolgerschar in Masse, die noch immer lawinenhaft anschwoll. Wang hörte nichts! Die Ellbogen vor die Brust gestemmt, mochte er sich weder durch Atemverbrauch mit Antworten lähmen, noch für das Vergnügen, den Kopf zu drehen, das geringste von seiner Geschwindigkeit einbüßen. Die Vorstadt lag hinter ihm. Er stürzte sich auf die gepflasterte Chaussee, die längs des Kanals hinläuft. Auf dieser um diese Zeit so gut wie leeren Straße hatte er freie Bahn. Die Geschwindigkeit seiner Flucht steigerte sich noch, natürlicherweise aber auch die Anstrengungen seiner Verfolger. Beinahe zwanzig Minuten dauerte diese wahnsinnige Hetze schon. Wie sie verlaufen würde, ließ sich absolut nicht ahnen oder voraussehen. Indessen gewann es den Anschein, als ob der Flüchtling ein wenig zu erlahmen anfinge. Die Entfernung, die er bis zu diesem Moment zwischen seinen Verfolgern und sich gehalten hatte, verriet eine Abnahme. Wang schien dieser Thatsache auch selbst inne zu werden, denn er machte jetzt eine Schwenkung und verschwand hinter dem grünen Hag einer kleinen Pagode auf der rechten Chausseeseite. »Zehntausend Taëls zahle ich dem, der ihn aufhält!« »Zehntausend Taëls!« wiederholten Craig-Fry. »A-a! y-a! y-a!« brüllten und heulten die Vordersten der Schar. Alle miteinander schwenkten seitlich ab, hinter dem Philosophen her, und rannten um die Pagodenmauer herum. Wang war wieder sichtbar geworden. Er lief auf einem schmalen Seitenpfade entlang, an einem Bewässerungskanale hin, und machte, um die Verfolger auf eine andere Fährte zu locken, eine neue Schwenkung, die ihn wieder auf die gepflasterte Straße zurückbrachte. Dort aber wurde ganz deutlich sichtbar, daß ihm die Kräfte ausgingen, denn er drehte sich wiederholt um. Bei Kin-Fo, Craig und Fry war von Ermattung noch nichts zu spüren; sie liefen, rannten, flogen – und keiner von all denen, die wie die Teufel um ihre Taëls rannten, konnte ihnen auch nur um einige Schritte vorauskommen. Die Entwickelung neigte sich also ihrem Ende zu ... Das Ganze war nur noch eine Frage der Zeit, und zwar einer verhältnismäßig kurzen, sehr kurzen Zeit –, die nur nach Minuten zählen konnte! Alle, Wang, Kin-Fo und seine beiden Begleiter, waren jetzt an die Stelle gelangt, wo die große Chaussee über den Fluß mittels der berühmten Palikao-Brücke führt. Achtzehn Jahre früher, am 21. September 1860, hätten sie auf diesem Punkte der Provinz Pe-tschi-li keine so freie Bahn gefunden! Damals war die große Straße von Flüchtlingen anderer Art dicht angefüllt. Die Armee des Generals San-ko-li-tzin, eines Oheims des Kaisers, war auf ihrer Flucht vor den französischen Bataillonen auf dieser Brücke zum Stehen gekommen, die bekanntlich ein Kunstwerk ersten Ranges ist, und deren weißes Marmorgeländer von einer zweifachen Reihe riesengroßer Löwen eingefaßt wird. Dort wurden diese mandschurischen Tataren, die in ihrem Fatalismus so unvergleichlich tapfer sind, von den Kugeln der europäischen Geschütze niedergemäht. Die Brücke, die noch an ihren teilweis zertrümmerten Figuren die Spuren jener Schlacht aufwies, war im gegenwärtigen Augenblicke aber leer und frei. Wang, dem die Kräfte mehr und mehr ausgingen, rannte quer über die Chaussee. Kin-Fo mit den anderen raffte alle Kräfte zu einer letzten Anstrengung zusammen und kam näher und näher an ihn heran. Bald trennten sie bloß noch zwanzig, bald bloß noch fünfzehn, bald sogar bloß noch zehn Schritte voneinander. Wang durch Worte zum Stehen zu bringen, wäre unnötiges Beginnen gewesen, denn entweder konnte er sie nicht hören, oder er wollte sie nicht hören. Man mußte ihn einholen, mußte ihn packen, mußte ihn nötigenfalls binden ... Die notwendigen Erklärungen würden ja schon nachher folgen ... Wang begriff, daß man darauf ausging, seiner habhaft zu werden, und wie zufolge eines bodenlosen Starrsinns, für den man keine Erklärung fand, schien er vor einer Begegnung mit seinem alten Schüler Auge in Auge Furcht zu haben, die so weit ging, daß er sein Leben aufs Spiel setzte, um ihr zu entgehen ... Mit einem Satze nämlich schwang er sich auf das Geländer der Brücke hinauf und stürzte sich hinunter in den Pei-Ho. Kin-Fo war einen Moment stehen geblieben und hatte geschrieen: »Wang! Wang! Wang!« Dann war auch er mit einem Satze oben auf dem Geländer und mit dem Rufe: »Ich fass' ihn lebendig!« stürzte er sich ihm hinterher in den Fluß. »Craig?« sagte Fry. »Fry?« sagte Craig. »200 000 Dollars im Wasser drin!« Und beide waren mit einem Satze oben auf dem Geländer und mit einem Sprunge unten in den Fluten des Pei-Ho, dem kostspieligen Klienten der »Centennar-Gesellschaft« hinterher und im Notfall zur Hilfe! ... Von der freiwilligen Gefolgschaft stürzten sich einige hinter ihnen her ... Die Sache sah fast so aus, als ob eine Clown-Kompagnie das Kunststück der »Traube« am Schwebetrapez machte! Aber so viel Eifer auch aufgeboten wurde, so sollte er sich doch als nutzlos erweisen. Kin-Fo, Fry-Craig und all die anderen, die auf die Prämie ganz besonders erpicht und mit in den Pei-ho gesprungen waren, konnten die Fluten desselben noch so eifrig und noch so lange aufsuchen, von Wang ließ sich keine Spur mehr finden. Von der Strömung hinweggerissen, war der unglückliche Philosoph zweifelsohne untergegangen und ertrunken ... Ob Wang sich durch den Sturz in die Fluten nur der Verfolgung hatte entziehen wollen, oder ob er sich aus irgend einem anderen Grunde vorgenommen hatte, seinem Leben ein Ziel zu setzen, wer hätte es sagen können? Nach Verlauf von zwei Stunden befanden sich Kin-Fo, Craig und Fry, enttäuscht, aber wieder trocken am Leibe, und gestärkt durch Speise und Trank, mit Musje Sun, den sie aus einem Schlafe, schwer wie Blei, mit Mühe und Not geweckt hatten, und der, wie der Leser glauben darf, das Blaue vom Himmel herunter fluchte, wieder auf der Karrenfuhre nach Peking. Vierzehntes Kapitel: worin der Leser ohne Anstrengung und Mühe vier Städte in einer einzigen durchwandern kann. Pe-tschi-li, die nördlichste der achtzehn Provinzen von China, ist in neun Distrikte geteilt. Einer von diesen Distrikten hat Schun-Kin-Fo zur Hauptstadt, welcher Name so viel wie: »dem Himmel gehorsame Stadt erster Ordnung« bedeutet. Diese Stadt ist Peking. Stelle sich der Leser das unter dem Namen »chinesischer Kopfbrecher« bekannte Zusammensetz-Spiel in einer Oberfläche von 6000 Hektar und einem Durchmesser von 8 Meilen vor, dessen unregelmäßige Stücke genau ein Rechteck ausfüllen sollen, so hat er jenes geheimnisvolle Khan-ba-ligh oder Kambalu vor Augen, von welchem Marco Polo eine so merkwürdige Beschreibung gegen Ende des 13. Jahrhunderts gab – die gegenwärtige Hauptstadt des Himmlischen Reiches! In Wirklichkeit begreift Peking zwei verschiedene Städte in sich, die durch einen großen Boulevard und eine befestigte Mauer geschieden werden: die eine, ein rechtwinkliges Parallelogramm, die chinesische Stadt, die andere ein fast vollkommenes Viereck, die Tatarenstadt, diese schließt zwei andere Städte in sich: die Gelbe Stadt, Hoang-tsching, und Tsen-kin-tsching, die Rote oder Verbotene Stadt. Ehemals zählten diese städtischen Anhäufungen weit über zwei Millionen Einwohner. Aber die durch das Uebermaß von Elend hervorgerufene Auswanderung hat diese Ziffer auf höchstens eine Million herabgemindert. Meist Tataren und Chinesen, zu denen etwa 10 000 Muselmanen hinzuzurechnen sind, ferner eine gewisse Zahl Mongolen und Tibetaner, welche die schwimmende Bevölkerung bilden Der Plan dieser Beiden übereinander geschobenen Städte bildet so ziemlich genau einen Kredenzschrank, und zwar bildet die Tatarenstadt seinen oberen Teil oder das Buffet und die Chinesenstadt den unteren Teil oder die Kredenz. Eine sechs Meilen lange befestigte Mauer von einer Höhe und Breite von 40-50 Fuß, außen mit Ziegeln bekleidet, in Abständen von 200 zu 200 Meter durch hervorspringende Türme geschützt, umgiebt die Tatarenstadt mit einer prachtvollen, gepflasterten Promenade und läuft in vier ungeheuren Bastionen aus, deren Plattform vom Leibgarden-Korps besetzt gehalten wird. Wie man sieht, wird der Kaiser, der Sohn des Himmels, wohl bewacht. Im Mittelpunkt der Tatarenstadt liegt die Gelbe Stadt, die einen Flächenraum von 660 Hektaren bedeckt und von 8 Thoren verschlossen wird. In ihr liegt ein 300 Fuß hoher Kohlenhügel, der eigentliche »Aussichtspunkt« der Stadt, sodann ein prächtiger Kanal, »Meer der Mitte« genannt, über den eine Marmorbrücke führt; zwei Bonzenklöster befinden sich ebenfalls in ihrem Bereiche, sodann die Prüfungshalle mit Zellen für 12 000 Personen, der Pe-tass-ee oder Tempel der weißen Pagode, ein auf einer Halbinsel erbauter Bonzensitz, der über den hellen Gewässern des Kanals zu schweben scheint, der Pai-tang oder Sitz der katholischen Missionare, die kaiserliche Pagode, ein Prachtbau mit seinem Dach von klingenden Glöckchen und blauen Lapis-Ziegeln, der große, den Ahnen der herrschenden Dynastie geweihte Tempel, der Tempel der Geister, der Tempel des Genius der Winde, der Tempel des Genius des Blitzes, der Tempel des Erfinders der Seide, der Tempel des Herrn des Himmels, die fünf Pavillons der Drachen, das Kloster zur Ewigen Ruhe usw. usw. Im Mittelpunkte dieses Vierseits versteckt sich die Verbotene Stadt mit einer Oberfläche von 80 Hektaren, umgeben von einem kanalisierten Graben, über den sieben Marmorbrücken führen. Daß die erste dieser drei Städte, da die herrschende Dynastie dem Mandschu-Stamm angehört, vorzugsweise von einer Bevölkerung gleicher Rasse bewohnt wird, versteht sich wohl von selbst. Die Bevölkerung chinesischen Stammes ist nach dem unteren Teile des Kredenzschrankes, in die Filialstadt, verwiesen worden. In das Innere der Verbotenen Stadt, die von roten, von einem Kapitäl aus goldgelb gefirnisten Ziegeln überragten Backsteinmauern umschlossen wird, gelangt man durch ein Thor im Süden, das Thor der »Großen Reinheit«, das sich nur vor dem Kaiser und den Kaiserinnen öffnet. Dort erheben sich der Ahnentempel der tatarischen Dynastie, von einem zweifachen Dach aus vielfarbigen Ziegeln bedeckt: die Tempel Sche und Tsi, die den irdischen und den himmlischen Geistern geweiht sind; der für Staatsfeierlichkeiten und offizielle Bankette vorbehaltene Palast der »Erhabenen Eintracht«: der Palast der »Mittleren Eintracht«, in welchem die Ahnenbilder des Sohnes des Himmels hängen; der Palast der »Schützenden Eintracht«, in dessen mittlerem Saale der Kaiserthron seinen Platz hat; der Palast des Nei-ko, worin der große Rat des Kaiserreiches seine Sitzungen abhält; der »Pavillon der litterarischen Blumen«, in welchem der Kaiser einmal im Jahr die Heiligen Bücher verdolmetschen läßt; der Pavillon Tschuan – Sin – Ti – en, in welchem die Opfer zum Andenken an Kon-fu-tse dargebracht werden; die Kaiserliche Bibliothek, die Kanzlei der Historiographen, der Wu-Igne-Ti-en, worin die zum Druck der Bücher bestimmten Kupfer- und Holzplatten aufbewahrt liegen; die Werkstätten, in denen die Gewänder für den kaiserlichen Hofstaat fabriziert werden; der »Palast der Himmlischen Reinheit« oder die Beratungsstätte für Familien-Angelegenheiten; der Palast des »Höheren Irdischen Elements, worin die junge Kaiserin ihren Hof hält; der »Palast des Sinnens«, wohin sich der Herrscher zurückzieht, wenn er krank ist; die drei Paläste, in denen die kaiserlichen Kinder erzogen werden; der Tempel der toten Eltern; die vier Tempel, die für die Witwe und die Frauen des im Jahre 1861 verstorbenen Kaisers Hi-en-Fong bestimmt worden; der Tschu-Si-e-u-Kong, die Residenz der kaiserlichen Ehegattinnen; der Palast der »Bevorzugten Hüte«, bestimmt für den offiziellen Empfang der Hofdamen; der Palast der »Allgemeinen Ruhe«, für eine Kinderschule und zwar der höheren Beamtenschaft gewiß eine eigentümliche Benennung; der Palast »der Reinigung und des Fastens; der Palast »der Gagatenen Reinheit«, in welchem die Prinzen von Geblüt wohnen; der Tempel des »Schutzgottes der Stadt«; ein Tempel tibetanischer Baukunst; das Magazin der Krone; die Kaiserliche Intendantur; der Lao-Kong-Tschu oder die Wohnung der Eunuchen, deren es nicht weniger als 5000 in der Roten Stadt giebt; endlich andere Paläste, die die Zahl der im Bereiche der Kaisermauer eingeschlossenen Staatsbauten bis auf 48 erhöhen, den Tsen-Kwang-Ko oder Pavillon des »Purpurroten Lichts«, am Ufer des Sees der Gelben Stadt gelegen, wo am 19. Juni 1873 die fünf Minister der Vereinigten Staaten, von Rußland, Holland, England und Preußen, dem Kaiser von China vorgestellt wurden. Welches Forum des Altertums hat je eine solche Anhäufung von Bauwerken, so verschieden in der Form, so reich an kostbaren Gegenständen aufgewiesen? Ja, welche Großstadt sogar, welche Regierungs- und Hauptstadt in den europäischen Staaten könnte eine solche Reihe von Gebäudenamen aufweisen? Zu dieser Aufzählung muß übrigens noch der Wan-tschou-shan, der kaiserliche Sommerpalast, hinzugefügt werden, der zwei Meilen von Peking entfernt liegt. Im Jahre 1860 von den Engländern zerstört, liegen seine Gärten Juen-ming-juen, der »Runde und Glänzende Garten«, sein »Edelsteinquellenhügel« Jü-tschüan-shan, sein »Jagdpark« Hsiang-shan, in welchem sich noch Herden von Sse-pu-hsiang, dem sonst ausgestorbenen Cervus Davidianus , finden, sein »Hügel der 10 000 Generationen«, heute fast sämtlich nur mitten unter und wohl auch selbst nur meist in Ruinen! Um die Gelbe Stadt herum liegt die Tatarenstadt, dort befinden sich die Gesandtschaften des Deutschen Reiches, der Vereinigten Staaten, diejenigen von Japan, von Frankreich, England, Italien und Rußland, und zwar im Südosten der Kaiserstadt, ferner das Missionshospital von London, die katholischen Missionen für den Osten und für den Norden, die alten Marställe für die Elefanten, deren nunmehr nur einer noch, blind und hundertjährig, am Leben ist. Dort erhebt sich der große »Glockentempel« Ta-tschung-ssee mit seinem roten, von grünen Ziegeln gefaßten Dache; der Tempel des Kon-fu-tse, das Kloster der tausend Lamas mit dem »Großen Lamatempel« Jung-ho-kung, der Tempel von Fa-kwa, das alte Observatorium mit den berühmten Bronze-Instrumenten aus dem 13. und 17. Jahrhundert in dem viereckigen Kolossalturme, der Yamen der Jesuiten, der Yamen der Weisen, wo die Universitäts- und Staatsexamina abgelegt werden. Dort erheben sich die Triumphbogen des Ostens und des Westens. Dort fließen das Nordmeer und das Rosenmeer, beide mit Seerosen und blauen Nymphäen teppichartig belegt, die beide vom Palaste des Ostens aus den Kanal der Gelben Stadt speisen. Dort stehen Paläste neben Palästen, in denen Prinzen von Geblüt residieren, dort haben die Ministerien der Finanzen, des Kultus, des Krieges, der öffentlichen Arbeiten, der ausländischen »Relationen« ihren Sitz; dort befinden sich der Rechnungshof, das Astronomische Tribunal, die medizinische Universität. Alles zeigt sich im bunten Durcheinander, mitten zwischen engen Strafen und Gassen, die im Sommer von Staub erfüllt, im Winter von Schmutz und Nässe starren, zumeist mit armseligen, niedrigen Häuschen hüben und drüben bestanden sind. Zwischen ihnen steigt hin und wieder, unvermittelt, jäh, von schönen Bäumen beschattet, irgend eines Großwürdenträgers palastartiger Wohnsitz auf; Ueber die erdrückend vollen Straßen laufen herrenlose Hunde, Kamele aus der Mongolei, beladen mit Braunkohle, werden je nach dem Range der Würdenträger von acht oder vier Trägern in Palankinen und Sänften getragen, rasseln Maultierwagen, Karren. Kutschen, laufen arme Leute, die nach Pater Tschu-tse eine unabhängige Bettler- und Landstreicher-Körperschaft von 70 000 Köpfen bilden, und in diesen »von übelriechendem schwarzem Morast gleichsam eingefetteten Gassen und Straßen«, erzählt Pater Arsenius. »in denen man bis zu den Knieen einsinkt, kommt es gar nicht selten vor, daß ein blinder Bettler stolpert und ertrinkt oder erstickt.« Von vielen Gesichtspunkten aus gleicht die chinesische Stadt von Pe-king, die den Namen Wai-Tscheng trägt, der tatarischen Stadt, aber in einigen Gesichtspunkten unterscheidet sie sich doch. Zwei berühmte Tempel erheben sich im südlichen Teile, der Tempel des Himmels und der Tempel des Ackerbaues. Neben ihnen verdienen die Tempel der Göttin Ko-a-nin, des Genius der Erde, des Genius der Läuterung, die Tempel des Schwarzen Drachens, der Geister des Himmels und der Erde, die Goldfisch-Teiche, das Kloster Fa-jun-tsse, die Marktplätze, die Theater usw. Erwähnung. Dieses rechtwinklige Parallelogramm wird von Nord nach Süd durch eine wichtige Ader, die den Namen »Große Avenue« trägt und von dem Thore von Hung-Ting im Süden bis zum Thore von Ti-en im Norden führt, geteilt. In bei Querrichtung wird sie durch eine andere Arterie von größerer Länge geschnitten, die rechtwinklich über die erstere hinweg und vom Thore von Scha-kua im Osten bis zum Thore von Kuan-tsu im Westen läuft. Sie trägt den Namen Scha-kua und hundert Schritt etwa entfernt von ihrem Schnittpunkt mit der Großen Avenue wohnte die zukünftige Madame Kin-Fo. Man besinnt sich wohl, daß die junge Witwe hinter jenem Briefe, der ihr Kin-Fo's Ruin anzeigte, einen zweiten erhalten hatte, der den Inhalt des ersten aufhob und ihr meldete, daß der siebente Mond nicht verstreichen würde, ohne daß sein »jüngeres Brüderchen« wieder bei ihr wäre. Ob Le-u von diesem Tage, dem 17. Mai, an die Tage und die Stunden zählte, darüber sich auszulassen, ist überflüssig. Kin-Fo hatte ihr aber während der sinnlosen Reise, über deren phantastische Route er unter keinerlei Vorwand etwas verlauten lassen mochte, keinerlei Nachricht weiter gegeben. Le-u hatte nach Schang-Hai geschrieben: ihre Briefe waren unbeantwortet geblieben; man kann sich nun denken, wie groß ihre Unruhe sein mußte, als bis zum 19. Juni noch kein Brief wieder bei ihr eingelaufen war. Die junge Wittib hatte deshalb während dieser langen Zeit ihr Haus in der Avenue Scha-kua auch nicht verlassen. Sie wartete voller Unruhe. Der »Z'widerwurz'n« von Nan war nicht darnach besaitet, ihr die Einsamkeit anmutig zu machen. Diese »alte Mutter« machte sich unangenehmer, als je zuvor und hätte an die hundertmal im Monat verdient, an die Luft gesetzt zu werben. Aber wieviel endlose, angst- und unruhvolle Stunden sollte es noch dauern, ehe der Augenblick da war, wo Kin-Fo nach Peking kommen würde! Le-u zählte sie, und das Additions-Exempel, zu welchem sie hierbei gelangte, erschien ihr bald erschrecklich lang und mühsam. Wenn die Religion des Lao-tse die älteste in China ist, wenn der in der nämlichen Epoche, 500 Jahre etwa vor Christo, verbreiteten Lehre des Konfu-tse der Kaiser, die Gelehrten und Weisen und die hohen Mandarinen anhängen, so ist der Buddhismus oder die Religion des Fo diejenige, welche die größte Zahl von Gläubigen – fast 300 Millionen – auf der Oberfläche der Erde zählt. Der Buddhismus scheidet sich in zwei besondere Sekten, von denen die eine jene Bonzen, durch ihre graue Gewandung und roten Kopfputz, die andere, die Lamas, durch ihre gelbe Gewandung kenntlich, als Priester besitzt. Le-u war eine Buddhistin der ersteren Sekte. Die Bonzen sahen sie oft bei sich im Tempel von Koan-ti-Miao, der bekanntlich der Göttin Koa-nin geweiht ist. Dort leistete sie Gelübde für ihren Freund und brannte, dieweil sie mit der Stirn auf dem Estrich des Tempels lag, wohlriechende Stäbchen. Gerade an diesem Tage war ihr der Gedanke gekommen, zur Göttin Koa-nin zu beten und von ihr die Erfüllung noch heißerer Wünsche zu erflehen. Eine Ahnung sagte ihr, daß demjenigen, dem sie mit so gerechter Ungeduld entgegensah, eine ernstliche Gefahr bedrohe. Le-u rief deshalb die »alte Mutter« und gab ihr Befehl, an der Ecke der Großen Avenue eine Sänfte zu holen. Nan zuckte die Achseln, der abscheulichen Gewohnheit gemäß, die sie an sich hatte, und ging hinaus, den erhaltenen Befehl auszuführen. Unterdes betrachtete die junge Wittib, so lange sie allein in ihrem Boudoir war, traurig den stummen Apparat, der ihr die Stimme des Abwesenden aus der Ferne schon lange nicht mehr übermittelte. »Ach!« sagte sie. »er soll doch wenigstens wissen, daß ich nicht aufgehört habe, an ihn zu denken! meine Stimme soll es ihm künden, wenn er wiederkehrt!« Und mit einem Druck auf die Feder setzte sie die phonographische Walze in Bewegung und sprach mit einer Stimme so laut wie möglich die süßesten Sätze, die ihr Herz ihr einflößen konnte. Nan unterbrach durch ihren plötzlichen Eintritt diesen zärtlichen Monolog. Der Sänftenträger wartete, meldete sie, vor der Thür auf Madame, »die doch ganz gut hätte daheim bleiben können!« Le-u hörte nicht auf sie, sondern verließ das Haus, die »alte Mutter« schelten lassend, soviel sie Lust hatte, und machte es sich in der Sänfte bequem, nachdem sie dem Träger Weisung gegeben, sie in den Koan-ti-Miao zu bringen. Der Weg hin ging ziemlich in gerader Richtung. Man brauchte nur um die Ecke der Scha-kua-Avenue zu biegen und die große Avenue bis zum Thore von Ti-en hinauf zu gehen. Aber die Sänfte kam nicht so leicht und rasch vorwärts. Der Verkehr wogte zu dieser Zeit noch ziemlich lebhaft in den Straßen, die in diesem Stadtviertel sowieso schon immer ziemlich stark begangen waren; denn die Gegend gehörte zur dichtbevölkertsten. Auf der Chaussee gaben Buden fremder Kaufleute der Scenerie das Aussehen eines Jahrmarkts mit seinem tausendfachen Lärm und Geschrei. Volksredner unter freiem Himmel, öffentliche Vorleser, Wahrsager und Zeichendeuter, Photographen, Karikaturenzeichner, die ziemlich wenig Respekt vor dem Ansehen der Mandarinen zeigten, schrieen und warfen ihre Glossen mitten hinein in das allgemeine Tohuwabohu. Hier zog, den Verkehr hemmend, mit großem Pomp ein Leichenzug vorbei: dort ein Hochzeitszug, der dem Trauerkondukt an Lustigkeit vielleicht nachstand, aber dieselbe Wirkung auf den Verkehr übte. Vor dem Namen einer Obrigkeit war großes Gedränge. Einer, der klagen wollte, hatte die »Trommel der Klagen« gerührt, um die gerichtliche Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auf dem Steine Le-u-ging lag ein Missethäter auf den Knieen, der eben die Bastonnade erhalten hatte, welchen Polizisten bewachten, kenntlich an der Mandschu-Mütze mit roten Eicheln, dem kurzen Spieß und den zwei Säbeln in einer Scheide. Ein kurzes Stück seitab wurden ein paar bockbeinige Chinesen, die mit den Zöpfen zusammengebunden waren, auf die Polizeiwache geführt. Noch weiter seitab schritt ein armer Teufel, dem man die linke Hand und den rechten Fuß in die zwei Löcher eines Brettes gesteckt hatte, hinkend einher, wie ein Tier von wunderlicher Art. In einen Holzkasten eingezwängt, bloß mit dem Kopfe aus dem Bodenstück herausreichend, lag ein Dieb an der Erde, der öffentlichen Mildthätigkeit überlassen. Andere wieder, gebückt wie Ochsen unter dem Joche, schleppten den Schandpfahl am Halse. Diese Unglücklichen suchten augenscheinlich die vielbegangenen Straßen und Plätze auf, in der Hoffnung, hier eine bessere Ernte an Almosen zu halten; diese Spekulation auf das Mitgefühl der Vorübergehenden ging aber stark auf Kosten der Bettler aller möglichen Sorten, die, bald einarmig oder lahm, bald paralytisch oder epileptisch, bald einzeln, bald in Zügen, z. B. Blinde unter Führung eines Einäugigen, abgesehen von den Tausenderlei Verschiedenheiten teils wirklicher, teils falscher Gebrechen, in den Städten des Kaiserreichs der Blumen wimmeln wie Ameisen. Die Sänfte bewegte sich also langsam vorwärts. Das Gewühl wurde um so größer, je näher sie dem äußeren Boulevard kam. Indessen gelangte sie dorthin und machte in dem inneren Bastionswinkel, der das Thor schützt, nahe dem Tempel der Göttin Koa-nin, Halt. Le-u stieg aus der Sänfte, trat in den Tempel, kniete vor dem Eingang nieder, warf sich dann vor der Bildsäule der Göttin auf das Gesicht und schritt zuletzt auf einen zum Dienst der Göttin gehörigen Apparat zu, der den Namen »Betmühle« führt und sich als eine Art Haspel ausweist, deren acht Arme an ihren Enden kleine, mit heiligen Sprüchen geschmückte Papierfähnchen, drehen. Ein Bonze wartete gravitätisch neben dem Apparat auf die frommen Gläubigen und vor allem auf den Obolus, den die fromme Haspelei abwerfen würde. Le-u drückte dem Diener Buddhas ein paar Taëls in die Hand, als Beitrag zu den Kosten des Kultus; dann nahm sie den Griff der Haspel in die rechte Hand und gab ihr, nachdem sie die linke Hand aufs Herz gedrückt hatte, einen leichten Schwung. Zweifelsohne drehte sich die Mühle nicht rasch genug, um dem Gebet Wirksamkeit zu leihen. »Rascher! rascher!« sprach der Bonze zu ihr, ihr durch Gebärden Mut machend. Und die junge Wittib haspelte sich ab mit der Haspel, daß es eine Art hatte! Das ging so beinahe eine Viertelstunde lang fort, worauf der Bonze endlich die Versicherung gab, die Gebete der frommen Frau würden Erhörung finden. Le-u warf sich zum andernmal vor der Bildsäule der Göttin Koa-nin auf die Stirn, verließ den Tempel und setzte sich wieder in die Sänfte, um sich nach Hause tragen zu lassen. In dem Augenblick aber, als sie in die große Avenue einbiegen wollten, mußten die Träger sich schleunigst auf die Straßenseite flüchten. Soldaten stießen mit rohen Püffen die Menge beiseite. Die Läden schlossen sich im Nu auf lautes Kommando. Die Quer- und Seitenstraßen wurden unter der Aussicht von Tipaos durch blaue Vorhänge abgesperrt. Ein langer Zug von Menschen über Menschen besetzte einen Teil der Avenue und bewegte sich mit lautem Lärmen vorwärts. Der Kaiser Koang-Sin, dessen Name »Ruhm über Ruhm« bedeutet, hielt seinen Einzug in seine gute Tatarenstadt, und zu seinem Einlaß in die Kaiserstadt sollte sich das mittlere Thor aufthun. Hinter zwei Spitzenreitern kam ein Zug Plänkler, dann ein berittener Vortrab, der in zwei Gliedern auf beiden Seiten postiert war und einen Stab über der Schulter trug. Hinter ihnen entfaltete ein Korps Offiziere von hohem Rang den gelben Sonnenschirm mit Spitzen, geschmückt mit dem Drachen, der das Sinnbild des Kaisers, wie der Phönix das Sinnbild der Kaiserin ist. Der Palankin, dessen gelbseidener Vorhang gelüftet war, erschien sogleich, gehalten von sechzehn Trägern, die in roten, mit weißen Rosetten besäeten Gewändern, und gepanzert mit Westen aus pikierter Seide, einhergingen. Prinzen von Geblüt, Würdenträger auf Rossen, die als Abzeichen hohen Adels mit gelber Seide aufgezäumt waren, gaben dem kaiserlichen Transportmittel das Geleit. In dem Palankin thronte, halb sitzend, halb liegend, der Sohn des Himmels, Vetter des Kaisers Tong-tsche und Neffe des Prinzen Kong. Hinter dem Palankin kamen Stallknechte und Reserveträger. Endlich verschwand dieser ganze lange Zug, zur lebhaften Befriedigung der Fußgänger, Kaufleute, Bettler, die nun wieder ihren Geschäften und Verrichtungen nachgehen konnten, hinter dem Thore von Ti-en. Le-u's Sänfte setzte ihren Weg fort, und nach einer zweistündigen Abwesenheit langte die schöne Wittib wieder vor ihrem Hause an. Ach! welche Ueberraschung hatte die gütige Göttin Koa-nin der jungen Frau beschert! In dem Augenblick, als die Sänfte zu Boden gesetzt wurde, war ein mit zwei Maultieren bespannter Wagen, über und über mit Staub bedeckt, am Hause vorgefahren. Kin-Fo, gefolgt von Craig-Fry und von Sun, stieg aus dem Wagen! »Du? Du!!« rief Le-u, die ihren Augen nicht trauen konnte. »Liebstes jüngeres Schwesterchen!« antwortete Kin-Fo, »an meiner Rückkehr hast Du doch nicht gezweifelt?« Le-u gab keine Antwort. Sie ergriff die Hand ihres Freundes und zog ihn in das Boudoir vor den kleinen phonographischen Apparat, den heimlichen Vertrauten ihres Herzeleids! »Ich habe nicht einen Augenblick aufgehört, Deiner zu warten!« sagte sie. »Du süßes Herz, gestickt mit Blumen von Seide!« Und die Walze ausrückend, drückte sie auf die Feder, die die Walze in Bewegung setzte. Und Kin-Fo konnte nun eine süße Stimme hören, die ihm wiederholte, was die süße Le-u erst vor wenigen Stunden gesagt hatte: »Komm wieder, vielgeliebtes Brüderchen! Komm an meine Seite! Ach, möchten doch unsere Herzen nie weiter voneinander sein, als die beiden Sternbilder des Hirten und der Leier! All meine Gedanken weilen bei Deiner Rückkehr ...« Der Apparat schwieg eine Sekunde ... bloß eine Sekunde. Dann setzte er wieder ein, aber diesmal mit einer kreischenden, keifenden Stimme: »Mit einer Herrin im Hause ist's nicht genug! es muß auch ein Herr noch drin sein! Daß doch Fürst Yen sie alle beide erdrossele!« Sie war nur zu gut kenntlich, diese zweite Stimme! Es war Nans Stimme. Der Z'widerwurz'n von »alter Mutter« hatte, als Le-u das Haus verlassen, während der Apparat noch funktionierte, das Gespräch fortgesetzt und nun gab der Apparat die unvorsichtigen Worte, ohne daß die Alte so etwas geahnt hatte, wieder! Dienstboten männlichen und weiblichen Geschlechts, nehmt euch in acht vor Phonographen! Noch an demselben Tage erhielt Nan ihren Abschied, und mit ihrer Entlassung wurde gar nicht einmal gewartet, bis der siebente Monat um war, trotzdem es nur noch wenige Tage bis dorthin waren! Fünfzehntes Kapitel: das Herrn Kin-Fo ganz sicher und vielleicht auch dem Leser eine Ueberraschung aufhebt. Der Vermählung des reichen Kin-Fo aus Schang-hai mit der liebenswürdigen Le-u aus Pe-king stand nun nichts mehr im Wege. Nur noch sechs Tage, dann war die Frist abgelaufen, die Wang bewilligt worden war, sein Versprechen einzulösen; aber der unglückliche Philosoph hatte seine Flucht, für die sich nach keiner Seite hin eine Erklärung fand, mit dem Leben bezahlt. Zu fürchten stand also jetzt nichts mehr. Die Hochzeit konnte stattfinden. Sie wurde beschlossen und auf jenen 25. Juni festgesetzt, den Kin-Fo zum letzten Tage seines Lebens hatte machen wollen! Die junge Frau kannte nunmehr die ganze Sachlage. Sie wußte, durch welche verschiedenen Lebensphasen derjenige eben gewandelt war, der jetzt wieder zu ihr zurückkehrte, nachdem er nichts davon hatte wissen wollen, sie arm und elend und zum zweiten Male zur Witwe machen zu wollen, und nun in der festen Absicht zu ihr zurückkehrte, sie glücklich zu machen, nachdem ihm de Hände nach keiner Seite hin mehr gebunden waren. Aber als Le-u den Tod des Philosophen vernahm, konnte sie Thränen nicht zurückhalten. Sie kannte ihn, sie hatte ihn gern, er war der erste Vertraute ihrer Herzensneigung zu Kni-Fo gewesen. »Armer Wang!« sagte sie – »er wird bei unserer Hochzeit recht fehlen!« »Jawohl! armer Wang!« antwortete Kin-Fo, dem es nicht minder weh that, diesen Kameraden seiner Jugend, diesen Freund seit zwanzig Jahren, zu missen – »und doch,« setzte er hinzu, »würde er mich zu Tode getroffen haben, ganz, wie er's geschworen hatte!« »Nein! nein! versetzte Le-u, das hübsche Köpfchen schüttelnd, »wer weiß, ob er den Tod nicht in den Fluten des Pei-ho bloß gesucht hat, um dieses gräßliche Versprechen nicht zu erfüllen!« Ach! Diese Möglichkeit ließ sich nur allzusehr annehmen! Die Möglichkeit, das? Wang sich hatte ertränken wollen, um der übernommenen Verpflichtung zu entgehen! In dieser Hinsicht dachte nun Kin-Fo ganz so, wie die junge Frau, und hinfort gab es zwei Herzen, in denen das Bild des Philosophen sich nie mehr verwischen sollte! Daß infolge des unglücklichen Vorganges auf der Palikao-Brücke die chinesischen Zeitungen mit dem Abdruck der haltlosen Anzeigen Seiner Ehren William J. Bidulphs aufhörten, versteht sich von selbst. Kein Wunder, daß die unerfreuliche Berühmtheit Kin-Fo's zufolgedessen ebenso schnell verflog, wie sie entstanden war. Und nun – was sollte aus Craig und Fry hinfort werden? Die Aufgabe, die Interessen der »Centennar«-Gesellschaft bis zum 30. Juni zu schützen, blieb für sie nach wie vor bestehen, also noch immer auf volle sechs Tage; m Wahrheit aber war Kin-Fo ihrer Dienste nicht mehr bedürftig. Stand denn noch zu befürchten, daß Wang einen Angriff gegen seine Person wagen würde? Nein! denn er war nicht mehr am Leben! Konnten sie fürchten, daß ihr Schutzbefohlener verbrecherisch Hand an sich selbst legen würde? Auch nicht! Kin-Fo verlangte jetzt nach nichts anderem, als nach einem möglichst recht langen und recht guten Leben! Mithin hatte die unablässige Ueberwachung durch Fry-Craig keinen Grund mehr zu weiterem Bestände. Alles in allem genommen, waren es aber ganz brave Menschen, diese beiden Originale! Wenn sich auch ihre Ergebenheit gegen Kin-Fo im großen Ganzen nur aus dem Umstände herschrieb, daß er Klient ihrer Gesellschaft war, so war er um deswillen nicht weniger aufmerksam gegen sie gewesen, sondern hatte sie vielmehr zu jeder Zeit äußerst liebenswürdig behandelt. Darum lud sie auch Kin-Fo zu seinem Hochzeitsfest ein, und sie nahmen die Einladung auch an. »Uebrigens,« meinte Fry scherzhaft zu Craig, »ist ja Heiraten zuweilen der reine Selbstmord!« »Man giebt sein Leben hin, indem man es erst recht bewahrt,« antwortete Craig mit liebenswürdigem Lächeln. Vom folgenden Tage ab war Nan im Hause der Avenue Scha-Kua durch eine besser geeignete Person ersetzt worden. Eine Tante der jungen Wittib, eine Frau Lutalu, war zu ihr gekommen und sollte bis zu ihrer Hochzeit Mutterstelle bei ihr vertreten. Frau Lutalu war die Gattin eines Mandarinen vierten Ranges und zweiter Klasse, mit blauem Knopf, eines alten kaiserlichen Lektors und Mitgliedes der Akademie der Han-Liu, und besah alle physischen und moralischen Eigenschaften, die für eine schickliche Erfüllung dieser wichtigen Obliegenheiten erforderlich waren. Was Kin-Fo anbetrifft, so rechnete er bestimmt darauf. Peking nach seiner Verheiratung zu verlassen, da er keiner von jenen Söhnen des Himmels war, welche die Nähe des Hofes lieben. Wahrhaft glücklich würde er erst dann werden, wenn er seine junge Frau im reichen Namen von Schang-hai beherbergt wüßte. Inzwischen war also die Notwendigkeit an ihn herangetreten, sich eine provisorische Wohnung zu mieten, und er hatte, was er brauchte, in Ti-en-su-tang, dem »Tempel des Ewigen Glücks«, gefunden, einem sehr gut und bequem eingerichteten Gast- und Logierhause, das unfern vom Boulevard Ti-en-Men zwischen der tatarischen und der chinesischen Stadt gelegen war. Dort wurden auch Craig und Fry einquartiert, die sich aus Gewohnheitsrücksichten nicht dazu entschließen konnten, ihren Schutzbefohlenen zu verlassen. Was nun Sun anbetrifft, so hatte er, knurrig wie immer, aber fürsorglich darauf bedacht, keinen Phonographen, dessen Indiskretion ihm einen heillosen Schrecken eingejagt hatte, in den Weg zu laufen, seinen Dienst wieder aufgenommen. Nan's Abenteuer hatte ihn wenigstens in dieser Hinsicht klug gemacht. Kin-Fo hatte die Freude gehabt, zwei seiner alten Freunde aus Canton in Peking wiederzufinden, den Handelsherrn Yin-Pang und den Gelehrten Hu-al. Andererseits war er mit einigen Beamten und Würdenträgern näher bekannt, auch mit einigen Kaufherren der Hauptstadt, und alle erblickten eine Pflicht für sich darin, ihm bei diesen großen Anlässen mit Hilfe und Beistand an die Hand zu gehen. Jetzt war er wirklich glücklich, der ehedem so indifferente, so gefühl- und leidenschaftslose Zögling des Philosophen Wang! Acht Wochen Sorgen, Aengste, Mühen, diese, wenn auch kurze, so doch um so aufgeregter verlaufene Zeit seines Daseins war hinreichend gewesen, ihm für das, was hienieden Glück ist, Glück sein soll und Glück sein kann, die Augen zu öffnen. Ja! der weise Philosoph hatte recht! Ach, daß er jetzt nicht da war, um die Vortrefflichkeit seiner Lehre ein neues Mal noch festzustellen! Kin-Fo verbrachte bei der jungen Frau alle Zeit, die er nicht den Vorbereitungen zur Hochzeltsfeier widmete. Le-u war glücklich von dem Augenblick an, da ihr Freund an ihrer Seite weilte. Wozu hatte er nötig, die reichsten Kaufläden der Hauptstadt in Kontribution zu setzen, um sie mit prächtigen Geschenken zu überschütten? Sie dachte einzig und allein an ihn und wiederholte sich die weisen Lehren der berühmten Sammlung Pan-Hoei-Pan: »Wenn ein Weib einen Mann hat nach ihrem Herzen, so gilt das für ihr ganzes Leben.« »Die Frau soll eine Achtung ohne Grenzen im Herzen halten vor demjenigen, dessen Namen sie trägt, und soll die Acht hierauf nie aus den Augen lassen.« »Die Frau soll im Hause sein als wie ein lauterer Schatten und ein flüchtiges Echo.« »Der Ehemann ist der Himmel der Ehefrau.« Inzwischen rückten die Vorbereitungen zu dieser Hochzeit, die Kin-Fo recht großartig und prächtig gefeiert sehen wollte, immer näher heran. Schon waren die dreißig Paar gestickter Schuhe, die zur Ausstattung einer Chinesin gehören, in der Wohnung in der Scha-Kua in Reih und Glied gestellt. Die Zuckerwaren von der Konditoreifirma Si-nujan, Konfitüren, getrocknete Früchte, gefüllte Schokolade, Gerstenzucker, dick eingekochte Prünellen und Apfelsinen, Ingwer- und Pompelmus-Saft, die prachtvollen Seidenstoffe, die Juwelen aus kostbaren Edelsteinen und aus fein ciseliertem Gold, die Ringe. Armbänder, Fingernägel-Kappen, Haarnadeln usw. usw., all die reizenden Phantasiewaren der Pekinger Goldschmiedekunst wanderten schier haufenweis in das Boudoir der schönen Wittib Le-u. In diesem seltsamen Kaiserreiche der Mitte bringt kein junges Mädchen eine Mitgift in die Ehe. Sie wird von den Eltern des Mannes oder von dem Manne selbst richtig gekauft, und wenn keine Brüder da sind, kann sie von dem väterlichen Vermögen einen Teil nur erben, wenn ihr Vater hierüber eine ausdrückliche Verfügung trifft. Diese Bedingungen werden gewöhnlich durch Mittelspersonen geregelt, die den Namen »mei-jin« führen, und erst, wenn in dieser Hinsicht alles abgemacht und in Ordnung ist, wird die Hochzeit festgesetzt. Die junge Braut wird nun den Eltern des Mannes vorgestellt. Der Mann selbst sieht sie gar nicht. Er bekommt sie erst in dem Augenblick zu sehen, wenn sie in einer geschlossenen Sänfte im ehelichen Hause ihren Einzug hält. In diesem Augenblick wird dem Manne der Schlüssel zur Sänfte gegeben. Er schließt die Thür auf. Gefällt ihm seine Frau, so reicht er ihr die Hand; mißfällt sie ihm, so schließt er die Thür auf der Stelle wieder zu, und alle Beziehungen gelten als abgebrochen unter der Bedingung, daß den Eltern der jungen Frau das gezahlte Handgeld bleibt. Von solchen Dingen konnte bei Kin-Fo's Heirat nicht die Rede sein. Er kannte die junge Frau und brauchte sie nicht zu kaufen. Das vereinfachte die Dinge wesentlich. Endlich kam der 25. Juni. Alles war bereit. Seit drei Tagen blieb, der Landessitte gemäß, Le-u's Haus im Innern erleuchtet. Drei Nächte lang hatte Frau Lutalu, die als Repräsentantin für die Familie der Zukünftigen galt, sich alles Schlafes enthalten müssen – was zu dem Zweck geschieht, um recht traurig zu erscheinen in dem Augenblick, wo die Braut das väterliche Haus verläßt. Hätte Kin-Fo noch Eltern besessen, so würde auch sein eigenes Haus zum Zeichen der Trauer erleuchtet worden sein, weil die Verheiratung des Sohnes dem Familiengesetz gemäß, »als ein Gleichnis für den Tod des Vaters betrachtet werden soll und der Sohn ihm nun als Vater den Platz streitig zu machen scheint«, heißt's im »Hao-Khi-e-u-Tschu-en«. Konnten nun auch diese Bräuche auf den Bund der beiden Brautleute, die völlig freie Herrschaft über ihre Personen hatten, keine Anwendung finden, so gab es deren andere, denen Rechnung getragen werden mußte. So wurde keine einzige astrologische Förmlichkeit verabsäumt. Die nach allen Regeln der Kunst gestellten Horoskops verkündeten eine vollkommene Uebereinstimmung von Schicksalen und Temperament. Jahreszeit und Mondesalter erwiesen sich als günstig. Nie hatte sich eine Ehe unter beruhigenderen Auspizien vollzogen. Der Empfang der Braut sollte um 8 Uhr abends im Gast- und Logierhause »zum Himmlischen Glück« vor sich gehen, das heißt, die Gattin sollte unter großem Pomp in das derzeitige Domizil des Gatten geführt werden. In China braucht es zu solchem Zweck weder eines Ganges aufs Standesamt, noch in eine Kirche. Um 7 Uhr empfing Kin-Fo seine Freunde auf der Schwelle seiner Wohnung – Kin-Fo noch immer m Begleitung Craig-Fry's, die ihm strahlend zu beiden Seiten standen, wie Trauzeugen auf einer Hochzeit im Abendlande ... Welch ein Ueberschwang von Komplimenten und Höflichkeiten! Auf rotem Papier waren die Einladungen an all die vornehmen Persönlichkeiten, die dem Feste beiwohnten, ergangen; in Schrift von mikroskopischer Kleinheit hatten die einladenden Worte gelautet, wie folgt: »Herr Kin-Fo aus Schang-hai empfiehlt sich demütig und bescheiden Herrn ... und bittet ihn noch demütiger und bescheidener´ ...der bescheidenen Feier ... etc. beizuwohnen.« etc. Alle waren gekommen zu Ehren des jungen Paares, und um teilzunehmen an dem großartigen Festmahl, das für die Herren hergerichtet war, während sich die Damenwelt an einer für sie besonders aufgeschlagenen Tafel zusammenfand. Anwesend waren der Handelsherr Yin-Pang und der Gelehrte Hu-al. Ferner einige Mandarinen, die an ihrem Amtshute das rote Kügelchen, etwa so groß wie ein Taubenei, trugen, zum Zeichen, daß sie zu den drei ersten Ordnungen gehörten. Andere, von niedrigerer Kategorie, trugen nur Knöpfe von undurchsichtigem Blau oder undurchsichtigem Weiß. Der Mehrzahl nach waren es bürgerliche Würdenträger chinesischer Abstammung, wie es die Freunde eines, der tatarischen Rasse feindlich gesinnten Schang-haier notwendigerweise auch sein mußten. Alle in eleganten Toiletten, die Herren im vornehmen Oberkleid, die Damen in strahlenden Roben, beide in festlichem Kopfputz, in der That eine Hochzeitsgesellschaft von blendender Pracht! Kin-Fo – so verlangte es die Höflichkeit – erwartete seine Gäste direkt am Eingange des Hotels. Jeden, der kam, geleitete er nach dem Empfangszimmer, nachdem er ihn an jeder Thüre, die von Lakaien in großer Livree geöffnet wurde, zweimal ersucht hatte, gütigst ihm voraufgehen zu wollen. Er titulierte jeden mit seinem »edlen Namen«, fragte jeden, wie es um seine »edle Gesundheit« stände, er erkundigte sich nach ihren »edlen Familien«. Kurz, kein noch so peinlicher Kritiker der kindischen und ehrsamen Landeshöflichkeit hätte ihn auch nur des leisesten Mangels an Korrektheit in seiner Haltung bezichtigen können. Craig und Fry zollten diesen Höflichkeiten ihre Bewunderung: über alledem liefen sie den ihrem Schutz anbefohlenen Gesellschaftsritter »ohne Furcht und Tadel« nicht eine Sekunde aus den Augen. Ein und derselbe Gedanke war ihnen beiden gleichzeitig gekommen. Wenn nun möglicherweise Wang nicht, wie man annahm, in den Fluten des Pei-ho gestorben wäre? ... wenn er sich jetzt unter diese Gruppen von Gästen mischte!? ... Noch hatte ja die vierundzwanzigste Stunde des fünfundzwanzigsten Junitages – die letzte Stunde – nicht geschlagen! Die Hand des Tai-pings war nicht entwaffnet! Wenn etwa im letzten Augenblicke? ... Nein! so etwas war nicht wahrscheinlich, schließlich aber – auch nicht unmöglich! Darum hielten, mit einem letzten Ueberrest von Vorsichtigkeit, Craig-Fry die ganze anwesende Gesellschaft scharf im Äuge ... Aber, so scharfen Ausblick sie auch hielten, sie bemerkten kein einziges verdächtiges Gesicht darunter ... Unterdessen verließ die zukünftige Gattin Kin-Fo's ihr Haus in der Avenue Scha-Kua und nahm in einem geschlossenen Palankin Platz. Wenn auch Kin-Fo nicht das Mandarinen-Kostüm trug, das jeder Bräutigam das Recht hat, anzulegen – zur Ehre für die von den alten Gesetzgebern hochgeachtete Satzung der Ehe – so hatte anderseits Le-u sich den Vorschriften der vornehmen Gesellschaft gemäss gekleidet. In ihrer durchweg roten Toilette aus wunderbarem Seidenstoff mit wunderbarer Stickerei sah sie blendend aus. Ueber ihrem Gesicht trug sie einen Schleier aus zartesten Edelperlen, die von dem reichen Diadem, dessen goldener Reif ihre Stirn umschloß, herniederzutropfen schienen. Und der herrliche Schleier selbst schien ihr holdes Gesicht weniger zu verhüllen, als vielmehr, wenn sich so sagen läßt, zu enthüllen – zum wenigsten trat es hinter der scheinbaren Schleierhülle in neuer, nicht gekannter Schönheit vor Kin-Fo's Auge. Köstliches Edelgestein und künstliche Blumen von bestem Geschmack glitzerten sternengleich in ihrem schwarzen Haar und ihren langen schwarzen Flechten. Daß Kin-Fo sie noch holder und reizender finden würde, als bisher, wenn sie jetzt aus dem Palankin stieg, dessen Thür von seiner Hand alsbald geöffnet werden sollte, wäre wirklich und wahrhaftig nicht zu verwundern gewesen! Der Hochzeitszug setzte sich in Bewegung, bog um die Ecke der großen Avenue, zog diese entlang und den Boulevard von Ti-en-Men entlang. Zweifelsohne wäre er großartiger und prächtiger gewesen, wenn es kein Hochzeits-, sondern ein Leichenzug gewesen wäre; alles in allem lohnte es aber auch bei ihm für die Fußgänger der Mühe, stehen zu bleiben und ihm nachzuschauen. Freundinnen. Kameradinnen von Le-u folgten dem Palankin und trugen in großem Aufzuge die verschiedenen Ausstattungssachen und Hochzeitsgeschenke. An die zwanzig Musiker schritten mit lauter Blechmusik voran, aus der der schmetternde Klang des Gong vor allem andern herauszuhören war. Um den Palankin herum bewegte sich eine Menge von Fackelträgern und ein Schwarm von Leuten, die bunte Papierlaternen in tausenderlei Farben trugen. Die zukünftige Gattin Kin-Fo's blieb den Augen der Menge absolut unsichtbar. Der Etikette gemäß durften keines andern Blicke früher auf sie fallen, als ihres Gemahls Blicke. Also beschaffen und zusammengesetzt und inmitten eines lärmenden Andrangs von Volksmengen kam der Zug gegen 8 Uhr abends am Gast- und Logierhause »zum Himmlischen Glück« an. Kin-Fo stand vor dem reichgeschmückten Hause. Er wartete, um die Thür des Palankins zu öffnen, auf seine Ankunft. Gleich hernach gedachte er seiner Zukünftigen beim Aussteigen zu helfen, sie in die für sie bestimmten Gemächer zu führen, wo sie beide viermal sich vor dem Himmel verneigen sollten. Dann würden sie sich zusammen zum hochzeitlichen Mahle begeben. Die Braut würde vier Kniebeugungen vor ihrem Manne machen. Dieser hingegen würde gleiches vor seiner Frau zweimal thun. Unter der Gestalt von Trankopfern würden sie ein paar Tropfen Wein verschütten. Den vermittelnden Geistern würden sie einige Speisen anbieten. Dann würde man ihnen zwei volle Becher bringen, die sie zur Hälfte leeren würden und die übrige Hälfte dann in einen einzigen Becher zusammenschütten und diesen nacheinander, erst den Gemahl, dann die Gemahlin, bis auf die Neige leeren lassen. Hiernach würde der eheliche Bund als geweiht gelten. Der Palankin war gekommen. Kin-Fo that einen Schritt vorwärts. Ein Ceremonienmeister übergab ihm den Schlüssel. Er nahm ihn entgegen, schloß die Thür auf und reichte der reizenden Le-u, die von tiefer Rührung ergriffen war, die Hand. Leichten Fußes stieg die Braut aus der Sänfte und schritt durch die Gruppe der Hochzeitsgäste, die sich respektvoll verneigten und die Hand bis zur Brust herauf erhoben. In dem Augenblick, als die junge Frau sich anschickte, die Schwelle zu überschreiten, wurde ein Signal gegeben. Leuchtende Papierdrachen von ungeheurer Größe stiegen in die Luft empor und schaukelten im Hauche des Windes ihre buntfarbigen Drachen-, Phönix- und andern Sinnbilder der Ehe. Aeolische Tauben, an deren Schwanz ein kleiner schallender Apparat befestigt war, flogen auf und erfüllten den Raum mit himmlischer Harmonie. Tausendfarbige Raketen flogen zischend auf, und aus ihrem blendenden Strauße fiel ein Goldregen hernieder. Plötzlich ließ sich ein fernes Geräusch auf dem Boulevard von Ti-en-Men vernehmen, lautes Geschrei, in das sich die hellen Klänge einer Trompete mischten. Dann trat Stillschweigen ein, und nach einigen Augenblicken nahm der Lärm wieder seinen Anfang. Nicht lange dauerte es, so war er bis zu der Straße vorgedrungen, wo der Hochzeits-Zug gehalten hatte. Kin-Fo und seine Freunde warteten unschlüssig, daß die junge Frau in das Gasthaus eintrete. Fast ebenso schnell füllte sich aber die Strafte mit eigentümlichem Leben. Die Trompetenstöße verdoppelten sich, je näher die Menge heranflutete. »Was geht denn vor?« fragte Kin-Fo. Le-u's Züge hatten sich verändert. Eine geheime Ahnung beschleunigte den Schlag ihres Herzens. Plötzlich drang die Menge in die Straße hinein; sie umringte einen Herold in kaiserlicher Uniform, dem mehrere Tipaos das Geleit gaben, und der mitten in das allgemeine Schweigen die bloßen Worte rief: »Tod der Kaiserin Witwe! Interdikt! Interdikt!« Dumpfes Murren antwortete auf die Worte. Kin-Fo hatte begriffen. Es war ein Streich, der ihn unmittelbar traf. Er vermochte eine zornige Gebärde nicht zurückzuhalten. Die kaiserliche Trauer für den Tod der Witwe des letzten Kaisers war über das Reich verhängt worden. So lange Zeit, wie durch Gesetzerlaß vorgeschrieben werden würde, war es zufolge des verhängten Interdikts jedem Manne verboten, sich den Kopf zu rasieren oder rasieren zu lassen, war es verboten, öffentliche Feste zu feiern und Theatervorstellungen zu geben, war es den Gerichtshöfen verboten, Recht zu sprechen, war es der gesamten Bürgerschaft im Reiche verboten, Ehen zu schließen und Hochzeiten zu feiern! Le-u war untröstlich, aber voll Mut nahm sie, um den Schmerz ihres Bräutigams nicht zu vermehren, den Schicksalsschlag gelassen hin und ergriff die Hand ihres lieben Kin-Fo, um ihm mit einer Stimme, deren lebhafte Rührung sie sich zu verbergen bemühte, das einzige Wort: »Warten wir!« zuzurufen. Und der Palankin trug die junge Frau zurück nach ihrem Hause in der Avenue Scha-Kua, und die Feste wurden aufgehoben, die Tafeln wurden abgeräumt, die Musikchöre heimgeschickt, und die Freunde des untröstlichen Kin-Fo gingen auseinander, nachdem sie ihn sämtlich ihres innigsten Beileids versichert hatten. Dem kaiserlichen Interdikt zuwider handeln zu wollen, durfte man auf keinen Fall wagen! Ganz entschieden fuhr das Mißgeschick fort, Kin-Fo zu verfolgen. Wiederum ein Anlaß, der ihm gegeben wurde, damit er aus den philosophischen Lehren, die er von seinem alten Meister vernommen, Nutzen und Segen ziehen lerne! Kin-Fo war mit Craig und mit Fry allein in jenem öden Gemach des Gasthauses »zum Himmlischen Glück« zurückgeblieben, dessen Name ihm jetzt ein bitterer Hohn zu sein bedünkte. Die Interdikts-Zeit konnte so lange dauern, wie es dem Sohne des Himmels zu bestimmen beliebte! Und das mußte ihm passieren, der doch darauf gerechnet hatte, auf der Stelle nach Schang-hai zurückzukehren und seine junge Gattin in seinen reichen Yamen einzuführen, um dort mit ihr ein neues Leben unter diesen neuen Bedingungen zu beginnen! Eine Stunde etwa mochte verstrichen sein, da trat ein Diener in sein Zimmer und reichte ihm ein Schreiben, das soeben durch einen Eilboten abgegeben worden sei. Sobald Kin-Fo die Schrift auf der Adresse gesehen, konnte er einen Aufschrei nicht unterdrücken. Es war ein Schreiben von Wang und enthielt die folgenden Sätze: »Freund! Ich bin nicht tot, aber wenn Du diesen Brief erhalten wirst, werde ich zu leben aufgehört haben! Ich gehe in den Tod, weil ich nicht den Mut habe, mein Versprechen zu halten. Aber fasse Dich in Ruhe! Ich habe für alles Vorsorge getroffen. Lao-Schen, ein Tai-ping-Häuptling und alter Kamerad von mir, besitzt Deinen Brief! Er wird eine festere Hand und ein festeres Herz haben, um die furchtbare Mission zu erfüllen, zu deren Entgegennahme Du mich bestimmt hattest. Ihm also wird das Kapital zufallen, das Du zu meinen Gunsten versichert hast: ich habe es ihm testamentarisch vermacht, und er wird es bei der Versicherungskasse abheben, wenn Du nicht mehr sein wirst! ... »Lebe wohl! ich gehe Dir im Tode voraus! Auf ein baldiges Wiedersehen! Lebe wohl! Wang!« Sechzehntes Kapitel: worin Kin-Fo, nach wie vor Junggeselle, munter wieder in der Welt herumzulaufen anfängt. In solcher Situation befand sich nun Kin-Fo, – in einer Situation, die tausendmal schlimmer war, als seine bisherige! Trotz des gegebenen Wortes hatte also Wang, als es sich darum gehandelt hatte, seinen einstigen Zögling zu Tode zu treffen, sich von seinem Gefühl überwältigen lassen, so daß seine Willenskraft erlahmt war! Sonach wußte Wang von der Veränderung, die mit Kin-Fo's Vermögen vor sich gegangen war, noch keine Silbe, denn in seinem Briefe sprach er nicht davon! Also einen andern hatte Wang beauftragt, das Versprechen zu halten, das er gegeben hatte, und welchen andern!! Einen Tai-ping, den Fürchterlichsten von allen, der nicht den geringsten Gewissensbiß fühlen würde vor einem einfachen Morde, für den ihn nicht einmal jemand zur Verantwortung ziehen könnte! Kin-Fo's Brief stellte ihn ja vor jeder Bestrafung sicher, und Wangs Vermächtnis stellte ihm ein Vermögen von 50 000 Dollars sicher! »Ha! aber nun wird mir die Sache doch langsam genug!!« rief Kin-Fo in einer ersten Zornesregung. Craig-Fry hatten von Wangs Botschaft Kenntnis genommen. »Trägt Ihr Schreiben nicht,« fragten sie Kin-Fo, »als äußerstes Datum den 25. Juni?« »Nicht doch!« versetzte er. »Wang sollte es erst vom Tage meines Todes datieren und konnte auch gar nicht anders! Nun kann dieser Lao-Schen handeln, wann es ihm beliebt, ohne durch die Zeit beschränkt zu sein!« »O!« meinten Fry-Craig. »er hat Interesse daran, sich an die kürzeste Frist zu halten!« »Wieso ...?« »Damit Ihre Police auch bezahlt werde und ihm das Kapital nicht entgehe!« Auf diesen Grund ließe sich nichts erwidern. »Meinetwegen,« antwortete Kin-Fo. »Nichtsdestoweniger darf ich keine Stunde verloren gehen lassen, wieder in Besitz meines Briefes zu gelangen, und sollte ich diesem Lao-Schen 50 000 Dollars dafür bar auf den Tisch legen!« »Ganz richtig,« sagte Craig. »Stimmt vollkommen!« ergänzte Fry. »Ich werde also abreisen! Es gilt herauszubekommen, wo jetzt dieser Tai-ping-Häuptling steckt! Vielleicht ist er nicht so unauffindbar wie Wang!« Kin-Fo konnte kaum noch diese Worte mit Ruhe sagen; es hielt ihn keine Sekunde mehr! Er lief auf und ab. Diese Keulenschläge, die ihn mit Wucht hintereinander trafen, versetzten ihn in einen Zustand von nervöser Ueberreizung, der thatsächlich kaum seinesgleichen hatte. »Ich reise ab!« rief er – »ich begebe mich auf die Suche nach Lao-Schen! Was Sie anbetrifft, meine Herren, so können Sie thun und lassen, was Ihnen genehm ist!« »Mein Herr Kin-Fo,« antworteten Fry-Craig, »die Interessen der Centennar-Gesellschaft sind weit mehr bedroht als je! Sie unter solchen Umständen zu verlassen, hieße gegen unsere Pflicht verstoßen. Wir werden Ihnen also nicht von der Seite weichen.« Es war keine Stunde Zeit zu verlieren. Vor allem aber handelte es sich darum, genau zu erfahren, was dieser Lao-Schen eigentlich war und an welchem Orte er eigentlich wohnte! Bekannt war er nun allerdings gerade genug, daß hieraus sonderliche Schwierigkeiten nicht erwachsen konnten. Thatsächlich hatte sich dieser ehemalige Kamerad Wangs in der aufständischen Bewegung der Mang-Tschao in das nördliche China zurückgezogen, über die Große Mauer hinaus, nach dem benachbarten Teile des Golfs von Leao-Tong, der bekanntlich nichts weiter als eine Verlängerung des Golfes von Pe-tschi-li ist. Hatte die kaiserliche Regierung auch noch nicht mit ihm Frieden geschlossen, wie sie es bereits mit mehreren anderen Rebellenhäuptlingen, deren sie anders nicht Herr werden konnte, gethan hatte, so ließ sie ihn doch wenigstens auf jenen jenseits der chinesischen Grenzen gelegenen Territorien in völliger Ruhe seiner Wege gehen. Dort trieb Lao-Schen, der sich nun in eine bescheidenere Rolle gedrängt sah, das richtige Buschklepper-Handwerk! Ha! Wang hatte wirklich den besten Kerl ausgesucht: einen Kerl der von Gewissensbissen keine Ahnung hatte! einen Kerl, dem ein Dolchstoß mehr oder weniger nicht die geringste Beunruhigung machte! Kin-Fo und seine beiden Akoluthen erlangten also äußerst ausführliche Nachrichten über den Tai-ping, der sich zuletzt, so weit man wußte, in der Gegend von Fu-Ning herumgetrieben hatte, einem kleinen Hafenplatz am Golfe von Leao-Tong. Dorthin also beschloß man sich ohne Säumen zu begeben. Zuvörderst wurde Madame Le-u von den jüngsten Ereignissen unterrichtet. Ihre Aengste verdoppelten sich! Thränen feuchteten ihre schönen Augen. Sie wollte Kin-Fo davon abbringen, daß er sich wieder auf Reisen begebe. Liefe er denn nicht einer unvermeidlichen Gefahr entgegen? Würde es denn nicht besser sein, zu warten, sich von Peking, im schlimmsten Falle sogar aus dem Himmlischen Reiche, zu entfernen? Sich nach irgend einem Teile der Welt zu flüchten, wo ihn dieser wilde Lao-Schen nicht zu erreichen vermöchte? Aber Kin-Fo machte der jungen Frau begreiflich, daß er die Aussicht, unter solcher unaufhörlichen Bedrängnis, unter solchem ewigen Damoklesschwert, der Gnade solches Schufts überantwortet, für den sein Tod ein Vermögen bedeute, nicht zu ertragen vermöchte! Nein! dieser Situation mußte ein für alle Mal ein Ende gemacht werden! Kin-Fo würde mit seinen Getreuen noch an demselben Tage abreisen, und zwar bis hin zu dem Tai-ping, würde den beklagenswerten Brief für teures Gold von ihm zurückkaufen und würde wieder in Peking zurück sein, weit früher, als das Interdikts-Dekret widerrufen sein würde. »Süßes, kleines Schwesterchen!« sagte Kin-Fo, »mir thut es jetzt lange nicht mehr so leid wie vordem, daß unsere Hochzeit um einige Tage verschoben worden! Wäre es anders, in welcher Lage befändest Du Dich dann!« »Wäre es anders,« erwiderte Le-u, »so würde ich das Recht und die Pflicht haben, Dir zu folgen, und würde Dir folgen!« »Nein!« sagte Kin-Fo; »tausend Tode würde ich lieber ertragen, als Dich solcher Gefahr aussetzen! ... Leb wohl, Le-u! Leb wohl!« Mit nassen Augen riß sich Kin-Fo aus den Armen der jungen Wittib, die ihn zurückhalten wollte, und am selben Tage verließen Kin-Fo, Craig und Fry, gefolgt von Sun, dem das widrige Schicksal keinen Augenblick mehr Ruhe gönnte, Pe-king und begaben sich nach Tong-tsche-u. Eine Sache, die in einer Stunde abgethan war! Beschlossen war das folgende worden: Die Reise zu Lande durch eine Provinz, mit deren Sicherheit es nicht weit her war, bot sehr ernste Schwierigkeiten. Wenn es sich nur darum gehandelt hätte, bis zur großen Mauer zu gelangen, nördlich von der Hauptstadt, so hätte man sich, möchten die Gefahren auf dieser Strecke von 160 Lis oder 40 Lieues oder ca. 70 km sich auch noch sehr gehäuft haben, doch wohl entschlossen, ihnen die Stirn zu bieten. Aber nicht im Norden, sondern im Osten befand sich der Hafen von Fu-Ning. Begab man sich zu Wasser, also übers Meer dorthin, so mußte man Zeit gewinnen und auch sicherer würde es sein. In 4–5 Tagen konnte Kin-Fo mit seinen Akoluthen dort sein und dann würde man ja sehen, was weiter zu machen sei. Aber würde auch ein Schiff zu finden sein, das nach Fu-Ning in See ginge? Darüber hieß es sich vor allem Gewißheit zu verschaffen und deshalb begab man sich zu den Schiffsagenten von Tong-tsche-u. Hierbei kam nun der Zufall Kin-Fo zu Hilfe, den das Mißgeschick sonst unablässig bedrückte. Ein Schiff, in Ladung nach Fu-Ning, lag an der Mündung des Pei-ho vor Anker. Was anders als eins jener flinken Dampfboote besteigen, die den Flußverkehr vermitteln, bis zum Aestuarium desselben hinunterfahren und sich auf dem fraglichen Schiffe einschiffen, ließ sich da nicht thun! Craig und Fry erbaten, um sich für die Reise einzurichten, bloß eine Stunde Zeit, und diese verwandten sie darauf, alle bekannten Rettungsapparate zu kaufen, vom primitiven Korkgürtel bis zu den gegen alles Sinken gefeiten Bekleidungsstücken des Kapitäns Boyton. Kin-Fo wertete doch nach wie vor seine 200 000 Dollars; und da er ja gegen alle Gefahren versichert hatte, unternahm er, ohne daß er eine Extraversicherung einzugehen brauchte, ruhig seine Fahrt übers Meer. Nun konnte aber eine Katastrophe doch jederzeit eintreten! Vorsehen mußte man wenigstens alles, und thatsächlich wurde auch alles vorgesehen. Am 26. Juni, mittags, schifften sich also Kin-Fo, Craig-Fry und Sun auf dem »Pei-tang« ein und fuhren den Pei-Ho hinunter. Die Krümmungen dieses Flusses sind so wunderlicher Art, daß seine Wasserstrecke genau das doppelte einer geraden Linie ausmacht, von Tong-tsche-u bis zu seiner Mündung gezogen. Aber er ist kanalisiert und mithin schiffbar für Schiffe von ziemlich starkem Tiefgang. Zufolgedessen ist der Schiffsverkehr sehr bedeutend und weit wichtiger als der auf der großen Wasserstraße, die fast parallel mit ihm läuft. Der »Pei-tang« fuhr flink zwischen den Bojen hin, die das Fahrwasser bezeichnen, schlug mit seinen Schaufelrädern die gelblichen Fluten des Flusses und trübte mit seinem Kielwasser die zahlreichen Bewässerungskanäle beider Ufer. Der hohe Turm einer Pagode jenseits von Tong-tsche-u war bald passiert und verschwand an der Ecke einer ziemlich scharfen Biegung. Auf dieser Höhe war der Pei-ho noch nicht breit. Bald zwischen sandigen Dünen, bald an kleinen Bauerndörfern vorbei, floß er mitten durch eine ziemlich waldreiche Landschaft, deren Gehölze indes von Obstgärten und lebendigen Hecken häufig unterbrochen wurden. Mehrere bedeutendere Flecken traten in Sicht, Ma-tao, He-si-wu, Nan-tsaë, Yang-tsun, wo sich Ebbe und Flut noch bemerkbar machen. Tien-tsin wurde bald sichtbar. Dort trat ein Zeitverlust ein, denn man mußte erst die Brücke des Ostens öffnen lassen, die die beiden Ufer des Flusses verbindet, und nicht ohne Mühe gelang es sodann, um die Hunderte von Schiffen herum zu fahren, mit denen der Hafen gefüllt ist. Dabei setzte es auch lautes Geschrei ab, und mehr als eine Barke ging der Taue verlustig, die sie in der Strömung hielten. Sie wurden übrigens, ohne daß man sich Kopfschmerzen darüber machte, was für Schaden daraus entstehen könnte, einfach durchgehauen. Daraus ergab sich ein Wirrwarr, ein Gedränge von abtreibenden Schiffen, das den Hafenmeistern alle Hände voll zu thun gegeben haben würde, wenn dergleichen Beamte in Tien-tsin vorhanden gewesen wären. Wollte man sagen, daß auf dieser ganzen Wasserfahrt Craig und Fry mit einem großem Aufgebot von Strenge und Gewissenhaftigkeit als je ihrem Klienten keine Sekunde »vom Leder gegangen« wären, so würde das der Wahrheit noch lange nicht entsprechen. Handelte es sich doch nicht mehr um den Philosophen Wang, mit dem sich, wenn man ihn hätte Benachrichtigen können, leicht zu einem Abkommen hätte kommen lassen, sondern vielmehr um Lao-Schen, jenen Tai-ping, den sie gar nicht kannten – wodurch seine Furchtbarkeit natürlich bedeutend gesteigert wurde. Eigentlich hätte man sich, da man auf dem Wege zu ihm war, für sicher wähnen können; wer bewies aber, daß er sich nicht schon auf den Weg gemacht hatte, um sein Opfer aufzusuchen! Und dann – wie ihm aus dem Wege gehen? Wie ihm Nachricht geben? Craig-Fry erblickten in jedem Passagier des »Pei-tang« einen Meuchelmörder! Sie aßen nicht mehr, sie schliefen nicht mehr, sie lebten nicht mehr! Wenn Kin-Fo, Craig und Fry schon aufs ernstliche beunruhigt waren, so verging Sun seinesteils schier vor Angst. Der bloße Gedanke schon, daß die Fahrt übers Meer gehen solle, verursachte ihm Herzbeklemmungen. Je näher der »Pei-tang« dem Meerbusen von Pe-tschi-li kam, desto kreideweißer wurde sein Gesicht. Die Nase juckte ihm; seine Lippen schlossen sich krampfhaft, und doch versetzten die ruhigen Gewässer des Flusses den Dampfer noch absolut nicht ins Schaukeln oder Schwanken! Was würde wohl erst mit Sun vorgehen, wenn er sich mit den kurzen, jähen Wellen eines engen Meeres abzufinden hatte, deren Stöße das Schiff in stark schlingernde Bewegung setzten? »Sie sind noch nie zu Schiff gewesen?« fragte ihn Craig. – »Noch nie!« – »Die Sache paßt Ihnen wohl nicht recht?« fragte ihn Fry. – »Nein!« – »Ich rate Ihnen, halten Sie nur den Kopf immer hoch!« setzte Craig hinzu. – »Den Kopf?« fragte Sun. – »Und machen Sie, rate ich Ihnen, den Mund nicht auf!« setzte Fry hinzu. – »Den Mund?« fragte Sun. Hierauf machte Sun den beiden Versicherungsbeamten begreiflich, daß es ihm lieber sei, auf alle Unterhaltung zu verzichten; und nicht ohne über den schon stark verbreiterten Fluß jenen melancholischen Blick von Leuten geworfen zu haben, denen die Seekrankheit sozusagen schon in den Gliedern steckt, noch ehe sie das Meer gesehen haben, begab er sich nach dem Mittelpunkte des Schiffes und hockte sich dort nieder. Die Landschaft hatte nun in diesem Thale, dem der Fluß folgte, einen andern Charakter angenommen. Das rechte, steiler ansteigende Ufer stand durch sein höheres Gelände in auffälligem Gegensatze zu dem linken Ufer, dessen langer flacher Strand unter einer leichten Widersee schäumte. Ueber den Strand hinaus dehnten sich ungeheure Sago-, Mais-, Korn- und Hirsefelder. So wie in ganz China – eine Hausmutter, die für so viel Millionen Mäuler Nahrung zu schaffen hat – gab es dort nicht das kleinste bebaubare Bodenfleckchen, das vernachlässigt oder gar vergessen worden wäre. Ueberall Bewässerungskanäle oder Bambusvorrichtungen in Gestalt von urwüchsigen »Eimerketten« oder »Paternosterwerken«, die Wasser in Uebermasse schöpften und auf die Ackerflächen gössen. Hin und wieder erhoben sich in der Nähe von Dorfschaften, deren kleine Häuser aus gelblichem Kleiberlehm aufgebaut waren, ein paar Baumgruppen, darunter alte Apfelbäume, die keiner Ebene in der Normandie zur Unehre gereicht hätten. Am Strande liefen Fischer in zahlreicher Menge hin und her, denen die als »Kormorans« bekannte Seeraben-Gattung den Dienst eines Jagd- oder richtiger Fischhundes that. Diese Vögel tauchten auf einen Wink ihres Herrn unter Wasser und brachten die Fische ans Land, denn ein Halsring, der ihnen so eng angelegt war, daß er sie fast dem Ersticken nahe brachte, hinderte sie daran, die Fische zu verschlucken. Enten, Krähen, Raben, Elstern, Sperber wurden durch das Stampfen und Zischen des Dampfers scharenweis aus dem hohen Ufergras aufgescheucht. Wenn die große Chaussee, die längs des Flusses führte, sich jetzt auch leer und verlassen zeigte, so nahm doch das Leben auf dem Flusse nicht ab. Welche Zahl von Schiffen aller möglichen Art fuhren zu Berg und zu Thal! Kriegs-Dschunken im Stil der alten Barbette-Turmschiffe, deren Geschützdeck in scharf konkaver Kurve vom Vorder- zum Hintersteven lief und die der Chinese durch eine doppelte Ruderreihe oder durch Schaufelräder, von Menschenhand bewegt, lenkt und manövrier; zweimastige Zoll-Dschunken mit Schluppensegeln, die über Quer-Raaen gespannt waren und am Vorder- und Hinterschiff mit Köpfen oder Schweifen phantastischer Tiergebilde geschmückt waren; Kauffahrtei-Dschunken von ziemlich starkem Tonnengehalt, mit mächtig gebauchtem Rumpf, die mit kostbaren Produkten aus dem Himmlischen Reiche beladen, in See gehen und vor den verheerenden Wirkungen der Taifune in den benachbarten Meeren keine Furcht haben; Passagier-Dschunken, die durch Ruder getrieben oder längs der Ufer getreidelt werden und die Zeit der Ebbe und Flut ausnützen, was um so leichter für sie ausführbar ist, als sie ja doch nur für Leute vorhanden sind, die mit der Zeit nicht zu rechnen haben, sondern Zeit verlieren können: Mandarinen-Dschunken, in Gestalt von Vergnügungsyachten, die ihre Boote im Schlepptau bugsieren; Sampans von allerhand Formen, mit Segeln aus Binsengeflecht, von denen die kleinsten durch junge Weiber getrieben werden mit dem Ruder in der Hand und mit dem Kind auf dem Rücken, und die ihren Namen mit Recht verdienen, welcher so viel wie »drei Planken« bedeutet: endlich Holzflöße, richtige schwimmende Dorfschaften mit Hütten drauf, Gartenstückchen, die mit Bäumen bepflanzt sind und auf denen Gemüse gesät wird, oft von geradezu ungeheurer Größe, aus irgend einem mandschurischen Walde herrührend, den die Holzfäller ratzekahl niedergemäht haben! Mittlerweile wurden die Ortschaften und Flecken immer spärlicher. Man zählt ihrer zwischen Tien-tsin und Ta-ku an der Mündung des Flusses etwa zwanzig. An den Ufern qualmten dicke Rauchwirbel aus einigen Ziegelöfen, deren Dünste in Gemeinschaft mit dem Qualm aus den Schloten des Dampfers die Luft verunreinigten. Der Abend kam, nachdem ihm die unter diesem Breitengrade ziemlich lange dauernde Juni-Dämmerung vorausgegangen war. Bald zeichnete sich in dem Zwielicht, wie mit dem Wischer gewischt, eine Kette von weißen Dünen in symmetrischer Anordnung und von gleichförmiger Zeichnung. Es waren Salzhaufen, die aus den benachbarten Salinen herstammten. Dort öffnete sich zwischen dürrem Landgebiet das Aestuarium des Pei-ho, eine traurige Landschaft, die, wie de Beauvoir berichtet, weiter nichts ist als Sand und Salz und Staub und Asche. Am Morgen des 27. Juni, vor Sonnenaufgang, kam der »Pei-tang« im Hafen von Ta-ku an, fast dicht vor der Mündung des Flusses. An dieser Stelle erheben sich an beiden Ufern die nördlichen und südlichen Forts, die anno 1860 von der englisch-französischen Armee genommen wurden und jetzt in Trümmern liegen. Dort war am 24. August desselben Jahres der glorreiche Angriff des Generals Collineau erfolgt; dort hatten die Kanonenboote den Flußeingang erzwungen; dort dehnt sich ein schmaler, kaum bewohnter Landstreifen, der den Namen »Französische Niederlassung« trägt. Dort steht noch das Grabdenkmal, unter dessen Schatten die in diesen denkwürdigen Kämpfen gefallenen Offiziere und Soldaten gebettet liegen. Der »Pei-tang« durfte über die Barre nicht hinaus fahren. Sämtliche Passagiere mußten also in Taku an Land gehen. Ta-ku ist eine schon ziemlich bedeutende Stadt, der eine beträchtliche Entwicklung gewiß ist, wenn die Mandarinen den Bau einer Eisenbahn bis Tien-tsin genehmigen werden. Das Schiff in Ladung nach Fu-Ning sollte noch am selben Tage unter Segel gehen. Kin-Fo durfte keine Stunde Zeit verlieren; deshalb mietete er, ohne zu säumen, einen Sampan und nach einer Viertelstunde etwa stieg er mit seinen beiden Getreuen und seinem Diener Sun an Bord des »Sam-Yep«. Siebzehntes Kapitel: worin Kin-Fo's Marktwert abermals gefährdet erscheint. Acht Tage vorher war ein amerikanisches Schiff im Hafen von Ta-ku vor Anker gegangen. Geheuert von der sechsten chinesisch-californischen Handelsgesellschaft, war es für Rechnung der Agentur Fuk-ting-tong, die ihren Sitz in San Francisco im Friedhofe auf dem Laurel-Hügel hat, geladen worden. Dort warten die in Amerika gestorbenen Söhne des Himmels auf den Tag ihrer Verschiffung in die Heimat, ihrer Religion getreu, die ihnen Bestattung in der Muttererde zum Gesetz macht. Dieses, nach Canton bestimmte Schiff hatte zufolge schriftlicher Weisung der Agentur eine Ladung von 250 Särgen, von denen 75 in Ta-ku ausgeladen werden sollten, um von dort nach den Provinzen im Norden weiter verfrachtet zu werden. Die Umladung dieser Frachtstücke von dem amerikanischen auf das chinesische Fahrzeug war bewirkt worden, und am nämlichen Morgen noch, dem 27. Juni, ging das Schiff nach dem Hafen von Fu-Ning unter Segel. Auf ihm hatten Kin-Fo und seine Begleiter Plätze für die Ueberfahrt belegt. Jedesfalls würden sie es nicht genommen haben, wenn ihnen eine andere Wahl geblieben wäre; aber andere Schiffe mit Fahrt nach dem Meerbusen von Leao-Tung waren nicht vorhanden; also blieb ihnen nichts anderes übrig, als sich auf dem Leichendampfer einzuschiffen. Uebrigens handelte es sich ja nur um eine Ueberfahrt von höchstens 2-3 tägiger Dauer, mit der um diese Jahreszeit so gut wie keine Schwierigkeiten verbunden waren. Der »Sam-Yep« war eine See-Dschunke von ca. 300 Tonnen Gehalt. Es giebt ihrer zu Tausenden, und ihr Tiefgang von höchstens 6 Fuß ermöglicht ihnen die Passage durch die Barren oder Sandbänke, die den Flüssen des Himmlischen Reiches vorgelagert sind. Da sie im Verhältnis zur Länge eine zu große Breite haben, gehen sie krumm nach vorn und nach hinten aufwärts und können, wie es scheint, nur bei günstigem Winde schnell fahren, aber sie lavieren auf dem Fleck, indem sie sich wie ein Kreisel um seinen Zapfen drehen, wodurch sie dem besten Linienschiff gegenüber im Vorteil sind. Die Hacke ihres mächtigen Steuers wird mit Löchern ausgebohrt, ein in China höchst beliebtes System, dessen Nutzen aber ziemlich prekär zu sein scheint. Wie dem auch sei, diese grossen Schiffe bieten den Ufermeeren gern Stand; man erzählt sogar, eine solche Dschunke sei mit Thee- und Porzellan-Fracht von einem Cantoner Handelshause unter dem Befehl eines amerikanischen Kapitäns bis San Francisco ausgeschickt worden. Ein Beweis dafür, daß solche Fahrzeuge auch die schwere See bewältigen können und daß der Chinese, wie sich kompetente Leute schon längst klar sind, einen vortrefflichen Seemann abgiebt. Der »Sam-Yep«, von moderner Konstruktion, vom Vorder- zum Hintersteven fast schnurgerade verlaufend, erinnerte durch sein Mall oder Schiffsmodell an die Gestalt des europäischen Schiffsrumpfes. Weder mit einem Nagel, noch einem Pflock im Leibe, aus zusammengenähtem Bambus gefertigt, mit Werg und Kambodje-Harz kalfatert, war er so absolut wasserdicht, daß er nicht einen einzigen Pumpenschwengel aufwies. Seine Leichtigkeit brachte es mit sich, daß er wie ein Stück Kork auf dem Wasser schwamm. Ein Anker aus steinhartem Holz, eine Takelage aus Palmenfasern von hervorragender Biegsamkeit, geschmeidiges Segelwerk, von Deck aus zu hantieren und sich nach Fächerart schließend oder öffnend, zwei Masten in einer Stellung wie Groß- und Besanmast auf einem Lugger, ohne Hintersegel, ohne Klüver, war diese Dschunke, alles in allem genommen, für die Küstenfahrt wohl ausgerüstet und wohlgeeignet. Ganz gewiß hätte es niemand dem »Sam-Yep« angesehen, daß ihn seine Reeder für diese Fahrt zum Leichenwagen im Riesenstil umgewandelt hatten. An die Stelle von Theekisten, Seidenballen, der kleineren Frachtstücke von chinesischen Spezerei- und Parfümeriewaren war die bezeichnete Fracht getreten. Die Dschunke hatte aber nichts eingebüßt von ihren lebhaften Farben. An seinen beiden Steven, also vorn wie hinten, tanzten buntfarbige Paniere und Quasten hin und her. Am Vorderbug that sich ein großes, flammendes Auge auf, das der Dschunke das Aussehen eines Riesenungetüms von Seetier gab. Am Topp ihrer Masten entfaltete der frisch einsetzende Wind das grelle Flaggentuch der chinesischen Marine. Zwei Karronaden reckten ihre schimmernden Läufe, auf denen die Sonnenstrahlen wie in einem Spiegel blitzten, über das Schanzdeck hinaus. Nützliche Vorkehrung das, auf diesen von Seeräubern noch immer verseuchten Meeren! Das Gesamtbild, das diese Dschunke bot, war lustig, blendend und wohlthätig fürs Auge. Im Grunde genommen wars doch nur eine Rückfahrt ins Vaterland, die der »Sam-Yep« bewirkte – freilich nur von Leichen, aber von Leichen, die willig zur Fahrt, die froh über die Fahrt waren! Weder Kin-Fo noch Sun konnten den geringsten Widerwillen vor einer Seefahrt unter solchen Bedingungen empfinden. Dazu waren sie viel zu sehr Chinesen! Craig und Fry hingegen hätten es ohne Zweifel, wie ihre amerikanischen Landsleute, die sich um solche Fracht ganz sicher nicht rissen, lieber gesehen, sie hätten auf einem anderen Schiffe fahren können; aber es blieb ihnen leider keine Wahl. Ein Kapitän und sechs Matrosen bildeten die Ausrüstung der Dschunke, für die höchst einfachen Hantierungen mit dem bißchen Segelwerk völlig ausreichend. Wie es heißt, ist die Bussole oder der Kompaß eine chinesische Erfindung. Das mag sein; in China bedient sich dieses Instruments aber kein einziges Küstenschiff, sondern alles fährt und steuert nach Gutdünken. So und nicht anders auch Kapitän Yin, der Kommandant des »Sam-Yep«, der übrigens das Gestade des Golfs nicht aus den Augen verlor. Dieser Kapitän Yin, ein kleines Männchen mit lachendem Angesicht, lebhaft und schwatzhaft, gab die lebendige Demonstration für jenes unlösliche Problem des Perpetuum mobile ab. Er kannte kein Maß in Gebärden! Seine Arme, Hände, Augen sprachen noch mehr und deutlicher, als seine Zunge, die doch hinter seinen weißen Zähnen nie in Ruhe trat. Er drillte, kommandierte, schalt seine Mannschaft nach Noten. Aber er war ein tüchtiger Seemann, wohlbefahren im ganzen Küstengebiet und manövrierte mit seiner Dschunke, als wenn er sie am kleinen Finger hätte. Der hohe Passagier-Preis, den Kin-Fo für sich und seine Kameraden bezahlte, war auch nicht angethan, ihm die Laune zu verderben. Passagiere zur Taxe von 150 Taëls für eine 60stündige Fahrt konnten schon als eine feine Ernte gelten! Zumal dann, wenn sie sich bezüglich ihrer Ansprüche auf Bequemlichkeit und Unterhalt nicht höher stellten, als ihre im Zwischendeck eingepferchten Reisegefährten! Kin-Fo, Craig und Fry waren, so gut und schlecht es ging, unter dem sogenannten »Logis« am Schiffs-Hinterteil, Sun unter dem am Vorderteil beherbergt worden. Die beiden »Versicherungsspitzel«, die nach wie vor an Vertrauen großen Mangel litten, hatten sich mit einer peinlichen Musterung von Mannschaft und Kapitän befaßt. In der Aufführung dieser braven Leute war nichts Verdächtiges zu finden. Die Annahme, daß sie mit Lao-Schen im Einvernehmen stehen könnten, mußte doch aller Wahrscheinlichkeit entbehren, denn der Zufall allein hatte doch diese Dschunke ihrem Schutzbefohlenen zugeführt, und wie hätte der Zufall Mitverschworener des allzu berüchtigten Tai-ping sein können! Bis auf die Fährlichkeiten des Meeres mußte demnach die Fahrt auf die Zeit von einigen Tagen ihre täglichen Beunruhigungen unterbrechen. Drum überließen sie auch Kin-Fo mehr sich selbst, als sonst. Kin-Fo war übrigens hierüber nicht böse. Er setzte sich allein in seine Kabine und überließ sich dort nach Belieben seinen Gedanken. Armer Mensch! der sein Glück nicht zu schätzen gewußt hatte, der nie hatte begreifen können, was ein solches Dasein ohne Sorgen und ohne Kummer im reichen Yamen von Schang-hai wert war, und den nur Arbeit hätte umändern können! Wenn er doch nur seinen Brief zurückerhielte! man sollte ja bald sehen, ob ihm die Lektion genützt hätte! ob aus dem Narren ein Weiser geworden wäre! Dieser Brief sollte ihm ja aber endlich wieder zu Händen kommen! Jawohl, ganz ohne Zweifel! denn er würde ja dafür bezahlen, was er wert war! Für diesen Lao-Schen konnte es sich bei der ganzen Sache doch nur um Geld handeln! Immerhin galt es, ihm die Vorhand zu spielen und nicht etwa die Möglichkeit hierzu zu lassen! Eine schwierige, sehr schwierige Aufgabe! Lao-Schen mußte sich ja doch über alles auf dem Laufenden halten, was Kin-Fo unternahm; Kin-Fo wußte nicht das geringste von dem, was Lao-Schen im Sinne hatte. Daraus mußte sich eine sehr ernste Gefahr ergeben, sobald Craig-Fry's Schutzbefohlener in der Provinz an Land gegangen sein würde, in welcher der Tai-ping sein Unwesen trieb. Alles lief also darauf hinaus, daß man ihm nicht die Vorhand ließ! Ganz offenbar würde Lao-Schen 50 000 Dollars lieber vom lebendigen, als vom toten Kin-Fo nehmen. Dadurch würde er um die Reisekosten nach Schang-hai, und würde um den Gang nach den Kontoren der Versicherungsgesellschaft kommen, der für ihn keineswegs ohne Gefahr war, mochte die Regierung ihm gegenüber auch noch soviel Langmut an den Tag gelegt haben. Also dachte der völlig umgewandelte Kin-Fo, und daß die liebenswürdige junge Wittib in Peking in seinen Zukunftsplänen einen sehr wichtigen Platz einnahm, darf man wohl glauben. Woran dachte nun aber währenddessen Sun? Sun dachte an gar nichts! Sun lag ausgestreckt auf seinem Pfühl und zahlte den böswilligen Gottheiten des Meerbusens von Pe-tschi-li seinen Tribut. Auf andere Gedanken, außer bald seinem Herrn und Gebieter, bald dem Philosophen Wang, bald dem Banditen Lao-Schen zu grollen und fluchen, konnte er gar nicht kommen! Sein Herz war stumpf, sein Hirn war faul! Ai-Ai-y-a! ach, die dämlichen Gedanken, ach die dämlichen Empfindungen! Weder an Thee dachte er mehr, noch an Reis! Ai-ai-y-a! Was für ein Wind hatte ihn bloß irrigerweise hierher gejagt! Tausend, zehntausendmal dumm und dämlich war er gewesen, bei einem Menschen in Dienste zu treten, dem es einfallen konnte, übers Meer zu fahren! Gern würde er hingeben, was ihm von seinem Zopf noch übrig war, bloß, um nicht dort zu sein, wo er jetzt war! Lieber ließe er sich den Schädel rasieren! Lieber würde er Bonze!! ein gelber Hund, ai-ai-y-a! ein schmutzig-gelber Hund war's, der ihm an Leber und Eingeweiden fraß – ai-ai-y-a! Unterdessen segelte unter dem Druck eines herrlichen Südwindes der »Sam-Yep« 3–4 Meilen fern von dem niedrigen Gelände der Küste, die sich nun von Ost nach West erstreckte, an Pej-Tang vorbei, an der Mündung des gleichnamigen Flusses gelegen, unfern von der Stelle, wo die europäischen Armeen gelandet worden waren – dann an Schan-tung, an Tschiang-ho, an den Mündungen des Tscha-u, an Hai-we-tsse vorbei. In diesem Teil des Meerbusens fing es an, öder zu werden. Der am Aestuarium des Pei-ho noch ziemlich bedeutende Schiffsverkehr erstreckte sich keine zwanzig Meilen darüber hinaus. Ein paar Kauffahrtei-Dschunken, die den Kleinverkehr an der Küste vermittelten, ein Dutzend Fischerbarken, die die fischreichen Gewässer an der Küste und die Thunfischbestände weiter draußen im Meere aushoben – seewärts bis zum Horizont weite, leere Fläche! – Dies war der Anblick, den dieser Teil des Meeres bot! Craig und Fry machten die Beobachtung, daß die Fischerboote, selbst solche, die kaum mehr als 5–6 Tonnen Gehalt hatten, fast sämtlich mit kleinen Kanonen, zwei bis drei Stück in der Regel, bewaffnet waren. Als sie sich dem Kapitän gegenüber äußerten, wie das zu erklären sei, versetzte dieser, indem er sich die Hände rieb: »Hm! ein bißchen Furcht muß man dem Seeräuber-Pack schon einjagen!« »Was? Seeräuber hier im Busen von Pe-tschi-li!« rief Craig, nicht ohne Verwunderung. »Warum denn nicht!« antwortete Yin. »Hier wie überall! In den chinesischen Meeren fehlt's nicht an solchen braven Leuten!« und dabei wies er lachend die doppelte Reihe seiner Zähne. »Sie scheinen keine große Furcht vor ihnen zu haben?« meinte Fry. »Ei! habe ich nicht meine beiden Karronaden?« antwortete er – »die beiden munteren Hechte reißen schon ihr Maul auf, wenn man ihnen allzunahe kommt!« »Sind sie denn geladen?« fragte Craig. – »In der Regel.« – »Und jetzt?« – »Nein!« – »Warum denn jetzt nicht?« fragte Fry. – »Weil ich kein Pulver an Bord habe,« versetzte mit Seelenruhe Kapitän Yin. – »Wozu haben Sie dann aber die Karronaden?« fragten Craig-Fry, wenig befriedigt von der Antwort. – »Wozu?« rief der Kapitän; »ei! zum Schutze für meine Fracht, wenn's der Mühe verlohnt, sie zu schützen! Wenn ich meine Dschunke voll mit Thee oder Opium geladen habe! Aber heute, mit solcher Fracht!« – »Und wieso wissen denn die Seeräuber, ob sich's bei Ihrer Dschunke verlohnt oder nicht, sie anzugreifen?« Der Kapitän drehte sich achselzuckend auf dem Absatz herum; dann erwiderte er: »Sie scheinen Dampf vor den braven Leuten zu haben?« – »Ei, allerdings!« sagte Fry hierauf. – »Sie haben ja bloß Handgepäck an Bord!« – »Mag sein.« versetzte Craig: »aber wir haben ganz besondere Gründe, ihren Besuch nichts weniger als zu wünschen!« – »Nun, dann seien Sie unbesorgt!« sagte der Kapitän: »wenn wir Piraten treffen, so werden sie auf unsere Dschunke ganz gewiß nicht Jagd machen!« – »Und warum nicht?« – »Weil sie, sobald sie in Sicht kommen sollten, sofort erfahren werden, wenn sie es nicht an sich schon wissen, was für Fracht ich führe.« Bei diesen Worten wies Kapitän Yin auf ein weißes Wimpel, das der frische Wind halbmast der Dschunke blähte. »Das weiße Wimpel in Schau bedeutet hierzulande Trauer! Die braven Leute werden die Hand nicht rühren, um eine Fracht Särge zu plündern!« – »Aber sie könnten doch auch meinen, Sie führen aus Vorsicht unter Trauerflagge!« bemerkte Craig, »könnten an Bord kommen, um festzustellen ...« – »Na, wenn sie kommen,« antwortete der Kapitän, »so werden wir sie eben kommen lassen und wenn sie sich überzeugt haben, daß es sich so und nicht anders verhält, werden sie wieder gehen, wie sie gekommen sind!« Craig-Fry verfolgten das Thema nicht weiter, teilten aber die unerschütterliche Ruhe des Kapitäns nur in sehr bescheidenem Maße, trotzdem der Kapitän nichts verabsäumt hatte, sich die Gunst des Schicksals zu versichern. Denn im Moment der Abfahrt war zu Ehren der Meeresgottheiten ein Hahn geopfert worden. Am Besanmast hingen noch die Federn des unglücklichen Mitglieds der Hühnerfamilie. Ein paar auf Deck gespritzte Blutstropfen, ein kleines Becherglas voll Wein über Bord geworfen, hatten dieses fürsorgliche Opfer vervollständigt. Also geweiht, konnte ja doch die Dschunke »Sam-Yep«, obendrein unter dem Kommando des braven Yin, unmöglich etwas zu befürchten haben! Indessen hatte es doch den Anschein, als ob die launischen Gottheiten den »Hals nicht voll gekriegt« hätten! Ob der Hahn nun zu mager gewesen, oder der Wein nicht aus den besten Bergen von Schao-Schi-nje gewonnen war, ein entsetzlicher Windstoß packte die Dschunke! Er kam ganz unvermutet, denn den ganzen Tag über war es hell und klar gewesen und hatte bloß eine angenehme Brise geherrscht: selbst der weitsichtigste Seemann hätte nicht merken können, daß Gott Aeolus sich so hundsföttisch aufführen würde! Gegen 8 Uhr abends war's, der »Sam-Yep« schickte sich eben unter vollen Segeln an, das Vorgebirge zu umschiffen, das die Küste nach Nordosten zu bildet. War sie über dasselbe hinaus, so hätte sie weiter nichts mehr gebraucht, als vor dem Winde her zu segeln: Kapitän Yin rechnete also, ohne seine Kräfte gerade zu Überschätzen, daß er in annähernd 24 Stunden die Küste von Fu-Ning erreicht haben würde. Kin-Fo sah also nicht ohne eine Regung von Ungeduld, die bei Sun in wilden Grimm umsprang, die Stunde nahen, wo der »Sam-Yep« vor Anker gehen würde. Was Fry-Craig anbetrifft, so thaten sie die folgende Aeußerung: Wenn binnen heut und drei Tagen ihr Schutzbefohlener den Brief, der sein Dasein in Gefahr setzte, Lao-Schens Händen entwunden hätte, so würde das genau in dem Moment geschehen, wo die »Centennar«-Gesellschaft keinerlei Ursache mehr hätte, sich um seinetwillen in Unruhe zu setzen. Thatsächlich hätte seine Police ja nur bis zum 30. Juni um Mitternacht Deckung, also Giltigkeit, da bloß eine einmalige Zahlung für die Zeit von zwei Monaten an Seine Ehren William J. Bidulph geleistet worden war. Von da ab also würde die Geschichte – »... klar.« hub Fry an – »... sein!« ergänzte Craig. Gegen Abend, in dem Augenblick, als die Dschunke am Eingang zum Busen von Leao-Tong anlangte, sprang der Wind jäh nach Nordost herum, dann nach Norden und zwei Stunden nachher pfiff er aus Nordwest. Hätte Kapitän Yin ein Barometer an Bord gehabt, so hätte er feststellen können, daß die Merkursäule fast urplötzlich um 4–5 Millimeter gesunken war. Diese geschwinde Verdünnung der Luft kündete nun einen in geringer Entfernung hausenden Taifun an, dessen Bewegung schon die atmosphärischen Schichten tangierte. Oder hätte Kapitän Yin die Wahrnehmungen des Engländers Paddington und des Amerikaners Maury gekannt, so würde er versucht haben, den Kurs zu ändern und nordöstlich zu steuern, in der Hoffnung, eine minder gefährliche Region zu erreichen, außerhalb des Anziehungsmittelpunktes dieses gefährlichen Drehsturms. Kapitän Yin benutzte aber niemals das Barometer und hatte keine Ahnung von dem Gesetz der Cyklone. Hatte er denn übrigens nicht einen Hahn geopfert und mußte ihn solches Opfer nicht vor jeder Eventualität sicher stellen? Trotz alledem war er ein tüchtiger Seemann, dieser abergläubische Chinese, und er lieferte den Beweis hierfür in dieser schlimmen Situation. Instinktiv manövrierte er, wie es kein abendländischer Kapitän besser gekannt hätte! Der Taifun, der gegen die Dschunke heranbrauste, war nur ein kleiner Taifun, mithin mit einer sehr großen Drehungsgeschwindigkeit und einer umläufigen Bewegung von über 100 Kilometer in der Stunde ausgestattet. Er trieb den »Sam-Yep« ostwärts, alles in allem ein günstiger Umstand, da die Dschunke sich bei solchem Kurs von einer Küste entfernte, die keinerlei Schutz bot und an der sie unfehlbar in kurzer Zeit gescheitert sein würde. Gegen elf Uhr nachts erreichte der Sturm seine höchste Stärke. Kapitän Yin, von seiner Mannschaft trefflich unterstützt, manövrierte als richtiger Seebär. Er lachte nicht mehr, sondern bot seine ganze Kaltblütigkeit auf. Seine fest aufs Ruder gedrückte Hand steuerte das leichte Schiff, das sich, wie eine Möve tanzend, auf den Wellen hob und senkte. Kin-Fo hatte seine Kabine am Hintersteven verlassen. Ans Takelwerk geklammert, betrachtete er den Himmel mit seinem verstreuten, vom Orkan hin und her gefegten Gewölk, das seine Dunstfetzen über dem Wasser schleppte. Er betrachtete das Meer, das in dieser rabenschwarzen Nacht schneeweiß aussah, dessen Fluten der Taifun mit seinem gewaltigen Hauche weit über ihre normale Höhe emporjagte. Die Gefahr setzte ihn weder in Staunen noch in Schrecken. Sie bildete einen Bruchteil in der Kette von Aufregungen, die ein wider seine Person entfesseltes widriges Geschick über ihn verhängte. Eine 60 stündige Ueberfahrt ohne Sturm, mitten im Sommer, wäre brillant gewesen für die Glückskinder der Zeit, aber zu ihnen zählte er ja schon lange nicht mehr! Craig und Fry fühlten sich weit unruhiger, denn sie standen nach wie vor unter dem Eindruck des Marktwerts, den ihr Schutzbefohlener hatte. Ganz gewiß war ja ihr Leben genau so viel wert, wie das Kin-Fo's. Fanden sie mit ihm zusammen den Tod, dann traten freilich auch für sie die Interessen der »Centennar«-Gesellschaft außer Kraft. Aber diese beiden Versicherungsagenten waren so gewissenhaft, daß sie ihre Person ganz vergaßen und einzig und allein an ihre Pflicht dachten. Sterben, nun ja! Zusammen mit Kin-Fo! auch recht! Aber nach dem 30. Juni um Mitternacht! Eine Million retten wollten Craig-Fry – darauf hinaus zielte ihr Streben! Darauf allein richteten sich ihre Gedanken! Was nun Sun anbetrifft, so hatte er nicht den leisesten Zweifel, daß die Dschunke zu Grunde gehen müßte, oder vielmehr, daß man schon von dem Moment an, als man sich auf das heimtückische Element gewagt habe, wenn auch beim allerschönsten Wetter, auf Grund geraten sei. Ha! Die Passagiere im Zwischendeck waren doch sicher nicht zu beklagen! A-i! a-t! y-a! Denn die fühlten ja weder Schlingern noch Stampfen! A-i! a-i! y-a!! Und der unglückliche Sun, ob er vielleicht, wenn er an ihrer Stelle gewesen wäre, die Seekrankheit nicht bekommen hätte! Drei Stunden lang schwebte die Dschunke in höchster Gefahr. Ein falscher Druck aufs Steuer hätte sie ins Verderben gestürzt, denn das Meer wäre über ihr Verdeck gebrandet. Konnte sie auch so wenig kentern wie ein Kübel, so konnte sie doch voll Wasser laufen und sinken. Nicht dran zu denken war, die Dschunke in beständigem Kurse zu halten mitten in den vom Wirbel des Cyklons gepeitschten Wogen! Jeder Versuch, die eingehaltene und zurückgelegte Strecke zu schätzen, war ein Ding der Unmöglichkeit! Indessen fügte es ein glücklicher Zufall, daß der »Sam-Yep« ohne ernste Havarie den Mittelpunkt der atmosphärischen Riesenscheibe erreichte, die eine Region von 100 Kilometern bedeckte. Dort befand sich ein Raum von 2–3 Meilen mit ruhigem Meer und kaum merklichem Winde – gleichsam ein friedlicher See inmitten eines aufgebäumten Ozeans. Dieser Umstand war für die Dschunke die Rettung. Dorthin hatte sie, ohne Tuch an den Masten, der Orkan getrieben. Gegen 3 Uhr früh sank die Wut des Cyklons wie durch Zauber und die wilden Fluten glätteten sich rings um jenen kleinen Mittelsee herum. Als aber der Tag kam, konnte der »Sam-Yep« sich die Augen aussehen, Land am Horizont sah er nirgendswo. Keine Spur von Küste in Sicht! Die bis zur Ringlinie des Himmels zurückgewichenen Fluten des Meerbusens umschlossen ihn auf allen Seiten. Achtzehntes Kapitel: worin Craig und Fry, von Neugierde getrieben, dem Zwischendeck des »Sam-Yep« einen Besuch abstatten. »Wo sind wir, Kapitän Yin?« fragte Kin-Fo, als alle Gefahr vorüber war. – »Kann's nicht genau wissen,« antwortete der Kapitän, dessen Gesicht wieder seinen lustigen Ausdruck zeigte. – »Im Busen von Pe-tschi-li?« – »Vielleicht.« – »Oder im Busen von Leao-Tong?« – »Kann auch sein.« – »Aber wo werden wir an Land gehen?« – »Wohin uns der Wind treiben wird.« – »Und wann?« – »Unmöglich zu sagen.« – »Ein richtiger Chinese weiß immer Bescheid, wo er steckt, Kapitän,« antwortete Kin-Fo in ziemlich schlechter Laune, indem er ein im Reiche der Mitte sehr geläufiges Sprichwort citierte. »Auf dem Lande freilich!« antwortete Kapitän Yin; »auf dem Meere aber nicht!« und sein Mund spreizte sich bis zu den Ohren. »Keine Sache zum Lachen,« sagte Kin-Fo. »Und zum Weinen auch nicht,« versetzte der Kapitän. In Wahrheit lagen die Dinge so, daß es dem Kapitän Yin, wenn auch zur Beunruhigung nicht gerade Ursache vorhanden war, doch unmöglich war zu sagen, wo sich der »Sam-Yep« befand. Wie hätte er auch während des Drehsturms, ohne Kompaß und unter der Einwirkung eines über die drei Vierteile des Kompasses verstreuten Windes seinen Kurs aufnehmen sollen? Mit gerefften Segeln dem Einfluß des Steuers fast ganz entzogen, war die Dschunke zum Spielball des Orkans geworden. Der Bescheid, den der Kapitän auf Kin-Fo's Fragen erteilte, war demnach nicht ohne Grund so unsicher ausgefallen. Bloß hätte er sie mit einem geringern Maß von Jovialität geben können! Alles in Betracht gezogen, durfte aber der »Sam-Yep«, mochte er nun in den Busen von Leao-Tong getrieben oder in den Busen von Pe-tschi-li zurückgeworfen worden sein, nicht säumen, nordwestwärts zu steuern. In dieser Richtung mußte sich notwendigerweise Land finden. In welcher Entfernung, darum allein konnte es sich handeln. Kapitän Yin hätte wohl auch seine Segel gehißt und wäre in der Richtung der Sonne gesegelt, die jetzt in hellem Glanze strahlte, wenn ein solches Manöver in diesem Augenblick möglich gewesen wäre. Aber das war nicht der Fall! Auf den Taifun war nämlich eine gänzliche Kalmte eingetreten. Kein Lüftchen bewegte sich in den atmosphärischen Schichten! Ein absolut ruhiges Meer, kaum von den Wellenschlägen einer See gekräuselt; kaum mehr als ein leichtes, einförmiges Schaukeln oder Wiegen! Die Dschunke hob und senkte sich unter einer regelmäßigen Kraft, die sie nicht von der Stelle rückte. Ein warmer Dunst lastete auf den Wassern und der während der Nacht so tief erregte Himmel schien jetzt zu keinem Kampf der Elemente beschaffen. Es war eine jener »weißen« Kalmen oder Doldrums, deren Dauer sich jeglicher Schätzung entzieht. »Das ist ja schön!« sagte Kin-Fo bei sich. »Nach dem Sturm, der uns auf hohe See geworfen hat, die Windstille, die uns hindert, wieder zum Lande zurückzugelangen!« Dann wendete er sich an den Kapitän mit der Frage: »Wie lange kann diese Kalmte dauern?« »In dieser Jahreszeit, Herr! Wer könnte es wissen?« antwortete der Kapitän. »Stunden oder Tage?« »Tage oder Wochen!« versetzte Yin mit einem Lächeln vollkommener Ergebung, das seinen Passagier beinahe in Wut gesetzt hätte. »Wochen!« rief Kin-Fo. »Glauben Sie denn, ich könne wochenlang warten?« »Wird wohl nichts anders übrig bleiben – es sei denn, wir können die Dschunke ins Schlepptau nehmen lassen.« »Zum Teufel mit Ihrer Dschunke und allem, was drauf ist – mit mir zuerst, daß ich die dumme Idee hatte, mich an ihren Bord zu begeben!« »Mein Herr,« erwiderte der Kapitän Yin, »darf ich Ihnen zwei gute Ratschläge geben?« »Ich hindere Sie nicht daran!« »Mein erster Rat ist, legen Sie sich ruhig schlafen, wie ich es auch machen werde. Das wird nach einer vollen auf Deck verbrachten Nacht das klügste sein.« »Und Ihr zweiter Rat?« fragte Kin-Fo, den die Ruhe des Kapitäns in ebensolche Wut versetzte, wie die Ruhe des Meeres. »Mein zweiter Rat ist: machen Sie es wie meine Passagiere im Zwischendeck! Die führen niemals Klage und nehmen das Wetter, wie es kommt!« Nach dieser, eines Wang würdigen, echt philosophischen Bemerkung suchte der Kapitän seine Kabine auf, während er ein paar von der Mannschaft ausgestreckt auf dem Deck liegen ließ. Eine Viertelstunde lang spazierte Kin-Fo vom Vorder- zum Hintersteven und umgekehrt, mit gekreuzten Armen, während er vor Ungeduld mit den Fingern trommelte. Dann warf er einen letzten Blick auf diese trübe Unermeßlichkeit, deren Mittelpunkt die Dschunke bildete, zuckte die Achseln und trat, ohne an Fry-Craig auch nur ein Wort gerichtet zu haben, wieder in seine Kabine. Die beiden Versicherungsagenten aber standen, auf die Regeling gestützt, und plauderten, wie sie es gewohnt waren, sympathetisch, ohne ein Wort dabei zu sprechen. Sie hatten Kin-Fo's Fragen gehört, des Kapitäns Antworten desgleichen, ohne sich indes an der Unterhaltung zu beteiligen. Was hätte es ihnen genützt, sich drein zu mischen, und warum vor allen Dingen hätten gerade sie sich über diese Versäumnis beklagen sollen, die ihren Klienten in so schlechte Laune versetzte? Thatsächlich verhielt es sich doch so, daß sie an Sicherheit gewannen, was sie an Zeit verloren! Seit Kin-Fo an Bord der Dschunke keinerlei Gefahr lief und Lao-Schens Hand ihn hier nicht erreichen konnte, was konnten sie da besseres verlangen? Außerdem kam der Tag immer näher, an welchem ihre Verantwortlichkeit zu Ende ging! Noch 40 Stunden, und die ganze Taiping-Armee konnte über den verwichenen Klienten der Centennar-Gesellschaft herfallen, sie hätten sich kein Haar um seiner Verteidigung willen gekrümmt! Sehr praktische Leute, diese Amerikaner! So lange Kin-Fo treu ergeben, als er 200 000 Dollars für sie wert war! Absolut gleichgiltig gegen alles, was ihm zustoßen würde, sobald er keine Sapeke mehr wert war! Nach diesem Gedankengange setzten sich Craig-Fry zum Frühstück und speisten mit vortrefflichem Appetit. Ihr Proviant war von ausgezeichneter Güte: sie aßen aus der gleichen Schüssel, vom gleichen Teller; sie steckten die gleiche Menge von Bissen Brot und die gleiche Menge von Stücken kalten Fleisches in den Mund; sie tranken die gleiche Anzahl Gläser von einem vorzüglichen Schao-Schi-nje-Wein auf die Gesundheit Seiner Ehren William J. Bidulphs; sie rauchten das nämliche halbe Dutzend Cigarren und bewiesen neuerdings, daß man als »siamesische Zwillinge« dem Geschmack und den Gewohnheiten nach gelten kann, wenn man es auch von Geburt nicht ist. Brave Yankees, die am Ende ihrer Schmerzen zu sein wähnten! Der Tag verstrich ohne Zwischenfälle, ohne Unfälle. Noch immer dieselbe Ruhe in der Atmosphäre! Derselbe »flaue« Anblick des Himmels! Nichts, was in der meteorologischen Beschaffenheit eine Aenderung vorhersehen ließ! Das Wasser des Meeres war und blieb so unbeweglich wie aus einem Binnensee. Gegen 4 Uhr kam Sun wieder auf Deck, aber schwankend, taumelnd, ganz, als ob er sternhagelbetrunken wäre, und doch hatte er noch nie im Leben so wenig getrunken wie gerade in diesen letzten Tagen. Nachdem er zuerst violett, dann indigoblau, dann hellblau, dann grün ausgesehen hatte, fing sein Gesicht nun an, wieder gelb zu werden. War er erst mal wieder auf festem Lande und zeigte sein Gesicht seine gewöhnliche Farbe, nämlich orange, und färbte sie der Zorn rot, so würde es nacheinander und in ihrer natürlichen Ordnung die ganze Farbenskala des Sonnenspektrums durchlaufen haben. Sun schleppte sich zu den beiden Agenten hin, die Augen halb geschlossen, ohne daß er sich getraute, über die Regelingen des »Sam-Yey« hinauszuschauen. »Angekommen?« fragte er. – »Nein,« antwortete Fry. – »Kommen wir an?« – »Nein.« antwortete Craig. – »A-i! a-i! y-a!« machte Sun voll Verzweiflung, denn er besaß die Kraft nicht, mehr zu sagen, und streckte sich am Fuße des großen Mastes hin, von krampfhaftem Aufstoßen durchgeschüttelt, so daß sein verstutzter Zopfwickel wie ein Hundeschwänzchen hin und her wackelte. Den vom Kapitän Yin gegebenen Anordnungen gemäß waren inzwischen die Deckluken geöffnet worden, um die Zwischendecksräume zu lüften. Weise Vorsicht! weise von einem mit solchem Schiff und solcher Fracht bewanderten Manne! Denn die Sonne würde mit der Nässe, die durch ein paar über das Schiff gegangene Taifun-Wogen in das Schiffsinnere gedrungen war, rasch aufgeräumt haben. Craig-Fry waren bei ihrer Promenade auf Deck mehrmals vor der großen Luke stehen geblieben. Eine Regung von Neugierde trieb sie bald, dies Leichen-Zwischendeck einer Besichtigung zu unterziehen: sie stiegen also auf der stufenartig eingeschnittenen Deckstütze, die ins Zwischendeck führte, hinunter. Die Sonne zeichnete bereits ein großes Lichttrapez in lotrechter Richtung ziemlich vor der großen Luke: aber der Teil vor und hinter dem Zwischendeck blieb in tiefem Dunkel. Craig-Fry's Augen gewöhnten sich bald an diese Finsternis, und bald konnten sie die Verstauung dieser Sonderladung des »Sam-Yep« in Sicht nehmen. Das Zwischendeck war nicht, wie es bei der Mehrzahl der Handelsdschunken der Fall ist, durch Querverschläge geteilt. Es blieb also frei vom einen bis zum andern Ende für die Bergung der Ladung, gleichviel welcher Art dieselbe war: denn die Räume auf Deck reichten zum Quartier für die Mannschaft aus. Zu beiden Seiten dieses Zwischendecks, das dem Vorraum eines Kenotaphiums an Sauberkeit nichts nachgab, standen die 75 nach Fu-Ning verfrachteten Särge übereinander. Fest und sicher verstaut, konnten sie sich weder infolge der Stöße verrücken, die das Schiff beim Stampfen und Schlingern erlitt, noch konnten sie die Sicherheit der Dschunke auf irgend eine Weise in Gefahr setzen. Zwischen der doppelten Sargreihe war ein »Korridor« oder Gang frei gelassen, der von einem Ende des Zwischendecks zum andern lief, durch die Oeffnung der beiden Lukendeckel bald voll erleuchtet, bald in verhältnismäßigem Dunkel gelassen wurde. Craig-Fry betraten in tiefem Schweigen, als wenn sie sich in einem Mausoleum befunden hätten, diesen »Korridor«. Nicht ohne Neugierde sahen sie sich um. Dort standen Särge in allen Formen, von allen Größen, reich ausgestattet und von ärmlicher Beschaffenheit. Von diesen Auswanderern, die die Lebensnot über den Stillen Ozean getrieben hatte, war es den ersteren geglückt, in den kalifornischen Bergwerken, in den Gruben von Nevada oder Colorado, zu Vermögen zu gelangen – aber ihrer war, ach! nur eine kleine, sehr kleine Zahl! Die andern kehrten arm, wie sie ausgezogen waren, wieder in die Heimat. Aber alle kamen sie wieder heim, dorthin, wo sie geboren waren, alle gleich im Tode. Ein Dutzend Särge aus kostbarem Holz, geschmückt mit aller phantastischen Pracht chinesischer Kunst, die andern schlicht aus vier Planken gezimmert, grob zusammengefügt und gelb angestrichen, so sah die Schiffsladung aus. Ob reich, ob arm, jeder Sarg trug einen Namen, den Fry-Craig im Vorbeigehen lesen konnten: Li-en-Fu aus Aun-king-Fu, Nan-Lu aus Fu-Ning. Schen-Kin aus Lin-Kia, Luang aus Ku-Li-Koa u. s. w. Eine Verwechslung war nicht möglich. Jeder Leichnam, fürsorglich etikettiert, mußte an seinen Bestimmungsort gelangen, wo er ja in den Gärten am Hause, auf freiem Felde, in der weiten Ebene, auf die Stunde des wirklichen Begräbnisses zu warten hatte. »Gut gedacht!« meinte Fry. »Und gut gemacht!« antwortete Craig. Von den Magazinen eines Kaufmanns und den Docks eines San Franciscoer oder New-Yorker Kommissionärs würden sie nicht anders gesprochen haben! Am äußersten Ende des Zwischendecks angekommen, nahe dem Vordersteven am finstersten Teile, waren Craig und Fry stehen geblieben und betrachteten den scharf und deutlich wie eine Kirchhofsallee hervortretenden Gang. Da ihre Forschungspromenade nun zu Ende war, wollten sie eben wieder umdrehen, um auf Deck zu steigen, als ein leichtes Geräusch sich hören ließ und ihre Aufmerksamkeit wachrief. »Eine Maus!« sagte Craig. – »Eine Ratte!« meinte Fry. Schlechte Fracht das für solche Nagetiere! Lieber wär's ihnen sicher gewesen, die Ladung hätte aus Hirse, Reis oder Mais bestanden! Aber – das Geräusch dauerte fort! Es kam von einer Stelle ungefähr in Mannshöhe, von Steuerbord her, und mithin aus der obersten Sargreihe. Wenn's kein Knabbern oder Schrapen mit Zähnen war, so konnte es kaum etwas anderes sein, als ein Kratzen mit Krallen oder Nägeln! »Prrr! Prrr!« machten Craig und Fry. Das Geräusch setzte nicht aus. Die beiden »Versicherungs-Spitzel« traten, den Atem anhaltend, näher und lauschten. Ganz gewiß! Dies Gekratz kam aus dem Innern eines Sarges. »Sollte am Ende ein Chinese im Starrkrampf oder im Todesschlaf in einen solchen Kasten gelegt worden sein?« fragte Craig. »Der am Ende gar nach fünfwöchentlichem Schlaf auf hoher See sich zum Erwachen bequemt?« versetzte Fry. Die beiden Agenten faßten mit der Hand auf den verdächtigen Sarg und stellten fest, daß im Innern desselben etwas vor sich ging. Von Irrtum war keine Rede! »Schwere ...« hub Craig an. – ... not!« ergänzte Fry. Der gleiche Gedanke, daß ihrem Schutzbefohlenen irgend eine unmittelbare Gefahr drohe, kam natürlicherweise beiden! Kaum hatten sie die Hand ein wenig entfernt, so spürten sie, daß sich der Sargdeckel vorsichtig hob. Craig-Fry waren Leute, die sich so leicht nicht überraschen ließen: sie verhielten sich unbeweglich, und da sie in dieser tiefen Finsternis nichts sehen konnten, lauschten sie, allerdings nicht ohne Unruhe. »Bist Du's – Cuo?« fragte eine Stimme, aus der ein Uebermaß von Vorsicht herausklang. Fast gleichzeitig flüsterte eine andere Stimme aus einem der an Backbord stehenden Särge, der sich ebenfalls halb aufthat: »Bist Du's, Fa-Ki-en?« Und dann wurden rasch die folgenden Worte noch gewechselt: »Also heut Nacht?« – »Ja, heut Nacht!« – »Ehe der Mond aufsteigt?« – »In der zweiten Wache!« – »Und unsere Kameraden?« – »Sind benachrichtigt!« – »36 Stunden im Sarge! ich hab's aber satt.« – »Mir kommt's zum Halse 'naus!« – »Na, Lao-Schen hat's doch mal befohlen.« – »Ruhig!« Beim Namen des berüchtigten Tai-ping-Häuptlings hatten Craig-Fry, so sehr sie Herren über sich waren, doch eine leichte Bewegung nicht unterdrücken können. Im Nu waren die Deckel wieder auf die länglichen Risten gefallen. Tiefe Stille herrschte im Zwischendeck des »Sam-Yep«. Craig-Fry erreichten, auf allen Vieren kriechend, den Teil des Ganges wieder, auf dem aus der großen Luke das Lichttrapez gezeichnet wurde, und stiegen sodann die Stufen der Deckstütze wieder herauf. Kurz darauf standen sie am Hintersteven auf Deck, dort wo sie niemand hören konnte. »Tote, die schwatzen ...« Hub Craig an. »...sind keine Toten.« ergänzte Fry. Ein einziger Name hatte ihnen alles offenbar gemacht, der Name Lao-Schen! Genossen dieses furchtbaren Taiping-Rebellen hatten sich also an Bord geschlichen. Ließ sich bezweifeln, daß es mit Einverständnis des Kapitäns Yin geschehen war? Mit Einverständnis seiner Mannschaft? Mit Einverständnis der Lastträger von Taku, die die unheimliche Fracht verladen hatten? Nein! Nachdem die Särge aus dem amerikanischen Schiff, das sie von San Francisco zurückbrachte, geladen worden waren, hatte man sie zwei Tage und zwei Nächte lang im Dock stehen lassen. Ein Dutzend, vielleicht zwei Dutzend, vielleicht noch mehr von diesen mit Lao-Schens Bande verknüpften Piraten hatte die Särge entheiligt, die Leichname herausgenommen und sich statt ihrer hineingelegt! Aber um einen solchen Handstreich unter ihres Häuptlings Aegide zu wagen, hatten sie doch gewußt, daß Kin-Fo sich auf dem »Sam-Yep« einschiffen wollte? Wie aber hatten sie das erfahren können? Ein absolut dunkler Punkt, dessen Aufklärung übrigens in diesem Augenblick versuchen zu wollen müßiges Beginnen und keineswegs am Platze gewesen wäre! Was zunächst gewiß war, war eins: daß sich Chinesen vom schlimmsten Kaliber am Bord der Dschunke befunden hatten seit ihrer Abfahrt von Taku – daß Lao-Schens Name eben erst von einem derselben ausgesprochen worden war, daß Kin-Fo's Leben direkt und unmittelbar bedroht war! In dieser selben Nacht, in der Nacht vom 28. zum 29. Juni, sollte die Centennar-Gesellschaft eine Einbuße von 200 000 Dollars erleiden – die Centennar-Gesellschaft, die 54 Stunden später, da die Police nicht erneuert wurde, den Rechtsnachfolgern ihres kostspieligen Klienten nichts mehr zu zahlen haben würde! Wer meinen wollte, Fry-Craig würden bei solchen ernsten Vorgängen den Kopf verlieren, der müßte sie gar nicht gekannt haben! Ihr Entschluß stand im Nu fest: Kin-Fo mußte gezwungen werden, vor der Zeit der zweiten Wache die Dschunke zu verlassen und mit ihnen fliehen. Aber wie sollte man von der Dschunke wegkommen? Indem man sich der Barke an Bord bemächtigte? Das war ein Ding der Unmöglichkeit! Es war eine schwere Piroge, die anders als mit Hilfe der gesamten Mannschaft gar nicht von Deck gehißt und ins Meer gebracht werden konnte! Yin und seine Helfershelfer würden keinen Finger zur Hilfe rühren! Daher mußte man unbedingt anders vorgehen, gleichviel, welche Gefahren man dabei lief! Es war jetzt 7 Uhr abends. Der Kapitän, der sich in seine Kabine eingesperrt hatte, war noch nicht wieder sichtbar geworden. Augenscheinlich wartete er die mit den Kameraden Lao-Schens vereinbarte Stunde ab. »Kein Augenblick zu verlieren!« sagten Fry-Craig. Nein! nicht ein einziger! Die beiden Agenten wären nicht schlimmer bedroht gewesen, wenn sie auf einem Brander gesessen hätten, der mit angebrannter Lunte auf hoher See triebe. Die Dschunke schien nun einfach auf Wasser zu treiben. Ein einziger Matrose schlief auf dem Vordersteven. Craig-Fry stießen die Thür zur Hütte auf dem Hintersteven, wo Kin-Fo beherbergt war, ein. Kin-Fo schlief. Der Druck einer Hand weckte ihn auf. »Was will man von mir?« fragte er. Mit wenigen Worten wurde Kin-Fo über die Sachlage unterrichtet. Mut und Kaltblütigkeit verließen ihn nicht. »Werfen wir all diese Leichen ins Meer, die keine Leichen sind!« rief er. Eine verwegene Idee, aber absolut nicht auszuführen, denn daß der Kapitän Yin mit allen Zwischendeckspassagieren unter einer Decke steckte, war doch unzweifelhaft. »Was aber dann beginnen?« fragte er. »Das Zeug hier anziehen!« antworteten Fry-Craig. Mit diesen Worten öffneten sie eins der in Tong-Tsche-u auf Schiff gebrachten Kolli und reichten ihrem Schutzbefohlenen einen jener wunderbaren Schwimm-Apparate, als deren Erfinder sich Kapitän Boyton bekannt gemacht hat. Das Kollo enthielt noch drei andere Apparate mit den verschiedenen Ergänzungsgeräten, mit denen zusammen sie Rettungsapparate erster Ordnung darstellten. »Meinetwegen,« sagte Kin-Fo; »holen Sie mir Sun!« Im nächsten Augenblick war Sun zur Stelle, aber vollständig verdummt. Man mußte ihn anziehen! Mechanisch ließ er alles mit sich machen, und was er denken mochte, brachte er in Ai-ai-y-a-Rufen zum Ausdruck, die schier herzzerreißend waren! Um 8 Uhr waren Kin-Fo und seine Reisegefährten in Bereitschaft. Ein Anblick, der an vier Robben im Polarmeer erinnerte, die sich zum Untertauchen anschicken! Immerhin muß gesagt werden, daß Seehund Sun kaum eine günstige Vorstellung von der erstaunlichen Gelenkigkeit dieser Meersäugetiere gegeben hätte, so schlapp und plunderig stand er da in seinem Rettungsanzug! Schon fing sich im Osten nächtliches Dunkel an zu senken. Die Dschunke schwebte inmitten absoluter Ruhe und Stille auf der ruhigen Wasserfläche. Craig und Fry stießen eine der Stückpforten auf, die die Fenster der Kabine am Hintersteven versperrten und deren Oeffnung über dem Schanzkleide der Dschunke lag. Ohne viel Umstände wurde Sun in die Höhe gehoben, durch die Stückpforte geschoben und ins Meer hinaus geschleudert. Kin-Fo folgte hinterher. Dann packten Craig und Fry die unentbehrlichen Hilfsapparate und stürzten sich ihrerseits in das nasse Element. Ein Zweifel, daß die Passagiere des »Sam-Yep« soeben dessen Bord verlassen hatten, war für jedermann ausgeschlossen. Neunzehntes Kapitel: das kein gutes Ende nimmt, weder für Kapitän Yin als Kommandant des »Sam-Yep«, noch für seine Mannschaft. Die Apparate des Kapitäns Boyton bestehen einzig und allein aus einem Kautschuk-Anzug, der aus Beinkleid, Jacke und Kappe besteht. Durch die Beschaffenheit des zu ihnen verwendeten Stoffes sind sie wasserdicht. Diese Eigenschaft hätte sie aber noch nicht frostdicht gemacht, das heißt also, wenn auch kein Wasser in sie eindringen konnte, so würde doch die infolge langen Tauchens entstehende Kälte zu ihnen hereingedrungen sein. Darum werden diese Anzüge aus zweierlei übereinander genähten Stoffen gefertigt, zwischen die sich eine gewisse Menge Luft einblasen läßt. Diese Luft dient also zweierlei Zweck: 1) soll sie den Apparat schwebend über Wasser halten; 2) soll sie durch ihre Zwischenlage jede Berührung mit der flüssigen Luft verhindern und demzufolge vor jeder Erkältung, bzw. Kälte schützen. In solchem Boyton-Anzuge würde ein Mensch eine fast unbegrenzte Zeit, ohne unterzugehen, sich im Wasser aufhalten können. Daß die Nähte und Anschlußteile solcher Apparate absolut dicht sein müssen, versteht sich von selbst. Das Beinkleid, das bis über die Füße reichte, und in bleischweren Sohlen auslief, war an einem metallenen Gürtel mittels Haken befestigt, der weit genug war, dem Körper zu Bewegungen einigen Raum frei zu lassen. Die an dem gleichen Gürtel befestigte Jacke lief wieder in einem festen Halsgurt aus, an welchen sich die Kappe fügte. Diese Kappe lief um den Kopf herum, fügte sich hermetisch an Stirn, Backen und Kinn, und zwar mittels eines Gummibandes oder Gummireifens. Vom Gesicht sah man also nichts weiter als Nase, Augen und Mund. An die Jacke waren mehrere Kautschukrohre gefügt, die zur Einführung von Luft dienten und die Regulierung derselben, je nach dem Dichtigkeitsgrade, den man erlangen wollte, gestatteten. Man konnte sich also, je nach Belieben, bis zum Halse oder bloß bis zu den Hüften ins Wasser tauchen, oder sogar wagerechte Lage einnehmen. Sozusagen also vollkommene Handlungs- und Bewegungsfreiheit, bei fragloser Sicherheit. In solcher Weise beschaffen ist der Apparat, der seinem kühnen Erfinder so großen Erfolg gesichert hat und dessen praktischer Nutzen sich in einer gewissen Zahl von Unglücksfällen zur See bewährt hat. Verschiedene zugehörige Bestandteile bilden seine Ergänzung: ein wasserdichter Sack, der einige Gerätschaften enthält, die man über die Schulter nimmt; ein fester Stock, dessen Fuß in einer Hülse oder einem Rohre steckt und ein in Klüverform geschnittenes Segel trägt; endlich eine leichte Paddel, die je nach Bedarf als Ruder oder Steuer dient. In dieser Equipierung trieben nun Kin-Fo, Craig-Fry und Sun auf der Wasserfläche. Sun, von den beiden Agenten abwechselnd ins Schlepptau genommen, ließ sich vom Wasser treiben, und mit einigen Paddelschlägen hatten sich alle vier ziemlich weit ab von der Dschunke bringen können. Die noch rabenfinstere Nacht begünstigte das Unternehmen. Falls Kapitän Yin oder einige von seiner Mannschuft auf den Brückensteg getreten wären, so hätten sie die Flüchtlinge doch nicht wahrnehmen können. Es dürfte übrigens auch kaum jemand an Bord der Dschunke eine Ahnung von den Umständen haben, wie sie ihre Flucht bewerkstelligt hatten. Die im Zwischendeck eingesperrten Schufte würden erst im allerletzten Augenblicke dahinter kommen. »Bei der zweiten Wache,« hatte die Pseudo-Leiche des letzten Sarges gesagt, also die Zeit um Mitternacht herum. Also hatten Kin-Fo und seine Gefährten noch immer einige Stunden Vorsprung für ihre Flucht, und im Verlauf dieser Zeit hofften sie reichlich eine Meile unter Wind vom »Sam-Yep« zu gewinnen. In der That fing auch eine schwache Kühlte den Wasserspiegel zu kräuseln an, aber noch so leise, daß man sich nur auf die Paddel verlassen konnte, zwischen sich und die Dschunke einen Abstand zu bringen. Binnen wenigen Minuten hatten sich Kin-Fo, Craig und Fry so gut an ihren Apparat gewöhnt, daß sie instinktiv manövrierten, ohne sich auch nur einmal zu besinnen, weder hinsichtlich der Bewegungen, die sie machen, noch hinsichtlich der Haltung oder Stellung, die sie in diesem weichen, schmiegsamen Element machen mußten. Selbst Sun war bald wieder zu besserem Verstande gelangt und fühlte sich verhältnismäßig im Wasser wohler, als an Bord. Seine Seekrankheit war im Nu gewichen. Dem Schlingern und Stampfen eines Fahrzeuges ausgesetzt zu sein, oder mit halbem Leibe im Wasser sich von den Wellen tragen zu lassen, ist nämlich ein ganz bedeutend anderes Ding, und Sun konstatierte diesen Unterschied nicht ohne innere Befriedigung. Wenn aber Sun auch nicht mehr krank war, so saß ihm doch eine entsetzliche Furcht im Leibe. Er dachte, womöglich seien die Haifische noch nicht zur Ruhe gegangen, und instinktiv, als wenn er schon unmittelbar davor stände, verschluckt zu werden, zog er die Beine an sich! ... Frei heraus gesagt, ein gewisses Maß von Unruhe in dieser Hinsicht war momentan auch eher am Platz, als nicht! Kin-Fo und seine Reisegefährten, vom bösen Schicksal ununterbrochen in die ungewöhnlichsten Situationen gebracht, trieben nun im Meere; paddelnd hielten sie sich in einer fast wagerechten Lage, und wenn sie sich ausruhen wollten, oder auf dem Platze verweilten, nahmen sie wieder die senkrechte Stellung ein. Nach Verlauf einer Stunde etwa mochte der »Sam-Yep« etwa eine halbe Meile unter Wind von ihnen liegen. Nun machten sie Halt, stützten sich auf ihre flach vor sich gestreckte Paddel und beratschlagten, was nun zu thun sei, wobei sie die Vorsicht übten, nicht anders, als leise miteinander zu sprechen. »Dieser Schuft von Kapitän!« rief Craig, um das Gespräch auf dem Stande der Situation zu halten. »Dieser Lump von Lao-Schen!« versetzte Fry. »Verwundert Sie das?« fragte Kin-Fo im Ton eines Menschen, der sich durch nichts in Verwunderung setzen läßt. »Jawohl!« antwortete Craig, »denn ich kann nicht begreifen, wie diese Halunken dahinter kommen konnten, daß wir an Bord dieser Dschunke die Ueberfahrt machen würden.« »Absolut unfaßbar, wahrhaftig!« setzte Fry hinzu. »Hat wenig zu sagen,« sagte Kin-Fo, »da sie's nun doch mal gewußt haben und da wir ihnen entwischt sind!« »Entwischt? Nein! So lange der »Sam-Yep« noch in Sicht ist, so lange werden wir auch nicht außer Gefahr sein!« »Nun! Was also thun?« fragte Kin-Fo. »Alle Kräfte zusammenraffen und weit genug abzukommen suchen, daß bei Sonnenaufgang keine Spur mehr von uns zu sehen ist!« und, eine gewisse Luftmenge in seinen Rettungsanzug blasend, stieg Fry wieder bis zu den Hüften aus dem Wasser herauf, zog seinen Gerätesack vor die Brust, machte ihn auf, nahm eine Flasche und ein Glas heraus, füllte das letztere mit stärkendem Branntwein und reichte es seinem Schutzbefohlenen. Kin-Fo ließ sich nicht lange bitten und trank das Glas bis auf die Neige aus. Craig-Fry machten es ebenso, und auch Sun wurde nicht vergessen. »Geht's nun?« fragte Craig. – »Besser!« antwortete Sun, nachdem er den Schluck genommen hatte – »vorausgesetzt, wir können auch einen Bissen essen!« – »Morgen,« sagte Craig, »werden wir bei Tagesanbruch frühstücken, und ein paar Tassen Thee ...« – »Kalt!« rief Sun und schüttelte sich. – »Warm!« versetzte Craig. – »Wollen Sie Feuer anzünden?« – »Ich werde Feuer anzünden.« – »Warum denn bis morgen warten?« fragte Sun. – »Soll denn unser Feuer dem Kapitän Yin und seinen Mitverschworenen sagen, wo wir stecken? – »Nein, nein!« – »Also auf morgen!« Der Wahrheit gemäß schwatzten die braven Leute nun, als wenn sie »bei sich zu Hause« wären! Bloß versetzte sie die leichte Bewegung der Fluten in eine Auf- und Abwärtsbewegung, die eine merkwürdig komische Seite hatte; sie stiegen und fielen nämlich reihum, je nachdem die Flut sie traf, ähnlich, wie die Hämmer einer von Pianistenhand angeschlagenen Klaviatur. »Die Brise fängt an, aufzufrischen,« bemerkte Kin-Fo. »Also rüsten wir uns!« versetzten Fry-Craig, und sie schickten sich an, ihren Stock zu bewimpeln, als Sun einen Schreckensruf ausstieß. »Willst Du das Maul halten, Esel!« rief ihm sein Herr zu ... »Willst Du denn, daß wir uns aufstöbern lassen?« – »Aber ich habe, glaube ich, eben ...« flüsterte Sun. – »Was hast Du?« – »Ich habe, glaube ich, eben ein Riesenvieh gesehen, das auf uns zuschwamm! Haifisch oder so was!« – »Irrtum, Sun!« sagte Craig, nachdem er aufmerksam die Wasseroberfläche gemustert hatte. – »Aber ... mir ist's ganz so gewesen ...« stotterte Sun. – »Willst Du schweigen, Hasenherz!« sagte Kin-Fo, seinem Diener die Hand auf die Schulter legend – »und selbst wenn der Hai nach Dir schnappen sollte, wirst Du das Maul halten, oder ...« – »Oder,« setzte Fry hinzu, »einen Schlitz in seinen Anzug! und dann kann der Kerl auf dem Grunde schreien, so viel er will!« Der unglückliche Sun war, wie man sieht, noch lange nicht am Ende seiner Drangsale. Die Furcht saß ihm im Leibe, und nicht schlecht! Aber er wagte keinen Mucks mehr. Wenn ihm die Dschunke und die Seekrankheit und die Zwischendeckpassagiere noch nicht leid thaten, so konnte das nicht mehr lange dauern. Wie Kin-Fo festgestellt hatte, fing die Brise sich aufzunehmen an. Aber es war nichts weiter als eine jener plötzlichen Frischen von kurzer Dauer, die am häufigsten bei Sonnenaufgang eintreten. Nichtsdestoweniger mußte man sie nützen, um so viel wie möglich vom »Sam-Yep« abzukommen. Wenn Lao-Schens Gesellen Kin-Fo nicht mehr im »Logis« hinterschiffs finden würden, so stand doch zu erwarten, daß sie sich ohne weiteres auf die Suche machen würden, und wenn sie irgendwie wahrnahmen, wo er steckte, so würde ihnen die Piroge es kinderleicht machen, ihnen nachzusetzen und sie wieder einzufangen. Um jeden Preis war es also wichtig, so viel Terrain, wie möglich, zu gewinnen, ehe es Tag wurde. Die Brise blies aus Osten. Gleichviel, in welche Bereiche der Orkan die Dschunke gejagt hatte, an einem Punkte des Meerbusens von Leao-Tong, des Golfs von Pe-tschi-li oder schließlich auch des Gelben Meeres mußten sie, wenn sie die westliche Richtung beibehielten, ohne Frage das Gestade erreichen. Dort konnte man ja irgend einem Handelsschiffe, auf der Fahrt nach der Mündung des Pei-ho begriffen, begegnen. Dort gehörten ja auch Fischerbarken bei Nacht, wie bei Tage, zu den gewöhnlichsten Erscheinungen des Küstenverkehrs. Die Möglichkeit, aufgefischt zu werden, gewann also in ziemlich hohem Verhältnis an Wahrscheinlichkeit. Wäre hingegen der Wind aus dem Westen gekommen, und war der »Sam-Yep« über die Küste von Korea hinaus südwärts verschlagen worden, so stünde es um die Rettungswahrscheinlichkeit für Kin-Fo und seine Reisegefährten äußerst schlecht. Dann würde sich vor ihnen das ungeheure Meer erstrecken, und, falls es ihnen wirklich beschert sein sollte, bis zu den Küsten Japans zu gelangen, so würde das wohl kaum anders der Fall sein, als im Zustande von Leichen im wassersicheren Kautschuk-Rocke! Wie aber schon gesagt worden, ließ sich mit ziemlicher Sicherheit annehmen, daß die Brise mit Sonnenaufgang abflauen würde; um so mehr galt es also, sie klug auszunützen, um sich so weit wie möglich aus dem Sehbereich der Dschunke zu bringen. Es war etwa 10 Uhr abends. Der Mond mußte kurz vor Mitternacht über dem Horizont zum Vorschein kommen. Also war kein Augenblick zu verlieren! »Unter Segel!« riefen Fry-Craig. Im Nu war die Bewimpelung der Stöcke erfolgt. Nichts leichter übrigens, als das! Denn jede Sohle des rechten Fußes trug eine Dille oder Hülse, zu dem Zwecke, den Stock hineinzusetzen, der als Mast zu dienen hatte. Kin-Fo, Sun und die beiden Versicherungsagenten legten sich zunächst auf den Rücken; dann zogen sie den rechten Fuß in der Beuge bis zum Knie heran, machten den Stock in der Dille fest, nachdem sie zuvor das kleine Klüversegel auf denselben gesetzt hatten. Sobald sie den Fuß dann in wagerechte Stellung gebracht hatten, richtete sich der Stock in rechter Winkelstellung zur Körperlinie senkrecht in die Höhe. »Hissen!« kommandierten Fry-Craig. Und jeder zog, mit der rechten Hand auf das »Fall-« oder Zugseil drückend, das dreieckig geschnittene Wimpel an die Spitze der improvisierten Maststange hinauf. Nun wurde das »Fall« an den metallenen Gürtel gehakt, die Schote mit der Hand gefaßt, und die vier Klüversegel blähten sich vor der Brise, die die kleine Skaphander-Flottille mitten im leichten Kielwasser von dannen trieb. Verdienten nicht diese »Wasserratten« diese Bezeichnung »Skaphander« mit um so größerem Recht, als die Untermeer-Arbeiter, denen er in der Regel, und ohne, daß er auf sie so recht paßt, zugelegt wird? Zehn Minuten nachher arbeitete jede der vier »Wasserratten« mit vollkommener Sicherheit und Leichtigkeit. Ohne daß sich einer von der andern entfernte, ruderten sie, um es seemännisch zu bezeichnen, »unter Admiralschaft«, nämlich zusammen in Reih und Glied, so daß es fast aussah, als ob ein Trupp Riesenraubmöven mit vorm Winde gespannten Fittichen leicht über die Wasserfläche glitte. Uebrigens wurde diese Schiffahrtsweise durch den Stand der See außerordentlich begünstigt. Keine einzige Welle störte die lange, ruhige Wasserfläche, weder eine Kabbel- noch eine Widersee. Ein paarmal nur wollte der ungeschickte Sun, weil er an Fry-Craigs Instruktionen nicht dachte, sich umdrehen und schluckte dann ein paar Mundvoll von der bittersalzigen Flüssigkeit. Aber ein paarmal kräftigen Aufstoßens in Verbindung mit etwas Erbrechen machten den Schaden allemal wieder gut. Uebrigens war das nicht der Grund für die Angst, die er fühlte, sondern vielmehr die Nähe von gefräßigen Haifischen, die er fortwährend witterte! Man machte ihm jedoch begreiflich, daß er geringere Gefahr in wagerechter Lage als in senkrechter liefe. Thatsächlich nötigt den Hai die Beschaffenheit seines Quermauls, sich umzudrehen, wenn er nach seiner Beute schnappen will, und diese Bewegung wird ihm nicht leicht, wenn er einen Gegenstand fassen will, der wagerecht schwimmt. Außerdem hat man die Bemerkung gemacht, daß diese gefräßigen Tiere, während sie sich auf träge Körper stürzen, vor solchen, die mit Bewegung ausgestattet sind, sich sozusagen besinnen. Sun mußte sich also bequemen, in einem fort seine Paddel zu rühren, und ob er sich dazu bequemte, mag sich der Leser selbst ausmalen! Die vier Skaphander trieben in dieser Weise etwa eine Stunde lang auf dem Wasser. Weder mehr noch weniger war nötig. Ein Weniger würde sie nicht rasch genug von der Dschunke abgebracht haben. Ein Mehr würde sie, und zwar ebenso sehr infolge der ihrem kleinen Segel gegebenen Spannung als infolge der zu scharfen Kabbelsee, zu stark ermüdet haben. Craig-Fry kommandierte also »Stoppen«! Die Schoten wurden »gefiert« oder nachgelassen und die kleine Flotte stand still. »Fünf Minuten Ruhe, wenn's beliebt, Herr?« fragte Craig, zu Kin-Fo gewandt. – »Gern,« antwortete dieser. Alle, bis auf Sun, der »vorsichtshalber« ausgestreckt bleiben wollte und zu plätschern fortfuhr, nahmen die senkrechte Stellung ein. »Zweites Glas Schnaps gefällig?« fragte Fry. »Mit Vergnügen!« antwortete Kin-Fo. Ein paar Schlucke von dem kräftigenden Tranke, mehr davon war für den Moment nicht nötig. Der Hunger quälte sie noch nicht. Eine Stunde vor ihrer Flucht von der Dschunke hatten sie die Hauptmahlzeit des Tages gehalten; also konnten sie es schon bis zum andern Morgen aushalten. Sich zu wärmen war auch unnötig. Die zwischen ihren Leib und das Wasser eingefügte »Luftmatratze« gewährte ihnen Schutz vor jeder Frische. Die Normaltemperatur ihres Körpers war sicherlich noch um keinen Grad seit ihrer Flucht gesunken. Und der »Sam-Yep«? War er noch immer in Sicht? Craig und Fry drehten sich um. Fry nahm aus seinem Gerätesack ein Nachtfernrohr und suchte damit sorgfältig den Horizont am östlichen Himmel ab. Nichts! nichts zu sehen! Keiner von jenen kaum merklichen Schatten, die die Schiffe auf dem dunklen Himmelsgrunde zeichnen. Ueberall schwarze, in leichten Nebel gehüllte, sternenarme Nacht! Die Planeten sahen kaum anders aus als ein Nebelfleck am Firmament. Sehr wahrscheinlich würde aber der Mond, der seine halbe Scheibe sicher bald zeigen würde, diese fast undurchsichtigen Nebel verscheuchen und den Raum weithin aufhellen. »Die Dschunke ist weit von uns!« sagte Fry. »Die Halunken liegen noch im Schlafe,« versetzte Craig, »und werden die Brise kaum ausgenützt haben!« »Wann's Ihnen recht ist?« meinte Kin-Fo, indem er seine Schote wieder straff zog und sein Segel von neuem im Winde spannte. Seine Kameraden thaten wie er, und alle schlugen wieder unter dem Druck einer etwas steifer gewordenen Brise ihren ersten Kurs ein. Gen Westen zu ging die Paddeltour. Mithin konnte der im Osten aufsteigende Mond sie nicht direkt in die Augen treffen; aber den entgegengesetzten Horizont mußte er mit seinen ersten Strahlen treffen, und diesen Horizont mit Aufmerksamkeit abzusuchen, war eine Hauptsache. Vielleicht zeigte er statt einer von Himmel und Wasser scharf gezogenen Kreislinie ein zerrissenes, vom Mondlicht gefranstes Profil! Die Skaphander würden sich schon nicht irren! Was sie dort sehen würden, würde das Gestade des Himmlischen Reiches sein, und gleichviel, wo sie dort an Land geraten würden, würde sich Rettung für sie bieten. Die Küste war frei, die Widersee fast gleich Null. Also konnte die Landung nicht mit Gefahr verknüpft sein; und erst einmal auf festem Boden, würde man sich rasch klar darüber werden, was nunmehr für sie am besten zu thun sei. Ungefähr gegen drei Viertel zwölf Uhr zeichneten sich am Nebelgewölk des Zeniths in unbestimmten Umrissen einige weiße Flecke. Das Mondlicht fing an, allmählich über die Wasserlinie zu ragen. Weder Kin-Fo noch einer seiner Gefährten drehte sich um. Die Brise, die sich unmerklich aufgefrischt hatte, während sich die obern Dunstwolken zu zerstreuen anfingen, führte sie nun mit einer gewissen Schnelligkeit hinweg. Aber daß es sich im Raum langsam aufhellte, merkten sie natürlich. Zur gleichen Zeit traten die Sternbilder schärfer in Sicht. Der Wind, der sich aufnahm, fegte das Nebelgewölk hinweg und ein schärferes Kielwasser zitterte den Skaphandern um die Köpfe. Die von Kupferrot in Silberweiß übergegangene Mondscheibe erleuchtete bald den ganzen Himmel. Plötzlich entfuhr ein echter, unverhohlener Fluch, ein echter Amerikaner-Fluch Craigs Munde. »Die Dschunke!« rief er. Alle machten Halt. »Segel gekappt!« rief Fry. Im Nu waren die vier Klüversegel hereingeholt und die Stöcke aus ihren Dillen gehoben. Im Nu waren die vier »Wasserratten« wieder in senkrechte Stellung getreten und blickten rückwärts. Der »Sam-Yep« zeichnete in Entfernung von knapp einer Meile, alle Segel aufgemacht, in Schwarz seine Umrisse am hellerleuchteten Horizont. Wirklich und wahrhaftig, es war die Dschunke! Sie hatte zur Fahrt klar gemacht und nützte jetzt die Brise aus. Kapitän Yin hatte ohne Zweifel Kin-Fo's Verschwinden bemerkt, ohne sich zunächst darüber klar werden zu können, wie er die Flucht bewerkstelligt hatte. Auf gut Glück hatte er sich im Einverständnis mit seinen Mitverschwornen aus dem Zwischendeck auf die Verfolgung gemacht, und ehe noch eine Viertelstunde verstrich, würden sie, Kin-Fo, Sun, Craig und Fry, ihm wieder in die Hände gefallen sein! Waren sie denn aber inmitten dieses Strahlenbündels, mit dem sie der Mond auf der Meeresoberfläche übergoß, gesehen worden? Nein! vielleicht nicht! »Kopf gesenkt!« kommandierte Craig, der sich an diese Hoffnung klammerte. Er wurde verstanden. Die Röhren der Rettungsanzüge ließen ein mäßiges Quantum von Luft entweichen, und die vier Skaphander sanken so tief, daß bloß ihr in die Kappe gehüllter Kopf über Wasser ragte. Nun blieb nichts weiter zu thun, als, ohne sich zu rühren, in absolutem Schweigen zu warten. Die Dschunke näherte sich mit Geschwindigkeit. Ihre hohen Segel warfen ihre breiten Schatten auf die Fluten. Nach fünf Minuten war der »Sam-Yep« höchstens noch eine halbe Meile weit. Oben auf den Regelingen liefen die Matrosen hin und her. Hinterschiffs stand der Kapitän und hielt das Ruder. Steuerte er in der Absicht, die Flüchtlinge zu erreichen? Ließ er sich nur vom Winde treiben? Man wußte es nicht. Plötzlich wurde lautes Geschrei hörbar. Eine Masse von Menschen wurde auf dem Verdeck des »Sam-Yep« sichtbar. Das Geschrei verdoppelte sich. Offenbar kam es zum Kampfe zwischen den Pseudo-Leichen, die aus dem Zwischendeck entronnen waren, und der Bemannung der Dschunke. Aber weshalb ein solcher Kampf? Standen denn diese Halunken, Matrosen und Seeräuber, nicht im Komplott?! Kin-Fo sowohl wie seine Kameraden hörten ganz deutlich einerseits schauerliche Verwünschungen und Flüche, anderseits Schmerzensgeschrei und verzweifeltes Geheul, das binnen wenigen Minuten verklang. Dann deutete eine heftige Kabbelsee, längs der Dschunke verlaufend, darauf hin, daß Leichname ins Meer geschleudert wurden. Nein! Kapitän Yin und seine Mannschaft waren nicht die Mitverschwornen von Lao-Schens Banditen! Die armen Menschen waren vielmehr überrumpelt und hingeschlachtet worden. Die Schufte, die sich an Bord versteckt hatten, – ohne Zweifel mit Hilfe der Umlader in Taku – hatten kein anderes Ziel verfolgt, als sich für Rechnung des Tai-ping der Dschunke zu bemächtigen, und ganz sicher wußten sie gar nicht einmal, daß Kin-Fo Passagier auf dem »Sam-Yep« gewesen war! Wäre er aber gesehen, wäre er festgenommen worden, dann hätte weder er noch Fry-Craig noch Sun auf Mitleid von diesen Elenden zu rechnen gehabt. Die Dschunke rückte noch immer näher. Sie kam ihnen nahe; sie erreichte sie – aber zufolge eines unverhofften Glückszufalls warf sie den Schatten ihrer Segel auf die Skaphander ... Diese tauchten im Nu unter ... Als sie wieder zum Vorschein kamen, war die Dschunke vorbei, ohne sie zu bemerken, und enteilte inmitten einer jähen Kräuselflut. In ihrem Kielwasser schwamm ein Leichnam, der langsam in die Nähe der Skaphander trieb. Es war die Leiche des Kapitäns, in dessen Hüfte ein Dolchmesser gestoßen war. Die weiten Falten seines Gewandes hielten ihn noch eine Zeitlang über Wasser. Dann sank er und verschwand in den Tiefen des Meeres. So endigte der joviale Kapitän Yin, Kommandant des »Sam-Yep«! Zehn Minuten später war die Dschunke im Westen verschwunden und Kin-Fo, Fry-Craig und Sun befanden sich wieder allein auf der Meeresoberfläche. Zwanzigstes Kapitel: worin man sehen wird, welchen Dingen sich Leute aussetzen, die sich Boyton'scher Schwimm-Apparate bedienen. Nach Verlauf von drei Stunden zeichneten sich die ersten weißen Lichter in leichten Umrissen am Horizont. Bald wurde es Tag, und das Meer ließ sich in voller Ausdehnung übersehen. Die Dschunke war nicht mehr sichtbar. Sie hatte die Skaphander, die an Schnelligkeit nicht mit ihr wetteifern konnten, rasch hinter sich gelassen. Sie waren wohl unter der Wirkung der gleichen Brise, im gleichen Kurse in westlicher Richtung gefolgt, aber der »Sam-Yep« mußte sich jetzt schon über drei Meilen unterm Winde befinden. Mithin war für die hinter ihm Herfahrenden nichts mehr zu fürchten. Immerhin war die Lage, trotzdem diese unmittelbare Gefahr vermieden worden, noch immer ernst genug. Das Meer war total leer und öde. Kein Schiff, keine Barke war in Sicht. Kein Schimmer von Land, weder im Norden noch im Osten. Nichts was auf die Nähe eines Gestades deutete. Gehörten die Gewässer, wo sie trieben, zum Busen von Pe-tschi-li oder zum Gelben Meer? Totale Ungewißheit in dieser Hinsicht! Leichter Wind strich indessen noch immer auf der Wasserfläche. In seinem Bereich mußte man sich unbedingt halten. Die Richtung, die von der Dschunke eingeschlagen worden, bewies, daß in größerer oder geringerer Nähe Land aufkommen mußte, und zwar im Westen, sowie ferner, daß es auf alle Fälle geraten wäre, Land in dieser Richtung und keiner andern zu suchen. Demgemäß wurde beschlossen, sobald man sich gestärkt hätte, die Segel wieder zu setzen. Der Magen forderte sein Recht, und eine zehnstündige Wasserpromenade unter solchen Bedingungen machte den Magen rebellisch! »Frühstücken wir,« hub Craig an. »... und zwar reichlich!« ergänzte Fry. Kin-Fo winkte zustimmend und Sun klapperte so deutlich mit den Kinnladen, daß man sich über seine Stimmung nicht in Zweifel befinden konnte. In diesem Augenblick dachte der verhungerte Wicht nicht mehr daran, auf dem Flecke aufgefressen zu werden. Im Gegenteil! Der wasserdichte Sack wurde also geöffnet. Fry nahm verschiedene eßbare Sachen von bester Sorte heraus, Brot, Konserven, mancherlei Tischgerät, kurz, alles was notwendig war, um Hunger und Durst zu stillen. Es wurde gespeist und mit vortrefflichem Appetit. Der Sack enthielt Proviant auf zwei Tage. Ehe zwei Tage herum waren, mußte man doch aber an Land gelangt sein, oder würde nun und nimmer hin gelangen! »Aber Hoffnung haben wir,« meinte Craig. – »So, und warum Hoffnung?« fragte Kin-Fo, nicht ohne Ironie. – »Weil uns das Glück wieder lächelt,« antwortete Fry. – »Lächelt? Finden Sie?« fragte Kin-Fo wieder. – »Ohne Frage,« versetzte Craig; »die schlimmste Gefahr war die Dschunke, und ihr haben wir entrinnen können!« – »Niemals, mein Herr,« setzte Fry hinzu, »sind Sie in besserer Sicherheit gewesen als hier; niemals, seit wir die Ehre gehabt haben, Ihrer Person beigegeben zu werden!« »Alle Tai-pinge der Welt ...« hub Craig wieder an. »... würden die Hand nicht an Sie legen können,« meinte Fry. »Und wie flott Sie treiben!« setzte Craig hinzu. »Für einen Menschen, der 200 000 Dollars schwer ist!« ergänzte Fry. Kin-Fo konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. »Wenn ich treibe,« meinte er, »so verdanke ich es Ihnen, meine Herren! Ohne Ihren Beistand würde ich jetzt beim armen Yin sein!« »Wir auch!« riefen Fry-Craig als Antwort. – »Und ich auch!« rief Sun, indem er, nicht ohne tüchtige Anstrengung, ein gewaltiges Stück Brot durch seinen Mund in seinen Magen wandern ließ. »Immerhin,« versetzte Kin-Fo, »weiß ich, was ich Ihnen schuldig bin!« »Sie sind uns gar nichts schuldig,« antwortete Fry, »denn Sie sind Klient der »Centennar«-Lebensversicherungsgesellschaft ...« – Craig. »Garantiertes Vermögen: 20 Millionen Dollars!« – Fry. »Und wir hoffen stark ...« – Craig. »... daß sie nicht notwendig haben wird, einzuspringen« – Fry. Im Grunde seiner Seele war Kin-Fo tief gerührt über die aufopfernde Hingabe, von der ihm die beiden Agenten so viel Beweise gegeben hatten, so viel er sie auch im Trab gehalten hatte. Darum machte er auch aus seinen Gefühlen ihnen gegenüber kein Hehl. »Wir werden hierüber reden,« bemerkte er noch, »wenn mir Lao-Schen den Brief zurückgegeben hat, dessen sich Wang in so unglückseliger Weise entäußert hat!« Craig-Fry sahen sich an. Ein unmerkliches Lächeln zeichnete sich auf ihren Lippen. Augenscheinlich hatten sie den gleichen Gedanken gehabt. »Sun!« rief Kin-Fo. – »Mein Herr und Gebieter?« – »Wie steht's mit dem Thee?« – »Hier, bitte!« versetzte Fry. Und für Fry war es sicher am Platze, statt Suns zu antworten, denn Thee unter diesen Bedingungen zu bereiten wäre Sun, wie er nicht anders hätte antworten können, gar nicht möglich gewesen. Aber wer hätte meinen wollen, daß sich die beiden Versicherungsagenten um solcher Lappalie willen Kopfschmerzen gemacht hätten, der hätte sie schlecht gekannt. Fry langte aus seinem Gerätesack ein kleines Behälterchen, das ein unentbehrlicher Bestandteil von Boyton-Apparaten ist. Tatsächlich kann man sich seiner als Leuchte oder Fackel bedienen zur Nachtzeit, als Wärmherd bei Kälte, als Kochwerkzeug, wenn man was Warmes zu trinken haben will! Etwas Einfacheres läßt sich in Wahrheit nicht denken. Ein 5–6 zölliges Rohr, an einem metallnen Recipienten angebracht, mit einem Hahn oben und einem Hahn unten versehen – alles nach Art der Schwimmthermometer, die in Badeanstalten gebraucht werden, in einer Korkhülle befindlich – das ist der ganze in Frage stehende Apparat. Fry setzte das Gerät auf die Wasserfläche, die vollkommen glatt war. Mit der einen Hand drehte er den oberen, mit der andern den unteren Hahn auf, der an dem unter Wasser tauchenden Recipienten angefügt war. Alsbald schnellte eine helle Flamme aus der Spitze herauf, die eine ganz respektable Wärme entwickelte. »Da haben wir den Ofen,« meinte Fry. Sun konnte seinen Augen nicht trauen. – »Sie machen Feuer aus Wasser?« rief er. – »Aus Wasser und phosphorsaurem Kalk!« belehrte ihn Craig. Der Apparat war nämlich so konstruiert, daß er eine merkwürdige Eigenschaft des phosphorsauren Kalks verwertete, jener Phosphorverbindung, die bei Berührung mit Wasser phosphorhaltigen Wasserstoff bildet. Nun brennt bekanntlich dieses Gas von selbst in der Luft, und weder Wind, noch Regen, noch See können es auslöschen. Während nun der Wasserstoff an der Röhrenspitze brannte, hielt Craig eine mit Süßwasser, das er aus einem in seinem Sack befindlichen kleinen Fäßchen entnommen, gefüllte kleine Kochpfanne darüber. Binnen wenigen Minuten war die Flüssigkeit auf Siedehitze gebracht: Craig goß sie in ein Theekännchen, das ein paar Finger voll feinster Blätter enthielt, und diesmal tranken Kin-Fo und Sun Thee nach amerikanischer Bereitungsmethode – worüber sie sich aber in keiner Weise beklagten! Dieses heiße Getränk bildete den passenden Abschluß für dieses unter dem »soundsovielsten« Längen- und dem »soundsovielsten« Breitengrade direkt auf der Meeresoberfläche servierte Frühstück. Um die Lage bis auf Sekunden zu bestimmen, fehlte es nur an einem Sextanten und einem Chronometer. Kin-Fo und seine Kameraden hatten sich nun ausgeruht und gestärkt. Sie setzten nun flugs wieder ihre kleinen Klüversegel und setzten ihre durch diesen Morgenimbiß angenehm unterbrochene Wasserpromenade nach Westen zu fort. Die Brise hielt sich noch 12 Stunden lang, und die Skaphander machten mit dem Wind hinter sich recht gute Fahrt. Kaum brauchte man von Zeit zu Zeit den Kurs durch einen leichten Paddelschlag zu korrigieren. In dieser wagerechten Lage sanft und mollig dahingeführt, überkam sie eine gewisse Neigung zum Schlaf, die aber besser bekämpft wurde, da ihnen Schlaf unter solchen Umständen leicht verderblich werden konnte. Craig und Fry hatten sich, um dieser Neigung nicht anheimzufallen, eine Cigarre angesteckt und rauchten wie Modebengel im Bassin einer Schwimmschule. Hin und wieder wurden die Skaphander übrigens auch durch Sprünge und Spiele mancher Seetiere betroffen, die dem unglücklichen Sun die größten Schrecken einjagten. Zum Glück waren es nur ungefährliche Delphine, jene »Clowns« der Meere, die sich ihnen scharenweis näherten mit allerhand Kapriolen, und die offenbar neugierig waren, zu erfahren, was für wunderliche Wesen in ihrem Element umhertrieben. Wesen aus der Ordnung der Säugetiere wie sie, aber ganz und gar keine Meersäugetiere. Gegen Mittag aber flaute der Wind vollständig ab. Er setzte aus mit ein paar launischen »Bocksprüngen«, die einen Moment lang die kleinen Segel auftrieben, dann aber in gänzliche Trägheit setzten. Die Schote spannte nicht mehr, sondern hing schlapp in der Hand. Keine Spur von Kräuselsee mehr, weder um die Beine, noch um die Köpfe der Skaphander. »Komplikation ...« hub Craig an. »– ... ernster Natur!« ergänzte Fry. Eine Weile wurde gehalten. Die Masten wurden abgesteckt, die Segel zusammengethan. Alle vier versetzten sich in die Senkrechte zurück und musterten den Horizont. Das Meer nach wie vor öde und leer! Kein Segel in Sicht, keine Rauchwolke aus Dampferschlot, die sich am Himmel skizziert hätte! Eine heiße Sonne hatte allen Dunst aufgesogen und die atmosphärischen Strömungen gleichsam verdünnt. Die Temperatur des Wassers wäre warm erschienen, selbst Leuten, die nicht mit zwiefacher Kautschukhülle bekleidet gewesen wären! So sicher sich Fry-Craig indessen auch über den Ausgang dieses Abenteuers ausgesprochen hatten, so ließ sich ihnen doch langsam Beunruhigung anmerken. Allerdings ließ sich ja die seit etwa 16 Stunden zurückgelegte Strecke keineswegs schätzen: aber daß die Nähe des Gestades durch gar nichts offenbar wurde, weder durch eine Fischerbarke, noch durch ein Handelsfahrzeug, das wurde allmählich doch unbegreiflich. Zum Glück gehörten weder Kin-Fo noch Craig und Fry zu den Menschen, die vor der Zeit in Angst und Verzweiflung fallen – wenn solche Zeit ihnen überhaupt schlagen sollte. Noch immer hatten sie ja Proviant für einen Tag, und daß das Wetter schlimm zu werden drohte, dafür waren absolut keine Anzeichen vorhanden. »An die Paddeln!« kommandierte Kin-Fo. Diesem Signal zum Aufbruch wurde sogleich entsprochen, und bald auf dem Rücken, bald auf dem Bauche, nahmen die Skaphander die Wassertour nach dem Westen wieder auf. Man kam nicht schnell vorwärts. Die Paddelei strengte die an solche Arbeit nicht gewöhnten Arme an. Es mußte oft gehalten und auf Sun gewartet werden, der zurück blieb und seine Klagelieder Jeremiä wieder zu singen anfing. Sein Herr setzte ihn zur Rede, kanzelte ihn herunter, drohte ihm: aber Sun hatte um das bißchen Zopf, das ihm noch geblieben war, keine Furcht, zumal es durch die dichte Kautschuk-Kappe geschützt war, und ließ ihn reden. Die Furcht, im Stiche gelassen zu werden, spornte ihn ohnehin an, den Abstand, in welchem er sich bewegte, nach Möglichkeit kurz zu bemessen. Um die zweite Stunde herum wurden einige Vögel sichtbar, Raubmöven; aber diese flinken Vögel wagen sich weit aufs Meer hinaus; aus ihrer Gegenwart ließ sich also durchaus nicht folgern, daß die Küste nahe sei. Immerhin wurde es als ein günstiges Anzeichen betrachtet. Eine Stunde nachher gerieten die Skaphander in ein Sargasso-Gewirr, aus dem sie sich mit Mühe und Not freimachten; sie verhedderten sich dann wie Fische in den Maschen eines Schleppnetzes. Ja sie mußten zu den Messern greifen und sich durch dieses Seegewächs-Dickicht förmlich durchhauen. Darüber ging eine reichliche halbe Stunde Zeit verloren, und ein Kräfte-Verbrauch war obendrein die Folge, der für bessere Zwecke hätte verwandt werden können. Kin-Fo, auf seine Paddel gestützt, runzelte die Brauen: noch immer mehr erregt, als beunruhigt infolge dieses hartnäckigen Mißgeschicks, das sich ihm an die Fersen heftete, sprach er kein Wort. Sun ächzte und stöhnte unaufhörlich und nieste schon in einem weg, wie ein sterblicher Mensch, dem ein schrecklicher Schnupfen droht. Craig und Fry hatten die Empfindung, als wenn ihre beiden Kameraden sie mit Fragen behelligten, aber sie wußten nicht, was sie antworten sollten! Endlich gab ihnen einer der glücklichsten Zufälle eine Antwort in den Mund. Kurz vor 5 Uhr streckten sie beide gleichzeitig ihre Hand gen Süden und riefen: »Segel!« und wirklich, drei Meilen unter Wind, zeigte sich eine Barke, die von Segeltuch schier strotzte. Im Nu steuerten die Skaphander m dieser Richtung. Die Kräfte kamen ihnen wieder. Jetzt lag die Rettung sozusagen in ihren Händen, und sie sich entgehen lassen durften sie auf keinen Fall! Die Windrichtung erlaubte ihnen nicht mehr, Segel zu setzen: aber die Paddeln mußten ausreichen, die verhältnismäßig kurze Strecke zurückzulegen. Sie sahen die Barke rasch unter der auffrischenden Brise an Größe zunehmen. Es war bloß ein Fischerboot, aber seine Anwesenheit wies unwiderleglich darauf hin, daß die Küste nicht mehr fern sein könnte, denn aufs hohe Meer hinaus wagt sich ein chinesischer Fischer nur selten. Und wirklich, das Boot kam zu ihnen heran, und es gelang den Fischern, wenn auch mühsam, sie aufzufischen. Es waren Fischer aus Fu-Ning. Nach knapp 2 Meilen Fahrt that sich vor ihnen der Hafen auf, wohin Kin-Fo gelangen wollte. Noch am selbigen Abend, gegen 8 Uhr, ging er dort mit seinen Gefährten ans Land. Im Nu zogen sie die Bonton-Apparate vom Leder und gewannen alle vier wieder das Aussehen von menschlichen Wesen. Einundzwanzigstes Kapitel: worin Craig-Fry den Mond mit allerhöchster Befriedigung aufgehen sehen. »Und nun zum Tai-ping!« Das waren die ersten Worte, die Kin-Fo am Morgen des 30. Juni, nach einer von den Helden dieser wunderlichen Abenteuer sattsam verdienten Nachtruhe, ausrief. Endlich weilten sie auf der Bühne von Lao-Schens Schandthaten. Der Kampf sollte nun sein Endspiel finden! Ob Kin-Fo als Sieger daraus hervorgehen würde? Gewiß! ohne Zweifel, wenn es ihm gelang, dem Tai-ping zuvorzukommen, denn er war ja doch willens, jeden Preis für den Brief zu bezahlen, den Lao-Schen fordern würde. Nein hingegen, und zwar ebenso ohne Zweifel, wenn er sich zuvorkommen ließe, wenn ihn ein Dolchstoß mitten in die Brust träfe, bevor er mit dem wilden Vollstrecker Wangs die Verhandlung begonnen hätte. »Zum Tai-ping!« hatten Fry-Craig geantwortet, nachdem sie einander mit Blicken befragt hatten. Aber sie sahen nichts, sie argwöhnten nichts, sie hatten nicht einmal Ursache zur Verwunderung, als ihnen eine verdächtige Person sich als Führer in dem Augenblick anbot, als sie den Fuß aus der Herberge setzten. Es war ein Mann von etwa 30 Jahren, der übrigens ziemlich anständig aussah. Immerhin stieg einiger Verdacht in ihnen auf und sie nahmen deshalb den Mann ins Verhör. »Warum bieten Sie sich als Führer an, und wohin beabsichtigen Sie uns zu führen?« Nichts natürlicher übrigens, als diese Doppelfrage, aber nichts natürlicher auch als die Antwort, die darauf gegeben wurde. »Ich meine,« sagte der Führer, »daß Sie die Absicht haben, sich die Große Mauer anzusehen, wie es bei allen Reisenden der Fall ist, die nach Fu-Ning kommen. Ich kenne die Gegend und biete mich Ihnen als Führer an!« »Lieber Freund,« sagte Kin-Fo, sich einmischend, »bevor wir uns entschließen, möchten wir wissen, ob es in der Provinz auch sicher ist!« »Goldsicher,« gab der Führer zur Antwort. »Wird nicht hier herum viel von einem gewissen Lao-Schen gesprochen?« fragte Kin-Fo. »Sie meinen den Tai-ping – he?« – »Jawohl!« »Na!« sagte der Führer, »freilich! aber innerhalb der Großen Mauer ist von dem nichts zu fürchten! auf kaiserliches Landgebiet getraut sich der nicht! Drüben in den mongolischen Provinzen haust der mit seiner Bande.« »Ist sein gegenwärtiger Standort bekannt?« fragte Kin-Fo. »Zuletzt hat man ihn in der Gegend von Tsching-Tang-Ro gesehen, wenige Lis nur von der Großen Mauer.« »Wie weit ist es von Fu-Ning bis Tsching-Tang-Ro?« – »Etwa 50 Lis.« »Nun, so nehme ich Eure Dienste an.« – »Um Sie nach der Großen Mauer zu führen?« – »Um mich bis in Lao-Schens Lager zu führen!« Der Führer konnte eine Bewegung des Staunens nicht unterdrücken. »Ihr werdet gut bezahlt!« setzte Kin-Fo hinzu. Der Führer schüttelte den Kopf wie jemand, der sich nicht darum reißt, den Fuß über die Reichsgrenze zu setzen. Dann sagte er: »Bis zur großen Mauer, ja! Drüber hinaus, nein! Denn das heißt sein Leben riskieren!« »Sagen Sie, was Sie Ihr Leben schätzen! Ich werde es zahlen.« – »Na, meinethalben,« sagte der Führer. Dann drehte sich Kin-Fo zu den beiden Gesellschafts-Agenten um und sagte: »Es steht Ihnen frei, meine Herren, von meiner weiteren Begleitung abzustehen.« »Wo Sie hingehen ...« hub Craig an. »... Dorthin gehen wir auch!« sagte Fry. Noch immer war ja der Klient der »Centennar«-Gesellschaft für sie 200 000 Dollars wert! Die Vorbereitungen für die Reise waren schnell getroffen. Sun wurde gar nicht erst gefragt, ob es ihm passe, mitzureisen oder nicht. Er wurde eben mitgenommen. Fünf Kamele wurden mit dem zugehörigen Saumzeug gekauft und mit dem notwendigen Vorrat an Proviant und Waffen beladen. Dann brach man unter der Führung des gedungenen Dieners auf. Gegen Mitternacht etwa machte der Führer Halt und zeigte auf eine lange, schwarze Linie, die sich auf dem um ein weniges helleren Hintergrunde des Himmels abhob. Hinter dieser Linie traten in silbernen Linien einige schon von den ersten Mondstrahlen erhellte Bergspitzen zum Vorschein, die vom Horizont noch verdeckt wurden. »Die Große Mauer!« sagte der Führer. »Können wir sie noch heut Abend passieren?« fragte Kin-Fo. »Ja, wenn Sie es unbedingt wollen!« versetzte der Führer. »Ja, ich will's!« Die Kamele hielten. »Ich will den Passierschein besorgen,« sagte nun der Führer. »Erwarten Sie mich hier!« Der Führer ging. In diesem Augenblick traten Craig und Fry an Kin-Fo heran. »Mein Herr?« sagte Craig. – »Mein Herr?« sagte Fry. Und beide setzten hinzu: »Sind Sie zufrieden gewesen mit den achtwöchentlichen Diensten, zu denen William J. Bidulph uns bei Ihnen verpflichtet hat?« »Sehr zufrieden!« »Würde der Herr so gütig sein, uns hierüber auf diesem Stückchen Papier ein kurzes Attest auszustellen mit dem Vermerk, daß über unsere gute und loyale Dienstleistung nur Löbliches zu sagen ist?« »Auf dem Papier da?« antwortete nicht wenig erstaunt Kin-Fo beim Anblick eines aus einem Notizbuch gerissenen Blättchens, das ihm Craig reichte. »Dieses Attest,« bemerkte Craig, »wird uns von seiten unseres Direktors vielleicht ein Lob eintragen!« »Und jedenfalls auch eine angemessene Gratifikation,« ergänzte Fry. »Bitte, Herr! mein Rücken kann Ihnen ja als Pult dienen,« sagte Craig, indem er einen krummen Buckel machte. »Hier, bitte die nötige Tinte, damit uns der Herr diesen schriftlichen Beweis von Huld und Wohlwollen ausstellen könne!« ergänzte Fry. Kin-Fo schrieb und unterzeichnete mit lächelnder Miene. »Aber nun,« fragte er – »wozu denn, bitte, diese ganze Zeremonie hier an diesem Ort und zu solcher Zeit?« »An diesem Orte,« erwiderte Fry, »weil es in unserer Absicht liegt, Sie nicht weiter als bis hierher zu begleiten.« »Und zu solcher Stunde,« setzte Craig hinzu, »weil es binnen wenigen Minuten um Mitternacht sein wird!« »Und was hat diese Stunde auf sich?« »Mein Herr,« nahm Craig wieder das Wort, »das Interesse unserer Versicherungsgesellschaft an Ihrer Person ...« »... erlischt,« ergänzte Fry. »in wenigen Augenblicken!« »Und Sie können sich nun totschlagen lassen ...« – Craig! »... oder selbst ums Leben bringen« – Fry! »... nach Herzenslust!« – Craig! Kin-Fo betrachtete die beiden Agenten, die im liebenswürdigsten Tone der Welt mit ihm sprachen – betrachtete sie, ohne zu begreifen. In diesem Augenblicke trat der Mond am Horizont herauf und traf sie mit seinen ersten Strahlen. »Der Mond!« rief Fry. »Heut ist der 30. Juni!« rief Craig. »Um Mitternacht geht er auf!« – »Und Ihre Police ist nicht erneuert worden!« – »Sie sind also nicht mehr bei der »Centennar« versichert!« – »Guten Abend, Herr Kin-Fo!« sagte Craig. – »Herr Kin-Fo, guten Abend!« Und im Nu hatten die beiden Agenten ihre Kamele gewandt und waren verschwunden, während ihr Klient dastand, wie der – Ochse vorm Berge. Aber kaum war der Tritt der Kamele, die diese beiden vielleicht ein wenig zu praktischen Amerikaner von dannen führte, verhallt, als sich eine von dem Führer angeführte Truppe auf Kin-Fo warf, der vergeblich zu entfliehen suchte. Einen Augenblick später wurden Herr und Diener in das Verließ einer der Bastionen der Großen Mauer geworfen, dessen Thür sorgfältig hinter ihnen abgeschlossen wurde ... Zweiundzwanzigstes Kapitel: dessen Schluß sich der Leser selbst hätte schreiben können, auf eine so wenig unvermutete Weise findet er statt. Die Große Mauer – ein chinesischer Wandschirm von 400 Meilen Länge – im 3. Jahrhundert durch den Kaiser Thsin-Schi-Huang-Ti erbaut, erstreckt sich vom Golfe von Liau-Tong, in welchen sie mit ihren beiden »Damm-Aermen« hineinreicht, bis nach der Provinz Kan-su, wo sie, südwestlich von Su-tschou endigend, zur einfachen Mauer wird. Sie stellt eine ununterbrochene Folge von doppelten Wällen dar, die durch Bastionen und Türme geschützt werden. Sie hat eine Höhe von 50 und eine Breite von 20 Fuß. Die Grundmauer besteht aus Granit, der Oberbau aus Backsteinen. Sie überschreitet den Hoang-ho, windet sich über Abgründe und Bergrücken und zieht sich bis zur russisch-chinesischen Grenze. Die Seite nach dem Himmlischen Reiche zu befindet sich in ziemlich schlechtem Zustande; die nach der Mandschurei zu gelegene Seite zeigt solidere Bauweise, und ihre Plattform weist noch heute eine oft bis zu 5 Meter aufsteigende Brustwehr. Von Verteidigungsmannschaft auf der ganzen langen Festungslinie keine Spur; von Geschützen erst recht nicht. Der Russe, der Tatare, der Kirgise ebensogut wie die Söhne des Himmels, können frank und frei durch ihre Thore passieren. Der Wandschirm schützt die Nordgrenze des Kaiserreichs nicht mehr, nicht einmal vor jenem feinen Staube aus der Mongolei, den der Nordwind zuweilen bis nach der Hauptstadt hineinfegt. Unter das Ausfallthor eines dieser leeren Türme wurden am andern Morgen Kin-Fo und Sun nach einer auf Strohlager äußerst schlecht verbrachten Nacht geführt und zwar von etwa einem Dutzend Menschen, die nirgends wo anders hin, als zur Räuberbande Lao-Schens gehören konnten. Was den Führer anbetrifft, so war er verschwunden; indes blieb Kin-Fo absolut keine Möglichkeit, sich über dieses Verschwinden einer Illusion hinzugeben. Nichts weniger als ein Zufall hatte ihm diesen Verräter in den Weg geführt. Der vormalige Klient der »Centennar«-Versicherungsgesellschaft war offenbar von diesem Schuft abgepaßt worden. Seine Zögerung, sich über die große Mauer hinaus zu wagen, war bloß eine List gewesen, um den Argwohn auf eine falsche Fährte zu lenken. Dieser Schurke gehörte ohne Frage mit zu der Tai-ping-Bande und einzig und allein nach den Befehlen dieses Räuberhauptmannes konnte er gehandelt haben. Uebrigens hegte Kin-Fo in dieser Hinsicht auch gar nicht Zweifel, nachdem er einen von den Leuten gefragt hatte, der die Begleitmannschaft zu kommandieren schien. »Sie führen mich ohne Zweifel in das Lager Ihres Hauptmannes Lao-Schen?« fragte er. »In einer Stunde werden wir dort sein!« antwortete der Mann. Was suchte schließlich der Zögling Wangs? Den Vollstrecker des Philosophen! Nun also, wohin er wollte, dorthin wurde er ja geführt! Ob er sein Ziel freiwillig, oder im Zwangswege erreichte, darüber brauchte er doch mit niemand zu rechten! Darüber brauchte er niemand Vorwürfe zu machen. Das überließ er viel richtiger Sun, dem die Zähne klapperten und der sattsam fühlte, wie ihm sein Hasenfußkopf auf den Schultern wackelte. Kin-Fo hatte sich auch, ohne aus seinem Phlegma zu kommen, mit dem Abenteuer abgefunden und ließ sich ruhig führen. Endlich bot sich ihm die Gelegenheit zu dem Versuche, über den Rückkauf seines Briefes geschäftlich mit Lao-Schen zu verhandeln. Weiter wünschte et ja nichts! Und alles war also im richtigen Lote! Sobald die Große Mauer überschritten war, verfolgte die kleine Schar nicht die mongolische Hauptstraße, sondern steile, zerrissene Pfade, die sich rechts in den gebirgigen Teil der Provinz hinein verliefen. Eine Stunde lang dauerte etwa der Marsch, und so geschwind ging es vorwärts, wie es das aufsteigende Terrain irgend gestattete. Kin-Fo und Sun, von Mannschaft eng umringt, hätten unmöglich fliehen können, und dachten übrigens auch gar nicht an Flucht. Anderthalb Stunden später erblickten Wachtmannschaft und Gefangene an der Biegung eines Walles ein halb in Ruinen liegendes Gebäude. Es war ein ehemaliges Bonzenkloster, gebaut auf einem Bergrücken, ein merkwürdiges Denkmal buddhistischer Baukunst. Man konnte sich aber fragen, welche Klasse von Gläubigen wohl in diesem verlorenen Winkel der chinesisch-russischen Grenze, mitten in dieser Wüstenei, in diesem Tempel Einkehr zu halten wagte. Es sah doch ganz so aus, als ob jeder, der in diese für Fallen und Hinterhalte so vortrefflich geeigneten Engpässe den Fuß setzte, keine geringe Gefahr für sein Leben laufen mußte! Hatte der Tai-ping Lao-Schen sein Lager in diesem gebirgigen Platze der Provinz aufgeschlagen, so hatte er, wie jeder zugeben mußte, eine seiner Thaten würdige Stätte erkoren. Auf eine Frage Kin-Fo's gab nun der Führer der kleinen Schar den Bescheid, daß Lao-Schen in diesem Bonzenkloster tatsächlich seinen Wohnsitz habe. »Ich wünsche ihn auf der Stelle zu sehen,« sagte Kin-Fo. »Auf der Stelle,« antwortete der Führer. Kin-Fo und Sun wurden, nachdem ihnen zuvor ihre Waffen abgenommen worden, in eine weite Halle geführt, die das Atrium des Tempels bildete. Dort standen etwa zwanzig Mann in Waffen, höchst malerisch anzuschauen in ihren Wegelagerer-Kostümen, aber wild von Aussehen und nichts weniger, als vertrauenerweckend. Kin-Fo trat beherzt zwischen diese doppelte Reihe von Tai-ping-Leuten. Sun hingegen wurde, weil er sich nicht traute, durch ein paar kräftige Püffe vorwärts geschoben. Diese Halle führte im Hintergrunde auf eine in eine dicke Wand gebrochene Treppe, deren Stufen ziemlich tief hinunter in das Innere des Berges führten. Augenscheinlich weitete sich dort unter dem Hauptgebäude des Bonzenklosters eine Art Krypta oder Totengruft, und für jeden, der nicht den Ariadnefaden durch diese unterirdischen Krümmungen und Windungen besessen hätte, mußte es höchst schwierig, wenn nicht unmöglich, sein, zu ihr zu gelangen. Nachdem sie im trüben Schein von qualmenden Fackeln, die von ihrer Begleitmannschaft getragen wurden, etwa 30 Stufen hinunter gestiegen, dann noch etwa 100 Schritte weit vorgedrungen waren, gelangten die beiden Gefangenen mitten in einen großen Saal, der ebenfalls von Fackellicht matt erleuchtet wurde. Es war tatsächlich eine Krypta. Säulen von mächtiger Dicke, mit jenen scheußlichen Köpfen von Ungetümen geschmückt, die zu der grotesken Fauna der chinesischen Mythologie gehören, stützten die Flachbogen, deren Rippen am Schlußstein der mächtigen Wölbungen zusammenliefen. Ein dumpfes Gemurmel ertönte, als die beiden Gefangenen den Fuß in diese unterirdische Halle setzten, die nichts weniger als leer, sondern bis in ihre dunkelsten Tiefen dicht angefüllt mit Menschen war. Die ganze Tai-ping-Räuberschar war hier zum Zweck irgend einer verdächtigen Feierlichkeit versammelt. Im Hintergrunde der Krypta, auf einer großen Kanzel aus Stein, stand ein Mann von hohem Wuchse, der ganz so aussah, wie der oberste Stuhlherr eines Femgerichts. Drei bis vier Genossen, die unbeweglich zu seinen Seiten standen, schienen seine Beisitzer darzustellen. Dieser Mann gab ein Zeichen. Die Menge teilte sich im Nu und machte den beiden Gefangenen den Weg frei. »Lao-Schen,« sagte einfach der Hauptmann der Geleit-Schar zu Kin-Fo, auf den Mann zeigend, der auf der Kanzel stand. Kin-Fo that einen Schritt auf den Mann zu. Dann hub er, ganz wie jemand, der sofort in medias res tritt, um ein Ende zu machen, zu sprechen an: »Lao-Schen! Du hast ein Schreiben in Deinen Händen, das Dir von Deinem einstigen Genossen Wang gesandt worden ist. Dieses Schreiben ist jetzt zwecklos und ich bin hier, es von Dir zurückzufordern.« Bei diesen mit fester Stimme gesprochenen Worten bewegte der Tai-ping nicht einmal das Haupt. Es war, als ob er aus Bronze geformt sei. »Was forderst Du für die Herausgabe dieses Schreibens?« fragte Kin-Fo wieder und wartete auf Antwort. Aber umsonst! »Lao-Schen.« hob Kin-Fo wieder an, »ich gebe Dir auf jeden Bankier, den Du mir nennst, in jeder Stadt, die Du wünschest, einen Check, der bei Sicht auf Heller und Pfennig bezahlt wird, ohne daß der Vertrauensmann, den Du zum Inkasso entsendest, auch nur mit einer Frage belästigt werden soll!« Dasselbe eisige Schweigen des finsteren Tai-ping – ein Schweigen, das von keiner guten Vorbedeutung war. Kin-Fo begann, seine Worte scharf betonend, von neuem: »Welche Summe begehrst Du für dieses Schreiben? Wie hoch soll ich den Check ausstellen? Ich biete Dir 5000 Taëls!« – Keine Antwort. – »10 000 Taëls?« – Lao-Schen blieb mitsamt seinen Genossen so stumm, wie die Bildsäulen dieses seltsamen Bonzenklosters. Eine Regung von Ungeduld und Zorn bemächtigte sich Kin-Fo's. Einer Antwort, mochte sie lauten, wie sie wollte, waren seine Angebote doch wenigstens wert! »Verstehst Du mich nicht?« fragte er den Tai-ping. – Diesmal geruhte Lao-Schen, mit dem Kopfe zu nicken, zum Zeichen, daß er vollkommen verstanden hatte. – »20 000 Taëls! 30 000 Taëls!« rief Kin-Fo; »ich biete Dir, was Dir die »Centennar« bezahlen würde, wenn ich tot wäre! Das Doppelte! Das Dreifache! Sprich! Ist's nun genug?« – Kin-Fo, den dieser Starrsinn ganz außer sich brachte, trat zu der schweigsamen Gruppe dichter heran und fragte, die Arme übereinanderschlagend: »Welchen Preis willst Du also haben für das Schreiben?« »Keinen!« versetzte endlich der Tai-ping. »Du hast Buddha beleidigt, indem Du das Leben verachtetest, das er Dir geschenkt hat, und Buddha verlangt seine Rache. Erst angesichts des Todes wirst Du erkennen, was diese Gnade, auf der Welt zu sein, wert ist, die Du so lange verkannt hast!« Als er diese Worte gesprochen, mit einem Tone gesprochen hatte, der keinen Widerspruch litt, winkte Lao-Schen. Kin-Fo wurde ergriffen, ehe er nur einen Versuch zur Verteidigung gemacht hatte, geknebelt und fortgeschleppt. Nach wenigen Minuten lag er in einem Käfig, der zum Tragen eingerichtet, aber hermetisch verschlossen war. Sun, der unglückliche Sun, mußte, alles Geschreies, alles Flehens ungeachtet, dieselbe Behandlung leiden. »Also der Tod!« sprach Kin-Fo bei sich. »Nun, so sei es denn! Wer das Leben verachtet hat, verdient den Tod!« Jedoch war der Tod, wenn er ihm auch unvermeidlich schien, weniger nahe, als er sich dachte. Aber zu welcher entsetzlichen Todesstrafe ihn dieser grausame Tai-ping aufhöbe, vermochte er sich nicht auszumalen. Stunden verstrichen. Kin-Ho hatte in dem Käfig, in den man ihn gesperrt hatte, gefühlt, daß er in die Höhe gehoben, dann auf irgend ein Gefährt geschafft wurde. Das Rütteln des Wagens auf der Straße, das Pferdegetrappel, das Waffengeklirr seiner Begleitmannschaft enthoben ihn jedes Zweifels. Man schleppte ihn weit hinweg. Wohin? das hätte er vergeblich zu erfahren gesucht. Sieben bis acht Stunden nachher fühlte Kin-Fo, daß der Käfig hielt, daß ihn Männerarme aufhoben und daß bald darauf eine leichtere Transportweise auf die Erschütterungen und Stöße einer Beförderung zu Lande folgte. »Bin ich denn auf einem Schiffe?« fragte er sich. Heftig schlingernde und stampfende Bewegungen, sodann auch eine zitternde Bewegung, wie sie Schiffsschrauben verursachen, bestärkten ihn in diesem Gedanken, daß er sich auf einem Dampfboote befände. »Der Tod in den Fluten!« dachte er. »Meinetwegen! Man will mir Qualen von schrecklicherer Natur ersparen. Dank Dir, Lao-Schen!« Indessen verflossen nochmals zweimal 24 Stunden. Zweimal am Tage wurde ihm durch einen schmalen Schieber ein wenig Nahrung in den Käfig geschoben, ohne daß der Gefangene sehen konnte, welche Hand sie ihm spendete, und ohne daß seinen Fragen Antwort zu teil wurde. Ach! Wie oft hatte Kin-Fo, ehe er jenes Dasein aufgab, das ihm der Himmel mit so reicher Güte gespendet, nach Aufregungen gesucht! Nach weiter nichts hatte er begehrt, als daß sein Herz zu schlagen aufhöre, nachdem es ihm wenigstens einmal geklopft hätte! Nun! seine Wünsche hatten Befriedigung gefunden und weit über den Rahmen derselben hinaus! Gern aber hätte Kin-Fo, wenn er das Opfer seines Lebens bringen sollte, den Tod bei vollem Tageslichte nahen sehen. Der Gedanke, daß dieser Käfig jeden Augenblick in die Fluten versenkt werden könnte, war ihm gräßlich. Sterben, ohne nur einmal noch das Tageslicht, ohne die arme Le-u, deren Erinnerung sein ganzes Herz erfüllte, wiederzusehen, das war zu schwer! Das war zu viel! Nach einem Zeitraum, den er nicht hatte schätzen können, schien es ihm endlich, als ob diese lange Seereise plötzlich zu Ende ginge. Das Gezitter der Schraube hörte auf. Das Schiff, das sein Gefängnis trug, hielt. Kin-Fo fühlte, daß sein Käfig von neuem aufgehoben würde. Diesmal war's also wirklich der letzte Moment, und der Verurteilte brauchte nichts anderes mehr zu thun, als um Verzeihung für die Irrtümer seines Lebens zu bitten. Noch aber verflossen einige Minuten – Jahre, Jahrhunderte! Zu seinem großen Staunen konnte Kin-Fo zunächst feststellen, daß der Käfig neuerdings auf festem Boden stände! Und plötzlich – that sein Gefängnis sich auf. Er wurde von Armen gepackt – eine breite Binde legte sich im Nu über seine Augen, und jäh fühlte er sich herausgerissen. Von kräftigen Fäusten geschoben, mußte er einige Schritte thun. Dann nötigten ihn seine Wächter, stehen zu bleiben. »Soll's denn endlich zum Tode gehen,« rief er, »so bitte ich Euch nicht, mir ein Leben zu schenken, mit dem ich nichts anzufangen gewußt habe, aber gewährt mir wenigstens, am hellen Tage zu sterben, als Mensch, der sich nicht fürchtet, dem Tode ins Gesicht zu sehen!« »Es sei!« sprach eine ernste Stimme – »dem Verurteilten geschehe nach seinem Willen!« Plötzlich wurde ihm die Binde von den Augen gerissen. Kin-Fo warf nun einen gierigen Blick um sich ... War er der Spielball eines Traumes? Eine verschwenderisch gedeckte Tafel stand in der Mitte eines großen Saales. An ihr saßen mit lächelnder Miene fünf Tischgäste, die auf den Beginn des Essens zu warten schienen. Zwei Plätze waren noch leer, offenbar bestimmt für die letzten beiden Gäste. »Ihr? Ihr? Liebe Freunde! Liebste, beste Freunde!« rief Kin-Fo in einem Tone, der sich unmöglich wiedergeben ließe – »seid Ihr's wirklich? sehe ich Euch wirklich?« Aber nein! er täuschte sich nicht – Wang war's, der Philosoph! Wang, wie er leibte und lebte! Und dort saßen Bin-Pang, Hu-al, Pao-Schen, Tim – seine Cantoner Freunde, dieselben, die er vor acht Wochen auf dem Blumenschiffe des Perlenflusses bewirtet hatte – seine Jugendfreunde – die festlichen Zeugen des Abschiedes, den er vom Junggesellen-Leben genommen hatte! Kin-Fo konnte seinen Augen nicht trauen. Er war bei sich zu Hause, in dem Speisesaal seines Schang-haier Yamens! »Wenn Du's bist!« rief er, sich an Wang wendend – »und nicht Dein Schatten, dann sage mir ...« »Ich bin's, Freund! bin's selbst!« antwortete der Philosoph – »wirst Du Deinem alten Meister die letzte, freilich herbe Lektion in der Philosophie verzeihen, die er Dir geben mußte!« »Was?« rief Kin-Fo – »Du wärst – Du wärst es – Wang?« »Ich bin's,« versetzte Wang – »ich! und ich hatte mich der Aufgabe unterzogen, Dich diesem Leben zu entreißen, damit sich kein anderer ihr unterzöge! Ich wußte früher als Du, daß Du nicht zu Grunde gerichtet seiest und daß ein Augenblick kommen würde, wo Du nicht würdest sterben wollen! Mein alter Kamerad Lao-Schen, der soeben seine Unterwerfung ausgeführt hat und hinfort eine der kräftigsten Stützen des Kaiserreichs sein wird, hatte mir seinen Beistand versprochen, Dich den Wert des Lebens zu lehren, indem er Dich dem Tode ins Antlitz schauen ließ! Wenn ich Dich in einem Leben voll schrecklicher Aengste allein ließ, wenn ich Dir – was schlimmer, weit schlimmer ist – obwohl mir selbst fast das Herz dabei verblutete, Situationen schuf und durchleben ließ, die fast über Menschenkraft hinausgehen, so geschah es darum, weil ich die Gewißheit hatte, daß Du ja nur dem Glücke entgegenliefest und daß Du es schließlich auf Deinem Wege auch finden und fassen würdest!« Kin-Fo lag in Wangs Armen und Wang drückte ihn kräftig an seine Brust. »Mein armer Wang,« sagte Kin-Fo tief ergriffen – »wenn ich den Lauf doch wenigstens allein unternommen hätte! Aber welches Herzeleid habe ich Dir dabei zugefügt! In welches Unglück habe ich Dich selbst gestürzt! Wie scharf hast Du selbst mitlaufen müssen, und zu welchem Schwimmbade habe ich Dich von der Palikao-Brücke aus gezwungen!« »Ha! die Geschichte damals,« antwortete Wang lachend, »hat mir für meine 55 Jahre und meine Philosophie, schwerenot! keine schlechte Furcht in den Leib gejagt! Mir war infam heiß und im Wasser war's hundsföttisch kalt! Aber pah! ich bin mit blauem Auge davongekommen! so gut läuft und schwimmt man niemals als für anderer Leute Rechnung!« »Für anderer Leute Rechnung!« wiederholte Kin-Fo mit ernster Miene. »Ja! für andere muß man zu wirken lernen! zu wirken verstehen! Darin liegt das Geheimnis des Glücks!« In diesem Augenblick kam, leichenblaß, wie ein Mensch, der eben 48 Stunden Folterqualen erlitten, Sun herein. Genau so wie sein Herr, hatte auch der unglückliche Diener diese ganze Ueberfahrt von Fu-Ning nach Schang-Hai zurück machen müssen – und unter welchen Umständen! in welcher Lage! Aus seinen Mienen konnte man darauf schließen! Kin-Fo drückte seinen Freunden nacheinander die Hand, sobald er sich Wangs Umarmung entwunden hatte. »So,« sagte er, »ist's mir entschieden lieber! Ich bin ein Narr bislang gewesen!« »Und kannst wieder zum Weisen werden!« antwortete der Philosoph. »Versuchen will ich's,« sagte Kin-Fo. »und anfangen will ich damit, daß ich dran denke, Ordnung in meine Angelegenheiten zu bringen. Ein Stück Papier ist in der Welt herumgeirrt, das die Ursache zu Drangsalen über Drangsalen für mich geworden ist, so daß es mir nicht verdacht werden wird, wenn ich mich ernstlich darum kümmere. Was ist nun eigentlich aus dem vertrackten Schreiben geworden, das ich Dir übergab, mein lieber Wang? Ist es wirklich aus Deinen Händen in andere gelangt? Es würde mich gar nicht verdrießen, es wieder zu sehen, denn wenn es schließlich doch noch verloren gehen sollte! Wenn es Lao-Schen noch in den Händen haben sollte, so kann für ihn ein Stückchen Papier doch keinerlei Wichtigkeit haben, und höchst unangenehm müßte es doch für mich sein, wenn es in Hände gelangte, die – die weniger zartfühlend wären!« Ueber diese Worte brachen alle in Lachen aus. »Liebe Freunde,« sagte Wang, »aus seinem reichen Missgeschick hatte Kin-Fo doch eins gewonnen, dass er ein ordentlicher Mensch geworden ist! So indifferent, wie wir Ihn gekannt haben, ist er nicht mehr! Er denkt wie ein Mensch, der in geordneten Verhältnissen lebt und zu leben liebt!« »Das alles schafft mir mein Stückchen Papier nicht wieder,« nahm Kin-Fo wieder das Wort, »den dummen Brief, den ich an Dich gerichtet! Ich bekenne ohne Beschämung, daß ich nicht eher wieder Ruhe finden werde, als bis ich ihn verbrannt und seine Asche in alle Winde verstreut habe!« »Also in allem Ernste – Deinen Brief willst Du wiederhaben?« fragte Wang. »Gewiß!« versetzte Kin-Fo – »oder möchtest Du so grausam sein, ihn als Sicherheit dafür zu behalten, daß ich in meine Thorheit nicht zurückverfalle?« »Nein.« – »Nun dann?« »Nun dann, mein lieber Zögling, der Erfüllung Deines Wunsches steht leider ein Hindernis im Wege, das aber nicht meine Schuld ist. Deinen Brief nämlich haben wir nicht mehr, weder Lao-Schen, weißt Du, noch ich ...« »Ihr habt ihn nicht mehr?« – »Nein!« – »Ihr habt ihn vernichtet?« – »Nein! ach! nein!« – »Ihr habt doch nicht die Thorheit begangen, ihn noch andern Händen zu überantworten?« – »Ja! ach! ja!« – »Wem? wem?« fragte Kin-Fo lebhaft, mit dessen Geduld es zu Ende war; »jawohl! wem? sprich!« – »Jemand, der es übernommen, ihn allein Dir zurückzugeben!« In diesem Augenblick kam die holde Le-u, die, hinter einem Wandschirm versteckt, kein Wort, keinen Auftritt dieser Szene verloren hatte, mit dem bösen Brief zwischen den Spitzen ihrer zierlichen Finger, zum Vorschein. Kin-Fo eilte ihr mit offenen Armen entgegen. »Nicht doch! Ein bißchen Geduld noch, wenn ich bitten darf!« Sagte die liebenswürdige Dame, indem sie, den bösen Brief zwischen den Fingern schüttelnd, so that, als wenn sie wieder hinter dem Wandschirm verschwinden wollte – »vor allem erst die Geschäfte, mein weiser Herr Gemahl!« und ihm den Brief unter die Augen haltend: »Erkennt mein junges Brüderchen dies als sein Werk an?« »Ob ich es erkenne!« rief Kin-Fo – »wer anders als ich hätte solchen thörichten Brief schreiben können?« »Nun, dann vor allem,« erwiderte Le-u. »ganz so, wie Du es eben als sehr berechtigten Wunsch geäußert, zerreiße den Brief! verbrenne den Brief! vernichte ihn, diesen unklugen Brief! Und möge kein Atom übrig bleiben, auch von dem damaligen Kin-Fo! von dem Kin-Fo, der ihn geschrieben!« »Einverstanden!« sagte Kin-Fo, das lose Stückchen Papier an ein Licht haltend – »aber, Du, süßes Herz! Erlaube Deinem Gemahl, daß er seine Gemahlin umarme und küsse und sie inständig bitte, den Vorsitz bei diesem glücklichen Mahle zu führen! Jetzt fühle ich mich in der Stimmung, ihm Ehre anzuthun!« »Und wir auch!« riefen die fünf Tischgäste. »So recht zufrieden sein, macht recht hungrig!« Wenige Tage nachher wurde das kaiserliche Interdikt aufgehoben und die Hochzeit festlich gefeiert. O, wie sich das junge Ehepaar liebte! Ich glaube, sie lieben sich noch immer! Sie lieben sich in alle Ewigkeit! Tausend und abertausend Glückwünsche mögen sie begleiten im Leben! Wer's selbst mit ansehen will, der muß halt selbst nach China gehn!   Ende.